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Reprint

1990
Für keinen und

um jeden Preis
Von Gundolf S. Freyermuth

Stille Wut und Zerstörungszorn. In einer Gesellschaft der Außenseiter wäre er der Repräsentant: Vadim Glowna

vol. 2013.01

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Daten Vadim Glowna
geboren 26. September 1941 in Eutin, gestorben 24. Januar 2012 in Berlin Alle nachstehenden Angaben nach dem 1993 erschienenen Buch Gundolf S. Freyermuth, „Spion unter Sternen. Lauschangriffe auf Hauptdarsteller“, Ch.Links: Berlin.

Top-3-Filmrollen
Vater Seemann und Pilot bei der Lufthansa, Mutter Hausfrau.

Ausbildung
Hamburgisches Schauspielstudio

Top-3-Filmrollen
Schwarz in Zbynek Brynchychs “Die Nacht von Lissabon” nach Erich Maria Remarques gleichnamigem Roman (TV, 1971) • Regisseur in Reinhard Hauffs “Der Hauptdarsteller” (TV, 1977) • Paul in Hans W. Geissendörfers “Ediths Tagebuch” nach dem gleichnamigen Roman von Patricia Highsmith

Top-3-Nebenrollen
Gefreiter Kern in Sam Peckinpahs “Cross of Iron” (“Steiner - das eiserne Kreuz”, 1976) • Dr. Jaeckli in Terence Youngs “Bloodline” (1979) • Sebastian in Claude Chabrols “Quiet Days in Clichy” (1989)

Top-3-Regiearbeiten
“Desperado City” (1981) • “Dies rigorose Leben” (1982) • “Des Teufels Paradies” (1987)

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Interview Daten:
14. und 15. Juli 1990 in Berlin; veröffentlicht 30. August 1990

Ehrungen
1975 - Erste Preis für Regie beim 16. Thessaloniki Film Festival (für “Eurydice BA 2037”) • 1981 - Camera d’Or beim Festival International du Film Cannes (für “Desperado City”) • 1981 - Gilde Filmpreis für besten deutschen Spielfilm (“Desperado City”) • 1983: Lobende Erwähnung für die Suche nach neuen filmischen Formen bei den Internationalen Filmfestspielen in Berlin (für “Dies rigorose Leben”)

Ausgeübte Berufe
Seemann, Hotelboy, Schlagzeuger, Taxifahrer, Schauspieler, Drehbuchautor, Buchautor, Theater- und Filmregisseur, Filmproduzent

Kritische Stimmen
“Das Gesicht stoppelumrahmt, ein bißchen bullig, knirschiges Leder am Leib und einen Blick, in dem sich Härte und Sanftmut merkwürdig mischen.” (Mathes Rehder, Hamburger Abendblatt) • “Bösewicht vom Dienst, Selbstmordkandidat und harter Bursche” (Thomas Veszilitis, Münchner Abendzeitung) • “Glowna ist ein Kinofundamentalist. Er will alles oder nichts, auf jeden Fall aber großes Kino.” (Claudius Seidl, Süddeutsche Zeitung) • “Glownas eigene Ansprüche an das Kino sind total und kompromißlos im besten Sinne. Daran wird er selbst als Filmemacher gemessen, und darum setzt er sich als Filmemacher auch der Gefahr des Scheiterns aus.” (Alfred Holighaus, tip)

Photo: www.wikipedia.de

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Fische in der Nacht, deren neonhelle Aquarien aneinander vorbeigleiten - denken die: Wie viel besser ist das Wasser der anderen? Die Frage ist nach Vadim Glownas Geschmack. Ihn faszinieren seltsame Geschichten. Gerade erzählt er von einem Stuntman, einem Experten für Unfälle, dessen größter Wunsch ein Zusammenstoß mit Liz Taylor ist. Ein perfekter Aufprall, bei dem beide in genau dem Augenblick sterben, da ihr Blut sich mischt. Die großen Schaufenster der Paris Bar geben den Blick frei auf die nächtliche Kantstraße. Ein endloser Verkehrsstrom rollt in Richtung Bahnhof Zoo. Das Berliner Lokal ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Vadim Glowna spricht mit leiser, eindringlicher Stimme und begleitet seine Worte mit sparsamen Bewegungen. „Ein Geschäftsmann auf dem Heimweg“, beginnt er die nächste Geschichte: „Sein Wagen, ein Jaguar, kommt von der Straße ab, stürzt auf den Rasenstreifen zwischen einem Autobahnkreuz. Der Mann ist verletzt. Niemand bemerkt den Unfall. Die Nacht bricht herein, der Morgen graut. Tage vergehen. Der Mann befreit sich aus dem Wrack. Das Stück Rasen ist an allen Seiten von hohen Böschungen gefangen. Verzweifelt

