ISRAEL

Bauboom in der weißen Stadt
Tel Avivs Stadtbild prägt die Bauhaus-Architektur. Jetzt ändert sich die Stadt rasant: Wolkenkratzer werden gebaut. Der Fotograf Ron Shoshani dokumentiert diesen Wandel. Von Florian Mebes
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VON: Florian Mebes

18.05.2012 ­ 11:38 Uhr
© Ronsho

Der Fotograf Ron Shoshani dokumentiert die Änderungen von Tel Avivs Architektur.

Ron Shoshani rast durch die leeren Straßen Tel Avivs. Vor der Rush-Hour und den allmorgendlichen Staus bleibt ihm nur wenig Zeit. Das Wetter ist perfekt für sein Vorhaben. Sein Ziel ist ein Wolkenkratzer in Ramat Gan, dem Börsenviertel von Tel Aviv. Noch ist der Wolkenkratzer ein Rohbau. Ron Shoshani packt sein Fotoequipment und steigt die Treppe hinauf, 40 Stockwerke. Der Fahrstuhl für die Bauarbeiter ist vor Arbeitsbeginn nicht in Betrieb.

"Der Skyline Tel Avivs steht bis 2020 ein dramatischer Wandel bevor. 25 neue Wolkenkratzer werden sich in den Himmel strecken. In meinen Arbeiten halte ich die Veränderung in einer Art Zeitkapsel fest", sagt Ron Shoshani über seine Fotografien. Vor gut zwei Jahren begann er auf dem Dach des Hochhauses in Ramat Gan, die Veränderungen der Architektur Tel Avis zu dokumentieren. Im Zentrum seines ersten Motivs stand das Azraeli-Center. Der Komplex besteht aus drei Hochhäusern und liegt an der Ayalon-Hauptverkehrsader. Zentral in Shoshanis Bild treffen sich dort der Ayalon und die Menachim-Begin-Straße. Eine Wolkenbank läuft von den oberen Bildrändern direkt auf das darunter liegende Wahrzeichen der Finanz- und IT-Metropole. Die Stadtmitte ist zu überblicken, am rechten Horizont das Mittelmeer. Nach der Veröffentlichung auf Facebook erntete Shoshanis Foto auf Anhieb etwa 2.000 "gefällt mir". "Meine Cityscapes oder Urbanen Landschaften haben eine besondere Atmosphäre. Ich fasse die Energie der Stadt mit der Idee und Logik, die in der Stadtplanung allgemein und der Planung eines spezifischen Gebäudes stecken, die letztendlich den Menschen dienen sollen, in einem Gedanken zusammen", sagt Shoshani. Die Kommentare zu seinen im Internet veröffentlichten Arbeiten sprechen für sich: Die Tel Avivim, wie die Bürger Tel Avivs in Israel genannt werden, entdecken ihre eigene Stadt neu. Auch das Zentrum ändert sich Shoshanis Familie wanderte vor etwa 100 Jahren aus Litauen nach Israel ein. Seine Vorfahren erbauten Tel Aviv. Er wuchs mit den Geschichten aus der Anfangszeit der wegen ihrer Bauhaus-Gebäude sogenannten "weißen Stadt" auf. Seine Liebe zu Tel Aviv reflektiert er in seinen fotografischen Arbeiten. Shoshani ist Autodidakt, er absolvierte keine Ausbildung als Fotograf und besuchte keine Kunsthochschule. Heute lebt er alleine im nördlichen Stadtteil Ramat Aviv in der Nähe der Universität Tel Aviv. In den Vororten entstehen Hochhäuser, der Stadtteil Givatajim wird sich bei planmäßigem Bau in fünf Jahren mit dem Titel des höchsten Gebäudes Israels schmücken können. Doch auch bei einem Spaziergang durch die Innenstadt wird die architektonische Veränderung sichtbar: An der Strandpromenade in Richtung Jaffa, der arabischen Altstadt, reiht sich Baustelle an Baustelle. Zu den Hotelbettenburgen kommen Eigentumskomplexe mit Meerblick. In der Dizengoffstraße, Ecke Frishmanstraße, befindet sich ein weiterer kurz vor der Fertigstellung. Tel Aviv vibriert Tag und Nacht Im südlichen Abschnitt des renommierten Rothschild-Boulevards entstanden gleich

mehrere Apartmenthochhäuser; weitere werden errichtet. Ein Quadratmeter Eigentumswohnung kann hier besonders gewinnbringend veräußert werden, und aufgrund des Platzmangels gibt es nur eine Richtung für Neubauten: nach oben. Die älteste und bekannteste Flaniermeile mit ihren klassischen Stadtvillen, links und rechts einspurige Fahrbahnen für Kraftfahrzeuge und in der Mitte eine großzügige Allee für Fußgänger und Radfahrer, verdeutlicht den Wandel signifikant. Tel Aviv, "die weiße Stadt", die sich dank ihrer vielen Gebäude in Bauhaus-Architektur mit einem UNESCO-Weltkulturerbe schmücken darf, lebt. Und vor allem lebt diese Stadt rasant. "In zehn bis 15 Jahren werden die Bewohner Tel Avivs nostalgisch zurückblicken. Tel Aviv ist schnell, Tel Aviv vibriert 24 Stunden am Tag und sieben Tage die Woche, das gibt den Menschen kaum Zeit zum Durchatmen", sagt Ron Shoshani. "Ich möchte die Wahrnehmung im Ausland ändern. Bisher steht Israel eher für Soldaten, Kriege und Terroranschläge oder religiöse Menschen und Wahrzeichen – eben durch die Bilder, die im Bewusstsein der Betrachter verankert bleiben."
© Ron Shoshani

Der Fotograf Ron Shoshani zeigt Tel Aviv auf besondere Weise.

