You are on page 1of 296

Barbara Wood

Lockruf der Vergangenheit
Roman

Aus dem Amerikanischen von Mechthild Sandberg

Fischer Taschenbuch Verlag

17. Auflage: April 2003 Deutsche Erstausgabe Veröffentlicht im Fischer Taschenbuch Verlag, einem Unternehmen der S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main, September 1990

Die amerikanische Originalausgabe erschien unter dem Titel ›Curse this House‹ bei Dell Publishing C, New York 1978 Copyright © by Barbara Wood 1978 Published by Arrangement with Author Für die deutsche Ausgabe: © Fischer Taschenbuch Verlag GmbH, Frankfurt am Main 1990 Gesamtherstellung: Clausen & Bosse, Leck Printed in Germany ISBN 3-596-10196-4 Unsere Adresse im Internet: www.fischer-tb.de

Leyla findet nach dem Tod ihrer Mutter eine Einladung ihrer Familie vor, nach Pemberton Hurst zu kommen. Voller Zweifel und Beklommenheit reist sie; nicht ohne Grund: Denn sie weiß nur, daß dieser Landsitz der Ort ihrer Kindheit ist, aber an die Menschen dort, an ihre Familie kann sie sich nicht erinnern. Überrascht wird sie von ihrer Familie begrüßt und beobachtet, aber willkommen geheißen wird sie nicht. Als Leyla beginnt, nach ihrer Vergangenheit zu suchen, begegnet man ihr mit unverhohlenem Mißtrauen und hartnäckigem Schweigen. Gegen den Widerstand ihrer Familie versucht sie allein, die Wahrheit herauszufinden und den vielen Fragen auf den Grund zu gehen. Lastet auf der Familie wirklich ein Fluch, wie viele Leute behaupten? Warum waren ihre Vettern nicht verheiratet? Muß sie wirklich einem Leben ohne einen liebenden Mann und Kinder entgegensehen? Mutig kämpft Leyla Pemberton um ihre Erinnerungen und stößt dabei auf ein schreckliches Geheimnis… Barbara Wood, 1947 in England geboren, wuchs in Kalifornien auf. Sie arbeitete nach ihrem Studium als OPSchwester, bevor sie ihr Hobby zum Beruf machte und Schriftstellerin wurde. Inzwischen ist sie weltweit als Bestsellerautorin bekannt.

1

Als ich im peitschenden Wind endlich vor dem großen alten Haus stand, zweifelte ich plötzlich, ob meine Entscheidung richtig war; denn nicht einmal ein Funke der Erinnerung glomm auf, nicht der Schimmer eines Bildes aus längst vergangenen Tagen erhellte das Dunkel, während ich, mit der einen Hand meinen Hut, mit der anderen meinen Umhang festhaltend, das düstere Gemäuer betrachtete. Vielleicht wäre es besser gewesen, nicht herzukommen. Gewiß, dies war das Haus, in dem ich zur Welt gekommen war, hier waren mein Vater und meine Vorfahren geboren, aber hatte ich denn überhaupt einen Anspruch auf dieses Haus und diese Familie, da ich mich noch nicht einmal der Jahre erinnern konnte, die ich hier verbracht hatte, und ebensowenig an die Menschen, die hier lebten? Die Menschen… Unschlüssig stand ich in dem immer heftiger werdenden Wind und lauschte der Droschke nach, die sich rasch entfernte. Was für Menschen waren das, die hier lebten? Wieso konnte ich mich ihrer nicht erinnern? Wie würden sie mich nach so langen Jahren der Abwesenheit aufnehmen? All diese Fragen gingen mir durch den Kopf, während ich mit kaltem Gesicht und kalten Händen vor dem ehrwürdigen alten Haus stand. Der Brief fiel mir ein. Ein Umschlag aus feinem Büttenpapier, mit einer Zwei-Penny-Marke, einer ›Victoria blue‹ frankiert. Er war an meine Mutter adressiert gewesen, und ich hatte ihn ihr, während sie schlief, ins Zimmer gelegt. Am Abend, als ich wieder zu ihr hinaufgegangen war, war der Brief nicht mehr da und meine Mutter hatte ihn mit keinem

so schien es. werde ich nie erfahren. konnte ich nicht ahnen. Ich fand den Brief eine Woche später wieder. Mir gingen die Geschichten und Schauermärchen nicht aus dem Sinn. Hätte ich es gewußt. warum sie mit mir über seinen Inhalt nicht sprechen wollte. Auch so kostete mich diese Rückkehr viel Mut. hatte ich aus Rücksicht auf sie keine Fragen gestellt. Denn meine Mutter hatte in den zwanzig Jahren. Warum sie ihn aufgehoben hatte. daß ich früher einmal hier gelebt hatte. sah ich zugleich meine Mutter vor mir. und auf ihrem Gesicht lag jener merkwürdig forschende Ausdruck. An jenem stürmischen. wolkenverhangenen Tag jedoch.« Ich wußte also. mit dem sie mich manchmal angesehen hatte – so als suche sie etwas in meinen Zügen. Als ich sie später einmal danach gefragt hatte. Pemberton Hurst. Die . in denen wir in ärmlichen Verhältnissen in London gelebt hatten. denn viel hatte ich nicht in Händen: einen verwirrenden Brief und undeutliche Erinnerungen an das Wenige. Mein Zögern an jenem tristen Tag hatte noch einen anderen Grund. antwortete sie nur: »Du bist eine Pemberton. aber ich weiß heute. auf welch sonderbaren und schweren Weg der Brief mich führen würde. als ich vor Pemberton Hurst aus der Droschke stieg. und da sie zu jener Zeit sehr krank war. nur wenig aus der Vergangenheit erzählt. die ich am Bahnhof und im Dorfgasthaus am Rande gehört hatte. Ich dachte mir. sie müsse wohl ihre Gründe für ihr Schweigen haben. war ein verfluchter Ort. daß zwischen mir und diesem Haus eine Verbindung bestand. so wäre ich niemals nach Pemberton Hurst zurückgekehrt. als ich nach der Beerdigung ihre Sachen ordnete. und doch hatte ich keine Erinnerung an jene Zeit. was meine Mutter über diesen Ort gesagt hatte. ich wußte.Wort erwähnt. Während jetzt mein Blick auf das Herrenhaus gerichtet war.

den die Einheimischen ihm zuschrieben. Ihre braunen Blätter fielen raschelnd auf die Beete herab. Relikt einer vielleicht besseren Zeit. daß es den vornehmen Häusern. etwas Verlockendes gehabt. beinahe wirkte er verwahrlost. die im böigen Wind ihre Arme schüttelten. das alte Haus wiederaufzusuchen. Vögel kreischten am dunkler werdenden Himmel. die man in der Park Lane in London sehen konnte. wenn auch düster in diesem Licht. in nichts nachstand. Ja. hielt mich etwas zurück. welkes Gras und kahle Bäume. mein Impuls umzukehren immer stärker. offenen Kaminen. Die mächtigen Bäume. Obwohl es nur ein ungepflegtes Stück Land war. sah ich nur ein schönes altes Herrenhaus im elisabethanischen Stil. hatte ich in Bildern von opulenten Festessen und alten. da ich nach vielen Jahren wieder hier war. Der Vorplatz bot dem Auge kaum etwas. so zeigte sich mir das Haus an jenem zur Neige gehenden Wintertag des Jahres 1857. hatte es etwas Wildes und Ungezähmtes an sich und vermittelte einen Eindruck trotzig herausfordernder Ungebärdigkeit. Nur der Park war eigentümlicherweise wenig ansehnlich. Jetzt.Bauern der Gegend munkelten von Spuk und Hexerei. woran es sich hatte erfreuen können: eine mit Kieselsteinen bedeckte Auffahrt. von Efeu überwuchertes Gitterwerk. aber so stattlich und nobel. Es war ein großartiges und beeindruckendes Gebäude. braunes. auf denen tote Blumen ihre Köpfe hängenließen. hatte Pemberton Hurst plötzlich den unheimlichen Charakter. wirkten wie dunkle Riesen. In der Eisenbahn sitzend. meiner Kindheit gewissermaßen von Angesicht zu Angesicht gegenüberstand. in denen wärmende . Mir wurde immer banger. Doch während ich jetzt vor dem grauen Gebäude stand. deren Äste sich knorrig über die Auffahrt streckten. In der Geborgenheit meiner kleinen Londoner Wohnung hatte die Vorstellung. Als die Sonne am Horizont verschwand.

meiner Familie beraubt worden. wo ich hier stand. daß mir alles so fremd war. um von nun an unter Fremden zu leben. und die. zögerte ich jedoch erneut. Ich wollte Antworten auf die Fragen. der mir etwas über sie hätte sagen können. Noch stärker jedoch als meine Neugier war der Wunsch. auf dieser schönen alten Treppe mit meinem Bruder Thomas gespielt zu haben? Diese Umgebung hätte doch Bilder der Erinnerungen auslösen müssen. würde ich nur in Pemberton Hurst bekommen. die schon auf dem schweren Türklopfer lag. die mich bedrängten. Langsam stieg ich die breite Treppe hinauf. ganz gleich. Wie würden sie mich . Ich kannte keinen der Menschen in diesem Haus. Gehörten nicht Treppen. als Prinzessin Victoria zur Königin von England gekrönt worden war. wie kam es. daß ich jetzt. und ich wollte mir meine Vergangenheit zurückerobern. wieder zu einer Familie zu gehören. Doch der Drang zur Rückkehr war stärker als meine Ängste. wo Freunde auf mich warteten. geschwelgt. keinerlei Erinnerung daran hatte. war ich von einem Tag auf den anderen aus meinem Zuhause gerissen. ob meine Erwartungen nicht enttäuscht werden würden. ehe ich in die Zukunft aufbrach. so schien mir. zu den liebsten Spielplätzen kleiner Kinder? Wie kam es dann. Noch konnte ich diesem Haus den Rücken kehren und nach London zurückfahren. Vor der schweren Eichentür angekommen. als wäre ich nie in meinem Leben hier gewesen? Ich ließ die Hand. noch einmal sinken. Zwanzig Jahre zuvor. wie fremd sie mir vielleicht geworden war. dachte ich mit einem Blick zurück. ich hatte nicht einmal den Anflug einer Erinnerung. Ich wollte meine Familie wiedersehen. Nun aber fragte ich mich ängstlich. Nicht die geringste Erinnerung regte sich. Die Sehnsucht nach einem Zuhause war der wahre Grund meiner Rückkehr an diesem Tag. im selben Jahr.Feuer loderten.

. Es schien mir ewig zu dauern. als ich meine Worte wiederholen wollte. den meine Großtante Sylvia an meine Mutter geschrieben hatte.« Die Frau sagte keinen Ton. Ich dachte schon. Vielleicht hätte ich mit einem kurzen Brief ankündigen sollen. dem Ruf des Briefs zu folgen. wenigstens eine persönliche Erwiderung auf ihre Bitte. der Familie den Tod meiner Mutter auf so unpersönlichem Weg mitzuteilen. fragte die Frau mit schroffer Stimme: »Sie sind Leyla Pemberton?« Es klang beinahe anklagend. war es meine Pflicht ihr und den Pembertons gegenüber.aufnehmen. oder würden sie mich freudig willkommen heißen und in ihre Arme schließen? Wieder fiel mir der Brief ein. In gewisser Weise war er eine Einladung. sagte ich. daß ich anstelle meiner Mutter kommen würde. daß meine Handfläche schweißnaß war. der zu entnehmen war. daß ich hier bin. eine Fremde. Gerade. ehe die Tür geöffnet wurde. daß diese Menschen mich erwarteten. straffte entschlossen die Schultern und griff zum Türklopfer. ich hätte nicht laut genug gesprochen und meine Worte seien im Heulen des Windes und im Seufzen der Bäume untergegangen. der so hell war. Ich schluckte die letzten Zweifel hinunter. »Ich bin Leyla Pemberton. Und Großtante Sylvia verdiente. spürte ich. Nun. Würden Sie bitte meiner Tante Sylvia sagen. auch wenn ich sie nicht kannte. daß ich einen Moment blinzeln mußte. »Guten Tag«. Vielleicht hätte ich telegrafieren sollen. Als er dröhnend auf das alte Holz fiel. die hier gelebt hatte. Dann aber hörte ich das Knirschen des Riegels. Doch ich hatte es für unangemessen gehalten. die ihren Namen trug und von ihrem Blut war? Würden sie mir wie einer Fremden begegnen. und gleich darauf fiel ein Lichtstrahl auf mich. nach dem Tod meiner Mutter. im nächsten Augenblick sah ich vor mir die dunkle Silhouette einer fülligen Frau.

Was hatte ich denn so Erstaunliches gesagt? Doch nur meinen Namen. Ich bin ihre Tochter Leyla.« »Sie sagen. Miss Sylvia erwartet Sie?« fragte sie noch immer irritiert. »Nein. um präsentabel vor die Familie treten zu können. Ich eilte ins Haus. »Leyla Pemberton?« flüsterte die Frau statt einer Antwort. wenn Sie mich jetzt meiner Familie melden und mich eintreten lassen würden.« Augenblicklich wich die Frau zurück.« Das Geräusch schneller Schritte durchbrach die Stille. ehe der Wind mir den Hut vom Kopf reißen konnte. und glättete geschwind meinen Umhang. der Brief war ja an meine Mutter gerichtet gewesen. »wer war denn an der Tür?« kam eine zweite Frau auf mich zu. die man hier . Hatte ich diese rundliche Person schon in meiner Kindheit gekannt? »Bitte melden Sie mich meiner Tante Sylvia. Aber nein. »Du bist Leyla?« Ich hatte selten jemanden so überrascht gesehen. daß die Frau immer noch dastand und mich mit offenem Mund ungläubig anstarrte. »Leyla?« wiederholte die Frau dann. die mir verschlossen war. und daher war es meine Mutter. »Aber sicher. um mir Platz zu machen. ich bin nicht Jenny. offensichtlich war sie keine Hausangestellte. sah ich. ob auch diese Frau zu der fernen Vergangenheit gehörte. Sie sprach mit einem leichten deutschen Akzent.« Der Blick der zweiten Frau huschte zur Haushälterin. ich werde erwartet. sie erwartet mich. Als sie mich sah. Als ich aufblickte. als flögen unausgesprochene Worte zwischen ihnen hin und her. Mit den Worten. Ich denke. »Ist etwas nicht in Ordnung?« fragte ich leicht beunruhigt. Ich fragte mich. »Jenny!« flüsterte sie. und man mußte schon seit einiger Zeit meinen Besuch erwartet haben. und mir war. Dabei hatte Tante Sylvia doch gewiß im Namen der ganzen Familie geschrieben.»Ja. blieb sie wie angewurzelt stehen. Und ich wäre Ihnen dankbar.

Ihr habt gewiß nicht damit gerechnet. kam die Frau auf mich zu und bot mir die Hand. warum Tante Sylvia den anderen nichts von ihrem Brief gesagt hatte. Sie war nicht überrascht. die mich mit ihren blauen Augen immer noch wie ein Gespenst anstarrte. das war sehr gedankenlos von mir – « »An ihrer Stelle?« Die zweite Frau zwinkerte ungläubig. »Das tut mir leid. Jennys Tochter. dann trat ich einen Schritt zurück. Nach all diesen Jahren. Doch die Augen blieben hart.« Ich hatte mich also getäuscht. um diese unbekannte Verwandte zu mustern. Es war mir ein Rätsel.« »Wir dachten.« Etwas höflicher und wohlerzogener als die Haushälterin. Kind. Sie hatte ein reizloses. Gott. wir haben weder dich noch deine Mutter erwartet. daß ich an ihrer Stelle kommen würde. mich anstatt meiner Mutter zu sehen. Leyla! Mein Gott. und ihre Stimme war warm. »Ja. als spielten wir eine Szene in einem Theaterstück. Das ist wirklich ein Schock«. Wirklich. »Mein liebes Kind. sagte sie und griff sich mit theatralischer Geste ans Herz.erwartet hatte. Was ist aus der kleinen Leyla geworden. . Ein dünnes Lächeln spielte um ihre Lippen. »Bitte verzeih’ meine Unhöflichkeit. was für eine Überraschung. ich bin Leyla. die in mir ein Gefühl diffusen Unbehagens auslöste. ist das eine Überraschung. Wir umarmten einander höflich.« »Bist du Tante Sylvia?« Wieder huschte ihr Blick zur Haushälterin. »Nein. Das Haar war in der Mitte gescheitelt und am Hinterkopf zu einem Knoten gebunden. sie wäre genauso überrascht gewesen. wir würden dich nie wiedersehen! Leyla. Verzeiht mir. wenn meine Mutter selbst gekommen wäre. Ich bin nicht deine Tante Sylvia. aber durchaus sympathisches Gesicht mit leicht vorstehenden Augen und trug ein rehbraunes Samtkleid nach der neuesten Mode mit Volants und eng zulaufender Taille.

das mich stutzig machte und beunruhigte: Dieses Lächeln der schmalen. . der Umarmung. und die Haushälterin eilte davon. Das Grau in ihrem Haar. Du mußt dich erst einmal ein wenig ausruhen. daß sie nicht mehr jung war. das fühlte ich. nahmen der Frisur ein wenig die Strenge. deine Tante und die Schwägerin deiner Mutter. Es sah aus. ich schätzte sie auf Mitte fünfzig. als das Verhalten von Tante Anna.Korkenzieherlöckchen. Gott. »Gertrude. bot sie mir nochmals die Hand und sagte: »Ich bin Anna Pemberton. zwei Fremde.« So sehr mich die Aussicht auf ein warmes Zimmer und eine Tasse Tee lockten. als würde sie sich ohne ausdrücklichen Befehl nicht von der Stelle rühren. mich zu sehen. Müßte ich das denn?« Ihr kleines Auflachen klang gezwungen. bringen Sie uns den Tee in den Salon. als ob Anna zurückfuhr. die über die Ohren herabfielen. die Falten um die Augen und die schlaffen Wangen verrieten mir.« Sie machte eine ungeduldige Handbewegung. Du erinnerst dich wahrscheinlich nicht an mich…?« »Nein. mit wem ich es zu tun hatte. Dennoch war es weniger das Verhalten dieser Frau. rotgefärbten Lippen war nicht herzlich. aber der Ton war angenehm. »Kann ich nicht zuerst Tante Sylvia sehen?« Mir schien es. wußte ich nicht. ich wollte erst meiner Pflicht Genüge tun. Sie wußte offensichtlich nicht. was sie sagen sollte. der freundlichen Worte war Tante Anna überhaupt nicht erfreut. Einer unserer Angestellten kann sie in dein Zimmer hinaufbringen. es war eine Maske… Trotz des Lächelns. Ich konnte mir vorstellen. Da ich niemanden von der Familie Pemberton kannte. »Laß deine Tasche hier. Als hätte sie meine Gedanken gelesen. Die füllige Haushälterin in ihrer Schürze starrte mich immer noch fassungslos an. Stumm standen wir einander gegenüber. wie kalt es draußen geworden ist.

An einer Wand stand ein Klavier. sagte sie schließlich leise. und ein Blick auf ihr Gesicht verriet mir. daß sie völlig aus dem Gleichgewicht geworfen war.« Ich mußte lächeln. warum ich hier war. Kerzenleuchtern und dekorativen kleinen Kästchen nahmen den größten Teil des freien Raums ein. »gehen wir in den Salon. Ich folgte ihr aus der Halle in einen Flur. Tischchen mit Blumenvasen. obwohl mir eigentlich gar nicht danach zumute war. der durch die Gaslampen an der Decke nur trübe erleuchtet war. »Bitte«. »Ich bin mit dem Zug nach Brighton bis East Wimsley gefahren. schaute ich mich um. Von dort habe ich mir eine Droschke genommen. suchte nach Erinnerungen.daß Anna gern gewußt hätte. die Eisenbahn. Du wirst von der Reise sicher müde sein. deren Zeiger auf kurz vor fünf zeigten. in das Anna mich führte. Ich sage immer. hätte er uns mit Rädern ausgestattet. Nachdem Anna mir den Umhang und den Hut abgenommen hatte. Auf dem Kaminsims. daß wir uns auf diese Weise fortbewegen. »Schrecklich. das schien ein heikles Thema zu sein.« Anna schauderte. aber der düstere Flur blieb mir so fremd wie das elegante Zimmer. Während ich neben ihr herging. schwere. daß sie über Sylvia nicht sprechen wollte. um mit meinem ausladenden Rock nicht eine kleinere Katastrophe heraufzubeschwören. Lichterglanz und heller Feuerschein empfingen uns. wenn es Gottes Wille gewesen wäre. setzten wir uns auf ein Sofa und unterhielten uns über . Gleichzeitig spürte ich. so daß ich mich vorsichtig bewegen mußte. Ich bin selbst nie damit gefahren und werde es auch nie tun. Bist du mit der Eisenbahn gekommen?« Ich bejahte. Anna ging langsam. da sie offenbar von Sylvias Brief keine Kenntnis hatte. geschnitzte Möbel und hochgepolsterte Sessel und Sofas. umgeben von Nippes und Staffordshire Figurinen stand eine Uhr.

wie die anderen Angehörigen meiner Familie aussahen. um uns zu besuchen?« fragte sie. daß sie in meinen Zügen etwas ganz Bestimmtes suchte. »So. das schmucklose Kleid mit den altmodisch engen Ärmeln. Du hättest vom Bahnhof aus keine Droschke zu nehmen brauchen. Ich bemerkte.das unfreundliche Wetter. sagte ich langsam. Ich hatte das Gefühl. Wenn wir nur gewußt hätten – nun. Ich kam ihr wahrscheinlich vor wie eine arme Kirchenmaus. Und während sie mich aufmerksam betrachtete. beobachtete ich sie. »Das Haus birgt sicher viele Erinnerungen für dich. Leyla.« Beim Teetrinken schien Anna gelöster und lebhafter zu werden. Du weißt gar nicht. die etwas zu große Nase. ob ich früher schon einmal aus diesen Tassen getrunken hatte. Ich fragte mich. die mir einen Hinweis hätten geben können. »Sahne und Zucker?« Das prachtvolle silberne Service war offensichtlich sehr alt. An den Wänden hingen keine Porträts. die schlichte Haartracht. du bist also gekommen. das feine Grübchen am Kinn. die mir zeigen würde. den geschwungenen Mund. du hattest vielleicht keine Zeit zu telegrafieren. Aber vor allem schien sie mein Gesicht zu fesseln. wir sind gar nicht darauf eingerichtet. welche Überraschung dein Besuch ist. musterte sie es sehr genau – meine dunklen Augen mit den dichten Wimpern. was sie suchte. Wir hätten dir gern einen Wagen geschickt. Dann hätten wir dich auch in passenderer Weise empfangen können. Nach so langer Zeit!« »Ja. . daß sie entdeckt hatte. keine gerahmten Daguerrotypien. sehr aufregend«. in der Mode von gestern gekleidet. daß Anna mich mit hastigen Blicken von Kopf bis Fuß musterte – die abgetragenen Lederstiefeletten. wir haben so selten Gäste hier. wartete auf eine Reaktion.« Ihr silberner Teelöffel schlug klirrend an den Tassenrand. »Wie aufregend muß dieser Besuch für dich sein. während sie über das Wetter plauderte. als der Tee gebracht wurde. »Weißt du.

Meine Mutter war eine Schönheit gewesen. so weit ich zurückdenken konnte. als wäre es gestern gewesen. das tut mir aber leid!« Schwang da nicht Erleichterung in ihrer Stimme. »Aber sag doch – « Sie rührte gedankenverloren in ihrem Tee.« »Tot? Oh. Wir haben viele vergnügte Stunden zusammen verlebt. Zwei Monate waren vergangen. Zumindest vorläufig. Es war. daß ich hier fremder war als sie ahnte. Ich fühlte mich mit ihr immer wie mit einer Schwester verbunden. ob sie mich kannten. wollte ich das für mich behalten. Ja.« Ich sah diese redselige Frau erstaunt an. Niemals. hatte meine Mutter Anna Pemberton erwähnt. »Meine Mutter ist tot.« Ich war wirklich geschmeichelt. plauderte sie weiter. Er und Theo – dein Vetter Theodore – haben dich immer mit einem Spitznamen gerufen. als wäre ich in London zur Welt gekommen und nicht hier. wie viele Menschen unter diesem Dach lebten. Vor vielen Jahren hatte ich in kindlicher Neugier meine .Tatsächlich wußte ich nicht einmal. als ich dich vorhin in der Halle sah. sich meiner erinnern würden. »Dein Vater und mein Mann waren Brüder. wenn er dich sieht. »Wie geht es deiner Mutter überhaupt?« Ich senkte den Kopf. bis ich sie – und die anderen – besser kannte. Damals warst du fünf Jahre alt. weil du immer herumgehüpft bist wie ein kleines Häschen.« »Oh – danke. du wärest Jennifer. Die Jahre bis zu meinem sechsten Geburtstag lagen in tiefstem Dunkel. Leyla. Ein inneres Gefühl warnte mich davor. Anna wissen zu lassen. Erinnerst du dich? Sie nannten dich Bunny. aber immer noch war es so schmerzhaft. »Dein Onkel Henry wird sich sehr freuen. »Du warst ein entzückendes Kind«. deine Mutter und ich. glaubte ich.« Nicht die leiseste Erinnerung daran regte sich. »Und wie ähnlich du deiner Mutter bist. es ist lange her. Wirklich.

als du von hier fortgingst.Mutter gefragt. Anna wandte sich jetzt von mir ab und zwang sich. hatte sie gesagt und war auf weitere Fragen von mir nicht eingegangen. was ich meine. etwas Falsches zu sagen. daß sie nicht die gelassene Gastgeberin war. warum ich mich nicht wie andere an meine frühe Kindheit erinnern konnte. die sie mir gegeben hatte. meinen eigenen Gedanken nachzuhängen. »Das liegt an dem. »Warum denn?« »Nun. Eine Großmutter hatte ich also auch. »Er hat eine Neigung zur Exzentrik. Wir haben ihn alle von Herzen gern. Sie ließ noch ein Stück Zucker in ihre Tasse fallen und rührte wieder geräuschvoll um. doch ich spürte deutlich.« Anna schwieg. als fürchte sie ständig.« Ich zog die Brauen hoch. Er hat überhaupt keine Manieren. Du hast also Zeit. und es wäre mir gar nicht recht. »Großmutter kann dich jetzt noch nicht empfangen. als man dich – äh. wenn du verstehst. »Und deine Cousine Martha erinnert sich natürlich an dich. Colin ist – wie soll ich sagen?« Sie lachte ein wenig. »dann solltest du ihm am besten mit einer höflichen Entschuldigung aus dem Weg gehen. Die kurze Antwort. dich frischzumachen. oder war das Verhalten dieser Frau äußerst vorsichtig? Ihre Sprechweise erschien mir verkrampft und zögernd. aber er schlägt gern einmal über die Stränge. die sie mir vorzuspielen suchte. Bildete ich es mir ein. »Und wenn du deinem Vetter Colin begegnen solltest«. Innerhalb weniger Minuten war aus der Waise Leyla Pemberton eine junge Frau mit einer großen Familie geworden. hatte nichts geklärt.« Ich hatte also noch einen Vetter. und ich hatte einen Moment Zeit. Danach hatte ich das Thema nie wieder zur Sprache gebracht. scheinbar gleichmütig ins Feuer zu blicken. wenn du ihn vor . sagte sie jetzt mit einem künstlich scherzhaften Lächeln. was damals geschehen ist«. Sie war zwölf.

den anderen kennenlernst. Du wirst ihn natürlich kennenlernen, aber erst später, nach Theodore und Martha.« »Danke«, sagte ich ohne Überzeugung. Da ich die Frau überhaupt nicht kannte, wußte ich nicht, wie ich ihre Worte auslegen sollte. Wollte sie mich vor Colin schützen oder Colin vor mir? »Und Tante Sylvia?« fragte ich. »Warte es ab, Kind. Du wirst die ganze Familie kennenlernen, wie du dir das sicher wünschst. Und wenn sie hören, daß du hier bist, werden sie sich ebenso sehr wünschen, dich wiederzusehen. Nach zwanzig Jahren sind gewiß alle sehr gespannt zu hören, was aus dir geworden ist, Leyla. Ah, ich sehe, du bist mit dem Tee fertig. Komm, ich bringe dich jetzt in dein Zimmer hinauf. Du wirst müde sein. Dann suche ich Theo. Er wird dich so bald wie möglich kennenlernen wollen.« Mit raschelnden Unterröcken standen wir auf. Der Feuerschein lag warm auf unseren Gesichtern, während draußen der Wind wilder als zuvor an den Fenstern rüttelte. Ich hatte ein Gefühl, als stünde ich neben mir, als sei dieses elegante Zimmer eine Bühne und ich die Zuschauerin. Ich sah ein warmes, behagliches Zimmer, das mit Geschmack und allen Symbolen des Wohlstandes eingerichtet war. Ich sah zwei Frauen, die einander in stummer Konfrontation gegenüberstanden: teuer gekleidet die eine, mit der selbstsicheren Gewandtheit der Reichen; schlicht und bescheiden die andere. Und in diesem Augenblick fragte ich mich, was, um alles in der Welt, diese beiden Frauen miteinander zu tun hatten. »Erzähle mir doch etwas aus London, Leyla. Ist die Stadt immer noch so laut und schmutzig? Ich war 1851 das letztemal dort, zur Weltausstellung. Es war eine atemberaubende Woche. Theo, dein Onkel Henry und ich waren fast Tag und Nacht unterwegs, um alles anzusehen; die Westminster Abbey, den Tower, den Zoo im Regent’s Park. Und die unglaublichen

Gerichte aus aller Herren Länder, die man uns dort vorsetzte…« Während ich an ihrer Seite durch das Haus ging, schaute ich mich neugierig um. Die Böden waren mit schweren Teppichen bedeckt, die unsere Schritte dämpften, Gobelins schmückten die Wände. Hohe Topfpflanzen neigten sich aus schattigen Winkeln. Öllampen spendeten flackerndes Licht. Wir stiegen die Treppe zu den oberen Zimmern hinauf, und nirgends hing auch nur ein einziges Familienporträt. »Wir haben nur in der Halle und in einigen Zimmern Gasbeleuchtung. In London gibt es wohl überall Gas, sogar auf den Straßen, wie ich gehört habe. Theo wollte es unbedingt haben; er behauptet, es sei weniger gefährlich. Aber deine Großmutter ist absolut dagegen. Teufelswerk, sagt sie immer. Sie hat für die modernen Errungenschaften nichts übrig. Sie lebt lieber in der Vergangenheit.« Warum gab es hier keine Bilder? Warum hing nirgends auch nur das kleinste Porträt eines oder einer Pemberton? »Ich habe dir das Zimmer ganz hinten auf dem Flur gegeben. Es ist recht komfortabel. Es hat ein Himmelbett und eine dieser neuen Sitzbadewannen aus Paris. Das war Großmutters einziges Zugeständnis an die heutige Zeit – daß man sich jetzt im Schlafzimmer baden kann und nicht mehr in die Küche muß. Ich finde es sehr angenehm. Du nicht auch?« Ich nickte nur. »Wir haben jetzt auch Seife. Gott, wie die Zeiten sich ändern. So, da sind wir.« Anna erzählte immer noch weiter, während wir in das Gästezimmer traten, und ich begann mich zu fragen, ob das endlose Gerede nicht dazu dienen sollte, unangenehme Themen zu vermeiden. Das Zimmer war sehr schön, mit einer alten Kassettendecke und hohen Fenstern. Spiegel gab es gleich mehrere; ein Toilettentisch stand an der Wand links

vom Fenster. Das Himmelbett war bereits aufgeschlagen, und im Kamin brannte ein helles Feuer. Der Porzellankrug auf der Kommode war mit Wasser gefüllt, frische Handtücher lagen daneben. Meine Reisetasche stand auf dem Stuhl neben dem Toilettentisch. Bemüht, die aufmerksame Gastgeberin zu sein, aber dennoch unverkennbar in großer Eile, ging Anna wieder zur Tür und sagte: »Ich schicke Theo in die Bibliothek. Geh zu ihm hinunter, wenn du fertig bist. Dann könnt ihr euch gleich kennenlernen. Wenn du etwas brauchst, dann läute einfach. Der Klingelzug ist neben dem Bett. Bis nachher, mein Kind.« Sie schickte sich an, die Tür zu schließen. »Ach und – du denkst doch daran, nicht wahr? Colin, meine ich. Wenn du ihm zufällig begegnen solltest – aber nein, das wird nicht geschehen.« Ihre Hände flatterten unruhig. »Zuerst wirst du Theo kennenlernen. Dafür will ich schon sorgen.« Geräuschlos schloß sie die Tür hinter sich. Das war nicht der Empfang, den ich erwartet hatte, auch wenn man berücksichtigte, daß niemand im Haus von meinem Kommen gewußt hatte. Annas Nervosität konnte ihrem Alter zuzuschreiben sein oder vielleicht meiner starken Ähnlichkeit mit meiner Mutter. Von einem Moment auf den anderen um zwanzig Jahre zurückversetzt zu werden, konnte wohl jeden aus der Fassung bringen. Das seltsam beklemmende Gefühl abschüttelnd, das meine redselige Tante bei mir ausgelöst hatte, begann ich auszupacken und versuchte, mir das Zimmer so persönlich und wohnlich wie möglich einzurichten. Nach dem Tod meiner Mutter hatte ich unsere gemeinsame Wohnung aufgegeben, die Möbel verkauft oder verschenkt und nach Pemberton Hurst nur meine Garderobe und einige persönliche Dinge mitgenommen, von denen ich mich nicht hatte trennen wollen. Diese kleinen Dinge verteilte ich jetzt in dem fremden Zimmer.

Die Daguerrotypie meiner Mutter stellte ich neben das kleine Schmuckkästchen aus Muscheln auf den Kaminsims. Auf den Nachttisch legte ich drei Bücher: ›Stolz und Vorurteil‹ von Jane Austen, ›Tancred‹ von Benjamin Disraeli und die Bibel. Auf den Toilettentisch mit dem hohen Spiegel legte ich den Führer durch den Cremorne Park, eine Erinnerung an sehr glückliche Tage, und neben den Wasserkrug stellte ich den kleinen Flakon Rosenwasser, ein Geschenk von Edward Champion, dem Mann, den ich liebte und bald heiraten wollte. Nachdem ich dem Zimmer auf diese Weise etwas persönliches Flair gegeben, nachdem ich meine Kleider aufgehängt, mich gewaschen und mein Haar gründlich gebürstet hatte, fühlte ich mich gleich viel besser. Ja, die Reise mit der Eisenbahn war anstrengend gewesen, aber bei weitem nicht so strapaziös wie sie mit der Droschke gewesen wäre. Ich war müde und hungrig, vor allem aber war ich glücklich, endlich wieder eine Familie zu haben, in das Haus zurückgekehrt zu sein, wo ich geboren war, einem neuen Leben entgegenzusehen. Hätte ich gewußt, wie sehr ich mich täuschte!

Als ich etwas später die Treppe hinunterstieg, fiel mir die tiefe Stille des Hauses auf. Es war fast sieben Uhr, draußen war es stockfinster und hier drinnen so ruhig wie in einem Museum. Leise raschelnd streifte der Saum meiner Röcke über die dicken Teppiche, die meine Schritte verschluckten. Hätte ich jetzt sprechen müssen, so hätte ich sicher geflüstert. Und wieder kam mir deutlich zu Bewußtsein, daß nirgends in diesem Haus ein Bild eines Familienmitglieds hing. Ich kam zum Salon, warf einen Blick hinein und sah, daß er leer war. Mit einiger Mühe, vorsichtig Raum um Raum inspizierend, gelangte ich schließlich in die Bibliothek, in der es nach altem

Leder roch. Das Feuer im offenen Kamin spendete willkommene Wärme und Gaslampen drängten die Schatten in die Ecken. Als ich eintrat, sah ich sogleich, daß ich nicht allein war. In einem Sessel beim Feuer saß lässig, die Beine in den Schaftstiefeln lang ausgestreckt, die Arme über der Brust verschränkt, ein Mann von ungefähr fünfunddreißig Jahren. Als ich mich näherte, sah er auf, schien aber von meinem Erscheinen weder überrascht noch gestört. Ich hatte sogar den Eindruck, daß er mich erwartet hatte. Ich holte einmal tief Atem und ging direkt auf ihn zu. »Hallo, Theo«, sagte ich so gewinnend wie möglich. »Ich bin Leyla. Tante Anna sagte mir, daß ich dich hier treffen würde, und riet mir« – ich lächelte spitzbübisch – »eine Begegnung mit dem exzentrischen Colin unter allen Umständen zu vermeiden. Offenbar befürchtete sie eine Katastrophe.« Er stand auf, groß und gerade, und sagte trocken: »Guten Tag, Leyla. Ich bin allerdings nicht Theodore, sondern Colin.«

aber mit Edward konnte er es nicht aufnehmen. meinem Verlobten. nichts als Verwirrung zu stiften. das ihm wellig fast bis zu den Schultern hinunterfiel. Er hatte eine hervorspringende Nase. weißt du. wenn er lächelte. »Woher hättest du wissen sollen. Allmählich fand ich die Sprache wieder. Das Abendessen wird um Punkt acht serviert. In seinem Gesicht entdeckte ich keines der typischen Pemberton-Merkmale – weder die dichten Wimpern noch das Grübchen am Kinn –. Sein Gesicht mochte einen gewissen Charme haben.2 In meiner Verlegenheit wußte ich nicht. verzeih’ mir. ob man ohne Appetit ist oder völlig ausgehungert. Hier im Haus hat alles seine genaue Ordnung. die ganz ruhig auf mich gerichtet waren. wer ich bin? Typisch Tante Anna. Und du kannst nach der langen Reise nur das eine oder das andere sein. Die Wimpern und die Brauen waren so dunkel wie das Haar. setz dich doch. Nicht einmal eine Entschuldigung brachte ich zustande. Statt dessen stand ich stocksteif und mit hochrotem Gesicht vor dem Mann. um den jetzt ein ärgerlicher Zug lag. waren grün. wie meine Mutter einmal gesagt hatte. mich als einen Sproß dieser Familie kennzeichneten. »Oh.« . Colin schnitt bei dem Vergleich nicht sonderlich gut ab. Komm.« Er zuckte die Achseln. Seine Augen. Das war unglaublich ungezogen von mir. die sehr gerade war. was ich sagen sollte. und einen klar gezeichneten Mund. die. Unwillkürlich verglich ich diesen Mann mit Edward Champion.« »Du scheinst ja bereits gründlich über mich unterrichtet.

»Ich freue mich schon darauf. Theos Vater. Henry und Theo. »Mein Vater ist tot. Und von den Frauen dieser Generation leben noch Tante Anna und deine Mutter. Henry ist Theos Vater.« »Und Martha?« »Martha ist meine Schwester.« »Bist du Theos Bruder?« »Was?« Er lachte ohne Heiterkeit. Also. und seiner Frau Abigail.« »Und wie ist Tante Sylvia mit uns allen verwandt?« »Sie ist Abigails unverheiratete Schwester. Und Robert war dein Vater. Von den drei Söhnen Johns und Abigails lebt nur noch einer. streckte seine langen Beine aus und kreuzte die Füße – »das wirst du bald selbst merken. und ich bin auch dein Vetter. Richard ist mein Vater.« »Meine Mutter ist auch tot«. Sie zog vor ungefähr fünfzig oder sechzig Jahren mit ins Haus. Meine Mutter ebenfalls. Geheimnisse gibt es hier nicht. der nunmehr seit zehn Jahren tot ist.« »Ich verstehe. Aber – « er setzte sich wieder.»Neuigkeiten sprechen sich hier schnell herum. »Ich bin so wenig sein Bruder wie du meine Schwester bist. als Abigail John heiratete. deinen Vater – « Colins Gesicht verdunkelte sich. daß deine Mutter am liebsten überhaupt nicht von uns gesprochen hat.« »Nein.« »Ich verstehe«. sagte ich leise. das glaube ich dir nicht. »Ach?« Er schien nicht überrascht zu sein. paß auf: Unseren Ursprung haben wir alle bei dem ehrwürdigen Sir John Pemberton. John und Abigail hatten drei Söhne: Henry. Richard und Robert. alle kennenzulernen. Er ist mein Vetter und dein Vetter. »Dann bist du wohl deshalb hierher gekommen? Weil du jetzt ganz allein . sagte ich wieder. Henry. Für eine Pemberton weißt du erstaunlich wenig über die Pembertons! Ich kann mir denken.

erschreckend. Ausweichend antwortete ich: »In zwanzig Jahren verändern sich die Menschen. die ich erlebt hatte. ob du dich daran entsinnst – liegt eine große verwilderte Wiese. die Tante Anna hochtrabend den Garten nennt. in dem ich geboren bin. als wir alle noch Kinder .« Jetzt wandte er mir seine ganze Aufmerksamkeit zu. weil ich den Wunsch hatte. Es bekümmert mich tief. meine Vergangenheit zurückzuholen.« »Sehr gut gesagt. daß ich in all den Stunden des Suchens und verzweifelten Bemühens. da sie von glücklicheren Zeiten sprachen.bist?« Seine Worte wirkten auf mich wie eine Anklage. aber nicht erinnern konnte. Leyla. Ich fand es beklemmend. liebe Cousine. daß die Liebe nicht von Dauer war. das mit deinen Erinnerungen übereinstimmt?« Ich sah ihm in die blaßgrünen Augen und wußte. In Wirklichkeit wollte er wissen. »Ich bin aus persönlichen Gründen hierher gekommen. ja. Von seiner Lässigkeit war nichts zu spüren. und ich sah die Ernsthaftigkeit in seinem Blick. Unter anderem. der mich ärgerte.« »Die Liebe?« »Du hast mich damals regelrecht angeschwärmt. Vor zwanzig Jahren war ich ein Knabe von vierzehn. Zugleich jedoch machten mich seine Worte traurig. meine Familie wiederzusehen. Und das Haus. Du bist mir überallhin gefolgt wie ein treues Hündchen. als er fragte: »Und? Siehst du in uns noch etwas. und jenseits dieses Feldes ist ein Akazienwäldchen. ob ich mich überhaupt noch an ihn und die übrigen Familienmitglieder erinnerte. daß er eigentlich eine andere Frage stellte. sehen zu müssen.« Ich errötete. »Hinter dem Haus – ich weiß nicht. nicht einmal auf ein Bruchstück einer Erinnerung an Colin Pemberton gestoßen war. und du warst gerade fünf. und in seinem Ton schien mir Spott mitzuschwingen. Dort war.

»Anfangs spielten nur Theo und ich dort unten. eines von vier fröhlichen Kindern. Bist du immer noch so. Mittendrin steht die Ruine eines alten Schlößchens. sondern auch das Zimmer hinter mir und Colin in . als gäbe es kein Morgen. »Wie bitte?« Ich sah auf und bemerkte. so klein du warst. wie ich selber sie vielleicht in Erinnerung hatte. daß er mich mit großer Aufmerksamkeit betrachtete. und das war unser Reich.« Ich senkte die Lider und starrte ins Feuer. über dem ein sehr großer alter Spiegel hing. Impulsiv stand ich auf und ging zum Kamin. wie ich mich seiner Schwester Martha und meines Bruders Thomas erinnerte. Leyla?« Aber ich hörte seine letzten Worte nur mit halbem Ohr. während ich noch Spaß daran hatte. daß er nicht sagte. Erinnerst du dich?« Ich schüttelte den Kopf. nicht wahr?« hörte ich ihn behutsam sagen. Immer vergnügt und ausgelassen. Nur leider sah ich diese Bilder mit den Augen Colins und nicht so. Ich war in Gedanken im Akazienwäldchen. Wie zuvor bei Anna hatte ich auch jetzt bei Colin das Gefühl. Hast du denn Erinnerungen an die ersten fünf Jahre deines Lebens?« »O ja. »Ach. stießen Martha und dein Bruder Thomas zu mir und bald auch du. unser liebster Spielplatz. was er wirklich dachte.waren. eine ganze Menge. Wieder empfand ich dieses Unbehagen. und als er sich für diese Spiele zu alt fühlte. ich war damals noch so klein. die dort spielten und herumtollten. Du hast da unten immer das Häschen gespielt und bist herumgesprungen wie ein kleiner Kobold. Aber er ist vier Jahre älter als ich. Ich erinnerte mich dieser unbekümmerten Spiele so wenig. Nicht nur mich konnte ich darin sehen. »Du hast überhaupt keine Erinnerung daran.

Er wollte mich nicht reisen lassen. der Gedanke an meine Schönheit werde ihm an einsamen Abenden Trost sein? Der gute Edward. nicht zu fahren? Hatte er in dieses bleiche. »Du amüsierst dich?« Ich drehte mich um. ich war es nicht. einen Moment lang war er verärgert. fast angefleht hatte. »Ja.seinem Sessel. Aber meine Lippen sahen im Spiegel grau und farblos aus. Meine Mutter ist tot. überrascht dich das?« »Und der Mann hat dich allein hierher reisen lassen?« Ich kehrte zu meinem Sessel zurück und setzte mich. »Ich habe nur an etwas Angenehmes gedacht. der vollendete Gentleman im Gegensatz zu meinem Vetter Colin. und ich wollte das Haus und die Familie wiedersehen. Immer höflich. Ich hatte große Ähnlichkeit mit meiner Mutter. Hatte ich auch so am Bahnhof in London ausgesehen. und meinen Augen fehlte der Glanz. in aller Öffentlichkeit seine Zuneigung zu beteuern.« .« »Du bist verlobt?« Mit einem Ruck fuhr er in die Höhe. da Anstrengung und Verwirrung mein Gesicht zeichneten. als Edward mich gebeten. für diese Leute war ich wahrscheinlich ein Gespenst aus der Vergangenheit. Es war so gar nicht seine Art. scheinbar in lässiger Pose und doch so angespannt. Nur dieses eine Mal wenigstens. »Nur weil ich darauf bestand. leblose Gesicht geblickt. stets sich der Formen bewußt. die gleiche helle Haut. diesem ungehobelten Flegel.« »Aus der Vergangenheit?« »Nein. das war Edward. ehe ich heirate. Ihr tut es nicht mehr weh. als er beteuert hatte. das gleiche schwere schwarze Haar. Meine Mutter war eine Schönheit gewesen. und ich glaube. schon gar nicht jetzt. Colin bemerkte mein Lächeln. Nun ja. an meinen Verlobten. Aber ich mußte hierher kommen.

Ich schien ihn auf einen interessanten Gedanken gebracht zu haben. nicht verleugnen. Niemand wußte. Unser Schicksal hatte sie nicht gekümmert. . war sie völlig mittellos und ohne jede Hilfe. Als meine Mutter von hier fortging und nach London zog.Colin legte die Fingerspitzen beider Hände aneinander und sah mich nachdenklich an. sonst hätten sie uns in den zwanzig Jahren geholfen. daß sie fort war und dich mitgenommen hatte. »Deine Bitterkeit ist nicht berechtigt. nicht wir sie. daß es deine Mutter war. Wir wußten nur.« Ich starrte ihn zornig an. wohin sie gegangen war. das kann man ihr nicht verübeln. als sie damals plötzlich verschwunden war und ihre gesamte Habe hier zurückgelassen hatte. Du darfst nicht vergessen. für reiche Frauen genäht. Bis zum heutigen Tag. Sie hatten nicht nach uns gesucht. Jahrelang hat sie sich als Hausschneiderin abgemüht.« Ich machte eine umfassende Geste. während die Pembertons wie die Fürsten lebten. Sie war eine Frau aus bester Familie. dein Besuch bei uns hätte deiner Mutter weh getan?« »Ich weiß nicht… es war nur so ein Gefühl. sonst hätten sie uns gefunden. Meine Mutter war mit einem Pemberton verheiratet gewesen. die uns verließ. Und wir haben nie wieder von ihr gehört. ich war eine Pemberton. Seine nächste Frage überraschte mich.« »Als wollte sie vergessen. Leyla. die sie schlimmer behandelten als ihre eigenen Domestiken. »Wieso glaubst du. wie sie damit zurecht kam. Colin. Ich konnte die Bitterkeit. und dennoch lebten wir acht Jahre lang in Armut. daß es uns gibt…« »Entschuldige. die ich empfand. Sie mußte ganz allein ein Kind großziehen und sehen. die das Leben einer kleinen Arbeiterin führte.« »Hat sie dir von uns erzählt?« »Nein. nichts. aber ich denke.

Theo«. An diese Zwiespältigkeit würde ich mich hier offenbar gewöhnen müssen. der mit großen Schritten hereinkam. öffnete sich die Tür. Theodore sah ihm einen Moment lang nach. daran gab es keinen Zweifel. ehe er sich mir zuwandte. die meiste Mühe.« Ich errötete tief. denen ich bisher im Haus begegnet war. aber seine Augen blieben kühl. »Leyla!« rief der Fremde. Die Nase war eine Spur zu groß. »Ich sagte. dann stand er auf und ging ohne ein weiteres Wort aus der Bibliothek.« Er zuckte wieder auf seine unerzogene Art die Achseln. »Ja. daß es mir leid tut. »Auf den ersten Blick hätte ich dich erkannt! Du bist Tante Jenny wie aus dem Gesicht geschnitten. sprach laut und .Colin spürte wohl. was in mir vorging. ernsthaftem Ton: »Und warum bist du dann jetzt zurückgekommen?« Ehe ich ihm antworten. meiner Sehnsucht nach Familienzugehörigkeit erzählen konnte. Er lächelte mich an. genau wie ich. fuhr Colin unhöflich dazwischen. Dennoch gab sich Theodore von den vier Menschen. und am Kinn hatte er ein kleines Grübchen. Er schüttelte mir kräftig beide Hände. und seine leicht vorstehenden Augen waren von einem Kranz dichter Wimpern umgeben. Zum burgunderfarbenen Rock mit Weste trug er ein weißes Hemd aus feinstem Leinen und dazu eine schwarze Hose. »vorhin verwechselte unsere Cousine Leyla mich mit dir und bat mich um Schutz vor dem flegelhaften Vetter Colin. Sein Haar war so schwarz wie meines. denn er fragte in ruhigem. Daß dieser Mann ein Pemberton war. »Leyla!« Er eilte auf mich zu und nahm meine Hände. sein Unbehagen zu verbergen. Keiner hier konnte mir mit wirklicher Herzlichkeit entgegenkommen. Willkommen zu Hause!« Vetter Theodore war ein eleganter Mann. ihm von meiner Einsamkeit.

Nachdem er mir mein Glas gereicht hatte. wo er seine flegelhaften Manieren her hat. Zum erstenmal fühlte ich mich in diesem Haus wirklich gelöst. Da wird noch . Ich habe dich immer Bunny gerufen. nur die leicht vorstehenden Augen hatte er von seiner Mutter Anna geerbt.« Theodore war meiner Schätzung nach Ende dreißig. »So ungern ich es tue. Lieber Gott. das hieß.dröhnend. Wahrscheinlich achtzehn oder neunzehn. Doch erinnern konnte ich mich nicht. Weißt du noch? Und du hast mit den anderen unten im Wäldchen gespielt. da ich dich vor mir sehe. ist das Unterhaus eigentlich inzwischen fertig?« fragte Theo. Aber setz dich doch wieder. Und dennoch hatte ich auch an ihn keinerlei Erinnerung. stellte er sich nonchalant neben den Kamin und betrachtete mich mit unverhohlener Neugier. daß er damals fast zwanzig gewesen sein mußte. als meine Mutter mit mir fortgegangen war. werden plötzlich zahllose Erinnerungen wach. dennoch verkrampft. »O ja. als wolle er den ganzen Raum mit seiner Persönlichkeit füllen. so ungezwungen er sich auch gab. Sein Gesicht hatte viel Ähnlichkeit mit meinem. »aber jetzt. ich muß dich bitten. sagte er. wie vergeßlich man ist. daß ich ihn als kleines Mädchen ungeheuer beeindruckend gefunden hatte. daß ich dich so anstarre«. wie er mit bedächtigen Bewegungen den Sherry aus der Karaffe in die Gläser goß. Darf ich dir einen Sherry einschenken?« Ich setzte mich und sah ihm zu. »Sag mal. Weiß der Himmel. Er ist hier sozusagen der Außenseiter. Ich lächelte ihn an. Colin zu entschuldigen. er paßt nicht in die Familie. verstehst du. Er ist mehr der Sohn seiner Mutter als seines Vaters. Sein Gebaren war. Ich konnte mir vorstellen. Der Sherry tat mir gut. bis auf den Glockenturm. Leyla. »Du mußt verzeihen.

« Ich sah mich um und dachte: Warum sollte man auch fort wollen. als warte sie auf eine Aufforderung. Leidest du auch an Kopfschmerzen?« »Überhaupt nicht.gearbeitet. daß du ausgerechnet Tante Sylvia sehen möchtest. »Wie merkwürdig. hat der Turm auch schon einen Namen – Big Ben. aber das ist so ziemlich alles. Ich war vor sechs Jahren das letzte Mal in London und da habe ich mir geschworen. Ich sah. Ich muß ab und zu nach Manchester – wir haben eine Baumwollspinnerei dort –. sie hat doch – « Eigentlich wollte ich von dem Brief erzählen.« Theo lachte. aber da wirst du bis morgen warten müssen. Die Nachricht von deinem Kommen hat sie sehr bewegt. Soviel ich weiß.« Er sprach mit einer gewissen Ehrfurcht von unserer Großmutter. nie wieder dorthin zu reisen. Wir Pembertons sind seßhafte Leute. einzutreten. Sie hatte eine schwere Erkältung mit starken Kopfschmerzen. eine Frau. wie Theos Blick zur Tür schweifte. wenn man so ein Zuhause hat? »Du möchtest sicher gern Großmutter deine Aufwartung machen. wenn sie sich besser fühlt. aber dann unterließ ich es. da ich ja vor der Lektüre ihres Briefes nicht ein einziges Mitglied der Familie Pemberton mit Namen gekannt hatte.« »Was?« Er war verblüfft. »Das klingt ja sehr gemütlich. »Ich meine. Die Glocke zersprang bei der Probe. Warum?« »Du wirst sie also morgen sehen. »Ehrlich gesagt. die auf der Schwelle stehenblieb.« Was nicht ganz unwahr war. »Ja. Sie fühlt sich in letzter Zeit nicht recht wohl. kam eine dritte Person in die Bibliothek. und .« »Wieso?« Ehe er mir darauf eine Antwort geben konnte. was ich an Reisen unternehme. an sie erinnere ich mich am deutlichsten. mochte ich viel dringender Tante Sylvia sprechen.

»Martha!« flüsterte ich. Ich sah das Gesicht eines Mädchens. Aber dies war kein junges Mädchen in einem weißen Kleid. und ein wunderbarer Duft wehte mir entgegen. und sie trug ein elegantes Abendkleid aus altrosa Brokat mit kostbarer Stickerei am Dekollete. Die Frau. Das Bild des strahlenden jungen Mädchens verblich. mindestens dreißig. Sie war von meinen Verwandten die erste. Statt dessen stand eine hübsche Frau vor mir. als sie auf mich zuging. Ich bewunderte ihre modische Frisur mit den duftigen Ringellöckchen. und ich war ihr sogleich für zwei Dinge dankbar: daß sie mich mit echter Herzlichkeit begrüßt hatte und mir den Anstoß zu einer ersten flüchtigen Erinnerung an meine Kindheit in Pemberton Hurst gegeben hatte. Es war wohl erst vor kurzem?« »Vor zwei Monaten. wie benommen. als sie meine Hände nahm. »Leyla. sagte sie. Onkel Robert war ein blendend aussehender .drehte den Kopf. eines sehr hübschen jungen Mädchens mit roten Schleifen im Haar und einem weißen Kleid.« »Ich habe sie in so lieber Erinnerung. die mir mit ausgestreckten Händen entgegenkam. Langsam. aus dem mehrere Stricknadeln herausschauten. stand ich auf und hätte beinahe meinen Sherry verschüttet. daß deine Mutter gestorben ist. Es ist unglaublich. wie ähnlich du ihr siehst. In der einen Hand trug sie einen ziemlich großen Pompadour mit einer Stickerei von Veilchen auf perlweißem Grund. In diesem Augenblick sprang mir blitzartig ein Bild vor Augen. Aber du hast auch mit deinem Vater Ähnlichkeit. war älter als ich. Das tut mir leid. deren Ton mir aufrichtig schien. willkommen zu Hause«. »Ich habe gehört. die ihr über die Ohren fielen.

»Alte Erinnerungen – « »Nicht so hastig. ich kann dich verstehen«. Und von meiner achtzigjährigen. achtete auf jedes ihrer Worte. um mich über die neueste Mode zu unterhalten. Du hast von beiden etwas. Sie hatte mir den Brief . »Oh. unterbrach Theo. fuhr Martha fort. »Natürlich. Leyla wird kaum daran interessiert sein. Das erstemal hörte ich ein Wort über meinen Vater. daß Martha ihr Verhalten so plötzlich geändert hatte. Martha. hätte ich in diesem Moment zu weinen angefangen. »Manchmal läßt man Erinnerungen lieber ruhen. würde mich wohl genauso enttäuschen wie die anderen. daß die Krinoline im nächsten Jahr vorne flach werden soll? Wie findest du das. dachte ich. Martha«. ist vorbei. Was vorbei ist. daß ich Martha nur sprachlos anschauen konnte. von Onkel Robert und von Tante Jenny.« Flüchtig umwölkte sich ihr Gesicht. »Es gibt so viel zu erzählen. Im Grunde also blieb mir nur Tante Sylvia. Über die neueste Mode zum Beispiel. Leyla«.Mann.« Wenn ich mich nicht eisern beherrscht hätte.« Theo war daran schuld. meine Großmutter und Tante Sylvia hoffen. in der Vergangenheit zu graben. so hatte ich auch von ihm nichts zu erwarten. denn er ließ sie keinen Moment aus den Augen. als ich beharrlich schwieg. vielleicht vergreisten Großmutter durfte ich nicht zuviel erhoffen. Wenn Henry Pemberton sich wie seine Frau und sein Sohn verhielt. Ich konnte nur noch auf Onkel Henry. Leyla?« Der abrupte Themawechsel war so irritierend. dann lächelte sie wieder frei und offen. »Man kann sich das zunächst gar nicht vorstellen. Wußtest du. Ich war nicht nach zwanzigjähriger Abwesenheit in dieses Haus gekommen. fuhr Martha fort. Unterhalten wir uns lieber über das Heute.

sondern kehrte sogleich an seinen Platz zurück. obwohl auch dort ein Gedeck aufgelegt war. Großmutter Abigail und Großtante Sylvia. Anna setzte sich neben ihren Mann. Martha gegenüber. bemerkte Theodore. daß Henry große Ähnlichkeit . murmelte er. der zwischen Colin und mir.geschrieben. Neben Anna und Martha in ihren eleganten Abendroben kam ich mir wieder vor wie eine arme Kirchenmaus. Auf dem wahrhaft königlich gedeckten Tisch mit der weißen Damastdecke standen Blumenarrangements und Schalen mit Früchten. aber er gab mir keine Gelegenheit dazu. Der Stuhl am Kopfende der Tafel blieb leer. Dann folgte ich an Annas Seite und mir gegenüber. vermutete ich. es schienen ihre angestammten Plätze zu sein. kam Henry um den Tisch herum und schloß mich fest in die Arme. Lauf das nächstemal nicht wieder so überstürzt davon. ja?« Ich hätte mir gern sein Gesicht genauer betrachtet. neben Martha. Voll ungeduldiger Spannung erwartete ich ihr Erscheinen. »Bunny«. Vetter Colin. blieb leer. Auch der Stuhl am anderen Ende der Tafel. Dort lag allerdings auch kein Gedeck. Das Speisezimmer war ein prachtvoller Raum. daß du wieder hier bist. Die Plätze links und rechts von ihm wurden von Onkel Henry und Theo eingenommen. Diese beiden Ehrenplätze. sie wenigstens mußte mich doch mit offenen Armen aufnehmen! »Es ist gleich acht«. »Es ist so schön. Die Pembertons wußten Behaglichkeit und Luxus zu vereinen. Ich wußte. waren den beiden Alten der Sippe vorbehalten. »Darf ich die beiden Damen ins Speisezimmer begleiten?« Colin und Anna waren schon da. dessen helles Feuer das Porzellan und das Silber auf dem gedeckten Tisch vergoldete. Ehe ich mich setzte. In gedämpfter Unterhaltung standen sie am offenen Kamin.

dann Platten mit Fleischpastete und Gemüse. eine feine Bouillon zuerst. Zwei Mädchen begannen. Wir aßen schweigend. doch ich spürte. Beim Dessert lockerte sich die Stimmung ein wenig. wie die anderen. daß ich schließlich noch immer eine Fremde für diese Menschen sei. in den Augen meiner stillen Cousine spiegelte sich eher Traurigkeit. daß das Unbehagen meiner Verwandten einen anderen Grund haben könnte – und ich wußte nicht. Über Blumen und flackernde Kerzen hinweg lächelten wir alle einander freundlich zu. welchen – . und ich spürte. das im eigenen Garten gezogen war. sagte er. Gelegentlich lächelte Martha mir über den Tisch hinweg zu. und meine Verwandten erwachten aus ihrer Schweigsamkeit. daß ich mir dieses Verhalten kurzerhand damit erklärte. Doch dieser Mann weckte genau wie die anderen. während wir den ersten Schluck Wein tranken. daß sie Zeit brauchten. ehe es zum Bürgerkrieg kommt. Die quälende Ahnung. daß diese Freundlichkeit nicht stimmte. ich hatte den Eindruck. »Die Lage in Amerika«. »Wir haben sie durch Parlamentsbeschluß . Henry war es.« »Das kommt nur. keine Erinnerungen in mir.mit meinem Vater haben mußte. zu der Brot und Butter gereicht wurden. wie lange es noch dauert. Nur schien Martha mir gegenüber nicht dieses Unbehagen zu empfinden. »scheint ja immer schwieriger zu werden. Ich bin gespannt. weil sie an der Sklaverei festhalten«. um mich in ihrer Mitte aufzunehmen. Ich wünschte mir so sehr eine Familie. aber auch sie verbarg ihre wahren Gefühle. versetzte Theo. daß er wegen meiner ersten Worte zu ihm immer noch verärgert war. und ich wollte es ganz genau studieren. außer Martha. unterdrückte ich einfach. die Speisen aufzutragen. daß das in diesem Haus so üblich war. der das Schweigen brach. Ab und zu fing ich einen Blick von Colin auf – wieder war es dieser forschende Blick –.

daß man keine Gewinne machen kann.« »Das mag richtig sein«. Waren diese Erörterungen von Familienangelegenheiten in meinem . doch seine Gesten wirkten ein wenig verärgert. daß sie unserem Beispiel nicht folgen. es war sicher kein Geheimnis. Wenn sie die aufgeben. »aber mir geht es weniger um die Sklaven als um die Baumwolle. Wenn die Südstaatler einen Krieg anfangen. Ich finde es barbarisch. welchen Platz Colin in der Firma einnahm. Die Baumwollpreise werden in die Höhe schnellen. sind unsere Baumwollieferungen gefährdet. Theo.oder zweimal nahm er Anlauf. Jeder Geschäftsmann weiß. Mit der Zeit jedoch begann ich ungeduldig zu werden.schon 1833 in unseren Kolonien abgeschafft.« »Und wer soll die Baumwolle pflücken. »Es kommt ganz darauf an. wenn man auf die Forderungen der Arbeiter Rücksicht nehmen muß. da ich mich an Theos Bemerkung über eine Baumwollspinnerei in Manchester erinnerte. Hier geht es um wirtschaftliche Interessen. Und während Henry und Theo über die Geschäfte des Familienunternehmens sprachen. wenn die Sklaven befreit werden? Hier geht es nicht um Moral und Menschlichkeit. beobachtete ich heimlich Colin. meinte Henry. Die gesamte Industrie der Südstaaten steht und fällt mit der Sklaverei. Ein. fragte ich mich.« »Aber als vor elf Jahren das Gesetz über den Zehn-StundenTag erlassen wurde – « Während Vater und Sohn sich unterhielten.« Ich hörte bei dieser Erörterung mit Interesse zu. ob den Südstaaten Menschlichkeit wichtiger ist als Profit. Hatten die Pembertons ihr Vermögen mit Baumwolle verdient? Ich hätte es wissen müssen. Sein Gesicht war ausdruckslos. aber ich hatte keine Erinnerung daran. und überlegte es sich dann anders. erwartet sie wirtschaftlicher Niedergang. etwas zu sagen.

man würde mich lachend und weinend in die Arme schließen? Aber plötzlich fiel mir wieder ein. ohne meine Familie wiedergesehen zu haben. Edward zu heiraten und mein neues Leben zu beginnen. besorgten Worte gelesen hatte. nach Pemberton Hurst zurückzukehren: Tante Sylvias Brief. daß ich etwas absolut Unpassendes gesagt hatte. wenn nicht der Brief gewesen wäre. und der Wunsch. daß sie uns erst jetzt in London ausfindig gemacht und große Sehnsucht nach uns hätte. und an dem Ausdruck auf ihren Gesichtern sah ich.Beisein ein Hinweis darauf. »aber darf ich jetzt hinaufgehen und Tante Sylvia besuchen?« Annas Kopf flog herum. wäre es zufrieden gewesen. der Wein erlesen. die ganze Familie wünsche unsere Rückkehr. mich in die Familie aufzunehmen? Oder wollte man mit dieser Diskussion nichts weiter als meine Anwesenheit ignorieren?… Das Essen war ausgezeichnet gewesen. Nur die Gesellschaft hatte meinen Erwartungen nicht entsprochen. ihre Mitteilung. wurde übermächtig. was mich getrieben hatte. Wie sehr hatte ich mich getäuscht. Ich hätte vielleicht nie den Mut aufgebracht. an dem das unberührte Gedeck lag. denn meinen Verwandten war dieses Schreiben unbekannt. da hatte ich geglaubt. Die anderen schwiegen. daß man bereit war. »Bitte entschuldigt«. Aber was hatte ich denn erwartet? Schließlich war ich für diese Menschen zwanzig Jahre verschollen gewesen! Hatte ich wirklich geglaubt. . die Umgebung angenehm. als hätte ich ihnen das Wort abgeschnitten. Als ich Tante Sylvias warme. Ich schaute zu dem Platz hin. sagte ich laut. hierher zu kommen. meine Tante zu sehen.

»Ach. »Tante Sylvia ist tot. sagte Martha schließlich. und in ihren Augen sah ich wieder dieses tiefe Mitleid.« . »Hat es dir denn keiner gesagt?« »Was denn?« fragte ich erschrocken. Leyla«. Sie ist vor vier Wochen gestorben.

Cousine?« fragte Colin. Henry. sagte Anna. alle meine Hoffnungen hatten auf Sylvia Pemberton geruht. Jetzt habe ich dir das Abendessen verdorben. und die dunklen Wände schienen um mich herum . »Es tut mir leid. »Erst ihre Mutter. Bring sie hinauf. »Es ist zuviel für sie«. Henry schob seine Hand unter meinen Ellbogen und half mir die Treppe hinauf. Das arme Ding braucht Ruhe. die sich ehrlich freuen würde. mich wiederzusehen. Mit jeder neuen Begegnung in diesem Haus war mein Bedürfnis. nichts. Und doch war ich wie vor den Kopf geschlagen.« Ich sprang so heftig auf.« »Warum so niedergeschmettert. Ich hatte meine Tante ja nie gekannt. Leyla«. stärker geworden. jetzt Sylvia. sie zu sehen. sagte Anna. ich hatte keinerlei Erinnerungen an sie.3 Ich weiß nicht. »Ach Gott!« sagte jemand.« »Entschuldigt mich. was mich mit ihr verband. Aber nun war sie tot.« Ich fühlte mich wie von Schleiern eingehüllt. und Henry eilte um den Tisch herum zu mir. Bis zu diesem Augenblick war ich mir nicht bewußt gewesen. Ich schicke Gertrude mit einer Tasse Tee. »Du hast sie doch kaum gekannt. als Henry mich aus dem Speisezimmer führte. als werde sie die einzige sein. Der Geruch seines Haaröls stieg mir betäubend in die Nase. daß mein Stuhl umkippte. warum diese Nachricht mich so heftig erschütterte. »Ich hätte es dir sagen sollen. wie sehr ich mich auf Tante Sylvias herzlichen Empfang verlassen hatte.

als hätten meine Mutter und . doch keiner hatte es getan. ihn eingehend betrachten zu können. und betrachtete mich schweigend. die mich zu umgeben schienen. Bunny. Hatte ich diese Stimme als Kind gehört. mir die traurige Wahrheit zu sagen. und doch schien es mir. das das meines Vaters hätte sein können. Dabei wünschte ich mir verzweifelt. wenn mein Vater mich getröstet hatte? Brüder sind sich häufig sehr ähnlich. Ich spürte Henrys Nähe. Ich weinte und ließ die ganze Enttäuschung aus mir herausströmen. daß ich so unhöflich war. Immer wieder hatte ich beim Essen versucht. »Es tut mir leid. In meiner Enttäuschung über Sylvias Tod war ich wütend auf die anderen. sagte ich stockend. Henry stand immer noch an meinem Bett. Er stand besorgt über mich geneigt. konnte ich sein Gesicht nicht sehen. Ich fand zum Bett und ließ mich jetzt weinend darauf niederfallen. Der Schock und die Enttäuschung über Sylvias Tod setzten mir sehr zu. mir die Wahrheit zu sagen? Vor meiner Zimmertür blieben wir stehen.« »Es ist nicht unhöflich.zusammenzurücken. mir die Augen trocknete und aufstand. Durch die Nebelschwaden. und ich wankte hinein. Henry redete mit leiser. ein gutes Stück größer als ich. an die ich mich nicht erinnern konnte. an Anna vorbeizusehen. um einen Blick auf das Gesicht zu erhaschen. als wäre ich nahe daran. um eine Tote zu trauern. Warum hatten sie geglaubt.« Er nannte mich bei diesem Namen. ihr Tod könne mir etwas bedeuten? Warum hatten sie es nicht fertiggebracht. Warum nicht? Sie war doch nur eine fünfundsiebzigjährige unverheiratete Großtante gewesen. das war mir noch nie passiert. beschwichtigender Stimme auf mich ein. War Henry ein Abbild meines Vaters? Die Zimmertür ging auf. »Verzeih mir«. Jeder hatte die Gelegenheit gehabt. Ich würde nicht ohnmächtig werden. ehe ich schließlich nach meinem Taschentuch kramte.

Das gleiche Wort war mir gekommen. »Morgen wirst du dich besser fühlen. als hätte sich flüchtig ein Vorhang geöffnet. das ich in diesem Moment nicht benennen konnte. Als ich meine Tränen getrocknet hatte. Er war immer noch schlank und beweglich und hielt sich kerzengerade. Bunny. war eine Ausstrahlung tödlichen Verhängnisses. wie eine tiefe Niedergeschlagenheit sich meiner bemächtigte. auch wenn sein Haar von Grau durchzogen war und sein Gesicht von den Jahren gezeichnet. das ich festhalten konnte. Es war mehr ein Gefühl.ich Pemberton Hurst erst gestern verlassen. das Kinn kaum eingekerbt.« »Ja«. Aber warum dieses Gefühl? Und war dies das Gesicht meines Vaters? Henry. um mir eine Szene auf der anderen Seite zu zeigen. mehr um mich selbst als ihn zu überzeugen. Ich stellte mir vor. Du brauchst jetzt vor allem Schlaf. keine Szene eigentlich. Er musterte mich aufmerksam mit forschendem Blick. überkam mich ein tiefer Schmerz. sagte ich leise. Qual beinahe. Indem er mich Bunny nannte. die mir in dieser Sekunde bewußt geworden war. sicherlich Ende fünfzig. war ein stattlicher Mann. Als ich in Henrys ausdrucksloses Gesicht sah. Ich sah in Henrys Gesicht und spürte. hätte er damals die Cholera-Epidemie überlebt. und sei sogleich wieder zugefallen. »Ich bin froh. daß mein Vater. daß ich wieder hier bin«. mir wurde wohler. Und . Nein. sah ich endlich zu ihm auf. Es war. Gewiß hatte mich nur die unerwartete Nachricht von Sylvias Tod so aus der Fassung gebracht. Forschend. ein Gefühl der Aussichtslosigkeit. überbrückte er die Kluft von zwanzig Jahren. Die dichten Wimpern hingen schwer über seinen Augen. sagte ich. Und die Ausstrahlung. als Anna mich gemustert hatte. Das Gefühl der Niedergeschlagenheit begann zu weichen. die an etwas anderes grenzte. jetzt ähnlich aussehen müßte. Die Nase war eine Spur zu groß. kein Bild. Ein Bild blitzte auf.

