The European 02/2013

Der Kampf um den Menschen

VOLLENDUNG
OBEN OHNE
Atheismus ist die
neue Religion
160 SEITEN STREITKULTUR
Ohne Blatt vor dem Mund:
RICHARD BRANSON
MARTTI AHTISAARI
MARTIN WALSER
KLAUS TÖPFER
LEBEN OHNE
FUSSBALL
Kann man das?
Darf man das?
RAUS AUS DEN
SCHULDEN
Warum eigentlich
zurückzahlen?
MEGAPROJEKT
ENERGIEWENDE
Deutschland schaltet ab
und spaltet die Welt
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Bei der Lösung dieses Rätsels genügt ein Blick in den Spiegel. Dieses Wesen, das sind
wir Menschen. Doch im Moment arbeiten wir emsig daran, die letzten Begrenzungen
unseres Seins einzureißen – mit unabsehbaren Konsequenzen. Die philosophische
Diagnose vom Menschen als „Mängelwesen“ scheint dabei Ansporn und Kränkung
zugleich. Unsere Suche nach Vollendung begann mit aus der Not geborenen Erhn-
dungen. Tierfelle brachten unsere Vorfahren durch harte Winter, Speere halfen bei der
Jagd, und Schamanen mischten Kräuter zu Heilpasten. Diese Entwicklung hndet ihr
grandioses Finale in den Bio-, Medizin- und Techniklaboren des 21. Jahrhunderts.
Doch etwas geschieht mit uns, wenn wir alte
Schwächen hinter uns lassen. Wenn Schmerz,
Alter und Krankheit zu „Geschichten von damals“
werden, die sich die Kinder unserer Kinder erzäh-
len, aber nicht mehr verstehen werden. Transhu-
manisten glauben an diesen neuen, verbesserten Menschen, Kritiker fürchten sich
vor ihm. In unserer Titeldebatte treßen beide aufeinander (S. 64).
Um die Frage der Perfektion geht es auch in unserer Debatte zur Energiewende
– immerhin schaut die ganze Welt gebannt, ob das Generationenprojekt gelingt
oder nicht. Wir haben uns deshalb umgehört und Autoren aus Japan, Großbritan-
nien, den USA und China gefragt, was sie von unseren ehrgeizigen Plänen halten
(S. 12). Der ehemalige UN-Umweltdirektor Klaus Töpfer, Wissenschaftsjournalist
Rangar Yogeshwar und Energieexpertin Claudia Kemfert schildern anschließend
ihre ganz eigene Sicht auf das Generationenprojekt Energiewende – und sparen
dabei nicht mit Kritik (S. 27).
Ob perfekt oder nicht, ist für den britischen Unternehmer Richard Branson nicht
die entscheidende Frage. Scheitern gehöre dazu, sagt er. Aufstehen allerdings auch
(S. 140). Ein direkter Aufruf an all die Tüftler, die an den Technologien von mor-
gen arbeiten. Und wir sollten hoßen, dass sie mitlesen: Denn was heute lediglich auf
dem Reißbrett zu sehen ist, hat das Potenzial, morgen unsere Wirtschaft zu revoluti-
onieren. In unserer Debatte schickt jeder Kommentator eine Erhndung ins Rennen.
Entscheiden Sie, wer überzeugt (S. 126).
Die EU ist sicher alles andere als perfekt, doch für unsere Werte müssen wir uns
nicht schämen, sagt Nobelpreisträger Martti Ahtisaari im Gespräch. Klare Forderungen
an Angela Merkel hat er dennoch (S. 146).
Vollendet wird die dritte Ausgabe des „The European“ von unserem Gesellschafts-
gespräch. Wir haben den Stargeiger Charlie Siem in London getroßen, um mit ihm
über Musik und Glauben zu sprechen. Vielleicht ist es ja seine intensive Beschäftigung
mit den genialen Werken der klassischen Musik, die ihn hoßen lässt: „Wir haben die
Möglichkeit zur Perfektion“ (S. 154).
