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VORWORT

Vorwort zur ersten Auflage
Sprache ist eines der wichtigsten Mittel, mit denen Menschen Ideen und Gedanken ausdrücken und sich gegenseitig mitteilen können. Die vorliegende Einführung in Sprache und Sprachwissenschaft nimmt deshalb eine Sichtweise ein, in der Sprache vorzüglich als Ausdrucksmittel für Ideen und Gedanken erscheint. Aus einem solchen kognitiv-linguistischen Blickwinkel gesehen ist Sprache ein Teil des gesamten kognitiven Systems, über das Menschen verfügen. Das heißt, Sprache steht in engem Zusammenhang und auch in Wechselwirkung mit der Wahrnehmung, Kategorisierung und Begriffsbildung von Menschen, mit ihrer Fähigkeit, zu abstrahieren, Gefühle zu empfinden und Absichten zu verfolgen und mit dem menschlichen Schlussfolgern und Denken im Allgemeinen. Zwischen der Sprache und den übrigen Leistungen des menschlichen Geistes bestehen rege Querverbindungen: Sie alle interagieren mit Sprache, prägen sie mit und sind von ihr beeinflusst. So gesehen beschäftigt sich die Wissenschaft von der Sprache also mit der Art und Weise, wie wir Empfindungen, Vorstellungen, Gedanken und Wünsche in eine Form bringen, die es uns erlaubt, uns auszudrücken und untereinander zu verständigen. Dieses Buch ist Ergebnis des Projektes EuroPILL (European Practical Introduction to Language and Linguistics), das im Rahmen des Sokrates-Programms der Europäischen Union gefördert wurde. Neben der hier vorgelegten Einführung in die Sprachwissenschaft für ein deutschsprachiges Publikum sind daraus auch Einführungen in sechs weiteren europäischen Sprachen hervorgegangen, nämlich in Englisch, Französisch, Griechisch, Italienisch, Niederländisch und Spanisch. Bei jeder einzelnen Fassung und insbesondere auch bei der hier vorgelegten deutschen wurde großer Wert darauf gelegt, dass Studienanfänger sie als grundlegende Einführung in die Linguistik verwenden können. Einen der besonderen Vorzüge dieser Einführung sehen wir darin, dass deutschsprachige Studierende auf hohem und doch allgemein verständlichem Niveau von Anfang an sowohl an wichtige deutsche Standardliteratur als auch an die neueste internationale Forschungsliteratur und -diskussion herangeführt werden. Zugleich unterstützen die insgesamt sieben Sprachfassungen auch ein Studium der Sprachwissenschaften auf europäischer Ebene. Studierenden, die an internationalen europäischen Austauschprogrammen teilnehmen, soll in allen Ländern ein sprachwissenschaftliches Studium ermöglicht werden, das sich an gemeinsamen Inhalten orientiert. Ebenso wie die Zielgruppe dieser europäischen Einführung ist auch das an dem Projekt beteiligte Autorenteam multilingual und multikulturell. Mitgewirkt haben (in alphabetischer Reihenfolge):

XII SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT

Johan De Caluwé (Ghent, Belgien) René Dirven, (Duisburg, Deutschland) Dirk Geeraerts (Leuven, Belgien) Chris Goddard (Metz, Australien) Stefan Grondelaers (Leuven, Belgien) Ralf Pörings (Gießen, Deutschland) Günter Radden (Hamburg, Deutschland) Willy Serniclaes (Brüssel, Belgien) Marcello Soffritti (Bologna, Italien) Wilbert Spooren (Tilburg, Niederlande) John Taylor (Otago, Neuseeland) Ignacio Vazquez-Orta (Zaragoza, Spanien) Marjolijn Verspoor (Groningen, Niederlande) Anna Wierzbicka (Canberra, Australien) Margaret Winters (Carbondale, Illinois, USA). Jedes Kapitel der englischen Ausgangsfassung wurde zunächst von einem oder mehreren Autoren gemeinsam verfasst und aufgrund der Vorschläge des Autorenteams dann von den Autoren der einzelnen Kapitel mehrfach verändert. Diese neuen Fassungen schließlich wurden von den Herausgebern in unterschiedlich starkem Maße erneut überarbeitet, um einen für die gesamte Einführung kohärenten Inhalt und einheitlichen Stil zu gewährleisten. Die einzelnen Kapitel wurden von folgenden Mitgliedern des Autorenteams verfasst (die Urheber der Ausgangsfassungen stehen jeweils an erster Stelle): Kapitel 1 - Die kognitive Grundlage der Sprache: Dirven und Radden Kapitel 2 - Lexikologie: Geeraerts und Grondelaers; Dirven und Verspoor Kapitel 3 - Morphologie: De Caluwé; Dirven und Verspoor Kapitel 4 - Syntax: Verspoor, Dirven und Radden Kapitel 5 - Phonologie: Taylor und Serniclaes Kapitel 6 - Kulturvergleichende Semantik: Goddard und Wierzbicka Kapitel 7 - Pragmatik: Vazquez-Orta; Dirven, Pörings, Spooren, Verspoor Kapitel 8 - Textlinguistik: Spooren Kapitel 9 - Historische Linguistik: Winters; Dirven Kapitel 10 - Sprachvergleich und Sprachtypologie: Soffritti; Dirven. Ralf Pörings (Gießen) hat die gemeinsame englische Ausgangsfassung behutsam ins Deutsche übertragen, mit zahlreichen neuen Beispielen und Aufgaben versehen und in enger Zusammenarbeit mit Ulrich Schmitz (Essen) für deutsche Verhältnisse eingerichtet. Das Gesamtprojekt wurde von Ulrike Kaunzner (Bologna) und Ralf Pörings koordiniert. Die Zeichnungen entstammen der Feder von Tito Inchaurralde (Barcelona). Allen am Projekt Beteiligten sei für ihr großes Engagement und ihre sorgfältige und professionelle Arbeit gedankt. René Dirven und Marjolijn Verspoor (Herausgeber der englischen Fassung) Ralf Pörings und Ulrich Schmitz (Herausgeber der deutschen Fassung)

VORWORT XIII

Vorwort zur zweiten Auflage
Für die zweite Auflage wurden alle Kapitel der Einführung sorgfältig durchgesehen und – wo nötig – überarbeitet. Die Literaturhinweise wurden aktualisiert und ergänzt. Das Buch folgt nun der neuen deutschen Rechtschreibung. Wir danken allen engagierten Lesern und Kollegen, die uns seit Erscheinen der ersten Auflage Hinweise auf Fehler sowie Anmerkungen und Kritik zum Inhalt geschickt haben. Besonderer Dank gilt Ulrike Claudi, Markus Egert und Hiroyuki Miyashita für ihre sehr detaillierten kritischen Anmerkungen zur ersten Auflage. Sehr herzlich möchten wir uns bei René Dirven bedanken, der uns unermüdlich mit seinen vielen Verbesserungsvorschlägen bei den Vorarbeiten zu dieser zweiten Auflage unterstützt hat. Essen, im Juni 2003 Ralf Pörings und Ulrich Schmitz

Web-Seite zu diesem Buch
Unter der Adresse www.linse.uni-essen.de/cell/german/cellgerman.htm bzw. www.linse.uni-essen.de sind Lösungshinweise zu den Aufgaben in den einzelnen Kapiteln abrufbar. Über diese Seite sind auch Informationen zu weiteren Sprachversionen dieser Einführung erhältlich. Über das Portal www.portalingua.uni-essen.de stehen multimediale Lehr- und Lernressourcen zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft zur Verfügung, darunter multimediale Lernmodule mit interaktiven Lernaufgaben, die in verschiedene Bereiche der Sprachwissenschaft einführen.

Kontaktadresse der deutschen Herausgeber
Die Autoren und Herausgeber dieses Buches würden sich über Rückmeldungen, Anregungen und Kritik freuen. Sie können Ihre Kommentare zu diesem Buch an folgende Kontaktadresse schicken: Prof. Dr. Ulrich Schmitz Universität Duisburg-Essen Fachbereich 3 - Germanistik Universitätsstraße 12 45117 Essen E-Mail: ulrich.schmitz@uni-essen.de

XIV SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT

Einige Konventionen
* Ein vorangestelltes Sternchen bedeutet, dass ein Wort, ein Satz oder eine Äußerung als nicht korrekt empfunden wird. Es kann außerdem anzeigen, dass die betreffende sprachliche Form rekonstruiert wurde. Ein vorangestelltes Fragezeichen bedeutet, dass Zweifel bestehen, ob ein Wort, ein Satz bzw. eine Äußerung akzeptabel ist. Zwei vorangestellte Fragezeichen bedeuten, dass größte Zweifel bestehen, ob eine Äußerung als akzeptabel gelten kann.

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‚...‘ Einfache Anführungszeichen werden verwendet, um die deutsche Bedeutung eines fremdsprachigen Wortes anzugeben. „...“ Doppelte Anführungszeichen markieren Konzepte / Bedeutungen. Sie werden außerdem zur Hervorhebung und für Zitate verwendet. { } Geschweifte Klammern markieren Morpheme. /.../ Schrägstriche markieren Phoneme sowie eine grobe, phonemische Transkription. [...] Eckige Klammern repräsentieren Laute und Allophone sowie eine genauere, phonetische Transkription

KAPITEL 1

Die kognitive Grundlage der Sprache: Sprache und Denken

1.0 Überblick
Dieses erste Kapitel möchte den Leser mit einigen grundlegenden Aspekten von Sprache und Sprachwissenschaft vertraut machen. Sprache ist ein Mittel zur Kommunikation zwischen Menschen. Wie alle übrigen Kommunikationssysteme zeichnet sich auch Sprache durch den regelhaften Gebrauch von Zeichen aus. Die systematische Untersuchung von Zeichen fällt in den Gegenstandsbereich der Semiotik, die verbale und nonverbale Systeme sowohl menschlicher als auch tierischer Kommunikation analysiert. Man unterscheidet zwischen drei Zeichenarten, nämlich verweisenden Zeichen oder Indizes, abbildenden Zeichen oder Ikons und konventionellen Zeichen, d. h. Symbolen. Den drei Zeichenarten liegen drei unterschiedliche kognitive Strukturierungsprinzipien zugrunde, durch die Formen mit Inhalten in Beziehung gesetzt werden. Im Unterschied zu allen übrigen Zeichensystemen stützt sich die Sprache des Menschen auf alle drei Strukturierungsprinzipien; in ihr finden sowohl indexikalische als auch ikonische und symbolische Zeichen Verwendung. Der größte Teil der menschlichen Sprache besteht allerdings aus Symbolen. Die Sprache ermöglicht es dem Menschen nicht nur zu kommunizieren, sie ist zugleich ein Medium und Spiegelbild seiner Vorstellungs- und Erfahrungswelt. Diese geht aus der Erfahrung des Menschen mit seiner Umwelt hervor und besteht aus Begriffen, die man auch als konzeptuelle Kategorien bezeichnet. Eine ganze Reihe dieser Begriffe bilden die Grundlage für sprachliche Kategorien. Dies gilt aber bei weitem nicht für alle: konzeptuelle Kategorien machen einen viel größeren Teil der menschlichen Begriffswelt aus und sind damit umfassender als das System der sprachlichen Zeichen. Die gewohnheitsmäßige, alltägliche Verwendung von Zeichen legt uns eine bestimmte Sichtweise auf unsere Umwelt nahe.

1.1 Einleitung: Zeichensysteme
Wir Menschen sind soziale Wesen. Wir wollen uns gegenseitig mitteilen, was in unseren Gedanken vor sich geht, was wir sehen, fühlen, glauben, wissen, was wir wollen oder was wir in diesem oder jenem Moment gerade tun. Dies können wir auf ganz unterschiedliche Art und Weise bewerkstelligen. So können wir etwa

. Beide Schilder haben eine für alle erkennbare Bedeutung: „hier entlang“ bzw. springende Rehe. Im Straßenverkehr gibt es eine ganze Reihe von Schildern. Mit unseren Händen können wir Formen und Figuren andeuten. Schnäuzt hingegen jemand seine Nase. oder anders gesagt: eine Bedeutung mit einer bestimmten Form in Beziehung gesetzt. die eventuell die Straße überqueren könnten. Durch ein Zeichen wird eine Form mit einer Bedeutung. Diese verschiedenen Ausdrucksmöglichkeiten gewinnen für uns als Sprecher und Hörer an Bedeutung. „in dieser Richtung geht es nach Berlin“. dass die so gehende Person offenbar volltrunken sein muss. eikon = ‚Replik/Abbildung‘) ist die sichtbare. so auch bei mimischen Ausdrücken wie hochgezogenen Augenbrauen oder einer gekräuselten Stirn. lassen sich drei Zeichenarten voneinander unterscheiden: Index. Bei indexikalischen Zeichen stehen Form und Bedeutung in einer unmittelbaren Beziehung zueinander. die offenbar gerade die Straße überqueren. Verärgerung. Dennoch ist die Bedeutung des Verkehrsschildes allgemein erkennbar: „Achtung. das den Weg in die nächste Stadt. die man als Kontiguität bezeichnet. weist. Dieses Schild soll die Autofahrer darauf aufmerksam machen. indem wir sprechen. möglicherweise überqueren Schulkinder die Fahrbahn“. so trifft man nicht selten auf ein Verkehrsschild. in diesen beiden Fällen für Erstaunen bzw. Zieht beispielsweise jemand seine Augenbrauen hoch. Er zeigt auf etwas in seiner unmittelbaren Nähe (lat. Ein eindeutiges Beispiel für einen Index ist etwa ein Umleitungsschild oder ein Richtungsschild. Ein ikonisches Zeichen ist der bezeichneten Sache auf gewisse Weise ähnlich. auf dem zwei Kinder abgebildet sind. indem wir die Augenbrauen hochziehen. die vor eventuellen Gefahrensituationen warnen. ein schlingernder Gang – wir assoziieren unmittelbar. hörbare oder auf sonstige Weise wahrnehmbare Darstellung der Sache. so wird diesem Verhalten keine besondere Bedeutung zugemessen – wir würden lediglich bemerken. Nach dem Begründer der Allgemeinen Semiotik. Ein Ikon (griech.SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT unserem Erstaunen Ausdruck geben. Kröten. dass sich diese Person aus irgendeinem Grund die Nase geschnäuzt hat. für die es steht. auf Schulkinder zu achten. weil wir sie als „Zeichen für etwas“ verstehen können.B. zu einem anderen dann vielleicht eine ganze Schulklasse. so kann das als ein Zeichen für sein Erstaunen verstanden werden. Charles Sanders Peirce (18391914). etwa wenn wir mit einem Zeigefinger die Form einer Wendeltreppe in der Luft nachzeichnen. Doch auch das Naseschnäuzen könnte zu einem Zeichen – sagen wir einmal für Protest – werden: man müsste sich nur auf diese Bedeutungszuordnung einigen. z. Ein weiteres indexikalisches Zeichen ist z. Wenn eine Straße an einer Schule vorbeiführt. Bei der gesamten Körpersprache des Menschen. denn zu einem Zeitpunkt überquert vielleicht nur ein einzelnes Kind die Straße. Beginnen wir mit dem Index. Natürlich ist das Schild der dargestellten Situation aus der Realität nur annähernd ähnlich.B. Wir können unsere Gedanken aber auch zum Ausdruck bringen. Diese Beispiele für Zeichen aus den Bereichen Mimik und Gestik sowie die durch Übereinkunft etablierte Verbindung einer Erscheinung mit einer Bedeutung illustrieren verschiedene Arten von Zeichen. nach Berlin. indem sie in stilisierter Form Dinge abbilden. handelt es sich um Indizes: sie werden als für jeden sichtbare Anzeichen für den Gemütszustand einer Person verstanden. durch die bestimmte Gefahren verursacht werden könnten: Kühe. index ‚Zeigefinger‘). Ikon und Symbol.

und Wale verwenden ein System aus ‚Liedern‘. Nicht nur der Mensch. Fahrrädern. Entfernung und Größe einer Honigquelle. Vielmehr hat man sich darauf geeinigt. Dieses Verständnis von Symbol lehnt sich an die ursprüngliche Bedeutung des griechischen Wortes symbolon ‚Wiedererkennungszeichen‘ an. S-Kurven usw. Die Lehre von den Zeichen und den Zeichensystemen in ihren unterschiedlichsten Ausprägungen heißt Semiotik (griech. Affen verwenden ein Kommunikationssystem aus neun verschiedenen Schreien. Die Zuordnung einer Form zu einer Bedeutung beruht nicht auf Kontiguität (wie bei einem Index) oder Ähnlichkeit (bei einem Ikon). Diese stilisierten Abbildungen sind der bezeichneten Sache in gewisser Weise ähnlich und damit ebenfalls Beispiele für Ikons. Traktoren. deren Entschlüsselung die Meeresbiologen bis heute vor ein Rätsel stellt. mit dem sich die Semiotik beschäftigt. nahezu alle Flaggen und eben auch der größte Teil der sprachlichen Zeichen beruhen auf Konvention. dass mit dieser Form eine bestimmte Bedeutung assoziiert werden soll. Man zerbrach etwa einen Ring in zwei Teile. eingesetzt. semeion ‚Zeichen‘). herabfallenden Steinen. Im Unterschied zum Ikon und zum Index besteht bei einem Symbol zwischen der bezeichnenden Form und der durch diese Form bezeichneten Bedeutung keine natürliche Verbindung. die diese Form für uns hat. Doch die Semiotik interessiert sich nicht nur für sprachliche Zeichen. gibt es keinen erkennbaren natürlichen Zusammenhang – anders als etwa hochgezogene Augenbrauen (ein indexikalisches Zeichen) vermag nichts an dieser sprachlichen Form direkt auf einen Gefühlszustand zu verweisen. Ähnlich wie mit einem solchen Ring verhält es sich auch mit der Form und der Bedeutung eines sprachlichen Zeichens. ihr Sinn ergibt sich erst. Die beiden Hälften des Ringes bedeuten für sich genommen nichts. In der Antike verwendete man ein solches symbolon beispielsweise. um Gäste oder Freunde auch noch nach langen Jahren wieder erkennen zu können. In der Sprachwissenschaft versteht man unter einem Symbol ein Zeichen. um die Größe einer möglichen Gefahr und deren Entfernung anzuzeigen. bei dem Menschen die Übereinkunft getroffen haben. denn sie alle bestehen nahezu ausschließlich aus indexikalischen Zeichen. sondern auch für andere Formen menschlichen Kommunikationsverhaltens wie Gesten. ist die menschliche Sprache. Brücken. Kleidung usw. PKWs. wenn sie wieder zusammengesetzt werden. das Eurozeichen €. Symbole wie militärische Embleme. auch Tiere können unter Umständen mittels sehr ausgefeilter Zeichensysteme miteinander kommunizieren: Bienen signalisieren einander durch komplexe Muster von Tänzelbewegungen die Richtung. Bei aller Komplexität sind diese tierischen Zeichensysteme in ihren Möglichkeiten doch auch stark eingeschränkt. die eine unmittelbare Nähe . um ihn dann bei einem Wiedersehen wieder passend zusammenfügen und damit den Freund wieder erkennen zu können.SPRACHE UND DENKEN 3 Darüber hinaus werden auch Abbildungen von Lastwagen. Das elaborierteste Zeichensystem. Flüssen. Eine weitere Zeichenart ist das Symbol. Zwischen der Wortform Erstaunen und der Bedeutung. sondern auf Übereinkunft (Konvention). eine bestimmte Form mit einer bestimmten Bedeutung in Beziehung zu setzen. Ein Beispiel für ein symbolisches Zeichen aus dem Zeichensystem Verkehrsschilder ist ein auf dem Kopf stehendes rotes Dreieck: zwischen dieser Form und der Bedeutung „Vorfahrt achten!“ gibt es keinen erkennbaren natürlichen Zusammenhang.

desto langsamer ist der Tanz. So etwa bei Abbildungen von Heiligen. Der Tanz der Honigbienen hat also auch einen ikonischen Anteil. So sind die meisten kommerziellen Produkte an sich nur wenig attraktiv. Nöth 2000. sie mit einer für die potentiellen Käufer attraktiveren Welt in Verbindung zu bringen. Im Vergleich zu Indizes erreichen ikonische Zeichen einen höheren Grad der Abstraktheit und sind deshalb auch komplexer. Durch den so genannten Rundtanz kann sie einen bis zu 100 Meter. Zwischen den drei Zeichenarten Index. versuchen Werbefachleute. d. wie viel Honig vielleicht in Zukunft zu erwarten ist. sie kann jedoch nicht zum Ausdruck bringen. in der griechischorthodoxen Kirche verehrt werden. anderen Bienen am Fuße des Turmes Informationen über diese Honigquelle zuzutragen. Aus diesem Grunde kommen auch ikonische Zeichen in tierischen Kommunikationssystemen höchstwahrscheinlich nicht vor. durch den Schwänzeltanz einen bis zu 13 Kilometer entfernten Ort anzeigen.h. dann verweisen beispielsweise MarlboroZigaretten aufgrund des indexikalischen Prinzips auf das abenteuerliche Leben des amerikanischen Cowboys in Marlboro Country. muss ihre Ähnlichkeit mit dem Bezeichneten erkannt werden. den stilisierten Abbildungen von Männern und Frauen. Um ihre Attraktivität zu erhöhen. ebenso wie über Objekte in weiter Ferne und über . Ikonische Darstellungen können der dargestellten Sache in hohem Maße ähnlich sein. Wenn dies gelingt. Um sie zu verstehen. 261f). wie sie in der russischen bzw. Indexikalische Zeichen sind in dieser Hinsicht die ‚primitivsten‘ und eingeschränktesten Zeichen: ihre Bedeutung ist an das „Hier“ und „Jetzt“ der jeweiligen Situation gebunden. Dies zeigte ein Experiment in Pisa.h. d. Ikon und Symbol besteht ein klarer Unterschied: sie können unterschiedliche Grade der Abstraktheit erreichen. die in der Vergangenheit oder in der Zukunft liegen. wie etwa in der Werbung. Diese indexikalischen Zeichen sind allerdings auf die horizontale Dimension beschränkt. denn diese gehen weit über das Zeigen auf Dinge in unmittelbarer Nähe bzw. Symbolische Zeichen sind deshalb auch nur in menschlichen Kommunikationssystemen zu finden. über das bloße Abbilden von Dingen hinaus. Auch in menschlicher Kommunikation sind sie weit verbreitet: vor allem in der Körpersprache und bei Verkehrsschildern oder auch auf anderen Gebieten menschlichen Zusammenlebens. So kann eine Honigbiene zwar einer anderen Biene den Ort einer Nahrungsquelle (zu einem bestimmten Zeitpunkt) mitteilen. Die Abbilder können aber auch stark abstrakt sein – wie im Falle von Piktogrammen.SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT des durch sie bezeichneten Gegenstandes voraussetzen. Im Vergleich zu Indizes und Ikons weisen Symbole den höchsten Grad an Abstraktheit auf. Die Entfernung der Honigquelle wird durch die Geschwindigkeit des Tanzes angezeigt: je größer die Entfernung. Autos oder Flugzeugen usw. der Betrachter muss die ikonische Verbindung zwischen Form und Bedeutung bewusst herstellen können. bei dem man an der Spitze des Schiefen Turmes eine Honigquelle angebracht hatte: die oben am Turm freigelassenen Bienen vermochten es nicht. Wir Menschen wollen auch über Ereignisse kommunizieren. Die Bienen folgen der Leitbiene und gelangen so zu dem bezeichneten Ort. Sowohl indexikalische als auch ikonische Zeichen allein können den kommunikativen Bedürfnissen der Menschen nicht hinreichend gerecht werden. denn zwischen Entfernung und Fluggeschwindigkeit besteht ein Zusammenhang (vgl.

Die Vögel nehmen diese Nachbildungen als reale Feinde wahr und werden so abgeschreckt. Dieses Prinzip machen sich Bauern schon seit Jahrhunderten zunutze. Diese drei kognitiven Prinzipien der Indexikalität. Ikon und Symbol spiegeln grundlegende kognitive Prinzipien wider. so sind sie dennoch in der Lage. Symbolische Zeichen schließlich ermöglichen es dem menschlichen Denken. um sich über alle möglichen Themen verständigen zu können. Sie wurden von Menschen überall auf der Welt erfunden. Die drei Zeichenarten Index. Enttäuschungen und Hoffnungen usw. Auf diese Weise kann eine rote Rose für „Liebe“ oder eine Eule für „Weisheit“ stehen. Abbildung 1. deren Form einem Bauern mit einer Mistgabel ähnelt. Das elaborierteste Zeichensystem. mittels Symbolen zu kommunizieren: Gehörlose haben mit der Gebärdensprache eine Form der menschlichen Sprache geschaffen. indem sie in ihren Feldern Vogelscheuchen aufstellen. Dinge. Indexikalische Zeichen stellen das grundlegendste Prinzip dar: bei ihnen stützt sich die Zuordnung von Form und Bedeutung auf Kontiguität. Sehnsüchte. Ikonische Zeichen beruhen auf einem stärker verallgemeinernden und damit abstrakteren Prinzip: hier steht ein Abbild der Sache für die Sache selbst. .SPRACHE UND DENKEN 5 Phantasiegebilde oder auch über unsere Gefühle. können dabei für einander stehen: so verbinden wir oftmals einen Künstler sehr stark mit seinem Werk und versprachlichen diese Relation in Form von Äußerungen wie Am stärksten haben mich die Picassos beeindruckt. die in unserer Vorstellung nahe beieinander liegen. d. Die Gesten der Gebärdensprache beruhen weitestgehend auf Konvention und werden mit bestimmten Bedeutungen assoziiert. die nicht auf Lautformen angewiesen ist. Ihre universalste Form ist gesprochene Sprache. in dem alle drei Zeichenarten (mitunter auch in Kombination) zu finden sind. Diese Funktionen können nur durch Symbole erfüllt werden. durch die Formen mit Bedeutungen in Beziehung gesetzt werden können.h. über die Grenzen der Kontiguität und Ähnlichkeit hinaus konventionelle Beziehungen zwischen jeder beliebigen Form und jeder beliebigen Bedeutung herzustellen. Selbst wenn Menschen aufgrund von Behinderungen die Laute einer Sprache nicht hören können. auf die zeitliche oder räumliche Nähe zwischen Bezeichnendem (der Form) und Bezeichnetem (der Bedeutung). Beziehung von Form und Bedeutung bei Index. Ikon und Symbol Index Form Bedeutung Form Ikon Bedeutung Symbol Form Bedeutung Kontiguität Ähnlichkeit Konvention Fassen wir anhand von Abbildung 1 nochmals zusammen. ist die menschliche Sprache in all ihren Erscheinungsformen. Ikonizität und Symbolizität stellen die grundlegenden Strukturmomente von Sprache dar. auf die im folgenden Abschnitt etwas genauer eingegangen werden soll.

Wir Menschen nehmen uns deshalb als Mittelpunkt der Welt wahr: alles um uns herum erfahren wir mit Bezug auf unseren Körper. Sie sind somit von der Situation abhängig. kommen und gehen sowie auch die Personalpronomen ich. und dass jetzt sich auf den Zeitpunkt seines Sprechens bezieht. von dem aus dieser die Welt betrachtet. hier! Wir wissen weder an welchem Ort. dies. die im Vergleich zum Sprecher sehr viel größer sind.2. Sowohl Zeitpunkte in der Vergangenheit (Dann wanderte er nach Australien aus) als auch in der Zukunft ( Dann wird er nach Australien auswandern) können wir so bezeichnen.SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT 1. werden vom Standort des Sprechers aus gesehen und bezeichnet. so dient uns unser Standort in Raum und Zeit als Referenzpunkt. in der wir leben. Deiktika sind immer auf die Perspektive des Sprechers bezogen. dass hier den Ort bezeichnet. So sprechen wir normalerweise von unserer Umgebung („alles. Wenn etwa jemand sagt Mein Nachbar ist jetzt hier. du. so lokalisiert er diese mit Bezug auf sein Ego als deiktisches Zentrum. was uns umgibt“) und unserer Umwelt („die Welt um uns herum“) und machen damit uns selbst und nicht etwa die doch viel größere Welt zum Bezugspunkt. Der Handzettel macht für uns deshalb keinen Sinn. Die Körperwahrnehmung des Menschen bildet die Grundlage für seine Orientierung im Raum.1 Das indexikalische Prinzip Der menschliche Geist besteht nur in einem und durch einen Körper. zehn Uhr. deiktos. wir werden als deiktische Ausdrücke bezeichnet (griech. so weiß der Hörer dieser Äußerung. morgen. so können wir allerdings auch die Welt zum Referenzpunkt machen – wie etwa in dem folgenden Titel einer Fernsehsendung über Umweltschutz: Globus – die Welt. Wir sind also nicht . Ohne ein Wissen um den situativen Kontext fehlt uns jeglicher Referenzpunkt. den Zeitpunkt unseres Sprechens mit jetzt. mit dann. Treffpunkt: Morgen. bei einem transatlantischen Briefwechsel). heute. Das Ego des Sprechers stellt aber nicht nur bei der Beschreibung von Ereignissen das deiktische Zentrum dar. wenn es für Hörer und Sprecher eine große Differenz in Raum und Zeit gibt (z. Wenn wir miteinander sprechen. Das trifft selbst dann zu. die vom Zeitpunkt des Sprechens abweichen. der zur Interpretation der deiktischen Ausdrücke in diesem Demonstrationsaufruf notwendig ist. Unseren Standort bezeichnen wir mit hier. da. deiknumi ‚zeigen‘). Auch wenn er die Anordnung von Dingen im Raum bezeichnen will. aus der heraus dieser die Welt sieht. In ähnlicher Weise bezeichnen wir Zeitpunkte. oder bei größerer Entfernung auch mit da drüben.2 Strukturierungsprinzipien in der Sprache 1. Selbst Dinge. Wenn wir die Aufmerksamkeit des Hörers in besonderem Maße auf die Welt lenken wollen. das. Wörter wie hier. um andere gedankliche Einheiten im Raum oder in der Zeit zu lokalisieren. noch zu welcher Zeit dieser Zettel ausgeteilt wurde. jetzt. Nehmen wir einmal an. Diese egozentrische Weltsicht schlägt sich auch in unserer Sprache nieder. in der sie verwendet werden. in einem Zugabteil habe jemand ein Flugblatt mit dem folgenden Aufruf liegen gelassen: Großdemonstration gegen Sozialkürzungen. Von unserem Standort aus entfernte Orte bezeichnen wir mit da. dann.B. an dem sich der Sprecher befindet.

und Rückseite. Abbildung 2. Die Rückseite des Autos ist auch für den Fahrer hinten. d) a. Das Fahrrad vor dem Baum c.SPRACHE UND DENKEN 7 gezwungen. die wir von Menschen geschaffenen Artefakten wie dem Auto in den Abbildungen (2c) und (2d) zumessen. Deiktische Orientierung (a. Das Fahrrad hinter dem Baum b. so nehmen wir . so sind die Vorderseite des Fahrers und die Vorderseite des Wagens in gleicher Richtung orientiert: rechts vom Fahrer befindet sich die rechte. immer eine egozentrische Perspektive einzunehmen. links vom Fahrer die linke Seite des Autos. Das Fahrrad vor dem Auto Diese intrinsische Orientierung. der linken und der rechten Seite sprechen. oben. verändert sich auch seine deiktische Orientierung. unten. 2a sagt Das Fahrrad steht hinter dem Baum. sie wird uns aber oft durch unsere Sprache nahe gelegt. und das Fahrrad befindet sich von seinem neuen Standort aus gesehen vor dem Baum. Das Ego dient auch als deiktisches Zentrum. Ebenso gut kann sich ein Sprecher auch in die Perspektive des Hörers versetzen und ihn ausdrücklich zum deiktischen Zentrum seiner Äußerung werden lassen. Das Fahrrad hinter dem Auto d. Wenn der Sprecher in Abb. In (2c) und (2d) wird die Position des Fahrrads nicht in Abhängigkeit vom Standort und der Perspektive des Sprechers beschrieben – Autos und Gebäude haben eine eigene Vorder. um Dinge in Bezug auf andere Dinge zu lokalisieren. geht wiederum auf unsere Erfahrung mit der räumlichen Ausdehnung unseres Körpers zurück: sitzt der Fahrer im Auto. so zieht er in Gedanken eine Orientierungslinie von seinem Standort aus zum Baum und lokalisiert dann das Fahrrad in Abhängigkeit von seinem Standort auf dieser Linie als hinter dem Baum. hinten. b) und intrinsische Orientierung (c. Für Touristenführer bei Stadtrundfahrten ist diese Verschiebung des deiktischen Zentrums durchaus die Regel: Zu Ihrer Rechten sehen Sie das mittelalterliche Kloster. So wie wir in Bezug auf unseren Körper von vorne. Wenn der Sprecher seinen Standort verändert (2b).

c.und Relativpronomen. Auch in anderen Bereichen der Grammatik erhält der Mensch eine besonders herausragende Rolle. Im Englischen wird durch besondere Personalpronomen zwischen männlichen und weiblichen Personen differenziert (he bzw. Eine nicht-menschliche Einheit wird nur dann einer menschlichen als Subjekt des Satzes vorgezogen. führt zu einer anthropozentrischen Perspektive (griech. die von der Perspektive des Sprechers unabhängig ist. Da es aber sehr unwahrscheinlich ist. Wenn beispielsweise ein Lehrer den Wissensabstand zu seinen Schülern hervorheben will. ihren Erfahrungen.und auswendig. Unsere anthropozentrische Orientierung beruht auf der Tatsache. Stühle. Die psychologische Nähe. aber auch ganz unterschiedlich hervortreten. ihr) reserviert sind. hintere. wenn sie besonders in den Vordergrund gestellt werden soll. Zudem gibt es spezielle Frage. ihren Bewegungen usw. als beim Bezug auf Dinge. die wir zu unseren Mitmenschen spüren. Schränke und andere Artefakte jeweils eine intrinsische Orientierung an. Die folgenden Beispiele haben alle ein menschliches Subjekt und machen deutlich. Autos. in dem in irgendeiner Weise ein Mensch vorkommt. werden wir kaum sagen: *Dieses Gedicht wird von mir in. aber wohl kaum als *Meine Kontaktlinsen wurden schon wieder von mir verloren konstruieren. so könnte er sagen: Morgen muss dieses Gedicht aber von jedem hier in. wenn auf Menschen Bezug genommen wird. dass wir uns von uns selbst (und in diesem Fall von unseren Kenntnissen) distanzieren wollen. Diese Artefakte haben deshalb für uns eine vordere. an ihren Handlungen. Diese kann in den Grammatiken verschiedener Sprachen ähnlich. Auf einer viel grundlegenderen Ebene übertragen wir unsere egozentrische Orientierung auf den Menschen an sich. für Dinge steht lediglich ein Pronomen zur Verfügung (it). wir) und die angesprochene (natürliche) Person (du. dass wir in erster Linie an unseren Mitmenschen interessiert sind. Bei der Beschreibung von Ereignissen nehmen Menschen deshalb stets eine privilegierte Stellung ein: wenn wir ein Ereignis beschreiben. wie wir üblicherweise Ereignisse oder Zustände beschreiben: (1) a. und auch (1c) lässt sich vielleicht ? noch als Meine Kontaktlinsen sind mir schon wieder verloren gegangen. sie. b. es). linke und rechte Seite. Ich habe schon wieder meine Kontaktlinsen verloren.und auswendig gekannt werden. Satz (1b) lässt nur ein menschliches Subjekt zu. die sich auf . ein Oben und ein Unten. ihrem Besitz. so wird dieser tendenziell zuerst genannt. Für die besprochenen Dinge (und Personen) gibt es jeweils nur eine Person im Singular und im Plural (er. she). Häuser. die für die sprechende (ich.SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT auch für Hemden. Der Streber kennt das Gedicht natürlich mal wieder in. Er bildet typischerweise das Subjekt des Satzes. Karl hätte gerne noch ein Stück Kuchen gegessen.und auswendig gekannt (ein vorangestelltes *Sternchen markiert einen sprachlichen Ausdruck als nicht akzeptabel). ihren Gedanken. Für Menschen gibt es je zwei grammatische Personen im Singular und Plural. anthropos ‚Mensch‘). So wird sowohl im Englischen als auch im Deutschen bei der Verwendung von Personalpronomen viel stärker differenziert.und Rückorientierung. Wir benutzen diese Dinge richtungsgebunden mit Bezug auf unsere eigene Vor.

Man unterscheidet drei unterschiedliche Prinzipien der Ikonizität: das Abfolgeprinzip. a. bevor sie ihr Kind bekam. vidi. nachdem ein. Setzen wir anstelle der beiordnenden Konjunktion und die temporale Konjunktion bevor bzw. heiratete Claudia. 4a) oder nicht-ikonisch (3b. wenn zwischen einer sprachlichen Form und der von ihr bezeichneten Sache Ähnlichkeiten bestehen. Nachdem Claudia geheiratet hatte. *staunen. Würde man die Anordnung dieser einzelnen Teilsätze ändern. whom für Personen gegenüber which für Sachen). Änderungen in der linearen Anordnung von Teilsätzen bringen dann automatisch eine veränderte Darstellung der erfahrenen Ereignissequenz mit sich: (2) a. die sie miteinander verknüpft. . Das Abfolgeprinzip stellt eine Ähnlichkeitsbeziehung zwischen zeitlichen Ereignissen in unserer Erfahrung und der linearen Abfolge von sprachlichen Formen in einer sprachlichen Konstruktion her. Claudia bekam ein Kind und heiratete. Die koordinierende Konjunktion und sagt für sich genommen noch nichts über die Abfolge der Ereignisse aus. Bevor sie ihr Kind bekam. das Distanzprinzip sowie das Quantitätsprinzip. die sich auf nicht-menschliche Einheiten beziehen (who. vici ‚Ich kam. und andere. 4b) versprachlicht werden: (3) (4) a. kommen. Oder noch ein Beispiel: Zirkusleute oder Schausteller locken ihr Publikum mit Slogans wie: Kommen. nicht aber *dem Haus seine Tür. so kann ein und dasselbe Ereignis entweder ikonisch (3a. das Haus vom Vater ist in bestimmten sozialen Gruppen auch dem Vater sein Haus gebräuchlich. (ikonisch) b. Claudia heiratete. staunen: zuerst geht man in den Zirkus. sehen. kam und sah. Claudia bekam ein Kind.2 Das ikonische Prinzip Von Ikonizität oder Abbildhaftigkeit spricht man. Nehmen wir nur einmal die geschichtsträchtigen Worte des römischen Feldherrn Julius Cäsar Veni. aber nicht *the house’s roof. 1. Ähnliches findet sich zunehmend auch in der deutschen Umgangssprache: neben dem standardsprachlichen das Haus des Vaters bzw. sah und siegte‘. so erhielte man mehr oder weniger unsinnige Sätze (*Ich siegte. bekam sie ein Kind.SPRACHE UND DENKEN 9 Menschen. In anderen Kontexten mag eine Umstellung aber durchaus möglich sein. Die natürliche Abfolge der Ereignisse wird durch die Anordnung der beiden Teilsätze in sprachlicher Form abgebildet. Außerdem findet sich im Englischen auch noch eine besondere besitzanzeigende Form für Menschen (the man’s coat. Claudia heiratete und bekam ein Kind. dann sieht man die Auftritte. und durch das Zuschauen wird man ins Staunen versetzt. nachdem sie geheiratet hatte. b. Es kann in seiner einfachsten Erscheinungsform die Abfolge von zwei oder mehr Teilsätzen bestimmen. sondern the roof of the house).2. die mit ihnen beschrieben werden. sehen). (ikonisch) b. Die Abfolge der Teilsätze entspricht der Abfolge der wirklichen Ereignisse.

war sie grün. Mit welcher Farbe er sie überstrich.h. bevor Peter sie anstrich. Auch die sequentielle Anordnung von Einzelelementen in zweiteiligen Wendungen folgt dem ikonischen Prinzip der Abfolge. (5) a. ein Kommen und Gehen. so spiegelt diese Stellung nach dem Prinzip der Ikonizität das Ergebnis der Ereignissequenz wider – im vorliegenden Fall die Farbe der Türe nach dem Anstreichen. In nahezu allen Sprachen der Welt steht im Satz als Normalfall das Subjekt vor dem Objekt. VOS. von früh bis spät. Normalerweise würde man immer von Tag und Nacht (Für dieses ? Auto habe ich Tag und Nacht geschuftet). Verb und Objekt in Sätzen. Engl. Die zweiteiligen Ausdrücke in (6) beziehen sich entweder auf rein zeitliche Abläufe. das sie näher bezeichnen. mahlt zuerst etc. SOV. *später oder früher. In (5a) war die Türe bereits grün. In (5b) hingegen ist die ursprüngliche Farbe der Türe nicht näher bestimmt. Im Deutschen werden Adjektive in der Regel dem Substantiv. der Sprecher will besonders hervorheben. Peter strich die Türe grün an. The Lawyer wrote the letter. Die Beispielsätze in (5a) und (5b) bestehen aus denselben Wörtern. jetzt oder nie. Tag und Nacht. die lineare Abfolge der sprachlichen Formen entspricht der temporalen Abfolge der Ereignisse: (6) a. Geben und Nehmen. Ein weiteres Beispiel für das ikonische Prinzip der Abfolge ist die Wortstellung von Subjekt. d. VSO. OSV. Kehren wir in der Beschreibung von zeitlichen Abfolgen die Anordnung der Elemente um. welche bedeutungsvolle Rolle die Nacht für ihn spielt – wie etwa Frank Sinatra in seinem Song Night and Day. OVS. oder auf Ereignisse. früher oder später. Peter strich die grüne Türe an. Hier ist die Farbe nach dem Streichen bezeichnet: nachdem Peter die Türe angestrichen hatte. Park and Ride.SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT Auch die innere Struktur von Sätzen kann auf dem ikonischen Prinzip der sequentiellen Abfolge beruhen. vorangestellt (5a). so kann damit eine besondere Bedeutung ausgedrückt werden. die wir immer wieder als in dieser Reihenfolge ablaufend erfahren oder erwarten und die wir dieser Erfahrung entsprechend auch sprachlich so anordnen. lässt sich aus diesem Satz nicht erkennen. Theoretisch gesehen können Subjekt (S). wer zuerst kommt. Davon sind allerdings die ersten drei Wortstellungsmuster (7a-c) am gebräuchlichsten. oder gar von *Wirkung und Ursache reden. Die Anordnung der einzelnen Wörter in diesen Beispielen ist in der Regel nicht umkehrbar – niemand würde von *nie oder jetzt. durch die die Abfolge der sprachlichen Formen bestimmt werden (6a). nicht aber von Nacht und Tag reden – es sei denn. Wird das Adjektiv nachgestellt (5b). b. SVO: Der Anwalt schrieb den Brief. Verb (V) und Objekt (O) in einem einfachen Aussagesatz in sechs verschiedenen Kombinationen auftreten: SVO. haben aber durch die jeweils unterschiedliche Stellung des Adjektivs grün unterschiedliche Bedeutungen. Ursache und Wirkung. (7) a. b. .

aus der unmittelbaren Nähe des indirekten Objekts seiner Freundin zum Subjekt Romeo und seiner Handlung schicken erkennen wir. in welchem konzeptuellen Abstand Dinge für uns stehen. Rumpelstilzchen träumt davon. dass sie den Brief auch erhalten hat. Rumpelstilzchen hofft. während Dinge. die für uns konzeptuell nicht zusammengehören. In (9a) ist seine Freundin als Empfänger des Briefes direkt von der Handlung Romeos betroffen. auf das sich diese Handlung bezieht. In (8b) tritt das Vollverb in Entfernung zum Subjekt. in der sprachlichen Äußerung in einer gewissen Distanz zueinander stehen: (8) a. Dinge. Diese Anordnung ist durch die Art und Weise motiviert. In (8a) stehen das Subjekt Rumpelstilzchen und dessen Handlung sowie das Akkusativobjekt. *Finally wrote the lawyer the letter. *(He knows that) the lawyer the letter wrote c. und das Hilfsverb wird zum Anzeiger für eine mögliche Handlung in der Zukunft – aller Wahrscheinlichkeit nach wird die Handlung stattfinden. b. ist im Englischen nur SVO möglich. die mit dem Objekt verbunden werden. dem Objekt und dem Verb nieder. die konzeptuell als zusammengehörig wahrgenommen werden. Romeo schickte seiner Freundin einen Liebesbrief. b. In der sprachlichen Form des Ausdrucks schlägt sich das in zunehmendem Abstand zwischen dem Subjekt. unmittelbar beieinander. VSO: (Endlich) schrieb der Anwalt den Brief. wie wir Menschen die interne Struktur von Ereignissen wahrnehmen. In (8c) und (8d) wird der Vollzug der Handlung zunehmend irrealer. Die Handlung wird vollzogen. Ein weiteres Beispiel für ikonische Distanz ist die Wahl zwischen Dativobjekt und präpositionalem Akkusativobjekt im folgenden Satz: (9) a. Sowohl im Englischen als auch in den romanischen Sprachen besteht innerhalb des Satzes eine feste Wortstellung: wie die direkten Übersetzungsversuche in (7b) und (7c) zeigen. die Prinzessin zu heiraten. c. treten tendenziell auch in der sprachlichen Form nah beieinander auf.SPRACHE UND DENKEN 11 b. SOV in Nebensätzen (7b) und VSO nach Adverbien auf (7c). SOV: (Er weiß. Rumpelstilzchen wird die Prinzessin heiraten. die Prinzessin zu heiraten. dass) der Anwalt den Brief schrieb. darauf folgt die Aktion des Subjekts. Rumpelstilzchen heiratet die Prinzessin. Deutsch. Das Abstandsprinzip bildet sprachlich ab. Romeo schickte einen Liebesbrief an seine Freundin. Niederländisch und die skandinavischen Sprachen lassen auch die übrigen Wortstellungsmöglichkeiten zu: SVO tritt in Hauptsätzen (7a). Was ist aber nun an diesem Phänomen ikonisch? In den Sprachen dieser Welt tritt das Subjekt im Satz überwiegend vor dem Objekt auf. Die agierende Einheit findet im Satz durch das Subjekt Ausdruck. gefolgt von den Auswirkungen dieser Aktion. d. In (9b) steht zwischen der Handlung Romeos (schicken) und seiner Freundin zunächst das von ihm verschickte Objekt als .

Stattdessen wird die 3. um durch mehr sprachliche Form Pluralität auszudrücken. dass wir tendenziell ein Mehr an sprachlichen Formen mit einem Mehr an Bedeutung gleichsetzen bzw. die Vorstellung von Pluralität. die in der Anrede von Personen zwischen du und Sie unterscheiden. Person Plural. Guck mal. spiegelt sich die soziale Distanz des Sprechers zum Hörer im Personsystem wider. weniger Form mit weniger Bedeutung. wenn sie Pluralität ausdrücken wollen. Die Vorstellung „quantitativ mehr“. Durch die Dehnung von Vokalen können wir auf ikonische Weise ausdrücken. Person Singular) und einer besprochenen Person (3. Das ikonische Abstandsprinzip tritt auch in abstrakterer Form auf. Pluralmorpheme Singular Schaf Bär Brett Opa Plural Schaf -e Bär -en Brett -er Opa -s Das Prinzip der Quantität findet sich auch in anderen Bedeutungsbereichen wieder – oftmals wird dieses Prinzip eingesetzt. sondern auf symbolischem Wege ausgedrückt.h.h. Das ikonische Quantitätsprinzip bezieht sich darauf.h. ob Romeos Freundin den Brief auch tatsächlich bekommen hat. Durch den größeren Abstand zwischen dem Verb schickt und der präpositionalen Ergänzung mit an wird stärker in den Vordergrund gestellt. bei Fremden usw. Dasselbe Prinzip verwenden auch kleine Kinder. In Sprachen.SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT Akkusativobjekt (einen Liebesbrief) und dann an seine Freundin als Präpositionalobjekt.B. Person Singular verwendet. So zeigt im Folgenden ein Mehr an sprachlichen Formen ein Mehr an sozialem Abstand zwischen Sprecher und Angeredetem an: . Mama: Blume. Die soziale Distanz wird durch Distanz im Personsystem der Sprache ausgedrückt.B. So bedeutet cow-cow in Tok Pisin ‚Kühe‘. Person Singular) er. Wie bereits erwähnt wird im Deutschen zwischen der sprechenden Person ich (1. einer zusätzlichen sprachlichen Form) gebildet: Übersicht 1. als Distanzform verwendet. um Höflichkeit auszudrücken. In vielen Sprachen wird das Quantitätsprinzip systematisch als Strategie verwendet. Wenn zwischen zwei Personen nun eine soziale Distanz besteht (z. wird jedoch bei der direkten Anrede in der Regel nicht die 2. d. dass etwas sehr groß ist: ein Riiieseneis. Auch dann bedeutet ein Mehr an sprachlicher Form ein Mehr an Bedeutung – so wird der Plural im Deutschen bei vier der insgesamt fünf häufigsten Pluraltypen durch Anhängen eines Pluralmorphems (d. noch ’ne Blume. der angesprochenen Person du (2. Dieses ikonische Mittel der Wiederholung bezeichnet man als Reduplikation. sie. wil-wil (‚wheel-wheel‘)‚Fahrrad‘ und plek-plek (‚place-place‘) in Afrikaans ‚an mehreren Orten‘. Person Singular). Person Plural Sie. denn diese Anrede mit du wäre der Situation unangemessen und unhöflich. noch ’ne Blume.). wird in vielen Sprachen nicht durch Reduplikation. unspezifizierten 3. dass Romeo den Liebesbrief auf den Weg geschickt hat. z. Die erste Person und die zweite Person sind für Personen reserviert. es unterschieden. die sprachliche Form der besprochenen. Dabei bleibt unklar. d.

indem wir elliptische Sätze verwenden. So wird dem Konzept „Haus“ im Deutschen die sprachliche Form Haus zugeordnet. In (12a) ersetzt ebenso den gesamten verbalen Teil des beigeordneten Satzes. Meier Sehr geehrter Herr Professor Meier Sehr geehrter Herr Meier Lieber Herr Meier Lieber Justus Hallo Hi Nicht selten werden auch wortreiche Phrasen (11a) verwendet. zum Ausdruck von weniger Bedeutung auch weniger sprachliche Form zu verwenden. c. Die weniger explizite Form (12a) wird der ausführlicheren Form (12b) vorgezogen: (12) a. im Finnischen talo und in der russischen Sprache dom. b. und Erwachsene ebenso. im Italienischen und Spanischen casa. Eine ganze Reihe syntaktischer Phänomene wie etwa die Verwendung von Pronomen und elliptischer Sätze geht auf das ikonische Prinzip der Quantität zurück. Die deutsche Form Dom klingt im Deutschen ähnlich wie das russische dom. Jetzt reicht’s aber: sei endlich still! Du gehst mir echt auf die Nerven. der in (12b) auf das Subjekt Haribo folgt. . Diese Zuordnungen finden sich als lexikalische Einheiten oder Wörter im Wortschatz einer Sprache. und Haribo macht Erwachsene ebenso froh wie Kinder. g.SPRACHE UND DENKEN 13 (10) a. Eine gleiche oder ähnliche sprachliche Form kann sogar in einer anderen Sprache einem völlig anderen Konzept zugeordnet sein. Haribo macht Kinder froh. im Niederländischen huis. e. Oft vermeiden wir die Wiederholung von Informationen. Haribo macht Kinder froh. Halt’s Maul! Das Prinzip der Quantität legt darüber hinaus nahe. im Französischen maison. Das italienische casa ist dem Klang nach dem niederländischen kaas ‚Käse‘ sehr ähnlich. Diese verschiedenen Formen zeichnen sich durch nichts aus.3 Das symbolische Prinzip Das symbolische Prinzip liegt allen symbolischen sprachlichen Zeichen zugrunde: die Zuordnung einer bestimmten sprachlichen Form zu einer bestimmten Bedeutung beruht auf Konvention. b. das sie in besonderer Weise als zur Bezeichnung des Konzeptes „Haus“ besonders geeignet erscheinen ließe. f. anders als im Russischen bezeichnet Dom im Deutschen aber nicht „ein einfaches Haus“. um einer Sache mehr „inhaltliches Gewicht“ zu geben: (11) a. 1. sondern „die Kirche des Bischofs“. d. die bezeichneten Konzepte haben allerdings nichts miteinander gemein. Sehr geehrter Herr Professor Dr. Der Bedeutung „Haus“ sind in verschiedenen Sprachen unterschiedliche sprachliche Formen zugeordnet: im Englischen house. b.2.

Neue komplexe Wörter werden in der Regel unter Rückgriff auf bereits bestehendes sprachliches Material gebildet. Diese Suche nach dem Sinn eines Ausdrucks hat gelegentlich so genannte Volksetymologien zum Ergebnis. das wiederum auf das germanische Wort krebiz ‚Krebs‘ zurückgeht. dem Gründer der modernen Sprachwissenschaft. Dabei werden Wörter. das aus den einfachen Wörtern hard und ware zusammengesetzt wurde. der sowohl für den Sprecher als auch für den Hörer eine wichtige Rolle spielt. Insbesondere bei neuen sprachlichen Ausdrücken ist der Hörer bemüht. Allerdings ist diese Zuordnung nicht rein willkürlich. das ins Englische entlehnt und zu hammoc assimiliert wurde. Im Englischen wurde software in Analogie zum bereits bestehenden Wort hardware gebildet. arbitrium ‚Willkür‘). nach Wörtern mit ähnlichem Klang bzw. ähnlicher Bedeutung umgedeutet. wie es zu dieser Wortbildung kam.h.und Computerteile ausgedehnt. ist das sprachliche Zeichen willkürlich geschaffen. Allerdings steht die Hypothese von der Arbitrarität sprachlicher Zeichen nicht im Einklang mit einem unserer grundlegendsten Wesensmerkmale. Diese Bedeutung wurde dann auf Maschinen. So kann beim überwiegenden Teil neuer Wörter oder neuer Bedeutungen die Zuordnung einer sprachlichen Form zu einer bestimmten Bedeutung eindeutig als nicht arbiträr charakterisiert werden. Ähnlich verhält es sich mit dem etymologisch unklaren spanisch-karibischen Wort hamaca ‚hängendes Bett‘. d. Er sprach deshalb in diesem Zusammenhang von der Arbitrarität des sprachlichen Zeichens (von lat. die Zuordnung der sprachlichen Form zur Bedeutung ist willkürlich. Der sprachwissenschaftliche Begriff der Motiviertheit bezieht sich auf nichtarbiträre Zuordnungen sprachlicher Formen zu bestimmten Inhalten eines sprachlichen Ausdrucks. Im Niederländischen wurde dieser Ausdruck durch volksetymologische Interpretati- . deren ursprünglicher Sinn den Sprechern einer Sprache mittlerweile unklar geworden ist. Die ursprüngliche englische Bedeutung von hardware ist „Ausrüstung und Geräte für Heim und Garten“. deren Bedeutung unter Rückgriff auf bereits bekannte Ausdrücke zu entschlüsseln. Diese Charakterisierung trifft auf den überwiegenden Teil der einfachen Wörter einer Sprache mit Sicherheit zu. So ist beispielsweise das englische Wort crayfish das Ergebnis einer volksetymologischen Interpretation des französischen Wortes crevice. Sowohl hard als auch ware sind arbiträr. denn die Zuordnung der sprachlichen Form zu dieser Bedeutung beruht auf Konvention. sondern motiviert. Analog zu diesen „greifbaren“ Teilen des Computers bezeichnet man die Programme als Software. Nach Ferdinand de Saussure. Wenn wir aber einmal näher betrachten.SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT Anscheinend gibt es bei sprachlichen Symbolen zwischen der Form und dem durch diese Form bezeichneten Konzept keinen naturgegebenen Zusammenhang. Auch bei Software handelt es sich um ein Symbol. Motiviertheit ist ein Aspekt. Formen auf ihre Bedeutung hin zu interpretieren. Zur Bezeichnung hätte man sich auch auf eine andere sprachliche Form einigen können. denn die Wortzusammensetzung hat aufgrund der beiden Einzelwörter eine relativ offensichtliche Bedeutung. so zeichnet sich ein anderes Bild ab. Gerade deswegen erhalten sie für uns Bedeutung. Das zusammengesetzte Wort hardware allerdings kann man bereits nicht mehr als völlig arbiträr bezeichnen. Wir versuchen ständig. Auf den ersten Blick mag beispielsweise das aus dem Englischen ins Deutsche entlehnte Wort Software arbiträr erscheinen. Komplexe Wörter sind also vielmehr durch bereits bestehende Zeichen motiviert.

wie etwa auf die Vorstellung. Der Zusammenhang zwi- . 1. Sprache existiert aber in den Köpfen der Sprecher einer bestimmten Sprache. ordnen wir es unmittelbar in konzeptuelle Kategorien ein. Äpfel. Sie können sich aber auch auf ein ganzes Set von gedanklichen Einheiten beziehen: das Konzept „Gemüse“ bezieht sich nicht auf eine einzelne Entität. Das Konzept „Gemüse“ umfasst zum Beispiel die Gemüsearten Möhren. Konzepte können sich auf einzelne gedankliche Einheiten.und Begriffswelt der Sprecher berücksichtigen. Ein Konzept lässt sich definieren als „Vorstellung davon.3 Sprachliche und konzeptuelle Kategorien 1. sind strukturiert: sie umfassen bestimmte Einheiten.. dass wir uns eine individuelle. Klassik oder eine andere uns bekannte Art von Musik. unser Wissen. schließen andere aber aus. kurz durch unsere menschliche Erfahrung bestimmt. sondern umfasst eine Menge (oder ein so genanntes Set) einzelner Arten von Gemüse. bezeichnet man als konzeptuelle Kategorien – durch sie können wir ein Set einzelner gedanklicher Einheiten (z. so werden wir diese Musik nahezu automatisch als eine bestimmte Art von Musik kategorisieren. Zunächst einmal ist festzustellen. vielmehr wird sie durch unsere Kategorisierung. Rock’n Roll.3. Konzeptuelle Kategorien. Salat. mit denen wir die Wirklichkeit in für uns relevante Einheiten zergliedern. Wenn man also dem Phänomen Sprache auf den Grund gehen will. Konzepte.B. dass wir als Mitglieder einer Sprachgemeinschaft über unsere intersubjektiven Erfahrungen und deren Bezeichnung übereingekommen sind. auf die diese Symbole zurückgehen. beziehen. die man von seiner Mutter hat. so muss man auch die Vorstellungs. Birnen und Bananen ausschließt. Kohl. unsere Wahrnehmung. wie etwas in unserer Erfahrungswelt ist“. Immer wenn wir etwas wahrnehmen. Strukturierte Konzepte. Birnen. So stellt es sich in Wörterbüchern dar. die sich auf ein ganzes Set von Entitäten beziehen. unsere Einstellung. Letztere sind Teil eines anderen strukturierten Konzeptes. dass Sprache nur einen kleinen Teil der konzeptuellen Vorstellungswelt des Menschen ausmacht. Tomaten usw. als Pop. so genannte Entitäten. bezeichnet man als sprachliche Kategorien oder auch als sprachliche Zeichen. Wenn wir beispielsweise von irgendwoher Musik hören. Hip-Hop. Das soll aber auch nicht bedeuten. Bananen) zusammenfassen und als ein Ganzes (Obst) verstehen. die in Sprache niedergelegt sind.1 Konzeptuelle Kategorien In den vorangegangenen Abschnitten wurde im Wesentlichen auf die Zuordnung von sprachlicher Form zu einem Konzept als der Bedeutung eines Symbols oder Wortes eingegangen. Unsere „Wirklichkeit“ ist also keineswegs so etwas wie eine „objektive Realität“.SPRACHE UND DENKEN 15 on als hangmat ‚hängender Teppich‘ und von dort ins Deutsche als Hängematte entlehnt. subjektive Welt schüfen. Es bedeutet lediglich. so muss ein solches Modell von Sprache die menschliche Kategorisierung und die durch Menschen erfahrene Wirklichkeit mit einschließen. während es Äpfel. Wenn man Sprache in diesem weiter gefassten Sinne als Zeichensystem verstehen will.

Modell der konzeptuellen Vorstellungs. ja selbst ein und dieselbe Person mag zu verschiedenen Zeitpunkten zu unterschiedlichen Sichtweisen auf ein und dieselbe Sache gelangen. In der englischen Sprache dagegen wird mit horseshoe ein anthropozentrischer Blick auf die Situation geworfen: der Schutz für den Huf wird als ‚Schuh‘ konstruiert. so wie wir sie wahrnehmen. construal). Im Deutschen hingegen wird der Schutz auf den zu schützenden Teil des Pferdes. . wie in verschiedenen Sprachen ein und dieselbe Sache bezeichnet wird. nämlich den Huf. so wird sehr deutlich. Sowohl im Deutschen als auch im Französischen wird das Material des Hufschutzes besonders hervorgehoben. bezogen konstruiert. Während eine Person ein zur Hälfte mit Wein gefülltes Glas als halb voll bezeichnet. Jedes dieser drei Zeichen ist motiviert: in der englischen wie auch in der französischen Sprache wird eine Beziehung zwischen dem Tier als Ganzem und dem Schutz gesehen. dass die Wirklichkeit. seinen konzeptuellen Kategorien und sprachlichen Zeichen lässt sich wie folgt darstellen: Abbildung 3. dass verschiedene Menschen ein und dieselbe Sache in der Realität unterschiedlich erfahren mögen. Jede Person konstruiert die Situation entsprechend ihrer Wahrnehmung und ihren dieser Situation vorausgegangenen Erfahrungen. Vergleicht man. wird eine andere es als halb leer bezeichnen. Nehmen wir nur das deutsche Wort Hufeisen (Abbildung 4). Ein solches Modell von Sprache bezieht auch ein. Die jeweilige Auswahl zwischen verschiedenen Möglichkeiten zur Beschreibung der Realität nennt man Konstruktion (engl. Im Englischen spricht man von horseshoe ‚Pferdeschuh‘ und im Französischen von fer à cheval ‚Eisen für Pferd‘.und Erfahrungswelt „menschlicher Konzeptualisierer“ erfahrene Welt Konzepte und Kategorien sprachliche Konzepte andere Gedanken (nicht in Sprache niedergelegte Konzepte) Sprachliche Zeichen Form Entität in der Erfahrungswelt Sprachliche Zeichen spiegeln also konzeptuelle Kategorien wider.SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT schen dem „menschlichen Konzeptualisierer“. ständig von uns selbst konstruiert wird. die auf die Erfahrungen des menschlichen Konzeptualisierers mit der Realität zurückgehen.

und mit dem frz. sondern auch durch grammatische Kategorien ihren Ausdruck. als Verb (13b) bzw. Betrachten wir als letztes Beispiel den „Teil der Straße für Fußgänger“. Sieh dir nur diesen Regen an! b. Oft gibt es mehr als nur eine Möglichkeit. Verschiedene Konstruktionen des Konzeptes „Hufeisen“ engl. eine lexikalische Kategorie in einem Satz zu verwenden und damit mehr oder weniger dasselbe auszusagen: (13) a. wie diese in Form von Wörtern im Wortschatz einer Sprache abgelegt werden. In allen drei Sätzen wird dieselbe lexikalische Kategorie Regen verwendet. . Auf diese Weise versprachlichte konzeptuelle Kategorien nennt man lexikalische Kategorien.: horseshoe frz. Grammatische Kategorien stellen die strukturellen Rahmen für das lexikalische Sprachmaterial. wie es regnet! c. Diese wird jedoch als unterschiedliche grammatische Kategorie konstruiert.SPRACHE UND DENKEN 17 Abbildung 4. An den Beispielen (13a-c) wird noch ein weiterer wesentlicher Aspekt von Sprache deutlich: in einer Satzstruktur ist jeder lexikalischen Kategorie zugleich auch eine grammatische Kategorie zugeordnet. wie unterschiedlich in verschiedenen Sprachen ein und dieselbe Situation konstruiert wird: Mit dem englischen Wort grand piano wird die Größe gegenüber dem normalen piano ins Blickfeld gerückt.: Hufeisen Betrachten wir noch zwei weitere Beispiele dafür. Bisher haben wir uns im Wesentlichen auf konzeptuelle Kategorien konzentriert sowie darauf. schnell gehen‘) wird die Funktion betont. Konzeptuelle Kategorien finden in einer Sprache jedoch nicht nur durch lexikalische. in diesen Fällen als jeweils unterschiedliche Wortart: als Substantiv (13a). Sieh nur. Lexikalische Kategorien sind durch ihren jeweiligen Inhalt bestimmt. trotter ‚eilen.: fer à cheval dt. als Adjektiv (13c). Im Folgenden wollen wir näher auf lexikalische und dann auf grammatische Kategorien eingehen. Die französische Konstruktion piano à queue ‚Schwanzpiano‘ ist ebenso wie die deutsche Konstruktion Flügel aus einem Metaphorisierungsprozess hervorgegangen: in beiden Fällen ist die Bezeichnung durch eine wahrgenommene Ähnlichkeit mit Teilen von Tieren motiviert. den man im Deutschen als Bürgersteig bezeichnet. Mit der englischen Konstruktion pavement ‚Pflasterung‘ wird das Material hervorgehoben. trottoir (von frz. Heute und morgen ist es regnerisch.

Ein prototypischer Stuhl ist für uns ein Stuhl. Drehstuhl d.3. Ein proto- ? . wie sie etwa in Abbildung 5 dargestellt sind. Nehmen wir als Beispiel nur einmal die unterschiedlichsten Arten und Funktionen von Vasen. Abbildung 5. auf dem wir sitzen können. schlank und hoch oder aber auch klein und bauchig sein. auf die wir uns legen müssten – obwohl es das ja auch gibt: etwa als Behandlungsstuhl in einer Zahnarztpraxis. Rollstuhl f. Einige Mitglieder der lexikalischen Kategorie „Stuhl“ a.2 Lexikalische Kategorien Der konzeptuelle Inhalt einer lexikalischen Kategorie umfasst in der Regel einen großen Bereich von Einzelfällen. Unsere Zeichnung wird also höchstwahrscheinlich einen normalen Küchenstuhl und nicht einen Lehnstuhl zeigen. Ebenso wie die Funktion spielen auch Form und Material eine wesentliche Rolle. Schaukelstuhl c. Dieses beste Beispiel für die Kategorie bezeichnet man als prototypisches Mitglied der Kategorie. Küchenstuhl b. Bittet uns jemand. andere weniger typische Beispiele für die gesamte Kategorie. die ein Stuhl für uns normalerweise hat. Vasen können unterschiedlich groß. ist auch durch die Funktion bestimmt.SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT 1. Einige dieser Mitglieder sind für uns bessere. Kategorien wie „Stuhl“ umfassen ein ganzes Set von Mitgliedern. Hier gibt es ebenfalls die unterschiedlichsten Arten. würden wir sie als Vasen kategorisieren. Welchen Stuhl wir als Prototypen empfinden. Solange wir Blumen in sie hineinstellen können und üblicherweise auch würden. so wird uns ein ganz bestimmtes Mitglied der Kategorie als Erstes in den Sinn kommen. Vergleichbares gilt auch für Stühle. wohl kaum eine Art Stuhl. Hochstuhl Ein Beispiel aus dieser Kategorie bezeichnen wir als „normalen“ Stuhl.Sessel e. einen Stuhl zu zeichnen.

Ein Barhocker hat keine Rückenlehne. Ein Schaukelstuhl ist deshalb weniger prototypisch als ein Küchenstuhl. f) Fabeltiere.SPRACHE UND DENKEN 19 typischer Stuhl hat vier Beine. Lexikalische Kategorien sind also fest etabliert und werden nicht ad hoc und spontan gebildet. In: J. i) die sich wie Tolle gebärden. Borges (1974). die durch abstrakte Unterscheidungen zwischen Wortarten. wird von einem anderen vielleicht eindeutig als Hocker eingestuft. S. ist deutlich höher als ein normaler Stuhl und in der Regel nicht aus Holz gefertigt. Borges. Die Grenzfälle von Kategorien sind nicht so eindeutig und klar.3. . ebenso wenig bei (5d) Sessel – beide gehören sicherlich nicht zu den Stühlen. k) die mit einem ganz feinen Pinsel aus Kamelhaar gezeichnet sind. h) in diese Gruppierung gehörige. keine vier Beine. an den Rändern sind Kategorien tendenziell unscharf oder fuzzy und überschneiden sich mit angrenzenden Kategorien. München/Wien: Carl Hanser Verlag. 5/II. Doch auch alle übrigen Gegenstände in Abbildung (5) werden wir sicherlich als Stühle bezeichnen – mit Ausnahme des Sessels. zu stark sind die Abweichungen im Vergleich mit den Eigenschaften des Prototypen der Kategorie. (14b) und (14c) als Mitglieder einer Kategorie zusammenzufassen. marginale oder periphere und sogar zweifelhafte Mitglieder. Generell erscheint uns das Zentrum einer Kategorie als fest etabliert und eindeutig.“ (aus: J.3 Grammatische Kategorien Grammatische Kategorien stellen strukturelle Rahmen. Bd. L. Eine Kategorie hat also prototypische. Gesammelte Werke. b) einbalsamierte Tiere. Numerus. Bei Schemel haben wir bereits keinen Zweifel mehr. Wäre dies der Fall. Befragungen. „Auf ihren weit zurückliegenden Seiten steht geschrieben. 1. Tempus usw. die dem Kaiser gehören. dass es in einer Kultur Gründe dafür geben könnte (14a). d) Milchschweine. gebildet werden. ob er noch unter die Kategorie Stuhl fällt. g) herrenlose Hunde. und es fehlt an gewohnter Strukturiertheit und Ordnung. eine Sitzfläche und eine Rückenlehne – damit wir auch sicher und bequem auf ihm sitzen können. c) gezähmte. Schaukelstuhl ist weniger prototypisch. die einzelnen Mitglieder sind frei erfunden. Eventuell könnte man sich ja noch vorstellen. n) die von weitem wie Fliegen aussehen. e) Sirenen. dass Tiere sich wie folgt gruppieren: a) Tiere. j) unzählbare. m) die den Wasserkrug zerbrochen haben. Liegestuhl ist ein Grenzfall. l) und so weiter. doch schon (14d) würden wir nicht mehr als Mitglied einer solchen Kategorie erwarten – ganz zu schweigen von den übrigen Fällen.L. 112) Eine solche Einordnung von Tieren macht für uns keinen Sinn. In der Kategorie Stuhl ist Küchenstuhl ein prototypischer Stuhl. weniger prototypische. so hätten sie durchaus starke Ähnlichkeit mit der folgenden Unsinnskategorie von „Tieren“ aus einer frei erfundenen chinesischen Enzyklopädie: (14) Aus der chinesischen Enzyklopädie Himmlischer Warenschatz wohltätiger Erkenntnisse. und bei Barhocker hegen wir starke Zweifel. Die Grenzen zwischen Stuhl und Hocker sind fließend: Was der eine Sprecher noch als Stuhl bezeichnen mag.

Diese zweite Bestimmung ist sehr ungenau: sie mag für Possessivpronomen gelten. Vergnügen. Diese Definitionen sind nicht unproblematisch. und es fällt nicht schwer.SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT Wir werden hier lediglich eine einzige grammatikalische Kategorie betrachten: die Wortarten. Adjektiv f. Konjunktion j. Jede Wortart stellt eine eigene Kategorie dar. näher bestimmt“ definiert (1246. Diese Definitionen werden auch heute noch verwendet. Am Beispiel der lexikalischen Kategorie Stuhl haben wir aber bereits gesehen. mit dem es zusammensteht. mit dem es zusammen auftritt. Artikel d. Substantiv b. Interjektion Mutter. dass es ein Nomen. die. Zwar trifft für mein zu.3) und ein Pronomen als „Wort. jemand. Je nach Definition lassen sich im Deutschen acht bis zehn verschiedene Wortarten unterscheiden (15). und so lassen sich in einer grammatischen Kategorie unterschiedlichste Arten von Wörtern zusammenfassen. nachdem. ebenso gut aber auch für Adjektive. brüllen. näher bestimmt – doch auf jemand trifft auch diese Teildefinition nicht zu. Der Grund für diese Bestimmungsprobleme liegt in der irrigen Annahme. nicht. das ein [im Kontext vorkommendes] Nomen vertritt oder ein Nomen. neben. Die Wortartkategorie „Nomen“ umfasst beispielsweise die folgenden Unterarten von Nomen: . nachdenken. bei denen eine eindeutige Einordnung in die Kategorien „Nomen“ bzw. Nomen“ (Duden Deutsches Universalwörterbuch 2001:1544. Pronomen c. einen Begriff. bezeichnet. du.. welches der. Oftmals befinden sich diese auf philosophischen Überlegungen beruhenden Kategorien jedoch nicht im Einklang mit der sprachlichen Realität. weil. bevor Huch! Autsch! Oh! Pfui! Die meisten Bezeichnungen für Wortarten gehen auf Begriffsbestimmungen zurück. glücklich. dort. „Pronomen“ alles andere als leicht ist. dass jemand und mein jeweils ein Nomen oder eine Nominalphrase ersetzen können. ein Lebewesen. in einem Text vorkommenden Wörter eindeutig in dieses Raster eingeordnet werden könnten. bei desto. In dem Satz Jemand hat mein Portemonnaie gestohlen kann nicht ohne Probleme behauptet werden. stets auf.2). Gegenbeispiele zu finden. das ein Ding. Verb e. Adverb g. wünschen schön. Präposition h. Ä. vielleicht und. Partikel i. unter. eines sagen. reich. die von griechischen und römischen Grammatikern eingeführt wurden. groß heute. eben. dass eine Kategorie sowohl prototypische als auch periphere und sogar zweifelhafte Mitglieder umfassen kann. Vogel. Dies gilt auch für grammatische Kategorien. Geist ich. So wird ein Substantiv etwa als „Wort. einen Sachverhalt o. dass zum einen alle Wortarten eindeutig definiert und zum anderen alle in einer Sprache bzw. ein. (15) WORTARTEN a. Sogar moderne Wörterbücher verlassen sich immer noch auf diese traditionellen Begriffsbestimmungen. etwas.

die sie im Satz spielen. Der hat seine Arbeit aber nicht besonders gut gemacht. Blödheit in (16d. Prototypische Nomina bezeichnen zeitlich stabile Entitäten. aber stark unterschiedliche Funktion haben können und . Das Wort Arbeit bezieht sich auf eine Handlung und ist damit in seiner Bedeutung eher einem Verb ähnlich. Adverb: He is beautiful He sings beautifully Er ist schön. Zum Beispiel wird im Englischen sowie in den romanischen Sprachen der Unterschied zwischen Adjektiven und Adverbien in der herkömmlichen Definition deutlich markiert. Das Nomen Blödheit bezieht sich auf eine Eigenschaft und ähnelt damit in seiner Bedeutung eher einem Adjektiv. materielle. Das Wort Computerservice ist weniger prototypisch: es bezeichnet eine Einrichtung. Einzelne. dreidimensionale Sache. die allerdings in gewisser Weise noch eine konkrete Existenz hat. Adjektiv: b. prototypische Verben. Wenn also ein Sprecher Arbeit bzw. f. die traditionell den einzelnen Wortarten zugeschrieben werden. Ein Wort wie Computer ist ein prototypisches Nomen – es bezeichnet eine konkrete. Am Nachmittag kam tatsächlich jemand vorbei und hat ihn repariert. in den übrigen germanischen Sprachen ist dies nicht der Fall: (17) a. In (17b) spricht man auch von Adjektivadverb – die Form ist gleich dem Adjektiv. Dennoch hat die Annahme von der Existenz unterschiedlicher Wortarten in einer Sprache durchaus ihren Sinn. Betrachten wir noch ein weiteres Beispiel für Wortarten.e) eher als Nomina denn als Verben oder Adjektive verwendet. Ich ärgere mich immer noch über seine Blödheit. Adjektive und Adverbien dagegen eher vorübergehende Phänomene. In allen Sprachen findet man die Wortklassen Nomen und Verb. Er singt schön. beziehen sich also offensichtlich lediglich auf die zentralen. Also habe ich beim Computerservice angerufen. b. e. prototypischen Mitglieder der jeweiligen Wortartkategorie – die Bedeutungen peripherer Mitglieder überlagern sich mit Bedeutungen von Mitgliedern benachbarter Wortartkategorien und können teilweise sogar von der syntaktischen Rolle abhängen. Es ist wirklich zum Heulen.SPRACHE UND DENKEN 21 (16) a. In (16d) und (16e) verleiht er so dem Ausdruck seiner Unzufriedenheit mehr Gewicht. Die Bedeutungsbereiche. Doch müssen die übrigen Wortarten durchaus nicht so offensichtlich präsent sein. Heulen hingegen tritt als substantiviertes Verb auf. und in den meisten Sprachen gibt es auch Adjektive. so konstruiert er auf diese Weise Handlungen und Eigenschaften als zeitlich beständige und damit dingähnliche Phänomene. Im Deutschen ist schön als Adjektiv und in adverbialer Stellung hier formgleich. c. in Anlehnung an die lateinische Grammatik definierte Wortklassen können in unterschiedlichen Sprachen als grammatische Kategorie einen unterschiedlichen Stellenwert haben. Gestern Morgen funktionierte mein Computer plötzlich nicht mehr. Das Nomen Nachmittag ist nicht mehr konkret und damit ein noch weniger prototypisches Mitglied der Kategorie „Nomen“. also in adverbialer Stellung. die auf den ersten Blick gleiche Formen. d. doch steht schön hier in Relation zum Verb.

Der Koch schlug das Ei auf. die aus schon vorhandenen Verben gebildet wurden. aufheben im Vergleich zu heben).h. Grammatische Kategorien können darüber hinaus sehr stark sprachspezifisch sein. (19) a. aufheben. Obwohl eine Reihe von Verbpartikeln und Präpositionen dieselbe Form haben. Er hob die Zeitung auf b. In den romanischen Sprachen gibt es im Allgemeinen keine solchen Verbpartikel – so werden in der französischen Sprache sowohl Handlung als auch Ergebnis mit einer lexikalischen Kategorie (einem Wortstamm) konstruiert: (18) a. abstellen. Es gibt drei Zeichenarten. Zeichen stehen immer für etwas. durch die Verbindung mit einer vorangestellten Verbpartikel erhalten sie eine spezifischere Bedeutung (z. b. dass grammatische Kategorien nicht so klar voneinander abzugrenzen sind. hier handelt es sich bei auf also um eine Präposition. also eine Unterkategorie des Verbs schlagen) als auch ein präpositionales Objekt mit der Präposition auf. auffassen) als auch um eine Präposition (auf den Tisch schlagen. (19c) enthält sowohl das mit einer Verbpartikel gebildete Verb einschlagen („wiederholtes Schlagen“. Diese wenigen Beispiele zeigen. jemandem auf die Schulter fassen) handeln. indem ihnen so genannte Verbpartikeln vorangestellt wurden. Bei (19b) steht das einfache Verb schlagen mit einem präpositionalen Objekt. Der Koch schlug auf das Ei ein. Bei einer Form wie auf kann es sich sowohl um eine Verbpartikel in einem Verb (aufschlagen. c. z. Bei (19a) handelt es sich bei auf um die Verbpartikel des Verbs aufschlagen.B. lassen sie sich sowohl in ihrer grammatischen als auch in ihrer morphologischen Funktion und Bedeutung bei der Wortbildung deutlich unterscheiden. Mit dem Verb aufheben werden die beiden Konzepte des Hebens (er hebt) und des Ergebnisses dieser Handlung (auf) getrennt ausgedrückt. 1.4 Zusammenfassung Jede Art von Kommunikation – ob zwischen Tieren oder Menschen – stützt sich auf Zeichen.SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT damit zu unterschiedlicher Bedeutung führen. jemanden auf einen Sockel heben.B.) – d. über-ziehen etc. das die Richtung des Schlagens angibt (auf das Ei). aufstellen. umstellen. Il ramassait le journal In den germanischen Sprachen (wie Deutsch und Niederländisch) gehen die Verbpartikeln ursprünglich auf Präpositionen zurück. Im Deutschen gibt es eine ganze Reihe von Verben. Durch Verbpartikeln werden Unterkategorien von Verben gebildet (ziehen: um-ziehen. auf-ziehen. nämlich für das Bezeichnete oder die Bedeutung des Zeichens. Die Analyse von Zeichen fällt in den Gegenstandsbereich der Semiotik. ab-ziehen. allerdings haben sie in der Wortbildung von Verben eine andere Funktion bekommen. Der Form nach sind sie diesen auch noch sehr ähnlich. die sich in der Art der Ver- . Der Koch schlug auf das Ei.

sondern motiviert. Vorzügen und Nachteilen. während andere eher periphere Mitglieder sind. In Lakoff (1987) Langacker (1987) und (1993) sowie Rudzka-Ostyn (ed. wofür es steht. wofür es steht. Dass diese Verknüpfung allein auf Übereinkunft beruht. (2003). durch Konzepte. Sprachliche Zeichen sind Teil der Begriffs. Konzeptuelle Kategorien können mitteilbaren Ausdruck als sprachliche Kategorien gewinnen. Insbesondere komplexe Formen der Sprache wie etwa komplexe Wörter oder Sätze sind – wie wir noch genauer sehen werden – oftmals nicht arbiträr. . die wir in Sprache abgelegt haben. Je stärker sie vom Zentrum der Kategorie entfernt sind.und Vorstellungswelt des Menschen. d. Das indexikalische Prinzip spiegelt sich in unserer egozentrischen und anthropozentrischen Weltsicht wider. das Abstandsprinzip sowie das Quantitätsprinzip. Die Mitglieder einer Kategorie haben innerhalb dieser Kategorie einen unterschiedlichen Stellenwert. Der Index zeigt auf das. Linke et al. Das Ikon ist eine mehr oder weniger ähnliche Abbildung dessen. sie wird unscharf (fuzzy). desto undeutlicher wird die Kategorie. Müller (Hg. Symbole gründen auf einer durch Konvention festgelegten Beziehung zwischen ihrer Form und ihrer Bedeutung. (2001). Nöth (2000) führt in die verschiedenen Aspekte menschlicher und tierischer Kommunikation ein. 1.SPRACHE UND DENKEN 23 knüpfung zwischen Form und Bedeutung unterscheiden. Das ikonische Prinzip hat drei Unterprinzipien: das Abfolgeprinzip. Diese drei Zeichenarten gehen auf drei kognitive Prinzipien zurück. Einführungen in die Semiotik geben Keller (1995). Die meisten der sprachlichen Kategorien bezeichnen je einen spezifischen konzeptuellen Inhalt und erscheinen als lexikalische Kategorien. Menschen verfügen jedoch über viel mehr Gedanken und Konzepte als über sprachliche Zeichen. Geier (2003). mit denen wir Menschen die Wirklichkeit und unsere Erfahrung der Wirklichkeit organisieren. Doch alle Begriffe. die eine Menge (oder ein Set) einzelner Bedeutungselemente zu einem Ganzen zusammenfassen. Es gibt zahlreiche deutschsprachige Einführungen in die Linguistik mit unterschiedlichen Schwerpunkten. dass ein wesentlicher Teil der Sprache nicht symbolisch. Genannt seien etwa Dürr & Schlobinski (1994). Taylor (1995) sowie Ungerer & Schmid (1996). Die Zahl grammatischer Kategorien ist weitaus geringer. bilden die Bedeutungen der einzelnen sprachlichen Zeichen.5 Leseempfehlungen Neuere englischsprachige Einführungen in die Linguistik sind Fromkin et al. Trabant (1996) und Eco (2002). Doch sollte der große Anteil an arbiträren lexikalischen Zeichen nicht vergessen lassen.2002). bezeichnet auch den arbiträren Charakter des Symbols oder die Arbitrarität des sprachlichen Zeichens. auch ikonisch ist.h.und Begriffswelt strukturieren wir durch konzeptuelle Kategorien. sondern indexikalisch bzw.1988) werden die kognitiven Grundlagen der Sprache näher betrachtet. Einige sind zentrale oder prototypische Mitglieder der Kategorie. Das symbolische Prinzip ist Grundlage für die rein konventionelle Verknüpfung zwischen Form und Bedeutung eines Zeichens. Talmy (1988b) analysiert die Beziehung von Sprache und menschlichem Denken. sie liefern den strukturellen Rahmen der Sprache. Unsere Vorstellungs.

de. rot umrandetes Dreieck als Verkehrsschild. dies und das. (c) Morsezeichen. Um welche Zeichenart handelt es sich jeweils bei den folgenden Beispielen? Begründen Sie jeweils Ihre Entscheidung. (l) Piercing 2. Versuchen Sie jeweils.2002) und Glück (Hg. . (b) Verkehrsschild. Zuverlässige Lexika zur Sprachwissenschaft sind Bußmann (Hg. Weib und Gesang.und Bedeutungsunterschied in den Satzpaaren. über zu kategorisieren – handelt es sich um eine Präposition oder eine Verbpartikel? Bestimmen Sie den Funktions. (e) Geschwindigkeitsanzeige im Auto. nicht umkehrbaren Wortpaare? Ein Kommen und Gehen. Mensch und Maschine. Haus und Hof 4. Eine stets aktuelle Lektüre-Liste (und weiteres Material) zur Linguistik findet sich auf dem Linguistik-Server LINSE im Internet unter der Adresse http://www. dann einschalten. (d) zugefrorene Windschutzscheibe.2000). Kinder. Inwiefern kann man folgende sprachliche Ausdrücke als ikonisch bezeichnen? (a) (b) (c) (d) (e) 3.2000). Werbeslogan: Billig. (b) Sie schaute tief in die Augen ihres Freundes.uni-essen. ?? (d) Die Erwartung der Öffentlichkeit entsprach nicht dem Ergebnis der Studie. billig. auf Biegen und Brechen. (a) Auf dem Kopf stehendes. mit Haut und Haar. Wein. Freund oder Feind. (a) Sie schaute ihrem Freund tief in die Augen. (k) emporgestreckte. 1. Welche ikonischen Prinzipien bestimmen die Abfolge der folgenden.SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT Einen hervorragenden Überblick über die gesamte Sprachwissenschaft liefert Crystal (1993). japanisch: ie ‚Haus‘. (f) ausgelöste Alarmsirene. (c) Das Ergebnis der Studie entsprach nicht der Erwartung der Öffentlichkeit.6 Aufgaben 1. (i) Tierzeichnungen in steinzeitlichen Höhlen. 5. Eine vorzügliche Sammlung wichtiger Texte zur Linguistik bietet Hoffmann (Hg. Erklären Sie bitte. hie und da. ieie ‚Häuser‘ Parfümeriewerbung: Come in and find out.linse. Kirche. billig Werbung der GEZ: Erst anmelden. (j) Ehering. In der Sprache Krio heißt ‚Erdbeben‘ shaky-shaky. durch welches ikonische Prinzip in den folgenden Beispielen ein Bedeutungsunterschied zustande kommt. auf dem herabfallende Steine abgebildet sind. (g) schreiendes Baby. Gott und die Welt. geballte Faust. (h) Schwanzwedeln beim Hund. Küche.

Das war wirklich eine runde Sache. spontan fünf „Dinge zum Schreiben“ aufzuschreiben. Eine sprachliche Form kann Mitglied mehrerer Wortartkategorien sein. (b'') Der Täter wurde in eine andere Haftanstalt überführt.B. Cäsar blickte in das weite Rund der Arena. . der allerdings nicht Ihre Sprache spricht. wenn wir den Abend mit einem Glas Wein abrunden? Führen Sie ein kleines Experiment durch: bestimmen Sie die prototypischen und peripheren Mitglieder einer Kategorie. Um zu überleben. Ich gehe noch mal mit dem Hund rund. Welcher Wortart gehört rund jeweils in den folgenden Beispielen an? (a) (b) (c) (d) (e) 7. der Kategorie „Dinge zum Schreiben“. 8. eine Begründung zu geben. Sie wären auf einer kleinen. Glücklicherweise treffen Sie dort dann doch einen anderen Schiffbrüchigen.SPRACHE UND DENKEN 25 (a) Sie überredeten ihn mal wieder. 6. Bitten Sie eine Reihe von Informanten. (b) Die Polizisten überführten den Täter. Wie wär’s. Wie würden Sie sich mit dieser Person in der ersten Zeit verständigen? Welche Art von Zeichen würden Sie gebrauchen? Welche „Wörter“ mit welchen Bedeutungen würden wahrscheinlich von Ihnen beiden zuerst verwendet? Versuchen Sie. (a') Sie redeten mal wieder über ihn. Welche „Dinge“ sind prototypisch? Wieso? Stellen Sie sich vor. z. In rund einem Jahr wird das neue Gebäude fertig sein. (b') Die Polizisten führten den Täter über den Hof. sind Sie aufeinander angewiesen. anscheinend einsamen Insel gestrandet.

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Schließlich betrachtet man die im Vergleich zum Prototypen unscharfen Grenzfälle oder peripheren Mitglieder. d. Nun könnte man ja durchaus annehmen. Zum einen kann man von der Formseite eines Wortes ausgehen und untersuchen. Deshalb werden wir in den nun folgenden drei Kapiteln systematisch untersuchen. man geht von einem Konzept aus und betrachtet.1 Einleitung: Wörter. wie verschiedene Wortbedeutungen sowohl untereinander als auch mit den Entitäten unserer Vorstellungswelt in Beziehung stehen.h. zu welchen Bedeutungen diese in Beziehung steht. die sich nicht so eindeutig und trennscharf einer bestimmten Kategorie zuordnen lassen. wie Form und Bedeutung in Wörtern (Kapitel 2). In diesem Kapitel über Lexikologie werden Bedeutung und Struktur von Wörtern einer genaueren Betrachtung unterzogen. In einem nächsten Schritt werden dann die Beziehungen zwischen den einzelnen Mitgliedern dieser Kategorie untersucht. welche sinnverwandten Wörter oder Synonyme in einer Sprache vorhanden sind und wie diese mit unserer Begriffswelt zusammenhängen. eindeutige . Bedeutungen und Konzepte Die Sprache stellt für uns Menschen eine Möglichkeit dar. Die Antwort auf die Frage „Wofür stehen Wörter?“ liegt deshalb sehr nahe: „Für unsere ganze Welt“ – oder zumindest für alle Erfahrungen. 2.KAPITEL 2 Wofür stehen Wörter? Lexikologie 2. dass der größte Teil der sprachlichen Zeichen symbolisch ist. die wir mit unserer Umwelt machen und die in einer Kulturgemeinschaft auf die eine oder andere Weise besonders bedeutsam sind und deshalb sprachlich kategorisiert werden. für jede konzeptuelle Kategorie gebe es eine einzige. Diese Prototypen einer Kategorie lassen sich gegenüber den Mitgliedern benachbarter Kategorien am klarsten abgrenzen. Zum anderen kann man aber auch mit der Bedeutungsseite beginnen. sich an den Rändern einer Kategorie befinden und zu Überlappungen mit benachbarten Kategorien führen. Man unterscheidet zwei grundlegende Verfahrensweisen. in der Wortbildung (Kapitel 3) sowie in der Syntax (Kapitel 4) auf der Grundlage des symbolischen Prinzips miteinander verknüpft sind. die Erfahrungen mit unserer Umwelt zu ordnen und zu kategorisieren. In der Lexikologie wird systematisch untersucht.0 Überblick In Kapitel 1 hatten wir bereits festgestellt. Beide Verfahrensweisen folgen demselben Prinzip: Zunächst werden die zentralen Mitglieder einer Kategorie ausgemacht.

Betrachten wir als Beispiel einmal.) aus und führt dann die übertragenen Bedeutungen an (1. in welcher Beziehung diese zueinander stehen. 1. sondern sind polysem (griech. 1.. einem Wort) mehrere Bedeutungen anführen. 3. Doch ein Blick auf die sprachliche Realität widerlegt eine solche Annahme schnell: eine Wortform steht nämlich in sehr vielen Fällen mit mehreren Bedeutungen in Beziehung.. „in der Gebärmutter heranwachsender Keim“: Leibesfrucht 3.28 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT sprachliche Entsprechung in Form eines Wortes – oder umgekehrt betrachtet: jedem Wort sei eindeutig eine bestimmte konzeptuelle Kategorie oder Bedeutung zugeordnet. [. Bedeutung‘). saftige. reiche Früchte tragen: „sehr ergiebig sein“ 1. „Erträge eines Rechts. <unz.1. indem sie für gewöhnlich unter einem Eintrag für eine lexikalische Einheit (d.1. also einen hohen Grad an Prominenz aufweisen. <geh. Bei einem semasiologischen Verfahren wird zunächst die Polysemie einer Wortform erfasst. d.2.1.> „Getreide“: die Frucht steht gut dieses Jahr.h.1. .). die es seiner Bestimmung gemäß oder kraft eines auf die Erzielung dieser Erträge gerichteten Rechtsverhältnisses gewährt“ Man kann sehr gut erkennen. Wörterbücher tragen der Polysemie von Wörtern Rechnung. Rechtsw.2.. <nur Pl. süße..> „unerlaubte Genüsse“ 1..> „Ertrag.0. Ergebnis“: die Früchte der Arbeit 5. dann ihrer Verbreitung dient“.> „ein (uneheliches) Kind“ 4. „aus Samen u. <Bot. Das Wörterbuch geht dabei von den so genannten wörtlichen Bedeutungen (1. An erster Stelle stehen dabei all diejenigen Bedeutungen. 5.0. und in einem nächsten Schritt wird beschrieben. die einzelnen Bedeutungen werden aufgelistet.> „das nach der Befruchtung aus dem Fruchtknoten der bedeckt samenden Pflanzen gebildete Organ.. Die meisten Wörter haben also nicht bloß eine einzige Bedeutung. es wendet ein semasiologisches Verfahren an.> 5.h.2. poly ‚viel‘ und sêma ‚Zeichen. die für uns aus allen übrigen Bedeutungen des Wortes besonders hervortreten. den) Samen bis zur Reife umschließt u.0.. veralt.0.] eine große. dass diese Bedeutungen eines Wortes gegenüber allen übrigen stark prominent sind. landschaftl. Man sagt deshalb auch. wie das Wörterbuch bei der Beschreibung des Wortschatzes verfährt: es geht zunächst von einer bestimmten Wortform aus (Frucht) und gibt dann unter dem Eintrag dieser Wortform deren unterschiedliche Bedeutungen an. reife. eine Frucht der Liebe <geh. 2.1. 4. wohlschmeckende Frucht.1) unter dem Eintrag Frucht angeführt werden: (1) Frucht: 1. um die Relation von Form zu Bedeutung zu untersuchen. unseres Gartens. sonstige bestimmungsgemäße Ausbeute sowie Erträge einer Sache“: Sachfrüchte 5. Schließlich nennt ein Wörterbuch auch weniger häufige. das die (o.0. verbotene Früchte <fig. „organische Erzeugnisse. 2. dessen Hülle bestehendes pflanzliches Produkt“: die Früchte des Feldes. welche Bedeutungen im Brockhaus Wahrig Deutsches Wörterbuch (1981: 870.

ihre Bedeutungen stehen aber nicht in Beziehung zueinander. antonym sind (reich im Gegensatz zu arm). Überfluss. Armut usw. reiche F.B. während Fuge in der Bedeutung „Musikstück“ aus dem Italienischen entlehnt ist: ital. • Homonymie: zwei Wörter haben lediglich dieselbe Form. d. B. ↑Südfrucht. Mauersteinen o. / Früchte tragen ↑einträglich [sein].1) 1 Ein Synonymwörterbuch geht bei der Beschreibung des Wortschatzes.“ und Fuge im Sinne von „selbstständiges Musikstück od. entgegengesetzte Bedeutungen haben.h. So geht Fuge im Sinne von „Zwischenraum“ auf mhd. d. Ä. onoma ‚Name‘.h. . die konzeptuell in Beziehung zueinander stehen (Reichtum. Diese Verfahrensweise der Lexikologie bezeichnet man als onomasiologisch (griech. über) können es durchaus zwanzig oder mehr sein. Wohlstand. festgeprägtem Thema“ (Duden Deutsches Universalwörterbuch 2001: 583.bis achtstimmiger kontrapunktischer Satzart mit nacheinander in allen Stimmen durchgeführtem. chinesische Stachelbeere · Mango · Kaki. die sinnverwandt oder synonym sind (reich und wohlhabend).h. ↑Obst. die Herkunft) der betreffenden Wörter nachweisen. Homonymie lässt sich über die Etymologie (d. fuga ‚Flucht‘ zurück (eine Stimme „flieht“ sozusagen vor der anderen). Früchte ↑Obst. Für das Konzept „Frucht“ gibt es die folgenden synonymen und auf sonstige Weise sinnverwandten Wörter an: (2a) Frucht Avocado · Kiwi ·. 2 Frucht ↑Getreide. wie bereits gesagt.LEXIKOLOGIE 29 übertragene und eventuell auch noch sehr spezifische. Die Onomasiologie beschäftigt sich mit Wörtern. ↑Leibesfrucht. Teil einer Komposition in zwei. So verfährt etwa das Duden Synonymwörterbuch der deutschen Sprache.h. / Früchte ↑ Erfolg [haben] (Duden Synonymwörterbuch.B. Fuge im Sinne von „schmaler [ausgefüllter] Zwischenraum zwischen zwei [Bau]teilen. fuga geht auf lat. welche Wörter in ihrem Sinn miteinander verwandt sind. sowie mit Wörtern. etwas trägt F. welche Wörter oder Ausdrücke im Wortschatz einer Sprache zur Bezeichnung dieses Konzeptes zur Verfügung stehen. Bei der Beschreibung des Wortschatzes einer Sprache ist man nicht auf das semasiologische Verfahren festgelegt. Man beginnt bei diesem Verfahren dann mit einem Konzept (z. von einem Konzept oder einer Bedeutung aus und untersucht die verschiedensten Synonyme. 1997:270. Zur Verdeutlichung fassen wir diese Definitionen hier noch einmal zusammen: • Polysemie: ein Wort hat in der Regel mehrere Bedeutungen – bei Präpositionen (wie z.2). z. fachsprachliche Bedeutungen. die in einer Sprache zur Bezeichnung dieser Bedeutung zur Verfügung stehen. mit Wortfeldern.). vuoge ‚Verbindungsstelle‘ abgeleitet vom mhd. denn die Beziehung zwischen Wort und Bedeutung lässt sich ja auch von der Bedeutungsseite her beschreiben. Verb füegen zurück. „Frucht“) und untersucht. d.

2. Die Beziehung zwischen den drei Elementen Form. in (2) Synonymie. Der Wortschatz einer Sprache lässt sich im Hinblick auf den Zusammenhang von Wörtern und Konzepten also auf zwei unterschiedlichen Wegen beschreiben. Konzepte Semasiologie Wortform (z. was die verschiedenen Wörter in ihrer Relation zu den wesentlichen Aspekten unserer Erfahrung gemein haben und wie sie sich in dieser Beziehung unterscheiden.und Erfahrungswelt (den Referenten) lässt sich durch das semiotische Dreieck in Abbildung 1 darstellen. Sie werden als Referenten bezeichnet. d. das dem Apfel ähnelt (also ein Ikon). während man in der Onomasiologie betrachtet. noch ist es ihr ähnlich – es ist eine bestimmte Form. b. dick zu dünn. dass diese Verfahren notwendigerweise in einem Zusammenhang stehen und sich bei der Erklärung bestimmter Phänomene ergänzen und auch überschneiden. in (1) Polysemie.und Erfahrungswelt der Menschen in Beziehung. die wir da gerade sehen? Das Wort ist ja weder die Sache selbst. kommen zu (weg)gehen etc. fröhlich. z. dieses Konzept symbolisiert. „Frucht“) Wörter a. denn auf sie wird mittels Sprache verwiesen oder referiert. d etc. Frucht) Bedeutungen a.2 und 2. wir wollten jemandem mitteilen. b. wir können ein Bild zeichnen. c. Doch wie hängt die Lautfolge [apfl] mit der Sache zusammen. Homonymie Onomasiologie Konzept (z. Beide Verfahrensweisen werden in den nun folgenden Abschnitten 2. die aufgrund einer stillschweigenden Übereinkunft in einer Sprachgemeinschaft für ein bestimmtes Konzept (oder die Bedeutung) steht. froh.B.30 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT • Synonymie: zwei Wörter sind sinnverwandt. oder wir können das Wort Apfel aussprechen und damit ein Symbol verwenden. glücklich.B. die in Übersicht 1 zusammengefasst sind. d etc. Das so bezeichnete Konzept steht wiederum zu einer Menge von gedanklichen Einheiten in der Vorstellungs. sie haben gleiche oder ähnliche Bedeutung. • Antonymie: zwei Wörter haben gegensätzliche oder nahezu gegensätzliche Bedeutung: groß im Gegensatz zu klein. erfreut.4 werden wir dann allerdings sehen. .h.h. c.3 zunächst getrennt voneinander vorgestellt.B.2 Vom Wort zur Bedeutung: Semasiologie Einmal angenommen. Übersicht 1. Antonymie In der Semasiologie konzentriert man sich auf die unterschiedlichen Bedeutungen der Wörter. d. Grundsätzlich können wir dazu zwischen drei verschiedenen Zeichenarten wählen (siehe Kapitel 1): wir können auf den Apfel in unserer Nähe zeigen (mit einem Index). dass wir einen Apfel sehen. Wortformen und Bedeutungen bzw. In Abschnitt 2. Konzept (oder Bedeutung) und den gedanklichen Einheiten in der Vorstellungs.

h. sondern eine für unseren Zusammenhang im Großen und Ganzen zutreffende Interpretation liefern.1 zitierte Wörterbucheintrag macht deutlich. das Bezeichnete (signifié) nennen wir auch die Bedeutung des Wortes – oder wenn für eine Wortform Polysemie vorliegt. dass Frucht mehr als nur einen Bedeutungsaspekt hat. Wir wollen hier auf diese Diskussion nicht eingehen. Neben der Grundbedeutung (1.LEXIKOLOGIE 31 Dieses semiotische Dreieck wurde erstmals von Ogden und Richards (1974[1923]) eingeführt. dann ihrer Verbreitung dient“ beschreibt das Wort Frucht Dinge. Einheit in der Vorstellungs. d. wenn auch auf Konvention beruhende. Zusammenhänge.1) „das nach der Befruchtung aus dem Fruchtknoten der bedecktsamenden Pflanzen gebildete Organ. der die Wortform signifiant (das Bezeichnende) und die Bedeutung des Wortes signifié (das Bezeichnete) nannte. Wort und schreiben sie kursiv. Wir wollen uns ab jetzt an die folgende Konvention halten: wenn auf das Bezeichnende (signifiant) Bezug genommen werden soll. das die (o. die in seiner alltäglichen Verwendung nicht notwendigerweise eine Rolle spielen. Seither ist es heftigst diskutiert und kritisiert worden. Neben diesen wörtlichen Bedeutungen gibt es auch eine Reihe von übertragenen .h. Das Wort Apfel steht also beispielsweise für die Bedeutung „eine Art Frucht“. Das semiotische Dreieck baut auf den Überlegungen des Schweizer Sprachwissenschaftlers Ferdinand de Saussure auf. Einheit in der Vorstellungs.und Erfahrungswelt) hängen allerdings nur indirekt zusammen (angezeigt durch die gestrichelte Linie zwischen A und C). Der in Abschnitt 2. dessen Hülle bestehendes pflanzliches Produkt“ wird es noch in anderen Bedeutungen gebraucht.0) „aus Samen u. auch einen Bedeutungsaspekt des Wortes. wie aus Abbildung (2b) ersichtlich wird. den) Samen bis zur Reife umschließt u. Frucht wird auch in der viel allgemeineren Bedeutung von „Früchte des Feldes/Getreide“ gebraucht (und schließt damit auch Getreide und Gemüse ein). Im biologisch-technischen Sinne (1. A (Form) und C (Referent. Abbildung 1.und Erfahrungswelt) Zwischen A (Form) und B (Konzept/Bedeutung) sowie B (Konzept) und C (Referent) bestehen direkte. und es gibt eine ganze Reihe von Interpretationen. Wir schreiben es dann in doppelten Anführungszeichen. verwenden wir die Ausdrücke Wortform bzw. Semiotisches Dreieck Konzept (Bedeutung) B ZEICHEN A Form C Referent (d.

das die Samen bis zur Reife umschließt“ verwenden. Apfelsinen. a. bei der es sich in der biologischen Fachterminologie (im zweiten Sinne) auch um eine Frucht handelt. wie sie etwa in biblischen Ausdrücken wie Frucht des Leibes eine Rolle spielt. dann denken wir an die biologische Funktion der Frucht als Samen für eine neue Pflanzengeneration. auch als Stein. Abbildung 2. wie etwa bei einer Walnuss. Jede dieser unterschiedlichen Verwendungsweisen stellt für sich einen eigenen Bedeutungsaspekt von Frucht dar – oder umgekehrt ausgedrückt: jeder Bedeutungsaspekt eines Wortes verweist auf eine andere Menge von Dingen in der Welt. Den mittleren. wie sie typischerweise als Samen oder Referenten in der Mitte der Melone in Abbildung (2b) zu sehen sind. Ergebnis“ oder die Bedeutung (3) „in der Gebärmutter heranwachsender Keim“. Wenn also in der Biologie eine Walnuss als Frucht bezeichnet wird. denn seine Bedeutung für die Fortpflanzung der Pflanze ist für uns unwesentlich. auf die in dem Synonymwörterbucheintrag unter (2a) als sinnverwandt verwiesen wurde.) „pflanzliches Organ. Im Alltag sind diese speziellen Bedeutungsaspekte von Frucht eher unwesentlich – wir verweisen mit Frucht auf den essbaren und daher für uns wesentlichen Teil. Melonenkerne Darüberhinaus verwenden wir für einen großen Teil essbarer Früchte im Alltag überwiegend die Bezeichnung Obst. dann verweisen wir damit auf eine Menge von Referenten. Doch der samentragende Teil der Pflanze kann die ganze Frucht sein. Allerdings würde man in der alltäglichen Bedeutung immer nur von einer Nuss sprechen. aufgeschnittene Apfelsine b. eine bestimmte Menge von Referenten. so wird damit auf den gesamten samentragenden Teil als Referenten verwiesen. Bananen und viele andere süße. bei Pflaumen und Kirschen etc.0) „aus Samen und dessen Hülle bestehendes pflanzliches Produkt“ verwenden. sondern als (uns beim Verzehr der Frucht eventuell störenden) Kern. Wenn wir das Wort Frucht in seiner Grundbedeutung (1. nicht genießbaren Teil bezeichnen wir zudem nicht als Samen. umfasst. Wahrig Deutsches Wörterbuch (2000:935. Wenn wir Frucht in der Bedeutung (1.2) gibt unter dem Eintrag Obst folgende Bedeutungsumschreibung: .1.32 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT Bedeutungen wie den abstrakten Sinn in (4) „Ertrag. die Äpfel. das die Bedeutung „süßer und eßbarer Teil einer Pflanze“ mit einschließt. Bei einer Melone ist im fachterminologischen Sinn eher der Kern mit den Samen der Referent. Birnen. wie etwa die Apfelsine in Abbildung (2a). essbare Früchte.

für die wir die Bezeichnung Frucht möglicherweise verwenden würden. sondern überwiegend einheimische Früchte in die Kategorie „Obst“. „Zukost“ < ahd. die in einem engen Zusammenhang stehen. welches Mitglied einer Kategorie besonders zentral ist. d. Wenn wir den Satz Ich esse gerne Vanilleeis mit Früchten hören. Zudem müssen die Mitglieder einer Kategorie. der durch die entsprechenden Wörter abgerufen wird. getrocknetes . Wir werden uns dazu einmal genauer ansehen.2. d. Wie aber lässt sich die zentralste Bedeutung einer Wortform wie etwa Frucht ermitteln? Hier bieten sich drei Möglichkeiten an. Dieses Organisationsprinzip trifft nicht nur auf die Mitglieder einer Kategorie. zu ob + essen] Andererseits fallen nicht alle essbaren. gekochtes.h. welche Bedeutung uns als erste in den Sinn kommt.-es. bei der es sich offensichtlich um eine Unterkategorie (ein Hyponym) zu „Früchte“ handelt. 2 eigtl. 2. welche Wortform in einer Sprachgemeinschaft am häufigsten verwendet wird. Die Kategorie „Frucht“ umfasst unter anderem Vorstellungen von allen real existierenden sowie auch von allen nicht realen. ~ ernten. wenn wir eine bestimmte Lautform hören. sie können auch lediglich in unserer Begriffs. dass Kategorien prototypische oder zentrale Mitglieder und Grenzfälle oder periphere Mitglieder umfassen. welche Bedeutung die grundlegendste ist. weshalb Wortbedeutungen nicht immer klar voneinander abgrenzbar und deshalb unscharf sein können. obaz. Zunächst einmal können wir festhalten. essbarer Teil der Pflanze“ in den . ob Gespenster oder Außerirdische nun real existieren oder nicht. rohes. unreifes ~ [ < mhd.und Vorstellungswelt als Begriffseinheiten bestehen. reifes. frisches. und außerdem.. Wir können aber auch statistisch feststellen. Früchte handelt es sich bei den Mitgliedern dieser Kategorie um Vorstellungen von materiellen Objekten.3. obez. In unserem Beispiel Frucht bzw. Dann gibt es auch noch eine dritte Möglichkeit: wir überlegen.unz. auf welche Bedeutung wir zuallererst zurückgreifen würden. um die übrigen Bedeutungen am besten erklären zu können. so wird uns als erstes Frucht in einer Bedeutung wie „süßer. auf die referiert wird. Jede Wortbedeutung ruft also ein bestimmtes Mitglied einer Begriffskategorie hervor. rein imaginären Äpfeln und Orangen. Dies muss aber nicht notwendigerweise der Fall sein: so referieren zum Beispiel Verben auf Handlungen und Adjektive auf Eigenschaften. sondern auch auf die verschiedenen Bedeutungen einer Wortform zu. einkochen.1 Prominenz: prototypische Wortbedeutungen In Kapitel 1. völlig unabhängig davon. die zwischen den einzelnen Mitgliedern einer Kategorie bestehen.h. Ein Referent wurde etwas vereinfacht als eine gedankliche Einheit oder der Teil einer solchen Einheit definiert.LEXIKOLOGIE 33 (2b) Obst <n. ebenso wie wir mit Gespenst oder Außerirdische eine Menge mit bestimmten Mitgliedern assoziieren. pflücken.> als Nahrung dienende Früchte. nicht notwendigerweise in unserer materiellen Umwelt existieren. wie die Mitglieder durch ihre Bedeutungen miteinander verknüpft sind. für uns unter den übrigen Mitgliedern besonders herausragt. In den nun folgenden Abschnitten wollen wir uns näher mit den Beziehungen beschäftigen.2 wurde am Beispiel der Kategorie „Stuhl“ bereits sehr deutlich.

