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Die neue Biografie

enthüllt eine Affäre
Kann er
Kanzlerin?
PEER STEINBRÜCK
So litt die Ehefrau
des Provokateurs
Sarrazin-Mobbing
John Irving über
Sex und Obsession
Bestseller-Autor
Die Premieren
vom Pariser Salon
Die Auto-Show
Check zur US-Wahl
Arbeitsplätze, Börse,
Krieg & Frieden
OBAMA / ROMNEY
WER
FÜR UNS
BESSER
IST
Nr. 39/12 24. September 2012 www.focus.de
FOCUS 39/2012
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IN 2962 METER HÖHE, auf der Zugspitze,
ist man Himmel und Herrgott recht nah.
Im irdischen Garmisch-Partenkirchen,
2254 Meter weiter unten, hat der Touris-
musverband etwas unternommen, damit
die landesübliche Nähe zum Christentum
nicht für jeden sichtbar ist. In Werbebro-
schüren für den höchsten Berg Deutsch-
lands scheint dem spanischen, britischen
oder japanischen Touristen der Anblick
des 300 Kilogramm schweren, vergol-
Und wir verstecken unser Kreuz
ten filmt. Was dabei vergessen wird:
Der Filmmüll (durch den sich vor allem
Filmschaffende aller Länder beleidigt
fühlen müssen) stammt von einem ägyp-
tischen Kopten und wurde auch nicht von
westlichen Medien verbreitet, sondern
kursierte schon etliche Wochen vor den
Tumulten im Internet. Die vermeintlich
spontanen Wutaktionen frommer Belei-
digter, sie sind filmreif inszeniert.
Meinungsfreiheit ist existenziell wich-
tig. Sie wegen eines Schmähstreifens oder
diffamierender Karikaturen einschränken
zu wollen wäre sträflich. „Was darf Satire?
Alles“, hat der Chefsatiriker Kurt Tuchols-
ky zu Recht befunden. Noch mehr Denk-
polizei braucht wirklich kein Mensch.
Ob man allerdings den nackten Prophe-
ten, den Papst als inkontinenten Greis
oder, wie gerade bei den Filmfestspielen in
Venedig, eine Frau mit dem Kreuz mastur-
bierend sehen will, ist vielmehr eine Frage
des Geschmacks. Meist des schlechten.
WENIGER UM GESCHMACK, aber um
mindestens ein Geschmäckle geht es in
unserem Stück über den Politiker Peer
Steinbrück ab Seite 22. Als Finanzminis-
ter hat er die Chefs von Post und Tele-
kom auf ministerialem Briefpapier um
eine Millionenspende für ein Turnier in
seiner Lieblingssitzsportart Schach ange-
schnorrt. Der kantige Politiker will auch
sonst seinen Willen durchdrücken. Im
Kandidatenrennen der SPD hat er wohl
große Chancen. Davon ist mein Kollege
Daniel Goffart überzeugt. Unser Haupt-
stadtbüro-Chef hat eine aufregende Bio-
grafie über Steinbrück geschrieben, die
in dieser Woche erscheint. Sie zeigt, wie
der SPD-Mann aus Niederlagen oft Siege
machte. Die größte Hürde kommt erst:
Kann er auch Kanzlerin?
deten Gipfelkreuzes durchaus zumut-
bar. Im arabischsprachigen Prospekt ist
es schlicht weg. Der Kreisheimatpfleger
pflegt vorauseilend Verständnis für die
Befindlichkeiten muslimischer Touristen:
„Wenn die das Kreuz nicht sehen wollen,
dann lassen wir es halt weg.“
Empfindungen sind Auslöser für die
Unruhen in der islamischen Welt. Re-
flexartig reagieren auch viele im Wes-
ten. Religiöse Gefühle seien verletzt wor-
den durch das Video „Innocence of the
Muslims“ und die Karikaturen der fran-
zösischen Satirezeitung „Charlie Heb-
do“, die unter anderem zeigen, wie je-
mand den nackten Hintern des Prophe-
MEMO DER STV. CHEFREDAKTEURIN
VON CARIN PAWLAK
Die Realität Das Gipfelkreuz auf der Zug-
spitze, vorn eine muslimische Touristin
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106
Gas gegeben
Deutsche und britische Modelle
wie der McLaren P1 bestimmen
das Bild beim Pariser Auto-
salon. Gastgeber Frankreich
ist nur schwach vertreten
84
Durchgestylt
Louis-Vuitton-Chef
Yves Carcelle will
Kunst und Produkt
verbinden
70
Ausgerüstet
Deutsche Konzerne
bieten Produkte
wie den Leopard 2
weltweit an
22
Angekratzt
Peer Steinbrück,
SPD, soll Kanzler
werden. Jetzt holt
ihn eine Affäre ein
Nr. 39 / 24. September 2012 INHALT
ä
Titelthemen sind mit rotem Pfeil gekennzeichnet
54 Mr Cool und der Pannenmann
Barack Obama gegen Mitt Romney: Wer steht
hinter den US-Präsidentschafts-Bewerbern?
58 Zur Sache, Kandidaten!
Worum geht es den Kontrahenten?
FOCUS checkt ihre Positionen
62 Wer wäre der Bessere für uns?
Die Deutschen sind treue Fans von Barack
Obama – womöglich ein Missverständnis
POLITIK
22 Kandidat mit Kratzer
Eine Schach-Affäre überschattet die SPD-
Kanzlerkandidatur von Peer Steinbrück
28 Von wegen Mädchen
Ilse Aigner soll die CSU retten
TITEL 30 »Uns entgeht eine Billion«
Ein EU-Kommissar gegen Steuerhinterzieher
32 Muslim-Terror
Wer beim Weltenbrand zündelt
36 Kriegsgefahr im Pazifik
China und Japan streiten um Inseln
REPORT
38 »Eine Hexenjagd«
Die Frau von Thilo Sarrazin beschreibt sich
als Mobbing-Opfer
42 »Hast du Problem?«
Neuköllns Bürgermeister Heinz Buschkowsky
über kriminelle Migranten
44 Frage der Schuld
Wie die Ermittlungen zum Einsturz des Kölner
Stadtarchivs immer wieder behindert werden
46 Brennpunkt: Der MAD
48 Mörderischer Nachlass
Die schwierigen Ermittlungen zu den Waffen
der NSU-Terroristen
50 Brisanter Hinweis
Berliner V-Mann-Affäre weitet sich aus
50 Doktor Fragwürdig
An mindestens drei Uni-Kliniken operierte
offenbar über Jahre ein falscher Arzt
52 Profile
WIRTSCHAFT
70 Waffen für die Welt
Der Sparkurs der Bundeswehr treibt deutsche
Rüstungsfirmen auf ausländische Märkte
74 Heiter bis stürmisch
Wie riskant ist Offshore-Windkraft?
Ein Besuch der weltgrößten Anlage
77 Billig-Attacke der Lufthansa
So will die Airline ihre Verluste verringern
78 Web-Wirtschaft
Persönliche Internet-Werbung in Millisekunden
80 Montag ist Zeugnistag
82 Geldmarkt
84 »Ich glaube nicht an Grenzen«
Der Louis-Vuitton-Chef über Kunst im Kommerz
86 Marktplatz
FORSCHUNG & TECHNIK, MEDIZIN
92 Glanz und Elend der Kelten
Die mysteriösen Mitteleuropäer bauten über-
raschend früh Städte – die wieder untergingen
96 Kameras gehen online
Die wichtigsten Trends der Messe Photokina
100 Die neuen Kinderkrankheiten
Verwahrlosung nimmt zu
104 Perspektiven
FOCUS 39/2012
JETZT MITMACHEN
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124
Angesext
Wo er singt, öffnen
sich die Mieder. Andreas
Gabalier ist die neue
Hoffnung der Volksmusik
118
Ausgezaubert
Harry-Potter-Autorin
J. K. Rowling
schreibt jetzt für
Erwachsene
AUTO
106 Pariser Salon
Volkswagen & Co. dominieren die Auto-
Ausstellung. Aber wo bleiben die Gastgeber?
108 Schon gefahren
So schlagen sich die Messe-Stars von
Renault, Seat und BMW auf der Straße
KULTUR & LEBEN, MEDIEN
113 Überall Rassismus
Vielleicht sind auch bloß die Alarmmelder
defekt, meint FOCUS-Autor Michael Klonovsky
114 »Ich war immer leicht reizbar«
US-Bestsellerautor John Irving im Interview
118 Zurück auf Los
Wie sich die Harry-Potter-Autorin und Buch-
Milliardärin J. K. Rowling neu erfindet
121 Die Harald-Schmidt-Kolumne
Warum immer die Falschen reich sind
122 »Die Illusion von Sex«
Hollywoods Eigenbrötler Tommy Lee Jones über
peinliche Bettszenen und Paartherapien
124 Rock ’n’ Roll im Streichelzoo
Hoffnungsträger in Lederhose: Andreas
Gabalier bringt Sex in die Volksmusik
128 Feiern wie die Bayern
Der Trend geht zur Tracht
130 »Das andere Leben«
Schauspieler Jan Josef Liefers
über die Versuche, in der DDR moralisch
zu bestehen
132 Die DDR bürgerlich
„Der Turm“: Die gelungene Romanverfilmung
133 Bestseller
134 Mein Vater Rolf Eden
138 Boulevard
SPORT
140 »Kein Typ für Nagellack«
Gerlinde Kaltenbrunner, die Bezwingerin aller
Achttausender, über die Todeszone
144 Sitz-Fußball in allen Stadien
Maßnahmenkatalog gegen Krawalle
146 »Der Gastgeber bestimmt«
Golf-Seniorprofi Langer über den Ryder Cup
146 Finale
RUBRIKEN
5 Memo des
Chefredakteurs
8 Wer, wo, was
10 Fotos der Woche
17 Focussiert
88 Leserbriefe
90 Leserdebatte
103 Fax-Abruf
110 Impressum
148 13 Fragen:
Sophie Marceau
150 Tagebuch
des Herausgebers
8 FOCUS 39/2012
DIESE WOCHE: WER
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MONTAG, 24.9.
„Der Turm“, Uwe Tellkamps Roman,
ausgezeichnet mit dem Deutschen
Buchpreis, feiert Premiere als
Fernseh-Zweiteiler vor geladenen
Gästen in Dresden. Erstausstrahlung
am 3. und 4. Oktober in der ARD.
Siehe auch Seite 132.
Der Fall des ermordeten Bankiers-
sohns Jakob von Metzler ist heute um
20.15 Uhr der Fernsehfilm der Woche
mit Robert Atzorn in der Rolle des
Polizei-Vizepräsidenten Daschner.
DIENSTAG, 25.9.
Im Großen Saal des Mainzer
Schlosses beginnt der 49. Deutsche
MITTWOCH, 26.9.
Hamburg lädt zum größten
Europäischen Neurologenkongress.
Diskutiert wird die Forschung zu
Erkrankungen des zentralen
Nervensystems.
DONNERSTAG, 27.9.
In Stockholm werden die Alternativen
Nobelpreise 2012 bekannt gegeben.
FREITAG, 28.9.
Die besten Golfer aus Amerika
und Europa messen sich in Medinah/
USA beim Teamwettbewerb Ryder
Cup. In der europäischen Mannschaft
steht heute Martin Kaymer auf der
Starterliste (bis 30.9.).
Was den Bayern die Wiesn ist den
Württembergern der Wasen:
In Stuttgart beginnt das 167.
Cannstatter Volksfest mit dem
Fassanstich durch Oberbürgermeister
Wolfgang Schuster. Es werden etwa
3,5 Millionen Besucher erwartet.
Stefan Raab präsentiert in Berlin den
Bundesvision Song Contest 2012,
unter anderem mit Xavier Naidoo und
Kool Savas. Um 20.15 Uhr auf Pro7.
SAMSTAG, 29.9.
Früher musste sie Walzer tanzen
können, heute kommt es eher auf
fundiertes Wissen in Kellertechnik an:
In Neustadt an der Weinstraße wird
die Deutsche Weinkönigin gewählt.
Die Ausstellung „Im Farbenrausch.
Munch, Matisse und die Expressio-
nisten“ eröffnet im Museum
Folkwang in Essen.
SONNTAG, 30.9.
Die britische Labour-Partei kommt
in Manchester zum Parteitag
zusammen.
„Jetzt, da die Kinder und Enkel erwachsen sind, kann ich mich
wieder ein wenig erotischeren Stickereien zuwenden“
Rummel und Festzelte Das Cannstatter Volksfest in Stuttgart ähnelt dem Münchner Oktober fest
Wussten Sie . . .
. . . dass von Apples neuem iPhone 5 in
den ersten 24 Stunden mehr als 1400 Geräte
pro Minute geordert wurden?
Ob der Hype lohnt, lesen Sie auf Seite 104.
Wird Barack Obama am
6. November als US-Präsident
bestätigt? Die Erwartungen,
die in ihn gesetzt wurden, konnte
er zwar nicht erfüllen. Allerdings
tappt Herausforderer Mitt Romney
von einem Fettnäpfchen ins
nächste. Alle Hintergründe unter
www.focus.de/us-wahl
DIESE WOCHE AUF
Historikertag mit einem Festakt.
Den Festvortrag hält Verfassungs-
gerichtspräsident Andreas Voßkuhle.
Die Mode des kommenden Sommers
stöckelt in Paris über die Laufstege
bei den Prêt-à-porter-Schauen.
SECRET MISSION
S E P A R A T E S T H E M E N F R O M T H E B O Y S
b a l d e s s a r i n i - f r a g r a n c e s . c o m
10 FOCUS 39/2012 10
Getragenes Zeremoniell Bei ihrer
„Diamond Jubilee Tour“ in den fernen
Osten des britischen Königreichs
genießen Prinz William und Gattin Kate
beste Aussicht. In Honiara auf der
Inselgruppe der Salomonen lässt sich
das Paar zum Flieger tragen – und
wirkt dabei ein wenig verkrampft
FOCUS 39/2012 11
FOTOS DER WOCHE
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Trage-
Komödie
unter Palmen
MORITZ FREIHERR KNIGGE, 43
Etikette-Experte und Nachfahr
des Benimmregel-Chronisten
Adolph Freiherr Knigge
„SOLCHE AUFTRITTE werden bei
uns immer recht kurios wahrge-
nommen: Der ehemalige Kolonial-
herr kehrt zurück auf ‚seine‘ Inseln
im Pazifik und lässt sich von den
Eingeborenen herumtragen. Dabei
fühlen sich Prinz William und Kate
sichtlich unwohl auf diesen Trage-
Thronen. Eigentlich muss man das
auch aus der entgegengesetzten
Perspektive betrachten: Die Men-
schen auf den Salomon-Inseln
freuen sich sehr, dass ein möglicher
Thronfolger der englischen Queen,
ihres Staatsoberhaupts, auf ihr
entferntes Eiland reist. Sie empfan-
gen ihn und erweisen ihm die
Ehre, ihn auf Schultern zu tragen.
William dürfte von seiner Erzie-
hung her wissen, dass er diese
Ehrerbietung annehmen muss. Für
seine Ehefrau, die als Bürgerliche
damit nicht aufgewachsen sein
muss, gibt es im Königshaus in
solchen Dingen Berater. Rein theo-
retisch wäre es natürlich denkbar,
dass die beiden in dieser Situation
‚no‘ sagen und den Weg vom Boot
zum Flugzeug zu Fuß zurücklegen.
Aber das würde vermutlich als Ek-
lat aufgefasst. Da lassen sie sich
lieber tragen und winken ein we-
nig gehemmt von oben herunter.“
12 FOCUS 39/2012
FOTOS DER WOCHE
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Die Mauer
steht wieder
– virtuell
„DAS GETEILTE WEST- UND OST-
BERLIN – dem Besucher des Panoramas
‚Die Mauer‘ bietet sich ein detailgenauer
Rundumblick. Gerade so, als stünde er
direkt auf der Mauer. Für das 60 Meter lan-
ge und 15 Meter hohe Mauer-Panorama
habe ich die Sebastianstraße als Aussichts-
punkt gewählt, weil man an keinem ande-
ren Ort Berlins den Riss, der sich durch
die Stadt zog, so deutlich gespürt hat. Der
YADEGAR ASISI, 57
Künstler, der schon
das alte Rom und
Pergamon als 360°-
Panorama darstellte
13 FOCUS 39/2012
Blick in den Todesstreifen
Am früheren Checkpoint Charlie lockt diese
Panorama-Installation der Berliner Mauer
im Maßstab 1 : 1 die Besucher. Ein Jahr lang
können sie auf die beeindruckende Rund um-
perspektive der geteilten Stadt blicken
Todesstreifen verlief hier entlang. Check-
point Charlie, wo wir den Mauer-Rundum-
blick vor wenigen Tagen eröffnet haben,
ist nur einen Steinwurf von der Sebastian-
straße entfernt.
Meine 360°-Installation zeigt einen die-
sigen Novembertag in den achtziger Jah-
ren in einer alltäglichen Situation. Kinder
spielen Fußball. Wir Westberliner hatten
uns damals so sehr an die Mauer gewöhnt,
dass wir sie gar nicht mehr als Fremdkör-
per wahrnahmen. Ich bin heute noch
schockiert, wie sehr wir uns damals mit
ihr arrangiert hatten.
Wenn ich einen Gedanken im Betrachter
anregen könnte, wäre es folgender: Wie
lebe ich mit meinen Arrangements? Meiner
Meinung nach sind Diktaturen dann stabil,
wenn ihre Bürger sich mit den gesellschaft-
lichen Verhältnissen abfinden. Ich habe
das antike Pergamon, den Mount Everest,
das Amazonas-Gebiet und das alte Rom
als 360°-Panorama gestaltet. Mit keiner
dieser Installationen verbindet mich aber
so viel wie mit dem Mauer-Panorama. Als
Sohn eines iranischen Dissidenten habe ich
meine Kindheit und Jugend in der DDR ver-
bracht, bis sie mich 1978 in die BRD abge-
schoben hat. Noch heute lebe und arbeite
ich in der Nähe der Sebastianstraße.“
14 FOCUS 39/2012
FOTOS DER WOCHE
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Pelz über
die Ohren
gezogen
DITA VON TEESE, 39
Star-Stripperin und Verehrerin
des Cabarets „Crazy Horse“
„SEIT ICH 17 JAHRE ALT WAR,
verehre ich das ‚Crazy Horse‘. In
einem der ‚Playboys‘ meines Vaters
hatte ich dieses Foto vom legen-
dären Nackt-Cabaret gesehen.
Danach wollte ich nur noch dort-
hin, wo diese atemberaubenden
Mädchen tanzen. Ein oder zwei
Jahre später flog ich tatsächlich
nach Paris und sah die Show be-
stimmt 20- oder 25-mal. Ein Crazy-
Horse-Girl zu werden war danach
für mich der große Lebenstraum.
Diese Mädchen sind die schöns-
ten aus allen Ländern dieser Erde.
Alle tragen unterschiedlich hohe
High Heels, damit sie gleich groß
wirken. Auf der kleinen Bühne
ihres Theaters erscheinen sie
besonders langbeinig. Ein biss-
chen uniform vielleicht – aber sehr
cool. Sie erhalten außergewöhn-
liches Tanztraining. Deshalb war
es eine Ehre für mich, dass ich der
erste Gaststar wurde. Es war hart.
Die Frauen arbeiten 365 Tage im
Jahr, daheim und auf Tournee –
zwei Auftritte jeden Abend. In Las
Vegas, wo ich im dortigen ‚Crazy
Horse‘ auftrat, habe ich einen Hau-
fen schmierige Burlesque-Shows
gesehen. Aber man sollte nie das
Original vergessen.“
FOCUS 39/2012 15 15 FOCUS 39/2012
Staatsbesuch an der Themse
Für einige Tage gastieren die
Tänzerinnen des legendären
Pariser Cabarets „Crazy Horse“
in London. Vor ihrem Theater
posieren sie in britischem Ornat:
mit Bärenfellmützen auf
dem Kopf und kleinen Pfund-
Symbolen an den Strapsen
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Jetzt Fan werden: facebook.com/moncheri
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FOCUSSIERT
WARNUNG Unmittelbar vor der Ent-
scheidung über das deutsch-schwei-
zerische Steuerabkommen hat sich der
Streit auch unter Experten verschärft.
Der Bund Deutscher Kriminalbeamter
(BDK) vergleicht die geplante Pauschal-
steuer für bislang nicht entdecktes Alt-
vermögen mit einer „Geldwäschehand-
lung“, die „erstmals bewusst und gewollt
unter der Aufsicht jeweils zweier euro-
päischer, demokratischer Rechtsstaaten“
stattfinden könne.
In seiner Stellungnahme für den Fi-
nanzausschuss des Bundestags schreibt
der BDK-Bundesvorsitzende André Schulz,
bei den in der Schweiz vorhandenen aus-
ländischen Vermögenswerten in Höhe
von etwa 2,23 Billionen Euro handele
es sich „zu einem nicht unbeträchtlichen
Teil um inkriminiertes Vermögen aus in
Deutschland begangenen Steuerstraf-
taten, Wirtschaftskriminalität, Korruption,
Organisierter Kriminalität, Bandenkrimi-
nalität und weiteren schwer wiegenden
Delikten“.
Auch andere Experten zweifeln an der
bisherigen Regierungsschätzung, wonach
in der Schweiz nur noch zwischen 50 und
Mehr deutsches Schwarzgeld in der Schweiz
75 Milliarden Euro unversteuertes Kapital
aus Deutschland versteckt sei. Der in der
Schweiz ansässige Finanzexperte Mark
Morris beziffert das bei den Eidgenos-
sen angelegte deutsche Schwarzgeld in
einer Hochrechnung für den Bundestag
auf aktuell 250 Milliarden Euro.
Die Deutsche Steuer-Gewerkschaft
schätzt, dass deutsche Steuerhinterzie-
her 130 bis 150 Milliarden Euro in der
Schweiz bunkern. Erhebliche Vermö-
genswerte könnten weiterhin durch zwi-
schengeschaltete Trusts oder Stiftungen
vor dem deutschen Fiskus verborgen
werden. Dagegen lobt die Bundessteu-
erberaterkammer, dass das vorgesehene
Abkommen solche Fälle durch eine Miss-
brauchsklausel verhindern soll. the
WEITERBILDUNG Die Bundesregierung hat mit einer gut gemeinten Steuervereinfachung
massiven Ärger bei der Wirtschaft ausgelöst. Nach dem Entwurf für das Jahressteuer-
gesetz sollen auch Weiterbildungsprogramme für Unternehmen ab 2013 generell von
der Mehrwertsteuerpflicht befreit werden. Damit entfalle aber der sogenannte Vorsteuer-
abzug, mit dem Betriebe und Dienstleister die Verbraucherabgabe kostenneutral verrechnen
könnten, warnen die acht größten Wirtschaftsverbände in ihrer Stellungnahme für die
Anhörung im Finanzausschuss am Mittwoch dieser Woche. Das verteuere Bildung. Die
Pläne seien daher „geeignet, das Ziel der Steuerbefreiung zu konterkarieren“.
Der FDP-Finanzexperte Daniel Volk hat nun ein Bescheinigungsverfahren ins Gespräch
gebracht. Damit könnten gewerbliche Bildungsanbieter ihre Leistungen auf Antrag von
der Umsatzsteuer befreien lassen. In allen anderen Fällen bliebe es bei der bisherigen
Regelung, sagte Volk. „Das wird zumindest in anderen EU-Ländern so praktiziert.“ the
Plus Mehrwertsteuer? – Ja bitte!
250
Mrd. Euro
sollen deutsche
Steuerhinterzieher
noch in der
Schweiz bunkern
Stopp der Steuerflucht Bargeldkontrollen wie hier bei Lindau soll es auch nach Inkrafttreten des deutsch-schweizerischen Steuerabkommens geben
18 FOCUS 39/2012
€ 4,90
Herbst 2012
DIABETES-TYPEN
Eine Krankheit,
viele Gesichter
GESUNDE FÜSSE
Die beste Pflege
NATIONALER
DIABETES-PLAN
Die Ziele,
die Chancen
SAISON-STARS
Woran Sie sich jetzt
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Schauspielerin HALLE BERRY:
»Was ich dem Diabetes verdanke«
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FOCUSSIERT
MEDIZINPREIS FÜR FOCUS Für die
Berichterstattung über Gefahren
des hohen Blutdrucks wird die Redaktion
FOCUS-Gesundheit mit dem Preis für
Medizinpublizistik 2012 geehrt.
Als Begründung lobt die Deutsche
Hochdruckliga – Deutsche Gesellschaft
für Hypertonie und Prävention
„die besonderen Verdienste in der
Aufklärung der Bevölkerung“. Die
Journalisten von FOCUS-Gesundheit
erhalten den Preis Anfang Dezember
in Berlin auf dem Wissenschaftlichen
Kongress der Gesellschaft. cap
JETZT AM KIOSK In dieser Woche
erscheint FOCUS-Diabetes, das neue
Magazin, viermal im Jahr speziell für
Menschen, die an Diabetes erkrankt
sind. Nach aktueller Zählung sind das
sechs Millionen Deutsche. Sie alle
stehen vor der Herausforderung, ihr
Leben neu und gesünder auszurichten.
Im neuen FOCUS-Diabetes erfahren
Betroffene, wie eine Lebensumstellung
gelingt – ohne auf Genuss verzichten
zu müssen.
Die erste Ausgabe von FOCUS-Dia-
betes berichtet über Menschen, deren
Leben die Krankheit sogar positiv ver-
ändert hat. US-Schauspielerin Halle
Berry fühlte sich nach der Diagnose
stark wie nie und verdankt dem Dia-
betes auf Umwegen ihre Karriere. jn
FOCUS-Diabetes
Ausgezeichnet!
Alles neu bei Mercedes
SCHUMI-SCHOCK Der Formel-1-Rennstall
Mercedes steht kurz vor dem Neustart.
Zum einen ist Michael Schumacher als
Fahrer des Teams nur noch zweite Wahl.
Sollte sich McLaren-Star Lewis Hamil-
ton, dessen Vertrag bei den Briten Ende
des Jahres ausläuft, für die Stuttgarter
entscheiden, wird Rekordweltmeister
Schumacher wohl sein Cockpit verlieren.
Zudem wird derzeit die operative Über-
nahme des Formel-1-Teams durch die
Mercedes-Tochter AMG heftig disku-
tiert, was letztlich auch einen Umzug der
britischen Teambasis nach Affalterbach
bedeuten würde.
Des Weiteren ist geplant, dass der
glücklose Teamchef Ross Brawn durch
den bisherigen Chef der Formel-1-
Motorenfabrik, Thomas Fuhr, ersetzt
wird. In diesem Fall könnte Schumacher
in die Position des Co-Chefs rücken.
Noch ist zwar keine Entscheidung ge-
fallen. Alle drei Positionen stehen aber
auf der Tagesordnung der nächsten Vor-
standssitzung. Spätestens im Oktober
soll dann Klarheit bestehen. cs
Fahrerwechsel Muss Formel-1-Pilot Schumacher zum Saisonende das Cockpit verlassen?
FOCUS 39/2012
BMW Service
DlE BMW UNFALLHOTLlNE.
SOHNELLE HlLFE
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Unterwegs |asst s|cn n|cnt a||es vornersenen.
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ln EinzeIfäIIen aus dem AusIand:
÷49 S9 269 49 456
* Be| Anrufen aus dem Aus|and konnen
abnang|g vom Mob||funknetzbetre|ber
loam|ng-Oebünren anfa||en.

Stabile Helfer?
Die Bundesregie-
rung setzt außer auf
IWF-Chefin Christine
Lagarde auch
verstärkt auf EU-
Währungskom-
missar Olli Rehn
aus Finnland
Berlin will Veto-Kommissar
EURO-INITIATIVE Bundeskanzlerin An-
gela Merkel und Finanzminister Wolf-
gang Schäuble (beide CDU) wollen die
Position des EU-Währungskommmissars
massiv stärken. Er soll bei Defizitverfah-
ren gegen Haushaltssünder ein alleini-
ges Entscheidungsrecht erhalten. Der
Vorstoß steht nach FOCUS-Informationen
im Mittelpunkt einer Reihe von Vorschlä-
gen, mit denen die Bundesregierung den
Euro-Fiskalpakt weiter verschärfen will.
Nach den deutschen Vorstellungen soll
der Währungskommissar bei Haushalts-
entwürfen mit übermäßigem Defizit von
den Mitgliedsstaaten Nachbesserungen
verlangen können.
Für ihre Initiative werben Merkel und
Schäuble bereits intensiv bei ande-
ren Euro-Staaten. Mit Unterstützung
kann die Bundesregierung bislang aus
Österreich, Finnland, den Niederlanden
und Luxemburg rechnen. Schon bei
den nächsten EU-Gipfeln im Novem-
ber und Dezember erhoffen sich Merkel
und Schäuble konkrete Beschlüsse.
Ein alleiniges Entscheidungsrecht
gestehen die EU-Statuten bislang
nur dem Wettbewerbskommissar zu.
Die anderen 26 Kommissare brauchen
dagegen für Eingriffe in die Mitglieds-
staaten einen Mehrheitsbeschluss der
gesamten Kommission. the
MERKEL GEHT AUF LÄNDER ZU Bundeskanzlerin Angela Merkel bereitet eine stär-
kere Vernetzung und Koordinierung in der deutschen Bildungspolitik vor. Deshalb will sie
möglichst bald ein Expertengremium, einen sogenannten Bildungsrat, ins Leben rufen,
der Vorschläge machen soll. „Ziel ist es, den Bildungsrat 2013 zu etablieren“, meldet
ein Vertrauter. Merkel werde nun zunächst mit Forschungsministerin Annette Schavan
(CDU) reden und in einer zweiten Stufe Kontakt mit Vertretern der Länder aufnehmen.
Nach FOCUS-Informationen reagiert die Kanzlerin damit auf eine oft geäußerte Kritik
im Bürgerdialog. Vor allem Eltern schulpflichtiger Kinder hatten über die Zersplitterung
der Bildungslandschaft in Deutschland geklagt. „Ich habe keinen getroffen, der es
irgendwie richtig fand, dass die Länder die Schulhoheit haben“, hatte Merkel neulich
erklärt. An der verfassungsrechtlich festgelegten Kernzuständigkeit der Länder für
Bildungsfragen will Merkel aber festhalten. ack
Abschied von Bildungs-Kleinstaaterei
20 FOCUS 39/2012
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FOCUSSIERT
TENDENZ-O-METER
Wiesn-Wunder
Lederhosen an- oder aus-
ziehen? Das ist hier die Frage

Javier Martinez
Der neubayerische Bas-
ke macht nicht nur in
der Krachledernen was
her. Der FC Valencia
hat’s schon gesehen.

Ilse Aigner
Probelauf für nächstes
Jahr: Jetzt kommt der
365-Tage-Wahlkampfein-
satz – volle Zelte, volle
Mass und volle Tracht!

Thomas Gottschalk
Trägt ohnehin oft Leder-
beinkleid, aber lang und
schwarz. Oder hat sich
das Supertalent per Su-
perstrip längst entblößt?

Bettina Wulff
Bierzelt statt Schmoll-
ecke: Mit Mass & Dirndl
lässt sich das PR-
Debakel um ihr Buch
eventuell wegprosten.
„Frauen-Koalition“
Rita Pawelski (CDU),
hier mit Ministerin
Ursula von der
Leyen, setzt auf
das „frauenpoliti-
sche Gewissen“
der Kollegen
Frauenfrage, Gewissensfrage?
KOALITION IN NOT Das Thema Frauenquote
wird zur Zerreißprobe für die schwarz-
gelbe Koalition im Bund. Denn die Gruppe
der Unionsfrauen besteht darauf, sie im
Bundestag zu behandeln – und zwar ohne
Fraktionszwang. Damit würde die Quote
zur Gewissensfrage, und es könnte sich
eine Mehrheit ohne die mitregierende
FDP formieren. „Wir werden Gesprä-
che führen, damit das Thema bald auf
die Tagesordnung kommt“, kündigte Rita
Pawelski (CDU), Vorsitzende der Gruppe
der Frauen, an. „Ich werde darauf drän-
gen, dass der Fraktionszwang aufgehoben
wird.“ Sie setze auf das „frauenpolitische
Gewissen“ der Kollegen.
Auslöser: Im Bundesrat hatte eine
große Länderkoalition beschlossen, dass
in sechs Jahren 20 Prozent der Aufsichts-
und Verwaltungsräte großer börsenno-
tierter Unternehmen Frauen sein sol-
len. Die CDU-Regierungschefs Anne-
gret Kramp-Karrenbauer, Reiner Haseloff
und Christine Lieberknecht hatten sich
von der Berliner Koalition abgesetzt, bei
der Frauenquote beziehungsweise beim
Mindestlohn.
Bei der „Kaminrunde“ mit Unions-Minis-
terpräsidenten hatte Fraktionschef Vol-
ker Kauder dies nach FOCUS-Informa-
tionen scharf kritisiert. Er warnte davor,
der SPD-Taktik aufzusitzen. ack
Kurt Starke, 74, ist Leiter
der Forschungsstelle Partner-
und Sexualforschung Leipzig
Herr Starke, was am Nackten ist schützenswert?
Menschen sind schützenswert, Liebe und Kinder.
Aber Nacktheit an sich ist ein abstrakter Wert, sie
ist weder gefährlich noch erotisch. Wer sich über
ein Nacktfoto aufregt, beschäftigt sich mit einer
höchsten Nebensächlichkeit.
Warum erregten die Brustbilder bei der könig-
lichen Familie dann so sehr die Gemüter?
Weil sie einen gesellschaftlichen Widerspruch
zeigen: Nackheit ist in der Öffentlichkeit überall
präsent. Gleichzeitig beobachten wir eine Verschär-
fung des Nacktheitstabus. Auf der einen Seite zu
viel Fleisch, auf der anderen Seite müssen wir uns
vor Blicken schützen. Wenn ein Körper aber nur zur
Vermarktung abgebildet wird und der Betrachter
sich seelisch daran mästet, ist das pervers.
Sind wir vielleicht einfach zu prüde?
Schlimm sind die Sittenwächter, für die Fleisch-
liches und Sexualität Sünde sind. Wenn Menschen
Achtung vor dem Körper der anderen haben, dann
erschrecken sie auch nicht vor Nacktheit. Ich sel-
ber bin in der FFK-Tradition des Ostens aufgewach-
sen. Da findet man es absolut unnatürlich, mit
einer Hose ins Wasser zu gehen. jes
Am Rande:
»Nacktheit«
Sexualforscher Kurt Starke findet das Foto-
grafieren von Kate Middletons Busen schamlos
Scannen und
direkt bestellen.
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spannungsreiches, prickelndes Begehren. Für den Mann, der weiß, was er will.
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ENCOUNTER von Calvin Klein.
22
POLI TI K
Der Schachspieler
Seit seiner Kindheit pflegt
Peer Steinbrück das Spiel
der Könige. Seine Groß-
mutter ließ ihn als kleinen
Jungen nie gewinnen –
heute besteht er sogar
gegen Großmeister
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eer Steinbrück ist einmal zu früh
gestartet, damals mit Helmut
Schmidt. „Er kann es“, urteilte der
qualmende Weltweise aus Hamburg 2011
vor einem Millionenpublikum bei „Gün-
ther Jauch“. Das war zwar ein medialer
Ritterschlag, aber einer von der Sorte, die
später lange schmerzen. Die Empfehlung
des Altkanzlers ist Steinbrück nicht gut
bekommen; die empfindliche alte Tante
SPD hat laut aufgeheult und sich über
die „Selbstausrufung“ des Kandidaten
empört. Also hat Steinbrück sich wieder
zurückgezogen, brav in die Troika ein-
gegliedert und geduldig gewartet.
Aber jetzt greift er wieder an – end-
gültig und entschlossener denn je. Am
Dienstag dieser Woche will der Ex-Bun-
desfinanzminister seiner SPD-Bundes-
tagsfraktion erklären, wie er die Macht
der Banken und Börsen begrenzen will.
„Schach den Spekulanten“ – das ist
Steinbrücks Rezept, um die skeptischen
Genossen auf seine Seite zu ziehen –
und um sich als kämpferischer Sozi-
aldemokrat für die Kanzlerkandidatur
zu empfehlen.
Kandidat mit
Affäre
SPD-Chef Sigmar Gabriel ist von
Steinbrücks 20-seitigem Finanzmarkt-
papier ebenso begeistert wie von der
Angriffslust seines Favoriten. Gabriel
weiß, dass er bei der Euro-Krise wenig
gegen Angela Merkel ausrichten
kann. Umso mehr hofft der SPD-Chef
im kommenden Wahlkampf auf die
Mobilisierungskraft von Steinbrücks
Top-Themen. Und die sind inzwischen
sozialdemokratischer, als man dem
kühlen Hanseaten gemeinhin zutraut:
Kampf gegen die zunehmende Spaltung
des Arbeitsmarktes, stärkere Belas-
tung der Reichen, Verfolgung deut-
scher Steuerflüchtlinge und schließ-
lich die Entmachtung der Banken und
Spekulanten.
Das steht nicht nur auf Steinbrücks
Angriffsplan, sondern ist auch nach
Überzeugung von Parteichef Gabri-
el die beste Strategie, wenn die SPD
der populären Kanzlerin 2013 erfolg-
reich Paroli bieten will. In diesem Wahl-
kampf nimmt Steinbrück die zentrale
Rolle ein, wie schon zuletzt beim
Zukunftskongress der SPD deutlich
wurde. Dort hatte sich der kantige
Manager der Krise bereits durch eine
geschliffene und offensive Rede für die
kommende Auseinandersetzung mit
Angela Merkel empfohlen.
Solo-Auftritt
statt Troika in Berlin
An diesem Mittwoch schließlich
gestehen Sigmar Gabriel und Frank-
Walter Steinmeier ihrem Konkurrenten
erstmals seit langer Zeit wieder einen
Solo-Auftritt in Berlin zu: Steinbrück
wird der Öffentlichkeit ganz allein
Kann Peer Steinbrück
Kanzlerin? Mit einem
Angriff auf die Banken geht
der SPD-Finanzexperte in
die Offensive. Doch seine
Bitte um Millionenspenden
auf Minister-Briefpapier
könnte ihm schaden
Geschätzte Gegnerin
Während der Finanzkrise garantierten
Steinbrück und Merkel 2008 alle
deutschen Spareinlagen und verhinderten
einen Sturm auf die Banken
24 FOCUS 39/2012
POLI TI K
erklären, wie er künftig die Banken an
die Kette legen will. Tschüss Troika –
Bühne frei für Steinbrück!
Ob damit auch der Weg zur Kanzler-
kandidatur geebnet ist, wird sich spä-
testens im November zeigen, wenn die
SPD ihren aktuellen Streit um ihr neues
Rentenkonzept beigelegt hat. Erst wenn
in dieser zentralen Frage Konsens beste-
he, könne auch die K-Frage abschlie-
ßend geklärt werden, heißt es in Partei-
kreisen. Schließlich dürfe der Kandidat
nicht schon zu Beginn durch einen noch
schwelenden internen Streit beschädigt
werden. „Es muss Frieden herrschen“,
sagt eine ehemalige SPD-Ministerin,
„und dann müssen sich alle in der Par-
tei bis zum Wahltag zusammenreißen –
egal, wie der Kandidat heißt.“
Vieles deutet dabei auf Steinbrück
hin. Steinmeier will nach Möglichkeit
nicht noch einmal antreten, und Gab-
riel weiß, dass er von allen dreien die
geringsten Chancen hätte. Bereits heu-
te ist klar, dass der Mann an der Spitze
ganz genau unter die Lupe genommen
wird. Einen Vorgeschmack auf die neue
Rolle als Merkels Herausforderer erhielt
Steinbrück bereits letzte Woche, als er
in einem teuren Züricher Hotel über das
Schweizer Steuerabkommen und das
Bankgeheimnis der Eidgenossen refe-
rierte. Die Veranstaltung in dem edlen
Luxusambiente wurde just von jenen Fir-
men unterstützt, die Steinbrück künftig
ins Visier nehmen will: Fondsgesellschaf-
ten und Universalbanken. „Genossen
wundern sich“, ätzte die „Bild“-Zeitung
und schob sogleich die Schätzung hin-
terher, dass Bankenkritiker Steinbrück
mit seinen Vortragshonoraren in dieser
Legislaturperiode bereits sechsstellige
Summen verdient habe.
Schach-Affäre belastet den
Ex-Finanzminister
Genau durchleuchtet wird auch Stein-
brücks Vergangenheit. Dort findet sich
aus seiner Zeit als Bundesfinanzminis-
ter ein Vorgang, der mit Steinbrücks
Leidenschaft für Schach zusammen-
hängt – und der bei Juristen heute
Entsetzen auslöst:
Am 7. April 2006 schrieb Steinbrück
auf dem offiziellen Briefpapier des Bun-
desfinanzministeriums einen gleich-
lautenden Brief an Kai-Uwe Ricke und
Brief mit Geschmäckle Als Bundesfinanzminister bat Steinbrück 2006 die Chefs von Tele-
kom und Post um Millionenspenden für ein Schachspiel des Weltmeisters Wladimir Kramnik
in Bonn. Der Bund ist größter Aktionär und im Aufsichtsrat der beiden Firmen vertreten
Million für Finanzier Schach-Promoter Josef Resch brauchte Geld und hatte Steinbrück
überredet, ihm bei der Finanzierung eines Spiels „Mensch gegen Maschine“ zu helfen
Schwieriges Verhältnis Ex-Telekom-Chef Kai-Uwe Ricke (l.) und Peer Steinbrück (hier mit
Ex-Weltbank-Präsident James Wolfensohn) waren selten einer Meinung – auch bei Spenden
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31%
14%
22%
33%
weiß nicht/
keine Angabe keiner
in Prozent (Rest zu 100: keiner, weiß nicht, k. A.)
nach Parteienpräferenz
Frank-Walter
Steinmeier
Peer
Steinbrück
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40 45
48 44
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18 21
38 33
28 21
SPD
CDU/CSU
Grüne
FDP
Linke
Sonstige
Nichtwähler
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Klaus Zumwinkel, die damaligen Vor-
standschefs von Deutscher Telekom
und Deutscher Post. Die beiden Mana-
ger in Bonn waren schon bei Eintreffen
des Briefes gewarnt, denn schließlich
ist der Bundesfinanzminister für sie
nicht irgendein Politiker, sondern der
Vertreter des Haupteigentümers ihrer
Unternehmen – der Bundesrepublik
Deutschland. Das Finanzministerium in
Berlin verwaltet alle Beteiligungen des
Bundes und entsendet in die Aufsichts-
räte der beiden ehemaligen Staatsfir-
men Post und Telekom auch heute noch
einen Staatssekretär.
Doch Steinbrück ging es in dem
Schreiben an Ricke und Zumwinkel nicht
um unternehmenspolitische Fragen. Viel-
mehr trug er unter dem Bundesadler im
Briefbogen ein persönliches Anliegen
vor, das eng mit seinem liebsten Hob-
by zusammenhing: „Als begeisterter
Schachspieler hatte ich vor einiger Zeit
das Vergnügen, gegen den amtierenden
Schachweltmeister Wladimir Kramnik in
Dortmund eine Partie spielen zu dürfen“,
eröffnete Steinbrück seine Zeilen an die
beiden Top-Manager. Gleich im nächsten
Satz stellte er klar, dass er nicht irgend-
ein Hobbyspieler ist: „Wider Erwarten
der Fachwelt“ habe er nämlich die Partie
gegen den Weltmeister nur „knapp verlo-
ren“. Jedenfalls stehe er seit jenem denk-
würdigen Spiel in persönlichem Kontakt
mit Wladimir Kramnik. Bei einem ihrer
Treffen sei der Champion dann mit einem
Anliegen an ihn herangetreten, „das ich
gerne unterstütze“, schrieb Steinbrück
weiter. Allerdings könne er das „nicht
ohne Hilfe“ tun. „Deshalb“, so der Finanz -
minister zu Ricke und Zumwinkel, „wen-
de ich mich heute an Sie.“
Kurz gesagt: Der passionierte Schach-
spieler und Wahl-Bonner Steinbrück
brauchte 2006 dringend Geld, um ein
Schachspiel von Weltmeister Kramnik
gegen den damals leistungsstärksten
Schachcomputer der Welt, „Deep Fritz“,
in Bonn zu organisieren. Wie sehr das
Herz von Steinbrück an dem Projekt
hing, zeigte auch das ungewöhnliche
Engagement des schwer beschäftigten
Finanzministers. Er hatte sich nämlich
bereit erklärt, die Schirmherrschaft des
Bonner Schachwettkampfs zu über-
nehmen. Alles, was noch fehlte, war
ein ordentliches Sponsoring – und da
sollten die Vorstandschefs gefälligst hel-
fen: Steinbrück bat Ricke und Zumwin-
kel darum, das Spiel mit einer Million
Euro zu finanzieren – aus Mitteln von
Post und Telekom.
Veranstalter des Events war ein pri-
vater Investor namens Josef Resch.
Der hatte Steinbrück mit der Aussicht
gelockt, 2007 die offizielle Schach-
Troika in Auflösung Frank-Walter Steinmeier, Peer Steinbrück und Sigmar Gabriel beim Zukunftskongress der SPD in Berlin
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»Wer von den
beiden sollte Ihrer
Ansicht nach
Kanzlerkandidat
der SPD werden?«
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weltmeisterschaft nach Bonn zu holen.
Die Sache hatte allerdings einen Haken.
Organisator Resch machte die Finan-
zierung der prestigeträchtigen Welt-
meisterschaft 2007 „davon abhängig,
dass sein Investment“ vorher durch die
Partie von Weltmeister Kramnik gegen
den Schachcomputer „Deep Fritz“ ein-
gespielt werde, schrieb Steinbrück.
Als habe er die Bedenken von Ricke
und Zumwinkel bezüglich der erbete-
nen Millionenspende vorausgeahnt,
fügte Steinbrück am Schluss seines
Briefes ein paar werbende Worte hin-
zu: „Ich bin sicher, dass sich Ihre Unter-
stützung im wahrsten Sinne des Wortes
auszahlen wird.“
Parallele zu Möllemanns
Briefkopf-Affäre
Zwar lehnten Ricke und Zumwinkel
nach reiflicher Überlegung die Bitte
um das Millionen-Sponsoring ab. Doch
renommierte Aktienrechtler sehen in
dem Brief des Finanzministers „eine
Aufforderung zur verdeckten Gewinn-
ausschüttung, mindestens aber zu einer
Pflichtverletzung“, wie Uwe Schneider,
Professor am Institut für Kreditrecht an
der Universität Mainz, sagt.
„Natürlich können Unternehmen spen -
den, aber in angemessenem Umfang
und nicht für die Liebhaberei des
Großaktionärs an dessen Heimatort.“
Ihn erinnere diese Schach-Affäre, so
Jurist Schneider, „an die Briefkopf-
Affäre von Jürgen Möllemann“. Der
FDP-Politiker hatte als Wirtschaftsmi-
nister auf offiziellem Briefkopf seines
Ministeriums die Erfindung eines Ver-
wandten angepriesen. Der Anlass war
gering, aber letztlich musste Mölle -
mann 1993 wegen dieser „Briefkopf-
Affäre“ zurücktreten.
Auch Aktienrechtsexperte Michael
Adams sieht Parallelen. Der Bonner
Rechtsprofessor meint, „die Bitte von
Herrn Steinbrück um ein Millionen-
Sponsoring für ein Schachturnier ist
mit seiner Stellung als letztlich verant-
wortlicher Vertreter des Großaktionärs
Bundesrepublik nicht vereinbar“.
Wären Ricke und Zumwinkel damals
dem Ansinnen Steinbrücks gefolgt,
„hätten sie mit einem Bein im Gefäng-
nis gestanden“, glaubt Adams. „Man-
cher Staatsanwalt hätte darin eine ver-
suchte Anstiftung zur Untreue sehen
können.“ Das Geld, das Vorstände aus-
geben, gehöre schließlich den Aktio-
nären, erinnert Jurist Adams. „Man
kann den Eigentümern nicht einfach
in die Tasche greifen – selbst wenn es
für einen ,guten Zweck‘ ist.“ Es gebe
eine klare Treueverpflichtung des Vor-
stands. „Die Gewährung von Sonder-
vorteilen, die ein mächtiger Aufsichts-
rat einfordert, wäre eine Verletzung
der Treuepflicht“, meint Adams. „Kein
Wunder, dass die Vorstände sich ge -
weigert haben.“
Der Aktienrechtler, der die Verhält-
nisse in den beiden Ex-Staatsunter-
nehmen Post und Telekom gut kennt,
kann Steinbrück denn auch nicht ver-
stehen: „Das war ein starkes Stück und
eine fahrlässige Dummheit.“
Der Kandidat blickt
nach vorn
Steinbrück selbst wollte sich zu dem
Vorfall auf Anfrage von FOCUS nicht
äußern. Für ihn zählen die nächsten
Wochen. Er richtet den Blick nach vorn
und hofft wohl, ihn so kurz vor dem
ersten Etappenziel Kanzlerkandidatur
nicht in die Vergangenheit zurücklen-
ken zu müssen. Den Kandidaten treibt
die Sorge um, dass er im Wahljahr 2013
nicht genug Unterstützung von den
Parteigenossen erhält oder durch seine
SPD-internen Gegner vom linken Flügel
am Ende noch kurz vor dem Ziel doch
noch ausgebremst wird. ■
DANIEL GOFFART
Biografie eines bewegten Politiker-
lebens: FOCUS-Redakteur Daniel
Goffart hat ein neues Buch über Peer
Steinbrück und seine Fähigkeit geschrie-
ben, aus Niederlagen Siege zu machen
Künftig Konkurrenten Angela Merkel und Peer Steinbrück 2009 beim G-20-Gipfel in Pitts-
burgh. Die Kanzlerin und ihr Kassenwart arbeiteten bis zum letzten Tag eng zusammen
Welche Chancen hat
Steinbrück gegen Merkel?
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Koffer gepackt.
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FOCUS 39/2012 28
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A
ls Ilse Aigner eingeschult wird,
sieht sie wenig begeistert aus.
Das Mädchen schaut, als blicke es dem
Ernst des Lebens direkt ins Auge.
Die Bundesministerin für Verbrau-
cherschutz lacht ihr kehliges Lachen:
Es hat ihr dann doch gefallen in der
Schule – und das so grimmig drein-
schauende Kind wurde Klassenspreche-
rin von der ersten bis zur letzten Klasse.
Heute sieht man Aigner meistens
strahlen. Aber seit sie Hoffnungsträgerin
der bayerischen Konservativen ist, offi-
zielle Nummer zwei in der CSU, denkt
Aigner doch häufiger an den Ernst der
Lage und das Gewicht der Aufgabe.
Ilse Aigner soll Horst Seehofer ret-
ten, die CSU und Bayern. Es war nicht
ihre Idee, aber die 47-jährige Politike-
rin vom Tegernsee zählt nicht zu denen,
die sich drücken. Also ließ sich Aigner
von Parteichef Seehofer überzeugen,
ihre Zukunft in der Landespolitik zu
suchen und nicht im Bund.
In Bayern wird im September nächs-
ten Jahres gewählt. Die Liberalen dro-
hen an der 5-Prozent-Hürde zu schei-
tern – dann müsste sich die CSU allein
gegen ein Dreierbündnis aus SPD,
Grünen und Freien Wählern behaupten.
Das wird, wie Seehofer es formuliert, ein
„großer Kampf“, ein „Kraftakt“ – auch
das „Finale“. Ein Gang in die Oppositi-
on wäre für den CSU-Chef selbst, aber
auch für seine Partei nach altem Selbst-
verständnis das politische Ende.
Deshalb sagt Aigner jetzt Sätze wie:
„Die Landtagswahl wird sicherlich kein
Selbstläufer, wir müssen alle Kräfte bün-
deln.“ Leichtigkeit klingt anders.
Die neue Hoffnungsträgerin wurde
1994 in den Bayerischen Landtag ge-
wählt – gemeinsam mit Finanzminister
Markus Söder. Söder und Aigner waren
damals die jüngsten Abgeordneten im
Landesparlament. Anders als Söder oder
Sozialministerin Christine Haderthauer
jedoch, der jeder Karriere-Ambitionen
unterstellt, hat sich Aigner in all den
Jahren kaum Feinde gemacht.
Die Bundesministerin galt deshalb lange
als harmlos und zu nett für einen Erfolg.
Dabei macht jetzt gerade ihr Wesen den
Unterschied. Eigentlich ist die Persona-
lie Aigner nur eine von mehreren, die
Parteistrategen in den Wahlkampf ein-
streuen wollen. So sollen auch die Land-
tagsabgeordneten Markus Blume und
Oliver Jörg herausgehoben werden – als
eine Art Austauschminister für die FDP-
Mitglieder im bayerischen Kabinett.
Die Begeisterung über Aigner wird
kaum übertroffen werden: In der ver-
unsicherten Seehofer-CSU erfüllt sie
die Sehnsucht nach Harmonie. Sogar
Konkurrent Söder behauptet, dass er
sich prima mit Aigner versteht und dass
sie schon in Zeiten der Jungen Union
ein super Team waren. Söder war damals
JU-Vorsitzender, sie vier Jahre seine
Stellvertreterin. Natürlich knabbert er jetzt
daran, dass sich die Machtverhältnisse zu
ihren Gunsten verschoben haben.
In ihrer versöhnlichen Art sagt Aig-
ner, sie sehe Söder „an ihrer Seite“,
ebenso Christine Haderthauer. Speku-
lationen über Seehofers Nachfolge hält
Aigner für überflüssig. In der Schule
haben ihr Lehrer geraten, auch einmal
den Mund zu halten. ■
KATRIN VAN RANDENBORGH
Frau ohne Feinde
Ilse Aigner soll Horst Seehofer retten, die CSU und Bayern –
ihre Konkurrenz in der Partei hat sie quasi weggelächelt
Schulmädchen
Ilse bei ihrer
Einschulung –
später lernt sie
Elektrotechnik
Aufstieg geschafft
Ilse Aigner auf
Bergtour mit den
Almhüttenbesitzern
im Tegernseer Land
Ar omat i s ch und z ar t , mi t
feiner, körniger Struktur und
dem Geschmack nach mehr -
das ist Grana Padano, Italiens
beliebtester Käse. Beginnen Sie
noch heute Ihre Liebesbeziehung .
Der Spitzenkäse aus Italien.
[[[KVERETEHERSMX
30 FOCUS 39/2012
POLI TI K
Herr Kommissar, das Eintreiben von
Steuern scheint eines der größten
Probleme der Griechen zu sein. Haben
Sie der Regierung in Athen in dieser
Hinsicht schon helfen können?
Wir als Kommission, aber auch viele
Einzelstaaten, haben den Griechen
dazu bereits technische Hilfe geleistet.
Das ganze Steuersystem dort braucht
eine gründliche Überholung. Wir haben
den griechischen Behörden unsere Vor-
schläge dafür vorgelegt. Die Umset-
zung wurde allerdings durch die Wie-
derholung der Parlamentswahl und
den Regierungswechsel in Athen ver-
zögert. Die neue Regierung zeigt aber
eine große Bereitschaft zur Verände-
rung und will das Problem jetzt wirk-
lich angehen.
»Uns entgeht eine Billion«
Wie einzigartig sind die griechischen
Probleme im europäischen Vergleich?
Wir haben auch in zehn anderen Mit-
gliedsstaaten Schwächen des Steuer-
systems ausgemacht. Wir sind bereit,
jedem EU-Land technische Hilfe zu
leisten, das den Wunsch hat, seine
Steuereintreibung zu optimieren. Das
kann ein wichtiger Beitrag zur Lösung
der Schuldenkrise in Europa sein.
Glauben Sie wirklich, dass es mit
höheren Steuereinnahmen getan ist?
Man muss natürlich realistisch sein. Es
wäre zu optimistisch zu unterstellen,
man könnte nur mit höheren Steuer-
aufkommen die Krise lösen. Aber einen
beachtlichen Beitrag zur nötigen Haus-
haltskonsolidierung müsste man damit
schon leisten können.
Über wie viel Geld reden wir konkret?
Man muss sich vor Augen halten,
dass die Schattenwirtschaft verschie-
denen Studien zufolge fast ein Fünf-
tel der gesamten Wirtschaftsleistung in
Europa ausmacht. Das bedeutet, dass
den Mitgliedsländern jedes Jahr eine
Billion Euro an Steuerzahlungen ent-
EU-Steuerkommissar
Algirdas Semeta kündigt
eine europaweite Offen-
sive gegen Steuerhinter-
ziehung zur Linderung von
Haushaltsnöten an
❙ Der zweimalige
frühere litauische Finanz-
minister gehört seit 2009
der EU-Kommission an.
❙ Der studierte Ökonom
war zunächst für die Haus-
haltsplanung zuständig. Seit
2010 ist er verantwortlich für
Steuern, Zölle, Finanzaufsicht
und Betrugsbekämpfung.
Algirdas Semeta, 50
Der Steuer-Mann
FOCUS 39/2012
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geht. Hier gibt es ein riesiges Poten-
zial für zusätzliche Staatseinnahmen.
In diesen schwierigen Zeiten sollte
man es zur Priorität machen, das auch
zu nutzen.
Wie wollen Sie das schaffen?
Wir werden bis zum Jahresende einen
Aktionsplan mit etwa 25 Einzelmaß-
nahmen vorlegen. Dazu gehört zum
Beispiel ein besserer Datenabgleich
zwischen den Finanzbehörden der
Mitgliedsstaaten. Wir wollen es wohl-
habenden Bürgern einzelner Staaten
schwerer machen, sich ihrer einhei-
mischen Steuerpflicht zu entziehen,
indem sie in andere EU-Länder aus-
weichen. Wir arbeiten an einer ein-
heitlichen europäischen Steuernum-
mer. Davon verspreche ich mir einen
großen Fortschritt beim Kampf gegen
Steuerhinterziehung und -betrug.
Müssten die Steuersätze in den einzelnen
Ländern nicht auch vereinheitlicht werden,
um Steuerflucht sinnlos zu machen?
Wir gehen gegen das vor, was wir „schäd-
lichen Steuerwettbewerb“ nennen: Steu-
ervorteile für Unternehmen zum Beispiel,
die nur aus diesem Grund ihren Sitz in
einem Mitgliedsstaat nehmen, ohne dort
tatsächlich ökonomisch aktiv zu sein.
Aber wir haben immer auch die unter-
schiedlichen Traditionen und wirtschaft-
lichen Rahmenbedingungen der ein-
zelnen Länder zu beachten. Identische
Steuersätze in der ganzen EU sind nicht
unser Ziel. Übrigens hat es da bei den
Unternehmenssteuern seit der Krise eine
interessante Entwicklung gegeben: Die
Steuersätze ziehen wieder an, während
es in den Jahren zuvor eher Anzeichen
für eine Art Wettrennen nach unten gab.
Einige deutsche Bundesländer kaufen
CDs mit Datensätzen Schweizer
Banken auf, um Steuerhinterziehern
auf die Schliche zu kommen. Was
halten Sie von solchen Praktiken?
Meine Antwort darauf
ist einfach: So
etwas wäre
nicht nötig,
wenn die
Kommission
endlich das
Mandat
bekäme, für
die ganze
EU ein
stärkeres
Abkommen
mit der
Schweiz zur
Vermeidung
von Steuer-
flucht aus-
zuhandeln.
Fast alle Mit-
gliedsstaaten
wollen das. Aber
leider sperren
Luxemburg und
Österreich sich
noch dagegen.
Was halten Sie von einer EU-
Steuer zur besseren Finanzierung
des Haushalts der Union? Es heißt immer
wieder, es handle sich dabei um einen
geheimen Herzenswunsch der Kommission?
Wir haben so etwas noch nicht vorge-
schlagen und verfolgen solche Pläne
zurzeit auch nicht. Ein Teil des EU-
Budgets wird übrigens jetzt schon aus
Mehrwertsteuer-Einnahmen der Mit-
gliedsstaaten gespeist, allerdings nach
einem sehr komplizierten und schwer
handhabbaren System. Das müssen wir
vereinfachen. Zusätzlich schlagen wir
vor, die Einnahmen aus einer künftigen
Finanztransaktionssteuer in den EU-
Haushalt zu lenken. Das sollten etwa
zwei Drittel des Gesamtaufkommens
aus den Mindeststeuersätzen sein.
Da wollen Sie sich aber einen
ganz schön kräftigen Schluck
aus der Pulle genehmigen!
Keinesfalls. Dieses Geld wollen wir
nicht zusätzlich einstreichen. Die indi-
viduellen Beitragszahlungen der ein-
zelnenen Länder sollen sich entspre-
chend verringern. ■
INTERVIEW: HANS-JÜRGEN MORITZ
»Wir arbeiten an
einer einheitlichen
Steuernummer zur
Bekämpfung von
Steuerhinterziehung
und -betrug«
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Wer sind die Brandstifter
auf muslimischer Seite?
„Die gewalttätigen Ausschrei-
tungen sind kein spontaner
Ausbruch religiöser Rage, son-
dern orchestriert und manipu-
liert“, glaubt der 1989 durch
eine Fatwa zum Tode verurteil-
te Autor Salman Rushdie. Tat-
sächlich war der Film bereits
seit Wochen Thema radikal-
islamischer Talkshows. Predi-
ger wie der Ägypter Abu Islam
Abdullah riefen zur Verteidi-
gung des Propheten auf. Zu
den Demonstranten, die die
Botschaft in Kairo und das
Konsulat in Bengasi angriffen,
gehörte auch radikal-islami-
sche Prominenz. Mohammed
al-Zawahiri, der Bruder des
al-Qaida-Chefs, mischte in
Wut-Industrie
statt Religion
Die Unruhen wegen des Mohammed-Videos halten
an. Die wichtigsten Fakten zu Provokationen, zur
Meinungsfreiheit und aktuellen Bedrohungslage
Kairo mit; in Bengasi randa-
lierte Ansar al-Scharia, eine
Kampfbrigade, die sich eige-
nen Angaben zufolge nach
Gaddafis Tod formierte.
Die US-Regierung hat den
Anschlag auf ihr Konsu-
lat inzwischen offiziell als
Terrorakt bezeichnet: „Wir
prüfen Hinweise, wonach die
Täter Verbindungen zu al-
Qaida hatten“, erklärte der
Sprecher des Weißen Hauses,
Jay Carney.