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winkt der Verunglückte nach oben, wo Tausende von Fahrzeugen vorbeirauschen. Alle Hilferufe verhallen ungehört, allmählich versiegen seine Kräfte. Nur die Fahrgäste eines Busses winken freundlich zurück.“ Vadim Glownas Augen schauen durchdringend auf einen Punkt in meinem Rücken. Direkt vor dem Eingang zur Paris Bar hält ein Doppeldecker. Für lange Sekunden beargwöhnen sich fremde Lebewesen durch die zweifache Glasschicht: Müde schweigende Blicke hinter den Scheiben des hellerleuchteten Nachtbusses und müde schwatzende Gesichter hinter den Schaufenstern der Paris Bar. Zwei Fischschwärme, gefangen in gleich hellen und doch so verschiedenen Aquarien. Niemand winkt. Alle zehn Minuten fahren neue Busse an und ab. Ihr Rhythmus schlägt den Takt zu Vadim Glownas Erzählungen, die den heimlichen Dschungel in der Großstadt beschwören, den jeder Normalität drohenden Bürgerkrieg, die Wildnis in den Nischen der Zivilisation. „Ich verstehe mich nicht als Schauspieler oder Regisseur“, sagt Glowna. „Ich bin Erzähler. Ob ich Regie führe oder ein Drehbuch schreibe oder ob ich eine Rolle spiele, jeder Film, an dem ich irgendwie Anteil habe, ist für mich ein Kapitel der großen Geschichte, meiner Geschichte.“

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Von welchen Erfahrungen sie erzählt? Glowna lacht still und unmerklich, dass man es übersehen könnte. „Manches ist natürlich autobiographisch, manches habe ich bei anderen beobachtet oder angelesen. Es sind Rollen, von denen ich denke, dass sie zu mir passen.” Die Geschichte vom Opfer am Autobahndreieck zum Beispiel stammt aus einem Roman, den Glowna vor Jahren David Puttnam, dem damaligen Chef von Columbia Pictures, zur Verfilmung vorgeschlagen hat, als sie zusammen mit Robert De Niro in Moskau eine Nacht lang um die Häuser zogen. Doch dann wurde Puttnam mit fünfzig Millionen Dollar Abfindung gefeuert, und das Projekt war erledigt.

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Worin der große Reiz des Geschichtenerzählens bestehe? Glowna sieht mich entgeistert an: Die Frage könne keiner ernsthaft stellen, der seinen Lebensunterhalt mit Schreiben verdient. „Wenn wir gut sind, machen wir unsere Zuhörer atemlos“, sagt er schließlich, „man übt Einfluß aus, man kann verführen, Freude bereiten.“ „Und was bringt das Erzählen dem Erzähler?“ „Es gibt Menschen, die laufen Amok, nur weil ihnen niemand zuhört. Je besser aber einer erzählt, desto bereitwilliger hört man ihm zu. Und ich will, dass man mir zuhört.“ Vadim Glowna strahlt Kraft und Aggressivität aus, einen in Kreativität gewandelten Zerstörungszorn, eine sprachlose Wut, die sich in Geschichten das Wort erkämpft. „Nach der Uraufführung von Desperado City, meinem ersten Film als Regisseur“, sagt er, „hat mir hier, vor der Tür der Paris Bar, ein Rocker mit einer Fahrradkette aufgelauert. ‚Das ist mein Leben!’ hat er geschrien. ‚Du hast kein Recht, daraus einen Film zu machen!’“ Und am frühen Morgen, als die Premierenfeier beendet war, flogen Steine durch die Scheibe.

