Jean Améry

Jenseits von Schuld und Sühne

Bewältigungsversuche eines Überwältigten

Szczesny Verlag München

2. Auflage © 1966 by Szczesny Verlag KG, München. Alle deutschsprachigen Rechte, auch die der photomechanischen Wiedergabe beim Szczesny Verlag KG, München. Satz und Druck: KöDruck, München. Schrift: Linotype-Garamond-Antiqua. Bindearbeiten: Rieder, Schrobenhausen. Entwurf des Schutzumschlags: Uta Maltz. Printed in Germany 1966

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Inhalt

Vorwort……………………………………………………………………..7 An den Grenzen des Geistes………………………………………………10 Die Tortur………………………………………………………………….41 Wieviel Heimat braucht der Mensch?..........................................................71 Ressentiments……………………………………………………………..101 Über Zwang und Unmöglichkeit, Jude zu sein…………………………....131

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Auschwitz. daß ich zwar manches bedacht. schrieb ich den ersten Aufsatz im Zusammenhang mit meinen Erlebnissen im Dritten Reich. im gleichen Rhythmus begleiten. Dennoch glaube ich. Nun aber. daß sie aufrichtig sind. was sollte nachher kommen.klar werden. in der Arbeit über mein Judesein zu erkennen glaubte. Bald zwang sich auch die Methode auf. wie es bestellt ist um einen Überwältigten. Als aber diese Arbeit verfaßt war. an der Schwelle des sprachlichen Ausdrucks zögernden Denkträumerei undeutlich erschaut hatte. daß Würde das von der Gesellschaft vergebene Recht auf Leben ist. Es ist in diesen Blättern. Dabei entdeckte ich. Ich hatte mich zwei Jahrzehnte lang auf der Suche nach der unverlierbaren Zeit befunden. sich mir zuzugesellen. aber es viel zu wenig klar artikuliert hatte. muß mich denn wohl auch durch das Dunkel. wie sinnlos es wäre. das gleichwohl fremd geblieben war. nach zwanzig Jahren Schweigens. Auch sah ich sehr schnell ein. mußte ich nun erfahren. fand ich mich im Bilde des jüdischen Opfers. Erst im Vollzug der Niederschrift entschleierte sich.die Situation des Intellektuellen im Konzentrationslager . spürte ich. wollte mir nur über ein Sonderproblem . in denen ich mich selbst verfing. wollte plötzlich alles gesagt sein: so kam dieses Buch zustande. daß es einfach unmöglich war. wenn man will. teilweise ausgezeichneten dokumentarischen Werken. Sie wissen Bescheid. nachdachte. während ich später. persönliche Konfession entstand. Eine nachdenklich-essayistische Arbeit hatte ich geplant. So war mir in dem Aufsatz über die Tortur noch durchaus unklar. Der Leser. davon zu sprechen. noch ein weiteres beizufügen. Wo das „Ich" durchaus hätte vermieden werden sollen. daß es mir schwer gewesen war. Bekennend und meditierend gelangte ich zu einer Untersuchung oder. Eine durch Meditationen gebrochene. daß diese Arbeit als ein Befund jenseits der Frage von Schuld und Sühne steht. Darum sind auch in diesem Buch die Aufsätze nicht nach der Chronologie des Ereignisses angeordnet. Ebenso hatte ich. denn ich mochte andere Empfindlichkeiten so wenig schonen wie meine eigene. welche Bedeutung dem Begriff der Würde zu geben sei. und ich tat ihn gleichsam mit einer Handbewegung ab. zu einer Wesensbeschreibung der OpferExistenz. daß ich in der Zeit der Stille die zwölf Jahre des deutschen und meines eigenen Schicksals vergessen oder „verdrängt" hätte. Es war ein langsames und mühseliges Vorwärtstasten im bis zum Überdruß Bekannten. sehr viel von Schuld die Rede und auch von Sühne. Dabei wird er auf Widersprüche stoßen. Ich dachte zunächst nicht an eine Fortsetzung. von denen ich aber beteuern darf. sofern er sich überhaupt darauf einlassen mag. sondern nach der Reihenfolge ihrer Entstehung. Jeder von ihnen muß auf seine Weise die Erlebnislast mit sich 4 . was ich vorher in einer halbbewußten. die unzulänglich sein mögen. Doch wie war ich dahin gelangt? Was war vorher geschehen. ich könne behutsam und distanziert bleiben und dem Leser in distinguierter Objektivität gegenübertreten. das ich Schritt für Schritt erhellte. wie stehe ich heute da? Ich kann nicht sagen. die zu meinem Themenkreis schon vorliegen. Es wurde beschrieben. den vielen. nur. noch nicht mit hinlänglicher Deutlichkeit gesehen. das ist alles. über Auschwitz und Tortur schreibend. erwies es sich als der einzig brauchbare Ansatzpunkt. daß es unmöglich damit sein Bewenden haben dürfe.Vorwort Als im Jahre 1964 in Frankfurt der große Auschwitz-Prozeß begann. daß meine Situation nicht voll enthalten ist im Begriff des „Naziopfers": erst als ich zum Ende kam und über Zwang und Unmöglichkeit. Hatte ich noch in den ersten Zeilen des Auschwitz-Aufsatzes geglaubt. da durch die Niederschrift des Essays über Auschwitz ein dumpfer Bann gebrochen schien. Jude zu sein. Ich wende mich in diesem Buch nicht an meine Schicksalsgefährten.

die in ihrer überwältigenden Mehrheit sich nicht oder nicht mehr betroffen fühlen von den zugleich finstersten und kennzeichnendsten Taten des Dritten Reiches.tragen. Den Deutschen freilich. Schließlich hoffe ich manchmal. die einander Mitmenschen sein wollen. würde ich gern hier manches erzählen. es sei diese Arbeit zu einem guten Ende gebracht worden: dann könnte sie alle angehen. Brüssel. was ihnen vordem vielleicht noch nicht eröffnet wurde. 1966. Jean Amery 5 .

Ärzte. welcher berühmte Name mit den Silben „Lilien" beginne. wie Brecht es einst gesagt hat. Ich habe nicht das Gefühl. sagen wir. was man die Greuel nennt. will keinen Dokumentarbericht geben. Vorstellungsreihen aus dem geistesgeschichtlichen Bereich stellen sich zu jeder Gelegenheit in ihm her. sicher aber keine ausreichende Bedingung. erzähle damit nichts Neues. und ob nicht überhaupt viele Rücksichten fallen müssen. Wer ist in dem von mir angenommenen Wortsinn ein Intellektueller oder ein geistiger Mensch? Gewiß nicht jeder Träger eines sogenannten Intelligenzberufes. die man aber trotzdem kaum als Intellektuelle bezeichnen kann. ja wahrscheinlich auch Philologen. Der physikalische Vorgang. über die Konfrontation von Auschwitz und Geist zu sprechen. höhere formale Bildung ist da vielleicht eine notwendige. daß über Auschwitz so viel geschrieben wurde wie. an einer Grenzsituation: in Auschwitz. sondern der Dichter Detlev von Liliencron. Es ist wahr: ich will hier nicht von Auschwitz schlechthin erzählen. der die berühmten Gemälde der Renaissance und die des Surrealismus kennt. und ich werde darum seinem Rat kaum folgen können. von Auschwitz möglichst wenig und von den geistigen Fragen möglichst viel zu handeln. eben jenen Intellektuellen. denen gegenüber. politischen Begriff. das Wort Auschwitz schon im Titel anzuführen: Das Publikum sei allergisch gegen diesen geographischen. Ein Intellektueller. Auch meinte er. der Strophen großer Lyrik auswendig weiß. Gibt man ihm das Stichwort „Gesellschaft". sondern soziologisch. Jeder von uns kennt Anwälte. riet mir ein wohlmeinender Freund. wenn irgend angängig. dann fällt ihm nicht der Gleitflugkonstrukteur Otto von Lilienthal ein.einen solchen Intellektuellen werden wir dort stellen. als er von meinem Plan hörte. daß diese Grenzen gerade längs der unbeliebten Greuel verlaufen. und wer von den Greueln berichte. über den Intellektuellen in Auschwitz zu sprechen. der zu einem Kurzschluß führt. interessiert ihn nicht. Er hat ein wohlausgestattetes ästhetisches Bewußtsein. der innerhalb eines im weitesten Sinne geistigen Referenzsystems lebt. Mein Thema heißt: An den Grenzen des Geistes. habe ich wohl meinen Gegenstand. daß mein Freund recht hat. die zwar intelligent und vielleicht sogar in ihren Fächern hervorragend sind. Wenn ich über den Intellektuellen oder. Ingenieure. Es gebe ja schließlich schon genug Auschwitz-Bücher und Auschwitz-Dokumente aller Art. dem die Geschichte der Philosophie geläufig ist und die der Musik . außer in Buchenwald. zuvor einmal zu definieren. zu verzichten. Bergen-Belsen und noch anderen Konzentrationslagern auch Jahr 6 .An den Grenzen des Geistes Seien Sie vorsichtig. die Herzen stark sind. um jene Vorgänge. wenn man politische Geistesgeschichte treiben will. einen Mann. Neigung und Befähigung drängen ihn zu abstrakten Gedankengängen. Sein Assoziationsraum ist ein wesentlich humanistischer oder geisteswissenschaftlicher. Ich habe mich. ist nicht meine Schuld. über den Dichter der höfischen Dorfpoesie Neidhart von Reuenthal aber weiß er Bescheid. wie man früher gesagt hätte: über den „geistigen Menschen" in Auschwitz sprechen will. Auch denke ich immer noch darüber nach. als Jude und Angehöriger der belgischen Resistance. Einen solchen Intellektuellen also. Nachdrücklich empfahl er mir. ob es nicht vielleicht geboten sei. Damit aber stelle ich natürlich mich selbst. die Wirklichkeit und Wirkungskraft seines Geistes zu erhärten oder für nichtig zu erklären. Aber dabei werde ich nicht ganz herumkommen um das. Ich bin nicht sicher. daß es angezeigt sei. aber die Nerven schwach. wo es für ihn darauf ankam. Fragt man ihn etwa. über die elektronische Musik oder den Bundestag von Bonn. geschichtlichen. wie ich ihn hier verstanden wissen möchte. gewisse AuschwitzBücher als Pflichtlektüre in den Oberklassen höherer Schulen einzuführen. sondern habe mir vorgenommen. ist ein Mensch. faßt er es nicht mondän auf. in doppelter Eigenschaft.

wobei er freilich unter Umständen sein Leben riskierte. machte sich kühn zum Handwerker. Sie brachten meist wenig Geschick und nur geringe Körperkräfte hierfür mit und nur in seltenen Fällen währte es lange. Es wird darum wohl hier das Wörtchen „ich" öfter vorkommen müssen. in eine Stube zu kommen. Das Lagerleben erforderte vor allem körperliche Gewandtheit und einen notwendigerweise hart an der Grenze der Brutalität liegenden physischen Mut. die Universitätslehrer. Rohre und Bauholz. hatte vielleicht das Glück. Anwälte. daß er den Nachweis seines handwerklichen Könnens würde liefern müssen. den Installateur. der Witterung nicht ausgesetzten Werkstatt zu arbeiten. wo man für die SS arbeitete. Es war eine ungute Lage. überall dort nämlich. Zementsäcke oder Eisentraversen transportierte. in einer gedeckten. meist ihren Berufen entsprechend eingeteilt. Kabel legte. Er wurde im Lager zu einem unqualifizierten Arbeiter. die Kunsthistoriker. den Koch. wenn nämlich herauskam. Gewiß gab es auch hier Unterschiede. Ganz allgemein kann man sagen. so war sie im Innern des Lagers nicht besser. So schleppten sie denn Schienen. Der Wiener Arzt Dr. Bibliothekare.und todesentscheidenden Frage des Arbeitseinsatzes. den Radiotechniker. der gleichfalls zum Lumpenproletariat im Lager gehörte. die sie oft anstelle der körperlichen einsetzen wollten. womit meist schon das Urteil über ihn gesprochen war. Es kam. daß die Träger der Intelligenzberufe an der Arbeitsstelle übel dran waren. Der Gymnasialoder Universitätsprofessor. der Journalist gab sich vielleicht als Schriftsetzer aus. auch den sonst nicht weiter geistigen Trägern der sogenannten Intelligenzberufe teilte. sagte verschämt „Lehrer". Wer Schneider oder Schuster war. Anders war die Lage dessen. wo die Gaskammern und Krematorien standen. sofern man sie nicht aus irgendwelchen. die er übrigens mit allen. Für den Maurer. in den sogenannten Krankenbauten unterzuschlüpfen. als mir lieb ist. Der Rechtsanwalt verwandelte sich in den schlichteren Buchhalter. darauf an. War ihre Situation am Arbeitsplatz schwierig. daß er die Unwahrheit gesagt hatte. Viktor Frankl zum Beispiel. und die moralische Courage. Wer nur über ein klein wenig manuelle Geschicklichkeit verfügte und vielleicht zu Bastelarbeiten fähig war. der heute ein weltbekannter Psychologe ist. Ein Schlosser etwa war ein privilegierter Mann.lang in Auschwitz. genauer: im Nebenlager Auschwitz-Monowitz aufgehalten. war keinen Pfifferling wert. hier nicht weiter zu besprechenden Gründen auf der Stelle vergaste. Viele trachteten denn auch. wo man Erde aufgrub. Die Mehrzahl versuchte allemal ihr Glück mit Tiefstapelei. Die Handwerker in AuschwitzMonowitz wurden. um seinen Beruf befragt. wenn auch natürlich nicht für alle. der das Auschwitz-Buch „Ist das ein Mensch?" geschrieben hat. um nicht die berserkerische Wut des SS-Mannes oder Kapos herauszufordern. Ihn erwartete das Schicksal des Kaufmanns. der einen Intelligenzberuf hatte. wo ich das persönliche Erlebnis nicht ohne weiteres auch andern unterstellen kann. wobei wenig Gefahr bestand. einen Warschauer professionellen Taschendieb daran 7 . ihren Beruf zu verbergen. Das gleiche gilt für den Elektriker. das heißt: er wurde einem Arbeitskommando zugeteilt. den Tischler oder Zimmermann. wie mein Barackenkamerad Primo Levi aus Turin. Mathematiker. Für Ärzte gab es die Möglichkeit. bis sie aus dem Arbeitsprozeß ausgeschieden wurden und ins benachbarte Hauptlager kamen. sei einmal angenommen. da man ihn in der zu errichtenden IG-Farben-Fabrik brauchen konnte und er die Chance hatte. den Automechaniker gab es die Minimalchance eines erträglichen Arbeitsplatzes und damit des Überstehens. Chemiker etwa wurden in dem hier als Beispiel gewählten Lager in ihrem Beruf eingesetzt. und am dramatischsten stellte sie sich dar in der lebens. Mit beiden waren die Geistesarbeiter nur selten gesegnet. der das Seine im Freien zu leisten hatte. war jahrelang in Auschwitz-Monowitz Erdarbeiter. Zu bedenken ist in unserem Zusammenhang zunächst die äußere Situation des Intellektuellen. Nationalökonomen.

auf ihre bündigste Formel reduziert: Haben Geistesbildung und intellektuelle Grunddisposition einem Lagerhäftling in den entscheidenden Momenten geholfen? Haben sie ihm das Überstehen erleichtert? Mir fiel. besaß im allgemeinen wenig Begabung zum sogenannten Bettenbau. heißt. In jeder freien Minute! Klassische Literatur als Ersatz für Rotkreuzpakete. dem Blockältesten oder SS-Mann gegenüber jene zugleich knapp devote und doch selbstbewußte Redeweise. die allmorgendlich schweißtriefend mit Strohsack und Decken kämpften und doch nichts Rechtes zustande brachten. Schlimm stand es auch in den Fragen der Lagerdisziplin. Ich erinnere mich gebildeter und kultivierter Kameraden. ihn vielmehr weit öfter empfing und dabei im Nehmen kaum tüchtiger war als im Geben. noch mehr und intensiver studieren. Der Intellektuelle litt unter Ausdrücken wie „Küchenbulle". Das Buch heißt „Goethe in Dachau".und schon gar nicht trafen sie. der besser ungesagt bliebe. Da stand etwa: „Wollte eigentlich heute früh meine Aufzeichnungen über Hyperion vornehmen.. von seinem Einfluß auf Albertus Magnus. wenn es sich fügte. denn nichts habe ich Nico Rosts bewundernswerter. ja selbst Formeln wie „auf Transport gehen" brachte er nur schwer und zögernd über die Lippen. der die einzig akzeptierte Form gegenseitiger Verständigung war. Ich nahm es nach Jahren wieder zur Hand und las darin Sätze. sich frischweg des Lagerslangs zu bedienen. so daß sie dann an der Arbeitsstelle von der zur Zwangsvorstellung sich verdichtenden Befürchtung geplagt waren." Oder: „Wieder über Maimonides gelesen. als ich mir diese Frage stellte. Duns Scotus. Es war dem an einigermaßen differenzierte Ausdrucksweise gewohnten Häftling nur unter einem großen Aufwand von Selbstüberwindung möglich. daß nur in sehr raren Fällen der Anwalt oder Gymnasiallehrer zum Kinnhaken kunstgerecht auszuholen wußte. Nun. die mich traumhaft genug anmuteten. es stellte sich stündlich in realer. mit der etwa ein politischer Journalist durch Veröffentlichung eines mißliebigen Artikels seine Existenz gefährdet. Sie waren weder dem Bettenbau gewachsen. sondern das schöne Buch eines holländischen Freundes und Schicksalsgenossen. radikal geistiger Haltung an die Seite zu stellen. Schlimmer: sie fanden nicht einmal Freunde. keineswegs aber jene geistige Tapferkeit. beim Heimkommen mit Hieben oder Essensentzug bestraft zu werden. der mich regelmäßig erfaßte. zunächst nicht mein eigener Auschwitzer Alltag ein." Als ich diesen Sätzen nachging und sie mit meinen eigenen Lagererinnerungen konfrontierte. im Lager bestand das Kommunikationsproblem zwischen dem geistigen Menschen und der Mehrzahl seiner Kameraden." Und dann. Man spricht in der modernen geistigen Auseinandersetzung sehr viel von den Kommunikationsschwierigkeiten des Zeitgenossen und redet dabei manch steilen Unfug. des Schriftstellers Nico Rost. war ich tief beschämt. Wer draußen einen Intelligenzberuf ausgeübt hatte. Thomas von Aquin. „organisieren" (womit die widerrechtliche Aneignung von Gegenständen gemeint war). „Hau ab!" zu sagen oder den Mithäftling ausschließlich mit „Mensch" anzusprechen. wenn ein sonst ganz ordentlicher und umgänglicher Kamerad niemals anders zu mir sagte als „mein lieber Mann". Überflüssig zu sagen. Die Frage. Damit aber komme ich zu den psychologischen und existentiellen Fundamentalproblemen des Lagerlebens und zum Intellektuellen im eingangs skizzierten engeren Sinn. ganz und gar überraschend für mich: „Noch mehr lesen. Da half wohl unter Umständen ein Kinnhaken. noch dem zackigen „Mützen ab!" . daß er uns die Schnürsenkel stehle. Ich erinnere mich nur allzu gut des körperlichen Widerwillens. an Herder zu denken. mit der sich unter Umständen eine drohende Gefahr abwenden ließ.. Es war ihnen nämlich in den meisten Fallen eine physische Unmöglichkeit." Oder: „Bemühte mich heute während des Luftalarms wieder. Sie waren darum im Lager selbst von Häftlingsvorgesetzten und Kameraden so wenig geachtet wie am Arbeitsplatz von Zivilarbeitern und Kapos.zu hindern. 8 . ja qualvoller Weise. die sich aufdrängt.

noch so verborgene soziale Struktur zu montieren. In Auschwitz aber war der geistige Mensch isoliert. ideologisch in Erscheinung trat und nur in seltenen Fällen. In Dachau gab es eine Lagerbibliothek.für die Häftlinge die Möglichkeit. ich hätte ganz bestimmt nichts über Maimonides gelesen selbst wenn mir. religiös. Manchmal erlebte man diese neuen Tatsachen in tieferen Schichten. In Dachau herrschte unter den Häftlingen das politische Element vor. In Dachau lag die innere Verwaltung zum größten Teil in den Händen politischer Häftlinge. Dabei dachte ich vielleicht nicht so sehr daran. In Auschwitz war der Geist nichts als er selber. als ich das Buch des Kameraden aus Dachau las. dem SS-Staat. und es bestand keine Chance. teils aber müssen sie aus Seinsbereichen geholt werden. die sich hierfür geben lassen. was freilich in Auschwitz kaum denkbar war. wie gesagt. sofern man es in sozialen Begriffen definiert. als an die entscheidende Tatsache. sind teils trivial.sowie auch in Buchenwald . zu etwas ganz und gar Irrealem und andererseits. mich einigermaßen zu diskulpieren. in Auschwitz gaben deutsche Berufsverbrecher den Ton an. in einer reineren Form. bis es mir schließlich gelang. Mensch!".Nein. in die man beim Schlaf Strohgespräch gelangen kann: dann verlor der Geist urplötzlich seine Grundqualität. drei. unter Umständen klassische Literatur als Ersatz für ein Lebensmittelpaket zu nehmen. zugleich auch philosophisch und ästhetisch. ließ er es bleiben. der SSStruktur eine geistige Struktur entgegenzustellen: damit aber hatte dort der Geist eine soziale Funktion. psychologisch. ihn an eine auch noch so unzulängliche. Ich schämte mich. „Die Mauern stehen sprachlos und kalt. über Herder nachzudenken. der umständlich vom Küchenzettel seiner Frau erzählte. So erschien denn dort das Problem der Begegnung von Geist und Greuel in einer radikaleren und. als wir uns nach der Arbeit im schlechten Gleichschritt unter dem entnervenden „Links zwei. die Transzendenz. der nichts war als barer Bewußtseinsinhalt und sich nicht aufrichten und erhärten konnte an einer gesellschaftlichen Wirklichkeit. sehr. während ich selbst zur anonymen Masse der Häftlinge gehörte. ein einschlägiges Buch in die Hände gefallen wäre. Es lassen sich nämlich in der Tat diese beiden Lager nicht so einfach auf einen gemeinsamen Nenner bringen. in Auschwitz aber bestand die weit überwiegende Mehrzahl der Häftlinge aus völlig unpolitischen Juden und politisch recht labilen Polen. Der Intellektuelle stand also allein mit seinem Geist. als jene es sind. In ein Gespräch mit dem Bettnachbarn etwa. So nahm langsamerhand in Auschwitz alles Geistige eine zwiefach neue Gestalt an: Es wurde einerseits. Wenn er aber hierauf zum dreißigsten Mal die Antwort erhielt: „Scheiße. daß er selbst daheim viel gelesen habe. im Winde klirren die Fahnen". wollte er gerne die Feststellung einschmuggeln. wenn diese Formulierung hier erlaubt ist. Auch hätte ich sicher während des Luftalarms keinen Versuch gemacht. auch wenn diese wesentlich politisch. daß der Holländer sich in Dachau befunden hatte. daß Nico Rost in vergleichsweise bevorzugter Position als Pfleger in einer Krankenbaracke arbeitete. zu einer Art von unerlaubtem Luxus. Auschwitz war erst 1940 geschaffen worden und unterlag bis zum Schluß Improvisationen von Tag zu Tag. war ganz auf sich selbst gestellt. Ich erinnere mich eines Winterabends. 9 . die nur schwer mitteilbar sind. eine Tradition. zumindest im Anfang noch. Grundsätzlich bestand in Dachau . vier" der Kapos vom IG-Farben-Gelände ins Lager zurückschleppten und mir an einem halbfertigen Bau eine aus Gott weiß welchem Grunde davor wehende Fahne auffiel. wenn man so will. Der Intellektuelle suchte. in Auschwitz war für den gewöhnlichen Häftling ein Buch etwas kaum noch Vorstellbares. wie etwa bei Nico Rost. ständig nach der Möglichkeit sozialer Kundgebung des Geistes. Die Beispiele. hätte ich mehr verzweifelt als höhnisch zurückgewiesen. Und die Zumutung. Dachau war eines der ersten nationalsozialistischen Konzentrationslager und hatte darum. nicht in Auschwitz.

und dem großen Tilman Riemenschneider. Doch selbst wo es gelang. Aber den dirigierte in Berlin Furtwängler. Von den Merseburger Zaubersprüchen bis Gottfried Benn.selbst dort mußte unweigerlich am Ende der Geist vor der Wirklichkeit versagen. Das Gedicht transzendierte die Wirklichkeit nicht mehr. und es ist schwer. In den gleichen Tagen hat. Sagt da irgend jemand „Abgestumpftheit"? Aber nein. von Buxtehude bis Richard Strauss war das geistige und ästhetische Gut in den unbestrittenen und unbestreitbaren Besitz des Feindes übergegangen. sondern dem Feind.murmelte ich assoziativ-mechanisch vor mich hin. und Furtwängler war eine geachtete offizielle Persönlichkeit des Dritten Reiches. sie erst einmal auseinanderzuhalten und dann zur Synthese zu bringen. denn jeder Lagerhäftling stand ja schließlich unter dem Gesetz seiner mehr oder minder großen körperlichen 10 . sich die naive und diskutable Illusion aufzubauen. lauschte dem Wortklang. Er konnte die deutsche Kultur nicht als seinen Besitz reklamieren. In Auschwitz aber mußte der isolierte Einzelne noch dem letzten SS-Mann die gesamte deutsche Kultur samt Dürer und Reger. das hier keinen sozialen Bezug mehr hatte Eine besondere Problematik stellte sich im Zusammenhang mit der sozialen Funktion oder Nichtfunktion des Geistes dem jüdischen Intellektuellen deutschen Bildungshintergrundes.und wo im ganzen Lager? Gelang es aber doch. weil sein Anspruch keinerlei soziale Rechtfertigung fand. drüben in den USA Thomas Mann einmal gesagt: „Wo ich bin. ihn einmal aufzustöbern. Wir trotteten mit unsren Blechnäpfen unterm Arm durch die Lagerstraßen. Der Philosoph von der Sorbonne gab einsilbige mechanische Antworten und verstummte schließlich ganz. wiewohl ich eigentlich nicht weiß. daß man den guten Kameraden nicht hatte. auch dann. In der Emigration konnte eine winzige Minderheit sich als deutsche Kultur konstituieren. dann war er durch seine eigene Isoliertheit so geistentfremdet. vom miserablen Thorak. und vergebens versuchte ich. und der Kapo brüllt „links". daß das seit Jahren mit diesem Hölderlingedicht für mich verbundene emotionelle und geistige Modell erscheinen werde. und die waren manchmal gar nicht so dumm. Was immer er anzurufen suchte. Beethoven. versuchte dem Rhythmus nachzuspüren und erwartete. und er verweigerte sich einem intellektuellen Sprachspiel. dem ich die Strophe hätte zitieren können. und die Suppe war dünn. Nietzsche gehörte nicht nur dem Hitler. Dann wiederholte ich die Strophe etwas lauter. der dem Hitler gehören mochte. er sei Germanist. Vielleicht hätte sich das im psychischen Humus verkapselte Hölderlingefühl eingestellt. Die Gründe hierfür sind vielfältig. Ich hatte von seiner Anwesenheit erfahren und hatte ihn nicht ohne Mühe und Gefahren in seinem Block aufgesucht. Das Schlimmste war. Er glaubte ganz einfach nicht mehr an die Wirklichkeit der geistigen Welt. Mir fällt da die Begegnung mit einem namhaften Philosophen aus Paris ein. ein intellektuelles Gespräch in Gang zu bringen. vom „guten" und „bösen" Deutschland. der einmal nach seinem Beruf gefragt worden war. ob das statthaft ist." Der deutsch-jüdische Auschwitzhäftling hätte eine solch kühne Behauptung nicht aufstellen können. Absehen will ich von den bar physischen. und im Winde klirren die Fahnen. Nichts. der sich im Lager befand. selbst wenn er zufällig ein Thomas Mann gewesen wäre. der verstand ihn. daß er nicht mehr reagierte. Gryphius und Trakl überlassen. wie es geboten wäre. sondern auch dem nazifreundlichen Lyriker Ernst Bertram. Ein Kamerad. ist die deutsche Kultur. wenn ihr nicht gerade Thomas Mann zugehörte. gehörte nicht ihm. dem man seine Solidarität aufdrängte . wäre da ein annähernd gleichartig gestimmter Kamerad gewesen. worüber noch hinwegzukommen gewesen wäre. Da stand es und war nur noch sachliche Aussage: so und so. Der Mann war nicht abgestumpft. und das hatte den mörderischen Wutausbruch eines SS-Mannes hervorgerufen. hatte unsinnigerweise der Wahrheit gemäß gesagt. so wenig wie ich selber. Über Novalis standen Aufsätze im „Völkischen Beobachter". glaube ich. in der Kommandoreihe nicht .

der Wert des Geistes erhärtet sich nur schlecht an ihnen. hatte keinen Bewußtseinsraum mehr. in dem Gut oder Böse. Es war ein echter. wobei ich in den Zustand einer außerordentlichen geistigen Euphorie geriet. sondern im eigentlichen Wortsinn entmenscht ist. Da gab es nun freilich Ausnahmen. Wesentlicher ist das analytische Denken: von ihm dürften wir erwarten.Widerstandskraft. am häufigsten versickerten sie in einem Gefühl vollkommener Indifferenz. aber keine tödlichen. sondern führte geradenwegs in eine tragische Dialektik der Selbstzerstörung. was in ihrem Gefolge daherkommen möge. sei es beim Genuß einer ungewohnt gewordenen Zigarette. der Lage eines Häftlings. Ein wildes Geistverlangen ergriff Besitz von mir. das begleitet war von durchdringendem Selbstmitleid und das mir Tränen in die Augen trieb. Ich denke daran. Er stand aber allemal auf schwachen Füßen. 11 . Der sogenannte „Muselmann". beziehungsweise dem wirkungslosen Verpuffen ästhetischer Vorstellungsreihen und Reminiszenzen habe ich bereits andeutend gesprochen. der geprügelt. Was ich damit meine. Ein langes Training. der hungerte. wie mir durchaus scheinen wollte. ist leicht verdeutlicht. Dabei war ich mir aber in einer klar gebliebenen Bewußtseinsschicht des Pseudocharakters dieser nur Minuten währenden geistigen Erhebung voll bewußt. Nachträgliche Gespräche mit Kameraden erlauben mir den Schluß. die Erscheinungen der Alltagswirklichkeit in Frage zu stellen. dem unter solchen Umständen eine kurzfristige geistige Aufrichtung gelang. Sie waren in den meisten Fällen keine Tröstung. was er bisher als möglich und dem Menschen zumutbar angesehen hatte. Geistig oder Ungeistig sich gegenüberstehen konnten. denn diese stand in allzu schroffem Gegensatz zu allem. Edel oder Gemein. der also objektiv noch jenes Substrat besaß. aber nicht verhungerte. Derlei Rauschgefühle stellten sich häufig auch bei Schicksalsgenossen ein. aus unseren Erwägungen ausgeschlossen werden. wie mir einmal ein Pfleger des Krankenbaues einen Teller mit gesüßtem Gries schenkte. Bruchstücken gehörter Musik. der Wunden hatte. daß ich keineswegs der einzige war. Ich kann nur ausgehen von meiner eigenen Lage. Doch erfüllt ja die ästhetische Vorstellung und alles. wo das Subjekt. und zwar in gewissen Rauschzuständen. ein Bündel physischer Funktionen in den letzten Zuckungen.und Erschöpfungstod stehend. daß es angesichts des Grauens zugleich Stütze und Wegweiser sei. aber nicht ganz zusammengeschlagen wurde. Vom Versagen. auf dem der Geist prinzipiell stehen und bestehen kann. philosophischen Gedanken. Er hatte in der Freiheit stets nur mit Leuten Umgang gehabt. daß die ganze Frage der Wirkung des Geistes dort nicht mehr gestellt werden kann. verbot ihm das schlichte Eingehen auf die Lagerrealität. unmittelbar vor dem Hunger. Das rational-analytische Denken war im Lager und speziell in Auschwitz nicht nur keine Hilfe. gelegentlich erschienen sie als Schmerz oder Hohn. nur einen begrenzten und gar nicht den wichtigsten Raum im Haushalt des geistigen Menschen. den ich gierig verschlang. eigenen. das ist die ganze traurige Wahrheit. nicht nur entgeistet. und er bestand schlecht. Auch hier aber komme und kam ich zu enttäuschenden Bilanzen. Zunächst einmal nahm der geistige Mensch die unvorstellbaren Zustände nicht so einfach als gegeben zur Kenntnis wie der ungeistige. wie die Lagersprache den sich aufgebenden und von den Kameraden aufgegebenen Häftling nannte. sei es beim Essen. so schwer es uns fallen möge. Er war ein wankender Leichnam. Er muß. Und plötzlich war mein Bewußtsein randvoll und chaotisch angefüllt mit Bücherinhalten. Klar ist jedenfalls. Mit tiefer Ergriffenheit dachte ich zunächst an das Phänomen der menschlichen Güte. Wie alle Räusche ließen sie ein ödes. katzenjammerhaftes Gefühl der Leere und Scham zurück. Daran kettete sich die Vorstellung des wackeren Joachim Ziemßen aus dem „Zauberberg" Thomas Manns. Sie waren zutiefst unecht. durch physische Einwirkung hervorgerufener Trunkenheitszustand.

ging nun im Denken ein paar verhängnisvolle Schritte weiter. und durchaus wollte er nicht begreifen. aber innerhalb dieser Erkenntnis hatte er den Kampf des Armen gegen den Reichen geführt und ihn gar nicht als Widerspruch empfunden. was unvermeidlich war. und in günstigen Fällen triumphierte er über sie. „Laß gestäuft von ihren Leichen. demselben Gleichmut. daß sehr wohl sein könne. aber man wurde systematisch geschwächt. die in sich ebenso folgerichtig operierte wie draußen die Logik der Lebenserhaltung. nicht vielleicht recht gegen ihn. was nun wahrhaftig gar nicht kompliziert war. Es war nicht viel vorzubringen gegen die Greuel. sondern nur ein folgerichtiges System der Selbsterhaltung. Jahrhundert. schäumend um die Pfalz ihn weichen" : so hatte Kleist den Rhein angedichtet. Für ihn galt im Anfang die rebellische Narrenweisheit. gegenüber die SS eine Logik der Vernichtung gebrauchte. das Vorsichhinmurmeln von Beschwörungsformeln. Und was weiter? Es war die griechische Zivilisation aufgebaut auf Sklaverei. Der geistig nicht weiter geübte Lagerhäftling nahm diese Umstände meist mit einem gewissen Gleichmut zur Kenntnis. Ein Deutschland war da. Man mußte kräftig sein. 12 . dann gab es praktisch kaum die Möglichkeit. Die Via Appia war gesäumt gewesen von gekreuzigten Sklaven. der sich draußen bewährt hatte bei Feststellungen wie „Es muß Arme und Reiche geben" oder „Kriege werden immer sein". wie „aber das ist doch nicht möglich". Es durfte am Zebragewand bei Strafe kein Knopf fehlen. das Juden und politische Gegner in den Tod trieb. auf Grund des unbestreitbaren Faktums. wer weiß. Scherzeug zu besitzen. Man mußte stets sauber rasiert sein. zwei. der die SS-Logik als stündlich sich erweisende Wirklichkeit erfuhr. Allerdings nur im Anfang. und der Verschärfung begegnete man mit einer brauchbaren Mischung von Resignation und Abwehrbereitschaft. wenn man aber bei der Arbeit einen verlor. aber strengstens war verboten. Menschenopfer unerhört waren gefallen. Ja. dem Häftling. daß sie die Stärkeren waren? Die grundsätzliche geistige Toleranz und der methodische Zweifel des Intellektuellen wurden so zu Faktoren der Autodestruktion. soweit das Licht der Geschichte in die Tiefe reicht. Der Intellektuelle aber. vier" war ein Ritual wie ein anderes auch. Ein General von Kleist kommandierte irgendwo an der russischen Front und stäufte vielleicht die Leichen von Juden und Politkommissaren. Hier war man nicht Crassus. das war alles. Ja. So war die Geschichte. ihn zu ersetzen. „Links. Es war einem beim Eintritt ins Lager alles genommen worden. Für ihn war die Lagerlogik nur die graduelle Verschärfung der Wirtschaftslogik.die der human-vernünftigen Argumentation zugänglich waren. die SS konnte es treiben. Unweigerlich stellte sich nach einer gewissen Zeit etwas ein. Für diesen hatte es niemals eine generelle humane Logik gegeben. nämlich: daß ihm. sondern Spartacus. er hätte seine Kadaverphantasie verwirklicht. Er nahm sie zur Kenntnis. Und wiederum hatte es der intellektuelle Häftling schwerer als der ungeistige. er hatte draußen gesagt: „Es muß Arme und Reiche geben". währte nicht lange. die Revolte nach innen. und drüben in Birkenau verbreitete sich der Gestank verbrannter Menschenleiber. wie sie es tat: Es gibt kein Naturrecht und die moralischen Kategorien entstehen und vergehen wie die Moden. das mehr war als nur Resignation und das wir als Akzeptierung nicht nur der SS-Logik. Hatten jene. die ihn zu vernichten sich anschickten. Der Intellektuelle aber revoltierte dagegen in der Ohnmacht des Gedankens. und ein athenisches Heer hatte auf Melos gehaust wie die SS in der Ukraine. sondern auch des SS-Wertsystems bezeichnen dürfen. und zum Barbier kam man nur einmal in vierzehn Tagen. was doch gewiß nicht sein darf. da es sich nur auf diese Weise glaubte verwirklichen zu können. der nach dem Zusammenbrechen des ersten inneren Widerstandes erkannt hatte. und der ewige Menschheitsfortschritt war ohnedies nur eine Naivität aus dem 19. wäre ihm die Macht zugefallen. weil man nichts besaß. daß nicht sein könne. aber dann wurde man von den Plünderern verhöhnt. stellte sich auf sie ein. und. drei. was nicht sein darf. Der Refus der SS-Logik.

im übrigen aber bekämpfte er sie viel spontaner und wirkungsvoller als sein nachdenklicher Kamerad mit systematischer Drückebergerei und wohlgelungenen Diebstählen. er mochte es geistig draußen gehalten haben wie auch immer. zur Hinrichtung abgeholt zu werden. Analysen weniger entgegenzusetzen als der ungeistige: Dieser nahm zwar vor ihnen straffere Haltung ein und gefiel ihnen darum auch besser. als Agnostiker wieder verlassen. von dem aus sie geistig den SS-Staat aus den Angeln hoben.und doch im selben intellektuellen Arbeitsgang vor ihr zu kapitulieren. April 1945. auch nicht. das spielte keine Rolle. Es mochten draußen riesige Armeen den Vernichter bekämpfen. Ich war auch niemals verbindlicher und verbundener Anhänger einer bestimmten politischen Ideologie. wo der feindlichen Macht nichts Sichtbares gegenüberstand. eine Wirklichkeit. Sie diskutierten marxistisch über die Zukunft Europas. Mehr als den ungeistigen Kameraden lähmte den Intellektuellen im Lager auch sein historisch und soziologisch erklärbarer tieferer Respekt vor der Macht. und sie fasteten als orthodoxe Juden am Versöhnungstag. Sie mochten militante Marxisten sein. künstlerischen Hausgötter anriefen. sektiererische Bibelforscher. wenn ein Henkersknecht daherkam. von den Engländern in Bergen-Belsen befreit. sagte er und blickte bekümmert auf einen eben vorübergehenden gefürchteten 13 . in dem die Idee sich verwirklichte. dessen Position wesentlich anders war als die des humanistisch-intellektuellen. philosophischen. als ich gefesselt in der Einzelzelle lag. Sie waren in unserem hier angenommenen Sinne „geistig". hatte den Vernichtern mit all seinen Kenntnissen. während wir skeptisch-humanistischen Intellektuellen vergebens unsere literarischen.und so ist sie. Jedermann. Zu keiner Stunde konnte ich in mir die Möglichkeit des Glaubens entdecken. Der geistige Mensch. Er war und ist es gewohnt. wiewohl sie ohnehin das ganze Jahr im Zustand wütenden Hungers lebten. An dieser Stelle ist nun freilich einzuhalten und in Parenthese zu sprechen vom religiösen sowie vom politisch-ideologisch fixierten Häftling. sie geistig anzuzweifeln. wissend. Man war unter ihr Rad geraten und riß die Mütze ab. Sie lasen unter unausdenkbar schwierigen Umständen die Messe. So oder so war ihnen ihr politischer oder religiöser Glaube in den entscheidenden Momenten eine unschätzbare Hilfe. Ungeheuerlich und unüberwindlich türmte sich die Machtgestalt des SS-Staates vor dem Häftling auf. daß auf meinem Akt der Vermerk „Zersetzung der Wehrkraft" stand und ich darum ständig gewärtig war. am 15. nach Erschlaffen des ersten Widerstandes. Ein paar persönliche Bekenntnisworte zuvor: Ich habe als Agnostiker die Gefängnisse und Konzentrationslager betreten und habe das Inferno. sie seiner kritischen Analyse zu unterwerfen . beziehungsweise unpolitischen intellektuellen Kameraden. die nicht umgangen werden konnte und die darum am Ende als vernünftig erschien. oder sie sagten nur beharrlich: Die Sowjetunion wird und muß siegen. oder sie waren es nicht. daß ich sowohl für die religiösen als auch für die politisch engagierten Kameraden große Bewunderung empfand und empfinde. „Voluntas hominis it ad malum". Gleichwohl muß ich gestehen. praktizierende Katholiken. sie mochten hochgebildete Nationalökonomen und Theologen sein oder wenig belesene Arbeiter und Bauern: ihr Glaube oder ihre Ideologie gab ihnen jenen festen Punkt in der Welt. der keiner von mir beherrschten lebenden Sprache mächtig war und mir darum lateinisch von seinem Glauben sprach. Die Kapitulation wurde dort vollends unvermeidbar. aber im Lager hörte man davon nur von fernher und wollte nicht mehr recht daran glauben. tatsächlich hat der geistige Mensch sich immer und überall in völliger Abhängigkeit von der Macht befunden. Noch sehe ich den jungen polnischen Priester vor mir. Sie überstanden besser oder starben würdiger als ihre vielfach unendlich gebildeteren und im exakten Denken geübteren nichtgläubigen. wurde in diesem Sinne hier zum Hegelianer: Der SS-Staat erschien im metallischen Glanz seiner Totalität als ein Staat.

