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DIE ANDERE SEITE DER MEDAILLE-(Ermeni-Konusu)-Ali Söylemezoglu

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DIE ANDERE SEITE DER MEDAILLE
Hintergründe der Tragödie von 1915 in Kleinasien.
Materialien aus europäischen, amerikanischen und
armenischen Quellen.
Ali Söylemezoglu
DIE ANDERE SEITE DER MEDAILLE
Hintergründe der Tragödie von 1915 in Kleinasien.
Materialien aus europäischen, amerikanischen und
armenischen Quellen.
Ali Söylemezoglu

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Published by: TARIH on Feb 15, 2009
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05/10/2014

Auch die dritte Losung der französischen Revolution, die Brüderlichkeit (so-
ziale Solidarität), kam in der Türkei nicht zu kurz: Ein britischer Beobachter,
der 1896 Istanbul besuchte, schreibt über seine Eindrücke in der damals größten
Moschee der Stadt (Aya Sofya – Haghia Sophia): „Alle Klassen bunt zusam-
mengewürfelt, der Pascha kniete neben dem Lastenträger, der einfache Soldat
neben dem Offizier. Eine Atmosphäre der ernsten und hingebungsvollen An-
spannung beherrschte die Szene. Dessen Aufrichtigkeit wurde durch die Kinder,
die unbekümmert in den hinteren Teilen des Gebäudes spielten und alten, ge-
brechlichen Männern – die allem Anschein nach Bettler oder Geistesgestörte
waren und die in dem Hauptraum zwischen den Knieenden hin- und hergingen,
ohne daß jemand eingreifen würde, noch betont.“407

404

J. Matuz, Das Osman. Reich. Grundl. s. Gesch. Darmstadt, 1985, S. 93, S. 104-105.

405

Josef Matuz, Das Osman. Reich. Grundl. s. Gesch. Darmstadt, 1985, S. 108

406

Josef Matuz, Das Osman. Reich. Grundl. s. Gesch. Darmstadt, 1985. S. 85-86

407

Sidney Whitman, Turkish Memories, London und New York, 1914, S. 28

170

Ein anderer intimer Kenner der Türkei, der britische Parlamentsabgeordnete,
Diplomat und Offizier, Sir Mark Sykes408

schrieb über die „alte Ordnung“ als

sie bereits untergegangen war (1912), folgendes:
„Im alten régime ... gab es wohl Klassenunterschiede, doch es gab keine Ab-
gründe zwischen den Menschen unterschiedlicher Position. Das war insbeson-
dere unter den Moslems so, doch es galt zu einem geringeren Grad auch für die
verschiedenen christlichen Völker. Es war nichts besonderes, wenn ein Mäd-
chen vom Volk in den Palast eintrat, denn der ärmste Lastenträger war genau so
ein Teil der Ordnung wie der höchste Beamte des Staates. Die Wohltätigkeit des
Volkes war grenzenlos. Es gab eine großartige und noble Toleranz – der harm-
lose Idiot, die Hunde, die Armen, die Bettler, die Waisen, alle hatten ihren
Platz. Es gab bittere Fehden, wilde Feindschaften, ständige Angst, daß Massa-
ker ausbrechen würden - all das und mehr; doch tief unter der Oberfläche gab es
eine wunderbare Verwandschaft der Menschen. Der Bettler kam zum selamlık

409

; der Wagen des Paschas fuhr zur Seite, um dem verwahrlosten Welpen, der
sich auf der Straße tummelte, Platz zu machen; der Derwisch und der kranke
Bettler erhielten an den Stufen der Reichen Fleisch und etwas zu trinken. Ein
blinder Mann konnte den Verkehr auf den Straßen von Istanbul blockieren und
jeden, der ihn anstieß, verwünschen und kein vaterloses Mädchen mußte den
Weg der Schande gehen.“410
Wohlgemerkt, diese Einschätzung stammt nicht von einem exzentrischen
Engländer, der zum Zeitvertreib den Orient bereist, sondern von einem ausge-
wiesenen Türkei-Kenner des British Empire. Offenbar genoß Sir Mark Sykes
im Foreign Office ein hohes Ansehen, denn er vertrat die britische Seite bei den
Verhandlungen mit Frankreich über die Aufteilung der Türkei (1915) als
Kriegsbeute nach dem I. Weltkrieg. Der von ihm ausgehandelte Vertrag trägt
seinen Namen (Sykes-Picot Abkommen).

408

Sir Mark Sykes ist der selbe Offizier, der 1915 als Leiter der britischen Delegation
mit den Franzosen die Pläne für Aufteilung der Türkei unter den Entete-Mächten nach
dem I. Weltkrieg ausgehandelt hat. Das Abkommen, dessen Verwirklichung mit dem
türkischen Unabhängigkeitskrieg (1199-1922) unter Kemal Atatürk verhindert wurde,
trägt seinen Namen. Er verbrachte lange Jahre in der Türkei und unternahm ausgedehte
Reisen. Seine sehr detaillierten Berichte über das osmanische Reich sind auch heute ü-
beraus lesenswert.

409

Über Jahrhunderte hinweg gingen die osmanischen Sultane an jedem Freitag öffent-
lich in die Moschee, um das Freitagsgebet zu verrichten. Seine Fahrt in die Moschee
und die anschließende Begrüssung vor der Moschee waren ein Treffen für alle Schich-
ten des Volkes.

410

Sir Mark Sykes, The caliphs’ last heritage. A short history of the turkish Empire.

London 1915, S. 512

171

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