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I
000000810852
Der U nterg·ang
des Niederländischen VolksHede s
Der
R.l6
Untergang
des
S. ] . _'f?ofJltsch
's- Grave:nhage
Niederländischen Volksliedes
VON
Dr. H. F. WIRTH
MIT BEILAGEN
--·
~

HAAG
1\lARTINUS NIJHOFF
l9ll
\
VORWORT.
Es gibt in Deutschland eine nieclerl ll.ndische Legende, eine traditionel1e
Vorstellong der kultorellen Vergangenheit und Gegenwart Niederlands,
die nicht uur der Privatbesitz breiterer Laienkreise ist, sondern auch in
der wissenschaftlicheren Welt noch immer sich ihres Daseins erfreut.
Niederland oder "Holland" - wie es die Überlieferung mit geschicht-
licher Berechtigung, pars pro toto, nellllt - gilt als ein Land von typisch-
nationalem Charakter, in dem sich die volkstümliche Eigenart auf dem
Gebiet des nationalen Kultnrlebens ganz unversehrt erhalten haben soli.
Jlür die Laienkreise verkörpert sich diese Vorstellong sogar in den Holz-
schuhen nnd Pumphosen, womit man sich jeden echten Holländer ausge-
stattet denkt.
Dieser Umstancl nun ist clarauf zurückznführen, dass die deutsche
Wissenschaft im allgemeinen nie versucht hat, direkt in die kultureHen
Verhältnisse des N achbarland es einzndringen, sondern sich meistens nur
auf die niederländischen Darstellnngen verlassen hat. Nicht nur dass die
Arbeit eines deutschen Forschers, Hof f m a n n v o n Fa I Iers 1 eb en,
der durch längeren A nfenthalt im Lande und eingehende Untersuchnngen
zn ganz entgegengesetzten Resultaten gelangt war, nnbeachtet blieb, noch
mehr: die erste Erkenntnis der wirklichen Sachlage in Ni ederland selbst,
das inhaltschwere Geständnis Jon c kb 1 oe t s
1
), die ganze nieder-
bnclische Dichtung sei immer ein "Treibhausgewächs" gewesen, fand
in Deut;;chlancl energischen Widerspruch bei Forschern, die sich mit der
niederländischen Kulturgeschichte eingehender befasst batten.
2
)
Derselbe Bann einer grossen wirtschaftlichen Vergangenheit, der die
niederländischen Anschauungen noch immer fesselt, hält anch die cleutschen
umfangen.
Noch immer betrachtet man "Holland" im zauberhaften Licht des
r) W. J. A.J on c kb I oe t: Geschiedenis der Nederlanrlsche Lelterlmnde. r885.ll, S. 11.
z) Kar 1 M c n n e: Die Entwicklung der Nieclerländer znr Nation. 1903. S. 84. (Ange-
wanclte Geographie T. Serie, Heft 6) :
Den höchsten Flug nahm die ni ederländische Literatnr in Joost van den Vondel,
Nicdcrlancl s grösstem Dichter. - Durch ihn wird genugsamJonckbloets einseitige Behatlp·
tung von der poeti schen TJ•eihhauspflanr. e der Niederlande wiederlegt.
Vgl. auch S. 82 .
VI VORWORT.
"goldenen Zeitalters": es ist ein plantastisches Bild, wie aus der Zauber-
laterne, worin der abstrakteste Humanismus mit dem plastischen und reali-
stischen Volksteben zu einem harmonischen Ganzen verschmilzt, und die
Dichter Vondel und Cats zu dem Inbegriff der volkstümlichen Kunst
werden, wie etwa Frans Hals, Jan Steen, Teniers, Vermeer u. A. auf dem
Gebiete der Malerei.
Es ist dies ein ganz einzig dastehendes Beispiel der suggestiven Wirkung
einer geschichtlichen Vergangenheit. Diese Vergangenheit, diese Grösse war
bisher das Verhängnis des niederländischen Volkes. Urn jeden Preis bat
man die Traditionen des "goldenen Zeitalters" zu erhalten versucht. Der
schlimmste Lokalpatriotismus wurde dadurch gezüchtet: aus Vondel
wurde ein Shakespeare, aus Bilderdijk ein Goethe gemacht und alles
Niederländische wurde verherrlicht, urn nur ja nicht binter anderen
Nationen (besonders Deutschland) zurückzubleiben. Dadurch wurde jede
nationale Wiedergeburt, jede neue Belebung stets im Keiroe erstickt und
ihr jede Lebensmöglichkeit genommen. .
EineKultur,dieimHumanismussteckengebliebenwar:diesenEindruck-
sagt K o ss m a n n ') -machte Niederland auf die Deutschen am Anfange
des 19. Jahrhunderts.
Wohl kaum ward ein Glaubenssatz zu solch einer hohlen Form wie
in Niederland die Bewunderung für die humanistischen Dichter des
17. Jahrhunderts. Grade hier zeigt sich noch, wie stark die Nachwirkung
dieser Vergangenheit ist, dass zwar die Oligarchie einer städtischen Pa trizier-
clique im politischen Leben verschwand, aber auf kultureHem Gebiete
noch immer vorherrschend blieb. Aus Furcht, "ungebildet" zu erscheinen,
stimmt jeder, der zu den "gebildeten" Kreisen gehören will, in die Be-
wunderung für jene Dichtung ein, obgleich keiner im Stande ist, sich
daran zu erwärmen, und besanders die Jugend in den Schulen mit leerem
Herzen dabei ausgeht. Und grade in diesem konventionellen Glauben
zeigt der Niederländer, der sich gelegentlich gerne über die barbarische
Stufe des Nationalismus erhaben wähnt, seinen starken patriotischen Sinn,
indem er meint, die Verehrung der politisch-wirtschaftlichen Ruhmeszeit
seines Laudes notwendig auf die gleichzeitige literarische Periode aus-
dehnen zu müssen.
In den letzten Jahrzehnten aber zeigte sich ein leises Schwanken in
dem von den Vätern überlieferten Glauben, schien es, als dämmerte schon
die Erkenntnis der nationalen Verarmung vor den Augen einzelner
Suchenden auf. Es wurden Stimmen laut, die der jahrhundertelangen
Herrschaft der bürgerlichen Poesie offen den Gehorsam und den Glauben
kündigten.
x) E. F. K o s s m a n n: Holland und Deutschland. x go x. S. 32.
VORWORT.
VII
Nicht direkt von aussen kam die Anregung zu dieser Umwä.lzung. Der
peutsche verkennt den niederländischeu Charak.ter sehr, wenn er annimmt,
'hn uuruittelbar beeinflussen und bestimmen zu können. Eine jahrhunderte-
T1·ennu11gszeit liegt zwischen beiden: in dem .ist die
Erinnerung au eine soziale Anciennität und kulturelle Uberlegenhe1:
zu lebendig. Sogar die Arbeit eines Deutschen, der im Lande
gewordenwar,dieTätigkeit H.offmanns von
vorläufig scheinbar ohne Emtluss, ohne Nachw1rkung, obwohl er stch
rühmen konnte, dass der echteste "Holländer" und zugleich der grösste
Deutschenbasser, der Dichter Bi 1 derdij k, von ihm gesagt hatte,
er ein M o f ist, so mag ich ihn doch wohl leiden" •), und er van
sogar zum Abschied in bezug auf seine Tlitigkeit die Widmung erh1elt:
En wie de vaderlandsche taal
Voor wanspraak stelt en klaterpraal,
Of wien de aaloude Biederkeit
In 't Duitsche hart besloten leit:
Dien bied ik willig hart en hand
Ter eer' van 't oude Vaderland.
(1821) ")
und ihm der gefeierte Redner J a n H e n d r i k v a n d e r P a 1 m zum
Andenken schrieb: .
"Zonde
1
· geestdrift werd nooit iets groots verrigt. Zij alleen ko.mt
uisseo te boven die zonder haar zelfs door vlijt en volhardmg met te
overwinnen zijn.' Ga dan voort Hoffman, in de schoone taak, die gij op
u naamt met diezelfde edele geestdrift, die u de achting eu liefde der
'
brave Nederlanders verzekerd heeft." 3)
Es gehörte eine grosse Selbstüberwindung dazu, van dem hohen ·Piedestal
herunterzusteigen, nachdem man allmählich zu der Entdeckung gekommen,
dass schon zwei Jahrhunderte verstrichen waren, seit man den hohen
Posten eingenommen batte.
Deun Bi 1 de r dij k glaubte noch felsenfest an die Überlegenheit der
niederländischen und Dichtung und spricht noch i. J. x8o8 von
Deutschland als "het domst en geestloost land" und van "Schillers
drekhoop bij' 't goud van Sophokles". 4) Zu dieser Zeit aber besass Deutsch-
1) H. Hoffmann van Fallersleben: Loverkens. Horae Belgicae,ParsVIII.
1852. Vorrede, S. UI.
2) H of f man n v o n Fa 11 er
5
1 eb en: Mein Leben. Aufzeicbnungen und Erinne·
rungen. 1868. S. 2s
4
.
3) ibidem. S. 28
7
.
4) J. W. Bi 1 derdij k: Mijn Buitenverblijf. (Dichtwerken. I8S9l· Deel XII. S. Y04, 105.
VI VORWORT.
"goldenen Zeitalters": es ist ein plantastisches Bild, wie aus der Zauber-
laterne, worin der abstrakteste Humanismns mit dem plastischen und reali-
stischen Volksleben zu einem harmonischen Ganzen verschmilzt, und die
Dichter Vondel und Cats zu dem Inbegriff der volkstümlichen Kunst
werden, wie etwa Frans Hals, J au Steen, Teniers, Vermeer u. A. auf dem
Gebiete der Malerei.
Es ist dies ein ganz einzig dastellendes Beispiel der suggestiven Wirkung
einer geschichtlichen Vergangenheit. Diese Vergangenheit, diese Grösse war
bisher das Verhängnis des nieclerländischen Volkes. Um jeclen Preis hat
man die Traditionen des "goldenen Zeitalters" zu erhalten versucht. Der
schlimmste Lokalpatriotismus wurde dadurch gezüchtet: aus Vondel
wurde ein Shakespeare, aus Bilderdijk ein Goethe gemacht und alles
Niederländische wurcle verherrlicht, um nur ja nicht binter anderen
Nationen (besonders Deutschland) zurückzubleiben. Dadurch wurde jede
nationale Wiedergeburt, jede neue Belebung stets im Keime erstickt und
ihr jede Lebensmöglichkeit genommen.
Eine Kultur, clieim Humanismusstecken gebtieben war: diesen Eindruck-
sagt K ossman n ') -machte Niederland auf die Deutschen am Anfange
des 19. J ahrhunderts.
Wohl kaum ward ein Glaubenssatz zu solch einer hohlen Form wie
in Niederland die Bewunderung für die humanistischen Dichter des
J7. Jahrhunderts. Grade hier zeigt sich noch, wie stark die Nachwirkung
dieser Vergangenheit ist, dass zwar die Oligarchie einer stäcltischen Patrizier-
clique im politischen Leben verschwand, aber auf kultureHem Gebiete
noch immer vorherrschend blieb. Aus Furcht, "ungebildet" zu erscheinen,
stimmt jeder, der ,.;u den "gebildeten" Kreisen gehören will, in die Be-
wunderung für jene Dichtung ein, obgleich keiner im Stande ist, sich
daran zu erwärmen, uncl besanders die Jugencl in den Schulen mit leerem
Herzen dabei ausgeht. Und grade in diesem konventionellen Glaubeu
zeigt der Niederläncler, der sich gelegentlich gerne über die barbarische
Stufe des Nationalismus erhaben wähnt, seinen starken patriotischen Sinn,
indem er meint, die Verehrung der politisch-wirtschaftlichen Ruhmeszeit
seines Landes notwenclig auf die gleichzeitige literarische Periode aus-
clehnen zn müssen.
In den letzten J ahrzehnten aber zeigte sich ein leis es Schwanken in
dem von den Vätern überlieferten Glauben, schien es, als clämmerte schon
die Erkenntnis der nationalen Verarmung vor den Augen einzelner
Suchenden auf. Es wnrclen Stimmen laut, die der jahrhundertelangen
Henschaft der bürgerlichen Poesie offen den Gehorsam und den Glauben
kündigten.
r) E. F. K ossman n: Holland und Deutschland. rgor. 8. 32.
--
VORWORT.
VII
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1
:l unmittelbar beeintlussen und bestimmen zu können. Eine jahrbunderte-
liegt zwischen beiden: in dem Niederländer .ist die
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·nnenma an eine soziale Anciennität und kulturelle Ûberlegenhe1t noch
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zu Lebendig. Sogar die Ar heit eines Deutschen, der im Lan e etmtsc 1
geworden war, die Tätigkeit H_ o ffm a n n s vo n s leb en
orläufig scheinbar ohne Emfinss, ohne Nachwukung, obwohl er s1ch
;ühmen konnte, dass der echteste "Holländer'' und zngleich der grösste
Deutschenhasser, der DichterBil cl er cl ijk, von ihm gesagt hatte,
er ein Mof ist, so mag ich ihn doch wohl leiden"
1
), und er von
sogar zum Abschied in bezug auf seine Tätigkeit die Widmnng erh1elt:
En wie de vaderlandsche taal
Voor wanspraak stelt en klaterpraal,
Of wien de aaloude Biederkeit
In 't Duitsche hart besloten leit:
Dien bied ik willig hart en hand
Ter eer' van 't oude Vaderland.
(r8z1) "")
uncl ihm der gefeierte Redner J a n H e n cl r i k v a n d e r P alm zum
Ancienken schrieb:
Zonder geestdrift werd nooit iets groots verrigt. Zij alleen komt hinder-
te boven, die zonder haar zelfs door vlijt en volharding niet te
overwinnen zijn. Ga clan voort Hoffman, in de schoone taak, die gij op
u naamt, met diezelfde edele geestdrift, die u de achting en liefde der
brave Nederlanders verzekerd heeft." 3)
Es gehörte eine grosse Selbstüberwindung dazu, von dem hohen Piedestal
herunterzusteigen, nachdem man allmählich zu der Entdeckung gekommen,
class schon zwei Jahrhnnclerte verstrichen waren, seit man den hohen
Posten eingenommen hatte.
Denn Bi 1 derdij k glaubte noch felsenfest an die Überlegenheit der
niederländischen Sprache und Dichtm1g und spricht noch i. J. r8o8 von
Deutschland als "het domst en geestloost land" und von "Schillers
drekhoop bif 't goud van Sophokles". 4) Zu dieser Zeit aber besass Deutsch-
r) H. I-I
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11
v o 11 Fa! I e 1· s leb en: Loverkens. Horae Belgicae, Pars VIII.
I 8 52. Von·ede, S. III.
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n Fa 1 I ers I eb e n: :v!ein Leb en. Aufzeichnungen und Erinne·
rnngen. r868. S. 284.
3) ibidem. S. 287.
4
) J. W. Bil ct er dijk: Mijn Buitenverblijf. (Diclltwerken. r859). Deel XI!. S. 104, ros.
Vlll VORWORT.
land schon eine Go et hes eh e Lyrik, wuchs ein Dichter wie Ei che n d orff
heran, und zeugte "Des Knaben Wunderhorn" (r8o6) vonder Sehnsucht
nach der ursprünglichen eigenen Volkskunst, die in den höheren Schichten
der Geselischaft erwacht war.
In welchem traurigen Widerspruch steht der rhetorische Sch wulst von
Bi I derdijk s Dichtungen und ihr verdünnter Humaaismus zu diesem
Reichtum. An der chinesischen Maner, mit der sich "Holland" im
1
8.
Jahrhundert umgeben hatte, fluteten die Geistesströmungen Deutschlands
ohne tiefere Berührung vorbei. Von den Problemen der Stunn- und
Drangperiode, der Aufklärung, der Romantik blieb die nieclerländische
Kultur dem inneren 'Vesen nach unberührt.
Während in Deutschland die Verjüngu11g, die Wiedergeburt des Laudes.
sich vollzog, verharrte Niederland in öder geistloser Stagnation. Die
Oligarchie der Patrizier hatte die Revolution doch nicht ganz hinwegge-
fegt. Zwischen ihnen und dem Volk bestand nach wie vor dieselbe Kluft
ihre Kultur war dieselbe internationale wie die des 17. Jahrhunderts. Und
deshalb regte sich nichts im Volke: es blieb alles öde und totenstilL
So wird die Klage, die Ho ffm a n n, nachdem dreissig Jahre ins
Land gegangen waren, erhebt, begreifiich:
"Wie ganz anders hä tte si eh die N ationalliteratur dort zn Lande gestaltet
wenn die altniederländische volkstümliche Poesie als Muster und leitende:
Grundsatz betrachtet worden wäre, wenn si e die po etisch en Geister angeregt
und belebt hätte ! Die heutige Poesic huldigt noch immer jener Geschmacks-
richtung aus den Zeiten der französischen Ludwige sie hat noch immer
. '
]enen. fremdartigen Zuschnitt in ihren Fm·men beibehalten, sowie jene
prosatsche Anschauungs- und jene gelehrte Ausdrucksweise und bleibt
dadurch dem Gemüthe des Volkes ebenso fern wie
d i e V e r g a n g e n h e i t d e r G e g e n w a r t, u n d o f t e b 11 s o
u n vers t ä n dI i c h, w i e d as A u sI a n d d e m V at er 1 a n de."
(r8sr).
Langsam aber bereitete sich auch in Niederland der Umschwuncr vor ·
b •
auf unsichtbarem Wege sollte er kommen.
Es war die deutsche Wissenschaft, die Arbeit der Gebrüder Grim m
nnd ihrer Nachfolger, die das Studium des Mittelalters auch hier entfachte.
Das allmähliche Bekanntwerden einer früheren nationaleren Knltur rief
wach, die mit der Verehrung des sanktionierten "goldenen
Z_eltalters" in Konflikt gerieten. Aber immer war dieser Vargang noch
em unbewusster. Er offenbarte sich in jener akademischen Welt die
bisher der treueste Hüter des heiligen Glanbens gewesen war und ihn
"ex cathedra" stets verkündigt hatte. Am bezeichnendsten ist Jo 11 c k-
b I oe t s bereits zitierte Änsserung über die Poesic in Niederland. Noch
schärfer aber i st sein Urteil über das goldene Zeitalter. Die Stelle hei sst:
VORWORT.
IX
AllmäWich trennen sich unsere Republikaner in und Plebeje.r.
." ersteren waren sich Alles in Allem und strebten 1n bezug auf dte
ganz eigenen Zielen nach. Sie waren die
Renaissancisten und setzten ib:te Richtung fort. Anstatt. stch der
. selbstverständlichen Volksentwicklung anzuschltessen und s1e
nrogen, . d 'h
weiter auszubilden, zu veredeln, rümpften die Humantsten avor t re
Sie batten bessere und anständigere Vorlagen: die Schriften der
.Antike, die sie nicht nur zur Kultivierung des Geschmackes, sondern
durchweg zu sklavischer acbahmung verwendeten." r) .
Ja, er verstieg sich sogar noch zu dem Satze: ,,Hooft_ mag vornehm
d
nicht selten manieriert sein, aber Vond eI s l'oeste scbret tet au eh n ur
IJ)l 1' d
allzu häu6g auf hohen Stelzen einher, in einem Gewand von g etssen em
Flittergold. Dies bezieht sich nicht minder auf beider Prosa." _
Eine solcbe Ketzerei war in den akademischen Kreisen noch me verkun-
digt worden: sie war au eh so entsetzlich, dass sie vollständig w.urde.
Der Anfang war aber gemacht, uud es sollte sich nun wetter Stem für
Stein aus dem alten Bau loslösen. . .
Der Leidener Literarhistoriker Gerard Kalff erkannte semem
ersten Werke an, dass die niederländische Literatur unbeliebt und
aucb den Gebildeten unbekannt sei. Er weist darauf hin, welche Kraft
bei anderen Völkern die nationale Literatur ist und zitiert Attinghausens
Worte aus "Wilhelm Tel!":
Ans Vaterla11d, ans theure, schliess' dich an,
Das halte fest mit deinem ganzen Herzen:
Hier sind die starken Wnrzeln deiner Kraft. 4)
Er fordert auf zur Pflege der vaterländischen Dichtuug, aber er sieht
nicht, dass grade deshalb den breiteren Kreisen jene Dichtung so
und unbeliebt ist weil sie sich wederans Vaterland anschloss, uocb m thm
wurzelte. Später,, wenn er den Verlauf der Sprachen_twickl.ung erört:rt,
kommt er zu dem Schluss, dass das Neuniederländische 1m
mit der Spracbe des 16. Jahrhunderts arm zu nennen sei v1eles an
Plastik eingebnsst habe. Die Ursache aber untersucht er mcbt.
So behauptet er z. J3. von Cats, dass er mit Breeroo,
die Rechte des Realismus in ei.ner Kun.st gehütet habe, dte
vielleiebt unter dem starken Einfiusse Hooft s nnd Vond e 1 s stch
zu weit vom Leben abgewanclt hätte. s)
1
) Geschiedenis der Neder!. Letterkunde, liJ. 8. ro.
z) ibidem. S. r6.
3
) d. h. die Renaissanceperiode: Vondel, Hooft u.s.w.
4
j Het Lied in de Middeleeuwen. r 884. 8. 756, 757·
s) Studiën over Nederlandscbe Dichters der zeventiende eeuw. rgor. S. 267.
x
VORWORT.
Ja, noch mehr! In einer Studie über die Literatur des
1
6. Jahrhunderts
sagt er: Vond e 1 verkannte, besouders als Lyriker, den Volksgeist nicht
aber er hielt sich im allgemeinen zu ängstlich an die Bibel oder
Antike. Wie selten wendet er sich zu miseren Volksüberlieferungen unserer
unseren Volksmärchen. Gewiss, er ist auf seine:U Wege
h?chgeshegen, er hat sehr wertvolle Dichtungen geschaffen; aber um wie
v1eles grösser würde der K.reis seiner Bewunderer im In- und Auslande
gewesen w e n n e r m e h r V o l k s d i c h t e r u
11
d w e n i g e r
Rh et o r 1 k er ge we sen w ä re. 1)
Aber kurz vorher nennt er V o n d e 1 noch einen nationalen Dichte.
der in seinem Volk wurzelte, ja der Inbegriff des ganzen Volkes
schöne Offenbarung des Volksgeistes sei. 2) '
Und anderweitig (Literatuur en Tooneel) behauptet er von B ree r
0 0
e.s noch mehr aus ihm werden können, wenn er länger gelebt und
s1ch Wle Vondel dem Studium der Antike hätte widmen können
Sokher liessen sich noch viel mehr ausfindig
Am ze1gt s1ch das Schwanken der Auffassung in der Varrede
des "L1ederenboek", wo er sich über die immer mehr einreissende Zer-
s?litterung. im niederländischen Volke, diestets grösser werdende Differen-
Zierung, d1e stets mehr fühlbare nationale Armut und den Verlust des
beklagt - wiederum ohne nach den Ursachen zu forschen.
NJc.htsdesto befinden in demselben Werk die unmöglichsten
arkad1schen "Mmne heder der mternationalen Renaissancedichtung des
I 7. und allerhand Klavierlieder, die dem Anschein nach
d1e ".Jm Volkston" vertreten. sollen. 3)
. Seit d1e W1edergeburt der Renaissancedichtung des I
7
. J ahrhunderts
lll der. mo,dernen Literatur, in der Bewegung der achtziger Jahre (der
"Tachtigers'), nach kurzer Blüte versiegte, begann es in Niederland noch
stärker zu gären.
. Fr ederik van Eed en, einer der Hauptführer, kündigte seinen
Brüdern die Fehde an. Aufsehen erregend war seine Abhandlung
"Woordkunst", in der er mit sich und den anderen abrechnete und
s1ch gestehen musste, dass in Niederland die Poesie tot sei · dass die
Gegenwart und Vergangenheit eine gewaltige
eme e1tle Verblendung sei; dass, wenn ein wirklicher Dichter jetzt auf-
stände, der sänge, wie ihm der Schnabel gewachsen wäre man ihn von
der Türe fortjagen, und polizeilich würde festnehmen Er warf
1
) Ge s c h ie den is der Neder I a n d s c h e Letterkunde in de
1
6d• Eeuw.
188g. Bd. I, S. 183.
2) Studiën over Neder l. Dichter s in de zeventiende Eeuw. s. IS
3) Neder I a n d s c h V o Ik sI iede r e n boek. Uitgave van de Maatschappij Tot
Nut van 't Algemeen". r8g7. S. V. "
VORWORT. XI
. Dichtbriidern vor, dass ilir Schaffen in dem unfruchtbaren, selbst-
setllen . . d . k .
ii samen Egoismus emer Höhenktwst versanclet se1, ass s1e eme
gen_ fa 1 e Arbeit hervcrgebracht hätten.
5
o;ber auch er versucht nicht die Gründe aufzudecken. Und nach ihm
k
A
d a m a v a n Sc h e I t e m a ebenfalls zu dem Schlusse, dass
am
. e ganze kurze Literaturbewegung der "Achtziger" nur eine noch grössere
Jen . .
öde hervorgerufen bätte und "dem Volk" vollkommen wäre.
Aber auch er erkl!lrt den Vorgang ni cht, sondern überlässt dtes dem
Kulturhistoriker.
2
)
Diese Gründe aufzudecken, die Ursachen ausfindig zu machen, durch
welche die Volkskunst versiegte, soll die Aufgabe meiner Arbeit sein.
Freilich wird von der niederländischen Legende, so wie sie in Niederland
selbst und in Deutschland !ebt, wenig übrig bleiben. Und es wird sich
zeigen, dass dies ganze "Goldene Zeitalter", diese Blüte der niederländischen
Literatur, eigentlich gar nicht mehr "niederländisch" ist, mit dem "Volke"
nichts mehr gemein hat; dass man es hier uur mit einer in ternationalen
städtischen Höhenkunst zu tun hat, mit einer Modekunst, grossgezogen
von emporgekommenen Parvenükreisen, die dadurch sich von ihrer
geringeren Herkunft, von den niedrigen Volkskieisen zu emanzipieren
suchten. Es wird sich zeigen, dass kaum ein Land so seine Eigenart,
seine Individualität aufgegeben hat wie Niederlancl, dessen moderne Kultur
zum Teile auch noch ganz international ist.
Aber trotz dieser jahrhundertelangen internationalen Bestrebungen
einer unvolkstümlichen Höhenkunst wurde die urwüchsige Kraft der
niederländischen Volksseele nicht gebrochen.
In der Tiefe zog sich der unterirdische Strom fort, unsichtbar und
doch noch anwesend, wie die Erscheinung Speenhof s 3) zeigt. In
diesem "dichter-zanger" lebt in unsrer Zeit der Geist der nordnieder-
ländischen nationalen Kunst aus der "goldenen Zeit" der Haarlemer
Maler- und Dichterkreise, wieder auf, wenn auch in weit bescheidenerem
Masse. Die Erscheinung Speen ho f s ist deshalbso besouders interessant,
weil sie ganz unvermittelt dasteht, ohne aus irgend wekhem Varher-
gebenden abgeleitet werden zu können. Ziehen wir die Anlehnungen an
den internationalen Couplet- und Chansonstil ab, der leider auch zum
teile sein Schaffen beeinflusst und bedingt, so bleibt immer noch eine
Fülle echt volkstümlichen, nationalen Empfindens übrig, die nicht in dem
geringsten Zusammenhang steht mit dem Geist der modernen "nieder-
ländischen" Poesie.
z) Fr ederik van Eed en : Over Viloordkunst (X Xe Eeuw, VIII. J aargang,
ge Aflevering).
2) C. Adam a van Sc he 1 tem a: De Grondslageneener nieuwe poëzie. 1907. S. 10-13.
3) Von seinen "Liedjes en Wijzen" erschienen fünf "bundels" im Verlag von
W. J. & L. Brusse, Rotterdam.
XII VORWORT.
Allerdings betreibt Speenhof fast aussschliesslich das episch-drama-
tische Genre, und fehlt seiner Lyrik ein gewisses positives Element: deun
er stellt in seinen Erzählungen, meistens nur die Schattenseiten des
sozialen Lebens dar, von irgend welcher subjektiveren Äusserung (wie z.
B. das Liebeslied) fehlt jede Spur. Aber unter diesen episch-lyrischen
Erzählungen gibt es solche von ergreifender Schönheit: z. B. "de kleuters".
Nicht alle seine selbstgefundenen Weisen sind hervorragend, aber manche
sind recht gut, wie die Melodie des rührenden Liedes: "bet broekje van
Jantje". Uncl jedenfalls verdient die Tatsache, dass sie unglaublich schnell
sich im Volk verbreiteten, schon grössere Beachtung. Das sie nicht volks-
läufig bleiben, ist nur auf den Umstand zurückzuführen, dass sie zu
der Kategorie der Z e i tg e d i c h t e gehören, keinen allgemeineren
Stoff enthalten, und überdies nur die negative Seite gewisser sozialer
Verhältnisse und Zustände zuviel betonen, meistens sogar in der
Karikaturforrn.
\Veniger Genre- und Tendenzdichter ist der südniederländische
Dichter Ren é d e C I er c q: seine kräftige, schlichte Sprache klingt wieder
in ei genem Volkstone, in dem sich ein höherer dichterischer Wert, der
Speenhof noch ahgeht, offenbart. Anges\chts sokher Tatsachen ist
die Hoffnung auf eine Wiedergeburt der national-niederländischen Volks-
kunst kein eitler Traum, wenngleich auch viele alte Traditionen über-
wunden werden und gar manches sich noch wird ändern müssen, bevor
von einer national-niederländischen Kultur die Rede sein kann.
Das Zurückdrängen des internationalen holländischen Elementes aus
seiner Vorherrschaft (die durch keine absolute politisch-wirtschaftliche
Überlegenheit mehr berechtigt ist) und dessen Befruchtung durch das
~ ü d - und ostniederländische, durch das rein "dietsche" Element ist die
Aufgabe der Zukunft. Aber die Befruchtung durch das ostniederländische
enthält die Annäherung an das grosse stammverwandte de uts c he
Volkselement. Deun "dietsch" sind alle "die laghe landen bi der see--
lancx de Oostersche zee tot aen Dantzijck", wie Marnix von St. Aldegonde
in der Varrede seiner Psalmdichtung (158o) noch erklärt.
Es ist an der Zeit, dass jene widersinnigen romanisierenden Tendenzen,
deren politische Voraussetzung schon längst aufgehört hat zu existieren,
Platz machen vor einer natürlicheren Entwicklung unsrer Kultur, die nur
durch eine Annä.herung an den Osten gedeihen kann. Dazu ist noch ni cht
mal jene vorbehaltlose Hingabe nötig, mit der die holländische Geistes-
aristokratie sich seit Jahrhnnderten clem romanisierenden Internationalismus
hinwarf.
Zum Schlusse: Meine Arbeit kann nur eine vorbereitende sein. Es war
mir nicht mögli ch, das sehr zerstreute und noch teilweise unbearbeitete
Material vollständig heranznziehen. So viel ist aber jedenfalls verwertet
VORWORT.
XUI
·ner vergleichenden Übersicht erforderlich war.
1
) Und
d
als zu el ul bl
wor en,_ · h das PrOblem der Volksdichtung als K turpro em
1
. sshch hat SIC d · hö [i ode
scb ,e Jahrzebnten um so vieles vertieft, ass eme ersc P e
· . den letzten · ill · A beit den
111 usgeschlossen ist. Ebensowemg w meme r
parstellung b ~ eh nach den Liedergattungen u. s. w. behandeln, sondem
S
ff schema ·
5
• · .. d G t oblem
to . . Gesichtspunkte hervorheben dte fur as esam pr
nur eln.Jge neue . '
. btig sein dürften. . . V
wtc · b · h niederländische Texte und Abschmtte ohne wettere er-
Au eh glau teAICbdruck briogen zu können. Wo das Niederdeutsche als
ittlung zum . d f
m ststä.ndige Literatursprache in Deutschland zur Geltung gelangt, ar
selb hl dasselbe bei der niederländischen Schwestersprache voraussetzen.
man wo
Zel
.t
1
'n einer ,, Geschichte des niederHindischen Volksliedes"
r) !eh hoffe in später.er
) d h not\
.. endig Übergangene nachhol en zu kónnen.
(mit Notenbeilagen as ter ·•
IN HALT.
V o r wort. S. V -XIII.
Prinzipielles (Zum Begriffund Wesen d es Volksliedes).
S. I-21.
Das Problem der Kontinuität. S. r-
4
.- Die "wereldaanschouwing"
als Grundlage V_olksliedes. S. 5-
7
. _ Das geistliche Lied.
8-r3. - Die Differenzierung. S. 14-15. _ Die innere und
aussere Farm des Volksliedes. S. r6-2 r.
Die kuit u r G 11 en V orb e cl in gun ge n. S.
22
_
37
.
Die Rückständigkeit Hollands im Mittelalter s D" ·
. . . . 22-23.- Ie Wlrt-
schafthchen Vorbedmgungen Hollands S
24
D. W "d · h f
' . . . - Ie e1 . ewirtsc a t

2
5-27. -.Die Weidewirtschaft und die Stadt. S. 2 8. Die Stadt.
S. 29. ----:- _Die Niederl ande als Austauschland. S.
2
g-
30
. _
Charaktenst!k der Weidewirtschaft S
31
Ch k · "k
· · -32. ara tenst1
der Handelsstadt und der Patrizier S
33 34
Ch kt · 'k
d
. . . . - . - ara ensti
es PatrlZlers. S.
35
_
37
.
Das Mittel al ter. s.
37
_8
5
.
J?as Fe?len des S. 38 - 40. - Maerlant, cÜe bürger-
liche DICbtung und dte Volkspoesie. S.
41
-
4
s. _ Patriziat und
49-54·- und Volkskunst: Hucbald. S. ss-s6.
- Dte germamsche Volkskunst und ihre Tonarten.
s .. 57-62. - Dte.Entstehuug der polyphonen Tonkunst. S. 6s-66. _
polyphone Volkskunst und ihre Verbreitung. s. 6
7
_
72
• _
e ,.ars nová · S. 73-74· - Die Volkskunst als Grundlage der
S. 74-75. - Volkskunst und Kirche. S. 76-
7
8 _
Dte "Rederijkers" und die Volkskunst S 78 83 Dt'e V Ik k.
d · · · · · - · - o s unst
un thre Gememschaft mit Deutschland. S. 83-85.
INHALT.
XV
6 J
ahrhundert. S. 85-135·
_oas J •
Vebergewicht des städtischen Elementes. S. 85-88. - Stadt und
Land. S. 89-90.- Die Rhetorikkammern und de Castelein. S. 91-93·
pes ionere Problero der Renaissance. S. 94-96. - Die Volkskunst
als Kulturform. S. 96- rox. - Die Reformation. S. ror. - Die
psalmdichtung. S. tol!-I07 • • - Die politischen Vorausset zungen des
CalviniSJJlUS. S. ro8-ux. - Der Calvinisrous als Kulturproblem.
s. u2-u6. - Die calvinistische Psalmdichtung und Marnix.
s.
1
I?-II9· - Die Tremmug Dentschlands nnd Niederlands.
s.
12
o. - Der Calvinismus und die Volkskunst. S. 121. - Die
Rederijkersemigration. S. 122-123. - Die Aussichten der Volks-
kunst. S. 124-135.
Das "go 1 den e Ze i t a I ter" n n d se 1 n A u s gang. S. 136-264.
Amsterdam als Zentrale. S. 136-138. - Das Patriziat uncl Amster-
dam. S. 139-142. - Die Feinde der Volkskunst. S. 143-I44. -
Die Lage der Volkskunst. S. 144-145. - Die arkadische Dichtung
und die sexuelle Frage. S. I4Ó-I47· - Der moralische Wert der
Patriziër. S. 148-157· - Cats als Inbegriff der Patriziermoral.
S. I57-r6o. - Die Renaissancedichter und ihr Verhältnis zur
Volkskunst: Hooft. S. r61-164. --Hooft und Huygens. S. r64-1Ó5.
- Hooft und Vondel. S. r66. - Vondel. S. 166-171. - Die
Veradligung. S. 171-173· - Der Calvinismus wider di e städtische
Kunst und wider die Volkskunst. S. I 73-181. - Die Rederijkers
u nel ihr Ausgang. S. 181--- r86. - Die letzten Volksdichter. S. 186 -I 91.
- Die Liedweise in der Höhenkunst, das Tanzlied. S. 191-195. -
Der Ni edergang. S. 196. - Das Zurücktreten des englischen Ein-
fiusses. S. 197-202. - Der Calvinismus wider die Kirchenmusik.
S. 203-207.- Der Niedergang der nationalen Tonkunst. S. 207-2 I I.
- Die Internationalisierung der Kultur. S. 211-214. - Die Patri-
zierkultur in der Kritik des Auslandes. S. 215-2I9.- Die Stagnation.
S. 220-222. - Ein Traum im Rei chsmuseum. S. 223. - Ein
verirrter Sonnenstrahl. S. 224-234·- Die Wirklichkeit. S. 235-236.
- Das Tanzlied. S. 237-240. - Die Schäferdichtung und das
geistliche Lied. S. 241-251. - Der Untergang der Volksliedweise.
S. 251-255· - Die deutsche Bewegung. S. 254-255. - Die
"Volkslieder" der Maatschappij tot Nut van 't Algemeen. S. 255-257.
- Das Ende. S. 258-264.
Das 19. Ja h r hunder t. S. 265-303.
Die nationale Bewegung und der Begriff des Volksliedes. S. 265-283.
XVI IN HALT.
- Hoftmann von Fallersleben. S. 283-287.- Eine ehrliche Kritik,
S. 287- zgo. - Die Fortsetzung der Volksliedbewegung. S. 291-29
4
.
- Die neo-calvinistische Bewegung. S. 295-297. - Das Ende der
bürgerlichen Dichtung: Multatuli und die "Achtziger". S. 298-299. ~
Die Gegenwart. S. 300-303.
A n hang (Auswahl der hier zitierten Lieder aus dem zweiten Bande:
"Unveröffentlichte Lieder des 17. Jahrhunderts bis zum zg. Jahr-
hunderts.") S. 305-332.
Quellenverzeichnis: S. 333--354.
Berichtigungen: 355-357·
PRINZIPIELLES
ZU DEi\1 BEGRIFF UND vVESEN DES VOLKSLIEDES.
Entsteht ein verschiedenes M as s der Bildung im
Volke, so ist damit doch nicht auch eine ungleiche
Art der Bildung verbunden. Es bleibt vielmehr nach
dieser Seite hin eine ungebrochene Einheit im Volke
bestehen: Hoch und Nieder bleioen in ein und der-
setben Weise des Anschauens, Urteilens u. Em-
ptindens verbunden.
ROCHUS VON LrLrENCRON.
Heutzutage sind in der musikalischen Terminologie die Wörter
"Volkstümlich" und "im Voikston'' zu Begriffen geworden,
deren Bedeutung man stillschweigend als bekannt voraussetzt.
Fragt man aber nach einer Formulierung jener Begriffe, so erhält
man die Erldärung·, diese dichterisch-musikalischen Gattungen
repräsentierten eine Form, die einfach, schlicht, naïv, ungekünstelt
u.s.w. wäre.
Wie gross auch die Unklarheit sein mag, welche hier im allgemeinen
vorwaltet, doch hat jene gebräuchliche Auffassung etwas richtiges
an sich, nl. die Empfindung, dass das Volkslied der Träger einer
absoluten musikalischen Form, einer sich unveränderlich treu blei-
benden, unsterblichen Kunstgattung sei.
Der Begriff "Volkslied" oder "im Volkston" ist ein feststehender
Begriff geworden. Und wie gesagt - etwas wahres ist daran.
V ergleiellen wir unser Volkslied von heute mit demjenigen urn die
Wende des I 5. und r6. Jahrhunderts, so kann man höchstens von
einigen formaJen Aenderungen reden: ei n e 1 n n ere vV a n de-
lung hat aber nicht stattgefunden.
Es gibt eine gewisse Kontinuität der inneren und
äusseren Form, die zwar einer Beeinflussung der
1
2
DAS I'ROBLEM D.ER KONTINUITAEl'.
je wc i 1 i ge n H ö hen kunst a u s ges et z t is t, i m We s c n a b er
s ic h st ets g Ie i c h bI ei b t.
. Und unwillkUrlich sich nun von selbst die Fragc: was ist
JCncs Wesen des Volkshedcs, das sich erhält während wir in der
Höhcnkunst die Perioden, die StilgattunO'"en ,:ccbseln neue Formen
kommen und versehwioden sehen?
0
'
Die landläufigen Erklärungen geben uns keioen genugcnden Auf-
nicht die der ländlicben Bevölkerung, welcbe
die der ist, nicht der s.g. Konservatismus jener
allein oder ihre s.g. kulturelle RUcksUin-
dJgkett können l11er als ausreicbende Grande geiten.
Denn weshalb ändern sich jene Stilgattungen, jene Formen der
selbst? Ist es nur ein Zufall, die persönlicl1C Wili-
kar cmes. Neuere:s, eiM individuelle unabhtlngige Acusserung?
Odcr. l1egt lu e r eine gewisse Notwendigkeit der
werden jene Formwechscl ge n e-
t
1
s c h b e d I n g t, s In d s i e n u r d i e k a u sa Ie n Z u sa m me n-
hä ng.e in eincm g rosse n kulturellen Werdungsprozessc?
Meme ganze Abhandlung ist der Beweisfahrung des Jctzteren
gewidmet, und ich glaube, dass heutwtage kcin Historiker mehr an
der ticfinneren Verkettung von Umständen und Verhältnissen, von
allem Geschehen und Werden zweifelt.
In jener Kontinuität des Volkaliedes muss sicb ein tieferes Pro-
blem vcrbergen; dies wird uns erst recht klar, wenn wir das wie-
derholte ZurUckgreifen der Höhenkunst auf die Volks-
kunst r) b co ba c h ten, wie es z. B. gegen das Ende des Mittel-
alters, im 14. Jabrhundert, stattfindet, wo die Volkskunst
befruchtend die kirchliche Höhenkunst durchdringt, bis um die
Wende des 15. u. r6. Jahrhunderts das Volkslied tatsächlich die all-
gemeine vokale und instrumentale Kunstgattung repr:isentiert. Im
Laufc 18. Jahrhunderts wiederholt sicb derselbc Prozcss; unter
dem Emfl.uss Herders lenkt die Dichtung auf die schlichtcn, ein-
(achcn, aber in gewisser Hinsicht strengen Formen des Volksliedcs
zurUck, die sogar in dem grössten Dichter jener Zeit, in Go ct he,
1) feb scbioke voraus, dass ich die Begnlfc Volksdicbtung, Volkslied, Vol.k$-
p
0
c' I c, v_ o Ik s kunst nla und als t<ultu
1
form
Obcrhaupt m ldcntlschcr Bedeutung verwende. Trotc der vleten gegen elnen solcben
Gebrnueh Einsprücbe glbt es keioe andere M6glicbkelt, dcm &grUT in soloer
gatllcn Untcrschledllcbkeit gerecht zu \Yerde.o.
DAS PRODLEM DER KONTINUITAET. 3
.
1
grösstc Annäherung an die Volkskunst vollzieht, welche sich
11re . z · 1 ·
r die Romantiker ttbcrträgt. Und lil unsrer Clt SClCtnt
wieder dassclbe ereignen zu \vollen, nicht nur in Deutschland,
sondem au eh in Niederland. .
Ein Zurucklenken auf die Volkskunst setzt e 1 n e k u 1 t ure 11 e
Di r f eren z i cru n g voraus, die Existenz zweier dem in neren Wesen
und der Form nach versebiedener Kulturen.
Es gibt a lso in unsrer Kulturgeschichte gewisse Momente, wo cine
bestebende Differenzierung auf ein geringeres Mass beschränkt, resp.
teilweise aufgehoben wird. Betrachten wir jene Momente der Form
nach einmal etwas näher, z.B. vommusikalischen Standpunkt, sosehen
wir jedesmal, dass das Volkslied wie eine Positivität in die AbstJ·akt-
heit der Höbenkunstform wiederbelebend und neugestaltend eintritt.
Am deutliohsten ist dies, wie gesagt, auf musikalischem Gebicte
sichtbar. Es vollzieht sich in der spekulativen kirchlichen Höhen-
kunst, (wie später noch ausfobrlich dargesteUt werden soli) es
vollzieht sicb gleichfalls nach der Abstraktion der Ba eh' schen
Periode, wo mit Carl Philipp Emanue l Bach, den Mann-
beimer Symphonikern, Haydn und Mozart eine neue
volkstomliche Periode wieder auftritt. Ebenso zwingt die voll-
standige ionere und äussere Auflösung der Form der W a g-
o ere pi go n en ze i t kategorisch zu einem U mschwung, wie ihn
Job a n nes Bra b m s schon angebabnt hat: ein Zurücklenken auf
die Konkretbeit der Melodie, auf die Positivität des
V o 1 k s l i cd es. Grade die Gegenwart hat uns gezeigt, wie wenig
die Eutstehung gewisser Kunstformen, wie die heutige Wagner-
periode, eine individuelle Zufälligkeit ist. War es doch W a g n e r
selbst, der den Satz geprägt hat, dass von dem Verhaltnis
des Menschen zur Natur das Wesen se iner Kunst
bed in g t werd e t). Hat si eh doch erst kaum der Sturm der
fanatischen Wagnerjonger gelcgt, die die .,vV eI t ans c ha uung" ihrcs
Meisters, in seinen Werken und Schriften ihnen offenbart, allen
Völkern bl'ingen wollten.
Und schiesslich ist es jener Philosoph, dessen .,Verneinung des
Willens zum Leben" die Auflösung der positiven Melodie bei
Wagner bceinflusst, i st es Schop en ha u er, der das Wort
gesproehen hat: .,Di c We I t is t me in c V o r st c 11 u n g."
1) Ons Kuns twerk der Zukuo(t 1, 1: . Natur, Mensch und Kunst", (GcsBm•
meltc Schriften und Dlchtungen. se AuflBge, Bd. lll, S.
4
DAS PROBLEilf DER KONTINUITAET.
Und so ist die Antwort auf unsere Frage gegebe11: bedingt
die jeweilige vVel t a11schauung den Wechsel der Kulturformen, die
Periodisierung der Höhe11kunstformen, s o i s t es a u c h die
immanent e vV e l t a n sc ha u u n g, we 1 c h e di e K o 11 tinuit ä t
d es V o 1 k s 1 ie d es a 1 s K u 11 s t g· at t u 11 g b ed in g t.
I-Iiermi t ergibt sich nun auch wieder von selbst eine zweite Frage.
vVoh e r stammt j e n e Differenzierun g der Kultur, die
die Ge ge n s ä t ze "V o 1 k s kunst" u n d "H ö henkun st" ge-
schaffen hat?
Abermals. stehen wir vor dem Problem des inneren vVesens
des V olksliedes, dessen Lösung ( oder wenigstens dem V ersuch dazu)
di eser Abschnitt meines Werkes gewidmet sein soll.
Das V o 1 k s 1 ie d i st, sei t es innerhalb des Gesichtskreises des
Bistorikers trat, st ets boden st ä n di ge r Art gewesen. Es lebte
auf dem Lande und ist seiner ältesten Form nach also eine sozia1e
Kulturform, eine allg·emeine nationale Kunstform gewesen. Es blieb
di es auch, bis jene Voraussetzung der allgemeinen einheitlichen
kult u rellen Grundlage sich änderte. J ene Voraussetzung, jene
Grundlag·e bildete die e inheit1iche vVeltanschauung.
Es hat ein jedes Wesen eine "Weltanschauung", eine Vorstellung
der vVe1t, die - wie Spin o za schon formuliert e - sich äussert
in den Affekten Lust und U n 1 u st und ihren Erscheinungen,
den spontanen Handlungen, den Gefühlsreaktionen, den Stimmungen.
Dem Volkslied liegt die "We 1 t a n scha u u n g'' zu Grunde, d.h.
die Bes c h r ä n kun g in 11 e r ha 1 b der sin n 1 i c hen Ers c he i-
n u ngswe l t.
In der deutschen Sprache ist jene scharfe Trennung des Be-
griffes, wie sie im Niederländischen existiert, nicht möglich. Der
Niederländer kennt zwei Worte: "we re 1 d aanschouwing" und
"wereld beschouwin g", d.h. "Weltanschauung" und "Welt-
betrachtung" ( eig·. "vVelt b e schauung").
Die "We r e 1 d aanschouwing" i st j ene unbewusste, unreflek-
ti erte Tätigkeit, wie wir sie beim Tier beim Kind heim s o·
' ' •t;,•
"Naturmenschen" kennen, und die sich im Volkslied äussert in der
Beschränkun g inn e rhalb der s innliche n Ersch e i-
nun gs w e lt, in dem Fehlen und der Ausmerzung der
Ab s tra kt ion, d e r Spe ku la ti on, i 11 der "Versimzlic!ttmg-"
abstrakter, spekulativer Element e.
Dagegen beruht z. B. die Kunst W a g n ers auf der "We re 1 d-
WE RELDAANSCHOUWING" ALS GRUNDLAGE DES VOLKSLIEDES. 5
J)[E "
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11
rr" der Weltbetrachtuncr auf ei ner refl ektierten,
bes c o u ", , . b' . .
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"ti rrkeit we 1 c h e d 1 e E r s c h e 111 u 11 g s we 1 t 111 c h t
abstra ( c :::. ' • • • • •
"tt !bar in ihr e r r e lat1v e n Vl'lrkl!chk e lt a uf s 1c h
unml e . . 1
wirk e n l äss t und in sich aufnimmt, s ondern 1m L1clte
ein e r spe kul a tiven Id ee e rblickt uncl also ers t durch
die zwe it e Ins t a n z e in e r Speku1ation e mpfän g t .
Die "vVereldaanschouwing" ist imSinne Lamprechts der "Pol in
sich gleichartiger Personen und individual istischer Geschi chtsbetrach-
" di e im Berrinn der Kultur als Prinzip ni edri ger Kulturen zutage
tung , " :::. . . .
tritt". x) Nach ihm gibt es zunächgt eme Ze1t, m der alle
innerhal b ei ner relativen menschlichen Gemeinschaft, etwa mnerhalb
der Anfangsbildungen einer künftigen Nation, psychisch absoh.It
crleich si nd, derart, cl ass sie in ihrem Tun und Empfinclen w1e
Ë x e m p 1 a re der se 1 ben A u ss t a t t u n g nebeneinander wirken.
Dies Nebeneinander psychisch völlig identischer Personen würde
eine rein individual-psychologische geschichtliche Auffassung erge-
ben. Die weitere Entwick1ung der Kultur läuft, nach L a mpr e c h t,
auf die fortschreitende Differenzienmg der menschlichen Seele hin-
aus. Die graphische Darstellung des Verl aufes der
lung im Sinne Lamprecht s wäre, wenn wi r jene Periode psych 1sch
identischer Personen durch eine rote Linie und jenes Nebeneinander
völlig differenzierter Personen durch blaue Linien fol-
gendermassen :
Es ist aber sehr di e Frage, ob jene so geistreiche uncl vielgeteilte
Ansicht historisch unanfechtbar ist. Vielmehr befinden wir uns schon
in der Lage, festzustellen, dass nach einer jeweili gen Differenzie-
nmgsperiode eine gewisse Konzentration als notwendi ger
schlag stets eintrat.
Und auch ist jene Behauptung, der Pol in sich gleichartiger
Personen träte nur im Beginn der Kultur als Prinzip ni edriger Kul-
turen zutage, entschieden unzutreffend, wei! die Kulturentwick-
hmg grade wieder darauf hinzuführen schei nt.
Es gibt keine psychisch absolut gleichen Individuen; die Tiere
sind di es ni cht einmal.
1) K a r 1 L amprecht: Moderne Geschichts wissenschaft 1905. S. 2, 3·
6 DIE "WERELDAANSCHOUWING" ALS GRUNDLAGE DES VOLKSLIEDES.
wir jene unsrer Nation, jene unbewusste Jugend-
zeit, (m der es eme gemeinsame Volkskunst auf Grund einer
einheit1ichen "Were1daanschouwino-" o-ab) e
1
'ne ' h' h Gl · 11 't
b ' ::, psyc lSC e CIC 1 lel
nennen wollen, so bezieht sich dies nur a f d' 11 · F
. . · u Ie a gememe orm,
mnerhalb wekher aber eme perso"
11
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ere ersc 1e en e1 oe
möglich blieb. Und noch weiter · die vet·sch'ed t rr 1t 1 · ht
.. . . . · 1 ens en "-u ursc 11c en
kannen s1ch 111 emer Kulturfarm wied . . · · · h
. .. e1 veJeii11gen, w1e eutzutage
die hoheren Kulturmenschen crrade
1
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11
de p 't' · d V 11
. . ::, m os1 IVIsmus es o (S-
hedes stch erlöst fühlen von der Abst kt' d nr ·
. . ra 1011 er vv agnerep1gonen,
und d1e Arclutektur auf die prim
1
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1
·v · f h t d
. en, em ac s en un nur
strengnotwendJgen Verhä1tnisse zuriicl ht d' . ht . I
. . (ge , te me s wemger a s
eme Dtfferenzierung sind.
Im "Entsteht ein versebieden es Ma ss der Bi 1 dun g im
(die. weitere der Ku1tur im Sinne Lamprechts),
so Ist damit doch ebt auch eine ungleiche Art der Bi 1 dun g
_( d. _h. e1_ne Differenzierung). Es bleibt vielmehr
nach Seite hm eme ungebrochene Einheit im Volke bestehen
( nml. che gemeinschaftliche "vVereldaanschouwing" als Basis der
Volkskunst): Hoch und Nieder bleiben so in ein- und derselben Weise
des A n_s u en s, Urteilens und Empfindens verbunden.''
I St d1e ::-ösung jen es Problemes, wodurch R och u s v
0
n
111 er n c r on die Erscheinung des Vo1ksliedes als Kulturfarm um
die :\ des. I 5. un? 16. Jahrhunderts erklärte. r)
Dte Differenz1erung m der Kultur ist also nicht di'e F 1 ·
· 1 r· · . o ge emer
-p_o Itlschen EntwJcklung, eines technischen Fortschrittes
o. er emes _Unterschiedes in s.g. Bildung. Denn woher sonst die
Liebe aller Gebildeten aus den versebiedensten Jahrhunderten
fur das V olkslted, das nach Lamprecht nur d p · ·
• ••
0
. • as nnz1p einer
Iuedub en Kultur 1st? Das versebiedene Mass der B'1d 1
] d' · h 1 ung mnn
a so Ie aftliche "Wereldaanschouwing" nicht zerstören,
":ohl aber d1e versebiedene Art der Bildung, d. h. der Eintritt
emer "vVereldbeschouwinO'"
b •
Der Eintritt _der "Wereldbeschouwing" in die Kulturentwicklwtg
uns.res germamschen Volkes, die Entstehung der Differenzierw
1
g
von dem Eintritt der christliche.n Religion und der k 1 ö
tedJchen, kirchlichen Kultur.
I) Rochus von Liliencron: Deutsches I b
N . en im Volkslied urn 1530. (Deutscbe
atwnal-litteratur Bd. 13) Einleitung. S. XI.
DIE "WERELDAANSCHOUWING" ALS GRUNDLAGE DES VOLKSLIEDES. 7
Die cluistliche Idee betrachtete die Welt im Lichte einer gewissen
Spekulation, die zur Verwerfung jener si.nnlichen Erscheinungswelt
fübrte, innerhalb welcher die "Wereldaanschouwing" sich grade
beschränlüe. Es entstanden also zwei versebiedene Kulturströ-
mungen: die Klosterkultur und die (scheinbar christianisierte)
Volkskultur. Jener Antagonismus äusserte sich sofort in der
scharfen Stellungnabme der kirchlichen Kultur wider die Volkskunst.
In den Konzilbeschltlssen der fri.lhmittelalterlichen Zeit häufen
si eh schon die Verdammungsurteile und V érbote t) wider da·s
Volkslied, von dessen Existenz wir dadurch Kenntuis erhalten.
Denn da die schreibl<undigen Kleriker das Volkslied geflissentlich
totschwiegen, sind uns leider keine sofrilhen Denkmäler erhalten
2
).
·So verbot der heilige Eligius (c. 588-689) "der Missionar
der Niederlande" der Bevölkerung, die Reigen (c hor a u 1 as) aus-
zuführen und jene Teufelslieder (cant i ca di a b o 1 i ca) anzu-
stimmen 3). Dasselbe wird uns von dem Friesenapostel Bon i fa c i u s
(t 754) erzählt: er habe nicht gestattet, in der Kirche die welt-
lichen Reigen und Mädchenlieder auszuflihren, 4) obgleich dies
Verbot sich auch gegen die Beteiligung der Laien und besanders
der Frauen an dem Gottesdienst richten kann.
Wiederholt kehren sie zurück, jene Verbote wider die Tanzlieder
und Reigen, wider die "balationes et saltationes", die
"cant i ca t u r pi a et 1 u x u rio sa" u.s. w.
V on einer Christianisierung des Volkes im Mittelalter kann keine
Rede sein. Erst die Reformation bringt den Eintritt der christlichen
I} Vgl. Gustav Gröber: Zur Volkskunde aus Conci!beschliissen und Capitularien
I8g:J.
2} Auf die so wichtige Frage der ältesten Form des Volksliedes cintugehen ist all
dieser Stelle nicht möglich. J edenfalls genügt für unsere prinzlpielle Erllrterung des Volks-
lied es die Tatsache, dass die Existenz eines altgermanischen Tanz· und Frllhlings-
1 ie des unanfechtbar ist. Gaston Par is und Jean r o y ba ben jenc Licder auf die
nObj ek ti v c Ga tt u n g'' ansgedehnl, zu der J eanroy die npnstourcllc'', das nStl'eitgedicht''
(le und dns dramatische Lied (Chansons à personnages) rcehnel, wi\hrcnd Gr!lber
sognr das altiiberlie(crte chanson d'amour prlmilr nennt. Ob jene Lieder nun mehr
epischor Art, und nicht dermasscn lyrisch-subjektiv wle das spil.tcrc Volkslied waren, -
das ist rur die Erllrterung unseres Probiemes vollstllndig nebensächlieh.
3) Nullus chrlstianus in pyras crednt, neq11e In c a n 1 u sedctu, quia opera diabolica
sunt; nullus in restivitate Sancti Joannis vel quibuslibel sanctorum solemnitatibus solstitia
aut ballationes, vel saltaliones, aut coraulas, nut cantica diabolica excer·
ceat. (Grimm, Mythol. Anhang S. 30).
4) Non licet in ecclesia c hor os sec u I ar i u m vel p u e 11 ar u m cant i ca exercere
(Statuta Sancti Bonifacii. Canon XXI).
s DAS GEISTLICHE LIED.
Idee in das Volk, die Uebertragung des Dogmas, der Abstraktion,
der spekulativen Idee. Und erst seit dieser Zeit, z. B. seit dem
Eintritt des Calvinismus in die Niederlande, versiegt die Volks-
kunst.
Die Volkskunst des katholischen Mittelalters beruhte also auf
der heidnischen Grundlage der "\Vereldaanschouwing." Am deut-
lichsten tritt dies im s.g. ge is t 1 i c hen Lied e hervor. Zwei
Faktoren sind an seiner Entstehung beteiligt gewesen: das V o 1 k s-
1 ie d und die M y stik.
Der Berührungspunkt zwischen der Mystik und der "Wereldaan-
schouwing" des Volksliedes war das Göttliche in der Erscheinungs-
welt, die Beseelung der Natur durch das Göttliche. Denn grade
hierin berührt die Mystik sich mit der "Wereldaanschouwing"
des Volksliedes, deren Metaphysik si eh ja innerhalb der Erscheinungs-
welt beschränkt und das Uebersinnliche versinnlicht, indem sie es
in die Dinge hineinträgt. In der "Wereldaanschouwing" des Volks-
liedes heleben sich Berge, Steine und Felsen, Bäume, Pflanzen
u.s. w.: sie werden zu (über)menschlichen Wesen. Ebenso vergött-
lichen sich jene unbekannten Naturgewalten: die Sonne, der Blitz,
der Sturm, das Wasser. Es wird alles belebt und vergeistigt, aber
in sin n 1 i c hem Gewand e. Jene Götter sind nur anthropomor-
phisierte Naturgewalten, vermenschlichte Fonnen der Erschei-
nungswelt.
U nd darin offenbart si eh · nun das W es en der "W ereldaanschou-
wing", dass sie jene übersinnlichen, transzendenten Spekulationen
der christlichen Dogmatik ins Sin n 1 i c he z u r ü c kv ers et z t.
Das ge is t 1 i c he (V o 1 k s-)Lied enthält niemals den abstrakten,
dogmatischen Gedanken, niemals eine abstrakte moralisch-didaktische
Abhandlung, sondern immer eine epi s c h-l y ris c he, sin n 1 i eh e
Dar st e 11 u n g ei nes Geschehens. Jes us wird z. B. im geistlichen
(Volks-)Lied zu einer konkreten Erscheinung: es werden Episoden
aus seinem Leben erzählt, und mit V orliebe versenkt das Volkslied
sich in Erzählungen aus seiner Jugendzeit. Es is t eb en die a b-
so 1 ut e U eb er tragun g ins Mens c h 1 i c he.
Auf diesem Gebiete in der Versinnlichung des Übersinnlichen
berührten sich Mystik und Volkskunst und schufen das "geistliche
Lied": die Terminologie des geistlichen Liedes klingt dann auch
wiederholt an die Terminologie der mystischen Schriften des I 4.
Jahrhunderts an. Der Stoff wird immer zu einem Ge 1 eg en he i t s-
DAS GEISTLICHE LIED.
9
. d . Geschehen'' erzählt. Bald
d. h t I) urnerewandelt : es w1r em " . .
e 1 cd der als Erzähler auftritt, bald W1rd eme
tst es er ' f h t d klagt von threm
B J
esus oder Maria) sprechend einge ü r un .
(z. · · h die u 11 m 1 tt el bare
'd
5
w Stets handelt es stc urn
Let u. . . . b' 1 t' Gefühlsäussernng.
'eder ·abe e1ner su Je< 1Ven ..
W I . . gB ug auf die s er Neudichtunerben ei nes ge1stllchen (Volks-)
D1eS tn ez . b' . d' 1 t E t
. d Meistens ist das geistliche Volkslied eme tre < e n -
Lte es.
1 hnuno· aus dem weltlichen. . Cl .· t
e E' b chönes Beispiel mystischer Versinnlichung des


1
lll s . 1' h L' d. Hoe mmneltc IS
. t t ein alt-niederländisches getst te es te . " . . .
bte e d ,. . das Kreuz stch m emen
des crueen boom ont aen ' worm
und Jesus sich in eine Nachtigall verwandelt.
Hoe minnelic is ons des crueen boom ontdaen!
I. Het spruten ghelu bloemkens aen der heyden:
So wie met drnc, met liden is bevaen,
In Jhesus wonden sal hi hem vermeyden.
Die mey is al biden wech geset,
z. Op eenen berch en die staet also hoghe,
Omdat een ·yeghelic soude sonder let
Den soeten crueen mey aenscouwen mogen.
3· Nu staen des meyen tacken wtgespreyt
En bloeyen schoon gelijc die rosen : .
So wie zijn sonden, zijn gebreken luer bescrelt,
Onder desen boom so sal hi hem verposen.
4
. Recht op gewassen is den edelen greyn
Ende is geplant in also diepen dale;
Dats in Mariam, die suver maget reyn.:
Van minnen so sterf die edel nachtlgale.
5· Die fiere nachtegale des crueen boom op vlooch,
Hi heeft zijn vederkeus so wide ontploken,
Hi sanc so luyde die VII noten hooch,
So dat sijn edel hertken is gebroken.
. . G d'cht welches aus der unmittelbaren \'/ieder-
) G I
he i t s gedicht IS! e1n e
1
• k
I e eg en .. ) ntsteht a lso niemals eine abstra te,
gabe eines Erlebnisses (eines Gefnhles u. s. w. e '
willkürlich angestellte Bet ra c h 1 u n g.
IO DAS GEISTLICHE LIED.
6. Nu is de fiere nachtegael bleven doot
Om minnen van eender suveren ioncfrouwen;
Hi quam so hoge al wt sijns vaders schoot:
Wie hoorde ye gelike deser trouwen? I)
Das Lied wurde gedichtet und gesungen auf die weltliche Vveise:
"Hoe lustelijc is ons die coele mei ghedaen."
Ähnlich heisst es m einem anderen Liede:
Op des cruces aste
Daer bloeyt die rode wyn z).
Oft ist ·es eine reine Idylle: besenders das Kind Jesus und die
Mutter ist da der Gegenstand.
V on rührender Naivität ist z. B. das Lied: "Lestmael op een
somersche dagh" 3),
Und wie viele solcher Idyllen gibt es nicht, besouders unter
den geistlichen Wiegenliedern?
Eine ganz plastische, in den M ystikerschriften häufige Variante i st der
Vergleich von J esus' Liebe mit der "taverne" und von.Maria als Wirtin.
1. Het is goet in Jesus taverne te gaen,
Betalen is daer afgedaen :
Dat is ons seer ghenaem!
3· Heer J esus weert, schenk et ons den wijn
Al u ut den milden herten dijn:
Ghi hebten so wel betaelt
Al mitter soeten minnen dijn!
S· Gaet voert weerdinne, past ons een ghelach!
Wij hebben ghesondighet so menighe dach .•. 4)
Ja die ganze geistige Liebe der Seele wird in das weltliche Ge-
I) J. A. N. Knuttel : Het geestelijk Lied in de Nederlanden vóór de Hervorming
I906, S. I6$.
:2\ Ho ff man n v on Fa 11 ers Ie ben: Horae Belgicae. Pars X. Niederländische geist-
Uche Lieder des XV. Jahrhunderts. I854· No. 103.
3) Fl. van Duyse: Het Oude Neder!. Lied. lil. S. 2614.
4) Niederl. Geistl. Lieder.(Horae Belg. X). No. 100.
DAS GEISTLICHE LIED.
11
. h 11lt so dass man kaum beide noch tt·ennen kann.
wand elllge l 'U s'ch auch in den Herzen der Nonnen, dte
V nnischung vo zog I
e 'bl' her Liebesbrunst ftlr Jesus entbrannten. Ik t . ..
io lel L. d. Die note is: Ie sach mijn heer van Va ·ens em.
So elll 1e . "
I. Toon mi doch nu, mijn lieftic lief
Dijn oversoete minne tot
Opdat ie sonder enich verdnet
Minne mit minne mach ghelden di.
3
. Maer ie ontblive, laets
Mijn hertelic lief, des biddie d1,
Ende laet mi rusten in dijn armen,
Ach die 80 wide ontloken sijn
1

So auch: "Dit is
dl
·e Wise: 0 Venus bant, o vurich brant.
Und
I. 0 Jesus bant, o vurich brant,
Hoe heeft u minne in mi bewant,
Mijn hertken onbedwonghen
2

Mines lieves armen
Staen wide uutghebreit:
Och machtic daer in rusten,
So vergate ie alle mijn leit.
Hi heeft tot mi gheneighet
Sin en edelen roder mont:
Och mocht icken cussen,
Mine siele die werde ghesont.
Aen mines lieves siden
Daer licht een gulden schrijn:
Och waer ie daer in besloten
Al nae den wille mijn 3)!
I) NiederUindische Geistl. Lieder tHorae Belg. X) No. 48.
2) ibidem No. 6o.
g) ibidem No. 64.
12
DAS GEISTLICHE LlED.
Ein anderes Lied er.zählt von J .
seinem Liebchen geht u d . WJe er heirulich abends zu
'
11
w •e man SJ eh bei Maria darober beklagt. I)
l. Heer Jesus uwen bru
Hi bl uen cop
oeyt als enen wijogarts cnop.
2. Heer Jesus ro ,_ Ik
E
0
"e · -yn dat was groen
nde al sijn lijfken als ene bloem. '
J. Heer Jesus is ee
T
. n avon tgangher
ot eenre JO li • 0
eren was alle sijn gaoc.
4· "Si hebben mi lief. s· . .
(Jesus)
D
b
, 1 mmnen mJ seer .
" aerom · · · . ·
• UJ IC bi den JOnferen gheern."
(D•e Warnende) 5· Maria hoed
" • et u wen Soon
Datter u die · li .
1
JOn eren met en nemen "
(Mal'ia) 6
1
·
. ., c en eaus ghehoede .
Ein
. u met:
Hi heeft die reine herten lief."
anderes Lied ero-änzt d' T!
b res 1ema.
(Die Seele klagt)
(Je sus)
mit uwen brunen oghen
Ghl steelt mi mine sinoen '
Ick wilt Marien claghen .
Dat ie berovet bin _ '
Claechdi dat mij,nre moeder?
Dat wil ie aen u wreken 1
Tc wil u also doen
U herte sa] u tbreken I 2)
1
Erst aJs durch die Reformati
liche Idee, die Spek J ti on, spe.z. den Calvioismus, die christ-
d . u a on, zur Herrschaft gel t d
as ge•stliche Volkslied I N ·d N' ang e, a verschwand
d · n 01 - •ededand · t d'
er geistlichcn Volksli dd' h IS 1eser Untergang
in den katholischen auffallend. Aber auch
ncues nur nach den alten Schablone: .. as al te wurde erhalten,
auch hier, dass n i eh t . . koplert. Und so zeigt sich
Mittelalters die OueU . . kathohschc kirchlicbe Kultur des
- e Jenel von den Romantikern so angebeteten
t) Niederl. Geistl Lieder (H
2) ibidem No. ;8, . or. Belg. X.). No. 99·
DAS GEISTLICH.E LillD. 13
ueistHchen Dichtung ist, sondern -die "Wereldaanschouwing" des
"'
Volkes.
Solange die sinnliche Wcltanschauung des Volkes in ihr lebendig
war, solange bat jene geistJiche Dichtung gebluht. Aber auch nur
solange die Metapbysik der katholischen Glaubenslebre als Inbegrifr
der damaligen Entwicklungsstufe des Denkeus noch bereclltigt
war. Sobald der Protestantismus die spekulativc Weiterentwicklung
brachte und die innerweltlich asketische Idee scllarf durchdr1lckte,
welkte jene wundersame Blume, das geistliche Lied, dahin.
Der Protestantismus brachte eine schärfer ausgeprägte Moral,
die gleichfalls, wenn nicht der äusserlichen Form nacll, so doch
innerHeb die Bekä:mpfung des sinnJichen Trieblebens, die Ueber-
windung der Erscheinuogswclt weiterft!hrte. Der Lehre des einen
uod einzigen Gottes streiJte die ·Rcformation ihre Hülle vou Halb-
göttern (Heiligen) und anderen Zwischenlnstanzen ab, sodass nur
die reine logische Idee Obrig blieb. }ene Heiligenwelt war im Mittel-
alter eine Art Vermittlung zwischen der verbatloten heidnischen
Götterwelt gewesen, wie z. B. die Figur. des St. J o a n nes; und
buut sich die Sagen aus jener Zeit mit denen der kirchH-
chen Heiligen und ihrer obersten Patrotûn Maria verwoben.
Der Protestantismus, eine weitere Entwicklungsstufe des speku-
Jativen Denkens, der Bewusstwerdung, vernichtete dicse ganz.e
eigentttmliche Mischung des WeltUehen und Geistlichen. An die Stelle
der ausse,rweltlichen Askese, welche die grosse Masse z.iemlich
unberOhrt gelassen und nur kleinere Kreise in sicb herein gezogen
batte, trat die aUgemeine innerwcltliche Askese, eine viel strengere
Reglementierung des Einzellebens.
Wie gesagt: nur die abstrakte Idee blieb im Protestantismus,
spez. in dem Calvinismus. Und wo letzterer vorübergehend zur
Henschaft gelangte, da starb das geistliche Lied, da starb das
weltliche Lied. In dem lutlterischen Deutschland entwickelte sich
noch manches schöne geistliche Lied in A1uehnung an den
11
Volks-
ton". Aber seit Lu t h er und Ge r b a r d t vcrsiegte au eh hier die
QueUe jener Dichtung, und nur wenige guten volksläufigen Lieder
entstanden noch.
Während aber die geistliche Volkslieddichtung allmäblich untcr-
ging, er hielt sich auf dem Lande das weltliche, d.h., das Volks-
lied, kraft seiner "vVereldaanschouwing" auch durch jene Jahrhun-
DIE DIFFERENZIERUNG,
derte hindurch, wo die st ä d ti s c h e humanistisch-bttrgerliche
Kultur CS der grössten Vernachlässigung und Verachtung aberlieferte.
Die Ent w i ck I u ng der S tä d te als Herd einer spekulativen
Kultur begonstigte jenen Differenzierungsprozess.
Den gebildeten städtischen Kul turkreisen fehlte jene Voraussetzung,
welche die Kontinuität auf dem Lande bedingte: die Abh:tn-
gigkeit von den Naturgesetzen, von der "lex natlll·ae '.
Auf jener innigen Verbindung mit der Natur und ihren Gesetzen
heruilt die Kontinuität der "Wereldaanschouwing" und somit des
Volksliedes auf dem Lande, Die bodenständige Bevölkerung bat
keine Zeit und keine Gelegenheit sich in Abstraktion en, in Speku-
lationen zu verlieren. Die ausserweltliche Askese der mittelalter-
lichen Klosterkultur war bei ihr ebenso undenkbar wie die städtische
spekulative Kultur des IJ. und r8. Jahrhunderts, z. B. die Scha-
fe r dicht u n g, jene lächerliche Idyllisierung des Iändlichen Lebens.
Der Existenzkampf, in der direkten Berabrung
mit der Natur, erhielt in der bodenständigen Bevöl-
k er u n g, a u f de m Lande, die "We re I d aan s c l1 o uw i ng''
(d. h. jene Beschntnkung innerhalb der sinoliehen Er-
schein ungswelt), welche in den stadtischen Zentren
z u ex is tieren a u f ge h ö r t ha t te.
In einer Schrift seiner jongeren, positiveren Schaffenszeit hat
Richard Wagner mit romantisch-dichterischer Begeisterung
entschlossen zu clieser Frage SteUung genommen: t)
"Das Volk i st der Inbegriff aller Derjenigen, welche eine g ê-
meînschaftliche Noth ernpfinden. - Nur diese Noth ist die
Kraft des wahren Bedorfnisses; nur ein gemeinsames Bedilrfnîss ist
aber das wahre BedOrfniss; nur wer ein wahres Bedth·fniss empfindet,
bat aber ein Recht auf Befriediguna- dessetben; nur die Befriedi-
gung eines wabren Bedi!rfnisses ist Nothwendigkeit, und nu r das
Volk hand e 1 t na eh Notwend i g kei t, daher unwiderstehlich,
siegreich und einzig wahr.
VIer gehört nun nicht zum Volke, und wer sind seine Feinde?
Alle diejeningen, die keine Noth ernpfinden, deren Lebens-
trieb also in einern Bedorfnisse besteht, das sich nicht bis zur Kraft
der Noth steigert, somit eingebildet, unwahr, egorstisch, und in
einem gemeinsamen Bed(IJ·fnisse daher nicht enthalten ist, sondern
I) Richard Wagner : Gesammelte Schriften und Dichtungen Bd. UI. Das Kunst
werk der Zulcunft. S. IS.

DIE DIFFERENZIERUNG. IS
- d Überflusses - als welches B do fniss der Erhaltung es k
als blosses e .r K ft der Noth einzia gedacht werden ann -
. ·f · ohne ra tt
eîn Bedi1I mss . fnisse aeradezu entgegensteht.
d
em acmeinsamen Bedür o ah B dorfniss. wo kein wahres
l:> N th ·st ist kein w res e ' d'
Wo keine o
1
• . . . •
0
keîne nothwen tge
d
. fni s keine nothwendige ThätJghelt'. w . h cht da b1üht
Be Or . s I • b vVllkor. WO Wallkür errs '
Thätigkeit ist, da tst a er I h' die Natur. Denn nur
L · edes V crbree en ge gen d a
ber jedes aster, J d Verwehrung er
d . durch VersagtUlg un .
dm·ch Zurück längung, . r . k n das eino-eblldete, un-
. . des wahren Bedtlrtrusses, an b
Befraed1gung · · d' h n" .x)
wahre Bedorfniss si eh befne :::;n d n de leben blieb, i st
Dass aber das der Natur und sejnen Gesetzen
eben jenem engen d . . ·tädtischen Volksklassen ent-
'b denen die me eJ en s E tst
zuzuscbreJ en, h d d Volkslied bei der n e-
zoaen waren. Deshalb verscd h as Kultur aus der Stadt; ja,
b d k lativen 2) stä tasc en H 1
hung er spe u . h Element oberwucherten. o.-
in dem vom frilhzeitig vomLande,
1 a n d v e r s c h w a n cl . b bürtiaes Gegengewicht, wte m
ländliche Bevölkerung kem e en l:>
Deutschland, bildete. Auscrangspunkt unsrer Darstel-
. h einmal zum o
Kehren wtr e VoÏksliedes ist die "Wereldaan-
lung zurück. Dte Grundlag des
S
chouwing". . . h lb der Erscheinungswelt.
. · B h ·· kung mne.r a .
Thr Wesen tst d!e esc h lb d sJ'nnlichen Erschemungs-
1 ·nJ nun mner a er ·
Und jene Besc uä mng . . in dem Sinnlichet'l. bind e ut et,
welt die nur aufs Uebersmnliche . ·en Form des Vo1ksliedes.
' hl . der in neren wte äusset . .
ätlssert si eh sowo m . . . e F
0
r m erschemt ste
An erster Stelle in Bezug auf dae ä u sdsreatt u r a 1 s G rund 1 a ge
d' k 't der Qua
in der strengen Notwen •g .et . d dem
4
taktigen Ha 1 b-
. d 8 taktagen Pen ° e, . ·
der Me 1 o d 1 e: er d d Ouadraturkombmationen,
sa t z, 'der 2 taktigen G r u p p e un en ...,
die sich daraus ergeben.
. R W a g n er: Gesamm. Schriften. Bd. III. S. 418.1 tlt'chen Standpunkt betrachte!)
I) . . al kulturgesc 11c 1 . . t
2) "Spekulativ" (von einem - von dem nationalen Verbande( emanztpter
. l J'ene Kultur, welche in gewtssen, . d Sie ist deshalb spekulattv,
nenne IC I .. I' h rossgezogen Wlf • . Ï
städtischen Bildungszentren ku.nst IC traktion ist, di e Uebertragung emer Bt
weil sie das Resultat einer getstlg.en s die Sch;lferdichtung, u.s. w. Sie tmters:hetdet
. . B di e Renaissance-dtchtung, . . ht von dem natiOnalen
fiktwn, Wie z. . .. d' n Volkslied, dass Sle me . o
sich dadurch von dem tge . na l ist wie heutzutage die W a g n e: epI g -
Wesen bedingt wird, sondern I n ter nat I oB h m s eine typisch-deutsche Erschemung lst.
n en - während dagegen z.B. ] o hannes ra
r6
DIE INNERE UND AEUSSERE FORM
DES VOLKSLIEDES,
Jene strenge, logisch-notwendicre F .
der alten Quadratur des Te t . :::. der _Melodie entspricht
n· . x es. dem V Ier ze I1 er
Ie lnnere Form hat Job M . .
· l .
11
eI er zum Gegenstand einer
emge lel:den Untersuchung gemacht r).
An emem "Kunstlied" eine G d.
in gleicher Weise in :L oss i u s (I78I), das
wurde, (und es heute noch ist . Wie. m Nlederland volksläufig
schoss ein arm es Mäd h ,) . "An emem Fluss der rauschend
' c en sass" ( d
vliet) 2), zeigt er eine ster t aan e oever van een snelle
El i min ie ren d M eo auftretende Erscheinung: das
es " oraltsi erend " · d
tung s). en In er Volksdich-
"Das Volk wünscht in den L' d . .
s c h I os s ene s var sich zu h b Ie ern, die es smgt, etwas A b ge-
einen w irkUchen Schl a Das Gesungene musseinEnde
uss nngen . I . . '
Worten ausgesprocben zu we. ' was Dlc lt Immer mlt kurzen
ein Bi 1 d a n ge de u te t hraucht, sondern oft nur durch
N
. h . . J2.)
IC t scharf geschaute B'ld .
sin n I i c her e eJ·setzt (S . )I er werden (Im Volkslied) durch
. 27 .
. Das. Ziel des Kunstdichters ist, eine . . . .
SltuatlOn zu schaa::en . J·e .· . 11 • spez!elle, charaktenstJscbe
w · ougme er s · 1 ·
nen darstellt desto wirku 11 .•e SI_c 1 lm ganzen oder einze!-
' ngsvo er Wlrd s
1
e
5
· G
kehrte finden w·. b . . V em. anz das urnge-
u e1m olkslied · h · · t ll S
vom Uebel, nur eine a 11 . . Ier IS a es peûelle
und nur eine geringe Aug e mi elldin' ge fa sst e Situation ist heliebt
za 1 eser allgeme. s· .
vorhanden Dringt nu . K . men 1tuat10nen ist
• ·
11
em unstlted m't 11 h
in Situation und Ausmal . d I a er and Besondei·heiten
bald ins Allgeme· ung tn en Volksmuod, so wirdes selu
1 n e zurückgeschoben du h A 1
und U m ge 5 t a 1 t u n ge
11
(S ) • re u s as s u n ge 11
U
· · 3I.
nd scWîesslich (S ) Im
derung von Zuständen. u33d . p: • Volkslied herrscht bei der Schil-
n CISOnen durchaus das Typ· h
Is c e var.
Es ist die relative Wirklichkeit der . .
welche sich im Volk 1' d b . smnhchen Erscheinungswelt
. s Ie a spJecrelt Und d' P . . . '
]ede über den R h :::. · Ieser osJtJvismus lehnt
--- a men des reeHen Sinnlichen hinausgehende
t) "Volkslied und Kunstlied . D
1897 in d In cntschla nd" Vo
1
er germanlsljschen • el<tion der D d . . r rag, gehalten im Oktober
abdruok aus der Beilage zur Allg z . res ener Plnlologenversammlung. Sonder-
2) Fl. van Duyse. J.l'et o"d Nem. Cllnng" VOD 7- u. 8. März. I8g3.
) V
• • u e ededandsche L" d I s
3 elkslied und Kunstlied S
1
e · · . 279.
. . 3l.
DIE INNERE UND AEUSSERE FORM DES VOLKSLIEDES. 17
Abstraktion ab oder überträgt sie ins Sinnliche (wie z. B. im
aeistlichen Volksliede des Mittelalters). Sie lehnt auch gleichfalls
Jede Stimmung ab, die dem natürlichen Ton ihres Trieblebens
zuwider ist.
Sie erreicht den höchsten Ausdruck nicht durch die Vielheit,
sondern durch die Bes c h r ä n kun g der Mi t te 1. Trachtet
die Spekulation danach, das Höchste durch die Vernunft oder
die "Offenbarung" zu erreichen, versucht unsere differenzierte
musikalische Höhenkunst der Gegenwart das Höchste ebenso
rationalistisch zu erfassen in der Vielheit der Mittel, so beschränkt
sich die innere Farm des Volksliedes auf das A n de ut en, wekhes
sich äussert in dem Sprunghaften der Darstellung.
Es ist dies wieder die Beschränkung inncrhalb der Erschei-
nungswelt, ein unbewusster Zug der volkstümlichen Metaphysik,
welche gleichfalls das Resultat jener langen philosophischen Ent-
wicklung der Höhenkultur ist. Es ist das Ende der spekulativen
Philosophie, die an Kant, wie ein Glas an der Wand, zerschellte
(Schopenhauer). Denn nachdem Kant in seiner "Kritik derreinen
Vernunft" zu den letzten Queilen unseres Erkenntnisvermögens
hinaufgestiegen und dieselben untersucht batte, setzte er den Men-
schen in den Mittelpunkt der Welt. Das selbstbewusste mensch-
liche Ich ist das apriorische Zentrum, nach wekhem sich die
Gegenständlichkeit, als Objektivierung dieses erkennenden Ichs, zu
richten bat..
Unsere jahrhundertelange Bewusstwerdung, die philosophische
Entwicklung fast zwei er J ahrtausende führt uns zu demselben
Punkt, von dem wir in unsrer Kindheit ausgingen: zu der "Wereld-
aanschouwing", der unbewussten Wahrheit des Kindes, für uns die
bewusste Beschränkung innerhalb der sinnlichen Erscheinungswelt.
Grade das ist die metaphysische V allkommenheit der "wereldaan-
schouwing", dass sie nicht über den Rahmen der Erscheinungswelt
hinauszugehen versucht. Und grade diese Beschränkung führte
zu einer Vertiefung, einem Versenken in die Formen jener Erschei-
nungswelt, wie sie sich in ihrer kindlichen Form in der Märchen-
und Zauberwelt, in den Baum- und Wassergeistern u. s. w.
offenbart.
Und so erklärt sich aus dem Agnostizismus, als Endresultat unsrer
Bewusstwerdung, jenes Zurücklenken auf eine strenge, notwendige
Form, eine Beschränkung der Mittel, ein nur Hinde ut en auf
2
18 DIE INNERE UND AEUSSERE FORM DES VOLKSLIEDES.
das Höchste, das sich uns wohl in der Empfindung offenbart, aber
niemals erfasst werden kann.
Deshalb versenkte sich ein Meister deutscher Kunst, Johannes
Bra h m s, in das Volkslied, urn die organische Logik der inneren
Form kennenzul ernen. Und so sehen wir auch in seinen Schöpfungen
die Konzentra ti on auftreten, die Beschränkung innerhalb der
Quadratur der absoluten Melodie und ciabei das Vertiefen jen er
Beschränkung (die Polyphonie, die Mehr st i m m icrkeit)
1
) im Geo·en-
"' ' b
satz zu der spekulativen Kunst Waaners und seiner Nachfolger
b '
die das Ewig-Unaussprechliche durch die Vielheit der Mittel zu
erreichen suchte, und, haltlos über die Schranken der Melodie
ausschweifend, sich in Abstraktionen auflöst.
Abgesehen von den Ansätzen, die sich in der Dichtung
zeigen, ist die A re h i te kt u r das beste Beis piel, wie b e w u sst
jenes Zurllcklenken auf die Beschränkung, auf die "Wereldaau-
schouwing", a,uftritt. In seinen nG e danken il b er St i 1 in der
Ba u kunst"
2
) schreibt der grosse niederländische Architekt
Berlag·e:
"Das gewaltige Ringen in der gegenwärtigen Zeit urn einen so-
genannten neuen Stil ist doch nur zu betrachten als ein Suchen
nach "Einheit in der Vielheit",als einStreben,indieMotive
Ordnung, d.h. Ruhe zu bringen, in die unbegrenzte Anzahl absolut
willkürlich mit wilder Leidenschaft gezogener Motive. Und das
soll natürlich bewusst geschehen, so wie der Mensch erst dann zu
arbeiten anfängt, wenn er bewusst arbeitet."
U nd anderswo :
"Tut nichts wilikürlich: aber vor allen Dingen, seid spar sa m
in dem Gebrauch, d.h. seid ei?Zjac!z."
Also, allen denen zum Trotz, die meinen, dass die Kunstfertigkeit
sich durch ei n e grosse Vers c h ie denheit v on Mot i ven
zeigt, ruft Semper dem Künstler zu: "Das ist nicht wahr; be-
trachte, studiere unsere Allmutter, dieNat u r, se h t wie spar sa m
sie arbeitet, und trotzdem jenengrossen unendlichen
Kunstrei c h t u m z u er re i c hen we is s. Ist denn die Natur nicht
eben deshalb die lvieist erin der Kunst?" 3)
r) I eh meine di e a b s o 1 ut e P olyphoni e und ni cht j ene unsrer modernen Tonkunst ,
die nur eine mot i vi s c b e Durcharbei tung und Wiederholung ist.
2) H. P. B e rI a g e ; Gedanken ii ber Stil in der Baukunst. 1905. S. 33·
3) Ibidem. S. 27.
DIE INNERE UND AEUSSERE FORM DES VOLKSLIEDES. I9
Ein Ausspruch Go et h es lautet : "Das B est e w i r d n i c h t
durch V>/orte deutlich". Und es ist die tiefe metaphysische
Wahrbeit jenes Ausspruches, die uns iJ1 der ancleutenden Form
des Volkslierles entgegentritt. Jen es Sprungbafte seiner Darstellung,
das Unausgesprocben-lassen gewisser Momente, das mit einzelnen
Strichen nur Ancleuten einer Stimmung (z.B. der Nat u re ingang)
oder ei nes Ereignisses errekht eine viel grössere Höhe des Ausdruckes,
als die moderne Wagnerianische Kunst durch ihr Streben, alles
aussprechen zu können und zu mussen, je erreicht: In der ancleu-
tenden Form wird dem Eropfinden des Einzelnen der Spielraum
der Selbstbetätigung gelassen, worin er sein eigenes Gefühl kann
mitwirken, seine eigene Phantasie ergänzen lassen kann. Bei der Kunst
der Wagnerperiode verfällt jene V oraussetzung ganz, und wird der
Hörer vor eine fertige Spekulation gesetzt. Die grosse met a ph y-
sische Rückständigkeit der \Vagnerperiode ist, dass sie
g 1 a u b t, den a bso I ut en In ha I t ei n er Sa c he ers c h ö p f e 11
z u k ö n n en. Es ist immer ein Versuch, der misslingt. "Sound so
will ich, dass du etwas denken, etwas emp!inden sollst," sagt die
Kunst jener Modernen, "denn so ist es das einzig Wahre." Sie
wissen aber alle nicht, dass die \Velt ja nur unsere Vorste I I u n g
ist, und hinter den Dingen sich noch ganz Anderes verbirgt, als
wir ahnen. Die Kunst der Wagnerepisode ist wie ein fertiges
philosophisches System, nach dem alles erklärt werden soli. Die Betä-
tigung des Unbeteiligten hat aufgehört: hier gibt es nichts mehr
zu ergänzen, hinzuzuempfinden, hinzuzufühlen. Es ist alles da,
wie dieser oder jener tonphilosophische Professor ex cathedra
lehrt.
Daher jene allgemein auftretende Uebersättigung, die dennoch
unbefriedigt lässt.
Das Zurückgreifen auf jene "Beschränkung", wie sic sich in der
inneren Form des Volksliedes offenbart, ist eine Folge der kultureHen
Entwicklung. Bewusst kehren wir zur vVereldaanschouwing"
" '
zur Beschränkung innerhalb der sinnlichen Erscheinungswelt zurück,
zu der Vertiefung des Sinnlichen, anstatt haltlos und formlos ins
Uebersinnliche hinüberzuschweifen. Und hier beri.ihren wir uns
wieder mit der V o 1 k s kunst, deren inner e F o r m sic h a u c h
in den Ansätzen unserer positiven modernen Kunst
nachweisen lässt.
20 DIE INNERE UND AEUSSERE FORM DES VOLKSLIEDES.
Es scheidet den Mann vom Kinde die Bewusstheit des
Denkeos und Handelns, während beiden die positive Weltanschau-
uno- o-leiches Gemeingut ist. Den modernen Künstler scheidet von
de; balten Volkskunst die Bewusstheit seines Schaffens, die
Bewusstheit seiner Beschränkung-, als Postulat seiner kultureHen
Entwicklung.
Eine Ei n he i t in der V ie 1 he i t wird unsere moderne Kultur
sein: Auf der gemeinsamen Basis der "W ereldaanschouwing" ba ut
sie sich auf und wird in Wahrheit eine Volkskultur werden. Der
moderne Kulturmensch aber arbeitet bewusst: und so kano ein
sich Versenken in das Problem der ioneren Form der Volkskunst
sein Schaffen befruchten und ihn zur richtigen Entwicklung bringen.
In diesem Sinne kano man auch heute wieder von einer
Befruchtung der Höhenkunst durch die Volkskunst
re den.
Nicht ein Nachahmen der ä u ss eren F o r m, gewisser tech-
nischer Formeln auf dichterischem wie musikalischem Gebiete,
nicht em Konservieren jener sterbenden äusseren Formen ')
hat etwas mit diesem modernen Kulturproblem zu schaffen.
Denn sie sind längst zu unorganischen Formen geworden, die
sich nur durch zufällige Umstände erhalten haben. Jene neue
Kunst aber, die "Einheit in der Vielheit," muss sich wieder orga-
nisch auf einem neuen einheitlichen Boden entwickeln. Und nur
j ene inner e F o r m der Volkskunst kano dem Künstler den rich-
tigen Weg zei gen.
So ward au eh in Joh. Bra h m s die innere Form der Volkskunst
lebendig, ohne dass er die äussere kopierte. Sein Schaffen blieb
ein ganz eigenes.
Eine neue Volkskunst entsteht dann, wenn die Kulturträger auf
Grund der gemeinsamen "Wereldaanschouwing" aus dem Volk
und durch das Volk, nicht alle in für das "Volk" ( d.h . . die niederen
Schichten), sondern für die Gesamtheit der Nation schaffen, wie es
Shakespeare getan hat injener Zeit, da die Volkskunst Kulturform
war. D a s V o 1 k a 1 s K o n g I o rn e r a t d i eh t et u n d s c h af ft
nicht. Es bet:ätigtsichnurander \Veiter-und Umgestaltung
und ander E rh alt u n g und der A u sI es e: d.h. nur solche Lieder
bleiben im Volksruuode erhalten, resp. volksläufig, die einen höheren
1) Wie z. B. das Bestreben, die volkstümlichen Kleidertrachten künstlich zu erhalten.
DIE INNERE UND AEUSSERE FORIII DES VOLKSLIEDES. 21
Wert haben, indessen die Gassenhauer und der ganze Unflat,
der von den städtischen Zentren immer übers Land verbreitet
wird, schon nach kurzer Zeit spurlos verschwindet. Der Schaffen-
de aber ist immer der Einze 1 n e.
Dies ist, was der Verfasser als persönliche Stellungnahme zu der
heutigen Frage der Volksliedforschung bemerken möchte, besouders
in Bezug auf das kulturelle Problem, dem die nachfolgende Unter-
suchung gewidmet ist.
'I
'
DIE KULTORELLEN VORBEDINGUNGEN.
Agrorum cultores virtutibus corporum et cotidianis
laboritus commoditatcs et necessitates supportani
reipublicae, et unde viget militia, nuptiae jocundan-
tur, ei vitates habundant, justitia floreat, Principes
speculentur, et fervescat relligio illorum exercitiis
insita rebus natura deproperat indulgere.
PHILIPPUS A LEIDJS. 1350.
Es gibt kein zweites Land, in dem die Beziehungen zwischen dem
Boden und seinen Leuten so innicr sind und beide sich gegenseitio·
b ' b
dermassen voraussetzen, wie Niederland und seine Bewohner. Die
natürliche Beschaffenheit des Landes ist aber auch so eiaenartiu
b b'
dass sie von jeher dem fremden Beobachter sofort aufgefallen
ist. Kar 1 Men n e hat in seinem schon envähnten Aufsatz
1
) jene
natürliche Beschaffenheit eingehend erörtert. Sie ist denn auch für die
niederländische Kulturgeschichte von grösster Bedeutung: nur sie
und die sich aus ihr ergebende wirtschaftliche Entwicklung bedin-
gen den V erlauf jen er Kulturgeschichte. Vv eshalb die niederlän-
dische Kultur des Mittelalters eigentlich nur eine süd-niederlän-
dische ist, wird uns erst dann deutlich, wenn wir den sozial-
ökonomischen Werdegang berücksichtigen.
Den Anfang der niederländischen Literatur ciatiert man vom
I 2. J ahrhundert. Zu dies er Zeit blühten die fiämischen Städte
schon mächtig empor. Moräste waren troeleen gelegt, vVälder
urbar gemacht worden und die Anwartschaft auf eine arössere
b
ackerbauende und vVeidewirtschaft treibende Bevölk:erung geschaffen.
Die Grafschaft Holland ~ b e r bot zu derselben Zeit noch emen
voltkommen unkultivierten Anblick. Abgesehen von den nicht
1) Die Entwickelung der Niederlande zur Nation.
DIE RUCKSTANDIGKEIT HOLLANDS IM MITTELALTER. 23
hollänclischen Städten Kampen, Deventer, Zwolle und Tiel gab es
nur eine holländische Stadt von Bedeutung, Dordrecht, die an dem
:Kreuzpunkt der grossen Verkehrslinien der Maas und der vVaal mit
dem Küstenschiffartsweg der Umlandsfahrer (Lübeck-Brüucre) lag· bb •
Dieser Zustand währt sogar noch bis zum Ende des I 3. J ahrhun-
derts. Die holländischen Städte blicben Fischer-, Schiffbauer-
und Handwerkerstädte. Ihr Handel beschränkte sich auf das Inland
und das Stift Utrecht, Nie wird eine holländische Stadt bei den
Eroberungszügen des deutschen Kaufmanns nach den Ostsee-Ländern
und Russlanel genannt, an denen friesische stiftische und aeldrische
' b
Städte im I 3. J ahrhundert ruhmvollen Anteil ha ben. Eine Urkuncle der
Schöffen und Geschworenen Haarlems von I 27 4 illustriert diesen
Zustand. Es gibt da zwar Bürger, die mercandizias in alienis par-
tibus exercent, aber sie stehen als ebenbürtiges Steuerobjekt neben
dem Schuster, Leineweber und Fuhrmann, neben clem Krämer, der
vor der Kirche seine vVaren feilhält, dem Bartscherer uncl \i\find-
müller 1 ). •
Es sollten noch einige Jahrhunderte vorbeigehen, ehe auch
Hollands Moräste, Sümpfe und Seen trocken gelegt und jenes
kultivierte, wohlhabende Land entstehen sollte, dem G u i c-
c i ar di n i begeistertes Lob gespenelet hat. Denn die Kulti-
vierung clieses Landes war mit weit grösseren Schwierigkeiten ver-
bunden und konnte erst viel lang·samer vor sich gehen als die Ur-
barmachung jen er süd-niederländischen Gegenden. Es war ein Kampf,
ein ununterbrochener, zäher Kampf gegen die Fluten des Meeres
und die grossen Ströme. Seit dem 6. Jahrhundert O'ibt es keine Bucht
b '
keine Insel, keine Stadt, die nicht eine U eberschwemmuna erlebt
b
hat. Dreizehn J ahrhunderte lang kehren gewaltige U eberschwem-
mungen in grösseren oder kleineren Zwischenräumen wieder, unge-
rechnet die vielen kleinen, die fast Jahr urn Jahr sich einstellten.
Grosse Teile fruchtbaren Landes verschlang das Meer: So gingen
z, B. bei der Hochfiut von I 277 30-40 blühende Dörfer an der
lVIündung der Ems zu Grunde. J ener Durchbruch des Meeres durch
d e ~ Flevosee, wo bei sich dieser selbst zum Mee re (Zuiderzee) er-
weiterte, kostete nach Angaben der Chroniken So.ooo l\!Ienschen
das Leben. Im Jahre J42I, am I9. November, in der St. Elisa-
r) 0 t t o 0 p perman n: Holland unter Graf Floris V. Studium Lipsiense, VI. 1 gog.
S. 103 Und 107,
24
DIE WIRTSCHAFTLICHEN VORBEDINGUNGEN HOLLANDS.
bethsnacht trieb ein Sturm die \i\Tasser der Maas und des Meeres
über ihre 'Ufer, sodass in jener einen Nacht 72 blühende Dörfer
und
100
.
000
Menschen von den Wassermassen verschlungen
wurden
1
). • •
Noch ist jene Flut zu nennen, die in das Land hmemfrass,
das Haarlemer Meer schuf, die Randstädte der Südersee verschlang
und auf Seeland in gleicher vVeise die Städte und Felder heimsuchte.
Braucht man sich da zu wundern, dass Flandern, dessen Lage und
Bodenbeschaffenheit in dieser Hinsicht weit günstiger war, sich auch
weit schneller entwiekelt hat?
Und doch war Holland grade durch jene Lage zu einer viel
arösseren wirtschaftlichen Machtentfaltung bestimmt als die süd-
Gebiete. Die mächtigen Wasserwege, die weit in
Deutschland und Frankreich hineinreichten, bildeten die natürlichsten
und schnellsten V erkehrsmittel. Und sowohl an jen en Flüssen als au eh
an den tief ins Land eindringenden Meerbusen fanden die Kauf-
fahrer besanders geeignete Häfen- und Stapelplätze. Durch jene na-
türliche Beschaffenheit war Holland zu der Rolle eines A u st a u s c h-
l an des vorbestimmt, der es seinen wirtschaftlichen Aufschwung
verdanken sollte. "Vlard doch der ganze holländische Handel haupt-
sächlich eine Frachtschifferei, eine Verkehrsvermittlung zwischen
den Ostseegestaden, England, Frankreich und den Mittelmeerlän-
dern. Diesem Umstande verdankt Holland jene schnelle Blüte des
städtischen Elementes und ihre ausschliessliche Vorherrschaft.
Die Niederlande oder wenigstens ihr wichtigster Teil, die Provinz
Holland, waren dasj enige Land N ordeuropas, in dem die St ä d te
und das städtische Bürgertum über andere soziale
M ä c h te a m f r ü hesten ei n U eb ergewicht er h ie 1 ten und
es d a u er n d beha up te ten
2
).
Die Erklärung bietet uns jene Bodenbeschaffenheit und die Zwangs-
Iarre der sich aus ihr era-ebenden wirtschaftlichen Entwicklung.
b b
Ungefähr 35 °/
0
des jetzigen niederländischen Boclens ist Wiese und
vVeideland. Zu diesen fünf und dreissig Prozent liefert Holland fast
zwei Drittel. Die Bewohner des nördlichen Holland (\Vest-Friesland)
und des eigentlichen Friesland jenseits des alten Flevosees hausten
I} Kar! Menne S. 26.
2) 0 t t o p ring s he i m: Beitdge zur wirtschaftlichen Entwickelungsgeschichte der
vereinigten Niederlarode im I7. u. IB. Jahrh. I8go. S. 1. (Staats-und Socialwissenschaftliche
Forsehungen hrsg. v. G. Schmoller, Bd. X. Heft lil).
DIE WEIDEWIRTSCHAFT. 25
. d marschigen Gegenden auf Hürreln (Terpen), voneinancler
m en o
.
1
- rt einzeln für sich. Bei der allmählichen Gewinnung des Boclens
jSÜ IC ' T • • •
d
der Entstehung der W ei de w irtschaft entw1ckelte s1ch d1es
Uil
Ei
11
ze 1 hu fens y stem erst recht.
Der Hof und das si eh ringsumher ausbreitende \i\1 eideland für
das Vieh wurde die logische Gliederung des Landes, die man,
ebenso wie jene "Terpen", auf denen die Häuser gebaut sind, noch
bis auf den heutigen Tag beobachten kann. Die Weidewirtschaft
bedingt das Einzelhufensystem u nel dies es dielsolierung des Bewohners.
Ne ben der Viehzucht war die Fischerei die wichtigste Existenzquelle. ·
Jeder Bauer war zugleich Schiffer: mit seinem Kahn vermittelte_er
den Verkehr zwischen sich und der weiteren vVelt. Schon 1111
frühsten Mittelalter begegnen wir dem handeltreibenden friesi-
schen Sehiffer-Bauer.
Das Land war besanders ungeeignet für die Entwieklung des
Feudalstaates. Lange hat der fränkische Adel in Holland kämpfen
müssen, bevor es ihm am Ende des I 3. J ahrhunderts definitiv ge-
lang, die vVestfriesen zu unterwerfen. Aber die Versuche, in dem
eiaentliehen Friesland festen Fuss zu fassen, die die holländisehen
b
Grafen aus den versebiedenen Häusern, die burgundischen und die
sächsischen Herzöge Im I 5. J ahrhunclert machten, schlugen
sämtlich fehl.
Nie vermochte das feudale Ritterwesen dort zu haften I).
Wenn im 16. Jahrhundert (1567) ein Augenzeuge uns jene Terri-
torien besehreibt - es ist der Florentiner Lu cl o v i co G u i cc i ar-
dini - nennt er Friesland ein flaches, sumpfiges und marsebiges Land,
reich an schönen Auen, vVeideplätzen für das Vieh. Die Zahl der
Kühe und Ochsen sei ausserordentlich gross. Vieles Vieh werde
ausgeführt. Das Land liege so tief, dass man da von Anfang des
Herbstes bis ZUID Frühjahr überhaupt nur auf dem vVasserweg reisen
könne. Es werde sehr wenig Korn gesät, wegen des früh ein-
tretenden Hochwassers. Das Korn werde aus Dänemark und anderen
Ostseeländern herbeigeschafft
2
). Ähnliches teilt er uns von Holland
mit: der Boden wäre so feucht, dass er erbebte, wenn ein vVagen
I} Wie vollständig ungeeignet der Boden für die schwerbewaffneten Ritter war, hat
jencr unglückliche Feldzng des Grafen Wilhelm IV. (1345) bewiesen, sowie die vielen
vorhergehenden Kfimpfe der holländischen G,·afen in West-Friesland.
2) L o wijs G u i cc i ar dijn Beschr.yvingbe van alle de Nederlanden -- overghesct --
door Cornelium Kilianum -- en Petrum Montanum. Amsterdam, 1612.
DIE WEIDEWIRTSCHAFT.
daher führe, grade als triebe er auf dem Wasser {"als op het
water vlottende") r). Hornvieh fände man dort in unzähliger Masse,
und ciaher eine gewaltige Produktion von Butter und Käse. Seiner
Schätzung nach ist es gewiss, "dat de weerde van Hollantsche
lease ende boter soveel bedraeght, als de speeeryen uyt Portugael
hier te lande komende, de welcke jaerlijck meer dan een.
millioen gouts beloopen." Diese Produkte bildeten neben der
Fischerei die wichtigsten Quellen des Ausfuhrhandels. Es lieferte
wenig vVeizen und noch weniger Roggen. Und trotzdem besässe
es solcb einen Ueberf:luss von \\leizen und Roggen, dass es
viele andere Länder damit versehen könnte, ;veil er von "Denen-
marck ende Oostlandt" herbei geschafft würde
2
). In Holland
r) S. rgr.
2) Die nachfolgende Eloge G u i cc i ar di nis hal Jo se ph u s; Sc a 1 i ge r jun. in
einem Epigramm, an Janus Do u sa gerichte!, als :\1oti v wieder verwertet; das Epigramm
wurde sp>lter von 0 pit z ins Deutscbe libertragen:
Omnia lanitium hic lascat textrina Minervae,
Lanigerum tarnen hinc scimus abesse gregem.
Non capiunt operas fabriles oppida vestra,
Nulla fabris tarnen haec ligna ministrat humus,
Hon-ea triciceae rumpunt hic frugis acervi,
rascuus bic tarnen est, non Cerealis ager.
Hic nnmerosa meri stipantur dalia celis,
QueLe vineta cola! nulla putator habet.
Hic nulla, aut certe seges est rarissima lini,
Linifici tarnen est copia major nhi?
Hic mediis hahitatur aquis, (quis credere possit ?)
Et tarnen bic nullae, Dousa, bibuntur aguae.
Hör an, was \Vunderwerck begreifi-t dein Vater-Land,
Dasz, Dousa, keiner glaubt, der fremd und unbekandt.
In allen Stiidten läst man fast von Wolle webcn,
Noch weisz ich, dasz es nicht viel Schaaffe pftegt zu geben.
Von Zimmerleuten sind die \Vinckel alle voll,
Doch wächset auch kein Holtz davon man banen soll.
Es sind die Speicher gantz mit Karn und Frucht beleget,
Doch ist kein Acker hier, der viel Geträide träget.
In Kellern findel man die Menge guten \Vein,
Noch sih't man keinen Berg, da Stock und Trauben seyn.
Nichts ader wenig wird der Flachs hier anngebauet,
Bergegen nirgend wird mebr Leimvanel doch geschauet.
\Vir sind mit Wasser bier urnringt mehr als zuviel,
Doch, Dousa. niemand ist, der \Va:;ser trincken wil!.
Ahgedruckt in Henri c h Lu cl o 1 f f Benthem' s Holllindischen !Zirch- und Schulen-
staat. Franckfurt und Leipzig. 16g8. 32/33·
DIE WEIDEWIRTSCIIAFT. ZJ
wüchse kein vVein: und doch tränke das Volk im Verhältnis
mehr \Vein als in anderen Ländern, wo der Wein heimisch
wäre. Besonders der rheinische vVein würde eingeführt, Es wüchse
hier kein Flachs: und doch würde hier mehr feine Leinwand
als irgendwo sonst in der VVelt hergestellt. Der Flachs käme
hauptsächlich aus Flandern und Brabant. Die Holländer hätten
k_eine S:hafzucht,_ die ihnen \Volle lieferte: uncl trotzclem produ-
zierten s1e sehr VIel !uche. Die \Volle verschaftte ihnen England,
Schottlan_d uncl Man fände hier keine Wälder, und doch
wurden hier mehr Scl11ffe gebaut und Pfahlwerke errichtet als es in den
ancleren Ländern Europas möcrlich wa"re Das Hol 1 .. N d "' c • z <ame vom or en
und von den Ostseegestaclen.
. Den. grössten Vorteil des Landes aber bilclete der vV ei cl eg r u 11 d,
che v:'1ese11 u11d Grasfelder. Diese besandere Eigenart des Landes
fällt Jedem fremden Beobachter auf, und man finelet sie de1111 auch
in jeder Reisebeschreibung erwähnt, z. B. auch beim Ehrwürden
Pater B o u ss i 11 ga u l t: "La p 1 up art cl u pa y s (Holland) 11'e st
que prairies" r).
Ein cleutscher Reisender im letzten Viertel des I 8. Jahrhunderts
(I779) stellt noch genau dieselben Beobachtungen an: "In Nord-
ist g·ar kein Ackerbau, sondern bloss Viehzucht. Die Eaue-
reJen
2
), wie man sie hier nennt, welche eig·entlich nur V ie h h ö f e
oder Holländereien (sic!) sind, liegen einzeln auf clem Lande
3), U nel weiter: "Zu beyden Seiten des vVeges sieht man
als \Viesen, mit Kanälen, über welche Zugbrücken erehen
Ein Theil clieser vViesen elient zur Wei de
V1eh, und der andere wird gemähet urn Heu zur \Vinterfütteruno-
daraus zu machen. . . . . Die Grösse der Grundstücke wird hie:.
ge:vöhnlich_ nach Scheffelstaat berechnet, ohngeachtet beynahe gar
kem Getrarcle ausgesäet wird" 4),
r) La guide universelle de tous les Pays·Bas ou les elix-sept Provinces
par le Reverend Pere B · 1 , . , .
d
, . o u ss 1 n ga u t, snperieur et chanoine RegulierdeSaint Augnstin
e 1 Ordre de Sa t C · Ed' · · ' . In e rmx. ' 1t10n quatnème, reveuë et augmenté par l'Autheur A p ·.
Chez Plerre Traboiiillet. MDCLXXVII Avec Privilege du Roi S . ans.
2 ) Ndl. "boerderij". · · r3.
1
3) St a ti st is c he u n d Po I i ti s c he Bemerk u n gen bey Geleo-enheit einer Re'1se
c urch die · · t N' "
S
vereJmg en l Jederlande. Leipzig in der Weygandschen Buchhandlnng
. 38, .
4) ibidem. S.
47
.
28 DIE WEIDEWIRTSCHAFT UND DIE STADT.
Ein zeitgenössischer Beobachter, derfeinsinnige Italiener Pi 1 at i
di Tas s u 1 o, dessen "Lettres sur la Hollande" zur Charakteristik
der niederländischen Kultur des I 8. J ahrhunderts von unschätz-
barem vVerte sind, stelltfest, dass in Süd-Holland, in den höheren
Gegenden von Leiden, Rijnsburg, Noortwijk, Voorschoten u. s. w.
und auf den Insein Voorn, Putten und Beierland auch Korn gebaut
wurde, dass jenes Korn aber nicht einmal ausreichte für die drin-
genden Bedürfnisse der Arbeiter, die der Staat zur U nterhaltung
der Deiche beschäftigte
1
). Dasselbe erwähn t schon B o u ss i n-
ga u 1 t: le peuple y est en telle abondance, que Ie bled y croist, ne
suffit pas pour en nourir la quatrième partie" 2).
Pi 1 at i di Tas s u 1 o führt weiter aus: Die Gegenden, die an die
Ufer des alten Rheines grenzten, wären überhaupt nur Moorboden.
Aber trotzdem eigentlich die ganze Provinz Holland ein Moorboden
wäre, nach der günstigsten Berechnung nicht mehr als 440.000
Morgen Land umfassend, zählte man da 37 Städte, acht grössere
und ungefähr 400 kleine Dörfer. Dabei wäre in Betracht zu ziehen
dass die meisten jener Dörfer den Wert einer Stadt in
land, Frankreich, Schweden, Russland, Spanien und sogar Italien
hätten. "Wenn man eine Vorstellung", sagt er, "von der Grösse
der holländischen Städte und Dörfer und der grossen Ausdehnung·
der vVasserflächen hat, so kann man sich erst recht über jene
Menge der Städte und Dörfer wundern. Noch mehr aber wird man
in Erstaunen geraten, wenn man erwägt, dass die Bevölkeruno·
jener kleinen Provinz die Zahl von I20o.ooo Seelen überschreitet"
Schlesien, die fruchtbarste und bevölkertste Provinz Deutschlands
die ebenso gross wäre wie die Generalstaaten zusaromen und unaefäh; ,..,
420 Städte, mehr als 5000 Dörfer zählte, jenes Schlesien besässe
nicht mehr Einwohner als die einzige Provinz Holland 4).
Fast genau dasselbe stel! te schon B o u ss inga u 1 t fest:
"Ce païs (Holland) est si peuplé, qu'il y a pI u s de t rente
v i 11 es close s, et qua t re c en s V i 11 a ges bi en peuplez" s).
Bezeichnend für das Gesamtverhältnis zwischen Stadt und Land
in den Niederlanden sind seine vorhergehenden Angaben : "Le
r) Pilati di Tassulo: Lettres sur la Hollande. La Haye I78o.TomePremierS.go
2) Bouss1ngault: La guide universelle, S. 14.
3) Pilati di Tassulo: Tome I, S. go, gr.
4) Ibidem S. 92.
S) Boussingault: J;..a guide universelle, S. 13.
DIE STADT. 29
circuit de la basse AUemagne ou des dix-sept Provences, est de
trois eens quarente lieues du pars. 11 y a de u x cent hu i t o u
dix villes doses de rourailles et plus de cent cinquante
places, qu'on a accoutumé des mesures droits et privileges. On y
compte plus de six mille trois cents villages" z).
Ein gleichzeitiger Beobachter hebt ebenfalls denselben Urnstand
mit Nachdruck hervor, wenn er den St'aat" von Nord-Niederland
"
erörtert: "In sokhem kleinen Becirc nun befinden sich der ae-
' b
meinen Rech11ung 11ach, hu 11 der t si eb e 11 ze hen St ä d te zu
wekhen noch 8 in Braband und 9 in Flandern, und also ins' ge-
sammt I 3 4 gezehlet werden. Der F 1 e c ken und D ö r f f er deren
gar viel den besten Städten anderer Länder an der Grösse, dem
Reiebturn und der Schönheit für zu ziehen sind, werden tausent
acht hu11dert und siebe11zig gesetzet" 2),
Diese Beschaffenheit des Bodens, die sich nicht zu einer
agrarischen Wirtschaft, einer ackerbauenden Bevölkerung hergab
und nur allmählich die Weidewirtschaft hochkommen liess, jene
selbe Bodenbeschaffe11heit forderte kategorisch die E11twicklung des
städtischen Elementes: Holland war zum Handelsstaat vorbestimmt
durch seine geographische Lage als A u st a u s eh 1 a n d. Durch
Holland führte der grosse vVasserweg Mittel-Europas, der Rhein,
nach England, und so erklärt es sich durch die zentrale Lage, dass
Holland im 16. Jahrhundert schon den Verkehr zwischen Ost-und
West Europa vermittelte. Infolge der höheren Entwieklong des
Schiffahrtwesens wurden die alten umständlichen Wasserstrassen
teilweise vertassen. So fielen die geldrischen und overyselschen
Hansestädte an der IJsel, Kampen, Zwolle und Deventer, dem
Rückgang anheim : die Holländer traten das Erbe jener nieder-
ländischen Ranseaten und "Ommelands"fahrer an und fuhren den
Besen im Topp durch 'die Ostsee. Es entwickelte sich die ge-
waltige Fr acht s c h i f f ere i Hollands, die den Austauschverkehr
zwischen ganz Europa übernehmen sollte.
Während die anderen Staaten noch lange in rein agrarischen,
zum Teile feudalen \Virtschaftsverhältnissen verharrten, waren die
>) Boussingault: S.g.
2} . Der vereinigten Niederlande Staat, in deroselben historischer, geografischer und
pohl!scber beschreihung, kurtz, deutlich und wahrhaftig fürgestellet, dur eh A u gust.
Frtedrich Bonen. v.B. a. A. Jena. Druckts Samuel Krebs 16
7
r. S. 125.
30
DIE NlEDERLANDE ALS AUSTA USCJILAND.
Niederlande schon zu jener kommerzielJen Entwicklung gelangt,
die auf einer ausgcsprochen städtisch-borgerlichen Kultut
basierte.
Das städtisch-bUrgerlicbe Element bedingt den
ganzen Verlauf der niederlä.ndi sche n Ku1turgc-
s chic h te. Denn auch in den süd-niederländischen Territorien in
'
Flandern und Brabant, zcigt sich dieselbe politisch-wirtscbaftliche
Entwicklung, die das Postulat einer analogen geographischen
Konstellation ist.
Durch ihre natorliche Lage gleichfalls zu der Rolle ei nes Austausch-
landes bestimmt, kreuzten sich in ihnen die politischen, kirch-
lichen und sozialen Strömungen Europas. Quer durch ihr Gebiet
vollzog sich der kultutclle Austausch der stldlich-romanischcn und
östlich-deutschen Territorien. Auf ihrem Boden cntwickelte sich cine
ganz eigene Ku1tur, eine Mischung sehr versebiedener Elemente, zu-
gleichgermanisch und romanisch, kurz kei n e nation a 1 e, sonde r n
e i n e int ern at ion a 1 c K u 1 t u r, wie später in Holland t).
Die römische Kirche hat jenem Vorgange die Wege geebnet.
Sic hat bereits im frühen Miltelalter angefangcn, die gallischen
Franken von der germanischen 'Welt loszulösen, indem sie bei
der Einteilung der Diozesen, ohne Berucksichtigung der Rassen und
Sprachen, die alte römische Provinzeinteilung ubemahm. Infolge-
dessen umfasste z, B. das romanische Erzbistum Re i m s (Belgica
secunda) auch rein germanisches Gebiet. Erst unter der Regierung
Philipps U. von Spanien (1559) wurden diese Gegenden durch einc
neue kirchliche Regelung dem französischen Erzbistum entzogen.
In kulturelier Hinsicht war Flandern noch mehr als Holland zu
der Rolle des AustauscWandes bcstimmt. Man braucht nur zu
erwägen, dass Flandern, ein "dietse'' Land, grösstenteils Lehen der
K.ronc Frankreichs war (Kroon-Vlaanderen), während Brabant,
Ltmburg und andere slld-niederländische Terdtorien der deutschen
Krone a ngehötten.
Der Grund, wcshalb F1atldern, obgleich es viclleicht noch mehr
als Holland ciner internationalen städtischcn Kultut· ausgesetzt
war, trotzdcm sein nationales Wesen bcsser erhalten konnte und in
der Neuzeit noch einen stark volkstilmlichen Charakter aufweist
. . '
tst em doppelter.
1) Vgl. die AuJfUhrungen H. Pi ren ne' s: Geschicbie Belgiens (Geschichte der Europ-
Staaten. Bd. 32.) Sd. I, s. 30.
om CHJ\RAK'l'ERISTIK DER WEIDE\VIRTSCHAFT. 31
A.n erster Stelle liegt eine organische Erklärung vor: jcne
Gegenden verrogten ober eine agrarische Grundlage. G u i cc i ar-
d in i weist in seiner Beschrcibung der Niederlande eingehend
darauf hin, dass Sud-Fiandern, Seeland, Artois, Hennegau, Lut-
tich und Gelderland reichlich Weizen und Roggen hervorbringen,
wei! die Bodenbescbaffenheit dazu sebr gecignet sei. Es gab in
den sodlichen Niederlandcn ein ausgeglicheneres Verbrutnis zwi-
scben der Stadt und dem Lande, ein gewisses 1 ä n d I i c bes
Ge gen ge w i c b t gegen die zu stark si eh geitend machende städ-
tiscbe Einftussphäre, das in Holland ganz und gar fehlte. Der
Ackerbau ruft die Dörfergcmeinschaft und das Vie1hufensystcm
hervor, wähtend aus der Weidewi1'tschaft sich die Isolicrung des
Einzelhufensystems et·gibt. In der Wcidewirtschaft fehlt die Ge-
meinschaft, die gesellschaftliche Zcntralisierung der acketbautrci-
benden Bevölkerung.
Die Psyche des holländischen Grasbauers ist von der des fl ä-
misch-geldrischen Ackerbauers vollständig verschieden. Der erste
ist einsilbig, verschlossen, in sich zurUckgezogen: das Produkt
seiner Umgcbung, jener Weidelandscha ft, zu der Tassulo die
Bemerkung macht, dass die crstc Wiese das Modell ftlr das
ganze weitere Land liefere
1
). Diese Gleichförmigkeit des Boclens
hat dem Bewohner i bren Stempel aufgedrückt: die bedächtige
G1eichmässigkeit, die Ruhe, das Phlcgma, die Kühle der Empftn-
dung und des Handeins sind der Ausdruck jener gleichförmigen
Endlosigkeit des Wiesentandes ll). Zu dieser Gestaltung ihres
Wesens hat auch der jahrbundertelangc Ringkarnpf mit dem Was-
ser beigetragen.
Ka rl Men n e hat dies schon eingchend betont:
Die Niederländer sind realistisch veranlagt. Die geograpbischen
Verhältnisse, das Land, der Boden haben den Realismus enwickelt.
Pl.lantasicn und Abstraktionen bekämpft mau:nicbt die w!I.Sserigen,
femdltchen Elemente. - Die mllhselige Bewältigung des angrei-
fenden Wassers, die langwied gen Kan::tl- und Erdarbeiten sowie auch
der stetige Kampf gegen das stunnische, tobende Meer haben das
Temperament der Niederländcr ausgebildet. Geduld und Ausdauer
1) Lettru sur 11\ Hol lande: Tome I. S. ll: Lepremier préque,•ous reneonlrel
vous I I pouver. c prendrc pour Ie modèlt de totlle la erunpagne, qu'il vous resto à voir.
2 ) I eh ennnerc hierbei nuch an L en a u s Gedicht a Au! eine Landschafi"
und den Vers darin: ,.Ach, wie schllfrig l$t die Gegend."
l,
32
DIE CHARAKTERISTIK DER WEIDEWIRTSCHAFT.
wurden dabei beständig geübt, eine stete Wachsamkeit erfordert
und der Seele dadurch Zähigkeit und ein stilles Phlegma eingeflösst.
Dies gab den Niederländern in ihrem Auftreten etwas Bedächtiges und
Ruhiges. Dabinter steekt keine Unempfindlichkeit, keine Erstorben-
heit des Gemütes. Unter der phlegmatischen Hülle birgt sich eine
gewaltige Willensstärke und unerschütterliche Ausdauer. Die Not-
wendigkeit des fortwährenden Kampfes gegen das Wasser, das
unaufhörliche Anspannen aller Kräfte und die unzähligen, zur Siche-
rung der Existenz aufgebrachten Opfer, die immer wieder an die
rauhe Wirklichkeit gemahnten, schufen ein sparsarnes und prakti-
sches Volk. Hier, auf so schwankendem, unsicherem Boden, konnte
nur der nüchterne, klare Verstand tonangebend sein, musste
Sparsamkeit zur Haupttugend werden ').
Dementsprechend charakterisiert G u i cc i ar di n i die Holländer
als kalte Naturen, in jeder Hinsicht mässig. Sie nebmen den Lauf
des Geschickes hin, wie es kommt, ohne sich viel aufzuregen,
was sich in ihrer Sprache und Redensart auch bemerkbar mache,
sowie in ihren Zügen und Haarfarbe. Letztere ändere sich nie
2
).
Der Einfluss der Weide-Wirtschaft auf die Psyche ist ein ganz
anderer als der des Ackerbaus und nur zu sehr geeignet, das
Phlegma, die Schwerfälligkeit zu bestärken. Eine feine Beobachtung
in Bezug auf das W es en der W eidewirtschaft und den holländischen
Ba u er bat Tas s u 1 o gemacht:
"Jene Bauern sind ohne Zweifel die glücklichsten Geschöpfe der
Welt. Sie brauchen, urn sich Vermögen und Reiebturn zu erwerben,
nicht den ganzen Tag den Rücken zur Erde zu krümmen, wie die
Winzer, noch den ganzen Tag sich der Sonnenhitze auszusetzen,
wie die Ackersleute, noch auf die Berge zu steigen oder sich in
die Wälder zu verlieren und da Tag und Nacht die Unbequem-
lichkeiten des Regens, Nebels, Sturmes, Schneetreibens und der
Kälte zu ertragen, wie die armen Holzhauer, die sich da Brenn-
holz zusammenschlagen und für den Handel arbeiten. Die hollän-
dischen Bauern haben keine weitere Beschäftigung, als ihre Kühe,
Schafe, Pferde zu versorgen und sich urn die Anlegung ihres
Geldes zu kümmern, das ihnen ihre Viehzucht einbringt, ihren Tee
zu trinken (18. Jahrh.) und ihren Tabak zu rauchen." 3).
1) Die Eutwickelung der Niederlande zur Nation S. 71,
2) G u i c c i ar d ijn : Beschryvinghe van alle de Nederl anden S. 28.
3) Pil a ti di Tas s u I o : Lettres sur la Ho !lande, T. I, S. ro, I I.
--
CHARAKTERISTIK DER HANDELSSTADT.
33
Die Bemerkung, dass das Mass der Arbeit einen verschiedenen
Einfluss auf die seelische Beschaffenheit des Menschen ausübt, ist
sehr schön.
Wer mit den holländischen Grasbauern Bekanntschaft gemacht
bat und südlich nach Flandern oder östlich nach Gelderland zicht,
der wird dort wenig·er Reichtum, - der Ackerbauer kann ni e den
Besitz des Grasbauern erwerben, - aber nîehr Gemüt, mehr leben-
dip-es Gefühl, mebr Lebensfreudigkeit antreffen als in den Nie-
Es ist die Arbeit in einer freieren, gastricheren Natur, di e
den Menschen so abstimmt. Daher haben sich im Osten des Landes,
in den höheren, ackerbautreibenden Gegenden noch Rest e der
Volkskt·--o;;t bis auf den heutigen Tag erhalten: die Gemeinschaft
des Dorfes, des Vielhufensystems, ri ef z. B. eine Einrichtung wi e
die Spinnstube hervor, die in Gelderland, Overijssel und Drente eine
grosse Rolle spielte, wovon in Holland aber keine Rede ist .
Di es ist die natürliche Erkl ärung für die versebiedene Art der
Vol ksseele in den südlichen und östli chen Niederlanden im Verhältnis
zu dem holländischen Teile. Es fehlte in Holland jene innigere
Landesgcmeinschaft einer sinnlichen Bevölkerung als Gegengewicht
gegen di e s p e k ui at i v e st ä d ti s c h e K u 1 t u r, die a n u n d
für s i c hstets internati o n a l e r Art ist und in Holland
durch di e ausschliesslich e Entwicklung de s L a ndes
als A u s tauschland, als städti s cher Handelsstaat,noch
extr e mer a u s ge bi 1 de t w u r de.
Das internationale vVesen der Stadt erklärt sich schon durch di e
Exemti on aus dem Lande. Wenn nun die · Stadt obendrein eine
ausschli essli che Handelsstadt ist, so wird jenes Wesen durch di e
Internationalität der kommerzi eHen Beziehungen noch mehr hervor-
gehoben. Das Auge der Handelsstadt ist stets nach aussen, auf
das \ i\Teltmeer draussen gerichtet. Sie bat keine Zeit, in sich zu
gehen und würde die eigene Form ganz verlieren, wenn nicht
binter ihr als regenerierender Rückhalt die agrarische Landes-
kultur stände. In einer Staclt, di e ausgesprochen Handelsst adt ist,
tritt bald eine üble Begleiterscheinung auf: das Pat r i z i at, der
Bourgeois-gentilhomme. Es ist ein all gemeines Gesetz geschicht-
licher Entwicklung, dass die ursprüngli ch nur wirtschaftlichen
Klassen stets die Tende11Z zeigen zu R ec ht s k 1 a s sen zu werden, 1)
1) R o b c r t P ö h I man n: Grundr iss der Griechischen Geschi chte. (Handbuch der
Klass. Altertumswissenschaft UI, 4) S. 32.
34
CHARAKTERISTIK DER HANDELSSTADT: DER PATRIZIER.
Der "homo novus", aus dem niederen Volke emporgekommen,
wünscht seine Herkunft so schnell wie möglich zu verwischen: er
strebt dem "Aristokratischen" nach, jener Würde, die ihn in den
höheren sozialen Stand, dem er angehören will, erhebt. Durch die
Verleugnung seiner Herkunft, diese stereotype Erscheinung des
parven u-we sens, neigt der Patrizier a priori jeder Form zu,
die nicht die Kulturfarm des Volkes seiner Herkunft ist. Durch die
Entlehnung der fremden Form- zugleich als demonstrativer Beweis
seines Luxus, seiner finanziellen Tragkraft, die ihm "so etwas"
gestattet - bezweckt er die Dokumentierung des sozialen Standes-
unterschiedes. \Veil sie de111 V olke unverständlich ist, schiebt der
Bourgeois-gentilho111me, der Patrizier, jene entlehnte For111 zwischen
sich und das Volk.
Dies erklärt den wenig nationalen Karakter des Patriziates und
seiner brutalen Klassenpolitik.
Schon im I3. Jahrhundert sehen wir, wie eine plutokratische
Oligarchie, eine Patrizierregierung reich gewordener Kaufleute sich
im Kampfe befindet mit dem von ihr geknebelten Handwerkervolk
und dem Fürsten, dessen 1-Iilfe von letzteren angerufen wird, und der
seine Macht über die Städte herstellen will. So rufen z. B. die
Genter Patrizier die 1-Iilfe König Philipps des Kühnen und
Philipps des Schönen (I 28 5-I 3 q) an gegen den eigenen Grafen
und das Volk. Derselbe V organg tritt noch wiederholt in der flan-
drischen Geschichte auf und setzt sich fort in der wenig· skrupu-
lösen Poli tik, welche die Stadt A 111 st er d a 111 in der Rep u blik der
V ereinigten Ni ederlande immer getrieben hat. Die Regenten Am-
sterdams haben sich nie gescheut, rücksichtslos ihre Interessen mit
Umaehuna der Landesinteressen überall durchzusetzen. In der
b b
Geschichte der Republik tritt dies er U 111stand grell ans Tageslicht:
wir sehen eine internationale Patrizierclique, die Regenten, die ihr
Möglichstes getan haben, das 1-Iaus Oranien untergehen zu lassen,
die jenem Geschlechte, das auf den ewigen Dank des Volkes An-
spruch hat, die grössten Erniedrigungen zug·efügt und sich
ihrer Politik, die Niederlande zu einem nationalen Gebilde zu
vereinigen, stets widersetzt haben.
Und arade das Haus Oranien ist für dies Problem sehr wichtig. Es
b
ist ein so volkstümliches Herrscherhaus, wie kein anderesin Europa.
Aus einer Revolution gegen den gesetzlichen und doch fremden
1-Ien·scher gingen die Oranier hervar: die leiteten den Freiheitskampf.
CHARAKTERISTIK DES P ATRIZIERS.
Lijf en goet al te samen
Heb ick u niet verschoont,
Mijn broeders hooch van namen
Hebbent u oock getoont:
Graaf Adolff is ghebleven
In Vrieslandt in den Slach ....
heisst jene schöne Strop he des "vVilhelmus".
35
Gut, Blut und Leben haben sie für die Freiheit des Landes
geopfert. Von seltener Innigheit ist das Verhältnis, wekhes sie,
wie schon in jenen Zeiten des "Vader vVillem", mit de111 Volke
verbindet: nie waren sie die Herrscher nur "V on Gottes Gnaden",
die allmählich aus ihrer absolutistischen Höhe, dem Zeitelrange
aehorchend, zum Volke hinabstiegen. vVährend der Republik waren
b
sie nur die ersten Diener des Staates, die "Stadhouder", bis sie nach
der Zertrümmerung des morsehen Staates durch die französische
Revolution der "Volks wille" zu der königlichen vVürde erhob.
Qnd deshalb wurzelt das Oranierhaus so tief in dem Herzen des
niederländischen Volkes, tiefer als jedes andere Herrscherhaus,
weil es ein demokratisch es ist. Kennzeichnend ist der Umstand,
dass jenes "vVilhelmus", das Trutzlied des Oraniers, zur Nation a 1-
h y m n e wurde. Kein Volk Europas verfügt über ein so altes
vaterländisches Lied.
Und es ist die Landbevölkerung und das Kleinbürg·er-
t u 111 der 1 ä n d 1 i c hen Provin z st ä d te, die stets treu zu dem
geliebten Stamme gehalten haben und sich zweimal einmütig
erhoben, um ihm die von de111 Patriziate geraubten Rechte zurück-
zugeben.
Dieses unnationa)e Wesen der Patrizier ist eine stereotype ge-
schichtliche Erscheinung: man braucht nur an die Handelsrepublik
Karthagos zu denken und an die Rolle des Patriziates in der Geschichte
dieser Stadt. Beim Patrizier zeigt sich auch am deutlichsten die
immanente Dekadenz des städtischen Milieus: der Luxus übt in
jenen Kreisen einen erschlaffenden, degenerierenden Einfluss aus.
Nirgendwo offenbart sich die Pervers i t ä t, die sexuelle Unnatur
und Entartung so stark wie in jenen Kreisen, die si eh oft selbst darin
als Dokumentierung ihrer Angehörigkeit zu einer höheren Welt
CHAl.ZAKTElUSTIK DES l) ATRI ZIERS.
gefallen. \Vir kommen bei der Darstellung der Geselischaft un
,,goldenen Zeitalter'' noch darauf zu sprechen.
Der Grund nun, dass Flandern heute noch einen stark volks-
tüm.lichen Charakter aufweisen kaun, während das nord-nieder-
ländiscbe (holländische) Volkswesen ganz verschwand, liegt im Var-
handensein einer agrarischen Bevölkerung als Gegengewicht gegen
jene internati onale städtische Kultur. Diese Voraussetzung fehlte iu
Holland. Ferner wurde die Uebermacht jener Kultur durch die
langjährigen Kriegszeiten und durch den Westfälischen Frieden
aufgehoben : Süd-Niederland wurde von jedem Handelsverkehr aus-
geschlossen. Die ehmaligen mächtigen Städte cntvölkerten sich
uud sanken wieder zu Landstädten hinab. Zwei Jahrhunderte lang
blieb Stiel-Niederland sich selbst überlassen, und deshalb bat sich
dort die Volkskunst bis auf unsere Zeit erhalten können.
Aber der politisch-wirtschaftliche Sieg Hollands führte den
Verlust seiner Volkskult ut: herbei :t). Das extreme Uebergewicht
einer internationalen städtiscben Kultur wurde noch verst ärkt
durch die sud ni ederländischen Emigrationen, die eine Unzahl jener
bürgerlich-humanistischen Poeten nach Holland und speziell nach
Amsterdam fllhrten.
In Amsterdam konr.entr1erte sich das ganze politisch-wirtscbaft-
liche und das kulturelle Leben des Landes. Hier war der Sitz der
berühmten humanistischen Dichtung, deren Einfl.uss sich weit über
das Land bis nach Deutschland binein erstreckte. Amsterdam war der
Lebensnerv, die Kapitale des Landes und Den Haag, der Sitz der
Regierung, nur ein Landaufenthalt.
Die Rolle, welche Paris seit der französischen Revoluti on in
Frankreich spielt, ist in übertragcnem Sinne die Roll e Amsterdams
in der Vereinigten Republik.
Uncl so \Vie die Geschichte der Republik der Vereinigt en Nie-
derlande eig·entlich die Geschichte Hollands, die Geschichte Hollands
r ) Für <.J en j etzigenStanddesVolks!ieclesinFlandernvgl. Edm. de Coussemaker;
Chants populaires des Fl amands cle)<'rance. 1856. H. Lootens nnd]. M. Feys; Chanls
popul aircs recueillis a Bruges. 1879· J a n B o 1 s: Honderd oude Vlaamsche Liederen.
1897. i\ lb. l:l l y a u und lvl. T as s c e J: I epersch oud-li edboek Gent. rgoo-03.
CHARi\KTERISTIK DES PATRIZIERS .
37
aber eigentlich die Geschichte Amsterdams ist, so ist jene Kultur-
geschichte der "Goldenen Zeit" eigentlich die Kulturgeschichte
Amsterdams.
Es ist das städtische Moment, das den Verlauf der gesamten
niederlandi schen Kulturgeschichte bedinat
'=>'
DAS MITTELAL TER.
Es li egt mir fern den erbauli chen Ton zu verur-
teilen, doch ich muss gestellen, dass das Didakti sche
der Feind all er Poesie ist, und sie unbedingt sterben
mus.s, wo jenes die Oberhand gewinnt 1 ).
F. A. SNELLAERT.
Die soziale uncl wirtschaftliche Entwicklung, die sich in den
Tälern der Schelde und der Maas urn vieles schneller als in den
rechtsrheinischen Gebieten vollzog, musst e die Niederlande not-
wendigerweise von Deutschland loslösen, das weit länger eine
agrarische Kultur beibehielt. Seit Beginn des I 2. J ahrhunderts
konvergieren die niederlothringischen Fürstentümer immer mehr
nach Flandern hin, welches über sie eine wahrhaft kommerziell-
industrielle Hegemonie ausübte, und mit wekhem sie ausserdem
noch durch ihre geographische Lage aufs engste verbunden waren.
2
)
}ene wirtschaftliche Ueberlegenheit verdankte Flandern der früh-
zeitigen Entwicklung seiner Städte. Und es ist jenes städtische
Element, das dem Verlauf der niederländi schen Kultmgeschichte
des Mittelalters eine von der deutschen so völlig abweichende
Richtung gibt. Schon auf den ersten Bliek muss jene Verschieden-
heit dem Beobachter auffallen, nämlich das Fehlen der Minne-
sängerperiode, di e in Deutschland eine ganze Kulturepoche ein-
nimmt.
Abgesehen von He i n r i c h v on V e 1 dek e , der schliesslich
zur deutschen Literatur übergegangen ist, und dem rittediehen
r) F. A. Sn e 11 a er t: Verhandeling over de Nederlandsche Dichtkunst in Belg ie
sedert hare eerste opkomst tot aan de dood van Albert en Isabella. (Mém. Courr. par
I'Acad. Royale de Bruxell es. Tome XIV, I. r 838) S. 228.
2) Pi re n n e: Geselli chte Belgiens I, S. 230,231.
DAS FEHLEN DES MINNESANGES.
39
Berzog Jan I. v on Brabant hat die höfische Kunst des Minne-
anaes hier gar keine Wurzel gefasst. Jene Fälle stehen ganz
s b
vereinzelt da. Die Lieder Herzog Jans, die uns übri gens nur in
einer mangelhaften hochdeutschen U ebersetzung er hal ten sind,
und die Lieder Veldekes sind der französischen Dichtung· voll-
ständig nachgeahmt, soda ss weder er noch V eldeke eine reine
Probe "dietscen" Minnesanges darbi eten. Der Vater des Grafen
Jan, H e inrich III. von Brabant, gehörte selbstderReiheder
französischen Trouvères an und war ein Gönner der französischen
Literatur. Bis auf Veldelee besitzen wir aus jenen Gegende11 ausser
den lateinischen nur französische Literaturdenkmäler. In dem
südliche11 Teil Flanderns war das Französische die Volkssprache
und obendrei n di e Muttersprache der meisten Grafen. In mancher
Hinsicht war der französische Hof in Flandern massgebend, Fran-
zösisch sprechen gehörte im 12. uncl 13. Jahrhundert zu dem
"bon ton", gleichwie das Protegiere11 der jungen französischen
Literatur, die auch an dem fl ämischen Hofe so üppig erblühte,
dass die besten französischen Dichter jener Zeit geborene Flamländer
waren : Cu 11 o d e B é t hu n e (Ende I 2. J ahrh.) aus der A trechter
Gegend, sein Bruder G u i 11 a u me, G i 11 eb er t de B e r 11 e v i 11 e,
" ménestrel" Herzog Heinrichs III., Ma h ie u x und Pi è r re d e
Gand (I3. Jahrh.), Jehan d e T o urnai aus Doornik, Jocelin
de Bruges, Jacques de Cisoing aus Cisoing bei Rijssel;
Jeh a n Freman de Lille(Ende i3.}ahrh.)ausRijssel, u.s.w.
1
)
Dieser Einfluss der französischen Kultur wird umso erklärlicher,
wenn man erwägt, dass die flandrischen Grafen seit I I94 von dem
französischen Haus Hennegau herstammen, und der Grafvon Flan-
dern als Lehensmann der französischen Krone selbst einer der sechs
weltlichen Pairs Frankreichs war. Schon während der Regierung
Philipps von Elsass (r r68- I 191) finden wir eine11 der berühmtesten
französischen Trouvères am flandri schen Hofe, C h re s t ie n de
T r o yes, der Dichter der "Li Contes del Graal" "pour le plus
preudomme, li quens Filippes de Flandres'', der "li bailla Ie livre",
woraus er seinen Stoff schöpfte. U nd wie Philipp von Elsass stehen
Balduin VIII., sei11e Tochter, die Gräfin Johanna, ihre Schwester
Margarete, deren Söhne Wilhelm und Guido von Dampierre in
I) Vgl. Aug. Scheler: Trouvères belges du Xlle au XIVe siècle. r876 und: Trou·
vères belges. Nouvelle Serie. I 879·
40
DAS FEHLEN DES MINNESANGES.
engstem Zusaromenbange mit den französischen höfischen Dich-
tern. J ene französische Kultur erstreckte sich auch bis auf Hol-
land, wo der "Clerc uten laghen landen bi der sec" von dem Grafen
Floris V. berichtet, dass er ein "goet sanger'' war I).
So erwähnt Jan Boen d a Ie in den "Brabantsche Veesten" noch
die o-oede vedelare Lodewyc van Vaelbeke in Brabant", der nach
" b
seiner Angabe im Anfang des 14. Jahrh. starb und der hervorra-
gendste Lyriker und Musiker gewesen wäre, der je gelebt hätte,
der erste, "die vant van stampien die manieren, die men noch
hoert antieren" (Dies bezieht sich natürlich nur auf die dietsche
Nachahmung).
Und so gibt es hie und danoch einige Erwähnungen: aber damit
hört auch alles auf. V on einem Minnesange ist in diesen Gegenden
keine Rede. Sehr richtig bemerkt Jon c kb 1 oe t: Die Ritterpoesie,
die fremder Herkunft war, hat hier nur wenige Spuren zurück-
gel.assen: sie bat auf unseren Geist nie einen tiefen und einen
bleibenden Eindruck überhaupt nicht gemacht
2
).
Im Gegenteil: die mittelniederländische Literatur hebt an mit
einem energischen, selbstbewussten Vorstoss der bürgerlichen
Dichtung, deren Führer Jacob von Maerlant (t c. 1300)
war. Mit ihm setzt eine Periode ein, welche sich bis in die Neu-
zeit, bis ·weit ins I9. Jahrhundert hinzieht, die Periode der b ü r-
gerlichen Dichtung.
Jon c kb 1 oe t behauptet: Das ganze niederländische Volk war
stets praktischer Natur, sowohl das südliche wie das nördliche, stets
sich selbst uncl zwar in clem Masse, dass die idealistische Ritterpoesie
hier wohl einen Augenblick das Auge des "Poorters" blenden
konnte, aber doch nie im Stande war, tiefin uns Wurzel zu fassen.
Ursprüngliche Ritterdichtungen, aus eignem Bedürfnis der eigenen
Phantasie entsprungen, sind auf dem flandrischen Boden wesentlich
nicht entstanden. Eine vereinzelte Spur kann man nicht in Betracht
ziehen und noch weniger dasjenige, was an dem französischen
Hofe des Grafen entstand 3).
Auch in Ma er I a n t s Leb en finden wir erst eine höfische Periode,
1) Kronyk van Holland van den Clerc uten laghen landen bi der see. (Werl<en
van Hist. Gen. Nieuwe Reeks 6), S. 99· Das Zitat i st dem Bek a entlehnt.
2) Geschiedenis der Nederlandsche Letterkunde. II, S. 49·
3) Gesch. der Neclerlandsche Letterkunde. II, S. 4·
DIE BURGERLICIJE DICHTUNG, 41
1
er in Zeeland in der Nähe des holländisch-gräflichen Hofes als
as . I . d
J{nster von Maerlant auf Oostvoorne lebte. H1er <am er mtt em
.A.del in Bertthrung: Albrecbt van Voorne, dem Burggrafen von
Zeeland und Ratgeber des Grafen, dem er seinen "Merlyn'' wid-
rncte, und "minen bere" Niclaes van Cats, der ihn veranlasste, das
Werk "der Naturen Bloeme" zu dichten. H i ~ ; r lernte er auch "Grave
Florens, coninc Willeros sone", kennen, der ihn sp::tter ein grosses
Werk anfangen hiess, den "Spieghel Historiael", ihm von.M a e rl a n t
auch g-ewiclmet. Aus jener Periode besitzen wir vier Ritterromane
von clem Klister Maerlants (den "Alexander", den "Merlyn", den
"Torec" uncl die "Historie van Troyen"). Auf künstlerischen ocler
iraendwelchen ursprünglichen Wert können jcne Dichtungen keinen
b
Anspruch machen.
Ma er 1 a n t ist denn auch kein Dichter: seine Bedeutung·liegt auf
clem Gebiete des sozialen Schriftstellers. Erfüllt von den Idcen
des heiligen Franz von Assisi, bat er rücksichtslos und furchtlos die
Entartungen und V crfehlungen der kirchlichen und weltlichen Ge-
walthaber gegeisselt.
In dem strophischen Gedicht "Van den Lande van Oversee" I), in
dem er als letzter Herold für das verblassende Ideal des Kreuzzuges
cintritt, und die Entrüstung ihm stellenweise fast dichterische
Kraft verleiht, heisst es:
Die Kerke van Rome is clusdaen vraet,
Zi is dronken ende al zonder raet,
Die hoeft is van kerstynhede 2).
Und ebenso kühn richtet er sich an die "Coning-hen, graeven
ende hertog hen": "Ghi Heren, ghi baroene", heisst es clarin, "in
-.,.veelden zitstu hier versmoert" (40)
Diere cardinale aert
Die is van alzulken zeden,
Hi strect na scat met allen leden 3).
r) E. Verwijs: Jacob van Maerlant's Strophische Gedichten. r88o. S. 124·-r3r.
Geschrieben nach der Eroberung von St. Jean d'Acre durch "dat Sarracijnsche cliet'' (129I).
2) ibidem Vers III-I13.
3) ibidem Vers 1o2-I04.
42
..
DIE BURGERUCHE DICHTUKC : MAERLANT.
Und weiter:
Keiser, coninc, noch prelaet,
Het en is mids der gi richede
Outkeert van goede zeden. r)
Ja am Schluss heisst es sogar:
Heren masseren so menich pont,
Ende dat a er me v o 1 c verduwen. 2)
Solche Stellen findet man häufiger bei ihm, z. B. in der ersten "Mar-
tyn", wo er den kommunistischen Satz predigt, dass alle Menschen
gleich sind: "'t Folc eyghyn" stammte nicht von Cain oder Cham ab,
sondern wie die "Duutsche loy" (Sachsenspiegel) lehrte, käme alles
"eygendom van onrechter gewelt.". Dem wahren Adligen ist es
gleichgiltig "wiene droech of wan." Denn "Edelheit began uter
reinre herten". Wahre "Edelheit" ist eine Gabe Gottes, die Gott
dem Mensellen auf sein Gebet schenkt. Jene andere "edelheit mach
men afdwaen", aber diese kann niemandem genommen werden.
Gäbe es in der vVelt nur Friede, "het ware al vri, niemen
eygijn, over see noch upten Ryn soude men niemen ontliven",-
wenn nicht die zwei Wörtchen "mijn ende dijn" existierten. Gott
rraf dit wandel aertsee Q"oet der menscheit e-emene", aber die Gier
"b '-J oJ
treibt manchen "omal te hebben allene", und deshalb werden Bur-
gen und Schlösser gebaut und so vieles Blut vergassen. 3)
Die reformatorischen Gedanken des Franz van Assisi predigend,
furchtlose Züchtigung eines entarteten Klerus und der allgemei nen
gesellschaftlichen Fehler seiner Zeit, den armen "dorper" schützenà
gegen Verschmähung und Unterdrückung, das ist das schöne Bild
des sozialen vVohltäters, das sich in ihm verkörpert.
Jan van Boendale (c. IZ8o-c. 1365), der erste Didaktiker
aus der Schule Maerlants, nennt ihn "den vader der Dietseher
dichtren algader" und "'t hooft van allen Dietsehen poeten".
Denn mit ihm hebt jene bürgerlich-didaktische Poesie an, die
sich durch das q. Jahrhundert (die Maerlantsche Schule, Jan
van Boendale, Jan Praet, Jan de vVeert) über die Rede-
r) V er wijs: MaP.rlants Stropische Gedichten.
11
Van den lande van Oversee"'. Vers
II$-II7.
2) ibidem Vers 242-243.
3) Weitere analoge StellenführtJ. te 'Wink e l an in seiner .,Geschiedenis der Nieder-
landsche Letterkunde" r887 I, S. 324, 325 ff.
DIE BÜRGERLICHE DICHTVNG: MAERLANT. 43
"'ker die Reformationszeit, über Ja co b Ca t s bis in das 19. Jahr-
t!J d'rt(Da Cost a, T e r Haar, Ten Kate) hinziehtunderstbei
bUO e 1 . B " il E d r d
M u 1 t at u 1 i und der "Ac 1tz1ger ewegung u n e 1an ..
Ihr Merkmal ist das Didaktische. Die Erklät'ung für Jene Er-
h
·
0
u
11
u haben wir an erster Stelle in dem Wesen des emporkom-
sc e1 "' d
den Btlrgertmns selbst zu suchen, in dem Nut z z weck em
rnen p · · d
Maerlantschen "nutscap", dem Alles beherrschenden r 1 n z 1 p es
Ut i 1 i t ar is mus, d. h. si eh Kenntnis zu erwerben zur höheren Ent-
. klung des technisch-gewerblichen und kommerziellen Lebens.
WIC d'
Daher bei Ma er 1 a n t jene Abneigung gegen die höfische Kunst, te
in seiner zwei ten, bilrgerlicben Periode (c. 1264-I 300) so unver-
hohlen hervortritt.
So sagt er in seiner gereimten Bibelübersetzung, der "Rijmbijbel",
(
Scolastica") I 2 7 I :
"
Nu merct die hier in sult lesen,
Wat nutscap hier an sal wesen:
Hi er in vindi f ave le noch boerde,
No ghene truffe no faloerde. I)
Nutscap" das war das einzige Ziel Ma er 1 a n t s und auch die
" ' .
Ouelle seines Dichtens : es ist der Inbegriff der bürgerhchen
Dichtkunst, jener vernüftelnde Zug, der sich auch in der bür-
cre rlichen Poesi e der Aufklärungszeit offenbart. Bei Ma er 1 a n t
b • d
ist es nicht nur eine zeitgenössische Erscheinung, wenn er Je e
poetische Erdichtung verabscheut und alles auf pragmatische Quellen
zurückzuführen sich bemüht.
2
) Denn auch hierin war er das
Kind seiner Zei t, und die \Verke seiner älteren Periode weisen
dafi.ir eine Menge Belege auf. J ener zeitgenössische Zug wurde
durch den Sc ho 1 ast ik er in ihm noch wesentlich gefördert.
Denn die Schalastik suchte gleichfalls mittels der Vernunft den
Offenbanuwsrrlauben zu berrründen und zu beweisen. Sie war
b b b
jene Äusserung der menschlichen Bewusstwerdung, di e sich zum
ersten Male von der unbedingten Autorität des Offenbarungsglau-
bens loslöste. Obgleich si e sich noch ganz auf den Boden JCnes
I ) J . David: Rijmbijbel van Jacob van Maerlant. 1858-59· lil Bde.
2) Vgl. z. B. "Tscelden jegens die Borders" (Spiegel Historiael IV, I, 129), sein
Urteil über seine eigenen Jugendromane "Alexander" u. "Historie van Troyen" (Sp. Hi st.
I, 2, r4, Vs. 5r), sowie sein Urteil iiber den Verfasser des "Van ons Heren Wrake" in
seinem "Merlijns boeck"', u. s. w.
44
DIE BURGERUCHE DICHTUNG: J\IAERLANT.
Glaubens steilte und anscheinend ihre eifrigste Förderin war,
leitete sie doch jenen Prozess ei n: die Anwendung· der kritischen
Vernunft, welche später das Verhängï1ÎS des Autoritätsglaubens
werden sollte. Dies Problem tritt au eh in Ma er 1 a n t, clem sonst so
rechtgläubigen, strengen Katholiken, zu Tage.
In Ma er 1 a n t verkörpcrt si eh jene eigentümliche Verbindung des
Geistlichen und vVeltlichen, der wir wiederholt in der bürgerlichen
Poesie begegnen werden. Ich erinnere nur an die Leiter der
Rhetorikkammer, di e bis ins r6. Jahrhundert grösstenteils der
Priest erklasse angehörten, u. a. Mat t hijs cl c Cast e 1 e i n, "Priester
ende excellent Poete moderne'', wie er auf dem Titelblatt seiner
"Const van Rhetoriken" ( r 5 5 8) hei sst. I)
Aber es zeigt si eh doch, c\ass cl er Maerlantsche "nutscap"
u nel damit das W esen der bürgerlichen Poes ie auf eine andere
Quelle als nur auf einc zeitgenössische Mode oder Geistesströ-
mung zurückführt. Es ist das Verhältnis der christlichen Spekulation
zu j ener sinnlichen Kultur, wodurch di e didaktische Dichtung
M aerlan t s bedingt wird, die Verclammung des Sinnlichen, Irdischen.
So sehen wir au eh, dass Ma er 1 a n t besonders gegen di e Liebes-
dichtung der höfischen Kunst seine Angriffe richtet, wobei er
seine eig·enen J ugenclsünden ni cht schont.
Denn auch er hatte in jener ersten Periode der Konvention
gehuldigt und der Mode gemäss ei ner Herrin zu Liebe, die er
"scone, edel ende bequame" nennt, und von der er sagt, cl ass
sie ihn "heeft gevaen" uncl ihn "peisen doet", den "Alexander"
gcschrieben. Ja in dem ersten "\N"apene lVIartijn"
2
) lässt er sich
anred en :
J aco b, dit was ooit dyn doen,
Van vrouwen moetstu clyn sermoen
Oft beginnen oft enden.
Di e "Martijns" bilden grade die Uebergangsstufe zu der zweiten
Periode seines Lebens in Damme, tmter dem Stadtrauch Brü<mes
) bt:> I
Im Prolog seiner "Scolastica" spricht er aber zu dem Leser:
(1 Er war Priester nncl apostolischer Notar und Factor der "Paxvobianen ende der
Kersauwieren" zu Oudenaard en, lebte c. q88 -ISSO.
2) In E. Verwij s: Maerlants Strophische Gedichten. S. I-76.
..
DIE BURGERUCHE DICHTUNG: IviAERLANT.
Maer nu snlcli (sonder vnrsten)
Gade met mi bidden mede
Dat hi mi (cl oer de se waerhede
llie ie dichte van siere wet)
Vergbeve, dat ie mi besmet
Heb ben in lo g e nt! i ke sak en,
Die mi die li ch th eit decle maken
V a n der herten e 11 van cl e-r s i 11 n c
Entic wer eltlike minne I).