Wer sind die Provokateure
auf westlicher Seite?
Nakoula Basseley Nakoula,
Urheber des Films, ist ein in
Ägypten geborener koptischer
Christ. Die Kopten sehen sich
als direkte Nachfolger der
ersten Christen in Ägypten,
das bis zum Beginn der ara-
bischen Herrschaft im 7. Jahr-
hundert christlich war. 7000
Kopten leben in Deutschland,
300 000 in den USA. Viele ver-
ließen ihre Heimat, weil sie
sich durch die muslimische
Mehrheit unterdrückt fühlten.
Ihre Führer distanzierten sich
von dem Machwerk.
Produziert wurde das Video
von dem kalifornischen Film-
studio „Media for christ“,
dessen Präsident Joseph Ab-
delmash ist. Er gehört wie
Nakoula einer Gemeinde des
koptischen Priesters Zakaria
Botros Henein südlich von Los
Angeles an. Sein Spitzname:
„Erster Feind des Islam“.
Für Nakoulas Film machte
Morris Sadek, Vorsitzender
der Nationalen Koptisch-Ame-
rikanischen Vereinigung, die
PR-Arbeit. Laut deren Web-
Seite strebt die Gruppie-
rung einen eigenen Staat im
ursprünglichen Herrschaftsge-
biet der Kopten an. Die Mus-
lime sollen sich nach Saudi-
Arabien zurückziehen.
Zum christlich-fundamenta-
listischen Netzwerk gehört
auch Steven Klein, ein Ver-
sicherungsagent aus Kalifor-
nien. Er soll an der funda-
mentalistischen „Church at
Kaweah“ eine paramilitäri-
sche Ausbildung für deren
Mitglieder angeboten haben.
Auch der evangelikale Pre-
diger Terry Jones, Pastor des
50 Mitglieder zählenden Dove
World Outreach Center in
Gainesville/Florida warb für
den Streifen. Vor zwei Jahren
brachte er bereits durch eine
öffentliche Koran-Verbren-
nung die Muslime auf die
Barrikaden. Deutsche Behör-
den verhängten gegen ihn ein
Einreiseverbot, nachdem die
rechtspopulistische „Bürger-
bewegung pro Deutschland“
angekündigt hatte, ihn einzu-
laden. Sie will den Film öffent-
lich zeigen.

Warum verletzt der Film
die Gefühle der Muslime?
Bilderdarstellungen sind im
Islam verboten – und die Dar-
stellung des Propheten ein
absolutes Tabu. Das Verbot
bezieht sich auf die Abnei-
gung Mohammeds gegen
menschliche Darstellungen.
Die Schöpferkraft, so argu-
mentieren seine Verfechter,
solle allein Gott überlassen
werden. „Mohammed in
einer despektierlichen
Volkszorn
Aufgebrachte Demons-
tranten in Pakistan kip-
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34 FOCUS 39/2012
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KfW Bankengruppe
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Frankfurter Verband
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Behindertenhilfe e. V.
POLI TI K
und sexualisierten Weise dar-
zustellen ist in den Augen von
Muslimen nichts anderes als
Blasphemie“, erklärt Islam-
Experte Karl-Josef Kuschel
von der Universität Tübingen.
„Es verletzt ihre religiösen
Gefühle zutiefst.“

Warum reagieren die
Muslime mit so viel Gewalt?
Die heftigen Reaktionen las-
sen sich unter anderem mit
dem viel größeren Stellenwert
von Religion in der arabischen
Welt erklären. Darüber hinaus
gibt es in jedem Land eige-
ne, innenpolitische Gründe: In
Ägypten sind radikale islami-
sche Gruppen enttäuscht von
ihrem neuen Präsidenten – der
Muslimbruder Mohammed
Mursi ist ihnen nicht islamisch
genug. Bei der Ämtervertei-
lung fühlen sie sich übergan-
gen. Auch in Libyen wur-
den die radikalen Islamisten
ins Abseits gedrängt: In der
neuen Regierung spielen sie
kaum eine Rolle. Im Libanon
ringt die Hisbollah mit einem
drastischen Imageverlust. Der
Zorn der Pakistani richtet sich
gegen den amerikanischen
Drohnenkrieg im Land.
„Mittlerweile hat sich in die-
sen Ländern eine Wut-Indus-
trie etabliert, die gar nichts
mit Religion zu tun hat“, ana-
lysiert Salman Rushdie. Der
Protest habe vielmehr eine
identitätsstiftende Funktion:
„Die Menschen definieren
sich über die Dinge, die sie
hassen, nicht über das, was sie
lieben. Das ist ein wachsen-
des Problem: Dass Menschen
glauben, sie müssten wütend
sein, um zu wissen, wer
sie sind.“

Was bedeutet die
Fatwa gegen die
Produzenten des Films?
Eine Fatwa ist ein religiöses,
rechtlich nicht bindendes Gut-
achten. Da es im Islam keine
absolute Autorität gibt, kön-
nen mehrere, auch wider-
sprüchliche Fatwas nebenei-
nander bestehen.
Ein salafistischer Imam aus
Ägypten erließ eine Fatwa
gegen alle Beteiligten des
Schmähvideos: Ahmed Fuad
Aschusch forderte „junge
Muslime in den USA und in
Europa“ auf, Macher und
Schauspieler sowie alle, die
zur Verbreitung beitrugen,
wegen Verunglimpfung des
Propheten zu töten. Ob sie die-
sem Aufruf folgen, entschei-
den die Gläubigen selbst.

Wie weit darf die
Meinungsfreiheit gehen?
„Wenn man heute in Frage
stellt, ob man Mohammed
karikieren darf, dann kommt
bald die Frage, ob man über-
haupt Muslime abbilden
darf“, behauptet Stéphane
Charbonnier, Chef des fran-
zösischen Satire-Magazins
„Charlie Hebdo“, das in der
vergangenen Woche weite-
re Mohammed-Karikaturen
veröffentlichte. Die Aktion ist
europaweit umstritten.
Der Grünen-Europa-Abge-
ordnete Daniel Cohn-Ben-
dit nannte die Provokation
von „Charlie Hebdo“ „idio-
tisch“: „Wenn man auf einem
Pulverfass sitzt, hat man die
Möglichkeit, 30 Sekunden
nachzudenken, bevor man
ein Streichholz anzündet.“
Der Brandstifter
Nakoula Basseley Nakoula
mit einer Darstellerin. In-
zwischen wurde er verklagt
FOCUS 39/2012
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Sollten weitere Mohammed-
Karikaturen und die Ausstrah-
lung des Films also verboten
werden? Religionsforscher
Karl-Josef Kuschel plädiert
für freiwillige Zurückhaltung.
„Christen sollten sich mit den
Muslimen solidarisieren“, for-
dert er. „Was wir brauchen, ist
keine juristische Einschrän-
kung, sondern eine moralisch
motivierte Selbstkontrolle.“
Die Meinungsfreiheit solle
unangetastet bleiben.

Gibt es unter den
Muslimen auch Gegner der
Ausschreitungen?
Viele Muslime haben das
Gefühl, dass ihnen von den
Filmemachern eine Falle ge-
stellt wurde. Die Mehrheit
verurteilt den Film. Doch auch
die Gewalt der vergangenen
Woche lehnt sie ab. Eine
Twitter-Meldung aus Kairo
bringt diese Haltung auf den
Punkt: „Da müht man sich seit
Jahren, das Image des Islam
zu verbessern, und dann
kommen diese Deppen und
machen alles zunichte.“

Was bedeuten die
Unruhen für die arabische
Revolution?
Die Regierungen in Tunesien,
Ägypten und Libyen sind durch
die gewalttätigen Demonstra-
tionen und Angriffe auf aus-
ländische Botschaften in gro-
ßer Bedrängnis. Sie alle sind
auf gute Beziehungen zum
Westen angewiesen. Ohne
wirtschaftliche Unterstützung
kann der Neuanfang nicht
gelingen. Zugleich müssen
die Regierungen Rücksicht auf
die Stimmung in der Bevölke-
rung nehmen. Der ägyptischen
Regierung ist es zumindest
vorerst gelungen, die Proteste
abzufangen, indem sie einen
zivilen Prozess gegen die
Macher des Films ankündigte.

Wie gefährdet ist
Deutschland?
Das Bundeskriminalamt (BKA)
geht in einer aktuellen Risi-
koanalyse von einem „erheb-
lichen Gefahrenpotenzial im
Inland sowie für deutsche
Einrichtungen und Interessen
im Ausland“ aus. Weitere
islamkritische Aktionen
„könnten zum Initialzünder
für neue schwere Ausschrei-
tungen gegen deutsche Inte-
ressen weltweit werden.
Laut BKA könnten solche
Provokationen den Grund
„für terroristische Anschläge
gegen die Bundesrepublik“
liefern. In dem Dossier bezif-
fern die Terroranalysten „das
islamistisch-terroristische Per-
sonenpontenzial“ in Deutsch-
land auf mehr als 900 militan-
te Extremisten. Etwa 250 von
ihnen seien in Terrorlagern
gewesen oder planten einen
solchen Schritt. ■
J. GERLACH / P. GRUBER /
A. C. HOFFMANN / F. LEHMKUHL /
S. REMKE / A. SPILCKER / M. WEBER
Sollte das
Mohammed-Video
in Deutschland
öffentlich gezeigt
werden?
In unserem Meinungs -
forum debattieren unsere
Leser das Thema der Woche.
Die besten Texte drucken
wir nächste Woche auf der
Leserdebatten-Seite. Bedin-
gung: Sie schreiben unter
Ihrem echten Namen und
verwenden kein Pseudonym.
Die Leser-
debatte
Beiträge unter:
www.focus.de/magazin/
debatte
Mails an: debatte@focus-
magazin.de
36 FOCUS 39/2012
POLI TI K
Tokio
Peking
CHINA
JAPAN
Senkaku-/
Diaoyu-Inseln
NORDKOREA
SÜDKOREA
Ost-
chinesisches
Meer
PAZIFIK
RUSSLAND
TAIWAN
500 km
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ie Proteste verloren jedes Maß,
sie klangen martialisch und hass-
erfüllt. „Besiegt die japanischen
Teufel“ sowie „Japaner und Hunde müs-
sen draußen bleiben“ war auf Plakaten
zu lesen, die chinesische Demonstranten
vorige Woche durch die Straßen trugen.
Ein Audi-Händler hängte ein Banner vor
sein Schaufenster: „Alle Japaner müs-
sen umgebracht werden.“ In 100 Städten
Chinas demolierten „Wutbürger“ japa-
nische Autos, Läden und Restaurants.
Der äußere Anlass für den offenbar von
oben orchestrierten Ausbruch: Drei un-
bewohnbare Felsen im ostchinesischen
Meer, von den Chinesen Diaoyu, von den
Japanern Senkaku genannt, die Japans
Regierung einem Privatmann abkaufte.
Das empfindet Peking als Provokation,
es sieht sich selbst als Eigentümer der
Inseln und ihrer fischreichen Gründe.
Ausgerechnet im 40. Jahr diplomati-
scher Beziehungen ist das Verhältnis der
beiden ostasiatischen Rivalen auf dem
emotionalen Tiefpunkt. Unkompliziert
war es nie: Japan hat sich bisher nicht
für die Gräueltaten während des Zweiten
Weltkrieges in China entschuldigt und
ehrt seine Kriegshelden bis heute.
Jetzt droht ein Handelskrieg: Hunder-
te beim Autobauer Honda vorbestellte
Fahrzeuge stornierten die Chinesen wie-
der. Auch ein trilaterales Freihandelsab-
kommen mit Südkorea gilt als gefährdet.
Japanische Firmen wie Canon und Sony
schlossen vorläufig Fabriken. „Japans
unrechtmäßiger Kauf der Inseln wird
dem Handel schaden“, zeigte sich der
Sprecher des Pekinger Handelsministe-
riums, Shen Danyang, überzeugt. Davon
allerdings hätten beide Volkswirtschaf-
ten das Nachsehen. China ist Hauptab-
nehmer für japanische Waren, Japan für
China zweitgrößter Handelspartner.
Japanische Regierungskreise fürchten
noch dramatischere Folgen. „Hier liegen
die zweit- und drittgrößte Volkswirtschaft
im Streit. Wenn er weiter eskaliert, wäre
der Schaden für die ganze Weltwirtschaft
hoch“, sagt eine Wirtschaftsexpertin.
Aber Peking spielt offenbar auch mit
anderen Szenarien. So soll es nach chi-
nesischen Medien ein Geheimtreffen von
fünf Generälen gegeben haben. Einer von
ihnen wird mit den Worten zitiert: „Wenn
die japanische Marine in die Zwölfmeilen-
zone um die Inseln eindringt oder wenn
chinesische Schiffe angegriffen werden,
müssen wir militärisch reagieren.“ Eine
Armada von Fischerbooten, begleitet von
chinesischen Patrouillenschiffen, ist mitt-
lerweile auf dem Weg ins Ostchinesische
Meer, um den Anspruch auf die Mini-
Inseln zu unterstreichen. Diese, warnte
Tokio im Gegenzug, unterlägen der ame-
rikanischen Sicherheitsgarantie.
An einen Seekrieg der „Titanen im Pazifik“
glauben Experten dennoch nicht. Chi-
na gehe es mit seinem Muskelspiel wohl
vor allem darum, von den ungewöhnlich
heftigen Führungsquerelen vor dem 18.
Parteitag in diesem Herbst abzulenken.
Und schließlich verfügt Peking auch
über unblutigere, aber ebenso wirksame
Waffen. Bis vorigen Freitag attackierten
Hacker die Web-Seiten von 19 japani-
schen Banken, Universitäten und Behör-
den, sogar die des Verteidigungsminis-
teriums. Bei einigen änderten sie den
Inhalt, bei anderen hinterließen sie eine
kleine rote Flagge als Signatur. ■
G. DOMETEIT / S. GUSBETH / S. STEFFEN
Alles wegen ein paar Felsen
Handelsboykott, Cyberattacken und Kriegsgeklingel: Mit ihrem bizarren Inselstreit riskieren China
und Japan großen wirtschaftlichen Schaden – nicht nur in den eigenen Ländern
Zankäpfel Das Territorium um die Senkaku-/
Diaoyu-Inseln soll fisch- und rohstoffreich
sein. Japan pocht auf Ansprüche seit 1895,
China führt Dokumente des 14. Jh.s an
Präsenz zeigen
Ein chinesisches Patrouillenboot
sondiert die Lage vor den Inseln
* Kraftstoffverbrauch (in l/100 km nach VO (EC) 715/2007): 6,0 (innerorts), 4,2 (außerorts),
4,9 (kombiniert). CO
2
-Emissionen: 112 g/km (kombiniert).
Quelle: www.ukipme.com/engineoftheyear
Fahrspaß trifft Sparspaß. Der Motor des Jahres 2012.
Der 1,0 l EcoBoost-Motor ist International Engine of the Year 2012.
Effizienz made in Germany: der neue EcoBoost-Benzinmotor mit nur 4,9 l Verbrauch
*
. Klein
und stark, aber trotzdem sparsam und umweltschonend. So muss ein Motor heute sein, damit
wir auch in Zukunft mit Spaß Auto fahren können. Eben eine Idee weiter.
REPORT
38
»Verleumdung
und Sippenhaft«
URSULA SARRAZIN hat ein Buch über ihre Erlebnisse als Berliner Grundschullehrerin
geschrieben. Hier schildert sie die Gründe, warum sie vorzeitig in Pension ging
39 FOCUS 39/2012
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Frau Sarrazin, wenn Ihr Name
Müller wäre, wie wäre Ihre Karriere
als Lehrerin verlaufen?
Dann wäre vieles, was mir widerfahren
ist, gar nicht passiert.
Ihr Buch trägt den Titel „Hexenjagd“.
Neudeutsch nennt man, was Ihnen
zugestoßen ist, wohl eher Mobbing.
Ja. Mobbing bedeutet, ausgegrenzt zu
werden. Und die vielleicht schlimmste
Form des Mobbings ist, wenn Sie noch
nicht mal wissen, dass Sie gemobbt
werden. Wenn Sie dem, was ein Chef
heimlich macht, völlig ausgeliefert
sind. Mein Schulleiter Joachim Syska
hat sich so verhalten.
Indem er quasi eine Stasi-Akte
von Ihnen angelegt hat?
So könnte man es fast bezeichnen.
Dieser Schulleiter hat ein halbes Jahr
lang hinter meinem Rücken Briefe mit
haarsträubendem Inhalt an die Schul-
verwaltung geschickt, von denen ich
nichts ahnte.
Was stand in den Briefen?
Er behauptete zum Beispiel, er hät-
te zehn grottenschlechte Unterrichts-
stunden von mir gesehen. In Wahrheit
waren es zwei gute Stunden, wie er mir
unmittelbar nach diesen beiden Stun-
den bestätigte. Er schrieb, ich würde auf
Gesamtkonferenzen pöbeln, und bat um
die Erlaubnis, mich von diesen Konfe-
renzen auszuschließen. Er behauptete,
ich hätte ein „massives persönliches
Strukturproblem“, ich käme Kollegen
„körperlich zu nahe“, würde ständig
„Eltern bedrohen“ und Ähnliches mehr.
Kaum verhüllt, lief es darauf hinaus, ich
sei irgendwo nicht ganz dicht. Es waren
Behauptungen in amtlichen Schreiben
an das Schulaufsichtsamt – ohne jeden
Beleg oder Nennung auch nur eines ein-
zigen Vorkommnisses.
Und die Schulverwaltung?
Sie duldete solche ehrabschneidenden
Anschuldigungen, ohne den Schullei-
ter um handfeste Belege zu bitten oder
mich zur Stellungnahme aufzufordern,
wie es ihre Pflicht gewesen wäre. Das
war entweder eine ungeheure Ver-
letzung der Fürsorgepflicht durch die
zuständigen Schulräte, oder sie saßen
mit im Verleumdungsboot.
Sie vermuten im Buch, es sei anfangs der
Neid auf Sie als Frau eines einflussreichen
Mannes gewesen, der letztlich in Schikanen
mündete. Haben Sie dafür Indizien?
Ja, zum Beispiel die Konrektorin, die
sich im Lehrerzimmer hinstellte und
zu mir sagte: „Ulla, dir geht es doch
so gut. Du kannst wirklich ein paar
mehr Überstunden machen.“ Die
Schulleitung versuchte, mich von der
Gesamtkonferenz auszuschließen, und
untersagte mir die Teilnahme an der
Arbeitsgemeinschaft „Schulcharta“.
Es steht eine Reihe von Vorwürfen
gegen Sie im Raum. Zum Beispiel sollen
Sie besonders streng zu den Kindern
gewesen sein, auch in der Benotung.
Das lässt sich leicht vorwerfen und sehr
schwer widerlegen. Ich denke aber
nicht, dass ich das war. Das haben mir
auch Kinder aus allen Klassenstufen
immer wieder von sich aus gesagt,
wenn sie von diesem Vorwurf hörten.
Sie sollen einen Jungen mit
einer Flöte geschlagen haben.
Absurd. Im Jahr 2000 hatte sich ein
elfjähriger Schüler im Musikunterricht
vom Stuhl fallen lassen und wollte sich
nicht wieder hinsetzen. Da habe ich
ihm seinen Stuhl mit der einen Hand
hingestellt und ihn mit der anderen
am Arm gehalten, damit er sich wieder
draufsetzt. Ich hatte aber meine Flöte
in der Hand, denn es war ja Musikun-
terricht. Und hinterher behauptete er,
ich hätte ihn mit der Flöte geschlagen.
Danach kam die Mutter zu mir, und
ich habe ihr gesagt: „Wir können ger-
ne die ganze Klasse fragen. Ich habe
Ihren Sohn nicht geschlagen.“ Damit
war die Sache erledigt. Elf Jahre spä-
ter setzte der Vater die Behauptung
in die Welt, ich hätte seinen Sohn mit
der Flöte geschlagen, und Zeitungen
druckten es. Offenbar war zu diesem
Zeitpunkt gegen einen Menschen, der
den Namen Sarrazin trägt, jede Unter-
stellung recht.
Sie hatten, nachdem solche Vorwürfe
gegen Sie in den Medien zirkulierten,
eine Ehrenerklärung der Schulver-
waltung erwartet. Was ist passiert?
Nichts. Die Schulverwaltung hat schon
im April 2011 erklärt, dass sie mir eine
Ehrenerklärung nicht geben werde.
Zugleich weigerte sie sich, die Vorwür-
fe zu untersuchen. Und weil sie nichts
untersuchte, konnte sie auch nicht fest-
stellen, ob ich mir irgendetwas hatte zu
Schulden kommen lassen.
Sie schreiben, dass der Schulleiter
gleichzeitig Eltern aufgefordert habe,
sich über Sie zu beschweren.
Das hat mir ein Vater bestätigt. Mein
Schulleiter hatte mir vorgeworfen,
dieser Vater habe sich bitterlich über
meinen Unterricht beklagt. Mir gegen-
über beteuerte dieser Vater, er habe
sich nicht beklagt, allerdings habe ihn
der Schulleiter regelrecht angestachelt,
sich über mich zu beschweren.
Warum haben sich Ihre Kollegen
nicht mit Ihnen solidarisiert?
Sie standen in der Furcht des Herrn.
Wer zu mir hielt, lief Gefahr, ebenfalls
schikaniert zu werden. Außerdem
leben sie ja von ihrem Beruf, während
ich mich in der privilegierten Situati-
on befand, für meinen Lebensunterhalt
nicht auf die Schule angewiesen zu
sein. Wenn sich jemand aus der Schul-
leitung im Lehrerzimmer aufhielt, war
das so, als wäre ein Bannkreis um mich
gezogen. Es wurden auch Gespräche
mit mir abgebrochen, wenn jemand
aus der Schulleitung das Zimmer
betrat. Darum bin ich im letzten halben
Jahr nicht mehr ins Lehrerzimmer
„Monsterlehrerin“?
Ursula Sarrazin in ihrer
Berliner Wohnung. Nach
33 Jahren als Grundschul-
lehrerin schied die Mutter
zweier Söhne 2011 aus
dem Schuldienst, weil sie
nach eigener Aussage
das Gemobbtwerden
nicht mehr ertrug
Immer mehr Alte, immer weniger Junge: Deutschland steht vor großen Herausforderungen. Wenn die wenigen
Jüngeren auch noch die Krankheitskosten der vielen Älteren tragen müssen, wird es eng. Privatversicherte schonen
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Das Sparschwein Ihres Kindes
würden Sie doch auch nicht
plündern, oder?
REPORT
gegangen. Ansonsten war das Verhält-
nis zu meinen Kollegen desto normaler,
je weniger Zeugen anwesend waren.
Inwieweit wurde das Buch Ihres
Mannes an der Schule thematisiert?
Es wurde totgeschwiegen. Also, außer-
halb der Schule tobte der Sturm, und
drinnen, quasi hinter der Hafenmole,
war tiefes Schweigen. Nur der Schul-
leiter bestellte mich zu sich und erklär-
te: „Frau Sarrazin, das Buch darf kei-
ne Unruhe machen. Es muss auf dem
Boden des Grundgesetzes stehen. Es
muss überhaupt die Gesetze einhal-
ten.“ Ich antwortete: „Herr Syska,
wenn Sie über das Buch reden wol-
len, müssen Sie sich an meinen Mann
wenden, ich bin nicht die richtige
Ansprechpartnerin. Ich vermittle Ihnen
gerne einen Termin.“
Kein Kollege hat Ihnen gegen-
über das Buch erwähnt?
Drei Kollegen haben mir das Buch in
Einkaufstüten unauffällig überreicht
und mich gefragt, ob mein Mann nicht
eine Widmung hineinschreiben könn-
te. Ich habe in meinem Leben immer
wieder die Erfahrung gemacht: Wenn
über etwas nicht gesprochen wird, das
eigentlich der Rede wert ist, wird es
gefährlich. Als Kollegen zu mir kamen
und fragten: „Was hat sich denn dein
Mann dabei gedacht, uns das Weih-
nachtsgeld zu streichen?“, da konn-
te ich mit ihnen darüber reden. Aber
diesmal . . .
. . . Moment, das muss man jetzt
erklären. Ihr Mann hat als Berliner
Finanzsenator im Jahr 2003 den Lehrern
das Weihnachtsgeld gestrichen.
Ja, nicht nur den Lehrern, sondern
allen Berliner Beamten und danach
über sieben Jahre keine Gehaltserhö-
hung mehr zugelassen.
Es gab also Gründe, sich
an Frau Sarrazin zu rächen.
(lacht) Ja. Allerdings hat er auch mein
Weihnachtsgeld gestrichen und mein
Gehalt eingefroren. Und vor allen
Dingen hatte ich darauf gar keinen
Einfluss. Insofern war das wirklich
Sippenhaft.
Gab es, nachdem „Deutschland schafft
sich ab“ erschienen war, außer dem
allgemeinen Schweigen noch irgendeine
Eskalationsstufe im Gemobbtwerden?
Mir wurde quasi überhaupt nichts mehr
mitgeteilt. In dieser Zeit begann der
Schulleiter, die erwähnten Briefe an
die Schulaufsicht zu schreiben. Er setzte
offenbar damals alles daran, mich von
der Schule zu entfernen, und stachelte
dabei auch Kollegen zu Falschaussa-
gen an. Von mir darauf angesprochen,
sagten die betroffenen Kollegen, sie
wüssten, dass die Vorwürfe falsch sei-
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en. Aber der Schulleiter hätte ihnen fer-
tige Erklärungen vorgelegt, und dann
hätten sie das eben unterschrieben. Als
ich die Kollegen darauf hinwies, dass
es so was wie Recht in unserem Land
gibt und Rechtsanwälte, die einer Sache
nachgehen, wurde das von der Schullei-
tung mir gegenüber als Bedrohung der
Mitarbeiter ausgelegt!
Was war letztlich der Grund, dass Sie
aus Ihrem Beruf ausgeschieden sind?
Wann haben Sie das beschlossen?
Im Januar 2011. Ich war in einer Situa-
tion, in der ich objektiv nicht weiterar-
beiten konnte, obwohl ich immer noch
gerne Lehrerin war. Ich war fast 60
Jahre alt. Sie können nicht in diesem
Alter und auch noch mit dem Namen
Sarrazin einfach an die nächste Schu-
le wechseln. Da hätte mir das Gleiche
geblüht, und dann hätte es geheißen,
sie kommt an der einen Schule nicht
zurecht und an der nächsten wieder
nicht. Und als dann mein Fall mit voller
Namensnennung durch die Zeitungen
ging, war die Sache sowieso erledigt.
Stellen Sie sich nur einmal Erstkläss-
lereltern vor, die mich überhaupt nicht
kennen, denen ich aber öffentlich als
eine Monsterlehrerin dargestellt wor-
den bin.
Ihr Fall ist bei der Berliner
Staatsanwaltschaft anhängig.
Wie ist der Stand der Dinge?
Der Staatsanwalt ist dabei, die Zeu-
gen zu hören. Ich habe jetzt vom Ober-
schulrat die offizielle Erlaubnis bekom-
men, die ich als Beamtin brauche, um
als Zeugin der Anklage aussagen zu
dürfen.
Was ist das Ziel Ihrer Klage?
Ich will, dass der Schulleiter für sein
Verhalten bestraft wird.
Und der Straftatbestand wäre?
Beleidigung. Verleumdung. Wörtlich
steht „Beleidigung und anderes“ in
der Anklage.
Und nun sitzen also Frau Paria und
Herr Paria als das bekannteste deutsche
Paria-Paar zusammen daheim?
Im letzten Winter saßen wir zu Hau-
se und schrieben jeder ein Buch über
Missstände in unserer Gesellschaft mit
der Zielsetzung, dass es in Zukunft
vielleicht etwas besser wird. Im Übri-
gen: Wer von einigen Schulbeamten
oder Politikern gemobbt wird, ist noch
lange nicht ausgestoßen. ■
INTERVIEW: MICHAEL KLONOVSKY
Anklageschrift
Das Buch erscheint
im Diederichs Verlag,
288 S., 17,99 Euro
42 FOCUS 39/2012
REPORT



E
s gibt viele Neuköllns. Das behaup-
tet Heinz Buschkowsky, seit 2001
Bürgermeister des gleichnamigen Prob-
lembezirks in Berlin. Der Sozialdemo-
krat wurde mit seiner These „Multikulti
ist gescheitert“ republikweit bekannt.
Jetzt legt der 64-Jährige mit „Neukölln
ist überall“ (397 Seiten, Ullstein Verlag)
nach. Das Buch bietet inte-
ressante, teils erschütternde
Lektüre – gespickt mit Fak-
ten, Eindrücken und Ansich-
ten über die Zustände in dem
Bezirk mit 315 000 Einwohnern
und einem Anteil von 41 Pro-
zent Migranten.
Buschkowsky hofft nun auf
eine Debatte über Versäum-
nisse bei der Integration von
Einwanderern. Beim Gespräch
im Rathaus erklärt er, warum:
„Neukölln ist kein Sonderfall.
In Stadtlagen wie Kiel-Gaar-
den, Hamburg-Wilhelmsburg
oder München-Hasenbergl
sind die Situationen ähnlich.“
Als Nestbeschmutzer wurde
der unbequeme Politiker oft
verunglimpft, auch aus den
eigenen Reihen. Ihn ficht das
nicht an. Vor seinem Rück-
zug aus der Kommunalpoli-
tik spätestens 2015 möchte er noch ein
paar „Rezepte“ hinterlassen, damit
„unsere Städte nicht nur noch auf dem
Atlas Städte in Mitteleuropa sind“. ple
Buschkowskys Ansichten über . . .
. . . den Alltag in Neukölln
»
An der roten Ampel schauen alle
möglichst stur geradeaus, um nicht
von den Streetfightern aus dem Wagen
nebenan angepöbelt und gefragt zu
werden: „Hast du Problem? Könn’ wir
gleich lösen!“
„Es kann Ihnen passieren, dass Sie bei
einem lapidaren Auffahrunfall eine
Überraschung erleben. Nämlich dann,
wenn Ihr Unfallpartner äußerlich ein-
deutig als Einwanderer zu erkennen ist.
»Hast du Problem?«
In diesem Fall werden Sie und Ihr Kon-
trahent in Blitzesschnelle von mehreren
,Zeugen‘ umgeben sein, die alles genau
gesehen haben. Nicht Ihr Hintermann
ist auf Sie aufgefahren, sondern Sie
sind ihm schneidig im Rückwärtsgang
reingefahren.“
. . . Kriminalität
»

Wir können 192 jugendliche Serien-
straftäter unser Eigen nennen . . .
49 Prozent tragen arabische Namen.
. . . Nun sind 192 junge Menschen von
65 000 Einwohnern unter 21 Jahren
weniger als ein halbes Prozent. Bedenkt
man, dass die Hälfte immer gerade sitzt,
halbiert sich die Zahl noch. Gleichwohl
reichen 100 völlig skrupellose Gewalt-
täter aus, um ganze Gegenden in Angst
und Schrecken zu versetzen.“
„Es beginnt bereits mit den Erziehungs-
idealen muslimischer Eltern. Jungen
werden dazu erzogen, tapfer, mutig
und kampfbereit zu sein. . . . Deswegen
laufen schon im Kindergartenalter Jun-
gen mit Waffen in der Tasche durch die
Gegend, immer bereit, die ,Ehre meiner
Mutter‘ zu verteidigen.“
. . . Bildung
»
Der moderne Ablasshan-
del des Wohlfahrtsstaats
– nimm deinen Scheck, geh
nach Hause und sei ruhig – ist
keine Antwort auf das Problem
der in bildungsferner Lethargie
oder Kriminalität verharrenden
Bevölkerungsschichten. . . . Wir
brauchen einen Systemwech-
sel, weg von der Sozialalimen-
tierung des Einzelnen hin zu
Strukturen, die es ihm ermög-
lichen, sein Leben in die eige-
nen Hände zu nehmen.“
. . . Multikulti
»

