Natorp, P., Zur Frage der logischen Methode. Mit Beziehung auf Edm.

Husserls Prolegomena zur
reinen Logik , Kant-Studien, 6 (1901) p.270
Zur Frage der logischen Methode.
Mit Beziehung auf Edm. Husser]s "Prolegomena zur reinen Logik" 1).
Von Paul Natorp in Marburg.
Die Frage der logischen Methode hat eine neue, gründliche
Erörterung erfahren durch das im Titel genannte Buch von Edmund
Husserl. Darüber an dieser Stelle kritischen Bericht zu geben liegt
umso näher, da die Frage die "Erkenntniskritik" Kants und seiner
Xachfolger offenbar mitbetrifft. Denn die Aufgabe, welche Husserl
der "reinen Logik" zuweist, ist im Grunde eben die, welche
die Kautische Schule heute als die der Erkenntniskritik be-
zeichnet.
Die Fragen, welche das Buch zur Entscheidung bringen will,
sind (nach S. 7): ob die Logik eine rein theoretische oder prak-
tische Disziplin ist; ob von anderen Wissenschaften, insbesondere
Psychologie und Metaphysik, abhängig oder nicht; ob sie bloss die
Form oder auch die Materie der Erkenntnis betrifft; ob sie auf
demonstrativem Wege, a priori, oder induktiv, empirisch zu ihren
Sätzen gelangt. Es giebt aber, meint der Verf., im Grunde nur zwei
Parteien, die eine, welche die Logik als theoretische, von Psycho-
logie unabhängige, formale und demonstrative, und die andere,
welche sie als praktische, von Psychologie abhängige, materiale
und empirische Wissenschaft ansieht. - Das mag nach dem heu-
tigen Stande der Wissenschaft in weitem Umfang zutreffen. An
sich aber leuchtet nicht ein, dass die rein theoretische, von Psy-
chologie unabhängige, demonstrative Logik schlechthin nur formal
und in keinem Sinne material sein könne; Schuppe und die "trans-
zendentale" Logik Kants sind naheliegende Gegeninstanzm1. Da-
mit hängt auch die Frage der Stellung der Logik zur Metaphysik
1) Logische Untersuchungen von Edmund Husserl. 1. Teil. Prole-
gomena zur reinen Logik. Halle a. S., Niemeyer. 1900. XII n. 258 S. 8°.
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reinen Logik , Kant-Studien, 6 (1901) p.270
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·-zusammen, die in der Gegenüberstellung der ,, zwei Parteien" ganz
un berüc.ksichtigt geblieben ist. \Ver Pine Logik der gegenständlichen
Wahrheit rein theoretisch und unabhängig zu begründen für mög-
-.•1ich hält, wird nicht leicht danebtnl noeh eiue MPtaphysik g-elten
lassen, sondern behaupten, dass die Metaphysik eben damit in die
Logik, die alte "Ontologie", wie schon Kant sagte, in die .,Ana-
lytik lies reinen Verstandes" anfgrlöst sei; ganz abgesehen da von,
dass die Erkenntniskritik als philosophisehe Grnndwissensehaft auf
den Titel einer 1f(!u)-rYi (pAorJog ia doeh wohl haPehtigten Ausprueh
hat. Es wird darauf noch znrüekzukommen SPin. -
Nach dieser Instruktion des Problems (Einleitung) die
Untersuchung (Kap. 1) hei der Frage ein, ob die Logik eine nor-
mative Wissenschaft sPi. Die Antwort lautet bejahend: Logik ist
die Kunstlehre von der wissenschaftliclwn B:rkenntnis. Aber nun
erhebt sich erst die weite_re Frag-e (Kap. nach der theoretischen
Grundlage dieser Kunstlehre; ist diese ausserhalb der Logik seihst,
ist sie, nach der gegenwärtig vorherrschenden Ansicht, in der Psy-
chologie zu suchen, oder hat die Logik selbst für sie einzustelm,
giebt es also eine "reine", d. h. ganz auf eigenem Hrunde bauendr,
theoretische Logik, die der I.ogik als Kunstlehre zur Grundlage
dient'? Der Bekämpfung der ersteren, vom Verf. als "Psychologis-
mus" bezeichneten Ansieht ist der grösste Teil des Buches gewid-
met; und es dürfte ihm gelungen sein, diese heutP so selbstgewiss
auftretende, durch eine Reihe in ihrer Art schätzbarPr Arbeiten
seit Jahrzehnten festgewurzelte Meinung ernstlich zu erschüttern,
indem er sich nicht darauf beschränkt, sie durch eine knappP,
gleich aufs Zentrum losgellende Deduktion als unhaltbar zu el'-
weisen, sondern es nicht spart, sie gleichsam von allen Seiten zu
umstellen, in alle Schlupfwinkel ihrer versuchten Begründung zn
verfolgen, und ihr so jeden Rückzug abzuschneiden.