Aber bes onclers in dem "Leven van Sin te Franciscus"
2
) und
in. dem "Spiegel historiael •· - sagt Sn e I La er t - versetzt er der
Erdichtung ("de schilderde, (d. h. malende) letterktmde'' den
scll\versten Schlag. Sn el! a er t zitiert jene Stelle aus dem "Fran-
ciscus", die fttr Maerlants Auffassung und die Anscbauung der bür-
g-erlichen Dielaktik bezeichnend ist 3),
Desc werelt trect ten ende
Als mi clinct, met groter scc:ncle;
Na clat ons die apostel seghet,
Daer dit clus in ::;t;screven leghet :
In den lactsten ticle sullen
Die li eden vercl ullen, .
Datsi sullen hem sclven minncn,
Ende hem van der w a er he i t keren
En de l.Joerden ende favelen leren.
Cumc es bi van mi bekint,
Die nu leeft ende waerheit mint.
I\'Ier Tistram ende Lanccloet,
Perchevael ende Galehoet,
Ghevensclc namen ende ongh elJorcn,
Hi er of willen de li eden horen ;
Truffe van minnen e nd e van :; tricl e
Leest men dor cl e werelt wicle:
Die es ons te sw;cer.
I) Diesclbe Stelle findel sicil in seincm " Leven van Sinte Franci scus"; 2.nstatt "wet·elt-
like" n1inne sagt er dann noch )oghenliker minne'' (d. h. es gibt tHll' cine Li cbe, die
geistlicbe Licbe der Seele zu Gott).
2) Herausg. von J. Ti cl e m an. 1848.
3) Verbandeling over c\e Necl erlendsche Di cht kunst , S. 22.
DIE BURGERUCHE DICHTVNG: MAERLANT.
Des radic minen vrienden dan,
Dat si de waerheit vanghen an,
Ende laten de boerden varen.
·want de tyt es nu te waren,
Daer die apostel of vor sprac :
T f o l c mi n t fa vele ende g hem a c,
Ende om ghelt eist dat men waect,
Das es domesdach ghenaect.
Diese letzten Verse beziehen sich auf das Volk: es liebt die Er-
dichtung·, sagt lVI a er 1 a n t. U nel dies weckt seine sittliche Entrüstung.
Denn die Erdichtung betrachtet er als die schlimmste Verführerin
im Dienste des Bösen, jene "wereltlike sake.". vVeltliche Minne-
dichter, "borderers", oder "menestreelen ende goliarden, die favelen
visieren bee-arden"
1
), baalten ihm crleich Der clerc" der büro·er-
<.J b • " ' :::,
liche Dichter, der die ni.itzliche, belehrende, erbauliche Kunst betrieb,
wi rd jener anderen, lügenhaften weltlichen Kunst gegenübergestellt.
Eine ähnliche Erscheinung können wir im 17. Jahrhundert
bei Jo a n Lu y ken, dem Dichter der "Duytse Lier" (I 67 I) beo-
ba eh ten, der auch wie Ma er I a n t erst der zeitweiligen Konvention,
der arkadischen Dichtunbcr, seinen Beitrao· zollte urn nachher dem
b '
Pietismus anheimzufallen und diese sündige weltliche Zeit und
ihr Treiben zu bereuen und zu verdammen.
Snellae rt bemerkt noch: Mae rlan t bat die clidaktische Richtuncr
b
gegen die romantische hervorgerufen J·ene Richtuncr in der Literatur
' b '
die sich bis in die Gegenwart erhalten hat. Verschwand infolge
seines Auftretens die sinnliche Dichtung auch nicht ganz, so hat er
ihr doch eine tötliche vVunde beigebracht und veranlasst, dass
neben ihr die prosaisch-rhetorische (beschrijvende) Dichtung hoch-
kam, die zwar in Bezug auf den elirekten Nutzzweck der anderen
Liberlegen war, deren poetischer vVert aber weit binter jener
zurückblieb z) .
Jon c kb 1 oe t führt die Entwicklung der didaktischen Poesie denn
auch folgerichtig auf die Städte zurück: An ihr war die Vernunft
weit mehr beteiligt als die Phantasie, und dadurch wurde sie der
Inbegriff der bewusstwerdenden Bürgerschaft. Die bürgerliche
Literatur jener Zeit verlengnet sichtlich die Anforderungen des
I) In Maerlants "Spiegel Hi,;toriael" lil, S. 48 Vs. 69 ff.
2) Verhandeling over de Nederl. Dichtkunst, S. zo, 21.
DIE BURGERUCHE DICHTVNG: MAERLANT.
47
Gefühles und der Phantasie und bevorzugt das Nützliche und
Praktische. Aber die Dichtung konnte sich nicht mehr dem Ein-
flusse des vernünftelnden btirgerlichen Factors entziehen. Hatte
schon die frUhere Romantik die Naivität des Volksepos verloren,
die spätere ist noch viel wenjger naiv, vielmehr rein betrachtend,
rnehr - zuviel vielleiebt - . von der Abstraktion beherrscht. Sie
vernilnftelt mehr als sie darstellt ~ ) .
Die Schmühschriften auf die Frauen bildeten im Mittelalter eine
grosse Literatur für sich
2
). Der Vater jener Literatur in den Nie-
derlanden war gleichfalls Ma er 1 a n t, obwohl er noch sebr gemässigt
in seinem UrteH ist. In seiner Schule aber wird diese Richtung
systematisch au gebildet. Bei }a11 van Boendal e (c. 1285-1365),
dem Schöffenschreiber von Antwerpen, tindet man in dem lehrhaften
Gedicht "Jans Teesteye" 3) (d. h. Ueberzeugung), einem Werk, das
gleichfalls ohne Scheu clie sozialen Verhältnisse seiner Zeit, den
Adel und den Klerus geisselt, ein grosses Kapitel wider die
Frauen: "Van der wiven selsenheyt (d. h. Unsitte) ende dat si
syn onder den man''. Das Weib sei eine so unterge0rdnete
K.reatur, dass ihr deshalb jede rechtliche Stellung in Gottes Schöpfung
entsagt sei. Sie könne kein Vormund sein (nieman vermomboren)
und "prelatye-ridderscap ende priesterscap" wären ihr alle ver-
schlossen. Jan de Weert stellt in seiner "Ni we Doctrinael'' (r 3 51)
sogar den Satz auf :
En es cume soe sconen wyf,
Sie en hout te cope ziele ende lyf 4).
In dem Reimwerk "Van den Levene ons Heren" werden die
ermordeten Kinder von Bethlehem deshalb so selig gepriesen, wei l
sie sich noch nie durch den Verkehr mit vVeibern befleekt hätten.
"Si ne waren noyt besmet met wive" 5).
x) Jonckbloet II, S. 19.
2) E d u ar d We c h ss 1 e· r: Das Problem des Minnesanges, S. 68.
3) F. A. Snellaert: Nederlandsche Gedichten uit de veertiende eeuw van Jan Boen-
dale, Hein van Aken en anderen. 1869. S. 137-275, 701-703.
4) "Niwe Doctrinael of Spieghel der Sonden" herausg.v. Ph. Blommaert
lll, r8sr. Vers n64.
sl Van den Levene ons I-I eren (Anfang 14. Jahrh.) hrsg. v. P.J. V enneuien
1
843· Vs. 750.
I I
DIE P,lJRGEHLI CHE DICHTVNG UND DlE VOLKSPOESIE.
\Vas nun die Volkspoesic von j ener bürgerlichen, didaktischen
Poesie zu erwarten hatte, ist zi emlich !dar. Der Zustand der
Ueberlieferung war hier bei wei tem ungünstiger als in Deutschland.
Hi er beherrschte jene cl idaktische Dichtung· in den Hilnden der
schreibkundigen "clercen'', di e of.t selbst clcm geistlichen Stanclc
angehörten, das ganze Feld. Schon di e Karolinger-Zeit hatte in
diese r Hinsicht vorgearbeitct. Die . Niederl ande bildeten die Bann-
meil e Aachens. Hier besass di e karolingische Monarchie ihre meisten
Domänen und Li ebling·sresicl enzen. Und in di esen Terri torien, für
die Karl der Grosse eine sichtliche Vorli ebe zeigte, schuf er ncben
dem wirtschaftlichen Aufschwung· eine mächtige klöst erlichc Kultur,
zu der auch Hu c ba 1 cl v on S t. A m a n cl, der für das Probl em
des Volksliceles so wichtige Dichter, lVIusikgclehrtcr und Historiker,
gehört.
Die Kirche sowie das stäcltische Patriziat schwiegen beide
prinzipiell das Volkslied tot: das Patriziat aus cl em Bec\ürfnis,
durch die V crleugnung der Volkskunst ei ne rcchtlichc Schcidung
zwischen sich und jener Volkskunst herzustcllcn. Deshalb befancî
sich die Volkslwnst 111 den Niederlanclen 111 der denkbar
ungünsti gsten Lage. Eine Minnesängerpocsie, wi e sie Frankreich und
Deutschl and besasscn, di e uns zeitweilig und wenn auch imlirekt
von der Art und Beschaffenheit der Volksclichtung Kenntni s zu
nehmen gestattct, fehlte vollstänclig. Der Adel spi elte keine
führencle Rolle, wie in cl em agrarischen Osten. Er wurdc von dem
städtischen Patriziat vollständig zur ückgedrängt. Die Rei chtümer,
welche die Patri zier in ihren I-hinden angesammclt hatten, ermög··
lichten es ihnen, sich in Grunclbesitzer zu verwandeln.
1
)
Der Graf von Flandern war im r 3. Jahrhuncl ert von seinen Ge-
meinden ebenso abhäng·i g, wi e vi ele der gleichzeitig· zu Gruncle
gerichteten kleinen Krautjunker von den reichen Bürgcrn. Ohne
dass ihnen formell irgend welches Recht zur Einmischung in die
Regicrung bewilligt worden vväre, gewannen die Städte einen an-
sehnlichen Einfluss auf die T erritorialpolitik. \Nenn sie sich wei-
gerten, für den Fürsten Burgschaft zu leisten ocler ihm hartnäckig
den Geldbeutel verschlosscn, war er zur Ohnmacht verurteilt .
2
)
Di e vollständige wirtschaftliche U eberlegenheit der .Städte auf
inclustriell em, kapitalistischem Gebi ete drängte den agrarischen
I) P irenn e : Gesell ichte Belgi ens r, s. 14·
2) ibidem S, 355·
PATR1ZIAT UND VOLK.
49
Adel immer mehr in den Hintergrund, bis er in völlige Abhängig-
keit des Patriziates geriet. So zeigt die "Enqueste" und "Infor-
a
cie" welche die burgundische Regi erung in den Jahren 1494
Jll ' d d'
und
1
5 r4 veranstaltete, dass nicht mehr der Adel, son ern ae
l(irche und die "poorters" die Grossgmndbesitzer waren.
1
) Zu
·ener Zeit war der Adel grösstenteils verarmt und diente als
~ n f u h r e r der mit bürgerlichem Gelde ge\vorbenen Söldnerheere,
50
dass jene. "Compromis" oder Blindnis des niederen Adels,
das, vierhundert Mann stark, Margarete von Parma die bekannte
Bittschrift anbot, von ihrem Ratsmann Barlaymont die 13ezeichnung
Gueux" erntete.
" Tief verachteten die internationalen Patrizier das Volk, nicht nur
das stäcltische Arbeiterproletariat, S011dern gleichfalls die Bauern,
die ,.kerels". Sie teilten darin volUwmmen die Auffassung der
Ritter, denen das bekannte "kerelsUed" in den Mund gelegt
wird, worin sich die wirtschaftlichen Ringkämpfe, der furchterlicbe
Vernichtungskrieg zwischen beiden Klassen im Jahre r324 abspiegelt.
In dem Tone wildesten Hasses schildert es den langbärtigen,
schlecht geldeideten, mit Käse und dicker Milch (wey ende caes)
vollg-epfropften "kerel", der in seinem Rausch voller Dlinkel davon
träumt, ihm gehöre der ganze Erclball, und der die Ritter unter
seinc Botmässigkeit bringen wiJl.
Wronglen, wey, broot ende ccces,
Dat heit hi al den dach:
Daer omme es de kerel so claes,
Hi etes meer clan hys mach!
Der Spott, die Schmähworte, die Verwünschungen steigern sich
von Strophe zu Strophe uncl endigen schliesslich mit einem wilden
Kampfgeschrei: "\Vir werden die "kerels" zum Heulen bringen,
indem wir mit unseren Rossen in vollem Galopp quer durch ihre
Felder sprengen; wir werden sie schleifen, wir werden sie henken,
sie können uns nicht entwischen, sie müssen unter das Joch
kommen 2) .
I} J. C. Na b er: Een Terugblik. Bijdragen Stat. Inst. 1885. IV.
2) Pirenne U.S. 103.Das "Kerelsliecl"hat Roebus von Liliencron (Diehistot·i·
schen Vollcslieder der Deutschen vom 13. bis zum 16. Jahrhnndert. 4 Bde. mit Nachtrag,
I865-r86g) abgedrtlckt (I, r. S. 31). Es beft ndet si eh weiter in de nOu d- V I?. e m·
sche liederen en andere gedichten del' XIVe en XVe eeuw (Ausgabe. det·
-l:
50
l' ATRIZIAT UND VOLK.
Schon gleich möchte ich hier zu einer Bemerkung Anlass nehmen,
auf die ich im Laufe meioer Darstellung immer wieder zurack-
weisen werde. Man muss mil grösstem Vorbehalt die Darstellung
des ländlichen Lebeos von städtischer Seite entgegennehmen.
Gewiss, unglaublich viel Rohes und Anstössiges mag der kultivierte
Städter da gefunden haben, aber es kann nicht genug betont werden,
dass er uns nur immer die Kehrseiten des landlichen Lebens zeigt,
die lächerlichen, plumpen, unbeholfenen, tölpelhaften, rohen Ge-
stalten. Die ländliche Bevölkerung ist für den richtigen Städter
immer ein Typus, über den er sich lustig macht. Er ist so selu·
von seiner eigenen kultureHen Ueberlegenheit tlberzeugt und so
sehr vonder Vortrefflichkeit der städtischen Kultur voreingenommen,
dass ihm die ländliche Volkskunst und ihre Schönheit vollständig
entgeht. Diese Erscheinung ist eine stereotype Eigenschaft des
Genus "Städter", und ihr verdanken unsere heuti.gen Volkslied-
forseher die ungeheuere Schwierigkeit beim Sammelo der Lieder
auf dem Lande: die Leute getrauen sich nicht zu singen und
meinen, man wolle sich Ober sie lustig machen.
Es gibt in der niederländischen Dichtung des I 7· und 18. Jahr-
llunderts eine ganze Liedgattung fllr si eh (boeren v r y a ge,
boerensamen spraak), die nur den unbeholfenen, lächerlichen,
unkultivierten Ba u er darstellt. Man kann kein Liederbuch des I 7.
Jahrhunderts in die Hand nehmen, ohne Gedichte jener Art zu
finden, die zur Belustigung des so kultivierten städtischen Publikums
dienten, das ja seine gebildete Liebe in Sonette und schwulstige
arkadische Verse, mit Flittergold aus der klassisch-mythologischen
Rumpelkammer beldebt, einkleidete.
Jene traditionelle Karikierung des Eauers findet sich gleichfalls
in der niederländischen Malerei (z. B. van Brenghel u. a.).
Auch das "Kerelslied" schildert den Ba u er so, wie er "ter ker-
messe" geht "met sinen verroesten stave", sich vollsäuft und
besoffen ZU seinem vVeib kommt.
"Vlaemschen Bibliophilen". 1847) berausg. v. C. Cart on. S. 154, weiter in J. van
Vloten: Nederlandsche Geschiedzangen. 1852. I, S. 34. und E. Verwijs :
Bloemlezing van Middelnederlanclsche Dichters. 3 Bde. 1884. UI, S. 129. Fl\r die mittel-
historisch en Lieder vgl.:
Pa u 1 Fr ede r i c q : Onze historische Volksliederen van vóór de godsdienstige beroer·
1en der r6de eeuw. r8g4, u11d Corn. Cath. van de Gr a ft: Middelnederlanclsche
torieli ederen. 1904.
I'ATRIZIAT UND VOLK.
Dan gheift soe hem vele quader vlouke,
Als haer de kerel ghenaeckt;
Dan gheift hi haer een stic van den lijscouke,
Dan es de p8ys ghemaect.
Schliesslich noch eine höhnende Schilclerung des Ta112es:
Dan comt de grote cornemusê,
Ende pijpt hem turelureleruut:
- (Ay, hoor van desen abuze !)
Dan maecsi groot gheluut.
Dan sprincsi alle al overhoop,
Dan waecht haer lang he baert:
Si m:cken groot gheloop.
(God gheve hem quade V8.ert!
Wrongele ende wey n. s. w.)
SI
Aus jenem Jahrhundert der entsetzlichen sozial en Ringkämpfe
in Flandern ha ben wir ein Gedicht, das von E e 1 co Verwij s
herausgegeben wurde
1
). Er vertritt in der Vorrecle zu seiner
Sammlung die Ansicht, dass der Verfasser, der sich in Gefangen-
schaft der "Kerels" befindet, kein Ritter und Adliger ist, sondern
ein Mann aus dem "Volke". Als Grund führt Verwijs an, dass ein
rittedieher "Leliaert'' sich viel vornehmer ausgedrückt haben würde,
als der Dichter es oft tut und sicb gewiss nicht erniedrigt hätte,
die Kerels um Befreiung· anzuflehen ("met hem te smeken spade
und vroe"). Auch hätte er sich gcwiss nicht clazu hergegeben,
die "dorperheit" dieser rohen Gesellen bis ins einzelne auszu-
malen.
Dass jener Gefangene kein Adliger war, ist anzunehmen, obgleich
dies ja nicht hervorgeht aus clem von V er wijs angeführten Gruncl,
der mir zu romantisch !dingt. Vvarum sollte ein Adliger, der an
Händen uncl Füssen im Stock gefesselt liegt uncl weder Rük-
lcen noch Beine bewegen kann, nicht um Befreiung "flehen"
clürfen?
Die ancleren Gründe Verwijs' lassen gracle auf das Gegenteil
schliessen. Der Verfasser ist ein o·efano·ener Patrizier ein Leliaert''
b 0 ' ,, '
1) V a n V ronwen ende van Mi 1111 e n. i\fiddel11ederlandsche Gedichten uit de XIV de
en X Vcte eeuw. (Bibl. van i-Inl. Letterkunde, Afl. 4 en 5).
52
l ' ATRIZIAT UND VOLK.
der zu Frankrcich hält. V on seiner Gefangenschaft berichtct er selbst:
Ie sit hier in eenen onbehenclen
Starken stoc mit yseren benden,
Dat ie rugghe, bien noch lenden
Nauwelic en can ommewenden;
Einer, der so gefangen li egt und vor Langewcile vergeht,
muss sich wohl verlieren in Einzelbetrachtungen des Lebens und
Treibens urn sich herum. Dies ist eine psychologische Erscheinung
der Gefangenschaft, eine notwendige Folge. Und zu guterLetzt, grade
dieser Ton, den Verwijs zu "plat en realistisch" nennt, ist ein
Beweis für die Ang ehöri gkeit des Verfassers zum Patriziate. Es ist
dieselbe Herablassung aus der Höhe eines sozialen Vorrechtes,
derselbe Ton der Verachtung, des Hasses, diesclbe Karikierung
wie im "Kerel slied".
Ebenso spricht die eingehende Erwähnung des gewerblichen
Lebens am Anfange des Gedichtes dafür, dass der Verfasser zur
industri eHen städti schen Sphäre gehört.
Das leider sehr verdorbene Gedicht hebt mit einem Naturein-
gang an:
Der Mey comt hier, dez mach men scouwen
So wie sijn bloemen scoen can stramven ....
E s folgt eine Beschreibung, wie die Natur auftebt und jeder
Mensch an seme Beschäfti gung geht:
31. Maer di mit kaerlen is behept,
Die heeft den duvel selver ghesceept!
vVie ell1 Löwe in seiner Spelunke,
So gruut die kaerl als hi (is) dronken.
35· Ie vant er lest een hoep staen pronken,
Die vraten looc mit coelstronken,
Soveel, dat si algader stonken. (sic !)
.Dann erzählt er von zwei Kerl en, deren lVIanieren er heim Essen
beobachtet hat:
l'ATRIZIAT UND VOLK.
Tis wonder dat si ni et en sticken,
So recht ghi erlic als si sl icken.
6o. En mensch mach als syn bloet verscri cken,
Di e haer onnaerdichei t ansiet:
Ende ymmer so ontbreect him yet!
53
Das :Folgencl e verrät den selbstbewuss t en, kultivierten Stäclter:
6 3. Die stoc waer mi een cleyn verdri et,
En dorst ie dese voeren niet
(branchte ich di es Benehmen nicht anzusehen).
Noch cl cutliche r zeigt sich der Städter in seiner weiteren Erzählung:
65. Wanneer die karel vergadert wat,
So calt die een dit, die ander dat.
Soo ruupt daer een ander druut;
"Ey hoert dach al te; nien cluyt! r)
Ie heb mijn blese merry verbuyt
Te treeken in Pieter Gheryt z scuut. 2)
85. En heb ie sijn nose niet wel ghesnuyt ?" 3)
Doe seyde dair een ander ysentruut:
" Onse nicht se! marghen wesen bruut."
Nu proeft, hoe dat te s:unen sluut!
Si sijn so recht grof und ruyt :
Eer deen half sijn reden uut,
So sl a et die ander sijn ghelnut. 4)
Eine andere Schilclerung:
'Vanneer een kaerl wort recht vergult, 5)
So raest hi wie en clwaes, die bult.
Sijn aensi cht drint hem ende zwilt,
Hi sweert, hi doemt, hi vloect, hi scilt:
I ) \Nrschl. Ey hoert doch alle: een ni ett en clttyt! (Ein nett er "\Nit7. !)
2
) Verhttyten = ttmtauschen. I ch hab' mei ne Bleóse eingeta tt scht um Pieter Gheryt-
sohns Schi ff zu ziehen.
3) Enen di e n o s e s nut en = einen an der Nase ' herumführen, zum besten ha ben .
4) Nnn versncht, wi e das sich zusammen reimt . Sie sind so recht grob ttnd roh :
be. vor cler Eine seine Rede zu Ende gefi\hrt hat , filngt der andere schon wied er an.
5) Ve,·gttlt = bet r nnken.
54
PATRIZIAT UND VOLK.
r 1 5· So sijn sijn eyer qualic ghepilt, r)
Of twennoes is te zeer ghedilt,
So dattet sijnre hunsvrouwen heeft onghel t.
Seere die, (gheloves mi, of gi wilt,)
Soe gort die kaerl claer op sijn milt
r zo. En roestig he lemmet soncler bilt, 2)
Daer mede menich merss is ghevilt,
Ende gaet sta en voer sijn do er ende drilt.
Hi grinst, hi grnut, hi prat, hi pruult
Sijn wijf die screyt, sijn maghet die hnult,
V::m anxt al si jn gheselscap scuult.
U nel weit er:
J ::t ! al die meyster van 1\llomplier,
Van Base!, Straetborch, Worms ende Spier,
Daertoe van Mens, Colen en Trier,
En sereven niet half haer manier.
Ja! al waert oec alte mael papier
Dat laken, dat men maeckt te Lier,
Hi en hill van vasten noch van vier. 3)
200. Hi seit : hi scijt in calengier! 4)
Mar alst daer buten vriest ende rijpt,
So sit hi op een cussen strijpt
Bi sinen haert te huns ende hijpt.
(Tis sonde, dat yemant mit hem kijpt) . s)
205. Soe stoet hi clan in sijn mortier
Twe keel loocs, drie of vier.
Mit vollen monde roopt hi dan : "Tl i er!
Coomt hier ende siet hoe ie ho veer!" ....
2 I 6. Se er selclen snijt hi, mer hi nijpt
Sijn vleysch ende spec, cl aer hi in gTijpt,
Dat hem smeer langhes den vingheren sijpt:
Tis sonde, dat eyement mit hem kijpt.
r) Wenn sic (seine Frau) seine Eier schlecht geschält hat.
2) Er giirtet auf seiner Milz ein rostig Messer ohne Gt·ift'.
3) Er h•\lt weder a uf Fasten noch Feiertage.
4) Calengier = Kalender.
S) Doch wenn es dranssen friert uncl reift, sitzt er auf eincm Plüschkissen an seinem
Herd und brnmmt. (Es ist ein Siind', dass man sich mit ihm einlässt).
HORENKUNST UND VOLKSKUNST: HUCBALD,
55
So verhielt sich die städtische Kultur zum Volke. Soll man sich
wundern, dass aus einer Zeit, wo die kirchliche Musik gänzlich
die Oberhand hatte, und die des Schreihens allein kundigen Kleriker
geflissentlich in ihren Berichten alles unterdrückten, was von die-
ser Volksmusik, eine günstige Meinung verbreiten konnte, was
beute zu kennen so wertvoll und wichti g wäre t), dass aus jener
Zeit fast gar keine Nachrichten t!ber die weltliche Musik erbalten sind?
Au jenen schon erwähnten kirchlichen Verboten läSst sich nur
auf die Existenz dieser Volkskunst schliessen. 2) Ein weiterer
Beweis dafttr ist der Versucb des bereits genannten Hu c ba I d
v on St. Am a n cl (geb. 840, gest. 930 ), ein theoretisches System
des mehrstimmigen Singens zu ftxieren.
Mit Recht bemerkt Riem a n n: Man hat sich allzu sehr daran
gewöhnt, das 0 r ga nu m 3) mit dem Namen des Mönchs Hu c ba 1 d
von St. Amand in Flandern in Verbindung zu bringen, und daher
di ese primitiven Formen der Mehrstimmigkeit im Sinneder Lebren
zu beurteilen und auszudeuten, welche die unter Hu c ba 1 cl s Namen
crbaltenen Schriften, wenigstens bei oberflächlicher Bckanntschaft,
ergeben. Daher steht clenn in allen Musikgeschichten zu lesen,
class den Anfang der Mehrstimmigkeit in der Musik ein fortge-
setztes Parallelsingen zweier Stimmen in Quinten oder dreier Stimmen
in Quinten und Oktaven gebildet habe, wie solches in der Tat
eine Anzahl Beispieleder Hu c ba 1 d zugeschriebenen "Musica enchi-
riadis" und besonders der Scholien zu dersetben belegen. 4) Dies
Märchen von der "Erfindung" der mehrstimmigen Musik wurcle
z. B. auch von dem sonst so hoch verdienstEehen Forseher des
niederländischen Volksliedes, F 1. van D u y se, übernommen. Er
sagt: Aller Wahrscheinlichkeit nach entstanel der Diskant, wie
früher zu Hu c bal d s Zeit die Diaphonie, in den grösseren geistlichen
Schulen von Mittel- und N ord-Frankreich. 5)
r) Hugo Riemann: Handbuch der Musikgeschichte I, 2. Die Musik des Mittelal·
ters bis 1450. § r6 Wurzeln der Ritterpoesie in der Volksmusik S. 233.
2) Bezeichnend ist, dass alle Vvörter, die den Begriff "Tanz" ausdrücken, rein germa·
ni s c her H e rkun ft sind. So das romanische est a m pi d a, st a m pan i a, französisch
estampie, stammt vom dentsohen stampfen. Ebenso dansa, aus ahcl. dan són.(vgl.
got. pin sa n und mhd. di n sen). Gleichfalls tres ca das und ba 11 a ct a.
3) Der terminus technicus für jenen ersten mehrstimmigen Gesang.
4) Handbuch der Musikgeschichte I, 2. S. 137·
S) FI. van Duys e: Het eenstemmig Fransch en Nederlandsch wereldlijk lied in de
Belgische gewesten van de Xle eeuw tot heden uit een muzikaal oogpunt beschouwd.
HÖHENKUNST UND VOLKSKUNST: HUCBALD.
Ja, er nimmt sogar an, dass der ganze weltliche Volksgesang
überhaupt nur aus der kirchlichen Musik entstanden sei. "Man
wll rde sich sehr irren, wenn man anoähme, unsere Melodien wären
0
plötzlich dero Volksmunde entsprungen. Genau so wie die Musik
der cluistlichen Kirche aus den Gesangen der Antike geboren wurde,
so stammen di e Melodien unsrer altniederländischen Lieder von
dem kirchli chen Gesang ab, haben dieselbe Tonleit er und grössten-
teils dieselben musikalischen Themen uncl melodischen Formen
wie diese. I)
Man könnte eine derartige Behauptung schon in abstracta \Vi-
derlegen durch die Frage : W oh er stammt denn die griechische
Musik? Sie führt unbedingt ihrer Entstehung nach auf die Volks-
musik zurück. Logisch wäre die Folgerung gewesen: genau so
wie die christliche Kirchenmusik des Morgenlaudes den antiken
Hymnen u.s. w. entsprang, also weltlichen Ursprungs war, genau
so ist unser dietsehes geistliches Lied der weltlichen germanischen
Volkskunst entsprungen. Und h is tor is c h ist di es auch richtig.
Grade die Polyphonie war der griechischen Musik (der Höhenkunst,
von der wir ja nur Bericht haben) vollständig· fremd. Es kann
höchstens zugegeben' werden, dass die Griechen eine Art Verzierung
oder Variierung derselben Melodie in verschiedener Oktavlage
gekannt haben. Das Unisono war sonst aber die unerschütterliche
Gru11dlage der antiken E11semblemusik.
2
)
Bis zum 9· Jahrhu11dert ist von' einer Mehrstimmigkeit in der
kirchlichen Musik kei11e Rede. Und wenn sich irgendwelche
Andeutu11ge11 für die Verwertung anderer Intervalle ausser der Oktave
als Zusammenklänge finden lassen, ist di es nur auf die seit dem
2 . Jahrhundert v. Chr. auftretenden Überflutunge11 des europäischen
.Südens durch die dem Norden entstammenden Völker zurnckzu-
führen. Hiermit kommen wir zu der eigentlichen Frage: di c
l'vl eh r st i m migkei t i s t a Is ei n e Ei g en s chaft cl es ge r-
m a 11 is c hen V o 1 k es a n z u se hen. Manchedei Anzeichen weisen
(Mém. Cour. et autr. Mém. pub!. p. !'acad. Royale de Belgigue Coll . in 3°. T. 49) S. 31, 32.
Die Behauptung, die mehrstimmige Tonkunst wäre nor d fr a n z ö si s c her Herkunft hat
.Johann es Wo I f in seiner "Ges chi c h te der Men s u ra I nota ti on v on I 2 6 o-
14 so" (rgo4, 2 Bde.) aufgestellt.
r) F I. van D u y se: De melodie van het Nederlandsche lied en hare rhythmische
vormen. (Mém. Cour. 11. s. w. Col!. in 8°. T. 51) S. 8.
2) H. Riem a n n: Hanclbuch der Musikgeschichte I' : Die Musik des klassisell en Alter-
tums. S. 6.
DIE l'OLYPHONE GERMANISCHE VOLKSKUNST.
57
darauf bio, dass der u ralten k e 1 ti c hen Mus ik kuIt u r die
1\l!ehrstimmigkeit schon zu einer Zeit eigen gewesen sein muss,
wo die sadeuropäische t·omani sche Kultur vondersetben noch keine
,A.hnung batte. E in Schri ftsteUer des 12. Jahrhunderts, Ge raId
de Ba rr y (Gira ldu s Cambre11sis), berichtet in seiner Be-
schreibung von Wales (Descriptio Cambriae I. VI, p. 189) von einer
komplizierten Vielstimmigkeit bei den Be> ohnern dieses Landes
und von ei ner ei.nfacheren (zweistimmigen) Form derselben bei
den Bewohnem des nördlichen E ngland (speziell Northumberla.nd):
In Borealibus quoque Maiori s Britanniae partibus trans Humbriam
Eboraci finibus, Anglorum populi qui partes illas inhabi tant
simili canendo symphoniace utuntur harmoni ae, bi 11 is t a m en
solurnmodo tonorum differentiis et vocum modulanclo
varietatibus, una inferius submurmurante, altera vero superne clemul-
cente pariter et delectante". Besonderes Gewicht und höchstes
Interesse erlangt der Bericht des G i ra I cl u s durch den weiteren
Zusatz, dass di ese Art der Musikübung bereits durch die Gewöhnung
langer Jahrhunderte eine allgemei ne, volkstümliche geworden sei,
(nee artetamen se d usu long· a evo et qua s i in na t uram
m o r a di ut in a i a m convers o") und selbst Kinder cli eselbe
ohne eige11tliche Unterweisung handbahten ("p u er is et i a m ... et
fere infantibus cum primum a fletibus in cantus erumpant e a n cl e m
mo dul at ion e m ob se r va 11 ti bus"). Am allerwichtigsten aber i st
die Vennutung· des G i ra 1 cl u s, dass di e wiederholten nonnannischen
Invasionen Art des zweistimmigen Singens aus Skandinavi en
nach dem briti schen Inselreich verpfl anzt ha ben. " A n g·l o ver o
quoniam non generaliter omnes sec! bareales so lum
hu i u s modi v o cum ut a 11 t u r m o cl u 1 at ion i bu s, credo
qu o cl a Danis et Norwagiensibus, q u i partes i 11 as ins u 1 a e
f re q u e n t i u s o c c u p a r e e t d i u t i u s o b t i 11 e re s o 1 e b a n t,
s i c u t 1 o q u e n cl i a f f i n i t a t e m s i c et c a n e n cl i p r o p r i e-
tat e m contraxerunt". I) Da das betreffende Kapitel des Gi-
r a I cl u s überschriebe11 ist: "De symphonicis, co rum cantibus et ca n-
t i 1 e n i s o r g a n i cis" und G i ra 1 cl u s hervorhebt, dass di e man-
cherlei verschicden en St immbewegungen ( discrimina vocum varia)
schliesslich stets in eine Konsonanz einmünclen (in u nam cl enique
consonantiam convenientia), so haben wir mit denjenigen Gesangs-
- --
r) Des er i p ti o Ca mb ria e I. V l, p. r8g. (Rerum Britannicarum mecli i aevi ficrip·
tor cs I, XXXVI).
ss
DIE POL YPHONE GERMANJ SCHE VOLKSKUNST.
manieren zu schaffen, die seit dem 9· Jahrhundert als "Organum"
bezeichnet wurden
1

Dass di eses volkstümliche mehrstimmige Singen in der Haupt-
sache ein Singen in Terzen oder Se x ten gewesen sein wird,
haben wir allen Grund zu vermuten, wenn es auch schwerlich
j etzt noch ganz erwiesen werden kann. Die verpönte Quinten-
folge kann man im naïven Volksgesaug noch beobachten, uncl
es ist wahrscheinlich, dass Hu c ba 1 d diese Vcrlagen theoretisch
zu [assen gesucht hat. Es ist nicht ungereimt anzunehmen, dass
die ersten Versuche einer Theorie cl es mehrstimmigen Satzes (die
des s.g. Organum) durch diese naturalistische Mehr-
stimmigkeit ang e re g t wurden; und es ist auch schwerlich
zufälli g, class, wie di e Geschichtsforschung mehr und mehr ans
Licht bringt, g·ermanische Nationen zuerst die rohen Anfänge zu
einer gewissen künstlerischen Höhe brachten, uncl class geracl e
England die eigentliche vVi eg·e des vollausgebildeten Kontra-
punktes wm·de.
Di e Ter z al s Grundlage der Mehrstimmigkeit ist für die in den
Anschauungen der antiken Theorie aufgewachsenen Völker etwas
fern Abliegendes, völlig Undenkbares ; dies er ges u n d e K e rn
cl e r h a r m o n i s c h e n lVI u s i k k o n n t e n i c h t a u f cl e m vV e g e
der Spektdation gefund e n werden, vi elmehr mussten die
V ölker, den en clieser Begriff ein selbstverstäncllicher, seit J ahr-
hunderten geläufiger war, berufen sein, mit einem Schlage Ordnung
und Sinn in die Theorie und Praxis einer Kunstübung zu bringen,
w e 1 c h e cl i e E r b e n cl e r a n t i k e n K u 1 t u r i n cl e m B e-
s treben, ein ihn e n fremd e s Element zu assimilieren,
zunächst gründlich verfahren hatten. Es darf uns daher nicht
wundern, wenn 1.111sere Untersuchungen zu dem Ergebnisse einer
mehr als einmal ziemlich s p run g· ha ft en Entwickelung führen,
welche sich durch das Eingreifen anderer Nationalitäten in der
überzeugendsten Weise erklärt. Muss der D é c ha n t der roma-
nisellen V ölker als eine Art reaktionärer radikaler U mgestaltung
der zunächst noch strenger Regeln entbchrenden vagen Bildweise
des ältern Organums im Sinne der antiken Anschauungen von
der alleinigen Konsonanz der Oktave und Quinte angesehen werden,
so erscheint dagegen der Fa u x bourdon als ebenso radikale
r) H. Riem a n n : Handbuch der Musikgesclüchte I' 1 S. 136, I37·
DIE POLYPHONE GER;',IAi\ISCHE VOLKSKUNST. 59
J{orrektur im Sinnc des Musikgeftthles der nord is c Na t_i on en,
f ü r welche die Konsonan z d e r Terz
5 c h a ft li c hen Be we is e s bedurfte, sondern ellle na_türbche
Tatsache war. E rst die endliche Verschmelzung der
K.unstlehre des diminuierten Déchant mit dem nat uraltstJschen
Fauxbourdon fllhrte zu dem eigentl ichen Kontrapunkt, der aber
rnelu eine theoretische Veredelung des ' Faux bomdon als ei.ne
Fortentwickelung des Déchant ist.
R i e m a n n s Schlussbemerkung heisst: F reilich dauertc es auch
nacl
1
di ese1· Durchdringung des F auxbourdon mit Elementen des
Déchant noch J ahrhunderte, ehe die Harmoni e, deren Abnung
sich ün Fauxbourdon o'ffenbart, zum vollen Bewusstsein geklärt
wurde, und es ist wieder nur nat ürlich, dass d ie Defi ni tion des
Wesens der Harmoni e nicht in ei nem germanischen sondemin eiuem
romanischen Kopfe perfekt wurde (Z a r I in o) ; denn noch waren
die romanischen Völker die KulturtJ· äger, di e Denker und die
germanischen mn· die Zuträger gesunden zu verarbeitenden Mate-
rial es.
1
)
Ein zweites, schwerwiegencles Zeugnis für j ene germanische
Volkskunstistder Sommerk a non d es Mönchs von Re a ding
(c. r 240), der sogar ein Doppelkanon für vi er uncl sechs Stimmen
ist. Der Text heisst:
Sumer is i comen tn,
Lhude sing cucu.
Groweth secl,
And bloweth med,
And springth the wcl e nu.
Sing cue u!
Awe bleteth
After 1omb lhouth,
After calve cu.
Bulloc stertet h,
Bucke verteth,
Jviurie sing cuccu !
Cuccu, cuccu,
\Vel singes thu cuccu,
Ne swik thu never nu!
2
)
x) H. Riem a n n: Geschicht e der Musiktheorie im IX-XI X J ahrhundert. r 8')3. S. 3 ff.
2) Ri e m a n n: Handbuch der Musikgeschichte I', S. zr 6 ff.
60 DIE POLYPHONE GER?IfANISCHE VOLKSKUNST UND IHRE TONARTEN.
So g-ut nun jener reizende Sommerkanon neben seinem weltlichen
Texte mit einem geistlichen auf uns gekommen ist, der ganz
bestimmt die Komposition nicht erzeugt hat, mögen wo hl hinter
g-ar manchem erheblich älteren Hymnus starke Inspirationen von
seitcn der weltlichen, volkstümlichen Musikübung· des Volksliedes-
uncl Tanzes verborg-en sein, die sich nicht mehr feststellen lassen.
Die Kirche hat aber schon seit frühen Zeiten durch wenn auch
wiclerstrebende und oft zürückgenommene Zulassung solcher Ele-
mentc in wciser Voraussicht sich einen starken Einfluss auch auf
dem Gebiete dieser Seite der Kunstübung- g·esichert und stärkeren
Konflikten rechtzeitig vorgcbeugt.
In Bezug nun auf van D u y se s Theorie, dass die Melodien der
weltlichen Lieder den kirchlichen Tonarten entlehnt sind, ist die
Tatsache, dass der Sommerkanon in einer Dur-tonart und zwar
f-D u r, steht, von einschneidender \Vichtigkeit. Die a
1
usführliche
Beischrift bezeiclmet das Stiick nachdrücklich als "rot a". r) Die
Rota oder Ronclellus, ein mehrstimmiges kanonisches Tonstück,
reelmet Johannes de Grocheo (Ende 13. Jahrh.) zur volks-
mässigen Musik. 2)
Ein zeitgenössischer Schriftsteller, A eg i cl i u s cl e M u r in o, der
uns von den Tanzliedern (Ba 11 ad a, V iron e 11 u s und R
0
n-
el e 11 u s) berichtet, sagt in Bezug auf letzteres: "Das Rondeau ha t
im ersten Teile einen Halbschluss, wenn C Finalis ist auf e, wenn
a Finalis ist ebenfalls auf e, - im zweiten einen Ganzschluss". 3)
Nun sagt Riem a n n: Bemerkenswert ist aber die besondere Her-
vorhebung von C (Dur) und H (Mol!) als Finalis für das Rondeau
(uncl wohl nicht nur fiir dieses), welche cleutlich genug auf den
Durchbruch der modernen Tonarten in der welt-
Iichen Musik hinweist.Sagtdoch Zarlino (I5I7-9ü)("Opere"
S. 4 I I) ausdrückiich, dass die meisten Ba I I i und Dan z i seiner
Tcit in C-dur stehen, weshalb man cliese Tonart den Modo
lascivo" nenne. vVieweit cliese Vorliebe der weltlichen für
das Durgeschlecht zuri.ickreicht, wissen wir nicht, doch lassen ein-
J) Riem a n n: Handbuch der Musikgesch. !>, S. 219.
2) Vgl. Sammelbände der Internationalen Musikge s ellschaft. Bd. I.
s. 106 fî.
3) Ed. I-I. de Coussemaker: Scriplot•es de musica medii aevi (1864-?6,
4
Bde.)
IJl, s. 128.
ltem Rondellus ha bet apertum ante, et quando tïnitttr in Ut, debet esse decima; et
qunndo finitttr in La debet esse qninta, et retro clausnm.
DIE POLYPHONE GERi\IANISCHE VOLKSKUNST UND IHRE TONARTEN. 6 I
zelne Bernerkungen der Theoretiker, Eigentumlichkeiten der Mu ik-
instrumeute und einzelne erhaltene Denkm:iler der weltUehen Kunst
(die Tanzlieder Ni t hart s und andere Minnesäuger- und
dourmelodien, auch z. B. das
11
S u me r i i co men in") auf eine
weit zurilcldiegende Epoche schliessen. 1)
Der Musikgelehrte Henricus Loritus Glareanus
2
) be-
richtet in seinem Dodekachordon (J547): Heute sei der
1
0
n i u s der bel iebteste von allen Tönen, wenn auch, verbannt
von seiner eigentlicben 1-leimatstelle, in die Oberquarte transponiert.
Derselbe sei ganz besonders geeignet fur Tanzstücke und ( dafür)
in den meisten Gegenden Europas, die er gesehen, i_n allgemeinem
Gebrauch." 3)
Die r:o nis c he Tonart wircl von G I are a n selbst als IIIc
ang-egeben :