Es ist eine eigene Welt ent-
standen. . . . Menschen be-
stimmter Glaubensrichtungen
ziehen nach Neukölln, um
ihrer Moschee und ihrer Glau-
benscommunity nahe zu sein. Sie bilden
Netzwerke, die nur einem Zweck dienen:
unter sich zu bleiben, die eigenen kultu-
rellen und religiösen Normen zu bewah-
ren, die Kinder vor sündigen Einflüssen
zu beschützen und der deutschen Lebens-
art, den deutschen Lebensregeln und den
deutschen Gesetzen auszuweichen.“
. . . Integration
»
Die Ordnungsprinzipien des tägli-
chen Lebens gelten auch für Ein-
wanderer. Wer mit den Gesetzen dieses
Landes nicht leben kann oder leben will,
wem das Leben zu liberal und zu gottlos
ist und wer sich nach feudalen Lebens-
verhältnissen sehnt, dem sei viel Erfolg
bei der Suche nach einem Ort irgend-
wo auf der Welt gewünscht, der seinen
Idealen besser entspricht.“ ■
Der SPD-Bürgermeister
von Berlin-Neukölln,
Heinz Buschkowsky, will
mit seinem Buch eine Dis-
kussion über den Umgang
mit Einwanderern eröffnen
Brennpunkt Neukölln Buschkowsky gibt sich streitlustig
Die Idee ist gut!
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44 FOCUS 39/2012
REPORT
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D
a unten liegt die Antwort: 30 Meter
in der Tiefe – mitten in der Kölner
City, im Krater. Die Antwort auf Fragen
zu Schlampereien beim Bau der U-Bahn,
die im März 2009 zum Einsturz des histo-
rischen Stadtarchivs und dem Tod zwei-
er Anwohner führten. Die Antwort auf
die Frage, wer den Schaden von gut einer
Milliarde Euro zahlen und sich wegen
fahrlässiger Tötung verantworten muss.
Dreieinhalb Jahre sind seit der Katas-
trophe vergangen, noch immer schaut
der Chefaufklärer der Unglücksursache,
Oberstaatsanwalt Torsten Elschenbroich,
von oben in das Einsturzloch, ohne die
exakte Antwort zu kennen.
Juristische Scharmützel und Inkompe-
tenz verzögern die Ursachenforschung.
Das liegt nicht zuletzt an der Arbeits-
gemeinschaft (ARGE) der Bauunterneh-
mer, die nur ein verhaltenes Interesse
an der Aufklärung zeigt. Denn womög-
lich kommen auf die Firmen gigantische
Schadensersatzforderungen zu.
Die Ermittlungen in Köln gestalten
sich äußerst schwierig. Schon kurz nach
dem Unglück verfolgte die Staatsan-
waltschaft eine These, wie das Unglück
Kriminelle Schlamperei
Interne Querelen und Parteigutachten behindern die Ermittlungen
zum Einsturz des Kölner Stadtarchivs vor dreieinhalb Jahren
passiert sein dürfte: Danach brach
das Grundwasser, das die Archivmau-
ern zum Einsturz brachte, durch eine
defekte Schlitzwand (Lamelle 11) unter
dem U-Bahn-Bauwerk ein. Zudem fand
man heraus, dass Bauarbeiter bei der
Installation der Stützwände geradezu
kriminell geschlampt hatten.
Doch alle Bemühungen der Sonder-
kommission „Severin“ scheiterten, die
überflutete mutmaßliche Schadstelle zu
untersuchen. Dabei hatten die Kölner
Verkehrsbetriebe (KVB) sowie die Stadt
zunächst versprochen, die Ermittler könn-
ten spätestens im Sommer 2010 in den
Schacht. Doch ein sogenanntes „Beweis-
sicherungsbauwerk“ bei Lamelle 11, das
eine Besichtigung erst möglich macht, ist
bis heute nicht errichtet – auch weil sich
die Bergung der Archivalien schwieriger
gestaltete als gedacht.
Dass sämtliche Beteiligten – Stadt,
KVB, Staatsanwalschaft und ARGE – ein
ausgeprägtes Misstrauen gegeneinander
hegen, erschwert das Ganze zusätzlich.
Im maßgeblichen Zivilprozess um Scha-
densersatz bekriegen sich die eigens
von jeder Partei bestellten Gutachter.
Den zeitweiligen Versuch der Baufirmen,
die Beweissicherung mit einem irrwit-
zigen und noch dazu teuren Tiefbau-
monstrum in Eigenregie zu übernehmen,
konnte die Staatsanwaltschaft gerade
noch verhindern.
2011 verstrich ungenutzt mit dem Streit
der Kontrahenten über Haftungsfragen.
Als die Stadt ihr papierenes Gedächt-
nis endlich gehoben hatte, warnte im
Mai 2012 ein Prüfingenieur vor statischen
Problemen im „Kölner Loch“. Weitere
Monate vergingen, weil der seit Jahren
geplante Bau des Beweisschachts ausge-
schrieben werden musste.
Treten „weitere Unwägbarkeiten bei der
Trockenlegung“ des U-Bahn-Bauwerks
auf, fürchtet NRW-Justizminister Thomas
Kutschaty (SPD), dass sich die Unglücks-
ursache erst im Jahr 2014 klären lässt.
Dem zuständigen Oberstaatsanwalt
Elschenbroich bleibt nichts anderes
übrig, als noch immer gegen unbekannt
zu ermitteln. Nächstes Jahr will und muss
er eine Liste mit konkreten Beschuldig-
ten erstellen, denn Ende 2013 droht die
Verjährung. Nach FOCUS-Informatio-
nen richtet sich der Verdacht vor allem
gegen Verantwortliche der ARGE und
einige Personen von der Bauaufsicht der
KVB. Gegenüber FOCUS will der Chefer-
mittler dies nicht kommentieren. Nur so
viel: „Manchmal muss man einen langen
Atem haben, und den haben wir.“ ■
AXEL SPILCKER
Zwei Menschen starben, als
das Gedächtnis Kölns beim
Bau der Nord-Süd-U-Bahn
2009 durch enorme Grund-
wassermassen weggespült
wurde. Der mutmaßliche
Schaden beläuft sich auf
1
Der Einsturz
des Stadtarchivs
Mrd.
Euro
BfV BND
Innenministerium Kanzleramt
Gemeinsames Terrorismusabwehrzentrum GTAZ
E
r gilt als der geheimste
aller deutschen Geheim-
dienste. Sein Präsident gibt
nie Interviews. Bürger und
selbst Soldaten wissen wenig
über ihn. Der Militärische
Abschirmdienst, kurz MAD,
arbeitet im Hintergrund. Zu
seinen Stärken gehört nicht
gerade die Öffentlichkeits-
arbeit. Doch die hätte er
momentan bitter nötig: Die
Politik diskutiert über seine
Abschaffung. Wieder einmal.
Die Regierung streitet um
den Sinn des MAD – befeuert
durch die Aufklärungspan-
nen rund um die terroristische
Mordserie des Nationalsozia-
listischen Untergrunds (NSU).
Der Geheimdienst hatte den
Parlamentarischen NSU-Unter-
suchungsausschuss nicht auf
eine vorhandene Akte über
den Neonazi Uwe Mundlos
hingewiesen – Munition für er-
bitterte MAD-Gegner wie Jus-
tizministerin Sabine Leutheus-
ser-Schnarrenberger (FDP). Sie
will den MAD schon lange los-
werden und plädierte erneut
dafür. Verteidigungsminister
Thomas de Maizière (CDU)
will den Dienst behalten, ihn
aber umstrukturieren und ver-
kleinern.
Der MAD ist neben dem
Bundesamt für Verfassungs-
schutz (BfV) und dem Bun-
desnachrichtendienst (BND)
Deutschlands dritter Nach-
richtendienst auf Bundes-
ebene. Im Geschäftsbereich
des Verteidigungsministeri-
ums soll er die militärische
Sicherheit und die Einsatz-
BRENNPUNKT
MAD
Über keinen deutschen Geheimdienst ist so wenig
bekannt wie über den Militärischen Abschirmdienst.
Kritiker fordern seine Abschaffung. Zu Recht?
bereitschaft der Bundeswehr
gewährleisten.
Darauf berufen sich die
MAD-Befürworter: Das Mili-
tär brauche wie jede Armee
einen eigenen Geheimdienst,
um gerade aus der Binnensicht
extremistische Soldaten zu
enttarnen. Der wehrpolitische
Sprecher der Unionsfraktion,
Ernst-Reinhard Beck, hält den
MAD für unverzichtbar: Ge-
rade in Zeiten des internatio-
nalen Terrorismus sei die über
Jahrzehnte erworbene Exper-
tise in Sachen Sicherheitsüber-
prüfung und Spionageabwehr
wertvoll, so Beck.
FDP, Grüne und Linke wol-
len die MAD-Aufgaben an-
deren Geheimdiensten über-
tragen, um so Geld zu sparen
und Doppelstrukturen zu ver-
hindern. Beispiel: Sobald ein
rechtsextremistischer Soldat
die Kaserne verlasse, sei der
Verfassungsschutz zuständig.
Ohne Skandale geht es auch
beim MAD nicht: 1978 hörte
er die Sekretärin von Vertei-
digungsminister Georg Leber
wegen angeblicher Spionage
illegal ab. 1983 stufte er Gene-
ral Günter Kießling wegen an-
geblicher Homosexualität als
Sicherheitsrisiko ein. Der Offi -
zier wurde in den Ruhestand
versetzt und später rehabili-
tiert. Vize-Amtschef Joachim
Krase, der 1988 starb, wurde
erst nach dem Mauerfall als
Verräter enttarnt. Er hatte laut
Akten 15 Jahre für den DDR-
Geheimdienst gearbeitet. ■
M. BAUER / J. HUFELSCHULTE
46 FOCUS 39/2012
Der Bundesnachrichten-
dienst (BND) beschafft für
die Bundesregierung sen-
sible Informationen aus aller
Welt, in erster Linie aus
Krisengebieten. Der Geheim-
dienst soll rechtzeitig im
Ausland Entwicklungen er-
kennen, die Deutschlands
innere und äußere Sicher-
heit bedrohen könnten.
Vom GTAZ aus bekämpft der MAD seit 2004 zusam-
men mit anderen Sicherheitsbehörden den islamisti-
schen Terror. Die Experten tauschen Informationen aus,
erstellen Analysen und stimmen Operationen ab.
Das Bundesamt für Verfas-
sungsschutz (BfV) beob-
achtet Tendenzen, die sich
gegen Freiheit und Demokra-
tie richten: Spionage, Isla-
mismus, Rechts- und Links-
extremismus. Verhaften darf
aber nur die Polizei. Wegen
der Pannenserie rund um die
NSU trat Präsident Heinz
Fromm zurück.
❙ 6000 Mitarbeiter
weltweit
❙ Geheimdienst der
Bundesregierung
❙ Viele Skandale in
den eigenen Reihen
❙ Schaltzentrale der Sicherheitsbehörden
❙ Koordinierte Aktionen gegen Terror
❙ 2700 Mitarbeiter
im Inland
❙ Frühwarnsystem der
Regierung
❙ Schwerste Krise
durch NSU-Skandal
Die Gefahr auf dem Schirm – im GTAZ arbeiten deutsche
Behörden gemeinsam an der Abwehr islamistischen Terrors
MAD
Verteidigungs-
ministerium
Abt. I
Abt. III
EXTREMISMUS-/TERRORISMUS-/
SPIONAGE- UND SABOTAGEABWEHR
PERSONELLER/MATERIELLER
GEHEIM- UND SABOTAGESCHUTZ
Abt. II
Abt. IV
EINSATZABSCHIRMUNG
ZENTRALE AUFGABEN
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47
Was der Spieß für die Truppe, ist die Abteilung Zentrale
Aufgaben für den MAD: die Mutter der Kompanie. Sie
kümmert sich um die personelle, organisatorische und
materielle Absicherung des Betriebs. Sie sucht die Bewer-
ber aus – sowohl Soldaten (rund zwei Drittel) als auch Zivi-
listen (ein Drittel). Sie besorgt die nachrichtendienstliche
Technik und hält die Informationstechnologie am Laufen.
Minister Thomas de Maizière will
den MAD und den Erstzugriff auf geheime
Infos aus der Truppe behalten. Geplant ist
eine Verkleinerung auf 1100 Mitarbeiter.
Seit Beginn der Auslandseinsätze schützt die Abteilung III
deutsche Soldaten rund um die Welt – allerdings nur inner-
halb der Lager. Den Anschlag auf den Bus der Internationalen
Schutztruppe 2003 in Afghanistan konnte sie nicht verhindern.
Der MAD berät den Kommandanten zur Abschirmung, sichert
die Einsatzbereitschaft der Truppe und überprüft Ortskräfte
wie Dolmetscher oder Fahrer, die für die Bundeswehr arbeiten.
Nachrichtendienstliche Kernaufgaben im Inland über-
nimmt Abteilung II. Sie ver folgt Soldaten, die in Kontakt zu
Extremisten stehen könnten. Der MAD wirbt dafür Agenten
an. Durch Kooperation mit ausländischen Diensten er fährt
er, welche Gefahren der Bundeswehr etwa in Afghanistan
drohen. Mehrere Anschläge konnten so verhindert werden.
Bislang starben 52 deutsche Soldaten am Hindukusch.
Der Tiefpunkt des MAD. Wegen angeblicher Homosexualität
stufte der MAD General Günter Kießling 1983 als Sicherheits-
risiko ein. Minister Manfred Wörner versetzte ihn zu Unrecht in
den Ruhestand. Die Sicherheitsüberprüfungen vollzieht Abtei-
lung IV. Das betrifft alle Soldaten, die mit „sicherheitsempfind-
lichen Tätigkeiten“ betraut sind – pro Jahr etwa 56 000. Außer-
dem schützt der MAD Rüstungsprojekte und Liegenschaften.
Eine Wache am Kasernentor salutiert zur Begrüßung
Eine Bombe tötete vier Bundeswehrsoldaten in Kabul
Taliban liefern der Bundeswehr erbitterte Kämpfe
Zapfenstreich für General Kießling mit Minister Wörner
Der Militärische Abschirm-
dienst (MAD) mit dem neuen
Präsidenten Ulrich Birkenheier
an der Spitze soll die Bundes-
wehr vor inneren und äußeren
Feinden schützen. Dafür hat
er vier Fachabteilungen.
❙ 1200 Mitarbeiter im In- und Ausland
❙ Schutz der Bundeswehr
❙ Politiker verlangen Auflösung
48 FOCUS 39/2012
REPORT
B
evor sie sich erschossen, griffen die
Terroristen zum Feuerzeug. Uwe
Mundlos und Uwe Böhnhardt zündeten
am 4. November 2011 ihr Wohnmobil
in Eisenach an. Stunden später steckte
Beate Zschäpe die Wohnung des Trios in
Zwickau in Brand und flüchtete.
Die Mitglieder der rechtsradikalen
Zelle Nationalsozialistischer Untergrund
(NSU) wollten keine Spuren hinterlassen.
Niemand sollte beweisen können, dass
sie zehn Menschen ermordet hatten.
Fast wäre das Kalkül aufgegangen.
Doch im verkohlten NSU-Nachlass
fanden sich eindeutige Hinweise: 20
Schusswaffen stellte die Polizei sicher,
darunter jene Ceska 83, mit der zwi-
schen 2000 und 2006 bundesweit neun
Einwanderer erschossen worden waren.
Mit Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe
waren die Verantwortlichen der Mord-
serie und anderer Straftaten offenbar
gefunden. Doch woher hatten sie die
Waffen? Wer waren die Helfer?
Monatelang ermittelte das Bundeskri-
minalamt (BKA) im In- und Ausland. Das
Resultat ist ernüchternd. Nach FOCUS-
Recherchen lässt sich bei einem Großteil
der Waffen nicht mehr sagen, auf wel-
chem Weg sie das Trio erreichten.
Für immer ungeklärt bleibt vermut-
lich die Herkunft der Pumpgun, mit
der Mundlos und Böhnhardt Suizid
be gingen. Die Winchester war 1992 in
Ein rätselhaftes Waffen-Arsenal
einem Salzburger Waffenladen an einen
Deutschen verkauft worden. Bernd B. war
Mitglied eines Schützenvereins und starb
2005 in Berlin. Was danach mit der Flinte
geschah, vermag niemand zu sagen.
Ohne Ergebnis verliefen auch die Nach-
forschungen zu zwei Ceska-Pistolen. Die
eine war in den 90er-Jahren bei einer
Militäreinheit in Nordböhmen gestohlen
worden, die andere hatten Unbekannte
1999 in Prag aus einem Auto geklaut.
In drei Fällen scheiterten die Ermittlungen
an fehlenden Waffennummern, die sich
nicht rekonstruieren ließen. Betroffen war
auch ein Revolver Alfa-PROJ. Damit hatten
die NSU-Terroristen 2006 in Zwickau einen
Bankangestellten schwer verletzt.
Andere Pistolen waren zu alt, um ihre
Geschichte nachzuvollziehen, etwa eine
Radom VIS 35. Durch Schüsse aus dieser
Waffe war der Polizist Martin A. 2007 in
Heilbronn schwer verletzt worden. Das
BKA fand heraus, dass die Wehrmacht die
Die Mordfahnder hofften,
über die Waffen der
Zwickauer Terrorzelle die
Helfer der Killer zu finden –
und stießen dabei auf so
manche Überraschung
Radom während des Zweiten Weltkriegs
in Polen produzierte. Dann verliert sich
die Spur. Ähnliches gilt für die Pistole,
mit der die Killer A.s Kollegin Michèle
Kiesewetter hingerichtet hatten. Laut
russischen Behörden wurde die TOZ
TT33 zwischen 1930 und 1942 hergestellt.
Unterlagen gebe es nicht mehr.
Eine Bruni-Pistole benutzten die Neonazis
bei zwei Mordanschlägen in Nürnberg
und Hamburg. Die Waffe war ursprüng-
lich eine Schreckschusspistole. Wie die
Terroristen an das umgebaute Modell
kamen, bleibt ein Rätsel.
Etwas klarer sehen die Fahnder bei
einer Flinte vom Typ Mossberg Maverick.
Der Schweizer Michael S. hatte sie
1997 in Zürich legal gekauft und später
weiterveräußert. Auf FOCUS-Anfrage
erklärte S., der Käufer sei „definitiv kein
Rechtsextremist“ gewesen. Was mit dem
Gewehr anschließend passiert sei, wisse
er nicht. Die Ermittlungen dauern an.
Abgeschlossen sind die Recherchen
laut Bundesanwaltschaft zur wichtigsten
NSU-Waffe. Die Ceska 83 gelangte über
einen Schweizer und eine weitere Station
in die Hände eines Thüringer Kriminel-
len. Der vertickte sie Mitte 2000 dem Mit-
arbeiter eines Neonazi-Ladens in Jena.
Dort hatten zwei Kameraden des Trios
zuvor eine „scharfe Pistole“ bestellt. ■
GÖRAN SCHATTAUER
Werkzeuge der Mörder
Die Polizeifotos zeigen einige Waffen
der NSU-Killer, darunter die Ceska 83
mit Schalldämpfer (links, Mitte). Sie
gilt als „Hauptwaffe“ der Terroristen
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das Gebiet der Bundesrepublik Deutschland. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Die Abbildung ist beispielhaft.
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50 FOCUS 39/2012
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as Munzir A. im Mai 2011 in
einem Operationssaal der Mag-
deburger Unversitätsklinik widerfuhr,
ist unter Ärzten gefürchtet. Während
eines Bandscheibeneingriffs riss ein
Blutgefäß auf. Die Patientin, Monika
Felgenträger, 67, kollabierte. Rettung,
so die medizinische Lehre, muss in solch
einem Moment rasch und beherzt erfol-
gen. Bei Felgenträger gelang das nicht.
Der Staatsanwalt ermittelte, ein Gut-
achter wiegelte ab – schicksalhafter
Verlauf eben. Jetzt stellt sich heraus,
dass Munzir A. nach deutschem Recht
möglicherweise kein richtiger Arzt war.
Die Magdeburger Ermittler sind wieder
aktiv. Neben dem Verdacht der fahrläs-
sigen Tötung geht es nun außerdem um
Betrug und Urkundenfälschung.
Das Phänomen des medizinischen
Hochstaplers scheint mit diesem Fall
eine Facette hinzuzubekommen. Wäh-
rend der gelernte Briefträger Gert Pos-
tel zwischen 1982 und 1997 Kliniken
und „Kollegen“ beinahe im Wortsinn
narrte, dürfte Munzir A. zielstrebig
eine Karriere vor Augen gehabt haben.
Eine erste Spur findet sich 1983.
Akten belegen, dass der gebürtige Jor-
danier seither dauerhaft in Deutsch-
land lebte. Doch nach dem Tod der
Patientin Felgenträger sah eine Mag-
deburger Behörde genau hin und ent-
deckte, dass der vorgebliche Dr. med.
angegeben hatte, von 1986 bis 1995
in Kairo studiert zu haben. Bislang ist
unklar, ob A. jemals einen medizini-
schen Hörsaal von innen gesehen hat.
A. heuerte in mehreren Bundesländern
an, arbeitete in Marburg, war 2005 bis
2009 Assistenzarzt in Regensburg – an
jener Universitätsklinik, von der aus
Aiman O. 2006 eine Leber regelwid-
rig nach Jordanien brachte und einer
Kranken einpflanzte (FOCUS 30/12).
In der Oberpfalz kam A. gut an.
Gemeinsam mit Neurochirurgie-Leiter
Alexander Brawanski veröffentlichte er
Forschungsarbeiten. Der Wechsel nach
Sachsen-Anhalt war offenbar geplant.
Der Dienstbeginn in Magdeburg
datiert auf April 2009, die – befristete
– Berufserlaubnis hatte das Landesver-
waltungsamt in Halle Mitte Februar
ausgestellt. Ein Jahr danach bestand
A. die Prüfung zum Facharzt. Ein wei-
teres Jahr später wurde die Erlaubnis
in eine unbefristete umgewandelt.
Im Oktober 2011, nach der verhäng-
nisvollen OP, verließ A. die Klinik.
Schriftliche Aufforderungen, sich zu
äußern, blieben unbeantwortet.
Heute weisen Klinik, Ex-Chef Rai-
mund Firsching, das Amt in Halle und
die Landesärztekammer den Verdacht
der Schlamperei von sich. Sie legen
nahe, dass eine bayerische Behörde bei
der Erteilung der Arztzulassung nicht
so genau hingeschaut haben dürfte.
Unterdessen taucht ein Munzir A.
auf der Internet-Seite eines größeren
Krankenhauses in den Vereinigten
Arabischen Emiraten als Leiter der
Abteilung für Notfälle auf. Gegenüber
FOCUS räumt der Mann ein, in Mag-
deburg gearbeitet zu haben. Mehr
sagt er nicht. Die Staatsanwaltschaft
lässt die mögliche Spur kalt – mit den
Emiraten habe Deutschland ohnedies
kein Rechtshilfeabkommen. ■
KURT-MARTIN MAYER
Dr. med. fraglich
In Magdeburg und Regensburg scheint ein falscher Arzt
jahrelang heikle Operationen durchgeführt zu haben
Arzt für Notfälle
Früher in Sachsen-
Anhalt, jetzt am Golf:
So präsentiert sich
Munzir A. auf der Inter-
net-Seite einer Klinik
in den Vereinigten
Arabischen Emiraten
Schicksalhaft? Kerstin Gummert
trauert am Grab ihrer Mutter Monika
Felgenträger, die einen neuro-
chirurgischen Eingriff nicht überlebte
Schon wieder
eine Panne
Im Mai 2000 sah ein Zeuge die
geflüchteten Neonazis in Berlin, wo
sie offenbar den Helfer Jan W. trafen
D
ie Affäre um einen V-Mann des
Berliner Landeskriminalamts (LKA)
im Zusammenhang mit der Terror-
gruppe NSU weitet sich aus. 2002 hatte
Thomas S. die Polizei informiert, dass
der Chemnitzer Neonazi Jan W. ein
wichtiger Helfer des 1998 unterge-
tauchten Trios sei. Der Hinweis wurde
nicht mit Nachdruck weiterverfolgt.
Die Panne wiegt umso schwerer, da
die Sicherheitsbehörden bereits im
Frühjahr 2000 um die entscheiden-
de Rolle von Jan W. wussten. Ihnen
lagen nach FOCUS-Recherchen sogar
konkrete Hinweise auf ein Treffen von
Jan W. mit den Terroristen in Berlin vor.
Der sächsische Verfassungsschutz
verdächtigte den heute 37-Jährigen
schon früh, das Trio zu unterstützen.
Die Auswertung seiner Telefondaten
ergab, dass er am 7. Mai 2000 in Ber-
lin war. Neben Jan W. hielten sich an
diesem Tag offenbar auch zwei NSU-
Leute in der Hauptstadt auf.
FOCUS liegt die Aussage eines Poli-
zisten vor, der Beate Zschäpe und Uwe
Mundlos gegen Mittag nahe einer Syn-
agoge im Bezirk Pankow gesehen haben
will. Sie saßen angeblich im Außenbe-
reich eines Restaurants. Zu diesem Zeit-
punkt wusste der Polizist nicht, wer die
beiden waren. Am Abend sah er zufäl-
lig den Fahndungsaufruf im MDR-Fern-
sehen, erkannte die Gesuchten wieder
und informierte die Polizei.
In einem Vermerk („Amtlich geheim-
gehalten“) notierten die sächsischen
Staatsschützer, Jan W. habe die Flüch-
tigen in Berlin vermutlich „kontaktiert“
und „nach Chemnitz verbracht“.
Trotz der starken Indizien griffen die
Fahnder nicht ein – weder im Jahr 2000
noch zwei Jahre später, als der V-Mann
das Berliner LKA auf Jan W. hinwies.
Damit war die Chance vertan, den
Terror-Trupp frühzeitig zu stoppen. ■
GÖRAN SCHATTAUER
DAS ENTSCHEIDENDE
IN EINER APP!
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52
Zurück
in die
Herkunft
Am Ende seiner Reise wirkt
PHILIPP RÖSLER, 39, beina-
he erleichtert. „Wenn man zu
Bosch kommt“, sagt der Wirt-
schaftsminister beim Besuch
der Unternehmensrepräsen-
tanz in Ho-Chi-Minh-Stadt
(früher Saigon), „dann ist das
ein bisschen so, als ob man
nach Hause kommt.“ Pause.
„Das war ja in den letzten
Tagen durchaus ein Thema.“
Rösler untertreibt gnaden-
los, denn das „nach Hause
kommen“ des in Vietnam
geborenen Vizekanzlers ist
keine Randnotiz, es dominiert
seine Asien-Visite seit dem
Abflug. Da kann Rösler noch
so oft betonen, dass er kei-
ne Erinnerung an die ersten
Lebensmonate in einem süd-
vietnamesischen Waisenhaus
hat, dass Deutschland für ihn
die einzige Heimat ist – sei-
ne Herkunft verfolgt ihn doch
auf Schritt und Tritt. Viel zu
stolz sind die Vietnamesen,
die ihm hier begegnen, auf
den berühmten Landessohn.
Etliche Male bitten Passanten
den freundlichen Fremden
um ein gemeinsames Foto.
Angesichts des Echos gibt
sich Rösler irgendwann
geschmeichelt geschlagen:
„Vielleicht kommt ihr ja
eines Tages nach Deutsch-
land und steigt in die Politik
ein“, scherzt er mit den viet-
namesischen Schülern einer
deutschen Schule.
„Ich liebe dich!“, rufen ihm
einige Mitarbeiterinnen von
Bosch auf Deutsch entge-
gen. Warme Worte aus dem
Herkunftsland, die Rösler in
seiner Heimat – zumindest
beruflich – lange nicht mehr
gehört hat. Andreas Niesmann
Ehrendoktor in Fernost
Wirtschaftsminister Philipp
Rösler (FDP) bei der Verleihung
der Ehrendoktorwürde an
der Nationalen Wirtschafts-
universität Hanoi
PROFILE
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Von harter Arbeit, Opfern und Solidarität ist
die Rede in einem für Spanien historischen
Dokument: König JUAN CARLOS I., 74, richtet
sich persönlich an seine Untertanen – zum
ersten Mal via Internet und zum ersten Mal
mit einer eindeutig politischen Botschaft.
Die Homepage des Monarchen existiert
erst seit ein paar Tagen, und die Ermahnun-
gen nennt er seinen ersten „Brief“. Rechts-
wissenschaftler diskutieren, ob ihm per Ver-
fassung das Recht dazu überhaupt zusteht.
Der Zeitpunkt ist schwierig. Während die
konservative Regierung von MARIANO RAJOY,
57, fieberhaft abwägt, ob sie das Hilfsange-
bot der EU zur Rettung aus der Schulden-
krise annehmen soll, schwört der Monarch
sein Volk schon mal auf harte Zeiten ein. Die
Regionen warnt er vor Separatismus, den er
eine „Chimäre“ nennt, und erinnert an den
Geist der Aufbruchsjahre nach der Franco-
Ära: „Jetzt entscheidet sich die Zukunft Euro-
pas und Spaniens“, mahnt seine Majestät. mz
Wenn es nach CARLA BRUNI, 44, ginge,
würde der französische Ex-Präsident NICO-
LAS SARKOZY, 57, nie mehr in den politi-
schen Ring steigen. Die vier Jahre als First
Lady empfand sie als „höllisch“, ein biss-
chen wie Bettina Wulff. Dennoch denkt ihr
hyperaktiver Gatte kein bisschen an den
Ruhestand. Sein nächstes Ziel, so Freund
und Ex-Minister Brice Hortefeux, hat sich
„Sarko“ bereits gesteckt: 2014 wolle er
José Manuel Barroso als Präsident der
EU-Kommission beerben. In Frankreich
genießt der Ex-Staatschef gerade neue
Popularität: Rutschten seine Umfragewerte
zur aktiven Zeit auf 34 Prozent ab, kletter-
ten sie nun auf 60 Prozent Zustimmung.
Zunächst will Sarkozy sich aber um die
einjährige Tochter Giulia kümmern. Mutter
Carla, die nun sechs Kilo Schwangerschafts-
speck weggehungert hat, konzentriert sich
auf ihr neues Album, das vor Jahresende
erscheinen soll. Und er verdient das Haus-
haltsgeld: Kürzlich kassierte er für einen
40-minütigen Vortrag vor Wirtschaftsgrößen
250 000 Euro. 6250 Euro pro Minute. maw
Kommissar »Sarko«?
Seine Majestät entdeckt das Netz
Internet-König
Per Gesetz darf er nur
repräsentieren – doch
Juan Carlos (l.) nutzt
seine Popularität, um in
der Krise die Reformen
von Regierungchef Rajoy
zu unterstützen
„Höllische“ Regierungszeit Nicolas Sarkozy sehnt
sich nach erneuter Macht. Seine Frau eher nicht . . .
SPRÜCHE
»Ich glaube, eine
Errungenschaft der
Europäer wird sich
auf andere Regionen
ausbreiten und Teile
Asiens, und das ist
der Wohlfahrtsstaat.«
HELMUT SCHMIDT
Altbundeskanzler
»Die Mitgliedsstaaten
der EU sind nicht
Würfelzucker im
heißen Tee, sondern
die Knotenpunkte
in jenem Netz,
das die europäische
Integration ausmacht.«
UDO DI FABIO,
ehemaliger Richter am
Bundesver fassungsgericht,
Professor in Bonn
»Je nüchterner ich bin,
umso weniger weiß ich
über mich und umso
schwerer fällt es mir,
mich selbst zu erkennen.«
NEIL YOUNG
Rockmusiker
»Ich wünsche mir,
dass die Spielvereinigung
Deutscher Meister wird.
Für die Welt: dass die
Entwicklung friedlich und
konstruktiv sein wird.«
HENRY KISSINGER
ehemaliger US-Außenminister
und Fan des Bundesligisten
Spielvereinigung Greuther Für t
»Je mehr Daten wir
ins Netz übertragen,
desto weniger haben wir
sie im Griff.«
STEVE WOZNIAK
Mitbegründer des Technologie-
konzerns Apple
54
MR COOL und der
T I TEL
Es soll um Freiheit oder Sozialismus gehen, um Härte oder Herz: Die Kandidaten der US--Wahl
Geboren: 4. August 1961,
Honolulu/Hawaii
Voller Name:
Barack Hussein Obama
Körpergröße: 185 cm
Religion: Mitglied der United
Church of Christ. Thematisiert
seinen Glauben nicht. Distan-
zierte sich 2008 vom Radikal-
prediger Jeremiah Wright
Familienstand: verheiratet
seit 1992; zwei Töchter
Ausbildung: Studium an den
Universitäten Harvard und
Columbia. Promotion in Jura
Fremdsprachen: Spanisch
Erster Job: Sozialarbeiter
in Chicago
Karriere-Höhepunkte:
erster schwarzer Präsident
der „Harvard Law Review“;
Senator für den Bundesstaat
Illinois; US-Präsident
Vermögen: etwa sechs Millionen
Dollar aus Tantiemen
Partei: Demokraten
BARACK
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PANNENMANN
inszenieren eine SCHICKSALSENTSCHEIDUNG. Wer wäre der Bessere für Deutschland?
Geboren: 12. März 1947,
Detroit/Michigan
Voller Name:
Willard Mitt Romney
Körpergröße: 189 cm
Religion: Mormone. Arbeitete
30 Monate lang als Missionar
in Frankreich und war Pfarrer
in der Kongregation Belmont/
Massachusetts
Familienstand: verheiratet seit
1969; fünf Söhne
Ausbildung: Studium in Stan-
ford, Brigham Young, Harvard.
Promotion in Jura und MBA
Fremdsprachen: Französisch
Erster Job: Wachmann in einer
Chrysler-Fabrik
Karriere-Höhepunkte: Gründer
und Chef der Investmentfirma
Bain Capital; Olympia-Organi-
sator Salt Lake City 2002;
Gouverneur von Massachusetts
Vermögen: etwa 230 Millionen
Dollar
Partei: Republikaner
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Jeffrey Katzenberg, 61
Der Hollywood-Produzent
und Chef des Filmunter-
nehmens Dreamworks
gab Obama zwei Millio-
nen Dollar
Irwin Jacobs, 78
Mitgründer des Mobiltechno-
logie-Herstellers Qualcomm
und einst Professor am
Massachusetts Institute of
Technology (MIT). Zahlte
ebenfalls zwei Millionen
David Axelrod, 57
Inszenierte Obama 2008
als Messias, erfand Paro-
len wie „Mann der Hoff-
nung“. Nun lautet seine
Botschaft: Obama ist
das geringere Übel. Der
Slogan dazu: „Vorwärts!“
Joseph Biden, 69
Bekannt als der „Hugger“,
weil er ständig Menschen
umarmt. Er gleicht Obamas
Kühle aus und ist seine
wichtigste Verbindung zum
US-Kongress. Dank ihm konn-
te Obama 2011 in letzter
Minute die staatliche Ver-
schuldungsgrenze erhöhen.
Biden bringt die Erfolge des
Präsidenten auf den Punkt:
„Osama bin Laden ist tot,
und General Motors lebt!“
Oprah Winfrey, 58
Amerikas Medien-Queen wirbt:
„Ich liebe Obama, und ich
habe höchsten Respekt vor
ihm und vor seinem Amt“
Eva Longoria, 37
Filmstar („Desperate House-
wives“) und Vorsitzende im
Wieder wahl-Komitee. Sie sagt:
„Von Romney werden nur reiche
Leute wie ich profitieren“
Abraham Lincoln
(†1865)
Der erste republikanische
US-Präsident führte
die USA erfolgreich
durch ihre größte Krise,
den Bürgerkrieg
Bill Clinton, 66
Der Ex-Präsident ist Obamas
wichtigste Wahlkampfwaffe.
Auf dem Demokraten-
Parteitag in Charlotte zer-
pflückt er Romneys Programm
und lässt den Saal johlen:
„Vier weitere Jahre!“
Michelle Obama, 48
Die First Lady berät den Präsi-
denten und unterstützt ihn bei
der Gesundheitsreform. Auf dem
Parteitag beteuert sie: „Ich liebe
meinen Mann noch mehr als vor
vier Jahren.“ Ihre eigene Agenda:
Ihr Volk solle sich besser ernäh-
ren und mehr Sport treiben
TOP-
SPENDER
PROMINENTE
UNTERSTÜTZER
WICHTIGSTER
BERATER
DER VIZE
DIE
PARTNERIN
DAS
VORBILD
Auch zu seinen vielen Helfern hält der Mann
im Weißen Haus Distanz. Rückhaltlos vertraut er
nur seiner Frau Michelle
EINSAM, LINKS
Unternehmen für Obama
(nach Spenden)
in US-Dollar
Universität von
Kalifornien 491 868
Microsoft 443 748
Google 357 382
DLA Piper
(Anwaltskanzlei) 331 715
Harvard-
Universität 317 516
Spenden
insgesamt 348 Mio.
Hobbys: Basketball (Spitzname »O’Bomber«); trainiert in der Freizeit seine
beiden Töchter. Sammelt Comics, insbesondere »Spider-Man« und »Conan der
Barbar«. Hat alle »Harry Potter«-Bände gelesen. Spielt gern Scrabble und Poker
Lieblingsgetränk: Eistee.
Verzichtet auf Kaffee, trinkt
nur selten Alkohol
Lieblingsbuch: »Moby Dick« von Herman Melville + Lieblingsfilm: »Einer flog über das Kuckucksnest«
Autor von:
»Hoffnung wagen«
(»The Audacity of Hope«)
Leibspeise: Linguine mit Krabben. Für
zwischendurch: Protein-Schokoriegel mit
Erdnussbutter. Kocht selbst gerne Chili
Laster: rauchte als Jugendlicher Marihuana, schnupfte
Kokain. Raucht heute noch Zigaretten
Follower
bei Twitter:
19,9 Mio.
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Barack Obama
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Bob J. Perry, 79
Der Bauunternehmer aus
Texas spendierte acht
Millionen Dollar. Er
engagierte sich bereits
für George W. Bush
Sheldon Adelson, 79
Der Casino-Baron aus
Las Vegas stiftete
für Romneys Kampagne
fünf Millionen Dollar
Paul Ryan, 42
Der Mann mit dem Plan: Ryan
soll die christlich-fundamenta-
listischen Anhänger sowie
den radikal-konservativen Tea-
Party-Flügel der Republikaner
mobilisieren. Er schlägt einen
radikalen Sparkurs vor und pro-
pagiert militärische Stärke.
Der Kongressabgeordnete aus
Wisconsin ist der Partei so
wichtig, dass sein Name unter
Romneys auf dem offiziellen
Wahlkampf-Logo steht
John McCain, 76
Obamas Gegner bei der Wahl 2008 ist
der einzige hochrangige Republikaner,
der sich beim Parteitag in Tampa
mit einer Rede zu Romney bekannte
Donald Trump, 66
Der Immobilien-Milliardär
zählt zu den „Birthern“.
Er behauptet, dass Obama
nicht in den USA geboren
wurde und illegal im Amt ist
James Polk (†1849)
Der elfte US-Präsident
annektierte Texas,
siegte im Mexikanisch-
Amerikanischen Krieg
und trat dann auf
eigenen Wunsch ab
Clint Eastwood, 82
Der Schauspieler („Dirty
Harry“) soll vor allem
ältere männliche weiße
Wähler gewinnen. „Unser
Land braucht endlich
einen Schub“, meint er
Ann Romney, 63
Sie lernt ihren Mann in der
Schule kennen und tritt zum
mormonischen Glauben über.
Im Wahlkampf ist sie seine
wichtigste Stütze. Sie über-
stand Brustkrebs und lebt
mit multipler Sklerose
TOP-
SPENDER
PROMINENTE
UNTERSTÜTZER
WICHTIGSTE
BERATERIN
DER VIZE
DIE
PARTNERIN
DAS
VORBILD
Als Gouverneur von Massachusetts hat Herausforderer
Romney moderat regiert. Nun müht er sich,
seine radikale Parteibasis hinter sich zu bekommen
LINKISCH, RECHTS
Unternehmen für Romney
(nach Spenden)
in US-Dollar
Goldman Sachs 676 080
JP Morgan
Chase & Co. 520 299
Morgan Stanley 513 647
Bank of
America 510 728
Credit Suisse
Group 427 560
Spenden
insgesamt 193 Mio.
Hobbys: Joggen, läuft jeden zweiten Tag ca. fünf Kilometer.
Skifahren, Wasserski, Reiten, Lesen, Fernsehen mit Ehefrau Ann
Lieblingsgetränk: Wasser, Säfte.
Verzichtet als gläubiger Mormone auf Alkohol,
Kaffee und Cola
Lieblingsbuch: »Wohlstand und Armut der Nationen« von David Landes
+
Lieblingsfilm: »Jäger des verlorenen Schatzes«
Autor von:
»No Apology: The Case for
American Greatness«
Leibspeise: Hamburger,
Hot Dogs, Hühnereintopf,
Hackbraten
Laster: Romney liebt Streiche, die nicht immer
lustig sind. In der Schule schnitt er einem homosexuellen
Mitschüler »zum Spaß« die Haare ab
Follower
bei Twitter:
1,7 Mio.
Beth Myers, 55
Arbeitet seit mehr als
zehn Jahren eng mit
Romney zusammen und
war seine Stabschefin in
Massachusetts. Insider
nennen sie „Romneys
Ehefrau fürs Büro“.
Sie suchte mit nach
einem Vizepräsident-
schaftskandidaten
Mitt Romney
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Obama unterstützt das Recht der Frau auf Schwanger-
schaftsabbruch und befürwortet einen umfassenden Sexual-
kundeunterricht, zu dem auch die Aufklärung über Verhütungs-
methoden gehört. Er sagt ja zur Homo-Ehe.
Er hat bislang keine Position zur Todesstrafe und härteren
Schusswaffenkontrollen bezogen. Marihuana als Arzneimittel
würde er zulassen. Illegale Einwanderer, die als Kinder ins Land
kamen, sollen legal in den USA leben dürfen. Es soll keine
offizielle Landessprache geben.
Obama hält den Klimawandel für Realität, setzt sich für
Grenzwerte bei der Schadstoff-Emission ein und will den Bau
Energie sparender Autos fördern. Allerdings hat er die Europäer
bei internationalen Abkommen zum CO2-Ausstoß enttäuscht.
Wind- und Solarkraft sollen Priorität erhalten, US-Firmen
mit deutschen konkurrieren. Für Ölbohrungen sol-
len strengere Vorschriften gelten, um Katas-
trophen wie im Golf von Mexiko zu verhindern.
Der Einkommensteuer-Höchstsatz soll von
35 Prozent auf den unter Bill Clinton geltenden
Wert von 39,6 Prozent steigen – allerdings erst ab
250 000 Dollar Jahresverdienst. Der Höchststeuersatz
für Unternehmen soll von 35 Prozent auf 28 Prozent sinken.
Der Präsident behauptet, mit seinem 787 Milliarden Dol-
lar teuren Konjunkturpaket die US-Wirtschaft vor einer großen
Depression gerettet zu haben. Er gelobt, die Staatsschulden
von derzeit rund 16 Billionen Dollar in den nächsten zehn Jah-
ren um mehr als vier Billionen Dollar zu reduzieren. Die
Staatsausgaben sollen 22 Prozent des BIP nicht überschreiten.
Romney will Abtreibungen verbieten. Lehrer sollen in der
Sex-Stunde nur Enthaltsamkeit empfehlen. Gleichgeschlechtliche
Ehen lehnt der Kandidat ab, will aber homosexuellen Paaren mehr
Rechte zusprechen (z. B. Besuchsrecht auf der Intensivstation).
Er ist ein Verfechter von Exekutionen, hält das Recht auf
eine Schusswaffe für unantastbar und will kein Marihuana
auf Rezept dulden. Ein neuer High-Tech-Zaun entlang der mexika-
nischen Grenze soll Illegale stoppen. Englisch soll einzige
und offizielle Landessprache der USA werden.
Romney misstraut den Klimaforschern und lehnt Grenzwerte
jeglicher Art ab. (Vor fünf Jahren sprach er noch von einer men-
schengemachten Erwärmung.) CO2-Reduktion würde er den ande-
ren Staaten überlassen – zum Vorteil der US-Industrie.
Die Exploration von Ölsand und Schiefergas sollen die USA
unab hängig von Energieimporten machen. („Drill, Baby, drill!“)
Umweltschutz-Bestimmungen werden dafür gelockert.
Biotreibstoffe und Atomkraft sollen eine größere Rolle spielen.
Der Einkommensteuer-Höchstsatz würde unter Romney von
35 Prozent auf 28 Prozent sinken, die Unternehmens steuer
von 35 auf 25 Prozent. Damit sollen US-Unternehmen wett-
bewerbsfähiger werden – vor allem gegenüber der Konkurrenz
in Europa und Asien.
Romney hat Obamas Konjunkturpaket als Sozialismus verur-
teilt, der Präsident sei ein Überregulierer und Schuldenmacher.
Der Staat solle sich möglichst aus der Wirtschaft heraushalten.
Romney will Unternehmen mehr Freiheiten lassen und Vor-
schriften abbauen. Um das Defizit abzubauen, will er die Staats-
ausgaben auf einen Anteil von 20 Prozent am BIP senken.
Klima und Energie: SOLAR ODER ATOMAR
Wirtschaft und Jobs: STAAT VERSUS PRIVAT
KLASSEN-
KÄMPFER
Barack Obama stilisiert
sich als Bewahrer
der Mittelschicht
KRAWALL-
MACHER
Mitt Romney gibt vor,
den amerikanischen
Traum zu retten
Obama und Romney liefern sich den teuersten und einen der
brutalsten Wahlkämpfe in der Geschichte der USA. Bei welchen Themen
differieren die Kontrahenten? FOCUS checkt ihre Positionen
vs.
ZUR SACHE, KANDIDATEN!
Innenpolitik: AUFKLÄRUNG CONTRA ABSTINENZ
Öl-Zukunft?
Unglück im Golf
59 FOCUS 39/2012
Obama will Steuerschlupflöcher schließen und sparen, etwa bei
der Verwaltung, weniger bei Renten und Sozialleistungen. Die
staatliche Rentenkasse soll unangetastet bleiben, Auszahlungen
sollen auch in Zeiten einer Rezession nicht sinken.
Ein neues Jobprogramm für 447 Milliarden Dollar soll bis
2016 eine Million neue Stellen schaffen. Obama will Unterneh-
men subventionieren, die innovative Technologien entwickeln oder
ausgelagerte Arbeitsplätze in die USA zurückholen.
Obama versteht sein Land als Primus inter pares: Als einzige
Supermacht nehmen die USA eine Führungsrolle ein, kooperieren
aber bei internationalen Krisen mit Allianzen wie der Nato. Obama
spricht von einer Welt ohne Atomwaffen. Er will sein Militär
modernisieren und für die asymmetrischen Konflikte des 21.
Jahr hunderts rüsten. Er setzt auf Spezialeinheiten und
auf unbemannte, Waffen tragende Drohnen. Der
Verteidigungsetat soll in den nächsten zehn Jah-
ren um 500 Milliarden Dollar schrumpfen .
Obama hat die guten Beziehungen zu seinen
Verbündeten wenig gepflegt. Von Deutschland
verlangte er Konjunkturspritzen und Euro-Bonds
statt Spardruck auf Schuldenstaaten. Er hofft
gleichwohl, dass Kanzlerin Merkel eine Rezession in
Europa abwendet. Denn die würde auch den US-Arbeits-
markt belasten. Der Präsident blickt nach Asien.
Dort sieht er die künftigen geostrategischen Herausforde-
rungen und Chancen Amerikas.
Eine nukleare Bewaffnung des Iran soll eine Doppelstrategie ver-
hindern: direkte Verhandlungen mit Teheran und zugleich
härtere Wirtschaftssanktionen. Auch eine militärische Opti-
on hält sich Obama offen. Vor den Wahlen will er keinen Krieg.
Obama hat den US-Einsatz in Afghanistan als „notwendigen
Krieg“ bezeichnet und die Truppenstärke noch erhöht. Bis Ende
2014 sollen die Soldaten abziehen. Den Krieg im Irak erklärte er
für beendet, Truppen verlegte er an die iranische Grenze.
Obama wünscht sich eine strategische Allianz mit Moskau
(„Reset“). Er will die atomare Abrüstung vorantreiben und ein
für Russland akzeptables Raketenverteidigungssystem
aushandeln. Obama braucht Russlands Unterstützung für seine
Sanktionspolitik gegenüber dem Iran.
Die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit China will Oba-
ma ausbauen, sich zugleich aber gegen die „unfairen Han-
delspraktiken“ Pekings wehren. Er weigert sich jedoch,
China Währungsmanipulationen vorzuhalten. Er hofft
auf ein Abkommen, das die Weitergabe von
Atomwaffen untersagt. Dafür stellt er die Diskussion
um Menschenrechte hintan.
Gekürzt werden soll insbesondere bei den Sozial-
ausgaben. Das Renteneintrittsalter soll steigen,
Angestellte sollen private Altersversicherungen
abschließen.
Romney verspricht zwölf Millionen neue
Arbeitsplätze, nennt jedoch keine Details,
wie, wo und für welche Bezahlung. Die gewerk-
schaftsfreundliche Politik Obamas will er beenden.
Romney betont „die Ausnahmerolle der USA“ und kündigt
ein „amerikanisches Jahrhundert“ an. Sein Land werde auch im
Alleingang handeln, um seine Ziele durchzusetzen.
Zu seinen außenpolitischen Beratern gehören Hardliner aus der
Ära George W. Bush, aber auch gemäßigte Realisten wie der
frühere Weltbank-Chef Robert Zoellick. Romney will mehr Geld
fürs Militär bereitstellen und die Truppenstärke erhöhen.
Luftwaffe und Marine sollen neue Waffensysteme erhalten –
Atomwaffen eingeschlossen.
Im Wahlkampf hat Romney Europa als abschreckendes
Beispiel genutzt: Die Europäer betrieben Wohlfahrtsstaaten
mit eskalierenden Haushaltsdefiziten, wie er sie niemals dulden
werde. Romneys Europa-Reise im Juli wurde zum Pannen-Trip. Zu
einem erhofften Treffen mit Kanzlerin Angela Merkel kam
es nicht. Die Geldpolitik der Bundeskanzlerin passt eher zu Rom-
ney als zu Obama. Berater Robert Kagan sagt, der Kandidat wolle
„starke Anstrengungen unternehmen, um die Kontakte zu Europa
wieder zu intensivieren“.
Einen Iran mit Atomwaffen sieht Romney als „inakzeptabel“. Irani-
sche Raketen könnten bald auch Europa und die USA erreichen.
Romney betont eine „verstärkte militärische Kooperation
mit Israel“. Direkte Verhandlungen mit Teheran lehnt er ab.
Romney will die US-Truppen so schnell wie möglich aus Afghanis-
tan abziehen. Im Irak hingegen soll die US-Präsenz von Dauer
sein. Das sei die beste Möglichkeit, das Land demokratisch
zu stabilisieren und die Zahl der Attentate zu senken.
Romney betrachtet Russland als den „größten
geostrategischen Gegner“ der USA. Er will die Putin-
Regierung dazu drängen, ihr „aggressives expansionistisches
Verhalten einzustellen“, und will „demokratisch-politische
und wirtschaftliche Reformen in Russland unterstützen“.
Romney möchte die Hegemonialpolitik Chinas bremsen.
Die USA müssten ihre Militärpräsenz im Pazifik aufrechter-
halten und Verbündete wie Taiwan stärken. Romney wirft
Peking Währungsmanipulation vor und will chinesische
Unternehmen mit Handelsbeschränkungen bele-
gen. Er verurteilt Pekings Menschenrechtsverletzun-
gen und die 1-Kind-Politik.
Top-Job?
Romney
verspricht
Arbeitsplätze
Freund oder Feind?
Russlands Wladimir Putin
Deutschland und Europa: DESINTERESSE CONTRA UNVERSTÄNDNIS
Krisenherd Iran: VERHANDELN ODER DROHEN
Russland und China: KOOPERATION STATT KONFRONTATION
Verteidigung: NEUE STRATEGIE GEGEN ALTE STÄRKE
Sparsame
Kriege?
US-Drohne
60 FOCUS 39/2012
–800
–600
–400
–200
0
+200
+400
+600
August
+96000
Arbeitsplätze*
in Tausend
Zustimmung für die
Politik Obamas in Prozent
*monatliche Veränderung, saisonbereinigt
2009 2010 2011 2012
20
0
40
60
einverstanden
T I TEL
Vermont
Massachusetts 11
Hawaii
4
Rhode Island 4
Connecticut 7
New Jersey 14
Delaware 3
Maryland 10
Washington D.C. 3
New Hampshire
Washington
12
Montana
3
North Dakota
3
Oregon
7
Idaho
4
Wyoming
3
Nevada
6
Kalifornien
55
Utah
6
Arizona
11
New Mexico
5
Colorado
9
Texas
38
New York 29
Alaska
3
South Dakota
3
Nebraska
5
Kansas
6
Oklahoma
7
Missouri
10
Arkansas
6
Louisiana
8
Pennsylvania
20
Mississippi
6 Alabama
9
Florida
29
South Carolina
North Carolina
Georgia
16
Tennessee 11
Kentucky 8
West Virginia
Virginia
Iowa
6
Illinois
20
Indiana
11
Minnesota
10
Wisconsin
10
Michigan
16
Maine
Ohio
18
5
4
4
3
9
13
15
sicher
unentschieden
sicher
wahrscheinlich wahrscheinlich
OBAMA/BIDEN ROMNEY/RYAN
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Liberale Küsten, konservativer Mittlerer Westen: Die Umfragen deuten derzeit in sieben
amerikanischen Bundesstaaten auf keine klare Mehrheit hin. Auf sie wird es ankommen
VORTEIL OBAMA
Obamas Beliebtheit sank, obwohl am Arbeitsmarkt die
Wende kam. Noch entstehen zu wenig neue Jobs
Die Parteien ringen um 169 Millionen registrierte Wähler. Ihre Strategen analysieren
akribisch die Umfragen – und sezieren jede Schwäche des Gegners
Wem gefallen
die Kandidaten?
Der Republikaner Mitt
Romney spricht vor allem
wohlhabende weiße
Männer über 30 an.
Junge, weibliche und
schlechter verdienende
Wähler tendieren zu dem
Demokraten und Amts-
inhaber Barack Obama.
Unter den Schwarzen hat
der aktuelle US-Präsident
ohnehin eine unange-
fochtene Monopolstellung.
Religiöse Amerikaner
bevorzugen den
Mormonen Romney
Kampf ums Kollegium
Bei der Wahl am 6. November
entscheiden die Amerikaner über
die 538 Wahlmänner (Electoral
College) der 50 Bundesstaaten
und des Districts of Columbia.
Alle Wahlmänner eines Staates
gehen an den dortigen Sieger.
41 Tage später wählen sie
den Präsidenten. Zurzeit kann
Obama mit mindestens
247 Wahlmännern rechnen,
Romney mit mindestens 191.
Schweres Erbe Finanzkrise
Zu Beginn von Obamas Amtszeit
verloren die USA 800 000 Stel-
len im Monat. Derzeit beträgt die
Arbeitslosigkeit 8,1 Prozent
Der Sieger braucht 270 Wahlmänner
Frauen
18–29 Jahre
30–49 Jahre
50–64 Jahre
Weiße
Schwarze
Latinos
nicht religiös
religiös
unter $ 36000
bis $ 90000
über $ 90000
65+
Männer
51 OBAMA ROMNEY
59
39
90
64
54
4
27
45
42
45
33
47
52
48
43
42
50
38 55
47 47
44 51
63 30
36 57
Alter in Prozent
Bevölkerungsgruppe in Prozent
Einkommen in Prozent
Glaube in Prozent
Geschlecht in Prozent
Quelle: realclearpolitics.com
Quellen: U.S. Bureau of Labor Statistics; realclearpolitics.com Quelle: Gallup
Joach|m 6engenbach
V|tq||ed des bundesvorstands
der 1ohann|ter-unla||-l||le
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Vodafone. |mmer |m £|nsatz.
Scan & watch
62 FOCUS 39/2012
T I TEL
D
er Mann des Wandels schwä-
chelt. Es nützt wenig, dass er
die Ärmel hochkrempelt und
den Hemdkragen offen trägt wie einer,
der zupacken will. Bei seinem Auftritt
im umkämpften US-Staat North Caroli-
na wirkt Barack Obama, 51, ungewohnt
kleinlaut. Vor ein paar tausend seiner
Anhänger wirbt er, im Amt ergraut, um
Nachsicht: Sein Vorgänger George W.
Bush habe ihm die Finanz- und Wirt-
schaftskrise und die Kriege im Irak
und in Afghanistan hinterlassen. Nun
beschwört, beteuert und appelliert der
einstige Polit-Messias: „Wir werden
mehr als ein paar Jahre brauchen, all
diese Probleme zu lösen.“ Visionen
hören sich anders an.
Als der neue „Mr Change“, als Retter
des amerikanischen Traums, versucht
sich derweil Obamas republikanischer
Herausforderer Mitt Romney, 65. Der
frühere Gouverneur und Unternehmer
nennt den Präsidenten einen Versager,
der die USA in den Ruin stürzen werde.
„Es ist an der Zeit, dass wir das Kapitel
Obama endlich schließen“, fordert er.
„Wir haben Besseres verdient.“ Da fehlt
nur noch ein „Yes, we can!“.
Obama gegen Romney. Der eine will
mächtigster Mann der Welt bleiben, der
andere will es werden. Beide behaup-
Deutschland mit links Barack Obama trägt sich 2009 ins Buch des Grünen Gewölbes in Dresden ein. Sein Verhältnis zu Merkel gilt als „professionell“
Die Deutschen haben
eine klare Vorliebe:
Fast 90 Prozent der
Bundesbürger würden
für Obama stimmen.
Womöglich unterliegen
sie einem großen
Missverständnis
WER PASST BESSER?
FOCUS 39/2012 63
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ten, Amerika stünde am 6. November
vor einer schicksalhaften Entscheidung.
Vor der Wahl zwischen Herzlosigkeit und
Gemeinsinn (so sieht es Obama). Vor der
Wahl zwischen Freiheit und Sozialismus
(so sieht es Romney).
In den USA ist das Rennen offen. Derzeit
führt Barack Obama in den Meinungs-
umfragen trotz dramatischer PR-Patzer
seines Konkurrenten nur um ein bis fünf
Prozentpunkte.
Die Deutschen hingegen haben sich
längst entschieden. Knapp 90 Prozent der
Bundesbürger würden, wenn sie könn-
ten, Obama wählen. Das ist ein Wert, wie
es ihn in Diktaturen gibt, in denen nur
ein einziger Kandidat antritt. 72 Prozent
vermuten, Obama könne die Probleme
seines Landes eher lösen als Romney.
75 Prozent glauben, dass er sich mehr
für den Frieden in der Welt einsetzt. Die
Deutschen haben lieber die Taube in der
Hand als den Falken auf dem Dach.
Dass der erste schwarze Präsident der
USA ihre Heilserwartungen bislang ent-
täuscht hat, verzeihen ihm seine deut-
schen Fans offensichtlich. Dass er sein
Versprechen brach, das Militärlager
Guantanamo auf Kuba zu schließen.
Dass er im Jemen, in Somalia und in
Pakistan einen völkerrechtlich unge-
klärten Drohnenkrieg mit Hunderten
getöteten Zivilisten führt. Dass es ihm
nicht gelang, Palästinenser und Israe-
lis zu versöhnen, geschweige denn die
politischen Gräben im eigenen Land zu
überbrücken. Die Zerwürfnisse zwischen
Demokraten und Republikanern sind tie-
fer und hasserfüllter denn je.
Welchen Narren haben die Deutschen
nur an Obama gefressen? Ist er tatsäch-
lich der Kandidat, der den Erwartungen
der deutschen Bevölkerung, den Inte-
ressen deutscher Unternehmer und den
Positionen deutscher und europäischer
Politiker eher entgegenkommt?
Unsere Verehrung für Obama beruhe
auf einem großen Missverständnis, meint
der Politologe Thomas Speckmann von
der Universität Bonn. „Wir machen den
Fehler, auf die USA mit der Brille der
deutschen Innenpolitik zu schauen.“ Vor
allem die sanfte Rhetorik des Präsidenten
nehme die Deutschen ein. Er klinge wie
ein Europäer, könnte vermeintlich auch
als Politiker in Paris, London oder Berlin
über Sozialhaushalte diskutieren. „Aber
deshalb“, so Speckmann, „betreibt Oba-
ma noch keine Europa-Politik und schon
gar keine Deutschland-Politik.“
Allenfalls wohlwollende Gleichgültig-
keit bringt der US-Präsident für die Alte
Welt auf. Sein Augenmerk gilt erklärter-
maßen China und der Pazifikregion. Er
verfolgt dabei allein den Vorteil seines
Landes. Seine Sozialpolitik entspricht
keineswegs europäischen Standards,
und seine Partei steht mit den meisten
ihrer Positionen rechts von der CDU.
Mit seinem Bekenntnis zum Sparen
könnte sich durchaus Romney als Part-
ner im Geiste für die Bundesregierung
erweisen, glaubt der Politologe Speck-
mann. Womöglich, so vermutet der Wis-
senschaftler, würde es den Deutschen
mit Romney so ergehen wie zuvor mit
anderen republikanischen Präsidenten,
die unbeliebt waren, sich aber als
segensreich erwiesen. Wie etwa George
Bush senior, Helmut Kohls größte Stütze
bei der Wiedervereinigung.
Obamas Heiligenschein zerlegen auch
die liberalen, traditionell den Demokra-
ten zugeneigten Medien in den USA. Die
„New York Times“ schildert den Mann im
Weißen Haus als besessenen Perfektionis-
ten, voll Anmaßung und Selbstüberschät-
zung. „Ich glaube, ich schreibe bessere
Reden als meine Redenschreiber“, wird
der Präsident zitiert. „Und ich verstehe
mehr von Politik als meine Politikberater.“
Obama „führe eine Kampagne der
verbrannten Erde“, schreibt das „Time
Magazine“. Nicht den Hauch von
schlechtem Gewissen verspüre er, wenn
es darum gehe, „seinen Herausforderer
zu zerstören“. Obama ist nicht nur cool,
sondern kalt.
Doch Romneys Presse ist kaum bes-
ser. Selbst sein eigenes Lager belä-
Bekenntnis zu Israel Mitt Romney besucht die Klagemauer – und verspricht Hilfe gegen Teheran
64 FOCUS 39/2012
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chelt ihn als hölzern, ungeschickt und
oft wenig überzeugend. Als Gouverneur
von Massachusetts unterstützte er das
Recht auf Abtreibung, strengere Waffen-
gesetze, den Umweltschutz und führte
eine Krankenpflichtversicherung ein.
Nun bekämpft er seine alten Positionen,
um die ultrakonservative Basis seiner
Partei einzufangen. „Romney rennt vor
seiner eigenen politischen Vergangen-
heit davon“, pointiert Kolumnist Mark
Shields in der „PBS-News Hour“. Bill
Galston vom Think-Tank Brookings in
Washington meint: „Der Kandidat spielt
eine Rolle, die ihm nicht entspricht, den
strammen Fundamentalisten, und er
spielt sie schlecht.“
Nun taucht ein Handy-Video auf, in dem
Romney vor einem Fundraising-Publi-
kum fast die Hälfte der Amerikaner als
Schmarotzer verhöhnt.
Kein Wunder, wenn da viele deutsche
Politiker und USA-Experten mit dem
Mann aus Massachusetts fremdeln.
„Die innenpolitischen Positionen Rom-
neys sind weiter von der europäischen
Mentalität entfernt“, sagt der Vorsit-
zende des Auswärtigen Ausschusses
im Bundestag, Ruprecht Polenz (CDU).
„Jeder kann sich vorstellen, wie ein
Staat aussähe, in dem die Staatsquote
bei 20 Prozent liegt, und aus welchen
Bereichen der Staat sich dann zurück-
ziehen müsste.“ In Deutschland entspre-
chen die Ausgaben des Staates etwa 45
Prozent des Bruttosozialprodukts. Aller-
dings diskutieren die US-Kandidaten nur
über den Ausgabenanteil der amerika-
nischen Bundesregierung. Philipp Miß-
felder, der außenpolitische Sprecher der
Unionsfraktion im Bundestag, pflichtet
Polenz bei: „Romney und seine Repub-
likaner sind bei Themen wie Rente und
Gesundheit für die deutsche Sichtweise
wenig kompatibel.“
Emotionen sind da oft wichtiger als Positi-
onen. „Romney hat nicht eine einzige Sei-
te des deutschen Gemüts angesprochen“,
sagt Wolfgang Ischin-
ger, einst Botschafter in
Washington und heute
Gastgeber der Münch-
ner Sicherheitskonfe-
renz. „Der zündet emo-
tional so gar nicht.“
Ischinger analysiert:
Zwar könnte Angela
Merkel mit dem Heraus-
forderer eher über eine
transatlantische Freihan-
delszone reden als mit
Obama, denn der Repub-
likaner sei nicht von den
Gewerkschaften abhän-
gig. Doch es gibt The-
men, bei denen Romney
zum Blockieren neigen
könnte. Er leugnet den
Klimawandel und wür-
de wohl kaum ein wirk-
sames Abkommen zur
Kohlendioxidreduktion unterschreiben. Zu
seinen größten Spendern zählen Finanz-
häuser. „Der Druck auf Romney wird gren-
zenlos sein, den Banken eine Regulierung
zu ersparen“, vermutet Ischinger.
Romneys aggressive Rhetorik in Rich-
tung Iran, China und Russland hält der
Ex-Diplomat für Wahlkampfgetöse.
„Wenn er das ernst meint, würde ich
die Fensterläden jetzt schon schließen.“
Aber es gelte der Merksatz: Wir brau-
chen uns nicht zu fürchten. Romney
habe vernünftige und außenpolitisch
sehr erfahrene Leute in seinem Team.
Dem großen Atlantiker der SPD und
Vorsitzenden der deutsch-amerikani-
schen Parlamentariergruppe im Bundes-
tag, Hans-Ulrich Klose, sind vor allem
jene Töne nicht geheuer, die an Zeiten des
Kalten Krieges erinnern. „Russland als
größten geostrategischen Gegner auszu-
weisen fußt nicht auf einer realistischen
Betrachtung der Lage“, rügt der 75-Jähri-
ge, der Obama „unverändert hinreißend“
findet. Es sei alle Anstrengung wert, die
Russen als Partner zu gewinnen. So, wie
es der jetzige US-Präsident mit seinem
„Reset“-Programm plant.
Vor einem Handelskrieg mit China,
wie er sich aus einer harten repub-
Zur Siegessäule
pilgerten
200 000
Obama-Fans.
Wie viele Deutsche
würden wegen
Romney kommen?
Barack als Berliner
Ausweich-Location Sieges-
säule: Angela Merkel ließ
den Kandidaten Obama
2008 nicht am Branden-
burger Tor sprechen.
Er hat Berlin seitdem
nicht mehr besucht
Hallo Frau Weiß, so was gibt es
schon heute. Und wir arbeiten an
weiteren Speichertechniken.
Die Erzeugung aus Erneuerbaren Energien unterliegt natürlichen
Schwankungen. Um diese auszugleichen, bauen wir eine der ersten
Anlagen in Falkenhagen in Brandenburg, die mit grünem Strom
Wasserstoff erzeugt. Dieser kann im bestehenden Erdgasnetz zwischen-
gespeichert werden und ist so immer und überall verfügbar – auch,
wenn der Wind mal Pause macht.
www.eon.de
Von: Julia Weiß
An: E.ON
Betreff: Speichertechniken
Mal weht der Wind, mal nicht.
Gibt’s ‘nen Akku für grünen Strom?
66 FOCUS 39/2012
T I TEL
likanischen Haltung ergeben könnte,
warnt Volker Treier, Leiter des Bereichs
International beim Deutschen Industrie-
und Handelskammertag: „Protektionis-
mus ist die verkehrte Stoßrichtung.“
Die USA sind nach Frankreich der
zweitwichtigste Exportmarkt für deut-
sche Güter und nach China das zweit-
größte Ziel für deutsche Investoren. Des-
halb ist nicht nur für Amerikas Wähler,
sondern auch für die deutsche Wirtschaft
eine Frage besonders wichtig: Welcher
Kandidat bringt die US-Ökonomie am
schnellsten und stärksten in Schwung?
Eine „leichte Präferenz für Obama“ hat
Volkswirtschaftler und USA-Experte
Michael Kleemann vom Ifo-Institut in
München. Eine Regierung Romney,
so argumentiert er, würde vor allem
niedrige Einkommensschichten belas-
ten. Die könnten Einschnitte schlech-
ter abfedern, der Konsum ginge stärker
zurück, eine Rezession könnte heftiger
ausfallen. Treffen würde dieser Konsum-
rückgang beispielsweise auch deutsche
Pharma-Unternehmen. Außerdem hält
es Kleemann für kaum denkbar, dass
in einem wütenden Patt der Parteien.
Im Kongress haben die Republikaner
zuletzt alle Reformen und Bugdetpla-
nungen Obamas nach Kräften blockiert.
Auch nach der Wahl wird wahrschein-
lich keines der beiden Lager über eine
ausreichende Mehrheit im Kongress ver-
fügen. Wenn Anfang nächsten Jahres
neue Haushaltsdebatten anstehen und
sich die Parteien nicht auf Kompromisse
einigen, droht den Vereinigten Staaten
die Zahlungsunfähigkeit. „Es könnte
sehr plötzlich einen Vertrauensverlust
in die USA geben“, prophezeit US-Kon-
junktur-Experte Jannsen.
Vertrauensverlust – das ist in der Termino-
logie der Ökonomen der GAU. Die Anleger
würden amerikanische Anleihen meiden
und gegen den Dollar spekulieren. Die
Folge wäre eine Weltwirtschaftskrise.
In diesem Szenario steckt ein Argu-
ment für einen Präsidenten Mitt Romney.
Es ist ein um die Ecke gedachtes Argu-
ment: Würde Romney verlieren, könnte
die extreme Rechte einschließlich der
Tea Party die republikanische Partei
weiter radikalisieren und die totale
Blockadepolitik fortsetzen. Würde Rom-
ney gewinnen, wäre zu hoffen, dass die
Demokraten eine vernünftigere Minder-
heit stellen, denn Obamas Partei ist nach
Ansicht der meisten Experten weniger
stark ideologisiert.
Anders um die Ecke denken viele
gemäßigte Republikaner: Sollte Obama
die Wahl mit klarem Vorsprung gewin-
nen, könnte sein Sieg der Todesstoß für
die Tea Party sein – und die Chance für
die Renaissance einer moderaten repub-
likanischen Partei.
Die Wahlen am 6. November entschei-
den also nicht nur: Wer wäre der bessere
US-Präsident? Sondern auch: Wer orga-
nisiert die bessere Opposition? Sie sind
vielleicht tatsächlich eine Schicksals-
entscheidung. Auch für Deutschland. ■
BERNHARD BORGEEST / PETER GRUBER /
STEPHANIE E. STALLMANN /
MARGARETE VAN ACKEREN
Reden-Check: wie Obama
und Romney auftreten
Scannen Sie den QR-Code mit
einer App wie „Scan“ (iPhone) oder
„QR Barcode Scanner“ (Android)
das enorme Staatsdefizit der USA ohne
Steuererhöhungen abzubauen sei.
Beide Parteien könnten keine Wun-
der vollbringen, beide müssten sparen
und sanieren. Der Konjunkturmotor USA
werde noch lange stottern.
Die Börsen dürften deshalb auf den
Ausgang der Wahl so oder so gelassen
reagieren. „Es ist derzeit schwer, die
Märkte zu enttäuschen“, sagt Ifo-Exper-
te Kleemann. „Sie erwarten nicht viel.“
Viel stärker als vom Ergebnis des
6. November könnten die Börsen von dem
erschüttert werden, was die Amerikaner
in den Monaten nach der Wahl erwartet.
Davor warnt unter anderem Nils Jann-
sen, beim Institut für Weltwirtschaft in
Kiel zuständig für „makroökonomische
Politik in unvollkommenen Märkten“.
Das Unvollkommene in den USA ist
nicht so sehr ihre Ökonomie. Jannsen
glaubt nicht an die These vom „Dec-
linism“, dem Niedergang der ameri-
kanischen Wirtschaft. Dazu sei sie viel
zu innovativ und dynamisch. Ameri-
kas Makel steckt vielmehr in der Ver-
krustung seines politischen Systems,
IM VERGLEICH
Deutschland USA
Bruttoinlandsprodukt pro Kopf (BIP) (Dollar) 42 600 49 600
Staatsverschuldung absolut (Billionen Dollar) 2,7 16
Netto-Staatsverschuldung in Prozent des BIP 54 84
gegenseitige Exporte (2011 in Mrd. Euro) 74 48
Militärausgaben (in Prozent vom BIP) 1,4 4,8
Ausgaben für Bildung (in Prozent vom BIP) 4,5 5,5
Bevölkerung (in Millionen) 82 314
Bevölkerungswachstum (in Prozent) – 0,2 0,9
Frauenanteil in den Parlamenten (in Prozent) 32,8 16,8
Urlaubstage (pro Jahr im Durchschnitt) 27,7 17
Internet-Nutzer (pro 100 Einwohner) 79,3 78,0
Anzahl der angemeldeten Patente (2010) 55 046 186 189
Kohlendioxidausstoß (pro Kopf u. Jahr in Tonnen) 9,6 19,1
Tote durch Verbrechen
(pro 100 000 Einwohner)
0,5 Frauen
0,6 Männer
2,5 Frauen
9,7 Männer
Die Vereinigten Staaten sind einer der
wichtigsten Handelspartner Deutschlands –
und in vielerlei Hinsicht unser Maßstab.
Auf Deutschlands Straßen kracht es
ständig: Statistisch betrachtet pas-
siert alle paar Minuten ein Verkehrs-
unfall. Oft können sich die Unfallbe-
teiligten schnell einigen. Doch was,
wenn aus einem kleinen Unfall ein
großer Rechtsstreit wird? Wer im Fal-
le eines Falles Anwalts-, Gutachter-
und Gerichtskosten nicht aus eigener
Tasche bezahlen will, tut gut daran,
sich rechtzeitig abzusichern.
Rund um Auto, Freizeitsport, Reisen
Aufbauend auf der Erfahrung des ADAC in
Sachen Mobilität bietet die ADAC-Rechts-
schutz Versicherungs-AG zum günstigen
Mitgliederpreis eine Rechtsschutz-Versi-
cherung, die bei allen Streitigkeiten rund
um Auto, Freizeitsport und Reisen hilft.
Hohe Deckungssummen
Der ADAC Verkehrs-Rechtsschutz über-
nimmt pro Schadensfall Kosten bis zu
300.000 Euro in Europa und 40.000 Euro
weltweit. Ergänzt werden diese hohen
Deckungssummen durch den verbrau-
cherfreundlichen Verzicht auf Selbstbe-
teiligung. Egal, wie der Prozess ausgeht
– der Versicherte zahlt keinen Cent!
Landet man beispielsweise nach einem
Verkehrsunfall vor Gericht, weil die
gegnerische Versicherung sich weigert,
Schmerzensgeld oder die Kosten für
Werkstatt oder Mietwagen zu begleichen,
übernimmt der ADAC Verkehrs-Rechts-
schutz die kompletten Anwalts- und Ge-
richtskosten. Dasselbe gilt z. B. auch bei
Rechtsstreitigkeiten rund um das Fahr-
zeug. Etwa, wenn es Streitigkeiten mit
dem Finanzamt wegen der Berechnung
der Kfz-Steuer oder mit der Werkstatt we-
gen einer überhöhten Rechnung gibt.
Dreifach-Schutz
Der ADAC Verkehrs-Rechtsschutz ist
ein Dreifach-Schutz. Neben dem Be-
reich Verkehr deckt er auch die Bereiche
Freizeitsport und Reise ab. Entpuppt sich
beispielsweise das gebuchte Traumhotel
als üble Absteige oder kommt es nach
einem Skiunfall zum Rechtsstreit, trägt
der ADAC Verkehrs-Rechtsschutz die Kos-
ten einer gerichtlichen Auseinanderset-
zung. Ideal also für Menschen, die aktiv
und mobil sind.
Verbraucherfreundlich und unkompliziert
Auch unterschiedliche Verbraucherunter-
suchungen stellen dem ADAC Verkehrs-
Rechtsschutz ein hervorragendes Zeugnis
aus. Eine gemeinsame Umfrage des Maga-
zins AUTO, des Deutschen Anwaltsvereins
(DAV) und des PSEPHOS-Instituts beschei-
nigt dem ADAC Verkehrs-Rechtsschutz, am
günstigsten im Sinne des Versicherten zu
handeln und schnell und unkompliziert
Deckungszusagen zu geben. Ebenso ein-
drucksvoll ist ein Blick auf die Beschwer-
destatistik der Bundesanstalt für Finanz-
dienstleistungen 2011: Hier konnte sich
der ADAC Verkehrs-Rechtsschutz bereits
zum dritten Mal in Folge mit der gering-
sten Beschwerdequote aller Rechtsschutz-
Anbieter als Branchenbester platzieren.
Auch der Finanztest empfiehlt in der Aus-
gabe 7/2012 den ADAC Verkehrs-Rechts-
schutz wegen seines breiten Leistungs-
spektrums, sowohl für Einzelpersonen, als
auch für Familien mit einem oder mehre-
ren Fahrzeugen oder aber auch für Per-
sonen ohne ein eigenes Fahrzeug.
Zur Wahl stehen beim ADAC Verkehrs-
Rechtsschutz folgende Verträge: Für ein
einzelnes Fahrzeug zu 69,60 Euro im Jahr
und der Mehrfahrzeug-Verkehrs-Rechts-
schutz zu 96,70 Euro im Jahr, der alle
in der Familie zugelassenen Fahrzeuge
des Versicherungsnehmers, seines Part-
ners und der minderjährigen Kinder mit
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70 FOCUS 39/2012
WI RTSCHAFT
Im Verteidigungshaushalt wurden in den vergangenen
Jahren Aufträge für deutsche Rüstungsunternehmen
deutlich zurückgefahren
Ausgaben in Milliarden Euro (gerundet)
2002 03 04 05
2002–2011: 32,2 Mrd. Euro
06 07 08 09 2010 11
3,2
1,9
6,4
2,5
4,3
5,6
3,2
2,1
1,5
1,4
Tausende Arbeitsplätze sind in Deutschland
von den Rüstungsproduktionen abhängig
Eurofighter 20000
Transportflugzeug A400M 7000
Schützenpanzer Puma 4000
Fregatte 125 1100
U-Boot 212 840
K
laus Eberhardt, 64, formulier-
te bewusst vorsichtig: „Auf
Grund der bisherigen Ertrags-
entwicklung“, so der Chef
des Düsseldorfer Rheinmetall-Konzerns
Anfang August, sei es eine „besondere
Herausforderung“, dass der Rüstungs-
sektor seine Ziele für 2012 noch erreicht.
Eberhardt, zu dessen Konzern auch
Automobilzulieferer KSPG zählt, ist zu
Recht skeptisch. Im ersten Halbjahr
schrumpfte der Auftragsbestand der
Rüstungssparte um mehr als drei Pro-
zent auf 4,6 Milliarden Euro, der Gewinn
brach sogar um fast zehn Prozent auf
56 Millionen Euro ein. Ein Umsatzplus
gab es überhaupt nur wegen kleinerer
Firmenzukäufe.
Deutsche
Waffen
für die Welt
Weil die Bundeswehr spart, suchen die heimischen
RÜSTUNGSFABRIKANTEN Kunden im Ausland
Hoffen auf Exportchancen
Flugzeuge, Panzer, Schiffe:
Die Entwicklung und Produktion von
Rüstungsgerät ernährt in Deutschland
Zehntausende Arbeitnehmer und
deren Familien. Da die Armee schrumpft
und deshalb weniger Gerät benötigt,
versuchen die Unternehmen,
neue Wachstumsmärkte zu erschließen
Die Bundeswehr spart Jobs für Spezialisten
Quelle: Bundesregierung
71 FOCUS 39/2012
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Die Sorgen im Rheinmetall-Konzern
sind typisch für die deutsche Rüstungs-
industrie. Der Sparkurs der Bundeswehr
und anderer europäischer Armeen hin-
terlässt Bremsspuren in den Auftrags-
büchern. „Budgetengpässe machen grö-
ßere Entwicklungs- und Beschaffungs-
aufträge eher unwahrscheinlich. Wachs-
tum müssen sich die Unternehmen auf
anderen Märkten suchen“, bilanziert
Stefan Maichl, Analyst der Landesbank
Baden-Württemberg (LBBW).
Das versucht gerade EADS-Chef Thomas
Enders, 53. Sein Plan, den Luft- und
Raumfahrtkonzern mit dem britischen
Rüstungsriesen BAE Systems zu fusio-
nieren, zielt vor allem auf den US-Markt.
Dort gelingt es dem EADS-Konzern, der
in Deutschland fast 50 000 Mitarbeiter
beschäftigt, so gut wie nie, Aufträge des
US-Verteidigungsministeriums zu ergat-
tern. So verloren die Europäer Anfang
2011 den 35-Milliarden-Dollar-Kontrakt
für Luftwaffen-Tankflugzeuge an den
Rivalen Boeing. Dank einer Fusion mit
dem britischen BAE-Konzern, der in den
USA 45 Prozent des Umsatzes erwirt-
schaftet, will man derartige Pleiten künf-
tig vermeiden.
Parallel, so Enders’ Kalkül, bekommt
die neue Einheit größere Schlagkraft
auf Märkten, die offenbar noch viele
Panzer, U-Boote, Raketen und Gewehre
benötigen. Trotz Etatkürzungen in vie-
len westlichen Staaten liegen die welt-
weiten Rüstungsausgaben 2012 nach
Berechnungen des militärwissenschaft-
lichen Fachverlags IHS Jane‘s bei 1,6
Billionen US-Dollar – noch mehr als im
Vorjahr. In Saudi-Arabien, den Verei-
nigten Arabischen Emiraten, Algerien
und Kuwait beobachten die Londoner
Experten sogar deutlich steigende Ver-
teidigungsausgaben. Für Analyst Maichl
liegt nahe, dass deutsche Firmen ver-
stärkt „in offene Märkte wie Indien, den
Mittleren Osten sowie Afrika drängen“.
Daheim läuft das Geschäft schleppend.
Allein 37 Kampfjets vom Typ Eurofigh-
ter, 40 Tiger-Kampfhubschrauber und
42 Transporthubschrauber NH-90 fallen
dem Sparkurs von Verteidigungsminister
Thomas de Maizière (CDU) zum Opfer.
Das Flugabwehrsystem Meads ist
Eurofighter im Angebot
Für den Kampfjet sucht das Hersteller-
Konsortium Kunden – etwa in Südkorea
72 FOCUS 39/2012
812
602
455
271
263
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153
97
97
Deutsche Rüstungsexporte in Millionen Euro (gerundet)
16.
1.
2.
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32
19
16
6,2
1,6
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Portugal
U-Boote, Teile für Kampfschiffe
USA Gewehre, Maschinenpistolen,
Scharfschützengewehre, Panzer,
Hubschrauber, Kanonen, Triebwerke,
Teile für Kampfflugzeuge
Großbritannien Hubschrauber,
Teile für Kampfflugzeuge, Panzerteile,
amphibische Fahrzeuge
Südkorea Hubschrauber,
U-Boot-Simulatoren, Teile für Kampf-
flugzeuge, Trainingsflugzeuge
Vereinigte Arabische Emirate
Panzerteile, Minenräumgeräte,
Radarsystem, Gefechtsübungszentrum
Türkei Panzer, Brückenlegepanzer,
Raketenabwehrsysteme
Frankreich Hubschrauber, Trieb-
werke, Raketen, Flugkörper, Panzer-
abwehrsysteme
Italien gepanzerte Fahrzeuge,
Teile für Kampfflugzeuge
Niederlande Panzerhaubitzen,
Raketenwerfer, Spürpanzer
Saudi-Arabien Patrouillenboote,
Tankflugzeuge, Teile für Kampfflug-
zeuge, Flugkörper, Triebwerke, Teile
für Schnellboote
Indien Panzerteile, Zerstörer,
Teile für U-Boote, Radarsysteme,
Patrouillenboote
Pakistan Torpedos, Radaranlagen,
Flugkörper, Teile f. Minenräumsysteme
Schweiz Panzer, Maschinen-
gewehre, Mörser, Flugsimulatoren
Spanien Minenräumgeräte,
Flugkörper
Norwegen Spürpanzer, Maschinen-
gewehre, Mörsermunition
Österreich Panzer, Lkws
Irak Hubschrauberteile,
Bordausrüstung
Singapur Berge- u. Brückenlege-
panzer, Geländefahrzeuge, Waffen-
übungsgeräte, rückstoßfreie Waffen
Lettland Patrouillenboote
Schweden Bergepanzer,
Panzerteile, Torpedoteile
Luxemburg*
Malaysia Waffenzielgeräte,
Gewehre, Handfeuerwaffen,
U-Boot-Teile
Kanada*
Afghanistan Panzertransporter,
Minenräumgeräte, gepanzerte
Geländewagen
Israel Teile für U-Boote
Australien*
Japan*
Kroatien*
Albanien*
Neuseeland*
93
84
82
gestrichen, dessen US-Vorgänger Patriot
von 29 auf 14 Systeme gestutzt. Statt
405 Puma-Schützenpanzern bekommt
das Heer nur 350. Allein dies spart 2012
im Bundeshaushalt 340 Millionen Euro.
Noch schlechter läuft es bei Talarion:
Jahrelang entwickelte die EADS-Mili-
tärsparte Cassidian diese Drohne – und
investierte mehr als eine halbe Milliar-
de Euro. Mangels Interesse europäischer
Verteidigungsminister ist das Projekt tot.
Selbst das Prunkstück deutscher Waf-
fentechnik, der Kampfpanzer Leopard 2
(Stückpreis: bis zu zwölf Millionen Euro),
findet in Deutschland nur noch schwer
Absatz. Die Truppe, die einst mit 3500
dieser Kolosse ganze Truppenübungs-
plätze umpflügte, muss sich nun mit
225 Exemplaren begnügen.
Dies trifft Dutzende Unternehmen,
die das Stahl gewordene Sinnbild der
Deutschland AG entwickeln und produ-
zieren. Hauptauftraggeber für den „Leo“
ist Krauss-Maffei Wegmann mit rund
3500 Mitarbeitern. Das diskrete Famili-
enunternehmen aus München (FOCUS
25/2012) produziert Turm und Wanne –
und ist für die Endmontage zuständig.
Rheinmetall liefert die 120-mm-Kano-
ne und das Maschinengewehr. Diehl
Defence in Überlingen produziert die
Leichtlaufketten. Die Augsburger Firma
Renk, die über MAN zum VW-Konzern
gehört, steuert Getriebeteile bei. Laser-
Deutsch-arabische Kontaktpflege
Mitglieder der Bundesregierung
helfen beim Rüstungsexport –
hier Verteidigungsminister Thomas
de Maizière (CDU) im Gespräch
mit Scheich Abdullah bin Said
al-Nahjan, dem Außenminister der
Vereinigten Arabischen Emirate
Deutsche Rüstungsexporte
in Milliarden US-Dollar
04 2000 02 06 08 2011
3,0
1,0
0,5
0
1,5
2,0
2,5
Beliebter Lieferant Deutschland ist hinter den USA und Russland drittgrößter Waffen-
exporteur der Welt. Welches Land wie viel bekommt, bleibt lange Zeit geheim
Viel Luft nach oben
Deutsche Rüstungsunternehmen
werden künftig wohl wieder mehr
Produkte auf Märkten im Ausland
anbieten. Zu den Kandidaten
zählen Staaten im Mittleren Osten,
Asien und Afrika
Von »Amphibienfahrzeug« bis »Zerstörer«
Verteidigungstechnik „made in Germany“ ist auch außerhalb Europas sehr begehrt.
Staaten in Krisengebieten dürfen allerdings nicht beliefert werden.
Quelle: Sipri
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FOCUS 39/2012 73
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Entfernungsmesser, Wärmebildkameras
sowie die Optik für Schützen und Kom-
mandanten stammen von Carl Zeiss.
Bauteile der Jenoptik-Tochter ESW
bewegen Turm und Geschütz. Den
1500-PS-Motor liefert MTU Friedrichs-
hafen. Mahle Behr Industry fertigt das
Kühlsystem.
Bei 80 000 Jobs in der Rüstungsbranche
„wird die Bundesregierung sicher noch
aktiver als bisher die deutsche wehrtech-
nische Industrie im harten internationa-
len Wettbewerb unterstützen müssen“,
fordert Elke Hoff, verteidigungspoliti-
sche Sprecherin der FDP.
Zwar dürfe es „wie bisher keine Lie-
ferung von Waffen in Krisengebiete“
geben. Auch müsse „unbedingt Klar-
heit über den Endverbleib von expor-
tierten Waffen“ herrschen. Bei befreun-
deten Staaten und in Regionen mit
deutschem Interesse an deren Stabilität
aber „braucht sich Deutschland nicht zu
verstecken: Unsere Industrie hat gute
Produkte und ist leistungsfähig.“
Saudi-Arabien will 270 Leopard-2-Pan-
zer kaufen. Indonesien interessiert sich
für 100, darunter auch gebrauchte Leo-
pard – und hat noch vier Marder-Schüt-
zenpanzer auf dem Einkaufszettel. Das
Golf-Emirat Katar plant die Anschaffung
von bis zu 200 neuen „Leos“. Ägypten
unterzeichnete nach Auskunft des obers-
ten Marine-Befehlshabers jüngst einen
Vertrag über zwei U-Boote, von dem
ThyssenKrupp-Tochter Howaldtswerke-
Deutsche Werft profitieren würde.
Von solchen Deals, deren Einzelheiten
nur die Mitglieder des geheim tagen-
den Bundessicherheitsrats kennen, sind
Kirchenvertreter und Friedensaktivisten
naturgemäß nicht begeistert.
Margot Käßmann, Luther-Botschafterin
der Evangelischen Kirche Deutschland
(EKD), fordert schlicht, „keine Waffen
mehr zu produzieren und zu exportie-
ren“. Auch für die „Aktion Lebenslaute“,
die Anfang September musizierend beim
Schusswaffenbauer Heckler & Koch
(H&K) in Oberndorf am Neckar pro-
testierte, „schafft Waffenhandwerk nur
Unheil“. Aktivisten empfahlen Arbeitern
der Frühschicht, „keine Maschinenge-
wehre und Pistolen herzustellen“, son-
dern es doch mal mit „Windrädern, Wär-
mepumpen und Blockheizkraftwerken“
zu probieren. „Graswurzel.tv“ filmte die
rührende Szene.
Die Welt ist aber „nicht so friedlich, wie
wir es uns wünschen“, widerspricht Jür-
gen Kerner, im Vorstand der IG Metall
für Wehr- und Sicherheitstechnik zustän-
dig. „Solange es bewaffnete Auseinan-
dersetzungen gibt, haben Staaten und
Menschen Sicherheitsbedürfnisse. Und
so lange wird es eine wehr- und sicher-
heitstechnische Industrie geben.“
Die Firma Kärcher aus dem schwäbi-
schen Winnenden – bekannt für Hoch-
druckreiniger – gilt als Weltmarktführer
bei der Beseitigung biologischer, chemi-
scher oder atomarer Verunreinigungen.
Blücher, ein Familienbetrieb in Erkrath
bei Düsseldorf, produziert Schutz- und
Uniformteile für Soldaten und Sicher-
heitskräfte. Das Münchner Unternehmen
Rohde & Schwarz mit 8400 Mitarbeitern
und einem Jahresumsatz von 1,6 Milli-
arden Euro ist führend bei Fernmelde-,
Funk- und Radartechnik. „Wenn wir das
aufgeben, machen wir uns von anderen
abhängig“, erläutert der Bundestagsab-
geordnete Florian Hahn (CSU) aus dem
Verteidigungsausschuss.
„Was in den Forschungslabors der
Rüstungsunternehmen entwickelt wird,
findet auch immer wieder zivile Ver-
wendung“, betont Georg Adamowitsch,
Hauptgeschäftsführer beim Bundes-
verband der Sicherheits- und Verteidi-
gungsindustrie (BDSV). Und er gibt sich
ganz friedlich: Die in Kampfjets erprobte
Radar- oder Elektrotechnik könne auch
Passagierflugzeuge sicherer machen.
NIcht jede Waffe bleibt freilich, wo sie
hingehört. Während der Rebellion gegen
Diktator Muammar al-Gaddafi tauchten in
Libyen G36-Sturmgewehre von HKO auf,
die wohl 2003 legal nach Ägypten gelie-
fert worden waren. Versuche der Staatsan-
waltschaft Stuttgart, deren Weg nachzu-
vollziehen, verliefen im Wüstensand.
Zwei Verfahren gegen H&K treiben
die Stuttgarter Ermittler weiter voran.
Sie befassen sich mit der angeblichen
Lieferung von G36-Gewehren in vier
mexikanische Bundesstaaten. Ermittelt
wird wegen vermutetem „Verstoß gegen
das Außenwirtschafts- und Kriegswaf-
fenkontrollgesetz“ sowie des „Verdachts
der Bestechung in- und ausländischer
Amtsträger“. Das Unternehmen weist die
Vorwürfe pauschal „vollständig zurück“,
die Einhaltung gesetzlicher Vorschriften
genieße „höchste hausinterne Priorität“.
Deutschland bleibe bei seiner restrik-
tiven Waffenexportpolitik, bekräftigte
auch der Bundesverteidigungsminister
Ende vergangener Woche mit Blick auf
das saudi-arabische Panzergeschäft. Die
Stärkung des arabischen Landes „mit
geeigneten Mitteln“ könne trotz Men-
schenrechtsverletzungen „eine denkba-
re, vernünftige Entscheidung“ sein. ■
THOMAS GLÖCKNER / CHRISTOPH ELFLEIN
Wasserdicht und wüstentauglich
Der Leopard 2 steht nicht nur bei
Nato-Staaten hoch im Kurs.
Auch arabische und asiatische
Regierungen wollen den Kampfpanzer.
An dessen Entwicklung und Produktion
verdienen Dutzende Unternehmen –
vor allem aus dem Mittelstand
74 FOCUS 39/2012
WI RTSCHAFT
2010
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4
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2011
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7,5
2,7
14,3
11,4
70,2
6,4
23,0
0,4
Großbritannien
Deutschland
China
Dänemark
Belgien
Portugal
Windkraft-Weltmarkt
und Offshore-Anteil
neu installierte Leistung
in Megawatt (MW);
nationale Anteile in Prozent
2013 2011 2012 2014 2015 2016
0
5 000
40 000
30 000
20 000
10 000
50 000
60 000
Entwicklung des Windkraftmarkts
installierte Megawatt pro Jahr
Offshore-Anteil:
Weltmarkt
Europa
China
MW
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ie Gebilde, die in dieser Geschichte
die Hauptrolle spielen, schienen vor
einigen Jahren noch undenkbar. Neues-
te Windräder für den Einsatz zu Wasser
erreichen einen Rotordurchmesser von
154 Metern – eine Dimension, wie sie
einst Kirchtürmen vorbehalten war.
Mächtig sind auch die mit der Mega-
technik verbundenen Hoffnungen. Bis
2050, so der Plan von Schwarz-Gelb
in Berlin, sollen Seerotoren 15 Prozent
des bundesdeutschen Stromverbrauchs
decken. Großbritannien nimmt sich bis
2020 sogar 25 Prozent vor.
Der Kraftwerksbau abseits des Festlands
läuft allerdings alles andere als reibungs-
los. Immer wieder verzögern sich Projek-
te, wegen Problemen beim Errichten der
Anlage oder beim Anschluss ans Netz.
So groß sind die Milliardenrisiken, dass
der Bund nun sogar die Möglichkeit
schuf, sie durch eine Stromkosten-Um-
lage zu einem erheblichen Teil auf die
deutschen Privathaushalte abzuwälzen.
Es gibt Energiemanager, die Offshore-
Anlagen deshalb als ein „Abenteuer“
abtun, das vorerst unkalkulierbar sei.
Stephan Reimelt, Deutschland-Chef
des US-Konzerns General Electric,
Heiter bis
stürmisch
Windparks auf dem Meer sind
eine Energiehoffnung –
und, auch wegen der oft
widrigen Witterung, ein
ökonomisches Risiko. Besuch
der weltgrößten Anlage
Europa-Domäne
Der Großteil der Windkraft-
parks abseits des
Festlands entsteht in
Europa, ganz überwiegend
in britischen Gewässern
Mit Rückenwind
Wachstumsprognose
2011 entstanden weltweit
Windräder auf dem Meer
(offshore) mit 470 Megawatt
Leistung, 2016 dür ften es
5800 Megawatt sein –
der Anteil am Wind-Gesamt-
markt soll von 1,1 auf
8,5 Prozent steigen.
Quelle: BTM Consult
Quelle: BTM Consult
Wuchtig Montageschiff im Windpark „London Array“
Du hast es in der Hand.
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bestehen über wiegend aus dem nachwachsenden Rohstoff Holz. Der
Vorteil: Anders als viele andere Rohstoffe geht Holz bei verantwor-
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®
mit dem FSC-Siegel
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zum Erhalt der Wälder, auch für die nachfolgenden Generationen.
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76 FOCUS 39/2012
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Die größten Hersteller von Windkraftanlagen
weltweit Marktanteile in Prozent 2011
Vestas
Goldwind
GE Wind
Gamesa
Enercon
Suzlon Group
Sinovel
United Power
Siemens
12,9
9,4
8,8
8,2
7,9
7,7
7,3
7,1
6,3
Ming Yang 2,9
Die größten Hersteller von Offshore-Anlagen
in Europa Marktanteile in Prozent 2011
Werte gerundet
Siemens
80
Repower/
Suzlon
13
BARD
7
Vestas
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formuliert es so: „Der mögliche Ertrag
und das mögliche Risiko eines Engage-
ments in dem Geschäft stehen für uns
derzeit in keinem sinnvollen Verhältnis.“
Ist das nüchterne Skepsis? Oder Zwangs-
pessimismus, weil General Electric beim
Offshore-Markt bislang außen vor ist?
Eine Erkundungsreise zu Siemens, dem
Münchner Technik-Multi, der das Wind-
geschäft zu Wasser massiv vorantreibt.
Der größte Windpark der Welt. 20 Kilo-
meter vor der britischen Küste, auf Höhe
der Themse-Mündung, schwebt ver-
gangenen Donnerstag ein Rotorblatt in
80 Meter Höhe unter einem überraschend
blauen Himmel. Es hängt am Kran eines
Montageschiffs, das gerade Windrad
Nummer 130 errichtet. 175 sollen es in
den nächsten Wochen werden. Dann
ist Phase eins abgeschlossen. Mit 630
Megawatt Gesamtleistung soll „London
Array“ 470 000 Haushalte in Großbritan-
nien mit Strom versorgen können.
Auf etwa eine Milliarde Euro schätzen
Branchenkenner das Auftragsvolumen
für Turbinenlieferant Siemens.
Auch wenn bei „London Array“ die
Wassertiefe mit maximal 25 Metern
recht gering ist – der Offshore-Aufwand
ist enorm. Das Installationsschiff neben
Nummer 130 kann sechs Windräder
transportieren, die Siemens in Esbjerg
in Dänemark bereitstellt. Eine Runde
– Beladen im Hafen, Fahrt nach „Lon-
don Array“, Montage, Rückkehr nach
Esbjerg – dauert zwölf Tage.
Weil es zu zeitraubend wäre, die Mon-
teure pendeln zu lassen, leistet sich Sie-
mens ein Hotelschiff. Auf der „Wind
Ambition“ gibt es keinen Alkohol, aber
ein Fitness-Studio, eine Lounge mit breit
lächelndem Buddha, einen Speisesaal
mit Bergposter – und Kabinen, die Apart-
ment-Charakter haben.
Allerdings: Das Einchecken ins Wasser-
hotel kann dauern. Zum Anlegen benö-
tigt das Taxiboot selbst bei ausgespro-
chen gutem Wetter mehrere Anläufe.
Er habe schon einmal viereinhalb Stun-
den wartend auf den Wellen geschau-
kelt, ehe er aussteigen konnte, berichtet
Projektleiter Chris Randle: „Wir bauen
Windparks eben da, wo der Wind bläst.“
Das hat den Vorteil einer hohen Strom-
ausbeute – und den Nachteil, dass das
Wetter die Projektpläne jederzeit umwer-
fen kann. Wer einen Termin aus Sicher-
heitsbedenken nicht einhalten könne,
werde mit seinen Vorgesetzten defintiv
keinen Ärger bekommen, versichert ein
Plakat im Hotelschiff den Mitarbeitern.
Es kam bei Offshore-Vorhaben schon
mehrfach zu tödlichen Unfällen. Bei
„London Array“, so Manager Brandle,
sei es bislang bei einem verstauchten
Knöchel geblieben.
Aufwendige Sicherheitsmaßnahmen,
Hotelschiffe, überhaupt die neue Mee-
restechnik – Strom mit Offshore-Rotoren
zu erzeugen ist teurer als mit Windanla-
gen an Land und deutlich teurer als mit
herkömmlichen Kraftwerken.
„Es muss uns gelingen, Offshore-Strom
so günstig zu machen, dass man es sich
nicht leisten kann, diese Energiequelle
nicht zu nutzen“, sagt Michael Hanni-
bal, Chef der Siemens-Offshore-Sparte.
Wann das so weit sein werde? Viel-
leicht in den 2020ern, sagt der Däne.
Niedrigere Kosten lassen sich nur errei-
chen, wenn böse Überraschungen aus-
bleiben. Vor ein paar Jahren, verrät Han-
nibal, fiel bei einer Anlage auf, dass die
Verbindung zwischen Stahlfundament
und Turmaufbau instabil war. Schlimms-
tenfalls hätte man die Turbinen demon-
tieren müssen – ein auf dem Meer enor-
mer Akt, der dann doch nicht nötig war.
Bei „London Array“ garantiert Siemens
fünf Jahre lang eine hohe Verfügbarkeit.
Kein Problem, versichert Hannibal. Die
Rotoren seien vielfach erprobt.
Siemens musste bereits erfahren, was
offshore schiefgehen kann. Im Frühjahr
meldete der Konzern Mehrkosten von
einigen hundert Millionen Euro, weil sich
der Anschluss von Windparks ans Netz
unerwartet schwierig gestaltete. Das sei
„typisch für Pionierprojekte“, kommen-
tierte Siemens-Chef Peter Löscher.
Bemerkenswert ist, dass Enercon,
der Windpionier aus Ostfriesland und
Deutschlands Marktführer, den Offshore-
Markt meidet und solide Gewinne erzielt
– während Vestas, der weltweite Wind-
marktführer aus Dänemark, auch wegen
Offshore-Debakeln Verluste schreibt und
sogar als Übernahmekandidat gilt.
Die Projekte werden riskant bleiben.
Weil die Branche die Grenze immer wei-
ter verschiebt: hin zu noch größeren Roto-
ren und Wassertiefen. Die Anlagen sind
hoch wie Kirchtürme – und ein wenig hat
das Geschäft auch mit Beten zu tun. ■
JOACHIM HIRZEL
»Das ist schmerzlich,
aber typisch für
Pionierprojekte und
Vorstöße in Neuland«
Siemens-Chef Peter Löscher
zu Mehrkosten bei Windparkprojekten
Die Technik-Riesen
Rangliste Auf dem globalen Windmarkt
führt der dänische Hersteller Vestas, bei
See-Anlagen in Europa dominiert Siemens
Quelle: BTM Consult
Quelle: EWEA
FOCUS 39/2012 77
WI RTSCHAFT
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Günstig – aber nicht billig
Die Lufthansa will mit Hilfe ihrer Tochterfirma Germanwings eine wettbewerbsfähige
Fluglinie schmieden – eine Kampfansage an die Preisdrücker von Ryanair & Co.
I
n Berlin und Stuttgart hat die Lufthan-
sa das Sparen gelernt – und viele alte
Gewohnheiten abgelegt. Seit Monaten
trainieren Besatzungen, Mechaniker und
Schalterpersonal in der Hauptstadt, wie
die Airline günstiger in die Luft kommt.
Sie haben unter anderem die Getränke-
und Speisekarten vereinfacht sowie die
Zeit der Maschinen am Boden verkürzt.
Die wohl wichtigste Maßnahme: In den
Fliegern ab Berlin bedienen nicht mehr
Lufthansa-Angestellte, sondern günsti-
gere Leiharbeiter in LH-Uniformen.
In Stuttgart testen die Manager der-
zeit sogar, wie sie den Flugbetrieb auch
ohne die Marke Lufthansa hinbekom-
men können. Deshalb fliegt ab Stuttgart
demnächst nur noch die Tochtergesell-
schaft Germanwings. Auch deren 800
Stewardessen verdienen weniger als die
Lufthansa-Kolleginnen.
Weil beide Experimente ein Erfolg
waren, plant Lufthansa-Chef Christoph
Franz nun die Zukunft: Im Januar soll
ein neuer Günstig-Ableger für die Kurz-
streckenverbindungen starten. Bei der
„klassischen“ Lufthansa bleiben dann
nur die Flüge von und nach München
und Frankfurt – also der Zulieferverkehr
für die Langstreckenverbindungen.
Die Lufthansa packt die restlichen
133 Europaverbindungen und die 160
Germanwings-Flüge unter ein gemein-
sames Firmendach. Das neue – intern
Direct4you genannte – Flugunterneh-
men soll mit 90 Maschinen starten.
Der plötzliche Strategiewechsel entstand
aus wirtschaftlicher Not – die Verluste im
Europageschäft stiegen ständig. Chris-
toph Franz: „Unser Ziel ist, diese Ver-
kehre unter dem Dach einer Gesellschaft
wieder profitabel zu fliegen.“
„Das ist endlich einmal eine klare
Linie“, lobt ihn dafür Analyst Jürgen Pie-
per vom Bankhaus Metzler. Bislang hatte
die Lufthansa vergeblich nach einer kon-
sequenten Antwort auf die Branchen-
turbulenzen durch die Billiganbieter
gesucht. Aufsteiger wie Ryanair oder
Easyjet vermiesen den etablierten Flug-
gesellschaften mit günstigen Tickets bei
Minimalservice das Geschäft.
Bisher beharrten die Lufthanseaten
auch bei den Kurzstrecken auf ihren etab-
lierten und damit zu teuren Strukturen.
Doch die Zahl der lukrativen Geschäfts-
kunden war zu gering, die Ticketpreise
blieben niedrig, die Verluste stiegen.
Heute geben sich die Airline-Mana-
ger selbstkritisch: Die Flugpläne von
Lufthansa und Germanwings seien oft
schlecht aufeinander abgestimmt gewe-
sen. So habe man etwa von München
nach Berlin fast gleichzeitig abheben
können – in unterschiedlichen Maschi-
nen von Mutter- und Tochtergesellschaft.
Auch wenn der neue Lufthansa-Ab-
leger diese Fehler vermeiden soll: Schon
vor dem Start gibt es Krach. Das Kabi-
nenpersonal der Lufthansa befürchtet
finanzielle Nachteile. „Die Kollegen sind
völlig verunsichert“, sagt Nicoley Bau-
blies, Chef der Kabinengewerkschaft
Ufo. Die Mitarbeiter sollen freiwillig zur
neuen Gesellschaft wechseln – und dort
wohl weniger verdienen als heute. ■
SUSANNE FRANK
Sparsame Tochter Lufthansa-Chef Franz will die Europaverbindungen mit Germanwings zusammenlegen – und so aus den Verlusten fliegen
78 FOCUS 39/2012
WEB- WI RTSCHAFT
10
20
Prognose
30
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2000
2005
2010
2015
DATENEXPLOSION in Exabytes* pro Monat
*1 Exabyte = 10
18
Bytes
0
2003
Der private Internet-Zugang überholt
den geschäftlichen Einsatz.
2010
Internet-Video überholt Tauschbörsen
als größte Video-Kategorie.
2011
Die Zahl der Geräte, die mit dem Internet verbunden sind,
übersteigt die Einwohnerzahl der Erde.
2014
20 Prozent des Internet-Videoaufkommens kommt von Nicht-PCs.
2015
Der Internet-Datenverkehr von mobilen Geräten übersteigt das Aufkommen
der stationären PCs.
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Quelle: Cisco, 2011
Die Auswertung der
Datenmengen wird
für Firmen zum Problem.
Mobile Anwendungen
beschleunigen
das Anschwellen der
Informationsflut
Verloren
auf dem
Daten-Berg
S
ilicon Valley. Direkt neben dem
glitzernden Gebäudekomplex des
Software-Riesen Oracle liegt das
unscheinbare Büro von Rocket Fuel (über-
setzt Raketentreibstoff). Die 250 Beschäf-
tigten entwickeln eine Technik, die den
weltweiten Werbemarkt umwälzen könn-
te: Computer entscheiden in Millisekun-
den, welcher Nutzer welche Anzeige zu
welchem Zeitpunkt im Internet zu sehen
bekommt.
„Uns geht es um die ökonomische
Transformation der Werbung, angetrie-
ben von künstlicher Intelligenz und
Automation“, erklärt Vorstandschef
George John. Investoren riskieren hohe
Wetten auf die junge Firma. Einige
Risiko kapitalgeber haben Rocket Fuel
50 Millionen Dollar spendiert.
Die Rocket-Fuel-Computer werten
Daten aus, die Nutzer im Internet hin-
terlassen. „Da heute fast alle Menschen
Smartphones oder Computer nutzen,
werden tonnenweise Daten generiert
– über das Klickverhalten, den Besuch
von Websites, die Reaktion auf Online-
Werbung oder das Einkaufsverhalten“,
sagt Präsident und Gründer Richard
Frankel. Jedes Jahr verdoppelt sich diese
Datenmenge, weshalb Fachleute längst
von Big Data sprechen.
Ein Megatrend, aber auch ein Megaprob-
lem. „Allein der Besitz der Daten hilft
den Unternehmen nicht weiter. Man
muss sie analysieren und die richtigen
Schlüsse daraus ziehen“, sagt Frankel.
An der Lösung arbeiten fast alle
großen Unternehmen der Branche. Nun
will Rocket Fuel den Schlüssel mit Hil-
fe der künstlichen Intelligenz gefun-
den haben. Frankel: „Damit kann man
viele Dinge machen. In einer modernen
Welt geht es aber um lernende Algo-
rithmen.“
Sie wollen in Form von Computerpro-
grammen aus Milliarden Daten Hand-
lungsmuster von Menschen herausfin-
den, die für eine passgenaue Werbung
nötig sind. So haben die Maschinen
festgestellt, dass die Zahl der Pizza-
bestellungen in der Nähe von Studen-
tenwohnheimen stark zunimmt, wenn
es Mitternacht wird oder die Außentem-
peratur deutlich sinkt.
Rocket Fuel durchsucht Milliarden
von Daten nach solchen Verbindungen.
Je mehr Daten anfallen, desto größer
wird der Vorteil der Maschinen: Sie
erkennen Verhaltensmuster dann deut-
lich besser als Menschen – die Wer-
bung wird häufiger geklickt. Denn die
Computer entscheiden auch, wem der
Internet-Spot zu welchem Zeitpunkt
gezeigt wird. Sie kalkulieren, mit wel-
cher Wahrscheinlichkeit sich der Nutzer
die Werbung anschaut und anschließend
das Produkt kaufen wird.
„Wir bekommen jeden Tag 19 Milli-
arden Anfragen von den Werbemarkt-
plätzen, ob wir eine Anzeige schalten
wollen. Innerhalb von 100 Millisekun-
den rechnen unsere Maschinen aus,
welche Werbung wir dort zu welchem
Preis buchen würden“, erklärt John.
Rocket-Fuel-Gründer Frankel ist über-
zeugt: „Diese Automation ist bisher in
jeder Industrie zu beobachten gewesen
– von der Autoproduktion bis zur Bank,
wo inzwischen Computer im Hinter-
grund die Arbeit erledigen. Die Werbung
hat diesen Schritt noch nicht geschafft.
Aber wir sind sicher: Das wird sich jetzt
schon bald ändern.“
Als Nächstes werde die Werberevolu-
tion das Fernsehen überrollen. „Heute
zeigt man eine TV-Anzeige dem ganzen
Land. Das ist völlig verrückt“, sagt Fran-
kel. Schließlich interessiere sich nur ein
Bruchteil der Menschen für das betref-
fende Produkt. „Nach unserer Sicht wer-
den Werber künftig keine Programm-
plätze mehr kaufen, sondern vielmehr
die Nutzer, die sich für ihre Produkte
interessieren.“ ■
HOLGER SCHMIDT
Wer will Pizza
um Mitternacht?
Die Firma Rocket Fuel will die Internet-Werbung revolutionieren:
mit Anzeigen, die sich den Wünschen der Nutzer anpassen
Werbe-Revolutionär
George John
0ie FinanzberaIung der Sparkasse -
vermögen brauchI verIrauen.
Sparanlagen. WerIpapiere. Immobilien.

