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nzz 10.09.02 Nr.

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Altöl zu Kosmetik, Fett zu Tierfutter
Schlachtprodukteverarbeitung im Zürcher Centravo-Werk
Jahrelang schwelte der Streit zwischen sionen auslöst, die der Centravo Ärger beschert
der Fleischabfälle verarbeitenden Cen- haben. Mit der Stilllegung der Fettschmelze
travo AG in Zürich und den Anwoh- gehen 27 Arbeitsplätze verloren. Momentan
arbeiteten noch 60 Leute bei der Centravo, sagt
nern, die sich über Geruchsemissionen Bolz. Er selber ist seit 30 Jahren im Betrieb.
beklagten. Im Juni hat die Centravo
beschlossen, das Zürcher Werk auf Standort nicht mehr zeitgemäss
Ende Jahr teilweise stillzulegen. Wie Nach drei Jahrzehnten habe er sich an den Ge-
sieht es auf dem Schlachthofareal, dem ruch gewöhnt, sagt Bolz. Natürlich hätten die
Firmenstandort, heute aus? Produkte einen «gewissen Eigengeschmack»,
doch er ist überzeugt: «Wenn man an einer stark
luc. Die Centravo AG befindet sich in einem befahrenen Strasse wohnt, ist die Belastung viel
ansprechenden alten Backsteingebäude auf dem grösser.» Auf dem Dach des Gebäudes sind Fil-
Schlachthofareal in Zürich. Man betritt den Be- teranlagen installiert. Viel Geld habe man inves-
trieb durch einen unscheinbaren Nebeneingang, tiert, um den vorgeschriebenen Grenzwert von
der keinerlei Aufschrift trägt. In der Luft liegt ein 300 Geruchseinheiten einzuhalten, sagt Bolz. Da-
faulig-süsslicher Geruch. «Wir nehmen Fleisch- bei sei es unmöglich, den Unterschied zwischen
nebenprodukte – Häute, Fette, Felle und innere 300 und 500 Einheiten zu riechen. Und selbst in
Organe – entgegen und verarbeiteten sie weiter», einem gewöhnlichen Schlafzimmer liege der Wert
erklärt der Delegierte des Verwaltungsrates, Hans bei ungefähr 120. – Das Problem sind mehr die
Hofer. Im Werk in Zürich betreibt das Unterneh- Gerüche, die durch das Gebäude ungefiltert ins
men, das hauptsächlich in Lyss (BE) tätig ist, drei Freie gelangen. Deren Eindämmung hätte wegen
Produktionsbereiche: die Fettschmelze, die Frit- der alten Bausubstanz – das Werk hat Baujahr
tierölaufbereitung und die «Petfood»-Abteilung, 1910 – Unsummen verschlungen. Deshalb sucht
in der Rohprodukte für Haustiernahrung her- die Centravo schon seit längerer Zeit nach einem
gestellt werden. Im Juni gab die Centravo be- neuen Standort. «Es ist klar, dass ein solcher Be-
kannt, dass sie die Fettschmelze in Zürich auf trieb mitten in der Stadt nicht mehr zeitgemäss
Ende Jahr stilllegen will (NZZ 19.6.02). Damit ist», sagt Bolz. Bis im Jahr 2004 soll laut Ziel-
sollen die «geruchsbelasteten Prozesse», die setzung der Firma die Produktion verlagert sein.
Thema langer Diskussionen mit Anwohnern und Sobald dies geschehen sei, werde das Werk in
Stadtbehörden waren, vollumfänglich wegfallen. Zürich endgültig geschlossen.

Gefrorene Klötze aus Innereien
Werkleiter Jakob Bolz führt ins Innere der
Centravo. Ein leicht fauliger Geruch kommt uns
entgegen, vor allem aber riecht es nach altem Frit-
tieröl. Überall stehen grosse Container mit
Fleischabfällen. Ein Mitarbeiter in weissem Über-
gewand versprüht ein schaumig weisses Putzmit-
tel, dessen scharfer Duft sich mit den Fleisch-
gerüchen vermischt. In der Petfood-Produktion
stehen wiederum grosse Kisten, diesmal gefüllt
mit Innereien. Bolz zeigt auf Lebern, Nieren,
Lungen und Herzen von Rindern und Schweinen.
Sie stammen von Tieren, die bei der Schlachtung
vom Tierarzt als «bedingt genusstauglich» einge-
stuft wurden. Die Fleischteile werden von Mit-
arbeitern auf einem grossen Tisch sortiert und er-
neut in Kisten abgefüllt. Darauf werden sie in so-
genannten «Frostern» zu grossen Klötzen gefro-
ren. Diese Klötze – pro Woche sind es rund 200
Tonnen – verkauft die Centravo an Tiernahrungs-
hersteller.
Abbau von 27 Arbeitsplätzen
In einer Ecke stehen grosse blaue Fässer mit
altem Frittieröl aus Restaurants. Die Centravo be-
reitet das Öl auf für die Weiterverarbeitung. Spä-
ter werden daraus zum Beispiel Futter für Nutz-
tiere oder Kosmetikartikel produziert. Mit dem
restlichen Öl könne die Centravo den gesamten
Energiebedarf des Zürcher Werks decken, erzählt
Jakob Bolz. Im Raum mit der Fettschmelze ist die
Luft heiss und feucht, es riecht streng. Hier wer-
den Zerlegeabfälle zu Rohstoffen für Nutztiernah-
rung verarbeitet, 230 Tonnen pro Woche. Mit
Wasserdampf werden sie erhitzt, daraufhin wird
das flüssige Fett von den Festbestandteilen ge-
trennt. Diese werden zerkleinert, getrocknet und
anschliessend bei 133 Grad Celsius sterilisiert, so
will es das Veterinäramt. Diese Sterilisation ist
der Prozess, der grösstenteils jene Geruchsemis-