. I
authentisch: Ion i u s
plagal: Hypoliclius.
Durch die Transponierung von in b wurde der tritonus entfernt und
entstand allmählich dief Durtonlei ter (f e d c baG F). Wie
van D u y se auch augibt, bestand die IGrchentonart (die "normale"
Tonart, sagt er) grösstenteils aus den Klängen des roodalen Drei-
klanges F ac welche als und Schlusskonsonanz dien ten. s)
Zu jener bypolidischen Tonart, der V. Kirchentonart, bemerk-t
Guido von Arezzo (c. 995-1050), dass es die Tonart des
Landm anns, die ländliche Tonart sei (troporum quintu
tritus agricolae dictus). 6)
Dass es nun grade die clurartigen Tonarten sinc1, die in
r) Geschichte der Musiktheorie. S. zog.
2) E_igcntlich He in ri c h Lor is aus G I ar u s (gcb. 1488, gest. rs63). Er war befrentt-
elet mit den niederländischen Humanisten Erasmus und Justus Lipsius, dozierte von 15r8-29
zu Base!. Jcne Notit erhält fiir uns doppelten \Vert, wei! Glarean in Köln :V!usik studiertc
uncl also Süd-Niederland besucht bat.
9) Riemnnn. GeschicbH: der Musiktbeorie. S. 353·
Dodekachordoo S. us: Alter terûae Dlapnson Modus Ionicus dicîtur divisu:s har·
monicos, ideoque in h11c classe princeps. omnium Modorum usitatissimus, sed
nostra astale scde propria exulans per diatcssaron in Lydii finali clavi bocest F, non
tarnen absque F g in b clavi cantus finit ... Porro bic Modus s altationibus
aptissimus est quem pleraeque Europae regionis quas nos vidi mus adhuc in rrcquenti
habent usu.
4) Also f Dur.
5) Vgl. die Liederbeispielc bei v. D u ys e: De melodie van het Nedl. Lied S. 30 ff.
6) Fr. A u g. Gevaert: La mélopée dans Ie chant de l'église latine. 1895. S.
62 DIE POLYPHONE GERMANISCHJ•. VOLKSKUNST UND IHRE TONARTEN.
G u i d
0
s System des mehrstimmigen Singens des Organums als
besanders geeignet erschei nen, ist in Bezug auf das V orbergebende
sehr wichtig:
Riem a n n bemerkt hi erzu: Man muss wo hl annehmen, dass der
allmähliche Durchbruch der Auffassung im Dursinne, an Stelle der
im Altertum liberwiegenden im Mollsinne, die erste Entwickelung
der mehrstimmigen Musik begünstigt hat.
Wirwerden uns für die Zeit ei nes G u i do v o n Are z zo und noch
weiter zurück eines Hu c ba I d v on St. A m a n d das so zu denken
ha ben, dass die Theoretiker nach F o r mui ie run g f ü r ei n e
Art der lVIehrstimmigkeit s ucht e n, welche rein natu-
ralistisch empirisch ge übt wurd e und die vielleiebt
a n inner er L og ik cl en Er zeu gnisse n der si e beI a u-
schenden Theorie weit überl ege n war; besoud e rs
mag das auf dem G e bieteder ge flissentlich von den
dem geistlichen Stande an g eh ö ri ge n Theoretikcrn
tot geschwiegenen weltlichen lVIusik derFall gewesen
s ein. Für uns I-leutige existiert leider für jene fernlieg·ende Zei t
nur die Theorie mit ihren trackenen Schulbeispielen; wir können
aber aus der vortre(-fiichen musikal ischen Beschaffenheit der auf
uns gek01nmenen Liedermelodien der lVJinnesänger- und Trou-
badours schli essen, dass wohl au eh die wild ge w ac hsen e me h r-
stimmige weltlich e lVIusik die se r Ze it von besserer
Qualität gewesen sein wird als die Schulbeipiele der
Theoretik er. Zu enveisen ist das freilich nicht. Fassen wir
cl as Erge b nis d ah in zus a m men, das s . w i r z u n ä c hst
du rch J a hrh un d e rt e z u verfalgen ha ben, wie die
Th e o r e tik er e i n e v ie 11 ei c h t u n se rem he ut i gen me h r-
s ti m mig en V o 1 k s ges a n ge me h r ode r minder ent-
s prech e nd e Art d e r Polyph o ni e auf festliegende
Kunstgesetze zurückzuführen v e r s uchten und dabei
oft genug gefehlt haben m ögen.
1
)
\iVird schon die Problemstellung durch die profane Herkunft der
mehrstimmigen Tonkunst eine vollständig andere, so erhält sie
I ) Riemann: Gesellichte der l'dusiktheorie S. 82 und 5· Vgl. dazu E. de Couss e·
maker: Histoire de ]'Harmonie au Moyen Age. 1852, S. Sr: Combien ne serait-il pas
int èressant de connaitrc cette musique, dont l'attrait, au dire des historiens, était si puis-
sant que, malgré les défenses les pl us sévères, 1 e p e up 1 e y reven a i t t o uj o u r s, co m me
poussé par une f or ce irr és istih 1e?
DIE ENTSTERVNG POL VPHONEN TONKUNST.
1
die Forsehungen V i ct o r Lederers I) einen di rekten
dure l .
scblag in das Gegente1l. . .
sich bis jetzt die Annahme, dass die polyphone Mustk em
dukt süd-ni ederlandischer Klosterkultur wäre, als unhaltbar
pro . ebensoweni g lässt si eh di e traditionelle Darstellung
erwJ esen, 1 . 1 lVI 1
Z
eiten au( rechterhalten dass die kontrapun dtsc 1e eH-
fruherer ' _ .
. · keit der Musik im Schosse der rë!mschen Ktrche ent-
sttillillig d ·
d
und in den Ni ede r 1 a n den grossgezogen wor en set.
stan en d
·
1
chr hat Ledere r es jetzt sehr wahrschcinlich gemacht, ass
Vte.Ill . · · 1 ·
. klassische Blote der polypbonen Tonkunst, wte ste s1c 1 1111
Jene · · 1 d · k lt f
Jahrhundert in den sttdlicben Nteder an en entwtc e e, au
15
"
1
. ,.r,c Beeinflussuna zurUckzuführen ist, sofern nicht RiematlllS
eug ts .. ,. . ::. . . .
Auffassung, dass d1e Wtege der Ars nova 111 Florenz stand, auch
Erg
änzuno· herangezogen werden muss,
zur "' . .
1
Jene irrige Darstellun?' entstand d_adurch, dass dte lVIustkgel_e ute_n
lange Zeit hindurch clte Verhältmsse des
denjenigen des Mittelalters da thr: Kenntmsse ubet-
haupt nicht weiter bts. I 501. ) '- . ,
Als BegrUnder jener Tradttton smd Kt es e wetter und F e.t 1 :;
zu nennen mit ihren bekannten Arbeiten, emer
von der 4· Klasse des "Koninklijk Nederlandsch Instituut van
Wetenschappen, Letterkunde en Schoone Kunsten" im Jahre 1824
ausgeschri ebenen Preisfrage. 3)
Der leitende Grundsatz bei der Erörterung des Problemes, wo
und wie entst and die mehrstimmi ge Tonkunst, war: "quod non
est in actis, non est in mundo," - was wir nicht. besitzen,
hat es nie gegeben. Damit wurde die Volkskunst emfach erledtgt
Ueber Hel
·mat und Ursprung der mehrstimmigen Tonkunst.
r) Victor Lcderer:
Lcipzig. 1906. . " ( ) s
So z. B. F or k e 1 in seiner . Allgemcincn Litteratur der Mus1k · 1792 ·
nDle hernhmtesten Tonktl.nstler des XVI. Jahrhunderts sind_ Niederländer. dte
slch zu ihrer Zeil ebenso in alle europaeischen Liinder verbre1tet haben, w1c nach
die ltalienor thatcn. Dieser Umst.and ist noch von wenigcn Ge:'clnchts-
schrclbern cnvogen worden. Und dennoch verdient er es vonUghch, we1l es s1ch dann
viellelebt ergeben w!lrde, da.s.z nicht die Italiener, bis jetl.t stets geglaubt hat,
sondern die Nlederliinder d1e eigcntllchen ersten mns!kahschen Lehrer der librigen enro-
pacischcn Rciche gewesen sind."
3
1 Verhandelingen over de vraag: Welke voretiensten hebben zich de
vooral In de T.
4
e, xse, en t6e eeuw in het vak der en m hoc verre
kunnen de Nederlandscha Kunstenaars van dien tijd, die z1cb naar Italtl!n begeven heb-
ben, invloed gehad hebben op de mnzykscholcn, die 1.ieh kort daarna in ltalH!n hebben
gevormd? Door R. G. Kiesewetter ên F. J. Fé ti s. Amsterdam.
DIE ENTSTEHUNG DE1t POLYPHONEN TONKU:'I:ST.
und, wei! sie von der kirchlichen Kultur mundtot gemacht worden
war, als nicht vcrhanden abgefertigt. Auf dieselbe Art verfuhr
man sogar mit den zeitgenössischen Musiktheoretikern, die nicht den
Niederländern, sondern den Engländern die Priorität zuerkannten uncl
sie die Abnherren der Kunst ihrer Zeit nannten. Nach Am bros r)
"war die Kunst des Tonsatzes in England noch in den ersten
Anfängen, als die Niederländer schon fertige Meister und eine
ausgebildete Tonkunst besassen. Umso weniger" - sagt er, -
"dürfen wir also dort die Heimat der Kontrapunktik suchen",
welche Behauptung sich an Kiesewetters Ausführungen anlehnt,
es könne sich "auch nicht der fernste Zweifel erheben, dass auch
schon in der Vor-Dufayschen Periode, zu einer Zeit, in welcher
in andern Ländern die Kor.trapunktik noch garnicht oder nur in
schwachen, ja rohen Versuchen ausgeübt wurde, die Niederlande
der I-Ierd einer schon hochgetriebenen Kunst gewesen sein müssen".
Besser unterrichtet waren aber die Schriftsteller jener goldenen
Zeit cler niederländischen musikalischen Höhenkunst von clenen an
' .
erster Stelle Johannis Tin ct o ris in Betracht kommt, cl er be-
rühmte südniederländische Theoretiker und Kapellmeister am Hofe
Ferdinands von Aragonien zu Neapel, der, urn 1445 zu Poperinghe
geboren (gest. I 5 5 I), in seiner früheren J ugend wo hl noch
selbst Gelegenheit hatte, den Einfluss der englischen Komponisten
auf seine Landsleute zu beobachten.
2
) Er erzählt im Pro he-
mium seines "Proportionale musices editurn a magis-
tra Joanne Tictorisin legibus licentatio" 3)etc: Nach-
dem die Mus ik bereits seit den Zeiten des prothomusicus Ju bal
eine lange Entwicklung durchgemacht, haben nun endlich auch
die allerchristlichsten Herrscher (principes christianissimi) sich
entschlossen, "more davidico" Kapellen einzurichten deren Säno-ern
' 0
sie ausgezeichnete Gehälter zahlen. Das sei der Grund, warurn
sich nun viele Leute mit Feuereifer auf die Pfleg·e der Musik
werfen. Und er füg-t hinzu 4):
r) A. W. Am bros: Gesellichte der !'vlusik (r862-78) 4 Bde. nebst einem (S) Beispiel-
band von 0. Kade und Register von 'vV. B ä n m k er (r882).
2) Vgl. Lederer S. 13.
3) Abgedruckt bei Ed. H. de Co u ss e maker: Scriptores de rnnsica medii aevi
(r864-76, 4 Ede.) Bel. IV, S. 153.
4) "Quo fit, tlt hac tempestale faettltas nostrae musices tam mirabile susceperit incre-
nlentum, quod ars nova esse videatur, cuius, ut ita dicatn nov a e art is fon s et o r i go
a Pud A,tgticos quorum caput Dunst a p l e exstitit, fuisse perhibetur, et hu ie contem po-
DIE ENTSTEHUNG DER POLYPHONEN TONKUNST.
So komrot es, dass in unserer Zeit die Fäbigkeit unserer Musik
e i ~ ~ n so wunderbaren Aufschwt1ng genommen hatj weil sie eine
neue Kunst zu sein scheint, welche, um also diesen Namen zu
ebrauchen, als "neue Kunst" dem Vernebmen nach Quelle und
t rsprung bei den Eng 1 ä n der n hat, als deren Haupt (scil. in
letzter Zeit) Dunsta pl e auftrat, mit dem noch gleichzeitig in
Gallien d u Fa y und B i n c h o is lebten, dèren unmittelbare N ach-
folg-er schon die "Modernen" 0 keg hem, Bus n o is, Reg is und
Ca r 0 n sind, die hervorragendsten Meister des Tonsatzes, die i eh
je gehört."
Ähnliche Stellen finden sich in seinem "Co m p 1 ex u s effe c-
tuum musices" r) und im "liber de arte contrapunti''
2
).
Ledere r zählt noch eine Reihe anderer zeitgenössischer Ge-
währsmänner auf, u. a. den französischen Dichter Martin 1 e Franc,
Prohst an der Kathedrale zu Lousanne (t q6o). Er erwähnt die
musikalische Neublüte in Paris und den Reichtum der Melodien
van Tapissier, Carmen, Cesaris.
Mais onques jour ne deschantèrent,
En melodie de tels chois,
(Ce m'ont dit ceulx qui les hantèrent)
Que Guilla u me D u fa y et Bin cho is.
Carl ilz ont nouvelle pratique
De faire frisque concm·dance
En haulte et en basse rnusique 3)
En fainte 4), en pause et en muance,
Et ont prins de la contenance
A g 1 o i s e et ensuy D u n s t a b 1 e,
Pour quoy merveiHeuse p1aysance
Rend leur chant joyeux et stable. 5)
Martin 1 e Franc e leb te längere Zeit am burgundischen Hofe
und lernte dort im J ahre 1437 d u Fa y persönlich kennen. Da
ranci fuerunt in Gallia d u Fa y et Bi n c ho is, quibus immedia te sneeesserunt modern i
0 kegh e m, B usn o is, Re gis et Ca ro n, onnium quos andiverim in compositione praes-
tantissime.''
r) Coussemaker. Scriptores IV. S. rgr ff.
z) ibidem IV. S. 76 ff.
3) .Haulte et bas se musiq ue" = Ba ss und Sopran.
4) "Fainte" ("Finte") = musica ficta, Chromatik, Anwendung von b und ll·
5) Ledere r S. 22, 23. Für die weiteren Belege vgl. S. 23 ff.
5
66
DIE ENTSTERVNG DER POLYPHONEN TONKUNST.
hätte er diesem nie und nimmermehr einen Ruhm abgesprochen,
den er verdient, wie Ledere r bemerkt.
Es ist das Verdienst F ra n z X ave r Ha b er ls, in seiner mono-
grapbischen Studie ober d u Fa y
1
) den _Beweis
aeliefert zu ha ben, dass der Komponist d u Fa y mcht, w1e man
auf Grund .irrtomlich'er Behauptungen F é ti s', Kiese wet-
t e r s und anderen angenommen batte, i. J. I 43 2, sondern er st am
2
7. November l474 gestorben ist, nicht schon um 1380 Mitglied
der päpstlichen Kapelle war, sondern erst nach 1431 zum Kleriker
ordiniert wurde. Damit wurde die Annahme, Dunst a p 1 e, als
dessen Todesjabr die Grabschrift 1453 nennt
2
), sei junger als
du Fay, vollständig hinfällig. Nach Haberls vortrefflichen Aus-
führungen, die auf unzweifelhaft ecbtem und zuverlässigem QueUen-
material beruhen, steht ein for allemal fest, das s Dunst a p l e
fast ein Menschenalter vor du Fay zu setzen ist, ihm
somit wirklich die Priorität und jener Rang gebührt, den die
ältesten Nachrichten ihm zuerkennen. Besonders wichtig für die
neue Problemstellung war nun die Entdeckung der sechs Mensu-
ralcodices des Domkapitels zu Trient, die uns von Dunst a p 1 e
und seinen Landsleuten eine grosse Zahl von Kompositionen er-
halten haben. 3)
Es ist also die uns im politischen und wirtschaftlichen Leben des
Mittelalters so oft begegnende englische Beeinflussung, welche auch
die klassische Blüte südniederländischer Tonkünstler hervorgerufen
bat. Wie Ledere r nachgewiesen, ist jene englische Blütezeit, die
Periode D u n st a p 1 es, ihrerseits wieder auf eine keltische Renais-
sance, auf eine \Niederbelebung der w ä 1 is c hen Volkskunst
zurückzuführen. Und so finden wir am Ende dieses Kreislaufes
wieder die V o 1 k s kunst als einzige QueUe einer sekundären
Höhenkunst.
Der polyphone Volksgesaug in Wales ist durch eine lange Reihe
unzweifelhafter historischer Nachrichten verbürgt, deren eine, die
Nachricht des G i ra 1 dus, schon Erwähnung fand. Was die keltische
Kultur nach ihrer Christianisierung für das Abendland und das
Germanenturn weiter geleistet bat, ist bekannt. Und es ist bezeich-
nend, dass grade die Musikwissenschaft darin eine grosse Rolle
I) Fr. x. Ha b e rl: Bausteine zur Musikgeschichte. Bd. I. Wilhelm du Fay. rsas.
2) Lederer S. 36 ff.
3) ibidem S. 77.
-
DIE POL YPHONE WALISCHE VOLKSKUNST.
spielt. Man braucht nur der St. Ga 11 ener Mus ik s c hu 1 e zu
a-edenken, die eine keltische Gründung war. Was bisher an Kunst
:nd Wissenschaft in "Ta ras Ha IJ" verborgen geblüht, ward
durch die christliche Missionsidee in alle Welt getragen: von den
hohen Schulen zu Limoges und Glendalough zogen cluist-
Jiche Druïden aus, durchwanderten als glaubenseifrige Apostel
a-anz Europa und bluteten im Barbarenlànde für die Lehre des
b •
Heils und - für keltlsche Kultur.
1
)
Und ein Waliser war es, der bei der Gründuna der ältesten
b '
allen später entstandenen Hochschulen zum Vorbild dienenden
universitas litterarum zu Oxford, im Jahre 886, als erster
Professor der Musikwissenschaft den alten Lebren der Barden
Britanniens ein zeit- und zweckgemässes Gewand zu geben ver-
stand und so, unmittelbar aus altbardischer Kunst und Wissen-
schaft heraus, die Disziplin der modernen Musikwissenschaft bezie-
hungsweise Musik-Fakultät, an den europäischen Unive;sitäten
begründet hat.
2
)
Keltische Missionare waren auch übers Meer in die Niederlande
gezogen und batten damit die Beziehungen hergestellt, die noch
oft befruchtend auf dieNiederlande einwirken sollten. Jene späteren
politisch-wirtschaftlichen Beziehungen vermittelten auch die Berüh-
rung mit der Renaissance der keltischen Volkskunst, welche sich
seit dem Ende des I 2. J ahrhunderts in England Bahn brach.
Abgesehen von älteren Beziehungen zwischen der keltischen
Bevölkerung Belgiens und Britanniens waren ja die Angeln und
Sacbsen den Friesen und Franken aufs nächste verwandt, waren
die musikalischen Wallonen und Flämen (und diese bil-
cl en die s ogen a n n ten "n ieder 1 ä n dis c hen Sc hu 1 en"),
die eigentlichen Niederländer (die Ho 11 ä n der ha ben her z-
lich we ni g Ver t ret er- bemerktLedere r), nicht nur Namens-
sondern Blutsvettem der Wälen und der Fläminger in Glamorgan
und Pembroke (Wales). Bildete es doch einen politischen Schachzug
Heinrichs I., dass er i. J. I I I I den Aufstand der noch immer
revoltierenden Kymren durch die Ansiedlung von Flämländern in
Südwales zu brechen suchte. Und was die politischen Verhältnisse
anbelangt, so braucht man nur daran zu denken, dass in dem gan-
I) Victor Lederer: Keltische Renaissance. Eine Vorrede. 1go6 S. 21 •
2) ibidem S. 7·
..
68
DIE POLYPHONE WALISCHE VOLKSKUNST.
zen
114
Jahre währenden Kampfe Englands gegen Frankreich
(
13 39
-145 3) die Niederländer regelmässig auf seiten der
länder stehen.
Die Art, wie im englischen Heer von den Wälen im 14.
hundert "metrisch gesungen wurde'' ("metrice canebatur'') r), mögen
da die Belgier übernommen haben, zumal die in Südwales an-
gesiedelten Flamländer gewiss auch im englischen Heere vertreten
waren und bei ihrer Kenntnis der wälischen Musik, die sie sich
in ihrer neuen Heimat erworben haben müssen, das Bindeglied
abgeben konnten, durch wekhes die wälische Musik für die
länder und anderen Niederländer in der alten Heimat Interesse
wann. Auch viele Wechselheiraten bahnten englischen Einflüssen den
vVeg nach den Niederlanden. Dass diese Beeinflussung speziell das
musikalische Gebiet berührte, erfahren wir ganz ausdrücklich. So
hören wir, dass bei der Hochzeit der englisellen Königstochter
Margarete E!eanor mit Johann von Brabant eineUnzahl
Minstreis (der Mehrzahl nach britannische Barden) zusammen-
strömten, und des Königs Harfner vV alter de Stort on 100 .E,
unter 426 Minstreis verteilte, von wekhen ein grosser Teil den
Neuvermählten folgte, da englische Prinzessinnen ohne Musik nicht
sein konnten. z)
Aehnliches hören wir bei der Hochzeit von Margaretes Schwester
E 1 is a bet h mit Johan n v on Ho 11 a n d (I 296), dem Sohn des
Grafen Floris V., von dem die Chroniken berichten, dass er ein
guter Sänger war. Daher finden wir auch eine Unzahl von englischen
Minstrels, das sind zum grössten Teil wälische Barden, als ausübende
Musiker an den kleinen Höfen F 1 ander n s und des Hen n e-
g a u 3), also grade in jenen Gegenden, aus wekhen die berühm-
testen "niederländischen" Kampanisten hervorgingen, die oft so
wälisch klingende, zungenbrechende Namen haben.
Aber auch darauf ist zu achten, dass, wie schon Am b ros aus-
drück1ich betont 4), "kein niederländischer Sänger, kein nieder-
1ändischer Kapellmeister je den Kana1 passierte, dass man aber
r) Bericht ans den Annalen des Klosters von Bermondsey. (Annales Monastici. Vol. UI.)
bei Ledere r: Ueber Heimat und Ursprung der mehrst. Tonkunst S. 82.
2) Vgl. Wiliba\d Nagel: Geschichte der Musik in England. r8g4-97. 2 Bde. I,
S. roS ff. nnd S. 147 ff.
3) Vgl. Jo se f Sittard: Ueber Jongleurs und Menestrels. (Vierteljahrschrift für Mu-
sik- Wissenschaft r885) S. 1g8.
4) Gesellichte der Musik. II, S. 509.
DIE POL YPHONE WALISCHE VOLKSKUNST.
urogekehrt in den Niederlanden engliscbe Sänger zu schätzen wusste,
wie das Beispiel Robert Mortons oder John Stuarts (auch
ein l{elte) beweist.''
Die Durchsetzung von ganz Stid-Niederland mit englischen
(wälischen) Minstrels, deren Nationaleigentomtichkeit eben der
polyphone Gesang .bildete, der hauptsachliche Faktor, wekher
die Bltlte der sildmederlanclischen Musik seit der Mitte des I 5· Jahr-
hunderts vorbereitet bat.
Jene Minstrels, welche in den freiheitlichen Niederlanden ge-
acbtete Musiker und keineswegs Gaukler waren, traten einfach in
den Dienst der Kirche und wurden bei dem musikalischen Bankrott
des Klerus mit offenen Armen empfangen. r) Vers c h winden
doch in England wie auch in Süd-Niederland die
:Mi n s t r e 1 s u n d M en e s t r i e r s g e n a u z u d e r s e 1 b e n z e i t,
d a d i e n e u e B 1 ü t e d e r K i r c h e n m u s i k a n h e b t. Dur eh
diese Rezeption der Menestrie in den Schoss der Kirche erklärt
es sich denn auch, dass die niederländischen Sänger in der
Regel vorzügliche Instrumentalmusiker waren - vor denen doch
der frühere Klerus einen gewissen Abscheu hatte. 2)
Die grosse äusserliche Veranlassung, wodurch die keltisch-eng·-
lische Tonkunst ihre Verbreitung über Europa fand, war der
bekannte Londoner Fürstenbesuch i. J. 1416.
zahl ist auch dadurch gedenkwürdig, dass sich in diesem Jahre die
Einführung· der "novae caerimoniae" in England vollzog, tmter
dem mächtigen Schutze des grossen musikgläubigen Herrschers
He in r i c h s V. Es ist der eigentliche Ausg·angspunkt für die Blüte
der polyphonen Kirchenmusik.
Diese Reform der Kirchenmusik in England, die Einführung der
"neuen Zeremonien" (von denen noch die Rede sein wird), fand
während der Anwesenheit jener zwei Herrscher statt, die in der
Folge sich die Förderung der "neuen Kunst" am meisten angelegen
sein liessen. Es waren König Si gis m u n d von Deutschland und
Johan n, Herzog von Burgund, der Va ter jen es Ph i 1 i p p, der
1
) V on d u Fa y wissen wir, dass er auch als Musiker noch zuvor Laie war und erst
später Kleriker wurde! Ja Bi n c ho is war, ehe er Kleriker wurde, geradezu ein Lebemann,
Wie alle die Jongleure. Ledere r S. 123.
2
) S.o wird es auch versnindlich, dass der friihere Name der Minst reis, J 0 ca t
0
r ader
J
0
ca 1t s se! IJst im Archiv der päpstlichen Kapelle erscheint. Vgl. Ha b er 1 s Abctruck in
der Vierteljahrsschr. f. Musikwiss. I, S. 515. "Ex Archivo Capellae Pontificiae: "Pro
custode Paramentorurn et Jo ca I i u m Capelle".
70 DIE POLYPHONE WÄLISCHE VOLKSKUNST UND IHRE VERBREITUNG.
fast die gesamten Niederlande unter seinem Zepter vereinigte
und als Schutzherr der Künste bekannt ist. Wie erfüllt beide von
Bewunderung für die "neue Kunst" der Sänger und Instrumenta-
listen der köninglichen Kapelle waren, geht hervor aus dem Inhalt
der Flugschriften und Zettel ("cedulas"), die sie bei ihrem Abzug
aus London urnberstreuen liessen.
1
) Durch Kaiser Sigismund,
den Tin ct o ris den Förderer ("gerens") der "anglica vota"
2
) nennt,
begünstigt, mag also die Kunst der (wälisch-) englischen Sänger
auf dem Konzil zu Konstanz, dem ersten Weltkongress Europas,
einen grossen Triumph gefeiert und so ihre Verbreitung über
Europa gefunden haben. 3)
Besouders am burgundischen Hofe des Herzogs Philipp fand die
"nova ars" der Engländer freundliche Aufnahme. Der Hof dies es Herr-
schers wurde zum Sammelpunkt der britischen Musiker und zum Aus-
gangspunkt ihres Ruhmes in den französischen Ländern. Dafür liegt das
unwiderlegbare Zeugnis des Martin le Franc e vor, der in seinem
etwa im Jahre I440 enstandenen Gedichte "Le Champion des
Dames" die "Engländer und ihre Kunst" verherdicht und erzählt, wie
du Fay und Binchois vorder Gewalt ihrer Musik verstummten. 4)
Tu as bi en les A n g 1 o i s ouy
J ouer à la court de Bourgogne
N'a pas, certainement ouy
Fut il jamais telle besongne:
J'ai veu Bi n c ho is avoir vergongne
Et soy taire emprès leurs rebelles,
Et d u Fa y despite et frongne,
Qu'il n'a mélodie si belle.
Der Einfluss der englischen Kunst auf die niederländische wird
nun liberwiegend und offenbart sich denn auch in deren weiterer Ent-
wicklung. Alle Niederländer kennen und verwenden die als spezifisch-
1) Lederer. S. 97 ff.
2) Ledere r. S. II4. nAnglica vota" erscheint beiTin ct o ris in identischer Bedeutung
rnit den rnovae caerbnoniae", der
11
nova ars''.
3) Seit dem KonziJ zn Konstanz datiert der Einfluss der nEngländer" in der päpstlichen
Kapelle, Ledere r, S. n8. Es !reten Sänger mit latinisierten wälischen ader englisellen
Namen auf. Vgl. F. X. Ha b er I: Die römische Sc hola Cantorum und die päpstlichen
bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts, (Vierteljahrsschrift für Musikwiss.Jahrg.
lil, S, 198 ff.)
4) Lederer. S. III.
DIE POLYPHONE WÄLISCHE VOLKSKUNST UND IHRE VERBREITUNG, 7I
englisch bezeichnete Kompositionstechnik des Fa u x-Bourdon x),
während sich kein Engländer einer niederländischen Satztechnik
bedient. Viele niederländische Tonsetzer verwenden mit Absicht
und sichtlicher Liebe eng 1 is c he Melodien I So zum Beispiel d u
Fa y, von dem seinen Namen tragen de Kompositionen erhalten
sind, die ausdrUcklich die verwendete Melodie als "cantus A n g-
1 i ca nu s" bezeichnen.
2
) U nd jen er e11glische Einfl.uss, die Ver-
wendung englischer Melodien, blieb bis zum Ende des 16. Jahr-
}lunderts vorherrschend. Man braucht uur bekannte Sammlungen,
wie das Lautenbuch des Th y si u s und den ,,Gedenck-clanck" des
va 1 e ri u s auf ihren Melodiengehalt hin oberf!ächlich zu prufen,
um die Rolle, die die englischen Musiker an den deutschen Höfen, in
Dänemark und Niederland spielten, würdigen zu können. Bis auch hier
der alleserstarrenmachende Odem des Calvinismus die musika-
lische Blüte wie die herrliche dramatische vernichtete.
Die Rolle, welche die englische Musik in der niederländischen
Kultur von der Wende des 14. Jahrhunderts an gespielt hat, ist
die einer Erlöserin; Sie befreite die Volkskunst von den Fessein
der unnatürlichen kirchlichen Höhenkunst und ermöglichte es ihr,
die kirchliche Abstraktion befruchtend zu durchdringen. Denn
wenn die Ueberlieferung uns auch nicht historische Dokumente
erhalten hat, welche die Existenz einer mehrstimmigen germani-
schen (speziell niederländischen) Volkskunst beweisen, so sind wir
gewiss dazu berechtigt - wie bereits früher ausgeführt wurde -
schon auf Grund jener dürftigen Nachrichten der Konzilbeschlüsse,
1) Der Faux·Bourdon wirdvondem Mönch Guilelmus (Coussemaker:Scrip-
tores, lil) unter die "Modi Anglicorum'' gerechnet, Der Fauxbourdon (faburden, falso
bordono), jene alle Farm volkstümlicher Mehrstimmigkeit und Harmonie, ist eine Erwei-
terung des sog. englischen T re b 1 e- si g h t (Sopran-Leseweise). Das We sen dies er T re bIe·
si gh t bestebt darin, dass der Diskant (Treble) zu Anfang und Schluss jedes Melodiegliedes
als im Einklang mit dem Tenor befindlicb, im übrigen in Unterterzen yarallel gebend
vorgestellt wird, in \Virklichkeit aber eine Oktave höher klingt, sodass an die Stelle
der Entfernungen Einklang - Unterterz - Einklang die weiteren Abstände Oktave -
Sexte - Oktave !reten. Der Fa u x bourdon ader dreistimmige englische Diskant fügt
zwischen die beiden Slimmen des Gymel (Tenor und Treble) einedrittemittlere(Mene,
Me a n) in Altlage ein, welche dieselbe Leseweise anwendet, aber sich zum Anfangstone
im Quintenabstand einstellt, sodass die Einklänge der Notierung zu Quinten und die
Unterterzen zu Oberterzen werden. (Riem a n n: Handbuch der Musikgesch. P. S. 163.)
2) In Cod. 6. zu Cambra i. fol. r66 fmdet sich bei einem "Sanctus" von d u Fa y die
Beischrift "cantus sequens est cantus A ngl i ca n us"; ebenso des öfteren in dem
Trienter Codices, Ledere r S, 126.
72 DIE POLYPHONE WALISCHE VOLKSKUNST UND IHRE VERBREITUNG.
Klosterchroniken, Heilig-enleben u.s. w. einen derarti g beschaffenen
Volkso·esana als bestehend anzunehmen, der nach G i ra 1 dus soe·ar
b b ~
die wälische Volkskunst beeinflusst hat. Und wennes auch die k e 1 ti-
s c he Volkskunst ist, die die Entwicklung· der niederländischen Ton-
kunst gefördert und beeinflusst hat, so stehen wir doch immer wieder
vor der unumst össlichen Tatsache, dass die V o 1 k s kunst u n d
nicht die kirchlich e Abstraktion und Theorie die
einzig-e Quell e der ga nzen später e n Blüt eze it bildete.
Die Einführung der " novae caerimoniae" in England durch
Heinrich V. bedeutete den Si eg- der Volkskunst über eine wider-
natürliche, fremde Kulturvergewaltigung-. Einer ihrer wichtigsten Mo-
mente ist die Aufnahme der Instrumentisten, der Spie 11 e ut e
in die kirchliche Höhenkunst. Diese aus den verschiedensten
Elementen zusammeng-esetzte Kl asse war bisher die einzig-e Trä-
gerin der weltlichen Kunst gewesen. Der Sieg der letzteren bedeutete
auch ihren Sieg. Von dieser Zeit an ist die instrumentale Kunst
eine anerkannte geworden, und verschwindet der Gegensatz der
c hor a u 1 en ( weltliche) und simp ho n i a c i (kirchliche Musiker
oder Sänger). Ihre Kunst brachte die nat ü r 1 i c he Me h r st i m mig-
keit und den harmonischen Beg-riff. Der Faux-bourdon
ist der Inbegriff jener volkstümlichen harmonischen Füllstimmen.
Die Terz als Melodieschritt, der Septimenakkord, das Durch-
brechen der Dur und Molltonart, die Restitution des geraden
Taktes und die Aufhebung des absoluten Gebotes des Trippel-
taktes, die Unterscheidung von perfekter und imperfcider Mensur
u.s. w. - das sind di e Errung·enschaften jener "nova ars," die
sich im Kampfe mit der Kirche emporgerungen hatte.
Denn der vViderstand war kein g·eringer. Bekannt ist jener
Erlass des Papstes Johan n XXII., der aus Avignon die Bulla
"Docta Sanctorum" (1 324) I) nicht nur geg· en die Ausartungen
der Pariser Ars Antiqua und deren übertriebene V erzierungskunst
erliess, sondern darin auch den Gebrauch der mehrstimmigen Musik
auf einen sehr kleinen U mfang beschränkte.
In Niederland war u. a. die Windesheimer Kongregation, auf
Anregung des Zwollener Rectors Johannes Ce Ie
2
) , die eifrigste
I) Abgedr uckt bei F. X. Ha b er 1: Bausteine zur Musikgeschichte, III. Di e römische
Schola cantorum (1888).
2) Leiter der Zwollener Parochial schule v. 1377-1417. vgl. W. :\•! o 11: Berigten aangaande
den staat van het Kerkgezang in Nederland tijdens de opkomst en den bloei der oud-
DIE "ARS NOV A". 73
Gegnedn der neuen Kunst. Sie hielt sich auf strengste an den
alten einstimmigeo "cantus planus". In ihrem "Ordinarius", noch
bei Lebzeiten des Joh. Ce 1 e verfasst, wird vorgeschrieben, dass
.rnan sich beim Singen des Diskan t ierens enthalten solle; der
Eink.lang der Stimmen sei stets zu wahren, und ni emand solle
sich unterstehen, eiuige Töne höher oder tiefer als die ganze
Versamml ung zu singen oder kleinere Notenfiguren auszufü1uen, als
in der Melodie angegeben seien; nur an hohen Festtagen sei es
gestattet, etwas mehr Kunst zu entfalten. 1) Ein balbes Jahrbundert
später ungefähr warf Dionysius der KarUi.user, der in den
Klöstern zu s Hertogenbosch und Roermond lebte, in sei.nem Tt:aktat
"
Ueber das Leben der Kanoniker" die Frage auf, ob der Diskant
für den Kirchendienst empfehlenswert wäre. Seine Antwort ist ver-
neinend. Der Diskant ("discantus seu fractio vocis") schien ihm das
Merkmal einer zerrütteten, aufgelösten Seele ("animi fracti") bei
den Säogern, wie auch manche, die in seiner Zeit diesen Gesaug
pflegten, es durehans nicht verhehlten, dass ein gewisser Leichtsinn
(quaedam lascivia animi) dabei ihr Haupttrieb wäre_ Trotzdem
räumt Di on y si u s ein, dass es fromme Leute gebe, die von der
mehr kunstfertigen Art des Singens erbaut würden, indem sie sich
zur Anclacht aufgeweckt fühlten. Aus diesem Grunde, glaubte er,
sei der Diskant nicht ganz zu verdammen, wenn man ihn nur
nicht dazu verwendete, di e in der Kirche versammelten Weiblein
zu ergötzen oder sich nicht verführen liess, die Aufmerksamkeit
von den Worten des Gesanges abzul enken.
2
)
Es sind die Lehren A u g ust i n s, die auch in den calvinistisch en
Abhandlunaen über den Kirchengesan'g im 16. Jahrhundert wieder-
"'
kehren. Aber unwiderstehlich brach die neue Kunst sich Bahn,
Nederlandsche Muziekschool. (Overdruk uit de Verslagen en Mededeelingen der Kon.
Acad. v. Wetenschappen: Afdeeliug Letterkunde. Deel XII) 8. '3·
r) Vgl. di e Stelle aus dem Ordinarius capituli Windesh., nach dem Druck
van Alb. Pafraed. Deventer I52I. fol. 4I (bei M o 11. S. ISl. In dem Kap i t el D e modo
et uni f
0
r m it at e cant a n di heisst es: "in om mi cantu uniform i tas vocum semper est
observanda, ita ut nemo audeat cantare aliquo grada supr a vel infra quam convenlus
canit. Id circo quanturn fi eri potest moderandus est cantus, ut omnibus conveni at. - In
mai oribus tarnen festis aliquantulum solemnius et ferialibus diebus simplicius est canendem.
Nullis fractis vocibus audeat curiositatem vel levitatem ostendere.
2) Ln äbnlichem Sinnc i\usserts!chnoch Dionysius der Karüin ser. Vgl.Dionysii
Opera M!nora ed. Blomevennae 1, fol. 465. (bei Ma 11. S. 15, 16.) Er missbilligt die
"voces fraotne". _ .Sed plnno et s implici modo, qui gravitatem praeferat, omnis cantus
est depromendus, propter quod nee organa iuclicamus aliquo modo admittenda."
74
DIE "ARS NOVA".
nachdem ihr in England die Tore geöffnet worden waren. Die lang
unterdrückte und verfolgte weltliche Kunst war es, die die Praktik
der K 1 er ik er besiegte, jene eingerostete Schablone, der bei der
mangeinden Berührung mit der Natur so ziemlich jeder Schön-
heitssinn und vor allem das Fundament der Polyphonie: die
Betrachtbarkeit des Zusammenklanges abhanden gekommen war. I)
"Falsch in der Notation" ____:_ schreibt Fe ti s zutreffend -
"falsch inbezug auf Mensur und Rhythmus, falsch in der Ver-
bindung der gleichzeitigen Töne und in der Aufeinanderfolge der
Tongruppen, sowie in den Bewegungen der Stimmen, die sich
fortwährend kreuzen und hindern, falsch endlich, ja gradezu
absurd im Charakter und der Form der Tonsätze, welche in
Zusammensetzungen versebiedener Gesänge bestehen, die durch
Unterbrechungen der Phrasen und fortwährende Alterationen der
Notenwerte einen rnonströsen Zusammenklang von Dissonanzen
erge ben, und die Textworte ohne Rücksicht auf ihre Zusammenge-
hörigkeit, ja selbst in versebiedenen Sprachen untereinander mischen.
So sah jeneMusik aus, welche aus der Klostertinte geflossen war.
2
)"
Eine wertvolle N achricht, welche uns das V erhältnis der kirch-
lichen Kunst und der Volkskunst sowie die Entstehung des kirchlichen
Liedes aus dem weltlichen recht anschaulich darstellt, ist ebenfalls
aus der zwollener Brüderschaft auf uns gekommen.
Diese Nachricht ist deshalb so interessant, wei! sie uns eine
Détailerzählung von den einzelnen begleitenden Erscheinungen
gibt. Und durch sie erfahren wir auch ausnahmsweise den Namen
des Dichters des betreffenden Liedes. Es handelt sich hier urn das
geistliche Lied :
Me juvat laudes canere
Preclare castitatis - --
dessen Dichter, frater Theodericus (Dirk van Herxen),
selbst eine dietsche U ebersetzung lieferte :
I) Ledere r S. Io8,
Mi lust te leven hoechelic
Die reinicheit soe pure - -
2) Fr. J. F é tis: Histoire générale de la musique. 1869-75· (S Bde.) Bd. S· S. 281.
00
DIE VOLKSKUNST ALS GRUNDLAGE DER HOHENKUNST. 75
Die "Narratio de inchoatione Domus Clericorum in Zwollis",
eine Chronik des I 5· Jahrhunderts, bericbtet in einem Kapitel
De diligentia dus in scribendo et componendo" von jeoem frater
,,
Theodericus:
Es gesellab einmal zu einer Zeit, dass irgend eine Dienstmagd
aus w1srer Nachbarschaft öfter, nach weltticher Att, ein eiteles
dietsebes Lied sang, das ziemlich unanständig klang. Hieraus bat
der ehrwurdige Vater entrUstet Anlass genommen, ein sebr from-
mes Lied zu dichten, "in ton o et n o ti s'' jenes welttichen Liedes,
dem Lobe der Jungfräulichkeit und der Keuscbheit gewidmet.
Dittses Gedicht soU eine sehr asketische Wirkung gebabt haben
(multi provocabantur et inflammabantur ad amorem castitatis).
Es wurde verbreitet und abgeschrieben und von den Schülern
und Frommen mit Anclacht gesungen. Auf die allgemeine Bitte
der Schwestern und frommer Jungfrauen übersetzte unser Pater
selbst dies sein eigenes Lied sehr schön und mit derselben Melodie
in die Landessprache.
1
)
Wir können annehmen, dass die konkrete Form des weltlichen
Liedes, der Ausdruck einer Weltanschauung, die sich innerhalb
der Erscheinungswelt beschränkte, allmählich die spekulative Kir-
chenkunst und ihre aufgelösten Formen beeinflusst. Die Auflösung
der Form, der die altchristlichen Kirchengesänge nach der all-
mählichen Emanzipation von ihrem heidnischen Ursprunge unter-
liegen, ist der Ausdruck einer transzendenten Weltanschauung, der
Durchbrechung der Erscheinungswelt, der Verneinung des Trieble-
1) Jacobus Traiecti alias deVoecht. Narratio de inchoatione Domus
Clericorum in Zwol! is. Herausg. v, M. Schoeng en. Igo8. (Werken v. Hist. Gen.
3e Serie, 13) S. SS ff.
Contigit ergo ibidem quodam tempore, ut ancilla quedam in convicinio domus nostre
frequenter more secularium cantaret carmen vanurn theutonicale; quod aliqualem in-
honestatem resonabat. Unde venerabilis pater indignatus, exinde occasionem sumpsit,
quod carmen camposuit valde devotum de laude virginitatis et castitatis, in tono et notis
carminis illius secularis.
Das Lied wurde von Bruder Dirk w ä h r ~ n d der Auswanderung der Zwollener Brüder
nach Doesburg (c. I42S-I432) daselbst verfasst.
Der weltliche Text, von dem nur der Anfang erhalten ist, bringt einen schönen Natur-
eingang:
0
0ns is verlenghet eensdeels den da eh, ons doet ghewach cleyn
wout voghelkyn, d'maerl".
Für geistl. Text und Melodie vgl. W. Bäumk e r: Niederländische geistliche
Li eder nebst ihren Singweisen aus Handschriften des XV. Jahrhunderts (Vierteljahrs-
schrift für Musikwissenschaft. IV). N°. sS, S. 29S·
DIE VOLKSKUNST UND KIRCHE.
bens des vViHens zumLeben (wie heute bei W a g n er). Jene Beein-
zeigt sich in dem allmählicben Durcbdringen der weltlich.en
Dur- und Molltonarten in die spekulativen Kirchentonarten, in dem
Auftreten kon1ueter Formen in der Kirchenmusik, in der direkten
Uebernahme der Volksweise als cantus finmts in der Messemusik
Die Bestimmung der weltlichen Melodie ist eine sehr schwierige
Frage. Van D u y se bat tiberall die Kirchentonart als primär
angenommen, und dies ist durchaus unzulässig. Deun unsere Melo-
diensammlungen sind zum Teile von Klerikerngeschrieben. Meistens
sind die weltlichen Melodien überhaupt uur aus Handschriften, in
denen sie fur geistliche Lieder benutzt wurden, auf uns ge kommen.
J ene !Geriker verwendeten aber die ihnen beigebrachte kirchliche
Notation. Es gibtgar manches Lied, das van Duyse indiese oder
jene IGrchentonart einreiht, und das man schJankweg in einer
Dur-order Malitonart unterbringen kann. r) Höchtens kann man
eine Mischbildung von Kirchentonarten und modernen Dur-und
Molltonarten als Norm ansetzen.
Ähnlich sind Scheur 1 eer und Röntgen mit ihrer Auswahl
aus den Tänzen des Tielman Susato (IS5I) und aus dem
Premier Livre de Danseries (1571)
2
) verfahren, vondenen
noch später die Rede sein wird.
Die Alternationszeichen wurden in den Stimmen deshalb
lassen, weildie betreffenden Erhöhung-en u.s.w. als selbstverständlich
galten. Es sind eben feststehende musikalische Phrasen. Die Her-
ausgeber haben sich nur zaghaft getraut die Alternationzeichen
anzubringen und ausschliesslich nur mit den Kirchentonarten
gew irtschaftet.
Jene Geschichte aus der Zwollener Chronik mustriert uns ganz
plastisch das Verhältnis zwiscben Volkskunst und Kirche. Der
Ausdruck "aliqualem in honestatem" ist wieder nut demselben
Varhebalt wie die kirchliche Terminologie der Karolinger Zeit zu
nehmen, weil er ohne weiteres auf das ganze weltliche Lied ohne
Unterschied angewendet wird.
vVir haben aus den Niederlanden manchen interessanten Beleg
r) An dem vVesen des weltlichen Liedes vergreift sich in dieser Hinsicht schwer
J. G. R. Ac quo y: Middeleeuwsche geestelijke Liederen en Leisen r888, der olme wei-
teres die gregorianische Musik als einzige l\lusik des Mittella\ters proklamiert nnd die
weltlichen Lieder nach diesem Rezept vergewaltigt.
2) Jnlius Röntgen enD. F. Scbenrleer: Dansen derl6deeeuw.
2 Bde, 1902-05.
VOLKSKUNST UND KIRCHE,
77
für das Problem Volkskunst und Kirche, der zeigt, wie
letztere sich bemüht, die erstere mit Stumpf und Sbel a:1szurotten.
Der Pfarrer Johannes hieb in Aachen i. J. I 22 5 den Mai-
baum, den das Volk umtanzte, mit eig-ener Hand um tat
damit tuehts anderes, als was seine calvinistisch en Kollegen 1m I 7·
Jahrhundert in Niedel'land tun sollten.
Der mönchische Chronist vou St. Troud bezeichnet die heim
Frühlingsumzug von r 2 3 5 gesungenen Lieder als "relig-ionis chris-
tianeae indig-na" uncl das Schiff "Spirituum malignorum exsecrabile
dornicilium''.
Die bekannte Schilderung des Schiffsumzuges, der zwischen
den J ah ren I I 3 J und I I 3 5 stattgefunden hat, verdanken wir den
Gesta Abbatum Trudonicnzium (lib. XII, II ff). Ein im
Walde bei Aachen gezimmertes Schiff wird nach Aachen, von da
nach Maastricht, Tongern, Looz und anderen niederländischen
Orten unter grossem Geleite (wie der Wagen des Freyr) von Per-
sonen beiderlei Geschlechtes "et ingenti debacchantium vocifera-
tione" geschleppt. Auf den einzelnen Stationen bildet es, nachdem
es feierlich eingeholt worden, allabendlich (in Looz z.B. ve1'bleibt
es mehr als I 2 Tag·e) den Sammelpunkt des Volkes, das si eh
tanzend und "turpia cantica" singend um dasselbe bewegt. Selbst
die alten Frauen werden vom dem allgemeinen Freudentaumel
angesteckt. "Matronarum catervae abjecto femineo pudore,
audientes strepitum huius vanitatis, sparsis capillis de stratis suis
exiliebant, aliae seminudae, aliae simplice tantum clamide circum-
datae, c hor os q u e ducentibus circa na vim impudenter irrumpendo
se admiscebant ... Quando vero execrabilis illa chorea rumpebatur,
emisso in genti ciamore vocum inconditarum sexus uterque hac
illacque bacchando ferebatur; quae tune illue agebantur . . . nostrum
est tacere et defl.ere".
Bie 1 s c ho w s k y bemerkt dazu: "U nwillkürlich dräng-en si eh
uns Bilder neidhartischer Reien vor die Aug·en. ("Die Altc spranc
als ein wider und stiess die jungen alle nider". Neidhart 5, 5,
vgl. 3, I)." 2)
Die Verhältnisse waren der Volkskunst in den Niederlanden also
r) Per t z: i\'! on. Germ. SS. X. S. 309 ff. und Grim m: Mythol. 4· I, S. 214 f.
2) Bie Is c ho w s k y: Geschicbie der Dorfpocsie, S 4·
VOLKSKUNST UND KIRCHE. DIE "REDERIJKERS".
denklichst ungünstig. Der Klerus und das Patriziat waren gleieh-
zeitig ihr Feind und verblindeten sich in jener Dichtgattung, der
bürgerlichen didaktischen Poesie, die nun vollkommen Herr der
Situation wurde.
Jener Zustand wurde erst recht verhängnisvoll durch die Ent-
wicklung der bürgerlichen Dichtkunst, durch die "Reder ijkers"
des I 5· Jahrhunderts.
Die "ges e 11 en van d en Spe 1 e" (ges e 11 en van den es ba-
temen te" oder "cl er es batementer s") batten si eh von ihrem
kirchlichen U rsprunge allmählich losgelöst und traten je Iänger je
selbständiger auf. Sie verlegten das Feld ihrer Tätigkeit ausserhalb
der Kirche, obgleich sie grösstenteils unter geistlicher Leitung und
Aufsicht blieben. Wir begegnen ihnen als Beteiligte an dem mit
grossem Pomp durch die Stadt gehaltenen Umzug am H. Sakraments-
fest, >VO sie abends "esbatementspelen" in Gegenwart der Obrigkeit
(wie z. B. in Oudenaarde) veranstalten. Wir begegnen ihnen in
Verbindung mit den Schützengilden, bei deren Festen sie mit-
wirkten, sowohl im Norden als im Süden, wo sie sich mit den
"Sprooksprekers", den Berufsreimlern und Verfassem von lehrhaften
"Gelegenheits"-versen identifizierten, bis man sie schliesslich in den
Städten als Gesellschaften unter Beteilig·ung der besseren Bürger-
kreise heimisch werden sieht. Die älteste urkundlich nachweisbare
"Rhetorijkkamer'' ist "de Fonteyne'' von Gent, i. J. 1448 errichtet
"onder de ghedoochsaemheid Gods . . . . houdende te patroone
de almoghende Drievoudichede".
1
)
Die kirchliche Brüderschaft oder die Zunft der Gesellen ist,
dem Ursprung der "Rederijkers'' nach, der gesetzlichen Konsti-
tuierung der Kammer vorhergegangen. Wie Pilze aus der Erde
schiessen im Laufe des I 5. Jahrhunderts die Kammem empor.
Jedes kleine Landstädtchen, jedes grössere Dorf, das sich einen
"städtischen" Anstrich geben wollte, hatte seine Rhetorikkammer.
Die grösseren Städte weisen innerhalb dieses Jahrhunderts sogar
schon melu·ere Kammem auf. Löwen, trotz seiner nichts weniger
als fl.ämischen Universität, batte deren sechs; Oudenaerde, das
erst im Jahre 1441 seine erste Kammer erhielt, hatte deren
fünf; ebenso Brüssel; Dendermonde und Kortrijk drei; Yperen
wahrscheinlich auch drei; Lier, Meehein und Diest jede zwei;
r) Prude n s van D u y se: De Rederijkkamers in Nederland. rgoo. 2 Ede. I, S. 18
lbr Charter erhielt sie von Herzog Kar! dem Kühnen van Burgund.
DIE "REDERIJKERS". 79
Aalst Berchem (i. Flandern), Hulst, Meenen, Nieukerk, Petegbem
und Ortschaften je eine. Gent besass funf, zu denen der
Furst eine sechste binzufugte.
Auch in Hotland ersebienen die Kammern, die erste in Mid-
delburg ("Het bloemken ]esse''), dann folgten 's
Vlaardingen, Gouda, Amsterdam, Breda (., Vreuchendael ), Letden
(
De Witte Acoleye") u.s.w.
"
Die waren die Schöpfung des Bürgertumes, be-
sonders der besseren Mittelstände. In ihnen spiegelt sich am ge-
treuesten das Wesen jener breiten Bourgeoisiekreise ab, die so
gern die "bessere gebildete" Welt markiereu wollten.
Das Leitmotiv der Entstehung der Rhetorikkammer ist das Be-
streben der Bourgeoisie, durch die Uebernahme anorganischer Kultur-
farmen sich zu einer rechtlich höher stehenden, soûalen Klasse zu ma-
chen. Die gam>;e Eitelkeit und das Protzenturn jener Parvenukreise
entfaltete sich in den öffentlichen theatralischen Wettkämpfen, den
"
Landj'uweelen", deren wichtigster Bestandteil ,.de intrede", der
Einzug der Kamroer war. Mit grossen Kosten und gewaltigem
Scbaugepränge wurden dieselben veranstaltet, so z. B. das berohmte
Landjuweel von r s6r ZU Antwerpen.
Die burgundischen Forsten (Karl der Kohne) haben schon die
grosse Bedeutung der Kamroer erkannt, sie gefördert und versucht,
durch sie einen politischetl EinRuss auf die Städte auszutlben. Es
war Philipp der Schöne, der i. J. 1494 die Probe machte, das
politische System der Zentralisation durch die Vereinigung der
Kamroer unter einer Hauptkammer, einer Aït Lehnshof, >?;u stutzen.
Diese Kammer "Jesus metter bloemen", deren "prins-souverein"
oder "kamer-prins" sein getreuer KapJan Pieter Alturs war, wurde
in Gent mit Umgehung der alten Kammer .,de Fonteyne" errich-
tet und zwar nur zu devotem Zwecke. Aber auch dieser Versuch
scheiterte an dem Unabhängigkeitssirm der Städte. Kaiser Maxi-
milian bat dasselbe gleichfalls vergeblich durch die Errichtung der
Brtlderschaft .,Van vanSeven Weeên" versucht.
Dem EinRuss jener Kammem unterlag in gleichem Masse die
stä.dtische wie die ländliche .Bevölkerung. Die verhangnisvolle Folge
dieser Beeinfl.ussung ist der U ntergang der Volkskunst.
Die Organisation der Kammer war derartig, dass jeder echt
poetische Geist unbedingt darin verkommen musste.
So
DIE "REDERIJKERS''.
Beruht die Schöpfung auf der Kulmination det·
Stimmung, auf dem Hervorbrechen jener Stimmui1g (sei es liJunit-
telbar oder nachträglich), meistens aber auf dem direkten Ausbruch
der Affekte, ist aLc;o die lebendige Dichtung immerein sogenanntes
"Gelegenheitsgedicht," - der Organismus der Kammer kehrte
jenen atz um. Es gab ei n en ständigen Berufsdichter der Kammer,
der "Factor", der für alle möglichen Veranstaltungen passende
Gedichte "nach Mass" anfertigte. Weiter war es z. B. Sitte (u. a.
bei der "Fonteyne" von Gent), dass alle drei Wochen ein Bruder
ein "Referein'' von einer heliebigen Anzahl Verse dichtete, wekhes
dann als Variationsthema (mit Beibehaltung des "Stokregels" und
der Verszahl) fttr die allgemeinen Dichtubungen der nächsten
drei Wochen galt (Art. 13 des Reglementes).
1
)
Die fUrchterliche Poetasterei, welche sich in jenen Kammern
breit machte, musste dem geringsten Rest eines wirkUchen dichte-
rischen Gefühles doppelt und dreifacb den Garaus machen. Die
Hauptsache bei aller Versemacherei war, neben dem geringeren
Re_st. poetischer Begeisterung, sich den Anstrich einer höh.eren
Bildung zu geben. Dah.er protzen und prunken ihre späteren
Bühnenstucke mit mythologischem Flittergold, das um jeden Preis
angewendet werden musste.
Ihre dramatische Spezialität war das "Sin nes p e 1"
2
), jene
allegorischen Buhnenstiicke, die nicht einmal den V orteil hatten,
den Menschen in eine ideale Welt zu versetzen, sondern den
letzten dichterischen Funken töteten. 3) Die Personen in dieser
,,dramatischen" Dichtung waren nur abstrakte Begriffe. Die Stücke
selbst wurden auf irgend wekher "regel'' oder "spreuk", das heisst
auf irgend wekhem Thema aufgebaut, und z war nu r a u f ei n e m
mor a 1 is ierenden di cl a kt is c hen.
So!che Personalien, wie sie in .ihren Stucken auftreten, gehören
immer zu den Seelen, die keinen Leib finden. 4) Sie beissen z. B.
"Scamel Ghemeente, Tribylacie, Veel volcx, Wellust des Vleesch,
Eyghen sinlyckheidt, Duecht, Kennisse, lnwendighe Wrougbynghe,
1) Prudens van Duyse. S. 26.
2) Vgl. fiir die "Moraliteit" oder "Spelen van Sinne" ] . A. Worp: Geschiedenis van
het d1•ama en van het tooneet in Nederland. Ie Deel 1904. S. 110. 2 Bde.
3) F. A. Sn e 11 a er t: Verhandeling over de Neder!. Dichtkunst. S. q8.
4) 0 t t o Lu d w i g: Dramatische Studien. (Ausgewählte Stuctien und Schriften. Mex
Hesee·Ansg.) Shakespeare-Studien, S. s.
DIE "REDERIJKERS''. 8r
Quaet Beleedt, Schriftuerlyck troost, Ontfermicheyt, Goddeüke
Waerheyt" u.s.w.
Das "Landjuweel" war ein Wettbewerb der Kammern anderer
Städte, die mit ihren nach einer von der einladenden Kamroer
ausgeschriebenen "Vrage" angefertigten Stücken den Preis zu er-
ringen suchten. So wurde im Jahre 1496 zu Antwerpen ein "Land-
juweel" veranstaltet, an dem sich 28 Kammern betelligten mit eben
so vielen "Spelen van Sinne" zur Beantwortung der Frage:
"Welck het meeste misterie ende wonderlijcksten werck was, dat
God oyt dede tot des mensellen salicheidt".
Gewiss, die Kammem haben in der Reformationsbewegung eine
grosse Rolle gespielt. Indem sie der Bibel den Stoff ihrer Stücke
entlehnten und kräftig die Missstände ihrer Zeit durchhechelten
J
übten sie von der Bühne grösseren Einfluss aus, als es die Predigt
von der Kanzei je vermocht hätte. Sie haben denn auch ihren
Anteil an dem geistigen Befreiungswerke. Man darf aber nicht
vergessen, dass von dieser reformatorischen Tätigkeit der Kamroer
eigentlich nur im 16. Jahrhundert, bis zu ihrer Schliessung und
Vertreibung durch den Herzog von Alba die Rede sein kann. Als
theologisch-polemische Streitschriften haben ihre Stticke einen histo-
risch en Wert, künstlerisch haben sie keinen. Und wenn man nun
in Betracht zieht, dass die eigentliche und Ha:upttätigkeit der
Kammem sich weiter auf jene elende mythologische Poetasterei
erstreckt, auf das Auskramen möglichst vieler äusserlicher Gelehr-
samkeit, dass sie die verschrobensten Verskunststuckchen (baquen-
auden, ricgueracken, cocarullen, dobbelsteerten, scaeckberd, sim-
pletten, dobletten, kreeftdicht oder retrogade, kniedicht u. s. w.)
pflegten, dann braucht man sich nicht zu wundern, dass die Volks-
kunst in sokher Umgebung verschwand.
Die weltliche Bühne wurde von ihnen vemachlässigt; so star-
ben auch die letzten Beziehungen zwischen der altgermanischen
Volkskunst und ihrer Kunst, die sich in dem "Spel van den
winter ende van den zomer"
1
) jener uralten symboli-
schen Darstellung des Dualismus in der Welt, der Einheit der
Gegensätze, wie sie am Rhein in den Volkssitten noch lebendig
r) P · Leender t z, jr. Middelnederlandsche dramatische poëzie, 1907. (Bib!. van Mnl.
Letterkunde. Afl. 6
3
) s. r
3
ff.
6
82
DIE "REDERIJKERS".
war crbalten batten.
1
) Und doch weisen grade diejenigen Stücke, die
'
irgend welchen poetischen Wert beanspruchen können, starke Ein-
schläge ins Volkstümliche auf. So z. B. "Een scoon spel van Mariken
van Nieumeghen", das zu der fragwilrdigen Gattung der "Mirakelspe-
len'' gehört. "')Die Figur des Pfarrers, MarikensOnkel, und der "Moeye"
sind so realistisch, wie man nur wanschen kano. Die Worte des
"Ooms", womit er Mariken in die Stadt schickt und sie bei ihrer
Tante um Nachtlogis bitten beisst, "want den wech en es van boeven
niet al te reene, ende ghi sijt een schone jonghe rnaecht: men soude
u lichtelijek aenspreken'', sind so berzerfrischend natOrlich, dass
man sie wie eine Wohltat inmitten der schwulstigen rhetorischen
Unnatur empfindet. Der "Esmoreit'' ' und der teilweise wunderschöne
"Lanseloet van Denemarken" verschwanden von der Bühne. 3) An
ihre Stelle traten jene allegorischen "Sinnespelen", worin die Kam-
merbrader ihre Weltweisheit und Gelehrsamkeit verzapften. Es war
nicht nur die Abstraktion,derNutz?.weck, Maerlants "nutscap",
die die "Sinnespelen" für die Volkskunst so verhängnisvoll werden
liess, sondern an erster Stelle jenes parvenuhafte Streben nacl1
Emanzipation von der eigenen Art, und das Zurschautragen einer
entliehenen, fremden Form, das nur aus dem Wunsch entsprang,
eine höhere gesellschaftliche Kaste zu bilden. Die Entlehnung fran-
zösicher Formen ist das Prä.ludium zu der Parvenükultur Am-
sterdams. Auch darin waren die "Rederijkers" die Erben der bor-
gerlichen Dichtung des 13. u. 14. Jahrhunderts. Das Rezept, von
Boen d a 1 e in seinem "Lekenspieghel" vorgeschrieben:
Men moet om de rimen soeken
Misselike tonghe in boeken:
Duutsc, dietse, brabantsc, vlaemsc, seeusc,
Walsc, latyn, griex ende hebreeusc,
Om vray thoudene rym ende sin, -
wurde von ihnen sorgfältig angewendet. Der bertlhmteste Rederijker
des I 5. Jahrhunderts, Anthonis de Rovereaus BrUgge (f 1482),
gibt uns ein klassisches Beispiel in einem Gedicht, das sich auf
den Tod des Herzogs Philipp von Burgund bezieht. Die Anfangs-
1) L. Uh I a n d: Schriften zur Gesellichte der Dichtung und Sage. 1866.
2) Leendertz. S. 277, ff.
3) ibidem S. 17-51, S. r ff, resp. 78 ff.
DIE "REDERIJKERS".
buchstaben sollen Namen und Titel des Herzogs nebst dem
Jahr und dem Ort semes Todes bezeichnen. Es hebt an:
Periculeuse
Rongherig he
Enuydieuse
Latende ons
Joyeusheit
Moort onghenadigh,
Couleuverijneghe beest
Corozijfverradich '
Clachtich ende beschadich
eranekende trOOSt ende I) U. S W.
Soll man si eh da noch wundern, dass Breder
0
· d R
· 8 tmr7.un ot-
gans tm I . Jahrhundert uns Bauern vorführen d' · h h
1 1 · · d ' Ie SIC se. r CU -
ttvlert un vornehm wähnen indem sie die .. r· h
.. . ' unmog te sten, unver-
standltchsten und unverstandenen Rhetorikergedicht h
1
..
U d
. e ersagen con-
oen? n tst es zu verwundern dass in HoU d d
h I
' an , wo er ganze
Heuse ree censchwarm vertriebener flämischer u db. b t' h R
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"k " · h . n 1 a an tsc er, e-
enJ ers s1c nJederliess die ohnehin f · .. · '
. .. . ' au wen1g gunstJgem Boden
s1ch kummerhch entwiekeinde Pflanze de V Ik 1 11 .. ·
· h r o s nmst vo stand1g
vern1c tet wurde?
p r. van D u y se muss es selbst gestehen : In den Händen der
Factors verlor das Lied seine natlirliche A t s·
. . nmu . Je waren nur
mythologische Re1mer während früher d' N t . d
. . . ; . 1e a UJ un sogar man-
ches po!JtJscl1e Erewms eme lebendicre b Jt n· h 1
r "' " , esee e Je tung lervor-
geruren batte. 2)
_Nicht _den städtischen Kunstinstuten des gewerblichen
DJchterdJiettantJsmus, die urn die Wende des I
5
J h h d
d' . . a r un erts
te ganze Ltteratur beherrschen, verdanken wir den Aufschwung
Volkskunst in jener selben Periode. Sie batten nichts mehr
mtt dem V olke gemein, si eh vollständig von der Iändlichen Volks-
kultur losgelöst. Während auf dem Lande das Volkslied noch 1 e·
Gre . 1 c me
nze zwtsc 1en den deutschen und dietsehen Nationalitäten kannte
und gar manche L' d h "b · '
d
s te u en Wte drüben GemeinO'ut war batte s
1
'ci
1
as st .. dt' h MT · "' '
a ISc e I teu der mneren Zusammengehöriakeit schon völlig
entfremdet. Dass der Einfluss des rein dietsehen Liedes sich sogar
noch "b d' G ·
u er te renzen dteser gemeinschaftlichen Volkskunst hinaus
erstreckte, zeigt uns die Liedersammlung 0 s w a 1 d v on Wo Ik en-
F. Snellaert: Verhandeling over de Neder!. Dichtkunst S rs6
Pr. van Duyse. I, S. 147· . . .
84 DIE VOLKSKUNST UND IHRE GEMEINSCHAFT MIT DEUTSCHLAND.
steins (1377-1445) I), in der sich ein niederländischesTanzlied
befindet, das der vielgereiste Ritter aus Niederland nach Osterreich
mitgebracht batte:
Grasselick •) lif war hef ich dich verloren
Alle di se lange süten summertit?
Dat gi mi komt ten voren,
So left min hert in grot jolyt.
Alle Liedersammlungen jener Zeit weisen diesen Zusaromen-
bang noch auf: die Handschrift des "Mher Loys van den Gruyt-
huyse, prince van Wijncester", das Antwerper Liederbuch, die
"Souter-liedekens" und auch die We i mar is c he Lied er ha n cl-
schrift vom Jahre 1537, die viele deutsche wie niederländische
Lieder enthält und von einem geldrischen Schreiher aus Zutphen
verfasst wurde, also aus demjenigen Teileder Niederlande starnmt,
der sich gegen die internationale städtische Kultur Hollands am
besten zu behaupten gewusst bat. Zu der Handschrift, die schöne
"Hup Reykenns Lieder" (Hüpfreigen, Tanzlieder), wie der
Samrnler sie nennt, enthält, bemerkt der Finder und Herausgeber
Hoffmann von Fallersleben:
"Das alte niederländische Volkslied lässt sich von dern alt-
deutschen nicht gut trennen. Die Niederlande und Deutschland
besassen seit der letzten Hälfte des I 5. Jahrhunderts bis gegen
Ende des I 6. manche Erzeugnisse der V olksdichtung gemein-
schaftlich, und wie deutsche Lieder in die Niederlande wanderten
und dort viel gesungen wurden, so geschah es auch mit nieder-
ländischen wiederurn in Deutschland. Die Anfänge der weltlichen
Volkslieder dienten zumal in den Niederlanden bei geistlichen
Liedern zur Bezeichnung der Melodien, und unter diesen Anfängen
finden sich auch deutsche". 3) Diese Beobachtungen hat der treffliche
W i 1 he 1 m R ie h 1 noch in der Neuzeit machen können und sie
in dem Abschnitt "Auf dem Wegenach Holland" seines "Wander-
buches" niedergelegt:
"Auf dem vV e ge nach Holland treten uns die Holländer
I} Lieder Oswald von Wolkensteins. Herausg. v. Oswald Koller und J.
Schatz (Denkmäler der Tonkunst in Osterreich XI, I: N°. g6). ·
2) d. h. "Gratielyk".
3) Weimarisches Jahrbuch, herausgeg. von Hoffmann von Fallersleben
und 0 ska r Schade. Bd. I. r854. S. 106.
DIE VOLKSKUNST UND IHRE GEMEINSCHAFT MIT DEUTSCHLAND. 8S
als nächste Verwandte und Volksg·enossen ent . ··b ·
. gegen . u erspnngen
"':ir dagegen ~ I e s e n Weg, verschlafen wir ihn in einem Nacht-
eJlzuge der E1senbahn deraestalt dass · t K ..
1 "' , w1r e wa von o n un-
mittelbar nach Rotterdam versetzt weJ·d fi d · ·
en, so n en w1r uns 111
einer fremden Welt, und die Gecrensätze de t h d h 11 .. d'
"' u sc er un o an t-
scher Art überraschen und besturmen
uns.
Die Tatsache erklärt sich dadurch d b d .. .
. , ass e en as ursprunghche
Volkstum, Wie es der Bauer am t.reuest b h · ·
.. h d d en ewa rt, em gememsames
war, wa ren er Gang der politischen K lt d' . d S ..
· 1 H 11 u ur, Ie m en tadten
gtpfe t, o and und Deutschland seit dre· J h h d .
gerissen hat. I)" I a r un erten ausemander
I) W. H. Riehl: "Wanderbuch" alszweiterTeilz L
geschichte des Vollees als Grundlage . d u " and und Leute''. (Die Natur-
I86g. S. 47· emer eutschen Socialpolitik. 4 Bde). Bd. I V.
DAS XVI. JAHRHUNDERT.
Videbis illic minus me Theologum esse, ubi rnagis
Poëta sum; illic me minus Poëtam, u bi rnagis Theo-
logus sum.
Caspar u s Ba er Ie u s: Petro. C. Hooft. ( Caspari
Barlaei: Epistolarum Liber. Amstelodami. A pud
Joannem Blaev. MDCLXVII).
Das 16. Jahrhundert erweitert unser Betrachtungsfeld urn ein
bedeutendes: Nord-Niederland, die Provinzen Holland und Zeeland
sind allmählich als gleichberechtigte Glieder neben Flandern und
Brabant in unseren Gesichtskreis eingetreten. Ueberblicken wirdas
allgemeine Bild, das jene Zeit uns bietet, so sehen wir, dass das
städtische Element als ausschlaggebender politisch-wirtschaftlicher
Faktor stets mächtiger geworden ist. Erfolgreich hatte es allen
Zentralisationsbemühungen der burgundischen Fürsten Widerstand
geleistet. Sein erster grosser Sieg über die fürstliche Gewalt war
das "grosse Privileg" im Jahre I477, das Maria von Burgund
zwang, alle Zentralbehörde, das Parlament von Mecheln, den
Zentralgerichtshof abzuschaffen und den Einzelstädten und Provinzen
ihre partikularistischen Souderrechte wieder zurückzuerstatten.
Wenn auch die monarchische Gewalt durch Philipp den Schönen
und Kaiser Karl V. zeitweilig neue Kraft gewann und wieder her-
gesteUt wurde, so war dies doch nur der Aufschub eines unver-
meidlichen Konfliktes, der mit einem endgiltigen Bruche und der
Niederlage der fürstlichen Gewalt enden sollte. Nur jene bürgerliche
V erfassung der Niederlande e ~ l d ä r t das Eindringen des demokrati-
schen Calvinismus, der uns in religiöser Hinsicht von Deutschland
und seinem monarchischen Luthertum lostrennen sollte. Der West-
fälische Friede des Jahres 1648 besiegelte das Resultat zweier
entgegengesetzter Prozesse : in den Niederlanden trug das Bürgertum
..
DAS VEEERGEWICHT DES STADTISCHEN ELEMENTES. 87
den Sieg aber die landesherrliche Gewalt davon, während in
Deutschland zwar nicht die obere landesherrliche Gewalt, die kaiser-
liche, siegte, aber doch die Forsten als unbeschränkte Machthaber
aus dem Krieg hervargingen uud die Städte jede politische Be-
deutung verloren.
Die wachsende Bedeutung des städtischen Elementes bedingt,
wie gesagt, den ganzen Verlauf der weiteren Kulturentwicklung
in den Niederlanden. Immer mehr breitet es seine wirtschaftliche
und somit kulturelle Einflusssphäre über das Land aus.
Schon A n fan g des I 6. Ja h r hunder t s war fa st die
H ä l ft e der ho 11 ä n dis c hen Be v ö Ik er u n g st ä d ti s c h. Die
Bevölkerung der Provinz Holland betrug nach der "Informacie"
von I 5 I4 400,000 Seelen, von denen etwa I90 ooo in Städten der
' ' Rest auf dem Lande wohnte. r)
Der mächtige Aufschwung des holländischen, seeländischen Han-
dels, und somit das Hereinströmen von Kapitalien führte mit
gradezu überraschender Schnel!igkeit zu einer völligen Verwandlung
des platten Land es in den nördli eh en Provinzen. Eindeichungs-
und Austrocknungsarbeiten wurden vorgenommen, das Bewässerungs-
system verbessert, die Städte vergrössert und verschönert. 2) Die
Amsterdamer Kaufleute batten schon vieles von ihrem gewonnenen
Kapital in Landbesitz angelegt: durch ganz Westfriesland hin traf
man Amsterdamer Besitzungen. Aus der "Informacie" geht weiter
hervor, dass das Land im Alblasserwaard und auf den südhollän-
dischen Insein vielfach den Bürgern von Dordrecht gehörte. Die
"poorters" van Leiden hatten grossen Besitz, nördlich bis Abbe-
kerk. 3)
Ökonomisch war das Land vollständig von den Städten abhängig;
wenn auch grade in dieser Zeit manche landwirtschaftliche Reform
ausgeführt wird, und seit I 5 I 5 eine Fülle von Erlassen ergino- so
o•
beschränkten sich diese im grossen ganzen auf die Befreiung der
Leibeigenen und der Landgüter und die Abschaffung von unent-
r) P. J. Blok: Eene Hollandsche stad onder de Bourgondisch-Oostenrijksche heer-
schappij, r884. S. 2.
2) H. Pi ren n e: Gesellichte Belgiens. UI, S. 323.
3) H. Blink: Geschiedenis van den boerestand endenlandbouwinNederland.
2
Bde,
rgo2, J, S. r
7
s.
88
DAS UEBERGEWICHT DES STÄDTISCHEN ELEMENTES.
geltl ichen Dienstleistungèn, Zwangsdiensten, Tagewerken und Hoch-
zeitsbeibilfen u.
5
• w. t).
Noch immér waren dem Lande allerhand Zweige des gewerbli-
d Ha
ndelslebeos untersagt. Im 14. Jahrhundert hatte
...
h
-
1
-
5
a Le i dis der berühmte V ertreter des rom1schen
p 1 tppu ' . . .
Rechtes, in seiner Schrift "de c u r a re 1 p :l b l1 ca e et ort e p r 1 n-
. t , s" ausdrücklich dagegen protestiert. Er beze1chnet es als
c1pan 1
ein grosses Unrecht, das nicht länger :xistieren
2
) _ •
In einer anderen Schrift "de f o r m 1 s et se m 1 t 1 s re 1 pub 11-
c a e ut i 1 i u s et· fa c i 1 i u s g u b erna n d a e (S. 40) bezeichnet er
die Bauern als die Stütze des Staates. Ihrer Körperkraft und ihrer
täglichen Arbeit verdankt das Heer seine Kraft, der Staat seinen
Reichtum. Wo sie unterdrückt und in ihrer Betätigung gestört
werden, da herrscht Ungerechtigkeit, Gewalt, Ehebruch; da schwin-
det die Wohlfahrt und wird die Unabhängigkeit des Landes gefährdet,
Wo sie dagegen Freiheit geniessen, die ihnen gebührt, da ergreifen
sie aerne die Waffen zur Verteidigung des Vaterlandes, da herr-
b
schen Gerechtigkeit und Ordnung, Sicherheit und Ueberfluss, da
gedeiht die Religion, da erhebt sich das Volk zu Ehren und
Ansehnlichkeit." 3)
Die kulturhistorischen Gesichtspunkte, diePhili p p von Leiden
vertrat, blieben aber der städtischen Wirtschaftspolitik fern. Im
Gegenteil, Jan de 1 a Court hält es für ganz richtig, dass die
Bauern sich nur mit dem Ackerbau und Fischfang beschäftigen
dürfen 4), und sogar Mr. Di r c k Graswin c k e 1 missbilligt den
freien Mitbewerb der Bäcker auf den Dörfern mit den städtischen:
streekende het voordeel der dorpen om de neeringhe der steden
"
te verminderen, ende ten platten lande te trecken". 5) Dies blieb
I) H. Pi ren n e. Gesch. Belgiens. III, S. 325.
2
) 0. van Rees. Oorspror.g en Karakter van de Nederlandscbe Nijverbeidspolitiek
der r7de eeuw. 2 Bde. (I865-68) I, S. 129.
Ex praemissis capias argumenturn non valere illud privilegium quod temporibus meis
indulturn vidi quibusdam, ut infra tres leucas tria milliaria vel quatuor in nullis villulis
et casis circumiacentibus alicui oppido textores vel fullones vel huius modi operarii
commorari non poterant, vel sua officia exercere. Nam istud direte impietatem respicit,
et ins ac proprietatum aliorum absorbet, et maximam violentiam habet. Et ideo merito
stase non debuit. (De cura Reipublicae S. I35)·
3) ibidem I, S. I9.
4) Politike Discoursen. Amsterdam, I662. S. 3· Vgl. S. 47-49·
S) PI a cc a et. boe c k op 't Stuck van de Lijftocht. Leyden, 1651. 2de Stuk. S. 145·
STADT UND LAND,
auch später der Le.itfaden der _ holländischen Wirtschaftspolit ik.
DeOl Protektionismus haben die hollä.ndischen Kaufherrn nie irgend
welche Konz'essione_n gemacht, auch nicht, wenn die Landwiltschaft
sich bitter ober d1e Vernachlä.ssigung beklagte und die Industrie
den Schutzzoll forderte.
1
)
AIJgemei:n bemächtigte sich im 16. Jabrhuudert der Kapitalis-
mus auch des agrarischen Lebens. Alle diejenigen, die Geld anlegen
konnten, suchten Landgüter zu erwerben oder den vVert der in
ihrem Besitz befindlichen zu steigern. Finanzmänner kauften sich
Standesherrschaften und Bürger erwarben Pachthöfe. Überall wurde
das platte Land zum Gegenstande der kaufmännischen Spekulation
und Gewinnsucht, sodass si eh beispielsweise I 5 7 I der Staat ins
Mittel legen und gegen die wucherischen Unternehmungen ein-
schreiten musste, die si eh unter den Namen der Komrenten ver bargen.
Der Pächterstand wurde so allgemein, dass die Worte "Pachter"
und "Landwirt" (landbouwer) sich identifizierten. Die beständige
Erhöhung der Pachtgelder hatte die Entstehung eines zahlreichen
Agrarproletariats zur Folge. Die Dienstboten, Hirten und
Schnitter, die von den Pächtern für einen lächerlich geringen
Lohn gemietet wurden, die Weber und Teppichsticker, die scharen-
weise den Industriebezirken zuströmten, die Soldaten, Fuhrleute
und Trossknechte, die der Fürst anwarb, die Tausende von Schanz-
gräbern endlich, die für die gewaltigen Festungsarbeiten notwendig
waren: alle staromten sie aus den Reihen des ländlichen Proletariats.
Und trotz alledem wimmelte es von beschäftigungslosen Arbeitern
überall im Lande, so dass das Landstreicher- und Bettierturn eine
der schlimmsten Plagen der ciamaligen Zeit
2
) und eine der schwie-
rigsten sozialen Aufgaben wurde, mit deren Lösung sich der Staat
zu beschäftigen hatte. 3)
G u i cc i ar di n i karakterisiert das Gesamtbild der Niederlande
dahin, dass er sagt: Die Einwohner der Niederlande sind grosse
Kaufleute, klug und fleissisr in allen kaufmännischen Zwei(J"en so
b '
dass das Land grösstenteils nur auf dem Kaufhandel und dem
Gewerbe beruht. 4) Schliesslich hebt auch er den Tatbestand
I) 0. van Rees. I, S. 159.
2) Vgl. das Landstreicherlied (Anhang) und gleichfalls die Lieder der armen \Veber
die sich teilweise auch auf das 17. Jahrhundert beziehen (Anhang). '
3) Pirenne III, S. 336 ff.
4) Beschryvingh van alle de Neder-Landen. S. 28 ff.
90
STADT UND LAND.
hervor, dass die Kaufleute ihr gewonnenes Kapital in Boden und
Landbesitz an1egeo.
Die Kon.sequenz aus jenem Tatbestand zieht ein im Jahre I 568
zu Tilhingen ersebi enenes Bi!chlein (nach Fr u in die Ûbersetzung
einer spanischen Denkschrift von Hopper u s oder G ra n v e 11 e) I),
das dem König die Vernichtung der städtischen Souderrechte und
eigenen Räte, ihre Unterordnung unter einem "capitaine ou lieutenant
du Roy" und die Einlagerung fremder Truppen in den Kastellen
empfiehlt, "car nous trouvons tousjours que les gens
de ce pays sont plus dédiés et affectionnés à l'indus-
t ri e q u e à 1 a g u e r re.''
Wir werden im 18. Jahrhundert diese Karakterisierung des nieder-
ländischen (spez. holländischen) Städtertums, mit besonderer
Betonung ihrer internationalen und nur auf finanziellen Vorteil
bedachten Gesinnung, zuri!ckkehren seheo.
Das platte Land war im 16. Jahrhundert in den südlichen
Niederlanden nur noch eine Bannmeile der Stadt geworden. Die
Bewohner der kleinsten Dörfer waren bemüht, sich zu jener Höhe
emporzuheben, auf der der Gevatter Schneider und Bäcker in der
Stadt als Mitglied der Rhetorikkammer tronte. Ein Beweis, wekhen
Einfluss die Kammern auf den Gedankengang des kleinen Mannes
ausübten, ist der Umstand, dass die exaltierten Vorstellungen im
Kopfeeines David Jorisz. und Jan van Leiden, desspäteren
Königs im Münsterischen Wiedertäuferreich, auf das Spielen von
"grossen Rollen" in den Kammern zuri!ckzuführen sind.
Dem Verhältnisse nach ist wohl kauro in der Welt zu einer Zeit
so viel zusaromen gereirot worden von Poetastem und Versifexen
von Gottes Ungnaden, wie damals in den Niederlanden. Der
deutsche Meistergesang war eine unbedeutende tokale Nebener-
scheinung im Vergleich zu der Rederijkerkultur.
Wie die grossen Städte auf den Landjuweelen miteinander den
Parnas bestiegen, so kletterten auf den "haegspelen" die kleinen
Kammem den Berg der Poeterei empor.
In Antwerpen hatte schier jede Strasse ihre eigene Bühne, ja
selbst auf die Kinder, die gleichfalls in dem vVettbewerb mit
r) "Certayns avis et démonstrations pour la !'.Iajesté du Roy touchant l'asseurance de
son état et bénifice et riches.e universelle du pays."
Robert Fr u in: Geschiedenis der Staatsinstellingen in Nederland tot den val der
Republiek, uitgeg. door H. T. Col en brander. I9or. S. 152.
DIE "REDERIJKERS": DE CASTELEIN.
91
battementen" und ,,refereynen" auftrateu erstreckte sich die'
,, '
uoglaubliche Vergewaltigung des dichterischen Lebens. r)
Ihre Kunstlehre hat der "Priester ende excellent Poete moderne"
Mat t h y s de Cast e 1 ei n in seinero dem Französischen entlehnten
"Const van Rhetoriken'' kodifiziert. 2) Er war noch nicht
einmal einer der Schlimmsten; denn nach seiner Ansicht waren:
Dobbelsteerten, scaeckberd, simpletten, dobbletten,
Ricqueracken, baquenauden - _
Al dichten hart om te setten.
Die Dichtformen, welche er bevorzuot, sind die balladen"
. " d " b " '
"referemen un "sneden 3). Er batte in gewisser Hinsicht auch
.Gesinnung: d.avon zeugt seine "Ballade van Doornycke",
etn höhmsches Trostbed fiir den König von Frankreich wegen
des Verlustes genannter Stadt. Dichterischen Wert hat die Bal-
Jade" (ja nicht mit unsrem modernen Begriffe zu verwechseln)'aber
grade nicht viel aufzuweisen. 4)
Seine Auffassung von der Dichtkunst, in Bezug auf die Volks-
dichtung, war nichts weniger als national und volksttimlich. Bezeich-
nend dafür i st eine Stelle wie:
29. 0 edel Rethorike vul wyser verstanden,
Wat doet men u schanden, rein vrauwe vul eeren,
Alzo wel in Vlaenderen, als in ander landen:
Idioten met onghewasschen handen
Scheuren u uwe costelicke cleeren.
Daghelics hoor ie uwen last vermeeren
Van st ra et dichters, zoo mentemeniger stee ziet:
-----
r) nitem den 24 Augusty 1539 doen wierden tot Antwerpen opgehangen dry prysen
op de Melkmerckt,. voor de kinderen om battementen, en duerden tot den
31
Augusty.
Doen traeken de kmderen op de Torfbrugghe, daer die van de Cammerstrate hadden
prijs. van de battementen ende van 't schoonste incomen. Hier na op de 29 September
dte van de Cammerstrate een en prijs op van battementen, refereynen, singen ende
Vtezen, waervan die van de Lombaerdevest hadden het tweede battement, ende 't schoonste
mcomen. D'ander straten al na advenant.
Belgisch Museum. Deel J, S. I57·
2
) Ich habe die Ausgabe v. 1571 verwendel: De Con st van Rh et o rik en allen
:ncommers ende dersetver een sonderlingb Excernplaer ... wighestelt in, dichte
Y wylent H. MatthtJS de Castelein .... Ghendt 157r.
3) Ueber jene Strophenforrnen vgl. Pr. van D u y se I, S. 64 ft.
4) Sie befindet sich in dem Anhang der Ausgabe v. 1571: "Diverse Liedekens ghe-
componeert by wylent heer Mathys de Casteleyn''.
92
DIE "REDERIJKERS": DE CASTELEIN.
Zy en kuenen niet, noch en willen niet leeren,
Nochtans en kennen zy een A voor een B niet.
Diese Stelle wird anderweitig näher erklärt: das durome Volk
· ht zu J. ener er ha benen Kunst die es ebensowenig erkenne
passe me · '
wie ein Blinder die Farben. Es ist der alte Spruch des Horaz vom
1 " .
"odi provanurn vu gus .
D o n g h e I e e r de v o I c k, vul ignorante vlecken,
Is quaet om verwecken tot zulk incident:
De conste van Atliken en Plantus vertrecken,
Chrysippus doornen, en Aristoteles strecken
Syn hemlien (ghelijck den blenden tcoleur) onbekennt.
Und dann singt er das Lob seiner heiligen Kunst, der edlen
Rhetorica:
Hoe weerdiehEek hoor ie uwen lof verciaren
Over duysent iaren ende auwer tyden,
Als de Orateuren in saeisoene waren.
Hoe soete cloneken Herodotus snaren,
Hoe subtilick wilde u Thucidides belyden,
Wat scheerpicheyt useerde Phylistus in 't strijden
Met woorden: niemant en costen controleuren!
Cicero extolleerde u van alle zyden,
vVant hy was den Prince van der Orateuren.
3I. Theopompus ende Ephorus vul excellentien,
Excerpt in scienten, van uwer zaken,
45·
In 't argueren haerer eausen wat vonden zy inventien!
En dan Thimeus ornate sententien,
Vul elognentien
Isocrates, Eschines, Lysias, Hyperides, Demosthenes,
Africanus, Cicero, Lelius, Galba, Cerbo ...
Dit waren alle mannen in't leven statelick,
Der consten batelick, die decoreerende,
Die de redenen wtten steerek ende matelick,
Verschierende haer woorden elegant ornatelick,
Haer propositien proprelick illustrerende,
Die men Rhetoriken naemt, plaisantelick:
Want al, dat haer is competerende,
Moet beleet zijn fraey ende elagantelick.
DIE "REDERIJKERS": DE CASTELEIN.
93
Ja, ruft er begeistert - es gibt keinen Unterschied zwischen
der alten lateinischen Kunst der Rhetorica und der flämischen :
34 Als schijnt ere different, daer gheen en es
Tusschen den Orateurs ende dit profes,
Oft tusschen Rethorike vlaemsch ende Iatijn.
Hierruit sind wir schon bei dem Problem der Renaissance ange-
langt, das sich bei Castelein durch das Zurschaustellen möglichst
vicler Namen und Titel offenbart und auch in seinen Dichtungen
seinen Spuk treibt, wo sich neben arkadischen Gedichten, dureh-
spiekt mit Erwähnungen von Namen und Ereignissen aus der
antiken Mythologie und Geschichte, die christliche Beschaulichkeit
und der moralisierende Ton ("Christus spreeck" .. ) häuslich nieder-
lässt I),
Der U mstand, dass die Reformation in den Niederlanden (wie
in Deutschland) schon einsetzte, bevor die Renaissance richtig zum
Durchbruch kam, ist für den V erlauf der hiesigen Kulturge-
schichte von grosser Wichtigkeit. Erklärt sich doch ciaraus die
Tatsache, dass das innerliche Problem der Renaissance, die Be-
rührung mit einer einheitlichen, sinnlichen Welt, deren Grundlage
die lex naturae bildete, und die ciaraus sich ergebende Befreiung
des Individus, des Leibes, die vViedergewinnung der Freiheit zum
Leben, das Zurücklenken auf die Erscheinungswelt sich hier in
der Dichtung niemals verwirklichte, sodass wir nur eine ä u ss er-
1 i c he F o r m, eine gesellschaftliche Konventionsform fin den, deren
Grund ein sozialer Klassengegensatz ist.
Wohl sehen wir in den beiden sinnlicheren Kunstgattungen, in
der Malerei und in der Musik jenes Problem lebendig werden.
Aber hier ist der direkte Einfluss der Renaissance nur sekundär.
Die Malerei hat zwar durch das Bekanntwerden mit der antiken
Kultur die Welt und den L.eib zurückgefunden; dem Maler wurden
I) Den Schluss seiner Abhandlung bilde! eine Dichttafel .Rhetorikc extraordinaire"
Zoect ende vindt hier met staden
Acht en dertich Baladen.
(Ein Schachbrett: in jedem Feld befindet sich eine Verszeile, so dass sich immer, wie
man auch liest, van oben nach unten, van links nach rechts, in der Diagonale ader
umgekehrt, eine "ballade" ergibt. So beissen z. B. die Felder der ersten Reihe links, van
oben nach unten: I) Betert bee, man en wijf, z) Die zondight !elker spacie, 3) Broosch,
snoot ende ketijf, 4) Hoopt op Gods groote gracie. 5) Outvliet dees recreatie, 6) Laat dy
dees vrueght verleden, 7) Ghi en hebt hier gheen statie, 8) Ghy moet van hier verscheeden.
94
DAS INNERE PROBLEM DER RENAISSANCE.
die Augen geöffnet fur die lebendige heimische Welt um ibn her.
Die Blüte der Volksrousik im 16. Jahrhundert filhrt aber nur
indirekt auf die Renaissance zurilck: indem letztere die Macht der
kirdillehen Kultur durchbrach, öffnete sie der ihr nachdringenden
weltlichen Volkskunst die Tore.
Der Kunstphilosoph Ta in e bat den tieferen Unterschied zwiscben
der christlichen und der antiken griechischen Kunst in einem
plastischen Vergleiche mit den Aufgrabungen Pompejis und
vennas veranschaulicht.
1
) Dort der Kult des nakten Körpers, d1e.
Natürlichkeit und Freiheit der Form, nier ein sitzender oder
stehender Holzklotz, roarionettenähnlich, der Körper ganz von
einem Gewand mit hölzernen Falten verdeckt und Augen, die fast
den ganzen Kopf ausfilllen: die christliche Abstraktion.
Ta in e weist schon darauf hin, dass die Berübrung mit jener
antiken Kultur in den Niederlanden anfangs nicht zu einer Renais-
sance des Heidentums, sondern, wie in Deutschland, zu einer Wieder-
belebuog des Ch1·istentums ftlhrte.
Die flämjsche Renaissance bat einen zwiefachen Charakter: einer-
seits gewinnen die Konstier Interesse an dem wirklichen Leben;
ihre Figuren sind keine Allegorien mehr, wie die gemalten Bilder
der alten Psalter, noch jene "reinen Seelen" der Madonnen aus der
Kölner Schule, sondern lebendige W eseo uod Körper : es zeigt si eh
eine grössere anatomische Kenntnis, eine bessere Perspektive, eine
feinere Detaillierung des dargesteUten Stoffes, der Architektur, der
Landschaft u. s. w.
Es ist !dar, dass man in jenem Augenblick die Natur entdeckt
hatte. Die Schuppen fielen ihnen von den Augen herab.
2
) Die
ganze prunkvolle Zeit der Burgunder spiegelt sich in ihrer Kunst
wieder in dem naturwarmen Ton, den blendenden Farben. Sie
I
sehen die Welt "im Schönen", die sich in ihren Augen zu einem
Fest gestaltet, einem wirklichen Fest, wie zu ihrer Zeit am Hofe
Dyons manches gefeiert wurde, beleuchtet von einer verschwende-
rischen Sonne: kein himmliches Jerusalero, von einem über-
natürlichen Glanze verklärt, wie es Beato Angelico malt. Sie sind
Flamländer: sie bleiben auf der Erde, sie kopieren mit der grössten
Gewissenhaftigkeit das Wirkliche und das Wirküchste, die Gold-
1) H. Ta in e. Phi\osophie de l'art. Philosophi e de !'art en Pays-Bas. ge Ed. 1881.
s. 2" ff.
z) ibidem S. 2I ff.
DAS INNERE PROBLEM DER RENAISSANCE. 95
schroiedearbeit einer Rastung, das Gleissen in einer Fensterscheibe,
den entkleideten Körper einer Eva und eines Adams, das grosse
faltenrdche Antlitz eines Prelaten, den hervorragenden Nasengiebel
eines Borgermeisters, die bageren Beine eines Henkers u. s. w .
.A,ber anderseits ist ihre Kunst eine Verherrlichung des
tentull'IS, sowohl in Bezug auf ihren religiöseo Stoff als auf ihre
Empfindungen. In Hubert van E y k vereinigt sich Mystik, Al-
legorie und Realität. Seine Konzeption der Malerei ist wie die des
5 i m on e Mem ro i oder Ta d d e o Ga d d i, e i n e D a r1 eg u n g
der h ö her e n Th e oIo g ie. Realistische Detaillierung und mys-
tische Verklärung findet si eh au eh bei Rogier van der vV e y de
und Jan van E y k.
Eine hierarchische Symmetrie gruppiert di e Gestalten und bildet
jene Haltung der Stagnation. Bei Hubert van E y k ist der Bliek
starr und das Antlitz unbeweglich: es deutet auf die ewige Un-
wandelbarkeit des himmlischen Lebenhin.
V on Hub e rt van E y k aber bis Q u ent in Ma ss y s verringert
sich die Grösse und der Ernst der religiösen Konzeption. Man
findet keine vViedergabe des G I a u ben s mehr, sondern Geschichten
aus den Evangelien: die Verkündigung, die Anbetung der Hirten,
das letzte Urteil, Märtyrerepisoden, Legenden u.s. w. Die weltlichen
Sittenbilder werden häufiger: Ma ss y s malt die Bürger in ihrem
Laden, verdünnte Gestalten mit dem schlauen Lächeln des Geiz-
halses auf den Lippen, Liebespaare u. s. w. Ebenso sind Lucas
van Leiden s "die Darbietung Christi" und "Maagdendans" nur
dem Namen nach religiös: sie zeigen uns ein fl.ämisches Landfest
ocler einen Aufl.auf von Flamländern auf einem Platz.
"L'art tombe du ciel en terre et va prenclt·e pour object non plus
Ie divin, mais l'humain." t)
In der Malerei verwirklichte sich das innere Problem der Renais-
sance: der Künstler wurde zur Welt zurückgeführt und fand da
sein Land, sein Volk.
Die vViederg e burt einer sinnlichen Volkskunst ist
das ionere Problem der Renaissance.
Erst als es Sitte wurde, in Italien Studiemeisen zu machen, als
die Bilder der mythologischen Malerei auch in den Niederlanden
bekannt wurden, da trat das ionere Problem zurück, und die
1) Ta in e, Pbi!osopbie de I' art en Pays-Bas. S. 33·
g6
DAS INNERE PROBLEM DER RENAISSANCE.
ä u s
5
ere F
0
r m erschien. Da erstand die lVIodekunst, die äussere
Form, die in der Literaturgeschichte den Namen "Renaissance-
dichtung" führt. . .
Der nationale Stil ging in · der italieniscben a.kadem1schen Malerel
uuter. Es ist jene- erste Welle, die in der zweiten Hälfte des 16.
Jabrhunderts hereinbricht und von einer kleinen Strömung zu einer
gesellschaftlichenHochflutanschwoll. (Jean de Ma bus e, B er nar d
van Orley, Lambert Lombard, Jean Mostaert, J ean
Schoreel, Lancelot Blondeel).
1
) _
Dass die Dichtung von jener Wiedergeburt nicht neu belebt
wUJ·de, ist auf das gleichzeitige Eindringen der Reformation und
das erneute Aufsteigen des Geisteslebens in eine spekulative Sphä.re
zuri.!ckzuführen. Und wieder finden wir als 1etzte lnstanz die wirt-
schaftliche Konstellation als tiefere Ursache: sie bedingte den
Konflikt mit Spanien, den Eintritt des Calvinismus.
Sie verhinderte anderseits, dass die Volkskunst Kulturfarm wurde
und übernahm aus sozialen Gründen die äussere Form der Renais-
sance, urn die rechtliche Trennung zwischen sich und dem Volke
herzustellen.
So verdanken wir es jener städtischen Modekultur, dass nicht
nur der Aufschwung des Volkstiedes ein jähes Ende nahm, sondern
auch jene hohe Blüte der nationalen holländischen Malerei zu-
grunde ging.
Das allmähliche Vardringen der weltlichen Musik in die kirch-
liche wurde von der Renaissance-bewegung mächtig gefördert :
indem sie die christliche Spekulation und ihre abstrakte Kultur
durchbrach, öffnete sie der Volkskunst die verschlossenen Tore.
Das musikalische I 6. J ahrhundert steht ganz im Zeichen der
Volkskunst.
Am Anfange dieses Jahrhunderts tauchen plötzlich jene Instru-
mentalsätze der Tanzlieder, wie sie die fahrenden Volksdichter und
Sänger, die S·p ie 11 e ut e, bisher gepflegt batten, auf.
Das Herausarbeiten unseres modernen Tonsystems (Dur und
Moll) aus den widernaturlichen, uns Germanen aufgedrungenen
Kirchentonarten des Mittelalters - oder vielleiebt das unentwegte
I) Ta in e. Philos, de !'art en P. B., S. 40.
DIE VOLKSKUNST ALS KULTURFORM.
97
Festhaiten des uralten angestammten natürlichen Systems, ist ihr
Werk gewesen.
1
)
Die Kirche hatte sich seit alter Zeit a-eaen dieSpielleute erklärt
b b '
sie mit dem Banne belegt und behandelte sie als Abgefallene, als
Kinder des Teufels, gestattete ihnen nur in seltenen Fällen den
zutritt zum Altar und schloss sie vom ehrlichen Begräbnis aus. 2)
Und nun treten plötzlich ihre Schöpfungen in den Sammlungen
des 16. Jahrhunderts hervor.
Die Tanzliedersammlungen (die erste erschien bei Pierre Attaig-
nant in Paris, I 5 29) weisen einen grossen Gegensatz zu der welt-
lichen und kirchlichen Höhenkunst jener Zeit auf. Vergleichen
wir z. B. die Tanzsätze von Benedictus Hertoghs 3) und die,
welche sich in denSammlungenvon Tielman Susato (I55I) 4)
und Petrus Ph a 1 es i u s (I 5 7 I) s) befinden, mit den gleichzeitigen
weldiehen Kunstliedern aus Tie 1 manSusatos "Het ie r st e M u-
syckboecken"(I55I)
6
)und"Een duytsch Musyck-Boeck"
(1572) 7), so ist der Unterschied ein zu auffallender: die Tanzsätze
x) Fr a n z M. B ö h me: Gesellichte des Tanzes. " Bde. 1886. Bd. li, S. 291.
2) Für dieSpielleute in den Nederlanden vgl.: Edmond van der Straeten: La
musique aux Pays-Bas avant le XIXe Siècle. 8 Bde. (r867-88) und: Les Ménestrels aux
Pays-Bas du XIIIe au XVI!Ie siècle, r885.
Ersteres Werk enthält eine Fülle wichtiger historischer Notizen ist aber durch die
aphoristische Art seiner Abfassung und den vollständigen Verzicht auf Qnellenangabe
oft unbrauchbar. Robert Ei t n er beklag! sich in seinem "Quellenlexikon'' bitter darüber
so z. B. S. 158. nEinen Fundort verzeichnet van Straeten fast nie, denn soweit reiebt sein
historischer Sinn nicht."
3) Herausgeg. v. Robert J. van Maldeghem; Trésor Musical. Bd. XIII-XVII.
(r8n-Sr).
4) Het derde Musyck boexken begrepen int ghetal van onser neder-duytscher
spraken, daer inne hegrepen syn allerhande danserye - - te wetens Basse dansen, Ronden,
Allemaingien, Pauanen, ende andere mits oeck vyfthien uienvue Gaillairden, - Ghecom-
poneert ende na er dinstrnmenten ghestelt dner Tie 1 man Sus at o. Ghedruckt Tantwerpen
by Tielman Susato. 1551.
5) Liber p r i mus leviornm carminnm .... Premier 1 i ure de danseries, contenant
plusieurs pavanes, passomezo, almandes, gaillardes, branles etc. Lovanii apud Petrum
Phalesium, Anterwerpiae apud Joannem Bellernm. 1571.3 Bde.
6) Het ie r st e Mus y c k boe x ken mit vier partyen daerinne begrepen zijn XXVIII
nieuwe amoreuse liedekens in onser neder-duytscher talen, ghecomponeert by diuersche com-
ponisten, zeer lustichom singhen en spelen op alle musicale instrumenten. Ghedruckt Tantwer-
pen. Herausgegehen van F l. van Du ys e. (Vereenig. voorN. Neder!. Muz. Gesch. XXIX) rgo8.
7) Een D u y t s c h Mus y c k-b oe k daerinne begrepen syn velen schoone !i edekeus met
3, met 5, ende 6 partijen ghecomponeert, bij diuersche excellente meesters. Lonen Pieter
Phalesius en de T'antwerpen bij Jan Bellerus, 1572. Herausgeg. v. F 1. van D u y se.
(Vereenig. v. N. Neder!. Muz. Gesch.) 1903.
DIE VOLKSKUNST ALS KULTURFORM
· h G .. o·e also
mentalsätze sondern zugletc esanb ' .
sind nicht nur lnstru k' d' 1't'tel immer ausdri.ickltch,
N
. ht
1
ur beroer en te
Tanzlieder". IC
1
d espielt zu werden,
" " sind zugleich gesungen un g
dass sie h ar' manches von jenen Tanzliedern auch
sondern es bat SIC g l d' 1 te Belege So führen z. B. dte
Te:x:t erha\ten und bietet aso) tre n darf hier Erwäh-
k ,, (I540 - ems vo
Souterliede ·ens Al d'eHeer"u.s.w.alsMela-
" u dem Psalm I 2 5 " s
1
nung finden - z . . dansliedeken: Den lancxten
nae dte wtse van een " N'
dieangabe an ,, . . brencrt ons vruechden cleyne . Im" teu
dach van desen di el,, (r b I) befindet si eh ein Tanzlied "op
Amstelredams Ltet-boec { 59 . Psalm aus den "Souter-
cl wijse · Als de Heer" u.s. w., Jener . h ' h hier wieder-
_e k ;, :r) Der Text ist so hübsch, dass te I n
bede ens .
geben will.
Sullen wy aldus stille staen? .
1
I. Dat can geen vreucht voortbnngen.
Hey, laet ons
Al salt niet consttch ZIJn ghedaan,
Nochtans sal ick voorsinghen.
dat seer soetgens singt,
2
. Een meysgen,
Houdt mijn jonck hart bevanghen ;_
Mïn hart van vreuchde my
sy my eens lieflijck toewmckt,
Soo blijf ick haer ghevanghen.
3· Sy lacht soo soet, 't sal nu zijn,
Sy sal mijn jammer blusschen' ..
Hey, waer sy eens de liefste
Soo sou ick vrolijck haer aenschlJll
N ae mijn behaghen cussen.
4· Jae, al de lieve langhe nacht
Sou ich ghenoecht vermeeren,
En soenen haer haer wangshens sacht,
Vrencht en solaes sou zijn verpacht,
N ae haer en mijn begheeren.
. Het oude Nederl. Lied. U, S. tllg8. Die
I) Melodie und Text bei van 1 (Ait-niedeTiändischeTanzliederN".gi4C)
habenauchL.ErkundF.M.Babme,Bd. '·7n!ch dem T ex\anfang nDen lanesten dacl
abgedruckt. Sie fllhren das t;led auf den J ohannistanz, das Sonnenwendfest
van descn jare, die brengt ons vreuc \ t c c t
;;o.urück.
DIE VOLKSKUNST ALS KUL TURFORM.
5· Princesgen denckt om dit gheneucht,
Wilt u by u lief paren;
:Maer kiest voor ghelt of schat, de deucht,
Soo suldy met u Prins in vrencht
Doorbrenghen uwe jaren.
99
Aus der Schlussanrede "Princesgen" uncl "Prins" I) sawie aus
versebiedenen vVörtern (solaes, u. a.) und der maralischen Tendenz
am Schlusse ergibt sich, dass der Dichter ein "Rederijker" war.
Aber doch, welch eine gute dichterische Kraft steckte in ihm !
Was mag da alles in jenen Kammem zu Grunde gegangen sein,
das sich sonst frei und schön hätte entwickeln können!
Wie die Melodie dieses Tanzliedes sind auch die der obenge-
nannten Sammlungen beschaffen. Auffallend ist die Ähnlichkeit mit
den Tanzsätzen des Neidhart von Reuenthal: die ausgeprägte
Liedfarm des Volksmelos (die 8-taktige Periode und ihre Halb-
sätze ), das V orwiegen der Dur-m1d MoBtonart und d er strenge
Sa t z No te ge gen No te. Hauptsächlich letztere Eigenschaft
unterscheidet das Volkslied vom Kunstlied jener Zeit: das Volkslied
ist durehans polyphon und gleichfalls kanonisch veranlagt
2
) und
fordert eine innige harmonische Verbindung der Stimmen. 3)
vVie völlig verschieden ist der Satz der von Tie 1 man Sus at o
selbst kom ponierten Tanzlieder, die im "Volksstile" geschrieben
sind, von dem seiner Kunstlieder, die wie die anderen zu der
internationalen Gattm1g des durchimitierten acapella-Vokalstils
und seinen kontrapunktischen Kunststücken gehören!
Das Auftreten des Volksliedes als allgemeine Kulturfarm ( denn
jene Tanzlieder wurden somit auch zum Inbegriff der damalig·en
Höhenkunst) ist die wichtigste Erscheinung des r6. Jahrhunderts.
I) Die gebränchliche A mede, womit der jeweilige Kammerbruder si eh am Scblusse seines
Gectichtes an den "Prins' ', den Hauptmann der Kammer (auch "Keizer" genannt), wandte
nnd zngleich das Lied in gewisser Hinsicht ihm widmete: ein allgemeiner Höflichheitsakt.
2) Vgl. die schöne Darstellung v. Fr a n z \V. v on Dit fu r t h: Fränkische Volkslieder,
2 Dele. 1885. Bd. U, XXIV ff.
Vgl. die 6 stimmigen Jodler bei Jo se f Po m me r: 444 J odler und Jucherer aus Sleier-
mark u. s. w. (3 13d.) Bd. 2, S. II3 ff.
3} Versebiedene Täm.e aus jener Sammlung wurden berausg. von Robert Eitner:
Tiinze des 15. und 17. Jahrhunderts. (Bell nge der Viertelj ahresscbrift f. Musikwissenscha!t).
Eine strenge Uebertragung fft.r Ktavier -zu vier Händen erschien von Jul. R ö ntgen
mit einer treffliahen Einleitnng von D. F. Sch e ur Ie er: Oud-Nederlandsche Dansen der
I6de eetlW. (Vereenig. voor N. Neder!. Muziel<gesch. Uitgave XXV und XXVII, I902-05).
IOO
DIE VOLKSKUNST ALS KULTURFORM.
Diese historische Periode widerlegt aufs entschiedenste den Satz,
dass die sozialen Unterschiede oderein ungleiches Mass der Bilclung
die kulturelle Trennung notwendig hervorrufen. Das r6. Jahrhundert
bringt in unsrer Kulturgeschichte den denkwürdigen
wo die Macht des Offenbarungsglaubens in sich zusammenfiel und dte
asketische Idee, zu einer äusserlichen Formel geworden, vor der
Berührung mit der Antike dahinschwand; in jenem Augenblicke
entknospete si eh in herrlichster Pracht die Blume der Volkskunst.
Und überall drängten sich ihre grünenden Ranken durch die Dürre
der kirchlichen Kunst. In der heiligen Messe wucherten sie schon längst
als cantus firmus, an den sich das Schlinggewächs der ancleren
Stimmen schmiegte, und die grössten Meister der kirchlichen
Tonkunst griffen nach ihr als dem Fundament, worauf sie ihre
Tongebäude errichteten.
Es ist zu dieser Zeit, dass in Italien und Deutschland der be-
rühmte niederländische Meister He in r i c h Is a a c (U ngonis de
Flandria) wirkt, dessen Satz "Insbruck ich muss dich lassen" sich
jetzt wieder der grössten Heliebtheit erfreut I) die
grossen Liederkomponisten Ludwig Senfl, Hetnrtch Ftnck,
Ge
0
r g F
0
r ster und Jobs t van Bra n t, welch letzterer nicht ein-
mal Fachmusiker, sondern Hauptmann zu Waltsachsen und Pfleger zu
Liebenstein, also pfälzischer Verwaltungsbeamter war. Dieser Urn-
stand ist zu beachten, weil er zeigt, wie durch die damalige Art
musikalischer Erziehung die Kunstfertigkeit über die Grenze der
Musiker vom Fach hinaus verbreitet ward.
2
)
Indem der Gesang die Grundlage aller Tonkunst war, verfügten
unsere Vorfahren aus jener Zeit über ein weit mehr entwickeltes
absolutes Gehör als wir in der Gegenwart, die wir durch die
Klaviererziehung prinzipiell musikalisch verdorben und unselb-
ständig werden. Denn abgesehen von dem absoluten Gehör, worüber
das Volk nebst einem überfeinen rhythmischen Gefühl verfügt, gibt
die Volksmelodie vielfach von selbst ihre polyphone kanonische
Entwicklung an. Grade dies ist das Mysterium und der unerschöpfliche
Reiebturn der absoluten Melodie. 3) U nd dieser natürlichen musika-
x) Ein niederländischer vierstimmiger Satz "Tm eiskin was jonck" befindet in seinen
"Weltlichen Werken", herausg. v. Joh. Wo 1 f. Denkmäler der Tonkunst in Osterreich.
Bd. I6, S. 203. (fehlt bei van D u y se). .
2) R. von Liliencron: Deutsches Leben im Volkslied urn I53o. S. XXVIII.
3) Riem a n n bat au dem Sommerkanon von Reading demonstriert, wie ein solcher
Naturkanon sich rein empirisch entwickeln kann. (Handbuch der Mnsikgescb. 1
2
, S. 220 ff).
DIE VOLKSKUNST ALS KUL TURFORM. DIE REFORMA TION I 0 I
Jjschen Veranlagung, die wir in den Steiermarkischen 6 stimmigen
Jodlern zu . einer fast Höhe entwiekelt sehen, ist
unsere städt1sche Kunst mtt threr vollständigen Auflösung der Form
und ihren am Klavier zusammengesuchten Klangfarben akkordischer
Massen ganz und gar entfremdet.
Wie mächtig der Sang und Klang emporspross, wie er alle
Herzen umklammert hielt, davon gibt uns erst der Eintritt der
Reformation Kunde.
Aber noch war es nicht an der Zeit, dass jene vVeltanschauung,
die der neuen Volkskultur zu Grunde lag, eine bleibende sein konnte.
Noch waren die Möglichkeiten des spekulativen Denkens und des
Schaffens absoluter Lebenswerte, wodurch der Mensch notgedrungen
zu der Beschränkung innerhalb der Erscheinungswelt hätte zurück-
kelll'en müssen, nicht erledigt worden.
Jenem Frühlenze bereitete die Weiterentwicklung der spekula-
tiven Theologie, wie sie sich in den Niederlanden gestaltete, ein
schnelles Ende. Es war der CaIvin is mus, der wie ein Reif in
der Frühlingsnacht auf die zarten Blümelein fiel. Sie welkten und
verdorrten. Und wieder ist es die sozial-ökonomische Konstellation,
welche - wie schon vorbemerkt wurde - die Entwicklung der
Reformation im Sinne des Calvinismus zur unbedingten Notwendig-
keit machte. Denn der Calvinismus mit seiner strengen innerwelt-
lich-asketischen und nichts weniger als lebensfreudigen Weltanschau-
tmg wurde der unerbittlichste Feind der Volkskunst.
Hätte das Lied nicht so tief im Herzen des Volkes Wurzel ge-
trieben, die calvinistische Kirche hätte den Psalmgesang viel-
Vgl. den wonderbaren Kanon, der sich aus dem Lied ,,o myn Engeleyn o myn Teube·
leyn" ergibt, von dem tiichtigen Kontrapnnktiker und Kenner des Volksliedes J. C. M.
van Riem s dijk: Oud-Nederlandsche Danswijzen voor vierh. Klavier, I8gg. (Werken der
Ver. v, N. Nedl. Mnz. Gesch. X.) N°. IS, bearbeitet. Diese innig schöne Weise, hier dem
"Friescbe Lusthof" von J. St art er. (Amsterdam r6zr) S. I23, entnommen, der es zu seinem
Gedicht "Een ronden-dans om de bruydt te bedde te dansen" verwendel bat,
Jst wschl. gleichfalls sehr alt. Bei Er k und B ö h me (III, N°, 1072. S. IS) kommt sie
Yor als "Chorus poellarnm rusticarum'' in dem Singspiel "Actu Oratörio": V on dem er-
lösten Jerusalem clurch den thewern Fiirsten Gottfrieden, Hertzogen von Bouillon'', von
Me I c h i o r Franc k (r63o). In dem 4· Akte ist in Bezng auf diesen Chorus vcrbemerkt;
"Dieses ist nach dem sehr alten Geb1'auch in Thüringen eingestellt worden, bey welchem,
vcrdessen das jnnge Volck nmb clen Summer mit singen zustritte" u.s. w.
Ueber die Wanderung der Melodie in Holland (La ut en b u c h des Tb y si u s, Anfang
1
7· Jahrh.) und England
1
wo es in Shakespeares
11
As you like it" als Melodie zn dem Liede
nO, sweet Oliver! 0 brave OI i vier! Leave me not bebind thee" gesnngen wurde, Vgl.
E r k. s. B ö h me II l, s. zo tmd van D u y se II, S. 1302.
102 DIE PSALMDICHTUNG.
Ieicl1t überhaupt nicht in der Kirche so geduldet, als ste es ge-
tau hat.
1
)
Denn der Gesang an und für sich galt als eine Verführung des
Satans, der man nur entrinnen konnte, indem man alles Fleischliche,
"Sinnliche" (d. h. den Wohllaut des Klanges, die Lust der Em-
pfindung) dabei ausschaltete.
Diese Auf{assung Augustins, von Cal vin in der Vorrede zu der
französischen Psalterübersetzung Marots ausgesprochen, kehrt wie-
derholt in all en niederländischen Psalterübertragungen zurück.
2
)
Als im Jahre I 523 zu Brüssel zwei Knaben ihres ketzerischen
Glaubens wegen verbrannt wurden, da sang die "vVittenberger Nach-
tigall", Marthin Luth e r 3):
Ein neues Lied wu heben an,
Das walt gott, unser herre!
jenes innige Lied, das sich zu der wunderbaren Strophe steigert :
Die Asehen will nicht lassen ab,
Sie _ steubt in allen landen.
r) D. F. Sch e ur Ie e r : De Souterliedekens. Bijdrage tot de Geschiedenis der oudste
Nederlandsche Psalmberij mi ng t 8g8. S. 15.
2) Schon hier möchte ich j ene vollsüindig unri chti ge Angabe zurückweisen, die siclt
in einer sebr übl en, dilettantischen Schrift "Het Calvinisme" von A. K u y pc r breitmacht
und in Niederland eine in keiner Hinsicht verdiente Beachtung gefunden bat.
Erslens i st das Märchen der Begriindung der römischen Schule durch C I a u de Go U·
dim eI wo hl endgültig durch M. Brenets Studie über ihn zerstört worden und hat sich
noch kein Ersatzmann für den mysthischen Gaudio Mei, den Lehrer Palaestrinas in Italien,
finden lassen. (Mi c he I Brennet: Claude Goudimel t8g8. } Eine zwei te Probe dieser Bro·
schürenwissenschaft i st di e Erzählung, Goud i me I ha b e dem kir c hl i c henVolk sgesang
(sic!} abgehorcht, dass die ho he Kinderstimme, welche bisher in der Musik die Führung
gebabt babe, den Tenor ühertöne, und so habe er di e Sopranstimme als Melodieträgerin
an Stelle des Tenors gesetzt und eine ganz neue Richtnog begründet. (Es wär so schön
gewesen !) Aber schon der Stil Joh n Dunst a pI e s beruht auf der souveränen Herrschaft
des Diskants. Und es lassen sich noch viel mehr ältere Belege jener s.g.
11
ars nova" (die
wschl. von jeher die Farm der Volkskunst war) annihren. Riem a n n bemerkt zu derFrage :
"Es wird Zeil, endlich einmal mit dem alten Märchen aufzuräumen, dass noch bis ins 16.
Jahrhundert hi nein der Tenor die Hanptmelodie-stimme gewesen sei und erst im t6.
Jahrh. allmählich der Diskant die Fiihrung erhalten hahe und deshalb nicht mehr Dis-
cantus sondern schlechtin Cantns benannt worden sei." (Handbuch der Musikgesch. II
1
,
S. ng. )
Es lohnt sich nicht, weiter ein \'lort über dîese Broschüre zu verlieren.
3) Lu d wig Uh I a n d : A !te hoch-und ni ederdeutsche Volks \ieder, (3e AuR.) Buch V.
N". 351.
DIE PSALMDICHTUNG.
Hie hilft kein bach, loch, grub, noch grab, -
Sie macht den feind zu schanden!
Die er im leben durch den mord
Zu seinveigen hat gedrungen,
Die musz er tod an allem ort
Mit all er stim und zungen
Gar fröhlich laszen singen.
103
Die von den Mordbrennern verbreitete Nachricht, di e Knaben
hätten sich "in der letzten not" noch "umbkeret", zurückweisend,
klingt es ergreifend schön aus :
Der Sommer ist hart für der Tür,
Der Winter ist vergangen,
Die zarten bl ümlin gen erfür:
Der das hat angefangen,
Der wird es wol volenden.
Solche Töne hat die Psalmdichtung in den Niederlanden niemals,
auch nicht nur annähernd, gefunden ; obgleich sie sich, wie Luther,
anfangs an das Volkslied anl ehnte, hat sie ni e die verwandte Innig-
keit der Empfindung hervorzubringen gewusst, welche die geist-
lichen Lieder Luthers in so hohem Masse aufweisen. Der G run cl
dafür ist a n allererster Stelle in d e m unseligen Ein-
fl u s s e der Rh et o r i k ka m me r z u s u c hen. Die Richtigkeit
dieser Behauptung lässt sich an der ältesten niederländischen Psalm-
übertragung, an den "Souterliedekens" nachweisen(1540). x)
Der Dichter J on k er W i 11 e m van Z u y 1 en van N y e v e 1 t
bittet in dem "Prologhe", man möge entschuldigen, dass die
Uebersetzung nicht urschriftlich und "die Rhetorische coleuren so
nauwe niet geobserveert" seien: "maer wilt aenmercken de sake,
waeromme datse ghemaect zijn: dat Gods naem (so voorsereven
is) hier door gheheylicht mocht worden, ende dat cl e ion g he
1 ie den, die tot si n g he n vee 1 g hen e y c h t zij n, ha er ge-
noechte nemen in geest e 1 ij c ken sanck." Die Rederijker-Einfl.üsse
machen sich denn auch an allen Ecken und Enden bemerkbar.
1} Die von mir verwendele Ausgabe ist vom Jahre 1559:
Souter I i e dekens, Ghemaect ter eeren Gods, op alle die Psalmen van David, tot
.stichtinge ende een geestelijcke vermakinghe van allen Christen rnenschen. Thantwerpen,
in de Rape by Jan de Laet, 1559.
104
DIE PSALMDICHTUNG.
So heisst es in dem Psalm CXLIII ("Na de wijse: Doer liefde
ben ik ter doot gewont"):
6. Verlost my van den kindren hier,
Vreemt van manier,
Wiens mondt puytier
Van ijdelen saken sonder bestier
Heeft altijt willen spreken
7. End ha er tresooren groot en cleyn
Syn vol en pleyn;
Vruechtbaer certeyn
Sijn hier haer schapen algemeyn,
Haer ossen vet, gepresen. -
Und so Psalm V ("Wise: Aenhoort al myn geelach ghi ruterkens
fraey"):
3· Al voer u oogen reyn
En mogen sy niet gedueren;
Ghi haetse alle gemeyn
Die boose, groot en cleyn,
Die liegen hier certeyn.
Ghi wiltse verderven pleyn
En in den afgrondt stueren.
"Certeyn", "gemeyn", "pleyn" sind richtige Flickreime der
"Rederijkers". Der poetische Wert dieser "Souterliedekens" ist
denn auch sehr gering.
Bezeichnend ist der "Prologhe", worin van Z u y Ie n gegen jene
lichtwerdirre ij'dele Iiedekens" losleet, die "men nu daghelijx siet
" h .......
en hoort". Um "den ionger ieucht een oorsaeck te geven in plaetse
van s o t te v 1 e es c he 1 ij c k e 1 i edeken s wat goets te singen,
daer God deur gheëert ende sy gesticht mochten worden", habe
er die Souterliedekens gedichtet.
Am Schluss des "Prologhe" tritt uns die bürgerlich-didaktische
Schule Maerlants wieder entgegen: "Hier-om, beminde Leser ...
so wilt liever uwen geest vermaken met Gods lof, daer ghy God
mede behaget, dan dat ghy u v Ie es c h met on cl u e c h cl e 1 ij c k e
sa n gen sou t verweck en, daer ghy den duvel mede behaecht."
DIE PSALMDICHTUNG, lOS
Als Quelle der Volksmelodien, welche für die geistlichen Texte
verwendet wurden, sind die "Souterliedekens'' sehr wichtig. Ander-
seits }lat Scheurleer schon betont I), dass W i 11 e m van Z u y l e n
ader der V er leger S y m on Co c k für die Melodien, die deutlich die
rokrustische Behandlung der Kontrapunktiker (Zustutzung, Aus-
melismatische Ausschmückung) aufweisen, den mehrstim-
migen Kompositionen von Cl e mens non Pap a und Tie 1 man
S u
5
at o einfach die Tenorstimme entnammen hatte 2), da ja mono-
disch weltticher Kunstgesang (cl, h. gedruckter) noch nicht existierte.
Dem Volksliede, dem Tanzliede verdankten die "Souterliedekens"
ihre Beliebtheit. Dadurch lässt es sich auch erklären, dass sie zwischen
153
9 und 1613 (dem Jahre der letzten Ausgabe) circa fünfundzwanzig
mal in N eudruck erschienen.
Ein katholischer Schriftsteller des 17. Jahrhunclerts bemerkt zu der
Psaltndichtung: Die Psalmen wurden von einem jeden verlangt und
angenommen, nicht nur von solchen, die nach dem Luthertum
rochen, sondern auch sogar von den Katbaliken; ein jeder fand
Gefallen daran, sie zu singen; denn "sy waren inderdaat ver-
make 1 ij c k e n d e 1 i c h t o m t e 1 e e r e n e n b e q u a e m o m o p
de violen en andere instrumenten te spelen'', 3)
Wie gross die Sangeslust war, bezeugt ja V a n Z u y l en von der
Jugend. Seine Samm1ung trägt nicht einmal einen so ausgeprägt
protestantischen, lutherischen, geschweige denn einen calvinistischen
Charakter. Denn sie erschien mit Privileg, während schon in den
Jahren 1521, 1524 und 1525 "Plakate" gegen die ketzerische Lehre
ersebienen waren. Is a a c 1 e Long meint sogar, die weltlichen
Weisen haben die Reformierten in gewisser Hinsicht geschützt,
I}
11
De Souterliedekens". S. I8,
Sie wurden mit weltlichen Texten und Melodien mit KI a vierbegleitung herausgegeben
van Fl. van Duyse: Oude Nederlandsche Liederen. Melodien uit de Souterli edekens. II
Dde. I88g.
Der Titel der Cicmens non Papasche-Sammlung betont das erwähnte Verhllltnis des
Tenors zum Lied nachdrllclclich. Der Katalog der Utrechter Stadtbibliothek v. J. t6o8
ffihrt ihn folgendermassen an: nSoute.rliedeken&: het vierde, vijfde, sestc en sevende Musijck-
Boecxk<:n met drie stemmen, waerinne begrepen zijn de Psalmen van David, ghecomponeert
by Jacobus Cicmens non Papa, den Tenor nltijdt houdend e de voy s e
·•an gemeyne bekende Liedekens. 't Antw. I556 en I557·" Bei J. C. !11. van
R i cm s dijk: Het Stads-Muziekcollegie te Utrecht. Collegium Musicum Ultrajectinum.
l6JI- I88I. (I88I} S. IOJ.
3) Florimont Rémond: Opgang, Voortgang en Nedergang der Ketterijen dezer
eeuwen. Antwerpen. 1646. Bd. IV, S. 319.
106
DIE PSALMDICHTUNG,
weil "de vijanden der Waarheid zulks in eenig huys hoorende,
daardoor misleidt wierden, denkende dat het wereldsche liederen
waren".
1
)
Die V erdammung der weltlichen Volkskunst ist der al te Anta-
gonismus zwischen der Kirche und dem sinnlichen Volke. Wie
ihr Gründer Ma e rl a n t, so sprechen alle Schüler der mora-
lisierenden bürgerlichen Poesie über die Volkskunst. Trotz der
Psalmdichtung von Ut en h ov e, Datheen und Marnix erschie-
nen die "Souterliedekens" noch im Jahre 1598 und 1603 im Neu-
druck. Die calvinistischen Predikanten waren dem Büchlein wegen
seiner weltlichen vVeisen nicht sehr hold. Die "Souterliedekens"
wurden denn auch niemals in die Kirchenordnung übernommen,
wo hl aber die Psalmen Dat he e n s, der van Z u y 1 en als Dichter
wirklich nicht überragte, dessen Psalmen aber eine U ebersetzung
der Marotschen waren und zugleich die französischen Melodien
mit auf die niederländischen Texte übertrugen.
Die Heliebtheit der "Souterliedekens" bestätigt R é mond auch
noch nachträglich, indem er sie auf das kleine Tasellenformat
zurückführt, wodurch sie auch in der katholischen Frauenwelt so
viel Erfalg hatten.
2
) Dies kleine Format bleibt während des ganzen
17. Jahrhunderts für die Damenliederbüchlein üblich ("Mopsje"
u.s. w.). Ein sokhes Daroenformat hat auch "De Nieuwsche Hofsche
Rommelzoo" und andere Amsterdamer Liederbücher, von denen
noch die Rede sein wird.
Dass die "Souterliedekens" bei den Katholiken auch grossen
Erfalg hatten, davon bringt uns die niederländische Uebersetzung
der Marotschen Psalmen des Malers und Rhetorikers Lucas de
Heere 3) Kunde.
Lucas d'H eer e war anscheinend katholisch, wenn auch zuweilen
ketzerisch angehaucht. So schrieb er z. B. als Einleitung zu der
Datheenschen Psalmenübertragung ein Gedicht mit der Unterschrift
"Vreest uit liefden d'Heere". Gleichfalls hater in dem ketzerischen
x) Isaac Le Long : Kort historisch verhaal van den eersten oorsprong der Neder-
landsclle Gereformeerde Kerken onder 't Kruys. Amsterdam, 1751. S. 39·
2) Opgang, Voortgang en Nedergang u. s. w. Deel U, S. 223 "kleine Psalmboeckjes,
die door hun aerdicheyt alleen de Joffers aenlockten om te lesen.
3) P sa I men David s, na d 'Ebreeusche waerheyt - - in dichle ghestelt, op de wysen
en mate van Clement Marots Psalmen. Autheur L. D. H, Te Ghenclt. By Ghileyn Manilius.
Anno xs65.
DIE PSALMDICHTUNG. 107
Ecclesiasticus" (I 5 64)
1
) von Jan Fr u y tier s eine Ode als
u .
Einleitung geschneben, in der er wiederum vor dem Singen von
vleeschelycke liedekens" warnt, welche ter verdoemenesse" führen
,, JJ •
So heisst es auch darin:
Dees liedekens sullen u hert niet verstooren,
Alsoo d'ydel amoureusheyt veel doet.
Der "Ecclesiasticus'' enthielt sogar Tauzweisen aus den
licdekens'' ausser den en, die Fr u y tier s aus anderen Quellen
übernommen hatte.
In der Varrede seiner Psalterübersetzung sagt "den Drucker tot
den goedwillighen Lezer oft Zangher" :
"Al hebben de Psalmen Davids van overlangh in nederlandsche
spraecke ghemaeckt gheweest, nochtans en zal men desen nieuwen
aerbeit niet te vergheefs achten. Ten eersten, omdat eenighe van
d'oude Psalmen ghemaect zijn op lichtvaerdighe wysen,
daer by theyligh woord Gods clickmael is mesbruuct gheweest in
I i c h tv a er di g he v o y sen, danssen en andere w u 1 p s-
heden."
Dies bezieht sich auf die "Souterliedekens" und wirft ein eigen-
tümliches Licht auf das Verhä1tnis des geistlichen Textes zur
weltlichen Melodie. Es ist eine Eigenschaft des Volksliedes, dass
Text und Weise unzertrennlich zusaromen gehören, und die Bauern
niemals den Text allein hersagen können, sondern immer behaupten:
"So etwas kann man nur singen". In der Psalterdichtung
wurde der Text gewaltsam vonder Melodie getrennt
u n d ei n a nor ga nis c her Te x t u n terges c ho ben, der aber
scheinbar beim Gesaug oft vergessen wurde, Die Tanzweise domi-
nierte, und die Leute scheinen den Psalm vielfach getanzt zu haben.
Ka I f nennt d'H e ere übrigens einen poetasternder Rhetoriker 2),
was ganz zutrifft.
Erst nach van Z u y 1 en und d'H eer e setzt die calvinistische
Psalterdichtung· ein.
I) Ecclesiasticus oft de wijsesproken Jesu des soons Syrach. Nu eerstmacldeur-
d:elt ende ghestelt in Liedekens, op hequame ende ghemeyne voysen-- deurJan 1< r u y-
t Iers, (1564), opnieuw uitgeg. door D. Scheur Ie er, r8g8.
2
) G. Ka I f: Geschiedenis der Nedl. Letterkunde in de 16de eenw. 188g.
1
o8 DIE POLITISCHEN VORAUSSETZUNGEN DES CAJ,VINISMUS.
U m
1
5 1 8 waren schon in Holland und Süd-Niederland die ersten
Spuren des Luthertums sichtbar geworden. Durch die deutschen.
Kolonien, unter andern in Antwerpen, und besonders durch dieAugus-
tinerklöster fand die neue Leb re Eingang und den Beifall des Volkes,
das von ihr zu politischer Betätigung in dem Kampf gegen den
entarteten Klerus und seiner Bevormundung aufgefordert wurde.
Aber nicht das Luthertum sollte die führende Rolle in den
Niederlander1 übernehmen: die politisch-wirtscbaftliche Entwick-
lung forderte eine andere Form.
Das Verhältnis zwischen dem Monarchen und dem Lande hatte
sich jmmer mehr zugespitzt. Fr u in hat in seinem "Vorspiel des
achtzigjährigen Krieges" schon darauf hingewiesen, wie durch den
Tod des portugiesischen Infanten Don Miguel (1500) die burgun-
dische Linie (Karl V.) in Spanien erbberechtigt wurde und so zwei
Nationen, denen nichts gemeinsam war, weder in Sprache noch
in Sitten und Interessen, durch ein unsinniges Erbrecht zusammen-
gefügt wurden. •)
War Karl V. in den Niederlanden geboren und erzogen worden
und mit dem Charakter des Landcs und seinen Einwohnen vertraut,
batte er durch kluge Politik manchen Konflikt vermieden, sein
Sohn Philipp (II.), in Spanien erzogen und Spanier seiner ganzen
Gesinnung nach, war in diesem Lande ein Fremder. Ihm war
das demokratische Wesen der bürgerlichen Niederlande verhasst;
seine Politik ging darauf aus, das Bestreben der Burgunder fort-
zusetzen und die Ni ederlande zu ei n e m Staate mit streng monar-
chischer Verfassung umzuschmieden. In jener Denkschrift "Certayns
avis" etc. heisst der erste Artikel des Programmes dementspre-
chend: "Premièrement et surtout, que Ie Roy face incorporer
tout Ie pays en provinces de ce Pays-Bas en ung corps de Roy-
aulme et se face couronner Roy absolut du mesme royaulme, lui
donnant Ie nome et tiltre de Royaulme de la Basse Allemagne
ou Germanie inférieure, faisant de la ville de Bruxelles ung lieu
métropolis, siège royal ou ville ca pitale du mesme royaulme, comme
Paris en France, Londres en Angleterre'' etc.
2
)
Zwischen einem Staat rein agrarischer, absolutistischer Verfas-
r) Robert Fruin: Het Voorspel van den Tachtigjarigen Oorlog. Verspreide Ge-
schriften. I, S. 266-449.
2) Robert Fruin: Geschiedenis cler Staatsinstellingen. S. 152
DIE POLITISCHEN VORAUSSETZUNGEN DES CAL VINISMUS. 109
sung und einem Land, dessen Vergangenheit eine btlrgerlich-demo-
k!atische Entwicklung war, und dessen gegenwärtige politisch-
wirtscbaftliche mate nur auf diesem autonomen städtischen Milieu
beruhte, war ein Kontlikt unvermeidlich. Seit der Abreise Philipps
nacb Spauien (1561) bat der Konfliktzustand denn auch nicht auf-
gebört. Bei seinem Abschied von den einberufenen Generalstaaten
forderten dieselben unentwegt die Entfernung derfremden Truppen
und bewilligten ihm die neue neunjährige "bede" nur unter der Be-
dingung, dass sie von ihren eigenen Kommissaren und nicht von
dem königlichen Finanzrat verwaltet würde. Wegen der Bevorzu-
O'Ull<Y der Fremden in den Staatsämtern ward der einheimische Adel
b b
verstimmt und kam in Opposition; die Städte lehnten die neue
Bischofsordnung ab und weigerten sich (wie Antwerpen), wegen des
voraussichtlichen Scharlens für den Kaufhandel, einen Bischofstuh!
aufzunehmen. Der Mangel an Nachgiebigkeit und der Starrsinn des
Königs, sein Unverständnis für die niederländischen Kulturfaktoren
beschwor den Ausbruch herauf, der seine Höhe erreichte, als Alba,
dem Willen des Königs gemäss, jene spanische Steuer, die "alca-
vala", einführen wollte ( 1572) ( d. i. zehn Prozent vom Verkaufc:
alles mobilen oder immobilen Besitzes). Diese Steuer konnte in einem
agrarischen Staate erträglich sein; für einen Handelsstaat wie die
Niederlande wäre sie der Ruin gewesen. Aber der niederländische
Kaufhandel war Alba und Granvelle, die Kantleute mit Betrü-
gern identifizierten, gleichgiltig. Überdies war ihnen der Handel
an sich verdächtig, wei! er das Kete:ertum ins Land brachte.
Was konnte den Rebellen in diesem Aufstande eine Lehre wie
das Luthertum nützen, das seit dem Augsburger Religionsfrieden
eine streng monarchische Gestaltung angenommen batte und den
Satz .,cuius regio, illius religio" verkündigte? Der Lutheraner
würde das Schwert nicht gegen die von Gott eingesetzte Obrigkeit
ziehen, sondern ergeben hoffen und sich in Gottes Willen fügen,
wozu sie der Wittenberger wiederholt ermahnt hatte.
Deshalb wird es leicht verständlich, dass das Luthertum seit den
vierziger Jahren der neuen Lehre Calvins weichen musste. Denn der
Calvinismus predigte grade die Lehre, welche die Aufständischen
zu ihrer sittlichen Rechtfertigung und Stütze im Kampfe gegen den
König brauchten. Trotzdem haben sie sich mit ihrer weit stärkeren
Ausbildung des "Berufung"-begriffes von dem Gedanken, gegen den
von Gott eingesetzten König zu kämpfen, niemals loslösen können und
I 10 DIE POLITISCHEN VORAUSSETZUNGEN DES CALVINISi\fUS.
hielten die Fixion, dass Philipp noch immer ihr Fürst sei, bis zum
Jahre r 5 8 I aufrecht, wo er st seine feierliche Abschwöruncr
b
erfolgte.
Die in diesem Abschwörungsformular verkündigte Lehre, dass im
Falle des Versagens der rechtmässigen Obrigkeit die" rnagitrats in-
ferieurs" (d. h. di e nicht übergeordneten Glieder des Gemeinwesens)
die Aufgabe haben, von der irrenden Obrigkeit die Einhaltung der
christlichen Massstäbe zu erzwingen, wurde zur moralischen Basis
in dem politisch-wirtschaftlichen Kampf gegen Spanien.
Aber noch grössere wirtschaftliche Vorbedingungen lassen sich
in den Niederlanden in Bezug auf den Calvinismus nachweisen.
Pi ren n e hat chon festgestellt, dass nur in den Kreisen der
kapitalistischen Arbeitgeber und des industriellen Proletariates der
Calvirusmus eigentlich heimisch wurde, also in den kaufmännischen
Kreisen, den zählreichen Unternehmern Antwerpens, der Hafenstädte
und der lndustriebezirke.
Nicht nur in ihrer Eigenschaft als "Emporkömmlinge", sondern
auch unter der Einwirkung des kapitalistischen Geistes pfiffen die
"neuen Reichen" auf die kirchliche Ueberlieferung. Grade der
religiöse Radikalismus Calvins war fur sie ein Grund mehr sich
zu seiner Leb re zu halten. 11 Nirgend - so heisst es in eine; zeit-
- erzielte dieselbe grössere Erfolge als bei
denen, dte mfolge threr Handelstätigkeit reich an irdischen Glucks-
gutern sind und desbalb nach neuen Dingen trachten". 2)
Pi ren n e weist nach, dass die Hauptherde des Ca lvinismus die
Grossindustriebezirke, die holländischen und zeeländischen Hä.fen
waren. Trotz der Versebiedenheit der Sprachen folgte er bei der
wie bei der flämischen Bevölkerung der kapitalistischen
OrgamsatJOn auf dem Fusse, während die östlichen Teile eine
bodenwuchsige Bevölkerung, die durch ihre Lebensweis: von
den Nachbarn getrennt war, nur sehr schwach von der neuen
Lehre berilhrt wurden. Die Arbeitgeber fubrten dem Cal-
vmtsmus das industrielle Proletadat zu. P i r e n n e weist
weiter darauf hin, dass viele Proletarier aus Missvergnugen oder
I ) Ernst T roe I s c h: Die Bedentnng des Protest antismns fii r die Entstehnng der
modernen Welt. Igo6. s.
23
ff.
2
) Pou lle t: Correspondance du cardi nal cle Granvelle II S
45
6 b · p· .
1 IJ, s.
530
ff. · • · · , e1 11 e n n e

DIE pQLITISCHEN VORAUSSETZUNGEN DES CAL VINISMUS, Ill
f ohrerischer Gesinnung, beschäfti gungslose Arbeiter, Land-
au r. h r und Strolche den Heertross bildeten. Die eingehenden
stretc e b 1 . . . h p bl
V tersucbungen Ma x We ers ha ben das ca vmtstlse e ro em
0
.ter aufgeklärt. Es gilt ftlr den Begriff Calvinismus, wie er voraus-
nicht die persönliche Lehre oder Ansichten Calvins, sondern

1
L;hre, wie sie sich in den kapitalistisch höchst entwiekelten
I{ulturländern, den Niederlanden, England, Frankreich im 16.
17
. Jahrhundert entwiekelt hat. lhr charakteristisches Dogma 1st
die G 11 a cl en w ah 1, das "decreturn horribile", das dem Gefuhls-
menschen Vond e 1 j enen Entrüstungsschrei des heiligen Abscheus
entringt. 2) Gott ist nicht um der Menschen, sondern die Menschen
sind urn Gottes Willen da.
Währencl bei Luther der Gott des N. T. ganz die Oberhand
behielt, weil er die Reflexion über das Metaphysische als nutzlos
uncl gefährlich vermied, trat in der populären Entwicklung des
Calvinismus der "Deus absconditus", der Jehova des A. T. ganz
in den Vordergrund. Nur ein Teil der Menschen ist auserwählt.
Es gibt eine ewige Kluft zwischen der Kreatur und Gott, die,
soweit er nicht zur Verherrlichung seiner Majestät ein anderes
beschlossen hat, lediglich den ewigen Tod verdient. 3) Gottes Gnade
ist da seine Ratschlüsse unwandelbar feststehen, ebenso unver-
für die, welchen er sie zuwendet, als unerreichbar für die,
wekhen er sie versagt.
Sich filr er w ä h 1 t z u ha 1 ten war in gleichem Masse die
Pflicht des Calvinisten, wie jeden Zweifel an diese Erwählung als
Anfechtung des Teufels abzuweisen (Baxter, Ba i 11 y, Se d-
g w i c k, Hoorn beek), da ja mangelnde Selbstgewissheit die Folge
unzuläng1ichen Glaubens, also unzulängliche Wirkung der Gnade
sei. 4) An Stelle der demlitigen Sünder, denen Luther, wenn sie
in reuigem Glauben sich Gott anvertrauen, die Gnade verheisst,
werden j ene selbstgewissen "Heiligen" gezüchtet, die wir in den
stahlharten puritanischen Kaufleuten di eses heroischen Zeitalters
des Kapitali smus wiederfinden, Urn jene Selbstgewissheit zu
I) Ma x Weber: Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus, II. (Di e
Berufsidee des asketischen Protestantismus. Archiv. f. Sozialwissenschaft nnd Sozialp. Bd.
2o, I und 2 1, I).
2) J. van Van de 1 s Hekeldichten, herausg. v. J. Bergs ma (Panth. Ed. 2-3) S. 79· ff.
3) Ma x er: Die protest. Ethik. II, S. ro.
4) ibidem S. 20 f.
112 DER CALVINISMUS ALS KULTURPROBLEM.
erlangen wird als best es Mittel rastlose Be r u f sarbei t eingeschärft
(Baxter "Christian Directory").
Die Tätigkeit, das Leben des Calvinisten ist die fides efficax ''
" '
die Lebensführung zur Mehrung· von Gottes Ruhm (ad maiorem
dei gloriam), auch als Zeichen der Auserwählung: eine systema-
tische Selbstkontrolle, als Beweis der "possessio salutis", die
Werkheiligkeit. Das Leben des "Heiligen" ist ausschliesslich auf ein
transzendentes Ziel, auf die Seligkeit gerichtet, aber eben des-
halb in seinem diesseitigen Verlauf rationalisiert durch den Gesichts-
punkt "omnia in maiorem dei gloraim". Der Gegensatz zur
katholischen Askese i st, dass die caIvin is ti s c he As k es e, die
sich aus dieser Rationalisierung ergibt, eine innerweltfiche ist, während
jene eine a u ss er we 1 t 1 i c he war. Der Calvinist hat eine Ver-
pflichtung gegenüber dem ihm anvertrauten Besitz: die Mehrung·
desselben zum Ruhme Gottes. Der Gütererwerb war die Pflicht
der Auserwählten. Baxter predigt auch: Wenn Gott euch einen
Weg zeigt, auf dem ihr ohne Schaden für eure Seele oder für
andere in gesetzmässiger Weise mehr gewinnen könnt, und ihr
verfolgt diesen Weg nicht, dann kreuzt ihr einen der Zwecke
Eurer Berufung (calling) und weigert euch, .Gottes Verwalter
(stewart) zu sein. Nicht freilich für Zwecke der Fleischeslust und
Sünde, wohl aber für Gott dürft ihr arbeiten, urn reich zu sein. r)
Baxter erläutert dann eingehend, dass der Lu x u s als Versuchung
zu faulem Ausruhen und sündigem Lebensgenuss verwerflich sei
("Saints' everlasting rest" und "Christian Directory"). Die Ei n-
schnürung der Konsumtion mit der Entfesselung
des Erwerbsstrebens ergibt Kapitalbildung durch
as ket is eh en Spar zwang.
Diese Ethik führte in Holland bei der grössten Einfachheit des
Lebens jener calvinistischen Kreise zu einer excessiven Kapitalan-
sammlungssucht.
Als Schlussbetrachtung führt Weber aus:
Was jene religiös lebendige Epoche des r;. Jahrhunderts ihren
utilitarischen Erben vermachte, war eben vor allem ein unge-
heuer gutes - pharisäisch gutes - Gewissen beim Gelderwerb.
Jeder Rest des "Deo placere non potest'' ist verschwunden. Eine
•) Max Weber; Die protest. Ethik. II, S. 86 ff.
Ibidem S. 76 ff.
DER CALVINISMUS ALS KULTURPROBLEM. 113
ezifisch bUrgerlicbe Berufsethik ist entstanden. Mit demBewusstsein,
sp · h b
·n Gottes voller Gnade zu stehen und von ihm stc t ar gesegnet
1
u werden, vermag der burgerliche Untemehme1·, wenn er sich in-
:,erhalb der Schranken formaler Korrektheit hält, sein sittlicher
Wandel untadelig und der Gebrauch, den er von seinem Reichtum
macht, kein anstössiger ist, seinen Erwcrbsinteressen zu folgen und
5 0
11 dies tun,
1
)
Der Calvinismus ist die Folge einer wirtschaftlichen Entwick-
lung in den Niederlanclen und eines dazu tretenden politischen Kon-
:Biktes. Er war der moralische Rückhalt in clem Kampf g· egen die
Obrigkeit u nel das dynamische Prinzip im Verzweiflungskampf gegen
Spanien. Nur in dieser Zeit tritt er als politischer Faktor auf, mit
jenem alttestamentlichen, hebräischen Fanatismus, der den Juden in
äusserster Not zur Tapferkeit treibt. Denn seit den achtziger Jahren,
seit die calvinistische Partei sich mit Leicester kompromitiert hatte,
verliert sie allmählich den Einfluss auf die politische Leitung, und
tritt das patrizische Regententurn Hollands an ihre Stelle. vVenn
auch der Sturz Oldenbarneveldts (r6r8) einen augenblicklichen Sieg
und eine Kräftigung des calvinistischen Elementes herbeiführte,
so war dies nur eine vorübergehende Erscheinung. Die Amsterda,.
mer calvinistische Kapitali stengruppe (Pauw, Witse, Cromhout u.
a.), die Oldenbarneveldt wegen Durchkreuzung gewisser Spe-
kulationspläne stürzen half, hat sich na eh wenigen J ah ren schon
ins libertinische Lager aufgel öst. Schon 1630 wurde in Amsterdam
ein remonstrantisches Seminarium eröffnet (1632 zum Athaenum
promoviert, Professoren u. a. Bar 1 a e u s und Vos si u s ), und
als infolge der Duldung der Remonstranten die calvinistischen
Prädikanten (les rnagistrats inférieurs) und die Synode die Bevöl-
kerung geg·en den Magistrat hetzten und den Gehorsamkeitseid der
"Schutterij'' löst en, da wurden die Rädelsführer der Prädikanten,
Smout und KI op p en burg, aus der Stadt verbannt.
Der Calvinismus war beileibe nicht der religiöse Inbegriff der
ciamaligen Zeit. Kaum zehn Prozent der norclniederländischen Be-
völkerung war calvinistisch, der Rest lutherisch, wiedertäuferisch,
katholisch oder libertinisch. Nach Carleton soli der beste und reichste
Teil katholisch gewesen sein.
2
)
r) Die protest. Ethik. JI, S. ro ff.
2) R. Fruin: Tien Jaren uit den Tachtigjarigen Oorlog r s S S ~ r s g 8 . 3e Uitg. 1882.
s. 237-
8
I 14
DER CALVINISMUS ALS KULTURPROBLEM.
Der Calvinismus ist ein politisch-wirtschaftliches Problem, in dent
das Gefühlsmoment vollständig in den Hintergrund tritt. Web e e
bemerkt zu dem Dogma der Gnadenwahl, dass seine Folge ein
Gefühl unerhörter innerer Vereinsamung des einzelnen Individuums.
sei. Kein Prediger, kein Sakrament, keine Kirche kann ihm
helfen. Verbunden mit der schroffen Lehre von der unbedingten
Gottferne und Wertlosigkeit alles rein Kreatürlichen entstand ciaraus
die absolut negative Stellung des Puritanisrnus zu allen sin n I i c h-
a e f ü h 1 s m ä ss i gen Elementen in der Kultur (wei! sie für das
b
Heil unnütz und Förderer sentimentaler Illusionen und die Kreatut-
vergötternden Aberglaubens sind) - und führte damit zu g rund-
s ~ t z 1 i c her Abwend u n g v on a 11 er Sin n enk u 1 t u r ü b er-
h a u pt.
1
)
Nach Ca 1 vin selbst sind schon alle blossen Gefühle und Stim-
mungen, mögen sie noch so erhaben scheinen, trügerisch, was in
den Varreden der niederländischen Psalterdichtung auch stets.
betont wird.
2
)
Die calvinistische Askese richtet sich mit voller Gewalt gegen
das u n b e fan g e n e G e n i e s se n des Daseins und dessen, was es.
an Freuden zu bieten hat. 3) Man braucht nur an den rasenden
Kampf der Puritaner gegen gewisse volkstürnliche Vergnügungen,
von Jakob I. und Karl I. am Sonntag ausserhalb der Kirchenzeit,
angeordnet, zu denken.
Jeder Zweck, der nicht Gottes Ruhrn, sondern dem eigenen
Genuss galt, war verwerfiich. Für England wurde der Calvinismus.
auch verhängnisvoller als für Holland. Weber bemerkt:
Hier freilich leate sich die Askese wie ein Reif auf das Leben
" ::.
des fröhlichen alten Engeland, und dass in Holland für die Ent-
wicklung einer grossen, oft derb realistischen Kunst Raum blieb,
beweist lediglich, wie wenig exklusiv die dortige autoritär gehand-
habte Sittenreglementierung nach diesen Richtungen gegenüber dem
Einfiuss des Hofes und des Regentenstandes, aber auch der Lebens-
1) Weber: Die protest. Ethik. 11, S. Il ff.
2) Institutie ofte Onderwijsinghe in de Christelicke Religie door Jo-
h a n nes CaIvin u s •• uyt het Latijn en François getrouwelick overgesel door Wilhelmus
Corsmannus. Tot Amsterdam, Anno MDCL (lil, Cap. XX. 32): "ghelijck wederom
alle de Ghesanghen, die alleenllch tot soetigbeydt en tot verrnaeek der
oeren geschickten aengestelt zijn, der eerwacrdigheydt l'an de Ghemeynte niet
en betamen, en Gade ten hoogsten mishagen."
3) Weber: Protest. Ethik. Il, S. 92.
DER CALVINISMUS ALS KULTURPROBLE!\1. II$
]ust reich gewordener K!einbilrger zu wirken vermochte, nachdem
die kurze Herrscbaft der calvinistischen Theokratien sich in ein
nuchternes taatskirchentum verwandelt batte."
Romane und dergleichen sollen als "wastetimes" nicht gelesen
werden (Baxter: Christ. Dir. I, p. 51). "Das Eintrocknen der
Lyrik und des Volksliedes, nicht nur d s Dramas, nach
dem Elisabethanischen Zeitalter in England ist bekannt.
An bildender Kunst bat der Puritanismus wohl noch nicht allzu-
viel zu unterdrücken vorgefunden. A u f fa 11 end is t der A b st u r z
v o n c i n e r a n s c h e i n e n d g a n z g u te n m u si k a 1 i s c h e n V e r-
anlagung zu jenem absoluten Njchts, welches wirbei
den angelsächsichen Völkern später und noch heute
in dieser Hinsicht bemerken''. r)
Dasselbe trifft auch grös.stenteils für Holland zu, nur dass hier die
Patrizierklassen dem Calvinismus die Zerstörungsarbeit erleichtert,
und also auch an dem Untergange der Volkskunst ihren rulmlVollen
Anteil haben.
Fassen wir nun, bever wir zu dem Verhältnis des Calvinismus
zur Volkskunst übergehen, die Reformation, speziell den Calvi-
nismus, als Epoche des grossen menschlichen vVerdeganges zusam-
men, so sehen wir, dass er in den achtziger Jahren des r6. Jahr-
hunderts aufhört, eine Epoche der vVeiterentwicklung zu sein. Der
Protestantismus hat anfangs das "selbst" erhoben .. als Basis aller
Erkenntnis. Jeder sollte nach eigenem Ermessen die ewige vVahr-
heit in den Evangelien finden. Es war also das "Ich", das zum
erstenmal unter dem Autoritätsglauben hervortrat. Wir sehen auch,
dass die Kirche anfangs jeden, der es wünschte, ohne bestimmtes
Glaubensbekenntnis als Mitg·lied aufnahm und zum Abendmahl
zuliess und die Prädikanten keineswegs zur Unterzeichnung- eines
Glaubensbekenntnisses zwang.
2
)
Die notwendige Folge war, dass eine grosse Differenzierung der
Glaubenslehre entstand, weil jede vVahrheit eine Schöpfung· des
Menschen ist und keine absolute vVahrheit an und für sich, noch
weniger aber innerhalb des Begriffes "die Bibel'', existiert.
V on clem Augenblick an, da sich in dem vorgeschriebenen Glaubens-
r) Weber: Protest. Etllik. II, S. 94·
~ ) Vgl. ]. C. Na b c r: Cal l' inist of Libertijnsch. I884. S. •S·
II6
DER CALVINISMUS ALS KULTURPROIJLEl\f,
bekenntnis das Dogma bildet, stagniert der Protestantismus als
Kulturfortschritt. Der Zwang setzt ein. In den Niederlanden wird
seit I s86 das unterschriebene Glaubensformular vonden Prädikanten
gefordert.
Zu dern Problem als Ganzes bemerkt Vv eb er: "Es bleibt stets
zu berücksichtigen, was heute oft vergessen wircl, class die Refor-
mation 11 i c h t so wo hl cl ie Bes ei tig u 11 g· der kirchlichen Herr-
schaft über das Leben überhaupt, als vielmehr die Ersetzung der
bisherigen Form derselben durch eine andere bedeutete, und zwar
die Ersetzung· einer höchst bequemen r)raktischen damals weniu
' ' b
fühlbaren, vielfach nur formalen Henschaft durch eine im denkbar
weitgehendsten Masse in alle Sphären des häuslichen uncl öffentlichen
Lebens eindringende, unendlich lästige und ernstgemeinte Regle-
mentierUilg der ganzen Lebensführung. Nicht ein Zuviel, sondern
ein Zuwenig von kirchlich-religiöser Beherrschung des Lebens war
es ja, was gerade diejenigen Reformatoren, welche in den ökonomisch
bedeutendsten Länclern erstanclen, zu tadeln fan den". I)
Kehren wir nun zu der Psalmdichtung zurück. 2) Ueberschlagen
wir die "Psalmen Davids" (I 566) von Jan Vv' ten ho v e, die von
dichterischem und sprachlich-puritanischem Standpunkte ausden van
Z u y 1 en s c hen und Dat he en s c hen Dichtungen entschieden
liberlegen sine! 3), uns aber keinen elirekten Aufschluss über das
Verhältnis des Calvinismus zum Volkslied geben, so gelangen wir
zu den Dichtungen des Peter Dat heen, des leidenschaftlichen
Pfaffenfeincles und Geusenpredigers. 4)
Gleich in der "Voorrede" tritt uns die augustinisch-calvinistische
Auffassung des Singens entgegen: es gibt- heisst es da- einen g·ros-
sen U nterschied zwischen leichtsinnigem Singen, wie die Welt es
pflegt, und dem Singen der geistlichen Lieder. s) In dem Abschnitt
I) Weber: Protest. Ethik. I, S. 3·
2) Für die geistlichen Lied er der Reformierten vgl. au eh F. C. Wieder : De Liederen
der Nederlandsche hervormden tot op het jaar 1566. (1900) und J. L. M. Eggen: De in-
vloed door Zuid-Nederland op Noord-Nederland uitgeoefend op het einde der I6de en het
begin der 17de eeuw, I goS. (Koninkl. Vlaamsche Acad. van Taal- en Letterkunde. Reeks VI, 38.)
Unter den nSchriftuurlijken liedekens" befinden sich manche, die sich durch ibren
volkstüm\ichen Ton varteilhaft van der Psalmdichtung unterscheiden.
3) De Psalmen Davidis in Nederlandischer Sangs-ryme, door Jan Wtenhovenvan
Gent.· . Ghedruckt to Londen by Jan Daye, den I2 Septembris 1566.
4) De P sa I men David s wt den Fransoyschen Dichte in Nederlantsche overgheset
door Petrum Dathenum. Tot Rowaen. By Abel Clemence. MDLVII.
S) "Eerstelic, datter een groot onderscheyt is, tusschen dat 1 i c h tv eer di c h sin g hen,
DIE CALVINISTISCHE PSALMDICHTVNG : !IIARNIX. I I 7
Totten duistelieken Leser'' sagt er dass "de Psalmen Dav.ids"
11 I
veröffentlicht worden sind, damit "alle onnutte ende onbehoorlicke
Liedekens", die bisher in dem Papsttum geläung waren, verschwin-
den sollten, und damit .,de werelt in sted van ander liedekens,
die eensdeels wulpsch (!nde onreyn, derhalven ooc boos ende scha-
cJelick, die sy hier voortijts gebruyckt heeft, haer voortaen gewen-
den met den goeden Koninck David, dese Goddelicke ende He-
melsche Lofsanghen te .singhen' '.
Dichterisch sind sie ziemlich wertlos. Obgleich Datheen weniger
Rederijkerclemente aufweist, ist seine mit allerhand Flicklappen
verbrämte Reimkunst doch nur sehr mittelmässio-
".
Dieser Datheensche Psalter blieb bis in das r8. Jahrhundert
das Gesangbuch der niederländischen reformierten Kirchen (I 77 3). I)
Der bedeutendste unter den Psalterdichtern i st Ph i 1 i p s van
lVIarnix, Heere van St. Aldeg·onde. Gleich vielen jungen
Edelleuten seiner Zeit hat er, wie ~ e i n Bruder Johann, Karl und
Ludwig van Boissot, Lumey und andere, an der Genfer Akademie
studiert und wurde die kräftigste .Sti.itze der neuen Lehre in den
Niederlanden. Nicht nur zeigt er sich seiner Bildung nach den an-
deren weit überlegen, sondern er ist auch in jeder Hinsicht frei von
störenden humanistischen wie Rederijkerelementen. Sein Stil ist
ziemlich fliessend und technisch vollendeter; gewiss verdiente der
Marnix s c he Psalter weit eh er in den Gottesdienst aufgenommen
zu werden als der Datheen s c he.
2
) In der sehr ausführlichen
"VJaerschouwinge aen den christelijcken Leser" finden wir zum
erstenmale die calvinistische Askese vollkommen ausgedrückt. Es
heisst dort: Unsere Natur verführt und treibt uns stets zu törichten
und eitlen Freuden. Dem zu wielerstellen und uns von den Lok-
kungen des Fleisches und dieserWelt abzuwenden, bietet unser Herr
daermet die we1·elt omgaet, ende dat singhen der Psalmen Dauids, daer in men niet
a 11 een de stem m e w t er 1 i c k hoort, ma er die woorden verstaet. ''
I) In "de Hollandsche Spectator'' von Jus t u s van Effen befmdet si eh ein Brief
,van mijn Correspondent den Koopman. Den I Mey I733'', der eingehend die poetische
Minderwertigkeit der Datheenschen Dichtung erörtert und deren Ersatz durch eine würdigere
fordert. Er behauptet, einem vernlinftigen Men se hen werde der ganze Eindmek einer schönen
Preeligt genommen, wenn man binterher den Datheen singe und an solche Stellen kom me, wie
Eclom en al zyn volk koen
Acht ik niet beter als myn' oude schoen.
2) Het boe c k cl er P sa 1 men David s. Wt de Hebreische Spraecke in Nederduytsche
dichte, op de ghewoonlijcke Françoische wyse overghesett, door Ph i 1 i p s van Mar nix,
Heere van St . A\degonde, etc. !'Antwerpen. I58o.
rr8 DIE CALVINISTISCHE PSALMDICI-ITUNG: MARNIX.
uns vielerhand Mittel, die er uns ernsthaft empfohlen und g·ebotcn
hat. V on den Dingen, die da geeignet sind, den Mensclten zu erfreuen
und zu belustigen, ist die Musik wohl das wichtigste oder eins
der wichtigsten, und wir sie al s eine Gabc Gottes betrach-
ten, vvelche uns zu diesem Zwecke vcrtiehen ist. Um so emsiger
sollen wir darauf halten, class wir sie nicht missbrauchen und gleieh-
falis clafür sm·gen, dass wir sic weder befteeken noch verunreinigen,
inclem wir sie zu unsrer Verdammuis anwcnden, die uns zu unserem
Nutzen .unserer Seligkcit gescheukt ward. Und läge nur einzig·
und allem d1cser Gruncl vor, "soo behoortse ons ghenoegh te be-
wegen om ' t ghebruyck der Musijcke alsoo te matighen, dat wy se
doen dienen tot alle ee rbaerheyt, ende op datseniet een oorsaecke
sy om ons den toom te laten schieten tot e c n i g· he de rt e 1 he y t,
ofte om onse herten weed;: te maecken door oncuyssche
begheerlijckheyt ende wellusten".
Für den sittlichen Einfluss der Musik zicht er Aussprüchc
Platos heran :
Aus di esem Gruncle beklagen sich die alten Kirchenväter wieder-
holt, dass das gemeine Volk zu ihren Zeiten sich "begheven hadde
tot oneer!ijcke ende oncuysche lieclekens", welche sic nicht ohne
grosse Ursachc ein tötliches und tcuHisches Gift zum Verderben
der \Velt ncnnen. Er beruft sich auf Chrysostomus: wir sollen
beim Singen "ghedenckcn ons by 't geselschap der Enghelen te
vervoeg hen". \Vie Dat h c en beruft er sich auch auf Paulus und
Aug·ustin, dass die geistlichcn Lieder nur mit dem Herzen gesungen
werden können. Das Herz aber setze den Verstand voraus. Er
führt dann di e \Vorte D a theen s liber die "ydele ende licht-
veerdighe liedekens" an und bemerkt zum Schluss: Der Gesang
selbst soU mässig sein- "matigh wesen . . . opdat se een wichtigheyt
ende zeclicheyt soude hebben tot desen handel dienende ... om
dies te bequaemel ijcker 111 den kercken ghesong·hen te werden".
Am wichtigsten aber ist die Klage Marnix' am Anfang dieser
"\Varnung", dass das "cl u'' uncl "cl y" immer me.hr aufgegeben werde
und sogar Datheen "ghy" und "u" verwende.
Er übt cla eine tiefgehende Kr i tik an seinem Zeitalter: \Vir
müssen uns schämen, dass unscre geborenen Niederländer ihre
eigene Muttersprache verwerfen. Vor sechzig odcr siebzig Jahren
haben unsere Vorfahren auch nicht anders gesproehen oder g·c-
DIE CALVINISTISCHE l'SALMDICHTUNG: MARNIX. I 19
1
· ben besenders nicht in der Anrede zu Gott. Aber "de nacome-
sc 1ne '
• 1 en ter contrarie hebben liever ghehadt de Spaensche verdorvene
Jlng l . r d ., d
vyse van No os t ros ende V o os t ros, dat 1s "wy 1e en en e
'
11
y lieden", onbequaemelijck nae te volgen, dan ha er oude
"g d .
duytsche landt ende moederspraecke we tn
't ge b r u y c k te breng hen, om si eh te behelpen met
woorden, welcke nochtans in vele Landen ende Provmc1en, al
namelijek in Hollanclt, Gelderlandt, Vrieslandt, Overijssel, ende
1
a
11
c x d e 0 o s t e r s c h e z e e tot a e n D a n t zij c k t o e v o o r
rrocde nederlantsche ende bequaeme woorden noch
he cl en te cl a g h e bekent, aenghenomen ende ghebruyckt worden."
Diese von Marnix auf Schmeichelei und Höfl.ichtuerei zurück-
a eführte Entartung (der Gebrauch des 2. Plur. statt des 2. Sing.)
den Hang· des Bourgeois und Parvenus, den Aristo-
kraten zu markicren, jcne unglückliche Erscheinung, die im I 7·
J ahrhundert noch stärkcr hervortreten sollte. s_ei e:-
wähnt, dass es die Dordrechter Prädikantenkommlsswn, d1e cl1e
Bibel übersetzte ( 163 5 vollendet), war, die das .,du" endgiltig aus
dem Sprachschatz gestrichen hat. Vergeblich opponierten die
Vertreter der östlichen Provinzen dagegen.
So wurde dicsem trauten vVorte ein noch früherer Tod bereitet,
als es vielleicht sonst in Holland gefunden hätte. Die Sprache verlor
clamit den Ausclruck des innigen Gefühles, der von dem harten
jou" und jij" nicht ersetzt werden konnte.
" Diese ze'i'tgenössische Karakteristik der sich jetzt schon ent-
wiekeinden "Veradligung" des Patri ziers, der si eh immer mehr von
dem Volkstum loslöste, ist sehr wichtig, und nicht minder wichtig
ist das bei lVI ar nix noch varhandene Gefühl der Zusammen-
gehörigkeit der dietsehen und deutschen Sprache, wekhes ihn
den Begriff der dietsehen Volkssprache bis Danzig ausdehnen lässt.
Er war einer der letztcn, der diesc Stammeszusammengehörigkeit
betont hat. Denn g·rade clurch den Calvinismus soliten sich die
religiösen Bande zwischen Deutschlancl und den niederländischen
Provinzen ebenso lösen, wie dies schon vorher bei den politischen
der Fall g·ewesen war, und sollte der französische Einfluss von
neuem eine schon seit lang·em nicht mehr g-el<annte Stärke gewin-
nen. Denn infolge der Gcmeinsamkeit des Glaubens fühlten sich die
niederländischen Reformierten mit den französischen eins.
Der Calvinismus vcrstärktc die Beziehungen, welche zwischcn
I20
DTE TRENNUNG DF.UTSCHLANDS UND NIEDERLANDS.
der Rederijker-Renaissanceperiode und Frankreich bestanden, um
ein beträchtliches. Alle Versuche vVilhelms von Oranien, die Cal-
vinisten im Jahre I 567 mit den Lutheranern und der Augsburg-er
Konfession zu vereinig-en und dadurch die der deut-
schen Fürsten bei Kaiser uncl Reichstag zu erwerben, scheiterten
an der beharrlichen \Veigenmg der Calvinisten. Ihre Kirche war
eine "ecclesia militans"; dies und ihre rastlose Berufsarbeit trennte
sie vom Luthertum, das sich durch einen passiven, auf die Erfül-
Jung der Sehnsucht nach Ruhe in Gott geri chteten Charakter und
seine rein stimmungsmässige Innerlichkeit kennzeichnen lässt. Die
Versenkung des gläubigen Gcmütes in Gott und die göttlichen
Dinge, worin von Anbeginn die Grösse und die Schwäche des
tiefsinnigen lutherischen Glaubens lag, führte zur Tatenscheu, zur
Abkehr von den Kämpfen des Lebens; die unsittliche Lehre vom
leidenden Gehorsam sog dem Luthcraner das Mark des Willens
aus den Knochen. Die Theologie blühte, di e Religion verkam;
fast allein die herzbewegenden Klänge des lutherischen Kirchen-
liedes bekundeten noch, dass der ursprüngliche Geist des Protes-
tantismus nicht ganz e rstorben sei. r)
V on Deutschland hatte Niederland nicllts mehr zu envarten. Und
so schlug es sich aus eigner Kraft durch. "vVahrlich" - sagt
T re i t s c h k e - "nicht uns steht es an, den grossen Oranier zu ver-
klagen. Er kämpft e für uns, indem er vom Reiche sich löste, er
rettete eine herrliche \iVelt germanischen Lebens vor jenem bleiernen
Schlummer, der auf dem hispanischen Italien lastete, er schwächte
die Macht der Habsburger also, dass sie nicht mehr sicgen konnte,
als auch über unser Vaterland all zu spät der Entscheidungskampf
hereinbrach". 2)
Auch später in dem Ringen mit England konnte nur Frankreich
der Republik Hilfe leiste11. Die deutsche Flagge war schon längst
von dem Meere verschwunden.
Der Volkskunst erwuchs in dem Calvinismus ein Feincl, der ihr
bei ihrer vollständigen Preisgabe und Vernachlässigung durch die
höheren Kreise verhängnisvoll werden sollte. Denn der Calvinismus
J) He in r i c h v on T r e i t s c h k e: Histori sche und politi sche Anfsiitze. Nene l'olge,
2er Teil. 187o; Die Republil; der Verei niglen Niedcrlamle, S. 505.
z) ibidem S. 510.
DER CALVINISMUS üND DlE VOLKSKUNST.
I2I
Ügt
e sich nicht wie der reformierte Katholizismus, mit der
begn ' . .
erli
chen Entfernung des Volksmelos aus der ktrchüchen Kunst,
:t uss . .
· das Tridentiner KonziJ (r 545-63) in Bezug auf dte Ftgural-
wle dd" · ·
rnusik, die Kirchenmusik mit lnstrumentalbcgleitung un . tej entgen
)I!Iessen, di e über weltliche Themen ab Tenor gearbe1tet ':'aren,
sondern er versuchte jene sinnliche Kunst, di e seiner
Idee am gefährlichsten war, liberall in Grund und Boden zu zer-
·tören und di e Pflanze samt der vVur ze\ auszurotten.

