Taliban aus Sicht der Bevölkerung

Ines Budarick

www.southasia.fnst.org

Zusammenfassung: Trotz zahlreicher Anschläge waren Anfang April 2009 kaum Aktivitäten der pakistanischen Regierung erkennbar, gegen die Taliban vorzugehen. Vor dem Hintergrund der Außenwahrnehmung von Pakistan als dem „gefährlichsten Land der Welt“ und geringem Aufbegehren der Bevölkerung, wurde der Frage nachgegangen, wie das Vordringen der Taliban in Pakistan von der Bevölkerung selbst eingeschätzt wird.

Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit would welcome reproduction and dissemination of the contents of the report with due acknowledgments. Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit Post Box 1733 House 19, Street 19, F-6/2, 44000 Islamabad – Pakistan Tel: +92-51-2 27 88 96, 2 82 08 96 Fax: +92-51-2 27 99 15 E-mail: pakistan@fnst.org Url: www.southasia.fnst.org ISSN 2227-0566 No of printed copies: 500 Layout: dzignet, Islamabad. www.dzignet.com Printing: Pictorial Printers, Islamabad Title Picture: Trucks delivering food in the IDP camp Yar Hussain for Swatis fleeing Taliban. © Olaf Kellerhoff Disclaimer: Every effort has been made to ensure the accuracy of the contents of this publication. The authors or the organization do not accept any responsibility of any omission as it is not deliberate. Nevertheless, we will appreciate provision of accurate information to improve our work. The views expressed in this report do not necessarily represent the views of the Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit.

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Contents
Ines Budarick Taliban aus Sicht der Bevölkerung Die Entwicklungen im Frühjahr 2009 Meinungen aus der Bevölkerung 10-11 Was denken Sie bezüglich des Vordringens der Taliban? 11-12 Welches sind die Ursachen für das Erstarken der Taliban? 13-21 Wer sind die Taliban? Was soll (gegen die Taliban) unternommen werden und wie soll sich das Ausland verhalten? 24-26 Was halten Sie von der Militäroperation? 26-27 Synopsis Schlussbetrachtung Anhang 37 27-31 31-36 21-23 2-4 4-10

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Taliban aus Sicht der Bevölkerung

Pakistan ist in den Fokus der internationalen Politik gerückt. Demnach kann Afghanistan nur stabilisiert werden, wenn den Taliban Pakistan als Rückzugsgebiet entzogen wird. In Pakistan sind die gravierenden Probleme mit den islamistischen Gruppierungen überaus deutlich geworden. Im Untersuchungszeitraum, April und Mai 2009 war die Sicherheitslage prekär. Mehrmals pro Woche wurden im Land Anschläge verübt. Zuvor war im Februar 2009 nach vielen Monaten andauernden Kämpfen die Rechtsprechung in Swat de facto den Taliban übergeben worden. Die so genannte Talibanisierung1 ist auch in inneren Landesteilen und in den großen Städten Lahore, Islamabad und Karachi festzustellen. Die Untätigkeit der Regierung bis Ende April 2009, bzw. ihr Handeln, das die Taliban begünstigte, legte auch in Pakistan die Vermutung nahe, dass der Staat den Herausforderungen möglicher Weise nicht gewachsen sei und kollabieren könnte.

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Mit Talibanisierung ist eine sukzessive Verschiebung der öffentlichen Wahrnehmung in Richtung des Gedankenguts der Taliban und die zunehmende Einschränkung bürgerlicher Freiheiten, insbesondere von Menschen, deren Verhalten nicht den Vorstellungen der radikalen Islamisten entspricht, gemeint.

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Taliban aus Bevölkerungssicht

Nach wiederholten massiven Verletzungen des so genannten „Peace Deals“, nach der Ankündigung des Verhandlungsführers für Swat, die Scharia in ganz Pakistan einführen zu wollen, nach fortwährenden Angriffen auf pakistanische Sicherheitskräfte und dem gewaltsamen Übergreifen der Taliban auf die benachbarten Bezirke Buner und Dir, entschied sich die Regierung Ende April, auch nach amerikanischem Druck, zum militärischen Eingreifen. Nach heftigen Gefechten zunächst in Buner und Dir, seit Anfang Mai auch in Swat, waren einen Monat später ca. zweieinhalb Millionen Menschen auf der Flucht. Bereits zuvor kam es zu ca. 400.000 Binnenflüchtlingen, die vor den Kämpfen geflohen oder nicht gewillt waren, sich den Regeln der Taliban unterzuordnen. Angesichts der plakativen Außenwahrnehmung von Pakistan als dem „gefährlichsten Land der Welt“, auch in Anbetracht der „islamischen Atombombe“, der bis vor kurzem geringen diesbezüglichen Aktivität der pakistanischen Regierung und dem kaum wahrnehmbaren Aufbegehren der pakistanischen Bevölkerung gegen die zunehmende Bedrohung, stellt sich die Frage, wie das Vordringen der Taliban von der Bevölkerung selbst eingeschätzt wird. Hierbei wird unterstellt, dass sich die Taliban nur dann durchsetzen können, wenn sie ausreichend Zustimmung erhalten. Stichprobenartig wurden verschiedenste Bürger des Landes zu ihrer Einschätzung zum Vordringen der Taliban befragt. Diese Untersuchung geschieht in der Absicht, sich den Auffassungen in diesem Land anzunähern und auf diesem Wege dazu beizutragen, adäquatere Maßnahmen aufzeigen zu können, die nicht über die Köpfe der Menschen hinweg durchgesetzt und somit weitgehend auf Ablehnung stoßen, womit sich die Problemlage in Pakistan nur weiter verschärfen dürfte. In Abgrenzung zu quantitativen Studien stehen hier komplexere Vorstellungen der Befragten zu Ursachen und möglicher Abhilfe im Vordergrund. Quantitative Studien geben zwar ein Stimmungsbild wieder, können aber zumeist die Hintergründe nicht ausreichend abbilden. Dem nicht Landeskundigen geben sie i. d. R. ein verzerrtes Bild wieder. Einer Skizzierung der politischen Entwicklungen in April und Mai 2009, die den pakistanischen
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Taliban aus Sicht der Bevölkerung

Tageszeitungen Dawn, The Nation und The News entnommen sind2, folgen die Meinungen meiner Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner. Aufgrund der Fallzahl von 15 qualitativen Leitfaden-Interviews lassen sich kaum verallgemeinerbare Schlussfolgerungen ziehen. Vielmehr wird die Breite des Meinungsspektrums aufgezeigt. Anschließend erfolgen Synopsis und Schlussbetrachtung.