Ein Schüler von Charles Barry.« Ich sah Henry an. »Aber natürlich. Er hofft. Als er meine Verwirrung bemerkte. sagte Henry. wer ist der Mann?« »Du kennst ihn nicht. und aus guter Familie. wo ich geboren bin. viel früher?« Ich wußte nicht. Du warst unser . »warum bist du eigentlich zurückgekommen? Ich meine. daß man seinem Entwurf den Vorzug vor den anderen geben wird – « »Wir müssen ihn kennenlernen. »Bunny«. Onkel. wie ich diese Frage beantworten sollte. übertriebenem Ernst. »Ich werde bald heiraten. wie mir schien. Er ist Architekt in London. Und er ist sehr gebildet. warum bist du erst jetzt gekommen und nicht schon viel. Irgend etwas stimmte nicht. wollte ich wenigstens einmal noch meine Familie sehen und das Haus. Kind. als suchten sie noch etwas. wurde er wieder weicher. und seine Stimme klang weich und tröstlich. Bis dieser Brief gekommen war. sagte mein Onkel mit. Ich lernte ihn – « »Habt ihr den Tag schon bestimmt?« »Wir wollen im nächsten Frühjahr heiraten. und es gibt eine Menge Dinge. Als du vor zwanzig Jahren mit deiner Mutter von hier fortgingst. von denen du nichts weißt. Das beharrliche Schweigen meiner Mutter über dieses Haus und diese Familie hatte auf mich die Wirkung eines unausgesprochenen Gebots gehabt. Onkel Henry. »Du willst heiraten!« »Ja. du bist noch so jung. Er arbeitet an den Plänen für den Victoria-Bahnhof. Pemberton Hurst zu vergessen.genauso hatten Theo und Colin mich angesehen. »Bunny. und ich wollte vorher – « Er wich einen Schritt zurück. fürchteten wir. Und ehe ich diesen neuen Abschnitt beginne. daß wir dich niemals wiedersehen würden. Der Brief von Tante Sylvia. und – « »Bunny. Leyla«. so. Onkel. Er ist wohlhabend.

daß wir dort gespielt haben. er blieb ein Fremder. Du und Theo.Sonnenschein. Sein Gesicht veränderte sich. morgen sieht alles ganz anders aus. Er mochte mit mir verwandt. Bunny. weißt du. Ich hoffe es von Herzen. Du wirst mit der Zeit alles kennenlernen. Colin hat mir davon erzählt. dann kann ich dir das Grundstück zeigen. Und was hat er dir erzählt?« »Nur. als wäre dieser Mann mein Vater. ich könnte mich ihm in die Arme werfen.« Aber das stimmt nicht. Bunny.« »Ja. Ich hoffe. bis er gegangen war.« In diesem Augenblick klopfte es an die Tür. wir haben große Ländereien. Und ich möchte. Es beschränkt sich nicht auf den Hügel.« Gertrude wartete. als sie das Tablett auf den kleinen . ich könnte so tun. er mochte mir ähnlich sein. da kommt Gertrude mit dem Tee. aber noch mehr von meinem Bruder Robert. daß du dich hier zu Hause fühlst. Ich sehe es in deinem Gesicht. Schlaf gut. »Bis morgen legt sich dieser schreckliche Wind bestimmt. hätte ich am liebsten gerufen. du bleibst lange bei uns. »Du erinnerst dich also an das Wäldchen?« »Nein. es reicht viel weiter.« »Ja. Das Wäldchen. Aber das ging nicht. Ich wünschte mir verzweifelt. ist dir das nicht aufgefallen? Ich bin einzig um dein Wohl besorgt. Wir gehören alle einer Familie an. war völlig unerwartet. in unseren Adern fließt Pemberton Blut. wurde hart und verschlossen. daß sie. »Ah. die es auf meinen Onkel hatte. was mich veranlaßte. ihr ähnelt einander. die Wirkung jedenfalls. dann kam sie mit dem Tablett leise herein.« »Ach so. Du hast viel von Jenny. das zu sagen. Wir alle wünschen das. aber ich hatte den Eindruck. Vielleicht bildete ich es mir ein. ich weiß.« Ich weiß nicht. Fast der ganze Grund zwischen dem Haus und East Wimsley gehört uns.

« »Ja.« Ihre Lippen zitterten. Sie schien beinahe Angst vor mir zu haben. »Danke für den Tee. Gertrude?« Sie fuhr herum. ging sie zur Tür.« Ich trat einen Schritt auf sie zu. aber ich kann mich an Sie nicht erinnern. als ich noch ein kleines Kind gewesen war. um lange Umschweife zu machen. diese Frau schon früher gekannt zu haben. Sonst brauche ich jetzt nichts mehr. »Ja. Ich konnte ihren Kummer nicht verstehen. Noch immer stand sie regungslos da. Kindchen. Kindchen.« Noch immer sah sie mich nicht an. »Haben Sie mich vermißt. als wage sie es nicht. Ich fand dieses Verhalten bei einer Frau. Gertrude?« »Fast dreißig Jahre. »Und jetzt bin ich wieder da. Der Schein des Feuers glänzte auf ihrem krausen Haar. Gertrude. Gertrude?« Sie hielt augenblicklich in ihrer Tätigkeit inne.« Schlurfenden Schrittes. als ich fort war. Hatte dieser seltsame Gang nicht etwas Vertrautes? Hatte ich als Kind Gertrude beobachtet und mich gefragt.« »Es tut mir leid. und ich sah erstaunt die Tränen in ihren Augen. ergriff mich ein Gefühl – das Gefühl. Ich habe immer darum gebetet. ausgesprochen sonderbar. Können wir beide das nicht bald einmal tun?« . die mich wahrscheinlich versorgt hatte. verstohlen zu mir herüberblickte.« Ich ging um das Bett herum und stellte mich ihr gegenüber. »O ja.Tisch vor dem Kamin stellte und dann zum Bett ging. Sie und Ihre liebe Mutter. mich offen anzusehen. »Sind Sie schon lange bei der Familie Pemberton. Viel zu müde. das eine Bein etwas nachziehend. »Ich möchte so gern über früher sprechen. Miss Leyla. wie auf dem Sprung. ich habe Sie schrecklich vermißt. um das Kissen aufzuschütteln. ich erinnere mich. daß Sie wiederkommen. fragte ich unverblümt: »Erinnern Sie sich an mich. warum sie hinkte? Als sie die Tür öffnete.

Verzeihen Sie. Abgesehen von den persönlichen Dingen. daß ich das so sage. »Nochmals danke für den Tee. lösten in mir ein Gefühl der Leere und tiefer Schwermut aus. waren Unbekannte für mich und behandelten mich wie eine Unbekannte.« Die Tür schloß sich leise. Alles war ganz anders. Mit dem Haus war es ähnlich. Wecken Sie mich zum Frühstück? Gute Nacht. aber Vergangenes gehört in die Vergangenheit. »Sind die anderen denn auch dieser Meinung?« Sie nickte mit Nachdruck. die aus und vorbei sind. Miss Leyla. das ich nicht kannte und das mich nicht kannte. es war groß und leer und fremd. Das Zimmer war plötzlich klein und fremd. die in ihm wohnten. »Spricht denn die Familie nie über die Vergangenheit?« Sie schüttelte den Kopf. ich werde Sie enttäuschen. die ich im Raum verteilt hatte. Gertrudes Abwehr und eine neue Sehnsucht nach meinem Vater. Woran lag das? Lag es vielleicht nur an mir? War ich überempfindlich? Ich hatte die ersten fünf Jahre meines Lebens in diesem Haus verbracht. Sie können mir von meiner Mutter erzählen und von meinem Vater – « »Verzeihen Sie mir. Eine schöne junge Frau wie Sie sollte sich nicht um Dinge kümmern. Mein Vater und mein Bruder waren in diesem Haus gestorben. .« »Das glaube ich nicht. mit der sie nichts gemeinsam hatten. Ich konnte mich nicht erinnern. Das merkwürdige Verhalten meiner Verwandten.»Ach. Ich fürchte. mich je in meinem Leben einsamer und verlorener gefühlt zu haben. Vielleicht hatte ich allzu hohe Erwartungen gehegt. und die Menschen. »Ich verstehe…« Aber ich verstand natürlich nicht. war es ein Zimmer.« »Wenn Sie meinen…« Ich breitete in einer Geste der Hilflosigkeit die Hände aus. und ich war nun allein. Miss Leyla. als ich erwartet hatte. ich habe ein schlechtes Gedächtnis.

mein Geist war hellwach. die ich. Gewiß war das tragisch. nicht darüber sprechen konnte? Eine der wenigen Auskünfte. Aber der Schlaf wollte sich nicht einstellen. war so einfach nicht zu begründen.War es denn verwunderlich. Der Tee wirkte Wunder. daß mein Vater und mein Bruder in diesem Haus an Cholera gestorben waren. Henry hatte recht gehabt. Fragen. hatte verdrängen können. die mir aber jetzt. wenn das Gespräch auf die Vergangenheit gekommen war. daß ich nach so langer Zeit diesen Menschen hier genauso fremd war wie sie mir? Ich mußte Geduld haben. zwanzig Jahre später. die ich von meiner Mutter auf meine Fragen bekommen hatte. daß man jetzt. so als wäre das Thema peinlich oder schmerzlich. wieder in den Sinn kamen. so daß ich schließlich mit einem Gefühl des Wohlbehagens mein Nachthemd anlegen und in das Bett schlüpfen konnte. war. aber ihr offenkundiges Widerstreben. Er versetzte mich in einen Zustand leichter Euphorie. daß wir einander fremd waren. Alle hatten sie deutliche Abwehr gezeigt. mit mir über die Vergangenheit zu sprechen. Sicherlich war das seltsame Verhalten meiner Verwandten mir gegenüber zum Teil damit zu erklären. Aber warum war das so? Was an der Vergangenheit war so aufwühlend. in der Dunkelheit und Stille des Schlafzimmers. daß die Familie noch heute darunter litt. Mit der Zeit würden sie mich gewiß in ihrer Mitte aufnehmen. . aber es konnte doch kein so erschütterndes Ereignis gewesen sein. Fragen begannen mich zu quälen. drehte ich mich auf die Seite und schloß aufatmend die Augen. durch das Zusammensein mit der Familie abgelenkt. Nachdem ich die Kerze auf dem Nachttisch gelöscht hatte. So müde und erschöpft ich von den Ereignissen des Tages war. Morgen würde alles anders aussehen.

Theodore. Er hätte am liebsten den ganzen Abend Erinnerungen aufgefrischt. Martha. aber gleichzeitig flüsternd die Wahrheit sagte. wenn Theo uns nicht unterbrochen hätte. daß meine Mutter in der Tat jedes Gespräch über die Vergangenheit vermieden hatte. das es notwendig machte. und die mich jetzt tief traf: ›Als wollte sie vergessen. Anna. schlief ich schließlich doch ein. Tante Sylvia in ihrem Grab. von grotesken Bildern und seltsamen Träumen gestört. mit der er von unserer Kindheit und von unseren Spielen im Wäldchen erzählt hatte. außer Colin. die ungesehene .‹ Mir war zuvor niemals aufgefallen. die sich über die Mode des nächsten Jahres ereiferte. aber mit einem Lachen voller Falschheit. der mich in den Armen hielt wie ein Vater. Aber mein Schlaf war unruhig. worüber nicht gesprochen werden durfte? Von dieser Frage belastet. Und plötzlich hörte ich glasklar seine Antwort auf meine Bemerkung. Aber gerade vor Colin hatte Anna mich gewarnt… Ich lag mit offenen Augen in der Dunkelheit und dachte über meinen Vetter Colin nach. daß sie jedes Gespräch über die Vergangenheit bewußt vermieden. Ich rief mir unser Gespräch in der Bibliothek ins Gedächtnis. daß meine Mutter niemals über die Pembertons gesprochen hatte. die Wärme. die mit lauter Stimme Lügen erzählte. daß es uns gibt. das hatte meine Mutter mit diesen Menschen gemeinsam gehabt – den Wunsch. sie zu vergessen? Was war es. Und war es nicht hier in Pemberton Hurst das gleiche? Hatte ich nicht bei meinen Verwandten dieselbe Überzeugung angetroffen. Aber warum? Was gab es in meiner Vergangenheit.Und doch gab es keinen Zweifel. Einer nach dem anderen suchten meine Verwandten mich im Traum auf: Henry. Alle. freimütig und offen. Colin mit seiner Unbekümmertheit um die Gefühle anderer. daß die Vergangenheit am besten begraben und vergessen sei? O ja. zu vergessen.

von deren Ästen vereinzelte welke Blätter herabfielen. Auch wenn es uns nach den ersten bitteren Jahren besser ging. dachte ich an den vergangenen Abend. um uns unser tägliches Brot zu verdienen. doch der Himmel war so blau. um mich derartig in einen solchen Zustand hineinzusteigern. aber ich freute mich zu sehen. Der Wind war so stürmisch wie am Tag zuvor. Durch mein Fenster sah ich einen winterlichen Wald kahler schwarzer und grauer Bäume. und ich mußte lächeln über mein kindisches Verhalten. Meine Mutter und ich hatten selten in Ruhe gefrühstückt. sich einen gewissen Ruf zu schaffen. eine strenge Äbtissin in einem hohen Turm. Während ich mich ankleidete. Ich fühlte mich nicht sehr ausgeruht. mir durch nichts die Stimmung verderben zu lassen.Großmutter Abigail. da wir schon in aller Frühe mit der Arbeit beginnen mußten. Und meiner Mutter war es im Lauf der Jahre gelungen. die nahe daran zu sein schien. Ich mußte wirklich sehr müde gewesen sein. Ich war allein und ohne Familie. und es mangelte uns nicht an Aufträgen. Nachdem meine Mutter mir die Grundbegriffe des Schneiderhandwerks beigebracht hatte. betraute sie mich jeden Tag mit besonderen Detailarbeiten. Entschlossen. mir alles zu sagen. mußten wir dennoch hart arbeiten. Aber diese Tage waren jetzt vorüber. daß die Sonne schien. wie ich ihn in London nie gesehen hatte. Und schließlich Gertrude. erst wenn ich meinen Platz bei den Pembertons . als ich erwachte. eines Tages meine eigene Schneiderwerkstatt zu führen. stieg ich die Treppe hinunter ins Frühstückszimmer. Wir arbeiteten in unserer Wohnung und kauften die Stoffe bei Londoner Großhändlern. die es mir ermöglichen sollten.

meine ganze Hoffnung ruhte nun auf den sechs Menschen hier im Haus. Leyla«. »Wie kann man nur in der Stadt leben!« »Ach.« Er lachte. so schlimm ist es gar nicht. Aber ich war entschlossen. forschende Weise. die Vergangenheit mit Geplauder zuzuschütten. wußte. daß ich zur Familie gehörte. als bis sie mich als eine der Ihren unter sich aufgenommen hatten.« Ich dachte an die vornehmen Herrschaftshäuser am Grosvenor und Belgravia Square und fragte mich. mich nach . der wieder tadellos gekleidet war. würde ich wieder gehen und Edward heiraten können. schlürfte genießerisch seinen Tee und betrachtete mich dabei wieder auf diese irritierende. nicht eher von hier fortzugehen. Du hörst die Pferdewagen am Fenster vorbeirollen. Tante Sylvia war tot. Er stand auf und rückte mir einen Stuhl zurecht. die Musik in den Wirtschaften. sagte Theodore. wenn auch etwas ungewohnt. »Aber nun sag doch mal. Theodore. dir wird es hier gefallen. »Was hat dich nach Pemberton Hurst zurückgeführt?« Ich warf ihm einen verwunderten Blick zu. »Warte nur. verlegten sie sich darauf. die mir auffiel: Wenn die Pembertons nicht gerade damit beschäftigt waren. das Grölen der Betrunkenen. und ich hatte mir insgeheim geschworen. warum meine Verwandten kein Stadthaus hatten. Das war eine weitere Merkwürdigkeit. das Geschrei der Straßenhändler. »Hast du gut geschlafen. Sogar im Winter ist Pemberton Hurst sehr schön.wiedergefunden hatte. mir den Tag nicht durch Phantasien verderben zu lassen. Leyla?« »Danke. In London wird es praktisch die ganze Nacht nicht still. Theodore war allein im Frühstückszimmer. ehe er sich wieder an seinen Platz setzte.« Ein Mädchen brachte Tee und Toast. während er sich frischen Tee einschenkte. Die Ruhe hier ist herrlich.

« »Aber du bist doch verlobt. »das ist unsere Fabrik. Vater ist nach East Wimsley gefahren. sind die Pembertons. Ich wollte wissen. »Sie hat sich in letzter Zeit gar nicht wohl gefühlt. Theo. wo der sich herumtreibt. Unserer Familie gehören die gesamten Außenbezirke von East Wimsley.dem Grund meiner Rückkehr zu fragen. »Wo sind denn die anderen?« fragte ich dann etwas verlegen. Martha sitzt wie immer über irgendeiner Stickerei. Immerhin ist sie schon achtzig. Großmutter möchte dich heute sehen. ich wollte wieder eine Familie haben. Und Colin – weiß der Himmel. Das verstehst du doch. Erst heute nachmittag.« »Nein. Wir haben die fünftgrößte Baumwollspinnerei in England.« Das hörte sich an wie ein Befehl. aus der ich stamme. »Ja«.« »Das wußte ich nicht.« . er stieß sich an dem Wort ›uns‹. »Meine Mutter ist bei Großmutter. natürlich. gehört die uns?« Ich glaube.« »Dann gehe ich gleich zu ihr.« »Ja. aber das ist etwas anderes. Ich bringe dich zu ihr und stelle dich vor. woher ich komme. Die Familie. Als sie starb.« Er schien damit zufrieden. aber er ging darüber hinweg. Du wirst bald eine eigene Familie gründen. die große Fabrik gleich außerhalb von East Wimsley. Großmutter ist ein wenig exzentrisch. noch nicht. »Übrigens. antwortete er.« »Wie Colin?« Theodore lachte humorlos auf. Verloren.« »Sag mal. fühlte ich mich sehr einsam. »Zwanzig Jahre lang war meine Mutter meine ganze Familie. nicht?« »Aber ja.

und ich hatte den Eindruck. Theo. wenn man in der Stadt lebt.« Er schenkte sich Tee ein und trank ihn hastig.« Ich fuhr herum. die so gern in diesen harmonischen Familienkreis aufgenommen werden möchte. ich sei aus reiner Berechnung zurückgekehrt. ich kann es mir nicht erklären. Da lernt man nur Unsinn. angelockt vom Reichtum der Familie.« »Guten Morgen.« Der ironische Unterton ärgerte mich. Deine Offenheit ist wohltuend. Sein Haar war vom Wind zerzaust. und um seine Lippen lag ein unverschämtes Grinsen. »Du bist wirklich ein Flegel. nicht bereit. in der einen Hand eine Reitgerte. schöne Cousine. setzte er sich ohne Umstände an den Tisch. er sei nahe daran. Ich hatte den Verdacht. und wußte nicht. welchen ich unerfreulicher fand – Theo mit seiner Falschheit oder Colin mit seiner unverfrorenen Ehrlichkeit.« »Kein Wunder. »Guten Morgen. Guten Morgen.Seine Augen verengten sich ein wenig. »dann zeige ich dir dein früheres Zuhause. mich von Theodore einschüchtern zu lassen. Leyla?« fragte er mich.« Ich betrachtete die beiden Männer. Colin stand breitbeinig an der Tür.« »Danke. Obwohl er noch in Reitkleidung war. Dann aber sah er weg und sagte nur: »Nein. »Ganz recht«. mir eine offene Antwort zu geben.« . sie wird der guten Leyla. »Mehr schlecht als recht. Colin. warum?« Einen Moment lang erwiderte er meinen Blick. »Reitest du eigentlich. er argwöhne. »Kannst du dir vorstellen. sämtliche Illusionen rauben. erwiderte ich mit einer gewissen Schärfe. sagte Colin. Theo. Colin«. Ich fürchte nur. »Komm mit mir«. »Deine Mutter scheint dich ja wirklich völlig im dunklen gelassen zu haben. die mir am Tisch gegenübersaßen. antwortete ich höflich.

« Theo war nicht belustigt.« »Sie geht mit mir.« »Ist das eine Herausforderung?« »Wieso? Willst du es für eine Guinee in diesem Haus aushalten?« »Ich habe nicht den Eindruck. »Na. du hältst dich wohl immer noch brav an den guten Rat.« »Colin!« rief Theo und sprang zornig auf. »Hast du das gehört. die Hände in die Hüften gestemmt. »Eine Guinee. was er sagte. dann geh’ mit Theo. sonst würde ich gern mit dir gehen. »Komm mit mir zum Wäldchen. Theo. Colin.« Colin stand abrupt auf und sah. Theo? Wie wenig sie über uns weiß. Colin. und ich fühlte mich flüchtig an Edward erinnert. »Letzte Chance. Colin ignorierte Theos Bemerkung. »Du kannst dir Pemberton Hurst von mir zeigen lassen oder du kannst mit Theo gehen. Für gestern abend habe ich mich entschuldigt. da man dich so nachdrücklich vor meiner Gesellschaft gewarnt hat – « »Theo hat mich zuerst aufgefordert. dem flegelhaften Colin aus dem Weg zu gehen.« . fertig. Er hielt die grünen Augen unverwandt auf mich gerichtet. daß es hier etwas auszuhalten gibt. bemerkte Colin ungerührt. war alles. mit einem herausfordernden Lächeln zu mir herunter. Überleg’ dir die Wahl gut.»Ich hatte eigentlich Theo versprochen – « »Schön.« Colin warf den Kopf zurück und lachte. »Ach. Was muß ich noch tun.« Theo tupfte sich die Lippen mit der Serviette. um dir mein Bedauern unter Beweis zu stellen?« Die grünen Augen blitzten unternehmungslustig. daß du in weniger als vierzehn Tagen wieder in London bist. wie? Nun. Schon wegen der alten Erinnerungen. wenigstens hast du uns jetzt das Frühstück gründlich verdorben«. aber ich möchte sehr gern zum Wäldchen. Leyla«. Du hast doch sicher noch im Pferdestall zu tun. »Bist du verrückt geworden?« »Ach.

aber dann fiel mir ein. das kannst du halten wie du willst. und daß es unklug wäre. Jedenfalls erzählte man uns das. Theos Wort ist dir Gesetz. mir scheint. Die Ruinen sind baufällig. »Wie ist sein Vater eigentlich gestorben?« »Onkel Richard? Durch einen Unfall mit dem Wagen. »Du wirst dich schon noch an Colin gewöhnen«. Leyla. »Manchmal könnte man meinen. Ich wünsche euch beiden einen angenehmen Rundgang. mir die Feindschaft dieses Mannes zuzuziehen. Das Pferd scheute. als wir zurückkamen. sagte er entschuldigend. »Tja. Er war monatelang nicht ansprechbar. daß ich hier immer noch Gast war. glaube ich. Ich muß dir verbieten. Colin schien enttäuscht zu sein. eine Fremde in diesem Haus. mich von ihm herumkommandieren zu lassen. »Sie kam auch bei dem Unfall ums Leben. Es war vor ungefähr zwölf Jahren.« »Hier? In Pemberton Hurst? Das kann doch nicht wahr sein!« . Theo war es vielleicht gewöhnt. Sie saßen beide im Wagen.« »O Gott…« Ich sah ihn an. aber ich hatte nicht die Absicht.« Ich starrte ihn verblüfft an. und er senkte die Lider. »Und wo ist das passiert?« »Gleich hier unten an der Straße. Nun.»Nein. meine Eltern und ich waren damals nicht hier. Da ist es gefährlich.« »Du weißt es gar nicht genau? Warst du denn nicht hier?« »Nein.« Ich blickte zur Tür.« »Und seine Mutter?« Theo rührte geistesabwesend in seinem Tee. dorthin zu gehen. er wäre bei den Wilden aufgewachsen und nicht auf Pemberton Hurst.« Dann machte er auf dem Absatz kehrt und ging hinaus. Befehle zu geben. Colin war damals dreiundzwanzig. Mir lag schon eine entsprechende Erwiderung auf der Zunge. Theo setzte sich wieder. Es war schrecklich für ihn. schöne Cousine.

« Seine Antworten wurden immer knapper. »Laß mich nachdenken«. Ich weiß nicht. daß wir im selben Jahr von hier fortgegangen sind wie du und deine Mutter.« »Dann hast du also nicht ständig in Pemberton Hurst gewohnt?« »Nein. ausgelöst wohl durch unser Gespräch. »ist eigentlich bei der Cholera-Epidemie damals sonst noch jemand von der Familie gestorben?« . sagte er mit gespielter Lebhaftigkeit.« Ich blickte Theo stumm an. »du bist mit deinem Tee fertig. als wäre damit alles erklärt. sagte er.« Zum erstenmal hatte ich das Gefühl. Der Wind ist kalt. als es passierte?« fragte ich.»Wieso nicht?« »Aber sein Vater – und mein Vater… Das ist ja unglaublich. warum ich fragte. sagte ich.« Wir standen gleichzeitig auf. und Unfälle gibt es immer wieder«. Ich schaute ihn unverwandt an. um Personal einzustellen. »Wir sind eine große Familie. aber ich glaube. »Und wann bist du mit deinen Eltern von hier fortgegangen?« Er zögerte.« »Im selben Jahr?« »Hm. Wir lebten dort. sagte er langsam. Mein Vater leitete die Spinnerei. »Und wo wart ihr.« Er drehte sich demonstrativ um und sah auf die Uhr über dem Kamin. mit einem der Pembertons etwas gemeinsam zu haben. Vater mußte vorausfahren. »Ich war damals mit meinen Eltern in Manchester. und ich stellte sie. als müsse er seine Worte erst überlegen. »Theo«. »Ah«. Es ist lange her. Ein merkwürdiger Zufall eigentlich. »Es kann kaum mehr als einen Monat später gewesen sein. Leyla. Nimm dir einen warmen Umhang mit. Eine ganz neue Frage schoß mir plötzlich durch den Kopf. die Frage kam mir plötzlich in den Kopf. »Die Spinnerei wurde 1838 eröffnet. aber er wich meinem Blick aus.

« .»Bei welcher Cholera-Epidemie?« »Bei der mein Vater und mein Bruder gestorben sind.« Theo wurde fahl im Gesicht. Leyla? Dein Vater und dein Bruder sind nicht an der Cholera gestorben. »Was soll das heißen.

»Ich habe ein Recht. Und gleichzeitig wurde mir klar.« »Du wirst es mir immer nachtragen. Leyla – « Er beugte sich vor. Er schüttelte den Kopf. dann nahm auch er wieder Platz. wenn du es erfährst? Ich bin überzeugt. daß er sich ärgerte. so beiläufig hatte Theo geantwortet. nein. Theo?« fragte ich. dennoch beobachtete ich Theos Reaktion auf seine Worte und sah. es zu wissen. So beiläufig ich meine Frage gestellt hatte. deine Mutter hat dir mit gutem Grund nicht die Wahrheit gesagt. und nun hätte er sich wahrscheinlich am liebsten die Zunge abgebissen.« »Lieber Gott. »Leyla. Theo blieb noch einen Moment unschlüssig stehen. unfähig. Aber es war zu spät. Nun wußte ich. Du wirst es mir dein Leben lang nicht verzeihen. das mir vorenthalten werden sollte. aber unnachgiebig. Ich setzte mich wieder. ein Wort hervorzubringen. der nervös zu werden begann.4 Ich erstarrte. Leyla. Vertraue ihrem Urteil. Zwanzig Jahre sind vergangen – « »Wie sind sie ums Leben gekommen?« wiederholte ich leise. Theo war es.« »Dann frage ich eben Colin. sondern durch eine bewußte Lüge in Unwissenheit gehalten hatte. daß ich es dir gesagt habe. »Wie sind sie wirklich ums Leben gekommen. Ich war ruhig und gefaßt. daß es in Pemberton Hurst tatsächlich ein Geheimnis gab. »Ich möchte es dir nicht sagen. daß meine Mutter mich nicht nur durch ihr Schweigen.« »Wieso?« . was hilft es dir.

etwas Natürliches. Darum versuchen wir.« Nachdem Theo einmal begonnen hatte. Leyla«. das Thema zu meiden. Leyla. Das Licht des Feuers spiegelte sich in seinen dunklen Augen. Komm mit.« Wir gingen durch den von Gaslampen erleuchteten Flur in die Bibliothek. Wie ich schon sagte. Gut. und weil die Opfer noch so jung waren. »Es hat hier nie eine Cholera-Epidemie gegeben. Und er hat sich nie von diesem Schlag erholt. ohne ein Wort zu sagen. Du bist hierher gekommen. Kannst du nicht einfach wieder von hier fortgehen – nein. wirkte fast entspannt. Der Unfall. bleibt bis heute unerklärlich. daß Colin sich von diesem Tag an völlig veränderte. wie es zu dem Unglück kam. von der Vergangenheit zu sprechen. sah er mich immer noch nicht an. fuhr er nach einer kleinen Pause fort. Sowohl Onkel Richard als auch Tante Jane waren auf der Stelle tot. Doch diese Todesfälle waren tragisch durch die Art und Weise. »Es ist für uns alle hier außerordentlich schmerzhaft. wo wir uns am Abend zuvor das erstemal begegnet waren.»Weil es dich unglücklich machen wird. Du hast Vater und Bruder verloren. Todesfälle in einer Familie sind. das Pferd war frisch und ausgeruht. Nachdem ich eingetreten war und mich nahe dem Kamin gesetzt hatte. das geht jetzt wohl nicht mehr. Niemand weiß. schloß Theo die Tür und nahm mir gegenüber Platz. weil du deine Familie und deine Vergangenheit kennenlernen willst. dem Colins Eltern zum Opfer fielen. schien ihm das Sprechen leichter zu fallen. ich selbst war damals nicht hier. ich erzähle dir alles. »Dein Vater war lange Zeit . Er setzte sich bequemer in seinen Sessel. Es war schönes Wetter. aber ich weiß. wie sie sich ereigneten. der Wagen war neu. Und als er zu sprechen anfing. Lange blickte er in die Flammen. Colin hat seine Eltern verloren. so schmerzlich sie sein mögen. Das helle Feuer im Kamin und die brennenden Kerzen in den silbernen Leuchtern machten den Raum warm und behaglich.

Leyla. Als die Sonne unterging. was wir sagen sollten. wie mein Gesicht brannte. Aufenthalte an der See.« Es war still. Sie kamen nicht zu mir. Er hatte deinen Bruder getötet und dann sich selbst. Ich suchte in den Flammen nach zwei Menschen. er fühle sich sehr wohl und wolle mit Thomas einen Spaziergang machen. Aber sie zeigten sich nicht. Wir wußten nicht. nicht wußten. begannen wir. wie wir uns verhalten sollten. und einem Knaben. Ich starrte in die Flammen und spürte. während er mit Thomas unterwegs war. doch die Abstände zwischen den Schüben wurden immer kürzer. einem Mann. die Schübe selbst immer heftiger. Wir versuchten alles. den ich als meinen Vater erkennen. »Irgendwie hatte sich Onkel Robert ein Messer beschafft. bis er fortfahren konnte. »Eines Tages sagte er. Sie waren beide tot. Opium und andere starke Mittel. Es kam in Schüben. als du plötzlich wieder vor uns standest. Mein Vater und ich machten uns auf die Suche nach ihnen. denn wir wußten . Ich wußte nichts von meinem Vater und seiner Krankheit. Und eines Tages dann – « Er brach ab und räusperte sich. Theos Stimme kam wie aus weiter Ferne. als er wieder zu sprechen begann. »Du bist mit deiner Mutter unter so tragischen Umständen von hier fortgegangen. Nichts von dem. schlug eine Saite der Erinnerung an. uns Sorgen zu machen. nichts von den Ereignissen im Wäldchen. dann verging es wieder. Ich wartete wortlos. Onkel Robert war nicht zu retten. den ich als Bruder erkennen würde. daß wir gestern. nichts von Thomas. Wir – fanden sie – im Wäldchen. Die beiden blieben lange fort. Wir waren vor allem wegen Onkel Roberts Gesundheitszustand beunruhigt. Er hatte offenbar einen seiner Schübe bekommen. was Theo erzählte. Er litt an einem unbekannten Fieber.« Im Kamin zerbrach knisternd ein Holzscheit. aber nichts half. das die Ärzte nicht behandeln konnten.sehr krank.

Mein Vater hatte einen Mord verübt und sich dann selbst das Leben genommen. Innerhalb von zwei Monaten habe ich vier Menschen verloren.« »Ja. Meine Mutter und meinen Vater – « Ich ging wie in Trance zur Tür – »Thomas und Tante Sylvia. Stillschweigen zu bewahren. Und jetzt erfahre ich. ohne Rücksicht darauf. Dies war die Lösung. natürlich«.« »Wir wußten.« Er öffnete mir die Tür und begleitete mich durch den Flur. wenn es dir nichts ausmacht. »Ich verstehe. ich würde jetzt lieber auf den Rundgang verzichten.« Ich hob den Kopf und sah Theo an. daß wir recht hatten.« Dies also war der Grund. Es ist. entschuldige mich jetzt. »Ja. Theo. es ist – es ist als hätte ich meinen Vater und meinen Bruder soeben noch einmal verloren.« »Natürlich. als wären sie zweimal gestorben. ich hätte sie gekannt. Ich bin froh. Bitte. das verstehe ich. »Ehrlich gesagt. sie seien an der Cholera gestorben.« »Weißt du. ich danke dir. daß ich es dir jetzt sagen konnte. Früher oder später hätte er es dir auf jeden Fall erzählt. sagte ich. Am Fuß der Treppe wandte ich mich ihm noch einmal zu und . daß sie – daß sie auf ganz andere Art ums Leben gekommen sind. daß Colin mit dir darüber sprechen würde. an die du nicht einmal eine Erinnerung hast. ob du etwas davon wußtest oder nicht. Du kannst dir nicht vorstellen. Ich sehe jetzt. Theo.auch nicht. Ich kann es dir nicht beschreiben. Ein andermal vielleicht. Ich wünsche so sehr. Kein Wunder. weshalb sich alle mir gegenüber so seltsam verhalten hatten. Zwanzig Jahre lang glaubte ich. daß diese Menschen sich in meiner Anwesenheit zutiefst unbehaglich fühlten. um Menschen zu trauern. wie schwer es ist. wie weit du dich an vergangene Ereignisse erinnertest und was deine Mutter dir erzählt hatte.

aber als ich endlich den Kopf hob und zum Fenster schaute. die er gelitten haben mußte. Ich hatte die tiefen Ängste und Qualen seiner Seele beweint. meine Mutter.sagte: »Ich würde gern allein hinaufgehen. Theo. wie lange ich an jenem Tag auf meinem Bett lag. schrie mein Herz. hast du darum das Messer gegen dich selbst gerichtet? Hattest du einen einzigen lichten Moment. und es nicht ertragen konntest? Ich weinte auch um meine Mutter. Ich hatte mich viele Stunden meinem Schmerz überlassen. in dem du – zu spät – erkanntest. Ich weinte mir die Augen aus dem Kopf um diesen armen. sah ich. denn mit dieser neuen Erkenntnis veränderte sich alles: Pemberton Hurst und meine Familie. die vergangenen zwanzig Jahre. daß die schräg einfallenden Strahlen der Sonne schon den rötlichen Schimmer des Abends hatten. Der Schock dieser Nachricht ging viel tiefer. Vater. Mein Kopf war leer und wie von dicken Schleiern umhüllt. wenn es dir recht ist. Entschuldige mich bitte bei den anderen.« »Brauchst du wirklich keine Hilfe?« Ich lachte ein wenig. war viel schmerzhafter als der über Sylvias Tod. und letztlich veränderte sie auch mich. die zwanzig Jahre lang in Leid und Einsamkeit . der ein Mörder war. Ich bin es gewöhnt. ohne sie mit den Füßen zu berühren. gequälten Wahnsinnigen und den kleinen Jungen. ja?« Die Stufen glitten unter mir hinweg. als flöge ich aufwärts. meinen Bruder Thomas. um eine solche Tat zu begehen. »Aber nein. Ich hatte noch einmal um meinen Vater getrauert. was du getan hattest. den er mit sich in den Tod genommen hatte. Ich weiß nicht. allein zurechtzukommen.

um das Kind. Es war an der Zeit. daß ich wie sie mein Leben lang trauerte. das ihr geblieben war. zog mir ein anderes Kleid an. was ich hier in Pemberton Hurst gesucht hatte: meine Familie und meine Vergangenheit. Aber sie hatte mich geschont. die ganze Last allein getragen. hatte sie die Gesichter ihres Mannes und ihres Sohnes gesehen. Denn nun hatte ich doch erfahren. »Darf ich hereinkommen?« fragte sie. Und jetzt wünschte ich. Ich trocknete die letzten Tränen. in die Gegenwart zurückzukehren. um mir Schmerz und Kummer zu ersparen. ordnete mein Haar und war gerade dabei. Da klopfte es wieder. damit ich das Leid mit ihr hätte tragen können. Was mußte meine Mutter all die Jahre hindurch gelitten haben! Und immer. Ich spürte. Es war fruchtlos und dem Leben hinderlich. Leyla.in London in Armut gelebt hatte. Ich hielt inne und lauschte.« Sie trat ins Zimmer und schloß die Tür hinter sich. bei jenen Dingen zu verweilen. Bitte. und es blies ein grimmiger Wind. Es tut uns allen leid. meine geschwollenen Augen mit feuchten Tüchern zu kühlen. Draußen wurde es dunkel. . Ich hatte zehn Stunden in diesem Zimmer verbracht und die Vergangenheit betrauert. daß ich hungrig war. Sie hatte als die mutige Frau. Als ich zur Tür ging und öffnete. Es tut mir so leid. »Natürlich. die nicht gewollt hätte. Nun hatte ich gefunden. ich wäre nicht gekommen. Schon um meiner Mutter willen. die sich nicht mehr ändern ließen. Und alles vergeblich. vor der Vergangenheit und der Gegenwart zu schützen. die sie gewesen war. was sie zwanzig Jahre lang vor mir verborgen hatte. sah ich Martha vor mir stehen. hätte sie diese grauenvolle Last nur mit mir geteilt! Hätte sie nur mit mir gesprochen.« »Wir haben uns Sorgen gemacht. was heute morgen vorgefallen ist. Theo erzählte uns. Ich wollte gerade hinuntergehen. als es an meiner Tür zaghaft klopfte. wenn sie in mein Gesicht gesehen hatte. Ach.

« »Du bist zu beneiden. Wieder war diese Traurigkeit in ihren Augen. Keiner wollte versehentlich etwas Falsches sagen. Erst betrachtete sie das Bild meiner Mutter. das ich bei ihr auszulösen schien. nein«. daß du verlobt bist. »Ist etwas. die dort lagen. »Onkel Henry hat mir erzählt. Niemand wußte.« »Das sagte Theo auch. Aber vorher stelle ich euch Edward bestimmt vor.« Ich setzte mich an den Toilettentisch und drückte mir wieder ein feuchtes Tuch unter die Augen. daß wir richtig gehandelt haben. daß wir schon zu Abend gegessen . Martha?« »Nein. daß sie angestrengt überlegte. Und es hat sich gezeigt. dieses tiefe Mitleid. was deine Mutter dir über deinen Vater und deinen Bruder erzählt hatte. dann weißt du jetzt. Er ist ein sehr gutaussehender und eleganter Mann. und wenn man die Wahrheit einmal akzeptiert hat. daß Martha mich beobachtete. Im Spiegel sah ich Martha langsam im Zimmer umhergehen. Aber nun war es nicht mehr angebracht. antwortete sie hastig.« Ich warf wieder einen Blick in den Spiegel und sah. nicht?« »Ja. »Und du willst bald heiraten?« »Im Frühjahr. Ich wollte dir eigentlich nur sagen. Leyla. was sie als nächstes sagen sollte. ist sie leicht zu tragen.« »Ja. Ich hatte den Eindruck. warum wir uns so verhalten haben. einer der besten in London. Er wird euch gefallen. blieb am Nachttisch stehen und nahm eines nach dem anderen die Bücher zur Hand. nun wußte ich ja die Wahrheit über den Tod meines Vaters. dann las sie das Etikett auf dem Parfumfläschchen.« Ich lächelte in den Spiegel. »Gar nichts.« »Er ist Architekt.»Wenn wir dir gestern abend kühl und reserviert erschienen.

« »Da hatte sie recht. das hast du auch nicht«. daß er ein derartiges Gefühl in mir hervorrief? Regten sich da vielleicht verschüttete Erinnerungen? Es konnte nur so sein. Aber als mein Blick auf sein Gesicht fiel. Sie meinte. flog es mich erneut an. Als wir aus meinem Zimmer traten. die am Abend zuvor hier angekommen war. Aber als ich ihn wieder ansah.« Ich legte das feuchte Tuch aus der Hand und stand auf. »Theo sagte uns – « »Oh.haben.« Ich zog die Tür hinter mir zu und drehte mich mit einem beruhigenden Lächeln nach ihm um. Was hatte Henry an sich. Nun konnten wir alle ganz offen miteinander sein. brauchte nicht mehr darauf zu achten. war ich noch immer dieselbe Leyla Pemberton. »Ich wollte mich nach deinem Befinden erkundigen. sagte er. Meine Familie brauchte nicht mehr jedes Wort. Leyla?« fragte er besorgt. . es ist alles gut. Aber jetzt würde alles ganz anders werden. daß bestimmte Themen gemieden wurden. Ein letzter Blick in den Spiegel zeigte mir. das sie mit mir sprach. Abgesehen von der Veränderung. daß ich wieder präsentabel aussah. stärker als zuvor – eine Ahnung rettungslosen Verlorenseins. doch. du würdest hungrig sein. behauptete ich. Wie nett von ihr. Ich wollte dich nicht erschrecken. genau wie am Abend zuvor. »Ist dir nicht gut?« »Doch. vorsichtig abzuwägen. überfiel mich sogleich wieder jenes eigenartige Gefühl. »Geht es dir wieder gut. stießen wir beinahe mit Henry zusammen.« »Ach. Aber Gertrude hat dir etwas aufgehoben. als er plötzlich aus dem Schatten getreten war. ja. ich…« Ich drückte die Hand auf die Stirn. obwohl ich tatsächlich einen Schrecken bekommen hatte. »Entschuldige«. als könnte ich das ungute Gefühl vertreiben. die in meinem Inneren vorgegangen war.

Je länger ich mit Colins Schwester zusammen war. So! Sitzt du bequem?« »Ja.« Marthas Stimme war sanft und beredsam. sagte Colin trocken.daß ich in ihm meinen unglücklichen Vater sah. Du brauchst jetzt etwas zu essen. setz dich. Unten ist es warm und gemütlich.« Meinen Einwand. als wir drei eintraten. Und sie war vor allem verständnisvoll. daß es besser sei. Komm. so«. Danke. wenn ich in der Küche äße. Und mir solltest du unbedingt fernbleiben. Kind«. »Du kannst gleich hier essen. dann fühlst du dich gleich wieder besser. »Komm. Aber nein – ich hatte dieses schreckliche Gefühl ja schon am vergangenen Abend gespürt. »Vetter Theo hat also die sprichwörtliche Katze aus dem sprichwörtlichen Sack gelassen. mischte sich Martha ein. Kind. wirklich – « »Sie hat seit heute morgen nichts gegessen. »Unsinn! Du bleibst jetzt hier. Onkel Henry«. desto lieber wurde sie mir. wie ich höre. Onkel Henry. »Setz dich und leg die Füße hoch. befahl sie mit mütterlicher Strenge. »Komm. Leyla. gewiß. »Daran wird es liegen. daß ich eben .« Henry bot mir seinen Arm. Gertrude hat ihr Braten und Kartoffeln warmgehalten. weil alle fürchteten. »So. gehen wir mit ihr hinunter. und wir stiegen zusammen die Treppe hinunter. als ich die Wahrheit über den Tod meines Vaters noch gar nicht erfahren hatte! »Vielleicht solltest du lieber hier oben bleiben. Tante Anna. daß nun alles gut werden würde.« Ich lehnte mich in wohligem Behagen in meinem Sessel zurück. Ich sage Gertrude Bescheid. liebe Cousine.« »Nein. ließ sie nicht gelten. Nur Anna und Colin waren im Salon. Auch sie hatte ja auf tragische Weise ihre Eltern verloren. Sie war liebevoll und geduldig.« Anna sprang auf und rückte mir fürsorglich einen Sessel zurecht.

daß einmal getroffene Verabredungen unter allen Umständen eingehalten werden müssen. als . was geschieht. bitte. als gäbe es immer noch etwas zu vertuschen.das tun würde. bemerkte ich. und fühlte mich augenblicklich an ihr Verhalten vom vergangenen Abend erinnert: Wieder hatte ich den Eindruck.« Das hatte ich ganz vergessen! »Aber einer von euch hat ihr doch sicher gesagt…« Anna machte sich an ihren weiten Chiffonröcken zu schaffen. das weiß ich nicht.« Er lächelte amüsiert. Er zuckte wieder auf seine lässige Art die Achseln und sagte: »Ich höre. das zu sagen. daß sie etwas zu verbergen suchte. Dann hätte meine Mutter nicht ganz allein damit fertigwerden müssen.« Er sah Martha an und nickte wie ein gehorsamer Junge. »Du erinnerst dich nicht an Großmutter Abigail?« rief sie in einem Ton. Aber dann fing ich den zornigen Blick auf. daß mir Theo alles gesagt hat«. »Ich wünschte. Es begann mich zu ärgern. den Anna ihm zuwarf. »Was meinst du damit?« »Colin!« rief Anna scharf. wie sie ist. daß Theo dir alles gesagt hat?« Ich sah ihn erschrocken an. daß du sie nicht wie vereinbart besucht hast. Als hätte Theo mir noch nicht die ganze Wahrheit gesagt. Colin.« Impulsiv wie immer entgegnete Colin: »Und wie kommst du darauf. »Ist das nicht der Gipfel der Ironie?« »Ach.« »Nein. ganz gleich.« Anna sprangen fast die Augen aus dem Kopf. Großmutter ist ziemlich aufgebracht darüber. ich hätte es schon viel früher erfahren. daß sie dauernd auszuweichen versuchte und nicht imstande war. »Ich bin froh. was sie wirklich beschäftigte. sei doch still. »Großmutter ist der Ansicht. Erzähl’ mir etwas über sie. Du weißt doch.

so wollte ich keine Zeit verlieren. Ihr wißt ja. den Anna und Martha wechselten. Der Wind und die plötzliche Kälte.hätte ich ihr soeben erklärt. als ich den Blick auffing. warum du heute nicht zu ihr gekommen bist. oder du verläßt den Raum. wie schwierig es ist. Wärst du bereit. Colin. wie immer sehr elegant und sehr gepflegt. Und wenn es über meinen Vater und meinen Bruder noch mehr zu erfahren gab. »Du bist ein unverschämter Flegel. Leyla. Colin mochte frech und unverschämt sein. dann Martha und zuletzt mich und entschuldigte sich für seine Abwesenheit. Es schien ganz so. du erinnerst dich an uns alle!« »Cousine Leyla erinnert sich an weit weniger als sie zuzugeben bereit ist. das Wetter setzt ihr zu. Ich denke.« Ich warf Colin einen zornigen Blick zu. und genau das veranlaßte mich. »Ich war bei Großmutter. daß du Leyla unglücklich machst. Leyla. Sie möchte dich morgen zum Tee sehen. In diesem Augenblick kam Theodore ins Zimmer. »Aber ich dachte.« Mit einem entwaffnenden Lächeln zuckte er wieder die Achseln. Er begrüßte zuerst seine Mutter. Sie trat zu ihrem Bruder und drohte ihm mit dem Zeigefinger wie einem kleinen Jungen. dir morgen das Grundstück zu zeigen?« Ich hatte schon ein scharfes ›Nein‹ auf der Zunge. sie zu beschwichtigen. In beider Augen meinte ich Furcht zu sehen. daß ich Jesus Christus vergessen hatte. als sollte das Versteckspiel weitergehen. mir zum Zeichen deiner Vergebung zu erlauben. »Was kann ich darauf sagen? Verzeih mir. Diesmal kam Martha mir zu Hilfe. Du siehst doch.« . Colins Einladung anzunehmen. Ich habe ihr erklärt. lieber Bruder: Entweder du bist von jetzt an höflich. Ich mache dir jetzt einen Vorschlag. als hätte Theos Bericht nichts gelöst. aber er schien mir bisher der einzige Ehrliche in dieser Familie.

aber das war gleich wieder vorbei. »An gar nichts?« Anna starrte mich ungläubig an. fiel mein Blick auf den großen Rubinring am Mittelfinger seiner rechten Hand. als ich noch ein Kind war. und als ich lachend abwehrte. glaube ich. In London hast du so etwas sicher schon einmal gesehen. »Ach. »Nein«. da ich dem Feuer am nächsten saß.« . Ich hatte den Eindruck. Es ist nur ein Bruchstück einer Erinnerung. um die Temperatur festzustellen. Er erschien mir plötzlich so vertraut. Theo ergriff meine Hand. »Was ist mit ihm?« »Ich – ich…« Die Erinnerung wollte nicht greifbar werden. »Dieser Ring«. »Du erinnerst dich an gar nichts?« »Für mich ist es. Impulsiv hielt ich die Hand fest.« »Ja. ich kenne ihn von früher. warf Colin ein.»Danke.« »Und sonst erinnerst du dich an nichts?« fragte Henry. wahrscheinlich. erwiderte ich.« »Solche Ringe gibt es viele. aber es bedeutet mir sehr viel. aber bei so kleinen Dingen rührt sich manchmal etwas. gestand ich. Ich habe ihn sicher an Großvaters Hand gesehen. An Menschen und Gesichter kann ich mich überhaupt nicht erinnern. sagte ich verwirrt. nicht wahr?« »Ich finde es angenehm«. als er starb. »Und er vererbte ihn an Theo.« »Der Ring gehörte Großvater«.« »Bißchen kühl hier.« Er hob die Hand nahe vor sein Gesicht und kniff die Augen zusammen. Ich ließ Theos Hand los. nichts wahrscheinlich. »Der Stein ist nicht lupenrein.« »Dann erinnere ich mich vielleicht doch an ihn. als hatte mein Leben erst mit meinem sechsten Geburtstag angefangen.

»Es ist schon merkwürdig. es ihnen länger zu verheimlichen. wenn du morgen bei Großmutter bist.« »Ja. wie du vor zwanzig Jahren warst. »Nicht sehr. Ich vermied es.« »Und hat es geholfen?« fragte Anna beinahe ängstlich. die Hände auf dem Rücken.« »Wer hat die nicht?« fragte Colin. Henry anzusehen. vor dem Kamin stand. Martha. Ich glaubte. Du hattest immer große Angst vor ihr. woher das kommt?« »Viele Menschen haben keine Erinnerungen an ihre frühe Kindheit«. »Nein. behauptete Henry. Was meint ihr.« »Zwölf Jahre alt und zu groß für mein Alter. als du in die Bibliothek kamst. »Das war einer der Gründe. an keinen. Ich sah keinen Grund.« »Ich wette. warf Colin ein. Ab und zu blitzt mal etwas auf. sah ich dich plötzlich. warum ich schließlich hierher gekommen bin – um die Erinnerung an meine frühen Jahre wiederzufinden. Nie wird der Eindruck greifbar. wirst du dich an einiges erinnern.« »Und sonst erinnerst du dich an keinen von uns?« fragte Anna. Es ist als ob ein Vorhang sich öffnet und gleich wieder zufällt. aber du warst damals schon so hübsch wie heute.« »Aber an mich hast du dich erinnert. »Hast du denn deine Mutter nie nach der Vergangenheit gefragt?« . der breitbeinig. Anna neigte sich etwas näher zu mir. sagte Anna mit gepreßter Stimme. daß Leyla keinerlei Erinnerungen hat.« »Ja. Das Haus ist mir gänzlich unvertraut. »Sie hat hier aber auch sehr Schlimmes erlebt«. das Wiedersehen mit euch und dem Haus würde mir dabei helfen. Und auch ihr seid mir fremd.»Aber du warst doch so glücklich hier«.

zumindest am Anfang. daß ich sie nicht gedrängt habe. Zum Glück kam in diesem Moment Gertrude mit dem Tablett ins Zimmer. Ehe wir uns danach alle zurückzogen. Ich nahm den Führer durch den Cremorne Park mit zu Bett und gab mich Gedanken an Edward hin.« »Und was glaubst du. aber mit Henry oder mit Theo. Die nagenden Zweifel. dessen tadellose Wohlerzogenheit sehr abweisend auf mich wirkte. die wir seitdem miteinander verbracht hatten. mir auf die Nerven zu gehen. Ich bedauerte jetzt. mir noch mehr Lügen zu erzählen. Sie wollte mich schützen. In stillschweigender Übereinstimmung zogen die drei Männer sich aus dem Salon zurück. daß er . Nach einer Weile begriff ich. und Martha spielte für uns etwas auf dem Klavier. Aber sie antwortete entweder gar nicht oder nur ausweichend. wieder zu dieser Familie zu gehören. den kleinen Tisch zu decken. Ich rief mir unsere erste Begegnung ins Gedächtnis. erinnerte mich Colin an mein Versprechen. Ich hatte nur den Wunsch. wäre ich auch nicht lieber gegangen. friedlicher Abend. und tat es nicht mehr. unterdrückte ich. Martha zog eine Stickerei aus ihrem Pompadour und war bald in ihre Arbeit vertieft. es hätte sie nur gezwungen. daß ich nicht fragen sollte. Ich bin froh. Nach meinem Abendessen kehrten die Männer in den Salon zurück. Es wurde ein ruhiger. der neben meinen Sessel geschoben wurde. ihn am folgenden Tag bei einem Rundgang über das Grundstück zu begleiten. Edward war ein wunderbarer Mann. die mir immer wieder in den Sinn kamen. die vielen schönen Stunden. zugesagt zu haben. sehr oft sogar. Anna half ihr. während Anna nachdenklich an meiner Seite sitzenblieb. wovor sie dich schützen wollte?« fragte Colin in herausforderndem Ton.»Doch. ich konnte mich glücklich preisen. wie ich offensichtlich früher zu ihr gehört hatte. Er fing an.

genau das Richtige zu sagen. Sie würden wie so viele andere dem allgemeinen Exodus in die Großstädte und die übervölkerten Elendsviertel folgen. dort. Wir müssen dafür sorgen. Jetzt können sie jederzeit für einen Penny die Meile mit der ganzen Familie und ihrer Habe gehen. der die Fabrik aufsuchen wollte. bemerkte Theo. nach East Wimsley fahren. daß die Bauern auf dem Land bleiben können. Martha und Anna wollten zusammen mit Henry. es herrschte eine Atmosphäre allgemeinen Wohlwollens. warf ich ein. Doch in der Nacht träumte ich von Colin Pemberton. heulte ein derartiger Wind ums Haus. der stets ängstlich darauf bedacht schien. »Wenn die Pembertons nicht wären«. sehr viel Armut und eine große Arbeitersiedlung. Vater«. »hätten diese Leute nicht einmal Arbeit. »Natürlich ist es dort schrecklich laut. immer mehr Menschen . wie ich ihren Gesprächen entnahm.« »So schlimm ist es in London gar nicht«. bemerkte Henry bei Toast und Marmelade. um dem Pastor ihre Aufwartung zu machen und ihm Kleider für die Armen zu spenden. wohin sie wollen. wo sie hingehören. daß die Bäume unter seiner Gewalt ächzten und seufzten. die mir guttat und mich dem traurigen Nachdenken über das Schicksal meines Vaters und meines Bruders entriß.mich gewählt hatte. In East Wimsley gab es. Beim Frühstück war die ganze Familie versammelt. Darum ist es auch in London so schlimm geworden. Als ich am folgenden Morgen erwachte. Sie machten diese Fahrt gewöhnlich zweimal im Monat. »Vor der Dampfmaschine konnten die Bauern gar nicht weg.« »Es kommt nur von der Eisenbahn.

was er dachte: Die gute Cousine ist in den Schoß der Familie zurückgekehrt. »Das ist wirklich lieb von dir. »hast du denn für dieses schreckliche Wetter auch die richtige Kleidung mitgebracht? Ich denke. »O nein«. daß die Meinung einer Frau für ihn nicht zählte. »Das würde mir Spaß machen. Leyla! Feiern wir doch hier. rief Martha. bei Kleidung mehr auf Nützlichkeit als Eleganz zu achten. wenn die Städte sauberer wären. da du wieder zur Familie gehörst. »Ich glaube.« »Was?!« rief Henry scharf.« Zum erstenmal schaltete sich Colin ein. Ich konnte mir ganz gut vorstellen.« »Man kann beides haben…« Sie betrachtete mein Kleid. Tante Anna. Meinst du nicht auch. was! Die würden wir gar nicht brauchen. »Das hatte ich nicht vor. natürlich!« Martha wurde noch lebhafter. mischte sich Anna ins Gespräch. um an ihrem Wohlstand teilzuhaben und ein luxuriöses Leben zu führen. daß sie es recht armselig fand. Leyla«. Tante Anna meint. statt. protestierte ich.« Colin beobachtete mich gespannt. aber wenn ich heirate. Tante Anna? Wir haben hier schon seit Ewigkeiten keine . vielen Dank. Es lag auf der Hand.« »Ach.drängen in die Stadt. Ich habe gelernt. du dich auch kleiden solltest wie eine Pemberton. Aber wir haben die besten Krankenhäuser der Welt.« Damit war mein Einwand für Henry erledigt. »Und die Hochzeit findet hier. in Pemberton Hurst.« »Ach. Ich habe Garderobe genug. daß du jetzt. »Ich komme schon zurecht. und ich – « »Danke. und ich sah ihr an.« »Ach ja. schneidern wir doch ein paar neue Kleider für dich. »Leyla. Ich wollte nur eine kleine Feier in der Kirche mit ein paar Freunden – « »Aber. mein Kind«. lasse ich mir sowieso eine neue Garderobe machen. Martha. du hast etwa Marthas Größe.

»Über kurz oder lang wird sie allein dorthin gehen. sagte Henry steif. Leyla und ihr Verlobter haben bereits ihre eigenen Pläne«.« Das war Henrys Stimme. Nicht wahr. »Ich werde ihr zeigen.« »Aber nicht heute.« »Das wirst du nicht tun. entgegnete Colin ungerührt. ohne auf Etikette und guten Ton Rücksicht zu nehmen. sagte Colin hitzig. als ich aus dem Zimmer ging. Colin. Ich eilte rasch die Treppe hinauf. Colin«.« . Da ist es doch besser.Hochzeit mehr gehabt. Ich verbiete es dir. sonst verbiete ich den Rundgang.« »Gut. Onkel«. »Du wirst sie nicht dorthin führen. was mir Spaß macht«. Ich warte hier auf dich. Er sah mich nicht an. packte Umhang. hörte ich erregte Stimmen und blieb stehen. Das kann nur bedeuten. »Also wirklich. und ich hatte den Eindruck.« »Du hast recht. Pemberton Hurst vorher zu verlassen. Wir haben heute viel vor. während er sprach. Colin!« tadelte Anna. sagte ich. daß er das Thema meiner bevorstehenden Hochzeit am liebsten vermieden hätte. Er schien wütend zu sein. Ich war sehr gespannt auf diesen Rundgang. einer von uns begleitet sie. »Ich laufe nur hinauf und hole meinen Umhang. Aber als ich mich dem Salon näherte.« Henry und Theo standen auf. Das sollte mir nur recht sein. und sie hat sich nicht nachgeschenkt. Es wäre so schön. Onkel Henry?« »Ich nehme an. »Leylas Tasse ist seit zehn Minuten leer. »Gehen wir?« Colin stand auf.« »Leyla hat ihren eigenen Kopf. daß sie mit dem Frühstück fertig ist. Hut und Handschuhe und lief schon wieder nach unten. »Und was sie sehen möchte. Ich hatte die Absicht.

daß er sich meiner erinnere. daß ich Mühe hatte.« »Dann fangen wir mit den Stallungen an. Ein eisiger Wind blies uns ins Gesicht. zerzauste Colins Haar und ergriff meinen Umhang. Was konnte das für ein Ort sein. Lange standen wir so auf der Treppe. daß ich fertig war. daß ich Mühe hatte. Colins Miene blieb grimmig und .« Er schob seinen Stuhl zurück und kam auf mich zu. und als er sich umdrehte. Als er sah. sah ich den blitzenden Zorn in seinen Augen. bedeutete mir vorauszugehen und ließ die Tür dann krachend hinter uns zufallen. legte ihn mir um die Schultern. ich geduldig wartend. »Ist etwas nicht in Ordnung. dann ging er mit langen Schritten aus dem Zimmer. »Wohin wollen wir zuerst gehen?« fragte er unvermittelt. hielt mir nur schweigend den Umhang hin. die Haustür auf. Schritt zu halten. Colin?« Er antwortete mir nicht. zog er. immer noch ohne ein Wort.« Er ging so schnell. Ich raffte meine Röcke. gar keinen.« »Gut. Ich lief ihm nach und holte ihn im Vorsaal ein. ihn zu bändigen. »Hast du einen bestimmten Wunsch?« »Nein. Colin mit finsterem Gesicht. »Colin?« rief ich. Nachdem er mir den Umhang abgenommen hatte. rief schon draußen vor der Tür »ich bin fertig« und eilte atemlos in den Salon. stand er. Henry und Colin standen sich am Tisch gegenüber wie zwei Kampfhähne. Ich befürchtete. daß diese Besichtigung von Pemberton Hurst bei weitem nicht so angenehm und unterhaltsam werden würde. Während ich meinen Hut aufsetzte und die Handschuhe überzog. offenbar tief in Gedanken mit gerunzelter Stirn neben mir und wartete. den Henry mich nicht sehen lassen wollte? »Ich bin jetzt fertig. warf er einen letzten zornigen Blick in die Runde. wie ich geglaubt hatte.Ich wollte nicht länger lauschen.

Neben der Remise. Colin jedoch blieb an der Tür stehen. aber ich hatte mehr und mehr den Eindruck. Da Henry das Oberhaupt der Familie war. dämmrig und warm. den Blick weiterhin . Ein paar erschrockene Mäuse huschten an unseren Füßen vorüber zu ihren Löchern. etwas zurückgesetzt. Vielleicht kommen dann meine Erinnerungen zurück. »Du weißt nicht.« Ich trat einen Schritt vor. war der Pferdestall. Es war still im Stall. daß Colin nicht bereit war. Ab und zu schnaubten die Pferde. »Nicht sehr eindrucksvoll.« Jetzt wußte ich es. in dem sich vier Pferde befanden und wo ein Stalljunge wohnte. sagte ich.« »Zum Wäldchen?« Er zog die Augenbraue hoch. mußte man seinen Anweisungen natürlich Folge leisten. gegen den Wind ankämpfend. als sei Colin nahe daran. sagte Colin.« »Wieso?« »Onkel Henry möchte nicht. Die Stallgebäude befanden sich links vom Haus. Nachdem wir die Tür hinter uns zugedrückt hatten. »Colin«. daß wir als Kinder dort gespielt haben. einer plötzlichen Regung folgend und beobachtete dabei aufmerksam sein Gesicht.verschlossen. während Colin ziemlich erfolglos sein zu Berge stehendes Haar glattzustreichen suchte. mußte ich erst einmal Atem holen und meinen Hut wieder zurechtrücken. »Wozu denn das?« »Du hast mir erzählt. zu der eine eigene Zufahrt führte. in Gelächter auszubrechen. während wir. was du verlangst. über den Vorplatz eilten.« Mir schien. sich durch Henrys Befehle einschränken zu lassen. ihm ging vermutlich immer noch der Streit mit Henry durch den Kopf. geh’ mit mir zum Wäldchen. »Das ist es«. aber zweckmäßig. daß wir dorthin gehen. »Bitte. »Warum nicht?« fragte ich. Ich möchte es so gern sehen.

« »Ich habe das gleiche Recht wie ihr alle.« »Es ist nicht der Wind. alles zu wissen. Ich weiß. aber du weißt gar nichts. Darum bin ich zurückgekommen. Ich möchte die Wahrheit wissen. aber das werde ich schon aushalten. daß ihr. Wir machen dich nur unglücklich.« Er schüttelte langsam den Kopf. Geheimnisse vor mir habt.unverwandt auf Colin gerichtet. daß du dorthin gehst. Ich bin in diesem Haus geboren. alles zu wissen. aber dann erzähle du es mir doch!« »Das kann ich nicht. meinst du? Ich weiß.« Da nahm Colin mich plötzlich bei den Schultern und sah mich mit einem Blick an. »Du weißt wirklich nicht. auch wenn es noch so beschämend oder schändlich ist. du weißt. daß ihr euch um mein Wohlergehen sorgt. Nicht wegen des Geldes oder schöner Kleider!« . Leyla. denn ich bin auch eine Pemberton. was mir alle verschweigen. Ich glaube. bitte sag mir. Leyla? Du glaubst. Vergiß die Pembertons. Ich habe ein Recht zu wissen.« »Wegen meines Vaters und meines Bruder.« »Ich habe ein Recht darauf. Ich spüre es an ihrem Verhalten.« »Du hast kein Recht. »Mit dem Wind werden wir schon fertigwerden. »Warum mußtest du zurückkommen. was diese Familie betrifft.« »Colin. alles zu wissen. Ich habe ein Recht darauf. Dein Vater und mein Vater waren Brüder. Ich habe ein Recht darauf. du und Theo. bei dem mir selbst in der Wärme des Stalls eiskalt wurde. Onkel Henry und Tante Anna. warum er nicht möchte. warum du besser nicht dorthin gehen solltest?« »Nein. Geh wieder fort! Reise noch heute ab – « »Nein!« » – kehre zu deinem Architekten zurück.

daß ich es dir gesagt habe!« »Colin – « Die Düsternis um uns schien dichter zu werden. Edward Champion heiraten können. Leyla. an dem Schlimmes geschehen war. und der Wind draußen heulte mit tausend Stimmen. »Leyla. daß du mich dann nicht dafür verachten und hassen wirst. und die anderen wissen ihn auch. Es – « Er brach ab und sah mir mit tiefem Zweifel ins Gesicht. weil sie den Schmerz nicht ertragen konnte. »Wir waren an dem Tag alle hier in Pemberton Hurst: Sir John und Großmutter Abigail. daß du dir Gedanken darüber gemacht hast. murmelte er. um dich wegzubringen. sie verließ es auch. um dich von einem Ort zu entfernen. der mir nun schon so vertraut war. warum du dich nicht an die Zeit vor deinem sechsten Geburtstag erinnern kannst. Ja. Wenn du niemals zurückgekommen wärst. was sie dir antun werden. »Also gut«. mein Vater und meine Mutter. Theo und Martha. ohne je nach Pemberton Hurst zurückblicken zu müssen. es hat mit dem Wäldchen zu tun und mit dem Tod deines Vaters und deines Bruders dort. Aber es hat auch noch mit etwas anderem zu tun. es fällt mir ungeheuer schwer. nämlich. Onkel Henry und Tante Anna. Aber du bist zurückgekommen. ich weiß den Grund dafür. »Ich werde es dir sagen.« Colin holte tief Atem. daß du. hättest du in ruhiger Unwissenheit weiterleben. Wir alle teilen die Erinnerung. »Als deine Mutter vor zwanzig Jahren dieses Haus verließ. Großtante Sylvia. und jetzt muß ich dir die Wahrheit . Wir waren alle zu Hause. tat sie es nicht nur. die Worte auszusprechen. Ich kann mir vorstellen. Seine Hände lagen fest auf meinen Schultern. weil ich weiß. Colin begann mit tonloser Stimme zu sprechen. Und natürlich du und deine Mutter. wenn ich dir alles erzählt habe. Aber versprich mir eines.Er musterte mich mit diesem forschenden Blick. die für dich nicht erreichbar ist.

du hast gesehen. Er hat dir nicht gesagt. »Es geht um deinen Vater und deinen Bruder und die Art.« . Leyla. das schreckliche Verbrechen mit ansah. Das.sagen. aber er hat eine Tatsache weggelassen. Du. was Theo dir erzählt hat. daß an dem Tag noch jemand im Wäldchen war. »Ja.« Wieder hielt er inne.« Ich erstarrte. und seine Finger gruben sich tiefer in meine Schultern. wie sie den Tod gefunden haben. stimmt alles. in den Bäumen versteckt. um Atem zu schöpfen. und dein Leben wird dann nie wieder so sein wie vorher. wie dein Vater erst Thomas tötete und dann sich selbst. es war noch jemand da. der.

Deine Mutter hatte uns verlassen. während ich nach East Wimsley ritt. Am frühen Morgen des dritten Tages hörten wir alle eine Kutsche in der Auffahrt.« »Und weiter?« fragte ich leise. Du hast die ganze Zeit nur wie benommen in deinem Zimmer gesessen. ohne irgend jemandem etwas zu sagen. sie weinte so laut. und später entdeckten wir. und dich hatte sie mitgenommen. Onkel Henry nahm dich auf den Arm und trug dich zum Haus. fuhr er fort. Leyla. »Du hast an dem Tag und auch am folgenden nicht ein einziges Wort gesprochen. »Danach seid ihr verschwunden. du hast überhaupt keinen Laut von dir gegeben.5 Ich wandte mich von Colin ab und schlug die Hände vor mein Gesicht. Und du hast nichts gegessen. damit man ihr sagen konnte. »Du standest mit völlig verwirrtem Gesicht vor den beiden Toten. was geschehen war. Ich habe nie einen so schrecklichen Tag erlebt. .« Colin legte mir wieder die Hände auf die Schultern. Es war furchtbar. Er holte sie ins Haus. Du hast nicht geweint. Aber deine Mutter weinte. »Wir drei fanden dich dort«. daß es im ganzen Haus zu hören war. daß der Einspänner weg war. Du hast nur dagestanden und die beiden Toten mit starrem Blick angesehen. Theo suchte deine Mutter und fand sie im Garten. um den Arzt zu holen.« »Ist uns denn niemand gefolgt?« Er schwieg. du hast nicht eine Träne geweint. aber diesmal sachte und behutsam.