Sind sie bekannt. wenn der zentrale Sinn „samentragender Teil“ bereits bekannt ist. Wir wollen im Folgenden diese Beziehungen und die kognitiven Prozesse. Vielmehr stehen sie aufgrund gewisser kognitiver Prozesse in einem intern strukturierten Beziehungsnetz. essbarer Teil der Pflanze“ häufiger auftritt als alle übrigen Bedeutungen. . Es gibt noch einen weiteren Grund. Bittet man jetzt etwa Nordeuropäer. Beispiele für „Frucht“ zu geben. während Südeuropäern eher Früchte wie Feigen in den Sinn kommen. Wenn wir zudem die alltäglichen Verwendungen der Wörter in einem nordeuropäischen Kontext zählen. dass für uns einige Elemente aus einer Kategorie in ihrer Bedeutung stärker herausragen als andere und auch häufiger verwendet werden als die übrigen. so sind Referenzen zu Äpfeln oder Birnen häufiger als zu Mangos. weshalb die Bedeutungen „essbarer Teil“ sowie „samentragender Teil“ als prominenter einzustufen sind als die übrigen Bedeutungen: sie bilden einen guten Ausgangspunkt. die übrigen Bedeutungsaspekte zu verstehen.2.2 Bedeutungsbeziehungen: Sternförmige Netzwerke Die verschiedenen Bedeutungen eines Wortes zeigen nicht nur Prototypeneffekte. welcher Bedeutungsaspekt von Frucht im alltäglichen Sprachgebrauch vorkommt. Solche Prototypeneffekte treten nicht nur auf der Bedeutungs-. am Beispiel der Bedeutungen von Schule (3) genauer betrachten. so ermöglichen sie es uns. Wir hatten bereits gesehen. bezeichnet man mit einem Fachbegriff als Zentralitäts. als wenn man Frucht aufgrund der Kenntnis von Leibesfrucht erklären wollte. auf die sie zurückgehen. Die Tatsache. Dieser eher selten vorkommende Bedeutungsaspekt von Frucht kann einfacher verstanden werden. sondern auch auf der Referentenebene auf. Wenn man nun untersucht. Aus dieser Tatsache lässt sich nun schließen. von dem aus man die übrigen Bedeutungen in der Kategorie „Frucht“ beschreiben kann. dann werden sie höchstwahrscheinlich eher Äpfel und Birnen als Avocados oder Pomeranzen nennen. dass mit Frucht viele Referenten assoziiert werden. dass der Bedeutungsaspekt „essbarer Teil der Pflanze“ in unserer Vorstellung stärker im Vordergrund steht als „samentragendes Organ“ und mit Sicherheit prominenter ist als die Bedeutung „Leibesfrucht“.oder auch Prototypeneffekte. wenn das Wort Frucht in einem entsprechenden biologischen Kontext geäußert würde. jemand kennt den etwas antiquierten Ausdruck Leibesfrucht nicht. dass Frucht in der Bedeutung „süßer. Nehmen wir nur einmal an. 2. Der biologische Bedeutungsaspekt „samentragendes Organ der Pflanze“ würde uns nur dann in den Sinn kommen. Mit anderen Worten: die prominentesten und grundlegendsten Bedeutungsaspekte garantieren als zentrale Mitglieder den inneren Zusammenhalt einer Kategorie. so wird man feststellen. so dass einige Bedeutungen prominenter sind und andere in zunehmendem Maße peripher.34 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT Sinn kommen – und wohl erst gar nicht der eher biblische oder juristische Sinn „Leibesfrucht“.

die von einem Meister oder von mehreren Meistern ausging“: Er ist bei den Klassikern in die Schule gegangen/hat von den Klassikern gelernt. Wale. f. „Titel bestimmter Lehrbücher. c. d. Wir behandeln deswegen die Bedeutung „Schwarm von Fischen“ als das Ergebnis eines Prozesses der Volkssetymologie und damit als mit den übrigen Bedeutungen in Verbindung stehend. Kriegerschar“ zurück. kurz für Baumschule k. Breughel ist ein Maler der flämischen Schule. die in unterschiedliche Richtungen der Bedeutungsaspekte zeigen. das sich in Form eines sternförmigen Netzwerkes (engl. „Gärtnerei für Bäume“. Vielmehr liegt hier Homonymie vor. Schar. Fahrschule. <o. Im Falle von Schule werden so vier wesentliche Richtungen deutlich (siehe Abbildung 3). Das wird Schule machen „nachgeahmt werden“. e. dass der durchschnittliche Sprecher des Deutschen hier eine Volksetymologie zugrundelegt und Bedeutung (3k) eher als eine metaphorische Erweiterung der Bedeutungen (3a-f) ansieht. Heringe. Hoffentlich macht das nicht Schule! i.> „Unterricht (der in einer Schule (3b) erteilt wird)“: Die Schule beginnt um acht Uhr morgens. b.h. „Lehrgang“: Segelschule.LEXIKOLOGIE 35 (3) Schule a. d. besonders auf musikalischem Gebiet“: Flötenschule.Pl> „Lehrer.h. (auf der Grundlage von Wahrig Deutsches Wörterbuch. Klavierschule. d. Rudel“: eine Schule Delphine. „Gebäude. „künstlerische oder wissenschaftliche Richtung. g. in dem eine Schule (3a) untergebracht ist“: Die städtischen Schulen müssen dringend renoviert werden. 2000:1124. <unz. Geburtstag zur Fahrschule angemeldet. Gitarrenschule. Aufgrund der gegenwärtigen Verwendung von Schule in der Bedeutung „Schwarm von Fischen“ lässt sich allerdings schließen. sprachgeschichtlich gesehen gibt es zwei unterschiedliche Wörter Schule – Bedeutung (3k) hat eine eigene Etymologie und geht auf die lateinische Bedeutung „Horde. „Schwarm. von einer zentralen Bedeutung in der Mitte dieser Menge gehen Strahlen aus.und Schülerschaft in ihrer Gesamtheit“: Die ganze Schule ist heute auf Wanderfahrt. „Institut für die Erziehung und Ausbildung von Kindern und Jugendlichen“: Er kommt dieses Jahr in die Schule.2. h. . Diese elf Bedeutungsaspekte von Schule bilden ein Beziehungsnetz. Rückenschule etc. „Bittere Erfahrungen im Leben gemacht haben“: Die harte Schule des Lebens durchgemacht haben j. Sie hat sich bereits vor ihrem 18. Bedeutung (3k) ist problematisch: sie geht nicht durch Bedeutungserweiterung aus den vorhergehenden Bedeutungen hervor. radial network) darstellen lässt. Duden Deutsches Universalwörterbuch 1409f) Die ersten beiden Bedeutungen (3a) und (3b) stellen die prominentesten Bedeutungen dar – die übrigen stehen mit ihnen auf die eine oder andere Art in Verbindung.

Es gibt nun vier unterschiedliche Prozesse. d) eines Wortes. „Baumschule“ b. c. „Erfahrungen“ j. „besonderer Lehrgang“ f. die auf Kontiguität beruht. Zwischen dem Ganzen (Schule als „Lehranstalt“) und einem Teil (dem Gebäude. „Lehr. Wir können die Aufmerksamkeit auf jeden untergeordneten Teil dieser komplexen Kategorie richten und diesen untergeordneten Teil stellvertretend für die ganze Kategorie stehen lassen – oder umgekehrt die ganze Kategorie für diese untergeordnete Kategorie. „Gebäude“ a. die etwa mit der Zeit oder einer Wirkung in Zusammenhang stehen. sondern ihren Inhalt meinen. Wir erhalten dann eine Metonymie.h.und Schülerschaft“ k. Sternförmiges Netzwerk für die Bedeutungen von Schule d. So kann man beispielsweise im Deutschen. wie auch in vielen anderen Sprachen. die es uns erlauben. dem Unterricht. „Vorbildcharakter haben“ Auf welche Prozesse der Bedeutungserweiterung gehen nun also die Beziehungen innerhalb dieses sternförmigen Netzwerkes zurück? Bei Bedeutung (3a) „Lehranstalt für Kinder und Jugendliche“ handelt es sich ganz offensichtlich um die zentrale Bedeutung von Schule. „Unterricht“ i. sondern auch auf abstraktere Assoziationen. Der Ausdruck die Schule kann metonymisch für jede dieser einzelnen Komponenten stehen. dass dieses Konzept der Kontiguität nicht nur auf räumliche und physikalische Nähe zutrifft. Richtung“ h. der Lehrerschaft etc. ein Ort und seine Einwohner usw. Eine Beziehung wird als Kontiguität bezeichnet. eine oder mehrere Bedeutungskomponenten dieser allgemeinen Kategorie ins Blickfeld zu rücken.36 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT Abbildung 3. „Lehrer. ein Behälter und sein Inhalt.) besteht konzeptuelle Nähe. Flasche und Inhalt stehen nach unserer Erfahrung in unmittelbarem Kontakt und damit in metonymischer Verbindung zueinander. „Fischschwarm“ c.und Übungsbuch“ g. so wie ein Ganzes und seine Teile. „bestimmte künstlerische oder wiss. d. sagen Er hat 'ne ganze Flasche getrunken und damit natürlich nicht die Flasche selbst. eine semantische Verknüpfung zweier oder mehrerer Bedeutungen (3 b. Wenn die Sprecher einer Sprache als Volksetymologen zwischen der zentralen Bedeutung von Schule als „Lehranstalt für Kinder und Jugendliche“ und der .3 werden wir sehen. „Lehranstalt“ e. In Kapitel 4. wenn zwei Teile in engem Kontakt oder Zusammenhang zueinander stehen.

die bereits aus einem Prozess der Metonymisierung hervorgegangen sind. sie sind recht häufig. Selbst die Interpretation eines Homonyms wie Schule in der Bedeutung „Gruppe von Fischen“ kann zur Bedeutung von Schule als „Gruppe von Schülern und Lehrern“ in Beziehung gesetzt werden. Unser heutiges Wort Hochzeit hat die Bedeutung „Eheschließung“ – es geht auf das mhd. Fahrschule usw. niemand). Die übrigen Bedeutungen von Schule beruhen auf den Prozessen der Generalisierung bzw. die dann zur Metaphorisierung geführt hat. ähnlich wie beim englischen Wort man. In Abbildung 4 werden alle Prozesse der Bedeutungsausweitung dargestellt. um eine Bedeutung aus einer anderen Domäne. das auch heute noch den Bedeutungsaspekt „Mensch“ umfasst. Dies gilt auch für Bedeutung (3j) „Baumschule“ – hier wurde offenbar eine Ähnlichkeit zwischen dem Aspekt der „Erziehung und Ausbildung von heranwachsenden Jugendlichen“ und der „Aufzucht und Pflege von Pflänzlingen in einer Gärtnerei“ wahrgenommen. Von der allgemeinen Bedeutung Lehranstalt ausgehend hat sich die Bedeutung auf „Institution für einen bestimmten Ausbildungsgang“ wie Segelschule. die von den Sprechern einer Sprache zwischen einer Gruppe von Schülern.h. Eine Metapher ist das Ergebnis dieses Prozesses. (3d) aus. verwendet wird. und einer Gruppe von Fischen.LEXIKOLOGIE 37 periphersten Bedeutung des Wortes als „Schwarm von Fischen“ eine Verbindung herstellen. die auf wahrgenommener oder vorgestellter Ähnlichkeit beruht. die ihrem Lehrer folgen (etwa bei einem Ausflug). so beruht diese auf einem Prozess. so besteht für ihn diese Ähnlichkeit auch. die sogenannte Ursprungsdomäne. Im Gegensatz zur Metonymie beruht eine metaphorische Verknüpfung aber nicht auf Kontiguität. wenn eine ihrer grundlegenden Bedeutungen. Diese Ähnlichkeit muss nicht „objektiv“ bestehen. dann übertragen wir damit unsere Wahrnehmung des Körperbaus auf den Aufbau der landschaftlichen Umgebung. das . Nach Beispielen für Spezifizierung muss man nicht lange suchen. Wenn ein Betrachter eine Ähnlichkeit wahrnimmt. Eine solche Verbindung ist dann durch die Ähnlichkeit motiviert. Dies trifft sowohl auf die metaphorische Bedeutung Leibesfrucht für „Sprößling“ als auch auf Schule für „Fischschwarm“ bzw. d. wahrgenommen werden. kein Mensch‘ = nhd: jemand. das im heutigen Deutsch eine „erwachsene Person männlichen Geschlechts“ bezeichnet. sie ist nicht durch die unmittelbare konzeptuelle Nähe der Bedeutungen vorgegeben. Wenn beispielsweise der untere Teil eines Berges mit Fuß des Berges bezeichnet wird. eingeengt. nie man ‚irgendein. zu verstehen. Hier wurde die grundlegende Bedeutung des Wortes Schule auf ein kleineres Feld von besonderen Referenten eingeengt. der sogenannten Zieldomäne. gehen die Metaphern (3i-k) von den Bedeutungen (3c) bzw. Ein weiteres Beispiel für Bedeutungsverengung ist das Wort Mann.h. den man als Metaphorisierung bezeichnet. Der Prozess der Spezifizierung findet sich bei den Bedeutungen (3e) „Lehrgang“ und (3f) „Lehrbuch“. Eine lexikalische Einheit erfährt eine Metaphorisierung. hôch(ge)zît zurück. Spezifizierung. die im Schwarm schwimmen und dabei einem Leitfisch folgen. Im Zusammenhang mit den Prozessen der Metaphorisierung und Metonymisierung ergibt sich noch ein weiterer interessanter Aspekt. Wie aus Abbildung 4 ersichtlich wird. d. eine semantische Relation. „Baumschule“ zu. Im Mittelhochdeutschen war die Bedeutung noch viel weiter: man bedeutete „Mensch“ (daher auch ie man.

In Kapitel 1 hatten wir allerdings bereits gesehen.3 Unschärfen bei konzeptuellen Kategorien und Wortbedeutungen Bisher wurden die einzelnen Bedeutungen eines Wortes so behandelt. zentrale Mitglieder . Spezifizierung und Generalisierung. denen Bedeutungsverschiebungen in unterschiedliche Richtungen ausgehen. von der bzw.2. die auf verschiedene Art und Weise miteinander in Beziehung stehen. Unser Beispiel Schule hat mit den Aspekten (3g) „künstlerische oder wissenschaftliche Richtung“ und (3h) „Vorbildcharakter haben“ eine Bedeutungserweiterung erfahren: von Bedeutungsaspekt (3a) „Lehranstalt“ ausgehend hat sich der Bedeutungsumfang auf „Leute. Im Zentrum der Menge steht eine (Reihe von) Bedeutung(en). Metaphorisierung. Kategorien mögen zwar eindeutige und trennscharfe. „künstlerische Richtung“ h. eine Zeitung ist für uns heute ein bestimmter Träger von Nachrichten.38 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT noch viel allgemeiner „hohes kirchliches oder weltliches Fest“ bedeutete. „Baumschule“ k. „besonderer Lehrgang“ f. 2. „Gebäude“ c. dass Bedeutungen konzeptuelle Kategorien symbolisieren. die eine bestimmte Malweise oder Lehrmeinung teilen“ erweitert. nämlich eine „regelmäßig erscheinende Druckschrift“. „Schule Delphine“ SPEZIFIZIERUNG e. Zusammengenommen bilden diese Beziehungen zwischen den Einzelbedeutungen ein sogenanntes sternförmiges Netzwerk. Lehranstalt METONYMISIERUNG METAPHORISIERUNG i. „Lehr. Ein weiteres Beispiel für Generalisierung ist das Verb machen. In Abbildung 3 wird ein sternförmiges Netzwerk für das Wort Schule dargestellt. Fassen wir noch einmal kurz zusammen: die unterschiedlichen Bedeutungen eines Wortes (in diesem Fall Schule) bilden ein zusammenhängendes Netz von Einzelbedeutungen.und Übungsbuch“ GENERALISIERUNG g. als wären sie für uns klar und eindeutig voneinander abgrenzbar. Kunde. „Schule des Lebens“ b. „Unterricht“ d. „Vorbildcharakter haben“ Der zur Spezifizierung entgegengesetzte Prozess heißt Generalisierung. Abbildung 4. Es bedeutete ursprünglich „den Lehmbrei zum Hausbau kneten“ und kann heute als Ergebnis eines Prozesses der Generalisierung anstelle einer ganzen Reihe von Verben stehen und die verschiedensten Tätigkeiten bezeichnen. nämlich aufgrund von Prozessen der Metonymisierung. „Gruppe Schüler (mit Leiter )“ METAPHORISIERUNG j. Botschaft“. Unter zitunge verstand man im Mittelalter noch „Nachricht. Bedeutungserweiterung am Beispiel von Schule a.

alle uns notwendig erscheinenden Eigenschaften von Frucht aufzulisten. Unmittelbar fallen uns Kriterien wie „süß“. An diesem kleinen Definitionsversuch sehen wir eines ganz deutlich: die zentrale Bedeutung von Frucht kann nicht mit einer klassischen Definition be- . Die Kriterien „von drei Geraden begrenzte Fläche“ sind notwendig und zugleich auch hinreichend: bei einer Fläche. „mit Kernen“ usw. dort können sich Kategorien in ihren Bedeutungen überschneiden. sind sie nicht immer auch zugleich notwendige Kriterien. den man für gewöhnlich mit Zucker kocht. die überwiegend süß schmecken). kann es sich um nichts anderes als um ein Dreieck handeln. Eine solche Abgrenzung versucht man durch eine klassische Definition zu erreichen. Dabei nennt eine notwendige Bedingung alle Kriterien. die wir als zu dieser Kategorie zugehörig empfinden. Bei einer klassischen Definition müssen sowohl hinreichende als auch notwendige Bedingungen erfüllt sein. Mit anderen Worten: es lassen sich nicht immer eindeutige Kriterien finden. dass Bedeutungen einer Kategorie nicht immer logisch definiert werden können. indem sie allen Früchten gemeinsam wären: Zitronen sind nicht süß.B. und Avocados sind nicht unbedingt weich. Sicherlich lassen sich auch Eigenschaften finden. als treffliche Anwärter für unsere Definition ein. Doch auch wenn wir diese notwendigen Kriterien zusammennehmen.LEXIKOLOGIE 39 haben. doch an den Grenzen zwischen zwei Kategorien kann es auch Unschärfen geben. Nehmen wir als Beispiel noch einmal die zentrale Bedeutung von Frucht und untersuchen wir. ob sie sich klar abgrenzen lässt. „weich“. aufgrund derer man einerseits alle Referenten einer Kategorie zuordnen kann. Doch obwohl diese Eigenschaften auf viele Früchte zutreffen. durch eine hinreichende Bedingung unterscheiden sich die Mitglieder einer Kategorie (z. bevor sie für uns genießbar sind. und andererseits aber auch alle anderen Referenten ausschließen kann. Deswegen überrascht es nicht. Hierzu werden alle hinreichenden und notwendigen Bedingungen aufgelistet. und wenn wir sie zubereiten wollen. werden durch sie nicht aus der Kategorie ausgeschlossen. Diese Definition enthält zwei Kriterien: erstens „drei Geraden“. dann werden wir in erster Linie Zucker dazu verwenden (oder sie für Gerichte verwenden. zusammen begrenzen sie aber keine Fläche: es kann sich also nicht um ein Dreieck handeln. obwohl wir uns sie nur schwer als Mitglieder der Kategorie „Frucht“ vorstellen können. die von drei Gerade begrenzt wird. B. essbare Früchte müssen erst reifen.h. alle Dreiecke miteinander gemein haben. die eine Sache erfüllen muss. die z. die für uns nicht in diese Kategorie gehören. Klassische Definitionen lassen sich für jede mathematische Kategorie aufstellen. Versuchen wir deshalb jetzt einmal. Auch wenn Definitionen aufgrund von hinreichenden und notwendigen Bedingungen bei mathematischen Kategorien ausreichen. die den Charakter notwendiger Kriterien haben: alle Früchte wachsen über der Erde an Pflanzen oder Bäumen.B. liegen die Dinge bei natürlichen Kategorien oft etwas anders. ). Diese Form besteht zwar aus drei Geraden. beispielsweise für die Kategorie „Dreieck“: Ein Dreieck ist eine „von drei Geraden begrenzte Fläche“. bei Bananen und Brombeeren erkennen wir nicht unmittelbar irgendwelche Kerne oder Samen. und zweitens „Begrenzung einer Fläche“. d. denn Mandeln und andere Nüsse oder auch Rhabarber. so reichen sie noch lange nicht hin. ein Dreieck) von allen übrigen Kategorien (z. um Mitglied dieser Kategorie sein zu können.

Doch muss dies nicht unbedingt bedeuten. „menschlicher Körper“. . die von allen Mitgliedern der Kategorie erfüllt werden bzw. Für eine onomasiologische Betrachtungsweise stellt sich nun folgende Frage: Welche Position und welchen Status haben Wörter in einem Wortfeld. aufgrund dieser Tatsache notwendigerweise unscharf oder nicht wohldefiniert wäre. „Fußballregeln“ etc. alle Mitglieder anderer Kategorien ausschließen.40 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT stimmt werden. Wörter wie Frühstück. wie etwa „Mahlzeiten“. „Wissen“ usw.und derselben konzeptuellen Domäne bezeichnen. das durch ein allgemeineres Wort wie Mahlzeiten begrenzt wird? Weitere Beispiele für Wortfelder finden sich etwa in konzeptuellen Domänen wie „Krankheit“. „Geschwindigkeit“. dass nicht alle uns bekannten Früchte diesem geistigen Bild auch entsprechen. so erhält man sogar eine annähernd gleiche Liste von Mitgliedern dieser Kategorie. Wenn man mehrere Leute bittet. 2. die im Abschnitt über Semasiologie identifiziert wurden: auch im Bereich der Onomasiologie gibt es Prominenzeffekte. kognitive Verknüpfungsprozesse und Unschärfe. „Raum“. die wir mit Frucht assoziieren. Mittagessen. Unter einem Wortfeld versteht man eine Gruppe von Wörtern. Eine konzeptuelle Domäne oder auch ein Begriffsfeld ist ein in sich zusammenhängender (oder kohärenter) Bereich der Konzeptualisierung. dass die konzeptuellen Beziehungen zwischen den Wörtern eines lexikalischen Feldes analog zu den Beziehungen sind. Es kann trotzdem durchaus der Fall sein. also die begriffliche Vorstellung. Vesper und Abendessen zum Beispiel sind miteinander verbunden und gehören alle zum Wortfeld „Mahlzeiten“.h. Eine solche Definition müsste alle für die Sprecher einer Sprache nur denkbaren Bedeutungen von Frucht berücksichtigen können. die begriffliche Einheiten aus ein. die zur Bezeichnung dieses Konzeptes im Lexikon vorhanden sind. woher bestimmte neue lexikalische Einheiten stammen und welche Mechanismen zur Einführung neuer Wörter für ein und dasselbe Konzept im Wortschatz einer Sprache zur Verfügung stehen. Was aber ist Sinn und Zweck der onomasiologischen Verfahrensweise? Zunächst einmal hilft sie herauszufinden. dass unsere Konzeptualisierung von „Frucht“.3 Vom Konzept zum Wort: Onomasiologie Während eine semasiologische Analyse vom Wort ausgeht und seine verschiedenen Bedeutungen analysiert.h. einige Beispiele für „Frucht“ zu nennen. „Farbe“. Dennoch müssen wir sicherlich zugestehen. es lassen sich keine eindeutigen notwendigen wie auch hinreichenden Kriterien finden. „Reise“. innerhalb eines Wortfeldes) gewisse Musterbildungen zu erkennen. „Spiele“. Sinn und Zweck einer onomasiologischen Analyse ist. „Geruch“. dass uns unsere Vorstellung von „Frucht“ überaus klar und von anderen Vorstellungen scharf abgegrenzt erscheint. innerhalb einer Gruppe konzeptuell miteinander in Beziehung stehender Wörter (d. d. beginnt eine onomasiologische Betrachtung des Wortschatzes umgekehrt mit einem bestimmten Konzept und untersucht dann die Wörter. Im nächsten Abschnitt werden wir sehen.

Eine andere Art von Prominenzeffekt kann innerhalb einer Gruppe von Wörtern auftreten. Nach dem amerikanischen Anthropologen Brent Berlin folgen Alltagsklassifikationen (im Unterschied zu wissenschaftlichen Klassifikationen) innerhalb biologischer Domänen in der Regel einem allgemeinen Organisationsprinzip.B. speziellere Termini wie Eiche. Alltagsklassifizierungen konzeptueller Domänen Ebenen der sprachlichen Konzeptualisierung allgemeine Ebene Basisebene spezifische Ebene konzeptuelle Domänen Pflanze Tier Baum Hund Eiche Dackel Kleidung Fahrzeug Hose Auto Jeans Sportwagen Obst Apfel Granny Smith Von der konzeptuellen Seite ausgehend konnte experimentell gezeigt werden. die etwas darüber aussagen.1 Prominenz in konzeptuellen Domänen: Basiskategorien Ebenso wie es in der Semasiologie Prominenzeffekte gibt. welche der Einzelbedeutungen eines Wortes oder welche seiner Referenten als erstes erinnert oder am häufigsten gebraucht werden. In konzeptuellen Domänen mit mehreren Ebenen (siehe Übersicht 2) steht die allgemeinste Kategorie auf der höchsten. Wenn beispielsweise Kinder eine Sprache erwerben. Dachshund. dass auf der Basisebene der Kategorisierung die deutlichsten Prominenzeffekte auftreten.LEXIKOLOGIE 41 2.B. Auto. Dackel. Hund etwa ist hierarchisch geordnet: sie geht vom Allgemeineren zum Spezifischeren über. so gibt es diese Effekte auch in der Onomasiologie. Jeans. Bei diesem Phänomen handelt es sich um einen Prominenzeffekt – das Wort Hund ist prominenter als die Bezeichnungsmöglichkeiten auf den übrigen Ebenen der Hierarchie. Hier treten einige Namen für Hunderassen eventuell öfter auf als andere. Kleidung. in Berlins Untersuchungen sogar aus fünf Klassifikationsebenen. Obst bzw. Tier) und der speziellsten Ebene (z. Übersicht 2. Beide Arten von Prominenzeffekten werden im Folgenden näher besprochen. Wörter auf dieser basalen Ebene (z.3. wenn auf ein bestimmtes Phänomen Bezug genommen werden soll. Teckel etc.B. Tier. Zwischen der allgemeinsten (z. die vom sehr weiten und allgemeinen zum sehr engen und speziellen Begriff reichen. Fleischfresser. dass Bezeichnungen der Basisebene prominenter sind als andere. die einzelnen Mitglieder einer Kategorie die größten Gemeinsamkeiten . Dackel. so lernen sie zunächst basale Ausdrücke wie Baum. so wird uns sicherlich als allererstes ein Wort wie Hund und nicht Tier oder Fleischfresser in den Sinn kommen. Von der formalen Seite her gesehen sind basale Ausdrücke in aller Regel kurz und haben einen einfachen morphologischen Aufbau. Hund. Fahrzeug. die auf derselben Ebene einer Hierarchie stehen – wie etwa Labrador. Die Wortreihe Tier. Hund) werden am ehesten verwendet. Bernhardiner. Apfel. Wenn uns nun etwas gegenübersteht und uns anbellt. Sie bestehen mindestens aus drei. Hose. Dackel) findet sich die sogenannte Basisebene. Vieles deutet darauf hin. Sportwagen und Granny Smith hinzulernen. die speziellste auf der untersten Ebene der Kategorisierung. ehe sie dann allgemeinere Ausdrücke wie Pflanze.

Rock und Mantel sind allesamt Mitglieder der basalen Kategorisierungsebene. 3) sie bedecken nicht einzeln die Beine. dass ein neues Wort durch häufigen Gebrauch sozusagen in den Wortschatz eingeschliffen oder eingebürgert wird (Langacker verwendet hier den englischen Begriff entrenched ‚eingegraben sein‘). Alle Mitglieder der Kategorie „Rock“ haben folgende Gemeinsamkeiten: 1) sie werden normalerweise von Frauen getragen. wenn eine bestimmte Bezeichnung einer anderen vorgezogen wird? Der amerikanische Linguist Ronald Langacker untersuchte. wieso hebt sich für uns ein Ausdruck stärker von allen übrigen ab? Welche Kriterien spielen eine Rolle. warum ein bestimmtes Mitglied einer Kategorie den übrigen Mitgliedern vorgezogen wird. dass es eigentlich aus den beiden Wörtern viel und leicht zusammengesetzt war. das vorne übereinandergeschlagen wird. Gemeinsamkeiten von Rock und Hose oder Sweatshirt sind viel schwieriger zu finden. Wörtern vil ‚sehr‘ und lihte ‚leicht‘ gebildet. in einer Modezeitschrift sei ein sehr kurzer Rock abgebildet. Das Modell der basalen Kategorisierungsebene lässt also bis zu einem gewissen Maße Vorhersagen darüber zu. dass sie zu einem regulären und fest etablierten Ausdruck des Sprachsystems wird. Es erlaubt allerdings keinerlei Aussagen darüber. der aus einem einzigen Stoffteil besteht. ob dieses konzeptuelle Einbinden auch auf unsere Fragestellung zutrifft? Wir hatten uns ja gefragt. Nehmen wir an. Um diese Frage zu beantworten. welcher Terminus derselben Ebene bevorzugt und wie häufig er verwendet wird. Das wirft folgende Fragen auf: wenn zur Beschreibung einer Sache mehrere Wörter zur Verfügung stehen. Bei der Auswahl zwischen mehreren Bezeichnungsmöglichkeiten kommt wahrscheinlich ein sehr ähnlicher Prozess zum Tragen. dass sie schließlich nicht mehr bemerkten. Er kam zu der Erklärung. Untersuchungen auf die tatsächliche Sprachverwendung zu stützen. Dazu greift man auf ein Sprachkorpus zurück – . und 4) sie sind in der Regel nicht kürzer als bis zum oberen Oberschenkel.als auch um einen Wickelrock? Wie würden wir diesen Rock normalerweise bezeichnen? Einer Studie zufolge bevorzugen Modejournalisten für diesen Rock die Bezeichnung Minirock. Mitglieder von Kategorien auf einer übergeordneten Ebene wie etwa Unterwäsche und Oberbekleidung haben nur eine generelle Gemeinsamkeit – sie alle stellen eine „Kleidungsschicht“ dar. Wie kann man aber herausfinden. Handelt es sich bei diesem Rock sowohl um einen Mini. Für eine sprachwissenschaftliche Herangehensweise an diese Frage ist es allerdings viel sinnvoller. Kleidungsstücke wie Hose. Das neue Kompositum vielleicht wurde von den Sprechern des Deutschen so oft verwendet. 2) sie bedecken den Körper unterhalb der Taille. Nehmen wir als Beispiel die Domäne „Kleidung“. könnte man zum Beispiel ein psychologisches Experiment durchführen oder eine Umfrage starten. Betrachten wir ein Beispiel: das Wort vielleicht wurde aus den beiden mhd.42 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT aufweisen und sich zugleich auch am stärksten von verwandten basalen Ausdrücken unterscheiden. welche Ebene der Kategorisierung in einer Alltagsklassifikation für die Sprecher am prominentesten ist. Mit anderen Worten: eine Wortgruppe kann durch den alltäglichen Gebrauch schließlich so stark in den Wortschatz eingebürgert werden. wie neue Ausdrücke gebildet werden und sich schließlich fest im Wortschatz einer Sprache etablieren.

In einer solchen hierarchischen Taxonomie vereint die höchste. dass Bedeutungserweiterungen von Wörtern auf die kognitiven Prozesse Metonymisierung. Eine solche Domäne ist nicht nur in eine allgemeine. wie die sehr knappen Wickelröcke bezeichnet werden könnten. dass sich – aus welchen Gründen auch immer – diese lexikalische Form im Sprachgebrauch zur Bezeichnung des Rockes durchgesetzt hat und in den Wortschatz eingebürgert wurde. Diese basale Ebene umfasst wiederum alle Konzepte der untergeordneten spezifischeren Ebenen (vgl. Kehren wir nun zu unserer Frage zurück. 2.3. Abbildung 5 mit drei Ebenen). nämlich hie- . Abbildung 5.2 Verknüpfungen in konzeptuellen Domänen: Taxonomien In Abschnitt 2. die ja untersucht. in welchen Beziehungen die einzelnen Bezeichnungen für eine Kategorie untereinander stehen. Metaphorisierung. übergeordnete Ebene alle Elementen der allgemeineren Ebene.2 über die Verknüpfungen zwischen den verschiedenen Bedeutungen eines Wortes (Semasiologie) hatten wir gesehen. Bei Kategorien handelt es sich wiederum nicht um isolierte Einzelerscheinungen. so können wir von Minirock sagen. Diese Prozesse spielen auch in der Onomasiologie eine Rolle. die einzelnen Kategorisierungsebenen sind vielmehr auch hierarchisch geordnet. Übersicht 2) gegliedert. Begriffe auf der jeweils untergeordneten Ebene als Hyponyme zu einem Oberbegriff. Hierarchische Taxonomie EBENEN ÜBERGEORDNET Kleidungsstücke BASIS Rock Hose ? SPEZIFISCH Wickelrock Minirock Leggings Shorts Jeans Hemd T-Shirt Pulli Begriffe auf einer übergeordneten Ebene bezeichnet man als Hyperonyme. Wenn nun in – sagen wir einmal – 150 Fällen zur Bezeichnung das Wort Minirock.LEXIKOLOGIE 43 eine große Sammlung geschriebener und gesprochener Texte. die für sprachwissenschaftliche Analysezwecke zusammengestellt wurden. hingegen in lediglich 50 Fällen Wickelrock oder ein anderer. denn alle lexikalischen Einheiten sind nun auf besondere Weise. Angenommen ein großes Korpus von Modesprache enthalte 200 Verweise auf diese Art von Rock. allgemeinerer oder spezifischerer Terminus auftritt. eine basale und eine spezifische Ebene der Kategorisierung (vgl. Spezifizierung und Generalisierung zurückgehen.2. denn sie stehen durch Zugehörigkeit zu einer konzeptuellen Domäne miteinander in Beziehung. Eine hierarchische Taxonomie ist der Sonderfall eines Wortfeldes. die ihrerseits alle Konzepte der Basisebene einschließt.

seine eigene Meinung verteidigen. Sie alle sind Ausdruck der konzeptuellen Metapher ARGUMENTIEREN IST KRIEG. um unser Verstehen anderer Domänen zu strukturieren. unsere Sichtweise der Teile eines Berges zu kategorisieren. „Schwarm von Fischen“ der Fall war (Abbildung 3). dass wir auf der basalen Ebene einen Begriff erwarten. wir sprechen von vor Wut kochen. dort aber keiner anzutreffen ist. aufstrebenden Teil als Bergrücken. Wie die dritte Gruppe in Abbildung 5 (Hemd. . Insbesondere unser Verständnis von abstrakteren konzeptuellen Domänen wie „Denken“ und „Emotionen“ gründet sich wesentlich auf eine Reihe konzeptueller Metaphern – in der Regel werden abstraktere Domänen durch bestimmte Domänen strukturiert. wie dies im weiter oben besprochenen Beispiel Schule in der Bedeutung „Baumschule“ bzw. In ähnlicher Weise werden viele Emotionen als heiße Flüssigkeit in einem Behälter verstanden. so ist das Spezifizierung. Lakoff und Johnson (1980) führten für diese Verwendung von Metaphern im Denkprozess den Begriff konzeptuelle Metapher ein. Hinter diesen Ausdrücken steht die konzeptuelle Metapher EMOTIONEN SIND FLÜSSIGKEITEN IN EINEM BEHÄLTER. Oftmals verwenden wir ganze konzeptuelle Domänen. T-Shirt und Sweat-Shirt) zeigt. So benutzen wir vor dem Hintergrund unserer anthropozentrischen Sichtweise die Domäne „menschlicher Körper“. um eine geographische Domäne. den langen. geht man hingegen um eine Ebene tiefer in der Taxonomie. Die folgenden Beispiele (4) sind typische konzeptuelle Metonymien.und der Zieldomäne werden von uns eine Ähnlichkeiten wahrgenommen.44 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT rarchisch geordnet. Im vorliegenden Fall von Berg verwenden wir vielmehr Teile einer konzeptuellen Domäne („menschlicher Körper“). Zwischen Aspekten der Ursprungs. um eine andere Domäne zu verstehen („Struktur eines Berges“). „Flüssigkeit“. Den untersten Teil des Berges bezeichnen wir als Fuß des Berges.B. unhaltbare Behauptungen aufstellen und viele andere mehr. Eine konzeptuelle Metapher strukturiert also Teile einer konzeptuellen Domäne wie „Berg“ oder „Gefühl“ durch Aspekte einer anderen konzeptuellen Domäne wie „menschlicher Körper“ bzw. jemanden scharf angreifen. explodieren usw. So finden sich im Deutschen viele metaphorische Ausdrücke. In diesen Fällen bezieht sich die Metaphorisierung nicht bloß auf die Bedeutung eines Wortes. z. so handelt es sich um Generalisierung. In allen Fällen des Wortfeldes „Kleidungsstücke“ lassen sich drei hierarchische Ebenen ausmachen: geht man von einem Begriff aus um eine Ebene höher. das zum ersteren in einer Beziehung der Kontiguität (unmittelbaren Nähe) steht. Mit der stetigen Entwicklung des menschlichen Denkens und der Kulturen bilden wir nicht nur mehr oder weniger kohärente Mengen von Konzepten in Gestalt von Wortfeldern und Taxonomien. die auf konkretere Erfahrungen gründen. die sich auf bestimmte Aspekte einer Argumentation beziehen: einen Streit verlieren. kann es durchaus vorkommen. Eine konzeptuelle Metonymie nennt hingegen einen Aspekt oder ein Element aus einer konzeptuellen Domäne und verweist auf ein anderes Element innerhalb derselben Domäne. die ihnen zugrunde liegt. das Blut in Wallung bringen. In diesen Fällen spricht man von einer lexikalischen Lücke.

B. Schule: „künstlerische Richtung“ bzw. handeln. (z. PERSON FÜR DEREN NAMEN b. Hierarchie (übergeordnet/ untergeordnet) 2. Wo steht dein Auto? c. ORT FÜR BEWOHNER e. In (5f) wird das Getränk ausdrücklich beim Namen genannt. Unser ganzer Stadtteil wählt Grün. Die metonymischen Konstruktionen sind allgemeiner. Ich trinke noch ein Glas Whisky. Hund. Onomasiologie Konzeptuelle Prinzipien 1. Das erste von Graf Zeppelin erbaute Luftschiff flog 1900. Saft. Mahlzeiten) konzeptuelle Metonymie. AUTOR FÜR SEIN WERK d. d. Bier. Übersicht 3. während andere dafür in den Hintergrund treten. PERSON FÜR ZUGEHÖRIGE SACHE c. Segelschule) metonymische Bedeutungserweiterung (z. b. Kontiguität (konzeptuelle Nähe) 3. In jedem dieser Beispiele könnte auch die zu bezeichnende Sache selbst genannt werden: (5) Ausführliche sprachliche Konzeptualisierungen zu den Beispielen in (4) a. Dieses Semester lesen wir Stücke aus Goethes Werk. z.B. ausgehend von Schule im Sinne von „Lehranstalt“ zu „Unterricht“. Ich nehm’ noch ein Glas. es könnte sich um Wein.B. zu ihrer Interpretation muss stärker auf Wissen über die Situation und den sozio-kulturellen Hintergrund zurückgegriffen werden. Ähnlichkeit (wahrgenommen bzw. [Auf einem Parkplatz:] Wo stehst du? Dieses Semester lesen wir Goethe.B. BEHÄLTER FÜR INHALT Sie steht nicht im Telefonbuch. Dackel) und Wortfelder (z. f. von welchem Getränk der Sprecher noch gerne ein Glas hätte.B. Durch diese unterschiedlichen sprachlichen Konstruktionen werden also jeweils bestimmte Aspekte „ins Bild gebracht“. z. Ihre Telefonnummer steht nicht im Telefonbuch. vorgestellt) Semasiologie (Zusammenhang der Bedeutungsaspekte eines Wortes) Generalisierung / Spezifizierung. e. „Schüler“) metaphorische Bedeutungserweiterung (Baumschule) Onomasiologie (Zusammenhang von Wörtern und Konzepten) konzeptuelle Domäne: Taxonomien (z.B. Der erste Zeppelin flog 1900. Der Unterschied zwischen den Metonymien in (4) und den ihnen entsprechenden ausführlicheren sprachlichen Konzeptualisierungen in (5) liegt im Fokus der Betrachtung. Die entsprechenden Beispiele in (5) geben hingegen viel spezifischere Informationen.LEXIKOLOGIE 45 (4) Einige konzeptuelle Metonymien a. Wasser. ARGUMENTIEREN IST KRIEG . So ist aus Beispiel (4f) nicht explizit abzulesen. Tier. Konzeptuelle Bezüge in der Semasiologie bzw. HERSTELLER FÜR PRODUKT f. Alle Bewohner unseres Stadtteils wählen Grün. Whisky usw. BEHÄLTER FÜR INHALT konzeptuelle Metapher.

durch die jede Einheit ihren eindeutigen Platz in der jeweiligen Taxonomie hat. Die Einteilung in „Damenbekleidung“ und „Herrenbekleidung“ ist also kein eindeutiges Kriterium für die Klassifizierung von Kleidungsstücken – weder auf der basalen. Leggings usw. Abbildung 6.3. so kann man durchaus den Eindruck gewinnen. auf welcher Ebene der Hierarchie eine Einheit anzusiedeln ist. Bei beiden Analysewegen lassen sich hierarchische Beziehungen (vom Allgemeineren zum Spezifischeren) erkennen sowie solche. noch auf der spezifischen Ebene. Minirock.1 an. Einer solchen Annahme stehen durchaus Zweifel entgegen: so ist es nicht immer möglich. die auf Kontiguität bzw.3 Unschärfe in konzeptuellen Domänen: problematische Taxonomien In Abschnitt 2.3 hatten wir bereits entdeckt. Auf der Basisebene stehen Kleidungsstücke wie Rock. dass es im Zusammenhang mit der Kategorisierung bei natürlichen Kategorien per definitionem an den Rändern zu Unschärfen kommen kann.46 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT In Übersicht 3 sind nochmals die konzeptuellen Beziehungen zusammengefasst. 2. ob Rhabarber als Obst oder Gemüse zu klassifizieren ist. Hose und Anzug und auf der spezifischen Ebene Wickelrock. eine exakte Entscheidung darüber zu fällen. Kleidung lässt sich noch problemlos als Element auf der obersten Ebene ansiedeln. Sieht man sich das Modell der basalen Kategorisierung in Abschnitt 2. So ist nicht eindeutig bestimmbar. Auch auf dem Gebiet der Onomasiologie verhält sich das nicht anders. mosaikartige Ordnung zu erkennen sei. die wir mit einer semasiologischen bzw. dass bei genauer Betrachtung des Wortschatzes eine trennscharfe.2.3. zwischen übergeordneter und basaler Ebene „Herrenbekleidung“ und „Damenbekleidung“ eindeutig auf einer allgemeinen Ebene einzuordnen. Ähnlichkeit beruhen. die Einordnung hängt stark von der kategorisierenden Person ab. Es gelingt aber nicht. onomasiologischen Betrachtungsweise in den Blick nehmen. Taxonomie mit Unschärfeproblemen EBENEN ÜBERGEORDNET Kleidung BASIS Rock Hose Anzug SPEZIFISCH Wickelrock Minirock Leggings Shorts Jeans ALLGEMEIN? Damenbekleidung Herrenbekleidung .

beinbedeckende Kleidung Hose Hosenrock Rock Rock Hose Wickel. wenn man beide unter den Kriterien Herrenbzw. Minirock d. Eine genauere Analyse von Bezeichnungen für „Kleidung“ stellt uns vor folgendes Problem: Auf welcher Ebene in Abbildung 6 müssten wir die lexikalische Einheit Hosenrock einordnen? Handelt es sich um ein Wort. sind diejenigen Mitglieder. beinbedeckende Kleidung b. Abbildung 8. Einige Kleidungsstücke a. d.Faltenrock rock Minirock Hosenrock Unser Problem bei der genauen Einordnung hat möglicherweise mit semasiologischen Prominenzeffekten zu tun. Wie wir bereits gesehen haben. auch die in einer Kategorie herausragendsten Mitglieder. in einer Sprache Beispiele für solche Einordnungsprobleme zu finden: Shorts. Damenbekleidung betrachtet. Faltenrock c. fällt es überhaupt nicht schwer.LEXIKOLOGIE 47 Wie aus Abbildung 6 deutlich wird. Wickelrock b. oder muss es unterhalb dieser Ebene als untergeordnete Kategorie (auf der spezifischen Ebene) eingeordnet werden. wie dies in Abbildung 7 versucht wird? Abbildung 7. die bevorzugt werden und am häufigsten auftreten. das zusammen mit Hose und Rock auf einer allgemeineren Ebene. Jeans und Hosen werden in der Regel sowohl von Männern als auch von Frauen getragen – die Taxonomie zeigt deshalb deutliche Überlappungen. Hosenrock auf der (a) Basisebene oder auf einer (b) spezifischen Ebene der Kategorisierung? a. der basalen Ebene.h. einzuordnen ist. Hosenrock Wörter wie Hose und Rock treten viel häufiger auf als Hosenrock – sie sind deshalb auch viel typischere Beispiele für die Kategorie als nicht so prominente .

Die Auswahl einer Bezeichnung für einen Referenten hängt sowohl von semasiologischen als auch von onomasiologischen Prominenzeffekten ab. warum ein Sprecher in einer bestimmten Situation eine bestimmte Bezeichnung für eine bestimmte Bedeutung und nicht eine andere auswählt? Für diese „pragmatisch ausgerichtete“ Form der Onomasiologie gelten zwei Grundprinzipien. ob ein Hosenrock als Hose oder Rock zu bezeichnen ist. welche Faktoren die Auswahl einer bestimmten lexikalischen Einheit bestimmen bzw. wo dieses Kleidungsstück in der Taxonomie einzuordnen ist. Auch Wörterbücher nehmen hier unterschiedliche Einordnungen vor.4 Semasiologie und Onomasiologie im Zusammenspiel In den vorausgegangenen Abschnitten dieses Kapitels wurden semasiologische wie auch onomasiologische Aspekte von einem theoretischen Standpunkt aus betrachtet. Man kann beispielsweise die Frage stellen. . Je prototypischer die Bedeutung eines Referenten für die Kategorie eingeschätzt wird. denn einige Kleidungsstücke können von Frauen ebenso gut wie von Männern getragen werden (vgl.48 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT Mitglieder. Je stärker der Name für eine Kategorie sich im Sprachgebrauch eingebürgert oder eingeschliffen hat. 2.1) gibt unter Hosenrock die Bedeutung „Kleidungsstück für Frauen von einer Form. auch eine moderne Kategorie von Bekleidung wie Unisex). denn diese Kategorie überschneidet sich mit der Klassifikation Rock – Hose – Anzug. die typischerweise von Frauen getragen wird“ – in ein taxonomisches Wortschatzmodell integriert werden müsste. desto größer ist die onomasiologische Prominenz dieses Ausdrucks. Wir wollen dieses Kapitel über Lexikologie aber nicht schließen. nennt allerdings Rock an erster Stelle. Das Duden Deutsches Universalwörterbuch (2001:803. einander überlappende Hierarchien.2) definiert hingegen „wie ein Rock geschnittene Hose mit sehr weiten Beinen“ und kategorisiert Hosenrock damit als spezielle Art einer Hose (siehe Abbildung 7). Daraus lässt sich nun schlussfolgern. Ein weiterer Punkt kommt noch hinzu: anders als das hier dargestellte Modell der sprachlichen Kategorisierung vielleicht nahe zu legen scheint. Im Wortschatz bestehen vielmehr mannigfaltige. Folglich ist bereits die taxonomische Einordnung von Damenbekleidung unklar. Fragen wir also nun. die aus Rock und Hose kombiniert ist“ an. wird im Deutschen mit Hosenrock der Aspekt „Rock“ deutlich hervorgehoben. quasi mit sich immer feiner verästelnden Ästen und Verzweigungen dargestellt werden. ohne bei der Untersuchung von Bezeichnungen und Bedeutungen einen praktischen Aspekt mit berücksichtigt zu haben. Diese Probleme werden auch im Sprachvergleich deutlich: während man im Englischen mit culottes eindeutig „women’s trousers“ bezeichnet. Abbildung 7 ist eine verkürzte Darstellung einiger Elemente aus Abbildung 6 und zeigt recht deutlich. dass wenn unklar ist. kann der Wortschatz einer Sprache nicht mit einer einzigen taxonomischen Baumstruktur. dass eine Klassifikation auf der Grundlage des Merkmals Geschlecht zu keiner eindeutigen Taxonomie führt. desto größer ist die semasiologische Prominenz dieser Bedeutung. es ebenso wenig klar ist. Wahrig Deutsches Wörterbuch (2000:660. legt sich also auf keine Einordnung fest. wie eine lexikalische Einheit wie Damenbekleidung – also „Kleidung.

h. wenn er sich durch den Sprachgebrauch stärker im Wortschatz eingeschliffen hat als Wickelrock. d. Im Wortschatz finden sich also Synonyme sowie spezifischere (d. im Sprachgebrauch stärker eingeschliffen hat als B. Nehmen wir Kraftfahrzeuge als ein Beispiel. wenn A eine lexikalische Kategorie darstellt. Andererseits verwenden wir viele verschiedene Wörter. als PKW und nicht als Kleintransporter? Die Bezeichnung PKW wird wahrscheinlich bevorzugt. d. um auf gleiche oder annähernd gleiche Referenten zu verweisen. dennoch als bessere Beispiele für die Kategorie „PKW“ angesehen werden. Wörter sind oft polysem. der eine Art Mischung aus Auto und Kleintransporter darstellt. sie haben eine Reihe von unterschiedlichen Bedeutungen. eine der beiden Kategorien zur Bezeichnung dieses Kleidungsstückes der anderen vorzuziehen. In ihrer Bedeutung entgegengesetzte Wörter bezeichnet man als Antonyme. Bedeutungsverwandte Wörter werden in Synonymwörterbüchern dargestellt. und vans werden schon seit geraumer Zeit als Familienautos benutzt. typisches Beispiel für die jeweilige Kategorie darstellt. Der Ausdruck Minirock wird dann zur Bezeichnung dieser Mischform ausgewählt werden. 2. da diese Wagen trotz der Tatsache. Folglich gibt es keine besondere semasiologische Motivation dafür. so dass sich dort der Name mini-van eingebürgert hat). welche Bedeu . Typische europäische Kleintransporter werden aber zum Transport von Gütern verwendet (in den USA gibt es diesen Fahrzeugtyp schon seit längerem. dass eine Sache eher durch eine lexikalische Einheit benannt wird. die sich in stärkerem Maße eingebürgert. Onomasiologische Prominenz lässt sich nun wie folgt bestimmen: ein Referent wird bevorzugt durch einen sprachlichen Ausdruck A anstatt durch B bezeichnet.h.5 Zusammenfassung In der Lexikologie werden die Beziehungen zwischen Wörtern und deren Bedeutungen untersucht. allgemeinere Wörter (Hyperonyme). In der Regel gehören sie nämlich Privatpersonen. Hyponyme) bzw. die sie für den Transport von anderen Personen verwenden. gleiche Wortformen mit unterschiedlichen Bedeutungen als Homonyme. Die Beziehung zwischen Wörtern und Bedeutungen kann man durch zwei unterschiedliche Herangehensweisen untersuchen: in der Onomasiologie geht man von einem Konzept aus und sucht nach Bezeichnungen für dieses Konzept. Unser Miniwickelrock ähnelt ebenso sehr einem Wickelrock wie auch einem Minirock. bei der sowohl semasiologische als auch onomasiologische Verfahrensweisen in logischer Weise miteinander kombiniert werden.h. Diese Erkenntnis deutet in Richtung einer vollständig integrierten Lexikologie. wenn diese ein gutes.LEXIKOLOGIE 49 Semasiologische Prominenz impliziert also. die Auswahl einer lexikalischen Einheit zur Bezeichnung eines bestimmten Referenten wird sowohl durch onomasiologische als auch durch semasiologische Prominenzeffekte bestimmt. Warum bezeichnen wir in Europa Kraftfahrzeuge wie den Renault Espace. dass sie sowohl mit PKWs als auch mit Lieferwagen gewisse Charakteristika teilen. In der Semasiologie schlägt man den umgekehrten Weg ein: ausgehend von einer Wortform untersucht man. Kurz.

Fisch etc. Eine Metapher geht aus wahrgenommener bzw. kommt uns ein Bedeutungsaspekt als erstes in den Sinn: es handelt sich um die für uns prominenteste Bedeutung des Wortes. Hose. Auto.B. die aus allen übrigen hervorsticht. Wörter stehen in sogenannten Wortfeldern miteinander in Beziehung. Wortfelder spiegeln grundlegende Unterscheidungen wider. die uns zur Benennung einer Sache zur Verfügung stehen. Sie können deshalb von klassischen Definitionsversuchen in ihrer Bedeutung nicht exakt erfasst werden – eine Ausnahme bilden hier hochspezialisierte Bedeutungen. dass die Taxonomien lexikalischer Einheiten sich nicht zu einer einzigen großen Taxonomie mit sich verzweigenden Bedeutungsverästelungen ergänzen. spezifische Ausdrücke wie Jeans oder Minirock verwenden. Die vom Zentrum der Kategorie ausgehenden Verknüpfungen beruhen auf kognitiven Prozessen wie Metonymisierung und Metaphorisierung sowie Generalisierung und Spezifizierung. spricht man von einer konzeptuellen MetonymSiec. bezeichnet man das Ergebnis als konzeptuelle Metapher. Beziehungen zwischen einzelnen Bedeutungen bzw. Wenn ein Teil einer Domäne für die gesamte Domäne oder auch umgekehrt die gesamte Domäne für einen Teil steht. vorgestellter Ähnlichkeit zwischen zwei Elementen bzw. Obwohl es sich dabei um grundlegend verschiedene Verfahrensweisen zur Untersuchung der Bedeutungen einzelner Wörter und der Bezeichnung einzelner Sachen handelt. „Gestalt eines Berges“) durch Teile einer sogenannten Ursprungsdomäne (z. Situationen hervor. sind Semasiologie und Onomasiologie doch durch Gemeinsamkeiten geprägt – beide Verfahren lassen ähnliche Phänomene erkennen. „Körperbau“) kategorisiert. Apfel. Auch hier gibt es Unschärfen. Anstatt dieser basalen Ausdrücke wie Hose oder Rock können wir aber auch übergeordnete Ausdrücke wie Kleidung oder Fahrzeug bzw. Wenn eine konzeptuelle Domäne auf eine andere übertragen wird. die zwei unterschiedlichen kognitiven Domänen angehören. Basisbegriffe sind in stärkerem Maß in den Wortschatz eingebürgert als Begriffe auf anderen Ebenen der Kategorisierung.hließlich muss noch erwähnt werden. Die verschiedenen Bedeutungen eines Wortes stehen in einem sternförmigen Netzwerk untereinander in Beziehung. Unter den verschiedenen Wörtern. Die Verknüpfung zweier Bedeutungsaspekte eines Wortes in einer Metonymie beruht auf Kontiguität. insbesondere aber zwischen den peripheren Mitgliedern zweier Kategorien (wie etwa Obst und Gemüse) sind stark verschwommen. Bei einer Metapher werden Teile einer Zieldomäne (z. gibt es immer eine prototypische Bezeichnung in Form eines Basisbegriffs wie Baum. Wörtern sowie Unschärfe. die innerhalb einer konzeptuellen Domäne von einer Sprachgemeinschaft getroffen wurden. Die Grenzen zwischen den einzelnen Bedeutungsaspekten innerhalb eines sternförmigen Netzwerkes. nämlich Prototypikalität. Wenn wir an die Bedeutungen eines Wortes denken. die in Wörterbüchern als technische/fachsprachliche Bedeutungen ausgewiesen werden. Selbst eine einzige Einheit wie Hosenrock lässt sich weder auf der basalen Ebene zusammen .B.50 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT tungsaspekte ihr zugeordnet sind und in welchen Beziehungen sie untereinander stehen. während andere Bedeutungsaspekte auf einem Kontinuum von weniger zentral bis hin zu peripheren Grenzfällen der Kategorie anzuordnen sind. Von den verschiedenen Bedeutungsaspekten der Wörter sind einige immer stärker zentral oder prototypisch.

fruit b. Obst. „sweet. Die Analysen von lexikalischen Einheiten zur Bezeichnung von Bekleidung in diesem Kapitel stützen sich auf Geeraerts. Studien zur Metapher und ihren Einfluß auf die Bedeutungserweiterung finden sich in Lakoff & Johnson (2000) und Indurkhya (1992). von Prototypikalität in Geeraerts (1988) und von Unschärfe in Geeraerts (1993). Lehrer (1974) und (1994) sowie Lehrer & Lehrer (1995) diskutieren Wortfeldstudien. Grondelaers & Bakema (1994). nl. Deutsches Wörterbuch von Hermann Paul) und vergleichen Sie die Einträge unter Frucht und Obst. (1974) für den Bereich Pflanzen und von Berlin & Kay (1969) für Farbbezeichnungen durchgeführt. Frucht nl. Studien zur Generalisierung und Spezifizierung finden sich in Ullmann (1957). Das Dictionary of Contemporary English führt unter fruit ‚Frucht‘ die beiden folgenden Bedeutungen an. Vergleichen 2. Eine ausführliche deutschsprachige Darstellung und Diskussion zu Metaphern gibt Liebert (1992). Taxonomien und Antonymen präsentiert Cruse (1991). inwiefern im Englischen eine semasiologische. 2. Dörschner (1996) vergleicht Wortfeldkonzeption und Prototypentheorie. = dt. Eine kritische Einschätzung klassischer Definitionsversuche von Wörtern durch hinreichende und notwendige Kriterien findet sich in Geeraerts (1987).LEXIKOLOGIE 51 mit Hose und Rock noch auf der spezifischen Ebene zusammen mit Unterkategorien von Rock wie Wickelrock oder Minirock eindeutig einordnen. Eine Untersuchung zur Bedeutungsveränderung insbesondere durch das Prinzip der Metonymie liegt mit Stern (1931) vor. „seed-bearing part of plant or tree“. Kleidung in die Zweige Damen. Nehmen Sie ein anderes Wörterbuch als Wahrig Deutsches Wörterbuch zur Hand (etwa Duden Deutsches Universalwörterbuch. Ein solches Beispiel stellt auch jeglichen Versuch in Frage. Ein leicht zugängliches Buch über linguistische Kategorisierung und Prototypensemantik ist Taylor (1995). 2. Wirtschaft und Wissenschaft. . Studien über basale Termini wurden von Berlin (1978) und Berlin et al. vrucht. im Deutschen und anderen germanischen Sprachen eine onomasiologische Lösung für dasselbe Problem der Kategorisierung gefunden wurde. Eine Studie zu lexikalischen Relationen. Gute Darstellungen der kognitiven Metapherntheorie mit empirischen Untersuchungen sind Baldauf (1997) zu Alltagsmetaphern und Jäkel (1997) zu Konzeptualisierungen von Geistestätigkeit.6 Leseempfehlungen Eine Einführung in die Prototypensemantik gibt Kleiber (1998). Erklären Sie bitte. soft and edible part of plant“ = dt.7 Aufgaben 1.und Herrenbekleidung zu unterteilen – viele Einheiten gehören beiden übergeordneten Kategorien an. Im Deutschen wie auch im Niederländischen werden diese Bedeutungen durch zwei unterschiedliche Wörter kategorisiert: fruit a.

(b) „Ort des Denkens“: Ich hatte den Kopf voller toller Ideen. in welcher Beziehung die Kategorien „Obst“ und „Gemüse“ zueinander stehen. zu unterscheiden. rundlicher Körperteil. Finden sich in beiden Wörterbüchern dieselben Angaben? Werden sie in derselben Reihenfolge angeführt? Was sagen die Ähnlichkeiten und Unterschiede über Wörterbücher aus – oder vielleicht sogar über das gesamte sprachliche System? 3. (k) „Intelligenz“: Sie ist ein kluger Kopf. Fußballrowdies schlugen den Polizisten auf den Kopf. was dort in der Abteilung „Obst/Gemüse“ angeboten wird. am Kopf der Tafel sitzen (i) „rundlicher. Kohlkopf Stellen Sie diese einzelnen Bedeutungsaspekte in einem sternförmigen Netzwerk dar. (h) „oben/Spitze von etwas“: Kopfzeile. Sportschuhe. (d) „Willen“: Sie hat wie immer ihren Kopf durchgesetzt. b. Das Wort Kopf hat im Deutschen eine ganze Reihe von Bedeutungsaspekten. Gehen Sie in einen größeren Supermarkt oder auf den Wochenmarkt und notieren Sie alles.52 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT Sie diese Einträge mit (1). welche Bedeutungen sind als Metaphern. Schuhe. 5. von denen hier einige wiedergegeben sind: (a) „oberster. Pumps und setzen Sie sie untereinander und zu Bezeichnungen wie Hausschuhe. Metonymie wie in „Schule“ oder eher um eine konzeptuelle Metapher bzw. welche nicht? Zeichnen Sie für die Menge all dieser Wörter eine hierarchische Taxonomie. (e) „Emotion“: Er ist ein Hitzkopf. Welche dieser Wörter sind Hypo. . (c) „Verstehen“: Der Prof redet wieder über die Köpfe der Studenten hinweg. jeweils 10 Beispiele für „Obst“ bzw. c. Mund. Sandalen. c. (g) „Person“: Das wurde einfach über seinen Kopf hinweg entschieden. a. Nase. in Beziehung. Gummistiefel. Ordnen Sie die Bezeichnungen alphabetisch und legen Sie diese Liste mehreren Informanten vor. Metonymie wie bei „Bergrücken“? Sammeln Sie Wörter aus dem Wortfeld Fußbekleidung wie Stiefel. Werten Sie Ihre Umfrage aus. rundlicher Teil von Gemüsepflanzen“: ein Kopf Salat. was sie aus dieser Liste als Obst bzw.bzw. a. Welche Prozesse der Bedeutungserweiterungen haben stattgefunden. Bitten Sie diese. oberer Teil von etwas“: Streichholzkopf (j) „pro Person“: Pro-Kopf-Einkommen. Straßenschuhe etc. b. Wie lassen sich die Ergebnisse aus (a) und (b) aufeinander beziehen? Diskutieren Sie nun nach Ihren Erhebungen. Hyperonyme? Welche dieser Wörter könnte man als Bezeichnungen der Basisebene ansehen? Welche dieser Wörter sind stark in den Wortschatz eingebürgert. Ohren und Gehirn gehören“. als Gemüse bezeichnen würden. (l) „essbarer. Bergstiefel. Holzklotschen. Gehen Sie dann umgekehrt vor: bitten Sie eine weitere Gruppe von Informanten. zu dem Augen. einen kühlen Kopf bewahren (f) „Anführer einer Gruppe“: Der Kopf der Bande ist immer noch frei. d. welche als Metonymien zu verstehen? Handelt es sich jeweils um eine „sprachliche“ Metapher bzw. d. „Gemüse“ aufzuschreiben. 4. Kann „Gemüse“ klassisch definiert werden? Unternehmen Sie einen Versuch und begründen Sie Ihre Antwort.

KAPITEL 3 Die kleinsten Bedeutungsbausteine der Sprache: Morphologie 3. Durch freie und gebundene grammatische Morpheme werden Wörter zu grammatischen Einheiten verknüpft. Inhaltlich gesehen lassen sich Morpheme in lexikalische und grammatische Morpheme unterscheiden. Wie Wörter haben Morpheme sowohl prototypische als auch periphere Bedeutungsaspekte. Generalisierung. die sich in sternförmigen Bedeutungsnetzwerken darstellen lassen. Die wichtigsten Wortbildungsprozesse im Deutschen sind Zusammensetzung (Frucht + Saft = Fruchtsaft) und Ableitung (frucht + -ig = fruchtig). also Simplizia. aus denen Wörter bestehen. Grammatische Morpheme sind Bauelemente . Sowohl freie als auch gebundene lexikalische Morpheme tragen jeweils die Kernbedeutung von Wörtern – man nennt sie deshalb auch Kernmorpheme.0 Überblick In Kapitel 2 über Lexikologie haben wir gesehen. Gebundene lexikalische Morpheme können nicht ohne Flexionsendungen als Wörter auftreten. Aus freien Kernmorphemen (Simplizia) und auch aus gebundenen Kernmorphemen lassen sich komplexe Wörter bilden. Metaphorisierung und Metonymisierung. Freie lexikalische Morpheme bilden auf der Wortebene einfache Wörter. Die Untersuchung der Struktur von Wörtern fällt in den Bereich der Morphologie. Morpheme kann man nach formalen Kriterien in freie und gebundene Morpheme einteilen. Darüber hinaus gibt es noch Konversion (schwimmen > (das) Schwimmen). Wörter lassen sich in kleinste bedeutungstragende Einheiten zerlegen. Von der Bedeutungsseite her gesehen kann ein Begriff aber auch durch verschiedene lexikalische Einheiten ausgedrückt werden (Onomasiologie). Diese Prinzipien lassen sich auch bei der Betrachtung von Bedeutungsbausteinen aufzeigen. Wortkreuzung oder Wortverschmelzung (ja + nein > jein). Beide Morphemarten kommen sowohl in freier als auch in gebundener Form vor. so genannte Morpheme. dass lexikalische Einheiten mehrere zueinander in Beziehung stehende Bedeutungen haben können (Semasiologie). Kürzung (Omnibus > Bus) und Akronymbildung (Europäische Union = EU) sowie Rückbildung (notland(en) rückgebildet aus Notlandung). Sowohl die Beziehungen zwischen einzelnen Bedeutungsaspekten eines Wortes als auch die Bedeutungsunterschiede zwischen Wörtern eines Wortfeldes sind Ergebnisse von Prozessen der Spezifizierung.

Durch das Anhängen von -lich wird das ursprüngliche Substantiv zu einem Adjektiv mit der Bedeutung „wie ein Kind“. Es sind grammatische Morpheme. {UND} sowie {ÜBER} tragen grammatische . Nach formalen Kriterien lassen sich Morpheme danach unterscheiden. dass von mehr als nur einem Kind die Rede ist.1 Einleitung: Bedeutungsbausteine und Wortbildung Nach einer kurzen Einführung in einige traditionelle Grundbegriffe der Morphologie werden wir darauf eingehen. Morpheme. Bei der Einordnung von Morphemen werden formale und inhaltliche Kriterien miteinander kombiniert: {KIND}. erhält man die kleinsten bedeutungstragenden Einheiten in einer Sprache. Wenn man Wörter so weit in bedeutungstragende Einheiten zerlegt. Morpheme sind Konzepte. und {ÜBER} können selbstständig als Wörter auftreten (nämlich Kind. {-lich}). d. welche Rolle die Wortbildung bei der Bezeichnung von neuen Bedeutungen spielt. {BAUM} oder {UNTER}. der. Morpheme lassen sich nach inhaltlichen Kriterien danach unterscheiden. Morpheme wie {-er} und {-lich} können nur gebunden an andere Morpheme auftreten und heißen deshalb gebundene Morpheme.1. 3. {TISCH} und {GELB} tragen lexikalische Bedeutung und heißen deshalb lexikalische Morpheme.54 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT für syntaktische Gruppen (die grünen Zweige) und für die Satzbildung (er arbeit-et-e). das die lexikalische Bedeutung „nicht erwachsener Mensch“ trägt.1 Bedeutungsbausteine: lexikalische und grammatische Morpheme In Kapitel 2 hatten wir uns auf die Betrachtung von Wörtern und ihre Bedeutungen konzentriert. Vergleicht man Wörter wie Kind. zeigt sich. es besteht aus einem Morphem. bis keine weitere Zerlegung mehr möglich ist. Kinder und kindlich miteinander. ob sie in einem Satz selbstständig als Wörter oder nur gebunden an andere Morpheme auftreten können. die Bedeutung tragen.B. 3. schreiben wir in Großbuchstaben (z. die selbstständig Wörter bilden können. Durch das Anhängen von -er an das Substantiv Kind wird signalisiert. Morpheme wie {DER}. Deshalb schreiben wir von nun an Morpheme in geschweiften Klammern. und über) und sind deshalb freie Morpheme. Ebenso wie die bedeutungstragenden Einheiten -er und -lich lässt sich auch das Wort Kind nicht weiter zerlegen.h. gelb. morphē ‚Form‘). {UND}. Tisch. dass es unterhalb der Wortebene noch kleinere sprachliche Einheiten gibt. {DER}. Die Morpheme {DER}. {TISCH} und {GELB} tragen lexikalische Bedeutung und können selbstständig Wörter bilden: es sind freie lexikalische Morpheme. die nicht mit Wörtern oder Lexemen verwechselt werden dürfen. {ÜBER} und das Pluralmorphem {-er} tragen hingegen grammatische Bedeutung.B. Morpheme wie {KIND}. Die Morpheme {KIND}. so genannte Morpheme (von griech. ob sie lexikalische oder grammatische Bedeutung tragen. während wir nicht selbstständige Morpheme in Kleinbuchstaben und mit Bindestrich notieren (z. {GELB}. {TISCH}.

Man nennt sie deshalb auch einfache Wörter oder Simplizia. Ihre Beschreibung fällt in einen Teilbereich der Morphologie.B. weiß etc. Das Morphem {-er} trägt ebenfalls grammatische Bedeutung. Wälder). Freie grammatische Morpheme werden auf der Wortebene als Funktionswörter bezeichnet. {SAFT}. {-e} ist die Personalendung für die 3. Man bezeichnet sie als Allomorphe des deutschen Pluralmorphems. Verb. An Kernmorpheme gebundene grammatische Morpheme heißen daher auch Flexionsmorpheme. Obwohl es sich um unterschiedliche Formen handelt. Inhaltswörter miteinander funktional in Beziehung zu setzen.2 Einfache und komplexe Wörter Viele Wörter wie Traum. das. Bären). Funktionswörter können zusammen mit einem oder mit mehreren Inhaltswörtern eine Wortgruppe oder auch syntaktische Gruppe bilden. wie etwa die Morpheme zur Bildung des Partizip I und II {end} in gehend bzw. gehst. etc.B. . den man als Flexion bezeichnet. {lauf-}.MORPHOLOGIE 55 Bedeutung. Beine). Person Singular) sowie die Morpheme zur Bildung des Partizip I {-end} in gehend bzw. Sie bilden so genannte flektierte Formen. bestehen jeweils nur aus einem einzigen freien Kernmorphem. Ein Beispiel ist die Bildung des Plurals im Deutschen: an ein Substantiv wird jeweils eine bestimmte Pluralendung angehängt: {-e} (Bein. Aber nicht nur grammatische. die Morpheme {-et} und {-e} in wartete (dabei zeigt {-et} den Imperfekt an. des Partizip II {ge. Ihre Anzahl ist beschränkt. so wie in Grammatik der deutschen Sprache oder Institut für deutsche Sprache. stehen im Satz für sich alleine und sind somit freie grammatische Morpheme. und einer Verbendung. die. der die inhaltliche Bedeutung trägt. sondern auch lexikalische Morpheme kommen in gebundener Form vor. Numerus und Person anzeigt z. So bestehen im Deutschen alle Verben aus einem Verbstamm. tragen sie alle dieselbe Bedeutung „Plural“. geht. Kinder – Wald. zusammen mit anderen Morphemen) so genannte Inhaltswörter. {-s} (Wrack. singt) und mit dem die 1. geht. gehen. Person Singular Präsens angezeigt wird. Im Vergleich zu Inhaltswörtern ist die Bedeutung von Funktionswörtern abstrakt und daran orientiert.+ -et} in gewartet etc. nämlich Fruchtsaft bzw. {ge. 3. {-en} (Bär. Freie und gebundene Kernmorpheme wie {FRUCHT}. {lauf-}. Gebundene grammatische Morpheme sind stets an Substantiv-. Man bezeichnet sie deshalb auch als Kernmorpheme. gehe. {-er} (Kind. und {BAND} lassen sich zu komplexen Wörtern zusammensetzen. zwei. die Tempus. kommt aber nur in Verbindung mit anderen Morphemen vor: es ist ein gebundenes grammatisches Morphem. Sie bilden auf der Wortebene (evtl. Das Ergebnis einer solchen Zusammensetzung oder Komposition ist ein Kompositum.oder Adjektivformen gebunden. Die Verbstämme {geh-}.+ -et} in gewartet etc. Wracks). springt.1. Sowohl freie als auch gebundene lexikalische Morpheme stellen den Bedeutungskern von Wörtern dar. das als Endung an Verbstämme angehängt wird (z. Laufband. wie die bestimmten Artikel der. Weitere Beispiele sind das Morphem {-t}. {schreib-} sind gebundene lexikalische Morpheme. Elefant.

und man bezeichnet diesen Prozess zur Bildung komplexer Wörter als Ableitung oder Derivation. wie folgende Beispiele zeigen (KM = Kernmorphem. Wortbildungsprozesse und komplexe Wörter Wortbildungsprozesse Komposition Kernmorphem + Kernmorphem {FRUCHT} + {SAFT} {lehr-} + {BUCH} Derivation Kernmorphem + Derivationsmorphem {FRUCHT} + {-bar} {lehr-} + {-er} Nicht nur Kernmorpheme. Das Ergebnis des Prozesses sind Ableitungen oder Derivate. Gebundene Morpheme. {GELB} + {-lich} → gelblich oder {spring-} + {-er} → Springer. {FRUCHT} + {bar} → fruchtbar. Abbildung 1. sondern auch bereits zusammengesetzte oder abgeleitete komplexe Wörter können die Basis für weitere Prozesse der Zusammensetzung bzw.56 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT Komplexe Wörter können auch gebildet werden. KM + Derivationsmorphem {lehr-} . z. Komposition und Derivation sind die beiden Hauptarten unter den Wortbildungsprozessen. diesen Zweig der Morphologie nennt man Derivationsmorphologie. Ableitung sein. heißen Derivationsmorpheme. gKM = gebundenes Kernmorphem): Tischtennisplatte Tischtennis {TISCH} {TENNIS} {PLATTE} Komposition: Kompositum + freies KM Komposition: freies KM + freies KM Deutschlehrer {DEUTSCH} Lehrer {-er} Komposition: freies KM + Derivat Derivation: geb. mit deren Hilfe Ableitungen gebildet werden. fKM = freies Kernmorphem. indem im einfachsten Fall ein gebundenes Morphem an ein freies oder gebundenes Kernmorphem angehängt wird.B. Auf diese Weise werden neue Wörter aus bestehenden Wörtern abgeleitet.

lat vinco. {FURCHT} + {-bar} → furchtbar. Substantiven. wie {ge. Zirkumfixe umgeben ein Kernmorphem von beiden Seiten her. so genannte Derivationsaffixe. affigere ‚anheften‘) bezeichnet. Eine Gruppe von Affixen. vici). Im Deutschen spielen Infixe keine Rolle.B. Durch das Anhängen dieser Flexionsmorpheme entstehen flektierte Formen. Präfixe.+ Derivat Komposition: fKM + Kompositum Komposition: fKM + Derivat (Konversion) Derivation: Präfix + geb. Die Beschreibung von Flexionsmorphemen und flektierten Formen fällt in den Bereich der Flexionsmorphologie. z. in diesem Fall bezeichnet man sie als Suffixe und den Prozess als Suffigierung. dienen bei der Bildung komplexer Wörter zur Derivation.MORPHOLOGIE 57 Sommerschlussverkauf : {SOMMER} Schlussverkauf {SCHLUSS} Verkauf {ver-} {kauf-} Hochspannungsleitung Hochspannung -sleitung Komposition: (Derivat + Fugenelement -s. Adjektiven. d. Affixe lassen sich nach ihrer Funktion in zwei Gruppen unterscheiden. Eine andere Gruppe zeigt bei der Satzbildung in Verbindung mit Verben. den Wortbildungsprozess als Präfigierung. die in ein Kernmorphem eingefügt werden (z. Pronomen und Artikel die grammatischen Beziehungen im Satz an.+ -et} in gearbeitet. Zirkumfixe und Infixe werden zusammengefasst als Affixe (von lat.B. in {be-} + {schreib-} → beschreib(en). In manchen Sprachen gibt es darüber hinaus noch Infixe . Abbildung 2 fasst die Funktionen von grammatischen Morphemen bei der Bildung grammatischer Einheiten noch einmal zusammen: .h. Zum anderen können gebundene grammatische Morpheme aber auch an ein Kernmorphem angehängt werden. Solche vorangestellten gebundenen Morpheme bezeichnet man als Präfixe. KM {HOCH} Spannung {spann-} {-ung} Derivation: gKM + Suffix {leit-} {-ung} Komposition: fKM + Derivat Derivation: gKM + Suffix Derivate können zum einen durch Voranstellung eines Derivationsmorphems vor ein freies oder ein gebundenes lexikalisches Morphem gebildet werden wie in {un-} + {KLUG} → unklug bzw. Suffixe. gebundene grammatische Morpheme.

Im amerikanischen und britischen Englisch existiert zwar ein Adjektiv handy ‚praktisch. Das englische Adjektiv handy wurde ohne Veränderung der Form im Deutschen in eine andere Wortart umgesetzt (diese Wortbildungsart der Konversion wird weiter unten behandelt) und hat eine andere Bedeutung erhalten. schnurloses Telefon. unabhängiges Telefon etc. aber kein entsprechendes Substantiv zur Bezeichnung eines Telefons. denn durch Handy wird der Aspekt „handlich und praktisch“ besonders hervorgehoben und metonymisch zur Bezeichnung des ganzen Gerätes verwendet. sondern überall hin mitnehmen kann. Die deutsche Bezeichnung Handy ist allerdings durch die englische Bedeutung des englischen Wortes handy motiviert. Vor einigen Jahren wurde ein neuartiges Telefon entwickelt. Ein bestimmter Aspekt. wird durch die Konstruktion hervorgehoben und steht metonymisch für den gesamten Apparat.3 Wortbildung und die Bezeichnung neuer Konzepte Bisher haben wir vier verschiedene Möglichkeiten kennen gelernt. wieso sich unter all diesen Möglichkeiten zum Ausdruck eines neuen Konzeptes eine bestimmte Neubildung durchsetzt. wie diese technische Neuerung in verschiedenen Sprachen bezeichnet wird.58 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT Abbildung 2. eine andere aber nicht? Betrachten wir zur Klärung dieser Frage einmal folgendes Beispiel. Taschentelefon. So entstehen Komposita. gemischte Formen und syntaktische Gruppen. Im Englischen verwendet man die Ausdrücke mobile phone sowie cellular phone . Funktelefon. Welche der möglichen Neubildungen setzt sich nun aber im Sprachgebrauch durch? Vergleichen wir einmal. Nun stellt sich die Frage. tragbares Telefon. bezeichnet man sie oft als Scheinentlehnungen (siehe etwa Simmler 1998:359).1. handlich’. Diese Neuentwicklung könnte beispielsweise mit folgenden Neubildungen bezeichnet werden: Mobiltelefon. Im Deutschen wird diese Art des Telefons mit einem scheinbar englischen Wort als Handy bezeichnet. Da Bildungen wie Handy oder Dressman im Englischen nicht existieren. mit denen wir neue Konzepte sprachlich bezeichnen und durch neugebildete Formen zum Ausdruck bringen können. Jede dieser denkbaren Bezeichnungen spiegelt eine bestimmte Konstruktion der Realität wider. das man nicht mehr über ein Telefonkabel fest an eine Telefonbuchse anschließen muss. Grammatische Morpheme und grammatische Einheiten Grammatische Einheiten syntaktische Gruppen das {DAS} freies grammatisches Morphem flektierte Formen gehst {geh-} gebundenes lexikalisches Morphem Haus {HAUS} freies lexikalisches lexikalisches Morphem {-st} gebundenes grammatisches Morphem 3. nämlich das Neue an diesem Telefon. Derivationen.

Wortgruppen der deutschen Sprache: Rechner. Übersicht 1 fasst die wesentlichen Möglichkeiten zur Wortbildung und damit zur Bezeichnung neuer Konzepte im Deutschen zusammen: Übersicht 1.MORPHOLOGIE 59 oder einfach cellular und betont damit die Mobilität bzw. das aus einem tragbaren Teil (einem Handgerät) und einer an eine Telefondose angeschlossenen Station besteht und im Gegensatz zum Handy in seiner Reichweite begrenzt ist. Neben einfachen Zusammensetzungen aus Kernmorphemen gibt es noch eine ganze Reihe anderer Wortbildungsprozesse. Festplatte. Des Weiteren sind Zusammensetzungen mit Trag(e). herunterladen etc. die normalerweise nicht tragbar sind (wie etwa tragbarer Fernseher). Akronym AIDS = Acquired Immune Deficency Syndrome Die nun folgenden Abschnitte werden die Haupttypen der deutschen Wortbildung behandeln.3 um Derivation. Monitor. Man könnte also im Deutschen ebenso wie im Niederländischen von einem tragbaren Telefon oder vielleicht auch von einem Tragetelefon sprechen. in 3. Computerbildschirm. elektronische Nachricht versenden. downloaden. Startseite.bereits für Ausdrücke wie Tragetasche. Insbesondere bei Bezeichnungen aus dem Computerbereich besteht eine ständige onomasiologische Konkurrenz zwischen Lehnwörtern und neugebildeten komplexen Wörtern bzw. Handy hat sich gegenüber all diesen möglicherweise denkbaren Bezeichnungen im alltäglichen Sprachgebrauch durchgesetzt. elektronische Nachricht. Im Deutschen werden viele technische Neuerungen mit sogenannten Lehnwörtern aus dem Englischen bezeichnet. In Abschnitt 3. und 3. die zu neuen komplexen Wörtern führen. Einzelarbeitsplatz. Das gilt auch für schnurloses Telefon. Tragegurt etc. Italiener betonen mit telefonino die Kleinheit des Gerätes. die technische Bauart des neuen Gerätes. Workstation.4 um weitere Arten der Wortbildung. andere setzen sich durch häufigen alltäglichen Gebrauch allmählich im Sprachgebrauch als alleinige Bezeichnung durch und werden als Lexeme in den Wortschatz der deutschen Sprache aufgenommen.5 dreht sich um grammatische Morpheme. Allerdings wird tragbar im Deutschen überwiegend in Zusammenhang mit größeren Geräten verwendet. een draagbare telefoon. Einige dieser Bezeichnungen bestehen nebeneinander.B. Homepage. In jedem dieser Abschnitte werden wir auf die ver- . Im Französischen und im Niederländischen wird der Aspekt der Tragbarkeit in den Blick genommen – diese Art des Telefons nennt man un portable ‚ein Tragbares‘ bzw.2 geht es um Komposition. so zum Beispiel Computer. Harddisk. in Abschnitt 3. mailen. E-Mail. in der Bedeutung „Hilfsmittel zum Tragen“ üblich und stehen zur Bezeichnung anderer Bedeutungen nicht mehr zur Verfügung. Verschiedene Arten lexikalischer Formen Simplex Komposition gelb Kopf Tag hellgelb Kopftuch Arbeitstag Derivation kombinierte Arten gelblich gelbstichig köpfen täglich kopflastig Vertagung syntaktische Gruppen ein gelbes Auto Kopf der Bande Tag der deutschen Einheit weitere Arten z.

(1) Zusammensetzung (a) ohne und (b) mit Fugenelementen a. welche besondere Rolle Komposita für die sprachliche Konzeptualisierung spielen.2. Verben bezeichnen hingegen vorübergehende zeitliche Relationen zwischen Einheiten wie zeitabhängige Aktionen und . Lesebuch Die Bedeutungen der Einzelkomponenten lassen in vielen Fällen auch erkennen. Baumhaus. mit jeweils drei Mitgliedern. Adjektiv und Verb an. haben aber deren ursprüngliche syntaktische Funktion und Bedeutung verloren (1b). indem man zwei Kernmorpheme direkt aneinanderfügt wie in (1a). Tretboot Hochstuhl. Substantiv + Substantiv b. Diese Fugenelemente gehen oft auf Flexionsendungen zurück. Adjektiv.2 Komposition Im Deutschen werden Komposita gebildet. Hausboot Drehstuhl.1 Grundmuster der Komposition Die Komposition folgt festen Mustern: das Erstglied eines Kompositums wird in der Regel betont. 3. Küchenstuhl. während das Zweitglied die Wortart bestimmt. Es gibt also im wesentlichen drei Kategorien der Komposition. zu der das neugebildete Wort gehört. Adjektiv + Substantiv Küchenstuhl. Dann werden wir den Unterschied zu syntaktischen Gruppen erläutern und schließlich auf verschiedene Kompositionsmuster im Deutschen eingehen. Schnellboot Die Bedeutungen der Substantivkomposita in (2) hängen auch von den abstrakten Grundbedeutungen der drei Wortarten Substantiv. Oft sind auch sogenannte Fugenelemente notwendig.und Verbkomposita: (2) SUBSTANTIVKOMPOSITA a. in welcher Beziehung diese zueinander stehen. Verb und Adjektiv ab: Substantive bezeichnen eine Klasse von Einheiten.60 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT schiedenen Bedeutungsaspekte von Morphemen und ihre Rolle bei der Bezeichnung von Konzepten eingehen. die zwischen die beiden Bestandteile in die Kompositionsfuge eingeschoben werden. nämlich Substantiv-. Das Erstglied modifiziert die Bedeutung des Kopfes und wird deshalb auch Modifikator genannt. Verb + Substantiv c. Im Folgenden werden wir zunächst untersuchen. Dehnungsfuge. eiskalt. 3. Tanzbär trägt das Zweitglied Bär die Hauptbedeutung und bestimmt die Wortart des Kompositums (hier: Substantiv). Waschbär. Der Kopf gehört überwiegend einer der drei Hauptwortarten Substantiv. Kampfhund b. In deutschen Beispielen wie Braunbär. die im prototypischen Fall als zeitbeständig konzeptualisiert werden. Es wird deshalb auch als Kopf des Kompositums bezeichnet.

„Bremsschuh“ in (3c) geht auf einem metaphorischen Prozess zurück: die Form des Bremsklotzes motiviert eine Konstruktion durch die Ursprungsdomäne Schuh. Kinderschuhe „Schuh für Kinder“ Neue Komposita interpretieren wir vor dem Hintergrund unseres kulturellen Wissens. Arbeitsschuh „besonders verstärkter Schuh zum Schutz der Füße in bestimmten Berufen“ f. Die folgenden Substantivkomposita mit dem Kopf Schuhe sind Beispiele hierfür: in (3a) gibt der Modifikator das Material an. Natürlich spielen neben den hier aufgeführten noch viele andere konzeptuelle Relationen eine Rolle. So bedeutet Handschuh nicht “Schuh für die Hand“ sondern „Bekleidung. Verben und Adjektive bezeichnen Relationen (im Gegensatz zum Substantiv). der unter die Schuhe geschnallt wird und das Einsinken in Tiefschnee verhindert“ zu verstehen. aus dem die Schuhe gefertigt sind. Ein Drehstuhl (Typ b) ist ein Stuhl. für den diese Schuhe bestimmt sind. In (3b-e) ist die Zweckrelation jeweils offensichtlich. der für die Verwendung in der Küche bestimmt und prototypisch dort auch zu finden ist. als auch Relationen. die zeitlich beständig sind. welche die Hand umschließt“. Betrachten wir zunächst die drei Kombinationsmöglichkeiten zwischen Substantiv.MORPHOLOGIE 61 Vorgänge. Verb. In den beiden Fällen (3d) und (3e) ist die Bedeutung von Schuh jeweils allgemeiner als in (a) und (b). während er in (3f) den Personenkreis angibt. Bremsschuh d. Schneeschuh „Schuh aus Leder“ „Schuh zum Tennisspielen“ „keilförmiger Bremsklotz für Eisenbahnwagons“ „Holzrahmen mit Netzbespannung zum Laufen im Schnee“ e. auf dem ein Baby erhöht in Tischhöhe sitzen kann. mit dem man sich in verschiedene Positionen drehen kann. Sie beziehen sich auf prototypische Fälle. ein Hochstuhl (Typ c) ein besonderer Stuhl.und Adjektivkomposita werden also anders interpretiert als Substantivkomposita. in (3b-e) jeweils den Verwendungszweck. Tennisschuh c. In der Zusammensetzung unter (2a) Substantiv + Substantiv bezeichnet Küchenstuhl einen Stuhl. die zeitlich nicht beständig sind. (3) a. Unsere Charakterisierungen der konzeptuellen Relation zwischen den mindestens zwei Komponenten eines Kompositums sind nur sehr allgemein formuliert. Verb und Adjektiv bei der Verbkomposition: . Adjektive nehmen eine Mittelstellung ein: sie stellen eine Beziehung zwischen Substantiven und Eigenschaften her und bezeichnen dabei sowohl Relationen. In Schneeschuh (3d) ist der Kopf Schuh allgemeiner als „Rahmen mit Netz. Lederschuh b. Die einzelnen Elemente der Zusammensetzung behalten also nicht notwendigerweise ihre ursprünglichen Bedeutungen bei – diese werden oft erweitert (generalisiert) oder verengt (spezifiziert).

Das Verb in (5b) bezeichnet den Grad. während die syntaktische Gruppe ein großer Markt lediglich die Eigenschaft eines Marktes bezeichnet. Das Adjektiv als Erstglied in (5c) gibt den Grad. eine zeitliche. schlagbohren. Verb + Adjektiv c. einer Präposition. Substantiv + Verb b. Adjektiv + Verb Rad fahren. unter denen dieses Ereignis stattfindet: in (4a) wird die Beziehung zwischen Erst. die Schattierung bzw. und in (4c) wird durch die Zusammensetzung angegeben. zollfrei triefnass. Maschine schreiben. Nominalphrasen wie eine elektrische Zahnbürste. die Intensität an. nämlich als „gleichzeitig schlafen und wandeln“ bzw. z.h. einem Adjektiv und einem Nomen bestehen.und Zweitglied instrumentell interpretiert „mit dem Rad fahren/der Maschine schreiben“. schlafwandeln. Eine Nominalphrase ist eine Einheit zwischen der Wort. Komposita und syntaktische Gruppen mit ähnlichen lexikalischen Bestandteilen müssen nicht notwendigerweise auch gleiche Bedeutungen haben. Zwischen (6b) und (7b) gibt es aber einen Unterschied: ein Großmarkt ist ein „Markt für Einzelhändler“. Substantiv + Adjektiv b. wie eine Tätigkeit ausgeführt wird: „etwas reinigen und es dabei trocken lassen“ bzw. Der Unterschied zwischen den Bedeutungen (6c) eine Jungfrau und (7c) eine junge Frau ist schon deutlich größer.62 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT (4) VERBKOMPOSITA a. die nach bestimmten Regeln zusammengestellt werden. dass es trieft“. Verb + Verb c. stinkreich dunkelblau. Die letzten beiden Beispiele und haben völlig verschiedene Bedeutungen: mit Weichei (6d) ist kein weiches Ei (7d) gemeint. . es besteht sozusagen eine onomasiologische Konkurrenzsituation. nichtbeständige Relation. hellgelb Bei den Adjektivkomposita in (5a) bezeichnet der substantivische Modifikator jeweils den Bereich oder das Gebiet. festbinden Der Kopf eines Verbkompositums bezeichnet ein Ereignis. z. zu dem die genannte Eigenschaft auf eine Sache zutrifft. auf den sich der adjektivische Kopf bezieht. trockenreinigen.2. die aus einem Artikel. die ein Nomen oder Pronomen als Kern hat. Adjektiv + Adjektiv farbenblind. 3. „gleichzeitig schlagen und bohren“. in (4b) zeitlich.B.2 Komposita im Vergleich zu syntaktischen Gruppen Syntaktische Gruppen bestehen aus mehreren Wörtern. Für das Konzept „atomare Waffe“ sind mehrere Bezeichnungen üblich. mit denen die bezeichnete Eigenschaft auf eine Sache zutrifft: eine Farbe kann dunkel oder am anderen Ende der Helligkeitsskala hell sein. Zwischen dem Kompositum (6a) und der syntaktischen Gruppe (7a) gibt es keinen nennenswerten Bedeutungsunterschied. triefnass „so nass. und bedeutet etwa so viel wie „sehr“.B. d. (5) ADJEKTIVKOMPOSITA a. Der Modifikator gibt dabei allgemein gesagt die Umstände an. evtl. „etwas fest an etwas anderes binden“.und der Satzebene.

h. brutgomo. Blaubeere. Hauptstraße). hintber. Ihre Einzelbestandteile unterscheiden sich darüber hinaus in ihrer Produktivität. an dem die Toten bestattet werden“. Großmarkt c. in welchem Maße sie bei Kompositionen verwendet werden. Die Bedeutungen von Komposita sind also in unterschiedlichem Maße transparent. frithof. die Bedeutung der einzelnen Komponenten ist allerdings verblasst oder die Zusammensetzung als Ganzes für uns nicht mehr als solche erkennbar. Der erste Teil dieser Zusammensetzung geht nicht etwa auf Fried. eine junge Frau d. eine atomare Waffe b. sondern auf mhd. Wir können diese Bedeutung zwar mithilfe eines Wörterbuches ermitteln. Stachelbeere lässt sich aber schließen. Man kann nun Wortbildungen nach ihrer Produktivität und Motiviertheit auf einem Wortbildungskontinuum ansiedeln. darin. doch im alltäglichen Sprachgebrauch ist sie für uns nicht mehr transparent: „mhd. Hirschkuh u.1). wie zum Beispiel bei Friedhof.MORPHOLOGIE 63 (6) KOMPOSITUM a. ahd. dass es sich auch bei {him-} um einen Modifikator handeln könnte. Die Bedeutung des Kopfes {BEERE} des Kompositums Himbeere ist beispielsweise offensichtlich. treten deshalb im Sprachgebrauch nicht nur sehr häufig auf. dass sie nicht mehr auf ihre Einzelbestandteile hin analysiert zu werden brauchen. ein großer Markt c. ahd. ursprünglich in der Bedeutung „eingefriedeter Raum“. Auch beim Wort Bräutigam ist die Bedeutung des Zweitgliedes heute unklar und kann nur durch einen Blick auf die sprachgeschichtliche Entwicklung rekonstruiert werden (ahd. ein weiches Ei Wie an den Beispielen (6c) und (7c) deutlich wird. Komposita sind unterschiedlich stark durch die Bedeutung ihrer Einzelkomponenten motiviert. so sind sie noch teilweise trans . Atomwaffe b. zu: hinta = Hinde. Am produktiven Ende können Zusammensetzungen sehr einfach gebildet werden. hintperi. sondern sind auch motiviert und transparent. vrithof. aus brut ‚Braut‘ und gomo ‚Mann‘). Bei einigen Zusammensetzungen ist es sogar umgekehrt: zwar ist die Bedeutung des Kompositums bekannt. die Art ihrer Verknüpfung aber nicht eindeutig erkennbar ist. kann nicht immer aus den bereits bekannten Bedeutungen der Einzelbestandteile auf die Bedeutung des Kompositums geschlossen werden. und bedeutet „Ort. Weichei (7) SYNTAKTISCHE GRUPPE a. dass Zusammensetzungen nach und nach so stark in den Wortschatz einer Sprache eingebürgert werden können.von Frieden zurück. Beere. od. ↑Beere‘ viell. dessen Bedeutung irgendwann einmal bekannt war. Ehemals transparente Komposita wie Himbeere. Oftmals wird solchen verblassten Bestandteilen durch volksetymologische Interpretation wieder neue Bedeutung zugeschrieben. d. Jungfrau d. Bräutigam und Friedhof zeigen deutlich. in dem sich die Hirschkuh mit ihren Jungen verbirgt. Sie sind vollständig motiviert. Zwischen Zusammensetzungen und Simplizia wird in solchen Fällen kaum mehr ein Unterschied wahrgenommen. wenn beide Komponenten und deren Bedeutungsbeziehung unmittelbar transparent sind (Kirchturm.: Gesträuch. aber die Bedeutung des ersten Bestandteils {him-} können wir heute nicht mehr erkennen. die sie gerne frisst“ (Duden Deutsches Universalwörterbuch 2001: 770. Wenn zwar beide Bestandteile unmittelbar verständlich. Aus ähnlichen Komposita wie Erdbeere.

Unser mentales Lexikon wäre hierarchisch relativ unstrukturiert. Die Vielzahl an komplexen Komposita bezeichnen also überwiegend Unterkategorien zu bereits bestehenden Kategorien (Schnellstraße.1) motiviert durch die Form des Sägeblatts oder – ebenfalls durch die Form motiviert – Kuhfuß „Brechstange mit gebogenem und geteiltem Ende“. die vielen. metaphorischen Prozess beruht. Im Lexikologiekapitel wurde das Beispiel Hosenrock besprochen. ob es sich um eine Hose oder um einen Rock handelt – weitere Beispiele sind Strumpfhose „eine Beinbekleidung. Bundesstraße bezeichnen beispielsweise Unterkategorien zu Straße) zeigen außerdem die Beziehung dieser neuen Hyponyme zu ihren Hyperonymen auf. Latzhose „Hose mit Latz“. dass Taxonomien aus Begriffen auf der konzeptuellen Basisebene sowie aus untergeordneten und übergeordneten Termini bestehen.3 Die kognitive Funktion der Komposition Komposita erfüllen eine wichtige konzeptuelle Funktion. Die Übertragung elektronischer Informationen geschieht auf einem neuen Kommunikations. Wenn wir heute Post versenden wollen. Ein Sportwagen ist eine bestimmte Unterart der Kategorie Wagen. das Gedächtnis mit der Speicherung dieser Liste von Einheiten überfordert. 3. Hosenlatz „Latz an einer Hose“). wie etwa bei den Werkzeugbezeichnungen Fuchsschwanz „eingriffige Säge mit breitem. wäre die Anbindung an bereits bestehende sprachliche Bezeichnungen für Kategorien nicht so offensichtlich zu erkennen. Bei weitem nicht so häufig wie Determinativkomposita sind sogenannte Kopulativkomposita. bei dem nicht eindeutig klar ist. bei denen beide Glieder kognitiv nahezu gleichwertig sind. vereinzelt auch schon einmal als Schneckenpost bezeichnet. In Kapitel 2. dass ihre Beziehung zum bereits Bekannten erkennbar ist.64 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT parent. neue untergeordnete Kategorien zu bezeichnen. Hauptstraße. nach vorn schmaler werdendem Blatt“ (Duden Deutsches Universalwörterbuch 2001: 583.B.3 haben wir bereits gesehen. die sowohl etwas . Diese Art von Zusammensetzungen bezeichnet man als Determinativkomposita (z.Wenn wir zur Bezeichnung einer neuen Unterkategorie jedes Mal ein neues Simplex bilden würden.2. Es wäre nahezu unmöglich. sondern können über Computer auf eine neue und schnellere Nachrichtenübermittlung zurückgreifen und E-Mails verschicken – die herkömmliche Briefpost ist viel langsamer und wird im Vergleich zu den neuen E-Mails zunehmend als snailmail. Das neugebildete Wort ist in diesen Fällen kein Hyponym. Komposita sind idiomatisch und nicht mehr transparent. so sind wir nicht mehr nur auf die Briefpost angewiesen. Sie spielen eine Rolle bei der Ausbildung von Taxonomien innerhalb des Wortschatzes. wenn die Komposition auf einem metonymischen bzw. alljährlich neu auftretenden Dinge und Phänomene so bezeichnen zu können. den wir wegen der schnellen Übertragungsgeschwindigkeit mit dem Transport von Personen und Gütern auf Autobahnen vergleichen und als Datenautobahn bezeichnen. sondern bleibt auf derselben Ebene der sprachlichen Kategorisierung wie die beiden Einzelkomponenten.und Informationsweg. Komposita stellen eine Möglichkeit dar. ein Minirock eine Unterkategorie zu Rock und ein Apfelbaum eine Unterkategorie zu Baum.

die man als Flexionsaffixe oder Relationsmorpheme bezeichnet. deren Zweitglied meist den Körperteil einer Person zur Bezeichnung der ganzen Person hervorhebt. Diese Unterart der Determinativkomposita nennt man deshalb Possessivkomposita (von lat. Kirschbaum etc. Aus ihnen ergibt sich sehr oft. 3. Metaphorisierung). Sie werden im einfachsten Fall aus zwei Kernmorphemen gebildet. die nur in Zusammenhang mit Kernmorphemen auftreten können. Hier steht ein Teil metonymisch für das zu bezeichnende Ganze.B. Wir kennen bereits die Bedeutung der Einzelkomponenten (z. Auch die abstrakte Bedeutung der Wortarten dieser Komponenten ist uns bereits bekannt. die ebenfalls eine Rolle spielen können. Die Bedeutungen neugebildeter Wörter sind für uns erkennbar. Im Französischen werden diese Baumarten sprachlich in Form von Ableitungen . Ableitungen (Derivate) werden hingegen im einfachsten Fall gebildet.1 Derivations. Kopulativkomposita drücken also auf der Wortbildungsebene aus. Darüber hinaus gibt es noch eine kleine Gruppe von Substantivkomposita wie Kahlkopf. dass ein sprachliches Konzept nicht eindeutig einer Kategorie zugeordnet werden kann. Neben Affixen zur Ableitung von Wörtern gibt es Affixe zur Bildung von grammatischen Konstruktionen. Ihre Bedeutung ist in der Regel viel allgemeiner und abstrakter als die Bedeutung von Kernmorphemen. Im Deutschen werden Unterarten von Obstbäumen als Komposita konstruiert: Apfelbaum. Großmaul und Geizhals.3 Derivation Bisher haben wir Zusammensetzungen (Komposita) behandelt. Sprechgesang sowie nasskalt. Als Beispiel wählen wir hier die Bezeichnungen für Obstbäume im Französischen und im Deutschen. 3. indem man an ein Kernmorphem ein Derivationsmorphem anhängt. Daten + Autobahn). Dickkopf. wie dieselbe Sache einmal durch Zusammensetzung und ein anderes Mal durch Ableitung konstruiert wird..h. Dabei handelt sich um Affixe zur Ableitung von Wörtern (so genannte Derivationsaffixe oder auch Formationsmorpheme). Mit dem Erstglied wird eine bestimmte Eigenschaft zugeschrieben. weil wir auf eine ganze Reihe von bekannten Wissensfaktoren zurückgreifen können. Als Mitglieder einer kulturellen Gemeinschaft ist uns schließlich auch der kulturelle Hintergrund bekannt. und wir erhalten Bezeichnungen für Unterarten von Bäumen (anders gesagt: die Determinativkomposita sind Hyponyme zum Simplex Baum). possidere ‚besitzen’).MORPHOLOGIE 65 von einem Strumpf als auch von einer Hose hat“. Strichpunkt. die diese Person hat.B.3. das Grundwort Baum wird durch die jeweilige Obstsorte näher bestimmt.und Flexionsaffixe Derivationsaffixe sind gebundene grammatische Morpheme. Dieser Unterschied lässt sich erkennen. Pflaumenbaum. wenn wir an zwei Sprachen vergleichen. vor dem diese Neubildungen zu interpretieren sind. d. in welcher konzeptuellen Beziehung sie im neuen Kompositum zueinander stehen. ebenso wie allgemeine kognitive Prozesse (z.