IHRE REDAKTION
Themensitzung

Was ist das für ein Wesen? Es kann sich mit fast jedem anderen
Mitglied seiner Spezies innerhalb von Sekunden austauschen.
Es hat Zugriff auf das gesamte Wissen seiner Kultur. Es kann
fast alles. Und ist doch nie zufrieden.
„DIE SCHWÄCHE DES MENSCHEN MACHT IHN
GESELLIG, UNSER GEMEINSAMES UNGLÜCK
ÖFFNET UNSER HERZ DER MENSCHLICHKEIT“
JEANJACQUES ROUSSEAU 1712 1778
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S. 03 THEMENSITZUNG
S. 06 KOLUMNE: BULLSHITBINGO
Thomas Ramge:
Vision Impossible
S. 08 KOLUMNE: ZWISCHEN
DEN FRONTEN
Sarah Stricker: Empörung
im Stechschritt
S. 10 KOLUMNE: ALLE AN DIE WAND
Stefan Gärtner: Wie? So.
MEGAPROJEKT
ENERGIEWENDE: DER
PLATZ AN DER SONNE
Die Energiewende erregt weltweit
Aufsehen. Ausländische Autoren
schreiben, wie sie das deutsche
Projekt einschätzen und was die
Wende für ihr Land bedeutet.
DEBATTE S. 12
Japan: Inseldenken
MITSURU OBE S. 17
China: Süß-saure Energiewende
TAO WANG S. 20
Großbritannien:
Eure Angst verpestet
unseren Planeten
JOHN RHYS S. 22
USA: Auf geht’s, Deutschland!
CHRIS NELDER S. 24
Drei deutsche Stimmen:
Energiewende? So
schaen wir das!
GESPRÄCHE MIT WISSENSCHAFTLERIN
CLAUDIA KEMFERT, JOURNALIST
RANGA YOGESHWAR UND EXBUNDES
UMWELTMINISTER KLAUS TÖPFER S. 27
Ausgestrahlt
BILDSTRECKE VON MICHAEL DANNER S. 32
RAUS AUS DEN SCHULDEN:
ENTSCHULDEN SIE BITTE!
Müssen Schulden immer zurückgezahlt werden? Die
Autoren der Debatte sind sich nur in einem einig: Wie
bisher darf es nicht weitergehen. DEBATTE S. 46
Schulden in der Sprache: Vom Gläubiger abfallen
WILLIAM RASCH S. 50
Schulden in der Gesellschaft:
Schuldig im Sinne der Anlage
RICHARD DIENST S. 54
Schulden in der Geschichte: Fiskus Maximus
MICHAEL HUDSON S. 58
Schulden in der Wirtschaft:
„Der Feudalismus hält wieder Einzug in Europa“
GESPRÄCH MIT DEM BESTSELLERAUTOR JOHN LANCHESTER S. 60
KURZ VOR VOLLENDUNG:
MORGENMENSCH
Was geschieht mit den Menschen, wenn sie mit technischen
und medizinischen Mitteln optimiert werden? Ob Chance oder
Risiko: In der Titel-Debatte geht’s ans Eingemachte. DEBATTE S. 64
Ethische Fragen: Sind Roboter Kinder Gottes?
KEVIN KELLY S. 70
Kosten vorsichtiger Forschung:
Das gefährliche Zögern des John N.