Der Gedankengang des Psychologismus ist etwa dieser
(Kap. 3): Die Logik hat es überhaupt nur mit psychischen
rrhätigkeiten zu thun; wie sollte also nicht Psychologie ihre
Grundlage bilden. Man sagt zwar, handle nicht vom thatsäch-
lichen, sondern vom notwendigen Verstandesgebrauch, vom Denken
nicht wie es ist, sondern wie es sein soll. Aber der notwendige
Verstandesgebrauch ist auch Verstandesgebrauch, das Denken, wie
es sein soll, ein Spezialfall des Denkens wie es ist. Das unter-
scheidende Merkmal kann nur psychologisch sein. Es ist die Evi-
denz. \Vird eingewandt, die Logik frage nicht nach der Kausa-
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lität des Denkens, sondern nach den Bedingungen seiner Wahrheit,
so kann man nur meinen die Bedingungen jenes psychologischen •·
Charakters, der Evidenz. welche jedenfalls kausale Bedingungen
sein müssen. Auch dass Logik deshalb nicht auf Psychologie be-
ruhen könne, weil diese umgekehrt die Gesetze der Logik schon
voraussetzt, scheint kein durchschlagender Gegengrund; denn jede
Begründung der logischen Forderungen muss doch den logischen
Gesetzen gernäss sein, also insofern sie voraussetzen (S. 57; Verl.
glaubt damit auch meine Bemerkung, Philos. Monatsh. XXIII
S. 264 f., getroffen; dagegen beruft er sich S. 169 auf eben diese
meine Ausführungen. In der That bel-ührt sich der Gedanken-
gang dieser Ausführungen nahe mit des Verl. 8. Kapitel, s. w. u.).
So stellt sich der Psychologismus zunächst im günstigsten
Scheine dar. Was ihn gleichwohl für den Verl. unannehmbar
macht, ist an erster Stelle seine schroff empiristische Konsequenz
(Kap. 4). Psychologie ist eine Thatsachenwissenschatt, mithin em-
phisch; sie kann nur ungefähre Regelmässigkeiten der Koexistenz
und Succession aufweisen, solche können die logischen Wahrheiten
nach ihrem Anspruch exakter Geltung nicht begründen. Eine
eigentümliche Kausalität soll die Richtigkeit des Denkens erbringen;
aber damit hebt man die logische Einsicht auf, denn "wie sollten
wir von Kausalgesetzen Einsicht haben?" Die logische Gesetzlich-
keit ist aber eben nicht Kausalität. Das logische Gesetz tritt nie
als Glied in die Kausation ein. Man VPI'Wtmbselt logischen Gnmd
und kausale Verursachung, indem ruan aus dem logischen Grund
einen Denkzwang macht. Kein logisches Gesetz involviert eine
'Jlhatsache oder ist ein Gesetz für Thatsachen. Zwar nur am
thatsächlich gegebenen Einzelnen wird man des logischen Gesetzes
sich bewusst, aber der Inhalt der logischen Einsicht ist nicht Fol-
gerung aus der psychologischen Einzelheit; alle Erkenntnis fängt
zwar von der Erfahrung an, aber entspringt darum nicht aus ihr.
Giebt es "einsichtig erkannte" Gesetze, so können sie nicht Ge-
setze psychologischer Thatsachen sein. "Keine Wahrheit ist eine
Thatsache" d. h. zeitlich Bestimmtes; das würde den Widersinn
einschliessen, dass das Gesetz selbst entstände und verginge -
nach einem Gesetze. - Die Argumentation ist wuchtig, ja ver-
nichtend, freilich unter der Voraussetzung, dass man überzeugt
ist, es giebt strenge Gesetze wenigstens in Logik und A.Iithmetik.
Doch ist es schon etwas, dass der Verteidiger des Psychologismus
sich in die Konsequenz gedrängt sieht, alle strenge Gesetzlichkeit
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preisgeben zu mihisen, was der Absicht der grossen .Mehrheit der
psychologischen Logiker nicht entspricht. Der Psychologismus
muss zmn Skeptizismus flüchten, um sich etwa zu behaupten.
Wie der Yerf. ihn auch aus dieser letzten Zuflucht aufstört, wird
das 7. Kapitel zeigen; in den beiden nächsten verfolgt er noch
im 4. eingeschlagenen Weg, indem er mehr im besondern die
psychologische Interpretation der logischen Grundsätze (Kap. 5)
und der Elyllogistik (Kap. 6) in Prüfung zieht.
Der extreme Empirismus scheut nicht die Konsequenz, dass
g-erade die letzten logischen Grundsätze nur vage V erallgemeine-
rungen psychologischer Erfahrungen seien. Der Satz des Wider-
spruchs soll sagen: zwei kontradiktorische Glaubensakte können
nicht koexistieren. Aber dieser Satz ist unvollständig: unter
welchen Umständen nicht? Denn diese Koexistenz kommt vor.
Gemeint ist : unter normalen Umständen, beim Menschen etc.
Aber da fehlt schon jede sichere Begrenzung, man versucht sie
nicht einmaL So begnügt man sich, da wo es sich um die letzten
C-irundlagen aller Wissenschaft handelt, mit ganz vagen Voraus-
setzungen; der Satz, der den ganzen Bau der Erkenntnis tragen
soll, wird zum Muster eines grob ungenauen und unwissenschaft-
lichen Satzes. Das ist aber gar nicht mehr der Satz der Logik;
denn dieser behauptet unter allen Umstände11, in absoluter Strenge
und Ausschliesslichkeit, dass zwei kontradiktorische Sätze nicht beide
wahr sind. Husserl formuliert den FehleJr Humes bündig so:
Mittelbare 'J.1hatsachenurteile lassen keine vernünftige Rechtferti-
gung, sondern nur psychologische Erklärung· zu;· aber was recht-
fertigt diese Erklärung? Sie beruht ja nur auf mittelbaren 'rhat-
sachenurteilen, ist also selbst einer vernüiJlftigen Rechtfertigung
unfähig. Und von Mill urteilt der Verf.: wo es sich um die prin-
zipielltm Fundamente seiner empiristischen Vorurteile handelt, ist
der sonst so scharfsinnige Mann wie von allen Göttern verlassen. Man
sagt: im Denken kontradiktorische Sätze sich aus, meint
alwr: im richtigen Urteilen; das ist Tautologie, damit ist nichts
lwwiPS<'ll fiir die lTnmöglichkeit realer Koexistenz. Oder man sagt,
in1 Bewusstsein schliessen sie sieh aus, und meint das überzeitliche
• das ist wieder nur eilw Umschreibung des lo-
gisclwn Prinzips, die mit Psychologie nichts zu thun hat. Oder:
"Niemand kann" Widersprechendes zugleich denken; nämlich nie-
1uaud Vernünftiger; eitwu andern nemwn wir nicht vernünftig.