Dies ist leider nur zu gut gelungen ! Aber wie waren die Folg·en !
Als L e Je u n e seine hochverdi enstliche Sammlung nieclerländischer
Volkslieder, die erste ihrer Art, veröffentlichte, schrieb er in der
Einleitung: \Veisst du, auf welche Ursache ich den jetzigen
erbärmlichen Volksgesaug zurlickführe? Auf unser e Kirchenmusik!
Geh mal hin ins lutheri sche Ausland, wo der Schulmeist er mit den
[ungens seines Kirchenspieles einen Totenpsalm am Grabe singt,
das grade zugeschaufelt wircl: cl u wirst dort solch elencl es Schreien,
wie in unsren reformierten Dorf- uncl Stadtkirchen, nicht hören.
1
)
Der politisch-wirtschaftliche Konflikt mit Spanien, der den Einfluss
des Calvinismus bedeutend verstärkte, hatte noch eine zweite, für
die Volkskunst gleich verhängnisvolle Folg·c.
Alba batte sofort die Quelle des grossen Uebels, mit dem di e
zersetzencle ketzerische Strömung· die br eiten Kreise clurchzog, er-
kannt und dementsprechencl gehanclelt. Die Rbetorikkammern
crfuhren seine härteste Streng·e , sodass seinc Absicht, sic zu ver-
nichten, unverkennbar war.
Nach clem greulichen Blutbad in Meehein (I 572) gab er der Stadt
Bürgerrecht und Privilegien wieder: die Khetorikkammer blieb
aber endgiltig g·eschlossen. Eins der ersten Opfer seiner dipl o-
1
) J. C. vV. L e Je u n e: Letterkundi g Overzigl en Proeven van de Neder lancl sche
Volkszangen sedert de XVde eeuw. r828. S. 12.
Das Ironische an der Sache i st nun, dass L e J e u n e meint, die Volkskunst ei nes Land es
sci gul oder schlecht, je nachclem die Kirchenmusik hesehaffen sei. Er zitiert dazu einen
Ausspruch des J. A. van Man e n. (Prijs verhandeling over de oorzaken, waardoor ons
Vaderland heeft uitgemunt in't voortbrengen van Schrijvers r8r3, S. 46). "Unser Valerland
war in musikali scher Hinsicht, im Vergl eich mit ltali en und anderen Liindern und Völkern,
bei denen der Kirchengesang und Kirchenmusik ein wichtiger Teil des Kullus bildelen, stets
rückständig.
11
Wie wenig wusste man damal s ven der Rolle der niederltindischen Ivlusik grade in Bezug
die Kirchenmnsik, und wi e wenig ahnte man das V\'esen des Volksliedcs !
I22
nm REDI<:RIJKERJ<:liHGRATION.
matischen Morde war Anthonis van St ra eI en, aus adligen
1
Geschlecht, Bürgermeister von Antwerpen und seit I 550 Haupt-
mann der mächtigen Rhetorikkammer der "Violieren'', welche im
Jahre r 561 noch ein glänzendes Landjuweel veransta1tet hatte.
Die Folge der kierikalen Herrschaft, der die Süd-Niederlande nun-
mehr anheimfielen, war die humanistische Emigration, die Flucht
der Renaissance-Rhetorikerelemente nach dem Norden. ')
Der humanistisch-rethorischen Sintflut waren die wenigen selbst-
ständigen Volksdichter des Nordcns nicht gewachsen: sic gingen
rettungslos darin unter.
Die südniederländischen Rhetoriker-Humanisten des I 6. Jahr-
hunderts, Mat t h y s d c Cast e 1 c in, Co r n eI is van G h is-
t e 1 e, Jan van der Noot, J a n Baptist Ho u w a er t ware
1
t
eine hochmütige Sippschaft, die sich in ihrem Bildungsdünkel weit
über das "ongheleercle volck'', wie Cast eI e y n es nennt, er ha ben
fühlte.
Zu jener Rederijkerinvasion, die nach der Eroberung Antwer-
pens durch Parma (I 58 5) ihren Höhepunkt erreichte, gebört au eh
Karel van Mander, der 1583 nacb Haarlem zog, ein frommer
"Calvinist"(?) und Verfasser vieler "schriftuerlijcke liedekens", die
unter dem Titel "De G u 1 den Harp e" erschienen. In der Aus-
g·abe von r6r3 sag-t der Drucker in der "Voor-reden" 2):
"Soo vermanen wij alle christelijcke sanghers (gelijck K. v. M.
selve in zijn ander Liedboecxkens oock veel gheclaen heeft) die
doch niet te misbruycken: maer de selven sing·hende, wel te willen
erkauwen (sic!) ende hertelijek t' overdijncken, om die met een
recht ghemoecl te singhen, ende niet met een y del st e m-g he-
1uyd ....
Dit wenschen wy alle duistlieve dat zy altijdt voor
h et u y twen cl i g he 1 i c h t verg· a en de g he Iu y d meer waer-
nemen de inwendighe aendachtigheycl ... "
Der \Vert dieser "Golclenen Harfe" ist sehr fraglich: die Lieder
zeugen mehr von vielem Fleiss als von clichterischer Begabung.
r \ Vgl. J. Eggen: De invl oed door Zuid-Nederland op Noord-Nederland uilo-eocfen<l.
98 ff. b
:\-[. V. G a i 11 ar d: l' lnrluencc e.xcrcéc pa r la Belgiquc sur les ProYinces Uni es .
( Mém. Cour. par !' Acad. Roy. de Belg. Coll in 8° Tome VI).
2
) De Gulden I-I ar p e, Inhoudende al de !;eestelijcke Liedekcns die bij K. V. Man cl e ,.
gcmaeckt- • 1.ijn. Amsterdam, t6!:J.
DIE _REDIDlZIJKl.:H.t•:I\UGRATION. I23
M
d
er s Bauptätigkeit war die Propaganda für die Renai -
Van an
1
• t m
1
ter französi chem Einflusse Ronsard s und cl u Bar-
sance -.un . d
· , Er gründete in Amsterdam einen Dichterkre1s, au · e en
!;.tst. den Nederduytsch e n Helicon" (1610) hervorging.
l'vll e " d cl
711
'ter verfasste er eine Malerschute in Versen, , Den gron t er
und dazu eine Uebersetzung von Ovids Meta-
p
hosen fur die Maler (lctz.teres hat unsere nationale Kunst
mor V · 1
1

5
. nicht gefördert). In seiner "Exhortatie oft ennanmg te
uew .
" d'aencomende schilderjeucht' stellt er dieser eine Etluk auf,
a en
durch welche aufhören sollt: (fol. 't volcx-spre.eck-
ort
. _ hoe schilder hoe wtlder - en verkeerde lll: boe schilder
wo .
hoc stilder !" ')
Diesem Ideal entspricht allerdings auch cler Ausgang der nicclcr-
ländischen MalereL
Weitere sildniederl:.Litdische Emigranten sind di l'-enaissance-
dichter Jeremias de Decker, der nachAmsterdamzog,Jacob
D u y m (ein echter Rederijker Freund des B. Vul ca n i u ,
5 criver i u s, D. He i u s i u s und anderen, der s i eh in Leiden nieder-
licss und daselbst Haupt der neuen flä.mischen Kammer, "Oranje
Lelykens" wurde), Daniel Heiusiu· und Jacob van Zeve-
c
0
b e. In Amsterdam entstaltden in den achtziger Jahren neben
der alten Kammer , De Eglantier" zwei flämisch-brabantische
I ammern, .,De Witte Lavendelbloem", die sich als brabantische
Kammer bis 1630 erhielt und het" Vijgeboomken"; sie standen ganz
auf de Ca5teleyns Boden der "Co.nste van Rhetorikcn". Mit-
glieder waren Karel van Mancler, Zachadas Heyn s Jan
Siewertsen l olm, Abraham de Koningh.
Joost van den Vond e 1 war gleichfalls üd-Niederländer ·
seine Eltern waren Antwerper Mennon i ten. vVeiter Caspar va u
Ba er l e (Barlaeus), der bekannte Humanist und noch vicle andere.
Nicht nur in Amsterdam und Leiden, sondern auch in Haarlem,
Gouda und an zahlxeichen anderen Orten entstanden die sod-
nieclerlänclischcn Rhetorikkammern.
So neigte sich das r6. Jahrhundert unter den tramigsten Au-
spizien für die nordniederländische Volkskunst zu Ende. Einc
r) Het leven der ottde antijckc doorluchtiglle Schilders door C h;uel \' a l\
:1[ ander. iV!itsgader daeraenvolghende het Leven der moderne doorluchti ghe ltaliacnsche
Schilders. Alckmaer-Haerlem. r603.
-
IZt.J DIE AUSSICIITEN DER VOLKSKUNST,
Parvenükultur, doppelt stark durch die südlichc E mi-·
g ration, sti ess die Volkskunst wei t van sich uncl überliess sie ihrem
Schicksal. Und cl er Calvinismus, dem sie überliefert warcl, sollte
bale! einen . yst ematischen Vertilgungskri eg gcgen sie eröffnen. Dazu
fancl sic in Holland auf dem Lande an einer agrari schen Bevöl-
keinen Halt. Denn e-rade bei dem holländischen Grasbauern
0 '
clem vereinsamten Einzelhofbewohner, kehrte di e Lehre Calvins
ein. Der illusionslose lnclividuali smus, die innere l sol ierung des
Menschen, die der Calvinismus mit :> ich brachte, femel ihre natür-
l ie he Voraussetzung· in clem Grasbauern.
Der Aufschwung der Volkskunst in der Tonkunst und der lVI a-
lerei fand in der Dichtung ke inen Anklang. Vergebens hatte
Tie 1 m a n S u s a t o in der V on·ede der beiden ersten "musyck
bocxkcns" aufgeforclert, das eigene Volkslied zu sammeln und zu
pHegen und darauf hing·e wiesen, dass es sich in der dietsehen
i\iuttersprache ebenso lieblich si ngen und kampani eren li cssc, wie
,,in latynsche, walsche ende itali aensche sprake''. Der Aufruf ver-
hallte. u nel rettungslos ging die 11 ieclerländische Volkskunst ihrem
Unterg·ang- ent g·eg·en.
Betrachten wir noch einmal den Stanel der Volksclichtung in den
N iederlanden im r 6. J ahrllllnclert .
J ene Ausserung Sus a t os, er habe mit grösstem Fleiss so viele
Lieder gesammelt, als es ihm nur möglich war zu bekommen und
die Klage Fo r s t e r s in seinem Gesangbuch, er habc si eh oft ver-
geblich bemüht, den echten des Textes zu erbalten, wes-
halb er, wo der alte T ext ihm fehlte ocler a·ar zu uno·ereimt erschien
b '
dafür einen neuen gemacht habe, beweist, wie das Volkslied in den
stä clti s ch- ge bildeten Krei se n fa s t ganz g eschwun-
den war. Denn class sie nicht auf cl e m Lande gesammelt
hatten, geht aus dem Umstande hervor, dass Sus at o nur solche
Lied er " by con s t i g he meesters in onser moederspraken gecom-
poseert", in Betracht gezogen hatte. Er bittet au eh die "con s t i g he
g·eesten tot musicale compositie lust hebbende", class sie ihre Kunst
mal zeigen möchten "in liedekens oft andere gelycken stucken in
rime, oft prose, g·eestelyck oft v(v)eerlycke .r), op onze vorsz( egde)
nederl anclschc moedertalen, ende my die toe te schi ckenen."
1) \\'eltlichc.
nn: AUSSI CHTEN DlL: R VOLKSKUNST.
Verglei ellen wir nun die Lieder aus dem " ierste Musyck
I
T änzen aus dem dritten so ist der Unterscbted auch
mit een ' ' · d
ei n auffailender. Bei den Tanzsätzen die konkrete Melodteform es
d
·
11
poiy·phoner Satz aber streno- No te gegen r'rote und das
Lie es, et ' o .
· gen der Dur und Molltonarten - also die Volkskunst; bc1
Vorwte ,, . .
d
Liedern der Einfluss der stad t i. chen "constighe Me1ster, 1hre
en d L. d
imitierenden KontrapunktkunststiJckchen, die Auflösung er 1e -
form, ihre Zustutzuno- oder melismatische Ausschmückun<r und Vcr-
uickung mit de11 Kirchentonarten.
q Vergleiebt man damit die deutschen Liederkompositionen jener
Zeit, so tritt uns eine weit grössere Volkstumlichkeit entgegen,
z. B. Liedcr wie Isaac s "Insbruck ich muss dich lassen"
(Melodie in der Oberstimme)
1
), Fors ter s "Kranzsi ngen" ") (5-
stimrnig: Sopra n "Ich kumm aus frembden landen her" und T enor
V om himmel hoch da komm ich her''), Le m l in s 3) "Der gutz-
;aucb" (6stimmig bei Forst e r) und andere. In
war das agrarische Element stark genug, urn das städtlsche mcht
nur in Schranken zu halten, sondern auch beeinflussen zu können.
Diese Beobachtung in Bezug auf die älteren Melodien der Volks-
Iieder und die Bearbeitungen des r6. Jahrhunderts macht g leichfa ll -
v a
11
D u y se : Die stiefmütterliche Art, woruit C 1 e mens non
pap a unsere alten Volksmelodien hinsichtlich der prache behan-
delte, zeigt uns, wie die schönsten Weisen bei einer solchen V er-
kennung der Sprachrechte Farbe und Schwung verlieren. Das Volk
im Gegenteil, das frei und ungekünstelt sang, blieb der natorlichcn
Metrik der Sprache treu und wu st e in seinen Liedern Glut und
Leben zu erhalten, wenn ihnen auch jetzt öfter das tiefe, dichte-
risclle Gefühl, der Ausclruck des naiven, jungen Gemütes man-
gelte, wie er uns aus den \V eisen des I 5. J ahrhunderts entgc-
gent önt. -
Ihrerseits tat auch die Reformation mit ihrem feierlichen, lang-
samen Choral dem Rhythmus Abbruch: sie verbannte ihn zwar nicht
ganz, schwächte ihn aber sehr ab. 4)
Ein Zeuge aus jen er Zeit, Joh a nn Her o 1 t ( r 5 42), kl agt:
r) R. v o n Lil i encron: Deutsches Leben i. Volks!. urn r5go. N·'. 129.
2) ibidem N". 55·
3) ibictem N". 84.
4) F l. van Duy se : Het eens temmig F ransch en Nederlandsch wereldl ijk li ed. S. 2{5·
126
DIE AUSSIC:HTEN DER VOLKSKUNST.
Neue Liecllin welche die Töchter auswenclig lernen müssen,
o·emeiner 'Inhalt i st, wie der lHann vom \i\1 eibc betragen
b
oder wie die Tochter umsunst so wol vonden Eltern verhütet oder
heimlich bei einem Buler gelegen sei. Und diese Ding werden dann
also für wohl g·ethane Sachen erzählet, und man lobt dann, dass
die Bosheit so wol gerathen ist. Dem verderblichen Inhalt hängt
man da1111 viel schampare vVorte an, mit Verkehrung· und heim-
licher Bedeutung der Rede, also dass die Schanel selbst nicht
schändlicher reden möchte. U n d mi t cl ie se m Handel n ä h ren
sic h i h re r v ie!, v o raus i m Ni ede r 1 a n cl." r)
Grade für das internationale Antwerpen, wo zu jcner Zeit aus
aller Herren Länder Kauflcute, Soldaten und Abenteurer zusam-
menströmten, mag diese l(]age zutref{en. Sogar in Sus at os "Ierste
Musyck Boexken", aus dem er alle Lieder, "die doer oncerlycke
woirden tot oncluegde verwecken mogen", entfernt haben wil!, uncl
in dessen Varrede er die Komponisten auffordert, "alle oneerlycke
ende onbetaemelycke woorden'' zu vermeiden, finelet sich trotzdem
noch manches recht zweifelharte Lied. Schlüpfrigen Inhaltes sind
z. B. die Lieder "Een meysken was vroech opgestaen" (N°. 33)
und "Het soude een knechtken wt vryen ghaen" (No. 5 r).
Auch No. 2 "Dese coxkens en aerdighe moxkens" ist ein Bor-
dellied. Aber trotzdem ist in diesem Lied eine ganz originelle
plastische Darstellungskraft uncl künstlerische Anschauung enthalten.
Grade den überschäumenden, farbenreichen Humor des niederlän-
clischen Volkes, seinen derben, gesunden Realitätssinn, seine
drastische, wuchtigc Kraft des Ausdruckes kann man in manchem
dicser Lieder finden. So No. 19 "Lecker beetgen en cleyn bier
gingen uyt om a venture", No. I 5 "Het dopte een vroucken voor
een taverne" :
Ein Weiblein klopft morgens vor Tagesanbruch an die Taverne:
"\Vaerdinne, tapt bier!" Die ahnungslose Wirtin antwortet "\Vel
gerne !" und lässt sic hereiJL
Die Fran: "Ten is geen bier daer ich naer vrage!
"\Vaer is myn man?
"God geef hem die plage !"
Dat vrouken streek binnen, aldaer sy saten.
1) K. Goede k e: Grundriss zur Geschichte cl er deutschen Dichtung aus Quellen. Bd. I!:
D:'\s Reformationsseitaller. S. 23-24. "Nieclerlancl" heisst hier die niederdeutsche Gegend,
im Sinne :\·larnix'.
...
DIE A USS!CHTEN DER VOLKSKUNST.
127
G
tt straf dich I Es ni.ltzt
Schelm t" fährt sie ihn an. "
0
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Du arger . . 'u'l f ln und Spl Cl\ me
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()'ar 1ne · 1 · 1 t l 1"
,., . ur .. feln und Spie en me 1 assen .
dcllletn vv ur
Gleichfalls No. r6:
Nieuwe Almanack ende pronosticatie
V ::m cleser al der Kinclrenclach
Schrieft onse biscop met gratie, -
l
..
1
bennütie-e Schluss:
und der
Te nacht omtrent twaclf (h)neren
Als die wyser rechte staat,
Dan ist goet creaturen.
Z
. aufrecht steht, dann
(Nachts um
Z'vo
.lf Uhr, wenn der Je1ger
1
,., t sich's crut leben).
. "' d L' d No 32 aus Een
V on köstlichem Humor zengt aucdh as. IC hoek" Und crÏeich-
kb k
" . Ie sou stu eren lil een . "'
duyt
sch Musyc oec · " · b (No. 23) :
Gesellen in der vV1rtstu e
falls das Trinklied der festen
Al hadden wy vijv en vcertich .
Wy souden te mey een pluymken met hebben,
Omdat dus wayt.
Wij willen niet sceyden,
Wij willen noch beyden,
Totdat haenken crayt! ')
R
hetorikerelementen fehlt
es in diesen Liedersammlungen
dnrch ihre französischen Aus- An f
leider nicht. Sie verraten sich so ort
drücke und Flickreime. .. L' ' l''sst sich ausfindig machen.
1
he, schone tea a . 'ld
Aber auc 1 manc :s
1
" ( S
54
) 2) cribt ein cretreues B1 ,
Liederbuc l I "' o
Das "Antwerper .
" wee>te MusyckBoexken" findet man abgedruckt 111
x) Die Texte des ,Iersten und "t us ck boeckskens" van Tielman Susalo
J
C M van Riemsdijk: De twee eersteN"md yl '1ttz Gesch. Bd. lil). In dem Bande
· · · . N e er. " · ·
x8gr l Tijdschrift der Vereemg. voor • F 1 D u y se: "Oude meerstemmige
· · Abhandlung v ' · van L' d
befindet si eh gleichfalls eme ·
1
Musyckboeck" und dem "Kamper te •
. '1'
1
n Een Duytsc I
L\ederboelt.en'', worin dte ex e vo n
hoeck'' enthalten sind. , . Antwerper Liederbuch v. Jahre 1544· (Horae
z) H. Hoffmann v. l!allersleben.
Belg XI, r8SS·)
128
DIE AUSSICHTEN DER VOLKSKUNST.
wie es in der ciamaligen Hauptstadt der Niederlande aussab: echte
schöne Volkslieder, Rederijkerlieder, Gassenhauer, Buhlerlieder'/
11 I
Landslmechtlieder (auch auf gleicbzeitige politische Ereignisse sich
beziehend) und Lieder, in denen sich diese Elemente gegenseitiP"
verquickt haben, stehen in bunter Mischung nebeneinander. .,
Die Reuter- und Landsknechtliedchen vertt·eten besouders die
Gattung "Buhlerlieder": sie gehören meistens zll der entarteten
Volksdichtung.
(No. 38). Mer die dit liedeken eerstwerf sanck
Dat was een ruytersgheselle ....
Met schoone vroukens sictt hi op die b a nk.
Es waren heimatlose Gesellen, deren Los sich oft recht trostlos
gestaltete. Sie lebten überhaupt nur in den Tag hinein, wie das
Reuterlied No. r r 5 : "van Keyser Maximiliaen" kund tut.
Die dit liedeken eerstwerf sanck
Dat waren drie ruyters fijn;
Si hebbent so licht gesongen
Te CueJen op den Rijn.
Si trocken al door des conincx lant,
Om buyt so souden si gangen :
Si hadden geit noch pant.
Psycholog isch wichtig ist die bekannte Bezeichnung des Ge-
schlechtstriebes als "Wille".
No. 34, r r: Doen die ruyter zijn willeken had gedaen.
No. 36, 16: Doen hi zijn willeken hadde ghedaen, u.s.w.
Manches Reuterlied ist aber auch besserer Art. Anstatt die
"Venus-banck" heranzuschleppen heisst es z. B. in der nachfolgenden
Schlussstrophe (No. 86):
Die dit liedeken dichte
Dat was een ruyter fijn,
Hi hevet so wel gesongen
TAmsterdam al in den wijn,
Hi hevet so wel gesongen,
Tereeren die liefste sijn.
DIE AUSSICHTEN DER VOLKSKUNST.
d
. Volkslieder des Antwerper Liederbuches" zeigen die
Auch te " dti' h k la
. E'nfi.Osse jener kulturellen Kluft der stä se en spe u -
unsehgen
1
1
d der Volkskunst Die Texte sind oft sehr ver-
. Ku tur un · · . d'
tsve: nd besanders ha ben die "Rederijker" dazu besgetragen, . te
zu verschlechtern. Ein einziges Beispiel mag
Dac un . das sehr beliebte Lied "lek segh adieu", dessen Melodae
genügen · F d s Ant
den schönsten Volksweisen gehört, in der assung . e :• -
zuer er Liederbuches" 1544 (No. 100) und in der "Wetmanschen
1537 (No. 15 der Handschrift, No. l der
Ausgabe).
Text: Antwerper Liederbuch.
No. xoo: Een nyen Liedeken.
1 lek segh adieu wy twee wi moeten sceiden,
Tot op een nyeu, so wil ie troost verbeyden.
Ie late bi u dat herte mijn:
Want waer ghi zijt, daer sal ie zijn,
Tsi vruecht oft pijn,
Altoos sal ie u vry eygen zijn.
2 Mijns sins ghequel dat doe mi diewils trueren,
Haer liefde rebel die doet mi therte schueren,
tSceiden van u doet mi den noot.
Ie blijf gewon t: ie segt u bloot,
Schoon bloeme minioot,
U eygen blive ie tot in den doot.
3
Ie dancke u lief, reyn minnelic lief gepresen,
Voor alle grief, so wilt mi toch ghenesen!
Dese niders fel met haer fenijn.
Si hebben belet ons blide aenschijn,
Op dit termijn:
Altoos sal ie u vry eygen zijn.
4
Mijn hoop, mijn troost, Fortuyne sal noch keeren:
Lief op mi glooft, so sal myn vruecht vermeereiL
Al moet ie derven mijn conroot
Ende blijven in dit lijden groot,
Swaerder dan loot,
U eygen blijf ie tot in de doot.
DIE AUSSICHTEN DER VOLKSKUNST.
3
Ruiten ende roven is geen schand,
Dan doen die heren al,
Die besten van den lande;
Daerom so waghen sy haer lijf ende goet.
Sy leit my in den herten,
Ja die my singhen doet.
Noch einmal, gegen die Neige des Jahrhunderts, ging aus dem
lobenden Feuer des Verzweiflungskampfes eine neue Blüte des Liedes
hervor, aber nur die einer zeitlichen Gattung: dieGeuzen 1 ieder
hervor. Wildester Schmerz, brennendster Hass, gellender Hohn, alle
diese masslos entfesselten Leidenschaften haben zu ihrer Entstehung
beigetragen, und deshalb sind sie dichterisch so gut geraten.
Manchem ,.Rederijker" entrangen sie Töne, die er sonst in seinem
ganzen Leben nicht gefunden hätte.
Hatten die "Rederijker" des 16. Jahrhunderts auf dem Gebietedes
Liedes in Bezug auf den Text schon sehr wenig geleistet, auf dem
Gebiete der Musik war ihr Einfluss noch unbedeutender. Sie be-
schränkten sich darauf, ihr Gereimtes auf irgendwelche bekannte
Weise
11
nach Mass" anzufertigen. I) Unter dem dröhnenden Takt der
11
Geusenlieder" aber erhielt die Melodie wieder Lebensfrische und
gesunde Kraft. Wie Trommelgewirbel und Trompetengeschmetter
klingen die Geusenlieder
2
):
Slaet op ten trommele, van dirredomdeyne,
Slaet op ten trommele, van dirredomdoes,
Slaet op ten trommele, van dirredomdeyne,
Vive le Geus, is nu de loes! 3)
Für das Studium der niederländischen Volksseele bieten sie reiches
Material mit ihrem drastischen Humor, ihrem urwüchsigen Witz und
der plastischen Kraft des Ausdruckes. Das Letztere ist im höchsten
Masse das Eigenturn des Volkes : das von ihm geschaffene Bild
steht vor uns, ein paar Striche nur, scharfe Konturen - und
doch kann es nicht anders sein, als es ist. Hinter dieser absoluten
I) F I. van D u y se: Het eensternmig Fransch en Nederlandseli wereldlijk lied. S. :n8 ff.
und S. 245.
2) H. v on T re i t s c h k e: Die Republik der Vereinigten Niederlande. S, 522.
3) H. J. van Lummel : Nieuw Geuzenlied·Boek, uit alle oude Geuzenlied·Boeken
bijeen verzameld. I871, S. S·
DIE AUSSICHTEN DER VOLKSKUNST.
133
d
'gkeit seiner Ausdrucksweise steht ja die Notwendigkeit
Notwen
1
. di k · d' B
. er Weltanschauung, die harte Lebensnotwen g ·ett,. 1e . e-
se!O · erhalb der sinnlichen Welt Seine Sprachb!lder smd
hränkung tnn . . S
se
1
bt empfunden und gesehen - niemals erdacht. o warnt
alle er e ' s · denn ·
Beispiel ein Dichter-Geus die Katholiken vor pamen, ·
zurn
Een Spaansch Pardon, dat hout soo vast
Als een open handt vol vliegen!
Dat is raak!" sagt man im Niederländischen.
S lch ein Bild ist, wie es ist.
:r
0
· tl'che Spottlieder findet man in den "Geuseliedboekens''. Unter
.o,.OS I " ) d .
d
Een claecrh-Liedeken van den Grave Bossu I un Jenes
an eren " b • . .. • •
. d f den Herzocr van Alba als er semer vielen Glaubigei wegen
Lle au "' • 1
. J h
1
573 still Amsterdam verliess. Da nahmen sie den a ten
tUl a re . 1 " 2) .
Hildebrandston zu ihrem "Een Oorlof Liedeken Duckda ve .
"Ie wil te land uit rijden,"
Sprac daer de ouden Grijs,
"Wie sa! my nu ten tijden
"Die paden maken wijs?
"De wech valt my so zwaren
"Die ie sal moeten gaen;
"Het is byna ses jaren
"
Doe ick er qnam vandaen."
- Wil dy nu weer na Spaengien ?"
"
Sprac daer een Cardinael.
"So comt de Prins van Orangien
"En rnaeet ons papen cael.
Is nu de cruyn geschoren,
" I
"Men scheert ons 't heele hooft.
"Laet ghy ons nu verloren? -
Dat had ick noyt gelooft!" 3)
"
Höhnend ist der "Refereyn" :
Een kort, dick, vet Paterken laest syn Nonnekens ondersochten,
Of sy niet besmet en waren met Geuserijen.
1) Van Lummel: Nieuw Geuzenliedb. S. 170.
2) ibidem S. 179.
3) ibidem S. zo.
134
DIE AUSSICHTEN DER VOLKSKUNST.
Er untersucht ihre Anschauungen über die Askesc:
"Ja" een jong Nonneken, "ick ben immers blije
Want 1ck mach nu huwen, ten beste dat ick kan " '
"'t Is goet", sprack de Pater ende t d
1
·
, " wa sey e g 1y
Suster Peternell eken? Hevet u niet au?" _ '
"Ba neent, Pater! lek heb oock
1
.
. I ever een man:
Want Ick was gek! oostert tegen mynen Will e !"
Doen vraegd' hy noch een ancl e
1
.
1 ' r, c Ie c aer sat en span,
Wat sy er af seyde, heymelyck al t "ll .
J
. , s 1 e .
" a, Ja Pater, kust my eens en r aept . . "11
s · · 1
1
' ' miJl! sp1 e
WIJg lt van vragen, ghy weet wel hoe 't es ;
Hebt ghiJ _noyt gelesen met uwen brille,
Dat Chn s tu s t e r bruiloft was e t .
' n n o y 111 e e n P r o f e s ?" r)
Uncl so o·eht es weite n· d .
"' r. Ie ntte be!JaUjJtet. · I I b
1 " c .::: en noyt so
geern c an daer men kindren wiegt."
Der Pater wird h 1 · .
. . " ee uytsmmg·h verstoort", er
w1e 1 J f untersucht,
VIe e " ung rauen" sich noch im Kl oster befinden.
Es waren deren nur dreie: twee dooven en een blende,
?'roote di cke li ppen, d'oogen uytgeheven
']<, n di e swoeren by Sinte Franciscus legende ,
tEn was haer schuit niet, dat se maegt wa:.en bleven.
Aber auch ero-reifende r-· hl ·
. A "' , one sc agen dt e Lieder an. Ihren letzten
gt ossen uskl ano· find . . d .
V I . "' en SIC 111 er Sammlung des Adrianus
a er I u s, "Nederlantsche Gedenck-cl ank" 2) D" L" d
diesem B h
1
b · Ie te er aus
e la en sich im 19. Jahrhundert die \Velt erobert
Vor dem drohnenden, klirrenden Schritt und clem wilden Trompet
gescbrnetter des Trutzliedes von Bero·en op Zoom" "tt
die überkultivierten Grossstäclter Ünd o - - I h e_r en
\Vi I . . von we c er ttefinntgen
I r wnl g. Ist Lied ".Wilt heden nu treden" (in Deutschland
a s "a tmederlanchsches Dankgebet" bekannt) u d .
daer des Hemels tente " . n "o Heer, dre
G d I H spreyt ' sowJe ,.Gelukkig is het land dat
0
c en eer beschermt." '
Zu aiien diesen schönen Liedern .
I M
stncl die alten Tauzweisen
as elodie verwendet worden.
I) "Profes'', aus "Professenlmis" = Kloster
2) Adrianus Va l e rius; Neder-landtsche. edenc. . .
voornaemste gheschiede · d . g k cl a nek. Korteltck openbarende de
mssen van e seve:\!hJen Neder-landsche provintien H I 6
. . . aer em
1
r 26.
DIE AUSSICHTEN DER VOLKSKUNST.
135
Aber schon urn die Zeit, als V a 1 er i u s seine Sammlung herausgab,
war die Quelle, der die Geusenlieder entsprangen, am versiegen.
Eine jüngere Generation, die di e blutige Zeit der "oude Geusen''
nur noch aus den Erzählungen ihrer Eltern und Grosseitem kannte,
wuchs heran. Der Krieg wurde draussen mit einem internationalen
Söldnerheer geführt, während man sich daheim mit Musse huma-
nistischen Studien und allerhand gebildeten Kunstliebhabereien
hingab. Nicht einmal der Wind wehte den Kanonendonner vonden
Schlachtfeldern, auf denen sich die beiden Oranier, di e Brüder
Moritz und Friedrich Heinrich, mit unsterblichem Ruhm bedeckten,
hinüber nach Holland, wo die "Schutterijen" wohlgenährt und
stattlich gekleidet ihre Offiziersmahlzeiten abhielten uncl sich por-
trätieren liessen.
Das goldene Zeitalter war ang·ebrochen.
Und hier, bevor wir von di esem inhaltsreichen Jahrhundert
scheiden, möchte ich es aussprechen: Nicht die städtisch-huma-
nistische Dichtung des r 7. J ahrhunderts, jene Amsterdam er Bourgeois-
kultur, war das goldene Zeitalter der niederländisch-nationalen
Dichtung, sondern das I 6. J ahrhundert. Lange genug hat diese Legende
gelebt, es wird nun einmal an der Zeit, sie zu Grabe zu tragen,
aus Ehrerbietung vor Epoche, die eine wahrhaft nieder-
ländische Volkskunst zur höchst en Blüte sich entfalten liess, und
aus Ehrerbietung vor der noch lebendigen Kraftin unserem Volke,
die sich zu einer neuen Blüte noch entwickeln kann und soli.
Hier lie g t das goldene Zeitalt e r, "de gouden eeuw'',
nicht drüben in den vollen Geld s äckeln und den toten
Herzen der Am ster cl a me r Pat r i z ier u n d i h re r st ä d-
t i s c h e n M o d e k u n s t.
DAS "GOLDENE ZEITAL TER" UND SEIN AUSGAN
G.
Nos . Batavi, quam amamus similes esse Gallis
Sybaritis lu:cu, Romanis gloria, Graecis
peenmarum cupiditatis.
CASPARUS BAERLEUS.
(Epistolarum Liber. p.
521
).
't Ach, wat een willighe armoede hoor ick over
gansche Nederlandt! Souder wel eenich va lek onder
cle sonne zyn, die met dese verkoren raseryen be-
zyn, sa seer als wy? Het mach wel, maar
tck denck het niet.
GRRBRANU ADRIAENSZ. BREDERO.
(Rede aen de Latynsche-Geleerden).
In dem "Nederlandtsche Gedenck-clanck" ')st I t . t I L'
das hebt an: e 1 em s o zes led,
Waer dat men sich al keerd of wend
End' waer men loopt of staet '
\_\'aer dat men reijst of rotst 'of rend
E d' ' '
n waer men henen gaet _
D
. '
'
aer vmt men, 't SÎJ. oock op t
wa ree,
d Hollander end' de zeenw:
Sy loopen door de woeste zee
Als door het bosch de leeuw!
J
1
C) Überlragungen der ValeriusUeder (Klav, und Singstimme) sind. A D L
• · 1. van Riemsd k· 0 d N d • · · oman en
clan ok" van Adrianus e Liederen uit den Gedenck-
F. R. Coers· . • 93· ereemg. v. N. Nederl. Muz. gesch. IV).
D · Liederboek van Groot·Nederland. zgoo. (a Bde) Bd II
.deLangeJ CM vanR' d kG ..
Wi\ brend G rl s y I • K ff: Nederlandscb Volkslicderenboek.I897.
liedjes 1872. (Vereenig. A. Loman: Twaalf Geuze-
AMSTERDAM ALS ZENTRALE. I 3 7
pas Lied sagt die Wahrheit und nicht zu viel I
pie gewaltige Machtentfaltung der Generalstaaten, der un-
uelteuere Reicbtum, der sich in dem Lande aufspeicherte, liessen
de!ll zeitgenössischen Ausländer Holland als das gelobte Land, das
paradies erscheinen. Einstimmig ist die Bewunderung [{.Ir "Holland",
wie die Republik allmäblich schon genannt wird. Denn Holland,
der reichste Teil des Generalstaates, der a\lein mehr als die Hälfte
der Steuern trug und wiederholt die Passiva der Generalitätskasse
ausglich, zog die Hegemonie allmählich an si eh. Sein ,,Raadpensionaris''
vertrat clie Rolle eines Ministers des Auswärtigen. Und wenn die
{remden Mächte mit der Republik unterhandeln wollten, schickten
sie zugleich oder vorl1er eine Gesandschaft nach Holland. Welches
Werk eines Ausländers, der zu jener Zeit Holland besucht bat,
man auch aufscblägt, ttberall erklingt derselbe Lobgesang: Holland
gibt als das Land der Freiheit, der sozialen Musterordnung, des
Reichtums u. s. w.
Dies alles bezieht sich insgesamt durchweg auf die St ad t
Am ster cl a m: sie wurde das Herz der Rep u blik, das Land war
nur noch ihre Bannmeile. In Amsterdam konzentrierte sich das
ganze Kulturleben des Landes, auch die ganze humanistische Dich-
tung, die Holland in den Augen der gelehrten deutschen Poeten
(Opitz) zu dem Parnass der Neuzei t machte.
In Amsterdam blühten die beiden grossen Rederijkerkammem:
"de Eglentier'', die alte Kammer, und die brabanter "Het wit
Lavendel". Die eifrigsten Förderer der ersteren waren die humanis-
tischen Dichter Hendrik La uren s zoon Spie g he 1, Roemer
Vis s c her und dessen beide viel umworbenen Töchter, Matnsel
Anna und Maria Tesselschade, jungeDamender"besseren"
Amsterdamer Biirgerwelt, geschickt und kunstfertig im Dichten,
Singen, Glasschneiden, Lautenspielen und vielem anderen nützlichen
und nutzlosen Zeug.
Da wirkten die Rederijker Di r c k Rodenburg h und Dr.
Samuel Cos ter, letzterer gleichfalls humanistischer Dichter und
Gründer der Bühnengenossenschaft die "Duytsche Academie'', die
sich mit der alten Kammer, der "Eglentier", im Jahre 1632 verei -
nigte. Mi tg lied der alten Kammer und der "Academie'' war auch Ge r-
b ra 11 d Ad ria e 11 s z. Breder o und der jüngere Freund Visschers,
der vornehme Piet er Co r n e 1 is z. Hooft, später "Drost'' von
Muiden. Da wirkten an der "Doorluchtige School" der gelehrte
AMSTERDAM ALS ZENTRALE.
Gerard Vossius und der lateinischc Poet Caspar Barlaeus
als Professoren; da wohnte sein ganzes Lcben lang der aros . o .se
Joost van Vond eI. Auch gab es noch manche untergeordnete
Grösse, wie der moralisierende ] ere m i u s cl e Deck e r, der zu der
Gruppe Jacob Cats, Constantyn Huygens, Jacob Wes-
t er ba en gehört, der klassische Spektakeldramen schreibende Glaser
Jan Vos, der die B_üh.nc als "schouwburgregent" längere Zeit
behe.rrschte, der langsttel!gc Gelehrsamkeitskrämer Jo a n nes A 11_
ton 1 cl es van cl er Goes, der echte In begriff dieser stäcltischen
Renaissance-kunst, und noch manche lokale Grösse bis zur Kunst-
Ni l V o Ie n ti bus Ar d u u m, die gelehrte Kunst-
knttkercllque, - alle diese Namen, die das Gesamtbild der hu-
ma!1istischen Dichtung des I 7. Jahrhunderts clarstel!e11 · 1- ,
. . . , ste
tneren sJCh m Amsterdam.
Die humanistische Dichtung· Amsterdams war die Modekunst d
P
· ·
1
er
atnzterwe t. In ihrem Streben, sich zu veradligen war die An h
. . , na me
emer "Kultur" die sicherste soziale Trennung vom Volke,
dem kiemen und geringen Mann, dessen Milieu sie selbst ent-
Denn Parvenüs, "homines novi", waren diese g-anze
Patnuerwelt, waren alle die Regenten Amsterdams.
Ein französischer Essayist des I 8. Jahrhunderts, de 1 a Barre
de Be a u marc ha is
1
). hat die se soziale Konsteil a ti on und ihre
Ursachen ausf(lbrlich erörtert:
':on dem Adel - sagt er- i st mancher Zweig in dem spanisellen
.erloschen. Adligen sind freiwillig ins Exil gegang·en,
s1e als Katholtken von den Regierungsämtern ausgeschlosscn
bheben. Andere, durch Schicksalsschläge verarmt, verschwanden in
der U nd so hat si eh von den ehemaligen erlauchten
Hausern, clie m Holland drei J ahrhunderte blühten, nur eine kleine
Zahl erhalten, von denen manches noch nicht einmal holländischer
ist: sie bilden die sogenannte holländischc "Ritterschaft".
Es g·tbt aber in Holland eine andere Adelsart, "que les Allemanels
a?pellent Pat r i c ie n n e." Das sind dicjenigen, die entweder selbst
em städtisches Magistratsamt innehaben oder dafür in Betracht(
und von jeher unter ihren Vorfahren nur Marristratsmit-
g-heder gehabt haben, ohne dass sich ein Fürst fand, de: sie adelte.\
- -·--- ---- ----
r) lv!. A. de I a J3 arre de J3 eaumarc ha is: Le Hollandois ou lettres sur la
anc1enne ct moderne. Francfo1·t 1738. Lcttrc XXIII. S. 137 ff.
DAS PATRIZlAT UND AMSTERDAM.
I39
. b ·tzen nicht eLt\mal ein unmittelbares gräfliches Lehen, und ich
Ste est hr in Zweifel ob sie in das Kolleg der Ritterschaft
. ebe es se , . h
21 en wet·den können lmmerhin gibt es unter thnen se r
fgenornm - · · . ..
au F milien angesehen durch die von ihnen bekle1deten Amter,
alte a ' d lt ··r n
d es ist gewiss, dass sie in Frankreich schon längst gea e wa ·
un pi
1
at i di Tas s u 1 o 1 ) gibt zu diesem Thema in dem sehr gelst-
·chen 7· Brief einen noch weit interessanteren Kommentar:
retDie holländischen Damen lesen sehr viele französische Bttcher
d sebr wenige holländische Blicher, am wen.igsten aber solche,

von dem Ursprum!, der Entwicklung und Umwandlung
c te 1 "h
der Si t ten ihrer eigenen Nation, von deren Ursac 1e, 1 rer
\iVohlfahrt und ihrem Niedergange handeln. Ich verstehe sehr gut,
dass Damen, die wenig Uebereinstimmung mit dem Charakter der
Cornelia, der Grachenmutter, aufweisen, g-ar keinen Gefal.len
finden, sich über die Fruchtbarkeit und die Einfachheit 1ll S1tten,
Kleidung, Möbel und Dienerschaft ihrer Vorfahren zu bele.hren.
Aber dies hat üble Folgen für sie. Dieser Mangel flösst thnen
unbewusst einen Hang für fremdländische Grundsätr:e, Gebräuche,
Sitten, Angewohnheiten, Eitelkeiten und Torheiten ein, der nur
sklavischen Völkern geziemt, und diese entartete
richtung der Frauenwelt ist nur allzusehr im Stande, auf d1e Daucr
den Geschmack und die Denkart einer hinreichend grossen Anzahl von
Männern zu beeinflussen, besanders solcher, die dar a u f versessen
sind, den Menschcn der "b e sseren ·welt" (gens du bel
air) abzugeben. . . . . .
Diese Lektlire französischcr Bücher und clte Gletehg1lt1gkett [ür
nationale Literatur hat bei sehr vielen Frauen dieses Landes eine
lächerliche Schwäche hervorg-erufen u n cl z war di c: grosse
Ver eh r u
11
g a dl i a er Ti te 1 uncl eine starke Neigung. sogar
eine Leidenschaft alle titulierten Leute, dergestallt, dass in
einer Republik, die einzig dem Handel seine ganze Existenr. und
seinen ganzen Reichtum verdan kt, sich ine. grosse. Klasse
befindet, die verdorben genug i t, dem adltgen Tttel wett mehr
Respekt zu zollen, als es sogar in den wo der alle
bedeutet und die Kaufieute nichts sind, üblich sst. Wenn S1e nach
Holland kommen, werden Sie sich wundcrn über die
die man Ihrem Marquistitel erweist. Dagegen wird Ihr Vetter s1ch
I) Pilati di Tassulo: Lctti'CS SUl' la Holl. r. Lettre VIl. (Amsterdam Ie I Sept.
rnS). s. 146 ff.
DAS PATRIZIAT UND AMSTERDAM.
sehr herabgesetzt fühlen durch die erniedrigende Art und Weise,
womit man ihn nach Ihnen behandeln wird, wei! er keinen Titel
zur Scha u tragen kann: er wird in Amsterdam gewisse Damen
kennen lernen, die ihm nicht einmal einen Stuhl werden anbieten
lassen und ihn kaum eines Wortes würdigen werden, während man
Ihnen die undenkbarsten Höftichkeiten erweisen wird. I c h n enne
a e ra d e A m s t e r d a m, w e i 1 v o n h i e r a u s d i e s e T o r h e i t
b
5
i c h z u verbreiten a n fin g·, die Städte der anderen Provinzen
folgten nur langsam seinem BeispieL
1
) Nur im Haag hatte jene
Torheit grössere Mühe, sich einzuführen, denn man kannte dort
die Ausländer schon besser und wusste sie dementsprechend ein-
zuschätzen.
Es gibt keinen Barontitel, der nicht in Holland Erfolg hätte,
denn Deutschland schiebt unausgesetzt soviele Barone und soviele
Bettler, die sich gleichfalls "Baron" nennen, dahin ab, dass dieser
Titel daselbst aussergewöhnlich absorbiert worden ist.
Die lächerliche Ehrerbietung vor der Titulatur wird eines Tages
mit anderen Ursachen sich verbinden und die politische Triebki-aft
ciner gut organisierten Republik, die Liebe zur Freiheit und
Liebe zur Produktivität zerstören, zwei Dinge, die sich mit sokhem
citlen 'Valm schlecht vertragen."
So entwickelte sich das Amsterdamer Patriziat, jene partiku-
laristische, selbstgefällige Kaste mit ihren unnationalen Interessen
und ihrer hochmütigen Abtrennung von der Gesamtheit des Volkes.
Es ist eine historische Tatsache, dass der wirkliche Adel, der
durch seine agrarische Grundlage immer mit dem platten Lande
in Berührung bleibt, viel volkstümlicher ist und viel stärker im
Volkstum wurzelt als der Patrizier, der Bourgeois-gentilhomme.
Eine Figur wie Bismarck wurzelt im Volkstum. Der Anteil des
ungarischen Adels an der national-dichterischen Regeneratien des
Landes war ein ausserordentlicher. Der Adel trennt sich innerlich
nie vom Volkstum, wie es der Patrizier tut.
Noch in Leicester s Tagen spottete man oft über den "Hans
Brouwer'' und "Hans Kaaskooper", die sich unterständen, einen Staat
zu leiten. Aber rasch, wie die Handelsgrösse der Städte selbst sich
r) Je dis à Amsterdam, parce que c'est là principalement que cette folie commence
à s'inlroduire: les villes des au tres provinces ne st1ivent qt1e lentement son exemple.
DAS PATRIZIAT UND AMSTERDAM.
d
. m Gottes iVillen
h
aus den schlichten Bürgern, te u . "
b erwuc s h ·ft ls munera necessana
ho ' Not des Krieges die Staatsgesc ä e a .". . Wahrhaft
in der . reicher übermütiger Patrtzterstand. .
· 1 nahmen, em ' ·1· •• Aus den
auf stc 1 d d'e Macht dieser Regenten famt ten •
k los wur e
1
" d R genten•
scbran en Grotius und den anderen Schriftstellern er e .
Btlchern vodn t et'n empörendcr Standesdünkel, minder ungedbildet
-r re e d b arum
fanlL ten Ahnenstolz des deutschen Edelmannes un e en stolz
als . eine abs reebende Menschenverachtung, woran_ Geld :
bässiicher. p d das Selbstgefühl des Eingeweihten, des
Gelehrtenhochmut unI . hen Anteil haben. Die Herrschaft des
Staatsmannes die Herrschaft der Vielen
Einzelnen nur die Henschaft der "proceres" ist
Zucht un d' _:_ so lautet das politische
Männer wür tg . riesen ihre republikanische Freiheit mtt emer
der pein Zweifel garnicht möglich sei, sie fertigten
zuverstcht, a s o . . l . Tyrannenknecht ah und standen
jedend näher als den Ideen der Dema,.
trott em e
kratie. ') . . Bliek in das gesellschaftliche Leben dieserKlasse
Wenn nichts als eine leere Konvention, die grosse
werfen, so . die den Parvenu stets umgibt. .
gesellschaftbche Lüge, . lb alles in Allem. Es gab für ste
Die Regentenwelt war stchd se ent der Patrizier, und "dat
nur zwei soziale Kla. ssen: 'd ert'fi . g t sie mit der Aristokratie.
lk
" Sich selbst l en t zter e . 1
mindere vo · . . . den orientalischen soz1a en
Wie stark der holländtsche von h immer ein vollständig
b
. flusst wurde tst noc
Verhältnissen eem . '. d
1
d Und doch ist diese Ein-
K l
t problem tn N te er an .
unbeachtetes u ur
1
. Volk seine Anscbauungs-
. B f sein V erhä tms zum '
wirkung 111 ezug au . . grösser als man anfangs
weise der sozialen in zuteil gewordene
. t sein wtrd te ' m .
anzunehmen genetg · p tr' .. er ge na u so beeinflusst wte
· 1' h V ehrunCT hat den a tzt . "
1

onenta 1sc e er b d Er kam verradJaht naCL\
. h p k nesis den Alexan er. " .
die perstsc e ros u 1' hat in der Neuzeit in semem
Holland zurück. Erst M u 1 t a t u
1 " d' Problem beruhrt. . h
"Max Have aar tes f d' . derländische eine sehr stc t-
Die chinesische Kultur hat au misehem Gebiete, sondern
bare Einwirkung gehabt, nicht nur au era
- bl"k der Vereinigten Niederlande, S. 539·
r) Heinrich von Treitschke: Dte Repu t
D.-\S PATRIZIAT UND AMSTERDAM.
aüch auf gesellschaftliche Leben. Man braucht sich nur die
alten PatnZterlandhäuser. an der Vecht zwischen Utrecht und
Amsterdam anzusehen, d1e "Theekoepeltjes" u.s. w.
es, dass. dDts junge Deutschland des 18. J ahr-
hunderts fur holländtsche Welt den Ausdruck "chinesisch"
verwend et, so be1 Th ü m me 1 und G ra b n er. •)
Die Regenten die Inhaber der ganzen politischen Macht
aller Würden und Arnter, die ihnen durch das System der
van correspondentiën", Konventionen einer miteinander durch
aufs Patrizier-Magistratenclique, ge-
wurden. Dte Amter nur untereinander der Reihenach gegen-
setttg zu besetzen_ war im 17. Jahrhundert schon längst gang und
gabe, bevor es m I 8. Jahrhundert ur.kundlich und kontraktlich
geregelt wurde.
. Der Regent hatte seine eigene höhere Kultur: die Renaissance-
dtchtung. Seine Liebesgefühle liess er sich in Sonette mit dem
der antiken Mythologie anfertigen. Zu jeder Hochzeit
heferte em Schwarm von Bratpoeten ein Janges Gedicht worin
Hymen, Venus, Cupido, Amor, die Musen herhalten muss;en die
der Mythologie geplUndert wurden, kurzum jener.
pparat m Bewegung gesetzt wurde, der zu der höheren Kultur"
gehörte: Au eh in Joost van d en Vond e 1 s "Gedichten findet
man v1ele "Gelegenheidsgedichten" (wie der Niederländer
sagt), womtt er etwas zu verdienen hoffte, oder die bei ihm
bestellt worden waren.
. Zwei_ lang bietet die städtische Kultur dies verloaene
Btld, bts französische Revolution den morsehen Bau
brechen hess.
Diese gesellschaftliche Lücre die Konvention ra·· 1 t .· 1 h
• • t> ' , Cl e SIC l SC wer
an Jenen Kretsen selbst: sie tötete jedes natürliche Gef"·ht · d
nat .. r h E fi d ll ' Je e
llf te e mp n ung in dieser Sphäre J·a nt"cht · 'h · , nur 1n 1 rer
s?ndern ihr überhaupt reichte. Und ihr
Emftuss retchte wett, er reichte über das ganze Land.
Dass das platte Land in keinem Verhaltnis zum städtische
Elemente stand, haben wir schon vorher gesehen Ein fra ·· · h
0
F · t 1 · · nzostsc er
ces 18. Jahrhunderts
2
) behauptet in t.:Ioll d h __ , ... . an ge e man
1 ) E. F. K 0 5 5 man n: Holland und Dentschland 1901 s
3
2) F · · • · 2.
• rançois Michel Etat Présent de la Républ" l p . .
et des Païs qui en dependent. Seconde Edilion. la Haye, 1739· tque ces rovmces-Umes
-
DIE FEINDE DER VOLKSKUNST.
143
H • •
. Stadt zur anderen Sl)azieren: das Land se1 nur eme
e1ner " .
von h lung von Landcrütern mit Alleen und Kanälen zw1schen den
;..bwec se b
Städten. · l· •
f
d
SI
. eh das Land schon an und filr si eb ökouomtsc 1 rn
. . .
. . r Abhängigkett von der Stadt, so wurde dtese durch dte
creWtSSC li.A"!' h " d I.. d L d b'sher
Vebersiedlung des "1v..ujO eers aJ.110, wo er an mann 1
jo-stens noch sich selbst gelebt hatte, verstärkt.
für Holland sa charakteristiscben ,.buitenplaatsen'' übertruget\
d" soziale und kulturelle Trennung aufs Land und zerstörten aucb
d
Je t die innerliche Einheit. Denn zwischen den holländischen
or . L d.
buitenplaat en" und den alten ostniederländischeu an sttzen
des Adels zieht sich eine tiefe kulturelle Kluft hin: der Unter-
h
. ed der Boden st ä n di g kei t. Nichts trifft den Landmann em-
sc I 1 .
:findlicher, als wenn man sich über ihn und seine Kultur ustJg
und beides ironisch behandelt. Wie schon ':urd_e:
diesem Umstand verdanken wir die ungeheuere Schwtengkett beun
Sammeln der noch crbaltenen Volkslieder. Die Leute sind scheu
nel a
ro·wöhnisch a·eworden. Manchem ist das Lied im Herzen
u b l:>
erfroren; er versuchtc städtisch, vornehm, gebildet zu werden
und die Entartung griff urn sich.
Die Pa trizier ha ben weidlich gegen die Volkskunst gesündigt
und den grössten Schaden angerichtet. Wenn man liest, was der
Ritter"-Poetaster Hu y gen s von seinem Landgut über "den''
Bauer und seine Kunst schreibt, wenn man sich die stereotype
Karikierung des Bauern, seincs Liebeslebens (Boeren v r Y a ge,
-sa me
11
spraak), die in jedem städtischen Lieclerbuch
ansicht dann braucht man sich nicht zu wundern, dass dte so
' empfindliche Blume der Volkskunstvorder rohen kalten Berührung
dieser \Velt ciabinwelkte und verschwand.
Abcresehen davon bot die Weidewirtschaft und der Grasbauer
in Hclland der Volkskunst wenig Anhalt. Erhalten wir Nachricht
aus jener Zeit von der Existenz des Volksliedes, so ist es aus
dem Gooiland, die waldige Haidegegend an der Zuiderzee, wo der
Ackerbau wieder mehr hervortritt, oder aus der friesischen Dünen-
bevölkerung ander Nordseeküste. Denn der einsilbigen isoliertenNa_tur
des Grasbauern r) hatte sich der Calvinismus besanders bemäcllttgt.
1) Vgl. z. B. die Grasbauern Kampensander Yselmündung in Overijssel, die varwiegend
cah•inistisch sind, während auf der Veluwe, in Salland und Twente, der Katholizismus
tmtl der nicht calvinistische Protestantismus vorherrscht.
DIE FEINDE DER VOLKSKUNST.
Weit schwereren Kampf batte der Calvinismus in den östlichen
sächsiscb-friesischen Teilen des Landes zu besteben, wo eine stärker;
Volkskultur lebte, die nicht nur an einer örtlichen agrarischen
Dorfbevölkerung Rockhalt fand, sondern Ober die politische
sphäre des Calvirusmus hinaus ihre Wurzeln weit ins deutsche
Land hinein trieb und neue Kräfte bekommen konnte.
Es standen also zwei mächtige Feinde der Volkskunst sich
ober: die Patrizier, die jene soziale Kluft im Volke hervorriefen
und das Volk sittlich zu jener stumpfen; untätigen, unempfindlichen
Masse, ohne Selbstgefühl, ohne Interesse, erniedrigten, wie es uns
am Ausgange des I 8. Jahrhunderts vorgeführt wird, und - der
Calvinismus, dessen ethisches Ziel es war, die sinnliche Volkskunst
zu vertilgen.
Dem Todeskampf des Volksliedes soU unsere weitere Betrachtung
gewidmet sein.
Wie war die Lage der Volksdichtung am Anfange des I7. Jahr-
hunderts?
Auf diese Frage gibt uns der Inhalt des "Dubbelt verbetert
Amsterdamse Liedboeck" (Het Oud-AmsterdamsLiedt-
B oe c k), das nach dem Jahre 1639 als Neudruck des gleichna-
migen Liederbuches von I 591 erschien, Antwort.
1
)
r) Scheurleer erwähnt die Ausgabe in seinen "Bijdragen tot een Reperto-
rium der Nederlandsche Muziekliteratur'' (19o:a-) nicht. Dass der Druck
erst nach d. J. 1639 zu datieren ist, geht aus einem Matrosenlied .Hoort toe Matroosen
al te saem" hervor, das sich in dem zweiten Teile .Het Nieu Amsterdams-Lied t-
Boe c k" befindet (S. 19 ff.). Die letzte Strophe beisst:
Doe men dit nieu liedt eerst mael vant,
Voeren wy over zee,
Van Oost-Indien na 't vaderlant
Naer Middelburgh, de stee,
Met 't schip nPrins Hendrik" ree,
In 't jaer van dertig h negen
En se st i en hond er t m e e,
Den thienden Maert geschreven.
Wie E r;k und B ö h me zu der Annahme kommen, das Liederbuch se i um r68o
neugedruakt (D. Liederbort I, S. LVlll), ist mir vollkommen rätselhaft. Das Buch und
sein Inhalt i.st ein Ausklang des 16. Jahrhuuderts, eine solche Sammlung ist am Ende
des 17. Jahrh. nie mehr erschienen. Typographisch gehört sie auch in die erste Hälfte
des 17. Jahrhunderts, obgleicb man sich darauf nie ganz verlassen kann. Die Drucker der
LiederbUcber im 18. Jahrbundert verwendeten oft Holzschnittvignetten, die entschieden
aus dem 16. J ahrhundert herrUbren.
DIE LAGE DER VOLKSKUNST.
145
d
111
-erin noch eine Fülle alter schöner Volkslieder, so
w·r fin en
1
• • 1 Seite 6: lek wil te land (Van den
Betspte
zut1l Hillebrandt); S. 10: Graef Floris e;sde Geeraert
oudenV
1 5
e
11
• s. z6 : V a n m ij n H e e r v a n V a l c k e n st e Y n ;
van e ' ·
4
Een oudt Ltedeken :
s. 3 .
lek stont op hoogher bergen,
lek sagh het zee-waert in -
S.
44
. V a n H a n ss e I ij n :
Ranselijn over der heyde reed,
Hoe haestigh werd hy ghevanghen.
S.
7
5. Klaegh-Liedt:
Het daget uyt den Oosten
S 7
V a n 't 1 o os e Vis s c her tj. en:
. I.
Des winters als het regent,
Dan zijn de paedtjes diep, ja diep.
S.8r. Van Moy Elsje:"OchElsje,seyd'hy,Elsje,"worinjene
schöne Strophe vorkommt :
9· Dat meysje keerde haer omme,
En sy liet over haer gaen
Over haer sneewitte wangen
Soo menigen droeven traen.
10. De traentjes, die sy weenden,
Die deden den ruyter soo wee:
Zy vielen hem op sijn hartje
Veel kouder dan de snee.
S. roz. Een oudt Liedeken:
Int soetste van den Meye
Al daer ick quam ghegaen.
K.urz, eine Sammlung vieler alter Volkslieder, von denen ich nur
10
DIE ARKADISCHE DICHTVNG: DIE SEXUELLE FRAGE.
einige der schönsten erwähnt habe. vVährend der clichterische
Wert dieser Sammlung sehr hoch steht, und abgesehen von einige
11
aemeineren Landsknecht- und Reuterli edern und einigen
b
wettigen Rederijkerliedern der Inhalt auch gecliegener Art ist, weist
"
het Ni eu-A m sterdam s L ie cl t-B oe c k", das clem ersten
Liedcrbuche als zweiter Teil beigefügt ist, schon die zersetzende
11
Einflüsse der städtischen Patrizierkultnr auf. Die arkadische Dichtung
tritt uns darin in ihrer wahren Gestalt entgegen und gestattet uns
schon gleich, einen Bliek in das Innenleben dieser Höhenkultur,
der Patrizierkreise, zu werfen. wir da sehen, ist die schlimmste
Art sittlicher Dekadenz und Entartung, die sich in jenen Kreisen
kategorisch als Entbindungselement einzustellen pflegt - wie wir
noch eingehender erörtern werden.
Ein sokhes Beispiel der schlimmsten Perversität ist das Lied
(S. 53) "Stem: Schoone Herderinne" etc.
ciaraus Strophe 5 :
Coridon outsteeeken
Met een heete koorts -
Hy stack 't aerdigh fluytjen
By mijn barsjens in.
"Wech, wech", seyd iek, "gnytjen,
"Wat beduyt de min?
"Wilj' op 't fluytje speelen,
"Speelt soo dat behoort!
"'t Sal my niet verveeJen:
"'t Is genoegh ge boort!"
6. Hij heeft weer begonnen
Leggend' in mijn schoot ...
Man hat sich in Bezug auf das sexuelle Leben uncl sein Verhältnis
zur Öffentlichkeit an die Auffassung gewöhnt, dass man zu jener
Zeit "anders wie wir darüber dachte," Damit wird liebevoll der
Schleier gebreitet über den Ton, worin Anna Roemers ihren
jungfräulichen Stanel erörtert, Hooft die Schönheit seiner ersten
Gattin detailliert, und V on cl e 1 zwei lieben Amsterdamer Mäclcben
DlE ARKADISCHE DICHTUNG : DIE SEXUELLE FRAGE.
147
mit einem peinlichen "Kuyscheyts-kamp" 1) nachstellt 3), und die
.A.nbetung des goldenen Kalbes der Renaissancedichtung wird ohne
weitere lästige Störung andachtsvoll fortgesetzt.
Ich stimme dieser Ansicht bei: zu jener Zeit dachte "man"
anders über das sexuelle Leben in der Öffentlichkeit, und es
gibt auch jetzt noch manchen "man", der genau so clari.iber
denkt. Die Selbstverständlichkeit des geschlechtlichen Verkehres
existiert besanders auf dem Lande noch. Das "Probeheiraten" in
der süddeutschen Bergbevölkerung, wo der Bursch so lang mit
einem Mädel "verkehrt", bis die Hoffnung auf eine gesegnete Ehe
sich zeigt, ist jetzt noch nicht verschwunden, ebenso wenig wie
die gesunde Auffassung vom Sexuellen im allgemeinen und ihre
natürliche Art, darüber zu sprechen. Es gilt für die ländliche
Bevölkerung und ihre Anschauung, die im Einklange mit den
11atürlichen Gesetzen steht, genau dasselbe, was Ta in e von dem
Nacktmodell in der griechischen Kultur sagt: "Ils (die Griechen)
n e s o n t p as é t o n n é s d e 1 e v o i r n u. La p u d e u r n' est
point en co re de ven u e p r u cl er ie'' und weiter ausführt: die
"Seele" tronte bei ihnen noch nicht in einer himmlischen Höhe
das Nackte machte sie nicht erröten, und sie suchten es auch
zu verhi.illen. Der Anblick rief bei ihnen weder Schamhaftigkeit
noch ein Lächeln hervor. Die Ausdrücke, womit sie die Scham
nennen, sind weder schmutzig (sales) noch herausfordernd und
aufreizend (provoquants) oder wissenschaftlich. Homer nennt sie
in demselben Ton wie die ancleren Teile des Körpers. Das Nackte
ist kein Gegenstand einer heimlichen Literaturgattung, vorder die
strenggesitteten Leute ihr Antlitz bedeeken und die "keuschen
Seelen" ihre N ase zuhalten.
Alle grossen Naturmächte sind in Griechenland heilig, und der
Mensch ist noch nicht gespalten in Tier und Geist. 3)
Den grossen Zwiespalt im Menschen brachte die christlich-
r) "Minn e plicht ende Kuyscheit skamp, alsmede versebeyden aardighe en
geestige nieuwe Liedekens en Sonnetten. T'Amsterdam. By Jacob Aertsz. Calon. A
0
• r626."
Titel des 2en Teiles heisst: nStryd of Kamp tusscben Kuyscheyd en Geylheid, gehey-
hgt aen de eenvaerdige en aerdige Jonckvronwen, Catherina ende Dianira Baeck (mit
Widmungsgedicbt) uw verplichte 1. v. Vond e I en".
2
) Wieder geistreiche Huet esnennt. Vgl. Het Land vanRembrand. 1901.
Bd. II, 3· S. u.
31 Taine: Philosophie de !'art IV. La sculpture en Grèce, S. rgo ff.
DER i\WRALISCHE WERT DER P ATRIZIER.
I t
. h Idee das Resultat des Niedero·ane·es J. ener selben griechi-
as {e ISC e , c "'
schen Ethik. Die christlich-asketische Idee hat in dieser Hinsicht
sehr, sehr viel Unheil gestiftet und di e Entartung des sexuellen
Lebens, die krampfhafte Unnatürlichkeit ist auf sie zurückzuführen;
besouders das Dogma der "unbefleckten Empfäng·nis" mag in dieser
Hinsicht wohl als eine Quelle der "Unsittlichkeit" gelte11.
Die Patrizierwelt Amsterdams war aber ganz anders hesehaffen
wie jene griechische und die ländliche Bevölkerung. Inclem
sie sich von den natürlichen Banden zwischen sich und dem Volke
losmachten und sich eine spekulative Kultur zulegten, zerstörten
sie die organische Einheitlichkeit ihres eigenen vVesens uncl fielen
vorbehaltlos den Folgen ihrer Isolierung anheim. Grade bei ihnen,
wo das aanze Gefühl uncl Triebleben zu einer äusserlichen klinst-
o
lichen Form einer Konvention wurde musste sich ein unnatürlicher
' ,
Auswuchs des Gefühles bilden, musste die Entartung folgen.
Und sie kam auch: die Perver s ität.
Organisch entwickelte sie sich einerseits in der Patrizienvelt selbst
auf dem obengenannten vVeg, unorganisch, indem sie als eine
"
höhere Kulturform" als internationale') lVIode aus der
romanischen Renaissancekultur übernommen wurde. Die Damen
der Patrizierkreise betrachteten die Ausschweifungen als Form der
"besseren Gesellschaft". Belehrencl ist in di eser Hinsicht das Tag-ebuch
von Constantyn Huy g ens jr., dem Sohn des "Dichters", der
den Prinzen Wilhelm III. auf seiner Durchreise nach Venlo im
Jahre 1673 am Tische beim Rheingrafen ohne weiteres erzählen
lässt, dass sein Bevollmächtigter Dy c kv el cl vermittels der Patrizier-
damen Borneval, Schadé und I-lamel, die ihn alle clrei in ihrem
Bett empfingen, in Utrecht nach Belieben hätte schalten uncl walten
können. 2) Derartige Gesellichten berichtet aus eigner Erfahrung-
r) Vgl. z. B. fiir diese Erscheinung in Deutschland:
Ma x Fr ei her r v on W al d a u: Die galante nnd die deutsche Renaissance-Lyrik
Strassburg. Berlin r 885 und r888.
Jo s. Et t l in ge r: von Hofmanswaldau. Halle r89r.
2) Dij c k veI cl soli te Anclernngen im Magistrat vornehmen.
Consta ut in Hu y gen s jr., 22 October r673: J e disnay a nee son Altesse, qni
conta à table au Rhingrave, que Dyckve\t à Utrecht auoit gouverné toute la Provincc par
Ie moyen de trois femmes qu"il baisoit: à sc"voir l'vlesclames de Borneval, Schade ct
Hamel," Busken Huet 11', S. 6. Vgl. auch die Ausführungenvon Jan ten Brink:
"Bredero's aanstootelijkheid, de Kiesebbeiel der Zeventi ende eeuw, Het "lagere comische"
van Bredero's blijspel" u. s. w. in seinem Aufsatz "Gcrbrand Adriacnsz. Bredero'". Littc-
1';1rische Schetsen en Kritiel<en. XIX. r88 8. S. 13 ff.
DER l\10RALISCHE WERT DER PATIUZIER.
149
. aristokratischer Engländer. Die Schilderw1g des Interieu.rs des
:uses, der Menschen, die ganze Cbarakteristik in diesem Büchlein
·st vorzüglich.
1
)
1
Bei den Ausländem finden wir denn auch oft die Bemerkung,
1 S
unsere Frauen uncl Töchter aus clem Bürgerstand sich von
c as
ihren vornehmeren Schwestern varteilhaft unterscheiden.
2
)
Ich erachte es als meine sittliche Pflicht, das Interieur dieser
Gesellschaft, die Stütze der Renaissance-dichtung, rücksichtslos
dem Leser zugäng·lich zu machen, wei! nur dadurch der legendären
Ausschmückung und Verherrlichung jener Kulturepoche endlich
Einhalt getan werden kann.
Sehr zuverlässige Quellen sincl hier jene "Lied boekskens", die
.,vir schon in der Reformationszeit erwähnt fanclen, und die ihres
niecllichen kleinen Formates weg·en besanders die belletristische
Literatur der höheren Damenwelt bildeten. Ein sokhes Liederbüch-
lein ist die " Nieuwe Ho f s c he Rommel. zoo" (Amsteldam, 1655).
Die Sammlung war eine Kirmesgabe. Mitarbeiter warenHooft 3)
und V on cl e 1, weiter Dekk e r, L e mm eis, As se 1 ij n und andere.
Die Sammlung wird mit einem "Rondeel" eröffnet und zeigt auch
weiter sehr starke Rhetorikerspuren. Dann folgt das bekannte Ge-
dicht von Hooft "Rozemond die lag en sliep" als "Knip-Zang."
Der Inhalt ist: Pan, der sich leise herbei g·eschlichen batte, wollte
auf Rozemanels entblössten Brüstchen knipsen. Eine lVIaulbeere fällt
vom Baum, g-rade auf jene Stelle. Ersduoeken ruft Pan:
"Ach, ach, ach! De speen is of!" (ist davon)
Ueber dies Thema folgen 39 variirende Strophen in demselben
Versmass, immer liber die Geschichte mit dem Knipsen. Abgesehen
von Vond e 1 und Ancleren beteilig·en sich au eh mehrere Damen
daran, wie (Ca t her in a Verwee s, Cather in a Q u est ie r s,
Maria Massa Goudina van vVeert. 4) Nach dieser er-
' '•
r) Ich kotmi e nur der deutscheu Uebersetzuug habhaft werden: C harakterist ik
der Ni ed e r 1 ä n der, oder philosophisches Gcmälde ihres Geistes, ihrer Sitten,
Regiernngsformen uncl Politik. Aus dem Englischetl. Gotha 1790.
2) H is t o i re a m o ur e u s c e t b a d i u e du Congres cl'Utrecht bei Bu ske n
I-I u et, II3, S. 7·
3) Der indessen (r647) schon versebiedene Hooft wird darin vergöt tert: "I-looft, 6
Hooft van alle hoofden ... zelfs de Goden deizen voOJ; uw groot vernuft" (J. v. Vondel).
4) Die ganze Geschichte ist so unglanblich fade, so maniriert und dumm, dass man
sich uur wundern kann, dass Sc he 1 t c ma sie alle in seinen "Neclerlandsche Liederen
ISO
DER MORALISCHE WERT DER PATRTZIER.
hebenden Einleitung findet man ein ganz gemeines Lied von dem
Hurentreiben in Den Haag, dass sich auch schon in "Het ni et1
Amsterdams Liedt-Boeck" (S. 67) befindet.
(S. 41) Ey, wat hoort men viere grillen
Onder 't Courtizane rot.
Ein Hurenlied ist gleichfalls:
(S. 6r) Onlangs kreeg Marri-Mots de klop
Van vuile klaartjes Hoeren-dop.
Ein ganz schmutziges Bordelllied ist :
(S. 69). Krullige Krol teeg lest uit krollen
By zijn lieve Kittebeurs.
Weiter finelet sich darin ein Hochzeitslied ("Bruilofts-Dicht");
wie in anderen, gleichartig·en Liederbüchlein jener besseren Welt
wird der Koïtus allegorisch mit Militärtiteln umschrieben x) und
dem Bräutigam we i ter der Rat erteilt:
(S. 124) In 't voelen van haar bontje, zo maakt het niet te luit:
Maar ey lieve, schiet de bruid met twee ballen op haar kuit!
Dann e r h ä l ~ die Braut die Anweisung:
(S. r 29) Nu bruidtje, gaat te bed, het is nu alles klaar:
En steekt hy 'tin jou buik, zoo wordt ghy ' t wel gewaar.
Werpt hem ook dadelijk gevangen in jou bontje,
En houdt hem daar zoo lang, totdat hy in jou rontje
Een versehen zoopje maakt, schoon waar dat hy 't ook haalt,
En Iaat hem daar niet uit voor 't sluitgeldt is betaalt.
(By my Alias Plakkarias 1654).
Den Beweis, dass dies ldebrige Wohlbehagen, in sexnellen Situa-
uit vroegeren tijd" S. 92-105 abgeclruckt und vi el wertvollere Lieder clafiir unbeachtet
gelassen bat. Es ist nur wiederum ein Zeichen, wie v o 1 l st ä n di g k rit ik 1 os die
konventionelle Verehrung ft\r jene Zeit ist. Die Namen Ho of t und V on cl e 1 genügen,
diesgn Schund als hohe Kunst anerketmen zu lassen.
1) Ein derartiges "Brnylofts-geclicht, beschreven door namen van officiers", befindet sich
auch in ,,d'A m sterdam ze Korde wagen" (Amsterdnm. 1662). Die betreffende
Stelle (S. 7-9) heisst:
11
Capiteyn de Lange" der "den Heer van Buycksloot
11
(Bauch-
graben) "een harde steeck gebracht haclde, nochtans niet doodtlijck."
DER MORALISCHE WERT DER l' ATRIZIER. I$1
. nen hel'umzuwublen, keine Naivität, sondern ausgesprochene
tto b . . Pl . l . T
perversität ist, rmgt eme " auderei, geha ten am zwetten ag
nach der Hochzeit van I. v. B. und K. G. in Amsterdam." (S. 169).
('t Praatje voor de vaak, geschaft op den tweeden dag. I. v. B.
en I{. G. 13ruilofts-dag in Amsterdam).
Das Geclicht ist an die "Spe e In o o d t s", die Gespielen der
Braut, gerichtet. Die Braut erzählt, wie sie nachts im Bett erst
nicht "wollte", bis der Bräutigam eine List anwanclte (S. 172):
Dat ik hem niet kon weeren;
Dus bcnart, zo viel ik vlak:
Binnen raakt hy met gemak,
Maar de r e ~ t sal ik wel swijgen.
Di ese Fonnel: "den Rest werde ich aber verschweigen",
ist das Zeichen der Pervcrsität, der grossen sittlichen Dekadenz
der Patrizierwelt. Dcrjenige, der "naiv" denkt und fühlt, würde
das n i e sagen. Überhaupt würde er sich nie zu solchen detaillierten
Beschreibungen, zu solchen feuchtklebri gen vVühlereien in wollüstigen
Stimmungen veranlasst fühlen. Die Volkslieder auf dem Lande,
welcl1e erzählen, wie Einer bei seinem Mäclcl lag, erwähnen diese
Tatsache, auch vielleicht die blanke Brust der Gelichten, ihre
schnecweissen Arme, di e schöne Lust, die beide empfancle'n, -
aber mehr nicht. Sic schildern, wie Einer ans Fenster, an die
Türe ldopft, von clem lVIädchen im weissen Hemdehen cingelassen
wircl und bei ihr in ihren Armen auf ihrem Bettehen ruht, wie
sie si eh beide ihrer J ugend u nel Liebe erfreuen u nel schliessen mit
einem übermütigen Jauchzer, der Geliebten gewidmet.
Ein Bildehen lass' ich malen mir,
Auf meinem Herzen trag' ichs hier:
Daranf solist du gemalet sein,
Dass ich niemals vergesse dein.
So schliesst das wunderschöne Volksliedchen aus dem Sieben-
gebirge: "Nun kommt die fröhliche Nacht heran."
1
)
DieSachlage wircl als selbstverständlich empfunden. Solche Lieder,
x) Ma x Fr ie dI a ende r' Hnndert Volksliedcr (Ed. Peters, N°. 2257), N°, 5•1·
DER MORALISCHE WERT DER PATR1ZIER.
die von einem "Abendgang" erzählen, sind auf dem Land noch
sehr heliebt und gehören zu den schönsten Liedem, weil die
heit von Leib und Liebe, die absolute Natur, ihnen innewohnt.
Der Ton ist so ein ganz, ganz andererl
Jene Braut schliesst nun ihre Erzählung noch mit einer
lichen Strophe, die spassig wirken soll (S. 17 3):
d'Eene vreugt was nauw gedaan,
Of 't gink weêr van meta aan:
Hymen om dees strijd en liste
Lachte, dat hy hem bepiste,
Juno bars te schier van lach,
Doe zy my verwonnen zach.
Das "opgeilen," hitzig und wollüstig machen der "Speelnoodts"
ist eine hervortretende Erscheinung jener Renaissance-literatur der
Patrizier.
So heisst ein ähnliches Lied vom zweiten Hochzeitstag, "Letter-
Banket, gegrabbelt op den tweeden dag van H. G. ende A. S.
Bruilofts-Feest" (S. 179):
(S. 1 84) Voort naar bed toe, met je twee !
Gut, speelnoodtjes, mochtje mee,
Dat je eens mocht zien de pret,
Die ze hebben op het bedt.
'kWeet, je riep wel overluidt:
"Och, die meê eens was de bruidt !"
In dem schon erwähnten "d'Amsterdamze Kordewagen"
(Amsterdam I 662 ), "opgedragen a en de zoete Amsterdam ze
Juffert j es, Nimphjes . . . om de lanckheydt des
tijdts, als de fantasieckbeyt des breyns te verdrijven," befindet sich
ein gleichartiger Spass, ein · "Koddigh Grafschrift'' (S. 1 13) "op
Griet Luls." Der witzige Dichter H. de B r u y n sagt: "sie sturf
van rouw" wegen ihres Mannes Kloos:
Syn lepel was te kleyn
Tot haer spitskante peperdoos."
Eine zwei te Amsterdamer Kirmesgabe sind "A po 11 o os Minne-
Sangen" (Amsterdam. r663), dessen Verleger, Joh. van den B ergh,
DER MORALISCHE WERT DER 1' ATRIZIER. 153
leicbfalls den "Kordewagen" herausgab. Die Sammlung w.ird wieder
acht "Rondeelen" eröffnet: "Aen de Liefhebbers van de
steldamse Kermis" (S. 1-9).
Dann folgt ein Gedicht, den Damen gewidmet (S. ro): "Op
't Beeldt van een pissende Kupido aan de Juffers":
Piskousjes, 'k bid u, kijk dit Pissertjen eens aan:
Is 't nu een kraantje - wacht tot dat het wordt een · kraan!
En schoon by noch niet dik, noch groot, noch scharp van punt is,
Gy ziet aan 't stotertje,
1
) hoe 't daaldertje gemunt ts,
H. BRUNO.
Weiter befindet sich darin ein "Bruylofzang'' von dem Lust-
spieldichter M. F o c ken s. Er bat den Zweck, die ,.Speelnoodtjes"
hitzig zu machen. Während der .,Dichter" in den ,.Kordewagen,"
worin er (S. 42) gleichfalls vertreten îst, seinen Namen voll unter-
schrieben hatte, nennt er sich hier nur "N. N."
Der Verfasser fordert das Brautpaar auf, nun ms Bett zu gehen
(S. I 3):
Gaat dan na 't geurig leedekant,
Gelieven, daar gy zult met zooveel kusjes
U lieve lusjes
Nu volbrengen: want
Daar is de sprey van zuyker en wkaade,
Daar vreugt met vreugt zich zullen overlaaden.
Ey, siet de bruit! Hoe lonkt se nu haer bruigom toe!
Speelnootjes, segt! Hoe is haar hertje nu te moe?
Denselben Zweck beabsichtigt ein Lied: "A. en de Spe e 1-
nootjes":
(S. 1 14) Soet meysjes, doet het weneken
Van de bruyt geen soet bedeneken?
Soete suaeckjes, schoone roosen,
Let op smaeckjes van haer koosen,
1) eine kleine Münze (c. cent).
154
DER MORi\LlSCHE WERT D.ER l'ATlZlZIEH..
Let op lusjes in den s in,
] ,et op kusjes van de min.
0, boe godtlick is dat strijen,
0, hoe weelclrigh is de bandt
Van een welgeboore r) brandt!
Sacht, poesle, suyvre zieltjes ...
Gun, h et ge en ick swijgh, maer sacht,
Gun uw liefj e d'eerste nacht:
' tEerste nacht ja sal u leeren
Vrysters afkeer af te keeren .
Gleichfalls das Hochzeichtslied "Aan een bruydegom" (S. 144):
Soo je daeghs eens overslaet,
'tEn mach geen quaet:
Doet het op een anderen dagh! Wie kan 't altijdt passen
Zijn glas ,oo ras te lassen !
Speelnoodts, alsje 't bruytje siet,
Soo vraeght haer niet,
Of sy 't wel verdragen kan. Sy sa! spijtich spreken:
"Hy kan my niet doodt steken!" ~ )
Ja sogar in den "Vers c he y cl en B r u y 1 o ft Di c h ten" (Leiden
161 1 ), einer im grossen ganzen frömmelncl en Liedersammlung,
worin zwar Cupido, Venus uncl allerhand mythologischer Kram
nicht fehlt, aber doch der schlüpfrige Ton sich sonst nicht stark
bemerkbar macht, heisst es im dem Lied: "Urania, op de Wijse:
Vluchtige Nymphen" (fol. 83):
r) sic!
Bruydegom coelt nu uwen brandt.
Met u li efken in de want.
Wilt u wannen
In haer armen :
T'ander, t'welck niet elient gheseyt,
Wilt oock bruycken met bescheyt.
z) \Veiler cnthäll die Samml ung echte stiülti schc l' ervcrsi tätcn. So z. B. das Lied
is . 53) "Een ] offers· Vrijage". Eine Dame, di e i bren Ar>.t konsulti ert wegen ihrer Krankheit
"scheurbuill",
Die f ra n z ö s i s c h en Melodien siml in dcm Bnche sehr stark vcrtretcn.
DER MORALISCI-m WERT DER PATRIZIER.
155
Eine andere Amsterdamer Sammlung "Den K o cl cl i gen 0 p-
diss e r" (Amsterdam 1678), die ihrem Titel nach "uyt hetbreyn
van versebeyden sinrijcke poëten" entstanden ist und "Rondeelen,
knip-veersj es, vryagien, hardersgesangen" u, s. w. enthalten soli,
bringt (S. r8) ein "Bruylofs-Lied", "Voys: La Moutarde Reformé
of Gereformeerde mostaart.'' Darin wircl die Gespielin aufgefordert,
ihre Freunclin zu befragen, ob sie nicht auch einmal kosten möchte
aus dem "Fläschchen ohne Stopfen".
Vraagh eens, Speelnood, uw Gespeel,
Of sy oock begeert een proefje:
'k Heb by my daarvan een deel
In een vlesje sonder schroefje;
s . .T9 ----
Hollal best ist dat ik s wygh!
Nach diesem "Schweigen" folgen noch eine Reihe geiler An-
spielungen. Es ist wieder die bezeichnende Wendung, die uns den
wahren Inhalt jener "Naivität" enthüllt. Weiter eine gemeine An-
spielung, die ein Witz sein soll, "Op een geestige Bruydt'' (S. 47):
Ons Claartje had de naam om haar vernaamde geest,
Die boven het begrip van maagden scheen verheven. --
Man behauptete immer "dat daer een man in stack". Aber wer
Klärchen jetzt mal sehen könnte, - -
lek wedd', dat hy bevind, die Claartje nu verrast,
Dat daar een man in stack, in steekt, of in sal steken.
Gemaakt s'ochtens na den eersten nacht.
Der erste Teil clieser Sammlung enthält weiter sehr gemeine
Lied er: (S. 34) "Kneghjes vernest'lingh, meisjes onheyl" und (S. I 5 2)
Een kuis Queseltjen
Van 't kosters weseltjen
Wierel bekropen in haer veseltjen. u.s. w.
Ein vVitz in der Form einer amtlichen Bekanntmachung emes
verlorenen Gegenstandes soll auch sein :
"Amsterdam, den 7 May. Alhier is verlocren een lange naait,
zijnde het hooft met root amelieersel, voor aan een oog, achter aan
, I
DER MORALISCHE \VERT .DER .PATRIZIER.
twee parrel-knoopen, gestoaten in een beursje. Die het selve
gevonden heeft, die brengt se op de vVatersluys" ... u. s. w.
Und mehr von di esen schmutzigen Gemeinheiten.
In der Form eines "Lever-Rym" soli als \Vitz während der
Hochzeitsfeste, am Polterabend etc., das nachfolgende Gedicht
dienen (S. 43):
Dit Levertjen is van geen vinck, maar van een hoen:
Juffers I .
S 1 t
. 1ch wed met 1'ou om een soen
pee 1100 ·Je s '
Dat je niet raden kond, suyver en net,
Wat dat de bruygom de bruyd te nacht gelevert het.
w. s.
Das sagt keinc naive Naturseelc!
In den "Voor-Reden'' des zweiten Teiles d.iescr Sammlung sagt
der Amsterdamer Verleger (Claes ten I-Ioorn), dass er auf die
fortgesetzten Bitten versebiedener Liebhaber hin sich entschlossen
habe, diesen zweiten Teil zu veröffentlichen.
Er enthält unter anderem ein Hochzeitsli ed "Gemeene Vreughd' ',
das "aan de Maagden" gewidmet ist (S. 25).
Ekelhaft ist der Vergleich des Fettmästens im Bett das die Speel-
noods'' verlocken soli (S. 26): ' "
Want twee zoete-liefjes in 't warreme bed
Die meste ten leste malkander heel vet:
Des, Maegden, zoo u die vreugde behaegL,
Uw bloosjes en roofjes door 't zoenen vry waegl:
Dijn spe e 1 n o o d gaet voor.
Weiter befindet sich clarin nocheinGedicht von cl em schon Iäno·st
b
gestorbenen Amsterdamer Renaissance-dichter Roe 111 er-Vis-
s c her, dem Vater der talentvollen Mamsels Anna und Mar i a
Te ss e 1 scha cl e.
Des nachts omtrent de middernacht
De brnyclegom aen de bmyt begeert
't Spel der minnen
Sie "will" nicht. Er schlägt vor , dass er ihr den Finger in den
DER l\'IORALISCHE WERT DER PATRIZIER : CATS. 157
N.Iund steeken soli. vVenn er ihr weh tut, soll sie nur beissen. Sie
l . 1
beisst aber 111C lt.
Ihren klassischen Ausdruck fancl jene Welt in clem frommen
Ja co b Ca t s ..
Ihm fehlt di e Ehrlichkeit, womit di e anderen Dichter von ihrer
inneren Faulheit und Korrumption zeugen.
ca t s i st ein Typus jen es Menschenschlages, der in zweiter
Generation aus der calvinistischen Berufsethik hervorging·, bei
dem man den utilitarischen Sinn, das pharisäisch-gute Gewissen,
das Bewusstsein, in Gottes voller Gnade zu stehen und "mit dem
I-Ierrn zu handel n" (handelen met den Heere) ausgeprägt findet.
In ihm verkörpert sich die Figur des "Batavus Droogstoppel", den
lVI ul t at u 1 i in seinem "Max Ha velaar" mit vollendeter Meister-
schaft gezeichnet bat, jenes calvinistischen "Money-makers".
Die Ethik der beiden stimmt genau überein. Droogstoppel erklärt,
die Bühne sei unsittlich: sie verbreite Lügen uncl Unwahrheiten,
z. B: In einem Stück ge h t ein reiches Handelshaus durch Schick-
salschläge bankrott. In dem Augenblick, da die Tochter des Kauf-
herrn, in ihrer Armut den Beleidigungen von allerhand schlechtem
Volk ausgesetzt, ihrem Leben ein Ende zu machen sich entschliesst,
kommt der frühere erste Kanzli st ilues Vaters, jetzt steinreich ge-
worden, irgendwoher zurück und hei ratet sie.
"Man heiratet keine Tochter aus einem bankrotten Haus," sagt
Droog·stoppel, "und die Bühne, die solche Stücke aulführt, i st
unsittlich." Dies ist auch die Moral des Biedermannes Ca t s.
Er liebte auch einmal ein Mädchen "schoon en uyttennaten soet.''
Es entstand eine geheime Verlobung claraus. Da erfuhr er, dass
ihr Vater "bancqueroet gespeelt" hatte. Er li cbte sie zwar innig·-
"Maer siet, het ongelnek haer vader overkomen
Heeft van my 't eenemael haer liefde weggenomen:
Soo dat ick naderhant, hoewel ni et sonder strijt,
Socht van de minnebrandt en haer te zijn bevrijdt."
Diese Ethik finden wir in einem Gedicht von Ca t s wieder, in
einem Lieclerbuch "De nieuwe Haa gs cheNachtegaal(Am-
sterclam. 1659). Das Thema ist: Eine unverheiratete Mutter an
den Freund ihrer Liebe und des let zt eren Antwort.
"Een onechtf' Moeder aan haar Mingenoot" (der sie verlassen
hat). Dieser frühere Ge\iebte erklärt ihr auf ihre Klagen wegen
CATS ALS IN13EGRIFF DER PATRIZIERMORAL.
seiner Untreuc und Wortbrüchigkeit in seincm "Antwoordt op
het vorige" :
(S. 93): "Waart gy voor een nacht mijn wijf?
"Dat en acht ik niet met allen,
"Dat en is maar tijdverdrijf.''
Er fertigt sie mit der Erklärung· ab:
(S. 96): "Nooit en zal my 't kindt behagen,
"Daar geen bruyloft voor en gaat!"
Diese Bedingung, eine prunkvolle bürgerliche Hochzeit (das heisst
"eine gute Partie") soll dem Kinde varher gehen, kann das arme
Mäclchen, das kein Vennögen hat und von dem Liebhaber verführt
wurde, allerdings nicht mehr erfüllen. Und da der Liebhaber ein
frommer, prinzipienfester Mann ist, der mit dem Herrn wandelt,
wendet er sich auch von ihr ab.
Ca t s war ein Streber übler Art,
1
) - aber immer unter dem
Deckmantel der Frömmigkeit.
Jaep Riaep, die peilt de Synodale Fortuin
Of hij tuyn-godt magh worden van Graveduin. 2 )
So verhöhnt Vond eI die Bestrebungen Ca t s' nach dem Amt
des Ratpensionärs. Bekannt ist die pharisäische Schwenkung Ca t s'
nach dem Tode Willems II. (r6so), wo er in der "Groote Verga-
dering·" die Statthalterschaft als einen entbehrlichen Luxus darstellte.
Dieser fromme, gattergebene Mann hat nicht nur in seinem
"Houwelick" ("dat is, het gansch beleyt des Echten-Staets, afge-
gedeelt in ses Hooftstucken, te weten, Maecht, V rij ster, Bruyt,
Vrouwe, Moeder, Weduwe, behelsende mede de mannelycke tegen-
plichten." 1625), sondern in mancher anderen Schrift solcher Art
sich auf dem sexnellen Gebiete etwas zu Gute getan. Er wühlt
darin herum, überall Anspielungen machend, die absichtlicl1 und
I} Vgl. die finanziellen Praxis seiner Poldernnternehmungen "dit bedrijf, van Godt
(ihm) toebereydt," wodurch er sich ein grosses Vermögen erwarb. Jon c kb 1 oe t. Gesch.
der Nedl. Letterkunde. XVII Eeuw. U. S. 24.
2) Graveduin war das Landgut des Ratpensionärs von Holland. Hekeldichten (Pan-
theon Ed.) S. 42.
CATS ALS INDEGRIFF DER l'ATRIZIERMORAL. 159
sst bei einem gewissen Punkt I-lalt machen und "den Rest
bewu . ,,
verschwetgen.
Das ldebrige Wohlbehag:n des Calvinisten, der seinet:
. ht sehen will und aucb tn den Armen einer Frau keme "sun-