{-los} bedeutet also so viel wie „ohne N“. der durch das abgeleitete Nomen (N) bezeichnet wird. fleischlos etc.h. nämlich „strukturelles Ganzes. Die Bedeutung des französischen Affixes {-ier} ist aber viel weiter zu fassen als nur „Baum“ – es findet auch in Verbindung mit vielen anderen Substantiven Verwendung. „zu einem Ergebnis kommen“ bzw. pomme ‚Apfel‘) wird durch Anhängen des Affixes {-ier} eine Bezeichnung für einen Baum mit dieser Obstsorte abgeleitet. ergebnislos. Diese Bedeutungsbeschreibung trifft anscheinend auch auf Derivate mit {-frei} zu. dass ein Aspekt abwesend ist. Auch für deutsche Derivationsaffixe lassen sich Bedeutungen aufzeigen. es ist prominent. Durch Derivate wie planlos. d. prunier ‚Pflaumenbaum‘ oder cérisier ‚Kirschbaum‘. „in Arbeit stehen“. Das Fehlen dieser Eigenschaft wird hervorgehoben. Dabei muss die Anwesenheit von (N) im Normalfall zu erwarten sein. Das Affix {-ier} hat eine allgemeinere Bedeutung. eines Behälters zu dessen möglichen Inhalt oder einer sonstigen Struktur zu deren einzelnen Teilen. wird mit der französischen Entsprechung pommier eine abstraktere Konstruktion gewählt: nämlich Apfel + {-ier} „übergeordnete Struktur“. zahnlos. So gibt es nicht nur pommier ‚Apfelbaum‘. grundlos sowie atemlos. „aus einem bestimmten Grund heraus handeln“ bzw. cendrier ‚Aschenbecher‘ und calendrier ‚Kalender‘. Sind {-los} und {-frei} also synonym? Vergleichen wir einmal Ableitungen mit den beiden Derivationsmorphemen: (8) Adjektivableitungen mit {-los} bzw. wird hervorgehoben. nämlich „nach Plan vorgehen“. zum Beispiel bei Adjektivableitungen aus Substantiven mit dem Suffix {-los}. „genügend Atem. {-frei} glücklos schmerzlos gewissenlos planlos furchtlos arbeitsloser Lehrer atemlos sorgenloses Leben salzlose Kost *asbestlos *angstloses Lernen *arbeitsloser Tag *holzloses Papier *glückfrei *schmerzfrei *gewissenfrei *planfrei *furchtfrei *arbeitsfreier Lehrer *atemfrei sorgenfreies Leben salzfreie Kost asbestfrei angstfreies Lernen arbeitsfreier Tag holzfreies Papier . sondern auch Bezeichnungen für Gegenstände wie encrier ‚Tintenfass‘.B.66 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT konstruiert: aus dem französischen Wort für die jeweilige Obstsorte (z. Fassen wir also zusammen: während im Deutschen Apfelbaum sprachlich durch Wortkomposition als eine Unterkategorie zu Baum kategorisiert wird. arbeitslos. Diese Bedeutung umfasst die strukturelle Relation eines Baumes zu seinen Zweigen mit Früchten. Zähne. Haare haben“. das einzelne Dinge zusammenhält“.

unschön. bei Adjektiven. *atemfrei *gewissenfrei. 3. *grundfrei. wo es aller Wahrscheinlichkeit nach keine Verwendung finden wird. *unhoch. . allgemeine Bedeutung mit einer Bedeutung des Wortstammes vereinbar ist. Unsere wenigen Beispiele zeigen. positiv (furchtlos. Wenn wir klären wollen. *planfrei. Wieso aber sind *unrot und *unleer nicht als Antonyme zu rot und leer akzeptabel? Die Antwort lässt sich als ein einfaches Prinzip der Derivation formulieren: Ein Affix wird nur dann auf ein bestimmtes Lexem angewandt. was theoretisch möglich ist. bei welchen Ableitungen es produktiv ist bzw. arbeitsfrei positiv bewertet. Im Vergleich (8) fällt auf. warum einige dieser Ableitungen in den Wortschatz eingebürgert wurden.B. Offenbar wird aber nicht alles. Fleischer & Barz 1992:264 und Motsch 1999:265). so müssen wir das betreffende Affix näher auf seine abstrakte Bedeutung hin untersuchen. dass Neubildungen stattfinden. ist die Abwesenheit des durch das Substantiv bezeichneten Gegenstandes/ Sachverhaltes positiv bewertet (vgl. so lassen sich rein theoretisch zum Beispiel folgende Adjektivderivationen bilden: unreif. dass die Ableitung [{un-} + Adjektiv] ganz offensichtlich das durch das Adjektiv bezeichnete Attribut negiert: unklug bedeutet „nicht klug“. *undick. einen Aspekt. ungut. Er hat einen arbeitsfreien Tag – arbeitslos ist negativ. unklar „nicht klar“ (im metaphorischen Sinn) und unfair „nicht fair“. Diese Bedeutung von {un-} lässt sich allgemein so formulieren: (9) [{un-} + A] – „die durch A bezeichnete Eigenschaft fehlt. salzlos. Bei der Untersuchung solcher Aspekte muss man sehr genau die so genannte Basis der Ableitung beachten. Nicht möglich sind hingegen: *glückfrei. arbeitslos.und eine zufällige Auswahl von Adjektiven nehmen. das Gegenteil von A wird impliziert“ Durch Präfigierung eines einfachen Adjektives mit un. unklar. Er ist arbeitslos vs. unhoch etc. bei denen ein einfaches Adjektiv Basis der Ableitung ist. beispiellos) gewertet sein. dass parallel zu Ableitungen mit {-los} Ableitungen mit {-frei} möglich sind. Wir betrachten hier lediglich Ableitungen. schmerzlos) als auch neutral (schnurlos.h. d. um einen für uns prominenten Aspekt auszudrücken. wenn seine abstrakte. Die prototypische Bedeutung des Suffixes {-los} lässt sich also in etwa mit „ohne normalerweise zu erwartendes N“ umschreiben. planlos). auch tatsächlich gebildet und verwendet: *unrot. In einigen Fällen haben die mit {-los} bzw.3.wird also ein Antonym zu diesem Adjektiv gebildet. andere aber nicht – und sich auch aller Wahrscheinlichkeit nach nicht durchsetzen werden. wenn die Abwesenheit des durch die substantivische Basis bezeichneten Sachverhaltes bei den Bildungen mit {-los} als positiv bewertet wird: sorgenlos – sorgenfrei „ohne Sorge“ und schmerzlos – schmerzfrei „ohne Schmerzen“.2 Bedeutung und Produktivität von Affixen Wenn wir ein produktives Präfix wie un. undick. unrot. {-frei} gebildeten Adjektive völlig verschiedene Bedeutungen. Auf diese Weise können wir feststellen. die mit {-frei} aus Substantiven gebildet wurden.MORPHOLOGIE 67 Bei den mit {-los} gebildeten Adjektiven kann das Fehlen der Eigenschaft offensichtlich sowohl negativ (glücklos. z. Wir gehen hier davon aus.

doch anscheinend gibt es keine Notwendigkeit. werden mit dem o. dass Eigenschaften von uns als prominent und mitteilenswert angesehen werden müssen. Lehrer. dünn gibt. Zudem bestehen hier bereits Antonyme: eine Flasche ohne Inhalt ist leer.B. Berliner. gesucht und gefunden werden können – diese Eigenschaften bedürfen keiner besonderen Hervorhebung. dass wir ein Substantiv zu einer bestimmten. *sehbar. Lerner. die prototypischer. trinkbar. Wortbildungsmuster bezeichnet. als dass ein besonderes komplexes Wort für diesen besonderen Verwendungskontext gebildet werden würde. *findbar. das nur in dieser bestimmten Situation gefällt wird. Historisch gesehen tritt es zunächst zur Bezeichnung einer Person auf. Wenn wir sagen wollen. für uns prominenten Eigenschaft in Beziehung setzen. der eine Handlung ausführt. Die Bedeutung von {-er} ist auch in diesem Zusammenhang nicht etwa „jemand. sondern lässt sich eher wie in (11) umschreiben: . *kaufbar wird die Bedeutung „kann gekauft werden/ ist zu kaufen“ bereits durch Derivation mit {-lich} ausgedrückt (käuflich). Schneider. machbar und lieferbar lässt sich wie folgt bestimmen: (10) [V+{-bar}] – „kann unserer Erfahrung nach aufgrund seiner Eigenschaften der durch V bezeichneten Handlung unterzogen werden“ Doch nicht in allen Fällen ist eine Ableitung mit dem Suffix {-bar} akzeptabel. dann drückt dies „Eigenschaft A fehlt“ aus. es besteht offenbar kein onomasiologisches Bedürfnis für die Bildung eines neuen komplexen Wortes. und es hat offenbar zu geringe soziale Bedeutung für uns. Städter. die peripherer sind. so verwenden wir die Negation nicht rot – doch ist dies ein Urteil. weswegen die Neubildung von Adjektiven offenbar nicht notwendig ist. Wenn einer Sache die Eigenschaft „rot“ oder „leer“ fehlt. d. deren Fehlen in Hinblick auf ein Substantiv für uns besonders auffällig ist. *sagbar. Ebenso wie Kernmorpheme haben auch Affixe Bedeutungen oder Verwendungen. dass sie gemalt. wie die Beispiele *malbar.B.68 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT der unter allen anderen hervorsticht. Nun trifft beispielsweise auf sehr viele Gegenstände zu.h. so ist offenbar das Fehlen dieser Eigenschaft für uns nicht so prominent. damit zu ihrer Bezeichnung neue Wörter gebildet werden. Ein Grund dafür ist sicherlich wiederum. eine Flasche mit Inhalt voll. der gerade singt. Arbeiter. Mit einem Adjektiv wird ausgedrückt. dass irgendetwas die Eigenschaft „rot“ fehlt.. Nun zu den problematischen Bildungen *unrot und *unleer.besonders hervorheben würden. die über längere Zeit in einem bestimmten Ort wohnt. lehrt oder lernt“. Das trifft typischerweise auf das sehr produktive Suffix {-er} zu. Nur die Eigenschaften. Wenn wir jetzt eine Ableitung mit {un-} bilden. Die Bedeutung des Suffixes {-bar} in Verbindung mit Verbstämmen wie in essbar. dass eine Flasche leer oder voll oder auch halbleer bzw. Gleiches gilt für *unhoch und *undick. z. Kölner. Einem durch ein Substantiv bezeichneten Gegenstand oder Sachverhalt können aber sehr viele Eigenschaften fehlen. gesagt. An Verbstämme angehängt ist {-er} sehr produktiv und bezeichnet jemanden. dass wir dies durch eine Ableitung mit un. usw. *suchbar zeigen. weil es ja bereits die Antonyme tief bzw. und andere. gesehen. wie in Sänger.g. Ähnlich auch im Fall von unleer – wir können sagen. In anderen Fällen wie z. halbvoll ist. eine Ableitung wie *unleer oder *unvoll zu bilden.

“ Diese allgemeine und sehr abstrakt gehaltene Charakterisierung aller Bedeutungen eines Morphems wie {-er} wird auch die schematische Bedeutung oder das Schema dieser Form genannt. der in einem Interaktionsverlauf wiederholt die Rolle eines Sprechers einnimmt“. wiederholt die durch V bezeichnete Tätigkeit/ Handlung ausführt“ kann auf nicht-menschliche Kräfte übertragen werden. Dieser Aspekt von [V + {-er}] lässt sich wie folgt paraphrasieren: (12) [V + {-er}] – „etwas. die alle Einzelbedeutungen umfasst oder zusammenhält. das die bezeichnete Tätigkeit verrichtet“ Je nach der Bedeutung des Verbs können durch deverbale Ableitungen auf -er in einigen Fällen sowohl Personen als auch Geräte bezeichnet werden. die wir bei der Ausführung einer Arbeit zu Hilfe nehmen bzw.MORPHOLOGIE 69 (11) [V + {-er}] – „jemand. mit dem die durch das Verb bezeichnete Tätigkeit ausgeführt werden kann/ etwas. Weitere Beispiele sind Werkzeuge und Maschinen mit elektrischem Antrieb: Geschirrspüler. wie in der außenpolitische Sprecher der Grünen. eine andere Kraft. der etwas druckt“). die nur gelegentliche (okkasionelle) Tätigkeiten bezeichnen. wenn das Verb die Angabe eines Instrumentes ermöglicht. wiederholt die durch V bezeichnete Aktivität ausführt“ Ein Sprecher ist also nicht „jemand. prototypisches Handlungsmuster gebunden ist. Drucker. mit dessen Hilfe die Tätigkeit ausgeführt wird. sondern vielmehr „jemand. die diese Arbeit für uns übernehmen. Staubsauger etc. Die unterschiedlichen Bedeutungsaspekte des sehr produktiven Wortbildungsmodells [V+ {-er}] lassen sich wie folgt charakterisieren: (13) [V+ {-er}] – „ein Mensch bzw. der in dieser Rolle eine Gruppe in der Öffentlichkeit repräsentiert“.. Mit [V+{-er}] wird eine soziale Rolle bezeichnet. In solchen Fällen wird oft durch ein Determinativkompositum differenziert (d. . der regelmäßig bzw. der gerade spricht“. Finder usw.. der regelmäßig bzw. wie Gewinner. doch sind diese in der Minderzahl und innerhalb der Kategorie {-er} nicht zentral. als wenn nur jemand einmalig eine Sache kauft. die mit dem durch das Verb beschriebenen Ereignis ursächlich in Verbindung steht. wie bei Radierer oder (Dosen-/ Flaschen-/ Tür-)öffner. Ein Schema ist eine abstrakte Darstellung der allgemeinen Bedeutung einer Form. Die Bedeutung „jemand.B. ein Hyponym gebildet): Laserdrucker („ein Instrument. Trockner. Bei einem Käufer handelt es sich um eine feste Rolle innerhalb der Szene „Verkauf“. Zwar lassen sich auch deverbale Ableitungen auf {-er} finden.h. oder „jemand. Wörter wie Käufer haben deshalb eine viel allgemeinere Bedeutung. z. die Teil eines bestimmten Szenarios menschlicher Interaktion ist. das etwas druckt/ mit dem eine Person etwas druckt“) – Buchdrucker („ein Mensch. die immer wieder von unterschiedlichen Personen eingenommen wird und an die ein bestimmtes. Diese einzelnen Bedeutungen von {-er} in deverbalen Ableitungen lassen sich wie in Abbildung 3 in einem sternförmigen Netzwerk darstellen.

Begleiter d. Im Vergleich zu den Bedeutungen von Wörtern sind die Bedeutungen und einzelnen Bedeutungsaspekte von Wortbildungsmorphemen nur wesentlich abstrakter. mit denen ein Geschehen ausgeführt werden kann/ die eine Aktivität ausführen. Mit (e) werden Rollen bezeichnet. Schenker g. Spieler e. Bei (i) ist die Bedeutung auf Tiere ausgeweitet. das zunächst wie in er hat die Hand voller reifer Beeren verwendet wurde. Rülpser i. als sternförmige Netzwerke mit zentralen und peripheren Mitgliedern der Kategorie dargestellt werden können. Begleiter wie in Wer ist denn heute dein Begleiter? Bedeutung (f) ist auf einen bestimmten Bereich des gesellschaftlichen Lebens spezialisiert. Mit (c) werden Personen bezeichnet.3. „Tierbezeichnung“ Mauersegler. „gewohnheitsmäßig Handelnder“ Raucher. Nestflüchter Die prototypischste Bedeutung im Zentrum der Kategorie ist (a) „jemand. Drucker b. „Beruf“ Arbeiter. Mit (d) werden metonymisch Instrumente bezeichnet. die Handlungen gewohnheitsmäßig ausführen (b). wie in eine handvoll Demonstranten in der Bedeutung „einige wenige“ und wird dann als Suffix {-voll} in Derivationen .70 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT Abbildung 3: Sternförmiges Netzwerk für [V + {-er}] c. der wiederholt die durch V bezeichnete Aktivität ausführt“] f. „Rolle“ Gewinner. „menschliche Bewegung“ Hopser. ihr gewohnheitsmäßiges Handeln ist als Beruf gesellschaftlich etabliert. Von ihr geht die Bezeichnung für Personen aus. Hüpfer h. die von einzelnen Personen nur gelegentlich besetzt werden. Schläger a.3 Woher stammen Affixe? Grammatikalisierung Affixe sind das Ergebnis eines Prozesses. d. einer menschlichen Äußerung. der wiederholt die durch V bezeichnete Aktivität ausführt“. „juristische Rolle“ Geber. (g) und (h) bezeichnen jeweils einen Einzelaspekt einer menschlichen Handlung oder eine Bewegung bzw. Abschließend lässt sich nochmals festhalten. schmerzvoll. dass auch die Bedeutung gebundener Morpheme. [„jemand. „Instrument“ Drucker. den man Grammatikalisierung nennt. die eine Tätigkeit als Beruf ausüben.h. wundervoll geht das Suffix {-voll} vom Adjektiv voll. wie hier die des Suffixes {-er}. In den desubstantivischen Adjektiven hoffnungsvoll.B. Ein ursprünglich lexikalisches Morphem erhält nach und nach eine rein morphologische Funktion im Wortschatz oder auch in der Syntax. z. während die ursprüngliche Wortbedeutung verblasst. Trinker. dann tritt es metaphorisch verallgemeinert auf. Gewinner und Verlierer als Rollen in einem Spiel. „menschliche Äußerung“ Seufzer. 3.

d. Körper‘ zurück und . die alle die gleiche Bedeutung haben. Geschlecht‘ und gotisch haidus ‚Art und Weise‘ zurückgeht. los „fehlt/oder ist frei von A“. Deutlichkeit. Im Zusammenhang mit Substantiven bezeichnet es den Zustand einer Sache (Wissenschaft „Wissen hervorbringen. Als Suffix hat es mit der Zeit eine stark generalisierte Bedeutung angenommen. Beamtenschaft. Schwangerschaft. In Zusammenhang mit Berufsbezeichnungen ist die Bedeutung kollektiv: Ärzteschaft.h. in sich frei fühlen. {-igkeit}. abstraktere Bedeutung und ist stark reihenbildend oder produktiv. Ähnlich verhält es sich mit {-heit} bzw. Dieses Suffix erscheint in den Varianten {-heit}. wie in wunderlich. das auf die althochdeutsche Form scaf ‚schaffen‘ zurückgeht und die abstrakte Bedeutung „Art und Weise“ bezeichnet. oder auch als Komposita mit dem Zweitglied {FREI} klassifiziert werden . Weitere noch immer transparente Suffixe sind {-los} wie in hoffnungslos. Die Morpheme {keit} und {-igkeit} tragen die gleiche Bedeutung wie {-heit}.MORPHOLOGIE 71 nicht mehr mit einer konkreten Menge verbunden.). Es wird daher eindeutig als Suffix und damit als gebundenes Morphem klassifiziert. sorgenvoll beschränkt. Dies trifft beispielsweise auf das Suffix {-schaft} in Freundschaft oder Mannschaft zu. lîch ‚Leib. einen Zustand des Wissens schaffen“ oder Elternschaft „Eltern sein“). es gibt sehr viele Wortbildungen mit {los}. Zufriedenheit etc. frei von etwas sein (frei von Steuern – steuerfrei. das im Althochdeutschen noch ein eigenständiges Wort war. Die Form frei tritt hingegen auch sehr häufig als Simplex auf. zugänglich. arglos. bildet und auf ahd. -lich (Besinnlichkeit) sowie -sam (Betriebsamkeit). Klugheit. Derivationen mit dem Suffix {-voll} sind deshalb tendenziell auf abstrakte Wörter wie hoffnungsvoll. Meist sind Affixe in einem so starken Maße grammatikalisiert. könnten also entweder als Derivation mit dem Derivationsmorphem{-frei}. Interesselosigkeit) und mit Adjektiven auf -e (müde – Müdigkeit). Beschaffenheit. heit ‚Person. verletzlich. -er (Heiserkeit). Schülerschaft. {keit}. dass ihre ursprüngliche lexikalische Bedeutung für uns nicht mehr transparent ist. Dieses Suffix geht auf das mhd. Rang.offensichtlich durchläuft die Form frei in Wortbildungen im heutigen Deutsch einen Prozess der Grammatikalisierung. {-keit}. Art. Wesen. treten aber in Abhängigkeit von bestimmten morphologischen Umgebungen auf: es sind also Allomorphe des Morphems {-heit}. Im heutigen Deutsch kommt los in freier Form nur noch als Substantiv Los und als Adverb los! im Sinne von „Weg!“ oder wie in jemanden los werden vor.B. z. das im Deutschen Abstrakta wie Klugheit. Adjektivableitungen mit {-schaft} bezeichnen einen Zustand: Bereitschaft. aber abhängig von der Endung des Basiswortes der Ableitung verwendet werden: {-keit} steht insbesondere bei Basiswörtern auf -bar (Dankbarkeit). {-heit} steht bei vielen einsilbigen Adjektiven wie Grobheit. nämlich ahd. Stand. vertrauensvoll. Einsamkeit. Die Variante {-igkeit} steht unter anderem bei -haft und -los (Ernsthaftigkeit. frei von Sorgen – sorgenfrei etc. liebevoll. freie Stellen. Ein weiterer komplexer Grammatikalisierungsprozess findet sich in der Adjektivbildung durch Suffigierung mit {-lich}. bei einfachen Adjektiven auf -en (Trockenheit) und bei mehrsilbigen Basiswörtern mit Betonung auf der letzten Silbe (gesund – Gesundheit). Das gebundene Morphem {-los} trägt im Unterschied zur freien Form eine allgemeinere. sorgenlos. lieblos. nämlich „besitzt in einem sehr hohen Maße den (abstrakten) Aspekt A“. Wortbildungen mit der Form frei bzw. und -el (Eitelkeit).

um dort Fische zu fangen. Konversionen können im Deutschen Verben. dem verwendeten Instrument und dem . als dinghafte Tätigkeit konstruieren: das Angeln oder Peter ist beim Angeln. Verschmelzung (ja + nein = jein). Präpositionen. fremd – (der) Fremde.72 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT bedeutet so viel wie „auf eine gewisse Art charakteristisch für eine Person oder Sache“ und wurde später weiter generalisiert zur allgemeinen Bedeutung „Art und Weise“. sondern um Flexionsmorpheme. Substantive können im Deutschen aus Verben gebildet werden. Adverbien. Auch Verbstämme wie {schrei-} selbst können zu Substantiven umgesetzt werden – der Schrei bezeichnet beispielsweise das Ergebnis des durch das Verb schreien bezeichneten Geschehens. oder Substantive zu Verben: der Pfeffer – pfeffern. Stellen wir uns vor. Welcher konzeptuelle Prozess liegt Konversionen zugrunde? Das Ergebnis der Konversion oder Konversionsprodukt gibt einer bestimmten Konstruktion einer Szene oder eines Ereignisses Ausdruck. und durch die Konversion Angel – angeln metonymisch für das gesamte Ereignis stehen lassen. Bei der Konversion (Umsetzung) wird ein Wort in eine andere Wortart umgesetzt. d. indem wir das Instrument hervorheben. Wortkürzung (Omnibus wird zu Bus). Substantive. Wir wollen uns hier jedoch nur kurz die drei Hauptwortarten Substantiv. jemand sitzt an einem Teich. mit dem unser Augenmerk metonymisch auf einen bestimmten Aspekt des Ereignisses gelenkt wird. und Akronymbildung (DIN = Deutsche IndustrieNorm).h. Rückbildung (notland(en) aus Notlandung). die wir hier kurz besprechen wollen: Konversion (Säge – sägen).4 Weitere Wortbildungsprozesse Neben Komposition und Derivation gibt es noch eine Reihe weiterer Wortbildungsprozesse. Wir können aber die Szene auch bezeichnen. mit dem die Fische gefangen werden. Die umgesetzte Form nimmt lediglich die Flexionsendungen an. syntaktische Gruppen und Sätze zur Grundlage haben. Bei den angehängten Morphemen handelt es sich – wie gesagt – nicht um Derivationsmorpheme. indem zum einen die Infinitivform des Verbs in die Wortart „Substantiv“ umgesetzt wird: schreien – das Schreien. Es lassen sich auch Adjektive zu Substantiven umsetzen wie in ernst – Ernst. Langeweile – (sich) langweilen. Wir können aber diese Relation auch wieder zeitstabil. ohne dass weitere Wortbildungsmorpheme hinzugefügt werden. die nach der Konversion in der jeweiligen Zielwortart erforderlich werden. Durch die Konversion wird das bezeichnete Geschehen eher als abgegrenzte Einheit gesehen und nicht so sehr der zeitliche Aspekt des Geschehens fokussiert (wie das bei Verwendung des Verbs schreien der Fall ist). die für die Zielwortart typisch sind. nämlich auf den gefangenen Fisch als das gewünschte Ergebnis des Prozesses. Numerale. Bei solchen instrumentellen Verben wird die Beziehung zwischen Aktion. Diese Tätigkeit können wir sprachlich unterschiedlich konstruieren: etwa mit Hilfe des Verbs fischen. Adjektive. Das aus dem Substantiv Angel konvertierte Verb angeln beschreibt nun eine temporäre Relation (die vorübergehende Tätigkeit „Fische mit einer Angel fangen“). Adjektiv und Verb ansehen. 3. Pronomen. Es handelt sich um ein Konversionsprodukt auf der Basis des Substantivs Fisch.

Das Lehnwort Brunch ist eine Verschmelzung aus den englischen Komponenten breakfast ‚Frühstück‘ und lunch ‚Mittagessen‘. Die Rückbildung verbindet die Wortbildungsprozesse der Wortkürzung und der Konversion miteinander. so wird ein bestimmtes Attribut metonymisch für den Träger des Attributs stehen: deutsch – Deutsch (er spricht Deutsch). Wir haben es hier mit einem Prozess nicht-eindeutiger Kategorisierung zu tun: . metropolis). Das gekürzte Wort wird dann in eine andere Wortart (zumeist Substantiv oder Verb) umgesetzt (Konversion). wenn Teile von Wörtern zu neuen Formen zusammengesetzt werden. Daneben sind noch sogenannte Klammerformen möglich: Fernmeldeamt > Fernamt. dass der Wortbildungsprozess der Konversion oft die metonymische Ausdehnung eines Elementes in einem Ereignis zur Bezeichnung des Gesamtereignisses bedeutet. So wird aus dem Kompositum Notlandung mit dem Erstglied Not und dem Zweitglied Landung durch Wegfall des Derivationsmorphems {-ung} und anschließende Umsetzung in die Wortart ‚Verb’ der Verbstamm notland. so entspricht die Bedeutung nicht mehr völlig dem Verb. Zunächst wird ein Wort – meist ein Kompositum mit einem Derivat als Zweitglied – um das Derivationsmorphem gekürzt. Liegt der Konversion ein Adjektiv zugrunde. das heißt. Die UBahn in einer solchen Metropole wird metonymisch als Metro bezeichnet. Durch die Umsetzung in eine andere Wortart nimmt das umgesetzte Wort auch Bedeutungsaspekte dieser Wortkategorie an. noch Bedeutung des Wortes: Fotografie > Foto. Es kann aber auch der hintere Teil weggelassen werden. Die Verschmelzung findet dabei nicht nur auf der Formseite der Wörter statt. Es lässt sich also festhalten. Dabei kann der vordere Teil des Wortes wegfallen wie in Fahrrad zu Rad. Ob ein Wort durch Rückbildung entstanden ist. kann oft nur durch diachrone Betrachtung entschieden werden. Weitsicht. wie in angeheitert. das aus angetrunken + erheitert entstanden ist. Auf gleiche Weise werden aus Schutzimpfung „Impfung zum Schutz (gegen Krankheit)“ der Verbstamm schutzimpf. Das Ergebnis sind dann so genannte Schwanzformen.gebildet. Europäische Television > Eurovision.und aus den Ableitungen sanftmütig und weitsichtig die Substantive Sanftmut bzw. Bei der Wortkürzung wird ein Ausgangswort um einen Teil gekürzt. dieses Morphem ausgetauscht. Professor > Prof. und aufgrund unseres kulturellen Wissens interpretieren wir deren Beziehung in der Szene „Angeln“. Durch die Wortkürzung ändern sich weder Wortart.MORPHOLOGIE 73 Objekt nicht ausdrücklich benannt. dieselbe lexikalische Bedeutung wird nicht mehr als rein zeitliche Relation konstruiert (wie das mit einem Verb prototypischerweise der Fall ist). Von Wortkreuzung oder auch Wortverschmelzung spricht man. Wird beispielsweise ein Verb wie essen durch Konversion zu das Essen substantiviert (Das Essen war gut oder Sie lud ihn zum Essen ein). sie wird lediglich impliziert. bzw. Eine große moderne Stadt nennt man auch Metropole (von griech. Für gewöhnlich geht sie auch mit einem Prozess der Verschmelzung von Kategorien einher. Kilo < Kilogramm. dann erhält man Kopfformen: Uni < Universität. Vielmehr nähert sich die sprachliche Konstruktion der Bedeutung eines Substantivs an und wird (prototypischerweise) als zeitlich beständiges Phänomen kategorisiert. Die Bedeutung des neugebildeten Wortes Brunch ist ‚spätes. ausgedehntes und reichliches Frühstück. das das Mittagessen ersetzt‘.

z. Da es beide Mahlzeiten ersetzt. sondern steht metonymisch für die Förderung nach diesem Gesetz. wissenschaftlichen. Viele Akronyme kommen aus dem Englischen und gehen auf amerikanische Langformen zurück. In der modernen Gesellschaft werden die politischen. Weitere Beispiele für Akronyme sind etwa TÜV für Technischer Überwachungsverein. Bekommst du auch BAföG? („Förderungsgelder aufgrund des Bundesausbildungsförderungsgesetzes“). d.: Erworbener Immundefekt oder Erworbene Immunschwäche-Krankheit). mit dem ein Sprecher ausdrücken kann. Akronyme brauchen also nicht einmal mehr als Abkürzungen erkennbar zu sein. an denen wir teilhaben. DGB steht also für die lange Form Deutscher Gewerkschaftsbund. Die Abkürzung wurde direkt aus dem Amerikanischen übernommen und ist vollständig lexikalisiert.B. um etwa Angehörige einer Organisation zu bezeichnen: DGB-Vorsitzender für Vorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbundes oder CDU-Generalsekretär für Generalsekretär der Christlich Demokratischen Union. jedoch (der Idee. Weitere Beispiele sind Smog aus engl. Das Konzept zur Bezeichnung dieser Krankheit wurde durch das Akronym in die Alltagssprache übernommen.4. Dieses Akronym steht für die amerikanische Langform Acquired Immune Deficiency Syndrome (dt. Akronyme sind Buchstabenwörter wie EU. die Namen müssen einprägsam und schnell abrufbar sein. WHO – World Health Organisation. Akronyme finden sich zur Bezeichnung von Aspekten in allen Bereichen der Gesellschaft. USA. und das Bewusstsein über die Gefahr dieser Krankheit wurde international geschärft. ist es auch wesentlich umfangreicher als ein Frühstück. sozialen und kulturellen Netzwerke und Dienstleistungen.h. dass er in seinem Urteil unentschlossen ist. nicht unbedingt der Praxis nach) nicht so umfangreich wie ein Mittagessen. Ähnliche Prozesse formaler und konzeptueller Verschmelzung finden sich in jein (aus ja und nein). BRD. militärischen. aber der Zeitpunkt dieser Mahlzeit liegt – deutlich später als das Frühstück – kurz vor dem Mittagessen. Stagflation oder Workaholic. 3. Eine wichtige Abkürzung ist beispielsweise AIDS. Sie werden aus den Anfangsbuchstaben oder Anfangssilben einer Wortgruppe oder eines Kompositums gebildet. DGB usw. Oft werden diese Abkürzungswörter auch zu Bestandteilen von Zusammensetzungen. die Einzelbestandteile des Akronyms sind den Sprechern meist überhaupt nicht bekannt. die uns überhaupt nicht bewußt sind: UNESCO – United Nations Educational Social Organisation. StGB für Strafgesetzbuch und BAföG für Bundesausbildungsförderungsgesetz.74 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT diese Mahlzeit hat Elemente von breakfast (erste Mahlzeit am Tag). Wir müssen diese Organisationen und Einrichtungen gut bezeichnen können. Dies kann zu sehr komplexen Wör- .1 Komplexe Wortbildungen Durch Komposition oder Derivation neu gebildete komplexe Wörter können Basis für weitere Wortbildungsprozesse sein. oder in dem englischen Lehnwort Infotainment – Mischung aus „Information“ und „Entertainment“. Im alltäglichen Sprachgebrauch bezeichnet BAföG aber oft nicht das Gesetz selbst. Es ist Nicht-Medizinern zugänglich. dass wir sie nicht ständig beim vollen Namen nennen wollen oder können. so komplex und zahlreich. smoke und fog.

Zugrunde liegt ein Prozess der Spezifizierung‚ die Bedeutung des Kernmorphems {bild-} in der Bedeutung „geistig seelisch entwickeln“ wird spezifiziert zu „jemanden schulen“. Komplexe Wortbildungsprozesse am Beispiel BAföG BAföG Bundesausbildungsförderungsgesetz Bundes {BUND} {-es} Ausbildungsförderung Ausbildung {ausbild-} {-ung} -s-s {GESETZ} förderung {förder-} {-ung} Ausbildungförderungsgesetz Komposition (Flexion) Komposition Komposition Derivation Derivation {aus-} {bild-} Der Verbstamm {bild-} wurde durch Präfigierung mit dem Präfix {aus-} zum Stamm ausbild-. Nehmen wir als Beispiel nochmals das Kompositum Bundesausbildungsförderungsgesetz.notwendig wurde. oder es kann als Bestandteil von Zusammensetzungen auch Teil von syntaktischen Gruppen werden: zum Beispiel Berliner Initiative gegen BAföG-Volldarlehensregelung. Dieses Akronym kann ebenfalls Bestandteil neuer Zusammensetzungen werden. Ausbildungsförderung wird durch Komposition mit der spezifizierenden Konstituente Bundes zum Bundesausbildungsförderungsgesetz. wie in BA föG-Regelung. Förderung ist durch Suffigierung des Verbstamms {förder-} mit {-ung} entstanden. das sich wie in Abbildung 4 analysieren lässt. Abbildung 4. . wie aus der Wortgruppe Gesetz des Bundes zur Ausbildungsförderung deutlich wird. Es besteht also aus dem Kernmorphem {BUND} und dem Flexionsmorphem {-es} mit der Bedeutung „Genitiv Plural“. BAföG-Bewilligungsbescheid. Das durch diese Kette von Wortbildungsprozessen entstandene Wort Bundesausbildungsförderungsgesetz ist für den alltäglichen Gebrauch allerdings viel zu komplex und wird deshalb durch das Akronym BAföG abgekürzt. Der Stamm ausbild. Das Substantiv Bundes steht im Genitiv. wobei das Fugenelement -s.MORPHOLOGIE 75 tern führen.wird durch Suffigierung mit dem Derivationsmorphem {-ung} zum abstrakteren Substantiv Ausbildung abgeleitet. Ausbildung ist Modifikator des Substantivkompositums Ausbildungsförderung.

Tempus. die prototypisch für Dinge oder Entitäten stehen. Durch sie werden zwischen den einzelnen an einer Sprechsituation beteiligten Elementen des sprechenden Ichs (dem Sprecher). Adjektiv und Pronomen dienen. durch Morpheme beim Adjektiv „Eigenschaften“ und bei Verben „Ereignisse“ in der Vorstellungs. Er geht dabei vom Hier und Jetzt seines Sprechens aus und lokalisiert die besprochene Situation aufgrund des indexikalischen Prinzips in Raum und Zeit. d. dem Hörer. dass grammatische Morpheme hochgradig abstrakte konzeptuelle Kategorien bezeichnen.h. Substantive. Partikel. durch Anhängen eines Komparationsmorphems wird der Grad der durch das Adjektiv bezeichneten Eigenschaft bestimmt (schön. Durch grammatische Morpheme werden beim Substantiv „Dinge oder Entitäten“. über die der Sprecher spricht. das schönste Haus). Substantive. dem freien lexikalischen Morphem {HAUS} und dem freien grammatischen Morphem {DAS}.h. Beziehungen hergestellt. Nehmen wir als Beispiel die syntaktische Gruppe das Haus. d. Adjektive können zusätzlich noch gesteigert werden.und Erfahrungswelt zueinander in Beziehung.h. Er verankert die Dinge und Vorgänge in der Sprechsituation des Hier und Jetzt und bezieht dabei das von ihm angenommene Wissen des Hörers mit ein.76 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT 3. Präposition. Freie grammatische Morpheme werden auf der Wortebene als Funktionswörter bezeichnet. ein angehängtes Morphem markiert Kasus. ein schönes Haus.und Erfahrungswelt des Sprechers situativ verankert. grounding) geschieht mithilfe grammatischer Morpheme. Substantiv. Konjunktion und Pronomen angehören. die prototypisch für Handlungen oder Vorgänge stehen. das grammatische Morphem {DAS} ist nicht im selben Maße frei wie ein lexikalisches Morphem. und den Themen (Dingen oder Vorgängen). Doch der Status dieser beiden Morpheme ist nicht gleich. Der Sprecher setzt Dinge und Vorgänge aus seiner Perspektive mit anderen Dingen und Vorgängen in seiner Vorstellungs. nennt man Flexionsmorpheme. Auch sie zeigen die Beziehungen zwischen den einzelnen Wörtern in Wortgruppen und Sätzen an. Numerus. zu dem der Sprecher spricht.und Tempusmorpheme miteinander in Beziehung gesetzt. werden durch die unterschiedlichen Kasus. ein schöneres Haus. Lexikalische Morpheme wie {HAUS} sind innerhalb der Kategorie „freie Morpheme“ zentraler und prototypischer als freie grammatische Morpheme wie der Artikel das. Verben hingegen. An dieser Stelle soll nur an einigen Beispielen verdeutlicht werden. Diese Verankerung (engl. die den Wortarten Artikel. Gebundene grammatische Morpheme. werden durch Person. am schönst(en). Ganz allgemein lässt sich sagen. die zur Flexion von Verb. Modus sowie Partizip und Infinitiv eingeordnet. schöner. der in Zusammenhang mit der lexikalischen Kategorie Haus eine Referenzfunktion . Sie besteht aus zwei freien Morphemen. Auf diese Verankerungen wird ausführlich im nächsten Kapitel über Syntax eingegangen. d. durch Anhängen eines Morphems in die Kategorien Person. Adjektive und Pronomina werden dekliniert.und Numerusmorpheme miteinander in Beziehung gesetzt. Numerus und Genus.5 Grammatische Morpheme: Flexionsmorpheme und Funktionswörter Grammatische Morpheme lassen sich – wie bereits gesagt – ebenfalls in freie und gebundene Morpheme unterscheiden. Verben werden konjugiert. welche Rolle grammatische Morpheme dabei spielen.

Person Singular Präsens“ bedeutet. die in vier bzw.und Erfahrungswelt des Sprechers in Beziehung gesetzt: mit sie arbeitet verankert der Sprecher die Relation „sie + arbeit-“ zeitlich in der Gegenwart. mit sie arbeitete vor der Sprechzeit in der Vergangenheit. wird es als {-et} realisiert. wie in (er) wartet im Vergleich zu er geht. wird in Abhängigkeit von der Lautumgebung unterschiedlich realisiert. und das Substantiv erhält eine entsprechende Endung. oder -er. Genitiv und Akkusativ im Plural). wie in Beispiel (14). die Kasus und Numerus entsprechend dem Genus des Substantivs markiert. Das Pluralmorphem hat im Deutschen mehrere Allomorphe: {-e} wie in Schaf – Schafe.B. Deutsche Verben bestehen aus einem Verbstamm (einem gebundenen lexikalischen Morphem) an den Flexionsmorpheme angehängt werden. wie in (der) Wagen – (die) Wagen. Umgekehrt können aber auch mehrere Allomorphe zur Verfügung stehen.MORPHOLOGIE 77 erfüllt. in dem er auf ein bestimmtes Haus verweist. die Tempus. . Nominativ. in denen das Pluralmorphem als Form nicht realisiert ist. Mit Hilfsverben wie sein und haben können weitere zeitliche Verankerungen im Verhältnis zur Sprechzeit ausgedrückt werden: sie ist gelaufen bzw. Feder – Federn (*Federen). sondern durch ein Affix. Man spricht dann von einem so genannten Nullmorphem und markiert es als {∅}: Singular: {WAGEN} – Plural: {WAGEN} + {∅}. {et}+{e} in sie arbeitete werden Ereignisse mit der Vorstellungs. Die Morphemvariante {-et} ist ein phonologisches Allomorph des Morphems {-t}. Numerus Modus und Person markieren. {-er} + Umlaut wie in Haus – Häuser. Auch das Morphem {-t}. In diesen Fällen wird der Kasus nur aus der Stellung im Satz deutlich. dass die Markierungen in einigen Fällen formgleich sind (z. sie hat gearbeitet. In einigen Sprachen wird diese Funktion des Artikels nicht durch ein freies Morphem erfüllt. so wird lediglich ein -n angehängt.h. Schließlich gibt es auch noch Fälle. Im Deutschen wird der Artikel dem Substantiv als Funktionswort vorangestellt. d. Durch Flexionsmorpheme wie {-et} in sie arbeitet bzw. Endet der Verbstamm auf /t/. Es wird also nach zwei grammatischen Kategorien konzeptualisiert. abhängig von der Lautumgebung wird entweder -en oder n angehängt: Schachtel – Schachteln und nicht *Schachtelen. zwei Unterkategorien unterteilt werden: (14) Deklination von Haus NUMERUS: SINGULAR das Haus des Hauses dem Haus(e) das Haus NUMERUS: PLURAL die Häuser der Häuser den Häusern die Häuser KASUS Nominativ Genitiv Dativ Akkusativ Aus dieser Deklinationstafel wird deutlich. das an Verbstämme angehängt „3. Auge – Augen (*Augenen). um eine bestimmte Bedeutung auszudrücken. -el. {-s} wie in Opa – Opas und {-en} wie in Mensch – Menschen. so etwa im Norwegischen hus-et ‚Haus + das‘. Endet das Substantiv auf -e.

während sie auf Seiten der Grammatik (oder Syntax) sehr abstrakt sind. Polysemie). Morphologie und Syntax (detailliert im nächsten Kapitel) getrennt voneinander betrachtet. die nur im Zusammenhang mit Kernmorphemen auftreten und als Flexionsmorpheme an diese angehängt werden. dass es sich um klar voneinander abzugrenzende und isoliert zu betrachtende Bereiche der Sprache und der sprachwissenschaftlichen Untersuchung handle. Arbeitet er? höchstabstraktes Konzept An den beiden Enden des Kontinuums stehen sehr unterschiedliche Kategorisierungsarten. so darf das nicht über solche grundlegenden Gemeinsamkeiten hinwegtäuschen.6 Morphologie. Abbildung 5. Tatsächlich war dies in der modernen Linguistik seit Saussure oft die vorherrschende Annahme. Abstraktheitskontinuum der Morphem.78 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT 3. Außerdem gibt es gebundene grammatische Morpheme. zwei DerivationsKernmorpheme morpheme Zeitarbeit Arbeitszeit spezifiziertes Konzept zeitlich Arbeiter abstrakteres Konzept Er arbeitet vs. Lexikologie und Syntax im Zusammenhang Bisher wurden Lexikologie. die auf eine grundlegende Übereinstimmung zwischen konzeptueller Welt und Bedeutungsstruktur schließen lassen. Doch lässt sich sehr gut erkennen. Wir nehmen also an. Auf Seiten des Wortschatzes (Lexikologie) können sie in hohem Maße als einzelne Bedeutungseinheiten abgegrenzt werden.und Konzeptarten Lexikologie Morphologie Syntax einfache Lexeme Komposition Morphemarten Kernmorpheme Zeit arbeit(en) Konzeptarten eigenständige Konzepte Derivation Flexion Flexionsmorpheme Zeiten arbeitet hochabstraktes Konzept Wortstellung mind. So könnte leicht der falsche Eindruck entstehen. Fassen wir die bisher behandelten konzeptuellen Ebenen zusammen. dass für alle sprachlichen Formen grundlegende konzeptuelle Gemeinsamkeiten bestehen. die sowohl im lexikalischen als auch im morphologischen und syntaktischen Bereich ausgedrückt werden und auf die wir im nächsten Kapitel noch detaillierter eingehen werden. die durch Komposition und Derivation gebildet werden können. Dass diese Ansicht aber nicht ganz zutreffen kann.B. dafür haben wir sowohl im Kapitel über Lexikologie als auch in diesem Kapitel über Morphologie wichtige Anhaltspunkte gewonnen: in beiden Bereichen finden wir ähnliche Prinzipien der Zuordnung von Form zu Bedeutung vor (wie z. Wenn aus Gründen der Analyse diese Bereiche getrennt betrachtet werden. Es gibt einfache und komplexe Wörter. Sie bilden damit das andere Ende des Kontinuums (siehe Abbildung 5). dass es einen graduellen Übergang vom einen zum anderen Ende des Kontinuums gibt: von den individuellen Konzepten der Lexeme über das spezifi- .

Das Zweitglied bezeichnet man in diesen Fällen als Kopf.und Zweitgliedern. Freie Kernmorpheme bilden auf der Wortebene Simplizia (Sg. und gebundene Morpheme (z. Die Morphologie umfasst den Bereich der Wortbildung. d. Bei Kopulativkomposita sind Erst.B. Die zwei Hauptarten der Wortbildung sind Zusammensetzung (Komposition) und Ableitung (Derivation). es sind Kernmorpheme. Trotz aller Unterschiede beruhen alle Morpheme auf demselben Prinzip. sie sind verblasst (Himbeere. Verbkomposita (schlafwandeln) und Adjektivkomposita (dunkelblau) unterscheiden. die unabhängig auftreten können. Lexikalische Morpheme bilden den Bedeutungskern von Wörtern. während syntaktische Gruppen eine bestimmte Gruppe von Referenten auf derselben Kategorisierungsebene bezeichnen. sie können nicht streng voneinander abgegrenzt werden. gehen ineinander über und spiegeln unterschiedliche Grade der Abstraktion wider. Durch Determinativkomposita wird die Konzeptualisierung einer spezifischeren Unterkategorie des Zweitgliedes ausgedrückt. denn bei allen Konzepten handelt es sich um Abstraktionen menschlicher Wahrnehmungen und Erfahrung. Eine Zusammensetzung unterscheidet sich von einer syntaktischen Gruppe durch ein anderes Muster der Betonung und eine andere Kategorisierung. Komposita sind überwiegend Ausdruck einer Unterkategorisierung.und Zweitglied ein Fugenelement eingefügt. Komposita bestehen aus Erst.B. die an freie Morpheme angehängt werden (furchtbar).h. Je nach der Basis der Zusammensetzung lassen sich Substantivkomposita (Küchenstuhl). Einige Zusammensetzungen sind nicht mehr als solche zu erkennen. Oft wird bei der Komposition in die Kompositionsfuge zwischen Erst. Verben bestehen aus einem Verbstamm (einem gebundenen Kernmorphem) und einer Verbendung.und Zweitglied konzeptuell gleichrangig (Strumpfhose). Sowohl lexikalische als auch grammatische Morpheme kommen in freier und gebundener Form vor. 3. das Erstglied als Modifikator. in der es unterschiedliche Wortbildungsprozesse durch die komplexe Wörter gebildet werden können. Die verschiedenen Morphemarten nehmen unterschiedliche Bereiche auf einem Abstraktheitskontinuum ein. Durch Komposition werden mindestens zwei (freie oder gebundene) Kernmorpheme zu einem Kompositum zusammengesetzt. Gelegentlich wird verblassten Bestandteilen durch volksetymologische Interpretation neue Be- .MORPHOLOGIE 79 zierte Konzept der Komposita und den abstrakten Elementen bei Derivaten zu den hochabstrakten Konzepten der Grammatik wie Flexion und Wortstellung. Nach formalen Kriterien unterscheidet man freie Morpheme wie z. mit denen komplexe Wörter. {-bar}). Nach inhaltlichen Kriterien lassen sich lexikalische und grammatische Morpheme voneinander unterscheiden. Wortgruppen oder syntaktische Gruppen und Sätze gebildet werden. {FURCHT}. Simplex). Die kleinsten bedeutungstragenden Einheiten einer Sprache nennt man Morpheme. Durch Possessivkomposita werden meist Personen metonymisch durch eine ihrer typischen Merkmale bezeichnet (Blondschopf).7 Zusammenfassung Die Morphologie ist die Lehre von den Bedeutungsbausteinen. Friedhof).

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deutung zugeschrieben. Bei vielen Zusammensetzungen ist noch zu erkennen, wie sie durch die Bedeutungen ihrer Einzelkomponenten motiviert sind; sie können entweder ganz oder auch nur teilweise aufgrund der Einzelbedeutungen und deren Beziehung zueinander interpretiert werden, d.h. sie sind noch transparent. Im Gegensatz zu Zusammensetzungen bestehen Ableitungen oder Derivationen jeweils aus einem Kernmorphem, an das ein Derivationsmorphem angehängt wird ({FRUCHT} + {-bar} = fruchtbar). Gebundene grammatische Morpheme bezeichnet man auch als Affixe, die man nach ihrer Stellung unterscheiden kann. Ein Präfix wird dem Ausgangswort oder der Basis der Ableitung vorangestellt ( {un-} + {FAIR} = unfair), ein Suffix wird angehängt ({trink-} + {-bar} =trinkbar) und ein Zirkumfix umklammert das Kernmorphem ({ge-} + {arbeit-} + {-et} = gearbeitet). In manchen Sprachen gibt es zudem Infixe ( z.B. lat. vinco, vici), die in ein Kernmorphem eingefügt werden. Im Deutschen kommen Infixe allerdings nicht vor. Ableitungen drücken konzeptuell gesehen entweder Generalisierungen der ursprünglichen Kategorien oder abstrakte Kategorien aus. Affixe waren ursprünglich lexikalische Morpheme, die im Laufe der Zeit eine immer abstraktere Bedeutung angenommen haben, oft auch in ihrer Form gekürzt wurden und die ursprüngliche lexikalische Bedeutung verloren haben. Diesen wichtigen sprachgeschichtlichen Prozess bezeichnet man als Grammatikalisierung. Wortbildungsaffixe lassen sich von Kompositionsgliedern durch die Kriterien Reihenbildung oder Produktivität unterscheiden. Neben Komposition und Derivation gibt es noch weitere Prozesse der Wortbildung. Durch Konversion werden Lexeme von ihrer ursprünglichen in eine andere Wortart umgesetzt, und zwar ohne dass ein Derivationsmorphem angehängt wird. Die Konversion ist oft Ausdruck eines metonymischen Prozesses (essen – das Essen). Komplexe Wörter können durch Wortkürzung einen Teil ihrer Form einbüßen (Fahrrad – Rad). Bei der Rückbildung wird ein Kompositum mit einem Derivat als Zweitglied (z.B. Notlandung) um ein Derivationsmorphem gekürzt und dann durch Konversion in eine andere Wortart umgesetzt (notland(en)). Eine Wortkreuzung oder Wortverschmelzung besteht nur aus Teilen der ursprünglichen Ausgangswörter und ist Ausdruck einer Verschmelzung zweier Kategorien auf der konzeptuellen Ebene der Kategorisierung (ja + nein = jein). Ein Akronym oder Abkürzungswort ist ein aus den Anfangsbuchstaben oder Anfangssilben der Wörter einer Zusammensetzung oder syntaktischen Gruppe zusammengefügtes neues Wort. In der Regel handelt es sich um eine Kombination aus den Anfangsbuchstaben der einzelnen Wörter (EU = Europäische Union). Morpheme spielen auch in der Grammatik und Syntax einer Sprache eine bedeutende Rolle. Grammatische Morpheme lassen sich ebenfalls in freie und gebundene Morpheme unterteilen und treten zusammen mit den Hauptwortarten auf. Freie grammatische Morpheme oder Funktionswörter sind etwa Artikel und Präpositionen, die dazu beitragen, die durch Inhaltswörter bezeichneten Gegenstände und Sachverhalte in der Erfahrungswelt des Sprechers zu verankern. Dies gilt auch für gebundene grammatische Morpheme, die zur Flexion von Substantiv, Verb, Adjektiv und Pronomen dienen. Die Flexionsmorpheme des Verbs markieren Person, Numerus, Tempus und Modus, die des Substantivs und

MORPHOLOGIE

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adjektivs Kasus, Numerus und Genus. Adjektive und Adverbien können zudem durch Komparationsmorpheme gesteigert werden. Diese Aspekte sind Gegenstand der Flexionsmorphologie.

3.8 Leseempfehlungen
Einführungen in die Morphologie sind Bhatt (1991) und Bergenholtz & Mugdan (1979). Eine umfassende Darstellung zur Flexions- und Wortbildungsmorphologie ist Simmler (1998), einen guten Überblick gibt Eisenberg (1998). Die umfangreichste Beschreibung der Wortbildung des Deutschen ist die vom Institut für deutsche Sprache herausgegebene mehrbändige Sammlung Deutsche Wortbildung. Einen kurzen Überblick über die Wortbildung im Deutschen gibt die Duden Grammatik (1998) in einem gesonderten Kapitel. Eine detaillierte Einführung gibt Erben (1993). Eine umfassende Darstellung zur deutschen Wortbildung liefern Fleischer & Barz (1995) und Motsch (1999). Barz et al. (2002) ist ein Arbeitsbuch zur Wortbildung mit Lösungsteil.

3.9 Aufgaben
1. Wie lassen sich die folgenden Wörter den Kategorien lexikalischer Formen aus Tabelle 1 zuordnen: a) einfache Lexeme, b) Komposita, c) Derivationen, d) komplexe Prozesse, e) syntaktische Gruppen, f) weitere Wortbildungsprozesse:
Bohrinsel, Raumschiff, Vorgang, Sonnenaufgang, traurig, Kunstturnen, vergeblich, herzkrank, künstliches Licht, Dokudrama, Ausnüchterungszelle, CD-Player, flaschengrün, Euro, ECU, Selbstlosigkeit, Radar, fönen, ADAC, Pharmadies, Sprachwissenschaftler, Studierende, Staatliches Prüfungsamt für Lehrämter an Schulen, Studentenausweis, Studium der Germanistik, Hochschullehrer, Prüfling, Prüfer, Hochschulzugangsberechtigung.

2.

Technische Hilfsmittel (beispielsweise im Haushalt) können als Geräte, Apparate, Maschinen oder Automaten bezeichnet werden.
Gerät Hörgerät Radiogerät Fernsehgerät Apparat Maschine Rechenmaschine Hörapparat Rasierapparat Radioapparat Fernsehapparat Geschirrspülmaschine Nähmaschine Waschmaschine Schreibmaschine Kaffeemaschine Automat Rechenautomat Geschirrspülautomat Waschautomat Schreibautomat Kaffeeautomat Verb + {-er} Rechner (*Hörer) Rasierer Fernseher Geschirrspüler -

Eine technische Neuerung wird häufig durch Komposition als Hyponym einer dieser Kategorien zugeordnet. Wann wird nun (der Tendenz nach) Maschine, wann Apparat, Gerät, oder Automat als Zweitglied der Komposition verwendet, wann ist auch eine Ableitung [V+ {-er}] gebräuchlich? (Denken Sie daran, dass

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SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT

durch unterschiedliche sprachliche Konstruktion jeweils verschiedene Aspekte „ins Bild gebracht“ werden.) Versuchen Sie, für Ihre Argumentation noch weitere Gerätebezeichnungen zu finden. 3. Wie wurden die folgenden Bezeichnungen für Landesbewohner gebildet? Vergleichen Sie diese mit den entsprechenden Ländernamen.
Belgier Däne Franzose Italiener Pole Schwede Brite Deutscher Niederländer Norweger Portugiese Spanier Bulgare Finne Ire Österreicher Russe Tscheche Monegasse Montenegriner Waliser Ghanaer Schweizer Thai Ungar Türke Serbe Nepalese Marokkaner Kanadier

4. 5.

Erläutern Sie die Unterschiede der Konzeptualisierungen und der Wortbildung von Hufeisen, horseshoe, fer à cheval . Nehmen Sie Abbildung 4 aus Kapitel 1 zur Hilfe. (a) Welche Wortbildungen finden sich in dem folgenden Ausschnitt aus einem Zeitungsbericht über eine Automesse? Welche der komplexen Wörter sind Ihnen bereits bekannt, welche müssen Sie genauer interpretieren? (b) Zerlegen Sie die Wörter in bedeutungstragende Einheiten und ordnen Sie diese nach Morphemarten. (c) Lassen sich Allomorphe finden?
Elf Tage lang ... ist Frankfurt wieder einmal der Nabel der Auto-Welt: 33 Welt-, acht Europaund 14 Deutschlandpremieren werden während der 57. Internationalen Automobilausstellung (IAA) auf den Ständen der Fahrzeughersteller zu betrachten sein. Darunter sind wie immer einige Butter-und-Brot-Autos ⎯ ein Begriff, unter dem Großserienmodelle wie Golf, Astra und was sonst noch in hohen Auflagen produziert wird, zusammengefaßt werden... Besonders auffällig ist heuer die Flut an Spaß- und Freizeitautos, mit denen man sich zwar ins Gelände wagen kann, schwieriges Terrain und tiefen Matsch jedoch besser meidet. Doch auch die Spezies der (Mini-)Vans, Coupés, Sportautos, Roadster und Cabrios gedeiht in Frankfurt bestens – vor allem in Form der sogenannten Concept Cars. Wo die Kunden herkommen, die diese PKWSpielarten kaufen, ist noch nicht endgültig abzusehen. Die traditionellen Kombis, die Beobachter nach dem Erscheinen der Großraumlimousinen für besonders gefährdet hielten, behaupten sich bisher erstaunlich gut. Schwer unters Volk zu bringen sind Branchenberichten zufolge vielmehr die Stufenheck-Limousinen – bis hoch in die Mittelklasse bröckeln die Verkaufszahlen ab. (SZ-Auto, Beilage Nr. 208, Süddeutsche Zeitung vom 10.9.97)

6.

Auf welche Prozesse der Bedeutungserweiterung gehen die folgenden Komposita mit Farbbezeichnungen zurück? Wodurch sind sie motiviert? Um welche Art der Komposition handelt es sich jeweils? (a) Blaumeise (e) Rotschopf (i) Schwarzarbeit (b) Blaukopf (f) Rotkehlchen (j) Schwarzafrika (c) Blaumann (g) rotbraun (k) Schwarzbuch (d) Blauhemden (h) Rotkreuzschwester (l) Schwarzkittel

KAPITEL 4

Sprachliche Konzepte zueinander in Beziehung setzen: Syntax
4.0 Überblick
In den Kapiteln über Lexikologie und Morphologie haben wir uns mit der Beziehung zwischen sprachlichen Konzepten und Wörtern bzw. Morphemen beschäftigt. Hier wollen wir uns nun der Frage zuwenden, wie solche sprachlichen Konzepte in Sätzen zueinander in Beziehung gesetzt werden. Das Ende eines Satzes ist in geschriebener Sprache durch Punkt, Frage- oder Ausrufezeichen markiert. In gesprochener Sprache wird insbesondere durch die Intonation deutlich, wann ein Satz endet und der nächste beginnt. Durch Sätze können wir sprachlich zum Ausdruck bringen, wie wir komplexe Ereignisse in unserer Vorstellungs- und Erfahrungswelt konstruieren. Von der konzeptuellen Seite her gesehen bestehen solche Ereignisse immer aus mehreren Komponenten, die in diesem Kapitel näher untersucht werden sollen. Wenn wir ein Ereignis als Ganzes beschreiben wollen, so wählen wir in der Regel einen, zwei oder mehr Hauptteilnehmer aus, die wir auf die eine oder andere Art miteinander in Beziehung setzen. Ein Teilnehmer tritt in einer bestimmten Teilnehmerrolle auf. Dabei muss es sich nicht notwendigerweise um eine Person handeln. Unter Teilnehmer verstehen wir begriffliche Einheiten, die durch ein Verb, das ein bestimmtes Ereignis bezeichnet, zueinander in Beziehung gesetzt werden können. Zwar ist jedes Ereignis für sich genommen einzigartig, doch kategorisieren wir Ereignisse nach einer begrenzten Anzahl von Typen, d.h. in so genannten Ereignisschemata. Diesen Ereignistypen ordnen wir auf der sprachlichen Seite jeweils typische Satzmuster zu. In diesen besonderen Anordnungen sprachlicher Formen spiegelt sich wider, wie wir auf konzeptueller Ebene die Teilnehmer in einem Ereignis miteinander in Beziehung setzen. In der deutschen Sprache werden die Beziehungen zwischen den Teilnehmern auf der Satzebene zudem durch entsprechende Kasusendungen signalisiert. Weitere sprachliche Elemente des Satzes helfen, das Ereignis in Bezug auf uns selbst sowie den Ort und Zeitpunkt unseres Sprechens zu positionieren. Durch so genannte Verankerungselemente können wir ausdrücken, wo und wann das Ereignis stattfindet oder stattgefunden hat, oder auch – wenn das Ereignis für uns rein hypothetisch ist – ob es stattfinden wird, stattfinden könnte oder unter bestimmten Bedingungen stattfinden würde.

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SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT

4.1 Einleitung: Syntax und Grammatik
Beginnen wir mit der zentralen Frage, was überhaupt ein Satz ist. Das Wahrig Deutsche Wörterbuch (2000: 1082,2) definiert einen Satz so: „sprachlicher, nach bestimmten Regeln aufgebauter, sinnvoller Ausdruck eines in sich abgeschlossenen Gedankens“. Diese Vorstellung der traditionellen Grammatik über den Zusammenhang von Sprache und Denken, nach der wir Menschen durch die Sprache unsere Gedanken zum Ausdruck bringen, ist ein guter Ausgangspunkt für unsere Betrachtungen. Auch aus einer kognitiv-sprachwissenschaftlichen Perspektive heraus gesehen stellt ein Satz ein sowohl konzeptuell als auch sprachlich in sich abgeschlossenes Ganzes dar. Wie ein Wort hat also auch ein Satz eine konzeptuelle und eine sprachliche Seite. Von der konzeptuellen Seite her besehen drückt ein Satz ein Ereignis aus, wie es von demjenigen konstruiert wird, der den Satz sagt. Ein typischer Satz stellt ein Ereignis mit wenigstens einem Teilnehmer dar und bezeichnet zudem eine Handlung, die dieser ausführt, den Vorgang, von dem er betroffen ist, oder den Zustand, in dem er sich befindet. Außerdem enthält ein Satz noch Informationen darüber, wie die mit ihm beschriebene Aktion oder dieser Zustand des Teilnehmers auf die Perspektive des Sprechers, d.h. auf seinen Standpunkt in Raum und Zeit, bezogen ist. In einem Satz werden Wörter, die aus bedeutungstragenden Einheiten (lexikalische und grammatische Morpheme) bestehen, nach bestimmten Mustern systematisch angeordnet und so auf sinnvolle Art und Weise miteinander in Beziehung gesetzt. Die Untersuchung dieser systematischen Anordnung fällt traditionell in die sprachwissenschaftliche Disziplin der Syntax (griech. syn ‚mit‘ und tassein ‚anordnen‘). Die Syntax einer Sprache umfasst die Anordnungsmöglichkeiten sprachlicher Elemente in Sätzen nach einer begrenzten Anzahl von Satzmustern. Aufgrund unseres sprachlichen Wissens können wir diese sprachlichen Muster wieder erkennen und die mit ihnen zum Ausdruck gebrachten Gedanken interpretieren und verstehen. Das soll nicht heißen, dass wir in jeder Äußerung automatisch nur ein ganz bestimmtes Muster erkennen und damit schon den Satz verstehen. Es kommt durchaus vor, dass wir in derselben Abfolge von Wörtern mehr als nur ein Satzmuster oder – von der konzeptuellen Seite her betrachtet – mehr als nur eine der möglichen Anordnungen von Teilnehmerrollen erkennen können. Jede sprachliche Äußerung ist auf die eine oder andere Weise mehrdeutig oder ambig. Wenn wir verstehen wollen, was ein Sprecher mit einem Satz meint, so kommt es also darauf an, die unterschiedlichen Möglichkeiten der Bedeutung zu erkennen und zu einer dem Kontext angemessenen Interpretation zu gelangen. Beispielsweise kann der geschriebene Satz in (1a) im Prinzip auf zweierlei Art und Weise (1b bzw. 1c) gelesen und interpretiert werden.
(1) a. Mark hat Meike nicht gesehen. b. Der Junge hat das Mädchen nicht gesehen. c. Den Jungen hat das Mädchen nicht gesehen.

Die doppelte Leseweise in diesem Beispiel ist möglich, weil im Deutschen sowohl Subjekt als auch Objekt am Anfang eines Satzes stehen können und Eigen-

Konsonanten. indem man Mark durch der Junge und Meike durch das Mädchen ersetzt. B. Das Verb sehen macht ein Subjekt im Nominativ und ein direktes Objekt im Akkusativ notwendig. Unser Wissen über die symbolischen Einheiten einer Sprache zusammen mit unserem Wissen um die Satzmuster.B. Die einzelnen Bestandteile der Grammatik LINGUISTISCHE DISZIPLIN Lexikologie Morphologie Syntax Phonetik/Phonologie SPRACHLICHE KATEGORIEN lexikalische Kategorien (Wörter) Morpheme (z. den. Abschnitt 4. wie wir unterschiedliche Arten von Ereignissen anhand von Ereignisschemata einordnen und erkennen. Affixe) grammatische Kategorien (z. Die zwei möglichen Lesarten werden in (1b) bzw. ob das Substantiv Junge in Subjekt. Gleiches gilt für den Artikel der bzw. Nominativ. in denen sie auftreten können. Assimilation) Wir wollen uns bei unseren Betrachtungen der Grammatik lediglich auf drei Hauptaspekte beschränken.3 gibt einen Überblick über grundlegende Ereignisschemata und die zugehörigen Satzmuster.2 beschäftigt sich damit. . Wortarten) Phone/ Phoneme (z.oder in Objektposition steht. Bei der Junge wird durch die Wortendungen angezeigt. d.4. durch den das Objekt besonders hervorgehoben wird. Genitiv. Abschnitt 4. Wir werden weiter unten noch sehen. Hier ist den Jungen durch die Fallendung –en und den Artikel eindeutig als Akkusativ und damit als Objekt zu identifizieren. Satzmuster) phonologische Muster (z. Morphologie. um welchen Kasus es sich handelt. bezeichnet man als Grammatik dieser Sprache (siehe Übersicht 1). Vokale) VERKNÜPFUNGSREGELN morphologische Prozesse (z.SYNTAX 85 namen nicht durch Fallendungen markiert werden. Satz (1b) paraphrasiert die „normale“.B. Übersicht 1. wie die einzelnen Kasus.h. wie wir Ereignisse zu dem Zeitpunkt unseres Sprechens in Beziehung setzen. Dativ und Akkusativ. d. Bei das Mädchen muss es sich in diesem Satzmuster also um das Subjekt handeln. Syntax sowie Phonetik und Phonologie (siehe Kapitel 5) untersucht werden.B. stellt dar. Die Grammatik einer Sprache umfasst also das gemeinsame sprachliche Wissen aller Sprecher einer Sprachgemeinschaft. mit den semantischen Teilnehmerrollen innerhalb des Ereignisses zusammenhängen.h. Derivation) grammatische Muster (z. Bei das Mädchen kann es sich in diesem Satzmuster folglich nur um einen Akkusativ handeln. unmarkierte Abfolge der Satzkomponenten: erst steht das Subjekt (Mark) und dann das Objekt (Meike). (1c) paraphrasiert. kann aber leicht über die anderen Teilnehmer des Satzes identifiziert werden: In Satz 1b) signalisiert die Form der Junge als Kasus Nominativ. die in den sprachwissenschaftlichen Disziplinen Lexikologie. und Abschnitt 4. In gesprochener Sprache wird die syntaktische Mehrdeutigkeit in (1a) durch besondere Betonung des Objektes in Anfangsstellung aufgelöst. Diese sehr weit gefasste Definition von Grammatik bezieht alle Aspekte der sprachlichen Struktur mit ein. Der Kasus von Mädchen ist hingegen nicht explizit markiert.B. Demgegenüber gibt (1c) den markierten Fall wieder.B.

wie in unterschiedlichen Vorstellungen von ein und derselben Szene jeweils andere Elemente dieser Szene stärker in den Blickpunkt rücken und wie unterschiedlich diese Vorstellungen dann sprachlich konstruiert werden können.1. Unsere anthropozentrische Weltsicht (siehe Kapitel 1. d.86 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT 4. Wenn wir eine Szene wahrnehmen oder sie uns vorstellen. In ein solches Ereignis sind ein oder mehrere begriffliche Einheiten involviert.und Erfahrungswelt als ein Ereignis. Christian hatte plötzlich einen Tennisschläger in der Hand.u. Während seiner Abwesenheit kommt es zu einer Prügelei zwischen zwei Schülern.) führt oft dazu.2 Ereignisschemata und Teilnehmerrollen Wenn wir ein Ereignis beschreiben wollen. die wir als uns Menschen ähnlich wahrnehmen oder zu denen wir in einer engen Beziehung stehen: in der Regel sind das Personen. Das Verhältnis zwischen einem in sich vollständigen Ereignis und dem Satz. eine Erfahrung (2d). Die Fensterscheibe zersprang in tausend Stücke.2. c. ist also durch einen Prozess der Abstraktion gekennzeichnet: wir nehmen lediglich einige wenige Teilnehmer in den Blick und setzen sie in einem Satz durch ein Verb untereinander in Beziehung. Bei der Konstrukti- . e. Marcel damit zu schlagen. die für uns unter allen anderen Aspekten besonders hervortreten. eine Handlung (2c). einen Vorgang (2b). Christian hat seinen Mitschülern ein schlechtes Beispiel gegeben. Natürlich gibt es noch viel mehr Möglichkeiten. müssen wir dazu nicht alle möglichen Personen. Betrachten wir nun einmal an einem Beispiel. dass uns solche Teilnehmer ins Auge fallen. was passiert ist. Der Lehrer hat den Klassenraum kurz verlassen. Die Sprecher konstruieren diese Szene in ihrer Vorstellungs. so kann das Ereignis von diesen Sprechern auf unterschiedliche Art und Weise dargestellt werden: (2) a. Alle uns nebensächlich erscheinenden Elemente blenden wir dabei aus bzw. die wir als Teilnehmer dieses Ereignisses bezeichnen. schlägt daneben und trifft die Fensterscheibe. lassen sie in den Hintergrund treten. g. Darunter verstehen wir hier in einem sehr weiten Sinne einen Zustand (2a). eine Bewegung (2f) oder eine Übertragung (2g) (zur Terminologie s. diese kleine Szene zu beschreiben. Er holt aus.h. Dinge und kleinen Details nennen. Christian war wütend und wollte Marcel schlagen. Christian ist schuld. mit dem wir dieses Ereignis beschreiben. Wenn der Lehrer nun in die Klasse zurückkommt und die übrigen Schüler als Augenzeugen des Vorfalls danach befragt. die in tausend Stücke zerspringt. f. Die Situation spitzt sich dermaßen zu. dass Christian einen Tennisschläger aus seinem Schulrucksack nimmt und versucht.). b. Mit jedem der Sätze (2a-g) wird jeweils ein anderer Aspekt in den Blick genommen. eine Besitzrelation (2e). besonders prominent sind. d. Tiere oder auch Dinge. die in irgendeiner Weise an diesem Ereignis beteiligt sind. Christian hat das Fenster eingeschlagen. dann wählen wir lediglich diejenigen Aspekte des Ereignisses aus. Der Tennisschläger hat die Scheibe getroffen.

in denen die Teilnehmer auftreten können. einem bestimmten Ort (3d) oder einer Existenzbeschreibung (3e): . 4.2. sieht etc. jemand? Was hat jemand/etwas? Wohin bewegt sich jemand? Wer gibt wem was? In den folgenden Abschnitten werden diese Schemata ausführlicher dargestellt. 7.1 Das Essivschema Durch ein Essivschema wird eine konzeptuelle Einheit (eine so genannte Entität) mit einer Eigenschaft oder einer anderen Begriffskategorie in Beziehung gesetzt. tun. 2. Ein Teilnehmer (hier: Christian) handelt aktiv. Wenn wir uns das Ereignis als Handlung vorstellen und unsere Vorstellung durch das Verb schlagen ausdrücken wollen. 6. Er bringt eine gewisse Energie auf und ist damit das Agens in diesem Ereignis. Unter dem Patiens in einem Ereignis versteht man diejenige Rolle. 3. Sie lassen sich durch grundlegende Verben erfragen. Wir können uns das Ereignis als einen Vorgang vorstellen. einer Kategorie oder Klasse (3b). sondern ist von der Handlung des Agens und der von ihm aufgebrachten Energie betroffen. mit denen diese Schemata typischerweise sprachlich zum Ausdruck gebracht werden können. Diese Schemata umfassen eine oder mehrere semantische Teilnehmerrollen. einem Charakteristikum (3c).3 werden dann einige grundlegende Satzmuster sowie die Wortstellung besprochen. Diese Rolle wird als Patiens bezeichnet. fühlt. Übersicht 2. die am geringsten in jede Art von Beziehung involviert ist. geschehen. sowie einen sprachlichen Begriff. Der zweite Teilnehmer (die Scheibe) bringt keine Energie auf. bewegen. 5. Prototypische Ereignisschemata 1. Der Hauptteilnehmer ist nicht aktiv und nimmt die Rolle des Patiens ein. der die Beziehung zwischen diesen Teilnehmerrollen bezeichnet. indem wir das Verb zerspringen wählen – dann ist nur ein Teilnehmer (die Fensterscheibe) nötig. In Abschnitt 4. Je nach Rollenkonfiguration gibt es nun eine Reihe grundlegender Ereignisschemata. fühlen.SYNTAX 87 on von Ereignissen folgen wir einer begrenzten Anzahl von konzeptuellen Mustern. haben. so benötigen wir zwei Teilnehmer (2c). für die sich Entsprechungen in allen Sprachen dieser Welt finden (siehe Kapitel 6 über Semantische Primitiva): sein. geben. Das Patiens in einem Essivschema kann mit unterschiedlichen Arten des Seins in Beziehung gesetzt werden: mit einem identifizierenden Element (3a). Essivschema: Vorgangsschema: Handlungsschema: Erfahrungsschema: Besitzschema: Bewegungsschema: Übertragungsschema: Wie ist etwas? Was ist was? Was geschieht (gerade)? Was tut jemand? Was erfährt. In einem solchen Handlungsschema bekommen die Teilnehmer sehr unterschiedliche Rollen zugewiesen. sehen. die man Ereignisschemata nennt. 4.

c. (Identifikation) Die Sahara ist eine Wüste. indem er diesen Ort zu einen Eigennamen (die Sahara) in Beziehung setzt.2. Die große Fläche auf der Karte ist die Sahara. esse ‚sein‘) zusammenfassen.oder Prozessschema Während ein Sein-Schema also auf einen Zustand referiert. d. (Existenzbehauptung) Mit (3a) identifiziert der Sprecher einen bestimmten Ort auf der Landkarte. Unter einem Essiv verstehen wir eine Rolle. c. Sie nimmt deshalb auch die Rolle des Patiens ein. Ähnlich verhält es sich mit dem existenzbehauptenden Gebrauch von es gibt – auch wenn es sich um ein eher peripheres Mitglied der Rollenkategorie „Essiv“ handelt. ausgedrückt. b. Das Wasser kocht. Beide Elemente können als identifizierende Elemente dienen. welches Element der Sprecher als Erstes identifizieren will – die Bedeutung bleibt im Wesentlichen unverändert. und geht über die Beispiele (4b. der nicht selbst zu der Energie beiträgt. d.e). kann das Patiens in einem Vorgangsschema dennoch als in unterschiedlichem Maße autonom und am Prozess beteiligt konstruiert werden. Wie die Beispiele in (4a-e) zeigen. (Ortsangabe) In Afrika gibt es Wüsten. Die Teilnehmer in (4a-e) .c) mit leblosen Objekten bis zu Menschen und anderen Lebewesen (4d. Essive bezeichnen jeweils einen Zustand des Seins. (Zuschreiben einer Eigenschaft) Die Sahara ist/liegt in Nordafrika. In jeden dieser Prozesse ist ein Teilnehmer eingebunden. Bei einer identifizierenden Konstruktion lassen sich die beiden nominalen Bestandteile des Satzes miteinander vertauschen: Der Unterschied zwischen (3a) Die große Fläche auf der Karte ist die Sahara und dem Satz Die Sahara ist die große Fläche auf der Karte besteht lediglich darin.2 Das Vorgangs. Die „Autonomieskala“ beginnt mit Beispiel (4a). Mit (3c) beschreibt der Sprecher eine Eigenschaft oder ein Charakteristikum der Sahara. In Beispiel (3b) wird der erste Teilnehmer (die Sahara) der Kategorie „Wüste“ zugeordnet. (Kategorisierung) Die Sahara ist gefährlich. sondern mit einem Essivlokativ in Beziehung gesetzt. die durch „ist“ mit dem Patiens in Beziehung gesetzt wird. sich befinden etc. setzen.88 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT (3) a. Das Wetter/Es klart auf. Nach dieser Definition ist auch das Schema in Satz (3d) ein Essivschema: das Patiens Sahara ist diesmal nicht mit einer Eigenschaft. b. Der Hund winselt. Der Junge kränkelt/wird krank. e. stehen. (4) a. sondern eher durch Synonyme wie liegen. Der Stein rollt den Hang hinunter. 4. die während des Prozesses entsteht. in dem ein meteorologisches Phänomen Patiens ist. e. hebt das Vorgangsschema einen momentan stattfindenden Prozess hervor. Dieser wird im Deutschen häufig nicht durch das Verb sein. Die in diesen Prozess eingebundene konzeptuelle Einheit bestimmt jedoch nicht aktiv den Ablauf des Prozesses. Diese drei Teilnehmerrollen in Ereignissen lassen sich unter dem Oberbegriff Essiv (lat.

aber dennoch in gewisser Weise „autonome“ Handlung kategorisieren. drückt das Patiens es einen allgemeinen Rahmen. dann können wir das sicher auch mit dem im folgenden Absatz zu besprechenden Schema als eine zwar auf Dressur gestützte. Der Stein in (4b) bleibt solange an derselben Stelle liegen. Wie Beispiel (4d) zeigt. Deshalb nehmen menschliche Subjekte innerhalb von Vorgangsschemata auch nicht die Teilnehmerrolle des Agens. als dass wir dem Hund eine eigene Motivation zuschreiben. Kein Zweifel: der Hund erscheint in dieser Hinsicht immer noch autonomer als das Wasser im Kessel (4c) oder der den Hang hinunterrollende Stein (4b).3 Das Handlungsschema Die Beispiele für das Vorgangsschema unter (4) wird man für gewöhnlich nicht mit „Was tut X (gerade)?“ erfragen. Man kann deswegen das Wort Wetter auch durch es ersetzen – wie auch in den Sätzen Es schneit. bis er durch einen Energieanstoß ins Rollen kommt. In einem anderen Zusammenhang kann es sich allerdings bereits anders verhalten: wenn etwa ein Hund jeden Morgen seinem Herrchen die Zeitung bringt. sondern auch als Organismen. Die Entität im Vorgangsschema ist also ein prototypischeres Patiens als die Entität im Sein-Schema.B. als du ihn gerufen hast?“ – dann interpretieren wir das Verhalten des Hundes als in irgendeiner . eine Wetterlage. in der etwas passiert. die zum Winseln des Hundes führen. werden Menschen nicht nur als selbstbestimmte. altern.als auch durch ein Handlungsschema konstruiert werden – je nachdem. Vielleicht würden wir die Ursache für das Winseln des Hundes nicht gerade mit der Frage „Was geschieht mit dem Hund?“ erfragen. wie auch in Sätzen mit Existenzangabe. kann offensichtlich sowohl durch ein Vorgangs. oder allgemein gesagt. die mit es gibt ausgedrückt wird. sondern einzig und allein durch eine Gegenkraft gestoppt werden können. Es regnet etc.SYNTAX 89 sind vielmehr von dem Prozess betroffen.oder Gesundwerdens. denkende und aktiv handelnde Wesen konstruiert. z. wie viel Autonomie dem Tier in einem bestimmten Zusammenhang zugemessen werden soll. Der Hund wird dann nicht als Ursprung der Energie konzeptualisiert. Natürlich können wir bei Tieren. sterben etc. Auch mit dieser Frage vermuten wir eher bestimmte äußere Umstände. Das Verhalten eines Hundes. die sich mit „Was geschieht mit dieser Entität?“ erfragen lässt. Wenn dieser allerdings ohne für uns erkennbare Erklärung anhaltend laut und aufgeregt bellt. gesunden. Die instinktgeleitete Energie des winselnden Hundes wird auch als prototypisch stärker wahrgenommen als die körperlichen und/oder psychologischen Prozesse des Krank. eine physikalische oder anthropologische Lage aus. Dies wird sicherlich in (4a) am deutlichsten: das Wetter selbst trägt nicht zu seiner Entwicklung bei. die beide nicht durch einen weiteren Stimulus. 4. die allerlei Prozessen unterliegen können: sie können kränkeln. Selbst das Winseln des Hundes in (4e) kann als ein angeborener ReizReaktions-Reflex gesehen werden. einem winselnden Hund. oder allgemeiner eines Tieres. Alle Subjekte in (4) zeigen sich also in der Rolle des Patiens. sondern vielmehr die des Patiens ein. so würden wir uns sicherlich mit „Was ist denn mit dem Hund los?“ eine ähnliche Frage stellen. auch fragen „Was hat der Hund gemacht.2. Bei dem Verb kochen (4c)ist die Energie stets mitgedacht. In diesen Sätzen.

il se promène. b. Er schreibt die Geschichte seines Lebens. er bewegt sich etc. d. Er schreibt den ganzen Morgen.e. obwohl es konzeptuell eigentlich durchaus vorhanden ist. er legt sich hin. fühlen. In einigen Sprachen wird dies auch zum Ausdruck gebracht. Im Französischen wird ein reflexives Verb verwendet: il se lève ‚er hebt sich auf‘. Unter einem Agens versteht man in einem Handlungsschema eine Entität. denn um sich selbst zu bewegen. Diese Unterscheidung erklärt nun auch. . die zwischen diesen Extremen liegen. In einem Handlungsschema wird eine gedankliche Einheit als Quelle der aufgebrachten Energie und damit als Ausführender einer Handlung angesehen. In (5a) ist kein direktes Objekt möglich. in dessen Rolle als Handelnder. sowie alle Variationen. e. soziale und kulturelle Erfahrungen. i. 4. Im prototypischen Fall wird sie aber auf ein Patiens übertragen. c. essen und trinken und viele andere. (5) a. wollen usw. dass einerseits die Energie in der Handlung selbst (5a) und andererseits auf einen anderen Teilnehmer in der Rolle des Patiens (Objekt) übertragen wird (5e). Handlungsschemata unterscheiden sich von Vorgangsschemata im Wesentlichen durch die Rolle des Agens als Ursprung der Energie. warum ein prototypisches Handlungsschema nahezu ausschließlich auf menschliche Agenten beschränkt ist. werden in (5) dargestellt. tritt in den Hintergrund bzw. fachsprachlichen Sinn: mit einem „Erfahrungsschema“ konstruieren wir die mentale Verarbeitung des menschlichen Kontaktes mit der Umgebung und Umwelt. Darunter versteht man im Allgemeinen körperliche. Im Deutschen sind ähnliche Ausdrücke möglich: er erhebt sich. wissen.90 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT Weise kontrollierbar.h. zum Ausdruck kommt. bei denen das Objekt sowohl implizit bleiben kann wie in Karl isst oder aber explizit genannt werden kann: Karl isst Kartoffeln. il se couche. d.4 Das Erfahrungsschema Begriffskategorien gehen aus unseren Erfahrungen mit unserer natürlichen und kulturellen Umgebung hervor. die im prototypischen Fall vom eigenen Willen geleitet wird und aus eigenem Antrieb die mit dem Verb bezeichnete Handlung ausführt. (Kein Objekt möglich) (Objekt wird impliziert) (Objekt ist betroffen) (Objekt entsteht) (Objekt wird vernichtet) Hier finden sich die drei wesentlichen sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten für das Handlungsschema. Martin steht früh auf.2. ist gar nicht offensichtlich. Diese beiden Extreme des Handlungsschemas. Er schreibt einen Brief. Die von ihm oder ihr entwickelte Energie kann durchaus in der Handlung selbst „verbraucht“ werden. denken. Später zerreißt er den Brief wieder. Am anderen Ende des Kontinuums stehen Handlungen wie zerreißen. bei denen ein Objekt obligatorisch ist. Zwischen diesen Extremen stehen Handlungen wie schreiben. muss man eigene Energie aufbringen. In einem Vorgangsschema ist die Energiequelle viel unklarer. Im Zusammenhang mit konzeptuellen Schemata verwenden wir „Erfahrung“ in einem engeren. wie sie sprachlich durch Verben wie sehen.

einem weiteren Ereignisschema. b. Er weiß. Plötzlich spürt er einen stechenden Schmerz. c. Im prototypischen Fall des Besitzschemas (7a) wird ein (menschlicher) Besitzer mit einem Objekt in Beziehung gesetzt.h. Sie hat eine Schwester. Im prototypischsten Fall assoziiert es einen menschlichen Besitzer mit einem Besitztum (einem Objekt). er macht mentale Erfahrungen. Dieses zweite Schema wird dann in einem Nebensatz mit dass oder einer Infinitivkonstruktion ausgedrückt. Er glaubt.h. Er registriert und verarbeitet vielmehr Wahrgenommenes. Gefühle und Wünsche. besetzt werden (6b-e).h. Teil-Ganzes-Relationen (7d) oder Verwandtschaftsbeziehungen (7e). es kann in jemandes anderen Besitz übergehen (Eigentum). sie durch Schnelligkeit überlisten zu können. Petra hat ein tolles Haus. denn der erste handelt nicht. e. e. Gedanken. *Der Schmerz wird von ihm gespürt. d. Der kleine Junge sieht eine Schlange. d. Er hat oft die tollsten Ideen. ist der Teilnehmer in einem Erfahrungsschema weder passiv wie ein Patiens noch aktiv wie ein Agens.SYNTAX 91 Im Gegensatz zum Handlungsschema. ein Ganzes mit seinen Teilen oder auch ein Mitglied einer Kategorie mit einem anderen in Beziehung setzen. Die Besitzrelation im Besitzschema hat im Deutschen aber auch weniger zentrale Mitglieder wie mentale Einheiten (7b) sowie periphere Mitglieder wie Betroffenheit von einer Krankheit (7c). das ein Agens voraussetzt. das beweglich oder zumindest übertragbar ist. d. Der zweite Teilnehmer in einem Erfahrungschema tritt dabei als Patiens auf. sondern . Der Lehrer hat eine starke Erkältung. (materieller Besitz) (mentaler Besitz) (Betroffenheit) (Ganzes – Teil) (Verwandtschaftsbeziehung) Ähnlich dem Erfahrungsschema gibt es auch hier keine eigentliche Energieübertragung zwischen den beiden Teilnehmern.). b.5 Das Besitzschema Das Besitzschema hat mehrere Unterarten. c. Die Rolle des Experiens in einem Erfahrungsschema lässt sich an folgenden Beispielen erklären: (6) a. d. Es handelt sich um ein materielles Objekt. dass das Patiens in einem Erfahrungsschema nicht von irgendeiner Energieeinwirkung betroffen ist und deshalb nicht – oder nur schwerlich – zum Subjekt eines passivischen ? Satzes werden kann ( Die Schlange wird von ihm gesehen bzw. Wir bezeichnen die Hauptrolle in einem Erfahrungsschema deshalb als Erfahrungszentrum oder Experiens. Der Hauptunterschied zu einem Patiens in einem Handlungsschema besteht nun darin. 4. Es kann aber auch eine betroffene Entität mit ihrer Ursache.2. d. dass sie gefährlich ist. Die zweite Teilnehmerrolle in einem Erfahrungsschema kann entweder mit einem konkreten Objekt wie Schlange (6a) oder mit einer abstrakten Denkeinheit. Trotzdem will er sie mit der Hand packen. Dieser Tisch hat nur drei Beine. (7) a.

Wie die Beispiele in (8) zeigen.6 Das Bewegungsschema Ein Bewegungsschema ist eine Kombination aus einem Vorgangsschema bzw. Die Ärzte operierten von morgens um sieben bis abends um zehn. Das Besitzschema kann im Gegensatz zum Essivschema durch mit paraphrasiert werden: Die Frau mit der tollen Eigentumswohnung/der Junge mit den tollen Ideen. Vorgangsschema + Ursprung – Ziel b. auf die sie hinauslaufen (das Ziel). Das Wetter wechselte von nieseligen 12 Grad zu sonnigen 18 Grad.1). Vorgangsschema + Anfangszustand – Ergebniszustand In Kombination mit einem Bewegungsschema stehen die einzelnen Elemente des Ursprung-Weg-Ziel-Schemas alle gleichermaßen für uns im Vordergrund.h. Aus dem Weg im konkreten. der durch den Prozess in einen Endzustand übergeht.2. wobei sich dann einige Elemente des Schemas grundlegend verändern.92 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT wird eher mit einer Art Zustand assoziiert.d) oder in einem abstrakten metaphorischen Sinn (8e) gebraucht werden kann. Deswegen können sie auch unabhängig voneinander zum Ausdruck gebracht werden: Der Apfel fällt vom Baum („Ursprung“) oder Der Apfel fällt ins Gras („Ziel“) oder in einer Kombination dieser Einzelschemata: Der Apfel ist vom Baum ins Gras gefallen („Ursprung-Ziel“). Die Rolle des Besitzers ähnelt daher sehr stark der Rolle eines Patiens. Vorgangsschema + Beginn – Dauer – Ende d. sie sind in gleichem Maße prominent (siehe Abb. In einem Prozesskontext (8e) gibt es einen Ausgangszustand. oder aber die sie passieren (den Weg) bzw. das im räumlichen (8a. der Tisch mit den drei Beinen. Der Apfel fällt vom Baum ins Gras. Der Einbrecher kletterte von der Terrasse aus das Regenrohr entlang auf den Balkon hinauf. Handlungsschema + Beginn – Ende e. 4. Die Party ging von zehn Uhr an die ganze Nacht hindurch bis um fünf in der Früh. an denen entweder Prozess oder Handlung beginnen (der Ursprung). d. Handlungsschema + Ursprung – Weg – Ziel c.d). räumlichen Sinn (8b) wird in einem zeitlichen Kontext ein Konzept der Dauer (8c. im zeitlichen (8c. Auf den ersten Blick scheinen deshalb auch Essivschema und Besitzschema einander sehr ähnlich zu sein – tatsächlich sind sie aber doch sehr verschieden. einem Handlungsschema mit den Punkten. (8) a.b). kann ein konkretes Ereignisschema leicht auf abstrakte Bedeutungen ausgedehnt werden. der Mann mit der starken Erkältung. . Diese drei Punkte bilden zusammengenommen ein UrsprungWeg-Ziel-Schema.

dass in diesem Apfel-Beispiel der Weg für uns nicht in gleichem Maße ?? prominent ist wie Ursprung und Ziel. Halten wir also fest. Ein Satz wie Der Einbrecher kletterte von der Terrasse aus erscheint merkwürdig. Anders bei einer menschlichen Handlung.SYNTAX 93 Abbildung 1. Mit einem Handlungsschema wird. Das würde bedeuten. Sie suchten von früh morgens bis um Mitternacht oder Sie suchten bis um Mit? ternacht klingt natürlicher als Sie suchten ab Mittag/von mittags an. In Zusammenspiel mit einem Vorgangsschema können sowohl Ursprungs. Gleiche Prominenz von Ursprung und Ziel im Bewegungssschema Der Apfel fällt vom Baum. Wenn also eine menschliche Handlung involviert ist. Das Ziel kann hingegen alleine auftreten: Der Einbrecher kletterte auf den Balkon klingt ganz natürlich. Hier können wir auch den Weg hervorheben: Der Junge klettert auf den Baum (Ziel hervorgehoben) vs. weil der Ursprung. ein willensgeleitetes Handeln beschrieben. wie er durch von konstruiert wird.oder Weg. Für uns ist aber eher von Bedeutung. und die Frage. Man wird wohl kaum sagen Der Apfel fällt den Baum hinunter/herunter. dann ist das Ziel * prominenter als der Ausgangspunkt.als auch Zielelemente ohne Unterschied in ihrer Prominenz für sich allein auftreten: Die laute Party ging dann von zwei Uhr an (Anfangspunkt). dass der Ursprung in einem „Behälter“ (einem geschlossenen dreidimensionalen Raum) liegt. Wir interessieren uns deshalb sehr viel stärker für das Ergebnis als für den Anfangspunkt der Handlung. In zeitlichen Zusammenhängen findet ein ähnliches Prinzip Anwendung. Der Junge klettert den Baum hinauf (Weg hervorgehoben). von wo aus er dorthin kletterte. dass er am Stamm entlang nach unten kullert. Dagegen wird durch aus die Vorstellung ausgedrückt. wie gesagt. dass für das Ursprung-Weg-Ziel-Schema in der alltäglichen Erfahrung ganz offenbar eine Hierarchie gilt: für menschliche Handlungen . Der Apfel fällt ins Gras. ob ein Apfel oben am Baum hängt oder als Ergebnis des Fallens unten im Gras liegt. das auf das Erreichen eines bestimmten Zieles ausgerichtet ist. Dies reicht zur Orientierung aus: Er kletterte aus dem Küchenfenster. In einem Handlungsschema ist eine menschliche Aktion beteiligt. Der ganze Krach ging bis um zwei (Endpunkt). Auch hier wird eher der Endpunkt als der Ausgangspunkt explizit genannt werden. ihn also dauernd berührt. nur ein Punkt oder eine Fläche ist und auch einen Weg oder ein Ziel erfordert. Interessant ist. ist nicht so wesentlich.

Das Übertragungsschema impliziert zwei unterschiedliche Zustände: einen Anfangszustand.94 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT ist das Ziel wesentlich wichtiger als der Ursprung.f) lediglich der Ergebniszustand alleine auftreten. nicht der Ausgangszustand: Das Wetter wechselte zu sonnigen 18 Grad. Satz (9d) ist grammatikalisch nicht korrekt. . In Satz (9b) ist Janas Kollegin nicht die neue Besitzerin.h. Jana hat das Buch an ihre Kollegin weitergegeben. nicht die des Empfängers. Jana hat der Tür einen neuen Anstrich gegeben. Zudem kann in abstrakten Zusammenhängen wie (8e. Beide Sätze (9a. Das Satzmuster in (9a) mit indirekten Objekt drückt aus. Mit an ihre Kollegin wird die Prominenz des Zieles ausgedrückt. sowie den Ergebniszustand. In der abstrakteren Bedeutung in (9c) wird die gleiche Satzkonstruktion wie in (9a) verwendet – als Ergebnis des Anstreichens wird die Farbe Teil der Türe. dass sich die weitergegebene Sache nun im Besitz des Teilnehmers B befindet. 4.2.b) geben das Übertragungsschema sprachlich wieder. sondern nur eine präpositionale Ergänzung im Akkusativ. b. Die Hauptereignisschemata mit ihren Teilnehmerrollen lassen sich zusammenfassend wie in Übersicht 3 darstellen. sie bekommt das Buch nur vorübergehend. Doch besteht ein kleiner Bedeutungsunterschied. Als Ergebnis befindet sich nun diese im Besitz des Buches. bei dem ein Teilnehmer A etwas besitzt und es an einen anderen Teilnehmer B weitergibt.7 Das Übertragungsschema Das Übertragungsschema besteht – ebenso wie das Bewegungsschema – aus der Kombination je zwei verschiedener Schemata: entweder aus dem Besitzschema und dem Vorgangsschema oder aus dem Handlungsschema und dem Bewegungsschema. In (9a) wie auch in (9b) hat zunächst Jana das Buch und gibt es dann ihrer Kollegin. zumindest aber der Empfänger. die Türe erscheint in der semantischen Rolle des Empfängers. Die folgenden Beispiele sollen dieses Übertragungsschema erläutern helfen (9): (9) a. Jana hat ihrer Kollegin das Buch gegeben. Das Verb weitergeben lässt kein Objekt im Dativ zu. Wir wollen diese Hierarchie als das Ziel-vor-Ursprung-Prinzip bezeichnen. c. d. d. dass der zweite Teilnehmer nun der neue Besitzer des Buches ist. aber nicht *Das Wetter wechselte von nieseligen 12 Grad. und Ursprung wie Ziel sind wichtiger als der Verlauf. *Jana hat einen neuen Anstrich an die Tür gegeben. Auch hier kommt das Ziel-vor-Ursprungsprinzip zum Tragen: uns interessieren eher zukünftige als vergangene Wetterverhältnisse. weil die Tür als unbelebter Empfänger nicht etwas vorübergehend in Empfang nehmen kann. der angibt.

Er hat sie seiner Schwester gegeben.3 Hierarchische und lineare Struktur von Sätzen Die Wortstellung innerhalb eines Satzes spiegelt auf sprachlicher Ebene wider. Teilnehmer in Teilnehmerrollen erster zweiter dritter Essivschema Patiens Essiv Vorgangsschema Patiens Patiens/ -Handlungsschema Agens Patiens/ -Erfahrungsschema Erfahrungszentrum Patiens Besitzschema Besitzer Patiens Bewegungsschema (Agens) Patiens Ziel Übertragungsschema Agens Empfänger Patiens 4. Wie Menschen Ereignisse wahrnehmen. Hij heeft ze (aan) zijn zuster gegeven.h. In einem Satz bestehen darüber hinaus auch noch hierarchische Beziehungen. 3. Rollenkonfigurationen in grundlegenden Ereignisschemata Ereignisschemata 1. wie dieser Linearisierungsprozess verläuft. 4. 5. Von den Bestandteilen des Satzes. in räumlicher bzw. 4. müssen wir zunächst einmal betrachten. c. d. zeitlicher Abfolge – abgebildet. Wir werden nun die komplexeren Aspekte auf allen hierarchischen Ebenen eines Satzes näher betrachten. He has given them to his sister. wie auf der konzeptuellen Ebene die Teilnehmer eines Ereignisses miteinander in Beziehung stehen. Sie bilden die Verbalphrase und stehendem Subjekt gegenüber. b. wird teilweise auch durch ihre Sprache beeinflusst. Diese lineare Struktur ist allerdings nur ein Aspekt der komplexen Struktur von Sätzen. In verschiedenen Sprachen nimmt der Linearisierungsprozess die unterschiedlichsten Formen mit den unterschiedlichsten Ergebnissen an. die man auch als Satzkonstituenten bezeichnet. stehen einige mit bestimmten Konstituenten in einem engeren Zusammenhang als mit anderen. 7. Englisch und Französisch lassen sich erhebliche Unterschiede erkennen: (10) a. 6. Niederländisch. 2. Selbst in so eng miteinander verwandten Sprachen wie Deutsch. . Il les a donnés à sa sœur. Bevor wir nun zu der Frage kommen. So gehören Verb (V) und Objekt (O) sehr eng zusammen.3.1 Die hierarchische Struktur der Satzkonstituenten Mithilfe der Sprache vollbringen wir eine erstaunliche Leistung: die verschiedenen Ebenen des Denkens werden in gesprochener oder geschriebener Sprache linear – d. wie die hier dargestellten konzeptuellen Ereignisschemata durch die sprachliche Struktur abgebildet werden.SYNTAX 95 Übersicht 3.

IO sie seiner Schwester ze zijn zuster Part. kann er darüber hinaus eine bestimmte Art der Verbalphrase erwarten. Jede der vier Sprachen macht von diesen Positionen auf eine andere Weise Gebrauch: Übersicht 4. Erg. Niedere Konstituenten werden dabei zu höheren Konstituenten zusammengesetzt. Pro. sondern auch hierarchisch geordnet – ihre Konstituenten liegen auf unterschiedlichen grammatischen Ebenen. Sätze sind nicht nur linear. gegeben gegeven given donnés them (S = Subjekt. Erg. HV hat heeft has a Pro. gegangen. Unterschiedliche Positionen innerhalb der linearen Satzstruktur S Deutsch Er Niederl. Die unbeweglichste Konstituente nach dem Subjekt ist das Hilfsverb. ob das Hilfsverb haben oder sein verwendet wird. In die Klammer können außerdem nicht nur ein einzelnes Objekt. er ist gekommen. Part. Wenn ein Sprecher des Deutschen oder des Niederländischen das Hilfsverb hat bzw. (aan zijn zuster) to his sister à sa sœur Part.= Pronomen. Im Deutschen und im Niederländischen gibt es die so genannte Satzklammer. mit der das Hilfsverb und das Vollverb ein indirektes Objekt bzw. dass im weiteren Verlauf des Satzes ein Verb im Partizip auftritt (wie gegeben). gerannt. sondern viele andere Konstituenten eingefügt werden: (11) Gestern hat er Anne nach einem heftigen Streit. Ganz allgemein gesagt muss ein Hörer bei der Verarbeitung eines Satzes dessen Kompositionsstruktur erkennen. vs. Il les Pro. = Partizip. Je nachdem. So lässt sich die Struktur des Satzes Er möchte Petra Blumen schenken wie in Abbildung 2 mit einem Baumdiagramm darstellen. Im Französischen kann das pronominale Objekt auch vor dem Hilfsverb stehen. Pro. Es handelt sich nicht bloß um einen Strukturrahmen mit Leerstellen.96 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT Im Vergleich dieser vier Sprachen gibt es in einem solchen Satz neun verschiedene Positionen für die einzelnen Satzkonstituenten. alle ihre Briefe zurückgegeben. die in eine der Leerstellen der linearen Satzstruktur eingefügt werden muss. mit dem zusammen das Hilfsverb eine Kompositionseinheit bildet. Im Englischen und Französischen zeigt sich ein nahezu entgegengesetztes Strukturierungsprinzip: hier kommen Hilfsverb und Partizip nicht getrennt voneinander vor. . eine Ergänzung (Niederländisch) umklammern. HV = Hilfsverb. mit der bestimmte Teilnehmerrollen einhergehen: er hat etwas gegeben. heeft in dem unter (11) gegebenen Satz hört. gelesen usw. in die bestimmte Konstituenten eingesetzt werden können. = Ergänzung) In diesen vier Sprachen ist das pronominale Objekt die beweglichste Konstituente. Natürlich spielt die Struktur einer Sprache bei der Kommunikation von Bedeutung eine viel wichtigere Rolle. so wird er aufgrund seines grammatischen Wissens um die „Klammerregel“ erwarten. Hij Englisch He Franz. ohne auch nur ein einziges Wort zu sagen.

Satzmuster mit einem – obligatorischen oder fakultativen – direkten Objekt sind transitiv. dass Pronomen in unterschiedlichen Positionen zwischen den Hauptkonstituenten des Satzes (Subjekt. Außerdem zeigt Abb. bezeichnet man als intransitiv.h. Unter Satzmustern versteht man hierbei die strukturellen Rahmen. Hilfsverb. Das direkte Objekt ist die zweit-. Auf der nächsthöheren Ebene ist diese Verbalphrase mit einem Hilfsverb verbunden. das indirekte Objekt die drittwichtigste Nominalphrase. Objekt dir. die im Deutschen zur Verfügung stehen. die lediglich aus den obligatorischen Satzelementen bestehen. 4. Verb.2 Die lineare Abfolge im einfachen Satz: Satzmuster Die Grammatik des Deutschen lässt – ebenso wie die Grammatiken aller übrigen natürlichen Sprachen – nur bestimmte Grundmuster des Satzbaus zu. Das Ergebnis dieser Verbindung aus dem Hilfsverb möchte und der Verbalphrase Petra Blumen schenken ist eine Prädikatsphrase. d. ob andere Objekte (Dativobjekte. die für die Grundtypen von Sätzen in einer Sprache existieren. Verbalphrase) eingesetzt werden können. Genitivobjekte oder Präpositionalobjekte) vorkommen können.SYNTAX 97 Abbildung 2. und zwar unabhängig davon. die in Übersicht 5 aufgeführt sind.3. nämlich Subjekt. Satzmuster. Im Deutschen gibt es sechs Haupttypen von Satzmustern. Baumdiagramm eines Satzes HIERARCHISCHE STRUKTUR: Nominalphrase Er Er LINEARE STRUKTUR: Subjekt Satz Prädikatsphrase Verbalphrase Hilfsverb Nominalphrase Nominalphrase Verb möchte Petra Blumen schenken Hilfsverb ind. die auf der höchsten Ebene der hierarchischen Satzstruktur mit der Nominalphrase Er in Beziehung steht. die Komponente. Alle Satzmuster haben ein Subjekt und ein Verb. Ergänzungen sind neben Subjekt sowie direktem . indirektes Objekt und Ergänzung. in denen kein direktes Objekt vorkommen kann. Sie beschreiben die grammatische Struktur einfacher Sätze. Die lineare Struktur S-HV-IO-O-V ist damit nur eine der möglichen Satzmuster. über die etwas in einer Prädikatsphrase ausgesagt (prädiziert) wird. direktes Objekt. Das Subjekt ist diejenige Komponente.3. auf das sich das Verb bezieht. Objekt Verb Das Baumdiagramm dieses Satzes veranschaulicht eine dreistufige hierarchische Struktur: auf der untersten Ebene werden das Verb schenken und die Nominalphrasen Petra und Blumen in einer Verbalphrase miteinander in Beziehung gesetzt. Diese Satzmustertypen zeichnen sich durch unterschiedliche Kombinationen der fünf grundlegenden funktionalen Konstituenten aus.

Verstehen wir das Ereignis als eine besondere Kraftanstrengung und wollen wir den mühevollen Aufstieg betonen. b. V-Part ein Ticket. dass er jetzt nicht über die Straße gehen kann). Boris S b. Wenn wir ein bestimmtes Ereignis beschreiben wollen. so wird zum Ausdruck unserer Absicht höchstwahrscheinlich das Ergänzungsmuster (12a) ausgewählt werden. Im transitiven Ergänzungsmuster verschmilzt ein transitives mit einem Ergänzungsmuster (Boris nahm das Flugzeug nach Paris). die nach dem Verb stehen. Morgen wollen wir das Rinerhorn erklettern. V lud V schenkten V gehört V nahm V uns alle O Boris IO zu einem Verein. verwenden wir das Muster. unsere Vorstellung auszudrücken. = Ergänzung) a) b) c) d) e) f) Das kopulative Muster unterscheidet sich von allen übrigen Mustern durch die Funktion des kopulativen Verbs sein. Wenn wir beispielsweise einen bestimmten Ort erreichen wollen. Das transitive Muster macht ein direktes Objekt erforderlich. das uns am geeignetsten erscheint. (kopulatives Muster) (intransitives Muster) (transitives Muster) (ditransitives Muster) (Ergänzungsmuster) (transitives Ergänzungsmuster) (S = Subjekt. Das ditransitive Muster hat ein direktes wie auch ein indirektes Objekt. Erg. Das intransitive Satzmuster besteht nur aus einem Subjekt und einem Verb. wie zu. V = Verb. IO = indirektes Objekt. Grundlegende Satzmuster deutscher Aussagesätze a. Erg. das Flugzeug O nach Paris. O = direktes Objekt. Boris S c. Übersicht 5. Es verbindet lediglich das Subjekt mit einer Ergänzung. entspricht eher (12b) unserem Verständnis: (12) a. Morgen wollen wir auf das Rinerhorn klettern. V-kop = kopulatives Verb. Boris S f. Jedes Satzmuster hat eine abstrakte Bedeutung. Erg. ein. Das Ergänzungsmuster hat in der Regel eine Präpositionalphrase als notwendige Ergänzung. Erg.98 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT und indirektem Objekt notwendige Konstituenten und umfassen auch verbalartige Strukturen. (Ergänzungsmuster) (transitives Muster) . Wir S e. Boris S ist V-kop grinste. das in einem passivischen Satz zum Subjekt werden kann: Wir alle wurden von Boris eingeladen. O ein toller Typ.und dass-Ergänzungen (Der alte Mann versucht. über die Straße zu gehen. Boris S d. Er sieht.

das Besitzschema umfassen in der Regel zwei Entitäten: eine in der Rolle des Experiens bzw. eine Frage oder eine Aussage handelt. einen Weg und ein Ziel notwendig machen. Wenn als Ergebnis der Bewegung eines Objektes dieses Objekt in den Besitz eines Menschen übergeht. die man als Verankerungselemente bezeichnet. die von diesen prototypischen Fällen abweichen. besessen wird.SYNTAX 99 Die in einer Sprache vorhandenen Satzmuster bilden das Arsenal sprachlicher Formen für die grundlegenden Ereignisschemata. wird das ditransitive Muster verwendet wie in Wir schenkten ihr Rosen oder Wir gaben der Tür einen neuen Anstrich. Sowohl Bewegungsschema als auch Übertragungsschema können einen Ursprung. ob seine Äußerung Aspekte der Realität wiedergibt oder nicht. Zudem muss er anzeigen. Viele dieser Faktoren können durch grammatische Faktoren ausgedrückt werden. des Besitzers und eine Entität. Es gibt hunderte von Fällen. Im ersten Fall wird das transitive Muster verwendet (Der Tennisschläger traf das Fenster oder Der Mann strich die Tür). einer Kombination aus diesen Mustern auszudrücken. und zwar abhängig davon. sind wir gezwungen.und Erfahrungswelt verankert werden – ein Sprecher weist auch auf bestimmte Aspekte eines Ereignisses hin. Im zweiten Fall wird das intransitive Muster verwendet (Der Hund bellt oder Der Junge rennt). auf die wir hier aber nicht eingehen können. ob es sich bei seiner Äußerung um eine Feststellung. Die Beziehung zwischen Ereignisschemata und Satzmustern ist systematisch. dieses Ereignis im Rahmen eines der grundlegenden Satzmuster bzw. Das Erfahrungsbzw. wie wir ein Ereignis sehen. Hier sind sowohl das Fenster als auch die Tür Objekte. Wenn wir etwas darüber aussagen wollen. Sie hat ein schönes Haus). Die Essivrolle kann nur in einem kopulativen Muster auftreten (Mark ist ein guter Kumpel) oder in einem transitiven Muster (Ich halte Mark für einen guten Kumpel). ob der Energiefluss auf eine andere Entität gerichtet ist oder nicht. die uns in unserer Sprache zur Verfügung stehen. die erfahren bzw. vom Hund aufgebrachte Energie auf kein besonderes Objekt. wie dieses Ereignis zu anderen Ereignissen in Beziehung steht und ob das Ereignis als andauernd betrachtet wird. Folglich ist in den meisten Fällen ein transitives Muster notwendig (Er spürte einen stechenden Schmerz. zu der dieses Ereignis stattfindet. auf die sich die Handlungsenergie richtet. . In diesem Fall richtet sich die vom Jungen bzw. Zum Beispiel deutet er an. Die hier dargestellten Fälle sind die regulären Fälle. Er zeigt die Zeit an. über das er spricht. Ereignisse müssen nicht nur in der Vorstellungs. in denen Ereignisschema und Satzmuster übereinstimmen. Natürlich ist die Anzahl der wahrnehmbaren Einzelereignisse enorm groß. Das Vorgangs. Diese werden durch ein intransitives Ergänzungsmuster (Ich klettere aufs Dach) oder ein transitives Ergänzungsmuster ausgedrückt (Wir schickten den Brief an sie). Im folgenden Abschnitt werden wir uns mit diesen Elementen näher beschäftigen.und das Handlungsschema können beide sowohl in einem transitiven als auch in einem intransitiven Muster auftreten.