Die Entwicklungen im Frühjahr 2009
Die Anschläge sind nicht mehr auf den Nordwesten Pakistans, Peshawar und auf die Grenzregionen zu Afghanistan beschränkt, sondern die großen Städte im Punjab, Lahore, Rawalpindi, Islamabad, Chakwal sind ebenfalls betroffen. In Peshawar sind Geiselnahmen, 45 allein in März und April, eine bewährte Einkommensquelle der Taliban. Der Handel dort ist um 80 % eingebrochen. Die regelmäßigen Anschläge auf Einrichtungen der NATO in und um Peshawar sind bekannt.3 Im April bestand von Seiten der Taliban die offene Drohung, Islamabad einzunehmen. Auch in Multan und Dera Ghazi Khan gewinnen die Militanten Boden, Ideologen sprechen zu großen Menschenmengen, andere werden eingeschüchtert. Sollte es keine entscheidenden Maßnahmen der Regierung geben, werde es in den verarmten Regionen des Punjab zu vergleichbaren Entwicklungen wie in Swat kommen.4 Am 16. April wurde Maulana Abdul Aziz, der radikale Prediger der Roten Moschee, der nach dem Aufstand 2007 verhaftet werden konnte, auf Kaution auf freien Fuß gesetzt. Umgehend rief er in Islamabad vor Tausenden von Anhängern zur Durchsetzung des „islamischen Gesetzes“ in ganz Pakistan auf. Der Aufstand in der Roten Moschee und die Belagerung werden als Wendepunkt von Pakistans Abgleiten in den Extremismus gesehen.5
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Einzig die Informationen zu Swat als geographische Einheit entstammen anderen Quellen. vgl. Peshawar: Between barricades and barbed wires; Dawn, 27.4.2009. vgl. Allied militants threaten Punjab: NY Times, The News, 14.4.2009. vgl. Maulana Abdul Aziz back preaching at Red Mosque, Dawn, 17.4.2009.

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Entwicklungen 2009

Mit dem „Friedensabkommen“ für Swat hat sich Pakistan im Februar 2009 einen Platz auch in den internationalen Schlagzeilen verschafft. Die Region Malakand in NWFP (North Western Frontier Province) umfasst mit ihren sechs Distrikten auch Swat.6 In Swat leben etwa 1,8 Millionen Menschen7, es gibt wertvolle Smaragdminen und Forstwirtschaft bringt reiche Erträge. Zudem gibt es auch in Swat ausgeprägte Machtstrukturen, die weite Teile der Bevölkerung marginalisieren.8 Am 16. Februar 2009 schloss die mehr oder minder säkulare ANP (Awami National Party, Nationale Volkspartei9) aus einer Position der Schwäche nach eineinhalb Jahren heftiger Kämpfe das „Friedensabkommen“ mit der TNSM (Tehrik-e Nifaz-e Shariat Muhammadi, Bewegung der muhammadanischen Scharia-Ordnung, mit Maulana Sufi Mohammad an der Spitze).10 Bekämpft hatten sich in Swat zuvor pakistanisches Militär und TTP (Tehrik-e Taliban Pakistan, Bewegung der Taliban Pakistans, in Swat unter Maulana Fazlullah, dem Schwiegersohn von Maulana Sufi Mohammad. Die TTP Swats untersteht wiederum Baitullah Mehsud, der für zahlreiche verheerende Anschläge in jüngerer Zeit verantwortlich ist; am 6.8.2009 soll er durch eine amerikanische Drohne getötet worden sein). Zuvor musste die ANP feststellen, dass das etwa 18
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Vgl. Inam-ur-Rahim and Alain Viaro: Swat: An Afghan Society in Pakistan. Urbanisation and Change in a Tribal Environment, City Press, Karachi 2002, S. 2 und Fussnote 6: The Swat Valley lies almost entirely in Malakand Division. It includes Swat, Malakand, Shangla, Buner, Dir and Chitral. Vgl. Irin, Humanitarian News and Analysis: Pakistan: Origins of Violence in the Swat Valley; irinnews.org/Report.aspx?ReportId=83105. Taliban Exploit Class Rifts in Pakistan, Jane Perlez and Pir Zubair Shah, NYT online, 17.4.2009. Die Partei mit starker Basis unter den Paschtunen formierte sich 1986 aus dem Zusammenschluss einiger linker Parteien. Sie wird geführt von Asfandyar Wali Khan, dem Sohn des ersten Partei-Präsidenten Khan Abdul Wali Khan und Enkel von Abdul Gaffar Khan. Ghaffar Khan ist bekannt als ‚Frontier Gandhi’ durch seine enge Zusammenarbeit mit Mahatma Gandhi und seiner Gegnerschaft zu der Erschaffung Pakistans. Vgl. www.cfr.org7publication/147, letzte Sichtung am 15.4.2009. Die ANP stellt seit dem 3.4.2008 die Regierung in NWFP. Sie löste die “hardliner religious alliance” MMA (Muttahida Majlis Amal) ab, die 2002 nach dem Einmarsch der Amerikaner in Afghanistan 2001 an die Macht kam.Die ANP versprach Frieden nach Jahren der Militanz. Die ANP gewann 2008 30 Sitze und formte eine Koalitionsregierung mit der PPP. 5