« Meine Stimme war im ganzen Stall zu hören. aber ich glaubte auch noch etwas anderes zu sehen. Ich weinte noch einmal um meinen Vater und meinen Bruder und um meine Mutter. und ein fünfjähriges Kind – und keiner ist uns gefolgt?« »Leyla. Leyla«. bitte hör’ mir zu – « »Und wir mußten in London in Not auf engstem Raum hausen. als gäbe es uns gar nicht. sagte Colin leise. kaum wahrnehmbar… . »Wie konntet ihr nachts überhaupt noch schlafen?« schrie ich. Lange standen wir so. die vor Schmerz und Kummer außer sich war. bis mir die Knie versagten. tröstete mich und gab mir endlich die Fürsorge. trat einen Schritt zurück und sah ihm mißtrauisch ins Gesicht. »Ihr Ungeheuer! Ihr gemeinen Ungeheuer!« Ich trommelte Colin mit geballten Fäusten an die Brust. Ich kann mich nicht erinnern. so außer mir war ich. und ich schluchzend zusammensank. schluchzte ich immer wieder: »Ich kann mich nicht erinnern. indem ihm alle Erinnerung daran verlorenging.« »Sei dankbar dafür. Es war nur sehr vage. daß du dich nicht erinnerst. »Eine Frau. Augenblicklich nahm er mich in die Arme und hielt mich ganz fest. die soviel gelitten hatte.Ich drehte mich mit einer heftigen Bewegung um.« Bei diesen Worten löste ich mich von ihm. die ich zwanzig Jahre zuvor so dringend gebraucht hätte. Colin und ich. und ich ohne Erinnerung. In seinen Augen waren Traurigkeit und Schmerz. Aber diesmal weinte ich auch noch um ein fünfjähriges kleines Mädchen. während ihr hier in satter Selbstzufriedenheit und Überfluß weiterlebtet. Als die Tränen nachließen. das die Tragödie nur hatte überleben können. »Es ist gut. und das Revers seines Jacketts war bald völlig durchnäßt. meine Mutter nur noch ein Schatten ihrer selbst.

von allen anderen getrennt. »Die ganze Wahrheit«. Und wenn es noch so schmerzlich war. daß er mir nun alles sagen würde. stiegen Bilder vor meinen Augen auf.« Er wich meinem Blick aus. »betrifft deinen Vater. Der Geruch nach Heu und Leder. die sich in Form von Wahnsinn äußert. sie haben ihren Ursprung in unserer Familiengeschichte. und während er sprach. Oder. geht mich mehr an. Komm. Ich habe ein Recht auf die ganze Wahrheit. Wir Pembertons sind mit einem schrecklichen Erbe belastet. sagte Colin bedrückt. Die Geschichten von grausamen Morden und seltsamen Todesfällen reichen Generationen zurück.»Du hast mir immer noch nicht alles gesagt. genauer gesagt. die Familie Pemberton. das dämmrige Licht. gab dem Ort etwas Unwirkliches. »Ich habe nichts weggelassen. Einige der Schauermärchen. als wären wir weit weit weg. Das Schreckliche. Colin. Leise und monoton drang seine Stimme an mein Ohr. die man über Pemberton Hurst hört. Wir tragen alle den Keim einer Krankheit in uns. und sie sind der Grund. was hier geschehen ist. als jeden von euch.« »Lüge mich nicht an. Leyla. das leise Schnauben der Pferde. war etwas. so. wischte sie ab. daß die Einheimischen uns meiden. Colin. wußte ich. setzen wir uns. »Was du an jenem Tag gesehen hast und heute nicht mehr erinnerst. Das verdiene ich nicht.« Er führte mich zu einer Holzbank. Wir . Dein Vater litt nicht an irgendeinem geheimnisvollen Fieber oder einer plötzlichen und unerklärlichen Krankheit. Er war ein Opfer des Pembertonschen Wahnsinns geworden. das sich schon früher hier ereignet hat. ich mußte es wissen.« Als er mich wieder ansah. und dann setzten wir uns. beruhen auf wahren Ereignissen.

Leyla. Sir John. du kannst zurückgehen so weit du willst. Ohne Hoffnung dem Unvermeidlichen ausgeliefert. Wir sind eine Familie. Alle endeten im Wahnsinn. nein. Denn durch das schreckliche Erbe. ein Verdammter.« Rettungslos verloren. ist keinem einzigen der Pembertons hier auf Pemberton Hurst das schreckliche Schicksal erspart geblieben. daß er bei einem Unfall ums . ja. dir damit das Schicksal ersparen zu können. Das war also die bedrückende Ausstrahlung. »Das glaube ich nicht. und mit Recht. Ich kann das nicht glauben. Aber ich bin überzeugt. warum deine Mutter dich von hier fortgebracht hat? Damit du dich nicht daran erinnerst. daß sie dich von hier fortbrachte. Und so ist es in der ganzen Familiengeschichte zu verfolgen. sagte ich mehrmals. Leyla. »Das ist doch nicht möglich. indem er sich vom Ostturm stürzte. Aufgrund einer undeutlichen Erinnerung aus meiner Kindheit vielleicht. die unser Großvater. weil sie hoffte.« »Was glaubst du denn. »Jeder und jede. Colin. Der Geschichte zufolge. das in seiner Grausamkeit kaum vorstellbar ist. als hätte ich eine endlos lange Reise hinter mir. was du im Wäldchen gesehen hattest? Das auch vielleicht.« »Nein. Meinem Vater wurde dieses Schicksal dadurch erspart. daß er verloren war. Sein Bruder Michael vergiftete sich.gelten als verflucht.« »Unser Großvater nahm sich das Leben. ist jeder Pemberton zu einem Schicksal verdammt. »Jeder Pemberton?« fragte ich. Er nickte.« Ich sah todmüde zu ihm auf. das wir in uns tragen. die rettungslos verloren ist. mir erzählte. nein«. hatte ich beim Anblick meines Onkels gewußt. Ich war so erschöpft und schwach. das dich erwartet. die mir von Henry entgegengekommen war.

stieß ich ihn weg. und in diesem Augenblick richtete sich mein ganzer Zorn gegen ihn. weil er mir die Wahrheit gesagt hatte. zurück nach London gehst. Colin stützte mich. daß es dich nur unglücklich machen würde.Leben kam. Ich hätte es nicht erklären oder in Worte fassen können. vielleicht an der Tatsache. was er befürchtet hatte. daß du unverzüglich Pemberton Hurst verläßt. daß ich ihm böse sein würde. Das. es zu erfahren. Er schien es zu spüren. Du hast darauf bestanden. Vergiß uns. als wir die Treppe hinaufstiegen und ins Haus traten. sagte ich: »Du kannst Großmutter ausrichten. er hatte mein Leben in einen Alptraum verwandelt. Sonst wäre er den gleichen Weg gegangen wie alle Pembertons. wenn du bleibst. wie von dunklen Vorahnungen erfüllt. aber ich wußte tief im Innern. Leyla. Colin. Ich wußte. Aber du wolltest es unbedingt wissen. Meine einzige Hoffnung ist jetzt.« Schwankend standen wir beide auf. vielleicht an meinem veränderten Ton. um ihm zu beweisen. daß ich allein stehen konnte. das still und düster war. Als wir vor meiner Zimmertür standen. Als er sich zum Gehen wandte. und dort ein neues Leben mit deinem zukünftigen Ehemann anfängst.« »Ich fühle mich elend.« . denn er sagte tief bekümmert: »Ich wollte dir das alles nicht erzählen. daß ich noch bleiben mußte. Colin hatte mir Schlimmes zugefügt. Denk nie wieder an uns. war jetzt eingetreten.« »Aber es macht dich doch nur unglücklich.« Ich schüttelte heftig den Kopf.« Wir traten aus dem Stall in den peitschenden Wind und kehrten schweigend zum Haus zurück. daß ich seinen Blick mied. daß ich wie verabredet zum Tee zu ihr kommen werde. und sagte bitter: »Ich werde Pemberton Hurst niemals verlassen. Bring mich ins Haus zurück.

In weniger als achtundvierzig Stunden hatte sich meine ganze Welt so dramatisch verändert. meine eigene Herrin war und nicht so war wie die anderen. daß sie – und nicht Henry – über die Familie und das Vermögen herrschte. mußte ich alles wissen. die ich hier auf Pemberton Hurst zu finden gehofft hatte. meiner Großmutter Abigail gegenüberzutreten. hatten sich als grauenhafte Alpträume entpuppt. die ich ihr vorzulegen gedachte. mich innerlich auf diese Veränderungen einzustellen. daß ich Schwierigkeiten hatte. Die seligen Kindheitserinnerungen. den Boden unter den Füßen zu verlieren. war ich bereit. dann hatte sie auch die Antworten auf die vielen Fragen. Und wenn meine Vermutung richtig war. welche geheimnisvolle Macht sie über die Familie besaß. der Haltung annimmt. Ehe ich Edward heiratete und meine eigene Familie gründete. ganz gleich. die meine Vorfahren betrafen. Ich klopfte laut an ihre Tür. Aber nun. meine eigene Vergangenheit. Vor mir lag möglicherweise einer der bedeutsamsten Augenblicke meines Lebens. da ich mich mit dem schrecklichen Wissen auseinandergesetzt hatte. kräftig und selbstbewußt. und ich vermutete. Schlimme Stunden hatte ich verbracht. seit ich mich von Colin getrennt hatte. Fragen. daß ich. . Großmutter Abigail war offensichtlich eine sehr bedeutende Persönlichkeit. in denen ich glaubte. meine Eltern und meinen Stand innerhalb der Familie. daß Abigail Pemberton wie eine Königin Pemberton Hurst regierte.Ich stand in meinem Zimmer vor dem großen Spiegel über dem Toilettentisch und straffte die Schultern wie ein Soldat. Ich wollte ihr von Anfang an deutlich machen. Stunden.

Kind. der ihren mageren Hals umschloß. und blieb dort stehen. wie eine Untertanin dieses Kaisers. daß es ihrem Wunsch entsprach.« . wie es hieß. als träte man in das klösterlich abgeschlossene Gemach einer mächtigen Tyrannin.« Eine kalte. keiner seiner Untertanen wert war. die nicht gewillt schien. die über ihre Füße zum Boden reichten. mir ihr Gesicht zu zeigen. daß der Kaiser von Japan keinem Menschen je sein Gesicht zeigte. »Tritt näher. mühsam mein Selbstvertrauen bewahrend. körperlose Stimme aus dem Schatten. vom hohen Kragen. stellte ich fest. wenn du so weit weg stehst. Wie soll ich dich sehen. damit ich dich sehen kann. Abigail Vauxhall Pemberton war ganz in Schwarz gekleidet. wo ich vermutete. weil. die ich in der Zeitung gelesen hatte. die in selbstherrlicher Unzugänglichkeit ihre Fäden spann.Als ich das Zimmer betrat. das Gesicht im Dunkeln. »Du kommst zögernd. bis zu den weiten Röcken. »Komm näher. daß sie sich innerhalb von Sekunden bereits ihr Urteil über mich gebildet hatte. als ich jetzt vor dieser in ihrem Lehnstuhl thronenden alten Frau stand. Du hast wohl Angst vor mir?« »Respekt habe ich. Ein amerikanischer Seemann namens Perry hatte erzählt.« Starr und unbewegt saß sie in einem hohen Lehnstuhl. Als ich noch einige Schritte näher trat und erneut stehen blieb. einen Blick auf dieses von Dunkelheit umhüllte Gesicht zu erhaschen. sobald ich die Tür hinter mir geschlossen hatte. sie deuteten an. dieses hehre Antlitz zu erblicken. Die herrische Macht dieser alten Frau wurde spürbar. vergeblich bemüht. fühlte ich mich. Genauso. fiel mir plötzlich eine Geschichte ein. nicht Angst. daß meine Vermutungen nicht falsch gewesen waren.« Ihre scharfen Worte ärgerten mich. »Ich bin achtzig Jahre alt und sehe nicht mehr gut. Es war. Ich näherte mich ihr vorsichtig.

Wenn du mir etwas zu sagen hast.« »Ja. sagte sie leise. »Das ist eine ungezogene Art zu antworten. sah ich. Dein Blut fließt in meinen Adern. Das Gesicht meiner Großmutter unter dem wohlfrisierten. »Jennifer…« »Man hat mir gesagt – « »Kennst du mich?« fragte sie mit zitternder Stimme.« »Deine Mutter hat nie von mir gesprochen?« Ich schüttelte den Kopf. sagte ich ein wenig verwirrt. Kein Schmuckstück lockerte das strenge Schwarz ihrer Kleidung auf. wenn auch ihre Hände. so blitzte doch in den dunklen Augen feuriges Leben. schlohweißen Haar war wachsbleich. »Nein. dann erhebe deine Stimme. aber von dir hätte ich es nicht erwartet. daß diese alte Frau eine alles überwindende Kraft und Energie besaß. verknöchert wirkten. aber wir sind Fremde. und doch bist du die Mutter meines Vaters.« Ich gehorchte. Siehst du die Lampe da auf dem Tisch rechts von dir? Drehe sie höher. Du bist mir fremd. Colin sähe das ähnlich. So ist es besser. »Wie ähnlich du deiner Mutter bist«. Leyla. . als sähe sie ein Gespenst. Aufmerksamkeit auf ihren Körper zu ziehen. und als ich mich nun wieder meiner Großmutter zuwandte. Aber wenn auch ihre Haut faltig und blutlos war. die uns voneinander trennten. aber sprich nicht mit deinem Körper. Das Licht ist schlecht. Schweigend musterten wir einander über die Kluft der Jahre hinweg.»Noch einen Schritt. Großmutter. damit sie dein Gesicht beleuchtet. wenn sie auch von beinahe erschreckender Magerkeit war. Großmutter«. lang und mager. sondern auch das ihre. ich kenne dich nicht. Es gehört sich nicht für eine junge Dame. daß das Licht nicht nur mein Gesicht aus der Dunkelheit hob. Die Härte dieser Augen sprach von ungebrochener Willenskraft und ließ keinen Zweifel daran.

und nun ist ihre Tochter zurückgekehrt. konnte mich nicht mehr kränken. glitzernden Augen blieben unverwandt auf mich gerichtet. etwas von dem Brief zu sagen. wie schon einmal zuvor. als wolle sie sagen. sie meines Widerstrebens bewußt. hielt mich. Ich dachte an den Brief. »Vor zwei Tagen noch«. sie war ein Befehl an mich. meine Anwesenheit auf Pemberton Hurst zu rechtfertigen. um Ansprüche auf das Familienvermögen geltend zu machen. aber ich hatte nicht die Absicht. nicht aus der Hölle. mich aus der Reserve zu locken. Fragen zu stellen. das ich nicht hätte erklären können. Das war Großmutters Art. Eine derartige Anspielung hörte ich hier nicht das erste Mal. so schwarz wie Gagat. Stumm maßen wir einander. Ihr Blick. Dann bist du gekommen. Leyla?« »Ich bin aus London gekommen. ich sei nur aus Habgier zurückgekehrt. Und mit dir kam dieser höllische Sturm.« Sie zog die dünnen Augenbrauen hoch.« Ich wußte. Die harten. davon zurück. daß das für sie ein und dasselbe sei. daß Großmutter Abigail versuchte. Hast du ihn mitgebracht. ihre Frage zu beantworten. sagte sie. dunkel unter schweren Lidern. »war es hier auf Pemberton Hurst ruhig und friedlich. daß du nur sehr wenig über uns weißt. warum bist du dann zurückgekehrt?« Nicht Neugier sprach aus der Frage. Wenn das zutrifft. »Meine Schwiegertochter ist also tot. ohne etwas von ihren Gefühlen oder Gedanken preiszugeben.»Ich höre. Die Unterstellung. schien mich bis ins Innerste zu durchdringen. . fuhr ich erschrocken zusammen. Als sie endlich sprach. Hatte Großtante Sylvia vor ihrem Tod mit ihrer Schwester Abigail über ihn gesprochen? Ein Gefühl. ich nicht bereit. mich von ihr reizen zu lassen.

deutlich gehört haben mußte. da meine Mutter schwer krank war. wie sie vor fünfzig Jahren ausgesehen hatte. Was hielt Großmutter Abigail von Colins phantastischer Geschichte über den Wahnsinn der Pembertons? Sie war gewiß eine viel zu sachliche Frau. Ich betrachtete ihre ringlosen Hände und versuchte mir vorzustellen. Vermutlich wurde Henry täglich zur Berichterstattung gerufen. ob meine Worte irgend etwas in ihr bewegt hatten. Keiner hier glaubte.»Ich bin zurückgekommen. was für ein Mensch ihr Mann. Mit steifen Bewegungen schenkte sie den Tee ein. Sir John. Leyla. weil ich meine Familie kennenlernen wollte. daß die Familie eine Weile braucht. als ihre Söhne klein gewesen waren. »Ich kann mir denken. gewesen war. Ein ganz neuer Gedanke stieg in meinem Kopf auf. Als wären wir gar nicht unterbrochen worden. dich jemals wiederzusehen. Zu einem früheren Zeitpunkt war es mir nicht möglich. weil ich mehr über mich selbst erfahren will. Der Keim dazu war zweifellos in jenem Moment gelegt .« Wenn man bedachte. ehe ich im Frühjahr heirate. Ich habe an die ersten fünf Jahre meines Lebens keinerlei Erinnerung. Es klopfte. Ich bin außerdem zurückgekommen. obwohl sie die Bitterkeit in meiner Stimme. als ich von meiner Mutter gesprochen hatte. wußte sie erstaunlich gut Bescheid. um sich auf diese überraschende Tatsache einzustellen. daß Pemberton Hurst und die Familie nicht deinen Vorstellungen entsprechen. Ich fragte mich. Auf die Aufforderung meiner Großmutter hin trat ein Mädchen mit dem Teetablett ein. Ich konnte nicht erkennen. Du mußt verstehen. Ohne ein Wort stellte sie es zwischen uns auf einen niedrigen Tisch und ging wieder hinaus. daß Großmutter Abigail kaum je ihre Räume verließ. fuhr meine Großmutter zu sprechen fort.« Sie blieb völlig ruhig. um solchen Geschichten Glauben zu schenken. und welche Umstände zu seinem mysteriösen Tod geführt hatten.

Wenn du einmal schlimme Kopfschmerzen haben solltest. an dem ich sah. kann ich dir ein Mittel empfehlen. »Kopfschmerzen?« Diese Frage hatte mir doch schon einmal jemand gestellt. Ich konnte mich nicht entsinnen.« Sie trank einen Schluck und schürzte die schmalen Lippen. daß es für dich einen Grund gibt.« . das Wunder wirkt.« »Aber ich müßte mich erinnern – wenigstens an einen bestimmten Tag in diesen fünf Jahren. Hat deine Mutter in London die Tradition fortgeführt?« »Das konnten wir uns nicht leisten«.« Wieder nippte sie von ihrem Tee und betrachtete mich dabei über den Rand ihrer Tasse. unterbrach ich.« »Wenn du einmal welche haben solltest. Es gibt viele Menschen. länger hier zu bleiben. antwortete ich kurz. »Schade. »Leyla. einen«. was du sehen wolltest. »Ich verstehe nicht. dann lehnte sie sich in ihrem Sessel zurück und führte ihre Tasse an die Lippen. Du hast gesehen. »Ich kann mir nicht denken. »Die fünf Jahre. die an ihre Kindheit keine Erinnerung haben. Leyla. Obwohl ich immer noch stand.« »Unsinn. »Seit Generationen trinken wir in diesem Haus nur Darjeeling Tee. Das ist ganz normal. wie mein Vater zuerst Thomas tötete und sich dann selbst das Leben nahm. »Nein. als Colin mir die schreckliche Familiengeschichte erzählt hatte. leidest du eigentlich an Kopfschmerzen?« Ich sah sie verblüfft an. Nur ganz selten. Jetzt begann er langsam Formen anzunehmen. die mir fehlen. schob sie mir auf dem kleinen Tisch Tasse und Untertasse herüber.« Meine Großmutter nahm sich von den Biskuits auf der silbernen Schale. Es gibt gewiß keinen Anlaß – « »Doch.« »Ich müßte mich zumindest an den Tag erinnern. wer es gewesen war. meinen Zorn mühsam beherrschend.worden.

daß sie einen Moment lang aus der Fassung geriet. daß gar nicht mein Vater tötete – sondern jemand anderer. konntest du nicht fürchten.Hätte ich meine Großmutter nicht aufmerksam beobachtet. einem Einsinken ihres mageren Körpers.« »Sicher. die Haltung zu verlieren. Mir klopfte das Herz. der quälende Gedanke. straffte die knochigen Schultern und sah mir mit ihren schwarzen Augen ins Gesicht. der sich langsam in mir verdichtet hatte. daß du dich an diesen Tag nicht erinnerst. ohne die Belastung einer grauenvollen Erinnerung weiterzuleben. der einem ermöglicht. Er hatte keinerlei wirkliche Grundlage. was mich beschäftigte. »Eine sinnlose Frage. Er war krank.« Ihre Unterlippe bebte. daß dein Vater die Tat beging. daß es vergißt. geistig verwirrt – « .« »Das ist richtig. Sie hatte also nicht gewußt. weil ich fürchtete. wie eine dritte Person ins Wäldchen kam und den Vater und den Bruder tötete. Es sei denn. aber ich hatte ihn aussprechen müssen. Und daß es mir geschehen würde. das verborgen im Gebüsch stand. daß noch etwas geschehen würde.« Nun war er ausgesprochen. daß er auch dich töten würde. Es zeigte sich in einem flüchtigen Zusammenzucken. daß jemand mir von diesem Tag erzählt hatte. Leyla. Aber vielleicht verlor ich auch das Gedächtnis. um ein Kind mit solcher Angst zu erfüllen. Aber schon faßte sie sich wieder. um sie wissen zu lassen. als wäre sie nahe daran. »Es hat wahrscheinlich sein Gutes. So ein Gedächtnisverlust kann ein Schutz sein. Das würde zweifellos ausreichen. »Wenn du deinen Vater sterben sahst. so hätte ich die Reaktion gar nicht wahrgenommen. So aber entging mir nicht. Wäre das möglich?« Meine Großmutter war zornig. was es gesehen hat. »Vielleicht sah das kleine Mädchen. Wir wissen.

Leyla. der dir die letzten Neuigkeiten . daß ich die Wahrheit nie erfahren sollte. der auf allen Pembertons lastet. darüber zu sprechen. Fürchtest du. So schmerzlich kann es heute doch nicht sein. da Colin mir die Geschichte erzählt hat. was ich damals gesehen habe?« »Das ist ja lächerlich! Warum sollte ich das fürchten?« »Nur aus einem Grund: Weil eine dritte Person da war – « »Niemand war da!« Ihre Stimme war schrill. Du hast hier nichts zu erwarten. Es würde mich interessieren.« »Dann geh zurück zu deinem Architekten. Der Wahnsinn der Pembertons. daß ich vom Verlauf meines letzten Tages hier nichts mehr wußte.»Ja. Großmutter. »Wer hat dir das erzählt? Und wer hat dir gesagt. wer es ist. dieses Haus zu verlassen.« »Du bist erstaunlich gut unterrichtet. warum in diesem Haus um die Wahrheit ein solches Geheimnis gemacht wird. Auch dein Vater konnte ihm nicht entrinnen. daß ich mich jetzt. Der Wahnsinn hatte ihn gepackt. Am besten sofort. ich könnte mich an etwas erinnern? Fürchtest du.« Ich meinte mich undeutlich zu erinnern. plötzlich an alles erinnern werde? Daß ich vielleicht vor mir sehen werde. »Es war dein Vater. Und dir lag offenbar daran. ich weiß. der Fluch.« Sie starrte mich an. »Ich rate dir.« »Das ist eine Unterstellung!« »Warum wolltest du mir die Wahrheit über jenen Tag verschweigen? Zwanzig Jahre sind seit diesen schrecklichen Geschehnissen vergangen. Wenn du Geld haben willst – « »Ich will kein Geld. Keiner entgeht ihm. doch das Bild wurde nicht greifbar – es hatte jedoch mit den Händen meiner Großmutter zu tun. Großmutter. daß du an dem Tag dabei warst? War es Colin?« »Ich verstehe nicht. Du warst offensichtlich bis gestern völlig sicher.

dein Kinn…« »Willst du mich vor dem Wahnsinn warnen.« . Die Frau. dann mußt du auch wissen. wie niederschmetternd es war. Großmutter? Die Frage. feststellen zu müssen. und erkennen kannst. mich vielleicht liebevoll in ihren Armen getragen… So gern wäre ich zwanzig Jahre zurückgegangen. Wie sehr mich dieses Gespräch erschüttert hatte. sie hatte seine Kinderjahre mit ihrer mütterlichen Fürsorge begleitet. ob ich an Kopfschmerzen leide. wie sehr ich meiner Mutter ähnele. oder? Fängt die Krankheit so an?« »Das wirst du schon noch merken. was ich suche. genau wie die anderen vor dir. sie hatte zugesehen. Deine Augen. Ich will. wenn ich gefunden habe. ich war hier nicht willkommen. Großmutter. »und es wundert mich sehr. Was immer auch in den vergangenen Jahren geschehen war – seit jenem verhängnisvollen Tag –. daß ich eine eigensinnige und hartnäckige Person bin und dieses Haus erst dann verlassen werde. wie er zu einem stattlichen Mann heranwuchs. Tiefe Traurigkeit erfaßte mich. daß meine eigene Großmutter nicht willens war. wieder zum Kind geworden. ausgesprochen ermüdend. Leyla. daß du gehst. war die Mutter meines Vaters. Aber das war vorbei. mich mit der Herzlichkeit und Wärme aufzunehmen. war doch nicht müßiges Interesse. die ich so verzweifelt ersehnte.« Wieder blickten wir einander in stummem Kampf an. Wenn du soviel über mich weißt.zuträgt. Und sie hatte auch mich von meiner Geburt an gekannt. sie hatte ihn geboren. »Ich glaube nicht an diesen Fluch«. Ist es Onkel Henry? Tante Anna? Theodore? Oder Martha?« »Du bist unverschämt. sagte ich. die hier vor mir saß. Du bist deiner Mutter zu ähnlich. um die Liebe und Geborgenheit einer Familie genießen zu können. Und du bist auch deinem Vater ähnlich. daß du daran glaubst.

Ich hätte den kostbaren importierten Tee gern gekostet. Leyla. Ein Bild ihrer Hände schoß mir blitzartig durch den Kopf. solange dir noch Zeit bleibt. Darum werde ich fürs erste – « »Darum wirst du den anderen verbieten.« Ihre Stimme wurde laut und beschwörend. auch finden wirst. stehenzulassen.« »Es ist gleichermaßen ungezogen zu gehen. aber ich hatte keinen Stuhl und mochte im Stehen nicht trinken. dieses Haus unverzüglich zu verlassen. den einem die Gastgeberin anbietet. Großmutter. Und an der einen Hand leuchtete ein Ring – ein Ring mit einem roten Stein. Leyla.« Das flüchtige Bild erlosch. nicht so knochig. kann ich dir den Aufenthalt in diesem Haus nicht verbieten. Ich rate dir. »Ich sehe schon. deine Erziehung war sehr mangelhaft.« . Großmutter.Ich sagte das alles sehr ruhig. Die harten schwarzen Augen funkelten mich zornig an. »Ich habe heute schon sehr viel Tee getrunken. den Tee. doch meine Worte trafen. Mir scheint. mit mir über die Vergangenheit zu sprechen. »Es ist ungezogen. ob du das. daß es ihre Hände waren. Es ist allerdings fraglich. und deinen Architekten zu heiraten. Da du eine Pemberton bist. mich von ihr beeinflussen zu lassen. daß auch du das Erbe der Pembertons in dir trägst. am besten noch heute. ohne vorher um Erlaubnis gebeten zu haben. was du hier in deiner blinden Entschlossenheit suchst. Ich ziehe es vor. du bist starrköpfig.« »Du hast offensichtlich eine blühende Phantasie. und ich bin müde. Sie sahen anders aus als in diesem Moment. Aber ich weiß. Ich sah zu meiner Tasse hinunter. »Vergiß nicht. Ich kann dich nur warnen. dein Glück an seiner Seite zu genießen. Ich durchschaute das Spiel meiner Großmutter und war nicht bereit. daß du nicht auf mich hören wirst.« Sie neigte sich zur silbernen Schale und nahm eines der Biskuits. jetzt wieder in mein Zimmer zu gehen. aber ich wußte.

hielt ihre Stimme mich zurück. was ich gesucht hatte. es war nicht mein Zimmer. Ich hatte mich dazu hinreißen lassen. ihr Zorn und Verachtung zu zeigen. ihre Zuneigung zu erwerben. Aber so warm und behaglich es war. würde ich bei dieser unbeugsamen alten Frau niemals bekommen. »Du bist ein ungezogenes. und von einer unverzeihlichen Unverschämtheit. um nur ja keinem der anderen zu begegnen. war auch alle Hoffnung dahin. von ihr angenommen zu werden. Ich war nun ganz allein. In meinen Augen brannten Tränen. Es war mir so wichtig gewesen. Am liebsten hätte ich laut geweint wie ein kleines Kind. Wenn du länger hier bleiben willst.« Damit drehte ich mich um und ging zur Tür. das würde sie mir niemals verzeihen. Und mit der Hoffnung. Liebe und Wärme. daß meine Mutter von morgens bis abends hart arbeiten mußte. den anderen in diesem Haus nahezukommen. Rastlos lief ich hin und her. Als ich die Hand schon auf dem Knauf hatte. So schnell wie möglich.« Ich ging hinaus und zog die Tür hinter mir zu. . In diesem fürstlichen alten Gemach fand ich keinen Trost. lief ich in mein Zimmer und schob den Riegel vor. junges Ding. Leyla. aber darauf konnte ich jetzt nicht mehr hoffen. wirst du deine Manieren ändern müssen. um unseren Lebensunterhalt zu verdienen.»Das wird wohl darauf zurückzuführen sein. Das. Das Gespräch mit meiner Großmutter war niederschmetternd verlaufen.

als einzige dieser Familie meine Rückkehr gewünscht? Was hatte sie veranlaßt. Diese erste Begegnung mit meiner Großmutter hatte mich tief erschüttert. den Brief zu schreiben. so eingehend über mich und alles. War ich wirklich im Wäldchen gewesen an jenem schrecklichen Tag und hatte die Geschehnisse mit angesehen? Und wie war ich plötzlich auf diesen Gedanken gekommen. stellten sich noch weitere Fragen: Warum hatte Sylvia Pemberton. was vorgefallen war.6 Nach endlosen Wanderungen durch mein Zimmer setzte ich mich müde und mutlos ans Fenster und starrte hinaus zu den sturmgeschüttelten Bäumen. meine Tante. ohne die anderen einzuweihen? Es war ein Rätsel. jeder von ihnen zum Wahnsinn verdammt? Gab es eine Grundlage für dieses Schauermärchen? Während ich über dies nachdachte. Selbst jetzt konnte ich das. . Tausend Fragen bedrängten mich. es könnte noch eine dritte Person im Wäldchen gewesen sein? War er völlig aus der Luft gegriffen oder hatte er seinen Ursprung in einer Erinnerung. kaum glauben. daß die Pembertons verflucht seien. die ich nicht mehr fassen konnte? Glaubte ich selbst überhaupt an diese Möglichkeit? Was war an der Behauptung. was er mir im Stall erzählt hatte. Warum wollte sie mich unbedingt von hier fortschicken? Von wem war sie. der mich hierher geführt hatte? Aus welchem Grund hatte sie meiner Mutter geschrieben. die kaum je ihr Zimmer verließ. unterrichtet worden? Colin konnte nicht ihr Vertrauter sein. meine Bemerkung über mein Gespräch mit ihm hatte sie überrascht.

»Leyla.für das ich keine Lösung finden konnte. Und jetzt suchte Martha. meinem Vetter. es gibt gleich Abendessen«. daß du die Wahrheit erfahren mußtest. Ich liebte Edward sehr. Schon im nächsten Frühjahr würde ich seine Frau sein. An sie konnte ich mich immer klarer erinnern: Sie war ein stilles Mädchen gewesen. die vom Duft der blühenden Akazien erfüllt waren. Martha trat ins Zimmer. Ich hatte gehofft – wir alle hatten gehofft. die etwas zu große Nase.« Sie trat mit ausgestreckten Armen auf mich zu. sagte sie und sah mir dabei forschend ins Gesicht. dachte ich an Edward. »Leyla. Ich vermutete. wie sie war. und dann konnte ich Pemberton Hurst auf immer vergessen. Eine hübsche Frau. das einfache kleine Weisen auf dem Klavier gespielt und stundenlang über ihren Handarbeiten gesessen hatte. Nichts ergab einen Sinn. daß wenigstens ein Mitglied unserer Familie ein normales und glückliches Leben . das kleine Grübchen am Kinn. daß mittlerweile die ganze Familie wußte. ein Mann. an unsere Spaziergänge im Cremorne Park mit seinen romantischen Fußwegen. Sie hatte wie ich die dichten dunklen Wimpern der Pembertons. worüber zu sprechen man ihnen allen verboten hatte. »Es tut mir in der Seele leid. daß Colin mir verraten hatte. Meine Gedanken wechselten zu Colin. Er war so zuverlässig und aufmerksam. teilnahmsvoll. auf den jede Frau stolz gewesen wäre. daß er nicht verheiratet war? Ein Klopfen an meiner Zimmertür riß mich aus meinen Gedanken. der die Manieren eines Stallknechts hatte und niemals auf die Gefühle anderer Rücksicht nahm. die sich mit Geschmack zu kleiden verstand und viele häusliche Talente besaß. Und wieso war sie nicht verheiratet? fragte ich mich. Wie kam es. was geschehen war. in meinem Gesicht nach Zeichen von Schmerz und Niedergeschlagenheit. fragte ich mich. Um mich zu trösten.

Es sei denn. Martha. daß ich die Wahrheit über den Tod meines Vaters nie erfahren hätte. Mechanisch führte sie ihre Gabel zum Mund. Er wird mir so wenig erspart bleiben wie dir. daß ihr mir alle etwas verbergen wolltet. Ich habe ihn beinahe gezwungen. und ich fragte auch nicht danach. Beim Essen fehlte nur Colin. dem das Essen offensichtlich genauso schmeckte wie mir. die Soße fein abgeschmeckt. Der Hammelbraten war köstlich. daß ich jetzt wußte. die Kartoffeln gerade richtig gekocht.« »Und jetzt. ohne die Belastung des drohenden Wahnsinns. Theo hingegen. daß Großmutter die Schuld daran trug. Die Stimmung war gedrückt. war kein Grund zu solcher Gedrücktheit. Auch wenn es ihnen aus Rücksicht auf mich lieber gewesen wäre.« Ich sah sie verständnislos an. Wenn Colin nur nicht so ein – « »Nein. auf meine Gefühle Rücksicht zu nehmen. es mir zu sagen. war doch noch lange kein Anlaß zu wortkarger Düsternis.führen könnte. was sie mir alle hatten verheimlichen wollen. Ich vermutete. Ich spürte von Anfang an. nicht wahr? Damit du noch etwas von deinem Leben hast. schien . Die Tatsache. Leyla. denn unsere Väter waren ja Brüder. Henry schien innerlich mit irgend etwas stark beschäftigt und aß fast nichts. blieb die Stimmung trübe. warf mir teilnahmsvolle Blicke zu und bemühte sich. es tut mir leid. Ach. ihm ist kein Vorwurf zu machen. Aber obwohl alles bestens geraten war. ich wußte immer noch nicht alles. Früher oder später hätte ich es auf jeden Fall erfahren. Martha war lieb wie immer. wo du es weißt – « sie drückte mir die Hände – »gehst du doch fort. Anna saß mit verschlossener Miene vor ihrem Teller und mied geflissentlich meinen Blick. Keiner gab eine Erklärung für seine Abwesenheit.

zum Wahnsinn verdammt zu sein. was sie alle dachten. ich konnte es nicht in Worte fassen. Ich konnte den Ursprung dieses Gefühls nicht erklären. bleiben zu müssen. etwas zu sagen. Die Aura der Hoffnungslosigkeit. mich fragend anzusehen. was ich von Colin erfahren hatte. sondern hatte ihre Grundlage in seiner Überzeugung. wie ich nun wußte. die ihm zur Last gelegt wurden. Im Lauf dieser wenigen Tage jedoch waren Dinge geschehen. die meine Bedürfnisse verändert hatten. was sich damals in meiner Kindheit abgespielt hatte. daß ich bleiben würde. als wir an diesem Morgen den Stall verlassen hatten. Als ich vor zwei Tagen nach Pemberton Hurst gekommen war. als mich nun in all meinem Handeln von ihm leiten zu lassen. Ich wußte. ihnen zu antworten: Für mich stand fest. Warum sollte da jetzt mein inneres Gefühl. »Geh fort von hier. Leyla. nicht auch seinen Ursprung in einer vergessenen Wahrheit haben? .« Und ich erinnerte mich auch meiner Reaktion auf diese Worte – ein zwingendes Gefühl. mein Bedürfnis.mehrmals nahe daran zu sein. und ich war bereit. war zweitrangig gewesen. doch es war so stark. die Jahre meiner Kindheit wiederzufinden. der Drang zu wissen. Ich erinnerte mich an Colins Worte. die vielleicht auf einer verschütteten Erinnerung beruhte –. daß ich nicht anders konnte. wurde immer stärker. nicht meiner Phantasie entsprungen. aber jedesmal vermied er es doch und begnügte sich damit. daß mein Vater unschuldig war an den Verbrechen. Die folgenden Stunden innerer Auseinandersetzung mit dem. daß mein Vater unschuldig war. und das Gespräch mit meiner Großmutter hatten mich zu der Überzeugung gebracht – die nicht zu erklären war. Geh zurück nach London und vergiß uns. hatte ich vor allem eine Familie gesucht. war. Meine Vergangenheit war mir wichtig geworden. die ich von Anfang an bei Henry wahrgenommen hatte.

wie ich wußte. »ist es auf den Straßen in London jetzt eigentlich ruhiger. daß ich in Pemberton Hurst bleiben mußte. daß mein Vater nicht getan haben konnte. Sollte ich mich tatsächlich plötzlich erinnern.« Das gleiche hatte er mir schon . die in diesem Augenblick mit mir beim Abendessen saßen. wie ich wußte. Wie stets sprach Anna nur über Belanglosigkeiten. London wird wohl immer laut bleiben. was ich an jenem Tag im Wäldchen beobachtet hatte. Wie stets hielt Martha sich aus dem Gespräch heraus. »Sag mal. als hätte sie nichts im Sinn als ihre Stickerei. eröffnete Henry das Gespräch. was alle von ihm behaupteten. ihre wahren Empfindungen und Gedanken zu verschleiern. Wir Pembertons sind nun mal keine reiselustige Familie. seit man das Steinpflaster durch Holz ersetzt hat?« »Das Experiment ist völlig fehlgeschlagen. es nicht zu besuchen. Theo. daran liegt es weniger. stand für mich fest. so bedeutete das auch. dann war ihre gedrückte und düstere Stimmung verständlich.Aufgrund dieser Überzeugung. meine Verwandten beschäftigten: Ich glaubte nicht an die Schuld meines Vaters. Sie wollten nicht. daß ich mich auch des wahren Mörders erinnern würde. Wenn der Mörder einer jener Menschen war. So würde die Antwort auf die Fragen lauten. es sei mein Vater. wandte sich Theo in bemühtem Konversationston an mich. daß das Holz bei Regen so glitschig ist. sie wollten jemanden schützen. Es stellte sich nämlich heraus. Wie in den vergangenen zwei Tagen versuchte ich mir vorzustellen.« »Ach. Als das Dessert aufgetragen wurde. die. Leyla«. dem ich zuhörte. daß ich mich erinnerte. daß man ständig Gefahr läuft auszurutschen. bis ich mich an jenen letzten Tag klar und deutlich erinnern konnte. ich wollte die Wahrheit in der Erinnerung suchen. um. für dich sicher ein Grund mehr.

einmal erzählt. Die Pembertons seien seßhafte Leute, denen am Reisen nichts läge, hatte er gesagt. Aber warum reisten sie nicht? »Aber es entgeht einem doch vieles, wenn man immer nur zu Hause sitzt«, meinte ich. »Wir haben hier auf Pemberton Hurst alles, was wir brauchen«, warf Henry ein. »Wir brauchen die große Welt nicht, um uns zu unterhalten.« Sonderbare Leute, meine Verwandten. Sie waren ja richtig stolz auf ihre Unbeweglichkeit und Zurückgezogenheit. Sie kamen mir vor wie eine eingeschworene kleine Gemeinschaft, die sich hinter ihren eigenen Mauern verschanzte, um niemanden sehen zu müssen und nicht gesehen zu werden. Als ich auf Henrys Einwurf nichts erwiderte, fragte Anna, ohne mich dabei anzusehen: »Wann wirst du denn nun abreisen?« »Tante Anna!« rief Martha. »Das ist aber wirklich nicht nett.« »Ja, Leyla«, schloß Theo sich den Worten seiner Mutter an, »wie sehen deine Pläne aus, jetzt, da du alles weißt?« »Jetzt, da ich was weiß?« Dies war die Gelegenheit, auf die ich gewartet hatte. »Nun, du wirst doch jetzt sicher von hier fort wollen, seit du erfahren hast, woran du dich nicht mehr erinnern konntest«, sagte Martha. Ich sah sie an. Auch sie wünschte meine Abreise. »Du meinst, die Sache mit meinem Vater?« Sie nickte. »Ja, ich würde vielleicht schon morgen von hier abreisen, wenn ich die Geschichte glauben würde. Aber ich glaube sie nicht. Darum habe ich beschlossen, so lange zu bleiben, bis ich mich in aller Einzelheit erinnern kann, was damals vorgefallen ist.«

»Wie meinst du denn das?« Anna drückte wieder einmal dramatisch ihre Hand aufs Herz. »Willst du behaupten, daß wir lügen?« »Nein, durchaus nicht. Es ist möglich, daß ihr diesen Tag anders seht, ohne es zu wissen. Aber ich habe das Gefühl, Tante Anna, daß mein Vater nicht getan hat, was ihr alle glaubt. Er ist unschuldig, das fühle ich.« »Aber das ist doch absurd«, sagte Theo. »Woher willst du das wissen?« fragte ich heftig. Jetzt verteidigte ich nicht nur meinen Vater, sondern auch meine Mutter und mich. »War denn einer von euch dabei? War denn außer mir einer von euch an dem Tag im Wäldchen und hat den Mord mitangesehen? Nein. Also, wie könnt ihr dann so sicher sein? Als ich hierher kam, hoffte ich, daß die Erinnerungen durch diese Umgebung von selbst wieder in mir geweckt werden würden. Aber das ist jetzt anders geworden. Ich bin nicht mehr bereit, tatenlos darauf zu warten, daß ich hier ein Stückchen und dort ein Stückchen Erinnerung erhasche. Ich werde alles daran setzen, mir die ganze Wahrheit ins Gedächtnis zu rufen. Verstehst du das, Onkel Henry?« »Du wirst dir selbst wehtun, Bunny. Du wirst dich an ein grauenvolles Ereignis erinnern, und die Bilder werden dich bis ans Ende deiner Tage verfolgen. Erspare dir das, Leyla.« »Aber da doch sowieso der Fluch der Pembertons auf mir lastet, dem wir alle preisgegeben sind, werde ich diese zusätzliche Bürde wohl auch noch ertragen können.« Henry verstand nicht, was ich meinte. Er beugte sich weit über den Tisch und sagte flehentlich: »Laß es ruhen, Bunny.« »Ich kann es nicht ruhen lassen. Versteht ihr das denn nicht? Ich glaube nicht, daß mein Vater ein Mörder war. Ich glaube nicht, daß meine Mutter wegen böser Erinnerungen Hals über Kopf von hier geflohen ist. Ich glaube, sie hat mich fortgebracht, um mich vor etwas oder jemandem zu schützen.

Im übrigen glaube ich auch nicht an den Pemberton Fluch. Wir befinden uns im Jahr 1857, in einer Zeit der Aufklärung und des wissenschaftlichen Fortschritts. Gespenster und Verwünschungen gibt es nicht.« »Aber es war doch der Fluch, der auf dieser Familie lastet, der deinen Vater zu seiner Tat getrieben hat.« »So ein Unsinn!« Ich sprang zornig auf. »Meiner Meinung nach ist der Fluch nur eine Erfindung, eine Phantasterei, die sich jemand ausgedacht hat, um meinem Vater alle Schuld zuzuschieben und den wahren Mörder zu decken.« »Schluß jetzt, Leyla!« befahl Henry scharf. »Henry!« rief Anna ängstlich. »Ihr alle hier könnt es kaum erwarten, daß ich abreise. Warum? Ich war gerade fünf Jahre alt, als ich von hier fortging. Ich hatte erwartet, mit offenen Armen empfangen zu werden, daß wir gemeinsam Erinnerungen austauschen und alte Freundschaften wieder auffrischen würden. Aber das ist nicht geschehen. Ihr behandelt mich wie eine Aussätzige. Sagt mir endlich, was vor zwanzig Jahren geschehen ist!« »Du weckst einfach schlimme Erinnerungen, das ist alles.« Alle Köpfe drehten sich, als Colin ins Speisezimmer trat. Die Hände in den Hosentaschen, stand er da, und blickte mit einem herausfordernd spöttischen Lächeln in die Runde. Er hatte offensichtlich an der Tür gelauscht. »Und außerdem verdirbst du ihnen den Nachtisch. Schau hin! Keiner hat mehr als einen Bissen gegessen. Durch deine Anwesenheit werden sie an Dinge erinnert, an die sie sich nicht erinnern wollen.« »Colin – « begann Henry. »Ist dir aufgefallen, daß es nirgends im Haus ein Familienbild gibt? Ich kann dir sagen, warum. Weil niemand erinnert werden möchte.« »Woran?«

Colin zuckte die Achseln und gab mir keine Antwort. »Bin ich für den Braten zu spät dran? Na ja, dann esse ich eben die doppelte Portion Nachtisch. Reich’ mir doch mal die Schale her, Schwesterherz.« Lässig setzte er sich und ließ sich von Martha den Nachtisch reichen. Ich konnte es nicht begreifen. Er hatte nichts mit dem Mann gemeinsam, der sich mir am Morgen im Stall gezeigt hatte. Ich mußte an Edward denken, der niemals launisch war, und ich war wütend auf die Sprunghaftigkeit meines Vetters. Er war nicht nur ungezogen, es war ihm auch völlig gleichgültig, wie sein Verhalten auf andere wirkte. »Colin«, sagte Martha leise. »Leyla hat beschlossen, hier zu bleiben.« Er sah nicht auf. »Ach, ja? Gertrude hat den Pudding wieder ohne Mandeln gemacht. Du mußt wirklich einmal mit ihr darüber sprechen, Onkel.« Henry, Anna und Theo tauschten Blicke, während Martha sich in sich selbst zurückzog. Mir war es mittlerweile gleichgültig geworden, was diese Leute dachten; ich schuldete ihnen nichts, geradeso wie sie glaubten, mir nichts zu schulden. Zornig und verwirrt lief ich aus dem Speisezimmer in den Flur hinaus. Dunkelheit umgab mich. Wie stumme Wächter standen die hohen Topfpflanzen in ihren Ecken, und die wuchtigen Möbel wirkten bedrohlich und überwältigend. Die gleiche Stimmung, die mich im Gespräch mit meiner Großmutter erfaßt hatte, überkam mich jetzt wieder. Ihr Geist schien überall in diesem Haus zu sein, allmächtig und allwissend. Unschlüssig lief ich in die Bibliothek und sank müde in einen Sessel vor dem Kamin. Nichts ergab einen Sinn. Nichts war so, wie ich es erwartet hatte. Ich starrte gedankenverloren ins Feuer, als Martha eintrat. Sie setzte sich leise in einen Sessel, ihren bekümmerten Blick auf mich gerichtet. Sie war zwölf gewesen, als ich fortgegangen

war; jetzt war sie zweiunddreißig, eine alte Jungfer, keusch und unberührt, als hätte sie den Schleier genommen. »Ach, Leyla, es tut mir alles so schrecklich leid.« Sie rang die Hände. »Ich wollte, ich könnte dir helfen. Ich kann mir vorstellen, was du jetzt durchmachst.« Ich hob den Kopf und sah sie an. Von allen Pembertons war Martha mir die liebste, oder vielmehr diejenige, von der ich mich am wenigsten brüskiert fühlte. »Martha«, sagte ich müde, »warum gibt es hier im Haus keine Porträts der Familie?« »Großmutter wünscht es nicht. Sie möchte nicht an den Fluch erinnert werden.« »Ich glaube nicht an den Fluch.« »Aber es ist wahr, Leyla! Sir John, unser Großvater, stürzte sich vor zehn Jahren im Wahnsinn vom Ostturm. Die Geschichte des Fluchs reicht weit zurück.« »Wie weit denn? Weißt du das?« »Hm…« Sie kniff die Augen zusammen und runzelte die Stirn. »Warte mal. Soviel ich weiß, reicht sie Generationen zurück, aber die älteste Geschichte, die mir in Einzelheiten bekannt ist, ist die von Großvaters Bruder Michael. Er hat im Wahnsinn seine Mutter vergiftet und dann sich selbst. Über frühere Vorfahren habe ich nie etwas Genaues gehört.« »Und wer hat dir die Geschichten erzählt?« »Großmutter natürlich.« »Ah, ja.« Mein Blick glitt wieder zum Feuer, und in den Flammen sah ich das Gesicht Abigails, die mit unumschränkter Macht in diesem Haus zu herrschen schien. »Gibt es eine Familienbibel oder einen Stammbaum, den ich mir einmal ansehen könnte?« Marthas Blick schweifte über die Borde voller Bücher, die uns umgaben. Es war offensichtlich, daß sie nicht viel las. »Nicht daß ich wüßte.«

»Sir John und Abigail. sie war sehr alt. Ein wenig Hoffnung hatte ich noch. Tante Anna und Theo. Bitte. sind es nur noch sieben. Und sie hat nie geheiratet. Du hast deine Mutter und deinen Vater verloren. Theo.« »Aber nicht deine Eltern.« Ich überlegte einen Moment. Meine Eltern mit Colin und mir. Aber zwanzig Jahre sind eine lange Zeit. sagte ich.« Ich beugte mich vor. Und deine Eltern und du.« Martha blickte auf ihre gefalteten Hände nieder. Tante Sylvia war eine Vauxhall. wenn auch nicht so alt wie Großmutter. meine Cousine auf meine Seite zu ziehen. Onkel Henry. verzeih mir.« »Als ich fünf Jahre alt war. hab’ Geduld mit mir. Großmutter und Tante Anna sind keine Pembertons. Onkel Henry. Dann Tante Sylvia. Nur die Pembertons haben diese Veranlagung – du. und dein Bruder Thomas. »wer lebte da in diesem Haus?« Sie zögerte einen Moment. Sie zog vor vielen Jahren mit ihrer Schwester hier ins Haus und blieb. Martha«. zwanzig Jahre später. ich.« »An dem Tag damals waren also vierzehn Menschen hier im Haus. Und heute. daß ich schlimme Erinnerungen ausgrabe. Martha. ehe sie antwortete. keine Pemberton.« »Und Thomas. aber ich war zwanzig Jahre fort von hier und weiß so vieles nicht. gelang es mir vielleicht.« »Ach ja. und einige von ihnen waren alt. »Martha. Ich habe genau wie du .« »Martha. »Was kannst du mir über Tante Sylvia erzählen?« »Tante Sylvia? Oh. Sie sind frei davon.« »Ist sie auch am Wahnsinn zugrunde gegangen?« »Aber nein.»Macht nichts. Ich habe viel Zeit. »Sie kamen bei einem Unfall ums Leben. Wenn ich klug war und vorsichtig genug zu Werke ging.« »Ja.

Dein Vater hat Selbstmord verübt.« Martha schob sich zwischen uns hindurch zur Tür hinaus. faßte ich sie beim Arm.« Ich warf ihm einen zornigen Blick zu. an dem du plötzlich vor der Tür standst. Wir hatten dich vergessen bis zu dem Tag. sie zu beschwichtigen. Wenn es jemand auf das Erbe abgesehen hat.« Als sie zur Tür wollte. daß sie beinahe das Gleichgewicht verloren hätte. Ich hätte sie eines solchen Ausbruchs nicht für fähig gehalten. Leyla.meine Eltern und dazu meinen Bruder verloren. wie kannst du so etwas sagen!« »Martha! Bitte!« Ich warf einen Blick zur Tür. »Klopfst du eigentlich nie an?« »Ich sagte. sagte Colin von der Tür her: »Laß sie los. dann bist du es!« »Das ist nicht wahr. ist häßlich und gemein. Wie kannst du diese Todesfälle mit einem hinterlistigen Plan in Verbindung bringen!« Marthas Stimme wurde immer lauter und schriller. Großmutter hat recht. du sollst meine Schwester loslassen. »Was du gesagt hast. »Was du denkst. Ich hörte ihre Schritte auf der Treppe. Du bist doch der Eindringling hier. Du bist die Fremde. Wohin wollte sie? Zu Großmutter. Doch ehe ich etwas sagen konnte. Ich habe den Eindruck – « ich sprach jetzt langsam und bedächtig – »daß der Kreis der Erben ganz beträchtlich eingeschränkt – « »Leyla!« rief sie und sprang so hastig auf. Du hast genug angerichtet. Mit dir kann man nicht befreundet sein. »Wie kannst du so etwas Gemeines sagen? Meine Eltern sind bei einem Unfall umgekommen. um ihr alles zu erzählen? . Martha!« Jetzt sprang auch ich auf. ist abscheulich. »Leyla. Leyla. und deine Mutter ist in London an einer Krankheit gestorben. Wir sind eine harmonische Familie. versuchte.

habe ich das ganz deutliche Gefühl. schöne Cousine. was die Pembertons angeht. daß ich die Vergangenheit verändern kann. fauchte ich wütend. mein Vater und mein Bruder wären an der Cholera gestorben. daß sie zuschlug.« »Bist du denn mit der Gegenwart nicht zufrieden?« »Nein.« Wie ein trotziges Kind ließ ich mich in einen Sessel fallen. »Alles. daß das.»Dich geht das überhaupt nichts an«. Aber ich habe das Gefühl. was man mir gesagt hat. Ich habe dir doch gesagt. tief in mir steckt eine Erinnerung. als er mit einem spöttischen Lächeln sagte: »Ein bißchen melodramatisch. sah ich wieder den Colin. daß die Familie eng verbunden ist.« »Wieso bist du so sicher. nicht wahr ist. Kannst du das verstehen?« Als ich mein vom Feuer heißes Gesicht hob und ihn anblickte. Und die Gegenwart auch. Aber schon entzog sich mir diese Seite seines Wesen wieder.« Er gab der Tür einen Tritt. nicht die Wahrheit ist. was tatsächlich geschah. Aber ein Schatten. und ging langsam zum Kamin. was ich über den Tag im Wäldchen gehört habe. die ich nicht fassen kann.« »Aber. teilnahmsvollen und starken Mann. geht auch mich an. hatte ich eine völlig andere Vergangenheit – da glaubte ich. den ich am Morgen kennengelernt hatte – einen ernsthaften. Ehe ich hierher kam. im Augenblick nicht. »Na hör mal. Auch wenn ich mich nicht erinnern kann. daß dein Vater unschuldig war?« »Colin. warum – «ich stellte mich trotzig vor ihm auf – »will mir niemand meine Fragen beantworten?« »Setz dich erst einmal hin. dich an die Vergangenheit zu erinnern? Was versprichst du dir davon?« »Ich weiß es nicht. Aber diese Vergangenheit hat sich jetzt verändert und dadurch auch die Gegenwart. daß das. eine Ahnung davon ist mir zu Bewußtsein gekommen und sagt mir. findest du nicht?« . »Ist es dir denn so wichtig.

»Nein. soweit ich gehört habe. Leyla.« »Du hast mich doch sowieso schon dazu gebracht. Wir sind hier nicht auf dem Pferdemarkt. jedenfalls nicht.« Ich erwiderte Colins Bemerkung mit einem Lächeln und bekam zu meiner Überraschung ein gleiches zurück.»Colin! Ich komme mir vor wie in einem Alptraum. als du unserer Ansicht nach erfahren solltest. Ich weiß genau. »Was ist denn so lustig?« »Du redest wie der große Bruder.« »Na. Keiner hier hat je von dir oder deiner Mutter gesprochen. Warum fragst du?« Ich schüttelte den Kopf. ich bin doch beinahe dein Bruder. Geh weg von hier und heirate ihn.« »Dann kehre zu ihm zurück. »Was ist an Tante Sylvia so Besonderes?« »Ich beantworte deine Fragen nicht.« »Verflixt noch mal. ich solle gerecht sein?. »Was hast du gemeint. Ich bin dein Cousin. um dich zu holen. sei gerecht!« »Ich wäre dir dankbar.« Er hob . Colin. wenn du mir gegenüber einen anderen Ton anschlagen würdest. als du eben sagtest. wie?« »Bestimmt nicht. dem alle gesellschaftlichen Gepflogenheiten völlig gleichgültig waren. Sag. hat Tante Sylvia jemals von mir gesprochen?« »Tante Sylvia?« Er überlegte kurz.« »Dein Edward würde sich wohl eine solche Ausdrucks weise nie erlauben. dir mehr zu sagen. daß hier etwas nicht stimmt. wenn du meine nicht beantwortest.« Ich mußte wider Willen lächeln bei dieser Vorstellung. und ich muß es herausfinden. So eine Idee konnte nur Colin einfallen. Unsere Väter waren Brüder. ehe er dir nachkommt und hier die Tür einbricht. Niemals würde Edward etwas so Verrücktes tun.

Colin. »Bitte. als du sagtest. Sieh’ doch. Bitte!« Er hielt sich mit einer übertriebenen Geste die Ohren zu. daß meine Mutter nicht über diese Familie sprechen wollte? Warum ist Großmutter – « »Leyla! Hör auf damit. laß mich ausreden. Du solltest wenigstens wissen. seine Worte klangen ehrlich. was dir nur schmerzlich sein kann. daß ihr mir etwas verheimlicht? Was meintest du. Du quälst dich mit dem Bemühen. Wir wollten dich unbefangen lassen. Die anderen und ich waren uns mit Großmutter darüber einig. der Fluch war ein Märchen. das stimmte nicht. daß in unserer Familie der Wahnsinn erblich ist. Mein Vater war unschuldig. wie es sein muß. Leyla.« Ich sah Colin forschend ins Gesicht. Der Blick seiner Augen war aufrichtig. Ich spürte es deutlicher denn je. da ich mir vorstellen konnte. als ich etwas sagen wollte.die Hand. dir nichts über die Vergangenheit zu sagen. Der Beweis dafür lag in meinem Gedächtnis eingeschlossen. daß er für seine Tat nicht verantwortlich war. Darum habe ich dir von deinem Vater erzählt und darum habe ich dir gesagt. wenn man lauter Fragen hat und keiner einem Antwort gibt. wie wir selbst es gern wären. der gereizt klang: »Ich habe das Gefühl. Aber ich bedaure diesen Augenblick der Schwäche. Dann sagte er in einem Ton. daß Martha mit ihren zweiunddreißig Jahren hier die Jüngste ist? Warum habe ich immer noch das Gefühl. dich an etwas zu erinnern. daß deine Phantasie . du könntest dir vorstellen. »Bitte beantworte meine Fragen. Konnte es wirklich so einfach sein? Daß die Geschichte vom Wahnsinn meines Vaters wahr war? Daß diese Menschen mich nur hatten schützen wollen? Nein. Aber statt dessen wurde ich schwach. Warum lebt ihr alle hier in diesem Haus wie in einem Kloster und verlaßt es nie für längere Zeit? Wie kommt es. was seitdem mit dir geschehen ist.

»Herein«. so würde mir Edwards Wissen um die Situation Schutz und Sicherheit sein.« »Ich möchte die Ehre meines Vaters wiederherstellen. ihn um Rat und. unzuverlässig und unberechenbar. die es gar nicht gibt. sagte ich verdrossen. und ich beschloß. die ich hier vorgefunden hatte. und wenn ich mich durch dieses Bemühen selbst in Gefahr bringen sollte. Aber eines kann ich dir sagen. daß ich hier weggehe. Ich wollte den Ruf meines Vaters wiederherstellen. »Schläfst du schon. um Hilfe bitten. Wütend knallte ich die Tür von meinem Zimmer hinter mir zu. Du erlauschst Geheimnisse. Dieser Mensch war unmöglich. warum meine Schwester zweiunddreißig Jahre alt ist?« »Das ist gemein!« rief ich zornig. Ich hatte vielleicht eine Stunde geschrieben. Es war nicht einfach die richtigen Worte zu finden. wenn nötig. Zu meinen Füßen lagen zahlreiche zusammengeknüllte Blätter. nein! Komm nur herein. augenblicklich einen Brief an Edward zu schreiben.« Damit stürmte ich aus dem Zimmer und lief wenig damenhaft die Treppe hinauf. als es klopfte.« »Indem du mich danach fragst.« . mußt du erst meine Fragen beantworten. Henry öffnete die Tür einen Spalt und schaute herein. »Jetzt bist du ungerecht. und meine Wangen brannten. Ich wollte ihm alles berichten. Bunny?« »Nein. Colin – « ich sprang auf und stemmte die Arme in die Hüften – »wenn du möchtest. Mein Blick fiel auf den Führer durch den Cremorne Park.mit dir durchgeht. um Edward auf einleuchtende Weise die Situation zu beschreiben.

« »Mich warnen?« »Ja. Onkel. Leyla.« »Wenn das stimmt. daß ich mich erinnern könnte?« . Nachdem er erst nach rechts und dann nach links gesehen hatte. Wollen wir uns an den Kamin setzen?« Ich folgte ihm zum Sofa. ist ein gräßlicher Alptraum. Deine Worte beunruhigen uns alle.« »Aber das ist doch sinnlos. Du solltest dich nicht um Dinge kümmern. Es war etwas anderes. flüsterte er: »Ich habe dich gestört. Bunny. den glasigen Blick. Ich freue mich. warum scheint ihr dann alle zu fürchten. die dich nichts angehen. verwundert über sein seltsames Verhalten. macht für mich keinen Unterschied. schien angestrengt nachzudenken und sah sich dabei mit hastigen Blicken im Zimmer um. Wenn du dich eines Tages wirklich daran erinnern solltest.« »Der Tod meines Vaters und meines Bruders sollen mich nichts angehen? Das kann nicht dein Ernst sein!« »Seither sind zwanzig Jahre vergangen. Unbestimmbares. »Aber nein.« Ich sah auf den Brief hinunter und legte meine Hände darauf. daß wir dir die Wahrheit gesagt haben. daß du gekommen bist. ich muß dich warnen. Onkel Henry?« Erst jetzt wandte er sich mir zu. Kind! Das. wirst du erkennen.Beinahe verstohlen schob er sich durch die Tür und kam mit lautlosen Schritten auf mich zu. Onkel Henry. Wie immer umgab ihn jene Aura. was du damals im Wäldchen sahst. und ich sah es: die zusammengezogenen Pupillen. Mein Onkel mußte unter dem Einfluß von Opium stehen! »Du hast deine Cousine Martha heute abend sehr erschreckt. aber das war es nicht. was mich sonderbar berührte. »Was ist denn. glaube mir. Du bist unvernünftig. was du dir unbedingt ins Gedächtnis zurückrufen möchtest. Er zauderte. Ich verteidige die Ehre meines Vaters.« »Ob es vor zwanzig Jahren war oder gestern.

»Wie willst du dich an Dinge erinnern.»Einzig um deinetwillen. daß ich nach London zurückkehre und Edward heirate. daß ich die Wahrheit erfuhr. daß es wahr ist. Colin war jetzt ebenfalls dagegen. die seit zwanzig Jahren verschüttet sind?« Ich sah Henry ruhig an und antwortete: »Indem ich morgen ins Wäldchen gehe. Leyla. Ich werde mir meine Erinnerungen zurückholen.« »Von uns wird dir keiner helfen.« Das wußte ich bereits. Onkel Henry. Sein Blick huschte unablässig suchend im Zimmer umher. »Du hättest niemals hierher zurückkommen sollen. warum er das Laudanum genommen hatte. »Oder – « ich senkte die Stimme – »wollt ihr lieber. Und ich lasse mich von meinem Vorhaben nicht abbringen. gibst du die Krankheit der Pembertons weiter.« »Aber vielleicht kommen sie nie zurück.« »Eine solche Krankheit gibt es nicht. Bunny. daß ich gar nicht heirate?« Er drehte sich um und faßte mich bei den Händen. »Wenn du heiratest.« Henrys Gesicht verfinsterte sich. und wenn sie noch so schrecklich sind. Ich hätte gern gewußt. Wie kannst du an ein solches Märchen glauben?« »Weil ich weiß. Sie gehören mir. daß sie zurückkommen werden. Und Theo – was für eine Haltung nahm er ein? Ich konnte mir meine Erinnerungen nur mit Hilfe meiner eigenen Willenskraft zurückerobern.« »Ich weiß. Leyla –« »Aber ich bin zurückgekommen. Martha war mir böse. Leyla. Ist das richtig?« Henry antwortete nicht.« »Und ihr wünscht euch nur.« . Anna hatte mir von Anfang an nicht geholfen. Seine Handflächen waren klamm und feucht.

worauf du hinauswillst.« »Aber. Niemals. »Ich werde gehen. Henry würde mir niemals etwas Böses antun. ihn zu beschuldigen.« »Ich weiß. Indem du die Unschuld deines Vaters erklärst. Schließlich jedoch fuhr er sich mit der Zunge über die Lippen und sagte leise: »Du darfst nicht ins Wäldchen gehen. dessen war ich gewiß. wie weit er gehen würde. Bunny. Stimme. wir würden um das Familienvermögen streiten. aber das konnte ich nicht. Ich weiß. sondern eher eine Art von Mißtrauen.« »Das war etwas anderes. um das Familiengeheimnis zu bewahren. ob er meine Worte überhaupt gehört hatte.« »Wie einfach für euch alle. wer von der Familie hätte einen Grund gehabt! Es war auch sehr häßlich von dir. Es war nicht Angst.7 Er starrte mich lange mit leerem Blick an. Leyla.« . weil ich gehen muß. Körperhaltung. Du beschuldigst einen Pemberton des Mordes!« »Mein Vater war auch ein Pemberton. so daß ich mich fragte. Unter anderen Umständen hätte ich diesen Mann geliebt. damit ich mich erinnere. solange ich ihn fürchtete. Aber ich glaube nicht daran.« Er mußte meinem Vater so ähnlich sein – Gesicht. schiebst du die Schuld einem anderen Mitglied der Familie zu. zu Martha zu sagen. und ihr denkt euch nichts dabei. Ich hätte dich solcher Gedanken nicht für fähig gehalten. aber seine Gegnerschaft konnte mich sehr unglücklich machen. was du für einen Plan hast. Leyla. Er wurde vom Wahnsinn zu der Tat getrieben.

Jedenfalls jetzt nicht. Mutter erwartet. Niemand läßt Abigail Pemberton warten. Dieser gräßliche Wind bläst durch alle Ritzen. des Mordes beschuldigten.« »Was ist schlimmer. Ich bekam eine Erklärung. daß ich noch einmal nach ihr sehe. Onkel?« Sein Blick glitt an mir vorbei.« Unsicher stand er auf und legte mir eine Hand auf die Schulter. daß es ein sehr starkes Schmerzund Betäubungsmittel war.« Ich sah Henry leicht beunruhigt an. »Geh nach London zurück.Das tat weh. als er stöhnend die Hand an die Stirn drückte und sagte: »Diesmal ist es schlimmer als je zuvor.« Während er leicht taumelnd neben mir stand. »Deine Tante Anna hat es mir mit dem Tee gegeben. »Ich gehe morgen ins Wäldchen. der sich nicht mehr wehren konnte.« »Das werde ich nicht tun. Wenn sie meinen Vater. ehe sie zur Ruhe geht. so war das völlig in Ordnung. wie sein . solange du kannst. Wenn ich hingegen einen von ihnen beschuldigte. Bunny. diese Kopfschmerzen. »Wieviel Laudanum hast du genommen. Sie sind zermürbend. Eine andere Möglichkeit gibt es nicht.« »Hat mein Vater auch Kopfschmerzen gehabt. Onkel?« »Wie? Oh.« Henry schien sich völlig in eine eigene Welt zurückzuziehen. aber ich wußte. und ich sah. wieviel Laudanum er genommen hatte und warum. Leyla. »Wie wenig du weißt.« »Großmutter kann ruhig einen Moment warten – « Er lachte laut und gequält. ich muß gehen. Onkel. Onkel Henry?« »Die Kopfschmerzen. Ach. schweiften seine Augen von neuem durch das Zimmer. Ich hatte keine Ahnung. Leyla. Daher kommen die Kopfschmerzen. Aber diesmal brauche ich mehr. so war das gemein und niedrig.

Bunny. Henry hatte mich enttäuscht. getrunken.« Henry lachte ein wenig. sah in die verlöschende Glut im Kamin und ging zum Fenster. Während ich ihm nachblickte.« »Aber es geht mir gut. An der Tür blieb er stehen. wie eine Gefangene.Blick auf meinem Brief an Edward haften blieb. sie würde sich dem Willen meiner Großmutter noch eher beugen als ihr Mann. Wer blieb da noch? Anna? Nein. Martha war mir böse. wenn es dir besser geht. was auf mich zukam. log ich. Onkel Henry. Henry war wahrhaftig eine tragische Gestalt. von dem ich keine Unterstützung zu erwarten hatte. wie er torkelnd durch den dämmrig erleuchteten Flur zu seinem eigenen Zimmer ging.« »Würdest du mich zur Tür bringen? Ich bin ein bißchen unsicher auf den Beinen. Zurück in meinem Zimmer lehnte ich mich mit schwerem Herzen an die Tür und fragte mich. Er war ein schwacher Mensch. wie ich das.« Ich mußte ihn führen wie einen Betrunkenen.« Ich küßte ihn auf die Wange. aber ich muß jetzt gehen. aber er schien es gar nicht zu bemerken. Wer dann? Wie in Trance bewegte ich mich im Zimmer. jetzt erst schien sich seine Wirkung zu entfalten. aushalten sollte. »Entschuldige. Meine Großmutter hatte mich zurückgestoßen. und auf Colin war kein Verlaß. Bunny. »Ich habe mir nur ein paar Notizen für mein Tagebuch gemacht. »Schlaf gut. »Du schreibst einen Brief?« »Nein«. Wir können uns morgen weiter unterhalten. Theo? Der würde sich auf die Seite seiner Eltern stellen. die aus einer . Offenbar hatte er seinen Tee mit dem Laudanum unmittelbar ehe er zu mir gekommen war. überkam mich eine Welle der Verzweiflung. Mir zerspringt der Kopf.« »Gute Nacht. Ich kam mir vor wie in einem Käfig.

Während der letzten Worte hoffte ich aus tiefstem Herzen. was ich fühlte und empfand. Der Besuch meines Onkels hatte mich in meinem Beschluß bestärkt. hierher zu kommen. Aber bis dahin mußte ich jemanden haben. der mir meine Fragen beantwortete. dann dachte sie vielleicht mit Wehmut an jene Zeit zurück. ihn am folgenden Morgen von einem der Mädchen nach East Wimsley bringen zu lassen. das war wichtig. Nachdem ich den Umschlag versiegelt hatte. konnte ich hoffen. mir Auskunft zu geben. um welchen Preis. als sie mich das erstemal gesehen hatte. Von dort aus würde er in zwei Tagen in London sein. gleich. dann war sie vielleicht bereit. Haß und Schmerz kennen keine Vernunft. die sie nicht verstehen kann. Wenn das zutraf. nach London zurückzukehren und meinen Platz an Edwards Seite einzunehmen. er würde meine Verzweiflung erkennen und unverzüglich zu mir eilen. War es Schrecken gewesen? Furcht? Oder nur Überraschung? Wie betrachtete sie meine Heimkehr? Ich konnte mir vorstellen. würde ich den Kampf nicht allein zu führen brauchen. in eine Welt des gesunden Menschenverstands hinausblickt. ihn in spätestens sechs Tagen zu sehen. Da fiel mir Gertrude ein. Ihren Ausdruck wußte ich jedoch nicht zu deuten. Wieviel vernünftiger wäre es für mich gewesen. Aber Liebe.Welt. die Haushälterin. Wenn ich Edward dazu bewegen könnte. Doch das mußte heimlich geschehen. Ihr Gesicht an dem Abend. die ganze Wahrheit herauszufinden. Der Brief an Edward ging mir jetzt leicht von der Hand. . vielleicht hatte sie gelegentlich das Kindermädchen vertreten. daß Gertrude in meiner Kindheit eine wichtige Rolle für mich gespielt hatte. beschloß ich. Wenn Edward dann gleich aufbrach. mit dem ich sprechen konnte. stand deutlich vor meinen Augen. Ich schrieb einfach das nieder.