Er ist zugleich wirklichkeitsfremder und wirklichkeitsnäher als der Glaubenslose. wo von jeher die Wirklichkeit in ein unverrückbares geistiges Schema gespannt gewesen war. draußen schon großzügig verfahren waren. „Aber Gottes Güte ist unermeßlich und darum wird sie triumphieren. die für mich keine war. Wirklichkeitsfremder. aber ich hätte mir gewünscht. daß unser Gott uns rächen wird. sagten die Marxisten. Prügel oder Gastod waren das erneuerte Leiden des Herrn oder das selbstverständliche politische Martyrium: So hatten die Urchristen gelitten und so die geschundenen Bauern im deutschen Bauernkrieg. ja auch nur für möglich gehalten hätte. jeder Marxist ein Thomas Münzer. Jeder Christ war ein Sankt Sebastian. sei sein Glaube ein metaphysischer oder ein immanenzgebundener. Dem glaubensfreien Menschen ist die Wirklichkeit im schlimmen Falle eine Gewalt. stark. sagten die frommen Christen und Juden. sagte kerniger: „Da sitzt ihr nun. und auch in Auschwitz nicht. Der präsenten Realität." Ein deutscher. den er formt. sondern gehört einem geistigen Kontinuum an. die ersten milde. „Eines mußt du doch einsehen". sondern notwendige Folge der Gottesleugnung oder der kapitalistischen Fäulnis. Uns. braucht kaum gesagt zu werden. sei es im Zorn. daß im Lager das Unvorstellbare Ereignis wurde. Ich wollte gar nichts wissen von einer Glaubensgnade. mit der sie beide. Christen und Marxisten. Christen und Marxisten. Religiös und politisch gläubige Kameraden gingen über uns andere hinweg. Der Zugriff der Greuel-Wirklichkeit war dort schwächer. die er löst. daß ich für mich den politischen oder religiösen Glauben gewünscht. weil er sich aus eben diesem Grunde von den ihn umgebenden Tatbeständen nicht überwältigen läßt und darum seinerseits kraftvoll auf sie einwirken kann. schon 1933 ins Lager geworfener linksradikaler Kamerad. sondern das Morgen und das Irgendwo: das chiliastisch überstrahlte. dem gläubigen und dem ungläubigen. Er ist nicht der Gefangene seiner Individualität." 14 . erscheint mir immer noch als Gewißheit: Der im weitesten Sinne gläubige Mensch. was sie. sei es in Duldung und Hilfsbereitschaft. immer schon erwartet oder zumindest für möglich gehalten hatten. so wissen wir doch. Wir zittern nicht. überschreitet sich selbst. Aufgabe. sehr ferne Morgen des Christen oder das utopischirdische des Marxisten. standen sie auch hier mit zugleich imponierender und konsternierender Distanz gegenüber. die skeptisch-humanistischen Intellektuellen. der sich von Gott abgewendet hatte. Nicht etwa. ob die Verachtung nicht zu Recht bestehe. da er doch in seiner finalistischen Grundhaltung die gegebenen Realitätsinhalte links liegen läßt und seine Augen auf eine nähere oder fernere Zukunft fixiert. Sowieso war ihr Reich nicht das Hier und Heute. unerschütterlich. sagte mir einmal ein gläubiger Jude. ihr bürgerlichen Klugscheißer. daß nach uns die Genossen die ganze Bande an die Wand stellen werden. mußte dahin kommen. deren Irrtümer und Fehlschlüsse ich durchschaut zu haben meinte. in denen ich mich fragte. zu sein wie sie. Dem Gläubigen ist sie Ton. im günstigen ist sie ihm Material für die Analyse. Daß es im Lager zwischen beiden Charakteren. Der Mensch. der er sich überläßt. verachteten beide. daß er die Auschwitz-Greuel verübte und erlitt. und wenn wir hier auch elend verrecken. „daß eure Intelligenz und eure Bildung hier wertlos sind. und zittert vor der SS. den gläubigen Kameraden. Hier geschah nichts Unerhörtes. das faschistische Stadium eingetretene Kapitalismus zum Menschenschlächter werden. unterbrochen wird. wirklichkeitsnäher aber.Schläger-Kapo. Was ich damals zu begreifen glaubte. Ich aber habe die Gewißheit. ebensowenig eine tiefere Verständigung geben konnte wie draußen. Es gab Stunden im Lager. ruhig. die zweiten ungeduldig und unwirsch. Der Hunger war nicht Hunger schlechthin. noch von einer Ideologie. die ideologisch geschulten oder gottgläubigen Männer." Die religiös und politisch gebundenen Kameraden waren nicht oder nur wenig erstaunt. Notwendig muß der in sein letztes. nur das. Ich wollte nicht gehören zu ihnen. das nirgends.

sondern im selben Raum mit dem Tode lebte. Für ein Nichts wurden Häftlinge am Appellplatz gehängt. Der Tod war allgegenwärtig. Wie etwa stand in Auschwitz der geistige Mensch zum Tode? Ein weites. Die Selektionen für die Gaskammern fanden in regelmäßigen Abständen statt. daß der Vergleich untauglich ist? So wie das Leben des Frontsoldaten. in denen ich achtlos über aufgehäufte Leichen stieg und wir alle zu schwach und gleichgültig waren.Beide überschritten sie sich selbst und projizierten sich in die Zukunft. Desgleichen betrachtete er es als eine empörende Beschränktheit. von dem man wußte. aber eine Illusion nun eben doch. wie immer dieser gelegentlich auch gelitten haben möge. und ihre Kameraden mußten. daß der Lagerhäftling nicht Tür an Tür. Er entwich uns immer wieder dort. soferne er sich nicht an religiösem oder politischem Glauben hinaufrankte. nichts oder so gut wie nichts. wenn die Marxisten unbeirrbar die SS als die Schutztruppe der Bourgeoisie und das Lager als normale Frucht des Kapitalismus bezeichneten. sondern standen offen. Muß ich erst noch sagen. wie gesagt. Man konnte die gläubigen Kameraden achten und dennoch mehr als einmal kopfschüttelnd vor sich hinmurmeln: Wahn. zu flotter Marschmusik an den vom Galgen baumelnden Körpern vorbeidefilieren. wie oben beschrieben. wo es um die Dinge ging. Der entscheidende Unterschied lag darin. Der Soldat starb den Helden. daß Auschwitz nichts mit Kapitalismus oder irgendeiner beliebigen Wirtschaftsform zu tun hatte. Meist kehrte er sich ab und sagte sich: Eine bewundernswerte und rettende Illusion. am Arbeitsplatz. im Block. wo doch jeder Vollsinnige einsehen mußte. Aber all dies ist.oder Opfertod: der Häftling den des Schlachtviehs. die nicht die Welt von Auschwitz war. Und damit schließe ich die Parenthese. der Frontsoldat nicht nur Ziel. sondern auch Träger des Todes war. von denen ausführlich zu sprechen man mir wohlmeinend abgeraten hat. daß er einige Häftlinge buchstäblich zertreten hatte. Da und dort wird vielleicht jemand einwenden. dennoch war ihm vom Staate nicht das Sterben verordnet. weit offen auf eine Welt hin. Gelegentlich rebellierte er auch wütend gegen den Wissensanspruch der glaubenden Kameraden. Es wurde in Massen gestorben. was ich schon sagte: Es half der Geist. Bildlich gesprochen: Der Tod war nicht nur das Beil. im Krankenbau. die Gegenstandslosigkeit der Werte des Geistes vorhielten. Er ließ uns allein. Der Soldat wurde ins Feuer getrieben. die man einst die „letzten" genannt hat. gehört ins Gebiet der eingangs erwähnten Greuel. Es sind mir aber nur verschwindend wenige Fälle von Konversion bekannt. sondern das Überstehen. das hier nur flüchtig und im Geschwindschritt ausgemessen werden kann! Ich darf wohl als bekannt voraussetzen. Des Häftlings letzte Pflicht aber war der Tod. sondern die wirklichkeitgewordene Ausgeburt kranker Hirne und pervertierter Emotionalorganismen war. wenn ihnen die anderen. Augen rechts!. bekannt bis zum Überdruß. daß. Die glaubenslosen Intellektuellen waren beeindruckt von dieser Haltung. welch ein Wahn! Kleinlaut aber wurden die Intellektuellen. eines mächtig gewachsenen deutschen Berufsverbrechers. Das Wort von der unerschöpflichen Gottesgüte erschien ihm dann als ein Skandal. angesichts der Gegenwart eines sogenannten Lagerältesten. im Bunker. Sie waren keine fensterlosen Monaden. daß auch der Frontsoldat ständig vom Tode umfangen war und daß darum der Tod im Lager nicht eigentlich einen spezifischen Charakter und eine unvergleichliche Problematik hatte. dem des Lagerhäftlings nicht angeglichen werden kann. das ist sicher. komme zurück zur Rolle des Geistes in Auschwitz und wiederhole deutlich. das 15 . das ist wahr. anders als der Häftling. um die Verstorbenen auch nur aus der Baracke hinaus ins Freie zu schleppen. Ich erinnere mich an Zeiten. Der skeptische geistige Mensch wurde nur in Ausnahmefällen durch das großartige Beispiel der Kameraden zum Christen oder zum marxistischen Engagé. und sein Leben war nicht viel wert. so sind auch Soldatentod und Häftlingstod inkommensurable Größen. unübersichtliches Feld. und kein Argument fanden sie.

und namentlich der Intellektuelle aus deutschem Bildungsboden. stieß er sich auch hier wieder an der Lagerrealität. wovon ich spreche. gewissermaßen zu einem frechen und den Kameraden gegenüber ungehörigen Anspruch wurde. und in ihm regte sich immer noch der Geist. während er für den Häftling die Gestalt einer mathematisch vorausbestimmten Lösung .der Endlösung! . Man spekulierte über die Schmerzhaftigkeit des Todes durch Phenolinjektionen. Versuchte er dennoch ein geistiges und metaphysisches Verhältnis zum Tode herzustellen. mochte es Hesses „Lieber Bruder Tod" sein oder der Tod Rilkes. Wie ging das in der Praxis zu? Um es knapp und trivial zu sagen: Auch der geistige Häftling befaßte sich. Man weiß. sich ihm zu nähern. Schopenhauer. Sie kam von weither auf ihn. sondern nur noch. nicht mit dem Tode. Im Lager gab es keine Tristanmusik zum Tode. das man nur eben mit der Formel „Abgang durch Tod" in der sogenannten Politischen Abteilung des Lagers registrierte. um es nur gleich zu sagen . Nach dem Zusammenbruch der ästhetischen Todesvorstellung stand dann der intellektuelle Häftling dem Tod ungewappnet gegenüber. ertappt und in den Bunker geworfen. die einen solchen Versuch zur Aussichtslosigkeit verurteilte. das heißt: durch Berühren der mit Starkstrom geladenen Stacheldrähte Selbstmord zu begehen. wie lange es wohl dauere. Was sich zunächst ereignete. bis das Gas in der Gaskammer seine Wirkung tut. daß nur wenige sich entschlossen. der Tod entzog sich. konnte er ihn zufügen. gib jedem seinen eigenen Tod. der ihn erwartete. beim Versuch. Man führte Gespräche darüber.auf ihn herabfiel. der einmal einem Häftling den Bauch aufgeschlitzt und mit Sand angefüllt hatte. trägt diese ästhetische Todesvorstellung in sich. Für den Tod in seiner literarischen." Die ästhetische Todesvorstellung wurde dem Intellektuellen als ein Teil ästhetischer Lebensführung deutlich: wo diese kaum noch erinnert werden konnte. Noch während er den Tod erlitt. daß seine ästhetische Einkleidung für den. war auch jene eine elegante Nichtigkeit. Kennzeichnen laßt sie sich annähernd durch die Namen Novalis. Sollte man sich einen Schlag über den Schädel wünschen oder den langsamen Erschöpfungstod im Krankenbau? Es war bezeichnend für die Situation des Häftlings dem Tode gegenüber. Wagner. Der Tod kam von außen als Schicksal auf ihn zu. Vor ihm lag der Tod. wie es geschehen würde. dieser stand jenem gegenüber und suchte . philosophischen. Es liegt auf der Hand.vergeblich. Der geistige Mensch. daß nämlich die Todesfurcht der Schreck vor dem Ersticken sei. gleich seinem ungeistigen Kameraden.annahm. So sprach man beispielsweise im Lager von einem SS-Mann. der gesungen hat: „O Herr. vielleicht aber wurde man noch vorher. „an den Draht zu laufen". Der Draht war ja eine gute und ziemlich sichere Sache. damit aber wurde das ganze Problem reduziert auf eine Anzahl konkreter Überlegungen. musikalischen Gestalt war kein Platz in Auschwitz. Unter diesen Bedingungen stieß nun der geistige Mensch mit dem Tode zusammen. was zu einem schwierigeren und peinvolleren Sterben führte. war allemal der totale Zusammenbruch der ästhetischen Todesvorstellung. und auch für das Lager gilt. drängte aber auch von innen als Wille aus ihm heraus: Er war ihm zugleich Bedrohung und Chance. nur das Gebrüll der SS und der Kapos. wie man sagte. Gleichwohl ist es in der Freiheit 16 . was Franz Borkenau einmal gesagt hat. im spätesten Falle aber aus der Zeit der deutschen Romantik. daß man sich angesichts solcher Möglichkeiten kaum noch damit befaßte. ob beziehungsweise daß man sterben müsse. Nun ist freilich allüberall die Todesangst wesentlich Sterbensangst. Thomas Mann. Es führte keine Brücke vom Tod in Auschwitz zum „Tod in Venedig". verlor schließlich auch individuell so sehr an spezifischem Gehalt. da er doch sozial ein Ereignis war. sondern mit dem Sterben. Der Tod des Menschen. Unleidlich wurde jede dichterische Todesreminiszenz. sondern auch das Schwert in seiner Hand.seine Würde zu statuieren. Das Sterben war allgegenwärtig.

der sich einfach seinen Spaß machte. die man einem Sprachübereinkommen gemäß die „metaphysischen" nennt. Sterbensängste sind. wir hatten keine Angst vor dem Tode. Todesgedanken zu hegen. als man mich einmal. sondern auch zu einem höhnischen und bösen Spiel. Anders formuliert: Nirgendwo sonst in der Welt hatte die Wirklichkeit soviel wirkende Kraft wie im Lager. „Jetzt hast Du wohl Angst?" sagte der Mann zu mir. gedanklich durch die Bemühung. daß ich mich niemals für besonders tapfer hielt und es wahrscheinlich auch nicht bin. nahm ich das mit vollkommenem Gleichmut auf. „Ja". den Beruf. daß dem Menschen das Seiende nur durch das Licht des Seins erscheine. Mit Worten hinauszulangen über die Realexistenz wurde vor unseren Augen nicht nur zu einem wertlosen und luxuriös-unerlaubten. Zu sagen. keinen. daß gar nichts anzufangen war mit Seiendem und Seinslicht. Dennoch. aber mehr aus Gefälligkeit.möglich. der gesagt hat.und dies gilt nun gleichermaßen für den geistigen wie den ungeistigen . nicht über diese sprachen. der zum Denken anreizt. als so aussichtslos und so wohlfeil. daß er aber über jenem dieses vergessen habe. seiend einen Anhauch des Nichts zu verspüren. sondern im Gegenteil die grausame Schärfe eines von der Lagerwirklichkeit zugeschliffenen und gehärteten Intellekts. wurden gegenstandslos. ich sollte jetzt erschossen werden. die nicht gleichzeitig auch Sterbensgedanken. müde sein. Man konnte hunrig sein. Immerhin findet das Bestreben seine Würde in sich selbst: Es kann der freie Mensch dem Tode gegenüber eine bestimmte geistige Haltung einnehmen. antwortete ich. nirgendwo anders war sie so sehr Wirklichkeit. Wie die Gedichtstrophe von den sprachlos stehenden Mauern und den im Winde klirrenden Fahnen verloren auch die philosophischen Aussagen ihre Transzendenz und wurden vor uns teils zu sachlichen Feststellungen. daß die Todeskontradiktion unauflöslich ist. kaum aber eigentliche Todesangst gekannt hat. Alle jene Probleme. Der Tod in der Freiheit kann geistig wenigstens prinzipiell losgekettet werden vom Sterben: sozial. sei hier die Versicherung abgegeben. Mühelos triumphierte die Lagerrealität über den Tod und über den ganzen Komplex der sogenannten letzten Fragen. so so. den man verläßt. mit denen man allenfalls vage philosophische Begriffe hätte besetzen und damit subjektiv-psychologisch sinnvoll machen können. An keiner anderen Stelle erwies sich der Versuch. Hieraus erklärt sich vielleicht.zwar quälende Furcht vor bestimmten Sterbensarten. Nein. der wehe tut. Das Sein. sie zu überschreiten. Dazu kam. aus der Zelle holte und der SS-Mann mir die freundliche Versicherung abgab. Und das Sein gar wurde definitiv zu einem anschauungslosen und darum leeren Begriff. krank sein. Aber es war im Lager überzeugender offenbar als draußen. weil es in ihm einen. wie Kameraden. Die Erscheinungswelt sorgte stündlich für den Nachweis. daß ihrer Unerträglichkeit nur mit den ihr immanenten Mitteln beizukommen war. wohl aber mit allen Anzeichen von Furcht und Hoffnung über die Konsistenz der zu verteilenden Suppe. die das Nachdenken darüber unmöglich machte. daß es an emotionellen Kräften fehlte. 17 . daß der Lagerhäftling . Daß ein solcher Versuch zu keinem Ergebnis führt. Wenn ich von mir persönlich sprechen darf. in deren Blocks Selektionen für die Gaskammern erwartet wurden. und um ihn nicht durch Enttäuschung seiner Erwartungen zu Brutalitäten herauszufordern. wenn auch noch so winzigen angstfreien Raum gibt. Deutlich erinnere ich mich. Für den Häftling aber hatte der Tod keinen Stachel: keinen. weil für ihn der Tod nicht ganz und gar aufgeht in der Mühsal des Sterbens. Es kann der freie Mensch an die Grenze der Denkmöglichkeit vorstoßen. daß man sei schlechthin. ergab keinen Sinn. Auch hier stand der Geist vor seinen Schranken. Aber wiederum war es nicht Abgestumpftheit. muß nicht erst gesagt werden. indem er sich besetzen läßt mit Überlegungen über die zurückbleibende Familie. Es fiel einem vielleicht dann und wann jener ungute Magus aus dem Alemannenland ein. nachdem ich schon ein paar Monate Straflager hinter mir hatte. teils zu ödem Geplapper: Wo sie etwas meinten.

erschienen sie trivial, und wo sie nicht trivial waren, dort meinten sie nichts mehr. Dies zu erkennen, bedurften wir keiner semantischen Analyse und keiner logischen Syntax: ein Blick auf die Wachtürme, das Schnuppern nach dem Fettbrandgeruch der Krematorien genügte. Der Geist in seiner Totalität erklärte sich im Lager als unzuständig. Als brauchbares Werkzeug zur Bewältigung der uns gestellten Aufgaben dankte er ab. Aber - und damit weise ich auf einen sehr wesentlichen Punkt hin - zu seiner Selbstaufhebung war er zu gebrauchen, und das war gar nicht wenig. Denn es war ja nicht so, daß der geistige Mensch, sofern er nicht schon physisch vollkommen zerstört war, nun ungeistig oder zum Denken unfähig geworden wäre. Im Gegenteil. Das Denken gönnte sich nur selten Rast. Aber es hob sich selbst auf, indem es bei fast jedem Schritt, den es tat, an seine unüberschreitbaren Grenzen stieß. Die Achsen seiner traditionellen Bezugsysteme zerbrachen dabei. Schönheit, das war eine Illusion. Erkenntnis, das erwies sich als Begriffsspiel. Der Tod verhüllte sich in all seine Unkenntlichkeit. Vielleicht würde mancher, wenn wir im gemeinsamen Gespräch beisammensäßen, mir die Frage stellen, was denn der geistige Mensch nun eigentlich aus dem Lager in diese unsere Welt, die wir anmaßend die „normale" nennen, herübergerettet, was er gelernt hat, welchen geistigen Besitz er sich aus der Lagerzeit bewahrt. Ich will versuchen zu antworten, soweit ich es nicht ohnehin durch das Erzählte schon vorwegnehmend getan habe. Zuerst mit ein paar Negationen. Wir sind in Auschwitz nicht weiser geworden, sofern man unter Weisheit ein positives Wissen von der Welt versteht: Nichts von dem, was wir dort erkannten, hätten wir nicht schon draußen erkennen können; nichts davon wurde uns zu einem praktischen Wegweiser. Wir sind auch im Lager nicht „tiefer" geworden, sofern die fatale Tiefe überhaupt eine definierbare geistige Dimension ist. Daß wir in Auschwitz auch nicht besser, nicht menschlicher, nicht menschenfreundlicher und sittlich reifer wurden, versteht sich, glaube ich, am Rande. Man schaut nicht dem entmenschten Menschen bei seiner Tat und Untat zu, ohne daß alle Vorstellungen von eingeborener Menschenwürde in Frage gestellt würden. Wir kamen entblößt aus dem Lager, ausgeplündert, entleert, desorientiert - und es hat lange gedauert, bis wir nur wieder die Alltagssprache der Freiheit erlernten. Wir sprechen sie übrigens noch heute mit Unbehagen und ohne rechtes Vertrauen in ihre Gültigkeit. Und dennoch war für uns - und wenn ich sage uns, dann meine ich die glaubensfreien und an keine politische Doktrin engagierten Intellektuellen - der Aufenthalt im Lager geistig nicht ganz und gar wertlos. Wir haben nämlich die für uns fürderhin unverrückbare Gewißheit mitgenommen, daß der Geist auf weitesten Strecken tatsächlich ein ludus ist und wir nichts sind, besser gesagt, vor dem Eintritt ins Lager nichts waren als homines ludentes. Damit ist manche Überheblichkeit von uns abgefallen, mancher metaphysische Dünkel, aber auch manch naive Geistesfreude und manch fiktiver Lebenssinn. In seinem jüngsten Buch, „Les Mots", hat Jean-Paul Sartre an einer Stelle geschrieben, er habe dreißig Jahre gebraucht, um sich des traditionellen philosophischen Idealismus zu entledigen. Bei uns, das kann ich versichern, ging es schneller. Ein paar Lagerwochen haben meist genügt, um diese Entzauberung des philosophischen Inventars zu bewirken, um die andere, vielleicht unendlich viel begabtere und scharfsinnigere Geister ein Leben lang ringen müssen. So wage ich denn zu sagen, daß wir Auschwitz zwar nicht weiser und nicht tiefer, wohl aber klüger verlassen haben. „Tiefsinn hat nie die Welt erhellt, Klarsinn schaut tiefer in die Welt", hat Arthur Schnitzler einmal gesagt. Um diese Klugheit sich einzuverleiben, hat man es nirgendwo leichter gehabt als im Lager und namentlich in Auschwitz. Wenn ich noch einmal zitieren darf, und diesmal wieder einen Österreicher, dann möchte ich ein Wort von Karl Kraus

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nennen, das er in den ersten Jahren des Dritten Reiches aussprach: „Das Wort entschlief, als jene Welt erwachte." Er hat das freilich als Verteidiger dieses metaphysischen „Wortes" gesagt, während wir Ex-Lagerhäftlinge ihm die Sentenz aus dem Munde nehmen und sie mit Skepsis gegen dieses „Wort" nachsprechen. Das Wort entschläft überall dort, wo eine Wirklichkeit totalen Anspruch stellt. Uns ist es längst entschlafen. Und nicht einmal das Gefühl blieb zurück, daß wir sein Hinscheiden bedauern müssen.

Die Tortur
Wer als Tourist Belgien besucht, den mag vielleicht ein Zufallsweg nach dem halbwegs zwischen Brüssel und Antwerpen gelegenen Fort Breendonk führen. Die Anlage ist eine Festung aus dem ersten Weltkrieg, und welches Schicksal ihr damals beschieden war, weiß ich nicht. Im zweiten Weltkrieg, während der kurzen achtzehn Tage des Widerstandes der belgischen Armee im Mai 1940, war Breendonk das letzte Hauptquartier des Königs Leopold. Dann, unter der deutschen Besatzung, wurde es eine Art von kleinem Konzentrationslager, ein „Auffanglager", wie es im Rotwelsch des Dritten Reiches hieß. Heute ist es belgisches Nationalmuseum. Die Festung Breendonk wirkt auf den ersten Blick sehr alt, fast historisch. Wie sie da liegt unter dem ewig regengrauen Himmel Flanderns, mit ihren grasüberwachsenen Kuppen und schwarzgrauen Mauern, mutet sie an wie eine melancholische Gravüre aus dem Siebzigerkrieg: Man denkt an Gravelotte und Sedan und glaubt, es müsse gleich in einem der mächtigen, geduckten Tore der geschlagenen Kaiser Napoleon II. mit dem Kepi in der Hand erscheinen. Man muß näher herantreten, damit das flüchtige Bild aus abgelebten Zeiten abgelöst werde von einem anderen, das uns geläufiger ist: Wachttürme erheben sich längs des Grabens um die Festung, Stacheldrahtzäune umspinnen sie. Der Kupferstich von 1870 wird jählings überlagert von den Greuelfotos aus jener Welt, die David Rousseau „l'Univers Concentrationnaire" genannt hat. Die Kuratoren des Nationalmuseums haben alles so gelassen, wie es 1940-1944 war. Vergilbte Maueranschläge: „Wer weitergeht, wird erschossen." Es hätte des pathetischen, vor der Festung errichteten Widerstandsdenkmals - ein in die Knie gezwungener Mann, der aber trotzig einen merkwürdig slawisch gezimmerten Kopf erhebt -, es hätte dieses Mahnmals nicht erst bedurft, dem Besucher klarzumachen, wo er sich befindet, was da in Erinnerung gebracht wird. Man tritt durchs Haupttor und befindet sich bald in einem Raum, der damals mysteriöserweise „Geschäftszimmer" hieß. Ein Bild Heinrich Himmlers an der Wand, eine Hakenkreuzfahne als Tuch über einen langen Tisch gelegt, ein paar kahle Stühle. Geschäftszimmer. Jeder ging an sein Geschäft, und ihres war der Mord. Dann die feuchten, kellerigen Korridore, schwach erhellt von den gleichen dünn und rötlich leuchtenden Glühbirnen, wie sie damals schon dort hingen. Gefängniszellen, von zolldicken Holztüren verschlossen. Schwere Gittertore sind immer wieder zu durchschreiten, bis man sich schließlich in einem fensterlosen Gewölbe befindet, in dem mancherlei befremdliches Eisenwerkzeug herumliegt. Von dort drang kein Schrei nach draußen. Dort geschah es mir: die Tortur. Wenn man von der Tortur spricht, muß man sich hüten, den Mund voll zu nehmen. Was mir in dem unsäglichen Gewölbe in Breendonk zugefügt wurde, war bei weitem nicht die schlimmste Form der Folter. Mir hat man keine glühenden Nadeln unter die Fingernägel getrieben, noch hat man auf meiner nackten Brust brennende Zigarren ausgedrückt. Nur das stieß mir dort zu, wovon ich später noch werde erzählen müssen; es war vergleichsweise gutartig, und es hat auch an meinem Körper keine auffälligen Narben zurückgelassen. Und doch wage ich, zweiundzwanzig Jahre nachdem es geschah, auf Grund

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einer Erfahrung, die das ganze Maß des Möglichen keineswegs auslotete, die Behauptung: Die Tortur ist das fürchterlichste Ereignis, das ein Mensch in sich bewahren kann. Es wird aber dergleichen in sehr vielen Menschen aufgehoben, und das Fürchterliche hat keinen Anspruch auf Einzigartigkeit. Man hat in den meisten Ländern des Westens die Folter zu Ende des achtzehnten Jahrhunderts als Institution und Methode abgeschafft. Und dennoch haben heute, zwei Jahrhunderte danach, noch Männer und Frauen von erlittener Tortur zu erzählen, niemand weiß, wieviele. Während ich diesen Beitrag ausarbeite, fällt mir ein Zeitungsblatt in die Hände mit Fotos, auf denen man sieht, wie Angehörige der südvietnamesischen Armee gefangene Vietcong-Rebellen foltern. Der englische Romancier Graham Greene schrieb dazu einen Brief an den Londoner „Daily Telegraph", in dem es heißt: „Das Neuartige an den von der englischen und der amerikanischen Presse veröffentlichten Fotografien ist, daß man sie offenbar mit Einverständnis der Folterknechte aufnahm und daß sie ohne Kommentare publiziert wurden. Das ist ja, als handle es sich um Tafeln aus einem zoologischen Werk über das Leben der Insekten! Heißt dies, daß die amerikanischen Behörden die Tortur als eine gesetzliche Form der Einvernahme von Kriegsgefangenen betrachten? Diese Fotos sind, wenn man will, ein Zeichen von Ehrlichkeit, denn sie zeigen, daß die Behörden ihre Augen nicht verschließen. Nur frage ich mich, ob einer solchen Art von unbewußter Aufrichtigkeit nicht am Ende die Hypokrisie der Vergangenheit vorzuziehen ist.. ." Graham Greenes Frage wird auch jeder von uns sich stellen. Das Eingeständnis der Tortur, das Wagnis - aber ist es denn noch ein solches? -, mit derartigen Fotos vor die Öffentlichkeit hinzutreten, ist erklärlich nur unter der Annahme, daß eine Revolte der Gewissen nicht mehr befürchtet wird. Man möchte meinen, daß diese Gewissen sich an die Praxis der Tortur gewöhnt haben. Die Folter wurde und wird in diesen Jahrzehnten ja auch keineswegs nur in Vietnam angewandt. Ich möchte nicht wissen, wie es zugeht in südafrikanischen, angolesischen, kongolesischen Gefängnissen. Aber ich weiß, und auch der Leser hat wahrscheinlich vernommen, wie es getrieben wurde zwischen 1956 und 1963 in den Kerkern der Algerie Francaise. Es gibt ein schreckhaft genaues und nüchternes Buch hierüber, „La question" von Henri Alleg, ein Werk, dessen Verbreitung verboten wurde, Bericht eines Augen- und Leibeszeugen, der nur karg, und ohne von sich Aufhebens zu machen, den Horror zu Protokoll gab. Es erschienen um 1960 noch zahlreiche andere Bücher und Pamphlete zum Thema: die gelehrte kriminologische Abhandlung des berühmten Anwalts Alec Mellor, der Protest des Publizisten Pierre-Henri Simon, die moralphilosophische Untersuchung eines Theologen namens Vialatoux. Die halbe französische Nation stand auf gegen die Tortur in Algerien; das ist, man kann es nicht oft und ausdrücklich genug sagen, die Ehrenleistung dieses Volkes. Linksintellektuelle protestierten. Katholische Gewerkschaftler und andere christliche Laien warnten und schritten unter Gefahr für Sicherheit und Leben gegen die Tortur ein. Kirchenfürsten erhoben ihre Stimmen, wenngleich für unser Empfinden viel zu sacht. Aber das war das große und freiheitsliebende, auch in diesen dunklen Tagen nicht durchaus freiheitsberaubte Frankreich. Von anderswo drangen die Schreie so wenig in die Welt wie einst mein eigenes, mir fremdes und unheimliches Geheul aus dem Gewölbe von Breendonk. In Ungarn amtiert ein Ministerpräsident, von dem es heißt, es wurden ihm unter dem Regime eines seiner Vorgänger von Folterknechten die Fingernägel ausgerissen. Und wo und wer sind alle die anderen, von denen man überhaupt nichts erfuhr und wahrscheinlich niemals etwas vernehmen wird? Völker, Regierungen, Polizeibehörden, Namen, die man kennt, aber die niemand nennt. Es wird aufgeheult unter der Tortur. Vielleicht zu dieser Stunde, in dieser Sekunde.