Taliban aus Sicht der Bevölkerung

Monate andauernde Vorgehen der Armee gegen die Taliban kaum zu Erfolgen geführt hatte. Die ANP hatte zuvor einige ihrer führenden Köpfe verloren.11 Die Kämpfe hatten mehrere hundert Tote gefordert.12 Das Abkommen über die Einführung der Scharia (nizam-i adl, gerechte Ordnung) in Swat musste vom pakistanischen Präsidenten unterzeichnet werden. Am 13. April 2009 stimmte das Parlament ohne nennenswerte Debatte dem Abkommen zu. Nur die MQM (Muttahida Qaumi Movement, Vereinte Nationalbewegung13), stimmte dagegen. Zwei Tage später behauptete TNSM-Chef Sufi Mohammad, dass die Nizam-i-Adl-Regulierung die Militanten, angeklagt wegen brutaler Tötungen, vor Verfolgung schützt. Maulana Fazlullah könne von der Bevölkerung nicht angeklagt werden. „We intend to bury the past.“, ließ Wajid Ali Khan, der Sprecher, verlauten. Kurz darauf tat Sufi Mohammad zudem kund, dass Demokratie ein System der Ungläubigen sei und gegen den Geist des Islam verstoße. Das pakistanische Rechtssystem sei unislamisch, daher solle die Scharia in ganz Pakistan gelten.14 Die Zustimmung des Parlaments zum Friedensabkommen erfolgte, obwohl die Taliban am Tag vor der Abstimmung auch in Buner, strategisch günstig gelegen und mit mehr als einer halben Million Einwohnern, ebenfalls im Malakand Distrikt, eingefallen waren. Führende politische Köpfe, die den Widerstand organisiert hatten, wurden gezwungen, die Region zu verlassen. Die Polizei blieb in ihren Unterkünften. Die Taliban errichteten Kontrollpunkte und patrouillierten auf den Straßen. Insbesondere Jugendliche wurden aufgefordert, sich an der Durchsetzung der Scharia zu beteiligen.15
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Vgl. More of the same?, Murtaza Razvi, Dawn Islamabad, Print, 15.4.2009. Vgl. Thousands rally for peace in Buner, Dawn.com, 26.4.2009. Die MQM vertritt vor allem die Muhajirs, sie verfügt über eine starke Basis im urbanen Sindh. Supreme, high courts un-Islamic, says Sufi; Ibrahim Khankhel, The Nation, online, 20.4.2009. Vgl. Buner falls to Swat Taliban, Abdul Rehman Abid, Dawn.com, 22.4.2009, und Buner now under Taliban, Mushtaq Yuzufzai (Sultanwas, Buner), The News, Print, 21.4.2009.

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Entwicklungen 2009

Nachdem die Taliban wiederholt gegen die Vereinbarungen des Friedensabkommens verstoßen, auf benachbarte Provinzen übergegriffen und Sicherheitskräfte angegriffen hatten16 und auf Druck der USA17 – startete das Militär am 25. April eine Operation gegen die Militanten in Lower Dir, die zu heftigen Gefechten mit den Taliban führte. Die Taliban drohten mit Anschlägen, sofern die Militäroperation nicht eingestellt wird. Die Regierung würde das Friedensabkommen von Swat verletzen. Die Jamaate Islami (bedeutendste islamistische Partei Pakistans) rief zur Demonstration gegen die Militäroperation auf, hunderte Menschen schlossen sich an.18 Auch in Buner demonstrierten Tausende für Frieden – gegen die Offensive des Militärs. Auch nachdem deutlich geworden war, dass sich TNSM und TTP nicht an die Vereinbarungen hielten, die Militanten in weitere Gebiete vordrangen und das Militär gegen sie vorging, verhandelte die ANP weiter mit ihnen, um das „Friedensabkommen“ umzusetzen. Während dieser Vorgänge präsentierten mehrere hochrangige Politiker „Beweise“ für die Involvierung von diversen ausländischen Mächten in die terroristischen Aktivitäten – mit den unterschiedlichsten Begründungen.19 Liaqat Baloch von der Jamaat-e Islami behauptete, dass das Vorgehen der pakistanischen Armee auf eine Verschwörung der USA zurückzuführen sei, um das nukleare Arsenal Pakistans zu zerstören.20 Unter dem Vorwand, dass die Errichtung eines dar ul-qaza (islamisches Berufungsgericht) durch die Regierung nicht abgesprochen sei, kündigten TTP und TNSM das Abkommen auf und teilten mit, dass nun Sicherheitskräfte angegriffen würden. Am 5. Mai übernahmen die Taliban in Mingora
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Vgl. Govt mulls over operation against Taliban, Delawar Jain, The News, online, 24.4.2009. Vgl. Setting things right, Edit, The Nation, 24.4.2009. Vgl. Government starts military offensive against Taliban, Haleem Asad, Dawn.com, 26.4.2009. Rehman Malik presents ‘proof of Indian hand in unrest’, Islamabad, Dawn.com, 24.4.2009; Intellectuals see conspiracy behind trouble in NWFP, Fata, Daud Khattak, The News, 20.4.2009. United States creating chaos in Pakistan, says Baloch, correspondent, The News, 4.5.2009. 7

Taliban aus Sicht der Bevölkerung

(Swat) nach Kämpfen mit Sicherheitskräften Regierungseinrichtungen.21 Die Evakuierung der Bevölkerung einiger Gebiete Swats, in denen eine größere Militäroperation vorgesehen ist, wurde angekündigt. Am 6. Mai griff das Militär auch in Swat ein. Derweil bat der pakistanische Präsident Asif Ali Zardari in Washington um mehr amerikanische Hilfe im Kampf gegen den Terror, wies amerikanische Truppen auf pakistanischem Boden zurück und verwies hinsichtlich mangelnder Reformen in Pakistan auf das Verschulden seines Vorgängers Pervez Musharraf.22 Die politischen Parteien waren Anfang Mai über das Vorgehen nach wie vor nicht einer Meinung. Während die PPP bereit war, militärisch gegen die Taliban vorzugehen, konnte sich die PML-N (Pakistan Muslim League– Nawaz) erst eine Woche später zu einer Zustimmung durchringen, protestierte aber gleichzeitig gegen den Einsatz von Drohnen über pakistanischem Hoheitsgebiet.23 Nach dem demonstrativen Verlassen des Parlaments durch den Koalitionspartner JUI-F (Jamiat-e Ulema Islam) kündigt Premierminister Yousuf Raza Gilani eine All-Parteien-Konferenz an.24 Laut Gilani müsse der Krieg gegen die Taliban so lange fortgeführt werden, bis diese kapitulierten. Zur Begründung für das militärische Vorgehen führte er an, dass die ‚Rebellen’ die Verfassung, das demokratische System, die Richterschaft und die Anweisungen der Regierung in Frage stellten und Gesetzeshüter als Geiseln nähmen. Dies seien Terroristen, die keine Religion hätten und das Land in Beschlag nehmen wollten. Das militärische Vorgehen sei keine permanente Lösung und kündigte eine „Exit-Strategie“ an.25 Am selben Tag wurde erneut ein Anschlag verübt; die TTP übernahm die

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Militants take over executive offices in Swat, Correspondent, The News, Print, Front page, 6.5.2009. President Zardari dismisses militant’s threat to Pakistan, The News online , 6.5.2009. Uniting to fight extremism, Dawn.com Editorial, 6.5.2009; Gilani agrees to convene all-parties conference, Raja Ashgar, Dawn.com, 12.5.2009. Fazl turns his back on govt, correspondent, The News, Print, 12.5.2009; PM to convene APC on national security, Asim Yasin und Muhammad Anis, The News, Print, 12.5.2009. Gilani agrees to convene all-parties conference, Raja Ashgar, Dawn.com, 12.5.2009.