Die Touristen, die dennoch kommen, sind oft überrascht: "Manche berichten mir später, welch unerwartet positive Erfahrungen sie hier gesammelt haben. Sie konnten erleben, dass Tel Aviv eine hohe Lebensqualität, Geschichte und Kultur zu bieten hat. Nicht zu vergessen das Kulinarische." So es ihm die Zeit erlaubt, führt Shoshani ambitionierte Hobbyfotografen durch die Stadt und beobachtet mit Freude ihre Versuche, seine Perspektiven einzunehmen: "Es freut mich immer, Freunde und Touristen aus aller Welt zu treffen und zusammen auf Fototour zu gehen." Über Facebook und Twitter kontaktieren ihn viele Menschen: Sie wollen die Plätze besuchen, die sie auf seinen Bildern gesehen haben. "Wir gehen zusammen zum Hafen, zum Strand, in die Geschäfts-

und Kulturviertel – und manchmal auch ins Tel Aviver Nachtleben", sagt Shoshani. Das spezielle an Ron Shoshanis Fotografien ist die Kombination aus Technik und Vorbereitung: Das wichtigste sei, die richtige "Location" zu finden – und dann herauszufinden, welche Winkel die besten sind und von welchen Dächern oder Kränen er am besten fotografieren kann. Das kritischste Element aber sei, das Wetter zu verstehen, die Zeiten des Sonnenauf- und -untergangs, die UV-Strahlung, Windgeschwindigkeit und vieles mehr: "Ich muss das Licht verstehen und auch, wie es auf die Wolkenkratzer fällt – anders kann ich keine urbanen Landschaften fotografieren", sagt Shoshani. Er fotografiert gerne frühmorgens, wenn die Luft noch nicht durch den Autoverkehr verschmutzt ist. Später bearbeitet er seine Bilder digital, aber: "Wenn das Original-Material nicht gut genug ist, muss ich alles von vorne wiederholen." Die Dynamik des Alltags bringt Shoshani ins Foto Shoshanis Bildgestaltungsprozess führt zu einem Resultat, das Tel Aviv in vollem Dynamikumfang und mit einem Farbenreichtum darstellt, wie sie dem gewöhnlichen Betrachter im alltäglichen Leben verborgen bliebe. "Mein Geheimnis ist, dass ich ein guter Meteorologe geworden bin", sagt er schmunzelnd.
ANREISE

Mehrere deutsche Airlines fliegen während des ganzen Jahres nach Israel, unter anderem Air Berlin, Germanwings, Tuifly und Lufthansa. Die Preise variieren stark ja nach Jahreszeit. In den Wintermonaten ist es möglich Schnäppchen zum Preis um die 200 Euro zu machen. Der einzige internationale Flughafen des Landes ist der Ben­Gurion­Flughafen bei Tel Aviv. Vom Stadtflughafen "Sde Dov" in Tel Aviv starten Inlandsflüge nach Eilat am Roten Meer.
UNTERKUNFT

An der Strandpromenade reiht sich Hotel an Hotel. Vom einfachen, preiswerten Hostel bis hin zum Luxushotel wird jeder Anspruch bedient. Rucksackreisende oder Junge auf Städtereise finden beispielsweise im Florentine Hostel, im Stadtteil Florentin, eine günstige Unterkunft. Homepage: http://florentinehostel.com/, Preise: 15 bis 50 Euro, je nach Art der Unterkunft. Ein Hotel im mittleren Preissegment ist das Hayarkon 48, etwa 100 Meter vom "Jerusalem­Strand" entfernt. Hier trifft man ebenfalls viele junge Menschen aus aller Welt an. Preise 20 bis 80 Euro, je nach Art der Unterkunft. Für Reisende, die es gerne etwas gediegener angehen möchten, bieten u.a. die Hotels der Dan­Gruppe angenehme Unterkünfte. Zimmer gibt es dort ab 280 Euro pro Nacht
AKTIVITÄTEN

Das "Tel Aviv Museum of Art", von Ron Shoshani auch schon abgelichtet, zeigt bis Ende Juli 2012 eine Ausstellung zur zeitgenössischen Fotografie. Unter dem Motto "Making room – contemporary Israeli photography" werden Arbeiten zu den Schwerpunkten Landschaften, urbane Umgebung und häuslichem Raum präsentiert.

Die erste Phase seines Langzeitprojekts ist abgeschlossen. Dieses Jahr stehen weitere

Ausstellungen auf dem Programm und eine intensivierte Suche nach einem Herausgeber eines Bildbandes. Das nächste Projekt ist Jerusalem, die symbolträchtige Hauptstadt, in der eine seiner Ausstellungen im letzten Jahr besonders viel Aufmerksamkeit erhielt: "Das Reizvolle an Tel Aviv ist die Dynamik. Das konträre, aber nicht weniger attraktive ist Jerusalems Beständigkeit, die wahrscheinlich noch herausfordernder ist." Die größte Herausforderung aber kommt erst in einigen Jahren. Ron Shoshanis Wunsch: "In zehn bis 15 Jahren möchte ich an meine Tatorte zurückkehren und die Ergebnisse einander gegenüberstellen." ● ●
QUELLE: ZEIT ONLINE ADRESSE: http://www.zeit.de/reisen/2012­05/tel­aviv­ron­shoshani/komplettansicht

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