ßeì der größten Fìnanzgruppe 0eutschlands sìnd dìe vermögensspezìalìsten nìcht nur erlahren, sondern auch ìmmer ìn
¦hrer Nahe. Wìr analysìeren ¦hre ßedurlnìsse ìndìvìduell und bìeten von Sparanlagen, Wertpapìerberatung bìs Portlolìo-
management optìmale Lösungen aus eìner Hand. Mehr ¦nlormatìonen ìn ¦hrer Ceschaltsstelle oder unter www.sparkasse.de.
Wenn's um 6eld geht - 5parkasse.
Sparkassen-Finanzgruppe
,InspiraIion für meine 6erichIe
finde ich auf der ganzen WelI.
0ie besIe vermögensberaIung
gleich um die Ecke.¨
Johann Lafer, SpiIzenkoch
und Sparkassen-Kunde
80 FOCUS 39/2012
MONTAG IST ZEUGNISTAG
19. September 2012
Japan Airlines
Kurs in japanischen
Yen
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WI RTSCHAFT
HERZOGENAURACH Mit Firmen-
übernahmen hat Adidas einfach
kein Glück. Einst musste der Kon-
zern das Abenteuer mit Salomon
frustriert abbrechen, jetzt leidet er
an der US-Tochter Reebok. Die
Marke ist das Sorgenkind im gro-
ßen Adidas-Reich. Seit über sechs
Jahren mühen sich die Franken
vergeblich, um die einmal so hoff-
nungsvolle US-Übernahme fit zu
bekommen.
Derzeit sieht es besonders finster
aus für Reebok – in den 80er-
Jahren noch die Sport-Ikone der
Aerobic-Welle. Reebok werde 2012
ein Drittel weniger Umsatz als
geplant erreichen, musste Adidas-
Konzern-Chef Hainer gerade ein-
räumen. Und das, obwohl sich die
Wirtschaft in den USA leicht erholt.
Die Reebok-Ware bleibt in den
Läden liegen. Der geplante Umbau
zu einer Fitness-Marke überzeugt
die Kunden nicht. Hainer steckt in
der Klemme: Die Sanierung ver-
schlingt immer neue Mittel – und
ein Verkauf zu akzeptablen Bedin-
gungen ist derzeit nicht denkbar.
TOKIO Vor zwei Jahren hätte nie-
mand erwartet, dass sich Japan Air-
lines (JAL) so rasant erholt. Damals
war die Flugline in die Insolvenz
geschlittert, die Aktie wurde von der
Börse genommen. Danach zog das
Management eine einschneidende
Sanierung durch – und brachte das
Unternehmen am vergangenen Mitt-
woch wieder an den Finanzmarkt.
Dort steigt JAL quasi vom Plei-
tegeier zum Aktien-Albatros auf.
Gleich am ersten Handelstag konn-
ten die Aktien vom Ausgabepreis
3790 Yen auf bis zu 3905 Yen (etwa
38 Euro) zulegen. Experten erwar-
ten, dass JAL schon bald den Kon-
kurrenten All Nippon Airways
(ANA) als wertvollste japanische
Fluggesellschaft ablösen könnte.
Mit einem Volumen von umge-
rechnet gut sechs Milliarden Euro ist
der JAL-Börsengang nach Facebook
der zweitgrößte des Jahres. Derzeit
sieht es so aus, dass JAL-Titel nicht
abstürzen – ganz anders als jene des
Netzwerks aus den USA. Facebook
hat seit seiner Erstnotiz im Mai mehr
als 40 Prozent verloren.
BERLIN Die Raubkopie aus dem
Internet, das ist fast so etwas wie
der inoffizielle Mitgliedsausweis
der Partei der Piraten. Auch Julia
Schramm, Mitglied Nummer 9031
und im Bundesvorstand der Pira-
ten, bezeichnete die Idee des geis-
tigen Eigentums immer wieder
gern als „ekelhaft“.
Ganz so ekelhaft scheint die
26-Jährige die Urheberrechte dann
doch nicht zu finden. Als Schramms
neues Buch über „Bekenntnisse
einer Internet-Exhibitionistin“ noch
am Tag der Veröffentlichung als
kostenloser Download im Netz auf-
tauchte, ließ der Verlag die Raub-
kopie sofort aus dem Netz nehmen.
Eine Gratisversion ihres Werkes
duldet die Piratin nicht. Immerhin
verzichte sie auf eine kostenpflich-
tige Abmahnung, verteidigt sie
sich. Und in zehn Jahren, wenn sie
die Rechte zurückbekomme, werde
sie das Buch frei ins Netz stellen.
Jetzt ist die Glaubwürdigkeit
dahin – und die prominente Piratin
um einen Vorschuss von angeblich
100 000 Euro reicher.
Die US-Tochter
bremst Adidas
Albatros statt
Pleitegeier
Alles nur
Geschwätz
HERBERT HAINER JAPAN AIRLINES JULIA SCHRAMM
FOCUS 39/2012
BERLIN So viele Verwender können
nicht irren: Laut einer repräsentativen
Befragung vertrauen in Deutschland
etwa 800 000 Betroffene bei Sodbren-
nen und saurem Magen auf Maaloxan
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(rezeptfrei in der Apotheke). Ein Klassi-
ker, der dank stetiger Produktentwick-
lung mit der Zeit geht: Die neue
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Sodbrennen-Behandlung – der beste
Beweis dafür, dass Medizin nicht immer
bitter sein muss! In Frankreich – und
wo sonst könnte man Geschmack wohl
besser testen – ist die neue Maaloxan
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STOCKHOLM Was denn nun? Erst
ließ Göran Grosskopf, Chef der
Ikea-Mutter Ingka Holding, per
Interview verkünden, der Gründer
Ingvar Kamprad, 86, werde „nicht
mehr da sein, um seine Meinung
zu sagen, Ratschläge zu geben und
zu helfen“. Seine Söhne Peter, 48,
Jonas, 46, und Mathias, 43, würden
die Nachfolge übernehmen, bestä-
tigte Kamprads Sprecher zunächst.
Dann kam das entschiedene
Dementi, Ingvar Kamprad bleibe
„Senior-Berater“, es habe keine
Veränderungen in der Konzernlei-
tung gegeben. Der Senior, der das
Unternehmen als 17-Jähriger
gegründet hatte, unterstrich das,
indem er einen Managerwechsel
bei Ikea Schweden verkündete. Sei-
nen Söhnen traut der 30-fache Mil-
liardär offensichtlich nicht zu, die
Geschäfte zu leiten. Immer wieder
äußerte er sich öffentlich abfällig
über die Management-Fähigkeiten
seiner Sprösslinge. Aber auch der
reichste Mann Europas sollte wis-
sen, dass ein kluger Unternehmer
beizeiten seine Nachfolge plant.
WIESBADEN Vermutlich würde Eva
wie in der biblischen Erzählung
auch heute einen Apfel wählen, um
Adam zu verführen. Sie könnte
sich dann sicher sein, den Obst-
geschmack der männlichen Mehr-
heit zu treffen. Auch 2012 sind Äpfel
mit Abstand das beliebteste Baum-
obst der Deutschen. Das Statistische
Bundesamt in Wiesbaden ermittelte,
dass sie auf 70 Prozent der gesam-
ten Baumobst-Anbaufläche (46 000
Hektar) wachsen. Die häufigsten
Sorten sind Elstar, Jonagold,
Jonared und Braeburn. Mit lediglich
5000 Hektar Fläche folgt auf Platz
zwei die Kirsche.
Immerhin 7500 Betriebe produ-
zieren das beliebteste deutsche
Obst – vor allem in Baden-Würt-
temberg und Niedersachsen.
Ihre Kunden müssen derzeit nicht
einmal mit steigenden Preisen
leben – anders als bei vielen ver-
gleichbaren Nahrungsmitteln. Ein
Kilo der meisten lose verkauften
Apfelsorten kostet bei allen großen
Ladenketten fast schon traditionell
um die zwei Euro.
Sturer
Ikea-Elch bockt
Knackiger
Umsatzbringer
INGVAR KAMPRAD DER APFEL
82 FOCUS 39/2012
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in Euro
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Stada
2009 2012 2010 2011
Gewinnchance mit Sicherheit
AKTIE Diesen Dienstag startet in Essen die weltweit größte Sicher-
heitsmesse „Security“. Die Branche wächst enorm. Allein in Deutsch-
land legten die Umsätze mit Sicherheitstechnik und Überwachungs-
diensten in den vergangenen drei Jahren um sieben Prozent zu.
Das gesamte Marktvolumen im Inland
beträgt elf Milliarden Euro.
Das könnte der Aktie des schwedi-
schen Branchenvertreters Securitas, der
auch in Deutschland sehr präsent ist,
neuen Schub verleihen. Das Papier
bietet derzeit eine überdurchschnittliche
Dividendenrendite von 5,7 Prozent
(ISIN: SE0000163594).
MEDIZIN-AKTIEN Die Medi-
zintechnik zählt zu den Vor-
zeigebranchen in Deutsch-
land. Laser für Operationen,
Patienten-Überwachungsge-
räte, Hochleistungsmikrosko-
pe oder Arzneimittel verkau-
fen sich im Inland wie im
Ausland gut.
In den reifen Volkswirt-
schaften kurbelt die Alterung
der Bevölkerung den Absatz
an; in Schwellenländern pro-
fitiert die Branche davon,
dass sich dort immer mehr
Menschen medizinische Ver-
sorgung leisten können.
Deshalb erwartet der Bun-
desverband der Deutschen
Industrie (BDI), dass der Um-
satz dieses Segments im
Inland bis 2020 um 3,3 Pro-
zent jährlich wächst. Weltweit
könnte er sogar bis 2030 um
5,9 Prozent pro Jahr zulegen.
Der BDI will nun den Sektor
zusätzlich mit einem neuen
Ausschuss fördern.
Operation
»Rendite erzielen«
Das hilft Unternehmen wie
dem Dialyse-Spezialisten Fre-
senius Medical Care aus dem
Dax. Die Société Générale
erwartet hier einen Kurs-
anstieg von 55 auf 76 Euro
(ISIN: DE0005785802).
Ebenfalls profitieren dürf-
ten Hersteller von günstigen
Nachahmer-Arzneien (Gene-
rika) wie Stada. Die Analys-
ten er warten im Durchschnitt,
dass die Dividende der AG
von 37 Cent auf 65 Cent
im Jahr 2013 steigen wird
(DE0007251803).
Ganz oben auf den Kauf-
listen der Finanzprofis steht
auch Carl Zeiss Meditec. Die
Firma stellt unter anderem
optische Diagnose-Systeme
her (DE0005313704).
Ein sehr guter Fonds für die
Branche ist der Bellevue BB
Medtech. Er investiert interna-
tional in Vertreter des Wachs-
tumsmarkts (LU0433846606,
Jahresplus 18 Prozent).
Hochtechnologie Optische Geräte,
Deutsche Verbraucher . . .
misstrauen der offiziellen
Inflationsrate von zuletzt
2,1 Prozent. Sie halten
eine Teuerung von 3,6
Prozent für realistischer
(„gefühlte Inflation“).
Dies hat UniCredit ermit-
telt. Die Bank gewichtet
im Warenkorb Produkte
höher, die öfter gekauft
werden. Daher schlagen
die gestiegenen Sprit-
preise stärker zu Buche
als etwa gesunkene
Preise für Computer.
Spaniens Angaben . . .
zum Kapitalbedarf seiner
Banken seien „ein Witz“,
so der renommierte Öko-
nom Klaus Adam von der
Universität Mannheim in
einem Interview. Der Staat
erklärt, mit 50 Milliarden
Euro auszukommen. In
vergleichbaren histori-
schen Bankenkrisen hätte
der tatsächliche Geldbe-
darf laut Adam sechs- bis
zehnmal höher gelegen.
NOTIZEN AUS DER
WIRTSCHAFT
GELDMARKT
in Euro
6,5
7,5
8,5
5,5
4,5
Securitas
2009 2012 2010 2011
FOCUS 39/2012 83
in Euro
12
16
20
8
Carl Zeiss
Meditec
2009 2012 2010 2011
in Schweizer Fr.
40
45
50
35
55
Bellevue-Fonds-
BB-Medtech
09 2012 2010 2011
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etwa von Carl Zeiss Meditec, helfen den Chirurgen bei Operationen
Die Edelmetall-Rally
geht in die nächste Runde
Die Chefs der amerikanischen und der europäischen
Notenbanken haben die Basis für weiter steigende
Kurse von Gold, Silber & Co. gelegt. Ben Bernanke
von der US-Fed erklärte, die Zinsen bis 2015 niedrig
zu halten. So will er der darbenden US-Wirtschaft auf
die Sprünge helfen. Mario Draghi, Chef der Europäi-
schen Zentralbank, kündigte unbegrenzte Käufe von
Anleihen südeuropäischer Schuldenstaaten an. So
soll deren Zinslast sinken.
Die beiden Notmaßnahmen haben bereits zu einer
Rally bei Edelmetallen geführt. Gold ist seit Mai um
15 Prozent auf 1760 US-Dollar je Feinunze (31,1
Gramm) gesprungen, Silber legte seit Juni sogar um
30 Prozent zu. Platin und Palladium gewannen jeweils
20 Prozent. Die Erklärung: Niedrige Zinsen sind für Bar-
ren und Münzen ein wichtiger Preistreiber. Wenn die
Renditen für sichere Zinsanlagen nahe null dümpeln, er-
werben viele Anleger lieber gleich solide Edelmetalle.
Zinserträge verlieren sie in diesen Phasen ja kaum.
Auch die Anleihekäufe treiben die Preise, da sie Geld-
drucken bedeuten und so Inflationsängste schüren. Be-
sonders wenn die Teuerung aus dem Ruder läuft, sind
Gold & Co. begehrt. Selbst in Extremfällen verliert es
nie komplett seinen Wert. Auch deshalb zog in Deutsch-
land die Nachfrage nach physischem Gold im zweiten
Quartal um 60 Prozent auf 34 Tonnen an.
Anleger sollten aber berücksichtigen, dass auch Edel-
metalle abverkauft werden, wenn am Markt Panik gras-
siert. So rutschte nach der Pleite der US-Bank Lehman
Brothers Ende 2008 Gold von 900 auf 700 Dollar ab.
Allerdings folgt die Erholung meistens genauso schnell.
Ebenfalls wichtig zu wissen: Die Weißmetalle spielen
auch in der Industrie eine bedeutende Rolle. Ihre Kurse
werden gebremst, wenn die Konjunktur einknickt. Als
wahre „Ersatzwährung“ in Krisenzeiten eignet sich
daher Gold am besten. Besonders hier dür fte die Auf-
wärtsbewegung weitergehen. Die BNP Paribas erwartet
2150 Dollar je Feinunze für 2013, die britische Fonds-
gesellschaft Schroders bis 2020 sogar 5000 Dollar.
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KÖRNER KALKULIERT
FOCUS-Finanzredakteur
und Ex-Wertpapier-
händler Andreas Körner
zu brisanten Geld- und
Börsen-Themen
DER MEXIKANER kombiniert gern
Alltagsobjekte in seiner Kunst. Ob
Strandgut, Fahrräder, Fußbälle, Melo-
nen oder Autos – Gabriel Orozco setzt
die aufgelesenen Objekte in poetischen
Ensembles oder Fotos zueinander in
Beziehung. Für die Zeitschrift „Texte zur
Kunst“ hat der 50-Jährige die Fotogra -
fien eines reißenden Bachs und eines
aus Stoff gebastelten Flughundes zu
der Edition „Batwaves“ (2012) vereint.
Der 20,32 × 15,24 Zentimeter große
Pigmentdruck kostet 490 Euro (Auflage:
80, Infos: Tel. 0 30/30 10 45 33).
KUNST-TIPP: GABRIEL OROZCO
84 FOCUS 39/2012
WI RTSCHAFT
»Kein Produkt im Kunstwerk!«
Yves Carcelle, 64
Herr des Luxus
❙ Kühler Stratege
Der studierte Mathema-
tiker ist seit 1990 Chef
von Louis Vuitton. 2013
wechselt er als Präsident
zur Louis-Vuitton-Stiftung
für Kunst in Paris.
❙ Kunst und Bienen
Er baute die Traditionsfirma
zum Weltkonzern mit Shops
bis in die Mongolei aus
und beauftragte Künstler für
die Marke. Auf dem Pariser
Firmendach ließ er Bienen
ansiedeln – und vermarktete
den Honig.
Schicker auf den Punkt
Im Londoner Kaufhaus
Selfridges gestaltete Yayoi
Kusama einen Store, ebenso
in Paris, New York, Tokio,
Singapur und Hongkong. Ihre
Louis-Vuitton-Kollektion gibt es
weltweit – auch in Deutschland
S
eit 22 Jahren führt er die Marke Louis
Vuitton an die Spitze: Der Franzose
Yves Carcelle hat das traditionsreiche
Taschenunternehmen zu einem Weltkon-
zern ausgebaut. Unter seiner Leitung hat
sich der Umsatz der französischen Luxus-
güterfirma mehr als verzehnfacht, aus 125
Geschäften wurden weltweit 458. Louis
Vuitton steht heute für rund die Hälfte des
LVMH-Konzerngewinns – bei steigendem
Aktienkurs (siehe Chart). Auch im ersten
Halbjahr 2012 zogen die Gewinne der
Aktiengesellschaft LVMH, deren Label
unter anderem die Marken Fendi, Bulga-
ri, Moët & Chandon und Hennessy-Cog-
nac vereint, um 20 Prozent an. Manager
Carcelle engagierte 1997 Modedesigner
Marc Jacobs, später Künstler wie Takashi
Murakami für die Marke. Über seine Stra-
tegie sprach er in New York mit FOCUS.
Herr Carcelle, wie kamen Sie auf die Idee,
ausgerechnet die 83-jährige exzentrische
Künstlerin Yayoi Kusama zu einer Zusam-
menarbeit mit Louis Vuitton zu bewegen?
Unser Chefdesigner Marc Jacobs
besuchte sie 2006 in Tokio und kam
euphorisch zurück. Sie schenkte ihm
eine mit Punkten bemalte und signier-
te Louis-Vuitton-Ellipse-Tasche, die
damals einer unserer Bestseller war. Die
beiden hatten einen guten Draht zuei-
nander. Der Besuch in Japan schlug sich
in Marcs nächster Modenschau nieder.
Seitdem hatten wir die Künstlerin auf
dem Radar. Natürlich wussten wir,
dass Kusama 1973 New York verlassen
hatte und seit 35 Jahren freiwillig in
einer psychiatrischen Anstalt in Tokio
lebt. Wir hätten uns nie träumen las-
sen, dass es unter diesen Umständen zu
einer Zusammenarbeit kommen könn-
te. Und doch war es so.
Louis Vuitton sollte ursprünglich nur die
Ausstellungstournee Kusamas durch Mu-
seen von Madrid über Paris und London bis
New York sponsern. Warum sieht man ihre
Punkte jetzt überall in Ihren Läden, an Wän-
den, Taschen, Accessoires und Kleidern?
Wir wollten eine weltweite Partner-
schaft, nicht nur eine Ausstellung mit-
finanzieren. Die Mode von Kusama ist
FOCUS 39/2012 85
LVMH Kurs in Euro
140
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100
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60
40
9/2007 2009 2010 2011 9/2012
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Louis-Vuitton-Präsident Yves Carcelle lässt Luxusprodukte von
Künstlerhand veredeln – und steigert so den Wert der Marke
Boomender Luxusmarkt Zum Konzern LVMH
gehören u. a. Bulgari, Tag Heuer, Moët & Chan-
don, Hennessy und Fendi. Louis Vuitton erzielt
mindestens die Hälfte des Konzerngewinns
Tendenz nach oben
Quelle: Bloomberg
global zu sehen, ihre Kunst nur in den
Museen. Unser Unternehmen ist von
Qualität besessen. Wir haben höchs-
ten Respekt vor der Leistung unserer
Designer. Mit einer Künstler-Koopera-
tion gehen wir noch eine Stufe weiter.
Zudem ist Yayoi Kusama sehr an Mode
interessiert. Und als wir ihr die Mög-
lichkeit boten, nach 39 Jahren erstmals
wieder nach New York zurückzukeh-
ren, wo sie in der Kunstszene der 60er-
Jahre eine immens große Rolle gespielt
hat, entwickelte sich alles sehr schnell.
Kusama steht als lebensgroße Puppe im
Schaufenster des New Yorker Louis-Vuitton-
Shops – vor lauter Punkten erkennt man da-
rin so gut wie keine Ware. Ist das Absicht?
So sah der Entwurf von Yayoi Kusama
nun mal aus. 2006, als der Künstler
Olafur Eliasson seine Lichtinstallation
„Eye See You“ in unseren Shops zeigte,
waren gar keine Produkte im Schau-
fenster zu sehen. Als wir ihn fragten,
wo er denn die Taschen platzieren
wolle, antwortete er: kein Produkt im
Kunstwerk! Da mussten wir erst
einmal schlucken. Es war nicht leicht,
den Store-Managern weltweit zu erklä-
ren, warum wir ausgerechnet im Weih-
nachtsgeschäft keine Ware im Schau-
fenster zeigen würden. Das war eine
Entscheidung, von der wir gelernt
haben und die uns in der Kunstwelt
Respekt verschafft hat.
Ein Künstler schafft für die Ewigkeit,
ein Modedesigner nur für die neue
Saison. Was verbindet Mode und Kunst?
Ich sehe die Verbindung eher zwischen
Luxus und Kunst. Wir verstehen uns
in erster Linie als Luxusunternehmen,
nicht als Modefirma. Ein Luxusprodukt
bietet vor allem Emotionen, egal, ob
man es kauft, verschenkt oder erhält.
Das ist ein Mehrwert, der über die
Funktionalität und Materialität hinaus-
geht. Kunst verschafft eine zusätzliche
emotionale Erfahrung. Wer die Kreati-
vität eines Künstlers mit einem hand-
werklich perfekt gemachten Produkt
verbindet, kann ein sehr starkes, bewe-
gendes Ergebnis erzielen.
Aber da gibt es doch
Grenzen, allein beim Preis?
Ich glaube nicht an Grenzen. Der Unter-
schied zwischen Kunst und Produkt ver-
wischt bei Louis Vuitton, damit fühlen
Sie sich ein wenig wie in einer anderen
Welt. Ich bin sicher, jede Frau, die eine
Louis-Vuitton-Tasche von Murakami
oder Kusama kauft, denkt, sie besitzt
ein Kunstwerk. Die Idee des Serien-
kunstwerks ist nicht neu. Bereits in
der Renaissance gab es Kunstfabriken.
Wir bieten so etwas wie eine Kunstediti-
on an. Limitiert. Die Kusama-Kollektion
ist nur eine bestimmte Zeit erhältlich.
Sammeln Sie selbst Kunst?
Ja, Kunst verschafft mir positive Ge-
fühle. Ich besitze auch ein Werk von
Kusama von 1953. ■
INTERVIEW: GABI CZÖPPAN
86 FOCUS 39/2012
MARKTPLATZ
Volkswagen-Patriarch Fer-
dinand Piëch hat Interesse an
der Fiat-Marke ALFA ROMEO
– und lässt offenbar schon
mal die Fabriken der Italie-
ner inspizieren. So besuchten
Experten aus Deutschland
die Werke Mirafiori, Cassino,
Melfi und Pomigliano. Fiat
spielt die Besichtigungen he-
runter und spricht von „Rou-
tine-Visiten“. Üblicherweise
schützen Unternehmen ihre
Was läuft da bei Alfa?
Champagner prickelt weniger
Kälte und Hagelstürme haben in diesem Jahr den Cham-
pagner-Rebstöcken kräftig zugesetzt. Die französischen
Winzer in der Region werden wegen des schlechten Wetters
wohl ein Drittel weniger Trauben ernten als 2011. Das ge-
ringere Angebot trifft auf eine schwächere Nachfrage:
Bis Ende Juli fiel der Champagnerabsatz weltweit um gut
fünf Prozent niedriger aus als im Vorjahreszeitraum.
In Frankreich wurden in diesem Jahr sogar sieben Prozent
weniger verkauft. Die Franzosen trinken jedes Jahr mehr
als die Hälfte der Champagnerproduktion. fra
Anlagen aber vor neugierigen
Blicken der Konkurrenz.
Die Fiat-Beschäftigten zei-
gen sich erfreut über das In-
teressse. Gewerkschaftschef
Raffaele Bonnani: „Die Deut-
schen wären willkommen!“
Das Fiat-Management selbst
mag nicht kommentieren,
dass laut einem Zeitungs-
bericht eine US-Investment-
bank ein Angebot vorgelegt
hat. emk/fra
Begehrte Auto-Ikone
Volkswagen möchte Alfa
Romeo gern über-
nehmen, doch Fiat-Chef
Sergio Marchionne
(l.) gibt sich abweisend
(oben ein Foto aus
besseren Alfa-Tagen:
Spider Duetto von 1966)
FOCUS 39/2012 87
„Planen Sie eine Beitragserstattung
für das Jahr 2012?“
in Prozent
33
ja
67
nein
„Welche Maßnahmen halten Sie
für sinnvoll?“
in Prozent (Mehrfachnennungen möglich)
Leistungsangebot ausweiten
84
Absenken des Beitrags
38
Prämienerstattung
27
Praxisgebühr abschaffen
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»Wir werden mehr Konsolidierungen sehen«
Herr Kortüm, diese Woche treffen
sich in Paris die Automobilhersteller zur
Branchenschau. Wie ist die Stimmung?
Verhalten. Wir erwarten, dass die zweite
Jahreshälfte in Europa nicht so gut läuft
wie die erste. Auch bei Webasto spüren
wir eine gewisse Abkühlung, obwohl un-
sere Aufträge bis Jahresende weitestge-
hend gesichert sind. Noch gleichen wir
den Rückgang durch Bestellungen der
Premium hersteller aus. Wie es 2013 wei-
tergeht, kann heute noch niemand sagen.
Ist die Lage überall auf der Welt schlecht?
Der US-Markt ist auf Erholungskurs.
Auch Japan hat wieder deutlich gewon-
nen. In China kühlt sich das Autogeschäft
zwar ab, allerdings auf hohem Niveau.
Zweistellige Wachstumsraten gehen dort
in hohe einstellige über – damit können
wir gut leben.
Immer mehr Hersteller wie BMW/Toyota
schließen sich zu Kooperationen zusammen.
Müssen die Zulieferer das auch?
Das wird auch eine Option für das Spiel
der kommenden Jahre werden. Hinter-
grund ist der Wettbewerbsdruck, der auf
den Herstellern lastet und den sie an ihre
Zulieferer weitergeben. Diesen Druck
kann man eine ganze Weile durch in-
terne Prozessverbesserungen auffangen.
Bis man an Grenzen stößt, wo Kostenein-
sparung und Innovationskraft nicht mehr
in der Balance sind.
Was bringen mögliche Partnerschaften?
Einkaufs- und Produktionskooperationen
machen gemeinsam mit einem passenden
Unternehmenspartner viel Sinn. Darüber
hinaus werden wir gerade auch in schwie-
rigeren Zeiten wieder mehr Konsolidie-
rungen sehen. Wir haben das mit dem glo-
balen Cabrio-Dach-Geschäft von Edscha
und mit Karmann in den USA umgesetzt.
Macht das Cabrio-Geschäft Freude?
Derzeit bereitet uns der Cabriomarkt eher
Sorgen. In den vergangenen Jahren ist das
Geschäft mit Cabrio-Dach-Systemen welt-
weit von einer Milliarde Euro Umsatzvolu-
men auf 700 Millionen geschrumpft. Nach
der Krise 2009 hat sich der Cabriomarkt
leider weniger erholt als der allgemeine
Automobilmarkt. Man verzichtet eher auf
ein neues Cabrio, das ja das klassische
Zweit- oder Drittauto ist.
Interview: Susanne Frank
Nach der Daimler-Gewinnwarnung: FRANZ-JOSEF KORTÜM, 62, Chef des Autozulieferers Webasto, rät zur Vorsicht
Dächer und Heizungen Kortüm leitet
Webasto seit 14 Jahren. Der Zulieferer
setzte 2011 2,3 Milliarden Euro um
FOCUS online
souverän
Beim aktuellen Ranking der
Arbeitsgemeinschaft Online
Forschung (AGOF) behaup-
tet FOCUS Online souverän
Platz drei unter den Nach-
richten-Websites mit 8,92
Millionen Unique Usern.
In der Juli-Auswertung ver-
zeichnete das Spitzentrio mit
Bild.de und Spiegel Online
zwar leichte Verluste. FOCUS
Online behauptete sich den-
noch deutlich vor den nächst-
plazierten Websites von
„Welt“, „Süddeutsche Zei-
tung“, „stern“ und „Zeit“.
Größter Verlierer unter den
Top Ten der Nachrichten-
Websites ist Süddeutsche.de
auf Rang fünf. Das Portal
erreichte gut 700 000 Nutzer
weniger als im Juni – ein Mi-
nus von zehn Prozent. rv
Jede dritte Krankenkasse will
Prämien zurückzahlen
Nach der Techniker Krankenkasse (TK) planen
weitere gesetzliche Versicherer Prämienausschüt-
tungen an ihre Mitglieder. Jede dritte Kasse sieht
Spielraum für eine Beitragsrückzahlung (s. Grafik),
so das Ergebnis einer FOCUS-Umfrage, an der
81 gesetzliche Krankenkassen teilnahmen. 19
von ihnen haben bereits konkrete Pläne, darunter
mehrheitlich kleinere Betriebskrankenkassen. In
74 Prozent dieser Fälle wird die Ausschüttung für
das Jahr 2012 zwischen 50 und 100 Euro liegen.
Zehn Prozent der Versicherer planen eine niedrigere
Auszahlung, 16 Prozent rechnen mit einem Erstat-
tungsbetrag von über 100 Euro. Die große Mehrheit
der Versicherer will die Reserven für bessere
Leistungen für ihre Mitglieder verwenden. 38 Prozent
der Kassen plädieren dafür, den gesetzlich vorgege-
benen Einheitsbeitragssatz von 15,5 Prozent wieder
freizugeben oder zu senken. Trotz Klagen über den
hohen Verwaltungsaufwand halten die Kassen an
der Praxisgebühr fest. Nur 21 Prozent der befragten
Unternehmen wären bereit, auf sie zu verzichten. aw
FOCUS befragte
Krankenkassen
FOCUS 39/2012 88
LESERBRI EFE
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Euro-Krise
(38/12) Schäuble-Interview:
„Unsere Probleme werden kleiner“
Der Zweckoptimismus
von Wolfgang Schäuble
kann nicht überzeugen.
Denn erstens ist die Rück-
gewinnung von Vertrauen
stets ein langwieriger Pro-
zess, weswegen man heute
noch kein abschließendes
Urteil über das jüngste Euro-
Rettungspaket fällen kann.
Und zweitens werden die
eigentlich wichtigen Schritte,
um den mediterranen Raum
wieder wettbewerbsfähig
zu machen, wie etwa die
Bekämpfung der Jugend-
arbeitslosigkeit oder die Kür-
zungen von Privilegien für
Staatsbedienstete, bislang
nur äußerst halbherzig an-
gegangen. Der Euro ist noch
lange nicht über den Berg.
Rasmus Helt
20539 Hamburg
Man wundert sich, mit
welcher Chuzpe Minister
Schäuble die Maßnahmen
der EZB schönredet und
uminterpretiert, in krassem
Widerspruch zu Veröffent-
lichungen von Wirtschafts-
experten. So erwirbt die EZB
mit den Staatsanleihen, da-
runter knapp 40 Prozent der
griechischen Schrottpapiere,
„Vermögenswerte, mit denen
sie Geld verdienen kann“.
Diese Aufkäufe dienen der
Geldwertstabilität, obwohl
bekannt ist, dass die maro-
den Staatspapiere mit frisch
gedrucktem Zentralbank-
Geld bezahlt werden. In der-
selben Ausgabe des FOCUS
wird hinreichend bewiesen,
dass Herr Draghi und die
EZB nicht wirklich unabhän-
gig handeln. Ein Austritt aus
der Euro-Zone wäre zurzeit
immer noch die wesentlich
günstigere Lösung.
Karl Seegerer
30161 Hannover
Die Probleme werden mit
Sicherheit nicht kleiner. Herr
Schäuble redet lediglich die
immensen Schwierigkeiten
klein, die sich vor der Euro-
Zone auftürmen. Umfragen
belegen: Immer mehr Deut-
sche zweifeln am Sinn eines
zwangsvereinigten Europas.
Sie fürchten die irrsinnig
hohe Haftung für zweifel-
haf te Rettungsmaßnahmen,
welche bisher nur den Ban-
ken zugutekamen, und wür-
den lieber einen Neuanfang
mit jenen Ländern wagen,
die sich an Vereinbarungen
halten. Die antideutsche
Haltung in den Problem-
staaten trägt ebenfalls nicht
dazu bei, den verhaltenen
Optimismus Schäubles zu
teilen. Ein einig Europa soll-
te anders aussehen.
Jochen Bader
93499 Zandt
Nicht repräsentativ
(38/12) Terror gegen
den Westen
Ich finde, dass auch die
Menschen in der islami-
schen Welt endlich erken-
nen müssen, dass Presse-
und Meinungsfreiheit zu
einer zivilisierten Gesell-
schaft gehören. Das Video,
welches Mohammed ver-
unglimpft, ist sicherlich
kein Beitrag zur Völkerver-
ständigung. In modernen
Gesellschaften gehören
Kritik, Satire, Übertreibung
und Provokation zum All-
tag. Sie sind sogar wichtiger
Bestandteil der Weiterent-
wicklung und des Fort-
schritts, weil man gezwun-
gen ist, sich und die eigenen
Positionen zu hinterfragen.
Diese Mittel dürfen nirgend-
wo und zu keiner Zeit der
Anlass für Gewalt sein oder
diese rechtfertigen.
Sascha Ziesemeier
06388 Stadt Südliches Anhalt
Sowohl der Autor des
Videos als auch die Erstür-
mer von Botschaften sind
dumm und primitiv. In den
drei Jahren, die ich beruflich
im Nahen Osten verbrach-
te, habe ich viele Muslime
als Freunde kennen gelernt.
Sogenannte starrköpfige
Christen als auch gehirnge-
waschene Möchtegern-
Krieger Allahs sind nicht
repräsentativ für die Men-
schen, die friedlich ihren
Glauben leben.
Erwin Chudaska
63322 Rödermark
Wenn ein deutsches Sati-
remagazin den Papst des-
pektierlich abbildet, wenn
der Sohn des ehemaligen
„Spiegel“-Herausgebers
Augstein im öffentlich-recht-
lichen Fernsehen sich in die
deutsche Fahne schnäuzt,
kratzt das in unserem Land
offenbar niemanden. Wenn
aber ein irrer Ägypter in
den USA Islamfeindliches
produziert und daraufhin
ex treme Islamisten ausras-
ten, morden und brand-
schatzen, dann macht sich
der deutsche Innenminister
zum Büttel dieses Mobs. In
welchem Irrenhaus leben
wir eigentlich?
Dr. Jörg Mutschler
95119 Naila
Wenig überzeugend
(37/12) Egal, ob sie hart bleiben
. . . er wird weich (Entscheidung
des Bundesverfassungsgerichts
über die Einrichtung
eines dauerhaften EMS)
Die Thesen vom weichen
Euro sind für mich nach
wie vor wenig überzeugend.
Der Euro legt seit Wochen
zu, statt zu kollabieren,
und zwar gerade nach der
Ankündigung der Anleihe-
käufe durch die EZB. Noch
unglaubwürdiger ist für
mich das Gerede von der
Hyperinflation. Die derzeit
zwei Prozent liegen weit
unter den Raten der 70er-,
80er- und 90er-Jahre, außer-
gewöhnliche Preissteigerun-
gen sind außer bei Energie
nirgends in Sicht.
Auch die Zahlen zur bis-
herigen Haftung Deutsch-
lands erscheinen deutlich
übertrieben, selbst wenn
Wut und Hass Radikale Muslime im Sudan reagieren mit Gewalt
gegen westliche Einrichtungen auf das Mohammed-Video
kabeleins.de
Mehr Hollywood geht nicht.
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DIE WOLLEN NUR STEHLEN.
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FOCUS 39/2012 90
Die Leserdebatte von FOCUS
und FOCUS Online
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Südeuropa komplett pleite-
geht, ist ein hundert-
prozentiger Schuldenschnitt
alles andere als wahrschein-
lich. Interessant wäre, im
Gegenzug mal die mögli-
chen Schäden zu berech-
nen, die bei Staats- und
Bankenpleiten für Staat und
Sparer entstehen oder schon
entstanden sind.
Eckhard Gessner
65779 Kelkheim
Ehrlichkeit
(37/12) „Näher kann der
Tod nicht kommen“ (Interview
mit Marcel Reich-Ranicki)
Mein Kompliment zu
dem Interview mit Marcel
Reich-Ranicki. Die Aufrich-
tigkeit und die Authenti-
zität des Interviewten sind
hoch anerkennenswert. Herr
Reich-Ranicki sagt, was zum
Thema zu sagen ist. Diese
Ehrlichkeit macht gegenüber
dem schmerz lichen Thema
Mut: lieber die nüchterne
Wahrheit aushalten als mit
frommer Lüge (Reli-Brille)
kneifen. Der Tod ist nichts
anderes als unser Übergang
vom Organischen ins
Anorganische; und das ist
ein seelisches Nichts.
Dr. Bernd Horn
82131 Stockdorf
Ursula von der Leyen Ist ihr Konzept zum Scheitern verurteilt?
Beiträge unter: www.focus.de/magazin/debatte
Mails an: debatte@focus-magazin.de
»Ein kläglicher Versuch«
FOCUS-Leser diskutieren über die Zukunft der Rente:
»Was halten Sie vom Zuschuss-Rentenmodell der Arbeitsministerin?«
Würdelos im Alter
40 Jahre arbeiten plus Riester-Rente und
dann nur 850 Euro? Wer soll denn davon
leben? Wie teuer wird der Lebensunterhalt
in 20 Jahren sein? Das reicht nie und
nimmer, um ein Leben in Würde zu führen.
Die meisten Menschen werden die 40
Jahre ohnehin nicht schaffen, trotz höherer
Lebenserwartung. Das heißt Hartz IV für alle
Rentner und ein Leben in bitterer Armut.
Markus Richter, Karlsruhe
Überkommenes System
Das Konzept einer Zuschussrente von Frau
von der Leyen ist ein weiterer kläglicher
Versuch, unser völlig überkommenes
Rentensystem noch länger am Leben
zu halten. Viel zukunftsorientierter wäre
die Einführung einer staatlichen, steuer-
finanzierten Grundrente nach Schweizer
Vorbild. Nur so lässt sich die Gefahr von
Altersarmut nachhaltig eindämmen.
Peter Lembrecht, Hannover
Getarnte Konzeptlosigkeit
Das ist doch alles nur so eine Art Placebo.
Man will von der eigenen Konzeptlosigkeit
ablenken und wirft ein für die Mehrzahl
der zukünftigen Rentner untaugliches
Konstrukt den Bürgern vor die Füße. Friss
oder stirb. Geballte Inkompetenz – aber
etwas anderes war auch nicht zu erwarten.
Michael Gregori, Neubrandenburg
Fragwürdige Absicherung
Das deutsche Rentensystem wird in den
kommenden Jahrzehnten nicht mehr in der
Lage sein, die abzusichern, die auf Grund
zeitweiliger Arbeitslosigkeit oder wegen der
stetig zunehmenden geringen Einkommen
zu wenig eingezahlt haben. Die Rentenzah-
lungen sind das Resultat des Erwerbslebens,
und bei Lücken gerät die Altersabsicherung
ins Wanken. Eine staatliche Sockelrente
sowie eine zusätzliche private und oder be-
triebliche Vorsorge könnten die Lösung sein.
Dieter Schmeer, Saarbrücken
Reine Ablenkung
Frau von der Leyen versucht, die breite
Masse der Bürger von dem abzulenken, was
aktuell finanzpolitisch auf innerdeutscher
Ebene passiert. Es ist davon auszugehen,
dass die Höhe der Rente ab dem Jahr
2030, mit oder auch gerade durch eine
Zuschussrente, vermutlich gerade einmal
dazu reicht, eine Tankfüllung zu bezahlen.
Michael Colverson, Dormagen
»Sollte die öffentliche Präsentation des
Mohammed-Schmähvideos verboten werden?«
Die interessantesten
Kommentare drucken wir
im nächsten Heft ab.
Die Redak tion behält sich das
Recht auf Kürzungen vor.
Online-Debatten-Thema in dieser Woche:
Liebe Leserin,
lieber Leser,
schreiben Sie Ihre Meinung
zu den Themen in diesem Heft –
bitte unbedingt mit Angabe
Ihrer vollständigen Adresse und
Telefonnummer
Redaktion FOCUS
Arabellastraße 23
81925 München oder
Leserbrief-Fax: 0 89/92 50-31 96
E-Mail: leserbriefe@focus-magazin.de.
Die Redaktion behält sich
das Recht auf Kürzungen vor.
Für Halle Berry und für ca. 6 Mio. Menschen
in Deutschland ein Thema.
Und auch für mich.
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Leben, wie ich will. Mit
FOCUS-DIABETES gibt es auch unter: Tel. 0180 5 480 1006*, Fax 0180 5 480 1001, www.focus-diabetes.de
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In FOCUS-DIABETES bündeln wir die Erfahrung unserer Fach redaktion mit der Kompetenz von Experten.
Wie kann ich mit Diabetes abnehmen? Worauf man achten muss, um Komplikationen zu vermeiden.
Warum habe ich Diabetes? Die unterschätzte Rolle von Genetik und Epigenetik.
Welcher Sport hilft bei Diabetes? Mit der richtigen sportlichen Aktivität zu mehr Wohlbefinden.
92 FOCUS 39/2012
FORSCHUNG & TECHNI K
D
ie Totenarmee war weithin sicht-
bar: Auf einem überdachten
Podest standen etwa 100 Kelten-
krieger, aufgereiht wie Schaufenster-
puppen. Sie trugen volle Bewaffnung –
hatten aber alle keinen Kopf mehr. Das
gruselige Leichenheer wachte am Rand
des Heiligtums von Ribemont-sur-Ancre,
bis die Muskeln der Enthaupteten ver-
west waren, nur noch Haut und Sehnen
ihre Skelette umgaben. Schließlich stürz-
te der gesamte Aufbau ein und begrub
die kopflosen Krieger unter sich.
Gut 2200 Jahre später gruben Archäo-
logen in Nordfrankreich die Überreste
aus, zudem ganze Knochenberge im
Inneren des Kultplatzes: Dort waren Tau-
sende menschlicher Gebeine zu kunst-
vollen Bauten gestapelt worden.
Der gespenstische Fund verstärkt das
zwiegespaltene Bild, das wir heute von
Die erste Stadt
in Deutschland
Die Heuneburg in Baden-
Württemberg besaß schon
um 600 v. Chr. eine Mauer,
die dicht bestückt war
mit massiven Bastionen,
wie die 3-D-Animation zeigt
Schauriges Heiligtum Ein Heer von
kopflosen Keltenkriegern bewachte den Kultort
im nordfranzösischen Ribemont-sur-Ancre
Kelten
Glanz
und Elend der
Die mysteriösen Mitteleuropäer errichteten Städte,
als Rom noch ein Nest war, wie eine große Ausstellung in
Stuttgart zeigt. Doch dann folgte ein Zivilisationscrash
93 FOCUS 39/2012
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Ausstellung präsentiert werden, könnten
dieses Bild revolutionieren: „Die Fürs-
tensitze waren weit komplexer entwi-
ckelt als angenommen“, erzählt Barba-
ra Theune-Großkopf, Archäologin und
Mitorganisatorin der Keltenschau. Die
ersten stadtähnlichen Siedlungen Mit-
teleuropas entstanden danach bereits im
7. Jahrhundert v. Chr.– ein halbes Jahr-
tausend früher als bislang gedacht, zu
einer Zeit, als Rom nicht viel mehr war
als eine Ansammlung von Dörfern.
Das am besten erforschte Beispiel
ist die Heuneburg im Süden des heu-
tigen Baden-Württemberg. „Sie besaß
eine Monumentalarchitekur, die den
Vergleich mit den mediterranen Städ-
ten nicht zu scheuen braucht“, berich-
tet Dirk Krausse, Leiter des Fürstensitz-
Schwerpunktprogramms der Deutschen
Forschungsgemeinschaft.
Als Befestigung diente eine Lehmzie-
gelmauer, die an zwei Seiten dicht an
dicht mit rechteckigen Türmen bestückt
war. „Bastionen in dieser Massivität gab
es damals selbst im mediterranen Raum
den Kelten haben: Auf der einen Seite
schufen diese frühen Mitteleuropäer
Kunstwerke von betörender Schönheit,
auf der anderen brachten sie Furcht
und Schrecken über den Kontinent. Ihre
Druiden waren einerseits hochgebilde-
te Philosophen, andererseits opferten sie
Menschen den Göttern. Technische Fer-
tigkeit, kulturelles Schaffen und blutrüns-
tige Religiosität verschmolzen zu einer
eigenartigen Melange, wie wir sie sonst
nur von den Mayas und Azteken kennen.
Der mysteriösen Kultur, deren Kern um
das heutige Süddeutschland und Ost-
frankreich herum lag, ist nun in Stuttgart
die größte Keltenschau seit 30 Jahren
gewidmet. Zwei getrennte Ausstellun-
gen präsentieren, wie sich zum einen
ihre Kunst, zum anderen ihre Machtzent-
ren entwickelten.
Lange glaubte man, dass die angeblichen
Barbaren – auch Gallier genannt – erst
Jahrhunderte nach den Griechen und
Römern begannen, Städte zu errichten.
Jüngste archäologische Funde von fünf
frühkeltischen Zentren, die nun in der
nicht“, sagt Denise Beilharz, Archäolo-
gin am baden-württembergischen Lan-
desamt für Denkmalpflege und Ausstel-
lungs-Mitorganisatorin.
Die Mauer umschließt zwar nur ein
Gebiet von drei Hektar (so viel wie vier
moderne Fußballfelder), dafür zeigten die
jüngsten Grabungen, „dass die Außen-
siedlung viel ausgedehnter war als ver-
mutet“, so Landesarchäologe Krausse.
„Sie umfasste die enorme Fläche von
100 Hektar.“ Im gesamten Heuneburg-
Komplex lebten geschätzt 5000 Men-
schen – beeindruckend viel für damali-
ge Verhältnisse. Selbst Athen zählte zu
der Zeit nur 5000 bis 10 000 Einwohner,
berichtet der reich bebilderte Ausstel-
lungskatalog „Die Welt der Kelten“ (Jan
Thorbecke Verlag, 2012, 34 Euro).
Vom Glanz der Heuneburg-Herrscher
zeugt ein 2600 Jahre altes Prunkgrab, das
Archäologen vor zwei Jahren in Sicht-
weite der Heuneburg entdeckten – mit
reichlich Gold- und Bernsteinschmuck
darin sowie den Überresten einer Frau
mittleren Alters. „Es handelt sich um
Das Ende
in Frankreich
Vercingetorix kapituliert
52 v. Chr. bei Alesia vor
Cäsar (Gemälde von 1899).
Gallien, Hauptsitz der Kelten,
ist erobert, seine Kultur
dem Untergang geweiht
94 FOCUS 39/2012
Massilia
Roma
Athenae
Ehrenbürg
Heuneburg
Ipf
Glauberg
Goloring
Bourges
Breisach
Hohenasperg
Mt. Lassois
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300 km
größte keltische Ausdehnung
Oppidum (2.–1. Jh. v. Chr.)
andere Orte
Kerngebiet
Zentralort (7.–5. Jh. v. Chr.)
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das früheste bekannte Grab einer Kel-
tenfürstin“, freut sich Krausse.
Die Herrlichkeit war nicht von Dauer.
Gut 150 Jahre blühte die Heuneburg,
dann endete sie in einem Großbrand
und wurde von ihren Bewohnern verlas-
sen. Ähnlich kurz existierten die ande-
ren Machtzentren, die nun in Stuttgart
vorgestellt werden: Mont Lassois im
fran zösischen Burgund, Ipf und Hohen-
asperg in Baden-Württemberg sowie
Glauberg in Hessen. Sie alle wurden im
7. oder 6. Jahrhundert gegründet – die
nördlichen etwas später als die südlichen
– und hielten sich maximal 200 Jahre.
„Es sieht so aus, als ob eine zivilisato-
rische Innovationswelle von Süd nach
Nord gelaufen ist“, folgert Krausse.
„Diese brachte komplexe stadtähnli-
che Strukturen hervor, die dann in sich
zusammenbrachen“ – offenbar ohne
äußere Angreifer.
Über die Gründe für den ersten mit-
teleuropäischen Zivilisationskollaps rät-
seln die Forscher noch. Eine Klimaab-
kühlung wird bisweilen genannt, aber
diese setzte erst ein, als die südlichen
Zentren bereits untergegangen waren.
Krausse spekuliert, dass die Menschen
die Böden landwirtschaftlich zu inten-
siv nutzten und sich damit ihrer eigenen
Existenzgrundlage beraubten.
Im 4. Jahrhundert v. Chr. gab es prak-
tisch keine stadtähnlichen Zentren mehr,
die Bevölkerung ging zurück – oder zog
weiter, auf der Suche nach neuen Wohn-
sitzen. Die große keltische Völkerwande-
rung begann (knapp ein Jahrtausend vor
der sogenannten Völkerwanderungszeit,
in der Germanen umherzogen).
So überquerten keltische Stämme die
Alpen, ließen sich in der Po-Ebene nie-
der und drangen 387 v. Chr. bis Rom vor.
Die schnauzbärtigen Krieger plünder-
ten die spätere Weltstadt und zogen erst
gegen ein horrendes Lösegeld wieder ab.
„Vae victis!“ („Wehe den Besiegten!“),
soll ihr Anführer Brennus bei der Über-
gabe gerufen haben.
335 v. Chr. traf eine keltische Gesandt-
schaft Alexander den Großen. Auf des-
sen Frage, wovor sie sich am meisten
fürchteten, antworteten die Kelten: „Vor
nichts, außer dass uns der Himmel auf
den Kopf fällt“ – was in den Asterix-
Comics Nachhall fand.
Das keltisch dominierte – oder zumin-
dest beeinflusste – Gebiet erreichte eine
❙ Die Stuttgarter Ausstellung
„Die Welt der Kelten“ besteht
aus zwei Teilen: „Zentren
der Macht“ im Kunstgebäude
und „Kostbarkeiten der Kunst“
im Alten Schloss.
❙ Bis 17. Februar 2013 läuft sie
(www.kelten-stuttgart.de).
Doppelte Schau
Das weite
Land der
Kelten
Die vielen keltischen
Stämme vereinigten
sich nie zu einem Reich.
Dennoch war das
von ihnen geprägte
Gebiet ähnlich groß wie
das Römische Imperium.
Ausstellungsmacher Denise
Beilharz und Dirk Krausse mit Gold-
schmuck vor einer Fürstenstatue
Exakte Dosierung
20% mehr aktive Inhaltsstoffe
100% schonender zum Zahnschmelz
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9
VON
10 VERWENDERN
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ungeheure Ausdehnung: vom heuti-
gen Portugal bis in die Zentraltürkei,
von Italien bis Schottland – wobei die
Forscher streiten, ob in Britannien und
Irland echte Kelten siedelten oder die
ansässige Bevölkerung nur deren Kultur
übernahm.
Aus jener bewegten Zeit stammen
auch die gruseligen Heiligtümer wie
das von Ribemont-sur-Ancre mit seinen
kopflosen Kriegern, das vermutlich nach
einer innerkeltischen Schlacht von den
Siegern errichtet wurde. Die Stuttgarter
Ausstellung zeigt Halswirbel, auf denen
sich die Schnittspuren von der Enthaup-
tung nachweisen lassen.
Zu neuen zivilisatorischen Höhen
schwangen sich die Keltenstämme
dann im 2. Jahrhundert v. Chr. auf. Quer
durch Europa gründeten sie Hunderte
von Städten, Oppida genannt, wie bei-
spielsweise Manching in Oberbayern.
Dort wohnten 5000 bis 10 000 Menschen,
geschützt durch eine sieben Kilometer
lange Ringmauer.
Die keltische Zivilisation schritt nun
noch weiter voran als vor dem ers-
ten Zusammenbruch: Die Städtebe-
wohner produzierten in Manufakturen
Geschmeide und Werkzeuge, gewannen
Salz mit Hilfe großer Salinen, organi-
sierten Bergbau und prägten Münzen.
Sie schufen damit eine zwar weitgehend
schriftlose, aber technisch fortgeschrit-
tene Geldwirtschaft – und standen zum
zweiten Mal an der Schwelle zur Hoch-
kultur.
Doch ihre Straßen, Städte und der
Reichtum ebneten den Weg für den
zerstörerischen Einfall Cäsars und sei-
ner Legionen. In den Jahren 58 bis 51
v. Chr. eroberte der Römer Gallien, den
Hauptsitz der Kelten, und versetzte so
der großen Zivilisation den Todesstoß.
Das umfangreiche, nur mündlich über-
lieferte Wissen der Druiden ging mit
der Zeit ebenso verloren wie die kel-
tische Sprache. Diese überlebte nur in
Randgebieten: im nordwestlichen Zipfel
Frankreichs als Bretonisch, in Irland als
Gälisch sowie in Teilen Britanniens als
Schottisch-Gälisch und Walisisch.
„Die Kelten sind die großen Verlierer
der Weltgeschichte“, resümiert Helmut
Birkhan, emeritierter Keltologe an der
Universität Wien. „Das macht sie so sym-
pathisch.“ ■
CHRISTIAN PANTLE
Die 3-D-Animation der
Heuneburg als Kurzfilm:
Scannen Sie den QR-Code mit
einer App wie „Scan“ (iPhone) oder
„QR Barcode Scanner“ (Android)
96 FOCUS 39/2012
FORSCHUNG & TECHNI K
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martphones haben für Millionen
Menschen den Umgang mit Bildern
und das Fotografieren selbst revolutio-
niert. Die Kamera im Handy ist in jeder
Situation verfügbar. Ihre Schnappschüs-
se wandern via Internet fast in Echtzeit
um den Globus und werden mit Freun-
den via Facebook und Twitter geteilt.
Auf diese Revolution müssen klassische
Kamerahersteller reagieren. Wie, zeig-
ten sie vergangene Woche auf der Photo-
kina in Köln. Sie integrieren Smart-
phone-Funktionen in ihre Neuheiten.
Die wichtigsten Trends der Fotomesse:
Trend 1 WLAN an Bord
Funkende Fotoapparate verlieren ihren
Exotenstatus. Immer mehr neue Modelle
verfügen über ein eingebautes WLAN-
Modul und können darüber zum Bei-
spiel Fotos zu Facebook hochladen oder
Filme zu YouTube. Der Trend zeigt sich
in allen Kameraklassen – etwa bei Kom-
pakt-Geräten wie der Canon Powershot
S110, bei spiegellosen Systemkameras
wie der Sony NEX-6 und der semipro-
fessionellen Spiegelreflex-Neuheit EOS
6D von Canon. Direktverbindungen zu
Smartphones, Tablet-Computern und
Druckern sind damit möglich. Manche
Modelle wie etwa Samsungs neue Sys-
temkamera NX20 können sogar das
Display-Vorschaubild zum Smartphone
streamen, und sie lassen sich von dort
auch fernsteuern.
Kameras gehen online
Wie Smartphones
Fotoapparate ver-
ändern. Die wichtigsten
Neuheiten der
Messe Photokina
Trend 2 Mail und Apps
Lange Zeit schienen Smartphones kom-
pakten Fotoapparaten den Rang abzu-
laufen. Internet-fähige Handys schie-
ßen meist ganz ordentliche Bilder und
können diese sofort in speziellen Apps
mit spannenden Effekten aufpeppen
und das Ergebnis zum Beispiel an sozi-
ale Netzwerke weiterleiten. Klassische
Kameras punkten dafür nach wie vor mit
besserer Bildqualität und ihren einge-
bauten Zoomobjektiven. Der Anschluss
ans App- und Internet-Universum fehlte
ihnen aber bisher.
Nikons S800c und die Samsung Galaxy
Camera zeigen auf der Photokina, wie
sich diese Welten vermählen lassen:
Vorn sind beide Geräte ganz Kamera,
hinten dominiert ein großer Touchscreen.
Im Innern arbeitet das Smartphone-
Betriebssystem Android – mit Zugang zu
allen Apps. Diese Fotoapparate verschi-
cken auch E-Mails und können twittern.
Der Sony-Konzern verfolgt ein ähn-
liches Konzept – allerdings mit großen
Abstrichen: Dessen neue Systemkame-
ra NEX-6 verbindet sich ebenfalls via
WLAN mit dem Internet und kann dort
Foto-Apps laden. Die stammen aber
nicht aus dem riesigen Android-Store,
sondern werden direkt von Sony zur Ver-
fügung gestellt. Noch ist das Angebot
sehr überschaubar.
Trend 3 Profi-Qualität
Bisher gab es zweierlei Arten von
Spiegelreflexkameras: Modelle für
Hobby-Fotografen mit APS-C-Sensor
und andererseits die sehr viel teureren,
schwereren und größeren Profigerä-
te mit Vollformatsensor, dessen Maße
denen analoger Kleinbildfilme ent-
sprechen.
Neue Modelle machen die professio-
nelle Qualität nun auch für ambitionier-
te Amateure etwas erschwinglicher und
tragbarer. Der Einstieg ins Vollformat
kostet mit der EOS 6D von Canon nun
2000 Euro (nur Gehäuse). Für seine ver-
gleichbare, ebenfalls neue Konkurrenz-
kamera D600 verlangt Nikon 2150 Euro.
Wie klein und leicht Vollformat sein
kann, zeigt der Sony-Konzern: Dessen
Messeüberraschung RX1 ist nicht viel
größer und schwerer als eine Kompakt-
kamera. ■
FRANK FLESCHNER
FOCUS 39/2012 97
Nikon S800c
Nikons kompakte App-Kamera läuft
mit dem Android-Betriebssystem.
Allerdings handelt es sich um die
schon etwas betagte Version 2.3,
die laut Nikon schonender mit Akku
und Rechenkapazität umgeht als die aktuelle
Variante 4.1. Die Kamera ist mit einem Zehnfach-Zoom-
Objektiv und Touchscreen ausgestattet. Anders als bei Samsung ist
nur per WLAN eine Internet-Verbindung möglich. Eine SIM-Karte lässt
sich nicht einschieben.
3,5 Zoll (819 000 Pixel)
16 Megapixel Blitz integriert
400 Euro
111 × 60 × 27 mm
184 g*
Leica M
Der deutsche Traditionshersteller Leica
ignoriert seit Jahrzehnten alle Moden
und wird dafür von seinen Fans verehrt.
Bei seiner M-Serie mit Vollformatsensor
stellt der Fotograf die Schärfe weiterhin
ausschließlich manuell am Objektivring ein
– mit Hilfe des optischen Mess-Suchers. Da erscheint es schon fast re-
volutionär, dass die ab Januar erhältliche neue M (auf Versionsnummern
verzichtet Leica ab sofort) nun auch einen Live-View-Modus zur Vorab-
Beurteilung des Fotos anbietet und außerdem filmen kann (in FullHD).
3 Zoll (920 000 Pixel)
24 Megapixel kein Blitz
6200 Euro* (ab Januar)
139 × 42 × 80 mm*
680 g*
Fujifilm XF1
Fujifilm verleiht seiner Photokina-
Neuvorstellung durch die lederar-
tige Oberfläche (erhältlich in Rot,
Hellbraun und Schwarz) eine edle
Retro-Anmutung. Der für Kompakt-
kameras relativ große Sensor ver-
spricht auch bei schwierigen Lichtverhältnissen noch brauchbare Fotos.
Das Vierfach-Zoom-Objektiv (umgerechnet auf Kleinbildformat: 25–100
Millimeter) lässt sich über einen manuellen Einstellring regeln und ist
zudem lichtstärker (F1,8–4,9) als bei den meisten Konkurrenten.
3 Zoll (460 000 Pixel)
12 Megapixel Blitz ausklappbar
450 Euro (ab November)
108 × 62 × 33 mm
204 g (ohne Akku)
Samsung Galaxy Camera
Samsung hat den bisher konsequentesten Zwitter aus Kompaktkamera
und Smartphone gebaut – mit 21-fach-Zoom und sehr großem Touch-
Display. Neben WLAN lässt sich sogar via Mobilfunk eine Internet-
Verbindung herstellen. Telefonieren kann man mit der Galaxy Camera
dennoch nicht. Als Betriebssystem dient die aktuelle Android-Version 4.1.
Die Rechenarbeit verrichtet ein Quad-Core-Prozessor. Samsung hat die
Kamera mit innovativen Effekten ausgestattet. So macht sie zum Beispiel
von Gruppen mehrere Fotos hintereinander und kann anschließend
für jede Person den gelungensten Schnappschuss ins Bild montieren.
4,8 Zoll
16 Megapixel Blitz ausklappbar
noch unbekannt
129 × 71 × 19 mm
305 g
Sony DSC-RX1
Diese Kamera ist kompakt genug,
dass sie in Manteltaschen ver-
schwindet. Trotzdem produziert sie
mit ihrem Vollformatsensor Profi-
qualität. Sony zielt mit Retro-Design
und Preis offenbar auf ein Publikum,
das zwar mit Leica liebäugelt, aber dennoch
auf moderne Annehmlichkeiten wie Autofokus nicht verzichten möchte.
Das Objektiv (35 mm/F2) lässt sich nicht wechseln. Wer einen Sucher
wünscht, kann einen optischen oder elektronischen dazukaufen.
3 Zoll (1 229 000 Pixel)
24 Megapixel Blitz ausklappbar
3100 Euro (ab Dezember)
113 × 65 × 70 mm
482 g
Canon S110
Die Canon Powershot S110 vereint wie
schon die Vorgänger in dieser Modell-
serie eine sehr kompakte Bauweise mit
fortgeschrittenen Einstellmöglichkeiten.
Neu ist der Touchscreen: Durch Drauftip-
pen lässt sich der Auslöser betätigen oder
das scharfzustellende Motiv auswählen. Die S110 kann über WLAN ins
Internet. Per Direktverbindung mit einem Smartphone funktioniert das
auch via Mobilfunk. Das Objektiv bietet einen Fünffach-Zoom (umgerech-
net auf Kleinbildformat: 24–120 Millimeter).
3 Zoll (460 000 Pixel)
12 Megapixel Blitz ausklappbar
480 Euro (ab Oktober)
99 × 59 × 27 mm
198 g
*ohne Objektiv
Die Revolution in
der Phyto-Therapie
Pflanzliche Arzneimittel liegen im Trend. Patienten
und Ärzte Iordern jedoch wissenschaItlich nach-
gewiesene Wirksamkeit. Sinupret® extract setzt
hier einen neuen Maßstab. Zum ersten Mal in der
Pharma-Geschichte wurde ein pflanzliches Arznei-
mittel nach den strengen Richtlinien der interna-
tionalen HNO-GesellschaIt, den EPOS-Guidelines,
auI seine Wirksamkeit hin geprüIt. Das Ergebnis ist
überragend: Eine Auszeichnung nicht nur Iür das
Präparat, sondern auch Iür den immensen For-
schungsauIwand, den das Unternehmen Bionorica
seit Jahrzehnten betreibt.
Die TriebIeder dieses nachhaltigen Strebens nach
wissenschaItlicher Evidenz in der pflanzlichen
Medizin ist ProIessor Dr. Michael Popp, Inhaber
und vorstandsvorsitzender des weltweit agieren-
den Phytomedizin-Herstellers. Seine ErIolgsIormel
beschreibt der international anerkannte Pharma-
zeut kurz und überzeugend:
„Wir investieren einen großen Teil unseres Umsatzes
in die Forschung. Unser Ziel ist es, die komplexe
Wirkung pflanzlicher Molekülverbindungen zu
verstehen und gezielt in unseren Produkten einzu-
setzen. Bei der Entwicklung von Sinupret® extract
haben wir unser gesamtes wissenschaftliches Know-
How konzentriert. Das Ergebnis ist ein pflanzliches
Arzneimittel der neuesten Generation. Damit setzen
wir ein Zeichen für die evidenzbasierte pflanzliche
Medizin der Zukunft.“
Mit der Zulassuhg voh Sihupret extract gelihgt dem Iorschehdeh Phytopharma-
Uhterhehmeh 8iohorica eih Quahtehspruhg ih der püahzlicheh Medizih. Lxperteh
sprecheh voh eiher heueh Kategorie evidehzbasierter püahzlicher Arzheimittel
auI dem Gebiet der Sihusitis [Lhtzühduhg der Nasehhebehhöhleh).
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ie erste Früherkennungsuntersu-
chung an diesem Mittwoch dauert
bereits 40 Minuten. Doch Kinderarzt
Ulrich Fegeler hat gute Gründe, die zwei-
jährige Melanie bei der U7 so genau in
Augenschein zu nehmen. Sie ist pum-
melig, ihre Zähne sind braun verfärbt.
Das Mädchen spricht kaum und bewegt
sich nicht altersgemäß. In klaren Worten
erklärt der Berliner Kinderarzt Melanies
Mama, was nun zu tun ist: „Als Erstes
müssen Sie die Ernährung ändern. Bitte
keine Nuckelflaschen mit Zuckerzeugs.“
Die Mutter verspricht Besserung. Am
gleichen Abend trifft Fegeler die mehr-
köpfige Familie in einem Spandauer Dis-
counter an – vor der Kühltheke mit gigan-
tischen Eispackungen.
An die Stelle akuter Infekte wie
Mumps und Masern sind in Deutschland
chronische Erkrankungen wie Adiposi-
tas und Diabetes getreten. Auch psychi-
sche Erkrankungen wie Depressionen
im Kindesalter nehmen zu. Laut der letz-
ten Studie zur Gesundheit von Kindern
und Jugendlichen in Deutschland des
Robert Koch-Instituts sind 15 Prozent
der Drei- bis 17-Jährigen übergewich-
tig, davon 6,3 Prozent sogar fettleibig.
Wider die Political Correctness benen-
nen Kinderärzte offen den schlechten
Lebensstil sozial schwacher Schichten
als Ursache für diese Misere. Falsche
Ernährung, Rauchen im Beisein der Kin-
der sowie exzessiver Computerkonsum
bieten oft den Nährboden für Asthma,
Fettleibigkeit und Sprachstörungen. „Wir
agieren wie Sozialarbeiter“, erklärt Kin-
derarzt Fegeler. Viele Mütter aus Hartz-
IV-Familien seien mit der Förderung ihrer
Kinder „intellektuell überfordert“.
Umso wichtiger ist die sinnvolle Vor-
beugung – auch in Kindergärten und
Schulen. Derzeit haben gesetzlich ver-
sicherte Kinder im kritischen Alter zwi-
schen sechs und zehn Jahren allerdings
keinerlei Anspruch auf Vorsorgeunter-
suchungen. „Skandalös“, findet Wolf-
ram Hartmann, Präsident des Berufs-
verbands der Kinder- und Jugendärzte
(BVKJ). Er richtet schwere Vorwürfe an
die Regierung: „Es ist problematisch,
dass immer mehr Kinderlose Politik
machen.“ Damit spielt der BVKJ-Prä-
sident auf die Tatsache an, dass sieben
der 15 Minister im Bundeskabinett sowie
die Kanzlerin keinen Nachwuchs ha ben,
auch Bahr nicht. „Vielen Politikern
im Gesundheitssektor mangelt es an
Gespür für die Belange der Jüngsten. Es
entsteht der Eindruck, dass Kinder von
dieser Regierung als Objekte und nicht
als Subjekte mit eigenen Rechten be-
trachtet werden“, so der Kinderarzt.
Die neuen Kinderkrankheiten
Neben Mumps und
Masern müssen
sich Kinderärzte
immer häufiger mit
den Folgen von
Verwahrlosung befassen
Diagnose Überforderung
Der Berliner Kinderarzt
Klemens Senger
muss mehr Sozialarbeiter
als Mediziner sein.
Manche Mütter und Väter
seiner kleinen Patienten
werden ihren Aufgaben
als Eltern nicht gerecht
FOCUS 39/2012
Die neue
App für
Android &
iPhone
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Der Berufsverband der Pädiater ver-
langt zwei weitere Vorsorgeuntersuchun-
gen. Kostenpunkt: 30 Millionen Euro. Seit
Jahren kämpft Hartmann für ein Gesetz,
das primäre Prävention bundeseinheitlich
für alle Altersstufen festschreibt und die
einzelnen Vorsorgeuntersuchungen ent-
sprechend dem Zeitaufwand mit mindes-
tens je 50 Euro vergüten würde. 250 Milli-
onen Euro wären dafür schätzungsweise
nötig. Zum Vergleich: Für das umstrittene
Betreuungsgeld sind jährlich 1,2 Milliar-
den Euro veranschlagt.
Mit Argumenten hat Hartmann Bun-
desgesundheitsminister Daniel Bahr
davon überzeugen wollen, dass die
Investition in die Vorbeu-
gung (ökonomischen) Nut-
zen hat. Er lud den FDP-
Politiker zu Kongressen ein,
schrieb ihm. Doch Bahr ant-
wortete stets ausweichend.
Der Vorschlag des Gesund-
heitsministers: Ärzte soll-
ten Kinder in den Schu -
len untersuchen. Hartmann
reagiert darauf gegenüber
FOCUS verärgert: „Bahrs
Vorschlag ist vage. Offen-
sichtlich hat das Bundesge-
sundheitsministerium kei-
ne genauen Vorstellungen,
welche Ärzte in die Schulen
gehen sollen und wer dies
bezahlen soll.“
Idealistische Pädiater er-
träumen sich Sozialmedizin
nach dem Vorbild Rudolf Vir-
chows, der im 19. Jahrhun-
dert an der Berliner Charité
wirkte und sich für die Ärms-
ten engagierte. Doch statt zu
handeln, haben die meisten
Länder den öffentlichen
Gesundheitsdienst ausge-
dünnt. Die Schuleingangs-
untersuchungen sind für vie-
le Kinder der letzte Kontakt
mit dem Gesundheitsdienst.
Umso mehr Verantwortung
kommt den niedergelasse-
nen Kinderärzten zu.
Säuglingspflege, Zähneput-
zen, Tagesstruktur – Klemens
Senger muss in seiner Pra-
xis am Neuköllner Her-
mannplatz Grundsätzliches
erklären: „Ich sehe total
unterernährte Babys“, berichtet der Arzt.
Selbst zum Thema Erziehung berät er
verunsicherte Eltern, Akademiker eben-
so wie Arbeitslose. „Unsere intensiven
Gespräche über Themen wie Ernährung
und Bewegung werden nicht angemes-
sen honoriert, obwohl frühe Intervention
teure Krankheiten wie Diabetes verhin-
dert“, kritisiert Senger. Für eine genaue
Untersuchung wie bei der U7 erhält er
32 Euro. Ähnlich sieht es Rolf Kühnelt,
der eine Praxis in der Weddinger Bad-
straße betreibt. Dort lebe, so die Ein-
schätzung des Arztes, eine „homogene
Unterschicht“. Da Kühnelt Privatpatienten
fehlen, könne er von seinen Einnahmen
gerade mal die Kosten des
Praxisbetriebs begleichen.
Selbst im beschaulichen
Kreuztal im Siegerland, wo
Verbandspräsident Wolfram
Hartmann bis 2010 seine
Praxis betrieb, sind die Fol-
gen des gesellschaftlichen
Wandels zu spüren: „Hat-
ten wir es früher mit Keuch-
husten und Fieber zu tun,
so erleben wir heute Kinder
mit schweren soziogenen
Störungen“, schildert Hart-
mann seine Erfahrungen.
„Viele Familien sind zerris-
sen, das hat negative Aus-
wirkungen auf die Jüngs-
ten“, so der Kinderarzt.
Bedenklich sei auch der
körperliche Rückschritt: Nur
noch ein Fünftel der Kinder
schaffe es mit vier Jahren,
auf einem Bein zu hüpfen
oder einen Ball zu fangen. ■
ULRIKE PLEWNIA
»Es ist problema tisch,
dass immer mehr
Kinderlose Politik
machen. Es mangelt
an Gespür für die
Belange der Jüngsten«
Wolfram Hartmann
Berufsverband der Kinderärzte
7,6 %
aller Kinder zeigen
Störungen
im Sozialverhalten
34 %
der Sechsjährigen
haben Sprech- und
Sprachstörungen
7,2 %
aller Kinder
gelten als psychisch
auffällig
Quellen: Barmer GEK, Rober t Koch-Inst.
Das Faxgerät auf „Abruf“, „Polling“ oder „Empfang“ stellen, Vorwahlnummer 0 90 01 mit
Nachwahlziffern eingeben und Start-Taste drücken. Dieser Service kostet im deutschen
Festnetz 0,62 Euro pro Minute. Technischer Dienstleister für den Fax-Abruf ist Infin. Das
Angebot wird laufend aktualisiert und ist auch im Web unter www.focus.de/fakten abrufbar.
* 0,62 Euro pro Minute aus dem deutschen Festnetz,
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0 90 01/87 00 86
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– ( + Nachwahlziffern) 0 90 01/87 00 87
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– ( + Nachwahlziffern)
Recht & Finanzen Medizin & Gesundheit
Inhaltsübersicht (0,14 Euro pro Minute aus dem deutschen Festnetz, abweichende Preise aus dem Mobilfunk):
Recht & Finanzen (5 Seiten) 0 18 05/77 71 86 Medizin (5 Seiten) 0 18 05/77 71 87
Geräuschkulisse im Ohr
Ständiges Rauschen und Pfeifen in
den Ohren verringert die Lebensqualität
Betroffener enorm. Mögliche Ursachen
eines Tinnitus, Therapiemethoden
und was Sie selbst tun können
(8 Seiten)
ARBEI TSRECHT
. . . für Arbeitnehmer
Kündigung: Wie Sie sich erfolgreich
wehren (5 Seiten) 538
Eigenkündigung: Beenden Sie Ihr
Arbeitsverhältnis korrekt (6 Seiten) 297
Abmahnung: Wenn der Chef Ihnen die
gelbe Karte zeigt (5 Seiten) 557
Aufhebungsvertrag: Welche Gefahren
lauern (6 Seiten) 490
Elternzeit: Wie Sie sich trotz Job um
Ihren Nachwuchs kümmern (8 Seiten) 788
Urlaubsanspruch: Welche Regeln Sie
beachten müssen (7 Seiten) 552
. . . für Arbeitgeber
Kündigung: Wie Sie sich korrekt vom
Arbeitnehmer trennen (8 Seiten) 835
Befristeter Arbeitsvertrag:
Mitarbeit auf Zeit (5 Seiten) 207
Aufhebungsvertrag: Die einvernehm-
liche Trennung (7 Seiten) 218
BAURECHT
Pfusch am Bau: Was zu tun ist, wenn
Baumängel auftreten (8 Seiten) 499
Bauen nach Plan: Bevor Sie einen
Bauvertrag abschließen, sollten Sie ihn
gründlich prüfen (8 Seiten) 545
HALS, NASE UND OHREN
Hörsturz: Symptome und Behand-
lungsmaßnahmen (5 Seiten) 339
Schlafapnoe: Folgen und Therapie
bei nächtlichen Atemstillständen
(6 Seiten) 552
INFEKTIONSERKRANKUNGEN
Hepatitis B (Gelbsucht): Mögliche
Komplikationen (4 Seiten) 415
Grippe (Influenza): Wie Sie sich
schützen können (4 Seiten) 337
Masern: Ursachen, Symptome und
Behandlung (4 Seiten) 411
Herpes-Erkrankungen: Wie Sie
sie erkennen (8 Seiten) 924
Zeckenstich: Was Sie beachten
sollten (4 Seiten) 490
RHEUMATISCHE ERKRANKUNGEN
Arthritis (Gelenkentzündung):
Schmerzlindernde Therapien (8 S.) 207
Arthrose (degenerativer Rheumatismus):
Frühzeitig erkannt, kann die Erkran-
kung gelindert werden (5 Seiten) 970
Weichteilrheumatismus:
Welche Therapien es gibt (8 Seiten) 237
Gicht: Wie sie behandelt wird und was
Sie selbst tun können (4 Seiten) 454
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FOCUS 39/2012
104 FOCUS 39/2012
PERSPEKTIVEN
Biosprit ohne Zukunft?
Nachdem sich in der EU eine Abkehr
vom herkömmlichen Biosprit abzeichnet,
erhält die Forschung nach Alternativen
neue Dringlichkeit. Hoffnung ruht auf
sogenannten Biokraftstoffen der zweiten
Generation. Sie sollen aus Stroh, Rest-
holz und anderen Pflanzenrückständen
erzeugt werden, die in der Land- und
Forstwirtschaft anfallen.
Damit würden die ökologischen und
sozialen Probleme gelöst, die durch die
derzeit genutzten Energiepflanzen wie
Mais entstehen. Deren Anbau verknappt
das Ackerland und lässt die Lebensmit-
telpreise steigen. Außerdem werden für
Biosprit Naturgebiete in Agrarwüsten
umgewandelt. Doch Experten erwarten
keinen schnellen Erfolg. „Zu Biokraftstof-
fen der zweiten Generation wurde bisher
viel versprochen, aber wenig gehalten“,
kritisiert Folkhard Isermeyer, Präsident
des Johann Heinrich von Thünen-Ins-
tituts. „Es ist zudem unklar, ob die her-
stellbaren Mengen ausreichen“, ergänzt
Wolfgang Liebl von der Technischen
Universität München, „denn sowohl bei
Holz als auch bei Stroh gibt es zuneh-
mend Nutzungskonkurrenz.“ So werde
Abfall- und Restholz verstärkt als Roh-
stoff für Pellets nachgefragt.
Zudem entsteht im Emsland das ers-
te mit Stroh befeuerte Heizkraftwerk
Deutschlands, weitere könnten folgen.
Dadurch steht künftig weniger Pflanzen-
masse für die Biosprit-Erzeugung zur
Verfügung, und Stroh wird teurer. ode/mic
Riesen-Mais für den Tank
Die über vier Meter hohen
Pflanzen wurden zur Erzeugung
von Biogas gezüchtet. Künftig
könnte ihr Stroh auch zur Her-
stellung von Bioethanol dienen
APP DER WOCHE
Für Fußball-Fans
Wer sich für mehr interes-
siert als die Ergebnisse
des Ortsvereins, dem
liefert die kostenlose
iPhone- und Android-App
„iLiga“ den Weltfußball
ins Haus. Live-Ticker aus
deutschen und interna-
tionalen Ligen, aktuelle
Spielerkader, Tabellen,
Statistiken – da bleiben
kaum Fragen offen.
Sogar Videos zeigt das
Programm. Für 2,99 Euro
pro Saison lässt sich
die Werbung in der App
deaktivieren. mm
FOCUS 39/2012 105
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Der Bestseller
im Test
Kaum gestartet – schon ein Erfolg:
Apple brauchte diesmal nur 24 Stunden,
um die ersten zwei Millionen Vorbestellun-
gen für das iPhone 5 melden zu können. Ob
das neue Handy wirklich die Versprechun-
gen erfüllt, scheint da keine Rolle mehr zu
spielen. Trotzdem musste ein Exemplar im
FOCUS-Test bestehen.
Das Fazit fällt eingeschränkt positiv aus. Die
Verarbeitung ist hervorragend. Der 4-Zoll-
Bildschirm ist ein echter Fortschritt. Gleich-
zeitig nahm das Telefon an Gewicht ab – und
wirkt dabei sehr wertig. Spürbar schneller
geworden ist es auch: Apps starten flotter,
die Kamera knipst rasant. Trotzdem hat sich
die Akku-Laufzeit nur minimal verkürzt.
Dass der nun eingebaute LTE-Funk-Chip
selten am theoretischen Speed-Maximum
arbeitet, war zu erwarten. Zudem ist die
Netzabdeckung noch mangelhaft. Nicht ver-
bessert hat sich die Bildqualität der Kamera.
Dabei läuft Apple Gefahr, von der Konkur-
renz abgehängt zu werden. Die Panorama-
Funktion arbeitet zwar genau, gleicht die
Einzelbilder aber nicht in der Helligkeit an.
Außerdem ist sie wie viele andere Verbes-
serungen auch für Besitzer des iPhone 4S
(aber nicht des iPhone 4) erhältlich.
Denn die Panorama-Funktion ist Teil
von iOS 6, Apples neuer Systemsoftware.
Google Maps wird darin von einer Kar-
tenanwendung ersetzt, die sowohl Stau-
nen als auch Gelächter hervorruft. In den
Zentren mancher Großstädte zeigt sie näm-
lich beeindruckende 3-D-Ansichten („Fly-
Mit Blaulicht gegen faule Zähne
Bis zu viermal schneller und auch scho-
nender als bisher können Forscher der
ETH-Zürich Löcher in Zähnen flicken. Sie
haben ein neues Kompositmaterial mit
einem Fluoridzusatz entwickelt, das sie
durch kurzwelliges Infrarotlicht (NIR) aus-
härten. Es durchdringt den ganzen Zahn
und aktiviert das Material selbst zum
Aussenden blauen Lichts. So festigt sich
die gesamte Füllung in einem Arbeits-
gang. Herkömmliche Kunststoffe müssen
oft in mehreren Schichten aufgebaut und
immer wieder mit Blaulicht gehärtet wer-
den. Ein weiterer Vorteil: Beim Ausbohren
der Karies verliert der Patient weniger
Zahnsubstanz, weil der Arzt Unebenhei-
ten im Zahnschmelz dank der neuen Vor-
gehensweise nicht mehr glätten muss. gib
Natürlich wissen wir Be-
scheid. Es ist gesünder, die
Treppe zu wählen statt den
Aufzug oder den Salatteller
statt Schnitzel. Aber wir
sündigen – aus Genuss und
Gewohnheit. Weil Vernunft
und Aufklärung so schlecht
wirken, fordern britische
Gesundheitsexperten im
Fachblatt „Science“ nun
subtilere Tricks. Sie wollen
das Gehirn unauffällig über-
listen. Ein Supermarkt der
Zukunft könnte demnach so
aussehen: Leicht erreichbar,
neben der Kasse, hängen
die Karotten aus dem Regal.
Für Schokoriegel und Zigaret-
ten müssen die Kunden ins
Tiefparterre hinabsteigen.
Und dort, wo früher mehrere
Rolltreppen die Kunden
lockten, führt ein schönes
Treppenhaus nach oben. Der
einzige Aufzug bewegt sich
nur noch im Zeitlupentempo.
Auch für Geschirr gäbe
es schlankheitsfördernde
Designs: kleinere Teller und
schmale Gläser. Beides hilft,
Kalorien zu sparen. Unbe-
wusst. Verführung, ja bitte!
Aber braucht es wirklich
Verbote wie von der Stadt
New York, die XL-Softdrinks
verbannte? Wird München
die Wiesn-Mass mit 500
Kilokalorien bald im Kölsch-
Glas servieren? Niemals! cgo
»die gesunde
Verführung«
Die Wahrheit über
Hier finden Sie das Video
von Mattings Warentest:
Scannen Sie den QR-Code mit
einer App wie „Scan“ (iPhone) oder
„QR Barcode Scanner“ (Android)
over“). Auf dem Land hingegen nimmt die
Auflösung ab, kuriose Fehler häufen sich,
und statt Farbe gibt es nur noch Schwarz-
Weiß. Interessant könnte einmal „Passbook“
werden: Die App speichert Bordkarten,
Tickets und Ähnliches. In Deutschland sind
allerdings erst zwei Anbieter dabei. mm
AUTO
106 FOCUS 39/2012
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äre der Pariser Autosalon ein
Musical, wäre klar, wer die
Hauptrolle spielt: der neue VW
Golf, das wichtigste Modell von Europas
größtem Autokonzern. Aber welche Töne
findet man für den klassenlosen Bestsel-
ler? „Er prägt die Gesellschaft, repräsen-
tiert deutsche Ingenieurskunst und hohe
Präzision“, sinniert Leslie Mandoki, „da
passen am besten Synthesizerklänge
und Klangcollagen wie die von Yello.“
Seit vier Monaten tüftelt der Musikpro-
duzent und Komponist an Sound und
Bildern, mit denen Volkswagen seine
Neuheiten auf der Messe präsentiert
– als gigantische Bühnenshow für die
Weltpresse und als Klangwolken für die
Standbesucher.
Paris statt Frankfurter IAA: In Jahren
mit gerader Zahl suchen die deutschen
Hersteller hier den ganz großen Auftritt.
Der Wolfsburger Konzern zeigt neben
dem Golf gleich mehrere Audi-Modelle
mit ähnlicher technischer Basis – vom
kleinen Allradler Q2 bis zum Sportler S3.
Dazu gesellt sich Seats Hoffnungsträger
Leon (Probefahrt siehe Seite 109).
Opel wagt mit dem Adam den Angriff
auf VWs Up, und BMW nutzt die Gele-
genheit, gleich drei große Schwenks zu
vollziehen: hin zum Van, zum Frontan-
trieb und zu 3-Zylinder-Motoren (siehe
Seite 109). Mercedes erweitert den Super-
sportler SLS um eine GT-Variante mit
591 PS – und die Serienversion des Elekt-
rorenners. Der sieht aus wie der bekannte
Prototyp, trägt aber den„Diamant-Grill“
der A-Klasse.
Mächtig in Fahrt kommen auch die
Briten. Vom indischen Tata-Konzern an
der langen Leine geführt, enthüllt Jagu-
ar den heiß ersehnten Roadster F-Type,
und Schwester Land Rover den luxuri-
ösen Range. Die Sportwagenschmiede
McLaren wiederum erfindet mit dem P1
britischen Sportwagenbau neu.
Umso deutlicher wird auf Europas
(in diesem Jahr) größter Automesse
die Misere der Gastgeber. Die fran-
zösichen Hersteller, die „ihren“ Salon
früher selbstbewusst dominierten und
Gäste anderer Nationen in Randlagen
verdrängten – sie müssen sich diesmal
mit Statistenrollen begnügen.
Einigermaßen passabel geht es noch
Renault; hier steht auch die einzige Welt-
premiere eines französischen Serienmo-
dells an. Der Clio (siehe Seite 108) muss
die Kunden überzeugen, sonst könnte
es eng werden: Mit milliardenschwe-
Macht und Ohnmacht auf
Deutsche und britische Hersteller dominieren die GRÖSSTE AUTOMESSE EUROPAS in
Musterschüler Der Namenspatron der Golf-
Klasse gibt sich die Ehre – ab 16 975 Euro
Sportlicher Bruder Den 300 PS starken S3
bietet Audi ab Anfang 2013 für 38 900 Euro an
Cool Britannia Der Jaguar F-Type rollt nächstes
Jahr als Roadster, 2014 als Coupé an
Große Wucht
Der neue Range Rover
donnert Anfang 2013 für
89 100 Euro zu den Kunden
107 FOCUS 39/2012