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Entwicklungen 2009

Verantwortung und bezeichnete dies als Reaktion auf die Militäroperation in Swat und in anderen Landesteilen.26 Zardari ließ derweil aus den USA verlauten, dass dieser „Krebs“ 1979 im Kampf gegen die Sowjetunion geschaffen wurde und dass es die gemeinsame Aufgabe aller Demokratien sei, dagegen vorzugehen.27 Gilani teilte mit, dass die gegenwärtige Operation gegen die Taliban gewonnen werden müsse, falls nicht, sei das Land verloren.28 Die Militäroperation sei nur der Beginn eines umfassenderen Krieges, der nach Waziristan ausgedehnt würde, so Zardari am 18. Mai aus London. Dass die Operation zwei Tage nach seinem Gespräch mit US-Präsident Obama begann, bezeichnete er als Zufall. Gleichzeitig bat er um mehr Hilfe, sowohl fürs Militär als auch für die Flüchtlinge, die Herzen der Menschen müssten gewonnen werden, und dies ginge nur, wenn sie in die Zivilgesellschaft zurückgeholt, ihrer Häuser wieder aufgebaut, und ihnen zinslose Kredite zur Verfügung gestellt werden. Sollte dies nicht erreicht werden, seien bisherige Erfolge hinfällig, da diese sich von der Regierung abwenden würden.29 Am 18. Mai unterstützte die All-Parteien-Konferenz „einstimmig“ die Militäroperation rah-e rast (rechter Weg; diejenigen zurückholen, die vom rechten Weg abgekommen sind) der Regierung gegen „den Aufstand“ in Swat und Malakand.30 Tags darauf war zu lesen, dass keineswegs alle Parteien zugestimmt hatten. Einige Oppositionsparteien taten kund, dass die PPP Regierung die Nation irreführen würde und warnten vor dem blinden Folgen der US-Agenda.31 Am Tag der All-Parteien-Konferenz wurde eine neue Phase der Militäroperation eingeleitet, Sicherheitskräfte starten
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11 die in suicide blast outside FC camp, Javed Aziz Khan, The News, Print, 12.5.2009. Pakistan will not collapse: Zardari, The Nation, Print, 11.5.2009. Win we must, win we shall: Gilani, The News, Print front page, 15.5.2009. Swat operation start of a larger war, says Zardari, The News, London, 18.5.2009. Nation speaks with one voice: crush ‘em!, Asim Yasin, The News Islamabad, Print, 19.5.2009. Vgl. JI, PTI, JAH unhappy over military operation in Swat, by Asim Hussein, The News online, 20.5.2009; die Abkürzungen stehen für die Parteien Jamaat-e Islami, Pakistan Tehrik-e Insaf und Jamiat Ahl-e Hadith. 9

Taliban aus Sicht der Bevölkerung

eine Bodenoffensive in den Städten. Schwere Waffen würden nicht eingesetzt und ausschließlich präzise Angriffe durchgeführt, so der Militärsprecher.32 Bisher getötete seien „low level Taliban fighters“. Zudem sei eine Untersuchung gestartet worden bezüglich der Tötung von Armee-Offizieren durch die Taliban, die vermutlich auf die Zusammenarbeit von „some officials“ mit den Taliban zurückzuführen sind.33 Am 21. Mai melden die Vereinten Nationen 1,5 Millionen Binnenflüchtlinge seit Beginn der Militäroperation.34 Insgesamt wurden am gleichen Tag 224 Millionen USD von internationalen Gebern auf der Konferenz zugesagt. Sollte es Probleme bei der Hilfe geben, könnten die Taliban dies ausnutzen, so Gilani.35 Anfang Juni gab es keine überprüfbaren Informationen aus den Kriegsgebieten, die Zahlenangaben über getötete Taliban, ca. 1.500, stammen von der Armee, zivile Opfer werden allenfalls sporadisch erwähnt. Es ist anzunehmen, dass es sich bei der Zahl der getöteten Taliban überwiegend um neu rekrutierte Kämpfer handelt. Einige wenige höherrangige wurden in den Medien namentlich genannt.

Meinungen aus der Bevölkerung
Die Aussage, dass Pakistan im April 2009 vor gravierenden Problemen steht, wurde von meinen Gesprächspartner/innen zum Teil bestritten. Auch über die Ursachen, die dem Land eine Lage beschert haben, in der sich kaum jemand mehr sicher fühlen kann, gibt es demnach eine ganze Reihe von Meinungen. Um sich diesen anzunähern wurden offene, qualitative Leitfaden-Interviews geführt, die je nach Gesprächspartner/in fünfzehn
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Bei vorangegangenen Kämpfen in Swat wurden vor allem schwere Waffen eingesetzt, was zu einem großen Ausmaß an Zerstörung führte, den Taliban aber kaum Schaden zufügte. Der Zustimmung der Bevölkerung zum militärischen Vorgehen war dies ausgesprochen abträglich. Battles in streets of Swat cities and towns, Iftikhar A. Khan, Dawn Print, Front Page, 19.5.2009. Facts about IDPs, The Nation, Front Page, 22.5.2009. Donors pledge USD224m for IDPs, Haq Nawaz, The Nation, Front Page, 22.5.2009.

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Ansichten über Vordringen

Minuten bis dreieinhalb Stunden in Anspruch nahmen. Neun der Gesprächspartner stammen aus dem Raum Islamabad, sechs aus anderen Regionen Pakistans. Die Interviews wurden in der Mehrzahl auf Englisch geführt, drei auf Urdu.36 Die Aussagen wurden durch Mitschriften festgehalten und unmittelbar im Anschluss ausformuliert niedergeschrieben.37 Daher handelt es sich bei den Aussagen nicht unbedingt um Zitate, sondern i. d. R. um sinngemäße Wiedergabe. Wiedergegeben werden die Kernaussagen, die zum Teil stark zusammengefasst wurden. Mehrfachaussagen wurden aus Platzgründen weitgehend gestrichen, so dass sich anhand der hier dargestellten Ausführung kein Gesamtbild der Aussagen einer Person ableiten lässt. Daher wurden die Gesprächspartner - mit einer Ausnahme - anonymisiert. Eine Liste mit Informationen zu den Gesprächspartnern findet sich im Anhang.38