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Schon in den ersten Tagen des Dritten Reiches hatte ich gehört von den Kellern der SA-Kaserne in der Berliner General-Pape-Straße. von dem wir uns einbildeten. Als nach der Festnahme ein Gestapomann mir befahl. wie wir es befürchten. mich auf so abenteuerliche Weise meinem Geschick zu entziehen. Seit damals waren mir so viele Berichte von ehemaligen Gestapohäftlingen zur Kenntnis gelangt. es könne die deutschen Soldaten vom grausamen Wahnwitz Hitlers und seines Krieges überzeugen. seiner Methoden. sie stracks und hackenklappend ihren Vorgesetzten weitergaben. sondern seine Essenz. was da kommen werde. „Rien n'arrive ni comme on l'espère. daß ich meinte. eine kleine deutschsprachige Organisation innerhalb der belgischen Widerstandsbewegung.weiß Gott als alter. war ich zwar geschmeichelt. Was sich ereignen würde. was eigentlich der Inhalt meiner Erfahrungen war und was sich zutrug in der kellerig-feuchten Luft der Festung Breendonk. Weiß man aber denn auch wirklich? Nur so halb und halb. sondern weil ich jenseits aller persönlichen Erlebnisse überzeugt bin. der konnte sich keinerlei Illusionen machen. die unsere vervielfältigten Schriften vor ihren Kasernen fanden. Flugzettel-Affäre. bemühte sich um antinazistische Propaganda unter den Angehörigen der deutschen Besatzungsmacht. Aber nicht darum. wie mir heute klar ist . Man kann ein Leben daran wenden. Ich werde später versuchen. die ihrerseits dann mit der gleichen dienstlichen Fixigkeit die Sicherheitsbehörden verständigten. ni comme on le craint". denn er kenne den Trick . wäre dann gleichsam einzugliedern in die einschlägige Literatur. Nichts ereignet sich in der Tat so. Folter . das 21 . Prügel. es könne für mich nichts Neues mehr geben auf diesem Felde. sondern weil es Wirklichkeit ist und nicht Imagination. Heute weiß ich oder glaube zumindest. Ich wurde im Juli 1943 von der Gestapo verhaftet. Wir stellten ziemlich primitives Agitationsmaterial her. stand ebenso bündig wie propagandistisch ungeschickt: „Tod den SS-Banditen und Gestapohenkern!" Wer mit Schriftzeug solcher Art von den Männern in Ledermänteln mit vorgehaltenen Pistolen angehalten wurde.zu Unrecht. wie man so sagt. daß für dieses Dritte Reich die Tortur kein Akzidens war. Die Gruppe. Auf einem der Flugblätter. der ich angehörte. von der Tortur gerade nur im Zusammenhang mit dem Dritten Reich zu sprechen? Weil ich selbst sie unter den waagrecht ausgebreiteten Schwingen gerade dieses Raubvogels erlitt. das Büchlein „Oranienburg" von Gerhart Segers gelesen.Wie komme ich da eigentlich dazu. Ich wisse. Bald danach hatte ich das meines Wissens erste deutsche KZ-Dokument. natürlich.man reißt mit den gefesselten Händen das Fenster auf und erreicht im Sprung ein nahes Sims -. ich wisse. der Aufforderung gehorchend. Aber nicht nur darum. glaubte ich vorauszusehen. So kamen diese letztgenannten uns denn auch ziemlich schnell auf die Spur und hoben uns aus. daß wir unser dürftiges Wort an taube Ohren richteten: Ich habe manchen Grund zur Annahme. was mir bevorstand.am Ende aller Wahrscheinlichkeit nach der Tod: so stand es geschrieben und so würde es verlaufen. Da höre ich heftigen Widerspruch sich erheben. ich begebe mich mit dieser Behauptung auf gefährlichen Grund. abgebrühter Kenner des Systems. Zuvor aber ist wohl zu berichten. noch so. vom Fenster wegzutreten. höflich ab: Ich hätte weder die physischen Voraussetzungen noch überhaupt die Absicht. wie wir es erhoffen. daß die feldgrauen Soldaten. denn ich fühlte mich . Vernehmung. man könne sich auf mein Einverständnis damit verlassen. seiner Männer. Gefängnis. das Geschehnis „die Vorstellungskraft überstiege" (es ist keine quantitative Frage). Ich bereitete sie mir auch keinen Augenblick lang. daß er mir so viel Entschlußkraft und Gewandtheit zutraute. heißt es an einer Stelle bei Proust. Leser der „Neuen Weltbühne" und des „Neuen Tagebuchs" von einst. die ich im Augenblick meiner Festnahme bei mir trug. bewandert in der KZLiteratur der deutschen Emigration von 1933 an. und ich weiß. sie zu begründen. aber ich winkte. weil etwa.

ist „selbstverständlich" nur. sondern weil die sogenannte Wirklichkeit des Alltags selbst im unmittelbaren Erlebnis nichts ist als chiffrierte Abstraktion. wie man es vorstellend vorwegnahm: Gestapomänner in Ledermänteln. sobald wir hineingestoßen werden in eine Wirklichkeit. kannte den Menschenfeind nur vom Hörensagen und sah ihn nur durch den gläsernen Käfig. andere Quadern. die in ihrem Eichmann-Buch davon schrieb. Sehr gerne würde ich dem mir durchaus bekannten Breendonk entgehen und aussagen. Pocken. Daß jemand in einem Auto gefesselt weggeführt wird. vernünftig sagt: Nun ja. Es haben Schläge beim Verhör kriminologisch nur geringe Bedeutung. wie die Dutzendgesichter dann schließlich doch zu Gestapogesichtern werden und wie das Böse die Banalität überlagert und überhöht. geständnisunwillige Polizeihäftlinge. Sie lachten verächtlich. Weil meine Vorstellungskraft nicht ausreichte. Es gibt nämlich keine „Banalität des Bösen". Das muß nicht schon die Tortur sein. um die Realität eines solchen Vorgangs ganz zu umgreifen? Nein. Gestehst du nicht. und die Straßen sind fremd. die ihn vor mir vollzogen. dann geht's nach Breendonk. und was das heißt. Aber dann eröffnet sich fast verblüffend die Einsicht.oder Messerstichnarben. hypertrophierten Kinnpartien. hat andere Perspektiven. neuerlich jede abstrahierende Vorstellung zerstörende Erkenntnis eines späteren Stadiums macht uns deutlich.Eingebildete und das Wirkliche gegeneinanderzuhalten. in dem ich ihn vorausnahm. Dutzendgesichter. daß die Kerle nicht nur Ledermäntel und Pistolen haben. Sie sind eine stillschweigend praktizierte und akzeptierte. Das aber war den Männern ein allzu geläufiges Geschwätz. Und plötzlich fühlte ich . „Wenn du sprichst". Ich kaufe eine Zeitung und bin „ein Mann. wenn man davon in der Zeitung liest und sich dann. Vieles geschieht ja in der Tat ungefähr so. und der Druck der Fesseln wurde nicht vorgespürt. dann werden Prügel in mehr oder weniger starken Dosen von fast allen 22 . Wollen wir dem oben erwähnten Anwalt Alec Mellor und seinem Buch „La Torture" glauben. „dann kommst du ins Gefängnis der Feldpolizei. und das Tor des Gestapohauptquartiers. den man empfängt. Da genügt die Festnahme und allenfalls der erste Schlag. Das. eine normale Repressalie gegen widerspenstige. sondern auch Gesichter: keine „Gestapogesichter" mit verdrehten Nasen. was man von mir zu hören wünschte. Jedenfalls verhielt ich mich annähernd wie der Mann. Nur leider sei mir nichts oder fast nichts bekannt. und die genauen Adressen habe man uns niemals anvertraut. und redete. Schlupfwinkel? Aber in die wäre man ja nur nachts geführt worden. auf das einzugehen sich nicht lohnte. In Wahrheit stehen wir dem Ereignis und damit der Wirklichkeit nur in seltenen Momenten unseres Lebens Aug in Auge gegenüber. der eine Zeitung kauft": Der Akt unterscheidet sich nicht von dem Bild.den ersten Schlag. während man gerade Flugzettel verpackt. und nichts ist selbstverständlich. der eine Zeitung kauft. dort sollte nicht von Banalität gesprochen werden. und ich selbst differenziere mich kaum von den Millionen. damit hat es schon seine Richtigkeit." Ich wußte und wußte nicht. und was weiter? So kann es. Aber das Auto ist anders. Vielmehr: Gesichter wie irgendwer. den Lauf der Pistolen auf ihr Opfer gezielt. andere Ornamente. und wird dennoch niemals damit zu Rande kommen. weißt du. Wo ein Ereignis uns bis zum äußersten herausfordert. Alles versteht sich von selbst. mag aufgehen in vorwegnehmender Vorstellung und trivialer Aussage. sagten die Männer mit den Dutzendgesichtern zu mir. und Hannah Arendt. wie sie im Buche stehen könnten. man mochte vordem unzählige Male daran vorübergeschritten sein. was man so das „normale Leben" nennt. so wird es auch mir eines Tages ergehen. deren Licht uns blind macht und bis ins Mark versehrt. denn an diesem Punkt gibt es keine Abstraktion mehr und niemals eine der Realität sich auch nur annähernde* Einbildungskraft. wenn man als Häftling über seine Schwelle tritt. Komplizen? Von denen könnte ich nur die Decknamen nennen. wie vorgesehen. Und die ungeheure.

genauer gesagt. fühlt in dumpfem Staunen das Opfer und schließt in ebenso dumpfer Gewißheit: Man wird mit mir anstellen. wenn er vor einer Behörde eine andere als seine Muttersprache sprechen muß. dem dritten Grad eines Polizeiverhörs. wenn ihr dann und wann dergleichen Vorgänge in Polizeikommissariaten publizistisch enthüllt werden. wer von Polizeileuten geprügelt wird. Frankreich hat für die Polizeiprügel sogar ein nett verharmlosendes Argotwort gefunden: Man redet von der „passage á tabac" der Häftlinge. daß ich nicht genau weiß. er gehe ihrer verlustig. wovon man gewußt haben mag. täglich ein Bad zu nehmen. nur zu spüren bekommen. ja als Gewißheiten vorgespürt. so sind sie doch für den. eine Mutter. Ich weiß also nicht. was wir vielleicht vorläufig das Weltvertrauen nennen wollen. Man darf mich mit der Faust ins Gesicht schlagen.Polizeibehörden. daß er hilflos ist . Mit dem ersten Schlag aber bricht dieses Weltvertrauen zusammen. Weltvertrauen. mit Ausnahme Englands und Belgiens. Ein anderer meint. wie er meine Hautoberfläche als Grenze nicht tangiert. etwas einbüßt. Wichtiger aber . Die Öffentlichkeit zeigt sich zumeist nicht zimperlich. zwingt mir mit 23 . bei dem es angeblich oft zu Schlimmerem kommen soll als zu ein paar Faustschlägen. ob die Menschenwürde verliert. daß der andere auf Grund von geschriebenen oder ungeschriebenen Sozialkontrakten mich schont. fast nie weittragende Echowellen im Publikum. Doch bin ich sicher. ich habe noch niemals gehört. Folter und Tod in der Zelle. der auf ihn niedergeht. daß er meinen physischen und damit auch metaphysischen Bestand respektiert. Ich muß gestehen. angewandt. wenn er in Verhältnisse gerät. in einem noch weiteren Fall vielleicht an die Zugänglichkeit gleichgeschlechtlicher erotischer Partner. tief markierende Erlebnisse. hier gelangt er nicht herein. werden beim ersten Schlag als reale Möglichkeiten. ohne daß freilich solches Wissen Lebensfarbe besessen hätte. und keiner steht für mich ein. eine Ehefrau. daß ein prügelnder Polizeibeamter von seinen vorgesetzten Stellen nicht energisch gedeckt worden wäre. die ja in der Tat ganz inkommensurabel sind mit der eigentlichen Tortur. um nicht die großen Worte jetzt schon zu verausgaben und klar zu sagen: Ungeheuerlichkeiten.ist als Element des Weltvertrauens die Gewißheit. wenn ich Vertrauen haben soll. was man will. Noch nach dem zweiten Weltkrieg hat ein hoher französischer Kriminalbeamter in einem für seine Untergebenen bestimmten Buch mit großem Luxus an Einzelheiten dargelegt. Der eine glaubt. Die Grenzen meines Körpers sind die Grenzen meines Ichs. Dazu gehört vielerlei: der irrationale und logisch nicht zu rechtfertigende Glaube an unverbrüchliche Kausalität etwa oder die gleichfalls blinde Überzeugung von der Gültigkeit des Induktionsschlusses. sie zu verlieren. Hier ist die Menschenwürde an einen bestimmten physischen Komfort gebunden.und damit enthält er alles Spätere schon im Keime. Es ist nur wenig ausgesagt. unter denen es ihm unmöglich wird. gegen den ich physisch in der Welt bin und mit dem ich nur solange sein kann. auch denen der westlich-demokratischen Länder. In Amerika spricht man vom „third degree". dort an freie Meinungsäußerung. Die Hautoberfläche schließt mich ab gegen die fremde Welt: auf ihr darf ich. was das ist: die Menschenwürde. Äußerstenfalls gibt es einmal eine Interpellation irgendeines linksgerichteten Abgeordneten im Parlament. was ich spüren will. wie auf physischen Zwang „im Rahmen der Legalität" bei den Einvernahmen nicht verzichtet werden könne. wenn irgendein Ungeprügelter die ethischpathetische Feststellung trifft. Wer zu Hilfe eilen möchte. daß mit dem ersten Schlag der Inhaftierte seine Menschenwürde verliere. Der andere.und in unserem Zusammenhang allein relevant . der sie erleidet. Draußen weiß niemand davon. Der erste Schlag bringt dem Inhaftierten zu Bewußtsein. Bewirken also die simplen Schläge. daß er schon mit dem ersten Schlag. Aber dann verlaufen die Geschichten im Sand. ein Bruder oder Freund.

wenn keine Hilfe zu erwarten ist. Darum denkt der Geprügelte auch ungefähr dies: Nun ja. Es stellt sich sogar eine gewisse freudige Überraschung ein. hier Atem zu holen und von der Autofahrt Brüssel-Breendonk über fünfundzwanzig Kilometer flandrischen Landes zu erzählen. das Auge in der Schwellung versenkt und man selbst den Gegenmenschen. hier. denn die körperlichen Schmerzen sind ja durchaus nicht unerträglich. auch wenn an den Handgelenken die Fessel wehtat. es wird Ihnen helfen. der von der „gegenseitigen Hilfe in der Natur" sprach. Einzufügen ist hier allerdings. sagt die Mutter zu dem vor Schmerzen stöhnenden Kind. das vergleichbar wäre einem heftigen Zahnschmerz oder dem pulsierenden Brand einer eiternden "Wunde. Erwähnt sei nur das Zeremoniell des Einfahrens durch das erste Tor über die Zugbrücke: Da mußten sogar die Gestapomänner ihre Legitimationen den wachhabenden SS-Leuten vorweisen. das schließlich untergeht in einem allgemeinen Brausen. das führt euch zu gar nichts. Selbst auf dem Schlachtfeld finden die Rotkreuzambulanzen ihren Weg zum Verletzten. als verschiebe sich ruckweise das Zimmer samt allen darin sichtbaren Gegenständen. endigt ein Teil unseres Lebens und ist niemals wieder zu erwecken. Es ist wie eine Vergewaltigung. akustisch. und hätte der Verhaftete trotz allem noch an dem Ernst der Lage gezweifelt. Man kann es nicht. wehrlos an sich erleidet. Er ist an mir und vernichtet mich damit. zu dem der Mitmensch wurde. nicht in das von der Wehrmacht verwaltete Gefängnis von Brüssel. Verlockend wäre es. Der Sozialkontrakt hat dann einen anderen Text und andere Klauseln: Aug um Auge. sofern eine auch nur minimale Aussicht auf erfolgreiche Gegenwehr besteht. und der moderne Tierverhaltensforscher Lorenz recht überzeugend vorgetragen. Zahn um Zahn. sondern nach dem „Auffanglager Breendonk". wie man es mir angedroht hatte. Ich wiederholte nur. das nicht 24 . die man mit Freude sah. weil man ein dunkles Donnern zu hören glaubt. Ein Schmerzempfinden. Die Hilfserwartung ist ebenso ein psychisches Konstitutionselement wie der Kampf ums Dasein. als der ins Gesicht und auf den Kopf geschlagene Häftling den Eindruck hat. Freilich. Hilfsgewißheit gehört ja in der Tat zu den Fundamentalerfahrungen des Menschen und wohl auch des Tieres. stelle das Vertrauen in meinen Weiterbestand wieder her. und darum ging es alsbald. wo der andere den Zahn ausschlagt. ihr schlagt mir lang gut. daß ich nichts wisse. unter den Wachttürmen und beim Anblick der Maschinenpistolen. es kommt gleich eine heiße Flasche. Man kann auch danach sein Leben einrichten. Ich expandiere mich in der Not-Wehr meinerseits. Die auf uns niedergehenden Schläge haben subjektiv vor allem eine räumliche und eine akustische Qualität: räumlich insofern. das wäre doch auszuhalten. objektiviere meine eigene Körperlichkeit. Aber das würde uns seitab führen. gegen den es keine Wehr geben kann und den keine helfende Hand parieren wird. Nur einen Augenblick.dem Schlag seine eigene Körperlichkeit auf. Es führte sie zu nichts. von den windgebeugten Pappeln. Mit dem ersten Schlag der Polizeifaust aber. Der Schlag wirkt als seine eigene Anästhesie. eine Schale Tee. Es wird schließlich die körperliche Überwältigung durch den anderen dann vollends ein existentieller Vernichtungsvollzug. weil der existentielle Schreck des ersten Schlages schnell verfliegt und psychischer Raum frei bleibt für eine Anzahl von praktischen Überlegungen. daß die Realität der Polizeiprügel zunächst hinzunehmen ist. In nahezu allen Lebenslagen wird die körperliche Versehrung zusammen mit der Hilfserwartung empfunden: jene erfährt Ausgleich durch diese. versichert der Arzt. kommt ein Mechanismus in Bewegung. über das die SS herrschte. in dessen Verlauf ich die Grenzverletzung durch den anderen begradigen kann. und sie wurden die Faustschläge leid. stellt sich nicht ein. im Angesicht des Eintrittsrituals. Die Hilfserwartung. man wird dich nicht so leiden lassen! Ich verschreibe Ihnen ein Medikament. und wir müssen eiligst zur Sache kommen. ein Sexualakt ohne das Einverständnis des einen der beiden Partner. das haben der alte Krapotkin.

hier einzugehen auf die politische Haupt. Es ist unmöglich. das den rohen Holztisch bedeckte. zäh wie Leder. sondern irgend etwas Undeutliches. Ich höre namentlich das Beispiel des Kommunismus mir zurufen. Ein dünnes goldenes Armband erweckte spöttische Aufmerksamkeit.. immerhin eine Idee vom Menschen versinnbildliche. und ein flämischer SS-Mann. Vater Himmler blickte zufrieden herab auf das Fahnentuch.? O ja.und Staatsmystifikation der Nachkriegszeit. um „groß zu sein im Ertragen von Leiden anderer". keines Gesprächs. Aber sie war seine Apotheose. während der Hitlerfaschismus überhaupt keine Idee war. ich weiß. wie sie den Vorgängen in einem Geschäftszimmer zukommt. von dem ich schon sprach. Rußland wahrscheinlich zwischen 1919 und 1953. war offensichtlich ein florierendes. Gefoltert haben 1919 in Ungarn die Weißen und die Roten. davon wurde schon gehandelt. Ich höre nochmals entrüsteten Widerspruch sich erheben. sondern nur eine Schlechtigkeit^ Unleugbar ist ja schließlich. die auf den schwarzen Aufschlägen ihrer Uniformen die eingewirkten Buchstaben SD trugen. der „Totalitarismus". Algerien 1957. und auf seine Leute. Folterknechte waren am Werk in den halbfaschistischen osteuropäischen Staaten der Zwischenkriegszeit. Man hat uns bis zum Überdruß Hitler und Stalin. daß dieser Kommunismus sich* ent-stalinisieren konnte und daß heute im sowjetischen Einflußbereich. mußte er erkennen.. Vietnam seit 1964. Sibirien. Unter den kalten Kneiferaugen des Himmlerbildes gingen türenschlagend und stiefelpolternd Männer ein und aus. der sich wichtig machen wollte. höre sagen. Jugoslawien. Sie würdigten die Ankömmlinge. Folterwerkzeug mußte er handhaben können. was in einem vielbefeindeten Interview Thomas Mann einmal gesagt hat: "daß nämlich der Kommunismus. genauer gesagt: warum gerade in ihr sich das Dritte Reich in seiner ganzen Bestandsdichte verwirklichte. daß er angelangt war am Ende der Welt. das man hier führte. Eine Brieftasche. daß nicht Hitler die Folter gewesen sei. Der Augenblick ist gekommen. Klopstock und Wieland. soweit 25 . nahmen nur mit großer Fixigkeit die Daten meiner falschen Identitätskarte auf und entledigten mich flott meines nicht weiter beachtlichen Besitzes.ohne eine gewisse finstere Feierlichkeit war. ein gegebenes Versprechen einzulösen: Ich muß begründen. Ich weiß. dies sei das Kennzeichen der Partisanen. schriftlich festgehalten. Der Hitlergefolgsmann gelangte noch nicht zu seiner vollen Identität. Manschettenknöpfe. Das Geschäft. kein Blutorden und kein Ritterkreuz. hart wie Kruppstahl. warum meiner festen Überzeugung nach die Folter die Essenz des Nationalsozialismus war. die Warschauer Gettomauer und die Berliner Ulbrichtmauer zusammen genannt wie Goethe und Schiller. Rumänien. wie schrecklich er sich zeitweilig auch darstellen möge. es sei während vierunddreißig Jahren in der Sowjetunion torturiert worden? Und hätte denn nicht schon Arthur Köstler. Es wurde alles mit jener Genauigkeit. Daß auch anderswo gefoltert wurde und wird. vernichten. in Polen. Er mußte foltern. Und hätte ich denn nicht eben selbst gesagt. Die Folter war keine Erfindung des deutschen Nationalsozialismus. gefoltert wurde in spanischen Gefängnissen von Francisten wie von Republikanern. erklärte seinen deutschen Kameraden. meine Krawatte wurden konfisziert. Es war Verlaß auf sie. die uns Kommunismus und Nationalsozialismus als zwei nicht einmal sehr verschiedene Erscheinungsformen einer und derselben Sache definierte. Gewiß. Auschwitz. es würden spätere Generationen ihn bewundern um seiner Austilgung der eigenen Barmherzigkeit willen. daß Himmler ihm das geschichtliche Maturitätszeugnis ausstelle. wenn er nur flink war wie ein Wiesel. Sehr schnell ging es in das „Geschäftszimmer". Kein goldenes Parteiabzeichen machte ihn zum vollgültigen Repräsentanten seines Führers und seiner Ideologie. Nur andeutend sei hier im eigenen Namen und auf jede Denunziationsgefahr hin wiederholt. Gestapomänner und Häftlinge.

ihn nicht zu nennen. Komplizen? Adressen? Treffpunkte? Das vernimmt man kaum. in denen immer wieder Gittertore aufgingen und dröhnend zufielen. der plötzlich eintrat ins Geschäftszimmer und auf den es anzukommen schien in Breendonk. Man kann sich in solcher Stellung oder solcher Hängung an den hinterm Rücken gefesselten Händen eine sehr kurze Weile mit Muskelkraft in der Halbschräge halten. die mich verhaftet hatten. dann kann ich dem Leser leider die sachliche Beschreibung dessen. so wie andere. wie andere rote und weiße Terror-Regime auch. das man wohl in der Banalphysiognomik „bärbeißig-gutmütig" nennen würde. hieß Praust . sondern ausdrücklich als Prinzip statuiert. wenn schon der Schweiß auf Stirn und Lippen steht und der Atem keucht. Das in einem einzigen. der selbst einmal das Opfer der stalinistischen Tortur war. Rufe ich mir die Ereignisse von damals zurück. „Jetzt passiert's". Die Nazis folterten. bis ich etwa einen Meter hoch über dem Boden hing. Dann zog man die Kette mit mir auf. Nur kann dieser auch bei physisch kräftig konstituierten Leuten nicht lange währen.wir übereinstimmenden Berichten Glauben schenken dürfen. Denn der Nationalsozialismus. der mir später so geläufig wurde? Es geht ihm vielleicht gut zur Stunde. denn es erschöpft sich ganz und gar im Kraftaufwand. Inbrünstiger aber noch dienten sie ihr. Und dann führte er mich durch die rötlichdünn erleuchteten Korridore. weil sie sich mittels der Tortur in den Besitz staatspolitisch wichtiger Informationen setzen wollten. Im Bunker hing von der Gewölbedecke eine oben in einer Rolle laufende Kette. der Tonfall war berlinisch dialekthaft. Sie marterten ihre Häftlinge zu bestimmten. und er fühlt sich wohl in seiner gesund geröteten Haut. und darum sprach er von Humanitätsduselei. Aber wer kann sich wohl einen enthitlerisierten Nationalsozialismus vorstellen und als maßgebenden Politiker eines nazistisch neugeordneten Europas einen seinerzeit durch die Tortur geschleiften Röhm-Anhänger? Das kann sich niemand vorstellen. wenn man bereits die äußerste Kraft verausgabt. Aber sie folterten vor allem deshalb. keine Fragen beantworten. Will ich endlich zur Analyse der Tortur kommen. Es kann in Ungarn ein Ministerpräsident walten. Er trug auf seiner feldgrauen Uniform die schwarzen Aufschläge der SS. wohl aber ein ganzes Arsenal verworrener Mißideen besaß. wenn er vom Sonntagsausflug im Auto heimkehrt. Der Herr Leutnant. Der Haken griff in die Fessel. den Bunker. nicht mehr gefoltert wird. in das schon beschriebene Gewölbe. Er rottete aus und versklavte. Am Handgelenk hing ihm in einer Lederschleife ein Ochsenziemer von der Länge vielleicht eines Meters. jeweils genau spezifizierten Zwecken. so mußte ich ziemlich schnell aufgeben. Aber warum soll ich eigentlich seinen Namen verschweigen. während dieser wenigen Minuten. Daneben aber folterten sie mit dem guten Gewissen der Schlechtigkeit. Was mich betrifft. Das hätte nicht sein können. sehe ich noch den Mann vor mir. aber man sprach ihn mit „Herr Leutnant" an. hatte bislang als einziges politisches System dieses Jahrhunderts die Herrschaft des Gegenmenschen nicht nur praktiziert. Mit ihm und mir waren die Gestapomänner. der zwar über keine Idee gebot. es knapp zu machen. Ich habe keinen Grund. sanguinische Gesicht. gesammelte Leben reagiert nicht. nämlich in den Schultergelenken. von gedrungener Gestalt und hatte jenes fleischige. was sich nun ereignete. Sie bedienten sich der Folter. Man führte mich an das Gerät. weil sie Folterknechte waren. Das Wort Humanität war ihm verhaßt wie dem Frommen die Sünde. geschwungenen Eisenhaken trug. sondern ausreichende theoretische Bekräftigungen. sagte er rasselnd und gemütlich zu mir. Er war klein.P-R-A-U-S-T. das bezeugen nicht nur die Corpora delicti. Man wird. die hinter meinem Rücken meine Hände zusammenhielt. nicht ersparen. kann nur versuchen. Und nun gab es ein von meinem Körper bis zu dieser 26 . Seine Stimme rasselte heiser. die am unteren Ende einen starken. der hier die Rolle eines Spezialisten für Folterungen spielte. engbegrenzten Körperbereich.

auf keine Hilfe hoffende. Wir haben für sie nur die Entschuldigung des persönlichen Erlebens und müssen auch erläuternd noch beifügen. Juli 1943 trug. Die Tortur ist all das. der er war. Unauslöschlich ist die Folter in ihn eingebrannt. wenn keine klinisch objektiven Spuren nachzuweisen sind. Es ist aber Zeit. und war dieses „wie ein mir in den Hinterkopf gestoßener stumpfer Holzpfahl?" . Es führt uns zum Tode keine logischbefahrbare Straße. bleibt gefoltert. daß die Folter den Character indelebilis hat.Stunde nicht vergessenes Krachen und Splittern in den Schultern. für die Gemarterten sind sie Todesrituale. dann ist die Tortur das furchtbarste aller Körperfeste. ihn zuzufügen und damit selbst zum Folterknecht zu werden.ein Vergleichsbild würde nur für das andere stehen. Sein Fleisch realisiert sich total in der Selbstnegation. Man ist versucht. und am Ende wären wir reihum genasführt im hoffnungslosen Karussell der Gleichnisrede. sei die höchste denkbare Steigerung unserer Körperlichkeit. War es „wie ein glühendes Eisen in meinen Schultern". aber noch sehr viel mehr. erfährt seinen Körper wie nie zuvor. hier die mir zugefügten Schmerzen beschreiben zu wollen. ich fiel ins Leere und hing nun an den ausgerenkten. Das eigene Körpergewicht bewirkte Luxation. die Todeskontradiktion auslöscht und uns den eigenen Tod erleben läßt. nach welchem es uns gut geht. die gar keine Hochflüge sein müssen und dennoch einen gewissen Gültigkeitsanspruch erheben dürfen. was Thomas Mann vor Jahr und Tag im Zauberberg beschrieb. wir meinen: der Tod. was er war. Die Unverlierbarkeit der Tortur legitimiert den Gefolterten zu spekulativen Abflügen. Am Ende stünden wir vor der Gleichung: Körper = Schmerz = Tod. Wer gefoltert wurde. Wer nämlich in der Folter vom Schmerz überwältigt wird. was wir oben schon über die Polizeiprügel ausgemacht haben. daß die Tortur. spricht in der Tat eine unbestreitbare Wahrheit aus. weiter zu spekulieren. und diese ließe sich in unserem Fall wieder reduzieren auf die Hypothese. die ich an diesem 23. Ich spreche vom Gemarterten. auch ein Wort zu sagen über die Peiniger. noch durch Gegenwehr begradigt werden kann. vom lateinischen torquere. Sie markieren die Grenze sprachlichen Mitteilungsvermögens. Er enthielt alles. und das populäre Wort. zu keiner Notwehr befähigte Gefolterte nur noch Körper und sonst nichts mehr. Die Kugeln sprangen aus den Pfannen. so kann ich aber doch vielleicht annähernd aussagen. Gefühlsqualitäten sind so unvergleichbar wie unbeschreibbar. doch mag erlaubt sein zu denken. wie sie in gemilderter Form auch schon dem hilfserwartenden Patienten präsent und bewußt werden. Von jenem zu diesem gibt es keine Brücke. daß nämlich der Mensch desto körperhafter ist. die wohl in der 27 . solange wir unseren Körper nicht spüren. Darüber hinaus ist nichts zu sagen. sagten wir. Tortur. wäre darauf gestellt. je hoffnungsloser dieser sein Körper dem Leiden gehört. Teilweise gehört die Tortur zu jenen Lebensmomenten. und mancher von ihnen schnitt glatt die dünne Sommerhose durch. Aber nur in der Tortur wird die Verfleischlichung des Menschen vollständig: Aufheulend vor Schmerz ist der gewalthinfällige. nämlich: die Grenzverletzung meines Ichs durch den anderen. Doch dies ist Sach-Flucht. Der Schmerz war. Wenn sich nun schon das Wie des Schmerzes der sprachlichen Kommunikation entzieht. Bei den Lungenkranken wurden diese noch im Zustand der Euphorie gefeiert. Es wäre ohne alle Vernunft. Wenn es wahr ist. in der wir vom anderen zum Körper gemacht werden. auch dann. von hinten hochgerissenen und über dem Kopf nunmehr verdreht geschlossenen Armen. Die moderne Polizeitortur kennt nicht die theologische Komplizität. Wer seinen Körperschmerz mitteilen wollte. die weder durch Hilfserwartung neutralisiert. daß uns durch den Schmerz ein gefühlsahnender Weg zu ihm gebahnt wird. Der Schmerz. verrenken: Welch ein etymologischer Anschauungsunterricht! Dazu prasselten die Hiebe mit dem Ochsenziemer auf meinen Körper. Vielleicht ist er aber auch noch mehr.

seine eigene totale Souveränität wirklich machen. Sie waren es aber wahrscheinlich. Im Gegenteil: Er will diese Welt aufheben. Gottes Recht auszuüben.und als solcher soll er hier angeschaut werden. Leben und Tod. so wie ich überhaupt glaube. Davon ist in der Tortur unserer Zeit keine Spur mehr. Der Folterknecht glaubte. Es ist aber vonnöten. er ist Herr über Fleisch und Geist. in dem vielleicht Kant und Hegel und alle neun Symphonien und die Welt als Wille und Vorstellung aufbewahrt sind. Aber es schert sich der Sadist nicht um den Fortbestand der Welt. kann nicht bestehen. der für ihn auch in einem ganz bestimmten Sinne die „Hölle" ist. Wer waren die anderen. die mich da an den ausgerenkten Armen hochzogen und den baumelnden Körper mit dem Ochsenziemer züchtigten? Man kann fürs erste einen Standpunkt einnehmen. sein Leiden lindern. die Folterknechte nach den Kategorien der . da er doch die Seele des Delinquenten reinigte. Handelte es sich also um Sadisten? Im engen sexualpathologischen Sinne waren sie es meiner wohlbegründeten Überzeugung nach nicht. zum schrill quäkenden Schlachtferkel zu machen. Für Georges Bataille ist der Sadismus nicht sexualpathologisch aufzufassen.und Todesschrei des anderen ist in seine Hand gegeben. und er will in der Negation des Mitmenschen. Es sei darum hier der französische Anthropologe Georges Bataille angeführt. vielmehr existenzialpsychologisch. Wir werden dann vielleicht sehen. wobei er sich abzeichnet als die radikale Negation des anderen. Der Mitmensch wird verfleischlicht und in der Verfleischlichung schon an den Rand des Todes geführt. Sadismus als die im eigentlichen Wortverstande verrückte Weltbetrachtung ist anderes als der Sadismus der gängigen psychologischen Handbücher. der sehr gründlich über den närrischen Marquis nachgedacht hat.und Konzentrationslagerhaft nicht einem einzigen echten Sadisten dieser Sorte begegnet bin. ganz verlieren müßte: er kann ja mit der Folter einhalten. daß ich während zweijähriger Gestapo. 28 . wenn es ihn danach gelüstet. die Ausdehnungslust unseres Ichs zügeln.Inquisition die beiden Partner verband: Der Glaube vereinte sie noch in der Lust des Quälens und der Pein des Gequältwerdens. daß nicht nur meine Peiniger am Rande einer sadistischen Philosophie hausten. Eine Welt. diesen Standpunkt schnellstens wieder zu verlassen. daß er den anderen vor sich zuschanden macht. wenn man zu einer mehr als banalen Einsicht in das Böse vorstoßen will. In der Welt der Tortur aber besteht der Mensch nur dadurch. allenfalls wird er schließlich über die Todesgrenze hinausgetrieben ins Nichts.nun ja. wenn wir die Sexualpathologie beiseite lassen und versuchen. als die Verneinung zugleich des Sozialprinzips und des Realitätsprinzips. das ist offenbar. in der Marter. der Philosophie des Marquis de Sade zu beurteilen. Solcherart wird denn die Folter zur totalen Umstülpung der Sozialwelt: in dieser können wir nur leben. wenn es geschehen ist und er sich ausgedehnt hat in den Körper des Mitmenschen und ausgelöscht hat. sondern. daß der Nationalsozialismus in seinem Gesamtumfang weniger vom Siegel eines schwer zu definierenden „Totalitarismus" geprägt war als von dem des Sadismus. Der Schmerzens. den anderen samt seinem Kopf. zur Zigarette greifen oder sich zum Frühstück setzen oder. auch bei der Welt als Wille und Vorstellung einkehren. ohne daß er sich aber darin. wie der Gemarterte. Damit realisiert der Peiniger und Mörder seine eigene zerstörerische Fleischlichkeit. wenn wir auch dem Mitmenschen das Leben gewähren. Der Peiniger selbst kann dann. der gefolterte Häretiker oder die Hexe sprachen ihm dieses Recht gar nicht ab. von dem aus gesehen sie bloß verrohte Kleinbürger und subalterne Folterbeamte waren. Ein schwacher Druck mit der werkzeugbewehrten Hand reicht aus. Der Folterknecht ist für den Gefolterten nur noch der andere . anderes auch als die Sadismus-Deutung der Freudschen Analyse. Zerstörung und Tod triumphieren. wann es ihm paßt. Eine schreckliche und pervertierte Zweisamkeit war gegeben. was dessen Geist war.

wo ich der folternden Souveränität. Ich baumele noch immer. daß ich ihnen das heldenhaft verpreßte Schweigen entgegengesetzt hätte. Der Tapfere ging sehr weit in seiner Bereitschaft. es wäre vielleicht. das war Metier und Routine. da doch der Unsinn. stumpfe Bürokraten der Tortur. gab er ein ganzes Organisationsnetz preis. aber die an seine Stelle verpflanzte Haut ist nicht die Haut. doch nicht banal. eine Art von schmählicher Verehrung entgegenbrachte. Herrschaft über Geist und Fleisch. Da gibt es kein „Verdrängen". nicht etwa von sexualsadistischer Lust verquollenen. Bewußtlos wurde ich schließlich wirklich . dem man Foltern auferlegt hatte. nur darin liege das Heil. mir Fragen zu stellen. das sie mir bereiteten. Ich bezichtigte mich erfundener phantastischer Staatsverbrechen. Treffpunkte. In mir war offenbar die Hoffnung. ein Unglück geschehen. Da war zum Beispiel jener zum Kommunismus konvertierte junge belgische Aristokrat. Und ich habe einen anderen gekannt. wer einen Menschen so ganz zum Körper und wimmernder Todesbeute machen darf. der ich wohl bin. Er fuhr mit den Gestapomännern in die Häuser seiner Kameraden und redete ihnen in hocherregtem Eifer zu. angespannten. daß es Momente gab. Exzeß der ungehemmten Selbstexpansion. sondern in mörderischer Selbstrealisierung gesammelten Gesichtern. Man wird die Folter so wenig los wie die Frage nach den Möglichkeiten und Grenzen der Widerstandskraft. damit man der Tortur entgehe. Es war für einmal vorbei. in der einem Menschen wohl sein kann. wenn man es durchaus will. wo er auf republikanischer Seite gefochten hatte. und die hieß Macht. Hätte ich statt der Decknamen die wirklichen nennen können. Verdrängt man denn ein Feuermal? Man mag es vom kosmetischen Chirurgen wegoperieren lassen. zumindest aber in Bewußtlosigkeit. Ich sprach. wie es im Jargon der gemeinen Verbrecher heißt. Und darum fuhren sie fort. und zwar im spanischen Bürgerkrieg. doch nur ja alles. jeden Preis zu erlegen. und da er sehr viel wußte. den Zusammengeschlagenen wieder zu erwecken.Meine Kerle von Breendonk begnügten sich mit der Zigarette und ließen. Mit ganzer Seele waren sie bei ihrer Sache. das sah ich in ihren ernsten. daß unsere Gruppe gerade im Hinblick auf Informationserpressung recht gut organisiert war. Ich habe auch nicht vergessen. Dabei aber war es durchaus nicht so. und als der Verräter. die nicht selbst dabei waren). daß der tapfere Mann widersteht? Ich bin nicht sicher. den ich ihnen aufgebunden hatte. das dem Manne in solcher Lage zukommt und von dem man liest (beiläufig: fast immer in Aufzeichnungen von Leuten. Und waren aber doch auch viel mehr. denn die Büttel verzichteten darauf. Sie waren. ein Gott oder zumindest Halbgott? Über der konzentrierten Anstrengung der Folter vergaßen diese Leute aber natürlich ihren Beruf nicht. keuche und bezichtige mich. Es ist noch immer nicht vorbei. „spie er es aus". Darum aber war das Böse. aber auch alles zu gestehen. sobald sie des Folterns müde waren. Adressen. Damit ich es nur gleich gestehe: Ich hatte nichts als Glück durch die Tatsache. Sie waren Polizeibüttel. wahrscheinlich. von denen ich heute noch nicht weiß. Was man in Breendonk von mir hören wollte. Ist es so. ihre blöden Hirne beschäftigte. der so etwas wie ein Held war. wie sie mir baumelndem Bündel überhaupt haben einfallen können. und da stünde ich nun als der Schwächling. Als man ihn aber in Breendonk der Tortur unterwarf. Ich habe mit manchen Kameraden darüber gesprochen und vielerlei Erfahrungen nachzuerleben versucht. einen bulgarischen Berufsrevolutionär. und es gelte. zweiundzwanzig Jahre danach. Denn ist nicht. an ausgerenkten Armen über dem Boden. wußte ich einfach selbst nicht.und damit war es für einmal zu Ende. immer wieder die gleichen: Komplizen. mit 29 . gewiß den alten Schopenhauer ungeschoren. die sie über mich ausübten. der ich potentiell schon war. ein wohlgezielter Schlag über den Schädel würde nach solch belastenden Geständnissen dem Elend ein Ende machen und mich schnell hinüberbefördern in den Tod.

