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nzz 15.05.06 Nr.

111 Seite 33 zh Teil 01

Der Gott des Fussballs war launisch


Vom Bangen der FCZ-Fans in der Maag-Halle
luc. Es wirkt alles ein bisschen improvisiert am
Samstagnachmittag in der Maag-Event-Halle, die
als Ersatz für das Letzigrund-Stadion dient und
den zu Hause verbliebenen FCZ-Fans eine Live-
Übertragung des alles entscheidenden Spiels in
Basel bietet. Handschriftliche Wegweiser sind mit
Klebeband an die Wände gepappt, und die
Scheinwerfer an den Decken beleuchten die
Halle – ausgerechnet – in Rot-Blau, den Farben
des Erzrivalen FC Basel.
Jubel, Bier und Pfeifkonzerte
Der Stimmung der über 3000 Fans tut das keinen
Abbruch. Einige sind in FCZ-Leibchen und mit
FCZ-Schals gekommen, doch erstaunlich vielen
sieht man äusserlich nicht an, für welchen Klub
ihr Herz schlägt. Dass sie hier sind, ist aber schon
Beweis genug. Die am Fernsehen übertragenen
Kommentare und Analysen aller Beteiligten vor
dem Spiel gehen in der Masse unter: Es gilt,
jeweils die Helden des FCZ zu bejubeln und die
FCB-Notabeln gehörig auszupfeifen. Die schnel-
len Schnittwechsel fordern dabei einiges an Kon-
zentration von den Fans. Die entscheidende
Frage in der Maag-Halle vor Spielbeginn ist: Wie
viel Bier konntest du hereinschmuggeln? Zehn
Liter? «Nein, leider nur fünf Liter.» – Das reicht
natürlich nicht weit.
Sobald das Spiel beginnt, übernimmt die Fan-
Menge das Kommentieren und Analysieren sel-
ber. Eine Zusammenfassung ist schnell gegeben:
Die Basler sind allesamt hinterlistige Schauspie-
ler, die sich fallen lassen, und der Schiedsrichter
ist höflichstenfalls blind. Dank dem Führungs-
treffer von Keita und dem Bier, das in Strömen
fliesst, ist die Stimmung in der Pause ausgelassen,
die Sprechchöre werden auch auf den Toiletten
nicht abgebrochen: Wer «nöd gumpet», der ist ein
Basler. Gar nicht so einfach, in dieser Situation
das Gegenteil zu beweisen.
Stossgebete und Siegestaumel
Dann, etwa in der 65. Minute, die Katastrophe:
Das Bild auf der Grossleinwand verschwindet, es
steht dort nur noch: «Signal wird gesucht.» Kopf-
schütteln, Handyzücken. Was ist der Spielstand?
Plötzlich Jubel, es ist 2:0, sagt der Nebenmann,
und ein Speaker schreit es ins Mikrofon: Der FCZ
führt 2:0! Nun ist es gelaufen, wir sind Schweizer
Meister, der Jubel könnte endlos sein – doch es
schleichen sich Zweifel ein, und dann die Enttäu-
schung, es ist nicht 2:0, sondern 1:1. Als das Bild
wieder auf der Leinwand erscheint, folgen bange
Minuten, der FCZ kämpft, die Fans verzweifeln,
halten sich den Kopf, murmeln Stossgebete:
«Wenn es einen Fussballgott gibt . . .»
Und es gibt ihn tatsächlich, aber er ist launisch
an diesem Samstag, denn erst in der 93. Minute
lässt er den Ball im Tor der Basler landen, jetzt ist
es Tatsache: «Wir sind Meister!» Das Bier spritzt
in Fontänen durch die Halle, man umarmt sich,
taumelt, springt, schreit, kräht, nun ist der Jubel
wirklich grenzenlos, endlos. Die Bilder von den
Ausschreitungen auf dem Basler Fussballfeld
gehen in der kollektiven Freude unter. Die Fans
in der Maag-Event-Halle wenden sich erst wieder
der Leinwand zu, als ihre Helden im Basler
St.-Jakob-Stadion den Pokal entgegennehmen,
und recken mit gestreckten Armen die Trophäe
gleich tausendfach mit in die Höhe.