Was denken Sie bezüglich des Vordringens der Taliban?
Es hätte viel früher für Ordnung in Swat gesorgt werden müssen. Vor zwei bis drei Jahren hätte man gezielt gegen die Extremisten vorgehen sollen. (1) l Die Taliban sind nicht gut. Die Regierung muss etwas unternehmen. (2) l Was ist das Problem? Die Menschen in Swat sind konservativ, sie haben sich schon immer verhüllt. Die Taliban können nicht nach Islamabad kommen. Die Menschen in Swat und Buner sind ungel
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Die Übersetzungen wurden von der Verfasserin dieser Studie vorgenommen. Es wurden keine Tonbandaufzeichnungen vorgenommen, da sich die Interviewpartner weniger frei gefühlt hätten. Dort sind 19 Personen aufgelistet, neben den 15 Interviews wurden einige Aussagen von Personen notiert, die nicht explizit interviewt wurden. Dies sind die Nummern 10, 15, 16 und 19. Bei den Aussagen von Pir Zubair Shah, Korrespondent der New York Times in Islamabad, sind Textfragmente seines Artikels „Taliban exploit class rifts in Pakistan“ vom 17.4.2009 (gemeinsam verfasst mit Jane Perlez) miteinbezogen worden, da der Artikel als Gesprächsgrundlage diente. 11

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bildet, die in Islamabad aber nicht, die Probleme gibt es nur in den Grenzgebieten. Im Punjab, im Sindh usw. gibt es diese Probleme nicht. An anderen Orten der Welt gibt es ebenfalls Anschläge, z.B. in Indien und in Europa. Die meisten Anschläge durch Selbstmordattentäter finden z. Zt. im Irak statt [nicht in Pakistan]. (3) Es ist gefährlich geworden im Lande. […] Es ist sehr häufig so, dass neu aufkommende Bewegungen zunächst für terroristisch gehalten werden, aber später gelten sie als Freiheitskämpfer und Reformer. […] Die Radikalisierung im Zusammenhang mit der Roten Moschee ist nicht in Ordnung, es wird behauptet, dass sie mit den Taliban zu tun hat. Man hätte Aziz nicht so groß werden lassen sollen. […] Die Amerikaner wollen die Instabilität und die Kämpfe aufrechterhalten. Letztlich geht es um Rohstoffe wie Öl und Gas in Zentralasien, die Macht der Medien und um Technologie. Sollen die Araber dafür büßen? (4) Ich weiß nicht genau, warum es bei uns Terror gibt, aber wenn jemand meine Familie tötet, werde ich denjenigen ebenfalls töten. (5) Wir wollen in Frieden miteinander leben. Mit allen, auch mit Anhängern anderer Religionen. Islam und Christentum sind nicht weit von einander entfernt. Es gibt kaum gravierende Unterschiede. Die ganze Welt denkt, der Islam ist schlecht. (6) Was wir momentan sehen, ist eine Revolution, die vor sich geht. Die Menschen können ihre Grundbedürfnisse nicht erfüllen, weder Gesundheit noch Bildung, politische Teilhabe, Recht usw. (7) Was in diesem Land vor sich geht, ist der Ablauf eines umfangreichen Scripts, das im Pentagon verfasst wurde. Wir sind lediglich die Figuren auf dem Spielfeld der Amerikaner. (8)

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Ursachen des Erstarkens

Welches sind die Ursachen für das Erstarken der Taliban?
Die Ursachen sind sehr vielschichtig, vieles steht im Zusammenhang mit der Perspektivlosigkeit der Jugendlichen und deren Empfänglichkeit für Ideologien jeglicher Art. Madrassas und Gehirnwäsche spielen eine wichtige Rolle. Nicht zu unterschätzen ist die Rolle der internationalen Politik, die romantische Vorstellung von der internationalen muslimischen Gemeinschaft und die Möglichkeit sich über den Palästina-Konflikt zu vereinen. Eine Ursache dafür ist sicherlich auch die nicht allzu faire Behandlung muslimischer Gemeinschaften durch nationale wie internationale Akteure. […] (1) l Ich habe nie demonstriert, nach der Schule musste ich anfangen zu arbeiten. Ich habe Familie. In den Dörfern gibt es Probleme mit der Elektrizität. (2) l In Pakistan fragt man nicht ständig nach dem ‚warum’. […] Wenn die Regierung anstelle des Geldes der Amerikaner von jedem Pakistani einen Beitrag zur Sicherung des Landes erbitten würde, hätten wir diese Probleme nicht. (10) l Die Demokratie ist noch nicht stabil. Das System stammt noch von den Kolonialherren. Die jeweiligen Machthaber, Demokraten wie Militär, haben es zu ihren Gunsten ausgebaut. Die pakistanische Regierung wird als pro-westlich angesehen. […] Etwa 80% der Pakistanis sind für die Demokratie. Die Menschen wollten in Frieden leben. Aber es gibt keine Rechtsstaatlichkeit in Pakistan. Bei Rechtsstreitigkeiten dauert es z. T. über zehn Jahre, bis die Gerichte sich dem Fall annehmen. Insofern ist die Einführung der Scharia nachvollziehbar. […] Das Schicksal der Völker liegt in ihren eigenen Händen. Viele Pakistanis betrachten die Amerikaner als Besatzungsmacht. Und die Wahrnehmung der Menschen ist wichtig. […] Die Situation an beiden Grenzen Pakistans ist Besorgnis erregend. Wenn die Amerikaner nichts für die Sicherheit der pakistanischen Bevölkerung tun, versuchen die Menschen selbst,
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Lösungen zu finden. […] Vielleicht findet dies alles nur statt, um von Palästina abzulenken. Israel hat eigene Interessen, ich sage dies, ohne mit dem Finger auf sie zu zeigen. Die Weltgemeinschaft konzentriert sich auf die bösen Buben, auf den Terror. […] Das Problem [bezüglich der Roten Moschee] ist allerdings, dass zuvor zwei, drei Moscheen in Islamabad für den Straßenbau abgerissen worden sind, was zur Radikalisierung geführt hat. Katastrophal war die Vorgehensweise der Sicherheitskräfte, es wurden Phosphorbomben geworfen, schon die Herstellung ist verboten, sie dann aber auch noch anzuwenden, dies ist absolut inhuman. Musharraf hat die Anzahl der Toten klein geredet, es waren wesentlich mehr. Bedenken Sie, im Islam ist es so, wenn ein Moslem getötet wird, stirbt die ganze Menschheit. (4) l Die Demokratie in Pakistan funktioniert nicht. Bei uns gibt es keine Gerechtigkeit. Bei uns gibt es so viel Korruption. Und viele Menschen sind arm, das ist vielleicht das größte Problem. Es gibt bei uns Regeln, aber die sind nur dazu da, den armen Menschen Probleme zu machen, für die oberen gelten sie nicht. (5) l Sind die Taliban vielleicht ein Werk der Geheimdienste? Ich glaube, es geht um Geld. Je mehr Unruhe und je mehr Taliban, desto mehr Geld bekommt Pakistans Regierung und die Armee von den Amerikanern. Aber wer weiß das schon. Pakistan hat Feinde. Es gibt das Kaschmir- Problem. Wir wissen auch nicht, was wir denken sollen. (6) l 1947 war Swat vergleichsweise weit entwickelt, liberal, Bildung war sehr wichtig, auch für Frauen, die Menschen trugen westliche Kleidung. Es herrschte ‚rule of law’, es gab ‚speedy justice’. Die Region war für Rechtstaatlichkeit und Rechtssprechung selbst verantwortlich. Diese erfolgte nach öffentlicher Beratung durch den König auf der Basis von Koran and Scharia und war für alle akzeptabel. Es gab drei Tage zur Beweiserbringung. Später, nach 1969 unter der pakistanischen Administration und PATA [Provincially Administered Tribal Areas] gab es keine Gerechtigkeit mehr […] Zudem errichteten die Amerikaner Trainingslager gegen die Russen
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Ursachen des Erstarkens

