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Traumwelt

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02/08/2013

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© Uwe Fengler

Traumwelt

Ich stehe in dem Bus, der mich seit ein paar Jahren täglich zur Arbeit fährt. Wie fast jeden Morgen habe ich keinen Sitzplatz mehr bekommen. Und nun stehe ich noch mindestens gute 20 Minuten dichtgedrängt und umgeben von Schweiß und Restalkohol. Wenn ich meinen

Kopf leicht nach links wende kommt mir Knoblauch entgegen. Ich versuche an etwas anderes zu denken. Vor ein paar Jahren bin ich noch Auto gefahren, bis zu diesem Unfall … Irgendein Wagen hatte mich während eines Überholvorganges geschnitten. Er scherte zu früh wieder ein, ich musste abbremsen. Mein Auto kam ins Schleudern. Als ich die Augen wieder aufschlug, war man schon dabei mich herauszuschneiden. Ich konnte

mich nicht bewegen, spürte aber auch keine Schmerzen. So wusste ich nicht, wie schwer ich verletzt war. Ich dachte daran, das ich mal gelesen hatte, das Unfallopfer, die eine Querschnittslähmung haben, keine Schmerzen mehr spüren. Gleichzeitig bekam ich Panik. Vielleicht wäre es ja besser gewesen, ich hätte diesen schrecklichen Unfall nicht überlebt. Ich verlor wieder das Bewusstsein. Erst im Krankenhaus wurde ich wach. Und ich war froh, als ich

meine Füße bewegen konnte. Ich habe damals großes Glück gehabt, denke ich, als ich aus dem Bus steige. Nur ein paar Prellungen und eine Gehirnerschütterung. Es hätte auch alles ganz anders ausgehen können. Ich bin seit damals nicht mehr Auto gefahren, In ein Taxi steige ich auch nicht mehr. Immer dieser Bus. Und diese Gerüche. Jeden Tag. Von Montag bis Freitag. Am Wochenende bleibe ich zu Hause. Da könnte ich es nicht auch noch ertragen.

Lebst Du eigentlich noch, frage ich mich, als ich mich in einen der unendlichen Schwärme am Hauptbahnhof einreihe, der an meiner Lieblingsbäckerei endet, um dort ein belegtes Brötchen zu kaufen. Vielleicht bist du ja auch schon lange tot, denke ich, als mich der nächste Schwarm in die Fußgängerzone zieht. Während ich in mein Käsebrötchen beiße, denke ich, der Käse ist auch nicht mehr das, was er früher einmal war. Meine

Zunge fühlt sich beim Kauen pelzig an. Noch wenige Minuten, dann werde ich meinen PC hochfahren und die Kunden der Krankenkasse beraten, bei der ich zur Zeit angestellt bin. Vielleicht ist ja dieses armselige Leben wirklich nur ein Traum. Vielleicht bist Du ja damals wirklich umgekommen bei diesem blöden Unfall und befindest Dich nun in einer Zwischenwelt oder in einem letzten, langen Traum. Lächelnd begrüße ich die erste Kundin. Der Traum hat neu

begonnen.
© Uwe Fengler

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