ren Hilfen setzte Renault nahezu kom-
plett auf den Elektroantrieb – der kommt
beim Kunden jedoch überhaupt nicht an.
Bei PSA sieht es besonders düster aus.
Der Peugeot-Citröen-Konzern hat Trends
wie Citymobile, große Limousinen für
Asien oder Allradler ebenso verschlafen
wie die Erschließung neuer Märkte, die
das Schwächeln Südeuropas ausgleichen
könnten. 2011 standen noch 806 Millio-
nen Euro Gewinn in der Bilanz – im ers-
ten Halbjahr 2012 hat PSA 819 Millionen
Verlust geschrieben. Pro Monat verbuchen
die Franzosen derzeit rund 200 Millionen
Euro Verlust.
Auf der Messe zeigt Peugeot die rea-
litätsferne Studie eines 600-PS-Sport-
wagens. Näher am Hier und Heute ist
da schon das Konzept eines City-SUVs
namens 2008. Dazu gibt’s die Sportver-
sion des Hoffnungsträgers 208; Cab-
rio und Kombi sind indes noch nicht
in Sicht. Schwestermarke Citröen ent-
hüllt die Targa-Version des DS3 – der
of fene Kleinwagen soll vor allem mit weit
reichenden Möglichkeiten zur Indivi-
dualisierung Kunden anlocken. Der DS3
Electrum wiederum lässt Stromfans wei-
ter von der Elektrifizierung des Straßen-
verkehrs träumen.
Die Stimmung der einzelnen Hersteller
in Paris spiegelt wichtige wirtschaftliche
Daten: Die Auslastung der meisten fran-
zösischen Autofabriken liegt bei kaum
mehr als 60 Prozent; in Deutschland sind
es 80 bis 95 Prozent. Und während die
deutschen Hersteller nach Paris mit vol-
len Modell-Paletten zu den Messen ihrer
Wachstumsmärkte in Südamerika, USA
und Asien düsen, mühen sich die Fran-
zosen im Volks(wagen)-Reich China, ein
Rad auf den Boden zu bekommen.
Erst einmal muss die Ausstellung auf
eigenem Terrain die Wogen in der Hei-
mat glätten. Frankreichs neue Regierung
versprach, PSA zwar weiter zu unterstüt-
zen, wunderte sich aber, wo die Subven-
tionen der vergangenen Jahre geblie-
ben sind. Immerhin hat der Konzern in
dieser Zeit schon Staatshilfen in Höhe
von vier Milliarden Euro erhalten. „Das
ist Geld, das ohne Ertrag verschwunden
ist“, schimpfte Sozialministerin Marisol
Touraine. Trotzdem werden die franzö-
sischen Politiker natürlich über ihren
Salon defilieren. Doch wäre der ein
Musical: Ein Happy End für alle Mit-
wirkenden wäre wohl nicht sicher. ■
M. EFLER / S. GRUNDHOFF
dem Pariser Salon
diesem Jahr. Für die französischen Gastgeber bleiben nur Nebenrollen
Noch ein „Porsche-Killer“ Mit ca. 800
PS wird der P1 das Top-Modell von McLaren
Junger Schwede Den Volvo V40 Cross Country
gibt’s ab November mit serienmäßigem Allrad
Frischer Franzose Eine Vision mit Marktchancen:
der Peugeot 2008 für City-Cowboys
Kleine Hoffnung
Den 3,70 Meter kurzen
Opel Adam gibt’s ab
70 PS für ca. 11 500 Euro
108 FOCUS 39/2012
AUTO

