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60 | KULTUR

W E LT A M S O N N TAG N R . 3 2 T T T 10. AU G U S T 2 0 0 8

Gucken, so weit das Auge reicht: Ingo Schulze (r.) zeigt Joachim Lottmann die herrliche Sicht von seinem Balkon. Die beiden Schriftsteller kennen sich seit 1995

Plötzlich
Von Joachim Lottmann Theorie entwickeln, eine Rechtfer- klemmt damals, sexuell (um das fällt die Mauer währenddessen! nichts. Nichts davon, dass da ein
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tigung oder Anklage. Sie leben so. fragwürdige Lied ein letztes Mal Wow! ganzes Land zertreten, entvölkert
Vorneweg: Ingo Schulze, mit Tho- So anständig und schicksalserge- anzustimmen). Trotzdem verlässt Aber unsere Helden? Die lässt wurde wie einst die Indianerkultur
mas Brussig und dem Leipziger ben. Sie belästigen uns nicht mit ihn seine Frau Eva (Evelyn) deswe- auch das wieder eher kalt. Sie rea- von den vorrückenden Yankees.
Clemens Meyer, einer der drei gro- Politik. Denn Politik darf in echter gen kurzfristig und urlaubt ohne ihn gieren mit ein bisschen Freude, ein Dass da heute nur noch die Wölfe
ßen neueren Schriftsteller aus dem Literatur auf keinen Fall vorkom- in Ungarn. Die beiden lieben sich bisschen Rotkäppchen-Sekt, und heulen, wo einst Familien waren,
Osten, hat ein rührendes Buch ge-
schrieben, nicht nostalgisch, nicht
aktuell, nur erschütternd.
Warum erschütternd? Weil dort
Menschen vorkommen, die es nicht
men! Sonst ist es nämlich vorbei mit
den Döblin-Preisen.
Eigentlich blöd, diese Beschrän-
kung, jedenfalls bei Schulze, dessen
Hemingwaysätze durch nichts zu
war die aber, und er reist ihr im Wartburg
Tourist hinterher.
Das Auto hat einen Namen, näm-
lich „Heinrich“, so war das früher,
und die Liebe ist noch die echte,
dann mit Entsetzen: Das Haus wird
von Hooligans verwüstet, der
Mann verliert den Job, Handwerk
ist nicht mehr gefragt, er muss sich
als Flascheneinsammler bei Aldi
Industrie, Arbeit, Schulen, Theater,
sogar Schriftsteller (insgesamt ei-
gentlich: blühende Landschaften
im Vergleich zu heute). Daher: Auch
den Friedenspreis des deutschen