JUAN ENRIQUEZ S. 72
Trugbild Perfektion: Vollkommen in Ordnung
GIOVANNI MAIO S. 74
Die Macht der Gene: Die Evolution frisst ihre Kinder
JOSHUA AKEY S. 76
Gefahren der Optimierung: Über Menschen
ROLAND BENEDIKTER S. 79
Meta-Gehirn und designte Körperteile:
„Perfektion ist ein seltsames Konzept“
GESPRÄCH MIT DER TRANSHUMANISTIN NATASHA VITAMORE S. 82
Hundert Prozent Mensch
BILDSTRECKE VON KARSTEN THORMAEHLEN S. 86
Inhaltsverzeichnis

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VIER INNOVATIONEN RETTEN DEN
WESTEN: IN DER NOT GEBOREN
Der Westen entwickelt gerade die Innovationen, die
ihn aus der Krise führen. Die vier Debatten-Autoren
stellen je eine vor. DEBATTE S. 126
Graphen – ein Super-Material:
Die Bleistift-Revolution
REBECCA BOYLE S. 132
Fusionsreaktoren: Es kann fusionieren
DANIEL CLERY S. 134
3D-Drucker:
Wir drucken uns die Welt, wie sie uns gefällt
DOMINIC BASULTO S. 136
Quantencomputer: Unwahrscheinlich schnell
GREG KUPERBERG S. 138
Wie Unternehmen innovativ bleiben:
„Scheitern gibt es nicht!“
GESPRÄCH MIT DEM UNTERNEHMER RICHARD BRANSON S. 140
ATHEISMUS IST DIE NEUE
RELIGION: OBEN OHNE
Zum ersten Mal ist der Atheismus eine echte
Alternative zur Religion. Doch kann er auch die
Gesellschaft zusammenhalten? Kritiker und
Befürworter treßen aufeinander. DEBATTE S. 110
Atheistische Rituale: Ohne Gott in die Kiste
NIGEL WARBURTON S. 115
Die Bedeutung von Religion:
Mit Gott geht der Sinn
WOLFGANG HUBER S. 118
Was Atheismus und Religion verbindet:
Zwei wie Pech und Schwefel
DETLEF POLLACK S. 120
Sinn des Glaubens: „Gott oder nicht Gott?“
GESPRÄCH MIT DEM AUTOR MARTIN WALSER S. 122
PLUS EINS: FASZINATION
WELTUNTERGANG
Debatten enden nie. Wir führen die
Titeldebatte aus der vorherigen Ausgabe
weiter. Dieses Mal: Wie wir den Welt-
untergang verhindern.
Super-Viren aus dem Biolabor:
Tür zu!
MARC LIPSITCH S. 94
EIN LEBEN OHNE
FUSSBALL: SCHLUSSPFIFF
Wie sähe die Welt ohne Fußball aus? Die beiden
Debatten-Autoren versuchen, das Unvorstellbare zu
denken. DEBATTE S. 98
Alternative Freizeitgestaltung:
Zeiglers furchtbare Welt ohne Fußball
ARND ZEIGLER S. 102
Folgen für die Gesellschaft:
Buddhismus ist auch keine Lösung
UTE WIELAND S. 106
S. 146 GESPRÄCHSREIHE NEUROPA: „WIR MÜSSEN
UNS FÜR UNSERE WERTE NICHT SCHÄMEN“
Gespräch mit dem hnnischen Friedens-
nobelpreisträger Martti Ahtisaari
S. 153 IMPRESSUM
S. 154 GESELLSCHAFTSGESPRÄCH: „WIR HABEN
DIE MÖGLICHKEIT ZUR PERFEKTION“
Gespräch mit dem britischen
Star-Geiger Charlie Siem
S. 158 KOLUMNE: SALONBEUSCHL
David Baum: Das Prinzip Heino
S. 159 KOLUMNE: SOZIOLOGIE IM BOUDOIR
Vicky Amesti: Liebe ist für alle da
S. 160 KOLUMNE: ODER SO ...
Katja Riemann: Hindi für Anfänger
S. 161 EDITORIAL DES CHEFREDAKTEURS: ALEXANDERPLATZ
Alexander Görlach: Vollendung
S. 162 DEBATTENSTOFF
10 Begriße, die Sie sich merken müssen
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DER PLATZ AN
DER SONNE

Eine Energiewende muss man sich
auch leisten können. Nicht jedes
Land ist so wohlhabend, dass es auf
billige Energie verzichten kann. Die
Welt schaut deshalb auf Deutschland
– mit Neid, Ärger, Wohlwollen und
Respekt. Vier Länder, vier Stimmen.