Doch reicht die Wahl eines der Situation angemessenen Satzmusters noch nicht aus. Andere Möglichkeiten. Handelt es sich bei der Äußerung um eine Tatsachenäußerung. 3 gegen Ende dieses Abschnitts 4.4). Ein Demonstrativpronomen wie diese (dieser. in der Vorstellungs. um unser Verständnis einer Situation jemandem mitteilen zu können. wie in dem Satz Marion ist an der Tür. um dann Schicht für Schicht zum Kern. wir) oder von anderen definiten Nominalphrasen (d. müssen sie noch weitere Informationen über das Ereignis geben. Der Sprecher führt mit seiner Äußerung einen Sprechakt aus. grounding elements) bezeichnet.h.100 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT 4. bezeichnet man als Referenz (für eine ausführlichere Behandlung dieses Themas siehe Kapitel 8).4 Die verankernden Elemente eines Satzes Unterschiedliche Typen von Ereignissen können also durch einige wenige grundlegende Satzmuster ausgedrückt werden. es muss in dessen Erfahrung verankert (engl. (siehe Abb. die einen bestimmten Artikel oder ein Demonstrativpronomen enthalten).und Erfahrungswelt des Sprechers beschäftigen. mit denen auf die besprochenen Dinge Bezug genommen wird. Im folgenden Abschnitt werden wir uns mit solchen Elementen zur Verankerung von Ereignissen in der Vorstellungs.und Erfahrungswelt gezeigt wird. dem Hörer Dinge zugänglich zu machen. oder einen Befehl? Spiegelt die Äußerung die Realität wider oder bezieht sie sich auf vorstellbare oder mögliche Ereignisse? Wie ist das Ereignis zeitlich einzuordnen. Die konzeptuelle Verankerung eines Ereignisses durch Verankerungselemente lässt sich anhand eines Modells veranschaulichen: das Ereignis bildet den Kern. und in welchem zeitlichen Bezug steht es zu anderen Ereignissen? Wird es als abgeschlossen oder als andauernd betrachtet? Ein großer Teil von Informationen zu diesen wesentlichen Fragen werden durch grammatische Morpheme ausgedrückt. umfassen den Gebrauch von Eigennamen. der von unterschiedlichen Schichten umhüllt ist. Wenn Sprecher sich etwas über ein Ereignis mitteilen wollen. in dem mit sprachlichen Mitteln auf Dinge in der Wirklichkeit bzw. wo sich die Teilnehmer eines Ereignisses befinden und wann das Ereignis stattfindet. Ein Ereignis mit seinen Teilnehmern muss auf die Erfahrungswelt des Sprechers bezogen. d.4. Der Hörer/Leser braucht zur Interpretation auch Hinweise darauf. vorzudringen. Bei unserer Betrachtung dieser einzelnen Schichten der Verankerung wollen wir mit der äußersten Schicht beginnen. Dazu wird in der Regel die sprechende Person als räumlicher und der Moment ihres Sprechens als zeitlicher Bezugspunkt gewählt. durch den er eine bestimmte kommunikative . von Personalpronomina (ich.h. dieses) zeigt beispielsweise auf Dinge in unmittelbarer räumlicher oder psychologischer Nähe des Sprechers. du. von solchen.1 Kommunikative Funktion: Satzmodus Jeder Satz hat eine kommunikative Funktion. dem Ereignis. auf weiter entfernte Dinge wird mit jener. damit es angemessen verstanden werden kann. grounded) sein. die man auch als Verankerungselemente (engl. dort verwiesen. damit es erfolgreich kommuniziert werden kann. Diesen Prozess. 4. eine Frage.

etwas zu tun: (13) a. Mit der Satzstellung des deklarativen Satzes werden Tatsachenaussagen ausgedrückt. Er kann signalisieren. etwas aussagen. im alltäglichen Sprachgebrauch finden sich vielfältige andere Kombinationen. Die Einstellung des Sprechers zu dem Status eines Ereignisses (tatsächlich/möglich) wird grammatikalisch durch . Bring jetzt endlich den Müll runter! Diese drei Sätze beziehen sich in gewisser Weise alle auf dasselbe Ereignis. Hat Susanne jetzt endlich den Müll runtergebracht? c. Informationsfragen kommen durch interrogative Satzstellung zum Ausdruck – gegenüber der deklarativen Satzstellung wechseln Subjekt und Verb bzw. die wichtigste Funktion wird auf der höchsten Ebene der hierarchischen Satzstruktur signalisiert (siehe Abbildung 2). mit (13b) eine Frage und mit (13c) eine Aufforderung. d. um Höflichkeitsaspekten in der Kommunikation (siehe Kapitel 7) Rechnung zu tragen (13d-e). der Angesprochenen mit der Bitte nicht zu nahe zu treten. und zwar insbesondere durch die Stellung des Subjekts und des Hilfsverbs. ob sie die gewünschte Handlung ausführen kann – was ja bei einer expliziten Bitte vorausgesetzt wird. sondern auch durch deklarative oder interrogative Sätze ausgedrückt werden: (13) d. Zum Ausdruck von Aufforderungen kann der Imperativ verwendet werden: das Subjekt wird dann nicht genannt (13c). Der Sprecher will z.4. Kannst du bitte den Müll runterbringen? Sie werden beispielsweise gewählt.B. b.SYNTAX 101 Absicht ausdrückt. Informationen bekommen oder jemanden dazu bewegen.2 Die Einstellung des Sprechers: Modalität Die nächste Schicht unserer Satzzwiebel steht für die Einstellung des Sprechers zu dem von ihm beschriebenen Ereignis. In (13e) wird die Angesprochene gefragt. Susanne hat jetzt endlich den Müll runtergebracht. am häufigsten auftretende Wortstellung ist die des Aussagesatzes oder auch deklarativen Satzes.h. indem die Notwendigkeit (also der Grund für die Bitte) hervorgehoben wird. Hilfsverb ihre Position innerhalb des Satzes (13b). dass er ein Ereignis für tatsächlich wahr oder für möglich hält.h. Eine Aufforderung kann nicht nur durch die prototypische Verwendung des Imperativs. bzw. Der Müll muss auch mal wieder runtergebracht werden. In Kapitel 7 werden wir noch sehen. Sie stehen jeweils in einem anderen Satzmodus und drücken unterschiedliche kommunikative Absichten des Sprechers aus: mit (13a) äußert der Sprecher aus seiner Perspektive eine Mitteilung. So wird in (13d) die direkte Äußerung einer Bitte vermieden. Diese unterschiedlichen kommunikativen Funktionen werden oft durch Unterschiede in der Wortstellung angezeigt. Die „normale“. 4. dass Satzmodus und kommunikative Funktion nicht eindeutig aufeinander bezogen sein müssen. e. nämlich SOV. Beide Äußerungen dienen dazu. mit Hilfsverb SHvOV (13a). d.

d. Petra hat im Lotto gewonnen und geht nicht mehr zur Arbeit. b.) einen schwächeren. Jedes dieser Verben kann jeweils eine oder mehrere leicht unterschiedliche Haltungen des Sprechers gegenüber der Möglichkeit des Auftretens eines Ereignisses (14a. Die Möglichkeit eines Ereignisses kann im Deutschen – wie auch in vielen anderen Sprachen – zudem durch eine Reihe von Modalverben ausgedrückt werden: werden. können. Modalverben wie können und müssen können mehrere verschiedene Einstellungsarten des Sprechers darstellen. (Erlaubnis) (Verpflichtung) (Vermutung) (Schlussfolgerung) (Aussage eines Dritten) Mit (15c) und (15d) drückt der Sprecher den Grad aus. sollen. anscheinend. Chris soll bei einem Freund sein. die man auch als Indikativ bezeichnet (14a). e.a. wollen. Dies sind die speziellen oder markierten Fälle: (14) a. Chris. b.b) bzw. Beide bezeichnen epistemische Modalität. müssen. c. einer gerade stattfindende Situation ausdrücken (14c. Der Sprecher kann aber auch explizit signalisieren. Jutta sagte. sollen. Beide bezeichnen deontische Modalität. können. Chris kann bei einem Freund sein. welches Ereignis seiner Meinung nach geschehen soll – können drückt (u. säße ich jetzt bestimmt nicht hier. mögen. Im Deutschen kann die Modalität sowohl durch den Verbmodus (Indikativ und Konjunktiv) als auch durch Modalverben (müssen. oder – rein hypothetisch – für möglich gehalten hätte. In (15e) signalisiert der Sprecher. deren Wahrheitsgehalt er selbst nicht überprüfen kann. dass er von Dritten eine Information bekommen hat. die tatsächlich stattfinden oder stattgefunden haben. so verwenden wir die Wirklichkeitsform. zu dem er sich des möglichen Eintreffens eines Ereignisses sicher sein kann – hier drückt kann eine Vermutung und damit einen schwächeren.102 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT die Modalität eines Satzes ausgedrückt. Petra habe im Lotto gewonnen und gehe nun nicht mehr zur Arbeit. sondern für möglich hält. Wenn ich doch nur einmal im Lotto gewänne/gewinnen würde! d. dürfen) sowie durch Modalwörter (vielleicht. (15) a. c. wohl etc.) ausgedrückt werden.d). Mit (15a) und (15b) drückt der Sprecher aus. . dass er das Eintreffen eines Ereignisses nicht für wahr. du kannst jetzt gehen. Chris. Sie ist der grammatikalisch unmarkierte Normalfall. Wenn wir über Ereignisse reden. du musst jetzt gehen. sicherlich. . muss hingegen einen stärkeren Grad der Sicherheit über das tatsächliche Geschehen eines Ereignisses aus. müssen einen stärkeren Wunsch aus. Chris muss bei einem Freund sein. angeblich. Wenn ich im Lotto gewonnen hätte. eventuell.

Wenn ein Ereignis zum Zeitpunkt des Sprechens stattfindet und zeitlich nach rechts auf dem Strahl nicht begrenzt ist. Präteritum Es regnete. eine weitere Zeitspanne darstellen.B. von der wir dann in der Zeit voraus.h. so wird das Perfekt verwendet (16b). wird dies durch das Präsens ausgedrückt (16a). Futur I Es wird regnen (wenn wir ankommen). denn wir wollen ein Ereignis evtl. Dabei ist gestern die konzeptuell prominente Betrachtzeit. B = Betrachtzeit. ein Ereignis als Betrachtzeit annehmen. So bezeichnen wir vom heutigen Tag aus gesehen den Tag vor gestern als vorgestern. d. e.S S S S S E B B. über die wir den Tag davor zur Sprechzeit in Beziehung setzen. Die zeitlichen Funktionen des Tempus lassen sich sehr gut anhand eines Zeitstrahls verdeutlichen (16a-f). in der Zukunft) stattfinden. indem wir einen Zeitpunkt bzw.SYNTAX 103 4. der sowohl für den Sprecher als auch für den Hörer eindeutig zu erkennen ist. Plusquamperfekt Es hatte (gerade) geregnet (als wir ankamen). Ereignisse können in der Sprechzeit selbst (in der Gegenwart). Eisenberg 1994:115ff) a. zurückblicken. Auch auf grammatischer Ebene werden Ereignisse über eine Betrachtzeit in Relation zur Sprechzeit gesetzt und so zeitlich verankert. wenn wir ankommen. b. (16) Prototypische Bedeutungen der deutschen Tempora (vgl. Präsens Es regnet. Ein Ereignis nimmt ein bestimmtes Zeitintervall ein.3 Sprechzeit.B B S. Futur II Es wird geregnet haben. Perfekt Es hat geregnet.4. Ereigniszeit und Betrachtzeit: Tempus Durch die grammatische Kategorie des Tempus werden Ereignisse konzeptuell zu einem Zeitpunkt in Bezug gebracht. Dies geschieht typischerweise. f. die von der Ichhier-jetzt-Situation der Kommunikation abhängig ist. Die Unterscheidung zwischen Sprechzeit und Ereigniszeit reicht zur zeitlichen Kategorisierung allerdings noch nicht aus.E (S = Sprechzeit. vor ihr (also in der Vergangenheit) sowie möglicherweise auch nach ihr (d. Liegt die Ereigniszeit vor der Sprechzeit und ist das Ereignis zur Sprechzeit abgeschlossen oder reicht gegebenenfalls bis an die Sprechzeit heran. Sie bildet das deiktische Zentrum. E = Ereigniszeit) . E E. d. Dieser Zeitpunkt ist die Sprechzeit.E E B. das man als Ereigniszeit bezeichnet.bzw. relativ zu dem Ereignisse zeitlich verankert werden. in Bezug auf einen weiteren Zeitpunkt bzw.

sondern nur die prototypischen Bedeutungen der einzelnen Tempuskategorien darstellen. Wir können jedoch an dieser Stelle nicht auf diese vielfältigen Facetten eingehen. Die Sprechzeit ist mit der Betrachtzeit identisch. Bei der prototypischen Verwendung des Präsens fallen Sprechzeit. Die Betrachtzeit wird oft durch zusätzliche lexikalische Mittel wie Adverbien (heute. Bei den Tempora Präsens. wird dies durch das Plusquamperfekt (16e) ausgedrückt. heute wird es regnen. Abschließend lässt sich noch sagen. morgen) bestimmt. Aus einer Binnenperspektive heraus kann auch der interne Verlauf eines Ereignisses durch die Verwendung lexikalischer Ausdrücke wie gerade oder dabei sein zu + Infinitiv konstruiert werden. einmal als nicht-abgeschlossen betrachtet. wodurch die Relation der Betrachtzeit zu Sprechund Ereigniszeit abweichend vom unmarkierten Normalfall relativiert werden kann und so weitere Bedeutungsfacetten entstehen wie in Es wird regnen. Dieser so genannte progressive Aspekt ist . Betrachtzeit und Ereigniszeit zusammen. reden. während (viele) zukünftige Ereignisse nur als wahrscheinlich oder möglich eingestuft werden. Plusquamperfekt und Futur II dagegen liegt die Betrachtzeit jeweils außerhalb der Ereigniszeit und begrenzt das Ereignis nach rechts auf dem Zeitstrahl. Liegt die Ereigniszeit vor der Betrachtzeit und liegen beide nach der Sprechzeit. arbeiten oder schlafen ergibt sich noch ein weiterer Bedeutungsaspekt. drückt auch das Präteritum (16d) aus. imperfektiver und progressiver Aspekt Das Tempus setzt nicht nur Ereignisse zeitlich über die Beziehung von Ereigniszeit über Betrachtzeit zur Sprechzeit in Beziehung. Beim Perfekt liegt die Ereigniszeit vor der Sprechzeit. Das Präteritum drückt hier also aus. Bei den Tempora Perfekt. der imperfektive Aspekt durch eine Binnenperspektive: einmal werden Ereignisse als abgeschlossen. Wenn die Ereigniszeit vor der Betrachtzeit und beide vor der Sprechzeit liegen. Diese beiden Bedeutungsaspekte von durativen Verben wie regnen oder schlafen bezeichnet man als perfektiven bzw. dass die Ereigniszeit vor der Sprechzeit liegt. Der perfektive Aspekt entsteht durch eine Außenperspektive auf eine Kette von Ereignissen. dass Ereignissen der Gegenwart und der Vergangenheit ein hoher Realitätsstatus zugemessen wird. Präteritum und Futur I liegt die Betrachtzeit jeweils innerhalb der Ereigniszeit: Das Ereignis selbst wird aus einer Binnenperspektive betrachtet und als auf dem Zeitstrahl beidseitig offen / nicht geschlossen konstruiert – es wird nicht bestimmt. dass die Ereigniszeit von einem Zeitpunkt aus verstanden wirdder innerhalb der Ereigniszeit liegt. gestern.4. so verwenden wir das Futur II (16f). imperfektiven Aspekt. Worin besteht also der Unterschied? Beim Präteritum (16d) wird das vergangene Ereignis mit Bezug auf ein weiteres Ereignis verstanden. 4.104 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT Die unterschiedlichen zeitlichen Zusammenhänge sind also durch unterschiedliche Verhältnisse zwischen Sprechzeit.und Binnenperspektive betrachtet: perfektiver. morgen regnet es etc. Bei einer Reihe von so genannten durativen Verben wie regnen. Betrachtzeit und Ereigniszeit gekennzeichnet und werden grammatisch teilweise durch unterschiedliche Tempora ausgedrückt. Ebenso wie das Perfekt (16b). das innerhalb der Ereigniszeit liegt (als wir am Urlaubsort ankamen). wann das Ereignis angefangen hat und wann es endet.4 Ereignisse aus der Außen.

die sich. In (18d) verwendet der Sprecher hingegen einen nichtprogressiven Aspekt und konstruiert damit das Ereignis aus einer Außenperspektive: er nimmt das Telefonieren als klar abgegrenztes Gesamtereignis mit Anfangs.und Erfahrungswelt verankert. Ein Ereignis umfasst verschiedene Kategorien der Verankerung. Auch im Deutschen kann der progressive Aspekt aber durchaus grammatisch konstruiert werden. den Anfangs. b. Ein Satz wird durch Satzart. In der Satzstruktur wird diese Intention als Satzmodus realisiert. das zur Sprechzeit stattfindet. die kommunikative Funktion. Sheila answers the phone. Die äußere Schale der Satzzwiebel bildet der Sprechakt. in Analogie zum Aufbau einer Zwiebel erläutern lassen. Die einzelnen Aspekte der Verankerung eines Ereignisses in der Vorstellungund Erfahrungswelt des Sprechers sind wie die Kreise unseres Modells um einen Kern angeordnet: je enger sie konzeptuell mit dem Ereignis verbunden sind. im bzw. indem standardsprachlich beim. wie gesagt. c. Tempus und Aspekt in der Vorstellungs. nicht aber zur Beschreibung eines Ereignisses.SYNTAX 105 im Deutschen nicht so stark grammatikalisiert wie im Englischen. die progressive form (wie in Sheila is answering the phone). Die nächste Schicht steht für die Einstellung des Sprechers zum beschriebenen Ereignis: entweder der Sprecher legt sich auf die Wahrheit des Gesagten fest (diese Normalsituation bleibt im Deutschen unmarkiert).h. in seiner Vorstellungs. Satz (17b) würde nur als Bühnenanweisung oder zum Ausdruck von gewohnheitsmäßigen oder sich wiederholenden Ereignissen gebraucht werden. 4. Schlaghosen sind wieder im Kommen. Mit dem progressiven Aspekt in (18a.und Endpunkt in den Blick. Das Ereignis wird ohne zeitliche Begrenzung aus einer Binnenperspektive heraus konstruiert. d.und Endpunkt des Ereignisses hat er dabei nicht im Blick. c) richtet der Sprecher seinen Blick auf den Verlauf des Ereignisses. d. b. Sheila is answering the phone. umgangssprachlich am mit einem substantivierten Infinitiv verknüpft werden: (17) a. b. einer simple form (Sheila answers the phone) gegenübersteht. (18) a. in der ein Satz von einem Sprecher verwendet wird.h. In der Mitte steht das Kernereignis. oder er betrachtet das Eintreffen des Ereignisses als Möglichkeit und drückt dies im Satz durch die Modalität aus – was der . desto näher sind sie zum Kern des Ereignisses hin angeordnet. Sie hat telefoniert. wo eine besondere Verlaufsform. jede Schicht wird von einer weiteren umfasst. Sie ist beim Telefonieren/Arbeiten. Es wird von mehreren Schichten verankernder Elemente umgeben. Sie ist am Telefonieren/Arbeiten. Modalität.4.und Erfahrungswelt des Sprechers verankert. d.5 Die Verankerung von Ereignissen Ein Ereignis wird durch bestimmte grammatische Elemente auf die Erfahrung des Sprechers bezogen.

desto enger stehen die betreffenden Verankerungselemente mit dem Kernereignis in Verbindung. progressiver Aspekt Tempus Modalität Satzmodus Unser Satzzwiebelmodell zeigt also einen harten Kern (das eigentliche Ereignis) und die vielen Schichten mit grammatischen Elementen. Die zu beschreibenden Ereignisse werden auf eine relativ kleine Menge von Ereignistypen reduziert und zusammen mit den Teilnehmern des Ereignisses in Form .106 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT markierte Fall ist. 4. Die innerste Schale bezieht sich auf den Verlauf des Ereignisses und wird durch den progressiven Aspekt ausgedrückt. d. Die Satzzwiebel: Verankerung von Ereignissen Sprechakt Sprechereinstellung Sprechzeit Betrachtperspektive Kernereignis perfektiver. Diese beiden Aspekte werden in unserer allgemeinen Erfahrungswelt mit unserer konkreten Erfahrung der Realität des Hier und Jetzt verankert. tieferliegende Schicht betrifft die zeitliche Verankerung des Ereignisses mit Bezug auf den Moment des Sprechens. mit denjenigen sprachlichen Einheiten.h.5 Zusammenfassung Die Syntax beschäftigt sich mit Sätzen. Die nächste. die dieses Ereignis in der Erfahrung des Sprechers verankern. In unserem Modell sind die einzelnen Schichten nach dem Prinzip der Nähe angeordnet: je näher eine Schicht am Kern. imperfektiver. welches Tempus im Satz gebraucht wird. Die Sprechzeit bestimmt. Abbildung 3. in denen unsere Beschreibungen von Ereignissen mit unseren kommunikativen Absichten verknüpft sind. Dieses Ganze wird in der linearen Struktur oder der Wortstellung des Satzes abgebildet.

Diese gründen auf der Anwesenheit oder der Abwesenheit einer Energieübertragung von einem Teilnehmer zum anderen. einem aus eigenem Willen handelnden Teilnehmer. Diese fünf Konstituenten und der Typus des Verbs führen zu den Hauptsatzmustern.SYNTAX 107 von bestimmten Ereignisschemata ausgedrückt. d. einem Besitzschema oder einem Erfahrungsschema ausgedrückt werden kann. einem indirekten Objekt. Diese untere Ebene bildet zusammen mit Hilfsverbelementen eine Prädikatsphrase. nämlich in die syntaktische Struktur eines Satzes mit einer hierarchischen und linearen Struktur. Mit einem Übertragungsschema werden ein Agens. oder mit einer Ergänzung verbinden. Diese hierarchische Struktur ist im Deutschen wie auch in vielen anderen Sprachen die Grundlage für eine kleine Anzahl von Satzmustern. das transitive Muster mit einem Subjekt und einem direkten Objekt. die in unterschiedlicher Weise ein Subjekt über ein Verb mit einem direkten bzw. Die völlige Abwesenheit von Energie ist charakteristisch für einen Zustand. die wiederum kommunikative Funktionen des Aussagens. auf ein Patiens über. das intransitive Muster mit einem Subjekt ohne direktes Objekt. Die semantischen Teilnehmerrollen treten in den einzelnen Schemata wie folgt auf: in einem Essivschema wird das Patiens in der Subjektposition mit einer Essivrolle verknüpft. doch wird dieser Energiefluss in der Regel nicht durch einen autonom handelnden Teilnehmer verursacht. Im Zentrum dieser syntaktischen Einheit steht das Verb.und Erfahrungswelt des Sprechers verankert. einem Weg und/oder einem Ziel. Fragens und Anweisens . Ein Bewegungsschema ist eine Kombination aus einem Vorgangsschema und einem Handlungsschema mit einem Ursprung. das ditransitive Muster mit einem Subjekt. einem direkten Objekt und einer Ergänzung sowie das transitive Ergänzungsmuster mit einem Subjekt. den interrogativen sowie den imperativischen Modus. Dieser Energiefluss findet sich ebenso typischerweise sowohl im Handlungsschema als auch im Bewegungsschema und im Übertragungsschema. Das Vorgangsschema kann zwar ebenfalls einen gewissen Transfer von Energie von einem Teilnehmer zum anderen umfassen. Hilfsverb. und in einem Erfahrungsschema wird ein Patiens mit einem (menschlichen) Erfahrungszentrum (einem so genannten Experiens) assoziiert. das – oft in Verbindung mit einem (direkten) Objekt oder mit Ergänzungen – eine Verbalphrase bildet. der mit einem Essivschema. Diese syntaktischen Positionen berücksichtigen alle auf der konzeptuellen Ebene der Ereignisschemata möglichen Teilnehmer. direkten und indirekten Objekt sowie einer Ergänzung. ein Empfänger und ein Patiens zueinander in Beziehung gesetzt. das die Energie empfängt. Die Energieübertragung geht typischerweise von einem Agens.h. Sie konstituieren die drei Satzmodi. Diese konzeptuellen Ereignisschemata und deren Teilnehmer werden in einen sprachlichen Rahmen gestellt. Im Besitzschema wird ein Patiens einem Besitzer zugeordnet. In diesem Ursprung–Weg–ZielSchema gilt oft das Ziel–vor–Weg-Prinzip. einem direkten und einem indirekten Objekt. Diese Verankerung der Elemente eines Ereignisses geschieht ebenfalls über das Verb bzw. So ergeben sich das kopulative Muster mit dem Verb sein und einem Subjekt plus einer Subjektergänzung. nämlich den deklarativen. die sich zusammen mit dem Subjekt (einer Nominalphrase) zu einem Satz verbindet. Ereignisse sind in der Vorstellungs. das Ergänzungsmuster mit einem Subjekt.

Eine umfangreiche Grammatik der deutschen Spracheaus funktional-semantischer/pragmatischer Perspektive ist Zifonun et al. Futur) bezieht der Sprecher die Ereigniszeit auf die Sprechzeit (Gleichzeitigkeit. Schließlich kann ein Ereignis auch noch als im Verlauf befindlich konstruiert werden.1985). Im unmarkierten Normalfall schätzt der Sprecher ein Ereignis als wahr ein. Weitere Grammatiken . Ereignisse können durch Angabe einer Betrachtzeit (d. Das Ziel-vor-Weg-Schema beschreibt Ikegami (1987).. Mit der Bedeutung des Kasus beschäftigen sich Willems (1997). eintritt) anzeigen. müssen kann der Sprecher deontische Modalität (wie stark er will. z. das ein Ereignis eingetreten ist bzw. Bei Tempora. Schließlich sind Äußerungen auf die Position des Sprechers in Raum und Zeit zur Zeit des Sprechens bezogen. Dieser Bezug geschieht bei allen Tempora über eine Betrachtzeit. (1991) und (1993). Newman (1996) analysiert exemplarisch ein Ereignisschema im Zusammenhang mit dem englischen Verb give. Imperfekt. (1997).h. (1997). Durch die Wahl eines Tempus (Präsens. durch die ein Ereignis als beidseitig offen konstruiert wird. Eine gut lesbare funktionale Betrachtung der deutschen Syntax ist Welke (2002). durch den das Ereignis als abgeschlossen konstruiert wird. Mit einem Modalverb wie mögen bzw. Janda (1993) analysiert grammatische Morpheme. Wenn Ereignisse durch so genannte durative Verben dargestellt werden. was im Deutschen überwiegend durch lexikalische Ausdrücke wie gerade oder dabei sein (+ Infinitivform des Verbs) usw. als auch einen imperfektiven Aspekt der Nicht-Abgeschlossenheit. Weitere Einführungen in die englische Grammatik mit kognitivfunktionaler Orientierung sind Givón (1993) sowie Haiman (ed. Vorzeitigkeit oder Nachzeitigkeit). kann die Betrachtzeit auf dem Zeitstrahl nach rechts zur Sprechzeit hin begrenzt sein. Dativ und Instrumental. über den zeitlichen Bezug auf weitere Ereignisse) auf die Sprechzeit bezogen werden. Die Betrachtzeit dient dabei sozusagen als mentale Brücke zwischen Sprechzeit und zu beschreibender Ereigniszeit. die so genannte Sprechzeit. Von Polenz (1985) gibt eine Einführung in die deutsche Satzsemantik. aber auch grammatisch durch am + substantivierter Infinitiv möglich ist. dass ein Ereignis eintritt) oder epistemische Modalität (wie sicher er sich darüber ist. im markierten Fall sieht er das Ereignis als möglich an und drückt dies durch Mittel der Modalität aus.108 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT signalisieren.6 Leseempfehlungen Eine Einführung in die kognitive Grammatik der englischen Sprache geben Dirven & Radden (1999). Die Darstellung im vorliegenden Kapitel stützt sich auf Langacker (1987). Eine semantische Interpretation der Grammatik des Englischen und auch einzelner Aspekte einiger anderer Sprachen unternimmt Wierzbicka (1988). 4. Durative Verben können also sowohl einen perfektiven Aspekt haben. kann er bei durativen Verben die Ausdehnung des Ereignisses in den Blick nehmen und damit in der Darstellung des Ereignisses eine Binnenperspektive einnehmen. In diesem Fall kann der Sprecher die Ereignisse aus einer Außenperspektive betrachten.B. mit temporalen Bedeutungen und Relationen Quintin et al.

wie sich eine Gestalt näherte. Sie ist fünf Jahre älter als ihr Bruder. (n) Er übertrug den Roman ins Deutsche. Welche Unterart der Teilnehmerrolle Essiv wird jeweils in den folgenden Sätzen sprachlich repräsentiert? (a) (b) (c) (d) (e) (f) 3. Er machte die Tafel nass. (h) Die Suppe kocht. 4. Welche Ereignisschemata und Teilnehmerrollen können Sie in den folgenden Sätzen ausmachen? (a) Jürgen muss das Telefon reparieren. Mein Kollege ist heute nicht im Büro.SYNTAX 109 der deutschen Sprache sind Duden (1998). (l) Die Zeugin hörte ein lautes Geschrei. Charakterisieren Sie die Besitzschemata in den folgenden Beispielen: (a) Haben Sie noch etwas von der Torte? . (d) Er wandert nach Kanada aus. Das ist immer noch mein Lieblingsbuch. (e) Er hat mir alle seine Bücher geschenkt. Dann wischte er es aus. Welche Schemata finden sich in den folgenden Beispielen? (a) (b) (c) (d) (e) (f) Er beobachtete seine neuen Nachbarn sehr genau.7 Aufgaben 1. dass er sie dort bestimmt nicht braucht. (j) Der alte Wachhund gähnte und döste weiter. Der Mathematiklehrer zeichnete ein Diagramm an die Tafel. 4. Seine Nachbarn haben ihn dabei gesehen. (b) Es ist gestern runtergefallen. Sie ist meine Cousine. (m) Sie sah schemenhaft. (c) Mein Bruder ist Arzt.1999) und Helbig & Buscha (2001). (i) Hier kocht der Chef. schaute aber stur geradeaus und ging schnell weiter. (g) Er glaubt. Ein Maultier ist weder ein Pferd noch ein Esel. (k) Die Zuhörer gähnten ganz demonstrativ. 2. aber sie hörte gar nicht hin. Es gibt immer noch sehr viele Probleme. Dann trocknete er sie mit einem Lappen. (f) Er wird kein einziges Buch mitnehmen. Eisenberg (1998.

Sein neues Auto hat etwas sehr Elegantes.. Müller über die Stelle als Hilfskraft gesprochen haben. Ursprung vor Ziel oder Weg vor Ziel)? Gibt es Ihrer Meinung nach zwischen den folgenden Beispielpaaren Bedeutungsunterschiede? Worauf würden Sie diese zurückführen? (a) Der Pfarrer las aus der Bibel. die Szene mit ein bis drei einfachen Sätzen zu beschreiben (schriftlich!). (c) Da sagt mir doch mein Vermieter. danke. Ich hab nicht die leiseste Ahnung. Ich habe vielleicht auch noch einige Kopfschmerztabletten. 8. die Jahrtausendwende noch erleben zu dürfen. wollte er noch eben tanken. (b) In drei Wochen fahre ich endlich in Urlaub. auf dem eine oder mehrere Personen an einer Handlung beteiligt sind. Führen Sie eine kleine Untersuchung durch. (b’) Ein berühmter Dichter hat früher dieses Haus bewohnt. ich habe schon schreckliche Kopfschmerzen. (c’) Er füllte Wasser in den Kanister. gibt es dafür eine Erklärung? (iv) Welche Satzmuster werden verwendet? (v) Welche Verankerungselemente treten auf? (vi) Werden bestimmte Satzmuster bzw. bevor er mich nach seinem Urlaub bestimmt schon wieder vergessen hat. Verankerungselemente häufiger gebraucht als andere? Wenn dem so ist.ä. Beschreiben Sie den Tempusgebrauch in den folgenden Sätzen.110 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT (b) (c) (d) (e) (e) 5. Möchten Sie noch ein Glas Whisky haben? Nein. Geburtstag. (c) Er füllte den Kanister mit Wasser. Suchen Sie ein Bild aus einem Buch. Welches hierarchische Prinzip lässt sich in den Beispielen in (8) erkennen (Ziel vor Ursprung. Betrachtzeit und Ereigniszeit. Zeichnen Sie jeweils einen Zeitstrahl mit Angabe von Sprechzeit. 6. dass er ab nächstem Monat die Nebenkosten erhöhen will! (d) Ich fahre zur Love Parade nach Berlin. jetzt ist die Sprechstunde schon vorbei! Ich wollte doch heute noch mit Prof. Analysieren Sie die jeweiligen Sätze unter folgenden Aspekten: (i) drücken sie überwiegend anthropozentrische Perspektiven aus? (ii) Welche semantischen Rollen nehmen die Teilnehmer ein? (iii) Wird eine bestimmte Rolle öfter verwendet als andere? Wenn dem so ist. (g) (Kellner:) Wer bekam das Schnitzel? (h) Ach. gibt es dafür eine mögliche Erklärung? . (f) Er hatte sich so darauf gefreut. doch dann starb er wenige Tage nach seinem 80. (a) Drei mal drei ist neun. (e) Bevor er zu seiner Tante fuhr. einer Zeitschrift o. (b) Ein berühmter Dichter hat früher in diesem Haus gewohnt. 7. (a’) Der Pfarrer las die Bibel. Bitten Sie nun etwa zehn Personen.

KAPITEL 5

Sprachliche Laute: Phonetik und Phonologie

5.0 Überblick
In den vorangegangenen Kapiteln haben wir uns auf verschiedenen Beschreibungsebenen der Sprache mit bedeutungstragenden Einheiten beschäftigt: syntaktische Gruppen bestehen aus Wörtern, die wiederum aus Morphemen bestehen. In diesem Kapitel betrachten wir nun die Bausteine, aus denen Morpheme zusammengesetzt sind – die Laute einer Sprache. Ein einzelner sprachlicher Laut hat für sich betrachtet nicht notwendigerweise eine Bedeutung, doch wenn er mit anderen Lauten kombiniert wird, kann dieser lautliche Unterschied bereits zur Bedeutungsdifferenzierung führen. Sprachliche Laute können in zweierlei Hinsicht beschrieben werden, und zwar sowohl in ihren allgemeinen, physikalisch-artikulatorischen Charakteristika als auch in ihrer bedeutungsdifferenzierenden Funktion in einer bestimmten Sprache (in unserem Fall Deutsch). Mit den physikalischen Eigenschaften möglicher sprachlicher Laute beschäftigt sich die Phonetik, mit den in einer bestimmten Sprache zur Bedeutungsdifferenzierung verwendeten Lauten die sprachwissenschaftliche Disziplin der Phonologie. In diesem Kapitel sollen zunächst die Sprechorgane und die Haupttypen sprachlicher Laute betrachtet werden. Bei der Darstellung von Lauten trifft man auf das Problem, dass zwischen der Schreibung und der Aussprache in einer Sprache nicht selten deutliche Unterschiede bestehen. Aus diesem Grunde wurde ein besonderes phonetisches Alphabet eingeführt, mit dem sich Laute exakter darstellen lassen, als dies mit dem Alphabet möglich ist. Man unterscheidet drei Hauptkategorien sprachlicher Laute: Konsonanten, Vokale und Diphthonge. Jede Sprache hat ein besonderes Lautsystem, das in mehrerlei Hinsicht anders strukturiert sein kann als das Lautsystem einer anderen Sprache. Laute, die in einer Sprache als voneinander verschieden kategorisiert werden, können in einer anderen auch als Varianten ein und derselben Einheit wahrgenommen werden. Deshalb wird zwischen Lauten und Lautkategorien (Phonemen) deutlich unterschieden – ebenso wie zwischen phonetischer und phonologischer Beschreibung. Mehrere Laute bilden zusammen eine Silbe. Während Morpheme, wie wir sahen, bedeutungstragende Einheiten im sprachlichen System sind (z.B. Nase wird in {NASE} +{-n} zerlegt), sind Silben artikulatorische Einheiten der Sprechsprache (z.B. Nasen) Solche Gruppierungen unterliegen wiederum in hohem Maße sprachspezifischen Kombinationsmustern. Aus Silben werden Wörter gebildet, die sich durch besondere Betonungsmuster auszeichnen. Wörter werden

112 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT

zu Sätzen kombiniert, die wiederum bestimmte, in einer Sprache mögliche Intonationsmuster haben. Durch die Kombination zu größeren Einheiten wie Wortgruppen oder Sätzen werden die Laute einzelner Wörter stark verändert. Lautangleichungsprozesse wie Elision und Assimilation ermöglichen eine schnelle und effiziente Sprachproduktion und Übermittlung.

5.1 Einführung: Phonetik und Phonologie
Menschen können eine nahezu unendliche Anzahl von sprachlichen Lauten produzieren. Wenn man ein und dasselbe Wort mehrmals hintereinander ausspricht, oder andere bittet, dieses Wort auszusprechen, werden zwischen den einzelnen Aussprachen deutliche Unterschiede bestehen. Trotz dieser Unterschiede können sie auf einer abstrakteren Ebene als Aussprachevarianten ein und desselben Wortes angesehen werden. Dies gilt auch für die geschriebene Form der Sprache. Obwohl die folgenden graphischen Symbole voneinander abweichen, nehmen wir diese Formen als Beispiele für dieselbe abstrakte graphische Einheit wahr, nämlich den ersten Buchstaben des Alphabets.

A

a

A a

a

A

a

Diese Wahrnehmung ist das Ergebnis eines sehr grundlegenden kognitiven Prozesses, den wir bereits im ersten Kapitel kennen gelernt haben und den man als Kategorisierung bezeichnet. Darunter versteht man die Fähigkeit, verschiedene Formen als Realisationen derselben abstrakten Einheit, d.h. als Mitglieder ein und derselben Kategorie zu erkennen. Unser Sprachvermögen umfasst auch die Fähigkeit, die große Variationsbreite an sprachlichen Lauten, die wir in einer Sprache hören, in bestimmte Lautkategorien einzuordnen. Die Lautkategorien, die ein Sprecher einer Sprache A erkennt, müssen nicht notwendigerweise mit denen zusammenfallen, die ein Sprecher einer anderen Sprache B als bedeutungsdifferenzierend versteht. So hören Sprecher des Deutschen zwischen den „p“-Lauten in Panne und Spanne zwar prinzipiell den Unterschied heraus, kategorisieren diese Wahrnehmungen aber nicht als sprachliche Laute, die zwei verschiedenen Kategorien angehören. Sprecher der thailändischen Sprache kategorisieren diese Laute in ihrer Sprache hingegen als zwei unterschiedliche „p“-Laute, d.h. sie haben zwei verschiedenen Kategorien für „p“. Für Sprecher des Japanischen gehören „s“- und „sch“- Laute wie in sushi sprachlich gesehen ein und derselben Lautkategorie an, während im Deutschen hier zwischen zwei Lautkategorien unterschieden wird. Diese unterschiedlichen Kategorisierungen von Lauten bilden den Ausgangspunkt für die Unterscheidung zwischen den zwei sprachwissenschaftlichen Bereichen Phonetik und Phonologie. Die Phonetik beschreibt und klassifiziert die artikulatorischen, akustischen und auditiven Eigenschaften sprachlicher Laute, und zwar unabhängig davon, welche Funktionen sie in einer bestimmten

PHONETIK UND PHONOLOGIE 113

Sprache erfüllen. Die Phonologie beschäftigt sich mit sprachlichen Lauten, wie sie von den Sprechern einer bestimmten Sprache kategorisiert werden. Im Hochdeutschen gibt es ca. 40 verschiedene Kategorien sprachlicher Laute. Solche Kategorien nennt man Phoneme. Einige Sprachen haben weniger Phoneme (Japanisch hat ungefähr 20), andere hingegen mehr. So gibt es in einer der KhoisanSprachen, die im südlichen Afrika gesprochen werden, mehr als hundert Phoneme, darunter auch eine ganze Reihe von Klicklauten, die in anderen Sprachen unbekannt sind.

5.1.1 Schreibung und Aussprache
Die Schriftsysteme einiger Sprachen (wie beispielsweise des Spanischen) sind nahezu phonologisch, d.h. jeder Buchstabe repräsentiert ein bestimmtes Phonem und umgekehrt. Doch in vielen Sprachen beruht die Beziehung zwischen Aussprache und Schreibung nicht allein auf dem phonologischen Prinzip. Das ist zum einen darauf zurückzuführen, dass es in diesen Sprachen deutlich mehr Phoneme gibt, als Buchstaben des Alphabets zur Darstellung der Phoneme zur Verfügung stehen (26). So repräsentiert beispielsweise im Deutschen mit seinen etwa 40 Phonemen der Buchstabe <e> mehrere unterschiedliche Phoneme, wie an den Beispielen beten, Bett, Alte deutlich wird. Umgekehrt können ein und dasselbe Phonem bzw. eine Gruppe mehrerer Phoneme auch durch unterschiedliche Buchstaben dargestellt werden: Echse, Hexe, Kleckse, Kekse. Durch das Missverhältnis zwischen Laut- und Schriftsystem entstehen eine ganze Reihe von Homographen, d.h. Wörter, die gleich geschrieben, aber unterschiedlich ausgesprochen werden (der Dachs, des Dachs). Umgekehrt finden sich auch viele Homophone, die gleich lauten, aber unterschiedliche Schreibweisen haben (z. B. Leib, Laib; Rat, Rad; Seite, Saite). Dann gibt es auch noch den Einfluß anderer Sprachen: Fremdwörter folgen in der Schreibung oft den Regeln der Sprache, aus der sie stammen, und bringen damit zusätzlich eine gewisse Anzahl von Irregularitäten in die Laut-Buchstaben-Zuordnung der deutschen Schreibung. Einige Beispiele sind Rouge, Quiche, Jazz, Sauce, Photo. Die Schreibung kann auch noch aus einem anderen Grund nicht vollständig die Lautung repräsentieren: neben dem phonologischen Prinzip gibt es noch weitere Aspekte, die in der Orthographie berücksichtigt werden müssen. So kann durch eine morphophonologische Schreibung die semantische Zugehörigkeit von Wörtern dargestellt werden. Betrachten wir als Beispiele die Wörter Tag und lag. Im Mittelhochdeutschen war die Schreibung noch überwiegend phonologisch, so wurden etwa tac und lac mit <c> als graphischem Repräsentanten für das Phonem [k] geschrieben. Im Neuhochdeutschen werden Tag und lag zwar immer noch mit stimmlosem Auslaut [ta⎯k] bzw. [la⎯k] gesprochen, durch die Schreibung mit <g> wird aber vielmehr die Zugehörigkeit zu Wörtern und flektierten Formen innerhalb einer Wortfamilie angezeigt: Tag, Tage, täglich bzw. lag, lagen, Lage (etymologische Schreibung). Solche etymologischen Beziehungen können von den Schreibern einer Sprache auch selbst aufgestellt werden und sich dann in der Schreibung dauerhaft niederschlagen, auch wenn sie aus sprachwissenschaftlicher Sicht nicht immer

114 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT

korrekt sind. Die Rechtschreibreform erkennt einige dieser zuvor als „falsch“ vermerkten Schreibweisen als nunmehr korrekt an.
(1)
Schreibung vor der Reform schneuzen behende Stengel etymologische Schreibung schnäuzen behände Stängel (motiviert durch Schnauze) (motiviert durch Hände) (motiviert durch Stange)

5.1.2 Phonetische Symbole
Da es in vielen Sprachen mehr Laute als Buchstaben gibt, durch die diese repräsentiert werden können, und die Orthographie einer Sprache neben dem phonologischen auch anderen Prinzipien folgen muß, kann das Schriftsystem die Lautung einer Sprache nicht exakt repräsentieren. Zur genauen phonologischen Beschreibung hat man deshalb die phonetischen Symbole des Internationalen Phonetischen Alphabets (IPA) eingeführt. Diese Symbole bilden die Grundlage für die Beschreibung sprachlicher Laute. Sie werden beispielsweise in Aussprachewörterbüchern verwendet.

5.2 Wie produzieren wir sprachliche Laute?
Die Laute einer Sprache lassen sich nach danach unterscheiden, wie sie hervorgebracht werden, d.h. ob sie stimmhaft oder stimmlos sind (Phonation), sowie nach Art bzw. Stelle ihrer Artikulation. Bei der Hervorbringung von Lauten strömt Luft aus der Lunge und passiert dann die Stimmritze, die im Kehlkopf liegt. Die Stimmritze oder Glottis ist eine Öffnung, die durch zwei Muskelfalten, die Stimmlippen oder auch Stimmbänder, gebildet wird und unterschiedlich weit geöffnet bzw. geschlossen werden kann. Die Modulation des Luftstroms in der Glottis bezeichnet man als Phonation. Werden die Stimmlippen zusammengebracht, dann vibrieren sie durch den Luftstrom und produzieren so stimmhafte Laute. Wenn die Luft die Glottis passiert und die Stimmlippen weit geöffnet sind, schwingen sie nicht, und es entstehen stimmlose Laute. Nachdem die Luft die Glottis passiert hat, strömt sie dann in den Rachen-, Mundund auch in den Nasenraum, die zusammen einen Resonanzkörper bilden. Dieser wird für jeden Laut einer Sprache durch unterschiedliche Stellung der Zunge, des Unterkiefers, des weichen Gaumens (Velum), der Lippen (Labia) usw. auf bestimmte Weise in seiner Form verändert. Auf die Aspekte der Phonation und Artikulation wollen wir im Folgenden genauer eingehen.

PHONETIK UND PHONOLOGIE 115

Abbildung 1 Der Luftstrom im Artikulationsapparat

Nasenhöhle Mundhöhle Kehlkopf (Larynx) Zunge

Zäpfchen (Uvula) Rachenraum (Pharynx) Stimmlippen, bilden die Stimmritze (Glottis) Speiseröhre

Luftröhre

Lunge

5.2.1 Phonation
Wenn man eine Hand fest auf den Kehlkopf legt und dann das Wort so ausspricht, kann man spüren, wie die Stimmbänder vibrieren. Diese Vibration bezeichnet man in der Phonetik als Stimme. Sowohl das „s“ [z] als auch das „o“ [o⎯] werden unter Be- teiligung der Stimme ausgesprochen, d.h. es handelt sich um stimmhafte Laute. Wiederholt man nun diesen Versuch, lässt aber diesmal die Luft entweichen, ohne die Stimmlippen zu schließen (wie in Bus), so ist bei der Aussprache von <s> keine Vibration im Kehlkopf zu spüren: [s] ist ein stimmloser Laut. Stimmhafte Laute entstehen also, wenn die Stimmlippen zusammengepresst werden. Wenn dann Luft aus den Lungen durch den Artikulationsapparat strömt, bilden die geschlossenen Stimmlippen ein Hindernis, unter dem ein gewisser Luftdruck entsteht, bis dieser Verschluss schließlich durch den Druck gesprengt wird, so dass die Luft entweichen kann und die Stimmlippen zum Schwingen bringt. Die Stimmlippen fallen dann wieder in ihre geschlossene Position zurück, der Luftdruck unter dem Verschluss, der durch sie gebildet wird, steigt wieder an, bis dieser erneut gesprengt wird. Dieser Zyklus wiederholt sich in sehr kurzen Abständen. Die Anzahl der Zyklen pro Sekunde wird in der Einheit Hertz (abgekürzt als Hz) gemessen und reicht bei Männern von 80 bis 150 Hz, bei Frauen von 120 bis 300 Hz. Bei Kindern kann sogar noch eine höhere Wiederholungsra-

während Luft hindurchströmt. Solche Laute treten in vielen Sprachen paarweise als stimmlose und stimmhafte Laute auf. Diese Veränderung macht die zweite Hauptkomponente der Lautproduktion aus und wird als Artikulation bezeichnet. Es ist folglich unmöglich. Bei ihnen wird die Übersicht 1 führt die Obstruenten der deutschen Sprache anhand von Beispielwörtern paarweise als stimmhafte und stimmlose Laute auf. bei denen die durch den Mundraum strömende Luft zu einem gewissen Grad eingeengt wird. Die Frequenz. Übersicht 1: stimmhafte und stimmlose Obstruenten des Deutschen STIMMHAFT STIMMLOS [b] Bass [d] Dorf [g] Garten [v] Wein [z] Hasen [Z] Rage [p] Pass [t] Torf [k] Karten [f] fein [s] hassen [S] Rasch Eine zweite Hauptgruppe umfaßt typischerweise stimmhafte Konsonanten. Laute. einen stimmlosen Laut mit einer Tonhöhe oder Tonhöhenvariation hervorzubringen.2 Artikulation Bei der Produktion sprachlicher Laute wird der Resonanzkörper in seiner Form verändert. in denen es um die Eigenschaften von Konsonanten und Vokalen geht. . mit der die Stimmlippen geöffnet und geschlossen werden. In diese Gruppe fallen die Nasale [m]. in denen immer wieder Luft durch die Glottis entweicht. Sie werden als Sonoranten (lat.2. die Liquide [l] und [r] sowie der Halbvokal [j]: Übersicht 2: Die Sonoranten des Deutschen [m] Mast [l] Last [n] Nase [“]/[⎯] Rast [⎯] lang [j] Boje 5. [n] und [⎯]. bestimmt die Tonhöhe – je höher die Frequenz. sonorus ‚klangvoll‘) bezeichnet. Bei stimmlosen Lauten sind die Stimmlippen vollständig zurückgezogen.116 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT te oder Frequenz erreicht werden. Die Tonhöhe wird also durch die regelmäßigen Abfolgen bestimmt. und die Luft strömt ungehindert durch die weit geöffnete Stimmritze. fasst man unter der Bezeichnung Obstruenten (lat. Wesentliche Aspekte der Artikulation werden in den nächsten Abschnitten behandelt. obstruere ‚versperren‘) zusammen. desto höher die wahrgenommene Tonhöhe.

Die Konsonanten des Deutschen werden nach ihrer Artikulationsstelle wie folgt bezeichnet: . Abbildung 2. Artikulationsstellen im Artikulationsapparat Velum (weicher Gaumen): Nasenraum: Nasale Palatum (Vordergau- Velare men): Palatale Alveolen (Zahndamm): Zähne: Dentale Zungenspitze Nasenhöhle Uvula (Zäpfchen): Uvulare Pharynx (Rachen): Pharyngale Larynx (Kehlkopf): Laryngale Zungenblatt Lippen: Bilabiale Unterkiefer Stimmritze: Glottis Speiseröhre Man kann sich die einzelnen Artikulationsstellen und Artikulationsarten von Lauten sehr gut vergegenwärtigen.PHONETIK UND PHONOLOGIE 117 5.3. wobei die Behinderung des Luftstroms relativ gering ist. und dann den entsprechenden Laut nochmals isoliert artikuliert.3 Konsonanten Konsonanten und Vokale unterscheiden sich im Wesentlichen darin. Aus diesem Grunde wird hier für jeden Laut ein Beispielwort angegeben.1 Artikulationsstellen Bei der Artikulation von Konsonanten wird jeweils ein beweglicher Artikulator (ein Teil des Sprechkanals) auf eine feststehende Artikulatonsstelle (die oberen Vorderzähne oder einen bestimmten Teil des Gaumens) zubewegt. der Artikulationsart (wie diese Verengung gebildet wird) und der Stimmhaftigkeit. die den Luftstrom an bestimmten Stellen im Artikulationsapparat behindern. Bei Vokalen wird hingegen der Mundraum durch Öffnung. Konsonanten entstehen durch einige wesentliche Verengungen. 5. in denen diese Laute vorkommen. Konsonanten können anhand von drei Faktoren beschrieben werden: der Artikulationsstelle (wo im Artikulationsapparat die Verengung auftritt). Lippenrundung und Zungenstellung auf jeweils bestimmte Art und Weise geformt. wenn man zunächst Wörter ausspricht. wie stark bei ihrer Produktion der Artikulationsapparat verengt wird.

[⎯] auch als Zischlaute bezeichnet werden. “] • Laryngale (Stimmritzenlaute). Reibelaute ent- stehen durch einen sehr geringen Abstand zwischen den Artikulatoren. • Frikative (Reibelaute) [f]. der auch als Hauchlaut bezeichnet wird. Die Zungenspitze trifft gegen die Alveolen bzw. sondern durch Luft. [h] wie in Halle [hal´] 5. Artikulationsstelle und Artikulationsart genau bestimmt werden. tS] sind komplexe Laute. [r] Rose. • Uvulare (Zäpfchenlaute). [z]. Das Zungenblatt artikuliert mit dem vorderen Teil des Gaumens: [C ] ich. bei denen auf einen Verschlußlaut unmittelbar ein Reibelaut an derselben Artikulationsstelle folgt. [⎯]. [h]. Bei der Beschreibung von . [j]. [Z] Gage. [z]. ⎯] wird der Luftstrom bei geschlossenem Mund im Mundraum blockiert und entweicht dann durch den Nasenraum. es entsteht eine enge Öffnung zwischen den Artikulatoren. die durch die geöffnete Stimmritze (Glottis) strömt. n. [/]. [m] Mund.3. Jeder Konsonant kann also aufgrund der Kriterien Stimmhaftigkeit. Sie werden in der Stimmritze gebildet: [/] wie bei alle [/al´]. durch die dann die Luft mit hohem Druck hindurchströmt und so den am Affrikaten beteiligten Reibelaut entstehen lässt. • Affrikata [pf. • Velare (Hintergaumenlaute). ts. [g] Guß. [⎯]. Der hintere Teil des Zungenrückens artikuliert gegen den Hintergaumen: [{. [ts] Zahn.118 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT • Bilabiale (Lippenlaute). [s]. die zur Produktion eines Konsonanten gebildet wird. • Palato-alveolare. [l] Lob. [n] Nase. [tS] Rutsche. [x] Dach. • Nasale (Nasenlaute). [v] Wein. Es handelt sich um einen glottalen Frikativ. Diese Laute werden durch Unterlippe und Oberlippe gebildet: [b] Bass. [b]. Unterlippe und obere Schneidezähne bilden den Laut: [f] fein. [k]. [x]. [d] Dose . [p] Paß. [z] Sand. • Labiodentale (Lippenzahnlaute). • Palatale (Vordergaumenlaute).2 Artikulationsarten Mit der Artikulationsart wird die Art der Verengung des Sprechkanals beschrieben. [s] Ross. • Alveolare. [⎯]. [v]. [⎯]. von denen die Laute [s]. Die Hauptartikulationsarten führen zu folgenden Lauten: • Plosive (Verschlusslaute) [p]. den Zahndamm: [t] Tor. [N] lang. Der Verschluss wird allmählich gelöst. Der vordere Teil der Zunge (nicht die Spitze) artikuliert zusammen mit dem hinteren Teil des Zahndamms: [S] Schaf. [pf] Pfund. Bei den Nasalen [m. Der Luftstrom wird an der entsprechenden Artikulationsstelle im Mundraum vollständig blockiert. Der hintere Teil der Zunge artikuliert mit dem weichen Gaumen (Velum): [k] Kuß. Der Luftstrom wird dabei nicht entscheidend beeinflusst. [t]. [g]. [j] Boje. [d]. • Ein schwer zu kategorisierender Laut ist [h]: Er wird nicht im Mundraum gebildet. [⎯]. Der Luftstrom tritt mit großem Druck durch diese Lücke hindurch und verursacht den Laut durch Reibung (Friktion).

h.PHONETIK UND PHONOLOGIE 119 Konsonanten bezeichnet ein Adjektiv die Phonation. trägt der Nasenraum zur Artikulation bei. [j]. Wenn bei geschlossenem Mund das Velum (d. alveolare [t]. [b].tisch vor betonten Silben. ein weiteres die Artikulationsstelle und ein Substantiv die Artikulationsart: /b/ ist also ein stimmhafter bilabialer Plosivlaut. die als eigenständige Phonemkategorien gelten können. bei dem die Zungenspitze mit den oberen Vorderzähnen einen Verschluss bildet und die Luft an den Seiten zwischen Zungenrän- . die mit einem Vokal beginnen eintritt. [d] sowie velare [g].bzw. [v]. Darüber hinaus gibt es noch den alveolaren Seitenlaut oder Lateral [l]. das automa. Haus [haUs] und aus [⎯aUs]. [k]. Tabelle 1. palatale [C]. z. [Z].B. Konsonantenphoneme des Deutschen ARTIKUALTIONSSTELLE ARTIKULATIONSART bilabial labiodental s h alveolar palatoalveolar palatal velar laryngal sl Plosive Frikative Nasale Lateral Vibrant Affrikata sh sl sl sh sl sh sl sh sl sh sl sh p b f v m t s d z n l r ⎯ ⎯ j k ⎯ x ⎯ h pf ts t ⎯ Im deutschen Lautsystem gibt es drei Arten von Verschlusslauten. palatoalveolare [S].tenphonem im eigentlichen Sinne dar. Auf diese Weise können drei Nasale artikuliert werden: bilabiales [m]. wobei [h] als gehauchter. die jeweils stimmhaft und stimmlos vorkommen: bilabiale [p]. der weiche Teil des Gaumens) gesenkt wird. bei dem die durch den Luftstrom an den Stimmlippen erzeugte Reibung kaum wahrnehmbar ist und der deswegen auch als Hauchlaut bezeichnet wird. sondern vielmehr ein Grenzsignal. bei beachten [b⎯axt` n]` und Seeente [ze˘/Ent´]. stellt kein Konsonan. Ebenso wie [] kommt auch [h] nur am Morphem. [⎯] als fester Einsatz bezeichnet wird. alveolares [n] und das velare [N]. die allesamt stimmhaft sind. den uvularen „r“-Laut [“] sowie den stimmlosen Stimmritzenlaut [h]. Es gibt sechs Arten von Frikativen: labiodentale [f]. Tabelle 1 gibt hier zunächst einen ersten Überblick über die 23 Konsonanten des Deutschen. Der Stimmritzenlaut [⎯]. Wortanlaut mit nach. [z]. alveolare [s].folgendem Vokal vor: vgl.

Dadurch wird es oft schwierig.120 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT dern und Zahnfleisch entweicht. genau zu beschreiben. . [“]. fast offen und offen bestimmt. Lange Vokale sind betont. bei denen sich ein Verschlusslaut unmittelbar in derselben Silbe in einen an gleicher oder fast gleicher Artikulationsstelle folgenden Reibelaut öffnet. das Phonem /r/ hat eine ganze Reihe verschiedener Varianten. [⎯].5 näher befassen. Schließlich können Vokale in der Aussprache stark variieren. Hier sind zwei Parameter besonders wichtig: (a) (b) der höchste Zungenpunkt bei der Aussprache eines Vokals.4 Vokale Bei Konsonanten wird der Luftstrom durch bestimmte Arten der Verengung an bestimmten Stellen innerhalb des Artikulationsapparates moduliert. Mit den Varianten von Phonemen. Der palatale Frikativlaut [⎯] wird als Variante des Phonems /x/ betrachtet. festmachen. Davon unabhängig gibt es noch drei weitere Bestimmungsaspekte: (c) (d) (e) die Lippenstellung: die Lippen sind entweder gerundet oder ungerundet die Dauer: ein Vokal ist lang oder kurz die Gespanntheit: bei der Artikulation eines Vokals sind die Muskeln mehr oder weniger stark gespannt. im mittleren oder hinteren Teil des Mundes liegen. nämlich [r] . Sie werden durch unterschiedliche Formung der Mundhöhle gebildet. Nicht alle der hier vorgestellten konsonantischen Laute bilden auch eigene Phonemkategorien. Das Deutsche hat drei Affrikata [pf]. die Zungenhöhe bei der Artikulation des Vokals. Aus diesem Grunde werden Vokale in erster Linie anhand der Zungenposition bestimmt. werden wir uns in Abschnitt 5. der Zunge. [⎯]. Bei der Artikulation langer Vokale sind die Muskeln stärker gespannt. sich zu überlappen und ineinander überzugehen. Die Form der Mundhöhle lässt sich am besten anhand der Position ihres beweglichsten Teiles. Bei Vokalen und Diphthongen strömt die Luft hingegen relativ ungehindert durch den Artikulationsapparat. Die verschiedenen sozialen und regionalen Varietäten des Deutschen hören sich hauptsächlich wegen der Variation in der Aussprache der Vokale sehr unterschiedlich an. Des Weiteren neigen Vokalkategorien in viel stärkerem Maße als Konsonanten dazu. Sie wird in ihrer Entfernung vom Gaumen als geschlossen. sowie zwei Vibranten [r] und [R]. [ts] und [tS]. Zunächst einmal wird der Artikulationsapparat ja nicht verengt. halbgeschlossen. an welcher Stelle der jeweilige Vokal artikuliert wird. Diese drei Laute sind stimmhaft. Vokale sind aus einer Reihe von Gründen viel schwieriger zu beschreiben als Konsonanten. den so genannten Allophonen. Alle drei Affrikata sind ebenso wie ihre einzelnen Bestandteile stimmlos. wie die Mundhöhle bei der Artikulation von Vokalen geformt ist bzw. 5. Dieser kann mehr im vorderen. und die Mundöffnung ist geringer.

Das Vokalviereck ist eine Art Koordinatensystem. denn bei weit geöffnetem Mund hat die Zunge nach vorne oder hinten weniger Bewegungsfreiheit als im oberen. Primäre Kardinalvokale i u e o E ç a Å Der vordere Vokalraum wird aufgeteilt. Von diesen acht Kardinalvokalen werden die vier hinteren Vokale mit gerundeten Lippen ausgesprochen.PHONETIK UND PHONOLOGIE 121 In den folgenden Abschnitten werden wir zunächst „ideale“ Vokale und dann die deutschen Monophthonge und Diphthonge (die direkte Abfolge von zwei Vokalen in einer Silbe) betrachten. Die acht primären Kardinalvokale werden dann wie in Abbildung 3 auf der vorigen Seite dargestellt. Der hintere Vokalraum wird in gleicher Weise durch [o] und [ç] aufgeteilt. die man als Kardinalvokale bezeichnet.1 Kardinalvokale Die Bestimmung der unterschiedlichsten Positionen der Zunge bei der Artikulation von Vokalen ist – wie erwähnt – sehr schwierig. das man als Vokalviereck bezeichnet. Man bezeichnet sie deshalb als gerundete Vokale. indem [e] und [E] in gleichen Abständen zwischen [i] und [a] angeordnet werden. Jeder beliebige Vokal kann dann in Bezug auf diese Referenzpunkte lokalisiert werden. Aus diesem Grunde faßt man alle möglichen Positionen der Zunge in einem abstrakten Schema zusammen. Dies ist der normale oder unmarkierte Fall. Die vier vorderen Vokale sind hingegen ungerundet. Für die Kardinalvokale wurden zunächst die anatomisch möglichen Extrempunkte bei der Vokalartikulation anhand der Dimensionen Zungenstellung (vorne/hinten) und Zungenhöhe (hoch/tief.4. 5. in dem sich Phonetiker bei der Bestimmung der Vokale einer Sprache auf festgelegte Referenzvokale beziehen. Im unteren Bereich ist das Vokalviereck schmaler. denn in den Sprachen dieser Welt sind die vorderen Voka- . sowie zwei weiteren Zwischenstufen) bestimmt: [i]: [u]: [a]: [A]: höchster und vorderster Punkt hoch und hinten tief und vorne tiefster und hinterster Punkt Abbildung 3.

So stimmt zum Beispiel der Vokal in die nicht exakt mit dem Kardinalvokal [i] überein. Wenn wir also die Vokale des Deutschen beschreiben wollen. Die Anzahl der Vokale im Deutschen macht es notwendig. die Referenzpunkte zur Beschreibung der Vokale in allen Sprachen. so dass aus ungerundeten Kardinalvokalen gerundete und aus den gerundeten Kardinalvokalen ungerundete Vokale werden. neben den Symbolen für die Kardinalvokale weitere Symbole für Vokale einzuführen. Diese werden zusammengenommen als sekundäre Kardinalvokale bezeichnet. Wir können aber auch bei der Artikulation der vorderen Vokale die Lippen runden bzw. Dennoch verwenden wir zu dessen Beschreibung das IPA-Symbol [i]. dürfen dabei allerdings nicht vergessen. Dennoch verwenden wir konventionell dasselbe Symbol. d. dass wir damit das deutsche [i] in bezug auf den Kardinalvokal [i] charakterisieren. erhalten wir unterschiedliche Realisationen von [i]. setzen wir sie innerhalb des Vokalvierecks zu den Kardinalvokalen in Beziehung. um diese Laute zu beschreiben. Sekundäre Kardinalvokale y μ O ƒ ø √ Q A 5. Da diese Konvention auch in anderen Sprachen verwendet wird.122 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT le überwiegend ungerundet und die hinteren Vokale gerundet.2 Die Vokale des Deutschen Die Kardinalvokale bilden. dass sich zudem Langvon Kurzvokalen unterscheiden lassen.h. Außerdem gibt es noch den abgeschwächten Vokal „Schwa“ [´] (nach der hebräischen Bezeichnung für diesen Laut) wie in eine [ain´] und den Reduktionsvokal [å] wie in Bier [b⎯å] und einer [aInå]. sie bei der Aussprache der hinteren Vokale ungerundet lassen. . Anhand der Minimalpaare in Übersicht 3 wird deutlich. Englisch oder Französisch wird das [i] unterschiedlich ausgesprochen. Abbildung 4. wie gesagt.4. Die dazu verwendeten Symbole des Internationalen Phonetischen Alphabets (IPA) beruhen auf Konvention und geben nur annähernd genau die Aussprache in einer bestimmten Sprache wieder. die beide in unbetonten Silben verwendet werden. in Deutsch.

einer [a⎯nå]. Eine Komponente eines Diphthongs tritt dabei stärker hervor als die andere. Die Vokale des Deutschen [i] ihn [y˘] Fühler [e˘] Beet [O ˘] Öfen [I] in [Y] Füller [E]Bett [ø] öffnen [u⎯] Ruhm [o] Ofen [A⎯] Kahn [´] eine [U ] [ç] [a] [å] Rum offen kann einer Der Status von [å] als Vokalphonem ist allerdings umstritten: einerseits tritt [å] zwar durchaus in Minimalpaaren wie in eine [an] . Wir können hier nicht ausführlich auf dieses Problem eingehen. wie etwa Französisch. = gerundete Vokale) vorne n m it t e l h int e ge s c h lo s se n 2 i˘ y˘ I e˘ u˘ U Y O˘ E E˘ ø å o ffe n o˘ h a lb g e sc h lo sse n ´ ç fa st o ffe n a. Die deutschen Vokale lassen sich mit Bezug auf die Kardinalvokale wie folgt im Vokalviereck darstellen: Abbildung 5. durchaus umgekehrt sein.4.3 Die Diphthonge des Deutschen Wenn innerhalb einer einzigen Silbe zwei Vokallaute ineinander übergehen. Im Deutschen ist dies für gewöhnlich die erste Komponente. Die Positionen der deutschen Vokale im Vokalviereck (auf der Grundlage von Kohler1995 :174. . so dass die Zunge zu Ende der Aussprache eine andere Stellung eingenommen hat als zu Beginn. bezeichnet man diese Doppellaute als Diphthonge. Hakkarainen 1995: 86f. = ungerundete. a˘ 5.). doch mag das in anderen Sprachen. dass die Einordnung eines Lautes als Phonem durchaus nicht immer eindeutig ist (vgl.PHONETIK UND PHONOLOGIE 123 Übersicht 3. Bitte [b⎯t⎯] bitter [b⎯t] auf. anhand dieses Beispiels wird aber deutlich. andererseits lässt es sich als Stellvertreter für das Phonem /r/ und die Phonemfolge /er/ im Auslaut einordnen. modifiziert: mit Längezeichen [˘].

Die Diphthonge des Deutschen im Vokalviereck çI aI aU 5. welcher dieser Aspekte relevant ist. der zweite unbehaucht [p]. [aI] Brei.5. ungerundet. Abbildung.5 Phoneme und Allophone Wie wir in Kapitel 2 über Lexikologie gesehen haben.1 Definitionen Der „p“-Laut in Paß unterscheidet sich deutlich vom „p“-Laut in Spaß: der erste ist behaucht [pH]. neu wird also als [nçI] und Tau als [tA U ]transkribiert. gerundet endet. die man als Phonem bezeichnet. vorne. 5.und Endpunkt der Zunge sind wichtig. kann ein Wort viele verschiedene Bedeutungsaspekte umfassen. Man sagt. In neu ist beispielsweise nur wichtig. in welcher Lautumgebung einzelne Mitglieder solcher Kategorien auftreten. In beiden Fällen ist es dennoch durchaus angemessen. das Symbol [I] bzw. umfasst dieser ganz offensichtlich eine ganze Reihe von Vokaleigenschaften. Im Deutschen gibt es die drei Diphthonge: [çI] neu. [A U ] Tau. Erst in einem bestimmten Kontext wird dann klar. 6. Auch die präzise Lautqualität der weniger prominenten Komponente ist oft unwesentlich. In ähnlicher Weise können auch Laute viele Varianten haben. Diese vorübergehenden Eigenschaften spielen aber für die Wahrnehmung des Diphthongs keine Rolle: nur Ausgangs. von welchen anderen Lauten sie umgeben werden.124 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT Wenn die Zunge sich während der Artikulation des Diphthongs bewegt. hinten. [U] für den ungefähren Bereich zu verwenden. Trotz dieses phonetischen Unterschiedes fassen wir diese beiden „p“-Laute als Varianten desselben Lautes auf. Die Laute [pH] und [p] sind Beispiele für die abstrakte Einheit /p/. je nachdem. dass der Diphthong ungefähr in der Gegend von hoch. [pH] und [p] sind Allophone des Phonems /p/. in Tau als hoch. In den folgenden Abschnitten werden wir die Bezeichnungen für die Mitglieder in einer solchen Lautkategorie kennen lernen und uns näher ansehen. .

/. die sich in ihrer Lautform lediglich in einer einzigen Lautkategorie unterscheiden. Anhand solcher Minimalpaare. Tanne). die in unterschiedlichen Umgebungen anderer Laute auftreten: [d] am Wortanfang. Phonem mit Allophonen Phonem /p/ Allophone [p] [p H] Ähnliche Laute können in zwei Sprachen auf unterschiedliche Weise klassifiziert werden. ansonsten aber lautlich identisch sind. d. die in ihren phonetischen Aspekten betrachtet werden).5. für die Unterscheidung zwischen zwei Wörtern macht es keinen grundlegenden . d. Wenn man lado mit [d] anstatt mit [D] ausspricht. weil sie bedeutungsunterscheidend wirken können. ThaiSprecher kategorisieren hier zwei Phoneme: [pHaa]‚teilen‘ und [paa] ‚Wald‘.h.. [pas] und [p as] herzustellen. aber kein anderes Wort mit einer anderen Bedeutung.. Andererseits zeigt sich auch. Verschlusslaute mit unterschiedlich starker Behauchung treten in freier Variation auf. 5. und [D] zwischen Vokalen. dass /p/ und /b/ unterschiedliche Phoneme des Deutschen sind. sondern lediglich um zwei Allophone. oder ob es sich um zwei unterschiedliche Phoneme handelt. Allophone (und generell alle Laute. Für Sprecher des Englischen handelt es sich um zwei verschiedene Laute. wie in lado ‚Seite‘ [laDo]. Für deutsche Sprecher stellen behauchte und unbehauchte stimmlose Verschlusslaute jeweils Varianten desselben Verschlusslautes dar. dass es unmöglich ist. in eckigen Klammern [ ] geschrieben. d. ist das zwar eine lautliche Variante in der Aussprache. Kanne. d. die als unterschiedliche Phoneme kategorisiert werden. Deshalb können [p ] und [p] nicht als unterschiedliche Phonemkategorien des Deutschen eingestuft werden. lässt sich sehr leicht feststellen. wie in donde ‚wo‘ [donde]. denn sie dienen zur Bedeutungsdifferenzierung. Phonemvarianten. Für Sprecher des Spanischen handelt es sich hingegen um Varianten ein und desselben Phonems. eine Unterscheidung in der Behauchung der Verschlusslaute führt im Deutschen (anders als in Thai) nicht zu einer Bedeutungsdifferenzierung. Sowohl im Englischen als auch im Spanischen gibt es die Laute [d] und [D].2 Freie Variation und komplementäre Verteilung Bei deutschen Verschlusslauten ist linguistisch irrelevant. einen Kontrast zwih h h schen Spaß [spas] und [sp as] bzw. ob zwei Laute in einer Sprache Allophone ein und desselben Phonems sind. in wie starkem Maß sie behaucht werden (wie in Panne.h. Anhand des Minimalpaars Paar und Bar etwa wird deutlich. zweier Wörter. Das Verhältnis zwischen dem Phonem /p/ und seinen beiden Allophonen [p] und [pH ]lässt sich wie in Abbildung 7 darstellen: Abbildung 7. Bei den behauchten Verschlusslauten handelt es sich im Deutschen also nicht um unterschiedliche Phoneme.PHONETIK UND PHONOLOGIE 125 Phoneme werden zwischen zwei Schrägstrichen /.h.h.

Der „Ach“Laut [x] steht nach hinteren Vokalen (doch. Diese Laute treten alle in unterschiedlichen lautlichen Umgebungen auf – sie stehen also nicht in freier Variation. die verschiedenen Varianten sind also komplementär verteilt: hat. Hut. echt. beschreibt eine phonematische Transkription jede Lauteinheit durch das Phonem.t. {-chen} gesprochen. sondern das Wissen um die phonologische Struktur der Sprache. Die exakte phonetische Realität dieser Laute kann von Phonetikern beschrieben werden. Einige Beispiele im Deutschen sind: Stimmlose Verschlusslaute [p. nach Konsonanten (Milch. Hof. sondern sind komplementär verteilt.126 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT Unterschied. Eine phonematische Transkription kann um eine Reihe zusätzlicher Aussagen . Die Wahl einer Variante ist durch den folgenden Vokal bestimmt. Dach). Die unterschiedlichen. Stur. hinter. welche behauchte Variante eines dieser Verschlusslaute an einer bestimmten Position gewählt wird. nach [S] im Silbenanlaut aber unbehaucht: Spur. Sprecher des Deutschen nehmen das /p/ in Pass und das /p/ in Spaß trotz unterschiedlich starker Behauchung als „denselben“ Laut wahr. von der jeweiligen Lautumgebung abhängigen Realisationen [C] und [x] werden als Beispiele für ein und dieselbe Phonemkategorie /x/ kategorisiert – beide werden auch durch ein und dasselbe Graphem <ch> repräsentiert. Am Beispiel dieser Laute sieht man darüber hinaus. Eine andere Situation liegt vor. schüchtern). Während eine phonetische Transkription darauf abzielt. (c) Die „h“-Laute am Beginn eines Wortes sind phonetisch gesehen sehr unterschiedlich. dass das orthographische System einer Sprache oft durch unsere Kategorisierung sprachlicher Laute motiviert ist. wenn ein Allophon nur in einer ganz bestimmten Lautumgebung. In den meisten Sprachen gibt es zwischen 30 und 50 Phoneme. Die Intuition der Sprecher spiegelt also nicht die phonetisch-artikulatorischen Eigenschaften der Laute wider. manche) sowie am Anfang von Wörtern und Morphemen Chemie.3 Transkriptionsprinzipien Bei der „phonetischen Umschrift“ in Aussprachewörterbüchern (oder Wörterbüchern für Lerner von Deutsch als Fremdsprache) handelt es sich eigentlich um phonologische Transkriptionen. Infolgedessen können sie auch nicht zur Bedeutungsdifferenzierung zwischen Wörtern dienen.k] treten vor einem betonten Vokal behaucht auf: pur. (a) 5. Tour. (b) Im Deutschen gibt es abhängig von der Lautumgebung zwei verschiedene „ch“Laute. dem diese Variante zuzurechnen ist.5. Diese Varianten eines Lautes sind dann komplementär verteilt. ein anderes Allophon desselben Phonems dagegen nur in einer anderen Lautumgebung auftritt. Der so genannte „Ich“-Laut [C] wird nach den vorderen Vokalen (ich. Muttersprachler sind sich der allophonischen Variation in ihrer Sprache häufig nicht bewusst. detailliert auch noch die kleinste Lautvariation darzustellen. Die Anzahl der Phoneme einer Sprache ist eng begrenzt. Morchel.

PHONETIK UND PHONOLOGIE 127 ergänzt werden.h. Der Name Maaori besteht selbst aus drei Silben. Die Lautabfolge in Silben ist streng geregelt. Maaori kann sogar als aus vier Silben bestehend beschrieben werden (nämlich Ma-a-o-ri). Die spanische Orthografie repräsentiert keinen Unterschied zwischen [d] und [D].h.fn`]. Der „p“-Laut in Wörtern wie Pech [pEC ] und Specht [SpE Ct] wird also phonematisch gleich transkribiert. d. die erste und die letzte Silbe jeweils aus einem Konsonanten /K/ plus einem Vokal bestehen. von denen die zweite aus einem Vokal /V/ (nämlich /o/). die phonologische Silbentrennung von kaufen ist also [kaU. Die deutsche Orthografie stellt die Behauchung von Verschlusslauten nicht dar. Hierzu ist es notwendig. sie besteht immer aus einem Vokal. 5. Eine Silbe hat einen Silbengipfel.6. denn diese spielt für die Bedeutungsdifferenzierung zwischen Wörtern keine Rolle. Einheiten in die Betrachtung mit einzubeziehen.und Endrand. denn dieser Unterschied ist nicht phonematisch – im Gegensatz zum Englischen. Je nach Interpretation werden lange Vokale entweder als eine oder auch als zwei Silben betrachtet. wie eventuelle Details zur Realisation eines Phonems in den verschiedenen Lautumgebungen. während die Morphemgrenzen als {kauf-}+{-en} eingeteilt werden. 5. d. Sprachen unterscheiden sich in erheblichem Maße darin.] markiert werden. Der Vokal in der ersten Silbe ist lang. Wortformen bestehen aus einer Abfolge von Silben. Der Lautstrom besteht also aus abwechselnd sonoren und weniger sonoren Elementen. die durch Gipfel der Schallfülle oder Sonorität.h. Eine phonetische Transkription kann man sich als für die Repräsentation der Aussprache ideales alphabetisches Schriftsystem vorstellen. d. Man kann sich Silben als Einheiten vorstellen. welche Lautabfolgen innerhalb von Silben möglich sind. in denen nur Silben der Form (K)V vorkommen. Die grundlegende . die man als Silben bezeichnet. wo er auch in der Transkription repräsentiert wird. dem optional ein Konsonant vorangehen kann. obwohl /p/ am Silbenanfang vor betonten Vokalen mit Behauchung [pH] realisiert wird. sowie einen Anfangs. bestimmt und von Elementen mit weniger Sonorität umgeben sind (Konsonanten). die nicht gleichbedeutend mit den Morphemen einer Wortform sind.6 Größere phonologische Einheiten Das Lautsystem einer Sprache ist mit einer Auflistung aller Phoneme und deren Allophone noch nicht ausreichend beschrieben – es müssen auch Aussagen über die Kombinationsmöglichkeiten der Laute getroffen werden. Hier können deutliche Unterschiede bestehen. Einerseits gibt es Sprachen wie Maaori. Tonhöhe und Satzintonation. Solche phonologische Einheiten sind Silben.1 Silben Zwischen Einzellauten und Wortformen liegen sprachliche Einheiten. Wortbetonung. Silbengrenzen können in der Transkription durch das Zeichen [. die größer sind als einzelne Laute. Schallfüllegipfel. der meist aus einem Vokal besteht.

r. wie in gd’e ‚wo‘. aber auch aus Konsonanten mit hoher Sonorität.Β. Andererseits gibt es die germanischen Sprachen wie Deutsch. Endrand Liquid Nasal sth. Liquiden und Nasalen. (des) Herbsts [hE⎯psts]. Dennoch kann nicht jede denkbare Kombination von Konsonanten auftreten. in denen Silben sehr komplex sein können. Die Kombinationsmöglichkeiten sind begrenzt. nämlich Gleitlauten. schreiben. zwei stimmlose Verschlusslaute wie in ptit’a ‚Vogel‘ oder zwei Nasale wie in mn’e ‚zu mir‘. . Abbildung 8. Wenn stimmhafter oder stimmloser Obstruent am Anfang stehen. al. dass eine Silbe aus einem langen oder kurzen Vokal besteht und diesem nur ein Konsonant vorangehen kann. streng [StrE N] bzw.und Endrand bilden.h. Obstruent + Sonorität In einigen Sprachen trifft man auf Konsonantenhäufungen. sondern nur alternativ. gebildet werden. Obstruent potenzieller Silbenkern pot. Der Silbenbau gründet sich auf eine so genannte Sonoritätshierarchie: der Silbengipfel (auch Silbenkern genannt) wird von Lauten mit mehr Schallfülle gebildet und ist zum Silbenrand hin von Lauten mit abnehmender Schallfülle umgeben.w/ wie in Sprache. haben. Niederländisch und Englisch. Der Silbenkern kann aus Vokalen. Laute mit wenig Schallfülle können nur den Anfangs. 1997:180) Vokal Gleitlaut Gleitlaut Liquid Nasal sth. Im Deutschen können sowohl am Anfang als auch am Ende einer Silbe so genannte Konsonantenhäufungen vorkommen. vorderen Zungenstellung wie in mn’e. die Artikulation eines Konsonanten mit einer hohen.und Endrand auftreten können. In solchen Sprachen können nicht zwei Konsonanten direkt aufeinander folgen. und jede Silbe (und damit auch jedes Wort und jede Äußerung) muß auf einen Vokal enden. Sonoritätshierarchie für deutsche Silben (nach Zifonun et. In diesen Fällen spricht man von silbischen Konsonanten. Obstruent stl. Anfangsrand pot. streng. die dem Deutschen sehr fremd sind. Abbildung 8 zeigt den möglichen Silbenbau im Deutschen. z. welche Laute potentiell im Silbenkern sowie im Anfangs. d. Abbildung 8 zeigt. So lässt das Russische zwei stimmhafte Verschlusslaute am Silbenanfang zu.j. d. So kann beispielsweise der Anfangsrand maximal aus drei Konsonanten bestehen: /s/ + stimmlosem Obstruenten + Lateral oder Trill /l.B.128 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT Silbenstruktur dieser Sprache ist also (K)V. z. können nicht Sonoranten und Gleitlaute zusammen folgen. Im Anfangsrand kommen so gut wie nie stimmloser und stimmhafter Obstruent in Kombination vor (einzige Ausnahmen sind [kv] wie in Qual [kva˘l] und [Sv] wie in schwach [Svax]).h. In der Umschrift dieser russischen Wörter steht der Apostroph für Palatalisierung. Obstruent stl. in Segel.

Alter und soziale Position des Sprechers ablesen. In einigen Lautumgebungen kann es aber auch frei mit [r] variieren. wie ein Beispiel aus dem Portugiesischen zeigt: /káru/ caro ‚lieb. Auch wenn der Gebrauch der verschiedenen r-Varianten sich nicht auf die Wortbedeutung auswirkt. Diese Variante tritt nach den langen Vokalen am Wortende oder vor Konsonanten auf: Bier.h. denn in Finger ist das ja zum Beispiel der Fall. so lassen sich an ihrer Verwendung evtl.sonant folgen: bis. Die möglichen Positionen. [“] („Zäpfchen-r“) und alveolares. d. uvulares [⎯]. dann etc. /h/ könne nicht nach einem Vokal auftreten – in behalten und dahinter ist das ja beispielsweise der Fall. Diese Varianten sind in allen Positionen austauschbar und haben daher keine bedeutungsdifferenzierende Funktion. die Varianten sind frei verteilt (vgl. • Das Phonem /r/ hat im Deutschen mehrere Varianten: gerolltes [r]. die aus einem einzigen Vokal als notwendigem Kern bestehen wie Ei. Abbildung 9 fasst die verschiedenen Allophone des Phonems /r/ nochmals zusammen: . Tür etc. /h/ kann nur im Anfangsrand auftreten. Au. die ein Phonem in Silben einnehmen kann. • Wenn wir die Verteilung von /h/ bzw. Im deutschen Phonemsystem existiert eine solche Distinktion jedoch nicht. Uhr. Neben den deutschen konsonantischen „r-Varianten“ gibt es noch ein vokalisiertes „r“. • Der velare Nasal /N/ tritt nur am Silbenendrand auf und auch nur nach kurzen Vokalen: kein deutsches Wort beginnt mit /N/. • Lange und kurze Vokale: im deutschen Wort findet sich mindestens ein Vokal als Silbenkern (abgesehen von silbischen Konsonanten) und umgebende Konsonanten. /r/ beschreiben wollen. oh. geht dies nur mit Bezug auf deren Position in Silben. Hakkarainen 1985:86f). teuer‘ versus /káRu/ carro ‚Karren‘ (Ternes 1987:83). In anderen Sprachen kann das durchaus der Fall sein. Auf kurzen Vokal muss stets ein Kon. zu anderen aber wiederum nicht. bin.h. da. sondern um zwei unterschiedliche Phoneme /r/ und /R/ handeln. *[dU]. die Verteilung von /N/ mit „tritt nicht vor Vokalen auf“ zu beschreiben. Einige einsilbige Wörter haben nach dem Vokal keinen Konsonanten. Es gibt nur sehr wenige Wörter. z. so. sie ist gegenüber [r] komplementär verteilt. Es würde nicht ausreichen zu sagen. frikatives [“] (so genanntes „Reibe-r“). dann würde es sich nicht um Allophone des Phonems /r/. *[dç]. sie.B.PHONETIK UND PHONOLOGIE 129 Phoneme können an einigen Stellen einer Silbe und in der Nachbarschaft zu bestimmten Phonemen auftreten. Wenn [r] in Opposition zu [R] stünde. das als [å] dargestellt wird. Das Auftreten oder die Verteilung von Phonemen lässt sich nur mit Bezug auf Silben darstellen: es würde beispielsweise nicht ausreichen. d. geschlagenes [R]. bezeichnet man als die Verteilung oder Distribution eines Phonems. die. Hinweise auf regionale Herkunft. In diesem Fall spricht man von offenen Silben In der deutschen Standardlautung gibt es aber keine Wörter mit kurzem Vokal am Ende *[d⎯]. Es folgen einige Beispiele.

silbischen Konsonanten. (Kontrast: und nicht die Gräfin) d. Silben sind entweder betont oder unbetont. Au'gust [aU'gUst] vs. 'Perfekt. bei Kopulativkomposita beide Bestandteile. per'fekt vs. mo'dern vs. (Kontrast: und nicht der Butler) c.6. (Kontrast: und nicht erschlagen) . Wörter haben bestimmte Betonungsmuster. einige Wörter sind nur durch die Betonung zu unterscheiden. Hakkarainen 1995:88) /r/ konsonantisch alveolar [r].2 Silbenbetonung. typischerweise länger und lauter und werden deutlicher artikuliert. Die Betonung liegt im Deutschen auf Silben mit einem Vokal als Silbenkern. Betonte Silben sind prominenter als unbetonte. [R ] uvular Vibrant [{] Frikativ sth [“] stl [X] vokalisch [å] 5. 'August ['aUgUst].B. Der GÄRTNER hat den Grafen erstochen. Der Gärtner hat den Grafen erstochen. Der Gärtner hat den Grafen ERSTOCHEN. (Normalfall der Satzbetonung) b. die man auch Akzent nennt. Präfixe in nichttrennbaren Präfixverben tragen ebenso wenig eine Betonung wie Flexionssuffixe und auch deutsche Ableitungssuffixe. Das phonetische Symbol für die Wortbetonung ['] wird vor die betonte Silbe gesetzt: z. Ka'pelle. Bei einfachen Wörtern ist dies in der Regel die letzte bzw. vorletzte betonbare Silbe: 'Dackel. Unbetonte Silben sind in der Regel kurz und werden weniger deutlich ausgesprochen. über'setzen [y˘bå'zEtsn`](Er übersetzt ein Buch). 'modern. 'Torte.130 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT Abbildung 9: Allophone des Phonems /r/ (vgl. Zur Aussprache einer betonten Silbe wird mehr Energie aufgewendet als für eine unbetonte Silbe. Trennbare Präfixverben werden von untrennbaren durch die Wortbetonung unterschieden: 'übersetzen ['y˘båzEtsn (Er setzt ans andere `] Ufer über) . In einer Äußerung können die wichtigen Wörter durch Betonung hervorgehoben werden und auf diese Weise einen Kontrast anzeigen: (2) a. nicht aber mit dem Schwa-Laut [´] bzw. Tonhöhe und Intonation Silben tragen eine Silbenbetonung. Der Gärtner hat den GRAFEN erstochen. Bei Zusammensetzungen aus zwei Kernmorphemen wird bei Determinativkomposita der erste Bestandteil betont.

5. Ton: fallend-steigend Ü 4.7 Laute in der Nachbarschaft anderer Laute Es reicht nicht aus.4. denn wenn sie zu Wörtern zusammengesetzt werden.PHONETIK UND PHONOLOGIE 131 Eine weitere Eigenschaft von Silben ist der Ton. Ton: fallend \ (nach Ternes 1987:133) [ma#] [má] [ma‡] [mà] ‚Mutter‘ ‚Hanf‘ ‚Pferd‘ ‚schimpfen‘ Unter Satzbetonung oder Intonation versteht man die „Melodie“ einer Äußerung. enttarnen [Entta{n´n] > [Enta{n`]. Tonhöhe als Mittel der Bedeutungsdifferenzierung im Chinesischen 1. Die Aussprache eines Wortes kann sich wiederum deutlich verändern. • In unbetonten Silben steht oft der Schwa-Laut [´]. schnellerem Sprechen werden einige Laute im Lautstrom ausgelassen. wird der zweite in der Regel getilgt: Bettuch [bEttUx] > [bEtUx].) angezeigt. Dies wird anhand der chinesischen Beispiele in Übersicht 4 deutlich. Es entsteht ein so ] genanntes Silbengelenk. wenn es zusammen mit anderen Wörtern in einer syntaktischen Gruppe oder einem Satz gesprochen wird.7. Übersicht 4. Die Tonhöhe einer Silbe hat in solchen Sprachen einen ebenso großen Anteil an der Bedeutungsdifferenzierung wie die phonologische Struktur der Silbe.1. Ton: steigend / 3.4. oder sogar . einzelne Laute isoliert zu betrachten. eben [e⎯b´n] > [ebn⎯⎯]. und 4. Ton: flach 2. so fiele man sicherlich als pedantisch auf. annehmen [anne˘m´n] > [ane˘m n``. unten [unt´n] > [untn⎯]. Diese Auslassungen bezeichnet man als Elision oder Tilgung.2. Vor Nasalen. sondern Teil der Umgangslautung. können sie durch die Nachbarschaft zu anderen Lauten beeinflusst und verändert werden. Würde man sie nicht machen. Es folgen einige Beispiele für Elisionen: • Wenn /t/ als mittlerer Konsonant in einer Gruppe aus drei Konsonanten steht. kann dieser Reduktionsvokal völlig getilgt werden: z. kann es in bestimmten Lautumgebungen ausfallen: und zwar nach /n/ und /l/ und vor /s/ wie in Glanz [lants] > [⎯lans] oder erhältst [EåhEltst] > [EåhElst] sowie vor /l/ nach Reibelauten: schriftlich [S⎯IftlIC] > [S⎯IflIC]. Lautauslassungen sind aber keineswegs die Folge einer „schludrigem“ Aussprache.B. Durch die Intonation werden beispielsweise die Funktion einer Äußerung (Aussage oder Frage) und die Einstellung des Sprechers (siehe Kapitel 4.1 Elision oder Tilgung Insbesondere bei informellem. In einer Tonsprache wie Chinesisch werden die meisten Bedeutungen mit einem bestimmten Tonhöhenverlauf assoziiert. • Wenn zwei gleiche Konsonanten an Morphemgrenzen unmittelbar aufeinander treffen. 5. die unmittelbar auf einen betonten Vokal folgen.

Henkel [hE N k ].2 Assimilation Beim Sprechen können Laute durch andere Laute so beeinflusst werden.bialen Nasal [m]. so kann es nach hinteren. In diesem Fall werden sie völlig entstimmt: dasselbe [sz] > [ss]. [g] angeglichen. z. so wird er an die velare Artikulationsstelle von [k]. Hunger. Bei Haken [hakn ]. frisch sein [Sz] > [Ss]. Die Merkmale Stimmhaftigkeit und Artikulationsart bleiben bei dem betreffenden Laut von der Assimilation unberührt. länglich. Suppen [zp n`] ist durch die Elision  ] des Schwa-Lautes [] der Nasallaut in unmittelbare Nachbarschaft zum Plosiv getreten. nach stimmlosem bilabialen Plosiv [p] zum stimmhaften bila. Ein Beispiel für progressive Assimilation der Artikulationsart über eine Wortgrenze hinweg ist zum Beispiel [tsUmbaISpi˘] > [tsUmmaISpi˘]. [g] oder [z] folgen.132 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT (die) ungebetenen (Gäste) ['Ung´be˘t´n´n] > [Ung´be˘tn`n`]. Assimilationen treten auch über Morphem. z. wenn ein Nasallaut [n] an der Artikulationsstelle eines unmittelbar vorangehenden oder folgenden Obstruenten angeglichen wird. beeinflusst ein folgender Laut einen vorhergehenden. wo der stimml l . [grO ˘ ´r´] > [grO˘sr´] s • Nach velarem Nasal und vor Schwa.7. der Artikulation angleichen. Meist wird der betreffende Laut einem Laut in einem Merkmal angeglichen. der aus Schwa abgeleitet ist. so spricht man von regressiver Assimilation. Der stimmhafte dentale Nasal [n] wird nach velarem Plosiv [k.und Wortgrenzen hinweg auf. Von Nasalassimilation spricht man. Puppen [pU pn > [pU pm]. eng. dass der folgende Laut nun an selber Stelle artikuliert wird. [g] auftritt. 5. legst t] s [le˘gst] > [le˘ Cst]. offenen (velaren) Vokalen zu velarem [x]. wenn auf den stimmhaften dentalen Nasal [n] unmittelbar ein stimmloser bilabialer Reibelaut [f] folgt. d. der Artikulationsstelle oder der Artikulationsart. Wenn ein Laut einen folgenden Laut derart beeinflußt. In den bisher beschriebenen Fällen beeinflusst jeweils ein Laut einen unmittelbar folgenden so. Zunge. wenn auf stimmlose Plosive oder Frikative [b]. Ein Beispiel für eine regressive Assimilation der Artikulationsstelle ist. Wenn der Nasal [n] vor einem velaren Obstruenten [k]. `] ` Wenn [g] aufgrund von morphologischen Bedingungen im Silbenendrand auftritt. Diesen Angleichungsprozess bezeichnet man als Assimilation. dagegen. sowie vor Konsonanten und im Wortauslaut kann [g] elidiert werden: Finger. [d]. Man spricht deshalb von progressiver Assimilation der Artikulationsstelle.B. ansonsten zu [C] entstimmt und assimiliert werden: (du) sagst [za > [zaxst] bzw.h. [n] wird dann zum stimmhaften bilabialen Nasal [m] assimiliert: sanft [zanft] > [zamft]. dass sie sich diesen in der Phonation bzw. handelt es sich um progressive Assimilation.B. legen [le˘gn`. l` Ein Beispiel für Assimilation im Merkmal Stimmhaftigkeit ist.g] zum stimmhaften velaren Nasal [N] bzw. zu [N] velarisiert. ungenau [Ung´naU] > [UN g´naU]. Der Schwa-Laut fällt auch häufig im Wortauslaut oder vor Sonorant + [k] vor einer Wortgrenze oder bei Sonorant + Vokal aus: [iCmax´] > [iCmax]. und zwar entweder in der Stimmhaftigkeit. vor dem unsilbischen Vokal [å].

Wie wir des Öfteren bei der Beschreibung der Assimilation schon gesehen haben.3 Vokalreduktion Unbetonte Vokale können im Deutschen ihre distinktive Qualität verlieren und nehmen die Qualität des Vokals Schwa [´] an. Dann werden kurze.det. Auf der ersten Reduktionsstufe werden lange. Bei einigen Funktionswörtern hat sich diese Entwicklung auch in der Schreibung nieder. Die starke Form ist jeweils die Aussprache in betonter Stellung. können mehrere dieser Prozesse zusammenwirken. wenn am Wortende der stimmlose alveolare Frikativ [s] im Anfang des nächsten Wortes auf den stimmlosen palatoalveolaren Frikativ [S] trifft. Nach den Plosivlauten [t]. und Regressive Assimilation der Artikulationsart tritt beispielsweise auch auf. je nachdem.7. Schließlich kann der Schwa-Laut noch getilgt und durch silbisches [n `] ersetzt werden. gespannte Vokale näher zum Zentrum des Vokalraumes hin artikuliert und mit weniger Muskelspannung artikuliert. so dass sich diese Lautkombination an [X]. Es stehen dann die so genannten Schwachformen. Reduktionsreihe für den und mir (nach Hakkarainen 1995:65f) 0 [de˘n] [mi˘å] 1 [den] [miå] Reduktionsstufen 2 3 [dEn] [d´n] [mIå] [må] 4 [d n ` ] den mir 5.geschlagen: zu dem > zum. Für das Phonem /r/ sowie die Phonemfolgen /´r/ oder das Morphem {-er} kann in bestimmten Positionen der Reduktionsvokal [å] eintreten. Dabei kann man die verschiedenen Stufen der Vokalreduktion anhand von Reduktionsreihen wie in Übersicht 5 verfolgen. 5. [p] können [l] + [“] stark entstimmt und frikativisiert werden. Auf der nächsten Stufe treten dann die Reduktionsvokale [´] und [å] ein. Dann wird nämlich assimiliert wie in das Schaf [sS] bzw. Vor oder nach einer betonten Wortsilbe ordnen sie sich dieser unter und sind dann ohne Akzent. Durch Elision können Laute in Nachbarschaft geraten und sich dann einander angleichen. der Anpassung die betreffenden Laute völlig gleich – es handelt sich um vollständige Assimilation. In Der war es! [dEå va˘ Es] werden die Starkformen von der und es verwen. Regressiv assimiliert wird in ähnlicher Weise an beide [anbaId´] > [mb]. Auf Stufe 0 befindet sich die Starkform.7. Übersicht 5. ein Allophon des „Ach“-Lautes [x] annähern kann: traten [tX a˘tn`] Preis [pXaIs].PHONETIK UND PHONOLOGIE 133 hafte bilabiale Plosivlaut [b] vollständig zum bilabialen Nasal [m] assimiliert wurde.4 Schwachformen Eine Reihe von Funktionswörtern haben starke und schwache Aussprachevarianten. . während andere in der Schriftsprache nicht akzeptiert sind: *aufm *übern. gespannte Vokale gekürzt. ob sie betont oder unbetont sind. von dem > vom. Eisscholle [S S Im letzten Fall sind als Ergebnis ]. In Ist es in der Scheune? [Iz´sInåSçIn´] die entsprechenden Schwachformen.

wie vollständiger Verschluss. Entsprechend der Unterscheidung in Phonetik und Phonologie muss also zwischen zwei Transkriptionsarten unterschieden werden: eine phonetische Transkription erfasst alle Allophone eines Phonems. Die Phonologie beschäftigt sich mit dem Lautsystem einer bestimmten Sprache und der bedeutungsdifferenzierenden Funktion einzelner Phoneme. d. im Minimalpaar Bass [bas] und Pass [pas]. Wenn die Lautumgebung für das Auftreten der Varianten eines Phonems keine Rolle spielt. Verschiedene Laute können Varianten ein und desselben Phonems sein. wenn sie einen Bedeutungsunterschied konstituieren. Ein Phonem ist daher eher psychologischer als physikalischer Natur.134 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT 5. die bedeutungsdiskriminierend sind. Zwei Laute sind zwei unterschiedliche Phoneme. einem Vokal oder einem Diphthong V. Tonhöhe und Satzintonation von Bedeutung.und einem Endrand aus Konsonanten . eine jede Variante ist h an eine bestimmte Lautumgebung gebunden: [t ] tritt nur am Anfang von Silben auf. Die Kombination zweier Vokale in einer Silbe bezeichnet man als Diphthong. Aus diesem Grunde hat man im Mundraum einige Referenzpunkte festgelegt. die man als Kardinalvokale bezeichnet. es handelt sich um Lautkategorien. beschrieben. Zwischen Aussprache und Schreibung können in einer Sprache große Differenzen bestehen.8 Zusammenfassung Die Phonetik untersucht die physikalischen Eigenschaften und artikulatorischen wie auditiven Aspekt aller Laute. Durch die Phonation entsteht der Unterschied zwischen stimmhaften und stimmlosen Lauten.h. d. während eine phonematische Transkription nur die Phoneme berücksichtigt. durch die der Resonanzraum für die Erzeugung eines jeden Lautes geschaffen wird. Gelegentlich stellen die Sprecher durch etymologische Schreibung auch selbst solche Beziehungen her. d. Neben den einzelnen Lauten sind auch größere Einheiten wie Silben. Wortakzent. Sie sind daher artikulatorisch viel schwieriger festzumachen. B. die überhaupt in Sprachen auftreten können. wie das behauchte [t ] in Tier und das unbehauchte [t] in Stier. mit einem Anfangs. hat man in der Phonetik das Internationale Phonetische Alphabet mit genau bestimmbaren phonetischen Symbolen eingeführt. Sind Laute zwar verschieden. wie z. Allophone können in komplementärer Verteilung auftreten. [t] an anderen Stellen. Anhand der vier Parameter hoch/tief und vorne/hinten lassen sich nun alle Vokale im Vokalviereck positionieren. denn die Orthographie kann sich nicht immer allein nach phonologischen Kriterien richten. so bezeichnet man sie als Allophone eines Phonems. Eine phonologische Silbe besteht aus einem vokal(ähnlichen) Sonorantenkern. starke bis keine Einengung des Luftstroms. wie bei den konsonantischen Allophonen des Phonems /r/. aber trah gen nicht zur Bedeutungsdiskrimination bei. Bei der Artikulation von Vokalen wird der Luftstrom nicht eingeschränkt. Aus phonetischer Sicht werden sprachliche Laute anhand der Kriterien Phonation und Artikulation beschrieben. Da die Schreibung die Laute einer Sprache nicht exakt repräsentieren kann.h. dann stehen die Allophone in freier Variation. Unter dem Aspekt der Artikulation beschreibt man Form und Veränderung des Sprechkanals. Konsonanten werden anhand ihrer Artikulationsstelle und der Artikulationsart.h. Sie muss auch Aspekte der Morphologie in einer morphophonologischen Schreibung berücksichtigen.

In Hinblick auf die Silbenstruktur gibt es zwischen den einzelnen Sprachen sehr starke Unterschiede. Einen guten Überblick vermitteln auch die Duden Grammatik (1998) und Eisenberg (1998). 5. Er weist zudem ein eigenes Melodiemuster auf. In der Umgangssprache führt schnelleres Sprechen zur Vokalreduktion und zum Gebrauch unbetonter Schwachformen. . Es gibt Assimilation der Stimmhaftigkeit. Die Hauptsilbe wird dann durch die Wortbetonung markiert. was man dann als Konsonantenhäufung bezeichnet. Die Position.9 Leseempfehlungen Eine universal ausgerichtete Einführung geben Ladefoged & Madieson (1996). benachbarte Laute sich gegenseitig in ihrer Artikulation beeinflussen. die ein Phonem in einer Silbe einnehmen kann. Treffen zu viele Konsonanten aufeinander. das als Satzintonation bezeichnet wird und unter anderem die kommunikativen Absichten und Einstellungen des Sprechers mitteilt. Einführungen in die Phonetik des Deutschen sind Kohler (1995) und Hakkarainen (1995). so findet Konsonantenreduktion statt.PHONETIK UND PHONOLOGIE 135 (K). von regressiver Assimilation. Silben bilden Wörter. Bei der Verbindung zu Morphemen. der Artikulationsstelle sowie der Assimilationsart. Eine praktische Einführung in die Aussprache des Deutschen mit Audio-CDs – insbesondere für den Bereich Deutsch als Fremdsprache – ist Kaunzner (1997). In diesen Fällen spricht man von Assimilation und unterscheidet progressive Assimilation. Ternes (1987) stellt phonologische Aspekte am Beispiel mehrerer Sprachen dar. Im Deutschen können beispielsweise mehrere Konsonanten miteinander verbunden werden. Lauten. Wörtern und Sätzen können Laute elidiert werden bzw. Ein Satz als Ganzes hat eine Hauptsilbe. Ramers (1998) und Grassegger (2001). welche die Satzbetonung trägt. wenn ein Laut einen folgenden beeinflusst. bezeichnet man als die Verteilung dieses Phonems. wenn ein folgender Laut einen vorangehenden in seinen Artikulationsmerkmalen beeinflusst. Sehr gut lesbare Einführungen in die Phonologie mit Übungsaufgaben sind Ramers und Vater (1995). Anders als die meisten Aussprachewörterbücher geht Muthmann (1996) in seinem phonologischen Wörterbuch von der Lautung der Wörter aus.

Rad. ob die deutsche Orthographie völlig dem phonologischen Prinzip folgen sollte. Licht. a. Art. Locke. 6. in der sie auftreten. rasseln. Welche Gründe gibt es dafür? b. Der erste Laut in ja ist phonetisch dem letzten Laut in Mai sehr ähnlich. doll und toll. kann man keine stimmhaften Laute hervorbringen. beten. um die Phoneme in einer Sprache bestimmen zu können? . In welchen Merkmalen unterscheiden sich die unterstrichenen Phoneme? Fluch. sondern auch durch andere Merkmale!) a. Rose. 5. wund. Charme. Welche Gründe lassen sich dafür finden? b. ungar. Lassen sich die Wörter dir und Tier. König. Wieso nicht? Das Wort Hund (wir) lässt sich dann kaum noch von dem geflüsterten Wort und (vier) unterscheiden. Teppich. Betten. Chaos. lauten. 4. Beschreiben Sie für jeden dieser Laute möglichst genau die Lautumgebung. Bären. Rat. Sex. Beeren. leiten. rascheln.und Nachteile hätte dies? Stimmhaftigkeit a. Klang. sechs. in denen „h“-Laute bzw. Rost. dass /h/ und /N / komplementär verteilt sind. Wenn Sie die Umgebungen berücksichtigen. irren. Handelt es sich bei „h“-Lauten und den velaren Nasal um Allophone ein und desselben Phonems? Welche zusätzlichen Kriterien müssen über das Kriterium der komplementären Verteilung hinaus erfüllt sein. der velare Nasal /N/ auftreten. dir. Iren. wie du sprichst!“ Diskutieren Sie die Frage. Nehmen Sie dazu die Übersichten zu IPA Symbolen zuhilfe. läuten. Ungar. Wahl. Gage. Wenn Sie den „k“-Laut in Kind und in Kunst aussprechen – welche Unterschiede nehmen Sie bei der Aussprache wahr? Sprechen Sie die Laute einmal unabhängig von den beiden Wörtern aus. 2. Rast. Man kategorisiert aber j als Konsonant und den letzten Laut in Mai als Vokal. verreist. Quiche. Rose und Rosse beim Flüstern unterscheiden? (Hinweis [d] und [t]. [z] und [s] unterscheiden sich nicht nur durch Stimmhaftigkeit. Tier. Welche Vor. hart. werden Sie feststellen.10 1. Socke. „Schreibe. Lage. Wenn man flüstert. lose. Mund. Kirche Pfirsich. Trick Transkribieren Sie die folgenden Wortpaare und beschreiben Sie die phonetischen Unterschiede. krank. Wal. Aufgaben Transkribieren Sie die folgenden Wörter zunächst in IPA. vereist. Rache. 3.136 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT 5. traurig.

wie sich die Zunge hinten im Mund auf. wie die Zunge sich auf und nieder bewegt.PHONETIK UND PHONOLOGIE 137 b.a⎯] wie in ihn und Aal. Beim Wechsel können Sie spüren. Vokale a. Sprechen Sie dann einen „u⎯“-Laut wie in du und versuchen Sie. Versuchen Sie nun dasselbe mit [i⎯ . ` [l`] (wie in [habn`]. auch. Dasselbe geht auch für [u⎯] und [u⎯ . mçåN]. eine. 8.i⎯ . Haken [hakN`. Silben a. sie jeweils a) ] als Konsonanten. Dose. Sprechen Sie einen reinen (nicht variierenden) „i“-Laut wie in Vieh.u⎯ . Assimilation und Elision a. [n ` ]. wie es in der Umgangslautung zu folgenden Aussprachen kommen kann: Morgen! [mçåg´n. Hölle. Höhle.i⎯ . 9. Beschreiben Sie die Phonemverteilung von /s/ (wie in hassen) und /z/ (wie in Hasen) für das Deutsche anhand eines kleinen Korpus. fahl.a⎯] Nun fühlen Sie. [ze˘gl` ).u⎯ ]. Biene. den „a⎯“-Laut so offen wie möglich bilden. Den „i“-Laut müssen Sie dabei so geschlossen. Erläutern Sie. ihn so weit hinten wie möglich auszusprechen. Können Sie zwischen Ihrer Artikulation und der Einordnung in Abb. Beschreiben Sie die Vokale in den folgenden Beispielwörtern anhand der Merkmale Zungenhöhe. Reisschnaps [{aISnaps] ] einfach [aImfax] anmachen [ammax´ n] das schnellere Auto [daSSnElr´] Lappen [lapm`] Kreis [kXaIs] einmal [AImå] Segel [ze˘gl` ] deutschem [dçItSm`] bessere [bEsr´] . b) als Vokale einzuordnen? 7. Spüren Sie. b. c. kann. Glück. Länge und Lippenrundung. Welche Gründe sprechen dafür. Bett. Nehmen Sie zur Einordnung das Vokalviereck in Abb.a⎯ . muss. Sonne. Bier. 5 Unterschiede ausmachen? Woran mag das liegen? Bügel.a⎯ . wie sich in Ihrem Mund Ihre Zunge von vorne nach hinten bewegt? Zugleich runden sich Ihre Lippen bei [u⎯] und entrunden sich bei [i]. mçågN. euch. 5 zuhilfe. Kategorisieren Sie die Laute [å] (wie in [b]) bzw. Beet. Fuß. Artikulieren Sie dazu zunächst das jeweilige Beispielwort und anschließend den betreffenden Vokal isoliert. rät. Zungenposition. doch. Wechseln Sie nun zwischen den beiden Vokalen [i⎯ u⎯ .und abbewegt.

Erklären Sie.138 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT b. doch nicht – ich hab ihn nicht richtig verstanden. wie Sie diese bei schnellem Sprechen artikulieren würden. Hast du das gesehen? Ach ne! Wen haben wir denn da? Wo kommst denn du jetzt noch her? Kannst du mir das mal sagen? Ach ne. Transkribieren Sie die folgenden Sätze so. Bei so einem warmen Wetter wollen wir nicht in den Wald gehen. . wie die Abweichungen gegenüber der Transkription der Einzelwörter zustande kommen.