Aber das löst nicht unser Problem der Widerstandskraft. sondern bleibe im Bereich der Physiologie. daß wir Menschen von heute schmerzempfindlicher sind. Es wird von den schlichten Erfahrungen des Nichtfachmanns. sagt der Professor. Es soll hier auch des unvergeßlichen Jean Moulin gedacht werden. in der Zelle lag und nachdachte. der vor der Tortur versagt. der viele Individuen und Angehörige zahlreicher Volksgruppen körperliche Schmerzen und Mangel erleiden sah. und der geschwiegen hatte. wie die körperliche Sensibilität der Deutschen. und es gibt uns keine schlüssige Antwort auf die Frage nach dem Anteil. Franzosen. der folgendes Urteil gewagt hat: „Wir sind nicht gleich vor dem Phänomen des Schmerzes". der Franzosen. wäre die gesamte Resistance gefällt worden. So werden wir denn wohl hier die Frage auf sich beruhen lassen. Man weiß es nicht.denen verglichen die meine nur ein etwas anstrengender Sport war. Zitiert sei hier nur der französische Professor der Chirurgie. Es gibt nicht wenige Fachleute. der Engländer unterschiedlich ist. einfach und beharrlich geschwiegen. Mir selbst fällt dabei ein. Die Geschichte zeigt uns. wo der andere offensichtlich noch kaum etwas verspürt. Noch keiner hat übersichtliche Grenzen ziehen können zwischen der sogenannten „moralischen" und der gleichfalls unter Anführungszeichen zu setzenden „körperlichen" Widerstandskraft gegen physischen Schmerz. und dies unter rein physiologischem Gesichtspunkt. Skandinavier.. worin die Schwäche? Ich weiß es nicht. wie damals auch ich selber meine Widerstandskraft nicht weiter analysierte. noch immer an den Händen gefesselt. an manuelle Arbeit und Härten gewöhnten dreißigjährigen Arbeiter. Worin liegt die Kraft. mit den vasokontraktiven Substanzen der Nebennierenrinde. Vor allem gibt es darin eine große Kluft zwischen den Europäern einerseits und den Asiaten und Afrikanern andererseits: diese ertragen physische Schmerzen unvergleichlich besser als jene. Einerseits ist der Gefolterte es 30 . „Der eine leidet dort schon. Holländer. den moralische und physische Faktoren dabei haben. daß die Slawen und namentlich die Russen physische Unbill leichter und stoischer ertrugen als etwa Italiener. Auch sind die Reaktionen verschiedener Völker auf Schmerz durchaus nicht die gleichen. Wir sind in der Tat als Körper nicht gleich vor dem Schmerz und der Tortur. der die Folter überstanden hat und dessen Schmerzen abklingen (bevor sie später wieder aufflammen) ein ephemerer Friede ein.. siebzehnjährigen Gymnasiasten. Es hängt dies zusammen mit der individuellen Qualität unseres Sympathikus. nach den gleichen Maßen messen wie einen athletisch gewachsenen. der dem Denken förderlich ist. am Ende jede Art von Wehleidigkeit und physischer Feigheit zu pardonieren. Werden wir uns einig in der Reduktion auf das bar Physiologische. der im Pariser Pantheon beigesetzt ist. Legen wir aber allen Nachdruck auf die sogenannte moralische Resistenz. Mitglied des College de France. die das ganze Problem des Schmerzertragens reduzieren auf rein physiologische Grundtatsachen. Er wurde als erster Vorsitzender des Nationalen Rates der Widerstandsbewegung Frankreichs verhaftet. müßten wir einen schwächlichen. Rene Leriche. kaum bestritten werden. dann laufen wir Gefahr. Es zieht nämlich in den. mit dem Hormon der Nebenschilddrüse. Wir können uns dem Begriff der Individualität auch in der physiologischen Betrachtung des Schmerzes nicht entziehen." Soweit das Urteil einer chirurgischen Kapazität. Die schmerzstillenden Mittel und die Narkose haben mehr zu unserer größeren Empfindlichkeit beigetragen als moralische Faktoren. Zwei Kriege haben uns Gelegenheit gegeben zu sehen. Aber er ließ sich bis über die Todesgrenze hinaus martern und verriet auch nicht einen einzigen Namen. als unsere Voreltern es waren. als ich zerschlagen. wie ich später im Konzentrationslager beobachten konnte. Hier spreche ich nicht von irgendeiner hypothetischen moralischen Widerstandskraft. Hätte er gesprochen.

daß er nur noch Körper war und damit. sagt er sich ungefähr. und ich bin hier in der Zelle. der die gewohnte Linienführung zeigen würde. waren sie doch zugleich auch Gegenstand des Vertrauens. daß einem selbst geschah. Ihr seid da draußen. die sich in Schmerz und Tortur enthüllte. Daß man auf einmal selbst der Irgendwer ist. daß der Tumult nicht gleich auch zur Explosion des Körpers führte. Auch das ist eine Art von Entfremdung. des Steuerbeamten über den Steuerpflichtigen. das Erlebnis geistig zu artikulieren. Ein Mord wird verübt. und ihr seht selber zu. Sofern überhaupt aus der Erfahrung der Tortur eine über das bloß Alptraumhafte hinausgehende Erkenntnis bleibt. der aus der Welt in Qual und Tod hinausgestoßen wird. so daß das in die Menschenähnlichkeit erwachende Gliederbündel den Drang verspürt. daß alles. zunichte wird. unter der der Gepeinigte stöhnt. Erstaunen darüber. der Wiedergewinn einer nichtigen Stabilität. denn wenn diese auch Furcht erregten. wird nur schwer begriffen. Andererseits ist aber auch die Verflüchtigung der Körperlichkeit. nachdem alles vorüber ist. Das Herrschertum des Folterknechts über sein Opfer hat nichts zu schaffen mit der auf Grund von Sozialkontrakten ausgeübten Gewalt. Wie? fragt man sich: der eines Zahnwehs wegen mit den Familienangehörigen unwirsch war. die man gepeinigt hat und die bei antifaschistischen Kongressen ihre Narben vorgewiesen haben. wie ihr mit euch. die dabei einen Verwandten verloren. denn ein paar Stunden danach könnte es schon zu spät sein. aller politischen Sorge ledig wurde.zufrieden. wie es bei Shakespeare heißt. ohne die geringste Zeit zu verlieren. wenn es in den Schultergelenken kracht und splittert. Aber das war bislang immer die Sache der Irgendwers. die von ihm berichtete. ist es die einer großen Verwunderung und einer durch keinerlei spätere menschliche Kommunikation auszugleichenden Fremdheit in der Welt. dem hat man hier mit dem Ochsenziemer Platzwunden zugefügt. diese Binsenwahrheit hat er immer gekannt. daß noch eine Stirn da ist. ist aber nichts anderes als der schrankenlose Triumph des Überlebenden über den. und daß man es enden kann. ein Auge. ein Mund. und das gibt mir eine große Überlegenheit über euch. Daß das Leben fragil ist. Der König konnte schrecklich sein in seinem Grimm. Die Gestapo foltert. „mit einer 31 . aber er gehört der Zeitung. daß man es durchgestanden hat. der konnte da an ausgerenkten Armen hängen und weiterleben? Den eine leichte Fingerverbrennung mit der Zigarette stundenlang mit übler Laune erfüllte. was man je nach Neigung seine Seele oder seinen Geist oder sein Bewußtsein oder seine Identität nennen mag. aber auch gütig in seiner Milde. in denen die Rückkunft schwacher Denkkräfte als ein außerordentliches Glück empfunden wird. des Oberleutnants über den Leutnant. Ich habe das Unaussprechliche erfahren. kaum verspürt werden? Erstaunen auch. aber der geht die Leute an. die in anklagenden Broschüren darüber geschrieben hatten: die Tortur. das sich öffnen und schließen läßt. Es ist auch nicht die sakrale Souveränität vergangener absolut gebietender Häuptlinge oder Könige. daß es in dieser Welt den anderen als absoluten Herrscher geben kann. Der Gefolterte hört nicht wieder auf. der Welt und meinem Verschwinden abkommt. befriedend und beschwichtigend. wie wir sie kennen: Es ist nicht die Autorität des Verkehrspolizisten über den Fußgänger. seine Gewalt war ein Walten. das Ende des im Leibe ausgebrochenen ungeheuren Tumultes. Staunen über die Existenz des grenzenlos in der Tortur sich behauptenden anderen und Staunen über das. jetzt gleich. Das Denken ist fast nichts als ein großes Erstaunen. damit bin ich ganz erfüllt. was man selber werden kann: Fleisch und Tod. Ein Flugzeugunfall ereignete sich. über die man mit den gefesselten Händen streichen kann. die jetzt. Die Macht des Peinigers. Es gibt sogar euphorische Momente. könnte man ihn jetzt in einem Spiegel sehen. Leid zuzufügen und zu vernichten. so meint er. sich zu wundern. was rechtens nur jene betreffen sollte. auf der Stelle. Staunend hat der Gefolterte erlebt. wobei Herrschaft sich enthüllte als die Macht.

Für immer? Für immer. wie man so sagt.das war anfangs Januar 1939. einem Pawlowschen Reflex gehorchend. die er alle Augenblicke verlor. weil niemals der Wiedereintritt in einen Raum auch ein Wiedergewinn der verlorenen Zeit ist. denn ich stelle die Frage aus der sehr spezifischen Situation des aus dem Dritten Reich Exilierten. ächzte und versprach mir alle Reichtümer der Welt. ist eine. Als wir in Antwerpen so sehr glücklich angekommen waren und dies in einem Kabel den daheimgebliebenen Angehörigen bestätigt hatten. wenn ich ihm nur jetzt erlaube. wir seien glücklich angekommen. denn wir kamen ohne Paß und Visum. Daß man aber den lebenden Menschen so sehr verfleischlichen und damit im Leben schon halb und halb zum Raub des Todes machen kann. Irgendwo. als Flüchtlinge ins Land. wechselten wir das uns verbleibende Geld. Sie . noch immer die getreueste Definition liegt. der 32 . wir wußten. Das war der Besitz. Der Schnee lag kniehoch. die fürderhin über ihm das Szepter schwingt.zu erhellen versuche: Wieviel Heimat braucht der Mensch? Was ich dabei herausfinden kann. das weiß ich schon. Daß der Mitmensch als Gegenmensch erfahren wurde. daß es keine Rückkehr gibt. nahm ein Lastwagen uns auf und führte uns tiefer ins Land hinein.Nadel bloß". Unter den Fragen aber. mit dem wir. vielleicht in der Nähe der Stadt Eupen. fast siebenundzwanzig Jahre danach. den hat es später der Alltag des Exils gelehrt: daß nämlich in der Etymologie des Wortes Elend. im Wagen eine Zollstation passiere: Stets klopft dabei mein Herz ziemlich stark. wohlversehen mit allen erforderlichen Reisepapieren. die ich in diesem Aufsatz . Wieviel Heimat braucht der Mensch? Es ging durch die winternächtliche Eifel auf Schmugglerwegen nach Belgien. ohne alle rechtsgültige staatsbürgerliche Identität. Die bleiben und haben kaum die Chance. in vollem Umfang aber schließlich in der Tortur eingestürzte Weltvertrauen wird nicht wiedergewonnen. Am nächsten Morgen standen meine junge Frau und ich am Bahnhofspostamt von Antwerpen und telegraphierten in mangelhaftem Schulfranzösisch. was für ein Elend. ist waffenlos der Angst ausgeliefert. Sie ist es. Der gemartert wurde. klammerte sich an den Gürtel meines Mantels. Ein alter Jude in Gummischuhen. wenn ich mich recht entsinne. ehe ich recht begonnen habe . daß es mir jetzt noch fremd und wunderbar erscheint. sein Bruder in Antwerpen sei ein großer und mächtiger Mann. wird wenig allgemeine Gültigkeit haben. aber es waren schon belgische Tannen. Seither habe ich so viele grüne Grenzen überschritten. die schwarzen Tannen sahen nicht anders aus als ihre Schwestern in der Heimat. Das alte war von uns abgefallen. daß sie uns nicht haben wollten. sich in schäumend reinigendem Rachedurst zu verdichten. was man die Ressentiments nennt. in der das Prinzip Hoffnung herrscht. Mit ein paar fremden Scheinen und Münzen traten wir ins Exil. sich an mir festzuhalten. wenn ich. Zu den Antworten gehört die zunächst triviale Erkenntnis. Das zum Teil schon mit dem ersten Schlag. in dessen früher Bedeutung die Verbannung steckt. Aber das weiß ich erst jetzt.vergeblich. der zudem sein Land zwar verließ. kann nicht mehr heimisch werden in der Welt. und noch mehr Lebensfragen. zusammen fünfzehn Mark und fünfzig Pfennige. Es war ein langer Weg durch die Nacht. bleibt als gestauter Schrecken im Gefolterten liegen: Darüber blickt keiner hinaus in eine Welt. dies hat er erst durch die Tortur erfahren. ein neues Leben zu beginnen hatten.und dann auch das. Die Schmach der Vernichtung läßt sich nicht austilgen. hat manche Lebensantworten erlernt. Wer der Folter erlag. Wer das Exil kennt. dessen Zöllner und Gendarmen uns einen legalen Grenzübertritt verwehrt haben würden. die sich dem Exilierten schon am ersten Tage gleichsam ins Genick setzen und ihn nicht mehr verlassen. Wer es nicht wußte. Heureusement arrivé . weil er es unter den gegebenen Umständen auf jeden Fall hätte verlassen wollen.

was manche von ihnen denn auch taten. die wir damals nicht zurückkehren durften und darum heute nicht zurückkehren können. zehrendes Weh. Mann. sei es reuig. Die waren Denunzianten oder Schläger geworden. den Lehrer. denn man wollte die „arischen" und darum niemals ganz und gar dem Bösen verhafteten Emigrantenschriftsteller zur Heimkehr. in der man sie konfirmiert hatte. da eine amtliche Bestimmung mir verbot. daß ich ihn kaum verstand. als ich mit fünfzehn Mark fünfzig am Wechselschalter in Antwerpen stand. wieso? soll Remarque entgegnet haben. ja überhaupt keinen durch Gefühlskonventionen geheiligten Charakter hat und von dem man nicht sprechen kann im Eichendorff-Tonfall. Ich spürte es zum ersten Mal durchdringend. Meine Identität war gebunden an einen schlecht und recht deutschen Namen und an den Dialekt meines engeren Herkunftslandes. Es werden sich denn meine Überlegungen aus mancherlei Gründen sehr deutlich abheben von denen jener Deutschen etwa. Vermögen oder auch nur einen bescheidenen Arbeitsplatz. sei nach 1933 wiederholt von Emissären des Goebbelsministeriums in seinem Heim im Tessin aufgesucht worden. atemloseren Weise. und darum hatte und habe ich auch Heimweh. mit dem ich heute meine Arbeiten zeichne. das gar keinen volksliedhaft-traulichen. Er war gerade noch gut für die Einschreibung ins Register unerwünschter Ausländer am Antwerpener Rathaus. die ausschließlich ihrer Gesinnung wegen dem Dritten Reich entwichen. die Kirche. Die Vergangenheit war urplötzlich verschüttet. Für uns. wie mir 1935 nach Kundmachung der Nürnberger Gesetze bewußt geworden war. wer man war. Doch davon später. sei es nur schweigend loyal. Wiesen und Hügel. stellt sich das Problem in einer dringenderen. dazu aber noch die Menschen: den Kameraden von der Schulbank. als ich mit fünfundvierzig Kilogramm Lebendgewicht und einem Zebra-Anzug wieder in der Welt stand. sich mit dem Reich zu arrangieren. so wird erzählt.aber darüber hinaus in die Fremde ging. was ist dieses Heimweh der aus dem Dritten Reich zugleich wegen ihrer Gesinnung und ihrer Ahnentafel Vertriebenen? Ungern bediene ich mich in diesem Zusammenhang eines gestern noch modischen Begriffs. fragte ihn schließlich der Abgesandte des Reiches: Ja. Und wir verloren die Sprache. Aber den Dialekt habe ich mir nicht mehr gestatten wollen. Und auch die Freunde waren ausgelöscht. weil er es mußte. haben Sie denn kein Heimweh? Heimweh. ein übles. mit denen ich im Heimatdialekt 33 . den Nachbarn. Sie verloren ihren Besitz. die aus ihren im Osten gelegenen Heimatländern vertrieben wurden. Es gibt eine Anekdote hierüber. wo ihn die flämischen Beamten so fremdartig aussprachen. war ich aber sehr wohl ein Jude. die Volkstracht zu tragen. nur um ihrer illustrativen Brauchbarkeit willen. noch einmal überaus leicht geworden nach dem Tode des einzigen Menschen. Geschäft. mit dem mich die Freunde stets in mundartlicher Tonfärbung gerufen hatten. seit dem Tage. dazu das Land. aber es gibt wahrscheinlich keinen treffenderen: mein. die nicht wegen ihres Humorwerts hier angeführt sei. Bekehrung bewegen. Als Remarque unzugänglich blieb. um Gottes willen. Unser Exil war auch nicht vergleichbar der Selbstverbannung jener Emigranten. Wir verloren das alles auch. um dessentwillen ich zwei Jahre lang Lebenskräfte wach erhalten hatte. Haus und Hof. Was war. bestenfalls verlegene Abwarter. und man wußte nicht mehr. eine Stadtsilhouette. Ihnen war es möglich. zurückzukehren. Da hatte auch der Name nur noch wenig Sinn. in die ich von früher Kindheit an fast ausschließlich gekleidet gewesen war. Der Romancier Erich Maria Remarque. wie der deutsche Romanschriftsteller Ernst Glaeser. einen Wald. bin ich denn ein Jude? Was mich betraf. und es hat mich so wenig verlassen wie die Erinnerung an Auschwitz oder an die Tortur oder an die Rückkehr aus dem Konzentrationslager. unser Heimweh war Selbstentfremdung. In diesen Tagen führte ich noch nicht das Schriftstellerpseudonym französischen Klanges.

daß ich aus Hohenems herstamme. daß es eine Anmaßung war. „Bij ons". der 1940 auf der Flucht vor den deutschen Eroberern in einer flandrischen Wiese saß. Man hatte ihnen noch nachträglich ihr Heimatrecht entzogen. das klang für meine Gesprächspartner als das Natürlichste von der Welt. wieviel Heimat der Mensch braucht. Wie glücklich Sie sind. deren Erinnerung ich unterdrückte: Sie waren mir unleidlich geworden seit jenem Morgen des 12. getroffen vom Anathem.gesprochen hatte. Heimatersatz kann auch Geld sein. was mein Bewußtsein angefüllt hatte. alles.von wo kommen Sie. Denn es gibt ja so etwas wie mobile Heimat oder zumindest Heimatersatz. möchte ich sagen: um so mehr. Ich war ein Mensch. eine erste und vorläufige Antwort zu geben auf die Frage." Der große Schriftsteller hatte es da ironisch im Sinne. Ich aber errötete. 34 . konnte er natürlich nicht wissen. der nicht mehr „wir" sagen konnte und darum nur noch gewohnheitsmäßig. Ich war kein Ich mehr und lebte nicht in einem Wir. Auch Ruhm und Ansehen können zeitweilig stehen für die Heimat. l'auteur de l'Ange Bleu! Das ist der Gipfel des Ruhmes. und ich mußte die Schatten mitnehmen ins Exil. aber es kam gar nicht darauf an. wo das liegt. Wenn es mir schon an dieser Stelle erlaubt ist. das nicht mehr meines war. „Nächstes Jahr in Jerusalem" haben sich von alters her die Juden im Osterritual versprochen. je weniger davon er mit sich tragen kann. Er kam mit ausgebreiteten Armen auf mich zu: C'est vous. und mochte dieser auch nur komisch in den Beinen der Dietrich halb und halb erkennbar gewesen sein. aus seinem Schuh Dollarnoten holte und sie mit gehaltenem Ernst zählte. Wie undankbar große Schriftsteller sein können! Heinrich Mann war geborgen in der Heimat des Ruhms. Da war kein Unterschied mehr. war viel schlimmer als der Zar. Nur eine Ahnenreihe war da. Manchmal geschah es. Antwortete ich. Und war denn nicht meine Herkunft ganz und gar gleichgültig? Seine Vorfahren waren mit dem Bündel durch die Dörfer um Lwow getrottet. den sie bei mir zu Hause den Führer hießen. daß Sie soviel Bargeld mit sich führen! sagte ihm neidvoll ein anderer. Nur sie? Aber nein. Das kann Religion sein. vielmehr genügte es. Und der Mann. die meinen im Kaftan zwischen Feldkirch und Bregenz. März 1938. daß man gemeinsam die Formel sprach und sich verbunden wußte im magischen Heimatraum des Stammesgottes Jahwe. „V'n wie kimmt Ihr?" . aber nicht im Gefühl vollen Selbstbesitzes „ich" sagte. denn offensichtlich war er verletzt. von der Geschichte meines Landes. den ich kenne. bis zu den Landschaftsbildern. der dem Film „Der blaue Engel" zugrunde lag.in dieser Zeit gehört der Mensch zu seinem Geld. daß eine französische Persönlichkeit von ihm nur wußte. wirklich ins Heilige Land zu gelangen. wie die jüdische. Der Wanderjude hatte mehr Heimat als ich. an dem sogar aus den Fenstern entlegener Bauernhöfe das blutrote Tuch mit der schwarzen Spinne auf weißem Grund geweht hatte. für den Wanderschaft und Vertreibung ebenso Familiengeschichte waren wie für mich eine sinnlos gewordene Seßhaftigkeit. daß ich im Gespräch mit meinen mehr oder weniger wohlwollenden Antwerpener Gastfreunden beiläufig einwarf: Bei uns daheim ist das anders. Er führte die Heimat in guter amerikanischer Währung mit sich: ubi Dollar ibi patria. fragte mich gelegentlich in jiddischer Sprache ein polnischer Jude. denn ich wußte. Noch sehe ich den Antwerpener Juden vor mir. Die SA. Und würdig darauf der Scheinezähler in seinem jiddisch durchsetzten Flämisch: „In dezen tijd behoord de mens bij zijn geld" . aber die bestand aus traurigen Rittern Ohneland. Ich hatte keinen Paß und keine Vergangenheit und kein Geld und keine Geschichte. In Heinrich Manns Lebenserinnerungen „Ein Zeitalter wird besichtigt" lese ich diese Zeilen: „Dem Bürgermeister von Paris war mein Name genannt worden. er habe einen Roman geschrieben.und SS-Leute waren nicht ganz so gut wie die Kosaken.

Denke ich zurück an die ersten Tage des Exils in Antwerpen. genauer erkennen. New York. die Überwindung und dialektische Assimilation des Erbes der Sartre und der Schweitzer. wie dringend der Mensch eine Heimat braucht. bei dem halbjüdischen österreichischen Emigranten Gorz ein hektisches Suchen nach Identität. daß man sie heimatlos gemacht hatte. Man lese Sartres Buch „Die Wörter" und halte es gegen die Autobiographie „Le Traitre" seines Schülers. daß sie Verjagte waren und nicht Konservatoren eines unsichtbaren Museums deutscher Geistesgeschichte. reduziert auf den positivpsychologischen Grundgehalt des Begriffs. so war ich. Sartre. hielt ich für eine wichtige literarische Figur. nur ungern lasse ich mich für einen verspäteten Nachzügler der Blut. Die Öffnung auf die Welt hin. und darum will ich deutlich aussprechen. Auch sie hatten Sorgen und redeten über Visum. erforderte. verwandelt. sie seien die Stimme des „wahren Deutschland". Amsterdam. erzwang eine gründlichere Erkenntnis der Wirklichkeit. Die damals berühmten oder auch nur einigermaßen bekannten Emigrantenschriftsteller deutscher Zunge. dem Vollfranzosen. wohl bewußt bin. gestattete. eine Sitzung des Schutzverbandes der Schriftsteller. Die namenlosen Flüchtlinge lebten in einem der deutschen und internationalen Realität gerechteren gesellschaftlichen Sein: das davon bestimmte Bewußtsein. Aber in ihren Gesprächen ging es auch um die Kritik eines jüngst erschienenen Buches. deren Exildokumente heute in dem vom Wegner-Verlag herausgegebenen Band „Verbannung" gesammelt sind. die vor dem Antwerpener jüdischen Hilfskomitee um die wöchentliche Unterstützung anstanden. Sie lebten zudem in der Illusion. Thomas Mann lebte und diskutierte in der angelsächsisch-internationalen Luft Kaliforniens und schrieb mit den Kräften nationaler Selbstgewißheit den exemplarisch deutschen „Faustus". Ich ging ins Ausland und kannte von Paul Eluard nicht viel mehr als den Namen. Wir müssen uns. und daß ein kultureller Internationalismus nur im Erdreich nationaler Sicherheit recht gedeiht. das man mit sich genommen hatte. um sie nicht nötig zu haben.ich weiß sie mir zu schätzen. Zürich. Sie verstanden besser. der Karl Heinrich Waggerl heißt. Nichts dergleichen für uns Anonyme. Doch wird es Zeit. und meine geistigen Landsleute sind Proust. Aufenthaltserlaubnis. einen internationalen antifaschistischen Kongreß. Sanary sur Mer. um darüber hinauszuschreiten in fruchtbarere Gebiete des Geistes. daß man die Gesichter der Menschen nicht entziffern konnte. Beckett. romantisch klischierten Vorstellungen. ent-borgen ganz und gar. die seinem Internationalismus Wert und Gewicht geben. welche die Heimatlosigkeit uns bot. aber einen Schriftsteller. daß ich erkläre. lösen von althergebrachten. so wie man im Denken das Feld formaler Logik besitzen muß. Ich habe siebenundzwanzig Jahre Exil hinter mir.und Stadtstraßen haben muß. Nur bin ich immer noch überzeugt. was in meinem Sinne die mir so unerläßlich erscheinende Heimat überhaupt bedeutet. Heimat ist. Ich saß 35 . dann bleibt mir die Erinnerung eines Torkelns über schwanken Boden. Sicherheit. Freilich. Hotelrechnung. die draußen sich laut erheben durfte für das in die Fesseln des Nationalsozialismus geschlagene Vaterland. Kein Spiel mit dem imaginären wahren Deutschland. trafen einander in Paris. des Emigranten Andre Gorz: Bei Sartre. wenn wir darüber nachdenken. Schrecken war es allein schon. hinter dem nichts anderes steckt als das Verlangen nach gerade jener Heimatverwurzelung. wenn man der geistigen ganz froh werden soll. als Verwandelten wiederbegegnen werden. verloren in der Schlange der Flüchtlinge. und sie konnten. da sie doch über keinerlei mobilen Heimatersatz verfügten. denen wir allerdings an einem höher gelegenen Punkt der Denkspirale. die die Emigration uns gab . aus der der andere sich stolz und männlich löste. daß ich mir auch der Bereicherungen und Chancen. kein formales Ritual einer im Exil für bessere Tage aufbewahrten deutschen Kultur. Man muß Heimat haben.und Boden-Armee halten. Sie wußten. daß man Landsleute in Dorf.Was mich betrifft.

von Volkslied und banaler Spruchweisheit uns vermittelten Heimatvorstellung wieder. ihren Kleidern sozial und intellektuell zu situieren. die wir sehr früh aufnahmen. verfällt man der Ordnungslosigkeit. In der Heimat beherrschen wir souverän die Dialektik von Kennen-Erkennen. In der Heimat leben heißt. als man langsam. für den dergleichen eine pikante Verfremdung sein mag. Hat man aber keine Heimat. von Wirtschaftsnöten geplagte und darum zum Antisemitismus neigende heimische Bevölkerung gegen ihn aufbrachten? Ich wankte durch eine Welt. dessen gurgelnde Laute ich immerhin als Sätze aufnahm. der ich vorerst ausgewichen bin. der schon als erwachsener Mensch ins neue Land kam. da man doch die Fremde durch ein langes Leben in ihr und mit ihr zur Heimat machen kann. weil wir in unsere Kenntnis-Erkenntnis begründetes Vertrauen haben dürfen. vielmehr ein intellektueller. Der Mann mit dem Vierkantschädel. Gesichter. Gesten. Was für unerwünschte Anklänge weht es doch herbei! 36 . gut mit uns oder waren wir ihm verhaßt. Häuser. der unsere Papiere kontrollierte. nichts ganz und gar Fremdes zu fürchten ist. Anders jedoch als der Tourist. grobknochigen Mann mit viereckigem Schädel. langsam lernt. sage ich. daß sich vor uns das schon Bekannte in geringfügigen Varianten wieder und wieder ereignet. gutmütig. wenn man nur die Heimat kennt und sonst nichts.beim Bier mit einem großen. Und hier begegnen wir nun der herkömmlichen. werden zu Konstitutionselementen und Konstanten unserer Persönlichkeit: So wie man die Muttersprache erlernt. zutraulich gehört in den weiteren psychologischen Bereich des Sich-sicherFühlens. Einwenden läßt sich allenfalls. Muttersprache und Heimatwelt wachsen mit uns. deren Zeichen mir so uneinsichtig blieben wie die etruskische Schrift. die Zeichen zu entziffern. denn von dem hatte ich wenigstens mit Bestimmtheit gewußt. daß das Exil vielleicht keine unheilbare Krankheit ist. Zu Zeiten fühlte ich mich vor ihnen hinfälliger als vor dem SS-Mann daheim. wo nichts Ungefähres zu erwarten. vertraulich. ohne ihre Grammatik zu kennen. wachsen in uns hinein und werden so zur Vertrautheit. Zerfahrenheit. daß man die neuen Mitbürger mühelos anschließt an ihre Geschichte und Folklore. die Menschen nach ihrer Sprache. Zutrauen. daß man am Ende die Fähigkeit besitzt. weil wir durch unsere bloße Anwesenheit im Stadtbild eine schon fremdenmüde. der gurgelnde Jude waren meine Herren und Meister. daß man Alter. mir seine Faust ins Gesicht zu schlagen und sich meiner Frau zu bemächtigen. der stimmgrollende Polizeiagent. Verstörung. War das Lächeln des Polizeibeamten. vielleicht sogar ein Patrizier. Heimat ist Sicherheit. Und es ist richtig insofern. Das ganze Feld der verwandten Wörter treu. anvertrauen. Man kann unter Umständen im fremden Land so „zu Hause" sein. der Durchblick durch die Zeichen nicht spontan sein. deren Deutung wir zugleich mit der Besitzergreifung der Außenwelt erlernten. Sicher aber fühlt man sich dort. In dieser Welt war für mich keine Ordnung. man nennt das: eine neue Heimat finden. wirtschaftlichen Wert eines Hauses auf den ersten Blick erkennt. war ich angewiesen auf diese Welt voll Rätseln. Meinte es der alte bärtige Jude. Worte (auch wenn ich sie halbwegs verstand) waren Sinneswirklichkeit. Es wird aber gleichwohl auch in diesem günstigen Fall für den Exilierten. mit einem gewissen geistigen Müheaufwand verbundener Akt. Kleider. erkennen wir sie und getrauen uns zu sprechen und zu handeln. die uns Sicherheit verbürgt. aber keine deutbaren Zeichen. Nur jene Signale. indifferent oder höhnisch? War seine tiefe Stimme grollend oder voll Wohlwollens? Ich wußte es nicht. Funktion. der drauf und dran war. von Trauen-Vertrauen: Da wir sie" kennen. der konnte ein solider flämischer Bürger sein. trauen. ebensogut aber auch ein verdächtiger Hafenbursche. so erfährt man die heimische Umwelt. ihren Gesichtszügen. daß er dumm und gemein war und mir nach dem Leben trachtete. Das kann zur Verödung und zum geistigen Verwelken im Provinzialismus führen.

dessen freudig erfüllte Aufgabe es aber war. Er stieg hoch. Ein besonders unheimliches Erlebnis fällt mir ein. hatte gar keine in sein Jagdhundmetier einschlägigen Absichten. was uns aber im Hinblick auf die Sicherheit des Quartiers eher günstig erschienen war. Proust ohne Illiers? Auch die Geschichten von der Haushälterin Francoise und der Tante Leonie in der „Recherche" sind Heimatdichtung. stellen ihren Wirkungsanspruch. Der Mann aber. Man muß ja nun auch. daß der unter unserem Versteck wohnende Deutsche sich durch unser Reden und unsere Hantierungen in seiner Nachmittagsruhe gestört fühlte. und da muß ich eingehender ausführen. Die Heimat ist das Kindheits. Ich stammelte französische Entschuldigungsformeln. Darum nochmals in aller Deutlichkeit: Es gibt keine „neue Heimat". ach. das Gesicht der Mutter überm Bett. bleibt ein Verlorener. kurz vor meiner Verhaftung. verpflichtet uns nicht. Alle Implikationen dieser Einbuße wurden mir erst richtig erkennbar. Und warum nicht gar auch Spinnstuben und Rundgesang an der Dorf linde. Wer sie verloren hat. Genügte es nicht. aus schlaftrunkenen Augen uns anstarrend. den Bestand des Reiches so wenig gefährdenden Propagandaarbeit. die vom Schicksal 37 . in aufgeknöpfter Uniformjacke. in der Fremde nicht mehr wie betrunken umherzutaumeln. Gelegentlich und nebenher hatte die allzu furchtlose junge Person. was ich bisher nur andeutete. denn im Nebenzimmer standen die Utensilien unserer. mich von dem absurden Vorhaben abzuhalten. Eines Tages nun ereignete es sich. gerne verscheuchen. bei dem Wort Heimat nicht gleich an geistige Inferiorität denken. die sich mit dem Wort Heimat assoziieren und die recht ungute Vorstellungsreihen heranführen von Heimatkunst. die ihn anscheinend beruhigten. die später dann auch mit dem Leben bezahlt hat. Ich befand mich in einem paradoxen. meiner Sprache anzureden. pochte hart an die Tür. als 1940 die Heimat in Gestalt der deutschen Eroberertruppen uns nachrückte. ihn zu ignorieren. und habe er es auch gelernt. meinesgleichen in möglichst großer Menge einem Todeslager zuzuführen. denn der Kerl. Fliederduft aus dem Nachbarsgarten. Ausmaß und Wirkung des Heimatverlustes zu bestimmen. um dann beim Wein ein Heimat. Aber sie sind hartnäckig. beinahe perversen Gefühlszustand von schlotternder Angst und gleichzeitig aufwallender familiärer Herzlichkeit. Er stellte seine Forderung und dies war für mich das eigentlich Erschreckende an der Szene . im Gespräch erwähnt. Daß rückschrittliche Bärenhäuterei den Heimatkomplex besetzt hat. Unsere Widerstandsgruppe hatte damals einen Stützpunkt in der Wohnung eines Mädchens. ihn in seiner. bewahre. wirrhaarig. dort stand das Vervielfältigungsgerät. Es kommt mir hier darauf an. die unsereins ohnehin nur aus der Literatur kennt? Man möchte die peinlich lieblichen Töne.und Versöhnungsfest zu feiern? Glücklicherweise waren Angst und Vernunftkontrolle stark genug. und darum regte sich in mir der aberwitzige Wunsch. das ich 1943 hatte. Ich hatte lange diesen Tonfall nicht mehr vernommen. sondern mit einiger Furchtlosigkeit den Fuß auf den Boden zu setzen. es wohnten in ihrem Haus auch „deutsche Soldaten". Man darf Carossa den mittelmäßigen Schriftsteller sein lassen. Was aber wäre Joyce ohne Dublin. Joseph Roth ohne Wien. der mir in diesem Augenblick zwar nicht gerade ans Leben wollte. der uns Exilierte des Dritten Reiches betraf. bleiben uns an den Fersen. ihm in seiner eigenen Mundart zu antworten. verlangte nur brüllend Ruhe für sich und seinen vom Nachtdienst ermüdeten Kameraden.Märchenerzählungen einer alten Kinderfrau. Heimat-Alberei jeder Art. der er war. auf dem wir unsere illegalen Flugblätter herstellten. trat polternd über die Schwelle: ein SS-Mann mit den schwarzen Aufschlägen und den eingewebten Zeichen ausgerechnet des Sicherheitsdienstes! Wir waren alle bleich vor tödlichem Schreck. Türenschlagend verließ der Mann den Ort der Subversion und mich.im Dialekt meiner engeren Heimat.und Jugendland. Heimatdichtung. erschien mir plötzlich als ein potentieller Kamerad.

wischten uns verstohlen die Augen. Thomas Mann respektvoll zu bestehlen. was ich meinte. Wir sangen. sondern Selbstzerstörung. wenn wir mit uns allein waren. aber zu sein das Recht nicht hatten. was wir doch waren. marschierend. daß wir es uns widerrechtlich angeeignet hatten. Wir holten es in anmaßender Wehmut. spiegelfechterisches Unterfangen! Das echte Heimweh. Heimatlieder im Dialekt vor. Der deutsche Ostflüchtling weiß. Es bestand in der stückweisen Demontierung unserer 38 . verborgen hinter den belgisehen Landessprachen. die Heimat als von einer fremden Macht unterdrückt zu denken: zu gut gelaunt waren die Landsleute. Sie sangen. Der in Sicherheit lebende Kulturemigrant glaubte. das „Hauptwehe". Dann war kein Lied mehr. sondern mußten erkennen. Zu einhellig erklärten sie sich. welch närrisches. es sei die erste Liebe gewesen. daß sie gegen Engelland fahren wollten. Doch war es stets unterströmt von dem Bewußtsein. das war uns als kleine Zugabe mitbeschert worden. In solcher Gestalt hatte die Heimat uns eingeholt. getarnt in Kleidern belgischen Schnitts und Geschmacks. Wovon wir glaubten. in dem es hieß. rhythmisch-kraftvoll und nach Einverständnis klang auch das. Das echte Heimweh war nicht Selbstmitleid. Dann war es da und räkelte sich in voller Tränenseligkeit. Was für ein Seelenschwindel! Es waren Reisen nach Hause mit gefälschten Papieren und gestohlenen Ahnentafeln. ein Lebensmißverständnis. In diesem Augenblick begriff ich ganz und für immer. vom Alkohol gelöst.war es denn jemals etwas anderes als Mimikry? Bei einiger geistiger Redlichkeit war es uns. Wir aber hatten nicht das Land verloren. wenn wir im Exil mit Landeseinwohnern von unserer Heimat sprachen. Für uns war. wenn es sich so fügte. eine fremde Macht hat ihm sein Land genommen. Es war ein recht banales Erlebnis. wie sie drüben sagten.und ist für jedermann. erzählten von heimischen Bergen und Flüssen. wenn ich von der völlig neuartigen und durch keinerlei literarisch fixierte Gefühlskonventionen bestimmten Qualität unseres Heimwehs sprach. war anderer Art und suchte uns heim. denn wohl oder übel mußten wir uns den Belgiern gegenüber als Deutsche oder Österreicher konstituieren. keine schwärmerische Beschwörung verlorener Landschaften. es habe unser Wesen ausgemacht . Das traditionelle Heimweh nun ja. der sich's darin traurig wohl sein läßt . Wir mußten mimen. mich aus der Welt zu schaffen.vorgesehene Beute seiner von Jägerleidenschaft beflügelten Soldatenpflicht. der in New York oder Kalifornien am Luftschloß der deutschen Kultur baute. er spinne weiter am Schicksalsfaden einer nur vorübergehend und gleichfalls von einer fremden. Man wird jetzt besser verstehen. in Straßen und Tavernen zufällig begegneten. bis endlich die Wellen zuschlügen und die Welt Ruh' habe. denen wir. und solcherart schlug die Glocke der Muttersprache an unser Ohr. den Antwerpenern. aus uns heraus. ebensowenig wie einem Hitleremigranten.tröstendes Selbstmitleid. ganz unmöglich. die wir während des Krieges unter feindheimatlicher Besatzung lebten. daß es niemals unser Besitz gewesen war. da doch unsere Gesprächspartner uns die Heimat aufzwangen und die zu spielende Rolle vorschrieben. was mit diesem Land und seinen Menschen zusammenhing. Rassenschande. Doch niemals hätte dergleichen einem deutschen Ostflüchtling zustoßen können. mit den kräftigen Stimmen gläubiger Jugend. die Juden zögen hin und her und durchs Rote Meer. daß die Heimat Feindesland war und der gute Kamerad von der Feindheimat hergesandt. genauer gesagt: wir waren es sogar in diesen Momenten. wenn es mir erlaubt ist. der nationalsozialistischen Herrschaft überwältigten deutschen Nation. Und sie stimmten auch. häufig ein ziemlich blödsinniges Lied an. Was wir gemeint hatten. Das traditionelle Heimweh war für uns . wenn wir in absichtlich gebrochenem Deutsch ein Gespräch mit ihnen anknüpften. kein feuchtes und zugleich zwinkernd um Komplizität bittendes Auge. das war. denn ein Anrecht hatten wir nicht darauf. für ihren Führer und dessen Unternehmungen.