Fiir ikn, dt\1" rid1tig urtl'ilPn will, für niemand alllh'l'S Lesteht
Kantotudien VI.
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t.hese Unmöglichkeit. Kurz, man setzt, ganz unberechtigt, Inko-
existenz an die Stelle des "Nicht-zusammen-wahr-sein-könnens".
Man verwechselt objektiv gesetzliche Unvereinbarkei:t'"''init subjek-
tivem Unvermögen die Vereinigung zu vollziehen. - Wendet man
die Theorie auf die Syllogistik an, ist dann nicht jeder Fehlschluss
eine Gegeninstanz? Ein bemerkter Widerspruch wird aufgegeben ;
aber gilt der "Satz des "Widerspruchs" etwa nicht für den unbe-
merkten'? Man redet mitunter in einem Atem von Streben nach
widerspruchslosem Denken und von Unmöglichkeit, Widersprechen-
des zu denkeiL Was heisst es, nach etwas streben, dessen Gegen-
teil unmöglich ist'? u. s. f.
Das 7. Kapitel will, wie angedeutet, noch entscheidender
die unvermeidlich skeptische Konsequenz des Psychologismus dar-
thun. Die Theorie verstösst gegen die evidenten Bedingungen der
Möglichkeit einer rrheorie überhaupt. Diese Bedingungen sind
zweierlei, die subjektive Möglichkeit, evidente von blinden Urteilen
zu unterscheiden ("noetische" Bedingung), und die objektiven Kon-
stituentien einer theoretischen Einheit überhaupt ("logische" Be-
dingungen). Als Skeptizismus definiert H. die Leugnung der lo-
gischen oder noetischen für die Möglichkeit einer
Theorie überhaupt. Der Skeptizismus in diesem Sinne, der über
den metaphysischen Skeptizismus in Hinsicht der Erkennbarkeit
der "Dinge an sich" noch hinausgeht und sich nicht notwendig
mit diesem verbindet, ist direkt widersinnig. (Vielleicht nur, wenn
man streng gültige Theorie um jeden Preis will. Sogar dürfte der
Skeptiker sagen; er wolle sie auch, er finde nur, dass sie ein un-
erreichbares Ideal sei. - Übrigens erneuert sich hier der Zweifel,
ob die Frage nach dem Gegenstand von der nach den logischen
Grundgesetzen überhaupt getrennt werden kann; ob wirklich die
Ietztern in keiner Weise vom Gegenstand reden, da es doch keine
Erkenntnis giebt als vom Gegenstande. V erf. selbst behauptet die
"Objektivität" des Logischen, zwar nur im Sinne der Nichtsubjek-
tivität; aber sollte 'die Subjektivität überwunden werden können,
ohne dass man eben damit den Gegenstand setzt'? "Ding an
sich" aber sagt nur: uneingeschränkte Gegenständlichkeit.) Husserl
prüft nun genauer den Skeptizismus oder skeptischen Relativismus
in individualistischer Fassung; dieser ist ihm "so wie aufgestellt,
schon widerlegt" - für den. der die Objektivität alles Logischen
t•.im;ieht. (Aber sie wird eben bestritten.) Eingehenderer Prüfung
würdigt er den "spezifischen", nämlich anthropologischen Relativis-
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mus B. Erdmanns. Aueh dieser ist widersinnig, indem er als
möglieh offenhalten will, dass, was für eine Spezies wahr, für eine
andere falseh · sei. Aber die logisehen Grundgesetze wollen nur
aussagen, was zum Sinn der 'Vorte wahr und falseh gehört.