in Swat, an der Grenze zu Dir und Bajaur. Auch um 1990 war Swat sehr liberal, es gab Tourismus, die Menschen wollten die Scharia nicht, Swat war sicher. Es begann in den frühen 1990ern mit Sufi Muhammad in Dir. Die Menschen waren mit seiner Bewegung nicht einverstanden. In Upper Swat kam es zu blutigen Zusammenstößen, Land wurde übernommen, es gab keine Polizeipräsenz, Straßen wurden gesperrt und Islam propagiert. Die Menschen in Upper Swat waren nicht so gebildet, sie sind gerne Farmer und gehen nicht so gern zur Schule. Das Problem der Rechtsstaatlichkeit wurde nach wie vor nicht angegangen. […]Wir dachten ‚speedy justice’ wäre eine gute Sache. […] Vor 18 Monaten [Spätsommer 2007] war es nahezu ausschließlich der Fehler der Administration, dass die Kämpfe in Swat begannen und seitdem ist die Situation in Swat eine Katastrophe. Die Verwaltung arbeitete nicht, in der Zeit konnte Fazlullah, der zu der Zeit kaum über fünf Leute verfügte, in aller Ruhe seine Gefolgschaft aufbauen. Er startete sein Mullah Radio und versprach den Bauern, dass diese ihr zuvor geraubtes Land zurückbekommen sollten. Die Menschen unterstützten ihn, die Regierung tat trotz zahlreicher Hinweise nichts. Während der ersten Operation war die Mehrheit die Swatis auf Seiten der Armee. Später verlor die Armee gegen die Taliban. […] Es gibt Elemente in der Armee, die nicht gegen die Taliban vorgehen wollen. […] Die einflussreichen Khans aus Swat sind überall zu finden, im Militärhauptquartier in Rawalpindi und in der Regierung. Die Medien und der Premierminister stehen im Kontakt mit ihnen, niemand kann sich gegen sie wehren. Die Taliban aber schlugen die Khans in Swat, die sich im Februar 2008 nicht einig waren. Die Menschen bekamen Angst. Die ANP propagierte Frieden, Förderung der Paschtunen und das Vorgehen gegen Terroristen. Die ANP gab Tickets an die Khans. Die Partei wurde von den Sowjets finanziert. Paschtunen wurden durch Unterstützung der ANP an den russischen Hochschulen zugelassen. An anderen Hochschulen in Pakistan werden sie zurückgewiesen. Es ist möglich, dass die ANP auch pro-Taliban ist. Punjabis und
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Lashkar-e Toiba waren ganz plötzlich da. Dies ist eine zuvor geplante Kampagne. Die Jihadis sind aber auch Zias Werk. […] Die PPP braucht jetzt das internationale Geld. „They wouldn’t be able to run the country“. […] Und wenn Musharraf das Geld in Entwicklung investiert hätte, wäre es anders gekommen. (11) l Die Taliban waren in der Lage, weit nach Pakistan einzudringen, da sie existierende tiefe Risse zwischen einer kleinen Gruppe reicher Grundeigentümer und ihren landlosen Pächtern instrumentalisieren konnten. […] Die Taliban erlangten die Kontrolle, indem sie etwa vier Dutzend Grundeigentümer, die die größte Macht innehatten, aus Swat vertrieben. Zu diesem Zweck machten sie aus Bauern bewaffnete Gangs, die zu Stoßtruppen der Taliban wurden. Die Bauern erhielten einen Anteil der Beute und eine Belohnung für jeden geflohenen Landlord. Die Bevölkerung war höchst frustriert mit ihrer laxen und korrupten Regierung. […] Das Hauptziel der Militanten sei der bevölkerungsreiche Punjab. Auch dort besteht die Möglichkeit eines ebensolchen sozialen Aufstands. [… ] Die sunnitischen Militanten verbieten nicht nur Musik und Schulbildung, sondern sie versprechen islamische Rechtssprechung, eine effektive Regierung und ökonomische Neuverteilung. […] Sie nutzten die Verbitterung der besitzlosen Pächter aus, vielen von ihnen warteten seit langen darauf, dass ihre Klagen gegen ihre Grundeigentümer vor den langsamen und korrupten Gerichten behandelt würden. […] Die Bauern wurden angeregt, Obstbäume zu fällen und das Holz zu ihrem eigenen Profit zu verkaufen. Die Pacht ging nicht mehr an die vertriebenen Eigentümer, sondern an die Taliban. Die Smaragdminen werden nun von den Taliban betrieben. (7.1) l Etwa 700.000 Paschtunen wurden für den Kampf gegen Indien in Kaschmir ausgebildet. Das Feindbild Indien ist tief in den Köpfen, dies gilt sowohl für das Militär als auch für die Bevölkerung. Das Militär ist auf Indien als Feind gedrillt und hat ebenso verinnerlicht, von Afghanistan bedroht zu werden. Plötzlich soll es nun einen anderen Feind geben, einen, der zuvor von Pakistan gefördert
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Ursachen des Erstarkens