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„Ich bin raus, da stand eine Frau, die im Kino gewesen war und nun ihren Zorn abließ.“ Glowna schaut fragend: „Zwei Leute hat der Film immerhin so aufgemischt, dass sie handeln mussten. Ist das nichts?“ Ein junger Mann in kurzen Hosen tritt durch die Tür. Die Blicke richten sich auf ihn. Sein Sportdress, der draußen in der Sommernacht durchschnittlich war, verrät hier im Szeneschick: Du gehörst nicht dazu. Der Mann bleibt stehen, zwischen Scham und Ärger schwankend, schließlich errötet er und dreht sich auf dem Absatz um. Vadim Glowna sieht ihm gedankenverloren nach. „Irgendwann will man keine Versöhnung mehr“, sagt er. „Dann zählt nur noch das laute wilde Leben, mit Wut und Gewalt und um jeden Preis. Und gute Geschichten geben einem den Mut, die eigenen Träume zu leben.“

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Mitternacht ist vorbei, und die Paris Bar beginnt sich zu leeren. „Ab in die Letzte Instanz!“ schlägt Glowna vor. Wie im Zeitraffer gleiten wir im Taxi aus der hellen lauten City in das weite leere Ostberlin der ersten Nachwendemonate. „Ich spiele immer gebrochene Charaktere, Rebellen, Außenseiter“, sagt Glowna, und für einen Augenblick lächelt er träumerisch-traurig. Mit jedem Jahr, das seinen Ruhm mehrte, nahm die Filmindustrie ein Stück Abschied von den traditionellen Idolen. In der weltumspannenden Popkultur wurden Freaks und Märtyrer zu Repräsentanten. Gestörte Heroen - von James Dean bis Jack Nicholson und Robert De Niro - siegten über die Normalos. „In autoritären Gesellschaften“, sagt Glowna, „identifiziert sich das Publikum mit Bannerträgern. Wenn das Kino soweit ist, dass es als Helden gebrochene Menschen und Rebellen hat, dann ist das ein gutes Zeichen für Demokratie.“

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In einer Gesellschaft der Außenseiter wäre Glowna der Repräsentant. Einsame Opfer und kaputte Täter, Hoffnungslose und um ihre Freiheit Kämpfende hat er in bald einhundert Fernseh- und Kinofilmen gespielt. Seit einem Vierteljahrhundert seine Spezialität: tragende Rollen in anspruchsvollen Literaturverfilmungen wie Peter Zadeks Frühlingserwachen nach Frank Wedekind (1966), Zbynek Brynychs Die Nacht von Lissabon nach Erich Maria Remarque (1971), Aleksandr Petrovics Gruppenbild mit Dame nach Heinrich Böll (1976), Egon Günthers Exil nach Lion Feuchtwanger (1981), Hans W. Geissendörfers Ediths Tagebuch nach Patricia Highsmith (1983), Krzystof Zanussis Blaubart nach Max Frisch (1984), Peter Beauvais’ Fliehendes Pferd nach Martin Walser (1985), Carlo Rolas Das zweite Leben (1990) nach George Simenons Roman Die Hand. „Als Schauspieler bist du ein fotografierbarer Körper, eine Ikone“, sagt er. „Deine Bekanntheit kannst du benutzen, damit die Leute dir weiter zusehen, wenn du etwas tust, das abweicht, ungewöhnlich ist. Bei allem aber muss dein Ziel sein, die Sucht nach Wiederholung zu wecken.“ Das Taxi hält in einer engen dunklen Straße nahe der alten Stadtmauer. In der Tür des Lokals wacht ein als Kellnerin verkleideter Racheengel und verkündet triumphierend: „Geschlossen, meine Herren!”

