Nachtblumen

Poesie von Herbert Blaser

Zum Todestag Fremd sind wir geworden, fremd in Raum und Zeit. Fremd sind wir geworden, ob der Menschen Eitelkeit. So vermessen, so verworren; schreien alle nach dem Glück. So vermessen, so verworren; bleibt doch nur ein Grab zurück. Nur ein Grab; doch ist es Hoffnung. Nur ein Grab; doch ist es Glück. Nur ein Grab; doch ist es Hoffnung – kehrt das Licht zum Tod zurück. In der Stille dann die Wahrheit, ohne Opfer, ohne Fluch. In der Stille dann die Wahrheit, die der Mensch vergebens sucht. Nicht die Anderen, nur das Leben ist der Grund für unser Tun. Nicht die Anderen, nur das Leben wird am Schluss im Sterben ruhen.

1

Tod des Templers Ich liege unter grauem Himmel, Ferne hör ich Hunde bellen. Ich schließe meine müden Augen Und treibe mit des Krieges Klängen. Höher und weiter schwebt mein Geist, Unter mir scheint die Erde rot. Jetzt sehe ich deine Tränen, Fasse deine Hand, doch sie ist tot. Alles geben, alles sein, Mit Schmerzen redest du von Frieden. Wie leuchtet dein Gesicht im Sterben Trägt es jetzt des Vaters Züge? Verendend schreie ich dann mit dir: "Gott, warum hast du mich verlassen?" Doch als Antwort hör ich nur, Mein Echo aus den leeren Gassen. Dann hebe ich die spröden Lippen, Ich trinke dein Blut und esse dein Brot. Die Nacht nimmt mich wie alle andern, Hoffend auf ein Morgenrot.

2

Sommerregen Der Morgen hat Regen gebracht, seit Stunden strömen Wasser auf die Erde. Ruhig atmet die Natur nach heisser Nacht, nach vergangener Glut spricht sie „es werde“. Sattes Grün glänzt durch die Scheiben, befreit vom Staub verstrichener Tage. Kein Wind welcher der Wolken Grau vertreibt, kein Lärm, der erlösende Stille plagt. Jetzt spüre ich Tropfen im Gesicht, sie befeuchten meinen Grund der Seele. Der Damm aufgestauter Tränen bricht, Hoffnung benetzt meine dürre Kehle. So lass es regnen, lass Regen fliessen über mich, lass Wunden heilen die das Leben schlug. Möge ruhen was zerstöret sich, möge träumen was das Kind im Herzen trug.

3

Schwarzer Gral Als ich aus dunklen Fluten mich erhob, einzutreten in der Grotte düsterem Licht, als des Spiegels Vorhang schwer sich hob, trug der Gehörnte mein Gesicht. Freundlich wies er auf der Tische Fülle, auf duftende Speisen für den Götterspross. Mich schämend meiner sterblich Hülle, nahm ich den Kelch, der mich mit Purpur übergoss. Geblendet durch des Wissens Macht, das Blut der Erde aus dem Mund mir troff. Des Menschensohn stürzte in kalte Nacht, durch diesen Fremden, der nach Sterben roch.

4

Gefallener Engel Erst sanften Wogen gleich umspülte dich die Liebe, zart, geheimnisvoll, der Götter Lot. Doch Fluten der Leidenschaft rissen dich in das Reich der Triebe, in ungezügelt Strudel des Sterbens ohne Tod. Nackt liegt nun dein Körper auf dem Boden, die Muskeln in brennender Lust gespannt. Heulenden Wölfen gleich der Kopf erhoben, geliebter Schmerz auf dein Gesicht gebannt. Wie so nah ist doch der Tod dem Leben, wie so nah die Freud dem Leid.

5

Ewigkeit Auf und ab und immer wieder drehen wir uns stets im Kreis. Mal entstehend, mal vergehend, hier erfüllt und dort entbehrend; dreht die Achse um die Mitte welche Ego heißt. So wie wir, so dreht die Erde. Rund an Rund ergibt das Wesen der Natur. Kreis an Kreis und immer drehend, hier erwachend, dort vergehend; dreht die Achse um die Mitte welche Leben heißt. So ist dem Sein der Sinn gegeben, zu drehen wie das Räderwerk der Uhr. Frei entrückt, doch für das Ganze unentbehrlich, niemals ruhend, unvergänglich dreht die Achse um die Mitte welche Universum heißt.