Der mit Selbsthaß gekoppelte Heimathaß tat wehe." Doch hierin ist bei weitem nicht das ganze Sprachproblem des Exilierten eingeschlossen. Nicht daß es eine schöne Sprache gewesen wäre. teils eine vor unseren Augen durch Altersfalten sich entstellende Kunstsprache und ahnten zudem nicht. In einem ganz bestimmten Sinn haben wir auch sie verloren und können kein Rückerstattungsverfahren einleiten. als schließlich die nationalsozialistische Macht von außen gebrochen wurde.eine Sprache der Wirklichkeit. Was zu hassen unser dringender Wunsch und unsere soziale Pflicht war. Aber die Revolution fand nicht statt.. und der Schmerz steigerte sich aufs unerträglichste. neurotischer Zustand. der vorderasiatisches Gift in den deutschen Volkskörper einträufelt. in der es heißt: „Niemand kann sich ausschließlich jahrelang in Sprachen bewegen. und bestimmt war. Aber es war .. warfen uns nur das Spiegelbild der eigenen zurück. daß wir den Verlust nicht bemerkten. in der Feindheimat. gegen den kein psychoanalytisches Kraut gewachsen ist. und zugleich tilgten wir das Stück eigenen Lebens aus. um die bare Todesgefahr. Notwendigerweise drehten sich Gespräche mit Schicksalsgenossen stets um die gleichen Gegenstände: erst um Fragen des Lebensunterhalts. sondern auch. ohne seinem inferioren Sprechen zum Opfer zu fallen. einer Sammlung von Exildokumenten deutscher Schriftsteller. Französisch. gleichen Wörter. Statt von einem „Abbröckeln" der Muttersprache würde ich lieber von ihrer Schrumpfung sprechen.und Reisepapiere. später. die dort entstand. wenn wir uns des Deutschen bedienten. Die meisten von uns verweigerten sich ohnehin den aus Deutschland in die besetzten Länder wehenden Sprachfetzen. Spanisch noch nicht gelernt hatten. was nicht abgehen konnte ohne Selbstverachtung und Haß gegen das verlorene Ich. die deutsche Sprache „rein" zu erhalten. in der Praxis aber doch nur teilweise brauchbaren Argument.samt Feindbomber. führten unserer Sprache keine neuen Substanzen zu. Dabei redeten sie teils ihr Emigranten-Chinesisch. seinerseits in die Literatursprache einzugehen. im enge zusammenrückenden Raum eines sich ständig wiederholenden Vokabulars. wieviel vom Sprachgut oder meinetwegen Sprachungut dieser Zeit sich in Deutschland erhalten würde. Dem Verhältnis zur Heimat verwandt war in den Jahren des Exils die Beziehung zur Muttersprache. ja sogar samt allen Ausdrücken des eigentlichen Nazislangs . Therapie hätte nur die geschichtliche Praxis sein können. und höchstens bereicherten wir unsere Rede aufs häßlichste durch die nachlässige Einführung von Formeln aus der Sprache des Gastlandes. lese ich eine Aufzeichnung des Philosophen Günther Anders. ich meine: die deutsche Revolution und mit ihr das kraftvoll sich ausdriik-kende Verlangen der Heimat nach unserer Wiederkehr. Die Feindheimat wurde von uns vernichtet. Die mit uns redeten. weit über den Zusammenbruch Hitlers hinaus.Vergangenheit. Jede entwickelte Rede ist Gleichnisrede. und zumeist so heimlich und allmählich. ob sie uns erzählt von einem Baum. die er nicht beherrscht und im besten Fall nur unzulänglich nachplappert. oder vom Juden. unter der deutschen Besatzung. wenn mitten in der angestrengten Arbeit der Selbstvernichtung dann und wann auch das traditionelle Heimweh aufwallte und Platz verlangte. nahm das Sprachgeschehen seinen Lauf. drüben würde Sprachverderb getrieben und ihre Aufgabe sei es. Andere. um Aufenthalts. der trotzig einen kahlen Ast in den Himmel reckt. stand plötzlich vor uns und wollte ersehnt werden: ein ganz unmöglicher. Wir waren aus der deutschen Realität ausgesperrt und darum auch aus der deutschen Sprache. das mit ihr verbunden war. Material zum Gleichnis gibt stets die sinnfällige Realität. Wir bewegten uns nämlich nicht nur in der fremden Sprache. wie ich selbst. Drüben. In dem schon erwähnten Buch „Verbannung". und unsere Wiederkehr war für die Heimat nichts als eine Verlegenheit. 39 . Während wir unser Englisch. Frontleitstelle. das nicht. begann unser Deutsch Stück für Stück abzubröckeln. mit dem prinzipiell gültigen. gleichen Phrasen. Wir drehten uns allemal im Kreis der gleichen Themen. Kriegseinwirkung.

die Englands Städte in Trümmer legten. nach. bestenfalls kann man sich daran sattessen. Jede Sprache ist Teil einer Gesamtwirklichkeit. die ein gleiches Geschäft in Deutschland besorgten. was der Verlust von Heimat und Muttersprache für uns. wie er im gleichen Wort in meiner Heimatmundart üblich ist. was Heimat überhaupt und allgemein.machten den aussichtslosen Versuch. Gleich denkt.und der Titel meiner Arbeit erheischt ja Antwort -. aber schon sinnlos werdender. vor der er das Wort sprach. Heimat . Da kommt mir in den Sinn. bedeutete. an Gestriges.da war kein einziges Wort. denn ich war ausgeschlossen aus dem Schicksal der deutschen Gemeinschaft und damit auch aus der Sprache. die in Sicherheit in den Vereinigten Staaten. hat ihr aber auch nicht fortgeholfen. daß der so schwere Wirklichkeitsgehalt der Muttersprache. darin versuchte man vielleicht. an engen Nationalismus. sich zu verbergen. Man spricht bei ihr vor.ist das nicht ein verblassender Wert. wir mochten uns dagegen wehren oder nicht. und schließlich wurde. für den Zeitgenossen meint. Die Gestimmtheit der Epoche ist dem Heimatgedanken nicht günstig. Aber man wurde aufgestöbert im stillen Nebelglanz. das Organ der deutschen Besatzungsmacht im Westen. und mochten ihnen die gleichen physikalischen Qualitäten eignen wie den heimischen. Die Frage drängt sich aber auf . Selbst einzelne Vokale. Der Sinngehalt jedes deutschen Wortes verwandelte sich für uns. die Muttersprache ebenso feindselig wie die. wie wenn man bei Freunden einkehrt. sah anders aus als ein Haustor daheim. Das „Ja" war bekannt und fremd zugleich. Die Tür. der uns im deutsch besetzten Exil erdrückte. Und muß ich erst noch sagen. „Feindbomber". und ich begriff. wer davon reden hört. ein noch emotionsbeladener. wie ich in den ersten Tagen des Exils in Antwerpen einen Milchjungen in stark flämisch-dialekthaftem Niederländisch an einer Haustür beim Abliefern seiner Ware ein „Ja" mit genau jenem dunklen. Es hat meine Sprache nicht verdorben. die fremde zur wirklichen Freundin. das ist offenbar. denn eine weitum verbreitete Einstellung will zwar die Heimat in ihrer regionalen. Busch und Tal. Die Wörter waren schwer von einer gegebenen Wirklichkeit. wenn er „Ja" sagte. wenn man guten Gewissens und sicheren Schrittes in den Sprachraum eintreten soll. der in der modernen Industriegesellschaft keine Realentsprechung mehr hat? Wir werden sehen. wie die Muttersprache sich feindlich zeigte. Sie verhielt und verhält sich reserviert und nimmt uns nur zu kurzen Höflichkeitsbesuchen auf. welche sie um uns redeten. La table wird niemals der Tisch. Auch hierin war unser Geschick sehr verschieden von dem jener Emigranten. folkloristischen Eingeschränktheit wenigstens als einen pittoresken Wert noch gelten lassen. in Schweden wohnten. auf die man wohlbegründetes Besitzrecht haben muß. comme on visite des amis. die hieß Todesdrohung. Doch zuvor muß in aller gebotenen Kürze das Verhältnis von Heimat und Vaterland abgeklärt werden. „Füllest wieder Busch und Tal" . gut. die wir aus dem Dritten Reich exiliert waren. dem O sich annähernden A sagen hörte. vom persönlichen Schicksal abgesehen. waren fremd und sind es geblieben. Ich habe versucht. daß ich in der anderen Sprache immer nur Gastrecht auf Widerruf haben würde. während das Vaterland ihr als 40 . Täglich las ich trotz äußersten Widerwillens die „Brüsseler Zeitung". in der Schweiz. war nicht die mir bekannte. und nicht die fliegenden Festungen der Amerikaner. Der Himmel über der Straße war ein flämischer Himmel. Die Mundstellung des Jungen. sich anzuklammern an die weiterschreitende deutsche Sprache. an Territorialansprüche von Vertriebenenverbänden. was nicht dasselbe ist. aus abgelebten Tagen mitgeschleppter Begriff.und aufzuspüren. von schrecklicher Dauerhaftigkeit war und für uns bis heute in der Sprache lastet? Es wurde uns aber darum nicht im gleichen Maße. das nicht auch der mit gezücktem Dolch vor uns stehende Mörder im Munde hätte führen können. aber das waren für mich die deutschen Flugzeuge.

aber das war die Reaktion eines kulturell und wirtschaftlich unterdrückten. als sie im Vielvölkerstaat der österreichisch-ungarischen Monarchie ihr tschechisches Land. ohne das Vaterland in staatlicher Gestalt noch nötig zu haben. Ich bin kein alter General. Ich träume nicht von nationaler Größe. finde in meinem Familienalbum keine Militärs und hohen Staatsdiener. so glaube ich. Heimat zu sein. daß all dies weite Land ihnen gehöre und Untertan sei dem Präsidenten im Weißen Haus. und selbst die Speisekarten in den Gasthäusern wiesen andere. ein Großeuropa übermorgen.Wo ist mein Vaterland?". weder als Heimat noch als Vaterland finden und empfinden konnten. Im Gegenteil. eine unabhängige staatliche Einheit darstellenden Sozialkörper. Von Vaterland und Heimat hätten sie dann nicht mehr als heute schon. im Hochgefühl. Belgier. die Briefkästen an den Häusern. mit ihren Familien von New York nach La Paz ziehen. ist nur die Obsession eines alten Generals. vom deutschen Staatsvolk Österreichs „kolonisierten" Volkes.und Trachtenfeste. Ist denn nicht für Deutsche. jedoch mit Gewißheit heraneilenden Zukunft. das doch im herkömmlichen 41 . wurde es mir wildfremd. Einerseits glaube ich erfahren zu haben. Sie sangen es. Gut. den er mit Selbstverständlichkeit als sein eigen betrachtet. das seine Bewohner mit Imperialbewußtsein und erhitztem Großreichnationalismus erfüllt.demagogisches Schlagwort und Ausdruck reaktionärer Verstocktheit zutiefst verdächtig ist. auch keine Heimat. wie die Sowjetunion und die USA. bin überhaupt just das. wenn er Heimat und Vaterland verliert. Andererseits geht das größere Vaterland seiner Qualität als Vaterland verlustig. Wo aus freiem Entschluß sich gleichberechtigte Nationen zusammenschließen in einem größeren Gemeinwesen. Die Uniformen der Polizisten. Dann wird es zum Imperium. und weiß mich nicht frei von destruktiven Tendenzen. die Wappen an den Ämtern. das kein unabhängiger Staat war. dort können sie ihre Heimat in der Pflege eines regionalen und sprachlichen Partikularismus aufbewahren. wenn es allzuweit hinauswächst über einen noch als Heimat erfahrbaren Raum. wage ich einzustehen für den Wert Heimat. kann man einwenden. viele Schilder vor den Geschäften zeigten neue Gesichter. würde ihr Imperialbewußtsein das gleiche bleiben.das klingt nicht gut. Wenn morgen die Nordamerikaner den ganzen Kontinent mitsamt den lateinischen Staaten eroberten. sobald sie nicht zugleich auch Vaterland ist. Natürlich kann man sagen: wennschon. mir unbekannte Gerichte auf. nur schlecht auskommen kann. Italiener. weil sie ein Vaterland erobern und damit ihre Heimat verwirklichen wollten. Aber da ich ein gelernter Heimatloser bin. über den demnächst im Geschwindschritt das Zeitgeschick hinweggehen wird. Als mein Land am 12. Wo die General Motors ist. Es ist gar kein Unglück für den Menschen. „Kde domow muj . Wer kein Vaterland hat. Auch habe ich eine tiefe Abneigung gegen Schützen-. Ihr Vaterland wird größer sein: ein Kleineuropa morgen. Sanges. das es heute schon ist. wo ihnen zwischen Texas und New Jersey ihr Reich als ein umgreifender Gesellschaftskörper eher durch die standardisierten Gebrauchsgüter der Riesenindustrien bewußt wird als durch die Sprache. daß der Mensch meiner Generation ohne die beiden. Dann würden sie. der hat. Luxemburger schon heute das entstehende Kleineuropa. wie Heimat aufhört. Holländer. die Welt in einer noch nicht erkennbaren. März 1938 seine staatliche Unabhängigkeit verlor und ans Großdeutsche Reich kam. so wie sie heute von New England nach Iowa oder Kalifornien übersiedeln. L'Europe des patries . mit hinlänglicher Deutlichkeit. will sagen: kein Obdach in einem selbständigen. Ich melde meine Zweifel an. lehne auch die scharfsinnige Unterscheidung von Heimat und Vaterland ab und glaube schließlich. Franzosen. was man in Deutschland vor gar nicht so langer Zeit eine Intelligenzbestie genannt hätte. dort ist ihr Pseudo-vaterland und ihre Pseudoheimat. sangen die Tschechen. die eins sind. Er wächst mit dem Raum.

die Teller und Löffel werden überall die gleichen sein. Anders als für den Physiker. ist unvermeidlich. sind wir darauf angewiesen zu sehen. Noch öffnet uns.und vielleicht spreche ich da nicht nur für meine eigene. Die werdende Welt von morgen wird Heimat gewiß und Muttersprache möglicherweise aus sich ausstoßen und nur noch als einen Gegenstand historisch gelehrter Spezialforschung am Rande bestehen lassen. der daran arbeitete. Wir brauchen ein Haus. Sie wähnen sich in der Lage des reichen und darum bewegungs. Wir brauchen ein Stadtantlitz. Der moderne Mensch tauscht Heimat gegen Welt ein. sondern in einer mathematischen Formel. für die Cocktailparty abends genügt das Basic English. die elektrischen Haushaltsgegenstände. er sei ein Weltbürger der zweiten Jahrhunderthälfte und habe den Profit des Heimat-Welt-Geschäftes schon eingestrichen. wir sind noch nicht so weit. was der französische Soziologe Pierre Bertaux die Mutation des Menschen nennt. den Zugang zu einer Realität. Zu denken ist. Schon denken amerikanische Städteplaner daran. bewegen sie sich in Karlsruhe und Neapel. Für die 42 . als kühner Großeuropatraum sich dies heute vorstellt. um auch daran zu zweifeln. den Spatzen in der Hand für den Kolibri auf dem Dach. von dem wir wissen. ein ihnen zugewachsener Besitz? Mit gleicher Sicherheit. In vollem Umfang werden die Gegenstände des täglichen Gebrauchs.darauf gestellt. da Häuserreparaturen sich so wenig lohnen werden. so sagen sie. Autobahnen. die psychische Assimilation der technisch-wissenschaftlichen Revolution. in der Zukunft das Haus zum Konsumgut zu machen. in Intervallen von zwanzig bis fünfundzwanzig Jahren ganze Stadtviertel einebnen und neu aufbauen. wer im Kleinwagen von Fürth an die Cote d'Azur reist und dort auf der Cafeterrasse deux Martinis bestellt. Servicestationen. Wir sind . wie dies heute schon bei gewissen Autoreparaturen der Fall ist. Erst wenn er krank wird und der medecin ihm ein landesübliches Medikament verschreibt. daß nicht kommende Geschlechter sehr wohl ohne Heimat werden auskommen können. der nicht im Pendelausschlag eines Kontrollapparates Wirklichkeit erkennt. Wie aber würde in einer solchen Welt der Begriff Heimat überhaupt noch gebildet werden können? Die Städte. wenn er einen Kosmopolitismus zweiten Ranges einhandelt für das. schon absteigende Generation derer. Die neue Welt wird viel durchgreifender eine sein. das sie für die Naturwissenschaftler heute schon ist: Die Physiker kommunizieren in der Sprache der Mathematik. Das Tauschgeschäft erweist sich als ein dubioses. was gestern Heimat hieß.und entscheidungsfreien Mannes. was wir Heimat nennen. Gleich glaubt. Denn mancher vergibt. und er seufzt nach Bayer und dem Herrn Doktor. die für uns in der Wahrnehmung durch die Sinne besteht. Das. in dessen kleinen Unregelmäßigkeiten wir den Handwerker erkennen. Oberflächliche. in Dingen zu leben. kommen ihm düstere Gedanken über die französische Pharmakologie. die wir heute noch emotionell besetzen. als mich vor kaum vier Jahrzehnten ein Bummelzug von Wien in ein Tiroler Dorf fuhr. von New York nach Toronto. die uns Geschichten erzählen. wer es vor uns bewohnt hat. fungibel. die um die Fünfzig sind . Man wird. Doch damit soll nicht gesagt sein. ein Möbelstück. auskommen müssen. die Möbel. Noch lange nicht. so hört man.und Sprachenkenntnis ist keine Kompensation für Heimat. Was für ein glänzendes Geschäft! La belle affaire! Aber man muß nicht gerade ein stumpfsinnig am Orte tretender Finsterling sein. zu hören. Brest und Rotterdam. das zumindest schwache Erinnerungen erweckt an den alten Kupferstich im Museum. dem schon die Welt gehört: Ihn bringen ja die Jets geschwinder von Paris nach Tokio. durch Tourismus und Geschäftsreisen erworbene Welt. Jedoch.Verstande weder Vaterland noch Heimat ist. daß auch die Sprache der Zukunftswelt das rein funktionelle Verständigungsmittel sein wird. zu tasten.

daß es uns in steigendem Maße abhängig macht von der Erinnerung an die Vergangenheit. das Sie sich von mir machen. Sie sehen den. der Clochard am Seine-Quai. der ich bin. daß beide bis zu einem gewissen Grade aufgehoben wurden durch Hoffnung. Meine Potentialitäten von einst gehören ebenso zu mir wie mein späteres Scheitern oder unzulängliches Gelingen. . In unser Bewußtsein aber dringt sie in ihrer Gesamtheit als Wirklichkeit immer noch durchs Auge ein . da sehen Sie vielleicht nur den kleinen Buchhalter. 43 . nicht den. da ich auch den zweiten Vornamen Israel führte. da löffelte ich aus einer Konservenbüchse meine Suppe. Genau zu bestimmen wußte ich mich nicht. dessen Kredit erschöpft sich. Doch kann er gleichwohl bestehen. Denn ich war ja. Denn mit dem Altern steht es so. der gewährt sich selbst jenen unbeschränkten Kredit. daß ihm nicht eine Wunde geschlagen wurde. und da kann ich Ihnen auf Ehre versichern. Denke ich zurück an die ersten Jahre des Exils.. wenn in diesem Sein ausgewogen ein Gewesen ruht. daß mein Mathematiklehrer große Hoffnungen in mich setzte. sie ist das Altenteil. macht mein Ich noch aus. da man mir doch Vergangenheit und Herkunft konfisziert hatte. sondern ein Mensch namens Globke. wenn auch keine entzifferbare Vergangenheit und Gegenwart. den mittelmäßigen Maler. Nicht durchaus stimmt es. sondern auch für die ohnehin nur auf Abruf an topographischen Punkten siedelnden Bewohner wird die Realität einer Stadt in den statistischen Tabellen bestehen. dessen zukunftsloses Sein ein sozial nicht dementiertes Gewesensein enthält — ach wissen Sie. lernen müssen. was Sartre einmal gesagt hat. Das Kommende ist nicht mehr um ihn und darum auch nicht in ihm. den wir das Erinnern nennen. in den Bauplänen und Entwürfen neuer Straßen./ Er zeigt der Welt ein nacktes Sein. die mit dem Ticken der Zeit vernarbt. Erinnern. Das war auch nicht tödlich. der es sich wohl sein läßt mit der Fuselflasche. Aber auch der ich war. Ich habe mich zurückgezogen auf die Vergangenheit. da ich doch nicht in einem Hause wohnte. Das Stichwort ist gefallen. die mit den Jahren schlimmer wird. Dessen Horizont rückt ihm an den Leib. da verlor ich mich in der Schlange Unterstützungsbedürftiger. Billigen Sie mir die Dimension meiner Vergangenheit zu. Das war nicht gut.des alten Gottfried Kellers liebes Fensterlein! . dessen Morgen und Übermorgen hat keine Kraft und keine Gewißheit. da kauerte ich im Deportationszug. aber nicht nur für sie. den nicht die Eltern mir gegeben hatten. Es ist nicht wahr oder jedenfalls nicht ganz wahr. daß ich ein guter Skifahrer war. Auf ein Werden kann er sich nicht berufen. die eine demographische Entwicklung vorausnehmen. sondern in einer Baracke Nummer soundso. vielleicht ein Arbeiter in New York. Da stand ich mit fünfzehn Mark fünfzig. daß der Mensch nur ist. die nun schon nach Jahrzehnten zählt. ein französisch schreibender Autor in Paris. den meist auch die Umwelt ihm einräumt. ein Siedler in Australien. der er sein wird. daß ich schon damals Heim. und unsere Reflexionen schwingen von selbst zurück zu ihrem Hauptgegenstand: dem Heimatverlust dessen. der er ist. der ich war. so jedenfalls eine Zukunft: vielleicht ein Mann. sagt der Alternde. sondern daß er an einer schleichenden Krankheit laboriert. Ach wissen Sie. sondern auch. nämlich: daß für ein zu Ende gehendes Leben das Ende die Wahrheit des Anfangs ist. und er hat in einer Zeitspanne. Nehmen Sie dies doch bitte hinein in das Bild. der einen Obergruppenführer erschlägt.und Vergangenheitsweh verspürte. der er ist. den mühselig die Stiegen hinaufkeuchenden Asthmatiker. den das Dritte Reich vertrieb. Er ist nur. Er ist nicht nur. was er verwirklichte. Er ist gealtert. IWer jung ist. Aber sie war es nicht in allen ihren Stadien.daß meine erste Ausstellung brillante Kritiken fand. auf dem ich sitze. War es eine klägliche Geschichte? Vielleicht. Wer aber altert. ich wäre sonst ganz unvollständig. entsinne mich aber auch.Städteplaner von morgen.und wird verarbeitet in einem mentalen Prozeß. dann weiß ich zwar.

Sehr genau entsinne ich mich noch jener geistig schlichten Juden aus dem Kaufmannsstand. Mombert war. Und das nicht erst heute. wozu viele von uns Jahre gesammelten Nachdenkens. Toulouse zu den Basses Pyrenees in ein großes Internierungslager. daß die Kunden in Dortmund und Bonn 1933 alle Käufe wieder rückgängig gemacht hatten.da doch die Zukunft etwas ist. der ein Jahr nach der Niederschrift des Briefes in der Schweiz starb. fast siebzigjährig. da war es unmöglich. es geht mir nicht schlecht dabei. wahrhaftig nicht hätte verlangen können. die schon im Augenblick ihrer Vertreibung alt waren. die sich zu seinem Schütze nicht erhob. so wenig mehr ein 44 . hatten seine Verse ungeschehen gemacht.. danke. die am Anfang des Exils. die gegen seine Deportierung nicht protestierten. Und dennoch schrieb er. beiläufig. Für manche ging es aber nicht um Handelsgut. saß damals auch. Mitnahme von sage hundert Reichsmark war gestattet. wo ich mich 1941 ein paar Monate lang befand. auch nicht denken können. als er den tragischen Brief abfaßte.Ich lebe friedlich mit ihr. sie noch als subjektiv psychologischen Besitz zu bewahren. der auf seine Vergangenheit ein Anrecht hat. Die Leser von einst. sich auf ihre eben erst zerstörten sozialen Positionen in Deutschland beriefen. Er hat in der Baracke von Gurs. und da wurde der Verlust des Gewesenen zur völligen Verödung der Welt. Das haben nur jene nicht genau erkannt. Der hatte ein großes Konfektionshaus in Dortmund besessen. wie ein großer Regen . Ob Ähnliches je einem deutschen Dichter passiert ist?" Die fast unerträglichen Zeilen sind hier nur angeführt um des ersten und des letzten Satzes willen: zwischen beiden klafft ein Widerspruch. desto härter wurde ihnen der Verlust. was. samt Säugling und ältestem Greis binnen einiger Stunden zum Bahnhof. Erstaunlich schnell begriffen sie. während sie die Vorzimmer exotischer Konsulate bevölkerten. und er erspäht sich nirgendwo. sondern für Deutsche auf deren ausdrückliches Verlangen. damit hat es seine Richtigkeit. das nur noch auf die Jüngeren zukommt und darum nur ihnen zukommt -. versiegelt durch Gestapo. daß. nur einer vergleichsweise geringen Zahl von ihnen gelang.. hat den Alten verstoßen. Alles floß ab wie ein großer Regen. vielleicht brutalisiert von einem ahnungslosen Gendarmen des Vichy-Regimes. Alles mußte zurückbleiben. der nicht nur in Deutsch dichtet.. ihn zu schützen. So ungefähr die Worte dessen. Nachspürens nötig hatten: daß ein deutscher Dichter nur ein Mann sein kann. sondern um luftigen geistigen Besitz. Ihre Vergangenheit als soziales Phänomen war von der Gesellschaft zurückgenommen worden. dann abtransportiert via Marseille.. von Ungeziefer bedrängt. wenn sie längst in New York oder Tel Aviv wieder mit Kleidern und Geschirr lukrativen Handel trieben. wenn alles abfließt. die niemals einen Tausendmarkschein in Händen gehalten hatten. Ich mit meiner 72jährigen Schwester samt der gesamten jüdischen Bevölkerung Badens und der Pfalz. Der aus dem Dritten Reich Vertriebene wird sie niemals aussprechen. Die Hand. der die ganze Problematik unseres Exils enthält und dessen Auflösung man von dem alten Mann. Wohnung. auch dann. da man einen Siebzigjährigen namens Alfred Israel Mombert aus Karlsruhe deportierte und keine Hand sich erhob. Und je älter sie wurden. floß aus der Welt an dem Tage. Die Vergangenheit des neuromantischen Lyrikers Alfred Mombert. alles. hungrig. Im südfranzösischen Lager Gurs. von sich als einem „deutschen Dichter". jener ein wohlreputiertes Geschirrgeschäft in Bonn. diesen hatte man gar zum Kommerzienrat und Mitglied des Handelsgerichts gemacht. der zu seiner Zeit berühmte Lyriker Alfred Mombert aus Karlsruhe und schrieb an einen Freund: „Alles fließt von mir ab. Er blickt zurück . nachdem das nicht mehr Umkehrbare sich ereignet hatte. auch die letzten Spuren der Vergangenheit mitgerissen werden. Verfassers des Bandes „Der himmlische Zecher". Er liegt unkenntlich in den Trümmern der Jahre 1933 bis 1945. unmöglich erkennen können. Sie ließen alle ihre Rodomontaden geschwind bleiben und duckten sich schweigend neben jene anderen hin.