Soll ich sie ‘raufschicken. nein. was der folgende Tag bringen würde. In aller Eile machte ich Toilette und schlich. Ich war überzeugt. alle noch zu jung. Sie grüßten höflich. Und ehe ich einschlief. Einen besseren Zeitpunkt für die Erforschung des Hauses meiner Kindheit. Madam«. Madam?« »Nein. als daß sie vor zwanzig Jahren schon hätten im Haus gewesen sein können.« Bis zu meinem Gespräch mit Gertrude blieb mir also noch eine Stunde Zeit. den Brief und eine Pfundnote. Danke. Kurz vor Tagesanbruch erwachte ich frisch und ausgeruht. aber nicht mehr so fremd wie zuvor. während alle noch schliefen. »Sie kommt immer erst um sechs. Madam. Die beiden Seitenflügel des Hauses waren verschlossen. Das Zimmer war kalt und dunkel.Erleichtert und ermutigt. und die Familie würde sicher nicht vor sieben aufstehen. antwortete ein Mädchen. seit ich in diesem Haus war. Die Hausangestellten saßen bereits in der Küche vor dem großen Herd. dachte ich mit Unruhe daran. als ich eintrat. Ich gab einem Mädchen. das ich schon kannte. in dem schon Feuer brannte. Die Flure waren dunkel und kalt. »Wo ist Gertrude?« fragte ich. dachte ich. Die anderen betrachteten mich stumm. nicht nötig. gab es nicht. das erstemal. griff sie hastig nach einem Mantel und eilte davon. und betonte nachdrücklich die Dringlichkeit der Besorgung. machte ich mich bereit zum Schlafengehen. aber sichtlich erfreut über das Geld. werde ich auch dieses Haus erforschen und nach Erinnerungen aus meiner Kindheit suchen. »Noch nicht da. Als ich mich mit Behagen in das weiche Bett sinken ließ. da sie . die Treppe hinunter. daß im Wäldchen alle Erinnerung wiederkehren würde. Alles würde sich offenbaren. zumal ich hellwach und voller Optimismus war. Ohne ein Wort.

in der die Familie groß gewesen war und häufig Gäste beherbergt hatte. Dieser Raum mußte noch bis vor kurzem bewohnt gewesen sein. schon einmal hier gewesen zu sein. daß es einmal eine Zeit gegeben hatte. Langsam schob ich die Tür weiter auf. freundlich.nicht mehr bewohnt wurden. Dieses Zimmer kannte ich. aber die Zimmer waren alle abgeschlossen. vor allem im zweiten Stockwerk. so daß jedes Zimmer genutzt worden war. Hier und dort war sogar noch Öl in den Lampen. mit offenen Sinnen auf alles zu achten. Aber die Möbel standen alle richtig an ihrem Platz. Der Tisch neben der Tür war noch nicht von Staub bedeckt. oder hatte es früher einmal gekannt. da nur sieben Menschen hier lebten und Besuch selten war. waren zwei lange Flure. um auch nicht den kleinsten Anstoß zu einer Erinnerung zu übersehen. die Topfpflanze schien vor kurzem noch gegossen worden zu sein. Jetzt. Vorsichtig drehte ich einen Türknauf nach dem anderen. Auf dem Nachttisch lag ein Buch. daß das Zimmer nicht mehr benutzt wurde. Im zweiten Stockwerk. Ich stieß auf viele verschlossene Türen. seine Atmosphäre war angenehm. wo wir alle unsere Zimmer hatten. die noch nicht so lange unbewohnt zu sein schienen wie die Seitenflügel. Als ich näher zum Bett trat. leuchtete mit der Kerze und sah. Der reingefegte Kamin. trat ich weiter ins Zimmer. bis ich alles erkennen konnte. Ich fragte mich. bemühte ich mich. Ohne die Tür hinter mir zu schließen. wo viele Zimmer leerstanden. Bis auf eines. überkam mich plötzlich das Gefühl. daß ich mich in einem Schlafzimmer befand. wer in diesem Zimmer gelebt hatte. wurde nur noch der Mittelteil des Hauses bewohnt. Aber ich stellte mir vor. das Fehlen von Lampen und Kerzen verrieten. Während ich über den staubigen Teppich ging und die modrige Luft atmete. in Leder . Aber es kam nichts.

die fein geschwungenen Bögen. der mir die Tränen in die Augen trieb. Glücklich und traurig zugleich. Aber in wessen Schrift? Ich stand da und betrachtete das Tagebuch. als weich und schwungvoll. die ich ersehnt hatte. stieg ein Strom von Gefühlen in mir auf. »Mein Gott. Das war ihr Tagebuch. Plötzlich hörte ich hinter mir die Tür ins Schloß fallen. aber die Schrift war eine andere. sie wiederzusehen. hast du mich erschreckt«. was sie diesem Buch anvertraut hatte. Mit einem Schlag wurde alle Wehmut von eisigem Entsetzen weggefegt. daß es mir nicht vergönnt gewesen war. sagte ich atemlos zu der Silhouette an der Tür. Wie wunderbar wäre dieses Wiedersehen geworden! Die anderen hätten mich nicht zu kümmern brauchen. daß ich als Kind sehr an ihr gehangen hatte. Der Brief an Mutter war in einer festen. Mit einem unterdrückten Aufschrei fuhr ich herum. Wie traurig. Ein leises Lachen antwortete mir. Ich war völlig verwirrt. wischte ich mir eine Träne von der Wange und erstarrte. Ich stellte die Kerze nieder und schlug es auf. Ich fühlte mich Tante Sylvia plötzlich unglaublich nahe. um mir die Wärme und die Liebe zu geben. Die Seiten waren in einer schön geschwungenen Schrift beschrieben. Es war Sylvia Vauxhalls Tagebuch von 1856. Während ich las. energischen Handschrift geschrieben gewesen. Mein Blick lag wie gebannt auf den Seiten des Tagebuchs. dieser Frau. flüssige Schrift war nicht die gleiche wie die in Tante Sylvias Brief. . diese weiche. an die ich mich nicht erinnern konnte und von der ich doch wußte. von Liebe und Sehnsucht. denn Tante Sylvia wäre ja hier gewesen.gebunden und ohne Titel. mehr kantig. Die Handschrift auf diesen Blättern.

« In meinem Kopf schwirrte es.« »Fährst du nie hin?« »Ich habe mit dem Geschäft nichts zu tun. meinst du nicht?« Ich sah wieder auf das Buch. Theo und Henry sind ebenfalls aufgestanden. Wer hatte den Brief geschrieben? »Ich will dir etwas sagen. Mein Onkel und mein Vetter halten mich beide für unfähig.« »Die anderen schlafen ja noch. aber sie sind schon nach East Wimsley gefahren. von mir steht nichts in dem Buch. »Es ist nicht ganz ungefährlich allein durch dieses Haus zu streifen.« »Aber jetzt bin ich da und kann dich herumführen.« »Nein – nein.»Bist du das. du hast eine Enttäuschung erlebt. Ich konnte mich beinahe an sie erinnern. ich würde mich vielleicht an irgend etwas erinnern. Theo?« Ich griff hinter mich. nahm die Kerze und hielt sie hoch. Tante Sylvia hat nie von dir gesprochen. Das nächstemal suchst du dir Begleitung.« »Und was hat es dir sonst noch gesagt?« Mit einem Ruck hob ich den Kopf. Meine Augen brannten. So wenig wie wir anderen. Manche der Treppen. sagte Colin und kam einen Schritt näher. »Ich fühlte mich ihr plötzlich so nahe. in der ich sehr häufig mit der Leitung der . einfach ein fremdes Tagebuch zu lesen. »Was hast du in Tante Sylvias Zimmer zu suchen?« fragte er in anklagendem Ton. liebe Leyla. obwohl es einmal eine Zeit gab. »Ich – ich habe einen Rundgang durch das Haus gemacht. Leyla«. »Was meinst du damit?« »Wirst du darin erwähnt? Hast du deshalb darin gelesen? Ich wette. Colins Gesicht tauchte aus dem Dunkel. sind in schlechtem Zustand. die nicht mehr benutzt werden. Ich dachte. Du hättest leicht stürzen können. Das Zimmer war nicht abgeschlossen…« »Ziemlich taktlos.

Er wirkte beinahe verlegen. Ich bin der geborene Müßiggänger. sprich weiter! Stell dir vor – « . in denen es stinkt. »Nachdem deine Mutter mit dir fortgegangen war.« Er lachte kurz auf. Onkel Henry ging mit Tante Anna und Theo nach Manchester. Ich bin kein Geschäftsmann. ungeheuerlich. um unsere dortige Fabrik zu leiten. Er übernahm gemeinsam mit Theo die Leitung der hiesigen Fabrik. und so ist es geblieben.« »Wann war das?« Sein Gesicht verschloß sich. er würde den Arbeitern nur mehr freie Zeit geben. die dort schuften. unter denen diese Leute dort arbeiten müssen. Und wenn dieser Tag kommt – « Colin brach ab. Aber das ist lange her. Ich bin kein Reformer. »Und mein hochherziger Onkel Henry war tatsächlich gegen den Zehn-Stunden-Tag. und es war nur für kurze Zeit. um sich ins Wirtshaus zu setzen.Geschäfte zu tun hatte. daß die armen Menschen. Seine Worte überraschten mich. Sie stimmten genau mit dem überein. Da kann ich nur sagen. Außerdem – « seine Stimme wurde hart – »ist es nicht nach meinem Geschmack. »Diese Fabriken sind mir gleichgültig. Aber dann – « er stockte – »dann kamen meine Eltern bei dem Unfall ums Leben und Onkel Henry kam mit seiner Familie zurück. irgendwann wird der Acht-Stunden-Tag kommen und Kinderarbeit überhaupt verboten werden. Baumwollspinnereien zu leiten. was ich dachte.« Ich war erstaunt über die plötzliche Leidenschaft in seiner Stimme. Er behauptete. kaum atmen können und alle möglichen widerwärtigen Krankheiten bekommen. aber ich finde die Bedingungen. Ich blieb mit meinem Vater hier und führte für Großvater die Geschäfte. um so besser für sie! Ich sage dir eines. »Ja. liebe Leyla.

deinem Vater auch. Man sieht dir an. Als wir wieder im Flur standen. Colin!« Ich lachte. Leyla. Es wäre doch unvorstellbar gewesen.« »Ach. mich zu erinnern. Colin. »Und meinem Vater nicht?« Er kniff die Augen zusammen. Ich habe dich bestimmt nur als älteren und klügeren Bruder gesehen. du launisches Frauenzimmer. Colin!« »Ach.« »Hör’ auf mit dem Unsinn. »Du siehst deiner Mutter unglaublich ähnlich«.« »Weißt du noch. aber ich brauchte sie nur zu sehen. in diesem Zimmer findest du doch nichts. Damals hingst du mit abgöttischer Liebe an mir! Aber davon ist jetzt nichts mehr übrig. wie lebendig durch deinen Anblick die Vergangenheit wird. »Und du. um im Fieber der Leidenschaft zu entbrennen.« Ich legte das Tagebuch wieder auf den Nachttisch und stellte die Frage. nahm Colin mir die Kerze ab und hielt sie nahe an mein Gesicht. wer meiner Mutter den Brief geschrieben hatte. fürs erste zurück. wenigstens einmal einen Blick auf die zarten Fesseln deiner Mutter zu erhaschen! Sie war zwar meine Tante. wie alle Pembertons. der sich nur um sich selbst kümmerte. daß ich mich in meinen Vetter verliebe. daß ich dir oft vorgelesen habe?« Ich versuchte. Plötzlich war er wieder der alte Colin. »Nein…« . Leyla. gehen wir. daß du eine Pemberton bist. um einen Blick für Schönheit und Anmut zu haben. »Komm. aber ich war alt genug. so wie jetzt. Das Feuer war erloschen. wenn du wüßtest. »Du mußt dich getäuscht haben. Leyla. verflucht. Ach. »Doch. sagte er leise. Ich war damals zwar erst vierzehn.Er unterbrach mich mit einer Handbewegung. oder?« Er sah mich forschend an. wie habe ich damals gehofft.

Das Häschen sollte ich sein. Das ganze Geburtstagsfest. Nicht nur ein vages. wie dein Gesicht strahlte. Ich sah die Geburtstagsfeier im Speisezimmer. wenn du damit spieltest.« Ich ließ seinen Arm los. »Mir ist plötzlich alles wieder eingefallen.« »Das wird schon noch kommen. ich erinnere mich. schöne Cousine?« Die Bilder verschwanden. Ich erinnerte mich an die Laterna Magica und wie ich Colin vor Freude um den Hals gefallen war.« . undeutliches Bild. ohne zu wissen warum.« Unwillkürlich grub ich meine Finger tiefer in seinen Arm. Weitere bruchstückhafte Erinnerungen kamen zurück. Colin. keine Gesichter. ganz deutlich. Und konnte es nicht. War ein Bild von einem kleinen Hasen darauf? Und das Häschen hatte ein Kleid an. Ich sah wogende Röcke. aber es lohnte sich. eine Torte und Leckereien auf dem Tisch. Du hättest sehen sollen. oder wirst du rot. daß du dich erinnerst. mir Edwards Gesicht ins Gedächtnis zu rufen. ich sah Colin an. »Täusche ich mich.« »Ja.« Er sah mich schweigend an. du möchtest nicht. um mich herum ein Farbenmeer von Rosarot und Blau. Leyla. Aber ich konnte nur Hosenbeine und Röcke sehen. »Ich glaube. »Und meine Hand ist bereits völlig taub. Ich bin froh. wie Steine eines Mosaiks.»Und einmal habe ich dir zum Geburtstag eine Laterna Magica geschenkt. der mir in der Erinnerung riesig erschien. sondern eine klare. Ich bastelte wochenlang daran herum – « »Colin!« Ich schrie fast seinen Namen und packte ihn aufgeregt beim Handgelenk. das wie meines aussah. lebendige Erinnerung. um das Ding fertigzubekommen. versuchte ich. daß ich mich erinnere. und wenn ich die Kurbel drehte. hopste es auf und ab. ich erinnere mich ganz genau!« »Ich habe ewig gebraucht. »Ich dachte. und während ich von seinem Blick gefangen war.

Vielleicht brauchst du mich. daß du dich an überhaupt nichts erinnerst und dennoch das Grauen fühlst und die Angst jenes Tages. »Das kann nicht dein Ernst sein. seine Unberechenbarkeit ängstigten mich.« »Ich muß trotzdem hin. Wie rasch bei diesem Mann die Stimmung wechselte. wenn – du dich wirklich erinnern solltest. bis ich die Tür geschlossen hatte. Colin. daß ich zusammenzuckte. Leyla. vermutlich die Treppe hinunter. sondern auch recht mitgenommen.« »Dann laß mich mitgehen. »Komm mit. und so heftig. insbesondere das .« Seine Fürsorge tat mir gut.« Gertrude fiel mir plötzlich ein. als ich erklärte. Wir sehen uns später. Aber nicht an die schlimmen Tage. wenn es dir recht ist. bitte – « »Ich gehe. und ging dann den Flur entlang. »Leyla. Ich hatte nicht ganz die Unwahrheit gesagt. »Nein. Colin. danke. Ich bin ein bißchen müde und möchte mich noch ein Weilchen hinlegen. dann laß mich dich führen. Colin.« »Das ist doch Wahnsinn! Es kann dir passieren. du tust mir weh. laß mich los!« Zornig stieß er mich von sich. Ich gehe heute nachmittag.« »Bitte. Die Erkenntnisse dieses Morgens hatten mich nicht nur tief getroffen. Das würde dir wehtun. Sie gehören dir. Erlaube mir. müde zu sein. daß ich dich begleite. Seine plötzlichen Ausbrüche.»Doch. Ich muß ins Wäldchen. wartete. Leyla. Wenn du jetzt noch mehr vom Haus sehen willst. an die glücklichen Zeiten schon. Geh nicht!« »Aber ich muß! Colin.« »Gut. Ich gehe heute hinunter und – « Jetzt packte Colin mich beim Arm.« Er begleitete mich zu meinem Zimmer.

und ich kann es verstehen. und so vieles hat sich seither verändert. ›verzeih dieses plötzliche Schreiben nach so vielen Jahren des Schweigens. Aber das ist alles lange her. Kannst Du nicht für einige Tage hierher zurückkommen und Leyla mitbringen? Dann könnte mein Herz Frieden finden. Doch wer in diesem Haus hatte meine Mutter und mich hierhaben wollen? Und warum hatte der Betreffende nicht im eigenen Namen geschrieben. Und alle schienen sie meine baldige Abreise zu wünschen.Geheimnis um Tante Sylvias Brief. Ich bin jetzt eine alte Frau und möchte in meiner Familie sein. wenn der Herr mich ruft. die mir hier begegnet waren. Tante Sylvia‹ Ein schlichter Brief. In Liebe. Das konnte nur eines bedeuten: Jemand sagte die Unwahrheit. über mein Kommen höchst überrascht gewesen. aber ich kann nicht nach London kommen. die damals kurz vor dem Tod gestanden haben mußte? Von allen Rätseln. schien mir dies das unergründlichste. so hatte es jedenfalls den Anschein. Ich setzte mich auf das Sofa am Kamin und las ihn wohl zum zwanzigstenmal. sondern sich hinter Tante Sylvia versteckt. der aber eindeutig nicht von Sylvia Pemberton geschrieben war. Ich kann mir vorstellen. Ich verspüre eine starke Sehnsucht. Ich war dem Ruf dieses Briefes gefolgt. daß Du kaum gute Erinnerungen an Pemberton Hurst hast. Ich möchte Dich und Leyla gern sehen. doch alle im Haus waren. Dich zu sehen. stand da. ›Liebe Jenny‹. .

mein Gedächtnis ist nicht mehr so gut.8 Gertrude kam gleich. Das habe ich im Gefühl. das haben Sie sicher schon bemerkt. auf dem Tee und Toast bereitstanden. Das klare Licht des frühen Morgens fiel durch das Fenster und warf helle Streifen auf den Teppich. die rosige Haut ihres Gesichts hatte kaum Falten. Aber. doch ich hatte immer noch die Hoffnung. daß sie sich nicht bereitwillig öffnen würde. Miss Leyla. Die Jahre waren freundlich gewesen zu unserer alten Haushälterin. Von früher. aber der Himmel leuchtete herrlich blau. meine ich. Wir hatten bisher kaum miteinander gesprochen.« »Ich würde Ihnen bestimmt gern helfen. Vielleicht können Sie mich dabei unterstützen. das waren wir!« Wir setzten uns beide auf das Sofa vor dem kleinen Tisch. Vor zwanzig Jahren waren wir doch sicher gute Freunde.« »Meines auch nicht.« »Wir könnten es wenigstens versuchen. während wir nebeneinander im Zimmer standen. Bemüht.« »O ja. Miss Leyla. »wir haben noch gar keine Gelegenheit gehabt. Aber ich möchte so gern die alten Erinnerungen auffrischen. aber wissen Sie. als ich sie rief. ich mußte vorsichtig zu Werke gehen. Der Wind pfiff immer noch um das Haus.« »Ja. schenkte ich uns beiden ein. ihr die Befangenheit zu nehmen. aber ich glaube nicht. daß ich es kann. miteinander zu sprechen. Gertrudes Blick sagte mir eindeutig. sagte ich. Sie war . das hatte ich inzwischen gelernt. daß ich von ihr etwas erfahren würde. Zögernd blieb sie an der Tür stehen. Dabei haben wir uns doch soviel zu erzählen. »Gertrude«.

natürlich. Ihre Tante Sylvia hat die Lebkuchen gebacken.« Der Wind pfiff durch die Fensterritzen und durch den Abzug des Kamins. »Der kleine Thomas war wie alle anderen. Ich meine. Miss Leyla.« »Aber bis dahin ist doch noch ein bißchen Zeit. Gertrude.« »Wenn Sie meinen. was ich machte. Miss Leyla. Miss Leyla. nicht wahr?« »Nein. »Und im Winter mußte ich Ihnen immer heiße Schokolade machen.« »Ich weiß es. Zweifellos hatte sie genaue Anweisungen erhalten. Gertrude. Gertrude?« Sie setzte sich noch steifer hin.« »Ach. Sonst kommen wir ja gar nicht zum Plaudern. Die Familie steht bald auf.« Keinerlei Erinnerung regte sich. Hauptsache. »Ich hab’ viel zu tun. Aber ich hoffte auf eine Gefühlsregung von ihr. »Hat mein Bruder auch so gern Ihre Schokolade getrunken. eine gute Köchin. Können Sie mir ein wenig von ihm erzählen?« »Ich habe leider ein schlechtes Gedächtnis.vielleicht sechzig. Mich fröstelte. Die tranken Sie mit Vorliebe.« »Ach ja. Haben Sie nicht damals immer für uns Kinder gebacken? Und Ihre Spezialität waren Lebkuchen. Miss Leyla. Und wir haben uns soviel zu erzählen. wie mir schien. ja?« Gertrude blieb steif und zurückhaltend. Von mir haben Sie und die anderen Kinder immer am liebsten Apfelstrudel gegessen. Ich kann Ihnen nichts sagen. die gern von ihren eigenen Speisen probierte.« »Ich kann mich nicht an ihn erinnern. Er liebte alles. Sie müssen mich als Kind doch sehr gut gekannt haben. es war schön süß. Offenbar hatte ich hier einen wunden Punkt getroffen. rundlich und klein. Ich setzte meine Teetasse ab und .

»Gertrude. dann meine Großmutter und jetzt Gertrude. dann meine beiden Vettern und meine Cousine.« Ich hatte überhaupt keine Kopfschmerzen. Ich habe alle Erinnerung an meine ersten Kinderjahre verloren und ich möchte sie so gern zurückhaben. Meine Hoffnung auf eine Gefühlsregung war fehlgeschlagen. Ich hatte gehofft. »Haben Sie öfter Kopfschmerzen?« »Ja. verstehen Sie doch. Ich hatte nur zu dieser List gegriffen. Sie können gehen. Diesmal war die Enttäuschung leichter zu ertragen. ab und zu.« Gertrude fuhr erschrocken herum und sah mich an.« Doch ihr Gesicht blieb unbewegt. So unrührbar war sie also doch nicht. Sie könnten mir auf meiner Suche ein wenig helfen. Alles vergeblich. wo Sie fragen. »Ich hoffe. Gertrude. ich habe Sie nicht zu lange von der Arbeit abgehalten. sagte ich seufzend. »Nun ja«.« »Die Familie möchte sicher das Frühstück – « Wir standen gleichzeitig auf. Miss Leyla?« »Es ist nicht schlimm. und ich machte einen letzten Versuch. Oder aber ich hatte ihren Pflichteifer unterschätzt. um Gertrude vielleicht doch noch erweichen zu können. Ich drückte meine Hand an die Stirn. Erst meine Tante und mein Onkel. bitte. wenn Sie möchten. Es fällt mir erst jetzt auf. Von wem auch immer der Befehl zu schweigen gekommen war – von meiner Großmutter oder Henry – . Tiefe Bekümmerung sprach aus ihren Augen. Ich hatte so gehofft. »Haben Sie Kopfschmerzen. Woher wußten Sie das?« .legte meine Hand auf ihren Arm. sie würde sich fest daran halten. stöhnte ein wenig und murmelte: »O. Bis jetzt hatte sie mich nicht ein einziges Mal angesehen. Sie könnten mir helfen. mein Kopf. In den letzten Monaten kam es immer wieder mal.

und kein Arzt konnte ihm helfen. Gertrude ging jetzt.« Plötzlich blitzte eine Erinnerung auf: Ich hörte das Stöhnen eines Mannes hinter verschlossener Tür. Ach. aber es mußte jedesmal mehr sein und am Schluß half sie gar nicht mehr. Mein Vater hatte also wirklich an grauenvollen Kopfschmerzen und Fieberwahn gelitten. Mein Vater hatte in der Tat an einem unbekannten Fieber gelitten. Er litt jetzt genauso wie vor zwanzig Jahren mein Vater gelitten hatte. Sie sollten sich solche Erinnerungen nicht zurückwünschen. Ich richtete meine Aufmerksamkeit auf Gertrudes Gesicht. das sah man. Die Kopfschmerzen. ob sie mir Theater vorspielte. »Er hat entsetzlich gelitten. Doch ihre Tränen waren echt. und Ihr Großvater war alt. ich wartete. Kindchen! Daß Sie jetzt schon diese Kopfschmerzen haben! Ihr Vater war im besten Alter. Ich wollte sehen. Es war vielleicht herzlos . So sehr ich mir gewünscht hatte. Etwas Neues formte sich nämlich in meinen Gedanken. Vielleicht kommen sie vom Kummer über den Tod Ihrer Mutter…« Gertrudes Worte rauschten an meinen Ohren vorüber. bis sie an der Treppe war. Er litt in den letzten Wochen seines Lebens unter grauenvollen Kopfschmerzen. Wir gaben ihm die Arznei. daß die Kopfschmerzen einen anderen Grund haben.»Arme kleine Leyla. achtete ich jetzt kaum auf ihre Worte. Sie sind zu traurig. das ich nicht ganz greifen konnte… »Sie sind noch so jung. Kindchen. Sie sind schlimm. Daran litt auch Ihr Vater. Dieser Teil der Geschichte war wahr. Ich wußte jetzt. ehe ich meine Zimmertür schloß. etwas. daß meine kleine List Gertrude die Zunge lösen würde. Dann bekam er das Fieber und fiel ins Delirium. was für ein neuer Gedanke durch ihre ersten Bemerkungen bei mir ausgelöst worden war. die immer stärkeren Dosen Opium – das erinnerte mich an Henry. das sah ich an ihrem angstvollen Blick und ihren zitternden Händen.« Aber ich hörte ihr nur mit halbem Ohr zu. Ich bete zu Gott. Kindchen.

Anna legte sich nach dem opulenten Mittagessen zur Ruhe. Gertrudes Bekümmerung war echt gewesen.gewesen. daß dieser Mann mein Vater gewesen war. und an einen weinenden Mann hinter dieser verschlossenen Tür. Henry und Theo waren immer noch in East Wimsley. Martha saß irgendwo und stickte. Nachdem ich Hut und Cape angelegt hatte. aber mir hatte es eine neue Erkenntnis gebracht. das nicht zu ihm konnte. mir alle Erinnerungen zurückgeben und die zahllosen Fragen beantworten. konnte ich die letzte Antwort auf meine Fragen nur an einem Ort finden. verließ ich leise mein Zimmer und huschte an den Räumen meiner Familie vorbei. wie ich es geplant hatte. mir nicht geholfen hatte. was ich ihr angetan hatte. Ich meinte zu spüren. wenn meine schattenhaften Erinnerungen keine Täuschung waren. würden . denn durch das Aufdecken jener einen bösen Erinnerung. zum Wäldchen hinunter. dann konnte ich daraus nur schließen. das ich nicht betreten durfte. Das ganze Haus war totenstill. um sie nicht zu stören. daß er an der grauenvollen Tat im Wäldchen unschuldig war. Mein Vater hatte offenbar tatsächlich an einer geheimnisvollen Krankheit gelitten. In meinem Gedächtnis regte sich der Gedanke an ein verschlossenes Zimmer. Am späten Nachmittag ging ich. und da Gertrude. blieb. und ich spürte zugleich die Angst und die Verzweiflung des Kindes. die mich bedrängten. und mir selbst war eine flüchtige Erinnerung an sein Leiden gekommen. Wenn Gertrudes Anteilnahme echt gewesen. Im Wäldchen würde ich meine Kindheit wiederfinden. daß mein Vater vor seinem Tod tatsächlich schwer krank gewesen war. Doch das deutliche Gefühl. in die ich meine letzte Hoffnung gesetzt hatte. Der Besuch im Wäldchen würde wahrscheinlich zu einem Wendepunkt in meinem Leben werden. Ein Teil des Bildes fehlte.

ich würde also allein ins Wäldchen gehen müssen. ließen nur hier und dort einige Sonnenstrahlen durchscheinen. die sich den Hang hinabzog und am Fuß des Hügels vor einem dichten Wald endete. wenn ich genügend Zeit im Wäldchen haben wollte. wer meinen Vater und meinen Bruder getötet hatte. wuchsen zu einem bedrohlichen schwarzen Meer. In der Ferne war ein mächtiges Donnern zu hören. Mein Ausflug würde wohl von kurzer Dauer sein. Ich folgte dem Weg bis zu seinem Ende auf dem Kamm des Hügels und blieb einen Moment stehen. Es störte mich nicht. wer den mit Sylvias Namen gezeichneten Brief geschrieben hatte. lief ich um das Haus zu dem Weg. eisig blies er durch die Äste der Bäume und trieb dicke graue Wolken über den Himmel. Niemand begegnete mir.mir auch die guten wiedergegeben werden. Entweder hatte er unsere Verabredung vergessen oder er hatte es sich anders überlegt. . Immer dichter ballten sich die finsteren Wolken zusammen. um den sanften Hang hinunterzublicken. da dies ja meine ursprüngliche Absicht gewesen war. Das Haus war wie ausgestorben. daß ich mich beeilen mußte. Ich wußte. eine Gruppe dicht stehender. etwa aus der Mitte der Lichtung emporragend. wie sie im Sturm gegeneinander schlugen. der zu den Ställen führte. Die Bäume sahen grau und spröde aus. das Wäldchen. kahler Bäume. Mit beiden Händen Umhang und Röcke festhaltend. Und auch Colin fand ich nicht. wer die Geschichte vom Wahnsinn der Pembertons in die Welt gesetzt hatte und wer auf Pemberton Hurst mein Feind war. Ich sah. Ihre Schatten bedeckten die Grünfläche jetzt ganz. Im Wäldchen würde ich erfahren. Von hier aus konnte ich die weite Grünfläche sehen. Am Abend würde es wohl ein richtiges Gewitter geben. Der Wind war wieder heftiger geworden.

Das Gras unter meinen Füßen knisterte. daß ich hier schon einmal gewesen war. das mich hätte wissen lassen. ich würde kämpfen. Ich war ein Kind. desto stärker wurde die innere Spannung. Um sie zurückzuerobern. wie schrecklich sie sein mochte. Hier stand ich nun. was Vater und Thomas machten. wenn es sein mußte. mußte ich an den Ort des Ereignisses zurückkehren. wie die bösen. daß ich den Kampf um meine Vergangenheit aufnehmen mußte. wenn die Erinnerungen nicht gleich zurückkehren wollten. mußte ich die Barriere einreißen. so würden sie an jenem Ort im Wäldchen kommen. ich wollte sehen. Ja. als wäre ich wieder fünf Jahre alt. unternehmungslustig und neugierig. Die anderen waren alle im Haus. und das ich ihnen jetzt entreißen wollte. Ich war eine Fremde an einem fremden Ort. Wenn Erinnerungen kommen sollten. Ich schaute hinunter in das Wäldchen. War es kalt gewesen an jenem Tag? Hatten graue Wolken den Himmel bedeckt? Hatte ein Gewitter gedroht? Oder war ich im hellen Sonnenlicht hinuntergetollt? Je näher ich dem Wäldchen kam. Der Wind schnitt mir ins Gesicht. Um mich an den Vorfall selbst nicht erinnern zu müssen. Ich ging los. wo ich meinen Vater und meinen Bruder hatte sterben sehen. Und um das tun zu können. als wollten sie um jeden Preis das schreckliche Geheimnis hüten. . das sie all die Jahre hindurch bewahrt hatten. Noch zeigte sich nicht einmal das Fünkchen einer Erinnerung. bis jedes Stückchen meiner Vergangenheit wieder mir gehörte. ganz gleich. würde ich tagtäglich so lange ins Wäldchen hinuntergehen.Noch einen Moment zögerte ich. Die Akazien drängten sich im Sturm zusammen. die auch alle anderen Erinnerungen zurückhielt – die guten. meine Mutter im Garten an der Arbeit. sah furchtsam hinunter und wußte doch. hatte mein Gehirn eine Barriere aufgebaut.

etwas zu wissen? Hatte es wirklich einmal eine Zeit gegeben. winkte mir. Ich machte einen Moment die Augen zu und versuchte. die fünfjährige Leyla. die um seinetwillen zwanzig Jahre lang gelitten hatte. und seine dunklen Fenster blickten zu mir herunter. was ich hier vorgefunden hatte. und es lag mir nicht. Ich machte die Augen wieder auf. das Bild von vier Kindern heraufzubeschwören. Mein Vater war unschuldig – dessen war ich sicher. Nur ein kleiner dunkler Wald. mit denen sie sich so bequem erklären ließen. auf dem es keine Umkehr gab. daß das nicht möglich war. Zugleich aber wußte ich. das zu beweisen. doch ich konnte nichts erkennen. Ich hatte mich auf einen Weg begeben. Anna. Ich drehte mich um und schaute den Hügel hinauf. die Dinge aufzuschieben. die fröhlich in den Ruinen im Herzen des Wäldchens spielten. Ich sah in das Wäldchen hinein. der vom Sturm geschüttelt wurde. den siebenjährigen Thomas. und ich sah es als meine Pflicht an. ihm und mir und vor allem meiner Mutter. Was würde mir die Erinnerung zeigen? Welches Entsetzen. Ich war zu einem bestimmten Zweck hierher gekommen. Aber ich konnte sie nicht sehen. Kein Zaudern mehr. sagte ich mir. es war unmöglich zur anderen Seite hindurchzusehen. daß ich ja jederzeit umkehren. welchen Schrecken würde ich noch einmal durchleben müssen. Henry und Theo mir nichts gesagt hatten? Ich mußte mich stellen.Ich spürte. Oben thronte das mächtige alte Haus. nach London zurückreisen und alles vergessen konnte. Plötzlich stand ich am Wäldchen. Der erste Schritt . ohne von dem lächerlichen Fluch. ohne von den Morden in diesem kleinen Hain. wie ich Angst bekam. Ein Gefühl wie im Traum überkam mich. um mein Ziel zu erreichen? Während ich mich mit zögernden Schritten dem Wäldchen näherte. in der die Namen Colin. War ich vor wenigen Tagen wirklich noch in London gewesen. die zwölfjährige Martha und den vierzehnjährigen Colin.

herber. Waren diese Eindrücke Teil der Vergangenheit? Waren sie heute hierher zurückgekehrt.fiel mir am schwersten. um mich zu begleiten? Oder waren sie Ausgeburten meiner Phantasie? Irgendwo mitten im Wäldchen machte ich halt. ich hoffte. knochige Hand. Dieser Steinhaufen. Die Umgebung veränderte sich: Der Wind schien sich zu legen. jede kleinste Einzelheit. Er war mir bekannt. Würde eines dieser Dinge in meinem Geist eine Kettenreaktion auslösen. . sein Brausen war nur noch gedämpft zu hören. der mir schlagartig die Vergangenheit wieder zu Bewußtsein bringen würde. Die moosbewachsene Mauer aus grauem Stein. Meine Ohren lauschten auf jedes Geräusch. alles aufzunehmen. an dieser Stelle. die Luft wurde klarer. Alle meine Sinne öffnete ich weit. während mein inneres Auge das Bild eines Ringes festhielt. um das Wäldchen zu erfassen und zu umschließen. meine Nase sog alle Düfte und Gerüche in sich ein. Der Rubinring funkelte in der Sonne. Eine schmale. einen kleinen Anhaltspunkt zu finden. dann ging es leichter. gestanden und gesehen. Ich senkte den Blick wieder. das sich plötzlich zwischen den Baumwipfeln zeigte. Dieser glatte Felsblock dort. Ich hatte ihn schon einmal gesehen. die mein Gedächtnis hätte anregen können. und gleichzeitig wurde ein Bild aus der Vergangenheit greifbar: Das eines goldenen Ringes. daß dort bei der abgebröckelten alten Mauer die Morde verübt worden waren? Ich schaute zu dem Fleckchen blauen Himmels hinauf. Ein Ring an einer Männerhand. die die Barriere einreißen würde? War es hier geschehen? Hatte ich als Fünfjährige hier. Der verrottende Baumstamm. ein Geruch nach feuchter Erde umgab mich. Nein… Vielleicht doch keine Männerhand. der einen roten Stein hatte. als träte ich durch eine Tür in die Vergangenheit. Die Augen brannten mir von der Anstrengung. Ich hielt meinen Umhang fest und drängte vorwärts. Dabei hatte ich das Gefühl.

hörte kein Geräusch. und ich mag es nicht. Unwillkürlich zog ich fröstelnd die Schultern zusammen.« Dennoch war ich überrascht. Die Schritte kamen eindeutig näher. wenn man mich heimlich beobachtet. den Theo jetzt trug – und dem. während ich mich rasch umsah. Plötzlich hatte ich das Gefühl.« Aber niemand antwortete mir. hierher gekommen und war fasziniert gewesen von seinem Ring. Es war eigenartig. »Ich will wissen. daß der Mörder den Ring getragen hatte. seine Anwesenheit zu verheimlichen. Sir John. daß ich nicht mehr allein war. Hatte der Ring an jener Hand gesessen. . Ängstlich und mutig zugleich. Stiefel traten in welkes Laub. Arme teilten kahle Äste auseinander. Ich sah nichts. und ich stand wieder einsam im Wäldchen. Was hatte er zu bedeuten. an dem die Morde verübt worden waren. daß jemand hier ist. und doch war ich sicher. als sich in den Bäumen in der Nähe tatsächlich etwas bewegte. Es war unmöglich. Mir wurde unheimlich. »Ich weiß.Das Bild ging mir verloren. aber ohne sich die Mühe zu machen. Dann war das Bild Teil einer glücklichen Erinnerung und gehörte nicht zu dem Tag. Nur der Wind strich seufzend durch die Wipfel der Bäume. »Wer ist da?« rief ich wieder. die das Messer geführt hatte? Oder gehörte er zu einer ganz anderen Erinnerung an das Wäldchen? Vielleicht war ich als Kind mit meinem Großvater. wer da ist! Schluß mit dem Versteckspiel. was vor zwanzig Jahren im Wäldchen geschehen war. rief ich laut: »Wer ist da?« Nichts rührte sich. Mein Beobachter blieb ohne Identität. daß jemand mich beobachtete. dieser Rubinring im hellen Sonnenlicht? Wie näherte man sich nur dem Bewußtsein eines fünfjährigen Kindes? Ich konnte keine Verbindung herstellen zwischen diesem Ring – es war der. verborgen zwischen den Bäumen.

Nachdem du meinem Vorschlag. es wäre besser für dich. aber du hast mich zu Tode erschreckt. sagte es plötzlich hinter mir. als könnte ich so mein rasendes Herz beruhigen.« . wenn du allein hierher kämst. die du brauchtest. »Warum hast du dich nicht gemeldet. Warum?« »Weil ich meinte. Sehr freundlich von dir. mit angehaltenem Atem. Colin. hör mal. Ich fand. was ist schon so ein bißchen Gehölz im Vergleich zu Londons Straßen bei Nacht? Du bist doch bestimmt schon schlimmeren unheimlichen Gestalten begegnet. und das Herz klopfte mir bis zum Hals.Was sollte das? Warum sagte der Eindringling nichts? Aber trotz meiner Furcht wich ich nicht von der Stelle. es sei vielleicht doch am besten. »Colin! Das ist überhaupt nicht komisch. dich hierher zu begleiten.« »Hat das denn jemand behauptet?« Ein ironisches Lächeln begleitete sein Achselzucken. als ich gerufen habe?« »Ich wollte dich nicht stören. aber ich wollte dich dennoch nicht allein lassen. »Hallo«. keine Furcht zu zeigen. Oder vielleicht wäre durch meine Anwesenheit die Stimmung gestört worden. Ich war entschlossen. es wäre besser.« »Na. Du hast mich beobachtet.« »Also bist du mir gefolgt. um dich zu erinnern.« »Aber du hast mich gestört…« Ich drückte eine Hand auf meine Brust. zugestimmt hattest. Ich wirbelte herum. Ich stand stocksteif. In meiner Gegenwart hättest du dich vielleicht nicht richtig entspannen können. »Ich finde das abscheulich von dir. wenn du ungestört bleibst. Ich sagte mir. dich hier allein zu glauben. Ganz in meiner Nähe hörten die Schritte auf. kamen mir Bedenken.

sondern von den Dingen. Es muß wahrscheinlich alles genau übereinstimmen. anstatt über sein unberechenbares Verhalten rätseln zu müssen. »Hast du dich an irgend etwas erinnert?« fragte Colin. voll und herzlich. Ich stellte ihn mir neben Edward am großen Tisch im Speisezimmer vor – der unglaublich wohlerzogene. und im Grund war ich froh.« »Ist es dir so wichtig?« Ich sah ihn an.« »Dann lag es vielleicht wirklich am Wetter. wie ich das jetzt tat. Er wäre mir ein großer Bruder gewesen. In seinen Augen war Besorgnis. bis ich mich erinnern kann.Wider Willen mußte ich lächeln. Aber ich konnte nicht erkennen. War es damals warm?« »Ja. daß jemand bei mir war. um wen. gemeinsam mit Colin aufgewachsen zu sein. Ich hätte ihn in diesen Jahren so gut kennenlernen können. Sie kam allerdings nicht von Erinnerungen aus der Vergangenheit.« »Ich muß dir –?« Plötzlich warf er den Kopf weit zurück und lachte. Ich ließ den Blick wieder über die verfallenen Mauern und die kahlen Bäume schweifen. an gar nichts. immer . »Ja. es ist mir sehr wichtig. wie ich mir vorstellte. »Irgend etwas hat heute nicht gestimmt. es war wärmer als heute und nicht so stürmisch.« Die Erinnerung an den Rubinring wollte ich lieber für mich behalten. Ich werde so oft wieder hierher kommen. Ich muß eben an einem schöneren Tag wieder herkommen.« »Und wenn es nun sehr lange dauert?« »Dann mußt du mir eine Guinee bezahlen. Es war ein gutes Lachen. Wie schön wäre es gewesen. die mir die anderen über diesen Ort erzählt hatten. »Nein. Eine merkwürdig düstere Stimmung ging von diesem Wäldchen aus. der mich beschützt und für Abenteuer und Heiterkeit gesorgt hätte. daß Martha ihn kannte. die sich unmittelbar auf mich übertrug. Vielleicht war es das Wetter.

»Laß dir Zeit. Leyla. Ich glaube. »Warum sagst du das?« Colins Gesicht war eine undurchdringliche Maske. wo du heute standest.« Ich blieb stehen. sagte Colin. Dort. um dich erinnern zu können. Als du versteckt zwischen den Bäumen hocktest und deinen Vater und deinen Bruder beobachtet hast. warst du an einer ganz anderen Stelle. sagte: »Du bist also gar nicht so bitter ernst. »Komm nicht zu bald wieder hierher«. als er erwiderte: »Nun. wenn du wirklich die Stimmung jenes Tages wiederherstellen willst.« Wir machten kehrt und gingen ein paar Schritte bis zum Rand des Wäldchens. der sich genau umgekehrt verhielt – und hätte beinahe laut herausgelacht. »An der richtigen Stelle?« »Ja. Colin.zuverlässige Edward neben meinem Vetter. laß uns diesen unwirtlichen Ort verlassen. was du gesehen hast. dann solltest du wenigstens an der richtigen Stelle stehen. du forderst es zu stark heraus. Komm. Gönn dir ein bißchen Ruhe. der meine Heiterkeit bemerkte.« Ich warf einen Blick über meine Schulter. wie es manchmal den Anschein hat.« . warst du damals nicht. Außerdem solltest du das nächstemal aus einer anderen Richtung kommen.

Es war. keine farblosen Lippen und glanzlosen Augen wie in den Tagen zuvor. daß mein Vetter Colin eine solche Wirkung auf mich haben konnte. wo ich an jenem Tag vor zwanzig Jahren versteckt gewesen war? Im Zimmer warf ich Hut und Umhang auf das Bett und setzte mich vor den Spiegel über meinem Toilettentisch. dann Theo. Oder das Wetter. in sein Zimmer zurückgezogen hatte. der wieder an seinen Kopfschmerzen litt. um mir meine plötzliche Lebendigkeit zu erklären. Aber ich kümmerte mich nicht um das. Während ich mein Haar bürstete. In meinem Bestreben zu leugnen. was vor meiner Tür passierte. Das Wiedersehen mit dem Wäldchen. Mich beschäftigte. . nur eine Frage: Woher wußte Colin. daß Henry sich. Und nun kamen noch Colins rätselhafte Worte im Wäldchen hinzu. dachte ich mir alle möglichen Dinge aus. sagte ich mir. und daß meine Großmutter nach mir verlangt hatte. Ich hörte Gertrude und Anna miteinander sprechen. während ich die Treppe zu meinem Zimmer hinauflief. statt dessen rosige Wangen und Lippen und strahlende Augen. Immer noch beschäftigte mich Tante Sylvias Brief. alle offensichtlich bemüht um Henry. der Wind und die Kälte. Vielleicht auch die Erinnerung an den Rubinring. Weder das eine noch das andere berührte mich sonderlich. Der lange Anstieg zum Haus hinauf.9 Als wir ins Haus zurückkamen. als wäre mein Körper plötzlich zum Leben erwacht. von heftigem Unwohlsein geplagt. hörten wir. Keine Blässe. Ich hatte anderes im Sinn. hörte ich im Flur Stimmen und Schritte.

ehe ich zu Großmutter hinaufgehe. um mir etwas zu erwidern. daß Großmutter wartet. mußt du dich auch an unsere Regeln halten. aber ich ließ ihn nicht zu Wort kommen. wo mein Versteck gewesen war? Wenn ich allein dort unten gewesen war. Als ich aufstand. »Und erlauben eure Regeln auch. fiel meine Haarbürste zu Boden. Und Regel Nummer eins schreibt vor. sagte ich kühl.« »Entschuldige«. wirklich. Wenn du zur Familie gehören willst. dann konnte doch keiner außer mir wissen. eine Tasse Tee trinken und mich frischmachen. Leyla! Du hast noch einiges zu lernen.« »Lieber Gott. was möchtest du?« Er steckte den Kopf zur Tür herein. daß du anders erzogen worden bist als wir. die allein ist? Ach.« Er öffnete den Mund. einfach das Zimmer einer jungen Dame zu betreten. Aber ich bürste mir gerade das Haar. Ich möchte mich ein wenig ausruhen. wo ich mich versteckt gehalten hatte. wie ich in völliger Verwirrung vor den beiden Toten gestanden hatte. »Leyla. Wir wissen. »Und wo bist du überhaupt gewesen? Was hast du heute getan?« Ich . was ist denn nur in dich gefahren?« »Nichts. und sie mich erst später gefunden hatten.« Theo vergaß alle guten Manieren und kam einfach in mein Zimmer. »Leyla?« rief Theo von draußen. das Gesicht ungläubig und verärgert. Großmutter niemals warten zu lassen. du weißt doch. noch ein bißchen länger zu warten. ich habe einen anstrengenden Nachmittag hinter mir. aber du mußt dich anpassen. »Ja. wie du siehst. »Also. Es wird Großmutter schon nichts ausmachen.« Ich bückte mich und hob die Bürste auf. Theo.Woher wußte er. Da kann sie ruhig noch ein wenig länger warten.« »Ja. Theo. Es klopfte laut. »Außerdem hat Großmutter zwanzig Jahre in aller Seelenruhe auf mich gewartet.

den ich im Sonnenlicht hatte aufblitzen sehen und der in irgendeiner Verbindung mit dem Wäldchen und der Vergangenheit stand. er fürchtete das.« Er lehnte sich scheinbar erleichtert zurück. »Leyla. was los ist. »Ich habe in London schreckliche Dinge gesehen – der Tod ist mir nicht fremd. wie du glaubst«. Große Furcht und Unruhe spiegelten sich in seinen Augen. »Was ist denn?« Er sah sich nach einem Sessel um.« Lange sah ich Theo eindringlich an. sagte er leise. daß sie dir erspart geblieben ist. »Du hättest nicht hingehen sollen«. Sei froh. »Ich war im Wäldchen. aber seine Stimme blieb angespannt. So außer Kontrolle hatte ich ihn noch nie erlebt. Diese Erinnerung. daß Theo weniger um mein Wohl als um etwas anderes besorgt war. bemerkte die Furcht und die Unruhe in seinem Gesicht. aber bei näherer Überlegung kam ich zu dem Schluß. »Es hätte – furchtbar werden können für dich. Mein Gott. Aber auch zu Theo sagte ich: »Nein. ich – « Er griff sich mit der Hand an die Stirn. Einen Moment lang glaubte ich. wie er weiß wurde. ebensowenig der . beobachtete seine fahrigen Bewegungen. erschrak ich. »Warum denn nicht? Sag mir doch. Im Spiegel sah ich. meine ich. es war grauenvoll.« »Was?« rief er heiser. setzte sich und schüttelte immer nur den Kopf. Ich sah meinen Eindruck. Leyla? Hast du – hast du dich an etwas erinnert?« Ich sah auf den Rubinring an seinem Finger. den Ring.setzte mich wieder an den Toilettentisch und bürstete heftig und gereizt durch mein Haar. daß Theo aus anderen Gründen beunruhigt war. Theo!« »Und – wie war es. Als er mich endlich ansah. bestätigt und hatte das Gefühl. woran ich mich vielleicht erinnern würde. Ich wandte mich ihm wieder zu. ich erinnere mich an nichts. »Es wird gewiß nicht so furchtbar werden. entgegnete ich ruhig. es ginge ihm um mich und mein Wohlergehen.

Und dann noch beim eigenen Vater und Bruder. Oder vielleicht kommt einmal ein Tag.« Er sprang zornig auf. dann werde ich mich an alles erinnern.« Damit wandte ich mich ab und ging zur Tür hinaus. wie es damals war. ihm zu entkommen. an dem die Stimmung und selbst das Licht im Wäldchen so sind. daß du es verstehst. Ich hätte mir gern ein anderes Kleid angezogen. »Natürlich ist es schrecklich. Außerdem war dein Besuch im Wäldchen ja ohnehin vergeblich. ehe ich meiner Großmutter gegenübertrat. Ich begreife einfach nicht. Ich habe einmal mitangesehen.« Ich stand auf und ging zur Tür.« Ich sah zu seinem Ring hinunter. Du hast mit deinem Gerede schon Martha aus der Fassung gebracht. ja. aber ich war ja nicht das letztemal dort. aber Theo hatte mich mehr aus der Ruhe gebracht. aber einen Mord – das ist das reine Entsetzen. und ich glaube. daß du das alles noch einmal erleben willst. Und dann. wie bei einem Unfall ein Mann die Beine verlor – « »Das ist nicht das gleiche.Anblick von Blut. dir liegt sehr viel daran. warum ich wissen möchte. gewiß nicht in der rechten Verfassung für ein Rencontre mit . einen Unfall mitanzusehen. Leyla. Seine Art. daß ich mich erinnere. Außerdem ärgerte mich sein dominantes Verhalten. mich davon abzuhalten. als ich ihm gezeigt hatte. Denn du weißt genau. was er wirklich dachte. ich glaube schon. Leyla. Theo. und ich hatte nur den Wunsch. wie vor zwanzig Jahren.« »Diesmal. »Vielleicht wird die Barriere mit jedem Besuch ein Stück weiter eingerissen. Zornig und traurig zugleich ging ich zu meiner Großmutter hinauf und kam in ziemlich aufgewühltem Seelenzustand vor ihrem Zimmer an. niemals zu sagen. Ich verstehe es nicht. »Doch. konnte ich nicht lange ertragen. »Jetzt reicht es aber wirklich.« In flehentlicher Gestik breitete er die Hände aus. Aber ich lasse mir das nicht bieten. was ich an jenem Tage gesehen habe. an dem das Wetter genau so ist. Theo.

wußte. Alles war so wie am Abend zuvor. nur von niedrig brennenden Ölflammen und flackernden Kerzen beleuchtet. sagte sie scharf. daß ich im Wäldchen . stellte ich mich an den Kamin. Diesmal jedoch würde ich mich nicht einschüchtern lassen. »Herein«. Nimm dich in acht.« Sie zögerte kaum merklich. wo sie mich nur als Silhouette wahrnehmen konnte. außer Colin.« »Auch wenn er ins Wäldchen führt?« Sie wußte es also. Kind.« »Ein Spaziergang an frischer Luft ist gesund.« »Komm näher. was sie von mir erwartete. Sollte mich das überraschen? Angesichts der Tatsache. Großmutter. Großmutter. Wir hatten Sonnenschein. Anstatt wie am Abend zuvor direkt vor sie hinzutreten. Kind. wie mir schien. ich kannte sie inzwischen ein wenig besser und hatte eine klare Vorstellung davon. wenn es dir recht ist. Nachdem ich mir noch einmal über das Haar gestrichen hatte. Augenblicklich drehte sie den Kopf nach rechts. toben diese höllischen Winde. daß mir der Schein der Öllampe aufs Gesicht gefallen wäre.« »Ich friere. aber seit du hier bist. ja. ehe sie sagte: »Dann hättest du bei diesem Wetter nicht ausgehen sollen. zornig. Sie thronte wieder in ihrem Lehnstuhl. Aber ich wollte es nicht länger aufschieben. die Hände auf den Armlehnen des Sessels. Großmutter. die schmalen Füße auf einer Fußbank. daß Theo nichts gewußt hatte.« »Ich möchte lieber am Feuer bleiben. klopfte ich kurz. »Warum stehst du da drüben? Ich kann dich nicht sehen. meine Augen sind nicht so gut wie deine. Und wieder fiel Schatten auf ihr Gesicht. Es ist wirklich schrecklich kalt hier drinnen.ihr. Und wer hatte es ihr erzählt? Wer. sie jedoch ihr Gegenüber genau beobachten konnte. Der Satan ist dir auf den Fersen. so daß ihre Züge nicht zu erkennen waren. Das Zimmer war düster.

»Ich kann dein Widerstreben verstehen. wie sie vor zwanzig Jahren gewesen sein mußten – kräftig. daß das nur der Anfang war. Leyla?« Ich hob den Blick. sie machte keine Bewegung.« »Das weiß ich nicht.« »Das habe ich gestern abend versucht. Großmutter. Ich habe mich sehr wohl an etwas erinnert. sehnig. Er war plötzlich mit Feindseligkeit geladen. Es wird sich zeigen. »Möchtest du mir nicht sagen. Wir sollten uns nicht feindlich gegenüberstehen. Es machte mich mißtrauisch. Es war nichts Sichtbares. wahrscheinlich mit Ringen geschmückt. ich könnte dir den Aufenthalt hier angenehmer machen. Es war nur ein flüchtiges Bild. mein Kind. Hart und knochig waren sie. wandte ich meinen Blick unwillkürlich zu ihren Händen. von Altersflecken übersät. der ihr Bericht erstattete? »Du irrst dich. Großmutter. Das war ein neuer Ton. War es etwa doch Colin. hatte sie gebeten.gewesen war? Obwohl wir natürlich auch von jemandem beobachtet worden sein konnten… »Und du erinnerst dich an nichts«. fuhr sie fort. was das für eine Erinnerung war. Wir sollten Freundinnen sein. Anstatt zu befehlen. Ich stellte mir vor. das Heulen des Windes hinter den Fenstern schien lauter zu werden. sagte nichts.« Mit meiner Großmutter geschah eine Veränderung. wir sind schließlich von einem Fleisch und Blut. und es klang beinahe schadenfroh. Die Schatten wurden dunkler.« Während ich sprach. Ich bin die Mutter deines Vaters.« . und ich wünschte. und er überraschte mich. aber es zeigte sich im Wäldchen. und doch veränderte sich die ganze Stimmung im Raum. und ich glaube fest. »Woran kannst du dich schon erinnert haben? Gewiß nichts von Belang.

Ich bin nicht aus eigenem Antrieb vor zwanzig Jahren von hier fortgegangen. Ich konnte nicht leugnen. Jahrelang habe ich mit meiner Mutter in Armut gelebt. Du denkst einzig an dich und versuchst gar nicht. den Standpunkt anderer zu sehen. daß sie ein bitteres Körnchen Wahrheit enthielten. »Und wie habt ihr euch mir gegenüber verhalten? Habt ihr euch denn die Mühe gemacht. Leyla. Ich bin hier geboren. dich schmollend zurückzuziehen und alle möglichen Phantastereien über uns zu verbreiten. weil ich glaubte.»Du bist ein sehr eigensinniges Kind. meine Seite zu sehen? Könnt ihr euch überhaupt vorstellen. Du glaubtest. Jahrelang sehnte ich mich nach einer Familie. ich kam voller Hoffnung. als sie nicht erfüllt wurden.« Ich blieb einen Moment reglos am Feuer stehen und ließ ihre Worte auf mich wirken. statt dessen kamst du in ein Haus voller fremder Menschen. ein liebevolles Willkommen erwarten zu dürfen. die dich mit offenen Armen aufnehmen würde. wenn man heimkehrt. Leyla. die dein plötzliches Erscheinen aus der Fassung brachte. Plötzlich lief ich zu ihr und fiel neben ihrem Sessel auf die Knie. Ich hatte keine Wahl. daß ich fort blieb. du würdest hier eine Familie finden. weil ihr die gleichen gegen meinen Vater gerichtet habt. Ich wurde fortgebracht. Du bist voller Erwartungen und naiver Hoffnungen hierher gekommen und warst tief enttäuscht. Und bei der ersten Gelegenheit – nach dem Tod meiner Mutter – kam ich . Großmutter. Und es war nicht meine Schuld. von allein wäre ich niemals gegangen. sich nach nichts als Liebe sehnt und statt dessen mit Mißtrauen und Abwehr behandelt wird? Ich habe diese Anschuldigungen vorgebracht. Ja. Du hast uns mit deinen Anschuldigungen tief getroffen und verletzt. Ich gehöre hierher. und das ist nur zum Teil mit deiner Jugend zu entschuldigen. wie es ist. Und dir war nur eingefallen.

zurück nach Pemberton Hurst zu meiner Familie. Unsere Familie ist verdammt. »Es war ein Werk des Teufels. Der Teufel hatte nichts damit zu tun. Du hättest niemals zurückkehren sollen. Sofort. Laß die Toten ruhen. Meine Worte hatten sie offenbar tief bewegt. sagte sie.« Mir liefen die Tränen über die Wangen. als ich die Tränen in den Augen meiner Großmutter sah. . Verlasse dieses Haus. Welch schreckliche Erinnerungen mußte der Anblick des Wäldchens täglich in ihr wecken! Und ich hatte durch mein Erscheinen alles wieder lebendig gemacht. sondern starrte unverwandt geradeaus. Großmutter. Keinem Pemberton wird erspart bleiben. während ich sah. kehre nach London zurück. Und ich möchte es beweisen. daß du von uns fort mußtest. Ich weiß nicht. inwiefern ich euch Unrecht getan habe!« Ich war überrascht. Geh fort von hier und komme niemals zurück. Wenn ich mich erinnern könnte. Ich flehe dich an. »Dein Vater – mein Lieblingssohn – war von Dämonen besessen und hatte Grauenvolles getan.« Plötzlich faßte sie mich mit einer ihrer knochigen Hände und hielt mich sehr fest. dem wir angeblich alle verfallen werden. Leyla«. wie sie mich mit bebenden Lippen bat. was ich damals sah – « »Nein. warum ihr alle das glaubt. als sie erfahren hatte. Sag mir bitte. daß es Lüge ist. Du bringst dich in die höchste Gefahr. Den Fluch der Pembertons gibt es nicht und auch nicht den Wahnsinn. fortzugehen. Sie sah mich nicht an. Leyla!« Die Kraft ihrer Stimme erstaunte mich. »Laß es ruhen. daß ihr Sohn und Enkel auf so grauenhafte Weise den Tod gefunden hatten. mein Kind. Mein Vater war unschuldig. Ich stellte mir ihren Schmerz vor. ich fühle. Es ist nicht gut. was er durchlitten hat. »Leyla.« »Aber das stimmt doch nicht.

« »Wozu? Wir wissen alle. daß das nicht stimmt. Eine schwarze Wand stand direkt vor meinem Gesicht. getan hatte.« »Dann schulde ich es seinem Andenken und meiner Mutter. Großmutter. Dann stand ich auf. »Ich kann es nicht ertragen.« »Es ist zu schmerzhaft«. Jetzt muß ich beweisen. wie gefaßt ich war. sagte ich leise. was die Zukunft bereithält. die zwanzig Jahre für das gelitten hat.« Ich war selbst erstaunt. Ich wußte. die in einer vergangenen Zeit verharrt und sich weigert. daß es die Tür war.« Ich zog mein Taschentuch heraus und wischte mir die Tränen ab. einen Schritt in die .« Ich drehte mich noch einmal nach ihr um. die da vor mir stand.»Bitte. Aber ich bin gekommen. Großmutter. Ich schulde es meinem Vater – « »Dein Vater ist tot. Nur dann kann ich mein eigenes Leben aufnehmen. daß ich meinen Vater und meine Mutter im Stich gelassen habe. sagte ich. Dort blieb ich noch einmal stehen. stöhnte sie. »Aber ich habe keine Wahl. »Und wie wird dieses Ende aussehen?« fragte meine Großmutter hinter mir. die in den Flur hinausführte. Ich hoffte. Gleichzeitig jedoch schien es mir meine Zukunft zu sein. und ich werde den Weg. verzeih’ mir«. Ich müßte dauernd daran denken. so dunkel und abschreckend wie meine unbekannte Vergangenheit. Verzeih mir. bis zum Ende gehen. du würdest das verstehen. was er. als ich zur Tür ging. wie sie da im schützenden Dunkel saß wie eine Eremitin. den ich eingeschlagen habe. »In gewisser Weise ist es wohl alles meine Schuld«. »Das Ende wird die Vereinigung der Vergangenheit mit der Gegenwart sein. sah sie an. wie sie glaubte. Ich kann jetzt nicht dieses Haus verlassen und Edward heiraten. »Wäre ich niemals zurückgekommen. Großmutter. so wärt ihr hier ungestört geblieben. Das Andenken deines Sohnes soll wieder rein werden.

Der Junge sagte. Jenny. Hatte sie seit jenem schrecklichen Tag vor zwanzig Jahren so gelebt? Oder war sie erst mit dem Tod von Colins Vater zur Einsiedlerin geworden? Oder aber hatte der Selbstmord ihres Mannes vor zehn Jahren sie dazu gemacht? »Ich glaube nicht an diese Zukunft. Hoffentlich kommt er bald. als ich in den unteren Flur hinunterkam. o Gott. Henry. Gertrude rannte. Die Pembertons sind nicht verdammt. was ich tun soll. die andere ein Teetablett.« Das es. »Dann sag dir das nur ganz fest. ich bin so durcheinander. sollte das nächste Opfer werden. starrte sie mich an. So war. und rief immer wieder: »O Gott. er würde heute im Lauf des Abends kommen. »Wir haben nach Dr. gefolgt von zwei Mädchen. die eine trug ein Kissen. bezog sich auf das Syndrom. Anna stand völlig außer sich vor dem Schlafzimmer. vermutete ich. so schien es. an mir vorbei. das mit dem Wahnsinn einherging: Kopfschmerzen.Zukunft zu tun. Und das gleiche Schicksal hatte später meinen Großvater ereilt. »Ach. Ich weiß nicht. als kenne sie mich nicht. Delirium und schließlich der Tod. Denn es geschieht schon wieder. das sie mit Henry teilte.« Ich wollte ins Zimmer . wie man mir berichtet hatte. Es gibt keinen Fluch.« »Nein?« kam die Stimme dünn aus der schattendämmrigen Vergangenheit. aber in der Spinnerei hat es einen Unfall gegeben. wenn du deinen Onkel Henry besuchst. hilf uns doch!« Als ich zu ihr eilte und meine Hand auf ihren Arm legte. Er wäre gleich gekommen. mein Vater gestorben.« »Wegen Onkel Henry?« Sie nickte mehrmals. Aufregung empfing mich. Ich weiß überhaupt nicht mehr. Fieber. was ich tun soll. Young geschickt. So war angeblich Sir Johns Bruder Michael vor fünfundvierzig Jahren gestorben.

Die Augen fest zusammengekniffen vor Schmerz.« Anna schlug die Hände vors Gesicht und begann zu schluchzen. armer Henry. Jenny. fuhr Anna hastig fort. »O Gott«. dessen Stimme von Qual verzerrt war. ehe er den Kopf zur Seite drehte. nur am Rande Gertrude bemerkend. Jenny. Seine Pupillen waren winzig klein. »Jenny. Seine Zeit ist da. »Onkel Henry. unsicher. ich sterbe.gehen. um ihm zu helfen. »Es ist schlimmer. Du weißt doch noch. erst hatte er nur ab und zu Kopfschmerzen. überkam mich tiefes Mitgefühl. Sie war völlig aufgelöst und drohte unter der Belastung des anscheinend Unvermeidlichen zusammenzubrechen. Als ich das bleiche. oder nicht. hauchte er. dann kamen sie immer häufiger und wurden so grauenvoll. die sich vor Schmerz in die Bettdecke krampften. daß sie nicht mehr zu ertragen waren. aber sie hielt mich zurück. Sein Haar war feucht von Schweiß. die am Fußende des Bettes stand. Nicht in der Lage.« . die Hände. mein armer. was ich tun oder sagen konnte. entfernte ich mich von ihr und trat leise in das dämmrige Schlafzimmer. du wirst sehen. eingefallene Gesicht sah. »Er hat noch kein Fieber«. wo mein Onkel stöhnend auf seinem Bett lag. das Gesicht aschfahl. ihr mehr zu geben als eine tröstliche Umarmung.« Es dauerte einen Moment. »Aber es wird noch kommen. die Lippen zeigten überhaupt keine Farbe. Ich näherte mich ihm vorsichtig. Es ist genau wie bei Robert. »Onkel Henry«. um mich anzusehen. schlimmer als je zuvor. Mochte er gegen mich sein. flüsterte ich und kniete neben dem Bett nieder. er war der Bruder meines Vaters und ein leidender Mensch. stöhnte Henry immer wieder laut auf. O Gott.« Aus dem Zimmer kam ein Schrei Henrys.

« Entsetzt sah ich Henry an. rief ich. Ja. »Nein. »Ich habe das Gefühl. das ihn angstvoll erkennen ließ. »Es wird doch wieder besser werden.« »Nein! Nein!« flüsterte er beinahe heftig. Du wirst schon wieder gesund. Mein Vater hat das nicht getan. Bitte. Ich fühlte mich in einen Strudel der Aussichtslosigkeit hineingerissen. »Das geht vorüber. Onkel Henry. verband nur noch ein dünner Faden klaren Denkens ihn mit der Wirklichkeit. was ich sagte. O Gott!« Er drückte wieder die Augen zu. erspare mir diese Grausamkeit. daß mir der Kopf zerspringen will. Wir sind alle Pembertons.»Aber nein. dann mein Bruder Robert. Theo und Colin. was geschehen könnte. wenn das Delirium eintrat. als ihn. Während er seine zitternden Finger um die Bettdecke klammerte und mit aufgerissenen Augen in die Dunkelheit über sich starrte. laß mich nicht die Verbrechen begehen. hörte. O Gott. sagte ich tröstend. Als er die Augen wieder öffnete. gegen den ich mich gewappnet geglaubt hatte.« Aber eigentlich wollte ich mit diesen Worten mehr mich selbst beruhigen. sah ich darin einen irren Glanz und die nackte Angst. wo ihn meine Stimme nicht erreichen konnte. Laß mich dieser Familie nicht zu einer weiteren Quelle des Schmerzes und des Kummers werden. Außerdem glaubte ich nicht. auch die kleine Leyla. »Lieber Gott. bitte. nicht der Mörder. beruhige dich«. Er schwebte in einer Zwischenwelt zwischen Vergangenheit und Gegenwart. hilf mir doch!« »Bitte. »Erst mein Onkel Michael. Ganz bestimmt. wie kalt seine Haut war. ein Fünkchen Einsicht. zu denen mein Bruder getrieben wurde. Onkel Henry. und sein ganzer Körper zuckte in einem heftigen Krampf. Die nächsten werden die Kinder sein. »Das wird nicht geschehen. Er war das Opfer. dann mein Vater und jetzt ich. Martha und Leyla. hilf mir doch. daß er irgend etwas von dem. Onkel Henry«.« Ich legte ihm sachte die Hand auf die Stirn und spürte mit Erschrecken.« .

Es wird ja wieder gut. »Beruhige dich. »Diese Schmerzen! Es ist.« Als mein Onkel etwas ruhiger geworden war. in dem ich eine Vaterfigur gesehen hatte und der jetzt nur noch ein stöhnendes Bündel von Schmerz und Wahn war. wenn ich mich erinnern könnte. daß ich Angst bekam. flüsterte sie unter Tränen. solange er krank ist. lief ich durch den Flur zu meinem Zimmer. Der Anblick Henrys. Du warst nicht dabei. wandte sich Anna mir zu und sagte mit einer Heftigkeit. die mich erschreckte: »Du! Du hast ihn aufgeregt! Verschwinde und komm ja nicht wieder hier herein. »Beruhige dich. Der Geist meines Vaters und meines Bruders waren an meiner Seite. Von allen Seiten schien Tod mich zu umgeben. Ich kam mir vor wie in einer Geisterwelt. Liebster«. was ich damals im Wäldchen sah. mein Onkel Richard und meine Tante Jane.« »Aber Leyla war dabei. nichts als zuckende Schatten und gespenstische Finsternis um mich herum. Ich war dabei!« Ich schlug mir mit der Faust an die Stirn. könnte ich dich beruhigen: Mein Vater war kein Mörder. die durch einen Unfall ums . »Ach. und du wirst auch keiner werden. Dr. Im nächsten Augenblick war Anna an seiner Seite und legte ihm beruhigend den Arm um den Leib. daß – « »Mein Gott!« schrie er laut und riß sich mit beiden Händen an den Haaren. Siehst du das denn nicht? Du hast dir eingeredet.« »Aber ich möchte helfen – « »Du hast genug angerichtet. Young ist schon unterwegs. als stocherte mir jemand mit einem heißen Schürhaken im Kopf herum. Verschwinde!« Ich wich vor meiner aufgebrachten Tante zurück und lief zur Tür hinaus. Jenny. mein Großvater. hatte mich aus der Fassung gebracht. der sich umgebracht hatte.« Er warf sich so wild hin und her.»Du weißt es nicht. wenn ich mich doch nur erinnern könnte! Onkel Henry. Keines klaren Gedankens fähig.

der selbst Hand an sich gelegt hatte. bis wir das Gleichgewicht wiedergefunden hatten. sonst – « Colin breitete die Hände aus. Ich blickte über meine Schulter zurück. Es linderte Schmerzen auf wunderbare Weise. Leyla? Wovor läufst du denn weg?« fragte er ruhig. ihm ist so elend. »Ich war bei Onkel Henry. Colin. eine Mischung aus Morphium und Alkohol. ich kannte Laudanum. die blassen Lippen. Auf meiner blinden Flucht durch den Flur prallte ich unversehens mit Colin zusammen und hätte uns beinahe beide zu Boden gerissen. sah wieder das schmerzverzerrte Gesicht Henrys. Dann erst ließ er mich los. daß du das nicht siehst. mein Großonkel Michael. Doch er umfing mich rasch mit seinen Armen und hielt mich fest. Diese geheimnisvolle Krankheit der Pembertons gibt es nicht. Warum können wir denn nichts für ihn tun? Mit Laudanum – « »Er bekommt schon die höchste Dosis.Leben gekommen waren. daß wir ihr alle hilflos ausgeliefert sind?« »Nein! Es ist ein unglückliches Zusammentreffen. Ja. »Wir können nichts mehr tun. doch sein Gesicht sagte alles. »Es kann nicht wahr sein. Dr. die mich nach länger Krankheit verlassen und ein Stück von mir mitgenommen hatte. Mein Gott. Young wagt nicht.« »Aber er leidet doch so. Leyla. Colin.« »Und du glaubst nicht daran. aber es barg auch große Gefahren.« Colin schwieg. oder vielleicht eine ortsgebundene Krankheit. wie kannst du nur so blind sein!« . »Ich glaube es nicht«. aber es gibt eine sicherlich normale Erklärung dafür. »Wohin denn so eilig. die weit aufgerissenen Augen. erklärte ich heftig und erbittert. und meine Mutter. und ich verstehe nicht. ihm mehr zu geben.

die sich im Lauf dieses Tages in mir angestaut hatte – mit dem Fund des Tagebuchs in Tante Sylvias Zimmer. »Die flüchtigen Bilder.« »Du hast aus deiner Absicht kein Geheimnis gemacht. dem Anblick von Henrys Qual. Colins grüne Augen sahen mich hart an und verbargen. »Ja. es sollte mich wahrscheinlich nicht wundern. daß ich heute nachmittag im Wäldchen war. »Was ist mit euch allen geschehen? Warum habt ihr dieses . »Ach.« »Sie wußte auch.Ich schrie ihn an und machte damit meinem ganzen Schrecken über Henrys Leiden und Annas Verzweiflung Luft. während ich innerlich weiter raste. aber mußt du denn zu Großmutter laufen und ihr alles erzählen? Mußt du für sie der Beobachter sein?« Sonderbarerweise ließen ihn meine Worte völlig ungerührt. als warte er auf etwas. und ich habe wahrscheinlich auch kein Recht. daß ich mich an nichts erinnert habe. sagte ich so ruhig ich konnte. »Ich war vorhin bei Großmutter«. Sein verschlossenes Gesicht sagte nichts. In der kurzen Zeit zwischen meiner Rückkehr aus dem Wäldchen und meinem Besuch bei ihr hatte sie alles erfahren. »Was ist denn nur los mit dir? Mit euch allen!« Ich stampfte mit dem Fuß. Leyla. Mich brachte das nur noch mehr in Zorn und Verwirrung.« »Tatsächlich?« Sein Gesicht verriet nichts. dem Gespräch mit meiner Großmutter. Schweigend stand er vor mir. darüber zornig zu sein. und sie wußte. Ich zwang mich nach meinen heftigen Worten zur Ruhe. Und zugleich entlud sich die Spannung. was er wirklich dachte. daß es vergeblich war. mit dem Besuch im Wäldchen. Colin. die mir manchmal doch kommen.« Mir sprangen die Tränen der Ohnmacht in die Augen. zeigen mir Gelächter und Fröhlichkeit in diesem Haus. umgab mich mit einer Fassade künstlicher Gelassenheit.

umgeben von Düsternis und Tod. »Laß mich aussprechen. Colin blieb vor mir stehen. Ich habe gesehen. was mit deinem Vater geschah. sagte ich mit Bitterkeit. die Menschen in diesem Haus sind seit Jahrzehnten unglücklich und werden es wohl immer sein. daß dieses Erbe immer weitergegeben wird. was jetzt mit Onkel Henry geschieht. Wenn unsere Vorfahren schon vor langer Zeit diese Einsicht gehabt hätten. und ich sehe. auch wenn du niemals etwas darüber gesagt hast. gibt es auf Pemberton Hurst keine Kinder mehr. Nein. während ich mich in einen Sessel am Kamin setzte. daß es hier im Haus keine Kinder gibt. warte. Oben. »Leyla. dann säßen wir heute nicht hier. Du sagtest. daß du nicht an diese Erbanlage glaubst. Leyla«. als ich etwas einwerfen wollte. wenn es unsere Familie dann noch gibt. Hier unten war es still. Martha und ich nicht verheiratet sind. Du hast mich einmal gefragt. Seit Thomas’ Tod und seit deine Mutter mit dir fortgegangen ist. Hier unten wurde ich ruhig. Ich weiß. Ich möchte dir etwas erzählen. auch im nächsten Jahrhundert. hatte ich mich wie ein in der Falle gefangenes Tier gefühlt. sagte er rasch. Der Bruder . du und ich. Leyla.Haus in ein Mausoleum verwandelt?« Mit unerwartetem Mitgefühl nahm Colin meine Hand und sagte: »Komm mit. dann wären wir heute nicht mit dem gleichen Schicksal konfrontiert.« Ich ging mit ihm durch den Flur zur Treppe und hinunter in die Bibliothek. dem Onkel Henry preisgegeben ist. Es muß damit ein Ende haben. wir werden alle zu gegebener Zeit den gleichen Weg gehen. aber das wird sich ändern. und in der wohligen Wärme des lodernden Feuers entspannte ich mich allmählich. wie es unserem Großvater erging.« »Wegen des Fluchs«. Dir ist natürlich auch aufgefallen. Leyla. Wir können nicht zulassen. daß Martha mit ihren zweiunddreißig Jahren hier die jüngste ist. »Richtig. warum Theo. Theo und Martha.

