© Uwe Fengler

Fahrkarte nach Osnabrück

Da stehe ich nun mitten im Flur unserer Wohnung, die bald nicht mehr meine sein wird. In der linken Hand halte ich den Koffer, die rechte ist nach dem Türgriff ausgestreckt. Wenn ich ihn herunterdrücke, werde ich in ein paar Sekunden im Treppenhaus stehen. Ich ziehe meine Hand zurück, stelle den Koffer ab und

drehe mich noch einmal um. Ein paar Meter entfernt, gerade aus, ist das Wohnzimmer. Die Tür ist geöffnet. Ich gehe noch einmal die paar Schritte, schalte das Licht an und sehe hinein. Hier habe ich also so viele Jahre gelebt, habe gelacht und geweint. Habe ferngesehen und Musik gehört. Mich mit Freunden getroffen, endlos diskutiert und mich dabei betrunken. Und nun bin ich also bereit dies alles aufzugeben. Der Koffer steht an der Tür und wartet. Ich schalte das Licht aus und

gehe ein paar Schritte bis zur Küche auf der rechten Seite. Der Herd ist alt, die Spülmaschine funktioniert schon seit ein paar Wochen nicht mehr. Ich habe mich auch nicht mehr darum gekümmert, hatte schon seit geraumer Zeit andere Pläne. Daneben befindet sich das Bad, hier sehe ich allerdings nicht mehr rein. Gegenüber vom Bad befindet sich das Schlafzimmer. Durch die geschlossene Tür höre ich sie leise schnarchen. Ein vertrautes

Geräusch und doch so fremd in diesem Augenblick. Ich entschließe mich, diese Tür nicht noch einmal zu öffnen. Wozu auch, hier hat sich in der letzten Zeit wirklich kein Leben mehr abgespielt. Ich habe ihr nichts gesagt, denke ich, als ich endlich ins Treppenhaus trete. Wenn sie morgen früh aufwacht, werde ich einfach nicht mehr da sein. Das ist sicherlich feige, aber ich habe ihr alles in einem Brief erklärt, der auf dem Küchentisch liegt. Als ich an der Wohnung der

alten Schulze vorbei komme, höre ich durch die geschlossene Tür eine Werbesendung aus dem Fernsehen. Wahrscheinlich ist die ohnehin schwerhörige Frau vor dem Bildschirm eingeschlafen. Auf der Straße atme ich die frische Herbstluft ein. Die Nächte sind schon recht kühl in diesem Oktober. Ich entschließe mich zu Fuß zum Bahnhof zu gehen. In etwa 20 Minuten werde ich ihn erreicht haben. Mit dem schweren Koffer könnte es allerdings etwas länger dauern.

Tatsächlich muss ich ihn auf meinem Weg drei oder vier mal absetzten und mich ein paar Minuten erholen. Dabei sind meine Gedanken bei ihr. Was wird sie empfinden, wenn ich nicht wie gewohnt an ihrer Seite liegen werde, in voller Bereitschaft ihre verlogenen Küsse zu ertragen, damit ich ihr endlich, das schenken kann, was sie sich seit Ewigkeiten wünscht. Sie wird bestimmt einen anderen finden, der mit Freuden bereit ist, sie zu schwängern, denke ich

nach der zweiten Pause. Es hat inzwischen leicht zu regnen begonnen, man braucht aber noch nicht unbedingt einen Schirm. Trotzdem fühle ich mich etwas feucht, als ich endlich den Bahnhof erreiche. Ein Blick auf den Fahrplan sagt mir, dass der erste Zug, der wieder fahren wird, nach Osnabrück geht. Genau um 4.26 Uhr von Gleis 3. Osnabrück ist vielleicht gar nicht

so schlecht für einen Neuanfang, denke ich, als ich die Fahrkarte am Automaten kaufe.
© Uwe Fengler

Sign up to vote on this title
UsefulNot useful