Man darf flüchtig andeutend darüber hinwegeilen. Dann und wann habe ich mit Intellektuellen zu tun: Man kann sie sich nicht wohlerzogener. Daß alles abfloß wie ein großer Regen. von der mustergültigen Sauberkeit seiner großen Stadtsiedlungen. der dem Vereinsamten droht. da die Heimat an Reputation verliert. als eine Welt von Beheimateten. Denn der Mensch braucht Heimat. daß wir es jemals waren. als man ihn abführte. Das Land. Doch verhält es sich in diesen Fragen anerkennenswert diskret. die bloß rhetorische Frage zu beantworten und zu sagen: Er braucht viel Heimat. die mir auf Autobahnen. nur eine Titelformulierung. Zu sagen bliebe mir allenfalls. Wieviel? Das war natürlich keine echte Frage. denke ich daran. All dies ist längst Legende und gereicht der Welt zum Entzücken. was der Mensch an Heimat nötig hat. denn in den Gesprächen über Adorno oder Saul Bellow oder Nathalie Sarraute ist keine Spur davon zu entdecken. die einen aus der Überlegungssphäre hinaus ins Sentimentalische reißen würde. bescheidener. die es dort zu kaufen gibt. mehr jedenfalls. noch gestern auf Blunck und Griese schwuren. stark versucht. 45 . über deren Geglücktheit man streiten kann. Man muß sich wehren gegen unstatthafte Gefühlssteigerung. deren ganzer Stolz ein kosmopolitischer Ferienspaß ist. sondern auch demokratischer Stabilität und politischer Mäßigkeit.deutscher Dichter wie der Kommerzienrat noch ein Kommerzienrat war. an dem sie zum erstenmal sich altern spürten. nicht quantifizieren. auf die mit verläßlicher Tüchtigkeit ausgeführte Handwerksarbeit oder die eindrucksvolle Verbindung von weltläufiger Modernität und träumerischem Geschichtsbewußtsein. in Zügen. Spätestens haben sie es an dem Tag begriffen. die das Dritte Reich überlebten und Zeit hatten. Was bleibt. Nietzsche ist da mit seinen schreienden. Um dieser oder jener zu sein. gibt der Welt nicht nur das Beispiel wirtschaftlicher Blüte. Ressentiments Manchmal fügt es sich. Man mag nicht exaltiert erscheinen und verdrängt die lyrischen Anklänge. daß er in einigem Frieden starb. die sich nicht regte. von seinen idyllischen Kleinstädten und Dörfern zu sprechen. die meiner eigenen Generation angehören. Hotelfoyers begegnen und sich hierbei überaus höflich verhalten. nicht viel zu reden weiß und mir darum kein Urteil bilden kann. hinzuweisen auf die Qualität der Waren. der keine Heimat hat. weil er es nicht wußte. daß ich sommers durch ein blühendes Land reise. Es läßt sich. Auch daß es den Menschen in den Straßen so gut geht. keine Heimat zu haben. Er starb ohne Vergangenheit . durch das ich gelegentlich reise. daß es ihnen und allen in der Welt gehe. heißt es im Gedicht. Es hat gewisse territoriale Forderungen zu stellen und steht im Kampfe für die Wiedervereinigung mit dem von ihm unnatürlich abgetrennten und unter fremder Gewaltherrschaft leidenden Teil seines Nationalkörpers. daß ich mit den Leuten. ist die nüchternste Feststellung: Es ist nicht gut. Mombert war kein deutscher Dichter in der Baracke von Gurs: So hatte es die Hand gewollt. wie viele von ihnen. Wenn aber die Gesellschaft widerruft. Es ist kaum nötig. schwirren Flugs zur Stadt ziehenden Krähen und dem Winterschnee. sich träumen läßt. wie ich mir immer gewünscht hatte. wie weit und wie tief die offenbare Urbanität geht. mit sich ins reine zu kommen. wird in den Statistiken ausgewiesen und gilt seit Jahr und Tag als exemplarisch. brauchen wir das Einverständnis der Gesellschaft. Auch nicht moderner.und hoffen können wir nur. haben gründlicher jene erfahren. und es wird mir jedesmal ganz traumhaft zu Sinne. Es altert sich schlecht im Exil. sind wir es auch nie gewesen. Und doch ist man gerade in diesen Tagen. toleranter wünschen. Weh' dem. wenn er sich beim Hilfskomitee einen alten Wintermantel holte. die sich allenthalben kundtut.

will sein glückliches Volk nichts wissen von nationalen Demagogen und Agitatoren. Mir aber geht es gar nicht um eine in diesem geschichtlichen Einzelfall ohnehin nur hypothetische Gerechtigkeit. das hat man schon erraten: Ich gehöre jener glücklicherweise langsam aussterbenden Spezies von Menschen an. von tüchtigen und modernen Menschen bewohnten Lande. dann legitimieren. Da könnte ich mich wohl auf die Bücher von Kempner.das ist keine Entschuldigung für Verwerfung des Taktes. den sozialen Makel tragen und die Krankheit als integrierenden Teil meiner Persönlichkeit erst auf mich nehmen. Was mir anliegt. wenn in der Stunde. bloßer anerzogener Takt des äußerlichalltäglichen Verhaltens sowie auch Herzens. Meine Aufgabe wäre leichter. die man belebt hatte mit angloamerikanischen 46 . von dem ich spreche und das ich hier anrede. Was ich mir aufgebe. daß viele von uns Opfern das Taktgefühl überhaupt verloren haben. nachdrücklicher. Es ist ein denkbar undankbares Bekenntnisgeschäft. Ich muß mich zu ihm bekennen. heimkehrte nach Brüssel. sind in den Opfern lebendig. er taugt nicht für die radikale Analyse. um die wir uns hier gemeinsam bemühen. zeigt gedämpftes Verständnis für meinen reaktiven Groll. So sei es denn angegangen: ohne Takt. noch nicht — und darum will ich mir in diesem Aufsatz über ihn klar werden. als wir selbst es zu tun vermöchten. die meine Anstrengung um Aufrichtigkeit und das Thema selbst mir aufzwingen. Wie wichtig er aber auch sei. die vor uns liegt. Folter. besser. Die Ressentiments als existentielle Dominante von meinesgleichen sind das Ergebnis einer langen persönlichen und historischen Entwicklung. in Ehren alt zu werden und uns . wo ich aber keine Heimat hatte. ist die aus Introspektion gewonnene Analyse der Ressentiments.wie sich seit langem erwiesen hat. Ich wäre dem Leser dankbar. weder für ihn noch für mich. Mag sein. die man übereinkommensgemäß die Naziopfer nennt. Ich selber aber verstehe diesen Groll nicht ganz. mich einleitend zu entschuldigen für meinen Mangel an Takt. wollte ich das Problem abdrängen in den Bereich der politischen Polemik. das ist die Beschreibung der subjektiven Verfassung des Opfers. Ressentiments. und vielleicht täte ich gut daran. Reitlinger. Emigration. Wir Auferstandene sahen alle ungefähr so aus. und es unterwirft zudem meine Leser einer ungewohnten Geduldprobe. dafür bürgt ihre Aktivität in ihren großen Tagen . Widerstand. Die Sache der Gerechtigkeit wurde von ehrenhaften Deutschen in unserem Namen geführt. ihn mehr als einmal der Wunsch ankommen sollte. Aber es ist eine zureichende kausale Erklärung.und Mai tagen von 1945 uns zeigen: Skelette. Hannah Arendt berufen und ohne weitere geistige Mühe zu einer ziemlich einleuchtenden Schlußfolgerung gelangen. Gefängnis. Das Volk. Ich spreche als Opfer und untersuche meine Ressentiments. Mir ist nicht wohl in diesem friedlichen. so würde sich dann ergeben. Das ist keine vergnügliche Unternehmung. Bergen-Belsen. mit gerade jenen Schriftstellermanieren. da ich aus dem letzten meiner Konzentrationslager. der hierbei leider an den Tag treten wird. Was ich beitragen kann. diesen als eine Art Krankheit.und Geistestakt. weil auf der öffentlichen Szene Westdeutschlands immer noch Persönlichkeiten agieren. wenn er mir dabei folgen wollte. schönen. KZ-Haft . auch dann. wie die in Archiven aufbewahrten Fotos aus den April.zu überdauern. Takt ist eine gute und wichtige Sache. die den Peinigern nahestanden.triumphierend. das Buch aus der Hand zu legen. und darum werde ich von ihm absehen müssen. Warum. soll auch keine sein. auf die Gefahr hin. auch vernunftvoller. Sie waren noch keineswegs manifest an dem Tage. Was aber wäre mit solcher Polemik gewonnen? So gut wie nichts. ist die Justifizierung eines gleichermaßen von Moralisten wie Psychologen abgeurteilten seelischen Befindens: jenen gilt es als Makel. weil trotz der Verlängerung der Verjährungsfrist für Schwer-Kriegsverbrechen die Verbrecher eine gute Chance haben. schlechte Figur zu machen.

wurden der Mühe müd. waren mir fast so unangenehm wie jene anderen. Immerhin hielt geraume Zeit vor. und ziemlich gleichgültig belud ich einmal mit quäkerisch Beflissenen einen Lastwagen. waren die wirklichen Sieger schon daran. Man sprach viel von der Kollektivschuld der Deutschen. zu eilen. das für mich mit der Kollektivschuld beladen war. für die Unterlegenen Pläne auszuarbeiten. Das kollektive Verbrechen und die kollektive Sühne mochten sich die Waage halten und das Gleichgewicht der Weltsittlichkeit herstellen. Jude. aus England oder Frankreich nach Deutschland. die es gar nicht erwarten konnten.Deutschland war Gegenstand eines allgemeinen Gefühls. das vor unseren Augen aus Haß zu Verachtung erstarrte. die nichts. Die mich gepeinigt und zur Wanze gemacht hatten wie einst dunkle Mächte den Protagonisten von Kafkas „Verwandlung" . Mochte es leben. seine. daß es mir recht war so. zahnlose Gespenster. Die in dieser Stunde bereits von Vergebensund Versöhnungspathos vibrierenden Juden. kaum eine rechte Möglichkeit. zum erstenmal in meinem Leben. im wechselseitigen Einverständnis mit der Welt. Auch wurde ich den Anblick der Deutschen auf einem kleinen Bahnsteig nicht los. gestimmt wie die um mich ertönende öffentliche Meinung. doch mit nichts anderem als ihm. hießen sie Victor Gollancz oder Martin Buber. Mir schien. Vom Mitleid mit einem Volk. Im Augenblick. kahlgeschorene. Ich war. Verfolgter eines den Völkern verhaßten Regimes -. Was die politische Weltuhr wirklich geschlagen hatte. war diese schon im Begriff. aus den USA. aber schon gar nichts mehr mit Kartoffeläckern zu tun hatten. um dort als sogenannte Umerzieher die Praeceptores Germaniae zu spielen.Cornedbeefkonserven. der gebrauchte Kinderkleider nach dem ausgepowerten Deutschland schaffte. „den Weltfrieden gefährden". Ein Zeitungsblatt der amerikanischen Besatzungsmacht fiel mir da in die Hand. Es war mir friedlich wohl in der so ganz und gar ungewohnten Rolle des Konformisten. ohne daß ich auch nur auf einem der steinernen Gesichter den Ausdruck des Abscheus hätte lesen können. Zur Bildung von Ressentiments bestand kein Anlaß. auf denen zu lesen stand: Gloire aux Prisonniers Politiques! Nur verwelkten die Bänder schnell. wohin sie eigentlich gehörten. Das Kartoffelacker. Nicht nur der Nationalsozialismus . wollte ich freilich auch nichts hören. Zum erstenmal stutzte ich 1948 bei der Durchfahrt durch Deutschland im Eisenbahnzug. aber nicht mehr als das. geschwind Zeugnis abzulegen und sich dann dorthin davonzumachen. die sich in den ersten Tagen mit amerikanischen Zigaretten eingestellt hatten. als der ich war . das wußte ich freilich nicht. sofern wir nämlich den über unsere Straßen gespannten Spruchbändern glauben durften. ich hätte endlich durch mein erlittenes Schicksal die Weltmeinung eingeholt. und ich überflog einen Leserbrief. Nie wieder würde dieses Land. West oder Ost.und RuinenDeutschland war für mich eine versunkene Weltregion. ich hätte die Untaten als kollektive erfahren: Vor dem braungewandeten NS-Amtswalter mit Hakenkreuzbinde hatte ich auch nicht mehr Angst gehabt als vor dem schlichten feldgrauen Landser. meine Sprache zu sprechen. da ich mir einbildete. wie man damals sagte. und wählte ein Pseudonym romanischer Resonanz. sich selbst zu überschreiten. Denn während ich mich der Überwinder meiner Peiniger von gestern dünkte. Mochte es als Kartoffelacker Europas diesem Kontinent mit seinem Fleiß dienen. Vae victis castigatisque. Ich wähnte mich mitten in der Wirklichkeit der Zeit und war schon zurückgeworfen auf eine Illusion. gerade noch brauchbar. Aber wir waren „Helden".überlebender Widerstandskämpfer. wo man aus den Viehwaggons unseres Deportationszuges die Leichen ausgeladen und aufgeschichtet hatte. Es wäre glatte Wahrheitsbeugung. gestände ich hier nicht ohne alle Bemäntelung ein. in dem es anonym an die 47 . was für mich eine völlig unerhörte sozialmoralische Stellung bedeutete und was mich nicht wenig berauschte: Ich war.sie waren selbst der Abscheu des Siegerlagers. Ich vermied es. und die hübschen Sozialfürsorgerinnen und Rotkreuzschwestern.

die anders klang als ich meinte. dies jedoch nicht gegen die khakifarbenen transatlantischen Soldaten. Ich selber aber. Der Paria Deutschland wurde erst aufgenommen in die Gemeinschaft der Völker. da brauchten nicht erst in deutschen Kleinstädten jüdische Friedhöfe und Mahnmäler für Widerstandskämpfer geschändet werden. wie die deutschen Politiker. industriellen. Es war auf einmal guter Boden für die Ressentiments. den versöhnungsschwärmenden Kampf. Ich war Zeuge. nicht nur die Bombardements ihrer Städte. Hartnäckig trug ich Deutschland seine zwölf Jahre Hitler nach. das ich mit einem süddeutschen Kaufmann 1958 beim Frühstück im Hotel geführt hatte. daß es Rassenhaß in seinem Lande nicht mehr gebe. Der Mann versuchte mich.Umständen eines beispiellosen wirtschaftlichen. Die Deutschen trugen den Widerstandskämpfern und Juden nichts mehr nach. Wie durften diese da noch Sühneforderungen stellen? Jüdischbürtige Männer vom Schlage eines Gabriel Marcel zeigten sich auch sehr beflissen.und 48 . dessen Gemüt im Gleichen war: Shylock. moralisch verdammenswerter und geschichtlich schon abgeurteilter Haß klammere sich an eine Vergangenheit./in diesen Tagen. sondern auch die Zerstückelung ihres Landes -. auch militärischen Aufstiegs .Adresse der GI's hieß: „Macht euch nur nicht so dicke bei uns." Der offenbar. großartigste Macht-Wiederauferstehung zu feiern. daß er unter diesen Umständen . danach hofierte man ihn. wurden genötigt. daß es diesem Deutschland in der Tat bestimmt war. Von Zerknirschung war dann in den kommenden Jahren immer weniger die Rede. die offensichtlich nichts anderes war als ein Betriebsunfall der deutschen Geschichte und an der das deutsche Volk in seiner Breite und Tiefe keinen Anteil hatte. schließlich mußte man ganz emotionsfrei im Mächtespiel mit ihm rechnen. zu überzeugen. daß ihr auf lange Zeit hin zu klingen auferlegt sei: nach Zerknirschung. teils von Goebbels. trug sie hinein in das industrielle Idyll des neuen Europas und die majestätischen Hallen des Abendlandes. Man kann billigerweise von niemandem verlangen. Schnürt euer Ränzlein. wenn ich recht unterrichtet war. dessen Neuordnung Hitler in seinem Sinne bereits zwischen 1940 und 1944 erfolgreich begonnen hatte. Das deutsche Volk trage dem jüdischen nichts nach. zu meiner Seelennot. Ich stutzte nur. Ich fühlte mich miserabel vor dem Mann. mehr zu tun.Ressentiments.sich weiter die Haare raufe und an die Brust schlage. gehörte zur mißbilligten Minderheit derer. verdichteten sich unsere . ihre deutschen Zeitgenossen und Mitmenschen zu beruhigen: Nur ganz verstockter. sondern mit ihnen. ihn zurückzunehmen. die da nachtrugen. ob ich Israelit sei. wie einst im Lager durch schlechte Haltung beim Appell. sie waren allzu begreiflicherweise nicht geneigt. da sie doch nicht nur die Winter vor Leningrad und Moskau hatten überstehen müssen. eiligst und enthusiastisch den Anschluß an Europa suchten: Sie knüpften mühelos das neue an jenes andere Europa. Es genügten Gespräche wie eines. da die Deutschen gleichzeitig für ihre Industrieprodukte die Weltmärkte eroberten und daheim nicht ohne eine gewisse Ausgeglichenheit mit der Bewältigung befaßt waren. als Beweis nannte er die großzügige Wiedergutmachungspolitik der Regierung. Deutschland wird wieder groß und mächtig werden. der sein Pfund Fleisch fordert. Die Deutschen. wie es damals hieß: zu bewältigen. nicht ohne vorherige höfliche Erkundigung. als auf ihre Art die Vergangenheit des Dritten Reiches. nicht nur das Urteil von Nürnberg. ihr Gauner.oder vielleicht darf ich zurückhaltend nur sagen: meine . Vae Victoribus! Die wir geglaubt hatten. weil es so einen Korrespondenten überhaupt gab und weil ich eine deutsche Stimme vernahm. wie sie übrigens auch von dem jungen Staat Israel voll gewürdigt werde. die sich selbst durchaus als Opfervolk verstanden. teils von Eichendorff inspirierte Briefschreiber konnte damals so wenig wie ich selbst ahnen. von denen sich. Ich „fiel auf". nur wenige im Widerstandskampf ausgezeichnet hatten. der Sieg von 1945 sei wenigstens zu einem geringen Teil auch unserer gewesen.

Davon wird noch zu sprechen sein. alles Versteckte mutet ihn an als seine Welt. sein Geist liebt Schlupfwinkel und Hintertüren. wie Nietzsche selbst es in der Vorahnung von ein paar modernen Anthropologien ausgesprochen hatte. und gegen moderne Psychologie. das Irreversible solle umgekehrt. der von der Synthese des Un. die es nur als einen störenden Konflikt denken kann. so lese ich in einem kürzlich erschienenen Buch über „Spätschäden nach politischer Verfolgung". dem Rückgang ins Abgelebte und der Aufhebung dessen. das Ereignis unereignet gemacht werden. noch mit sich selber ehrlich und geradezu. seine Sicherheit. . Das läßt mich flüchtig an meine unter der Folter hinterm Rücken hochgedrehten Arme denken. wenn man will. wie die Verfolger von gestern ihn sich zu leicht machen. Aber mache ich auch den Versuch solcher Gegenrede im uneingeschränkten Besitz meiner geistigen Kräfte? Mißtrauisch auskultiere ich mich: Es könnte ja sein. Die Charakterzüge. Ihm ist zu antworten von jenen. die Zukunft. in dessen „Genealogie der Moral" es heißt: „. Es ist meinem Nachdenken nicht unentdeckt geblieben. vor zwei Begriffsbestimmungen zu schirmen: gegen Nietzsche. feindseliger Rückzug auf das eigene Ich seien die Kennzeichen unseres Krankheitsbildes. Ich hegte meine Ressentiments.. Und da ich sie nicht loswerden kann.. Nervöse Ruhelosigkeit. sondern auch psychisch versehrt. Dabei gilt es Wachsamkeit. die sich nur durch eine imaginäre Rache schadlos halten . sondern auch ein logisch widersprüchlicher Zustand ist..Leidensgenossen von gestern nicht weniger als den soeben zur Duldsamkeit bekehrten Widersachern. Das stellt mir aber auch die Aufgabe. denen die eigentliche Reaktion. Wir alle seien. noch mag. Jedenfalls kann aus diesem Grunde der Mensch des Ressentiments nicht einstimmen in den unisono rundum erhobenen Friedensruf. der das Ressentiment moralisch verdammte. das Ressentiment bestimmt solche Wesen. Das Ressentiment blockiert den Ausgang in die eigentlich menschliche Dimension. gegen die sie sich richten. die Zeugen waren der Vereinigung des Unmenschen mit dem Untermenschen. Ich weiß. denn objektive Wissenschaftlichkeit hat aus der Beobachtung von uns Opfern in schöner Detachiertheit bereits den Begriff des „KZ-Syndroms" gewonnen. sondern vorwärts. unsere Verbogenheit neu zu definieren: und zwar als eine sowohl moralisch als auch geschichtlich der gesunden Geradheit gegenüber ranghöhere Form des Menschlichen.. sie waren in Opfergestalt präsent.mit dem Übermenschen träumte. sie jenen zu erhellen. als eine gewisse Menschheit die Grausamkeit in Festfreude realisierte. daß ich mich mühelos davor bewahre. muß ich mit ihnen leben und bin gehalten." Also sprach. denn es verlangt nach dem zweifach Unmöglichen. Man mag mir aber glauben. seien verzerrt. Auch kann 49 . Wir glauben nicht an Tränen. die Versuchung zur Selbstverwerfung hat sich in uns ebenso erhalten wie die Immunität gegen Selbstmitleid. so heißt es. noch naiv. Wir sind. als habe immer noch über die Ressentiments das letzte Wort Friedrich Nietzsche. das Zeitgefühl des im Ressentiment Gefangenen ist verdreht. Das verführerische. ver-rückt. was geschah. Dem allgemeinen Bewußtsein scheint es. Absurd fordert es. daß ich krank bin. tröstende Selbstmitleid könnte locken. in eine bessere. gemeinsame Zukunft! Der frisch ungetrübte Blick ins Zukommende fällt mir um genau soviel zu schwer. die unsere Persönlichkeit ausmachen.. der da aufgeräumt vorschlägt: Nicht rückwärts laßt uns schauen. versagt ist. sein Labsal. „verbogen". die der Tat. Seine Seele schielt. nicht nur körperlich. daß das Ressentiment nicht nur ein widernatürlicher. Es nagelt jeden von uns fest ans Kreuz seiner zerstörten Vergangenheit. So habe ich denn die Ressentiments nach zwei Seiten hin abzugrenzen. Der Mensch des Ressentiments ist weder aufrichtig. denn wir alle haben uns in den Kerkern und Lagern des Dritten Reiches unserer Wehrlosigkeit und vollkommenen Hinfälligkeit wegen eher verachtet als beweint.

Die Forderung nach Objektivität erscheint mir bei der Auseinandersetzung mit meinen Peinigern. flügellahm. daß der wehrlos gewordene Schläger nun meiner eigenen peitschenbewehrten Hand ausgeliefert sei. sondern auch als die nur an ihren Bestand denkende Gesellschaft. ich ertränke die häßliche Realität eines bösartigen Instinktes im Wortschwall einer unverifizierbaren These.ich. als logisch sinnlos. Wir Verfolgte. Es hatten die Verbrechen des Nationalsozialismus auch für den Täter. Talent und Überzeugung. lebte ich wohl im blutigen Wahn. jedenfalls anspruchsvolle Worte eines von fortgeschrittener Sittlichkeit glücklich überwundenen barbarisch-primitiven Racheverlangens. den anderen. wenn man solche Überlegungen anstellt. Ich weiß. im günstigsten Fall. Die Sozietät ist befaßt nur mit ihrer Sicherung und schert sich nicht um das beschädigte Leben: Sie blickt vorwärts. der mich mit dem Schaufelstiel auf den Kopf schlug. sondern. Nicht im Prozeß der Interiorisation. nicht Taten innerhalb eines moralischen Systems. keine moralische Qualität. wie mich nun einmal Exil. nicht als moralisches Ereignis. damit das Verbrechen moralische 50 . schärfer gesagt: durch Austragung des ungelösten Konflikts im Wirkungsfeld der geschichtlichen Praxis. sind die zwischen ihnen und mir liegenden Leichenhaufen abzutragen. auf daß dergleichen sich nicht wieder ereigne. meinerseits Leid zuzufügen. daß man sich verteidigen muß. so scheint mir. den Feind in der Kerkerzelle zu wissen. und gänzlich unmöglich wird mir die Entkräftung des Verdachtes. wenn ich schon nicht zu fordern wage. wenn ich einräume. Massenmord. Es hat die Untat als Untat keinen objektiven Charakter. Den solcherart vereinfachenden Vorwurf abzuwehren ist nicht leicht. daß diese sich selbst negieren und in der Negation sich mir beiordnen. zumindest die schnöde Genugtuung haben. sei nur die Einkleidung in schöne oder auch unschöne. Folter. verlange vielmehr. Wenn ich zu meinen Ressentiments stehe. Illegalität. Unmöglich kann ich einen Parallelismus akzeptieren. Ich will nicht zum Komplizen meiner Quäler werden. Mann des Ressentiments. wenn ich nicht schnell genug schippte. der meinen Weg nebenher laufen ließe mit dem der Kerls. kennt sie von sich aus nur als Objektivation seines Willens. damit wähnte ich die Kontradiktion meines wahnhaft verdrehten Zeitgefühls ausgelöscht. Es ist dahin gekommen. die nur dazu schwiegen. beschreibbar in der formalisierten Sprache der Naturwissenschaft: Es sind Tatsachen innerhalb eines physikalischen. der sich allerwegen dem Normsystem seines Führers und seines Reiches anheimgab. Meine Ressentiments aber sind da. Der Untäter. nicht mitkommen bei dem ethischen Höhenflug. nicht nur als der Täter. der ich eingestandenermaßen sei. Der Ochsenziemer habe mir Platzwunden geschlagen: Dafür wolle ich. so weiß ich doch. Versehrung jeder Art sind objektiv nichts als Ketten physikalischer Ereignisse. der nicht durch sein Gewissen an seine Handlung gekettet ist. daß ich beim Durchdenken unseres Problems „befangen" bin. Der von seinen deutschen Herren angefeuerte flämische SS-Mann Wajs. empfand das Werkzeug als die Fortsetzung seiner Hand und die Prügel als Wellenschläge seiner psychophysischen Dynamik. daß ich der Gefangene bin der moralischen Wahrheit des Konflikts. die mich mit dem Ochsenziemer züchtigten. den ein Mann wie der französische Publizist André Neher uns Opfern proponiert. Tortur gemacht haben. man wird mir einwenden. was ich da vorbringe. die ihnen halfen. ich könne für das Erlittene entschädigt werden durch die von der Gesellschaft mir gewährte Freiheit. müßten unser vergangenes Leid ebenso interiorisieren und in emotioneller Askese auf uns nehmen wie unsere Peiniger ihre Schuld. im Gegenteil. durch Aktualisierung. Daß ich es nur gestehe: Dazu fehlen mir Lust. Das Risiko ist einzugehen. mit jenen. Die moralische Wahrheit der mir noch heute im Schädel dröhnenden Hiebe besaß und besitze ich nur selber und bin darum in höherem Maße urteilsbefugt. meint der hochfliegende Mann.

Realität werde für den Verbrecher. sei ich mir gleich bewußt. Das Verbrechen verursacht Unruhe in der Gesellschaft. „dem man eine vergangene Gehorsamsverletzung vorhält. Natürliches 51 . nicht um Rache. ich wäre. was mir widerfuhr. Amtswaltern. das Geschehen genau so ungeschehen machen wollen wie ich." Dies ist richtig bis zur binsenwahren Offenbarkeit. Was kann mein übler Rachedurst noch mehr verlangen? Aber es handelt sich. im Augenblick seiner Hinrichtung die Zeit genau so umdrehen. Entindividualisierter. Er hat. als er 1912 über das Thema schrieb. Er läßt das Geschehene gelassen sein.und ich war nicht mehr mit dem Schaufelstiel allein. Als man ihn zur Richtstätte führte. von denen weder Nietzsche noch Max Scheler. hatten ahnen können. Aber Wajs aus Antwerpen war nur einer aus einer Unzahl. so wie der französische Strafverteidiger Maurice Garcon im Zusammenhang mit der Verjährungsdebatte die soziale Reaktion auf das Verbrechen beschrieben hat. sofern es sich um die Gesellschaft handelt. daß ein durch sozialen Druck bewirktes Vergeben und Vergessen unmoralisch ist. verschwindet auch die Unruhe. Die umgekehrte Pyramide bohrt mich mit ihrer Spitze noch immer in den Boden. Sein Zeitgefühl ist nicht verrückt. vergibt in der Tat. damit er hineingerissen sei in die Wahrheit seiner Untat. Das Erlebnis der Verfolgung war im letzten Grunde das einer äußersten Einsamkeit. ordensgeschmückten Generälen auf mir gelastet. SS-Mann Wajs aus Antwerpen. erfuhr die moralische Wahrheit seiner Untaten. sobald aber das öffentliche Bewußtsein die Erinnerung an das Verbrechen verliert. der Stumpffühlige und Indifferente also. Wäre alles nur zwischen SS-Mann Wajs und mir vor sich gegangen und hätte nicht eine ganze umgekehrte Pyramide von SSLeuten. will sagen: nicht herausgerückt aus dem biologischsozialen Bereich in den moralischen. und auch hierauf habe ich zu antworten. daß lautbekundete Versöhnungsbereitschaft von Naziopfern nur entweder Stumpffühligkeit und Lebensindifferenz sein kann oder masochistische Konversion einer verdrängten echten Racheforderung. Daher meine geringe Neigung zur Versöhnlichkeit. Der faul und wohlfeil Vergebende unterwirft sich dem sozialen und biologischen Zeitgefühl. wie das Volk sagt. austauschbarer Teil des Gesellschaftsmechanismus.„Schon das Kind". hat mit dem Leben bezahlt. Um die Erlösung aus dem noch immer andauernden Verlassensein von damals geht es mir. Es ist ohne jede Relevanz für den sich moralisch als einzigartig begreifenden Menschen. die Zeit seine Wunden heilen. was es war. ruhig und befriedet mit dem Totenkopf-Mitmenschen gestorben. Doch was verschlägt's. so jedenfalls dünkt es mich heut. ein vielfacher Mörder und besonders routinierter Folterknecht. vergebend. glaube ich erkannt zu haben. war er aus dem Gegen-Menschen wieder zum Mitmenschen geworden. das sich selbst moralisch vergesellschaftet und sich auflöst im Konsensus. Und somit hätte ich denn durch einen Trick meine häßliche Unversöhnlichkeit ins schöne Licht von Moral und Moralität gestellt: dies wird man mir zweifellos vorhalten. beziehungsweise um das Individuum. das man auch das „natürliche" nennt. präziser: die Überzeugung. SS-Mann Wajs. Er läßt. auch nicht um Sühne. wenn ich mich recht erforscht habe. antwortet: Aber das ist ja schon lange vorbei. so möchte ich glauben. Die vom Verbrechen zeitlich weit entfernte Strafe wird sinnlos. lebt er mit diesem im Einverständnis und verhält sich. als er vor dem Exekutionspeieton stand. In zwei Jahrzehnten Nachdenkens dessen. daß die übergewaltige Majorität aller Nichtopfer der Welt meine Rechtfertigung kaum gelten lassen wird. belehrt uns der Maitre. Wer seine Individualität aufgehen läßt in der Gesellschaft und sich nur als Funktion des Sozialen verstehen kann. Das Lange-SchonVorbeisein erscheint ihm auf natürlichste Art als Entschuldigung. SS-Helfern. Und auch wir sehen in der Entfernung durch die Zeit das Prinzip der Verjährung. daher die Ressentiments besonderer Art. Kapos. Er war in diesem Augenblick mit mir.

durch ein schambezeugendes Niederschlagen der Augen — sie waren nicht zahlreich genug. solange es moralisch ist. Der Begriff der Kollektivschuld ist vor seiner Anwendung zu entmythisieren und zu entmystifizieren. überzeugt zu haben. wenn auch nur approximative und ziffernmäßig nicht ausdrückbare statistische Erfahrung gemacht. der mit den Untätern die nationale Gemeinschaft teilt. Ich kann mir nicht einbilden. wenigstens soweit zu zügeln. die notwendigerweise eingehen müssen in ihre Analyse. einen. eine gemeinsame Handlungsinitiative besessen und sei darin schuldhaft geworden. oder der nur als Nichtopfer der größeren Kommunität aller Unversehrten der Welt angehört. sondern widermoralischen Charakter. Bemühe ich mich um die Begrenzung ihres Wirkungsfeldes. Es ist aber eine brauchbare Hypothese. nachdem ich ihn hinlänglich definiert habe . Recht und Vorrecht des Menschen ist es. sofern es impliziert. schicksalhaften Klang und wird zu dem. geschah: der Satz ist ebenso wahr wie er moral. Kollektivschuld. wieviele Deutsche die Verbrechen des Nationalsozialismus erkannten. nicht erst seit heute. Schweigeschuld . Ich muß. die Ressentiments. an ihm festhalten. das nur vernünftig ist. denn wollte man das deutsche Volk die ihm zugedachte europäische Rolle spielen lassen. einen gemeinsamen Willen. in meiner ziffernlosen Statistik den rettenden Ausschlag zu geben.Tatschuld. es seien mir die Verbrechen des Regimes als kollektive Taten des Volkes bewußt geworden. zu überreden. als das er allein zu etwas nütze ist: zu einer vage statistischen Aussage. in Deutschland selber.Zeitbewußtsein wurzelt tatsächlich im physiologischen Prozeß der Wundheilung und ging ein in die gesellschaftliche Realitätsvorstellung. werfe nur blind mein Wort in die Waagschale. die Gemeinschaft der Deutschen habe ein gemeinsames Bewußtsein. denn wir lebten ja . So verliert er den dunklen. denn es fehlen präzise Angaben. Mit ihr mag er bei vollzogener moralischer Zeitumkehrung als Mitmensch dem Opfer zugesellt sein. und niemand kann feststellen. muß ich noch einmal zurückkommen auf das. die Revolte gegen das Wirkliche. Das Wort ist unberührbar. Sittliche Widerstandskraft enthält den Protest.im besonderen.in den entscheidenden Jahren mitten im deutschen Volke. ob ich imstande bin. Aber ich rede gar nicht mit der Absicht. Dann wird aus der Schuld jeweils einzelner Deutscher . was ich andeutend die Kollektivschuld genannt habe.und geistfeindlich ist. wenn man nichts anderes darunter versteht als die objektiv manifest gewordene Summe individuellen Schuldverhaltens. billigten. Vage statistisch. Doch hat von uns Opfern jeder seine eigene. durch ein mitleidiges Lächeln für uns. durfte man es nicht kränken. hier zur Rede stehenden Fall: durch Festnagelung des Untäters an seine Untat. daß sie ihren Gegenstand nicht ganz überwuchern. selbst begingen oder in ohnmächtigem Widerwillen in ihrem Namen durchgehen ließen. Unterlassungsschuld. also auch nicht mit dem biologischen Zuwachsen der Zeit. Jene. Darum durfte und darf ich sagen. arbeitend in Fabriken oder gefangen in Kerkern und Lagern . wiewohl es mir nicht leichtfällt. wie es schien. so undurchdachten Begriff überhaupt je geprägt zu haben. Der sittliche Mensch fordert Aufhebung der Zeit . Das ist natürlich blanker Unsinn. schon seit 1946. 52 . durch einen bösen Blick nach dem SS-Rapportführer Rakas. Was geschah.auf jede Gefahr hin. Man schämte sich. durch die hier vorgebrachten Argumente irgendjemand. die im Dritten Reich aus dem Dritten Reich ausgebrochen waren. Wie hoch wird man sein Gewicht veranschlagen? Das wird zum Teil auch davon abhängen. daß er sich nicht einverstanden erklärt mit jedem natürlichen Geschehen. Man vertuschte. was immer es wiegen möge.in der Illegalität unter deutscher Besatzung im Ausland.die Gesamtschuld eines Volkes. Redeschuld. sage ich. Es hat aber gerade aus diesem Grunde nicht nur außer-. sei es auch nur schweigend.

Wer hundert Mark besitzt. glauben. Wer bei einer Schlägerei dem Gegner die Haut ritzt. die mir schon als alle erscheinen mußten. mein Land" ist weniger für das Wertgefühl des Lesers als „Krieg und Frieden". die ich so gerne gerettet hätte. das vielleicht. Juni 1944 mit gequältem Seufzer sagte: „Jetzt sind sie endlich gelandet! Aber werden wir beide durchhalten bis sie endgültig gesiegt haben?" Ich habe manchen guten Kameraden. mit unseresgleichen anders als grob befehlend zu reden sei nicht nur ein Verbrechen gegen den Staat. Die braven Männer.und durch sein Alter doch nicht ehrwürdig geworden. zeigte sich mir einmal stolz in einem Wintermantel. denen ich begegnete." Ich hatte nur mit einigen zu tun. Mit der Quantität hat es der demokratische Staatsmann nicht anders 53 . noch ist es die meine.. sondern auf qualitativ bestimmte Symbole und Symbolakte. Da war der Münchener Wehrmachtsoldat. Doch scheint mir. der Autoritätsberauschten. eine übergewaltige Majorität. Akademiker. Ein deutscher Lyriker schrieb in einem Text. und manche trugen Kleider. Kartothekführer. Saarländer. sind schon ertrunken in der Masse der Gleichgültigen. ich habe da soeben „quantifiziert". der mir namentlich nicht mehr bekannte Grazer Techniker. alten fetten und jungen hübschen. Was um sie und mit uns geschah. sondern gegen ihr eigenes Ich. Bayern. Da war der ritterliche baltische Ingenieur Eisner. nehmt alles nur in allem. Sie waren. sobald sie nicht mehr in ihrer Einzigkeit vor mir stehen. Arbeiter. an Wahlurnen getreten. im ökonomischen so gut wie im höheren und höchsten geistigen Leben anderes tun als quantifizieren. die da glaubten. auch die paar Tapferen nicht. Willy Schneider. gegen die Volksballung aufzukommen. Meine Willy Schneider und Herbert Karp und Meister Matthäus hatten keine Chancen. der ist kein Millionär. im juristischen. der Hämischen und Schnöden. sondern Arbeiter. katholischer Arbeiter aus Essen. Tippfräuleins . Nicht auf Quantitäten komme es an. Sachsen: da war kein Unterschied. des bin ich bis zur Erstarrung gewiß. wären sie damals. Techniker. Manchmal gräme ich mich um ihr Schicksal. hat ihm keine schwere Verletzung zugefügt. „Du bist Orplid. für Hitler und seine Komplizen gestimmt.Ich habe nichts vergessen. es sei alles in rechter Ordnung und sie hätten.. der mir am 6. Wer immer mir mit dem Vorwurf unzulässiger Quantifizierung den Weg zu versperren hofft. der mich in Buchenwald-Dora vor dem Untergang in einem Kabelkommando bewahrte. sondern inmitten ihres Volkes. Sie sind mit mir: der invalide Soldat Herbert Karp aus Danzig. daß ihr Gewicht zu gering ist. der Megären. Ein wackerer Arbeiter. und ihnen gegenüber bildeten die vielen. der in Auschwitz-Monowitz seine letzte Zigarette mit mir teilte.und nur eine Minderheit unter ihnen trug das Parteiabzeichen. die man erst gestern an den Selektionsrampen den ankommenden Opfern abgenommen hatte. der Chemiemeister Matthäus. denn sie schmeckten wie wir den Brandgeruch vom nahen Vernichtungslager. Sie fanden. wahrscheinlich kein gutes war. einem „Judenmantel". der mich mit dem schon vergessenen Vornamen ansprach und mir Brot gab. Es ist nicht die Schuld der guten Kameraden. Die vielzuvielen waren keine SS-Männer. der Montagemeister Pfeiffer. und wenn einige gleichzeitig gegenüber vielen und allen in der Minderheit sind so sind sie dies gegenüber allen noch mehr als gegenüber vielen und alle bilden gegenüber einigen eine stärkere Mehrheit als gegenüber vielen. wie er sagte. das wußten sie genau. auf Zeichen. daß Hitler wirklich das deutsche Volk sei. der „altbraun" heißt und den Alptraum von der braunen Mehrheit zu beschreiben sucht: „. den er in seiner Tüchtigkeit sich hatte verschaffen können. Das Opfer mußte. wenn man den Moralphilosophen glauben will.. 1943. es wollte dies oder nicht. ob wir denn im täglichen. Quelle vieille chanson! .. was eine unsühnbare Sünde wider den Geist ist. für mich das deutsche Volk. im politischen. Kleinbürger. der mir nach der Folterung in Breendonk eine brennende Zigarette durchs Gitter in die Zelle warf. dem stelle ich die Frage.