Drei Pariser schon gefahren
Renault Clio:
Kleinwagen
mit neuer
Größe
D
as erste Mal vergisst man
nie. Mit diesem – nun ja –
emotionalen Slogan will Renault
die Verkäufe des neuen Clio an-
heizen. Für Chefdesigner Laurens
van den Acker dürfte der Satz
auch eine persönliche Dimension
haben: 2009 ist er bei Renault
angetreten. Nun rollt sein erster
Serienwagen über den Asphalt.
Der Niederländer hofft auf nichts
Geringeres als einen Homerun.
Ein siegreicher Spielzug muss
dem französischen Automobilher-
steller tatsächlich gelingen.
Der neue Clio inszeniert sich
als Platzhirsch im Kleinwagen-
Segment. Der einst so niedliche
Franzose ist nur noch als Fünf-
türer erhältlich, zudem hat er an
Länge und Breite gewonnen. Die
zusätzlichen Zentimeter erhöhen
das Kofferraumvolumen auf 300
Liter und machen es selbst auf
der Rückbank überflüssig, den
Kopf ein- und die Knie anzuziehen.
Betonte Radkästen, breitere
Hüften und das vom Kühlergrill
umrahmte Logo lassen die vierte
Clio-Generation, die ab 10. No-
vember verkauft wird, selbstbe-
wusster und sportlicher wirken.
Ungewohnt wirkt der Sound
des kleinen Franzosen. Der neue
3-Zylinder-Turbo-Benziner macht
vor allem in den unteren Dreh-
zahlen deutlich von sich hören.
Spritzig durch kurvige Täler,
sanft über unebene Straßen –
Komfort und Fahrspaß schließen
sich beim Clio nicht aus. Einzig
die Sicht könnte besser sein. Ge-
gen Aufpreis mindert in der „Dy-
namique“- und „Luxe“-Version eine
akustische Einparkhilfe das Prob-
lem mit der Mikroheckscheibe.
Der Generation „Ich mach mir
die Welt, wie sie mir gefällt“
dürfte die Mittelkonsole in iPad-
Optik, vor allem das optionale
Multimedia-Navi mit Touchscreen,
gefallen. Wer will, kann dem Clio
mit bunten Streifen an Lenkrad,
Lüftung, Türgriffen und Schalt-
hebel, Zierstäben in der Kühler-
maske, Klavierlack oder Dachauf-
klebern seinen eigenen Stempel
aufdrücken. Allerdings geht das
schnell auf Kosten des eleganten
Designs. Jennifer Reinhard
Fahrspaß: je nach Motor
durchaus gegeben
Raumgefühl: Freiheit für Knie
und Köpfe
Sound: kann auch laut
Ausstattung: individuell gegen
Aufpreis
RENAULT CLIO
Benziner: 74/90 PS
Diesel: 75/90 PS
Länge × Breite: 4,06 × 1,73 m
Höchstgeschw.: 167–182 km/h
Verbrauch*: 3,6/5,5 l/100 km
CO2-Emission*: 93/127 g/km
Preis: ab 12 800 Euro
Wichtige Neuheiten des Pariser Salons konnte FOCUS noch
vor Eröffnung der Messe ausprobieren und den Renault Clio
zur ersten Testrunde ausführen, den VW-Golf-Bruder Seat
Leon auf letzten Abstimmungsfahrten prüfen – und klären,
ob BMWs 3-Zylinder-Motoren dem sportlichen Ruf der
Marke gerecht werden
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Kleinwagen für die Generation
Facebook: der neue Clio
Scannen Sie den
QR-Code mit einer
App wie „Scan“
(iPhone) oder „QR
Barcode Scanner“
(Android)
109 FOCUS 39/2012
BMW:
3er-Reihe
unter der
Haube
Seat Leon: Hausmannskost, mediterran gewürzt
B
rüder und Konkurrenten: Der
neue Seat Leon verfügt über
60 Prozent Gleichteile mit dem
Golf – die meisten unterm Blech.
„Was der Kunde sieht und fühlt,
muss anders sein“, erklärt Ent-
wickler Fermin Soneira.
Mit langem Radstand und kur-
zen Überhängen nutzt der Leon
den Raum besser als der Vorgän-
ger. Im Fond sitzen auch Erwach-
sene bequem; am geräumigen
Kofferraum stört nur die hohe
Ladekante.
Ruhig, sauber und flüssig zieht
der Neue durch die Kurven. An-
triebseinflüsse sind in der Len-
kung kaum spürbar – nicht einmal
bei den sportlichen FR-Modellen
mit bis zu 184 PS. Insgesamt
wirkt der neue Leon komfortabler
und ausgeglichener als der alte.
Wie beim Golf gibt’s auch hier
zwei unterschiedliche Hinterach-
sen für schwächere und stärkere
Motorvarianten. Die meisten Kun-
den dür ften diese Differenzierung
aber kaum bemerken. „Nicht mal
unsere Ingenieure konnten immer
den Unterschied herausfahren“,
verrät Soneira.
In der Sport-Einstellung ver-
langt die Servolenkung mehr Mu-
ckis, Gas und Doppelkupplungs-
getriebe reagieren schneller. Da-
zu lässt ein Lautsprecher den
Motor-Sound kerniger klingen:
eine Modeerscheinung, die für
wenig Geld viel Effekt bewirkt. Im
Eco-Modus ist der Leon dagegen
ganz auf Sparsamkeit gebürstet;
es steht weniger Drehmoment zur
Verfügung, und die Klimaanlage
läuft auf Sparflamme.
Seat-Mann Soneira, der bei Audi
einst das Alu-Öko-Mobil A2 mitent-
wickelte, verfolgt jetzt andere An-
sätze zum Gewichtsparen: statt
teurer Materialien die Kunst des
Weglassens. Hier eine dünnere
Verkleidung, dort ein simpleres
Bauteil, fertig ist die spanische
Lean Cuisine. Die Wahl zwischen
dieser – oder Hausmannskost à
la Golf: eine schöne Entscheidung
für Käufer. Sebastian Viehmann
Sound: ganz schön mächtig
Komfort: da vibriert nix
Fahrspaß: leichtes Auto mit
starkem Antritt
Fahrwerk: softer als bisher
Sound: unaufdringlich
Raumgefühl: kompakt, aber
nicht beengt
BMW-DREIZYLINDER
SEAT LEON
Hubraum: 1,5 l
Benziner: 123–225 PS
Diesel: 81–183 PS
Verbrauch*: ab ca. 3,0 l/100 km
Benziner: 86–180 PS
Diesel: 90–184 PS
Länge × Breite: 4,26 × 1,82 m
Höchstgeschw.: 178–229 km/h
Verbrauch*: 3,8/5,2 l/100 km
CO2-Emission*: 99/120 g/km
Preis: ab 15 390 Euro
D
as Risiko ist bekannt: „Bei
drei Zylindern zuckt man zu-
nächst zusammen“, gibt BMW-
Motorenentwickler Fritz Stein-
parzer zu. Was er und seine
Ingenieure nun geliefert haben,
könnte BMW-Fans aber überzeu-
gen. Eine erste kurze Probefahrt
im Dreizylinder zeigt: Die befürch-
teten Rütteleien bleiben aus, die
Maschine zieht kraftvoll durch
und klingt – in den kräftigen Va-
rianten – trotzdem kernig.
Eine ganze Familie von Ben-
zinern und Dieseln mit drei, vier
und sechs Zylindern wollen die
Bayern künftig nach einem Mus-
ter bauen. Sie unterscheiden sich
zwar in der Auslegung, nicht aber
in ihrer grundlegenden Bauart mit
Twin-Turbo-Technologie. Dazu kön-
nen sie am selben Band gefer-
tigt werden: Bis zu 60 Prozent der
Bauteile sind gleich. Eingebaut
werden die neuen Aggregate in
den absatzstarken Modellreihen
von BMW und Mini. Susanne Frank
*105 PS Diesel/86 PS Benziner
BMW Active Tourer
Frontantrieb, Van – und den-
noch ein BMW. Der Hybrid mit
3-Zylinder-Motor ist eine der
geplanten Antriebsoptionen,
wenn er 2014 anrollt
*Diesel
FOCUS (USPS No. 000-9593) is published weekly by HUBERT
BURDA MEDIA. Subscription price for USA is $ 290 per annum.
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Herausgeber: Helmut Markwort
Chefredakteur: Uli Baur
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Sirka Henning, Thomas Huber, Andreas Püfke
Titel Eva Dahme; Karin von Zakarias
Grafik Mareile Gieser, Heike Noffke, Sigrid Redemann, Petra Rehder,
Moritz Röder, Kristina Runge, David Schier, Petra Vogt
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Ulrich Gerbert, Stefan Hartmann
Composing Werner Nienstedt
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Michael Jupe (stv. komm.), Pamela Cregeen, Astrid Diening,
Wolfgang Donauer, Gisela Haberer-Faye, Bernd Hempeler,
Andrea Kaufmann, Angelika Loos, Christina Madl, Gerd Marte,
Joachim J. Petersen, Marion Riecke, Reinhard Ruschmann,
Dorothea Rutenfranz, Heike Spruth, Catherine Velte,
Nina Winkler-de Lates, Maria Zieglmaier
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11110 Nonthaburi; Bangkok, Thailand,
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110 FOCUS 39/2012
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fühlt, fördert auch den Heilungs-
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en leiden meist besonders unter
den äußeren Folgen der Chemo-
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Frauen wieder selbstsicherer und wohler.
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Unter den Weinliebhabern ist ein ganz klarer Trend zu erkennen: Immer häufiger genießen sie einen
Rosé. Verwöhnte Sinne erfreuen sich am liebsten an den kräftigeren Rosados aus Spanien
E
s soll ja immer noch Menschen
geben, die daran glauben, dass
Roséwein eine Mischung aus Weiß-
und Rotwein ist. Zumindest innerhalb der
EU ist das ein Irrtum: Roséwein wird aus
Rotweintrauben hergestellt. Warum das Er-
gebnis nicht so dunkel ist wie Rotwein?
Ganz einfach – die Farbe eines Weines
wird unter anderem dadurch bestimmt,
wie lange er mit den Schalen Kontakt hat.
Je früher diese entfernt werden, desto hel-
ler die Färbung. Bei der Herstellung eines
Rosés müssen die Traubenschalen relativ
schnell abgesondert werden.
Bis vor wenigen Jahren wussten die
Verbraucher mit Roséwein – auf Spa-
nisch „Vino Rosado“ – noch nicht so recht
etwas anzufangen. Doch das hat sich ge-
ändert. Heute erfreuen sich die hellroten
Weine wachsender Beliebtheit. Inzwischen
gibt es viele köstliche Rosé-Kreationen –
und ein breites Farbspektrum von zartem
Apricot über Lachs bis hin zu Rubinrot. Ge-
nauso vielfältig wie die Farben sind die
fruchtigen Aromen von frischen Roséwei-
nen. Ein geschmackvolles Beispiel ist der
Mederaño Rosado aus dem traditions-
reichen Hause Freixenet. Damit er seine
leichte Frische entfalten kann, sollte Rosé-
wein stets kühl serviert und getrunken wer-
den. www.freixenet.de
MEDERAÑO ROSADO
Mit seinem klaren, in-
tensiv leuchtenden
Himbeerrosé ist die-
ser Wein schon optisch
ein Vergnügen. Und
auch sein Duft be-
tört – durch blumige
Noten sowie Aromen
von roten Früchten wie
Erdbeeren, Himbeeren
und Roten Johannis-
beeren. Diese herrlich
frischen Fruchtaromen
verzaubern die Sinne.
Der Rosé begeistert
zusätzlich durch sein
charmantes Süß-Säure-
Spiel und einen langen
Abgang. Die Cuvée aus
Weinen der Rebsorten Bobal und Mo-
nastrell – auch bekannt als Mourvèdre
– ist mit mäßigen 13 Vol.-% ein leicht-
spritziger Vertreter ihrer Art, der auch in
den kühleren Jahreszeiten einfach Spaß
macht.
DAS SCHMECKT!
t Roséweine passen perfekt
zu Meeresfrüchten, Fisch und
Tapas, aber auch zu Pizza oder
Pastagerichten. Doch nicht nur
zu bestimmten Speisen gibt ein
spritziger Roséwein den perfekten
Begleiter – auch an geselligen
Abenden mit Freunden ist er
herzlich willkommen. Natürlich
können Sie ihn auch einfach
mal so genießen. Die optimale
Trinktemperatur für Roséwein liegt
zwischen 6 und 8° C.
Roséweine machen Karriere.
Die köstlichen Kompositionen
aus spanischen Trauben sind bei
Genießern besonders beliebt
Nächste Folge: Mythen und Fakten
rund um den Wein
FOCUS 39/2012 113
KULTUR & LEBEN