e Lust" empfinden darf, hier aber unter dem Vorwancle, zu
.g 1 h . l .1 . .
warnen und z.u be e ren, stc 1 eins . Jeisten kann, tret )t w1e eme
gJirnrnende Fettschicht stet oben auf dem von ihm hergesteUten
moraliscben Labetrunk.
ca t s hat in unserem Volke jene scheinheilige, pharisäische Art
o·czüchtet, inclem er ihnen einen vVeg der Selbstberechtigung in
:einen Werken schuf und die Pflicht, sich auserwählt zu fühlen
_ trotz aller Zwischenfälle, für die man in den calvinistischen
Kreisen die bekannte vVendung finelet "de geest is gewillig-, 't vleesch
is zwak'' - in ihnen "festgemacht" hat.
Einen höchst verderblichen Einfluss hat Ca t s auf die hollän-
dische Bevölkerung gehabt, nicht nur in Bezug auf die Verbreitung
der pharisäischen Berufsethik, der Auserwählung, sondern haupt-
sächlich in weiterer moralischer Hinsicht. Er hat die innere Lüs-
ternheit, jene verkappte Sinnlichkeit in die breiten Bürgerkreise
hineingetragen und den noch varhandenen gesunden Sinn zerstört.
Durch die Verbreitung der asketischen Idee des Calvinismus und
die Entfaltung der gleichen Propaganda, wie im r6. Jahrhundert
die Psalmdichter, in seiner Zeit die Synoden der calvinistischen
Kirche gegen die weltliche Lust und Eitelkeit (Volkslied), ver-
nichtete er die natürliche Empfindung und pflanzte dafür in die
Herzen eine versteekte Geilheit, die weit schlimmer war als die
ganze so verdammte Lust und Eitelkeit der Welt.
Ein schwerwiegendes Zeugnis bringt uns der Dichter der "Minne-
kunst'' I) (die Uebertragung der "Ars amandi" Ovids für die Amster-
damer Parvenükreise, um ihre höhere Liebe u.s. w. nach den darin
vorgeschriebenen Rezepten zu gestalten), der arkadische Dichter
J. van Heemskerk. In der Abteilung "Minne-Baet. Ra et teghen
de Liefde" (S. 2 r 9) sagt er:
Sluyt Ca t s gedichten op! Syn soete sinne-beelden,
Ik weet niet wat voor soet in myne sinnen teelden:
Syn J oseph overwint, de Geest behouwt het velt,
Maer ick ly niet-te-min door Sephyra gewelt.
•) Minnekunst, Minnebaet, Minnedichten, Mengeldichten, Am·
';terclam. Hcssel Gcrritsz., 162ó . •. Panins Aertz. van Ravesteyn, 1627.
r6o
CATS ALS INBEGRIFF DER PATRIZIERMORAL.
Der Einfluss Ca t s' in Holland war sehr gross. Die calvinistischen
Grasbauern kauften seine sämtlichen W erke: es war ihre tägliche
Hauslekti.ire.
pi 1 at i d i Tassulo teilt uns clarüber mit: Wenn der Ba u er
sein Geld angelegt ( quanel l'argent est placé) uncl die häuslichen
Geschäfte besorgt hat, dann liebt er es, seine Langeweile durch
Lesen zu vertreiben. Er liest sowohl die Bibel wie die Gesellichte
des Va terland es und "les poésies populaires du pensionnaire Cats".
1
)
Und später in dem Brief XXIV berichtet er dementsprechencl:
Sie können sich keinen Begriff machen, welch eine Unmasse
Bi.icher es gebcn muss in einem Lande wie dem hiesigen, wo man
sich so mit Kunst und vVissenschaft beschäftigt uncl soviel liest,
wo man soviel Geld hat, uncl s o ga r der Ba u er sic h nicht
scheut, hunder d G u I cl en a u s z u Ie gen, u m sic h dieWerk e
des Pensionaris "Ca t z" und die Geschichte des Va terJandes
von vVagenaar, die allein schon f 6o kostet, zu verschaffen".
Und diese Berichte ciatieren von dem Ende des I 8. Jahrhunderts!
Wekhem Umstande dankt Cats seine grosse Beliebtheit? Die
Erklärung widerlegt zugleich die Legende, dass die Renatssance-
dichtung eine "niederländische" Literaturperiode, eine nationale
Epoche war.
Ca t s war der einzige jener Kreise, der seine Motive aus dem
Alltag·sleben, aus der wirklichen Welt urn sich her schöpfte. Er
erzählt von der Küche, dem Speicher, der Landstrasse, dem Acl .. er,
clem Gemüsecrarten vom Geschäft uncl Gewerbe, kurzum von der
"' '
ganzen Realität des eigenen Milieus. I-lier fanden die Bauern ihre
eigene Umgebung, eine Welt, die ihnen bekannt, die ihrige war.
Darin fühlten sie sich heimisch: das war etwas anderes, als die
gebildete Dichtung der vornehmen Bürgerkreise, wo man so viele
fremde Namen und Geschichten kennen sollte, von Venus, Cupido,
Apollo, Jupiter, sich Amarillis, Galathee, Coridon nennen, und von
seinem Schäfchen und Phoebus reden sollte u. s. w.
Keiner jener ancleren mehr bekannten Renaissance-dichter kam
für die breiteren Volksschichten, den kleinen Bürgersmann uncl die
ländliche Bevölkerung in Betracht.
r) Lettres sur Ja Hollande. I, S. rz.
2) ibidem Tome !I. Lettre XXIV. (Leyde Je I Avril1779). S. 257: oit!es paysans même ne
craignent pas de dépenser une centaine r!e Ilorins pour se proclll·er les oeuvres du pen-
sionaire Ca t z, etc.
DIE RENAISSANCEDICHTER: HOOFT. r6r
:H
0 0
ft, der galante Salondichter höfischer Sonette, der Schöpfer
·ener rnanirierten arkadischen D.ichtung, des "Rosemond''typus,
~ e s s e n Eintluss die ganze Liebesdichtung der beiden Jahrhunderte
beherrscht, was bot er dem Votke? Grade Hooft ist das klassische
Beispiel des Bourgeoisgentilhomme, des Parvenüpatriziers, wenn
auch in besserer Auflage.
Die Familie Hooft war eine der mächtigsten Regentenfamilien
Amsterdams. Der jungere Vetter unseres Dichters, M•. Hendrik
fi
0
o ft, ist jene interessante Erscheiuung, von der der englische
Gesandte Sir William Temple uns manches roitteilt.
Willem Janszoon Hooft, der Urgrossvater des Dichters,
war Schiffer. Von ihm ist die Gesellichte erhalten, wie er auf
seinero Schiff, umgeben von sieben kleineren ihm geböreoden Fahr-
zeugen, die von seinen sicben Söhnen kommandiert wurden, im Jahre
1572 durch den Sunt fuhr und dann vom König, der den seltsamen
Fall erfahren batte und auf das westfriesische Wassermakkabäer-
geschlecht neugierig geworden war, in Elsenör zu Tisch geladen
wurde.
1
) Der Enkel Cornelis Pieterszoon Hooft ist der
bekannte Bürgermeister Amsterdams, der eine gelehrte Bildung
erhalten hatte und der erste Rentier der Familie war. Er war ein
Vertreter der partikularistischen Interessen der Stadt und des
Regententums von Gottes Gnaden. Er hat opponiert gegen die
Uebertragung der monarchischen Gewalt auf den grossen Schweiger,
Willem I. und war gleichfalls der Widersacher Moritz'.
Sein Sohn ist der DichterPieter Corneliszoon Hooft,
der "Drost" von Muiden. Er war dichterisch gewiss sehr begabt, und
seine Jugendgedichte zeugen davon, dass vielleiebt eine ganz andere
Entwicklung mögUch gewesen wäre, wenn er in einer anderen
Umgebung gelebt hä.tte. Als Beispiel gebe ich das Lied, das er
nach dem Tode einer JugendUebe, Brechtje Spiegels (1605), schrieb.
An keinem Gedicht kann man den Untergang der Volkskunst in
jenen Patri.zierkreisen besser demonstrieren als an diesem Lied "Sal
neromermeer gebeuren", "Op de wijze: Och legdij hier verslagen
die mjj te troosten plach" ; diese Strophenfarm ist der Vierzeiler
des Volkslierles "Het daghet uyt den Oosten", dem jene beiden
Verse der "wijze" nach auch entoommen sind.
Die drei ersten Strophen sind ergreifend schön.
r) Busken Hu et: Het land van Rembrand II
1
, S. 264.
ll
!62 DIE RENAISSANCEDICHTER UND IHR VERHALTNIS
"Sal nemmermeer gebeuren
"Mij dan nae desen stondt
"De vrientschap van u oogen,
"De wellust van u mondt?
"De vriendtschap van u oogen,
"De wellust van u mondt,
"De jonste van u hartgen,
"Dat voor mijn open stondt?
"Soo sal jek nochtans blijven
"U eeuwich onderdaen.
"Maer mijn verstroyde sinnen,
"VIT at sal ha er anne ga en?
Die nächsten drei Strophen sind ebenfalls noch schön zu nenncn :
"Mijn sirmen maghen swerven
"De leijde lange tijt,
"Nu sij, mijn overschoone,
"Syn u, haer leitstar, quijt."
De schoon borst wt tot tranen,
Ten baten geen bedwang,
De traentgeus rolden neder
Van d'een en d'ander wang.
De schoone traentgeus deden,
Meer dan een lachen doet:
Al in sijn hoochste lijen
Sy troosten sijn gemoedt.
Aber dann kommt der übliche mythologische Apparat. Frau
Venus sieht ihn weinen und bedauert es, dass nicht auch die Götter
jene Tränen, die solche Macht haben, weinen können. Sic wirft
ihren Rosenkranz von sich, fängt die Tränen auf, die sich in Perlen
verwandeln, legt sie sich als Ohrenschmuck an, beguckt sich
im Spiegel und wünscht keinen Zaubergürtel noch Kränze mehr.
Der Ausgang ist eine richtige Parodie des vorhergehenden Lie-
besleides:
ZUR VOLKSKUNST: HOOFT.
Vrouw Venus met haer starre,
Thans claercler als de maen,
Bespieden die vryagie
En sacht mirakel aen.
"En hebben teere traentges",
,Seyd sij, "soo groote eracht,
"\Va erom en is het schrej en
"Niet in der Goden macht?"
De traentgens rolden neder,
Maer de Godinne soet:
"Bey liever soud' ick schennen,"
Seij sij, "myn rosen l10et."
En eer sij cond gedogen,
Dat ymandt die vertradt,
Ving sij de laeuwe traentgens
In een coel roseblaclt.
"Wat geef jek om mijn rosen,
"Of 't maecksel van mijn crans!
"lek sal gaen maken perlen
"Van onghemeene glans!"
De tranen werden perlen,
Soo rasch haer 't woort ontginck,
Die sij met goudt deurboorden
En aen haer ooren hinck.
Als Venus in de spiegel
Haer siet met cieraet,
Sij wenscht geen toverrieme
Noch cransen tot haer baet. r)
Aber Hooft war ja zur weiteren Ausbildung von seinem Va ter
auf Reisen nach Italien geschickt worden ( r 598), als er erst siebzehn
Jahre alt war. Jener Aufenthalt hat ihn gründlich verdorben: er
wurde der Inbegriff der arkadischen Poesie in Holland.
In seinem hohen Amte als "Drost" von Muiden sammelte er auf
seinem Schloss einen literarischen Kreis um sich, in dem die Pflege
der Renaissance-dichtung das allgemeine Bindeglied war.
r) P. Leendertz, \"lz.: De Gedichten van P. Cz. Hooft. r871. S. 45·
..
DIE RENAISSANCEDICHTER UND IHR VERHALTNIS
Nachdem er das "Leben Heinrichs IV. von Frankreich" verfasst
hatte versuchte er, den Adel zu erhalten und wurde von dem Könio-
, b
auch zum Ritter von St. Michel erhoben (1618).
Er, der abgeklärte Schüler Montaignes, war weit über alle
schaften, nicht nur der theologisch-politischen, sondern auch der
sinnlichen, erhaben. Seine Liebeslyrik ist konventionell, glatt poliert
formvollendet, aber ohne das Feuer, das so heiss bretmen sol!:
Und wie der Patrizier "die Kunst fürs Volk" betrachtete, erfahren
·wir aus seinen "Nederlandsche Histori en" (I, S. 36.), worin er die
Rhetorica nennt: "Een stichtelyke vermaakelykheit, en zoorte van
zang, die, mits d'overigheit de maat s la, van geerren
ge r i n gen dienst is, om de gemoederen der meen i g h te
te mennen."
Und weiter: "dat er slechts twee wijzen zijn om 'tv o 1 c k b y de
ooren te leiden, namelijk van preekstoel en tooneel."
Und doch war Hooft, der aristokratische Patrizier, der einzige
seiner Zeit, der das Volkslied noch verstanden und, wenn vielleicht
auch nur wissenschaftlich, geschätzt hat. Nicht nur, dass er zu
seinen besten (natürlichsten) Gedichten als "Stemme" oder "Voyse"
Volkslieder verwendete, in sein Drama "Geeraert van Velsen", nahm
er sogar das al te "van Velsen''lied auf. Und grade wegen dieses
"van Velsen''liedes geriet er mit dem ,,Ritter" Constantijn
H uygens, dem Herrn von Zuilichem, dem Haager renaissancistischen
Patrizier, aneinander.
Hu y gen s, mit dem Hooft in regem Briefwechsel stand, hatte
ihm zur Beurteilung ein Manuskript "Voor de Eenparicheyt der
dichten ende van de voetmaet" geschiclet (30 Nov. 1624). In dem
Manuskript vertrat Hu y gen s den Standpunkt, man sollte nach
romanischem Muster nur eine gleiche Zahl gezählter Silben als
Grundlage der Verskunst annehmen. Hooft opponiert dagegen :
Weshalb sollen wir uns dazu zwingen, während die Alten doch auch
wechselnde Versmasse (nae den aert der stoffe, bruyckende Dac-
tylen in geswintheidt, Spondeen in bedaertheidt) anwenden.
Er zitiert dann aus dem "Geeraert van Velsen"lied die Strophe:
"Di!l schánd ën my nfmm!lrméer",
Sprlick Gérr'ît v1in Vélscn tot 11ind-héer.
und fügt hinzu, dass alle Bauern die beiden Verse sehr gut auf
ZUR VOLKSKUNST: HOOFT UND HUYGENS.
eine Melodie zu singen wissen: "dese twee regels weeten alle de
hujslujden op een er wyse te zingen; nochtans is d' eerste van
vier jamben, de tweede van een jambe, in laest al de rest
amph.ibrach.i." Darober wurde nun korrespondiert, bis Hu y gen s
in seinem "Wederantwoord teghen den Hen, P. C. Hoofts Aen-
merckingen op myn Wederlegh" schliesslich den Vogel abschoss,
indem er unumwunden seine Verachtung für die Volkskunst
aussprach: Ich halte mich für zu musikalisch, urn mich in meiner
singenden Aussprache" stören zu lassen. Meinetweaen können
" b
die Bauern unter sich an dem alten Leierton "van
Velsen'' gefallen finden: ich überlasse es denKrähen
c1 ie Kr ä hen z u erfreuen; aber den Herrn Hooft werde ich
weiter meine Anschauung zu gewinnen suchen. I)
Diese Ausserung von Hu y gen s gibt der Verachtung der Patri-
zierldasse, der Bildungsaristokratie, den richtigen Ausdruck. Wichtig
ist dies zeitgenössische Zeugnis filr die Existenz des Liedes (das
sich auf ein Ereignis des I 3· Jahrhunderts bezieht); es gehört zu
den Liedern des "Oudt-Amsterdams Liedt.boeck'' und liefert also
den Beweis, dass diese Sammlung nicht ein Neudruck von organisch
schon totem Material war, sondern dass jene Lieder noch volks-
läufig waren.
Aber auch Hooft, der doch noch Verständnis für die Volkskunst
batte, wandte sich als Künstler weit von ihr ab. Grade seine Lyrik,
das Modell der Liebesdichtung zweier Jahrhunderte, hat das Volks-
lied verdrängt aus der ganzen "gebildeten" Welt und die unna-
türliche Konvention geschaffen. Und seineVersuche auf dem Gebiete
des romantischen Dramas in antiken Formen wurden von dem
Renaissancedichtwesen vollständig überwuchert: die Bühne wurcle
nichts weniger als national, und die aufgeführten Werke waren
I) (].v a n Vloten): P.C. Hoofts Bri evetl. Nieuwe Uitgave. IV Bde. I855· Bijlage 4·
S. 434 f. "In all en gevalle, ick ben te grooten sangsott, om my de suyverheyt van de
singende nytspraeck (Hooft bemerkt dazu: "Bestaet ze in sujvre jamben aft trochcën?")
te laten belemmeren. Kannen de hu y sI u y den onder ma Ik ander s ma e c k en ct e
ghenoeghen vinden in den ouden deun van V e lsen : ick laet de kraeyen
de k ra e yen verheugen; maer den He. Hooft sa! i.ck blijven trachten onder mijne
gesintheyt te trecken.''
Dass nach einem Jahrhundert die Bauern der Vecht-Gegencl noch das
11
van Velzenlied"
s:mgen, bezeugt di e "Boere·kermis" von Lucas Rotg a ns (1708) :
Gins klinkt een dorpmusiek van meer dan dertig keelen,
En wilt zang zonder zin, verminkt in alle deelen,
't Wyl loome Lammert zit op radde vVyburgs schoot,
En zingt van Velzens wraak en lantheer Floris' dood.
166
DIE RENAISSANCEDICHTER UND IHR VERHALTNIS
alles andere, nur keine Volkskunst, keine "niederländische" Kunst.
Dasselbe gilt fi.lr Vond eI: als Dramatiker ist er noch weit mellr
als Hooft Renaissancist, das heisst nur der äusseren Form nach
Er schwört auf die Lehre des Aristoteles: aber das innere
der antiken Tragödie wird bei ihm durch die asketische Idee, die
christliche Spekulation vollständig umgewanclelt.
Bei Hooft und seinem stoischen Determinismus konnte man
in einer gewissen Hinsicht von einem Einflusse des inneren Pro-
biemes der Renaissance reden. Die Bibel, die einzige Grundlage
Vond e 1 s, ist flir ihn nicht das Buch der Bücher: er spricht nie
davon. Wie sein Vetter, von dem Temp Ie ähnliches mitteilt
hielt er den Menschen für den glücklichsten Sterblichen, der aus
Festmal des Lebens abgerufen würde nicht eher als bis er gesättigt
und bevor er noch übersättigt wäre.
1
)
Die Wertschätzung· des Lebens und der ·welt ist bei Hooft
eine ganz andere als bei seinen Dichterbrüdern. Er sieht die vVe!t
in Licht getaucht: die strahlende Sonne und ihr glänzender Schein
kehren als das geliebte Emblem in seinen Gedichten wiederholt
wieder.
V on cl e 1 s Denken und Trachten lag ausserhalb dieser vVelt.
Er war von allen Renaissancedichtern der beiden Jahrhunderte
der am meisten begabte, derjenige, der am tiefsten fühlte und
empfand. Aber er hatte keinen inneren Halt in sich: er war ein
vVahrheitssucher, der nach einer absoluten Lösung des Lebensrätsels
forschte, über eschatologische Probleme grübelte. Seine Seele ist
manchen Pfad emporgestiegen, ist lange umhergeirrt, bis sie
müde und des Friedens bedürftig in dem Schoss der katholischen
Kirche Ruhe fand. Denn nur indem er sich in ein anderes verlor
'
das ihm den seelischen Halt gewährte, konnte er sich selbst
\viederfinden.
Die Form seiner Dramen wird ganz von der Renaissancedichtung
x) Brief "aen Constantyn Huigens" 7· Febr. 1624. Er tröstet ihn wegen des Todes
seines Vaters: "A Is de mens c he 1 ijk e nat n i r met U.E. wilde in recht treden, boete
van ongelijk kond ze eischen, als heseholden zijnde, daer ze haer wterste best by dell
goeden Heere U.E. Vaeder z.g. gedaen heeft, ende hem u i t het banket des es
levens geroepen, niet eer hy versaet, en e er by overlaeden was.'' J. v.
V 1 o ten, !I. Brief 129. S. 238.
Die Briefe Hoofts bilden eine wegen ilwer abgekhirten Ruhe und ihres gilinzenden Stiles
teihveise schöne Lektiirc.
ZUR VOLKSKUNST: HOOFT UND VONDEL.
bedingt. Wo er sich davon zu emanzipieren sucht, da geht er
einher in den Wolken des Pathos hoch über die W e!t hinweg, den
]3Jick ins Jenseits gerichtet.
\Venn man die "Bespiegelingen van Godt en Godtsdienst" ( r 662)
liest, dann wird es einem klar, wie jene ganze Renaissancedichtung-
bei Vond e 1 eine äusserliche Form war, deren Inhalt er direkt
negativ gegen liberstand (vgl. S. r 40 ). 1)
Dies zeigt sich nach der Bekehrung des Dichters zum Katho-
lizismus. Gerard Brom
2
) hat recht, wenn er behauptet, dass
Vond e 1 si eh dann frei entwiekelt habe und er selbst geworden
sei, nachdem er s1ch dem Katholizismus zugewendet hatte. V 0 11 de 1
wirft die ganze gesellschaftliche Lüge, die Konvention, weit von sich.
Ein schönes Beispiel davon ist das Gedicht: "De Kruisbergh."
De schoonste roode roozen groeien
Op geenen Grieksehen Bergh? 0, neen!
Maer op den Kruisbergh, hard van steen,
Daer Jesus hooftquetsuuren vloeien
Van heiligh en onnoozel bloet,
Geronnen tot een' roozenhoet·
Wiens blaën vol geurs geduurigh bloeien
Door den gevlochten doornekrans,
W aer van de goddelike glans
Beschaduwt wort en overwassen.
De roozedrnppels strekken schoon
Robijnen aen de doornekroon.
De roozevlaegh verdrenkt met plassen
De lelibloem van 't aengezicht,
Waer uit de zonne schept haer licht,
De zon, die met haer bevende assen
Te rugge rijdt, bezwijmt, en sterft,
Nu 't roozebloedt Godts leli verft:
De leli, die het hooft laet hangen
En geeft den allerleste zucht,
En vult met roozegeur de lucht.
Vergun my ook een' druppel nat,
Bevloey myn dor en dorstigh bladt,
,
1
) J. van Vondels Bespiegelingen van Godten Godtsdienst. Tegens
d ongodisten, Verlochenaers der Godtheit of goddelijcke Voorzienigheit. Amsterdam r662 •
2) Gerard Brom: Vondels Bekering. 1907.
168
DIE RENAISSANCEDICHTER UND IHR VERHALTNIS
En leer me myn' Verlosser danken
Op d'oevers van dien gulden stroom,
In schaduw van dien roozeboom.
Es klingt in diesem Lied ein Ton, der aus ganz anderen vVelten
als aus der der Amsterdamer Patrizierkultur kommt. Es ist das
aeistliche des Mittelalters, das in dem Katholiken Vond e 1
b
Jebendig wird, das Lied "Hoe minlijc is .ons des cruicen boom
ondaen" :
Nu sta en des meyen tacken ui tgespreyt,
Ende bloeyen schoon ghelijc die roode rosen u.s. w.
VondeIs Wesen ist transzend ent. Sein Reich ist nicht von
dieser Welt. Es gibt nur ein Gedicht - abgesehen von den
politischen Spottliedern -, das uns auf dieser Erde herumführt
und uns hier unten glücklich sein lässt. Freilich, hier stand Vond e 1
vor der unerschütterlichen sinnlichen vVeltanschauung des Kindes
und seiner Lebensbejahung. Es ist das Gedicht: "U i tv a er t van
m y n Dochter k e". Er erzählt von ihr, wie sie
De vreught was van de buurt,
En vlugh te voet, in 't slingertouwtje sprong
Of "zoet Fiane" zong,
En huppelde in het reitje
Om 't lieve lodderaitje;
Of dreef, gevolght van eenen wak'ren troep,
Den rinkelenden hoep
De straten door; of schaterde op een schop;
Of speelde met de pop
Het voorspeel van de dagen,
Die d'eerste vreught verjagen;
Of onderhiel met bikkel en bonket
De kinderlijke wet,
En rolde en greep op 't springende elpenbeen
De beentjes van den steen,
En had dat zoete leven
Om geenen schat gegeven:
De speelnoot vlocht, toen 't anders niet mogt zijn,
Een krans van roosmarijn,
Ter liefde van henr beste kameraet.
ZUR VOLKSKUNST: VONDEL.
O, kranke troost! Wat baet
De groene en goude lover?
Die staetsi gaet haest over.
Dies Gedicht ist so rührend, so ergreifend schön und zeigt die
l
·esicre dichterische Kraft eines Meisters, gee-en den alle
ganze r o
anderen auch in weitester EntfenlUng keinen Vergleich aushalten
}{onnten.
Nicht nur sehen wir das tägliche Spielen der Kleinen vor uns,
Vond e 1 hat uns sogar das Kinderliedchen "Zoet Fiane" er halten.
Angesichts dieser Lebensfreudc gesteht er es auch ein: das Kind
bätte dies süsse Leben für keinen Schatz hingegeben. Und so
!dingt das Gedicht aus: die Spielfreundin f!icht ihr einen Kranz
V
on Rosmarin für ihr kleines Grab. Der uncrlückliche Vater klaO't
. b b
nur: "Was nützt mir das grüne, goldene Laub? Bald ist es ver-
welket und dahin !" Er vergreift sich nicht an der Kinderseele,
indem er sie im Tode die \Velt und das Leben verachten lässt.
Und wenn wir dies Lied gelesen haben, ja - dann entdecken
wir mit Erstaunen, dass wir uns auf Erden befanden, an der Hand
Vond e 1 s! Denn wie sehr der Gei st des Dichters si eh von dieser
.. Welt loslöste und emporstrebte in jene andere, himmlische, zeigt
ein anderes Gedicht, auch zum Tode eines Kindes, aber eines
viel jünger gestorbenen, seines Söhnchens Konstantin, geschrieben,
"Kinderlyk":
Konstanlijntje, 't zalich kijntje,
Cherubijntje van omhoogh,
d'Ydelheden hier beneden
U i tI acht met een lodderoogh.
In diesen \Vm·ten spricht der Dichter seine eigene vVeltan-
schatmng aus. Die vVelt war ihm nur ein vVahn, die Vorbereitung·
zu dem wirklichen Leben, das erst drüben anfangen sollte.
vVir haben von seiner Hand nicht ein einziges Liebes-
1 ie d. Eine Liebeslyrik hat er nicht geschaffen. Die Frauen in sei-
nen Dramen kennen keine Leidenschaft: ihre Lust, ihre \Vollust,
ihre brennende Liebe, ihr Liebesschmerz sind fast ebenso konstruktiv
wie Durers Frauengestalten. Vond e 1 ist kein Shakespeare: ihm
lag nichts an dieser vVelt, und er bat sie nie gesuch t.
Es gibt nur eine Saite in seinem Herzen, der die vVelt und ihr
170
DIE RENAISSANCEDICHTER UND IHR VERHALTNIS
Treiben den Leidenscbaftston entlocken konnte: das war sein Abscheu
vor dem Calvinismus. Aber auch sie klingt schliesslich
zendent aus.
Die "Hekeldichten" sincl seiner Zeit die populärsten Gedichte
V
0 11
cl eIs gewesen. Ein fürchterliches Dogma war ihm jene
Prädestinationslehre, das "Decretum Horribile'', das an der Brust
der Mutter das Kind schon verdammte. Grade der freie Wille galt
ihm als das Göttliche im Menschen:
De vrye wil, de ziel des menschen by gebleven,
Verheft ze in waerdigheit om naest Godt te zweven
Met al het geestendom, dat door den hemel vlieght;
Hier wort ze in 's lichaems schors gequeeckt en opgewieght,
Tot aenwas van 't gebruick der redelijcke krachten.
1
)
Er verabscheute den pharisäischen Streber Ca t s sowie die
Praelikanten der Synoden, an deren Händen das Blut
velclts, der de vVitten und das der Arminianen ldebte, denen er sich
so verwandt fühlte.
Aber wie dachte er von der Volkskunst? Sein ästhetisches U rteil
sin kt noch unter Hooft s Einschätzung hinab. Er betrachtete das
Volkslied als eine primitive Stufe: an erster Stelle sei eine reflek-
tierte Tätigkeit, eine Aneignung uncl Uebung "der" Form not-
wendig, solle aus der dichterischen Veranlagung· etwas werden.
Denn ohne diese Ausbildung bleiben gute Geelanken und Einfälle
wirkungslos. U nel die einzige wahre Form kann man nur aus den
Schriften der Antike lernen. Es ist die Ästhetik der bürgerlichen
Renaissance, wie sie auch 0 pit z lehrt.
In seiner "Aenleidinge ter Nedercluitsche Dichtkunst'' verwahrt
V on cl e 1 sich zwar ausdrücklich gegen eine elirekte Übertragung von
klassisellen vVenclungen und 'vVörtern in unseren Sprachschatz und
sagt vonder Volkskunst: "In oude Hollantsche liederen
hoort men noch een natuurlijke vrijpostigheit, vloeient-
heit, en bevallighen zwier; maer het gebrak den een-
voudigen Hollander aen opmerking· en oeffening om
zijn geestigheit, uit een natuurlijke ader vloeiende,
krachtig op te zetten en te voltooien."
r) Bespiegelingen van Godt en Godtsdienst. S. 114.
ZUR VOLKSKUNST: VONDEL. 171
Vond e 1 meint, der Reichtum der vVörter und Reime komme
erst durch die Ü bun g. Allerdings, durch jene "Ü bun g" wurcle
die ganze Literatur nur eine Form ohne Inhalt. "Het rymen moet
hy zich eerst gewennen om rijkdom van woorden en rijmklanken
o·ereet te hebben, zonder het welk de vaerzen kreupel en verleemt
b
zouden vallen, en zelfs aertige vonden en gedachten hunne beval-
lijkheit verliezen. Hierom waer het geraden eersteenige
heilige of weereltsche historien, ook verzieringen,
uit Virgilius, Ovidius, Amadis en Bokatius, te rijmen,
0
m z i c h v a n d e r ij m k u n s te m e e s t e r t e m a k e n, e n op
de baen te geraeken." •)
Diese Lehre haben die holländischen Musensöhnc befolgt; sie
haben alles, was nicht niet- und nagelfest war in der antiken
Literatur, in Reime umgewandelt, und die eigene nationale Kunst
ging bei ihrer Poeterei jämmerlich zu Grunde.
V on cl e 1 hat keine Beziehung zur Volkskunst: wohl hat das
Volkslied durch Breder o auf seine Lyrik Einfluss ausgeübt, und
finden wir es als Strophenfarm angegeben, z. B. "Het daeget
uit den Oosten" als "wijze'' zu dem "Lofzangh der Geestelijke
Maeghden" :
Laet ons de wereld haeten
En 's werelts slaverny -
dasselbe Volkslied, das Ho o ft auch für sein "Sal nemmermeer ge-
beuren" verwendete. Aber bei V on cl e 1 ist dies schon erheblich
weniger der Fall als bei Hooft: seine Lyrik war nichtfarden Ge-
sang bestimmt. Sie gehörte der Kon templation an, den abstrakteren
Lesegedichten. Die "stemme'' oder "wijze'' tritt bei ihm immer
mehr in den Hintergrm1d und verliert sich schliesslich ganz.
Wie der Ritter Hu y gen s, der internationale Bildungsaristokrat,
über die Volkskunst dachte, hatten wir bereits Gelegenheit zu
erfahren. J ene Herablassung zeigt si eh auch in seinen "ze cl e-
p r int en", Sittenbilder, die er aus seiner vornehmen Höhe ia
Reimen entwirft. Bezeichnend ist das Gedicht "Een boer" und
1) nAnnleidinge ter Nederduitsche Dichtknnde" in J. van VondeIs: Poëzy of ver •
scheidene Gedichten. Franeker. 1682.
172 DIE RENAISSANCEDICHTER UND IHR VERHALTNIS
das Auftreten der "Boerenvryagie", die Karikierung des Liebes-
lebens auf dem Lande: die rohe Sprache, die unbeholfene Plurop-
heit und Tölpelhaftigkeit, kurz das Zerrbild, welches der Städter
immer von dem Bauer entwirft und der Parvenupatrizier erst
recht.
Dass dieser Bauer aber noch über schöne Reigen, Maienlieder
und andere alte Volkslieder verfügte, die viel mehr Eropfindun
und echte Poesie enthiel ten, als die gesamten vVerke von Hu y
- davon schweigt er mit der souveränen Geringschätzung :eines
Standesdünkels. Denn eine Volkskunst existierte a priori nicht für
die Renaissancedichter und noch weniger für den Patrizier.
Und so kam es, dass der lüsterne Pharisäer Ca t s, in Er-
manglung einer anderen Lektüre, von dem kleinen Bürgerstand
und den Bauern aufgegriffen wurde, wei! er ohne sichtbaren
Standesdünkel über die reelle vVelt und das tägliche Leben redete
das er weder in das Gewand irgend eines Stoffes der Antike
stecken, noch ausschliesslich in eine arkadische Landschaft oder
in hochtrabenden Alexandrinern in irgend welche himmlische
Welt zu verlegen suchte.
Ca t s war ein langsamer, schleichender Krebsschaden. Er züchtete
die -, die "Mynheer van Koek"-Typen
des Ged1chtes, jene scheinheiligen Geldmenschen, die
uns In en Charakteristiken der Ausländer begegnen, von denen
m der Schlussbetrachtung über den Auscrang der a-oldenen Zeit und
den sittlichen Zustand des Landes noch o die Red: sein wird.
Die Patrizierwelt und ihr Verhältnis zum Volke und zur Volks-
kunst haben wir in einzelnen Zügen angedeutet. Der Prozess der
Veradligung· jener Kreise setzt sich fort: wie Hooft den fran-
zösischen Adel erwarb, so erhielt sein Freund, der Amsterdamer
La uren s Re a a 1, einer der Gäste vom "Muiderkring", "Gouver-
von Indien, ein grosser Beschützer der Renaissance-
d!chtung, den Adelsbrief von König Karl I. von England (1626).
Der Amsterdamer Re in ie r Pauw, orthodoxer Calvinist, einer
der der Ost-Indischen Compagnie (1602), Förderer der
West-Indischen, der Todfeind und Nachfolger Oldenbarneveldts,
wnrde von den Königen Englands und Frankreichs geadelt. Der
Burgermeister W i 11 e m Back er voD Amsterdam wurde Ritter voD
ZUR VOLKSKUNST: DIE VERADLIGUNG. 173
San Marco und erhielt eine goldene Kette vom Doge von Venedig
(16
47
) und so weiter.
Schon urn die Hälfte des I 7. J ahrhunderts war der Rentierstand
in Holland sehr stark entwickelt. Man kaufte sich Rittergliter und
Landsitze und spielte den Aristokraten. Holland wird allmählich
schon das kapitalistische Land des I 8. J ahrhunderts, der Bankier
Europas, der von der politischen Bühne zurücktritt.
Die schroffe soziale Tremmng raubte der Volkskunst die Möglich-
keit der Existenz. Erstens, indem das Ge 1 d de r Pat r i z i er j ene
u na b se h bare Her de v on ark ad is c hen, m y t ho 1 o gis c hen
B rotrei me r n z ü c h t et e, welche den Geschmack systematisch
verdarben und überdies jedes natürliche poetische Talent schon
in seinem ersten vVachstum vergifteten. Zweitens wurde esdurch
die Sachlage j e d e m v o 1 k st ü m 1 i c h e n T a Ie n t u n m ö cr 1 i c h b
gemach t, empor z uk om men. Das Volk suchte zwar seinen Besitz
zu erhalten, aber die Bedingungen waren dazu in Holland selbst
zu ungünstig, wie wir gesehen ha ben. Dabei förderten jene grossen
mythologischen Festspiele, die in Amsterdam auf den Märkten
1
)
u. s. w. bei irgend welcher festlichen Gelegenheit veranstaltet
wurden, nur die Entstehung eines städtischen Proletariates, das
einerseits die lächerliche Karikatur der städtischen Höhenkunst
repräsentierte, anderseits - weil die alte Volkskunst erstickt
wurde - allmählich der grössten Verrohung anheimfiel.
Und im Lande gingein grimmigerFeind umher, der erbarmungs-
los ausrottete, was seine Hände erreichen konnten. Das war
der Ca 1 vin is mus.
Er beschränkte sich nicht nur auf die Volkskunst, sondern be-
kämpfte mit gleichem Eifer die städtische Renaissancekunst.
Besouders die Amsterdamer Rhetorikkammer und die spätere Bühne
war das Ziel seiner Angriffe. Bald waresein Stück von Dr. Sa m u e 1
Coster ("Iphigenia"), bald von dem Erzfeind Joost van
Vond e 1 ("Gysbrecht van Amstel" oder "Lucifer", der "onheilige,
onkuische, afgodische, valsche en gansche stoute dingen" enthalten
sollte), das den Kirchenrat oder die Synode in heiliger Entrüstung
sich empören und eine Deputation aus ihrer Mitte an die Bürger-
meister absenden liess, damit das Ärgernis aufgehoben würde.
r) Hierzu ist auch die Aufführung von VondeIs Pastorale, die "Leeuwendalers",
jener misslungene Versuch einer Lol<alisierung der Minotaurossage, zu zählen.
I i
I
174
DER CALVINISMUS WIDER DIE STADTISCHE KUNST.
Die aanze Kunst als sinnliche Erscheinung wurde von der asketischen
b
Idee des Calvinismus verneint und folgerichtig griffen die Prädikanten
auch die Rederijker- und die Renaissancekunst an. Über ihre
Auffassung von der Renaissancekunst gibt das Buch von Dominus
Wittewrongel, die "Oeconomia Christiana" (1655), inter-
essanten Aufschluss.
Von der Bühne und den Bühnenspielen behauptet er, sie seien
(S. I 169): "sondige ydelheden ende onvruchtbare wercken der
duysternisse, - die by de blinde Beydenen seer gemeen geweest
zyn, daer in sy de deugden ende de fouten, de versierde miraculen
van hare valsche goden en hare Heydenschen Afgoden-dienst tot
verwonderinge ende navolginge vertoont hebben."
Ob Thespis oder Äschylus der Erfinder der Tragödie sei:
"Daer is ons weynig aengelegen, van wien dit quaet synen eersten
oorspronck heeft gehadt. Dus veel is altijdt seecker: dat de Duyvel
haren Meester is geweest'' (S. I I 7 I).
Man solle nicht glauben, dass die Kirche die Dichtkunst ver-
werfe: "Wy en verachten de Poëzy ende Dichtkunst niet: voor-
treffelijke en geleerde mannen hebben comedies geschreven, die by
vele met goede stichtinge gelesen zijn."
Aber es se i ein grosser U nterschied zwischen dem Stücke-
schreiben und dem Spielen und Aufführen derselben: "want van
het schrijven tot het spelen te besluyten, dat gevolgt en deught
niet. . . 't Is wat anders een stichtelijcke Comedie ofte Tragedie
te dichten, ende die te lesen, als de selve op een Heydensche wyse
met soo v e e 1 t o e s t e 1 t o t v 1 e e s c h e 1 i c k v e r m a e c k om geld
te spelen."
1
)
Es ist dieselbe Auffassung, wie wir sie schon hinsichtlich des
Gesanges beobachtet haben, "ghelyck wederom alle de Gesanghen,
"die alleenlick tot s oe tig he y d t en tot ver ma e c k der
"oor en geschick t zijn ... niet en betamen, en Gode ten hoogh-
sten mishagen" (Institutie III, Cap. XX: 32.).
Die Regenten, die Staaten von Holland, die libertinisch gesinnten
Patrizier waren der öffentlichen Meinung wegen darauf ange-
wiesen, besanders in schweren politischen Krisen, den Prädikanten
etwas zu Gefallen zu tun und dem Kirchenrat und der Synode
1) G. Kalff: Literatuur en T,ooneel te Amsterdam in de 17de eeuw. 1895·
S, 156 ff.
DER CALVINISMUS WIDER DIE VOLKSKUNST, I75
] e
Konzession zu machen. Eine solche Konzession war das
mancl . . . Ad .
1 das vom Schöffenstuhl über den Spmoztsten r 1 aan
Vrtet, .
1
t)
J{o er bag h ausgesprochen wurde, der elend tm Kerker ver cam.
Aber nicht immer war der Magistra.t so entgegenkommettd. Als
. Jahre x666 das neue Theater, nachdem es ein halbes Jabt·
geblieben war, wieder eröffnet werden sollte und
Dominus Lupinus, als Wortftihrer der deswegen abgesandten
tation des Kirchenrates, den Burgermeistern warnend
Wir sind die Wächter auf dem Turm'', antworteten s1e
dass die Turmwächter nicht blasen dürften "als op
ordre ende in maniere door Haer Edelen den wagters voorge-
" ) schreven.
2
Der Grund, weshalb die Bürgermeister den Kirchenrat so abfer-
tigten, \Var nur, ihm nicht zuviel Spieh·aum ader Einfluss auf die
Regierung zu g·estatten. Dafür überliessen sie ihm aber das "platte
Land", Und hier entfaltete der Calvinismus denn auch seine volle
Tätigkeit.
Die synodalen Acta geben uns den besten Aufschluss über die ·
Bekämpfung des Volksliedes sowie der Rhetorikkammer auf dem
Lande und in den kleinen Städten durch die calvinistische Kirche.
Wir finden darin die ganze calvinistische Ethik ausgesprochen: die
Verwerfl.ichkeit des Luxus, aber auch des Genusses, der Freuden
und Vergnügungen, des Tanzens und Singens u. s. w.
So wendet sich die Synode von E dam (Nord-Holland, I 586) 3)
gegen das Spielen von Volksliedern auf den Turmglockenspielen,
die jede holländische Stadt noch besitzt und vonderen luftigen Höhen
die Volksweisen lange übers Land und das Wasser hinklangen.
Art. I9: Belangendehet spelen van lichtveerdige ende
weer e 1 t 1 y c k e ges a n gen op k 1 o c ken en o r-
g e 1 en is eendrachtelycken besloten, dat een yeder
kercke, die ciaervan gebruyck heeft, zal aen houden
by haer overheyt, dat sulcx gebetert worde.
Das Spielen der Volkslieder auf der Orgel beruht auf dem
Kulturproblem des 16. J ahrhunderts, dem Eindringen der Volks-
kunst in die kirchliche Kunst. Der protestantische Organist, der
1) K. 0. Me ins ma: Spinoza en zijn Kring. 18g6. S. 272 ft.
2) C. N. Wybrands: Het Amsterdams Tooneel van I617-1772. S. 122.
3) J. Re i t s ma en S. D. van Veen: Acta der Provinciale en Particuliere Synoden,
gehouden in de Noordelijke Nederlanden gedurende de Jaren 1572-I62o. (1892).
DER CALVINISMUS WIDER DIE VOLKSKUNST.
beriibmte Jan .piet ers z. S wee 1 in c k, hat in seinen Orgelwerken
mehrere und Tanzwei sen als Variationsthemen benutzt t),
so z. B. ,.Mem JUnges Leben hat ein Endt"
2
) (No. 27) unct
"A.ll.emande" oder "Unter der linden grüne" (No. 28) 3), Pavane
Ph1hppe (No. 29). "Ich fuhr mich über Rhein" (No 30) 4) E
· , " sce
Mars (courant: 5) d.e Mars") (No. 31), "Sol! es sein" (No. 32).
Auffal.lend 1st d1e Verwendung der deutschen Volkslieder, ein
schwerw1egendes Zeugnis für die Verwandtschaft der niederländischen
und deutschen Volkskultur im I 6. J ahrhundert.
Die Synode von Amsterdam (3. Mai 1583) fasst den
Beschluss, dass kein Mitglied der Gemeinde sich einlassen soli
"met van rhetorica'' und dass derjenige, der sich mit
sokher "ll c h tv eer di c h e y t" oder "we r c ken des v Ie y s c h"
abgebe, "naer aert der christelijcken discipline gestraft" werden
sollte (Art. 5).
Art. 20. richtet sich wider die lateinische Schulkomödie
das biblische Rederijkerspiel : "Dat het gebruyck der
heydenschen en scriftuerlycken commedien der schoei-
meesteren van een yeder kercke, daer se zyn ofte in
't gebruyck mochten komen, zullen geweert worden;' 6).
Die S Y n o cl e von A 1 km aar (I 599) fasst einen Beschluss wider
"dansen, onordelic byslapen en bancroetieren'' und "van aller-
hande commedyen te spelen''.
Einen Sünder in ibrer eigenen Mitte urteilt die S y n 0 de von
(1603) auf Antrag der Classes Alkmaar denn auch
ab m der Persou des Prädikanten Adolphus Venator von dem
die Classes berichtet, dass er sich "hadde begeeven zijn kost-
jongens, die in de Latynssche tale onderwesen worden -- met
x) Werken van Jan Pietersen Sweeliuck, herausg. v. Max Selffert
(Vereenlg. v. N. Neder!. Muzgesch. 12 Bde.) Bd. I. Werken voor Orgel en Klav' e 8
2 1 Vgl. Pbilipp Wacke rna gel : Das deutscheKircbcnlied von ül tester

Anfang des 17. Jahrh. (5 Dde. 1863-77) V, 495·
3) .Er k. uod B ö b m c I, S. 53, wo die Melodie tu dcm Liede Es blies cin Jllger
wohl 10 sem Horn" vorkommt. n
4) F. M. B.ö h m c: Altdeutsches Liederbucb. 1877. N°. 73.
S) Aucb be1 Valcrlu s : nlsscr iemant uyt Oost·lndieo gekomen" Vgl 0
Het Oude Neder!. Lied. 11, s.
1136
ff. • · v. uy se
6
1
) Für das Schuldrama vgl. J. A. Worp: De Invloed van Seneca'sTreur-
spe en op ons ToonceL 1892.
DER CALVINIS1WS Wl.DER DIE VOLKSKUNST.
177
nodinge en toeloop van mans, vrouwen, jonge gesellen ende doch-
teren, eene heidensche comoedia uth Terentio, Andria genoemt,
111
et musyck -- niet sonder merckelyke lasteringe der vianden
der waerheit, ergernisse ende ontstichtinge der eenvoudijgen, hadde
doen speelen."
Es werden viele Anträge angenommen und viele Beschli.\sse
gefasst. Venator protestiert, wird mit Suspension bedroht ; er gibt
11
ach und gesteht seine "Schuld" ein.
Die Synode von Rotterdam (1581) richtet sich gegen den
Lu:x:us, speziell in bezug auf die Gemäldesammlungen und Bemahmg
der Kirchen.
Die S y n o cl e von Lei cl en (I 592) erklärt sich gegen "bate-
mentspelen in 't gemeyn - aengesien dat Godts woordt door
deselve grootelyc:x: met lichtveerdicheyt ende sotternyen voor den
volcke misbruyckt wordt ende alsulcken speelen noch in de Israe-
litische noch in Apostolysche kercke, als de welcke van de heydenen
zyn voortgecomen, nyet gebruyckt en zyn."
Die Synode von Arnhem (1598) erklärt sich gegen "dans-
5 ere ie n, heijdensche commeclien te spelen, mitsgaders alle andere
abnsen."
Die Synode von Deventer (1619) entschliesst sich abzu-
schaffen "ongeregeltheiden, die in de trouwinghe geschieden ....
als daer sijn: de lichtveerdighe gesangen der bruijloft .s-
li ede ken s."
Gleichfalls die S y 11 ode von Kampen (1619).
Die Synode von Vlissingen (r58r) fasst den Beschluss,
"alsoo dronckenschap ende clans se 11 in dese landen gemeen ende
by11a ongeneselicke sonclen sijn" ... die Sünder erst zu suspendiren,
dann zu ermahnen, uncl wenn dies alles nichts nützt, öffentlich zu
"excomm unieeren ."
Die Synode von Middelburg (1591); fasst einen Beschluss
gegen "clans en" und "sin gen van oneerlick e 1 ie cl eken s.''
Die Synode vonDeventer (1602) gegen "die veelvuldige
l2
178
DER CALVINISMUS WIDER DIE VOLKSKUNST.
abusen cl ie noch i n cl es en 1 a n cl e
,
spel e
11
, me i bieren, s weertdans en,
s ij 11 - v as t e n a v o n
papegoischieten op '
Pinxsterclage l1 offte Sonclagen."
Dies ist ein Zeugnis von einer starken Volkskultur im Ostcn,
während die westlichen Synoden uns von Fastnachtspielen, Mai-
festen uncl Sclnverttänzen nichts melden. Aber es gibt noch mchr
Bclege.
Die S y 11 o cl e von Fr a nek er (I 602) in Friesland beschliesst,
dass Eltern "nyet nae haer wterstc vermog·en houdende haer
kijnderen in matige cleding·e, christelycke tucht, noch onthoudende
van allen danstsscholen, sangereycn ende
lycke vergaderingen" ... sollen "angesproken ende bestraft werden"
uncl bei "hertnickichlyckheit -- in het nachtmael geweygert
werden."
Die Synode von Sneek (Friesland) fasst einen Beschluss
rreo-en avontsrJcelcn tonnesteecken, papeg·aijschietcn,
b b " ' ... . -
rneiboomhalen, bakenbranden int trouwen."
Die Synode von Doecum (1591) "tegen het nachtluiclcn,
avontspelen, clantzen, croenen te hangen."
Das friesische Hallspiel (kaatsen) wircl wiederholt mit dem
Bann belegt. Gleichfalls wird es von clieser Synode verclammt und
"desgelijcx avo n t spelen ende het 1 i c h tv eer cl i g h singen
in dien, item clockluyden om de jonge jeucht bijeen te
roepen, item meyboomen op te richten, cransen op te
h a n g e n o m d a e r o n d e r cl e v l e ij s l ij c k e 1 i e cl e r a e n cl e
reijen te singen, ende ooc mede het schieten, branden
en b 1 aken onder het bevestigen vant houwelijck, ende wat dier-
gelijcke wercken der cluijsternisse meer bevonden moghen wor lcn,
dat dcselve alle mogen geweret ende afgeclaen worden."
Dieser synodale Beschluss zeigt uns eine starke Volkskultur, in
der alle die alten Gebränchc uucl Sitten noch lebenelig sill(l. Be-
zcichncncl ist wieder, class dies die Gegenden
sin cl.
Auch die partikulieren Synoden bieten in bezug· auf die Agitation
DER CAL VI NISMUS WIDER DIE VOLKSKUNST. 179
der Kirche gegen das Volkslied und die Volksgebräuche manellen
Anhalt.
1
)
So beschliesst die S y n o cl e von Gorinchem ( 1622)
Art. 3 5 : "Aeng·aende het clansen oordeelt het Synodus, dat
de lidmaten der gemeynte ciaerover behoren bestraft
ende gecensueert te worden,"
Gleichfalls die Synode von Wo er cl e 11 ( 162 s).
Die Synode vonDelft (1628) spricht ihre lVlissbilligung
aus über "veele abuysen ende gemeene souden des lants als
woeckeren, clans s c n, misbruycken van Goodes naem,
dronckenschap etc."
In der S y 11 o cl e von Lei cl en ( 1629) i st ein Antrag· "vo01·ge-
stelt van de Classe Schielanc\t, alsoo in de plaetse van Bleyswijck
de dansspelen meer ende meer aenwassen, ende cle rhetorijck-
erscamer op een nicu wort opg·erecht van de meeste favoriten
van Slatio, gewesen Arminiaensch preelicant aldaer, of[ niet parti-
culier daarin dient voorsien." Dem geschah also.
Die Synode vonden Briel (1633) fasst auf Antrag der
"broederen van Gorinchem'' cinen Beschluss gegen "de lichtvaerdig·-
heyt ende pracht in cleecleren, clans er y e u, mommeryen enz."
Die Synoclalakten zeigen, class in den östlichen, in den agrarischen
Provinzen die Volkssitten uncl das Volkslied
sich noch am stärksten crbalten hatten: Schwerttänze, den Maibaum
holen, Hochzcitfeuer, Kranzsingen, alle diese alten Gebräuche finden
wir cla noch vor. Man darf sich bei der Lektüre der Synodalakten
ja nicht clurch die Terminologie der calvinistischen Epitheta
"vleyschelyk", leichtfertig·, unehrlich u. s. w. irreführenlassen uncl nur
an gemeine Gassenhauer u nel dergleichen denken. Es verhält sich damit
genau so, wie mit den kirchlichen Verboten des früheren Mittelalters.
Durch die Synodalbeschlüsse von 1697 nnd 1700 wurclen in
Nieclerland die Spin n st u ben (lab ba ie n, qua n se IJ ie r,
W. P. C. K nutte I: Act:< der Synoden van Zu id· Hollnnd
(Rt)lts Geuchiedknndir,e Pnblicaticll, kl eine Serie 3) rcJoS.
I8o DER CALVINIS!vlUS WIDE.R VOLKSKUNST.
n in gen, s pI ij tin g· en, s w i 11 ge 1 i 11 gen) endgültig verboten. r)
Damit vernichtete der Calvinismus eine der festen Burgen des
Volkslied es.
Die Aufhebung der Spinostuben traf die Volkskunst ins Herz. 2)
Sie vergegenwärtigten die alte bauerliche Arbeits- und Lebens-
gemeinschaft, und ihre Ausschaltung trug dazu bei, dass der friihere
Zusammenhang der Dorfjugend ins Wanken gerj.et i sie zerstreute
sich, viele wanderten weg· in die Stadt.
Der hervorragende Volksliedforseher Freiherr v on Dit f u r t h
bemerkt dazu: "Auch bleibc hier nicht unerwähnt, dass man durch
Aufheben der Spinnstuben den sozialen Verhältnissen der Gemein-
den eine tiefe Wunde geschlagen hat. Es bestebt nämlich seitdem,
wie die Leute sichausdrücken, keine Kameradschaft mehr.
Die Jugend, in der Spinnstube zusammen gedrängt, war auf grosse
Eintracht angewiesen, während sie sich jetzt in einzelne Parteien
absondert. Viel Zank, Streit und .Feindschaft nimmt daher seinen
Ursprung, von dem fr1lher nicht die Rede war, da er in der grös-
seren Allgemeinheit weniger Veranlassung hatte zu entstellen und
sich geitend zu machen." 3) So zog der Zerfall der alten Organi-
sation die Zerstörung des ganzen alten Dorftebens nach sich.
Nun konnte das grossstädtische Wesen ungehindert durch alle
Fugen einströmen, und bald war das altbewährte Landleben das
• . . J
vtele Jahrhunderte das Sfaatswesen und den Jungbrunnen des Volkes
gebildet hatte, dahingeschwunden.
B ö c k e 1 bat nachgewiesen, dass die Spinnstuben si eh garniebt
"überlebt" batten und trotz aller modernen technischen Errungen-
schaften immer noch das Bindeglied der ländlichen Gemeinschaft,
besouders im Winter, bi!deten. Er hebt auch ihre hohe Bedeutung
für das Leben und die Gestaltung und Erhaltung des Volksliedes
und den grossen poetischen Reiz jener Abendversammlungen hervor
und weist mit Hinzuziehung von Aussprüchen angesehener, urteils-
fähiger Männer, auch aus dem geistlichen Stande, nach, wie
ungerecht der Vorwurf der sittlichen Verdorbenheit der Spinn-
stuben, die auf Einzelfälle zutreffen mag (aber \VO trifft etwas in
z) ]. F. Willems: Belgisch Museum I, S. 316 ff.
2) 0 t to B öc k e 1: Psychologie der Volksdichtung. rgo6. Vgl. seine Ausfiihrungen nncl
Material liber die Aufhebungcn der Spinnstnbcn. (S.
3) v, Dit fu r t h: Frlinkischc Volkslicder II, S. XXVI Anm.
D.ER CAL VINISMUS WIDER DIE VOLKSKUNST, 1'81
Einzelfällen nicht zu ?), i st. So sagt Fe 1 i x D ah u (Bavaria II,
S. 831): .,Die Sitttichkeit nirgends weniger Gefahr als in diesen
zusammenkilnften, wo Eltern und Kinder, Hausleute und Nachbarn
ohne Heimlichkeit arbeitend und n1hend ihre Stunden gesellig
verbringen."
In Anbetracht der vollkommenen Gleichgültigkeit dem Wohll.aut des
Gesanges gegen!lber (- welciter ja doch nur eine weltlichc Eitel-
keit war -) bat der Calvinismus es fe1tig gebracht, jenen schaudcr-
haften, schleppenden, leieraden Gesang zu züchten, der uns jetzt
aus den Dorfkirchen entgegentönt.
Alte "Vorsänger", die sicb seit Jahren daran gewöhnt haben,
immer mehr falscb zu singen, vergewaltigen systematisch jeden
Funken nattlrlicher, musikalischer Empfindung, die zufällig noch
irgendwo steeken möchte. Man kann sich nichts hässticheres und
öderes denken als jenen "Gesang" in den calvinistischen Kirchen,
liber den sich L e Je u n e schon beklagt.
Der Calvinismus zerstörte die Volkskunst und lieferte das Volk
damit der städtischen Entartung aus. Ohne Widerstand zogen jetzt
Jahr um Jahr die Wellen des Grossstadtschmutzes, der früher von
der lebendigen Volkskunst auf dem Lande immer absorbiert wurde
und niemals zu haften vermochte, über Dorfund Land. Ei n tot es,
verrohtes Volk -das ist die kulturelle Errungen-
scha ft des Calvin ism u s.
Und schliesslich gab es noch einen Faktor, der zu der Zerset-
zung der Volkskunst beigetragen hat: die Reder ijkerkam me r.
Wir haben gesehen, wie clurch die südniederländische Emigration
cine Hochflut von "Rederijkers" über Holland sich ergoss und
allerwegen neue Kammern gruudete oder die alten neu belebte.
Lange noch vegetierten in den Dörfern jene Kammern fort, als sie
in den Städten schon verschwunden waren. Sie hielten noch ihre
"Landjuweelen" ah. Zwar kümmerten sich keine Magistrate mehr
urn die inkomste" · nicht mehr zu Hunderten aufRoss und Wagen
" '
köstlich gekleidet kamen sie herangezogen, sondern zu Fuss oder
auf dem Bauernwagen, dem "hotsekar.'' Zinnerne Humpen ersetzten
die früheren kostbaren Silberpokale. Das Wirtshaus ward die
Stelle der Versammlungen, vielfach in der Kirmeswoche. Da
wurde tapfer gereimt und nacb den Regeln der Kunst "Rondeelen"
"Refereinen," "Kniedichten" (improvisiertes Schnellgedicht, auf dem
DIE "IUWERIJKEkS" UND lfil{ AUSGANG.
Knie, sitzend, aufgeschrieben) angefertigt. Die Dortleute fühlten si eh
genau
50
grossstädtisch und vornehm wie die gebildeten Herrn
der Stadt und taten sich was zu gute auf ihre Mythologiebroeken
und rhetorischen Kunststückchen.
Breder o bat in seinem Lustspiet "de Koe"
1
) mit der ih111
eigenen Meisterschaft diesen von der städtischen Kultur vergcwal-
tigten Bauerntypus gezeichnet:
Ein Bauer sitzt mit einem "Optrek" 2) im Wlrtshaus uncl prunkt
mit seiner Bildung, indem er ein Rondeel debiitiert :
Ick brenght n eens met een cliscordatie,
En ick hoop, ghy sultet wachten plaan,
Al en is dit geen fraeye arguwatie.
lek brengt u eens met een cliscordatic,
Ja, al maack ick weynich dispensatie,
So sult ghy 't annemen saan.
lek brenght u eens met een discordalie,
En ick hoop, ghy sultet wachten plaan :
Gy syt mijn alclerliefste graan.
Umsonst "heb ick by de Vlamingen geen Retrosyn gewiest,"
erklärt er stol z.
Der "Optrek" fragt, ob er auch in Frankreich gewesen sei:
Waer heb gy dat overdadich kostelyck Fransoys geliert?
Boe I : Dat heb ick gcliert by de maets van on se Kamer!
Der "Optrek" sagt, class er seine Kinder auch clahin schickcn will;
das sei doch viel näher, als so weit übers Meer nach Frankrei ch,
wenn man "dus moy Francksoys kan lieren in ons eyghenlanckt."
Der Bauer fühlt sich so gehobcn, class er ohne weitere Auf(or-
derung etwas procluziert:
De loffelijeke Philosophije,
Die verdrijft de ignorantie,
Zonder edele Clergye.
De loffelijcke Philosophijc,
De ab'le Poeterije,
Die is vol matery, ende substantie,
Vol gratie en vol playsantie.
r) D e W er ken van Gerbrand Adriacns z. Bredcro, ttitgcg·. door J.tenllrink,
H. Moltzer, G. Kalff, R. Kollewyn, J. Unger en J. te Winkel. r8go. 3Bde. Bd. I, S. 234, 235.
z) d.h. Bummler, Jeicl1tsinniger Mensch, Lebemann.
DlE "REDERIJKERS" UND II-IR AUSGANG.
0 p trek": "Entschuldigen Sie, i eh verstelle die Hälftc nicht."
i)ie Enviclerung des Bauern ist zu karakteristisch. Sic bezeichnet
so recht den verschrobenen Bilclungsclünkel jener stäcltischen Recle-
rijkerkuitm; den der Baucr zu übernehmen sucht, um glcichfalls
zur Gcistesaristokratie gerecllll et zu werden.
soo doet oock al 'tgemt:cn e Vo l ck, die wete n van geen kunst.
lek spreeck Rondeel en van twael ven, of van viertienen;
Wilger een hebben van vierentwintieh, ick selse u verlienen.
lek spreek Sonnetten en Balladen uyt de vuyst.
Der "Optrek" verzichtet aber auf das \iVeitere.
Pr. v a n D u y se hat an einem einzigen Beispiel ge;.:eigt, w1e
vollständi g die Dorfrhetoriker jede Empfindung für wahre Poesie,
für ein schönes Lied verloren batten. So beim \iVettdichten von Dorf
Bleiswijk, im Jahre 1684 ausgeschri eben: das beste Lied, von einem
gewissen Keyse'r aus Overschi e, das von gestmder Empfindung
zeugte, envarb nat ürlich nicht den Pre is ( ein silbernes Salzgefäss ).
1
)
Manches Lied aus unserem A nhang zeigt, welche dichterischen
Kräfte in clem Volk steckten, die auch clurch die Rhetorikkam-
mern zu Tage befördert wurden, und oft gesund genug waren, dem
ung·Iücklichen Einflusse der Rhetorikkunst standzuhalten. So ist
das A.bschiedslied cl es Matrosen vonden "Pellicanisten" uncl "Wijn-
ranken" (c. 1718) wirklich ein gutes Gedicht: abcr auch hi er ist
clcr tiefere Grund die Berührung mit dem alten Volkslied. Das
beweist z. B. die 3c Strophe:
lk dank u van herten seer
Myn lieve maats gcpresen,
Voor goed gezelschap 't allen keer,
En van n !ieder de u g d e n eer,
Die gy my hebt bewesen. '')
Das Gedicht enthalt auch nichts Triviales, nichts Gcmeines. Es
redct cine !30 natürliche Sprache, wi e sic di e ciamatige Kunst-
clichtung nirgendwo aufweisen kann.
Mitgliecl einer Kammer war auch der Matrosc, der jcnes Sce-
gefecht mit dem Türken schildert (c. I 768).
r) Abgedmckt bei 1' r·. va n D u y se: De Rederijkkamers in Neelcdanti I, S. r6o.
z) In "De oprcgte Zandvoorder Speel-wagen" S. 3·
jl
DIE "REDERIJKERS" UND IHR AUSGANG.
Treuherzig ist die Schlusswidmung an den "Prince" der Kammer,
er möge das Lied verbessern.
Doen ik dit lied ging stigten,
'k Lag zwaar gekwetst te kooy:
Op de ftnyt Delftshaven
Zingt het met stemmen bravell,
Al gaet het niet zeer mooy.
1
)
Gott weiss, welch ein Poetaster clieser "Prince'' war, der viel-
leiebt niemals in seinem Leben ein sokhes Lied geschrieben hat.
Dagegen ist z. B. der Schiffer \V. Sc he 11 in ge r, der Verfasser
des "'t Volrnaeekte en Toe-Geruste Schip" (1678), ein
vollständig verclorbener Typus der Rhetoriker, und seine Lieder
sind nichts weniger als Matrosenlieder.
Eins hat sich aber noch zeitweilig cingelebt: "Hier zeylen wy
met Godt verheven". Man finelet es in "Die Nieuwe Hollandse
Bootsgesel" (I 704) und au eh in anderen Liederbüchlein jen er Zeit.
Im Jahre 1709 ersdieint noch eine ganze Sammlung "Den
Eerekrans voor rethorica", Uytnodiging aan alle vrije en
onvrije Redens-kamers van Rhetorica, om te komen beantwoorden
met Trom, Blaysoen, en Vaan dese onderstaende vraage en Regel
tot Noortwijk binnen op de Kerkmis-Feest" u.s.w.
Recht armselig ist diese "inkomste" schon. Teilnehmer waren
die Dörfer Noordwijk, Wassenaar, Schiplui, Schiedam, Scheveningen,
Katwijk.
Das "Landjuweel" wurde unter anderem mit einer "Samenspraak
tusschen de Boode Mercurius en de Maaght Rhetorica'' eröffnet.
In der Rhetorikkammer von Schiplui, bei Leiden, wurde ein
anderes bäuerliches Dichtertalent rettungslos verdorben: Hubert
Poot (I 689- I 7 33). Er st nur unter dem Einfluss der Rederijker-
tradition, dann unter dem elirekten Einfluss der Renaissancekunst
I-I ooft s und Vondels wircl jen er talentierte Ba u er in Grund und
Boden verbildet. In einem gereimtem Brief, de1· eine eigene
Lebensgeschichte erzählt, teilt er uns von den Kammerdichtübungen
einiges mit, und hier z.eigt sich wieder, wie viele guten Kräfte,
die noch in der eigenen Volkskunst wurzelten, von jenenunseligen
r) "De Oost·lndische Thee-Boom", S. 74·
DIE "RÈDERIJKERS" UND lHR AUSGANG.
Anstalten ruiniert wurden. Die betreffende Stelle in dem "Algc-
meene Brief" (I 728) heisst:
Dan komt' er doorgaens ook, ten roem clcr poë%)',
Dusdanigh een nieu liedt met zoete toonen by:
Een oude !.Joer met een mooi meisje was jong, ~
Hoe liefelyk dat' er de koekoek zong,
Al in den koelen Meie!
Schoon lief, laet ons spaneeren gaen
Maer langs de groene weic.
Aber dieser Ton wurde in ihm erstickt; statt dessen schrieb er
mythologische und arkadische Gedichte, letztere besanders im
Stile Hoofts, z. B. "Wachten" :
Hier heeft myn Rozemont bescheiden u. s. w. ').
Wie aus jener "Uytnodiging" von Noortwijk schon hervorgeht,
waren die Rhetorikkammern dennassen in der öffentlichen Mcinung
gesunken, dass die Bierwirte zur I-Iebung des Verkehres in ihren
Lokalitäten solche "prijskampen" ausschrieben. Die Kammem zogen
dann mit Trommel und Fahnen auf zum Pamass, einer Biertaverne.
So starb "die edele Rhetorica" Casteleyns in clem Wirtshausschmutz.
Schon früher waren wegen ihrer Wirtshausexzesse Verbate gegen
die Kammem er lassen worden. Im Jahre I 7 I I untersagten die Staaten
von Holland den Kammem endgültig das Herumfahren auf den
Strassen mit Trommeln, Fahnen, Narrenkappen an Sonn-und Feier-
tagen u.s. w.
2
)
J ene "Rederijkers", die uns Rotgans in seiner "Boerekermis"
zeigt, inmitten einer gemeinen, betrunkenen Gesellschaft, ihre unmög-
liche mythologische Bühnenmache stolz hervorkramencl, stellen ein
eben so Iächerliches wie tief trauriges Bild dar. 3)
De la Barre de Beaumarchais 4) hat uns auch von seinen
eigenen Erfahrungen in Bezug auf die "Rederijkers" mitgeteilt. Er
sagt ganz richtig:
"Je ne vous ai encore parlé que des villes. Le croiriez vous?
1) Hubert poot: Gedichten, uitgeg. door Cd. Busken Hu et (Pant. Ed.) 1866. S. 32.
2) Pr. van Duysc. ll , S. 255.
3) Lu kas Rotga 115 : Poczy van verseheide i'dengelstoffe. F. Halma. Amsterdam 1715.
4) Le Hollandois. Lettre 19, S. 181 ff.
186 1HE "KEDERlJKims" UND IHR AUSGANG.
L'ardeur cl e ri mer est encore plus forte dans le s
v i 11 a ges." Er vergleiebt sie mit den italienischen vagabundierenden
"Improvisatori." "Les Hollandais en ont aussi sous Ie nom de
Rederijks. Les poetes s'assemblent dans la principale hotelliere
du village." Er schildert clann einen \1\Tettkampf. Diejenigen, die
das vorige Mal den Preis gewonnen habcn, bewerben sich jetzt
nicht, sondern flihren den Vorsitz. Das Thema wircl g·enannt. Die
Frist ist eine halbc Stuncle: lautlose Stille - man schreibt auf dem
Knie. "Vous ririez de voir l'inquietude des Recleriks, tandis qu'on
lit leurs ouvrages, et la grativé des Censeurs, tanclis qu'ils font
cette lecture. Cependant de quoi s'agit-il? De savoir qui a fait
1 e pI u s de vers s u r I a mat i è re, ct q u i s'y est é cart é 1 e
pIu s cl u bon sens. Car en vérité, c' est à quo i tout se récluit.
En un mot, on assigne la couronne à cel ui, q u i a Ie plus
copié les termes de Vondel, sa manière de versifies,
son enflure, ses i.écarts, et qui a trouvé par lá Ie moien, cl' ê t r c
Je plus long et de rimer Ie plus richement." Erglaubt
zwar, die Einrichtung sei sehr alt und ähnlich den Dorffestlich-
keiten in Griechenland, wo die griechische Dichtung entstand
(sic); sie hätte vieles zur Veredlung der Dorfsitten beitragen können.
.Statt dessen "des jeu si louables ont dégénéré en des assemblées
tumultereuses et, souvent ensanglantées. Ce n'est plus setdement Je
prix de la Poésie qu'on y va briguer. C'est encore celui de
l'adresse à se battre le couteau à la main contre Ie premier venu,
et ;i découper Ie plus artistement un vissage."
"Bekkesnij den" sagte man dam als.
Die beiden letzten Dichter des 17. Jahrhunderts, die den Namen
"niederlänclisch" verdienen, sin cl der Amsterdamer Gerbrand
/\.driaensz. Breelera (IS8S---I6I8), über den schon sehr viel
geschrieben, aber dessen vVert noch immer nicht erkannt ist, und
der Haarlemer Jan Jansl:oon van Asten, dessen Nameinder
nieclerländi schen .Literaturgeschichte noch durch vollstänclige A bwc-
senheit glänzt.
1
)
1) Nur Hoffmann v. Fallcrslcben crw;·,hnl ihn mit cinigcn \Vortcn: ".J. J. van
Asten, dessen Liedcr irn 17. J ahrhundert wegen ihrcs volksartigcn Tons häutig gesungen
wurclen." (I-Iorae Belgicae Pars II, S. 136).
DIE LETZTEN VOLKSDICHTER: BREDERO UND VAN ASTEN. 18 7
Beide opfem sie auf dem Altar der Konvention und tragen da ·
thologisch-rhetorische Gewand vcrsuchen sich zu benehmen tmd
:; sprechen, wie es sich !n hochgebildeten, vorn.ehmen Welt
, ·en
1
t Aber beiden gelmgt d1e Rolle von Herzen schlecht.
gez1 · . d
B r e d e r o s romantische Helden. vergessen manchmal ass
· sich auf dem Parnass befinden, und auf dero Kothurn der
pathetisch einherschreiten sollen. Plötzlich
sic in gut Amsterdamer Mundart los, treten kräftig und derb, n11t
esalzencm Humor und frohem Wit?. auf, wie es Zeitgenossen Frans
g s .
Hals' und Jan teens geztemt. . .
Bredero ist der einzige, der die Welt so sab, w1e s1e war,
in ihrer Realität, ihrer derben Wirklichkeit und ihrer Farbenpracht,
in der Plastik einer gesunden, kräftigen Schönheit. Er war
derjenige, der sich gewehrt hat, bewusst gewehrt hat gegen. d1e
tlberwältigende Modekunst, die gesellschaftliche Lüge. In den :•elen
Vorworten zu seinen Dichtungen hat er eine Fülle von ästhettscher
Kritik aufgespeichert, wie keiner seiner Zeitgenossen, und Kritik, die
nicht nur für ibn selbst, fllr die 'enntnis seiner Persönlichkeit, sondern
auch für die jener Patrizierkultur i.lberaus wichtig ist.
leb erwähne hier nur die so inhaltsreiche "Voor-Reden" zu
seinem Geestich Liedt-Boecxkcn bij hem selven uyt-ghegheven' ' ·
anders betont er so stark, dass das
E 1 e ment die Quelle sein es dichteriscben Schaffens gewesen set.
V on sich selbst, als dem Vater der in die Welt geschickten Lieder,
sagt er, dass er si eh frUher . an mgange m it B a u r n
sonders ergötzt h.abe, und dass seme L1eder deren "boertlghe )
Streiche so wahrheitsgetreu wie möglich wiedergäben.
2
) Er ver-
teidigt sich im voraus gegen die Angriffe der Humanisten. und
Renaissancedichter (die doch mehr fremder prachen als 1hrer
Muttersprache mächtig seien ), dass er viele al te Wörter der L a n
1 e ut e aufO'enommen habe, die jene nur a u s U n ken n t n 1 s
s) Zu den neuen Anschallllngen Leiden s (als itz
r) \'Vort spiel: bedentel bier "bämisch" uncl "launig." . _
2
\V er k e
11
: lil, s.
199
. _ "Van my haar Vader, die wel eer een sonrlcrltnge \'/Cilns llg-
) ld 1 k · bo •rti ghe ll' eck]' es sy op het levendtgstc
hcyt uyt der Boeren ommegang haa c, we c ct e
na spelen en spreken sullen." .
3
) ibidem: "Veel ouwcle en ghebrttyckelycke woot•den der Land Iu y den hebhen sy
inne genomen, die sommige Latynis ten (die doch eer en meer uytheemsclt dan cluytsch
geleert hebben) vcroordeelen en smadelijck verwerpen om dal sysc )ltyst door onkmJdc
en niet en kennen.
11
188 DIE LETZTEN VOLKSDICHTER: 11REDERO.
der humanistischen Kultur) könne er sich nicht bekennen. ("Voor
mijn deel ick bekent, dat ick met dit 11 ie uwe L e y d s c he g·
v oe 1 e
11
niet over een en kom"). Die Sprache sei ihm wie die
Münze: er nehme jede einheimische, ungefälschte u nel unvermischtc
Münze, wenn er wisse, dass sie von dem "gemeinen Manne"
weder gerügt noch geweigett werde. ihn betreffe, so habc
er kein anderes Buch gebraucht, als das der Erfahrung (het
B o cc k des Ge b r u y c x); denn als Maler habe er den ,.schilder-
achtigen"
1
) Spruch befolgt: es sind die besten Maler, die dem
Leben am nächstcn kommen (Het zijn cl e beste Sc h i 1 d c r s,
die 't leven naast komen).
Er habe nur einen Mundvoll französisch gelernt, behauptet er
von sich selbst ("een slechte Amstelredammer, die maar een weynich
in 't hooft rammelde") uncl lateinisch und
chisch verstelle er garnicht. Das war sein Glück, so blieb er
teilweise verschoot von der allgemeinen Lügc, uncl konntc uns
die köstlichsten Genrebildehen aus clem Amsterdamer Leben
schaffen.
"Is hier niet kunstelyck ghercdcn-kavelt, noch van onsienlijcke
of twijfelachtighe dinghen simtelijek gevernufteliseert, dat sult
ghylieden, die neffens u overnatuurlijk verstandt de Boeken en
gheleertheydt der uytlandtsche Voleken te voordeel hebt, om myn
eenvoudicheyt, en alleen Am st e 1 red a m s c he Taal verschoonen.
Ghy goedig he Gooclen van Mannen, die in u groote Rijmen de
Vrouwen, Dienst-me y s jens, ja st a 1 knechts cl oe t ph i 1 o-
s op heren van overtreffelijcke verholenthedcn, het sy van de
beweghinghe der Sterren, ofte van de drift des Hemels, oft van
de grootheydt der Sonne, oft andere schier onuytclenckelycke
sak en, dat ick doch meer voor e e 11 bewijs van uwe weten-
schap acht, als voor een eygenschap in dieslach van
Menschen: lek hebbedoor mijn slechtheyt een Boer
b o e r a c h t i g h d o e 11 s p r e k e n, e n me e r cl e g h e wo o n t c
dan cl e kunst g he v o 1 g h t." ("Voor-reden aan de Verstan-
clichste Rymers der Nederlandsche Poësye," zu "Grianc" I6I 2 z).
Es ist der Maler und der Volksdichter, der so aus ihm
spricht. Schöpfungen eines köstlichen Humors sincl seine Liecler:
1) \N'ortspiel: bedentel hier "malcrisch" und nmalcrhaft."
2) Brederos Werke. I, S. 93·
b
DIE LETZTEN VOLKSDICHTER: DREDERO.
das Trinklied "Haerlemsche drooge harten nu", ein Bild mit
spruhenden, leuchtenden Fa.rben, wie sie nur. die . altniederlän-
d
·sche Malerei jener Zeit ketmt. So ist auch dJe "Boeren Gesel-
t L " .
schap": "Arent Pieter Gysen, met Mieuwes Jaap, en een emes
der köstlichsten Genrestuckchen, wie man sie vielleiebt bei
Teniers und Brouwer finclet. Die mustration Zll der "Boeren
Geselschap",
1
) die sich in der Ausgabe des "Boertigh Lied-boeck"
vom J ah re 1622 befindet, zeigt uns di_e Bauern in ganz anderer
Gestalt, als wir sie uns nach Hu y g hens Schilderung vorstellen
würden. So spricht auch aus dem Lied "Eenigheydt is Armoedt"
ein guter treuherziger Sinn und !dingt ein Ton darin, der sehr
verschicden ist von jener Perversität, die sich in der Renaissance-
clichtung der Patrizier verbirgt.
Wat baet u de voochdy van Landen en van Steen?
En 't prachtighe gebouw vol duure kostel-heen,
Daer ghy in woont verselelt met princelijcke stoet,
Als ghy des nachts alleen in 'tbedde slapen moet.
Das Studium dieses Mannes wi.irde sich für die deutschen For-
seher in bezug auf die niederländische Volksseele mehr lohnen
als das der Dichter Vondel, Hooft und Cats.
B re cl er o ist eine wunclerbare dramatische Gestalt: in ihm
verkörpert sich der Tocleskampf der Volkskunst. Auch er persön-
lich hat mit seinen Liebschaftcn in jener vornehmen Patrizienvelt
wenig Erfolg. Er starb jung. Das war sein Glück.
Ja 11 Jan ss o on van Ast e 11 i st eine unbekannte Grösse. V on
ihm gilt dasselbe, was ich von B re cl er o sagte: er verelient den
Namen "niederländisch",
In den Liedern, wo er sich selbst gibt, sich frei von der
Konvention weiss da zeia-t er eine so reich begabte Dichternatur,
' "'
dass er als Lyriker B re cl er o ganz ebenbürtig ist. Davon können
die einzelnen Proben im Anhang zeugen.
Das Afscheyt-liedt" des Matrosen von Den I-Ielcler ist
schön. J'ber einen reichen Humor uncl a.usgesprochenen Sinn
für das Plastische verfügte dies er Stadtgenosse Frans Hals'. So die
1) Abgedrucl:t bei J a.n ten Brink: Geschiedenis de1· Nederlandsche Letterkunde,
l897. s. 373·
DIE LETZTEN VOLKSDICHTER: VAN ASTEN.
Lieder: "Daer selder een scheepje", ,,Lestmael daer ick quam
vandaan" und "Wevers-klacht."
Man kann Haar 1 e m am Anfang des I 7. J ahrhunderts den
Herd einer nationalen, norcl-niederlänclischen Kultur
nennen. I-lier haben Frans Ha 1 s und seine Schüler A cl ria en
H r
0
uwer, die beiden 0 st a cl es sowie Jan Steen gezecht,
g-csung·en und - gemalt. Den Haarlemer Zechbrüdern schickte
B re cl er o die fcucht-frohe I-Ierausforderung·:
Haerlemsche drooge harten nu,
Komt toont "nn wie ghy zijt,
Wy Amsterdammers tarten n
Te cl rineken eens om strijt! -
jenes farbensprühencle Lied, das in den Bildern der schon g·e-
nannten Meister lebenelig wurcle.
Hier dichtete van Asten, von dessen Beziehungen zur Volks-
kunst seine Liecler zeugen. U nel aus clem nahen Kennemer I a n d
stammen wahrscheinlich die wunclerschönen Tanz-und Volksliecler,
die uns in den "Oud-Hollandse Boerenlieties en Contredansen"
(Anfang 18. Jahrh.) erhalten sind.
Aber auch sie schwanden dahin und mit ihnen die nationale
Dichtung. Das volkstümliche, romantische Drama blieb verwaist:
die Höheukunst g-ing eigene Wege und wurde alles andere, nur
nicht niederländisch. \Velchen Zusammenhang haben jene Amster-
clamer Renaissancedichter noch mit dem Land, dem Volk?
Eine Klassenkunst, die Kunst einer Parvenügesellschaft hat
ste ausgebildet, eine Kunst, an der die Sprache das einzigc
Niederländische war. \Vohl sine! sie auf clem Gebietc der äus-
seren Form, der Sprache g-rosse Puritaner: die "Twespraack van
cle Nederduytsche letter kunst" ( r 5 84), clurch die Amsterdam er
Kammer herausgegeben, an der Spie g· he I mitarbeitete, die
Propaganda für reines Niederlänclisch, die He ins i u s entfaltete,
die Bestrebungen VondeIs uncl Hooft s - es betraf alles nur
eine formelle Frage, in der sie sehr willkürlich schalteten. Besser
wären sie in bezug auf die innen:: Form puritanischer g·ewesen
und hätten die Niederlänclische Kultur nicht so vorbehaltlos allen
französischen Einflüssen preisgegeben, wie das Collegium "Ni!
volentibus ardumn" (1669) es zum System macht, das für das
DIE LIEDWElSE IN DER HöHENKUNST.
· hrhundert in den Schriften "Gebruik en Misbruik :roo-
18· 1 Horatius Dichtkunst" die Kunstlehre kodtftztcrtc,
necls ' unc " ..
1
. eine höhere Kultur schaffen sollten:
t te
Niet als onze ouders, die zich over Breeroö's trant
En boertcry vry los - ik zwyg - met onversbnll
Verwonderen, als waard in top te zyn verheeven.
Freilich das Lust s pi e 1 war noch da. Aber es h.ina?. auf
. üedrige Stufe, wo es mit dem Namen "Klucht' das Tnvtale,
eme , .1 •
die Rohbeit, das Gemeine, als 1ö_ng,es
V b nd N
atürlich aibt es gewtsse Ausnahmen, emzelne Stüd,e,
er a · o . •
d
. besser sind (von Langendyk, Asselyn u. a.); aber un
1
e I . I
urossen ganzen sind sie minderwertiger Qualität und es 1at s1c l
keine nationale Bühne daraus entwickelt.
Und noch eins. In der spekulativen Höhenkunst ging allmählich
der zusammenhang von vVort uncl vVeise verloren. Die Renaissance
brachte auch die von J a co po P e r i geschaffene "st i 1 e rap p t'
n
ta ti v o" nach Holland, die Monodie mit ihren nur "begiet-
se V b .
tenden" akkordischen Füllstimmen. Und der Weg zur er re1tung
d
Einbürgerung dieser neuen Kunst war das CL a vice mb alo,
un S . k 1
der Vorläufer unseres Klaviers. Am Klavier im alon entwtc e te
sich jene Liedkunst, die das u nel die. LL1ft
draussen nicht mehr ertragen konnte, dte Abstraktlon, che Auf-
lösung der konkreten Formen des
Eine Sammlung "'t Uitneroent Kab1net vol
Sarbanden, Courante11, Balletten,. Intraden,
u.s. w. (
1
6
4
6), dessen zweites Titelblatt dte Benentmug "t Uit-
nemend Kabinet Konstelijk gefigureert door d e ald r-
k
0 11
st i g h c M

s j c ij
11
s cl es e r Eeuw'' ftlhrt, illu tt:iert u_ns
diesen v organg. I) Manche schöne Volksmelodie befindet s1ch dar lil,
so r.. B. die wunclerbare Tanzweise "Nobelman" nut i.hrem pracht-
I) 't Uitn e men! Kabinet vol Pavanen, Almanden, Sarhan<len,Courantcn,
Balletten, Intraden, Airs, etc. en de nienste Voi?.en. t' Amsterdam, by 1\:o.tthysz.
!
'" · ·
1
1 bc
1
\"Orrlen in tl·r schlincn polyphonen v•erh,md•gen Klav•e•·
\tmge sn1c 1erausgege .x ·v ..... • - •
satz von J. C. M. van Riem,, rl ijk: Onr! -Nededanrlschc Dan;; wyzen. ( Werken Vereen1e.
voo1· N. Neder!. :\·lnr.iekgesdt. X) .
DIE LI.EDWEISE TN DER HöHENKUNST.
vollen Bass. Aber diese Tanzweise ist "konstigh gefigureerd van
den konstrijken Musicyn J. Schopen, t' Hamburgh".
zu der "Pa va en cl e Spanje" macht der "konstighe''
J. s c h
0
pen neun "Verancleringen" in Triolen und Sechszehntel-
noten. Und wie er haben sich andere an die Auflösung jener
Tanzweisen heran gemacht. Dagegen zeugen die schlichten Tanz-
sätze von dem Leidener Kor n e 1 is Kist u nel dem Haarlemer
Organisten J. He I mb reek er von grosser Natürlichkeit und
Volksttimlichkeit.
vVenn man die Melodien betrachtet, die von "konstighe''
Meistern zu den arkadischen Dichtnngen der Patrizier-
welt komponiert wurden, so fällt an erster Stelle die unnatürliche
Brechung und Auflösung der Form auf, melismatische Verzierungen,
figurierte Zwischenpassagen u.s.w., ebenso gektinstelt wie die
vVelt, für die sie bestimmt waren.
Das Vehikel jener "ars nova" war das Clavicembalo, Hooft s
Gattin beherrschte es, Hu y gen s, das musikalische Wunderkincl,
das so viele Instrumente spielte, deren er eine grosse Anzahl ge-
sammelt hatte, komponierte darauf, und Ca t s liess si eh von einer
hübschen Base nach clem Diner ein französisches "Air" daran
vorsingen.
Das Klavier hat unsrer natürlichen musikalischen Veranlagung
grossen Abbruch getan: es beförderte die Emanzipierung vom
vVort, die Brechung der konkreten Liedform, das Untiefwerden
des Satzes. Denn es eignet sich nur zur Monodie mit einer Beglei-
tung, die ihren selbstständigen Stimmencharakter vollständig aufgibt
und zur akkordischen Füllung· wird. Das Klavier verdirbt das
absolute musikalische Gehör, die Treffsicherheit, das starke Ge-
dächtnis, das feine rhythmische Gefühl, grade alle die Merkmale
der Volkskunst.
Schon in dieser Sammlung tritt die Internationalisierung der
holländischen Höhenkunst, über die Tie 1 man Sus at o si eh
schon beklagte, auf. In der "Opclraght" an die Amsterdamer
Pieters Pers und den Leidener Kor n e 1 i s Kist, in der natür-
lich solche Sachen wie Tantalus, Apollo, die neun Musen auf dem
Bankett der Götter, Amphion mit seinen Steinen, Orpheus uncl
seine wilden Tiere, Momus, lVIidas u. s. w. aufgetischt werden,
sagt der Amsterdam er Verleger P a ul u s Ma t t h y s z o o n zu den
erwähnten Herrn: Ihr, "die met zonderlinghe begeerte, alle u y t-
DIE LIEDWElSE IN DER HöHENKUNST.
193
1
a
11
cl c he
1
) en nieuwe-vindighe zoeckt te bekomen, en op U.Ed.
:pcel-tu ygh konstelijck doet ho01·en."
Der italienisch-französische Einfiuss wurde dann auch immer
stärker. So enthält der "Amsterdamsche Pegasus" (Am-
sterdam, 1627) fast nur italienische und französische Melodien zu
einer arkadischen, mythologischen Dichtung. "'t Am st e 1 dam s
Minne-B c e c kj e" (Amsterdam, 1637/38) enthält gleichfalls
französische vVeisen uncl arkadischc Lieder. Ebenso "De Nieuwe
Haagsche Nachtegaal (Amsterdam, 1659) u.s. w.
Diese Einflüsse, die auch in Deutschland zeitweilio· die Ober-
"'
hand gewannen (Schei n s "Venus-Kräntzlein'' r6o9, Musica bos-
careccia oder "\Valdliederlein" IÓ2I-28), die italienische musika-
lische Renaissance, die aber bald von der Kraft Joh. Se b. Ba c h s,
in dem eine grosse ländlich-thi.iringische Musikerfami!ie gipfelte,
gemeistert werden sollte, wurclen in Holland allmächtig. Das um
jene Zeit entstandene Wort "musica da camera" bezeichnet den
spekulativen Charakter jener Musik: sie wurde innerhalb der
Salonwände an das Klavier gekettet, und abstrahierte sich da
immer mehr. Aus den Suiten des 16. Jahrhunderts, der Verbinclung
versebiedener Tanzliecler, wurde das abstrakte Gebäucle der
Symphonie.
vVir können um diese Zeit beobachten, wie der einzelne Instru-
mentalsatz sich vom Licde loslöst. Die Tänze des Ph a 1 es i u s
<.md cl es Ti eI man Sus at o ge ben noch immer einen Te x t-
a n fan g an. vVo er fehlt, kann man annehmen, class der Sammler-
V erleger ihn nicht mehr gewusst hat, In dem Lautenbuch von
Th y s i u s
2
) aber fehlt der Text immer mehr: zwar sind noch
manche Textangaben da, aber gleich viele Tanze führen nur die
Bezeichnung "Gaillarde'' oder "Allemande'', "Branle" u. s. w. Das
Ta n z 1 ie d i st in dieser Sammlung noch vorherrschend: sie enthält
für den Gesang bestimmte Liedwei sen. Daneben jedoch treten
schon cl ie figurierten, gebroehenen Melodienschemen, "kon st i g h
g e figureert," obgleich noch in der Minderzahl, auf. Das Lauten-
buch stammt wahrschcînlich aus dem ersten Viertel des I 7. J ahr-
hunderts.
r) Die dar in vertrete11en ausländischen Meister sind die Italie11cr Ta r· q u i 11 i o
::OVI e r u I a, B c r 11 a r do B a r I as ca, weiter die Franzosen F o u c a r t, C o n s t a n t i 11
tl.s.w., die Deutschen J. Schop en, Christiaen Hervrich u.s. w.
2) Het Luitbo e k van Thysius, herausgegebel1 vonJ. P. N. Land r889.
13
194
Ho
.. FIENJ<'UNST: DAS TANZLIED,
DIE LIEDWElSE IN DER •
V 1
· h , v
1
·r hiermit die Tanzsätze der nieclerlänclischen
era e1c en . .
M
.
1
"' flore Christians II. von Dänemark, so tntt cliC Ab-
usi {er am
1
'
1 t
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1
mehr hervor.
1
) Ausdrücklich sagt der Titel von
stra { Jon no .
l T
'· nzen allen der edlen Music Liebhabern (s o cl en Te x t
c en a "
ni.cht brauchen) zu Nutz uncl Frommen colligirt." Die Kom-
ponisten Me I c h i o r B o r c h g re v i 11 g, Be 11 edict u s G rep, Ni-
e
0
1 as Gist o w ha ben das " Tanzlied" ganz aufgegeben.
Die Perioden des Cantus (Melodie) sind eine Folge verschicdener
Motivc, di e kanonisch imitierend durch die anderen Stimmen
hinspielen. Der Satz ist prachtvoll polyphon, zeigt aber eben
mehr technische Gewandtheit, als melodische Erfindungsgabe. Es
ist der Bareekstil in der Musik: man könnte mit einem
Wagnerischen vV01·t e von der "ewigen Melodie" reden. Bczeichnend
i st wiederum, dass vV a g n er seine Kunst mit dem Ba rockstil iden-
tifiziert und von Palestrina gesagt hat, seine Kunst sei die einzige,
mit der er sich wesensvenvandt fühle. Hier \Vie dort finden wir
die Auftösung der Melodie .
. Jene italienische Manieriertheit des Kalorierens und Figurierens
offenbart sich sogar ganz drastisch an einer Stelle, wo wir sie
nicht gleich erwarten würden, in einem orthodoxen Gesangbuch,
den "S ti eh te 1 yck e R ym en'' von D. R. C amph u yse n.
2
)
In der Varrede "Aen de Liefhebbers van stichtelyck Rym-Gezangh
en Speelkonst" hei sst es wie immer:
--,,dat geen Christen oyt gelyck mach worden, zooclanige, die in
1) Die Tonsätze befinden sich in der van mir auf dP.r Bibliotbek der Ritterakademie
zu Liegnitz gefundenen Sammlung:
Auszerlesener Paduanen und Galliarclen Erster Theil. Darinn24licbliche
Paduanen und auch so viel GalHarden zu fünff Slimmen auff allerley Instrumenten, und
insonderheit aufl Fiolen zu gebranchen, verfasset. Bie bevor nie in Truck auszgegangen,
jetzt aber allen der edlen l\!usic Liebhabern (so den Text nicht brauchen) zu Nutz und
Frommen colligirt, uncl mit Verlegung an Tag gegeben; Durch Zachariam Füllsack, nnd
Christian Hildebrand, eines Erbaren Raths der löblichen Stalt Hamburg bestellte Instru-
mentisten. Canto. r6 (Vignet: dänisch-säch. \>,lappen) 07. Hamburg. bey Philip van Ohr.
Ander Th ei 1 A u s ze r 1 es ener I i e h I i c her Pa cl u a n en, und auch so viel Gal·
liarclen, mit . fünff Stimmen u.s. w ..... 16og. Gedruckt zu Hamburg, bey Philippi van Ohr
Erben. Werden verkaufft bey Michel I-lering, Buchfi\hrer daselbst."
Ueber diese Kampanisten \'gl. Tij cl schrift der Vereen i ging va o r N. Ne cl er 1.
Muz. gesch. IV, S. 204-218.
2) Stichtelyckc Rymen van D. R. Camphuysen, Om te leeren aft' zingen; op
veele zyn in placts van cl'oude nieuwe zangen gemaeckt, en alle gecomponeert om te•
zingen en spe e 1 en met twee stemmen door Jo se ph But 1 e r. Music. tot Amsteldam.
Cantus aft Tenor (Vignet) !'Amsterdam. By Paulus Matthysz. A
0
1652.
DlE LIEDWElSE IN DER HOHENKUNST: DAS 195
Iaets van Goeie bebagelycke blyschap, verkiezen, cl a. r te 1 c, wee 1 d-
;jahe e n on betamelycke vr e u g hde, levende 111 haer vrolyck-
beden gelyck toomlooze, by de welcke de Christelycke deftigheydt
creen plaets vindt; bedervende ( o o c k cl oor g-ezang h en ge-
Pee J) haer gedachten, de zelve opritzen de tot lichtvaercli gheydt,
geyU
1
eydt, en ongebonde11 wellustigheden."
Von dem Kompooisten Joseph Butler, der "tot het maken
en componeren der Musyc bewill ight" batte, heisst ,,zware
JVI aet-Z a n g h, Fu yge n, en k ons ti ge Loopjes in 't ge-
b r
0
ke n heeft hy voorbygegaen, uyt oorzaeck, dat gemeene Lief-
hebbers zelden oft nimmer komen tot perfect gebruyck van zoodanige
Musyc. Ook heeft hy geschuwd die Konst van Musyc, waercloor
men de kracht van eeni ge wo orde n uyt-be eldt, r)omclat
wanneer zulcks m een vers in acht genomen wierelt in cl'ander
meer c n de e 1 s b u y ten pr opoost zo u cl e komen; Maer heeft
ghelet, zooveel hem doenlyck was, op de maet der Rymen, en
getracht d'inhoudt derzelve door leyinge van Toonen uyt te beelden."
Das Gestänclnis, class durch die Tonmalerei in einem Verse die
anderen in ein ungleiches Verhältnis geraten würclen, (buyten pro-
poort zoude komen) ist bezeichnencl. Die Varlagen j cner "stichte-
telycke" Li eder waren Volksliceier gewesen : die strenge Form des
Liecles forclert e kategorisch eine konkretc Strophenmelodie und
gab sich weder zur Figurierung noch zur Durchkomponierung her.
2
)
Trotzdem fmdet sich bei jeclcm "Cantus oft Tenor" noch cin
r) Jene Theorie der Tonmalerei ist zurl\ckzuführen auf die schriftstellerische Ttitigkeit
des Haarlem er Priesters (ei nee Freundes Huygens') Jo a n n es A 1 b er t u s Ban, l\Iusikthcore-
tiker und Komponist, Verfasser mehrerer Sclll' iften Mus i ca univers a 1636, Zang h·
bericht, "een Boe c k van cl e zingroeren cl e zang h kunst". Für ihn vgl. vV. J. A.
J 0 n c 11 b 1 oe t en J. P. N. La n cl: Con·espondance et oeuvres musical es de Constantin
Huygens. (Mnsique et Musiciens au XVJie sii:cle) t882, und Tijdschrift der Ver. v. N.
Ned. Muz. gesch. IIT, S. 204-219.
z) Wichtiger als die Spekuiatienen Ban s ist die Spur jen es grossen Kulturproblemes
des ::Vlystizismus in der l'vlusik, das besenders in Böhmen, in"der Schule Czer-
n o i< o r s k y s vertreten, den schi\cl1ichen Einfluss der Renaissancekunst zuriickdr,ingte
tmcl auch Dentschland in gewisser Hinsicht schützte. Es ist jenes Kulturprob1em, dessen
Erscheiuungen K e p 1 er, Tart in i uncl seine Zahlenmystik, B n x te hu de s Klavier-
sniten (in denen die Natnr und di e Eigenschaft der sieben Planeten abgebildet werden)
si nel nnd dessen Aus1äufer auch in den Ni ederlanden auftauchen, vgl. z.B. "'lAmst e 1-
clam s Minne-Beeckje" (Amsterdam r6s8. 2er Druck) S. 61: "Vijf Baletien op de \lijf
zinnen : 't Gezicht, de Reuk, Smaak, 't Ghevoel, 't Gehoor" ven P. Dubbel s. Für jen es
Knlturproblem vgl. die inhaltsreiche Arbeit ven 0 t t o Sc h mi d: Mus i Je u n cl \VeI t-
anschauUlll:!. Die böhmische Altmei ste r sch ule Czernohorsky's u nel ihr
E i nfluss anf den vViener Classicismns. I90I C\fusikaliscbe Stndien, X).
196 DIE LIEDWElSE IN DER HOHENKUNST: DER NIEDERGANG.
"g-ebrochener" (gebroken) vor, eme Variatien in Sechzehntet-
(u. s. w.) Noten.
E waren die Patrizierkrei e, die sich haltlos jeder italienischen
Mode auslieferten. Ein Beispiel i st der schon erwähnte Consta
tyn Huygens: er erzählt von sich selbst, dasserdie uViolet,"
als er 6 Jahr und 5 Monate alt war, innerhalb 6- 7 Wochen
spielen lernte; als er 7 Jahr und 6 Monate zählte, fing er an Laute
zu spielcn, "a dix ans j'exellay." Er spielte uberhaupt innerhalb
9 J ah ren alle Instrumen te :
Ciavier op yser en op coperdraed, op tin,
Tot pypen uijtgesmeedt, dat wonderlick versin,
Teorbes lang geclannt, en uijt der Mooren landen,
Guitarre, bastardluijt, vermanden ick met handen,
Die 'k alles machtigh vond, na dat het jong gewricht
Luyt-machtigh was gemaeckt, daer 't allemael voor swicht.
Mit 79 J ah ren war seine musikalische Begeisterung noch nicht
abgekühlt. Er hatte bis dahin 769 Sti.icke komponiert, " sur les
deux sortes de Luths, Ie Clavecin, la Viole de Gambe, et s'il
plaist à Dieu sur la Guitarre'' (Lettre LXXIX). Im ganzen beläuft
sich die Zah1 seiner Kompositionen auf Soo. •)
Sind wir aber so unbescheiden, einen Bliek in das Inventarvcr-
zeichnis seiner nachgelassenen Musikaliensammlung zu werfen, so
sehen wir, dass diese grosse Sammlung bis auf einzelne Nummern
nu r i t a 1 ie nis c he Mus ik e 11 t h ä 1 t.
2
) Nur vereinze1te Spuren
weisen darauf hin, dass der Sammler ein Niederläncler war,
u11d es zu seiner Zeit noch niederländische Musik gab. Aber schon
hatte der Calvinismus seine Schuldigkeit getan: van dem sa stolzen
Bau niederländischer Tonkunst stand nur noch die Ruïne. Uncl
auch sie sollte bald vor dem alles zerstörenden Einfluss des Inter-
nationalismus clahinsch winden.
Jenes Inventarverzeichnis zeigt uns aber ein zweites Ku1turpro-
b1em: das Zurücktreten der jahrhunderte1angen eng I is c he u
Beeinflussung. vVir stossen hier noch einmal auf eine der letztcn
Publikationen englischer Tonkunst in den Niederlanden und zwar
I) Vgl. Jon c kb loet en Land: Corresponclance etc. 3· XII ff.
::) Abgedruckt im Tijdschrift der Vereenig. v. N. Neder!. Muz.-gesch. S. 257-259.
DAS ZURUCKTRETEN DES ENGLISCHEN EINFLUSSES.
auf die von Paulus Matthyss im Jahre 1648 veröffentlichten "X X
Kan in ckl yke Fantasie n" •) für Viola da Gamba, zu deren
Kompenisten unter anderen 0 r 1 a 11 d 0 Gibbons gehört. Ge11au
denselben Vargang kann man z. B. an der Hand des Inventarver-
zeichnisses der Musikalien beobachten, welche si eh im 17. Jahr-
hundert im Besitzdes Collegium Musicum Ultrajectinum
befanden.
2
) Au eh cl a finden wir, inmitte11 i t a 1 ie 11 is c her Kom-
ponisten wie verirrt, die Namen und vVerke van vier niederländischen
Tonkünstlern, es sin cl : Ni c o 1 a u s a K e 111 pis mit "6 Volum. a I,
2, 3, 4, 5, 6 instrumenten-- Antw. 1641 en 1649"; "6 Volum. ge-
schreven Musyck a 8 instrumenten nevens den basso continuo o·e-
"'
maect door Mr. A 11 dries 3) Organist binnen Utrecht''; He
11
r i c u s
Liebert 4) "met 6 en 8 stemmen tot Antwerpen, 1632.''
Joh. Baptist Verriet "Pa vanen met 5 instrumenten gedruct
tot Ant-vvcrpen r638". s)
Einen einzigen englischen Komponisten nur finden \vir cla auf-
gezählt, als Vertreter jener Glanzzeit englischer Instrumenta1kunst,
welche am Anfange des I 7. J ahrhunclerts noch einmal hoch auf-
leuchtete, urn dann in eine leere Finsternis zugleich mit den
Schauspieltruppen uncl Singspielen unterzutauchen. Es ist Thomas
Simp s on
6
) ("met 5 instrumenten ende een Basso continuo"),
dessen schöne volkstümliche 'V eisen jetzt noch ihre vVirkung nicht
eingeblisst haben. Jenes "'t Engel.sche speelthresoor a 3
1) XX Konincklyke Fantasien, om op 3 Piool cn de (iambaenanderSpeel-tnigh
te gebruycken. Gestelt door de Konstige Engelse mees ters T. Lu po, J. Co p ra rio,
W. Dam a n. En noch IX Fantasien om met 3 Fiool en de Gamba - door 0 r la n cl o
Gibbons, Org:UJ ist en Zang-meester van de Koninck van Engeland. Eerste Deel. !'Am-
sterdam by Paulus Matthysz. 1648 (Exemplar anf der Herzag!. Bibliot!Jel: zu Wolfen-
biittel N°. 977).
2) Abgedrnckt bei .J. C. M. van R ie 111 s dijk: Het Stads-Muziekcollege te Utrecht.
Collegium Mnsicum U!trajectinum r63I-r88r . (r 88r) S. Br-84.
3) Vgl. v. Riem s dijk: Het Stads-Muziel<college, S. 39·
4) Liber t, Organist èer Kathedral e zn Antwerpen, ist wsch l. in Groningen geboren
vgl. E dm on cl van den St ra eten: La Mtt siqne des Pays·Bas avant Ie XtXii:me Siècle
Bd. l V. S. 277 ff.
Es ist wohl bczeichnend für das Verh lil tnis des Calvinismus zu r Kir-
c henmus ik, das s nor d n i e der l ii n dis c he Mu s ik er na c h S ii d n ieder I a n d ode r
ins Ansland gingen: z. B. der Amslerdamer \Villem de Fesch war "'leichfatls
Organist in Antwerpen und ging clann nach London. E•· ist wohl ein.er der
niederH\ndischen Kompenisten um die V\'ende des 17. J ahrhunderts.
5) Verriet war Organist in Den Bosch, spl\ter in Rotterdam .
. Riemann hat einige seiner TanzsiHze veröll:'entlicht in seinen ,,Reigeu und
fan ze a tl s Ka is er at t h i as' Ze i t". (bei Fr. Kistner, Leipzig. erschienen).
DAS ZURÜCKTRETEN DES l!:NGLISCHEN EINFLUSSES,
stemmen geclru c t tot Amst e lredam I657'' I) gehörtschoa
einer Zeit an, wo England alle Originalität und Selbständigkeit
auf musikalischem Gebi et bereits verloren batte. Di es sincl di e zwei
einzigen engliscl1en vVerke. Der Rest i st i tali e ni s c h, einig· e
cl e ut
5
c he Komponisten ausgenommen, nämlich H e in r i c h v on
Ut re eh t , Joh a n n Vi e rd a n ck, A ndr e as Hamm e rschmi ed.
Unter den itali eni schen Tonset zern finden wir neben Dar i o Ca-
s t e 11 o und Ma rc o U cc e 1 in i au eh Ta r q u in i o Me r u 1 a, der
cr]eichfalls im "Uitnemend Kabinet'' (1647) vertreten ist.
b
Noch st ärker tritt der it ali eni sche Einfluss hervar in dem Kat a 1 og
d e r "Libri mu s ici" d e r Utr e cht e r Stadtbib1iothek
v 0 m Ja h re I 6 o 8 (Riem s dijk, S. I 03-105). Mehr als clreivi ertel
der angeführten Komponisten oder Kompositionen, deren Zahl eine
stattliche i st, sind i t a 1 i e nis c h er Herkunft. Der Rest ist aus
Franzosen, Deutschen und - Ni ederlänclcrn zusammengesetzt. V on
den Itali enern sind am bekaantest en: G i a co m o Ga s t o 1 di,
A clrian o B a nchieri, Ga s p a r o Tor e lli, Giovan Maria
Na n in o, Hor at i o V e cc h i u. s. w. V/ie alle anderen "g·ebildeten"
Künstl er, so zogen auch di e "gebildeteren'' lVIusiker nach Itali en,
um dort ihre weitere Ausbildung zu er halten. So z. B. Joh. T o 1-
1 i u s und der von Ga bri e l i ho eh gepri esene l\1 e 1 c h i o r B o r c h-
g revinck.
V on den niederländischen Musikern, die in clem Kat alog angeführt
werden, sind Willaert, J. P. Swev e lingh (Swee1inck),
Cornill e Verdonq (Co rneli s Verclonk), CornelisSchuyt
zu nennen. Der Hauptzug der Büchersammlung ist aber jene
intern a t ion a 1 e Ren a i ss anc e kun st, wie sie si eh aus Italien
verbreit ete.
Das Zeitalter S hake sp e are s sank ins Grab! Der Calvinismus
machte die einzige Quelle versiegen, welche der arg bedrängten
norclnieclerlänclischen Volkskunst neues Leben hätte zuführen
können. Es ist ni cht zufällig, classbeijenen e ngli s ellen Schau-
sp ie 1 t r up p e n di e (Instrumental-)Musik eine solch grosse Rolle
I ) Den voll sU\ndi gen Titel fllhrt A 1 p b. Go o va ert s : I-Ii stoire et bibliographie de la
typograpbie rousicale dans les Pays·Bas. 188o (N°. 8 Iz), an:
J. Jenki n s : Engels Speel-tbresoor van C. C., de nieuwste Allemanden, Couranten,
Sarabanden, Ayres etc. gesteld door elf der konstighste Violisten deser tijrlt in Engeland
voor Bass en Viool en ander speelgereetscbap, mede LXVII spelstucken als Allemanden,
Couranten etc. voor twee Vial es en Bass, als mede een Bassus continuus ad placidum.
Amsterdam 1664.
DAS ZURUCKTRETEN DES ENGLISCBEN EINFLUSSES.
199
einnimmt. vVar doch derj enige, in dem di e national-dramatische
Hochblüte Englands gipfelte S h a kesp e a re, ein begeis terter
Musikliebhaber und Verehrer der zu seiner Zeit noch lebendi ge n
Volkskunst (vgl. L e d e r e r: Shakespeare als Leitstern
der musi khi storischen Forschung. Über Heimat und Ursprung der
rnehrst. Tonkunst, Ka pit. I). Shakespeare ist der In begri ff einer
absoluten nationalen Kultur. Unter seinem Einflusse, unter dem
Einflusse j ener englischen Volkskunst hätten die vi elverheissenden
Ansätze unsrer romanti schen Vol ksbühne eine ganz andere Ent-
wicklung nebmen können, anstatt - wie es geschah - elend in
·der "Klucht", der Posse, unterzugehen. Und der " erbauende"
/s ticht e lijke) Ton, verkörpert in de111 Dramatiker" Vond e l
\ " '
hätte unsrer nati onalen Bühne nicht den Garaus gemacht. Denn
grade di e eng1i schen Schauspielertruppen hatten in ihren Sing-
spielen di e volkstümliche Instrumentalkunst mächtig gefördert.
Sie führ ten ein eigenes Orchester mit sich : so z. B. die Truppe
.B r o w n s, we1che mit ei nem Empfehlungschreiben des Grafen
Howard an die Generalstaaten di e Niederl a11cle besuchte ; des-
gleichen j ene Truppe vom Jahre I599· S p e n c ers Truppe ( r 6 r z)
bestand aus 19 Darstellern uncl r6 IVIusikern. r)
Es ist das mu s ik a I is c he M o rn e nt, das die verschi eclenartige
Entwi cklung der englischen und ni ecl erländischen Bühne bedingt.
'VVä hr e n d in E n g lancl, wie wir gese h e n, di e Re ze p tion
de r V o ll.- s kun s t dur c h die Hö he11kunst s chon früh-
z e i tig· e r f o 1 g t, u n d i h r in d e m I3 ü h n en s p ie 1 e i n e gr o s se
H. o 11 e ei n g e r ä u 111 t w u r d e, bli e b hier cl i e 1\II u sik, die
v o ka l e u n d z u g l e i c h i n s t r u 111 e 11 t a l c V o l k s k u n s t, v o n
cl e r cl i cl a kt is c h-m o ra 1 i s c hen R e der ij k er b ü h n e a u s g e-
s c h 1 o sse n. Durch jene instrumentale Mus ik u nel ilue Vertreter,
cl i e fa h r e nde 11 S pie ll e ut e, war der Kontakt mit der Volks-
kunst hergesteliL So erklärt sich der herrliche Aufschwu11g
r) Über di e engHsohen Sch11.usplehruppen und den Einlluss den englischen Bithoc
''gl. Mr. L. P h. C. Va n den Bergh: Graveohangscbe Bijzonderheden. l. J8S7· S. 2o lf.;
C. N. Wybrn n ds ; Hot Amsterdnmsche Tooneal in I6I7- "I777· Utrecht 1873. S. 25 ;
H. E. M o I t 7, e r: Sluikspere's invloed op het Nederlandscb tooneel der t 7de eeuw. 1874.
· 33; J. A. Wor p : De invloed der 1::ngelsche lelterkunde op ons tooneet ln de 17de
eeuw. (Tijdspiegel r887, 111} ; J oh a n n c s B o 1 t e : Die Singspiele der engl!schen Komo-
dianten und ibrcr Nachrolger in Deutschland, Holland und Skaodinavien ('l'healergeschicbl-
lichc Forschungen, VII.) 1893; Al b cr t Cohn: Sbakspeare in Germany in the siltleentlt
and se1•enteenth centuries. An account or Engllsh au tors in ermany nnd the Netberlands,
anti the pl ays perCormed by thcm duri ng the sa me per iod. r 865. S. XXII.
200
DAS ZURÜCKTRETEN DES ENGLISCHEN EINFLUSSES.
der nationalen englischen Bühne, jene goldene Zeit eines Mar I o we s,
vVcbsters, Ben Jonsons, Massing·ers u.s.w., die von dem
unsterblichen nationalen Genius S hakesp e are s g·ekrönt wurcle.
Beherrschte doch die englische Instrumentalkunst, das cnglische
instrumentale und vokale Tanzlied ganz Nordeuropa, die Niecler-·
lande, Deutschland uncl Dänemark. vVenn wir die niederlänclischcn
Lautenbücher jen er Zcit (z. B. des Th y s i u s) durchblattern, so
häufen sich die clarin vcrb·etenen c n g I is c hen \.V eisen. Nimmt
man z. B. die Sammlung der "Valerius"-Liccler von Loman
u nel van Riem s cl ijk vor, so ergibt sich, dass von den 28 ange-
führten Liedern 7 schon ohne weiteres englischer Herkunft sine\:
das schöne "Geluckig is het land" führt als "Stem'': "Op de
Engelsche Min'' (No. 9); das berühmte "Berg-op-Zoom"-liecl
"Merck, toch hoe sterck'' hat als "Stimme" das bezeichnenclc
"Comedianten Dans" (No. IS); "\Vie dat sich selfs verheft"
(No. 17) hat die "Stem": " Op 'tEngels Lapperken"; das schöne
"Men brand, men blaeckt" (No. 2I) die "Stem: Engelsche Daphne;
"Lact sang en spel" (No. 22) wieder "Stem": "Op clc Eng·elsche
Foulle"; "Heere, keere van ons af" (No. 25) die "Stem": "Engels
nou, nou"; ,,Batavia, ghij sijt de Bruijcl" (No. 27) die "Stem":
"Engels \Voddccot." Im :,Uitnement Kabinet" sind die englischen
vVeisen noch stark vertreten. Und grade das instrumentale engli-
sche Tanzlied wurcle von nationalen Komponisten, wie R i c har cl
Machin, Thomas Simpsou
1
), \.Villiam Bracle, Valentin
F 1 o o cl, Joh n St a nl e y, Joh n P r i c e übcr den Kontinent verbrei-·
tet. Dem von Shakespeare gefeierten J ohn Dowland begegnen
wir wiederholt in dem Lautenbuch des Th y s i u s (alias Smout i u s).
So befindet sich in dem "Frieschen Lusthof" des St art er (I 62 I),
der selbst ein Engländer war, aus London gebürtig, jene auch in
S hakesp e are s "As you like it" verwendete wunclerschöne niecler-
deutsche \Veise "0 mijn Engeleyn, o mijn Teubeleyn."
Es war hauptsächlich Zwischenaktmusik, die von den Instru-
mentisten der englischen Schauspielertruppen zum besten gegeben
wurde: Tanzsätze u.s. w. B rederos Angriffe auf diese uner-
wünschten Konkurrenten der "Oude Kamer", deren lVIitg·Iiecl er
war, beweisen eben die weit grössere Belichtheit jener englischen
1) Vgl. z.B. die schöne Allemande von Thomas Simpson in Hugo Rie-
m a n n s "rs Reigen und Tiinze aus Kaiscr Matthias' Zeit". (Leipzig, Fr. Kistncr) No. 4.
DAS ZURUCKTRETEN DES ENGLISCHEN EINFLUSSES. 20I
Gäste: so rügt er z.B. in einer Ansprachc an das Publikum der
O
ude Kamer", "Geeft Lust'' g·enannt die Deych t-rijcke J offerjes",
' ' "
~ v e i l "eenighe Dochtertjes ons Spel niet en hebben komen besich-
tigen; maer hebbent ghcschuwt als of 't een oneerlijck dinghen
ware, cl a e r s ij nochtans we 1 s on cl c r scha e m te cl a g he-
l ij ex met een nechti ge ern st naloopende licht-voe-
tighe Vreemdelingen."
1
)
Bei den Engländern fand das Volk die vVirklichkeit, bei den
Rhetorikern die unnatürliche Situation. Dementsprechend erzählt
Re y nier, ein Botter Amsterdam er Patrizierssohn, in Brederos
"Moortje," wie seine Freuncle liberlegt hätten, wie man wohl am
besten den Abend zubringen könnte, und einer gesagt habe:
"Kom gaen wy op de Hal en sien de gheesten
2
) spelen !"
Maer Packe-bier 3) die sey: "ick mach gheen schempen veelen,
'k Ben liever inde kroech by een exellente Trijn!
Ick mach so langh oock by gheen Redenrijeker s zijn;
Sy segghen op haar les, so stemmich en so stijf,
Al waart gevocrt, gevult, met klaphout al haar lijf!
Warent de EnghelsGhe, of andere uytlandtsche,
Die men hoort singhen, en so lustich sien clantse,
Dat sy suysebollen, en clraeyen als een tol:
Sy spreeckent uyt haar geest, clees le eren t uyt een rol!"4)
Es ist leicht verständlich, dass clas Volk mehr Gefallen an der
nationalen Kunst der E nglänclcr f<mcl, an ihren volkstümlichen
vVeisen, als an den "s}ichtelijken" odcr mythologisierenden Bühnen-
proclukten der Rhetorikkammern.
Es ist aber wieder bezeichnencl, class die Beeinflussung· dmch
die englische Bühne in Holland keinc Belebung des nationalen
l3ühnenspieles hervorrief: nur wieder eine äusserliche Nachfolge,
wie z. B. das "Schauerdrama". Die besscren vVerke des Shakes-
pearischen Zeitalters, \velchc die englischen Truppen neben ihren
oft sehr triviaJen Sing·possen mehr ocler weniger gut aufführten,
r) De werken vanG. H. Breclero, uitgeg. door Ten Brink, Moltzer, Kalff
n. s. w. Bd, !U, S. 153.
2) cl. h. Rhetoriker.
3) ll. h, "Biergreifer''.
4) De Werken vanG. A. Bredero u.s. w. Bel. IJ, S.6s, 66.
202
DAS ZURÜCKTRETEN DES ENGUSCHEN EINFLUSSES.
olieben ohne innere Einwirkung auf die niederlänclischen Renais-
sancedichter und ihre Bcihne.
Und nun versi egte der Brunnen, aus dem jenerStrom geftossen.
Das war die kulturelle Errungenschaft des Calvinismus. Denn was
jene Länder, England und Niederland, durch die calvinistische
Erwerbsethik auch an Reichtum und Besitz gewannen, das verloren
sie doppelt und dreifach auf clem Gebiete des inneren Lebens, auf
dem Gebiete der nationalen Kultur.
Es kann diese Tatsache nicht genug betont werden
in bezug auf die gefälschte historische Tradition
mit der jene kulturfeindliche Partei, die
Format i o 11 cl es Ne o-C a 1 v i 11 is mus, he ut z ut a ge ar bei-
te t. Nu r cl ie a bso 1 ut e U n ken n t nis der R o 11 e, wc 1 c he
der Calvinismus in der Geschichte unsres Vaterlan-
d es gesp ie 1 t ha t
1
), kan n ei n c cl er art i ge u n verdient e
Eins c h ä t z u n g· u n d \V ü r cl i g· un g h c r v o r r u fen.
Der nationale englische Einfiuss schwand. An seiner Stelle be-
mächtigte sich der Internationalismus des ganzen Feldes. Dieser
Prozess der Internationali sierung, durch die Patrizierkreise so
stark gefördcrt, hat bei ihrer unbedingten Devotion für italienische
und französischc Modekunst der niederlänclischen lYiusik mit ein
frühes Ende bereitet.
Das schnelle Herabsinken des musikalischen Reichtums in Norcl-
niederland i st graclezu auffallend. In Jan Pieters z. S wee 1 in c k s
Orgeltabulaturen fanden wir noch Tanzsätze und Volksliederbear-
beitungen. Er war das Binclegliecl jener katholisch-heidnischen
Periode des I 6. J ahrhunderts und der deutschen Kunst des B u x-
te hu de und Joh. Se b. Ba c h s, die in dem lutherischen Lande,
wo das geistliche Lied Pa u 1. Ge r har cl t s, dem Volksliede ent-
sprossen, noch seine schönen Blüten trieb, entstehen sollte. Aber
schon bei S we c 1 in c k, dessen 'vVesen doch dem Calvinismus ganz
fernstand, wird sein erstarrencler Einftuss fühlbar. In seinen Psalmen
und französischen Chansons ist nicht mehr der warme Volksliedton
des 16. Jahrhunderts zu fi.nden, sonclcrn die internationale Madrio·al-
:::,
1-::onvention. Seine Orgelwerke (wie die des A cl a m Re in ken)
sind die Vorläufer jener norddeutschen Organistenschule, die eine
virtuosenhafte Richtung in der Orgelkunst pflegte.
r) Wie z. B. in Schrift ihres Fïihrcrs A. K u y per: "Het Calvinis me"'.
DER CALVINISMUS WIDER DIE KIRCHENi\fUSIK. 203
Als S wee 1 in c k im Jahre 162 I die Augen schloss, g·ing mit
"bnl der letzte Vertreter der altniederländischen Kirchenmusik zu
1) Wozu der. Calvinismus noch eine Kirchem:1llsik?
Die wäre doch nur etne ettle \Veltlichkeit gewesen, w1e der
farbenschmuck der Kirchenwände, gegen den die Rot t c r cl a me r
Synode d e s Jahres 15Sr ein Verbot ergehen licss.
2
)
Dieselbe Agitation, welche der Calvinismus geg·en die Glocken-
spielwerke auf den Kirchtürmen, die luftigen Schlupfwinkel der
Volksweisen, entfaltete, wmde noch in erhühtem l\Iasse wider
die Kirchenmusik, speziell wicler die 0 r ge I, gerichtet. Der Chor-
n·esang- war zug·leich mit dem katholischen Ritual aus den Kirchen
nur die Orgel, jene verdächtige Trägerin papistischer,
fleischlicher und sinnlicher Gelüste, war geblieben. Sie war den
Prädikanten ein Dorn im Aug·e: sie mit ihrem Sang und Kl ang
auszurottcn bildete das Ziel der synoclalen und kirchenrätlichen
Bestrebungen währcncl eines ganzen J ahrhunclerts.
Sofasst die Provinciale Synode von Dordrecht 1574
den Beschluss, dass "het spelen der orgelen ... g·ansch behoort
afghesct te wesen" .
Die Synode von Edam (1574) richtet eine Petition an clen
j'v1agistrat, das Orgelspiel abzuschaffen, damit der Gottesdienst einen
tieferen Einclruck in den Herzen der Leute hervorrufcn könnte, so
der Artikel: "Aengaencle het orgelspelen in de kerken af te stell en
is besloten de overheid te vcrzoeken het orgelspel af te
stellen, opdat "die dienst des woorts Goods beter zyn effect
in die herte der menschen vercryge ende bewaert \\·orclt:.'"
Ebcnso forclert die Natioiiale Synode (I5ï8), dass die
"orghelen ... moesten weggenomen worden."
Es ware dem Orgelspiel g·enau so vvie clcm Volkslied ergan-
gen, wenn nicht die mehr "libertinische" Obrigkeit den sich ereifcmel en
calvinistischen Hitzköpfen ihr Veto in den \Veg g·elegt kitte.
I) S wee I in c k cinen calvinist ischcn Tondichter zu nennen, wie es in Niederlnnd
j etzt öfter geschieht, ist eine Unrichtigkeit, die nur bei vollsti\ndigem Mangel mnsikgeschicht-
licher wie knlturbistorischcr Kenntni sse möglicll ist. Der Komponist der "Regina Cocli",
der \V'eilmachtsmotette "Hodie Christus natus est", des Kanons "Sine Bacho fr•iget Venus"'
ist ebensowenig Calvinist wie Rembrand.
2) Re i t s ma en van Veen: Acta der Prol'. en Pal"!. S ynoden. I, 0 . CliO.
204
DER WIDER DIE KIRCHEN!IIUSIK.
So wurclc eine auf die Abstellung des Orgelspieles hinzielende
Eino·abe von clem Magistrat Arnhems abgewiesen (I 589) uncl
der :o. Prädikant, der von der Kanzei henmter seinen heiligen Zorn
zu stark geäussert hatte, deswegen sehr ernsthaft gerügt und ihm
"geordonneerd", nach der Preeligt vor- u nel nachmittags die Orgel
spieJen zu lassen. I)
Aber doch erreichte der Calvinismus vorläufig soviel, dass währencl
des Gottesdienstes die Orgel verstummte. Beim Abenclmahl blieben
die bernalten Orgeltüren sogar geschlossen.
Der rechtgläubige Professor Voet i u s konnte a lso im J ah re I 643
behaupten, niemals von einem Kirchengesang· mit Orgelbegleitung
gehört zu haben.
Aber in dem zweiten Viertel des 17. Jahrhunderts bereitete sich
cin Umschwung vor. Im Jahre 1636 ersuchen "de heeren van
Gerechte en de Kerckmeesters" zu Leiden, währencl des Gesanges
die Orgel spielen zu lassen.
Dasselbe geschah in Dor cl recht (I638).
vVie jener "gereinigte" calvinistische Gemeindegesang geldungen
haben mag, clavon zeugen noch unscre jetzigen Dorfkirchen.
Es ist leicht begreiftich, class die Herren vom l\l[agistrat, deren
weltlichere Ohren etwas empfmdlicher waren, sich wieder nach der
Beihilfe der Orgel sehnten.
So sehen wir, wie cl er Mag is tra t liberall die Orgel wieder
in den Gottesdienst einführt, obgleich der lGrchenrat sich aufs
ausserste dagegen sträubte.
Die Zuidhollandsche Synode vonDelft (I638) äussert
sich über die8e heikle Frage schon etwas gemässigter als ihre
Schwester im I6. Jahrhundert. Sic erklärt das Orgelspiel für eine
"middelmatige (gleichgiltige) zaak."
\Vohl versuchen die Prädikanten Mi d cl e 1 b u r g s im J ah re I 640,
das Orgelspiel wieder abzuschaffen. Aber der Magistrat weigert
sich aufs entschiedenste, ihnen den \Villen zu tun und behauptet, das
Orgelspiel sei "gene ontstichtinge voor de Gemeente", besanders
da es "oock het in ordentelijek singen voorcompt." (!)
Sogar der musikbeflissenc Con st. I-I u y gen s mischte sich in
den Kampf der Geister. In seinem "Gebruyck of Ongebruyck van
1) Vgl. die Ausführnngen D. F. Scheur Ie er:> in seiner Studie
11
Het muziekleven'' in
in de zeventiende Eeuw."
DER CALVINISMUS WIDER DIE KIRCHENMUSIK.
205
Orgel in de Kercken"
1
) nimmt er zwar Stellung gcgen das an-
clachtraubende Orgelspiel, wie es öfter vor und nach der Preeligt
gepflegt wurde, erklärt aber doch ein heseheidenes Vor- und Zwi-
schenspiel sowie eine zutiickhaltende Begleitung nicht nur für
zubssig, sonclern sogar für envünscht.
Diese freisinnige Schrift des sonst so rechtgläubigen I-I u y gen s
crregte den Zorn des Calvinisten Ca 1 c km a n n, der ein "Anti-
dotum oder Gegengift"
2
) gegen I-I u y gen s' Buch in die vVelt
schickte.
Er ist derselbe, der sich im Jahre I64I noch über jene "Paepsch-
heyclt" ärgert, welche sich vermessen hatte, ein katholisches
\Veihnachtslied in ein Kirchengesang·buch einzuschmuggeln (I6I 5),
eine Sache, die damals schon grosse Aufregung· verursachte. In
seiner Schrift aber nennt er das Orgelspiel "een leuchcnachtich,
ja een bedriegelyck geluyt door den Duyvel ghedreven" uncl
spricht von der "afgodische - - paepsche Org-el".
Trotzdem wurde die vVieclereinführung- des Org-elspieles weiter
fortgesetzt: im J ah re I 662 z. B. in N y me gen, erst I 68o in
Amsterdam.
Der Magistrat betrachtetc die Kirche, welche städtisches Eig-en-
tum war, als öffentliche Vergnügungsanstalt. Sie ordonnierten, die
(städtischen) Organisten (die oft zugleich "beyermeester'' ocler
"klokkenist" waren) sollten abends in der Kirche zur Ergötzung des
ch·innen und draussen herumspazierenclen Publilmms die Orgel
spielen.
V a n Riem s dijk hat in seiner Studie über das "Collegium
.IVTusicum" in Utrecht ein derartiges Beispiel gegeben in der Person
des blinden Organisten, Flötisten und "Klokkenisten" Jonkheer
Ja co b va 11 E y c k, clem 1-Ierausgeber von "cl er F lu y tenLus t-
h of." I) Er hat das Glockenspiel des Dom es zusammengestellt und
I) Const. Huygcns: Gcbruyck of Ongcbruyck van 't Orgel in de Kercken der
Vcreenigde Nederlanden. Leyden. 1641.
2) J. J. Ca I c km a n n. Antidotum. Tegengift van 't gcbruyck of ongebrttyck vant
Orgel in de Kercken der Vcrcenigcle Nederlanden. 's Gravenhage t6.p.
3) Der Titel des ersten Tei!es lautct, nach dem Excmplar in der Amstcrdamer Uni-
versitätsbibl., "Der Fluyten Lusthof, vol Psalmen, Paduanen, Allemnndcn, Couranten,
Balletten, Airs, k onstig h en 1 i c f 1 y c ge f i g u r c e r t met v c e 1 ver a n de·
r i n gen. Door den Ed. Jr. Ja co b van E y c k, Musicijn en Di reeleur van de klok·
wercken tot Uitrecht, etc. Den zdcn druk op nieuws overhoort, verbetert en vermeerdert,
206
DER CALVINISMUS WID:C:R DIE KIRCHENMUSIK.
war al "Domklokkenist" zu gleicher Zeit auch vom Kapitel der
St. Janskirche angenommen worden, "om te speclen op des capittels
doeken, alle Sondaghen en Vrydaghen een ure voor den middach
en alle Sondach na den middach een uur. Item, van Mey aen tot
Doms Kermis inclusive een uur alle daghcn, s'avonts nae den eten,
ende dat voor een tractement van 80 gld. jaarlicx."
Tm Jahre "1649 May I 7" wurde "Jo. van Eycl· gecontinueert,
syn tractement, van 8o gl. tot 100 gl. geaugmenteert, mits dat hy
de wandelende luyden op 't Kerkhof somwylen s'avonts met het
gduyt van zijn fluitgen vermake."
1
)
Dass der Magistrat an einen veredeinden Einftuss der Musik auf
die l\•fasse glaubte, geht aus der Anweisung hervor, welche der
Leidener Organist Co r n e 1 i s Sc hu y t in seiner Instruktion er hielt:
es wurde ihm vorgeschriebenen, öffentliche Orgelkonzcrte zu ver-
anstalten, um das Volk "meer uyt herbergen en de ta venen
te houden."
Vondel envähnt im Tonc 1vehmütigen Anclenkens "Dirk
Swelings (der Sohn des Jan Pietersz.) verquikkende avant-
klanken" und die "gepropte bankken" in seinen Konzert en.
Jene Orgelkonzerte bildeten den unausgesetzten Angriffspunkt
der Kirchenräte. So ri ef im Jahre 1653 Dirk Sweelincks
Vorhaben, auf der Org·el der "Oude Kerk"- "het kindeken
te wiegen", das heisst al te ViJ eihnachtslieder, "1 eisen", zu spie! en,
door den Autbenr, met Psalmen, Paduanen, Allemanden, en de ni euste voyzen en ver·
scheyden stucl<en, om met 2 Boven zangen te gebruycken. Dienstigh voor alle Koosttievers
tot de Fluit, Blaes en alledey speeltuigiL Eerste deel. t'Amsterdam, bij Paulus Mattbijsz.
in de Stoof-Steegh, in gedrukt r649.
V on dem 2. Bde. sine! zwei Exemptare in der A'damer Uni versit:\tsbibl. vorhanden,
eine vom Jahre t646 und eine vom J ahre t6S4· Der Titel des 2. Teil es lautet:
Der F l U)' ten Lusthof, Beplant met Psalmen, Pa vanen, Al manden, Couranten, Bal·
lellen, Arien, etc. en de nicuste voizcn, konstigh en li efelijk gcfigurcert, met
veel veranderingen. Door den Ed, Jr. Jacob van Eyclt, Musicijn en Directeur van
de klokwercken tot Uitrecht cto. Dienstigh voor alle Konst-Ilevers tot de F luit, Blaes- en
allerlcy Speelluigb. Tweede de.el t'Amsterdam, bij Paulus Matthijsz, in de Stoofstcegh in
't Mnsycboek, gedrukt 1654.
Beide Toile sind C. liuygens gewidmet. Van Eyck gebörte anch zn den Gästen
Hoofls auf dem Mnyder Schloss. Von seinen hi erin vertretenen Originalkompositionen
ist die .,Bataille" cdur (!.fol. sound 5r, bei Riemsclijk abgedruckt S. 78 und 79)
wegen ihrer motivisohen Verwertung des "vVilhelmns" nnd des Soldateoliedes "ick wou
wel dat den krijg anginck" uncl der Fanfarentbcmen bcacbtenswert.
1) Bei Riem s dij Ie: Het Stads-Muziekcollege S. 36, 37, nach den "Documenta
Ecclesiam S. Joanni s Traj. speè!Rntia'' von Do d t van F Ie n s burg herausgegeben
im .,Archief voor Kerkelijke en \IVereldsche Geschiedenissen". UI, S. 170.
DER CAL VINISiliüS WIDER DIE KIRCHEN!I-IUSIK.
207
(so wie sein Vater auch die VolksHeder venvertet hatte), zu wekher
Veranstaltung er viele "Papisten" eingeladen hatte, dieselbe heilige
Erregung hel'vor, in die Ca I c km a nn im Jahre 1641 noch geriet
wegen eines katholischen Weinachtsliedes, das in das reformierte
1 irchenbuch {r6r5) aufgenommeu worden war. r)
Irn Jahre I 6 56 bescbwert si eh der Kirchenrat Amsterdams beim
Magistrat wegen "ergerlyck singen en spelen op het
or ge l.' ' Nach den Kirchenratsak.ten verteidigte sich der zur
Verantwortung vorgeladene Organist "stoutelyck niet anders als
ordinaris gespeeld te hebben." Der Magistrat schob die Sache
von si eh, sie der polizeilichen Zushindig-keit üb erweisencl. Und so
verlief sie im Sancle. In almlichem Sinne äussert sich I-I u y gen s
iiber die Orgelkonzer te 3) : man höre "tegens eenen Psalm thien
Madrigalen'', uncl: wat claer wijders omgaet, tusschen jong·er
bloed, onder de gunst van donckere hoeeken ende een gestadi gh
geluycl, is naer t e clenckcn."
Dank der "libcrtinischen" IVlagistrate blieb die Org·el und cl as
Orgelspiel erhalten. Aber die Kirchenmusik verschwand.
Ein Vergleich zwischen Deutschl ancl uncl Niederlancl urn die
·wende des r 7. J ah rhuncl erts zeigt die U nfruchtbarkeit des Cal vinis-
mus. \Vährencl im Luthertum die Kirchenmusik ( vokale und instru-
mentale) sich immer mächtiger entwickelte und in Joh. Se b.
Ba c h ihren höchsten Glanz erreichte, breitete sich über die ver-
einigte Republik dunkle Nacht aus.
JVIit S wee 1 in c k verschwand die niederländische Kirchenmusik.
Seine Kunst wurde von seinen Schülern nach gastlicheren Gegen-
den, nach dem lutherischen Norcldeutschlancl verpflanzt.
Seitclem bli eb Nordniederland verödet.
V on S wee 1 in c k s Sohn Dirk, dem Amsterdam er Or<Tanisten
b '
der häufig bei Hooft auf clem Muiderschloss Gast war und dort
das Clavicembalo spielte, hört man als Komponist fast garnichts mehr.
Nirgendwo zeigt sich die Abhängigkeit jener geistUchen Musik
von der weltlichen besser als in England uncl Niederland, wonach
dem cal vinistischen Kreuzzug gegen die Volkskunst die kirchliche
1
) Vgl. Sc ben r 1 eer s "Het !vluziekleven" in "Amsterdam in de zeventiende eeuw.''
2
) Gebruyck of ongebrnyk van't orgel u.s.w. S. 34·
208
DER NIEDERGANG DER NATIONALEN TO::i"KUNST.
, 1 · 1 f· 11· verschwand. Und in wekhen erbärmlichen Zusla,nc[
I<.unst g etc 1 a s . . .
1
· · t" he Gemeinderresano· o·enet davon wtrd noch lll clcn.1
der ca vmts tsc b b b ,
Abschnitt über das 19. Jahrhundert die Rede sein.. .. .
A
cc: 11 1 <Yering· wird die Produktion der mederlandtschen
U11a ene "'
Musiker, sowohl der national-volkstümlichen als auch Nach-
folo·er der französisch-italienischen Komponisten. Schon 1111 letzten
des 17. Jahrhunderts ist das fremdlänclische
in Nordnieclerland überwiegend. Von den niederländtschen I<.om-
ponisten ist Dirk Schol! (ge.b. 1641) be-
deutendste. 1) Der Delfter Orgamst war aber gletchzetttg em ent-
schiedener Gegner des immer mächtiger werdenden Einflusses der
i talienisellen "musica da camera". Q u i r in u s van B 1 ankenburg
erzählt in seinen "Elementa. Musica" (r 739)
2
), wie Sc ho 11 sich
leidenschaftlich aufgeregt habe i.iber die Einführung von auf cis
und di 5 rrestimmten Glocken in der niedere Oktave, welche Ein-
b •
führung er (der junge van B 1 anken burg) damals beim Magtstrat
durchzusetzen gewusst batte. Dirk Sc ho 11 verurteilte diese
Ncuerung als eine grcsse Torheit und schrieb eine Flugschrift
gegen van B 1 ankenburg "0 n- noodsake 1 y k he i cl van Cis
en Dis in de bassen der klokken". AnderOppositiongegen
van B 1 anken b u r g beteiligten sich sogar der berühmte Glockcn-
o-iesser P ie rr eH e m on y, sow ie Salomon Verbeek und Mi eh iel
Se r va es Nu y t s, "klokkenisten" von Delft und Amsterdam. 3)
Derselbe Sc ho 11 nahm damals in einem vollen Konzertsaal,
wo das erste, neu erschienene vVerk von Co re 11 i gespielt wurcle,
das Stimmbuch und sagte: "vVenn ich wüsste, dass dies das einzige
Exemplar wäre, ich würde es sofort ins Feuer werfen." "So ändern
sich die Zeiten", sagt van Blankenburg. 4)
1
) En s c he d é bat von ihm die "Rouw- en liefde-tranen uitgestort over den dood
van Maria Stuart" !(1695) veröffentlicht, ein sehr schöner, schlichter, vierstimmiger Satz.
Vgl.J. vV, En s c he d é: Dertig jaren Muziek in Holland. 1670-1700. (1904). Beilage N' VII.
2
) E 1 e men t a Mus i ca of Nieuw licht tot het welverstaan van de musJee en de
bas-continuo etc .... door Q u i r in u s van BI ankenburg in 's Gravenhage, by
Laurens Berkoske. 1739. 2 Bde.
3) Über den Goudasehen Glockenkampf vgl. En s c he d é. S. 28 fL
4
) Sc ho 11 batte seine Schrift mil einem Spottvers abgescblossen. In bezug darauf
sagt v. B l a n ken b u r g (Vonede § 23): "Voorwaar een deftig Poeët, maar nog groot er
Organist: want bet heugt my dat, toen 't eerste werk van Correlli uitkwam, hy op een
vol concert het boek nam, zeggende, dat ik wist, dat dit bet eenigste exemplaar was, 1k
le' 't zo aanstonds op 't vuur. 't vVas in die tijd, dat al de clavicimbelen nog een kort
clavier hadden; daar men nu integendeel moeite zonde hebben om er een te vinden,
wyl zy m1 alle worden lang gemaakt. Zo veranderen de tyden."
DER NIEDERGANG DER NATIONALEN TONKUNST. 209
Einerseits g-ewann die i t a 1 ie nis c h-f ra n z ö sis c he 0 per,
-!erseits die i t a 1 ie nis c he Kammermus ik die Führung·.
ant
F o·lancl ist vollständig von der Bilclfl.äche verschwunden, und
tritt erst im Anfang des 18. Jahrhunderts wieder auf.
1111
1
s. Jahrhunclert ist es die italienische Oper, welche die Führung
îbernimmt, währencl neben der italienischen Kammennusik die
. .!
de uts c hen S y m ph on ik er einen varwiegenden Einfluss ausüben.
Der cleutsche Einfluss greift gegen das Ende des Jahrhunderts
sogar auf die Oper über: M o za r t erwarb sich durch die cleutschen
und niederländischen Auffühnmgen seiner Opern in Amsterdam
eine solche Popularität, wie sie die französische uncl italienische
Oper n ie besessen ha ben.
1
)
Wie stark der Einfluss der italienischen Kunst in der letzten
Hälfte des r 7. J ahrhunderts wurde, geht hervor aus einem Bericht
des van B 1 anken burg, der uns einiges vonder Kunstbegeisterung
der niederländischen g·ebildeten Kreise mitteilt: "Hier op moet
ik hier gedenken, dat myn Vader hebbende door 1 ie fh ebbe r s,
cl ie in I talie n ha cl cl en gerei st, verstaan, dat de musiec
alelaar tot een veel hooger trap van volmaaktheid was geklommen,
door koop 1 ie cl en al de beste en nieuwste werken te Venetiën
heeft doen opkoopen en met hare koopmanschappen doen her-
waarts overvoeren. Deze waren d'eenigste die hem konden
v e r make n. E n, wannee r ik daar na i n m y n j e u g d zo u
musiec leeren, zo mogt ik anders geen boeken als
cl e ze ge b r u ik en ; waar mede dan myn gedachten wierden op-
gevalt: 't welk van dien uitslag· was, dat ik geen anclre 1 om p e-
r yen mogt hooren."
2
)
Was die italienische lVIusik um die Wende des 17. Jahrhunderts
bedeutete, ist nicht zu vergleichen mit der niedrigen Stufe, auf die
:sie ein J ahrhunclert später herabgesunken ist. Es waren gewaltige
Klassiker, die trotz ihrer Abstraktion eine strenge Form handhabten
;_mcJ Werke von sokher Hoheit und Erhabenheit gesellaffen haben,
dass ihre Namen ewig bleiben werden, wenn sie auch zeitweilig
r) Die ,za n b e ,. f I ij te" wirkte in Nord-Niedcrland wie eine Offenbarung. In jeder
k;mn man um diese Zeil "Aria's uit de Toverfluit" linden. Ein
Beweis, welche Macht die sebliehte, tiefe Foren der Mozartsehen Musik auf die Masse
.ausi\bte.
Fiir die Geschicbie der Op er im 18. Jahrhundert vgl. Sc hen r 1 eer: Het Muziekleven
in Nederland in de 18de eeuw. !I, S. 193 ff.
'l) Elementa Musica; Varrede § 7•
210
DER NIEDERGANG DER NATIONALEN TONKUNST.
h 't anheim fielen Aber jene klassisch-philosophische
P
der. die in wiederurn in Joh .. Se b.
eno e tn e ' . . · h · d
'h G' ''el erreichte führte m N1ederland me t, wte ort
Bach J ren lP' ' .
C 1 P h i 1 i p p E m a n u e 1 Ba c h und den Man n he 1 me r
von ar ml' h p . d
W
. r Symphonikern zu jener volkstil 1c en eno e
und lene ' . h
. H d n u n d M o za r t sondern verlor si eh in dem se1c testen ay ,
Opernton. . · d
Z. hen wir wieder um einen Bliek in die Verhalt111sse der ama-
Je ' . . d
I. Zeit werfen zu können den Musikalienkatalog- emer me er-
1gen - ' . .
ländischen Musikliebhabergesellschaft heran, so sehen w1r, Wie
gegen das Ende des I 7. J die Vorherrschaft
der italienischen Kammermusik bes1egelt 1st.
In der Liste der Musikwerke, welche im "boek der wetten" des
"Stadts Colle g ium musicum"
erden finden wir die I tal i ener Ver a c 1 n 1, B 1 a n c h 1, Tart In 1,
w ' · D t
Vivaldi, Schiassi, T e ssarini veltreten und nur emen eu-
schen: J 0 ha n n Schenk. Die französische Oper ist durch Lul 1 Y s
AchiJle et Polyxene" vertreten.
1
)
" Di e Holländer haben diese Werke alle gehört, bewunde1:t und
verelut. Aber ihre Produktion hob sich nicht dadurch. Der
piet er He 11 end a a 1, Schüler Tart in is in Padua, ist em_ zu
vereinzelter Fall, um in Betracht kommen zu können. l!nd dabe1
er kopiert nur in anerkennenswert anständiger We1se den St!L
seines grossen Meisters. 2) Ihm fehlt aber dessen tiefe philoso-
phische Natur. .. . , . .
Die noch zu erwähnende Ausserung P. d 1 1 as s u I os: es 1st
meine Überzeugung, dass man hier nicht so sehr aus
Liebe zu ihr die Musik pflegt, als wohl infolge einer g-ew1ssen
Angewohnheit, einer gewissen Anstandssitte, -. trifft nur allzu gut zu.
Wo die Volkskunst im Sterben lag und Jeder Zusammenhang
zwischen ihr und der Höhenkunst zerstört war, da konnte nichts
Originales mehr entstehen. Aber nicht nur brachte Nordniederland
keine eigene, nationale Kunst mehr hervor, sondern sogar nicht
1 ) Vgl. Muzikanten en de beoefening der. m u z y k in .G •: on i n_g
Bijdragen tot de Geschiedenis en Oudheidkunde inzenderheld van de Gronmg ·
Das Stadis Collegium Musicum'' wurde i. J. 1683 errichtet und ex1st1erte b1s c. 1780.
2 ) "In meinem Besitz befinden sich: Six Solos for a Violin with a Thorough Bass
for the Harpsic hord, composed by P eter He 11 en rl a a I. Opera quarta ..