Auf der einen Seite steht die Hypothese von der linguistischen Relativität. Anhand dieser Beispiele werden wir eine Vorgehensweise vorstellen.0 Überblick In den vorangegangenen Kapiteln haben wir bereits wiederholt Beispiele dafür gesehen. die Morphologie. eine bestimmte Sichtweise der Welt niedergeschlagen. so die These. Spielen Unterschiede in der sprachlichen Konzeptualisierung eine wesentliche Rolle für die Sprache und das Denken. oder sind sie eher als interessante. Dieser Relativitätshypothese steht die Hypothese vom sprachlichen Universalismus entgegen. . In häufig verwendeten Mustern einer Sprache – insbesondere in deren grammatischen Strukturen – hat sich. d. Nach dieser Theorie kategorisieren wir die Welt anhand von Mustern. dass sprachliche Konzepte von einer Sprache zur anderen mehr oder weniger stark variieren können. Ihr zufolge ist das menschliche Denken universell. Kultur und Bedeutung: Kulturvergleichende Semantik 6. müssen folglich auch alle Sprachen in den ihnen zugrunde liegenden konzeptuellen Kategorien im Grunde gleich sein. Unterschiede wie Gemeinsamkeiten werden in der kulturvergleichenden Semantik untersucht. aber nicht eben sehr grundlegende Randerscheinungen einzustufen? In der Sprachwissenschaft haben sich im Laufe der Diskussion dieser Fragen zwei gegensätzliche Hypothesen über den Zusammenhang von Sprache. Im Sprachvergleich lassen sich in allen Bereichen der Sprache unterschiedliche sprachliche Konzeptualisierungen finden. Sie können die Lexikologie. In diesem Kapitel wollen wir einige zwischen Sprachen und Kulturen variierende sprachliche Konzepte betrachten. Dies kann selbst auf eng miteinander verwandte Sprachen zutreffen. mit deren Hilfe solche semantischen und kulturellen Unterschiede sehr genau beschrieben werden können. es folgt über alle Kulturen hinweg denselben Grundprinzipien.h.KAPITEL 6 Sprache. Nach dieser Hypothese werden die menschliche Wahrnehmung und die Erfahrung der Welt durch sprachspezifische Konzeptualisierung beeinflusst und geleitet. Denken und Kultur. Kultur und Denken herauskristallisiert. die uns durch unsere jeweilige Sprache vorgegeben sind – wir sehen die Welt durch unsere Sprache. Wenn Sprache das menschliche Denken widerspiegelt. Eine der grundlegendsten und viel diskutierten Fragen in der Sprachwissenschaft betrifft den Zusammenhang von Sprache. die Syntax und selbst so grundlegende phonologische Aspekte wie Satzmelodie und Betonung betreffen.

Die Extremposition der Sprachrelativität nimmt einen ganz engen Zusammenhang zwischen Sprache und Denken an und wird deshalb als Sprachdeterminismus bezeichnet. so tritt die ganze Sprache zwischen ihn und die innerlich und äusserlich auf ihn einwirkende Natur. Wie der einzelne Laut zwischen den Gegenstand und den Menschen. Diese universalen Konzepte lassen sich zu einer annähernd „kulturneutralen“ Beschreibung von allen möglichen sprach. Im Jahre 1690 machte der englische Philosoph John Locke die Beobachtung..und kulturspezifischen Konzepten einsetzen. dann für grammatikalische Erscheinungen demonstrieren. kulturelle Normen. Bd. Im Folgenden wollen wir diese Vorgehensweise zunächst für lexikalische. In diesem Kapitel wird ein Mittelweg zwischen diesen extremen Standpunkten beschritten: die meisten sprachlichen Konzepte sind in der Tat spezifisch für die jeweilige Sprache. Emotionen und Wahrnehmungen nach bestimmten Schemata.1. die uns durch unsere Sprache vorgegeben sind.] denen in einer anderen kein einziges entspricht“. Universalismus 6. insbesondere in den Schriften von Johann Gottfried Herder und Wilhelm von Humboldt. in Form von so genannten kulturellen Skripten zu beschreiben.1 Sprachliche und kulturelle Relativität In welchem Maße wird unser Denken durch unsere jeweilige Sprache beeinflusst? Wie eng ist der Zusammenhang zwischen Sprache.. Sprachspezifische Erscheinungen könnten dann in einer semantischen Metasprache aus universal verständlichen Konzepten paraphrasiert und so universell zugänglich gemacht werden. Jede Sprache enthält nach dieser Annahme eine andere Perspektive und spiegelt eine bestimmte Weltsicht wider. Er umgibt sich mit einer Welt von . Mit den Worten von Wilhelm von Humboldt (1903-36. [. Schließlich werden wir den Versuch unternehmen.. Wir erfahren Dinge.140 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT Der Relativitätshypothese zufolge beeinflussen und leiten die in häufig verwendeten Sprachmustern (insbesondere in der Grammatik) zum Ausdruck kommenden Konzeptualisierungen unsere Erfahrungen mit unserer Umwelt. doch gibt es darüber hinaus auch eine kleine Anzahl von universalen sprachlichen Konzepten. die dem sprachlichen Verhalten von Angehörigen verschiedener Kulturen zugrunde liegen. 7:60): [.1 Sprachliche Relativität vs. 6. die sich in allen Sprachen der Welt finden lassen. dass es in jeder Sprache „einen großen Vorrat an Wörtern [gibt]. die aus den „Gebräuchen und Lebensweisen“ der Menschen hervorgegangen sind (1976:226). Eine ähnliche Ansicht findet sich auch in der Tradition der deutschen Romantik. Beide sahen Sprache als eine Art Prisma oder auch Raster an.. Solche sprachspezifischen Wörter repräsentierten nach Locke „komplexe Ideen“. durch das wir Menschen die Erscheinungen der Welt wahrnehmen.] so liegt in jeder Sprache eine eigenthümliche Weltansicht. Kultur und Denken? Wie stark beeinflussen diese drei Faktoren einander? Nur wenige Fragen zur Sprache haben Gelehrte und Philosophen im Laufe der Geschichte so fasziniert und beschäftigt wie die Frage nach diesen Zusammenhängen.

als man zugleich in den Kreis einer anderen hinübertritt. Aus diesem Grunde widerstreben sie [diese Völker] auch allen Bemühungen. welchem sie angehört.2.6 und 7 Jahre alte Rentiere. sogar ausschliesslich so. sie von ihrer eigenen Sprache weg zum Gebrauch des Norwegischen zu bewegen.KULTURVERGLEICHENDE SEMANTIK 141 Lauten. ob etwa ein Stein für den Sprecher zum Zeitpunkt des Sprechens sichtbar oder nicht sichtbar ist. 11 für kalt. wie etwa ob ein Ereignis oder eine Handlung sich in Raum oder Zeit wiederholt hat. sowie ob er dem Sprecher. die in seiner Muttersprache Englisch durch ein Prozessschema ausgedrückt wird: the stone falls ‚der Stein fällt‘.5. einen Kreis. „Substantiv/Verb“. die sich so grundlegend von den europäischen unterschieden. Sapir (in Mandelbaum 1958:157-159) nennt als Beispiel eine Erfahrung. es gibt 20 verschiedene Wörter für Eis. oder auch ob eine Sache sichtbar war oder nicht.3. Dafür wird in Kwakiutl weder unterschieden. Diese Hypothese wurde schließlich in den zwanziger Jahren des 20. die einen völlig anderen Kulturtyp widerspiegeln.4. nach Amerika getragen. ja. wie die Sprache sie ihm zuführt. und jede zieht um das Volk. deutsche Übersetzung R. südlich. ob es dem Sprecher aufgrund von persönlicher Erfahrung. die uns unabdinglich erscheinen. wird genau unterschieden. die für uns nichts anderes als unverständlich sind. mögen in anderen Sprachen. 41 für Schnee in den unterschiedlichsten Zuständen sowie 26 Wörter für frieren und tauen. ob es sich um einen oder um mehrere .P. Dort gab es Sprachen. Dafür fanden sie in diesen Sprachen exotisch anmutende Unterscheidungen. aus dem es nur insofern herauszugehen möglich ist. In diesen Sprachen fehlten dann aber allem Anschein nach oftmals die abstrakteren und allgemeineren Kategorien: „Eines dieser primitiven nordischen Völker besitzt beispielsweise eine ganze Reihe von Bezeichnungen für die verschiedensten Rentierarten. Der Mensch lebt mit den Gegenständen hauptsächlich. oder „Tempus“ und „Kasus“ gänzlich fehlten.“ (1992:63. Dort finden sich besondere Wörter für 1.“ Ähnliche Beobachtungen machten auch die russischen Wissenschaftler Luria & Vygotsky (1992). östlich oder westlich des Sprechers stattgefunden hat.und Sprachanthropologie. Umgekehrt bestehen diese auf Unterscheidungen. spinnt er sich in dieselbe ein. Jahrhunderts von Franz Boas. von Hörensagen oder durch eigene Schlussfolgerung bekannt wurde. das ihnen in dieser Hinsicht als viel zu arm erscheint. In der indianischen Sprache Kwakiutl. dem Gründer der amerikanischen Kultur. vermöge dessen er die Sprache aus sich herausspinnt. Durch denselben Act. In Amerika trafen Boas und seine Studenten auf Sprachen und Kulturen. die in BritischKolumbien gesprochen wurde. ob es nördlich. dem Hörer oder einer dritten Person am nächsten ist. denen so vertraute grammatische Kategorien wie „zählbar/nicht-zählbar“. keinerlei Rolle spielen. um die Welt von Gegenständen in sich aufzunehmen und zu bearbeiten. da Empfinden und Handeln in ihm von seinen Vorstellungen abhängen. dass Edward Sapir (1949:27) allein für den Bereich des Wortschatzes zu folgender Aussage kam: „Unterscheidungen. die bei nicht oder kaum alphabetisierten Gesellschaften in Lappland einen extrem umfangreichen Wortschatz feststellten.) Auch die grammatischen Systeme der Sprachen aus der Neuen Welt waren für europäische Sprachforscher so etwas wie ein Schock.

das die Art der Bewegung bezeichnet.. noch wird der Zeitpunkt des Fallens näher bestimmt. sondern nur Verbformen. den Sprechern dieser Sprachen auch unterschiedliche Weltansichten nahe legen. Übersetzung R. sie in Konzepten organisieren und ihnen auf eine bestimmte Art und Weise Bedeutung zuschreiben.. Sollten wir durch die grammatischen Kategorien in unserer Sprache tatsächlich mehr oder weniger stark gezwungen sein. Whorf ist wie kein zweiter Sprachwissenschaftler vor oder nach ihm für diese Ansichten kritisiert und angegriffen worden. die sich in ihnen entwickelt haben. ihre Bedingungen sind aber ABSOLUT VERBINDLICH. gibt es keine Substantiv-. geht im Großen und Ganzen darauf zurück. zu dem die in einer Sprachgemeinschaft getroffene Übereinkunft „absolut verbindlich“ sein soll. der Sprache der Nootka. dass wir Partner in einer Übereinkunft sind. ob unterschiedliche Sprachen mit ihren unterschiedlichen grammatischen Kategorien. wir könnten überhaupt nicht sprechen. Das zweite Element bezeichnet die Bewegungsrichtung – in diesem Fall also „abwärts“. würden wir nicht die Organisation und Klassifikation von Daten so übernehmen.). sie eben auf diese bestimmte Art und Weise zu organisieren – eine Übereinkunft. Wie wir die Natur zerteilen.142 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT Steine handelt. komplexere und umständlichere Ausdrücke verwenden. als wenn wir auf eines der konventionellen sprachlichen Muster zurückgreifen. dass sich die Sprecher beim alltäglichen Gebrauch ihrer Sprache dieser sprachlichen Konventionen ebenso wenig bewusst sind und sie für beinahe so selbstverständlich halten wie die Luft zum Atmen. Darüber hinaus können wir nur sprachliche Konventionen vermeiden oder umgehen.P.und Interpretationsaufwand verbunden – wir müssen dann längere. um diese vorgegebene Übereinkunft zu umgehen: etwa durch Paraphrasen und Umschreibungen. Sicherlich übertreibt Whorf in seiner Darstellung den Grad. Es ist nicht verwunderlich. Ein herabfallender Stein würde also mit einem Ausdruck bezeichnet. die uns in unserer Sprache zur Verfügung stehen. wie sie diese Übereinkunft uns vorschreibt (Whorf 1956:213. Sapir berichtet. die uns von unseren Muttersprachen vorgezeichnet sind. Doch nur wenige seiner Kritiker . einzelnen Aspekten einer Situation stärkere Aufmerksamkeit zu widmen als anderen? Benjamin Lee Whorf prägte den Begriff der sprachlichen Relativität und formulierte seine Hypothese über den Zusammenhang von Sprache und Kultur wie folgt: Wir zergliedern die Natur entlang von Linien. Sie bestehen aus zwei Elementen: ein Element gibt die Bewegung oder Position eines Objektes an – in diesem Fall also eines Steines oder steinähnlichen Objektes. Diese Übereinkunft ist natürlich unausgesprochen und implizit. die für unsere Sprachgemeinschaft gilt und als Code in den Mustern unserer Sprache niedergelegt ist. der im Deutschen am ehesten durch „es steint herab“ wiedergegeben würde. Der „Dingstatus“ von „Stein“ wird lediglich durch das Verbelement impliziert. In einer weiteren Indianersprache. Bis heute ist strittig. dass aufgrund solcher Beispiele sich eine Theorie der sprachlichen Relativität nahezu aufdrängte. dass – anders als im Englischen (und auch im Deutschen) – „Stein“ nicht für sich genommen als eine zeitlich stabile Entität gesehen wird. Nicht selten ist der Einfluss unserer Sprache auf die gewohnheitsmäßige Wahrnehmung und das damit verbundene Denken allerdings so stark. wenn wir uns ihrer auch bewusst sind. Doch ist damit auch zusätzlicher Zeit. Es lassen sich immer sprachliche Mittel und Wege finden.

Vor dem Hintergrund seiner Ergebnisse kommt Gipper (1972:239) zu folgendem Schluss: „Wenn man das. die diesen zur Formulierung eben jener Thesen veranlasst hatten. . dass sie Aspekte ihrer Umwelt unterschiedlich wahrnehmen und kategorisieren.KULTURVERGLEICHENDE SEMANTIK 143 haben seine Thesen sehr genau gelesen und den ernsthaften Versuch unternommen zu verstehen. (b) Spielsachen in einen Beutel oder eine Kiste packen. (b) und (d) in jeweils einer Kategorie zusammen. Die englischsprachigen Kinder ordneten (a) und (b) in eine Gruppe sowie (c) und (d) in eine andere Gruppe ein. was Whorf hier ‚Grammatik‘ nennt. Die Spracherwerbsforscherinnen Choi & Bowerman (1991. die von einem in der Wüstenlandschaft in Nordarizona lebenden Indianerstamm gesprochen wurde. die These durch empirische Untersuchungen zu belegen. (c) die Kappe auf einen Stift stecken und (d) einer Puppe einen Hut aufsetzen. Diese Kategorisierungen entsprechen dem Bedeutungsunterschied. Diese Regulative sind einmal in den gemeinsamen biologischen Voraussetzungen der Menschen. daß es wichtige regulative Prinzipien menschlicher Erfahrung gibt. dass die Wahrnehmung von Sprechern unterschiedlicher Sprachen tatsächlich durch ihre jeweilige Sprache beeinflusst wird und dazu führt. zum anderen in der Struktur der außermenschlichen Natur und Gegenstandswelt zu suchen. In diesen Experimenten sollten die Kinder (a) Puzzleteile in ein Puzzle einfügen. der durch die englischen Präpositionen in und on sprachlich repräsentiert wird. die ein völliges Auseinanderklaffen der verschiedenen Auffassungen verhindern. dann ist Whorf insofern recht zu geben. Einer der vielen Kritikpunkte an der SapirWhorf-Hypothese bezieht sich auf die mangelnde empirische Beweislage. Gipper (1972) beleuchtete kritisch die internationale Auseinandersetzung um Whorfs Thesen und setzte sich als Konsequenz sehr genau mit den Untersuchungen Whorfs auseinander. Ende der sechziger Jahre unternahm Gipper zwei Feldstudien zur Überprüfung der Datengrundlage und gelangte zu einer Reihe von „notwendigen Korrekturen“. was Whorf eigentlich zu sagen versuchte (siehe hierzu Lucy 1992a. die offenbar belegen. als die jeweils verschiedenen semantischen Gliederungen und die unterschiedliche lexikalische Ausdifferenzierung in einzelnen lebenswichtigen Sinnbereichen die Aufmerksamkeit und häufig das beobachtbare Verhalten der Sprachangehörigen lenkend und steuernd beeinflussen. Gumperz und Levinson 1996. Die Ergebnisse der Experimente werden in Übersicht 1 dargestellt. Lee 1996). Jedoch muß sofort einschränkend hinzugefügt werden. eine Sprache aus der Familie der utoaztekischen Sprachen (siehe Kapitel 10). Es sei bisher niemals der Versuch unternommen worden. Bei den koreanischsprachigen Kindern wurde eine andere Vorgehensweise beobachtet: sie fassten (a) und (c) bzw. auch Bowerman 1996) haben inzwischen Untersuchungsergebnisse vorgelegt. Whorf hatte die Struktur des Hopi untersucht. dass englische und koreanische Kinder im Alter von 20 Monaten sich aufgrund der unterschiedlichen Sprachsysteme ihrer Muttersprache in Experimenten unterschiedlich verhalten. auf die Ganzheit einer Sprache einschließlich der semantischen Strukturen bezieht. Es gebe also keine wirklichen Anhaltspunkte für die Annahme.“ In jüngster Zeit sind durch empirische Forschungen weitere Schritte der empirischen Überprüfung unternommen worden.

wie erwachsene Sprecher des Englischen und Sprecher des Yucatec Maya Informationen über konkrete Objekte verarbeiten. Diese unterschiedlichen Kategorisierungsweisen finden sich auch in der sprachlichen . In weiteren Studien zu diesem Thema untersuchte John Lucy (1992b). Mantel. Zur Bezeichnung von losen Verbindungen oder lediglich Oberflächenkontakt (also b) und d)) werden ebenfalls unterschiedliche Verben verwendet.und koreanischsprachige Kinder koreanischsprachige Kinder e n g l i s c h s p r a c h i ge K i n d e r („enthält“) („Oberflächenkontakt Stützfunktion“) in on a) Teile/Puzzle c) Kappe/Stift Foto/Brieftasche Deckel/Glas Hand/Handschuh Handschuh/Hand Buch/Regal Magnet/Oberfläche Klebestreifen/Oberfläche Legoteile zusammen/ auseinander kkita („feste Verbindung und Kontakt“) ppayta („aus fester Verbindung lösen“] b) Spielzeuge/Kiste Klötze/Pfanne weitere Verben („lose in die/aus der BadeVerbindung“) wanne steigen in ein Haus. ob die Verbindung der Sachen lose ist. Auch hier ließen sich signifikante Unterschiede feststellen. Schuh.einen Raum/aus einem Haus einem Raum gehen d) Kleidung an/aus (Hut.144 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT Übersicht 1. Die englischsprachigen Probanden widmen der Anzahl der Objekte größere Aufmerksamkeit als die Sprecher des Yucatec. wie bei den Spielzeugen im Beutel (b) oder dem Hut auf der Puppe (d). mit dem angezeigt wird. Für die koreanischsprachigen Kinder ist bei dieser Kategorisierungsaufgabe offenbar entscheidend. welche Dinge fest zusammengefügt werden können. oder aber. Klassifikation von „Trennen“ and „Verbinden“ durch englisch. Yucatec-Sprecher konzentrieren sich bei der Klassifizierung hingegen eher auf die materielle Beschaffenheit der Objekte. wie (a) die Teile in ein Puzzle oder (c) die Kappe auf einen Stift. usw.) auf den Stuhl setzen/vom Stuhl aufstehen Diese Gruppierung entspricht einem sprachlichen Aspekt des Koreanischen: das Verb kkita bezeichnet. Sie klassifizieren tendenziell nach der Form. dass etwas aus einer fest gefügten Beziehung entfernt wird. Darüber hinaus gibt es auch das Verb ppayta. dass etwas mit etwas anderem eine feste Beziehung eingeht.

diese Unterschiede auf möglichst neutrale Art zu beschreiben. Damit eine Paraphrase ihre Funktion auch erfüllen kann. während in Yucatec der Unterschied mit klassifizierenden Adjektiven bezeichnet wird. wenn wir unsere semantischen Beschreibungen auf universelle Konzepte gründen.h. muss sie stets einer einfachen Regel folgen: zur Umschreibung eines Wortes werden nur einfache Wörter verwendet. Mit ihnen wird versucht. In Kapitel 2 wurde bereits eine Möglichkeit zur Bedeutungsbeschreibung von Wörtern vorgestellt: die Paraphrase. dass zur Untersuchung von Gemeinsamkeiten bzw. Mithilfe der Primitiva lässt sich nun ein Ansatz für die sprach. ohne zu sehr die eigene Sprache ins Spiel zu bringen.2 Semantische Primitiva als Schlüssel zum Kulturvergleich Die Untersuchung von Gemeinsamkeiten und Unterschieden zwischen zwei Sprachen ist eine Sache.KULTURVERGLEICHENDE SEMANTIK 145 Konzeptualisierung der Sprecher wieder: Englisch markiert den Numerus. so beschreibt man diese durch eine Abfolge anderer Wörter – die Umschreibung soll annähernd dieselbe Bedeutung haben wie das zu umschreibende Wort. dass er das Wort erinnern versteht. Sprachwissenschaftler der Gegenwart bezeichnen solche universalen Konzepte allgemein als semantische Primitiva.2) beispielsweise die Bedeutung des Wortes erinnern als „im Gedächtnis bewahrt haben u. Man kann sich diese Primitiva als kleinste semantische „Bedeutungsatome“ vorstellen. Wenn man die Bedeutung eines Wortes paraphrasiert. Bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt wurden etwa 60 dieser semantischen Primitiva durch empirische Verfahren identifiziert – vor allem durch Vergleiche von Wörtern und Wortbedeutungen in vielen Sprachen – und in ihrem Status überprüft und bestätigt (siehe hierzu Wierzbicka 1996). aus denen sich die Tausende und Abertausende von komplexen Bedeutungen zusammensetzen. unmittelbar verständliche Wörter zurück. Undeutliche Umschreibungen können die Bedeutung eines Wortes nicht auf unmittelbar verständliche Weise wiedergeben. eine andere. 6. Nicht selten sind undeutliche Beschreibungen das Ergebnis.1. Leider halten sich Wörterbücher aber oft nicht an diese Grundregel und tappen damit in eine Falle. Unterschieden zwischen den Bedeutungssystemen verschiedener Sprachen keine strikte Methode zur Verfügung stand. Descartes. mit der sich diese Beschreibungsprobleme annähernd lösen lassen? Die notwendige methodologische Rigidität könnte erreicht werden. Arnauld und Leibniz bezeichneten sie als „einfache Ideen“ oder auch als das „Alphabet des menschlichen Denkens“. bewahren oder auch sich bewusst werden zurückgreifen kann. sich dessen wieder bewusst werden“. so ist es nicht sehr wahrscheinlich. In der Vergangenheit ist die Untersuchung des Zusammenhangs zwischen Sprache. So paraphrasiert das Duden Deutsche Universalwörterbuch (2001:483. Kultur und Denken auch wesentlich dadurch in ihrem Fortgang behindert worden. zur Erklärung eines Wortes greift man auf einfachere. Gibt es eine Methode. Wenn nun aber ein Kind oder ein Fremdsprachenlerner aufgrund seiner Sprachkenntnisse nicht auf die Bedeutung der Wörter Gedächtnis. d. die Schwierigkeit beim Verstehen eines Wortes dadurch zu . dass es so etwas wie universelle Konzepte geben müsse. Philosophen wie Pascal.und kulturvergleichende Semantik vorstellen. Viele Denker und Gelehrte nahmen an.

putus und patah. denn wir wenden unsere – für die andere Sprache fremden – konzeptuellen Kategorien auf eben jene Sprache an.2). die für unsere eigene Sprache spezifisch sind. Bestimmung als „Schicksal. ob etwas völlig oder nur teilweise durchgebrochen ist. wenn die Bedeutung in ihrer ganzen Komplexität durch die kleinstmöglichen Bedeutungsatome. Die komplexe Bedeutung wird in eine Kombination aus einfacheren Bedeutungen aufgeschlüsselt (d. Los. bezeichnet man als reduktionistische Paraphrase. Dies ist selbst bei scheinbar ganz einfachen und konkreten Wörtern wie Hand und brechen der Fall.2). Undeutliche Umschreibungen sind oftmals auch zirkulär: ein Wort A wird durch ein Wort B bestimmt. Geschick als „Schicksal. oftmals schließt sich der Zirkel erst nach mehreren Stufen der Definition: So wird nicht selten A durch B definiert. B durch C und C dann wieder durch A. kann sich auch auf den gesamten Arm beziehen. Dann wird Wort B durch Wort A bestimmt. d.146 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT beheben. Wenn wir den Versuch unternehmen. Wortbedeutungen aus einer anderen Sprache als unserer eigenen zu bestimmen.2) paraphrasiert. dass man andere. der kulturellen Voreingenommenheit. In der russischen Sprache gibt es kein genaues Gegenstück zum Deutschen Hand: das russische Wort. Wenn wir zur Beschreibung einer anderen Sprache Konzepte verwenden.h. d. denn man unterscheidet mit zwei verschiedenen Wörtern. Geschick“ (832. Wenn wir also die Bedeutung des russischen Wortes ruka als „Hand oder Arm“ erklären würden. Eine vollständige reduktionistische Paraphrase erreicht man. das menschl. einfachsten sprachlichen Konzepten gibt. so wird unsere Beschreibung unweigerlich durch diese Konzepte geprägt sein. denn mit ihr wird angenommen.h. Das Prinzip der reduktionistischen Paraphrase setzt also voraus. dass es eine Reihe von nicht weiter bestimmbaren. durch universelle semantische Primitiva ausgedrückt wird. Eine solche Bedeutungsvariation über die Sprachen hinweg birgt für die linguistische Semantik die Gefahr des Ethnozentrismus.3). die einfacher sind. zur Erklärung anführt. Fügung. dass ruka = Hand oder Arm ist. dann müssen wir bei der Beschreibung eines Wortes auf Bedeutungselemente zurückgreifen. Los als „Schicksal. Nach Durchführung einer vollständigen semantischen Analyse des gesamten Wortschatzes einer Sprache müssten diese nicht weiter . Geschick. diese Probleme bei der Beschreibung von Bedeutungen annähernd zu überwinden? Wenn wir undeutliche und zirkuläre Beschreibungen vermeiden wollen. Diese Unterscheidung wird aber mit dem russischen Wort gerade nicht getroffen und ist für dessen Bedeutung auch nicht relevant. nicht eben leichter zu verstehende Wörter. danach. Walten des Schicksals“ (506. die diesem Prinzip folgt. das wir beschreiben wollen. Los“ (264. Fügung“ (545. Leben lenkende Kraft“ (Wahrig Deutsches Wörterbuch 2000: 1097. auf eine Paraphrase aus einfachen Bedeutungselementen reduziert). so ergibt sich noch ein weiteres Problem: für die meisten Wörter gibt es in der anderen Sprache keine direkte Entsprechung.h. so wäre diese Beschreibung ethnozentrisch.1). als das Wort. Kann es aber überhaupt eine Möglichkeit geben. Eines wird jedoch sehr deutlich: zirkuläre Definitionen können eine komplexe Bedeutung nicht durch einfache Umschreibung verständlich machen. Eine Beschreibung. In der malaisischen Sprache gibt es kein genaues Äquivalent zu Bruch. Schicksal wird als „alles. wie in folgendem Beispiel aus einem Wörterbuch. Fügung als „das Sichfügen. mit dem unter anderem die Hand einer Person bezeichnet wird (ruka). Lebensbestimmung. was dem Menschen widerfährt. Nicht immer sind zirkuläre Definitionen so einfach auszumachen wie in diesem Fall.

dass die semantischen Primitiva nicht auf eine einzelne Sprache beschränkt. NAH. KÖNNEN Wenn wir solche Bedeutungsatome oder semantischen Primitiva zur Beschreibung verwenden. Beispiele für Allolexe im Deutschen sind etwa du/Sie. ZWEI. Übersicht 2. ALLE WISSEN. HABEN LEBEN. SEHR. SEITLICH WENN. ANDERE. der Gefahr der ethnozentrischen Beschreibung? Belege aus Studien der kulturvergleichenden Semantik legen den Schluss nahe. Natürlich birgt auch dieses Verfahren einige Komplikationen. SCHLECHT. so lassen sich undeutliche und zirkuläre Beschreibungen vermeiden. NICHT. DASSELBE. GESCHEHEN. JETZT. Person Singular) aus. Diese weitere Bedeutungsunterscheidung ist jedoch für die Identifikation des semantischen Primitivums DU als Anrede eines Gegenübers im Deutschen nicht relevant. EINE LANGE KURZE ZEIT. Nehmen wir das Beispiel du/Sie: beide Wörter drücken die Anrede eines Gegenübers (2. TUN. jemand/Person etc. ÜBER.. SEHEN. UNTER. DU. EINIGE EINE LEUTE.. Zum einen kann ein semantisches Primitivum manchmal in verschiedenen Kontexten durch unterschiedliche Wortformen ausgedrückt werden. dass mithilfe von Paraphrasen aus semantischen Primitiva der ethnozentrische Einschlag der Beschreibungen vermieden werden kann. Man spricht von Allolexis. Ein weiteres Problem ist. EINIGE. HÖREN SAGEN. VIELLEICHT. niemand/keiner.. Natürlich unterscheiden sie sich darüber hinaus in der Höflichkeit der Anrede. KÖRPER DIES. FÜHLEN. TEIL VON.und Vorgangsverben Existentiale und Possessiva Leben und Tod Evaluation und Beschreibung Räumliche Konzepte Zeitliche Konzepte Relationale Elemente Logische Elemente ICH. dass die Äquivalente der semantischen Primitiva in einigen Sprachen statt in einzelnen Wortformen in Form von Affixen oder feststehenden Wendungen Ausdruck finden. Alle übrigen Abertausenden komplexen Bedeutungen sind aus diesen Atomen zusammengesetzt und mit deren Hilfe deswegen auch paraphrasierbar. VIEL. Japanisch. Yankunytjara wie auch in jeder beliebigen anderen Sprache dargestellt werden. Aus diesem Grunde lässt sich durchaus die These vertreten. IN. ETWAS. GROß. EINE ZEIT ART. BEWEGEN ES GIBT. Universale sprachliche Konzepte: semantische Primitiva Substantiva Determinative Elemente Erfahrungsverben Handlungs. NACH. JEMAND. FERN. WIE WENN. VOR. die hier nicht unerwähnt bleiben sollen. MEHR. KLEIN WO. STERBEN GUT.KULTURVERGLEICHENDE SEMANTIK 147 bestimmbaren sprachlichen Konzepte als grundlegende Bedeutungsatome (semantische Primitiva) übrig bleiben. WOLLEN. DENKEN. sondern in jeder menschlichen Sprache zu finden sind (siehe Goddard & Wierzbicka 1994). Die in Übersicht 2 aufgeführten Primitiva könnten ebenso gut in Russisch. HIER. EINS. WEIL. ZEIT. Was aber ist mit dem dritten Problem. Und schließlich sind Wörter in der .

darunter: Ich konnte mich nicht bewegen bzw. prototypische Bedeutung wird in diesem Fall als semantisches Primitivum vorgeschlagen. Im Polnischen gibt es besondere Wörter zur Bezeichnung von besonderen Arten von „Kohleintopf“ (bigos). dass es in der deutschen Sprache keine wörtliche Entsprechung für das japanische Wort miai gibt. so bezeichnet man diese Tatsache als lexikalische Elaboration. die in einer bestimmten Bedeutungsdomäne zur Verfügung stehen. In solchen Fällen spricht man auch von kulturspezifischen Wörtern. die es im Deutschen nicht gibt. „Rote-Beete-Suppe“ (barszcz) oder für „Pflaumenmus“ (powida).h. ohne dass sich die Bedeutung der Paraphrase wesentlich verändert. Einige alltägliche Beispiele finden sich in der Domäne „Essen“. macht deutlich.und denselben Bedeutungsbereich auf. die ein ausgezeichnetes Hilfsmittel zur semantischen und sprachlichkonzeptuellen Analyse darstellt (siehe Goddard 1998). wodurch die Sache zusätzlich verkompliziert wird. Ich bewegte den Wagen oder Das Theaterstück hat mich sehr bewegt. Diese Ausdifferenzierung spiegelt in vielen Fällen kulturelle Aspekte wider.2 Kulturspezifische Wörter Die relativ geringe Anzahl der semantischen Primitiva. wahrscheinlich weniger als 100 Konzepte. ob die Bedeutungen in der englischen oder deutschen Form der Primitiva paraphrasiert werden. Nicht selten wird diese Tatsache als ein Spiegelbild und Ausdruck der einzigartigen historischen und kulturellen Erfahrungen einer Sprachgemeinschaft verstanden. die den universellen Kern dieser Minimalsprache ausmachen (es wird vermutet. Bestimmte Bräuche und soziale Institutionen führen ebenfalls zu einer Vielzahl von Beispielen für kulturspezifische Wörter. So ist es auch kein Zufall. warum viele asiatische Sprachen mehrere Wörter für „Reis“ haben – im Malaiischen gibt es padie für „ungeschälten Reis“. So lässt sich durchaus plausibel deuten. Die aus semantischen Primitiva zusammengesetzten Paraphrasen können dann von einer Sprache in die andere umgesetzt werden. Die überwiegende Mehrzahl der Wörter einer Sprache haben komplexe und stark sprachspezifische Bedeutungen. das in der deutschen Sprache nicht existiert. dass es sich um eine relativ kleine Anzahl. deutlich: es spielt keine Rolle. joy etc. beras für „ungekochten . d. das ein formelles Ereignis bezeichnet. Im Gegensatz zu fachterminologischen Beschreibungen sind sie auch für Laien verständlich. sie sind im Wesentlichen identisch. sie haben mehr als nur eine Bedeutung. bei dem die zukünftige Braut und ihre Familie sich zum ersten Mal mit dem zukünftigen Bräutigam und seiner Familie trifft. Die semantischen Primitiva stellen das Vokabular für so eine Art von „Minimalsprache“. wie groß die konzeptuellen Unterschiede zwischen den Sprachen sind.148 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT Regel polysem. 6. handelt). Weist eine Sprache eine vergleichsweise große Anzahl an Wörtern für ein. So hat das Wort bewegen im Deutschen mehrere Bedeutungen. Dies wird weiter unten am Beispiel von happy. Außer im Vorrat an kulturspezifischen Wörtern unterscheiden sich Sprachen oftmals auch in der Anzahl der Wörter. Im Japanischen gibt es ein besonderes Wort für „Reisschnaps“ (sake). Nur die erste.

dass jedes Mal. das mit dem Gedanken „etwas Schlechtes ist geschehen“ in Zusammenhang steht. Oft stehen sie im Zentrum eines großen Netzwerkes von idiomatischen Wendungen.KULTURVERGLEICHENDE SEMANTIK 149 ungeschälten Reis“. Kalender. Datum. dass ein Gefühl als „traurig“ kategorisiert werden kann. Wir wollen diesen Ansatz jetzt einmal an einem sehr subtilen Bedeutungsunterschied in der englischen Sprache demonstrieren. finden sich häufig in Sprichwörtern. Arbeit. während happy stärker persönlichen und selbstbezogenen Charakter hat. love und freedom zu den Schlüsselwörtern der anglo-amerikanischen Kultur. Januar. schlecht. denen sie angehören. wenn man sich „traurig“ fühlt.). Stunde. nasi für „gekochten Reis“. Darüber hinaus hat happy (anders als joy) eine Bedeutungskomponente. Wierzbicka 1997). Minute. in populären Liedern. I am quite happy where I am. Allgemein betrachtet lassen sich die Bedeutungen von Emotionsbezeichnungen auf die Zuordnung eines Gefühls (gut. Titeln von Büchern usw. Montag. Im Folgenden wollen wir anhand einer Analyse von Emotionswörtern in verschiedenen europäischen Sprachen beispielhaft aufzeigen. wenn ein Gefühlszustand zusammen mit der Situation. In einigen Fällen lassen sich bestimmte. Are you thinking of applying for a transfer? b. Das soll allerdings nicht bedeuten. So kann man durch die Analyse von Texten durchaus darauf schließen. Dienstag. Kulturelle Schlüsselwörter treten mit besonderer Häufigkeit auf – zumindest innerhalb der Bedeutungsdomänen. Auf die Frage (1a) lässt sich mit (1b) antworten (In einem solchen Kontext kann happy nicht durch joyful ersetzt werden). Es bedeutet lediglich. dass work. auf die dieser zurückgeführt wird. wollen) zurückführen. in einer Sprache besonders prominente und in besonderem Maße kulturgeprägte Wörter als kulturelle Schlüsselwörter dieser Sprache bezeichnen (vgl. Heimat. Woche. Die folgenden kontrastiven Sätze (2a+b) stützen diesen Bedeutungsaspekt: . neutral) zu einem prototypischen Szenario unter Einbezug von Handlungsschemata (tun) bzw. kulturabhängige Art und Weise unterscheiden können. Erfülltheit“ heranreicht. dass joy ein unmittelbares und stärkeres Gefühl bezeichnet. Erfahrungsschemata (denken. Ordnung und Umwelt zu denen der deutschen Kultur gehören. wie sich verschiedene Sprachen in semantischer Hinsicht auf sehr subtile. dem prototypischen Szenario für „traurig“ mit der Komponente „etwas Schlechtes ist geschehen“ als ausreichend ähnlich empfunden wird. Februar usw. man auch notwendigerweise diesen Gedanken hat. Doch diese Wörter haben unterschiedliche Bedeutung: sie unterscheiden sich darin. Sekunde. so erhält man in beiden Fällen die Übersetzung glücklich. die an „Zufriedenheit. Im Vergleich mit den Sprachen vieler anderer Kulturen verfügen europäische Sprachen über mehr Bezeichnungen im Zusammenhang mit dem Messen und Schätzen der Zeit (Uhr. (1) a. No. Williams 1976. Redewendungen. Schlägt man die englischen Wörter happy und joyful (oder joy) in einem englisch-deutschen Wörterbuch nach. Beispielsweise bezeichnet das deutsche traurig ein ungutes Gefühl.

dass die Kinder nicht nur Spaß am Spiel haben. Der Unterschied zwischen den Komponenten ich will dies (in joy) und ich wollte dies (in happy) bezieht sich auf die größere Unmittelbarkeit von joy und trägt auch der größeren Intensität des Gefühls Rechnung. das nach dem Longman Dictionary of Contemporary English zu den 1000 am häufigsten gebrauchten Wörtern zählt. In vielen anderen europäischen Sprachen als Englisch sind Wörter. Ein interessanter Aspekt in diesem Zusammenhang ist auch. Ein wesentlicher Unterschied besteht darin. dass sich glücklich und happy (oder das französische heureux und happy) nur sehr grob in der Bedeutung entsprechen. im Alltagswortschatz sehr viel häufiger anzutreffen. das durch joy bezeichnet wird. Neben der Verwendungshäufigkeit ist allerdings viel wesentlicher. The children were playing joyfully Satz 2a) impliziert. dass diese Tätigkeit sie erfüllt und sie zufrieden sind. um eine solche Erfülltheit zu erfahren. dass die Kinder in stärkerem Maße aktiv sein müssen. sondern auch. Satz (2b) bedeutet viel mehr Aktivität auf Seiten der Kinder und impliziert. dass das . Der Unterschied zwischen etwas geschieht jetzt (joy) und etwas geschieht mir jetzt (happy) gibt den stärker persönlichen und selbstbezogenen Charakter von happy wieder. Im Deutschen finden das Verb sich freuen und das entsprechende Substantiv Freude (das joy in der Bedeutung nahe kommt) im alltäglichen Gebrauch viel häufigere Verwendung als die Adjektive glücklich (ungefähr happy) und das Substantiv Glück. The children were playing happily b. dass happy ein in der englischen Alltagssprache sehr gebräuchliches Wort ist. während der Gebrauch von joy und seinen Derivationen eher einem literarischen und markierten Stil zuzurechnen ist. aber unterschiedlichen Verwendungsweisen der beiden Wörter ergeben. die in der Bedeutung näher zu joy tendieren.150 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT (2) a. Die Unterschiede in den Paraphrasen spiegeln besondere Bedeutungsunterschiede wider. Diese subtilen Unterschiede finden in den Explikationen für A und B ihren Niederschlag: (A) Explikation von X feels happy manchmal denkt eine Person: „etwas Gutes ist mir geschehen ich wollte es ich will nichts anderes als dies“ deswegen fühlt diese Person etwas Gutes X fühlt etwas Ähnliches wie dies (B) Explikation von X feels joy manchmal denkt eine Person: „etwas Gutes geschieht jetzt ich will es“ deswegen fühlt diese Person etwas sehr Gutes X fühlt etwas Ähnliches wie dies Der Unterschied zwischen den Komponenten etwas Gutes (happy) und etwas sehr Gutes (joy) trägt der größeren Intensität des Gefühls Rechnung. wie sie sich aus den sich teilweise überlappenden.

Die Bedeutung von glücklich und heureux lässt sich aufgrund dieser Überlegungen wie folgt explizieren: (C) Explikation von X ist glücklich (heureux) manchmal denkt eine Person: „etwas sehr Gutes ist mir geschehen ich wollte dies jetzt ist alles sehr gut mehr kann ich nicht wollen“ deswegen fühlt diese Person etwas sehr Gutes X fühlt etwas Ähnliches wie dies Diese Explikation enthält gegenüber B) die neue Komponente jetzt ist alles sehr gut (was eine erfüllte Erfahrung impliziert). Sicherlich ist diese Tatsache nicht losgelöst von einer angelsächsischen Abneigung gegenüber der Darstellung extremer Gefühle zu sehen. die stärkere Emotionen bezeichnen (wie joy. die der Bedeutung von glücklich/heureux nahe kommen. Natürlich gibt es in der englischen Sprache auch Wörter. ja manchmal auch entsprechen. generellen und nahezu euphorischen Gemütszustand. Der demgegenüber stärker begrenzte Bedeutungscharakter von happy zeigt sich sogar in einem syntaktischen Kontrast.KULTURVERGLEICHENDE SEMANTIK 151 englische happy eine viel „schwächere“ und wenig intensivere Emotion bezeichnet als dies bei glücklich und heureux der Fall ist. dass der englische Diskurs über Emotionen eine Tendenz zur gedämpften/abschwächenden Darstellung hat – zumindest wenn man ihn mit dem anderer europäischer Sprachen vergleicht. heureux verwenden: stattdessen würde man auf ein semantisch schwächeres. Metaphorisch gesprochen füllen Emotionen wie Glück und bonheur eine Person bis zum Überfluss und lassen keinen Raum für irgendwelche anderen Wünsche und Verlangen. Weder im Deutschen noch im Französischen würde man in diesem Zusammenhang das Wort glücklich bzw. Im Deutschen ist glücklich in dieser Verwendung nur in Zusammenhang mit abschwächenden Partikeln möglich Ich bin ganz glücklich mit dieser Antwort. Die englische Sprache scheint mit ihrem stärkeren Gebrauch des Wortes happy. So felice im Italienischen. eine Ausnahme zu sein. weniger intensives Wort wie zufrieden bzw satisfait/content zurückgreifen. So kann man im Englischen durchaus sagen I am happy with his answer (wobei das präpositionale Objekt with his answer die eingeschränkte Domäne oder den besonderen Fokus von happy in dieser spezifischen Situation anzeigt). so finden wir in vielen europäischen Sprachen Wörter. das ein vergleichsweise weniger intensives Gefühl bezeichnet. shtshastliv im Russischen oder szczesliwy im Polnischen. bliss und ecstasy) doch deutet ihr vergleichsweise geringes Auftreten darauf hin. aber nicht die von happy). B: Oh joy! I’ve just hung out the washing. Diese Unterschiede implizieren insgesamt einen intensiven. . Sie enthält den graduellen Verstärker sehr (wie auch die Explikation von joy. Joy findet sich selbst in sarkastisch emotionalem Gebrauch wie etwa in (3): (3) A: It’s starting to rain. Wenn wir einmal vergleichend auf andere Sprachen Europas schauen.

näher betrachten. dass die Sprache ihren Sprechern eine bestimmte subjektive Erfahrung der Welt auferlegt. wie Aussagen mit Belegen fundiert werden. dem Italienischen. wie in Englisch und Hopi (einer Indianersprache. Sie untersuchten. Whorf (1956:12) gibt ein vielzitiertes Beispiel. Beide werden als zählbar konzeptualisiert. die den Sprechern einer Sprache nahe legen.3 Kulturspezifische Aspekte der Grammatik In einer jeden Sprache gibt es Aspekte der Grammatik. Wir konzentrieren uns hier auf zwei grammatische Konstruktionen. die der allgemeinen Expressivität der italienischen Kultur entsprechen (zur detaillierten Diskussion siehe Wierzbicka 1991). Wir können auf diese Thesen hier nicht eingehen. die Grammatik des Englischen weise eine besondere Sensitivität für Nuancen der interpersonalen Ursache und Manipulation auf. welche eine Ausdrucksfunktion erfüllen. Anhänger der sprachlichen Relativitätshypothese wie Sapir und Whorf konzentrierten sich auf grundlegende grammatikalische Muster. Nach Whorf verwenden die Hopi zum Ausdruck der Zeiteinteilung dagegen nur Ordinalzahlen („der Erste. die im Nordwesten Arizonas gesprochen wurde) Zeit konzeptualisiert wird. und im Russischen zeige sich eine Reihe grammatischer Konstruktionen. Ebenso wie wir von einem Stein oder fünf Steinen sprechen. die nicht in Analogie zur Erfahrung mit Objekten zu Einheiten zusammengefasst werden können. oder auch. diese Unterscheidungen zu treffen. in der Grammatik der deutschen Sprache spiegele sich eine phänomenalistisch geprägtere Erfahrung wider als im Französischen. Es ist nahezu unvermeidlich. fünf Tagen. .) und sprechen von so etwas wie „der fünfte Tag“: sie konzeptualisieren die Zeit in erster Linie durch ihre Erfahrung mit der Abfolge von Sonne und Mond in einem Zyklus. die in engem Zusammenhang mit dem traditionellen russischen Fatalismus stünden (ausführliche Analysen finden sich in Wierzbicka 1997). so sprechen wir auch von einem Tag bzw. Die hier analysierten Konstruktionen sind sicherlich nicht so spektakulär wie die eben erwähnten Behauptungen. Zeit wird als die Abfolge von Zyklen konzeptualisiert.152 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT 6. die in einer Sprache zu finden sind. der Zweite. ob Ereignisse in Bezug auf die Sprechzeit dargestellt werden (Tempus). Wir konzeptualisieren auf metaphorische Weise die Domäne Zeit durch unsere Erfahrung mit materiellen Objekten – man könnte sagen. Ihrer Relativitätshypothese zufolge sind durch jede Sprache solche oder auch ganz andere Unterscheidungen vorgegeben. Im Englischen wird – ebenso wie in anderen europäischen Sprachen – von Zeit so gesprochen wie von materiellen Objekten. in dem er vergleicht. um auf Aussagen über den Zusammenhang von sprachlicher Kategorisierung und Kultur zu treffen: häufig finden sich Aussagen wie etwa. Sie treten aber mit regelmäßiger Häufigkeit auf. die in einem engen Zusammenhang mit der jeweiligen Kultur stehen. Wir erweitern die Verwendung des Systems der Kardinalzahlen und des Plurals von materiellen Objekten auf immaterielle gedankliche Einheiten. Doch wir brauchen uns nicht so weit von Europa zu entfernen. sind in der italienischen Lebenswelt dominant und stellen einen wichtigen Aspekt der sprachlichen Kategorisierung dar. der Dritte“ etc. Stattdessen wollen wir einen Aspekt kulturspezifischer Grammatik aus einer weiteren europäischen Sprache. wir objektivieren die Zeit (ZEIT IST EIN OBJEKT). ob in einer Sprache zwischen Singular und Plural unterschieden wird.

diese italienische Konstruktion zu verwenden. Die syntaktische Reduplikation im Italienischen betont zunächst einmal. subito ‚sofort‘). So verlangt ein Satz wie Venga subito subito – ‚Komm sofort sofort‘ geradezu nach einem im hohen Maße ausdrucksvollen. Zum einen sind die Möglichkeiten. Komm! unterscheidet. Als er sich nachts schlaflos hin und herwälzt. Dabei handelt es sich um eine spezifische grammatische Konstruktion des Italienischen. scheint es ihm. dass du weißt. im Verwendungskontext Hinweise auf emotionale Untertöne zu finden. dass ich dieses Wort sagen will und kein anderes. dass er oder sie das Wort bewusst gewählt hat. sehr langsam gleichsetzen können. schnell! oder Komm. es für die zu bezeichnende Sache für angemessen und durch dieses für genau bezeichnet hält (durch die Wiederholung wird die Aufmerksamkeit auf dieses Wort gelenkt). wie etwa Schnell. Er spricht den Fischer mit einer Stimme an. dass das betreffende Wort wohlgewählt ist. denn er ist auf der Flucht vor der Polizei. die wir hier betrachten wollen. Die zweite für die italienische Sprache charakteristische grammatische Konstruktion. dann will ich. Wenn ich daran denke. Folglich wäre bella bella viel angemessener mit ‚wahrhaftig schön‘ ( und caffè caffè als ‚wahrhaftiger Kaffee‘) übersetzt. adagio adagio. die leggera leggera ‚weich weich‘ ist. Darüber hinaus gibt es aber noch eine zweite. die sich von der Wiederholung ganzer Äußerungen im Deutschen. viel weiter als die des deutschen sehr – man könnte subito subito kaum als ‚*sehr sofort‘ übersetzen. dass sein Bett duro duro ‚hart hart‘ geworden ist. duro. Durch die Verwendung von bella bella hebt der Sprecher insbesondere heraus. bianchissimo ‚am allerweißesten‘. velocissimo ‚am allerschnellsten‘. adagio ‚langsam‘. Komm. Nehmen wir nur folgendes Beispiel: in einem Roman durchlebt der Protagonist eine große seelische Krise.KULTURVERGLEICHENDE SEMANTIK 153 Als syntaktische Reduplikation bezeichnet man die Wiederholung von Adjektiven. der aus Adjektiven mithilfe des Affixes {-issimo} (im entsprechenden Numerus und Genus) gebildet wird: bellissimo ‚am allerschönsten‘. so ist es für gewöhnlich nicht schwer. Selbst wenn ein rein beschreibendes Adjektiv wie duro ‚hart‘ oder leggera ‚weich‘ redupliziert wird. (bella ‚schön‘. bianca) zweimal sage. An einer späteren Stelle in diesem Roman will unser Held unerkannt in einem Fischerboot einen Fluss überqueren. emotionalen Betonung. Zum anderen ist die italienische Entsprechung zu sehr mit molto gegeben. Diese Konstruktion steht Aus-‚ . Die durch die grammatische Konstruktion der Reduplikation vermittelte Bedeutung lässt sich wie folgt paraphrasieren: (D) EXPLIKATION DER REDUPLIKATION VON ADJEKTIVEN/ADVERBIEN IM ITALIENISCHEN: wenn ich ein Wort (wie bella. Dies ist in zweierlei Hinsicht nicht unproblematisch. Die eben erwähnten italienischen Konstruktionen werden oft als Ausdruck von Intensität beschrieben. und molto bella ‚sehr schön‘ macht gegenüber bella bella einen Unterschied aus. subito subito. emotive Bedeutungskomponente. Adverbien oder von Substantiven ohne eingeschobene Pause: bella bella. ist der so genannte absolute Superlativ. Danach müsste man also etwa die Ausdrücke bella bella oder adagio adagio mit deutsch sehr schön bzw. dann fühle ich etwas dabei.

so eine Art von „expressivem Overstatement“ darzustellen. Zudem gibt es Affinitäten zwischen dem absoluten Superlativ und dem einfachen Superlativ mit più (z. So kann man nicht von *subitissimo reden. Zusammenfassend lässt sich sagen. Auch sie dient dazu. sondern unter dem Einfluss unterschiedlicher kultureller Normen verwenden sie diese auch auf unterschiedliche Art und Weise. Die Ähnlichkeit mit dem einfachen Superlativ liegt in der dritten Komponente: es wird gewissermaßen ein Vergleich impliziert und zwar mit der höchsten Abstufung des Adjektivs („es könnte nicht mehr X sein“). Die Ähnlichkeit mit der syntaktischen Reduplikation ist durch die letzte Komponente („wenn ich daran denke.. wildem Gestikulieren. die emotionale Einstellung des Sprechers darzustellen.4 Kulturelle Skripte In unterschiedlichen Gesellschaften sprechen die Menschen nicht nur unterschiedliche Sprachen. più bello ‚am schönsten‘). 6. fühle ich etwas dabei“) repräsentiert. Anders als die syntaktische Reduplikation schließt die Bedeutung des absoluten Superlativ jedoch nicht den Aspekt der sprachlichen Angemessenheit ein. „der außerordentlichen Animation. dass der absolute Superlativ es Sprechern des Italienischen ermöglicht.154 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT drücken mit molto konzeptuell sehr nahe (molto bella ‚sehr schön‘ usw. Unter einem kulturellen Skript versteht man die Beschreibung solcher kultureller . Beide sind auf Eigenschaften beschränkt – genauer gesagt auf abstufbare und zu vergleichende Eigenschaften. Liebe zur Lautstärke und Darstellung ist unabdingbar. Unsere Überlegungen zum absoluten Superlativ lassen sich wiederum in einer Paraphrase explizieren: (E) EXPLIKATION DES ITALIENISCHEN ABSOLUTEN SUPERLATIVS ( es ist X-issimo) Es ist sehr x ich will mehr sagen als dies deswegen sage ich: es könnte nicht mehr X sein wenn ich daran denke. überall in Italien“. ausdrucksvoller Mimik.). mit der „großen Bedeutung des Spektakels“. Die Ähnlichkeit zu Ausdrücken mit molto ‚sehr‘ wird durch die Präsenz von sehr in der ersten Zeile der Explikation angezeigt. darstellendem. dann fühle ich etwas dabei Vergleichen wir nun die Explikationen. Konstruktionen wie die syntaktische Reduplikation und der absolute Superlativ sind sicherlich mit der „theatralischen Qualität“ des italienischen Lebens (Barzini 1964:73) in Zusammenhang zu sehen. wenn man die Relevanz solcher expressiver grammatischen Mittel wie syntaktischer Reduplikation und dem absoluten Superlativ in der italienischen Kultur begreifen will.. Ganz im Gegenteil: normalerweise enthält er eine ganz offensichtliche Übertreibung. die aber wiederum in ihrer Funktion der syntaktischen Reduplikation nicht unähnlich ist.B. die für jedermann eine der ersten Eindrücke in Italien ausmachen. Zwischen dem absoluten Superlativ und der syntaktischen Reduplikation gibt es eine gewisse Ähnlichkeit – einige italienische Grammatiken beschreiben deshalb beide Konstruktionen als bedeutungsäquivalent. Kulturelles Wissen über diese Animation.

Das betrifft insbesondere den Ausdruck persönlicher Wünsche – eine Tatsache. mit denen Sprecher zum Ausdruck bringen. UM ZU „SAGEN. Bis zu einem gewissen Punkt sind diese Termini sicherlich auch ganz nützlich. dass japanische Sprecher nicht direkt sagen. in europäisch direkter Weise „zu sagen. ist es nicht gut. Darüber hinaus hat er den Gast ständig dazu zu drängen. Darüber hinaus bergen sie die Gefahr der ethnozentrischen Beschreibung. Außer im Kreise der Familie oder unter Freunden gilt es im Japanischen als unhöflich. denn sie sind in der Regel nicht präzise in die Sprache der zu beschreibenden Kultur zu übersetzen. Betrachten wir zunächst eine von Europa weit entfernte Kultur. was sie wollen. was man will“. was sie wirklich bedeuten sollen – weswegen sie von den verschiedensten Autoren mit den verschiedensten Bedeutungen verwendet werden. Diese Probleme können zum größten Teil vermieden werden. wenn wir zur Beschreibung kultureller Kommunikationsnormen auf die in allen Sprachen explizit verständlichen semantischen Primitiva zurückgreifen und diese in Form von kulturellen Skripts darstellen (siehe Wierzbicka 1991. die Beschreibung eines Ausschnittes aus dem konventionellen Verhaltensrepertoire einer bestimmten Kultur. diese zu sich zu nehmen. die Wünsche des Gastes vorauszuahnen und lediglich entsprechende Speisen und Getränke anzubieten. Formalität und Höflichkeit beschrieben. Kulturelle Kommunikationsnormen werden herkömmlicherweise unter Verwendung von eher vagen und ad hoc eingeführten Termini wie Direktheit. antworten sie oftmals nicht direkt. So fällt auf. „was sie wollen“. Diese kulturelle Einstellung lässt sich als folgendes kulturelles Skript darstellen: (F) JAPANISCHES SKRIPT. Eine kulturell angemessene Strategie ist es. ob und wann ihnen bestimmte Arrangements zusagen oder passen. Zur Demonstration wollen wir uns hier auf kulturelle Skripte konzentrieren. was ich will . Auf die Frage. dann können andere Leute wissen. und zwar (so die Standardformel) ‚ohne enryo‘. Fragen wie ‚Was wollen Sie essen?‘ oder ‚Was möchten Sie?‘ zu stellen. was er denn essen oder trinken möchte. eine irgendwie geartete implizite Nachricht zu übermitteln in der Erwartung. In der japanischen Kultur wird also streng vermieden. Auch wird in Japan ein Gast durch einen aufmerksamen Gastgeber nicht ständig vor die Wahl gestellt. Goddard und Wierzbicka 1996). Direkte Fragen nach den Wünschen einer Person sind alles andere als normal. Die japanische Kultur ist bei Europäern und Amerikanern für ihre verbale Zurückhaltung wohl bekannt. Reserviertheit‘) in Zusammenhang steht. zu anderen Leuten zu sagen: ich will dies ich kann etwas anderes sagen wenn ich etwas anderes sage. doch wird nie eindeutig bestimmt. die mit dem japanischen Ideal des enryo (‚Zurückhaltung.KULTURVERGLEICHENDE SEMANTIK 155 Normen und Werte in Bezug auf den einen oder anderen Aspekt bzw. dass der Angesprochene entsprechend darauf antworten wird. Vielmehr steht es in der Verantwortung des Gastgebers. sondern verwenden Ausdrücke wie ‚jede Zeit ist recht‘ oder ‚jeder Ort ist für mich ok‘. WAS MAN WILL“ wenn ich etwas will.

bitte – aber Would . bestärkt. als dies im Englischen in der entsprechenden Situation angemessen wäre. weil er die angesprochene Person um einen Gefallen bittet. deswegen musst du es tun“ (I) ANGLO-AMERIKANISCHES SKRIPT FÜR INTERROGATIVDIREKTIVA: Wenn ich jemandem etwas sagen will wie: „ich will. In den meisten europäischen Sprachen werden unvermittelte Imperative häufiger verwendet als im Englischen. dass du dies tust. Diese Normen lassen sich in den beiden folgenden Skripts darstellen: (H) ANGLO-AMERIKANISCHES SKRIPT. mit der auf die Autonomie des Sprechers Rücksicht genommen wird. die französische Angestellte normalerweise nicht verwenden würden: Wenn ein Franzose dann doch mit so viel Vorsicht spricht. dass du etwas tust“ ist in eine komplexere sprachliche Form eingebettet. Stattdessen wird die Verwendung von elaborierteren und damit indirekteren Äußerungen (siehe Kapitel 7) wie Could you do this? oder Would you mind doing this? usw. WAS MAN WILL“ jeder kann Dinge wie diese zu anderen Leuten sagen: ich will dies/ich will dies nicht Andererseits hält dasselbe Ideal der persönlichen Autonomie Sprecher des StandardEnglischen davon ab. ob du es tun wirst“ Es wäre allerdings eine unzulässige Verallgemeinerung. Die Aussage „Ich will. ob er der Bitte nachkommen will oder nicht. dass du dies tust“ dann ist es gut zur selben Zeit etwas zu sagen wie: „ich weiß nicht. und der Gebrauch von Fragestrukturen bei Direktiva ist stärker eingeschränkt. dann kann ich dieser Person nicht etwas wie dies sagen: „Ich will.156 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT Anglo-amerikanische Einstellungen sind in dieser Hinsicht ganz anders. der nicht in deren eigentlichen Aufgabenbereich fällt. Béal (1994:51) zitiert hierzu einen französischen Manager. UM ZU „SAGEN. dass jemand etwas tut. diese angloamerikanischen Skripts für „typisch europäisch“ zu halten. so deswegen. Zwischen den europäischen Sprachen und Kulturen gibt es in dieser Hinsicht (wie noch in vielen anderen) eine bemerkenswerte Verschiedenheit. Die angloamerikanischen Ideale von individueller Freiheit und persönlicher Autonomie führen zu einer positiven Bewertung. Sonst wird er schlicht und einfach sagen: Tu dies. Man fragt ihn. dass routinemäßige Instruktionen am Arbeitsplatz viel direkter ausgedrückt werden. nimm das. wenn Leute ihren Wünschen direkt Ausdruck verleihen: (G) ANGLO-AMERIKANISCHES SKRIPT. Nach Béal (1994) erwarten zum Beispiel Franzosen. nach dessen Worten seine englischsprachigen (australischen) Angestellten précaution oratoire ‚mündliche Vorsichtsmaßnahmen‘ verwendeten. DURCH DAS DIREKTIVA IN IMPERATIVFORM VERMIEDEN WERDEN: wenn ich will. unmittelbare Imperative wie Do this! zu verwenden.

6. Mit kulturellen Skripts können Unterschiede und Variationen kultureller Normen wie auch deren Kontinuität oder Wandel dargestellt werden. in denen man es im Englischen nicht antreffen wird. Kultur und Denken Whorf (1956:212) hat seine Ansicht von der Beziehung der Sprache zum Denken im Folgenden.) Natürlich sind diese Zitate nicht wissenschaftlicher Art. ohne dabei auf fachsprachliche oder sprachspezifische Ausdrücke zurückgreifen zu müssen. dass es verschiedene mentale Prozesse wie Aufmerksamkeit und visuelle Wahrnehmung gibt. ist das. als würde man seine eigene Autorität untergraben (Übersetzung R. Übersetzung R. Mithilfe dieser Vorgehensweise können wir Hypothesen über kulturelle Normen formulieren. Es handelt sich um die Schilderungen von Eindrücken. Ein solcher Rahmen steht mit kulturellen Skripts. Auch zwischen Normen zur Äußerung von Bitten im Deutschen und im Englischen gibt es erhebliche Unterschiede. berühmt gewordenen Zitat dargelegt: Das sprachliche Hintergrundsystem einer jeden Sprache (mit anderen Worten: deren Grammatik) ist nicht bloß ein Reproduktionsinstrument. Auch zur Beschreibung dieser Aspekte stellt die semantische Metasprache eine rigide Vorgehensweise und einen klar nachvollziehbaren analytischen Rahmen dar. Auch wenn sie hier den Imperativ gebrauchen. sondern es formt selbst Ideen. aber nicht „Würden Sie bitte hier unterschreiben?“ (Would you please sign here?). sondern in einem elaborierten und in sich begründeten Rahmen interpretieren. die unabhängig von Sprache sind und .P. please). Dies kann auf eine klare und unmittelbar verständliche Art und Weise geschehen. Allenfalls sagen sie „Unterschreiben Sie bitte“ (Sign here.P. so ist das nicht etwa als Befehl zu verstehen. (Übersetzung R. Das Wort müssen ist in der deutschen Sprache stark vertreten und taucht immer wieder in Situationen auf. Aus diesem Grunde sollte man sie keinesfalls ignorieren. (1989:88-89.5 Schlussfolgerung: Sprache. wie Menschen in multikulturellen Gesellschaften kulturell unterschiedliche kommunikative Normen wahrnehmen und welche Probleme in interkultureller Kommunikation auftreten können. sondern heterogen und wandeln sich im Laufe der Zeit. die Sprecher im Alltag gewonnen haben.KULTURVERGLEICHENDE SEMANTIK 157 you mind? Ganz bestimmt nicht! Es ist sogar so: wenn man in Frankreich so redet.). ist das Programm und leitet die geistige Aktivität des Individuums sowie dessen Analysen seiner Eindrücke. So beschreibt Phillips (1989) aus der Perspektive eines in Deutschland lebenden Engländers die diesbezüglichen Unterschiede zwischen der deutschen und englischen Kultur so: Deutsche Bankangestellte sagen beispielsweise „Sie müssen hier unterschreiben“. zur Verfügung. Sie lassen daher auch keine Verallgemeinerungen zu. Kulturen sind ja nicht homogen und starr. So hat er etwa keineswegs behauptet. Doch solche Eindrücke aus dem Alltag von Sprechern geben Hinweise darauf. um Ideen auszusprechen. die aus semantischen Primitiva bestehen. Er glaubte sogar.) Whorfs Ansichten zur sprachlichen Relativität sind nicht selten missverstanden worden.P. jedwedes Denken hinge von Sprache ab.

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dem „formenden“ Einfluss der Sprache nicht unterliegen. Was allerdings das „sprachliche Denken“ angeht, so beharrte Whorf darauf, dass die Muster der Muttersprache unweigerlich bestimmte gewohnheitsmäßige Denkmuster mit sich brächten. Wie bereits erwähnt, deuten neuere Forschungsergebnisse durchaus darauf hin, dass die konzeptuellen Kategorien, die in der Muttersprache ihren sprachlichen Niederschlag gefunden haben, bereits in einem sehr jungen Alter die Kategorisierung leiten. Bereits im Alter von 20 Monaten verwenden koreanische und englische Kinder die sprachlich-konzeptuellen Muster ihrer jeweiligen Muttersprache. Die für eine Kultur spezifischen Wörter sowie die grammatischen Konstruktionen einer Sprache sind konzeptuelle Instrumente, die vergangene Erfahrungen damit widerspiegeln, wie gehandelt und wie mit Dingen umgegangen wurde. Im Laufe der Zeit wandelt sich eine Gesellschaft. Ebenso wandeln sich auch diese Instrumente, oder sie werden völlig aufgegeben. So gesehen kann das Bild einer Gesellschaft nie völlig durch ihren Vorrat an sprachlich-konzeptuellen Werkzeugen erfasst und festgelegt werden. Es lässt sich aber auch nicht leugnen, dass sie es in einem gewissen Maße beeinflussen. Ebenso ist auch das Denken eines Individuums nie vollständig durch seine Muttersprache bestimmt – es gibt jederzeit Alternativen zu den überlieferten sprachlichen Konzepten, um sich auszudrücken, doch ist auch die Perspektive des Individuums sicherlich zu einem Teil von seiner Muttersprache beeinflusst. Dies gilt auch für den Kommunikationsstil. Der Kommunikationsstil eines Individuums ist nicht streng durch diejenigen kulturellen Skripte determiniert, die es in seiner Sozialisation in einer bestimmten Kultur internalisiert hat. Da ist immer sehr viel Raum für individuelle und soziale Abweichungen und damit natürlich auch für Innovation. Andererseits können sich die Mitglieder einer Sprach- und Kulturgemeinschaft aber auch nicht den kommunikativen Konventionen völlig entziehen. Schließlich bedeutet die Existenz eines gemeinsamen Vorrats an semantischen Primitiva in allen Sprachen dieser Welt, dass die menschliche Kognition letzten Endes auf einer gemeinsamen konzeptuellen Grundlage ruht. Theoretisch gesehen kann jedes kulturspezifische Konzept Angehörigen anderer Kulturen zugänglich gemacht werden, indem es in eine Konfiguration aus universalen semantischen Primitiva aufgeschlüsselt wird. Diese Vorgehensweise könnte also eine wichtige praktische Hilfe in interkultureller Kommunikation sein. Wir sollten dabei allerdings nicht vergessen, dass jede Sprache nur als ein integriertes Ganzes von enormer Komplexität funktioniert. Deswegen wird es wohl kaum einen besseren Weg geben, andere Kulturen kennen zu lernen, als mit den Angehörigen dieser Kulturen zu sprechen und so an ihrem kulturellen Leben teilzuhaben.

6.6 Zusammenfassung
Der Zusammenhang zwischen Sprache und Kultur hat Philosophen, Literaten und Sprachwissenschaftler seit Jahrhunderten fasziniert. In der deutschen Romantik wurde die Idee entwickelt, dass eine jede Sprache eine eigene Weltansicht trägt.

KULTURVERGLEICHENDE SEMANTIK 159

Diese Idee kam im 20. Jahrhundert nach Amerika, wo die Forscher sich mit radikal unterschiedlichen konzeptuellen Kategorien der Sprachen der amerikanischen Eingeborenenvölker konfrontiert sahen. Sie wurde zur Hypothese der sprachlichen Relativität ausgebaut (die nach ihren Gründern auch die Sapir-Whorf-Hypothese genannt wird). Dieser Hypothese der sprachlichen Relativität steht die philosophische Ansicht des Universalismus entgegen. Nach dieser Ansicht ist das menschliche Denken in allen Kulturen der Erde seinem Wesen nach gleich. Auf die Sprache bezogen gibt es bestimmte grundlegende Elemente sprachlicher Bedeutung, die allen Sprachen dieser Welt gemeinsam sind. In jüngerer Zeit sind an die 60 grundlegende Bedeutungselemente ausfindig gemacht worden, die man auch als semantische Primitiva bezeichnet. Man hat die Hypothese aufgestellt, dass diese Primitiva universale Konzepte darstellen, und versucht, diese These an den unterschiedlichsten Sprachen empirisch zu überprüfen. Semantische Primitiva lassen sich zur Beschreibung von Bedeutung verwenden und ermöglichen es uns, zwei Probleme des herkömmlichen Ansatzes zur Paraphrase und Definition zu umgehen: Undeutlichkeit und Zirkularität der Beschreibung. Die Vorgehensweise der reduktionistischen Paraphrase lässt sich so weit verfolgen, bis alle konzeptuellen Bausteine eines sprachlichen Ausdrucks durch semantische Primitiva analytisch dargestellt sind. So können ethnozentrische Beschreibungen vermieden werden. Die Gefahr des Ethnozentrismus in der Beschreibung droht immer dann, wenn man die Kategorien seiner eigenen Sprache zum Maßstab der Beschreibung einer anderen Sprache macht. Die Methode der reduktionistischen Paraphrase kann für die Beschreibung von kulturspezifischen Wörtern, kulturspezifischen grammatischen Konstruktionen und für kulturelle Skripts verwendet werden. Wörter spiegeln tendenziell die Erfahrungen einer Sprachgemeinschaft wider. In den wichtigsten Bedeutungsdomänen finden sich lexikalische Elaborationen, d.h. eine ganze Reihe von spezifischen Wörtern für ein bestimmtes Phänomen. Eine reduktionistische Paraphrase wird in vielen Fällen ein prototypisches Szenario enthalten. Es besteht dann aus mehreren Ereignisschemata, die zusammengenommen die vollständige Explikation eines Konzeptes ausmachen. Der konzeptuelle Inhalt einer grammatischen Kategorie und die kulturellen Normen für das Kommunikationsverhalten in einer Kultur (kulturelle Skripts) können ebenfalls durch die Paraphrase in Form von semantischen Primitiva dargestellt werden. Beispiele für diesen Vergleich von kulturellen Skripts sind die stillschweigende Übereinkunft in der japanischen Kultur, nicht explizit zu sagen, was man will, sondern stattdessen sich auf implizite Nachrichten zu verlassen. Im Kontrast dazu stehen die stillschweigenden amerikanischen Annahmen, dass man die Freiheit hat, zu sagen, was man will – dies aber ohne den anderen in seiner Autonomie einzuschränken. Daher rührt der häufige Gebrauch von indirekten Bitten im Englischen. Sowohl der japanische als auch der amerikanische Stil stehen im Kontrast zum „direkten Instruktionsstil“ der französischen Kultur. Die wesentlichen Normen und Werte einer Kultur lassen sich als eine Reihe von Schlüsselwörtern analytisch darstellen. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass nur wenige die extreme Position der sprachlichen Relativitätshypothese vertreten, derzufolge unsere Denkweise in starkem Maße durch sprachliche Kategorien bestimmt ist. Viele Forscher nehmen hingegen eine abgeschwächte und moderate Form der sprachlichen Relativitäts-

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hypothese an. Sie vertreten die Ansicht, dass Sprache das Denken in gewisser Weise beeinflusst. Die semantische Umschreibung von Bedeutung mithilfe semantischer Primitiva ermöglicht es, kulturspezifische Kategorien zu explizieren, ohne dabei in die Falle des Ethnozentrismus zu tappen.

6.7 Leseempfehlungen
Frühe Werke zur sprachlichen Relativität sind Sapir (1949), Luria und Vygotsky (1992) sowie die Schriften von Whorf (1956). Gipper (1972) überprüft die Feldstudien Whorfs, setzt sich mit dessen Thesen kritisch auseinander und gibt einen Überblick über die Diskussion um den Sprachrelativismus aus sprachphilosophischer Perspektive. Aktuellere Diskussionen der linguistischen Relativitätshypothese finden sich in Gumperz & Levinson (ed.1996), Lucy (1992a) und (1992b), Lee (1996), Choi & Bowerman (1991) sowie Bowerman (1996). Eine gut lesbare deutschsprachige Darstellung der Diskussion findet sich in Lehmann (1998). Eine ausführliche Einführung in die kulturvergleichende Semantik gibt Goddard (1998). In Goddard und Wierzbicka (ed.1994) finden sich eine Reihe von Feldstudien zu semantischen Primitiva in einer größeren Anzahl von Sprachen. Ältere, philosophische Ansätze zur Frage kulturspezifischer Konzepte und universaler Konzepte finden sich in Locke (1976[1690]) und Leibniz (1971[1765]); dazu auch Ishiguro (1972). Für eine Reihe von europäischen Kulturen gibt es Kulturanalysen, so Barzini (1964) für das Italienische und Béal (1994) für die französische Kultur. Der Aspekt der kulturellen Schlüsselwörter wurde erstmals von Williams (1976) aufgebracht und wird in Wierzbicka (1997) systematisch dargestellt.

6.8 Aufgaben
1. Wie würden Sie das folgende Zitat aus Whorf (1956:236) interpretieren? Handelt es sich um eine schwache oder starke Form der Relativitätshypothese?
In der Sprache der Hopi können Verben ohne Subjekte stehen. Dadurch wird diese Sprache zu einem mächtigen logischen System zur Erkenntnis bestimmter Aspekte des Kosmos. Wissenschaftssprachen, die auf dem Westindoeuropäischen gründen und nicht auf Hopi, tendieren ebenfalls dazu, Aktionen und Kräfte zu erkennen, wo eigentlich nur Zustände vorhanden sind. (Übersetzung R.P.)

a) Gibt es europäische Sprachen, die Verben, aber keine Subjekte aufweisen? b) Das englische It flashed (wie auch das deutsche Es blitzte) bzw. A light flashed (dt.: Ein Licht blitzte auf) werden in Hopi als rehpi ‚blitzt‘ bzw. ‚blitzte‘ ausgedrückt. Würden Sie Whorf zustimmen, dass die englische (bzw, deutsche) Konzeptualisierung eine vom Subjekt ausgehende Kraft mit einschließt? (Vgl. hierzu die verschiedenen Ereignisschemata in Kapitel 4).

KULTURVERGLEICHENDE SEMANTIK 161

c) Aus kognitiv-linguistischer Sicht gibt es keine bedeutungsleeren Wörter. Welche Bedeutung könnte es in es blitzte haben? Stützen Sie Ihre Antwort mit weiteren Beispielen. d) Für wissenschaftliche Begriffe wie Elektrizität gibt es in Hopi nur Verben und keine Substantive. Stützt das Whorfs Analyse, dass im Englischen ein Zustand gesehen wird, wo es sich ja naturwissenschaftlich gesehen um eine Kraft handelt? 2. Überprüfen Sie, ob die in Übersicht 1 dargestellte sprachliche Kategorisierung, die mit den englischen Präpositionen in und on beschrieben wird, auch im Deutschen gilt, oder das Deutsche eher zum Koreanischen tendiert. Mit welchen Präpositionen (und Verben) würde man im Deutschen die in Übersicht 1 dargestellten Kategorien (c) und (d) beschreiben? Falls möglich, vergleichen Sie auch mit weiteren Sprachen. Beurteilen Sie die folgenden Wörterbucheinträge aus dem Duden Deutsches Universalwörterbuch für die zentralen Bedeutungen von Ärger, Wut, Hass und Zorn in Hinblick auf ihre Verständlichkeit und Aussagekraft. Versuchen Sie, die Bedeutungen mithilfe semantischer Paraphrasen wiederzugeben. Diskutieren Sie Ihre Entwürfe untereinander und versuchen Sie, das Ergebnis der Diskussion in Form einer Paraphrase festzuhalten:
Ärger 1. bewußtes, von starker Unlust. u. [aggressiver] innerer Auflehnung geprägtes [erregtes] Erleben [vermeintlicher] persönlicher Beeinträchtigung, bes. dadurch, dass etw. nicht ungeschehen zu machen, zu ändern ist; Aufgebrachtsein, heftige Unzufriedenheit, [heftiger] Unmut, Unwille, [heftige] Verstimmung, Missstimmung.(2001:164,1f) Wut 1.heftiger, unbeherrschter, durch Ärger o. Ä. hervorgerufener Gefühlsausbruch, der sich in Miene, Wort und Tat zeigt. (1835,2) Hass 1.heftige Abneigung; starkes Gefühl der Ablehnung u. Feindschaft gegenüber einer Person, Gruppe od. Einrichtung. (719,3) Zorn 1.heftiger, leidenschaftlicher Unwille über etw., was jmd. als Unrecht empfindet od. was seinen Wünschen zuwiderläuft. (1862,3)

3.

4.

Wie lässt sich die zentrale Bedeutung des Wortes Liebe (wie in Ich liebe dich) in einer semantischen Paraphrase umschreiben? Vergleichen Sie mit Ihrem Ergebnis für Hass aus Aufgabe 3. Im Folgenden finden Sie die semantische Paraphrase eines deutschen Schlüsselwortes (Wierzbicka 1997:158). Setzen Sie sich kritisch mit dieser Paraphrase auseinander, diskutieren Sie gemeinsam, ob auch Ihr Verständnis bzw. Ihre Verwen-

5.

162 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT

dungsweise dieses Schlüsselwortes adäquat wiedergegeben wird. Ändern Sie die Paraphrase ggf. entsprechend ab oder verfassen Sie eine eigene. Stützen Sie Ihre kritische Einschätzung mit Beispielsätzen bzw. Verwendungskontexten. Vergleichen Sie mit Einträgen in Wörterbüchern zu diesem Schlüsselwort. Wie würden Sie einem Angehörigen einer anderen Kultur die Bedeutung dieses Wortes erklären? (a) ein Ort (b) Ich wurde an diesem Ort geboren. (c) An diesem Ort gibt es viele Orte. (d) Als ich Kind war, lebte ich an diesen Orten. (e) Ich fühlte etwas Gutes, als ich an diesen Orten lebte. (f) Ich fühlte: nichts Schlechtes kann mir geschehen. (g) Ich kann mich an keinen anderen Orten so fühlen. (h) Deshalb fühle ich etwas Gutes, wenn ich an diese Orte denke. (i) Wenn ich an diese Orte denke, denke ich etwas wie dies: (j) Keine anderen Orte sind wie diese Orte; (k) als ich Kind war, war ich wie ein Teil dieser Orte; (l) ich kann nicht wie ein Teil irgendeines anderen Ortes sein. (m) (Ich weiß: einige Leute denken dasselbe, wenn sie an diese Orte denken.) (n) (Ich denke: diese Leute fühlen dasselbe, wenn sie an diese Orte denken.) (o) (Wenn ich an diese Leute denke, fühle ich etwas Gutes.)

Bitten. damit ein Sprechakt als „geglückt“ gelten kann. Anweisungen. Sprache erfüllt aber noch eine weitere. wir beabsichtigen. wie wir mit Sprache Gedanken formen und ausdrücken. Mit Sprechakten realisieren wir kommunikative Absichten. In den meisten Fällen geben wir aber durch unsere Äußerungen darüber hinaus bestimmten Absichten Ausdruck. d. Wir verwenden sie. sondern das Miteinanderreden an sich. was wir sagen. . um unseren Mitmenschen zu signalisieren. die sich im Wesentlichen auf die kognitiven Bereiche des Wissens und des Wollens beziehen. d.0 Überblick Bisher haben wir uns insbesondere auf die Frage konzentriert. den Hörer bzw. welche Bedingungen erfüllt sein müssen. So etwa wenn der Vorsitzende einer Sitzung durch die Äußerung der Worte Die Sitzung ist geschlossen eine Sitzung offiziell beendet: sie ist dann auch tatsächlich beendet.h. In all diesen Fällen ist unser Sprechen zugleich ein Handeln. dass wir von ihrer Gegenwart Notiz nehmen. nicht minder wichtige Aufgabe. um mit anderen Sprechern in Kontakt zu treten und mit ihnen zu interagieren.KAPITEL 7 Sprechen als Handeln: Pragmatik 7. Im Folgenden werden wir uns insbesondere darauf konzentrieren. erfragen (Wie lange hat die Sitzung gedauert?) wir die verschiedensten Informationen. um eine reibungsfreie. Versprechen oder Angeboten Ausdruck. uns selbst auf eine zukünftige Handlung zu verpflichten (Lasst uns für heute Schluss machen). Mit unseren Äußerungen führen wir verschiedene Typen von Sprechakten aus. Mit konstitutiven Sprechakten stiften wir durch das Äußern ganz bestimmter Worte unter ganz bestimmten Umständen soziale Wirklichkeit.h. Wir werden auch betrachten. die wir unserem Gesprächspartner in der Interaktion vermitteln wollen. Mit obligativen Sprechakten geben wir Wünschen. wir haben uns mit der Ausdrucksfunktion der Sprache beschäftigt. kooperative Interaktion zu gewährleisten. welche Strategien von den Teilnehmern verwendet werden. Diese interpersonelle Funktion der Sprache soll Gegenstand dieses Kapitels über Pragmatik und des achten Kapitels über Textlinguistik sein. Dann zählt nicht so sehr. Mit informativen Sprechakten geben (Die Sitzung dauerte drei Stunden) bzw. Nicht selten reden wir miteinander.

was wir sehen. Die Hauptintention bei solchem Small Talk ist nicht vorrangig die Übermittlung von Informationen. es zieht kalt herein): Brrr! Ich mach’ schnell wieder zu. wissen.1 Interaktion.B. A: Muss man sich richtig dick einpacken. Wir wollen zum Beispiel informieren. die Wahrheitsbedingungen zu erkennen. dass wir von der Gegenwart des jeweils anderen Notiz nehmen. ihn mit diesen Worten zu trösten. denken. sie auf unsere Einstellung aufmerksam machen.164 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT 7. in der Nachbarschaft. (1) Gespräch zwischen zwei Nachbarn im Flur. die dem Gesagten zugrunde liegen? Im Jahre 1962 richtete der Sprachphilosoph John Austin mit seinem Buch How to do things with words den Blick erstmals auch darauf. Sie treten miteinander in sprachliche Interaktion. In diesem Zusammenhang spricht man auch von phatischer Kommunikation (griech. dann versucht er. der Stadt oder Großstadt. dass sprachliche Kommunikation mehr ist als das Aussprechen von Sätzen. der Kirche usw. in Vereinen.1. im Dorf. geht’n eisiger Wind. A: Brrr – schrecklich kalt heute. Manchmal dient das Miteinandersprechen lediglich dazu. die sich entweder als wahr oder falsch beurteilen lassen. B: Ja. z. am Arbeitsplatz oder in der Schule. Intention und Sprechakte Die Pragmatik beschäftigt sich unter anderem mit der Frage. anweisen. jemand zu einem kranken Bekannten sagt Heute siehst du ja schon viel besser aus!. bitten. Einstellungen oder Wünschen. Wir machen vielmehr Äußerungen. Lange galt das Interesse der Sprachphilosophen hauptsächlich der Klärung einer einzigen Frage: wie können wir wahre Aussagen machen. seinen Bekannten zu trösten. mit denen wir jedes Mal auch eine Handlung ausführen.1 Einleitung: was ist Pragmatik? 7. wollen wir aber in einer solchen Interaktion meist noch etwas anderes erreichen: wir wollen jemandem mitteilen. und wie ist es uns dabei möglich. und vollzieht damit einen Sprechakt. Sie betrachtet den Gebrauch von Sprache als einen Teil menschlicher Interaktion: Menschen leben. glauben.B. um mit anderen in Kontakt zu treten und sozial zu handeln. handeln und kommunizieren miteinander in sozialen Netzwerken. Wenn z. Mit unseren Äußerungen verfolgen wir jeweils bestimmte kommunikative Absichten. ermutigen. sondern das soziale Zusammensein wie in Beispiel (1). arbeiten. Anders gesagt: er will damit seiner Absicht Ausdruck geben. beabsichtigen oder fühlen. Zuhause. Dabei geben wir . Je nach kommunikativer Absicht lassen sich nun verschiedene Sprechakttypen unterscheiden. phatis ‚Rede‘). uns gegenseitig zu versichern. Wir wollen anderen etwas über unseren mentalen Zustand mitteilen. wollen. um einer kommunikativen Absicht Ausdruck zu geben. B: (Öffnet die Haustür. Ein Sprecher äußert also Worte. was uns gerade im Kopf herumgeht. wie Menschen Sprache gebrauchen. überreden. Wenn wir mit anderen kommunizieren.

z. Die Frage.PRAGMATIK 165 nicht nur Informationen weiter (2a). wurde von dem Philosophen John Searle. Zwischen den Akten (2a-d) und (2e) besteht dennoch ein Unterschied. Performative Akte sind all diejenigen Akte. müssen bestimmte Rahmenbedingungen erfüllt sein: es muss sich um einen offiziellen Anlass handeln. in Ich bitte dich. Bei solchen Sprechakten spielt nicht so sehr das Wissen des Sprechers. sondern mit jeder unserer sprachlichen Äußerungen auch zugleich einen bestimmten Sprechakt ausführen. Wir bezeichnen diese Sprechakte deshalb als verpflichtende oder auch obligative Sprechakte. Mein Computer ist kaputt.B. sich selbst (2c) zu einer zukünftigen Handlung. etwas zu tun. Wir finden solche performativen Akte aber auch in der Kategorie der obligativen Sprechakte. das wär’ wirklich sehr nett von dir. bei denen der Sprecher explizit benennt. Um mit dieser Äußerung soziale Realität konstituieren zu können. sondern vollziehen auch eine ganze Reihe von weiteren Handlungen (2b-e): (2) a. indem er die Worte als Teil eines Taufrituals für Schiffe äußert: nachdem er die Worte geäußert hat. Mit Äußerung (2a) informiert der Sprecher den Hörer darüber. Austin bezeichnete Sprechakte wie (2e) zunächst als performative Akte. welchen Sprechakt er gerade ausführt. hilf mir oder in informativen Akten wie Ich sage es gern noch einmal: Sie ist momentan nicht zu sprechen. d. aufgegriffen. lautet der Name des Schiffes „Gorch Fock“. Mit (2c) stellt er eine eigene Handlung in Aussicht. e. Vertreter der Öffentlichkeit) müssen anwesend sein. b. Später kam Austin daher zu dem Schluss. Zeugen (z. Könntest du mir nicht deinen für ein paar Tage leihen? Klar. einem Schüler Austins. Searle schlug eine Taxonomie mit fünf Sprechakttypen vor: . sondern vielmehr sein Wille die wesentliche Rolle: Er verpflichtet seinen Hörer (2b) bzw. c. nachdem er kurz zuvor die in diesem Zusammenhang angemessenen Worte (2e) gesprochen hat. dass wir nicht nur mit dem Äußern von Worten wie in (2e) handeln. Mit (2d) bedankt sich der erste Sprecher bei seinem Freund für dessen Hilfe.B. dass die Aussagen eines Sprechers wahr sind. Hiermit taufe ich dieses Schiff auf den Namen Gorch Fock. der Sprecher ist in der Regel eine Person des öffentlichen Lebens und muss eine Champagnerflasche gegen den Bug des Schiffes schleudern. Auch wenn wir in der Regel erwarten. bring ich dir morgen vorbei. was er wahrnimmt bzw. was seiner Ansicht nach geschieht. In (2b) ist die Frage nach der Wahrheit der Aussage nicht von Bedeutung – mit diesem Sprechakt bittet der Sprecher den Hörer. Der Sprecher in (2e) stellt keine bereits existierende Tatsache dar – er schafft vielmehr neue Tatsachen. können sie natürlich tatsächlich auch falsch sein. wie sich Sprechakte in unterschiedliche Kategorien einordnen lassen. Danke. Wir bezeichnen (2a) deshalb als informativen Sprechakt.

so soll weder der Sprecher. Mit dieser Art von Sprechakten beabsichtigt der Sprecher. b. dem Hörer eine Information mitzuteilen. Unter allen bisher vorgeschlagenen Taxonomien ist es aber die überzeugendste. Abbildung 1. sich selbst bzw. d. den Hörer auf eine zukünftige Handlung festzulegen – beide Akte haben eine verpflichtende Funktion. Abbildung 1 gibt eine Übersicht über übergeordnete und untergeordnete Sprechaktkategorien. Mit der Äußerung dieser Sprechakte wird vielmehr zugleich soziale Realität konstituiert. fassen wir sie unter der Oberkategorie der informativen Sprechakte zusammen. Hier gibt es natürlich auch den umgekehrten Fall. Werden hingegen (2d) und (2e) geäußert. wenn nämlich der Sprecher den Hörer um Information ersucht: Raucht Stefan eigentlich? Wir ergänzen daher die Searlesche Kategorie der Assertiva um eine gesonderte Kategorie der Informationsgesuche. c. . Herzlichen Glückwunsch zum 20. expressive von deklarativen Sprechakten unterscheiden ließen. Das mache ich bestimmt nie wieder. Sie gibt insbesondere keine ausreichenden Kriterien an. Sowohl mit (2b) als auch mit (2c) gibt der Sprecher seinem Willen Ausdruck. Doch diese Sprechakttaxonomie ist nicht ganz unproblematisch. Aus kognitiver Sicht lassen sich Zusammenhänge zwischen Direktiva und Kommissiva auf der einen und Expressiva und Deklarativa auf der anderen Seite erkennen. Betrachten wir nun noch die Kategorie der Assertiva (2a). Wir fassen deshalb die beiden Sprechakttypen Expressiva und Deklarativa unter der Oberkategorie konstitutive Sprechakte zusammen. Übergeordnete und untergeordnete Sprechaktkategorien Sprechakte Konstitutive Akte Expressiva Deklarativa danken loben entschuldigen grüßen gratulieren taufen trauen ernennen verurteilen Informative Akte Assertiva Obligative Akte Informations. e.Direktiva Kommissiva gesuche fragen bitten versprechen anweisen anbieten vorschlagen raten darstellen behaupten beschreiben annehmen Da diese beiden Sprechakttypen auf Information ausgerichtet sind. Geburtstag! Die Sitzung ist geschlossen. Wir fassen sie unter der Kategorie obligative Sprechakte zusammen.166 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT (3) a. Raus hier – verschwinde endlich. nach denen sich direktive von kommissiven bzw. noch der Hörer auf eine Handlung verpflichtet werden. Assertiva: Direktiva: Kommissiva: Expressiva: Deklarativa: Stefan raucht eine Zigarette nach der anderen.

Ein Sprecher wird typischerweise nicht unvermittelt fragen Wo ist der Bahnhof?. sondern in Interrogativsätzen (4b) oder selbst im Imperativ (4c) Bei ihnen spielen eine Reihe von Hintergrundannahmen eine Rolle. die sich der Sprecher als Konsequenz seiner Äußerung erhofft. dass der Sprecher die gewünschte Information evtl. In diese Kategorie fallen alle Akte. Können Sie mir sagen. Trotz der imperativischen Form handelt es sich bei Beispiel (4c) also um einen informativen. die der Sprecher mit ihr verfolgt. besteht nicht notwendigerweise ein unmittelbarer Zusammenhang. Mark: Hey. (4) a. was er weiß. bzw. b. zum Beispiel darüber. wie ich zum Bahnhof komme? c. b. Informative Sprechakte können in vielfältiger Form auftreten: nicht nur als Aussagesatz (4a). aber das nächste Mal fahre ich dann wieder – versprochen! Marks Äußerung besteht aus zwei obligativen Sprechakten. Ich bin hier völlig fremd und kenne mich überhaupt nicht aus. auf die wir im folgenden Abschnitt näher eingehen wollen.1. Zwischen der grammatischen Form einer Äußerung und der Absicht. seinem Hörer Informationen darüber zu vermitteln. Deshalb wird er viel eher eine Äußerung wie Können Sie mir sagen. gar nicht geben kann. beabsichtigt er keineswegs. gibt er sie – wenn er das für angemessen hält – an den Sprecher weiter. Nehmen wir etwa die folgende Situation: Mark und Peter wollen von einer Party nach Hause fahren. bis zur nächsten Ampel.2 Eine „kognitiv orientierte“ Typologie der Sprechakte Beginnen wir mit den informativen Sprechakten. Mit dem ersten Sprechakt beabsichtigt er. mit denen der Sprecher diese Informationen vom Hörer erfragen will. und b) das Auto selbst fahren. denkt. sondern interpretiert sie als Informationsgesuch. gib mir die Schlüssel! Ich fahre. nicht um einen obligativen Sprechakt. Obwohl er Imperative verwendet. nämlich a) einem direktiven und b) einem kommissiven Akt. glaubt oder fühlt. ob der Adressat überhaupt über die gewünschte Information verfügt. obligative und konstitutive Sprechakte. In unserem Beispiel gibt er dem Hörer die gewünschte Information in Form einer Art Anleitung. Der Hörer beantwortet diese Entscheidungsfrage typischerweise nicht mit ja. Er will a) dass Peter ihm die Schlüssel gibt. Mark hat nicht so viel getrunken wie Peter und sagt: (5) a. Gehen Sie die erste Straße links. mit denen ein Sprecher beabsichtigt. Peter: (gibt ihm die Schlüssel): Okay. dann wieder rechts. 7. wo der Bahnhof ist? machen. den Hörer zu irgendetwas zu verpflichten. Obligative Sprechakte unterscheiden sich von informativen Akten sowohl in der Motivation des Sprechers als auch in den Konsequenzen. sondern gleichzeitig mit seiner Bitte um Information überprüfen.PRAGMATIK 167 Insgesamt gesehen gibt es also drei Oberkategorien: informative. Wenn er über die gewünschte Information verfügt. .

Man kann auch jemandem nur dann zum Geburtstag gratulieren. wie sie mit so genannten Geglücktheitsbedingungen. vorausgesetzt. äußert und damit einen juristischen Akt vollzieht. so etwa wenn ein Richter die Worte Im Namen des Volkes ergeht folgendes Urteil. und Bitten. eines gemein ist: mit ihnen legt der Sprecher sich selbst bzw. In den folgenden Abschnitten wollen wir uns die drei Hauptsprechakttypen Konstitutiva. nämlich indem eine bestimmte Person in einer für den Sprechakt angemessenen Situation zur rechten Zeit die rechten Worte äußert. dass etwas der Fall ist“: nach der Äußerung der Worte hat das Schiff den Namen Gorch Fock bzw.. Konstitutive Sprechakte werden in der Regel durch ritualisierte. dass Peter ihm die Autoschlüssel gibt. wenn er tatsächlich Geburtstag hat. wenn dieser etwas für einen selbst getan hat bzw. dass er das nächste Mal selber fahren wird. formelhafte Äußerungen realisiert. um dann zu versprechen. Zweitens muss die für den jeweiligen Akt angemessene sprachliche Form verwendet werden. dies zu tun.B. Wir werden insbesondere darauf eingehen. Informativa und Obligativa genauer ansehen. Diese Kriterien treffen sowohl auf (2e) Hiermit taufe ich dieses Schiff auf den Namen Gorch Fock als auch auf (3e) Die Sitzung ist geschlossen zu. Diese Geglücktheitsbedingungen sind: die Sprechakte müssen erstens unter den für sie angemessenen Umständen vollzogen werden. nämlich indem er Peter das Angebot macht. Bei beiden Äußerungen handelt es sich um deklarative Sprechakte.. haben auch diese Sprechakte einen Aspekt. Ähnliches gilt für Peters Äußerungen: zunächst kommt er Peters Bitte um die Schlüssel nach. Wir können also festhalten. das Fahren zu übernehmen. damit sie als geglückt gelten können. damit das Urteil als verkündet gilt und dann auch rechtskräftig werden kann. Diese Absicht begründet er auch. 3e) natürlich berechtigt ist. der es zulässt. wie z. Nur eine Person des öffentlichen Lebens kann ein Schiff taufen. und nur der Vorsitzende einer Sitzung kann am Ende der Sitzung. Der Richter muss exakt die ritualisierte Form zum angemessenen Zeitpunkt des Verfahrens verwenden. Die Kriterien für die Oberkategorie der konstitutiven Sprechakte treffen aber in gleichem Maße auf die expressiven Akte in (2d) Danke. Geburtstag zu. wenn nichts mehr auf der Tagesordnung steht. die wir als eine Untergruppe konstitutiver Sprechakte definiert hatten. seiner Bitte nachzukommen. kurz zuvor versprochen hat. Insbesondere bei diesen Sprechakttypen müssen sehr genaue Bedingungen erfüllt sein. Obwohl Searles Unterscheidung zwischen expressiven (2d. seinen Hörer auf eine zukünftige Handlung fest. 3d) und deklarativen Akten (2e. Mit diesem Angebot verpflichtet sich Mark zu fahren. den Sprechakt in (3e) vollziehen und damit die Sitzung offiziell schließen.168 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT Peter dazu zu bewegen. Versprechen. Konstitutive Sprechakte schaffen soziale Realität. . Sie können aber nur unter ganz bestimmten sozialen Bedingungen ausgeführt werden. Eine offiziell anerkannte Person „erklärt. dass allen obligativen Sprechakten. sie in eine gemeinsame Oberkategorie einzuordnen. Man kann jemandem nämlich nur wirklich danken. Anbieten. ist die Sitzung geschlossen. Kooperationsprinzipien und Imagestrategien zusammenhängen. das ist wirklich sehr nett von dir und (3d) Herzlichen Glückwunsch zum 20.

Schlaf gut. Hi. Meine Damen und Herren.k. In allen Kulturen gibt es eine große Zahl von ritualisierten Handlungen. wie in Tschö!. Hallo. oder auch als sprachliche Begleitung non-verbaler Handlungen wie einem Händedruck (6b). verkünden. Entschuldigen usw. Dank dir. Gut gemacht!. Eine ritualisierte Handlung wie Begrüßen können wir entweder allein mit einer Äußerung vollziehen (6a) Ich begrüße Sie herzlich. eine Zeugenaussage machen. [A und B geben sich die Hand] Tag! a. Tschö. Wiedersehen. Am anderen Ende auf dem Kontinuum zwischen formellen und informellen Sprechaktsituationen stehen solche konstitutiven Sprechakte. (6) (7) a. einen Urteilsspruch verkünden. Bei einer standesamtlichen Trauung muss der Standesbeamte sowohl an die Braut als auch an den Bräutigam eine Frage wie in (8a) richten. einen sportlichen Wettkampf leiten. der offiziell die Ausführung dieser Akte übertragen wurde: z. eine Taufe oder Eheschließung vollziehen. Bis dann c. Trösten. Tut mir Leid. ich begrüße Sie herzlich. so wie erklären. Auf Wiedersehen. toi. Mach’s gut. Oft wird ein besonderes. Dies fällt umso mehr auf. Krieg erklären usw. Hi b. Zudem müssen konstitutive Akte zu einem bestimmten Zeitpunkt innerhalb eines besonderen Rituals ausgeführt werden. Danke. Auf Wiedersehen. die in hohem Maße formell sind und einen institutionellen Kontext sowie eine Person erfordern. sind expressive Sprechakte. usw. Gratulieren. Das Verb kann nur in der 1. Guten Tag. Nur wenn beide mit Ja antwor- .. Prost!. Die Äußerungen können je nach Ereignis vertraut. offizielle Entscheidungen bekannt geben. toi etc. Tschüß.. Auch einfache routinemäßige Äußerungen (7) wie Hi. Sie konstituieren eine soziale Beziehung bzw. bekannt geben. denn das gegenwärtige Aussprechen und das Handeln fallen bei konstitutiven Akten ja zusammen. Prost. Schlaf gut. Bis dann.1 Unterkategorien Expressiva und Deklarativa konstitutiver Sprechakte: Von den drei Hauptsprechaktkategorien umfasst die Gruppe der konstitutiven Sprechakte wahrscheinlich die meisten Einzelsprechakte. einer Gerichtsverhandlung vorsitzen. Glückwunsch. Bedanken. einordnen.. wenig formell bis in hohem Grade formell sein.PRAGMATIK 169 7. wenn man jemanden nicht grüßt – die soziale Beziehung wird dann verweigert und kommt erst gar nicht zustande. einen Kontakt. auf.B. Komplimente machen. Institutionalisierte konstitutive Akte zeichnen sich durch einen sehr formellen Stil aus. das die Art des Sprechaktes explizit bezeichnet.2. Gut gemacht In die Kategorie der Expressiva lassen sich die routinemäßig ausgeführten Akte Begrüßen. performatives Verb verwendet. Tschüß. Mach’s gut. jemanden vereidigen. Hallo.2 Konstitutive Sprechakte und Geglücktheitsbedingungen 7. Beamte ernennen. Danke. Toi. Person Singular Indikativ Aktiv Präsens stehen.. Verabschieden. O. Diese informellen ritualisierten Akte treten oft in abgekürzter Form auf. b. Guten Tag.

In (9) besteht das Urteil des Richters aus zwei deklarativen Akten: zunächst wird die Schuld des Angeklagten festgestellt. Wer sich im Vergleich zum Sprecher in einer niederen sozialen Position befindet. Geglücktheitsbedingungen kommen am stärksten bei deklarativen und expressiven Akten zum Tragen. Für alle drei Hauptsprechakttypen gelten bestimmte Geglücktheitsbedingungen. erkläre ich Sie kraft Gesetzes für rechtmäßig verbundene Eheleute.170 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT ten. Frau Y. um die konstitutive Absicht explizit wirksam werden zu lassen. Standesbeamter: Nachdem Sie sich nun beide vor den hier anwesenden Zeugen das Jawort gegeben haben. wollen Sie mit dem hier anwesenden Herrn X die Ehe eingehen. Bei einem obligativen Sprechakt. Bei Beispiel (10b) handelt es sich nicht um einen deklarativen. (9) (10) a. Herr X. In Satz (10a) wird das Verb taufen verwendet. dass die Ausführung eines Sprechaktes durch einen Sprecher an bestimmte Bedingungen und Umstände geknüpft ist. diese Anweisungen geben zu können. Bei einem informativen Sprechakt muss der Sprecher selbst über die notwendigen Informationen verfügen. Er wird zu einer Geldstrafe in Höhe von 30 Tagessätzen zu 25 Euro verurteilt. Herr X: Ja. so antworten Sie mit ‚ja‘. 7. Standesbeamter: Ich frage Sie. In (10b) dient taufen hingegen zur Beschreibung eines Ereignisses. muss der Sprecher auch in einer sozialen Position sein.2. damit er als geglückt gelten kann. so antworten Sie mit ‚ja‘. Performative Verben wie taufen können also auf unterschiedliche Art und Weise verwendet werden. dass für einen institutionalisierten Akt wie ein Brautpaar trauen exakt festgelegte Bedingungen vollständig erfüllt sein müssen. wollen Sie mit der hier anwesenden Frau Y die Ehe eingehen. in diesem Fall wird mit der Verwendung des Verbs taufen keine soziale Realität gestiftet. Wenn nur eine einzige Bedingung . Dann folgt die Strafzumessung. sondern um einen assertiven Sprechakt. (8a) zeigt. Der Pfarrer taufte das Kind auf den Namen Maria. Richter: Im Namen des Volkes ergeht folgendes Urteil: der Angeklagte ist schuldig. unter denen ein Akt als geglückt gelten kann.2 Geglücktheitsbedingungen Wir haben in diesem Kapitel bereits mehrfach gesehen. Standesbeamter: Ich frage Sie. b. b. wie etwa ein Angestellter gegenüber seinem Arbeitgeber. mit dem jemand über die Taufe berichtet. wird anschließend das Ritual mit einem konstitutiven Sprechakt als vollzogen bestätigt (8b): (8) a. beispielsweise Anweisungen geben. kann seinem Gegenüber kaum Anweisungen geben. Pfarrer: Ich taufe dich auf den Namen Maria. Frau Y: Ja.

Trotz seiner guten kommunikativen Absichten hat der Mann seiner Frau mit dieser Äußerung nicht gratuliert. den Sprechakt Gratulieren auszuführen. Ist dies nicht der Fall. Oder nehmen wir das Beispiel Gratulieren: wir können nur dann jemandem zum Geburtstag. einem Botschafter oder Attaché geschlossen wird. zur Hochzeit. hat diese Heirat keinen offiziellen Status. wenn wir a) den Sprechakt Gratulieren an ihn/sie und an keine andere Person richten. Für alle konstitutiven Sprechakttypen gilt eine einfache Regel: der Sprechakt muss zur rechten Zeit und am rechten Ort an die richtige Person gerichtet werden. du Trottel. Ist eine dieser notwendigen Bedingungen nicht erfüllt. zu dem wir gratulieren wollen. können wir nicht von einer geglückten Gratulation sprechen. als nicht geglückt anzusehen: (11) A: Mann: Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag! B: Frau: Ist doch erst nächsten Monat. mit diesen Worten wurde allerdings nicht gehandelt. so wurden zwar die für das Ritual angemessenen Worte geäußert. einem Standesbeamten. Fassen wir diesen Abschnitt noch einmal zusammen. und c) wenn das Ereignis. zur Beförderung gratulieren. Sowohl das Äußern der Worte als auch das Handeln durch diese Worte sind nur dann im Sinne der Absicht des Sprechers gelungen. so ist der Versuch. b) den Akt zum rechten Zeitpunkt ausführen. Obwohl die dazu notwendigen Worte geäußert wurden. wenn die für diesen Sprechakt geltenden Geglücktheitsbedingungen erfüllt sind. und der Sprechakt ist als nicht geglückt anzusehen. auch tatsächlich stattgefunden hat bzw.h. Wenn eine Ehe nicht von einer offiziell mit dieser Aufgabe betrauten Person. Bei informativen und obligativen Akten werden neben den Geglücktheitsbedingungen noch weitere Aspekte bedeutsam. kann zum Beispiel der Akt ein Urteil verkünden juristisch angefochten und schließlich für nichtig erklärt werden. . Dies ist auch der Fall. d. stattfindet (so etwa bei einem Geburtstag). denn die Geglücktheitsbedingungen für den expressiven Akt Gratulieren waren nicht erfüllt. da er nicht korrekt ausgeführt wurde. wenn Braut und Bräutigam den durch die Gesellschaft für diesen Akt festgelegten Bedingungen nicht entsprechen: Eheschließungen zwischen gleichgeschlechtlichen Partnern entsprechen nicht den gesetzlich festgeschriebenen Konventionen für dieses Ritual und werden aus diesem Grunde auch nicht gesellschaftlich anerkannt.PRAGMATIK 171 nicht erfüllt wurde. auf die in den nächsten Abschnitten näher eingegangen wird.

aber überlegt. in den Park zu gehen. eine stillschweigende Voraussetzung). Wenn zum Beispiel deutsche Fernsehzuschauer folgende Äußerung über eine Bundestagswahl hören. Menschen. die einen Teilbereich der konventionellen Präsuppositionen ausmachen. um einen Sinn sehen zu können: (13) Stahlarbeiter: In unserem Stadtteil wählen alle SPD. aber nicht immer an den gleichen Ort geht. in dem z. Wo geht’s denn heute mit den Kindern hin? b. wichtige Personen der Öffentlichkeit. Dieses geteilte Wissen wird z. sondern aufgrund des auf Konvention beruhenden Bedeutungsanteils der sprachlichen Äußerung deutlich sind und deswegen vorausgesetzt werden können. (12) a. Beide teilen deswegen einen gemeinsamen Erfahrungshintergrund. folgende Informationen bekannt sind: es handelt sich um eine Gesellschaft mit Mehrparteiensystem. denn eine solche Frage setzt bereits voraus. Diese Äußerung wird vor einem kulturellen Hintergrund interpretiert. usw. die nur in der gerade stattfindenden Konversation möglich ist. dass Peter mit den Kindern zwar regelmäßig nach draußen. dass ihr Partner ihre Äußerungen vor diesem gemeinsamen Hintergrund interpretieren wird. Susanne: Hallo. in der regelmäßig Wahlen stattfinden und in der man das .B. dass der jeweils andere über ein bestimmtes Weltwissen verfügt: etwa dass es in ihrem Wohnviertel einen Park gibt. So machen wir zum Beispiel Präsuppositionen über bestimmte Orte. In alltäglichen Interaktionen sind viele solcher konventioneller Präsuppositionen enthalten. so spricht man von einer konversationellen Präsupposition. in den man mit seinen Kindern zum Spielen gehen kann. teilen viele kulturelle Präsuppositionen. Peter hat sich noch nicht genau entschieden. geschichtliche Ereignisse. In einem Gespräch können sie also voraussetzen.3. die nicht an eine bestimmte Konversation gebunden. Susanne weiß. die sich zwar nicht persönlich kennen.172 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT 7. sie haben sich schon einmal getroffen und miteinander gesprochen. nationale Institutionen. aber derselben nationalen oder kulturellen Gemeinschaft angehören.B.h. so verfügen sie bereits über genügend Informationen. durch die Verwendung von bestimmten Artikeln angezeigt. Dort spielen sie ja am liebsten! Bei einer solchen Interaktion kennen sich die Interaktionspartner. Es handelt sich um eine Präsupposition (d.1 Konversationelle und konventionelle Präsuppositionen Einem uns wildfremden Menschen würden wir nie eine Frage wie (12a) stellen. dass die Interagierenden eine Menge übereinander wissen.3 Informative Sprechakte und kooperative Interaktion 7. Wenn solches Wissen als gegeben vorausgesetzt wird. wohin er mit den Kindern gehen wird. Susanne und Peter setzen außerdem voraus. Peter: Mal sehen – vielleicht in den Park. es ist teilweise aus der Satzbedeutung ablesbar und wird als konventionelle Präsupposition bezeichnet. Wahlen.