Sogar unsere Kinderbuch-Regale sind durchsetzt vom »Gift des Rassismus«,
haben wohlmeinende Literatur-Inspektoren entdeckt. Und was jetzt?
N
ie war es zugleich
so einfach und
so schwierig, sei-
nen moralischen
Heiligenschein zu polieren,
wie heute; einfach, weil sich
irgendeine anzuprangernde
Schlechtigkeit schnell findet,
schwierig, weil die Podien
der Wohlmeinenden längst
rappelvoll sind. Dem Drang
einiger Bessermenschen,
trotz eigener rundumversorg-
ter Zufriedenheitsnähe ein
bisschen miserabilistischen
Staub aufzuwirbeln, verdan-
ken wir nun die Erkenntnis,
dass die Kinderbuchklassiker
der westlichen Welt durch-
tränkt sind vom „Gift des
Rassismus“.
In „Die Biene Maja“ ent-
deckte der Biologe Karl Dau-
ner „bedenkliche Freund-
Feind-Moralvorstellungen“
und „rassistische Tenden-
zen“. „Pippi Langstrumpf“
stecke voller „Kolonialrassis-
mus“ und „Ressentiments“,
monierte der in solchen Fäl-
len unvermeidliche Berliner
Professor Wolfgang Benz.
Pippis „Negerkönig“ wurde
inzwischen, Klassiker hin
oder her, zum „Südseekönig“
downgegraded. Die Kongo-
Reise von „Tim und Struppi“
ist aus den meisten Kinder-
buchläden verschwunden. Es
gibt Web-Seiten, wo Eltern
Kinderbücher „mit diskrimi-
nierenden Inhalten“ melden
können. Das Antidiskrimi-
nierungsbüro Sachsen lud
zu einer Veranstaltungsreihe
„Rassismus in Kinderbüchern
– das Gift der frühen Jahre“.
Rassismus, formulierte die
evangelische Theologin Eske
Wollrad, „begegnet uns nicht
nur dort, wo Menschen mit
dunkler Hautfarbe als min-
derwertig beschrieben wer-
den, sondern auch dort, wo
die ‚heile Kinderwelt‘ als rein
weiße Welt dargestellt ist“.
Man könnte solche Skur-
rilitäten der Political Cor-
rectness auf sich beruhen
lassen und die Letztere mit
dem Hinweis kontern, dass
in afrikanischen Märchen
ja auch keine Eskimos vor-
kommen, aber das führte an
den eigentlichen Intentionen
der Rassismus-Fahnder und
an ihrer Rolle als Teil eines
Ganzen vorbei. Ihnen geht es
letztlich um die moralische
Anschwärzung der Geschich-
te zum Zwecke eigener Dis-
kursherrschaft. Heute hat
sich in der westlichen Welt
ein Geist ausgebreitet, der
die Vergangenheit als etwas
Falsches und zu Überwin-
dendes betrachtet. Aus die-
ser Warte ist die Historie eine
Abfolge von Schlechtigkei-
ten: Klassenherrschaft, Patri-
archat, Rassismus, Frauen-,
Homosexuellen-, Minderhei-
tenunterdrückung und, was
Deutschland angeht, alles
pfeilgerade ins Dritte Reich
mündend. Also weg damit!
Unangenehm an solcher
nachträglichen Unwertset-
zung ist allemal, dass sie von
EIN ZWISCHENRUF VON MICHAEL KLONOVSKY
Pädagogische Geschichtsklitterung
MICHAEL KLONOVSKY, 50,
leitet das FOCUS-Debattenressort
ihrer eigenen historischen
Zwischenstufenhaftigkeit
und somit Relativität nichts
wissen will, sondern sich als
zensurvorschlagsbefugte
finale Weisheit ausgibt. Die
genannten Kinderbücher
bilden nun einmal die Zeit
ihrer Entstehung mit ab, und
das werden sie schon halb-
wegs korrekt tun. Geschichte
ist eben passiert, Zustände
haben geherrscht, die Ent-
wicklungs- und Mentalitäts-
unterschiede zwischen den
Völkern und Rassen waren
und sind gravierend und
werden es noch lange sein.
Völkerstereotype sind Veran-
schaulichungen und haben
einen rationalen Kern.
D
ie Einebnung aller
Unterschiede läuft auf
eine rückwirkende
Säuberung hinaus – analoge
Beispiele sind die „Bibel in
gerechter Sprache“ und die
zahlreichen Straßenumbe-
nennungen. Man soll „Zehn
kleine Negerlein“ nicht nur
nicht mehr schreiben, son-
dern niemals geschrieben
haben. Diese Art Nächsten-
oder besser Fernstenliebe
ersetzt Rassismus einfach
durch Verlogenheit. ■
Biene Maja „Rassistische Feindbilder“?
114
KULTUR & LEBEN
John Ir ving, 70
Langstreckler
❙ Schon als Jugendlicher
begann er zu schreiben.
Seine Romane sind immer
umfangreich und immer
Bestseller.
❙ 20 Jahre lang
war Irving Leistungssportler.
Er ist verheiratet mit einer
Kanadierin (deshalb das
Ahorn-Tattoo auf der Schul-
ter) und hat drei erwach-
sene Söhne. Aus „In einer
Person“ liest er im Herbst in
München (7.11.), Frankfurt
(8.11.) und Zürich (11.11.).
115 115 FOCUS 39/2012
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»Ich war immer leicht
reizbar«
Im neuen Buch erzählt US-Autor John Irving von sexueller Gewalt und Intoleranz.
Ein Gespräch über Obsessionen, Vatersorgen und die Liebe in schummerigen Zeiten
Meany“ habe ich 1989 veröffentlicht,
fast 15 Jahre nach dem Ende des Viet-
namkriegs, von dem das Buch handelt.
Und „Gottes Werk und Teufels Beitrag“,
das sich mit der Abtreibungsproble-
matik auseinandersetzt, spielt in den
30er- und 40er-Jahren. Ja, die Vergan-
genheit! (Irving lässt immer wieder
deutsche Wörter einfließen – er hat in
den 60er-Jahren in Wien studiert.)
Warum so rückwärtsgewandt?
Wissen Sie, ich habe in den 80er-Jahren
in New York gelebt. Plötzlich erkrank-
ten Freunde und starben, und niemand
kannte die Ursache. Es ist schwierig,
darüber zu schreiben, auch weil man
sich schuldig fühlt. Schuldig, dass es
einem gut geht, nicht weil man in sei-
nem Sexualleben irgendwie vorsich-
tiger gewesen wäre, sondern schlicht
weil man hetero ist. Ich glaube, wenn
ein Thema sehr belastend ist, dann
möchte ich es gründlich durchdenken.
Es klopft dann alle vier oder fünf Jahre
an, immer wenn Zeit ist für ein neues
Buch, und sagt: Hey, erinnerst du dich
an mich? Ich bin noch da!
Warum schreiben Sie immer wieder
über Außenseiter wie Billy Abbott im
neuen Roman, die wegen ihrer sexuellen
Orientierung in Schwierigkeiten geraten?
Ja, Billy hat eine Reihe von Vorfah-
ren in meinen Büchern. Johny Wheel-
wright aus „Owen Meany“, der sich
seine Homosexualität nicht eingesteht.
Er hat nie Sex, nicht ein einziges Mal.
Oder Garps Mutter, die einmal im
Es geht um sexuelle Gewalt und Into-
leranz, wie in „Garp und wie er die Welt
sah“, Ihrem Welterfolg von 1978.
Ja, wenn auch nicht so radikal wie
damals. „Garp“ war extrem. Sehr zy-
nisch. Es war die Auseinandersetzung
eines jüngeren und wütenderen Autors
mit dem Thema der sexuellen Gewalt
und Intoleranz.
Warum wollten Sie noch einmal zurück?
Ich wollte ja eben nicht. Deshalb habe
ich so lange gezögert. Aber das Thema
hat sich, anders als ich nach „Garp“
dachte, in all den Jahren nicht erledigt.
Homosexualität und Bisexualität sind
doch inzwischen weitgehend akzeptiert.
Sicher, wir sind toleranter geworden.
Aber es reicht noch lange nicht aus.
Bei meinen früheren Büchern ging
es, immer wenn ich mit Europäern
sprach, um die Rückständigkeit Ame-
rikas. Dieses Mal ist es anders. Sexu-
elle Intoleranz erfährt man in Europa
vielleicht weniger von konservativen
Christen wie hierzulande, dafür aber
sehr stark in der muslimischen Bevöl-
kerung, die sich oft nicht angepasst hat
an die liberaleren Moralvorstellungen.
Sollten Autoren in Romanen Stellung be-
ziehen zu aktuellen politischen Fragen?
Ich denke, schon. Wobei man von aktu-
ell bei mir eigentlich nicht sprechen
kann. Alle meine sozusagen politischen
Romane reichen weit zurück. „In einer
Person“ beschäftigt sich vor allem mit
den 50er- und 60er-Jahren und mit der
Aids-Epidemie in den 80ern. „Owen
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ie eine Burg thront das An-
wesen oberhalb von Dorset
in Vermont. Mit weitem Blick
über die Berge ringsum. John Irving
mag es abgeschieden. Was er braucht,
hat er sich gebaut: Fitness-Studio, Ten-
nisplatz, Swimmingpool. 20 Jahre lang
war er Leistungssportler. Ein Ringer, der
es immerhin in die National Wrestling
Hall of Fame gebracht hat. Er schreibe
nicht jeden Tag, sagt der 70-Jährige. Aber
ein Tag ohne Sport komme selten vor.
Irving führt ins Arbeitszimmer. An der
Wand hängen gerahmte Bestseller-Listen
mit seinen Romanen auf Platz eins. Aus-
zeichnungen im Kampf um die Gunst
des Publikums. Am Boden stapeln sich
Ausgaben des neuen Buchs „In einer
Person“. Auf Deutsch erscheint Irvings
13. Roman diese Woche bei Diogenes.
John, Sie haben einmal gesagt, dass
nicht Sie das Thema eines neuen Buches
aussuchen, sondern dass andersherum
das Thema Sie wählt. Was hat Sie gereizt
an der ziemlich bizarren Lebensgeschichte
eines bisexuellen Schriftstellers, die
Sie im neuen Roman erzählen?
Ich glaube, alle meine Romane war-
ten auf mich wie Züge in einem Bahn-
hof. Sie sind da, lange bevor ich mit
dem Schreiben beginne. Dieser Roman
existiert seit acht Jahren. Ich kannte
die Geschichte, die Figuren, das Ende.
Ich glaube, ein Grund, warum ich so
lange gewartet habe, war die Scheu vor
diesem für mich alten Thema.
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KULTUR & LEBEN
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Scheu vor dem
Schlusspunkt
Irving in seinem Arbeits-
zimmer in Vermont.
Romanideen trägt er oft
jahrelang mit sich herum,
bevor er sie angeht.
Er schreibt mit der Hand
und mit einer elektrischen
Schreibmaschine –
weil ein guter Satz Reife-
zeit braucht, wie er sagt
»Ich schreibe um.
Immer wieder.
Ich ringe mit
dem Text.
Aber er ist
niemals fertig«
Leben Sex hat und dann nie wieder.
Ebenso Dr. Larch in „Gottes Werk und
Teufels Beitrag“. Eigentlich sind das
doch viel extremere Verhaltenswei-
sen als die Billys, der mit Frauen und
Männern schläft. Das kann ich mir viel
besser vorstellen, als überhaupt keinen
Sex zu haben (lacht).
Haben Sie homosexuelle Erfahrungen?
Nein. Es gibt allerdings Zeiten im Leben,
so mit 13, 14, da kann es sein, dass man
sich unsterblich verliebt in die Mutter
eines Freundes. Oder man schwärmt
für einen Ringer aus der Mannschaft.
Aber das würde man natürlich nie
öffentlich eingestehen. Das Problem
bei Schriftstellern – oder zumindest bei
mir – ist, dass ich mich an solche schum-
merigen Zeiten gut erinnere, die meis-
ten Leute verdrängen sie ja eher.
Wie war John Irving als Teenager?
Leicht reizbar. Oft in Kämpfe ver-
strickt. Ich war immer ein Außen-
seiter. Ich wollte allein sein. Mit 14, als
ich anfing zu schreiben, sowieso, aber
auch schon vorher. Ich glaube, wenn
ich kein Sportler gewesen wäre, dann
hätte ich gar keine Freunde gehabt.
Sie haben oft gesagt, Sie hätten auch
als Schriftsteller vom Ringen profitiert.
Ja. Man achtet auf Details, wiederholt
einen Griff immer wieder. Schauen Sie . . .
schuldet. Und natürlich ist das, was er
auf dieser Reise findet, nicht das, was
er erwartet hat.
Gibt es schon einen Titel?
„Avenue of Miracles“ – so heißt eine
Straße in Mexiko Stadt: Avenida de
los Misterios.
Die Reise führt nach Mexiko?
Nein, von Mexiko auf die Philippi-
nen. Aber das Buch handelt vor allem
von Mexiko und der Kindheit und
Jugend des Mannes dort. Schon wieder
also Kindheit und Jugend (lacht).
Sie haben einmal gesagt, Sie schreiben
immer über Dinge, vor denen Sie sich
fürchten. Welche bösen Geister sollte
„In einer Person“ austreiben?
Wissen Sie, es gibt zwei Bücher, bei
denen ich eine klare Vorstellung vom
Leser hatte, einen Adressaten. „Garp“
ist für meine beiden älteren Söhne
geschrieben. „In einer Person“ für mei-
nen jüngeren Sohn Everett, der dem-
nächst 21 wird. Als ich anfing, am Text
zu arbeiten, im Sommer 2009, hatte er
gerade sein Coming-out. Es ist merk-
würdig, da trug ich so lange die Idee
für dieses Buch über die Schwierigkei-
ten eines bisexuellen Jungen mit mir
herum, und in dem Moment, in dem
ich zu schreiben beginne, vertraut mein
Sohn mir an, dass er schwul ist.
(Irving nimmt ein Blatt Papier vom
Stapel auf seinem Schreibtisch. Eine
Manuskriptseite, in großen Buchsta-
ben mit der Hand beschrieben und mit
Korrekturen versehen.)
Dies ist eine Seite, die ich heute Mor-
gen geschrieben habe. Die achte des
sechsten Kapitels eines Buches, das
ich an Weihnachten begonnen habe.
Sehen Sie, wie oft ich sie schon über-
arbeitet habe! Ich ringe mit dem Text.
Aber er ist niemals fertig.
Wovon handelt der nächste Roman?
Darüber möchte ich eigentlich nicht
viel sagen. Es ist die Geschichte eines
Mannes, der sich auf eine lange Reise
begibt. Eine Reise, die er immer wie-
der aufgeschoben hat, aber dann doch
unternimmt, weil er sie jemandem
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Video: Irving über die
Arbeit am neuen Buch
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Was geht da in einem Vater vor?
Wenn man ein gutes Verhältnis zu sei-
nem Kind hat, dann wird man nicht
wirklich überrascht sein. Ich glaube,
er hatte den Mut für dieses Bekenntnis
auch dadurch gewonnen, dass er wuss-
te, dass es natürlich in keiner Weise
meine Liebe zu ihm in Frage stellen
würde. Vielleicht liebe ich ihn sogar
noch mehr als vorher, weil ich mir mehr
Sorgen um ihn mache oder das Gefühl
habe, dass ich ihn beschützen muss –
und sei es mit einem Roman.
Es ist ähnlich wie beim Roman „Bis ich
dich finde“, der von einer Vatersuche
erzählt. Ihr leiblicher Vater verließ die
Familie, als Sie zwei Jahre alt waren.
Sie haben nie von ihm gehört, bis eines
Tages ein Halbbruder anrief, während Sie
an dieser Vatergeschichte schrieben.
Es ist anders, weil ich diesen Anruf
eigentlich immer erwartet hatte, seit
ich als Schriftsteller erfolgreich war. Ich
dachte immer, irgendwann klingelt das
Telefon, und eine Stimme sagt: „Hi,
hier ist dein Vater. Ich bin in der Stadt,
wollen wir uns treffen?“
Was ist aus Ihrem Vater geworden?
Er starb 1996. Ohne dass er sich je
gemeldet hätte. Ein bisschen erschreckt
mich, wie ähnlich wir uns sehen. Und
wie sehr er als junger Mann meinen
Söhnen geähnelt hat. Kommen Sie mit,
ich zeige es Ihnen . . .
(Irving führt durch das große Haus,
überall an den Wänden hängen gerahm-
te Fotos von Menschen, die ihm wichtig
sind. Das Bild seines leiblichen Vaters
bekam er vom Halbbruder.)
Glauben Sie, dass Sie ein besserer Vater
geworden sind dadurch, dass Sie ohne
leiblichen Vater aufgewachsen sind?
Nein. Diese Sache mit dem verlorenen
Vater spielt in meinen Büchern eine
viel größere Rolle als in meinem Leben.
Wenn ich von irgendjemandem gelernt
habe, was ein guter Vater ist, dann von
meinem Stiefvater. Ich bin sehr glück-
lich, dass er mich adoptiert hat. ■
INTERVIEW: JOBST-ULRICH BRAND
KULTUR & LEBEN
Nie mehr Sozialhilfe
J. K. Rowling, 47, gehört zu
den wenigen Autoren,
die durch ihre Literatur zu
märchenhaftem Reichtum
gelangten. Ob sich ihr gigan-
tischer Erfolg mit dem neuen
Roman fortsetzt, ist offen
Reißender Absatz
Autorin und Verlag
entfachten mit der „Harry
Potter“-Serie unter jugend-
lichen Lesern weltweit
eine beispiellose Hysterie:
450 Millionen Exemplare
wurden verkauft
Neustart
„Ein plötzlicher
Todesfall“ ist
Rowlings erster
Roman für
erwachsene
Leser – eine
Tragödie, die über
eine englische
Kleinstadt kommt
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ach wie vor soll es Kritiker geben,
die am literarischen Genie von
J. K. Rowling zweifeln. Doch an ihrem
Verkaufsgenie kann es keine Zweifel
geben. Als 1997 ihr erster „Harry Potter“
in einer Auflage von nur 500 Exemplaren
erschien, lebte sie als allein erziehende
Mutter von Sozialhilfe. Nur sieben Jahre
später schätzte das Magazin „Forbes“
ihr Vermögen auf eine Milliarde Dollar.
Wenn am kommenden Donnerstag ihr
neuer Roman, „Ein plötzlicher Todesfall“,
Premiere hat, ist das nicht nur für ein-
gefleischte Rowling-Fans, sondern auch
für Marketingexperten weltweit ein
Großereignis. Denn mit diesem ersten
Buch, das ohne Harry Potter auskommt
und sich ausdrücklich an erwachsene
Leser wendet, unternimmt die Autorin
ein Experiment, das unter Aspekten der
Markenführung beziehungsweise des
Brand-Managements einer Operation
am offenen Herzen gleichkommt.
Schon das Geschäft mit der „Potter“-
Serie hat etliche Gesetze der Buchbranche
auf den Kopf gestellt. Üblicherweise ver-
breiten Verlage und Autoren so viele
Informationen wie möglich über ihre
Neuerscheinungen, um die Neugier des
Publikums zu schüren. Rowling und ihr
englisches Buchhaus gingen, nachdem
die ersten „Potter“-Bände beim Pub-
likum gut ankamen, konsequent den
entgegengesetzten Weg: Sie verrieten
fast nichts mehr über die kommen-
den Bücher, erklärten Manuskript und
Druckfahnen zu Geheimsachen, verdon-
nerten alle an der Produktion Beteiligten
bei hohen Strafen zum Stillschweigen.
„Der Erfolg war überwältigend“, sagt
Felicitas Feilhauer, Marketingleiterin
des renommierten Hanser Verlags in
München: „Die sehr junge Zielgruppe
ließ sich von der dramatischen Inszenie-
rung mitreißen.“ Vor Erstverkaufstagen
wurden Buchhandlungen ganze Näch-
te lang belagert wie sonst nur Apple-
Stores, wenn Steve Jobs neue iPhones
oder iPads angekündigt hatte.
Für „Ein plötzlicher Todesfall“ setzt
Rowling auf das gleiche Rezept: Schon
im Frühjahr legte sie den 27. September
als Erstverkaufstag fest. Seither füttert
Der Fluch des Harry Potter
sie die Öffentlichkeit mit Informations-
brosamen: Erst wurden der Buchtitel und
eine zehnzeilige Inhaltsangabe bekannt
gegeben, dann das Cover vorgestellt,
schließlich war wieder von verschärften
Geheimhaltungsmaßnahmen die Rede,
von Verschwiegenheitserklärungen und
Strafandrohungen und davon, dass selbst
Übersetzer des Buches das Manuskript
nur im Londoner Verlagshaus einsehen
und keine Kopie machen dürfen.
Ob die inzwischen vertraute Rowling-
Show auch diesmal Triumphe feiert, ist
schwer abzusehen. Mit „Harry Potter“,
so schreibt der im nordirischen Ulster
lehrende Wirtschaftswissenschaftler Ste-
phen Brown, hat Rowling eine „Marke“
geprägt und „brillant“ geführt: „Ein
Lehrbuchbeispiel.“ Doch für ihren neu-
en Roman kann sie auf die eingeführte
Marke Potter nicht zurückgreifen. Statt-
dessen muss sie versuchen, sich selbst
als Schriftstellerin zur Marke zu machen
– also neben literarischen Markenarti-
keln wie „dem neuen Grisham-Thriller“
oder dem „neuen Irving“ nun den „neu-
en Rowling“ etablieren.
Derartige Wechsel des Markenbilds
sind äußerst risikoreich und misslingen
oft. Dennoch blieb Rowling, wenn sie das
Image der Fantasy- und Jugendbuch-
Autorin abstreifen wollte, keine ande-
re Wahl. Ihr neuer Roman erzählt, nach
Auskunft des Verlags, ein Kleinstadtdra-
ma: In einem idyllischen englischen Ört-
chen brechen vor einer Gemeindewahl
schroffe Fronten auf zwischen Armen
und Reichen, Frauen und ihren Män-
nern, Kindern und ihren Eltern.
Mit der märchenhaften Hogwarts-Welt
von „Harry Potter“ hat das nichts mehr
zu tun, eher erinnert der Stoff an Romane,
wie Heinrich Mann („Die kleine Stadt“)
oder Georges Simenon („Der Bürger-
meister von Furnes“) sie schrieben. Um
sich mit und für dieses Buch neu zu erfin-
den, hat Rowling viele Brücken hinter
sich abgebrochen: Sie verließ sowohl den
angestammten „Potter“-Verlag Blooms-
bury als auch die literarische Agentur,
die sie bislang betreute.
In ihrem Drang nach höherer litera-
rischer Anerkennung und effektvoller
Präsentation des neuen Buches hat Row-
ling Ärger auf sich gezogen. So durften
viele Übersetzer bislang noch keinen
Blick ins Manuskript werfen, da sonst
angeblich die Geheimhaltung gefährdet
wäre. Deren Verlage fühlen sich deshalb
zurückgesetzt. Viele von ihnen wer-
den nun, klagt der slowenische Lektor
Andrej Ilc, „mit den Regeln des guten
Übersetzens“ brechen müssen, wenn sie
den Titel noch ins alles entscheidende
Weihnachtsgeschäft bringen wollen.
Mit den Literaturkritikern ist es ähnlich.
Auch sie erhalten den stattlichen 576-
seitigen Roman erst am Donnerstag. Nach
den Spielregeln unserer Medienöffent-
lichkeit werden deren Redaktionen die
Besprechungen des Buches aber schon
am Wochenende publizieren wollen.
In so kurzer Zeit sorgfältig zu lesen
und abgewogen zu urteilen ist jedoch
unmöglich. Gerade denen, die bei ihrem
Imagewechsel von der Unterhaltungsau-
torin zur Schriftstellerin von Rang beson-
ders wichtig sind, nämlich den Verlagen
und Kritikern, macht Rowling also die
Arbeit besonders schwer. ■
UWE WITTSTOCK
J. K. Rowling will endlich
als Schriftstellerin von Rang
anerkannt werden. Für
ihren Roman »Ein plötzlicher
Todesfall« setzt sie wieder
auf ihre Marketing-Masche:
Geheimhaltung und Drohung
»Harry Potter
ist ebenso eine
Marke wie Dolce
& Gabbana«
Stephen Brown, Wirtschaftswissenschaftler
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ie Deutschen werden immer rei-
cher. Diese Nachricht kommt in
Zeiten von Euro, Troika, EZB und
BVerfG einerseits überraschend. Hatten
wir uns doch gerade erst mit der dro-
henden Altersarmut befasst, ehe diese
von Bettina Wulff aus den Schlagzeilen
verdrängt wurde.
Andererseits hätte
man es sich denken
können. Denn Geld
ist ja bekanntlich nie
weg, sondern immer
nur woanders. In der
Schweiz zum Bei-
spiel. Oder auch in
Belgien. Denn die
Menschen in diesen
Ländern sind noch
viiiiel, viiiiiel reicher
als wir. Laut „Glo-
bal Wealth Report“
(klingt irgendwie wie
ein Fonds, oder?) der
Allianz sind diese
Länder zusammen
mit Japan und den
USA die reichsten.
Für uns sieht es fins-
ter aus, letzte Plätze
gemeinsam mit Australien, Portugal
und Finnland.
Aber wir wollen nicht klagen. Zumin-
dest die zehn Prozent der Deutschen,
die über 50 Prozent des Vermögens ver-
fügen, dürfen sich über stetige Zuwäch-
se freuen. Nicht unbedingt aus Einkom-
men, schon eher aus Vermögen. So viel
feiner Unterschied muss schon sein.
Dies geht aus dem aktuellen Armuts-
und Reichtumsbericht der Bundesregie-
rung hervor.
Wenn wir jetzt Allianz und Regierung
kombinieren, stellen wir fest: Deutsch-
land wäre noch viel reicher, wenn die
Reichsten nicht in der eh schon reichen
Schweiz wären! Da können sie auch
bleiben, wir wollen ja nur ihr Geld.
Denn Eigentum verpflichtet (sagt zumin-
dest das Grundgesetz). Dabei wollen
wir uns nicht mit detaillierten Zahlen
belasten. Vereinfacht
gesagt: Die Privat-
vermögen haben so
viele Nullen, damit
wäre Europa schlag-
artig saniert. Warum
also nicht mal dem
Staat Geld schenken?
Zumal der Staat per-
sönlich immer ärmer
wird, weil die Reichen
alles raffen, und wer
nichts rafft, sich das
auch noch von Mitt
Romney vorwerfen
lassen muss. Gut, ist
jetzt Amerika. Aber
kommt doch alles zu
uns rüber. Irgend-
wann. Falls sich das
mit dem Schenken
nicht durchsetzen
lässt. Wie wäre es
mit steuerlichen Anreizen (SPD)? Wer
zum Beispiel dem Staat Summen über-
lässt, die selbst Mario Draghi nicht auf
Anhieb erkennt, dessen Familie wird auf
Generationen hinaus von den Steu-
ern befreit. Lästige Steuerflucht und
Erbschaftskonstrukte fielen weg, die
Unternehmer hätten mehr Zeit für
Brandbriefe an die Belegschaft.
In jedem Fall beruhigend: Das Geld ist
ja da, nur leider in den falschen Händen.
Welches die richtigen sind, entscheidet die
Politik. Natürlich in Abstimmung mit den
Märkten. Bis zum nächsten Report. ■
Immer reicher
Geld ist da, nur in den falschen Händen
DIE GEISSENS
Millionen machen glücklich
DIE HARALD-SCHMIDT-KOLUMNE
122 FOCUS 39/2012
KULTUR & LEBEN
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Männer wie Frauen, „der ist aber sexy“.
Aha, darüber mache ich mir keinen Kopf.
Über Ihre Bettszene mit Meryl Streep
sagten Sie, dass Sie Szenen nicht danach
beurteilen, ob sie womöglich schwierig
oder normal sind, sondern nur danach, ob
sie innerhalb des Films funktionieren.
Ja, darum geht es, ob es stimmig ist.
Wenn dem so ist, wären Sie auch
zu gewagteren Szenen bereit?
Wenn es passt. Aber man sollte
nicht so tun, als ob es in einer
Sex-Szene um Sex ginge. Das
wollen Sie doch nicht Ihren
Lesern unterstellen. Es ist die
Illusion von Sex, genauso wie
ja auch niemand auf die Idee
käme, dass ein Autounfall im
Film echt wäre.
Aber dabei gibt es keine
Schauspieler, denen die Szene
womöglich peinlich wäre.
Mag sein, aber die wären dann
unprofessionell.
2011 gab es eine Initiative in
Ihrer Heimat Texas, die Sie in
den Senat bringen wollte?
Die Idee hatte ein Radiomode-
rator. Es gab dann Umfragen, in denen
ich gut lag. Als ich einmal in der Oper
war, kam in der Pause ein Mann auf
mich zu, sagte, er sei Hauptsponsor der
Demokraten in Texas und gab mir sei-
ne Karte. Seine Frau kniff ihre Augen
zusammen und meinte, das sei doch ein
guter Weg für Schauspieler am Karriere-
ende. All das passierte, ohne dass ich
ein einziges Wort darüber verloren hätte.
Das heißt, Sie haben es auch nie erwogen?
Zur Hölle, nein!
Sie denken auch nicht daran, jetzt bei
den Wahlen Obama zu unterstützen?
Das weiß ich noch nicht, ich plane auf
jeden Fall, wählen zu gehen. ■
INTERVIEW: HARALD PAULI
Mr. Jones, Sie gelten als medienscheu und
wortkarg, sehen sich aber als „Hedonist,
der nur tut, was ihm Spaß macht“. Warum
sitzen wir dann eigentlich hier zusammen?
Weil ich vertraglich dazu verpflichtet
bin. Aber ich mag auch den Film.
Sie wollten vor allem gern mal
mit Meryl Streep drehen?
Ja, das machte „Wie beim
ersten Mal“ unwiderstehlich.
Streep meinte nun, Sie seien ein
sehr privater Mensch, man hätte
nie einen Kaffee zusammen ge-
trunken oder Mittag gegessen.
Nein, wir sind Freunde. Nicht
nur beruflich. Ich denke, sie
wollte da nur gegenüber
Journalisten Fragen verhin-
dern, was wir so nach Dreh-
schluss gemacht haben.
Ihr erster Film war „Love Story“.
Nach mehr als 40 Jahren kehren
Sie nun zur Romanze zurück.
Ich glaube nicht, dass man
das so sagen kann. Roman-
tische Elemente oder Filme
gab es da immer mal wieder.
Viele Schauspieler mögen ihre al-
ten Filme nicht sehen. Wie ist das bei Ihnen?
Ich habe kein Problem damit. Ich ent-
decke meine Schwächen oder Stärken,
aber ehrlich gesagt achte ich auf die
Kamera, das Licht, den Schnitt – mein
Spiel sehe ich nicht so kritisch.
Hat sich das über die Jahre sehr verändert?
Ich bin immer noch derselbe – nur älter.
„Wie beim ersten Mal“ ist eine Art
Romantic Comedy. Auch Komödien
kommen in Ihrer Filmografie selten vor.
Ich täte mich jetzt schwer mit einer Defi-
nition von klassischer Komödie. Aber so,
wie es hier komische Momente gibt, fin-
den die sich auch in anderen Filmen von
mir. Hat man den Eindruck, ich hätte das
vermeiden wollen, liegt man falsch.
Sind Sie denn ein lustiger Mensch?
Mit so einer Frage kann ich nichts
anfangen. Lache ich gern? Klar, aber
wer tut das nicht!
Sicher, aber es gibt Leute, die das Leben
sehr ernst nehmen, und andere, die es . . .
. . . etwas lockerer angehen. Ja, dazu
können Sie mich zählen.
In „Wie beim ersten Mal“ spielen Sie und
Meryl Streep ein biederes Paar, das nach
30 Ehejahren einen Therapeuten aufsucht.
Halten Sie solche Paartherapien für hilfreich?
Da maße ich mir kein Urteil an. Das
kommt wirklich auf den Einzelfall und
die beteiligten Individuen an. Ich selber
habe keinerlei Erfahrung damit.
Und wie fühlt man sich so als Sex-Symbol?
Weshalb?
Na ja, Ihr Regisseur David Frankel sagte,
wenn er Ihren Namen erwähnt, meinen
»Es ist die Illusion von Sex«
Palaver mit einem
Eigenbrötler: Oscar-
Gewinner Tommy Lee
Jones über Romantik,
Therapie und Politik
MANN-OH-MANN
Charaktermime Jones, 66,
hier zusammen mit Meryl
Streep in seinem neuen Film
„Wie beim ersten Mal“, ist
Harvard-Absolvent, seither
Freund von Ex-Zimmergenosse
Al Gore und Rinderfarmer.
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ersten Mal“ (Kinostart: 27.9.)
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„Nane da?“ *
Sie verstehen Kinder? Werden Sie Tagesmutter.
* „Zum Nachtisch nehme ich bitte Banane, ja?“
124
KULTUR & LEBEN
. . . ANDREAS
GABALIER
TABUBRECHER DER
VOLKSMUSIK
Der Herr mit Gaga-
Sonnenbrille wollte
Jurist werden. Vier
Semester hatte er
schon brav studiert.
Schließlich hatte die
Todesanzeige des
Vaters um Spenden für
die Ausbildung der
Kinder gebeten. Heute
ist er im Hauptberuf
Hoffnungsträger
einer Branche am
Grabesrand.
24
Stunden mit . . .
Nachtauslage
am Bühnenrand
Die meisten Fans sind Frauen.
Andreas Gabalier gibt ihnen,
was sie verlangen: rustikalen
„Oaschwackler“-Sex
125
S
chön sind sie, die Hügel und die Berge, die
Höhen und die Täler dazwischen. Wunder-
bar ist das Wogen und Wiegen der Land-
schaften. Andreas Gabalier nimmt den Filzstift,
den dicken, schwarzen. Und er schreibt seinen
Namen auf all das, was ihm zu Füßen liegt, auf
all die weiblich gerundete Schönheit.
„Jetzt holt er mich endgültig, der Teufel“, sagt er
noch. Dann schwingt er wieder den Stift, und
wieder ist ein wogendes, wiegendes Dekolleté,
das sich ihm aus dem Dirndl entgegenpresst,
gezeichnet: „Andreas Gabalier“.
Es wäre schade, wenn der Teufel ihn gerade jetzt
holte, hinab in die Hölle. Jetzt, wo Andreas Gaba-
lier, 27, eben erst im Himmel angekommen ist.
Die Himmelsleiter brauchte für ihn nur drei
Sprossen. Drei Jahre, drei CDs, 700 000 Ver-
käufe, zwölfmal Platin. Allein schon dieser Ver-
kauf der sogenannten Tonträger macht Andreas
Gabalier zum Hoffnungsträger in einer Bran-
che, deren Kundschaft auf der einen Seite ins
Internet abwandert und auf der anderen Seite
ins Grab fällt. Hier Download und dort Überal-
terung – und dazwischen der 27-Jährige. „Das
ist doch das Problem der Volksmusik“, hat der
„Volks-Rock-’n’-Roller“ erkannt: „Irgendwann ist
das Publikum weg. Dann spuist auf dem Friedhof,
hart g’sagt.“ Sein Jungbrunnen sprudelt. Auf 20
Millionen Euro hat gerade ein österreichisches
Wirtschaftsmagazin den Umsatz des Volks-Start-
ups taxiert. In der Stadthalle Wien umtobten
ihn 12 000 Fans, und Mitte Oktober, wenn der Kon-
zertmitschnitt auf DVD erscheint, wird die Kasse
noch eine Himmelsstufe höher klingeln.
Jetzt hat Rock-’n’-Roller Gabalier gerade Sinn für
die härteren Töne. Es ist abends, kurz vor sieben.
In der Stadthalle in Heilbronn sitzt er in einem Kel-
ler, der „Catering“ heißt. Mit Messer und Gabel
zerstückelt er paniertes Fleisch, das sich niemals
Wiener Schnitzel nennen dürfte, und er zerlegt
zeitgleich das Konzert, das in Kürze beginnen soll
und dem er am liebsten seinen Namen entziehen
würde. „Da steht ,Andreas Gabalier‘ auf dem Pla-
kat“, schimpft er, „und wo das draufsteht, sollen
die Leute auch Andreas Gabalier bekommen.“
Nur eine Stunde Auftritt? „Scheiße.“ Und das
mit Halb-Playback? „Scheiße.“ Zu allem Über-
fluss eine bestuhlte Halle? „Wieder Scheiße.“
Wer das gebucht habe, mault er. Darüber werde
man reden müssen. Dann lässt er das Schnitzel
liegen, seinen Ärger auch. Draußen treffen die
letzten Konzertbesucher mit dem Stadtbus ein. Die
Endstation heißt tatsächlich: „Harmonie“.
Noch eine halbe Stunde bis zum Konzert. And-
reas Gabalier macht sich auf den Weg. „Love Me
Tender“, knödelt er Elvis auf der Treppe, um die
Stimme weich zu machen, es folgt Freddy Quinn
mit „Große Freiheit Nr. 7“. In der Garderobe
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126 FOCUS 39/2012
KULTUR & LEBEN
700
TAUSEND so-
genannte Tonträger
hat Andreas Gabalier
in drei Jahren
verkauft. Volksmusik
trotzt den Internet-
Zeiten. Der „Volks-
Rock-’n’-Roll“ hat 15
Prozent Downloads.
AUF 20
MILLIONEN EURO
Umsatz taxiert die
Wirtschaftspresse
Gabalier mit Auftritten
und Begleitgeschäften.
CD 4
will er von Januar an ein-
spielen. Am liebsten
auch in Nashville. Und
sicher, sagt er, auch
mit englischen Songs.
genügen fünf Minuten. Er knöpft die Jeans auf.
Über die Unterhose in Lindgrün, rustikal aus-
gestattet mit Latz und Trachtenmuster, zieht er
Arbeitskleidung: eine seiner sechs Lederhosen. In
die Taschen steckt er sich noch ein paar der rot-
weiß-karierten Tücherln, mit denen er sein Publi-
kum glücklich machen wird, wenn beide schweiß-
nass sind – die Tücher und die Zuhörer.
Der Dresscode heißt: Tattoo und Dirndl. Die
„feschen Madeln“ drängen an die Bühne. Gleich
zu Beginn fliegt ein BH. Das Publikum kreischt,
sobald Andreas Gabalier ihm den Rücken zukehrt.
Die Frauen wollen den „Oaschwackler“ sehen. Sie
verlangen sein Markenzeichen, dass er die Hüften
kreisen lässt und ihnen zusätzlich zur Haartolle
oben den Elvis auch untenherum gibt. Und Ga -
balier schenkt ihnen seinen Lederhosen-„Oasch“.
Direkt vor der Bühne ertrinkt zwischen den Brüs-
ten einer Besucherin die Plüschkuh Andreas, acht
Euro im Zubehörhandel, in den Schweißbächen,
die sich nach dann doch zwei Stunden Konzert wie
Wasserfälle ins Dirndl hinabstürzen. Die geschürz-
ten Lippen vieler Frauen lassen ahnen, dass ihnen
dieser Bursch aus Graz nicht allein in den Kopf
fährt. „Die Frauen“, hat Andreas Gablier gelernt,
„horchen nicht nur mit den Ohren.“
Gabalier gibt der Volksmusik Sex. Bisher durfte
die nur die Berge lieben, die Seen, die Heimat. Bei
Gabalier schauen die „feschen Madeln“ den „flot-
ten Buam“ nicht nur tief in die Augen. Draußen
„auf dem Bankerl“ setzen sie sich „auf den flotten
Buam drauf“. Darauf reimt sich: „Bluserl auf“.
„Hast die Madeln g’sehn mit den Tattoos?“,
fragt Andreas Gabalier, als er gegen Mitter-
nacht aus der „Scheiß“-Halle stiefelt mit den
„Scheiß“-Stühlen und dem „Scheiß“-Playback:
„Lustig war’s!“
Bei der Fahrt ins Hotel durchblättert er die bun-
ten Magazine. Der österreichische „Leading Ladies
Award“ hat ihn gerade erwählt zum „Mann des
Jahres“. Heute Abend beschäftigt ihn anderes:
Soll er da oben im dritten Stock im Fitness-Studio
noch eine Runde laufen? Oder morgen früh seine
40 Minuten schwimmen, je zur Hälfte Rücken und
Brust: „Da spürst du alles!“ Sein Körper ist ihm
wichtig, sagt Andreas Gabalier, vor allem die Zäh-
ne. Und das nicht allein fürs Fernsehlächeln. Das
verdankt er seiner Mutter. Die „Mama“ hat das
Geld für die Spange beim Essen eingespart. Auch
dem Vater, findet er, hat er viel zu verdanken.
Wilhelm Gabalier ist im August 2006, wie die
Todesanzeige von damals festgehalten hat, „im
53. Lebensjahr unerwartet zum Herrn heimgegan-
gen“. Der Vater hatte sich mit Benzin übergossen
und verbrannt. Warum? Der Sohn will es nicht wis-
sen. Und hofft, dass nie ein Abschiedsbrief Ant-
wort geben wird. In der Todesanzeige stand die
Bitte, „für die Ausbildung seiner Kinder zu spen-
den“. Zwei Jahre später folgte die zweite Todes-
anzeige der Familie. Auch die jüngere Schwester
griff zum Benzinkanister, mit 19.
„Du kannst der Traurigkeit im Leben nicht weglau-
fen“, hat Andreas Gabalier gelernt. „Die Angst hilft
dir eh nicht. Von so einem Moment an gehst du
weiter mit dem Gedanken: Das war das Schlimms-
te im Leben. Das erleichtert das Weitergehen.“
Am nächsten Morgen früh um Viertel vor acht
wirkt Gabalier kleiner, schmaler. Das Aufstehen
war heute Frühsport genug. Ein Käppi verbirgt
die Elvis-Tolle. Nach dem Frühstück hat er 453
Kilometer vor sich. Hoch in Richtung Norden.
Hinab ins Eingemachte der Volksmusikszene.
Hinter der Freilichtbühne Tecklenburg hängt für
die „Schlager-Gala 2012“ der Ablaufplan. „17.01
Uhr: Herr Mross, Stefan – Moderation. 17.20 Uhr:
Frau Freudenberg, Ute – zwei Titel solo. 17.40 Uhr:
Herr Gabalier, Andreas – Auftritt.“
„Bier gibt’s koans?“, fragt Andreas Gabalier
in die Runde. „Naa“, antwortet einer, „mir san
anständige Künstler.“ „Zu viel ,Musikanten-
stadl‘ g’schaut, oder?“, gibt Gabalier zurück.
Dann macht er sich auf einen Rundgang um die
Bühne. Er findet eine Dekoration mit violetten
Tüchern, links und rechts hängen Plastikrosen.
It’s only Rock ’n’ Roll? Ein Volks-Rock-’n’-Roller
muss auch Kuscheltier sein im Streichelzoo.
Während Stefan Mross den Gute-Laune-Arbeiter
gibt, greift hinter der Bühne Gabalier zur Gitar-
re und spielt für die Musikerkollegen, wieder ist
Freddy Quinn dran. Dann heißt es Volks-Rock-
’n’-Roll. Mit schweren Stiefeln steigt er auf die
Bühne. Das Publikum, soweit es noch kann, tanzt
mit. Einen Song streicht der Rock-’n’-Roller, aus
Rücksicht aufs Alter der Zuhörer. „Des woa“, sagt
er danach, „des Härteste, wos wir je hatten.“
Abends um neun beschließt er, den gebuchten
Rückflug am nächsten Tag verfallen zu lassen. Lie-
ber steigt er in den Tourbus zu Technik und Tech-
niker. 1000 Kilometer nach Graz? Eine Nacht auf
der Autobahn? Andreas Gabalier will nur eines.
Heim. Heim halt. Heimat. ■
Blitzsauberer Bua
Tausendmal fotografiert,
tausendmal ist nichts
passiert. Fürs Kuscheln
mit seinen Fans nimmt
sich Andreas Gabalier, 27,
genauso viel Zeit wie
für die Show
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ZUMINDEST
AUF DEM PAPIER.
FOCUS 39/2012
KULTUR & LEBEN
Paris, ordentlich drapiert
Auch eine Individualistin wie Hotelerbin
Paris Hilton ist dem Dirndl-Trend
verfallen: Schmale Taille und üppiges
Dekolleté schmücken jede Frau.
Die mädchenhafte Zöpfe-Frisur
komplettiert den angesagten Look
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ir“, sagt Markus Meindl, „kann das
Ganze ja wurscht sein.“ Dieser Hype
um ein Kleid, das einst die „Dirndln“ (Mäd-
chen) bei der Arbeit trugen. Dieser Hype
um eine Latzhose mit Messertasche. Seine
Firma macht schon seit 1683 sehr erfolg-
reich in Leder und Loden. Für den ober-
bayerischen Traditionshersteller ist die
Tracht kein Trend, sondern Lebenseinstel-
lung. Sicherheit. Wertstabilität. Gemein-
schaftsgefühl. Meindl seufzt. „Unsere Pro-
dukte haben eine Seele“, sagt er. „Mit
dem Massenmarkt will ich nichts zu tun
haben.“ Nun ist es aber so: Der Massen-
markt will dringend mit ihm zu tun haben.
Ob in New York, Flensburg, Shanghai oder
Köln: Überall wird in diesen Tagen auf Bier-
bänken getanzt. Das Oktoberfest mit sei-
ner Mischung aus Tradition und Exzess ist
längst ein globales Phänomen. Und damit
auch Dirndl und Lederhosen. Seit Fern-
sehsender weltweit und brettlbreit vom
sympathischen Treiben der Trachtenträ-
ger auf der Münchner Theresien wiese
berichten, wollen alle feiern wie die Bay-
ern. Alpensehnsucht als Exportschlager,
nennt das Kathrin Hollmer, Autorin des
Buches „Dirndl“. Dabei trugen die Wiesn-
Besucher noch vor 20 Jahren lieber Jeans
statt Hirschlederne.
Der Trend zur Tracht hat vor etwa zwölf
Jahren damit begonnen, dass junge
Leute zum Wiesnbesuch Omas Dirndl
oder Papas Lederhose anzogen. „Die-
se Generation musste sich nicht mehr
von konservativen Eltern abgrenzen und
konnte spielerisch Tracht mit Turnschu-
hen kombinieren“, sagt die Kulturwissen-
schaftlerin Simone Egger, die das Phäno-
men wissenschaftlich untersucht hat.
Gleich zu Beginn der Trachtenwelle
hat die Münchner Modemacherin Lola
Paltinger das erste Designer-Dirndl kre-
iert und damit den Trend geadelt. Heu-
te schickt die Lufthansa ihre Crews zur
Wiesnzeit mit Dirndl und Lederhosen in
die Luft. Exklusive Marken wie Hugo
Boss, Strenesse und Rena Lange ver-
kaufen ebenso Trachten wie die Billig-
anbieter C&A, Tchibo und Aldi. Selbst
Deutschlands größter Kostümanbieter,
der „Karnevalswierts“, hat seit diesem
August mit Dirndl „Elfi“ und der Damen-
Trachtenhose „Petra Pink“ erstmals
Oktoberfest-Outfits im Repertoire. „Wir
hätten den Trend fast verschlafen“, sagt
Besitzer Ralph Wierts und bringt seine
Echtlederhosen nun zum Kampfpreis von
60 Euro unters Feiervolk. Trachten sind
Teil unserer Popkultur geworden – weil
jeder sie sich leisten kann.
„Das Erstaunliche ist, dass der Boom nicht
auf seinem Höhepunkt abbricht, sondern
zum Standard wird“, sagt Wissenschaftle-
rin Egger. Sie erklärt das mit dem Erfolg
der Stadt München: „Aus der ganzen Welt
ziehen Menschen hierher. Mit den Klei-
dern können sie dazugehören und Sym-
pathie für die Stadt zeigen.“ In unserer
kosmopolitischen Weltgesellschaft, in der
Krisen und Konflikte alle angehen, stärkt
Tracht die eigene Identität und steht für
ein positives Deutschlandbild: Sicherheit,
Wertestabilität und Gemeinschaftsgefühl.
Womit wir wieder beim Lederhosen-
Traditionalisten Markus Meindl wären.
Sicherheitsgefühle durch Trachtenramsch
aus Fernost? „Die Leute kommen schon
noch drauf“, sagt er. „Wer in ein echtes
und ehrliches Stück investiert, hat zumin-
dest die Sicherheit, dass er es auch bei der
nächsten Wiesn noch tragen kann.“ ■
BARBARA JUNG
Tracht ist Pop!
Feiern wie die Bayern: Dirndl und Lederhosen stillen das Bedürfnis
nach Sicherheit. Die Outfits gibt es inzwischen zu Kampfpreisen
DIE WELT GEHÖRT DENEN, DIE NEU DENKEN.
Die Welt gehört denen,
die nicht lang fackeln,
sondern für was brennen.
WELT.DE/NEU
130 FOCUS 39/2012
MEDI EN
»Das andere
Leben«
In der Verfilmung des Bestsellers »Der Turm« spielt er
die Hauptrolle. Jan Josef Liefers über seine Jugend in Dresden
und die Versuche, in einer Diktatur moralisch zu bestehen
Herr Liefers, Sie sind in Dresden
aufgewachsen. Ist die Geschichte von
„Der Turm“ auch Ihre Geschichte?
Es gibt Schnittmengen, mehr nicht. Ich
war ein Schauspielerkind aus der Down-
town. Wir wohnten im achten Stock
eines Plattenbaus an der Prager Stra-
ße, ein Anderthalb-Zimmer-Arbeiter-
schließfach. In mein Bett schien nachts
die Leuchtreklame der gegenüberlie-
genden Interhotels. In Uwe Tellkamps
Bett leuchtete der Mond. Im Villenvier-
tel wehte noch der Geist der Upper-
Class. Als ich den Roman las, dachte
ich: Abgefahren, das war da oben los?
❙ Geboren in der DDR
Liefers wuchs in Dresden
auf. Während der Wende
schloss er sich der Protest-
bewegung an.
❙ Hauptfigur im Wende-Film
In „Der Turm“ spielt er
den Arzt Richard Hoffmann.
Einen Ehrgeizling mit Gelieb-
ter und Stasi-Vergangenheit.
Jan Josef Liefers, 48
Nah dran
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Wie unterschied sich Ihr Leben unten
von dem oben mit Musikabenden und so?
Die Blase, in der Richard Hoffmann sein
Leben einrichtete, wäre unten einfach
geplatzt. Die Prager Straße war eine
Einkaufsstraße. Die Achse zwischen
Hauptbahnhof und Innenstadt. Hier
strömten ständig Menschen durch. Ich
hab mit meinen Kumpels in den gro-
ßen Springbrunnen gebadet, Fußball
gespielt und Aufkleber von Westautos
abgezogen. Später lernte ich Gitarre.
Ein Straßenmusiker hat mir den B-Dur-
Griff beigebracht. Mit Hausmusik und
Mozart hatte ich nichts am Hut.
Was hat Sie dann an der Roman-
verfilmung interessiert?
Mich hat das Drehbuch überzeugt. Ich
war gespannt, wie sich die 1000 Seiten
Roman in zwei mal 90 Minuten packen
lassen. Entstanden ist eine Landkar-
te mit vielen weißen Flecken, die mir
als Schauspieler Raum für Erfindun-
gen lassen. Ein solches Skript für das
deutsche Fernsehen bekommt man sel-
ten zu lesen. Dazu kam der Regisseur
Christian Schwochow. Den Namen
sollten Sie sich merken.
Wie war es, in ein versunkenes
Land zurückzukehren,
in einen Lada zu steigen,
an einem Esstisch mit
Ostprodukten zu sitzen?
Eine schmerzliche Sehn-
sucht oder bittersüße Rück-
besinnung hat es nicht
gegeben. Es ging mir um
die Figur Richard Hoff-
mann, um die Ikonografie
dieser Zeit. Beim Lada habe
ich gedacht – Mensch war
der so klein? Das war’s. Ich
habe keine ostalgischen
Anwandlungen, nie im
Leben gehabt. Mich berüh-
ren FDJ-Hemden und Club-
Cola nicht anheimelnd.
War es also eine Rolle
wie jede andere?
Die Geschichte ist mir bio-
grafisch näher als andere.
Und sie ist etwas Besonderes, weil sie
die DDR nicht aus dem Fenster hängt
wie eine Fahne. Ich finde den Geruch
und meine Bilder von der DDR wieder.
Wodurch?
Der Film beschreibt Menschen, die
versuchen, ein richtiges Leben im fal-
schen zu führen. Sie wollen ein bil-
dungsbürgerliches Leben führen unter
den Bedingungen einer Diktatur, mit
all den Spezialitäten der DDR-Version,
und glauben, den Sozialismus der Prole-
tarier kraft ihrer intellektuellen Überle-
genheit aus ihrem Leben raushalten zu
können. Das kam mir sehr bekannt vor.
Der berühmte Nischen-Ossi?
Nennen Sie es, wie Sie wollen. Aber
„die DDR“, die gab es offenbar nicht.
Natürlich weiß jeder, der dort aufge-
wachsen ist, was eine FDJ-Versamm-
lung, ein Fahnenappell oder ein Grup-
penrat ist. Neben diesem öffentlichen
Leben gab es das eigene, private – und
das war eben nicht genormt. In Filmen
erscheint die DDR oft als einheitliches
Gebilde. Da sind die einen am Ende
mehr Täter, die anderen mehr Opfer
des Systems. Es wird eine Wetterkar-
te gezeichnet mit deutlich abgegrenz-
ten Tief- und Hochdruckgebieten. So
war es nicht. Und: „Der Turm“ ist auch
nicht so.
Die Hauptfigur Richard Hoffmann,
die Sie spielen, führt ein Doppelleben
statt ein richtiges im
falschen. Mögen Sie ihn?
Moralisch stelle ich mich
nicht über ihn. Das wäre
langweilig. Ich wollte den
steinernen Eindruck, mit
dem er im Roman durch die
Geschichte läuft, anreichern.
Man hat den Eindruck, der
Autor mochte Richard nicht.
Ich habe nach Zerrissenhei-
ten gesucht, die ihn viel-
schichtiger machen. Er bleibt
dieses kleine Monstrum,
aber er ist auch ein Mensch.
Wie haben Sie die
80er-Jahre erlebt?
Ich stand an der Linie, und
mir knallten die Startschüsse
um die Ohren. Ich war raus
aus der Schule, verdiente
eigenes Geld, hatte meine
erste Freundin. Dem entge-
gen stand die zunehmende
Verkrustung der DDR. Die Regierung
machte immer weiter alles falsch. Wäh-
rend Gorbatschow die enge sozialisti-
sche Welt öffnete, gratulierte Egon Krenz
grinsend der chinesischen Regierung
zur Niederschlagung des Aufstands am
Platz des Himmlischen Friedens. Das
wurde auch als eine miese Warnung an
die DDR-Bürger verstanden.
Am 4. November 1989 haben Sie bei der
Großdemonstration in Berlin auf
dem Alexanderplatz gesprochen. Welche
Bedeutung hat dieser Auftritt für Sie?
Eine große Erinnerung, die fast unwirk-
lich scheint. Ich war damals Schauspie-
ler am Deutschen Theater. Mich kannte
keine Sau. Politisch war ich nicht enga-
gierter als andere in meinem Alter. Ich
unterschrieb die ersten Forderungen
des Neuen Forums, ohne groß darü-
ber nachzudenken, was das bedeuten
konnte. Ich fand das richtig, das reichte
mir. Dass ich am 4. November auftrat,
ergab sich erst am Vorabend. Ich sollte
unseren Protest abgrenzen gegen Ver-
einnahmungsversuche durch drei Red-
ner aus der alten Regierungsgarde. Ich
habe es gemacht, ohne über mögliche
Konsequenzen nachzudenken, falls es
anders gekommen wäre. Das ist das
Tolle am Jungsein. Man hat die Chuzpe
und zieht so etwas durch.
Regisseur, Drehbuchautor und die
Schauspieler vom „Turm“ haben eine
Ost-Biografie. Entstand beim Drehen
eine Klassentreffen-Atmosphäre?
Es war erstaunlich, wie schnell wir an
unsere Vergangenheiten anknüpfen
konnten. Die meisten von uns kennen
sich seit Jahrzehnten. Wir mussten
uns das Unerklärliche nicht gegensei-
tig erklären, wir hatten es erlebt. Und
noch dazu zur selben Zeit. Die gemein-
samen Erfahrungen, der Ton, die Tem-
peratur stellten sich von allein ein. Das
merkt man dem Film an.
Viele Zuschauer sehen vermut-
lich den Film mit dem Buch in der
Hand. Werden sie enttäuscht?
Das Buch war ein Bestseller. Wenn wir
nur eine Million Zuschauer hätten,
also die ungefähre Anzahl der Käufer
des Buches, wäre der Film ein Flop.
Der Kreis derjenigen, die sich für dif-
ferenziert erzählte Geschichten über
die DDR interessieren, wird der Film
sicherlich erweitern. Wem das The-
ma DDR auf die Nerven geht, wird
ihn trotzdem mögen. Wir haben eine
gigantische Weltveränderung miterlebt
– es wäre doch schade, wenn unsere
Geschichte nur noch in Game- und
Rate-Shows vorkäme. ■
INTERVIEW: SUSANNE WITTLICH
„Das Tolle am Jungsein“
Jan Josef Liefers
sprach als Erster bei
der Demonstration am
4. November 1989
auf dem Alexanderplatz
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MEDI EN
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ass es sein, war seine erste Reaktion,
als er den Auftrag erhielt, ein Dreh-
buch nach der Romanvorlage von „Der
Turm“ zu schreiben. Dabei ist Thomas
Kirchner ein routinierter Autor. Von ihm
stammen die Skripte für „Schicksals-
jahre“, „Das Wunder von Berlin“ oder
die Reihe „Spreewaldkrimi“. Sein zwei-
ter Gedanke war: Einer macht es sowie-
so, also zeige, wie du es machen würdest.
Der gefeierte Bestseller von Uwe Tellkamp
galt als unverfilmbar. Über beinahe 1000
Seiten erstreckt sich seine „Geschichte
aus einem versunkenen Land“. Lange
Handlungsstränge, eine Vielzahl mit-
einander verwobener Personen, innere
Monologe und lexikalische Betrach-
tungen machen den Roman zu einem
sperrigen Werk. Nun ist der Fernsehfilm
gedreht, und der Romanautor reagiert
überschwänglich. Er habe nach der Auf-
führung geweint, erzählt Tellkamp. In
einem Brief an das Team lobt er: „Es wird
mir in Zukunft schwerfallen, Anne oder
Richard, Christian oder Meno anders zu
sehen als mit den Gesichtern und Ges-
ten, die sie im Film haben.“
Auf diese vier Figuren konzentriert sich
das Drehbuch und erzählt mit ihnen die
letzten sieben Jahre der DDR. Der Pro-
duzent hatte den Schwerpunkt vorge-
geben. „Wie in einem Spiegel sah ich
mein bürgerliches Leben im Westen“,
erinnert sich Nico Hofmann an sein Lek-
türe-Erlebnis. Der Verrat des Mannes an
seiner Familie, der Vater-Sohn-Konflikt,
die Rebellion des Jungen sprachen ihn
an. „Dieser bürgerliche Aspekt in einer
DDR-Geschichte, das war neu, das hat
mich fasziniert“, sagt der Filmfinanzier.
Das Siechtum der DDR als Familien-
geschichte? Kirchner näherte sich seiner
Aufgabe zunächst ganz handwerklich.
Er fasste jedes Kapitel in vier Sätzen
zusammen und gewann so einen destil-
lierten Ablaufplan des Mammutwerks,
sah, welche Entwicklung die Charaktere
nehmen.
Dann begann die Subtraktion: Die
weit verzweigte Familie Hoffmann, die
im Roman noch um die Mitbewohner
der Zwangswohngemeinschaften in den
Villen erweitert wird, reduzierte Kirch-
ner auf vier Figuren: Richard (gespielt
von Jan Josef Liefers), Anne (Claudia
Michelsen), Christian (Sebastian Urzen-
dowsky) und Meno (Götz Schubert). Das
surreal anmutende, im Roman soge-
nannte „Ostrom“, wo die Parteibonzen
leben, fiel weg. Ebenso Arbogast, das
literarische Alter Ego des Vorzeigewis-
senschaftlers Manfred von Ardenne.
Die Summe der vielen Minus ergibt ein
Plus. Die Figuren entfalten ein eigenes,
überzeugendes, reich schattiertes Leben.
„Ich wollte kein Kaleidoskop, in dem
nichts wirklich vertieft und dadurch nichts
wirklich interessant ist“, erklärt Kirchner.
Selbst die Stasi kommt nur dezent vor,
denn, so meint der knorrige Ostberliner:
„Stasi-Filme haben wir schon genug.“
Regisseur Christian Schwochow, der als
Elfjähriger nach Westdeutschland kam,
empfindet ebenfalls Überdruss an der bis-
herigen DDR-Aufarbeitung. „Die meis-
ten Filme bestätigen nur die vorhandenen
Haltungen.“ Interessanter als ein weite-
rer Täter-Opfer-Film sei doch die Frage:
„Wie konnte man in diesem Land leben?“
Die Antwort sucht der 34-Jährige in sei-
nem ersten, sieben Millionen Euro teuren
TV-Spielfilm.
Eine „adäquate Literaturverfilmung“
sei der Zweiteiler nicht, schränkt Kirch-
ner ein. Tellkamp störte das wenig. Er
arbeitet an der Fortsetzung des „Turms“
– mit den Filmbildern von Anne, Richard,
Christian und Meno im Kopf. ■
SUSANNE WITTLICH
Die DDR ganz bürgerlich
Der TV-Film »Der Turm« schafft einen anderen Blick auf die ostdeutsche Diktatur. Drehbuchautor
Thomas Kirchner und Regisseur Christian Schwochow gelingt eine hochgelobte Literaturverfilmung
Sendetermin:
Am 3. und 4. Oktober
um 20.15 Uhr im Ersten
Familienbande
Die männlichen Haupt-
figuren aus „Der Turm“:
Christian (Sebastian
Urzendowsky, r.) mit
seinem Vater Richard
Hoffmann (Jan Josef
Liefers) und seinem
Lieblingsonkel Meno
Rohde (Götz Schubert, l.)
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ACTION
ELEKTRO-POP
Jägerin Alice (Jovovich) findet stets neue
Zombies. Sie wollen einfach nicht sterben
Ballerfrau is back
Nun kickt, springt und schießt sie wieder,
in „Resident Evil 5“, Alice alias Milla
Jovovich im Kampf gegen alle Zombies
dieser Welt. Das Budget von 65 Millionen
Dollar der originär deutschen Produktion
hat Teil fünf dieser Videospiel-Adaption
bereits an einem Wochenende weltweit
eingespielt. Für die Constantin ist das
Franchise die reine Goldgrube, mehr
als 750 Millionen Dollar hat die Serie
bisher umgesetzt. Bernd Eichinger, der
die Rechte besorgt hatte, firmierte bis
Teil vier als Produzent. Dann wurde er, wie
seine Witwe Katja in ihrer Biografie „BE“
offenbart, aus Teil fünf rausgedrängt. hap
Minimale Meister
Ihre Musik ist karg und verletzlich, aber
von betörender Klarheit. Romy Madley
Croft, Oliver Sim und Jamie Smith
sind das Londoner Trio The XX, und
sie sind schon jetzt große Meister des
Minimal-Pop. Mit ihrem zweiten Album
„Coexist“ treiben sie ihre Meisterschaft
noch weiter: Kein Ton, keine Silbe ist
zu viel, und trotzdem wirkt jeder Song
elegant und vollkommen. „Unsere
Musik soll klingen wie ein schwach
belichtetes Foto“, sagte Frontmann
Smith in einem Interview. „Dieses Foto
zeigt letztlich dasselbe wie ein grell be-
leuchtetes, aber einige Elemente bleiben
im Verborgenen.“ ru
BESTSELLER
*Besucher: Zahlen vom vergangenen Start-Donnerstag