J. Johnson. s. a. Sie gehóren zu seinen besten Kompositionen. Die Le1dener Umvers1ta ·
bibliethek besitzt noch weitere Kammermusikwerke van ihm.
DER NIEDERGANG DER NATIONALEN TONKUNST.
2II
einmal eine Nachahmung jener allmächtigen ausländischen Kunst.
Von den weiteren Komponisten des I7. Jahrhunderts ist der
Leidener Anders zu unbedeutend, Johan n Schenk ein Deut-
scher u. s. w.
Dasselbe i st mit den Komporristen des I 8. J ahrhunderts der Fall,
die in Nordnieclerland gelebt und gewirkt ha ben: B r ü n m ü I 1 er
(Brönnemüller), Gronemann, Hurlebusch, Frischmuth,
Jus t, Graf (Graaf) sind Deutsche, die beiden Co I i z z is Böhmen,
Locatelli, Mahaut Italiener u.s.w. u. s. w.
Und welche Kräfte ha ben die S ü dniederlande dagegen her-
vargebracht: van Mal cl ere, Bout m y; den Ba u er n so h n, aus der
alten Musikerheimat Hennegau den gewaltigen KlassikerGo ss e c;
aus Lüttich, den weltbekannten Opernkomponisten G r é try. Die
Südniederländer in Frankreich im I8. Jahrhundert bilden ein ruhm-
volles Kapitel der niederländischen Musikgeschichte.
Aus den a g ra ris c hen südniederländischen Territorien crino·en
b 5
seit dem frühesten Mittelalter die bedeutendsten musikalischen
Kräfte hervor. In di esen fr änkischen Gauen verband sich das ger-
manische Element mit dem südlicheren, romanischen: ihre Kultur
blieb aber trot z der äusserlichen Romanisierung eine rein "dietsche."
Bekannt ist die starke volkstümliche Beeinflussung des französischen
Minnesanges durch di e nationale, sogenannte "nordfranzösische"
Volkskunst.
Doch kann Holland um di e \V ende des Jahrhunderts noch manche
gute musikalische Kraft aufweisen. So si nd z. B. die Liedsätze von
G. S oen i u s (I 72 5) ') trotz der erbärmlichen französischen, ita-
lienischen und niederländischen Schäferdichtungen von grosser Schön-
heit und absoluter Volkstümlichkeit. Wenn man ihnen irgend einen
Volksliedtext unterlegte, würden sie ihre \!Virkung nicht verfehlen.
Auch der Amsterdam er W i 11 e m d e Fes c h (geb. Ende I 7.
Jahrh., gest. I 760 London), der si eh jenseits des Kanals einen
Namen erwarb, trotzdem er der konventionellen italienischen Richtung,
wie Händel, opfert, ist eine reich begabte Natur. Davon legen seine
Lieder
2
), wie die von S oen i u s mit Begleitung von Streichinstru-
menten und Cembalo, Zeugnis ab.
I) G. S oen i u s (in Amsterdam). Melodie per Camera c'io è XII Concertini Mescola ti
<I'Ariette nov@lle, a due 3, 4, 5, 6, 7 Strumenti. Haarlem (Univ. Bib!. Amsterdam).
.
2
) Besenders die n V I Eng I is h Songs witb vielins and german Rutes, and a
fhorough Bass for the Harpsichord Londen". (Grossher20J:. Dibl. Karlsruhe)
2!2 DIE TNTERNATIONALISIERUNG D1i:R KULTUR.
. 1an damit die musikalische Literatur unsrer Patrizier-
Zeitschrift "Maendelijks Musikaals Tijd-
f'; (
1752
) r), mit ihren zierlichen, ge-
vet d J d kolorierten italienischen Melodten, dte von der
schntlrte.n 1.111 S . ein virtuosenhaft gehandhabtes Instrument
chlicheu ttmme l . h 1 .
mens . t der Gegensatz arell. Zur Erbauung tel e IC ue.
machen 2), so IS l:> ".
. Liedtext mit (Bd. 5, S. 4): "Vrolyk Leven . emen
Ik kan naer begeren
Myn vrienden tracteeren,
Ik heb meer geld en goet
Als 'men gewoon by een Poeët ontmoet.
Ik heb tot gezelschap myn Rozelyn:
Die .Meyd is my
Gestaeg op zy, -
Dus ben ik vry
Van ooit naergeestig te zyn.
d "f'' scheinbar eine Zeit- Jenes Maenclelijks Musikaels Tijdver rLJ ' • . .
schrift fl;;. die bessere Vleit, enthielt nur Komposltwnen von emem
. .. d ... f Bestaende in Nieuwe Hollandsche
I} Ma ende 1 ijk s M n sI ka cl s TIJ ct ver IJ s'k gebragt met een Basso Continuo
. d d'Italiaensche trant m mu 1
canzonetien of zang he eren op • . K El z vier. Amsterdam N. Olofsen
d H Mahaut enmdlgtmaatdoor · e gccomponcert oor . . . '
s.a. 9Bde. (Königl. Bib!M. den. s) bestaende in drie stukjes.... door
-- (V er v o 1 g v a n h e t u sI a c
]. W. Lustig. N. Entwicklung der Musik in "De
2) Sogar Bilderdtjk beklag M l d Costa (toegelichtdoorMr. Wiltem
d G t der Eeuw van r. · a '
Bezwaren Legen en ees , 8 • x6
B L H rdingh en Zoon r 23. • ·
Bilderdijk.} Te Leyclen. y . e 'kk lde samenstelling, waarin de
Wat is de muzijk geworde•t? Ingewi e t afbreuk doet aan de
" ·e der rnstrumen en
z oog e na a m de h a r m o n I . M ')i'kheden in de uitvoering hebben 't spelen
. I 1 a r m o n I e. ' oet J k
e c h te me l o d Is c te l .. l"ke vlït en oefening te verkrijgen kunst gemaa t,
tot een zware en niet dan met I IJ'· va i o c u e Ach wilde men begrijpen
r • d OS • J 3 d I I C U . ' ·
en de grootste lo JS oorgaa · . ·
1
·ct dan zich uitstortende Natuur ts.
llfk i d 1 ze 10 ' t hart zit, en n f
dat geene kunst s, a Bi
1
cl er dijk allerdings an erster Stelle au
(Diese sebr rach!I.ge 13emerkung hätte .. .
. Rh 1 rik aowenden konnen).
seine eigene schwulstJgc e o, . .. eworden dan weelijvering met de snaar- en blaas·
"Maar de zang dan? - V.. at. IS ZlJ g borst en longen, die een teder gestel gestemd
tuigen, uitzettingen, en ;at:t flanwens toe afmat."
om meê te gevoelen, inmg PIJOlijk
15
e . d' ct ·tte" Musik der Wagnerepigoncn
B . 1 d dijk memals Ie .,mo et .
Es ist nur gut, dass
1
e G .
1
cl s Jahrhunderts" wären noch weit bedenk-
. B cl ken wtcler den ets e \"
gehört hat. Seme " e en 'fi I IISJ·kalisch und halte von clem ,, esen
.. 1 · a er spezt sc \ unm
licher geworden. Im u >ngen w r . t keine Ahnun"'.
des Volksliedes, des absoluten Gesanges, erst tech
DIE INTERNATIONALISIERUNG DER KULTUR.
ltaliener, Mahaut, und einem Deutschen, dem berlihmten
Groninger Organisten u nel Musikschriftsteller Lustig.
Man bekommt erst den richtig-en Eindruck, wie erbärmlich die
Gesangskomposition, textlich wie musikalisch: in unserm Lande
war, wenn man das "Maendelijks Musikaels Tijdverdrijf'' mit einer
Herausgabe von de uts c hen Liedern vergleicht, mit den soge-
nannten "Haerlemsche Zangen" (r 76I ), welche Lied er von Mar-
purg, Agricola, C. Ph. E. Bach und anderen enthielten. I)
Um die Wende des IJ. J ahrhunderts wird Holland von italienischen,
französischen und auch cleutschen Musikern, Komponisten, Vittuosen
u.s.w. überschwemmt. Mancher grosse Meister, wie z. B. Loc a-
te 11 i (Nar cl in i, 1 e C I a i r) befand si eh unter ihnen; aber neben-
her lief ein viel grösserer Haufe Parasiten u nel künstlerischer Bettier.
2
)
Im clem Verlage von Mortier, Roger, den Gebrüdern Hummel,
01 of sen (in Amsterdam) ersebienen die bedeutendsten Kompo-
sitienen der grossen italienischen Meister: Loc at e 1 I i, lVI as c i ti,
Corre11i, Vivaldi, Boccherini, Nardini undandere, weiter
der Mannheimer Symphoniker, der \Niener- und der Berliner-Schule:
Eichner, Filtz, Cannabich, Richter, die Stamitze,
Toe s c h i, Ditter s v on Ditter s cl o r f, \1\1 agens ei I, Sc ho-
bert u.s. w. 3)
Die niederländische Kultur des I 8. J ahrhunderts war eine so
vollständig internationale, wie man sich nur denken kann .
Wenn de Be a u marc ha is das Musikleben in Holland erwähnt,
sagt er: "Elle (die Musik) est fort aimée et fort cultivée en
Hollande par les Habitans.'' Aber es gebe einen Unterschiecl. \!\lenige
hätten eine höhere Stufe darin erreicht: "- toutefois peu d'entre
eux ont attrapé un certain dégré d'excellence et on comptoit de
mon temps parmi ceux lá que les Sieurs Robert et Albicastro,
J) Ha er Ie m s c h e Zangen in Musicq gesteld by de Hecren Ma r p u r g, Ag r i-
e o 1 a, S c b a 1 c, N i c h e 1 ma n, B a c h en andere vermaarde Componisten, en in Neder-
dniisohe Dichtmaat overgebracht, door J. J. D. Te Haerlcm, ICI' M:usicq Drukkery van
lsaäk en Johannes Enschedl: . 1761.
Vgl. auch dns scböne Werk von D. F. Scheur J e c r: Het Muziekleven ln Neder-
land, in de tweede he!fl. der x8de eeuw, in verbMJd met Mozart's verblijf aldaar. Haag, Nijholf.
1
9og. Bde., eine sehr wortvolle Arbeit dleses gelcbrten Bankiers, der in seinen Musse-
$1Unden schon e!ne Reihe der vorzllglichsten musikhistoriscben Arbeiten geschalfen hat
llnd die Seele der mnsikllistorisehen Forsehoog in Nieder!and ist.
3 Vgl. J. W. En s che d 6: Een Mngaz!jn-catalogus van Hummel in 1778. (Tijdschrift v.
N. Neder!. Muz. gesch. VIU, $ . 265 C.) unrl gleichraus: Een Hang s c h M n " i ek-
I ie fb ebbe r uit de 1,8de eeuw. (IX, '. 4r ff.)
214
DIE INTERNATIONALISIERUNG DER KULTUR.
tous deux de la Haye, qui ont montré beaucoup de sciencc et de
génie dans !eurs Ouvrages." (Also Italiener)
Er führt diese Unfruchtbarkeit (stérilité) auf das Fehlen "d' oc-
casions brillantes et de récompenses considérables pour les Musiciens''
zurück. Von Zeit zu Zeit Konzerte, die städtischen Schüler,
voilà tout ce qu'ils ont"; keine Oper, kei 11 e Kir c henmus ik,
''en un mot point de postes honorables et avantageux, point de
motifs d'émulation." I) . .
V om kultureHen Standpunkte aus \veit interessanter smd dte Aus-
führungen des Pi 1 at i d i Tas s u 1 o :
"Je crois que c' est une affection de la même espèce (der Mode)
chez cette nation de montrer de la passion pour la musique. Tous
Jes musici en s é tra n gers s on t bie n accu ei 11 is i c i. A Am-
sterdam il y a actuellement deux concerts, qui se donneut régu-
lièrement plusielU'S fois la semaine et dont les chefs sont des
I t a 1 ie n s. Rotterdam et la Haye ont aussi leur concerts ordinaires.
Outre cela tous Ie s musici e n s é tra n gers sont admis à
donner des concerts extraordinaires. On voit a vee plaisir que jusque
à des enfants du terrible clieu de la guerre pour mêler leurs voix
à celles des femmes et des eunuques.
Les filles de condition appretment ordinairement à chanter et à
jouer du clavecin: j'ai vu même des filles de paysans que
[eurs pères avoient envoyêes en pension à Leyden et à Amster-
dam exprès pour leur faire appendre la musique. Malgré tout cela,
je ne crois pas, que la musique fasse les mêmes impressions s u r
u n e a m e h o 11 a n d o is e, q u e s u r u n e a m e I t a 1 i e n n e o u
A 11 e mande: s'ils avoient du gout pour la musique, toute musique
ne les affecteroit pas également: mais illeur est fort indif-
f é rent d' entend re de 1 a mus i q u e f ra n ç o is e, o u a 11 e-
mande, ou italienne, malgré l'extréme différence
q u' i 1 y a e n t re e 11 es ; et même comme tout es les persounes
bien élevées parlent Ie François, et au contraire ne comprennent
pas l'Italien, la plupart préfèrent la musique françoise, malgré
toutes ses extravagances, à l'italienne, tant Ie plaisir de com-
prendre les paroles d'un air surpasse en eux celui que la mélodie
touchante et naturelle de la musique italienne fait sentir à une
oreille délicate et fine: on n e v o i t pas i c i ce que 1' on voit en
I) Le Holl andois, Lettre XXVII. S. I79·
DIE PATRIZIERKULTUR IN DER KRITIK DES AUSLANDES.
215
Italie, qu'au sortir du théatre pres q u e tout 1 e monde c ha n te
de m é m oir e les meilleurs airs qu'il a entend u chanter, les uns
aussi bien que les musiciens mêmes, les autres encore mieux
qu'eux: je n'ai point vu encore une seule chanteuse ici qui ouvre
bien la bouche, qui ne chante entre les dents, qui prononce ciai-
rement les paroles et qui mette, je ne dis pas l'ame qu'il faut,
maïs seulement un peu d'ame dans les expressions:
je suis clone persuadé, que l'on ne cultive pas ici la
mus i q u e Par u n e in cl in at ion partic u 1 i c re po u r ell e,
ma is Par un e c er t a in e routine, q u e tout e 1 a nation a
po u r 1 es beau x arts, et po u r tout c e q u i est beau en
g én é ra 1. Si ce manque de goüt dans la musique est un défaut,
et s' en est un surement du moins selon les anciens Grecs ce n'est
J
pas la nation, mais Ie elimat queesten faute." I)
Tas s u 1 o konnte allerdings nicht wissen, dass vor anderthalb
Jahrhunderten die Niederländer die sangeslustigsten Menschen der
Welt waren, bis sie den eigenen Inhalt, die eigene Form ganz
verloren und nur noch Kopiisten fremder, unorganischer Formen
geworden waren. Die Ursache des Unterganges ihrer Sang·esfreu-
digkeit war jedoch eine ganz andere als das Klima.
Dies entspricht der Bemerku11g de Be a u marc ha is' in Bezug
auf die Künste im allgemeinen: "On n'en sauroit nommer une
seule espèce, dans laquelle ils 11'aient pas eu des hommes excellens.
Ils ont même fourni des inventeurs dans plus d'une. Maïs en
g é n é r a 1 1 e t a 1 e n t d ' i m i t e r e t d e p e r f e c t i o 11 11 e r me
semble avoir plus brilléchezeuxquelegénie de l'i11ventio11" :2).
Die Kultur der Höhenwelt seit dem Anfange der goldenen
Zeit, des 17. Jahrhunderts, war nur eine Imitation gewesen, die
Nachahmung, wie sic stets als Merkmal der Parvenuwelt auftritt.
In jener spekulativen Sphäre war jede echte Empfindung, jede
natürliche Gefühlssprache schon längst verkommen, und die Urteile
der Ausländer über das unpoetische, steife, kalte Wesen des Hol-
länders erhalten dadurch ihre Erklärung und Berechtigung.
· Tassulo, der die Fehler der holländischen Patrizierwelt haarscharf
sah und analysierte, bringt auch eine gute Notiz über die Dicht-
kunst: "Si je connoissois assez la langue Hollandoise, je vous
I ) Lettres la Hollande, T. I. !Lettre V. La Haye, le I] uillet 1778).
2
) Le Hol\andois, S. 146. .
21 6 DIE rATRIZIÈRKULTUR IN DER KRITIK DES AUSLANDES.
parlerois de leur poesie. I1 y a des paysans poëtes, des prêtres
d 1· 1braires poëtes des avocats poëtes, et des ferntnes
poëtes, es ' . . ,
.u.t Le paysan Poot s'y est beaucoup drstmguc; deux dames 1)
po"' es. . . , ,
s'y distinguent actuellement. Par les informatrons ~ U ! m ont :té
données par des gens de gout, je soupçonne la poësre Hollando1se
de man g u er de c ha 1 e u r, d' i mag in at ion, de _bon g· o t: t,
d'être beaucoup défig·urée par du bas comigue et pa1r des tra1ts
de fantaisie grotesgue. Les persennes de naissance et d'une bonne
éducation ne donneront pas sans doute dans ces derniers défauts:
mais il se pourroit bien gu' elles manguassent toujours de
cette force de chaleur, qui est nécessaire pour exalter
1 'i ma er i 11 at ion des po ë te s. Cette ville (Leiden) en particulier
a une foule de poëtes"
2
). Über die Unmasse Poeten äussert sich
ähnlich und sehr ironisch de Be a u marc ha is, trifft aber den
Kern der Sache ganz richtig: die kulturelle Lüge der Patrizienvelt
züchtete jenen grossen Schwann von Poetastern, die das ihrige
taten die Volkskunst zu ersticken. Er sagt (Lettre 29): "Ich glaube,
dass 'Horaz von den Holländern prophezeite, als er sagte:
Scribimus indocti doctique Poemata passim."
),Imaginez-vous, quil ne se marie pas un notabie Bourgeois, que
d'abord sept on huit artisans ne briguent sa pratique, ou sa p r o ~
tection par autant d'Epithalames, et n'invoquent pour lui dans leur
vers !'Hymen et 1' Amour, ou le Dieu qui a sanctifié la mariage,
selon qu'ils ont plus ou moins de dévotion. Les mariages d'argent
et les mariages d'or ne cimment pas moins d'occupation au Parnasse.
Le Jour de l'an et la Fête du Patron sollicitent à leur tour la
Muse interessée du Poete, et bient6t elle lui fournit des vers dignes
clu sujet. Vous jugez bien qu'en cas de mort, le Patron ne manque
pas d'un Billet d'enterrement date du Pinde. Maïs ce qui coute
Je plus à l'Apollon de ces bonnes gens, c'est la vocation d'un
Ministre. Pour le coup ils n'est Fils de bonne Mère, principalement
parmi l'honorable Corps des Cordonniers, qui ne s'empresse à
feliciter le nouveau Prédicateur en rimes arrangées méthodique-
1) DieFreundinnen Elizabeth 'vVolff-Bekker und Agatha Deken, deren
Roman "Sara Burgerhart" (r782l durch seine natiirliche Wahrheit und gesunden Smn
eine Oase in der bürgerlichen Dichtung jener Zeit bilde!.
2) Tome IJ. Lettre XVIII. S. 239.
DIE PATRTZIERKULTUR IN DER KlUTIK DES AUSLANDliS. 217
ment, et qui ne mêle de son mieux clans son compliment Mercure
Dieu de l'Eloqucnce, Demosthene, Ciceron, avec Moïse, les Prophetes
et les Ap6tres. C'est dans Ie même Jangage que les Servitems
publies des villes souhaitent ou plutot clemandent une bonne année
aux citoiens. On s'est moqué des Héros de l'Opéra, qui expirent
en chantant des vers. Je ne sai si on a raison. Maïs ceux que
Ja Justice éxécute ici ne meurent pas autrement. Du moins leurs
dernières paroles, comme un les appelle, sont des chansons que
l'Imprimeur se clonne la peine de composer, dès la veille de leur
supplice." r)
Aber die Sache hat doch noch ihre gute Se i te, sagt cl e Be a u ~
JJ1 ar c ha is. Die Papierindustrie wircl dadurch gehoben und die
Bilderzeichner verdienen etwas.
Er bemerkt noch, die Holläncler hätten sogar "avec honneur''
die Dichtkunst gepflegt, "quoique Ie caractèrc froid et sérieux de
la Nation paroise l'en rendrc incapable". 2)
Die Ausführungen Tas s u I os iiber diese Erscheinung zeigen, wie
objektiv und gerecht er in seiner Bcurteilung· vorgeht. Wie er
schon oben das Klima als natürliche Ursache hat gelten lassen,
so führt er in seinen Briefen weitere Gründe für diese Karakter-
beschaffenheit an, die sich auf den Einfluss des Milieus beziehen.
So z. B. sei die Schwerfälligkeit durch die Flachheit des Landes
bedingt. Man wohne "parterre". Die Leute lieben die Bewegung
nicht: "J'y ai souvent fait attention et voici la posture générale
qui n 'ai me pas à se rem u er." Man könne von der Strasse aus nur
so in die Vv'ohnräume sehen und umgekehrt. vVenn man clraussen
stände und sähe da drinnen eine Gesellschaft, so wäre der Eindruck
"qu'un passant qui n'entend pas leur voix, cliroit qu'ils ne sont
là que pour se regarcler." 3)
V on dieser Eigenschaft der beclächtigen Ru he könne si eh a uch
die Studentenwelt, die den tollen Franzosen oder den lärmenden
Deutschen abzugeben suchte, nicht emanzipieren: "Ceux d'entre
les étuclians qui se piquent clans les universités de jou er 1' étourdi
f rançois ou Ie tapageur alleman cl, n'y réussissent pas plus qu 'un
faiseur de pipes cle Gouda, qui s'aviseroit de faire Ie petit maître.
!) Le Hollandois. Lcttre XXIX. S. 18o.
2) ibidem S.
174
.
3) Lettres sur la Hol!., Tome I. S. rr2, r13,
218 DIE PATRIZIERKULTUR IN DER KRITIK DES AUSLANDES.
On sent aisément les efforts qu'ils font pour faire
des s
0
ti se s, et l'o n v o i t q u e 1 e u r nature I n e 1 e u r
permet pas d'être fous tout de bon, pas même pour
u n instant. (Dies gilt alles wörtlich noch der Gegenwart).
L'esprit de décence, de régularité, de modération qui est commun
à toute la nation, prédomine sur eux malgré eux, et ils redeviennent
aussi tot sages sans même avoir pu bien faire les fous" •).
Diesen Ausführungen schliessen sich die Beobachtungen eines
anderen Briefes an über das Konventionelle im Liebesleben der
Patrizierkreise. Er spricht über die verlobten Mädchen, über die
verheirateten Frauen, über irgendwelches Liebesverhältnis an sich:
"je n'ai j'amais vu donoer par ces filles et par ces femmes Ie phis
petit signe d' affection, ni de distinction à leurs adorateurs; ailleurs
une femme qui se trouve à coté d'un homme qu'elle aime, ne peut
s'empêcher de dire et de faire des choses, qui déclarent son affec-
tion et sa joie: ici les femmes ne semblent jamais mettre leur sens
à aucun usage, et leur coeur ne paroit recevoir aucune impression." ~ )
Geschminkte Damen (a Paris on voit dans toutes les rues cent
vieilles carognes avec des visages allumés et plombés) sieht man
im Haag oder Amsterdam kaum.
Dem gegenüber stellt er aber den mangelhaften Verkehr zwischen
den beiden Geschlechtern. "J'ai été souvent au concert à Amster-
dam: je fus fort surpris d'y voir des files de dames sans aucun
homme parmi elles, et des files d'hommes sans aucune femme." 3)
Dieser Zustand, einerseits ein Produkt der calvinistischen Ethik,
anderseits das der konventionellen Sitten der Patrizier, ist noch heute
in Niederland varhanden: das Fehlen eines gesellschaftlichen
Verkehres ist der erste Eindruck des Franzosen oder Deutschen
in Holland. Und daher jene Steifheit, jene Unbeweglichkeit, jene
Roheit, die dem Ausländer stets auffallen.
Der englische Diplom at, Sir W i 11 i a m Temp 1 e, machte genau
dieselben Beobachtungen wie Tas s u 1 o: "Im allgemeinen scheioen
alle Neigungen und Leidenschaften hier langsarnet und kühler zu
fliessen wie in den anderen Ländern, die ich besucht habe.
'
Avarice may be excepted. - Their tempers are nat
1} Letlrei sur la Holl., Terne I. S. Il4
2) ibidem T. I. S. r68.
3) ibidem S. 169.
DIE PATRIZIERKULTUR IN DER KRITIK DES AUSLANDES. 219
ierY enough for joy, or any unusual strains of plea-
: a
11
t h u m o u r ; n o r w a r m e 11 o u g h f o r 1 o v e. Th is is talkt
of sametimes among the younger men, but as a t hing t he y
h a v e h e a r d o f, r a t h e r t b a n f e 1 t ; a 11 d as a d i s o u r se
that becomes them, rather than affects them. I have
known some among them, that personated lovers well enough,
but none that I ever thougbt were at heart in love."
1
)
Nach Temp 1 e käme als Ursache die schwere Luft in Betracht,
die sie unempfindlicher mache, oder der allgemeine Sinn fürs
Ges c h ä ft 1 i c he ( nothing being so mortal an enemy of love, that
suffers no rival).
Ein Jahrhundert später ergriff Engelberts die Feder, um die
Ehre Hollands gegen die Verfasser der "Modern part of an uni-
versa! history'' zu verteidig·en, die (im Band XXXI) das Klima
und die "Natur" (Bodenbeschaffenheit) für die holländische Art
verantwortlich machten. Der Holländer sei kühl, leidenschaftslos
(phlegmatic), unursprünglich in seinen Einfällen, witzlos (uninventive ),
und unverschämt (brutal). Er zeige Beharrlichkeit und Zähigkeit
in den schwersten Unternehmungen und vollende das einmal
Angefangene ohne eine Spur von Geist, von Freiheit oder tie-
ferem Verständnis. Nur die Geduld hätte ihn Fortschritte machen
lassen auf dem Gebiete der Kunst und Wissenschaften. Die
Dichter Hollands seien wider den Lauf der Natur entstanden,
wie Trauben in Sibirien. Im allgemeinen scheine alles,
was bei i h n en ei n e Ä h n 1 i c h kei t h ä t te mi t Leid e u-
schaft ader Sehnsucht, ausgelöscht, ausser der G e ~
win n s u c h t. Zank, wenn nicht durch Trunkenheit verursacht,
höre man nie, und die Li.ebe sei den Holländern unbe-
kannt u.s.w.
Enge 1 b erts versucht manches zu widerlegen. Seine Replik ist
sehr ruhig und gemässigt. Aber etwas muss er doch eingestehen:
den Niedergang der Literatur. Dies ist nach seiner Ansicht
nur die Folge der Gesinnung der jetzigen Generation, "dat zy
allerleye vreemde gewoonten blindding goedkeurende en slaafachtig.
navolgende", nicht nur hinsichtlich ihrer Kleider, ihrer Sitten,
•) 0 b se r vation s up on t he Unit e d Pro vinces of the Netherlands. The
fifth Edition. Amsterdam. 1696. Ch. IV: Of their People and Dispositions. S. 201. Jf.
2) Verdedig i n g van de eer der Ho 11 a n d s c he Natie. Amsterdam 1763.
s. 8, 9· .
::!20
Dl!<: STAGNATION.
ihrer Sprache, sondern auch ihrer Lektüre. unsere
Schriftsteller mutlos geworden und hätten d1e F eder uberhaupt
ni dergel egt, während viele des. Vorteiles dieser
Entartung anschlössen, und d1e französ1sche unc\ enghsche Ltterat ur
imitiert oder Ubersetzt weiter einfilhrten.
Diese vollstänclige Internationalisierung der holländischen Kultur
ist das Endresultat einer langen, exclusiv städtisch-kommerziellen
Entwicklung, deren Vorbedingungen, wie wir gesehen haben,
bereits bis ins Mittelalter zurückreichen.
Schon längst stagnierte der holländische Handel: der Protek-
tionismus Cromwells in England, Colberts in Frankreich, allmählich
von anderen Ländern übernommen, die sich iudessen auch entwik-
kelt batten, gestattete dem holländischen Handel keine Expansion
mehr. Er ging zurück, wei! jene anderen Länder ihren eigenen
Export uncl Import besorgten: denn der Frachtschif{erei ver-
dankte Holland seine grosse Kauffahrteiflotte,
Früher oder später hätte dies kommen müssen: von dem Aug·en-
blick an wo die ancl eren Länder sich entwickelten, war es mit
'
Hollands Handel vorbei. Die Industrie verschwand, wei! die
anderen Läncler ihre Rohstoffe selbst verarbeiteten. Holland hatte
weder eine organische Industrie noch einen organischen Handel:
seine jeweilige wirtschaftliche Blüte war bedingt durch das Stadium
der Inaktivität und wirtschaftlichen Rückstäncligkeit anderer Läncler.
Insofern war also der R.ückgang des holländischen Handels
einc ganz notwendige, natürliche Erscheinung·, unabhängig von dem
E rschlaffen der calvinistischen Ethik. Trotz aller Anstrengung
auch hätte Holland jetzt unmöglich mit England (oder Deutschland)
konkurrieren können, wie vor dreihunclert Jahren.
Das Erschlaffen des Unternehmungsgeistes ist gleichfalls cin
1ein organischer Vorgang. Beschränkt sich die erwerbende Gene-
ration auf ihre Beclürfnisse, so wird die nächste, die den Erwerbs-
kampf nicht mehr kennt, bereits an die Selbstverständlichkeit des
Besitzes sich gewöhnt haben. Diese Selbstverständlichkeit fiihrt
allmählich den vollen Genuss des Besitzes herbei. Die dritte Gene-
ration geht schon ganz in dem Luxus auf, der grade bei "Empor-
kömmlingen" gewöhnlich in extremer Form erscheint.
Diese ganze Entwicklung trennte die Geg· enwart von der Ver-
gangenheit, von jener Zeit, da der hollänclische Kaufmann er-
J)IE STAGNATION.
22 [
Jdärte, clurch die Hölle segeln zu wollen uncl zu ri skieren, das:;
iht11 cli e Seg·el versengt würden, wenn es um den Gewinn ginge r),
uncl die Amsterdamer Kaufmannschaft gcgen den Schif{sasseku-
ranzplan von Melchi or de Moucheron ( r 629) opponierte, weit
er die Energie t öt en würcl e: "dat cl e commercie best act bij industrie ,
wackerheyclt ende naersti gheycl t ende dat bij ende door de Com-
pagnie van Asseurantie cle sloffe en plompe kooplieden alsoo veel
avantagie hadden als de vlijtige en de kloecke". 2)
Der Holläncler des 18. Jahrhunderts ist der Bankier Europas. 3)
Er ist Rentier, !ebt van seinem Kapital, das er " belegt", hält
sich ein schönes Landhaus, wo er luxuriöse Gastmäler veranstaltet,
grosse Summen auf seine Gartenanl agen verschwendet uncl in
"deftiger" Ru he sein Leben verbringt. 4)
Der Verfasser der "Statistische uncl politische Bemerkungen"
schreibt in seinem Brief aus Utrecht ( den 31. I-Ieumonats r 779):
"Eine nochmatige Reise nach Amsterdam uncl wieder hi eher
zurli ck hat uns in diesem Tagen auf ei ne angenehme Art beschäftigt.
vVirklich glaube ich nicht, cl ass auf clem g-anzen Erelboden eine
Gegend zu fi nden sey, wo alles ein so feenmässiges Ansehetl
hat. Die prächti gsten Landsitze, Gärten, All een, Wiesen, alles
wechselt hier auf eine so reitzende Art mit einander ab, class
selbst die blühencle Einbildungskraft davon überrascht werden
muss . Man erhohlt sich auf sokhen Rei sen v on cl er er m ü-
cl en cl en Ei n f ö r migkei t, cl i e in a 11 e n ho I! ä n dis c hen
St ä dten uncl D ö rfern, noch m e hr aber in den Sitt e n
uncl clem Betragen der meist e n Einwohner an zu
treffen i s t. Lebt der Mensch dann am glücklichsten, wenn er
am wenigsten von seinem Glücke spricht, ist er mit der Regierung am
zufrieclensten, wenn er über deren Mäng·el am wenigsten philosophirt,
so möchte man beydes von dem grossen Haufen der Holländer sagen.
Aber freylich das oft bemerkte Phlegma und die auf einen einzigen
P11nkt, nämlich den Erwerb des Gcldes, konzentrierte Wirksamkeit
ist wohl die .Hauptursache seiner Gleichgültigkeit gegen politische
r) Rob er l Fr u in : Tien jaren nit den tach tigjarigen oorlog. rs88-I598. 3e uitg-a ve.
r882. S. 232.
2) R. Fr u in : Geschiedeni s der Staatsinstellingen S. 203.
3) Vgl. auch die fcinsinnigen l:leobachtnngen H e rd e r s in sei!l em "Journal meiner
im J ahre 176
9
'' .
4) Fr a n v o i s Mi chel s J an i'·' o n : Etat Present etc. (1739) . S. 9·
222
DIE STAGNATION.
Spekulationen. Auch die Begebenheiten anderer Staaten rühren ihn
nicht weiter, als in sofern sie unmittelbaren Einfluss auf seine
gelegenheiten haben. Bey dem jetzigen Streite der englischen
Kolonien in Amerika mit ihrem Mutterstaate interessiert ihn nur
das, ob ihm diese oder jene Handlungsspekulationen von Nutzen
seyn können. Der Gelehrte, vorzüglich aber der Geistliche ist hier
so wie anderwärts mehrenteils Torry, der Kaufmann aber urtheilt
gar nicht. Wirklich ist die Frage über den Vorzug der
schen oder republikanischen Regierungsform, worüber seit Platos
Zeiten, und wer weiss wie lange vorher, so oft gestritten worden,
und welche in unseren Tagen ein neues Interesse erhalten bat, von
der Art, dass nie etwas darüber ausgemacht werden kann, was
auf alle Staaten gleiche Anwendung fände. Ha t ei n V o Ik ei n-
m ah I sein e Energie ver I oh ren, is t es dur c h Lu x u s
und Verfeinerung in einem gewissen Grade weichlich
geworden, s o w i r d i h m Fr e y he i t ei n u n n ü t zes Ge-
schenk seyn, und man kann mit vVahrheit sagen, dass
der äusserste Despotismus unter gewissen
den die beste Regierun g s f o r m se y". •)
\tVährend Niederland erschöpft herabsank von seiner zu grossen
Höhe und wie ein Privatmann sich von seinem Ruhm und seinem
Reichtum tatenlos umfluten liess, und auch sein ästhetisches Wollen
und Tun sich staute, erschienen dem Auslande allmählich gerade
die Eigenschaften des Ruhigen, Bequemen, Steifveralteten als das
Charakteristische der Nation: der holländische "Mijnheer", "der
steife Holländer", wird traditionen Allgemeinvorstellung.
Die Kultur im Bumanismus steeken geblieben, die Sprache
barbarisch, das Volk reich, aber steif und kalt: so empfand man
am Ausgange des r8. Jahrhunderts Holland m Deutschland,
exotisch und veraltet.
2
)
In dem Reicbsmuseum zu Amsterdam hängt ein Gemälde. Der
Name des Künstlers, der es schuf, ist ein unbekannter: 0 t t o
Marsens van Schrieck hiess er. Geboren wurde er- und
dies ist bezeichnend - in Nymwegen, im geldrischen Teile des
Landes (1620). 3) Das Bild ist, wie der Name des Künstlers,
1) Statistische und politische Bemerkungen. S. 103, 104.
2) E. F. K o ss man n : Holland und Deutschland. S. 27, resp. 32.
3) Gest. 1678 in Amsterdam.
EIN TRAUM IM REICHSM:USEUM.
223
zjemlich unbekannt. Der Menschenstrom hastet daran vorüber und
sucht, den Katalog oder den Bädeker in der Hand, nach den
}3crührntheiten.
l]nd doch ist das Bild so wunclerschön und geht ein so märchen-
hafter Zauber von ihm aus, den man sich zuerst g·arnicht zu deuten
weiss. Bis man encllich empfindet, dass dies Bild etwas "ganz
ancleres" ist als seine U mgebung, etwas aus einer anderen Welt,
die man hier ganz vergessen batte.
Wir befinden uns im dichten Walde. Ein unbestimmtes Däm-
merdunkel webt um die Stämme, die, je weiter entfernt, sich je mehr
und mehr darin auflösen. Im Vordergrunde, von blendendem Sonnen-
Iicht, das irgendwo clurch das Laubdach dringt, umflossen, steht ein
J3aumstamm, an dem Eidechsen neugierig zu einigen den Stamm
umgaukelnden farbenschillernden Schmetterlingen emporklettern.
Aus dem ringsumher dämmernden Halbdunkel tauchen Märchen-
aestalten auf: der weisse Hirsch und die kleine glatte Schlange
b ' '
und zwischen Kräutern und Moos bewegt sich das geheimnisvolle
Völkchen der Waldbewohner, der Käfer, die Spinne und was da
sonst kreucht und fleugt.
So sonnig warm und verträumt schön ist das Bild !
V\lir empfinden unwillkürlich, dass nur einer, der den süssen
Haide-, den harzigen Tannenduft und das \Naldweben der Baum-
kronen kannte, dies Märchenbilcl, diesen "Sommernachtstraum"
schaffen konnte, einer da aus dem "Hinterwinkel" (Achterhoek),
wie der östliche Teil Gelderlands heisst, wo die Bauern so viel
änner waren als ihre reichen holländischen Brüder, aber ein wär-
meres Herz in der. Brust trugen, und die Schätze eines unverdor-
benen, schönen Volkslebens noch in ihrem Schoosse hüteten.
Ick ben nit Geldersch bloed,
Geen vleitoon klinkt mij zoet;
Mijn volksspraak luttel rond,
Geeft nog den klank terug uit onzer Vaadren mond.
So hebt der Dichter A n ton i St ar in g sein "Geldersch Lied'
an •), er, der einzige Lyriker des 18. Jahrhunderts, in dessen Ge-
r) Poëzie van A.C. W. Staring uitgeg. door J. H. van den Bosch(Zwolsche
Herdrukken,
7
). s. 6$.
224
ETN VER!RRTER SONNENSTRAHL.
dichten wir den Naturton durchklingen hörcn, uncl dessen behag-
1
. h o-etl1litlichen Erzählungen wir in dem öclen vVörterschwall
te en, " .
der bi.irgerlichen Dichtung seiner Zeit wie eine Befrewng begTüssen.
vVie ein vcrirrter Sonnenstrahl kommt uns das geldrische Bild
vor. Und wie ein verirrter Sonnenstrahl erscheinen uns auch die
wunderschönen V olkslieder, die in dem Lieclerbuch "Th i r s i s
lVI in
11
e wit" (3 Bde. 1708- I I, Amsterdam), plötzlich auftauchen. ')
r. Anke von Trara is die mir gefeld,
Sy is mijn leben, mijn goed und min geld.
2. Anke von Trara, mijn rijkdom, micn goed,
Is miene zeele, mien vlies, uncl mien bloed.
4· Komt'er dat ongeluk om ons to schaen,
'.Vy zincl gezind bi ein ander to staen.
5· Gelijk wie ein palmboom heruber zikh rigt,
Je meer hem hagel uncl regen aenfigt.
16. Dat maak een leben der himmlischen ryk,
Durch zaenen werd dat des hellen gelyk. z)
Ein deutsches Volkslied im niederländischen Volksmuncle.
2
)
N ur derjenigc, der, wie der Verfasser, si eh er st durch die arka-
dischen Liederbi.icher eines ganzen Jahrhunclerts hindurchgerungen
hat, kann verstehen, wie man da aufatmet.
Diese Sammlung ist eine Einzelcpoche in dem Todeskampf des
Volksliedes. Wie eine VI elle, die si eh auf seichtem Strande hebt
und senkt und immer matter uncl matter wird, so zieht sich der
Untergang der Volkskunst hin. Wo wir einige Jahrzehnte lang
in den Liederbüchern, vonden städtischen (Amsterclamer) Verlegern
r) Thirsis Minnewit. S. xro ff. (Die von mir verwendele Ausgabe istvon r72r).
z) !eh kann es mir nicht nehmen lassen, au dieser Stelle anf den schiincn Satz des
Liedes "Anchen von Tra ra' von He in 1' i c h A I b er t (r638, fiir Singstimme, Gei ge nnd
Klavier) hinzuweisen, der in ciner Zeit, wo Deutschland bald vollständig unter die Hcl'l'·
schaft der bürgerlichen Renaissancedichtung Hollands geraten sollte, die Volkswcise
gehlitet uncl gepftegt hat. Wunderschön ist das "Vorjahrs·Licdchen".
Die Lust hat mich gezwungen
Zu fa.hren in den Wald. (Arien II;, r8).
(Denlcmäler cl e1' Tonkunst in Deutschland, Bel. rz, r3).
EIN VERIRRTER SONNENSTRAHL.
225
veröffentlicht, nur jene erbärmlichen "Herderliederen," die gemeinen
Gassenhauer, die klebrigwollüstigen Lieder der Bourgeoiswelt,
oder die lederntrockene Rhetorik der "fatsoenlijke" Bürgerdichtung
finden, da sprudelt noch einmal, man weiss nicht wie, der Born
des Volksliceles empor, um gleich wieder zu versiegeiL Dies
Lied er b u c h st e 11 t den Vorstoss des s ü d- u n d os t-
11 ie cl e rl ä n dis c hen V o 1 k s 1 i ede s i 11 H
0
11 a
11
d dar: wenig-
stens weist Alles darauf hin, dass nur daher die Lieder stammen
und ihr Erscheinen in Holland sich so erklären lässt. '
Es sich, bei de.r Betrachtung dieser dreiteiligen Sammlung
noch langer zu Durch eine Schicht von Schäferpoesie
und Gassenhauern bncht emStrom der echtesten Volkskunst hervor.
Ganz alte, traute Töne schlagen an unser Ohr.
De Winter is voorby gestreken,
De Somer die staat voor de deur - (I, S. 6)
clieselbe Wendung, in der Martin Luthers Märtyrerlied so herrlich
ausklingt :
Der Sommer ist hart für der t··
ur,
Der Winter ist vergangen -
ist einer jener alten Natureingäng·e, womit das Volkslied den Inhalt
wie in einen Blumenrahmen einschliesst. Der Natureingang ist die
Form, in der sich die innige Verbindung zwischen der Natur und
dem Gefühlsleben des Volkes ausspricht.
Rooskeus root aen enen crans :
Wie een stadich boelken heeft
Die mach wel vrolic dansen '
Sang das "arm ruiterken'' aus den geldrisellen "Hup-Reykens
Lieder."
Dat wout is breet, die liefde is groot -
so klagt der "fromme Lanzknecht,'' im Antwerper Liederbuch
(No. I 38) sein Liebesleid.
Rosenstock, Holderblüt,
Wenn i mein Diender! sieh,
15
226
EIN VERIRRTER SONNENSTRAHL.
Lacht mer vor lauter Freud
s'Herzerl im Leib -
hebt ein Oberschwäbisches Tanzliedchen an.
1
)
Der Natureingang ist ei nes der geheimen Zaubermittel, wo-
durch das Volkslied auf uns so unerklärlich wirkt. Es gibt den
Ton an: wir fühlen uns, bevor wir den In halt selbst kennen, schon
in die entsprechende Stimmung versetzt. Wie ein Meister zu seinem
Bilde den passenden Rahmen zu wählen weiss, so trifft der Volks-
dichter intuitiv den richtigen Natureingang.
So will ein anderes Lied aus jener Sammlung durch den warmen
Ostwind das lenzliche W onnegefühl der glücklichen Liebe aus-
drücken: der Wind, der aus dem Osten weht, der weht nicht alle
Zei ten. De Co u ss e maker ( t 8 56) bat
2
) dieses schöne Volkslied,
das uns zeigt, wie wertvoll die Volkskunst sein kann, und wie hoch
sie über der jetzigen Cabaret- und V ariétékultur steht, aus dem
Munde der Dünkerker Fischer aufgezeichnet: während in Holland
Sang und Klang verschwunden waren, blühte in Flandern noch
in der ländlichen Bevölkerung das al te Volkslied, treu gehütet, fort.
Ich gebe beide Texte, aus Thirsis Minnewit (A) und aus
de Coussemaker (B.)
A.
1. Het windje, dat uyt den Oosten waayd,
Dat waayd tot allen tyen:
Al die daar in zijn liefs armen leyd,
Die mag hem wel verblyen,
Lief mondelyn-rood,
Die hoeft niet meer te vryen.
2. Hy ging'er voor zijn liefs venstertje staan
Met een zo droeve zinne :
"Slaapt gy der of waakt gy, mijn zoete lief?
Staat op en laat mijn inne,
Lief mondelyn-rood,
En my dunkt, ik hoor jou stem me!"
r) Böhme untl Erk: Deutscher Liederhort. II, S. 772,
2) E. de Co u ss e maker: Chants popul. des Flamands. S. 253, n°. 66.
EIN VERIRR TER SONNENSTRAHL.
3· 't Meysjens uyt h
1 . aar s aap ontsprong·
"Wte klopt hier also laate? .
Gy meugt wel weder na h
G t'h uys toe gaan,
.a uys wat !egge slape
Lief mondelijn-rood '
Ik zal der u niet laate."
4. "Staat daar een ander in h
Van de min word ik u ert geprent,
M 'k gesmeeten :
ogt I weeten, wie dat 't
't Wordt mijn dikmaals my doet,
L
. verweeten.
tef mondelijn-rood
Wat hebben wy een tyd versleeten."
5· zey: "jonkman houd goede moed
Ktest een ander
1
· onk v . '
an Jaaren ·
Als de liefde van een kant moet
Z? vald het zwaar te dragen,
Lief mondelyn-rood
Mogt ik vangen, ik jagen."
. "Dat gy jaagt en dat vangt gy 1
Lief, en wild daarom niet treuren r we '
AI waaren wy duyzend ..
1
·
miJ en van een
Godt voegt zal gebeuren '
Ltef mondelijn-rood, '
Laaten wy daarom niet treuren."
6.
B.
I. wind etje, die uyt den Oosten waeyt
Ltef •. waeyt niet ten allen tyde. '
Als Jk m myn zoete liefs armen lag
wasser zoo bedroeft om te
Ltefste wonder, eenling zoet,
Het wasser zoo bedroeft om te scheyden.
2, 's het was omtrent de middernacht,
Ik gmg kloppen aen myn zoete liefs deure:
"Slaept gy of waekt gy, myn overzoete lief
s:aet op, en later my toch binnen. •
Ltefste wonder, eenling zoet,
My denkt dat ik hoore uw stemme."
227
228
EIN VERIRRTER SONNENSTRAHL.
3
. 'k En slape, noch 'k en wake niet vast,
Noch 'ken lig in geen zware droom en:
Gy zoude veel beter naer huys toe gaen,
N aer huys al om te ga en slapen,
Liefste wonder, eenling zoet,
Want ik en zal u niet binnen laten."
4
. "Staet er een ander lief in 't hert van u,
En wordt ik dan door u versteken?
Dat gy maer wiste, wat ween het my doet,
Ik zoude het zoo dikwyls verweten.
Liefste wonder, eenling zoet,
Ik heb menig tyd voor u versleten."
5· "Jongman, schepter moed ende bloed,
't Is een matroos zeer jong van jaren;
Hy ligter te Rotterdam op de ree,
Naer staat moet hy gaen varen:
Liefste wonder, eenling zoet,
En zyn jong hertje, die leeft in bezwaren."
6. Die dit liedeken heeft gedicht,
't Is een zeeman, jong van jaren;
En als de liefde van een komen moet,
Het is er zoo zwaer om te dragen,
Liefste wonder, eenling zoet,
Ja, het is zoo zwaer om te dragen.
1
)
Das Lied ist im Volksmunde sogar schöner geworden, als die
Fassung von "Thirsis Minnewit" es uns zeigt. Möglich und sehr
wahrscheinlich ist, dass jene Volkslieder, die von den Verlegern
selbst aufgezeichnet wurden, oder die sie von einem Bekannten
erhielten, unvollkommen aufgeschrieben worden sind. Die Schäfer-
poetasterei erhielten sie dagegen von den verschiedenen V ersifexen
schriftlich oder druckten sie aus anderen Sammlungen ab.
Erstens ist der Natureingang im neuflämischen Texte richtig
gestellt: "der Wind der aus dem Osten weht, der weht nicht
zu allen Zeiten." Grade das "nicht", das in A· fehlt, gibt dem
Natureingung· den tieferen Sinn, die Hindeutung auf die Unstätigkeit
des Glückes auch in der Liebe.
x) Die revidierte Melodie, eine wunderschöne Volksweise, bei van D 11 Y se !I, S. 999·
N'. 279.
EIN VERIRR TER SONNENSTRAHL. 229
Gleichfalls ist der Gedankengang in der 4ten Strophe im Volks-
munde viel logischer ausgeprägt und poetischer geworden.
A. hat: Steht ein anderer in deinem Herzen? - V on ( deiner)
Liebe werde i eh verwiesen. Könnt' ich nur wissen, wer es mir antut:
es wird mir oft vorgeworfen.
B. hat: Steht ein anderer in deinem Herzen? Und werde ich
dann von clir verlassen? Wenn du nur wüsstest, wie weh es mir
tut (wörtlich: wie es mir tut weinen): ich würd' es öfters zum
Vorwurf machen.
Während in A. das Mädchen den Jüngling tröstet: er solle sich
eine Andere suchen, die Liebe, die von einer Seite komme, sei so
schwer zu tragen u. s. w., gesteht sie in B. den Namen ihres
jetzigen Geliebten ein: ein junger Matrose ist's; in Rotterdam liegt
er am Kai und sol! hinaus ins Meer fahren. Und deshalb ist sein
Herz so schwer. B. bringt einen ganz neuen Schluss:
Der dies Lied gedichtet hat, ist ein Seemann, jung in Jahren;
Uncl wenn die Liebe von einer Seite kommen soli, ist sie so
schwer zu tragen.
Jener schöne Spruch aus der Sten Strophe A.'s, ist in dem Schluss
B.'s angebracht.
Ich möchte dies Lied, einen "Abendgang", wieder als Beleg zu
dem Problem des sexuellen Lebens im V ol.ke heranziehen. vVie
schön und natürlich wird darin von dem Gang zur Liebsten ge-
sprochen: weder perverse Anspielungen, noch lüsterne Detailmalerei!
Es ist doch bezeichnend, dass solche Lieder wohl mehr als ein
Jahrhundert noch im Volksmunde, in der agrarischen Bevölke-
rung Flanderns, fortlebten, während alle jene gemeinen Schmutz-
lieder, welche die Stadt auch damals schon dem Landvolk auf-
impfte, ausgemerzt wm·den und spurlos verschwanden.
Ein anderes Lied, das gleichfalls dasselbe Thema behandelt
und den Beweis liefert, dass cl ie V o Ik s 1 i e d er des I 6. Ja h r-
h un der t s im r 8. Jahrhundert noch nicht von der Kultur der
"goldenen Zeit" ausgerottet waren, befindet sich im r en Teil. S. 5S :
(Er) r . "Wy willen nog niet scheyden,
Het is nog een paar uurtjes te vroeg:
Den teyd willen wy verbeyden
Van nu tot morgen vroeg.
Waar heeft 'er mijn liefje zo lang geweest?
(Die Warnende)
(Er)
EIN VERIRRTER SONNENSTRAHL.
Ik heb om haarent wille
Zo zeer verslagen geweest."
2 , "Hebt gy om haarent wille
Zo zeer verslagen geweest? -
Gaat maar na huys toe stille
En toont u onbevreest:
Want het rouwt mijn, en 't is mijn leed,
Dat u dat moye meysje·
Zo zeer bedrogen heeft.
3· "Ik ging nog gister avond
Zo heymelik aan den dans,
Al voor mijn zoete-liefs deurtje,
Die ik'er gesloten vand;
Ik roerde en klopte aen den ring:
Staat op, mijn alderliefste,
Staat op en laat my in!"
(Die Geliebte) 4· "Ik doe voor u niet open,
En ik laat u ook niet in;
Mijn deurtje is gesloten,
En daar mag niemand in.
(Er)
Daar leyd' er een ander veel liever als gij:
Gaat t'huys wat leggen slapen,
En peynst er niet meer om mijn!"
5· "Is daer een ander lief inne,
Die ik niet spreeken mag, -
Blijft by malkander in minne,
En slaapt te zaam tot den dag.
Ik zal ras weder na huys toe gaan:
Myn koeyen zijn ongemolken,
En mijn werk leyd ongedaan.
Im Antwerper Liederbuch (I 544) befindet si eh nun ein Lied
(durch Rederijkereinfluss verdorben), das wörtlich die dritte Strophe
unseres Liedes enthält (No. 94, S. 141) "Een nyen liedeken":
1. Ick ghinck noch ghister avant
So heymelijck eenen ganck,
Al voor mijn liefkeus dore,
Die ie ghesloten vant.
ElN VERIRR TER SONNENSTRAHL.
Ie clopte so Iijseli je aenden rinck :
"Staet op, mijn alderliefste,
Staet op en latet mi in !"
23!
Im Volksmuncle ist "Venus und ihre Launen" aus . dem Liede
entfernt worden, gleichfalls die banalen Betrachtungen der vierten
Strophe (im Antw. Ldb.), dass Frauen so unzuverlässig wären
und "menich pont" kosteten, und ist das ganze Lied umgemodelt
worden zu seiner vorliegenden, und weit schöneren Form. Ich
möchte auch dies Lied als Gegensatz zu dem sexuellen Leben
in der städtischen Kultur heranziehen r).
Ein anderes sehr schönes Volkslied in demselben Bande ist das
Lied: "Na Oostland wil ik varen". Auch dies Liedführtauf
das r6. Jahrhundert zurück. Im Antwerper Liederbuch (No. 97,
S. 146): "een nyen liedeken" - "Im Oostlant wil ie varen"; auch
der Anfang "Na Oostlandt" kommt im r6. Jahrhundert vor (Van
Duyse I, S. 291).
Dieses Lied wurde am Anfang des 19. Jahrhunderts in der Samm-
lung "Het v rol ij ke B 1 eek er meisje" (Amsterdam c. r83o, S. 9)
nochmals aufgenommen. Es ist einer der wenigen Fälle, dass sich
in Holland noch ein Volkslied erhalten hatte und sogar gedruckt
wurde. Nennen wir wieder den ersten Text A., den zweiten B.
A.
1. Na Oostland wil ik varen,
Daer woont er mijn soete lief,
Over berg, over dalen,
Schier over der heiden,
Daer woont er mijn soete lief.
2 . Al voor myn soete liefs deurtjen,
Daer staen twee boomtjes fijn:
D'een draegt nooten van musschaten,
Schier over der heiden,
En d'andere draegt nagelen fijn.
3· De nooten zijn zoo ronde,
Kruyt-nagelen ruycken soo soet,
x) Auch hier fehlen die schlüpfrigen Andeutungen, die verkappten geilen Anspielungen;
- eine natürliche und in zwiefachem Sinne reine Selbstverständlichkeit spricht aus dem
Lied, das seiner Endstrophe nach ausdri\cklich in den Mund des Bauern gelegt wird.
EIN VERIRRTER SONNENSTRAHL.
lek meende dat my vryde een ruyter,
Schier over der heiden,
Nu is het een arme bloet.
4
Hy nam se by der handen,
By haer snee witte hand,
Hy leydse oock alsoo verre,
Schier over der heiden,
Daer sy een bedtje vand.
S· Daer lagen zy twee verborgen,
Den lieven lange nacht,
Van den avond tot den morgen,
Schier over der heiden,
Tot scheen den lichten dagh.
6
. De zon is ondergegangen,
De sterren blinken soo klaer :
Ik wou, dat ik met mijn liefste,
Schier over der heiden,
In eenen boomgaartje waer.
7
. De boomgaart is gesloten,
En daer mag niemant in,
Dan de fiere nachtegale,
Schier over der heiden,
Die vliegter van boven in.
S. Wij zullen de nachtegaal binden,
Dat hoofje al aen sijn voet,
Dat hy geen meer sal klappen,
Schier over der heiden,
Wat twee soete liefjens doen.
g. "Al hebt gy my dan gebonden,
Myn hertjen is mijnder gesont:
Ik kan noch evenwel klappen,
Schier over der heiden,
Wat twee soete liefjens doen."
B.
I. Naar Roosland zoo zijn wij gevaren
En daar woonde voorwaar mijn zoet lief, tbis)
Al voor mijn zoetlief haar deurtje .
Stonden twee boomgaarels tot haar gerief. (b1s)
EIN VERIRR TER SONNENSTRAHL.
2. Aan den eene hingen notenmuscaatjes,
Aan de andere kruidnageltjes zoet;
Ik dacht: ik vreide met zoo'n rijke,
Maar het was, helaas, een arme bloed.
3· Ik nam haar bij haar handjes,
En ik kuste haar zoo rood en zoo zoet,
En ik vreide haar zoo lief en zoo verre,
Ja, tot onder den boomgaard toe.
4· De boomgaard die was er gesloten,
En daar woonde voorwaar niemand in,
Niets als het lieve nachtegaaltje
En dat vloog er, ja, van boven neer in.
5· Nu zullen wij het nachtegaaltje binden,
Met het hoofdje al onder zijn voet,
Opdat het niemand zou verklappen,
Wat men onder deze boomgaard doet.
6. Nu zullen wij ons liedje gaan besluiten,
Ja, ter eere van den bruidegom en bruid :
En dan weer vrolijk, vrolijk klinken,
En zoo drinken wij ons glaasje uit.
233
In der "fröhlichen Wäscherin" ist das Lied ein Trinklied zum
Hochzeitsfest geworden, obgleich es uberschrieben ist "De verliefde
Minnaar" - "Op eene vrolijke wijs''. Das Lied zeigt dieSpuren
der allgemeinen Entartung des Volksgesanges. Die zahlreichen Wen-
dungen "en ik" - " en daar" - "en dat'' u.s. w. sind die furcb-
terlichen "Auftakte", die "herauf" geleiert werden, wie man sie auf
den Strassen und in den calvinistischen Dorfkirchen jetzt zu hören
bekommt.
Ein solch zähes Leben hat dieses Lied gehabt, dessen Motive,
die Nachtigall und der Liebesgarten, durehans auf das Mittelalter
zurückführen.
Dasselbe Lied existiert noch in Brabant, in "de Kempen", als
Umzugslied der Dienstmädchen vom einen Bauern zum Anderen.
Der Text hat sich vollständig geändert.
1
)
I) van Duyse I, No. 197, S. 713,

234
EIN VERIRRTER SONNENSTRAHL.
In dem zweiten Teil dieser Sammlung finden wir das "Boeren-
Geselschap" von Bredero: "Arent Pieter ÇJ.ysen". Wie heliebt
die Lieder B re cl er os waren, davon zeugt die Aussage ei nes
Deutscben, Bent hem, der am Ende des I 7. J ahrhunderts unser
Land durcbreist hat und behauptet, dass Brederos Lied er noch
"heutiges Tages" vonden Leuten vielfach gesungen würden (1698) r).
Weiter findet sich noch ein humorvolles Lied darin, ein Text zu
dcro Gemälde Jan Steens: der Besuch des Arztes bei dem "kranken"
Fräulein deren ,.Krankheit" aus ihren schelmisehen Augen blitzt
(Thirsis Minnewit I, . 133).
Ey lieve Jan, loop met een set,
En haelt den Doctor hier.
Fräulein Neeltje ist krank. Der Arzt kommt und untersucht sie.
Die Art der Krankheit hat er bald heraus und tröstet den Vater:
"Patroon, boude goede moet!
Een vryer haer genesen kan :
't Is liefde, die 't haer doet."
Der Vater gerät in Zorn, "'t Is kalver liefd oprecht", schreit er.
V on diesem Schwiegersohn, einem verarmten "Eelmans zeun"
2
),
will er gar nichts wissen und bittet den Arzt:
"Heer Doktoor, geft wat goeden raat
Te halen in d' Apteek,
Opdat dees siekte overgaet !"
1) Henri c h Lu do I ff Benthem s. P. C. und S. Hollündischer Kirch- und Schulen-
staat. Francfurt und Leipzig. In Verlegnog Nico\aus Försters Buchhändl. in Hannover.
Merseburg. Druckts Christian Gottschick. MDCXCVIII.
s. 334:
"Also machte sich auch allhier berühmt und heliebt mit seiner Poes ie Gerbrand
Ad ria a n s zoon Breder ode. Denselben nennen sie den Amsterdam er Terentium.
Solchen Lob-Namen erwarb er nnler andern mil einem Lust-spiel 't Moortje genannt,
in welchem er des Terentii Eunuchurn glücklich nach-ahmete. SeineLieder werd e n
von den Leuten noch heutiges Tages vielfältig gest·ngen."
Ein zeitgenössischer Gewährsmann erzählt gleichfalls, dass Brederos Lieder "nog dage-
l ijk s" gesungen wurden.
Vgl. Caspar u s Co m me I in : Beschrijving der Stad van Amsterdam. 1694. Bd. II
1
S. 863.
(bei Jan ten Brink: Lilterarische Scl-,etsen en Kritieken. XVII. Gerbrand Adriaensz.
Bredero. r888. S. 74).
2) "Eelman", aus "Edelman". "Zeun" dia!. fiir "Zoon."
(Der Arzt)
DIE WIRKLICHKEIT.
"-Wat Pimpernel met eek
En rnaegdepalm en
Gestoaten onder een
O, dat is voor een sieke bruid
Probaturn ongemeen !"
235
Ich erwähne das Gedicht gerade d h lb · 1 h
H
. es a , urn zu zetgen, we c er
gesunde umor m unsrem Vo!l'e t kt d · · ·
• s ec e un wte wenw Jene
Roheit und Gemeinheit seine absolute war. o
Daneben macht sich die städtische Kultur breit, die Schäfer-
und Hochzeltsbeder u.s. w.
So z. B. im 2en Teil S 39 Brut'! r
. · · · " Otszang. Stem: Als 't begint."
Der Höhepunkt des Lied es sind die Verse
Nu wens ik Bruyd en Bruydegom
Een Poppetje binnen het jaer,
Want het is seker, dat door het byslapen
Den mensch sijn selfs zoekt na te apen
Wie trivia!, wie spiessbürgerlich ist dies Hochzeitslied wie ge-
wöhlich, wie elend prosaïsch di ese Tendenz! '
Ein anderes Lied zeigt uns ein Beispiel, wie das Volk von jener
Patrizierkultur vergewaltigt wurde (I, S.
1 1
3
), ein Ma-
trosenlted des "Oostinje-vaarders :"
Het is nu ruim vijf jaer geleden,
Toen ik naer Oostinje voer
Van myn Zilvia gepreezen ....
Er erhält einen Brief von seiner "soete Silviaen " dass ihr Onkel
gestorben ist und sie viel geerbt hat! Er wird zurückkehren :
Hoe zal mijn Silvia staen kijken,
Als zy Co r; don aanziet !
Der Matrose "Coridon" wil! dann "eenen groenen Herdersstaf"
nebmen und mit seiner Silvia die Schäfchen weiden.
Der g·anze arkadische Apparat ist vertreten: Flora Clarind Kloris
die traditionellen "sugjes" oder "kusjes", die eben;o auf
"lustjes" sich reimen, das "minnebrandt blussen," Phi!idaatje, _
DIE WIRKLICHKEIT.
Phoebus lag in Auroraes schoot,
Philis dreef haar vee, -
Klimeene, Klorinde, Silvia, das "Minnevlam-blussen", Bellinde,
Dafnis, -
Vrouw Venus en God Mars
Lagen te saem in weelden,
Amaril, Rozemond, u.s. w. u.s. w.
Dem Liederbuch ist eine Sammlung "De Vroolyke Zang-
g
0
di n" ( 1720) zugefügt, die nur jenen arkadischen Schwulst mit
mythologischer Sauce enthält.
Weiter befinden sich die gemeinsten Gassenhauer darin. So z. B.
das Soldatenlied (lil: S. 2 5) :
Eine Mutter
Tür zu stellen
zur Rede. Mit
Te Hellevoetsluys daer staet een huis,
Het is geen huis met eeren,
Daer leggen de meisjes de vensters uit,
Daer de soldaten verkeeren.
La, la lette, zjante la coure,
La, la lette, zjan belle mie,
Sjante Ja coure couragie -
aibt ihrer Tochter den Rat, sich gleichfalls in die
b
verwagtende Soldaten." Der Vater stellt sie darüber
~ e m e i n e r Gleichgiltigkeit antwortet das W eib :
Krygt zy een steek in haar kombuis,
't Is ver van haer bruin oogen.
Die Verfasser sind:
Die ons dit ligt lied hebben gedigt
Dat waren drie soldaten.
Gemein ist gleichfalls "Nonnetjes Vreugd'' (III, S. 55):
Te Gent daer staet' er een klooster klein,
Daer alle de fijne Nonnen in zijn,
Van voren, van voren.
Die ons dat nieuwe lied heeft gedicht,
Het was een kwantje zijn hartje was ligt.
I
I
,
DAS TANZLIED.
237
Ist es ein Zufall, dass um jene Zeit auch im Musikverlag von
Estienne Roger (Amsterdam) die "Oude en Nieuwe Hol-
Iandtse Boeren Lieties en Contredansen" erschienen (c.
r7o0-I715) •)? Enschedé hat in seiner Studie "Dertig jaren
muziek in Holland"
2
) wahrscheinlich gemacht, dass wir hier die
Volkskunst der Bauern Kennemer 1 a n d s vor uns ha ben. U nd es ist
bezeichnend, dass grade aus jen en fries is c hen Gegenden eine
Volkskunst überliefert worden ist. In diesen Bauernliedchen und
Contretänzen (einstimmigen Notierungen) sind uns eine Fülle der
schönsten Volksweisen des IJ. Jahrhunderts erhalten. Mit einem
Schlage eröffnet si eh für uns eine Perspekti ve in einen Melodien-
schatz, von dessen Existenz man im Laufe des 17. Jahrhunderts
aus den von städtischen V erlegern publizierten Liederbüchlein nur
dürftige Kunde erhält.
So finden wir z. B. darin das Lied "Daar waren twee Koninks
kinderen" (No. 461). Manche Weise reicht bis ins r6. Jahrhundert
zurück. Brederos "Arent Pi eter Gysen" (No. 97) ist au eh vertre-
ten, gleichfalls der Amsterdamer C. K i st aus dem "Uitnemend
Kabinet" (No. 755). Freilich arg gemeine Lieder gibt es auch dabei:
1) 0 u de en Nieuwe Ho 11 a n d t se Boeren Liet ie s en Con t re-
d a n sen. Amsterdam chez Estienne Roger I-XIII (932 Nummern) (Deel I-III n Twede
Druck"), Deel V nopnieuws geheel verbetert en vermeerdert (6o Nummern) bij Pieter Mortier
(en verkogt bij Estienne Roger) (Uni vers. Bib!. Amsterdam). Ju I i u s Röntgen bat
in zwei Heften 28 Tanzlieder daraus für Geige und Klavier bearbeitet. "Oud-Hollandsche
Boerenliedjes en Contradansen" (Werken van Vereenig. v. N. Neder!. Muziekgesch. XX
und XXIII). Es wäre hier angebracht, einiges über die Bearbeitung solcher Lieder zu
bemerken: das Tanzlied muss immer polyphon, und zwar, Note gegen No te
oder kanonis eh gesetzt werden. Jede figurierte Klavierbegleitung ist die ärgste Sünde,
die man gegen das Wesen des Tanzliedes begehen kann. Und Röntgen hat sich in dieser
Hinsicht öfter versündigt, wie auch in den Liederbearbeitungen des 17. und 18. Jahr-
hunderts in seinen "Oud-Nederlandsche Volksliederen" (Op 47• Bundel
1-4 Leipzig. Br. s. H.). Und er kann es besser. So sind von den .,Boerenliedjes" die
Numrnern 13 (Cecilia), 14 (Ik gink op eenen morgen), 16 (In Babilone) u. s. w. sehr
schöne und stilechte Sätze. Ueberhaupt soli der Satz immer flir Singstimme empfunden
werden. Im Volkslied gibt es keine Scheidung zwischen reiner Instrumentalmusik und
dem Wort allein. Der Gesang (Weise und Wort) ist absolut unzertrennlich. Das Tanzlied
muss eventuell so gesungen werden können. wie die Instrumente es spielen. Im übrigen
Terdienen diese ganz herrlichen Tauzweisen die Beachtung jedes Musikfreundes.
Eine ähnliche Sammlung, aber weder qualitativ noch quantitati v so wertvoll wie die
"Boerenlieties en Contredansen" ist:
De nieuwe Ho 11 a n d s c h e Schouwburg, zynde een verzameling versebeyden
vrolyke en serieuse danssen, menuetten etc., die op de viool, dwarsfiuyt en anderen
Instrumenten gespeelt kunnen worden. Amsteldam. Joh. Smit. (c. 1780).
(Der erste Teil befindet sich in der Amsterdamer Universitätsbibl.)
2) s. 6 ff.

..
DAS TANZLIED.
und wir können uns freuen, dass von manchem Text nur der
Anfangsvers erhalten ist.
Auch hier zeigt sich, dass die Volkskunst manches zeitgenössi-
sche in sich aufnimmt, verarbeitet, oder nur zeitweilig beibehält
und dann wi eder aufgibt. Es i st jene Tätigkeit der A u s les e,
welche eine der hervorragendst en Eigenschaften des Volkes ist. Nur
durch sie erkl ärt si ch der Umstand, dass wertvolle Lieder auf
dem Lande Jahrhundert e überl ebten, während all e die Gassenhauer
und di e Lieder der städtischen Modekunst spurlos dahinschwanden.
Betrachten wir nun di e Sammlungen nach ihrem Inhalt, so zer-
fallen sie in drei Gruppen:
a) echte Volk s lied er (Tanzlieder), das heisst solche, die
nicht nur textlich besseren Inhaltes sind, sondern auch den soge-
nannten abs o lute n Volkston aufweisen. Ich möchte behaupten,
dass der "Volks ton" dem innersten W es en nach, wie die ihm zu
Grunde liegende Weltanschauung, ein sich stets gleichbleibender
ist, ganz abgesehen von dem Quadraturban der Melodie. Die
ältesten Volksweisen, wie sie bei Ne i cl hart v on Re u en th al,
Ad a m de 1 a I-I alle, Duf a y u. s. w. auftauclwn, haben sofort
jenen uns bekannt und vertraut klingenden Ton.
Um einige Beispiele aus der j edermann zugänglichen Sammlung
Rönt g en s zu nennen, kämen unter anderen in Betracht: No. 9
Soet roosie root; No. I I lek gae mijn soeten engel; No. I4 Al
de jonge luijde ; No. I 5 lek gink op eenen morgen; No. I6 In
Babilone; No. 19 'k lagh in de neetelen; No. 20 Gaillarde Slof;
No. 2 I Ik voer laast uijt Hollandt; No. 22 Nachtegaaltje kleijne;
No. 24 Contredans, No. 28 de Keiser.
Sie weisen zwar auch Spuren des zeitgenössischen Stiles der
Kunstmusik auf, aber im allgemeinen überwiegt der Volkston.
Jen e r ho 11 ä n ct is c h-f r ie sis c he Volkston trägt einen aus-
gesprochen ni ederdeutschen Charakter: schwer, fast schwerfällig,
aber darum nicht weniger fröhlich oder ausgelassen, kräftig, mar-
kig, scharf markiert und dabei oft von grösster Innigkeit und
Wärme.
b, Die Gassen ha u er (Bordellieder u.s. w. ).
c. Die ct i rekt d e r Kun s tmus ik ent 1 eh n ten We is en,
welche ganz das Gepräge ihrer Zeit tragen.
DAS TANZLIED.
239
So z. B. typisch: No. I "0 ongelukkige tijt" (das eine Händelsche
Sarabande sein könnte), No. 3 lek hebbe mijne klachten, No. 7
Philida van Utreght, u.s. w.
Die beiden 1etzten Gattungen finden ihre Erklärung in dem Um-
stande, class j ene Tanzli eder von den fa h renden NI u sik er n
gepflegt wurden, die nicht nur zu Hochzeiten und Kinnessen auf
dem Lande aufspi elten, sondern auch in den Amsterdamer Musik-
tavernen ihren Lebensunterhalt verdienten und so das Bindeglied
bildeten zwischen dem Strassenkot und der Höhenkunst.
Die Herausgabe der ., Boerenlieti es" war einfach eine Spekulation
der Verl eger und für das Publikum der Musiktavernen berechnet.
Aber trotzdem bleibt jene Tatsache bestehen, welche E ns c he d é
in seiner Studie hervarhebt: "Unsrer Generation ist jetzt eine QueUe
holländi scher Instnunentalmusik des I 7. J ahrhunderts eröffnet worden,
damit wir sie kennen und schätzen lernen. Hätten Roger und
Mortier als Musikverleger sich des absoluten musikalischen Volks-
Iehens in ihrer Umgebung nicht angenommen, s o w ä re ei n e
Kun s t mit ein e m aus g eprä g t holländischenChara kter
zum künstl e rischen Schad e n der
verlor e n geg a ngen" r).
V on den Musiktavernen und Konzerthäusern erhalten wir schon
aus der ersten Hälfte des IJ. Jahrhunderts Nachricht. Nachdem
die "al t e Kammer", .,d e Eg Ie n tier" im Jahre I 632 mit Dr. Sa-
muel Costers "Academie" vereinigt worden war, hatte Jan
Harma ns z. Kr u 1 und sein Anhang den Versuch gemacht, in
seiner "Musikkammer" "Je b 1 ij ft in e ê l en doen" die alte
Kammer zu erhalten. In dieser Kammer wurden Singspiele, auch
von Kr u 1 gedichtete, aufgeführt. Leider ist uns von der Musik
nichts erhalten. Ohne Zweifel liegt hier aber eine elirekte Beeinflus-
sung durch die Engländer und eine Nachfolge ihrer Singspiele vor.
Wir erfahren weiter, dass es ein Musikhaus "In de Mennisten
Bruyloft" oder "in d'Os in de Bruyloft" urn diese Zeit gab, errich-
tet von Johan A nt on i des aus Alkmaar, das auch wohl " Het
Huys te Sinnelust'' genannt wurde.
2
)
I ) Derti g j aren muziek. S. 7·
2) Gotfr. Hegen iti: Itineratium Frisio-Hollandicum et Abr. Ortelii Itinerarium
DAS TANZLIED.
Musikhaus existierte noch im Jahre 1659, wo wir die
Jenes 1' h . h 1' h M .
hricbt erhalten, dass man da täg IC "eme err 1c e us1c"
Nb ac
011
d allerhand seltene Musikinstrumente se hen könnte I),
ören · . .
Ebenso erfallren wir von einem anderen Mus1khaus, d1e Taverne
des Richard Hancock (c. 1670) auf dem Rokin bei der Börse.
Man konnte dort Wein, Bier, Austern, Backwerk u.s. w. haben.
Von 4-10 Uhr wurde musiziert. Es gab in dem Hause mehrere
Zimmer mit Clavicembalos, Clavicordes, Cornetten, Lauten, und
Violen di gamba.
Der Va ter des Richard, E d u ar d Ha n co c k, hat schon im
Jahre 1613 mit dem französischen Lautenspider
eine Musikertruppe zusammengestellt, die auf Festbchke1ten sp1elte,
womit im Jahre 1626 eine Tanzschule verbunden wurde.
2
)
Bilder aus jenen besseren Musikhäusern, denn auch in den
Frauenhäusern und Tavernen geringerer Art wurde zum Tanz
aufgespielt, bietet das Liederbuch "Nieuwe n Je u c ht-S pi eg he 1"
(Amsterdam c. 1620), welches sehr schöne Kupferstiche enthält. 3)
Die "Boerenlieties en Contredansen" sind die letzten Ausläufer
der selbständigen nordniederländischen V olksk'unst, welche gegen
das Ende des r8. Jahrhunderts schon im Erlöschen begriffen ist.
Jene Weisen, die einst unter der grünen Linde zum Tanz erklungen
Gallo-Brabanticum. In quibus quae visu, quae lecta digna. Lugd. Batavor. Ex officina
Elzeviriana. MDCXXX.
Unter den Sehenswürdigkeiten Amsterdams nennt er (S. 67, 68) :
D
0
mus 0 r ga n i ca, in qua varios coneenlus Musicos et suaviludios
audire, quin et omnis generis instrumenta Musica in vulgus non adea nota vtdere _heet.
Autor et directer horurn ludorum, qui etiam hadie vivit, est Joannes Au tontdes
Alcmarianus a quo, cum sectae Mennonicae esse! addictus, taberna illa vulgo nuncupatur
in de Bryloft, sen ut ipse hospes appellat, in d'Os in de Bruy-

0
ft, vel 't Hu y s te si u u e 1 u st. Ipse nu per hoc elogium, au Symbolum, suae
domus recensuit:
Heel boven op dit huys, ist als een Paradijs,
Daer is Fonteyn geru ys, Snaer, Pijpen, soet gekrijs.
Begeer g' in •t huys te gaen, te hooren en te sien,
Soo toont uw' mildigheyt, tot onderhout van dien.
I) Vgl. C. M er i a n: Typographia Germaniae Francfu:t. I659· "
2
) Vgl. scheur 1 eer s Abhandlung in "Amsterdam m de ·
3
) S.
27
befindet sich ein Bild aus dem Musiksalon jen er Zett; S. 65 eme
Vgl. weiter S. 23, 3I 1 41, 27. .
Interessant ist dass unter den Kupferstichen auch deutsche Kmitelverse vorkommen.
S.
3
5 bringt Bild von dem s.g. "Kaatsspel." S. 39 vom D:r poetische
Wert dieses stark mit Rbetorikerelementen durchsetzten Liederbuches 1st gletch null.
DIE SCHAFERDICHTUNG.
ha ben und vonden Meistern des I 7. Jahrhunderts in lustigen, farben-
reichen Bildern festgehalten wurden, verstummten. Unsere Volks-
sitten verrobten unter dem Einfluss der städtischen Entartung, der
sie ·wehrlos ausgeliefert waren, immer mehr, sodass die Klagen
eines eng·liscl1en Reisenden über das fürchterlich rohe Treiben einer
holländischen Kirmess, die ihren Wiederhall in dem Urteil Hoffmanns
von Fallersle,ben im 19. Jahrhundert finden, nur allzusehr
gerechtfertigt sind. I)
vVenden wir den Bliek nun noch einmal bis zum Anfang des
17. Jahrhunderts zurück, wo der Kontrast zwischen dem Neudruck
des "Oud-Amsterdamse Liedboek" und dem gleichzeitig erschienenen
"Nieu Amsterdamse Lietboeck" schon erörtert vvurde. Jenen alten
V olksliedern, die si eh in der ersten Sammlung befinden, begegnen
wir (mit einigen Ausnahmen) dort auch zum letzten Male. Sie
tauchen unter und verschwinden. So ist zum Beispiel in cliesem
Neuclruck des I 7· Jahrhunderts das envähnte Tanzlied Sullen wy
"
aldus stille staen" bereits nicht mehr vorhanden. In den vergangenen
Jahrzehnten hatte denn auch die "Rederijker"-Renaissancekultur
mit ihren Liederbüchern Staclt uncl Land überschwemmt: so Den
N i e u w e n L u s t h o f (Amsterdam I 602), B r u y 1 o ft s B a n c k e t
(Amsterdam r6o2), Den Bloemhof van de Neclerlantsche
Je u g h t (Amstelredam I 6o8 ), Cup i cl o's Lusthof (Amsterdam
C, !613)
2
), Apollo of Ghesangh der Mus en (Amsterdam
161 5); die Sammlung des J. v, Heemskerk "Minne-kunst, Minne-
baet, Minne-dichten" (Amsterdam I626-27), des Verfassers von
"Publ. Ovidii Nasonis Minne-kunst gepast op cl' Amsterdamsche
Vryagien" (Amsterdam 1622), worin die ganze kulturelle Lüge
r) An Entertaining Journey to the Netherlands.,, bij Coriat Junior.
In three volumes, London, Printed for W. Smith. MDCCLXXXII. Bd. I und Il enthalten
seine Reise durch Belgien. S. I 12. (Breda):
1t happened to be the season of Boeren-Kermis or Jaar m ark t at L i t t 1 e
Hague: - But ohow unlike the Barthol'mew fairs I have seen!- Where any
reasonable being would have concluded, it must have been the devi l's holiday!-
that hel! was liter ally b rol'e loose!- and the infernal tenauts masquerading it
in human shape.
2) In dieser Sammlung tritt die Verachtang des Deutschen, die wir im IS. Jahrhundert
überall finden werden (z. B. inT. Langendijk's (I685-I756) Lustspiel "De Zwetser",
und in einer Menge ander er Possen und Lustspiele), auch schon hervar.
Ein Dentscher wirbt urn ein (holländisches) Fräulein:
De hoechduitscher schwets en claaght sijn lijen:
Den Nar, die ln.cht om 't malle
16
DIE SCHÄFERDICHTUJ'\G.
jener Patriziergesellschaft koclifiziert ist; der Zee u s c heNacht e-
o·ael (Middelburgh 1623), Amsterclamsche Pegasus
(Amstelredam I627), eine Sammlung van "Veld-Deuntjes, Herders-
Zanghen, Pastorellen of Bosch-Zanghen'', "aen
Landtsche Juffertjes, mitsgaders aen de RlJn-landtsche Nymphjes-
suycker-soete Beckjens, in Venus gunste g·heboren": fast nur italie-
nische und französische Meloclien enthalteneL An dteser Sammlung
sind die Kupferstiche am schönsten.
In allen diesen Liederbüchern kommen aber noch ältere Volks-
lieder, zum Beispiel "een Ridder en een Meyske jong,'' "Het daghet
" S " cl W "v · uyt den Oosten," u.s. w. als "Voyse, " temme o er" .ys 01.
Gegen das letzte Viertel des I 7. J ahrhunderts dte
rijkerelemente an aus den Liederbüchern zu verschwmden, gletch-
zeitirr mit dem Verseinvinden der Kammem aus den Städten. Es
erscheinen nur noch Gedichtsammlungen van irgend welchem Rhe-
torikerfest auf den Dörfern, van ihnen selbst herausgegeben. Um
die Wende des I7. Jahrhunclerts hebt sich die Schäferclich-
t u n cr als einzirres Leitmotiv aus der Renaissanceclichtung hervor,
der m;thologische Stoff immer mehr in den Hintergrun:l
tritt und schliesslich zum lanclschaftlichen Fernblick der arkadt-
schen Poesic wird.
Das Unorganische dieser g·anzen Dichtung zeigt sich in ihrer ge-
künstelten Art des Ausdruckes, uncl der direkt unnatürlichcn Stim-
mung·. Als besanders wirksames Mittel wircl das Di.minutivum
J
. e" verwendet, eine widerliche Uebertreibung des Ltebeslebens
" "1
(als Leitmotiv das "L ie beswin se 1 n,''- Liebes"klage .;:ann man
es nicht nennen).
In der ersten Hälfte des Jahrhunderts, wo der Einfluss jener
Dichtung noch nicht unbeschränkt ist, gibt es noch solche
die sich selbst in dieser Spähre zu erhalten wissen, so zum Betsptel
G. A. Bredera, · J. van Asten, C. Stribee und Andere.
Wenn sie singen, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist,
sie schöne Volkslieder. Sobald sie aber gebildet, literarisch sem
wollen, verbrechen sie die fadesten mythologischen und arkadischen
Gedichte.
So befindet sich in dem "Nieuwe Rotterdamsche Speel-
jacht" (Amsterdam c. I 640) das schöne "V eldt-liedeken van
dessen Dichter Stribee ist. Die wuchtige Sprache der Geusenlteder,
die plastische Kraft der Bilder (z. B. die Spanier soltten sich nur
DIE SCHAFERDICHTUNG.
243
nicht wundern, wenn sie sich mit dem Ohr an den Boden hinlegten
und die Kanon en in Holland cl01mern hörten) mach en das Lied zu
einem unsrer schönsten historischen Lieder.
In derselben Sammlung hat er aber auch nach dem Muster van
Hooft s "Windeken daer den Bosch af drilt" als "Stemme" ein
"Harders-Troeteldeuntje" geschrieben:
Hoort lodderlijcke Galathee,
Laet het herdertje Stribec
Zyn u minnaar
En verwinnaer ...
Die Schlussstrophe heisst:
Siet eens uwen Herder aen,
Waer dat sijn lieve lorrekjes gaen.
Daer sal geen graven Satyr stout,
In het dicht heblade wout,
By der nachten
U verkrachten:
Dus als ghy om blomkens gaet,
Neemt dan u Stribee te baet.
Nicht nur die Volksdichter, das "weltliche" Lied wurde van jen er
städtischen Kultur vergewaltigt, sondern das "geistliche" Lied blieb
auch nicht verschont. In dem "Nieu Amsterdams Lieclt-boeck" wird
das alte Testament arkadisiert (S. 45): ,,Een nieuw Harders-Liedeken
van Jacob ende Rachel" - "Stemme: Coridon ontsteken," Jacob
nennt Rachel sogar "sijn Galathee,'' nach clem Rezept Hooft s.
Dies zeigt sich noch stärker in einem katholischen geistlichen
Liederbüchlein "Kers-Nacht ende de naervolgendeDagen''
(Antwerpen I 7 I 3), war in wir "Leyssem-Liedekens '' fmden, in den en
das Hi1tenvolk van Betbiehem als Schäfer und Schäferin auftreten
und sich Coriclon, Thyter u. s. w. nennen. So zum Beispiel das
Hirtenlied (S. 6.):
S, I I :
Coridon en !act uwe schaepkens stacn,
Tyter siet eens hoe fray de sterren gaen, -
0, Aminta, hoort tog dit snaerenspel.
Coriclou; op, S:l sa! Bethleem ! - u.s. w,
244
DAS GEISTLICHE LIED UND DIE SCHAFERDICHTUNG.
Im allgemeinen geht die geistliche Dichtung· (das sogenannte
geistliche Volkslied) zurück. Es zeigt sicheben, dass nicht
die katboliscbe Religion die QueUe jener Blüte des geistlichen
Liedes gewesen war, sondernjene kindlich-heidnische Weltanschauung
des Volkes, welche die Religion ganz ihres übersinnlichen, speku-
lativen Charakters entkleidet und ins Irclische libertragen batte. Die
Voraussetzung einer gewissen einheitlicben \Veltanschauung der ver-
scbiedenen Stände hatte schon läng·st aufgehört zu bestehen. Seit
der Reformation, seit der Entwicklung einer spekulativeren Form
der Theologie entsteht keine wesentlich neue geistliche Volksdichtung
mehr. In den katholischen Ländern wird das alte Lied im Volke
erhalten: es \verden wohl neuere hinzugedichtet und gesungen, aber
sie sind nur schablonenmässig angefertigte Nachahmungen nicht
mehr lebendiger Formen, ähnlich wie die Gathik der neueren katlw-
lischen Kirchen.
So enthält "Het Paradys der Gheestelycke enKercke-
lycke Lof·sangen'' (Antwerpen, 4er Drude 1638) r) noch eine
ganze Reihe alter \IVeinachtslieder und "Leisen" mit Melodien.
So zum Beispiel Seite 23: Een kindeken is ons gebo01·en
In Bethlehem,
Des hadd' Herodes thoorcn :
Dat scheen aen hem.
S. 42 : Puer nobis nascitur.
S. 44: 't Is een dagh van vrolijckheyt. Dies est betitiae.
S. 50; Het viel een hemelselauwe
In een klein Maegdeken.
S. 16: Nu zyt wellekome, Jesu lieven Heer.
2
)
Ebenso enthält das "K l e y n Par a cl ij s k e n va 11 't Boom k e n
x) Der erste Druek iil vom Jahre 1621.
2) Die Ueberlragung (liescr Melodie bei Ac q u o y : Middeleeuwsche Geestelijke Liederen
en Lci sen" 7Aligt, wie wenig er vom Volkslied und seinen Tonartcn verstand. Er streicht
cinfach das b, wclches Thc o d otn s in• dri tt en Verse als Alterntionszeichen vor das lt.
setzt, nmaar er o ng etwij feld ni e t b eh oo rt en daarom zo n d ereen ige b ede n-
k in g {s ic I) door mij is weggelaten.' ' (S. s6). WÏthrend die W cise bei T h co do t u s ganz
deutlich in f du r notiert i st, und das Fehlen der Voneichnung (bJ nur auf die Scbwankung
in der Notation, vcrnrsacht durch das Durchdringen dor weltticben D n r t on a rt e n, zurilek-
znffi hrcn ist, iiberträgt A c q u o y die Melodie ohne wei tercs in dl fonische Tonart
1
einc
ebenso eigenmächtige wie verständnislose Handlung!
Vgl . weiter W. B ä u m k er: Kirchenmnsikalisches Jabrbnch flir das Jahr r887. S. 63 ff.
nnd in der Vierteljahrsschrift fiir :\lusil:wissenschaft. Jahrg. r888. Heft. 2.
I
DAS GEISTLICHE LIED UND DIE SCHAFERDICHTUNG.
des l cv e
11
s'' (4 Bcle, Antwerpen 16 r 9) abgesehen von den wert-
losen Rhetorikerliedern viele al te Lieder:
Zum Beispiel Bel. II, ('t Groen Prieelken d er g heest e-
lijcke liedekens) S. 17:
s. 20:
Het viel eens hemels douw
In een kleyn maechdeken.
Waer is die dochter van Syon,
lek soud' haer blijde maken.
S. 46: Een kindeken is ons gheboren (,,Va
11
cle drye
Koninghen").
Es kommen auch viele weltliche Lieder als voys " .
' w· " . " en vor, sogar
das " tlhelmus , welter "Passemede d'Anvers" Est .ç l\tr· •
d d
. ,, D ' " c '.tars cc
gran 1eu , " en lustdijeken Mey" u.s. w.
.J_\-uch gibt es viele neue Li ecler darin : aber es sind nur fromme
Retmsachen ohne poetischen \Vert, wenn auch der Formelschatz
des alten Volksliedes ciabei geplundert wird.
. Der Rückgang d:s geistlichen Liedes tritt noch sichtbarer hervor
m der Sammlung "Een geestelijek Lust-hoofkenmetschoone
lieffelijcke , geestelijcke Gesangen beplant, door een catholijcken
Pastoor. 1 ot __ blijdtschap der zielen, ende vermijdinge
aller o n e e rl IJ c k e, li c h t v e e r d i o- e w ere 1 d t o· e s a
1
" (E
• ;" ;" 1 gen m-
r6_8S). !ene Neudichtungen enthalten auch nicht den ge-
nngsten dtchtenschen vVert uncl widerlegen das Märchen von der
Entstehung . des geistlichen V olksliedes aus der katholischen Kirche
Entscht edenste. W oh! tritt hier aber der Einfluss der Schäfer-
cl1chtu11g als "voys" recht ergötzlich auf.
So zum Beispiel S. 5 das Lied "Van de H. Maghet en de Mar-
telaresse Barbara", "Stem: \Vees Ni m ph ge g r
0
et, ofte Cart-
huyser bruyn, etc."
S. I I : Een ander van de H. Harbara. Stem : Kits Almande.
.s. 13: Noch een ander van de H. Barbara. Stem: Rosemonclt
dte lagh gedoken.(!)
S. 15: VanS. Allegondis Maghet. Stem: Bedroefde Harder si et
.40: Oeffeningh van een oprecht berouw der sonden, op
WIJS:· Komt nu, schoon e V e 1 d-G o cl in n e.
Dte W" " ·
se " IJSe wtrd auch verwendet zu clem Lied (S. 61) Een
ander Ae 1 J Cl . . "
nspraec {e es u mst1 tot een sondighe ziele." (sic !)
I •
DAS GEISTLICI-IE LIED UND DIE SCIIÄFERDICHTUNG.
S.
4
2: Van Maria Mag·delena. Op de wij se: Venus Go cl in n c.
S. 73: Van den H. Geest. Veni creator Spiritus, Op de' wijse:
V e nu s d u e n de i n k i n d t.
Ältere darin varkommende Weisen sind zum Deispiel S. 138:
"Op de Wijse: Schoon jongh vrou, ick moet tt klagen", umge-
dichtet zu:
Goede Godt, ick moet u klagen
Al myn tegenspoet, -
Noch erbärmlicher war der Zustand der calvinistischen geistlichen
Dichtung. Dieser Begriffan und für si eh ist dem Calvinisten schon ein
Greuel. Es gibt für ihn nur ei n e geistliche Dichtung: die Psalmen
Davids. Trotzdem wurde mancher Versuch zu protestantiseller
geistlicher Liederdichtung gemacht. Die südnieclerländischen Samm-
lungen enthalten noch vielfach alte Volksliedclemente uncl sind
sogar hie und da katholisch angehaucht. So bringt zum Beispiel
"Het Evangelische Vis-Net" (Antwerpen, Mitte IJ.Jahrh.),
noch das Lied (S. 2 I) :
Een kindeken is ons geboren
In dees Kers-nacht,
Van een Maegt uytverkoren -
flihrt weiter als "Voysen'': S. rr. "I-Iet viel een Hemels
(da u we)"; S. IJ und 106 sogar "lek wil te landt uyt rij den,"
denHildebrandston;S.27. "lek g·ingh op eenen morgen
1
)";
aber auch: S. 36. Ach schoone Nimph; S. 61. Als Daphne
d'overschoone maeght; S. 81. Roscmont die lagh ge-
doken (sogar 5 mal!).
Das Büchlein zeigt die Spuren katholischer Umgebung: es spricht
von den "H.H. Apostelen," uncl bringt S. 74 ein Lied "Feestdagh
van onse L. Vrouwe Lichtmis'' u.s. w. In dem calvinistischen Norden
hättc es nicht lange gelcbt.
Vollstänclig jeden dichterisellen Wertes entblösst sind die geist-
lichen Licderbücher der c alvinistischen Dichtung. Es sind frornme,
I) Diese Weise befindet sich auch in den "Boerenlieties".
DAS GEISTLICHE LIED UND DI E SCHAFERDICHTUNG.
247
erbauencle Reimsachen: Variationen über die alttestamentlichen
Psalmen u.s. w. So "'tG eest eI ij c k Kr u y d-I-I o fk c n" (Sacrdam
r669), "'tVermeerdcrde Achter-Hofken" (Saerclam 1669),
der "Lusthof des Gemoets" (Groningen 1732), worin Karel
van Man cl ers geistliche Lieder und sogar noch "schriftuurlyke
liedekens" des r6. Jahrhunderts in neuerem Gewandc erscheincn. Auch
tauchen noch einige ältere Melodien darin auf, zum Beispiel "Onse
Vader in Hemelryck' ' , "0 Kersnacht schoener" eine vereinzelte
'
weltliche "Schoon lief, gy zyt prys weert alleyne' '. Aber - wie
gesagt - es handelt sich hier nur um Neudrucke von alten Weisen
und Liedern. Bezeichnend ist, dass der Herauso·eber A 11 e De r c k s
b , ,
hier wie im "Agter-Hofje" (Groningen 1732) betont, dass die
darin enthaltenen "stigtclyke Gesangen'' - "in de vergacleringe"
na eh Belieben "ges on g· en en gele sen" werden können.
Der Begriff des Liecles hatte cla schon längst aufgehört.
In dem frommen "V 1 aarding· s Visser s-L ie cl boek" (Amster-
dam I 760), worin sich als Einlcitung· Lobgedichte auf "den geestigen
Visser Roelant de Kater'' befinden, der so erbaulich (stigt'lijk) und
fromm dichten kamt, heisst es in märzlichem Tone:
Vissers, hoor dees Vi sser Kater
Stigt'lyk cligten op het water,
Lallend' met een zoete stem,
't Pad van 't Nieuwe Jeruzalem.
"Parnas'' und "den hemelsehen Apol" werden weiter noch ver-
wendet u.s. w.
Der Calvinismus· hattc mit Erfalg jeden dichterischen Funken,
jene Teufelsverführung, in sich getötet. Es gibt in Nordniederland
seit dem I6. Jahrhundert kcin geistliches Lied mehr.
'Wie sehr diese arkaclische Kultur einc importicrte Mode war, geht
wiederholt aus den Von·cclen der Liederbücher hervor, zum Beispiel
in der zehnten (!) Auflage des "Am st eI cl a m s Minne-be e c kj e"
(Amsterdam I6S8)
1
) teilt der Verleger Thomas Verdonck in
der Varrede "Aen d'Amstcls Sanghers en Sangerinnetjes" mit, class
er ihnen, wenn di e Sammlung gefiele, jährlich herausgeben würde,
I) Die erste Ausgabe erschien 1637-38.
DIE SCHAFERDICHTUNG.
was "in Vranckrijck en Engelant voor aerdighst en nieus
aen den dagh ('t sy in of buyten druck)
1
) gehouden sa! sijn.''
De Nieuwe Haagsche Nachtegaal (Amsterdam .1659),
gewidmet der "allervolmaakste Joffer N. N.", enthiilt echteProben
jener Kunst; zum Beispiel S. 7. das Lied "Stem me Polifcmus :"
r) Silvin, die myn gedagjes
Daagjes, nagjes,
Vuld met klagjes
Van de min,
Als ik op de aartigheedjes
Van uw leedjes,
En uw zeecljes,
Zet mijn zin.
2) Woud gy, ach mijn droeve Zugjes,
Ziels gerugjes,
Die zo vlugjes
Van mij gaan,
Horen, en die lieve oogjes
Van om hoogjes
Uit haar boogjes
Op my slaan.
Weitere charakteristische Proben jener internationalen Mode, z. B.
aus den bekannten "Apolloos Minne-sangen" (Amsterdam 1663),
sind (S. 37) die Beschreibung der Brust der Schäferin:
Uw heuveltjes van albast,
Rly-gloedetjes toegepast
Als balletjes van yvoor,
Slaan 't minnende zieltje door,
En zwellen als bolletjes op
En volletjes tot de krop.
Aus "Clioos Cytter'' (Amsterdam. 1663. S. 4) "Stem: La
V alencienne" :
r) Als ik uw rozemont,
Die met karsjens is omzet,
Maar genaak met mijne lippen,
r) Ein Beweis, dass die Verleger auch m\indlich verbreitete Lieder abdruckten.
DIE SCHAFERDICHTUNG.
l:; mijn zieltje strax in 't net,
In de netten die zoo ront
Om uw blakende ooghjens staan;
Ach mijn zieltje is al aan 't slippen,
Als ik raak uw kaakjes aan.
2) Ay, sluit uw ooghjens toe!
Gy verzengt mijn ziel en hart;
Al mijn ingewanden gloeycn --
'k Sterf van enkle minnesmart.
S. 144· "Op Ermgaarts Kusjens'':
Het zijn geen kusjens, die mijn Engelin my geeft,
Wanneer haar montje kleeft
Zoo lymigh aan het mijn,
Waardoor mijn zieltje waant m Jupijns troon te zijn.
249
Dies ist alles die Blütezeit, das Goldene Zeitalter der "nieder-
ländischen" Dichtung.
In dem "Apollo's St. Nicolaasgift aan Minerva"(sic!)
(Leiden c. I 7 30) finden wir ein arkadisches Hochzeitsliecl (S. 2 3)
"Overleg van 't Huwelyk":
Schoon dat ik onder 't groen
Van dikgetakte bomen,
Aan frisse waterstromen,
Myn Amarilles zoen, -
Kan tot mijn rust niet doen,
Schoon ik met duyzend kus-us-w;-ussen
Myn minnevlam blu-us-us-ussen ...
Und so wie jener Matrosc in einen Schäfer umgewandelt wurde,
geschieht dasselbe mit dem Bauer in "De zingen cl eLand man"
(Rotterdam c. 176o), S. 71. "Een nieuw Lied op den Landman,
(Op een aangenaame wys)":
Wel wat leeft den landman gerust,
Als hy met vreugde zyn Filislief kust
In diesem Liederbuch des singenden Bauersmannes befinden sich
allerhand Schäferlieder ; S. 79. "Een nieuw lied op de schoonheid
DIE SCHAFERDICHTUNG.
van Diana", worin Aurora, Phebus, Diaan, Minnervaes beek, Or-
menius etc. aufgezählt werden u. s. w.
Bis zum Ende blieb jcne Kultur sich gleich, auch in ibrer internati-
onalen Perversität und Geilheit. So die Sammlung "D c Ni c u we
Amstcrdamsche Buiten-Zingel" (5de Druk. Amsterdam
c. t8oo) 1) und darin das "Bruilofts-Lied" (S. 19):
4) Speelgenoot, gy moet u bereijen,
Meisjens het eliend van u gedaan.
(Sie sollen die Braut ins Schla.fzimmer beglciten)
Brengt haar vry tot aan het bed,
Maar weest vcrder geen belet:
Het andere, dat wij nog vennoen "),
Laten wy de brnydegom doen.
Es ist die bekannte Wendung. Ab uncl zu finelet man cine
christliche Reaktion gegen diese sündige, heidnische Welt. So zum
Beispiel "De 11 eer 1 y c ke 11 P 1 u c k-V o g he I" (Brusseli684). Diese
süclniederländische Sammlung enthält auch sehr viele Schäfer-
gedichte: man finelet aber keine schlüpferigen und wolli.istigen
Lieder darunter. Im Gegenteil heisst es sogar in einem Hochzeits-
lied (S. 184):
Godt is de liefde,
Maer Venus en is die niet.
Gheen Venus-kinclt, geen Capidokcn,
Gheen Af-godin,
En sijn, die 't vier der liefde stoken
In onsen sin:
Maer 't is den grooten Heer der Heercn,
Die in 't begin
Ons eerste Ouders quam verecren
Met reyne min.
Dies Gedicht hat aber als Pendant cin Brautlied "De Bruydt
levert haer over aen haeren Bruyclegom" (S. I 7 3):
I) Der erste Druck datiel't vom Jahre 1770.
2) Vermocn aus "vermoeden"= vermuten.
DIE SCHAFERDICHTUNG,
4) Ontfanght mijn teere uloem,
ny nicmandt oyt gelesen
Een eerbaer troni,
Een animoni,
Die van schacmte gloeyt.
Schmutzige Lieder finelet man darin nicht, aber auch nicht ein
einziges, das emen natürlichen Ton träfe oder nur witzig wäre,
geschweige poëtisch.
Je mchr wir ins I 8. Jahrhundert vordringen, um so grösser wird
die Me 1 o di c nar m ut. Die schaffen de Tätigkeit im Volke hatte schon
aufgehört: es erhielt nur noch den alten Besitz auf dcm Lande.
Man finelet öfter die Bezcichnung "op e c n aangename V o y s,"
"op een beken cl e V o y s." Vielfach ist die Melodie nur irgendwo
hergenommen, und oft fchlt sic ganz. So entbält zum Beispiel
"A po 11 o's V astenavond gift" (Dordrecht c. 1749) viele Lieder,
die auf fünf versebiedene "Stemmen" gesungen werden köJtnen.
1
)
Die Verachtung der alten Melodien durch die Patrizierkreise (die,
wie El is a bet h 'vV o I f f kritisch bemerkte, nur "voddige vertac-
lingen van Opera deuntjes zingen")
2
), beschleunigte das Versehwiuden
der alten Weisen.
Jene Verachtung der Lieder "van de tyden van Maarte van
Rossem" 3) spricht die "Opdracht" des Liedcrbi.lchleins "A po 11 o's
Kermis g i ft aan de Haagse he vennaaks-gesinde J eucht" ('s Gra-
venhage 1740) aus (S. 8): ... "dat ik verscbcyde male op Bruiloften
zynde, niet zelden heb hooren zugten en klagen, dat men geen een
fraay deuntje had, gevoeglijk op zoo een plaets, buit c n die
ouwerwetse, welke nog heugden van de tyden van
Maarte van Rossem, en die zoo dood gezongen zyn,
dat men er eer by zou in slaap vallen, als door ver-
ma e kt werden. En wat heeft het my meede in Particuliere ge-
selschappen niet wel verdrooten, dat men zig daer altoos moest
behelpen, met cl ie barmhartige straatdeunen, die van
I) Diese Erscheinung trilt schon im 17. Jahrhtmdert hervor. Auch Kal ff (Het Lied in
de Middeleeuwen, S. 662) crwlihnt diesen
2) Voorrede der "Economische Liedjes" (x78r) S. XXVI.
3} Der Bandenfiihrer des Herzogs Kar! van Geldern in seinem Kampr gegen Kaiser
Kar! V.
DER UNTERGANG DER VOLKSLIEDWEISE.
J a
11
R à p e
11
z ij 11 m a at d a ge 1 ij k s 1 a n g s s t r a at g e b u I k
werden."
Der sehr gebildete Sammler, Dichter (?) und Vcrleger nannte
das Singen des Volkes damals schon "brüllen."
Betrachtet man sich abcr den Inhalt dieser Sammlung für die
Haager Damenwelt, so findet man die fadcste Schäferdichtung:
Thirsis, Phillis, Damon, Cloris, Roosemond, Climeen, Clorenia,
Daphne, Clorimeen, Philida, Amarillis, Silvia, u. s. w. sind reichlich
vertreten. vVeiter ein ganz schmutziges, ordinäres Lied, in der Form
eines Dialoges zwischen einer Holländerin (Arjoon) und einem
Deutschen (Jan), der um sie wirbt:
Ick schol jou Kinder
(Die ick bald rnaeken soli)
Afwisschen 't hinderst,
't Zoe wen zie dreyten sal.
Dies war nun die höhere Kultur, welche die holländische Ge-
sellschaft erlösen sollte von "den alten Leienveisen aus den Zeiten
von Maarten van Rossum."
vVie die Melodienarmut immer grösser wurde, bezeugt eine Samm-
lung"De smakelyke vermakelyke Minnebroers Sak" I)
(Amsterdam I 799). In der "V oorreden aan de Liefhebbers" heisst
es (S. 3):
"Dewyl ik juist de melancholykste op verre na niet en ben, heb
ik somtyds de Liedboekjes wat meer doorgezocht als het Psalm-
boek: maar vind( end) daarin een menigte Liedjes, zo broddelig gerymd,
dat het by wylen nauwlyks Rym geleek, heb ik my erbarmd; te
meer, omdat ik bevond in een Liedboekje nauwlyks 20
Voyzen (alzo somtyds 7 à 8 Liedjes op ééne voys ge-
ste 1 d waren), en dan dezelve nog van zo slegte alloy, dat ze
nauwlijks het zingen waardig waren. Dit en de ledigen tyd zyn de
oorzaak geweest, dat ik dit Liedboekje heb t' zamen gesteld, van
8o Liedjes op meer dan 6o voyzen."
Diese Sammlung enthält übrigens äuszerst gemeine und schmut-
zige Lieder. Dementsprechend behauptet der Verleger auch: "Over
zulks gissing makende, dat dit Liedbode meer in de Kroegen dan
r) Die erstc Ausgabe ist v. J. 1718. Amsterdam.
DER UNTERGANG DER VOLKSLlEDWEISE. 253
in de Kerken zoude worde gemengd : want het zyn Drink- en
Minne Liedjens, Pastorellen of Herders Deuntjes, Snakernytjes, om
de lever eens op te schudden, Minne Klagten, Bruilofts Sangen,
Krygsmans Deunen" u. s. w.
Interessant ist aber, dass der Verleger irgendwo die Melodie
"Het daghet uyt den Oosten'' (S. rso) und Broderos
"Arent Pieter Gysen" (S. 143) aufgefunden bat, ein Beweis
dafür, dass noch manclle'> im Volke sich erhalten hatte. Das Titel-
blatt sagt ausdrücklich, dass die vVeisen "bekannt" sind. Dass die
vollständige Trennung von Wort und Weise auch in den gebildeten
Kreisen empfunclen wurde, zeigen die "Proeven van M uzi ka a 1 e
Uitspanningen", verfasst von 'vV. V. Oleffen Caspersz. I)
In der Vorrede heisst es (S. lil) : "Daar de edele Muziek en
schoone Dichtkunst, ieder op zig zelve, het vermogen hebben van
onze harten op eene verrassebende wyze te kunnen treffen, vreugde
of droefheid, liefde of haat, daarin te doen ontstaan; kan het niet
anders weezen, of d e v e r e e n i g i n g v a n d e e z e w o n d e r b a are
vermogens moet een dubbele magt, om dusdanige nygin-
gen te doen geboren worden, voortbrengen. Hier van overtuigd
zynde, was ik begeerig, ook anderen deeze aangename gewaarwor-
ding te doen g·evoelen; derhalve besloot ik myne geringe krachten
in te spannen, om een gelukkige vereen i ging van Muziek
en Dichtkunst ten wege te brengen." Und weiter (S. IV):
Het belancr of liever het 002'merk der beide kunsten moet vol-
'} b '-J
komen hetzelfde zyn, zal de eene aan den andere niet hinderlyk
weezen."
vVas nun aber dieser vVagner des r8. Jahrhunderts hervorbringt,
ist eine jämmerliche Enttäuschung so hoch gespannter Ieleale: die
rhetorische Bürgerpoesie (den "stichtelyken toon"): sogar Schäfer-
liecler (Filomeel, Dafnis, Damon, Cloris, Tyter, Galathé u.s.w.); Lieder
wie "Lof der deugd", "]u das Wanhoop" (dessen Tonmalerei köstlich
ist), "Lof der Tevredenheid", "Niets is bestendig op aarde" u.s. w.
sind Proben jener vernünftelnden, didaktischen Bürgerdichtung am
Ende des r 8. Jahrhunderts, die keinen Funken dichterischen Ge-
fühles enthalten.
1) \V. v. Proeven van !I'Iuzikaale Uitspanningen.
Hestaande in i\Iengelzangen, naar den nieuwsten It o.l i c hen smo.al• geschikt, yoor
het Clavier, de Viool, Fluit en andP.re Instrumenten. Am.steldam. MDCCLXXXIJI.
1,
254
DIE DEUTSCHE BEWEGUNG.
Er schreibt auch einen schwulstigen "Heldenzang'' zu Ehren
Zoutmans und der Schlacht am Doggersbank
(N°, 4) Vaderlandsche helclenschaeren,
'k Stel ter uwer eer myn snaaren
Dazu eine ganz zahme Sonatinenmeloclie! Die ganzen Melodien
dieser Sammlung sincl überhaupt nur Klavierstückchen.
Während da draussen im Sturm und Drang sich die deutsche
Dichtung wieder zu verjüngen suchte, währencl Herder in seinen
Schriften den Anschluss an die Volkskunst als ästhetisches Ziel
aufstellte, während cin Denker wie Kant, die höchsten W ege
menschlicher Erkenntnis durchschritt, herrschte in Holland Ruhe,
die Rentiersruhe, durch nichts gestört und beeinflusst. Gegen Deutsch-
land hin schützte es die chinesische Ma u er des Vorurteiles: den
Mof" den Poep" ader ,,Hanneke-maaier" betrachtete der Hol-
" ' ,,
länder noch immer vom Standpunkt der alten wirtschaftlichen
Ueberlegenheit, als den armen verlumpten Tölpel, der sich für die
dreckige Arbeit verwenden liess, die der Holländer selbst nicht
anrühren würde, •) Und doch gab es urn die \Vende des I8. und
I9. Jahrhunderts eine Strömung, die Anschluss an Deutschland
suchte und deren V ertreter R y k 1 of Micha e 1 van Go en s, der
Utrechter Professor, sein Scl1wager Hier on y mus van A 1 ph en,
sowie Rh y n vis Feit h und Jacobus Be 11 a m y wurden.
V a n A 1 ph en hat eine unerhörte Sprachc in seiner Zeit ge-
sprochen. In seiner "Theorie der schoone Kunsten en Wetenschap-
pen, grootendeels overgenomen uit het Hoogduitsch van F. J. Riedel"
(1778) hat er die Stagnation der niederländischen Kultur scharf
kritisiert, das Fehlen einer berufenen Kritik aufgewiesen, und die
haltlose Nachahmung der Renaissancedichtung Hooft s, Vond e 1 s
und Poot s gerügt. Er zeigt, wie jene Dichter grosse Mängel und
Fehler gebabt hätten, und dass es die Pflicht der Gegenwart wäre,
sie zu sehen, urn sich selbst weiter entwickeln zu können. Bei
keinem der Nachbarn fände man soviel "gelegenheidsverzen" wie
I) Vgl. was Tas s u I o von der Bequemlichkeit der Grasbauerwirtschaft und den armen
'Westfalen schreibt. Lettres sur la Holl. h, S. II. Vgl. dazu im Anhange die "Moffen"-
lieder, aus denen, wie aus den niederlündischen Possen und LustspieJen des 17. und 18.
Jahrhundcrts, cli e grösste Vemchtung des Deutschcn .öpricht.
DIE "VOLKS" LIEDER DER 1\'IIJ. TOT NUT VAN 'T ALGEMEEN, 255
in Niederland, "zulk een aantal geboorte-, lijk-, huwelijksverzen"
nicht, wie bei uns. (I, I26-127): "Ik slaa mijnen Poot op, :n het
grootste deel zijner werken bestaat uit zulke verzen; het 1 s zo
ook met de poëzy van Vondel" u.s. w.
Aber jene Bewegung endete in einer Sackgasse: van Go e n_s
verlor sich in seinen politischen Kämpfen gegen die brutale Patn-
zierclique Amsterdams, Bellamy starb sehr jung, van
verirrte sich in die didaktische Bürgerpoesie, und Feit h s Senti-
mentalität wurde zu einer extremen Modeform, einer äusseren Form,
wie es die arkadisch-mythologische Dichtung der I 7. Jahrhunderts
o·ewesen. So ging die holländische Literatur nur bis zum Sentiment
den Anfängen des religiösen Umschlages mit, das heisst bis
Gessner, Gellert, Klopstock; und Klopstock wurde ge-
rade darin der verehrte Musaget, wo er in Deutschland veraltete,
im religiösen Epos und in seiner persönlichen Hohepriesterlich-
keit. I)
Das utilitarische, didaktische vVesen der rhetorischen Bürger-
poesie, das wir seit Ma er 1 a n t in der niederländischen Dichtung
beobachten können, ihr Prinzip "nutscap'' auf geistigem wie irdischem
Gebiete tritt am Ende des I 8. Jahrhunderts, als die Modekunst der
arkadischen Dichtung zu Ende gelogen war und morsch in sich
zusammensank, wieder stark hervor. Ueberall finden wir wieder
Dichtgenossenschaften, literarische Kollegien, die darauflos reimten
und kritisierten, wie weiland die "Rederijker". Eine Erscheinung jenes
bürrrerlichen Geistes ist die im J ah re I 784 gegründete "Maat-
s c 1; a p pij tot Nut van 't A 1 gemeen". Sie wand te ihre nutzen-
bringenden Interessen auch dem Volke zu uncl veröffentlich:e eine
Sammlung "Volks-Liedjens' '
2
), di e schon 1793
nahme der eigenen Mitglieder und die segenspendende Verte1hmg
unter den Dienstboten u.s. w. die 7te Auflage erlebten. In dem
"Bericht" schreibt der "Secretaris der Maatschappy'' M. Ni e u-
wenhuizen:
Het Gezang biJ. de meeste volken een voomaam gedeelte van
" '
hunne Godsdienstoefeningen uitmaakende, was ook altoos het ge-
liefde tijdverdrijf van Neêrlands ingezetenen. De gemeen e burger
echter zingt, zoo in zijne u uren van uitspanning, als onder zijne
•) Kossmann: Holland und Deutschland S. 28.
2) V o 1 k sI ie dj es uitgegeven door de Mantschappij tot Nut v:m 't 5 stnkJ-. s ,
7e Druk. Amsteldam. 1793.
256 DIE "VOLKS" LIEDER DER MIJ. TOT NUT VAN 'T ALGEMEEN.
beroepsbezigheden, g· eh e e 1 anders dan de m eer aanzien-
1 ij k e man, wiens Deserten door It a 1 i aan s c he en Frans c he
airtjens verlevendigd worden. Beider liederen loopen echter veeltijds
op een zelfde doel, namelijk op wijn, of op liefde uit (sic!); alleen
met dit onderscheid dat de gezangen der aanzienlijke meer kunst
en beschaving kenmerken, clan die der geringe werklieden."
Die Maatschappij "uit haaren aart het welzijn van den gemeenen
man ten oogmerk hebbende'' habe sich nun entschlossen, dass
Tugend und Bildung sich mehr verbreiten würden "wanneer
m e n d e n g e r i n g e n b u r g c r z ij n e n g c w o o n e n v o I k s t o o n
1 iet ho u cl en.'' Nur soliten die Lieder sittlich korrigiert werden.
Diese Arbeit habe die Maatschappij sich nun nicht verdriessen
lassen "om de natie zodanige liedjens te schenken, cl ie meer g· e 1 ijk
aan e 1 kander
1
), min cl c r we 11 u st wekken cl e, en geheel
overeenkomstig zijn met het plan, dat men zich ten deezen opzichte
gevormd hadt: namelijk om het stichtende zo veel vermaak
over te laten, als bes'aanbaar geöordeeld wordt, met dien invloed,
dien het, bij ongeleerde en vermaakzoekende Lieden hebben moet."
2
)
Dieser "stichtelijke toon" beherrscht die "Volks"lieder ganz.
Daneben aber machen sich als Postulat jene allgemeinen redsdigen
Betrachtungen, jene rhetorische vVeitläufigkeit, der öde vVörter-
schwall breit : die Eigenschaften der bürgerlichen Poeterei. Die
Lieder enthalten grade alles, was man nur als "unvolkstümlich"
bezeichnen kann: den moralisierenden, diclaktischen Ton, die ver-
nünftelnde Detailschilderung der Natur mit ihrem Zuviel an vVorten,
und absolutem Mangel an Gefühl. So z. B. (I. S. 40) "De rustende
arbeidsman" :
Hoe lieffelijk is deze avondstond I
Hoe streelend is de rust !
Voor mij, die bij mijn Vredegoud
Mij zingend weer verlust.
Diese biederen Volksbeglücker batten nicht die leiseste Ahnung·,
dass das Volkslied niemals solche oratischen Betrachtungen anstellt.
z) Die eintönige Gleichförmigkeit fallt auch sofort auf.
2) Es ist bezeichnend, dass immer wieder nu r das di dak ti s c he Element der
deutschen Literatur zur Beeinflussung der niederländischen zugelassen wird, wie wir denn
auch in den Liedersammlungen der "Maatschappij" auf den didaktischen Einfluss G Ie i m s
und des Miltheimi s ch enLiederb uc hes stossen.
DAS ENDE.
257
Die Natur kommt entweder als "Natureingang" oder als kurzes
vergleichendes Bild, höchstens in skizzenhafter Andeutung vor:
aber niemals in reflektierenden Betrachtungsphrasen. Und grade mit
diesen Betrachtungsphrasen "Wie schön ist die Morgenstunde",-
"\iVie lieblich" ist dies ader jenes, mit sokher Rhetorik wurde ein
Jahrhundert lang, bis heute, die niederländische Schuljugend ge-
speist. Ein Kinderlied, ein Jugendlied gab es nicht: nur den "stich-
telijke toon".
Ein fürchterlicher Leierton, dessen ich mich noch van den Dienst-
boten aus meiner Kinderzeit erinnere "Het wachtende Meisje" (I,
S. 47), fängt dennassen an:
Wat wordt het laat! de klok slaet agt,
Waar of mijn Doris blijft?
't Valt moeilijk als men iemand wagt,
En als de vreeze ons drijft
Te twijff'len aan zijn' trouw:
Hy heeft misschien berouw,
Dat hy een meisjen zonder geld
Gevraagd heeft tot zijn vrouw.
Das Wort "vrouw" wurde dann mit einem entsetzlichen Schleifer
"vrou-hou-houw" heraufgezogen.
Dazu veröffentlichte die Gesellschaft auch "Zang-Wyzen", r) von
einem ,,Kundig Liefhebber" (R. Doll Timman ?) "op muziek ge-
bracht." Es sind Melodien aus den leiebteren (auch = oberfiäch-
lichen) Klavi ersonatinenjener Zeit, rhythmisch oft sehr virtuosenhaft
(vgl. No. 32): es zeigt nur wieder, wie wenig Ahnung diese Volks-
beglücker, die dem "geringeren" Bürger seinen Volkston wiedergeben
wollten, da die Kunst der höheren Stände für ihn nicht geeignet
se i, von dem wahren Volkston hatten,
Eine ähnliche Publikation, wie die der M. t. N. v. 't A., un-
ternahm der Prädikant von Loosduinen, Jan van E y k, der drei
Bändchen "Lie cl erenvoor cl en Landman" (Amsterdam 1794-
1796) und drei Bändchen "Liederen voor Dorp en Stede-
lingen'' (r7g8-r8r8)
2
) veröffentlichte, zum Heile des Volkes.
t) Zangwijzen voor de Volk s liedjens uitgegeven door de Maat.>chappij tot
~ u t van 't Algemeen, Op muziek gebragt door een kundig liefhebber. Amsteldam. M.D.
CCXC. r.e Stukje.
2
) Jan v a n E y k: Liederen voor den Landman. 3 Stukjes. Amsterdam Joh. All art.
17
DAS ENDE.
Sie haben, wie die Widmung schon kund tut, den Zweck, die gegen-
wärticren Feinde der Religion zu bekämpfen. Jedes Lied ist mit einem
b
Bibeltext überschrieben. Und zwar findet man: "Me!kliederen,"
Lieder über den Gemüsegarten (Moestuin), den ,,Bloemhof'' "de
Rups," "de Honig," "Vlijtig te kerk gaan" u. s. w., allerhand
didaktisch-rlletarische Beschreibungen von nützlichen und bezüglichen
Gegenständen, nur keine Poes ie, geschweige denn "Volkslieder".
Er bezieht sich in seiner Varrede auf das leuchtende Beispiel der
M. t. N. V. 't A.
Die "octroyierten" Lieder der einfiussreichen Gesellschaft "T(ot)
N(ut) v(an) 't A(lgemeen)" haben den letzten Funken einer dichteri-
schen Empfindung, eines natürlichen Gefühlslebens in den unteren
Bürgerschichten ausgelöscht und die Reste des Volksliedes mit
Stumpf und Stiel ausgerottet.
Es ist kein erfreulicher Anblick, den diese niedrigen Bürgerschich-
ten uns gewähren. Durch den vollständigen Zerfall der Industrie
war eine grosse Armut im Lande entstanden. Die sozialen Gegen-
sätze jener Zeit sind äusserst schroff. In Holland eine teilweise reiche
Grasbauerschaft
1
), die Börsenspekulationen und Handelsaffären mit-
machte und oft nichts weniger als ländlich und volkstümlich war;
in den Städten die reichen Patrizier und ihre strenge kastenharte
Scheidung von dem "mindere volk" - und das städtische Prole-
tariat, ein chárakterloses, hündisches Volk, dasvonder "bedeeling"
lebte, sich sklavisch duckend, kriechend und winselnd vor dem reichen
"Mijnheer", sonst aber verroht und vielfach tierisch gemein.
Die Liederbücher am Ende des 18. Jahrhunderts, die wir im 19.
Jahrhundert als "blauwboekjes" erscheinen sehen, gehören schon
längst nicht mehr der Literatur der gebildeten Kreise an. Die Schei-
dung vollzieht sich schon im Laufe des 18. Jahrhunderts.
Eine traurige Verrohung, der gemeinste Schmutz wuchert un-
beschränkt in dem von jenen auf den pekuniären Erwerb hin
arbeitenden Verlegern veröffentlichten Liederbüchermaterial.
Von den Liedern, die noch zu den besseren zählen, habe ich
1794-96. Opgedragen aan het Genootschap ter verdediging van den christelijken Gods·
dienst, tegen deszelfs hedendaagsche bestrij deren. Opgerigt in 's Gravenhage. Apr ob at ie
der E. Clas s is van 's Gravenhage, den 4· Febrnarij 1793.
-: Liederen voor Dorp en Stedelingen. Amsterdam. Joh. All art 1798- r799· re en 2e Stukje.
3e Stukje bij de Erve J. Thiary en C. Mensing en Zoon. 's Gravenhage r8r8.
r) Vgl. die Schilderung Tas s u 1 os: Lettres sur la Hol]. I, S. 129.
DAS ENDE.
manche im später erscheinenden zweiten Band meines Werkes ae-
sammelt und wenigstens annäherncl eine allgemeine
des _Gesamtverlaufes damit gegeben.
b
Die historischen Lieder (Matrosen-, Soldatenlieder) zählen zu den
esten trotz der unbeholfe T · · ·
' . nen ech111k und der Flickrezme. Da
wo der D1chter aus de V Ik
bi
. b . m
0
e Selbsterlebtes direkt erzählte
Ie er am meisten van de f ·h . '
R
. . r au I n übertragenen Infektion der
enaissancedichtuna verse]
0
t I I
o 1 n · c 1 nenne von den älteren nur das
wunderbare "Trutzlied von Blockersdyk" di It" . St .
d L
. cl b" . ' e gewa zge eigerung
es Ie es IS zu Jen en Versen d · · ·
1 h
. , Ie Wie e111e mächtiae Sieueshymne
ca 111 bra u sen r) : o b
"Das tut unser Prinz, der spanische Kronenzwinger
Gottes Rat und Beistand Niederlands '
Er. ISt unser Fürst, der wie das Wetterleuch;en
Seme Flügel schwingt um unser Vaterland.''
Nur Leiclenschaft, durch die gewaltigen Ereignisse aufge-
we1ckt, .dem :' olksdichter solche T öne.
n_ den pol_ztJsch-historischen Liedern wie in denen sozialen Inhal-
tes Ist