Die Maximen in (14) sind imperativisch formuliert – dies soll allerdings nicht bedeuten. deinen Beitrag so zu machen. dass dieser sie verstehen wird. 7. QUALITÄT: Versuche. sondern „alle Wahlberechtigte. Es bedeutet vielmehr. dass mit der kurzen Äußerung in (13) so viele Informationen impliziert. dass die Teilnehmer an sprachlichen Interaktionen sich an einer Reihe von „stummen“ Regeln oder auch Prinzipien orientieren. dass wir in Interaktionen eine ganze Reihe von Präsuppositionen machen. wenn man weiß. . dass er wahr ist.PRAGMATIK 173 mögliche Wahlverhalten seiner Nachbarn einschätzen kann. 1. die wir auf kulturelles Hintergrundwissen gründen. Wenn unser Stahlarbeiter Satz (13) als deutscher Tourist in China gegenüber einem Chinesen äußert. Die übergeordnete Kooperationsmaxime umfasst vier Teilmaximen (auch Konversationsmaximen genannt) die nach Grice einer jeden rationalen sprachlichen Interaktion zugrunde liegen : a. so ist schon recht erstaunlich. Der Sprachphilosoph Grice (1979:248-50) formulierte für menschliche Kommunikation das folgende übergeordnete Kooperationsprinzip: (14) Mache deinen Gesprächsbeitrag jeweils so. an dem du teilnimmst. dass überhaupt jemand diese Äußerung angemessen interpretieren und verstehen kann. die man als Konversationsmaximen bezeichnet. das wir mit unseren Interaktionspartnern in derselben oder einer ähnlichen kulturellen Gemeinschaft teilen. wie es von dem akzeptierten Zweck oder der akzeptierten Richtung des Gesprächs. Sage nichts. zur Wahl zu gehen“ gemeint ist – und dass keiner wählen muss und einige Wahlberechtigte aus dieser Straße auch eventuell gar nicht zur Wahl gehen. Doch die Verständigung kann in diesem wie in noch vielen anderen Fällen dennoch gelingen – denn wir setzen voraus. b. Sage nichts. 2. die sich entscheiden. so viel als dem Hörer bekannt vorausgesetzt und so vieles nicht ganz wörtlich genommen wird. was du für falsch hältst. dass die Sprecher sich stets so verhalten müssen. QUANTITÄT: 1. Dieselbe Äußerung würde in einem anderen Kontext sicher zu einer ganzen Reihe von Missverständnissen führen. Mache deinen Beitrag nicht informativer als nötig. den er auf seiner Reise getroffen hat.3. welcher gesellschaftlichen Gruppe sie zugeordnet werden können. Mache deinen Beitrag so informativ wie (für die gegebenen Gesprächs zwecke) nötig. kann er sicherlich nicht annehmen. dass es sich um von den Interagierenden verinnerlichte Annahmen über kooperative sprachliche Interaktion handelt. Beispiel (13) zeigt deutlich.2 Das Kooperationsprinzip und die Konversationsmaximen Wenn man bedenkt. Eventuell wird der Chinese ja nicht wissen. dass mit alle nicht wirklich „alle“ im wörtlichen Sinne. gerade verlangt wird. wofür dir angemessene Gründe fehlen. 2.

dass der Fragende sie selbst erschließen kann. obwohl dies ja nicht der Fall ist. Betrachten wir ein Beispiel: es ist Sonntag. und mit (15a) antwortet. als würde er über die gewünschte Information verfügen. dass Bayern München gewonnen hat. Dieser antwortet mit einer der folgenden Äußerungen: (15) a. Nur auf den ersten Blick scheint daher (17b) als Antwort auf die Frage in (17a) nicht sonderlich relevant zu sein: . Allerdings kann man auch nicht sagen. wer das Fußballspiel gewonnen hat? Nehmen wir an. b. unser Kommunikationspartner weiß das Ergebnis des Spiels nicht und antwortet mit einer der folgenden Äußerungen: (16) a Keine Ahnung. Der Reihe nach! Die Maxime der Quantität betrifft den Umfang der Information: ein Teilnehmer soll seinen Beitrag so gestalten. dass er lügt – er behauptet lediglich. bei dem sie nicht beachtet wird. 2. dass etwas der Fall ist (was ja durchaus zutreffen mag). Mit der ersten Äußerung ist unser Partner „wahrhaftig“: er sagt. Die Maxime der Relevanz lässt sich am besten an einem Beispiel zeigen. Bei der zweiten Antwort ist unser Partner ebenfalls wahrhaftig. und er fragt einen Passanten nach der nächsten Tankstelle. 3. für das er überhaupt keine Anhaltspunkte hat. aber dass es gute Gründe dafür gibt anzunehmen. aber auch nicht zu wenig. Vermeide Mehrdeutigkeit. Gleich um die Ecke ist eine Tankstelle. Die Maxime der Qualität kommt in folgendem Beispiel zum Tragen: Weißt du. dass er nicht über die gewünschte Information verfügt. antworten wir oft nicht direkt. aber die ist an Sonntagen zu. 4. denn er deutet ja indirekt an. Sei kurz (Vermeide unnötige Weitschweifigkeit). dass er die Antwort nicht kennt. Wenn der Passant weiß. denn er stellt es so dar. Wenn wir nach einer bestimmten Information gefragt werden. dass er mit ihm zum gegenwärtigen Zweck die notwendige Menge an Informationen gibt – nicht zu viel. Gleich um die Ecke ist eine Tankstelle. b. RELEVANZ: Sei relevant. Mit Antwort (15b) wird die Maxime hingegen vollständig beachtet. MODALITÄT: Sei klar. Bis zur nächsten sind es fünf Kilometer. d. Bayern München. Vermeide Dunkelheit des Ausdrucks.174 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT c. dann gibt er zu wenig Informationen und verletzt damit die Maxime der Quantität. einem Autofahrer ist das Benzin ausgegangen. Im Falle von (16c) ist er nicht wahrhaftig. dass die Tankstelle sonntags geschlossen ist. weil wir die Antwort vielleicht nicht kennen oder annehmen. 1. c. Bestimmt die Bayern.

„Ruhm und Ehre für dich. dass es bedeuten soll – nicht mehr. Ich meinte. was du damit meinst. bei der die Partner nicht kooperativ handeln: die Unterhaltung ist weder klar und deutlich (d1). und ebenso wie eine siegreiche Schlacht in einem Krieg dem Gewinner Ruhm und Ehre bringen kann. die neuesten Nachrichten über Wahlergebnisse enthalten. c. dass Zeitungen z. Würde sie diese Missachtung aber kooperativ deuten. Sie ist zwar kurz (d3) und geordnet (d4). ‚Wieder ein schlagkräftiges Argument von dir!‘“ e.“ sagte Alice. Anne interpretiert Christians Äußerung unter der Annahme. d. deutet dies aber nicht kooperativ und schließt damit den metaphorischen Gebrauch von Sprache als Interpretationsstrategie aus. Sie weiß außerdem. dass Christian kooperativ handelt und seine Antwort sich in relevanter Weise auf ihre Frage bezieht. wandte Alice ein. noch ist sie eindeutig (d2). bei dem sie nicht in allen Teilen beachtet wird. (18) a. so käme sie in umgekehrter Interpretationsrichtung zu einem sinnvollen Ergebnis: ein schlag- . aber auch nicht weniger!“ Dieses Gespräch ist allerdings nur dann undurchsichtig. „Ich weiß nicht. „Aber ‚Ruhm und Ehre‘ bedeutet doch nicht ‚ein schlagkräftiges Argument‘“. f. wenn man sich wie Alice nur auf die enge wörtliche Bedeutung beschränkt. Der folgende Ausschnitt aus Lewis Carrolls Alice hinter den Spiegeln könnte oberflächlich betrachtet ein Beispiel für Konversation sein. dass die Zeitung auf dem Tisch wahrscheinlich die Antwort auf ihre Frage enthalten wird. aber im Grunde überflüssig.“ (sagte Humpty Dumpty. Vor dem Hintergrund der konzeptuellen Metapher ARGUMENTIEREN IST KRIEG kann ein gutes Argument für den Gegner in einer Argumentation einen schweren Schlag bedeuten.“ sagte Humpty Dumpty in einem ziemlich höhnischen Tonfall. „Wenn ich ein Wort gebrauche. Alice nimmt Humpty Dumptys Äußerung nur wörtlich.) b. Humpty Dumpty lächelte verschmitzt: „Natürlich weißt du es nicht – nicht bis ich es dir sage. Zwischen Annes Frage und Christians Antwort scheint es keinen Zusammenhang zu geben. dass er mit dieser Äußerung die Maximen d1-d4 missachtet. „dann bedeutet es genau das. Alice schließt konzeptuelle Metaphern als Bestandteil kooperativer Strategien aus.B. Auch die Maxime der Modalität lässt sich am besten an einem Beispiel demonstrieren. weil Alice sich nicht auf metaphorische Bedeutungen verlassen möchte. Anne: Hat Schröder die Wahl gewonnen? b. was ich will. So gesehen ist ihr Einwand ja nicht völlig unberechtigt: Ruhm und Ehre bedeutet streng wörtlich genommen tatsächlich nicht „ein schlagkräftiges Argument“. so kann ein gut geführtes Argument dem Gewinner des Wortgefechtes Ruhm und Ehre einbringen. dass Sprecher in der Regel kooperativ handeln – auch wenn es auf den ersten Blick nicht immer offensichtlich ist – so ergibt sich folgende Situation.PRAGMATIK 175 (17) a. Doch wenn man mit Grice annimmt. Christian meint also mit seiner Äußerung. Christian: Die Zeitung liegt auf dem Küchentisch. Sie erkennt zwar. Humpty Dumpty meint. dass Alice sich durch ein sehr gutes Argument Ruhm und Ehre verdient hat.

indem sie die Argumentation für sich entscheidet. Durch Metaphern und Metonymien werden auf diese Weise Bedeutungsebenen erreicht. wie wir Äußerungen interpretieren und verstehen können. In ihren konkreten Ausprägungen ist beispielsweise die Modalitätsmaxime in hohem Maße kulturspezifisch – in jeder Kultur bestehen unterschiedliche Normen und Interpretationen dieser Maxime. Stellt man die Gricesche Maxime der Modalität in einen Zusammenhang mit kognitiven Prinzipien wie der Tatsache. die auf alle Sprachen und Kulturen zutreffen und damit universellen Charakter haben. die nicht allzu wörtlich genommen werden sollen. Zu den in Kapitel 6 vorgestellten semantischen Primitiva kommen also mit den Griceschen Maximen auch einige grundlegende Aspekte von Kommunikation hinzu. dass die übrigen drei Griceschen Maximen weniger wichtig wären. so kann die Missachtung der Modalitätsmaxime auf den Gebrauch von Sprache im übertragenen Sinn hinweisen. die allein mit rein wörtlichen Bedeutungen nicht zugänglich wären. In diesem Sinne verwenden wir tagtäglich ganze Netzwerke von konzeptuellen Metaphern. Das Gegenteil ist der Fall: sie zählen höchstwahrscheinlich zu den wenigen Strategien. Ohne diese Annahme würde Konversation nicht funktionieren: würden die Sprecher nach dem Zufallsprinzip wahre oder falsche Aussagen über die Wirklichkeit machen. wann es sich im wörtlichen Sinne um wahre Aussagen und bei welchen es sich um Aussagen handelt. er aber annehmen kann. mit Metaphern und Metonymien verwenden.3. . ohne den Hörern Hinweise darauf zu liefern. wie sie auch wissen (wie es die Maxime der Quantität nahe legt)? Diese Fragen lassen sich klar verneinen – und die Gründe dafür liegen auf der Hand. unklar oder doppeldeutig erscheinen. Das allgemeine Kooperationsprinzip wird dabei als universales Prinzip um viele kulturspezifische Maximen ergänzt. Wenn die Sprecher ihre kommunikativen Absichten immer klar und deutlich formulieren würden. dass sie die ganze Wahrheit sagen? Oder dass sie immer genau so viel sagen. das er gar nicht benötigt und wodurch er sich auf die eine oder andere Weise sogar beleidigt fühlen könnte. dass sie wahre Äußerungen machen. d.h. so zeigt sich. die auf den ersten Blick undurchsichtig. die als interaktionale Universalien gelten können. Es handelt sich um eine Verschmelzung von zwei konzeptuellen Metaphern: ARGUMENTIEREN IST KRIEG und EINEN KRIEG. Doch wird von Sprechern auch immer erwartet. allerdings könnte das für diesen auch ein Zuviel an Informationen bedeuten.176 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT kräftiges Argument mag ihr tatsächlich Ruhm und Ehre einbringen. EINE ARGUMENTATION GEWINNEN IST EHRE. so würden sie damit vielleicht beim Hörer ein besseres Verständnis dieser Absichten erreichen. 7. so würde der Kommunikationsprozess zusammenbrechen. Wenn eine Äußerung wörtlich genommen für den Hörer keinen Sinn ergibt. dass der Sprecher grundsätzlich kooperativ handelt. dass wir ständig Sprache im übertragenen Sinne.3 Konversationelle und konventionelle Implikaturen Nach der zweiten Griceschen Konversationsmaxime der Qualität wird von kooperativen Sprechern erwartet. Dies soll aber nicht heißen.

müssen sie normalerweise immer geschlossen sein.B. Nach Grice werden insbesondere diese Äußerungen. Sie kann aber immer außer . (Du weißt doch:) Der Kühlschrank muss immer zu sein. Ein klassisches Beispiel für implizite kommunikative Absichten sind Beschwerden in Familienkommunikation (19): (19) (Mutter zu ihrem Kind): a. ein Zuviel an Informationen zu liefern und evtl. Franks Missachtung der Maxime ist aber nicht etwa Ausdruck eines einfachen Missverständnisses. diesen zu ändern und die Tür zu schließen. Da dies hier offenbar nicht der Fall ist. Obwohl (19a) in Form eines Aussagesatzes geäußert wird. Frank: Komm schon. So versteht er in (19a) mehr. Qualität. Gelegentlich scheinen Äußerungen ohne jede Relevanz zu sein. Der Hörer interpretiert eine solche Äußerung wieder unter der Annahme.PRAGMATIK 177 Die Interagierenden vermeiden es deshalb. Du hast den Kühlschrank aufgelassen! b. Frank wechselt abrupt das Thema und missachtet damit eindeutig die Maxime der Relevanz. von denen zwei besonders wichtig sind: konversationelle und konventionelle Implikaturen. Mathilda: Gefällt Dir meine neue Frisur? b. handelt es sich nicht um die bloße Beschreibung eines Zustandes. Werden vor dem Hintergrund der Maximen bestimmte Bedeutungen impliziert. Mach den Kühlschrank zu. in welchem Maße die Informationen und kommunikativen Absichten in einem Gespräch impliziter Natur sind. Dieser muss für sich selbst erschließen. unter Bezug auf das Kooperationsprinzip im Gespräch als sinnvoll interpretiert: (20) a. implizieren. dass diese für Mathilda verletzend sein könnte. wir kommen sonst zu spät. Diese Beschreibung eines Teilaspektes (offener Kühlschrank) ist in metonymischer Weise mit einer Gesamtsituation verknüpft. Dies trifft auch auf (19c) zu. dass eine Missachtung der Griceschen Maximen (Quantität. mit der diese Maximen eingehalten würde. Relevanz und Modalität) in kooperativer Weise bedeutsam ist. Es gibt verschiedene Arten von Implikaturen. mit denen ganz offensichtlich alle Maximen missachtet werden. sondern führt Mathilda unter der Annahme. Eine konversationelle Implikatur ist an die aktuelle Konversation und Sprechsituation gebunden und muss aus dem Kontext der Konversation geschlossen werden (Beispiele 17 –19). Eine Antwort auf Mathildas Frage. Frank vermeidet eine relevante Antwort auf ihre Frage und könnte damit z. c. dass er diesen Zustand durch die Handlung des Schließens herbeiführen soll. müsste eigentlich Ja oder Nein lauten. so haben wir es mit Implikaturen zu tun. zu einer entsprechenden Interpretation. den jeweiligen Hörer zu langweilen oder in seiner Kompetenz zu unterschätzen etc. sondern um die implizite Bitte. als mit dieser Äußerung ausdrücklich gesagt wird. Nur (19b) ist eine explizite Aufforderung. soll der Hörer „mitverstehen“. Damit Kühlschränke die Temperatur halten können. die Sprecher wie Hörer bekannt ist. dass Frank kooperativ handelt.

was Peter gemeint haben könnte. Die Annahme. und diese Implikatur wird durch einen mit aber eingeleiteten Satz widerrufen. dass jemand Makler von Beruf und gleichzeitig ehrlich sein kann: die auf den Gedankenstrich folgende Widerrufung steht im Widerspruch zu der vorangegangenen Aussage. aber ehrlich – und damit meine ich nicht. mit der eine Korrektur ausgedrückt wird. sondern in Äußerungen immer die Möglichkeit gegeben. sondern ein Tennisschläger! Peter gebraucht die kontrastive Konstruktion nicht–A–sondern–B. Die unterschiedliche Kontextabhängigkeit wird aus den folgenden Beispielen deutlich: (21) Die chinesische Flagge ist rot. In (21) liegt eine konversationelle Implikatur vor (nämlich dass die Flagge ganz rot ist). wird Karl versuchen. denn nach der stereotypen Vorstellung besteht ein Widerspruch dazwischen. gleichzeitig Makler und ehrlich zu sein. Die in Beispiel (17) erwähnte Zeitung muss nicht unbedingt das Wahlergebnis enthalten. Nun weiß Peter sehr wohl. Eine konventionelle Implikatur ist an die verwendeten sprachlichen Ausdrücke gebunden. aus dem hervorginge. Sie beruht bereits auf der konventionellen Bedeutung und ist deshalb nicht widerrufbar. Mitten im Spiel sagt Peter zu Karl: (23) Mensch! Das ist kein Teelöffel. er .178 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT Kraft gesetzt werden. Für die Nichtwiderrufbarkeit einer konventionellen Implikatur nennt Grice unter Anderem die kontrastierenden Konjunktion aber bzw. sondern als Beispiel. dass niemand annimmt. Laut Grice ist durch die Verwendung der kontrastierenden Konjunktion aber bzw. dass Peter mit dieser Äußerung die Qualitätsmaxime missachtet. In Beispiel (21) kann mit aber die Implikatur des Hauptsatzes widerrufen werden (dass die Flagge völlig rot ist) – die Aussage des Hauptsatzes wird modifiziert. aber nicht ganz rot. eine Implikatur zu widerrufen. mit Bezug auf die Gesprächssituation herauszufinden. Nun zu einem Beispiel. Peter und Karl spielen Tennis. weshalb die Implikatur. dass es irgendeinen Widerspruch dazwischen gäbe. dass Peter sich prinzipiell kooperativ verhält. Angenommen.h. als ob er das falsche Instrument zur Verfügung hätte (was ja nicht der Fall ist). dass das Ergebnis in der Zeitung steht. (22) ?Peter ist Makler. bei dem die mit aber eng verwandte Konjunktion sondern für eine konversationelle Implikatur eine Rolle spielt. Als Resultat erscheinen die Aussagen in dieser Kombination als ziemlich fragwürdig (angedeutet durch das vorangestellte Fragezeichen). Die nächstliegende Interpretation ist. als ob er einen Teelöffel in seiner Hand gehalten hätte. d. Es besteht also eigentlich kein Anlass für diese Korrektur: Karl erkennt. Unter der Annahme. dass Karl mit dem Tennisschläger so gespielt hat. In Beispiel (22) kann die Implikatur nicht widerrufen werden. dass Karl gedacht haben könnte. ob Schröder gewonnen hat – die Ausgabe kann ja durchaus vor Bekanntgabe des offiziellen Wahlergebnisses erschienen sein. dass Karl einen Teelöffel in der Hand hält. widerrufbar ist.

Auch wenn das interpersonelle Prinzip der Höflichkeit sowohl auf den Bereich der informativen als auch den Bereich der obligativen Sprechakte zutrifft. die für den Hörer nicht ersichtlich sind. wenn jemand vergessen hat.4 Obligative Sprechakte und Imagestrategien Aus den Ausführungen im vorigen Abschnitt lässt sich also schließen. Die Anweisung in (24a) wäre nur dann akzeptabel. dass seine Äußerungen wahr sind. weil die Maximen eingehalten worden wären. dass etwa der Sprecher den Hörer hinters Licht führen wollte. den Hörer zu einer zukünftigen Handlung zu verpflichten (direktive Sprechakte). obwohl dies nicht der Fall ist. Die Maximen werden ganz offen und damit für den Hörer offensichtlich missachtet. ist so absurd. so dass der Sprecher ihn glauben machen kann. obwohl es auch bei konstitutiven und informativen Sprechakten gilt.h. durch die man versucht. dass Kooperation in informativen Sprechakten hauptsächlich auf das Prinzip der Relevanz (Sei relevant) gestützt ist. Aus diesem Grunde kann die Relevanzmaxime als wichtigste Maxime angesehen werden. In allen anderen Fällen von metaphorischem Sprachgebrauch. Die Missachtung der Maximen hat nichts damit zu tun. (24b) könnte nur an einen Interaktionspartner gerichtet sein. Tür zu! b. die Tür zu schließen und es deswegen zieht. zu dem eine geringe soziale Distanz besteht. der immer wieder die Tür auflässt. d. mit Akten. dass die mit dieser Äußerung beabsichtigte Implikatur deutlich wird: Peter beschwert sich bei Karl in ironischer Weise über dessen schlechtes Spiel. Wie oft soll ich’s noch sagen: mach endlich die Tür zu. dessen Beachtung oftmals gerade zur Missachtung von Konversationsmaximen führt. bei konversationellen Implikaturen bzw. Von Täuschung könnte man nur dann sprechen. Das Prinzip der Höflichkeit hat prototypischerweise bei der Ausführung obligativer Sprechakte eine besondere Bedeutung. so steht es insbesondere in einem engen Zusammenhang mit obligativen Akten. etwas für sie zu tun (kommissive Sprechakte). dass der Hörer dies entsprechend deutet. Im Folgenden werden wir uns im Wesentlichen auf die erste Untergruppe konzentrieren. . etwa an ein kleines Kind oder auch an einen erwachsenen Lebenspartner. solange die Äußerungen des Sprechers als für den Hörer relevant angenommen werden können. In (20) und (23) wurde aus dem Gesagten je eine Implikatur abgeleitet. und zwar in der Absicht. wenn der Sprecher die Maximen in einer Weise missachtet. Daneben spielt in interpersoneller Interaktion noch ein weiterer Aspekt eine wesentliche Rolle.PRAGMATIK 179 halte zum Tennisspiel einen Teelöffel in der Hand. und zwar eben nicht. der Missachtung der Maximen handelt es sich um kooperative Interaktion. Die Aufforderungen in (24) können in den meisten Situationen nicht als höflich bezeichnet werden: (24) a. oder bei denen man anderen Menschen verspricht. 7. sondern weil sie missachtet wurden.

Solche Gründe mag es in anderen Situationen aber durchaus geben: wenn es um ein Geheimnis. Antwortet der Hörer. Michael: Ich komm’ sonst zu spät. B: Tut mir Leid. Sowohl Sarah als auch Michael verfügen über einen Hintergrund an Wissen darüber. das Regal aufzubauen. welche Erwartungen man an andere stellen kann. Sollte der Hörer sagen. Aus diesem Grunde wird mit Informationsgesuchen sehr häufig gefragt. alle möglichen Fragen stellen zu können. ob der Hörer in der Lage ist. Informationsgesuche sind daher nicht so aufdringlich wie direktive Sprechakte. wann der nächste Bus kommt? b.1 Informationsgesuche im Vergleich zu direktiven Sprechakten Der wesentliche Unterschied zwischen Informationsgesuchen (Wie spät ist es?) und direktiven Sprechakten (Kann ich mal das Salz haben?) besteht in ihrer Motivation und den erwünschten Konsequenzen. was Leute in ihrer Gesellschaft in der Regel für andere zu tun bereit sind bzw. um sehr private Aspekte wie das Liebesleben des Sprechers oder um seine Finanzen geht. d. so können wir nicht wirklich in Zweifel stellen. Sie kann also erwarten.4. dass er diese Antwort auch wirklich nicht weiß. Wenn ein Sprecher nach Information fragt. Doch in allen übrigen Alltagssituationen haben wir das Gefühl. dass sie nicht über die gewünschte Information verfügt. ? b. wie in (26e). so wird er kaum mit (26b) Nö. Kommt er ihrer Bitte nicht nach.180 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT 7. so ist es ziemlich unwahrscheinlich. Michael: Kann ich jetzt nicht machen. dass sie seine Frage gar nicht beantworten kann. c. um solche Situationen insbesondere bei direktiven Akten zu vermeiden bzw. dass er oder sie nicht über das entsprechende Wissen verfügt (25b). Selbst wenn Michael Sarahs Anweisung nicht folgen will. . dass man ihm irgendeine Schuld dafür gibt. Es gibt eine ganze Reihe von sprachlichen Strategien. Michael: Nö. wird A annehmen. A: Können Sie mir sagen. um dem Interaktionspartner nicht zu nahe zu treten. Er wird sicherlich nicht als wenig hilfsbereit und unkooperativ erscheinen und vor ihr sein Gesicht verlieren wollen. um dieser Bitte nachkommen zu können. das weiß ich wirklich nicht. so kann er sich nicht sicher sein. dass er ihr hilft. dass der Hörer auch über das notwendige Wissen verfügt. will ich nicht. Sarah: Michael. so wird sie eine gewisse Erklärung verlangen können. Sarah: Warum denn nicht? e. hilf mir doch ’mal eben. er wisse die Antwort nicht. Er würde in diesem Fall (25) wohl kaum annehmen. abzumildern. Aufgrund ihrer Wahrnehmung der Situation nimmt Sarah nun vor diesem Hintergrund an. dass der zweite Sprecher nicht die Wahrheit sagt: (25) a. die sich aufgrund des Sprechaktes ergeben sollen. der Bitte um Information nachzukommen (25a). dass Michael kooperativ sein wird. dass sie die Information aus irgendeinem Grund zurückhält. In diesen Fällen würden wir kaum direkt fragen oder die Frage ganz vermeiden. will ich nicht antworten. (26) a. Da B antwortet. Für den ersten Sprecher gibt es dann keinen Grund anzunehmen.

Auch im Deutschen verwenden wir Wendungen wie sein Gesicht wahren/verlieren etc. neben der Bedeutung des Gesagten auch zugleich ihre Beziehung in dieser Interaktion aus. wenn ich wirklich sage.4. die typischerweise weniger stark zur Handlung auffordern. wollen oder fühlen könnte. Satzarten zu verwenden. um Monika einzuladen. wenn sie miteinander sprechen und interagieren. Susanne versucht. nicht aufdringlich zu sein. sondern eine Frageform verwendet. Es ist nicht nur wichtig. dass für Susanne deutlich wird. Um den . Wird der andere sich bedrängt fühlen. der prototypischsten Äußerungsform für Aufforderungen und Bitten. ihre Situation so darzustellen. Mit einem klaren Nein könnte sie Susanne beleidigen und zugleich ihr eigenes Gesicht gefährden (Sie könnte in Susannes Augen als schroff und unhöflich gelten). 7. Susanne: Am Samstag hab’ ich Geburtstag – Ich mach’ ’ne Riesenfete. will oder fühlt – mindestens ebenso wichtig ist es einzubeziehen. Monika: Oh. ihr Gesicht zu wahren. tut mir echt Leid – ich würde ja gern’ kommen. die für den Hörer nicht so stark verpflichtend erscheinen. indem sei etwa den Imperativ: Komm zu meiner Party. was ich sagen will? Wird er mich vielleicht nicht mehr mögen und die Interaktion abbrechen wollen? Wie kann ich sagen. Kommst du auch? b. dem Anderen zu sagen. was der andere zu dem Gesagten denken. Fühlen und Wollen anerkannt werden. Satzarten zu verwenden. sorry. so dass wir die interaktionale Beziehung aufrechterhalten können? Solche und ähnliche Fragen haben einen großen Einfluss auf unsere Äußerungen in Interaktionen. als kooperativ) gesehen werden und projizieren deswegen ein bestimmtes öffentliches Selbstbild. ihre Einladung abzulehnen. der Fall ist. Diese interaktionale Identität wird in der englischsprachigen Literatur auch als Face (also ‚Gesicht‘) bezeichnet (der sichtbarste Teil einer Person steht hierbei in metonymischer Weise für die ganze Person und ihre Identität). Sie beanspruchen eine bestimmte Identität in der Situation – möchten vom anderen auf eine positive Art und Weise (z. handeln Leute. Beide Sprecher in diesem Beispiel sind bemüht. Sie versucht deshalb. als dies beim Imperativ. In einer kommunikativen Interaktion wollen die Teilnehmer vom jeweils anderen mit ihrem Denken.PRAGMATIK 181 Eine solche mögliche Strategie besteht darin.B. Eines steht allerdings fest: Monika möchte nicht zu Susannes Party gehen. wie das in (26a) der Fall ist? Betrachten wir hierzu ein weiteres Beispiel: (27) a. Monika ihrerseits ist bedacht.2 Höflichkeit und Imagearbeit Wieso erscheint es aber so wichtig. nicht abweisend zu wirken und so ihr Gesicht zu wahren – sie spricht ihre Ablehnung deshalb nicht direkt aus. was ich will. aber ich bin leider schon total verplant. was man denkt. dass sie überhaupt nicht ja sagen kann. Direktive Sprechakte können sowohl durch affirmative als auch durch interrogative Sätze ausgedrückt werden. Wie dieses Beispiel zeigt. sondern durch einen wichtigen Umstand geradezu dazu gezwungen ist. so dass der Hörer die Äußerung als weniger drängend und direkt wahrnimmt.

kann daher potentiell das Image des anderen bedrohen – und zwar unabhängig davon. unserem Partner anzeigen zu können. dass die anderen uns mögen und wir uns in der Interaktionssituation selbst gut fühlen. Wir wollen. von Imagearbeit sprechen. Dieses Selbstbild hat zwei Seiten: einerseits wollen wir Interesse am anderen zeigen. Mit Sprechakten verfolgen die Teilnehmer bestimmte Absichten. Diese sicheren Themen mögen in Hinblick auf das Thema der gegenwärtigen Interaktion und die Interessen der Partner nicht so bedeutsam erscheinen – in Bezug auf eine gemeinsame Interaktionsbasis sind sie jedoch umso wichtiger. Wenn ein Teilnehmer das Gesicht des anderen nicht wahrt. so ist auch sein eigenes Gesicht bedroht. d. Doch die meisten Interaktionen drehen sich ja nicht bloß um solche sicheren Themen. Die Interaktionsteilnehmer sind also in ihrer situativen Identität voneinander abhängig. verwenden wir distanzierende Imagestrategien (negative Höflichkeitsstrategien). so wollen wir damit uns oder den Sprecher auf eine zukünftige Handlung festlegen. wir betreiben Small Talk und reden über Themen. dass unsere Bedürfnisse nach einem positiven Bild unseres Selbst und unsere Gefühle von unserem jeweiligen Gegenüber berücksichtigt und geachtet werden. vielleicht auch Politik. dem Anderen mitzuteilen. Eine Grundmotivation für die Teilnahme an Interaktionen besteht darin. wir bezeichnen sie deshalb als solidarisierende Imagestrategien (auch positive Höflichkeitsstrategien). was wir denken und tun wollen (oder was wir wollen. Nun kann ja unser Interaktionspartner etwas anderes denken. dass der andere tut). unser Gesicht zu wahren und ein positives Selbstbild aufrechtzuerhalten. In kommunikativen Interaktionen sind wir bemüht. Sport. das eigene oder das Gesicht des anderen zu wahren. Andererseits wollen wir auch Autonomie wahren. Zu Beginn eines Gespräches verwenden wir oft Formeln wie Wie geht’s dir? oder Hallo. wollen und fühlen als wir selbst. Mit der einen Strategieart wollen wir soziale Nähe erreichen oder aufrechterhalten. wie das Wetter. Wir können dem anderen unsere kommunikative Intention auf direkte und offene Weise mitteilen. dass wir auch ihm ein positives Image zusprechen wollen und auch er sich in der Interaktionssituation gut fühlen soll. setzen wir zwei unterschiedliche Arten von sprachlichen Strategien ein. schön dich zu sehen. die hinsichtlich unserer Bedürfnisse und Gefühle in dieser Interaktion vergleichsweise neutralen Charakter haben. Wenn wir einen obligativen Sprechakt verwenden. uns mit seinen Wünschen solidarisch zeigen. um unser Interesse am anderen zu bekunden und auf diese Weise eine gemeinsame Basis für die gegenwärtige Interaktion zu schaffen. Wir hoffen. wollen hier auch die Bezeichnung Image verwenden und bei Bemühungen. Jeder Sprechakt. Während der Interaktion reden wir immer mal wieder über scheinbar belanglose Dinge. wenn unsere Wünsche etwa nicht mit denen des anderen identisch sind. miteinander zu kommunizieren. ob wir informative oder obligative Sprechakte verwenden. indem wir wie in (28a) einen Imperativ . Wir signalisieren damit unsere Bereitschaft. In der Mehrheit der Fälle hoffen wir dabei.182 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT sozialen Aspekt des Selbstbildes zu betonen. Um diesen Beziehungsaspekt zu signalisieren. Wenn wir hingegen unserem Anspruch auf Autonomie Ausdruck geben und eine gewisse Distanz zum anderen und dessen Interessen wahren wollen. der in Bezug auf die interpersonelle Basis des Gesprächs nicht so neutral ist wie beim Small Talk.h.

Wenn zwischen Sprecher und Hörer ein sozialer Unterschied besteht. um den Anspruch des anderen auf sein positives Selbstbild (in diesem Fall auf Autonomie) nicht in Frage zu stellen. ja? Könnten Sie ’mal bitte die Tür schließen? Vielleicht sollten wir ’mal die Tür zumachen. Solidarisierende Imagestrategien signalisieren dem Hörer. dadurch im Büro ein so starker Durchzug entsteht. der Hörer aber Professor ist. Mit eine solchen höflichen Bitte sagt der Sprecher mehr als eigentlich notwendig – und missachtet damit die Quantitätsmaxime. so wird die Aufforderung. Dasselbe gilt für Arbeitsanweisungen und aufgabenorientierte Sprechakte am Arbeitsplatz: Gib mir mal die Nägel oder einfach Skalpell! Tupfer! oder Startdiskette einlegen. hier Imagestrategien wie Bitte braten Sie.PRAGMATIK 183 und damit einen direkten Sprechakt verwenden. c. in der die Sekretärin auf jegliche Imagestrategien verzichtet und ganz direkt Tür zu! ruft. etc. dass einige Blätter umherfliegen. so erscheint (28a) als unangemessen und unfreundlich. Eine direkte Verwendung von Imperativen würden wir auch in Anweisungen wie Kochrezepten. (28) a. Doch muss die Verwendung des reinen Imperativs nicht per se einen imagebedrohenden Akt darstellen. erwarten: Den Fisch beidseitig anbraten und im Ofen warm stellen. Es gibt Sprechakte und Situationen. b. dass der Hörer einen direkten Sprechakt als imagebedrohend empfinden könnte. Kann eventuell ’mal jemand die Tür zumachen? Hier zieht’s aber ganz schrecklich! Unter Freunden mag es völlig angemessen sein. Wenn beispielsweise jemand die Tür eines Büros öffnet. oder Vielleicht könnten Sie den Fisch anbraten zu verwenden. oder wenn der Hörer einen höheren sozialen Status hat oder gegenüber dem Sprecher in einer Machtposition steht. Grundlegend lassen sich wie bereits erwähnt zwei übergeordnete Strategiearten unterscheiden. Dies kann beispielsweise durch die Verwendung des einschließenden wir (28d) Vielleicht sollten wir mal die Tür zumachen geschehen oder durch Komplimente. die Tür zu schließen. das riecht ja richtig gut – darf ich mal probieren? oder auch durch besondere . die dem imagebedrohenden Akt vorausgehen: Mmmh. Wenn sich allerdings Sprecher und Hörer nicht so gut kennen und nahe stehen. dass der Sprecher die Bedürfnisse des Hörers mit einbezieht. so kann das durchaus als Notsituation gelten. Tür zu! hat sicherlich den stärksten Appell an den Hörer. die eine direkte Verwendung geradezu notwendig machen. so gibt es eine ganze Reihe konventioneller indirekter Sprechakte (28b-e). Wenn wir aufgrund unserer Vorerfahrung und der gegenwärtigen Situation das Gefühl haben. 'Setup' eingeben und mit 'Return' bestätigen. f. unter denen wir eine der Situation angemessene Äußerungsform auswählen können. d.. eher so wie in (28c) formuliert werden. den Imperativ (28a) zu verwenden. Es würde uns sehr merkwürdig erscheinen. Allerdings kann dies vom anderen als Eingriff in dessen Autonomie und als eine Einschränkung seines Rechtes auf Selbstbestimmung in der Interaktion erlebt werden. Bauanleitungen. [Mach die] Tür zu! Mach mal die Tür zu. wenn also beispielsweise der Sprecher Student.. e.

die Tür zu schließen. das in Kapitel 1 eingeführt wurde. dass der Sprecher die Ausführung einer Bitte für eine so große Imagebedrohung für den Hörer hält (und aufgrund des evtl. fragt der Sprecher ihn. Der Hörer soll sich zu nichts verpflichtet fühlen.4. desto höflicher wird die Äußerung.1) wurden drei grundlegende Satzmuster mit dem Satzmodus in Zusammenhang gestellt. 7. ob er in der Lage ist. das er mit einer Äußerung des Aktes an den Tag legen würde.5 Beziehungen zwischen Sprechakten und Satzmodus In Kapitel 4 (Abschnitt 4. dass der Sprecher das Bedürfnis des Hörers nach Autonomie und Entscheidungsfreiheit respektiert und mit seinem Sprechakt nicht aufdringlich sein will: (28c) Könnten Sie mal bitte die Tür schließen? Anstatt dem Hörer eine Anweisung zu geben. mein Lieber. so geht das nicht. Sollte die mögliche Imagebedrohung als sehr groß erscheinen. um welchen Akt es sich handelt. Distanzierende Imagestrategien sollen dem Hörer signalisieren. sondern den Sprechakt vermeiden und selbst die Tür schließen. auch für eine Bedrohung seines eigenen Images). Der imagebedrohende Akt wird auch hier noch ausgeführt – allerdings auf indirekte Art und Weise. Eine höflichere Variante wäre die Verwendung des Konjunktivs Würden Sie. ob der Hörer willens und in der Lage ist. Anhand der Beispiele in (19) und (20) hatten wir bereits gesehen. dass sowohl solidarisierende als auch distanzierende Imagestrategien dem ikonischen Prinzip der Quantität folgen.184 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT Anredeformen. dass er sich nicht sicher sein kann. Wenn beispielsweise eine sozial bedeutende Persönlichkeit zwar am nächsten zur Tür steht. dass er diesen überhaupt nicht ausführen kann. Die Beispiele (28a-f) zeigen darüber hinaus. Bei beiden Strategiearten wird jeweils etwas mehr gesagt als nach den Maximen eigentlich nötig und so ein möglicherweise imagebedrohender Akt abgeschwächt. dass der Hörer konversationelle Implikaturen interpretieren muss. Tendenziell gilt nämlich: je mehr sprachliches Material zur Äußerung eines Aktes gebraucht wird. In beiden Fällen bleibt aber aus der Äußerung ersichtlich. aber gerade eine Rede hält. nämlich der deklarative Modus mit der Anordnung SV für Aussagesätze. kann der Sprecher auch nur implizite Hinweise auf seine Absicht geben wie in (28f) Hier zieht’s aber ganz schrecklich!. Hier wird der Grund für den Sprechakt hervorgehoben. unangemessenen Verhaltens. so würde man diese wahrscheinlich nicht bitten. die den Hörer als vertraut markieren: Nee. etwas für ihn zu tun. etwas für ihn zu tun. Es kann aber auch sein. Solche Implikaturen gründen auf dem kognitiven Prinzip der Metonymie – es wird nur ein Aspekt der interaktionalen Situation ausdrücklich genannt (etwa der Grund für den Akt) – dieser Aspekt steht aber für die gesamte Situation (das Ausführen als Konsequenz aus der impliziten Bitte). der interrogative Modus mit der Anordnung VS für Fragesätze und der subjektlose Imperativ für Anweisungen: . mit welcher der Sprecher ausdrückt. könnten Sie.

wann der nächste Bus fährt? obligativ: Könntest du bitte die Tür zumachen? c. verwenden wir deklarative und interrogative Satzarten. Weniger prototypische Verwendungen werden durch gestrichelte Linien repräsentiert. Macht Maria die Tür zu? c. Maria. Konstitutive Sprechakte (Deklarativa und Expressiva) können nur durch deklarative. Übersicht 2: Beziehungen zwischen Satzart und Sprechakttyp. informative Akte hingegen sowohl durch deklarative als auch durch interrogative Sätze ausgedrückt werden. nicht notwendigerweise auch durch einen bestimmten Satzmodus realisiert wird. b. Die prototypischsten Kombinationen sind durch einfache Linien verbunden – sie müssen aber nicht die am häufigsten verwendeten sein. deklarativer Satzmodus konstitutiv: Ich taufe dieses Schiff auf den Namen Gorch Fock. Insbesondere bei obligativen Sprechakten weichen Satzart und kommunikative Absicht oft voneinander ab: um weniger direkt zu sein. dass die kommunikative Absicht. obligativ: Du hast schon wieder die Tür auf gelassen! b. Maria macht die Tür zu. die ein Sprecher mit einer Äußerung verfolgt. Obligative Sprechakte können durch alle drei Arten realisiert werden. interrogativer Satzmodus informativ Wissen Sie. die Tür zu schließen.PRAGMATIK 185 (29) a. mach die Tür zu! In diesem Kapitel haben wir jedoch an einigen Beispielen gesehen. informativ: Mein Laptop ist abgestürzt. So kann zum Beispiel ein Satz im deklarativen Modus wie Du hast die Tür schon wieder auf gelassen als implizite Aufforderung gemeint sein. imperativischer Satzmodus obligativ: Mach doch bitte die Tür zu konstitutiv: Mach’s gut! Schlaf gut! . In Übersicht 2 sind einige mögliche Kombinationen von Satzart und Sprechakttyp dargestellt. deklarativer Modus interrogativer Modus imperativischer Modus konstitutive Sprechakte informative Sprechakte obligative Sprechakte Diese verschiedenen Möglichkeiten werden in den folgenden Beispielen für Sprechakte veranschaulicht: (29) a.

mit denen der Sprecher den Hörer um Informationen ersucht. Trösten als auch formelle. Mit Ausnahme so genannter phatischer Kommunikation geht es beim Sprachgebrauch um den Ausdruck spezifischer kommunikativer Absichten durch Sprechakte. die bestimmen. damit der Sprechakt geglückt ist – sie hängen von bestimmten Geglücktheitsbedingungen ab. heißen konversationelle Implikaturen. die an den jeweiligen Sprechakt gebunden sind. Neben der Anwendung dieser Maximen werden eine Reihe von Äußerungen auch auf der Grundlage der Implikaturen interpretiert. Bestehen sie aufgrund von grammatischen Formen. nämlich Qualität. Direktiva und Kommissiva. die Kinder. die von der Sprechaktsituation selbst abhängen. dass vier Konversationsmaximen eingehalten werden. verkünden. Bei informativen Äußerungen kann es eine große Diskrepanz zwischen dem Gesagten und dem damit Gemeinten geben. sowie Informationsgesuche. Alle konstitutiven Sprechakte haben eine Gemeinsamkeit: die rechten Worte müssen zur rechten Zeit von der richtigen Person geäußert werden. In die Oberkategorie informative Sprechakte fallen konstative Sprechakte. Quantität. den Spielplatz etc. Entschuldigen. die sie enthalten. Mit dieser Maxime wird angenommen. . indem bei der Formulierung und Interpretation ihrer jeweiligen Äußerungen angenommen wird. Dieser Teilbereich der Sprachwissenschaft untersucht. die jedem Sprecher einer Sprachgemeinschaft aufgrund seines Weltwissens und kulturellen Wissens zugänglich sind. dass Partner in einer sprachlichen Interaktion grundlegend kooperativ handeln. die zur Interpretation von konventionellen Implikaturen. Diese Aspekte von Sprache fallen in den Gegenstandsbereich der Pragmatik. die etwa durch den Artikel in der Park. Nach der kommunikativen Absicht werden sechs Sprechakttypen unterschieden: Expressiva. erzeugt werden.186 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT 7. informative Sprechakte und obligative Sprechakte. bekannt geben). Wenn zum Ausdruck des Sprechaktes ein besonderes Verb notwendig ist. Die Beziehung zwischen beiden wird durch die Gricesche Maxime der Kooperation beschrieben. auf welche konversationelle Präsuppositionen sich Sprecher und Hörer stützen können. das zugleich auch den Sprechakt benennt. In die Oberkategorie konstitutive Sprechakte fallen sowohl alltägliche expressive Sprechakte wie Gratulieren. Sie können sich aber auch auf konventionelle Präsuppositionen stützen. so handelt es sich um ein performatives Verb (z. erklären. wie wir durch die Verwendung von Sprechakten durch Sprechen handeln. deklarative Sprechakte wie etwa eine Sitzung eröffnen usw. mit denen ein Sprecher Informationen an den Hörer weitergibt. Deklarativa. Konstativa. Informationsgesuche. Implikaturen. Diese lassen sich unter den drei übergeordneten Hauptsprechakttypen zusammenfassen: konstitutive Sprechakte. oder auf grammatische Mittel. behandelt dieses Kapitel 7 wie auch das folgende Kapitel 8 die interpersonelle Funktion. Relevanz und Modalität.6 Zusammenfassung Während die Kapitel 1 bis 6 sich im Wesentlichen auf die Ausdrucksfunktion von Sprache konzentrierten. so handelt es sich um konventionelle Implikaturen. In vielen Fällen deutet das im konstitutiven Sprechakt verwendete Verb den Sprechakt an.B. Die Interaktionsteilnehmer beziehen sich dabei auf Hintergrundinformationen.

dem Hörer eine Verpflichtung aufzuerlegen. geben Sie auch an. Welche der drei Sprechakttypen liegt bei folgenden Beispielen vor? Falls möglich. Eine leicht verständliche allgemeine Einführung in die Pragmatik mit relevanztheoretischer Ausrichtung gibt Blakemore (1992). 7. Die Klassiker auf dem Gebiet sind relativ zugänglich geschrieben: Austin (1962) und Searle (1969). nach der Fähigkeit oder dem Willen des Hörers. Eine knappe deutschsprachige Einführung liefert z. Solidarisierende Imagestrategien (z. Aufgrund ihres verpflichtenden Charakters können sie in besonderem Maße das Image (oder Gesicht) von Sprecher wie Hörer in dieser Situation bedrohen. das Vorschlagen gemeinsamen Handelns durch einschließendes wir) sollen soziale Nähe vermitteln.1991). zu Imagestrategien siehe auch Holly (1979). um welchen Typ es sich nach der Klassifikation nach Searle (dargestellt in (3)) handelt.B. Distanzierende Imagestrategien fragen z. bestimmte Handlungen auszuführen. Der grundlegende Text zu den Konversationsmaximen ist Grice (1993). werden häufig indirekte Sprechakte verwendet. mit denen sich der Sprecher selbst zu einer Handlung verpflichtet. 7. und andererseits Kommissiva. Um das Gesicht des Hörers zu wahren. Sie machen den Einsatz besonderer Imagestrategien notwendig. (a) Soll ich dir noch einen Kaffee holen? (b) (Die Ministerpräsidentin von Schleswig Holstein:) Die Kieler Woche 1998 ist eröffnet! (c) (In einer Buchhandlung): Entschuldigen Sie.B. das Radio etwas leiser zu stellen? .7 Leseempfehlungen Eine leicht verständliche Einführung in die Pragmatik gibt Grundy (1997). Das grundlegende Werk zur Höflichkeit ist Brown & Levinson (1987). eine umfassendere Darstellung Levinson (1990).B. nicht schon wieder! (g) Was hast du in meinem Zimmer zu suchen? (h) Wäre es eventuell möglich.8 Aufgaben 1. Ein direkter Sprechakt kann in seiner prototypischen grammatischen Form (dem Imperativ) stark imagebedrohend sein. mit denen der Sprecher versucht. sie wahren soziale Distanz. Rolf (1994) bietet eine gute Darstellung und Diskussion der Griceschen Maximen. Sperber & Wilson (1995) führen die Griceschen Konversationsmaximen auf eine einzige Maxime der Relevanz zurück und begründen damit die Relevanztheorie. Ernst (2002). (f) Ach nein.PRAGMATIK 187 In die Oberkategorie der obligativen Sprechakte schließlich fallen einerseits Direktiva. Ein umfangreicher Reader mit grundlegenden Texten der Pragmatik ist Davis (ed. wo haben Sie denn Bücher zum Thema Sprachwissenschaft? (d) (Gastgeber:) Kaffee oder Tee? (e) (Schild an einer Ladentür:) Geschlossen: 12-14 Uhr.

(a) (b) (c) (d) (e) (f) 4. (e) Fernsehmoderator zum Talkgast: Herr Professor. was ein Sprecher mit einer Äußerung meint. Warum ist Humpty Dumptys Information in (a) für Alice „unklar“? Wie hätte Alice ihre kommunikative Absicht hinter (18b) höflicher ausdrücken können? Wie würden Sie ihre Äußerung Ich weiß nicht. a. (d) Wie war eigentlich dein Wochenendtrip nach Paris – Danke der Nachfrage. Talkgast: Bitte sehr. c. A: Mein Hund ist gestern gestorben – B: Oh. Geh und entschuldige dich bei deiner Schwester dafür. d. Im Deutschen gibt es mehrere Möglichkeiten. was du damit meinst als Sprechakt klassifizieren? Wie beurteilen Sie Humpty Dumptys Aussage in (c). e. den konstitutiven Akt Entschuldigen auszuführen. Man kann Es tut mir Leid. Talkgast: Danke sehr.188 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT 2. Analysieren Sie den Ausschnitt aus Alice hinter den Spiegeln in Beispiel (18) anhand folgender Fragen. Dein Verhalten ist einfach unglaublich. bis dieser es ihm ausdrücklich sagt? Welche sprachliche Strategie wendet Humpty Dumpty mit seiner Erklärung ein schlagkräftiges Argument an? Folgt Alice seiner Strategie. b. aber ich muss jetzt in die Vorlesung. ich bedanke mich für dieses aufschlussreiche Gespräch. A: Geh’n wir noch’n Kaffee trinken? B: Sorry. 3. Sorry! oder das performative Verb entschuldigen verwenden. vielen. Ich muss mich doch tatsächlich bei Ihnen entschuldigen. das wäre sehr nett. f. Moderator: Kommen Sie gut zurück nach Aachen. oder hält sie seine Ausdrucksweise für idiosynkratisch? Ist Humpty Dumpty mit (f) derselben Ansicht wie Alice? . vielen Dank. das tut mir sehr Leid. ein Hörer könne nicht wissen. Analysieren Sie den jeweiligen Gebrauch von informellen Danksagungen in den folgenden Äußerungen. Welche Gründe mag es für diesen Gebrauch geben? (a) Danke für das tolle Geschenk! (b) (Paula gibt Dirk auf mehrmaliges Bitten hin die Butter) Dirk: Ich danke dir. Tut mir Leid/Entschuldigung. Sehen Sie irgendwelche Unterschiede in der Funktion? Nehmen Sie die folgenden Aussagen zu Hilfe. Ich bin zu spät. (c) Kann ich Sie mitnehmen? – Danke. Ich erwarte eine Entschuldigung.

b. dass dieses Problem möglichst schnell behoben werden müsse. da ansonsten der neue Teppichboden im . Der weiß auch nicht. Ich rechne schon mit dem Schlimmsten. Werden Konversationsmaximen missachtet? Lassen sich Implikaturen ableiten? Welche Sprechakttypen werden verwendet? Welche kommunikativen Absichten sind damit verbunden? Welche Imagestrategien werden verwendet? Welche Funktionen erfüllen Sie? Mieter an seinen Vermieter: Sehr geehrter Herr Meier. Lange nicht gesehen. da sie zu tief steht und über den Teppichboden schleift. was es ist und hat mir starke Tabletten verschrieben und mich gleich an einen Neurologen über wiesen. Seien Sie doch so nett und wimmeln Sie ihn ab. (B': Sorry. Welche der Griceschen Maximen werden im Folgenden missachtet? Lassen sich aufgrund dessen Implikaturen ableiten? (a) A: B: (b) A: B: Was gab’s denn heute Mittag in der Mensa? Fisch. wie spät es ist? B: Ja. a.. (a) (b) (c) (d) Julia. die eine Mutter gegenüber ihrer dreijährigen Tochter verwendet.) 6. Welche Arten von Imagestrategien finden in den folgenden Äußerungen Verwendung? (a) (b) (c) (d) (e) (f) Sieh mal.PRAGMATIK 189 5. Warum sagen wir nicht einfach. wer da schon wieder ankommt.] Nachdem nun die Firma B. aber ich muss sofort zum Chef rein. Könntest du bitte damit aufhören? Hör doch bitte damit auf. heute wäre kein Termin mehr frei? 7. Der Teppichverleger wies mich darauf hin. Tag. hab’ selber keine Uhr. Wie geht’s? Ach. Es war so ein stechender Schmerz. am letzten Wochenende hatte ich so starke Kopfschmerzen. c. Betrachten Sie die Imagestrategien.. weißt du. Hör endlich auf! Hör auf! Schluss jetzt! 8. wir hätten eine wichtige Besprechung. (c) A: Entschuldigen Sie. den neuen Teppichboden verlegt hat. können Sie mir sagen. Maria. Sagen wir ihm doch. ich wäre fast durchgedreht! Montag bin ich gleich zum Arzt. [. Die Akte werden innerhalb von dreißig Sekunden geäußert. Ich bin heute für niemanden mehr zu sprechen. Analysieren Sie den folgenden Briefwechsel zwischen einem Mieter und seinem Vermieter. lässt sich die Wohnungstüre nur noch sehr schwer öffnen und schließen. ja? Tut mir Leid.

.......... sehr aufwendig. das Problem möglichst schnell durch einen Handwerker beheben zu lassen [....... Sie sagen: ... durch Abhobeln der unteren Türkante o... Prof... Müller. Einen speziellen Handwerker anzuheuern.. Sie können meinen Standpunkt akzeptieren... Da sehen Sie..... Antwortbrief des Vermieters: Lieber Herr Müller....... Sie sagen: ...... Auf dem Flur laufen Sie ihm direkt in die Arme...... Vielleicht teilen Sie mir gelegentlich mit..... oder? Sie sagen: ...... erstellen Sie eine Abschrift und analysieren Sie die Äußerungen anhand der in diesem Kapitel vorgestellten sprachwissenschaftlichen Kriterien. zu schaffen.....] Mit freundlichen Grüßen.. zwei Beilagscheiben „zwischen Tür und Angel“ beheben.... 9. selbstverständlich (wie auch im Falle des Hausmeisters) auch gegen eine kleine Vergütung. Ihr Mitbewohner hat wieder einmal nicht die Küche sauber gemacht...: Ach. Befragen Sie auch Sprecher mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen und vergleichen Sie. Unter Umständen verfügen Sie auch über einen technikbesessenen Kollegen/Bekannten...... (b) Situation 2: Universität .....Ä...... Bitten Sie eine Reihe von Personen.... [.... der sich der Sache annehmen würde..... Ich bitte Sie deshalb..... wie eine Nachbar aus dem Supermarkt kommt und zu seinem Auto geht.] Mit freundlichen Grüßen.. ob das Problem gelöst werden konnte........ könnte vielleicht doch der Hausmeister mittels freundlicher Worte und der Zusicherung eines angemessenen Trinkgeldes dazu gebracht werden. ... wirksame Abhilfe evtl.... dass Sie es nicht dabei haben. Nehmen Sie die Äußerungen auf Band auf... Frau/Herr X..... herzlichen Dank für Ihren Brief....... erschiene mir in diesem Falle doch sehr....190 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT Eingangsbereich sehr schnell abgeschlissen würde...... Sie stellen aber fest. Justus Meier. Sie sagen . (c) Situation 3: Mitfahrgelegenheit Sie wollen vom Einkaufen nach Hause fahren..... dass Sie ihm heute unbedingt zurückgeben sollten.. Sie finden das unmöglich und sagen ihm...... (d) Situation 4: WG . sich in die folgenden Situationen zu versetzen und sich der jeweiligen Situation entsprechend zu äußern.....] Möglicherweise ließe sich der Tiefstand schon durch die Einfügung von ein.. (a) Situation 1: Notizen Sie hatten die vorige Seminarsitzung versäumt und möchten sich die Notizen einer Kommilitonin ausleihen.. ich hoffe..... haben aber den Bus verpasst..Buch vergessen Sie hatten sich von Ihrem Professor ein Buch ausgeliehen....................... Wo nicht. dass er den jetzigen Zustand sofort ändern soll.......... Sie würden gerne bei ihm mitfahren...Aufräumen Sie wohnen in einer WG. Der nächste Bus kommt erst in einer Stunde. die von uns natürlich rückvergütet werden würde.. Sie haben doch hoffentlich an mein Buch gedacht... [...

eine Reihe von Ereignissen hervor. die einen Text bilden.0 Überblick Bisher haben wir uns in diesem Buch mit einzelnen sprachlichen Ausdrücken wie Wörtern. d. Schreiben ist eine Form verbaler Kommunikation. Wenn wir einen Text verstehen. Sie betrachtet auch die mögliche Interpretation des Textes durch einen Leser oder Hörer sowie die Grundlage. sondern auch durch Lautstärke. nämlich eines Textes. Kein Text kann alle Hinweise enthalten. Leser nötig sind.h. Die Wörter eines Textes machen für sich genommen nur einen Teil des Textes aus. sondern entsteht letztlich durch konzeptuelle Verknüpfungen zwischen einzelnen gedanklichen Einheiten. sowie durch Verknüpfungen zwischen den einzelnen Ereignissen.1 Kommunikation. die beim Textverstehen hervorgerufen werden. wir fügen einiges zu dem vorgegebenen Text hinzu und gelangen so zu einer Vorstellung von der Bedeutung des Textes. dann beziehen wir die einzelnen Textelemente auf unseren Wissenshintergrund. Der Zusammenhang in einem Text ist also nicht in erster Linie auf linguistische Ausdrücke im Text selbst gegründet. Diese Faktoren begleiten unsere gesprochenen Worte . Ein gesprochener oder geschriebener Text ruft in der Vorstellungswelt des Hörers ein Ereignis bzw. Ein Text wird daher erst zu einem zusammenhängenden Ganzen. wenn wir ihn auf der Grundlage der einzelnen Textelemente und unserem Verständnis der Welt verstehen.KAPITEL 8 Texte strukturieren: Textlinguistik 8. In diesem Kapitel werden wir nun über die Betrachtung einzelner sprachlicher Äußerungen hinausgehen und uns mit der Frage beschäftigen. Auf diese Aspekte eines zusammenhängenden Textes wollen wir in diesem Kapitel das Hauptaugenmerk lenken. wie Äußerungen in Kommunikation als Sprechakte interpretiert werden. Deswegen beschäftigt sich die Textlinguistik auch nicht nur mit den Wörtern und Sätzen. In Kapitel 7 haben wir betrachtet. Morphemen und Sätzen beschäftigt. interpretiert werden. auf der diese Interpretation zustande kommt. auf die der Text referiert. die zum Verstehen seines Inhaltes durch einen Hörer bzw. Rhythmus und Sprechgeschwindigkeit. Beim Sprechen kommunizieren wir hingegen nicht nur mit Wörtern. wie sprachliche Ausdrücke als Teile eines größeren Ganzen. Texte und Textlinguistik Beim Schreiben verwenden wir zur Kommunikation vorrangig Wörter. 8.

Lesers mit einschließen. Ideen und Gefühle mit ins Spiel. Bei gesprochener Sprache ist der Text – die Wörter. wenn er oder sie diesen Text zu verstehen versucht. Dieser Teilaspekt stellt ein so komplexes Netzwerk an Beziehungen (Relationen) dar. denn diese Verknüpfung stellt die Grundlage für die Interpretation des Textes dar. herstellen. Leser gelangen. Leser des Textes hinzufügt. Wir verstehen also unter einem Text die in einer Kommunikation von einem Sprecher bzw. Übergeordnete Relationen innerhalb von Texten sowie . Eine Textdefinition muss also die Verknüpfung mit dem kulturellen Hintergrundwissen oder dem Weltwissen des Hörers bzw. interpretiert. Geschriebene Sprache ist dagegen weitgehend auf den Text beschränkt. allerdings mit der Einschränkung. In beiden Fällen stellt der produzierte Text lediglich einen Teilaspekt der Kommunikation dar – die anderen Aspekte bestehen aus dem. Schreiber verwendeten Ausdrücke und die Interpretation. Text und kulturelles Wissen Kommunikation Ausdrucksmittel nonverbal parasprachlich verbal Gedanken und Gefühle gesprochen INTERPRETATIONSHINWEISE Erfahrungswelt des Sprechers/Hörers geschrieben kulturelles Weltwissen INTERPRETATIONSGRUNDLAGE TEXT Die Textlinguistik befasst sich mit der Frage. wie weit Sprecher/Schreiber beim Verfassen bzw. die wir aussprechen – nur ein Aspekt der Kommunikation. was der Hörer bzw. Kommunikation. dass wir selbst auf diese hier nicht in aller Ausführlichkeit eingehen können. Diese Körpersprache bezeichnet man als nonverbale Kommunikation. Im vorliegenden Kapitel werden wir uns im Wesentlichen auf die Beziehungen zwischen Sätzen beschränken.h. d. Hier kommen unser gesamtes kulturelles Hintergrundwissen sowie unsere Gedanken. Unterabschnitten etc. zu der Hörer bzw. Abschnitten. Zudem setzen wir beim Sprechen mit anderen auch unseren ganzen Körper ein – etwa in Form von Gesten und Mimik. durch Texte zu kommunizieren. wenn sie diese auf ihren Wissenshintergrund beziehen. dass der Text dann lediglich aus dem verbalen Anteil der Kommunikation besteht. Diese Definition schließt auch mündliche Kommunikation ein. Die hier eingeführte Textdefinition lässt sich wie folgt darstellen: Übersicht 1.192 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT und zählen zu den parasprachlichen Ausdrucksmitteln. Sie untersucht. wie es Sprechern und Hörern gelingen kann. Hörer/Leser bei der Interpretation über die einzelnen Wörter und Sätze hinausgehen und konzeptuelle Beziehungen zwischen Sätzen. Parasprachliche sowie nonverbale Aspekte werden hier ausgeklammert.

öffneten ihre Säcke und unterhielten sich eine ganze Stunde miteinander. jegliche Wörter ein für alle Mal abzuschaffen. wäre es doch viel bequemer für alle. ganz so wie bei uns in England die Hausierer. Luggnagg und Japan“) beschreibt Gulliver eine Reihe von wissenschaftlichen Projekten an der Akademie zu Lagado. 8. dass jedes von uns ausgesprochene Wort zu einem gewissen Grad einen Abrieb unserer Lungen nach sich zieht und damit verkürzend auf unser Leben wirkt. Kommunikation durch Wörter abzuschaffen und nur noch direkt durch den Austausch von Dingen zu kommunizieren.) . stets all diejenigen Dinge mit sich herumzutragen. Glubbdubdrib. Gulliver’s Travels.203-204. obwohl sie sehr wohl zum Arbeitsbereich der Textlinguistik gehören. sich durch Dinge auszudrücken. ihre Lasten wieder zu schultern. wenn ihnen nicht weiterhin die Freiheit zugestanden würde. legten sie ihre Last ab. Deutsche Übersetzung: R. halfen sich gegenseitig dabei. was sowohl im Hinblick auf die Gesundheit als auch auf die Kürze dringend vonnöten war. Dann packten sie wieder alle Dinge in die Säcke. nach Art ihrer Vorfahren mit der Zunge zu sprechen. Wenn sie sich auf der Straße begegneten. New York: The New American Library.TEXTLINGUISTIK 193 verschiedene Textsorten können wir hier deshalb nicht betrachten. Kommunikation durch den Austausch von Dingen anstatt von Worten Das zweite Projekt betraf einen Plan. Es ist nämlich ganz offensichtlich so. dessen Ziel es sein sollte. 1983. Im folgenden Ausschnitt wird das zweite Projekt beschrieben.P. welche für das jeweilige zu besprechende Geschäft notwendig sind. Abbildung 1. Blanibari. Jonathan [1726]. Hier wollte man Abhilfe schaffen. (Swift. Zwei dieser Gelehrten habe ich oft unter der schweren Last ihrer Säcke beinahe zusammensinken sehen. Solch unversöhnlicher Gegner der Wissenschaft ist das gemeine Volk! Viele der gebildetsten und weisesten Männer hielten aber dennoch an diesem neuen Entwurf fest. und gingen beide ihres Weges. pp. Da Wörter lediglich Namen für Dinge sind. Sicherlich hätte sich diese Erfindung auch durchgesetzt. hätten sich nicht die Frauen mit den einfachen Leuten und Analphabeten verschworen und mit einem Aufstand gedroht.2 Textrepräsentation Im dritten Teil von Jonathan Swifts Roman Gullivers Reisen („Eine Reise nach Laputa.

Derartige Vorstellungen reichten aber durchaus über die Zeit Swifts hinaus bis in die moderne Zeit hinein. (2) Im folgenden Abschnitt werden wir kurz auf die Geschichte des Automobilbaus eingehen. ebenso wie auf die kommunikative Funktion der einzelnen Sätze. mag uns ziemlich merkwürdig vorkommen. auch Informationen über das Image von Sprecher und Hörer in der Interaktion.b. dass Sprache einzig und allein beschreibenden Charakter habe und lediglich bestimmte Gegebenheiten und Zustände repräsentiere. Die lagadonische Vorstellung von Textinterpretation ist noch aus einem weiteren Grunde falsch: ihr liegt eine Definition von Bedeutung zugrunde. Zweifelsohne handelt es sich um eine wesentliche Funktion der Sprache – noch bis vor kurzem konzentrierten sich semantische Studien vorrangig auf diese darstellende Funktion. Bitte reich doch mal die Butter rüber. Butter! Texte können zudem Informationen über ihre Struktur enthalten. alle drei Sätze enthalten dieselben inhaltlichen Informationen. die eine Kommunikation durch Texte erst ermöglichen und in dem lagadonischen „Plan zur Äußerung durch Dinge“ überhaupt nicht berücksichtigt werden. In diesem Kapitel werden wir eine ganze Reihe von Eigenschaften natürlicher Texte besprechen.c) unterscheiden sich nicht im Inhalt. sondern er hat die wichtige Funktion. Solche Hinweise wurden in Kapitel 7 der interpersonellen Funktion der Sprache zugeordnet. Könnten Sie mir bitte die Butter reichen? b. die eine exaktere Repräsentation der Welt gewährleistet – nämlich die logische Form von Sätzen. Doch wenn Sprecher oder Schreiber Texte produzieren. nach der „Wör- . Satz (2) trägt nicht sonderlich zum Inhalt eines Textes bei. so ist das deutlich mehr und oft auch ganz etwas anderes als bloß ein Darstellen von Tatsachen. Die folgenden Äußerungen (1a. Deswegen protestierten „die Frauen. c. Diese Darstellungsfunktion der Sprache wurde bereits in Kapitel 7 angesprochen. Aus diesem Grunde sollte nach Meinung Russells zur Beschreibung eine Form gewählt werden. denn sie sind in der Regel nicht eindeutig und daher irreführend. den Leser bei der Verarbeitung des Textes zu leiten. Die Sprache erfüllt dann eine textuelle Funktion. zusammen mit den einfachen Leuten und Analphabeten“ durchaus zu recht gegen diese unnatürliche Art und Weise der Kommunikation.194 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT Die Vorstellung. Nach dieser Hypothese sind natürliche Sprachen nicht sonderlich zur exakten Beschreibung der Welt geeignet. Texte enthalten viele Hinweise auf die Rolle des Sprechers oder Schreibers. dass wir uns doch lieber durch Dinge als durch Worte verständigen sollten. So stützen sich beispielsweise die logischen Analysen des britischen Philosophen Bertrand Russell auf die „Hypothese von der irreführenden Form“ (the Misleading Form Hypothesis). sondern in ihrer Situationsangemessenheit.a. Texte enthalten u. Mit der lagadonischen Vorstellung von Kommunikation wird fälschlich angenommen. (1) a.

Die Funktionsweise eines Textes lässt sich allerdings nicht allein durch die Betrachtung des Wortlautes dieses Textes verstehen. bilden wir jedes Mal eine ganze Reihe von Schlussfolgerungen. Texte werden in der Regel auf einen bestimmten Kontext bezogen interpretiert. Dies trifft insbesondere auf das entscheidende Charakteristikum von natürlichen. Wenn wir einen Text interpretieren. Zum einen fügen die Leser bzw. Zu diesem Zweck formuliert S eine Aussage. wohlgeformten Texten zu – sie . müssen mit in Betracht gezogen werden.TEXTLINGUISTIK 195 ter lediglich Namen für Dinge“ sind. Auch werden sie annehmen. Das trifft aber aus mehrerlei Gründen gerade nicht zu. Diese impliziten Annahmen bezeichnet man als Inferenzen. Hörers. So bleiben beispielsweise die Personalpronomen ihm oder sie in isolierten Sätzen unspezifiziert. Deshalb kann es sich bei einem Text nur um mehr als die Summe der Interpretationen der einzelnen Sätze handeln. Betrachten wir einmal ein einfaches Beispiel: (3) Auf dem Weg zum Empfang hatte ich einen Motorschaden. Kommunikation in natürlicher Sprache hat also eine ganz wesentliche Eigenschaft: kommunikative Absichten werden nicht direkt durch sprachliche Ausdrücke an den Hörer weitergegeben. Sie werden vielmehr auf der konzeptuellen Ebene der Textrepräsentation vermittelt. Doch der Wagen selbst wird im Text überhaupt nicht erwähnt. Die Hörer dieses Textes werden keinerlei Schwierigkeiten haben zu verstehen. Jedes Wort stünde für ein bestimmtes Ding in der außersprachlichen Realität und könnte durch dieses ersetzt werden. Fassen wir zusammen: Der Verfasser oder Sprecher (kurz: S) hat die Absicht. die S und H von einem Text haben. die von den Kommunikationsteilnehmern hervorgebracht werden. die Gedanken zum Ausdruck bringen. Eine lagadonische Äußerung neuen Stils besteht deshalb aus einer Reihe von Objekten – mit anderen Worten. die Interpretation eines Textes als die Summe der Interpretationen der Einzelsätze dieses Textes anzusehen. Sie gründen im Allgemeinen auf der Vorerfahrung des Lesers bzw. Durch diesen Kontext lassen sich Mehrdeutigkeiten und vage Andeutungen in einzelnen Sätzen auflösen und klären. Diese Aussage könnte nun dazu verleiten. Tatsächlich bestehen aber sowohl geschriebene als auch gesprochene natürliche Texte aus Sätzen. dass der Motor Teil eines Wagens ist und dass dieser Wagen von dem Sprecher gefahren wurde. Die Vorstellungen oder auch Repräsentationen. Andererseits ist die Bedeutung eines Textes aber auch viel enger als die Summe der Interpretation seiner Einzelsätze. die Bedeutung einer Äußerung als Ganzes wird mit einer Abfolge von einzelnen Dingen gleichgesetzt. einem Leser oder Hörer (H) etwas zu vermitteln. die evtl. aus mehreren Sätzen besteht und die insgesamt als Text (entweder geschrieben oder gesprochen) bezeichnet wird. dass es eine kausale Beziehung zwischen dem Motorschaden und dem Zuspätkommen des Sprechers gibt. Im Zusammenhang eines Textes wird aber deutlich. Ich bin über eine halbe Stunde zu spät gekommen. Hörer eines Textes während des Verstehensprozesses die verschiedensten Informationen zu der Bedeutung der Sätze eines Textes hinzu. auf wen sie sich beziehen.

Martin Luther. Dennoch wird kaum jemand Schwierigkeiten haben. Dies wirkt vielleicht am stärksten bei inkohärent erscheinenden Texten: hier ist der Hörer bzw. weil er nach einem in Lebensgefahr abgelegten Gelübde in den Konvent der Erfurter Augustiner-Eremiten eintrat.3 Kohärenz vs. 10. Im Herbst 1502 wurde er Baccalaureus artium. ein 41-jähriger Gebrauchtwagenhändler aus Düsseldorf. wenn es möglich ist. 8. Metzler 1980: 11) Eine Reihe von Elementen in diesem Beispiel sind kursiv hervorgehoben. Leser besonders stark gefordert.h. war letztes Jahr in einer Wohnung in der Kölner Innenstadt erschossen aufgefunden worden. lexikalischen Elemente setzen den Satz. Stuttgart. Der in . wie Beispiel (5) zeigt: (5) (a) Zwölf Jahre Haft wegen Beihilfe zum Mord. Dialektik. kohärent sein. Logik und Ethik beschäftigte. Zudem wird mit den in (d) verwendeten Begriffen kein sprachliches Material aus dem dritten Satz wiederholt. d. die erklären. H. Diese grammatischen bzw. Textkohäsion kommt durch diese Verbindungselemente zustande. (4) Luther durchlief rasch die üblichen Stufen der akademischen Grundausbildung. Ein Text kann allerdings auch ohne die Anwesenheit solcher kohäsiver Elemente durchaus kohärent sein. April. dem Text fehlt es anscheinend an Kohäsion. den Text zu verstehen. (d) Das Opfer. was typischerweise zu einem Mord gehört. Im Folgenden werden wir auf diesen Aspekt der Textkohärenz ausführlicher eingehen. Kohäsion Ein Text ist inhaltlich zusammenhängend oder kohärent. (Wolf. was die in (c) und (d) beschriebenen Ereignisse miteinander zu tun haben. Sie werden deshalb als Verbindungselemente oder kohäsive Elemente bezeichnet. auf der Grundlage dieses Textes zu einer sinnvollen Textrepräsentation zu gelangen. Obwohl dieser kurze Text sehr kohärent erscheint. wobei er sich besonders eingehend mit Grammatik. Der folgende Text ist ein Beispiel für einen solchen kohärenten Text. d. (b) Köln. Rhetorik. Im vorliegenden Beispiel greift der Leser auf ein „Mörder-Skript“ zurück (Skript hat in diesem Zusammenhang eine allgemeinere Bedeutung und bezieht sich auf unsere Vorstellung davon. mit dem ihn umgebenden Kontext in Verbindung. (c) Das Kölner Amtsgericht verurteilte gestern einen Mann aus Mülheim zu einer zwölfjährigen Haftstrafe wegen Beihilfe zum Mord. Die fehlenden Verknüpfungen setzt der Leser unter Rückgriff auf sein kulturelles Wissen (oder Weltwissen) selbst hinzu. in dem sie auftreten.196 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT müssen für H in sich sinnvoll zusammenhängen. Das anschließende Jura-Studium gab Luther bereits im Sommer 1505 wieder auf. Durch Kohärenz unterscheiden sich Texte von willkürlichen Satzsammlungen. gibt es keine kohäsiven Elemente. Anfang 1505 Magister artium. Mit anderen Worten: zwischen (c) und (d) gibt es keinerlei Verbindungen durch kohäsive Elemente.h.

. Motive. Opfer. ein Tatort u. die man sich aber durchaus vorstellen kann. wie diese Aspekte zusammenhängen.TEXTLINGUISTIK 197 Kapitel 6 eingeführte Begriff kulturelles Skript hat eine eingeschränktere Bedeutung und bezieht sich lediglich auf Verhaltensnormen). das Kind etc.m.a.v.dische oder den Weihnachtsmann. ohne dass der Text in expliziter Weise kohäsiv sein muss. Jeden Tag muss ich meine Katze füttern. und er weiß auch. durch relationale Kohärenz.4 Referentielle Kohärenz Die Kohärenz eines Textes beruht zu einem Teil darauf. aus (5) eine kohärente Textrepräsentation zu konstruieren. d. zu einer kohärenten Interpretation dieses Textes zu gelangen. Es ist also durchaus möglich. es. Texte enthalten eine Menge referentieller Ausdrücke wie er. Die Gespräche zwischen den Präsidenten der asiatischen Staaten endeten in der letzten Woche. der Mann. Die Katze liegt in ihrem Korb. Ein solches Tier hat vier Pfoten. dass ein Text damit auch schon kohärent wird: (6) Ich hatte mir damals gerade einen Ford gekauft. 8.stent sind. und zweitens durch die Verknüpfung von Textteilen durch so genannte Kohärenzrelationen wie „Ursache – Wirkung“ und „Kontrast“. fällt es uns als Leser dennoch sehr schwer. gehören. Außerir. In den folgenden beiden Abschnitten wollen wir diese beiden Mittel zur Herstellung von Kohärenz genauer betrachten. auf Dinge zu referieren. Der Wagen. sie. in dem Präsident Wilson die Champs Elysées hinunterfuhr. Die Kohärenz eines Textes kann durch kohäsive Verknüpfungen wie durch die Wiederaufnahme bereits verwendeter Wörter oder übergeordneter bzw. untergeordneter Kategorien erreicht werden. sondern vielmehr ein Ergebnis der Interpretationsanstrengungen des Lesers. Eine Woche hat sieben Tage. Deswegen ist es ja auch möglich. war pechschwarz. die Menschen von diesen Dingen haben. Allerdings sind solche kohäsiven Beziehungen noch lange keine Garantie dafür. Diese Referenzwörter beziehen sich nicht direkt auf Dinge in der Realität. Korb hat vier Buchstaben. Schwarz war als Farbe für das Logo schon lange im Gespräch. wie etwa Einhörner. zu einer kohärenten Textrepräsentation zu gelangen. die wiederholte Referenz auf dieselben Objekte innerhalb eines Textes. sondern auf mentale Bilder und Vorstellungen. d. Aufgrund seines kulturellen Wissens und seiner Erfahrung weiß er. dass wir mittels Texten in zusammenhängender Art und Weise über Konzepte und deren Referenten reden. Dieses Hintergrundwissen erlaubt es dem Leser.h. Auch wenn in diesem Text mehrfach durch Wortwiederholungen kohäsive Verknüpfungen hergestellt werden. Kohärenz wird auf zweierlei Art erreicht: erstens durch referentielle Kohärenz. dass zu einem Mord Mörder.h. die gar nicht exi. Kohärenz ist offenbar nicht so sehr eine Eigenschaft der verwendeten sprachlichen Ausdrücke in einem Text selbst. Tatwaffen.

Wird auf Referenten außerhalb des Textes Bezug genommen. d. sind zum Beispiel Pronomen (sie. Ich fand [sie]i einfach traumhaft. indem sie ein neues Objekt aus dem Sack nehmen. Die Herstellung von Bezügen durch Referenzwörter innerhalb eines Textes bezeichnet man als endophorische Referenz. sind in den folgenden Beispielen jeweils durch Indizes ( i ) markiert. In natürlichen Sprachen wird das sprachliche Konzept typischerweise durch die Verwendung eines indefiniten Ausdrucks.h. Referentielle Kohärenz wird also vor allem durch endophorische Elemente hergestellt. In diesem Fall spricht man auch von Deixis. wie stark ein Konzept im Vordergrund steht. Wenn ein Konzept in einem Text zum ersten Mal auftritt. Ein eindeutiges Beispiel für exophorische Referenz ist Beispiel (7): (7) [Frau deutet an die Decke und sagt zu ihrem Mann:] Hast du jetzt endlich ’mal mit denen da oben geredet? Die Äußerung der Frau ist nur dann vollständig interpretierbar. mein. Genauere Untersuchungen dieser identifizierenden Funktion referentieller Ausdrücke haben ergeben. ihr) oder auch ganze Nominalphrasen (die Frau von nebenan). z. Die Referenzausdrücke und ihre Referenzpunkte. Zur Interpretation wird entweder auf den vorangegangenen Kontext (wie in Beispiel (8)) Bezug genommen.h. wieder andere spielen eine nebengeordnete Rolle.B. d. d. (8) (9) Letztes Jahr waren wir in [den Alpen]i. Über einige wird kontinuierlich geredet. Die lagadonischen Gelehrten aus Gullivers Reisen würden es in ihre Unterhaltung einführen. [Das]i war mal wieder typisch – [erst hab’ ich ’ne Panne mit dem Wagen und dann ist auch noch die Brücke gesperrt]i b. wie prominent es ist. so handelt es sich um exophorische Referenz.h. a. die auf dieselben Referenten verweisen. dass die Art und Weise.198 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT Typische Ausdrücke. durch anaphorische Referenz. Endophorische Referenzelemente werden aus dem unmittelbaren textinternen Kontext heraus interpretiert und tragen auf diese Weise zur Kohärenz eines Textes bei. wenn Informationen über den situativen Kontext zur Verfügung stehen. davon abhängt. Für deiktische oder exophorische Ausdrücke ist dies typisch. so muss es zunächst einmal eingeführt werden. eingeführt (zumindest ist das bei allen westeuropäischen Sprachen der Fall). Endophorische Referenzelemente hingegen werden allein aus dem im Text hergestellten Kontext interpretiert. andere werden neu in den Text eingeführt. Nehmen wir etwa den typischen einführenden Satz bei Märchen: . durch kataphorische Referenz. mit denen man auf bereits erwähnte Referenten verweisen kann. eines unbestimmten Artikels oder unbestimmten Pronomens. Mit ihnen kann sowohl auf Konzepte im Text selbst als auch auf Referenten außerhalb des Textes verwiesen werden. Doch nicht alle Referenten in einem Text stehen für den Hörer in gleichem Maße im Vordergrund seiner Aufmerksamkeit. oder auf den nachfolgenden Kontext (9). Weißt du schon [das Neueste]i? [Meike hat geheiratet]i. wie auf Konzepte bezug genommen wird.

dass sie elliptisch werden: (10) b. die so genannte Koreferenz herzustellen: (10) c. zu dem ein Referent im Vordergrund steht. desto weniger sprachliches Material ist zur Identifikation dieses Referenten nötig. denn aufgrund unserer Erfahrung wissen wir. Diese Referenzform ist gekürzt. das lebte in dem Wald eines reichen und mächtigen Königs.TEXTLINGUISTIK 199 (10) Es war einmal ein kleines Mädchen. Manchmal werden die Mittel. und auch. Wenn das Konzept „das Mädchen“ weniger im Zentrum der Aufmerksamkeit steht. mit denen referiert wird. denn der Referent kann aus eben diesem Kontext unmittelbar abgeleitet werden.B. Das hatten wir bereits in Beispiel (3) gesehen: der Motor wird uns so präsentiert. so werden Bezüge zu diesem Konzept in der Regel durch definite Ausdrücke wie Pronomen oder Demonstrativpronomen hergestellt: (10) a. um den Verweis auf denselben Referenten.. das lebte in einem Wald. dass er tatsächlich eingeführt wurde. Ø Schneewittchen. Es war einmal ein kleines Mädchen... Mehr Information wird im Kontext von (10a) auch nicht benötigt. Nun besteht ein enger Zusammenhang zwischen dem Grad. Es war einmal ein kleines Mädchen. als den lieben langen Tag auf die Jagd zu gehen. d. und der Form des zugehörigen Refe- . Ist der Referent erst einmal eingeführt. je stärker es im Vordergrund steht. Hat es bereits den ganzen vorangegangenen Text über im Mittelpunkt gestanden. der nichts lieber tat. durch eine Nominalphrase statt eines Pronomens) benötigt. Es kann aber auch vorkommen. Numerus und Genus (Pronomen in anderen Sprachen enthalten unter Umständen sogar noch weniger Informationen). als hätte der Sprecher ihn bereits eingeführt. Je mehr Prominenz ein Konzept in einem Text erhält. dass ein solcher Wagen einen Motor hat. Der hatte einen Sohn namens Jeremias. dass Objekte oder Personen nicht eingeführt wurden. genannt Schneewittchen. da traf er auf {das ?? kleine Mädchen / sie}. sogar noch so weit gekürzt.h. Als er eines Tages der Fährte einer Hirschkuh folgte. aber aufgrund von Wissen über die Situation oder aufgrund von Hintergrundwissen auf ihre „Existenz“ geschlossen werden kann. so kann auf ihn auf verschiedene Weise Bezug genommen werden – je nachdem. Auf eine gewisse Weise kann man auch sagen. wie stark das eingeführte Konzept im Vordergrund steht. Ein deutsches Pronomen gibt semantische Informationen über Kasus. so wird mehr Inhaltsinformation (z. etwa wenn es einige Zeit zuvor das letzte Mal erwähnt wurde und ein anderes Objekt in den Mittelpunkt gerückt ist. Die vollständige Form wäre Das Mädchen hieß Schneewittchen. Das hieß Schneewittchen. Diese Beispiele veranschaulichen alle die identifizierende Funktion referentieller Ausdrücke. dass man zu einem Empfang mit dem Wagen fahren kann.

Umgekehrt können aber auch unbestimmte Nominalphrasen oder Pronomen zu einem Zeitpunkt im Text verwendet werden. Goethei war nicht nur ein großer Künstler. was du sagst. einen Ausschnitt aus der Mitte eines Lexikoneintrages über Goethe: (11) Eri war von der Menschheit und ihrer Entwicklung fasziniert und brachte seinei Ideen. will ich tun. Wie experimentelle Untersuchungen gezeigt haben. um sich neben dem Getreidehaufen schlafen zu legen.] (Aus dem Buch Rut 3. deine Magd.. nehmen Leser unter anderem anhand von solchen überspezifizierten Referenzen Themenwechsel im Text wahr. zu dem die Einheiten. Solche späten Indefinita erfüllen innerhalb des Textes eine bestimmte Funktion. wie ihre Schwiegermutter ihr aufgetragen hatte.. was als referentielle Überspezifizierung bezeichnet wird. Die Wiedereinführung des Namens Goethe zeigt also an.5-9. Anaphorische Ausdrücke können auch eine nicht-identifizierende Funktion haben. und fand eine Frau zu seinen Füßen liegen. Betrachten wir zu diesen beiden Aspekten Beispiel (11). 8) Um Mitternacht schrak der Mann auf. Maximen und Kurzgeschichten zum Ausdruck. Referenzausdrücke signalisieren also dem Hörer oder Leser auch. Einheitsübersetzung) . hätte das Pronomen er an dieser Stelle doch völlig ausgereicht. Hier wirkt die Überspezifizierung sehr dramatisch. Nun trat sie leise heran. durch sie wird der Wendepunkt in Luthers Leben eingeführt. Liedern. ging er hin. Dadurch entsteht ein besonderer textstrukturierender Effekt. Prosa. den man als Textsegmentierung bezeichnet. Sie kann zum einen überbestimmt sein. Die Bibel. auf die diese referieren. obwohl dieser bereits an einer früheren Stelle des Textes eingeführt wurde. Ein weiteres Beispiel findet sich in dem Text über Luther (4). deckte den Platz zu seinen Füßen auf und legte sich nieder. der Referent steht also bereits im Vordergrund. beugte sich vor. [. sondern auch ein bedeutender Naturwissenschaftler. Diese Form der Anapher bezeichnet man als spätes Indefinitum. 6) Sie ging zur Tenne und tat genauso. dass an dieser Stelle des Textes ein neues Thema eingeführt wird. als für ihre referentielle Funktion an einer Stelle des Textes notwendig wäre. Jeder Satz in diesem Ausschnitt handelt von Goethe. Die Verwendung des Namens Goethe im letzten Satz ist eindeutig ein Fall von Überspezifizierung. 9) Er fragte: Wer bist du? Sie antwortete: ich bin Rut. wo er nach dem Referenten dieses Ausdrucks suchen muss. In diesem Fall wird der Name selbst anstatt des Pronomens verwendet. Gelegentlich hat die Anapher eine andere Form. Wieso wird hier der volle Name genannt? Um auf den Referenten „Goethe“ zu verweisen. Zum anderen kann sie einen Referenten neu einführen.200 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT renzausdruckes. Absätze aufgegliedert. Dramen. schon längst genau bestimmt wurden. Ein Text wird so in größere gedankliche Einheiten bzw. die in Beispiel 12 deutlich wird: (12) Rut auf der Tenne des Boas 5) Rut antwortete ihr: Alles. 7) Als Boas gegessen und getrunken hatte und es ihm wohl zumute wurde. Fragen und Zweifel in Gedichten.

(13) Das Einhorn starb. In (8) wird der Referent Rut erneut eingeführt. wer es ist.h. Als identifizierendes Element erscheint die Verwendung des unbestimmten Artikels eine in (8) deshalb etwas eigenartig. Endophorische Referenznahme hat vorwiegend identifizierende Funktion. dass jemand zu seinen Füßen liegt und ja auch zunächst nicht weiß. Eigentlich ist der mit diesem Ausdruck bezeichnete Referent doch im vorigen Absatz bereits eingeführt worden. „Kontrast“. wenn er oder sie nicht die Kohärenzrelationen zwischen den einzelnen Sätzen oder Teilsätzen eines Textes (wie „Ursache – Wirkung“. In (5) und (6) wird Ruts Handeln beschrieben. Einige werden explizit signalisiert (etwa durch weil oder obwohl in den Beispielen (13) und (15)). der verwundert ist. Kohärenzrelationen sind ein weiterer Grund dafür. Es folgen einige Beispiele für solche Kohärenzrelationen in natürlichen Texten.2. Wir sehen das Ereignis mit der erneuten Einführung des Referenten diesmal sozusagen mit Boas’ Augen. so können auf diesem Wege Effekte wie Textsegmentierung oder Perspektivierung erzielt werden. die zur Interpretation der Einzelsätze hinzugefügt werden müssen.TEXTLINGUISTIK 201 Uns interessiert hier der Ausdruck eine Frau in (8). zwischen eine Frau in (8) und sie in (6) sowie Rut in (1) besteht Koreferenz. d. die Auswahl der Referenzen entspricht in der Regel den Bedürfnissen des Lesers/Hörers nach Information an dieser Stelle des Textes. Durch das späte Indefinitum eine Frau wird hier ein anderer Effekt erzielt. Kohärenzrelationen sind diejenigen Aspekte bei der Interpretation eines Textes. weil es sehr einsam war. Fassen wir diesen Abschnitt noch einmal zusammen. in (8). Da es im Lagadonischen keine Entsprechung zu Teilsätzen gibt. Es gibt nun aber keine Objekte.).h. d. Eine lagadonische Äußerung besteht immer nur aus Gruppen von Objekten. diesmal allerdings aus Boas’ Sicht. indem auf Konzepte innerhalb des Textes verwiesen wird. wie Boas sich in der Scheune niederlegt. „Beweis“) bei der Interpretation herstellt. 8. andere bleiben implizit (14). Referentielle Kohärenz kann durch endophorische Referenz hergestellt werden. (Folge – Ursache) . In lagadonischer Kommunikation stünden nur sehr wenige dieser verschiedenen Möglichkeiten zur Herstellung referentieller Kohärenz zur Verfügung. Man würde doch viel eher das Pronomen sie oder den bestimmten Artikel die erwarten. Diese Verwendung später Indefinita bezeichnet man als Perspektivierung. kann es auch keinerlei Entsprechung für Bezüge zwischen Teilsätzen geben. In natürlicher Sprache werden diese durch Ereignisschemata in Teilsätzen ausgedrückt (siehe hierzu Kapitel 4. sondern markiert. warum die lagadonische Ausdrucksweise sich nicht sonderlich zur Kommunikation eignen würde. Dabei wird eine Szene aus der Perspektive einer bestimmten Person betrachtet. die für ganze Situationen oder Ereignisse stehen könnten.5 Relationale Kohärenz Jeder Leser oder Hörer kann einen Text nicht wirklich verstehen. Der Text wechselt die Perspektive. Ist die Referenz nicht wie normal erwartet.

weil dieser durch die Besprechung auf ihn . wodurch die Kohärenzrelation Einräumung signalisiert wird. (b) Kaal wurde letztes Jahr von dem Verleger Maurice Keizer angesprochen.202 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT (14) Der neue Assistent ist so was von karrieregeil! Seit Wochen arbeitet er schon bis spät in die Nacht. die sich in unterordnende Konjunktionen (denn. die durch den ersten Teilsatz geweckt wurde. In (15) weist der zweite Teilsatz eine Erwartung zurück. (Unterstellung – Beweis) (15) Obwohl Greta Garbo das Schönheitsideal ihrer Zeit verkörperte. im Gegensatz zu) unterteilen lassen. Dies geschieht durch Konnektoren.B. In (14) gibt der zweite Teilsatz nicht den Grund für eine bestimmte Tatsache an. Ein solches Beispiel ist (17): (17) (a) Seit dem ersten Juni dieses Jahres ist Jan Kaal Mitherausgeber der monatlichen Zeitschrift O. deswegen) und konjunkte Adverbialphrasen (aus diesem Grund. sondern Anhaltspunkte. die zwischen Teilsätzen auftreten. Dieses Beispiel stammt aus einem Nachruf über Greta Garbo in der niederländischen Zeitung De Volkskrant. Aus dem Text wird klar. falls.. In Beispiel (16) wird das Ende des ersten Teilsatzes ansteigend intoniert. auch für größere Textteile wie Absätze und sogar ganze Abschnitte. mit denen eine Kontrastbeziehung signalisiert wird. oder auch durch Betonung und Intonation. Gelegentlich gebrauchen Sprecher auch Konnektoren. auf die der Sprecher sein Urteil über den neuen Assistenten stützt. dass „schöne Frauen normalerweise heiraten“. Mit dem Satz wird die konversationelle Implikatur erzeugt. (16) Thomas mag ja durchaus gute Zeugnisse haben. Wie die Beispiele (13) und (15) zeigen. konjunkte Adverbien (also.. Sie können auch auf subtilere Art angezeigt werden. hat sie doch niemals geheiratet. Kohärenzrelationen können beispielsweise auch durch ganze Sätze angezeigt werden (so kann z. er kann allerdings überhaupt nicht im Team arbeiten. obwohl). Neueren Theorien der Textlinguistik zufolge gelten dieselben Kohärenzrelationen. können Kohärenzrelationen explizit angezeigt werden. waren bei der Redaktion der Zeitung zahllose Briefe von erbosten Lesern eingegangen. dass Kaal von dem Verleger angesprochen wurde und jetzt Mitherausgeber der Zeitschrift ist. der zweite Teilsatz aber stark abfallend. etwa durch „relationale“ Inhaltswörter wie einige. Weil der Autor mit dem Satz impliziert.. aber). die nicht der gewünschten Kohärenzrelation zu entsprechen scheinen. (Erwartung – Zurückweisen) In Beispiel (13) liefert der zweite Teilsatz den Grund für den Tod des Einhorns (es war einsam). zwischen der Darbietung einer Hypothese und deren genauerer Untersuchung eine Verbindung wie Diese Hypothese bedarf einer genaueren Überprüfung eingesetzt werden). die sich über die antiquierten Ansichten des Redakteurs beschwerten. (c) nachdem er eine Besprechung der ersten Ausgabe der Zeitschrift im NRC Handelsblad geschrieben hatte. dass „schöne Frauen normalerweise heiraten“.andere. koordinierende Konjunktionen (und.

so kann der Fragende unter der Annahme. die sich auf die Relevanzmaxime stützt. Auch die Gleichzeitigkeit von Ereignissen ist kaum jemals relevant. mit dem eine solche kausale Beziehung normalerweise ausgedrückt würde. konnte ich einfach nicht vernünftig an meiner Hausarbeit arbeiten. Ganz anders bei Zeugenaussagen: hier erwarten sowohl Sprecher als auch Hörer. sprang der Selbstmörder aus dem Fenster. explizit machen. (19) Als Astrid noch ständig auf der Geige übte. Folglich treten bei der Textsorte „Zeugenaussage“ nur selten Unterspezifizierungen auf. dass jeder sich sehr explizit ausdrückt. nicht kooperativ gehandelt zu haben. wodurch die temporale Relation zwischen beiden Ereignissen angegeben wird. so ist die Antwort zwar nicht falsch. Aus diesem Grunde können additive Konnektoren auch konzessiv interpretiert werden: (20) Er ist zwölf Jahre alt und kann Beethovensonaten spielen. wenn sie voraussetzen können. Unterspezifizierte Kohärenzrelationen lassen sich vor dem Hintergrund konversationeller Implikaturen erklären (siehe Kapitel 7).19): (18) Als der Polizeipsychologe das Zimmer betrat. Die bloße zeitliche Abfolge von Ereignissen zu erwähnen. Sie kommunizieren unter der Annahme. weshalb zeitliche Konnektoren oft kausal interpretiert werden können. dass die Ereignisse in einem kausalen Zusammenhang stehen – aufgrund dieser Erwartung bleiben kausale Relationen in dieser Textsorte oft unterspezifiziert. Dieses Phänomen bezeichnet man als relationale Unterspezifizierung. dass man an dieser Tankstelle Benzin kaufen kann – auch wenn er das nicht explizit zum Ausdruck bringt. Die Interaktionsteilnehmer müssen nicht jede einzelne Information. In Erzählungen kann ein Hörer zum Beispiel erwarten. Die Unterspezifizierung von Kohärenzrelationen kann auch als konversationelle Implikatur angesehen werden. . Die Interpretation eines Textes wird durch eine ganze Reihe von Aspekten des Kontextes erheblich eingegrenzt. davon ausgehen. ist nur selten von Belang. dass dem Hörer/Leser aus dem Kontext heraus genügend Informationen zur Verfügung stehen. die Ereignisse stünden der Erwartung entgegen. dass diese Aussage der Griceschen Maxime der Qualität folgt. Ist dies nicht der Fall. aber der Antwortende müsste sich den Vorwurf gefallen lassen. Unterspezifizierungen können die Textinterpretation aber auch erheblich erschweren.TEXTLINGUISTIK 203 aufmerksam wurde. die sie mitteilen wollen. Das erklärt. sondern nachdem. wenn sie explizit genannt werden (18. Wenn also jemand auf die Aussage Mir ist das Benzin ausgegangen mit Die Tankstelle ist um die Ecke antwortet. um den Text angemessen interpretieren zu können. Aus diesem Grunde verwenden Sprecher/Schreiber sie auch nur. es sei denn. unter anderem durch die Textsorte. dass sich ihr Kommunikationspartner kooperativ verhält und relevante Inferenzen macht. Der Autor des Textes verwendet allerdings nicht den Konnektor weil.

weil (ursprünglich „so lange wie“. dientengevolge (bedeutete ursprünglich „dem folgt“ und jetzt „demzufolge“. Der implizierte Zusammenhang wird allerdings erst durch einen Kontrast erzeugt.B. Diese Bedeutungsverschiebung lässt sich auch durch eine sprachhistorische Betrachtung ehemals temporaler Konnektoren stützen. In (13) wird implizit angenommen. still (bedeutete ursprünglich nur „nach wie vor“ z. Gleichzeitigkeit wird zu zurückgewiesener Erwartung. Dtsch. ähnlich wie bei but ‚aber‘) Wie die Übersicht im noch folgenden Abschnitt 8.. dass offensichtlich eine Erwartung bestand. wie S und H unter den normalen Bedingungen des alltäglichen Sprachgebrauchs in der Lage sein sollten. Erst diese Negation weist den Leser daraufhin. Nl. Engl.. (21) a.204 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT Dieser Satz geht auf das Prinzip der Metonymie zurück: Relationen sind Metonymien für kausale bzw. kaum eingrenzbaren Liste die jeweils benötigten Relationen auszuwählen. it is true. Inzwischen gibt es Kataloge. konzessive Relationen. Dieser Zusammenhang wird in den Teilsätzen von (13) mehr oder weniger direkt ausgedrückt. die verschiedenen Kohärenzrelationen nach unterschiedlichen Dimensionen in allgemeinere Kategorien einzuordnen und dabei zu berücksichtigen. temporale Überschneidung wird zur Kausalität) d. die inferiert werden muss. die jetzt auch kausale Relationen anzeigen. aber eben auch periphere Mitglieder hat.3).3. dass „Einsamkeit für gewöhnlich zum Tod führen kann“. ist in der jüngsten Literatur zur Textlinguistik die Anzahl der angeführten Kohärenzrelationsarten explosionsartig in die Höhe geschnellt. und zwar indem im zweiten Teilsatz eine Negation (aber nie) verwendet wird.. 14) oder negativ (15) sind.6 mit etwa zwanzig verschiedenen Arten von Kohärenzrelationen zeigt. solche wie . Offensichtlich sind hier pragmatische Implikaturen nach und nach in Sprache „enkodiert“ worden – ein Fall von Grammatikalisierung (siehe hierzu Kapitel 3. aus einer solchen. Eine Möglichkeit zur Einschränkung dieser Liste besteht darin. cependant (bedeutete ursprünglich „währenddessen“ und jetzt aber „obgleich“. Relationen können etwa danach eingeordnet werden. räumliche Anordnung wird zu zeitlicher Abfolge wird zur kausalen Verknüpfung) c. Kookkurrenz wird zu zurückgewiesener Erwartung) b. dass jede dieser Kategorien zentralere. Relationen wie (13) nennt man deshalb positive Relationen.: He is still here und nun auch „allerdings“ Still. Frz. In (15) wird der Zusammenhang „schöne Frauen heiraten für gewöhnlich“ impliziert (diese Implikation hatte ja zu den vielen Leserbeschwerden geführt). ob sie positiv (13. In einer ganzen Reihe von Sprachen lassen sich ganz ähnliche Bedeutungsverschiebungen aufzeigen. die über 300 verschiedene Arten auflisten! In einem Punkt stimmt man in der Regel allerdings überein: diese Auffächerung von Relationen muss in irgendeiner Weise eingegrenzt werden – immerhin ist im Rahmen einer kognitiven Theorie von Sprache kaum vorstellbar.

So ist in Beispiel (24) der Hauptsatz als Satellit zu sehen. Die Relation bleibt implizit bestehen und die Wortstellung der Sätze unverändert. b. weil er ständig husten musste. Tilgt man alle Satelliten aus einem Text. erhalten wir einen impliziten kausalen Verband (23a'). Jörg hat mit dem Rauchen aufgehört. Der Konnektor denn wird dagegen in Zusammenhang mit einer parataktischen Konstruktion gebraucht und drückt eine Beweisrelation aus. der beigeordnete Satz aber als Kern: . Ich habe ihn seit einer Wo. Hierbei darf allerdings nicht außer Acht gelassen werden. a'. Im Gegensatz dazu wird bei einer überordnenden oder hypotaktischen Relation ein abhängiger Nebensatz mit einem Hauptsatz verknüpft. mit dem die Hintergrundinformationen geliefert werden. Eine typisch hypotaktische Relation ist (23a). Bei dem hypotaktischen Satzverband in (23a) dreht sich der weil-Satz wie ein Satellit um den Nukleus des Hauptsatzes. welchen syntaktischen Status die verbundenen Teilsätze haben. Hier steht die Ursache (weil) im Vordergrund. bei der ein Teilsatz ein Ereignis bezeichnet. Parataktische Relationen werden auch als „multinuklear“ bezeichnet – alle Teilsätze in (22a. Ein typisches Beispiel für eine parataktische Relation ist eine Sequenzrelation (22). (22) a) Wasser mit Milch zum Kochen bringen. so erhält man eine sehr gute Zusammenfassung dieses Textes.TEXTLINGUISTIK 205 (15) negative Relationen. Hypotaktische Relationen sind Relationen zwischen einem Kern und einem Satelliten (Nukleus-Satelliten-Relation). Wenn wir die Wortstellung aber so anpassen. Er musste ständig husten. hängt der Nebensatz sozusagen in der Luft. b'. denn ich habe ihn seit einer Woche nicht mehr mit Zigarette gesehen. Jörg hat mit dem Rauchen aufgehört. Wenn wir weil weglassen. ein Satellit durch einen Nebensatz ausgedrückt –. Bei parataktischen Relationen kann der Konnektor auch weggelassen werden (23b'). Jörg muss mit dem Rauchen aufgehört haben. ist diese Unterscheidung auf der Satzebene nicht immer zutreffend. (c) dann den Gries einstreuen. Auch wenn diese Unterscheidung sich oft direkt auf der Satzebene wieder findet – ein Kern wird in diesem Fall durch einen Hauptsatz. Negative Relationen werden typischerweise durch kontrastierende Konnektoren wie aber oder obwohl signalisiert.che nicht mehr mit Zigarette gesehen. das auf das Ereignis aus dem vorangegangenen Teilsatz folgt. (b) unter Rühren Trockenhefe hinzugeben. dass weil weggelassen werden kann. Sie entspricht der Unterscheidung zwischen Hauptgedanken und Nebengedanken.c) sind gleichermaßen zentral für den Text.b. Ein anderes Ordnungskriterium für Kohärenzrelationen könnte sich daran ausrichten. dass es sich bei der Unterscheidung in Kerne und Satelliten um eine Unterscheidung auf der Ebene der Textrepräsentation handelt. Jörg muss mit dem Rauchen aufgehört haben. Bei einer nebenordnenden oder parataktischen Relation haben beide Teilsätze denselben Status. (23) a.

während das zweite Ereignis („es starb“) als direkte Folge der ersten Situation („das Einhorn war krank vor Einsamkeit“) zu sehen ist. dass der Hörer oder Leser zwischen den einzelnen Textelementen Kohärenzbeziehungen herstellt. besteht darin. wenn der Inhalt des Teilsatzes sich auf dieselbe Realitätsebene bezieht wie in (13) Das Einhorn starb. Eine dritte Möglichkeit. sondern vielmehr um kognitiv relevante Faktoren handelt. oder wenn er wie in (25) dem Hörer erklärt.. Und dann haben wir ein Picknick gemacht. Kohärenzrelationen einzuordnen. dass es sich bei den Kategorien von Kohärenzrelationen nicht bloß um Hilfsmittel zu Analysezwecken in der Textlinguistik. und dann haben wir Löwen gesehen. sondern auch im tatsächlichen Sprachgebrauch von S und H vorgenommen werden. warum er die Äußerung des zweiten Teilsatzes für angemessen hält. Ideationale Relationen liegen dann vor. wenn dieser Satz Informationen darüber enthält. Bevor zu den Delphinen gegangen sind. In Studien zum kindlichen Erstspracherwerb hat man beispielsweise herausgefunden. und dann. d. Wir sind in den Zoo gegangen und haben die Löwen angeschaut. auf welcher Ebene die im Teilsatz beschriebenen Ereignisse anzusiedeln sind. Wir sind in den Zoo gegangen. weil es einsam war. haben wir ein Picknick gemacht. Diese Rela- . Auf einer späteren Stufe des Spracherwerbs werden diese Ereignisse dann auch durch hypotaktische Kohärenzrelationen ausgedrückt: (26) b. Fassen wir unsere Ausführungen in diesem Abschnitt noch einmal zusammen: die Interpretation eines Textes erfordert.h. Sprecher und Hörer sind offenbar in der Lage.206 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT (24) Der Chef war kaum zur Tür hereingekommen. positive vor negativen sowie parataktische Kohärenzrelationen vor hypotaktischen Relationen aneignen. dass solche Gruppierungen von Kohärenzrelationen nicht nur bei der sprachwissenschaftlichen Beschreibung. sie danach zu unterscheiden. (25) Da wir gerade beim Thema sind – wie wär’s mit ’ner kleinen Gehaltserhöhung? Vieles deutet darauf hin. da fing er an. die im tatsächlichen Sprachgebrauch eine Rolle spielen. und dann sind wir zu den Delphinen gegangen. mit einer enormen Vielzahl von Kohärenzrelationen umzugehen. warum der Sprecher diese Meinung vertritt oder welche Anhaltspunkte er dafür hat. wir Dies sind Anhaltspunkte dafür. weil sie diese in eine relative geringe Zahl an Oberkategorien einordnen. wenn ein Satz sich auf die Ebene „Weltereignisse“ bezieht und der andere Satz auf die Ebene der Beziehung zwischen Sprecher und Hörer.. dass kleine Kinder sich konkretere Relationen vor abstrakteren. (26a) ist ein Bericht über einen Zoobesuch mit parataktischen Konstruktionen: (26) a. wie wild herumzubrüllen. Relationen zwischen zwei Sätzen oder Teilsätzen bezeichnet man dann als interpersonelle Relationen.