Ihr habt kein Recht. diesem Elend ein Ende zu bereiten. ich glaube das einfach nicht.« »Ja. wen und wann ich mag. »Findest du das alles denn richtig?« Er erwiderte meinen Blick und meine Worte mit einem Ausdruck von solcher Traurigkeit. In den Dreißigern erst. »war Onkel Henry gegen meine Heirat mit Edward. sagte ich schließlich. Darum haben wir beschlossen. »Aber.unseres Großvaters war noch ein junger Mann.« »Nein.« »Aber die anderen Pembertons glauben es. ruhigen Herzens ein Kind zur Welt bringen. Aber du wirst deine Meinung noch ändern. ihre Eltern? Haben wir das Recht. Colin!« Ich sah ihn mit zorniger Herausforderung an. Es ist völlig unnatürlich und verstößt gegen den Willen Gottes. voller Groll plötzlich gegen Colin.« »Meinst du? Glaubst du denn. wie dein Vater endete?« »Den Fluch gibt es nicht!« »Ich habe nicht erwartet. »Darum hat also keiner von euch geheiratet?« Er nickte. »Deshalb«. und darum haben wir vor langer Zeit beschlossen. daß es dazu verdammt ist. sagte ich. daß Kinder geboren werden. euch eine solche Entscheidung anzumaßen.« »Nein! Ich heirate. Ich wußte nicht. Colin. das ist doch verrückt. was ich denken sollte. Seine Worte hatten mich stark aufgewühlt.« »Ich verstehe«.« Ich starrte schweigend ins Feuer. Leyla. nicht zu heiraten und keine Kinder in die Welt zu setzen. die sich eines Tages in Ungeheuer verwandeln wie wir. Und mit Recht. bei dem du von vornherein weißt. daß ich mich . daß du mir jetzt zustimmen würdest. als er der Krankheit erlag. es ist Gottes Wille. genauso zu enden. die Familie aussterben zu lassen. solche Kinder in die Welt zu setzen? Kannst du.

Und ich werde mit Edward zusammen Kinder bekommen. Colin… Colin. daß ihr alle unrecht habt. sondern sah mich nur still an. aber er sagte gar nichts. erklärte ich grimmig entschlossen. flüsterte ich etwas weniger kämpferisch. die kräftig und gesund sind und ein ganz normales Leben führen werden. Aber ich lasse mir den Mut nicht nehmen. »Und ich werde sie finden. »Gott helfe dir bei der Suche. du bist genauso kleinmütig wie die anderen. Ich werde kämpfen und beweisen. »Es muß eine Lösung geben«. er würde mir darauf mit Vorhaltungen antworten und versuchen.abwenden mußte. »Ich werde die Lösung finden«.« . mich zu entmutigen.« Ich hatte geglaubt. das hätte ich nicht von dir erwartet.

keine Kinder mehr in die Welt zu setzen. zog die Vorhänge zurück und blickte in einen grauen. und danach hatte ich Mühe. Als ich schließlich doch eingeschlafen war. ehe ich zu Bett gegangen war. Youngs späte Ankunft mich aus dem ersten Schlummer gerissen. Es war einfach furchtbar! Ich stand schließlich doch auf. als wären sie mit Girlanden winziger Diamanten geschmückt. In der Auffahrt standen große dunkle Pfützen. Sie half schweigend. und ich fragte mich.10 Ich schlief schlecht in dieser Nacht. was die Hausangestellten wohl über diese exzentrische Familie dachten. als das erste graue Licht des Tages ins Zimmer fiel. Kein Wunder. Ich versuchte die Gefühle heraufzubeschwören. hatte Dr. schnürte mir das Korsett und ordnete die Unterröcke über der Krinoline. Die Aufregungen des Tages wirkten nach. um mir beim Ankleiden zu helfen. daß ich mit leichten Kopfschmerzen erwachte. ohne mich anzusehen. . aber der Nachmittag war mir so fern. und vor allem seine und der anderen Entscheidung. die kahlen Zweige der Eschen und Akazien glitzerten. die mich vor allem bewegten. wieder Ruhe zu finden. daß ich noch eine Weile unter der Decke liegenblieb. als wären Monate vergangen. Es war so kalt. sein ruhiges Hinnehmen eines heimtückischen Schicksals. unfreundlichen Tag hinaus. die mich am vergangenen Tag im Wäldchen bewegt hatten. Ein Mädchen kam herauf. Sie bürstete mein Samtkleid aus. Gertrude hatte mir zwar noch einen kleinen Imbiß und eine Tasse Schokolade gebracht. aber das hatte nichts geholfen. Colins Worte waren es.

die sich hier im Lauf der Jahre angesammelt hatten. dessen Lüster von einer dicken Staubschicht blind und grau geworden waren. auf ihrem Zimmer zu bleiben und zu sticken. Nach einem ausgedehnten Rundgang durch das Erdgeschoß. den Wintergarten. die mir in diesem Haus der liebste Raum war. Meine Schuhe klapperten auf polierten Holzfußböden. als ob sie die Zeit zum Stillstand bringen wollte. Nachdem ich meinen Tee getrunken hatte. daß ich ganz allein war. stellte ich mit Überraschung fest. die mit harter Hand über diese Familie herrschte und eisern an der Vergangenheit festhielt. daß ich schon nach den ersten Takten wieder aufsprang. Mein erster Weg führte mich in den Salon. wo ich nur ab und zu einem der Angestellten begegnete. Mir war. als spürte ich in allen Räumen den starren Geist meiner Großmutter. In London hatte ich immer einen Spaziergang im Hyde Park gemacht. Gertrude berichtete mir. Colin war schon in aller Frühe ausgeritten. Ich wollte mich ans Klavier setzen und ein bißchen spielen. aber ich war innerlich so ruhelos. an der frischen Luft klarer denken zu können. die mich jeweils höflich grüßten. während Martha es vorgezogen hatte. Ich bildete mir ein.Als ich ins Frühstückszimmer hinunterkam. . ein Arbeitszimmer. Flüchtig inspizierte ich ein paar andere. beschloß ich. einen weiteren Salon. seltener benutzte Räume im Erdgeschoß. daß Anna und Theo bei Henry wachten. dem es zusehends schlechter ging. meinen Spaziergang ins Haus zu verlegen. kehrte ich in die Bibliothek zurück. Ich wanderte von Bord zu Bord und las die Titel der vielen Bücher. einen Rundgang durch das Haus zu machen. Und überall umgab mich die gleiche strenge Stille. beschloß ich. einen Tanzsaal. wenn mich Probleme gequält hatten. dem ich gegen die Kopfschmerzen ein wenig Brandy beigegeben hatte. Aber da das Wetter an diesem Tag so wenig verlockend war.

»Lieber Gott. nein. in den ich mich eine Weile verlieren konnte. Doch nach einiger Zeit wurde mir kalt und ich ging zum Kamin. Ich konnte es immer noch nicht fassen. »Nein!« flüsterte ich. um den Leuten befehlen zu können. und ich ließ mich schwer in einen Sessel fallen. würde ich auf einen guten Roman stoßen. Mein Kopf entleerte sich aller Gedanken. ehe meine Neugier erwachte. Eisiger Schrecken packte mich. Schweiß trat mir auf die Stirn. Nur meine Großmutter konnte solche Macht besitzen. dem ich die Besorgung anvertraut hatte. Gedankenlos blickte ich darauf. war ein Überrest meines Briefes an Edward. Jemand hatte ihn gelesen und dann ins Feuer geworfen. Ich beugte mich ein wenig tiefer und sah. Auch Henry konnte dahinterstecken. um mich aufzuwärmen. daß das Fetzchen von einem Briefbogen stammte. Ich richtete den Blick in die Flammen und ließ mich von ihrem Spiel gefangennehmen. Aber wer? Wem hatte das Mädchen. dachte ich. der beschrieben war. nein!« Mir zitterten plötzlich die Knie. Aber. Meine einzige Verbindung zur Außenwelt war einfach abgeschnitten worden. das ich abschicken sollte. Dort in den Flammen brannte mein Brief an Edward. Vielleicht besaß auch Theo genug Einfluß auf die Dienerschaft. und die Kopfschmerzen kehrten wieder. Ich bückte mich und hob es auf und las die wenigen noch erkennbaren Worte. jegliches Schreiben. und ich trieb in eine angenehme Welt. Mein Hilferuf hatte ihn nie erreicht. Oder Anna. Plötzlich traf es mich wie ein Schlag: Was ich da in den Händen hielt. Einer aus meiner Familie hatte . den Brief gegeben? Ich drückte mir die Hände an die Schläfen. Mein Brief an Edward war abgefangen worden. Mein Blick fiel zufällig auf ein Stückchen Papier am Rand des Feuers. wo ich an nichts dachte und nichts fühlte. unverzüglich zu ihm zu bringen.vielleicht.

ich wollte nur noch hinauf in mein Zimmer. Ich hatte plötzlich rasende Kopfschmerzen. wollte verhindern. und was ich alles geschrieben hatte! – und hatte das Schreiben dann vernichtet. Aber ich erkannte bald. Wollten sie etwa. als ich draußen an die Tür geklopft und Gertrude mich empfangen hatte.den Brief abgefangen. auch das Schreiben unter Sylvias Namen abgeschickt hatte. unverheiratet und kinderlos? Aber erklärte das Sylvias Schreiben? Was hätte meiner Familie daran liegen sollen. Natürlich. die den Brief vernichtet hatte. ob die Person. gelesen. daß er hierher kam. Und ich mußte jetzt allein sein. daß er schon in dem Moment begonnen hatte. was ich geschrieben hatte – o Gott. Regen schlug gegen mein Fenster. daß Edward etwas von den Geschehnissen hier erfuhr. daß ich in diesem Haus eine Gefangene war? Ich fragte mich. die Luft war feucht und klamm. daß ich Hilfe erhielt. das war es. So war zumindest Henry von Anfang an gegen meine Heirat mit Edward gewesen. daß ich auch für immer hier blieb. Einer aus meiner Familie – vielleicht auch alle – hatten mich hierher gelockt. wollte nicht. irgend etwas . daß ich niemals wieder zu Edward zurückkehren würde. Warum? Die Antwort lag auf der Hand: Der Täter wollte nicht. mich hinlegen und versuchen. um festzustellen. Das Feuer konnte wenig ausrichten gegen die Kälte. Ich mußte nachdenken. endlich Klarheit zu bekommen. Ein gemütliches Zimmer war dies heute wahrhaftig nicht. Hieß das auch. auch meine Mutter zurückzuholen? Es ergab keinen Sinn. die wie eisiger Atem durch alle Ritzen drang. Ich fühlte mich wie in einem Netz gefangen. um zu erreichen. Ich stand langsam auf. daß ich dieses Haus niemals wieder verlassen würde. die vergangenen vier Tage in allen Einzelheiten an mir vorüberziehen lassen. wann der Alptraum begonnen hatte. aber wenigstens war ich hier allein und ungestört. unfähig.

Nicht den kühlen Empfang und die Heimlichtuerei. In mir verschüttet lag das Bild jener Szene im Wäldchen. daß mein Vater ermordet worden war. nicht Großmutters abweisende Reaktion auf meine Rückkehr und die Furcht aller davor. wenn ich mich erinnerte. stand Martha vor mir. was in meiner Macht stand. der angeblich keiner von uns entrinnen konnte. um die Erinnerung an die Ereignisse jenes Tages heraufzubeschwören. Als meine Kopfschmerzen nachgelassen hatten und der erste Schrecken vorüber war. Was konnte ich tun. nicht Sylvias Brief und die Vernichtung meines Briefes an Edward. um mich zu schützen. um es zurückzuholen? Damals war Vergessen Schutz gewesen. um nach der schlechten Nacht ein wenig zu schlafen. den unvermeidlichen Pompadour im Arm. bestärkte ich mich innerlich in meinem Entschluß. Das Mittagessen nahm ich in meinem Zimmer ein. Als ich öffnete. die ich als Kind mitangesehen hatte. Gegen vier Uhr nachmittags weckte mich Klopfen an meiner Tür. Ich würde noch einmal ins Wäldchen hinuntergehen. »Großmutter möchte dich sehen. Damit wäre gleichzeitig erwiesen. und dann würde ich ihnen allen beweisen.zu verstehen. der Lösung des Rätsels auf die Spur zu kommen. das jemand erdacht hatte. Leyla. offensichtlich aufgeregt. daß ich mich an die ausgelöschten fünf Jahre erinnern könnte. ein Hirngespinst.« »Jetzt?« . Das konnte mir aber nur gelingen. um die Wahrheit über die Verbrechen zu vertuschen. jetzt aber mußte ich mich erinnern. daß der sogenannte Fluch nichts als eine Erfindung war. mich aus diesem Netz zu befreien. nicht die Geschichten über das Ende meines Vaters und die unvermeidbare Krankheit. ich würde alles tun. Dann schlüpfte ich in mein Bett. Ich hatte nur den verzweifelten Wunsch.

Martha trat zu ihrem Bruder. auf der einen Seite neben sich Theo. »Sie ist doch nicht krank?« fragte ich. Schweigend gingen wir durch den Flur zu den Räumen meiner Großmutter. ohne anzuklopfen. warum ich euch gerufen habe. »gerade du müßtest wissen. und gleichzeitig war ich wütend.« Damit war unser Gesprächsstoff erschöpft. daß ich es nicht schaffte. was zu tun ist. mich ihrer kalten Macht zu entziehen. und wir traten ein. Die anderen Familienmitglieder warteten schon. »Gut«. Unter uns befindet sich ein gemeiner Dieb. auf der anderen Colin.« Verwirrt blickte ich von einem zum anderen. Die Luft in dem düsteren Gemach knisterte förmlich vor Spannung. Außer Henry war die ganze Familie anwesend. »Was ist denn passiert?« fragte ich. daß ich sie durch eine Weigerung nicht noch mehr in Aufruhr versetzen wollte. sagte ich deshalb. Dann begann meine Großmutter zu sprechen. als wir eintraten.« »Aber ich weiß es nicht. Wie vor den anderen Gesprächen mit ihr. kroch eisige Furcht an mir herauf. »Großmutter ist niemals krank. antwortete meine Großmutter kalt. »Leyla Pemberton«. Darum will ich gleich zur Sache kommen. Ihr könnt unter euch ausmachen. das Gesicht im Schatten. und ich verlange. »Ihr wißt alle. wovon ich spreche. Meine Großmutter thronte wie immer in ihrem Lehnstuhl. und ich blieb etwas abseits stehen. Anna saß in einem Sessel vor ihr. eilte ins Zimmer zurück. Keiner beachtete uns.« . Die Tür stand offen.»Sie hat uns alle rufen lassen. um mir einen Schal zu holen. alle hielten sie den Blick folgsam auf die mächtige Herrin gerichtet. Am besten kommst du gleich mit. daß er ausfindig gemacht wird.« Sie wirkte so erregt.

Immer wieder.« »Ich habe ihn nicht bewundert. den Ring gestohlen zu haben?« »Das sind deine Worte«. wo die Verbindung lag. daß gerade ich wissen müßte. Niemand antwortete mir. wir sollten die Angestellten verhören. »Aber das ist ja lächerlich!« Anna mischte sich jetzt ein. sagte Theo. den Theo von seinem Großvater geerbt hatte. daß der Dieb oder die Diebin entlarvt wird. spähte ich durch die Düsternis zu ihm hinüber. »Tante Anna! Ich bin empört! Wie kannst du es wagen. »Er ist verschwunden. warf meine Großmutter ein. Es handelte sich um den Rubinring. Auf irgendeine Weise hatte er mit den Ereignissen von damals zu tun. aber ich konnte nicht ausmachen. »Das ist wirklich ungerecht. Ich bin der Meinung. Kind«. Es sind vorher schon Schmuckstücke verschwunden.« »Theos Ring?« »Nicht verschwunden. und zum erstenmal sah ich ihn von . Plötzlich begriff ich: »Was meinst du damit.« »Ja. wovon du sprichst? Beschuldigst du mich. mich als gemeine Diebin hinzustellen!« »Leyla hat recht. Großmutter«. »Er wurde gestohlen. Um den Ring. sagte Martha leise zu mir.»Es geht um Theos Ring«.« »Woher kennst du ihn?« fragte meine Großmutter. »Du hast ihn neulich erst im Salon bewundert.« Da begriff ich. wer sollte ihn denn sonst genommen haben?« rief Anna heftig. »Aber wer würde denn so etwas tun?« fragte ich. an den ich mich im Wäldchen erinnert hatte. Wir waren alle dabei.« Während er mich in Schutz nahm. Und ich verlange. antwortete meine Großmutter. »Ich – ich weiß nicht. Ich habe mich lediglich seiner erinnert. Es war nur eine flüchtige Erinnerung.

Aber als Colin an mir vorüberging. und im Schein des Gaslichts sah ich. Mein Verdacht. verstörte mich.einer menschlichen Seite. sah ich ihn scharf an. war Colin nicht der selbstbewußte. um mich zu demütigen. »Und wir werden mit aller Gründlichkeit nach dem Ring suchen. Diese Zusammenkunft hatte stattgefunden. Sie warf mir einen Seitenblick zu. Doch ich ließ mir von meinen Gefühlen nichts anmerken. Ich war zornig und empört. Colin hingegen. daß ich schuldig sein müsse. mich von solchen Gemeinheiten. der sich von einer alten Frau gängeln ließ. »Gut. wir werden die Domestiken verhören«. Gemeinen Diebstahl innerhalb der Familie lasse ich nicht zu. nur weil Großmutter aus irgendeiner Laune heraus beschlossen hatte. von Drohungen und Beschuldigungen zurückschrecken zu lassen. wie eingefallen ihr Gesicht war und wie erschöpft sie aussah. Ich war nicht bereit. Nach seinen letzten Worten sah Theo mich mit versöhnlichem Lächeln an. Es ging um meine Rechte und um die Ehrenrettung meines Vaters. sie bestärkten mich nur in meiner Entschlossenheit und meinem Kampfeswillen. sondern ein Feigling. Sie hatte vermutlich die ganze Nacht bei Henry gewacht. Unter dieser Belastung war es verständlich. dem es offenbar sehr schlecht ging. um Anna vorbeizulassen. Er schien es jedoch gar nicht zu bemerken. daß sie reizbar war und nicht fähig. eigenwillige Mann. gelassen die Arme verschränkt. für den er sich ausgab. denn wenn er zutraf. klar zu denken. Ich war wütend auf ihn. Groß und aufrecht stand er da und widersprach den anderen um meinetwillen. Theo blieb . und ich dankte ihm ebenfalls mit einem Lächeln. Im Gegenteil. brachte nicht ein Wort zu meiner Verteidigung hervor.« Mit einer hoheitsvollen Handbewegung entließ sie uns. entschied meine Großmutter. daß er der besondere Vertraute meiner Großmutter war. Draußen im Flur trat ich zur Seite.

als er herauskam. Wenn ich sie wiedergefunden habe.« »Sie ist alt und eigensinnig.« Erst jetzt sah sie zu mir auf. Großmutter glaubt wirklich. gehe ich von hier fort und komme nie zurück. Sie sagt. war ihr Gesicht zart und jung. Was sollte ich mit dem Ring wollen?« »Nun ja. sie nervös und unablässig mit den Schnüren ihres Pompadours beschäftigt. daß wir vielleicht doch Freunde werden könnten. »Leyla. Martha . Dann brauche ich das Familienvermögen nicht. Ich möchte von hier nur eines. daß sie etwas auf dem Herzen hatte. Äußerlich ähnelten wir einander.einen Moment neben mir stehen. Es wunderte mich nicht. aber vom Naturell her waren wir sehr unterschiedlich. ich voll innerer Erregung. In diesem Moment. daß sie stehenblieb. Ich hatte gespürt. du seist völlig mittellos. Martha«. als wir mein Zimmer erreichten. lebt in guten Verhältnissen. hättest du dich aufs Stehlen verlegt.« »Das ist Unsinn. daß du nur des Geldes wegen nach Pemberton Hurst gekommen seist. und das ist meine Vergangenheit. als unsere Blicke sich trafen. du bist doch…« Sie hielt die Lider gesenkt. Ich sah Anteilnahme in diesem Lächeln und vielleicht eine Spur Reue darüber. wie man mich behandelt hatte. Ich habe sie nie so zornig erlebt. und sah mich lächelnd an. »Der Mann. den ich heiraten werde. »Großmutter sagt. Ihr könnt eure Baumwollspinnereien und Ländereien und kleinlichen Zänkereien gern behalten. Und als dir niemand freiwillig welches anbot. entgegnete ich trocken. hatte ich die Hoffnung. Martha. Obwohl sie zweiunddreißig Jahre alt war. Martha und ich kehrten gemeinsam zu unseren Zimmern zurück. daß du den Ring aus Theos Zimmer gestohlen hast.

»Entschuldige. »Jeder. Jede Frau möchte den richtigen Mann heiraten und mit ihm zusammen Kinder haben. wenn ich mich entschlösse. Großmutter hat recht. »Du beneidest mich? Worum denn?« »Du kannst von hier fortgehen und heiraten und Kinder bekommen.« Sie wurde rot. und wird uns keinen Penny vermachen. Ich bin gefangen hier. wenn ich hier fortginge. wie es ist. wenn man – mit einem Mann zusammen ist. Ich muß es sein. jemals zu heiraten. aber in ihren Augen war eine verzweifelte Sehnsucht. die Familie muß aussterben. Martha. »Aber manchmal frage ich mich. ich bin anders.« »Das kannst du doch auch. daß die Korkenzieherlöckchen. und du sagst. Es wäre eine Sünde. äußerst zurückhaltende Frau. Ich weiß. Martha. manchmal sehe ich in East Wimsley einen hübschen Mann. Jede Frau wünscht sich die große Liebe. Kinder zur Welt zu bringen. die ihr Gesicht umrahmten. Das kann ich verstehen. Auf dich wartet Edward. und ich hätte am liebsten mit ihr geweint. weil ich eine Pemberton bin. was mich und dich erwartet. Ich wüßte nicht.« »Doch.« Martha liefen die Tränen über das Gesicht. »Im Grunde macht es mir nichts aus«. Sie hat uns verboten. denen eines Tages das gleiche Schicksal droht. Du bist nicht anders als alle Frauen.« . Unsinn. wenn wir ihr zuwiderhandeln sollten. fügte sie hinzu. »Und trotzdem – weißt du. »Ich beneide dich«. sagte sie leise. und dann stelle ich mir vor…« »Natürlich.war eine stille. daß er wohlhabend ist.« »Ach. tanzten. wohin ich mich wenden sollte.« Sie schüttelte den Kopf.« Ihr Ton war ganz sachlich. Wir alle sind hier gefangen. wird von Großmutter enterbt. so etwas sagt man nicht. der von hier weggeht.

Die Anschuldigung vor allen anderen. warum hatte man den Ring gestohlen? Ich spürte. Wenn jemand fürchtete. daß mehr hinter dem Diebstahl steckte. sagte sie schniefend. was im Zimmer meiner Großmutter geschehen war.« Zornig und traurig zugleich zog ich mich in mein Zimmer zurück. entschuldige mich jetzt. dann hatte man den Ring vielleicht verschwinden lassen. Nun aber fragte ich mich. Martha wischte sich mit der Hand die Augen. seiner erinnert hatte? Spielte er vielleicht an jenem Tag eine viel wichtigere Rolle. unmittelbar nachdem ich mich draußen im Wäldchen. und daß sein plötzliches Verschwinden kein Zufall sein konnte. aber sie war unzulänglich. damit durch seinen Anblick nicht klarere Erinnerungen bei mir ausgelöst werden würden. wie es ist. Bitte. wenn man von einem Mann einen Kuß bekommt. gewiß. ohne daß mir außer Theo jemand zu Hilfe gekommen wäre. ich würde den Ring mit der Ermordung meines Vaters in Verbindung bringen. Das Dickicht schien immer undurchdringlicher zu werden. Ich konnte mich des Gefühls nicht erwehren. wollte ich das Abendessen nicht mit der Familie einnehmen und ließ es mir statt dessen . »aber davon mußt du Großmutter erst einmal überzeugen. als mir bewußt war? Aber. was es mit diesem Ring eigentlich auf sich hatte. »Mein Wort sollte eigentlich genügen.»Ich weiß ja nicht einmal. Martha.« Ich dachte an Edward und die kühlen Küsse. wenn auch nur flüchtig. war demütigend und empörend gewesen.« Ich wurde wieder ärgerlich. daß er verschwunden war. War es Zufall gewesen. daß zwischen Theos Ring und den Geschehnissen im Wäldchen vor zwanzig Jahren ein direkter Zusammenhang bestand. »Du hast den Ring wahrscheinlich wirklich nicht genommen«. Nach dem. Das war eine Erklärung. die er mir auf die Wange zu geben pflegte.

Medic Professor Collegii Med. daß es mir auch allein gelingen würde. kluges Gesicht in ovalem Rahmen mit der Inschrift ›Thomas Willis. Es lag neben den beiden anderen Büchern. der in verblaßter Goldschrift auf dem Rücken stand. nahm mir den Führer durch den Cremorne Park vor und flüchtete mich für eine Weile in Erinnerungen an glückliche Tage mit Edward. Dann machte ich es mir auf dem Sofa am Kamin gemütlich. Die Uhr über dem Kamin. als ich zu Bett ging. nahm ich es und zog die Kerze näher heran. Nochmals zu versuchen.auf mein Zimmer bringen. Es war ein altes Buch. auf dem Nachttisch. sehr schön. Dann schlug ich das Buch auf. hatte keinen Sinn. bemerkte ich das Buch. und erst. London et Societ Reg Socius‹. Ich war überzeugt. Es war schon spät. Meine Kerze flackerte im Luftzug. Ich hielt es im übrigen auch nicht mehr für nötig. in schwarzes Leder gebunden. Mr. Nachdem ich es einen Moment lang verwundert angesehen hatte. Der Titel. ihm zu schreiben. das Geheimnis dieses Hauses zu lüften. tickte ruhig und gleichgültig. Der Mann war in einer Weise gekleidet. der durch die Fensterritzen drang. Mit einer Mischung aus Überraschung und Argwohn drehte ich das Buch in den Händen. als ich meine Kerze löschen wollte. ein charaktervolles. die ich aus London mitgebracht hatte. Der schmallippige Mund unter dem kleinen Bärtchen zeigte ein feines Lächeln. aus welchem Grund man mir das Buch auf den Nachttisch gelegt hatte. lautete: ›Die gesammelten Werke Thomas Willis‹. Ich runzelte verwirrt die Stirn. Willis persönlich sah mich mit ernstem Blick an. in dem kein Feuer mehr brannte. Ich fragte mich. Die klaren Augen über den ausgeprägten Wangenknochen und der hervorspringenden Nase waren von buschigen Brauen überschattet. die an die Zeit Cromwells erinnerte und die von seinem Rang und .

Unter dem ovalen Porträt standen die Worte. blätterte ich weiter zum Inhaltsverzeichnis. zusammengestellt und 1822 von Mortimer and Sons in London veröffentlicht worden war. ein Werk. daß mir das Buch zur Aufklärung über die erbliche Krankheit der Familie Pemberton dienen sollte. Noch immer höchst verwundert und ohne die geringste Vermutung. die dem angeblichen Leiden der Pembertons glich? Ich . daß ich mir das Inhaltsverzeichnis ansehen und dabei auf eine ganz bestimmte Passage in diesem Buch stoßen würde. Professor in Oxford. »Thomas Willis (1621 – 1675) im Alter von 45 Jahren. Weshalb sonst hätte man es mir ins Zimmer legen sollen? Doch war ich weder sonderlich an der Medizin interessiert.seinem Ansehen Zeugnis ablegte. Und da begriff ich endlich. Hier waren alle in diesem Band enthaltenen Werke aufgeführt. wer mir dieses Geschenk gemacht hatte. und warum. daß diese Sammlung von Willis’ Werken von Sir Anthony Cadwallader. noch sammelte ich alte oder seltene Bücher. Frontispiz entnommen aus Opera omnia 1694«. Kupferstich von Isabella Piccini. mußte damit gerechnet haben. jedes mit einer kurzen Beschreibung versehen: ›Pharmaceutice rationalis oder eine Untersuchung der Wirksamkeit von Medizinen im menschlichen Körper‹ – ›De febribus oder Fibererkrankungen und -epidemien‹ – ›Anatomie des Gehirns samt seiner genauen Darstellung des Nervensystems und des Nervenkreises an der Gehirnbasis (Circulus genannt Willisi)‹ und zum Schluß ›Medizinische Praxis‹. als irgendwelche Belehrungen über eine Krankheit. in dem er ›heimtückische und seuchenartige Fibererkrankungen‹ beschrieb. Wer immer sich heimlich in dieses Zimmer geschlichen und mir dieses Buch auf den Nachttisch gelegt hatte. Und was konnte diese Passage anderes enthalten. Dem Titelblatt entnahm ich. Es war nicht schwer zu erkennen.

mich rühren zu lassen. die der der Pembertons ähnlich war. ich war nicht bereit. meinen Zorn auf die Familie zu bereuen? Was auch der Grund sein mochte. daß ich die richtige Stelle finden würde. Aber so müde ich auch war. Daß man mir dieses Buch zur Kenntnis bringen wollte. Statt dessen mußte ich unablässig an das Buch denken. was dieser Thomas Willis zu berichten hatte. Ganz gleich. Ich würde mich davon nicht einfangen lassen. Zornig warf ich das Buch zu Boden. wobei mich angesichts des angeblichen Leidens meiner Familie besonders beschäftigte. mich interessierte das nicht. und um mich dadurch zu veranlassen. Dieses Buch war eine List. war nichts als Taktik. Sie hatten mich verletzt. löschte die Kerze und zog mir die Bettdecke zurecht. Was konnte dieser vergessene alte Wissenschaftler. schon geschrieben haben.betrachtete das Buch mit Bitterkeit. nach dem man ein Netz von Arterien benannt hatte. und um mich dadurch versöhnlich zu stimmen? Um mir zu beweisen. waren grausam und egoistisch. Was sollte das? Einer meiner Verwandten hatte mir heimlich – vielleicht. Mochte dieser wahrscheinlich einst berühmte Arzt über eine Krankheit geschrieben haben. die richtige Lage zum Einschlafen zu finden. und das verärgerte mich nur noch mehr. Während ich mit fest geschlossenen Augen dalag und draußen der Wind in den Bäumen seufzte. Warum aber? Wozu? Um mir zu zeigen. ging mir unaufhörlich Cadwalladers Buch durch den Kopf. daß die Krankheit der Pembertons keine Erfindung war. weil er meine Reaktion fürchtete. welche . auf meine Anteilnahme konnten die Pembertons nicht zählen. wie bedauernswert diese ganze Familie war. wenn er es mir persönlich gegeben hätte – das Buch ins Zimmer gelegt und hoffte nun. das für mich von Bedeutung war? Ungeduldig warf ich mich auf die andere Seite und versuchte. ich konnte nicht einschlafen.

Erkenntnisse wohl jenen Kapiteln über die ›Anatomie des Gehirns‹ und die ›heimtückischen und seuchenartigen Fibererkrankungen‹ zu entnehmen waren. Ich öffnete die Augen. Ich würde ja doch nicht einschlafen können, das wußte ich jetzt, ehe ich jene Passage in Willis’ Werk entdeckt hatte, die sich auf die Pembertons beziehen ließ. Wer immer mir das Buch auf den Nachttisch gelegt hatte – Anna, Theo, Colin oder Martha –, wußte genau, daß die Neugier mir keine Ruhe lassen und mich dazu treiben würde, so lange in dem Buch zu suchen, bis ich die entscheidende Stelle gefunden hatte. Ich gab meiner Neugier also doch nach, stieg aus dem Bett, schlüpfte in meinen Schlafrock, zündete ein kleines Feuer im Kamin an und setzte mich im Schein einer Öllampe mit Thomas Willis’ ›Gesammelten Werken‹ aufs Sofa. Die Biographie des Mannes war interessant. 1621 wurde er in Great Bredwyn in Wiltshire geboren. Er studierte die Medizin in Oxford und ließ sich dort auch als Arzt nieder. Später erhielt er die Doktorwürde; 1660 wurde er Professor und lehrte an der Universität von Oxford Naturphilosophie; er war Mitbegründer der Royal Society. 1667 ließ er sich in London nieder, wo er großes Ansehen genoß, wurde in das Royal College of Physicians aufgenommen und schließlich zum königlichen Leibarzt berufen. Er zeichnete sich als genauer klinischer Beobachter und Verfasser bemerkenswerter Abhandlungen aus. Im Jahre 1675 starb Thomas Willis und wurde in der Westminster Abbey bestattet. Thomas Willis, dachte ich mir, war offenbar ein hochgelehrter Mann gewesen, dessen Befunden man zweifellos vertrauen konnte. Der erste Teil des Buches war der längste und mühsamste, und ich entdeckte darin nichts, was mit der Familie Pemberton in irgendeinem Zusammenhang hätte stehen können. Die folgenden Kapitel waren so wissenschaftlich, daß ich nichts verstand und rasch

zum letzten ›Medizinische Praxis‹ überging, jenem Kapitel, in dem unterschiedliche Fieberkrankheiten beschrieben wurden. Während die Uhr gleichmäßig tickte und der Wind an meinen Fenstern rüttelte, begann ich, mich durch die in veraltetem Stil niedergeschriebene Abhandlung zu arbeiten. »XIV. Kapitel – von seuchenartigen und heimtückischen Fiberkrankheiten Da wir nunmehr die Natur der Seuche aufgezeigt haben, sollten wir, der Ordnung unserer Abhandlung gemäß, zu jenen Krankheiten fortschreiten, die ihr dem Wesen nach am nächsten sind, nämlich vor allem solche Fiberkrankheiten, die man als seuchenartig und heimtückisch bezeichnet. Es ist allgemein bekannt, daß Fiberkrankheiten zuweilen weit um sich greifen und an Heftigkeit der Symptome, an Tödlichkeit und Ansteckungskraft der Seuche kaum nachstehen; jedoch, da sie nicht mit solcher Sicherheit wie die Seuche die Erkrankten hinwegraffen und auch nicht in so hohem Maße ansteckend sind, verdienen sie nicht den Namen der Seuche, sondern werden als seuchenartiges Fiber bezeichnet. Daneben gibt es Fiberkrankheiten anderer Art, deren Bösartigkeit und Ansteckungskraft geringer zu sein scheinen…« Ich blätterte weiter. Es folgten Beschreibungen verschiedener seuchenartiger Krankheiten, die, wenn sie einmal ausbrachen, zahllose Opfer forderten. Ich las aufmerksam und genau, aber ich fand nichts, was mir von Belang erschien. Als ich das Buch schon schließen wollte, fiel mein Blick auf folgenden Satz: »Es gibt jedoch noch eine andere Fiberkrankheit, die in ihren Symptomen von der Pest abweicht; sie ist nämlich nicht seuchenartiger Natur.« Diese letzte Feststellung machte mich hellhörig. Ich zog die Lampe näher heran und las auf der nächsten Seite weiter. »Als dieses Fieber das erstemal auftrat, zeigte sich, daß es nicht zu heilen ist und unweigerlich zum Tode führt. Seine

Geschichte beweist, daß diese Krankheit, die wir als Gehirnfieber bezeichnen und die auf heimtückische Weise mit dem Auftreten außerordentlich bösartiger Symptome immer wiederkehrt, auf gewisse belastete Familien beschränkt ist. Eine besondere Beobachtung machte ich um die Sommersonnenwende am Sohne Sir Geoffreys von Pember Town, einer Gemeinde südlich von London. Mir wurde berichtet, daß der hochgeschätzte Sir Geoffrey das gleiche Schicksal erlitten hatte, das dem Sohn drohte, der nunmehr von den Symptomen des Fiebers gepeinigt wurde, nämlich Delirium, Wahnsinn, Raserei, Abgestumpftheit, Schläfrigkeit, Schwindelgefühle, Zittern der Gliedmaßen und krampfartige Zuckungen und verschiedene andere Störungen. Alle diese wiesen auf die schwere Verletzung des Gehirns. Nach dem Tod des Vaters und des Sohnes hatte ich Gelegenheit, die Gehirne beider zu untersuchen, da ich von Amts wegen die Genehmigung erhielt, die Natur der Pember Town Krankheit zu erforschen, und ich entdeckte eine Giftgeschwulst. Dieses Geschwulst wucherte im Gehirn und zerstörte die Blutgefäße, so daß keinerlei Mittel halfen und die Opfer von der Krankheit nicht befreit werden konnten. In dem Haus auf dem Hügel, wo Sir Geoffrey und sein Sohn der Krankheit erlagen, leben noch andere Mitglieder der heimgesuchten Familie, die das gleiche Schicksal erleiden werden, denn es ist Gottes Wille, daß der Tumor geboren wird und wächst, daß die Behandlungen der Ärzte nichts gegen ihn fruchten und das Gehirnfieber oder ›Pember Town Fieber‹ sich den geläufigen Arzneien nicht beugt.« Lange saß ich, das aufgeschlagene Buch auf meinem Schoß, reglos da und starrte auf die letzten Worte. Über diesen kurzen Bericht hinaus, der 1674 geschrieben war, erwähnte Thomas Willis nichts über das sogenannte Gehirnfieber. Die nächste Seite begann mit den Worten, ›Ein häufiges Symptom bei

Fibererkrankungen ist Diarrhöe… ‹; das Folgende hatte mit der Krankheit der Familie Pemberton nichts mehr zu tun. Dieses kleine Beispiel war, wie die anderen in diesem Buch, knapp und eindrucksvoll und brauchte keine weiteren Erläuterungen. Thomas Willis, seinerzeit ein berühmter Arzt, war auf dem Gebiet der Fieber- und Gehirnerkrankungen eine Persönlichkeit gewesen und war nach Pemberton Hurst gerufen worden, um die hier ansässige Familie zu behandeln. Die Pemberton Krankheit war keine Seuche; sie traf immer nur diese eine Familie. Mir traten Tränen in die Augen. Es stimmte also. Seit zweihundert Jahren oder mehr war die Familie mit dieser grauenvollen Krankheit geschlagen, und es gab kein Entrinnen. Ich weiß nicht, wann ich endlich vom Sofa aufstand und zu Bett ging. Ich weiß nur noch, daß schon das Morgenlicht durch die Ritze zwischen den Vorhängen fiel und die besondere, durchdringende Kälte des frühen Morgens mich frösteln machte. Ich hatte die ganze Nacht gelesen. So hoffnungslos, wie ich mich in meinem Leben noch nie gefühlt hatte, kroch ich unter die Decke und lag lange Zeit wie versteinert. Vor meinen Augen stand das Bild von Thomas Willis, dem Mann, der die Pemberton Krankheit entdeckt und beschrieben hatte, und ich wußte nicht, ob ich ihn dafür verfluchen oder segnen sollte. Immerhin wußte ich nun, dank seiner Darstellung, den Grund für die Angst in dieser Familie. Ich hatte jetzt die Erklärungen, nach denen ich gesucht hatte. Es gab tatsächlich den Wahnsinn der Pembertons, und er nistete in einem Gehirntumor, dessen Keim jeder Nachfahre Sir Geoffreys von Pember Town bereits in sich trug. Auch mein Vater war also ein Opfer dieser Krankheit gewesen. Und im Delirium hatte er zuerst seinem eigenen Sohn und dann sich selbst das Leben genommen. Der Tumor hatte meinen Großonkel Michael und meinen Großvater

umgebracht und hätte auch Colins Vater getötet, wäre dieser nicht vorzeitig durch einen Unfall ums Leben gekommen. Und jetzt hatte die schreckliche Krankheit ihre Hand nach Henry ausgestreckt. Ich hatte Beweise gewollt, und nun hatte ich sie. Wissenschaftliche Beobachtungen, die von einem glaubwürdigen Mann niedergeschrieben worden waren. Begann auch in meinem Kopf der Tumor schon zu wachsen, oder lag der Keim des Todes noch im Schlaf? Würde er schon bald wuchern wie ein übles Gewächs der Verderbnis, oder würden mir vielleicht noch viele Jahre bleiben, ehe das Schicksal zuschlug? Und Martha, und Theo. Wieviel Zeit hatten sie noch? Würden sie, wie Sir Johns Bruder Michael, der Krankheit schon in ihren Dreißigern erliegen, oder würde sie es erst später treffen? Und Colin? Ich begann zu schluchzen. Lieber Gott, auch Colin war verloren; auch in seinem Gehirn keimte der heimtückische Tumor, der ihn eines Tages in den Wahnsinn und in den Tod treiben würde. Colin…

traumlosem Schlaf. als ich ihr nachsah.11 Gertrude weckte mich aus tiefem. Sehr. Danke. Kindchen. als sie mich sachte schüttelte. daß ich gleich hinunterkommen werde. sondern kam erst langsam zu Bewußtsein. aber ich empfand nur Leere. In schwarze Abgründe versunken. und mein Nacken war steif. auf das Buch. Ich bin nicht krank. als hätte ich mich im Schlaf überhaupt nicht gerührt. Sagen Sie der Familie. »Gertrude!« »Ja.« »Ja. Sie sind nicht zum Frühstück gekommen. als wäre in mir für immer etwas erloschen. Sind Sie krank?« Ich setzte mich auf. und mein Blick fiel.« Sie zögerte. Miss Leyla. murmelte sie leise.« . »Er ist sehr krank. nein. Meine Bettdecke war so glatt. »Ich komme gleich hinunter.« Meine Glieder schmerzten. Gertrude. »Miss Leyla«. Miss.« Sie wandte sich zum Gehen. »Nein. »Zum Mittagessen? Wie spät ist es denn?« »Halb eins. Möchten Sie zum Mittagessen nicht aufstehen?« Ich blinzelte verwirrt. das neben dem Sofa auf dem Teppich lag. es geht mir gut. Miss Leyla?« »Wie geht es meinem Onkel?« Sie drückte beide Hände auf ihren üppigen Busen. hörte ich ihr Klopfen nicht. Eigentlich hätte ich hungrig sein müssen. »Die Familie macht sich Sorgen. sehr krank. »Wirklich. sichtlich besorgt.

›… die wir als Gehirnfieber bezeichnen… auf gewisse belastete Familien beschränkt… führt unweigerlich zum Tode…‹ Ich öffnete den Flakon und roch daran. Um dieser Eigenschaften willen hatte ich Edward einmal geliebt. Danke.»Ach Gott. daß sie sich nicht fortpflanzte. fiel mein Blick auf das zierliche Fläschchen mit Rosenwasser. Aber jetzt. Ich hatte ihn so unglaublich kultiviert gefunden. den das gleiche Schicksal erwartete. das mein Vater erlitten hatte. und darum mußte ich dafür sorgen. Ich wollte keinen Sohn gebären. was ich ihm beinahe angetan hätte. Aber er würde verstehen. daß ich jetzt nicht mehr seine Frau werden konnte. daß ich an einer erblichen Krankheit litt und daß es grausam wäre. verstehen müssen. sie an unschuldige Kinder weiterzugeben. keine Tochter. seine kühle Selbstsicherheit und seine Leidenschaftslosigkeit bewundert. und ich wußte. ich mußte ihm erklären. Mit Schrecken dachte ich daran. Edward war stolz auf seine vornehme Erziehung. die leiden würde wie ich jetzt litt. ›… die Krankheit ist nicht zu heilen…‹ Ich wußte schon jetzt. Ich mußte es Edward sagen. Ich war eine Pemberton. Gertrude.« Ich wartete. daß Sie mich geweckt haben. die ihn Mäßigung in allem gelehrt hatte. wie . aber ohne wahrhaftiges Mitgefühl. bis sich die Tür geschlossen hatte. während ich an dem Rosenwasser roch und mich erinnerte. wie er die Nachricht aufnehmen würde – mit ernster Teilnahme. ich war ein Mitglied dieser verfluchten Familie. so höflich und wohlerzogen. als genehmige er einen neuen Grundriß. das Edward mir zu meinem letzten Geburtstag geschenkt hatte. Ich hatte seine Objektivität. ehe ich aus dem Bett glitt und durch das kalte Zimmer zum Waschtisch lief. er würde mich mit unbewegtem Gesicht betrachten und so zustimmend nicken. um mich mit dem süßen Duft zu füllen. Während ich mir das Gesicht mit eiskaltem Wasser wusch und dann trocknete.

Ich mied seinen Blick. daß ich kein Recht hatte. begann ich Edward so zu sehen. Dann bürstete ich mein Haar kräftig durch. war mir. die ich gestern noch gewesen war. eine Pemberton zu sein. Jetzt wußte ich. Jetzt begann ein neuer Abschnitt in meinem Leben. hatte ich nichts mehr gemeinsam. als wäre von mir nur noch eine leere Hülle ohne Kraft und ohne Gefühl übrig. Ich stellte das Fläschchen nieder und beendete meine Morgentoilette. ›… Denn es ist Gottes Wille. und warf einen letzten Blick in den Spiegel. Seit ich die Wahrheit über unsere Familie erfahren hatte. daß der Tumor geboren wird und wächst. Mit der. . ein sogenanntes gewöhnliches Leben zu führen. wie er wirklich war – steif. leben noch andere Mitglieder der heimgesuchten Familie. Nur Colin sah auf.kühl und sachlich sein Heiratsantrag gewesen war. was es hieß. als wäre jeder Funke von Lebendigkeit in mir erloschen. langweilig und blasiert. ›… In dem Haus auf dem Hügel. aber sein verschlossenes Gesicht verriet nichts von dem. ehe ich aus dem Zimmer ging. die das gleiche Schicksal erleiden werden…‹ Ich legte mir einen Schal um. Ich war nicht traurig und nicht verzweifelt. scheitelte es in der Mitte und flocht es im Nacken zu einem dicken Zopf. was in ihm vorging. daß ich hierher gehörte. als sei ich sehr hungrig.‹ Alle außer Henry waren im Speisezimmer. Er beobachtete mich aufmerksam. als ich mich an den Tisch setzte. als ich hinunterkam. in dieses Haus. daß die Behandlungen der Ärzte nichts gegen ihn fruchten und das Gehirnfieber ›oder Pember Town Fieber‹ sich den geläufigen Arzneien nicht beugt. Ich spürte sofort die niedergedrückte Stimmung. ich war wie taub. wo Sir Geoffrey und sein Sohn der Krankheit erlagen. senkte meinen Kopf und tat so. Jetzt wußte ich. sie paßte gut zu meiner eigenen. zu diesen Menschen.

« Ohne ihm zu antworten. »Du bist ganz schön eitel. aber seine Sorglosigkeit wirkte unecht. Wo ich allenfalls ein paar Worte über eine Krankheit zu finden erwartet hatte. aus welchem Grund. »Bist du mir denn böse?« Ich sah ihn erstaunt an. als uns zum Abschluß der Mahlzeit Kaffee und Biskuits gebracht worden waren. Anna und Theo waren in ihrer Bekümmertheit versunken. doch völlig außerstande. deren kurzer Text mein ganzes Leben mit einem Schlag verändert hatte. Er wandte den Blick nicht von mir. »Was denkst du gerade. Wenn Colin sich um meinetwillen so verhielt. bitte?« Er gab sich unbekümmert. mit dunklen Ringen unter den Augen. »Danke. Colin. »Geht es dir gut?« fragte Colin schließlich. Den Blick ins Leere gerichtet. Leyla?« . war mir unklar. daß das Leiden der Familie Pemberton Tatsache war. Du wirkst so distanziert und unzugänglich. Würdest du mir die Kekse herüberreichen. den unvermeidlichen Handarbeitsbeutel auf dem Schoß.« »Oh. und ich wußte nicht. saß still da und starrte geistesabwesend vor sich hin. »Wieso sollte ich dir böse sein?« Er zuckte die Achseln. dem schwer Leidenden irgendwie zu helfen. ja. wenn du meinst. »Dann sag mir doch bitte. daß ich glaubte…« Ich lachte trocken. Martha. Nein. mit dir hat das nichts zu tun. Sie hatten wohl die ganze Nacht bei Henry gewacht. für wen er sich bemühte. was es ist.Theo und Anna sahen blaß aus.« Er schien enttäuscht. bei der man mit Mühe vielleicht eine gewisse Ähnlichkeit mit der angeblichen Erbkrankheit der Pembertons entdecken konnte. und Martha schien völlig geistesabwesend. »Du bist so seltsam heute. hatte ich unwiderlegbaren Beweis dafür gefunden. trank ich den letzten Schluck Kaffee und stellte die Tasse nieder. dachte ich wieder an jene Passage in Thomas Willis’ Buch – diese eine unscheinbare Buchseite. daß meine Stimmungen von dir abhängen.

über Nacht. uns alle Lügen zu strafen. Und jetzt. hatte eine Stickerei aus ihrem Pompadour genommen und arbeitete still daran. eine Pemberton zu sein. die neben mir saß. daß du deine Meinung plötzlich änderst? Gestern abend warst du noch fest entschlossen.« »Was sagst du da. Martha. als warte sie auf irgend etwas. als sei er in seinen Kummer versunken? Hatte er in Wirklichkeit aufmerksam zugehört? Es war ohne Belang.« Theo fuhr plötzlich herum und sah mich an. als ich ankam! Und eure Fragen. »Ich habe gerade daran gedacht. Was ihr über meinen Vater erzählt habt.« »Und weiter?« bohrte Theo. daß ihr recht hattet. ist sicher wahr. »Ich habe endlich begriffen. »Es ist nun einmal geschehen. »Was ist geschehen. was es heißt. Wie ist es dazu gekommen?« Ich blickte von Colin zu Theo und wieder zu Colin. Vielleicht wartete sie wirklich – auf die ersten Anzeichen des Wahnsinns.« »Leyla!« Er beugte sich über den Tisch. Hatte er vielleicht die ganze Zeit nur so getan. ob ich an Kopfschmerzen leide. »Und ihr alle hier! Wie ihr mich angestarrt habt am ersten Tag. Colin schien ehrlich entsetzt. Jetzt nicht und niemals. und es war mir gleichgültig. Leyla?« »Ich sage. bist du kleinlaut geworden und erklärst uns.Ich schüttelte den Kopf und sah Colin an. Und ich kann nun auch nicht mehr zu Edward zurückkehren. Jetzt begreife ich das alles. Für einen Augenblick glaubte ich Wärme und Teilnahme in seinen Zügen zu erkennen.« . Es gibt die Krankheit wirklich. daß sie mich so ansah. daß du plötzlich auch an die Krankheit glaubst. wie ich als Kind meine Mutter oft dabei ertappt habe. Ich kann die Vergangenheit jetzt ruhen lassen. Anna rührte mit leerem Blick in ihrer Kaffeetasse.

als er sich über den Tisch beugte und mit teilnahmsvoller Gebärde meine Hände umfaßte. Sein angespanntes Gesicht wurde weich. Colin hingegen lächelte unwillkürlich. ohne das geringste Wissen über unsere Familie. dir Schritt um Schritt die Wahrheit zu enthüllen. Wir hatten gehofft. wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Theo war offensichtlich froh. zum Bleiben entschlossen hast. aber eindringlich. indem er mein Schreiben an Edward vernichtete. mich hier festzuhalten. daß die Krankheit keine Erfindung ist. . hofften wir noch. wärst du geblieben – wie du dich jetzt. meine Erinnerungen wiederzufinden. wo du die Wahrheit weißt. »Dann weißt du also von dem Tumor?« fragte Theo. als ich von Edward sprach. aufgegeben hatte. Leyla.« Ich nickte langsam. »Ja. Aber immer noch hofften wir. als gäbe es uns gar nicht. Es tut mir in der Seele leid. Warum hat keiner von euch mir etwas davon gesagt?« »Weil wir wünschten. Leyla. daß ich meine Bemühungen.« Theos Stimme war sanft. Selbst gestern abend. wie du hergekommen warst. daß du dieses Haus verlassen und dein Leben fortsetzen würdest. du würdest so zornig werden. daß du unverbrüchlich an den Idealen des Guten und der Gerechtigkeit festhalten würdest.Meine beiden Vettern schienen erleichtert. Doch du zwangst uns. Du kanntest nicht einmal die wahre Todesursache deines Vaters und deines Bruders. »Wenn wir dir bewiesen hätten. den Ring gestohlen zu haben – was ich nicht einen Moment lang glaubte –. »Du kamst völlig ahnungslos hierher. wir könnten es dir verschweigen und du könntest wieder von hier fortgehen. Daß jemand mich arglistig mit einem gefälschten Brief in dieses Haus gelockt und versucht hatte. überzeugt von der Wahrheit dessen. daran dachte ich gar nicht mehr. als dir unterstellt wurde. daß du für immer von hier fortgehen und zu deinem Verlobten zurückkehren würdest. was er sagte.

« »Es macht nichts. Keiner braucht uns zu bemitleiden. Es ist mir lieber. während ich sprach. Wir haben das nicht gewollt. Theo.« Mir schnürte sich die Kehle zu. hat es mit gutem Grund getan. Ohne das Buch hättest du immer noch von hier fortgehen und ein glückliches Leben führen können. der mir das Buch hingelegt hat.« »Dann hast du das Buch gelesen?« »Ja. meinst du?« fragte Colin. Colin«.« »Aber das war doch gemein.daß deine Heimkehr so unglücklich verlaufen ist. Colin? Derjenige. und ich nehme es ihm nicht übel. Es ist besser. »Jemand hat es dir absichtlich hingelegt?« »Das ist jetzt nicht mehr wichtig. und seine grünen Augen blieben unergründlich. Er wollte mir zeigen. wenn ich geheiratet und Kinder zur Welt gebracht hätte. daß ich die Wahrheit weiß. Wir sind reich und können uns allen Komfort und Luxus leisten. Leyla. während es dir. »Absichtlich. »aber es ist auch nicht so wichtig. Theo und Martha verboten war? Würdest du das nicht gemein nennen.« »Du hast meine Fragen nicht beantwortet. »Hättest du es denn richtig gefunden. während ihr hier ein einsames Leben führen müßt?« Er sagte nichts.« »Hättest du das denn gewollt? Daß ich die Familie weiterführe. dafür erklärte Theo hastig: »Wir sind nicht so unglücklich mit unserem Leben. Einer von euch.« Beide Vettern sahen mich überrascht an. die Wahrheit zu wissen. vielleicht . daß euer Verhalten gerechtfertigt ist und daß die Krankheit tatsächlich existiert. sagte ich. Leyla. Colin.« »Wo hast du es gefunden?« »Jemand hatte es mir ins Zimmer gelegt.

keine Sorge. meinen Onkel später zu besuchen. hörte ich im Flur jemanden vorübergehen – genau wie in der letzten Nacht –. und ging die Treppe hinunter zur Haustür. wenn ich verwirrt bin und meine Gedanken ordnen möchte. Dr. Schließlich schob ich meinen Stuhl vom Tisch zurück und stand auf. hat mir das Buch ins Zimmer gelegt. Einen Augenblick später. Während ich mich oben in meinem Zimmer zum Ausgehen ankleidete.auch Tante Anna oder Gertrude oder sogar Großmutter. daß ich die Wahrheit erfahren habe. Ich werde die andere Richtung einschlagen. Young war erneut gekommen. und in der bedrückenden Stille war nur das Ticken der Uhr auf dem Kaminsims zu hören. Ihre Gesichter waren verschlossen. Von Belang ist einzig. daß ein Spaziergang mir guttut. Ich weiß aus Erfahrung. wer mir das Buch gebracht hat. »Es interessiert mich im Grund gar nicht. als wolle Theo etwas sagen. zum Wäldchen zu gehen. »Und dafür bin ich dankbar. gerade als ich mein Zimmer verlassen wollte. Es ist belanglos. den ich liebte. »Ich mache jetzt einen Spaziergang«. hörte ich draußen einen Wagen vorfahren. Ich nahm mir vor. Theo. ich habe nicht die Absicht. Einen Moment lang schien es.« Aus dem Augenwinkel sah ich Marthas flink stichelnde Hände und erinnerte mich ihrer Worte vom vergangenen Abend – daß sie mich um die Möglichkeit beneide. einfach fortgehen und den Mann heiraten zu können. sagte ich. Ich schaute hinunter und sah einen stattlichen älteren Herrn mit einer schwarzen Ledertasche aussteigen und zum Haus gehen. aber dann tat er es doch nicht.« Theo und Colin standen auf. hörte Annas verzweifeltes Flüstern und daneben die beruhigende Stimme eines Mannes. um nach Henry zu sehen.« Keiner sagte etwas. Bitte entschuldigt mich. Und aus gutem Grund. »Oh. Der eisige Wind packte .« Mein Blick fiel auf meine leblosen Hände.

aber der lange Marsch tat mir gut. Und früher oder später würde es auch mich treffen. der Diebstahl von Theos Ring und alle anderen Geheimnisse. mein Gesicht prickelte wie von tausend Nadelstichen. ich hatte ihn nur leiden . völlig geschwunden. Seit ich jene Passage in Thomas Willis’ Buch gelesen hatte. die Erinnerung an meine frühe Vergangenheit wiederzufinden. Damit hatte ich mich bereits abgefunden. Mit erhobenem Kopf stellte ich mich dem Wind entgegen und ging tief Atem holend auf dem Kiesweg vom Haus zur Straße nach East Wimsley. Er war ein Opfer der Pemberton Krankheit geworden und hatte diese unsäglichen Verbrechen im Fieberwahn verübt. bedeutungslos geworden. und so konnte ich ungestört meinen Gedanken nachhängen und versuchen. mich auf die neue Situation einzustellen. die Vernichtung meines Schreibens an Edward. und ich hatte Zeit zum Nachdenken. der Wahrheit entsprach. Ein wissenschaftlicher Beobachter hatte die Geschichte der Pembertons aufgezeichnet. aber die frische Luft und die beißende Kälte taten mir gut. Ich konnte jetzt nicht mehr nach London zurückkehren. hatte schon seine Vorfahren zugrunde gerichtet. wie Henry es erlitt.meinen Umhang und meine Röcke. Meine Finger waren gefühllos vor Kälte. was man mir über meinen Vater berichtet hatte. die meine Verwandten umgaben. als hätte ich ihn niemals wirklich geliebt. Mehrere Stunden lief ich unter verhangenem Himmel durch morastiges Gelände. Tante Sylvias gefälschter Brief. war alles. als ich ins Freie trat. daß das. denn Edward bedeutete mir nichts mehr. was meinem Vater widerfahren war. Im Rückblick schien es mir. Bei diesem Wetter war außer mir niemand unterwegs. was mir gestern noch wichtig erschien. Es war wirklich so. daß eine neue Phase meines Lebens begonnen hatte. Ich wußte jetzt. so. Vor allem aber war der heftige Wunsch.

und war selbst überrascht über meine Enttäuschung. sagte er leise. Deine Mutter war eine richtige Naturliebhaberin. Einen Moment lang hoffte ich. »Sie hatte auch immer so rosige Wangen. die mein Leben genommen hatte. kleinen Wohnung über ihre Näherei gebeugt saß. Doch ich verspürte weder Bitterkeit noch Groll. der Körper schmal und schmächtig. »Wie sehr du deiner Mutter ähnelst«. »Sie hat ihr Haar auch immer so getragen. fuhr Theo langsam fort. und dieses Haus war mein Heim. klopfte es.« Ich sah sie vor mir. gegen das jeder Kampf sinnlos war.mögen und in schwerer Zeit bei ihm Trost und Geborgenheit gesucht. still nahm ich das Schicksal hin. so daß mich angenehme Wärme und Helligkeit empfingen. wie sie in unserer engen. Das Mädchen hatte schon Feuer gemacht und die Öllampen angezündet. und huschte leise die Treppe hinauf in mein Zimmer. Immer arbeitete sie entweder im Garten oder machte lange Spaziergänge oder ritt für Stunden aus.« Er hob den Arm und berührte mit den Fingerspitzen mein lose herabfallendes Haar. der Grund für die unerwartete Wende. Und so würde es bleiben bis an das Ende meines Lebens. Bewundernd sah er mich an. da ich niemandem begegnen wollte. wenn sie von draußen hereinkam. die Haut weiß. als ich eintrat. Jetzt waren diese Menschen meine Familie. Ich betrat das Haus durch die Hintertür. Als ich am Toilettentisch saß und mein Haar ordnete. . es wäre Colin. als ich zurückkam. weil sie kaum je an die frische Luft kam. und ein schwaches Lächeln spielte um seinen Mund. Der Wagen stand noch vor der Remise. als ich Theo auf der Schwelle stehen sah.« »Das wußte ich gar nicht. weißt du. Thomas Willis’ Buch lag auf dem kleinen Tisch beim Sofa. »Du bist ihr in vielem ähnlich«.

Leyla. Nie hatte ich ihn in so liebevollem Ton sprechen hören. Sie sagte. »Warum bist du uns dann nicht gefolgt?« »Ich konnte nicht. Leyla. denn Theo stand mir ungewöhnlich nahe. Als ich fertig war. drehte ich mich wieder nach Theo um und sagte kühl: »Ich wollte. als sie mit dir fortging. Ich bin bereit. die ich lieber nicht erlebt hätte.« Etwas Seltsames ging mit ihm vor.« Ich sah Theo erstaunt an. es ist nicht mehr wichtig. Nichts kann je wieder so sein wie früher. »Ich wollte es Leyla. Ich konnte einfach nicht. denn es kann nichts Gutes bringen. sondern jemand ganz anderes. nur lockere Frauenzimmer trügen ihr Haar offen. Wirklich. sich an alten Kummer zu erinnern. die er lange niedergehalten hatte und die ihm jetzt fast die Fassung zu rauben drohten. Es war.« Theo sah mich noch einen Moment lang so an. als sähe er gar nicht mich. Theo. wie ihr alle die Vergangenheit ruhen zu lassen. Ich war außer mir vor Kummer. »Sie hat mir entsetzlich gefehlt. dasselbe Schicksal. Selbst nachdem Jenny deinen Vater geheiratet hatte. Dann aber wich dieser Ausdruck von seinem Gesicht und er machte wieder den selbstsicheren. nie sein Gesicht so weich gesehen. Es gab Jahre in London.« Ich wandte mich von ihm ab und ging wieder zum Toilettentisch. Ich hielt nach . Wir alle teilen jetzt dieselbe Zukunft. du wärst uns gefolgt. blieb sie ungezähmt und eigenwillig wie ein Kind. gewandten Eindruck wie immer. Er plauderte höflich mit mir. das ich nicht bestimmen konnte.« Ich trat einen Schritt zurück.»Großmutter fand es unschicklich. ich wollte es!« »Und wer hat dich davon abgehalten? Großmutter? Ach. als würden plötzlich Gefühle in ihm wach. Zorn und Reue. um mir das Haar zu flechten. während wir zusammen die Treppe hinuntergingen. aber ich hörte ihm kaum zu.

daß seine Worte wirklich nur an einen selbst gerichtet waren und an niemanden sonst. Martha saß am Kamin und stickte. daß sie den Raum auszufüllen schien. erwiderte ich. Young mit einem sprach. um mich mit seinem von Herzen kommenden Lächeln zu begrüßen. »Leyla«. aber sie hatte ein so volles Timbre. und sagte. Youngs Seite. Doch als er mit seiner weichen. daß ich kaum glauben mochte. und wenn Dr. ihn zu sehen. Das ist Dr. dem ich vertrauen konnte. ausdrucksvollen Stimme sagte: »Guten Abend. und stellte sich an Dr. Sie wartete höflich. der sich seiner selbst bewußt war. Sie war sanft und doch bestimmt.« Er hatte ein väterliches Gesicht mit gerader Nase und energischem Kinn. während ich sprach. so hatte man das Gefühl. Anna eilte ins Zimmer. Young. sagte Theo hinter mir. daß er fast so alt wie Henry war. der sich vielleicht in der Nähe befand. Die Stimme war nicht laut. mit zitternder Stimme: »Dr. also fast sechzig. An ihrer Seite saß der Herr. Young! Bitte. Als ich ins Zimmer trat und sah. Sie müssen nach Henry sehen. wie rasch er aufstand. war er mir augenblicklich angenehm.« . Miss Pemberton«. den ich vom Fenster meines Zimmers gesehen hatte. eher gedämpft. daß dies ein Mann war.Colin Ausschau und hoffte sehr. wenn auch in sichtlicher Besorgnis. wußte ich sofort. »ich glaube. Es war die Stimme eines Mannes. was sich auch in den blitzenden Augen spiegelte. Mehr noch jedoch als das gewinnende Äußere und das warme Lächeln beeindruckte mich Dr. Doktor«. Youngs Stimme. um vor dem Abendessen noch ein Glas Sherry zu trinken. nachdem der Arzt und ich noch ein Lächeln getauscht hatten. »Guten Abend. du hast unseren Hausarzt noch nicht kennengelernt. und er wirkte so kraftvoll und lebendig. Wir gingen zuerst in den Salon. Sein Lächeln war herzlich.

die Hände in den Hosentaschen. noch im Reitkostüm. »Gut. als er hinausging. natürlich. und es war. Aber er will einfach nichts essen«. »Ja.« Ich sah ihm nach. sagte Anna. Young – « Annas Stimme klang schrill. Pemberton. als würde es plötzlich kühler im Zimmer. den dieser Mann auf mich gemacht hatte. in Ihrer Gesellschaft zu Abend zu essen. als ob wir anderen nicht mehr vorhanden wären. Sie dürfen sich nicht so aufregen. Doch mir blieb keine Zeit über den Eindruck nachzusinnen. »Entschuldigen Sie mich jetzt. und hatte das Gefühl. . ich kenne London. Miss Pemberton. »Er ist jetzt wach.Er wandte sich ihr mit einem Lächeln zu. »Ich bin ja da. Ich war erstaunt. meine Liebe.« Wieder richtete er sich an mich. Young. sie zu beruhigen.« Jetzt wandte er Anna seine ganze Aufmerksamkeit zu.« »Dr. Young richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf mich. nicht über mich oder meine Frage. als hätte meine Frage ihn an etwas Erheiterndes erinnert. der nicht nur für das Wohl des Körpers zu sorgen verstand. Dr. das voller Verständnis und Geduld war. »Ja. Ich habe soeben Ihre schöne Nichte begrüßt. Miss Pemberton. sagte ich mir. ich gehe gleich zu ihm hinauf. die ich noch nicht kannte. da kam Colin herein. wie rasch es ihm durch diese Zuwendung gelang. das ihm durch den Kopf ging. sondern auch für das der Seele. Kennen Sie London?« Er lachte leise. Das war ein Arzt. Aber ich werde gleich wieder da sein und dann das Vergnügen haben. Mrs. Ich muß nach Ihrem Onkel sehen.« Dr. »Sie haben bisher in London gelebt?« »Ja. sondern über etwas. Doktor. kaum nämlich war er mit Anna zu Henry hinaufgegangen.