Mauer weg
mehr gibt: naive Menschen. Die so zerstören wären. Ein bisschen nicht die relative unserer heutigen verdingen, der Wartburg wird für Buchhandels diesmal an Ingo
sind wie Ingo Schulze selbst, der Geist in den Unterhaltungen, ab Zweierbeziehungen. Deshalb müs- den Preis eines McDonald’s Big- Schulze! Oder etwa nicht …? Sollte
Menschenfreund, der liebe Junge, und zu eine Idee in den Köpfen der sen die beiden auch keine Bezie- burgers verkauft, die Frau muss als unser ostdeutscher Lieblingsdich-
das arglose Großtalent. Wir treffen Protagonisten, das wäre wohltu- hungsdiskussion führen, als sie sich table dancerin in einer westdeut- ter auf den letzten Metern doch
ihn in seiner schönen, dreistöckigen end. Also nicht immer nur Banales wiedersehen. Sie ist sauer, er ist schen Großstadt ... nein, ganz so noch rebellisch geworden sein? Hat
Rundumblick-Wohnung im maleri- von morgens bis Mitternacht, diese wortkarg, beide sind muffelig, aber schlimm kommt es nicht. er uns allen eine Nase gedreht? Und
schen Bötzowviertel in Berlin. Hier ewigen Praktikabilitäten des be- die Zeit heilt alle Wunden. Wochen Natürlich nicht. Das wäre ja überhaupt, was war das für eine
stehen sie, die vielen Preise, die er haupteten „Alltags“, dieses „Hast später schneiden sie wieder den dann nicht mehr harmlos. Nicht fragwürdige These mit den loyalen
seit 1995 gewonnen hat. du die Tomaten schon ins Siede- In seinem neuen Roman „Adam und Sellerie und die Spreegurke ge- mehr Ingo Schulze. Nicht mehr gu- Ost-Frauen – sprachen die Schei-
Er gewann schon hoch dotierte wasser getan“ von früh bis spät. meinsam, lieben sich mehr denn je. te, subtile, phrasenvermeidende dungsstatistiken nicht eine ganz an-
Literaturtrophäen, als ihn noch kei- Denn das ist einer der Grund- Evelyn“ erzählt Ingo Schulze von Ach, war das schön damals! Un- Ostliteratur. Und das ist auch gut dere Sprache?
ner kannte. Ich selbst lernte ihn im pfeiler der schulzeschen Schreib- sere Eltern hatten so was auch noch so. Der Schrecken ist in der Tat viel Zum Glück können wir alle of-
Sommer 1995 anlässlich seines Ge- philosophie: Das „normale Leben“ Menschen, wie es sie nicht mehr gibt: gekannt. Sagen wir: unsere Großel- größer, wenn das völlige Zerbre- fenen Fragen zu „Adam und Eve-
winns des renommierten Alfred- zeigen, und das besteht nicht aus tern. Aber, ganz ohne Ironie, natür- chen der guten Menschen von Sezu- lyn“ nun bei einem guten Monte-
Döblin-Preises kennen. Man reich- hochtrabenden Ideen, verlogenen naiv, uncool und lieb. Wie macht er das? lich ist es ein Wert, ein biblischer, an überhaupt nicht angesprochen pulciano in Ingo Schulzes Woh-
te dem bescheidenen Mann den Versprechungen, nicht einmal Bü- wenn Menschen zusammenblei- wird. Man merkt es auch so. Auf nungsparadies klären. Jetzt zeigt
20 000-Mark-Scheck mit dem größ- chern, Zeitungen oder der Tages-
Ein Besuch bei dem Schriftsteller im ben. In guten wie in schlechten Zei- der buchstäblich letzten Seite des sich, dass der Basisdemokrat Schul-
ten Wohlwollen. Jeder freute sich
für Ingo Schulze aus der ehemali-
schau. Das wahre Leben besteht zu
100 Prozent aus Kommunikation
malerischen Bötzowviertel in Berlin ten. Wenn sie den anderen nicht an
einen Dritten verraten.
Romans beobachtet Eva eher zufäl-
lig, wie Adam hinter dem Wohn-