6

Der Clown und das tote Kind Wie seltsam mein Kind, du bist so blass, wie seltsam rinnt dieses klebrige Nass, verschmiert meine Schminke, rot an rot, wie seltsam mein Kind, du bist so tot. Verstummt sind die Lippen, der Kirschenmund, verstummt sein Lachen aus dem Hintergrund, das wie Beifall zwischen den Zelten klang, verstummt ist der fröhliche Gesang. Leer ist deiner Mutter sonst feuriger Blick, leer meine Hoffnung, Stück für Stück, hinten dringt Jubel aus dem grossen Zelt, leer wird sie sein, meine farbige Welt. Wie seltsam mein Kind, du bist so blass, wie seltsam rinnt dieses klebrige Nass, verschmiert meine Schminke, rot an rot; wie seltsam mein Kind, du bist so tot.

7

Besessenheit In einer warmen Sommernacht sah ich die Wasser deinen Körper spiegeln. Am Ufer jenes Sees hab ich gedacht, ich könnte dich meinem Herz versiegeln. Silbern spiegelte des Mondes Licht auf deinem Körper, als du feengleich, wie Glas, das durch Gewalt zerbricht, mich zogst in dein traumhaft Reich. Kalt und blau sah ich die Schwellung deiner Adern, zart gebeugt dein edles Haupt. Zu fremden Ufern wollte ich dich tragen, der Wunsch hat mir das Herz geraubt. Für immer wollte ich bei dir sein, vereint in Hass und Liebe. Doch nur der Tod kann ewig freien, nur er kann adeln solch Geschmiede. Nun trage ich dich auf meinen Armen, gebrochen deiner Augen Licht. Wir sind vereint durch Blutschuld Banden, durch ewige Liebe, die von Opfer spricht.

8

Zwischenwelt Die Stimme lockt in hellen Nächten, durch leere Räume jagt mein Fleisch. Sumpflicht webt mit Irrsinns Flechten, verseucht mit Wahn der Seele Reich. Süßer Tau benetzt die Lippen, ein Saft, der stärker wirkt als Gift. Er führt mich sicher auf die Klippe, deren Abgrund ewig Schrecken ist. So sehe ich die Wände weichen und fühle Nadeln im Gesicht. Ich such die Grenze zu erreichen, die immer wird - und niemals ist. Ich jage, jage durch die Stille; gequält von dir, Dämon der Nacht. Ich weiß, dass deine Quelle aus des Herzens Unschuld brach.

9

Hexenritt Am Feuer entzündet loht wild mein Haar. Ich brenne und fliege, die Zeit steht starr. Starr auch der Venus sonst feuriger Blick, dumpf rufen die Wälder, es brennt mein Glück. Und mitten im Fluge nehme ich es wahr, Medusens Blick, die böse Gefahr, verwandelt die Menschheit, die einfach und still im Glauben ruhend, Anima gefiel. Am Feuer entzündet loht wild mein Haar. Ich fliege und brenne, die Zeit steht starr. Starr auch der Venus sonst feuriger Blick, dumpf rufen die Wälder, es brennt mein Glück.

10

Gotische Klage Der Traum hat uns geblendet, im Rausch jener Nächte; als Amors Pfeil zerbrach, wie die Spitze aus Glas. Während im Geist des Weins Wollust wie eine Flechte unseren Eid erstickte und die Scham vergas. Im Glanz der Larven betörten sich die Sinne, gar viele Spiele ersann die baccantische Schar. Im Tanz der Leiber wich der Geist auf jene Zinne, wo die Angst ihren Dämon gebar. In dunklen Ecken und hinter Vorhangs Falten, zögernd, der verwegenen Stimme bar, wispern Sylph und Faun von jenen Zeiten, als Lesbos frei vom Sterben war. Auflehnend gegen Morpheus Fingerzeige, entfachten wir erneut der Begierden Macht; während unter Flusses Uferweiden ein sterbendes Kind sein Blut erbrach.

11

Lilith Vom Berg der Märchen stieg ich in die Welt hinab. Ich sah dort tausend Lichter blinken. Ergreifen wollte ich betört die Pracht, doch als der Tag anbrach, da sah ich keine Schätze winken. Hinabgestiegen war ich in die Sichtbarkeit. Muss jetzt nach dem Gesetz des Körpers leben. Der Wunsch hat sich entpuppt als Eitelkeit, was ich zu suchen glaubte, habe ich hingegeben. Ja, ich bin hinabgestiegen und niemand weiß, wie sehr ich mich nach den Sternen sehne.

12

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