Colin«.« »Jetzt brauchst du dir nur noch von mir das Reiten beibringen zu lassen. dessen ruhiges Selbstbewußtsein mich so sehr beeindruckte. und während ich ihn unverwandt ansah. versiegte der Etikette gemäß zunächst einmal unser Gespräch.« Colin sah an sich hinunter. den ich getrunken hatte. Schwesterherz. Leyla?« Er kam mit seinem Glas in der Hand auf mich zu. »Darf ich dann jetzt ins Speisezimmer führen?« Er bot mir seinen Arm. und ich legte meine Hand darauf. als gäbst du eine Vorstellung im Hippodrom. Während wir aßen. begann mein Herz aufgeregt zu pochen. ein Pulver bekommen und lag jetzt in ruhigem Schlaf. ja. Young und Anna gesellten sich wenig später zu uns.« Unsere Blicke trafen sich. sagte Theo erbittert. »Kommst hier herein. Theo und Martha folgten uns. Als wüßtest du nicht. »Entschuldige. Nun. sagte ich mir beinahe zornig. Dr. Da wir nur zu viert waren. das war kein guter Scherz. Young hinüber. bemerkte er und ging zur Kredenz. »Bin ich vielleicht nackt?« Martha fuhr hoch. Nein. »Wirklich?« fragte er ruhig. daß man sich zum Abendessen kleidet. veränderten wir die Sitzordnung der Behaglichkeit wegen. Und wenn er es . daß dieser ungehobelte Mensch eine solche Wirkung auf mich haben sollte.»Garstiges Wetter draußen«. »Colin!« Ihr Gesicht war blutrot. Unmöglich. »War der Spaziergang schön?« Es klang fast angriffslustig. Er stand nahe bei mir. und als das Mädchen mit der Suppe kam.« »Das würde mir sicher Spaß machen. »Du bist wirklich ein unglaublicher Flegel. um sich ein Glas Sherry einzuschenken. Ich weiß. so berichteten sie. »Sehr schön. wie er das sagte. Henry hatte. das kam sicher einzig von dem Sherry. warf ich immer wieder einen Blick zu Dr. Theodore und Colin setzten sich Martha und mir gegenüber.

mußte ich doch eine Erinnerung an ihn haben. ein wenig zu erheitern. das ich so vertrauenerweckend fand. wie angestrengt ich ihn betrachtete und fragte lächelnd: »Wo sind Sie denn mit Ihren Gedanken. antwortete er mit diesem warmen Lächeln. Nach einer Weile bemerkte er. mir würde das überhaupt keinen Spaß machen«. Wir lachten alle.« Er nickte. Young in dem Bemühen.bemerkte. daß sie gar nicht zugehört hatte. Ich hatte den Eindruck. sagte ich stockend. doch Anna brachte nicht einmal ein höfliches Lächeln zustande. und das Wasser wirkt auf den ganzen Körper erfrischend. Ich empfehle so einen Aufenthalt allen meinen Patienten. Um Anna. sie wirkte in sich gekehrt und aß kaum einen Bissen. brach irgend jemand in unserem Kreis das Schweigen.« »Ich glaube. Young mit einem beinahe koketten Lächeln an. »Ich war noch nie am Meer. »Die Luft ist gut für die Atmungsorgane. Doch genau wie Colin. Young im Dunklen. daß so ein Seeaufenthalt sehr gesund ist. Theo und die anderen – außer Martha –. erzählte Dr. Miss Pemberton?« »Ich kann einfach nicht glauben«.« . »daß man so gar nichts für meinen Onkel tun kann. »Der viele Sand und der ständige Wind würden mich nur stören.« Während das Gespräch dahinplätscherte. bemerkte Martha und sah Dr. Young eine witzige Anekdote von der neuen Mode. Als nach dem Braten das Gemüse aufgetragen wurde. Young. Ganz zu schweigen von dem schmutzigen Wasser. Wenn er während der Krankheit meines Vaters so häufig im Haus gewesen war wie jetzt. Dr. am Meer Urlaub zu machen. blieb Dr. beobachtete ich Dr. wo es Henry getroffen hatte. den kranken wie den gesunden. mich seiner zu erinnern. aber ich habe mir sagen lassen. die sehr niedergeschlagen und müde wirkte.

Doktor?« »Ich bin der Auffassung. Dieser junge Wissenschaftler in Paris – wie heißt er gleich? – hat endlich die Theorie der Urzeugung widerlegt. Aber das Gehirn ist ein kompliziertes Organ. Ich . dann wäre es schon geschehen.« Dr. Wir sollten uns etwas von allgemeinerem Interesse zuwenden. warf Theo ein und tupfte sich die Lippen mit seiner Serviette.« »Wie meinen Sie das. würden wir wahrscheinlich noch viel schnellere Fortschritte machen. daß mehr Ärzte auch selbst Forschung betreiben sollten. anstatt getrennt zu arbeiten. Miss Pemberton.»Wenn man etwas tun könnte. soviel ich weiß. anstatt sich ausschließlich der Versorgung der Kranken zu widmen. können wir Ärzte bei Erkrankungen dieses Organs wenig tun. Und solange das Gehirn und seine Funktionen nicht gründlich erforscht sind. wo neue Erkenntnisse doch der Menschheit den größten Nutzen bringen könnten. Denn während die Forschung in den anderen Naturwissenschaften große Fortschritte macht. glauben Sie mir. »es werden ja ständig neue Entdeckungen gemacht. was Monsieur Pasteur und seine bemerkenswerten Experimente angeht. Und nach der englischen Entdeckung der Anästhesie eröffnen sich für die Medizin unbegrenzte Möglichkeiten.« »Aber nein. stagniert sie bedauerlicherweise in der Medizin. Doktor!« protestierte ich. Young lächelte verschmitzt. »Mich interessiert dieses Gespräch über den medizinischen Fortschritt sehr. Wenn man die naturwissenschaftliche Forschung mit der medizinischen vereinen würde. »Die Anästhesie war eine amerikanische Erfindung. es gibt kaum Beschreibungen von Krankheitsbildern. Es gibt kaum anatomische Darstellungen des Gehirns. über das wir noch sehr wenig wissen. Aber dieses Thema ist für die Damen sicher langweilig. aber Sie haben völlig recht. die das Gehirn betreffen.« »Aber«.

Smythe mir hinterlassen hatte. Dieser Tumor war auch mein Tumor. war auch mein Todesurteil. Von drinnen das Schluchzen einer Frau. Doktor. selbstverständlich die Unterlagen. »Ich kam erst vor sechs Jahren nach East Wimsley. daß ich. Ein korpulenter kleiner Mann.« Bei diesem Namen kamen mir plötzlich bruchstückhafte Erinnerungen in den Sinn: Der Name Smythe wurde flüsternd gesprochen. Doktor?« Dr. Smythe behandelt. Young keinerlei Erinnerung bei mir ausgelöst.« Er lachte nachsichtig. »Es gibt natürlich eine Reihe anderer Krankheiten.« Seine angenehme Stimme holte mich in die Wirklichkeit zurück. Die Krankengeschichten der Pembertons habe ich sehr gründlich gelesen und bekam so Kenntnis von dem Tumor. » – las ich natürlich die Krankengeschichten. nach allem. mich aus der ärztlichen Praxis zurückzuziehen. Darum also hatte das Zusammentreffen mit Dr. »Ich sagte nur. Colin schob seinen leeren Teller von sich weg und sagte: »Sind Sie. »Oh. eigentlich je auf eine ähnliche Geschichte gestoßen. entschuldigen Sie. der eilig in das Zimmer meines Vaters geführt wurde. als ich nach East Wimsley kam. Ich habe nicht zugehört. Young sah einen Moment nachdenklich vor sich hin. der Hektik der Großstadt zu entfliehen.bin ja in ganz direkte Berührung mit dem Tod gekommen. Er gehörte nicht in diese dunkle Vergangenheit. oder. was Sie über die Krankheit unserer Familie wissen. Dieses Wort Tumor hatte eine tiefe Wirkung auf mich.« Ich senkte die Lider. Ihr Vater wurde von Dr. durchgesehen habe. und –« »Sie sprechen wohl von Ihrem Vater?« »Kannten Sie ihn?« Dr. die in manchen . nachdem ich beschlossen hatte. genaugenommen. die Dr. Young schüttelte den Kopf.

»Irre ich mich. eine Frage. obwohl die medizinische Forschung sich so langsam entwickelt. »oder erwähnten Sie nicht einmal. Dennoch wundert es mich nicht. trotz dieser keinen Widerspruch duldenden Worte. daß Sie nach East Wimsley gekommen sind. Klumpfuß oder Wahnsinn. Das ist auch der Grund. die ich Dr. Das Kapitel aus Thomas Willis’ Buch kam mir in den Sinn. Young mit einem tröstenden Lächeln. Young nur wegen meines großen Vertrauens zu ihm zu stellen wagte: »Glauben Sie denn. An diesen Leiden sterben weit mehr Menschen als an Krankheiten des Gehirns.Familien gehäuft auftreten – Farbenblindheit zum Beispiel. sie versuchen. und ich habe auch nie erlebt. Mir sind im Lauf meiner medizinischen Praxis viele unerklärliche Dinge begegnet. warum ich aufs Land gezogen bin und meine Stadtpraxis aufgegeben habe. und wir stehen ihnen immer noch hilflos gegenüber. Doktor. wir wissen kaum etwas über die Funktionen und die Krankheiten des Gehirns. gerade der alte . in dem er schrieb. Miss Pemberton«. daß alle Familienmitglieder ohne Ausnahme erkranken. als ich herkam. dem Gallenstein und der Blinddarmentzündung beizukommen. der eine so lange Geschichte hat. daß man. Unsere heutigen Ärzte suchen nach einem Heilmittel für die Schwindsucht. Aber nie bin ich einem Fall begegnet. antwortete mir Dr. Doktor«. Wir brauchen Forscher…« Er schüttelt den Kopf. daß die Behandlungen der Ärzte gegen das Gehirnfieber oder ›PemberTown-Fieber‹ fruchtlos und dies auch ›Gottes Wille‹ sei.« Wir schwiegen eine Weile. die Bluterkrankheit. Es war ein Glück. um selbst Forschung zu betreiben?« »Das ist richtig. bemerkte Theo. ja. »aber ich sagte Ihnen ja schon. Und da stellte sich mir plötzlich. eines Tages ein Mittel gegen den Gehirntumor finden wird?« »In der Medizin gibt es immer Hoffnung. Das hat mich gelehrt. niemals überrascht zu sein. daß damals.

Eichenhof zum Verkauf stand. um etwas beizusteuern. Ich aß schweigend. einmal über etwas anderes als Baumwollspinnereien und englische Wirtschaftspolitik sprechen zu können. auf ihre Gewohnheit. sich zu einer Zigarre und einem Glas Portwein ins Herrenzimmer zurückzuziehen. verwickelten Dr. das sogar mit einem Mikroskop ausgestattet ist. Gewiß würde sich zu einer anderen Zeit Gelegenheit ergeben. ich war zu sehr mit meinen eigenen Gedanken beschäftigt. Voller Mitgefühl sah ich ihr nach. unter vier Augen mit ihm zu sprechen. was eines Tages auch auf uns zukommen würde. Die Männer verzichteten. Vielleicht galt meine Anteilnahme auch nicht nur ihr. Ich habe dort ein kleines Laboratorium. um zu Henry hinaufzugehen. Am liebsten hätte ich ihn sofort ins Verhör genommen und ihn genauer über den Tumor befragt.« Theo und Colin. Young in eine angeregte Unterhaltung. um Martha und mir Gesellschaft leisten zu können. sondern allen Pembertons. die froh waren. die die ganze Zeit kein Wort gesprochen hatte. mit hängenden Schultern und schleppenden Schrittes zur Tür hinausging. und bot einen Ausblick auf das. um für Notfälle jederzeit zur Verfügung sein zu können. Dort habe ich Ruhe. vor der Familie zu sprechen. Anna. entschuldigte sich jetzt. der ich schweigend beiwohnte. bin aber doch nahe genug an der Hauptstraße. Nach dem Dessert begaben wir uns gemeinsam in den Salon. . daß die Familie unter so starker Belastung stand. als sie müde. Das war wohl der Tatsache zuzuschreiben. Ich wollte unbedingt Dr. Young allein sprechen und ihn nach seiner fachlichen Meinung über Thomas Willis’ Befunde fragen. denn natürlich blieb keiner von uns von Henrys Leiden unberührt. aber ich wagte es nicht. Seine Qual war ja auch die unsere. Als Dessert gab es eine Caramelspeise mit Sahne. auch mir selbst.

hatte ich den Eindruck. während Martha uns ein Stück nach dem anderen spielte. Young. uns mit ihrem hübschen Spiel erfreute. und als die Musik aufhörte. Colin anzusehen. Martha ging zum Klavier und begann. mich zu entspannen und freundlichen Träumereien zu überlassen. um sich eine Pause zu gönnen. düstere Gedanken zu vertreiben. Sein Profil. der auf einem zweisitzigen Sofa Platz genommen hatte. Young. In den letzten Monaten. die geschwungenen Brauen waren gerunzelt. In dieser behaglichen Atmosphäre begann ich langsam. war es mir kaum einmal gegönnt. Sein Vater war es doch. Während Martha. der Unterkiefer gespannt. wurde ich mir halb verlegen. der . saß ich in wohliger Zufriedenheit neben Dr. Wie seltsam dachte ich. das sich vor dem hellen Schein des Feuers scharf umrissen abhob. halb erschrocken bewußt. Angenehm glitt die Zeit dahin. der unter Spannung und Rastlosigkeit litt. hatte mir gezeigt. daß ihn etwas bedrückte. Ich gesellte mich zu Dr. Colin und Theo ließen sich in zwei Ledersesseln nieder. alle lebhaft und leicht. Marthas perlendes Spiel hatte das. daß die Spannung ihn fast zu zerreißen drohte. was Colin offenbar beschwerte. Unter den gegebenen Umständen hätte eigentlich Theo es sein müssen. Seine Lippen waren fest aufeinander gepreßt. Als sie nach einer Stunde endlich die Hände von den Tasten nahm.Mit einem Glas Rotwein setzten wir uns alle um den Kamin. daß ich fast die ganze Zeit damit zugebracht hatte. nicht erleichtern können. Colins sichtbare Unruhe mit Theos äußerer Gelassenheit vergleichend. geeignet. uns mit einigen leichten Stücken von Chopin zu unterhalten. seit dem Tod meiner Mutter. den allgegenwärtigen Pompadour zu ihren Füßen. heitere Phantasien zu spinnen.

ich habe so lange nicht mehr gespielt. beunruhigte mich zutiefst. als ich mich niedersetzte. merkte ich. weil ich mir immerzu bewußt war. dennoch war ich nervös. meinte Colin. seit ich das letztemal gespielt hatte.« Ich bemühte mich. was ich sagen sollte. die ich in der vergangenen Stunde auf ihn gerichtet hatte. und als ich meine Finger auf die Tasten legte. Er sah mich mit seinen grünen Augen so durchdringend an. Als Colin sich plötzlich umdrehte und mich ansah. Leyla. Widerstrebend stand ich auf und ging zum Klavier. Ich begann auch tatsächlich sehr unsicher. erwiderte sie. »Wer spielt jetzt?« fragte Theo. alles. während sie sich bückte. als hätte er die ganze Zeit gewußt. Es war wirklich schon recht lange her. Ich fühlte mich durchschaut. Miss Pemberton«. Wirklich. zum Teil. »Nein. sagte Dr. Young aufmunternd. nein. wie mir die Röte ins Gesicht schoß. Aber es gelang mir . in der Musik meine Befangenheit zu verlieren. und angesichts seines freundlichen Lächelns konnte ich es nicht abschlagen. tat ich es mit der Befürchtung. was ich einmal gekonnt hatte. weil mir die Übung fehlte. Ich kann es jedenfalls nicht. daß Colin mich beobachtete. »Das wird eine klägliche Vorstellung werden nach deinem Spiel«. mein Spiel sei seelenlos«. erwidern. um ihren Beutel aufzuheben. »Mein Bruder sagt immer. Doch Theo wirkte eher gelöst und nicht im geringsten beschwert. Daß er eine solche Wirkung auf mich hatte. sagte ich. Colins Blicke zu ignorieren. daß meine Augen unverwandt auf ihn gerichtet waren. so daß ich nicht wußte. zum Teil. »Leyla natürlich«.oben lag und litt. Im Vergleich mit Martha – « »Spielen Sie nur. verlernt zu haben. als wollte er mir die Blicke. und ich versuchte. »Vielleicht kannst du es Colin recht machen.

versuchte ich. »Colin spielt besser als wir alle. und ich kehrte hastig zu meinem Platz neben Dr. Colin. bitte. Als ich ›Für Elise‹ beendete. seinem angriffslustigen Blick auszuweichen. Theo. aber ich konnte es nicht. aber ich merkte genau. sagte Martha. mischte sich Martha ein. nie zuvor erlebt. daß er meinen Platz einnehmen würde. Nie zuvor hatte ich so leidenschaftliche Musik gehört. erntete ich von allen höfliches Lob. Die ganze Leidenschaft seiner Seele kam darin zum Ausdruck.nicht. und richtete meinen Blick starr ins Feuer.« »Ja. Young zurück. Martha. Es war mehr als Musik. . »Viel besser als ich.« Ich stand vom Hocker auf und wartete darauf. spiel für uns«. war mir dabei ständig bewußt. daß ich für Colin spielte und nur für Colin. Das Klavierspielen überlasse ich lieber Leuten. spann uns ein in ein Netz vielfältiger Gefühle. aber da bin ich anderer Meinung. »Du spielst ausgezeichnet«. und mein Herz begann wieder schneller zu schlagen. was für ein Künstler du bist. Als er mit großen Schritten auf mich zukam. daß Colin mehr von mir erwartet hatte.« »Danke. und daß niemand sonst in diesem Raum für mich existierte. Er hat sogar eigene Stücke komponiert. Wie ein Zauberer zog Colin uns in seinen Bann und führte uns aus den tiefsten Abgründen in schwindelnde Höhen. Colins Spiel war wirklich ungewöhnlich. Auch wenn das Beethovenstück meine ganze Aufmerksamkeit verlangte. zeig Leyla. Er setzte sich. die darin begabter sind. daß ein Mensch sich so völlig preisgab wie Colin das mit seinem Spiel tat. möchtest du mich nicht ablösen?« »Ich hatte nie musikalisches Talent.

. wurde mir auf einmal bewußt. daß ich Colin liebte. zuhörte und mich in seinen Bann ziehen ließ. den Blick weiterhin ins Feuer gerichtet.Und während ich.

Stundenlang hatte ich mich rastlos in meinem Bett gewälzt. erkannte ich. hatte ich wilde. der für mich zweifellos nichts als Geringschätzung empfand. Ich hatte ihn gemocht. wie ich nun wußte. entflammte Leidenschaften. Colin schien meiner Phantasie Flügel gegeben zu haben. Edward hatte ich fast ein Jahr gekannt. deren Mitglieder samt und sonders zum Wahnsinn verurteilt waren. und das Gefühl. von denen ich nicht einmal gewußt hatte. die bisher brachgelegen hatten. als ich endlich einschlief. auf immer verloren war das strahlende Morgen mit einer Familie und Kindern. . Dafür war ich nun in eine Familie aufgenommen. war anders als alles. Während ich mit schlafendem Auge wundersame Bilder in glühenden Farben sah und von Gefühlen überschwemmt wurde. aufgewühlt von neuen Gefühlen und Ängsten. Colin hingegen kannte ich gerade sechs Tage. aber Leidenschaft war dabei nicht im Spiel gewesen. und selbst da war es. nur freundliche Zuneigung gewesen. daß Colin nicht. daß ich sie in mir barg. Als ich endlich einschlief. das ich bisher empfunden hatte. sondern nur eine Seite meines Wesens geweckt hatte. ehe ich mich schließlich in ihn verliebt hatte. einen neuen Menschen aus mir gemacht. Dafür hatte ich in mir die hoffnungslose Liebe zu einem Mann entdeckt. Es ergriff mich bis in die tiefsten Winkel meiner Seele. daß ich gleichzeitig hätte lachen und weinen mögen. wie ich zuerst glaubte.12 Der Morgen war schon nahe. unheimliche Träume. Die Geborgenheit Londons war verloren. das ich ihm entgegenbrachte. erschütterte mich so heftig. verloren war auch der Trost von Edwards Liebe und Schutz.

das Leben zu sehen.« . Martha eilte mit mürrischem Gesicht durch den Flur zu Henrys Zimmer. der den Ring genommen hat. wie ich gehofft hatte. Es gab keine Zukunft für mich und Colin. dies hatte er mir gegeben: eine neue. Ich wollte. Diese aussichtslose Liebe zu Colin würde mein Geheimnis bleiben. und ich finde es ungeheuerlich.« »Das ist doch nicht möglich!« »Doch. »Großmutter hat die Räume der Dienerschaft durchsuchen lassen und die Angestellten selbst befragt. sah ich. daß der Tag nicht so angenehm werden sollte. mich ihrer freuen und sie hegen. Ich würde sie immer in mir tragen. Ich hatte wieder Kopfschmerzen. jemals ein Leben gemeinsam zu führen. das ich annehmen mußte. schöne Weise.die bisher neben meiner vernünftigen Seite hatte zurücktreten müssen. selbst wenn er auch mich lieben sollte. derjenige. daß ich beim Frühstück allein war und mich ungestört meinen Gefühlen überlassen konnte – auf der einen Seite der Seligkeit über meine neue Liebe. Die Krankheit bannte uns wie ein böser Zauber und verbot uns. und ich hoffte. Ich war froh. windigen Morgen. gäbe ihn endlich zurück. aber es ist nichts dabei herausgekommen. als ich wieder zu einem langen Spaziergang aufbrach. niemand würde je davon erfahren. die frische Luft würde sie vertreiben. rief sie in Antwort auf meinen Morgengruß. Das schwor ich mir an jenem grauen. Selbst wenn Colin mir niemals etwas anderes geben sollte. aber niemals würde ich sie auch nur einem einzigen Menschen offenbaren. »Es geht um Theos Ring«. Jetzt will sie unsere Zimmer durchsuchen. auf der anderen der Schmerz über das Erbe meiner Familie. Aber als ich aus meinem Zimmer trat und die Tür hinter mir zuzog. hervorgerufen durch den inneren Aufruhr.

Young ist über Nacht geblieben und ist jetzt bei ihm. aber gegen die Kopfschmerzen half er nicht. sehr bald ein. und fragte mich. dem es sehr schlecht ging. mir mit dem Abendessen etwas Laudanum zu bringen. Als ich kurz vor Sonnenuntergang heimkehrte. so verwöhnt und eigensinnig wie ein kleines Mädchen. Ach.« Mit ihrem Pompadour im Arm und empörter Miene lief Martha weiter.« »Wie geht es Onkel Henry heute morgen?« »Ich weiß nicht genau. Ich hätte eigentlich beunruhigt sein müssen. Sie hat ja tagelang nicht mehr geschlafen. Der Spaziergang erfrischte mich. Martha hatte sich in ihr Zimmer zurückgezogen. damit sie sich einmal ein wenig ausruhen kann. Meine zweiunddreißigjährige Cousine erschien mir in vieler Hinsicht unglaublich kindlich. Colin war ebenfalls nicht da. ich finde das alles so furchtbar. Am Morgen erwachte ich erneut mit Kopfschmerzen.»Wieso ist ihr der Ring eigentlich so wichtig?« fragte ich. Ein Dieb im Haus. bat ich darum Gertrude. aber ich führte die Kopfschmerzen wie zuvor auf die Spannungen und die bedrückende Atmosphäre in diesem Haus zurück und nahm einfach noch einmal etwas Laudanum. es ist eine Frage des Anstands. »Ach. Anna und Theo wachten bei Henry. Ich ging früh zu Bett und schlief. Niemand von der Familie aß an diesem Abend unten. daß sie die geringste Störung übelnahm. der Ring selbst bedeutet ihr gar nichts. und die Bewegung tat mir gut. Ich will Tante Anna ablösen. Leyla. doch in anderer Hinsicht wiederum benahm sie sich schon wie eine alte Jungfer. Sie ist zornig und aufgebracht. Ich sah ihr nach. Ich streifte fast den . Dr. ob ich nach sieben Jahren unter diesem Dach genauso sein würde. ein ungelesenes Buch aufgeschlagen auf der Brust. das ist für Großmutter unvorstellbar. so festgefahren in ihren Gewohnheiten.

um Dr. »Wie geht es Ihnen heute abend. Sie schien mit mir und dem Zimmer zufrieden und trat zur Seite. ehe sie dem männlichen Besucher den Weg freigab. Young vorbeizulassen. . Unten huschten die Bediensteten leise durch die Räume und sprachen flüsternd miteinander. dann wandte sie sich mir zu und musterte mich von Kopf bis Fuß. sagte ich zu Dr. genoß die Freiheit und die Stille der Natur hier auf dem Land und setzte mich am späten Nachmittag mit einer Tasse Tee und einem Buch in mein Zimmer. treten Sie ein. Doktor«. und sein herzliches Lächeln gab mir das Gefühl. daß Sie gekommen sind. Alles schien zu warten. daß ich geziemend gekleidet war.« Gertrude kam zuerst herein. Miss Pemberton?« Die Wärme. Ich legte ein Lesezeichen in mein Buch. als fürchteten sie.ganzen Tag durch den benachbarten Wald. Die Zeit schien zum Stillstand gekommen zu sein. zurückhaltend und rücksichtsvoll. der geduldig hinter Gertrude wartete. bat ich Gertrude. Young zu mir zu bringen. schien alle Schatten aus dem Zimmer zu vertreiben. Aus Henrys Zimmer drang kein Laut. Ihr Blick schweifte rasch und aufmerksam durch das Zimmer. Dr. um sich zu vergewissern. Das sachte Klopfen war bezeichnend für den Mann. bei ihm gut aufgehoben zu sein. als hielt das Haus selbst den Atem an. »Ich danke Ihnen. antwortete ich. Young. Die tiefe Stille im ganzen Haus war drückend und schwer. die von ihm ausging. In den oberen Korridoren rührte sich nichts. Es war. Sie schloß die Tür hinter ihm und stellte sich mit gekreuzten Armen und mit wachsamem Blick davor. schloß es und sagte: »Bitte. »Beinahe ausgezeichnet. Als die Kopfschmerzen nach einer Weile wiederkehrten. Sir«. durch ein lautes Wort ein Gewitter zur Entladung zu bringen.

»Sehen Sie gut oder verschwimmen Ihnen manchmal die Gegenstände vor den Augen?« Die Frage machte mich argwöhnisch. Ja.« »Sollten Sie das Urteil darüber nicht lieber mir überlassen?« Er rückte etwas näher zu mir heran und öffnete seine schwarze Ledertasche. war ich beeindruckt. antwortete ich steif. als wolle sie die Untersuchung überwachen. Als erstes nahm Dr. was ungefähr ich zu erwarten hatte. Young mein Handgelenk. Young zog sich einen Stuhl heran und setzte sich mir gegenüber. um meinen Puls zu zählen. Ich war noch nie von einem Arzt untersucht worden. Dann sah er sich meine Augenlider an. »Was macht Ihnen denn zu schaffen?« »Nur ein leichter Kopfschmerz. Sein Blick war sehr aufmerksam. legte sein Ohr an das offene Ende und sagte: »Bitte tief atmen. die sich über den neuesten Stand der Wissenschaft unterrichteten und mit neuen Methoden arbeitete. stellte er mir eine Reihe von Fragen.« Dieses Verfahren wiederholte er sechsmal. Young schien einer jener Ärzte zu sein.Dr. Young das Stethoskop wieder eingepackt hatte. »Ich habe sehr gute Augen«. ließ sich meine Zunge zeigen. um zu wissen. Dr. »Litten Sie in den letzten Tagen an Übelkeit?« . Nachdem Dr. Atmen Sie jetzt wieder aus bitte. aber während der Krankheit meiner Mutter war ich bei den Arztbesuchen oft genug dabei gewesen. Als er danach ein Stethoskop herauszog. prüfte die Farbe meiner Ohrläppchen. In London hatte nur einer der Ärzte meiner Mutter ein Stethoskop gehabt. Young drückte das lange Rohr aus poliertem Holz auf meine Brust. wobei er das Rohr immer auf eine andere Stelle meiner Brust drückte. Gertrude stand die ganze Zeit wachsam an meiner Seite. Augenblicklich trat Gertrude an meine Seite. Es ist eigentlich nichts. und jetzt holen Sie tief Atem und halten Sie die Luft an. gut. Dr.

Ich weiß. Sie könnten wie Ihr Onkel erkrankt sein? Es tut mir leid. Wenn . und Gertrude nahm wie erleichtert ihre Hand von meiner Schulter. sonst nichts. Young«. das haben Sie richtig erkannt.« »Hatten Sie in letzter Zeit einmal beim Sprechen Schwierigkeiten? Konnten Sie plötzlich die Worte nicht herausbringen? Stotterten Sie oder merkten Sie. »Die Fragen. daß Fragen von einem Arzt beunruhigend sein können. Miss Pemberton. oder hatten Sie vielleicht plötzliche Schmerzen in einem Ihrer Glieder?« »Nichts dergleichen. »Wie steht es mit Ihrem Bewegungsapparat? Ist Ihnen aufgefallen.« Einen Moment lang sah er zu Gertrude auf.»Nein. das Sie beleidigt hat?« Ich war einen Moment verlegen. nichts dergleichen«. als sei ihm plötzlich etwas eingefallen. muß ich fragen. Miss Pemberton. »scheinen mir in eine bestimmte Richtung zu gehen. haben Ihnen Arme oder Beine einmal den Dienst versagt. Dr. und ihre Hand wurde noch schwerer auf meiner Schulter.« Seine Stimme war jetzt wieder warm und beruhigend. dann aber richtete er seine Aufmerksamkeit wieder auf mich. ich hätte den Verdacht. Habe ich irgend etwas gesagt. so als hätten Sie eine bestimmte Vorstellung…« Gertrude neigte sich noch näher zu mir. Aber Ihre Antworten haben mir gezeigt. »Gut. daß mein Verdacht falsch war. daß Sie lallend sprachen?« »Nein.« Gertrudes Hand. »Ja. aber wenn ich eine Diagnose stellen will. »Sie sind nicht entspannt. die Sie mir gestellt haben. Ihre Kopfschmerzen sind einzig durch Spannung ausgelöst. Doktor. schien mir jetzt drückend und schwer zu werden. daß sie irgendwelche Bewegungen nicht richtig machen konnten. die während der ganzen Untersuchung auf meiner Schulter gelegen hatte. »Fürchten Sie. sagte ich wieder. sagte ich dann.

Morphium ist gefährlich. die nichts zu tun haben. greifen sehr schnell dazu. die immer noch mit strenger Miene neben mir Wache hielt. sich nicht ständig mit Gedanken an Ihren kranken Onkel zu belasten. um sich die Langeweile zu vertreiben. Young.Sie eine meiner Fragen mit Ja beantwortet hätten…« Er hielt inne. meinte er mit einem leichten Lächeln. . die Alkohol trinken. »Das ist ein Mittel. sagte sie. Hier lebten ein Haufen Wahnsinniger und Giftmischer. Miss Pemberton. hier spuke es. kann ich Ihnen nur viel Ruhe empfehlen. Und ebenso vor ihm mein Vater. mit dem bei uns viel Mißbrauch getrieben wird. um Ihrer Cousine Martha etwas gegen ihre Migräne zu geben. und leider allzu leicht greifbar. Das erstemal suchte ich Ihren Onkel vor einem Jahr auf.« »So ganz unwahr ist das ja nicht«. junge Frau. Young runzelte die Stirn.« Ich sah zu Gertrude auf. Sie behaupten. Young ist fertig. »Was Sie angeht. Gertrude. ich kenne die Krankengeschichte. sagte ich. »Ich danke Ihnen.« »Ja. Dr. Und versuchen Sie. »Später war ich noch zweimal hier.« »Gut«.« Seine blauen Augen blitzten freundlich. »Sie können jetzt gehen.« »Aber Kindchen«. Ich weiß. Sie verurteilen die Armen.« »Ich werde vorsichtig sein. Sein Blick sagte mir den Rest. wenn man nur den Namen Ihres Hauses nennt. Insbesondere die Reichen. »In East Wimsley schaudern die Leute. Dr. daß mein Onkel häufig an Kopfschmerzen litt. Die Leute halten es für ein Allheilmittel.« Er lächelte amüsiert. Dr.« »Ich habe Laudanum genommen«. während sie selbst in großen Mengen Laudanum zu sich nehmen. Es war überhaupt mein erster Besuch auf Pemberton Hurst. sagte ich bedrückt. »Gut.

daß wir davon wissen und es dennoch nicht verhindern können. wenn es Ihnen jetzt paßt«. hätte kein Arzt sie anrühren. Wieso kann man da überhaupt nichts tun?« »Die Medizin ist voller Geheimnisse. sah mich nur still und abwartend an. Als sie in meinem Alter gewesen war. wandte ich mich wieder Dr. »Ich hätte Sie gern einen Augenblick gesprochen. »Aber gern. Und Martha ist zweiunddreißig. sichtlich unschlüssig. Miss Pemberton. ganz schrecklich. so erschüttert zu sehen. wissen Sie – « ich krampfte meine Finger ineinander. Ich fühle mich so entsetzlich hilflos!« »Und Ihr Vetter Colin?« Ich hob den Kopf und sah ihn an. Keine Sorge.« »Ich weiß. wie sie sich verhalten sollte. »Colin?« . Miss Leyla. falls Sie mich brauchen. »Ich warte draußen.« »Ich finde das. Den Mann jetzt mit mir in meinem Zimmer allein zu lassen. was mit unserer Familie geschieht. Gertrude. Es macht mir große Angst.« Er sagte nichts. Young zu. daß sie wehtaten – »als um die anderen.Ich lachte und gab ihr einen leichten Puff. Gertrude. »Es ist schon in Ordnung. Ich bin die Jüngste und habe wahrscheinlich noch am längsten Zeit.« Widerstrebend ging sie zur Tür. Aber meine Vettern – Theo ist fast vierzig. ich finde es so ungerecht. sagte ich.« Mit einem scharfen Blick auf Dr. »Ich habe weniger um mich selbst Angst.« »Danke.« Sobald sie die Tür hinter sich geschlossen hatte. geschweige denn ihre Brust abhören und ihr persönliche Fragen stellen dürfen. ich stehe zu Ihrer Verfügung. Miss Pemberton. aber trotzdem. sie in ihren Vorstellungen davon. Young fügte sie hinzu: »Gleich in der Nähe. mußte ihr als schlimmster Verstoß gegen Sitte und Anstand erscheinen. Mich amüsierte es. so grausam. was sich gehörte und was nicht.

Young lachte. Miss Pemberton?« Er sah mich aufmerksam an. bemühen Sie sich nicht.« »Wir haben hier im Haus ein bestimmtes Buch. daß wir alle verloren sind. wo die Wurzeln der Familiengeschichte liegen. wenn Sie es lesen möchten.« »Ja. um ihn habe ich auch Angst. zeichnete verblüffende anatomische Diagramme und befleißigte sich einer sehr eigenwilligen Orthographie. was er wußte. Erwähnt er tatsächlich die Pembertons? Ich habe mich schon gefragt.« Ich sah Dr. Möchten Sie sonst noch etwas mit mir besprechen. was ich von ihm gewollt hatte. Hatte er als scharfsichtiger Beobachter meine Gefühle für Colin wahrgenommen? »Ich kann den Gedanken nicht ertragen. ich habe sie gelesen. schrieb er in endlos langen Sätzen. »Soweit ich mich an Thomas Willis erinnere. Ich werde es bei nächster Gelegenheit heraussuchen und nachschlagen. war nähere Auskunft über die Krankheit unserer Familie und . nein. Ich zögerte. woran ich mich erinnere. Miss Pemberton. Young hielt mich zurück. Dr. Aber das ist auch alles. »Ja. von seinen Augen abzulesen. versuchte. Dr. Das einzige.»Er ist vierunddreißig. was Mr. Sie haben doch die Werke von Thomas Willis gelesen.« Ich wollte aufstehen. nicht wahr?« »Thomas Willis?« Er schürzte nachdenklich die Lippen. Young forschend ins Gesicht. Cadwalladers Buch ist gewiß auch darunter. Mein Haus ist bis unter die Dachbalken mit wissenschaftlichen Werken vollgestopft. Willis über die Sache zu sagen hat. »Nein. Young. das seine Schriften enthält und von einem gewissen Cadwallader zusammengestellt wurde. Aber damals studierte ich noch. Erinnern Sie sich seiner kurzen Abhandlung über den Pemberton Tumor?« Dr.« »Ich habe das Buch.

wenn die Krankheit ausbricht?« »Meine liebe Miss Pemberton. das erkannte ich jetzt. man erklärt sich dies so. also die Unfähigkeit zur sprachlichen Koordinierung oder zum Verstehen von Gesprochenem. Kurz gesagt. Vergeuden Sie nicht Ihre Zeit mit Mutmaßungen und Ängsten. Miss Pemberton. Kopfschmerzen.vielleicht einen Funken Hoffnung für die Zukunft.« Danach schwieg Dr. »Es handelt sich hier nicht um einen klassischen Gehirntumor. möchte ich trotzdem wissen. Vergessen Sie die Geschichte. ein langes Leben vor sich. sie beschäftigen sich viel zu sehr mit dieser Geschichte. die nichts Gutes bringen. Sie sind noch sehr jung und haben. Doch mir das zu geben. daß die Symptome. sich Störungen zeigen. wo der Tumor sitzt. was ich zu erwarten habe. Übelkeit.« »Ich bin Ihnen dankbar für Ihre Ermutigung. Miss Pemberton«. Bewegungsstörungen der Arme und Beine. sagte er schließlich. Fest steht beim Pemberton Tumor zwar. Eines jedoch mußte ich noch wissen. Doktor. daß an jenem Teil des Körpers. aber wenn es Ihnen nichts ausmacht. ging über sein Vermögen hinaus. ich finde. Taubheit an manchen Stellen des Körpers. Das ist vermutlich darauf zurückzuführen. die ich bisher bei Ihrem Onkel festgestellt habe. da bin ich sicher. Ihr Leben zu genießen. Young war so fehlbar wie alle Menschen. Sie sollten sich nicht ständig damit belasten. Beim klassischen Gehirntumor zeigen sich Symptome wie Aphasie. daß er in einer anderen Zone des Gehirns entsteht. Doktor. und mir wurde das Herz immer schwerer. Dr. Young lang. für den der Gehirnteil zuständig ist. während er mit nachdenklichem Gesicht schweigend vor mir saß. »Die Symptome stimmen mit den Fallstudien aus den Lehrbüchern nicht überein. mein Kind. Sehstörungen. mit welchen Anzeichen ich zu rechnen habe. »Können Sie mir sagen. Versuchen Sie. genau mit denen .

»Ich war mit Oliver Harrad befreundet. Miss Pemberton. ich bin so durcheinander«. Wir studierten zusammen. Sie sprächen von Ihrem Vater. Smythes Aufzeichnungen zufolge trat der Tod in allen Fällen ungefähr zwei Monate nach Erscheinen der ersten Symptome ein. Doktor?« »Kopfschmerzen. »Verzeihen Sie. sie ist erst vor zwei Monaten gestorben.« »Gewiß.« »Ja.übereinstimmen. Ihre Mutter wurde von Dr. »Verzeihen Sie. Harrad?« rief er. Warum?« Dr. überrascht mich. Übelkeit. Erbrechen. glaubte ich. Seit dem Tod meiner Mutter – « »Ihre Mutter ist erst kürzlich gestorben?« fragte er. Sie seien mit dem Tod in Berührung gekommen. das ist richtig.« »Aber Sie sagten doch eben. Dr. daß ich Sie schon wieder unterbreche. weil er beunruhigt war. Young. aber als Sie neulich beim Abendessen erwähnten. Muskelschwäche. Oliver Harrad vom Guy’s Krankenhaus behandelt?« »Ja. und jetzt ist plötzlich alles finster und schwarz. Dr. Sie seien schon vor einem Jahr bei meinem Onkel gewesen. Dr. Unterleibsschmerzen. Sie war vorher sehr lange krank.« »Ach.« »Ich verstehe. Aber die Kopfschmerzen rührten damals von einer starken Erkältung her und hatten mit seiner gegenwärtigen Krankheit nichts zu tun. Man rief mich. Harrad hatte mich darauf vorbereitet – « »Dr. Delirium.« Seine Worte trafen mich nicht unerwartet und doch empfand ich sie als niederschmetternd. aber was Sie mir da erzählen. . »Vor einer Woche kam ich so zuversichtlich hier an. Young war auf einmal sehr lebhaft geworden. weil er Kopfschmerzen hatte. die ich den Krankengeschichten Ihres Vaters und Sir Johns entnommen habe. sagte ich verzweifelt. »Und was sind das für Symptome. Schüttelkrämpfe und plötzlich eintretender Tod.

es sei erst gestern gewesen. Ich werde ihm immer dankbar sein. »Es ist doch seltsam«. daß wir uns. und ich hatte immer soviel zu tun…« »Er hat sich sehr um meine Mutter bemüht. Miss Pemberton! Die Zeit mit Oliver Harrad liegt so lange zurück. Er sah mich an. wurde unser Briefwechsel immer spärlicher und schlief schließlich ganz ein. sie könnten mit ihrem Unternehmungsgeist die Welt verändern. Oliver Harrad und ich waren in unseren jungen Jahren enge Freunde. wie man gewöhnlich einen Freund ansieht. die ich ihm zurückgebracht hatte. Young durch die Erinnerungen. mit kleinen Schritten begnügen . wenn Freunde weit getrennt voneinander leben. meinte er nachdenklich. Aber wie das häufig der Fall ist. Kontakt zu halten und uns zu schreiben. Dr. versprachen Oliver und ich uns. statt große Sprünge zu machen. »Gerade wenn wir die Vergangenheit begraben und vergessen haben. Das muß jetzt mehr als zehn Jahre her sein. daß sich Dr. mir ungewöhnlich nahe fühlte. Als ich nach Edinburgh ans Königliche Krankenhaus ging. Young sah mich wieder an. hitzige Rebellen. daß man glaubt. um mich der Forschungsarbeit zu widmen.« Ich hatte das Gefühl. mit Wehmut in den Augen. mein alter Freund. »Was haben Sie plötzlich für Erinnerungen geweckt. Wir sind wohl beide bescheidener geworden und haben eingesehen. »Oliver Harrad.« Dr. die glaubten. bringt ein Wort sie uns so frisch und lebendig zurück. Young blickte einen Moment lang sinnend in die Ferne. bemerkte ich.Später fingen wir beide im Guy’s Krankenhaus an und hatten lange Jahre eine gemeinsame Praxis. mit dem man vieles geteilt hat. und seufzte ein wenig. Er ist also immer noch am Guy’s…« »Er ist als Arzt sehr beliebt«.

Miss Leyla. Wenn meine Großmutter. Miss Pemberton. Sie ist jetzt bei Mr. Vorher hatte ich versucht. aber Mrs.« Dankbar drückte ich ihm die Hand. Henry zu sehen.« »Das freut mich. Ihre Großmutter. »Danke«. Ich sah sie nur einmal ganz flüchtig. Sie ging hochaufgerichtet wie eine Königin an mir vorüber den Flur entlang. Young sprechen?« »Nein. von Stimmen aufmerksam gemacht. Pemberton und wünscht den Doktor zu sehen. »Ich werde mich um ihn kümmern«. Anna. »Entschuldigen Sie. Tante Anna möchte wohl mit Dr.müssen. sagte er beschwichtigend. Später schaute Martha kurz zu mir herein. »Machen Sie sich keine Sorgen. daß Sie meinen alten Freund Harrad kennen. ist das ein schöner Zufall. da klopfte es. und Gertrude trat ein. Henry aufzusuchen. Ich werde alles für ihn tun. meine Zimmertür öffnete. Miss Leyla. um mir mitzuteilen. wie er mit Gertrude zur Tür hinausging.« Ich erschrak. als ich spät abends. erwiderte ich und erinnerte mich mit plötzlichem Schmerz daran. was in meiner Macht steht. daß sich der Zustand Henrys weiter . Pemberton schickt mich. Dr. Ach. sagte ich leise und sah ihm niedergeschlagen nach. Young an meiner Seite. Dr. die kaum je ihre Räume verließ. es für nötig gehalten hatte. Mein Abendessen nahm ich wieder allein ein. Abigail Pemberton. Young«. wie ich selbst noch vor wenigen Tagen um die Rückeroberung der Vergangenheit gerungen hatte.« »Oh. sondern Mrs. aber meine Großmutter hatte mir den Zutritt zu seinem Zimmer verwehrt. Young wollte eben etwas sagen. »Herein«. »Onkel Henry!« Ich sprang auf. rief ich. mich schickt nicht Mrs. Augenblicklich war Dr. konnte das nur eines bedeuten.

ihre Worte jedoch waren nicht zu verstehen. Und auch Colin nicht. der dunkle Sturmwolken über den Himmel trieb. Anna und Theo . und schien mir zu verraten. Als ich bei meiner Rückkehr das Haus so still vorfand wie am Morgen. bekam ich nicht zu sehen. ohne einem Menschen zu begegnen. aber den Grund dafür erfuhr ich nicht. Am Nachmittag machte ich den Spaziergang. ging ich in mein Zimmer hinauf. Mit schlechtem Gewissen wegen meines Lauschens eilte ich davon.und ziellos durch das Haus. Ihre Stimme war laut. Um acht Uhr servierte mir ein Mädchen das Abendessen. Ich hatte Großmutter noch bei Henry geglaubt. setzte mich ans warme Feuer und ließ mir eine Tasse Tee bringen. Im nächsten Moment hörte ich gedämpftes Schluchzen. Die einzigen Anzeichen von Leben in diesem düsteren Gemäuer nahm ich wahr. als ein Schrei mich weckte. Am Morgen wanderte ich rast. Es konnte sich ebensogut um Anna oder Martha wie um Gertrude oder eines der Mädchen handeln. daß es eine Frau war. wer es war. daß meine Großmutter mit jemandem streng ins Gericht ging. aber ich konnte nicht erkennen. die da so bitterlich schluchzte. der mir nun schon zur Gewohnheit geworden war. daß sie sehr zornig war.verschlechtert hatte. Es mußte gegen Mitternacht sein. Ich hatte den Eindruck. als ich an den Räumen meiner Großmutter vorüberkam. Der folgende Tag war grau und kalt. Hinter meiner Tür hörte ich . fuhr ich in die Höhe und spähte angestrengt in die Dunkelheit. Ich konnte ihrem Ton entnehmen. Aus tiefem Schlaf gerissen. und um neun ging ich zu Bett und schlief sofort ein. Wieder blies ein heftiger Wind. Da hörte ich plötzlich ihre scharfe Stimme durch die massive Tür und blieb stehen. Es kam ebenfalls aus ihrem Zimmer.

klopfte mein Herz rasend vor Angst. lief ich in den Flur hinaus und sah Martha schlaftrunken aus ihrem Zimmer kommen. Es war niemand darin. Neuerliche Schreie führten mich weg von unserem Flügel zu den unbewohnten Räumen des Hauses. Obwohl mir zum Nachdenken überhaupt keine Zeit blieb. Blind rannte ich vorwärts. das ich nicht verstand. Als der zweite gellende Schrei durch das Haus hallte. aber ihre Worte waren nicht zu verstehen. der in diesem Korridor hing. und als ich näherkam. die mir das Gesicht streiften. daß ich im Nachthemd war und nichts an den Füßen hatte. getragen von denen. wo viele Jahre keine Menschenseele mehr gewesen war. Martha folgte mir nach. um die Gruppe einzuholen. als ein dritter markerschütternder Schrei die Stille des Hauses zerriß. Instinktiv .Stimmen und Schritte. die zweite Etage des Hauses. immer den Schreien folgend. Ich vergeudete keine Zeit. Sie führten mich in das nächste Stockwerk hinauf. die da so grauenvoll schrie. die Spinnweben. und nach einer Zeit hörte ich Colin rufen: »Tante Anna! Wo bist du?« Sie gab ihm Antwort. die mir vorausgeeilt waren. sprang ich aus dem Bett und lief zur Tür. Es war Anna. Ich nahm rasch meinen Morgenrock und rannte. die abgestandene Luft. rieb sich die Augen und murmelte irgend etwas. Schneller laufend jetzt. Die Tür zum Zimmer von Henry und Anna stand offen. je mehr ich mich der Gruppe vor mir näherte. Ich stand noch unschlüssig an der offenen Tür. nahm ich den modrigen Geruch wahr. Ich hatte jetzt die anderen eingeholt. Oben sah ich geisterhafte Lichter. den Flur hinunter. Diesmal erkannte ich die Stimme. Ohne mich darum zu kümmern. erkannte ich. daß es brennende Kerzen waren. Annas Schreie wurden lauter. dabei in die Ärmel schlüpfend. in einen Flügel. Halb benommen noch sah sie mich an.

hing schwer in der Luft. Es wunderte mich. der zu der Treppe des Ostturms führte. der Docht ganz herausgedreht. Wir hörten schon beim Hinaufgehen das heftige Schluchzen Annas. ehe er. weiterging. Auf dem Boden in der Mitte stand eine Öllampe. während Theos Stimme immer deutlicher zu uns drang. Colin sah mich nicht an. daß er vollständig angekleidet war. Gertrude und ich – alle im Morgenrock waren. Komm nicht näher. Young. »Bitte bleib genau da. Mutter. Bleib zurück. so daß das Licht den ganzen Raum erleuchtete. nachdem er auch Dr. um nicht durch unser plötzliches Auftauchen womöglich eine Katastrophe auszulösen. darum mußten wir uns vorsichtig nähern. um in jedes Zimmer. Young gebeten hatte zu warten. Sag kein Wort. In seinen Augen war eine wilde Entschlossenheit. Unsere Angst vor dem.drängte ich mich zu Colin und rannte im Schein seiner Kerze neben ihm her. ruhig und klar verständlich. was sich uns zeigen würde. Rühr dich nicht. jede Nische zu schauen. Sei ganz ruhig. mit sich die Stufen hinauf. die mich ängstigte. »Bitte Mutter. hörten wir auf einmal Theos Stimme. faßte mich dann zu meiner Überraschung bei der Hand und zog mich. Wir wußten nicht. sondern eilte ohne anzuhalten weiter. Am Fuß der engen Treppe befahl Colin Gertrude mit den Kerzen unten zu bleiben.« Colin blieb stehen und warf mir einen mahnenden Blick zu. bleib zurück. Von dort oben kamen die Schreie. langsamer jetzt. Als wir um die Ecke bogen. von dem zehn Jahre zuvor mein Großvater Sir John sich in den Tod gestürzt hatte. Schließlich gelangten wir in einen schmalen Gang. Ich mache das schon. tasteten uns durch die Dunkelheit. Langsam stiegen wir eine Stufe nach der anderen hinauf. was sich im Turm abspielte. Anna befand sich der Treppe am . während wir anderen – Dr.« Endlich waren wir oben und konnten in das kleine Turmzimmer hineinsehen. wo du bist.

daß er trotz der kalten Nachtluft schwitzte. der wie das Knurren eines tollwütigen Tiers klang. das sie von unten beleuchtete. die Wangen wie dunkle Höhlen. ohne auch nur die geringste Reaktion zu zeigen. sagte Theo ruhig. hör mir zu«. Wie ein gehetztes Tier schaute Henry bald auf seinen Sohn. blaß und angespannt.nächsten. »Vater. die Lippen schmal.« Henry stieß einen Laut aus. Nichts war vertraut an diesem zähnefletschenden Gesicht. Henry war nur noch ein von blinder Angst getriebener Wahnsinniger. Theo. ebenfalls im Morgenrock. und die Klinge des Messers blitzte bedrohlich. Henry und Theo. Der Vater in seinem Wahnsinn und in diesem entstellenden Licht wirkte wie ein grauenerregender Fremder auf mich. Die Angst und das Entsetzen in ihren Augen weckten tiefes Mitgefühl in mir. Mit wild rollenden Augen stand der gepeinigte Mensch an die Wand des Zimmers gedrückt und hielt mit beiden Händen ein großes Fleischermesser vor sich. bald auf seine Frau. das aufgelöste Haar hing ihr in Strähnen den Rücken hinunter. obwohl wir sehen konnten. Der Schweiß strömte ihm über das Gesicht. »Du mußt das Messer weglegen. Sein Vater hatte unser Eintreten nicht bemerkt. Auf den ersten Blick erkennbar war für mich nur der Sohn. wirkten ihre Züge verzerrt – die Augen weit aufgerissen. Ihr Gesicht war kreideweiß und voller Angst. Leg es weg. sah Colin und mich an. Vater. der jede Verbindung mit der Wirklichkeit verloren hatte. und es war wohl besser. als wolle er sich auf Theo stürzen. Im ersten Moment erschrak ich bei ihrem Anblick. Im flackernden Licht. . Dann sah ich zu den beiden anderen Menschen hier oben. wenn wir ruhig blieben und nicht eingriffen. Anna schluchzte auf und preßte sich eine Hand auf den Mund. und krümmte den Rücken.

so mein eigener Vater und mein Großvater. was ich tun soll. sah zu uns herüber und seufzte tief. »Er hat mich mit dem Messer angegriffen«. Colin und Theo würden ihn vielleicht nicht rechtzeitig zurückhalten können… Aber im nächsten Augenblick schon geschah etwas Seltsames. veränderte sich Henrys Gesicht. Er mochte gefährlich sein. »Ist Dr. Es ist wie damals bei Onkel Robert. Sein Gesichtsausdruck. »Bunny?« sagte er mit erstickter Stimme. Colin. wirkte auf einmal weicher und sanfter. menschlich behandelt zu werden. leg jetzt das Messer weg«. sagte er leise. Das Messer würde blitzschnell zustechen. den Blick auf Henry gerichtet. . so also hatte mein Großonkel Michael geendet. er mochte wahnsinnig sein. In diesem Moment. wenn auch noch immer erschreckend. Beim Klang meiner Stimme sah Henry mich an. Ich weiß nicht mehr. Doch Henry verzog den Mund nur zu einem höhnischen Grinsen. mit der man mit einem einzigen Stich das Medikament in den Körper befördern kann. um sie auszuprobieren. Auch damals konnten wir nichts verhindern. Ich wollte nicht sehen. wie man Henry überwältigte und fesselte wie ein Tier.« Colin antwortete nicht. »aber zum Glück hat er nicht getroffen. aber er war ein Mensch und verdiente. Würden auch Martha und ich auf diese Weise in den Tod gehen? Theo richtete sich ein wenig auf. als er mich mit seinem Blick eines Wahnsinnigen erfaßte. Young da unten?« fragte Theo. So also spielte es sich ab. Während wir einander ansahen.« »Nein!« sagte ich unwillkürlich. Das wäre der richtige Moment.»Vater. und bis jetzt konnte ich nicht an ihn herankommen. fürchtete ich um mein Leben. Wachsam stand er da. sagte Theo ruhig und fest. »Er hat doch so eine neue Spritze. Dann rannte er vor mir weg.

bot ich Henry meine Hand. O Gott. wie groß meine Angst war. um die Treppe . Ach. Er sah mich wild an. Lieber Gott. während Colin und Theo vorwärtsstürzten. doch ich blickte ihm weiterhin tief und ruhig in die Augen. Ich kann nichts dagegen tun. den Messergriff in die Hand. du solltest nicht hier sein. bei der ich beinahe aufgeschrien hätte. Bunny. »Du wirst nichts Unrechtes tun. ohne zu überlegen. ich kann diese Schmerzen nicht aushalten. »Nimm es weg! Schnell!« sagte er heiser. Onkel Henry«. hilf mir doch. als ich mich umwandte. Ich war mir bewußt. »Es sind diese furchtbaren Schmerzen. »Ich muß töten«. wiederholte ich. sagte ich. die letzte Stufe hinauf und ging ein paar Schritte ins Zimmer hinein. Du weißt… du solltest nicht hier sein. stieß er schluchzend hervor.« Seine Stimme schallte aus dem kleinen Zimmer weit in die Nacht. daß alle Augen auf mir ruhten. rief er. diese Schmerzen.« Vorsichtig ging ich noch etwas näher zu ihm hin. »Nur so kann ich den Schmerz beenden. als stünde mein ganzer Kopf in Flammen. daß ich das gleiche tue wie mein Bruder. Aber mit einem Mut. Mir zitterten die Knie. wie steif und verkrampft meine Bewegungen waren. Die Schmerzen treiben mich zum Wahnsinn. Dann schob er mir mit einer schnellen Bewegung. um meinen Onkel bei den Armen zu nehmen. Laß nicht zu. »Ich kann nichts dagegen tun!« »Gib mir das Messer«.»Ja.« Mit heftigem Herzklopfen stieg ich. »Bunny. »Gib mir das Messer. was mit ihm vorging.« Henry schien plötzlich bei klarer Vernunft zu sein und genau zu wissen. Ich war mir bewußt. Es ist. »Ich kann nichts dafür«. Ich wich augenblicklich zurück. den ich mir selbst nicht zugetraut hätte. Onkel Henry.« Seine Augen flammten auf.

so daß er mich ansehen konnte. stieß Henry plötzlich einen röchelnden Schrei aus und fiel tief in die Kissen. ehe er schließlich sagte: »Das war sehr mutig von dir. der von Colin und Theo gehalten vorwärtstorkelte. Dr. bis mein Onkel in seinem Bett lag. »Er hat es hinter sich. Wir blieben an der Tür stehen und Colin nahm mir das Messer aus der Hand und gab es Gertrude.« Anna fiel neben dem Bett auf die Knie und warf beide Arme über Henrys Körper. Es sprach überhaupt niemand. Young und nahm mich. Wie ein Trauerzug gingen wir durch die dunklen Flure zurück.« . da ich immer noch schwankte. und Dr. zum Schluß die hemmungslos weinende Anna. Colin zog leise die Tür zu und führte mich weg. während der Doktor Henry ins Bett half. Der erste. Young und ich voran. war Dr. Als wir mein Zimmer erreichten. Während Anna ihm die Stiefel auszog. Wir waren alle wie erstarrt. er hat es hinter sich. der arme Kerl. Dr. Young die Spritze vorbereitete. tauschte Colin seinen Platz mit Dr. dachte ich. Dann sagte er leise: »Henry Pemberton ist tot.« Ja. der reagierte. Aber uns steht es noch bevor. Er legte seine Hände auf meine Schultern und sah mich lange schweigend an. drehte Colin sich um. Young an meiner Seite. Young blieb ruhig an ihrer Seite stehen.hinunterzusteigen. Als wir das Schlafzimmer meines Onkels und meiner Tante erreichten. Er umfaßte Henrys Handgelenk und stand ein paar Sekunden lang stumm und schweigend über ihm. Er sagte kein Wort. dann Henry. Young. während Theo sich wie betäubt in einen Sessel sinken ließ. die von Gertrude gestützt wurde. Zum Glück war plötzlich Dr. legte mir den Arm um die Schulter und half mir die Stufen hinunter. in den Arm.

daß nicht einmal Colins Nähe. als kleines Mädchen. wie man dir erzählt hat?« »Ja.»Findest du?« sagte ich nur. »du mußt mir etwas sagen. Nach heute abend weiß ich. seine Berührung. Die Empfindungslosigkeit. Nur hatte ich in dieser Nacht das Schlimmste gerade noch verhindern können. Ich konnte mich mit der Ungerechtigkeit dieses Schicksals nicht abfinden.« Er ließ wortlos meinen Arm los. Ich nahm das Buch und las mit verquollenen Augen jene schreckliche Seite noch einmal.« »Was denn?« »Versuchst du gar nicht mehr. aber er hielt mich fest.« Ich wollte mich umdrehen. »Wir haben dir viel zu verdanken. . seine warme Stimme zu mir durchdrangen. immer noch so benommen. die mich befallen hatte. sagte Colin. Dann zog ich meinen Morgenrock aus und schlüpfte völlig erschöpft unter die Decke. und ich ging in mein Zimmer und schloß ab. daß dein Vater und dein Bruder so umgekommen sind. daß ich mich nur in mein Bett zurücksehnte. schien sich durch die Ereignisse dieser Nacht noch verstärkt zu haben. Was ich soeben miterlebt hatte.« Doch ich war so verwirrt und erschöpft. Ich warf mich völlig verzweifelt auf mein Bett und weinte.« »Dann glaubst du also. sagte er. »Du hast uns allen viel Schmerz und Kummer erspart«. Colin. Colin. laß mich jetzt gehen. daß es wahr sein muß. »Leyla«. Bitte. seit ich vor vier Nächten Thomas Willis’ Buch gelesen hatte. Thomas Willis’ gesammelte Werke lagen auf meinem Nachttisch. das hatte ich vor zwanzig Jahren. unten im Wäldchen schon einmal erlebt. bis keine Tränen mehr kamen. dich an früher zu erinnern?« »Das ist jetzt nicht mehr nötig. »Gute Nacht.

Meine Augen waren ohne Glanz. daß sie fast grau wirkte. waren ohne Bedeutung gewesen. den ich in der Nacht gehabt hatte. mich an einen bestimmten Traum zu erinnern. Ich erinnerte mich undeutlich. so daß ich am Ende aufgab und mich damit begnügte. meine Haut so bleich. alle äußerst lebhaft und plastisch. ehe ich eingeschlafen war. doch so sehr ich mich jetzt bemühte. und daß ich mich unverzüglich um eine . daß er etwas mit dem Tumor zu tun gehabt hatte. mit gesichtslosen Gespenstern bevölkert.13 Mein zehnter Tag auf Pemberton Hurst begann mit schlimmen Kopfschmerzen. Nachdem ich mich gewaschen und mein Trauerkleid aus schwarzem Wollstoff angezogen hatte. Feuchte Kompressen und Salbe halfen nur ein wenig. daß das Laudanum endlich wirken würde. Mit finsterem Blick sah ich mein Spiegelbild an. noch eine Tasse Tee bringen lassen. Gleichzeitig versuchte ich verbissen. Aber dieser eine war anders und mir im Moment des Träumens außerordentlich wichtig erschienen. um mir das Haar zu ordnen. die durch geheimnisvolle Räume geisterten. mir lustlos das Haar hochzustecken. Die Ereignisse der vergangenen Nacht hatten deutliche Spuren in meinem Gesicht hinterlassen. merkte ich. Ich hatte schlecht geschlafen und die ganze Nacht wirre Träume gehabt. Als ich nun lange nach Sonnenaufgang erwachte. ich konnte ihn mir nicht ins Gedächtnis zurückrufen. daß der Tee mir überhaupt nicht geholfen hatte. und ich wartete ungeduldig darauf. setzte ich mich an den Toilettentisch. In der vergangenen Nacht hatte ich mir. so als handle es sich um eine Botschaft aus den Tiefen meines Unterbewußtseins. Mein Kopf dröhnte vor Schmerzen. Die anderen.

Du hast mir wahrscheinlich das Leben gerettet. Ich konnte mir vorstellen. Theo. Colin saß drüben im großen Salon am Klavier. unantastbare Welt zurückgezogen zu haben. die Hände auf ihr Gesicht gedrückt. Ich ging nicht zu ihm. aber sie schien sich einfach in eine eigene. Martha saß zu meiner Überraschung ganz gelassen in einem Sessel und stickte. als wäre nichts geschehen. Aber der Traum war jetzt vergessen und ließ sich nicht zurückholen. fünf Jahre alt. ihr Trost zuzusprechen.bestimmte Sache. kümmern mußte. wie ich. »Auf so schreckliche Weise sterben zu müssen!« jammerte Anna. daß uns ein ähnliches Schicksal bevorstand. Unten im kleinen Salon saß der Pastor bei Anna und versuchte. »Es ist so ungerecht. die damit zusammenhing. Die wilden Klänge schallten durch das ganze Haus. Ihr Gesicht war zwar blaß und angestrengt. nicht mutig. Ich stellte mir vor. So entsetzlich ungerecht.« Ich sah Theo an. als wäre er der zornigste Mensch auf Erden. stand er auf und setzte sich zu mir aufs Sofa. und wir wußten. Er spielte mit einer Leidenschaft. Als Theo auf mich aufmerksam wurde. Nach einem Augenblick des Überlegens sagte er: »Ich hatte noch keine Gelegenheit.« Ich dachte an meinen Vater. Wir hatten unsere Väter auf die gleiche Weise verloren. obwohl ich es gern getan hätte. im Gebüsch gekauert und es mitangesehen hatte. während Theo schweigend ihre Hand hielt. wie ihm zumute sein mußte. Aber mein Platz war jetzt an der Seite Annas und ihres Sohnes. Leyla. der meinen Bruder Thomas getötet hatte.« »Trotzdem…« . dir zu danken. »Ich habe blind gehandelt.

Young reagierte nicht darauf. Wir aber haben uns geschworen. Doktor«. Young nickte nur und richtete dann seine Aufmerksamkeit auf mich. Sir John hatte einen Sohn und Enkel. Horton in East Wimsley benachrichtigen lassen«. Theo.« »Leyla. Theo? Wenn wir krank werden.« »Danke. »Mr. keine Kinder in die Welt zu setzen. antwortete Theo. und er sagte beinahe . »Ich habe übrigens Mr. und das Fieber uns packt. Seine blauen Augen zeigten einen seltsamen Ausdruck. Er teilte dem Pastor mit. Thomas Willis hatte darüber geschrieben – was war es nur.« »Ja. wie er mit wildem Blick und fliegendem Haar am Klavier saß. Dein Vater hatte wenigstens dich als Stütze.« Dr. Doch Dr. alle Menschen müssen sterben. bemerkte Theo. die ihn betrauerten.Eine Weile saßen wir schweigend nebeneinander und lauschten den aufgewühlten Klängen der Musik. Ich stellte mir Colin vor. daß Henry jetzt aufgebahrt werden und die Vorbereitungen für die Beerdigung getroffen werden können. die aus dem großen Salon kamen. Wer wird um uns trauern. sagte er zu Theo gewandt.« »Da werden auch wir eines Tages enden. »Sie sind uns eine große Hilfe. »Vater wird morgen in East Wimsley in der Familiengruft begraben. »Er kommt heute abend hierher. wer wird uns dann stützen und trösten?« Ich brach ab. sich auf den Anwalt der Familie beziehend. sich Erleichterung zu verschaffen. aber nicht auf so grauenvolle Weise. Das Fieber. Young ins Zimmer. Ich beneidete ihn um diese Möglichkeit. was ich nicht zu fassen bekam? Was sich mir so beharrlich entzog? Etwas in dem Traum der letzten Nacht… In diesem Moment kam Dr. Horton wird das Finanzielle mit Ihnen erledigen«.

obwohl mir schien. Der Traum der vergangenen Nacht war es. der mich beschäftigte. »Gib auf dich acht«. sagte Theo. das mir durch den Traum entdeckt worden war… Der Spaziergang half mir nicht zur Lösung des Problems. Es werden ja sehr viele sein. Young nur mich angesprochen. bemerkte Dr. »Ich mache jetzt meinen Spaziergang«. als hätte Dr. und auch jetzt. »Die Leute von East Wimsley können in der Kirche ebensogut von ihm Abschied nehmen. mahnte Theo. blieb dieses Gefühl drängend. Er hatte mit Thomas Willis’ Buch zu tun gehabt. Einzelne Tropfen blieben an meinen Wimpern hängen und verschleierten mir die Sicht. die mir zuteil geworden war und deren Inhalt ich beim Erwachen vergessen hatte.unhörbar: »Wenn Sie mich in irgendeiner Sache brauchen sollten. »Es ist klug. daß Sie Ihren Vater nicht hier im Haus aufbahren lassen«. Unablässig kreisten meine Gedanken um die Frage. was es gewesen war. Young zu Theo gewandt. Nach zwei Stunden . drohte mich zu ersticken. wo er vergessen war. Ein leichter Regen fiel.« »Danke. »Unvorstellbar.« »Das war genau mein Gedanke. aber das störte mich nicht. sie alle hier durch das Haus ziehen zu lassen. Doktor«. sagte ich.« Nein. Der Salon wurde mir zu eng. Im Schlaf war mir der Traum ungeheuer bedeutsam erschienen. Der Regen tropfte von meinem Hut und rann meine Wangen hinunter. die Vertreter der Gemeinde…« Er schüttelte den Kopf. auf keinen Fall dürfen Fremde in unsere Abgeschlossenheit eindringen. dachte ich. eine Offenbarung. In diese klösterliche Stille und Einsamkeit… Ich stand ruckartig auf. Ich war viel zu tief in Gedanken. um es überhaupt wahrzunehmen. Die Arbeiter und ihre Familien. können Sie mich zu Hause erreichen.

Leyla?« fragte er und stand auf. zog ich ein braunes Samtkleid an. . weil ich nicht wußte. Theo saß still vor seinem Gedeck und starrte auf den Stuhl. Ich trat etwas beklommen. daß Mr. Ich dachte daran. Dafür sprachen wir alle dem Wein um so mehr zu – sogar Martha trank zwei Gläser und bekam davon einen roten Kopf. um mit der Familie das Abendessen einzunehmen. jedoch ohne großen Appetit. Durchfroren kam ich im Haus an und beschloß. Gertrude meldete uns. Schließlich mußte ich umkehren. »Ach. Und dir?« Er ließ mich nicht aus den Augen. der Anwalt. Er schien sich ausnahmsweise Mühe gegeben zu haben. bürstete mein Haar und ging hinunter. stellte Colin fest. eingetroffen sei und im Arbeitszimmer auf uns warte. Sein dunkelgrünes Jackett und die schwarze Hose waren vom neuesten Schnitt. Sie nickte nur kurz und vertiefte sich gleich wieder in ihre Stickerei. Anna war nicht erschienen.unverdrossenen Marschierern durch den Regen konnte ich mich immer noch nicht erinnern. Wir aßen schweigend wie immer. wie ich in der Nacht im Morgenrock und mit wallendem Haar durch die Gänge gelaufen war und wurde rot. zum erstenmal ein Bad vor dem Kamin in meinem Zimmer zu nehmen. »Wie geht es dir. seine Stiefel blank poliert – sein Haar war offensichtlich gekämmt. auf dem sein Vater gesessen hatte. daß Colin lächelnd zu mir aufblickte. während ich durch das Zimmer ging und mich auf meinen Platz neben Martha setzte. den allgemeinen Vorstellungen vom eleganten jungen Gentleman zu entsprechen. ganz gut. was für eine Stimmung mich empfangen würde. ins Speisezimmer und sah mit Erleichterung. weil mein Umhang und meine Stiefel durchnäßt waren. erfrischt und aufgewärmt. Horton. »Du siehst jedenfalls heute entschieden besser aus«. Danach.

« . Ihnen mitzuteilen. In dem großen Sessel hinter dem Schreibtisch wirkte er noch unscheinbarer. Ohne uns anzusehen. Steif und kerzengerade saß sie auf dem Rand ihres Sessels. Wir anderen verteilten uns im Halbkreis um den Schreibtisch und warteten. An diesem Schreibtisch saß ein ungewöhnlich kleiner. Mr. »Mr. ein behaglicher Raum. meine Herren. während ich mit Theo in das Zimmer ging. in dem es nach dem Leder der schweren Sessel roch. »Was soll das heißen. daß Mr. Unter diesen Umständen können im Rahmen des Gesetzes verschiedene Schritte unternommen werden – « »Was soll das heißen. mein Vater hat kein Testament hinterlassen?« »Eben das. Horton war ein Mann. begann er ruhig und sachlich zu sprechen.Colin begleitete seine Schwester. es ist meine Pflicht. Theodore Pemberton und Mr. Henry Pemberton kein Testament hinterlassen hat. Colin Pemberton. kahlem Kopf und schmalen kleinen Augen. der von höflichem Geplauder nichts hielt. wo die Geschäfte der Firma Pemberton erledigt wurden. aber ich merkte bald. ganz mit dunklen Möbeln eingerichtet. die vor ihm lagen. Anna war schon da. Sie sah blaß aus. daß die äußerliche Unscheinbarkeit durch einen scharfen Geist mehr als ausgeglichen wurde. Sir«. unterbrach Theo plötzlich so heftig. schmächtiger Mann. Es war. zweifellos der Ort. nicht unähnlich der Bibliothek. Mr. das ich noch nicht kannte. in einem schwarzen Seidenkleid und mit einem schwarzen Schleier über dem Haar. Im Unterschied zur Bibliothek jedoch stand hier ein großer Mahagonischreibtisch mit vielen Fächern und Schubladen. daß wir alle zusammenfuhren. mit glänzendem. die Augen auf die Papiere gerichtet. Pemberton.