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„Die Letzte Instanz bleibt uns verwehrt“, sagt Vadim Glowna. „Versuchen wir’s beim Fernfahrer.“ Sehnsucht nach seinem Anblick zu wecken, gelingt dem vielbeschäftigten Abweichler hervorragend. In guten Jahren – und die vergangenen Jahre waren gute Jahre für ihn – spielt er in sechs, acht, zehn Fernsehfilmen mit: zwielichtige Doppelagenten, Lebensmüde, Aufbegehrende, die ihre Wut viel zu lange heruntergeschluckt haben. „Die Rollen der letzten Zeit“, spottet er, „nenne ich meine ‚Serie der alternden, lächerlichen Männer’. Im deutschen Fernsehen wird man immer in Schubladen gesteckt. Wenn ich einmal in einem Film eine Aktentasche trage, dann werden mir anschließend zehn Aktentaschenträger-Rollen angeboten.“ Wir kommen beim Fernfahrer an. Die Kneipe liegt so trostlos und dunkel da, als hätte man Fenster und Eingang zum Feierabend schwarz lackiert. Beängstigende Nüchternheit macht sich im Taxi breit. „Kreuzberg!“ kommandiert Glowna leise, aber mit entschiedener Stimme. Aus der östlichen Dunkelheit, aus der geschlossenen Stadt, gelangt das Taxi wieder in Menschen- und Lichtgewirr. Es geht auf zwei Uhr morgens, die Kneipen und türkischen

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Imbisse sind überfüllt. Wir halten am Lausitzer Platz, vor der Punk-Kneipe Pink Panther. „Diese Wut, dieser Zorn ist in uns allen drin“, sagt Vadim Glowna mit Seitenblick auf Irokesen und Kahlgeschorene, auf die Menschen mit rotem, blauem und grünem Haar. Ihr Anblick mutet nach der Ostberliner Menschenleere äußerst normal an. „Und irgendwann bricht einer aus, der mehr Mut hat als andere. Hinterher sagen alle: Wie konnte das passieren? Aber jeder, auf dem man herumtrampelt, ist eine potentielle Tretmine.“ Wie er an der Bar über seinem Bier hockt, scheint der Endvierziger mit dem zerfurchten Gesicht, dem man sein rigoroses Leben ansieht, wie aus einer fernen Welt hereingebeamt - ein Deserteur der Normalität, ein Alltags-Mutant, ein Fremder selbst unter den Außenseitern, die ihn mit gebührender Missachtung und unhöflic hem Respekt behandeln. Denn auf seine stille, ruhige Art wirkt Vadim Glowna viel gefährlicher als alle Skin-Stammgäste zusammen und deshalb überhaupt nicht fehl am Platz. „Noch in der zahmsten Person schlummert es“, sagt er, „deshalb liegt in der Gewalt, im Verbrechen eine große Poesie.“

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Berlin um drei Uhr morgens ist ein Lichterband, das nicht aufhören will zu rollen. Wir laufen kreuz und quer durch Kreuzberg. Stühle stehen auf der Straße, ganze Clans verbringen die Sommernacht vor ihren Mietskasernen in der heißen, abgasgeschwängerten Luft. Die gesprayten Parolen an den Wänden über ihren Köpfen fordern: „Baukorruption zerschlagen“. Penner und auch ein Liebespaar schlafen in den Hauseingängen. Die Auslage des einzigen Buchladens weit und breit versammelt Reprints von Klassikern der Stadtguerilla und Reprints der Klassiker des Surrealismus einträchtig nebeneinander: Ulrike Meinhof meets André Breton. „Was für Schauplätze!“ sagt Vadim Glowna. „In einer Idylle kann man nicht kreativ sein. Aber in Berlin gibt es soviel Schrott und Talmi und Romantik - deshalb lebe ich in dieser Doktor-Mabuse-Stadt.“

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Erschöpft schieben wir am Kottbusser Tor die Glasscherben von einer Bank, treten die Bierdosen beiseite und setzen uns. „Man wird alt“, sagt Glowna, „gerade erst halb vier, und ich werde schon müde.“ „Wenn um die Jahrtausendwende hier ein fast Sechzigjähriger sitzt“, frage ich: „Was will er erreicht haben?“ „Ich möchte bis dahin ein paar Filme machen, und ich hoffe, dass wenigstens noch ein gültiger darunter sein wird.“ „Gültig“ bleibt gewiss Desperado City, Vadim Glownas erstes eigenes Kinowerk. In ihm inszenierte er 1981 Hamburg als düstere Stadt der Hoffnungslosen. Verloren in einem klaustrophobischen Kiez-Milieu aus Angst und Gewalt, schlagen sich die Anti-Helden Liane, eine Friseuse, und Skoda, ein junger Taxifahrer, Nacht um Nacht mit Säufern, Huren, Zuhältern und geilen Touristen um die Ohren - bis zum allseits bitteren Ende. Wie Desperado City, Glownas Kult-Stück aus der bundesdeutschen „No future“-Epoche, erzählen auch die beiden anderen Kinofilme, die er in den achtziger Jahren realisierte, radikale Außenseiter-Geschichten.