Wären sie nur für eint' Spezies wahr, so gäbe es für irgend eine
Spezies womöglieh keine Wahrheit, PS wäre womöglich wahr, dass
nichts wahr wäre, u. dgl. Die Voraussetzungton jeder Theorie kann
eben keine rrheorie zweifelhaft machen, ohne sich selbst, als Theorie,
aufzuheben. Der Psychologismus aber hat in jeder Form den Re-
lativismus zur Konsequenz ; Wahrheit wird zum psyehologischen
Erlebnis. Sie ist vielmehr "Idee" (ganz im platonisehen Sinn,
S. 129).
Das 8. Kapitel will die Argumente des Psychologismus direkt,
nicht, wie die vorigen, aus den Konsequenzen widerlegen. 1) Man
sagt, Normen zur Regelung psychischer Thätigkeiten müssen selbst
psychologisch fundiert sein. Hiergegen stellt Husserl nunmehr be-
stimmt fest: der Gedanke der gehört gar nicht wesent-
lich zum Inhalt der logischen Sätze; man kann ebensogut mathe-
matische t-lätze in Form von Vorschriften aussprechen, obwohl sie
gewiss rein theoretisch sind. Es heisst also dem Psyehologismus
nicht richtig begegnen, wenn man gegen ihn nur den Normcha-
rakter der Logik ausspielt ; gerade auf ihren rein theoretischen
( kommt es vielmehr an. Und hier bedient sich Husserl
selbst des (oben scheinbar von ihm abgelehnten) Arguments (S. 161,
vgl. 165 f.) : Wahrheiten, die rein im Inhalt oder Sinn derjenigen
Begriffe gründen, die die Idee der Wissenschaft als objektiver Ein-
heit konstituieren, können nicht nebenher zum Bereiche irgend
einer Einzelwissenschaft gehören, zumal nieht einer 'l'hatsachen-
wissenschaft wie der Psychologie. Dass d.agegen die logischen
Gesetze auch für den Aufbau der Logik selbst gelten müssen, sei
zwar paradox, aber keineswegs logisch anstössig. Der wahre
Gegensatz zum Naturgesetz ist nieht das Normgesetz, sondern das
Tdealgesetz, welches rein theoretisch ist. -- 2) Logik redet von
Yorstellungeu, Begriffen, Urteilen, Schlüssen, Beweisen; das alles
sind psychische Gebilde ; wie sollten die darauf bezüglichen Sätze
nicht psychologische sein'? - Antwmt: Dasselbe Argument würde
die Matht>matik (überhaupt allP Wissenschaft) in Psychologie ver-
wandeln. Vielmehr ebenso wie die Objekte der Mathematik sind
die dPr reine11 Logik "ideaiP Spezies" ; ihrn Grundbegriffe hallen
keinPII etnpil"iscilt>n Umfang (thatsächlicher Einzelheih•n), sit· lw-
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stehen aus rein idealen Einzelheiten (wie die Zahlen der Mathe-
matik). Aber in der heutigen Logik spricht man durcheinander
von Vorstellungen im psychologischen Sinn und vom r'nhalt der
Vorstellungen, von Urteilen als psychischen Akten und vom Ur-
teilsinhalt (Satz) u. s. f. Man hält nicht auseinander den psycho-
logischen Zusammenhang der Erkenntniserlebnisse, in welchen
Wissenschaft sich subjektiv realisiert, den Zusammenhang der
erkannten Sachen, welche das Gebiet der Wissenschaft ausmachen,
und den logischen Zusammenhang. (Das Zweite fällt in reiner
Logik und Arithmetik mit dem Dritten zusammen.) - 3) Man ver-
steht die Evidenz als psychologischen Charakter und macht aus
der Logik eine kausale Theorie dieser Evidenz. - Hier räumt
Husserl ein, dass die logischen Sätze in gewissem Sinne psycho-
logische Bedingungen der Evidenz enthalten; aber die Sätze selbst
sagen sie nicht aus, sondern erst in psychologischer Anwendung
und Umwendung nehmen sie diesen Sinn an. Aus jedem rein lo-
gischen Satze lassen sich psychologische Evidenzbedingungen ab-
leiten; denn die Urteilsevidenz steht einerseits unter nm· psycho-
logischen Bedingungen wie Konzentration des Interesse, geistige
Frische, Übung etc., andererseits unter idealen Bedingungen, die
für jedes mögliche (also auch für ein gegebenes) Bewusstsein
gelteiL (Ich muss gestehen, dass mir dadurch die Frage nicht
glatt erledigt scheint. Husserl selbst hat an früherer Stelle so
energisch und richtig verneint, dass je logische, ideale Gesetze in
die Kausation eintreten könnten, dass es nur eine Dunkelheit des
Ausdrucks sein kann, die es jetzt anders erscheinen lässt. Ich
meine, eine rein theoretische Logik habe von dem psychologischen
Erlebnis der Evidenz schlechterdings nichts zu sagen; sie sagt
nur, es finden Relationen der Übereinstimmung unter Denkinhalten
statt, bedingt durch die und die bestimmten inhaltlichen Grundrela-
tionen. Diese Relationen finden statt, d. h. nicht, sie ereignen sich
in Erlebnissen der denkenden Psyche, sondern sie bestehen, zeitlos,
wie die Relation 1 + 1 = 2. Freilich wüssten wir nichts von
diesem überzeitlichen wenn es nicht das zeitliche Er-
lebnis der "Einsicht" gäbe, in welchem, nach Husserls Redeweise,.
das "Ideale" sich uns "realisiert"; aber von dem ZcitchamktPr
dieses Erlebnisses geht nichts in den Inhalt dessen ein, was
so, in dm· Zeit, einsehen. "\Vahrheit ist eine Idee, deren Einzel-
fall int evidenten Urteil aktuelles Erlebnis ist", sagt Hnssm·l H. 1 HO.
Das bedarf der wenn es nicht als Metaphysik wissver-
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Zur Frage der logischen Methode. 277
standeil werden soll. Oder so 11 man es metaphysisch nehmen?
. Dann schiene, zwar nicht die Logik, aber doch die Schlichtung des
Grenzstreits zwischen Log-ik und Psychologie von .Metaphysik ab-
hängig. Ebenso, wenu er sagt: Wo nichts ist, kann man nichts
sehen, so auch, wo keine 'Vahrheit "ist", nichts als wahr ein-
sehen - womit bewiesen sein soll, dass die Wahrheit des Urteils-
inhalts die wesentlichste Vorbedingung sogar des "Gefühls" der
Evidenz sei -·-, so scheint das logische Gesetz doch in die Kau-
sation einzutreten; denn was kanu Vorbedingung eiiws "Gefühls"
anders sein als Bedingung im kausalen Sinn'?)