(a) (b) Die Massenarmut muss bekämpft werden. HINTERGRUND: Die Information im Satelliten hilft dem Leser.6 Ein Überblick über Kohärenzrelationen Die nun folgende Liste gibt eine Übersicht über einige Kohärenzrelationen. Sie beruht auf der Arbeit von Mann & Thompson (1988). wie der Sprecher/Verfasser und der Hörer/Leser mit der großen Anzahl von Kohärenzbeziehungen umgehen. als ich meine Ferien am Nordpol verbrachte. die zwischen den einzelnen Sätzen in einem Text bestehen können. damit in den unterentwickelten Ländern die Motivation zur Geburtenkontrolle wächst. a. In diesen Fällen interpretiert der Hörer oder Leser die Relationen unter Rückgriff auf pragmatische Implikaturen. (a) (b) Die bisher schlimmste Grippe meines Lebens hatte ich letzten Sommer [Kern]. den Kern zu verstehen. die ursächlich für die im Kern dargestellte Situation ist. URSACHE: Mit dem Satelliten wird eine Situation dargestellt. Dabei enthält der Kern jeweils die Hauptinformation und der Satellit die hinzukommende Hintergrundinformation. (a) (b) Die Vereinigten Staaten produzieren mehr Weizen als auf dem amerikanischen Binnenmarkt benötigt wird. oftmals bleiben sie aber unterspezifiziert. Beziehungen von Kohärenzrelationen waren ebenfalls Gegenstand unserer Ausführungen. dass solche Gruppierungen eine wichtige Rolle dabei spielen. in dem der Hörer die im Kern dargestellte Situation interpretieren soll.TEXTLINGUISTIK 207 tionen können auf vielerlei Art und Weise markiert werden. [Satellit] . [Kern] c. [Satellit] Deswegen werden die Überschüsse exportiert. UMSTAND: Der Satellit gibt den Rahmen vor. [Satellit] Entsprechende Maßnahmen sollte auch von anderen Ländern unterstützt werden. Kohärenzrelationen lassen sich nach verschiedenen Dimensionen gruppieren – es ist durchaus wahrscheinlich. [Kern] b. 8.

EINRÄUMUNG: Zwischen den Situationen im Nukleus und denen im Satelliten besteht eine potentielle oder offensichtliche Inkompatibilität. eine im Kern beschriebenen Aktion auszuführen. . unterscheiden sich aber in einigen Aspekten. ebenso Van Hattum. [Kern] Philips hingegen ist um zehn Punkte gefallen. [Kern] g. [Satellit] gibt es keinerlei Hinweise auf ernste Langzeitauswirkungen auf den Menschen. [Satellit] sollten Sie sofort ihre Versicherungsagentur benachrichtigen. KONTRAST: (parataktisch): Die in den Kernen beschriebenen Situationen sind in vielerlei Hinsicht gleich. die Situation im Nukleus steht stärker im Zentrum der Absichten des Schreibers. [Nukleus] e. (a) (b) Die nächste ICLA-Konferenz findet 1999 in Stockholm statt. [Satellit] h. [Kern] An der alle zwei Jahre stattfindenden Konferenz werden voraussichtlich an die 300 Sprachwissenschaftler aus 23 Ländern teilnehmen. (a) (b) Kannst du schon mal die Türe aufschließen? [Kern] Hier ist der Schlüssel. BEDINGUNG: Im Nukleus wird eine Situation dargestellt.208 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT d. [Satellit] i. deren Realisierung von der Realisierung der Situation im Satelliten abhängt. AUSFÜHRUNG: Der Satellit liefert zusätzliche Detailinformationen zu (einem Element) der im Kern beschriebenen Situation. (a) (b) Auch wenn dieser Stoff bei Ratten und Meerschweinchen toxisch wirkt. (a) (b) Wenn sich Ihre persönlichen Lebensumstände ändern.schiede miteinander verglichen (a) (b) Bergoss ist um zwölf Punkte gestiegen. EINSCHÄTZUNG: Der Satellit stellt die Einschätzung der im Kern beschriebenen Situation durch den Schreiber/Sprecher dar. ERMÖGLICHEN: Die Information im Satelliten ermöglicht es dem Hörer/Sprecher. Holec und SmitTak. Sie werden in Hinblick auf diese Unter. [Kern] f.

[Satellit] k. (a) (b) Derrick. MOTIVATION: Der Leser/Hörer versteht die Information im Satelliten und wird dadurch motiviert.TEXTLINGUISTIK 209 (a) (b) Als Ergebnis der Friedensverhandlungen zwischen Israel und den Palästinensern wurde heute in Jerusalem von beiden Parteien ein neues Abkommen unterzeichnet. (a) (b) Um die neueste Version von Qedit zu bekommen. welche die Ursache für die im Satelliten dargestellte Situation ist. die im Nukleus dargestellte Information zu geben. RECHTFERTIGUNG: Der Leser/Hörer versteht die Information im Satelliten und ist deshalb eher bereit anzuerkennen. NEUDARSTELLUNG: Im Satelliten wird erneut die Information des Kerns dargestellt. [Kern] (b) Dein Wagen spricht Bände. (a) (b) Eine Gasexplosion zerstörte die gesamte Fabrik und einen Großteil der umliegenden Gebäude. [Satellit] . (a) (b) Der 20-jährige Bill Hamers hat seinen Vater ermordet. [Satellit] m. im Kern beschriebene Aktion auszuführen. [Kern] Dies ist das Ergebnis der jüngsten Friedensinitiative der USA im Nahen Osten. BEWEIS: Der Leser/Hörer versteht die Information im Satelliten und ist auf Grund dessen eher bereit. [Kern] n. (a) (b) Fahr’ doch mit ins Disneyland. [Satellit] Sie sind vorläufig festgenommen! [Kern] die l. die durch die Aktivität im Kern herbeigeführt werden soll. Mordkommision. dass der Schreiber/Sprecher das Recht hat. ZWECK: Im Satelliten wird eine Situation präsentiert. ERGEBNIS: Im Kern wird eine Situation dargestellt. (a) Ein gepflegter Wagen verrät etwas über seinen Besitzer. [Kern] Zeugen haben ihn zur Tatzeit in der Nähe des Tatorts gesehen. der im Kern gegebenen Information Glauben zu schenken. [Satellit] schicken Sie uns einfach die Registrierungskarte. [Kern] Es gab 23 Tote und über 200 Verletzte. [Kern] Das wird sicher ein Riesenspaß. [Satellit] o. [Satellit] j.

Kohärenz ist das Hauptkriterium dafür. sondern vor allem auch mit der Interpretation des Textes. [Kern] 8. (a) (b) Wollen Sie alle Möglichkeiten von Ethernet voll ausschöpfen? [Satellit] Dann sollten Sie auf einen Computer mit PCI Bus umsteigen. Bei exophorischer Referenz oder Deixis wird auf bestimmte Entitäten in der Sprechsituation verwiesen. je mehr Prominenz er hat. muss der Text kohärent. d. dem Bezug auf später im Text zu erwartende Entitäten. Die Textlinguistik interessiert sich in immer stärkerem Maße auch für die nicht-identifizierende Funktion anaphorischer Ausdrücke.h.7 Zusammenfassung Ein Text ist der verbale Anteil an einem Kommunikationsereignis ohne die parasprachlichen und nonverbalen Elemente. [Kern] q. Endophorische Referenz nimmt auf hervorgehobene Entitäten innerhalb des Textes Bezug. Beide zusammen bilden die Textrepräsentation. ob sprachliche Zeichen Texte sind. LÖSUNGSMÖGLICHKEIT: Die im Kern gegebene Situation stellt eine Lösung für die im Satelliten beschriebene Situation dar. dass ein Text Kohärenz bekommt. d. Dies sind sprachliche Mittel wie etwa Pronomen. Ein Text bekommt für einen Hörer bzw. Je stärker ein Referent an einem Punkt des Textes im Vordergrund steht. und kataphorischer Referenz. 1½ Stunden kochen. Hier unterscheidet man weiter zwischen anaphorischer Referenz. d. Referentielle Kohärenz entsteht durch den wiederkehrenden Bezug auf dieselben Referenten. Die Textlinguistik beschäftigt sich deshalb nicht mit den sprachlichen Elementen des Textes allein. Leser Sinn. Nicht selten wird eine . Sie wird teils durch den Text vorgegeben und teils durch den Leser selbst hergestellt. Doch kohäsive Verknüpfungen sind an sich noch keine Garantie dafür. SEQUENZRELATION: (parataktisch) Die Kerne stellen eine Sequenz von Ereignissen dar. Durch referentielle Kohärenz werden in erster Linie Einheiten eingeführt und identifiziert. Damit der Leser/Hörer eine sinnvolle Repräsentation des Textes gewinnen kann. Kohärenzrelationen werden im Text oft durch kohäsive Verknüpfungen hergestellt. dem Bezug auf bereits eingeführte Entitäten. [Kern] Dann ca. andere Funktionswörter oder die Wiederholung von Nominalphrasen. zu der Hörer und Leser aufgrund des Textes gelangen.h. Sie wird entweder durch exophorische oder durch endophorische Referenz erreicht. (a) (b) Bohnen über Nacht in kaltem Wasser einweichen lassen. mit der auf diese Einheit verwiesen wird. konzeptuell zusammenhängend sein.210 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT p. Kohärenz ist vielmehr ein Aspekt auf der konzeptuellen Ebene. Es gibt zwei Arten von Kohärenzrelationen: referentielle und relationale Kohärenz. desto stärker kann die Form gekürzt oder sogar elliptisch sein.h.h. wenn er ihn vor dem Hintergrund seines Weltwissens interpretiert. d.

8. Martin (1992) diskutiert Textsorten und weitere Aspekte der Textstruktur im Rahmen der funktionalen Linguistik. . ideationale/interpersonelle Relation etc. In diesem Fall spricht man von referentieller Überspezifizierung. Du Bois (1980) behandelt. Sanders. Hustinx & Simons (1992) stellen experimentelle Untersuchungen zur Segmentierungsfunktion überspezifizierter Nominalphrasen dar. was als relationale Unterspezifizierung gilt. dass wir sie als eine Art Liste speichern. deren Funktion vor allem die Strukturierung und Textsegmentierung ist. Referentielle Kohärenz wird in unterschiedlichen Ansätzen behandelt – ein wesentlicher Ansatz wird in Grosz & Sidner (1986) dargestellt.8 Leseempfehlungen Allgemeine Einführungen in die Textlinguistik sind Brinker (2001) sowie Heinemann & Viehweger (1991). als Ergebnis eines Prozesses der Grammatikalisierung zum Teil der konventionellen Bedeutung eines Ereignisses werden.TEXTLINGUISTIK 211 bestimmte Nominalphrase oder ein vollständiger Name verwendet. Relationale Kohärenz stellt dagegen Beziehungen zwischen Ereignissen her. Van Dijk & Kintsch (1983) behandeln hierarchische Aspekte der Textstruktur im Rahmen der Textlinguistik und Psycholinguistik. Man kann deshalb wohl davon ausgehen. parataktische/hypotaktische Relation. wo ein Pronomen durchaus ausgereicht hätte. wie Referenten unterschiedlich stark im Vordergrund stehen und deshalb in unterschiedlichem Maße zugänglich sind. Ushie (1986) untersucht späte Indefinita. Traugott & König (1991) analysieren unterspezifizierte Kohärenzrelationen. Spooren & Noordman (1992) diskutieren. Vonk. Hypotaktische Relationen spiegeln die konzeptuelle Unterscheidung zwischen Nukleus und Satellit wider: bei Nuklei handelt sich eher um die Hauptgedanken des Textes (den „roten Faden“) als bei Satelliten. dass diese Einzelrelationen unter bestimmte Oberkategorien fallen. die ursprünglich auf konversationelle Implikaturen zurückgingen. Diese Phänomene stehen in engem Zusammenhang mit der Textsorte. wie Kohärenzrelationen zu Kategorien zusammengefasst werden können. Mann & Thompson (1988) ist eines der einflussreichsten Werke zur relationalen Kohärenz. Umgekehrt finden sich aber auch späte Indefinita für Referenten. Kohärenzrelationen können implizit bleiben oder durch Konnektoren wie Konjunktionen oder adverbiale Phrasen explizit gemacht werden. die längst eingeführt worden sind. sie erfüllen die Funktion der Perspektivierung. Solche Kategorien sind etwa positive/negative Relation. Die große Zahl der Kohärenzrelationen lässt kaum annehmen. Brown & Yule (1983) besprechen ausführlich Kohärenz als einen Aspekt der Textrepräsentation. Diese Annahme wird durch Untersuchungen des Spracherwerbs bei Kindern gestützt. Einige Konnektoren können dabei von ihrer ursprünglichen temporalen Bedeutung abweichen. Im Laufe der Zeit können implizite Relationen. Durch referentielle Kohärenz werden also die Entitäten innerhalb eines Textes miteinander verbunden.

und was man früher anwendete. Müller sagte. der sich dann beim Eintauchen in ein giftiges Pilzgericht rötlich färben würde. Welche Ausdrücke würden Sie aufgrund dieses Zusammenhangs in den folgenden Beispielen erwarten? Begründen Sie Ihre Wahl. München: BLV) 3. (Neuner. ein narrensicheres Mittel zur Erkennung der Giftpilze zu haben.212 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT 8. In alten Kochbüchern liest man z. Andreas. Welche dieser referentiellen Ausdrücke sind exophorisch (EX) . Wenn sie/die Frau Doktor das sagt. Sie/Das Paar liebten/liebte sich innig. 1976. in dem das giftige Gericht zubereitet wurde. mehr Bewegung würde mir schon helfen. damit seine weitere Verwendung nicht zu Gesundheitsstörungen führe. daß sogar der (irdene) Topf. Unterstreichen Sie dazu jeweils alle referentiellen Ausdrücke des Textes (Pronomen und vollständige Nominalphrasen). Man kann sie am zuständigen Landratsamt erfragen. ist längst als Aberglaube erkannt worden.. zerschlagen werden müsse. wenn sie einer Pilzberatungsstelle vorgelegt und dort als eßbar bezeichnet wurden. die Anweisung. Weder übertriebene Ängstlichkeit noch fahrlässiger Leichtsinn sind am Platz. ob sie neue Informationen einführen (N) oder Informationen geben. Analyse zu referentieller Kohärenz: Analysieren Sie die folgenden Texte A und B im Hinblick auf referentielle Kohärenz. b. e.B. welche endophorisch (EN)? Welche sind Beispiele für kataphorische (K). c. daß man nur solche Pilze zu Speisezwecken sammelt. Man glaubte z. BLV Naturführer Pilze. Durch welche sprachlichen Mittel werden im folgenden Textauszug relationale Kohärenzbeziehungen angezeigt? Es wäre praktisch. Arten. Für weniger bekannte und nicht so sehr im Vordergrund stehende Referenten werden eher Nomina verwendet. Dr. Kennzeichnen Sie diese danach. daß das Pilzgericht giftig sei. verwende man nur dann. d. . wie man ihn zur Erkennung von Zucker im Urin verwendet. die nicht einwandfrei zu identifizieren sind. a. welche für anaphorische (A) Referenz? (i) (ii) 2. die bereits eingeführt (E) wurden. glaube ich ihr das auch. Für bekannte und stark im Vordergrund stehende Referenten werden häufig Pronomen verwendet. Ein neunzigjähriger Mann und eine achtzigjährige Frau saßen auf einer Parkbank. die man ganz sicher kennt. das Schwarzwerden eines silbernen Löffels oder einer mitgekochten Zwiebel sei ein sicherer Hinweis darauf. um vermeintlich ein giftiges Pilzgericht als solches zu entlarven.9 Aufgaben 1. etwa einen Teststreifen.B. Solche Beratungsstellen gibt es an vielen Orten in der Bundesrepublik Deutschland. Der wichtigste Grundsatz ist wohl der. Aber einen solchen Indikator gibt es nicht.

welche nicht? Gibt es referentielle Ausdrücke. daß das Tier ausgenommen ist. will natürlich auch gemeinsam aufgebaut werden. so wird mit dem Weißwein abgelöscht. in dem die Regale Billy heißen oder Suflör oder Jonglör und die Kinderbetten Gutvik. die im Fischgeschäft bereits entfernt werden sollten. Beginnen die Schalotten braun zu werden. Wenn die Garzeit erreicht ist. Von Zeit zu Zeit reicht sie ihm das Nötige: Hammer. Enthüllt: Das Elch-Komplott Das Böse kommt aus dem hohen Norden. gibt man die kleingeschnittene Schalotte hinzu. Doch hinter Billys harmloser Holzfassade lauert die gebohrte Heimtücke. auf jeder Seite ca. ob man Schalotte oder Zwiebel verwendet. sieben Minuten. vernichtet Heiratspläne. Es kommen auch keine überdeckenden Aromen oder Gewürze zum Einsatz. bis dieser sämig ist. Und was gemeinsam ausgesucht und nach Hause transportiert wurde. (Rezept von Vincent Klink. Mehr braucht es zu diesem Rezept nicht. Zu Hause den Fisch waschen und noch mal gründlich reinigen. Dann aber zeigt der Regalboden . Die Goldbrasse . 350g bis 400g kräftigen. Die Goldbrasse ist einer der teuersten und besten Fische überhaupt. Restaurant Wielandshöhe Stuttgart zur Sendung „Südwestfunk: Service inclusive . Bauanleitung.TEXTLINGUISTIK 213 f. Nun wird die Energie auf Maximal gestellt und in den heftig kochenden Fond werden einige Butterflocken gerührt. Muttern. auf italienisch Orata . ) B. Pfeffer A. der wunderbare Fisch spricht für sich selbst. Früher oder später führt jede Liebe ins Herz der Finsternis: in das freundliche Einrichtungshaus. Den Fisch herausnehmen und warmhalten. sollte in der Pfannen höchstens drei Eßlöffel Flüssigkeit sein. die den Zusammenhang zwischen sprachlicher Form und Prominenz aufbrechen? Wie kann der Leser diese dann interpretieren? Goldbrasse in reduzierter Weißwein-Buttersauce (für 4 Personen) 4 1/8 l 2 EL 1 kleine Goldbrassen. pfeffern. Im Labyrinth der Schraubenpläne keimen Streit. feingehackt Salz. Haß und Verachtung. Hat man zur Pfanne einen genügend hohen Deckel. Das Mädchen sieht zu.Fisch im Sommer“ vom 18. Ihre Bewunderung kennt keine Grenzen. Wenn der Fisch auf der einen Seite fertig ist. Im Zeichen des Elchs entzweit es Paare.französisch Dorade Royal. so geht alles schneller und man benötigt jeweils fünf Minuten für jede Seite. Laut Ikea kein Problem: „Macht Spaß und spart: Selbermachen!“. salzen und mit etwas Butter auf kleinem Feuer langsam braten. wie der fluchende Junge die Grundelemente zusammenschraubt. trockenen Weißwein Butter Schalotte. Am liebsten esse ich diesen raren Fisch mit Baguette-Brot. ca. Welche endophorischen Elemente stehen im Vordergrund der Aufmerksamkeit. aber in diesem Fall schon. trockentupfen. zerstört Beziehungen.hat kräftige Schuppen. auch muß man beim Fischhändler darauf bestehen. Juni 1997. Normalerweise ist es nicht so wichtig. Es kommt auf Kleinigkeiten an.

Dann hat die hier. Beschreiben Sie die textlinguistischen Unterschiede zum Text der siebenjährigen Sylvia. (A5) Versuchen Sie. das beschriebene Ereignis in einem eigenen Text wiederzugeben.. ein Ikea-Regal aufzubauen.. S.“ (Korpus Kindersprache. 46. Dann hat de die angerotzt. 1989: Wie sich einmal zwei gezankt haben... Und da hat die. Wo die Nut nicht paßt. Und dann hat die den ge~ . Lippe aufgehabt.. Der Junge schreit... Sie reiben sich die Hufe und zählen ihr Geld: denn auch das neue Single-Leben beginnt immer wieder – bei Ikea. Das ist die Mission der Elche aus Stockholm.. der zu blöd ist.. Und dann isse nach Hause gegangen. verkloppt. Spätestens jetzt liegen die Nerven blank. Und da . die nicht weiß.. Also alles wieder auseinanderbauen.1) 4.... paßt plötzlich gar nichts mehr. der Junge hat mir meine Uhr kaputt gemacht. Da hat die Frau gesagt: Du sollst abhauen. kleine Schraubenhaufen aufschichten und noch mal von vorne anfangen. Dann hat sie den Tornister aufge~ . aufgetan..“ Und da hat die die Lippe aufgehabt. (Aus: Jetzt/SZ Nr. Kein Mädchen möchte einen Jungen.. und auch die Liebe beginnt zu bröckeln wie Smörebröd vor Spitzbergen. Da kam mein Vater.11. hm.214 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT die falsche Seite. mei~ . Universität Duisburg. Der hat schon einmal eine Uhr kaputt gemacht. Mündliche Erzählung einer Siebenjährigen: „Ein kleiner Junge hat schon mal meine Schwester gehauen.. Wie lassen sich diese Unterschiede erklären? .. und Billy fällt auseinander. Und dann is sie nach Hause gegangen. Kein Junge will eine Freundin.. ne. 10. die Doris gesagt: Papa. Und dann hat die. das Mädchen weint. Der hat die angerotzt.. Und da hat die Doris den eine reingehauen. Sylvia F. eine Spieluhr. Da ist die abgehauen. hm . Petra den Tornister festgehalten. Da ist die zur Petra gegangen und hat den Tornister geholt. Sperrholz splittert. was ein Imbusschlüssel ist. Und dann ist die wieder zurückgekommen. Da hat . Papa hat gesagt: Wer war dat? Da hat die gesagt: Das war ein Junge.97.

oder sogar den Vorläufer nahezu aller Sprachen. deren Bedeutung zu verstehen. die von Indien bis Westeuropa gesprochen werden. Die Veränderungen in einer Sprache – wie zum Beispiel im Deutschen – lassen sich nur begreifen. sondern viele verschiedene Arten Deutsch. versucht die historische Sprachwissenschaft. und andererseits können althergebrachte mit der Zeit verloren gehen. Urgermanisch. werden wir überrascht feststellen. nach dem Sprachwandel in allen Fällen auftritt. dass es nicht eine homogene deutsche Sprache gibt.B. Wir sind dann überwiegend auf eine vollständige Übersetzung des Textes ins Neuhochdeutsche angewiesen. Wenn wir aber so weit zurückgehen. ein Morphem oder eine . nämlich Urindoeuropäisch. in denen ganz bestimmte Bedingungen für diesen Wandel erfüllt sind. Die deutsche Standardsprache ist – wie jede andere Sprache auch – durch altersspezifische.0 Überblick Bisher haben wir uns in diesem Buch mit verschiedenen sprachlichen Formen und dem Sprachgebrauch in der Gegenwart beschäftigt. Solchen Rekonstruktionen legt man das so genannte Prinzip der regelmäßigen Lautentsprechung zugrunde. regionale und ethnische sprachliche Varianten beeinflusst. die Aufschluss über die Sprache zu der entsprechenden Zeitperiode geben könnten. gelingt es uns nicht mehr so einfach. sei es nun ein Phonem. wie sich Sprache mit der Zeit wandelt. Bei älteren Texten. soziale. dass keinerlei schriftlichen Zeugnisse überliefert sind. Mithilfe von Übersetzungen und Erklärungen zu einzelnen Wörtern oder Phrasen werden wir sogar einen großen Teil der Bedeutung erschließen können. einen mittelhochdeutschen Text). dass wir immer noch sehr vieles verstehen können. Wenn solche Prozesse von vielen Sprechern über einen längeren Zeitraum angenommen werden. kann man bei diesen Veränderungen von Sprachwandel sprechen. wenn man zunächst einmal in Betracht zieht. die ersten und frühesten Vorläufer einer Sprachgruppe zu rekonstruieren – so zum Beispiel den Urahn aller germanischen Sprachen. ein Wort. die in Althochdeutsch verfasst wurden. Jede dieser Sprachvarietäten kann neue Formen und Bedeutungen in die Standardsprache einbringen. Wenn wir uns einen Text aus einer früheren Epoche in der Geschichte der deutschen Sprache ansehen (z.KAPITEL 9 Sprache im Wandel der Zeiten: Historische Sprachwissenschaft 9. In diesem Kapitel über historische Sprachwissenschaft wollen wir nun genauer betrachten. Da man sich alle sprachlichen Ausdrücke als Kategorien vorstellen kann und jede Kategorie.

wenn nämlich Lautungen. Sprachwandel kann innerhalb solcher sternförmiger Netzwerke. Doch auch wenn alle Voraussetzungen für einen Sprachwandel gegeben sind. dann spricht man von Sprachwandel. Morphem oder auch Konstruktion) von der größeren Sprachgemeinschaft übernommen wird. Eine standardsprachliche Varietät wie das Hochdeutsche wird meist in der Verwaltung. Die sprachlichen Besonderheiten eines einzelnen Sprechers bezeichnet man als Idiolekt. der sozial hoch eingestuft wird. Schließlich stellt sich noch die Frage nach der Ursache für sprachlichen Wandel. Ein regionaler Dialekt wird auch als Regiolekt bezeichnet. Veränderungen kommen hauptsächlich durch den Einfluss der unterschiedlichen Varietäten zu- . sondern auch als Synonym für Varietät überhaupt.216 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT syntaktische Konstruktion. bestimmte Gruppen der Gesellschaft sprechen ihre eigenen Soziolekte. Eine Varietät kann in einem bestimmten Zeitabschnitt ein hohes Ansehen oder Prestige genießen. wie sie von einer bestimmten Untergruppe von Sprechern verwendet wird.h. Viele Veränderungen entstehen durch Analogiebildungen. Wenn auf diese Weise eine bestimmte sprachliche Einheit (Phonem. Varietäten ethnischer Gruppen bezeichnet man als Ethnolekte. Hier lassen sich regionale Varietäten oder Dialekte unterscheiden. Sie ist die Grundlage für die Schriftsprache und wirkt damit in gewisser Weise normativ für die Gebiete Syntax. Sie umfasst auch die Standardlautung einer Sprache. können wir Sprachwandel auch genauer bestimmen. muss er nicht notwendigerweise auch eintreten und kann deshalb nicht mit Sicherheit vorhergesagt werden. Eine Sprache ist kein homogenes und einheitliches System. Dies ist auch der Fall. innerhalb von so genannten Schemata auftreten. lexikalischen und grammatischen Charakteristika einer gemeinsamen Kernsprache. so dass Formen und Bedeutungen dieser Varietät sowohl in andere Varietäten als auch in die Standardsprache Einzug halten können. Morphologie und Lexikologie teilweise auch benachbarter. morphologischen. als sternförmiges Netzwerk strukturiert ist. die man als Varietäten dieser Sprache bezeichnet. bei Gericht und im Parlament gesprochen. Weiterhin gibt es auch altersspezifische Varietäten. sozial weniger hoch angesehener Varietäten.1 Sprachwandel und Sprachvariation Sprachwandel hängt sehr eng mit sprachlicher Variation zusammen. staatlichen Einrichtungen. sondern umfasst viele. Lexem. Formen und Bedeutungen assoziativ dem Vorbild vergleichbar strukturierter Wörter nachgebildet werden. zwischen Netzwerken oder in unseren abstraktesten Repräsentationen ganzer Kategorien. Unter einer Varietät versteht man die Gesamtmenge an phonologischen. Aus den Varietäten der verschiedenen Teilgruppen werden nicht selten sprachliche Elemente von anderen Gruppen übernommen. wenn sprachliche Elemente mit der Zeit als veraltet angesehen und dann aufgegeben werden. In der Sprachwissenschaft wird der Terminus Dialekt gelegentlich nicht nur auf regionale Varietäten bezogen verwendet. Die Standardvarietät einer Sprache wie Deutsch ist zumeist ein bestimmter Soziolekt und Regiolekt. d. mehr oder weniger voneinander abweichende Teilsysteme. 9.

sondern passiv auch noch eine ganze Reihe weiterer Varietäten. können sie sich untereinander verständigen und gegenseitig verstehen. Ähnliches trifft auf die Verwendung von ungemein bzw. die vielen der älteren Generation noch unbekannt ist. Möglicher Sprachwandel bei lexikalischen Einheiten Formen (En)tschuldigung! Verzeihung! Sorry! sehr voll ungemein höchlichst aktiv + + + + + + + (+) + + + Jugendliche passiv unbekannt + Ältere passiv unbekannt + (+) aktiv + (+) + Übersicht 1 zeigt anhand von zwei Beispielen. Im Hinblick auf mögliche Sprachwandelerscheinungen sind altersspezifische Unterschiede in der Sprachverwendung sehr wichtig. Die Muttersprachler einer Sprache beherrschen offenbar nicht nur ihre eigene Varietät sowie auch die Standardvarietät. Sie betrifft nicht nur regionale. Insbesondere an der Verwendung von Wörtern lassen sich Unterschiede zwischen den Generationen von Sprechern innerhalb einer Sprachgemeinschaft erkennen: ältere Sprecher verstehen natürlich auch die Sprache von Jugendlichen. aber nicht selbst verwendet. ist Verzeihung auch bei älteren Sprechern selten geworden und wird von Jugendlichen zwar verstanden. aus den unterschiedlichsten Regionen stammen und unterschiedlichen sozialen und ethnischen Gruppen angehören. die oft in der Schule erlernt wird. Übersicht 1. verwenden aber bestimmte Ausdrücke selbst nicht. Obwohl die Sprecher einer Sprache verschiedenen Generationen angehören. wie es zu einem möglichen Wandel kommen könnte. Ungemein wird von Teenagern überhaupt nicht mehr verwendet. die diese teilweise nicht kennen. voll zur Verstärkung von Adjektiven zu. auch wenn es gelegentlich etwas Mühe erfordern mag. während voll von ihren Großvätern noch kaum verstanden wird. auf die wir in diesem Kapitel ebenfalls genauer eingehen werden. Jugendliche wollen sich nicht so alt und etabliert anhören wie ihre Eltern und verwenden oft neue Ausdrücke. . Während sowohl jugendliche als auch ältere Sprecher in der gesprochen Sprache Entschuldigung aktiv verwenden. Die alte Form höchlichst wird von beiden Generationen weder aktiv verwendet noch verstanden. Irgendwann wird vielleicht Verzeihung überhaupt nicht mehr auftreten und Sorry im Allgemeinwortschatz eingebürgert worden sein. Sie verwenden neuerdings die aus dem englischen entlehnte Form Sorry!. sie ist aus dem alltäglichen Sprachgebrauch verschwunden. sie können allerdings auch andere Ursachen haben. Diese Fähigkeit bezeichnet man als pandialektale Kompetenz. Gerade in solchen Übergangssituationen besteht die Möglichkeit eines sprachlichen Wandels.HISTORISCHE SPRACHWISSENSCHAFT 217 stande.

die schließlich dort siedelten. Das späte Latein oder Frühromanisch. Italienisch und Portugiesisch) erkennen. nämlich aus der Umgangssprache der römischen Soldaten. sondern ausschließlich eine lateinischromanische Varietät. Jahrhundert n. Spanisch. wenn diese in nicht allzu weiter zeitlicher Ferne liegen. In diesem Zusammenhang stellt sich nun ein schwieriges Problem: die ersten Texte in diesen neuen romanischen Varietäten oder Sprachen sind erst mit dem 9. belegt. Wie kann man jetzt feststellen. Teile von Spanien. Morphemen und grammatischen Konstruktionen so bei. der spätes gesprochenes Latein als gesprochenes Frühromanisch wiedergibt. Die verschiedenen Regiolekte des Vulgärlateins sind teilweise auf den Kontakt römischer Soldaten und Beamten mit den Sprechern der verschiedenen keltischen Sprachen und Kulturen in den Gebieten Europas zurückzuführen. Belgien sowie Norditalien) von germanischen Stämmen besetzt. spricht man von einem Einfluss durch ein Substrat (in unserem Fall von einem Einfluss durch ein keltisches Substrat). die Teil des Römischen Reiches wurden oder es zu diesem Zeitpunkt bereits waren. Später wurden die westromanischen Provinzen (das heutige Frankreich. die durch das Keltische stark beeinflusst worden war. Diese Varietäten des Germanischen brachten neue Wörter. Belgien und der Schweiz) das Vulgärlatein. wo ostromanische Sprachen gesprochen wurden. würde immer als „schlechtes Latein“ angesehen. Bis zu einem gewissen Grade kann man sagen. Neben sozialen und regionalen Unterschieden spielt auch der zeitliche Faktor eine wesentliche Rolle. In Italien und Rumänien. Phoneme und sogar grammatische Strukturen in das in den westromanischen Provinzen gesprochene Vulgärlatein ein. So lernten z. Portugiesischen und Französischen). das vor der Aufspaltung in die verschiedenen romanischen Sprachen gesprochen wurde. die Sprecher in Gallien (dem heutigen Frankreich. hat sich aus einer sozialen Varietät des Lateins entwickelt. Die große Bedeutung von Sprachvarietäten beim Sprachwandel lässt sich beispielsweise an der Entwicklung der romanischen Sprachen (wie Französisch. In einem solchen Fall spricht man von einem Einfluss durch ein Superstrat (nämlich durch die Sprachen der germanischen Besatzer). bevor sie dann mit der Zeit selbst untergingen. wie sie diese aus ihren keltischen Muttersprachen kannten. wann genau die verschiedenen gesprochenen Varietäten des Lateinischen zu gesprochenen Varietäten des Romanischen wurden? Jeder geschriebene Text. Die germanischen Sprachen der Besatzer beeinflussten in der Folge die dort gesprochenen westromanischen Sprachen. hatte die Entwicklung neuer Varietäten des Lateinischen viel früher begonnen als in der Gruppe der westromanischen Sprachen (insbesondere früher als im Spanischen. Diese wurde im Volk gesprochen und umfasste viele regionale Varietäten (siehe Kapitel 10. dass es sich bei diesen Sprachen um Ethnolekte des späten Vulgärlateins handelt. denn diese ganze Zeit über galt die versteinerte Form des klassischen Lateins oder selbst das nicht-klassische Vulgärlatein der . Chr. B.218 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT sondern auch historische Varietäten. Übersicht 6). Spätere Generationen lernten dann nicht mehr Keltisch als Muttersprache. Wenn Aspekte einer Erstsprache (wie hier des Keltischen) auf die neue Sprache (das Latein der Besatzer) einen starken Einfluss ausüben. und übernahmen diese mit in die neue Varietät des Lateins. behielten aber viele der Aussprachegewohnheiten sowie Elemente der Netzwerke von Wörtern.

B. die annähernd 800 Jahre alt sind. Sprachen befinden sich zwar in einem steten Wandel. an Häusern etc. literarischen und auch religiösen Werken. kann man in der historischen Sprachwissenschaft auf zwei unterschiedliche Methodenansätze zurückgreifen – je nachdem.1) so stark im Bewusstsein der Menschen verankert. 9.B. nämlich dass Sprachen ihren Sprechern gewohnheitsmäßige Muster nahe legen. dann kann die philologische Methode angewandt werden. wie z. einem sehr starken Wandel unterliegen. So gesehen konnte für einige Jahrhunderte kaum ein romanischer Text entstehen. Philologen unternehmen den Versuch. sprachgeschichtlich gesehen besteht aber zugleich eine große Kontinuität. dass sie sich mit der Zeit nur sehr langsam wandelt. das für den Behälter für die geistigen Inhalte eines Menschen steht. Diese testa-Metapher drängte im Französischen den Gebrauch des klassischen caput mit der Zeit in den Hintergrund. kann man ältere Sprachformen nur auf der Basis von Vergleichen durch die Methode der internen Rekonstruktion erschließen. eine in der Sprache der Soldaten umgangssprachliche Bezeichnung für „Kopf“. die ca. Inschriften auf Grabsteinen. für seine Erfahrung und sein Wissen. ist die Sprache nach Whorfs Relativitätshypothese (siehe Kapitel 6. persönlichen Briefen sowie vielfältigen anderen Textsorten. In der Philologie beschäftigt man sich mit schriftlichen Zeugnissen wie Sachund Gesetzestexten.HISTORISCHE SPRACHWISSENSCHAFT 219 Bibel als permanenter Standard. Selbst einen mittelalterlichen Text wie das Nibelungenlied können wir inhaltlich auch in .2 Methoden der historischen Sprachwissenschaft Wenn man Erkenntnisse über ältere Stufen einer Sprache bzw. d. Während viele Aspekte einer Kultur wie Sitten und Gebräuche. Sind hingegen keine schriftlichen Zeugnisse vorhanden. Wir können nicht nur sehr viele Texte verstehen. die sich ihnen in diesen Texten darbieten. dass in einer Reihe von Fällen der „Slang“ der Soldaten sich gegenüber der klassisch-lateinischen Bezeichnung für einen bestimmten Referenten durchgesetzt und damit überlebt hat. Sind Schriften überliefert. Es können auch sehr kurze Texte zugrunde gelegt werden. 400 Jahre alt sind.1.) in (3). Lebenseinstellungen. Normen und Werte usw. die jeweiligen sprachlichen und kulturellen Informationen. Dennoch gibt es gesicherte Hinweise darauf. In anderen Regionen bestand das klassisch-lateinische caput fort und bildete die Vorstufe für das spanische capeza. die Erkenntnisse über das frühe Urromanisch überhaupt zulassen. weswegen wir lediglich über einige wenige Schriftzeugnisse verfügen. Gleich um welche Textsorte oder welchen Inhalt es sich handelt. Es handelt sich um eine Metapher in Kombination mit einer Metonymie: ein Krug ist ein prototypisches Gefäß. welche Art von Daten für eine Untersuchung zur Verfügung stehen. Chr. wie etwa die Werke Luthers. an dem man alle Varietäten des Lateins messen muss. Das französische Wort tête ‚Kopf‘ stammt vom Spätlateinischen testa ‚Krug‘. wie z. über Veränderungen in dieser Sprache gewinnen will. Erinnern wir uns hier an eine der zentralen Thesen Whorfs. zu erschließen und zu interpretieren. sondern zu einem gewissen Grad auch noch Texte.h. den Ausschnitt aus dem Nibelungenlied (um 1200 n.

Neid Länder und Schätze reich an Stärke. den Ute dann für Kriemhilt deutet. der Königin Ute. der juncvrouwen tugende zierten ándériu wip. sine kúndes niht besceiden baz der gúotèn: «der valke den du ziuhest. daz ich von mannes minne sol gewinnen nimmer nôt. Kriemhilt erzählt ihrer Mutter. und Gîselher der junge.220 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT seinen Einzelheiten noch nachvollziehen. âne mâzen schøne sô was ir edel lîp. später Machtfülle bis später. hôchgezîten. starc scøn' und wildè den ir zwêne arn erkrummen. zerfleischten konnte kein größeres Leid erklären wenn nicht. daz ist ein edel man. Der minneclîchen meide triuten wol gezam. der ouch in sîner jugende grôzer êren vil gewan.: hätten geziert 4 5 Ir pflâgen drîe künege edel unde rîch. Es wuohs in Búrgónden ein vil édel magedîn. von weinen und von klagen von küener recken strîten muget ír nu wunder hoeren sagen. ----------------------------------------------------------------In disen hôhen êren tróumte Kriemhildè. sus scøn´ ich wil belîben unz an mînen tôt. 1 Uns ist in alten mQren wunders vil geseit von helden lobebQren von grôzer arebeit von fröuden. ir vater der hiez Dancrât. Âventiure In der ersten Âventiure des Nibelungenliedes werden die burgundische Königsfamilie und Kriemhilt vorgestellt. di fürsten hetens in ir pflegen. Kríemhílt geheizen: si wart ein scøne wîp. in ihrer Obhut Die herren wâren milte. di recken ûz erkorn. ein ellens rîcher man. auch wenn wir einige Wörter und grammatische Aspekte in historischen Wörterbüchern bzw. dar umbe muosen degene vil verlíesén den lîp. Grammatiken nachschlagen müssten.) metonymisch: sie Konj. werden: wurde später verlieren geziemte. niemen was ir gram. di recken lobelîch. Mühe. ir muoten küene recken. von arde hôh erborn.» freigiebig. Den troum si dô sagete ir muoter Úotèn. Kampf Festen Ritter 2 3 so schön. Ze Wormez bî dem Rîne si wonten mit ir kraft. dâ zen Búrgónden sô was ir lant genannt. diu frouwe was ir swester. frou Uote ir muoter hiez. si stúrben sît jQmerlîche von zweier edelen frouwen nît. si frumten starkiu wunder sît in Étzélen lant. von ihrem Falkentraum. der in diu erbe liez sît nâch sîme lebene. Ein rîchiu küneginne. mit kraft unmâzen küene. Waz saget ir mir von manne. Prät. Prät. daz in allen landen niht schøners mohte sîn. geliebt zu werden ihrer begehrten (mit Gen. (1) Ein mittelhochdeutscher Text: Das Nibelungenlied (um 1200): 1. von hoher Art vollbrachten. Tapferkeit höfischen Umgebung Adler. in welle got behüeten. in diente von ir landen vil stolziu ritterscaft mit lobelîchen êren unz an ir endes zît. wie sie züge einen valken. ein ûz erwelter degen. viel Wunderbares ruhmwürdig. dass Prät. bald bis 6 7 13 14 15 . zu pflegen: sorgen für Gunther unde Gêrnôt. das si daz muoste sehen: ir enkunde in dirre werlde leider nímmér gescehen. du muost in sciere vloren hân». vil liebiu muoter mîn? âne recken mínne sô wil ich immer sîn.

indem man beispielsweise frühere Dialektstufen mit in Betracht zieht. • Für ein und denselben Laut in gleicher Lautumgebung werden verschiedene Schreibweisen verwendet: für [S] steht sowohl <sc> wie in scøne (V.HISTORISCHE SPRACHWISSENSCHAFT 221 16 «Nu versprich ez niht ze sêre». geseit (V.14. heftig widersprechen falls. zuteil werden lässt schließlich bezahlt wird Gemüt.1. rächte Verwandten.4) > Neid. ich sol si mîden beide.B. klitische Formen): zen (V. den minnen wolde ir lîp sît wart si mit êren eins vil küenen recken wîp.B. die in sluogen sint! durch sîn eines sterben starp vil maneger mouter kint. • Wo heute Diphthonge vorkommen. «frouwe mîn. sît lebte diu vil guote vil manegen lieben tac.3) als auch <sch> in schøne (V. den ir besciet ir muoter. wi sêre si daz rach an ir nQhsten mâgen. sone kán mir nimmer missegân. anhand von Texten Aufschluss über die verschiedenen Aspekte einer Sprache in einer bestimmten Zeitperiode zu bekommen.4) < verloren. dass die Schreibung im Mittelhochdeutschen in hohem Maße phonologisch ist.» Kriemhilt in ir muote sich minne gar bewac.) (nach de Boor 1965) An diesem Ausschnitt aus dem Nibelungenlied (3) fallen uns bereits auf den ersten Blick einige Unterschiede zum Neuhochdeutschen auf. Bereits die Orthographie in Texten einer früheren Sprachstufe gibt also einige Hinweise auf sprachliche Formen. und leitet aus diesen Erkenntnissen eine Grammatik für diese geschichtliche Periode ab (z. Obwohl es keine Tondokumente aus dem Mittelalter gibt. die sich im Laufe der Zeit gewandelt haben. betonte Formen anlehnen (Ergebnis sind sog. sît: später um . die der Klärung bedürfen. den sî in ir troume sach.3). finden sich gelegentlich Monophthonge. Der was der selbe valke. • In einigen Wörtern wurden Phonemfolgen zusammengezogen (kontrahiert). eine mittelhochdeutsche Grammatik).1) > bei.3) < ze den. sîn (2. «soltu ímmer herzenlîche zer werlde werden vrô. sine kundes (V.3) < sineme. hat man eine recht genaue Vorstellung von der Phonologie des Mittelhochdeutschen gewinnen können. ob dir noch got gefüeget eins rehte guoten ritters lîp.B. vloren (V. sîme (V.14.6.2) < si ne kunde ez.» «Die rede lât belîben». • Schwach betonte Funktionswörter können sich an unmittelbar benachbarte. willen (mit Gen.3. du wirst ein scøne wîp. ez ist an manegen wîben vil dicke worden scîn wie liebé mit leide ze jungest lônen kan. 6.2) > sein. Die Zuordnung zwischen Schreibweise und Aussprache lässt sich also rekonstruieren.2. sprach si.6. In .5.1) < gesaget.. Die historische Sprachwissenschaft versucht also. als auch nicht kontrahierte Formen auftreten: z. Kontrahierte ebenso wie klitische Formen deuten darauf hin. z. sprach aber ir muoter dô. es können dann sowohl kontrahierte. daz sine wesse niemen. bî (V. daz gesciht von mannes minne. verzichtete auf hier: seitdem 17 18 19 deutete. Man kann also mittelhochdeutsche Texte auch aussprechen und sich moderne Rezitationen auf Schallplatte anhören. nît (V..

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einer solchen Grammatik werden unter anderem die unterschiedlichen Verbformen dargestellt. Im Ausschnitt aus dem Nibelungenlied (1) finden wir Beispiele für Verben, die auf unterschiedliche Weise ihre Vergangenheitsformen bilden. Einerseits gibt es Verben, deren Formen des Präteritums durch einen so genannten Vokalablaut gebildet werden. Dabei variiert der Vokal im Verbstamm über die vier Formstufen Präsens, 1. Person Präteritum Singular bzw. Plural und Partizip Präteritum.
(2) Die Klasse der starken Verben im Mittelhochdeutschen Präteritum Singular schreip lêch louc zôch sang starp(V.2,3) rach (V.19,2) pflac wuohs (V.2,1) hiez (V.6,1) Präteritum Plural schriben liehen lugen zugen sungen sturben (V.6,4) râchen pflâgen (V.4,1) wuohsen hiezen Partizip Präteritum geschriben geliehen gelogen gezogen gesungen (ge-)storben gerochen gepflegen gewahsen geheizen (2,3)

Klasse Infinitiv (1. Pers. Präs. Sg) Ia schrîben (schribe) Ib lîhen (lihe) IIa liegen (liuge) IIb ziehen (ziuhe) V.13,2 IIIa singen (singe) IIIb sterben (sterbe) IV rechen (reihe) V pflegen VI wahsen VII heizen (heize)

Man bezeichnet diese Verben nach Jakob Grimm als starke Verben. Je nach Art des Vokalablautes und der Lautumgebung im Verbstamm lassen sich starke Verben in so genannte Ablautklassen (auch Ablautreihen genannt) einteilen. Die Übersicht in (2) enthält auch einige kursiv hervorgehobene Beispiele für starke Verben aus unserem Textabschnitt. Für jede einzelne Ablautreihe lassen sich dann genau die phonologischen Bedingungen bestimmen:
(3) Phonologische Bedingungen des Ablauts bei starken Verben:
phonologische Umgebung (Singer 1996) /î/ - /ê/ - /î/ - /i/ /-i + germ *h, r, w -/ /î/ - /ei/ - /i/ - /i/ /-î + SONST-/ /ie/, /iu/ - /ô/ - /u/ - /o/ /-ie + germ *h, t, d, s, z, n, l, r -/ /ie/, /iu/ - /ou/ - /u/ - /o/ /ie + SONST-/ /i/ - /a/ - /u/ - /u/ /-i + m/n +Kons.-/ /ë/, /i/ - /a/ -/u/ - /o/ /-e + l/r +Kons./ /ë/, /i/ - /a/ -/â/ - /o/ /-e +m, n, l, r -/ /ë/, /i/ - /a/ -/â/ - /ë/ / ë +Kons.(außer m, n, l, r)-/ /a/ - /uo/ - /uo/ - /a/ /a/ /a,â,ei,ô,uo/- /ie/ - /ie/ - /a,â,ei,ô,uo/ /a,â,ei,ô,uo/ Vokalablaut

Klasse Ib Ia IIb IIa IIIa IIIb IV V VI VII

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Alle übrigen Verben ohne vokalische Variation im Verbstamm bezeichnet man als schwache Verben. Im Mittelhochdeutschen wie auch im Neuhochdeutschen werden das Präteritum und das Partizip I schwacher Verben durch Zusatz eines Dentallautes t bzw. -et gebildet. Im Germanischen gab es noch drei Klassen schwacher Verben, die aber bereits im Althochdeutschen und später im Übergang zum Mittelhochdeutschen durch lautliche Veränderungen in einer einzigen Klasse zusammengefallen sind:
(4) Schwache Verben im Mittelhochdeutschen Infinitiv (Präs. Sg) Prät. Singular leben lebete Prät. Plural lebeten Partizip Prät. gelebet

Die historische Sprachwissenschaft versucht nun beispielsweise, Aufschlüsse darüber zu gewinnen, wie der Gebrauch starker Verben im Nibelungenlied mit dem gegenwärtigen System der starken deutschen Verben in Zusammenhang steht. Wie viele der ehemals starken Verben wie pflegen (pflac, gepflogen) sind im heutigen Deutsch zu schwachen, d.h. regelmäßigen Verben (pflegen, pflegte, gepflegt) geworden? Wo finden sich veränderte Formen, die in Analogie zu anderen bestehenden Formen gebildet wurden (siehe weiter unten)? Inwieweit unterscheidet sich der Gebrauch des Mittelhochdeutschen im Nibelungenlied von anderen Varietäten, die zur selben Zeit gesprochen und geschrieben wurden? Bereits unsere kurze Betrachtung des Ausschnitts aus dem Nibelungenlied hat gezeigt, dass die historische Sprachwissenschaft anhand alter Texte eine ganze Reihe von Erkenntnissen über Schreibung, Aussprache und Grammatik der betreffenden Sprachstufe gewinnen kann. Sind jedoch keine schriftlichen Zeugnisse überliefert, so versucht man in der historischen Sprachwissenschaft, durch die Untersuchung der frühesten dokumentierten Stadien verwandter Sprachen und durch Vergleich von Gemeinsamkeiten und Unterschieden auf eine frühere Sprachstufe rückzuschließen und so eine gemeinsame Ursprache zu rekonstruieren. Man wendet die Rekonstruktionsmethode an. Bei der Rekonstruktion einer früheren Sprachstufe folgt man einer Reihe von Grundprinzipien, die mit der Struktur von Sprachen in Zusammenhang stehen. Eine wesentliche Grundannahme ist, dass Gruppen von Sprachen miteinander genetisch verwandt sind (siehe Kapitel 10), d.h. sie haben sich mit der Zeit aus einem gemeinsamen Vorfahren entwickelt. Solche Gruppierungen bezeichnet man als Sprachfamilien, die ihrerseits aus Sprachgruppen bestehen. Räumlich am weitesten verbreitet ist die indoeuropäische Sprachfamilie. Sie umfasst indische und iranische wie auch europäische Sprachen wie Latein, Griechisch, die romanischen, slawischen und germanischen Sprachen u.a. Durch einen Vergleich von Wortformen hat man sowohl Formen des Germanischen als auch des Indoeuropäischen rekonstruieren können. Die Übersicht in (5) zeigt zum einen die enge Verwandtschaft von Wortformen und zum anderen lautliche Veränderungen in der Entwicklung vom Indoeuropäischen zum Germanischen (rekonstruierte Formen werden durch ein *Sternchen markiert). Der Lautwandel

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lässt sich nach den Veränderungen in drei Gruppen a), b) und c) zusammenfassen, die in (5) dargestellt werden. (5) Lautwandel vom Indoeuropäischen zum Germanischen
Altindisch dasa (janu) bharami madhyah --pitar dantas altiranisch: cride Latein Griech. labium decem genu fero medius hostis pater dentis cordis deka gonu phero (mesos) --pater odontos kardia Germ. *lipjo * *knewa *beran *medja*gastis *fader *tanÞ *hertan Altenglisch lippa ten(e) cneo beran midde giest foeder toÞ heorte Gotisch taihun kniu bairan midjis gastis fader tunÞus haírto Indoeuropäisch *lab*dekm *gneu *bhero *medhios *ghostis *p⎯ter *edont*kerd-

a. b.

c.

Nach einem weiteren Grundprinzip der Rekonstruktion nimmt man an, dass sich Laute in derselben lautlichen Umgebung, im selben linguistischen Kontext in jedem Wort auf dieselbe Weise verändern. Diese Annahme wird oft als Prinzip der regelmäßigen Lautentsprechung bezeichnet. Dieser Annahme folgend lässt sich beispielsweise ein wichtiger Wandel im Gemeingermanischen erkennen, der mit dem Grimmschen Gesetz beschrieben ist. Der dänische Gelehrte Rask und später dann Grimm im frühen 19. Jahrhundert erkannten, dass sich bei einem geschichtlichen Vergleich von Wortformen mit demselben Konsonanten am Anfang oder in der Mitte über die Sprachen Altindisch, Latein, Griechisch und Germanisch hinweg reguläre Veränderungen von Lauten finden lassen, nämlich a) stimmhafte, unbehauchte Plosive werden stimmlos, b) stimmhafte, behauchte Plosive bleiben im Germanischen stimmhaft, c) stimmlose Plosive werden allesamt zu Frikativen.
(6) Grimmsches Gesetz – Erste Germanische Lautverschiebung

Indoeuropäisch a. stimmhafte Plosive unbehaucht Labiale /b/ Dentale /d/ Velare /g/ Germanisch stimmlose Plosive Labiale Dentale Velare /p/ /t/ /k/

b. stimmhafte Plosive behaucht h /b / h /d / h /g /

c. stimmlose Plosive unbehaucht behaucht h /p/ /p / h /t/ /t / h /k/ /k /

stimmhafte Plosive /b/ /d/ /g/

stimmlose Reibelaute /f/ /T/ /X/

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Bei dieser Ersten Germanischen Lautverschiebung verändert sich jeweils die Artikulationsart bzw. die Stimmenergie der betreffenden Laute, die Artikulationsstelle bleibt hingegen konstant. Als Ergebnis sind im Germanischen die neuen stimmlosen Reibelaute /f/, /T/, /X/ sowie die stimmhaften Plosivlaute /b/, /d/, /g/ entstanden. Durch einen solchen Vergleich ist es nun möglich, das Lautsystem des gemeinsamen Vorgängers dieser vier Sprachfamilien, nämlich Urindoeuropäisch, zu rekonstruieren. Die Rekonstruktionsmethode lässt sich auch innerhalb einer Sprache oder derselben Gruppe von Sprachen (z.B. der romanischen Sprachen) anwenden. Man spricht dann von sprachinterner Rekonstruktion. Obwohl der Übergang vom Lateinischen zu den romanischen Sprachen (5. bis 8. Jahrhundert) um einiges jünger ist als die Erste Germanische Lautverschiebung, die man zeitlich vom 2. Jahrtausend bis um 600 v. Chr. ansetzt, gibt es dennoch nahezu keine Schriftzeugnisse aus der frühen Phase der romanischen Sprachen. Aus diesem Grunde kann man sich bei der Erforschung dieser Phase nur auf sprachinterne Rekonstruktion stützen. Am häufigsten wird diese Methode innerhalb von verbalen oder nominalen Paradigmen angewandt, denen die zu vergleichenden Formen angehören. Man nimmt dabei an, dass dort, wo spätere Formen variieren, frühere Stufen des Paradigmas einheitliche Formen zeigen. Betrachten wir als Beispiel einmal das französische Verb devoir ‚müssen‘. In allen belegbaren früheren Stufen des Französischen alternierte der Stammvokal einerseits zwischen einem Diphthong in den Singularformen und der dritten Person Plural sowie andererseits einem einfachen, stark reduzierten Vokal in der ersten und zweiten Person Plural. Der Einfachheit halber stellen wir die Formen hier in modernem Französisch dar:
(7) a. je dois tu dois il doit nous devons vous devez ils doivent

Auch bei der internen Rekonstruktion folgen wir dem Regelmäßigkeitsprinzip, d.h. wir nehmen an, dass zu einem gewissen Zeitpunkt in der Geschichte des Verbs devoir das gesamte Paradigma von einem einzigen Verbstamm abgedeckt wurde, dass es also keinen Stammwechsel innerhalb des Paradigmas gab. Auch wenn uns keinerlei schriftliche Zeugnisse überliefert sind, die in frühem Französisch oder in Urromanisch verfasst sind, können wir dennoch unsere These erhärten, wenn wir einmal die entsprechenden lateinischen Formen betrachten. Dem französischen Verb devoir entspricht das lateinische Verb debere. Es weist über das gesamte Paradigma tatsächlich nur einen einzigen Stammvokal auf:
(7) b. 'debeo 'debes 'debet de'bemus de'betis 'debent

Eine genauere Untersuchung des Lateinischen und insbesondere des lateinischen Systems der Betonung gibt weitere Aufschlüsse über die Entwicklung des Verbparadigmas. Zu einem bestimmten, nicht dokumentierten Zeitpunkt in der Ge-

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SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT

schichte des sehr frühen Romanischen (Französisch ist nur ein Einzelbeispiel) wurden Vokale in betonter Position diphthongisiert. Dies trifft auf all diejenigen Formen im Singular und in der dritten Person Plural zu, in denen die Betonung auf der ersten Silbe, d.h. hier dem Stamm, lag. In der ersten und zweiten Person Plural wurde der Vokal /e/ vor der Endung betont und war ein Bindeglied zwischen Stamm und Tempus- und Personendungen. In diesen Fällen wurde der Stammvokal nicht diphthongisiert, was in der Folge bei allen belegbaren Formen des Französischen ab dem 9. Jahrhundert zu einem unregelmäßigen Muster führte. Dasselbe Muster (hier in der ersten Person Plural wiedergegeben) mit Betonung auf dem Stammvokal und folglich Diphthongisierung und der ersten Person Plural mit Betonung auf der ersten Silbe und damit keinem Diphthong im Stamm finden wir auch bei weiteren Verben: je reçois/nous recevons ‚erhalten‘, je bois/nous buvons von boire ‚trinken‘, je peux/nous pouvons von pouvoir ‚fähig sein, können‘.

9.3 Typologie des Sprachwandels
Sprachwandel tritt bei allen Arten sprachlicher Einheiten auf, die wir bisher in diesem Buch kennen gelernt haben: der Gebrauch von Lauten kann sich ebenso ändern wie die Bedeutung von Morphemen und Wörtern oder Aspekte der Syntax (z.B. die Wortstellung in Phrasen und Sätzen). Diese Veränderungen können in vier verschiedenen Kategorien sprachlichen Wandels eingeteilt werden. Wandel kann innerhalb sternförmiger Netzwerke stattfinden, wenn zum Beispiel ein prototypischeres (zentraleres) Mitglied einer sprachlichen Kategorie zu einem peripheren Mitglied und ein peripheres Mitglied zu einem zentraleren wird. Wandel kann zweitens zwischen zwei sternförmigen Netzwerken auftreten: Mitglieder einer Kategorie werden zu Mitgliedern einer anderen Kategorie. Drittens kann man auch Wandel innerhalb von Schemata beobachten, und schließlich gibt es auch eine Reihe von Veränderungen, die darauf zurückgehen, dass Formen in Analogie zu anderen Formen gebildet werden.

9.3.1 Wandel innerhalb eines sternförmigen Netzwerkes
Wandel innerhalb eines Netzwerkes kann im lautlichen wie auch im semantischen System einer Sprache auftreten. Ein Lautwandel kann dabei rein phonetischer Art sein und keinerlei Auswirkung auf das phonemische System der Sprache haben. Ein Beispiel für einen solchen rein phonetischen Wandel sind Prozesse der Assimilation, bei denen benachbarte Laute in der Aussprache einander angeglichen werden. In der Sprachgeschichte des Italienischen wird beispielsweise die lateinische Konsonantenkombination /kt/ durch regressive Assimilation des Artikulationsortes zu /tt/: das lateinische Partizip Perfekt factum wird im Italienischen zu fatto. Allerdings ist dies kein Wechsel, der sich durch das gesamte Lautsystem zieht; hier hat sich lediglich eine einzelne Lautkombination geändert. Phonetischer Wandel kann auch Dissimilation bedeuten, d.h. zwei Laute werden im Kontakt unterschiedlicher. Ein komplexes Beispiel ist die Entwicklung des Wortes Pilger: lat. peregrinus > vorahd. *piligrîn > mhd. pilgrim.

sondern auch von Morphemen. Das mittelhochdeutsche Wort lîp kommt hier in den drei Bedeutungen (8a-c) vor: (8) Bedeutungsaspekte von mhd.4) c. Aussehen“ d. „Gestalt. (3. „Leben“ b. periphereren Mitgliedern der Kategorie werden können bzw. den minnen wolde ir lîp. „Leben“: dar umbe muosen degene vil verliesen den lîp.h. So wird die Reihenfolge der Laute /r/ und /l/ im Lateinischen miraculum zum spanischen milagro. (V. Innerhalb von Netzwerken können die einzelnen Mitglieder umgeordnet werden. „Magen“ Der vierte Bedeutungsaspekt (8d) „Magen“ kommt in unserem Abschnitt nicht vor. Ross. Ein weiteres häufig auftretendes Phänomen des phonetischen Lautwandels ist ein Stellungswechsel von Konsonanten. von sternförmigen Netzwerken) oder über Kategorien hinweg stattfinden. Mentale Kategorien oder Netzwerke entwickeln sich in der Vorstellung der Sprecher einer Sprache als Repräsentation nicht nur von lexikalischen Einheiten. Die prototypische Bedeutung ist „Leben“ (9a).3). „Magen“ c. Auf der Bedeutungsseite kann ein Wandel in der Kategorisierung sowohl innerhalb von Kategorien (d.4) b. (9) Sternförmiges Netzwerk für mittelhochdeutsch lîp a. „gesamte Person“: daz sine wesse niemen. d. horse) durch Metathese zu nhd. lîp a. Zum Mittelhochdeutschen hin wird das n im Auslaut durch progressive Assimilation der Assimilationsart (bedingt durch p) zu m.h.HISTORISCHE SPRACHWISSENSCHAFT 227 Vom Lateinischen zum Althochdeutschen wird e durch i in der Folgesilbe regressiv zu i assimiliert und das erste r durch Dissimilation (bedingt durch r in der Folgesilbe) zu l.18. d. in dem das /r/ im Laufe der Zeit vor den Vokal trat. Ebenso wurde ahd. Nicht selten finden wir die alte Konsonantenfolge noch in alten Ortsnamen wie beispielsweise Orsoy ‚Rossaue‘. (V. Betrachten wir einmal ein Beispiel aus dem Ausschnitt aus dem Nibelungenlied. „Person“ . ors (vgl. Diese Bedeutungsaspekte lassen sich wie in (9) in einem sternförmigen Netzwerk für mittelhochdeutsch lîp darstellen. Komposita. zunächst zu Bronnen und schließlich zu Brunnen wurde.2. den man als Metathese bezeichnet. Phrasen oder ganzen grammatischen Konstruktionen. „Körpergestalt. Ein typisches deutsches Beispiel für eine r-Metathese ist das althochdeutsche Substantiv born. engl. Aussehen“: âne mazen schoene sô was ir edel lîp. indem prototypische oder zentralere Mitglieder zu weniger prototypischen. umgekehrt.

Zum Neuhochdeutschen hin hat sich „Körper“ als prototypische Bedeutung durchgesetzt. Ganz offensichtlich ist die Bezeichnung für weibliche Personen auf der übergeordneten Ebene der Kategorisierung wîp. ebenso wie sich auch die Bedeutungen der weiteren Bezeichnungen verändert haben. Mittelhochdeutsch wîp weitere magedîn maget frouwe b. Neuhochdeutsch Frau Weib Magd Mädchen weitere . Weib wird nur noch selten verwendet und hat eine pejorative Bedeutung bekommen. „Person“) a. B. Aus einem einst zentralen Mitglied ist also ein marginales geworden. Ihre Mutter Uote wird in V.4). zuvor in V. andere Frauen als anderiu wîp (3.4 als eine zweier edelen frouwen eingeführt. Im Neuhochdeutschen hat sich innerhalb der hierarchischen Struktur eine Wandlung vollzogen: frouwe wurde im späten Mittelalter zunehmend auch für nicht-adelige weibliche Personen verwendet. und tritt nur noch verstärkend in idiomatischen Ausdrücken wie Gefahr für Leib und Leben. Abbildung 2.1 als frouwe mîn an.1 als frou Uote. Eine junge Adelige wird auch als juncfrouwe bzw. So wird sie wiederholt als scoene wîp 2. wird im Allgemeinen mit wîp Bezug genommen.3. stellen wir fest. als magedîn bezeichnet. Kriemhilt selbst redet sie in V.17.3.6. Wandel innerhalb eines sternförmigen Netzwerks a. Auch die anderen Bedeutungsaspekte kommen nur in gehobenem Stil vor und klingen ebenfalls schon leicht veraltet: (10) Sternförmiges Netzwerk für neuhochdeutsch Leib (d. „Bauch“ z. engl.4 als juncfrouwe vorgestellt. mit denen Kriemhilt verglichen wird. Leib und Gut für etwas wagen etc. es handelt sich um ein Hyponym zu wîp. d. life) ist nahezu völlig verschwunden.2 bezeichnet. Der Bedeutungsaspekt „Leben“ (vgl. bis sich Frau schließlich als allgemeine Bezeichnung heute durchgesetzt hat. Auf weibliche Personen. dass innerhalb des Netzwerkes eine Umordnung stattgefunden hat. „Körper“ b.228 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT Wenn wir nun die mittelhochdeutschen Bedeutungsaspekte von lîp mit denen des neuhochdeutschen Wortes Leib vergleichen. „Rumpf von Menschen oder Tieren“ Verschiebungen können auch in der hierarchischen Struktur von Wortfeldern auftreten: In Vers 2 wird Kriemhilt sowohl als edel magedîn als auch als scoene wîp und in V.7.16.h. Leibschmerzen c. Frouwe wird hingegen zur Bezeichnung adeliger weiblicher Personen wie der Königin Ute verwendet. auf.

/t/. d. die in der Kirche als Ratgeber dient“ oder auf die feststehenden Verwandtschaftsbezeichnungen elder brother/sibling/sister eingeschränkt. dass bestimmte Allophone dieser Kategorie auch zu Mitgliedern anderer Kategorien werden können. am Wortanfang vor einem Vokal wird [t ] realisiert wie in tap [tH Q p ]. Sie ist aber zur prototypischen Komparativform geworden.2 Wandel über sternförmige Netzwerke hinweg Die Anzahl der phonetischen Realisationen. das im heutigen Deutsch „in hohem Maße“ bedeu- . Als prototypische Realisation von /t/ nehmen wir das unbeh hauchte [t] an. dass der Schlag [R] nicht allein als intervokalisches /t/ wie in city vorkommt. die nicht realisiert wird.3. wenn wir berücksichtigen. strukturell aber durchaus vorhanden ist. die sich mit der Zeit intern oder über zwei oder mehr Netzwerke hinweg verändern können. wird /t/ als Glottisverschlusslaut [/] + [t]. Das sternförmige Netzwerk dieser Realisationen lässt sich wie in Abb.h. 3 darstellen. Eine solche Entwicklung vollzieht sich derzeit in der englischen und amerikanischen Phonologie. zu einer Form. Die englische Komparativform older ist gegenüber der frühen phonologisch regelmäßigen Form elder eine neuere Form. In der Wortmitte kann /t/ zwischen zwei Vokalen wie in city als geschlagener Laut [R] gesprochen werden. sondern von einer Reihe von Sprechern des Englischen zwischen zwei Vokalen auch als Allophon des Phonems /r/ wie in very realisiert wird. wie in [sR]. Direkt vor einem /k/. also [kHQ /tkH Ål]realisiert und kann weiter auf den Glottisverschlusslaut [/] reduziert werden. Elder wurde auf die sehr spezifische kirchliche Bedeutung „nicht geweihte Person.B. So entsteht folgende Situation: der laryngale Laut [/] wird in bestimmten Lautumgebungen als Realisation des alveolaren /t/ angesehen. der Allophone eines gegebenen Phonems wie z. Die Grenzen der Phonemkategorie /t/ verschieben sich so. Noch deutlicher wird die Verschiebung zwischen diesen Netzwerken.h. der Schlag kann in einer Umgebung wie pretty good [prR Ud] auch zur Nullform [pr⎯⎯ ⎯Ud] reduziert werden. 9. kann so groß sein. Abbildung 3. d.HISTORISCHE SPRACHWISSENSCHAFT 229 Eine ähnliche Art der Entwicklung über die Zeit hinweg lässt sich auch für grammatische Formen erkennen. dass man Phoneme als Kategorien ansehen kann. Sternförmiges Netzwerk für das englische Phonem /t/ tap[tHQp] t h / [kHQ/kHÅl] cat-call t/ t stop [stÅp] R city [sR] [kHQ/tkHÅl] P pretty good [pr Ud] Ein typisches Beispiel für einen semantischen Wandel in einem lexikalischen Netzwerk ist das Adverb sehr. wie in cat-call.

sêro/sêr 1. In der Grammatik kann sich ein Wandel über Netzwerke hinweg auf zwei Arten vollziehen. Zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Geschichte der englischen Personalpronomen wurde die dritte Person Singular Maskulinum him von der Akkusativform (direktes Objekt) hine deutlich unterschieden. (11) 254 Der künec pflac síner geste vil groezlîche wol. (de Boor. Zum einen kann ein existierendes Netzwerk sich in zwei Teile aufspalten. zum anderen können umgekehrt zwei Netzwerke zu einem einzigen verschmelzen. Im folgenden Vers aus der 4. das zunächst zur Verstärkung eines Ausdrucks verwendet worden war (fast stark ‚sehr stark‘). Im Althochdeutschen und gelegentlich auch noch im Mittelhochdeutschen bedeutete sêro bzw. Dieser Bedeutungsaspekt von schiere ging mit der Zeit unter und besteht heute nur noch in wenigen Ausdrücken wie schier unmöglich etc. Sprachgeschichtlich gesehen trifft dies auf viele pronominale Kasus in den europäischen Sprachen zu. so dass die Form ein zwei Mitglieder aus unterschiedlichen grammatischen Kategorien vertritt. dô was ir übermüeten vil harte ringé gelegen. Âventiure des Nibelungenliedes hat sêre noch diese Grundbedeutung von „schwer verletzt“. annähernd“ verwendet./Mhd. Lexikalischer Wandel über Netzwerke hinweg Ahd. Auch hier fand ein Wandel über Netzwerke hinweg statt: fast wurde in der Folge in der noch heute prototypischen Bedeutung „nahezu. „starker Grad des Leidens“ 3. „allgemein starker Grad von etwas“ Neuhochdeutsch sehr 4. fort. „heftig schmerzend“ 2. der vremden und der kunden diu lánt wáren vol. die wir heute noch in einigen wenigen Ausdrücken wie kriegsversehrt oder unversehrt finden. sêr allerdings noch „heftig schmerzend. sehr gut.230 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT tet (wie in sehr schön. stand dann aber in onomasiologischer Konkurrenz zu der in dieser Bedeutung gebräuchlichen Form schiere. „in hohem Maße“ Dieser Wandel über Netzwerke hinweg beeinflusste in der Folge die Verwendung des mittelhochdeutschen Wortes fast. er bat der sêre wunden vil güetlîche pflegen. Aufgrund . In der Kategorie der mittelhochdeutschen Zahlwörter oder Numerale hat eine Aufspaltung stattgefunden: aus der rein lexikalischen Form ein entwickelte sich in einem Prozess der Grammatikalisierung mit der Zeit der unbestimmte Artikel ein. Umgekehrt können Kategorien auch miteinander verschmelzen.1965:48) Abbildung 4.). etc. schmerzhaft“.

Eine Kategorie umfasst nicht nur zentralere.1: wunders vil geseit a'. An den Beispielen (12a-c) lässt sich gut erkennen. Eine solche Vorstellung mag etwa „Konstruktion. auf der man sitzen kann. Nhd. „schematische Bedeutung“ wurde bereits im Zusammenhang mit der Analyse des Suffixes -er in Kapitel 3. Nhd.1: von zweier edelen frouwen nît e'. d. Die Verneinung . Wir wollen die erste Art des schematischen Wandels.: von Kämpfen kühner Ritter e. Innerhalb solcher Schemata kann mit der Zeit ein Wandel auftreten. die im Mittelhochdeutschen noch komplexer ist als im Neuhochdeutschen. Angesichts der vielen verschiedenen Arten von Stühlen müssen wir über eine sehr abstrakte Vorstellung von dem haben. Darüber hinaus lassen sich alle Mitglieder der Kategorie unter einer hoch abstrakten. NL V.1. und in Kontrast zur Subjektform he und zur Possessivform his in einem stark reduzierten Paradigma steht.1.2.6.4: darumbe muosen degene vil c'.3. Auch das mittelhochdeutsche Schema substantivisches Genitivattribut + Substantiv (12d-e) hat sich zum Neuhochdeutschen hin geändert (12d'-e'). Beispiel (13) verwendet und bei „Ereignisschema“ in Kapitel 4. welche die einzelnen Mitglieder in einer Kategorie zusammenhält. Hier werden wir den Begriff Schema allgemein auf jede sprachliche Kategorie beziehen.2: von helden lobebaeren b'. NL V. die Umordnung eines Schemas anhand je eines Beispieles aus der Grammatik illustrieren.: darum mussten viele Ritter d. Zum anderen kann aber auch ein völlig neues Schema entstehen. was einen Stuhl ausmacht. Als Ergebnis gibt es im Modernen Englisch ein Pronomen him. (12) a. das nicht Subjekt und nicht Possessivpronomen ist. Zum einen kann ein Schema eine neue Gestalt bekommen. NL V.: von ruhmreichen Helden c. Nhd.3 Wandel innerhalb von Schemata Der Begriff „Schema“ bzw. schematischen Repräsentation zusammenfassen.: durch den Neid zweier adeliger Damen. NL V. die Wortstellung also sowohl Substantiv + Adjektivattribut als auch Adjektivattribut + Substantiv sein konnte. durch die alle Einzelbedeutungen zusammengefasst werden. Im Neuhochdeutschen hat sich die Stellung Adjektivattribut + Substantiv (12a'-c') verfestigt. dass im Mittelhochdeutschen das Adjektivattribut dem Substantiv auch nachgestellt werden konnte.4: von küener recken strîten d'. 9.2.: viele Wunder bekannt b. prototypische und weniger zentrale bis marginale Mitglieder.1. Die zweite Art des Wandels in einem Schema verdeutlichen wir an einem Beispiel aus der Phonologie.h. und die funktional gebraucht wird“ sein. Nhd. Ein weiteres Beispiel für schematischen Wandel ist die Negation.HISTORISCHE SPRACHWISSENSCHAFT 231 einer Reihe von Lautwandelerscheinungen wurden hine und him zu einer einzigen Form und verloren auch ihren distinktive Bedeutung. Nhd. NL V.

denn es handelt sich ja um eine schematische Vorstellung der Lautkategorie. Das lässt sich an zwei Beispielen aus der Geschichte der germanischen Sprachen illustrieren. sprach aber Sivrit. Später trat dann niht vor dem Verb ohne die Partikel auf. in der Mitte nach Vokalen oder im Auslaut haben. 31. dass dann zusätzliche Negationswörter wie z. ihr Auftreten nicht aus ihrer Position in einer Abfolge von Lauten vorhersagbar ist und solche Lautfolgen sich in ihrer Bedeutung unterscheiden. k/ in der Entwicklung der germanischen Sprachen Gotisch slêpan itan pund haírtô kaúrn altsächsisch (Englisch) slapan (sleep) etan (to eat) pund (pound) herta (heart) korn (corn) Niederl.: Ihr konnte auf dieser Welt kein größeres Leid geschehn. Das Phonem selbst kann nicht ausgesprochen werden. Niht entstand im Übrigen im Althochdeutschen durch die Verschmelzung zweier Schemata. Etwas‘ als Verstärkung der schwach betonten Negationspartikel.2 Des enist mir niht ze muote. Neue Schemata können sich auch entwickeln.232 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT wurde ursprünglich nur durch die Negationspartikel ne.13. indem sich eine Kategorie in zwei neue Kategorien aufspaltet bzw. eingesetzt wurden. In der Phonologie bezeichnet man diese Art des Wandels als Phonemisierung und meint damit die Bildung neuer Phoneme. entsteht ein neues Schema. Nhd. in bzw. dehein etc. slâffan eZZan mahhôn phunt herza chorn Mhd. die /p/. Nhd. Diese Partikel war aber so schwach betont (so genannte Schwachformen. was im Neuhochdeutschen zur prototypischen Negation wurde. (14) Die Konsonanten /p. Vergleicht man englische und niederländische Wörter. niht. NL V. /k/ am Wortanfang. siehe Kapitel 5). t. In Kapitel 5 hatten wir bereits gesehen.4 ir enkunde in dirre werlde leider nimmer gescehen. en (durch Metathese entstanden). das zunächst nur ein für die Kategorie prototypisches Allophon haben mag. um das herum andere Allophone als Mitglieder derselben Phonemkategorie angeordnet sind. entgegnete Siegfried. (13) NL V. Erinnern wir uns nochmals daran. slâfen eZ Zen machen phunt herze korn Neuhochdeutsch schlafen essen machen Pfund Herz Korn makon (to make) maken Wenn ein neues Phonem gebildet wird. n gebildet.: Das habe ich nicht im Sinn. dass man sich Phoneme als Lautkategorien vorstellen kann. in deren Mitte ein prototypisches Allophon steht. dass alle Phoneme einer Sprache distinktiven Charakter haben. umgekehrt sich zwei zu einer einzigen Kategorie vereinigen. nimmer. slapen eten pond hart koren Ahd. nämlich aus der Negationspartikel ni und dem Substantiv wiht ‚Wesen. /t/. mit den entsprechenden .B. wenn ein Phonem durch ein anderes ausgetauscht wird.

/ZZ/. das Althochdeutsche und das Mittelhochdeutsche in den Vergleich mit ein. eben eine Eigenschaft. /t/. ohne dabei jedoch die Rundung zu verlieren. /k/ in bestimmten Lautumgebungen gewandelt: sie wurden zunächst zu stark behauchten Plosiven /pH/. durch Fernassimilation neue Vokale hervorgerufen. durch die sich viele Wörter des Deutschen von Wörtern gleicher Abstammung aus den übrigen germanischen Sprachen wie Englisch und Niederländisch unterscheiden. Die gotischen und altsächsischen Beispiele in (14) geben den Stand vor dieser so genannten Zweiten Germanischen oder auch Althochdeutschen Lautverschiebung wieder.wickelten./hh/ verschoben und dann zu den Frikativen /f/. bei denen jeweils neue Laute entstanden sind. dass in der Entwicklung der germanischen Sprachen offensichtlich ein Lautwandel stattgefunden haben muss. /kH/ die sich dann zu den neuen Affrikata /pf/. /X/ vereinfacht wurden. Wir können also in der Entwicklung der indoeuropäischen Sprachen zwei große Lautverschiebungen feststellen. Vöglein). die ursprünglich überwiegend in Zu .HISTORISCHE SPRACHWISSENSCHAFT 233 deutschen. Nachfolgendes /i/ führte hier jeweils zur Assimilation eines hinteren Vokals in vorangegangener Silbe. zur Bildung von Verkleinerungsformen (ahd. Solche Affixe kamen u. zur Steigerung von Adjektiven (germ. Bezieht man ältere Sprachstufen wie das Altsächsische als Vorläufer des Englischen. nach denen die Sprachen ein verändertes Konsonantensystem aufweisen. Dieser wurde also zu einem vorderen Vokal. länger/-est) und zur Pluralbildung (loch+ir > nhd. Löcher) auf.a. der ebenfalls zur Entstehung neuer Laute führte und als Umlaut bekannt ist. Im Voralthochdeutschen und Althochdeutschen wurde durch bestimmte grammatische Affixe. (15) Zweite Germanische Lautverschiebung GERMANISCH Stimmlose Plosive unbehaucht behaucht ALTHOCHDEUTSCH Affrikata wird im Anlaut und im Inlaut nach Konsonant fest Frikative nach Vokal Labiale Dentale Velare p t k pH tH kH pf ts kX ff f ZZ hh s X Zum Althochdeutschen hin haben sich die stimmlosen Verschlusslaute /p/. /s/. so kann man heute noch gut erkennen. vogel + în > nhd. so ergibt sich das in (14) dargestellte Bild. Im Anlaut sowie im Inlaut nach Konsonant verfestigten sie sich. In der Entwicklung der germanischen Sprachen lässt sich ein weiterer Prozess beobachten.h. *lang + -iz-o/is-t-o > ahd. Die Erste Germanische Lautverschiebung führte zur Unterscheidung der germanischen Sprachen von den übrigen indoeuropäischen Sprachen. /tH/. /ts/. die den hohen vorderen Vokal /i/ enthielten. leng + -iro/-isto > nhd. Durch die Zweite Germanische (oder auch Althochdeutsche) Lautverschiebung entstehen neue Affrikata und Frikative. während sie nach Vokalen weiter zu den Doppelreibelauten /ff/. /kX/ weiterent. d.

das ja Auslöser für die Verschiebung zum Vordervokal war. wodurch das neue Pluralmorphem [Umlaut] + er entstanden ist. Formen oder Konstruktionen Ähnlichkeiten wahrnehmen und diese einander angleichen. i > / ø # (Beachte: ø = null) (Das bedeutet: /u/ wird in der Lautumgebung von /i/ zu /y/. diu liet. Durch dieses Bestreben kann analogischer Wandel eintreten.4 Analogischer Wandel Die Sprecher einer Sprache haben ganz offensichtlich das Bestreben nach größtmöglicher Transparenz sprachlicher Formen und Konstruktionen. bei Verkleinerungsformen (Blatt – Blättchen) und zur Adjektivsteigerung (alt/älter/ältest). sondern zu den eigenständigen neuen Phonemen /E/. 9. u > y / -i b. Das in dieser Klasse neue Pluralmorphem -er. in dem es ein eher unprototypisches Mitglied war. während der Umlaut im Deutschen in grammatischen Systemen Funktionen übernommen hat. Analogischer Wandel ist ein Prozess. Ein Beispiel findet sich bei der Entwicklung der Pluralmarkierungen vom Mittelhochdeutschen zum Neuhochdeutschen. die Wörter. Später wurde dann das grammatische Affix /i/ in unbetonter Endsilbe.h. /gøs/ und dann weiter zu feet bzw. die Lieder bzw. zu Schwa oder entfiel völlig (ahd. geese entwickelt haben. Im Mittelhochdeutschen lassen sich mehrere Deklinationsklassen unterscheiden. /gosi/ zu /føt/. diu wort bzw. führt bei umlautfähigem Stammvokal zusätzlich zur Umlautbildung: diu lant > die Länder. sondern wurde zum zentralen Mitglied eines neuen Netzwerks mit lautlichen Realisationen des neuen Phonemschemas. . Auch in der Entwicklung der englischen Sprache sind Umlautbildungen eingetreten.234 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT sammenhang mit hinteren Vokalen stand. d. Diese beiden Schritte werden in (16) zusammengefasst. wort und liet (Formen. Formen sollen auch in größeren Einheiten immer noch erkennbar bleiben. die in die Deklinationsklasse der so genannten neutralen a-Stämme fallen) war diu kint. Wenn wir nun zu unserer Diskussion von sternförmigen Netzwerken und Schemata zurückkehren. die sich über /foti/. Im Laufe der Zeit veränderte sich die Bildung des Plurals in diesen Deklinationsklassen in Analogie zur Pluralbildung in der Klasse der neutralen iz/az-Stämme zu die Kinder. bei dem einzelne Sprecher zwischen Lauten. der Plural des maskulinen Substantivs lîp lautete die libe. /ø/. (16) a. /y/. wie bei den Pluralformen zu foot ‚Fuß‘ und goose ‚Gans‘. Analogischem Wandel geht immer eine mehr oder weniger bewusste Analyse der betreffenden Einheiten durch Muttersprachler voraus.3. Als Ergebnis dieser Veränderung wurden vordere gerundete Vokale nicht mehr länger durch die Lautumgebung hervorgerufen. Der Nominativ Plural von kint. /i/ entfällt. im Althochdeutschen ursprünglich -ir. Doch hier handelt es sich lediglich um Reste alter Umlautbildungen. so zum Beispiel zur Markierung des Plurals (Gast – Gäste). turi > Türe > Tür). die den Plural durch unterschiedliche Affixe markieren. die Leiber. so lässt sich Folgendes sagen: /y/ fiel nicht mehr länger in seine ursprüngliche Kategorie der vorderen Allophone des hinteren Vokalphonems /u/.

entweder präpositonal mit Dativ oder mit substantivischem Genitivattribut. 1. Auch im Ausschnitt aus dem Nibelungenlied finden sich Beispiele. am Morgen. tagsüber.B. Dieses muss aber anders als im Mittelhochdeutschen dem Substantiv nachgestellt werden. gebogen.3: Nhd. dass mittelhochdeutsche Genitivkonstruktionen im Neuhochdeutschen oft durch präpositionale Ergänzungen im Dativ wiedergegeben werden.HISTORISCHE SPRACHWISSENSCHAFT 235 Andere Analogiebildungen sind nicht nur durch ein Bedürfnis nach Transparenz. bugen (Nhd. An Beispielen wie (des) abends. in der Nacht wurden. lit wird tendenziell durch lighted ersetzt) eine Rolle spielen. (des) morgens. V. die auch zu am Abend. bei dem sowohl Präteritum Singular als auch Präteritum Plural in Analogie zum Partizip Präteritum gebildet werden. regelmäßigen Pluralmarkierung in dem einen Fall und nach einer eindeutigen Form des Präteritums im anderen Fall.: bog).: wunders vil geseit ‚vieler wunderbarer Taten berichtet‘ von vielen wunderbaren Taten berichtet ein ellens rîcher man reich an Tapferkeit daz ich von mannes minne sol gewinnen nimmer nôt. (des) nachts. Nehmen wir beispielsweise einmal die Arten analogischen morphologischen Wandels. der früher bei einigen Verben notwendig war.: b. 15. Weitere Beispiele sind binden. band. Lautliche Analogiebildungen finden sich auch bei den so genannten Ablautreihen der starken Verben. Diese Tendenz des Wandels hält auch im Gegenwartsdeutsch an: der Wagen seines Chefs > der Wagen von seinem Chef. durch die Liebe eines Mannes (genitivus subiectivus) durch die Liebe zu einem Mann (genitivus obiectivus) In (17a) und (17b) sieht man. die heute nicht mehr verwendet werden: (17) a. bouc (Nhd. sondern auch durch ein Bedürfnis nach einer Eins-zu-eins-Zuordnung zwischen Form und Bedeutung motiviert. In unserem Ausschnitt aus dem Nibelungenlied finden wir das starke Verb sterben (6. In diesen Fällen liegt die Ursache für den Wandel teilweise in dem Bedürfnis nach Transparenz. Das Präteritum Plural sturben wurde im Neuhochdeutschen in Analogie zum Präteritum Singular starp zu starben. . Im heutigen Deutsch heißt es aber sterben – starb – starben – gestorben.4). den Tag über. Analogiebildungen finden sich auch im Bereich der Syntax. (der alte Plural kine durch neuenglisch cows) oder einer starken Form des Präteritums durch eine schwache (engl. z. V. bei dem das Präteritum Plural in Analogie zum Präteritum Singular gebildet wird und das Verb biegen. das zur Klasse III gehört: sterben – starp – sturben – gestorben.: banden) gebunden. wenn bestimmte morphologische Formen wie der Genitiv. V.: bogen). teilweise aber auch nach einer eindeutigen. 7. In (17c) kann die Genitivkonstruktion auf zwei Arten übersetzt werden.4 Nhd. sehen wir solche Überbleibsel alter Genitivverwendungen.: c. bunden (Nhd. die bei der Ersetzung einer unregelmäßigen Pluralbildung durch eine regelmäßige eine Rolle spielen. heute durch andere Kasus oder Ergänzungsmuster gebildet werden.1: Nhd.

und was können die Ursachen gewesen sein? Ein Antwortversuch auf die Frage nach den Ursachen von Sprachwandel findet sich in den Arbeiten des amerikanischen Linguisten William Labov (1973). Französisch und Russisch zum heutigen Zeitpunkt in vielerlei Hinsicht von der jeweiligen Sprache. Alter und Geschlecht spielen dabei ebenso eine Rolle wie ein unterschiedlicher Grad an Bildung bzw. der jeweilige wirtschaftliche Hintergrund.1). Inzwischen ist diese Variante auch in den Niederlanden populär geworden. Das trifft zum Beispiel auf eine Variante eines amerikanischen Phonems zu. Nun stellt sich die Frage nach den Ursachen für sprachlichen Wandel: Warum sollten sich Sprachen überhaupt verändern? Wenn wir nun noch an den Wandel unregelmäßiger Verben denken.bis sechshundert Jahren geschrieben wurde. jedoch über einen Zeitraum von einigen tausend Jahren hinweg so grundlegend sein. Einige dieser Äußerungs. Unabhängig von den Gründen für das hohe Prestige einer Form wird deren Aussprache oder Verwendungsweise von anderen Sprechern übernommen. dass man die damalige Sprache heute fast gar nicht mehr verstehen kann. Die Aussprache und Verwendungsweise sprachlicher Einheiten wie Gras („Marihuana“) kann aus der Sprache von Punks. Sie breitet sich innerhalb einer Sprachgemeinschaft aus und besteht eine Weile neben anderen alternativen Varianten. können wir noch eine weitere Frage stellen: lässt sich vorhersagen wann sprachlicher Wandel stattfindet und in welche Richtung er gehen wird? Zunächst lässt sich ja vielleicht sehr einfach sagen. Sprachwandel kann zwar sehr langsam vonstatten gehen. gesellschaftlich etablierte Altersgruppe. Dieses Prestige bezieht sich nicht notwendigerweise immer auf eine höhere soziale Schicht oder eine ältere. dass es in Sprachen ständig einen gewissen Grad an Variation gibt.236 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT 9. Gelegentlich bleibt diese Form bestehen. dass sich beispielsweise die Sprachen Englisch. der als erster Sprachwandel mit Sprachvariation in Verbindung brachte (siehe Abschnitt 9.4 Ursache und Vorhersagbarkeit sprachlichen Wandels Wir haben bisher an einer ganzen Reihe von Beispielen gesehen. das man als retroflexes /r/ bezeichnet und das in den USA seit dem Zweiten Weltkrieg verwendet wird. so zeigt sich. Er gründete seine Hypothese auf die Tatsache. hat aber großes soziales Gewicht. den großen Einfluss des amerikanischen Gangsta-Rap). denn ebenso wenig wie die Sprecher einer Sprache sich nicht ständig mit denselben Wörtern und Sätzen auf dieselbe Weise äußern. und andere Formen geraten dafür in Vergessenheit: in diesem Fall kann man von einem vollständigen Wandel sprechen. unterscheiden. wie sie vor vier. dass sich alle menschlichen Einrichtungen mit der Zeit verändern – warum also sollte Sprache hier eine Ausnahme bilden? Betrachtet man Zeugnisse menschlicher Sprache. die in den großen Städten . Wie kann es zu einer so starken Veränderung kommen.und Aussprachevarianten werden mit bestimmten sozialen Gruppen in Verbindung gebracht. artikulieren sie Wörter und Sätze nicht immer gleich. Über diese Identifikation mit einer bestimmten sozialen Gruppe erhalten die Varianten ein gewisses Prestige. und zwar unter Jugendlichen. Drogendealern oder auch Gangstern stammen (vgl. dass Sprachen sich verändern und auch welche Arten des Sprachwandels auftreten können.

/E/ unter denjenigen Bewohnern der Insel. kam Labov u. Bei einer genaueren Untersuchung der sprachlichen Daten. dass der Grad der Zentralisierung der Diphthonge bei einer Gruppe jüngerer Sprecher größer war und mit dem Alter der Sprecher korrelierte. Die meisten Studien Labovs beziehen sich eher auf die Verbreitung als auf die ersten Stufen eines Wandels. bei dem das Prestige einer Variante eine Rolle spielt. mit einer Aussprache in Richtung /Q / bzw. Für Keller ist Sprache nicht mit einem natürlichen Phänomen zu vergleichen. Mit der Zeit hat sich diese Variante stark verbreitet und gegenüber anderen Aussprachevarianten durchgesetzt. beschäftigte sich Labov in einer seiner berühmtesten Studien zu den Aussprachevarianten unter den Bewohnern von Martha’s Vineyard. Diese retroflexe Variante besteht nun neben dem allgemein verwendeten uvularen /r/. der sich durch Erosion oder als ein Ergebnis eines Erdbebens ändert. Mit einem weiteren Beispiel für Sprachwandel. steuern alle zu der eigentlich nicht beabsichtigten Situation (des Staus) bei. Beim Sprachwandel handelt es sich vielmehr um ein „Phänomen der dritten Art“. den Rest des Jahres aber auf dem Festland lebten – und zwar durchaus in der näheren Umgebung von Martha’s Vineyard. desto wichtiger schien es für sie. Er schloss daraus. die sich das ganze Jahr über dort aufhielten.HISTORISCHE SPRACHWISSENSCHAFT 237 der Provinzen Süd. zu dem Befund. ob sie weiterhin Bestand haben und sich evtl. möglichst wenig wie die Sommergäste zu klingen und so ihre starke Identifikation mit der Insel als ihrer Heimat zu signalisieren. noch ausbreiten wird. wie eine ursprünglich zufällige und bedeutungslose Aussprachevariante ein gewisses Prestige gewonnen hat. wie etwa ein Flusslauf. Niemand würde einen Verkehrsstau mit Absicht verursachen wollen. Diese Sprecher realisierten die Diphthonge mit einer stärkeren Zentralisierung als diejenigen unter den vielen Sommergästen. Auf der anderen Seite ist Sprache für Keller aber auch keine soziale Institution. die er unter den Einwohnern der Insel erhoben hatte. das sich durch die Wirkung unbewusster und unbeabsichtigter Kräfte verändert. gerade so wie etwa Verkehrsstaus entstehen.und Nordholland leben. An diesem berühmten Beispiel kann man sehr gut erkennen. Die Studie konzentrierte sich insbesondere auf den Grad der Zentralisierung des ersten Elements der amerikanischen Diphthonge [a⎯] und [au]. wie etwa ein Gesetz verändert würde. nicht auf den vor ihnen fahrenden Wagen aufzufahren. wie etwa dem Bemühen. wie wichtig es ist. d.h. . In einem Teil seines Werkes weist Labov darauf hin. die auf der Insel Häuser besaßen oder gemietet hatten. die Frage ist. Sprache verändert sich zwar im Gebrauch durch ihre Sprecher. indem sie mit einer bestimmten Gruppe in Zusammenhang gebracht wurde. dies geschieht aber unbeabsichtigt. die anderen Kräften unterworfen sind. die von ihren Sprechern absichtlich. Aber die Handlungen der einzelnen Fahrer. einer Insel vor der Atlantikküste von Massachusetts in Neuengland. Keller (1994) erweiterte den Labovschen Ansatz der letztlichen Ursache für einen Sprachwandel um eine Theorie zu den Auslösern von Sprachwandel. dass die zentralisierte Varietät der Diphthonge an Prestige gewonnen haben musste: je jünger die Sprecher. bei der Analyse von Phänomenen des Sprachwandels zwischen dem Auslöser für einen Wandel und der Verbreitung eines Elements innerhalb einer bestimmten Sprachgemeinschaft zu unterscheiden.a.

dass sprachliche Variation allein schon unmittelbar zu einem Wandel führt. um diese Innovation verstehen zu können. dass eine solche Vorhersage bereits mit einer Beschreibung dieses Wandels einhergehen kann. dieses Tempus morphologisch zu markieren. so dass der Sprecher als besonders clever und redegewandt gelten konnte. negativen und emphatischen Sätzen. Dazu müssen sie eine Balance herstellen: einerseits muss die Äußerung für den Hörer in optimaler Weise verständlich sein. dass dieser Wandel über mehrere hundert Jahre hinweg nicht eintritt. So kann man beispielsweise rückblickend erkennen. Ebenso problematisch ist die Frage nach dem Zeitpunkt. denn immer spielen vielfältige kognitive und gesellschaftliche Variablen eine Rolle. dass im Lateinischen zukünftige Handlungen ursprünglich durch ein sehr stark schwankendes morphologisches System ausgedrückt wurden. weder beim Erlernen noch bei seiner Verwendung. Eine sehr ähnliche Situation entstand im Englischen bei der Verwendung von do in interrogativen. Andererseits muss die Äußerung auch neu und originell genug sein. Jahrhunderts: in der Sprache Shakespeares finden sich sowohl Fragesätze wie What read you? als solche mit do wie What do you read?. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt kann niemand voraussagen. die auf einen sprachlichen Wandel hindeuten. kann es sein. Wie sich aus der Betrachtung schriftlicher Überlieferung ergibt. und zwar zum einen durch ein Infix. dauerte es aber viele Jahre. die nicht zu stark von der ihres jeweiligen Hörers abweichen. zum anderen durch die Veränderung eines Vokals in Endung. im Niederländischen geschehen wird. weswegen Sprecher sprachliche Formen verwenden. Sowohl kognitive als auch andere Theorien über Sprachwandel sind daher bei der Frage nach der Vorhersagbarkeit eines möglichen sprachlichen Wandels sehr zurückhaltend – es sei denn. konnten andere Sprecher zwischen Ideen und Objekten genügend Ähnlichkeitsbeziehungen herstellen. Diese Suche nach Neuheit kann einen Anlass für sprachlichen Wandel darstellen. Selbst wenn eine ganze Reihe von Umständen gegeben sind. eine sprachliche Variation hat sich schon so stark durchgesetzt. um die Aufmerksamkeit auf das Gesagte zu lenken. Es gab zwei Möglichkeiten. Erst gegen Ende des .238 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT Nach diesem Modell wird Sprachwandel also durch das Bemühen der Sprecher verursacht. Sprachlicher Wandel ist sehr schwer vorauszusagen. die von der jeweiligen Art des Verbums abhing. Als ein Sprecher des Deutschen zum ersten Mal erfolgreich den Ausdruck eine Idee begreifen (im Gegensatz zu einem physikalischen Objekt) verwendete. die dieser gesellschaftlichen Gruppe genügend Prestige verleihen. zu dem ein bestimmter Wandel möglicherweise stattfindet. Dann wird er auch von anderen Sprechern verwendet. Diese Verwendung entstand gegen Ende des 16. An diesem Punkt können wir nun auf Labovs Modell zurückgreifen: der neue sprachliche Ausdruck wird zunächst von einzelnen Sprechern einer bestimmten sozialen Gruppe übernommen. so dass die Sprachverwendung dieser Gruppe als Vorbild dienen kann. ehe dieser Wandel vollständig eintrat. Offenbar bereitete dieses eher umständliche doppelgleisige System den Sprechern des Lateinischen über Jahrhunderte hinweg keinerlei Schwierigkeiten. was mit dem retroflexen /r/ in Holland bzw. Gleichzeitig besaß diese Äußerung genügend Neuheit. Zudem ist es nicht sehr wahrscheinlich. mit anderen erfolgreich über etwas kommunizieren zu können.

Man versucht dann. gesellschaftlich akzeptierten Standard in der Syntax. die einen bestimmten Wandel mit sich bringen können. kann sprachlicher Wandel eintreten.HISTORISCHE SPRACHWISSENSCHAFT 239 18. Diese Ursprachen können . Der polnische Sprachwissenschaftler Kuryłowicz (1995[1945]) vergleicht das Auftreten analogischen Wandels mit einem Abwassersystem: Regenrohre. Man kann eigentlich nicht von einer einheitlichen Sprache sprechen. Liegen für bestimmte Perioden und Sprachen keine schriftlichen Zeugnisse vor. Beim sprachlichen Wandel spielen u. Lexis und Lautung einer Sprache setzt (z. dass diese Sprache aus einer Reihe von sprachlichen Varietäten besteht. Sprachlicher Wandel kann nur vor dem Hintergrund sprachlicher Variation verstanden werden. sie verstehen passiv mehr geographische und zeitliche Dialekte als sie selbst aktiv verwenden. sondern muss in Betracht ziehen. die von älteren Sprechern aktiv oder passiv beherrscht werden. die man auch als Dialekte bezeichnet. Auch wenn sich Sprache in einem stetigen Wandel befindet. Die Regenrohre stünden dann für die verschiedenen Mechanismen sprachlichen Wandels und der Regen für eine Reihe sozialer und kognitiver Variablen. In der Geschichte sind oft Völker von anderen erobert worden. Hochdeutsch und die hochdeutsche Standardlautung). Ethnolekte oder altersspezifische Varietäten unterscheiden kann. wenn Texte überliefert sind. Soziolekte.h. Die philologische Methode findet Anwendung. Bei der Methode der internen Rekonstruktion werden sprachliche Formen in verschiedenen Sprachen miteinander verglichen. Jüngere Sprecher führen neue sprachliche Formen ein. altersspezifische Varietäten eine große Rolle. Die historische Sprachwissenschaft stützt sich auf zwei Methoden der Untersuchung. während andere Formen. d. 9.B. bezeichnet man als substralen Einfluss. können wir 400 bis 800 Jahre alte Texte immer noch in großen Teilen nachvollziehen und verstehen. Neben der Standardvarietät beherrschen die meisten Sprecher eine oder mehrere Varietäten einer Sprache. die von den Eroberten gesprochen wurde. Erst wenn diese beiden Aspekte in der richtigen Weise zusammentreffen. die einen allgemeinen. können sprachliche Vorläufer immer noch rekonstruiert werden. die beeinflussende Sprache ist das Superstrat.5 Zusammenfassung Die historische Sprachwissenschaft beschäftigt sich mit Erscheinungen des Wandels in der Sprache. Jahrhunderts setzte sich dieses neue System der Umschreibung mit do gegenüber dem alten dauerhaft durch. Rinnsteine und Kanäle können ein gutes System bilden. Der Einfluss von Erstsprachenverwendung und gewohnheitsmäßiger Verwendung grammatischer Muster auf die neue Sprache. Eine dieser Varietäten ist die Standardvarietät. die beeinflussende Sprache als das Substrat. wird zunächst einmal nichts geschehen. Die Sprecher einer Sprache verfügen über eine pandialektale Kompetenz. auf eine gemeinsame Vorstufe dieser Sprachen zu schließen. Der Einfluss der Sprachen der Eroberer auf die Sprache der Eroberten heißt superstraler Einfluss. was auch auf die von ihnen gesprochenen Sprachen Einfluss hatte.a. bevor es nicht zu regnen beginnt. mit der Zeit aufgegeben werden. die man in Regiolekte.

feststellen.240 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT zeitlich sehr weit zurückliegen. Wandel von Schemata finden wir beispielsweise vom Mittelhochdeutschen zum Neuhochdeutschen bei der Wortstellung in Phrasen oder bei der Negation. der Morphologie. die eher als Mehrheitsregeln denn als Gesetze im engen Sinn zu verstehen sind. Urromanische. auf den Gebieten der Lexikologie. wie etwa das Urindoeuropäische. die auch als Grimmsches Gesetz bekannt ist. der gerundete deutsche Vokal /y/ in Kühe entstanden ist. Veränderung untersuchen. Wenn die Rekonstruktionsmethode nicht auf mehrere Sprachen zur Rekonstruktion einer gemeinsamen Vorgängersprache angewandt wird. die auf alle ihre Mitglieder zutrifft.h. wenn Sprecher bestimmte Formen in Analogie zu anderen Formen bilden. eine abstrakte Repräsentation dieser Kategorie. indem sich eine bereits bestehende Kategorie in zwei oder mehr Kategorien aufspaltet (wenn zum Beispiel aus dem Numeral ein auch ein unbestimmter Artikel entsteht). Innerhalb eines Netzwerkes können die einzelnen Mitglieder verschoben werden.h. Ein Beispiel ist die Umlautbildung. den Schlag /R/ (pretty /pr⎯⎯⎯/) oder sogar Nullformen wie in /prII/. d. Darüber hinaus stützt man sich auf das Prinzip der regelmäßigen Lautentsprechung. Solche Lautgesetze fassen eine ganze Reihe von Phänomenen in Aussagen über Regularitäten zusammen. lassen sich insbesondere diese Netzwerke in ihrer Entstehung bzw. Es können auch neue Schemata entstehen. Bei der Rekonstruktion nimmt man an. Auf lexikalischer Ebene kann ein sternförmiges Netzwerk auf eine einzige Bedeutung anstatt von mehreren Bedeutungsaspekten reduziert werden. Die Frage nach den Gründen und Anlässen von Sprachwandel lässt sich möglicherweise durch die Tatsache erklären. Dissimilation und Metathese auftreten. Urgermanische. Es gehörte zunächst zum Begriffsfeld „Schmerz“ und hat sich zu der Bedeutung „in hohem Maße“ verändert. Sprachlicher Wandel lässt sich auf allen sprachlichen Beschreibungsebenen. Ein lexikalisches Beispiel für einen Wandel über Netzwerke hinweg ist das Adverb sehr. über Netzwerke hinweg und innerhalb solcher abstrakter Schemata geschehen. Innerhalb von Netzwerken können kleinere phonetische Veränderungen durch Assimilation. Umgekehrt können zwei unterschiedliche Kategorien zu einer einzigen neuen Kategorie verschmelzen. dann spricht man von sprachinterner Rekonstruktion. Innerhalb von Kategorien bilden wir als Sprecher einer Sprache ein Schema. Sprachliche Formen können sich auch ändern. So hat zum Beispiel das englische Phonem /t/ folgende Allophone: den Glottisverschlusslaut /// (cat-call). So lässt sich beispielsweise die Erste Germanische Lautverschiebung beschreiben. indem ehemals prototypische zu peripheren Mitgliedern werden und auch umgekehrt.B. Wandel über Netzwerke hinweg findet in einer Gruppe von Allophonen eines bestimmten Phonems statt. Im Bereich der Grammatik kann Sprachwandel etwa eintreten. d. der Phonologie und der Syntax. Da sprachliche Kategorien als sternförmige Netzwerke darstellbar sind. durch die z. Nach dieser Annahme treten Veränderungen regelmäßig im gleichen linguistischen Kontext auf. Sprachlicher Wandel kann innerhalb von Netzwerken. Die Entstehung neuer Phonemschemata bezeichnet man als Phonemisierung. dass zwischen Sprachen genetische Verwandtschaft besteht. dass eine . sondern innerhalb einer Sprache durch Vergleich der geschichtlichen Sprachstufen eine Vorstufe dieser Sprache rekonstruiert wird.

Doch auch wenn alle notwendigen Faktoren für einen Sprachwandel vorhanden sind. dass genügend Aufmerksamkeit erregt wird. 9. walt. Labov (1973) setzt historische Lautwandelerscheinungen mit gegenwärtiger Sprachvariation in Verbindung.) (1998-2000). andererseits aber auch so zu sprechen.) (1984-1985) bzw. Schemata und Syntaxwandel. Überblicksartige Aufsätze zu methodischen und inhaltlichen Fragen der historischen Sprachwissenschaft finden sich in den Handbüchern Besch et al. Hock & Joseph (1996) sowie Trask (1996). keines von ihnen. (Hg. muss dieser nicht notwendigerweise auch eintreten. unde sag iu daz: der keinez lebet ane haz. welcher der kognitiven Linguistik sehr nahe steht. (Hg. einerseits verständlich. Sprachwandel wird durch das Bemühen von Sprechern ausgelöst. Eine überschaubare Darstellung sprachlicher Veränderungen vom Germanischen bis zum Neuhochdeutschen findet sich in Schweikle (1990). Besch et al. ror unde gras.1992) bieten eine Sammlung kognitiv-linguistischer Ansätze. Eine klassische mittelhochdeutsche Grammatik ist Paul (1998). Kuryłowicz (1945) vertritt einen sprachhistorischen Ansatz. So etwa. Bei welchen Ausdrücken könnte sich ein Sprachwandel andeuten? Betrachten Sie den folgenden Auszug aus einem so genannten Spruch des mittelhochdeutschen Dichters Walther von der Vogelweide aus den Jahren 1198-1201: Ich horte ein wazzer diezen und sach die vische fliezen ich sach swaz in der welte was. Suchen Sie Beispiele für sprachliche Einheiten im Gegenwartsdeutsch. Weitere allgemeine theoretische Ansätze finden sich in Hock (1986). Kellermann & Morissey (ed. swaz kriuchet unde fliuget und bein zer erde biuget. die von Ihren Eltern und Großeltern aber nicht verwendet werden bzw. Eine sehr gute Einführung in das Mittelhochdeutsche gibt Weddige (1996). loup.7 Aufgaben 1. die Sie selber verwenden. 9. Feindschaft . umgekehrt. wenn die Bewohner von Martha’s Vineyard die ersten Elemente von Diphthongen mit einer starken Zentralisierung artikulieren. velt. Dennoch kann sprachlicher Wandel niemals eindeutig vorher gesagt werden. um sich so von den Sommergästen abzugrenzen. daz sach ich.HISTORISCHE SPRACHWISSENSCHAFT 241 bestimmte Variante an gesellschaftlichem Prestige gewinnt und in der Folge dann weite Verbreitung findet. 2. eine gut verständliche Einführung gibt Singer (1996).6 Leseempfehlungen Eine gut verständliche Darstellung zu den Ursachen von Sprachwandel ist Keller (1994). Winters (1992) untersucht den Zusammenhang zwischen Prototypen.