ze seinen Ruhm seit über zehn Jah-
ren dazu nutzt, mit den Mächtigen
gen DDR. Wenn es einer verdient über die Essenszubereitung und die Und als Leser spürt man, dass block im Freien ein mittleres Feuer und kreativ Erfolgreichen zu disku-
hatte, dann er, der zaghafte, her- Organisation des täglichen Bedarfs das hier so ist, dass ein anderer Ver- entfacht hat, aus Holzkisten, Pa- tieren, intensiv und nervtötend bis
zensvolle, liebe Typ, dem Gott aus laut statistischem Warenkorb, so- lauf der Geschichte gar nicht ginge, pier, Trockenmüll, und nun das Fa- zum Rauswurf. Mit Kanzler und
unerfindlichen Gründen dieses gro- wie, natürlich, der Gefühle. selbst wenn der Autor es wollte. milienalbum Seite für Seite ver- Kanzlerin, mit Außen- und Vertei-
ße Talent mitgegeben hatte auf den So zu schreiben garantiert, schon Das sind treue Menschen da. Die brennt. Er hält es wie eine Partitur digungsminister, mit Beteiligten
leidensvollen Weg aller Ossis. bald „großer Realist“ genannt zu sind so ganzheitlich, dass man als hoch, reißt immer eine Seite raus, des Balkankrieges, mit Schriftstel-
Und die Fachleute irrten sich werden. Zu Recht? Wahrscheinlich. Rezensent am liebsten das leider sieht sie ein letztes Mal an, lacht lern von Grass bis Solschenizyn.
nicht. Nur zwei Jahre später kam Aber will man das lesen? Ja. Kann zutreffende Klischee ins Bewusst- hysterisch, und wirft sie ins Feuer. Dabei kam Schulze fast durch-
sein Kurzgeschichtenband „Simple man es lesen? Ja. Liest man es bis sein rufen möchte: diese Möchte- Das geliebte Fotoalbum war das weg zu Ansichten, die vom Konsens
Stories“ heraus, der ihn in alle zur letzten Seite? Ja. Mag man es? ungern-Sozialisten sind noch nicht Einzige, was sie hinübergerettet weit entfernt sind. Über Gerd
Feuilletons sowie Schulbücher ka- Ja. Interessiert es einen? Nein. vom Konsumismus und Medienfa- hatten aus der untergegangenen Schröder zum Beispiel weiß er so
tapultierte, ein Paukenschlag. Der Diese Leute sind so rührend, so schischmus unserer Tage entfrem- Heimat. Der spinnt, der Adam, enthüllend Scheußliches zu berich-
Autor beschreibt da lakonisch wie gar nicht abgewichst, so ohne Ah- det, die sind noch sie selbst! wird Evelyn kopfschüttelnd ge- ten, dass man versteht, dass vom
Hemingway (und mit derselben In- nung, dass das Wichtigste der glo- Denn nun, schleichend, kommt dacht haben, und mit ihr der nor- Glauben an unser System nicht viel
tellektferne) kleine, todtraurige balen Kultur Coolness ist. Sie sitzen der Westen angekrochen. Es spielt male westdeutsche Rezensent. Ein übrig bleiben konnte. Aber Schulze
oder in Maßen lustige Begebenhei- in ihrer Datsche und haben sich ja alles im Jahr der Wende, 1989, Narr, wer aus der missglückten Sze- denkt nicht daran, das in seine Ro-
ten von leidenschaftslosen, weil lieb. Der Protagonist Adam ist und der Klappentext und die üppi- ne Kritik ableiten wollte. Die Ein- mane einfließen zu lassen. Er
niemals selbstbestimmten Ostmen- Maßschneider, passt den schönen ge Verlagswerbung wird diese ma- heit ist ein Geschenk, darauf haben schreibt lieber mit dem Bauch, und
schen. Diese faktischen Opfer ha- Damen des Ortes die Kostüme an gische Zahl stets fett herausheben. wir uns doch geeinigt! Die Mauer der ist bekanntlich ziemlich dick.
PRIVAT, PA