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Dies rigorose Leben, gedreht in der Wüste von Nevada, schildert in grellen, von Hollywood inspirierten Bildern den ebenso kuriosen wie tödlichen Kampf einer deutschen Auswandererfamilie mit dem „American way of life“. Vor theatralischen Effekten scheut Glowna nicht zurück: Am Ende fliegt der sehr „mythische“ Schauplatz, eine Tankstelle, in die Luft und das überlebende Liebespaar wandert auf der Landstraße in Richtung Zukunft wie einst Chaplin samt Gefährtin. Bei seiner Uraufführung anlässlich der Berlinale erntete der Film 1983 böses Gelächter. Zu Unrecht, befand damals der Zeit-Kritiker Ulrich Greiner: „Viele merkwürdige Sätze, viele schöne Bilder gibt es in diesem Film. Er ist ein bisschen verrückt, in seinem Rhythmus nicht ganz ausbalanciert und unbedingt sentimental. Also sehr gut.“ Mit dieser Ansicht, die wohl bestehen dürfte, befand er sich allerdings recht allein. „Ausbeutung amerikanischer Kino-Klischees“ und „der epigonale Film schlechthin“ schimpfte die Mehrheit der nationalen Filmkritik; eine Tirade, die sich bei Glownas drittem Film Des Teufels Paradies, frei nach Südsee-Motiven von Joseph Conrad 1987 in Thailand gedreht, ohrenbetäubend verstärkte. „Schicksale aus München oder Memmelsdorf, Geschichten aus dem Inland, deutsche Bilder und Schauplätze interessieren ihn nicht: zu mickrig“, wetterte etwa Claudius

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Seidl in der Süddeutschen Zeitung. Dabei ist es gerade der überaus deutsche Zug, eine gewisse philosophische Pedanterie, die Glownas Film behindert und den abenteuerlichen Kampf zwischen dem passiven und faustischen Helden Escher und seinem mephistotelischen Verführer Jones so viel weniger perfekt-ruckzuckwiderstandslos macht, als er vielleicht hätte sein können. „Ich will noch weiter weg von der Fernsehästhetik“, sagt Vadim Glowna: „Sie hat kein Geheimnis, keine Aura.“ Unablässig spucken Busse und die Bahnen der Linie 1 Menschen aus und saugen andere ein. Seltsame Zeitgenossen mit harten Gesichtern, Deutsche und Türken, Araber und Schwarze. Alle bedenken sie uns, die beiden betrunkenen Penner auf der Bank, mit gleichgültigen Blicken. Zwei mehr im Abfall der Großstadt. Vadim Glowna stört sich nicht am vermüllten Punk-Paradies. Im Gegenteil, er genießt es. Er ist einer, der freiwillig auf Kohlenhalden klettert; einer, der sich in schäbigen Ecken zu Hause fühlt; einer, der im schönsten Alpenkurort das Hafenviertel sucht. „Ich bin an der Grenze zwischen St. Pauli und Altona aufgewachsen“, sagt er. „Das war ein hartes Pflaster wie hier, eine kaputte Welt aus Verfall und Gewalt.“

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Und er erzählt. Wie seine Mutter nach dem Krieg, der Vater war noch in Gefangenschaft, einen Filmvorführer als Babysitter anheuerte: „Erst als ich anfing, Regie zu führen, habe ich gemerkt, wie viele Bilder und amerikanische Szenen in meinem Kinderhirn hängengeblieben sind.” Wie er nach der Währungsreform, gerade neun Jahre alt, die Familie durch Schrottpiraterie mitversorgte: „Wir waren eine Kindergang, die mit den anderen Kindergangs ums bessere Altmetall kämpfte, Kupfer, Messing und so. Ungefährlich war’s nicht. Ein paar sind unter einstürzenden Trümmern begraben worden. Ich habe zwanzig, dreißig Mark die Woche gemacht und war sehr stolz darauf.“ Wie er seinen ersten Kontakt mit dem Showbusiness hatte: „Einmal kamen wir Schlammkinder da aus den Trümmern hoch, wie Grubenarbeiter, da steht vor uns so ‘ne saubere Kleene - Cornelia Froboess. Die machte um die Ecke Aufnahmen im Polydor-Studio.“ Wie er erst zur See fahren und dann, einer großen Liebe wegen, doch Karriere machen wollte: „Wenn du aus dem Viertel kamst, hattest du nicht viele Möglichkeiten