der seiner Sache sicher ist. der jederzeit zu jeder Unterschrift bereiten. Denn die ganze Welt versteht ja der jungen Deutschen Entrüstung über die grollenden Haßpropheten und stellt sich entschlossen an die Seite derer. protestieren denn auch mit dem guten Rechtsbewußtsein derer. und sie zu verleugnen. einer Zeit. So will es natürliches Zeitempfinden. Teile der Jugend. hat mich verurteilt. Kaum wagt man gegen ihn noch einzuwenden. daß die am tiefsten geschichtsbewußte Nationalgemeinschaft der Welt plötzlich eine solche Haltung einnähme -. nationale Tradition dort für sich zu reklamieren. der dem vorwärtslebenden Menschen zukommt. was gestern war.und kein Anzeichen deutet darauf hin. schließlich sind wir es leid. Da heißt es: „. weil in jedem Bezüge unzeitgemäßen Hasser und Ressentimentgeladenen beredt ausdrückt. Daß die Jungen frei sind von individueller und die individuelle zur kollektiven aufsummierter Schuld. wo sie als die verkörperte Ehrvergessenheit einen wahrscheinlich imaginären und gewiß wehrlosen Gegner aus der Menschengemeinschaft ausstieß.. die auf dem soliden Boden des natürlichen Zeitgefühls stehen. ganz und gar geschichtsfrei zu leben . Die Zeit tat ihr Werk. nicht alle. der 54 . Heinrich Himmler ausklammern. In aller Stille. der Schufte und Stumpfen andererseits hatte auch ich auszumachen. Die deutsche Jugend kann sich nicht auf Goethe. wo sie eine ehrenhafte war. finde ich die Antwort nicht ganz so leicht. Die Generation der Vernichter. glücklicherweise. immer wieder zu hören. Die Jungen aber anzuklagen wäre gar zu unmenschlich und nach Allgemeinbegriffen auch geschichtswidrig.. ihrem Führer verpflichteten Feldherrn wird in Würden alt. mochte ich es wollen oder nicht. der sich an die Konzeption eines orchestralen Werkes macht. Mörike. Solange nämlich das deutsche Volk einschließlich seiner jungen und jüngsten Jahrgänge sich nicht entschließt. und bin belastet mit dem Wissen in einer Welt. ob ich der deutschen Jugend nachtrage. als der Musiker. nicht jene. In einer deutschen Wochenschrift lese ich die Zuschrift eines offensichtlich jungen Mannes aus Kassel. Ich und meinesgleichen sind die Shylocks. sondern auch schon geprellt um das Pfund Fleisch. wieviele Buren die Engländer im Burenkrieg?" Der Protest tritt mit dem moralischen Nachdruck eines. ist einsichtig. Zukunft ist offenbar ein Wertbegriff: Was morgen sein wird.zu tun als der Chirurg. zur Annahme statistischkollektiver Schuld kommen. solange muß es die Verantwortung tragen für jene zwölf Jahre. sage ich: nicht sie. daß die Gleichung „Auschwitz-Burenlager" falsche moralische Mathematik ist. die es ja nicht selber endigte. die mordeten oder den Mord geschehen ließen. Wilhelm Schäfer. Ich muß und will ihr den Vertrauenskredit einräumen. Wieviele unschuldige Frauen und Kinder haben die Amerikaner mit ihren Bombenwürfen ermordet. der den Unmut der neuen deutschen Generationen über die schlechten. Wenn ich mich selbst frage. vor uns hin. denen die Zukunft gehört. Ich mußte wohl. was die ältere Generation mir zufügte. Die Welt. die der Deutschen kollektive Unschuld proklamiert hat. zu schaffen haben mit den Taten seiner Väter und Großväter? Nur gestockter alttestamentarisch barbarischer Haß könnte seine Last dahertragen und sie schuldloser deutscher Jugend auf die Schultern wälzen wollen. ist mehr wert als das. Die Quantität der guten Kameraden einerseits. Wenn deutsch sein heißt. Es geht nicht an. Ich bin belastet mit der Kollektivschuld. daß sie ihre Unschuld nicht gar so frisch und keck in Anspruch nehme wie der oben zitierte Briefschreiber. als ich mitten im deutschen Volk jeden Augenblick gewärtig war. den Völkern nicht nur moralisch verdammenswert. daß unsere Väter sechs Millionen Juden umgebracht haben. dem Massen-Ritualmord zum Opfer zu fallen. der Gaskammernkonstrukteure. den Freiherrn vom Stein berufen und Blunck. Nur kann man allenfalls von dieser Jugend verlangen. aufgewachsen im windstillen Klima einer neuen deutschen Demokratie. die vergibt und vergißt. Was sollte denn ein zwanzigjähriger Student. der über einen malignen Tumor befindet.

ich habe es auch in mir. Und in den Bereich deutscher Geschichte und Geschichtlichkeit kehre ich ein. ausgetragen könnte dadurch werden... ihre objektive Aufgabe zu definieren. Weder kann es sich um Rache auf der einen Seite handeln. dann meint es doch wohl auch. hat. daß deutscher Jugend die Anknüpfung an Thomas Mann nicht allzu schwer fällt und daß die Mehrzahl der jungen Menschen sich nicht teilt in die Entrüstung des oben angeführten Briefschreibers.sie können ganz gewiß nicht bestehen in einer proportional zum Erlittenen ins Werk zu setzenden Rache. nichts von dem. Nirgendwo anders könnte das Jus talionis weniger geschichtlich-moralische Vernunft haben als in diesem Falle. Vielleicht ist es nur das Anliegen persönlicher Läuterung. kühlem. doch bin ich gewiß. ob die Aufsätze Thomas Manns tatsächlich in deutschen Schulen gelesen und wie sie von den Lehrern kommentiert werden. unbeteiligtem Wissen. das auch nur daran gedacht hätte. hierdurch geweckt. zu erklären: Ich bin das gute. daß es auch eine geschichtliche Funktion ausübe. die in ihrer radikalen Gegensätzlichkeit doch auch gemeinsame Vergangenheit zu meistern. im anderen das Selbstmißtrauen." Die Ausgabe des Essaybandes. noch um eine problematische. das mein persönlicher Protest ist wider das moralfeindliche natürliche Zeitverwachsen und in dem ich den eigentlich humanen absurden Anspruch der Zeitumkehrung erhebe -. es sollten vier bis sechs Millionen Deutsche gewaltsam vom Leben zum Tode geführt werden. daß es kein Opfer gibt. Daß Auschwitz Deutschlands Vergangenheit.Nachkomme des Matthias Claudius sein. Würde es die Aufgabe erfüllen. da ich ja ausdrücklich von einer Austragung im Felde der geschichtlichen Praxis gesprochen habe? Nun denn. kam aus fremdem. gelingen soll. Das wußte Thomas Mann. Hans Magnus Enzensberger einmal geschrieben. dann könnte es historisch als ein Stadium moralischer Fortschrittsdynamik der Welt stehen für die ausgebliebene deutsche Revolution. Wiederholt sei: Zur deutschen Geschichte und deutschen Tradition gehören fürderhin auch Hitler und seine Taten. nur theologisch sinnvolle und darum für mich gar nicht relevante Sühne auf der anderen Seite und selbstverständlich um keinerlei ohnehin historisch undenkbare Bereinigung mit Brachialmitteln. ich möchte. daß in einem Lager das Ressentiment bestehen bleibt. aus dem ich zitiere. Ich habe sie vorerst nur subjektiv zu rechtfertigen versucht. daß der nicht ausgetragene Konflikt zwischen den Opfern und den Schlächtern exteriorisiert und aktualisiert werden muß. wenn ich mich recht entsinne. den Menschen Bogner aus dem Auschwitz-Prozeß in die Bogner-Schaukel zu hängen. Ich weiß nicht. Ich kann nur hoffen. daß es ein Stück seiner nationalen Geschichte nicht von der Zeit neutralisieren lassen darf. Ich kann es nicht nachweisen. Noch weniger hätte irgendein Vollsinniger unter uns sich je in die moralische Denkunmöglichkeit verstiegen. daß mein Ressentiment. als er in seinem Aufsatz „Deutschland und die Deutschen" schrieb: „Es ist für einen deutschgeborenen Geist unmöglich. ich habe alles am eigenen Leibe erfahren. Gestachelt von den Sporen unseres Ressentiments allein und nicht im mindesten durch eine subjektiv fast immer dubiose und objektiv geschichtsfeindliche Versöhnlichkeit -. Überwältigten und Überwältigern. würde das deutsche Volk empfindlich dafür bleiben. Der Anspruch ist nicht weniger absurd und nicht weniger sittlich als das individuelle Verlangen nach Reversibilität irreversibler Prozesse. wenn es beiden. Zu erhellen und zu vereinfachen. Doch bin ich auch gehalten. Exteriorisierung und Aktualisierung . die ich ihm stelle. habe ich nur anzuknüpfen an die bereits ausgesprochene Überzeugung. Gegenwart und Zukunft ist. was ich Ihnen über Deutschland sagte. gerechte. Worum also doch. edle Deutschland im weißen Kleid . wenn ich weiterspreche von den Opfer-Ressentiments. aber ich möchte. sondern es zu integrieren hat. und. daß man den NS-Parteilyriker Hermann Claudius in der Ahnenreihe hat. nennt sich „Schulausgabe moderner Autoren". auf den es aber 55 . was ich meine.

die die Herrschaft der Niedertracht beseitigten." Die geistige Einstampfung durch das deutsche Volk. daß sie damit auch schon erfüllt wäre. und unsere Nachträgerei wird das Nachsehen haben. Ein Geruch von Blut und Schande haftet ihnen an. die freilich wirklich am Ende das sein mögen. Die Forderung. mag jeder Deutsche sich selber ausmalen.und Selbstverneinung. ist kein Deutscher und hat diesem Volk keine Ratschläge zu erteilen. Erst durch ihn würde das Ressentiment subjektiv befriedet und objektiv unnütz geworden sein^ Was für einer ausschweifenden moralischen Träumerei ich mich doch da überlassen habe! Schon sah ich ja die Gesichter der deutschen Fahrgäste auf dem Bahnsteig von 1945 angesichts der aufgeschichteten Leichen meiner Kameraden in Zorn erbleichen und sich drohend gegen unsere. sondern auch des eigenen besseren Herkommens begreifen lernen. Hat nicht ein deutscher Mann dem SS-Mann Wajs das Schlagwerkzeug Schaufel entrissen? Hat nicht den nach der Folterung Betäubten und Zerschlagenen eine deutsche Frau aufgenommen und seine Wunden gepflegt? Was ich nicht alles sah in zügelloser. dem eigentlich siegreichen und von der Zeit schon wieder rehabilitierten Volke. sondern alles dessen. Überwältiger und Überwältigte. ich weiß. sie sollten alle eingestampft werden. Auf geschichtlichem Felde würde sich das ereignen. was man in den zwölf Jahren veranstaltete. trotz allen ehrenhaften Bemühungen deutscher Intellektueller. daß es nicht Deutsche waren. Das Reich Hitlers wird zunächst 56 . die Zeit umgekehrt. als sein negatives Eigentum in Anspruch nehmen. die für uns andere wirklich tausend waren. sondern als seine verwirklichte Welt. nicht mehr verdrängen. Der dies schreibt. Hält aber unser Ressentiment im Schweigen der Welt den Finger aufgerichtet. Hitler zurückgenommen. In seinem ausschließlich literarischen Referenzsystem verharrend. dann würde Deutschland vollumfänglich und auch in seinen künftigen Geschlechtern das Wissen bewahren. was die anderen ihnen vorhalten: wurzellos. Und am Ende wäre wirklich für Deutschland das erreicht. erhoben vom deutschen. daß die natürliche Zeit die moralische Forderung unseres Ressentiments refüsieren und schließlich zum Erlöschen bringen wird. dank meines Ressentiments und der durch seine Spuren bewirkten deutschen Läuterung. vertuschen. Es würde dann. die Vergangenheit in der Zukunft umgekehrten und nunmehr in der Tat und für immer bewältigten Vergangenheit! Nichts dergleichen wird sich ereignen. würde die zwölf Jahre. so hoffe ich manchmal. weniger als wertlos und nicht gut in die Hand zu nehmen. ihre Peiniger richten. denn er und seine moralischen Ranggenossen sind nicht das Volk. hätte ein ungeheures Gewicht. was ich vorhin hypothetisch für den engen individuellen Kreis beschrieb: Zwei Menschengruppen. hat Thomas Mann dies einmal in einem Briefe ausgesprochen: „Es mag Aberglaube sein". schwer genug. ein rettender Akt.leider nicht ankommt. wozu das Volk einst nicht die Kraft oder nicht den Willen hatte und was später im politischen Mächtespiel als nicht mehr bestandsnötig hat erscheinen müssen: die Auslöschung der Schande. die alles. Alle erkennbaren Vorzeichen deuten darauf hin. schrieb er an Walter von Molo. Wie dies in praxi gegenwärtig werden soll. was sie in den Tagen der eigenen tiefsten Erniedrigung vollbracht hat und was da und dort sich so harmlos ausnehmen kann wie Autobahnen. Die große Revolution? Deutschland wird sie nicht nachholen. Schon sah ich. die zwischen 1933 bis 1945 in Deutschland überhaupt gedruckt werden konnten. „aber in meinen Augen sind die Bücher. aber auch schon alles verwürfe. sein vergangenes Einverständnis mit dem Dritten Reich als die totale Verneinung nicht nur der mit Krieg und Tod bedrängten Welt. Bestenfalls kann er sich undeutlich eine Nationalgemeinschaft vorstellen. wäre die Negation der Negation: ein in hohem Maße positiver. nicht nur der Bücher. würden einander begegnen am Treffpunkt des Wunsches nach Zeitumkehrung und damit nach Moralisierung der Geschichte. Die deutsche Revolution wäre nachgeholt.

. Aber es 57 . Ein stolzes Volk. Ein stolzes Volk. immer noch. die noch nicht gehen konnten. Was ich nachtrage. das sich „Über Deutschland" nennt und imaginäre Dialoge eines deutschen Vaters mit seinem sehr jungen Sohn enthält. als die geschichtsfeindlichen Reaktionäre im genauen Wortverstande werden wir dastehen. Der Stolz ist ein wenig in die Breite gegangen. hätte sich unter ähnlichen Voraussetzungen überall ereignen können . blutbefleckt vielleicht. Was mich entmenscht hatte. . kamen die Bäuerinnen an den Todeszug gelaufen mit Brot und Äpfeln und mußten durch Blindschüsse der Begleitmannschaft verjagt werden. von einer unserer Außenstellen kam eine noch grauenhaftere Nachricht. die es kaufen. das seinen Familienalltag hatte. Himmler. Stuttgart. Als die wirklich Unbelehrbaren. In einem Buch des Titels „Rückblick zum Mauerwald" schreibt der ehemalige deutsche Generalstabsoffizier Prinz Ferdinand von der Leyen: „. das sei zugegeben. selbst die Wohlwollendsten müssen am Ende so ungeduldig mit uns werden wie jener vorhin zitierte junge Briefschreiber. so wird man lehren und sagen. doch keineswegs einzigartig zu stehen kommen neben die mörderische Austreibung der Armenier durch die Türken oder die schändlichen Gewaltakte der Kolonialfranzosen. sondern glänzt in der Zufriedenheit des guten Gewissens und der begreiflichen Freude. daß man mir nicht allenthalben freundlich und verständnisvoll entgegenkäme. daß in des Sohnes Auge kein Unterschied springt zwischen Bolschewismus und Nazismus. Da stehe ich in Frankfurt. Ich durchfuhr es kreuz und quer in den Evakuierungszügen. Das Bild des Urgroßvaters in SSUniform wird in der guten Stube hängen. wo die einen ewig im Licht stehen und die anderen ewig im Dunkel. Wenn der Schienenweg durch den Schnee uns über einen Zipfel böhmischen Landes führte. ist Ware geworden. Hitler. die Opfer. das werden Namen sein wie Napoleon. die ich feilhalte. aber doch auch ein Reich. durch die Fenster auf das Pflaster hinuntergeworfen. Was 1933 bis 1945 in Deutschland geschah. aber doch auch wieder dem deutschen Volk zugute niemand will es mir abnehmen außer den Organen der öffentlichen Meinungsbildung. aus Gründen persönlichen Heilsvorhabens. Kaltenbrunner. und es wird mir immer weniger wohl dabei. Alles wird untergehen in einem summarischen „Jahrhundert der Barbarei". die uns aus Auschwitz unter dem Druck der letzten Sowjetoffensive westwärts fuhren und danach von Buchenwald gen Norden nach Bergen-Belsen." Aber die solcherart von einem hochzivilisierten Volk mit organisatorischer Verläßlichkeit und nahezu wissenschaftlicher Präzision vollzogene Ermordung von Millionen wird als bedauerlich. Ich fahre durch das blühende Land. deutschen Menschen grobe Taktlosigkeiten zu sagen und sich hierfür noch honorieren zu lassen? Ich weiß. nicht besser und nicht übler als es dramatische historische Epochen nun einmal sind. daß es sich eben gerade in Deutschland ereignet hat und nicht anderswo. Schließlich aber wird es Geschichte schlechthin sein. Er preßt sich nicht mehr in mahlenden Kiefern heraus. Heydrich. als daß deutsche Zeitungen und Funkstationen uns die Möglichkeit einräumen. und die Kinder in den Schulen werden weniger von den Selektionsrampen erfahren als von einem erstaunlichen Triumph über allgemeine Arbeitslosigkeit. Fouche. Er beruft sich nicht mehr auf die heroische Waffentat. Was kann unsereins denn auch mehr verlangen. Schon heute lese ich ja in einem Buch. es wieder einmal geschafft zu haben. Ich kann nicht sagen. daß immerhin manche von uns überlebten. gewiß. und als Betriebspanne wird schließlich erscheinen.und wird nicht weiter insistieren auf der Bagatelle. Dort waren SSKommandos in die Häuser eingedrungen und hatten aus den oberen Stockwerken Kinder. Unversöhnlichen. Robespierre und Saint Just. Köln und München mit meinen Ressentiments. Im Reich aber: die Gesichter von Stein. Schicksalsland. der „es leid" ist.weiter als ein geschichtlicher Betriebsunfall gelten. sondern auf die in der Welt einzig dastehende Produktivität. meinetwillen.

die Juden weder sind noch sein müssen." . Von diesem Zwang. Ich höre meine Mutter Jesus. den Überwältigern ihr böses Werk zu verbittern. daß ich immer noch kein Jude sein wollte. den einst der KZ-Argot dem Worte „fertigmachen" gab. sie liegt in der Rumpelkammer. Unsere Sklavenmoral wird nicht triumphieren. Wenn Jude sein heißt. bitten wir die durch Nachträgerei in ihrer Ruhe Gestörten um Geduld. ich sehe mich in keiner Synagoge. Ich muß die Ressentiments einkapseln. und es wurde mir nicht ganz leicht. Ist es so. Die Torheit der Verkleidung ins immerhin Angestammte liegt sehr lange zurück. es bedeutete soviel wie umbringen. Ich weiß sehr wenig von jüdischer Kultur.und Familientradition. zu partizipieren an jüdischer Kultur. endgültig gesiegt haben. was er ist. Weihnachten zur Mitternachtsmette durch ein verschneites Dorf stapfen. daß ich mir eine solche Frage stellen muß. was mir eine undeutliche Pein schafft. Und es doch sein muß. Jude zu sein. Im Grunde waren die Befürchtungen Schelers und Nietzsches nicht gerechtfertigt. daß ich kein deutscher Jüngling war und kein deutscher Mann bin. diesem peniblen psychischen Mißbefinden auf den Grund zu kommen. Emotionsquelle jeder echten Moral.ist es denkbar. in dem meine Herbert Karp. dem es wahrhaftig nicht an Gelegenheit gefehlt hat. sondern es ausdrücklich anfordere als einen Teil meiner Person. Es ist mir recht. dieser Unmöglichkeit. der es für die weltvernünftigen Ganzklugen heute schon ist. dann befinde ich mich in aussichtsloser Lage. Wir Opfer müssen „fertigwerden" mit dem reaktiven Groll. die immer eine Moral für die Unterlegenen war . wenn kleines häusliches Unglück sich ereignete. von dieser Drangsal. mit anderen Juden das religiöse Bekenntnis zu teilen. eine lederne Kniehose und unruhig mein Spiegelbild beäugte. der einstige Auschwitzhäftling. Wenn heute Unbehagen in mir aufsteigt. Von der Unmöglichkeit zuvor.fühle ich ein nicht gerade quälendes. Wir müssen und werden bald fertig sein. Maria und Josef anrufen. Wie immer die Maske mir angestanden haben mochte.sie haben geringe oder gar keine Chancen. Meister Matthäus und die paar Intellektuellen von heute ertrinken. ich höre keine hebräische Beschwörung des 58 . Jude zu sein Nicht selten. das ist es. auch jene zu betreffen. sobald ein Jude mich mit legitimer Selbstverständlichkeit einbezieht in seine Gemeinschaft. Dann wird das stolze Volk.. wenn mich im Gespräch ein Partner hineinreißt in einen Plural sobald er nämlich in einem beliebigen Zusammenhang meine Person einfaßt und zu mir sagt: „Wir Juden. Über Zwang und Unmöglichkeit. Noch kann ich glauben an ihren moralischen Rang und ihre geschichtliche Gültigkeit. dann ist es nicht darum. diesem Unvermögen habe ich hier zu handeln und kann hierbei nur ungewiß hoffen. und es ist auf unserer Seite die Ohnmacht von damals. Willy Schneider. aber doch tiefsitzendes Unbehagen. ob es mir wohl einen ansehnlichen deutschen Jüngling zeige? Natürlich nicht.ist der Stolz von einst. Vielleicht wird es mich schon morgen zur Selbstverurteilung führen. Und mich diesem Müssen nicht bloß unterwerfe. einen Knaben. daß ich. indem es nämlich das moralische Verlangen nach Umkehrung mir als den absurden Halbklugschwatz erscheinen lassen wird. wie vor Jahrzehnten. Für wie lange? Allein. Die Ressentiments. zu erkennen. das Individuelle sei beispielhaft genug. Ich glaube nicht an den Gott Israels. Noch. Zwang und Unmöglichkeit. Ich sehe mich. Wehe den Besiegten. als ich weiße Wadenstrümpfe trug. Ich habe lange versucht.. zeigt das Ungeheure und Ungeheuerliche des natürlichen Zeitgefühls. weil ich kein Jude sein will: nur weil ich es nicht sein kann. ein jüdisches Nationalideal zu pflegen. was er sein muß . Bis es soweit ist. in jenem Sinne.

wäre noch inauthentischer als einst der Wadenstrumpfjüngling. als ich von der Existenz einer jiddischen Sprache vernahm. sie ist für mich blockiert. wer wollte es nicht sein. Keiner kann werden. das es nicht gibt. durch seine supponierte gründliche Kenntnis des Chassidismus wohl davor gefeit. und sie ist meine ganze persönliche und allgemein menschliche Ehre. vor der man in seiner menschlichen Totalität ohne den Ausweg einer Zwischenlösung besteht oder nicht . Franzose. Nur ist man Mensch erst. Da der Zwang da ist . nach Israel auswandern und mich Jochanaan nennen. der er in den ersten. nicht als metaphysische Essenz. werde ich keiner sein können. und mich flüchten in die Leerformel. Ich war Jude. Jedermann muß sein. was er vergebens in seinen Erinnerungen sucht. wenn er sich unter uns andere mischte. und ohne sich ins Abstrakte zu verflüchtigen. der man sein soll und will. mich als einen Juden zu wählen. in meinem Fall jedoch eine Herausforderung. der man ist. So ist es mir denn nicht erlaubt. Die Dialektik der Selbstverwirklichung: zu sein. wird sich vielleicht auch die Unmöglichkeit auflösen lassen. Angehöriger einer 59 . ich sei eben ein Mensch? Abwarten. Man kann an eine Tradition. verkroch er sich wie wir selber in grollende Verlegenheit.den ich kaum gekannt habe. ohne Geschichte. es ließe sich einwenden. so wie einer meiner Mitschüler Sohn eines bankrotten Wirtes war: wenn der Knabe mit sich allein war. Das Bild des Vaters . am 24. Habe ich sie denn aber auch wirklich? Ich glaube es nicht.zeigte mir keinen bärtigen jüdischen Weisen. Man will doch leben. Wer würde mich wohl daran hindern. wenn man Deutscher. Dezember an einen Weihnachtsbaum mit vergoldeten Nüssen zu denken? Würde der fließend des Hebräischen sich bedienende. denn er blieb dort. wenn später auch verschütteten Lebensschichtungen war.mir scheint. Meint also Jude sein einen kulturellen Besitz. sondern als einfache Aufladung des früh Erfahrenen. die man verloren hat. auf denen ich anderes als Jude sein dürfte. aufrechte Israeli so völlig den weißbestrumpften. da ich es doch sein muß und dieses Müssen mir die Wege verlegt. er hätte alle Voraussetzungen des Mißlingens. wohlversehen mit aller gebotenen jüdischen Kulturkenntnis von den Propheten bis zu Martin Buber. wieder anknüpfen. Freilich. ein so anregendes Spiel in der modernen Literatur. hat unweigerlich die Priorität. daß ein Besitz sich erringen. indem man zu dem wird. stolzer Träger einer neuen selbsterworbenen Identität. Ich war neunzehn Jahre alt. Wäre Jochanaan. das ist es. Kann ich aber. Jochanaan. als Schatten des Universell-Abstrakten. Jude zu sein. daß meine religiös und ethnisch vielfach gemischte Familie den Nachbarn als eine jüdische galt und niemand in meinem Hause daran dachte. die hebräische Sprache zu erlernen. wiewohl ich andererseits genau wußte.Herrn. Ich habe die Freiheit. dann war ich keiner und kann niemals einer werden. einen bodenständigen Dialekt forcierenden Jüngling auslöschen können? Der Identitätswechsel. Da ich kein Jude war. Man kann sie aber nicht frei für sich erfinden. am Karmel heimgesucht und heimgeholt von Erinnerungen an Alpentäler und das Glöcklerlaufen.und wie gebieterisch! -. eine religiöse Verbundenheit. wohin sein Kaiser ihn geschickt hatte und sein Vaterland ihn am sichersten aufgehoben wußte . jüdische Geschichte und Geschichten zu lesen. das ohnehin Unverschleierbare ableugnen oder vertuschen zu wollen. mochte der geschäftliche Niedergang der Seinen so gut wie nichts für ihn bedeutet haben. bin ich keiner. mich überhaupt nicht finden? Muß ich es denn abmachen. wie ich es in der Illegalität tat. Wir sind noch nicht so weit. ohne sich zu verbergen. auch ohne Glauben teilzunehmen an dem zugleich religiösen und nationalen jüdischen Ritual? Ich könnte. Denn das EtwasSein. Ein Mensch? Gewiß doch. sondern einen Tiroler Kaiserjäger in der Uniform des ersten Weltkriegs. eine Bindung sich eingehen läßt und daß demnach Jude sein die Sache sein könnte eines freien Entschlusses. und da ich keiner bin. So wird mir versichert. Christ.

ein Toter auf Urlaub sein.verdichtete. lag auch das. und hol' euch der Teufel. kein revolutionärer Radau. der war ihm enger versprochen schon mitten im Leben. eine Nazifaust einen Zahn herausschlug. in diesem Augenblick der Gesetzeslektüre die Todesdrohung. beziehungsweise sie hatte meinem früher schon vorhandenen. innerhalb oder außerhalb einer Tradition. als ich 1935 in einem Wiener Café über einer Zeitung saß und die eben drüben in Deutschland erlassenen Nürnberger Gesetze studierte. hatte mich soeben in aller Form und mit aller Deutlichkeit zum Juden gemacht. Die Gesellschaft. sinnfällig im nationalsozialistischen deutschen Staat. daß ich Jude sei.Kriegsruf! . lange vor Hitlers Machtantritt.. dem gehören wir alle an.. das hieß für mich von diesem Anfang an. in manchen Intensitätsgraden bis heute geblieben. morgen der deine. und dabei ist es in vielen Varianten. was man gemeinhin die methodische „Entwürdigung" der Juden 60 . davon ist hier zu sprechen. aber damals nicht folgenschweren Wissen. vor dem elektrisch strahlenden Lichterbaum ein Spruchband des Textes „Keiner soll hungern. daß es geschichtlich anknüpfte an zahllose Pogroms der Vergangenheit. als ich die Nürnberger Gesetze gelesen hatte. Nun. und da prangte im Vordergrund. Ich war. Hans oder Jochanaan. ein zu Ermordender. auch wenn man nicht bedachte oder gar nicht wußte. ja. ob mit oder ohne Religion. ob Jean. wohin er rechtens gehörte. Es fing erst an. Dem Tode. Es begann nicht damit. á la lanterne!". die ich zum erstenmal in voller Deutlichkeit beim Lesen der Nürnberger Gesetze verspürte. aber die Juden sollen krepieren. Es war. In der Todesdrohung. als der ich durch Gesetzes. daß ich in der Tat in diesem Jahr. dachte ich mir nach der Prügelei und trug meine Zahnlücke stolz wie eine interessante Duellverletzung. Ich muß Jude sein und werde es sein. Ich hatte auch in diesen Tagen einmal in einer deutschen illustrierten Zeitung das Photo einer Winterhilfsveranstaltung in einer rheinischen Stadt gesehen. Warum ich es sein muß. Heute mein Zahn. der Weihnachtsbaum hatte sich nicht magisch verwandelt in den siebenarmigen Leuchter. Hatte ich denn nicht schon hundertmal die an den Erwachensaufruf Deutschlands geknüpfte Schicksalsbeschwörung vernommen. daß ich unstatthafterweise Auschwitz und die Endlösung schon ins Jahr 1935 rückprojiziere. daß der Jude zugrunde gehen möge? „Juda verrecke!" . richtiger: das Todesurteil schon vernahm. und dazu gehörte ja auch keine besondere Geschichtsempfindlichkeit. daß sich jetzt in Wien ein paar Juden umbrächten. bei der mir zum erstenmal. wohldurchdachte Forderung eines Volkes. und was weiter? antwortete ich dem Kameraden. eine neue Dimension gegeben. Wenn das von der Gesellschaft über mich verhängte Urteil einen greifbaren Sinn hatte. mein Assoziationsbereich war nicht plötzlich durch Zauberkraft aufgefüllt mit hebräischen Referenzen. daß sie auf mich zutrafen. Ich brauchte sie nur zu überfliegen und konnte schon gewahr werden. Jude sein. ich sei fürderhin dem Tode ausgesetzt. Welch eine? Keine aufs erste auslotbare. der nur durch Zufall noch nicht dort war. über kurz oder lang. keiner soll frieren. Aber der Jude. nicht jüdischer als eine halbe Stunde zuvor." Und nur drei Jahre danach hörte ich am Tage der Eingliederung Österreichs ins Großdeutsche Reich im Rundfunk Joseph Goebbels heulen. Vielmehr bin ich gewiß.und Gesellschaftsbeschluß jetzt dastand. sondern die in einem Slogan . Ich glaube nicht. daß dem Knaben Mitschüler sagten: Eigentlich seid ihr doch Juden.das war etwas durchaus anderes als das fast fröhliche „L'aristocrat. Wir sind Juden. wenn ich heute diese Überlegungen anstelle. dessen Tage waren eine zu jeder Sekunde widerrufbare Ungnadenfrist. konnte es nur bedeuten.beliebigen definierbaren sozialen Gemeinschaft ist. Meine Gesichtszüge waren nicht mediterran-semitischer geworden. den durchaus die Welt als legitimen Vertreter des deutschen Volkes anerkannte. Auch nicht mit der Schlägerei auf der Rampe der Universität. man solle doch nur ja kein Wesens davon machen.

dem Mythos vom „universalen Menschen" verfallenen Juden . nicht mehr moralischer. uns selber aus der Welt zu schaffen. nicht sein zu können. zeitweilig kapitulierten vor Streicher. Wir waren nicht Hebens. Es gab keinen Ausweg. Denn es war ja nicht so. aber auch keineswegs geeignet zur Angleichung an die Wirtsvölker. hat er gemeint. daß sie lange schon vor Auschwitz mit der Todesdrohung identisch war. daß der große Autor selbst sie wahrscheinlich nicht in ihrer ganzen unwiderstehlichen Gewalt erfaßte. was sie so sehr sein wollten: Deutsche. wollbehaart. Da mußte es denn notwendigerweise dahin kommen. häßlich. böse. Nur konnte Sartre in seinem kurzen phänomenologischen Aufriß nicht die ganze zermalmende Pression des Antisemitismus beschreiben. wenn auch da und dort mit einem gewissen oberflächlichen Bedauern. unbrauchbar. was sage ich . ob authentisch oder nicht. Die Welt.und Hilfsbereitschaft. häßlich. wiewohl es nur einer verschwindenden Minderheit unter all den Emigranten in ihren Heimatländern direkt ans Leben gegangen wäre. Wir konnten es jahrelang täglich lesen und hören. Es hatte aber. von der für mich feststeht. besudelten durch ihre bloße Anwesenheit öffentliche Badeanstalten. so mußten sie sich wohl sagen. was hat es angesichts solchen Welteinverständnisses noch für einen Sinn zu widersprechen 61 . Beides scheint mir unanfechtbar. sich als Juden zu verwerfen.und Sartre spricht hier ohne Setzung eines Wertakzentes vom „inauthentischen". waren den Mitmenschen. unsere einzige Pflicht war.die ganze Welt nickte zu dem Unternehmen mit dem Kopfe. doch hatte niemand sie gezwungen. dann war das ein durchaus anderer. Der Jude . Als nach dem zweiten Weltkrieg sich Flüchtlingsströme aus den diversen kommunistisch beherrschten Ländern nach dem Westen ergossen. faul. Unser einziges Recht. durch den Antisemiten sei der Jude in eine Situation gedrängt worden. Wir waren unfähig zur Staatenbildung. wenn der Feind ihnen das Bild des Streicherschen „Stürmers" in die Haut brannte.unterwirft sich auf seiner Flucht vor dem jüdischen Schicksal der Macht seines Unterdrückers. auch als für jeden Einsichtigen längst schon hätte feststehen müssen. Die Selbsthasser hatten geglaubt. Anders formuliert: der Würdeentzug drückte die Morddrohung aus. Unsere Körper. Wenn dagegen zwischen 1933 und 1945 gerade die hellsten und aufrichtigsten Köpfe unter den Juden. ganz abgesehen davon. was unser wartete im Deutschen Reich. Doch muß man ihm zugute halten. wetteiferten die Staaten dieser als frei reputierten Welt in Aufnahme. Es gebe kein „Judenproblem". in sich keine Widerstandskräfte fanden. ja sogar Parkbänke. das heißt. fett und krummbeinig. die den Juden dahin gebracht hatte. wollte keiner haben. in der er sich das Bild seiner selbst vom Feinde habe aufprägen lassen. Unsere scheußlichen Gesichter. Sie hatten als Nichtdeutsche ihre Existenz nicht auf sich nehmen wollen. und auch die war feindlich. radikale Nazis uns die Würde des Geliebtwerdens und damit des Lebens absprachen. Mitbürgern von gestern ein Ekel. diese Hinfälligkeit nur wenig zu tun mit dem klassischen jüdischen Selbsthaß einer assimilationswilligen und assimilationswütigen deutschen Judenheit der Zeit vor Ausbruch des Nazismus. daß etwa nur parteimäßig geeichte. und hatten sich darum verschmäht.durch die Nazis nennt. hat in seinen „Betrachtungen zur Judenfrage" Jean-Paul Sartre bereits 1946 ein paar immer noch gültige Erkenntnisse ausgebreitet. authentischen oder inauthentischen. wohlgemerkt. böse. Über die Entwürdigung der Juden. ob geborgen in der Illusion eines Gottes und einer nationalen Erwartung oder assimiliert. nur ein Problem des Antisemitismus. Ganz Deutschland. daß die Juden. sieht uns so und so. verderbt und verdorben durch abstehende Ohren und Hängenasen.und darum auch nicht des Lebens würdig. daß er in den Jahren des Dritten Reiches mit dem Rücken gegen die Wand stand. Wir waren faul. sondern sozialphilosophischer Akt der Abdankung. Man muß sich erinnern. klug nur. soweit wir die anderen übers Ohr hauten. Uns aber. fähig nur zur Untat.

Sie ist kurz. Noch höre ich einen freien französischen Arbeiter diskutieren mit einem jüdisch-französischen KZ-Häftling. Jedoch 62 . daß wir es nicht seien? Die Übergabe der Juden an das Stürmerbild ihrer selbst war nichts als die Anerkennung einer gesellschaftlichen Realität: gegen diese hat eine Berufung auf eine Selbsteinschätzung anderer Ordnung bisweilen lächerlich oder närrisch erscheinen müssen. wäre jede Bemühung um Wiedererlangung der Würde ohne Wert gewesen und wäre es noch immer. Man muß freilich dabei gewesen sein. eine strikte ethnische Hierarchie. will man mitreden. Ein flämischer Belgier war mehr wert als ein wallonischer. gegen die es keine Berufung gibt auf das „Selbstverständnis". sei hier bezeugt. gab ihm sein Landsmann sachlich und ohne Feindseligkeit zurück. die uns die Würde entzieht. was immer ihr tun und sagen mögt!") ist leere Denkspielerei oder Wahn. daß der Würdeentzug nichts anderes war als potentieller Lebensentzug. „Je suis Français". daß wir uns sehr wohl würdig „fühlten" . und der bloß im individuellen Innenraum erhobene Anspruch („Ich bin ein Mensch und habe als solcher meine Würde. aber schwierig zu begehen und voll von Hindernissen und Fußangeln. die man nach der unglücklichen Warschauer Insurrektion ins Lager geworfen hatte.wenn all dies stimmte. wäre ein unentrinnbares Schicksal. der mit der Verkündung der Nürnberger Gesetze anhub und in direkter Konsequenz bis nach Treblinka führte. zu argumentieren mit der Behauptung. sei es eine beliebige Amtswürde.und zu sagen. Es gab keinen noch so verkommenen nichtjüdischen Berufsverbrecher. was ich sagte. Wenn es weiterhin richtig war. die man mir 1935 erstmals absprach.oder ganz allgemein Bürgerwürde. Tief unten auf den ersten Leitersprossen befanden sich die KZ-Häftlinge. das heißt: leben unter der Todesdrohung. mich dabei eine Strecke zu begleiten. sagte der Häftling. Ein Ostarbeiter war schlechter angesehen als ein Italiener. Nur verhält es sich glücklicherweise nicht ganz so. „Français. toi? Mais. So taten halb analphabetische weißrussische Arbeiter. oder nur kleine Taschendiebe. mon ami". entsprach auf unserer. Ich wiederhole: Die Welt war einverstanden mit dem Platz. Die Polen. Paris oder Brüssel nachts aus den Wohnungen holte. wie diese Logik es will. Wenn ich recht überlegte. die nur in seltenen und heroischen Einzelfällen sich protestierend erhob. Wohl ist wahr: Würde. in Amsterdam. Dem Entwürdigungsprozeß gegen uns Juden. denn er hatte in einer Mischung aus Furcht und Indifferenz die Lektion der deutschen Herren Europas gelernt. Entwürdigung. Aber auch Franzosen. Ein Reichsdeutscher galt mehr als ein Volksdeutscher. Es gab da im Lager selbst. Denke ich an die soziale Realität der überall vor uns sich aufrichtenden Mauer der Ablehnung. sei es Berufs. meiner Seite ein symmetrischer Prozeß um Wiedergewinn der Würde. die man mir vielleicht heute noch nicht zuerkennen will und die ich darum auf eigene Hand gewinnen muß? Was ist Würde überhaupt? Man kann es versuchen mit einer Umkehrung der weiter oben vollzogenen Identifizierung von Entwürdigung und Todesdrohung. Urteile also. der nicht hoch über uns gestanden wäre. verbunden mit der Bitte an den Leser. kann nur von der Gesellschaft verliehen werden. den die Deutschen uns zugewiesen hatten. fällt mir mein Aufenthalt in Auschwitz-Monowitz ein. so daß es denn sinnlos wäre. und unter ihnen wieder hatten die Juden den niedrigsten Rang. aber auch unter den sogenannten freien Arbeitern auf der Arbeitsstätte. tu est juif. Meine Bemühung. daß nämlich Zubilligung und Aberkennung der Würde Akte sozialen Einverständnisses sind. Er ist bis heute für mich nicht abgeschlossen. verachteten uns einhellig. ob echte Freiheitskämpfer. Ein Ukrainer aus dem Generalgouvernement rangierte besser als sein polnischer Landsmann. Denn. die kleine Welt im Lager und die große draußen. dann müßte Würde das Recht auf Leben sein. schließlich. gegen die Sozialgemeinschaft. wie verhält es sich eigentlich mit der Würde. mir klar zu werden über seine Stadien und sein vorläufiges Ergebnis. mir offiziell vorenthielt bis 1945. wenn man uns in Wien oder Berlin. von den Nazis über uns alle verhängt.