Anna hielt geistesabwesend die rotgeränderten Augen auf den Teppich gerichtet. was bisher gesprochen worden war. Henry Pemberton. für die Situation. setzte sich langsam wieder. »Das Gesetz hat für solche Fälle Vorsorge getroffen. das habe ich schon verstanden. vorgesorgt hat. daß. für den Fall. wobei Theo im Gegensatz zu Colin angespannt und verkrampft wirkte. er hat es sicher in den Safe gelegt. die jetzt eingetreten ist. daß er eines gemacht hat. daß das Testament Ihres Großvaters eine Klausel enthält.« »Bei mir hat er es nicht hinterlegt. in einem solchen Fall unternehmen kann?« fragte er ruhiger. Horton ungeteilte Aufmerksamkeit. die man. »Die betreffende Klausel im Testament Ihres Großvaters bestimmt. als der Vorgänger Ihres Vaters. Es ist kein Testament vorhanden. Ja. Ihr Großvater also. daß Ihr Vater kein Testament hinterlassen sollte. daß Ihr Vater. Martha strickte. ohne den Kopf von den klappernden Nadeln zu heben. Aber ich möchte wissen. die den Nachlaß regelt für den Fall. Sir. natürlich. um die Erbberechtigten zu schützen.« »Und Sie haben eine Abschrift dieses Testaments?« »Selbstverständlich. der halb von seinem Stuhl aufgestanden war.« Theo. wieso er kein Testament hinterlassen hat. Pemberton. Unser Fall jedoch ist insofern etwas anders gelagert. Horton raschelte bedeutsam mit den Papieren. musterte ich noch einmal meine Verwandten.« »Da haben wir nachgesehen.« »Dann muß es im Safe liegen. »Was sind das dann für Schritte. Während wir warteten. wie Sie eben sagten. und ich betreue nun die Angelegenheiten Ihrer Familie seit zwölf Jahren. obwohl er ihren Inhalt gewiß auswendig wußte. Sir. Das weiß ich ganz genau. . gehört hatte. daß sie auch nur ein Wort von dem. Damit will ich sagen. Nur Colin und Theo zollten Mr. Ich weiß. Ich bezweifelte. Mr.»Ja.« Mr.

daß Ihr Vater sterben würde. versicherte Horton unerschrocken. das gesamte Vermögen samt allen Ländereien und Gebäuden sowie das Geschäftsunternehmen an seinen Enkel – « Theo beugte sich vor – » – Colin Pemberton fallen soll. »Wenn Sie nicht davon wußten. »Du hast es die ganze Zeit gewußt. Aber glaub ja nicht. während er das Papier überflog.« »Es ist völlig rechtmäßig.« »Sir John scheint sehr wohl daran gedacht zu haben«. Zweifellos waren ihm derartige Ausbrüche von anderen Testamentseröffnungen her bekannt. ohne ein Testament gemacht zu haben. Horton.« Theo las einen Moment schweigend. Mit einer blitzschnellen Bewegung riß er dem Anwalt das Testament aus der Hand. meinen Großvater gegen uns aufgehetzt. weil niemand es für nötig hielt. daß es völlig in Ordnung ist. Da sehen Sie das Datum und darunter mein Siegel. »Davon haben wir nichts gewußt. dann legte er das Dokument auf den Schreibtisch zurück. Der Blick. »Das ist unmöglich!« rief Theo erneut und beugte sich drohend über Mr. war voller Haß.« . es Ihnen vorzulesen. daß ich davon nichts wußte. Keiner dachte ja daran. den er auf Colin richtete. »Bitte. daß du damit durchkommst. Colins Gesicht wurde bleich. während wir weg waren. Du hast das getan. fauchte Theo. sehen Sie es sich nur an.bei seinem Tod kein Testament hinterlassen sollte.« Colin erhob sich. dann nur. Mühsam die Fassung bewahrend sagte er: »Ich versichere Ihnen. »Du – du hinterhältiger Schurke«. Sir. Mr. Sir. Sonst zeigte er keine Regung.« »Das ist nicht möglich!« rief Theo und sprang auf. Pemberton«. zischte er mit zusammengebissenen Zähnen. Ich kann Ihnen versichern.

»Bei der Eröffnung seines Testaments vor zehn Jahren habt ihr alle gehört. Nun ist es so gekommen. Mit ihren knochigen Händen umfaßte sie energisch die Armlehnen ihres Sessels und richtete sich unsicher auf. was sie selber dachte. Nun.»Ach was! Natürlich wußtest du es!« schrie Theo ihn an. Wir drehten uns alle dem Kamin zu und sahen zum erstenmal. und so war es ja auch. so mißlang er. sein Nachfolger werden sollte. daß eine sechste Person sich im Zimmer befand. Das schwarze Seidenkleid hing viel zu groß an ihrem Körper. Ihre Stimme war ohne . die die Erbfolge regeln sollte für den Fall. hatte meine Großmutter alles mitangehört. Mein Mann ist ihm zum Opfer gefallen. Immer schon wollte er Colin als seinen Erben. »Mr. nicht Henrys. Das schlohweiße Haar stand in hartem Kontrast zu den zornig blitzenden schwarzen Augen. Aber er hatte in meinem Beisein eine Klausel angefügt. daß Henry ohne Testament sterben sollte – er wußte. Allein durch ihre Anwesenheit gelang es ihr jetzt. dem Streit zwischen Theo und Colin ein Ende zu machen. Sie war groß und mager. unser Mitgefühl zu wecken. Immer schon war es der Wunsch meines Mannes. Und auch meine beiden noch lebenden Enkel werden ihm zum Opfer fallen. sie zeigte es nicht. sagte sie kalt.« Wenn dies ein Versuch war. daß Richards Sohn. Ob sie nun die Wahl ihres verstorbenen Mannes guthieß oder nicht. »Ein Fluch lastet auf unserer Familie. gerissener – « »Das reicht!« unterbrach ihn plötzlich eine scharfe Stimme. »Du hinterhältiger. Horton spricht die Wahrheit«. der mit dem Rücken zu uns stand. In einem tiefen Lehnstuhl verborgen. Meine drei Söhne sind ihm zum Opfer gefallen.« Ihre Stimme verriet nichts darüber. daß er das gesamte Vermögen seinem einzigen überlebenden Sohn Henry vermacht hatte. wie plötzlich der Tod zu den Pembertons kommt.

»Das ist alles. seine Angelegenheiten zu regeln.« Marthas Nadeln standen einen Augenblick still. Wir haben eine rechtlich gültige Regelung. den sie selbst wünschen. solange sie unter diesem Dach leben. Wie dem auch sei. Horton?« Er räusperte sich. vielleicht ein Versehen. Gibt es sonst noch Fragen?« . ein Testament zu machen. ohne eine Veränderung in Miene oder Haltung. Wie ich schon sagte. in unserem besonderen Fall jedoch ist das nicht notwendig. Statt dessen war ich zutiefst verwundert über ihre eisige Ruhe. War das Zorn in ihnen? Haß? Oder war es vielleicht Triumph? Dann wandte sich meine Großmutter dem Anwalt zu. daß jemand diese Dinge bis zur letzten Minute aufschiebt und ihm das Schicksal dann keine Zeit mehr läßt.Wärme. und plötzlich herrschte für einen Augenblick erdrückendes Schweigen. Das heißt. begann sie wieder zu stricken. Eine Abschrift des Testaments liegt hier zu Ihrer Einsichtnahme aus. im allgemeinen werden dann solche Fälle vor Gericht verhandelt. Wenn Mr. es ist nichts Ungewöhnliches. Vielleicht war es Nachlässigkeit. ihre unbeugsame Härte unmittelbar nach dem Verlust ihres letzten Sohnes. »Wir werden Sir Johns letzten Wunsch achten«. »Mr. für sie wird immer in dem Rahmen gesorgt sein. werde ich ihn über alle Einzelheiten unterrichten. meine Damen und Herren. so zeigte sie es nicht.« Nach einer kurzen Pause fuhr er fort: »Sir John Pemberton hat auch für die weiblichen Mitglieder der Familie Vorsorge getroffen. daß keiner Mitleid empfinden konnte. »Aus uns unbekanntem Grund versäumte es Henry Pemberton. fuhr sie in gebieterischem Ton fort. Dann. so steht ihnen keinerlei Unterstützung oder finanzielle Abfindung zu. und ihre schwarzen Augen richteten sich auf Colin. Colin Pemberton im Laufe der nächsten Woche in meiner Kanzlei vorsprechen möchte. Wenn sie trauerte. Sollten sie Pemberton Hurst verlassen. ihr Gesicht so regungslos.

»Und ich sage dir. Und ich werde verhindern. Es gibt schließlich das Erbrecht des Erstgeborenen. Colin Pemberton. Imposant wirkte er gewiß nicht. schrie Theodore wütend. bei Colin die Empörung. behauptete Theo. dem neuen Herrn auf Pemberton Hurst.»Nein«.« Theos Augen funkelten vor Wut. Ich stand auf. Horton weiß offensichtlich nichts davon – « »Nein. »Darüber zu entscheiden. Horton. als sie an mir vorüberkam. zufiel. »Nun. Mich darfst du danach nicht fragen. obliegt Mr. denke ich. Mr. daß er es jemals wird. sein Gesicht war hochrot. feststellen – « »Ich stelle fest. Horton. die Adern an seinem Hals standen wie Stränge heraus.« Jetzt stand Horton auf. und ich – « »Verzeihen Sie. Colin. es gibt Mittel und Wege«. aber in diesem Fall werden Sie. Sie maß uns alle noch einmal mit kaltem Blick. ich weiß in der Tat nichts von einem Testament von Henry Pembertons Hand«. »Das kann sein. Nur Anna blieb sitzen – es war. und auch Martha raffte ihre Sachen zusammen und erhob sich. »Noch ist er nicht der Herr hier. Colin und Theo sahen einander zornig an.« . Pemberton. als hätte sie von allem überhaupt nichts bemerkt. bestätigte Mr. es war ein Testament da«. Wir bedürfen Ihrer Dienste jetzt nicht mehr. blieb gespannte Stille zurück. »Ich werde mir einen eigenen Anwalt nehmen und diese Sache vor Gericht bringen. Sir. die meine Großmutter begleitete. antwortete meine Großmutter stellvertretend für alle. Mr. Bei Theo überwog der Haß. daß Sie Ihre Pflicht hier getan haben. dann wandte sie sich um und ging aus dem Zimmer. Als die schwere Eichentür hinter Gertrude. aber die Schärfe seiner Augen mahnte zur Vorsicht. Mr.

Es bedrückte mich. so sehr waren sie in ihre hitzige Auseinandersetzung verstrickt. mein Bester. doch ich verspürte weder die Neigung noch hatte ich den Mut mich einzumischen. Der Regen schlug an meine Fenster. begann Colin blaß und beschwichtigend. jetzt hör doch mal«. Die Gaslampen spendeten nur trübes Licht. Colin Pemberton. den Fieberwahn. Noch nicht!« Mein Kopf begann plötzlich wieder zu schmerzen. Ich nahm etwas Laudanum. kaum die Dunkelheit erhellend. Und an diesem schrecklichen Streit zwischen Colin und Theo. die Leibschmerzen.»Aber Theo. um die Schmerzen endlich loszuwerden. den ich zum Abendessen getrunken hatte. Bevor . die mich von allen Seiten umgab. Ich dachte an die entsetzlichen Qualen. in denen der Wahnsinn sich spiegelte. Müde stand ich auf. sie so im Streit zu sehen. Nach einer Weile begann die Arznei zu wirken. Mein Kopf wurde freier. streckte ich mich auf dem Sofa vor dem wärmenden Feuer aus. die Schüttelkrämpfe. die er vor seinem Tod hatte durchleiden müssen – die peinigenden Kopfschmerzen. reagierten die beiden Männer gar nicht. der höhnisch verzerrte Mund. die Übelkeit. Endlich in meinem Zimmer. Als ich mich entschuldigte. Der Weg hinauf zu meinem Zimmer erschien mir endlos. Meine Kopfschmerzen wurden immer schlimmer und Übelkeit stieg in mir auf. Es war einfach zuviel. Es mußte am vielen Wein liegen. das Erbrechen. mehr als sonst. wie das von Laudanum bewirkte Gefühl leichter Euphorie von mir Besitz ergriff. Und ich fragte mich. wann meine Zeit kommen würde. »Ich wußte wirklich nicht – « »Du. kleidete mich aus und schlüpfte in mein Bett. Vor mir sah ich das Gesicht meines Onkels wie es in der vergangenen Nacht gewesen war: Die wilden Augen. bist ein heimtückischer kleiner – « »Ich lasse mich in meinem eigenen Haus nicht beleidigen!« »Noch ist es nicht dein Haus. und ich spürte.

aber damals habe ich noch studiert. der flüchtige Traum wieder einfallen würde. nicht wahr?‹ hatte ich Dr. Ich schlug nun doch das letzte Kapitel des Buches auf und überflog den Text. Ich las noch einmal den ganzen Text und stellte fest. ›Sie haben doch das Buch von Thomas Willis gelesen.« Ich blätterte um zur entscheidenden Seite. Und da sah ich es plötzlich. Dr. in der Hoffnung. Gleich im ersten Satz. Das Wort Fieber war hier anders geschrieben als auf den Seiten vorher. daß mir. kehrte zum Beginn zurück und begann noch einmal zu lesen. ›Da wir nunmehr die Natur der Seuche aufgezeigt haben… vor allem solche Fiberkrankheiten. Young gefragt. das ich drei Tage zuvor mit Dr.ich einschlief. die man als seuchenartig und heimtückisch bezeichnet… werden als seuchenartiges Fiber bezeichnet…‹ Was war es nur. daß in der ganzen Passage über die sogenannte Pember Town Krankheit das Wort Fieber ohne ie geschrieben war. Youngs Worte fielen mir ein. das mich nicht losließ? Irgend etwas an dem Buch war mir als sonderbar aufgefallen. langer Zeit niedergeschrieben hatte. verblüffende anatomische Diagramme und eine eigenwillige Orthographie. nahm ich Thomas Willis’ Buch vom Nachttisch und legte es ungeöffnet auf meine Bettdecke. den Thomas Willis vor langer. und ich hatte es nur in einem Traum erkannt. Doch anstelle des Traums kam mir eine andere Erinnerung – an das Gespräch. . wenn ich es nur lange genug ansah. »Bei Thomas Willis erinnere ich mich an endlos lange Sätze. daß ich der Antwort sehr nahe war.‹ Ich war sehr schläfrig. ›Als dieses Fieber das erstemal auftrat…‹ Ich las die ganze Seite bis zum Ende. Und er hatte geantwortet: ›Thomas Willis? Ja. Young geführt hatte. aber ich spürte.

daß sich das langsam änderte. und auch am Klavier hielt es mich nicht lange. Selbst dem Begräbnis meiner Mutter hatte ich nicht beigewohnt. überlegte ich mir. Sie jedenfalls nahm an Henrys Beerdigung teil. Während ich jetzt allerdings auf die anders geschriebenen Wörter starrte und an den Traum dachte. zu gehen. sorgten dafür. Martha vor allem. daß sie weniger aus gesellschaftlicher Rebellion handelte. doch ich konnte mich nicht auf die fremden Schicksale konzentrieren. weil sie das feuchte Wetter scheute. ich. die selbstbewußter waren. der an die Fensterscheiben trommelte. Jetzt erinnerte ich mich. daß ich trotz allem das Buch morgen einmal Dr. hatten Begräbnissen nicht beizuwohnen.Darum war es in meinem Traum gegangen. Es ließ mich nicht los. Während ich mit offenen Augen dalag und dem Regen lauschte. Ich glaubte allerdings. ihrem verstorbenen Mann bis zum letzten Moment nahe zu sein. Im Traum war mir diese Unregelmäßigkeit aufgefallen und hatte mich stutzig gemacht. Danach versuchte ich eine Weile zu lesen. als vielmehr aus einem tiefen Bedürfnis heraus. verstand ich nicht. Ich legte das Buch wieder auf meinen Nachttisch und blies die Lampe aus. so wollte es die Sitte. während Martha und ich zu Hause blieben. weil ich es sehr ungehörig gefunden hätte. Young zeigen wollte. doch moderne Frauen. sondern hatte in der Stille meines Zimmers um sie getrauert. Anna fuhr also mit ihrem Sohn und Colin im Vierspänner zur Stadt. völlig belanglos . Zu meiner Überraschung erwies sich auch Anna als eine solche Frau. denen ich aber gleich mit einer Dosis Laudanum beikam. während Martha und ich zurück blieben. daß das. Nach dem Frühstück verspürte ich leichte Kopfschmerzen. Immer noch beschäftigte mich Thomas Willis’ Buch. obwohl ich mir sagte. Damen der guten Gesellschaft. weshalb mich das so bewegt hatte. was ich entdeckt hatte.

Nach zweistündigem Marsch durch Wiesen und Felder war man dort. aber das hätte vielleicht zu Fragen Anlaß gegeben. wo Dr. ebenfalls ein gutes Zeichen. Aber nun wurde mir doch etwas beklommen zumute. der Mann war schließlich Arzt. sie lenkten mich beim Lesen ab. sagte ich . daß der Doktor vermutlich anwesend war. und aus einem mir selbst unerklärlichen Grund hielt ich es für besser. Ich hätte gern den Einspänner genommen. sie beschäftigten mich. daß ich als junge Dame aus gutem Haus ohne Begleitung einen alleinstehenden Herrn aufsuchen wollte. Ich beschloß. und die Füße wurden mir recht schwer. um nicht umzukehren. genoß großes Ansehen. Der Eichenhof.war. Young wohnte. Grauer Rauch stieg aus dem Kamin zum bewölkten Himmel auf. mein Unternehmen geheimzuhalten. als ich den aufgeweichten Weg entlangging. während ich am Klavier saß und nach Noten suchte. war viele Jahre älter als ich und hatte gewiß eine Haushälterin. daß in den vorderen Fenstern des Bauernhauses Licht brannte. Erstens. während ich in meinem Zimmer ein leichtes Mittagessen einnahm. Es war mir ein wenig unbehaglich angesichts der Tatsache. Ich mußte meine ganze Entschlossenheit zusammennehmen. tröstete ich mich. Als ich näherkam. meinen gewohnten Spaziergang zu machen. Um ein Uhr waren die drei immer noch nicht von der Beerdigung zurück. nachdem er Frau und Kinder bei einer Scharlachepidemie verloren hatte. Aber diesmal sollte er mich direkt zum Eichenhof führen. Aber. den sein früherer Eigentümer vor sechs Jahren verkauft hatte. war nicht schwer zu finden. ein Zeichen. Mit Thomas Willis’ gelehrtem Werk fest unter dem Arm marschierte ich los. Die Gedanken an das Buch verfolgten mich. sah ich.

mir. Young. es ist Teezeit. Ja. »Hallo. hängte beides auf und erkundigte sich freundlich nach meinem Befinden.« Die Haushälterin trat widerstrebend zur Seite. Young Thomas Willis’ Buch zeigen. »Sind Sie krank?« fragte sie. Zu meiner großen Erleichterung öffnete mir auf mein Klopfen eine handfeste ältere Frau mit einer fleckigen Schürze um den runden Bauch und einem Häubchen auf dem grauen Haar. und zweitens wollte ich Dr. Ich komme von Pemberton Hurst und – « Sie machte ein so erschrockenes Gesicht. rettete mich schließlich vor weiterem Verhör. daß ich allein gekommen war. Finnegan. Das ist aber eine Überraschung. »Ich habe wieder einmal Kopfschmerzen und kein Laudanum mehr. Young zu Hause?« fragte ich ein zweites Mal. Wir sind miteinander bekannt. Sie warf einen Blick auf meinen Bauch. mich einfach vor der Tür stehen lassend. »Erwartet er Sie?« »Nein. über das man sich so viele Geschichten erzählte.« . der unversehens hinter der Haushälterin auftauchte. Dr. brauchte ich Laudanum – die Kopfschmerzen plagten mich schon wieder. als sie endlich ging. daß ich abbrach. das glaube ich nicht. vermutlich um festzustellen. als sie sah. Sie begutachtete mich mit unverhohlener Verwunderung. ob ich schwanger sei. Young nahm mir Cape und Hut ab. »Nein. Würden Sie uns den Tee bitte in den Salon bringen?« Ich war froh. beäugte mich aber weiterhin mit Argwohn. Miss Pemberton. ich kam aus diesem Haus. Treten Sie doch ein. Ist Dr. »Mrs. Was hatte diese Frau nur über uns gehört? Dr.

habe ich ihm sofort geschrieben. »Jetzt verstehe ich. Doktor.« Er setzte sich mir gegenüber und beugte sich über den Tisch. »Nun.« Ich blätterte bis zu der angemerkten Stelle. Ich hatte noch keine Zeit nachzusehen.« Er führte mich aus der kleinen Empfangshalle in ein sehr gemütliches Wohnzimmer. Unten im Keller ist mein Laboratorium. Miss Pemberton.« Lachend setzte ich mich nieder. Ah ja. Dr.« Er betrachtete das Porträt. Willis persönlich. Erst Onkel Henrys Tod.« »Mir kommt es nur auf eine Seite in dem Buch an. Würden Sie sich die einmal ansehen? Es dauert nicht lange. »Ja. während er las. Cadwalladers Ausgabe der gesammelten Werke von Thomas Willis. »Ich freue mich sehr. Es dauerte nicht lange. Doktor. heute die Beerdigung und dazu dieses schreckliche Wetter…« »Ja. Young hatte mir augenblicklich alles Unbehagen genommen. Miss Pemberton.« Er betrachtete mich mit einiger Besorgnis. sagte er und wies auf eine Verbindungstür. nur weil man räumlich getrennt ist. das verspreche ich. »Es sind die Umstände. Nachdem ich gestern nach Hause gekommen war. Man sollte nicht die Verbindung zueinander verlieren. ich bin sicher. daß Sie gekommen sind. nach Jahren des Schweigens wieder von meinem alten Freund Oliver Harrad zu hören. wo ich nach Mrs. »Dort drüben«. schob ihm das Buch wieder hin und wartete gespannt. dann werde ich sie wohl lesen müssen. Sie haben mir ein Buch mitgebracht. Young wieder auf. Finnegans Meinung mit dem Teufel Hand in Hand arbeite. das Gesicht sehr ernst.« Er lächelte. wo ich das Buch abgelegt habe. »sind mein Sprechzimmer und mein Behandlungsraum. Und da haben wir ja Mr. dann gestern abend die Testamentseröffnung. daß ich das Buch auch irgendwo habe. warum . da sah Dr. »Ich sehe. natürlich. Es war mir eine solche Freude.»Ah ja.

die argwöhnische Haushälterin mit einem liebenswürdigen Lächeln zu gewinnen. Young sah mich etwas verblüfft an. sagte ich. Das ist höchst interessant. Ich bin beeindruckt. Finden Sie das nicht auffallend?« Dr. Wahrscheinlich ist es vollkommen überflüssig. daß ich mir das ansehe. »Ich sagte Ihnen ja. Miss Pemberton. Hier ist der Beweis für den Pemberton Tumor. »hier schreibt er das Wort Fieber ohne e. so weit ich gelesen habe. Doktor?« »Noch etwas? Nein. Ich muß es erst heraussuchen – ah. aber hier auf dieser Seite versehentlich einen Stilbruch begangen und die richtige Schreibung eingesetzt. und so ist es. Sie werden nur einen Moment Geduld haben müssen. Dr. Es ist wie eine Vorahnung. Was ist. Aber hier – « ich blätterte wieder um und zeigte auf die entscheidenden Stellen – »ist das Wort Fieber mit ie geschrieben. wenn Sie das möchten. das scheint Sie nicht zufriedenzustellen?« »Ich weiß nicht. »Aber sicher. noch dazu dokumentiert von einem der geachtetsten Wissenschaftler der Geschichte der Medizin. ich kann es nicht genau sagen. auch vorn im Inhaltsverzeichnis. So etwas kommt vor. es kann Ihnen ja nicht aufgefallen sein. ich zeige es Ihnen. »Natürlich. Warten Sie. im ganzen Buch. aber könnten wir uns nicht Ihr Buch einmal ansehen?« Er zog die Brauen hoch. daß mir von Thomas Willis vor allem seine eigenwillige Rechtschreibung im Gedächtnis geblieben ist. Das kann am Drucker gelegen haben. Finnegan mit dem Tee.« Ich bemühte mich. Beim Abdruck seines Werks hat man wohl das falsch geschriebene Fieber übernommen.« »Ist Ihnen sonst noch etwas aufgefallen. Young.Sie es für wichtig hielten.« Ich griff nach dem Buch und blätterte eine Seite zurück. da kommt Mrs. »Schauen Sie«. aber sie blieb streng .« Ich schlug mir an die Stirn.

« »Wie bitte?« Dr. Young?« »Ich finde es nur höchst überraschend. Young stellte seine Tasse nieder und starrte mich verblüfft an. »Ach. Sir John. »Unbegreiflich fast. bot mir Biskuits an. und Theo bekommt gar nichts. daß mein Onkel kein Testament hinterlassen hat. plauderte mit mir. Horton. als der älteste Enkel. wenn man bedenkt. Dr. »Was sagten Sie da eigentlich vorhin von einer Testamentseröffnung. gestern abend kam Mr. Oh. hätte die Angelegenheit vor Gericht geregelt werden müssen. und Sie können sich nicht vorstellen. ich verstehe. wenn Sie erlebt hätten. Sonst.« »Ah. und ich lehnte mich in meinem Sessel zurück. hätte wahrscheinlich auch bedacht werden müssen. Für diesen Fall hatte jedoch mein Großvater. Dr. Miss Pemberton?« fragte Dr. Young interessiert. Theo.und unzugänglich. Sir John hatte Vorsorge getroffen. was für eine Aufregung es daraufhin gab. in seinem Testament eine Klausel eingesetzt. sagte Mr. Horton. die das Erbe regelte.« Er nahm wieder seine Tasse und trank einen Schluck. Er hat nämlich alles Colin vermacht.« »Ja. Colin hat geerbt? Er ist Alleinerbe?« »Ja. genoß die Wärme des Feuers. wie außer sich Theo war…« Ich sah den merkwürdigen Ausdruck auf seinem Gesicht und fragte: »Ist etwas. Young schenkte mir galant den Tee ein. Nun ja. »Sagten Sie. Ich würde mir von ihr diesen gemütlichen Nachmittag nicht verderben lassen. Doktor?« .« »Wenn man was bedenkt. der Anwalt der Familie. und teilte uns mit. die Freundlichkeit meines Gastgebers und vergaß für eine Weile sogar Thomas Willis’ Buch. aber Sir John scheint Colin für den Geeigneteren gehalten zu haben.

Doktor. Einige Monate nach der Hochzeit wurde Dr. wie war doch gleich der Name?« »Woher wissen Sie das alles. »Die Nachricht scheint Sie sehr getroffen zu haben. warum Colin keine Ähnlichkeit mit uns anderen hatte. Wieso nimmt Sie das so mit?« . Das war Colin. Miss Pemberton. weil die junge Mrs. ich war ganz in Gedanken. der Geburt nach stammt er jedoch aus einer anderen Familie. sondern auch ein Mann. Es stellte sich heraus. Gerade zwei Jahre alt. daß Colin gar kein Pemberton ist. darunter auch alle Daten über die Pembertons. daß er kein Pemberton war und deshalb nicht vom schrecklichen Erbe der Familie bedroht? Ich begriff jetzt. Warum hatte Colin mir nie erzählt. »Oh.« Ja. Richard adoptierte den Jungen. verzeihen Sie. Young berichtete weiter. der akribische Aufzeichnungen. Pemberton sich unwohl fühlte. »Miss Pemberton?« Ich blickte verwirrt auf. Wenn ich mich recht erinnerte.»Wenn man bedenkt. tausend Gedanken waren mir durch den Kopf gegangen. »Was?« »Wußten Sie das nicht? Ihr Onkel Richard heiratete Colins Mutter.« Ich war fassungslos. Und jetzt war mir auch klar. er ist also von Rechts wegen ein Pemberton. als er von Sir Johns Regelung des Erbes erfahren hatte. warum Theo so erbittert gewesen war. Sie sind ganz blaß. aber ich hörte nicht mehr zu. machte. heiratete der Bruder Ihres Vaters im Jahr 1825 eine Witwe mit einem kleinen Sohn. Gott. Smythe ins Haus gerufen. Mir liegen die Geschichten sämtlicher Familien im Umkreis von zwanzig Meilen vor. Doktor?« »Dr. Smythe war nicht nur ein guter Arzt. Im selben Jahr wurde Martha geboren…« Dr. daß sie ein Kind erwartete. glaube ich. als dieser noch sehr klein war.

Ich bin nur sehr überrascht. daß er unser Schicksal nicht teilte… »Augenblick mal«. »Da haben wir es schon. daß Colin nicht einer von uns war. das ist richtig. hörte ich Dr. Dr.« Aus dem Augenwinkel sah ich die weißen Seiten flattern. Ich brauchte Zeit. einer Lüge gleichkommt. doch vor mir sah ich nur Colins Gesicht.« »Nein. Wobei mir einfällt – « Dr. Young. Young leerte seine Tasse und stand auf – »wollen wir uns jetzt einmal meine Ausgabe von Cadwalladers Buch ansehen?« Mit seinem Gespür für andere hatte er gesehen. mich abzulenken. Miss Pemberton. hätte ich am liebsten geschrien. es ist etwas anderes. ein Blutsverwandter. Das war Seite…« Er warf einen Blick in mein Buch und blätterte dann in seinem. diesmal neben mich. Ach nein. wie erschüttert ich war. Und er braucht den Tumor natürlich nicht zu fürchten. stimmt nicht. Eigentlich hätte ich froh und glücklich sein müssen. Ich war ihm dankbar dafür.Weil ich Colin liebe. »Es – es nimmt mich nicht mit. Ich riß mich aus meinen Gedanken. »Haben Sie in Ihrem Buch die gleichen Fehler?« »Nein. Falsche Seite.« .« »Wie bitte?« Ich beugte mich über den Tisch. als er sich wieder zu mir setzte. was vor der Passage über die Pemberton Krankheit steht. und weil die Tatsache. Aber dem ist nicht so. aber der Text ist ein anderer. Nehmen Sie Ihr Buch. und lesen Sie mir vor. »So. Ich dachte Colin sei mein Vetter. Young murmeln. »Was ist das denn? Die Seitenzahlen stimmen überein. um mich an den Gedanken zu gewöhnen. Jedenfalls schien es mir so. Dr. schauen wir einmal. und das Buch auf den Tisch legte. daß er mir nichts gesagt hat. und versuchte nun. Young blieb nicht lange weg.

« »Ich auch nicht. Miss Pemberton?« Dr. »Aber die Seitenzahlen stimmen doch überein«.« Ich nahm das Buch zur Hand und las: »›Es gibt jedoch noch eine andere Fiberkrankheit.»Gut. Young und schob mir wortlos sein eigenes Buch hin. daß es das Gehirnfieber gar nicht gibt? Daß der Tumor eine Erfindung ist?« . zeigte sich. sagte ich verwirrt. sie ist nämlich nicht seuchenartiger Natur – ‹« »Gut. drehte es um und sah sich genau an. Würden Sie mir bitte einmal Ihr Buch geben.« »Aber was soll das? Ich verstehe das nicht?« »Jemand hat die Seiten in diesem Buch ausgetauscht. die in ihren Symptomen von der Pest abweicht. um die Behauptung der Pemberton Krankheit zu untermauern. Plötzlich blickte er auf. um die Seiten zu vergleichen. Das stimmt überein. Es enthielt einen ganz anderen Text. wie es gebunden war. Young nahm mein Buch vom Tisch. die bei mir noch vorhanden ist. Der Originaltext geht dann auf der nächsten Seite weiter. Sehen Sie? Man hat die Originalseite. »Das verstehe ich nicht. »Was ist da passiert? Ich verstehe das nicht.« Dr. Young legte beide Bücher aufgeschlagen nebeneinander. »Soll das heißen. Nur mein Buch enthielt die Passage über den Pemberton Tumor. Jetzt lesen Sie auf der nächsten Seite weiter.« »Ist das wahr?« rief ich.« »Als dieses Fieber das erstemal auftrat. daß es nicht zu heilen ist und unweigerlich zum Tode führt. Die Geschichte beweist – « »Halt!« sagte Dr. »Da haben wir es!« »Was denn?« »Die Seite hier gehört gar nicht hinein. vorsichtig entfernt und durch eine andere ersetzt.

Ich bin nur völlig durcheinander. daß das mit dem Wort Fieber passiert ist. unerschütterliche Grundlage geben und suchte sich als Mittel dazu Thomas Willis’ Buch aus. Da gibt es für mich keinen Zweifel. es scheint.« »Dr. Thomas Willis hat jedenfalls nie darüber geschrieben. Es war ebenso offensichtlich. Aber warum die ganze Mühe? »Nein.« »Warum?« Meine Stimme klang gepreßt. erkennt man. daß die Pemberton Krankheit aus irgendeinem Grund von jemandem erfunden wurde. Mit anderen Worten. der sehr aufs Detail achtete. werden wir es noch genauer erkennen. da ich wußte.« . war ein Künstler oder zumindest ein Mensch. Young – « »Schauen Sie. »Was würden Sie vermuten. Und wenn wir uns das unter meinem Mikroskop anschauen. Beweise dafür zu erdichten. der Druck ist identisch. die alle Welt überzeugen mußten. daß sie mit großer Sorgfalt eingeheftet worden war. Willis’ Stil ist beibehalten. Miss Pemberton. Miss Pemberton? Denken Sie in die gleiche Richtung wie ich?« Mein Blick wanderte zwischen den beiden Büchern hin und her. abgesehen von dem Versehen. Doktor. warum die Seiten ausgetauscht wurden. Aber was mich vor allem an der Sache interessiert.»Nun. Diese Abhandlung ist. daß die Seite mit der Abhandlung über die Krankheit der Pembertons eine Fälschung war. der dann keine Mühe scheute. worauf ich zu achten hatte. daß diese Seite nachträglich eingeheftet wurde. Derjenige. eine hervorragende Fälschung.« »Ich muß zugeben. der diese Seite ausgetauscht hat. um als echt zu erscheinen. ich habe überhaupt keine Erklärung. war offensichtlich. ist die Frage. wenn man genau hinsieht. Irgendwer wollte der Geschichte von der Erbkrankheit eine feste. Jetzt. mir geht es ähnlich. selbst das Papier scheint das gleiche zu sein.

was er jetzt dort unten in seinem geheimnisvollen Laboratorium tat. aber mir wurde die Zeit nicht lang. Young erschrocken an. »Woran ist denn mein Onkel Henry gestorben?« »Miss Pemberton«. Ich liebte ihn immer noch. als er hinausging. Ich möchte in meinem Laboratorium eine Untersuchung vornehmen. Young und legte mir leicht die Hand auf den Arm. »Gestatten Sie mir. obwohl er mir nicht die Wahrheit über sich gesagt hatte.»Aber das ist doch unmöglich! Wenn Ihre Theorie zutrifft.« »Ja. ich würde sie bedingungslos annehmen dürfen. natürlich. den ich liebte. und das Feuer mußte in der folgenden Stunde mehrmals von Mrs. falls sich als wahr herausstellen sollte. so werden Sie weiterhin an die Existenz des Tumors glauben müssen. Sollte ich mich geirrt haben. Finnegan läuten. trotz seiner Launen und seiner unberechenbaren Stimmungen. sonst… Als Dr. Der Regen war stärker geworden. und es gar keinen Tumor gibt. daß ich Sie ein Weilchen allein lasse. Ich sah ihm an. Ganz gleich. Ich war in Gedanken bei Colin. fuhr ich zusammen und bekam . welche Antwort er mir zurückbringen würde. Finnegan geschürt werden. sagte Dr. Sind Sie damit einverstanden? Ich bleibe nicht lange weg. aber – « »Ich werde Ihnen nachher alles erklären.« Stocksteif saß ich da und sah ihm nach. was ich vermute. ganz gleich. Ist Ihnen das recht?« »Ja. mein Großonkel und mein Großvater gestorben?« Ich hielt einen Moment inne und sah Dr. und Sie können jederzeit Mrs. Ich mußte ihm jetzt vertrauen. Young zur Tür hereinkam. daß er die gleichen Gedanken hatte wie ich. woran sind dann mein Vater. wenn Sie etwas brauchen. Er mußte einen guten Grund dafür gehabt haben.

ich – « Er kam durch das Zimmer auf mich zu und nahm meine Hände. um die notwendigen Untersuchungen und Versuche durchführen zu können. Und auf seiner Weste waren zu allem Überfluß auch noch undefinierbare Flecken. Mit meinen Chemikalien – ach. Aber noch mehr als sein Aussehen erschreckte mich der Ausdruck seines Gesichts. begann er. es ist ein kompliziertes Verfahren. gute Geräte. Er ließ meine Hände nicht los. »Miss Pemberton. Bei meiner Forschungsarbeit brauche ich insbesondere menschliches Blut. begann er stockend. Ich sprang auf. der mich empfangen und bewirtet hatte. Im Rahmen des neuen Post Mortem-Gesetzes kann ich mir zwar aus den Londoner Krankenhäusern Blut liefern . daß man zu solcher Arbeit ein Laboratorium. um in Ruhe meiner Forschungsarbeit nachgehen zu können.beinahe einen Schrecken bei seinem Anblick. Es ist nicht einfach.« »Was ist denn?« »Bitte. Es verriet unverkennbar tiefes Entsetzen. bitte setzen Sie sich. bestimmte Chemikalien und gewisse – andere Substanzen braucht. auf diesem Weg der Ursache und dem Wesen bestimmter Leiden auf die Spur zu kommen. Er hatte den grauen Gehrock abgelegt und stand in Hemdsärmeln. kann ich vielleicht ein Heilmittel entwickeln. vor mir.« Wir setzten uns beide auf das Sofa. Denn erst wenn diese mir bekannt sind. »Miss Pemberton«. weil ich hoffe. daß Sie über wissenschaftliche Forschung nicht viel wissen. »Wie Sie wissen«. die für meine Untersuchungen nötigen Blutproben zu bekommen. Miss Pemberton. lassen Sie mich darum nur sagen. wie ein Arbeiter. »Bitte setzen Sie sich. »habe ich mich hierher aufs Land zurückgezogen. Das war nicht mehr der elegante alte Herr. Ich kann mir vorstellen. bei dem ich mit dem Blut gesunder und dem Blut kranker Personen experimentiere.

»Bitte fahren Sie fort. was Sie gefunden haben. Delirium und Schüttelkrämpfe gehören zum Krankheitsbild eines Leidens. sagen Sie mir doch.« Er hielt einen Moment inne. auch hier an Ort und Stelle Blutproben zu bekommen. »Onkel Henry ist nicht an einem Gehirntumor gestorben? Aber – aber wissen Sie dann. woran er wirklich gestorben ist?« »Ja.« Ich drückte mir die Hand auf die feuchte Stirn. Das Zimmer schien mir zu schwanken. Young«. von den Spinnereiarbeitern zum Beispiel. daß ich das bei mir vorrätige Blut untersuchen könnte. Und es gibt keinen Zweifel an meinem Befund. Als wir vorhin miteinander sprachen. warum das so war. der immer noch fest meine Hände hielt. stellten Sie eine durchaus berechtigte Frage. ungläubig an. Dr. ob ich eine Blutentnahme vornehmen dürfte. Nach dem Tod Ihres Onkels. Darum bemühe ich mich. die ich wegen eines Unfalls oder einer Krankheit behandle. Erinnern Sie sich unseres Gesprächs in Ihrem Zimmer. Young. »Bitte. als wir über die Symptome Ihres Onkels sprachen? Ich sagte Ihnen damals.« »Ihr Onkel. und sie war so liebenswürdig. . es mir zu gestatten. daß sie völlig atypisch seien. Woran ist Ihr Onkel gestorben? Dabei kam mir der Gedanke. Dr. Leibschmerzen. »Er ist nicht an einem Gehirntumor gestorben?« wiederholte ich benommen. Kopfschmerzen. Doktor.lassen. Jetzt weiß ich. erlaubte ich mir.« »Gut. Miss Pemberton. Miss Pemberton. und mir wurde plötzlich unerträglich heiß. aber es kommt in der Regel in schlechtem Zustand hier an. »Ich falle nicht in Ohnmacht.« Ich sah den Mann. Ich hatte also in meinem Laboratorium in einem mit Äther gekühlten Behälter eine Phiole mit Blut Ihres Onkels. Übelkeit. ist nicht an einem Gehirntumor gestorben. sagte ich ruhig. Ihre Tante zu fragen.

das von völlig anderer Art ist als ein Gehirntumor. Und hätte ich in meiner Praxis mehr Umgang damit gehabt, so hätte ich es viel eher erkannt. Ich habe zu bereitwillig die Diagnose des Gehirntumors akzeptiert.« »Bitte sagen Sie mir, Doktor, was Sie entdeckt haben.« »Miss Pemberton, das Blut Ihres Onkels enthielt eine hohe Menge Digitalis. Extrakt des Fingerhuts. Da ich selten mit Patienten zu tun hatte, die an Herzkrankheiten litten, bin ich den Symptomen, die für eine Digitalisvergiftung so typisch sind, auch selten begegnet. Aber wenn ich jetzt zurückblicke, die Kopfschmerzen, die Übelkeit – « »Dr. Young! Warum hat mein Onkel dieses Medikament genommen?« Einen Moment lang sah Dr. Young mich schweigend an, dann antwortete er ernst: »Die Mengen Digitalis, die Ihr Onkel im Blut hatte, dienten nicht der Behandlung eines Herzleidens. Man hat ihm das Mittel gegeben, um ihn zu vergiften.« Mir wurde eiskalt. »Man hat ihn vergiftet?« »Ja. Die Medizin wurde ihm in zunächst kleinen Mengen eingegeben, die langsam gesteigert wurden, und er versuchte, sich mit Laudanum von den Symptomen zu befreien. Es ist schwer zu sagen, was ihn letzten Endes tötete – das Digitalis oder das Morphium. Sein Blut enthielt große Mengen von beidem.« »Und Sie sagen, es wurde ihm eingegeben?« »Er hat es zweifelsohne nicht selbst genommen. Digitalis ist ein Herzmittel, und Ihr Onkel hatte am Herzen keinerlei Beschwerden. Das hätte er mir sonst gewiß gesagt, als ich ihn das erstemal untersuchte. Im übrigen enthalten auch Dr. Smythes Aufzeichnungen keinen Hinweis auf ein Herzleiden Ihres Onkels.« »Sie glauben also, daß mein Onkel ermordet wurde.« »Ja, Miss Pemberton, das glaube ich.«

Fassungslos sank ich in mich zusammen. Mir war, als hätte man mir den Boden unter den Füßen weggezogen. Erst die Sache mit Colin, dann das Buch, dann Henry. Mein Kopf begann wieder zu schmerzen. »Wir müssen zur Polizei gehen, Miss Pemberton.« »Zur Polizei?« »Ich werde Ihnen beistehen. Wir haben unumstößliche Beweise, daß Ihr Onkel ermordet wurde – « »Nein!« sagte ich hastig. »Was könnte denn die Polizei schon tun? Soll sie vielleicht die ganze Familie verhaften? Man würde lediglich einen nach dem anderen verhören, und dann alle wieder gehen lassen. Und dann wären wir beide in Gefahr, Dr. Young, Sie und ich…« Noch während ich sprach, kam mir ein neuer Gedanke. »Dr. Young, Sie sagten neulich bei unserem Gespräch, daß Dr. Smythes Aufzeichnungen zufolge, mein Vater und mein Großvater auf die gleiche Weise erkrankten wie mein Onkel.« »Ja, das ist richtig.« »Dann müssen sie auch ermordet worden sein.« Ich richtete mich kerzengerade auf. »Dann hatte ich also die ganze Zeit recht. Mein Gefühl hatte mich nicht getrogen. Mein Vater wurde tatsächlich ermordet.« »Ich kann das nicht beurteilen, Miss Pemberton. Ich kann nur zum Tod Ihres Onkels aussagen. Die anderen – das liegt in der Vergangenheit. Dahin können wir nicht mehr zurückkehren.« Ich kniff die Augen zusammen. »O doch, das können wir!« erklärte ich beinahe triumphierend. Es gab einen Weg, in die Vergangenheit zurückzukehren und zu sehen, was damals wirklich geschehen war. Der Weg führte über die Erinnerungen eines kleinen Mädchens namens Leyla Pemberton. »Meiner Ansicht nach gehen Sie mit dieser Geschichte nicht richtig um, Miss Pemberton. Wenn Sie jemanden aus Ihrer

Familie des Mordes verdächtigen, sollten Sie sich an die Polizei wenden. Sie dürfen diese Sache nicht selbst in die Hand nehmen. Das ist zu gefährlich. Miss Pemberton, bitte, gehen Sie zur Polizei. Ich müßte sonst bedauern, Sie eingeweiht zu haben.« »Ich wäre der Wahrheit früher oder später sowieso auf die Spur gekommen, Dr. Young. Wenn nicht durch Ihren klaren Beweis durch das Blut, dann doch aufgrund von Mutmaßungen über die gefälschte Buchseite. Die Tatsache, daß der Tumor Erfindung ist, führt doch zwangsläufig zu der Frage, woran mein Onkel denn wirklich gestorben ist. Und ob nicht die Person, die die gefälschte Seite einfügte, den Tod meines Onkels wünschte oder gar herbeiführte. Ungewiß ist nur, wer es tat und warum. Die gefälschte Seite muß vor langer Zeit gedruckt worden sein, vielleicht schon vor dem Tod meines Vaters. Ich verstehe das nicht. Derjenige, der ihn und meinen Großvater getötet hat, muß auch Onkel Henry getötet haben. Das geht aus der Todesart klar hervor. Hat die Polizei dafür nicht ein bestimmtes Wort?« »Modus operandi«, antwortete Dr. Young und schüttelte resignierend den Kopf. »Ich muß nachdenken. Ich bin völlig durcheinander. Wer, um alles in der Welt, kann Onkel Henrys Tod gewünscht haben? Und warum? Zu welchem Gewinn? Ganz gewiß nicht Anna und Martha. Sie haben durch seinen Tod nichts gewonnen. Es heißt immer, Gift wäre die Waffe der Frau. Wenn das stimmt, wer von den Frauen in unserer Familie hatte dann einen Grund, Onkel Henry zu töten? Etwa seine eigene Mutter, meine Großmutter? Oder könnte es eines der Mädchen gewesen sein, das einen Groll gegen ihn hegte? Oder Theo und Colin? Was hatten sie zu gewinnen – « Das Wort blieb mir im Hals stecken, und Dr. Young hob mit einem Ruck den Kopf.

»Colin!« rief er. »Der hatte in der Tat etwas zu gewinnen und nichts zu verlieren.« »Dr. Young!« »Etwa nicht? Das gesamte Vermögen der Pembertons. Die Fabriken und das Haus.« »Nein! Nein!« rief ich. »Das glaube ich nicht. Niemals.« Er versuchte, mich zu beruhigen, indem er wieder meine Hände umfaßte. »Ich habe den Eindruck, Miss Pemberton, daß Sie für Colin mehr empfinden als verwandtschaftliche Neigung. Aber diese Gefühle dürfen Ihren klaren Blick und Ihr Urteil nicht trüben. Sie mögen ihn lieben, aber das heißt nicht, daß er des Mordes nicht fähig ist. Haben Sie mich verstanden, Miss Pemberton?« »Aber es wußte doch niemand, daß es kein Testament von Henry gab«, sagte ich leise. »Theo war sogar sicher, daß sein Vater eines gemacht hatte. Alle glaubten das. Und da Theo ganz bestimmt ein großes Erbe erwartete, könnte man ebensogut annehmen, daß er den Mord begangen hat. Wenn Sie hätten sehen können, wie außer sich er gestern abend war, als er erfuhr, daß er nichts bekommen würde! Und Colin behauptet, von Sir Johns Testament keine Ahnung gehabt zu haben!« Ich sah Dr. Young beschwörend an. Nein, ich wollte es nicht einmal denken. Colin war unschuldig. Ganz bestimmt. Am vergangenen Abend hatte er immer wieder erklärt, nichts davon gewußt zu haben, daß Henry kein Testament gemacht und Sir John verfügt hatte, daß er zum Alleinerben eingesetzt werden sollte. »Außerdem«, sagte ich mit festerer Stimme, »glaube ich, daß alle drei Morde von derselben Person begangen wurden: Mein Vater, Sir John und mein Onkel Henry. Und wenn das zutrifft, kann es Colin gar nicht gewesen sein. Er war zu der Zeit, als mein Vater ums Leben kam, gerade vierzehn.«

Dr. Young schwieg nachdenklich. Dann sagte er zu meiner Erleichterung: »Da haben Sie recht. Das spricht gegen Colins Schuld. Wenn er die Wahrheit sagt und wirklich nicht wußte, daß Ihr Onkel kein Testament gemacht hatte, dann ist der Verdacht, daß Theodore der Schuldige ist, in der Tat nicht von der Hand zu weisen. Er war damals, als Ihr Vater starb, immerhin achtzehn Jahre alt, rein körperlich des Mordes durchaus fähig.« Ich fühlte mich schwach und elend. Wie schrecklich war das alles! Hier saß ich in diesem behaglichen Wohnzimmer, meine Röcke über dem weichen Sofa ausgebreitet, vor mir Tee und feine Biskuits und versuchte, mir vorzustellen, wer von meinen Verwandten ein Mörder war. Dr. Young, der wohl spürte, was in mir vorging, sagte: »Hätte ich gewußt, was für Enthüllungen dieser Nachmittag bringen würde, ich hätte Ihnen Brandy statt Tee angeboten.« Ich lächelte, dankbar für sein Verständnis und dankbar dafür, daß er da war. Hätte ich all diese Entdeckungen allein gemacht, so wären sie noch viel schwerer zu ertragen gewesen. »Was haben Sie jetzt vor, Miss Pemberton?« »Das weiß ich selbst noch nicht. Ich muß auf jeden Fall sehr vorsichtig sein und mir alles gründlich überlegen. Ich bin überzeugt, daß einer meiner Verwandten ein Mörder ist, und ich bin fest entschlossen herauszufinden, wer.« Nun stand ich wieder ganz am Anfang. Die vergangene Woche war ausgelöscht, als hätte es sie nie gegeben. Es war wieder wie am dritten Abend nach meiner Ankunft auf Pemberton Hurst, als ich am großen Tisch im Speisezimmer stand und erregt rief: »Ich glaube, daß der Pemberton-Fluch eine Erfindung ist, ein Schauermärchen, das jemand sich ausgedacht hat, um meinem Vater die Schuld zuzuschieben und den wahren Mörder zu decken!«

Hoffnungslosigkeit und Ergebenheit in die Macht des Schicksals gewesen waren. Martha und Theo dazu getrieben. an den ich seit Tagen nicht mehr gedacht hatte. Es war Zorn. Young.Der Beweis aus Thomas Willis’ Buch hatte jetzt keine Bedeutung mehr. ein einsames Leben zu führen. was sich an jenem Tag vor zwanzig Jahren dort abgespielt hatte? Wer hatte meinen Brief an Edward verbrannt? Wer hatte meiner Mutter unter dem Namen Tante Sylvias geschrieben? . »Miss Pemberton.« Meine Gedanken überschlugen sich: Tante Sylvias Brief. ohne Kinder und ohne Zukunft. die Vernichtung meines Briefes an Edward… Edward. Und noch etwas regte sich in mir. Wer hatte den Ring gestohlen und warum? War er gestohlen worden. Sie hatte meine Familie aller Kraft beraubt. Youngs gedämpfte Stimme. mir ins Gedächtnis zu rufen. daß durch einen gemeinen Betrug alle Freude und alles Glück aus diesem Haus vertrieben worden waren. Die alten Fragen stürzten wieder auf mich ein. Diese niederträchtige Fälschung hatte Colin. Die alte Wut und die alte Bitterkeit kehrten dahin zurück. Theos Ring. das Geheimnis von Pemberton Hurst zu lüften. weil er mit den Vorkommnissen im Wäldchen zu tun hatte? Und was war wirklich im Wäldchen geschehen? Wie sollte ich es schaffen. Ich muß das alles erst einmal ordnen. etwas Neues. Darum war ich um so fester entschlossen. da er nun als Lüge enttarnt worden war. Diese eine Seite in Cadwalladers Buch hatte einer ganzen Familie die Hoffnung und die Zukunft genommen. »Mir geht so viel durch den Kopf. das vorher nicht dagewesen war. rasender Zorn darüber. wo eben noch Traurigkeit. hörte ich Dr. Dr. Die alte Entschlossenheit erwachte wieder in mir. draußen ist es schon dunkel geworden«. ein Leben ohne Liebe.

vor allem – Zorn. Young ins Gesicht. warum Sie das alles auf sich nehmen wollen. In mir tobte ein Aufruhr der Gefühle: Liebe zu Colin. Arme Martha! Armer Colin. heimtückischen Krankheit. der sich die Geschichte von der Erbkrankheit der Pembertons ausgedacht hatte. die behutsam auf mich einsprach. ihre Tochter sei das Opfer einer bösartigen. Ich allein kann die Ereignisse mit objektivem Blick sehen und der Wahrheit auf den Grund gehen.« Er musterte mich aufmerksam. »Sie machen ein so seltsames Gesicht. Soviel Elend und soviel Unglück durch einen einzigen verbrecherischen Menschen. weil sie geglaubt hatte. er hatte auch den Lebensmut der Pembertons getötet. Die leise Stimme drängte von neuem. die schon vor ihrem Tod wie in einer Gruft lebte.Ich spürte die Berührung einer Hand auf meinem Arm. . die in dem Elendsviertel von Seven Dials ein Leben in Armut gefristet hatte. sagte ich leise. Sagen Sie mir doch. Obwohl er mich schon zuvor daran erinnert hatte. ich habe nicht jahrelang in klösterlicher Zurückgezogenheit gelebt wie die anderen. und ich wurde rot unter seinem forschenden Blick. Ich bin eine Außenstehende. und ich sah endlicher. »Verzeihen Sie«. Ich zitterte innerlich vor Zorn. Young. Trotz und Erbitterung gegen den unbekannten Feind und. aber ich achtete nicht auf ihre Worte. Trauer und Schmerz um die Toten. Ich wandte mich von ihm ab.« »Weil ich in gewisser Weise die Verantwortung trage. Ich hörte eine freundliche Stimme. Arme Großmutter. Die anderen werden es nicht tun. »Darf ich Sie jetzt nach Hause bringen?« fragte Dr. Ich wollte mich in diesem Moment nicht durchschaut wissen. Der Sturm des Zorns legte sich. Dieser Mörder hatte nicht nur drei Menschen umgebracht. Miss Pemberton. zornig und bitter. Und arme Mutter.

Ich muß die Polizei unterrichten. Aber aus Rücksicht auf Sie und das. solange es mir mein Gewissen erlaubt. Hastig stand ich auf. aber es war mir völlig gleichgültig. daß ich Ihnen eine kleine Hilfe sein konnte. Ich hatte nicht vor. werde ich warten.« Mrs. Sie so lange zu belästigen. Nur Colin bedeutete mir etwas in diesem Moment. das wissen Sie. was ich ohne Sie getan hätte. In der Zwischenzeit haben Sie mein volles Vertrauen. niemals das Geräusch des Regens. Nein. Colin und meine Familie. »das ist sehr freundlich von Ihnen. warten Sie«. ehe ich Meldung mache. wenn ich Sie von Ihrer Arbeit abgehalten habe. sagte er. So vieles war mir gleichgültig geworden. Verzeihen Sie mir. ehe Sie gehen. das fühlte ich. als Dr. ich habe mich über Ihren Besuch gefreut und ich bin froh. starrte ich auf den nickenden Kopf des Pferdes und die lange Mähne. überraschte es mich jetzt. sagte ich. Finnegan betrachtete mich immer noch mit Mißbilligung. Der Hufschlag des Pferdes klang dumpf auf den durchweichten Wegen. Während der Wagen schwankend dahinfuhr. die am Hals des Tieres klebte.« »Aber nein. Doktor«. als ich ihn unterbrechen wollte. was Sie tun müssen. meinen Befund der Polizei mitzuteilen. »Ich weiß nicht. wenn sie über einen Stein rollten. manchmal knirschten die Räder. Es ist meine Pflicht als Arzt.« Er meinte es ehrlich. der mich empfing. Nie werde ich den Geruch feuchten Leders vergessen. Young mir in mein Cape half. London und Edward gehörten einer Vergangenheit an. »Danke. sagte ich. die so fern schien wie ein Traum. als ich in den Wagen stieg. der an die Wände des Wagens prasselte. Die Zweige regenschwerer Tannen . wie lange ich hier gewesen war. »Lassen Sie mich ausreden. Miss Pemberton. »Danke«.« »Eines muß ich Ihnen allerdings noch sagen.wie spät es war.

Colin hatte natürlich Vorrang. da ich allein war. Young. ob der Mörder nicht schon wieder ein neues Opfer gefunden hat. Aber es ist sicher. Vielleicht trifft es bald den nächsten. Und nochmals vielen Dank für Ihre Hilfe heute nachmittag. Doktor. wo die Auffahrt zum Haus von der Straße abzweigte. Ja. Young war erschrocken. »Von hier ist es nur noch ein kurzes Stück.« »Aber gewiß. Drei Menschen sind tot. Wenn dem so war. daß ich etwas tun muß. »Das verspreche ich Ihnen gern. Wir wissen ja nicht. ich mußte zugeben. der die Zügel hielt. daß ich nur spazieren war. Young stieg aus und half mir aus dem Wagen. Regen sprühte hinein. etwas Ordnung in meine Gedanken zu bringen. bat ich Dr. eilte ich mit gerafften Röcken die Auffahrt hinauf. ehe Sie handeln. Miss Pemberton: Wenn Sie zu einer Entscheidung gelangt sind. Young anzuhalten. »seien Sie vorsichtig. folgte daraus. der tatsächlich durch . daß er selbst das vorher gewußt hatte. daß Colin der einzige war. Aber das besagte noch lange nicht. Dieser Gedanke war ihm offenbar noch nicht gekommen. seien Sie vorsichtig. konnte ich beginnen. würde ihn immer haben. Ich sprach kein Wort. dann lassen Sie es mich wissen.« Dr. Und bald. wenn Sie meinen«. An der Stelle. »Aber versprechen Sie mir eines. während der Wagen davonfuhr. als wir vorüberfuhren. Henry hätte ein Testament hinterlassen. und ich möchte die Familie in dem Glauben lassen. Dr. Es gab nichts zu sagen. Nachdem ich mich von ihm verabschiedet hatte. der durch Henrys Tod gewonnen hatte.« »Gut.« Ich mußte ein wenig lächeln über seine Besorgnis. Es war möglich.streiften den Wagen. sagte er eindringlich. daß Colin genau wie Theodore geglaubt hatte. daß nicht derjenige. »Miss Pemberton«. benetzte mein Gesicht und befeuchtete die Decke über meinen Knien. sagte er widerstrebend.« Dr. verstand es und ließ mich schweigen. Jetzt. Bitte.

durch den Tod seines Vaters ein Vermögen zu gewinnen. »Leyla!« rief sie atemlos. als Sir John sich vom Ostturm gestürzt hatte. nein. erklärte ich kurz. als ich naß und frierend die Treppe zum Haus hinauflief. Sie wartet seit einer Ewigkeit auf dich – « »Warum denn? Was soll ich denn jetzt wieder getan haben?« »Komm erst einmal herein. mit seiner Familie in Manchester gewesen. Diese Überlegung erschien mir überzeugend. Die anderen sind seit Stunden zu Hause. »Großmutter ist wütend. Und doch waren alle Morde auf die gleiche Weise verübt worden. ich habe sie noch nie so wütend erlebt. und wir haben uns große Sorgen um dich gemacht. Mit allen anderen. Sie ist im Salon. daß du ausgegangen bist. Nein. der Schuldige war. du kannst jetzt nicht nach oben gehen. der erwartet hatte. Mit dieser äußerst schwierigen Frage beschäftigte ich mich. Es war zwar möglich.« . aus dem Tod Nutzen zu ziehen. sondern viel eher derjenige.« »Aber ich bin ganz durchnäßt. Diese beiden Todesfälle paßten nicht zu meiner Vermutung. daß Theo geglaubt hatte.Henrys Tod gewonnen hatte. ein gemeinsamer war nicht zu erkennen.« »Ich war spazieren«. was aber sollte er sich davon erhofft haben. Für jeden einzelnen Mord konnte ich einen Grund finden. Martha riß überraschend die Haustür auf. Wirklich. meinen Vater und Sir John zu ermorden? Außerdem war er zu der Zeit. Aber als ich mich dem Haus näherte. fielen mir mein Vater und Sir John ein. noch ehe ich sie erreicht hatte. »Wo bist du so lange gewesen? Niemand wußte. und seine Türme über den Baumkronen auftauchten. Es ergab keinen Sinn.

in den Salon ging. Großmutter.« »An einem Tag der Trauer? Nennst du das Achtung vor den Toten?« »Wir trauern jeder auf seine eigene Weise. während ich ohne Hast Handschuhe. Das tun nur . »Wo bist du gewesen?« fragte sie scharf. Anna und Martha vor ihr sitzend. aber ich nahm mich zusammen und blieb ernst. Ich bin äußerst verärgert über etwas. Großmutter. von ihrer Kälte und ihrer Abneigung gegen Fröhlichkeit und Geselligkeit. »Ich habe einen Spaziergang gemacht. Hut und Umhang ablegte. »Ich beschuldige niemals. mir den Zorn dieser Frau zuzuziehen.« »Komme mir nicht ungezogen. Willis’ Buch steckte ich in die tiefe Tasche meines Umhangs.« Sie preßte die Lippen so fest aufeinander. »Los. Colin war nicht zugegen. Das Bild war das übliche: Großmutter. zwischen ihnen stehend Theo. Ich bin nicht in Stimmung. komm jetzt. und ihre Blicke schienen mich durchbohren zu wollen. das heute geschehen ist. Ich war nicht erpicht darauf. Die Stimmung im Raum war düster. mir deine Unverschämtheiten gefallen zu lassen. versetzte sie mit einer Schärfe. geprägt von der Strenge meiner Großmutter. ehe ich. Diese harte. unbeugsam und hoheitsvoll im Lehnstuhl. mit gleichgültiger Miene. »Wir haben einen Dieb im Haus!« rief sie mit schriller Stimme. weil ich an den Mörder unter diesem Dach denken mußte. daß alles Blut aus ihnen wich und sie nur noch zwei harte weiße Linien waren. sonst fällst du noch tiefer in Ungnade.« Nicht bereit. Ich setzte mich nicht. »Soll ich wieder einmal die Schuldige sein?« fragte ich kühl.« Ich hätte beinahe lachen müssen. versteinerte Frau beherrschte dieses Haus und ihre Familie wie eine Tyrannin. ließ ich Martha davoneilen.»Das kommt davon. wenn man im Regen spazierengeht«. die mir bei ihr fremd war. »Und ich dulde keine Diebe unter meinem Dach. mich einschüchtern zu lassen.

das ich verwirrend und angenehm zugleich fand. die mit weißem. Der Diebstahl ereignete sich heute morgen. meine Liebe. Ich drehte mich um. kaum merklich. Ich werde dafür sorgen. Aber ich verlange. »Anna sagte.« Ich sah zu Anna hinüber. während sie ihrem toten Mann die letzte Ehre erwies. daß er stimmte! –. Sie wirkte überreizt und äußerst nervös. Es paßte ihr nicht. ohne mich einschüchtern zu lassen.Schwächlinge. wo du heute nachmittag spazierengegangen bist. Ein feines Lächeln. sagte er von der Tür her. daß das aufhört. seien sie noch dagewesen. Meine Großmutter runzelte unwillig die Stirn. als unsere Blicke sich trafen. Sein Blick glitt flüchtig über die anderen hinweg und blieb schließlich an mir hängen. Das konnte ich nun überhaupt nicht verstehen: Colin war kein . meiner Großmutter zu antworten. daß der Dieb gefaßt wird und seine Strafe bekommt. und ich hatte den Eindruck – ich betete förmlich darum. Meine Schwiegertochter entdeckte ihn bei ihrer Rückkehr. Die Miene meiner Großmutter blieb unbewegt. Von dir. Ich würde mich dieser starrköpfigen alten Frau nicht unterwerfen. ihren herrischen Blick. daß ich an ihren Worten zweifelte. wärmer. Mein Herz machte einen Sprung – es war ein ganz neues Gefühl für mich. angespanntem Gesicht in ihrem Sessel saß. möchte ich wissen. daß die Sachen heute morgen gestohlen wurden?« fragte ich. »Ah. eine Familienversammlung«. Ich wurde der Notwendigkeit. »Woher weißt du. aber ihre Haltung änderte sich auf kaum merkliche Art und damit die Atmosphäre im Raum: Sie wurde freundlicher. während ein Teil der Familie bei der Beerdigung war. flog über sein Gesicht. Man stahl ihr eine wertvolle Kette und eine Brosche aus ihrem Zimmer.« Ich erwiderte. ehe sie ging. durch Colins Erscheinen enthoben. daß Colin das gleiche freudige Erschrecken verspürte wie ich.

« »Die habe ich gefragt – « »Du solltest vielleicht auch ihre Zimmer durchsuchen.« Die Stimme meiner Großmutter wurde keine Nuance lauter. nonchalant.« »Und du selbst. aber ihre Erregung war deutlich zu spüren. In diesem Haus hat niemand ein Recht auf einen eigenen Bereich. »Tante Anna hat also ihre Lieblingskette verloren?« »Nicht verloren«. »Sie wurde ihr gestohlen. wenn nicht plötzlich Colin meine Hand gefaßt hätte. als hätte er nicht die geringste Sorge der Welt. Ich hätte wahrscheinlich einen Streit mit ihr begonnen. meine Liebe. Mit großen Schritten durchmaß er das Zimmer und war an meiner Seite. sondern den Blick lächelnd auf Großmutter gerichtet hielt. Colin. Und ich selbst.« Ihre Augen funkelten. Dann trage jetzt auch die Konsequenzen. Eine niederträchtige Person schlich sich heute morgen in ihrer Abwesenheit in ihr Zimmer.« »Deine Angriffslust gefällt mir nicht. Obwohl er mich nicht ansah. spürte ich seine Besorgnis um mich. »Aber du bist ja so störrisch wie ein Esel.Pemberton und doch schien er der Grund für diese Änderung zu sein. Um die Zeit waren nur zwei Personen im Haus: Leyla und Martha. »Ich habe dir schon vor Tagen gesagt. daß du dieses Haus verlassen und niemals zurückkehren sollst«. Er gab sich lässig.« »Wie konntest du das wagen!« rief ich zornig und trat einen Schritt auf sie zu. Ich habe im übrigen bereits Leylas Zimmer durchsucht. »Richtig. »Wie ich diese Untersuchung durchführe. ist meine Sache. Colin. wenn . Großmutter. korrigierte meine Großmutter grimmig. fuhr meine Großmutter mich an.« »Und die Hausangestellten.

»Ich will keine Almosen. was ich am Ende haben werde. daß ich zusammenfuhr. »Was kümmert dich denn der Tod meines Vaters?« Colin blieb ruhig.es um das Wohl der Familie geht. Colin!« schrie Theo ihn so wütend an. Colin. Geschworene und Henker in einem.« Er drückte meine Hand. »Das ist jetzt unwesentlich.« »Und die alleinige Leitung der Spinnereien.« Theos Augen blitzten vor Zorn. Ich hatte erwartet. Hier geht es um das Prinzip. »die Hälfte des Erbes angeboten. Theo zu reizen. »Richter. daß er die Beherrschung verlieren und seinerseits wütend werden würde.« »Auf dein Angebot kann ich verzichten. als beherrsche er ihn und hielt dabei selbst alle Fäden in der Hand. Der Wert des Schmucks ist nicht von Belang. werde ich auf dem Rechtsweg bekommen haben. schrie Theo. »Ich habe dir«.« . Im Augenblick geht es darum.« »Du beleidigst mich. sagte er ruhig. als lege er es darauf an. Ich finde das weder gerecht noch englisch. »Verdammt noch mal. Theo.« Es erstaunte mich. ihr alle zusammen. wirklich. ist mir verdammt noch mal völlig egal – « »Darf ich dich daran erinnern.« »Was du findest. während dieser Haßtirade vollkommen unerschüttert zu bleiben. Es war beinahe so. Und eines sage ich dir: Wer zuletzt lacht. »Ich habe genug von deinem Geschwafel. daß Colin es fertigbrachte. Das. Theo – « »Halt’ endlich den Mund«. seine Hände waren zu Fäusten geballt. daß Damen anwesend sind?« »Seit wann nimmst du Rücksicht auf den guten Ton?« »Also.« »Sind wir nicht vielleicht alle wegen des Todes von Henry ein wenig überreizt?« meinte Colin. lacht am besten. daß ihr alle hier über Leyla zu Gericht sitzt. Aber nichts dergleichen geschah.

als sie die Armlehnen ihres Sessels umklammerte. beinahe uninteressiert. War sein Angebot. »Ich dulde keinen Streit in der Familie. um meine Röcke zu raffen. seine Wärme und seine Entspanntheit. Er war bei klarem Verstand. Ich verbiete jede weitere Debatte über dieses Thema. »Du kannst das alleinige Eigentum an den Spinnereien haben. dir das zu unterschreiben. Ich werde nach London vor Gericht gehen und die Sache dort ausfechten. fuhr Colin fort. seine Nähe zu spüren. Er muß gute Gründe gehabt haben. antwortete ich ebenso leise.« Theo stand unbewegt mit finsterer Miene. als er sein Testament machte. entzog ich ihm meine Hand. Ich bin eurer todmüde. das ist wirklich überflüssig – « »Gebt jetzt endlich Ruhe! Alle beide!« sagte meine Großmutter schneidend. daß die Wünsche meines verstorbenen Mannes mißachtet werden. und ich genoß es. Und ich dulde auch nicht.Erst jetzt sah ich zu Colin auf. als der steife . So ganz anders war dieser Mann. Erst als wir die Treppe hinaufgingen. das gesamte Vermögen Colin zu hinterlassen.« »Ich traue dir nicht und ebensowenig irgendwelchen Dokumenten. Ihr entwürdigt damit den Namen der Familie und euch selbst. Ich verbiete dieses erbärmliche Gezänk. während sich Colin nach mir umdrehte und leise sagte: »Kann ich dich nach oben begleiten?« »Ja«.« »Theo. Ihr habt mich müde gemacht. Wir gingen schweigend nebeneinander her. Er wirkte ganz ruhig. wenn du das wünschst«. die du dir von deinem Anwalt aufsetzen läßt. Und jetzt geht alle miteinander. Die knochigen Hände zitterten. der da mit leichtem Schritt und unbekümmert schwingenden Armen an meiner Seite ging. Theo die Hälfte des Erbes zu überlassen. ernstgemeint? »Ich bin gern bereit.

was für Gefühle er mir entgegenbrachte. beinahe mißtrauisch. Dem Abendessen folgte ein Glas warmer Milch.« Ich senkte nur schweigend den Kopf. als ich in meinem Zimmer war.Edward. sie waren nichts im Vergleich zu dem. sagte er. Am Ende der Treppe blieb Colin stehen und faßte mich sanft am Arm. Sein Haar war zerzaust wie fast immer. vor Ewigkeiten einmal gekannt hatte. den ich. aber sie gab mir nur eine einsilbige Antwort und ging wieder aus dem Zimmer. Und ich fragte mich. sein Halstuch saß schief. Ich kleidete mich gleich aus. drehte sich aber dann unvermittelt um und eilte die Treppe wieder hinunter. das mir ein Mädchen heraufbrachte. indem er uns unter Sylvias Namen den Brief geschrieben . schien etwas sagen zu wollen. Zahllose Fragen gingen mir durch den Kopf. die ich in seiner Gegenwart verspürte. Was hatte es mit den gestohlenen Schmucksachen auf sich? Wer hatte meine Mutter und mich hierher locken wollen. »dich des Diebstahls zu beschuldigen. daß sie dir etwas Gutes hinaufschicken soll. Ich erkundigte mich nach ihrem Befinden. Sein leidenschaftlicher Ton hatte mich tief berührt. »Eine Gemeinheit«.« »Danke dir. Doch die Anschuldigungen meiner Großmutter ließen mich im Grund kalt. fand ich.« Er sah mich noch einen Moment an. Ich hob den Blick und sah Colin an. Sie benahm sich seltsam. Ich sage Gertrude. Ich liebte ihn um seiner menschlichen Schwächen und seiner Fehlbarkeit willen. schlüpfte in Nachthemd und Morgenrock und setzte mich dann auf das Sofa vor dem Kamin. überließ ich mich meinen Gedanken. aber gerade darum liebte ich ihn. Young erfahren hatte. »Heute abend ißt jeder hier im Haus für sich. wie mir schien. sehr zurückhaltend. Leyla. erstaunt und beglückt über die prickelnde Aufregung. was ich während meines Besuchs bei Dr. Wie versprochen erschien kurz darauf Gertrude mit meinem Abendessen. und während ich sie in langsamen Schlucken trank.

das mich angenehm wärmte. solange. Ich würde immer wieder ins Wäldchen zurückkehren müssen. die ich im Zimmer meiner Großmutter hatte weinen hören? Auf all diese Fragen wußte ich keine Antwort. Aus irgendeinem Grund ließ der Anblick mich innehalten. als würden diese Anfälle von Mal zu Mal schlimmer. bis eines Tages alle Umstände stimmten – die Witterung. Young mir mitgegeben hatte. All diese kleinen Geheimnisse waren Teile des einen großen Geheimnisses. Rätsel. Und jetzt verspürte ich auch noch leichte Übelkeit. vielleicht sogar die Jahreszeit – und plötzlich der Vorhang sich öffnete.hatte? Wer hatte mein Schreiben an Edward vernichtet? Und wer war die Frau. Young hatte erklärt. das ich von Anfang an aufzudecken versucht hatte: Wer hatte damals im Wäldchen meinen Vater und meinen Bruder getötet? Die Antwort auf diese Frage lag in meiner Erinnerung begraben. Dann auf die Phiole. die Dr. begann ich. hinter dem meine Vergangenheit verborgen war. die vielleicht nur Teile eines viel größeren Rätsels waren. Ich hatte nie unter Kopfschmerzen gelitten. Aber ich fühlte mich überhaupt nicht angespannt. wie sie alle zusammengehörten! Ich lehnte mich behaglich in die Polster und schaute in das hell lodernde Feuer. die ich von mir nicht gewöhnt war. Verärgert über diese neue Empfindlichkeit. Und plötzlich schossen mir die Worte durch . im Zimmer auf und ab zu gehen. das Licht. Wieso war ich jetzt auf einmal so anfällig? Dr. Mein Kopf begann wieder zu schmerzen. die Tageszeit. sah ich plötzlich im Spiegel meine Hände. sie wären durch Spannung ausgelöst. genau wie schon am Morgen. Ich blickte auf das Glas in meiner Hand. Wenn ich nur wüßte. Als ich vor dem Spiegel stand und mir gerade eine großzügige Dosis Laudanum eingießen wollte.