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Deutschland betreibt Energiepolitik voller Widersprüche
und pfeift auf den Klimaschutz. Die faulen Kompromisse
der Bundesregierung entmutigen uns Briten.
Eure Angst verpestet
unseren Planeten

von JOHN RHYS
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eutschlands Ingenieurskunst bleibt uner-
reicht. Es entwickelt und produziert auf hö-
herem Niveau als jedes andere Land der EU. Umso
enttäuschender ist es, dass die deutsche Politik
nicht in der Lage ist, den größten Herausforde-
rungen des Jahrhunderts adäquat zu begegnen.
Sie müsste sicherstellen, dass die modernen Öko-
nomien der Welt von emissionsarmen Energien
angetrieben werden und der CO₂-Ausstoß sinkt.
Schlimmer noch, die Bundesregierung steu-
ert mit der Energiewende in die entgegengesetzte
Richtung. Deutschland hat pro Kopf gerechnet be-
reits jetzt einen der größten CO₂-Fußabdrücke der
EU, vor allem weil es so viel Kohle verbrennt. Der
Atomausstieg erhöht den Kohleverbrauch weiter.
Deutschland baut sogar neue Braunkohlekraftwerke
und das ohne die Möglichkeit der CO₂-Abscheidung
und -Speicherung. Angesichts des Klimawandels ist
dies die denkbar schlechteste Politik.
Die im Englischen „carbon capture and storage“,
kurz CCS genannte Technik kann klimaschädliche
Emissionen nachhaltig reduzieren. In Deutschland
dominieren allerdings Sicherheitsbedenken, wes-
halb auf CCS bislang weitestgehend verzichtet wird.
Alternativ zur Kohle kann Gas genutzt werden,
doch das will die Bundesregierung nicht. Gas ist,
wenn auch aus Umweltsicht lediglich zweite Wahl,
immer noch deutlich besser als Kohle. Allerdings
ist es teurer. Das schreckt ab. Doch um seine hoch-
gesteckten CO₂-Ziele zu erreichen, gibt Deutschland
gleichzeitig enorme Summen für Brückentechno-
logien aus. Eine Politik voller Widersprüche.
Der Grund für diese Widersprüche liegt in
der unterschiedlichen Einschätzung der Risiken
und Gefahren, die ein atomarer Unfall, die CO₂-
Lagerung und der Klimawandel bergen. Menschen
fällt es schwer, Risiken rational zu bewerten. Das
wird noch verstärkt, wenn Debatten um politische
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Entscheidungen emotional und ideologisch aufge-
laden sind. Eigentlich ist es gerade dann wichtig,
dass die Politik rational abwägt und sich nicht ein-
fach vom Strom mitreißen lässt.
Bedenken bezüglich der atomaren Sicherheit
sind nicht von der Hand zu weisen. Katastrophen
wie Tschernobyl und Fukushima sind warnende
Beispiele, die sich im Gedächtnis einprägen. Doch
der WHO-Report von 2005 zeigt, dass selbst die
Folgen von Tschernobyl im Grunde begrenzt aus-
helen. Der britische Umweltaktivist George Mon-
biot hat nach Fukushima ähnlich argumentiert
und sich angesichts der Dramatisierung des Un-
falls sogar auf die Seite der Atombefürworter ge-
schlagen. Die Risiken der CO₂-Speicherung sind
weniger gut dokumentiert, und die Kontroverse
ist jünger. Aber der Verdacht liegt nahe, dass auch
hier übertrieben wird, um der Illusion einer risi-
kofreien Zukunft das Wort zu reden.