wurde. Daher gibt es einen Mangel an Willen, gegen die Taliban vorzugehen. […] Musharrafs Zeit war ein komplettes Desaster. Er spielte das Doppelspiel, er wollte seine Leute ruhig stellen. Zudem hat er Geld für die Reformen der Madrassas bekommen, es aber nicht dafür verwendet. Inzwischen ist das Thema nicht mehr auf der Tagesordnung, die Chance ist vertan und die Situation hat sich zugespitzt. Das Vorgehen im Zusammenhang mit der Roten Moschee brachte den Wendepunkt, daher ist es mittlerweile nahezu unmöglich gegen Organisationen wie Lashkar-e Toiba vorzugehen. […] Letztlich ist das ganze System das Problem, es hat keine Reformen gegeben, die Scharia steht in der Verfassung, die Menschen denken, es ist legitim, ihre Umsetzung einzufordern. Und sie müssen feststellen, dass die einzigen, auf die man sich in Pakistan verlassen kann, die Taliban sind. Die Jamaat-e Islami Leute waren die ersten, die Relief Camps errichteten. Die Regierung muss jetzt bei ihnen anklopfen. […] Die Jamaat-e Islami diskriminiert noch immer Paschtunen. […] Die Paschtunen halten zusammen. In Karachi gibt es mittlerweile in jeder Familie einen Talib, auch ich habe einige in der Familie. […] Ich wurde [im Sommer 2008] von den Taliban freigelassen, weil ich entsprechende Kontakte hatte. […] Das pakistanische Bildungssystem mitsamt seinen Inhalten ist problematisch. Ich habe erst sehr lange nach meiner Schulzeit erfahren, dass 1965 nicht Indien den Krieg begonnen hat, sondern Pakistan. Ich weiß bis heute nicht, was die Pakistanische Nationalhymne in Farsi besagt, die ich als Kind singen musste. Die Kinder werden in Pakistan nicht in ihrer Muttersprache unterrichtet, sie lernen von vornherein Sprachen. Die Kinder lernen nicht verstehen und hinterfragen, sondern müssen auswendig lernen. Es ist Indoktrination statt Bildung. Die Urdu Schulbücher enthalten Bilder von weiblichen Mujahideen. Biologie-Bücher beginnen mit Koranversen zur ‚Schöpfung’, Wissenschaft und Evolution werden danach nicht mehr angenommen. Selbst Universitätsprofessoren, die sich mit anderen Wissenschaften befassen, haben ihre verzerrten Geschichtsauffassungen, die aus den pakistanischen Schul17

Taliban aus Sicht der Bevölkerung

büchern stammen, nie in Frage gestellt und sind noch heute der Meinung, dass die Geschichte ihres Landes mit Mohammad begann - zuvor war die Welt nicht existent. […] „Introspection is not very famous in this country“. Die Menschen fordern die Scharia ‚für uns’ aber nicht ‚für mich’. Diese Haltung ist auf vieles übertragbar. [… ] Offenbar sind viele Probleme auf eine fehlende pakistanische Identität zurückzuführen. (7) l Die Menschen in Swat haben keine politischen Rechte, die Frauen haben erst seit 1997 Wahlrecht, die Menschen dort werden völlig vernachlässigt, es gibt keinerlei Einrichtungen, weder für Gesundheit noch gibt es Schulen, es gibt dort nur Madrassahs! (8) l Punjabis dominierten die Regierungen, noch immer dominiert das Militär die Politik. Die ANP wurde vom Militär alleingelassen, das Establishment des Militärs steht auf der Seite der Taliban. […] Die Landbesitzer in NWFP haben zuvor verhindert, dass die Menschen Bildung erhalten. […] Das ist nicht das gleiche wie in Sindh, die Paschtunen sind ganz anders als die Sindhis, den Paschtunen kann man nichts vorschreiben. (12) l Die Amerikaner brauchen Pakistan als Puffer-Staat gegen China und Iran. Pakistan soll sich nicht entwickeln und abhängig bleiben, so dass die USA Pakistans Infrastruktur nutzen können. Das Verhältnis der Amerikaner zu China ist nur oberflächlich gut. Der amerikanische Markt ist mit chinesischen Produkten reichhaltig bestückt. Die pakistanische Regierung braucht das Geld der Amerikaner. […] Auch dieses Mal wird die Armee nicht erfolgreich sein, seit Zia ul-Haq ist die Armee von islamistischer Ideologie durchdrungen, die sind heute alle auf der Seite der Taliban. […] Entwicklung wird es in Pakistan nicht geben solange die Regierung weiterhin Gelder nur an Berater und Organisationen vergibt, die auf Geld und Fototermine aus sind, aber kaum über Sachkenntnis verfügen. Diese Berater verdienen 200–300 Dollar am Tag. Es entstehen teure Gutachten und 80% der ländlichen Bevölkerung verfügt weiterhin über kein sauberes Trinkwasser. (13)

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Ursachen des Erstarkens

Pakistan ist weitgehend feudal, Grundbesitzer, denen jeweils 10– 15 Dörfer gehören, haben kein Interesse daran, dass die Bewohner zur Schule gehen. Etwa 50% der pakistanischen Bevölkerung sind von den Geschehnissen und von der Politik im Land abgeschnitten. […] Die Lage in Pakistan ist nichts anderes ist als ein Wirtschaftskrieg gegen China, zu dem Pakistan gute Beziehungen pflegt. Offenbar will nahezu alle Welt verhindern, dass China seinen Markt in Pakistan ausbaut. […] Gegen Geld ist hier alles möglich ist, die amerikanische Botschaft ist bestechlich, Journalisten kann man mit Geld und mit Posten ködern. Auch Intellektuelle wie Ahmed Rashid und Rahimullah Yousoufzai sind bezahlbar. […] Vor einigen Tagen gab der Chief of Army Staff den Journalisten die Linie vor, was den Wechsel gebracht hat. 2007, während des Aufstands in der Roten Moschee, waren die Journalisten pro Taliban, die ebenfalls Muslime und Pakistanis sind. (14) l Die Inder haben es richtig gemacht, sie haben sich das Ihnen Eigene erhalten und die Welt freut sich darüber. […] Wir haben nichts mehr von dem, was uns ausgemacht hat. (15) l Unsere Wahlergebnisse stehen in dem amerikanischen Script geschrieben. Die letzten Parlamentswahlen sind nicht fair vonstatten gegangen, das wird den Menschen hier nur so verkauft. Tatsächlich wurde von ausländischen Kräften vorgegeben, wer die Wahlen gewinnt. [...] Unsere Politiker sind alle Gangster, die sich nur in die eigene Tasche wirtschaften. […] Einen großen Teil Ihrer Energie verwenden die Menschen darauf, ihren Kindern eine gute Ausbildung zu ermöglichen – im Ausland. Sie kümmern sich nicht mehr darum, was sie in diesem Land verändern können […] es bringt einfach nichts. […] Alles ist mit Korruption verbunden. Das war von Anfang an so, Jinnah war auch kein Demokrat. Die Idee von Pakistan wurde von vornherein nicht richtig umgesetzt. Es sollte ein islamisches Land werden, wir sollten islamische Gesetzgebung haben – nichts davon haben wir! Die Menschen entfernen sich von der Religion. Das ist nicht gut. […] Und die Armen haben keine Wahl, wenn nichts ohne Korruption geht, müssen auch diese
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Taliban aus Sicht der Bevölkerung