Den Tee beim Frühstück. wenn ich ihm eine Probe meines Frühstückstees brachte. Die Kopfschmerzen waren zum erstenmal aufgetreten. Den Wein beim Essen. Young. Jedesmal. ‹ Ich erstarrte vor Entsetzen.‹ »Mein Gott!« rief ich laut heraus. Von da an hatten sie mich jeden Tag geplagt. hatten sie angefangen. Die heiße Milch vor dem Schlafengehen. mein Gott… Erinnere dich. Es konnte keinen Zweifel mehr daran geben. Zu meinem Zorn und meiner Entschlossenheit von zuvor gesellte sich jetzt Furcht. dienten nicht der Behandlung eines Herzleidens. nachdem ich etwas getrunken hatte.« Ich ließ mich auf mein Sofa niederfallen und schlug die Hände vor mein Gesicht. als ich gekommen war. daß man mir das gleiche antat. die mich zu lähmen drohte. ›Die Menge Digitalis. Leyla. »Das kann nicht sein. was man Henry angetan hatte. Übelkeit. daß Dr.den Kopf. daran erinnerte ich mich genau. die Ihr Onkel im Blut hatte. »Das kann nicht sein«. Oh. und ich war überzeugt davon. murmelte ich vor mich hin. Man hat ihm das Mittel gegeben. »Mein Gott! Man will mich vergiften. nachdem ich das Restchen meines Briefes an Edward im Kamin in der Bibliothek gefunden hatte. der schon in meiner Tasse gewartet hatte. darin Extrakt des Fingerhuts feststellen würde. Wer will mich töten? Und warum? . die er gesprochen hatte. Seine Stimme fuhr fort: ›Kopfschmerzen. eine Furcht. um ihn zu vergiften… und er wollte sich mit Laudanum von den Symptomen befreien. den mir jemand anders eingegossen hatte. die man mir auf mein Zimmer brachte. Leibschmerzen… gehören alle zum Krankheitsbild eines Leidens von ganz anderer Art als eines Gehirntumors. Denk zurück!« Aber es war eindeutig. Wer ist es? fragte ich mich wieder.

»Dann hat vermutlich jemand aus der Familie damit gerechnet.« »So ist das also. ehe ich aus dem Haus ging. Young. Dieser Tee enthält genug Digitalis. wartete ich. daß Sie mir den Tee gebracht haben. in dem vorher das Laudanum gewesen war und das ich gründlich ausgespült hatte. und ich sah meinen Verdacht bestätigt. da ich wußte. machte ich mich auf den Weg zu Dr. um Sie sehr krank zu machen. Miss Pemberton. Als ein Mädchen mir das Frühstück aufs Zimmer brachte. Das kleine Fläschchen in der Tasche meines Umhangs. Alpträume und schreckliche Beklemmungen quälten mich. Er war ernst. Und da ich kein Laudanum mehr nehmen wollte. vermutlich ausgeritten. als er wieder in den gemütlichen kleinen Salon trat. Den Rest des Tees schüttete ich ins Feuer. bis sie gegangen war. mußte ich die ganze Nacht die unangenehmen Auswirkungen des Digitalis ertragen – rasende Kopfschmerzen.« Ich drehte meine Handschuhe in den Händen. daß sich inzwischen alle an meine nachmittäglichen Spaziergänge gewöhnt hatten und nichts Merkwürdiges mehr daran fanden. Anna war in ihrem Zimmer. daß ich heute krank in meinem Bett bleiben und mir wegen des Tumors die Augen ausweinen würde«. sie fühlte sich nicht wohl. als er sagte: »Sie hatten recht. dann goß ich etwas von dem Tee in das kleine Flaschen.Ich schlief sehr schlecht in dieser Nacht. und Colin war nicht im Haus. Theo las und Martha stickte. Übelkeit und schließlich auch noch Leibschmerzen. Theo und Martha saßen im Salon. Ich wartete bis Mittag.« »Nein!« . Jetzt können wir zur Polizei gehen. »Es war gut. sagte ich bitter.

die Täterin sein? Anna war höflich gewesen zu mir. seine Frau. Ich muß versuchen. Das wäre nur gefährlich für mich.« Ich lachte. Aber warum? Warum hatte man mich mit dem gefälschten Brief aus London hierher gelockt? Nur um mich zu töten? Henry gehörte jetzt nicht mehr zu den Verdächtigen. warum mir das so wichtig war. Dr. Youngs Angebot.« Ich hatte ihm erklärt. wir haben unwiderlegbare Beweise – « »Bitte. sofort zu ihm zu kommen. Und das nächstemal hoffentlich.« »Sie sind eine mutige Frau. Es ist manchmal recht einsam hier. daß ich gehen muß. Ich werde von jetzt an wohl sehr vorsichtig sein mit dem Essen…« »Dann bleiben Sie doch zum Abendessen. als fühle ich mich nicht wohl. Doktor. dankend aus. »Und wenn ich mich erinnere. Miss Pemberton. und auch für den Tee und die Kekse. Miss Pemberton.« »Und ist es jetzt vielleicht nicht gefährlich für Sie?« »Nun. schlug ich Dr. Doktor«. wenn Gefahr im Verzug sein sollte. Young. nachdem ich ihm hatte versprechen müssen. vorläufig wenigstens kann ich so tun. Konnte Anna. wollte nun auch mich ermorden. Jemand auf Pemberton Hurst wollte meinen Tod. mich zur Polizei nach East Wimsley zu begleiten.« »Aber vielleicht ist es dann zu spät. Ich danke Ihnen für Ihre Hilfe.« »Diese Gefahr muß ich auf mich nehmen. um Sie zu bitten. obwohl ich meine Arbeit und meine Bücher habe. Widerstrebend ließ er mich gehen. mich nach Pemberton Hurst zu bringen. mich zu erinnern. »Sie wissen.« Da der Nachmittag noch jung war und ich gern mit meinen Gedanken allein sein wollte.»Miss Pemberton. Young. ich will keine Polizei.« »Nein. Aber ich komme wieder. »Jemand anders würde es leichtsinnig nennen. aber ich hatte keinen . können wir zur Polizei gehen. antwortete ich. Dr.

Großmutter und Martha. konnte ich mir. Erst hatte ich sie sichtlich beunruhigt. blieben nur diese vier: Anna. noch auf den Beinen war. mich so rasch wie möglich nach London zurückzuscheuchen. für keinen einen Grund vorstellen. harten Frau nicht zu erwarten. Sehr langsam ging ich zu meinem Zimmer hinauf. wie er sie mir am Morgen mit dem Tee verabreicht hatte. Doch so angestrengt ich auch überlegte. Da Colin als Verdächtiger für mich ausschied. Aber als ich die Tür öffnete und . Wie lange würde ich diesen Zustand aushalten können? Als es klopfte. in der Hoffnung. Wenn er mir nach dem Leben trachtete. Als ich in meinem Zimmer meinen Hut abnahm. während ich an diesem grauen Nachmittag durch den Wald stapfte.Moment das Gefühl gehabt. zitterten mir die Hände. Martha? Sie hatte mich vielleicht als einzige von Anfang an gemocht. einem meiner Verwandten zu begegnen. daß ich ihr willkommen war oder daß sie mich mochte. Und Theo? Er war immer zuvorkommend. so waren seine Absichten geschickt hinter seiner Wohlerzogenheit verborgen. daß ich nach einer solchen Dosis Digitalis. dann hatte sie sich in vornehmer Zurückhaltung geübt. Jetzt brach doch die Angst durch. Theo. Liebe hatte ich von dieser kalten. wenn er sah. als ich eintrat. immer darum bemüht. Leider traf ich niemanden. Sie vor allen anderen hatte sich größte Mühe gegeben. fuhr ich zusammen. der Gentleman ohne Fehl und Tadel zu sein. Der Schuldige. aber wohl auch kein anderer. daß sie des Mordes fähig war. Meine Großmutter war über meine Ankunft nicht erfreut gewesen und hatte keinen Hehl daraus gemacht. Sie war eine immer noch sehr kindliche Frau. dachte ich. Nein. und ich konnte mir kaum vorstellen. würde sich vielleicht verraten. und ich Gertrude und die anderen Angestellten nicht in Betracht zog. Im Haus war Totenstille.

der von der Spannung und Bedrücktheit verschont war. bemerkte er.« Wir gingen langsam durch den Flur zur Treppe.« »Ja?« Seine Stimme klang plötzlich sehr ernst. Colin beobachtete mich. Hier. Während wir tranken. als wäre er der einzige. die Gaslampen aber noch nicht angezündet sind. während er uns beiden einschenkte. »Seit Tagen versuche ich. den ich bisher getrunken hatte. der mir entgegenlachte. Sie bietet nie jemandem davon an.« »Hast du Lust. Aber da es Colin war. würde sie uns zum Teufel jagen. einen Entschluß zu fassen. den ich liebte. entspannte ich mich sofort. »Leyla«. Natürlich. sagte er unvermittelt und stellte sein Glas nieder. »Willst du nicht trinken?« »Doch. »Großmutters Spezialsherry. Er war in jenes graue Zwielicht gehüllt. das entsteht. betrachtete mich Colin mit unverwandtem Blick auf eine Weise. und jetzt bin ich so weit.« Der Sherry schmeckte süß und weich. Leyla?« »Gern. sagte er mit einem verschmitzten Lächeln. Er wirkte so ungezwungen und ruhig. »Ich habe das Gefühl. die uns alle belastete. »Das ist ein ganz besonderes Gebräu«. was wir hier tun. . der Winter nimmt dieses Jahr überhaupt kein Ende«. wenn von draußen nicht mehr genug Licht hereinkommt.Colin sah. die mich bei einem anderen Mann verlegen und vielleicht ärgerlich gemacht hätte. »Du warst wohl spazieren?« »Ja. mit mir hinunterzugehen und ein Glas Sherry zu trinken. Und wenn sie wüßte.« Ich nahm das Glas und starrte in die dunkle Flüssigkeit. Ich möchte mit dir reden. besser als jeder. Er führte mich in den kleinen Salon zu einem Sessel beim Feuer. erwiderte ich mutig und offen seinen Blick.

Als er mich dann eine weitere Treppe hinaufführte. Es war leer. hinter dem die Treppe zum Türmchen sich emporschwang. erinnerte ich mich. Von einem kleinen Tisch nahm er eine Kerze und entzündete sie an einer der Öllampen im Flur. Colin war ja bei mir. sagte er leise.»Aber nicht hier. wo die einzige Lichtquelle unsere Kerze war. Wir traten in einen dunkleren Flur. wo wir ungestört sind?« Ich blickte in mein Glas. Und ich möchte auch nicht Angst haben müssen. um mich weiterzuführen. Leyla«. daß Colin gute Gründe hatte. da hinaufzugehen?« Ich spähte hinauf. und ich ließ Colin meine Hand nehmen. daß dies der Flur war. Gehst du mit mir an einen Ort. durch den ich in der Nacht vor Henrys Tod gelaufen war. Ist es sehr schlimm für dich. Ich war sicher.« »Gut.« Er führte mich wieder nach oben. »Es tut mir leid. daß plötzlich jemand von der Familie hier auftaucht und uns stört. »Ja. Ich atmete schneller. Sein Gesicht war seltsam bleich im flackernden Schein der Kerze. als wir vor dem kleinen Torbogen anhielten. aber ich stellte keine Frage. Ich möchte nicht. wo die schmale Treppe in der Dunkelheit verschwand. Colin. als wir alle ihm zum Türmchen gefolgt waren. in seiner Begleitung fühlte ich mich sicher und beschützt. daß wir belauscht werden. Es wunderte mich schon gar nicht mehr. Dennoch schauderte ich bei der Erinnerung an jene Nacht. war ich verwundert. »Anders geht es nicht. Colin hielt meine Hand sehr fest. aber ich dachte nicht an Umkehr. Colin beobachtete mich schweigend. mich hierher zu bringen. und Großmutter hat überall ihre Spitzel. natürlich.« Ich sah ihm aufmerksam in die Augen. Als mir der Modergeruch in die Nase stieg. Ich fuhr mir mit der Zunge über die Lippen und . »Wir müssen vermeiden. Mir war unheimlich in der beklemmenden Finsternis. daß wir belauscht werden.

Das hat mich sehr beunruhigt. an dem du uns gesagt hast. Colin stellte die Kerze auf den Steinboden. Was du mir sagen willst. blieb ich einen Moment schaudernd stehen. »Zunächst wollte ich dir sagen. daß ich über das. du würdest es nicht tun. Meine Neugier siegte über meine Angst. Aber ich kann verstehen. weshalb ich dich hierher gebracht habe. das zum nächtlichen Wald hinausblickte. Das Turmzimmer war ein kleiner. bemerkte Colin und nahm nun auch meine andere Hand. runder Raum. was ich gleich tun werde.« Colins Stimme klang seltsam fern. Was hatte Colin mir so Wichtiges mitzuteilen. lange nachgedacht habe. klamm und kalt. »Hast du mich hierher gebracht. langsam eine Stufe um die andere nehmend. Ich hatte Angst. Meine Hand ließ er nicht los.schmeckte noch ein wenig Großmutters Sherry. ist wohl sehr wichtig?« »Ja. natürlich.« »Du warst so sonderbar an dem Morgen. Ich mußte mich unwillkürlich an Henrys wahnverzerrtes Gesicht und weit aufgerissene Augen erinnern. Du sollst wissen. Gehen wir?« Mit der Kerze in der Hand ging er mir voraus. Ich bin froh. daß du mir vertraust. Erinnerst du dich?« »Ja. Leyla. mit einem Fenster. »Von hier hat unser Großvater sich hinuntergestürzt«. um mir das zu sagen?« »Nein. daß ich sie ihm nicht hätte entziehen können. Leyla. Es bewegt mich schon seit dem Morgen. daß wir etwas Licht hatten. in sicherer Entfernung von meinen Röcken und doch so nahe. daß dafür kein anderer Ort im Haus sicher genug war? Oben angelangt. daß ich es nicht leichten Herzens tue. du hättest Thomas Willis’ Buch gelesen. Leyla. das ist nicht der Grund. hielt sie so fest. seine Stimme war ohne Ausdruck. »Ja. Ich konnte sein Gesicht nicht sehen. warum du dort hinauf willst. und es hat mich seitdem eigentlich unablässig .

« Ich war gebannt von seiner Stimme und seinem Blick. Aber ich muß dich jetzt bitten. Ich glaube. gespannt darauf. kaum mehr als ein Flüstern. weil keiner erfahren darf. »Es darf uns niemand belauschen. was hier vorgeht. Aber jetzt…« Seine Stimme war noch leiser geworden. spähte angespannt in die Dunkelheit jenseits unserer kleinen Lichtpfütze. sagte er: »Ich werde es nicht länger aufschieben. flüsterte ich.« Er drückte meine Hände noch fest.« »Colin. Ich sah ihn an wie hypnotisiert. mit dir zu sprechen. »Dann verzeih mir. Wenn du ein lautes Geräusch machen solltest. Colin. Ich fürchte. du weißt. um dir klarzumachen. »Ich weiß. es wird schmerzhaft werden für dich. daß er lächelte.geplagt. schreien solltest.« Er sah sich um. Ich habe dich absichtlich hier heraufgebracht. was er mir zu sagen hatte. hier sind wir sicher vor dem Rest der Familie. und er trat einen Schritt näher an mich heran. Mehrmals war ich nahe daran. Kein Geräusch war zu hören. was ich jetzt tun werde. Als hätte er meine Gedanken gelesen. Leyla. Colin und ich waren ganz allein. »Leyla. die unsere Kerze warf.« Ein wenig verwirrt antwortete ich: »Ich würde dir alles verzeihen. daß ich dir vertraue. Ich kann dir das nicht verübeln. »Ja«. erregt durch seine Nähe.« »Warum sollte ich schreien?« »Es war nur ein Beispiel. daß du mich bisher nicht gemocht hast und mir gewiß auch nicht getraut hast. daß wir hier oben sind. ganz gleich. Niemand darf wissen.« . nichts rührte sich außer den tanzenden Schatten. darf niemand es hören. aber dann habe ich es mir aus diesem oder jenem Grund immer wieder anders überlegt. daß wir ungestört sind. was geschieht. mir rückhaltlos zu vertrauen. wie wichtig es ist.« Ich hatte den Eindruck.

dich an das zu erinnern. was vor zwanzig Jahren im Wäldchen geschah. »Ich habe nie geglaubt. die du als Kind miterlebt hast.« .« Er ließ meine Hände los und umfaßte fest meine Schultern. was ich sagen soll. und ich muß wissen.« »Was?« sagte ich verblüfft. von wem. Leyla.« »Aber ich verstehe nicht.»Gut. wie unglaubwürdig das für dich klingen muß. was du denkst! Daß es sinnlos ist – « »Nein. dich der Ereignisse zu erinnern. Und ich konnte nicht darüber sprechen. weil die ganze Familie mich haßt. aber ich konnte nichts beweisen. als er sagte: »Ich weiß. Als du nach zwanzig Jahren plötzlich hier vor der Tür standest. ich wartete sehnlichst darauf. daß dein Vater Hand an sich gelegt hat. noch einmal zu versuchen. ich bin ganz verwirrt. Ich weiß nicht. war das für mich wie ein Geschenk des Himmels.« Er sah mich flehend an. Ich weiß. Leyla. versuche. warte –!« »Laß mich zu Ende sprechen. du wolltest dir deine Vergangenheit zurückerobern. daß dein Vater ermordet wurde.« »Colin. weil du das Buch gelesen hattest. Leyla. dich zu erinnern. nachdem ich die ganze Zeit das Spiel der Familie mitgemacht habe und so getan habe. war ich verzweifelt. Ich war von Anfang an auf deiner Seite. aber ich bitte dich. was damals war. »Ich bitte dich. Und als du sagtest. Warum denn?« »Weil ich glaube. »Bitte. schöpfte ich Hoffnung. versuche es noch einmal – mir zuliebe. Aber als du dann plötzlich aufgabst. daß du dich erinnern würdest. auch wenn es vielleicht sehr schmerzhaft für dich ist.« Seine Augen waren plötzlich sehr lebendig. daß du kein Verlangen mehr hast. als wäre ich mit den anderen einig.« »Colin!« »Ich weiß. einfach die Waffen strecktest.

eine ungewöhnliche Zuneigung zu mir.« »Und du hast das den anderen nicht gesagt?« »Ich kann nicht. bevor du das Buch gelesen hattest. ein Schiffskapitän. Leyla. Mein leiblicher Vater war ein Mann namens Haverson. Colin – das kommt alles so plötzlich…« »Sir John faßte damals. daß er tatsächlich keines gemacht hatte. daß du wieder die wirst. dich zu erinnern. »Wie merkwürdig. als ich ins Haus kam. nachdem er deinen Bruder getötet hatte. antwortete ich. Etwa anderthalb Jahre später heiratete meine Mutter Richard Pemberton und brachte mich hierher. jedenfalls nicht von Geburt. Er änderte sein Testament und setzte mich zum Alleinerben ein unter der Voraussetzung. als sähe er mich zum erstenmal. Warte. »Du glaubst mir?« »Aber ja«. daß du noch einmal versuchst. Aber ich wußte nicht. daß dein Vater Selbstmord beging. und seine Arme sanken herab.« »Was ist das für ein Grund?« »Ich bin kein Pemberton.« »Ich glaube dir. daß es die Erbkrankheit gibt. Leyla. die du warst. Colin?« fragte ich leise.« Er sah mich an. »Aus einem Grund.« »Ach. Ich möchte. Sie hören nicht auf mich. das schwöre ich dir. daß du mir gerade jetzt all diese Dinge erzählst. Leyla. den ich dir schon längst hätte sagen sollen. Er starrte mich einen Moment an. laß mich ausreden. der auf See ums Leben kam.« . Ich glaube. und du glaubst daran. Sie – « »Warum hassen sie dich.»Du weißt jetzt. daß Onkel Henry kein Testament machen sollte. dann ließ er plötzlich meine Schultern los. als ich gerade geboren war.« »Aber warum hassen sie dich dafür?« »Weil ich den Tumor nicht zu fürchten brauche. daß dein Vater unschuldig war.

wie verwirrend es für dich sein muß – « »Ach.« »Worum geht es denn? Was hast du herausgefunden?« Ich erzählte ihm alles. »Der Tumor. Colin.« »Dann hast du dich erinnert?« »Nein.»Willst du dann noch einmal versuchen. »Dann ist es also wirklich wahr. Ich berichtete ihm von meinem ersten Besuch bei Dr. was ich herausgefunden habe und was ich bis jetzt für mich behalten mußte. von meinen Gefühlen.« Eine ganze Weile starrte er hinaus in die Dunkelheit. und nicht nur. »Wie grauenhaft!« rief er. aber ich hörte seinen schweren Atem und konnte mir vorstellen. Als ich von der tödlichen Dosis Digitalis berichtete. meinem Zorn und meiner Erbitterung und von Dr. Ich will es aber. »Aber dann – « begann er unsicher. »Heißt das. was jetzt in ihm vorging. wie schrecklich es für mich war. Du weißt nicht. Noch nicht. nein. das ist es nicht. Youngs Überlegungen. Young. Im Gegenteil. alles mit mir allein herumtragen zu müssen. »Das ist es nicht. und ich habe die ganze Zeit recht gehabt. Endlich kann ich mit dir darüber sprechen. dich zu erinnern? Ich weiß. du kannst dir nicht vorstellen. Ich konnte sein Gesicht nicht sehen. die Dr. Endlich kann ich dir alles sagen. Young in Henrys Blut festgestellt hatte. unterbrach ich ihn aufgeregt. daß er Lüge ist? Daß es die Krankheit der Pembertons gar nicht gibt?« . Am liebsten hätte ich gelacht. Colin«. von der gefälschten Seite in Cadwalladers Buch. Leyla… Der Tumor…« Er kam stockend einen Schritt auf mich zu. wie erleichtert ich bin. wandte Colin sich erschüttert von mir ab und schlug mit der Faust an die Steinmauer.« »Was denn?« »Alles. weil du mich darum gebeten hast.

während er mich ansah. Aber jetzt bist du frei. daß du früher oder später das Opfer dieser grauenvollen Krankheit werden würdest. Und es ist nichts als Lüge. Oft habe ich dagesessen und dich nur angesehen und gedacht. Ich spürte seine Wärme und seine Kraft. Jahrhunderte…« Er schlug wieder an die Wand. »Es ist unfaßbar! Jahrelang glaubten wir alle daran. daß ich plötzlich in Colins Armen lag.« Er schob mich ein wenig von sich ab und strich mir über das Haar. Es war schrecklich. Colin. dicht zueinander geschmiegt. Leyla. Wir sind beide befreit von diesem . »Ich wußte nicht.« Er drehte sich zu mir herum. und sprachen kein Wort. flüsterte er.« Ich kann nicht sagen. und er mich an sich drückte. Und ich hatte das Gefühl. was ich ausgestanden habe. dich zu lieben und dabei zu wissen. Und plötzlich rief er freudig aus: »Dann – dann bist du ja frei. und sie sagten mir mehr als tausend Worte. »du weißt ja nicht. ich könnte die Qual nicht ertragen. »Leyla. was dann geschah. Diese letzten Tage – dich zu sehen. Onkel Robert. Und ich wußte es nicht…« Er begann.« »Mein Gott! Alles eine niederträchtige Lüge. Lange standen wir so. Ich war so verbittert. Onkel Henry! Dann hatte ich also von Anfang an recht. als hätte ich nie woanders hingehört. du kannst es dir gar nicht vorstellen. Dein Vater wurde tatsächlich ermordet. Liebste«. Ich sah keine Zukunft für uns. als wollte er mich nie wieder loslassen. »Ich kann es einfach nicht glauben. Jahrzehnte.»Ja.« »Ich kann es nicht glauben«. Leyla. eine gemeine Erfindung!« »Ja. Leyla! Dann hast du nichts zu fürchten!« »Ja. was ich tun sollte. Ich erinnere mich nur. »Sir John. flüsterte Colin dann. als sei ich endlich nach Hause gekommen. in dem kleinen Turmzimmer hin und her zu gehen.

Ach Leyla. und diesmal küßte er mich.schrecklichen Fluch. »Ich liebe dich wirklich. liebe ich dich dafür um so mehr. In meiner Glückseligkeit über das. als hätte sein ganzes Wesen in dieser kurzen Zeit sich gewandelt. wenn du mich jetzt ohrfeigst. meine Leyla!« Voll Zärtlichkeit sah er mich an. leidenschaftlich und zärtlich zugleich. der über Generationen auf dieser Familie lag. es war weicher. So plötzlich. habe ich mich völlig vergessen. »Ich kann nicht glauben. Ich habe völlig kopflos gehandelt. Ich glaubte fest. was du mir gesagt hast.« Er sah mich ungläubig an. was ich gesagt hatte. Bitte verzeih’ mir. dich zu entschuldigen. Wenn du den Kopf verloren hast. doch plötzlich veränderte sich sein Gesicht. »Ich habe mich wie ein Flegel benommen und deine Schwäche ausgenützt. Colin«. Ich war selbst erstaunt über mich – nicht über das. nur wir beide. wie leicht es mir über die Lippen gekommen war. sondern darüber. »Guter Gott! Entschuldige. zeigte tiefe Verlegenheit. Aber glaube mir. »Ach. offener. sagte er vor Freude lachend. daß mir das geschieht«. Ich muß mich für mein Benehmen bei dir entschuldigen und könnte es dir nicht einmal übelnehmen. ich würde mich niemals in meinem Leben verlieben. wie nie zuvor ein Mann mich geküßt hatte. ich war – « Jetzt mußte ich wirklich lachen. Leyla. wie er mich in seine Arme geschlossen hatte. Nichts war mehr wichtig in diesem Augenblick. Wieder nahm er mich in seine Arme. »Ich komme mir vor wie im Traum. auf eine Art. hör’ auf. Sein Gesicht schien sich verändert zu haben. ließ er mich jetzt los und wich zurück. sondern bis ans Ende meiner Tage ein . sagte ich leise.« »Weshalb sollte ich das tun?« Ich hätte gleichzeitig weinen und lachen können. Colin.

»Vor zwanzig Jahren bist du spurlos aus meinem Leben verschwunden. »Er war von Großtante Sylvia unterzeichnet«.« Diese Worte holten mich mit einem Schlag in die Wirklichkeit zurück. sagte er.« Ich war glücklich. »Es war kein Zufall.‹« »Ja. erklärte ich. brauchte ich die Last meines Wissens nicht mehr allein zu tragen. daß ich kaum luftholen konnte. Colin!« Er zog mich wieder an sich und drückte mich so fest. daß sie . sagte Colin mit einem leisen Lachen. »Ich lasse dich nie wieder fort«.« Er legte mir sacht eine Hand auf die Wange. der uns kurz vor dem Tod meiner Mutter in London erreicht hatte. daß jemand gleichzeitig rot und blaß werden kann. welches gute Werk ich in der Vergangenheit getan habe«. »daß Gott dich plötzlich zu mir schickte. Colin. die du mit mir gewechselt hast? Du sagtest: ›Tante Anna sagte mir. Und dann kamst plötzlich du. Mit Colin an meiner Seite brauchte ich nichts mehr zu fürchten. Offenbar befürchtete sie eine Katastrophe. daß ich dich hier treffen würde und riet mir eine Begegnung mit dem exzentrischen Colin unter allen Umständen zu vermeiden. »Ich frage mich. war für mich das Ende eines Alptraums. »Erinnerst du dich noch an die ersten Worte. »aber hier entdeckte ich. daß ich hierher kam. während ich ihm von dem Brief berichtete.« »Aufgrund eines Briefes?« Colin ließ mich aus seinen Armen. Ich war in schrecklicher Verlegenheit.« »Ach.« »Du hättest dein Gesicht sehen sollen! Das werde ich nie vergessen. Ich hätte nie geglaubt. Nichts kann uns mehr trennen. Ich kam aufgrund eines Briefes. Colin gefunden zu haben. Leyla. hielt aber weiter meine Hände fest.zynischer Junggeselle bleiben. aber jetzt bist du zurück und wirst für immer bei mir bleiben. ich weiß.

meine Vermutungen für lächerlich erklären. »Von dem Tag an. Ich bin nur mit dir hier heraufgekommen. versetzte Colin verblüfft. Aber das ist noch nicht alles. bestenfalls widerstrebend auf meinen Vorschlag eingehen. dich hat tatsächlich jemand hierhergelockt? Aber warum ausgerechnet unter Tante Sylvias Namen?« »Ich vermute. sagte ich dann. Er wollte seinen Namen nicht preisgeben. und der Briefschreiber sich deshalb gut hinter ihr verstecken konnte. und jetzt.« »Aber das verstehe ich nicht«. daß es nicht ihre Handschrift war. als ich Thomas Willis’ Buch gelesen hatte. Ich sah an ihrem Tagebuch. als wünsche er meine Abreise. bekam ich Angst. da ich hier bin. »Er hat Spuren des Gifts darin gefunden.den Brief in Wirklichkeit gar nicht geschrieben hatte. bekam ich plötzlich jeden Tag Kopfschmerzen. und darum habe ich heute heimlich eine Probe von meinem Frühstückstee zu Dr. um dich zu bitten. du würdest mir widersprechen. »Du mußt mir den Brief zeigen.« »Und?« fragte Colin heiser. Aber wer kann das sein. deinen Erinnerungen auf die Spur zu kommen. Colin«. ich muß dich sofort von hier wegbringen. Nachdem Dr.« »Colin – « »Das ist ja unfaßbar. doch noch einmal zu versuchen. Ich dachte. Statt dessen höre ich all diese grauenvollen .« »Nein! Mein Gott. Leyla. tut er so. »Du meinst. weil sie damals schon im Sterben lag. Young mir erklärt hatte. daß Onkel Henry mit Digitalis vergiftet worden war. Colin?« Er überlegte. Trotzdem verstehe ich das nicht: Warum soll dich jemand hierherlocken und sich dann nicht zu erkennen geben?« »Das weiß ich auch nicht. Vielleicht erkenne ich die Schrift. was hier im Haus vorging. Young zur Analyse gebracht. Und ich ahnte nicht einmal.

haben wir Zeit. aber bestimmt.« »Das kann ich nicht zulassen«. Wie oft wirst du noch zurückgehen müssen?« . hatte aber große Angst um mich. was ich gesagt hatte.Tatsachen von dir. Wenn wir es je erfahren wollen. nicht in London. Ich werde das hier allein lösen. sagte er zornig.« »Nein. Colin. Kopfschmerzen und Übelkeit vortäuschen. Wir wissen nicht.« » – bin ich in Gefahr. Colin«. Geh sofort nach London zurück. Colin. muß ich mich erinnern. »Wir wissen so viel. doch er wußte keinen Ausweg. und doch wissen wir das Entscheidende nicht. Er konnte die Wahrheit dessen. Unsere kleine Kerze war so weit abgebrannt. Ich muß hier bleiben. mich an alles zu erinnern. Und das kann ich nur hier. »Aber ich kann von hier nicht weggehen. komme ich dir nach – « »Nein. daß du dich in Gefahr begibst.« Colin war sehr aufgeregt. bis es mir gelingt. »Du mußt von hier weg. wer der Mörder ist. ich wüßte nicht. »Bei deinem ersten Besuch im Wäldchen hast du dich an gar nichts erinnert. »Solange der Mörder glaubt. »Es ist nicht nötig. und wenn alles geklärt ist. Wenn er – oder sie – nichts merkt. sagte ich.« Ich hörte Colins schweren Atem. nicht leugnen. widersprach ich ruhig.« Ich sprach ruhig. Leyla!« Er faßte mich wieder bei den Schultern. »Wieviel Zeit?« fragte er angstvoll. bin ich nicht in Gefahr«. Nur wenn der Mörder merkt. daß sie kaum noch Licht spendete. daß ich seinen Plan entdeckt habe – « »Oder ihren. was damals im Wäldchen geschehen ist. »Ich muß einfach meine Rolle weiterspielen. daß ich langsam vergiftet werde.

daß mein Vater unschuldig war? Wieso hast du nicht. hatte ich das deutliche Gefühl.« »Das fand ich auch. daß Colin stark beunruhigt war. daß Sir John und sein Bruder von der Krankheit in den Wahnsinn getrieben worden waren. die allgemeine Erklärung hingenommen? Hast du an der Geschichte von dem Tumor gezweifelt?« »Nein. da du doch auch an die Krankheit glaubtest. Und ich glaubte wie alle anderen. Als ich da unten ganz allein unter den Bäumen stand. der Theo gehört. ehe ich antwortete. Woran hast du dich erinnert?« »Ich sah plötzlich den Rubinring. an dem dein . um seine Worte zu bedenken. Colin?« Er schien einen Moment zu brauchen.Ich überlegte mir meine Worte. sagte er wenig überzeugend.« »Warum nicht. als ich im Wäldchen stand. wie Colin erstarrte. Obwohl ich sein Gesicht nicht sehen konnte. wäre der Ring nicht kurz danach verschwunden. Er hat wahrscheinlich mit dem Tod meines Vaters gar nichts zu tun. ich habe dir nur nichts davon gesagt. dann sagte er: »Du warst an dem Tag. daß es mit den Geschehnissen von damals nichts zu tun hat – « »Aber es kann auch ungeheuer wichtig sein. hatte ich plötzlich ein flüchtiges.« »Wovon?« »Es kann sein. Aber bei deinem Vater konnte ich nicht daran glauben. »Wieso warst du eigentlich so sicher. aber sehr deutliches Bild. das ist nur ein Zufall«. Ich glaubte genauso daran. »Den Ring?« sagte er tonlos. »Das ist merkwürdig.« Ich merkte. Ich hätte wahrscheinlich überhaupt nichts darauf gegeben. »Darf ich dich etwas fragen?« Er nickte. »Doch. wie alle anderen. an eine Kleinigkeit habe ich mich erinnert. und trotzdem erinnerte ich mich seiner.« »Ich bin sicher.

Da ich glaubte.« Im ersten Moment war ich sprachlos. Dann hörte ich ein dumpfes Geräusch. wenn sie hörte.« »Dann hast du alles gesehen?« »Nein. als ich Thomas aufschreien hörte. Es war noch jemand da. als sei jemand zu Boden gestürzt. aber ich kam zu spät. Leyla. aber ich konnte nicht sehen. Leyla? Ich war vierzehn Jahre alt und zu Tode geängstigt. er hatte sich wehgetan. sah ich dich im Gebüsch stehen.« »Und das war der Mörder!« »Ja. aus der der Schrei gekommen war. Ich hatte zum erstenmal in meinem Leben einen Toten gesehen. daß die Person. das nicht. An wen hätte ich mich wenden können? Ich wußte nur. »Du?« sagte ich dann ungläubig. Woher hätte ich wissen sollen. daß jemand auf Pemberton Hurst zwei Morde begangen hatte. Du hattest einen ganz fremden Ausdruck auf dem Gesicht. der ich mich anvertraute. Ich war tief erschrocken. rannte ich sofort in die Richtung. Ich war dabei. daß da jemand davonlief. Ich rannte hinterher. sah ich deinen Vater neben deinem Bruder auf dem Boden liegen.« »Hast du denn mit niemandem darüber gesprochen?« »Mit wem hätte ich denn darüber sprechen können. als dein Vater und Thomas getötet wurden. und als ich mich umdrehte. »Ja. was ich wußte? Mit .« Er sprach hastig.« »Wer?« »Ich. nicht der einzige Beobachter im Wäldchen. aber ich habe nur noch eine undeutliche Gestalt und die Bewegung der Äste an den Bäumen gesehen. Als ich ins Wäldchen eindrang. »Ich streifte in der Nähe im Wald herum. nicht selbst der Mörder war und mich ebenfalls töten würde.Vater und dein Bruder starben. wer es war. Ich war auch im Wäldchen. Zur gleichen Zeit hörte ich es ganz in der Nähe rascheln und wußte sofort.

daß du mir glauben würdest. Du trautest mir nicht.« »Aber warum hast du mir das alles nicht schon viel früher erzählt?« »Das konnte ich nicht. wer von ihnen es gewesen war. Leyla. Sag ehrlich. Ich drängte dich ein wenig.« Er wandte sich von mir ab und begann wieder. um ihren Anteil am Erbe zu vergrößern. unbeeinflußt von dem. daß die Erinnerung von selbst kam. Leyla? Sag mir das. »Ich habe nächtelang wachgelegen und gegrübelt. denn er kam vor vielen Jahren ums Leben. sagte ich in tiefem Mitgefühl. Colin«. Aber das weißt du ja nicht. denn er ist jetzt selbst tot. Ich konnte nicht erwarten. was ich dir hätte erzählen können. aber ich konnte dir doch nicht alles erzählen.« . gab dir ein paar Anhaltspunkte. Und mein Vater kann es nicht gewesen sein. auf und ab zu gehen. Es ist alles so unglaublich. saß Abend für Abend mit der ganzen Familie beim Essen und fragte mich immer wieder. Aber Henry kann es nicht gewesen sein. Zwanzig Jahre lang habe ich mit diesem furchtbaren Geheimnis gelebt. gerade ihm mußte der Tod deines Vaters sehr gelegen kommen.« »Die drei Söhne Sir Johns waren Opfer und nicht Täter. »Theo? Leyla. Leyla. hättest du mir denn damals getraut?« »Ich – ich weiß es nicht. Mein eigener Vater oder Onkel Henry konnten es getan haben. Beweggründe gab es für jeden genug.« »Ach. Ich wollte. Wer kann es getan haben? Hast du denn gar keinen Verdacht?« »Verdächtig ist im Grunde jeder. Colin.wem hätte ich reden dürfen. und seitdem hat es zwei weitere Todesfälle gegeben. sonst hättest du vielleicht meine Schilderungen verwechselt und sie für Erinnerungen gehalten. »Und dann standest plötzlich du vor der Tür wie ein rettender Engel. Aber hast du mal an Theo gedacht? Könnte er einen Grund haben?« Colin blieb plötzlich stehen.

Es ist möglich. als Theo in mein Zimmer gekommen war. auch wenn wir sie natürlich nicht außer Acht lassen können. daß er sie nicht haben konnte.« . Theo gab sich überhaupt keine Mühe. und ich könnte mir denken. daß auch Tante Anna das Erbe ihres Mannes vergrößern wollte und darum deinen Vater tötete. »Und Tante Anna war eine Mutter jener Art. Theo solle Jennifer ruhig haben. und alle wußten es. Theo haßte deinen Vater. Vielleicht hegte sie aus unbekannten Gründen einen Groll gegen deinen Vater. seine Gefühle für sie zu verbergen.« Ich wich einen Schritt zurück. daß ich den Eindruck gehabt hatte. daß das Erbe gleichmäßig zwischen ihren drei Söhnen aufgeteilt werden würde. Mir war sofort aufgefallen. erzählte Colin.»Aber warum?« »Theo liebte deine Mutter. Leyla. wie ungewöhnlich er sich verhielt. Ich kann da keinen Grund sehen. sondern eine andere. »und deine Mutter fünfundzwanzig. sie dürfen wir nicht vergessen. Und er zeigte auch offen seine Bitterkeit darüber.« »Und was ist mit Großmutter?« »O ja. Ich wußte noch. Großmutter wünschte. Aber warum sollte sie ihre eigenen Söhne töten? Alle drei? Sie liebte deinen Vater sehr. daß sie unter gewissen Umständen vor einem Mord nicht zurückschrecken würde.« »Wie seltsam…« Ich dachte an den Abend vor fast einer Woche. Vielleicht meinte sie.« »Und Martha?« »Sie war damals erst zwölf. das wußte jeder. Sie ist eine harte Frau. er sähe gar nicht mich. Leyla. die allen Fehlern ihrer Söhne gegenüber blind sind. Sie war eine sehr schöne Frau. Jetzt hatte ich die Erklärung. Und sie hatte auch deine Mutter gern. »Was?« »Theo war damals achtzehn«.

ich könnte mich erinnern.»Mein Gott. »Ja. Colin.« »Geh noch einmal ins Wäldchen. damit ich mein gemeinsames Leben mit Colin beginnen konnte. Den Kopf an seinem Hals. Leyla. ich bitte dich. daß dieser Alptraum endlich enden möge. Ich habe große Angst um dich. Und es gab für mich nur einen Weg. Leyla? Und was ist der Grund für die Morde?« »Ich wollte. wer kann es gewesen sein. Geh bald. wünschte ich aus tiefster Seele.« Er kam zu mir und nahm mich wieder in seine Arme. wer kann es nur gewesen sein?« fragte ich. dem Alptraum ein Ende zu bereiten: Noch einmal das Wäldchen aufsuchen… .

seine leidenschaftliche Umarmung. Colin vor allem galten meine Gedanken. Martha und Theo saßen allein am Tisch. Ich betrat das Frühstückszimmer mit großer Beklommenheit. denn nun war auch mein Leben in Gefahr.14 Nach einer fast schlaflosen Nacht war ich froh. was ich mir für diesen Tag vorgenommen hatte. Und diesmal war es noch wichtiger für mich. diesmal wußte ich mit Sicherheit. mußte ich um mein Leben bangen. mit denen er mir seine Liebe erklärt hatte. Beim Ankleiden dachte ich daran. die Worte. deren Zeugin ich vor zwanzig Jahren geworden war. Aufgeregt und ungeduldig begrüßte ich den neuen Tag. daß damals ein Mord verübt worden war. und die Gefahr wurde mit jedem Tag größer. Noch einmal würde ich heute ins Wäldchen zurückkehren und versuchen. Während ich aus dem Fenster in das kalte Grau des Morgens hinausblickte. gab ich mich schönen Erinnerungen hin. als endlich das erste graue Licht in mein Zimmer fiel. Diesmal jedoch würde es anders sein als beim erstenmal. aber mir schien es eine Ewigkeit zurückzuliegen. Ich mußte mich retten. den Stunden. dessen Beginn ich kaum erwarten konnte und vor dem ich gleichzeitig so große Angst hatte. Solange ich mich nicht erinnerte. daß wir uns getrennt hatten. mir die Geschehnisse ins Gedächtnis zu rufen. die wir oben im dunklen Turmzimmer miteinander verbracht hatten. meiner Erinnerungen habhaft zu werden. Ich setzte mich an meinen gewohnten Platz und nahm mir Toast und Marmelade. Unser Gespräch war oberflächlich und belanglos. wir sprachen . Nur Stunden war es her. an seinen Kuß.

daß Martha . dieses Prickeln ist etwas Herrliches. der Dampfmaschine und der Heißluftballons.« Er tupfte den vergossenen Tee mit seiner Serviette auf. über das im Parlament entschieden werden sollte. Als Colin eintrat. sein plötzliches Erscheinen? Nein. Er setzte sich mir gegenüber. Das Gespräch.« Jetzt begriff ich. »Es ist ein Zeitalter beständigen Fortschritts. »Nie zuvor ist der Mensch so schnell so weit gereist. die neuen Webstühle zu kaufen. etwas gezwungen jetzt. denn dieses Herzklopfen. was ich gehört habe. dem wir folgen müssen. Dies ist das Zeitalter der Gaslampen. und der Tee ergoß sich über das Tischtuch. wann wir das letztemal einen so langen und kalten Winter gehabt hatten.« Colin unterstrich seine Worte mit weit ausholenden Gesten. lächelte höflich und schenkte sich Tee ein. Ich hatte den meinen bisher nicht angerührt. wir leben in einer schnellebigen Zeit. wandte sich dem Geschäft zu. »Oh.« Plötzlich schlug sein Arm versehentlich an meine Teetasse. hoffentlich nicht. Wie ungeschickt von mir. Leyla. Würde ich mich niemals an ihn gewöhnen. Sie fangen schon an. »Hier«. »Nimm meinen. tat mein Herz einen Sprung. wenn wir nicht den Anschluß verlieren wollen. an seine Nähe. Vorbei ist es mit Ruhe und Beschaulichkeit. wird durch diese neuen Maschinen die Produktion unglaublich beschleunigt. entschuldige vielmals.über Annas Kummer. »Ja. Du wirst mit den anderen Spinnereien in Wettbewerb treten müssen. dachte ich. und nach dem. einem neuen Reformgesetz. wann endlich der Frühling kommen würde. Theo. Theo. Ich dankte ihm mit einem Lächeln und nahm die dargebotene Tasse. sagte er mit einem verlegenen Lächeln und reichte mir seine Tasse. fragten uns.« Das ganze Gespräch bestand im Grunde aus einem Monolog Colins. Sie kippte um. der sich nicht darum zu kümmern schien.

mich zu begleiten. Nach seinem Tod nahm Sir John den Ring wieder an sich und trug ihn bis zu seinem eigenen Tod zwei Jahre später. hatte es am vergangenen Abend einen Moment gegeben. und ich hatte den Eindruck. in dem er angespannt und beunruhigt gewirkt hatte.stumm blieb. »Colin«. seufzte ich erleichtert und entspannte mich ein wenig. sagte ich. . sie würden niemals gehen. aber ich glaube. und doch. nicht wahr? Warum hat der ihn nicht zuerst Onkel Henry vermacht?« »Tatsächlich war es so – « Colin räusperte sich.« Ich lachte ein wenig. Erst als Theo und Martha endlich aufstanden und hinausgingen. Ich saß unruhig auf dem Rand meines Stuhls und dachte. und diesmal saßen wir in einem hellen Zimmer. »Und du gehst heute ins Wäldchen. ich muß allein sein. Aber ich möchte allein gehen. während Theo allenfalls hin und wieder eine geringschätzige Bemerkung machte.« »Wenn du mir zu lange ausbleibst. erinnerte ich mich jetzt. so bald wie möglich. »Ich habe keine Erklärung dafür. Colin beugte sich über den Tisch und nahm meine Hand. Es ist lieb von dir. seine Reaktion zu verbergen. Nichts als Liebe und Zärtlichkeit war in Colins Augen. durch dessen Fenster das Morgenlicht strömte. daß mir die Erinnerung an den Rubinring nur im Zusammenhang mit dem Wäldchen gekommen ist und sonst überhaupt nicht?« Da. daß er seine Worte sorgfältig abwog – »daß zuerst mein Vater den Ring bekam.« »Theo hat ihn doch von Sir John geerbt. Diesmal sah ich. wie Colin sich bei der Erwähnung des Ringes veränderte. »was kann es bedeuten. Er bekam ihn schon als kleiner Junge von seinem Vater und hatte ihn viele Jahre getragen. komme ich nach und hole dich. Aber er bemühte sich. Colin. Als ich ihm von meiner flüchtigen Erinnerung an den Rubinring erzählt hatte. da war es wieder. daß du mir angeboten hast. Leyla?« »Ja.

Wenn Colin nicht über den Ring sprechen wollte. Wenn ich mich an irgend etwas erinnern sollte. keine . deine Manieren sind ja so schlecht wie meine. »Ich breche jetzt auf. nehme ich an. zu beiläufig. du mußt zuerst zu mir kommen. Ich sah niemanden. was du entdeckst. und dann gehe ich ins Wäldchen. warum er gestohlen wurde?« Er strich Butter auf seinen Toast. Ich wünschte.« Zu meiner Überraschung sprang er auf und kam um den Tisch herum zu mir. erzähle ich es dir heute abend.« »Und was glaubst du. sollte es mir recht sein.Dann bekam Theo ihn. »Ich habe Angst um dich. Versprichst du mir das?« Sein ungestümes Drängen beängstigte mich. Nur einmal drehte ich mich um und blickte zurück. ganz gleich. als er sagte: »Versprich mir eines. Sein Gesicht war angespannt. so soll es sein. Nein. Ich will zuerst noch einen Spaziergang machen. »Ich weiß es nicht.« »Aber natürlich!« »Ich meine. Es war wohl irgend jemand von den Angestellten. weil Onkel Henry ihn nicht haben wollte. ich verspreche es dir. ich könnte dich dazu bewegen. »Ja. Colin. Ich beuge mich. zum Teil hinter geschlossenen Läden verborgen. von hier fortzugehen. aber ich ließ es dabei bewenden. wenn du dich an irgend etwas erinnerst.« Er lächelte beruhigt. Leyla: daß ich es als erster erfahre. Die Fenster waren dunkel. Leyla. So wichtig konnte die Sache nicht sein.« Der Tag erschien mir ungewöhnlich kalt und finster. Colin. Wie du willst.« Seine Mimik war etwas zu unbeteiligt. hatte ich das Gefühl. schüttle nicht den Kopf. und als ich vom Haus wegging. daß jemand mich beobachtete.

daß das nur geschehen konnte. Während ich dastand und zum Wäldchen hinuntersah. nichts. das mir gehörte. Auch der Spaziergang konnte mich nicht beruhigen. Ich war entschlossen. warum ich mir einbildete. Während ich mit meinen Blicken das Gewirr der Baumstämme und Äste zu durchdringen suchte. Abwartend stand ich unbewegt im Wind und starrte in die Bäume. Es geschah. und ich konnte mir auch nicht vorstellen. schienen an meinem körperlichen Befinden überhaupt nicht interessiert. spürte ich. denen ich mich jetzt langsam näherte. hüteten ein Geheimnis. um das Geheimnis aufzudecken. Ich wurde wieder zu der kleinen Bunny. Wenn einer der beiden mich langsam vergiftete. Die kahlen Akazien. daß ich nicht wieder und wieder würde zurückkehren müssen. dies alles endlich hinter mich zu bringen. ging er dabei sehr geschickt zu Werke. . wie ich mich langsam. und ich würde es ihnen entreißen. Das konnte natürlich Tarnung sein. unmerklich beinahe. Theo und Martha hatten kaum reagiert.Bewegung. als meine Teetasse umgekippt war. Es gab jetzt keine Umkehr mehr. als wüßte ich. zu verwandeln begann. überfiel mich ein merkwürdiges Gefühl. die Minuten zuvor hier zwischen den Bäumen verschwunden waren. Das war vermutlich auch der Grund. Es war beinahe so. Meine Nerven waren zum Zerreißen gespannt. mir meine Vergangenheit zurückzuholen. wenn meine Erinnerungen wiederkehrten. Ich begann mich zu erinnern. als ich mit flatterndem Umhang am Rand des Wäldchens stand. heimliche Blicke auf mir zu spüren. wer mich beobachten sollte. Ich war ein neugieriges kleines Mädchen auf der Suche nach Vater und Bruder. und ich wußte. daß dort unten etwas geschehen würde. Ich hatte nur den Wunsch.

groß wie Riesen die dunklen Bäume. das in meiner Phantasie mit Elfen und Kobolden bevölkert war. der Schrei eines Vogels hoch in den Bäumen. Ich hörte ihre Stimmen. Wie in Trance stand ich unter den Bäumen und starrte auf die Bilder. Zwei Erwachsene waren es und ein kleiner Junge.Auf kleinen Füßen trippelte ich über die weiche Erde und achtete sorgsam darauf. und ich möchte mit ihnen spielen. Aber Vater und Thomas waren dort drinnen. unsichtbar für die beiden anderen. Wächter über ein Märchenland. dessen Strömung sich vor einem Damm strudelnd umkehrt. Jetzt wurden sie klarer. Ferne Geräusche drangen an mein Ohr – das Gelächter eines kleinen Mädchens. Vater? dachte ich. Kampfgeräusche. Mutig marschierte ich weiter. Ich kannte sie alle drei. als sprächen sie wahrhaftig in diesem Augenblick. aber jünger. Da war der faulende Baumstumpf. Ich sah die unsichtbare dritte Person. Er zeigte Thomas eine Kröte. Plötzlich blieb ich stehen. die nur ich sehen konnte. Mutter würde schimpfen. Vor einer Kulisse dichtstehender Bäume und feuchter Erde sah ich schattenhafte Gestalten. Dort der glatt geschliffene Felsbrocken. Ich befand mich jetzt in einer anderen Welt – der Welt eines fünfjährigen Kindes. Plötzlich hatte ich ein deutliches Bild meines Vaters – groß und imposant. Die Zeit lief rückwärts. Vor mir hörte ich etwas. wenn ich es schmutzig machte oder gar zerriß. Unter dem wirbelnden Wasser sah ich klar gezeichnet die Gesichter dieser drei Menschen. Ich erinnerte mich. wer die . Henry sehr ähnlich. daß ich nirgends mit meinem Kleidchen hängenblieb. Ich wußte jetzt. mit schwarzem Haar und den markanten Gesichtszügen der Pembertons. Die dritte Person stand im Verborgenen. ein Fluß. Ich lächelte. Meine Augen sahen alles anders. Ich ging hinein. Die moosgrüne alte Mauer. Und Geräusche – Geräusche. die nicht hierher gehörten.

damit das Übel nicht mehr weitergegeben werden kann. fiel zu Boden. Ich wehrte mich. das in der Erde versickerte. »Oh. eine mörderische Hand schwang das Messer. . ehe ich aus der Vergangenheit heraustreten und in die Gegenwart zurückkehren durfte. Mein Vater drehte sich blitzartig um. hell blitzend vor dunklen Baumwipfeln und grauem Himmel. Entsetzen und nackte Angst schüttelten mich. und es war so grauenvoll wie damals. Das Messer. »Colin!« schluchzte ich. rot wie das Blut. Colin!« Ich hörte die Schritte erst. Schon kamen die anderen. als es zu spät war. Jemand schrie laut auf. schlug um mich. das mich hätte treffen müssen. Etwas Rotes. Alles war wieder da. Bis zu dem schrecklichen Ende mußte ich warten und zusehen. Nur konnte ich diesmal weinen. schrie auf. bitte – « stieß ich hervor. Ich sah. taumelte rückwärts. »Du bist verdammt wie sie alle!« flüsterte es heiser an meinem Ohr. Ich drehte mich blitzschnell um und sah Colin in tödlichem Kampf. aber es half nichts. Ich war wie gelähmt. Ehe ich meine Stimme fand. bis in jede Einzelheit. sauste blitzend ein Messer durch die Luft und traf Thomas’ Hals. fiel zu Boden. Das Messer schwang hoch. wie vor zwanzig Jahren. doch ich konnte mich nicht von der Stelle rühren. Schmerz. »Du mußt sterben wie sie sterben mußten. der vertraute Rubinring. und sauste zu mir herunter. Ich hatte das Gleichgewicht verloren. Colin. Starke Arme schlangen sich um meinen Hals. wurde zu Boden geworfen. Und dann war es vorbei. als das Messer seine Brust traf.Morde begangen hatte. wie die dritte Person plötzlich aus den Büschen rannte und sich auf meinen Bruder stürzte. »Mein Gott!« schrie ich plötzlich und schlug die Hände vor mein Gesicht. aber dieser unglaublich starke Arm drückte mir die Luft ab.« »Nein. nein. Ich hörte Keuchen und Stöhnen.

Tonlos stieg die Stimme meiner Großmutter vom Bett auf. Colin und mir – auf der anderen Seite des Bettes – gegenüber. den Arm um mich gelegt. Pemberton?« Obwohl meine Großmutter zu Tode erschöpft war.Meine Großmutter lag auf ihrem Bett. als hätte sie die Ereignisse der vergangenen Stunde noch gar nicht begriffen. Ihr Gesicht war aschgrau. Martha stand neben Dr. die Hände vor dem Gesicht. stand stumm und aufmerksam an ihrem Bett. der Augenblicke zuvor eingetroffen war. »Es muß ein Ende haben mit den Pembertons. Ein Teufelsfluch lastet auf der Familie und er wird immer weitergegeben werden. und ich war froh. blitzten in ihren schwarzen Augen noch Feuer und Leben. Young neigte sich ein klein wenig zu ihr hinunter und fragte leise: »Wessen muß ein Ende sein. »Ihr seid alle verdammt. ein Ende zu machen. Es hätte schon lange ein Ende haben müssen. der mir das Leben gerettet hatte. unentwegt den Kopf schüttelte. »Verdammt«. Es muß ein Ende sein…« Dr. Aber keiner von ihnen hatte den Mut. »Du wolltest die Familie ausrotten? Wegen der Krankheit?« . die sie gezeigt hatte. Colin. flüsterte sie.« Es war Theo. Young. Irgendwo im Zimmer sagte jemand immer wieder: »Es ist nicht zu fassen. der auf der anderen Seite des Zimmers in einem Sessel zusammengesunken war und. Young. Er stand jetzt dicht an meiner Seite. totenbleich und wie versteinert. Und Colin. Dr. Es war beinahe so. Ihr Gesicht drückte nichts als kindliche Verwunderung aus. Mrs. Anna saß ihm gegenüber.« Colin beugte sich näher zu ihr. Auch er war erstaunt gewesen über die Körperkräfte. die Augen mit den stark geweiteten Pupillen wirkten übergroß. daß er mir Halt gab. Ihr Atem ging röchelnd. Ich kann es nicht glauben. solange nur ein einziger Pemberton lebt.

Er war herbeigeführt. fragte Colin weiter. »Meinen Vater auch? Wie meinst du das?« Einen Moment lang schloß sie die Augen. was meintest du. »Diese schreckliche Krankheit hat zuviel Leid verursacht. Daher sollst du das Familienvermögen erben und dafür sorgen. Richard auch?« Langsam schlug sie die Augen wieder auf. Jahrhundertelang – « »Und Onkel Henry?« Er trat von mir weg und ging näher ans Bett. und ihre knochigen Hände griffen suchend in die Luft. daß der Name Pemberton erhalten bleibt.« »Mein Gott!« »Colin«. »Hast du ihn auch getötet?« »Ich mußte es tun. Er wollte alles Theo hinterlassen. »Wußte Sir John«. Setz dich zu mir und hör mir zu. Young. »Ich – ich kann wohl jetzt alles sagen«. und das konnte ich nicht dulden.« Mein Blick huschte zu Dr. als er sich zu ihr auf den Bettrand setzte und zu ihr hinuntersah. aber sie war völlig klar. Henry. »Großmutter. »daß du Robert und Thomas getötet hattest?« Die schwarzen Augen waren zur Zimmerdecke gerichtet.« Colins Gesicht war bleich und tieftraurig. stieß sie hervor. doch du trägst unseren Namen. Er war ein Pemberton. »Colin. ihr Mund war geöffnet. Zu viele haben unter diesem Fluch gelitten. Du bist kein Pemberton. sagte sie in flehendem Ton. »Ja. Colin – kein Pemberton und . »Der Unfall war kein Unfall. das Ende herbeizuführen. Seit Jahren versuche ich. Colin. Sie sprach stockend. Du mußtest erben. Es muß ein Ende haben damit. Robert und auch – Richard.« Colin erstarrte.»Ich mußte es tun. hör mir zu. Sir John wußte es. Das ist der Grund. weshalb ich Henrys Testament vernichtet habe. als du sagtest. sie hatte Mühe zu atmen. Thomas.

um das Haus und das Vermögen an sich zu bringen. das durch einen gefälschten Beweis zu untermauern. Als John sah. und drehte den Spieß um. entgegnete sie mit Entschiedenheit. Ein Schwindel!« »Nein. er hätte einen Familienfluch erfunden und versucht. Sieh sie dir doch an! Erbarmungswürdige Kreaturen! Keinem Menschen ist ein solches Leben zu wünschen. mein Mann hatte die Stirn. die Behörden würden jeden Mordverdacht gegen ihn fallenlassen. »Die Krankheit war Erfindung. Sir John sagte. »Du hältst mich für verrückt? Ich habe meine drei Söhne getötet. Michael glaubte. Ja. sein Bruder Michael sei geistig verwirrt gewesen und habe einen ausgeklügelten Plan entwickelt. wie John mir erzählte. damit zukünftige Generationen nicht wie heute Martha und Theo in Angst und Schrecken leben müssen. Zwei Menschen wurden getötet – Michael und seine Mutter. was er getan . Er nahm ihre Hände und zog sie an seine Brust.doch ein Pemberton. Die Sache war aufgrund seiner Verrücktheit ungeheuer kompliziert.« »Aber das ist doch verrückt!« rief er. damit du Alleinerbe werden konntest. daß es aufgrund einer Gehirnkrankheit zu den beiden Todesfällen gekommen sei. Ich habe meine drei Söhne getötet. jedenfalls behauptete er das mir gegenüber. Er behauptete. nein«. wenn er sie davon überzeugen könnte. Großmutter«. Michael – « Sie schnappte krampfhaft nach Luft – »Michael hätte in seinem Wahnsinn die Geschichte von dem unheilbaren Tumor erfunden und hätte dann John und ihre gemeinsame Mutter töten wollen. »Sir John wollte mich das auch glauben machen. Du bist ein neuer Anfang für die Familie. Damit durch die Krankheit nicht weiteres Leid entsteht. sagte Colin. Doch mein Mann entdeckte den Plan.« »Aber die Krankheit existiert nicht. zu behaupten. aber ich habe ihm das nicht geglaubt.

»aber er schwieg.« Ich schluchzte auf. John war ein Narr. sagte er noch einmal mit fester Stimme. Aber es gibt sie! Es gibt sie!« Sie begann zu husten. um Atem zu holen. »Die Krankheit gibt es nicht. »Ich habe Robert und den kleinen Thomas im Wäldchen getötet. »Großmutter«. »Ich mußte Robert töten. daß sie fortfahren würde. daß ich auch – Richard töten müsse – und natürlich Henry und Theo… und da…« Sie fuhr sich mit der Zunge über die aufgesprungenen Lippen. fuhr sie unter großer Anstrengung fort. mein Mann. Wir alle starrten sie mit einer Mischung aus Entsetzen und Staunen an. was ich getan hatte«. hielt er die Geschichte von dem Gehirntumor aufrecht. Michael hatte sie sich wirklich nur ausgedacht. Sie röchelte schrecklich. aber ich durchschaute ihn. berichtete sie keuchend.hatte.« Sie hielt inne. während wir darauf warteten. »Großmutter. Und ich mußte den kleinen Thomas töten. Er sagte. »Da erzählte mir John diese erfundene Geschichte von Michaels Plan.« Aber sie schien ihn nicht zu hören.« Colin beugte sich tief zu ihr hinunter und legte seine Hand auf ihre Schulter. und es wurde amtlich festgestellt. ehe er noch mehr Kinder in die Welt setzte. wenn ihre Mutter nicht spurlos mit ihr verschwunden wäre. weil er eines Tages das unglückselige Erbe an seine Kinder weitergegeben hätte. um der Strafe zu entgehen. Sir John hat dir die Wahrheit gesagt. Das hat mir dein Großvater am Abend vor seinem Tod erzählt. daß die beiden Opfer im Wahnsinn als Folge eines Gehirntumors umgekommen seien. daß er sie sich ausgedacht hatte. . Er glaubte nicht an die Krankheit. Ich wußte. weil er mich liebte. Ich – ich hätte auch die – die kleine Leyla getötet. weil ich die Familie ausrotten wollte«. Doch eines Tages sagte ich ihm. Man glaubte ihm. er würde das nicht dulden – würde zur Polizei gehen… da habe ich ihn vergiftet und vom Turm gestoßen. wußte. »John.

»Was ist mit dem Rubinring?« »Der Ring?« wiederholte meine Großmutter flüsternd. Ring war überflüssig…« Während meine Großmutter weiter vor sich hinmurmelte. damit ein anderer in Verdacht kommt. von hier fortzugehen. dachte ich. Am liebsten hätte ich geweint. Ich fürchtete. beinahe am Ende ‘ ihrer Kraft. Aber er schien weit entfernt. »Und um sicherzugehen. sagte er so leise. »Mein Vater trug diesen Ring«. Darum lockte ich sie mit dem Brief hierher – « »Du!« flüsterte ich. daß Robert zuerst seinen Sohn und dann sich getötet hatte. »Du wolltest ihn . Die Haut um Augen und Lippen meiner Großmutter nahm einen bläulichen Schimmer an. fuhr sie fort. wo Jenny und Leyla waren und daß Leyla heiraten wollte. Aber ich fing ihn ab und verbrannte ihn…« Ich hob den Kopf und sah Colin an. Sie hätte Kinder bekommen und den Fluch weitergegeben. Auf den Boden geworfen. daß der Ring weg war. sah ich wieder zu Colin. Ach. daß Leyla bleiben würde.« Sie runzelte angestrengt die Stirn. Das konnte ich nicht zulassen. Er sollte später gefunden werden. daß nur ich ihn hörte. »Diese Leyla – ein so störrisches und hartnäckiges Ding! Sie wollte diesem Bräutigam in London einen Brief schicken. »befahl ich ihr immer wieder mit allem Nachdruck. Alle glaubten Roberts Wahnsinn. »Er gehörte Richard. als sie einmal hier war«. man könnte die Geschichte. der plötzlich zu Tode erschöpft aussah. Leyla…« Ich neigte mich zu ihm und legte ihm die Hand auf die Schulter. Ach. Einen Beweis hinterlassen. »Aber Colin – hob ihn auf… War sowieso nicht gut.« Sie sprach jetzt zusammenhanglos. mein Vater hätte die Morde begangen. wie gut ich die Menschen kenne!« Ich senkte den Kopf und hielt die Tränen zurück. »Richard merkte nicht. nicht glauben.»Dann bekam ich heraus. »Und der Ring?« fragte ich. »Ich fand ihn in einer Blutlache und glaubte.

es hat mir Spaß gemacht. Was hätte ich denn sonst tun können? Ich bin eine alleinstehende Frau. Ich habe Gutes getan. »Jetzt sind sie alle tot. zusammen mit Colin. du hast mich zur Verzweiflung getrieben. »Verdammt!« kreischte meine Großmutter plötzlich mit schriller Stimme. du egoistische alte Frau. zum Diebstahl!« schrie sie mich an. »Ja. du hast mich zum Diebstahl gezwungen – « Martha brach ab und sah plötzlich mich an. Darum mußte ich stehlen. heiraten und Kinder bekommen. Ich wollte lieben. Sie ist über das Alter hinaus. »Martha brauche ich nicht zu vergiften. Und Großmutter hätte mir keinen Penny gegeben. Aber vorher wollte ich leben! Aber du. um genug Geld für eine Flucht zusammenzubringen.« Sie wälzte den Kopf auf dem Kissen hin und her. Ich bin eine alte Jungfer. schrie Martha plötzlich außer sich. flüsterte ich. du hast es mir nicht erlaubt. Und Martha…« Ihre Stimme klang blechern. als ich noch jung war und – « »Aber die Krankheit!« »Ich pfeife auf die Krankheit. Wenn ich daran sterben soll. Ich habe . Ich war dumm! Dumm! Ich hätte längst fortgehen sollen. Auch Leyla wird bald tot sein. Nichts war geblieben von der Tyrannin.schützen«. die in diesem Haus mit harter Hand geherrscht hatte. dann werde ich eben daran sterben. Leyla? Ich bin zweiunddreißig Jahre alt. Meine Großmutter war nur noch eine vom Tod gezeichnete alte Frau. Martha kann ruhig hier weiterleben. Sie wird niemals heiraten. wenn ich dieses Haus verlassen hätte. Da ist nichts zu fürchten. indem ich die Familie der Pembertons auslöschte. »Ich habe kommende Generationen vor Schmerz und Leid bewahrt. »Du hast mein Leben auf dem Gewissen. und – und – « »Du widerwärtiges altes Frauenzimmer«. wie eine Nonne zu leben. Sie findet keinen Mann mehr. Aber du. »Glaubst du vielleicht. du Hexe.

»Das Geld und den Schmuck. murmelte sie kaum vernehmbar aus der Tiefe der Kissen. stürzte Martha aus dem Zimmer. Wir anderen waren alle noch viel zu bestürzt über die Enthüllungen der letzten Stunde. »Ich habe es für die Pembertons getan«. der jetzt die Tränen aus den Augen strömten. Ich gehe weg von hier!« »Aber Martha – « Ihren geheimen Schatz an Schmuck und Geld. Ich liebe es mehr als mein eigenes . schrie Martha. rief sie laut und heftig. Es hätte mir fast gereicht. der mich beschützt und für mich sorgt. »Da habt ihr alles«. um mich in London als Frau von Stand niederzulassen.keinen Mann. unter dem die Schätze verborgen waren. um mich zu töten. Ja. um sprechen zu können. lange und kurze Nadeln fielen heraus. »Die Krankheit – « »Es ist mir gleich. »Glaubst du denn. Sie hatte mir Thomas Willis’ Buch ins Zimmer gelegt. zurücklassend. Zwanzig Jahre lang hatte in Pemberton Hurst eine Wahnsinnige und eine Mörderin geherrscht. »Ich habe es getan. und dann wäre ich endlich frei gewesen und – « »Martha!« flüsterte unsere Großmutter mit schwacher Stimme. Was meinst du wohl. die sie gehortet hatte. der zu ihren Füßen stand und schleuderte ihn aufs Bett. der ihr die Tür zu einem freundlicheren Leben hätte öffnen sollen. Meine Großmutter hatte mich also hierher gelockt. aber auch der falsche Boden. und Garn und Wolle. ich habe meine eigene Familie bestohlen. Er öffnete sich. ich bin freiwillig wie eine Gefangene in diesem Haus geblieben? Ich habe nur auf den rechten Augenblick gewartet. wie weit ich ohne Geld gekommen wäre? Darum habe ich gestohlen. Großmutter. ob es die Krankheit gibt oder nicht«.« Mit diesen Worten packte sie den Pompadour. weil ich Pemberton Hurst liebe.

nachdem er alle geschäftlichen Fragen mit Colin geregelt hatte. lebte weiterhin bei uns. damit unser Name erhalten bliebe. und widmete sich dort der Erweiterung der Firma und dem Bau einer neuen Baumwollspinnerei. still und zurückgezogen. vom Fluch befreien. Anna. Ich habe dies alles für Colin getan…« Martha übersiedelte nach London. wo sie mit der großzügigen Unterstützung ihres Bruders in einer der vornehmen Gegenden einen Putzmachersalon eröffnete. Theo kehrte nach Manchester zurück.Leben. daß es im Verfall endet. Young wurde uns ein guter und geschätzter Freund und war bei der Geburt unseres ersten Sohnes zugegen. seit der Todesnacht ihres Mannes eine zerstörte Frau. den wir nach meinem Vater Robert tauften. Dr. und es dann Colin zu treuen Händen übergeben. und ich wollte nicht. Aber ich mußte es reinigen. . ohne an dem Leben um sie herum Anteil zu nehmen.