Resident Evil 5: Retribution
Regie: Paul W. S. Anderson,
Besucher*/Gesamt: 43 020

Das Bourne Vermächtnis (1) 2. W.
Tony Gilroy, B.: 17 303/G.: 302 260

The Expendables 2 (2) 3. W.
Simon West, B.: 10 364/G.: 1 026 620

Step Up: Miami Heat (3) 4. W.
Scott Speer, B.: 7050/G.: 709 282

Liebe
Michael Haneke, B./G.: 6960

To Rome With Love (5) 4. W.
Woody Allen, B.: 5857/G.: 294 891

Heiter bis wolkig (7) 3. W.
Marco Petr y, B.: 5659/G.: 182 438

Ted (4) 8. W.
Seth MacFarlane,
B.: 5314/G.: 3 225 590

Der kleine Rabe Socke (6) 3. W.
Ute von Münchow-Pohl/Sandor Jesse,
B.: 4561/G.: 159 065

Gregs Tagebuch 3 – Ich war’s nicht!
David Bowers, B./G.: 4081
KINO-HITLISTE ALBUM-CHARTS
*(Rang Vorwoche/Anzahl der Wochen)
*

Billy Talent: Dead Silence
Warner

Bob Dylan: Tempest
Sony

The XX: Coexist
Indigo

Mark Knopfler: Privateering (1/2)
Universal

ZZ Top: La Futura
Universal

257ers: HRNSHN
Groove Attack

Pet Shop Boys: Elysium
EMI

Alanis Morissette: (2/3)
Havoc And Bright Lights
Sony

David Guetta: (–/54)
Nothing But The Beat 2.0
EMI

Nazar: Narkose
Soulfood
*

Follett: Winter der Welt
Lübbe, 29,99 Euro

Jonasson: Der Hundertjährige, (1/55)
der aus dem Fenster stieg und
verschwand carl’s books, 14,99 Euro

Adler-Olsen: Verachtung (2/4)
DTV, 19,90 Euro

Link: Im Tal des Fuchses (–/2)
Blanvalet, 22,99 Euro

Hunter: Warrior Cats –
Die Macht der drei. Der geheime Blick 3
Beltz, 14,95 Euro

Funke: Reckless – (3/2)
Lebendige Schatten Dressler, 19,95 Euro

George: Glaube der Lüge (4/4)
Goldmann, 24,99 Euro

Suter: Die Zeit, die Zeit (5/4)
Diogenes, 21,90 Euro

Bannalec: (6/23)
Bretonische Verhältnisse
Kiepenheuer & Witsch, 14,99 Euro

Green: (–/7)
Das Schicksal ist ein mieser Verräter
Hanser, 16,90 Euro
BESTSELLER – LITERATUR
*(Rang Vorwoche/Anzahl der Wochen)

Dobelli: (6)
Die Kunst des klugen Handelns
Hanser, 14,90 Euro

Kürthy: Unter dem Herzen (4)
Wunderlich, 14,95 Euro

Spitzer: Digitale Demenz (2)
Droemer, 19,99 Euro

Wulff: Jenseits des Protokolls
Riva, 19,99 Euro

Dobelli: (5)
Die Kunst des klaren Denkens
Hanser, 14,90 Euro

Duden: Die deutsche Rechtschreibung (3)
Bibliographisches Institut, 21,95 Euro

Höhler: Die Patin (1)
Orell Füssli, 21,95 Euro

Pozzo di Borgo: (7)
Ziemlich beste Freunde
Hanser Berlin, 14,90 Euro

Guinness World Records 2013
Bibliographisches Institut, 19,99 Euro

Schmidt/di Lorenzo:
Verstehen Sie das, Herr Schmidt?
Kiepenheuer & Witsch, 16,99 Euro
*(Letztplatzierung)
*
BESTSELLER – SACHBUCH
Live-Hypnose mit den Briten The XX
134 FOCUS 39/2012
MEIN VATER
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Herzinfarkt beim Sex: Für Berufs-Playboy ROLF EDEN war Vater HANS EDEN „ein ganz normaler Spießer“
»Er hat mich mit in den Puff genommen«
M
ein Vater war ein ganz
normaler Spießer. Er war
verheiratet, aß gern deftig,
liebte schnelle Autos. 1933
gab er Fabrik und Wohnung in Berlin
auf und wanderte mit der Familie nach
Palästina aus. Dort hielt er sich mit ver-
schiedenen Jobs über Wasser, bis er dann
das Hotel meiner Großeltern übernahm.
Im Hotel habe ich meistens auf dem Bal-
kon geschlafen, und morgens servierten
mir die Angestellten das Frühstück.
Politik interessierte meinen Vater nicht.
Er war ein Lebemann, der sich gern amü-
sierte und ständig Affären mit irgend-
welchen Weibern hatte. Einmal hat er
mich als Jugendlichen mit in den Puff
genommen, um mich in die Geheimnis-
se der Liebe einzuweihen. Danach ließ
ich mich dann von unserer Haushälte-
mehr Frauen im Bett. In meiner Villa in
Dahlem hängt eine große Fotowand mit
den Mädels, die ich erobert habe; ich
nenne sie gern „Wall of Fuck“. Meine
älteste Tochter Irit wurde 1949 gebo-
ren, mein jüngster Sohn Kai 1997. Jede
Woche treffen wir uns alle wie eine Groß-
familie. Meine Kinder und Enkel nennen
mich Rolf. So will ich das. Ich will kein
Papa sein.
In meinem Leben gibt es mehr Geld,
mehr Frauen, mehr Spaß, als es in dem
Leben meines Vaters je gab. Trotz mei-
ner 82 Jahre arbeite ich intensiv daran,
dass ein achtes Kind kommt. Ich glaube
allerdings nicht, dass es noch mal klappt.
Mein letzter Wunsch? Ich habe eine fünf-
stellige Summe ausgelobt für die Dame,
mit der ich beim Sex sterbe.
Aufgezeichnet von Sven Siedenberg
rin Bracha verwöhnen, sie wurde auch
von meinem Vater regelmäßig besucht.
Ironie des Schicksals, dass er beim Sex
gestorben ist – ein Herzinfarkt beendete
sein jüdisches Hoteldirektor-Leben.
Vater hat mich finanziell nie groß unter-
stützt, ich brauchte das nicht, ich hatte
selber Geld. Mit zwölf gründete ich eine
Band, wir spielten auf Hochzeiten und in
Tanzlokalen. Nach dem israelisch-arabi-
schen Krieg, den ich als Soldat mit viel
Glück überlebt habe, habe ich in Berlin
meinen ersten Jazzclub aufgemacht. Als
Disco-Besitzer, Schauspieler und Immobi-
lienmakler habe ich dann sehr viel Geld
verdient. Für einen Playboy ist Geld wich-
tig. Man muss den Damen ja was bieten
können: Blumen, Schmuck, Reisen.
Ich habe sieben Kinder von sieben
Frauen. Natürlich war ich noch mit viel
Vater : Der jüdische Fabrikant Hans Eden (1906–1949) verließ 1933 mit seiner Familie Deutschland. Sohn: Ende der 50er-
und in den 60er-Jahren war Schulabbrecher Rolf Eden, 82, der ungekrönte König der Berliner Nachtclub-Szene. Später
wechselte er ins Immobiliengeschäft. Gerade sind seine Memoiren („Immer nur Glück gehabt“) erschienen.
MûN1A6 IÞ£l1A6 S:20
REINSCHAUEN UND
6
112
Tradition ist wieder in: Vanessa, 15,
spielt in der Bergmusikkapelle ihres
österreichischen Heimatdorfs Klarinette
Inhalt
Fotos: Andreas Pein, Astrid Obert, Andreas Fechner, Volker Debus, Christopher Mavric/alle FOCUS-SCHULE
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Lernen

138 FOCUS 39/2012
Seinen Beruf beschreibt
der international erfolg-
reiche Modefotograf TIM
WALKER, 42, als „Traum-
labor der Fotografie“. Und
wirklich: Grenzen scheint es
für den experimentierfreu-
digen Kamerakünstler nicht
zu geben. Mit unerschöpf-
lichem Ideenreichtum, gro-
ßer Detailverliebtheit und
scheinbar unbegrenztem Bud-
get verleiht der Brite seinen
Bildern etwas Magisches.
In seinem Bildband „Story
Teller“ veröffentlicht er jetzt
seine spektakulärsten Wer-
ke. Durch persönliche Zita-
te und Einblicke in seine
Sketchbooks ermöglicht Tim
Walker dem Betrachter das
Eintauchen in eine Welt von
fliegenden Untertassen, wil-
den Puppen, blauen Pferden
und allerlei anderen Skurrili-
täten. ar
Der die
Puppen
tanzen lässt
BOULEVARD
Retro-Techniker: 2011
inszenierte Tim Walker dieses
Louis-Vuitton-Outfit für „Vogue“.
Noch heute arbeitet
er mit der Analogkamera,
die ihm seine Mutter zum
18. Geburtstag geschenkt hat
Das gehört jetzt Arabern
Griechisches Eiland Oxia
Griechische Inselträume gehen baden
Beim Donner des Zeus, die Botschaft war zu schön! Das krisengeplagte
Griechenland wolle 40 UNBEWOHNTE EILANDE FÜR BIS ZU 50 JAHRE
VERPACHTEN, meldete dessen Regierung und übersah, dass etliche
davon unter Militär- und Naturschutz stehen. Christos Konstas von der
für Privatisierung von Staatsvermögen zuständigen Behörde Hellenic
Republic Asset Development Fund relativiert: „Die Grundlagen für
eine Verwertung fehlen.“ Vielleicht auch das Interesse: Auf FOCUS-
Nachfrage bei Touristik- und Immobilienfirmen wie TUI oder Engel &
Völkers heißt es: „Keine Pläne, keine Überlegungen.“ was/ru
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TIPPS DER REDAKTION
»Durchgeknallter
Mormone«
Herr Armstrong, Ihre Band veröffentlicht
in den kommenden vier Monaten drei neue
Alben. Warum diese Überschwemmung?
Gerade weil es nicht in diese Zeit
passt, in der es nur noch um Hit-
singles und Downloads, aber kaum
noch um richtige, in sich geschlosse-
ne Alben geht. Die werden ja immer
mehr zu einer verlorenen Kunstform.
Was für ein Pech, dass Ihnen ausgerech-
net jetzt Feindbilder wie Ex-Präsident
George W. Bush fehlen. Wogegen kämp-
fen Sie mit Ihrer Musik eigentlich noch?
Amerika ist in einer Übergangspha-
se. Wir erleben einen langsamen
Untergang der Arbeiter- und Mittel-
klasse. Leute aus einem ursprüng-
lich sicheren sozialen Umfeld wer-
den zunehmend radikaler, weil sie
zu Recht sauer sind und ihrer Wut
Luft machen. Außerdem will dieser
durchgeknallte Mormone Mitt Rom-
ney nächster Präsident der USA wer-
den – was schlimmer wäre als Sarah
Palin. Es gibt viel zu kämpfen.
Dann passen Sie ja bestens
zur Occupy-Bewegung.
Ich kann mit dieser Bewegung
nicht viel anfangen, weil sie mir zu
un kontrolliert und blind ist. Das Gan-
ze ist zu einem Sammel- und Auf-
fangbecken für Pseudo-Anarchisten
geworden. Interview: Marcel Anders
Monstermäßig: 25 Kilogramm zum Blättern
Die ewige ROCKBAND KISS kann sich
einfach nicht bescheiden: Sänger Gene
Simmons ist stolz darauf, dass er angeb-
lich mit 4600 Frauen Sex hatte. Das
Imperium der Band reicht von Golfplät-
zen über Bars bis zu Tausenden von
Merchandising-Artikeln. Und jetzt dieses
Buch: 25 Kilogramm wiegt der Bildband
„Kiss Monster“, und er ist 1,70 Meter
breit. Limitiert auf 1000 Exemplare, kos-
tet das Werk rund 3300 Euro – Autogram-
me der Band und ein Cover mit zehn frei
wählbaren Landesflaggen inklusive. ru
BUCH REGIS JAUFFRET:
„CLAUSTRIA“. So könnte
es gewesen sein. So haben
sie vielleicht gefühlt, die
Kinder des Josef Fritzl dort
unten in ihrem Verlies. Der
Franzose Jauffret arbeitet
in einem wuchtigen Doku-
Roman den Inzestfall von
Amstetten auf. Er hat auf-
wendig recherchiert und
stellt Fragen, die in Öster-
reich die Diskussion wieder
auflodern lassen. Etwa,
warum Hinweise auf das
Martyrium der Kinder gna-
denlos ignoriert wurden.
KINO „SCHUTZENGEL“.
Til Schweiger, wie man ihn
noch nie gesehen hat. Der
König der romantischen Ko-
mödie zeigt sich in diesem
unterkühlten Thriller hart
und düster – ein Afghanis-
tankriegsveteran als Body-
guard einer jungen Mord-
zeugin, die massiv bedroht
wird. Nur am Schluss traut
Schweiger seiner Coolness
nicht ganz und mobilisiert
viel warmherziges Gefühl.
MUSIK „SEEED“ VON
SEEED. Fünf Jahre nach -
dem sich Sänger Peter Fox
erfolgreich auf Solopfade
begeben hat und just in dem
Moment, als keiner mehr an
ein gemeinsames Album
glaubt, trumpft die 11-köpfi-
ge Berliner Dub-Combo mit
ihrer vierten Studio-CD auf.
„Freshe, gute Songs für die
Tanzhalle“, kündigt der me-
dienscheue Peter Fox an.
Und verspricht damit nicht
zu viel. Hitverdächtig:
die Single „Beautiful“
im Big-Band-Sound.
Frontmann BILLIE JOE ARMSTRONG, 40,
von der US-Gruppe Green Day will kämpfen
Die mit der Zunge Kiss-Musiker
Paul Stanley mit einem Riesenwerk
65 Millionen verkaufte Platten Billie Joe Armstrong
(M.), Mike Dirnt (r.) und Tré Cool von Green Day
140
SPORT
GANZ
OBEN
GERLINDE KALTENBRUNNER, 41
Zwischen 1994 und 2011 erklomm
die Oberösterreicherin alle 14 Acht-
tausender. Damit ist die gelernte
Krankenschwester die dritte Frau, der
dies gelang, und die erste, die dabei
keinen Sauerstoff mitführte.
Familiäre Seilschaft
Sie lebt am Rande des Schwarzwalds
und ist seit 2007 mit dem Deutschen
Ralf Dujmovits verheiratet, der
ebenfalls alle Achttausender bestieg.
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Frau Kaltenbrunner, mal angenommen,
es wäre möglich. Was würde passieren,
wenn ein Mensch – einfach mal so,
um zu schauen – auf dem 8850 Meter
hohen Mount Everest abgesetzt wird?
Dort oben wären Sie vermutlich inner-
halb von einer Stunde tot. Auf Meeres-
höhe liegt der Sauerstoffpartialdruck
bei 100 Prozent, auf dem Gipfel sind es
etwa 35 Prozent. Das kann der Körper
nicht ausgleichen.
Immer mehr Menschen gehen wandern,
bergsteigen oder auf Trekking-Tour.
Können Sie ein paar Profi-Tipps
geben in Sachen Höhenanpassung?
Ich persönlich gehe es ganz gemütlich
an, höre stark in meinen Körper hinein
und atme nur durch die Nase. Wenn ich
nicht genug Luft bekomme, gehe ich
langsamer. Außerdem trinke ich sechs
Liter am Tag. Schlecht war es immer,
wenn ich mich gleich nach der Ankunft
hingelegt habe.
Kann jeder einen Achttausender
besteigen, wenn er fit ist
und sich richtig akklimatisiert?
Nein. Ich kenne einige gute Berg steiger,
die einfach nicht mit der Höhe zurecht-
kommen, trotz langsamer Anpassung.
Außerdem sollte man Erfahrungen sam-
meln. Spüren, wie der Körper auf die
zunehmende Höhe reagiert. Es ist sicher
von Vorteil, vorher an einem Sechs-
und Siebentausender geschnuppert zu
haben. Ein weiterer Punkt ist die menta-
le Stärke. Der Kopf macht 50 Prozent aus.
Wie ist es in der Todeszone?
Es ist unglaublich, wie extrem man den
Körper auf 8000 Metern spürt. Gerade
beim ersten Mal war ich sehr unsicher.
Vertrage ich die dünne Luft, halte ich
die Kälte aus? Ist das normal, wenn
das Herz wie wild rast und wenn man
nach Luft schnappen muss wie ver-
rückt? Hilfreich war, dass ich damals
in einer erfahrenen Gruppe unterwegs
war. Und wenn dir dann jemand sagt:
Gerlinde, kein Stress, das ist normal,
und das geht allen so, ist das einfach
beruhigend.
Sie haben als erste Frau der Welt alle
14 Achttausender ohne künstlichen
Sauerstoff bestiegen. Nun ist das Projekt
beendet. Sind Sie in ein Loch gefallen?
Nein. Ich habe die Berge auch nicht so
stur abgehakt. Aber ich habe irgend-
wann gemerkt, dass alles passt für die
großen 14. Ich war und bin topfit. Vom
Kopf her und auch vom Alter.
Man wird ja nicht jünger.
So sieht es aus. Mein Mann Ralf . . .
. . . der erste Deutsche, der alle 14
Achttausender bestiegen hat . . .
. . . ist ja fast zehn Jahre älter. Da muss
man anders planen. Ralf braucht länge-
re Phasen der Regeneration und muss
sich auch für das Training mehr über-
winden. Hinzu kommt: In unserem Stil,
also ohne Hochträger und Flaschensau-
erstoff, ist das Bergsteigen auf diesem
Niveau nur zeitlich begrenzt möglich.
Die Ziele gehen Ihnen jetzt aber nicht aus?
Keine Sorge. Ich habe noch viele Ziele
im Kopf – zum Beispiel den Gasherb-
rum IV in Pakistan. Als Nächstes ver-
suchen wir eine neue Route am Mount
McKinley in Alaska. Dort war ich noch
nie und freue mich unheimlich drauf.
Snowboard-Abfahrten, neue Routen,
ein Blinder auf dem Everest – an den
Weltbergen werden die Grenzen immer
weiter verschoben. Wie stehen Sie dazu?
Ich kann nur über mich reden. Man
fühlt sich mit größerer Erfahrung natür-
lich auch stärker. Und setzt sich mit grö-
ßeren und schwierigeren Zielen ausei-
nander, mit technisch anspruchsvolle-
ren Routen, mit abgelegenen Zielen. Ich
persönlich begehe aber nicht Harakiri,
nur um in der Zeitung zu stehen.
Am Mount Everest bevölkern jedes Jahr
Hunderte Bergsteiger das Basislager. Dort
gibt es Gemeinschaftszelte mit Teppich-
boden, Großbildfernsehern und Cocktail-
bars. Auch Prostitution soll ein Thema sein.
Ich kenne diese ganzen Geschichten.
Ihr Eindruck?
Mal so, mal so. 2006 kamen wir spät in
der Saison ins Everest-Basislager. Fast
alle Bergsteiger waren bereits abgereist,
und wir wollten noch den Lhotse bestei-
gen. Das war eine fantastische Ruhe in
einer grandiosen Landschaft. Zwei Jah-
re später haben wir die volle Dröhnung
abbekommen, da war wirklich der Bär
los. Als ich den ganzen Trubel gesehen
habe, war ich ein wenig schockiert.
Reinhold Messner belächelt die „reichen
Dilettanten“, die „Pisten-Alpinismus“
betreiben würden. Sie auch?
Ich belächle niemanden. Klar, in den
großen Gruppen sind manchmal schon
Typen dabei, bei denen du dir denkst:
Wow, ihre Steigeisen haben die aber
noch nicht sehr oft angehabt. Ein
wenig mehr Erfahrung würde hier und
da sicher nicht schaden.
»Ich bin kein Typ für
Nagellack«
Sie hat als erste Frau alle 14 ACHTTAUSENDER ohne
künstlichen Sauerstoff bezwungen. Die Österreicherin
Gerlinde Kaltenbrunner über den Spagat zwischen
Todeszone und heimischem Herd, »reiche Dilettanten« am
Everest und wohltuende Frauengespräche im Basislager
FOCUS 39/2012 142
SPORT
Was halten Sie von
diesen großen kommer-
ziellen Expeditionen?
Ich finde, man darf hier
nicht alle und alles in
einen Topf werfen. Es
gibt viele Menschen, die einfach den
Traum haben, einmal im Leben auf
dem höchsten Punkt der Erde gestan-
den zu haben. Darunter gibt es auch
gute und erfahrene Bergsteiger, die
eben nicht die Zeit haben, alles selbst
zu organisieren. Also schließen sie sich
kommerziellen Expeditionen an.
Eine Everest-Tour bei einem renommier-
ten Anbieter kostet ab 40 000 Euro
aufwärts. Viele Aspiranten glauben, sie
hätten damit ein Recht auf den Gipfel.
Ein Recht auf einen Gipfel gibt es nicht.
Das ist nicht der richtige Zugang. Doch
auf der anderen Seite tragen wohl auch
wir Profibergsteiger ein Stück weit zu
dieser Entwicklung bei. Wir halten Dia-
vorträge, wir geben unsere Faszination
weiter. Da kann ich mich doch danach
nicht hinstellen und sagen: Aber für
dich ist das übrigens nichts, du darfst
da nicht rauf – ich wollte dir nur zeigen,
wie schön es dort ist. Man kann nie-
mandem verwehren, dorthin zu gehen,
In der öffentlichen Wahrnehmung ist
Everest gleich Everest – egal, ob mit
oder ohne Sauerstoffflasche, egal, ob
allein oder in einer Großexpedition.
Macht Sie das nicht fuchsteufelswild?
Ganz ehrlich, darüber habe ich mir nie
wirklich Gedanken gemacht.
Haben Sie jemals künstlichen Sauerstoff
benutzt, nur so zum Ausprobieren?
Nein, noch nie.
Wissen Sie trotzdem, wie es sich anfühlt?
Es heißt, mit Sauerstoff würden sich
8000 Meter plötzlich nur noch wie
6500 Meter anfühlen. Das ist ein riesi-
ger Unterschied, wegen der Höhe und
wegen des Wärmeempfindens.
Warum steigen Sie eigentlich auf Berge?
Es ist mein Leben.
Geht Ihnen die ruppige Männerwelt am
Berg nicht manchmal auf den Keks?
Nicht wirklich. Und übrigens tauchen
an den großen Bergen immer mehr
Frauen auf, vor allem an den etwas
weniger schwierigen Achttausendern.
So ergeben sich häufig nette Kontakte.
Hat Ihnen das früher manchmal gefehlt?
Frauengespräche im Basislager über Mode,
den neuesten Klatsch und Nagellack?
Ich bin kein Typ für Nagellack, ich
habe noch nie welchen getragen. Aber
ich habe gemerkt: Wenn ich eine Frau
getroffen habe, hat mir das gutgetan.
Frauen führen einfach andere Gesprä-
che und lachen über andere Dinge.
Wann wurden Sie von den Männern
als Bergsteigerin akzeptiert?
2003 am Nanga Parbat gab es ein ein-
schneidendes Erlebnis. Ich war parallel
zu einer Gruppe aus Kasachstan unter-
wegs. Immer wenn ich dran gewesen wä-
re mit Schneespuren, wurde ich überholt.
Und dann sind Sie sauer geworden?
So ungefähr. Irgendwann bin ich dann
selbst aus der Spur gestiegen und habe
den restlichen Weg allein bis ins Lager
gespurt. Auf dem Weg nach unten habe
ich noch einem Bergsteiger aus dem
Team geholfen. Im Basislager gab es
zum Dank eine Flasche Wodka und Blu-
men. Seitdem habe ich den Spitznamen
„Cinderella Caterpillar“.
Heute ist „Cinderella Caterpillar“ ein Star
im Höhenbergsteigen. Sind die Menschen
Ihnen gegenüber zurückhaltender geworden?
Als Star sehe ich mich nicht. Und
wenn ich merke, dass jemand aufge-
regt ist, dann versuche ich, das Eis zu
brechen. Dann sage ich gleich: „Hey,
ganz locker, ich bin einfach nur die
Gerlinde.“ Viele Menschen, die mich
nicht kennen, interpretieren etwas in
mich hinein. Dabei bin ich, wie ich bin.
Sind Sie ein Familienmensch?
Sehr.
Gab es zwischen all den Bergen auch
mal eine Phase in der Sie gedacht haben:
Kinder kriegen und eine
Familie gründen wäre
eigentlich auch schön?
Nein. Ich habe mich in frü-
hen Jahren so in das Berg-
steigen vertieft, das hat so
viel Raum eingenommen, dass Kinder
nicht mehr zur Debatte standen. Schon
mit 25 habe ich gewusst, dass ich keine
bekommen möchte. Vielleicht spielte
mein Familienhintergrund eine Rol-
le. Wir waren selber sechs Kinder. Ich
habe das genossen und möchte das
nicht missen, aber selbst habe ich
anders entschieden.
Verträgt sich das Höhenberg-
steigen mit Kindern?
Kinder zu haben und gleichzeitig auf
Achttausender zu steigen, das geht
nicht. Da muss ich immer wieder an
die schottische Bergsteigerin Alison
Hargreaves denken. Sie starb 1995 am
K2. Ihr Mann besuchte dann später mit
den beiden Kindern den Ort, an dem
die Mutter ums Leben kam. Das hat
mich damals tief getroffen.
Andersherum: Was ist, wenn die
Kinder auf Achttausender klettern?
Haben Ihre Eltern nie gesagt: Gerlinde,
was soll der ganze Wahnsinn?
Vor allem bei meiner Schwester bin ich
am Anfang auf großes Unverständnis
gestoßen.
Was hat sie gesagt?
Du spinnst total. Du gibst so viel Geld
aus. Und anstrengen musst du dich
auch noch. Fahr doch lieber in den
Robinson Club, oder schmeiß dein Geld
anderweitig zum Fenster raus. 2006
am Lhotse sind dann alle entspann-
ter geworden. Da haben sie gesehen,
dass ich auch umdrehen kann. Dass
ich nicht um jeden Preis alles riskiere.
Nehmen Sie bei Ihrer Passion
nicht stets billigend in Kauf, dass
Sie am Berg sterben?
Nein, das Gefühl habe ich nicht. Ich
setze mich oft mit dem Tod auseinander.
Wir achten penibel auf die Verhältnisse,
auf Lawinen, auf Steinschlag. Vorsicht
ist das oberste Gebot. Aber es kann
natürlich immer etwas passieren. Jeder,
der dorthin geht, geht dieses Restrisiko
ein. Doch wie gesagt, die Berge sind
mein Leben. Solange mich meine Beine
tragen, werde ich dorthin gehen. ■
INTERVIEW: THORSTEN JACOBS
»Ich setze mich
oft mit dem Tod
auseinander.
Die Berge sind
mein Leben«
Gerlinde Kaltenbrunner
über das Risiko und die Sucht
des Höhenbergsteigens
Jeder Mensch hat etwas, das ihn antreibt.
Wir machen den Weg frei.
Wi r machen den Weg frei . Gemei nsam mi t den Spezi al i sten der Genossenschaftl i chen Fi nanzGruppe Vol ksbanken Rai ffei senbanken: DZ BANK, WGZ BANK,
Bausparkasse Schwäbi sch Hal l , DG Hyp, DZ PRI VATBANK, easyCredi t, Münchener Hyp, R+V Versi cherung, Uni on I nvestment, VR LEASI NG, WL Bank.
Jürgen Klopp,
Genossenschaftsmitglied
seit 2005
Nur wer täglich an sich arbeitet, kann Großes erreichen. Gut, wenn
man sich dabei auf einen starken Partner verlassen kann: Wir helfen
Ihnen, Ihren ganz persönlichen Antrieb zu verwirklichen und Ihre
Ziele zu erreichen. Was Jürgen Klopp und andere Menschen antreibt,
und wie ihnen unsere Kraft der Genossenschaft dabei hilft, erfahren
Sie auf was-uns-antreibt.de
144 FOCUS 39/2012
SPORT
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m Eingang schnüffeln Sprengstoff-
hunde. Die Menschen müssen
Hosen- und Jackentaschen leeren. Der
Inhalt wird auf Waffen und gefährli-
che Substanzen hin geprüft. Dann eine
Leibesvisitation, anschließend Kontrol-
le im Ganzkörper-Scanner. Computer-
spezialisten gleichen die biometrischen
Gesichtsmerkmale mit den Datenban-
ken über einschlägige Personen ab.
Es klingt wie ein futuristisches Szenario
an der Grenze zu militärischen Absperr-
gebieten. Es ist aber ganz nah dran an
der Realität, am Alltag in Deutschlands
meistfrequentiertem Amüsierbetrieb –
der Fußball-Bundesliga. Nach der Eska-
lation von Gewalt in und um die Stadien,
Morddrohungen und brutalen Attacken
gegen Spieler und Trainer fordern Poli-
tiker drastische Maßnahmen, und die
könnten die Arenen in Hochsicherheits-
trakte verwandeln. Sogar ein Kern deut-
scher Fußballkultur steht zur Disposition
– die Stehplätze.
Um diese Zäsur zu verhindern, wird die
Deutsche Fußball Liga (DFL) auf der Mit-
gliederversammlung am Donnerstag ein
20-Seiten-Strategiepapier präsentieren.
Den Proficlubs soll damit aufgezeigt wer-
den, welche Maßnahmen zwingend not-
wendig sind, um die wachsende Gruppe
gewaltbereiter Krawallos zu bändigen.
Belange und Interessen der Fans können
wir gerne reden“, erklärt Martin Kind,
Präsident von Hannover 96, den Fahrplan
für die DFL-Sicherheitskonferenz.
Mit einem Anti-Gewalt-Strategiepapier
würde die DFL einen Weg fortsetzen, den
die Innenminister der Länder auf dem
Sicherheitsgipfel im Juli aufgezeigt hat-
ten. Die Fußballclubs müssen „stärker an
der Präventionsarbeit“ beteiligt werden,
„der Ordnungsdienst in den Stadien ver-
stärkt, eine bessere Videoüberwachung
in den Katalog zum Lizenzierungsver-
fahren aufgenommen“ werden. So die
Forderungen nach dieser Runde.
Die Palette künftiger Maßnahmen geht
ins Detail. Ordner sollen qualifiziert wer-
den. Sicherheitspersonal, Stadionspre-
cher und Ordner des Gastvereins sollen
mit zum Auswärtsspiel reisen, um dort
die eigenen Fans zu zügeln. Kein leich-
tes Unterfangen: Noch haben viele der
Pyro-Fanatiker nicht begriffen, dass Ben-
galos nach deutschem Sprengstoffgesetz
im Stadion schlichtweg verboten sind.
„Eine Minderheit der Stadionbesucher
kann nicht Regeln und Ausnahmen von
deutschen Gesetzen definieren“, betont
DFL-Geschäftsführer Christian Seifert.
Deshalb sollen die Clubs besser hin-
schauen. Der Liga-Vorstand will im
Dezember die DFL-Satzung ändern. Ver-
„Das Grundinstrumentarium gibt es
schon – es reicht von Stadionverboten
bis zu Strafen durch die DFB-Sportge-
richtsbarkeit”, so DFL-Präsident Rein-
hard Rauball. „Über verbale Attacken,
verbotene Parolen auf Fahnen oder Ban-
nern und jedwede Form von Gewalt kann
man nicht diskutieren. Über alle anderen
»Hat einer den
Vorsatz, Spieler oder
Zuschauer zu
verletzen, ist es
fast unmöglich, ihn
daran zu hindern«
Liga-Präsident Reinhard Rauball
Sitz-Fußball in allen Stadien
100 Millionen Euro kosten die Polizei-Einsätze im Jahr, doch die Gewalt nimmt zu. Um ein Stehplatz-Verbot
zu verhindern, legt die DFL den Bundesligisten am Donnerstag ein Konzept gegen Krawallmacher vor
Lichterloh Mit einer Bengalo-Orgie begeht die Anhängerschaft im April das letzte Flutlichtspiel im alten Georg-Melches-Stadion in Essen
FOCUS 39/2012 145
Gewalt in der 1. und 2. Bundesliga
Personen bei Gelegenheit
gewaltbereit
Personen zu Gewalt entschlossen
Verletzte Personen
Unbeteiligte
Gesamt
Störer
Polizei
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sprühten dabei sogar mit Pfefferspray.
Nach dem Spiel Duisburg gegen Dres-
den zettelten Ultras beider Seiten aus-
dauernde Schlägereien an. Ein Kamera-
team des WDR erlitt ein Knalltrauma
nach Pyrotechnik-Explosion. Gewaltdra-
men im Nachgang des Kölner Brutalo-
Skandals um den Kicker Kevin Pezzoni,
der nach Fan-Attacken aus der Domstadt
flüchtete und nun einen Club auf der bri-
tischen Insel sucht. Die Ligabosse bera-
ten auch über die Kardinalfrage: Sind die
Extremfans überhaupt belehrbar?
Ausuferungen zeugen eher vom Gegen-
teil: So tauchten 30 gröhlende Fußball-
Ultras sogar bei einem Hockeyspiel von
Rot-Weiß Köln auf und zündeten Pyro-
technik. Auch ein Gladbach-Fan wurde
attackiert, beraubt, geschlagen.
Schon im April 2010 versuchten DFL,
DFB und Bundesministerium des Inneren
am Runden Tisch in Berlin, das Thema in
den Griff zu bekommen. Die Installati-
on von hauptamtlichen Fan- und Sicher-
heitsbeauftragten wurde beschlossen.
Die AG Fanbelange wurde in das DFB-
Gebilde integriert. Es gibt seitdem Fach-
tagungen, Regionalkonferenzen, deutlich
höhere finanzielle Mittel für Fanprojekte.
Allein: Gebracht hat es bis heute nichts.
Gewalt, Pyro-Irrsinn, Attacken gegen
Profis und Clubs nehmen beständig zu.
Wenn DFL und DFB nicht bald Ruhe
in und um die Stadien herstellen, könn-
ten in Deutschland tatsächlich die Steh-
plätze abgeschafft werden, wie Bun-
desinnenminister Hans-Peter Friedrich
(CSU) andeutet. Englands Clubs haben
mit dieser Maßnahme gute Erfahrungen
gemacht. Randalierer sind auf Grund
der Sitzplatzordnung leicht aufspürbar.
Ebenso wie verbotene Banner und Per-
sonen mit Vorliebe für Bengalos.
Der „Druck der Minister“, bekräftigte
DFL-Präsident Rauball, sei „spürbar“.
Was Martin Kind bestätigt. „Die Politik
hat inzwischen sehr deutlich gemacht,
dass wir unserer Verantwortung gerecht
werden müssen“, so der 96-Boss. „Soll-
te dies nicht möglich sein, kann uns der
Gesetzgeber im Notfall vorschreiben, die
Stehplätze abzuschaffen und stattdessen
personalisierte Sitzplätze einzurichten.“
Für friedliche Stehplatzfans ein noch
größerer Horror als hartnäckige und haut-
nahe Personenkontrollen am Stadiontor. ■
F. LEHMKUHL / C. WITT / A. WOLFSGRUBER
Jede Menge Mitläufer
Vor allem die Zahl derer, die sich von
Krawallsituationen zu Gewalt animie-
ren lassen, ist stark gestiegen
Gefahrenpotenzial
nachlässigen Vereine ihre Videotechnik
oder Infrastrukturmaßnahmen, drohen
Lizenzentzug oder gekappte TV-Gelder.
Was die Bändigung der Bösen erschwert:
kleine Splittergruppen der Ultras – wie
etwa in Bremen, Bochum und Rostock
– spalten sich von den friedlichen Fans
ab und sind kaum mehr erreichbar. „Das
ist schockierend“, konstatiert Stuttgarts
Manager Fredi Bobic. „Diese kleinen
Gruppen werden immer aggressiver.“
Allein in Baden-Württemberg liegen
die Einsatzkosten der Polizei pro Fuß-
ballwochenende bei bis zu 150 000
Euro. Bundesweit kommt so alljähr-
lich ein Betrag von rund 100 Millionen
Euro zusammen. Zusätzlich geben die
Ligaclubs rund 25 Millionen Euro für pri-
vate Sicherheitsmaßnahmen aus.
Die Zahlen aus dem letzten polizei-
lichen Jahresbericht zur Saison 2010/11
sind gleichwohl erschreckend: In der
1. und 2. Liga registriert das NRW-Landes-
amt für Zentrale Polizeiliche Dienste bei
750 Spielen 6061 sogenannte freiheitsent-
ziehende Maßnahmen, 5818 eingeleitete
Strafmaßnahmen und 846 verletzte Perso-
nen. Das Potenzial gewaltbereiter Anhän-
ger schätzt die Polizei in den ersten vier
Spielklassen auf rund 14 900 Personen.
„Die Ultrabewegung zeigt viel Schat-
ten”, sagt NRW-Innenminister Ralf Jäger
(SPD), der federführend in Deutschland
bei der Entwicklung neuer Konzepte mit
dem DFB ist. „Es wird verhöhnt, gehasst,
geraubt und geschlagen.“
Was Jäger meint, sind Szenen aus der
aktuellen Saison. Beim Spiel Hannover
gegen Schalke gingen S04-Randalierer
vom Oberrang aus mit Fahnenstangen
auf Einsatzkräfte los. Die Schalke-Hools
146 FOCUS 39/2012
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Siegertypen gefragt
Mehr Einsatzwillen von den Ath-
leten fordert der Präsident des
Deutschen Olympischen Sportbun-
des (DOSB). „Wir neigen in Deutsch-
land generell dazu, Leistung mit
Argwohn zu begegnen“, sagt
Thomas Bach zu FOCUS. Das gute
Abschneiden Großbritanniens
bei den Sommerspielen sei nicht
allein auf Geld zurückzuführen.
„Die Briten sind unverkrampfter
und haben eine ausgeprägtere Sie-
germentalität“, so Bach. Es werde
ein schwieriger Prozess hierzulan-
de, diese Einstellung zu verän-
dern. „Es gibt die gesellschaftliche
Tendenz, Ehrgeiz kritisch zu
sehen.“ Verbesserungswürdig sei-
en zudem die föderalen Trainings-
strukturen. „Wir sollten stärker
zentralisieren. Es motiviert, wenn
ein Sportler den Atem seines Kon-
kurrenten im Nacken spürt.“ wis
Spitzenfunktionär DOSB-Chef Bach
in London neben Queen Elizabeth II
Anna rennt – durch die
(Berliner) Schallmauer?
Frustration, Wehklagen? Kennt
Anna Hahner, 22, nicht. Denkbar
knapp war Deutschlands Marathon-
Versprechen an der Quali für Olym-
pia 2012 gescheitert. Die 15 Se-
kunden bis zur 2:30-Stunden-
Schallmauer will das Lauf-It-Girl
nun am Sonntag beim BMW-Berlin-
Marathon knacken. „London wäre
eine tolle Erfahrung gewesen,
von der ich 2016 in Rio profitiert
hätte, aber ich denke nur positiv
nach vorn“, sagt die Blondine mit
den idealen Langlauf-Daten: „1,64
Meter, 47 Kilo, Ruhepuls 43, ledig“,
zählt sie vergnügt auf. cw
FINALE
Herr Langer, am 28. September ist es
wieder so weit: In der Nähe von Chicago
treten die Golf-Mächte Amerika und
Europa im Ryder Cup gegeneinander an.
Gibt es beim Golf einen Heimvorteil?
Das ist im Golf nicht anders als beim
Fußball. Welche Ausmaße das anneh-
men kann, zeigte sich 1999 in Massa-
chusetts. Damals stürmten Zuschau-
er nach einem erfolgreichen Putt von
Justin Leonard das Grün. Der Spanier
José María Olazábal hatte keine Chan-
ce mehr, seinen Ball einzulochen.
Neben dem Heimvorteil spricht die
Weltrangliste für die Amerikaner. Fünf
US-Professionals sind unter den Top Ten.
Das sieht alles nach Heimsieg aus.
Nur auf den ersten Blick. Das liegt da -
ran, dass die Turniere in den USA fast
immer deutlich höher bewertet werden
als auf der European Tour. Entschei-
dend wird aber nicht die Leistung eines
einzelnen Spielers sein, sondern die
der gesamten Mannschaft. Und da bin
ich für Europa sehr zuversichtlich.
Sind Sie sicher? Der Kapitän des Gastgebers
entscheidet über die Platzbeschaffenheit.
Stimmt. Das ist vergleichbar mit dem
Davis-Cup im Tennis: Hier bestimmt
auch der Gastgeber, ob auf Sand,
Hartplatz oder Rasen gespielt wird. Im
Ryder Cup legt der Kapitän fest, ob die
Fairways eng gemäht oder wie schnell
die Grüns präpariert werden.
Wie reagiert der Kapitän des Euro-Teams,
José María Olazábal, auf die Platzwahl?
José María hat sich sicher so früh wie
möglich Informationen besorgt, wie das
Gelände aussehen wird. Das habe ich
in meiner Zeit als Kapitän auch so
gemacht. Erst danach habe ich ent-
schieden, wer spielt und wer nicht.
Wie schwer fällt so eine Entscheidung?
Beim Sieg 2004 habe ich mich für Luke
Donald und Colin Montgomerie ent-
schieden. Den anderen hingegen zu
erklären, dass sie nicht spielen, waren
die schwersten Gespräche, die ich
jemals führen musste.
Ist Olazábal ein würdiger Nachfolger?
Ja. José María kann den Cup nach
Europa holen, weil er bereits unter fünf
verschiedenen Kapitänen gespielt und
als Vizekapitän mit Colin Montgomerie
gearbeitet hat. Er bringt alles mit, was
ein Kapitän mitbringen muss.
Vor allem muss er Martin Kaymer moti-
vieren. Der Deutsche war 2011 der beste
Golfer der Welt – jetzt ist er auf Platz 32 ab-
gerutscht. Bei der Präsentation des Teams
wurde Olazábal nun gefragt, ob er einen Er-
satzspieler parat habe, falls Kaymer absagt.
Warum sollte Martin das tun? Er gehört
zu den zehn Spielern, die sich sportlich
qualifiziert haben. Seine Ergebnisse
bei den letzten Turnieren zeigen ein-
deutig nach oben, und ich bin sicher,
dass Martin in den USA seine beste
Leis tung abrufen wird. Dafür wird mein
Freund Olazábal schon sorgen. ■
INTERVIEW: KLAUS WÄSCHLE
»Der Gastgeber bestimmt«
Senior-Golfer Bernhard Langer über die Einzigartigkeit des Ryder Cups,
Motivationsspritzen für Martin Kaymer und Menschenmassen auf den Grüns
Die Ryder-
Cup-Trophäe
stemmte Bernhard
Langer 2004 als
Kapitän der europäi-
schen Mannschaft
in die Höhe. Bei dem
Golf-Turnier tritt alle
zwei Jahre Europa
gegen Amerika an
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1 Was gefällt Ihnen an sich besonders?
Meine Nase – ich rieche gern.
2 Schenken Sie uns eine Lebensweisheit.
Den Sanftmütigen wird die Erde gehören.
3 Welchen Satz hassen Sie am meisten?
„Wir mögen das Andersartige nicht.“ – Das ist ungut.
4 Worüber können Sie lachen?
Über die Absurdität des Lebens und vor allem über
meinen Sohn.
5 Als Kind wollten Sie sein wie . . .?
Mein Vater, der Lastwagenfahrer war. Ich wollte reisen,
frei sein und auf eigene Faust die Welt erobern.
6 Auf welche eigene Leistung sind Sie besonders stolz?
Eindeutig meine Kinder. Aber Kinder zu kriegen
ist einfach. Die wirkliche Leistung ist, sie zu
erziehen. Und das ist eine lebenslange Aufgabe.
7 Was ist für Sie eine Versuchung?
Alle Arten von Schokolade.
8 Welches politische Projekt würden Sie
beschleunigt wissen wollen?
Ich glaube nicht an Systeme, denen wir immer
nur folgen. Aber wir haben noch keine Alternativen
gefunden. Wir sollten das gute System
der Demokratie entdecken.
9 Hier können Sie drei Bücher loben.
William Faulkner: „Licht im August“;
Thomas Bernhard: „Der Keller. Eine Entziehung“;
Albert Camus: „Der Fall“
10 Mit wem würden Sie gern tauschen?
Mit niemandem.
11 Was sagt man Ihnen nach?
Das müssen Sie die Leute fragen.
12 Wer sollte Sie spielen, wenn Ihr Leben verfilmt wird?
Eine sehr gute Schauspielerin. Nicht dass
ich eine sehr gute Schauspielerin wäre –
aber um mich zu verkörpern, muss man sehr
gut sein, weil das sehr kompliziert ist.
13 In Ihrem neuen Film geht es um Liebe auf
den ersten Blick. Glauben Sie daran?
Klar, ich glaube an alles, wenn es um Liebe geht.
SOPHIE MARCEAU
Schauspielerin
»Mir gefällt
meine Nase –
ich rieche gern«
Die Glückliche Mehr als 30 Jahre ist es her,
dass Sophie Marceau, 45, in „La Boum – Die Fete“
die (Männer-)Welt bezauberte. Und das gelingt
der Französin bis heute. In ihrem neuen Kinofilm
„Und nebenbei das große Glück“ findet sie als
tollpatschige Schönheit die Liebe. Auch privat
stößt die zweifache Mutter öfters an – weil sie
gern rennt und springt: „Ich bin es gewohnt, mich
zu verbrühen und zu verbrennen.“
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das neue Digital.
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lautet: Ja, aber nur mit dem Smartbook! Denn hier sind alle
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baren Angry-Nerd-Geschossen.
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rin nicht und den Kameraleuten nicht
und dem Regisseur nicht und dem ver-
antwortlichen Redakteur nicht, der die
peinliche Sendung jederzeit hätte abbre-
chen können?
Sie hätte gar nicht anfangen dürfen.
Die Verantwortlichen des NDR schützen
sich mit der Behauptung, vor Sendebe-
ginn hätten sie den Zustand ihres Gastes
nicht erkennen können.
Das spricht gegen jede Lebenserfah-
rung und – mit Verlaub – auch gegen
meine eigenen Beobachtungen als Gast-
geber von Hunderten von Live-Sendun-
gen. Schon die lebensklugen Kollegin-
nen von der Maske hätten uns in einem
solchen Fall alarmiert. Aber beim NDR
fiel niemandem etwas auf.
Erst „unter dem Eindruck des Ge-
sprächsverlaufs“ – so schreibt uns der
NDR – habe man das Interview durch
zwei nicht geplante Einspielfilme ver-
kürzt. Als die verwirrte Jenny Elvers
während des Interviews ein Glas
um stieß, hielt es die Moderatorin für
witzig zu sagen: „Wir schenken gleich
nach – Wasser natürlich.“
So nahm der Medienmechanismus
seinen Lauf. YouTube übernahm das
25-minütige Nicht-Gespräch in sein
Schadenfreude-Programm, und einige
Berufsverhöhner, die sich Comedians
nennen, brüsteten sich online sofort mit
Witzen über die kranke Kollegin. Die
Sucht nach schnellen Spottsprüchen hat
ihre Sensibilität zerstört.
Immerhin hat der NDR den Schaden
nicht vergrößert. Er hat YouTube heute
mit Erfolg gebeten, den Auftritt aus dem
Programm zu nehmen, und hat auch sel-
ber die komplette „DAS!“-Sendung in
seiner Mediathek nicht angeboten.
Das Foto in diesem Tagebuch stammt
selbstverständlich nicht aus der Sendung,
sondern zeigt eine gesunde Jenny Elvers.
MITTWOCH
I
ch erinnere mich daran, dass in den
achtziger Jahren Fernseh-Interviews
nicht gezeigt wurden, weil der Gast
Harald Juhnke nicht in der Lage war,
dem Gespräch zu folgen und seine Ant-
worten einwandfrei zu artikulieren. Die
Verantwortlichen nahmen Rücksicht auf
sein Alkoholproblem.
So viel Fürsorge durfte die Schauspie-
lerin Jenny Elvers-Elbertzhagen nicht
erleben.
Im Gegenteil. Der Norddeutsche Rund-
funk stellte die kranke Künstlerin zur
Schau.
Der NDR will von ihrem Zustand nichts bemerkt
haben: Jenny Elvers-Elbertzhagen
Krank und verwirrt
aufs Schau-Sofa
VON HELMUT MARKWORT
TAGEBUCH DES HERAUSGEBERS
Am Montagabend saß sie auf dem
roten Sofa der Sendung „DAS!“ so, wie
keine Dame sitzt, und lallte Antworten,
wie sie kein nüchterner Mensch von sich
gibt. Sie kritzelte einen angeblichen
Schmuckentwurf auf ein Blatt Papier,
das die Moderatorin wie eine Trophäe
lange vor die Kamera hielt, und sie lallte
Antworten, die jedem Zuschauer verrie-
ten, dass sie nicht Herr ihrer Sinne war.
Kann es sein, dass allen Zuschauern
der Zustand von Jenny Elvers auffiel,
nur der neben ihr sitzenden Moderato-
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