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aufzusteigen: Gangster war das Übliche. Sportstar war auch drin, am besten Boxer. Und dann gab es die Karrieren als Schlagersänger oder Schauspieler.“ Wie es ihn später ins Kloster zog, er statt dessen in ein Internat kam, rausgeschmissen wurde und als Kaufmanns-Lehrling im Büromaschinenladen seines Großvaters anfing: „Ich habe schnell gemerkt: Ich will nichts mit Maschinen zu tun haben, ich will nicht in ein Büro gehen, ich will was mit Menschen machen.“ Nach einem halben Jahr Lehre floh der Achtzehnjährige mit fünfzig Mark in der Tasche, nach Paris: „Ich habe einen Brief auf den Küchentisch gelegt: ‚Sucht mich nicht.’ Als Clochard hab’ ich mich dann eine Weile von Diebstahl ernährt.“ Zurück in Hamburg entdeckte ihn, den jungen Statisten, der alte Gustav Gründgens. Nach dessen Tod nahm ihn Peter Zadek unter seine Fittiche: „Das war die Schule überhaupt. Aber nach einer Weile musste ich mich abnabeln, um nicht erdrückt zu werden. Zadek war damals für mich eine starke, viel zu starke Person.“ Von der Bühne weg verschleppten Feldjäger 1965 den vierundzwanzigjährigen Pazifisten zum Wehrdienst: „Nach fünf Monaten haben sie mich unehrenhaft entlassen. Ich war für die Truppe nicht tragbar, zu renitent und zu aufmüpfig.“

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Zwei Jahre später lernte er Vera Tschechowa kennen und lieben: „Ich habe sie überredet, mit mir zu verreisen. Bis England haben wir uns gesiezt. Da hab’ ich sie gefragt: ‚Fänden Sie es nicht gut, wenn wir heiraten?’“ Und wieder zwei Jahre später geriet er wie Hunderttausende von Studentenbewegten in eine existentielle Krise und trat, wie ebenfalls Tausende damals, die Flucht auf einen Bauernhof an: „Wenn man wie ich aus einfachen Verhältnissen kommt, schnell Erfolg hat und all seine bürgerlichen Ziele mit dreißig schon erreicht, dann fragt man sich: Was jetzt? Das kann doch nicht alles gewesen sein.“ Seine Träume zu verwirklichen, dazu brachte ihn dann Sam Peckinpah. Der legendäre Regisseur von The Wild Bunch (1969) und Pat Garrett and Billy the Kid (1973) besetzte Glowna Mitte der siebziger Jahre für Steiner - das eiserne Kreuz: „Peckinpah zeigte auf ein junges Mädchen, das in der Ecke saß: ‚Gefällt dir die Dame?’ Ich: ‚Hm.’ Er: ‚Willst du sie ficken?’ Ich: ‚Hm.’ Peckinpah: ‚Das ist meine Tochter.’” Glowna wurde engagiert. Am Abend vor dem Drehbeginn in Jugoslawien traf er den Regisseur an der Bar und wollte mit ihm über seine Rolle diskutieren. Peckinpah bekam auf der Stelle einen Tobsuchtsanfall, stürmte davon, und Maximilian Schell musste Glowna erklären, welchen kapitalen Fehler er begangen hatte:

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„Du kannst mit einem amerikanischen Regisseur nicht über deine Rolle reden. Du bist Schauspieler, Menschenmaterial. Du sollst spielen, was er will.“ Glowna schrieb Peckinpah einen dreißigseitigen Brief, und der akzeptierte manchen seiner Vorschläge – „Aber erzähl’s niemanden!“ –, nahm ihn gar mit zum Schneiden nach London. Zwischen dem großen alten Regisseur und dem Mittdreißiger Glowna entwickelte sich eine Vater-Sohn-Beziehung. „Als es an den Abschied ging“, erzählt Glowna, „hat er sich einfach umgedreht, ohne jedes Aufwiedersehen. Nach ein paar Schritten ist er noch mal stehengeblieben und hat über die Schulter gesagt: ‚Meld dich erst wieder, wenn du einen Film gemacht hast, den du mir zeigen kannst.’“ Woraufhin Vadim Glowna sich entschloss, mit seinen Regie-Absichten endlich ernst zu machen. „Ich wollte selbst erzählen. Ich habe eigene Visionen, deren ich mich entledigen muss, um den Kopf freizubekommen für neue Träume.“ „Wozu all die Träume?”

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„Um in Bewegung zu bleiben. Ich bin auf einem Weg, wenn ich auch nicht weiß, wohin. Wer nicht träumt, verlässt sein Haus nicht. Ich will nicht stillstehen. Ich bin ein Jäger, ich will losziehen und ausprobieren. Tasten, fühlen, beißen. Träume halten dich in Gang. Die wirken wie Drogen. Nur gesünder. Und länger.“ „Also det is’ irre“, sagt ein schwankender junger Mann, dem sich der Schlips zweimal um den Hals gewickelt hat. Er baut sich einen Meter vor der Bank auf und schaut auf uns herab, sich dabei die Nase an einer unsichtbaren Glasscheibe plattdrückend. „Ick hab’ nämlich ‘n wahnsinniges Gesichtsgedächtnis. Und der da“ – sein Zeigefinger pendelt sich langsam auf Vadim Glowna ein – „is’n Schauspieler? Ick denk’, ick träume, wa!“ „Tja, und hinter jedem Traum steckt ein anderer“, sagt Vadim Glowna. „Das Ende der Träume ist der Tod.“ „Also, glooben kann ick’s nich’“, sagt der junge Mann. „Aber nüscht für ungut, wa?“ Er torkelt weiter seinen Weg, kopfschüttelnd und glücklich.

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„Meine Geschichten erzählen alle dasselbe“, sagt Vadim Glowna jetzt laut, ohne sich um die irritierten Blicke der nachtschwärmenden Passanten zu kümmern: „Setz dich hin! Hör dir mal selber zu! Schau mal, da hat dich einer gestreichelt, hab mal Mut, mach was aus deinem Leben! Steh auf, wehr dich!“

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Dieses Werk ist unter einem Creative Commons Namensnennung-Keine kommerzielle NutzungKeine Bearbeitung 2.0 Deutschland Lizenzvertrag lizenziert. Um die Lizenz anzusehen, gehen Sie bitte zu http:// creativecommons.org/ licenses/by-nc-nd/2.0/ de/ oder schicken Sie einen Brief an Creative Commons, 171 Second Street, Suite 300, San Francisco, California 94105, USA.

Impressum

Publikationsnotiz
Zuerst erschienen unter dem Titel: Von Beruf Rebell. In: STERN, 36/90, TV Magazin, S. 4-9. Überarbeitete Fassung nachgedruckt unter dem Titel: Für keinen und um jeden Preis. In: Spion unter Sternen. Lauschangriffe auf Hauptdarsteller, Berlin: Ch. Links, 1994, S. 140-153

Digitaler rePrint
Dieses Dokument wurde von George und Gundolf S. Freyermuth in Adobe InDesign und Adobe Acrobat erstellt und am 1. Januar 2013 auf www.freyermuth.com unter der Creative Commons License veröffentlicht (siehe Kasten links). Version: 1.0.

Über

Den

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Gundolf S. Freyermuth ist Professor für Angewandte Medienwissenschaften an der ifs Internationale Filmschule Köln (www.filmschule.de). Weitere Angaben finden sich auf www.freyermuth.com.

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„Das war‘s.“ Letzte Worte mit Charles Bukowski. CCR Writers Inc.: Kindle Edition, 2011; ca. 110 Seiten (190 000 Anschläge). Mehr Informationen bei Amazon –>hier „That‘s It“ A Final Visit With Charles Bukowski. CCR Writers Inc.: Kindle Edition, 2011; ca. 110 Seiten (190 000 Anschläge).

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