ben natürlich immer die volle Sym- und schläft manchmal mit ihnen, Achtung, garantierter Wendero- war furchtbar, ein Monstrum, nur
pathie des Westlesers, und zwar, aber nur, wenn das Wetter schwül man! Von wegen Gemüseklein und das wollen wir wissen, von den be- A Ingo Schulze: „Adam und Eve-
weil sie sich nie beklagen, nie eine ist. Die DDR war ja so unver- Ein Wartburg Tourist, wie in Schulzes Roman beschrieben Einweckgläser – in Wirklichkeit troffenen Zeitzeugen und sonst gar lyn“, Berlin Verlag, 208 S., 18 Euro

„Dem einen wird die SPD nicht links genug sein. Anderen gehen die Reformen nicht weit genug“
Der Chef des Kulturforums der SPD, Wolfgang Thierse, hofft auf Unterstützung von Künstlern und Intellektuellen bei der Wahl. Sicher ist er sich nicht
Welt am Sonntag: Wie sieht die kul- zwischen – im weiten Sinne des Thierse: Warum soll man darüber ternehmer, hat in dieser Zeitung den turprogramm der SPD angestaubt. nicht, dass in ihr Friedhofsruhe Sie gehen davon aus, dass Sie 2009
turelle Identität der SPD aus? Wortes – der kulturellen Szene und eine intellektuelle Debatte führen? Zustand der SPD scharf kritisiert. Thierse: Ich halte das für ein Vorur- herrscht. genug Unterstützer bei den Kultur-
Wolfgang Thierse: Als Teil der Ar- der politischen Szene ist wider- Es ist eine ganz einfache Frage, die Thierse: Das war kein Diskussions- teil. Die SPD ist, gerade weil sie ei- schaffenden haben, egal ob der
beiterbewegung hat sich die SPD sprüchlicher, distanzierter gewor- alle Parteien gleichermaßen inte- beitrag, sondern eine Polemik ge- ne solche Partei im Streite, in der Zwischen Friedhof und Museum ist Kanzlerkandidat Beck oder Stein-
von ihren Anfängen immer auch als den. Aber erinnern Sie sich viel- ressiert. Wo ist die Grenze der Soli- gen eine Person. Debatte ist, doch keine tote und an- ein großer Unterschied. meier heißt?
Kulturbewegung verstanden. Es leicht an die Wahlkämpfe 98/ 2002/ darität? Parteien leben davon, dass gestaubte Partei. Man wird der Thierse: Nein, auch in einem Muse- Thierse: Das ist eine Aufgabe, wie-
ging ihr um Aneignung von Bil- 2005, in welchem beträchtlichen sie Solidargemeinschaften sind. So lassen sich natürlich alle Stel- SPD vieles vorwerfen können, aber um fliegen die Fetzen nicht, da ist der einzuladen zur Unterstützung.
dung, Aneignung der Werte der Umfang prominente und weniger Und wer ihr Mitglied ist, sollte ver- lungnahmen, die nicht ... man in andächtiger Anbetung Natürlich gibt es auch Enttäuschun-
Kultur. Aber wo kämen wir hin, prominente Leute aus der Kultur nünftigerweise nicht dazu auffor- Thierse: Ich sage nur, das ist von Kunstwerken versunken. gen von Leuten aus der Kultur, von
wenn die SPD, die eine politische sich für die SPD und für Rot-Grün dern, die eigene Partei nicht zu noch nicht eine Diskussion Intellektuellen gegenüber der SPD.
Partei ist, eine ästhetische Identität ausgesprochen haben. wählen. Es geht nur um diese Fra- über das Land bewegende Ist der Konflikt um Clement Dem einen wird die SPD nicht links
entwickeln würde. Es wäre fatal, ge. Punkt. Fragen: Zukunft des Sozial- nicht im Kern ein kultureller genug, nicht sozial genug sein. Die
wenn wir uns auf eine festlegten. Wer war das außer Grass? staats, Europa etc. Das sind Konflikt: zwischen der SPD der anderen werden sagen, die Refor-
Dass es prägende Gestalten in der Thierse: Sie haben ein schlechtes Warum soll man nicht streiten? schon Fragen, an denen sich Ortsverbände und des Stallge- men gehen nicht weit genug. Die
Geschichte gegeben hat, Grass und Gedächtnis. Eine Menge Leute – Thierse: Weil das sozusagen eine viele diskutierend beteiligen. ruchs und einer durch die globa- Konstellation für die SPD ist ohne-
Staeck, ist das eine, aber dass es in Schauspieler, Literaten, Musiker, es elementare Regel von Solidarge- lisierte Ökonomie etwas unro- hin nicht komfortabel. Bei einer
BERLINER_ZEITUNG/PONIZAK

dieser Volkspartei SPD ganz unter- waren wirklich viele. Selbst wenn meinschaften ist, auch von Unter- Verstehe ich Sie richtig: Die mantischer und kühler gewor- Kanzlerin, die sich moderat sozial-
schiedliche Geschmäcker gibt, das das immer nur partielle Identifika- nehmen. Wenn einer von Merce- SPD gibt Themen vor, und die denen Sozialdemokratie? demokratisch gibt, und einer Links-
ist naheliegend. tion ist, wer wird sich 100 Prozent des, ein führender Mensch, öffent- Beantwortung wird an Intel- Thierse: Das mag sein. Ich bin partei, die alle Enttäuschungen und
mit einer Partei identifizieren? Das lich erklärt, ich fordere auf, die eige- lektuelle delegiert? vielleicht auch der Falsche, der Sehnsüchte des sozialdemokratisch
Ist die einst gegebene großflächige tue ja noch nicht mal ich. Das gilt nen Autos nicht zu kaufen, sie sind Thierse: Nein, die Fragen das gar nicht richtig beurteilen gestimmten Teils der Bevölkerung
Einheit oder Sympathie zwischen erst recht für Künstler zu schlecht, na, was denken Sie, werden von der Realität dik- kann. Ich bin 1990 in die SPD ausbeutet und für sich zu nutzen
Kulturschaffenden und Sozialdemo- was mit dem passiert? tiert. eingetreten, im Osten Deutsch- versucht, das ist keine ganz leichte
kraten ungebrochen? In der Auseinandersetzung um Wolf- lands, die einzige Neugrün- Situation.
Thierse: Die Landschaft ist vielfäl- gang Clement vermisst man eine in- Paul van Dyk, ein außerordentlich Selbst sympathisierende Kul- Im Büro des Vize-Bundestagspräsidenten Thier- dung einer Partei. Stallgeruch Das Gespräch führte
tiger geworden, und das Verhältnis tellektuelle Debatte. erfolgreicher DJ, Musiker und Un- turschaffende finden das Kul- se hängt ein Brandt-Porträt von Warhol habe ich nie erlebt. Ulf Poschardt
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