Oder ich hätte schließlich. nichts anderes. dem pays reel. Viel habe ich nicht vorzubringen zu meinen Gunsten. einen polnischen Berufsverbrecher von schreckenerregender Rüstigkeit. Ich ging den Pakt ein mit einer Widerstandsbewegung. das Ungeheure auch moralisch zu überstehen. ein Jude zu sein. Ich will nicht sagen. Wahr bin ich nur. aber die Welt zwingen könne. Ich nahm es auf mich.und daß dann 63 . ihn zu revidieren. freilich. Der schlug mich einmal in Auschwitz einer Bagatelle wegen ins Gesicht. Russen gibt. Ich schlug in offener Revolte den Vorarbeiter Juszek meinerseits ins Gesicht: meine Würde saß als Faustschlag an seinem Kiefer . des deutschen pays legal. Wenn der Kapo ausholte zum Schlag. so war er es gewohnt zu verfahren mit allen Juden. als der ich mich selber im Innenraum sehe und verstehe. daß es eben nur Deutschland sei. Revolte. dumpf die Nötigung verspürte. Ich war nichts weniger als ein Held. wenn auch undeutlich. erst in Wien. doch sei es notiert. Und doch. ein Fels. Franzosen. Es könnte glauben machen.die Gesellschaft von seiner Würde überzeugen.kann der entwürdigte. der ich für mich und in mir bin. ich fühlte es mit durchdringender Schärfe. hätte ich geistig die Flucht ergreifen. einen Schritt weiterzugehen in meinem langandauernden Berufungsprozeß gegen die Gesellschaft. Als ich 1935 die Nürnberger Gesetze las und mir bewußt wurde. gefeit ist gegen die Deutschland geißelnde kollektive Paranoia. mir zusprechen können: Was immer man von mir auch sage. indem er sein Schicksal auf sich nimmt und sich zugleich in der Revolte dagegen erhebt. die Verteidigungsmechanismen anlaufen lassen und damit meinen Prozeß um Rehabilitierung verlieren können. 1935. dieses denkt gar nicht daran. Dann hätte ich mir gesagt: So. Der erste Akt muß die uneingeschränkte Anerkennung des Urteilsspruchs der Sozietät als einer gegebenen Wirklichkeit sein. ich bin. in der es Engländer. ein leider in einem blutigen Wahn versinkendes Land. Ich verstand. Ich habe versucht. nicht nur. daß sie auf mich zutrafen. todesbedrohte Mensch . während zu meinem Heil die große und weite Welt draußen.und hier durchbrechen wir die Logik der Aburteilung . Amerikaner. verschlug es mir den Atem vor Angst. Oder ich hätte argumentieren können. und das hat mir jenseits des physischen Überlebens eine Minimalchance eröffnet. es ist nicht wahr. die seinem Kommando unterstanden. daß ich zwar den Urteilsspruch als einen solchen akzeptieren müsse. Auch habe ich am Ende wiedererlernt. selbst unter Verzicht auf die Illusion sowohl eines deutschen pays reel als auch einer gegen die deutsche Geistesstörung immunen Welt. sondern duckte mich. Ich kann nur bezeugen. sondern daß sie der juridisch-textlich zusammengefaßte Ausdruck waren des schon vorher von der deutschen Gesellschaft durch ihr „Verrecke!" gefällten Urteilsspruches. deren realpolitische Aussichten sehr gering waren. daß ich ihr schließlich widerstehen lernte und daß ich schon damals. den Prozeß zur Wiedererlangung meiner Würde einzuleiten. was ich und meinesgleichen oft vergessen hatten und worauf es mehr ankam als auf moralische Widerstandskraft: zurückzuschlagen. die Welt. wiewohl es gewisse Möglichkeiten zu einem Arrangement gegeben hätte. von meiner Würde zu überzeugen. dann in Brüssel. das ist auch so ein Donnerwort. so. das mich da absurderweise zum Untermenschen im eigentlichen Wortsinne stempelte. war es an mir. Ich nahm das Welturteil an. blieb ich nicht stehen. Wenn die kleinen grauen Volkswagen mit dem Nummernschild POL meinen Weg kreuzten. dies ist also der Wille des nationalsozialistischen Staates. mich auszustoßen. Ich sehe vor mir den Häftlingsvorarbeiter Juszek. daß ich nicht bisweilen solcher Versuchung unterlag. es in der Revolte zu überwinden. mit dem Entschluß. er hat aber nichts zu schaffen mit dem wirklichen Deutschland. ich sei ein Held gewesen oder wolle mich fälschlich als einen solchen präsentieren. In diesem Augenblick. die keineswegs in entrüsteter Einhelligkeit mit dem Dritten Reich alle Beziehungen abbrach.

in der ich glauben durfte. In Frankreich hatte sich die allemal anfällige kleine Bourgeoisie anstecken lassen von den Besatzern. Er ist zur Stunde für mich weder gewonnen noch verloren. wie man so sagt. wollte ich untersuchen. Wenn Überlebende und Geflüchtete zurückkehrten und ihre alten Wohnungen anforderten. Ich war. die vordem so gut wie keinen Antisemitismus gekannt hatten. Der Prozeß. sei ein geschichtlicher Irrtum gewesen. Jude sein. durch die eigene. England sperrte sein Mandatsgebiet Palästina jenen den Lagern und Kerkern entronnenen Juden. Damals konnte ich für kurze Zeit die Illusion hegen. Aber nicht etwa wegen des Mutes und der Ehre. Ich würde ihnen in die unsauberen Hände spielen. es war. meine Würde sei in vollem Umfang wiederhergestellt. vor dem Flucht in die Innerlichkeit nur Schmach gewesen wäre. war meine Misere. Ich verstand die Wirklichkeit. eine Aberration." Selbst in Ländern. noch während man gerade erst die Massengräber der Juden entdeckte. Der Antisemitismus und die Judenfrage als geschichtliche. ihre Schande oder ihre Krankheit. Was ich später in dem Buche von Frantz Fanon „Les damnés de la terre" in einer Analyse des Verhaltens der Kolonialvölker theoretisch ausgeführt gelesen hatte. Ich war ich als ein Schlag . der Würdeentzug. wiewohl kaum noch Juden. mit mir zufrieden. den ich zufügte. der unterlag und heillose Prügel bekam. wenn er sich zum Hieb anspannte. In Polen und in der Ukraine gab es. mich. nur weil ich gut begriffen hatte. sagte ich. in denen der Körper unser ganzes Ich und unser ganzes Schicksal ist. daß schlichte Hausfrauen in eigentümlicher Mischung von Genugtuung und Verdruß sagten: „Tiens. auch wenn der potentielle Henker sich jetzt vorsichtig zurückhielt oder allenfalls sogar laut seine Mißbilligung des Geschehenen beteuerte. vor allem aber durch die Verachtung. ils reviennent. als ich meine Würde sozial durch einen Faustschlag in ein Menschenantlitz verwirklichte. Wenn ich mich einließe auf derlei Untersuchungen. ökonomische und andere Faktoren haben. Die körperliche Gewalttätigkeit ist in Situationen wie der meinigen das einzige Mittel zur Wiederherstellung einer dislozierten Persönlichkeit. im Schlag. durch den heldischen Aufstand des Warschauer Gettos. wie in Holland. die einzuwandern versuchten. ausgemergelt und schmutzverkrustet. alles sei von Grund auf verwandelt. schmerzhaft verprügelt. kam es vor. In sehr kurzer Zeit mußte ich erkennen. eine kollektive Krankheit der Welt.für mich selbst und für den Gegner. sozialbedingte.am Ende ich. ging und geht weiter. nicht ich. da in Reims deutsche Generäle vor Eisenhower die Kapitulationsurkunde unterzeichneten. antisemitische Unruhen. on ne les a tout de même pas tous tué. Ich wurde bald eines Schlechteren belehrt. im Schlag. würde ich nur der intellektuellen 64 . den wir erfahren hatten. daß es Lebenslagen gibt. wenn auch noch so bescheidene Aktivität in der Resistance. auseinanderzusetzen mit dem Antisemitismus? Gar nicht. nahm ich damals vorweg. das war Annahme des Todesurteils durch die Welt als eben eines Welturteils. Die Antisemiten haben zu bewältigen. Mein Körper. Ich wurde Mensch. den ich erlitt. Sie sind ganz und gar Sache der Antisemiten. Ich war mein Körper und nichts sonst: im Hunger. hatte keine Bedeutung mehr. nicht indem ich mich innerlich auf mein abstraktes Menschentum berief. Aber hätte sie mich etwa veranlassen dürfen. daß wenig sich geändert hatte. welchen Anteil an den Judenverfolgungen religiöse. Es gab nach dem Zusammenbruch des nationalsozialistischen Reiches eine knappe Weltstunde. geistige Erscheinungen gingen und gehen mich nichts an. daß ich weiterhin der befristet Mordverurteilte war. Mein Körper. war meine physisch-metaphysische Würde. zugleich aber der physische Aufruhr dagegen. die die Welt meinen Entwürdigern bezeugte. gab es als Relikt der deutschen Propaganda plötzlich ein „Judenproblem". von der diese genesen war im Augenblick. der körperlich viel Schwächere. Ich konnte meinen. sondern indem ich mich in der gegebenen gesellschaftlichen Wirklichkeit als revoltierender Jude auffand und ganz realisierte.

Bauern im Negew. ehrgeizig zu pochen auf etwas. sowohl in dem Mittelmeerland. das man nicht tat." Das soll nicht angezweifelt werden. vor der die Ermordeten so schuldig sind wie die Mörder. als auch in der Diaspora.und vorvollziehen können das katastrophale Ereignis nur wir. Es gab auch keine Gelegenheit mehr. doch bin ich überzeugt. genug Männer und Frauen. religiös oder national oder auch nur individuell-pietätvoll vor dem Bild des Großvaters mit Schläfenlocken. und im Gespräch mit ihnen werden wir bald verstummen und uns sagen: Nur zu. Daß diese Unmöglichkeit nicht für alle gilt. daß ich vor Zwang und Unmöglichkeit stand. mit der ich mein trauriges Vorrecht geltend mache und zu verstehen gebe: Zwar gilt die Katastrophe als existentieller Bezugspunkt für alle Juden. plagt euch ab. daß nicht jedes jüdische Bewußtsein der Beziehung gewachsen ist. doch geistig nach. wie ihr wollt. doch wird er ein skeptischer sein. ob auch ihre Nachkommen es sein werden oder ob nicht vielleicht das Ende des jüdischen Volkes hereinbricht. ihr redet ja doch nur wie der Blinde von der Farbe. gute Leute. das gestern das ihre hätte sein können und es morgen sein kann. wo am Ende doch der totale Einschmelzungsprozeß der Juden. liegt auf der Hand. nicht nachzudenken. Der Wiedergewinn der Würde. nur mit meiner Existenz hatte ich fertigzuwerden. ohne mir dabei albern oder exaltiert zu erscheinen. und im erschlossenen Darum ihn schließlich halb und halb zu diskulpieren.Düperie sogenannter geschichtlicher Objektivität aufsitzen. Es wäre lächerlich genug. Ihre geistigen Bemühungen werden unseren Respekt finden. nur erlitt. Sie mögen nachdenken über ein Geschick. denn er war nicht mehr ohne weiteres kenntlich. Ich sehe mich wieder vor Zwang und Unmöglichkeit. seien sie Arbeiter in Kiew. Gewisse Möglichkeiten. Ich sage das nicht mit Stolz. Sie sind. mit Gewalttätigkeit zu reagieren auf etwas. Den anderen sei es nicht verwehrt. Ich konnte mir 1945 bis 1947 wohl nicht gut einen gelben Stern anheften. waren nicht mehr gegeben. Ich bin wieder allein mit mir und ein paar engeren Kameraden. In seinem Buch „La condition réflexive de l'homme juif" hat der französische Philosoph Robert Misrahi gesagt: „Die Nazikatastrophe ist fürderhin die absolute und radikale Referenz für jede jüdische Existenz. die in den Kriegsjahren sich mir aufgetan hatten. die keinem von uns mehr gestatteten. Ich habe sie zu desinfizieren und zu verbinden. An dieser Stelle muß ich einen Augenblick innehalten und mich abgrenzen gegen alle jene Juden. Juden als Glieder einer Gemeinschaft. Ich finde mich wieder in den Nachkriegsjahren. dem Feind mit der Faust ins Gesicht zu schlagen. deren Judesein immer ein positives Faktum war und blieb. Nicht die Antisemiten gingen mich an. die ein Schicksal wie das meine hinter sich haben. die nicht aus meinem eigenen Erlebnisbereich sprechen. Geschäftsleute in Brooklyn. die Geopferten. Eher ist es eine gewisse Scham. Allenfalls könnte man kurz abweichen und sich mit dem Soziologen Georges Friedmann die Nebenfrage stellen. ebenso dringlich wie in den vergangenen Jahren von Krieg und Nationalsozialismus. Sie feiern den Sabbat. sich einzufühlen. wo heute schon der Israeli den Juden ablöst. Nur mußte ich klarer als in den Tagen der immerhin möglichen physischen Revolte erkennen. Es gibt unter den Juden dieser Zeit. Das war schwer genug. warum der Schläger die Keule hob. war weiterhin Nötigung und Begehren. wenn nicht gar schuldiger. bewahre. Sie reden jiddisch oder hebräisch. nicht so sehr in die ihrerseits der Nationalcharakter verlustig gehenden Wirtsvölker 65 . Nur gerade jene können sich an die Jahre 1933-1945 halten. Die Parenthese ist geschlossen. das sich vor uns nicht deutlich zu erkennen geben wollte. aber nunmehr in einer Wetterlage trügerischen Friedens unendlich viel schwieriger. Sie klären den Talmud oder stehen als junge Soldaten stramm unterm blau-weißen Banner mit dem Davidstern. Eine Wunde wurde mir geschlagen.

Noch so ein außerirdisches Reich. hat einst schon Sartre gesagt. Es ist nicht korrekturbedürftig. Etwas sein kann bedeuten. ob ich für eine Zeitschrift schreibe. Daß Jude ist. ohne messianisch-nationale Erwartung. die mich nicht als einen der Ihren ansehen. die Juden sind. in dem „la population" zu irgendeinem Verhalten aufgefordert wird. der Katastrophenjude. Französische Ministerpräsidenten hießen Rene Mayer. Zwanzig Jahre sind hingegangen seit der Katastrophe. und ein Monsieur betrachtete Madame durch die Gitterfenster des abfahrenden Wagens wie einen steinernen Engel aus einem hellen und harten Himmel. als ich den ersten Schlag der Polizeifaust zu spüren bekam. wenn ich anpochte. und hat später Max Frisch in „Andorra" dramatisch dargestellt. ohne Geschichte. denn la population hatte gestern große Angst. Die Nachbarin grüßt freundlich. der gern Tischler geworden wäre und den sie nur Kaufmann sein lassen wollten. Selbst dann nämlich. La population. ein Elementarereignis. Da Jude sein aber nicht nur meint. doch darf man es vielleicht ergänzen. wer von den anderen als Jude angesehen wird. und ob sie morgen mehr Mut haben würde. muß es sein und muß es sein wollen. weil eine Tradition sie birgt. Dabei geschieht es mir annähernd wie einst. daß ich eine gestern geschehene und für morgen nicht ausschließbare Katastrophe in mir trage. zur Erkenntnis. denn eine Madame hat gestern weggeschaut. ist es jenseits der Aufgabe auch Furcht. mich zu verbergen. für mich heißt Jude sein die Tragödie von gestern in sich lasten spüren. Ehrenreiche Jahre für unsereins. ein amerikanischer UNO-Delegierter namens 66 . Ich habe es anzunehmen und in meiner täglichen Existenz zu bekräftigen. Aber Madame und Monsieur sind durch interstellare Distanzen getrennt.und immerhin. Bonjour. Sie ist auch verbindlicher als Grundformel der jüdischen Existenz. und die es bestehen müssen ohne Gott. Madame. das rührt an die letzten Wurzelverschlingungen meiner Existenz. Ich trage auf meinem linken Unterarm die Auschwitz-Nummer. Nur für mich selber darf ich sprechen . einschließlich der religiösen und nationalgesinnten Juden. daß es nicht ankommt auf positive Bestimmbarkeit einer Existenz. Das Bestehen oder Verschwinden des jüdischen Volkes als einer ethnisch-religiösen Kommunität bringt mein Gemüt nicht in Aufruhr. wie sie es mit dem armen Teufel in „Andorra" taten. Täglich morgens kann ich beim Aufstehen von meinem Unterarm die Auschwitznummer ablesen. wenn im Grünkramladen Albernheiten über Juden geredet werden. ich ziehe den Hut. daß man etwas anderes nicht ist. wenn mich die anderen nicht als Juden bestimmen. wenn auch mit Vorsicht. ja ich bin nicht einmal sicher. sage: ich bin Jude. Langsamerhand kam ich in den zwei Jahrzehnten. ob es nicht meine ganze Existenz ist. in das ich so wenig gelangen kann wie zu Kafkas Schloß. als man einen Monsieur abführte. Bonjour Monsieur. keinen Raum lassen. auf die ihr Judesein hereinbrach. die Mülleimer seien rechtzeitig bereitzustellen oder zu einem nationalen Festtag sei zu flaggen. Pierre Mendes-France. der den Juden für immer verschlossen ist. daß die Umwelt mich nicht ausdrücklich als Nichtjuden fixiert. Als Nicht-Nichtjude bin ich Jude. Für sie. bin ich doch Jude durch die bloße Tatsache. ob ich mich im Rundfunk an Unbekannte wende. für die wohl nach Millionen zählenden Zeitgenossen. die seit meiner Befreiung hingingen. muß sich einrichten ohne Weltvertrauen. dann meine ich damit die in der Auschwitznummer zusammengefaßten Wirklichkeiten und Möglichkeiten. steht leider dahin. wie wir ihn getrost nennen wollen.als in die größere Einheit der technisch-industriellen Welt sich vollziehen könnte. die liest sich kürzer als der Pentateuch oder der Talmud und gibt doch gründlicher Auskunft. Nobelpreisträger im Überfluß. Wenn ich mir und der Welt. ob ich mich bekennend ins Gespräch menge. Der Jude ohne positive Bestimmbarkeit. Ich lese einen amtlichen Anschlag. Ich verliere jeden Tag von neuem das Weltvertrauen. Ich lasse diese Frage auf sich beruhen. Ich kann in meinen Erwägungen den Juden.

spekulierte ein human und patriotisch gesinnter Mann in Brüssel. die ich flüchtig schon auf warf in meiner Analyse der Ressentiments: Bin ich vielleicht psychisch krank und laboriere ich nicht an einem unheilbaren Leiden. Die anderen sind die Irren. so müssen sie eben etwas angestellt haben". weil mir die Welt in ihrer Totalität dabei nicht half. Ich traue diesem Frieden nicht. denn ihr wußtet nicht oder wart zu jung oder noch nicht einmal auf dieser Welt? Ihr hättet sehen müssen und eure Jugend ist kein Freibrief und brecht mit eurem Vater. Ich gehe grüßend und ohne Feindseligkeit an ihnen vorüber. dem der Kranke wird nicht entrinnen können. Noch einmal muß ich mir die Frage stellen. vor allem anderen: Jude. erscheinen mir nicht als Gegen-Menschen. ist keine Neurose.". was man da anstellt mit den Juden. meine Last und meine Stütze. Die um mich sind. aus dem ich 1935 erwachte. ein Vollsinniger. und meine eigene Geistesklarheit ist ganz irrelevant. Ich gehe als Jude durch die Welt gleich einem Kranken mit einem jener Leiden. „Wie grausam. so grüßen sie einander. Nichts kann mich wieder einwiegen in einen Sicherheitsschlaf. Ich habe die Mörder von einst und die potentiellen Aggressoren von morgen nicht hineinzureißen vermocht in die moralische Wahrheit ihrer Untaten. Wenn er sein Ich aus der Zwiebel zu schälen versucht wie Peer Gynt. nur an ein positiv unbestimmbares Judesein. sagte eine ordentliche sozialdemokratische Arbeitersfrau in Wien. erste Verse: sie hatten nichts zu tun damit. So bin auch ich gerade. als ich das „Verrecke!" hörte und im Vorbeigehen vernahm. die keine großen Beschwerden verursachen. bevor und tiefer als er Schneider. was ich nicht bin. demokratische Konstitutionen. denn andernfalls würde man kaum so streng mit ihnen verfahren. Aber es kann und wird die Frau dem kranken Nachbarn sein Siechtum nicht abnehmen. wie damals die Peiniger. was mich bedrängt. Bonjour Monsieur. Ihr wollt nicht wissen. Bonjour Madame. Ich muß wohl zu dem Ergebnis kommen. es müsse doch wohl eine verdächtige Bewandtnis haben mit den Juden. Es geht euch nichts an. aber mit Sicherheit letal ausgehen. geht sie auf in der Polemik. „Man verhaftet sie. nicht betroffen von mir und der mir zur Seite schleichenden Gefahr. deren immer noch nicht widerrufenes Todesurteil ich als soziale Realität anerkenne. Ich weiß. wie die Leute meinten. Menschenrechtserklärungen. Immer noch und täglich wieder finde ich midi in der Einsamkeit. er findet das Übel nicht. Ich muß das Fremdsein als ein Wesenselement meiner Persönlichkeit auf mich nehmen. Erster Schulgang. das ist für mich die Drohung. Doch hat das Urteil der Irren über mich. volle Verbindlichkeit. Die Antwort habe ich mir längst und in voller Bündigkeit erteilt. weil ich nicht war.. ehe ich es wurde. Halten kann ich mich nicht an sie. Ohne Weltvertrauen stehe ich als Jude fremd und allein gegen meine Umgebung. der sich einer Führung durch eine psychiatrische Klinik anschloß und plötzlich Ärzte und Wärter aus den Augen verlor. So bin ich allein wie einstens unter der Folter. die freie Welt und die freie Presse. wohin eure Gleichgültigkeit euch selber und mich zu jeder Stunde wieder hinführen kann? Ich sage es euch. Wo es eine Gemeinsamkeit gibt zwischen mir und der Welt. ist nur die Einrichtung in der Fremdheit. Er litt nicht immer an jener Krankheit. Der Tod. erste Liebe. nur an Hysterie? Die Frage ist bloß rhetorisch.Goldberg treibt würdigsten antikommunistisch-amerikanischen Patriotismus. da es doch jeden Augenblick exekutiert werden kann. 67 . mais enfin . Es waren keine hysterischen Halluzinationen. um selber daran zu Tode zu leiden. was geschah. daß nicht ich gestört bin oder gestört war. auf ihm beharren wie auf einem unveräußerlichen Besitz. Ihr wollt nicht hören? Höret. sondern daß die Neurose auf Seiten des geschichtlichen Geschehens liegt. Jetzt aber ist er ein Kranker. Sie sind die Neben-Menschen.. So bleiben sie sich fremd. sondern die genau reflektierte Realität. Buchhalter oder Dichter ist. und ratlos stehe ich zwischen ihnen herum. und was ich tun kann.

Die rituellen Mazzoth der Juden interessieren mich als Nahrungsmittel etwas weniger als Knäckebrot. Der war mein Urgroßvater. hepp.Diese Reflexionen nähern sich ihrem Ende. dort zu leben. richtiger: das im Bewußtsein wahrgenommene Verhältnis von Juden. Sähe ich aus wie herausgetreten aus dem Buch „Juden sehen euch an" des Johann von Leers. Habe ich eine jüdische Nase? Das könnte zur Kalamität werden. aber keine positive Kommunität schaffen zwischen mir und meinen jüdischen Mitmenschen. mehr 68 . von dem erzählte man mir. das läßt sich nicht rückgängig machen. hepp. ist Sache der anderen und wird zur meinen erst in der von ihnen hergestellten objektiven Beziehung zu mir. wie ich zu meinen Stammesverwandten stehe. Um keinen Preis möchte ich dieser offensichtlich öden bürgerlichen Vereinigung angehören. Mein Interesse am Jüdischen und an Juden war vor der Katastrophe so gering. Daß irgendein arabischer Staatsmann die Auslöschung Israels von der Landkarte fordert. sondern Anlage und Bereitschaft zum Verbrechen des Genozids: sie macht Teil aus meiner Person und ist Waffe im Kampf um Wiedergewinn der Würde. das mir eignet. in der jüdischen Folklore meine persönlichen Reminiszenzen zu finden. Die Solidarität angesichts der Bedrohung ist alles. war keine jüdische. in der jüdischen Geschichte die meine. den national gesinnten wie den assimilationsbereiten. keine kulturelle Tradition. wiewohl ich den Staat Israel nie besucht habe und nicht die mindeste Neigung fühle. Jude bin in der Erkenntnis und Anerkenntnis des Welturteils über die Juden und schließlich mitwirke im geschichtlichen Berufungsprozeß. Dennoch erfüllt mich das Verfahren der sowjetischen Behörden mit Unruhe. er habe fließend Hebräisch gesprochen. daß mein äußerer Habitus diese oder jene jüdischen Merkmale aufweist. hepp. daß er gestorben ist. Das verbindet mich aber keiner einzigen anderen jüdischen Nase in der Welt. Gleichberechtigung oder gar physischen Existenz gefährdeten Juden ist auch. wer von ihnen Jude war. ja oder nein. es würde für mich keine subjektive Realität haben und würde wohl eine Schicksalsgemeinschaft. Aber sind sie mir denn auch wirklich verschwägert? Was ein Rassenforscher feststellen mag. Erst wenn ich. Für mich und meinen Bestand jedoch bedeutet es viel. Irgendein amerikanischer Country-Club. Was immer ich auch versuchte. den Juden. zu der meinen. Judentum und mir. nachdem ich dargelegt habe. keine Kindheitserinnerungen. hepp. Ich habe ihn nie gesehen. Ich teile mit den Juden als Juden so gut wie nichts: keine Sprache. in der jüdischen Kultur den eigenen Besitz. was mich mit meinen jüdischen Zeitgenossen. So bleibt nur das geistige. auszusagen. die. wenn es. Daß es ein Nichtverhältnis ist. aber nicht nur Reaktion auf den Antisemitismus. losgeht. Es wird zur Nichtigkeit. wer nicht. Die Umwelt. läßt Juden nicht als Mitglieder zu. Ich lese in der Zeitung. darf ich das Wort Freiheit aussprechen. wenn ich in eine Volksmenge gerate. der nach Sartre keine Meinung ist. doch wird die Sache der Juden. so höre ich. Es ist Zeit. es müßte ergebnislos bleiben. ohne Jude zu sein im Sinne positiver Bestimmbarkeit. ja Empörung. Die Solidarität mit allen in ihrer Freiheit. die Beitrittserlaubnis fordern. den gläubigen wie den glaubenslosen. habe ich im Anfang schon vorweggenommen. daß ich von damaligen Bekannten heute beim besten Willen nicht zu sagen wüßte. wie ich mich in der Welt bewege. Im österreichischen Vorarlberg gab es einen Wirt und Metzger. trifft mich ins Mark. wenn ich mit mir allein bin oder unter Juden. ich weiß es nicht. wo man sein Ich erlernt. Das ist für sie wenig oder gar nichts. Judenhatz treibt. man habe in Moskau eine illegal arbeitende Bäckerei für ungesäuerte jüdische Osterbrote entdeckt und die Bäcker verhaftet. kann von Belang sein. Das jüdische Erscheinungsbild. und es muß bald hundert Jahre her sein. verbindet. in der ich mich bewegt hatte in den Jahren. Doch steht die Fruchtlosigkeit der Suche nach meinem jüdischen Selbst keinesfalls als Schranke zwischen mir und der Solidarität mit allen bedrohten Juden der Welt.

sondern die OAS? Mit einigem Widerstreben lese ich in der Studie eines sehr jungen holländischen Juden die folgende Definition des Juden: „Ein Jude kann beschrieben werden als jemand. Eine neuerliche Massenvernichtung von Juden kann als Möglichkeit nicht ausgeschlossen werden. von Posaunenklängen 69 . die Komplexität und Konfusion der Konzilsberatungen über die sogenannte Judenerklärung war trotz dem ehrenhaften Auftreten so manches Kirchenfürsten eine schmerzliche Scham. das steht hier nicht zur Debatte. aber es läßt sich angesichts der gegebenen Umstände keinesfalls damit rechnen." Die scheinbar richtige Begriffsbestimmung wird falsch durch die Unterschlagung eines unerläßlichen Zusatzes. wo man die Juden toleriert. der mich als einen Juden erzeugt hat. aber nicht unglücklich wäre. weil ich jenem nur durch ein Ungefähr entrann -.und diesen doppelt lastend. ein Amerika bedeuten. als ich es bin. Verdruß hat als seine Mitbürger. von denen sie meist kaum ein Drittel absitzen." Auf das Bewußtsein des vergangenen und die legitime Befürchtung eines neuen Kataklysmus läuft alles hinaus. das dem Militärfaschismus verfiele? Was wäre das Schicksal der Juden in dem zur Zeit judendichtesten Land Europas. als nationaler Antizionismus Wirklichkeit in den arabischen Staaten. Er ist. auch für die Juden. wenn die heute durch Ost und West mit Waffenlieferungen unterstützten arabischen Länder in einem Krieg gegen das kleine Israel einen totalen Sieg errängen? Was würde. Er ist es in seinen Kernländern. Das Bewußtsein meines Katastrophen-Judeseins ist keine Ideologie. Ich sage Wirklichkeit. ein geschichtliches und soziales Faktum: ich war nun einmal wirklich in Auschwitz und nicht in Himmlers Imagination. das könnte nur völlige Sozial. Er ist Wirklichkeit. mit Nachdruck. Es kann ja sein. Ohne Proust und Schnitzler und die windgebeugten Pappeln an der Nordsee wäre ich ärmer. nur ein Zufallsgeschick. wenn meine Verbundenheit mit den anderen Juden sich nicht erschöpfte in revoltierender Solidarität. Wahn oder nicht. sondern stehe in voller geistiger und psychischer Entsprechung zur Realität da. die Dramaturgie des Antisemitismus besteht weiter. nicht nur für die Neger. bin nicht „traumatisiert".und Geschichtsblindheit ableugnen. und da ich sie tiefer erfuhr als die Mehrzahl meiner Stammesgenossen. wenn im Anfang dieses Dezenniums nicht de Gaulle triumphiert hätte. im geistigen Weltraum der katholischen Kirche. Es darf verglichen werden dem Klassenbewußtsein. Jedenfalls aber ist er. mag ein Wahn sein. Er ist Wirklichkeit in England und in den USA. aber ich wäre noch ein Mensch. denn darauf kommt es mir letzten Endes an. Österreich und Deutschland. Was würde wohl geschehen. die niemals verfolgt wurden. daß in den Todesfabriken der Nazis der letzte Akt des großen historischen Dramas der Judenverfolgung gespielt wurde. Ohne das Gefühl der Zugehörigkeit zu den Bedrohten wäre ich ein sich selbst aufgebender Flüchtling vor der Wirklichkeit. Alles könnte leichter getragen werden. Ich erlebe und erhelle in meiner Existenz eine geschichtliche Realität meiner Epoche. denn er erwartet mit guten Gründen jederzeit eine neue Katastrophe. Ich glaube. Und Wirklichkeit ist er noch immer. der mehr Angst. gewesen. in Frankreich.. Ich.. der da heißen müßte: „. wenn der Zwang sich nicht ständig stieße an der Unmöglichkeit. Der Antisemitismus. der ich beide in mir trage . kann ich sie auch besser erleuchten.wahrscheinlich als mein Verständnis der Bücher Prousts oder meine Anhänglichkeit an die Erzählungen Schnitzlers oder meine Freude an der flämischen Landschaft. Mißtrauen. wo die Nazikriegsverbrecher nicht oder zu lächerlich geringen Freiheitsstrafen verurteilt werden. Ich saß neben einem jüdischen Freund bei der Aufführung von Arnold Schönbergs „Ein Überlebender aus Warschau": Als. und wie folgenschwere. sie los zu sein. Ich weiß es nur allzu gut. das Marx den Proletariern des neunzehnten Jahrhunderts zu entschleiern versuchte. Das ist kein Verdienst und keine Gescheitheit.

wenn nicht an Rachsucht. Eine Spur von Wahrheit kann in solcher Einschätzung liegen. Sie und nur sie hat mir das Weltvertrauen genommen. wurde mein Begleiter kalkbleich. Er kann Freunde haben und hat sie. der Chor anstimmte „Sch'rna Israel". Doch ist es eine soziale Unruhe. aber eben nur eine Spur. um Würde zu erlangen. dem mag ihr Verfasser wohl als ein Ungeheuer. Jedoch ist damit nicht gesagt. Es fließt ihm nicht humaner Honigseim von den Lippen. nur in Angst und Zorn. weiß ich. Jude zu sein auf meine Art und unter den mir auferlegten Bedingungen. Geht es um Fragen der Moral.und es ist nicht deshalb. So fordert es das Katastrophengefühl. glaube ich erfahren zu haben. nur die Gesellschaft: denn sie und nur sie hat mir die existentielle Gleichgewichtsstörung verursacht. die ihn für immer in die Schaukel zwischen Angst und Zorn hängten. Musik hören wie die Unbeschädigten. 70 . und Schweißperlen traten auf seine Stirn. den das unter Posaunenstößen gesungene Judengebet erschüttert hatte. in Zorn verwandelt. Daß sie mich besser ausgerüstet haben möge zur Erkenntnis der Wirklichkeit. keine metaphysische. ob sich menschlich leben läßt in der Spannung zwischen Angst und Zorn. Nur ein „Höre Welt" möchte zornig aus mir dringen. manchmal stärker. wenn Angst sich. daß die äußersten Zumutungen und Anforderungen. wer und was sie sind. Mensch zu sein. warum sie es sind. daß ich mich armselig fühle vor ihnen. Sie bleibe Sache derer. und daß sie es bleiben dürfen. Daß mich solche Erfahrung untauglich gemacht hat zu tiefsinniger und hochfliegender Spekulation. Mein Herz pochte nicht schneller. Oft habe ich mich abgefragt. die an uns gestellt werden. im Zusammenstoß mit Zwang und Unmöglichkeit. die heulende Rüden hetzen auf schwarze Bürgerrechtskämpfer. der ist ganz ohne Treuherzigkeit. nicht weniger fühlsam als sie. Weil es mir schwer wurde. weniger rechtschaffen zu sein. Die metaphysische Bedrängnis ist eine elegante Sorge von höchstem Standing. so jedenfalls an Verbitterung erscheinen. als eine schwankende.begleitet. „Höre Israel" geht mich nichts an. aber ich fühlte mich bedürftiger als der Kamerad. Nichts anderes unterscheidet mich schließlich von den Leuten. Nicht das Sein bedrängt mich oder das Nichts oder Gott oder die Abwesenheit Gottes. wer in der Erhellung der eigenen durch die Katastrophe bestimmten Existenz in sich die Wirklichkeit der sogenannten Judenfrage zusammenzuraffen und auszuformen hofft. bin ich darum doch wohl kein Unmensch geworden. In meinem unablässigen Bemühen. gegen die ich aufrechten Gang durchzusetzen versuche. Jude zu sein. Jude sein. Die generöse Geste bringt er nur schlecht zustande. wird er wahrscheinlich gegen Ungerechtigkeit jeder Art sich empfindlicher zeigen als seine Nebenmenschen. unter denen ich meine Tage hinbringe. dachte ich mir nachher. ich kann es nicht in Ergriffenheit. Ich muß sie ihnen überlassen . Dominante meiner Existenz. die Grundkondition des Opferseins auszuforschen. So will es die sechsstellige Nummer auf meinem Unterarm. Wer diesen Überlegungen folgte. selbst unter den Angehörigen gerade jener Völker. als seine ethisch beflügelten Zeitgenossen es sind. physischer und sozialer Natur sind. ist meine Hoffnung. die da immer wußten. daß Angst und Zorn ihn verurteilen. Er kann auch Bücher lesen. wird er gewiß reizbarer reagieren. manchmal schwächer fühlbare Unruhe. Auf ein Photo prügelnder südafrikanischer Polizisten oder amerikanischer Sheriffs. Wer den Versuch macht.

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