Auch die biologische Begründung der Logik vom Standpunkt
uer "Denkökonomik" (vo_u 1\:lach und Aveuarius, bri Comelins ganz
in den Psychologismus -einmündend) wil'll (Kap. 9) PÜH'r hPsomleren
Prüfung unterzogen. Sie namentlich beruht auf Pinem iia'Lf(!ll1'
1rf!OCEQOV. An sieh geht die reine Logik der Drnkökonomik vor-
her; es bleibt Widersinn jene auf diese zu gründen. l'berhaup\
sind die Gegengründe wesentlich dieselben wie gegen lil'll Psycho-
logismus.
Schlussbetraehtnng zu dieser gesamten Kritik (Kap. 10)
berührt die historischen Antezedentien, worauf ich, namentlich was
den Kritizismus betrifft, am Sehluss noch eingehen werde. Y on
Vertretern des Psychologismus, um das hier zu bemrrken, sind am
eingehendsten Mill, Sigwart, Erdmann, auch Heymans berück-
sichtigt; zu wenig vielleicht, angesichts seines grossen Einflusses,
Wundt, kaum überhaupt Riehl, auch Lipps nicht eingehender. Eine
('lltschiedenere Würdigung hätte Schuppe verdient, der sich bereits
selbst mit dem Verf. auseinandergesetzt hat. (Arch. f. syst.
Philos. VII 1 ff. Vgl. auch m. Bericht über Schuppes Grundriss,
ebenda III 103 ff., und über Wundts Kritik Sehuppes, VI 214 ff.)
Im letzten (11.) Kapitel entwickelt der Verf. positiv seine
Idee der reinen Logik. Gesucht ist die Einheit der Wissenschaft,
als objektiver und id<•aler Zusammenhang; damit die Einheit der
tl:Pgt'.nständlichkeit, der Wahrheit, welches beides zwar nicht iden-
tisch, aber nnr ahstraktiv z.n scheiden ist. Wa.s bestimmt aber die
der Wissenschaft'? Die Einheit des Begründungsznsammen-
hangPs, des ZttsammPnllanges in Gesetzen. Dieser muss in rein
t.heordiselwn ( "nomologischen") WissPnschaften auf Grundgesetze
fiilu'PII. Ans dnn t-tesetz-Wissenschaften sehöpfen auch die kon-
oclrr 'l'hatsaelwn wissenschaftrn ihr Theoretisches. Die
Hrundfrage der Logik ist demnach die nach den Bedingungen der
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278 Paul Natorp,
Möglichkeit von \Vissenschaft überhaupt, von 'fheorie überhaupt
von Wahrheit überhaupt, von deduktiver Einheit; die notwendige
Verallgemeinerung der Kautischen Frage nach den Bedingungen'
der Möglichkeit der denn diese meinte, wie H. aner-
kennt, eben die Einheit der gegenständlichen Gesetzlichkeit. Die
gesuchten "Bedingungen" sind natürlich als ideale, rein inhaltliche,
nicht subjektive zu verstehen; von der Subjektivität kann und
muss dabei ganz abstrahiert werden. Es fragt sich also : welches
sind die primitiven "Möglichkeiten", aus denen die "Möglichkeit"
der Theorie, d. h. welches sind die primitiven "wesenhaften Be-
griffe", aus denen der selbst wesenhafte Begriff der 'l'heorie sich
konstituiert. Auf diese letzte Grundlage muss alle logische Recht-
fertigung unserer Begriffe zurückgehn; es ist also die reine
Logik die Theorie der Theorien, die "Wissenschaft der Wissen-
schaften. - Im besonderen wird es sich fragen: welches sind die
sämtlichen primitiven Begriffe, die den Zusammenhang der Er-
kenntnis in objektiver Beziehung, den theoretischen Zusammenhang
möglich machen, oder welche die Idee der theoretischen Einheit
konstituieren ; die reinen, formal gegenständlichen "Kategorien",
unabhängig von der Besonderheit irgendwelcher Erkenntnismaterie,
unter welche alle im Denken speziell auftretenden Begriffe,
Gegenstände, Sätze, SL:Lverhalte sich ordnen müssen? Sie sind
zu gewinnen durch Reflexion auf die menschlichen Denkfunktioueu,
sind dann einzeln zu fixieren und in ihrem, nicht psychologischen
sondern logischen, Ursprung zu erforschen. (Hinterher will er
das Wort "Ursprung" nicht gelten lassen, wegen der Gefahr psy-
chologischer Auffassung. Aber von "primitiven" Begriffen konnte
er selbst nicht umhin zu reden. Man stellt doch überall dem Ab-
geleiteten das Ursprüngliche gegenüber, nicht nur in psycholo-
gischer Bedeutung. Spricht man von einer Herleitung, Deduktion,
so wird man vom Ursprung zu reden wohl nicht umhin können.)