VIel kräftiger Humor, so viel derher urwüchsiger Witz
aufgespeichert, dass man trotz der rohen Form und der etwas arcr
groben Art des Ausdruckes nicht umhin kann, von Herzen zu
Es ist nicht die Aufgabe meiner Darstellung, die einzelnen Lieder-
bücher in bezug auf ?en Untergang des Volksliedes zu besprechen.
Der Verfasser war leider schon genug in der Lage, Schmutz auf-
graben zu müssen, der sonst besser begraben geblieben wäre.
Es genügt, darauf hinzuweisen, dass sich in den Liederbüchern
welche die sehr produktiven Amsterdamer Verleger Barent K
0

1
777-, S. und W. Koene (I78I-r8os), B. Koene 1817-r8
2
o
und F. G. L. Ho Is t unter ancleren auf den Markt brachten und
von denen sich im Literaturverzeichnis eine ganze Reihe befinden,
der Zersetzungsprozess erst recht entwickelte. 2)
I) Vgl. Anhang.
2
) Sie gaben (c. r8ro) auch herans "De Arte Am a ndi of de Konstede ·M·
n en I ' I I 'n-
. n t beschreeven door den vermaarden Poëet Ovidius Naso Alles tot
eer! k k . · een
Y vermaa der JOnge minnaars uitgegeven'' ... Amsteldam S. en W. Koene M't
solchem Zet ·
1
d b . ·
1
•g, m1 em a gestandensten Humamsmus wnrcle das Volk gefüttert!
260
DAS ENDE,
I d
Höhenkunst gab es nicht ei n en Dichter, der nur annähernd
n er E' · d
1 Ik t
·· mlich" in Betracht kommen konnte. m n 1 e er-
as "vo s u .
1
.. dis c hes Lied fehlte also vollständtg.
an d ··u
Deshalb ergänzten jene V er leger ihren Vorrat aus en a eren
Liederbüchern des 18. Jahrhunderts, die zu dem Zwecke.geplündert
wurden weil anderes nicht da war. Und so edeben wtr das mehr
als Ereignis, dass das Volk urn die des 19. Jahr-
hunderts noch ruit jenem arkadischen Schund vergtftet wurde.
De nieuwe Overtoompsche Marktschipper,'' "Het Haagsche bos,"
nieuwe Domburrrsche speelwagen" u. s. w. wurden von F. G.
" o · d (A
L. Ho 1 st und in letzter Zeit von G. van der L t n : n m-
sterdam) wiederholt herausgegeben, und das Volk leierte dte Namen
Damon, Philada, Climeen, Amerillis, Philemon, Silvia, etc.
wie vor herunter und fühlte sich ciabei sehr gebildet. Der sonsttge
Inhalt jener Liederbücher? .
Abgesehen von den rohen, gemeinen Gassenhauern und sehr VIelen
Bänkelsängerliedern (Mord- und Schaudergeschichten aus aller Herren
Länder - Kinder verbrannt, - eine Dienstmagd, von dem Sohn
ihres Het'fn verführt, verbirgt ihr Kind zwei Jahre lang in einer
Zwiebacktonne, - der wandernde ewige Jude, - ein Herr, der
den Schädel seines Grossvaters auf dem Kirchhof gett·eten hat und
von dem Gespenst "geholt" wird u.s. w.), begegnen wir der
dürren, pluasenhaften Rhetorik der Lieder der "M(aatschapptJ) t(ot)
N(ut) v(an) 't A(lgemeen)." .
Ganz vereinzelt trifft man noch ein älteres Lted
1
), das aber schon
sehr starke Verwesungsspuren aufweist; so zum Beispiel jenes Lied
Naar Roosland zoo zyn wy gevaren". Das Matrosenlied "Curaçao,
;k heb jou zoo menigmaal bekeken" ist wirklich ein Lic_htpunkt in
der Finsternis: hier bricht durch eine Decke von Rohett und Ge-
meinheit der gesunde Naturton durch. Auch der Schluss des Liedes:
"Waar is er beter leven, dan by een echte vrouw? -
Ik verzeg al de vrouwtjes van 't land van Curaçao!" 2 )
r) So z. B. in "de Goese Nachtegaal" (c. 1790. Amsterdam) das Lied" Van een mayer
en een Vriese-man:" ("De Velden stond' groen en daar toe gezayd"), das als ne e n
0 u d lied eken'' bezeichnet wird. (S. Sr). Dies es Lied stamml sogar noch aus dem
Mittelalter.
2) Vgl. Anhang.
DAS ENDE.
261
zeigt, dass im Volk im Grunde eine andere Moral steekt, als
die städtischen Gassenhauer in ihm züchten.
Das niederländische Volk verlernte das "Singen." Wie sollte
einer, der kein Lied mehr hatte, noch singen !
Der Kultur der goldenen Zeit im besonderen und dem städ-
tischen Übergewicht im allgemeinen verdanken nächst dem
Calvinismus, den jetzigen Tatbestand, dass jenes Volk, von dem
G u i cc i ar di n i einst gesagt hat, die "konst is hen alsoo aen-
gheboren, dat mannen ende vrouwen natuerlijck op mate singen,
met seer goede gratie ende melodye" jetzt zu jener absoluten Im-
potenz herab gesunken ist. Sein Singen ist ein robes Schreien und
Brüllen geworden. Dasselbe gilt von der Studentenwelt, die ausser
dem tot geleierten "Io Vivat" und "Gaudeamus igitur" nm die
elenden Operettenweisen und Gassenhauer herunterbrüllt: "singen"
kann man das nicht mehr nennen.
Die bürgerliche Dichtung brachte keinen Dichter mehr hervor,
der dem Volk etwas geben konnte. Wohl hatte sie den alten
Schatz der Volkskunst in ihrem Dünkel zerstören können, aber etwas
dafilr wiederzugeben - das vermochte sie nicht. Und so fiel das
Volk vorbehaltlos den stäcltischen Bänkelsängern und den Schmutz-
versemachern anheim. r)
Jene elenden Liederbüchlein, das Mixtumcompositum von abge-
standener Schäferdichtung, bürgerlicher Rhetorik und städtischem
Schmutz finden noch immer grosse Abnahme. Sie kosten ja nur 10 bis
15 Cent.
V on dem "Overtoompsche Marktschipper" verkaufte der Verleger
G. van der Linde vor zwanzig J ahren noch 8oo Exemptare pro
Jahr, von anderen "De zingende Kruier", "Het zingende Nachte-
gaaltje", "De vroolijke Schoorsteenveger" u. s. w. durchschnittlich
400 bis 6oo. 2)
Am Ausgange des 18. Jahrhunderts finden wir die edle Gestalt
des Prädikanten IJsbrand van Ham e 1 s vel cl. In einem Buche,
1
) Vgl. im Anhang das Lied " Het hedendaegsche leven der liedzangers."
2) Vgl. K alff: Het lied in de S. 673.
262
DAS ENDE.
das die innigste Liebe zu seinem Vaterland ihn schaffen hiess, hat
er die Bilanz des Jahrhunderts gezogen. r)
In der Vorrede "Aan het Volk van Nederland" heisst es: Dunkei
_ ich gestehe es - ist das Bild, das ich, nach dem Orig·inal, von
dem sittlichen Zustande der Na ti on entworfen habe.
Er untersucht erst die soziale Scheidung, wie sie durch die Pa-
trizier entstand und die Quelle der innertichen Zerrüttung und des
allgemeinen Niederg·anges wurde : "Wanneer door voorspoed en
vermeerdering van rijkdommen, de gelijkheid tusschen de onder-
scheiden klassen van burgeren en ingezetenen wordt weggenomen,
welke gelijkheid, min of meer in eene mate geëvenredigd naar de
plaats hebbende regeeringsvorm in elk gemeenebest moet gevonden
worden (zal elk der burgeren het nodig belang stellen in het behoud
des vaderlands) - en wanneer een i ge weinige pat r i c i ë n of edele
familiën, door heerschzucht vervoerd, zich het geweId aan
matigen en de andere ingezetenen beginnen te druk-
ken -- dan openen zich verscheiden bronnen van
v e r d e r f, h e t w e Ik e e n g e m e e n e b e s t o v e r st r o om t,
ge 1 ijk een water v I oe cl, en ten 1 a at sten a 11 es ver-
n ie I t" (S. 7 r ).
Durch jene soziale Überhebung sei der innerliche Zusaromen-
hang zerstört und in ·oziale Kasten aufgelöst worden. Die Folge
sei gewesen, dass der Mirtelstand (de deftige burgerij) verschwand,
wei! jeder, der reich geworden, die Aufnahme in die vornehme VJ'elt
anstrebtc, auch wenn es seine Kräfte uberstieg, während der kleine
Bürgersmann von Tag zu Tag ärmer und mutloser wurde und zu
den niedrigen Klassen herabsank
Er untersucht die Entstehung des Luxus und weist auf die Er-
schlaffung der nationalen Spannkl·aft hin, die nicht nur in dem
üppigen Reichtum, sondern auch in dem Mangel an nationalem
Sinn, in der in ternationalen T endenz und der blinden Hingabe an
alles Ausländische ihre Erklärung finde.
"Du liebst die Ruhe, ich weiss es, die Ruhe wird von .jedem
Niederländer geliebt. 3) Aber welche Ruhe? Die tatenlose Trägheit,
I) Ysbrand van Hamelsveld: De zedelijke Toestand der Nederlandsche Natie,
op het einde der achttiende eeuw. Amsterdam. 1791.
2) "Gy bemint de rust, ik weet het, de rust is aangenaam voor elke Nederlander!"
DAS ENDE.
die dem Va te: land so unberechenbar viel geschadet hat (S. 62).
Er beklagt s1ch, dass soviele "Kapitalisten" nur von ihren Zinsen
leben und das Geld nicht in neuen Unternehmungen an!eaen es
b '
so dem Umlauf entziehen. Der kleine Bürger sinke immermehr zu
stumpfer Gefühlslosigkeit herab, und dadurch werde sein Wesen
Betra?·:n sklavisch. Er gebe die Hoffnung auf eine Verbesserung
semer Pos1t10n auf, lasse die Hände schlaff hänrren. Sein Geist er-
niedrige sich immer mehr, ein edler Ehraeiz Gefühl des Selbst-
wertes _sei ihm. abhanden gekommen. Der 'umstand, wie er sich
auf d1e vVohltätigkeit verlasse, zeige, wie tief er gesunken
se1 (S. 36
2
, 363). "Hoe laag is ons gemeen vervallen! Hoe zondiot
het op de inrichtingen van liefdaadigheid, die in Nederland
menigvuldig zijn!''
Unempfindlich (onaandoenlijk) und phleamatisch sei die rranze
N
. d b b
atwn gewor en.
Er. untersucht den Zustand der Volksbildung und weist nach, wie
traur1g darurn stehe. Er schlägt sehr gute Reformen auf
dem Geb1ete des Volksunterrichtes vor und rügt die schlechten
Verhältnisse (unzulängliche Lehrkräfte, viel zu kleine Gehälter und
unhygienische Lokali täten ).
Manche Entartung und Verfehlung erörtert er mit sachlichem
Ernst, so auch die Tatsache, dass den Niederländern "het goud
hun god _is." N!chts geschehe in Niederland ohne Belohnung,
nur aus remem Edelmut. (S. 393) "Hetzij de in v 1
0
e d va
11
den K o p mansaar d, hetzij de menigvuldige behoeften, die in
veele opzichten hier grooter zijn dan in andere landen, de schuld
heb,ben, zeker is dat ge 1 d bij de Ne de r1 andere
11 0
p
z é er h o o g en p r IJ s s t a a t, en d a t v e eI e e r h e t u o u d h u n
God is. Deze zucht tot g·eld vertoont zich en het is
zeker, dat in Nederland bijna niets zonder aeldbelooninrr uit be-
• 1 . b b
gmse1en van ZU1ve edelmoedigheid gedaan wordt."
Der sittliche Zustand der besseren Welt ("patrice familien, ...
de groote, of gelijk zij zich liever hooren noemen de fatzoen-
lijke, wellevende, beschaafde" wereld) sei eine der
der Väter (geheel verbasterel van de oudvaderlandsche z;den),
und 111 der ganzen Nation zeigten sich dieSpuren einer allgemeinen
Dekadenz.
"Niederland, Niederland! Du stehst am Rande deines Unter-
ganges! Dein Verderben ist unvermeidlich, es sei denn, dass eine
DAS ENDE.
gleich schnelle wie notwendige Reform den verhängnisvollen
Schlag abwehrt, oder ihn wenigstens noch einige Zeit aufhält''
(S. 544)
1

} Nederland Nederland! gij staat op den kant van uwen ondergang! Uw is
1
""dell"J"k eene zoo spoedige als noodzakelijke hervorming, den noodlottJgen
onvermlJ ' . . k bl )
slag afkeerde, of ten minsten nog eenigen tijd uitstelde. (Uitzichten. Xll. Boe . z. 544
DAS NEUNZEHNTE JAHRHUNDERT.
0 Nederland, let op u saeck,
De tyt en stont is daer!
(V a Ier i u s: "Neder-landtsche gedenck-clanck," r626).
Der Schlag aber kam: die französische Zwinghenschaft Napo-
leons! Der morsche Ba u der Patrizierrepublik krach te zusaromen
und mit ihm schwand das "goldene Zeitalter" dahin. Schwer wur-
den die Niederlande heimgesucht von ihren Eroberern. Viel Gut und
Blut baben sie opfern mUssen, bis endlich die Stunde der Erlösung
schlug. Und doch scheint es, als ob "die Hand des Herrn" noch
nicht schwer genug auf dem Volke gelastet hätte. Denn es blieb
tot, und vergeben. sucht man die innere nationale Wiederbelebung,
wie sie sich in Deutschland und bald auch in Sllcl niederl and unter
deutschem Einflusse vollzog.
Ein zeitgenössisches Spottbild zeigt uns einen \Vagen, gezogen
von einem Russen, einem Preussen und einem Engländer. Darauf
sitzt gemütlich der Holländer bei einer Tasse Tee und einer
Tonpfeife und sagt: "Zoo gaat het goed!''
Wohl schwanden die alten, toten Formen, aber der Geist ward
nicht neu geboren. vVenigstens wurcle nichts aus den einzelnen
Ansätzen einer nationalen Wiederbelebung, die hochzukommen
versuchte. Sie fanden keinen 'vViederklang, keinen Boden, auf dem
sie hätten wachsen können. Die nationale Einheit in politischem
Sinne, so lange von dem holländischen Patriziat verhindert, war
nun wirklich unter dem geliebten Oranierhaus zu stande gekommen.
Aber die nationale Einheit in kultureHem Sinne blieb ebenso fern
wie vorher. Die kulturelle Trennung ward nicht aufgehoben.
Es war eine leblose Masse, jene niederen Volksschichten der
Städte: charakterlos, roh, gemein, dabei sklavisch und knechtisch

266 DIE NATIONALE BEWEGUNG,
in ihrem Benehmen. Ohne irgend wekhen Wiederhall m dem
"bedeelden" Wohltätigkeitsproletariat hervorzurufen, glitten die
Revolutionen, die konstitutionellen Kämpfe von I 8 30 und I 848
an Niederland vorüber. Es rührte sich nichts.
Und doch war mancher Ansatz da, der auf einen allmählich sich
vorbereitenden Umschwung hinzudeuten schien. Es ist von grosser
Bedeutung, dass wir hier wieder auf eine de uts c he Beeinflussung,
auf eine Annäherung an Deutschland stossen, hervorgerufen durch
eine Erkenntnis der nation a 1 en Arm ut.
Im Jahre 18oo batte die Maatschappij tot Nut van 't
A I gemeen die nachfolgende Preisfrage ausgeschrieben :
"Het Nationaal Nederlandsch gezang, van eenen
minder bevalligen smaak zijnde dan dat van vele an-
dere Natiën, zoo wordt gevraagd: "Kan men, ook in de scholen,
den kinderen bij tijds, eer hun gehoor bedorven wordt,
goede g-ronden van de Muzijk en Zangkunst inprenten, zoo a 1 s
zulks, in Duitschlaud bijzonder, in bijna alle de scholen
met vrucht wordt in het werk gesteld?- En welkezijn
de beste middelen om dat oogmerk te bereiken?"
Man sieht : ein sch wer wiegendes Geständnis! Nicht nur in bezug
auf den traurigen Zustand der national-niederländischen Volkskunst,
sondern auch in bezug auf die Überlegenheit Deutschlands die
Landeskultur betreffend.
V on den eingelaufenen Preisschreiben wurde dasjenige Dirk
van der Re i den s mit der goldenen Medaille ausgezeichnet und
1802 herausgegeben. I) Der Verfasser aber blieb weit binter der
ehrlichen Erkenntnis der Preisausschreiber zurück. Nicht nur, dass er
den Niederländern einen eigenen "muziek en zangsmaak" zuschreibt
2
)
( ohne allerdings näher zu erörtern, wie derselbe hesehaffen wäre ),
sondern er glaubt sogar, dass die nicderländische Musik und der
I) Prijsverhandeling over het Nationaal Nederlandsch gezang. Uit-
gegeven door de Bataafsche Maatschappij: Tot Nut van 't Algemeen. Te Amsterdam, bij
Corns. de Vries, Hendrik van Munster en Johannes van der Hey. r8o2.
2) S. 5· Wij Nederlanders, zijn een natie of volk, onderscheiden van andere natiën of
volken, en hebben des het recht, om een' muziek -en zangsmaak te hebben, welke onder-
scheiden is van den muziek- en 1.angsmaak van andere volken: ja, wij hebben als
zodanig eenen muziek- en zangsmaak." (vVorin dieser aber besteht, erwiihnt
der Verfasser nicht).
DIE NATIONALE BEWEGUNG.
niederländische Gesang, wenn sie über "de zachtheid der Duitsche
taal" verfügten, der cleutschen Musik und dem deutschen Gesang
vorzuziehen seien. Er behauptet nur, dass das niederländische Lied
durch Beeinflussung der italienischen, französischen uncl englisellen
Musik uncl clurch andere von auswärts eingedrungene Fehler ver-
dorben sei
1
), ohne auch hier nähere Angaben über den Vorgang,
das vVesen und die Gründe jener Korruption Zll machen. Er
wendet sich einfach sofort seinen Reformplänen für den Musik-
unterricht in den Volksschulen zu.
In seinen Betrachtungen führt er ans, dass das Unreinsingen in
Niederland "een algemeen gebrek is geworden, ook bij andere
natiën, doch het minste onder de Duitschers" (S. 23),ja
(S. 28) er rühmt sogar "het onderwijs in de gronden der muziek en
gezangkunst, z o o a 1 s d at m e t e e n z e e r go e d g e v o 1 g i n d e
schooien in Duitselilanel plaats heeft."
Dies war immerhin schon ein guter Schritt auf dem vVege zur
Selbsterkenntnis, und diese Selbsterniedrigung Deutschland gegen-
über verdient um so mehr Beachtung, wenn man das sonstige,
gleichzeitige Verhältnis beider Länder in Betracht zieht. J ene
lächerliche Selbstüberhebung des bramarbasierenden Bi 1 cl er dijk,
dessen geringe Bedeutung mit der von ihm der deutschen Kultur
gespendeten Verachtung gleichen Schritt hält, ist nur eine Äusserung
der ciamaligen holländischen Gefühle für Deutschland.
Ehrlicher und weitsehender noch als van der Re i den war ein
Schriftsteller, der sich sechzehn Jahre später mit demselben Ge-
1) S. 5{6. "De Nederlandsche muziek en zangsmaak is, nevens die der Duits c he
natie, de beste, en veel verkieslijker clan die der I t n liaan s c he, Frans c he en
Engelsche; want de Italiaansche is te overdreeven verliefd, de Fransche te
overdreeven vleiiende, en de Enge 1 s c he is of te overdreeven sterk, of te overdreeven
trippelende, en meest geschikt voor eene natie van een onmedogend character, of ook voor
menschen, die genegen zijn om zich door sterk vermoeiende danssen te verrnaaken; maar
de Neder I a n d s c he en Duits c he muziek en zangsmaak beantwoordt meer aan het
middenmaatige, en is het meest geschikt om door redelijke wezens, zoowel in het vrolijke
als in het ernstige, met de juiste bedoelingen geoefend te worden. Noch schroom ik niet
om aan te merken, dat, w a n n e e r d e z a c h t h ei d d e r D u i t s c h e t a a l a a n
o n z e N e d e r 1 a n d s c h e t a a l n a t n u r I ij k w as, a 1 s d a n d e N e d e r I a n d-
sche muziek en zangsmaak verkieslijker zoude zijn dan die der
Duits c hers. Dan: onze Nederlandsche muziek en zangsmaak is geheel verbasterd
door inmengselen van de Italiaansche, Fransche en Engelsche muziek en zangsmaak en
door andere van elders ingeslopen gebreken ; en h e t i s d e r h a I v e n o o d i g, o m
d a a I' in een e hervorming, tot ,. er betering te bewerken."
268 DIE NATIONALE BEWEGUNG.
genstand befasste, J. Robbers. In seiner Schrift "Verhandeling
over het Nationaal Nederlandsch Gezang"
1
) bezieht er sich auf die
Rückständigkeit des "11ationalen'' wie "kirchlichen" Gesanges in den
Niederlanden im Verhält11is zu Deutschland, als erste Veranlassung·,
weshalb er sich auch mit dieser Frage beschäftigt habe.
2
)
Er zieht alsdann die Schrift va 11 der Re i den s zur U nter-
suchung heran. A11 erster Stelle versucht er, den Begriff des "na-
tionalen niederländischen Gesa11ges" festzulegen, dessen Existenz
und vVesen van der Re i den einfach als ei11e selbstverständliche,
bekannte Sache voraussetzt.
Nationaler Gesang ist derje11ige Gesang eines Vol-
kes, der auf natürlichem vVege, ohne die Errungen-
s c haft ei nes U n ter r i c h te s z u sein 3 ), ln a ft sein es
eigenen musikalischen Gehöres, entsprechend einen
Sitte11, Gewohnheiten und Luftverhältnissen im All-
tagsleben oder zu g·ewissen feierlichen Geleg·enheiten
gepflegt wird. 4)
Er legt entschiedene V erwahrung ei11 gege11 van d er Re i de 11 s
Überschätzung der niederländische11 Höhenkunst, denn er trennt den
"kunstmatigen zang" scharf von dem "nationalen gezang".
V a n der Re i den würde gewiss jene Behauptung nicht aufgestellt
ha ben, wenn er "de Oratie de Schepping van de 11 ons ter-
r) Verhand e 1 in g over het Nation a a 1 Neder 1 a n d s c h Gezang, in
twee voorle•ingen gedaan in de Rotterdamsche letterkundige Maatschappij: "Verscheiden-
heid en Overeenstemming", den rsden Maart en den 27Sten September r8t6, door
J. R o b b e r s. Organist der Groote Kerk en Klokkenist der Stad Rotterdam en werkend
lid der genoemde Maatschappij. Rotterdam, bij N. Cornel. r8zo.
2) "Voorrede" S. VII: "Daar het buiten twijfel is, dat ons Nationaal
toawel als ons Godsdienstig Gezang op verre n a die hoogte niet
bereikt h e e ft, d at men h et ze 1 v e m et dat onzer naburen, v oor a I
met d at der Duits c h ers, een i g s zins zo u de kunnen ge I ijk stellen of
doen wedijveren, bracht mij dit op de gedachte u.s. w.
3) Vgl. dazu jene bereits zitierte Äussernng des Ge ra 1 d de Bar r y in seiner "Des-
criptie Cambriae": "nee arte tJ.men sed usu longaevo et quasi in naturam mora diutina
ian1 converso."
4) s. 21/22.
Wat moeten wij door Nationaal Nederlandsch Gezang verstaan? Bestaat dit in zoodanig
zingen, als wij door vrucht van onderwijs of eigen oefening aangeleerd hebben, en dat
dagelijks, door fatsoenlijke lieden, in Concerten of Opera's aangeheven wordt? In ge enen
deel e! Dit is, zooals men het noemt, kunstmatige zang. Door Na tionaa 1 gezang
verstaat men • o o danig zing e u, als een volk, uit de natuur, wnder vrucht van onderwijs,
door zijn eigen muzikaal gehoor, overeenkomstig zijne zeden, gewoonten en luchtgesteld-
heid, in het dagelijksch leven of bij zekere plegtige gelegenheden uitoefent."
DIE NATIONALE BEWEGUNG,
felijken Haydn" oder "de Toaverfluit van den beroemden
Mozart" gekannt hätte". (S. 27). ')
Ic
h werde dann meinerseits die Fraae: haben wir eigentlich
" b
einen 11 at ion a 1 en Gesang-? - zwiefach beantworten. An erster
Stelle : Ne in ! Wir haben keine n at ion a 1 e Singart, noch eine
nationale Gesangsrichtung. Und weshalb nicht? - Weil wir fast
aar keine eigenen musikalischen Erzeugnisse, entsprechend den
b
Sitten, Geartung und Gewoh11heiten unsres Landes, besitzen; alles,
was wir haben, erhielten wir von ausländischen, deutschen, fran-
zösischen oder italienischen Komponisten, u n d f o 1 g 1 i c h ver fügen
w i r nicht ü b er ei n en we sent 1 i c h nation a 1 en Ges a n g.
Aber jetzt umgekehrt: beantwortete man die Frage "Haben wir
ei11en eigenen Nationalgesang- ?'' mit Ja, so würde es mir, als
Niederländer, leid tun, dessen wahre Art aufdecken zu müssen.
Vvas da auf den Strassen gesungen wird - und nur dies ist
unser wahrhaftig und eigentlich nationaler Gesang - ist cin lang-
weiliges, wüstes Geschrei, das einen fürchten machen ka11n und sehr
geeignet ist, die Kinder ins Bett zu treiben. - Ni e w i r st d u
diesen schreienden Haufen mehrstimmig singen oder
se kundieren h öre n, w ie es der Deutsclte macht, ga n z
von selbst, ohne jeden Unterricht".
2
)
Die U rsachen dieser traurigen Verhältnisse sind nach Robbers
"de droevige, duistere en nevelachtige hemel" unsres Landes und
1
) Dagegen stellt Bilderdijk den italienischen Massenskribcnt 1' aës i c llo liber
H ay d n und schrei bi n Verschoone men mij slechts van voor de vierde of ma.!
Haydns Scbepplng te booren." (Bezwaren tegen den Geest der Eeuw. S. :t6). Die Ausscrung
bereielmet so ricbtig den scbroffen Gegensatz der Bilderdijkschen Dichtung zu der nationalen
Volksliedbewegung.
2) S. 27./28. Ik zal dan, op mijn beurt, de vraag: "hebben wij een eigenlijk Nationaal
gezang?" tweeledig beantwoorden. In het eerste geval zeg ik volmondig: "Neen!" Wij
hebben geerren Nationalen zangtrant, noch Nationale Zangsmaak En waarom niet? -
Omdat wij genoegzaam geene eigen inlandsche muzijkale voortbrengselen bezitten, over-
eenkomstig de zeden, geaardheid en gewoonten van ons land; al wat wij hebben is ons
door uitheemsche Duitsche, Fransche of Italiaansche Componisten ter hand gesteld, en
ge v o 1 ge I ij k h e b b e n w ij g e e n e ei ge n 1 ij k e N a ti o na 1 e m u z ij ka I e zang s m a a k.
Maar nu omgekeerd de vraag: "Hebben wij een eigen Nat ionaal gezang? met Ja be-
antwoord, dan doet het mij als Nederlander leed, U hetzelve in zijn waren aard te moeten
ontvouwen.
.... langs onze straten - en dit is alleen ons waar en eigenlijk Nationaal gezang -
een vervelend en woest geschreeuw, waarvan men bang zou worden en dat zeer geschikt
is om kinderen naar bed te drijven? - Nimmer zult gij deze schreeuwende
bende ho oren p art ij maken of seconderen, zooa l sdit de doet,
uit de natuur en zonder eenig onderrigt.
DIE NATIONALE BEWEGUNG.
als Folge hiervon "onze zoo beminde en lekkere kopjes Koffij
en Thee, met zooveel water gebruikt", wodurch unsere Gemüts-
verfassung wieder stark beeinflusst werde. Darurn höre man bei
uns selten "zulke fraaije stemmen als in andere landen onder eenen
warmen hemel en onder een drooge luchtstreek gelegen."
Dann glaubt Robbers auch, die Niederländer können sich nicht
so begeistem (met minder vuur bezield), haben weniger starke
Nerven (minder sterke zenuwen) und im entsprechenden Verhältnis
hierzu seien sie weniger empfänglich für Musik und Gesang als
andere (minder vatbaarheid bezitten voor Muzijk en Zang dan
anderen).
Jene Stelle wiederholt sich nochmals in seiner Schrift, S. 30:
"Hooren wij wel immer onze straatzangers sec on cl eer en?
B 1 ij kb aar, bij hen een gebrek aan m u zij ka a 1 t a 1 ent en
gehoor. De Duitseher doet dit van zelf en als uitdenatuur."
In einem Land, wie dem unserigen, - sagt er anderswo -, wo
der Handel die Hauptbeschäftigung der Einwohner bildet, erreichen
die Künste selten eine Stufe der Vollkommenheit.
1
)
Und weiter, wo er dit; Unterrichtsverhältnisse kritisiert, zieht er
wieder Deutschland zum V erglei eh heran : In De uts c h 1 a n d ist
jeder städtische Lehrer, ja jeder Dorfschulmeister ein guter Musiker,
der mit seinen Schülern Konzerte veranstaltet uncl dies oder jenes
Instrument, oft meisterhalt, spielt.
2
)
Nur in einer Hinsicht hat van der Reiden recht, Robbers
hingegen unrecht. Robbers empfiehlt den Unterricht in der "In-
strumentale muzijk" für Lehramtskandidaten und zwar besouders
den Klavierunterricht ("in de Forte-Piano''), im Gegensatz zu van
der Re i den, der sehr zutreffend bemerkt, class die Sänger und
Sängerinnen sich zu viel von der Unterstützung der Instrumente
abhängig machen (D e z a n g e r s e n z a n ge r e s s e n v e r s 1 a v e n
zich te veel aan de ondersteuning der Instrumenten)
(S. 17).
Damit legte van der Re i d en den Finger auf die wunde Stelle
der musikalischen Entwicklung des Jahrhunderts: das Überwiegen
I) S. 3I: "- in een land als het onze, waarin de handel de voornaamste bezigheid der
inwoneren uitmaakt, de kunsten zelden eene hoogen trap van volkomenheid bereiken."
2) S. 35: "In Duitschland is elk stadsonder wijzer, ja elke Dorpschool meester, een goed
IIIuzijkant, die met zijne scholieren concerten houdt en een of ander Instrument dikwerf
meesterlijk, bespeelt."
DIE NATIONALE BEWEGUNG.
des Klaviers in der musikalischen Schöpfung und Ausübung, und
alle die nachteiligen Folgen, welche das mit sich brachte.
Bei allem i st cl ie A n n ä her u n g a n De uts c h 1 a n cl in dieser
nationalen Bewegung am interessantesten. Trotz der uns varliegenden
Tatsachen ist es nicht so einfach, die Gründe clieser Umwälzung
in der holländischen Gesinnung ausfindig zu machen, da sie ziem-
lich versteekt liegen.
An erster Stelle ist sie wohl zurückzuführen auf das Eindringen
der deutschen Symphoniemusik während des 18. Jahrhunderts. Auf
dem Gebiet der Instrumentalmusik wircl Deutschland in dieser Zeit
111
assgebend.
Dieser Einfluss, von Berlin, Mannheim und Wien sich gleicher-
massen über Niederland und das Kontinent verbreitend, wird gegen
die Neige des Jahrhunderts erheblich gesteigert durch die cl e ut-
s c he 0 per in Holland, die mit M o za r t absolute Herrin der
Sachlage wurde. Die Melodien der "Zauberflöte" wurden damals
von dem Volke auf den Gassen gesungen. In allen ro-Cent-Lieder-
büchlein tauchen sie auf, und es ist nur den unmöglichen Texten
zuzuschreiben, dass sie nicht volksläufig geblieben sind, wie jenes
Mozartsche Kinderlied: "Komm, lieber Mai, und mache." Es ist
die Mus ik, die das erste Bindeglied zwischen den si eh gegen-
seitia aanz entfremdeten Kulturen beider Länder wurde. Denn
auf literarischem Gebiete war jene Selbsterkenntnis, die
aus dem Geständnis unsrer erwähnten Gewährsmanner spricht, noch
sehr fern. Das Beispiel Bi 1 derdijk s ist nur der Ausdruck des
Gesamtverhältnisses.
Es gab also auf dem Gebiete der Tonkunst Leute, die weit-
sehend und ehrlich genug waren, die nationale Verarmung einzu-
gestehen,
U nel obgleich noch keiner im Stande war, die QueUen, denen dieses
Übel entsprungen war, ausfindig zu machen, so waren sie doch
schon auf der richtigen Fährte, als sie einen Vergleich zogen zwi-
schen der Erbärmlichkeit des kirchlichen Gesanges und des reli-
aiösen Liedes in Holland und dem umgekehrten Verhältnis in
b
dem lutherischen Deutschland.
An erste Stelle nenne ich die bereits erwähnte Arbeit 1 e Je u nes I),
1) Mr. ]. c. w. L e J eun e: Letterkundig Overzicht en Proeven van de Nederlandscbe
Volkszangen sedert de XVde eetlW. s'Gravenhage. I828.
272
DIE NATIONALE BEWEGUNG.
die erste Sammlung alter Volkslieder, die in Nordniederland er-
schien. Er suchte eine andere Erklärung als Robbers und fand
sie i 11 d e m e l e 11 d e n Z u s t a n d d e r K i r c h e n m u si k. Es war
die erste Kritik der calvinistischen Kulturerrungenschaften.
Er bezieht sich dabei I) auf die Ansicht B urne y s
2
), die Volks-
ruusik eines Landes sei gut oder schlecht entsprechend seinem
Kirchengesang. Und deshalb sei das italienische Volk zum Beispiel
so musikalisch, weil sein Geschmack von den vorzüg·lichen Produk-
tionen, die es täglich und unentgeltlich in den Kirchen hören
r) Jene Stelle laulet (S. 12):
"'Neet gij, waaraan ik dit erbarmlijk zingen, als het zoo moet heeten, toeschrijf? Het
komt, mijn vriend, oorspronkelijk voor rekening van onze kerkmu zij k. Den
Latijnsehen eerdienst bevat ik niet in dit gezegde; deszelfs gebreken zijn van een' geheel
anderen aard. Gaat eens in de landen der Lutheranen, alwaar de schoolmeester met de
jongens van zijn kerspel een' lijkpsalm zingt bij elk graf dat toegedolven wordt, en gij
zult daar zulk ellendig geschreeuw, als in de Hervormde dorps- en
ook wel stads-kerken hier te lande, niet hooren."
2) Kar eI B urne y's Dagboek van zyne, onlangs gedaane, musicale Reizen door Frankrijk,
Italië en Duitse hand. -- vertaald en opgeluisterd door Ja co b W i I he I m Lustig,
Organist te Groningen. Groningen ]. Oomkeus 1786. S. 444·
Lustig widerlegt eingehend die irrige, damals allgemein verbreiiele Ansicht, die italie-
nische Sprache sei die einzige sangliche Sprache und daher die Kompositionssprache,
weshalb die italienische Gesangskomposition auch fiihrend sei. Er weist darauf hin, dass
jener Einftuss der kirchlichen Musik gewiss nicht allein die Volkskunst bestimme, dajene
Kompositionen doch meistens lateinische Texte uniergelegt haben, Burney batte den
Italienern das Privileg der Gesangs- nnd den Deutschen das der Instrumentalkomposition
verliehen. Dagegen polemisiert Lustig mit Recht (S. 445: Bemerknng 223).
"De Italiaansche Kampanisten rekenen de geheele Instrnmentaal-Musiek weinig, omdat
ze tot dezelve in 't gemeen zich min bequaam vinden, en dus gaat het juist in 't tegendeel
bij de Fransche. Men behelpt zich in Italië met de Sinfonien van J. C. Ba c h (dem
Londener) en A beI, omdat den inlandsehen Zetteren het hoofd niet staat naar zulke
Modéllen, als bijzonderlijk uit Weenen en Manheim zijn voortgesprooten. Noglans moest
men ons niet willen diets maken, alsof er in Duits c h I a n d no eer gespee I d, d a n
gezongen wierde; de Concerten en Regimentsmusieken bewijzen dit nog geenzins.
0 n derwijs in 't zingen, is het Hoofdwerk eens Canto r s; b y na ij d e r
Hoofdk er k in de duitsche Steden en ij der Dorpkerk heeft eenenCantor:
de arme Scholieren brilleeren op de straat en by allerhande Gelegenheden; (vgl. B u r n e y s
eignen Bericht § 318) aldaar leest men ook: zelfs in de ge meene Schooien
worden de Kind e ren tot het Choraalzingen in verseheide Partijen
aangeI ei d : in eenige Kreitsen worden op ij der Zon- en }-eestdag, ook door b e qua a me,
voor de Eere des Hoogsten ijverig ingenoomene Landlieden, V o ca Ie en In s t rum en-
t a a Ie Kerkmus ie ken gehouden : onze Reiziger (B u r n e y) vond de Kooren der
kerkzangeren zo talrijk, zo edel, en het Kerkgezang, zo aandagtig en eerwaardig, a Is
by nog nooit iets had gehoord (§ 318, 38o): het Getal der gedrukte Zangstukken,
binnen deeze Eeuwe, in Duitschland verscheenen, blijft gansch on te I baar. Uit dit alles
staat klaarblijkelijk af te neemen, dat van de laatst gemelde stelling het tegendeel de
Waarheid' zij."
DIE NATIONALE BEWEGUNG,
273
könne, ausgebildet werde. Und schliesslich stützt er sich auf jen en
Ausspruch van Manen s, dass Ni ederland auf musikalischem Ge-
biete weit hinter anderen Völkern zurückgestanden habe, beidenen
der Kirchengesang und die Musik einen wichti<ren Teil ihres Ritus
bilden. I) ::,
In 1 e Je u nes "Letterkundig Overzigt" wird auch der erste
Zweifel laut, der es wagt, ganz leise an den geheiligten Traditionen
des "Goldenen Zeitalters" zu rütteln. Und es ist bezeichnend, dass
cliese revolutionäre Gesin11ung auf de uts c he
11
und sogar 1 i ter a-
rische n Einfluss zurückzuführen ist. Denn es war Ar n i m s und
Brentanos "Des Knaben vVunderhorn," das ihn zu seiner
Sammlung und zu mancher ketzerischen Anschauuna- in jenem
"Overzigt" anregte. 2) b
An erster Stelle hebt er hervor, dass die höheren Stände in den
Besitz ei.ner "bess:ren Musik und schöneren Gesanges" (sic!) ge-
raten se1en, allerdmgs auf Kosten des heimatlichen Gesanges; ein
Umstand, der bei jedem anderen Vollee als eine Schande betrachtet
werde, und desgleichen man auch nirgendwo so finde, Die nieder-
ländischen Lieder seie11 aus den vornehmen Kreisen verdrängt und
wie die Angewohnheiten einer ungebildeten und schlechten Erzie-
hung verurteilt worden. Zwar habe man versucht Hilfe zu schaffen
'
uncl einige neuere Lieder für den Mittelstancl veröffentlicht u. s. w. 3)
Und dann stellt er die Frage: wo kennt, wo liest man, und wenn
es auch nur ein halbes oder dreiviertel Jahrhundert her sein mag,
jene Gesänge, die damals den Lieblingston und die Geistesfrüchte
der besseren Stände bildeten? Oder sollten P. C z. Hooft zu
Muiden, C. Hu y gen s auf Hofwijk und in seinem prächtigen Haus
auf dem "Plein'' in 'sGravenhage etwa nicht wie jene vornehmen
Kreise gelebt haben? 4)
r) J. A. van Manen : Prijsverhandeling over de oorzaken, waardoor ons Vaderland
h e c ~ t uitgemunt in 't voortbrengen van Schrijvers. Utrecht 1818. blz. 46. nOns vaderland
1
S m de muzijk steeds verre achter geweest aan Italië en andere landen en volken, bij
welke het kerkgezang en de muzijk een voornnam gedeelte van lmnue godsdienstplegtig-
heden uitma!cen."
2
) Er bezieht sich zweimal anf "Des Knaben \Vnnderhorn'' in sei nem "Overzigt'' und
zwar S. 44 und S. 8
4
.
3) Die Publikationcn der .Maatschappij Tot Nut vnn 't Algemeen' ' .
4) • 14. nDe hoogere standen hebben betere muzijk, schooner gezang ve.rkregen ten
koste, wel is waar,van allen vaderlandsehen zang; ietsdatbfJclk
ander volk eenc schande gere kend en niet n lzoo gevonden wordt.
lntusr.chen, sccl rt dat 1 cdcrlnndschc gcznngcn, l.llj de 1•oornnmcre Jdnsscn zoo goed nls
18

DIE NATIONALE TIEWEGVNG
Hatte R 0 b b c r s schon Kritik an dem kirchlichca Gesang aus-
geübt und damit unbewusst die Spitze gegen qie calvinistischen Tra-
ditionen aerichtet, so bat erst Kist, nach 1 e Je u n e und v a_n
Ma 11 en,
0
den Zustand des protestantischen m
den Niederlanden einer eingehendcn uncl vcrnichtenden Kntlk un-
terzogen. I) . · 1
"Die feste Überzeugung von dem traurigen Zustand, m clem s1c 1
der Kirchengesang der Reformierten in unserm Vaterland befinclet,
und die heisse Sehnsucht, clenselben noch einmal gebessert zu sehen,
haben mich veranlasst ein ·werk zu veröffentlichen, das die Dar-
stellung jenes tramigen Zustancles im allgemeinen und Mittel,
ihn zu heben enthalten sol!,'' heisst es in der "Voorrede (S. V).
Er schilde1:t nun eingehencl jenen Zustand des Kirchengesanges.
(Hoofdstuk I. Eerste Gedeelte): vVollt ihr l:iervon überz.eugen,
so geht an Sonn- oder Festtagen vorurt:t!slos 111 ..
besanders a u f cl e m Lande, und sagt 1111r, ob euer rehgwses En:p-
finden v 0 11 cl i e s e m e r b ä r m 1 i c h e n S c h r e i e n ( d e n n S 1 n-
o-en kann man es meisten s nicht mehr nennen) nicht
1 et z t w i r d, ob eucre Andacht, wenn schon nicht ganz gestört,
doch mindestens nicht beeinträchtigt wird ?" (S. 5).
2
)
Er erörtert nun einzeln die versebiedenen Fehler und Missbräuche:
das Singen mit langausgezogenen Vor- uncl Nachschlägen (uithalen),
worauf man von einem Tone zum ancleren hinauf- oder herabrutscht;
den langsamen, schieppenden Gesang, das Stossen heim Singen
u.s. w. u.s. w.
Er kritisiert riicksichtlos die mangelhafte Organisation des Un-
terrichts in bezug auf die Organisten, deren mangelhafte Bildung
weggedrongen en met de gebruiken der onbcschnofdheid en slechte opvoeding
zijn; sedert dat, om hieraan, 'VII.?' d liot • iets te verhelpen, ecnlge naetllvere
zangen voor den middelstand ten minste, zijn In het licht gekomen, se cl er I, Ie
kort;te cene halve of dr ie vierde eeuw, wnar kent, waar leest
men de
1
zan g e n, die voorheen de llcvelings toon en cicgeestige
v r u c h t en w a r e 11 v a n cl e a a n z ie n I ij kst c g e z e I s c h n P P c zouden
I> c H 0 0 f 1 te Muiden c. Hu y gen s op Hofwijk en in zijn prachtig hms op het
. z. ' bb ?''
Plein in 's Gravenhage, niet op den hoofsehen voet geleefd he en · ·
I) F. c. K i 5 t: De toestand van het prolestontsche Kerkgezang In Nederland benevens
de middelen tot deszelfs verbetering. Utrecht. 1840.
) S
5
Wilt criJ. u hiervan overtuigen, treedt dan on1.e kcrkgc!:JOuwcn op Zon· en Fees.t· 2
. ' " " . r d d" cnsllg
dagen vooml ten pl attenlande, onbevooroordeeld hinnen, en zegt, o uw go s 1
crevoe{ bij aanilooren van dat ja mmel'lijk geschreeuw (wnn! zingen kM men het I'CeiRI
niet wordt ge](wetst, of uwe godsdienstige stemming, T.Oonl nlcl geheel weg·
r,enornen, niet ten n1instc vermindet d wonlt."
DAS WESEN DER NIEDERLANDISCHEN DICHTUNG.
275
u. s. w., wo bei er sich immer auf De uts c h 1 a n d bezieht und fort-
während d e u t s c h e M u s t e r b ei s p i e I e e m p f i e h 1 t.
Der grösste Teil seines Buches ist der Reoraanisation der kirch-
"
Iich-musikalischen Verhältnisse gewidmet.
Zu dieser kritischen Seite der nationalen Richtung geselite sich
auch eine praktische, die auf die Entstellllng und Einführuna eines
• b
volkstümhchen Gesanges hin arbeitete. An erster Stelle ist es natür-
lich die "Maatschappij tot Nut van 't Ai rremeen " die nach ihren
b '
"Volkslieder"publikationen ihr Interesse auch dem Schulgesaug zu-
wandte und im Jahre I8I3-17 die "Gezangen ter dienste
der Scholen" veröffentlichte, r)
Abgesehen von den "stichtelijken" frommen Liedern enthält
cliese Sammlung nur lehrhafte, didaktische, rhetorisch-betrachtende
Gedichte.
Für den ganzen Verlauf der niederländischen Poeter ei ist das
cl es kript i v e Moment das Leitmotiv. Die Dicht u n g ent-
s p ringt nicht u n mi t telbar de m E ri ebt en cl e m u n ver-
'
mittelten Gefühle, der elirekten Empfindunrr sondern
b>
wird erst noch der abstrahierenden Tätigkeit der
Betrachtung unterzogen. In Niedcrland war die Er-
kenntnis der echten und wahren Poesic und die
F ä h i g kei t, cl as Er 1 ebt e u n mi tt eI bar v on sic h z u a eb en
b '
I ä 11 g s t ver 1 o re 11 ge gang e 11. Die ganze niederländische Dich-
tung kommt uns vor, nicht wie ein eigenes Erlebnis, wie eine
eigene Empfindung, sondern wie eine s c h Ie c h te Na c her z ä h-
l u n g des von anderen Gehörten uncl Erlebten.
Das niederländische Dichten steht ausserhalb
der unmittelbaren Empfinclung: es betrachtet, be-
schreibt nur.
Wir finden deshalb immer die "Kategorie," den "Ge gen-
stand," den "Begriff,'' das Betrachtungsthema anstatt
der unvermittelten vViedergabe einer Stimmung, eines Erlebnisses.
So enthält zum Beispiel jene Schulliedersammlung die "Betrach-
tungsthemata" (die "Lieder" und zwar "Kinderlied er" sein sollen):
I, No. 8 "Bij den aanvang der schole ;" N°. 9 "Bij het eindigen der
I) G e zangen t c n dien s t e der Sc ho Ie n, uitgegeven door de M. t.N.v. 'IA.
Eerste Stukje (2 Bde) Te Leyclen, Deventer en Groningen, bij D. dn Mortier en Zoon,
J. H. de Jangc en L. Oomkens. I8I3-I7.
Die zweistimmigen Melo<lien der Lieder sind ganz unbedentend.
DIE NATIONALE BEWEGUNG.
1 .. No II BiJ' het begin der vacantie;
1 1 " No
10
Het spee UUI, • 1"1
sc 10 e; · .. No
3
Weldoen en vro IJ {
No Na het eindia-en der vacantie' . r L f d
• I 2 o . · ·" No 14 o er
.. II No I 3 Naarstio·heid vmdt beloonmg' . "
ZIJn ; , ' "
0
} "
zindelijkheid op ligchaanh1, recht erbaulich
7
u gut· der In a t 1ese1 am o . . b
I-....urz un . . I 1 . dl" 1 In dieser Hmstcht e-
. · 'st aber nichts wemger as <111 IC 1· . .·
1
)
sem, t. . . . en wesenthchen Fortschntt.
deutet die J ugenddichtung HetJes em M t N 't A. regte
A her abgesehen von den Bestrebungen de.r . . . kv. E' B . -
L d d Reformatwnsa·edan e. m et
sich au eh anderswo im an e er o I 1 - Ge ze 1-
. Nedcrlancsc1e
spie! davon ist die "Proeve van der Muziek-
schappelijke Gezangen," 2 von "
crezelschap Harmonie" in Vlaardtllgen (I8l8.) )
. .. . as rhetorisch-poetisc!te Betrachtungselement
r) In den Kinderltedern Het) es tntt d . b'ld einen Übergang zu jenen
.. k b I! noch nicht ganz; ste t en . .
schon mehr zuruc • o wo 1 d' ., 'zend und so formnchttg von
I S I I en s te so re
Kinderlieddichtungen Ag at
1
a n e . ' d
1
nd si eh auch heute einer grösseren
C at h e r i n a v a n R e n n e s kompomert wnr en I
Verbreitung und BeUebtheit erfreuen cJ(I_rfcn. . I Woorden van J. P. Heije.
Die Heijesellen Kinderlicdcr {Kinder_ltec ere_n. Vol Smits ]. ]. Viotta,
c-
1
c J.Az. D a v t d I< o n 1 n g, · ' . J G
Zangwijzen van A. t e n ' e H. V e r h u l s t, ] . vV. W t l m s, • .
J. G. 0 er te I m n n, J. B. v a n B re ' .. J. J. J I< H Cr a e ij vanger en L. van
. G rge H. r., · ·
Ba s t1aans, co . K n en Amsterdam. r845.
der \Vulp.)erschiencn bet P. N. van aJ P •
1
liJ' l!e Gezangen door het
d l · n l s che Ge z e l s e 111 ppc k 2
) Proeve van Ne e r •
1
c S k' Sr8 TeSchiedamterBoe··
. l h Harmonie" te Vlaardingen. Eerste tu JC, r .
se ap " ' d al . Stadsdrukker. . •
drukken) van G. W. van Hems a S
1
, burgen bij de vcrtonmg van Zang-
. e Fransche clOU\\ ' z t k
S. IX/X. -- op sommig . b-
1
· elk agtervolgend llllgS
11 .. 0 • het gebnuk plaats greep, om 1 b
spelen of vroliJke pera s,
1
f te rollen wanrop zeer lees anr
k 't cl zoldering van het tonee a '
1
d
een beschilderd doe ut e ' t n IY•)t'den . het Orchest bief c an c
. n welke gezongen moes e ' A
de woorden geschreven wal e ' n en het lied te gelijkertijd en met den cteurs.
zangwijze aan, en al de zo l l wijzeggcnLied j es,De un t jes,vcelal
Dit waren de V de v til es, o zo wel in zangwij ze als text de Fran-
met zeer geestige refretnen, m welker 't derzeiven in het Tbeatrc de In
. t 1 bben. men vmd de mees e · IJ .
schen altoos mtgernun te • . heatre ltalicn van Ghcrar d l. · ct ts
Foire (6. Vol.), en l'eele anderen m het T d'eden ge.zclligcnofden volkstoon(?)
d d
angen voor zooverre I lljl)
ligt te bevroeden, at eze z, • .. d'g nis vlndlugrlik en onuitputte
1 F hen destiJds zo vaar I ' d
troffen (en daarin waren de ranse .. terstond gevat en des volgenden dags ree s
met genoegen medegezongen, de zangwiJzen
onder 't publiek verspreid wierden. d . 0 ernsolisten verdr[ingt worden).
(
Dies wiire nun später von dem Gesang el b p b gen k\"am het dat de bevalligste
'k d Fransche se ouw nr ,, •
Door dit vroegere gebrm . er : I este andere beschaafde volkeren over-
Aria's uit hunne Opera's zeer spoccltg tot l e me l"k l·n !tel periodiek
aar de1.elve gemeen tJ n
gingen, en met name tot w . en en vandaar zowel in het oorspronkc IJ c
Theatre de la Haye, Wi erden overgenom r Vlnams ch e Opera, ' tzij later
t r gen 't zij door de voormn •ge .. d n t
Fransch als door ver a tn •
1
. d ,
5
bij ons zo zeer beleend ZIJD,
door bijzondere overzettingen zelfs als s t.ra a t Ie Je t g ebruIk c I ij k c g c z c 11 1 ge
d deel \'an de bij ons mee s )J e
zeker lijk vijf z c s e .. . . l . 1 a- c n c n z n n g wIj z c n u i I Fr n n s c
Gezangen niet anders ZIJn clan 'ct ta 11 <>
Opera's.
DIE NATIONALE BEWEGUNG.
277
In der "Voorrede" weist der Zusammensteller, P. Kikkert,
auf jenen älteren Gebrauch der französischen Oper hin, ein grosses
mit dem Texte der Gesangsstiicke bemaltes Tuch auf die Bühne
hinabzulassen: das Publikum sang sie, zusaromen mit den Dar-
stellern und vom Orchester begleitet, clavon ab. So seien jene
Gesänge, die entweder den gesellschaftlichen (ge ze 11 i gen) oder
den Volkston (V o 1 k s toon) träfen (und hierin se i en die Franzosen
cbenso geschickt wie empfindungsreich und unerschöpflich gewesen),
sehr schnell vom Publikum erfasst, aufgenommen worden und schon
am nächsten Tag überall verbreitet gewesen. }ener Gebrauch der
französischen Oper habe sich auf alle ancleren Kulturvölker (be-
schaafde volkeren) übertragen und die französischen Opernarien
Liberall eingefiihrt. In Niederland wurden sie erst "in het periodiek
Muûekwerkje Th e at re de 1 a Ha y e" veröffentlicht, und weiter
"zowel in het oorspronkelyk Fransch, als door vertalingen" durch
die ehemalige "Vla a 111 s c he 0 per a" oder durch besandere Über-
setzungen als Gassenhauer dennassen popularisiert, cl as s ga n z
gewis s f ü n f sechst e 1 cl er in Ni e cl e rl a n cl ü b li :_hen Ge-
s e 11 schaft s 1 i e cl er nicht s andere s se 1 a 1 s U b ers et-
zungen und Singweisen aus französischen Opern.
Wie zutreffend diese letzte Behauptung ist, geht aus der Sammlung
selbst hervor. Sie enthält eine Kantate "Neerlands opkomst, val
en herstelling." (Gezongen bij 't Gezelschap Harmonie, 18 I 7- In
3 afdeelingen. 0 p bekende zangwijzen), die auch eine deutsche
Melodie und zwar aus der "Zauberflöte" Mozarts, "Chorus. Wijze:
Voor Mannen, die van liefde blaken" (S. 3), aber hauptsächlich
französische Melodien verwendet: zum Beispiel S. 4, Choor van
Vrouwen. Wijze: uit de Visitandines; S. 7, Chorus. Wijze: du petit
Matelot; S. 1 r, Chorus, Wijze: Partant pour la Syrie; S. I 3, Chorus.
Wijze: Femmes voules vous éprouver; S. r6, Si j'en juge d'apres
mon coeur." Ja, urn den Internationalismus noch zu vervollständigen
wird (S. 22, Chorus. Wijze; God save the King) eine englische
Weise dazu angebracht.
Wie das Land von diesen französischen Vaudevilles iiberströmt
wurde, zeigt jedes Liederbuch aus dem Ende des I 8. und dem
Anfang des 19. Jahrhunderts. Sie wimmeln von französischen
Weisen, deren Gehalt entweder oberflächlich ocler sogar minder-
Wertig ist.
Ein sokhes Beispiel von vielen ist das Liederbuch "Het
278
DIE NATIONALE I3EWEGUNG.
Spreeuwtje'' (I 8o8)
1
), das nur 77 Seiten umfasst, kcine cinzige Ori-
ginalmelodie, aber wohl viele vVeisen unter an-
deren: "Cadet Roussel est bon enfant ; "Avec les jeux dans Ie
village"; "Dansons Ie Carmagnole" ; "A Paris et loin de sa ;
Contre les chagrins de Ia vie." Es kommen sogar noch zwer deut-
Melodien darin vor: "Amor als Zeichenmeister von Elmen-
reich" (sic!); "0 Rhijn, o Rhijn", beliebte 'V eisen, die wiederholt
in anderen Sammlungen zurückkehren. Der Inhalt dieses Büchleins
charakterisiert aber das W es en der niederländischen Dichtung !
Man findet nur die rhetorische Betrachtung und nicht die erlebtc Dich-
tung. Die "Themata" sind: "De Mostertpot"; "De verscheurde
Minnebrief"; "De bloemenmarkt"; "De fruitverkoopster" u.s. w.
Die Proeve van Nederlandsche Gezelschappelijke Gezangen"
"
enthält ähnliche "Themata": S. 27 "Vriendschap en Harmonie";
S. 33· "'t Huisselijk bewind", dazu die französische "Wijze": "Je
Ie compare avec Louis" oder "Du petit Matelot'' ; S. 50 "I-Iet Mas-
ker der Wereld", die hierzu komponierte Melodie ist wie eine sehr
mittelmässige Opernarien-Leierweise jener Zeit.
Auch eine deutsche Melodie findet man noch, die gleichfalls zu
den damals in Niederland beliebten Weisen gehört: "Ohnc Lieb,
ohne Wein".
Jedenfalls waren die Herausgeber(-Dichter) ehrlich genug, selbst
einzugestehen, dass nach ihrer Überzcugung sie noch nicht den
richtigen Volkston getroffen hätten. Man möge entschuldigen: es
sei ihre Arbeit nur eine Probe, die mit der Zeit durch Besseres
ersetzt werden würde.
2
)
Eine Sammlung, die eine Nachfolge der Bestrebungen der M.
t.N.v. 't A. ist, das "Nieuw Volksgezangboekje", wurde
im J ah re I 8 3 3 von dem "Dichter" Arend Fok k e in zweiter Auf-
lage der Öffentlichkeit übergeben. 3). In dem sagt
der Verfasser, es sei gegenwärtig ein Uberfluss von V o 1 k s l1 ede r n
r) Het spreeuwtje fluitende en zingende allerhande liedjes op bekende oude en
nieuwe wijzen. Haarlem. A. Loosjes Pz. r8o8.
2 ) s. XI. "Maar hebben wij dan nu in de volgende Zangstukjes de ware en daartoe_ zoo
nodige volkstoon getroffen? Dit is de groote vraag, die wij zelve gaarne met neen Willen
beantwoorden. Ter onzer verschooning echter mogen wij in 't midden brengen: vooreerst,
dat wij hiermede slechts eene proeve leveren, die welligt met der tijd gevolgd zal worden
door betere geslaagden arbeid."
3) Nieuw Volksgezangboekje tot gezellige vreugde in de stad en op het land.
Door Ar end F o kke Simonsz. Twee Stukjes. Tweede Druk. Amsterdam. J. A. Marjée. r833·
r
DIE NATIONALE BEWEGUNG.
279
(sic!) vorhanden, zum Gebrauch und zur Ero·ötzuncr der sanges-
• • b b
lust1gen Jugend: d1e der "Maatschappij tot Nut van 'tAl-
gem e e n" würden Liberall geachtet und gebraucht; die der Dam en
Vv o 1 f fen Deken scien ausgezeichnet in ihrer Art und nicht weniger
geschätzt. Aber alle seien, infolge ihres zu grossen Absatzes, so
bekannt geworden, dass sie allgemein zu veralten anfinrren. Das
sei nun einmal der Gang der Welt: man sehne sich nach
Neucm.
1
) Der Dichter hofft, dass seine Liedchen, die keinen Ver-
gleich aushalten können mit den oben erwähnten, uur das Varrecht
der Neuigkeit geniessen mögen (liedjens, die geen aanspraak op
de waarde der boven aangehaalde kunnen maken, slechts het voor-
recht van nieuwheid genieten).
die Naivität des Ausdruckes im Bürgerstande so viel wie
möghch wahren zu können, habe er ihr hie und da die Korrektheit
der Sprache und Rechtschreibung opfern müssen, wei! jeclermann,
der u n se re S prach e kenne, gestehen müsse, das s si e z u
manier ie r t u 11 cl st ei f se i, u m in cl en M u 11 cl jen er per
5
o-
n en gelegt zu werden, die gewöhnlich den Gegen-
stand der Volkslieder bilden. 2)
Der "Voorbericht" illustriert so richtig die Auffassung vom
Volksliede, wie sie durch die "Maatschappij tot Nut van 't Alcre-
meen'' gepflegt wurde, den Niederschlag kulturelier Verhältnis:e,
die das "Goldene Zeitalter" geschaffen batte. Es gibt eine Kunst
für "den beteren stand'' und eine Art Kunst für "dat mindere
volk". Es ist ein Zeichen grosser Herablassung unserseits, wenn
r) (. Voorbericht") -- nEr is een overvloed van Volk s - L i e djens ton gebruike en
vcrmaak van onxc Zanglicvcnrle J eugd voorbanden; die der Ma a t s ch a ppij e tot Nut
va n h e t Alg e meen tljn, met veel recht, alom in achting en gebruik; die van Mej uf-
frouwen Wo I ff en 0 c k e n zijn uitnemend in heur soort en niet minder geacht, maar
alle: uit hoofde van deszelver gl'Ootcn aftrek, 1.0 bekend geworden, dat te reeds bij ieder
bcgmnen te vcrouden. Ondertusschcn wil men gaa1•nc eens wat nieuws hebben, dat is zo
het algemeen beloop der dingen; de beste voor tbrengselen der vcrnuften deel en in dat.
algcmeene lot, 1.lj verliezen hunne innerlijke waarde niet , maar ziJ vcrouden en verslijten
door .bet dagelijks gebruik."
3) ,.Ten einde de naïviteit der uitdrukking onder den Burgers1and zo veel mogelijk te
bewaaren, heeft men hier en daar de zuiverheid van Taal en Spelling een weinig daaraan
moeten opofferen • . .
· • daar elk, die onze taal in derzelver grootster zuiverheid kent niet onbewust
kan zijn van het gemaakte en stijve, dat dezelve in
1
den gemeenen
za amen omgang zo u d e h ebben, b ij a I dien m en ze in de n mond ct i er
Personen lage, welke veelal de onderwerpe.n van Volksliedjens zijn."
280 DIE NATIONALE EEWEGUNG.
wir für das "Volk" eine Kunst schaffen wollen, Die unserige geht
über seinen Horizont, also - - machen wir ihm eine passende
Kunst zurecht, die den Vorzug hat, erbaulich, lehrreich und ni.itz-
lich zu sein. J ene Auffassung, dm·ch die "Maatschappij tot Nut
van 't Algemeen" kolportiert, liegt auchdem BestrebenArend
Fokkes zu Grunde. Sie betrachten d e n Begriff "Volks-
lied" als "Kunst des Volkes", wobei "Volk" iclcntisch
ist mit den niederen sozialen Klassen. Das Volkslied
wird von den höheren Stänclen, aus der Überlegenheit i hrer
höheren Kultur, leutselig dem "Volke'' gescheukt.
Demgegen1lber steht die richtige Auffassung, von Robbers,
1 e Je u n e, Ki s t u nel anderen, der nationalen deutsch-freundlichen
Bewegung, vertreten: Volk s lied sei ="Kunst des Vol-
kes", wob e i "Volk" identisch ist mit der "Nation". Sie
glaubten an eine nationale Kultur.
Die von den Volksbeglückern der M. t. N. v. 't A. hervar-
gebrachten Volkslieder weisen alle jene Eigenschaften auf, welche
dem Wesen der Volkskunst gradezu widersprechen. Abgesehen
von dem didaktisch-moralischen Elemente, wekhes grade
im Volksliede immer ausgemerzt wird, abgesehen von der ganzen
Konzeptionsa11lage an sich, von dem Betrachtungsthema, de1· Kate-
gorie, dem Begriff in jener Dichtung, di e dem unmittelbar Erlebten
und Empfundene11 des Volksli erles schroff gegenilber stehen, ver-
rät die se Volksliedpoeterei die vollständigstc U nkenhtnis der Volks-
seele schon dadurch, dass sie B e rufsli e der, A mbacbts- oder
Handwerk s 1 ieder, ge we r b 1 i c he Lied er schafft und die-
selben für "Volkslieder" hält. Das Volk singt niemals von
sein e m Ge we r b e. I m Ge gent ei 1, es s u c h t diejen i gen
Stoffe und Stimmungen, die es dem öden Alltags-
betri eb, de m f re u d 1 os en Zwang der Tag es ar bei t
en t f ü h r e 11 i 11 e i 11 e s c h ö n e r e W e 1 t.
Gewiss, es gibt Ar beits 1 ie cl er, u11d sie bilden ei11e der älte-
stenFormendesLiedes. Aber sic sind niemals Betrachtun-
g en des Ge we r bes, sondern nur die rhythmische Regelung der
Arbeit. Eine solche Art ist das Ram m 1 ie d, das beim Rammen
(niederländisch "heien") gesungen wird.
z. B. Hoch op een ! een, twee,
een, twee, dree!
..
DIE NATIONALE BEWEGUNG UND DER HEGRIFF DES VOLKSLIEDES. 281
J1och op veer, fif, een mehr!
hoch op, sösz! wiss op, söbcn u. s. w. ')
Dies niederdeutsche Rammlied enthält aber keine moralisch-
Betrachtung des Rammerberufes. Im Gegenteil, wir
sehen, \VJC. das Ar beits 1 ie cl in seiner weiteren Entwicklung stets
mehr poebsche Elemente heranzie1
1
t V 1 B · · 1 1 b
. . g . zum e1sp1e c as e-
kannte Mäherhed: "Te Kielelrecht te Kieldt·ecl t d .. d · ·
" • • , 1 , aar ZIJ11 e ll1CISJCS
koen. Es nunmt das Ltebesleben in d
1
'e Arb 't f ]'
.. . et au , um c 1ese zu
verschonern und d1e Stunclen, in dem Zwang des täglichen Broter-
werbes durchgebracht, vergessen zu mach en, vV en n cl as V o 1 k
v
011
. s. ei n e m Ha n cl werk sin g t, s o sin g t es ei 11 s o z i al-
p o lJ t
1
s c h es Z e i tg e cl i c h t; K 1 a gen ü b e r s c h I e c h te V e r-
h ä 1 t nis se, SPot t ode r Schimp f bi 1 den dan n den Ge-
Im höchsten Falie ist es ein Trutzlied,
eJn.em an.dern Gewerbe herausforclerncl zugesungen,
me Is t E 1'111 n er u n gen a n Re i b er ei e 11 z wis c hen cl e 11 f r ü-
hercn Zünften, wie Richard vVagner sie meisterlich im
Aufzug der Zünfte auf der Festwiese, in den "Meistersingern" dar-
gesteUt hat. z)
A b er 11 ie ma 1 s si 11 g t das V o 1 k betracht c n de ( be ,,, · _
1 .1 ") " SyZe
getC1tue Lieder von seinem Gewcrbe.
I1; haben die guten Volksbeglücker der M. t. N.
v. t A. s1ch 1mmer angestrengt, die unmöglichsten rhetorischen
Betrachtungsgedichte für den Handwerker, den Arbeiter den min-
I '' h ' "
c eren man erzustellen. Dementsprechencl enthalten die beiden
Teile des F o k k es c hen "Volksgezangboekje" allerhand rhetorische
Ambachtslieder, vielfach mit Verwertung der Mclodien aus den
Sammlungen der M. t. N. v. 't A.
z. B. I. S. I. De dankende landbouwer, Op de wijze: Arm en
needrig is mijn butjen.
S. 9. De ijverige Molenaar. Op de Wijze: Zonder liefde zon-
der wijn.
V I) Fiir weitere Ratmulieder vgl. Zeilschrift des Vcreins für Volkskunde
II, s. 437 ff.; VIII, s. g6; XII, s. 373; XV, s. 57, IOI,
EbensoKarl Büchers grundlegendeForschnng "Arbeit und Rhythmus" Lei ·
1
Bgg, S. t6o f. ·
2
) Vgl. die im Anhang gesammelten Lieder; das Landstreicherlied · die Klagen d
armen w b . • er
. . e er; Liedeken tot lof van den Huysman; Het heclendaagze leven der schee s-
hmmerheden u,
5
, w. P


282 DIE NATIONALE llEW.I<;GUNG UND DER BEGRIFF DES VOLKSLlEDES,
S. 17. De opgeruimde schoonmaakster.
S. 21. Het kraammaaL Op de wijze : Mijn lieve Saartje enz.
(Ein Dialog zwischen Hebamme (baker) und Wöchnerin (kraam-
vrouw). Die "wijze" ist ein fürchterlichcr Leierton.)
S. 30. De brave dienstmaagd.
S. 49· De bezige huishoudster.
II. S. I. Aan de Min; S. 3· De Vriendenkring, u.s. w.
Die vier Jahreszeiten, "de zon", "het doopmaal", "de lof van de
tabak", "de rijkdom", "de stedeling'', "de maan", "het huiselijk
genoegen", "besluit tot het huwelijk", "weltevredenheid", u. s. w.,
u.s. w., - alle diese Themen werden heruntergedichtet.
Auch die Schäferdichtung spukt hier noch urnher: II, S. 19. "De
oude vrijer. Op de 'Wijze:Ik ben maar een herderinne,"
(sic!)
A u ff a 11 end is t der Man ge 1 a n u r s p r ü n g 1 i c hen, n e u en
und guten Weisen. Die "niederländischen'' Weisen
sind durchweg klägliche Lciermelodien, Bänkelsän-
gerweisen. I)
Ebenso finden wir wieder bekannte französische Vaudevilles-
weisen: Il faut des Epoux assortis (zweimal); Enfant cheri des
Dames; De Carmagnole; Femmes voulez-vous éprouver (zweimal);
Jaclis un célébre Empereur.
Auch de uts c he vVeisen werden verwendet. Die schlechte Ortho-
grapbie i st bezeichnend für das V erhältnis Deutschlancls zu Nieder-
land im V ergleich zu Frankreich.
II. S. 5 I. De kloekmoedige Soldaat, Op de Wijze: "Seit ich so
viele Weiber zah !"
S. 43· De vrolijke kramer. Op de wijze: "Auf! Auf! ihr Bruder
und zei sterk!" (sic!) Sogar zweimaL
S. 33. Op den waterlooper. Op de wijze uit "Der dumme Gartner" .
S. 13. De zoon. Op de Wijze: "Wen die nacht im sussen
ruh", enz.
S. 3. De vriendenkring. Op de wijze: "In des e he i 1 i ge
zalen".
S. 1, Aan de Min. Op de Wijze: "6 Rhijn! 6 Rhijn !"
I) Im "Voorbreigt" des zweiten Tcils sagt Fokke, dass er "nog meerder dergelijke
nieuwe liedjes op bek c n de IV ij sj c s" zur Vcröffentlicbung bringen würde.
DIE NATIONALE BEWEGUNG UND DER BEGRIFF DES VOLKSLIEDES. 283
I. S. 42. De Hoefsmit. Op clc Wijze: Bij minnaars die in
1 ie f cl c bI aak en, enz.
Die letzte und zweitletzte Melodie i st wieder Mozarts "Zaubcr-
f!öte"entlehnt und ein Beispiel dafür, wie populär seine Kunst in
unserm Lande war.
Mit den weiteren Bcstrcbungcn, cin "Volkslied" zu schaffen,
es sich nic.ht besser als mit den vorhergchenden. So bringt
che "Ver za me l1 n g van Ne cl er 1 a n d s c he (sic!) V o Ik s-
" Pl b "
zangen, " 10e us getauft I) (1839), dieselben totgelcierten
Themen: "De vrouw"; "Aan een Zwaluw"; "Liedtjen van een braven
arbeider (wijs: Wien Neêrlandsch bloed")· De kleine bedelares"· De
. ' " ' "
gelukkige echtgenoot"; "De maagd"; "Liedje van eene weduwe"; "De
vergenoegde jonge vrouw", - zum Teile Übersetzungen aus dem
Französischen, Italienischen, Spanischen, Schwedischen u.s. w.
Es charakterisiert den Geist der bür<Yerlichcn
Dichtung, dass sie derfremden Literatur nbur immer
cl as Di cl a kt is c h-m o ra 1 is c he, cl as Betrachten d-r het o-
r is c he z u entleihen we is s.
Man verstand eb en in Niederland nichts von dem W esen des
Volksliedes, Und die einzige QueUe, die jene Bestrebungen zur
Wiedererlangung einer nationalen Kunst befruchtend hätte tränken
können, die mittelniederländische nationale Lyrik sollte erst von
einem De uts c hen den Niederlanden erschlossen werden, Wie
fern aber damals noch eine richtige Einschätzung, geschweig·e die
Möglichkeit einer kultureHen Beeinflussung durch die alte nationale
Kunst war, ergibt sich aus den Erfahrungen, welche ein deutscher
Forscher, Hoffmann von Fallersleben, in unserm Lande
machte.
Ho ff man n s Ziel war die Erforschung der alten verschollenen
niederländischen Volkskunst.
In Leiden, wo er sich niedergelassen, kam er auch viel mit Bi I-
cl er dij k in Berührung, der ihn ("obwohl er ein Mof ist'') 2) wohl
I) Ph oe bus. Verzameling van Nederlandsche Volksgezangen. Eerste Alleverin
Rotterdam. J. W. van Leenhoft. I839.
Die Namen der Dichter(innen)-Übersetzer(innen) sind :
H. W. Laurentins (Rotterdam), P.]. Anclriessen ('s Gravenhagc), L.:schippcrs (Vorden),
Petronelia Moens (Vlaardingen).
2
) Vgl.Loverken s: Altniederliindische Lieder. Horae Belgicae, Pars VIII. IB52. s. UI f.
284 DIE NATIONALE BEWEGUNG: HOFFMANN VON FALLERSLEBEN.
leiden machte, wie jener selbst erklärte. Beide trafen sich auf dcm
Felde der altniederländischen Poesie.
Ho ff man n berichtet von ihrer Tätigkeit: "Seine (Bilderdijks)
Liebe für die altniederländische Poesic hatte jedoch mehr ihren
Grund in der alten Sprache, in soweit claclurch das jetzige Hol-
ländisch aufg·eklärt und hercichert wird. So betrachtete er denn
auch die alten Volkslieder nur als Sprachdenkmale, Anfänge der
Poesie, poetische Curiositäten, und nur sein Patriotismus für a 11 es
Holländische liess es nicht zu, sich auf diese vVeise clarüber gegen
mich aus zu sprechen. Ich nahm dies bei versebiedenen Gelegen-
heiten wahr und scheute mich deshalb gar sehr, me in e Ansichten
über Poesic zu entwickeln und cladurch meine V orliebe für das
Volkslied zu begründen.
1
) Und doch war mein eifrigstes Streben,
überall Liebe und Teilnahme für jedes ursprünglich germanische
Element zu erwecken. Durfte ich aber bei einem so vielseitigen
Manne wie Bilderdijk nichts für diese meine Richtung envarten,
so war das noch mehr der Fall bei jenen anderen Männern, die
nicht einmal ein sprachliches oder literarhistorisches Interesse für
dasVolkslieclhatten.Ich suchte hie uncl cla auf das Eigen-
t ü ml i c he u n cl Vort re ff 1 i c he cl er V o 1 k spo es ie a u f-
r) Dass Bilderdijk das Wesen des Volkstiedes gar nichterfasste,zeigtsein.Nienw
Lieden boekje, op aangename en bekende wijzen (sic!), strekkende totopwekking
van Vaderlandsehen moed en gepaste vreugde in deze belangrijke dagen (November r8r3)
door Mr. W. Bilderdijk, Vrouwe K. vV. Bilderdijk en Mr. S. I. Z. Wisetius.
Derde Druk. Te Amsterdam. Bij de 'Erven H. Gartman. r8zg".
Abgesehen von dem "Katabasis of Rapport van Xerxes deuteros" (ein höhnischcs
Spottlied, das desbath so gut geraten ist, weit die politische Leidenschaft es hervorgerufen
hat) enthält diese Sammlnng die schwnlstigste, pathetischste Rhetorik, z. B. S. 14; "Krijgs-
mans Zang", (Adagio):
Met lust, met lust het zwaard aanvaard,
Den oorlogsstandaart opgestoken,
En lauwren om de kruin gegaard,
Die versch van 't bloed des vijands rooken.
Zum Schluss gibt er ein "Allegro":
'Wie toch zou ooit voor 't sterflot leven,
Wie vreezen voor een gonzend lood?
De dood maakt eens een eind aan 't leven,
Al schoon gij 'tin een doosjen sloot!
Einen solch platten Vergleich entrang sich die Bilderdijksche ~ I u s e " "tot opwekking van
vaderlandsehen moed".
Was Hoffmann von Bilderdijks Einschätznng des Volksliedes, dienureinPostulat
seines Lokalpatriotismus war, berichte!, das trifft in voltstem Umfang auf die Einschätzung
Bilderdijk s in der niederländischen Literaturgeschichte zu: nur ein blinder, kritikloser
"Pa triolismus fiir a 11 es Holländische" kann aus einem Bi I derdijk einen niederlän-
dischen Go et he machen.
l
HOFFMANN VON F ALLERSLEBEN.
111 er k sa m z u mach en, u m s o 11 st, n ie man cl ge wan n ei n e
a n de r e, e i n e b es s e r e A 11 si c h t : cl i e E i n en h i e 1 t e 11 cl i e
oktroyierten Lieder der einflussreiche11 Geselischaft
Tot 11 ut van 't a 1 e- e meen" f ü r Volks 1 ieder cl i e Ancleren
" .._" '
verwechselten nach wie vor Volkslieder uncl gemeine
Gassen ha u er, wo ra n f re i 1 i c h Ho 11 a n cl ü b er re i c h is t,
mit einander.
Wen11 ich ihnen clann de uts c he Volkslieder vorsang und ich
sah sie clavon ganz entzückt, dann glaubte ich sie bekehrt, aber
es war nicht so. Eines Tages wurde ich in einer grossen Gesen-
schaft junger hübscher Mädchen ersucht, etwas zu singen. Ich sang
deutsche Lied er und Alles war erfreut. S o wie i c h a b er das
schöne altniederlänclische Lied: "Het waren twee
coninghes kincler" anstimmte, brach Alles in ein
la ut es Ge 1 ä c h ter a u s. Ich sang nicht wei ter, sagte aber auf
hollänclisch so gut ich eben konnte : ich nehme von den schönen
Fräulein keine Rücksicht für mich in Anspruch, ha b e a b er
geglaubt, dass sie ihr eigenes Vaterland uncl seine
schönere Vergangenheit mehr ehren würclen, Für das
Mal sang ich nicht mehr.
Wie aber ein Liebencler oft seine Geliebte uur noch schöner und
treffticher findet, je mehr ihr vVert von Ancleren angefochten uncl
erniedrigt wird, so erging· es mir. Mit grösserer Liebe beschäftigte
ich mich seitdem mit dem nieclerlänclischen Volksliede, ich clurch-
stöberte Bibliotheken uncl Buchläclen uncl machte manchen hüb-
schen Fund."
Zum Schluss fügt er die Worte hinzu:
"vVie ganz anders hätte sich die Nationalliteratur dort zu Lande
gestaltet, wenn die altnieclerlänclische volkstümliche Poesic als Muster
u nel leitender Grundsatz betrachtet worden wäre, wenn si e die
poetischen Geister angeregt und belebt hätte! Die heutige Poesic
huldigt noch immer jener Geschmacksrichtung aus den Zeiten der
französischen Luclwige, sie hat noch immer j enen f rem cl art i gen
Zus c h n i tt in i h ren F o r men beibeha 1 ten, s o wie jen e
P ros a is c h e A n s c ha u u n g s- u n cl j e n e g e 1 e h r t e A u s-
clrucksweise und bleibt dadurch clem Gemüte des
Volk es eb en s o f er n, und oft ebenso unverstäncllich, wie das
Ausland clem Vaterlande." •)
r) S. VI.
286 HOFFMANN VON FALLERSLEBEN.
Seine Erfahrungen auf dem platten Lande in Holland waren
nicht besser. So besuchte er mit dem Bürgermeister von Sassen-
heim
1
) die Kirmess daselbst ( r 82 1 ).
Aber sein Eindruck war kein schöner.
"Das ist kein Volksfest wie in Deutschlancl: nichts erinnert auch
mehr an die alten niederländischen Kirchweihen, wie sie uns Teniers
so meisterhaft dargesteUt hat. Buden mit Genever und Honigkuchen,
Waffelkuchenwagen, ein Raum zum Tanzen, dazwischen junge
Burschen uncl Mäclchen uncl Kinder, die sich herumtummeln, mit-
unter jubeln und singen und tanzen - das ist Alles.
In einem langen Saaie auf ebener Erde, vollgepfropft von Men-
schen, standen auf einer Bühne vier Musicanten und spielten wie
die ärgsten Bierfiedler. Alle Augenblicke kam ein Tanzpaar heran,
hüpfte einige Male empor, drehte sich einig·e Male wieder herum
uncl wurde dann von einem ancleren abgelöst. Die Mädchen gin-
gen alle in Schlapppantoffeln, die Absätze waren mit buntem Leder
eingefasst. Da soll einer Tanzen! Zuweilen sangen sie auch dazu.
Eine Melodie blieb mir unvergesslich. Aber welch ein Text! Es war
der Anfang ei nes van A 1 ph e n'schen Kindcrliedes:
Ach mijn zusjen is gestorven,
Maar eerst dertien maantjes oud,
'k Zag haar in haar doodkist leggen :
Ach wat was mijn zusjen koud! (sic!)
Und dabinter in wilder Lust:
Lapperdi, lapperdi, lorischi, lorischi,
Lapperdi, lapperdi, lorischa !"
Hof f man n v on Fa 11 ers 1 eb en hat später ein Storchlied auf
diese Melodie gedichtet, das ein beliebtes Kinderlied geworden i st:
"Habt ihr ihn noch nicht vernommen ?"
Als er nach fünfzehn Jahrcn (1836) mit seinem Gastherrn, dem
hochverdienten Buchhändler Johannes M u 11 er, die Amstcrdamer
Kirmess besuchte, war der Eindruck ein noch traurigerer. Er kam
gracle von einem Gang in die Gemäldegallerie zurück und sagt
in bezug darauf: "So angenehm mir die Erinnerung daran lange
• ) Ein Dor f in der Nähe Leidens.
HOFFMANN VON FALLERSLEBEN.
pachher blieb, so widerlich ist mir noch heute der Eindruck den
'
die Amsterdamer Kirmess auf mich machte. Unausstehlich war
dies fortwährende Geschrei der Gaukler und Seiltänzer der Ein-
'
lader vor den \iVachspuppencabinetten uncl Buden mit wilden Thieren,
der Lärm der betrunkenen Matrosen, uncl der Jubel
der bei ihrem unbeholfenen Auf- uncl Herumspringen,
das ein "Tanz" sein sollte. U nel diese Musik, die man zu hören
bekam! Hier hätte kein Teniers malen können, nur ein Höllenbreughel.
Und doch musste Vornchm und Gering auf den Amsterclamer
Rotermar kt." •)
Freilich, die Zeit der "Boerenlieties en Contredansen" war längst
vorbei, und das hollänclische Volksleben war auf eine Stufe o-rösster
b
Verrohung und Entartung hinabgesunken.
Eine schonungslos ehrliche Kritik der Wirklichkeit welche die
'
Selbstherrlichkeit jener "Volksdichter" der Maatschappij tot Nut van
't Algemeen nicht sehen wol! te, bringt das von Kist redigierte, vor-
ziigliche "Nederlanclsch Muzijkaal Tijdschrift" z), betitelt
"Het Ne cl er 1 a n d s c h V o 1 k s ge z an a-" einO" esandt von Een toon-
b ' :::, . "
kunstenaar in Nederland honorair en lid der Maatschappij van Toon-
kunst".
vVenn man einen Bliek auf die musikalische Entwickluno- der
b
let;>:ten fünfundzwanzig· Jahre wirft, - sagt er - so bemerkt man
mit Freuden, dass wir einen Fortschritt von einem halben Jahrhun-
clert zu verzeichnen haben. Musikschulen sind errichtet worden, da-
mit den Eltern Gelegenheit geboten werden kann, ihre Kinder zu
guten Künstler erziehen zu Jassen. Zwar scheint das eigentliche Ziel
jener Anstalten der Unterricht im Gesang und Instrumentenspiel zu
sein, während die Theorie (Kontrapunkt) und Komposition bis jetzt
ganz und gar zurückgesetzt werden. 3) ·-
Letztere Bemerkung gibt auch zum Teile die Erklärung für jene
Erscheinung, dass Norclniederland im I g. J ahrhundert nur a u s ii ben-
1) Me in Leb c n: Aufzeichnungen und Erinnerungen. 1868. 13d. J, S. 268 f. uncl
s. 339 f .
2) Derde Jaargang. 1841. N°. I <J.
3) "Als men een blik werpt op onze muzikale ontwikkeling sedert het laatste vijf en
twintigtal jaren, dan bespeurt men met een waar genoegen, dat wij voor meer dan cene
halve eeuw in vooruitgang hebben aangewonnen. Muzijkscholen ?. ijn opgerigt, ten
de ouders in de gelegenheid te stellen, hunne kinderen tot goede kunstenaars te laten
onderwijs in zang en instrumenten schijnt het bepaalde doel dezer inrichting te
ZIJn: terwijl de theorie (contrapunt) en compositie tot dusverre, nog geheel
0
P den achtergrond blijven geplaat st",