Beide klimafreundliche Technologien haben
ein Problem: Unfälle, die in Atomkraftwerken
oder bei der CO₂-Lagerung auftreten, können
ganz eindeutig auf einzelne Akteure zurückge-
führt werden. Unternehmen und Personen sind
direkt verantwortlich zu machen, das Risiko ist
zeitlich und örtlich unmittelbar.
Ganz im Gegensatz zum Risiko, das mit CO₂-
Emissionen verbunden ist. Abgesehen von einigen
Sektierern ist sich die Wissenschaft einig: Die po-
tenziellen menschlichen und ökonomischen Kos-
ten des Klimawandels sind immens, im schlimms-
ten Fall katastrophal. Doch die Auswirkungen sind
langfristig und wirken nicht nur in der unmittel-
baren Gegenwart. Mehr noch, sie unterschieden
sich von Region zu Region und können nie genau
auf das Handeln eines oder mehrerer Akteure zu-
rückgeführt werden. Das Risiko verteilt sich global,
wird global verursacht und verlangt globale Lösun-
gen. Bei Politikern rufen derartige Risikostruktu-
ren leider kurzsichtiges und engstirniges Verhalten
hervor, weil sie sich eher am Greif baren orientie-
ren als an etwas Abstraktem wie dem Klimawandel.
Aus Studien wissen wir, dass CO₂ grundsätz-
lich kumulativ wirkt. Je früher Kohlendioxid in
die Atomsphäre gelangt, desto größer der Scha-
den. Solche Emissionen lassen den Klimawandel
früher einsetzen und geben uns weniger Zeit für
Anpassungen. Der plötzliche Atomausstieg und
Deutschlands Unwille, Gas als hauptsächlichen
Ersatz zu nutzen, sind deshalb kontraproduktiv.
Die Höhe des CO₂-Ausstoßes – insbesondere
ausgelöst durch Kohlekraftwerke – korreliert mit
anderen ökonomischen Ungleichgleichgewichten
in der Welt und der Eurozone. China hat welt-
weit betrachtet einen vergleichbaren Handelsüber-
schuss wie Deutschland in Europa. Beide Länder
sind vermutlich die wichtigsten produzierenden
Nationen der Welt, und beide sind überaus abhän-
gig vom umweltschädlichsten Energieträger. Das
ist erst mal purer Zufall. Rational ist dagegen das
Argument, dass ausgeglichene Handelsbilanzen
auch eine Verringerung des Energieverbrauchs
und damit auch eine Absenkung der Kohle-Emissi-
onen zur Folge hätten. Anders als Deutschland in-
vestiert China entsprechend in ein Atomprogramm.
Großbritannien erlebt eine ganz
ähnliche Debatte wie Deutsch-
land. Emotionen prägen den
Streit über eßektive Klimapolitik, Atomenergie
und ökonomische Konsequenzen. Aktuell steht
ein fragiler Konsens, der die Klimapolitik bevor-
zugt und dafür Atomkraft in Kauf nimmt. Doch
Deutschlands Kapitulation vor den Anti-Atom-Vor-
urteilen und seine Bereitschaft, billige und schäd-
liche Kohle als Kompromiss zu akzeptieren, ent-
mutigen jene Briten, die mit Hilfe der EU eine
weltweite Vorreiterrolle beim Kampf gegen den
Klimawandel einnehmen wollen.
Ironischerweise bedeutet Deutschlands hoch
entwickelte Ingenieurskunst außerdem, dass
Atomkraftwerke in Deutschland so sicher wären
wie nirgends sonst auf der Welt. Das Moratorium
führt deshalb im Zweifel dazu, dass anderswo we-
niger sichere Kraftwerke gebaut werden.