Demnächst ist zu handeln von den Gesetzen, die in den katego-
rialen Begriffen gründen und nicht nur deren Komplikationen,
sondern ihre objektive Geltung betreffen. Dahin gehört nieht
bloss die Grundlegung der Syllogistik, sondern auch die Funda-
mentalsätze der reinen Arithmetik. Es muss aber zuletzt eine
geschlossene Zahl primitiver oder Grundgesetze geben, die un-
mittelbar in den kategorialen Begriffen gründen und vermöge
ihrer Homogeneität einr: allnmfassend0 Theorie ausmaehen. End-
lich ist fortzuschreiten zu den wesentlichen Arten oder Form<'n
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der TheorÜ\ also zn ihrer Differenzierung in die möglichen Theo-
riPn, welehe ebenfalls rein a priori in zwingender Deduktion zu
vollziehen ist. Eine partielle Realisierung dieser Idee liegt vor in
der mathematischen .Mannigialtigkeitslehre. Allgemein führt die
Entwicklnng der logischen Theorie überall in die reine Mathe-
matik hinüber. So erhebt sich hier eine neue Grenzfrage, an die
die wenigsten Logiker gedacht haben: die Frage nach den Grenzen
uer Logik und Mathematik. Die Konstruktion der Theorien wird
stets der Mathematik zufallen, die längst nicht mehr ihre Grenze
in Zahl und Quantität sieht, namentlich der Syllogistik sich bereits
ganz und gar bemächtigt und ihr, die man für abgeschlossen hielt,
ungeahnte Erweiterung verschafft hat. Aber der .Mat lwmatikPr
ist nicht der reine Theoretiker, sondern der iugeniöt:w Techniker,
der Konstrukteur. Eben deshalb bedarf PS der besondPrPn erkennt-
niskritischen Arbeit, die dem Philosophen 1mfällt. Baut die Wissen-
schaft für den Verf., wie für Platon und Kant, fast schon
identiseh mit Mathematik - Theorien, so fragt die Philosophie
nach der Theorie der Theorien. Dass damit wirklich etwas ge-
leistet wird, was die .Mathematik als solche nicht leisten kann
noch will und was doch geleistet werden muss, soll uie Ausführung
zeigen. - Erfahrungswissenschaft ist allerdings nicht rein auf
Theorie zu reduzieren. Alle Theorie in Erfahrungswissenschaften
ist hloss supponierte 'fheorie; sie erklärt nicht aus "einsichtig ge-
wissen", sondern "einsichtig wahrscheinlichen" Grundgesetzen. Ja
die "Thatsachen" selbst sind zuletzt nur \V ahrscheinlichkeiten.
Aber die Wahrscheinlichkeit hat wiederum ihre Gesetze; diese
muss die reine Logik in ihrer Vollendung mitumfassen. Doch will
Husserl in seinen Untersuchungen sich vorerst auf <las Gebiet der
reinen Erkenntnis beschränken. -
Es schien der Wichtigkeit des Gegenstandes angemessen, den
V er!. selbst ausführlich zu \V orte kommen zu lassen, mit nur
geringer gelegentlicher Unterbrechung durch kritische Einreden.
Soll ich nun zu dem Ganzen, kritisch und vielleicht weiterführend,
noch etwas bemerken, so wird es nicht nur den Lesern der "Kaut-
studien" selbstverständlich erscheinen, dass ich das Bestreben des
,Verf. mit Kants sowie des heutigen Kritizismus in Beziehung
sPtzo. Denn diese Beziehung liegt in der Sache greifbar vor und
hat. sich dem Verf. selbst nicht ganz verbergen können. Zwar
g-lanht er Kant und seine Schule im "Psychologismus" noch tief
befangen. Er gesteht (S. \)3, Anm. 3) wohl zu, dass Kants Er-
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280 Paul Natorp,
kenntnistheorie "Seiten hat, die über den Psychologismus der
S e e 1 e n ver m ö g e n a 1 s E r k e n n t n i s q u e 11 e n hinausstreben und
in der That auch hinausreichen"; aber sie habe doch auch "stark
hervortretende Seiten, die in den Psychologismus hineinreichen".
Ein guter Teil der Neukantianer gehört ihm "in die Sphäre psycho-
logistischer Erkenntnistheorie, wie wenig sie es auch Wort haben
wollen. Transzendentalpsychologie ist eben auch Psychologie".
Leider nennt er von allen nur einen, Lange, dessen Zurückführung
des Apriori auf die "Organisation" schon längst Cohen und die
..
von ihm gelernt haben, als Abweg erkannt und mit Entschiedenheit •·
abgelehnt haben. 'Venn trotzdem z. B. eben Cohen psychologisch lau-
tende Wendungen nicht ängstlich vermeidet, so geschieht es, weil er
vertrauen darf, dass die beigegebenen Erklärungen jeden Verdacht
des Psychologismus ausschliessen. Wer das Psychologische finden
will, wird es überall finden, auch bei Husserl. Es hilft ihm
nichts, dass er (S. 214) billige Scherze wiederholt über "jene ver-
wirrenden mythischen Begriffe, die Kant so sehr liebt . . . die Be-
griffe V erstand und Vernunft", die "in dem eigentlichen Sinne
von Seelenvermögen" uns nicht eben klüger machen, als wenn wir
in analogem Falle die Tanzkunst durch das Tanzvermögen, die
Malkunst durch das Malvermögen u. s. w. erklären wollten. Es ...
hilft ihm nichts, der mit nicht minderer Vorliebe selbst die Wörter
"Einsicht", "einsichtig", und gar "vernünftig" gebraucht, die doch
um . kein Haar weniger dem V erdachte des Psychologischen aus-
gesetzt sind. Dass er überhaupt an einem "a priori" festhält,
fast als ob noch kein Mensch dabei etwas Psychologisches gearg-
wöhnt hätte, genügt, ihn ganz und gar mit der Transzendental-
philosophie in gleiche Verdammnis zu setzeiL Er hat diesem 'feufel
einmal den kleinen Finger gereicht, er wird schon die ganze Hand
hergeben müssen, so wird es heissen. Aber man lese bei Kant
für Verstand "Begriff", für Vernunft "Idee", und so durch-
weg, so wird man nicht bloss mit dem Verständnis überall ...