13 nach Grimm WB 374. walt. so we dir. b. In welche Kategorien des Wandels lassen sich die Veränderungen einordnen? (i) Umstrukturierung innerhalb eines Netzwerks (ii) Wandel über Netzwerke hinweg (iii) Wandel in einem Schema durch Teilung (iv) Wandel in einem Schema durch Verschmelzung (v) analogischer Wandel. bekere. einer mittelhochdeutschen Grammatik. wan daz sie habent einen sin. In welche Arten von Tiere wird in beiden Ausschnitten die Tierwelt eingeteilt? Ich horte ein wazzer diezen und sach die vische fliezen ich sach swaz in der welte was.242 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT daz wilt und daz gewürme. tiuschiu zunge. dass es sich um einen Text aus einer älteren sprachlichen Epoche des Deutschen handelt? Nennen Sie einige Phänomene. dass sie. hier: Vernunft sie kämen sich für nichts vor wenn sie nicht deutsche Zunge: deutsches Volk Mücke kehre um die Kronreife sind zu mächtig die Krone a. und heiz si treten hinder sich! (Maurer. ror unde gras. Phillipe setze en weisen uf. Versuchen Sie eine eigene Übersetzung. die cirkel sint ze here. Woran erkennen Sie.] Beziehen Sie den folgenden Ausschnitt mit ein: vische.. tier hânt ir reht baz danne wier. si setzent herren unde kneht. Betrachten Sie den folgenden Ausschnitt aus Walthers Spruch etwas genauer. c. eines etymologischen Wörterbuches bzw. (Freidank. vogele. wie stet din ordenunge! daz nu diu mugge ir künec hat. velt. si enschüefen starc gerihte. loup. untereinander nur. Vergleichen Sie diese mit dem Neuhochdeutschen. die armen künege dringent dich. die stritent starke stürme sam tuont die vogel under in. 1995:60f) ebenso. si kiesent künege unde reht. 5. Auf welche Schwierigkeiten stoßen Sie dabei? Untersuchen Sie insbesondere die fett gedruckten Wörter aus dem obigen Ausschnitt mit Hilfe des Grimmschen Wörterbuches.. swaz kriuchet unde fliuget und bein zer erde biuget [.2) . würme. si duhten sich ze nihte. und daz din ere also zergat! bekera dich.

Lindwurm (mhd. palatal. lint ‚Schlange‘). Rentier (volksetymologisch zu rennen). die Sie passiv beherrschen. Wie würden Sie diese Wörter ins heutige Deutsch übersetzen? Lassen sich Veränderungen in der Einteilung der Tierwelt erkennen? Betrachten Sie auch Zusammensetzungen wie: Walfisch. Betrachten Sie die folgenden Verbformen – unterstreichen Sie die Formen. mhd. Englisch burn vs. backen – backte/buk – gebacken fragen – fragte/frug – gefragt melken – melkte/molk – gemelkt/gemolken bewegen – bewegte/bewog – bewegt/bewogen hauen – haute/hieb – gehauen bellen – bellte/boll – gebellt/gebollen glimmen – glimmte/glomm – geglimmt/geglommen hängen – hängte/hing – gehängt/gehangen gären – gärte/gor – gegoren frieren – frierte/fror – gefriert/gefroren Lässt sich eine bestimmte Tendenz der Entwicklung erkennen? Trifft die Aussage zu. und versehen Sie Formen. frz. Keller vs. einfach. murmur ⇒ deutsch murmeln (e) althochdeutsch ors ⇒ Ross (f) Intellekt (lat. aventure. inter-lego) bzw. die so genannten schwachen seien die eigentlich starken Verben? Stützen Sie Ihre Überlegungen durch weitere Beispiele. deutsch Donner (i) Englisch cellar vs. kelder (j) Englisch adventure vs. engl. niederl. Inwiefern trifft auf die folgenden Beispiele das Grimmsche Gesetz zu? (a) (b) (c) (d) 5. die Ihrer Meinung nach fraglich bzw. dt. (h) englisch thunder vs. donder vs. Altindisch afras pad dva trayas Latein aere pes duo tres Englisch ages foot two three Deutsch Alter Fuß zwei drei Welche Art des Wandels wird jeweils durch die folgenden Beispiele illustriert? (a) Latein in + legalis ⇒ neuhochdeutsch illegal (b) lateinisches Adjektivsuffix -alem ⇒ glottal. mit einem Fragezeichen bzw. 4. nicht korrekt sind. . die Sie selbst verwenden doppelt. German brennen. diejenigen. 3.HISTORISCHE SPRACHWISSENSCHAFT 243 Schlagen Sie die unterstrichenen Wörter in einem mittelhochdeutschen Wörterbuch nach. âventuire (Abenteuer). niederl. velar (c) altenglisch brid ⇒ neuenglisch bird (d) lateinisch murmurare. Sternchen.

unterschiedlichen Prozesse haben in jeder Sprache stattgefunden? (a) (b) (c) (d) Westgermanisch: Englisch: Deutsch: Niederländisch: mus – musi mouse – mice Maus – Mäuse muis . Vergleichen Sie die ur-westgermanischen Wörter mus und kuh im Englischen.muizen kuh – kuhi cow – OE kine/NE cows Kuh – Kühe koe – koeien 7. Lässt sich ein Sprachwandel erkennen? Sammeln Sie im Alltag Beispiele (gesprochener und geschriebener Sprache) für die Verwendung der Konjunktionen denn und weil. . Lassen sich mit der Zeit Veränderungstendenzen in der Verwendung (wie auch in der Bewertung in den Grammatiken) erkennen? 8. Welche ähnlichen bzw. Ziehen Sie hierzu ein Mittelhochdeutsches Wörterbuch und das Grimmsche Wörterbuch zu Rate. Vergleichen Sie die einzelnen Bedeutungsaspekte im heutigen Deutsch mit denen im Mittelhochdeutschen. Ziehen Sie auch ältere und neuere Grammatiken des Deutschen zu Rate. Niederländischen und Deutschen. Sammeln Sie im Alltag Belege für die Verwendung des Wortes geil.244 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT 6. Beschreiben Sie Unterschiede und Gemeinsamkeiten in Bezug auf Satzstellung und Bedeutung.

typologischer und kontrastiver Perspektive in den Blick nehmen. Wie kann man die Anzahl der Sprachen dieser Welt bestimmen? Wie kann man sicher sein. einem Sprachstamm angehören. so können sie immer noch anhand von sprachwissenschaftlichen Kriterien bestimmten strukturellen Typen zugeordnet werden. Besonderes Interesse gilt zunächst dem Status von Sprachen. klassifizierende. sondern auch aus ganz praktischen Gründen miteinander verglichen. dass alle Sprachen einer Reihe von grundlegenden Bedingungen unterliegen. der Grammatik sowie des sprachlichen Handelns. Der Sprachvergleich ist auch von interdisziplinärem Interesse: im Einklang mit anderen Wissenschaften versucht man. Sprachen werden nicht nur aus reinem Erkenntnisinteresse. klassifizierender. die man als sprachliche Universalien bezeichnet. genauere Vorstellungen über den Ursprung und die weltweiten Wanderungsbewegungen der menschlichen Spezies zu erhalten.0 Überblick In Kapitel 6 über kulturvergleichende Semantik hatten wir uns bereits mit einigen Gemeinsamkeiten und Unterschieden zwischen verschiedenen Sprachen und Kulturgemeinschaften beschäftigt. Ein mögliches Kriterium für Universalien ist die Wortstellung im einfachen Satz. Auch wenn zwei oder mehr Sprachen nicht aufgrund gemeinsamer Abstammung miteinander verwandt sind. So lassen sich beispielsweise Erkenntnisse für das Fremdsprachenlernen und Übersetzen sowie für die Erstellung zweisprachiger Wörterbücher gewinnen. und zwar in Bezug auf Aspekte des Wortschatzes.KAPITEL 10 Sprachen im Vergleich: außersprachliche. welche Sprachen einer gemeinsamen Gruppe. Bei diesen Vergleichen nimmt man an. Diese praktisch ausgerichtete Variante des Sprachvergleichs fällt in den Aufgabenbereich der kontrastiven Sprach- . Die Sprachtypologie beschäftigt sich unter anderem mit der Frage. einer Sprachfamilie bzw. In diesem Kapitel wollen wir nun den Vergleich von Sprachen aus außersprachlicher. typologische und kontrastive Aspekte 10. dass es sich bei einer Varietät um eine eigenständige Sprache und nicht um einen Dialekt handelt? Welche Sprachen sind die international bedeutendsten Sprachen der Welt? Welche Kriterien können für einen solchen Vergleich angelegt werden? Neben diesem Vergleich nach außersprachlichen Gesichtspunkten können wir Sprachen auch anhand von innersprachlichen Kriterien vergleichen und einordnen.

Ähnliches gilt für eine Reihe afrikanischer und australischer Sprachen. sind diese Fragen nicht immer eindeutig geklärt. So berichtet etwa Comrie (1987a). denn für sprachwissenschaftliche Untersuchungen wird neben viel Zeit und Geld auch ein besonderes Know-How benötigt. dass Neuguinea völlig unerwartet sprachwissenschaftliche Bedeutung erlangt hat. dass sie Dialekte ein. Erstens sind einige Teile der Welt wie Afrika und Australien sprachwissenschaftlich noch relativ unerforscht.1 Die Identifikation von Sprachen und deren Status 10.1. da hier offenbar ein Fünftel der Sprachen dieser Welt beheimatet sind. oder ob es sich um Dialekte einer einzigen Sprache handelt. 10.und derselben Sprache sprechen.1 Sprachen identifizieren und zählen Bis heute lässt sich nicht genau bestimmen. Eine kontrastive Vorgehensweise zielt meist auf sehr viel genauere Detailvergleiche hin als die sprachtypologische Untersuchungsrichtung. wie viele Sprachen insgesamt auf der Welt gesprochen werden. Selbst in Europa. die von einem europäischen Staat als Nationalsprache anerkannt wird) wie gesagt nicht aufgrund von sprachwissenschaftlichen Kriterien festgelegt wurden. Da aber die offiziellen Amtssprachen in Europa (d.1.2 Sprachwissenschaftliche Kriterien zur Identifikation einer Sprache Das am häufigsten verwendete Kriterium zur Spracheinteilung war lange Zeit die gegenseitige Verständlichkeit von Varietäten. so sprechen sie wahrscheinlich verschiedene Sprachen. Viele dieser Neuentdeckungen konnten bisher immer noch nicht eindeutig bestimmt werden. Erst vor kurzem hat man in einigen.h. so geht man davon aus. lassen sich selbst in den uns sehr gut bekannten europäischen Regionen ganz offenkundige Widersprüche in der Abgrenzung von Sprachen erkennen. 10. 5000 bis 6000. Dafür gibt es eine Reihe von Gründen. man schätzt ihre Zahl auf ca. Wenn sich die Sprecher zweier Varietäten gegenseitig verstehen können.246 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT wissenschaft: hier werden zwei oder mehr Sprachen miteinander verglichen. Über viele der dort gesprochenen Sprachen liegen nur sehr dürftige oder überhaupt keine Daten vor. indem man sie zueinander in Kontrast gesetzt. ob zwei benachbarte sprachliche Varietäten als voneinander abzugrenzende. eigenständige Sprachen einzuordnen sind. denn die Entscheidungen über den Status von Varietäten beruhen traditionell zumeist auf politischen und nicht auf sprachwissenschaftlichen Kriterien. Können sie einander aber nicht verstehen. Zweitens lässt sich in vielen Fällen auch nicht genau sagen. wo in dieser Hinsicht eigentlich keine Unklarheiten mehr bestehen sollten. Im deutschsprachigen Raum sind beispielsweise Norddialekte für Sprecher von Süddialekten kaum zu . Angesichts dieser groben Schätzungen kann man sich durchaus fragen. bisher noch relativ unerforschten Gebieten dieser Welt eine große Anzahl neuer Sprachen entdeckt. wieso die Sprachwissenschaft hier nicht genauere Zahlen liefern kann. jede Sprache.

Übersicht 1. was z. wenn sie den in Mafiafilmen gesprochenen Dialekt verstehen wollen. Die Grenze zwischen Deutschland und den Niederlanden ist zwar auch die Grenze zwischen den offiziellen Landessprachen Deutsch und Niederländisch – sie verläuft aber mitten durch ein Gebiet. das geographisch gesehen von der Nordsee bzw. Offenbar kann man mit dem Kriterium der gegenseitigen Verständlichkeit Sprachen bzw. Unterschiedliche Aussprache von „Wie geht’s dir jetzt“ geschriebener (Sub)standard Bayerisch wia geht’s da jetzat? Hochdeutsch wie geht’s dir jetzt? Plattdeutsch wo geit di dat nu? Niederländisch hoe gaat het met u? Dänisch hvordan har du det nu? Norwegisch hvordan har du det no? Aussprache via ⎯⎯ts da ietsat vi˘ ⎯e˘ts diå iEtst vo˘ ⎯ait di dat nu˘ hy˘xa˘t h´t met y voådan ha˘du de˘nu˘ vurdan har dy de˘no˘ . Dennoch unterscheidet man zwischen Dänisch. Dialekte bestimmen. Italiener aus der Alpenregion benötigen Untertitel. und spricht nicht von schwedischen. die davon abhängen dürften. um sich mit deren Sprechern verständigen zu können. wenn sie ihren jeweiligen Dialekt sprechen. in denen nur einer von beiden Partnern die Sprache des anderen verstehen kann. Norwegisch. wie vertraut die Sprecher einer Sprachvarietät A mit einer Varietät B sind und wie stark der Wunsch und das Bedürfnis danach sind.B. in dem die in unmittelbarer Nachbarschaft lebenden Deutschen und Niederländer sich sehr wohl verstehen können. Sicherlich lassen sich hier Grade der Verständlichkeit feststellen. können sie doch für Sprecher beider Dialekte verständlich sein. In Übersicht 1 lassen sich anhand der Aussprache des Satzes Wie geht‘s dir jetzt? durchaus Hinweise für ein Dialektkontinuum entdecken. auch wenn sie ihre jeweilige Landessprache sprechen. Verständlichkeit als einziges Kriterium zur Bestimmung von Sprachen ist noch in einer weiteren Hinsicht problematisch: man muss ja eine andere Sprache nicht vollständig verstehen können. Ostsee bis ins südliche Tirol reicht. die anderen zu verstehen. Auch bei den scheinbar eindeutig von einander abgrenzbaren skandinavischen Sprachen ist das Kriterium der gegenseitigen Verständlichkeit durchaus erfüllt.SPRACHEN IM VERGLEICH 247 verstehen – und umgekehrt. müssen nach diesem Modell für die Sprecher beider Dialekte nicht notwendigerweise auch wechselseitig verständlich sein. norwegischen oder dänischen Dialekten des Skandinavischen. Zwei weit voneinander entfernt stehende Dialekte. Schwedisch usw. die linguistisch gesehen relativ nah beieinander liegen. indem man die Sprachen auf einem Dialektkontinuum ansiedelt. Es gibt Situationen. Dänen und Norweger können beispielsweise einander gut verstehen. die derselben offiziellen Sprache zugeordnet werden. Das Problem der Sprachgrenzen und der gegenseitigen Verständlichkeit lässt sich lösen. bei Niederländern und Deutschen oft der Fall ist. Selbst wenn zwei benachbarte Dialekte auf dem Dialektkontinuum zwei unterschiedlichen offiziellen Sprachen zugeordnet sind.

die Bestimmungskriterien sind nicht präzise genug. Wie können wir umgekehrt den Entstehungszeitpunkt einer neuen Sprache festlegen. Obwohl Griechisch eine viel längere Entwicklung durchlaufen hat. eine Religion“. Manche Länder erkennen traditionell nur eine Sprache als offizielle Amtssprache an. selbst wenn mit ihr darauf spezialisierte Sprachwissenschaftler betraut sind. Sprachen zu identifizieren und zu zählen erweist sich also als sehr schwierige Aufgabe. andere bil- . von Frankreich und Karl V. Die französische Sprachenpolitik hat sich selbst zu Zeiten des Kolonialismus stets an dieser Maxime orientiert. Spanien. wenn sie von niemandem mehr gesprochen wird. dass die Bestimmung und damit auch die Klassifikation von Sprachen wiederum von den Fortschritten und Ergebnissen soziolinguistischer und diachronischer. aber immer seltener verwendet wird. Bereits vorhandene Datensammlungen müssen erweitert und vervollständigt werden. von Spanien geprägt. Viel häufiger vollzieht er sich als schleichender Übergang innerhalb einer Gemeinschaft von Sprechern. Sprache und Religion bildeten wichtige Säulen in dieser Konzeption des Staates unter dem Motto „ein Königreich. d. wenn diese sich allmählich als Varietät einer bestehenden Sprache entwickelt hat? In dieser Frage ist die Sprachwissenschaft noch nicht zu einer einheitlichen Antwort gelangt. in dem die alte Sprache weiterhin von einer gewissen Anzahl von Sprechern noch beherrscht. d. Wir betrachten die romanischen Sprachen als Abkömmlinge des Lateinischen.3 Der politische und internationale Status von Sprachen Mit dem sechzehnten Jahrhundert brach in der Geschichte die Moderne an. und ein neues Konzept des Staates entstand. während andere sich aus einem früheren Stadium zu einer neuen Sprache entwickeln. und seinen Sohn Philip II. Es kann also durchaus ein Stadium geben.1.2). Latein hat sich beispielsweise im Laufe der Jahrhunderte in viele verschiedene romanische Sprachen verzweigt und ist schließlich selbst als gesprochene Sprache ausgestorben. die nach und nach ihre alte Sprache aufgeben. darunter Großbritannien. sprachgeschichtlicher Forschung abhängt. Es wurde durch große und mächtige Herrscher wie Heinrich VIII. und es gibt keine eindeutigen Richtlinien dafür.h.248 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT Neben einem geographischen lässt sich auch ein zeitliches. von Britannien. wurde es – anders als Latein – nicht durch verschiedenste Substrata beeinflusst (siehe Abschnitt 9. Im weiteren Verlauf dieses Kapitels werden wir noch sehen. Einige Sprachen gehen mit der Zeit unter. eine Sprache. Diese Konzeption wirkt bis heute fort: Einige Sprachen haben eine so große öffentliche und politische Bedeutung. aber zur gleichen Zeit erkennen wir nur eine hellenische Sprache an (nämlich das moderne Griechisch). dass die Entscheidung über die offizielle Sprache eines Landes fast ausschließlich von der Politik gefällt wird – eher selten werden in dieser Frage Sprachwissenschaftler zu Rate gezogen. Einige Länder haben hingegen mehr als nur eine offizielle Sprache. indem sie immer stärkeren Gebrauch von einer neuen Sprache machen. Belgien und die Schweiz. Eine Sprache gilt als ausgestorben. historisches Kontinuum annehmen. wie diese anzuwenden sind. 10. Der Sprachtod muss aber nicht abrupt mit dem Tod des letzten Sprechers dieser Sprache eintreten. François I.h.

Übersicht 2. Der . oder die Wirtschaftskraft des Ursprungslandes – so sieht die Rangliste der international bedeutendsten Sprachen schon völlig anders aus. die übergeordnete offizielle Sprache ist Standardmalaiisch oder Bahasa Malaysia. auf denen sie gesprochen wird. In Indonesien haben die Politiker schon lange vor der Unabhängigkeit beschlossen. Wenn eine Sprache den offiziellen Status als Amtssprache eines Landes hat.als auch offiziellen Sprachstatus. In Europa trifft das beispielsweise auf Letzeburgisch zu. gibt es deshalb bestimmte Sprachengesetze. nach Grimes 1996) Kommen aber noch weitere Kriterien hinzu – wie etwa die Anzahl der Länder. Dennoch beruht die Förderung des Letzeburgischen als dritter offizieller Sprache der gesamten luxemburgischen Nation auf einer rein politischen Entscheidung der luxemburgischen Regierung. so lassen die Sprachen Asiens alle übrigen Sprachen weit hinter sich (Übersicht 2). in denen Minoritäten sprachliche Autonomie zugestanden wird. Javanisch mit 70 Millionen Sprechern – als offizielle Amtssprache zu wählen. Durch diese Förderung wird es gleichzeitig auch von der Europäischen Union als offizielle Sprache anerkannt. und auch der Wortschatz erfährt eine erhebliche Bereicherung. in denen eine Sprache offiziellen Status hat. Auf lange Sicht werden aber durch ihren institutionellen Gebrauch zusätzliche Regeln etabliert. In vielen Ländern. nicht eine der größeren nationalen Sprachen – z. Auf globaler Ebene führt der Vergleich von Sprachen zu der Frage. In verschiedenen Staaten Asiens haben die Varietäten des Malaiischen sowohl Dialekt. sondern eine indonesische Standardform des Malaiischen zu schaffen. welche die bedeutendsten Sprachen der Welt sind.Β. die regeln sollen. Im Gegensatz zu den meisten deutschen Dialekten verfügt Letzeburgisch aber über eine reiche literarische Tradition und wird überall in den Medien und insbesondere im Fernsehen verwendet. welche Kriterien man anlegt. Ist die Zahl der Sprecher einziges Kriterium.SPRACHEN IM VERGLEICH 249 ligen sogar Varietäten den Status eigenständiger Sprachen zu. Die Antwort hängt wiederum ganz davon ab. in welchem gesellschaftlichen Kontext welche Sprache verwendet werden soll und welcher Status den einzelnen dort gesprochenen Sprachen zukommt. die Anzahl der Kontinente. das von vielen Sprachwissenschaftlern als ein Dialekt des Deutschen eingestuft wird. die in wieder anderen Ländern lediglich als Dialekte eingestuft würden. In Malaysia findet die alltägliche Verständigung in der einen oder anderen Varietät des Bazaar Malay statt. so sagt das zwar wenig bis nichts über ihre statistische Relevanz aus. Diese Form wurde allgemein akzeptiert und wird nun als Bahasa Indonesia bezeichnet. Es ist deshalb in seinem Status nicht mit einem deutschen Dialekt gleichzusetzen. Die meistgesprochenen Sprachen der Welt Mandarinchinesisch Englisch Spanisch Hindi/ Urdu 885 450 266 233 Indonesisches Malaiisch Bengalisch Assam Portugiesisch Russisch 193 181 175 160 Arabisch Japanisch Französisch Deutsch 139 126 122 118 (Sprecher in Millionen.

Nord-. Aus Zentralasien wanderten später immer mehr Menschen westwärts und nach Europa.075 Deutschland 167 Indonesien ( Angaben nach Grimes 1996. Abbildung 1 gibt einen allgemeinen Überblick über diese Wanderungsbewegungen. 50. Das Resultat dieser letzten großen Wanderungsbewegungen ist die indoeuropäische Sprachfamilie – eine der größten Sprachfamilien der Welt. Mittel. Haben Sprache und Menschheit zeitlich und räumlich gesehen denselben Ursprung? Nach Jean Aitchison (1996) liegt dieser Ursprung östlich der Großen Seen Ostafrikas im heutigen Kenia und ist zeitlich vor zirka 200. Emirate 525 Spanien 92 Portugal 2. 300 68 139 266 175 118 193 Anzahl der Kontinente 5 3 2 3 3 1 1 Bruttosozialprodukt Ursprungsland in Millionen Dollar* 1. Eine andere Gruppe zog nach Nordasien.000 Jahren begannen sich die Sprachen dann weiterzuentwickeln und breiteten sich sehr schnell aus. mit deren Hilfe sich Antworten auf einige grundlegende Fragen nach dem Ursprung. Südasien und Neuseeland. erster Rang nach dem jeweiligen Kriterium fett gedruckt) 10.2 Die Verbreitung von Sprachen und deren Klassifikation 10.000 Jahren anzusetzen.und Südamerika. Übersicht 3. Von Ostafrika zogen die Menschen in Wanderungsbewegungen ins westliche.355 Frankreich 38 Verein.2. * Angaben nach Fischer Weltalmanach 1997.1 Die Entstehung und Verbreitung von Sprachen Der Sprachvergleich ist eines der wichtigsten Forschungsinstrumente. . über die Beringstraße nach Alaska.069 Großbritannien 1. Viele Jahrtausende lang war die menschliche Sprache nur dort beheimatet. Vor ca. Arab. der Natur und der Evolution der menschlichen Spezies finden lassen.250 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT Reihenfolge in Übersicht 3 liegt das Kriterium „Amtssprache in wie vielen Ländern“ zugrunde. südliche und nördliche Afrika und von dort aus nach Europa und Zentralasien. Die international bedeutendsten Sprachen der Welt Sprache Englisch Französisch Arabisch Spanisch Portugiesisch Deutsch Indonesisches Malaiisch + Amtssprache in Ländern 47 30 21 20 7 5 4 Erstsprachler + in Millionen.

GRÖNLAND Beringstraße ASIEN NORDJAPAN EUROPA PAZIFISCHER AMERIKA MITTELAMERIKA Abbildung 1. Wanderungsbewegungen AFRIKA OZEAN INDISCHER OZEAN AUSTRALIEN PHILIPPINEN SÜDAME RIKA ATLANTIK NEUSEELAND SPRACHEN IM VERGLEICH 251 .

eine Menge von Sprachen. slawischen. Die Zuordnung zu Sprachfamilien gründet sich auf sprachgeschichtliche Forschungen und die Rekonstruktion älterer Sprachstufen (so genannter Ursprachen). Morphologie und Syntax aufweisen. • Hypothesen über den Ursprung und über die Evolution der menschlichen Sprache zu überprüfen.h. Stamm und Familie zusammen. wie weit die Möglichkeiten der deskriptiven Grammatik reichen. die Evolutionstheorie. die mit keiner anderen Menge auf dieser Stufe verwandt ist. Auf der nächsttieferen Stufe der Klassifizierung stehen Sprachstämme. gehen der Abstammungshypothese zufolge auf einen gemeinsamen Vorläufer zurück. Für komplexe Sprachsituationen in Afrika. d. Asien und auf dem amerikanischen Kontinent sind diese Unterscheidungen hingegen unentbehrlich (siehe als Beispiel Übersicht 4 mit einer Darstellung des größten Phy- .h. aber entfernt miteinander verwandt sind. Anthropologie. keltischen.2.h. Auf der höchsten Stufe der Taxonomie steht ein Phylum. die sich durch die Sprachgeschichte ziehen und zur Differenzierung der Sprachen geführt haben (vgl. Sie orientiert sich an Lautverschiebungen und/oder strukturellen Veränderungen. denn es hebt die Beziehungen zwischen den einzelnen Mitgliedern einer Familie hervor. In einer Reihe von Fällen – so etwa im Indoeuropäischen – fallen die ohnehin schwer abzugrenzenden Ebenen Phylum. eine Antwort auf diese Frage zu finden. Lexikologie. • Erkenntnisse darüber zu gewinnen. Sprachen. d. romanischen und germanischen Sprachen sind alle Mitglieder der großen indoeuropäischen Sprachfamilie. Eine Reihe indischer Sprachen (z. die Ethologie (die das Verhalten von Tieren untersucht). der entsprechend weitgefächerte Ergebnisse liefert. 10. d. Kapitel 9). hofft man. Sprachen in Sprachfamilien einzuordnen. die iranischen. Hindi).B. Mit dieser Familienmetapher kommt eine Leithypothese dieses sprachwissenschaftlichen Forschungszweiges zum Ausdruck: analog zu Verwandtschaftsbeziehungen in einer menschlichen Familie werden zwischen einer Reihe von Sprachen Abstammungsbeziehungen angenommen. für wie viele Phänomene sie eine Erklärung bieten kann. sondern verwendet eine komplexere Taxonomie. die eine große Zahl von Gemeinsamkeiten auf den Gebieten der Phonologie. Die moderne Sprachtypologie stützt sich nicht mehr nur einzig auf das Konzept der Sprachfamilie. Mengen von Sprachen.2 Die Klassifikation von Sprachen Die Sprachwissenschaft hat eine reichhaltige Tradition. Geographie und auch die Neurobiologie. Durch einen interdisziplinären Forschungsansatz. Anatomie. Griechisch. Das Konzept der Sprachfamilie spielt in dieser Taxonomie weiterhin eine zentrale Rolle. Sprachwissenschaftler verfolgen mit dem Vergleich von Sprachen mindestens drei wesentliche Ziele: • einen allgemeinen Überblick über sprachliche Kategorien und Strukturen zu gewinnen. die unterschiedlichen Sprachfamilien zuzuordnen sind.252 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT Mit der Frage nach dem Ursprung der Sprache und der Wiege der Menschheit beschäftigen sich neben der Sprachwissenschaft auch viele andere Wissenschaften wie die Physiologie. Latein.

als hier dargestellt werden können. Chr.000 v. dass bei den Bantusprachen die Klassen „Familie“ und „Zweig“ zusammenfallen. die Familien und Sprachen in dieser Gruppe. In diesem Zusammenhang wird nun der Begriff „Phylum“ besonders wichtig. Taxonomische Ebenen der Sprachklassifikation (Beispiel aus Afrika) (nach Moseley/ Asher 1994:292) Phylum Stamm: Familie: Zweig Gruppe: Untergruppe: Ndebele Tsonga Zulu Ubongi Niger-Kongo (vgl. Sprachfamilien werden in Sprachzweige (z. Übersicht 5) Benue-Kongo Bantoid Bantu Venda Nguni Xhosa Sotho Swazi Adamawan Gur usw.SPRACHEN IM VERGLEICH 253 lums der Welt.) in diese Teile Afrikas gezogen waren. Die Klassifizierung der ersten Gruppe afrikanischer Sub-Sahara-Sprachen als drei verschiedene Phyla zeigt an. Daraus lässt sich folgern. Diese Kategorien werden in Übersicht 4 am Beispiel einiger afrikanischer Sprachen dargestellt. dass zwischen diesen (Niger-Kongo. Mit Ausnahme dieser zweiten Menge wurden . Niger-Kongo). Jeder dieser Zweige gliedert sich wiederum in viele Gruppen und Untergruppen. sind entfernt verwandt oder relativ eng verwandt (Somali. Übersicht 4. dem Afroasiatischen Stamm an (Stamm fällt hier mit Phylum zusammen). Bantu ist zwar entfernt verwandt mit anderen Sprachen des Niger-Kongo-Stamms. Hebräisch und Arabisch). germanische Gruppe des westeuropäischen Zweiges) und Gruppen eventuell weiter in Untergruppen eingeteilt. dass diese Völker bereits lange vor der Geburtsstunde der Sprache (nach Aitchison (1996) zwischen 200. Zweige in Sprachgruppen (die romanische bzw. der westeuropäische Zweig der indoeuropäischen Sprachfamilie).B. Mit der zweiten Gruppe von Sprachen im Mittleren Osten und in der nördlichen Hälfte Afrikas verhält es sich ganz anders: sie alle gehören einem einzigen. die entfernt verwandte Mitglieder hat (Comrie 1987b:155). Der Afroasiatische Sprachstamm ist zugleich die einzige unter den sechs Sprachgruppen. Khoisan und Nilo-Saharanisch) keine genetische Verwandtschaft besteht. doch der Bantusprachstamm selbst umfasst lediglich eine einzige Sprachfamilie. Übersicht 5 gibt einen Überblick über einige Aspekte der Beziehung zwischen einer Reihe von Sprachen dieser Welt. Diese Familie besteht aber wiederum aus viel mehr Zweigen. Man erkennt.000 und 50.

Chinesische Familie. müssen allerdings erst handfeste empirische Nachweise vorgelegt werden können. z. Mbabaram) 5. Indonesisch.B. (z. Mon-Khmer-Untergruppe 4.B. Finnisch.B. Austrische Sprachen 4. z.4 Koreanisch.254 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT also alle Mengen in Übersicht 5 eher aufgrund von geographischen Kriterien eingeteilt. Khoekhoe-Zweig. z. z.2 Khoisan-Phylum. Mongolische Gruppe 4. z.1.B. Nootka 6.B.2 Altägyptisch und Koptisch † 2.3 Südamerikanische Sprachen . Stämme) 6. Pama-Nyungan-Stamm. Georgisch 3. z.1.3 Australisches Phylum (250 Sprachen).3 Sino-Tibetisch.1 Niger-Kongo-Phylum.B.B.B.B. Türkisch). Viele Sprachwissenschaftler glaubten. Nama 1.3 Nilosaharisches Phylum. Arabische Gruppe. Ungarisch 3. Estnisch. z.1 Nordamerikanische Sprachen (einige Familien bzw. Nilotische Familie 2. Afrika und Mittlerer Osten: Afroasiatischer Stamm 2. z. z. Die Einteilung in Nostratische Sprachen (siehe hierzu Pedersen 1923) spiegelt einen älteren Ansatz in der Sprachenklassifikation wider. z.B.B. z. z.B. Telugu 4.2 Drawidisches Phylum. Maya-Familie 6.4 Uto-Aztekischer Stamm.1 Austro-Asiatisches Phylum. z.B.1 Austronesisches Phylum (800 Sprachen).B.2 Kartvelisches Phylum: Südkaukasisch. einige Äthiopische Sprachen 2. Übersicht 5. Australasiatische und Pazifische Sprachen 5.2 Mesoamerikanische Sprachen. Japanisch 5.B. Tamil.B. Turkische Gruppe (z. z. Javanisch 5.2 Athabaskanische Familie.3 Semitische Familie. Lappisch. Kuschitische Familie z.B.5 Tschadische Familie. Nostratische Sprachen 3.1 Indoeuropäisches Phylum (siehe Übersicht 6) 3. Navaho 6. alle Sprachen der Welt müssten zueinander in irgendwelchen Abstammungsbeziehungen stehen.1.1.1 Eskimo-Aleutische Familie 6. Klassifikation der wichtigsten Sprachengebiete dieser Welt 1. Malaiischer Stamm. Bantoid-Familie 1. z.2 Papuasprachen (750 Sprachen in Papua-Neuguinea) 5. Aramäisch 2. Hopi 6. z.4 Berber-Familie 2. Somali. Tibetobirmanische Familie 4. Bevor man in der modernen Forschung zur Sprachenklassifikation irgendeine Aussage über die mögliche Verwandtschaft von Sprachen wagt.B. Kwakiutl.3 Uralisches Phylum. Sub-Saharische Sprachen 1.B.4 Polynesische Gruppe 6.4 Altaisches Phylum. Amerindische Sprachen 6.1 Kuschitischer Zweig. z.3 Wakashanische Familie. Hausa 3. Hebräisch.B.

Dieser palatale Verschlusslaut /k'/ wurde zum palatalen Reibelaut /S/ und später dann zu /s/ in den Satem-Sprachen.h.SPRACHEN IM VERGLEICH 255 Übersicht 5 ist sozusagen ein Kompromiss zwischen diesen beiden Auffassungen: es kann der Übersicht halber nützlich sein. Gruppen und Untergruppen zu rekonstruieren – ähnlich wie es in Kapitel 9 für die beiden germanischen Lautverschiebungen dargestellt wurde. „Stamm“ und „Familie“ zusammenfallen. Aus /k/ wurde später in den meisten germanischen Sprachen /h/ (siehe die Erläuterungen zum Grimmschen Gesetz in Kapitel 9). als entfernt miteinander verwandte Sprachfamilien. Nach der älteren Auffassung in der Sprachklassifikation würden die vier Mitglieder dieser Menge der nostratischen Sprachen in Übersicht 5 zumindest als Stämme angesehen. Für nahezu alle Gruppen der indoeuropäischen Sprachen werden – gestützt auf empirische Daten – Abstammungsbeziehungen angenommen. Die indoeuropäische Sprachfamilie wird also mit verschiedenen anderen Phyla in die Menge der nostratischen Sprachen eingeordnet. . aber aus zwei Hauptzweigen besteht: dem Satem. In Übersicht 6 wird das indoeuropäische Phylum dargestellt. Kentum für „hundert“ im Lateinischen. d. Satem steht dabei für „hundert“ im Altiranischen. einige geographisch begründete Mengen aufzunehmen. die Evolution der verschiedenen Zweige. ohne damit zwischen diesen genetische Verwandtschaft anzunehmen.und dem Kentum-Zweig. Es handelt sich um einen Stamm und eine Familie. Aus Übersicht 6 lässt sich zudem erkennen. Aufgrund umfangreicher schriftlicher Zeugnisse ist es den Sprachtypologen gelungen. einem Mitglied des westlichen Zweigs des indoeuropäischen Phylums. ohne sich damit gleich auf eine irgendwie geartete Abstammungsbeziehung zwischen den einzelnen Sets innerhalb einer solchen geographisch begründeten Menge festlegen zu müssen. /k'/ steht für einen palatalen Verschlusslaut (/k/ ist ein velarer Verschlusslaut). dass in der indoeuropäischen Sprachfamilie die Kategorien „Phylum“. Auf der Grundlage erhaltener Schriften wurde die urindoeuropäische Form *k'mto rekonstruiert. In den Kentum-Sprachen wurde das palatale /k'/ hingegen zu einem velaren /k/ wie im Griechischen hekaton und im Lateinischen centum. Die Bezeichnungen Kentum und Satem repräsentieren Unterschiede aufgrund von Lautverschiebungen. einem Mitglied des östlichen Zweigs. die mit den übrigen Sprachen noch nicht einmal entfernt verwandt ist. das lediglich aus einem Stamm und einer Familie. Sie bilden ein Phylum. das mit keiner anderen Menge von Sprachen verwandt ist.

Mazedonisch Albanisch Griechisch Rumänisch.1. Hochdeutsch. Ukrainisch Polnisch. Bengali.1. Norwegisch.5 Germanisch .1.3 Tochasisch 3.1. Italienisch.2. Nepali.1.1.1.1. Friesisch.6 Albanisch 3.2. Sardisch Spanisch.256 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT Übersicht 6: Die indoeuropäische Sprachfamilie Phylum Stamm Familie Zweige Gruppen/Untergruppen Einzelsprachen 3. Sanskrit †. Belorussisch.3 Romanisch Ostslawisch Westslawisch Südslawisch Albanisch Griechisch Ostromanisch Iberoromanisch Galloromanisch Rätoromanisch Gälisch Kymrisch Ostgermanisch Nordgermanisch Westgermanisch Hindi. Kornisch † Gotisch † Schwedisch.1.1 Indoiranisch S A T E M 3. Provenzalisch Irisch. Gälisch Walisisch. Isländisch.2 Anatolisch 3. Kurdisch I N D O E U R O P Ä I S C H Litauisch.1 Hellenisch 3. Portugiesisch Französisch.1.2. Bretonisch. Niederdeutsch. Schottisch. Slovenisch.1. Dänisch.4 Keltisch 3.1.2 Latein K E N T U M 3. Katalanisch.1. Niederländisch. Färöisch Englisch. Persisch.1.1. Letzeburgisch. Jiddisch 3.2.1.4 Armenisch 3. Tschechisch.5 Balto-Slawisch 3. Serbokroatisch.2. Slovakisch Bulgarisch. Afrikaans. Lettisch Russisch.1.

von denen wir hier mit der Universalienforschung nur einen auswählen. Comrie (1987a:8) diskutiert ein Beispiel aus einer Sprache der australischen Ureinwohner. Innerhalb der Sprachtypologie gibt es verschiedene Ansätze. Nicht immer aber sind Sprachen so gut dokumentiert wie das Englische. denn man weiß sehr viel über Englisch und dessen Entwicklung. sehr schwierig sein. die man als sprachliche Universalien bezeichnet. sind doch allen Sprachen bestimmte Grundzüge gemeinsam. dass sich in einer jeden Sprache zuallererst eine kleine Anzahl grundlegendster Konzepte (so genannte Primitiva) herausgebildet haben. Nun ist dieser spezielle Fall eher unproblematisch. Dass es sich um ein Lehnwort aus dem Englischen handelt. Es handelt sich um ideationale Universalien. Sie gelten immer dann als rein zufällig. Die Referenz auf den Sprecher („ich“) oder den Hörer („du“) wird sprachlich – ebenso wie im Lateinischen – durch das Anhängen von grammatischen Morphemen an das Verb ausgedrückt Verallgemeinernd lässt sich festhalten: universale Konzepte werden entweder in Form von lexikalischen Einheiten oder als Affixe ausgedrückt. lassen sich auch eine Reihe interpersonaler Universalien annehmen. kann aber mit Sicherheit ausgeschlossen werden – insbesondere weil die Form dog mit einer uraustralischen Form hinreichend etymologisch belegt und erklärt werden kann. Es wäre deshalb verfehlt.. ist dabei ohne Belang. ob solche Ähnlichkeiten für die Klassifikation bedeutsam oder ob sie rein zufällig sind.] abzielt“ (Glück (Hg. In den Kapiteln über kulturvergleichende Semantik und über Pragmatik haben wir bereits einige Universalien kennen gelernt: in Kapitel 6 wurden universale Konzepte (siehe Übersicht 2) als Bedeutungsatome in einem „Alphabet des menschlichen Denkens“ vorgestellt. mit denen Menschen in jeder Sprache ihre Kommunikation . 10. In dieser Sprache gibt es ein Wort dog mit der Bedeutung „Hund“ – ebenso wie im Englischen. In der amerindischen Sprache Nootka gibt es beispielsweise keine Substantive. Da Sprache in erster Linie der Kommunikation zwischen Menschen dient. die Mbabaram heißt (siehe Übersicht 5. Auch wenn zwischen Sprachen unterschiedlicher Sprachphyla große Unterschiede bestehen. aufgrund dieser lexikalischen Einzelerscheinung eine genetische Verwandtschaft zwischen Mbarabam und Englisch annehmen zu wollen.SPRACHEN IM VERGLEICH 257 Ähnlichkeiten zwischen zwei Sprachen müssen aber nicht schon auf Verwandtschaft hindeuten. wenn es sich um Einzelerscheinungen in geographisch und/oder historisch voneinander entfernten Sprachen handelt.. sondern können auch als gebundenes Morphem auftreten: etwa als Suffix -i im Lateinischen veni ‚ich kam‘ oder -is in venis ‚du kamst‘. In solchen Fällen kann die Entscheidung darüber.2). 5.3 Sprachtypologie und sprachliche Universalien Die Sprachtypologie ist eine „sprachwissenschaftliche Disziplin.3). die auf die von genetischen Aspekten unabhängige Feststellung übergreifender Merkmale [. Aus dieser Hypothese kann man nun ableiten. Die Konzepte „ich“ und „du“ müssen nicht als Pronomen. Welche sprachliche Form oder Wortklasse ein solches Primitivum in einer bestimmten Sprache annimmt.) 2000:587.

„rosa“. Zunächst war man der Ansicht. in welcher Kombination oder Abfolge diese in den verschiedensten Sprachen zum Ausdruck von Bedeutung ausgewählt werden – wenn sie überhaupt gewählt werden. Quantität und Relevanz (Kapitel 7. so ist die dritte Bezeichnung „rot“. die sich in den Sprachen dieser Welt finden lassen. die nur Entsprechungen für „schwarz/weiß“ oder „dunkel/hell“ haben. arbiträrsten Elementen der Sprache gehörten. Die sechste Farbbezeichnung ist „blau“. Diese Ergebnisse lassen sich wie in Übersicht 7 zusammenfassen: Übersicht 7. dass Farbbezeichnungen zu den sprachspezifischsten. blau etc. Diese Vorgehensweise lässt sich sehr schön am klassischen Beispiel der Farbbezeichnungen darstellen. „grün“ oder beide hinzu. So interessant und eindringlich diese Beispiele für sprachliche Universalien auch sein mögen. d. Wörtern. Wenn es in einer Sprache Bezeichnungen für Farben gibt.3. h. Morphemen und syntaktischen Strukturen aufzulisten. „dunkel“ und „hell“. Demgegenüber interessiert sich die Sprachtypologie traditionell für komplexere Universalien. gelb. dann gibt es mindestens zwei wie „schwarz“ und „weiß“ bzw.) einordnen lassen. zumindest die der Qualität. die sich ja wiederum nach der für uns hervorstechendsten Unterscheidung entweder als „hell“ (rot. die siebte „braun“ und die folgende entweder „violett“. und erst dann eine Aussage darüber zu treffen.258 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT regeln. Die Maximen der Konversation. Wenn es drei Bezeichnungen gibt. es handelt sich lediglich um eine Reihe von Einzelaussagen. Sie versucht. bei vier oder fünf Bezeichnungen kommen entweder „gelb“. orange) oder „dunkel“ (grün. alle Elemente aus einem allgemeinen Vorrat an Lauten.1). . Die amerikanischen Anthropologen Berlin und Kay (1969) untersuchten daraufhin eine große Anzahl von Sprachen aus allen Teilen der Welt und fanden eine bemerkenswerte Regelmäßigkeit in der Verteilung der sprachlichen Konzeptualisierungen von Farben (siehe auch Heider 1972). ihnen fehlt jegliche interne Komplexität. In Sprachen. die mit genügendem Forschungsaufwand in den 5000 bis 6000 Sprachen dieser Welt auf ihre Gültigkeit hin überprüft und dann bestätigt oder verworfen werden könnten. könnten hypothetisch als interpersonale oder pragmatische Universalien angenommen werden. ist dieser Kontrast prominenter als die Unterscheidung zwischen den einzelnen Farben. oder „grau“. „orange“. d. Lexikalische Universalien: Verteilung der grundlegenden Farbbezeichnungen Stufe 1 weiß < schwarz rot < Stufe 2 Stufe 3 gelb und/oder grün < Stufe 4 blau < Stufe 5 braun < Stufe 6 grau rosa orange violett Offensichtlich tritt für uns Menschen die Opposition zweier Extreme („hell“ und „dunkel“) unter allen anderen möglichen Unterscheidungen besonders stark hervor.h. sie ist die prominenteste Grundlage für den Aufbau von Farbkategorien.

Man kann nun einen Schritt weiter gehen und folgende Hypothese formulieren: wenn eine Sprache nur über zwei Vokale verfügt.) in den verschiedensten Sprachen dar. Eine ganz ähnliche Ordnung hat man in der Morphologie für Affixe gefunden: die häufigste Wahl fällt auf Suffixe. Übersicht 9. beispielsweise können die vier Farbbezeichnungen auf der sechsten Stufe auch bereits vor früheren Stufen auftreten. die im stärksten Kontrast zueinander stehen: /a/ und entweder /u/ oder /i/.u/. Die folgende Anordnung fasst Greenbergs (1966:107) Ergebnisse für 30 Sprachen zusammen. Hinter Greenbergs Universalien steht ein Ansatz. Mit seiner Untersuchung richtet er die Aufmerksamkeit nicht so sehr auf die so genannten Ausnahmen. so handelt es sich um /a. so handelt es sich um Vokale. Die möglichen Wortstellungen lassen sich wiederum in einer Präferenzhierarchie anordnen. Analog zu den Forschungsergebnissen zu den Farbbezeichnungen lässt sich nun die Hypothese aufstellen. In jeder Sprache wird zumindest zwischen zwei Vokalen unterschieden. dass der Aufbau von Vokalsystemen in allen Sprachen ebenfalls dem Kontrastprinzip folgt. Morphologische Universalien: bevorzugte Affixe Suffix < Präfix < Infix < Zirkumfix In der Vergangenheit wurden in der Sprachtypologie überwiegend syntaktische (grammatische) Universalien untersucht. Auch wenn die Verteilung noch nicht bis ins letzte Detail geklärt ist. . Bei vier Vokalen kommt entweder /e/ oder /ç/ hinzu. SOV etc. lässt sich aber doch ein gewisses Prinzip in der Entwicklung dieser Bezeichnungen erkennen. wie sie in Kapitel 5 über Phonologie besprochen wurden.i. Als vierte lassen sich hypothetisch Zirkumfixe annehmen (wie in gearbeit-et). gefolgt von Präfixen. Greenberg (1966) fasst alle Erkenntnisse zusammen. die man bereits vor 40 Jahren gewonnen hatte.u. der dem Prototypenmodell sehr ähnlich ist.u/ < /a/ /ç/ /e/ i e a u ç Bei diesen fünf Lauten handelt sich um die Kardinalvokale. dass es zentrale Fälle und Randerscheinungen gibt.ç/. so wird auch für Universalien vielmehr angenommen. dann Infixen.e. Übersicht 8. bei fünf sind diese /i. Wie für alle Kategorien. Zunächst stellt er die Ergebnisse einer Untersuchung der Wortstellung in Sätzen (SVO. die auch als diskontinuierliches Morphem bezeichnet werden (siehe Übersicht 9). 1991) zeigen allerdings.a. Gibt es drei.SPRACHEN IM VERGLEICH 259 Neuere Untersuchungen (Kay et al. Phonologische Universalien: Verteilung der Grundvokale /i. Ein ähnliches Prinzip kann auch für den Aufbau des Vokalsystems in einer Sprache angenommen werden. dass die grundlegenden Farbbezeichnungen nicht notwendigerweise in der oben dargestellten Abstufung vorkommen.

Einige Relationen (SVO. 4. In deklarativen Sätzen mit nominalem Subjekt und Objekt dominiert eine Wortstellung. [2. V = Verb. Mit überwiegender Häufigkeit (überzufällig) sind Sprachen mit SOV Stellung postpositional.5 in Übersicht 11 bezeichnet man als implikative Universalien. O = Objekt. Coos (Greenberg 1966:110). In Übersicht 11 werden lediglich vier der ersten fünf Universalien aus dieser Liste wiedergegeben (Greenberg 1966:110). 3. sind immer präpositional. in denen die VSO-Stellung dominiert. aber immer noch sehr häufig anzutreffen.260 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT Übersicht 10. sondern beschreibt jeweils prototypische Muster der universalen Kategorie Wortstellung. wie etwa der Energietransfer von einem Agens zu einem Patiens oder die Kontrollbeziehung eines Besitzers oder Erfahrenden über ein Patiens. Greenbergs Ansatz des Vergleichs ist – wie gesagt – dem Prototypenmodell nicht unähnlich. dann folgt auch das Adjektiv auf das Nomen. etwa die Stel- . Übersicht 11.) Diese Ergebnisse lassen sich wie folgt verallgemeinern: SVO und SOV sind die prototypischsten Möglichkeiten der Wortstellung. Eine bestimmte Ordnung aus den Elementen S. Diese drei Wortstellungsmuster haben eines gemeinsam: das Subjekt steht jeweils vor dem direkten Objekt.4. die Sprachen gehören den unterschiedlichsten Sprachstämmen an. S = Subjekt. für eine Sprache ein bestimmtes Wortstellungsmuster zu bestimmen. Sprachen. Auch von den in den Sprachen dieser Welt auftretenden Wortstellungsmustern werden einige gegenüber anderen deutlich bevorzugt. ist eine Randerscheinung: VOS findet sich in der amerindischen Sprache Cøur d’Alène. ist nicht mehr länger gültig und wird deshalb hier ausgelassen] 3. SOV) sind offenbar prominenter als andere. Die Universalien Nr. in wie vielen der 30 untersuchten Sprachen die entsprechende Wortstellung auftritt. Diese Anordnungen sind Ausdruck bestimmter konzeptueller Relationen in Ereignisschemata (siehe Kapitel 4). VOS und OVS in den amerindischen Sprachen Siuslaw bzw. V und O impliziert eine bestimmte Anordnung anderer Elemente in anderen Phrasen. bei dem das Objekt dem Subjekt vorangeht. bei der das Subjekt dem Objekt vorangeht. Greenberg versucht also nicht. Insbesondere seine Darstellung der 45 Universalien in einer Liste lässt das deutlich werden (1966:110). Seine Darstellung enthält eine ganze Reihe von Einschränkungen wie nahezu immer. Syntaktische Universalien 1. Das entgegengesetzte Muster. Wenn in einer Sprache die Stellung SVO dominant ist und der Genitiv auf das ihn regierende Nomen folgt. 5. Syntaktische Universalien: Bevorzugte Wortstellungen SVO (13) < SOV (11) < VSO (6) < VOS < OVS (Die Zahlen in Klammern geben an. mit überwiegend großer Auftretenswahrscheinlichkeit (überzufällig) usw. VSO ist weniger zentral.

Sprachliche Universalien sind ebenso wie die Einteilung in Gruppen von Sprachen das Ergebnis sprachvergleichender Untersuchungen. Dies wird am Beispiel des Satzes Zoltan a fa allat fut ‚Zoltan der Baum unter läuft (er)‘ deutlich. Postpositionale Stellung ist nicht nur eine Gemeinsamkeit von Sprachen des uralischen Phylums wie Ungarisch (siehe Tabelle 5. Übersicht 12: Verschiedene Arten von Universalien Universalien einzelne Universalien ideationale Universalien Semantische Primitiva interpersonelle Universalien Konversationsmaximen implikative Universalien Phonologie Morphologie Lexikologie Syntax Basisvokale bevorzugte Affixarten grundlegende Farbtermini bevorzugte Wortstellung 10. ja selbst von Japanisch und Koreanisch. die oft den Vergleich von vielen hundert Sprachen umfassen. Übersicht 12 fasst die verschiedenen Arten von Universalien noch einmal zusammen. dass VSO mit präpositionaler Stellung. „unter dem Baum“). 3. dann wird wahrscheinlich die Präposition auf das Substantiv folgen. wie in ‚den Baum auf‘. in dem die Präposition (alatt) auf die Nominalphrase folgt (a fa alatt ‚der Baum unter‘. Steht in einer Sprache das Verb vor dem Objekt (VO) wie im englischen climb the tree. die theoretisch gesehen entweder vor dem Nomen (präpositional) oder nach dem Nomen (postpositional) stehen kann. all diese Sprachen als Mitglieder des altaischen Phylums einzuordnen. Aus Nr.h.SPRACHEN IM VERGLEICH 261 lung einer Präposition.3. so lässt sich daraus nicht notwendigerweise auch gleiche Abstammung ableiten. Doch sind diese Merkmale als Grundlage für die Annahme von genetischer Verwandtschaft nicht ausreichend. Auf dieser Grundlage war in der Sprachtypologie der Versuch unternommen worden.4 Kontrastive Linguistik Die Suche nach Ähnlichkeiten zwischen Sprachen führt zu wichtigen Annahmen für die theoretische Linguistik und die interdisziplinäre Forschung. Wenn nun Sprachen solche implikativen Universalien teilen. Da sich diese Richtung der vergleichenden Sprachwissenschaft auf generelle Ähnlichkeiten und die Einordnung in Sprach . dann wird höchstwahrscheinlich auch die Präposition im Satz vor dem Nomen stehen wie in up the tree. sondern auch von Sprachen des altaischen Phylums wie der türkischen Gruppe und den mongolischen Sprachen. Analog dazu steht das Verb fut in Endstellung. Wenn aber in einer Sprache wie Ungarisch SOV vorherrscht. SOV aber mit postpositionaler Stellung einher geht. 3 und 4 in Greenbergs Liste geht hervor.). d.

Während des Vergleichs erkennen wir bereits deutlich. dem Gerundium deutlich größere Ähnlichkeiten bestehen als zwischen Englisch und Hochdeutsch. ‚Was bist du tuend? Ich bin schreibend eine Karte‘. d. Für einen Vergleich mit anderen europäischen Sprachen müssen wir nun nach Formen suchen. Doch die kontrastive Linguistik hat sich nicht nur aus diesen theoretischen Gründen heraus entwickelt. oder: Cosa fai? Scrivo una cartolina. ‚Was tust-du? Schreib-ich eine Karte‘. ‚Was bleibst-du tuend? Bleib-ich schreibend-ich eine Karte‘.262 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT gruppen konzentriert. wir wollen die Morphologie des Verbs in verschiedenen Sprachen unter diesem Gesichtspunkt vergleichen. Sie hat stets auch praktische Anwendungsaspekte im Blick und versucht. Niederl. zur Übersetzung sowie zur Erstellung von zweisprachigen Wörterbüchern zu bieten. eine kontrastive Grammatik der beiden Sprachen zu erstellen. Diese Art des Vergleichs deckt oft mehrdimensionale Entsprechungen auf und führt zu neuen kognitiven Perspektiven. Deutsch: Was machst du (gerade)? Ich schreibe eine Karte. dass nur sehr wenige Sprachen dieselbe Funktion in nahezu derselben Art und Weise zum Ausdruck bringen können: (1) Verlaufsformen und Entsprechungen a. 10. Italienisch und auch Niederländisch bei Verlaufsformen bzw. dass in den Sprachen Englisch. c. die der englischen Verlaufsform entsprechen.1 „Vergleichend“ oder „kontrastiv“? Wir wollen hier einmal exemplarisch ein sehr häufig auftretendes sprachliches Muster des Englischen betrachten und es dann mit anderen Sprachen vergleichen. inwieweit bestimmte grammatische Aspekte in beiden Sprachen zu finden sind. d. ‚Was bist du an dem Tun? Ich schreib eine Karte‘. Wenn wir nun unsere Analyse auch auf weitere semantische Funktionen der englischen Verlaufsform ausweiten.: Wat ben je aan het doen? Ik schrijf een kaart. Umgangssprachlich ist auch noch die Konstruktion Objekt + am + Infinitiv möglich (Ich bin gerade eine Karte am Schreiben). c'.h.: Was machst du (gerade)? Ich bin eine Karte am Schreiben. Ugs. Im Englischen kann die Verlaufsform auch Intentionalität . dann lassen sich schon nicht mehr so große Ähnlichkeiten finden. Im Hochdeutschen ist der innere Verlauf von Ereignissen noch nicht völlig grammatikalisiert und kann nur durch die Präsensform des Verbs + gerade dargestellt werden kann. vollständig überprüfen. falls erwünscht. haben solche Untersuchungen nie zum Ziel. Italienisch: Cosa stai facendo? Sto scrivendo una cartolina. Englisch: b. Die Übersetzungen von What are you doing? zeigen. What are you doing? I am writing a card. Hilfen zum Lernen von Fremdsprachen. Die kontrastive Linguistik beschränkt sich hingegen eher auf den Vergleich zweier oder einiger weniger Sprachen und kann so sehr detailliert und.4. Die Verlaufsform des Verbs drückt im Englischen den internen Verlauf von Ereignissen aus.

b. b. d. ‚Weint-er seit einer Stunde‘.: Hij weent al een uur. Englisch: He has been crying for an hour. Hij is al een uur aan ‚t wenen. ob diese in den englischen und niederländischen Verlaufsformen ebenfalls zu finden sind und welche Möglichkeiten zum Ausdruck der „Dauer“ eines Ereignisses im Deutschen bestehen. oder: Piange da un'ora. ‚Er weint schon eine Stunde‘. Hij is al een uur aan‘t wenen geweest. Wir können jetzt auch von anderen Funktionen des Gerundiums im Italienischen wie etwa dem Ausdruck der „Zeitdauer“ ausgehen und vergleichen. ‚Er hat gewesen weinend seit einer Stunde‘. (3) a.: Ik ga vandaag niet de trein nemen. Englisch: I am not taking the train today. d. Italienisch: Non intendo pendere il treno oggi. Er hat eine Stunde lang geweint. ‚Er hat schon eine Stunde geweint‘.SPRACHEN IM VERGLEICH 263 ausdrücken – im Italienischen und den germanischen Sprachen (außer Englisch) steht Intentionalität in keinem Zusammenhang zu Konstruktionen der Verlaufsform oder des Gerundiums: (2) a. ‚Ich bin nicht nehmend den Zug heute‘. Niederl. Ugs. oder: Er weint jetzt (schon) eine Stunde. c. ‚Er ist schon eine Stunde am Weinen gewesen‘. ‚Er ist schon eine Stunde am Weinen‘. Hij heeft al een uur geweend. ‚Ich geh heute nicht den Zug nehmen‘. ‚Nicht intendiere-ich nehmen den Zug heute‘. Die verschiedenen Bedeutungsaspekte der englischen Verlaufsform können wie in Übersicht 13 in einem sternförmigen Netzwerk dargestellt werden: . Italienisch: Sta piangendo da un'ora oder: ‚Bleibt-er weinend seit einer Stunde‘. Deutsch: Er weint (schon) seit einer Stunde.: Er ist schon 'ne Stunde am Weinen. Niederl. Deutsch: Heute nehme ich den Zug nicht. c.

Das italienische Präsens – ebenso wie das niederländische und deutsche – kann sowohl den inneren Verlauf als auch die Dauer eines Ereignisses zum Ausdruck bringen – das englische present tense lässt dies jedoch nicht zu. Durch eine kontrastive Vorgehensweise können relevante sprachliche Aspekte auf vielen Gebieten der Sprache entdeckt werden. die eher kleine bis minimale sprachliche Unterschiede betreffen als große.) Sternförmiges Netzwerk für die englische Verlaufsform 1. 10. ob man eine Sprache beschreibt oder die Zustände und Prozesse zu ergründen versucht. (weitere Bed. Es erscheint also angebracht. nämlich der englischen Verlaufsform. um es ausführlicher erklären zu können. Es ist eben nicht ein und dasselbe.2 Methodologische Aspekte der kontrastiven Linguistik In den fünfziger Jahren betrachtete man die kontrastive Linguistik ursprünglich als einen Teil des behavioristischen Ansatzes in der Wissenschaft und verband ihn folglich mit dem behavioristischen Modell des Sprachenlernens. nicht daran gemessen werden kann. intentionale Handlung Wir haben mit dem Vergleich eines morphologischen Musters. dass beim Fremdsprachenlernen alle Merkmale der Zielsprache. 5. sowohl ähnliche als auch unterschiedliche Muster über Sprachen hinweg in den Vergleich einzubeziehen – obwohl eher der zweite Aspekt zu einem tatsächlichen Zuwachs an sprachlichem Wissen führt. Zudem wurde deutlich. die sich wesentlich von der Muttersprache oder Ausgangssprache unterscheiden. dass die geistige Anstrengung. (weitere Bed. ernste Hürden für den Lernprozess darstellen würden und dass insbesondere beim Lernen dieser Aspekte der Fremdsprache besondere Anstrengungen unternommen werden müssten.4. begonnen. die semantischen Kategorien innerer Ablauf und Dauer zusammenzulegen. Die Sprachbeherrschung kann auch durch Fehler beeinträchtigt sein.264 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT Übersicht 13. als könne man Fehler beim Erlernen einer Fremdsprache voraussagen. Solche Fehleinschätzungen des Behaviorismus haben die kont . Die kontrastive Linguistik ist deshalb auch ein wichtiger Forschungszweig der Sprachwissenschaft. so wären wir sicherlich nicht dazu gekommen. mussten aber dazu wenigstens zwei unterschiedliche semantische Funktionen („interner Verlauf eines Ereignisses“ und „zeitliche Dauer“) berücksichtigen.) 4. innerer Verlauf des Ereignisses 3.und Zielsprache voneinander unterscheiden. Mit der Zeit stellte sich heraus. Diese These musste korrigiert werden. wie partiell und auch wie trügerisch Entsprechungen im Vergleich mehrerer Sprachen sein können. Ereignisdauer 2. die zum Erlernen einer Sprache unternommen werden muss. Wenn wir bei unserer Betrachtung vom Deutschen ausgegangen wären. wie stark sich Ausgangs. als infolge empirischer Untersuchungen die Beziehung zwischen der Struktur einer Sprache und den auftretenden Schwierigkeiten beim Erlernen dieser Sprache deutlicher wurden. Es hatte den Anschein. Man nahm an. die im Kopf eines Fremdsprachenlerners vonstatten gehen.

Satzgliedern. dass beim Fremdsprachenlernen jede zuvor erworbene sprachliche Struktur und die bereits erworbenen sprachlichen Kategorien berücksichtigt werden müssen. Best. in dem man sich beim Vergleich bewegt. Englisch b. des Zeitpunktes) + adverbiale Bestimmung der Zeitdauer Präsens Präsens/Perfekt + adv. die auf vertrauten sprachlichen Elementen wie Wörtern.h. Übersicht 14. Niederländischen und Deutschen morphologisch realisiert werden. mit deren Hilfe man der Frage nachgehen kann. Wir hätten ebenso gut von den konzeptuellen Kategorien ausgehen und beispielsweise der Frage nachgehen können. wie sie bis zu den siebziger Jahren praktiziert wurde. welche Arten von Unterschieden sich wo finden lassen. Best. um diese für Fremdsprachenlerner und Übersetzer zugänglich zu machen. von einer Liste von Wörtern oder Satzgliedern. Das Ergebnis einer solchen Vorgehensweise ist in Übersicht 14 zusammengefasst. des Zeitpunktes) + adverbiale Bestimmung der Zeitdauer Verlaufsform/Präsens Präsens/Perfekt/Perfekt in der Verlaufsform (+ adv. des Zeitpunktes + adverbiale Bestimmung des Zeitpunktes Für das Fremdsprachenlernen oder für das Übersetzen scheint es weiterhin angemessen. Sprachliche Formen zum Ausdruck des „inneren Verlaufs“ bzw. Hieraus ergibt sich auch die Notwendigkeit kontrastiver Studien: es werden Instrumente benötigt. teilweise in Misskredit gebracht. Best. Je nach dem theoretischen Rahmen. welche konzeptuellen Kategorien damit assoziiert werden. besonders ausgewählten Wortfeldern und Texttypen aufbauen. Italienischen. wie innerer Verlauf und Dauer eines Ereignisses im Englischen. der „Dauer“ von Ereignissen „innerer Verlauf“ a. Deutsch Verlaufsform „Dauer“ Perfekt der Verlaufsform (+ adverbiale Bestimmung der Zeitdauer) Gerundium/Präsens (Gerundium) Perfekt (+ adv. werden Entsprechungen oder Unterschiede auf unterschiedliche Art und Weise hervorgehoben und erklärt. so muss er unweigerlich vorhandene Kategorien. Sprachen lassen sich auf unterschiedliche Art und Weise miteinander vergleichen: man kann dabei von Kategorien der traditionellen Grammatik ausgehen. Wenn sich ein Lerner mit neuem sprachlichem Material auseinander setzt. Instrumente zu entwickeln. d.SPRACHEN IM VERGLEICH 265 rastive Linguistik. Doch zeigen empirische Untersuchungen ebenfalls. Italienisch c. Wir sind bei unseren Vergleichen von einem morphologischen Muster in der englischen Sprache ausgegangen und haben zu bestimmen versucht. Informationen zum Vokabular sollten das Ergebnis einer ausgedehnten Überprüfung der Verwendungsweisen einer bestimmten sprachlichen Einheit . Niederländisch d. vorhandene mentale Situationen werden auf spezifische Daten einer Fremdsprache angewendet. Schemata und Prototypen auf allen Ebenen seiner Sprachkompetenz verändern. von Aspekten des Wortschatzes oder von einer Sammlung von Texten.

10. Wenn wir genügend neue Informationen gesammelt haben. die sich auf so viele Varietäten der betroffenen Sprache beziehen wie nur eben möglich. Unter Kollokationen versteht man typische Kontexte. Alle grundlegenden Satzmuster können als Variationen von Phrasen . dann versuchen wir. Auf dieser Stufe beginnt erst der eigentliche Vergleich. Der nächste Schritt ist ein Vergleich.3 Einige Verbalphrasen des Englischen und Deutschen im Vergleich Verben bezeichnen die Relationen zwischen den Teilnehmern eines Ereignisses. Tabus etc. wo wir mit unserer Suche nach äquivalenten Ausdrücken in der anderen Sprache suchen müssen. Wenn wir noch nicht wissen. bis wir zumindest ein annäherndes Bedeutungsäquivalent gefunden haben. den wir in der Ausgangssprache des Vergleichs analysiert haben.h. d. mit dem wir unsere Betrachtungen beginnen können. In einem ersten Schritt der kontrastiven Analyse wird dann nach möglichen Varianten eines einzelnen Wortes oder Satzgliedes innerhalb einer Sprache gesucht. Das Aufgabenfeld der kontrastiven Linguistik erfordert die Analyse von zwei Arten von Korpora.4. dann gehen wir parallele oder vergleichbare Texte zu dem Text durch. dass sie praktisch vernachlässigt werden können wieder andere haben eine sehr spezielle Bedeutung. andere neu entstanden und einige bisher überhaupt noch nicht in die Analyse mit einbezogen worden sind. in denen ein Wort oder ein idiomatischer Ausdruck vorkommt. wo wir mit unserer Suche beginnen sollen. durch große Sammlungen geschriebener und gesprochener Texte. Diese Quellen müssen durch ein sorgfältig aufgebautes und ständig aktualisiertes Korpus (oder eine Reihe von Korpora) ergänzt werden. in denen sich Texte mit Übersetzungen in zwei oder mehr Sprachen finden. dass Wörter oder Äußerungen bestimmte Konnotationen hervorrufen. Wenn wir bereits wissen. dort im selben Umfang Daten über Varianten des Ausdrucks und deren Kollokationen zu finden. Enthusiasmus.B. dass einige Wörter und idiomatische Ausdrücke eventuell nicht mehr vorkommen. in denen sich zumindest ungefähre Entsprechungen für einen Eintrag in zwei oder mehreren verschiedenen Sprachen finden lassen (z. In Kapitel 4 haben wir gesehen. Bei dieser Arbeit kann man sich nicht allein auf die sprachliche Kompetenz von Wörterbuchautoren oder auf Studien zur Lexik verlassen.B. andere Bedeutungen und typische emotionale Reaktionen mit assoziieren wie z. Dabei kann sich ergeben. eine negative Wertung.h. Idealerweise beginnt man mit so genannten Parallelkorpora. die nur in sehr seltenen Verwendungskontexten relevant ist Bei der Analyse von Ausdrücken aus einem Sprachenkorpus zeigt sich auch.266 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT oder eines idiomatischen Ausdrucks (sowohl als Stichwort als auch als mögliche Übersetzung) sein. dass Verbalphrasen die Grundlage für die syntaktische und semantische Klassifikation von Ereignisschemata und Satzmustern bilden. Einige Ausdrücke treten statistisch gesehen so selten auf. dann werden in einem dritten Schritt die daraus resultierenden Datenmengen zueinander in Beziehung gesetzt. soziale Distanz. d. Paulussen 1995). Diese Texte können automatisch Abschnitt für Abschnitt oder sogar Satz für Satz gegenübergestellt werden. Zweitens stützt man sich auf Vergleichskorpora.

b. . a. b. b. b. In hoch entwickelten Kulturen haben die theoretischen und empirischen Wissenschaften sehr präzise. b.SPRACHEN IM VERGLEICH 267 verstanden werden. a. zu. The porter counted our bags. counting the puppies. a. I do not count him as a friend. wenn man die Welpen mitrechnet/mitzählt. He still counts as a child. a. Ich zähle bis drei. dann schreie ich. in denen es auftritt. (4) (5) (6) (7) a. Es waren fünfzig Hunde. a. Your feelings count little with him. b. Wir wollen nun ausgehend vom englischen Verb to count untersuchen. die im Englischen durch das Verb to count abgedeckt werden. Der Gepäckträger zählte unsere Taschen. Ich würde ihn nicht gerade zu meinen Freunden rechnen/zählen. Deine Gefühle zählen doch kaum für ihn. I count to three before screaming. b. There were fifty dogs. im Wortschatz europäischer Sprachen klar abgegrenzte Gruppen von nominalen und verbalen Ausdrücken sowie mehr oder weniger unmittelbare Bedeutungsentsprechungen zu finden. Er zählt noch als Kind. Das Deutsche macht also von seiner gegenüber dem Englischen größeren morphologischen Flexibilität Gebrauch. andere durch rechnen und manche sogar sowohl durch zählen als auch durch rechnen ausgedrückt werden. um die vielen Bedeutungsaspekte. „Zählen“ und „Rechnen“ sind zentrale menschliche Aktivitäten. auszudrücken. Man könnte deswegen erwarten. auf etc. Do not count on me. Übersicht 15 zeigt zunächst anhand eines sternförmigen Netzwerks die Bedeutungsaspekte von to count sowie die sieben Satzmuster auf. Für diesen Vergleich müssen wir uns hier auf eine Reihe stark vereinfachter Beispiele beschränken. in denen dieses Verb auftreten kann. dass einige Bedeutungsaspekte von to count im Deutschen durch zählen. welche deutschen Verben die Bedeutungsaspekte dieses Verbs abdecken. (8) (9) (10) a. allgemeine Definitionen für alle mentalen Operationen entwickelt. die mit dem „Zählen/Rechnen“ in Zusammenhang stehen. so müssen alle Satzmuster aufgelistet werden. b'. Wenn man die Kombinationsmöglichkeiten zwischen einem Verb und den mit diesem kombinierbaren Nomen (insbesondere in der Funktion als Subjekt und Objekt) untersuchen will. Er wird doch noch als Kind gerechnet. Anhand dieser Beispiele erkennen wir schnell. erweitert. Auf mich kannst du nicht zählen/Rechne nicht mit mir. Beide Verben werden durch Partikel oder Präpositionen wie mit. die durch das Verb bestimmt sind.

dass zwischen zwei oder mehr Verben aus zwei zu vergleichenden Wortfeldern in den zu vergleichenden Sprachen dann eine unmittelbare Entsprechung besteht. as a friend (8a) „zuordnen“ f. wenn wir für Subjekt und Objekt (oder eine Ergänzung) dieselbe Rollenkonfiguration von Teilnehmerrollen vorfinden. Wie die folgende Liste an Beispielen zeigt. was im Englischen nur zum Teil der Fall ist.268 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT Übersicht 15. auf das hin gezählt wird. verlassen“ (10a) count on sb. count sb. In den drei folgenden Fällen wird to count hingegen jeweils in erweiterten Bedeutungen verwendet: in (6) im Sinne von „mit einbeziehen“ und in (7) bzw. Wir können aber auch feststellen. „einschließen“ (6a) counting the puppies a. Dies sind auch die prototypischen Bedeutungsaspekte der Verben count bzw. dass die sechs verschiedenen Bedeutungsaspekte von to count im Deutschen durch zusätzliche Präpositionen ausgedrückt werden. (6) (7) counting the puppies ‚die Welpen mitrechnen/mitzählen‘ (impliziertes) Agens + Patiens. Sternförmiges Netzwerk für to count b. „sich auf jd. „wert sein“ count little (9b) Bei unserem Vergleich gehen wir davon aus. somebody counts as a child ‚jemand zählt als Kind‘ Patiens + Essiv count somebody as a friend ‚jemanden zu seinen Freunden rechnen/zählen‘ Agens + Patiens + Essiv (8) . zählen. „Dinge zählen“ e. (8) von „in eine Kategorie einordnen“. „eingeordnet sein“ count as a child (7a) d'. ist diese Voraussetzung hier bei allen englischen und deutschen Vergleichspaaren zu den sechs Bedeutungsaspekten annähernd erfüllt. count to three (5a) „bis drei zählen“ d. Wir wollen hier die Beispiele nochmals in verkürzter Form betrachten: (4) (5) count objects ‚Dinge zählen‘ Agens + Patiens count to three ‚bis drei zählen‘ Agens + Ziel Bei (4) count objects finden wir als Teilnehmerrollen je ein Agens und ein Patiens. count things (4a) a. bei count to three/bis drei zählen ein Agens und ein Ziel. c.

dass ein bestimmter Punkt in der Abfolge von Lebensjahren noch nicht erreicht ist. Die Bedeutung von count on somebody/something in (10) kann im Deutschen sowohl durch rechnen als auch durch zählen ausgedrückt werden. sondern wird in diesem übertragenen Sinn immer implizit mitverstanden. Auch ein Passiv he is counted as a child ist möglich. d. das Tor zählt nicht etc. Beide Bedeutungsaspekte (6) und (8) können im Deutschen sowohl durch rechnen als auch durch zählen ausgedrückt werden. um ein Ergebnis zu erhalten. Auch für die beiden letzten Bedeutungsaspekte von to count (9) und (10) lassen sich entsprechende übertragene Bedeutungen der deutschen Verben zählen und rechnen finden: Bei (9) ist – wie in (7) – kein aktiv handelndes Agens am Ereignis beteiligt. Wenn wir die Analyse vom deutschen zählen oder rechnen aus begännen. Deshalb ist auch hier nur zählen.SPRACHEN IM VERGLEICH 269 Bedeutung (7) „count as“ kann auf zweierlei Weise realisiert werden.) wird der Blick insbesondere darauf gelenkt. Im Gegensatz zu zählen bezeichnet rechnen eine höhere mentale Aktivität. Bei dieser Aktivität ist ein aktives Agens nicht wegzudenken. Die übertragenen Bedeutungen von rechnen können daher nur in transitiven Kontexten ausgedrückt werden. vorgegebene Abfolge (von Zahlen) gebunden ist. bei der prototypisch mehrere Faktoren nach bestimmten Regeln oder Kriterien miteinander verknüpft werden. in denen unbedingt ein aktives Agens nötig ist. Bei Das Tor zählt nicht ist der Blick auf die Anzahl der Tore gerichtet. Bei Er zählt noch als Kind liegt der Fokus darauf. sozusagen mechanische Aktivität‘. nämlich entweder durch ein intransitives Satzmuster mit Patiens + Essiv (im Deutschen mit zählen als) oder durch ein transitives Satzmuster mit Agens + Patiens + Essiv in they count him as a child. (10) count on somebody/something ‚auf jemanden/etwas zählen. ob etwas in dieser Abfolge berücksichtigt wird oder nicht. Anders als im Deutschen ist dieser Aspekt im Englischen ganz offensichtlich nicht gesondert lexikalisiert. Bei den übertragenen Bedeutungen. to compute oder to reckon in den Vergleich mit einbeziehen. die durch intransitive Muster ausgedrückt werden (Er zählt noch als Kind. Es wäre zudem sicherlich . mit jemandem/etwas rechnen‘ Agens + Ziel Wir haben hier das englische Verb to count als Ausgangspunkt für unsere Analyse gewählt und mit den Bedeutungsaspekten von zählen und rechnen verglichen. müssten wir natürlich auch weitere englische Verben wie to calculate.h. die prototypisch an eine feste. Die Rolle eines aktiven Agens fällt aufgrund der ‚automatischen‘ Abfolge weg. in solchen Kontexten. Das könnte wie folgt erklärt werden: Zählen ist im Vergleich zu Rechnen eine ‚einfache. nicht aber rechnen möglich: (9) count little ‚kaum zählen‘ Patiens + (Prozessor) Die Rolle des Erfahrungszentrums oder Prozessors in (9) muss nicht direkt ausgedrückt werden. Das deutsche zählen gibt die wörtlichen Bedeutungsaspekte von count wieder. Anders bei (7): hier ist nur zählen möglich.

Es handelt sich vielmehr um ad hoc gebildete Ausdrücke. sondern um einen idiomatischen Ausdruck. denn auf einem Dialektkontinuum kann es auf zwei benachbarte Dialekte zutreffen. die einzigartig sind und sich nicht sinnvoll auf Rollenkonfigurationen hin untersuchen lassen: diese Ausdrücke spiegeln keine produktive Verwendung von Rollenkonfigurationen wider. lassen sich so nicht vergleichen. es ist mit starken Regenfällen zu rechnen (heavy rain is expected).270 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT hilfreich. die nicht als Muster produktiv sind. Ein solches Beispiel ist der deutsche Ausdruck rechnen mit. Nichtsdestotrotz machen diese idiomatischen Verwendungsweisen einen wesentlichen Teil einer Sprache aus. Selbst in so grundlegenden semantischen Bereichen wie „count“ zeigt sich. zunächst sternförmige Netzwerke für beide Verben zu entwerfen und dann miteinander zu vergleichen (siehe die Aufgaben 10. dass es in jeder Sprache eine große Anzahl von idiomatischen Ausdrücken und idiomatischen Verwendungsweisen von Verben und anderen Wörtern gibt. handelt es sich nicht um ein reguläres Satzmuster. Zunächst einmal gibt es ein eher faktisches Interesse: wie viele Sprachen gibt es auf der Welt. dass die Bedeutungsaspekte des englischen Verbs to count im Deutschen von den Bedeutungen zweier unterschiedlicher Verben (nämlich zählen und rechnen) entsprechen. Obwohl die negative Konnotation von rechnen mit „mögliches Eintreffen eines negativen Ereignisses“ als ein Erfahrungsschema mit der Rollenkonfiguration Erfahrungszentrum + Patiens analysiert werden kann. aber anders als das englische to count auch negative Konnotationen haben kann wie in mit dem Schlimmsten rechnen (expect the worst). Auch die Beziehungen zwischen produktiven und idiosynkratischen Bedeutungen von Wörtern lassen sich in sternförmigen Netzwerken darstellen. So lässt sich zeigen. Diese Entsprechungen lassen sich auf die zugehörigen Rollenkonfigurationen hin untersuchen. Ähnlichkeiten und Entsprechungen in den Kategorisierungen durch Verben aufzudecken. wenn man sie als eigenständige Sprachen identifizieren und zählen will? Gegenseitige Verständlichkeit ist dabei kein sehr zuverlässiges Kriterium. Einzelfälle. Diese Betrachtungen illustrieren lediglich einen kleinen Teil dessen. Auch wenn es mithilfe von Analysen der Rollenkonfigurationen möglich wird. während entfernte Dialekte einer bestimmten Sprache das Kriterium evtl. 10. Auch der Status von Spra- . Das Modell der Rollenkonfigurationen hat also einen großen heuristischen Wert.6).5 Zusammenfassung Sprachen werden aus vielerlei wissenschaftlichen Interessen miteinander verglichen. was durch eine kontrastive Analyse schon einiger weniger Verben im Englischen und im Deutschen gezeigt werden kann. hat diese Vorgehensweise auch ihre Grenzen. und welche Kriterien müssen angelegt werden. und welche in hohem Maße idiosynkratisch sind. Sie werden als idiomatische Ausdrücke bezeichnet.5 und 10. Andererseits hat die Analyse an einem Beispiel gezeigt. die man deshalb als idiomatische Ausdrücke bezeichnet. selbst wenn diese zu unterschiedlichen Sprachen gehören. nicht erfüllen. welche Verwendungsweisen eines Verbs produktiv und regelmäßig. der dem englischen count on entsprechen kann wie in mit einer Erbschaft rechnen / count on a heritage.

Auf der Ebene sprachlicher Interaktion finden sich auch interpersonale pragmatische Universalien. Man untersucht dann. dem eher soziologischen und dem typologisch orientierten Sprachvergleich noch einen kontrastiven Ansatz. geht häufig auf politische Entscheidungen zurück. Abstammungsbeziehungen zwischen Sprachen werden durch die Einordnung in Sprachfamilien und die Rekonstruktion von Protosprachen wie z. Diese Disziplin untersucht Gemeinsamkeiten in verschiedenen Sprachen. die sich in allen Bereichen von Sprachen finden lassen.B. die Entwicklung und die Verbreitung der Menschheit und ihrer Sprachen untersucht.SPRACHEN IM VERGLEICH 271 chen. Diese werden auf der Grundlage entweder vorhandener oder nicht vorhandener genetischer Verwandtschaft eingeordnet. wie diese Bedeutungen in der Zielsprache bzw. eine Menge von Sprachen. Eine Sprachfamilie besteht aus Sprachzweigen. sondern sind um weitere Kategorien und Ebenen erweitert worden.h. Schließlich gibt es neben dem interdisziplinären.h. die unter anderem semantische Primitiva umfassen. d. . kann sie sowohl lexikalisch als auch grammatikalisch stark erweitert und durch Sprachengesetze in ihrer Verbreitung durchgesetzt werden. Neben diesen substantiellen Universalien finden sich auf allen Beschreibungsebenen der Sprache auch noch implikative Universalien. Ein Beispiel ist die indoeuropäische Familie. die wiederum aus Gruppen und Untergruppen bestehen. Ein zweiter großer Bereich des Sprachvergleichs zielt auf die Verbreitung und Klassifikation von Sprachen. zu Übersetzungsprojekten und zur Erstellung von zweisprachigen Lexika bieten. Sprachphyla bestehen aus Sprachstämmen. Urindoeuropäisch untersucht. Eine Richtung in der Sprachtypologie stützt sich auf sprachliche Universalien. Beim kontrastiven Ansatz kann mit einer sprachlichen Form in der Ausgangssprache des Vergleichs begonnen werden (etwa der Verlaufsform im Englischen). die zur Sprachdifferenzierung geführt haben. die Frage. In interdisziplinär ausgerichteter Forschung werden der Ursprung. den Zielsprachen ausgedrückt werden. sondern geographisch oder historisch definiert wird. historische Lautverschiebungen oder strukturelle Veränderungen (grammatischen Wandel) aufzudecken. Schließlich betrachtet man. die mit keiner anderen Menge von Sprachen verwandt ist. deren Mitglieder entfernt miteinander verwandt sind. Die Rekonstruktion ist möglich. Auf der höchsten Ebene einer solchen Taxonomie steht ein Sprachphylum. Sprachstämme können wiederum aus einer oder mehreren Sprachfamilien bestehen. wenn es gelingt. Die kontrastive Linguistik beschäftigt sich mit dem Vergleich zweier oder mehrerer Sprachen und ist dabei an der Praxis orientiert. welche Bedeutungen mit ihr zum Ausdruck gebracht werden. welche Verwendungsweisen diese Form hat bzw. Die Ergebnisse ihrer Untersuchungen sollen Hilfen zum Fremdsprachenlernen. Wenn aber eine Varietät erst einmal als Amtssprache institutionalisiert wurde. Ein dritter Bereich des Sprachvergleichs ist die Sprachtypologie. ob sich vergleichbare morphologische Formen finden lassen oder durch welche Beschreibungen vergleichbare Vorstellungen zum Ausdruck gebracht werden. d. ob eine Varietät als regionaler Dialekt oder als offizielle Sprache eingestuft wird. d. Auf der lexikologischen und morphologischen Beschreibungsebene finden sich ideationale Universalien. Moderne Sprachtaxonomien gehen nicht mehr nur von Sprachfamilien aus.h.

Eine gute Einführung in die kontrastive Linguistik ist James (1980). 2. Sie machen einen wichtigen und weiten Bereich der idiomatischen Sprachverwendung aus und werden als idiomatische Ausdrücke bezeichnet. (1966) sowie (ed. Wenn sich die sprachlichen Einheiten nicht mehr auf Rollenkonfigurationen hin untersuchen lassen. Zeichnen Sie die wichtigsten Sprachstämme. Aufgaben In vielen Teilen der Welt werden Varietäten des Englischen gesprochen. 10. kann genau bestimmt werden. Ein aktueller Sprachenatlas mit hervorragender Darstellung ist Moseley & Asher (1994). kommt man in einen Bereich von Einzelfällen. Oftmals erfüllen diese Varietäten nicht das Kriterium der gegenseitigen Verständlichkeit. (1987b) und Coulmas (1995). Soziologische Sprachvergleiche). denen keine verallgemeinerbaren Merkmale innewohnen. in welchem Maße die Einheiten voneinander abweichen oder übereinstimmen. 10.B.6 Leseempfehlungen Politisch bzw. so z.1963).1973). Einen schon „klassischen“ Überblick bietet Shopen (1983). Durch den Vergleich dieser sprachlichen Einheiten. Welches Modell von Sprache lässt sich an diesen Metaphern erkennen? Nehmen Sie dazu Stellung. d. 4. anhand der repräsentierten Rollenkonfigurationen. Kann man hier noch von einer einzigen englischen Sprache reden? Vergleichen Sie diese Situation mit den germanischen Dialekten aus Übersicht 1. 3. Sprachfamilien. z.B. Sprachgruppen und Einzelsprachen aus Übersicht 5 in die Weltkarte in Übersicht 1 ein.1994). von Arabisch und Spanisch? Und warum kann Chinesisch mit seinen vielen Dialekten als Sprache mit der größten Anzahl an Sprechern nicht als Weltsprache gelten? Analysieren Sie den folgenden Textabschnitt auf konzeptuelle Metaphern hin. Eine Einführung in die Sprachtypologie ist Ramat (1987). alle Verwendungsumgebungen aufgelistet – und zwar für alle zu vergleichenden Sprachen. Spätere Arbeiten konzentrierten sich mehr auf semantische Universalien.h. Die Geschichte der Sprachenklassifikation stellen Hoenigswald (1973) und Robins (1973) dar. Klassiker der Universalienforschung sind Greenberg (ed.7 1. . Aitchison (1996) und Beakin (1996) sind ausgezeichnete Einführungen in die interdisziplinäre sprachvergleichende Forschung nach dem Ursprung der menschlichen Sprache. wirtschaftlich orientierte Sprachvergleiche finden sich in Comrie (1987a). Comrie (1981) sowie Goddard & Wierzbicka (ed.272 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT Zum Vergleich werden alle Kollokationen eines Wortes oder einer Wortgruppe. Eine stärker theoretisch ausgerichtete Darstellung bietet Krzeszowski (1990). Warum werden Englisch und Französisch in Übersicht 3 als die bedeutendsten Weltsprachen aufgeführt? Worin unterscheiden sie sich untereinander bzw.

[. in den Sprachen stattfinden. Ziehen Sie eventuell Ammon (Hg. ist nur in sehr beschränktem Maße Richtigkeit zuzugestehen. sondern auch durch ihr nach bestimmten Gesetzen verlaufendes Wachstum. die ganze Sprache umgestaltenden Vorgänge. (Schleicher 1973[1874 ].. höchsten aller Naturorganismen.) Können Sie aufgrund dieser Informationen einen Stammbaum zeichnen? Beispiel: Deutsch stammt vom Westgermanischen ab.. wie verläuft das Leben einer Sprache? [. Im Folgenden sehen Sie einige deutsche Beispiele für die Verwendung von zählen und deren englische Entsprechungen. sämmtlich in Gattungen. Wir müssen noch die Kinder (durch)zählen.SPRACHEN IM VERGLEICH 273 Vom Leben der Sprache.s. daß sie. Es hat wie diese eine Periode des Wachsthums von den einfachsten Anfängen an zu den zusammengesetzten Formen und eine Periode des Alterns.) 5. e. ebenso wie Niederländisch und Englisch. sind verschwindend unbedeutend gegen die. Die Naturforscher nennen dieß die rückschreitende Metamorpho3 se. Welchen Sprachfamilien gehören die drei europäischen Sprachen (a) Griechisch. die wir durch längere Zeiträume hindurch verfolgen können. Die Sprachen. . Welcher Art ist nun das Wachsthum der sprachlichen Organismen. c. Meine Familie zählt 30 Personen. einem Land. diese aus lautlichem Stoffe gebildeten. die Veränderungen. Es waren 50 Personen. in welcher sich die Sprachen von der erreichten höchsten Stufe der Ausbildung allmählich mehr und mehr entfernen und in ihrer Form Einbuße erleiden. Es ist eine an allen Sprachen.] Der landläufigen Annahme. f. 1994) oder Haarmann (1993) zu Rate. der Pflanzen und Thiere. daß sie in einer stätigen.s. sich ordnen. Dieses Tor zählt nicht. selbst fremder Analogien. 33ff. und welche anderen Sprachen gibt es in dieser Familie? (ziehen Sie hierzu die Übersichten 5 bzw. wie diese. Arten und Unterarten u.. mit denen in bewegten Geschichtsperioden nahe Berührung stattfindet. Meine Enkel kann bis 100 zählen.. die Veränderung der Sprache finde hauptsächlich durch den Einfluß der Sprachen anders redender Völker statt. fortwährenden Veränderung begriffen sind. Englisch Nordgermanisch Ostgermanisch 6. durch nothwendige Prozesse eintreten. 7. zeigen ihre Eigenschaft als Naturorganismen nicht nur darin. 6 zu Rate.] Demnach unterscheidet sich das Leben der Sprache durchaus nicht wesentlich von dem aller anderen lebenden Organismen. d. Für ihn zählt nur das Geld. Welche der in Tabelle 6 aufgeführten Sprachen haben offiziellen Status in einer Region bzw. (b) Finnisch und (c) Walisisch an? Wie heißt die Familie oder sogar der Zweig. (i) Deutsch a. was sich so darstellen lässt: Germanisch Westgermanisch Deutsch Niederl. b. die Kinder mitgezählt. gemachte Beobachtung. welche nicht? Unterstreichen Sie alle nicht-offiziellen Sprachen. welche durch Aufnahme fremder Worte. die von innen heraus.

Vervollständigen Sie anhand der Beispiele in (i) das folgende sternförmige Netzwerk für zählen. g.f. Ich rechne mit einem Schaden von 50. (ii) . das in den ersten drei Bedeutungsaspekten mit dem Netzwerk für das englische Verb to count übereinstimmt (siehe Übersicht 14). e. e. 8.000 Mark.000 DM Wie hoch ist die Rechnung? Ich rechne ihn nicht zu meinen Freunden. Haben die drei Bedeutungsaspekte (d. Mit ihm kann man immer rechnen. I reckon with/take into account a loss of 6. f) nicht mittels to count ins Englische übersetzt? Im Folgenden sehen Sie einige deutsche Beispiele für die Verwendung von rechnen und deren englische Entsprechungen. We must still count the children. I estimate the damage at 50.000 DM. (b) bis hundert zählen (c) die Kinder mitgezählt (d) (a) Gegenstände zählen (e) (f) b. Ich rechne mit einem Verlust in Höhe von 6. b. e. Vervollständigen Sie anhand der Beispiele in (i) das folgende sternförmige Netzwerk für rechnen (e. e.274 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT (ii) Englisch a. c. a. c. (i) a. f.000 DM. That family comprises 150 members. b. d. Ich muss mit jedem Pfennig rechnen. Unser Sohn kann schon sehr gut rechnen. g. f. I‘ll have to calculate sharp to make both ends meet. Our son is already good at arithmetic. How much do you charge for that? I do not count him as a friend. d. c. He is someone you can count on. f) in beiden Sprachen dieselbe Rollenkonfiguration? Weshalb werden die drei Bedeutungen (d. b. counting the children. d. Money is the only thing that matters to him.g). There were 50 people. My grandson can count till 100. f. That goal is not valid. e. c.

SPRACHEN IM VERGLEICH 275 (d) (c) (b) (e) jdn. rechnen (f) mit Verlust rechnen . zu seinen Freunden rechnen (a) (g) mit jdm.

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226 der Artikulationsart 133 der Artikulationsstelle 132 der Stimmhaftigkeit 132 Nasal.INDEX A Abbildhaftigkeit Siehe Ikonizität Abfolgeprinzip 9 Ablautklassen 222 Ablautreihen Siehe Ablautklassen Ableitung Siehe Derivation absoluter Superlativ 153 Abstandsprinzip 11. 4. 15 schematische 69. 37 Akronym 74 Akzent Silben 130 Allolexe 147 Allomorph 77 Allomorphe 55 Allophon 124 ambig 84 Analogischer Wandel 234 Anapher 200 anaphorische Referenz 198 Anfangsrand bei Silben 127 anthropozentrische Orientierung 8 Antonymie 30 Arbitrarität 14 Artikulation 116 Artikulationsapparat 115 Artikulationsstelle 117 Aspekt imperfektiver 104 perfektiver 104 progressiver 104 Assimilation 132. 105 D Darstellungsfunktion 194 definite Ausdrücke 199 Deiktika 6 deiktische Ausdrücke 6 deiktisches Zentrum 6. 103 Deixis 6. 105 Äußerungen 164 B Basisebene 41 Baumdiagramm 96 Bedeutung 2.132 progressive 132 regressive 132 vollständige 133 Ausdruck definiter 199 indefiniter 198 Ausdrücke deiktische 6 idiomatische 270 Ausdrucksfunktion 163 Ausgangssprache 264 Aussagesatz Siehe deklarativer Satz Außenperspektive 104. 198 deklarativer Satz 101 Derivate 56 Derivation 56 Derivationsaffix 65 . 3. 65 Agens 87. 90 Ähnlichkeit 2. 12 Abstraktheit 4 Adjektivkomposita 62 Affix 57. 231 transparente 63 verblasste 63 Bedingung hinreichende 4. 39 notwendige 39 Begriffsfeld 40 behavioristisches Modell 264 Besitzer 91 Besitzschema 91 Betrachtzeit 103 Bewegungsschema 92 Bezeichnendes 31 Bezeichnetes 31 Binnenperspektive 104.

57 Flexionsmorphologie 57 Formationsmorphem Siehe Derivationsaffix freie Morpheme 54 freie Variation 125 Frequenz 116 Fugenelemente 60 Funktion darstellende 194 identifizierende 198 interpersonelle 194 nicht-identifizierende 200 textuelle 194 Funktionsverb Siehe Hilfsverb Funktionswörter 55. 90 Erfahrungszentrum Siehe Experiens Ergänzung 12 im Satz 97 Erstglied 60 Erstspracherwerb 206 Essiv 88 Essivlokativ 88 Ethnolekt 216. 204 grammatische Kategorien 17. 218 Ethnozentrismus 146 etymologische Schreibung 113 exophorische Referenz 198 Experiens 91 F Face Siehe Image Fernassimilation 233 flektierte Formen 55. 94 endophorische Referenz 198 Endrand bei Silben 127 Entität 15. 76 G Gebärdensprache 5 gebundene Morpheme 54 gedankliche Einheit Siehe Entität Gegenwart 103 Geglücktheitsbedingungen 170 Generalisierung 38 Genus 77 Glottis 114 Grammatik 85 Grammatikalisierung 70. 87 Ereignis 86 Ereignisschemata 87 Ereigniszeit 103 Erfahrung 15.288 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT Derivationsmorpheme 56 Derivationsmorphologie 56 Determinativkompositum 64 Dialekt 216 Dialektkontinuum 247 Diphthonge 123 des Deutschen 124 direkte Sprechakte 183 direktes Objekt 85 Dissimilation 226 distanzierende Imagestrategien 184 Distribution eines Phonems 129 E egozentrische Perspektive 7 einfache Wörter Siehe Simplizia Einheiten kleinste bedeutungstragende 54 Elision 131 elliptische Sätze 13 Empfänger 11. 57 Flexion 55 Flexionsaffix 65 Flexionsmorphem 76 Flexionsmorpheme 55. 19 grammatische Morpheme 54 Grimmsches Gesetz 224 H Handlungsschema 90 hierarchische Beziehungen im Satz 95 Hilfsverb 11 historisches Kontinuum 248 Hochdeutsch 216 Höflichkeit 12 Homographe 113 .

197 referentielle 197 relationale 197 Kohärenzrelationen 197. 201 negative 204 positive 204 Kohäsion 196 kohäsive Elemente 196 Kollokation 266 Kommunikation nonverbale 192 Kommunikationssysteme tierische 3 kommunikative Absicht 164 kommunikative Funktion 100 Komparationsmorphem 76 Kompetenz pandialektale 217 komplementäre Verteilung 126 komplexe Wörter 55 Komposition 55 Kompositionsfuge 60 Kompositionsstruktur .INDEX 289 Homonymie 29 Homophone 113 Hyperonym 43. 166 Inhaltswörter 55 interaktionale Universalien 176 interdisziplinärer Forschungsansatz 252 Internationales Phonetisches Alphabet Siehe IPA interpersonelle Basis 182 interpersonelle Funktion 163. 194 interpersonelle Relationen 206 Intonation 131 intransitives Satzmuster 97 intrinsische Orientierung 7 IPA 114 K Kardinalvokale 121 primäre 121 sekundäre 122 Kasus 77 kataphorische Referenz 198 Kategorie grammatische 17 lexikalische 17 Kategorien 15 grammatische 19 sprachliche 15 Kentum-Sprachen 255 Kernereignis 105 Kernmorpheme 55 Klammerform 73 klassische Definition 39 Kohärenz 196. 64 Hyponym 64 Hyponyme 43 hypotaktische Relationen 205 I ideationale Relationen 206 Identität 181 Idiolekt 216 idiomatisch 64 idiomatische Ausdrücke 270 idiosynkratische Verwendung 270 Ikon 2 ikonisch 24 ikonisches Zeichen 2 Ikonizität 9 Image 182 Imagearbeit 182 Imagestrategien distanzierende 184 solidarisierende 183 Imperativ 101 Implikatur 177 konventionelle 178 konversationelle 177 Implikaturen konversationelle 203 indefiniter Ausdruck 198 Index 2 indexikalisches Prinzip 6 indexikalisches Zeichen 2 Indikativ 102 indirekte Sprechakte 183 Indoeuropäische Sprachfamilie 223 Inferenzen 195 Infixe 57 Informationsgesuche 166 informative Sprechakte 165.

247 historisches 248 Konvention 3 konventionelle Implikatur 178 konventionelle Präsupposition 172 konversationelle Implikatur 177 konversationelle Implikaturen 203 konversationelle Präsupposition 172 Konversationsmaximen 173 Missachtung der 179 Konversion 72 Konzept 15 konzeptuelle Domäne 40 Kopf eines Kompositums 60 Kopfform 73 Kopulativkompositum 64 Koreferenz 199 Körpersprache 4. 36 Kontinuum Abstraktheits. 266 Kultur 19 kulturelle Präsupposition 172 kulturelle Schlüsselwörter 149 kulturelles Skript 154 kulturspezifische Wörter 148 L Laute stimmhafte 115 stimmlose 115 Lautverschiebung 252 Lehnwort 59 lexikalische Elaboration 148 lexikalische Kategorie 17 lexikalische Morpheme 54 lexikalischen Lücke 44 M marginale Mitglieder 19 markiert 102 Maxime der Modalität 175 Maxime der Qualität 174 Maxime der Quantität 174 Maxime der Relevanz 174 menschliche Sprache 5 mentalen Zustand 164 Metapher 37 konzeptuelle 44 Metaphorisierung 37 Metathese 227 Methode der internen Rekonstruktion 219 philologische 219 Metonymie 36 konzeptuelle 44 Minimalpaar 125 Mitglieder marginale 19 prototypische 18 von Kategorien 18 Modalität 102 deontische 102 epistemische 102 Modalverben 102 Modalwörter 102 Modifikator 60 Morpheme 54 freie 54 gebundene 54 grammatische 54 lexikalische 54 morphophonologische Schreibung 113 motiviert 11. 14 Motiviertheit 14. 3.290 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT eines Satzes 96 Kompositum 55 Konnektoren 202 Konnotation 266 Konsonanten 117 silbische 128 Konsonantenhäufung 128 konstitutive Sprechakte 166 Konstruktion 16 Kontiguität 2. 63 N negative Höflichkeitsstrategien Siehe distanzierende Imagestrategien Netzwerk . 192 Korpus 42.79 Dialekt.

77 O obligative Sprechakte 165. 166 Obstruenten 116 Onomasiologie 29 onomasiologische Konkurrenz 59. 62 onomasiologische Verfahrensweise 29 Orientierung anthropozentrische 8 intrinsische 7 P pandialektale Kompetenz 217 Parallelkorpora 266 Paraphrase reduktionistische 146 parasprachliche Ausdrucksmittel 192 parataktische Relation 205 Patiens 87 Perfekt 104 performative Sprechakte 165 performatives Verb 169 Perspektive egozentrische 7 Perspektivierung 201 phatische Kommunikation 164 Philologie 219 Phonation 114 Phonem 124 phonematische Transkription 126 Phoneme 113 Phonemisierung 232 Phonetik 112 phonetische Symbole 114 phonetische Transkription 126 Phonologie 113 phonologische Schreibung 113 Phylum 252 Pluralmorphem 12 Pluralmorpheme 55 Polysemie 28. 29 positive Höflichkeitsstrategien Siehe solidarisierende Imagestrategien Possessivkompositum 65 Prädikatsphrase 97 Präferenzhierarchie 259 Präfigierung 57 Präfix 57 Präsens 104 Präsupposition 172 konventionelle 172 konversationelle 172 kulturelle 172 Präteritum 104 Prestige 236 Prinzip der Abfolge 9 der Quantität 12 der regelmäßigen Lautentsprechung 224 des Abstandes 11 indexikalisches 6 symbolisches 13 Prinzip der Höflichkeit 179 Produktivität 63 Prominenz 28 von Referenten im Text 199 Prominenzeffekt 41 Prototypeneffekte 34 prototypisch 19 prototypische Mitglieder 18 Prozess der Linearisierung 95 Q Quantitätsprinzip 12 .INDEX 291 sternförmiges 35 Netzwerke Aufspaltung 230 Umordnung 227 Verschmelzung 230 Nominalphrase 62 nonverbale Kommunikation 192 Normalfall 10 Nostratische Sprachen 255 Nullform 229 Nullmorphem 77 Numerus 19.

182 solidarisierende Imagestrategien 183 Sonoranten 116 Sonorität 127 Sonoritätshierarchie 128 Soziolekt 216 spätes Indefinitum 200 Spezifizierung 37 Sprachdeterminismus 140 Sprache 15 menschliche 5 Sprachengesetze 249 Sprachfamilie 252 indoeuropäische 223 Sprachgruppe 253 sprachinterne Rekonstruktion 225 sprachliche Form 2 sprachliche Interaktion 164 sprachliche Kategorien 15 sprachliche Relativität 142 sprachliche Universalien 257 . 98 kopulatives 98 transitives 97.292 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT R reduktionistische Paraphrase 146 Reduplikation 12 Referenten 30 referentielle Kohärenz 197 referentielle Überspezifizierung 200 Referenz 100 anaphorische 198 endophorische 198 exophorische 198 kataphorische 198 Regiolekt 216 Reihenbildung Siehe Produktivität Rekonstruktion 252 Rekonstruktionsmethode 223 relationale Kohärenz 197 relationale Unterspezifizierung 203 Relationsmorphem Siehe Flexionsaffix Relativität sprachliche 142 Repräsentation eines Textes 195 Rollenkonfiguration 268 Rückbildung 73 S Satem-Sprachen 255 Satz 84 Satzbetonung Siehe Intonation Sätze elliptische 13 Satzkonstituenten 95 Satzmodus 101 deklarativer 185 imperativischer 185 interrogativer 185 Satzmuster 97 ditransitives 98 Ergänzungsmuster 98 intransitives 97. 98 transitives Ergänzungsmuster 98 Satzstellung interrogative 101 Schallfüllegipfel Siehe Sonorität Scheinentlehnung 58 Schema 69 schematische Bedeutung 231 schematischer Wandel 231 Schreibung etymologische 113 morphophonologische 113 phonologische 113 Schwachformen 133 Schwanzform 73 semantische Primitiva 145 semasiologische Verfahrensweise 28 Semiotik 3 semiotisches Dreieck 31 Sequenzrelation 205 Set 15 Silben 127 offene 129 Silbenbetonung 130 Silbenkern 128 Simplizia 55 Skript 196 kulturelles 154 Small Talk 164.

INDEX 293 sprachliche Variation 216 Sprachstamm 252 Sprachtod 248 Sprachvergleich 261 Sprachwandel Auslöser von 237 letztliche Ursachen 237 Ursachen 236 Sprachwandel. 38 Stimmbänder 114 Stimme 115 stimmhafte Laute 115 Stimmhaftigkeit 117 Stimmlippen Siehe Stimmbänder stimmlose Laute 115 Stimmritze Siehe Glottis strukturelle Veränderungen 252 Subjekt 8. 97 Substantivkomposita 60 Substrat 218 Suffigierung 57 Suffix 57 Superstrat 218 Symbol 3 Symbole phonetische 114 symbolisches Prinzip 13 symbolisches Zeichen 3 Synonymie 30 Synonymwörterbuch 29 syntaktische Gruppe 55 syntaktische Reduplikation 153 Syntax 84 T Taxonomie hierarische 43 Sprechakt. 166 konstitutive 166 obligative 165. 85.165 Teilnehmer 86 Teilnehmerrollen 87 Tempus 19 Text 192 Textlinguistik 192 Textrepräsentation 195 Textsegmentierung 200 Textsorte 203 textuelle Funktion 194 Tonhöhe 116 Tonhöhenverlauf 131 Tonsprache 131 transitives Satzmuster 97 Transkription phonematische 126 phonetische 126 U Übereinkunft Siehe Konvention Umgangslautung 131 Umlaut 233 Umsetzung Siehe Konversion Universalien ideationale 257 implikative 260 interaktionale 176 interpersonale 258 pragmatische 258 sprachliche 257 unmarkiert 102 unscharf 19 Untergruppen von Sprachen 253 Urindoeuropäisch 225 Ursprachen 252 Ursprungsdomäne 37 Ursprung-Weg-Ziel-Schema 92 . 216 Sprachzweig 253 Sprechakt 100. 166 performative 165 Sprechakttypen 164 Sprechzeit 103 Standardlautung 216 Standardvarietät 216 sternförmiges Netzwerk 35. 164 Sprechakte direkte 183 imagebedrohende 183 indirekte 183 Informationsgesuche 166 informative 165.

294 SPRACHE UND SPRACHWISSENSCHAFT V Varietät 216 Verankerung 76. 101 Wortverschmelzung Siehe Wortkreuzung Z Zeichen 2. 63 volksetymologische Interpretation 63 Vorgangsschema 88 W Wandel analogischer 234 schematischer 231 Wortarten 20 Wörter 28 einfache 55 komplexe 55 kulturspezifische 148 Wortfeld 40 Wortkreuzung 73 Wortkürzung 73 Wortstellung 10. 100 Verankerungselemente 100 Verben schwache 223 starke 222 Verbendung 55 Verbkomposition 61 Verbmodus 102 Verbreitung von Sprachwandelerscheinungen 237 Verbstamm 55 Vergangenheit 103 Verlaufsform 105 Verständlichkeit gegenseitige 246 Verteilung komplementäre 126 Vokalablaut 222 Vokale 117. 15 ikonisches 2 indexikalisch 2 symbolisches 3 Zeichensystem 3 Zentralisierung von Vokalen 237 Zentralitätseffekte 34 Zentrum deiktisches 6 Zieldomäne 37 Zielsprache 264 Ziel-vor-Ursprung-Prinzip 94 Zirkumfixe 57 Zukunft 103 Zusammensetzung Siehe Komposition Zweitglied 60 . 120 des Deutschen 123 gerundete 121 ungerundete 121 Vokalreduktion 133 Vokalviereck 121 Volksetymologie 14.