Aus dieser Perspektive betrachtet, ist Deutsch-
lands Politik kurzsichtig und engstirnig. Die Bun-
desregierung unterminiert die EU-Position zum
Klimawandel, die ohnehin schon von den Män-
geln im System des Emissionshandels geschwächt
ist. Und sie setzt die Wettbewerbsfähigkeit der
deutschen Industrie aufs Spiel (sobald die wahren
Kosten der Kohle-Nutzung getragen werden müs-
sen). Sie erhöht die Wahrscheinlichkeit, im Kampf
gegen den Klimawandel zu scheitern, und riskiert
damit schlussendlich eine weniger sichere Welt.
ÜBERSETZUNG AUS DEM ENGLISCHEN
von JOHN RHYS
www. theeuropean. de/j ohn-rhys
DER BRI TE I ST SEI T 2010 SENI OR RESEARCH FELLOW
AM OXFORD I NSTI TUTE FOR ENERGY STUDI ES. RHYS
HAT ÖKONOMI E AN DER LONDON SCHOOL OF
ECONOMICS STUDIERT, WO ER AUCH PROMOVIERTE.
SEI T 1975 ARBEI TET RHYS I N DER ENERGI EBRANCHE.
SO WAR ER UNTER ANDEREM CHEFÖKONOM DES
STAATLICHEN ELECTRICITY COUNCIL UND DIREKTOR
BEI DER BERATUNGSFI RMA NERA.
KAPITULATION VOR DEN
ANTIATOMVORURTEILEN
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OBEN OHNE

Atheismus hat sich verändert.
Zum ersten Mal in seiner langen
Geschichte kann er zum echten
Ersatz für die Weltreligionen werden.
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„Scheitern gibt
es nicht!“

Was unterscheidet eine gute von einer revolutionären
Idee, und wie hält man ein Weltunternehmen innovativ?
Wenn das einer weiß, dann der Abenteurer und Virgin-
Group-Gründer Richard Branson. Die Fragen stellten
Alexander Görlach und Thore Barfuss.
The European: Herr Branson, werden die Begrie
Innovation und innovativ heute inationär benutzt?
Branson: Nein. Bei der gigantischen Jugendar-
beitslosigkeit, die wir heute in vielen Ländern ha-
ben, müssen wir sogar dafür sorgen, dass diese
Begriße häuhger verwendet werden.
Wie soll das gegen Arbeitslosigkeit helfen?
Unternehmertum – die Chance, etwas selbst in
die Hand zu nehmen – kann jungen Menschen
Hoßnung und Alternativen zu den traditionellen
Karrieremöglichkeiten bieten. Die Natur des Un-
ternehmertums hat sich komplett gewandelt. Und
das ist nur der Status quo: Neue innovative Un-
ternehmer werden auftauchen, und dann geht das
ganze Spiel von vorne los. Hier muss man natür-
lich auch auf die Jugend setzen.
Sehen Sie gerade jemanden, bei dem das bereits
der Fall ist?
Sehr inspirierend war für mich ein Treffen mit
mehreren Jungunternehmern, die sich zu The B
Team zusammengeschlossen haben. Sie bauen
bislang sehr erfolgreich neue Unternehmen auf
und setzen dabei drei gleichwertige Prioritäten:
Personen, Planet und Prohte. Und sie sind erst
am Anfang: Sie werden nicht nur weitere Unter-
nehmen auf bauen, sondern auch für bessere Ge-
schäftspraktiken sorgen. Und klar: Wir bei Virgin
wollen natürlich auch noch mitmischen.
Was unterscheidet eine gute Idee von einer, die
ihre Branche revolutionieren wird?
Eine Idee, die das Business auf den Kopf stellt,
fällt sofort auf. Es ist alles andere als leicht, ein
Unternehmen zu gründen. Noch schwieriger ist
es aber, es am Leben zu halten und zum Laufen
zu bringen. Um heute aufzufallen, muss man et-
was radikal Anderes machen. Wenn Sie an die er-
folgreichsten Unternehmen der letzten 20 Jahre
denken – Microsoft, Google, Apple – haben alle
drei ihren Markt gehörig umgekrempelt. Zum
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