durchkommen, sondern sehr bald erkennen, dass Kant durch dif'
Begriffe "Verstand", "Vernunft" etc. nicht auch nur eine Neben-
frage seiner 'rranszendentalphilosophie, geschweige irgend eine ihrer
Grundfragen hat erledigen wolleiL Weshalb hätte er so grosse
Mühe auf die Bereinigung der Kateg?rientafel, auf die
der reinen V erstand es beg-riffe und Grundsätze verwandt, weshalh
hätte
1
er die scharfe Verwarnung bezüglich der "Postulate'· ans-
gesprochen, dass, irgendwelche synthetischen Sätze "für unmittelbar
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...
Natorp, P., Zur Frage der logischen Methode. Mit Beziehung auf Edm. Husserls Prolegomena zur
reinen Logik , Kant-Studien, 6 (1901) p.270
?:nr Frage der logischen Methode. 281
gewiss ohne Rechtfertigung oder Beweis ausgeben", Sie "ohne
auf das Ansehen ihres eigenen AUlsspruchs dem unbe-
dingten Beifall aufheften", so viel heisse wie alle Kritik des
Verstandes zunichte machen, den Verstand jedem Wahne preis-
geben? Weshalb überhaupt bedurften "V erstand" und "Vernunft"
einer Kritik, wenn durch sie, als gegebene psychologische Instanzen,
irgend eine Frage der Philosophie der Erkenntnis hätte beant-
wortet sein sollen? Sie dienen überall nur zum thatsächlichen Auf-
weis und der genauen Abgrenzung der Probleme, nirgends zur
Lösung der Probleme. Sie sagen in psychologischer Richtung
nichts mehr als dass, was im objektiven Inhalt der Er-
kenntnis besteht, sich im subjektiven Verlauf des Erkennens doch
irgendwie darstellen muss; dasselbe, was bei Husserl den weit be-
denklicheren, weil metaphysisch anklingenden Ausdruck erhält,
dass das "Ideale" sich im Erlebnis der Psyche "realisiert".
Husserl hat sich das für seine Absicht förderliche Verständ-
nis Kants besonders dadurch verbaut, dass er, als Logiker, sich
vorzugsweise an Kants "reine" Logik, zumal an den von Jäsche
allerdings genügend "kurz und trocken" bearbeiteten Vorlesungs-
abriss derselben, gehalten hat, während die entscheidende Leistung
Kants für die Logik doch wohl in der "transzendentalen" Logik
zu suchen ist. Löst man aus dieser die psychologischen Elemente,
nämlich die "subjektive" Deduktion, die er selbst von der "objek-
tiven" so sicher zu scheiden weiss, völlig heraus, fasst man rein
den inhaltlichen Aufbau der "transzendentalen" Logik als solcher
ins Auge, so entspricht dieser in aller Reinheit dem von
Husserl gezeichneten Ideal. Er schreitet fort von Grundbe-
griffen zu Grundsätzen zu Grundwi ssenschaften, ganz wie
H usserl es fordert, und wie der wahre Entdecker des Logischen,
p la to, es klar vor Augen gesehen hat (s. m. Ausf. im Hermes,
XXXV 411-425). Und er beantwortet damit die Frage nach der
."Möglichkeit" der thatsächlich gegebenen Wissenschaft, was
Husserl selbst als letzte und reinste Formulierung der logischen
Grundfrage aufstellt. Darüber sollte die Verständigung nieht
schwer fallen, zumal nachdem ich dem Verf. bereits zu danken
habe für die ausdrückliche Zustimmung zu den allgemeinen Fol-
gerungen, die ich auf eben dieser Grundlage in dem von ihm
mehrfach zitierten Aufsatz "Über objektive und subjPktiw Begrün-
dung der Erkenntnis" (Philos. Monatsh. XXIII, 257 ff., lRR7t ge-
zogen, in der Abhandlung über "Quantität und Qualität" (eben da
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Natorp, P., Zur Frage der logischen Methode. Mit Beziehung auf Edm. Husserls Prolegomena zur
reinen Logik , Kant-Studien, 6 (1901) p.270
282 Paul Natorp,
XXVII, 1R91) weitergeführt, in der "Einleitung zur Psychologie'·
( 1888), und oft in gelegentlichen, meist kritischen Ausführungen
(hinsichtlich des "Psychologismus" zuerst gegen Lipps, Gött. Gel.
Anz. 1885, 1. vertreten habe.
Oder ist das fortdauernde .Misstrauen gegen den Kritizismus
Ytf'lleicht doch Symptom einer tieferliegenden Differenz? Schon
oben wurde die Frage angeregt, weshalb eigentlich Husserl auf
dem ,,formalen", nicht materialen Charakter der Logik besteht?