288
EINE EHRLICHE KRITIK.
de K i.i
11
st 1 er, Sängcr uncl Instrumentalvirtuosen, liefert, aber
l
· 1 ffc
11
cl e obgleich dieser Urnstand andererseits auf das
{CIIle S C 1 a . '
absolute Fehlen einer nationalen Tonkunst zuri.ickzufi.ihren ist.
Der Unbehannte erörtert dann die Errichtung und die Tätigkeit
der "Maatschappij tot bevordering der Toonkunst'', die heute noch
eine der mächtigsten Faktoren des nordniederländischen Konzert-
lebens ist:
Jede Provinz, ja fast jecle Stadt befindet sich jetzt in der Lage,
mit anderen Orten wetteifern zu können. In jeclem Haus steht ein
Klavier, kurz und gut, die Musik ist heutzutage in unserm Lande
ziemlich allgemein verbreitet, a b er nicht - - pop u 1 ä r.
vVenn auch der gebildete Teil unsrer Nation das Varrecht ge-
niesst, die herrliche Schönheit der Tonkunst empfinden und selbst
pflegen zu können, so bleibt trotzdem die Tatsache bestellen, dass
unsere niederen Volksklassen ganz uncl gar van jenem Genuss aus-
geschlossen sind, ja sogar in bezug auf ihr musikalisches Gehör
und Empfinden auf der tiefsten Stufe stehen und das primäre Be-
dürfnis, ihr musikalisches Empfinden aufzuwecken (jene Gnmd!age
die mtsrer JWusik wirk!ic!t eimn eigenen mul eigettartigen Geist
ver!eiltm würde), entbehren, nämlich ei n en nation a 1 en V o 1 k s-
gesang.
I c h g 1 a u b e t at s ä c h 1 i c h n i c h t, cl as s es a u ss er u n s rem
Land ein zweitesLanel gibt, indem ein Volkslied so voll-
s t ä n cl i g f eh 1 t. Frankreich hat seine Vaudevilles, und die Theater
liefern der Volkshefe reichliche Beiträg·e van witzigen und weniger
witzigen Chansons. Zwar sind die vVorte aft etwas équivoqtie, aber
sie wurclen für Franzosen und van Franzosen geschrieben, also g·anz
dem Geiste und Bedürfnis jener Nation angemessen, ganz in der
lokalen Farbe, und sie sincl deshalb auch verdienstlich und ihre
Tenclenz nützlich. Für wenige Sous geht der Arbeiter in das Theater,
hört vVm·te nationaler Dichter, Musik nationaler Kemponisten u nel
finelet sich ganz uncl gar in eine sich auf ihn bezie-
hen cl e vV i r k 1 i c h kei t versetzt, was ohne Zweifel einen solch
tiefen Einfluss auf ihn hat, dass die Musik uncl die vVot·te, hier
von ihm verstanden, sein leibliches Eigentum werden.
vVelchen Genuss hat aber dagegen unser nieclriger Tagelöhner
in den hollänclischen Theatern? Erstens soli er viel Eintrittsgeld
bezahlen, sieht übersetzte Schauspiele uncl noch s c h 1 immer
übersetzte französische Vaudevilles, deren Si1ln ibrn ebenso undeutlich
EINE EHRLICHE KRITIK.
und verwint erscheint wie die Musik. Ich finde auf unsrer Bühne
nichts ungestalter als ein übersetztes Vaudeville; der wahre fran-
zösische Geist ist durch die Übersetzung ganz verloren gegangen
und in laffe Witze ausgeartet; die Equivoques, welche für das Ohr
des Franzosen nichts Verletzendes an sich haben, werden im Hol-
länclischen gewöhnlich und schlecht placiert, die Melodien werden
falsch gesungen, und die hollänclischen Worte so erbärmlich aus-
gesprochen, dass der geborene Holläncler Mühe hat, sie zu verstehen.
Dies ist nun die einzige öffentliche Anstalt, die dem kleinen
Bürger Gelegenheit gibt, Musik und Gesang zu hören. Dass dies
mehr einen schlechten und sittenverclerbenden als einen guten
Erfalg erzielt, bedarf, dünkt mich, keiner Erörterung. - De uts c h-
land doch hat seine Lieder und sagen, was können
w i r cl e m z u r Se i te st e 11 en? Eng 1 a n d, Schot t 1 a n d,
ja auch Russlanel haben eine reiche Anzahl Volks-
Iieder und alte, aber van ihnen heilig gebaltene
Melodien; was stellen wir dem zur Seite? Das "Wil-
helmus," wovon man kaum alle Strophen kennt, und
d i e z w e i V o 1 k s 1 i e d e r v o n W i 1 m s, w o v o n n u r i m m e r
eins (nämlich "Wien Neerlandsch bloed") gesungen
w i r cl. Man braucht sich also gar nicht zu wundern, dass die musi-
kalische Erleuchtung hie zu Lande noch nicht bis zu den niceleren
Volksschichten durchgedrungen ist. Und darurn soll man also diese
Leute nicht ungerecht des Mangels an musikalischer Begabung
zeihen; ihnen fehlt ja nur die Gelegenheit, etwas Gutes, Schönes
und Verständliches hören zu können. Die Theater bieten ihnen
nichts, die Konzertsäle sind ihnen verschlossen, vaterländische Dichter
und Kemponisten denken nicht an sie; wo soUten sie denn etwas
hören und lernen? Das s es i h n en nicht a n Beg a bun g man-
g e 1 t, ze i g t z u r Gen ü ge der U m st a n d, cl as s si e fa st a 11 e
die Melodien der italienischen Drehorgel bchalten
und mitvVorten ihres eigenen dichterischen Talentes
( d i e n i c h t i m m e r d i e a n s t ä n cl i g s t e n A u s cl r ü c k e a u f-
w eisen) wie cl erge ben. Es schei n t t at s ä c h 1 i c h s o, a 1 s ob
sie selbst diese Leere empfinden uncl dadurch alles
gierig aufnehmen; denn man hört ja die Jungeus
Walzer van Strauss pfeifen und nachsummen, Märsche
u n d Pa s-r é clou b 1 é s nachtrompet en, ei n i ge ha 1 b e Me-
l o dien mi t ei n e m ge ra cl eb rechten Fr a n z ö sis c h sin gen,
19
EINE EHRLlCHE KRITIK.
v e r d r eh t e d e u t s c h e L i e d e r h e r a u s s c h r e i e n, a b e r n 1 e
ei n gut es re in es ho ll ä n dis c hes Lied vortrage n. Wie
kom m t das? MAN GIET ES IHNEN NICHT!"
1
)
1:) Elke provincie, ja bijna elke stad is thans in de gelegenheid gesteld, om te kunnen
wedijveren met andere plantsen ; in elk huis vindt men ecnc piano, in een woord gezegd,
de muziek Is tb:ms in ons land vrij algemeen, maar niet ... populair. Geniet. het
beschaafde gedeelte onzer natie het voorregt, om bet heerlijk scboone der toonkunst te
kunnen gevoelen on beoefenen, dun is het toch ook niet minder waar, dat
de ondergeschikte arbeidende klasse, niet alleen gebcel en al van dat genot is verstoken,
maar zelfs, in muzikaal geboor en gevoel, nog op den laagsten trap staat, ja de eerste
behoefte om hun muzikaal gevoel te doen ontwaken (het eerste, dat werkelijk een eigen-
dommelijken geest aan onze muziek zoude bijbrengen) missen, namelijk: een nationaal
volks gezang.
Ik geloof inderdaad niet, dat er buiten ons rijk een land bestaat, waar
men zoo geheel van een v o Ik s gezang is verstoken. Frankrijk heeft hare
vaudevilles, en de theaters geven dnar de volksheffe ruime bijdragen tot het aanleeren
van geestige en minder geestige Chansons. Wel is waar, tijn de woorden somtijds wel
wat équivoque, maar het is vóór Franseben en d66r Fransehen geschreven, dus geheel
in den geest en in de behoeften der natie, geheel in de locale kleur, en dit heeft daarom
zijne verdiensten en ook nuttige strekking. Voor weinige sous gaat de ambachtsman naar
den Schouwburg, hoort woorden van zijne vaderlandsche dichters, ruuzijk van nationale
componisten, en vindt, door nl het voor hem toepaSselijke, zich geheel in het werkelijke
verplaatst, betgeen ontegenzeggelijk zulk een diepen indruk op hem uitoefent, dat de ruuzijk
en woorden, nu door hem begrepen, zijn geheel eigendom worden.
Welk genot heeft daarentegen onze needrige daglooner, in de Hollandsche schouw-
burgen? Eerstens moet hij veel entrée betalen, ziet vertaalde tooneelspelen, en nog erger
vertaalde fransche vaudevilles, waarvan hem de zin even zoo onduidelijk en verward
toeschijnt als de muzijk. Ik vind niets gedragtelijker op ons theater, dan eene vertaalde
vaudeville; de ware fransche geest is door de vertaling geheel verloren gegaan, en ontaard
in laffe aardigheden; de équivoques, welke In deooren van den Franscbman niets kwetsends
hebben, ,worden in het Hollandscb onkiescb en kwalijk geplaatst, de melodil!n worden
valsch gezongen, en de Hollandsehe woorden zoo crbnrmolijk uitgesproken, dat de
geboren Hollander moeite heeft om 1.c te verslaan; en dit nu is de oenige publieke
gelegenheid, om den min gegoeden burger hier rouziJk en mng te doen booren. Dat dit
meer een slecht en zedeloos, dan wel goed gevolg oplevert, behoeft, dunkt mij, geen
betoog. Du!tscbland immers heeft hare liederen en legenden, wat stellen
wij daarvoor in plaats? Engeland, Schotland, ja ook Rusland hebben
hallr rljlc getal volksliederen, en oude, maar bij dit volk heilig ge·
bievene melodil!n; wat stellen wij daarvoor in plallts? Het nWilbolmus'",
waarvan men amper al de coupletten kent, en de twee volksliederen van Wil m s, waar-
van er voortdurend slechts één gezongen wordt. Het is dus geenszins te verwonderen, dat
het muzikale licht, hier te lande nog niet tot de lagere klasse is doorgedrongen. En daarom
moet men dus deze mensellen niet tenonregtevan gemis aan muzikale dispositie
beschuldigen; het is alleenlijk het gemis aan gelegenheid voor hen, om iets goeds,
iets beva!ligs en bevatlelijks te kunnen hooren. De schouwburgen leveren hun niets, de
concertzalen zijn voor hen gesloten, vaderlandsche dichters en denken niet
aan hen: waar toch kunnen zij dan iets hooren en Jeeren? Dat het ben aan geen aanleg
ontbreekt, bewijst genoeg, dat zij bijna alle de melodien der Italiaansche draaiorgels ont-
houden, en met woorden van hun eigen dichterlijk genie (welke niet altoos de kieschte
uitdrukkingen bevatten) teruggeven. Het is inderdaad, alsof zij zelve de leegte
r
I
'
DIE FORTSETZUNG DER VOLKSLIEDBEWEGUNG.
verhallten diese so inhaltsreichen Worte wirkungslos in
der oden Leere der bürgerlichen Dichtuno-. In den Bekroond
Volksliederen" von G. G. WI"thu b dM "G p E R e
y s un r. . . o-
bidé van der Aa f· s· · .
' ur mgstJmme und Klavier komponiert von
J. F. ast r é, wird nach der alten Schablone fortgedichtet. 1 )
Die Sammlung enthält z. B. die Lieder''. Ne I 0 d d
V ··h "d" " · . . " r e un
rlJ ei (Withuys) uitgegeven met bewilliging van het Hoofd-
bestuur der "Maatschappij Tot Nut van 't Alo-emeen."
No 4 W ld d" h "d" ( b
· · " e a tg et W.); Na. 5 "De vergenoegde Huismoeder"
(A.); No. 6. "De spaarzame Ambachtsman" (A). No 7 z ...
h "d" (W) No · ' • . " Utnig-
et · ; · 8. "De kolonist der Maatschappij van Weldadigheid"·
No. 9· "De klokluider" (A)· No
9
L" d d I . '
. . . . , . . " te voor e otelmgen der
NattOnale MI!ttte" (W.)
Das einzige branchbare Gedicht In d' S
1eser ammlung ist das
"V 1 a g ge 1 ie d" von vV i t hu y s, ein patriotisches Lied. 2)
I. Wat vlagge verheft zich zoo stout in de lucht
En rolt hare banen er bloot
Die banen, alomme gevierd 'en geducht,
Van blauw en van wit en van rood?
Zij geven den boezem genot en ontzag
Wat vlag kan het wezen? 't Is

vlag,
De vlag onzer Vadren! Hoezee!
2. Van eeuwen af kennen haar 't Noorden en Zuid,
En groeten haar 't Westen en 'tOost·
Zij golfde op het ijs, dat de polen
En 't zand door den hemel geroost.
Zij wappert in eere! Wat landzaat haar noem
Hij huldigt haer glorie en Nederlands roem '
Den roem onzer Vadren! Hoezee! '
ge v
0
eI en, en daardoor a I I es met gretigheid opvangen· want men >.
001
.
1
Immers de . d ' Ll
JOngens e walsen van Strauss fluiten en neuriën marschen en pas-réd bi •
na-trompett · h ' ou es
D
. en, eemge alve melodiën met een geradbraakt Franscb zingen verdraaide
Ultscbe !ieder "t h . '
h en UI se reeuwen, maar nooit een goed zuiver Hollandsch lied voordragen.
oe komt dat? Men geeft het hnn niet! ·
I) Bekroonde Volksliederen vanG. G, Withuys en Mr G pER b"d'
van der A M lV .. . . . . o 1 e
K
. .. a. et IuziJk en Zang voor Forte-Piano van J. Fastré Onderwiizer aan de
omnkhJke Mu ··k h 1 • G ' '
ZIJ se oo te s ravenbage. Amsterdam G J A B ·· · k
2) Die · . . · · eiJerm .
Lied . verwechseln jetzt noch nacb wie vor das patriotische
• (die Natwnalhymne) nut dem Begriff "Volkslied".
DIE FORTSETZUNG DER VOLKSLIEDBEWEGUNG.
3
. Waai uit in de hoogte, gij kleuren zoo schoon,
0 beelden van Neêrlands geslacht,
Dat rein is in hutten en rein op den troon,
Dat laagheid en lafheid veracht!
't Is rond en is trouw, daar de wereld van heugt,
Gevestigd als Neêrland is Nederlands deugd,
De deugd onzer Vadren ! Hoezee !
4· Waai uit in de hoogte, gij vlagge vol zwier!
Uw blauw is die hope vol lust,
Dat Neêrland zal blijven zoo krachtig en fier,
Zoo bloeijend en vrij en gerust.
Dat eeuwig uw banen, op veld en op vloed,
Ons wekken tot eendragt en veerkracht en moed,
Den moed onzer Vadren ! Hoezee !
Dazu hat Fa st r é aber eine ganz zahme Klaviermusikmelodie
komponiert.
Nicht besser verhält es sich mit den Versuchen, ein Stud e 11 ten-
1 ie d zu schaffen. In den "Stud ent e 11 -1 i ede ren" von Be 11 edict
Warstadt (ca, 1820) I) findet man zwölf Lieder. Dieerstendrei
sind patriotische Lieder, No. 4 das "Vivat Se11atus Veteranorum",
der Rest aber "betrachtende" Gedichte über die Freundschaft, den
Trunk, den Abschied, das Sterben. Es sind alles Verhand1ungen,
aber nichts Empfundenes und unmittelbar Durchlebtes. Sogar das
einzige Liebes1ied, No. 8 "Onze Schoone", ist ei11 "bespiegelend"-
rhetorisches Lied und nicht selbst erlebt oder aus dem Erlebten,
Empfundenen unmittelbar wiedergegeben.
Das Motto der Sammlung lautet:
"Genoeg, zoo 't speeltuig Neêrlandsch klinkt." (Span d a w)
Aber der Ton dieser Sammlung widerlegt jene Behauptung aufs
entschiedenste. Die Melodien sind obendrein ganz unbedeutend.
Nirgendwo tritt die nationale Armut unverhüllter zutage als in
den Sammlungen sogenannter "Studentenlieder". Ein zweites Bei-
spiel davon ist der von dem Senat des Korps "Vindicat atque
I) S tudenten. Lied eren, in rnazijk gebragt door Benedict War stad t. Utrecht.
N. van der Monde.
DIE FORTSETZONG DER VOLKSLIEDBEWEGUNG,
293
Polit" herausgegebene Band "Groninger Studenten Liede-
ren'' (1833). 1)
. enthält lateinische, französische und deutsche Lieder und
etmge V ersuche vo11 nied I" d · h · ·
. er an 1sc en Neudtchtungen mtt neuen
vonD. Mullerund vV. C. Hauff (auch ein Deutscher)
Me r als die Hälfte dieser Lieder sind deutsche;
Herkunft entweder in d 0 · · 1
' er ngma sprache übernommen oder
übersetzt. So zum Beispiel:
1
) Ich hab' mein Sach' auf Nichts gestellt.
2) Auf Brüder! lasst uns Rosen pflücken.
3) Den Becher, den fröhlichen Becher zur Hand!
Bald schiffen wir hin nach ein anderes Land! (sic)
Krambambuli das ist der Titel.
4)
5)
6)
7)
8)
9)
10)
II)
12)
13)
14)
15)
16)
17)
18)
19)
Der Pabst lebt herrlich in der Welt.
Einsam bin ich, nicht alleine.
Herz, mein Herz, warum so traurig.
Bekranst met loof den vol geschonken beker,
Lasset die feurigen Bomben erschallen.
Ich bin der Doctor Eisenbart.
Brüder, geniesset die fliichtigen Tage.
Die Welt ist nichts als ein Orchester.
Die ganze Welt ist ein Theater.
Herr Bruder nimm dein Gläschen.
Es kann ja nicht immer so bleiben.
Ergo bibamus: Hier sind wir versammelt zu löblichem Thun.
Natur, dein Ruf ist Freude,
Du, du liegst mir am Herzen.
Begliickt, beglückt, wer die Geliebte findet. u. s. w. u. s. w.
Hier zeigt sich noch einmal der starke d e uts c he Einfluss die
:Annäherung an Deutschland, welche in jener nationalen
m der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, immer wieder hervortritt.
Studentenwelt macht sich diese Beeinflussung besonders urn
dte Mttte des Jahrhunderts geitend: vgl. die kulturell sehr interes-
santen studentischen Erinnerungen des Zeichners A Ie x ander
1) G · .
ron1nger Studentenliederen, verzameld in I833· Gedrukt voor rekening
van den Senaat: Vindicat atque Polit.
Als die neuen vierstimmigen (2 Ten. + 2 Bässe.) Liedsätze von M u 11 er und
Hauff In Partltur.
294
DIE FORTSETZUNG DER VOLKSLIEDBEWEGUNG.
Ver hu e 11. Ihr Ende erreicht sie woh1 in dem Romantiker Piet
Paaltjes (François Haverschmidt, geb. 1835, t1894) und
dessen "Snikken en Grimlachjes," im Jahre r867zumersten
Male insgesamt veröffentlicht.
Aber diese deutsche Beeinflussung hat keinen Erfolg gehabt. Es
bewahrheitete sich hier der A usspruch von de Be a u marc ha is :
"En général Ie talent d'imiter (et de perfectionner) me semble avoir
plus brillé chez eux que Ie génie de 1'invention." Keine nation a I-
n ie de rl ä n dis c he V o 1 k s dicht u n g entwickelte sich unter dem
Einflusse des Geistes jener bewunderten deutschen Volkskunst. Kein
neuer lebendiger Ton durchdringt die tötliche Langeweileder "stich-
telijke" bürgerlichen Dichtung. Im Gegenteil wurde die deutsch-
freundliche nationale Bewegung durch einen erneuten Vorstoss der
bürgerlichen Poesie wieder zurückgedrängt. Dies geschah durch das
sogenannte "Reveil" (1823).
Im Laufe des I 8. Jahrhunderts hatte der ehemalige Calvinismus sich
ganz in ein nüchternes Staatskirchentum aufgelöst. Die Reste jener
alten puritanischen Theokratie hatte die Revolutionszeit und ihr
Aufklärertum, sowie das freigeistige napoleonische Régime endgiltig
beseitigt. So wurden im Jahre I 804 die Religionsschulen unter
staatliche Aufsicht gestellt, und in der Konstitution des J ahres I 8 I 5
im Königreich der Niederlande die "Hervormde Kerk" als Staats-
kirche aufgehoben.
Die neue puritanische Bewegung trennte sich von der "grossen
Kirche", der "Nederduitsch-hervormde Kerk" ab und versuchte
eine Wiederbelebung· des alten Calvinismus herbeizuführen. V on
j e n e r Z e i t d at i e r t d i e E n t s t e h u n g d er calvinz"stiscltm
Legmde, die Bildung jener legendarischen Darstellungen der kul-
turellen Rolle in der Geschichte Niederlands, die nur der absoluten
historischen Unkenntnis entsprang. Nach ihr wäre die Grösse Nie-
derlands, die gesamte kulturelle Blüte nur ein Produkt des Calvi-
nismus gewesen und wäre der politisch-i;ikonomische, der kulturelle,
der mor a 1 is c he Ni edergang nur dem U mstande zuzuschreiben,
dass das calvinistische Herz schwächer zu klopfen begann. Dies
wurde das Schlagwort der neuen Part ei.
Deun auch in dem Neo-Calvinismus tritt das religiöse Ge-
f ü h 1 s moment gegen das po 1 i ti s c he entschieden zurück; man
kann sogar behaupten, dass es hier noch mehr als im r6. und
DIE FORTSETZUNG DER VOLKSLIEDBEWEGUNG.
295
17. Jahrhundert fehlt. Mögen auch anfangs die Motive des von dem
nüchternen Staatskirchentum Unbefriedigtwerdens eine Rolle in der
Entstehung der neo-calvinistischen Bewegung gespielt haben, sie
verschwanden alsbald im Verlauf der Weiterentwicklung, die eine
extrem-p o 1 i ti s c he ward. Die Ideale jener "Suchenden" erwiesen
sich als utopisch, und die ganze "Bewegung" endete in einer innigen
dem alten Erzfeind, mit R om, die ihre Spitze
gegen emztge und grösste kulturelle Errungenschaft Hollands,
gegen dte neutrale Staatsschu!e richtete.
Ihr Hauptführer ward der Erbe Bi 1 derdijk s, der getaufte Jude
Isaac da Costa (1798-r86r).
Der erneuerte auch folgerichtig alle jene Strö-
mungen, dte für unsere Volkskunst so verhängnisvoll waren ohne
die kapitalistische Ethik wiederbringen zu können, die im I;. J ahr-
kulturelle Verarmung durch Kapitalansammlung in
gewtssem Smne ersetzt hatte. K ossman n r) hat schon darauf hin-
gewiesen, dass nur der "stichtelijke toon", das Rhetorische, Mora-
lisierende, Erbauliche aus der deutschen Literatur bei Bi I derdijk
Eingang fand ("wenn er Goethe übersetzt, so sind es nur ein paar
moralische Verse"), und es ist bezeichnend, dass er denn auch als
kultureHes Ziel Ca t s und seine Richtung wieder aufstellt:
Goede dierbre vader Ca ts,
Wat behelst ge niet als schats,
Gy die mijne jeugd vertroostte 2). , •
o Ca t s, als Dichter meer dan al die u verachten
Gy wien de dank behoort der laatste nageslachter;,
Hoe zou, na vijftig jaar uw weidaan te genieten,
Mijn halsvriend, op uw graf geen dankbaar traantje vlieten? 3)
(Brunswijk, 18o6 ).
Bilderdijk war es auch, der sichals Anwalt für die grobe
Posse "Trijntje Cornelis" des Huygens' aufwarf und
trotzdem einen gehässigen Angriff auf die "gants aanstootelijke
kluchten van Breêro" machte. 4)
x) Holland und Deutschland. S. 37·
2) Dichtwerken {1859) Bd. XII, S. 282.
3) Bd. XII, S. 66,
4) Mr. Willem Bilderdijk: Huygens' Werken met aanteekeningen, Leiden x8
2
5.
Bd. VI, S. 127.
DIE NEO-CALVINISTISCHE BEWEGUNG.
Dementsprechend erhoben D a Cos t a und Bi 1 derdijk in dem
Bedenken wider den Geist des Jahrhunderts"(1823) ')
den erbaulichen Poetaster Hu y gen s, der gleichfalls zu der "stich-
telijken" Schule gehörte, aufs Schild:
Ik zeg met onzen rechtschapen Hu y gen s: kiest of deelt!
Wy waren graag neutraal, gelijk 't de wareld noemt:
Maar dat is slechts de zaak verbloemd!
Daer helpt geen wispelturig praten -
Men moet God of de wereld ha ten.
Man soli Gott oder die Welt bassen! Und nun erhob sich ein
neuer calvinistischer Kreuzzug gegen den Staat, die Libertiner und
die- Volkskunst, die nicht mehr da war. Groen vanPrinstere r
aber, der politische Schöpfer der "Anti-revolutionaire Partij", wie
sie sich seitdem nannte, machte den V ersuch, eine puritanisch
gereinigte Sammlung von "Vaderlandsche Zangen'' zu-
sammenzustellen: sie enthält Gedichte von Vond e 1, A n ton i des,
Hooft, da Costa, van Alphen, Bilderdijk, Hugo de
Groot u.s. w.
2
)
Dieses "boekje'' sollte "nuttig· voor de jeugd" sein, "en niet
ongevallig aan elk, die belang stelt in nationale (sic!) Poëzy".
Wenn man sich in dem rhetorischen Schwulst Bi 1 d.e r dijk s,
in der salbadernden, psalmodierenden V erskunst d a Costas und
dieser Unmasse "stichtelijken" Versifexen umschaut, wird einem
die Klage verständlich, welche der Südniederländer 'vV i 11 e m s,
der Hauptführer der flämischen Bewegung, erhob über "de p r o-
t est a n t s c he p 1 a t heden" in Y n tem as "Letteroefeningen"
(I 82 5) und jene eingebildeten Pastöre ( d e verwaan d e dom i n é' s
uit de Letteroefeningen") 1828, sowie über die Unnatur
der holländischen Poesie, ihre geschraubte, breite und hohle Wörter-
masse ("door breede en bazuinende woorden zoo won-
derlijk opgevijzeld") I825. 3)
Während im Süden eine nationale Bewegung, sich stützend auf
eine Volkskultur, zu neuer Entwicklung sich erhob, versuchte man
1) De Bezwaren tegen den Geest der Eeuw, van Mr. I. d a Cos t a, toe-
gelicht door Mr. W i 11 e m Bi I derdij k. Leyden. r823. S. 23. Diese Schrift ist ein
wahrer Triumpb geistiger Beschränktheit und kulturelier Riickständigkeit.
2) G. Groen van Prinstere r: Vaderlandsche Zangen. 2e druk. 1856.
3) H. T. Co Ie n brander: De Belgische Omwenteling. 1905. S. 205 f.
DIE NEO-CALVINISTISCHE BEWEGUNG.
297
im Norden die Wiederbelebung aller derjenigen Faktoren, die
die nationale Kultur zerstört batten. Die flämische Bewegung suchte
Anschluss an Deutschland : der Norden aber träumte noch immer
den Traurn des goldenen Zeitalters weiter und wähnte sich noch
dem "Mof", dem armen "Poep" kulturell weit überlegen. In
W i r k 1 i c h kei t war die n ie de rl ä n dis c he Kult u r i m Ver-
hältnis zu der deutschen urn ein volles Jahrhundert
r ü c kst ä n di g. Sturm und Drang, Aufklärung, Roman tik, wir
suchen sie vergebens: nur einige formelle Abfärbungen finden
wir von diesen Kulturströmungen, deren inneres Problem niemals in
Niederland lebendig wurde.
Urn jene Zeit entstand die calvinistische Legende, deren Schöpfer
Groen van Prinsterer ward, in seinem "Handboek der
Geschiedenis van het V aderland" (I 846), einem Buch, in der
Form von erbaulichen Traktätchen g·eschrieben. Es ist jene auf
einer mangelhaften historischen Kenntnis und einer tendenziös
entstellten historischen Überlieferung beruhende Auffassung von
der politischen und kultureHen Rolle des Calvinismus in den
Niederlanden, welche sich seitdem in einer bestimmten Kategorie
von Geschichtslehrbüchern breit macht. "Wie man gerne möchte,
dass es gewesen wäre", so projektierte man es in die Vergangen-
heit zurück. Der Calvinismus wurde der Inbegriff der niederlän-
dischen Kultur, des Volkes, und der Verlust unsrer Weltposition
wäre nur auf den Urnstand zurückzuführen, dass das "calvinistische
Herz lauer zu klopfen anfing".
Es bildete sich jene calvinistische Sprache, die sich konservativ
zur Bibelübersetzung des 17. Jahrhunderts zurückbegab, der ärgste
"Kanzelton".
V er los ons van den preektoon, Heer !
Geef ons natuur en waarheid weer!
"Erlöse uns vom dem Kanzelton, o Herr! Gib uns Natur und
Wahrheit wieder!" heisst es in dem "Laiengebedchen" ("Leeke-
gebedje") von de G én est et
1
), dem Delfter Prädikanten, der auf-
geklärteste und gesundeste jener "stichtelijken" bürgerlichen Poesie.
1) (L eek e d i c h t i g e s. r86o, No. LX). De Dichtwerken van P. A. De G én e s t e t
uitg. door C. P. Tiele, S. 101.
298 DAS ENDE DER BURGERLICHEN DICHTUNG: MULTATULI.
"
Wir Schriftsteller kannten einander alle, alte wie jüngere. Wir
wussten, was jeder im Augenblicke leisten konnte. Keine grossen
Erscheinungen liessen uns aufschrecken und wir erwarteten keine - -
Da fuhr, im Mai I 86o, wie ein Blitzstrahl jenes Buch aus Insulinde
hernieder, schlug ein und setzte in Flammen. Das Buch hiess
Max Havelaar".
"
W enn ein späterer Geschichtsschreiber bis zu diesem Zeitpunkte
gekommen ist, wird er innehalten. Denn er wird empfinden, dass
er dem Buche Have 1 aars keinen Platz unter dem Vorhergehenden
anweisen kann. Er wird Atem schöpfen zu einem neuen Gange,
ein neues Blatt Papier nehmen, vielleiebt auch eine neue Feder.
Er wird die Feder eintauchen und die Tinte wieder eintrocknen
lassen und wieder eintauchen und anfangen und ausstreichen und
wieder anfangen. Denn es wird ihm nicht so leicht werden, dieses
Buch zu charakterisieren."
So beschrieb der Haager Jurist und Literator Care 1 Vos ma er
in seinem Aufsatze "De Zaaier" das Erscheinen des "Havelaar."
Und Frederik van Eeden, der seine Studie über Eduard
Douw es Dekker damit anhebt, fährt weiter fort: "Es war eine
stille, vornehme Familie, der Kreis der holländischen Schriftsteller
var dreissig Jahren. Man sass ruhig urn den Teetisch. Nach dem
Essen wurde das Dankgebet gesprach en. De G én est et summte
"Laiengedichtchen", A 1 berd in g h "ciaegde en vraegde" nach alt-
hergebrachter Art, d a Cos t a mal te ein Bildehen van der Schlacht
bei Nieuwpoort, Potgieter reimte in aller Stille; hin und wieder
sagte Bakhuizen eine kleine U ngezogenheit. Nur Hu et fing an
zu nörrreln und zankte si eh mit de G én est et, aber sehr sanft-
b
mütig. Auch gab es solche, die gelacht und sich beim Beten auge-
stossen hatten. Doch ging es alles noch sehr ruhig und sogar
flüsternd her.
Da plötzlich - ein W etterleuchten, ein Donnerschlag - eine
St imme, eine lau te, starke "Stimme," die erklang - und der
"Havelaar" lag auf dem Tisch,
W elche Aufregung! Das war unerhört! - Eine Stimme!
Einer, der sich vermass, laut zu reden, gradeaus und laut! Und
das in Holland!
Die ganze Gesellschaft war erstaunt, erstarrt, niedergedonnert.
Der Blitz schlug an erster Stelle in den Kopf des gutherzigen,
DAS ENDE DER BURGERLICHEN DICHTUNG: MULTATULI. 299
gefühlvollen Herrn Vos ma er selbst. Heli auf jauchzte er seine
Erregung hinaus.
Aber au eh niemand blieb unberührt. Sogar der bedächtige Hu et
nickte beifallspendend und klatschte lei se in die Hände."
V a n Eed en fügt noch hinzu :
"Ich kann wohl sagen, dass seit diesem Tarr in der holländischen
b
literarischen Welt die Luft nicht gewitterfrei ward. Und viele
Süssmilch wurde sauer und viele Gemüter erbittert.
Aber die Luft ward frischer nachher !"
Ein Buch, geschaffen aus der "Nat" heraus, der Hervorbruch
einer echten Leidenschaft, ein Gelegenbeitsgedicht in Prosa, aus
einem Gusse - u r s p r ü n g 1 i c h ha t te das B u c h ga r kei n e
Kapiteleinteilung- das war der Havelaar. Hier sprachzum
erstenmal wieder das natürliche, freie Gefühl, die Notwend i g kei t!
Mit Titanengewalt zerschmetterte es die erstickende Decke der
"stichtelijken" Rhetorik, welche sich über die Nation ausgebreitet
hatte.
Douw es Dekker erlöste die niederländische Kultur van den
Fessein jener didaktischen, moralisierenden bürg·erlichen Poesie, von
dem Erbe Maerlants und Cats'. Mit unvergleichlicher Meisterschaft
entwarf er das Bild von dem "Droogstoppel"typus, wie die calvi-
nistische Erwerbsethik ihn in Holland geschaffen, Er zerrte ihm
die Maske vom Antlitz herunter.
Und in seinen "Ideen" zerschlug er sie weiter, die Fessel, wo
er sie finden konnte. "Lass fahren all' dahin !" war auch sein
Wahlspruch.
Hinter ihm rückten in hellen Haufen die "Achtziger" in die
Schlacht, die Neo-Renaissance (Perk, Kloos, van Eeden,
G o r te r und andere).
Wohl suchten sie den Zusaromenhang mit der Natur, mit
der "Schönheit'' wiederzugewinnen, und war ihnen nichts mehr
verbasst als der "nutscap" und der "stichtelijke toon'' der Bürger-
poesie; wo hl warfen sie mit souveräner V erachtung die bürgerliche
Tradition weit von sich - a b er kei n er fan d den Weg z u r
Nat i o n, z u m V o 1 k e w i e d e r !
Ihre Dichtung ist eine Rekonvaleszentenpoesie! Sie verloren sich
t) Fr ederik van Eed en: Studies (3 Bde.) 2e Druk. r8gr. Bd. l, S. g f.
300
DIE GEGENWART.
in der zersetzenden Analyse und Detaillierung der von ihnen wieder
aufaefundenen Natur, die ihnen gerade so neu war wie den Malern
::,
des rs. und r6. Jahrhunderts.
Den höchsten Gefühlsausdruck suchten sie in der V ie 1 he i t
der Mi t te 1 zu erreichen und berühren sich hierin mit vV a g n er,
der auch das Höchste meint "aussprechen" zu können: - eine
metaphysische Rückständigkeit! Ihre Form wurde gleichfalls von
der Renaissancekunst des 17. Jahrhunderts beeinflusst: die "Wort-
kunst" (Woordkunst) und das Sonet t als höchste Form tritt
bei ihnen in den V ordergrund.
Die Einflüsse, die auf sie einwirkten, waren gleich international:
S he 11 e y und K e at s in Eng land, die Praerafaeliten, die italie-
nischen Renaissancisten Pet ra r ca u.s. w., die französischen Na-
turalisten und Dekadenten.
Nach einer Hochflut von zwei Jahrzehnten sank die Beweauncr ::, ::,
aber schon in sich zusammen. Eine allgemeine Enttäuschung, eine
grosse Unzufriedenheit, ein immer grösser werdendes Gefühl der
Übersättigung einerseits und des Unbefriedigt-geblieben-seins ander-
seits hat sich der niederländischen Kulturwelt bemächtigt. U n d
damit ist auch der Wendepunktin der niederländi-
schen kulturellen Entwicklung gekommen!
Die kulturelle Trennung, welche das "goldene Zeitalter" her-
vargemfen hatte, ist durch den unnationalen, unsozialen Subjektivis-
mus der "Achtziger" -Poesie bis zum äussersten durchgeführt worden.
Eine weitere Differenzierung ist nicht mehr möglich. Das schnelle
Versiegen der zweiten Amsterdamer städtischen Höhenkunst die
'
weder den geringsten Zusammenhang mit unsrer Nation hatte, noch
auf einer volkstümlichen, bodenständigen Grundlage fusste, hat
die Unhaltbarkeit jener Traditionen des "goldenen Zeitalters"
unerbittlich klar dargelegt.
Ein Umschwung muss kommen. Und allen Anzeichen nach bereitet
ersichauchvor. Es bleibt aber das kulturelle Verdienst
der "Achtziger", ihm den Weg geebnet und über-
haupt sein Kommen er m ö g 1 i c h t z u ha ben. Si e r ä u m-
ten gründlich mit dem Moder der bürgerlichen Dich-
t u n g a u f u n d er 1 ö sten Ni ederland v on de m "sticht e-
lijken toon." Sie erfüllten das' Gebet de Génestets und
ga ben u n s "natuur en waarheid" zurück.
Bevor ich nun mein Buch schliesse, möchte ich noch einmal die
DIE GEGENWART. 301
vVorte wiederholen, die ich dem Leser am Eingang zu Geleit gab:
Nur durch eine südniederländische Befruchtung kann das nord-
niederländische Element wieder belebt werden. Vor allem ist es
notwendig, dass "Holland" verschwindet und die Tradition des
goldenen Zeitalters überwunden wird.
Was regten sich schon für Kräfte in Flandern. Ich möchte
Charles Henri de Coster (geb. 1s
27
, gest. r879) nennen,
den" de.s "Tyl Uienspiegel und Lamm Goed-
zak , Jenes Werkes, das w1e em gewaltiges Denkmal altniederlän-
discher V olksku?-st durch die Gegenwart emporragt. Dann den
jung· verstorbenen Albrecht Rodenbach (geb. r856,-f r88o) ')
aus dessen Gedichten ein volkstümlicher Ton und Rhythmus klingt,
wie man ihn vergeblich in "Holland" suchen wird.
So "Het Kerelskind" :
Van waar koms du getreden
Zoo laat door reîn en wind?
Und das "Zij loechen" :
Zy loechen en staken hun schoûren op,
Omdat ik hen klapte van Vlaanderen.
Da ist weiter Ren é de C 1 er c q und sind so viele andere junge,
gute Kräfte. Viele Herzen und Hände regen sich, ein frischer
Wind weht vom Süden durch die schwüle Abendluft der sterben-
den "Achtziger"zeit. Und auch im Norden wird es lebendig, und
wil! es Morgen werden. Auch da hat sich vieles geändert : die
Vertiefung in die musikalische Vergangenheit des Vaterlandes
entwickelte sich unter dem Einfluss der weit fortg·eschrittenen
südniederländischen Musikwissenschaft, wenn auch nur in beschei-
denem Masse. Das ZeitalterHoffmanns vonFallersleben ist
endgültig vorbei.
Unsere alte Volkskunst, die dichterische und musikalische, wurde
in zahlreichen Veröffentlichungen und Bearbeitungen wissenschaft-
lich zu Tage befördert und in versebiedenen Liederbuchausgaben von
Volksliedvereinen weiteren Kreisen bekannt gemacht. Aber eins
r) Bloemlezing uit Albrecht Rodenbachs Gedichten. L. J· Veen.
Amsterdam. S. 6o ff.
302
DIE GEGENWART.
möchte ich trotzdem noch, auch als Zusammenfassung des ganzen
Vorhergehenden, betonen:
Keine Vereinigungen zur Wiederbelebung des alten Liedes, keine
Liederbücherausgaben, keine Konzerte u. s. w. können hier helfen,
wenn nicht eine innere Wiedergeburt aller Beteiligten stattfindet,
wenn nicht die Traditionen überwunden werden, die jene kulturelle
Kluft in unserm Volke hervorriefen und damit den Untergang
unsrer Volkskunst, unsres nationalen Lebens herbeiführten.
Ein Volk ohne eigenes Leb en gleiebt einem Menschen ohne
Selbständigkeit, ohne "leb", ohne Individualität. Einem sokhen
Volke ist seine stärkste Widerstandsfähigkeit, die kraftspendende
Wurzel seines Lebensbaumes, abgestorben. Seine Existenzberech-
tigung hört auf.
Was tot ist, ist tot! Doch Neues kann aus dem Alten erstehen!
Wir können den abgerissenen Faden wiederfinden: dazu soll uns
die Befruchtung durch die alte Volkskunst helfen. Nur der Einzelne
kann da helfen, indem er Neues schafft und es dem Volke gibt,
Käme einer, der wieder aus dem "Volke" und durch das Volk
für die Nation schüfe, so würde man dasselbe si eh ereignen sehen
wie im I 6. J ahrhundert: die Entstehung des Volkslierles als Kul-
turfarm!
Das Sichversenken in die alte Volkskunst kann ihn zum inneren
vVesen des grossen Kulturproblemes führen und ihm das W esen
der "Weltanschauung·" offenbaren. Denn noch mehr als früher ist
die neue Volkskunst auf die Beschränkung innerhalb der sinnlichen
Erscheinungswelt angewiesen. In unserer ni.ichternen Gegenwart mit
ihrem unerbittlichen Wirklichkeitssinn bat die Belebung und Besee-
lung der Erscheinungswelt, die Geister, Feen, Elfen, Kobolde, der
ganze alte Märchenapparat der alten Volkskunst, keine Realität
mehr. Andere Faldaren mi.issen verwertet und poetisch umgestaltet
werden, diejenigen Faktoren des öden gewerblichen Lebens der
Neuzeit, die einer künstlerischen Belebung· und Beseelung so
dringend bedürfen. Es ist ein ganz eigenes Kulturproblem, die neue
Volkskunst und eine schwere Aufgabe, jenen herben, spröden Stoff
zu meistern und zu gestalten.
Und was wird nun die Zukunft Niederland bringen?
Die Gründe einer sozial-kulturellen Trennung haben aufgehört:
Holland und Amsterdam sind nicht mehr der Inbegriff des Landes,
ihr Welthandel ist dahingeschwunden, Die Nation bat den Patrizier
DIE GEGENWART.
und seine Kultur beseitigt. Und damit hat auch die kulturelle Be-
rechtigung der L eg e n d e d e s g 0 1 d e
11
e n z e i t a 1 t e r s, die bisher
der nationalen Wiedergeburt im Wege stand, ihre relative Rechts-
kraft verloren. Die Kunst des "goldenen Zeitalters" war und ist
niemals eine "niederländische'' Kunst gewesen, und ihre jetzige
künstliche Erhaltung ist eine Sünde wider die heiligsten Wünsche
und Bed ürfnisse des V olkes.
Die Zukunft gehört nun der Nation!
ANHANG:
I.
Auswahl der zitierten Lieder.
Aus den Liedern van Astens: Seite 307-318.
Aus den Liedern sozialen Inhaltes: Seite 318-330.
Aus den historischen Liedern: Seite 330-332.
20

l
I
DIE BEFREIUNG.
(Aus "Haerlemsche Winter-Bloempjes". 1651. S. 183).
I. Daer souder een ruytertje vroegh uyt ryen,
't Was om een Landts-heer sijn dochter te vryen,
Soo veer an geen groen heyden :
De Landts-heer doet hem ghevanghen, gheboeyt,
Op een hooghen toaren leyden.
2. De ruyter heefter seer luyde ghesonghen:
"lek heb soo menigh stout ruyter ghedwonghen,
En nou sit ick hier ghevanghen!
De Landts-heer heeft ghesworen mijn doodt,
Dat hy my sel doen ophanghen !"
3· De Landts-heers dochter, noch jonck van daghen,
Sy hoorde de ruyter so droevelick klagen,
En sy gingh onder de roueren:
"Stout ruytertje, dat jy sterven moet,
Och, dat doet mijn jonckhart trueren !"
4· "Mooi meysje, kon jyder behouden mijn leven,
Wat jy begeerde, soud' ick jou gheven,
En ick sou jou met mijn leyden,
En voeren jou op mijn vadertjes slot,
Daer ick noyt van jou sou scheyden !"
5· "Stout ruyter, jou bidden is al verloren,
Mijn vader, die heeft jou doodt geswaren!
Maer wilje mijn, soete-lief, trouwen, -
lek hebje, stout ruyter, so seere bemint,
Datje selt jou lijf behouwen.''
308
6. Sy liet haer vadertjes wachter ontbieden,
En liet haer vadertjes komst verspieden,
En sy liet de ruyter ontbinden:
Die sadelde daer een appel-grau ros,
En reet heen met sijn beminde.
J. J, VAN AsTEN.
V a n Asten hat hier jenes al te Motiv, die Befreiung ei nes Ritters
durch seine Geliebte, das aus den Liedern "Doe 11 Hans el ij 11
over de heyde reed'', "Van den heere van Valkenstein",
"Van Thijsken van den Schilde'', uns schonbekanntist,auf
durchaus selbständige \V ei se verwertet. Der reine Volkston herrscht
in dem Gedicht vor, und richtig volkstümlich ist das Bild: "die
sadelde daer een a p p e l-g ra u ros." Allerdings zeigt si eh au eh hier,
in dem übermässigen Gebrauch des Diminitivums- "je," der un-
glückselige Einfluss der Renaissancedichtung, dem van Asten
in sovielen konventionellen Hirtenliedern auch huldigt.
EEN KERMISDEUN.
(Aus "Haerlemsche Winter-Bloempj es.'' r65 I. S. 2 r 7).
Stemme : Lief uytverkoretl
1. Vrolicke geesten, die liever zijt
Op kermis-feesten als in den strijdt,
Ist u behaghen, - rijt vaerdigh uyt,
Treet op de waghen of in de schuyt.
De vrienden van 't Spaer, die nemen u waer:
Weest wellekom, gasten! Wel ben je daer?
2. "Si et wat hier binnen den kramer doet :
Om wat te wirmen veylt hy sijn goet !" -
Den waeffel-kramer: "ick heb (seydt hy)
De beste kamer, - gaet niet voorby !"
Dus wordje van d'een, en d'ander ghebeen,
Om datje sout jou gelt besteen.
3· U geit verhandelt, u tijdt besteedt,
Nae buyten wandelt, en daer wat eet
Dan met u liefje; daer weer in 't groen
Steelt, snobbel-diefje, dan soen op soen.
Of graest u bemint, soeckt boompjes geblint,
En doet daer ghy verrnaeek in vint.
4· Leydt dan dat meysje, daer ghy mee gaet,
Nae duyn een reysje, of - soo se praet,
Haer zwacke leden niet toe-vertrouwt
Soo veer te treeden, - blijft dan in "'t Hout'',
Of geeft se haer stem nae "Roomen", 't heeft klem,
In "Emaus" of "Jerusalem."
5· Siet daer, de brackjes van Spaeren-stadt
Drinken niet zwackjes 't Haerlemsche nat
By drie, vier glaesjes van bier of wijn:
Noyt fraeyer baesjes, wout altijdt zijn!
Een vijf of ses vaen kan daer niet schaen,
't Is kermis, - 't moeter nu opstaen.
6. De gheest moet woelen: van buiten weer
Stracx nae "de Doelen," - elck set hem neer.
Daer weer ghedroncken, tot datse sluyt,
Smorgens beschoncken de poort weer uyt,
Daer menigh in 't wout, in 't veld bedout,
Of op een banck zijn nacht-rust houdt.
7. d'Een zijnde wacker, geeuwt als een koe;
cl' Ander, zijn macker, si et wonder toe:
"Hoe duycker, koom ick dus op een banck?
Wat drommel, droom ick? 't Is door den dranek!
Waer quam ick dus krom? lek wed, dat ick om
Het jaer niet weer te kermis kom!"
J. J. VAN A STEN.
309
Ein köstliches Genre-bildchen, Brederos " Sondach, Sondach
lestleden'' vollkommen ebenbürtig, wenn nicht durch seine künst-
lerische Zurückhaltung überlegen.
11
310
,
EIN GUTER RAT.
(Aus "Haerlemsche Winter-bloempjes." 1645. S. 92).
Stemme: Ach waer zijt ghy Corido11.
I.
Lestmael daer ick qnam van daen,
('t Is niet langh gheleden)
Dat ick over straet quam gaen
Om nae huys te treden.
't Zy door bier of wijn, hoe 't was,
Dat my niet en lusten, -
In een sloep, niet wel te pas,
Soo gingh ick sitten rusten.
2.
Binnens huys hoord' ick getier,
't Wijf begon te kijven:
"'k Was liever in 't vagevyer
"Dan by jou te blyven!
"Neen, dit moet eens ander zijn,
"Dit beurt alle daghen:
"Staeghs het gat vol bier en wijn!
"Wie duycker sondt verdraghen?

"lek drinck schier mijn eygen bloet!
"'k En kan my selfs niet stillen,
"Om dat ghy mijne schoone goet,
"Dus jaeght door de billen !"
Mit smeet hy tegen de vloer,
Wat hy sach te krijghen,
Maeckte van sijn vrouw een hoer,
En 't wijf en wou niet swijgen.

't Scheen daer hingh een schildery,
Die sy had ghekreghen
Van haer moer: daer klom hy by, -
Maer sy was daer teghen,
Greep de stoel daer hy op stond:
Daer viel Doris henen !
Nae dat ick recht hooren kond,
Soo schild' hy bey sijn scheeneB!

Mit riepen de kinders moort,
Van de naeste bueren
Quamen uyt: doen gingh ick voort,
Maer het spul bleef dueren.
Een, die vraeghde: "Wat ghespoock
"Mach daer gunder wesen ?" -
"Vriendt," sey ick, "dat is de roock,
"Daer ieder voor mach vreesen !"
J. J. VAK ASTEN.
DER FREIER.
(Aus: "Haerlemsche 'Winter-Bloempjes.'' 165 I. S. 23 r) .
Sletnii!C: Pltoebus is lmtgft Ol'fl' de zee.
r. Herders kin t, het geeft mijn \Teemt
Door 't verloopen van u jaren,
Dat ghy niet een vryer neemt
Om u schaepjens te bewaren.
Och, of ick u krijghen kon:
'k 'Vedel', mijn overschoone son,
Gheen trouwer dienaar von.
2. Smorgens soud' ick met de schop
't Vullis van u stal oprapen;
's Avondts sond' ick passen op
Water pompen voor u schape11.
'k Soud' mijn vlijt en yver doen
Om u schaepjes teer te voer,
Meer als ghy soucl' vermoen.
3· 'k Souse voeren, dat u lust,
Met de beste koeck en boonen ;
Smorgens, als ghy laecht tot rust,
Sou ick die met stroo verschoonen,
Passen op, dat ick de koy
Suyver maeck van stinckent hoy,
En weer met stroo bestroy.
311
312
4
. Voorders, wat het huys belanght,
Sal ick vloer en solder veegen,
Maecken, dat ghy my bedanckt:
Stoaeken 't vyer en d'as uyt dreeghen.
'k Souw mijn winst wel nemen waer,
Niet een pintjen hier of daer
Verteeren in een jaer.
5· Soo je sieck of suchtigh wert,
Sal ick om een doctor loop en ;
Tot verlichtingh van u smert
Sal ick wijn en suyclcer koopen.
Krijgh j'een kindt, - dat sel ick mee
Draghen, als wy buyten stee
Wandelen met ons twee.
6. 'k Heb mijn Vryster, -dat je 'twist -
Noch veel raer en schoon juweelen
Met een pot-stick in mijn kist.
'k Heb noch, van dat ick liep spelen,
Twintigh pont of daer ontrent
Alle jaer tot eene rent
Van besjes testament.
7· 'kHeb je nu genoegh geseydt:
Wil je nu, soo moet je spreecken!
Segh me nu in 't kort bescheydt,
Of ick laet het vryen steken.
Soo je nou niet kort beraet,
Dat je my de koop toe slaet,
Denckt vry, dat ick je laet!
J. J. vAN A sTEN.
Ich kenne kein drastischeres Beispiel der Durchbrechung der
arkadischen Modelüge durch die Realistik der Volksseele als grade
in diesem Lied van Astens.
- .

I •
-
DIE WERBUNG.
(Aus "Haerlemsche Winter-bloempjes." 1645. S. 197).
Stem me: Tot vrym was icil eens g!teneg!ten.
I.
(Sohn.) Hoort moeder, siet nouw wil ick trouwen!
(Mutter.)
(Sohn.)
(Mutter.)
Verbie je't myn, siet daer ick se!
-Al sout my al mijn leven rouwen
Gaen varen rlan voor boots-ghesel
Naer Oost- of West-indien toe:
Dus te leven ben ick moe !
Siet daer, 't scheelt my langher niet een haer,
Nae wat eylandt, dat ick vaer!
2.
Mijn lieve seun, waar sijn u sinnen?
lek bidje, dat je voor jou siet!
Wat sou je met de meyt beginnen?
De slechte sloof het immer niet, -
En jy bent wel ghestoffeert:
In een jaer wast al verteert!
Hoe dan? - 'k Seghje dat: slae jy haer an,
Jy bent een bedurven man!

Ey moeder zwijgh, ick mach niet hooren,
Dat ghy soo de meyt veracht!
Siet daer: ick heb haer trouw ghezworen.
lek se! (ist anders in mijn macht)
Blijeken doen, - schoon of ghy praet,
Dat je my de meyt af raet.
Neen, neen, licht trijen wy met ons tween
Uyt een goet hart op de been !

Jou, stouten bengel, is dat spreecken?
Heer, dat jou vaer eens op mocht sien,
Hoe suer sou jou dat woort op breeken!
Nu trout! lek selt jou niet verbien!
313
Komter deur jou boose kop
D'eene quel of d'andere op,
- Als 't licht kan gebeuren, snoode wicht,
Blijft dan vry uyt mijn ghesicht!
J. VAN A STEN.
WIR FAHREN!
(Aus "Haerlemsche Somer-Bloemjes." 1646. S. 42).
Slemme a/st begi11f.
I.
Daer selder een scheepje van vooren de palen
Van Amsterdam varen om peper te halen,
Soo wijdt over zee, soo wijdt over zee:
Die wacker wil kalissen meughen noch mee!
2.
Die wacker wil kalissen moeten verkiesen
Te varen, of schandigh haer eer te verliesen,
Het beste van twee, het beste van twee:
Die waclter wil kalissen, meughen noch mee!

Al die na vader noch moeder niet vragen,
Die moeten daer slaghen en stoaten verdraghen,
Al doet het haer wee, al doet het haer wee :
Dio wacker wil kalissen, meughen noch mee!

lsser noch yemandt, eer dat wy af steecken,
Die mee wil varen? Die kander spreecken !
Ons scheepje leyt ree, ons scheepje leyt ree :
Die waclter wil kalissen, meughen noch mee !
5-
Hiermede soo schijnen ons seyltjes te zwellen,
Daermede so gaet er dat scheepje aan 't hellen.
Dit gaet na de zee, dit gaet na de zee,
Die wacker wil kalissen, meughen noch mee!
6.
Vaert wel Jongmans, die haer van schoone vrouwen,
Van droncke drinken en spelen kan houwen,
Die leeft hier in vree, die leeft hier in vree:
Die wacker wil kalissen, meughen noch mee!
J. VAN AsTEN.
AFSCHEYT-LIEDT.
(Aus "Haerlemsche Mey-bloemkens." 1649. S. 40).
Stemme: Het daghet llJ'i dm Oosfell.
I.
0 scheyden, droevigh scheyden,
Alst immers wesen moet,
Komt en wilt my gheleyden
Tot aen de bracke vloet,
Van waer ick door de baenm
Meen te varen.
2.
Treet op, treet op de waghen,
Wy toeven hier te langh !
Den dagh begint te daghen :
Nu paerden, gaet u gangh,
En loopt hoe langhs hoe snelder
Nae de Helder.
3-
Dat ick van daegh mocht komen,
Of met der sonne-schijn,
Op Texsel aen de stroomen:
Gheen blijder souder zijn.
Mijn vreught, - sagh ik de zeylen, -
Sou niet feylen.

Den haen begint te kraeyen,
Den dageraet komt weer.
lek zie de wimpels wayen :
Ons schip leydt ginder veer.
De bootsluy, - soud ick achten, -
Nae ons wachten.

Weest voor my niet verleghen,
Dat ick in doots ghevaer
Op d'ongebaende weghen
Mocht raecken hier of daer :
Die blijft, soowel kan sterven,
Als die zwerven.
6.
V oor wien hoef ick te vreesen ?
De Ghever van al 't goedt,
Die sal myn Leydts-man wesen :
En heb ick suer of soet, -
lek sal, hoe 't Godt wil voeghen,
My vernoeghen.

Vaert wel mijn waertste vrienden !
Siet, waer de boots-luy gints
Haer anckers vast op winden :
De zeylen staen vol wints.
Wilt my, daer wy nu scbeyden,
Weer verbeyden.
}AN }ANSSEN VAN AsTEN.
WEVERS-KLACHT.
(Aus "Haerlemsche Mey-bloemkens," 1649. S. II5).
Stemme: De fiere nachtegaele.
I,
Men hoort nu alle daghen
Deurt landt, in schuyt op wagen,
Van quade nering klaghen,
By sonder van het weven I
Dies zit ick heel verslaghen,
En moet deur dese plaeghen
Berooyde kieeren draghen,
En soober zijn in 't leven.
Want alle dingh is hier
Veel kostelijek en dier,
Van als, van light, van vier,
I
'
Van vleesch, van broodt, van bier,
En voort van and're waren I
Hoe kan een mensch wel varen,
Die weeft, en met quaedt garen
Steets is gheplaeght?
lst wonder, dat hy klaeght?
2.
Men praet hart van de vrede,
Nae vrede wensch ick mede:
Dan sou men in veel steden
't Werrick weer sien floreren.
't Weven wert nu bestreden,
Onder de voet ghetreden :
Dies nu de wevers heden
Kovel en kap verteeren.
lek leef in zwaren strijdt
Deur dees benaude tijdt:
't Geloove, mijn credijdt,
Wert ick te samen quijt;
Mijn kleeders staen te pande,
Om dat ick met de mande
Wat krijghen sou te branden:
Want ick van kou
Niet garen sterven sou I

Aan linn' en wolle laecken,
Om weer wat nieuws te maecken,
En weet ick hier niet te raecken :
Ten waer mijn goet bekende
Een kleedt voor mijn afspraecke.
'k Wenschte gheen beter saecke
Als van mijn magre kake
Den hongher weer te wende !
Och of mijn oogh dien dagh,
Dien blijden tijdt, eens sagh,
Dat ick in 't soet gelagh,
- Soo vrooylijck als ick plach, -
By fraye rnaets mocht wesen,
Soo soet gel i jek voor desen I
Kond' ick planeten lesen,
lek woud' eens zien,
Of s u l c k : ~ : meer sou geschien.
318

Vergeefs zijn mijn gedachten :
lek sou deur dese klachten
't Weven wel heel verachten,
En soo mijn mondt vergapen I
Laet ick mijn daer voor wachten,
Mits dat ick alle nachten
- Om 't lichaem te versachten -
In 't linnen soeck te slapen.
Gheen ambacht is soa gcet,
Soa fray, alst weeven doet!
Al treet men't met de voet,
Men licht er voor den boet:
Want niemandt sonder gecken
Een schoon hembt kan aentrecken,
Of sal sijn hooft ontdecken.
Maer hy die 't maeckt,
Verfoeyt wordt en ghelaeckt I
Noch seyd de Wever: foeyl
JAN JANSSEN VAN ASTEN.
LANDSTREICHERLIED.
(Aus "Het Oudt Amsterdams Liedt-Boeck''. S. 89).
I.
Slem: Beroert hen lelt van binnen.
(Ende 16. ]aftrh.)
lek sal u gaen verklaren,
Hoe ick laest van Haerlem quam,
Hoe dat ick ben ghevaren,
Als ick voer na Amsterdam.
lek sal 't u laten weten :
De visschen gaf ick t'eten, -
Daerom wasser den schipper soo gram !
2.
Se er snel liepen de slu ysen;
Den stuerman wel bedacht,
Die bracht ons voor Enchuysen,
Daer lagen wy al die nacht.
lek blies vast in mijn handen,
Van koude klapten mijn tanden:
lek verlanghde vast na den dagh.
{
i
I

's Morgens vroegh sonder schromen
Voeren wy van die strant,
's Avonts zijn wy gekomen
Tot Harlingen in Vrieslant.
Van daer ben ik met verstrangen
Na er Francker toe gegangen :
Daer ick genoegh te wercken vandt.

Al in de Pinxter-daghen
Liep ick van Sneeck te voet.
Om werck soo gingh ick vragen :
Mijn hart was wel gemoet.
lek vondt dat werck met hoopen,
Van daer ben ick gheloopen
Van 't werck al met der spoet.

Als eene wilden wouter
Soo liep ick hier en daer,
Hoe langer en hoe stouter:
lek vraeghden n e r g e n ~ naer!
Als een schaep souder weyde
Soo loop ick langhs der heyde,
Als aft ick verloren waer.
6.
lek loop hier langhs der straten
Als een kloeck jonger helt,
Als een koe van musscheljaten
Soo stinck ick al na dat geit I
Als ick dat overdincke,
En mijn buydel wil niet klincken:
't Geldt is op den rooster getelt.

Oorlof, geesten verheven,
Oorlof tot een besluyt:
Wilt mijn roeckeloos leven
Vry singen overluyt I
Hoort toe, ghy jonge sinnen,
lek zeyl tot Calis binnen
Op het schip van Sinte Reyn-uyt !
319
320
KLAGE DER ARMEN WEBER.
(Aus "Het Oudt-Amsterdams Liedtboeck." ca. 1640. S. 94).
Stem: Van rou.mantels van Berghen.
I.
't Hert is my soo seer bekommert,
'k Heb mijn selven heel outrijft:
't Schabbetjen moet naar de lommert,
Soo de neeringh langh dus blijft.
Pover my na oomkeus dryft
Om te halen ront geschijft,
Duymkruyt!
Had ick maer een Spaensche kluyt,
'k Hielder mijn schabbe noch uyt.
2.
Pover die komt my benouwen
Met mijn Heer van Bijstervelt:
'k Moet mijn hooft soo clickmaal krouwen,
Dat my de mager-man soo quelt.
'k Heb meer luysekens dan gelt;
De fieltjes doen my gewelt niet kleen,
'k Voel se hier op mijn rugge-been,
Dat se my met voeten treen.

Men klaegt nu aen alle zyen
Van't weven, ten gaet niet wel !
Ik magh niet meer Sluusen vrijen,
Als een Blaeu-wevers schoots-vel.
Omdat ick pover gesel
Hebben seven duyts van d'el voor knecht:
Om te klagen heb ick recht
Want het gaet te schandigh slecht!

Als de somer was voor handen,
Had ick noch wat beter loon;
Maer doen de koud' en keersse branden,
Verteer ick mijn winst heel schoon.
lek eet menigen paercle-boon,
Negen stuyvers voor twee broön:
't Is dier!
Was ick een rentenier,
lek hingh een brocke vleesch te vyer.

Begon de neeringh wat te rijsen,
't Sou my wonder wel aenstaen,
Ik sou mijn mage somtijts spijsen
Met een brocke labberdaen.
Maer nu en kan 't soo niet gaen:
'k Moet gaen eten wijngaert blaen en gras,
Loopen by de koeyen ras,
Slapen snachts op een hooy-tas !
6.
't Seven-duyts werck heb ick verlaten,
't Gaet nu als een sijde sacht:
lek sal gaen weven witte graten
Moytjes op de twalef schacht.
lek hebber langer na getracht,
Krijgh ie kt nu niet op mijn kragt, 't is raes!
'k Meen te leven als een baes,
Eten butter, brood en kaes!

Prince, mocht dit lange elueren
Boonen eten ben ick sat!
Mocht ik weven legatueren,
Sy damast of lap-voortgat:
't Sou wy wel behagen dat!
Anders word' ik als een rat,
So kael,
En eten alle midclagh-mael
Broot en u yen als mael !
321
21
322
I
EINE NEUE KLAGE DER ARMEN WEBER.
(Aus "Haerlemsche Somer-bloempjes". 1646. S. 27.)
Stemme: Storter den Beecker, etc.
I.
0 felle winter kout,
Ghy komt te vinnigh an:
Ghy laet mijn turf noch hout
Dat ick my warmen kan!
Ghy rooft decksel en kleeren,
Mijn pluymigh bedt en al:
Dus moest ick armen man
Nu rusten op de langhe veeren.
2.
De koorts, al is hy quaedt,
Die komt maer al te met:
Maer ghy hebt vroegh en Iaet
Mijn lichaem soo besmet
Met schudden en met beven l
lek heb mijn beste kleedt
Om uwentwil verset,
't Geen my de somer had gegeven.

Soo droevigh als ick leef,
Geen tongh verhalen kan:
Den baes daer ick voor weef,
-Nu ick bevroren ben, -
En wil niet langher schieten!
Bot vangh ik overal,
Waer ick my keer of wen:
Soud' my dat leven niet verdrieten?

Daer is noch vrient noch maegh,
Die vraeght hoe dat ick vaer:
Dus leef ick alle daegh
Gelijck een kluysenaer
Maer s'avondts, - hoort myn karmen,-
Dan soeck ick by de straet
Wat spaenders hier en daer,
Om my een weynigh by te warmen.

Tot Oompjes, op den hoeck
Al van die Gorte-steegh,
Daer staet mijn beste broeck,
Daer ick wat gelt op kreegh.
Maer dat en mach niet maecken !
lek voel mijn buydel plat,
En mijn tresoor is leegh, -
Hoe sal ick aen de kost noch raecken P
6.
lek rnaeek mijn wooningh kael:
De planeken in de schouw
Verbrand ick al-te-mael,
Door d'overgroote kouw,
Daer toe mijn onderlaghen
En oock de sit-planck mede
Van mijn ghehuert getouw.
lek speel: die vindt en heeft geen klagen.

Prince, ten waer geen noodt,
Waer ick dees winter quijt,
Soo kocht ick kaes en broodt:
' Daer kreegh ick weer credijt.
Nu wil my niemandt borghen!
Krijgh ick nae dese kouw
De soete somertijdt,
Soo sal ick beter voor my sorgen.
323
In weelde siet toe.
LIEDEKEN TOT LOF VAN DEN HUYSMAN.
(Aus "Kers-nacht ende de naer volgbende dagen". 1713. S. 45).
Stemme: Qraej Willem sat op solder.
r.
Als iemand eens wel gaet doorsien den staet van alle man,
Van princen en van koningen, my dunkt hy seggen kan:
Nog liever ben ik eenen boer gerust in mynen stal,
Als hoog verheven eens te zyn en wachten swaeren val.
324



2.
Al is den Paus van Roomen groot en wonderlyk geagt,
Al kust een ieder synen voet, al heeft hy alle macht,
Nog liever ben ik eenen boer hier buyten onbekent,
Als rekening voor alle ziel te geven pertinent.

Al draegt den. koning op sijn hoofd een kroon van louter goud,
Al woont hy m een schoon paleys, seer kostelyk gebouwt:
Nog liever ben ik eenen boer met eenen slegten hoed,
Als van den armen akkerman te haelen alle goed.

Al heeft den bisschop en prelaet een goude choor-kap aen,
Al mag hy mer den gulden staf en met den myter gaen:
Nog liever ben ik _eenen boer de hand al aen de ploeg,
Als altyd moeten sorgen voor zielen laet en vroeg .
s.
De princen en den edeldom al rnaeken sy goed cier,
Met Renschen wyn en wilt-gebraed en ook met Di esters bier:
Nog liever ben ik eenen boer en eeten boeckwy-bry,
Als met haer in den kryg te gaen, den degen aan de zy.
6.
Al is myn heer Pastoor voorsien van torf ende brand
'
Al heeft hy lange rokken aen, de moffel aen de hand :
Nog liever ben ik eenen boer, al lijd' ik somtijds kouw,
Als preken en studeren en leven sonder vrouw!

Al wint den procureur veel geld, en ook den advocaet,
Alleen met pen en synen mond te dryven saeken quaed:
Nog liever ben ik eenen boer met mynen spaey in hetveld,
Als uyt de arme weduwen te perssen al haer geld .
8.
Al woont den koopman in de stad seer magtig ende ryk,
Al gaet hy op syn muyltjens sagt, al treed hy niet in 't slyk:
Nog liever ben ik een boer hier buyten sonder pragt,
Als wonderlijk te sorgen en schryven dag en nacht.

Al is den winkelier versien van waeren abondant,
Al is de neering nog soo goed, al wint hy voor de hand:
Nog liever ben ik eenen boer en bezig met myn wan,
Als liegen en bedriegen met den armen ambagts-man.
IQ,
Al heeft den ruyter groot plaisier in trommel en trompet,
Al gaet hy met den sluyer aen, op 't hooft een hellemet:
Nog liever ben ik eenen boer en slaepen altyd wel,
Als seven ueren in den nacht te staen op sinterneL
I I.
Al heeft den schipper goed fortuyn, als hy maer eens en kan,
Geladen uyt Oost-Indien wilt komen t'Amsterdam:
Nog liever ben ik eenen boer met myn kerr' op de Ey,
Als in het midden van de zee met een schip oft galley.
I2.
Met oorlof, gy boerinnekens en boerkeus altemael!
Agt uw geluk in uwen staet, en segt in 't generael:
Nog liever ben ik eenen boer hier buyten binnen meer,
Als koning, prins oft edelman, te sterven van de teer.
325
HET HEDENDAAGZE LEVEN DER SCHEEPSTIMMER-
LIEDEN.
(Aus "De nieuwe Muyder-Poort". 1777. S. 41).
Stem: Hier heeft my Rozemond bescheide11.
I.
Ik wou het scheepstimmeren wel vervloeken,
En het loopen ook na hoek en brug
Om te haelen een pa er kouwen voeten:
Dat heb ik wel drommels in myn rug!
2.
Zoo wy dan nog maer werk kregen,
Dan was 't alles nog niemendal !
Ma er wy bennen met de zaek verlegen :
De kop is ons gelijk als mal.
326

De baeze zyn nu stuurs van zinnen:
De drommel mag ze spreeken aen!
Daer is geen gelt meer by te winnen -
Ik wil niet weer na de werf toe g a e ~ .

Wy kunnen geen goude sloten meer halen
- Terwijl het werk loopt op zyn gat, - '
Wy kunnen ook geen tinne betalen
Ja pas vier duite voor tabak. '

Wat dunkt u nu wel van die gekken?
Zy draegen een onderpak van fluweel:
En met haer kael geschoore nekken
Men dunkt, het is wat kremineell '
6.
Als zy dan weer zyn op de werf,
Dan draegen zy een broek vol teer :
Maer ziet men ze zomtijds in de kerk
Dan lyken ze wel een Engelze heer. '

Zy willen geen ander werk zoeken
. '
Teere hever tot haer laeste duyt :
En als de noot haer komt bezoeken
Dan moeten zy het zeegat uit. '
8.
Ik hoop, wy zullen wel werk kryghen,
Laet ons maer wagten met gedult !
En laeten wy nog maer stille zwygen :
Ja maet, wy zyn' er mee gezult!

De vrouwtjes doen ook niet als kyven,
Van smorgens tot den avond toe:
"Maekt dog dat hier komen schyven,
Anders moet ik na Jan Oom toe!"
1.
HET HEDENDAAGSCHE LEVEN DER LIEDZANGERS.
(Aus "De drie Kemphaantjes." ca. 1793· S. 79).
Op eett aangenaame Wys.
I,
Aenhoord 't zangers leven aen,
Hoe wy ons geld vergaren :
Als wy maer op een stoeltje staen,
En zingen nieuwe maren!
Winnen wy veel, 't moet door de keel, -
Het geld moet zyn verzopen :
Al zou men kael nog altemael
Naekt zonder kieeren loopen.
2.
Win ik een gulde drie of vier,
Die stel ik uit op renten
Aen de waerdin voor wyn of bier,
En trek in Bachus teute.
Al loopt gewin myn keelgat in,
Myn geld dat raekt ten enden:
Dan trek ik voort, regt uit de poort
Weder m. kalis bende.

De zangers worden weinig ryk,
Hun schoenen blyven steeken
Meest in de modder of de slyk:
Zy zuupen heele weeken !
Het brouwers-zap moet door de krop,
Men brouwt niet voor de verkens!
M yn drooge keel vermag zoo veel, -
Nog leef ik zonder werken.

't Is waer, ik zoek het werken niet,
Ik hou myn aen het ligten:
Als hier of daer wat vreems geschied,
Een liedje gaen ik digten!
Dan zing ik hier tot myn plyzier,
Voor die het wil aenhoren:
Van werk verlost, en drank en kost
Die word voor my geboren.



Want staen ik op een stoel of bank,
Dan roep ik aen de boeren :
"Ik geef drie liedjes voor een blank
. '
"Za, wtld uw geld eens roeren!"
Dat boere-geld is haest besteld
'
Wanneer ik raek aen 't smullen:
Al ben ik zat van 't brouwers-nat
Myn darmen moet ik vullen. '
6.
Myn zak is van een duyvelsvel,
Daer kan geen kruys in blyven:
En daerom word myn Griet zoo fel,
En komt dikrnaels te kyven,
Als ik myn keel geef wat te veel!
- Ik zuyp myn om te barste. -
Ik laet haer staen vast agter aen,
En leer haer lustig vaste.

Zy vond my gisteren op gelag
' ' - t Is waer, ik waer beschonken
'
Zy gaf my meenig harde slag,
Maer nu zoo loopt zy pronken.
Zy ze: "Kapoen, 't is vuyl fatzoen !''
Zy ~ o e t myn lopen zingen,
En 1k dan moet op staende voet
De deur weer uit gaen springen.
8.
Van 't zingen word myn keel zoo droog,
En nog moet ik al zwygen.
Een vrouw zou springen pieken hoog,
Om zoo een man te krygen !
'k Ben goed en als ik ben geen wals
Ik 1 ' . ' ' za t m t vlaems wel brengen:
Blyft ongetrouwt, en wagt u stout
Van al die valsche krengen!

Tot Roomen zou ik garen gaen,
Als ik 'er was ontbonden:
Want als wy raken aen het slaen
Wy vegten als twee honden.
l
Was ik ze kwyt in deze tyd,
Het trouwen zou ik staeken !
Ik weet geen raed tot mynen baet,
Hoe ik ze kwyt zal raken.
10 .
Wel aen die nog te trouwen staen,
En wagt uw voor de Grieten :
Zy hebben tongen als fenyn,
Het zou uw ook verdriete!
Die niet en kan, 't zy vrouw of man,
Of die dit lied mishagen, -
Die kan voorwaer, een stuiver maer,
Vier blaedjes meede dragen !
MATROZENLIED.
(Aus "Het vrolijke Bleekersmeisje". S. 43).
1
)
I.
Op een vrolijke wijs.
Allfang 19. jahrhttndert.
Curaçao ! 'k heb jou zoo menigmaal bekeken,
En al jou looze streken, die lyke my niet
2
),
En al jou looze streken, die stanen my niet aan :
Daarom ga ik vertrekken, vanwaar ik kom vandaan.
2.
'k Kwam laatst met haast al door het Heere-straatje 3),
Men sprak: "mijn lieve maatje, kom zet u hier wat neêr!
"En drink dan eens een glaasje, en rook een pijp tabak!"
Dan met die looze streken raakt het geld uit den zak.

Een zoen kan doen de heele nagt te blyven:
Dan hoort men niet als kijven van onzen officier.
Zoo raken we aan 't dwalen, en dronken als een zwijn,
Het schip ligt voor de palen: aan boord moeten wy zijn!
1) Ich gebe hier hauptsäch\ich die jlingere Fassung (A). Eine ältere (B) befindet sich
in .oe twee vrolyke Confraaters", S. 25.
In B. heisst der Titel: .op de Karsouse meisjes''.
2) A. bat .die stanen my niet aan".
3) So B. ; A bat: .heele straatje".
'


330

Laat wy eens bly te zaam de glaasjes klinken,
En eens lustig drinken : wy gaan na Holland toe !
Adieu Karsouze meisjes en vaderlandse bruid,
Wy drinken nu voor 't laatste onze glaasjes uit
1
).

Maak los de tros der voor- en achtertouwen,
En wilt nu maar aanschouwen, wy gaan naar Holland toe!
Waar is er beter leven, dan by een echte vrouw:
Ik verzeg al de vrouwtjes van 't land van Curaçao I
2
)
TRUTZLIED VON BLOCKERSDIJCK.
(Aus "De Nieuwe Rotterdamse Nagtegael". ca. 1640. Seite 14).
Stem :' Beroemt Breda, ghy etc.
I.
Wat pocht en blaest ghy, Spaansche Kroon-beminders,
Op uwe daden en u groote slagh ?
Wat snorckt en raest ghy, groote slagenwinders,
Alsof d'Orangiens-boom ter aerden lag,
Door een victory
Van u Blockers-dijek ?
0 krancke glory,
't Schijnt of Spaensche Rijck
Ons dempten in den slijck !
2.
Maer denkt vry neen, ghy Papen ende Nonnen,
lek lach u uyt om uwe blydschap groot!
Gy hebt doch niet een hand breet land gewonnen :
Maer 'kweet de reden, - 't was omdat de doot
Lagh op u lippen,
- Als een schip in zee
Stoot aen de klippen -
Even ginght u mee :
Want het u beven dee.
r) Strophe 4 fehlt in A.
2) B. bat: Toe fors, maak los jou voor- en agter-touwen!
Wilt nu maar afhouwen, men vaard na Holland toe !
Daar is geen beter leven als by een echten vrouw :
Verwensebt zyn alle hoeren van 't land van Karsou !

Gy lastert onse Nederlantsche helden,
Door uwe versen, vals en plomp gemaeckt -
Maer heugt u niet de schricklijcke gewelden,
Die voor Breda nu 't jaer zijn uytghebraeckt?
Soo komt ter Tolen
Op de Mosselkieeck,
Komt daer weer dolen,
Daer de zilde beeck
Het water bloet geleeek !

Ons Hollants Vorst en vreesde noyt de wallen
Noch diepste vesten van de stad Maestrigt,
Kloeckmoedig heeft hij W esel overvallen
En dwong s'Hertogenbosch tot Hollants plicht.
Grol wiert beklommen,
Spaenjen moest er uyt :
Wilt ghy dan brommen
Van u groote buyt? -
Och 't is een soete kluyt!

Want quaemt gy eens op 't Hof van Hollant kijcken
De teekeus van so menig braven slach, -
lek weet, ghy sout al bevende bezwijcken,
Als ghy 't geflicker voor u oogen sach
Van veel standaren,
Vaendels, - door 't geschreeuw
Brack u altaren,
Die d'Hollantsche Leeuw
Bewaert tot onser eeuw.
6.
Dat doet ons Prins, den Spaenschen Croon-bedwinger,
Voor Gods beleyt en Neerlandts onderstant.
Hy is ons vorst, die als een blixemsslinger
Sijn vleugels zwaeyt rontsom ons vaderlant.
Gaet dan vry streven
Op Caloyens kans !
Komt liever zweven
Om een Schencke-schans,
En leert de Beyerendans !
331
332




Dus denckt: - Fortuyn kan haest haer vleugels wenden,
En roept geen "bey," voordat gy steden si et:
Want weet, den somer is noch niet ten ende
En 't is voor desen oock wel meer ghesciet,
Denckt - wy Hollanders
Sullen, (eer wy gaen),
Noch Spaensche standers
Van U nemen aen -
Want s'u t'hans seer belaen!
II.
. d' Werke verwendeten
Quellenverzeichnts der zu tesem d
unveröffentlichten Liederbücher des IJ., I8. un
I
9
. J ah r hunder t s .
..
,,
I
I
K. B. H. (Königl. Bibl. den Haag), K. B. B. (Kgl. Bibl. Berlin),
U. B. U. (Univers. Bibl. Utrecht) U. B. A.
(Univers. Bibl. Amsterdam).
I. Den nieuwen verbeterden Lusthof. .. 3en druckge-
betert en veel vermeerdert . . . Amstelredam. Dirck Pietersz.
r6o7. K. B. H.
2. B r u y lof t s ban c ket verciert met veerthien liedekens ....
Nieus in druck ghebracht ende gemaeckt door M. V. Amsterdam.
by Herman de Buck. 1602. K. B. H.
3· Den Bloem-Hof van de Nederlantsche Jeught beplantmet
uytgelesen Liedekens ende dichten. V ergeselschapt met een en
Maywagen door versebeyden Liefhebbers gecomp. t'Amstel-
redam. Dirck Pieterz. 1630. (re Druck r6o8). K. B. H.
4· V e r s c h e y d en B r u y l o ft D i c h te n ende Liedekens, ghe-
dicht ende ghecomponeert by versebeyden Gheesten ..
Leyden, Jan Paedts Jacobsz. 161 I. K. B. H.
5. Cupido's Lusthof ende der Amoureuse boogaert beplant
ende verciert met 22 schoone copere figuiren ende vele nieuwe
amoureuse liedekens, baladen ende sonetten . . . Amsterdam
Jan Evertssz. Cloppenburch (ca. 1613). K. B. H.
6. Apollo o fGh esangh d ~ r Mus en, wiens lieflijcke stemmen,
merendeels in vrolijcke en eerlijcke ghesellschappen werden
ghesonghen. Amsterdam, Dirck Pietersz. 1615. K. B. H.
7. r) Kleyn Paradijsken van 'tBoomken des leuens
(Erster Teil: das Titelblatt, sowie die 6 ersten Blätter fehlen).
2) Het Tweede de e 1 van 't K 1 e y n Par ad i is ken ver-
8.

10.
I I.
12.


ciert met 't g r o e 11 P r i e e 1 k e n d e r g h e es tel ij c k e l i e-
de ken s. 't Hantwerpen. By Hendrick Aertssens, in de Cam-
merstrate, inde witte Lelie. Anno. 1619.
3
) Het derde d e e 1 van 't Par ad i is k e 11 inhoudende
't 1 even de Font e y n ken b 1 i i d de 1 ie dekens. 't Hant-
werpen (u.s. w.).
4) Het vierde deel van 't Paradiisken inhoudende
't L e 1 i e veld eken v o 1 li effe 1 ij c k e L i edeken s.
(Es fehlt: das Titelblatt, die Anfangsblätter sowie verschiedene
andere Blätter.) U. B. A.
Nieuwe n J e u c ht-S pi eg he 1, verciert met veel schoonne
nieuwe figuren ende tiedekens te voren niet in druck geweest.
Ter eeren van de Jonge dochters van Nederlant (ca. 1620).
U. B. A.
Minnekunst, Minnebaet, Minne-dichten. Mengeldichten. Am-
sterdam. Voor Hesset Gerritsz. 1626. (Am Ende) Amstelredam,
Paulus Aertz van Ravesteyn. 1627. K. B. H.
Zee u s c he Nachtega e 1 ende des selfs dryderly gesang ...
door verscheyden treffelijcke zeeuwsche poëten byeenghebracht..
Middelburgh. Ghedr. b. Jan Pietersz. van de Venne. 1623.
K. B. H.
Mi 11 ne-plicht ende Kuysh eyts-Kam p alsmede versebey-
den aardighe en Geestige Nieuwe Liedekens en sonnetten, ..
Amsterdam. J. Aertsz Calom. r626. K. B. H.
Ad ria nu s V a 1 er i u s. Neder-landtsche gedenck-clanck. Kos-
telick openbarende de voornaemste geschiedenissen v. d. seven-
thien Neder-Lantsche provintien ... De tiedekens (meest alle
nieu zijnde) gestelt op musyck-noten ende elck op een ver-
scbeyden vois beneffens de Tablatuer van de luytende cyther. ..
Haerlem. v.d. Erfgenamen v.d. autheur. 1626. K. B. H.
Amsterdamsche Pegasus, Waer in byeenvergadertzijn
veel minnelijcke tiedekens (noyt voordesen ghedruckt) gestelt
op versebeyden nieuwe stemmen, bij een gebracht door vier
Liefhebbers M. C(ampanus) Velddeuntjes, J. J. C(olevelt)
14·
I 5·
r6.
17.
r8.
20.
337
Cupidoos dartelheyt, J. R(obberts) Herders-Zanghen, A. P.
G(roen) Pastorellen, ofte Bosch-Gezangen ... Amstelredam,
Cornelis Willemsz Blaeu-Laken 1627 (Am Ende) Amstelredam,
Paulus Aertsz. van Ravesteyn. 1627. K. B. H.
Amsteldams Minne-beekje op nieuws vermeerdert met
verscheyde nieuwe Minne-deuntjes. Den tienden Druck. t'Am-
sterdam, by Thomas Verdonck, 1658. (1er Drucl( 1637-38).
K. B. B.
Het Paradys der Gheestelycke en Kerckelycke
Lof-sa n rr en op de principaelste Feest-daghen des gheheelen
Jaers, ge;ant door Sa 1 om on e m Th e o dot u m. Licentiaet
in der H. Godtheyt. Den vierden druck, verbetert ende
vermeerdert. t'Antwerpen. By Hendrick Aertsens. 1638.
U. B. A.
De Nieuwe Rotterdamse Nachtega el, Singende veel
aerdige amoreuse Harders Sangen. Gedruckt in Compagnie
voor de Kramers (ca. 1640).
Nieuw Rotterdams Lied t-B oe c k, Genaemt de Speel-
jacht der amoureusen. Het tweede deel. Amsterdam. Jacob
Cornelissz. Stichter (ca. 1640). K. B. H.
't Dubbelt verbetert Amsterdamse Liedboe c k,
waer in begrepen zijn veelderley oude Liedekens, alsmede
het Nieu Amsterdams Lied-boek, voor Vryers en
Vrysters seer genoeghlijck. Amsterdam. Ghedruckt by Jan
Jacobsz. Bouman (ca. 1640). K. B. B.
Haerlemsche 'Winter-Bloempjes, Opgheoffert aen de
Vreugd-lievende Nymphjes, gepluct uyt 'et breyn van ver-
scbeyden rijmers. Den tweeden druck. Tot Haerlem. By Claes
Albertsz. Haen. 165 r (1er Druck 1645). K. B. B.
Ha e r1 e m s c he Som e r-B 1 oe m p jes, Tweede Offer, Aen
de Vreughtlievende Nymphjes, - Ghepluckt uyt het vorighe
Bloem-Hoff. Haerlem. Ghedruckt voor Claes Albertsz. Haen.
1651. (Am Ende) Ghedruckt by J. v. Wesbuch 1646.
K. B. B.
22
21.
22.
25.
't U i t nemen t Kabinet, vol Pa v a n e n ~ Almanden, Sar ban-
den, Couranten, Balletten, Intraden, Airs etc. en de nieuste
Voizen, om met 2 en 3 Fioolen of ander Speeltuigh te ge-
bruiken. Van de alderkonstighste Speelmeesters, en Lief-
hebbers van de geluyt-kavelingh (dezer tydt) byeengestelt ..•
t'Amsterdam. by Paulus Matthysz. I646. U. B. A.
I) Der F 1 u y ten Lusthof, vol Psalmen, Paduanen, Alle-
manden, Couranten, Balletten, Airs, konstigh en lieflyc ge-
figureert met veel veranderingen door den Ed. Jr. Ja co b
van E y c k, musicijn en Directeur van de klockwercken tot
Uitrecht, etc. Den 2den druk op nieuws overhoort, verbetert
en vermeerdert, door den Autheur . . . Eerste deel. t' Am-
sterdam by Paulus Matthysz. in de Stoof-Steegh, in 't Muzyk-
boek, gedrukt I649·
2) Der Fl u yt en Lusthof, Beplant met Psalmen, Pa vanen,
Almanden, Couranten, Balletten, Arien etc. en de nieuste
voizen, konstigh en liefelyk gefigureert, met veel veranderingen.
Door den Ed. Jr. Jacob van Eyck, Musicijn en Directeur van
de klokwerken tot Uitrecht etc. Dienstigh voor alle Konst-
lievers tot de Fluit, Blaes- en allerley Speeltuigh. Tweede
deel. t' Amsterdam, bij Paulus Matthijsz. in de Stoofsteegh
in 't Musycboek, gedruckt I654· U. B. H.
(V on dem 2. Teil befinden sich in der Amsterdamer Univer-
sitätsbibliothek zwei Exemplare, ciatiert vom Jahre I646
und 1654).
Ha e rl e ms c he Me i-B 1 oe mpj es, Derde Offer, Aen de
vreughd-lievende Nymphjes, tot volle vernoegingh van haare
nieu-keurighe lusjes, op 't naust ghezocht uyt het voorighe
Brein-hof. Haerlem. By Nicolaas Albertsz. Haen. 1649.
K. B. B.
Medemblicker Scharre-Zoodtje, Ghevanghen en ont-
weydt van verscheyden Visschers. Overgoten met een Sanghers-
sausjen, door Mr. H. ]. Prins, Organist en Voorsanger binnen
Medemblick. Medemblick. I65o. U. B. U.
Een en nieuwe n Antwerps c hen L ie ken s-b oe c k,
ghenaem den lusthof der ionckheydt . . . Het eerste deel
z6.
27.
28.
30.
31.
32.
33·
34·
339
verbetert, ende met een tweede druk vermeerdert. T'hant-
werpen. Godtgaf Verhuist. I654· K. B. H.
De Ni e u we Ho f s c he RommeI zoo, gedischt voor de
laatdunkende kniprymers en rymerzen; bestaende in knip-
vaarzen en tegenknip, aartige deuntjes, rondeeltjes en leevertjes;
door de vermaarste zang-rymers t'zamen gevoeght. Voor de
liefhebbers van de Knip-lust. I655 (Amsteldam. J. Vinkkel).
K. B. H.
Nieuw Lied-Boek, Genaemd Den vrolyken Speel-
wagen oft De ledig'e uere van (Jacobus de Ruy-
t er). Op een nieuw overzien enz. t' Antwerpen. J. H. Heyliger
(ca, I720) (Ier Druck ca. I656). K. B. B.
De Nieuwe Haags c he Nachtega a 1. Vol van de Nieuwste
Deunen en aartigste zangen. Amsterdam. Jan van Duisberg.
I659· K. B. H.
d'Amste r dam ze Ko rd ew a gen, Opgevult met alderhande
nieuwe voyzen . . . door verscheyde Liefhebbers samen ge-
voeght. Amsterdam. Jacob Vinckel. I662. K. B. H.
A po 11 o os Minne-s a n gen, Bestaande in veelderhande
nieuwe voisen, Bruilofs-sangen, knipvaarsjes ... Noit in druk
geweest, soo Frans, Duyts, alsmede Latijn. Amsterdam. Joh.
van den Bergh. I663. K. B. H.
C 1 i o os C y t ter, slaande aardig he gezangen, nieuwe wyzen
geestige steekdichjes, en brandende minnekusjes. t'Amsterdam
gedrukt voor de liefhebbers. I663. K. B. H.
Den La cc hen den A po 11, uytbarstende in drollige Rijmen .•.
Desen laetsten druk byna de helft vermeerdert. Amsterdam.
Baltes Boekholt. 1667-69. 2 Bde. K. B. H.
En c hu y se r L i e d-b oe x ken, Behelsende eenighe Bruylofts-
Psalmen, en verscheyden seer vermaeckelijcke Bruylofts-
Liedekens. Op nieuws . . . vermeerdert ende verbetert.
Enchuysen, Jan Palensteyn. (I 686). (I er Druck I 668).
U. B. U.
I) 't Geest e 1 ij c k-K r u y d-H o fk en, Inhoudende veel schrif-
tuerlicke Liedekens, by versebeyden Autheuren gemaeckt,
ende nu tot stichtinge van een yegelijck 't samen gestelt.
Den achste Druck, verbetert ende het Achter-Hofken
met nieuwe soet-gevoysde Geestelijeke Liedekens vermeerdert.
Tot Saerdam. By Willern Willemsz. Boeckverkoper by den
Dam. r669.
2) 'tVermeerderde Achter-Hofken, beplandtmetver-
scheyden gheestelijcke Liedekens. Tot Saerdam. By vVillem
Willemsz. Boekverkoper. by den Dam. I669. U. B. A.
35· Den eerelycken Pluck-voghel, ghepluckt in diversche
Pluymkens van Minne-Liedekens ende andere vrolijckheden.
Den eersten druck, naer dat het vermeerdert ende verbetert
is van veele ende groote druck-fauten, door J. H. T. v. B.
Antwerpen. J oannes van Soest. 169 5. ( 1 e Druck I 670 ). K. B. H.
36. Den koddige n 0 p dis se r, vol aerdige gesangen, kusjes,
rondeeltjes, enz. Uyt het breyn van versebeyden sinrijcke
poëten in de koddige schotel van Jeremias opgeschaft. 1 e deel
den zen druk. Amsterdam. Jan Claesz ten Hoorn. 1678.
(rer Druck 1672). K. B. H.
37. Rijm-di eh ten en lied eke ns, gepronuncieert ende gesongen ..
tot Schipluy bij den Roosmareyn. . . 167 I. 20 J uly ... Delft
Cornelis Blommesteyn. (ca. 1672). K. B. H.
38. Klavierbuch von Anna Maria van Eyl, Anno 1671. (42
Seiten, Hs. des 17. Jahrhunderts). U. B. A.
39· Het Haerlems Leeuwerckje. In-houdende veel aerdige
nieuwe Liedekens, met veel nieuwe voysjens. Haerlem.
Joh. Theunisz. Cas. 1672. K. B. H.
40. A po 11 o os-Par na s, V reughdigh vertoont by de kamer van
de Jesus oogen, totVoorburghop ... July 1676. Delft. Cornelis
Blommesteyn. 1676. K. B. H.
41. W. Sc he 11 in ge r. 't Volrnaede en toe-geruste schip, be-
staende in fraeye gedichten en aerdige liedekens. Verrijckt
met veel schoone nieuwe voyzen. Amsterdam. Jacob. en Casp.
Loots-Man. 1678. K. B. H.
42. Het Eva n ge I is c he Visnet. Bevangende alle Geestelijcke
341
Liedekens, passende op alle de Sermoonen der sondao-en en
geboden feestdagen enz. ' t Antwerpen. Voor de Erve de
Wed. G. de Groot en A. van Dam. Boekverkoopers op de
Nieuwendijk, in de g roote Bijbel. (ca. 168o). U. B. A.
43· Een geestelijek Lust-hoofken met schoone Jieffelijcke
Geestelijcke Gesangen beplant, door een catholijcken Pastoor.
Tot blijdtschap der zielen, ende vermijdinge aller
oneerlijcke, hchtveerdige wereldts gesangen. Nu verbetert en
met nieuwe Liedekens door H. P.F. D. S. Gregorii.
Men vmdtse te koop tot Emmerich (ca. r685). U. B. A.
44· 'tNieu_w. Groot Hoorns Liedt-boeckje, bestaande in
veel sbgbge en vermakelijke Bruylofts-Liedekens. Hoorn
Reinier Beukeiman (ca. 1706). (re Druck ca. 1687). K. B. B. '
45· 't Groot Hoorns, Enkhuyzer, Alkmaarder en Pur-
erender Lied e-B oe k, vercierd met veel mooye bruilofts-
Itedekens en gezangen. t'Amsterdam. Abram Cornelis (ca. 1762).
(rer Druck 1720). U. B. U.
46. Ho I I a n d ze minne- en drink 1 iedere n. Gecomponeerd
door Mr. Servaas de Konink. Derde vVerk. Tot Amsterdam
by Estienne Roger. (ca. I699). K. B. B.
47. Oude en Nieuwe Hollandtse Boeren Lieties en
Contred a n sen. Amsterdam chez Estienne Roger. I-XIII.
(Bd. I-liL Twede Druck). Deel V, opnieuws geheel ver-
betert en doorgaans vermeerdert. By Pierter Mortier (en
verkogt by Estienne Roger) (ca. I700-I7I4). U. B. A.
48. De vermake I ij c k e B u y s-m a n ofte Koddige Boots-o·e-
selletje: singende veel vermaekelijcke visschers ende
liedjes, als ook verseheide nieuwe amoureuse herders en vreuade
b
gesangen. Den I 2den druk, met nieuwe rijm-veerssen ver-
meerdert en verbetert. Amsterdam I 7 37. ( 1 er Druck 1703 ).
K. B. B.
49· De nieuwe Ho I I a n d sen Boots-ges e 1 ofte Bataviers
heldenstuk Behelsende de voor-naamste geschiedenisse, die
in 't veroveren van de spaense si! ver Vloot te Vigos, en in
meer andere zee- en veldt-sJagen is voor-gevallen : Alsmede
verscheydene vryagie, vermakelijke kluchten, herders en
matroose gezangen, Op 't Heeren-Feen. I 704. K. B. H.
50. De Groot e Nieuwe Ho 11 a n d s c he Boots-ge ze 1 ofte
Bataviers Helden-stuk. Zynde een groot deel vermeerdert en
dat met de vermakelykste melody en min-gezangen. Amster-
dam. Erven Wed. J. van Egmont. (c. 1720). K. B. B.
5 r. Th i r sis Minne wit, Bestaande in een versameting van de
aangenaamste minnezangen en voysen. Amsterdam. Johannes
van Heekeren. 172r. 3Bde. (Ier Druck 1708-I I). K. B. H.
52. Het amoureuse Lusthof of vervolg van Thirsis
Minne wit, bestaende in de aengenaemste gezangen op de
nieuwste en hedendaegs wyzen. Op nieuws overgesien, ver-
betert en vermeerdert. Den I 7en druk. Amsterdam. S. en W.
Koenen (ca. 1793). K. B. B.
53· Het vermakelijk Bagyn-hof of den Hollandsehen
ede 1 man verçiert met de nieuwste Brabandze en Hollandze
Oorlogs-liedjes, Vryagie en minne-liederen, zoldaaten en ma-
troozen gezangen. Alle op de nieuwste voizen en nieuwste
melodie, die in geen lied-boeken te vinden zyn als in dit.
t'Amsterdam. Wed. Jacobus van Egmont 1739.(1erDruck I7o8).
K. B. B.
54. Den Eer e krans voor rethorica, gevlagten door het
vredelievend broederschap deser navolgende Reden-kameren,
te weten: De Witte Roose-knoppe, Het Roosmareyn, Den
Lieverbloem, Den Vygenboom, ~ D e Koorenaren, op de Reden-
kamer der Lely onder den Doorn, onder 't Woord, Uyt Liefd'
Bestaan, tot Noortwijk ... Augustus 1709. Leyden. Wed. v.
Huybert van der Boxe. (ca. 1710). K. B. H.
55. Het wyd beroemde Overtoomptje of de playsierige
en vermakelyke Amsterveensche Boomgaard. Zynde beplant
met alderhande snakeryen, Minne-klagten, vryagies, herders-
sangen, oorlogs-deunen, etc. Op nieuws oversien verbetert en
vermeerdert, den tweeden Druk t'Amsterdam. Jacob Brouwer,
I7I2. K. B. B.
56. Kers-Nacht ende de naervolgende dagen tot onse lieve
343
V rouwe Lichtmis, inhoudende veele schoone Kers-liedekens
t'Antwerpen. Wed. Andreas Paulus Colpyn. 17I3. K. B. B.
57· Het vermaakelyke Haagsche Bosch ofdepleysierige
Scheveningse wandelweg. Zynde beplant met veeierbande
ernstige en boertige gezangen, kusjes en drink-liederen ....
Amsterdam. Jacobus van Egmont, I7I4. K. B. H.
58. Het Haagsche Bos vol vrolyke zangers, Amsterdam,
F. G. S. Holst. (ca. I85o). K. B. H.
59· Het vermaaklyk Buitenleven of de zingende en spee-
Iende boerenvreugd, Met zangkunst verrijkt en tot gemak der
speelers op de G. sleutel gesteld, Haarlem. Wed. Herm. v.
Hulkenroy. 1716. K. B. H.
6o, . D e o P r e c h t e S a n d tv o o r d e r S p e e 1 w a ge n, verciert
metraere minne-liedjes, minnaers-klachten, herders en bruylofts-
gesangen. Alles op de nieuwste voysjes. Amsterdam, By d'Erven
van de Wed, G. de Groot en A. van Dam. ca. 1718. K. B. B.
6r. De smakelyke vermakelyke Minnebroers Sak
vervuld met allerley Spysen voor veelderly Monden, Be-
staande in 8o Gesangen van verseheide zoorten, op 6I ver-
anderingen van voysen, zo van de fraaiste oude, als andere
nieuwe Wyzen, meest alle bekend. Gemaekt en in rym gesteld
door Qui es amabilis, t' Amsterdam. Voor Qui es Amabilis,
1799. (rer Druck IJI8). K. B. B.
62. De 1 ft s c hen He 1 icon ofte Grooten Hollandsehen N ach te-
gaal. Den vieren-veerstigsten .. , druk. Op nieuws vermeerdert ...
Amsterdam, Erven Vved, Gysbert de Groot en Antony van
Dam 1720. K. B. H.
63. De Roemzugtige Haagsche Faam, of deNieuweAm-
sterdamsche Fonteyn. Verçiert met uytsteekende rariteyten
van alderhande minneliederen, herders en matroose gezangen.
Alle op bekende wysen. Den vierden druk. t'Amsterdam.
Jacobus van Egmont I 72 I. K. B. B.
64. K. van Regten: De nieuwe Harleveensche Doedel-sak,
kweelende boere-deunen, minne-klagten, harders-zangen, drink-
344
66.
6;.
68.
liederen, en k1agten. Alle op bekende Voysen. t' Amsterdam.
Jacobus van Egmont. 1721. K. B. B.
D e p 1 e y si e r i ge Am s t er d a m s c he Ma 1 i eb aan of de
vermaaklyke Diemermeersche wandelweg. Zijnde beplant met
allerhande vermakelyke minne-zangen •.. Alle op bekende
voysen. Zwolle.D.KampenenF.Clement(ca. 1725). K. B. H.
G. Soenius: Melodie per Camera c'io è XII Concertini
mescolati d'ariette novelle, a due 3, 4, 5, 6, 7, Strumenti
Haarlem. A
0
• 1725. U. B. A.
W i 11 e m de Fes c h. VI English Songs with violins and
german flutes, and a Thorough Bass for the Harpsichord.
London. Grossherzog. Bib!. Karlsruhe.
D e A m s t e r dam s c h e Har 1 e q u i n met de Haagsche Schar-
mous, verciert met alderhande amoureuse gezangen .•. die in
<Teen andere liede-boeken als in dit alleenig te vinden zijn.
b
Met den laatsten druk verbetert. Amsterdam. Erfgen. van de
Wed. van G. de Groot. 1727. K. B. H.
De Schiedamsche Molenaar vol van de nieuwste en
hedendaegse liederen, meest gebruykelyk onder de Jonkheyt.
Amsterdam. Erven van G. de Groot. I 729. K. B. H.
;o. Apollo's St. Nicolaasgift aan Minerva. Voorzien met
nieuwe en oude minne-, herders- en mengelzangen. Ook een
aardige, klugtige en aangename Olypodriego. Gedrukt voor
den Autheur. Leiden. Johannes van Kerkchem. (ca. 1730).
;r. Herderszangen ... Leiden. J. van Kerckhoven. (2er Teil.
von Apollo's St. Nicolaasgift).
72. De ver 1 ie f de Student of de nieuwe zaletjonker. Leiden.
J. van Kerckhoven. (3er Teil). K. B. H.
73. Zangwijzen van oud-Nederlandsche Volksliede-
ren. (Hs. 79 Seiten. 8° obl. ca. I 730 ). U. B. A.
7 4· Lusthof des Gem oe t s. Bestaande in stichtelyke Gesangen
strekkende om in de V ergaderinge (en ook in 't besonder)
tot verquickinge der Zielen gesongen en ook gelesen te
\
75·
;6.
77·
;8.
79·
345
worden. Tot Groningen. By Lucas van Colenbergh en Laurens
Groenewout Boekverkoopers. I732. U. B. A.
Ag ter-Hofje in zig bevattende uytgesogte stigtelyke en
zielroerende Gesangen. Seer nuttelyk tot verquicking des
Gemoets in de V ergaderinge gesongen, of ook in 't besonder
ter stigting gelesen te worden. Tot Groningen. By Lucas van
Colenbergh en Laurens Groenewout Boekverkoopers , 1732.
U. B. A.
Apollo's Kermis-gift aan de Haagsche vermaaks-gesinde
jeucht. 's Gravenhaage. ]. van den Bergh. I740. U. B. U.
Mus i c q Boek begonnen den Sst en October Anno I 7 40.
(Hs. 134 Seiten. 8° obl. enthaltend Volks- und Tanzweisen).
U. B. A.
Apollo's Nieuwe-jaersgift aan het bekoorlykeHolland-
sche Jufferschap. Dordrecht. H. Walpot. 1750. (Ier Druck,
1742). U. B. U.
De nieuwe Amsterdamse Mercurius met zijn amou-
reuse gesangen. Versien met nieuwe liederen, zo minne-zangen,
bruylofts, matroose en herdersgezangen, die hedendaegs ge-
zongen werden, op de aengenaemste voysen. Nooit zo gedrukt.
t'Amsterdam. G. de Groot. 1743· K. B. B.
80. Apollo's Vasten-avondgift, voorzien met de nieuwste
en aangenaamste minne-, harders- en bruilofts-gezangen. Zijnde
een ieder van de zelve, met veel moeiten op verseheide muziek
en zangwijzen gestelt 's Gravenhage. Piet er Servaas. 17 45.
K. B. H.
Sr. - - - voorzien met- - - gestelt. Dordrecht. Hendrik
Walpot (ca. 1749) U. B. U.
82. De nieuwe S eh ie d amz e Ge never-Stok er, zijnde ver-
cierd met de aldernieuwste en vermakelykste minne-zangen,
bruylofs en hardersliederen, op de aangenaamste voyzen.
Den negenden druk. Amsterdam. Joannes Kannewet. 1770.
(3er Druck ca. 1746). K. B. B.
83. De Nieuwe Vermaakelyke Gaare-keuken van de
gekroonde A. Zingende en kwelende verscheyde aardige en
86.
88.
90.
91.
boertige liederen en ernstige gezangen. Alle op bekende voyzen.
Nooyt in deze order zo gedruckt. IIIde Stuck. Amsterdam,
Joannes Kannewet (c. I747). K. B. B.
Ein Band Tanz- und Volkslieder (758). (Hs. 8° obl. mit ab-
gesondertem Registerband. ca. I75ü). U. B. A.
Het van nieuws vermeerderde en verbeterde Speel-
schuitje met vrolyke naai-meisjes. Zijnde voorzien met al
de heedendaagsze nieuwste, en aangenaamste liederen, die of
nooit gedrukt, of in geen andere liedboeken te vinden zijn.
Nooit zo in het ligt gegeven. Den negenden Druk. t'Am-
sterdam, gedr. by de Erven de Wed. Jacobus van Egmont,
I752, K. B. B.
De Koperberg of het Turfschip van Breda, Geladen
met vrolykheid bestaande in drink-liederen, minneklagten,
vryagies, herders gezangen en vermakelyke snakeryen. Op
nieuw met veel nieuwe liederen vermeerdert. t' Amsterdam.
Wed. J. v a ~ 1 Egmont, 1752. K. B. B.
Ma ende 1 ij k s Mus ik a eIs Tij d ver d rij f bestaende in
nieuwe Hollandsche Canzonetten of Zang-liederen op d'Itali-
aensche trant in 't musiek gebragt met een basso continuo ...
Gecomponeert door A. Ma ha ut en in digtmaat door K. E 1-
zevier. Amsterdam: N. Olofsen (ca. I75 r-52) 9 Bde. K. B. H.
Vervolg van het Mus i kae ls Maandelijks Tijd ver-
d rijf bestaende in drie stukjes ... door ]. W. Lustig,
Amsterdam. N. Olofsen, (1752). 3 deelen. K. B. H.
De dubbelde en vermeerderde Goese Nachtegaal
vercierd met allerhande liedekens, zo nieuwe als oude, behelzende
verseheide vryagiën van minnaars en minnaressen . . . Den
laatsten druk vermeerderd met verseheide liederen en nog
een van de Smelt. Rotterdam, Johannes Scheffers. (ca. 1760).
K. B. B.
- - - -, versierd met - - - - en nog een van de
Smelt. Amsterdam S. en W. Koene. (ca. 1790). K. B. B.
Vlaardino-s Vissers-Lied-Boek, voorzien met veel
0
schoone vissers, bruylofts en andere stigtelyke gezangen. Nu
92.
93·
94·
95·
97·
IOO.
347
op nieuws met verscheyde liederen vermeerderd. Het eerste
deel. Amsterdam. Joannes Kannewet. (ca. IJ6o). K. B. B.
De zingende 1 a n dm a n, waar in te vinden zyn de aller-
fraayste en nieuwste liederen. Nooit voorheen gedrukt. Rot-
terdam Joh. Scheffers. (ca. r 760). K. B. B.
E e n ge h e eI n i e u w L i e t eb o e k v a n h e t R o os j e, met
de nieuwste en fraaiste liederen, welke hedendaags gezongen
worden. Nooyt voorheen gedrukt. Rotterdam. Joh. Scheffers.
(ca, 1760). K. B. B.
Haerlemsche Zangen in Musicq gesteld by de Reeren
Marpurg, Agricola, Schale, Nichelman, Bach en
andere vermaarde Componisten, en in Nederduitsche Dicht-
maat overhebracht door J. ]. D. Te Haerlem, ter Musicq
Drukkery van Isaäk en Johannes Enschedé. I76I. U. B. A.
De nieuwe Overtoomsche Markt-schipper, ofDurk-
d a m me r Kramer, zynde versierd met veel zoete en aan-
genaame melodyen en gezangen. Op nieuws verbeterd. Rot-
terdam. Johannes Scl1effers (ca. I 76 I). K. B. B.
De nieuwe 0 vertoom e Markt-Schipper ofte de
vro 1 ijk e 0 vertoom pze Vis-Boer, met dealdernieuwste
en uytgekipsteliedekens en aangename melodye. Ie Stuk. Am-
sterdam, By de Wed. Hendriks van der Putte. 1766. K. B. B.
DieNieuwe Ove rtoon1Sch e Marktschipper ofDu rk·
dammer Kraam er, zynde versierde met veele zoete en
aangename Melodye en Gezangen. Amsteldam. B. Koene.
I 820. K. B. B.
- - idem. I822.
K. B. B.
De Nieuwe Overto oms eh e Markt-Schipper of
Durkdammer Kramer, inhoudende vele oude en nieuwe
liederen. (Eerste Stukje). Amsterdam. F. G. Holst. K. B. H.
De Mey-blom of de Zomer-spruyt. Tezamengebonden
met veelderhande gezangen en vermakelyke melodyen die-
nende op bruyloften ..... Amsterdam. Joannes Kannewet.
1762. K. B. B.
lOl. De j
0
n ge P e 11 e kaan. Zynde vercierd met de nieuwste
en vermaak el y kste liederen, welke hedendaags gezongen worden.
Nooit te voren gedrukt. Amsteldam. S. en W. Koene. 1802.
(1er Druck ca. 1763). K. B. B.
10
2. De 0 os t-In dis c he Thee-Boom, getrokken op veeierbande
gezangen, zijnde versien met de nieuwste liederen en melo-
dyen die hedendaegs gesongen worden ... Alle op de nieuwste
voysen. S. en W. Koene. Amsterdam (ca. I79ü). (Ier Druck,
I767)· K. B. B.
103. De nieuwe Domburgsche Speelwagen vermeerdert
met de nieuwe Vlissingsche Tijd-korter of verbeterd Snaakje.
Voortbrengende veelderbande vermakelyke minne-, herders en
drinkliederen, Amsterdam. 1767. K. B. B.
104. - - - Waarin te vinden zyn de nieuwste liederen, welke
hedendaagsch gezongen worden. Nooit voor dezen zoo gedrukt.
Amsterdam. B. Koene. (ca. 1819). K. B. B.
105. Het springende Haasje, waarin te vinden zijndealler-
nieuwste liederen, welke hedendaags gezongen worden. Nooit
voorheen gedrukt. Rotterdam Johan Scheffers (ca. 1770).
K. B. B.
106. De nieuwe Ams teldam s eh e B u y ten-Zin gel, waerin
te vinden zyn de aldernieuwste liederen, die hedendaegs ge-
zongen werden. De vijfde druk vermeerdert, Amsterdam. S.
en W. Koene. (ca. I8oo) (Ier Druck I77ü). K. B. B.
I07. De vrolyke Nederlander zingende met zyn incréable
meisje de hedendaagsche liederen. Nooit te vooren gedrukt.
Amsteldam. S. en W. Koene. I 801. (IerDruck ca. 1 777). K. B. B.
108. De nieuwe Muyder-Poort zynde voorzien met nieuwe
alleraengenaemste liedjes, die thans meest gezongen worden;
alle op aengenaeme bekende en plyzierige wyzen. 6de druk.
Amsteldam. Barent Koene. 1777. K. B. B.
.109, De gekroonde Snoek, synde verciert met de nieuwste,
aengenaemste en fraeyste liederen, die hedendaegs gezongen
werden . . . Op nieuws vermeerdert. De tweede druk. Am-
steldam. Barent Koene. 1778. K. B. B.
349
I 10. De v r o o 1 y k e 0 os t-In dies-V aarder of klinkende en
drinkende matroos, zingende de allernieuwste en fraaiste
liederen, die tegenwoordig gezongen worden. Erven de vVed.
Jacobus van Egmont. Amsterdam (ca, 1780). K. B. B.
lil.
I 12,
De ver'makelyke Boeren-Bruyloft, zynde verciert
met de nieuwste en aangenaamste liederen, die hedendaags
gezongen worden. Nooit voor deezen zoo gedrukt. Amsterdam,
de Erve Hendrik van der Putte, 178 r. K. B. B.
A 1 a Z o u t m a n s V i ct o r i e Be vooten door de Hollanders
' 0
op de Engelsche, voorgevallen op de Doggersbank ....
sen Aug. 178!. Zingende de Blyde Overwinning. Alsmeedede
nieuwste liederen die hedendaegsch gezongen worden. De agste
druk (ca. 1783). Amsteldam S. en W. Koene. K. B. B.
I13. De Amerikaansche Koopman, zingende dienieuwste,
fraayste en aangenaamste liederen ... Amsteldam, S. en W.
Koene, (ca. 1783) K. B. B.
114. De v·ernieuwde Lugt-bol, waar in veele van de aider-
nieuwste liederen gedrukt zyn. Derde druk. Amsterdam.
d'Erve van der Putte. (ca. 1784). K. B. B.
115. De vermakelyke Haagsche Taptoe, waarin al de
nieuwste liederen, die hedendaags gezongen worden, te
vinden zijn. Op nieuw vermeerdert en verbetert. Amsterdam.
de Erve de Wed. Jacobus van Egmont. (ca. 1785). K. B. B.
u6. (Jan Verbeek:) De nieuwe Klein-Jan, of de verma-
kelyke Tyd-verdryver, inhoudende alle de pleizierigste en
nieuw uitgekomene gezangen, drinkliederen enz. Den vierden
druk. Amsterdam, by de Erve de Wed. Jacobus van Egmont.
(ca. 1785). K. B. B.
1 17. De Boere-dans of 't Ge ze 1 schap na de Mode. Ver-
maakende zig onder het drinken van een glaasje Hendri-
kattersze Wyn, en 't zingen der hedendaagse, nieuwste
liederen. De derde druk vermeerdert. Amsterdam. S. en W.
Koene. 1789. K. B. B.
118. z ang-wyzen voor de V,o 1 ks-1 ie dj en s, uitgegeeven door
I
j
350
119.
de Maatschappy Tot Nut van 't Algemeen. Op Muziek ge-
bragt door een kundig liefhebber. Eerste Stukje. Amsterdam.
R. Doll Timman. 1790. K. B. B.
V
0
1 k s-1 ie dj en s, uitgegeven door de Maatschappij "Tot Nut
van 't Algemeen." Eerste - vijfde Stukjen. Zevende Druk.
Amsteldam. By Harmanns Keyzer, Corn. de Vries en Hendrik
van Munster. 1793. K. B. B.
I20. Aardige en Vermakelyke Joe, Joe, Joe, waarmede
gespeeld en gezongen werd de nieuwste liederen. Derde druk.
Amsteldam. S. en W. Koene (ca. 1793). K. B. B.
121. De Schreeuwende Kat-Soe op zyn Wagen. Pak
maar weg, stuk voor stuk, voor vier stuyvers. Zingende de
aldernieuwste liederen die hedendaags gesongen worden. De
agtste druk. By d'Erve van der Putte. Amsterdam. 1793.
K. B. B.
122. De drie Kemphaantjes. Waer in te vinden zyn de
aldernieuwste liederen, die hedendaegs gezongen werden, en
welke in geen andere liedebaeken te vinden zyn. Amsteldam.
S. en W. Koene. 1793. K. B. B.
123. Jan van Eyk. Liederen voor den Landman, Amsterdam.
Joh. Allart, 1794-1796. 3 Stukjes. U. B. A.
124. De zingende vragtdragende Kruyer zich verma-
kende met een aantal fraaije liederen, welke hedendaags
gezongen worden, alle op bekende en aangename wyzen.
Amsteldam, S. en W. Koene. (ca. 1795). K. B. B.
125. De zingende lootsman of de vrolyke boer, versierd
met de fraaiste liederen. Tweede Druk. Amsteldam. S. en
W. Koene, (ca. 1795). K. B. B.
126. De vro lyk e Schoorsteen veege r. Zingende onder het
veegen de aldernieuwste Liederen, die hedendaegs gezongen
worden. Vyfde druk. S. en W. Koene 1797. K. B. B.
127, Het vrolyk zingende Amsterdamsche Meisje. Zin-
gende de nieuwste liederen. Vyfde druk, Amsteldam. S. en
W. Koene. 1798. K. B. B.
351
128. De drie vrolyke retztgers zingende de aldernieuwste
liederen, Nooit te vooren gedrukt, Amsteldam. S. en W.
Koene, 1798. K. B. B.
129. Jan van E y k. Liederen voor Dorp en Stedelingen. Am-
sterdam. Joh. Allart. 1798-99. (re en 2e Stukje) (3e Stukje
bij de Erve J, Thierry en C. Mensingen Zoon. s'Gravenhage,
130.
131.
132.
1818). K. B. B.
De v rol yk e Po ns-dri nke r, met zyn gezelschap zingende
de allerfraaiste liederen. Tweede druk. Amsteldam. S. en W.
Koene. 1799. K. B. B.
De Amsterdamsze Gaare-Keuken, met den bly-
hertigen Opdisser, voorzien met de nieuwste en aan-
genaamste liederen, zo Herders, als Minnaars gezangen. Alle
op de nieuwste en aengenaemste voyzen. Nooit te vooren
zo gedrukt. AmsterdamS. en W. Koene (ca. 18oo). K. B. B.
Het vrolyke Catootje. Zingende de
Nooit te vooren gedrukt. Amsterdam.
1801.
nieuwste liederen.
S. en W. Koene.
K. B. B.
133. De Amsterdamsche Kermis-vreugd, zingendebydie
gelegenheid de aldernieuwste liederen, Nieuwe druk. Am-
steldam, S. en W. Koene. 1801. K. B. B.
134. De vermakelyke Slaa-tuyntjes, waarin te vindenzyn
de geurigste, nieuwste en aangenaamste liederen, die heden-
daags gezongen werden. Vijfde druk. Amsteldam. S. en W.
Koene. r8oi. K. B. B.
135. Een nieuw Lied-boek genaamt hetDubbeldPapiere
P 1 oe g j e, gestoffeert met allerhande geestelyke zangrymen
van allerlei. stoffe, zangen gesteld door Re y nier Verton.
Opnieuws herdrukt en vermeerdert met het Dubbelt Gulden
Uurslag. Amsteldam. S. en W. Koene. r8or. K. B. B.
136. De Nieuwe Walchersche Ploeg, opgestelt door een
Zeeuwsche Boere Knecht. Tot vermaak der jeugd, en voor
eigen vreugd. Amsteldam. S. en W. Koene. r 802. K, B. B.
352
137. De vrolyke Zee-Man, verheugd over de vrye Zeevaart
zingende alle de nieuwste liedjes, welke hedendaags gezongen
worden. Derde druk. Amsteldam, S. en W, Koene. 1803.
K. B. B.
I38. Hans Miehiel Goedbloed. Zingt de voornaamste en
nieuwste liederen. Nooit te vooren gedrukt. Amsteldam.
S. en W. Koene. I803. K. B. B.
139. De vrolyke Toornwagter, Blaazende en zingende de
nieuwste liederen, die hedendaags gezongen worden. Derde
Druk. Amsteldam. S. en W. Koene I803. K. B. B.
140. De twee vro ly k e Con fraa ter s. Zingende de nieuwste
liederen. Vierde Druk. Amsteldam. S. en W. Koene (ca. I8o5).
K. B, B.
I41. Nieuwe Zeeuwsche Liedeboek,Byeenverzameldvoor
de liefhebbers van zingen, ten einde op vrolyke gezelschappen
en speelreisjes te kunnen gebruiken. Vlissingen. }. I. Cor-
beleyn. 1805. K. B. B.
142. De vermakelyke Rarekiekkas-Kyker, zingende by
de vertooning de fraaiste stukken van allerhanöe nieuwe en
aangename liedjes. Nooit te voren gedrukt. Amsterdam.
S. en W. Koene I8os. K. B. B.
I43· Een bundel losse bladen met liedjes uit den tijd van 't ko-
ninkrijk Holland (Gedrukt: "'t Amsterdam, by J. Wendel"),
c. 1807. K. B. B.
I44. Het Spreeuw t j e fluitende en zingende allerhande liedjes op
bekende oude en nieuwe wijzen. te Haerlem, by A. Loosjes, Pz.
1 8o8. U. B. A.
145. De Nieuwe Oost-Indische Rooze-boom, zyndevoor-
zien met de aldernieuwste liederen, die hedendaags gezongen
worden. De elfde druk. S. en W. Koene. Amsteldam. I 808.
K. B. B.
146. De gelukkige Visser, of de Amsterdamsche
Los b o I, zingende de nieuwste liederen en Aria's, die er
gezongen worden. Nooit te voren gedrukt. Amsterdam.
S. en W. Koene. (ca, 1809.) K. B. B.
353
147. Gezangen ter dienste der scholen, uitgegeven door
de Maatschappij "Tot Nut van 't Algemeen." Eerste Stukje.
(2 deelen). Te Leyden, Deventer en Groningen, bij D. du
Mortier en Zoon, ]. H. de Lange en J, Oomkens. 1813-17.
U. B ~ A.
148. De vruchtdragende Oranjeboom.Zyndeversierdmet
de nieuwste liederen, die hedendaags gezongen worden.
Amsterdam. B. Koene. 1818. K. B. B.
I 49· P r o e v e v a n Ne d e r1 a n d s c h e Ge z e 1 s c h a p p e 1 ij k e
Gezangen door het Muziekgezelschap Harmonie, te Vlaar-
dingen. Eerste Stukje. Te Schiedam. Ter Boekdrukkerije van
G. W. van Hemsdaal. Stadsdrukker. 1818. U. B. A.
150. Stud enten-Liederen in muzijk gebragt door Benedict
Warstadt te Utrecht. Bij N. van der Monde. (ca. 1820).
u. B. A.
I5I. Een geheel nieuw Liedeboek van het Roosje.
Met de nieuwste en fraaiste liederen, welke hedendaags
gezongen worden. Vierde Druk. Amsterdam. B. Koene.
(ca. r82o). K. B. B.
I 5 z. G r on i n ge r St u de n te n L i e d e r e n verzameld in r 8 3 3.
Gedrukt voor rekening van den Senaat. Vindicat atque
Polit. U. B. A.
I 5 3. Ni e u w V o 1 k s z a n g b o e kj e, tot gezellige vreugde in de
stad en op het land, door Ar end F o kk e Simons z. In
twee stukjes. Tweede Druk. Te Amsterdam, bij J. H.
Marjée, 1833. U. B. A.
I 54· Ph oe bus. Verzameling van Nederlandsche Volkszangen,
Eerste Aflevering. Rotterdam. J. W. van Leenhoff. 1839.
U. B.A.
1 5 5, D e z i n gen d e Z w aan of vervolg op de Overtoomsche
Marktschipper. Amsterdam. F. G. L. Holst. (ca,185o). K. B.H.
I s6. D e s p 0 0 r wagen vol met zedelyke liederen. Ten dienste
van alle fatsoenlyke Gezelschappen. 6de verbeterde druk.
Amsterdam. F. G. L. Holst. K. B. H.
23
I
' I

354
157. Het geplukte Bloempje. Amsterdam. F. G. L. Holst.
K. B. H.
158. De Bloemendaler Minnezangster, zingende de meest
gezochtste en vermakelijkste Huwelijkszangen. Nieuwe Uit-
gave. Amsterdam. F. G. L. Holst. K. B. H.
I59· Het zingende Nachtegaaltje, fluitende verscheidene
vrolijke en vermakelijke liederen. Amsterdam. F. G. L. Holst .
K. B. H.
160. Het vrolijke Bleekersmeisje, zingende vele zedelijke,
vrolijke en aangename liederen. Achtste druk. Amsterdam
L. K.B. a
BERICHTIGUNGEN.
Auf Seite 5 ist die Zeichnung (die graphische Darstellung) urnstands-
halher nicht zum Abdruck gelangt. Man stelle sie sich folgendermassen vor
(rot)
Seite g, Zeile 12 von oben steht: MarienbarJm, lies: Jlfaimbaum.
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57.
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5
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unten
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: corum, lies eorum.
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76,
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: Alternationszeichen, lies: Alteratiotts-
zeichm.
Ebenso
"
10
" " "
: Alternationzeichen, lies: Alterations-
zeichen.
Seite 89, " 2 " oben " : .Kaufherrtt, lies: Kaufherrm.
" 99, Anm. 3 steht: Tänze des IS. und.I7. Jahrhunderts (Beilage der
Vierteljahresschrift f. Musikwissenschaft), lies: Tänze des IS. bis 17.
Jahrhunderts.;_(Beilage zu den Monatsheften für Musikgeschichte. Jahrg.
vn. 1875)·
Zu Seite 105, 2: der vollständige Titel der "Souterliedekens", nach
dem ersten Tenorstimmbuch, lautet: "Het vierde musyckboexken mit
dry Parthien, waer inne begrepen syn die Ierste XLI psalmen van
Davvid, gecomponeert by Jacobus Clement papa, den altyt
houdende die voise van gemeyne bekende hedekens. Seer lust1ch om
singen ter eeren Gods. Gedruckt Tantwerpen by Tielman Susato
voer die Nyeuwe Waghe In den Cromhorn. Tenor. Cum gratla et
priuilegio Re. Ma. Anno VI. Strick."
Die Königl. Bibl. Berlin besitzt d1e sämthchen v1er Bände der

liedekens", die resp. als 4tes, stes, 6tes, 7tes "musyckboexken" (rss6-S7)
bei Tielman Susato erschienen.
Seite 138, Zeile 4 von oben steht: der moralisierende, lies: de1t mora-
lisierenden.
" " "
" " "
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" " "
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139
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9
18
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"
"
"
"
"
" : der scltreibende, lies: den schrei benden.
" :der langstielige, lies: den langstieligen.
" :der echte, lies: den echtett.
" : dessem Milieu, lies: dessett Milieu.
16 " unten " : warett, lies: war.
8 "
7
"
6
"
14 "
"
"
" .
"
" :der gestallt, lies: dergestalt.
" : lies: ihre.
" : seittm, lies : ihren.
" : Regent, der Patrizier, lies: dett
Regent, de1t Patrizier.
" " " 5 " " " : Proskuneris, lies: Proskynesis.
" 142 " 13 " oben " :in, lies: im.
" " " 1 6 " " " : Sonette, lies : Sonetten.
" " " 4 " unten " :die waldige, lies: der waldige1t.
" 148, Arunerkung r, Zeile 2 von oben steht Walda1dies: Waldbcrg;
und: Die galante und diedeutsche Renaissance-Lyrik. Strassburg. Berlin
1885 und r888, lies: Die dcutsche Renaissaucelyrik. Berlin t888.- und
- : Die galante Lyrik. Strassburg. 1885.
Seite 158, Zeile 13 von u11ten steht: Jaap Riaep, lies: Jaep Priaep.
IJ " " I I " " IJ :dit Bestrelnmgett1 lies: das Streben.
" 165 " 9 " ,1 " : volksläujig, lies: volkläufig.
IJ 202, .Anm. I steht : in die Schrift, lies: in der Schrift.
.Zu Seite 207 (2. Hälfte): C ar olus Hacquart kann als vereinzelt
dastellende Erscheinung hier nicht in Betracht kommen. Ueberdies ist
er ein S ü d n i e d er 1 ä n der I F. J. F é t i s bericbtet in seiner
"Biographie universene des musidens et bibliographie général de la
musique" (Bd. IV. r862. S. 175
2
): Ha c qua r t (Charles), musicien
au service du prince d'Orange, naquit à Bruges, vers r64o". Hu y geus
erwähnt ihn im 37. Briefe (vgl. Ion c kb l o e t en La n d : Corres-
pondance etc.) als "ce grand maistre de musique". Ha c qua r t lebte
anfánglich in Amsterdam, und ging r679 nach den Haag, wo er Konzerte
errichtete und von 1693 ab jeden Sonnabend eins gab. Dort wurde
er auch mit Hu y gen s befreundet. Er starb daselbst gegen 1730·
(vgl. R o b e r t Ei t u e r : Biographisch-13ibliographisch Quellen·Lex.ikon,
Bd. 4· S. 443). Seine "Cantiones Sacrae" sind als musikaJische Erschei-
nung uur durch die Herkunft des Komponisten aus dem katholischen
Süden zu erkläten.
Die Königl. Bibl. Berlin besitzt von seinen Kompositionen die "C a n-
357
t
· Sa c ra e
5
6
7
tàm vocum quàm instrumentorum"
1 on es , 2
1
3, 4, , , ,
(Amsterdam. 1674), sowie die Operette: "De triomfeerend.e
Min. Vredespel". (Amsterdam 168o. P. Matthysz.), während d1e
Ständische Landesbibliothek zu Kassei Kammermusik besitzt : "Har-
m on i a Parnas si a: X Sanatorurn (3 et 4 instr. 2 V. Va.
0
Viola
di gamba, Basso, Viola di gamba et Be. Op. 3· Traject. a. Rh.
Johann Gottfrièd Walther nennt noch andere
aber bisher nicht haben ausfindig machen Jassen. Vgl.
Lexicon" (1732) S. 2982 "Hakart (Carolo) ein verstorbener Vwldl-
gambist, hat Prae 1 u di a, A 11 e manden, Couranten, und
dergleiellen Piecen vor eine Violaeligamba und G. B. gesetzet, auch
ein Werck 3· 4· und 5· stimmiger Motetten mit Instrumenten herausgegeben.
S. Roger Catal ; die daselbst kurtz vorherstehende 10 Sonaten von
der Composition des "C ar o 1 o auf 2 Violadigamben und G. B. dörfften
auch wol von seiner Arbeit seyn."
Ei t n er sagt in seinem "QueUenlexikon (Bd. 4, S. 444): "Die Operette
und die Cantiones zeigen Hacquart als einen begabten Komponisten,
der besanders im einfachen Satze viel Innigkeit in der melodischen
Erfindung zeigt."
Die Universitätsbibl. Amsterdam besitzt von den "Cantiones Sacrae"
zwei Partiturabschriften von der Hand R o b e r t E i t n e r s, und
zwar "0 Jesu splendor aeternae gloriae" und "Miser es ubitumque
En s c he d é veröffentlichte in seiner Schrift "Dertig jaren muz1ek m
Holland'' zwei Sätze aus "De triomfeerende min''.
Übrigens hat En s c h e d é in seiner Schrift sich eine recht fragwürdige
Emendation erlaubt. In dem Klavierbuch der Anna Maria van Eyl (vgl.
Quellen-Verzeichnis, S. 340. N°. 38) befindet sich eine anonyme Kom-
position, überschrieben "De maf', ein schöner dreistimmiger Satz, von
schlichtem volkstümlichem Gepräge. En s c he d é hat dieselbe über-
nommen unter dem Titel "De mey die komt ons bij seer blij", während
der Titel in Wirklichkeit "De mayn'' lautet, und nur abgekürzt ge-
schrieben steht : "De may."
lt
I
I
I'
11
f
.. -
-
1