Es ist das um so auffallender, da er andrerseits die "objektive"
Geltung der logischen Gesetze zu beweisen gedenkt, auch nicht
daran denkt sie auf den Umfang der bisher "formal" genannten
Logik einzuschränken, sondern namentlich die ganze reine Mathe-
matik in sie einbegreift, die jeder Vertreter der "formalen" Logik
sonst zur "1\Iaterie" der \Vissenschaften gerechnet hat. Das "For-
male" scheint sich demnach, dem Umfang und auch dem Inhalt
nach, zu decken mit dem "Reinen" und zugleich ,;Gegenständlichen",
· u. h. mit dem Transzendentalen. Aberauch so bleibtbeiHusserl •-
nnanfgelöst bestehen der Gegensatz des Formalen und Mate-
rialen, des Apriorischen und Empirischen, damit auch des Logischen
und Psychologischen, des Objektiven und Subjektiven; oder, um es
mit einem \Vort und zugleich in seiner eigenen Terminologie zu
sagen : des Idealen und Realen. Das Materiale, Empirische, Psy-
chologische, d. h. das "Reale", bleibt stehen als unbegriffener, u n-
vernünftiger Rest; ja dem Verhältnis, der inneren, erkennt-
nisgemässen und also 1 o g i s c h e n Verbindung beider wird über-
haupt nicht nachgefragt, sondern es soll sein Bewenden haben bei
ihrer schroffen und reinlichen Sonderung. Und so bleibt bei
aller, ich wage zu sagen, ausserordentlichen Luzidität jeder logi- •·
sehen Einzelausführung dem Leser ein geraue logisches Miss-
lwhagen zurück. Man folgt uem fast dramatisch spannenden
Kampf zweier Gegner, und sieht nicht, woher zuletzt ihre Gegner-
schaft stammt, was eigentlich sie nötigt sich auf Tod und Leben
zn bekämpfen ; zumal sich dabei mehr und mehr eine genaue
ja untrennbare Zusammengehörigkeit beider
uie umsomchr überrascht, da man uns erst nur den Anta-
gonismus sehen liess. Indem nun der Autor des Dramas in
schroffer Einseitigkeit die Partei des "Idealen" nimmt und in
dif'sem eigentlich platonischen Sinne sich znm "Idealismus" be-
kmmt, hlf'ibt uas "Reale" als fremder, verworfener, und doch nicht
wegzuschaffender Rest stehen. Sonst wollte der "Idealismus"
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Natorp, P., Zur Frage der logischen Methode. Mit Beziehung auf Edm. Husserls Prolegomena zur
reinen Logik , Kant-Studien, 6 (1901) p.270
Zur Frage der logischen Methode. 283
,rir.lJnehr itn Idealen das R_eale-, in tle11 dir f)rra h(•g-rilnd()n;
so in Plato, so in Ijeibniz, so in Kaut, der lwsouders klar elH'Il
die Frage des <3egenstandes selbst als die zentrale FragP seiuer
nenen, ch'r "transzendPntalen" Logik erkennt, ja den ganzen Be-
griff des (Jegenstandes aus den Formalbestandteilen der Erkenntnis,
aus dem Logischen im vertieftesten Sinne erst aufbaut. nie Pinzig
verständliche Konsequenz ist: dass die G-egenseite des Ohjektiwn,
das Subjektive, als das Quasi-Objekt der Psychologie, sieh eben
a 1 s blosse Gegenseite, gleichsam Wid('rsehein, "Reflexion" des
ObjektivPn herausstellt; was erklären würdE', Wßshalh gPrade dü• Pin-
rlriugendstr· Untersuchung der Konstituentien der Objektivität ns
so gar nicht vermeiden kann auch tlie Subjektivität in Betracht
zn ziehmL In dieser Richtung habe ich Kant nicht sowohl zu
interpretieren als weiterzubilden versucht; und ich vermute, dass
H usserl, wenn die Fortführung seiner logischen U ntersueh nugen
ihn, wie unvermeidlich, vor dies in seinen "Prolegomena'' ungelöste,
ja kaum t•rkannt.e Problem stellen wird, er sich auf ähnlichP
\Vege gedrängt sehen wird. Zwischen dem überzeitlichen Bestand
d<>s Logischen und seiner zeitlichen That.säe:t1lichkeit im Erlebnis
11m· Psyche muss eine Verbindung, eine 1 o gisehe Verbindung ge-
schaffen werden, wenn nicht das \Vort von der "Realisierung des
Idealen" ein Aenigma, eine metaphysische Redewendung verdäeh-
tigster Art bleiben soll. Ist diese Verbindung möglich, dann natür-
lich nur von Seiten des Ü"berzeitliehen, dureil Vermittlung des (in
sich doch überzeitlichen) Begriffs - der selbst. Die Rea-
lisierung besagt dann nicht mehr einen mystisch mrtaphysischrn
Akt, sondern einen streng verständlichen log:[schen Übergang von
einer Betrachtungsart zu einer andern, im letzü'n U:rnnde in ihr
implizierten. Und so wird erst klar, was rigentlich das Psycho-
logische "ist", woher sei ur Kollision mit dem Logischen, und in
seihst logischen Vermittlung diese Kollision sich
am.;gleieht. Zn dieser Peripetie muss das Drama geführt werden,
Pher darf der Vorhang nieht falleiL
Aber wir haben ja aueh nur Pilten "E,rstrn T<>il" vor uns;
für diP Instrnktion dt>r logischen Untersuchung aber war w·wiss
1liP vülligP AufseitPstellnng dPs PsyehologiselH'll vm·trilhaft. Pnrl
so sind wir für das schon li<>leistnf.p dankbar, null diirft>11 nns no('h
positiven• von ckr Fortführung dt>r lTntPrsnl·.hnBg- wr-
spn•dwn, diP, sPit diesn ZPileB nifldnrgPschrit•lwn wnrdPil, bnrPits
('rschicneu ist und demnächst an dieser Stelle beurteilt werden !:\Oll.
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