sich dem System unterwerfen. […] Die Paschtunen machen immer alles falsch herum. (9) l Pakistan braucht eine Identität. Religion hat sich mehr als ein trennender Faktor, denn als ein vereinender erwiesen. Was dieses Land braucht, ist Bildung. Die Menschen sollen aufhören, immer nur den anderen die Schuld für alles zu geben, so werden sie nichts ändern. […] Die Provinzen brauchen mehr Autonomie. Der Sicherheitsstaat verschlingt zu viele Ressourcen. Die Verfassung könnte das verbindende Element sein, aber dies ist ebenso von den führenden Kräften abhängig. […] Eine Verschwörungstheorie besagt, dass die Amerikaner Baitullah finanzieren, um die Instabilität aufrecht zu erhalten. […] [Haben sich die Pakistanis entschieden, in welcher Art von politischem System sie leben wollen?] Es kommt darauf an, als Musharraf übernommen hatte, war ein Großteil der Pakistanis froh. […] angesichts der Probleme war es nicht das Schlechteste, auch wenn es ein Militärherrscher war, der eine gewählte Regierung aus dem Amt beförderte. (17) l Es hat so lange gedauert, bis die Regierung sich zum Vorgehen gegen die Taliban entschieden hat, da es eine Koalitionsregierung ist und die Opposition sich gebärdet wie ein verrückter Hund. Zudem haben sie sich mit einer Medien Mafia zu arrangieren und die Parteien denken in erster Linie an sich selbst. Es ist keine Strategie, dass die Regierung in Swat so spät eingegriffen hat, auch nicht, um noch mehr Geld zu bekommen. Würde ich mir das Bein brechen, um Geld von meiner Versicherung zu bekommen? Nein - das geht zu weit. Die erste Operation in Swat war bizarr, jetzt ist es ganz anders. Bis 2001 gab es keine Terroristen in Pakistan oder Afghanistan. Jetzt gibt es tausende Taliban in Pakistan, wir haben sie kreiert, die USA haben die Blase platzen lassen. […] Pakistan basiert nicht auf Religion – dies wird aber immer propagiert. Muslime können zur Scharia nicht nein sagen, dies ist

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Wer sind die Taliban?

eine verdrehte Frage.39 Die Pakistanis sind grundsätzlich pragmatisch und diese Labels dienen gern zum Missbrauch. […] Islamisch motivierte Bewegungen werden seit den 1960er Jahren durch die USA unterstützt. […] es waren nie die intelligentesten, die Mullah geworden sind. […] Erst mit den Bomben 2001 wählten die Pakistanis religiös. (18)

Wer sind die Taliban?
Es ist möglich, Selbstmordattentäter zu kaufen. Einige Menschen verkaufen aus Armut und Verzweiflung ihr Leben. Gekauft werden sie von Leuten, die auf diese Weise sehr säkulare Probleme aus der Welt schaffen wollen. (1) l Die Taliban sorgen für Rechtsprechung. Die Taliban sprechen die Sprache der Menschen in Swat und in Buner. [Die Menschen haben die ANP gewählt und bekommen die Taliban] Das sind auch Paschtunen. Darüber, wie Auslegung und Anwendung der Scharia in Swat vonstatten geht, kann ich nichts sagen. Letztlich wird die Scharia in Swat nach den Gegebenheiten organisiert. […] Die Taliban und Al Qaida sind ein Produkt der Amerikaner. (4) l Die Taliban setzen nur das um, was sie selbst wollen. Sie bringen die Menschen um. Das ist Terror. Wenn die Regierung nichts unternimmt, dann sind wir verloren. (5) l Der Islam ist eine sehr friedliche Religion. Diese Dinge, die die Taliban propagieren, gibt es im Islam nicht. Sie haben dem Islam ein sehr schlechtes Image gegeben. (6) 

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Diese Aussage bezieht sich auf eine kürzlich erschienene quantitative Studie, in der gefragt wurde: „In the future, if the Taliban demand Sharia in other parts of Pakistan like Karachi, Multan, Quetta or Lahore for instance? Would you support their demand?” 56% antworteten mit “Yes”. Anhand dieser Frage lässt sich nicht ableiten, dass die Mehrzahl der Bevölkerung die Taliban unterstützt. Der Wunsch nach einem funktionierenden Rechtssystem kann ebenso ausschlaggebend sein. 21

Taliban aus Sicht der Bevölkerung

Fazlullah begann seine Aktivitäten 2004, es wurden Bücher zum Thema verfasst. Einer der Autoren war das erste Opfer der Taliban. […] Waffen- und Munitionshändler fälschten Unterlagen, um Fazlullah versorgen zu können. Fazlullah ist ziemlich ungebildet, er ist kein Alim [Gelehrter]. Das ist eine Vergewaltigung Pakistans im Namen des Islam! […] Sufi Mohammad war zu dieser Zeit im Gefängnis, die Menschen hatten Sympathien. Sufi Mohammad ist ein Relikt aus dem anti-sowjetischen Krieg. Es gibt Beweise dafür, dass Indien in die Munitionsversorgung für Fazlullah involviert ist. Als die Armee vor 18 Monaten in Swat eingriff, erschossen sie Usbeken, Inder usw. Lokale Kräfte waren nicht involviert und dies wurde der Bevölkerung dargelegt. […] Nach der Wahl griffen die Taliban die Polizei an. Es gab öffentliche Hinrichtungen, die Menschen waren total schockiert. Mit dieser Art von Angsterzeugung konnten die Taliban, zu der Zeit etwa 5000, die Region unter ihre Kontrolle bringen. […] Es gibt Stakeholder in Administration und Armee. […] Die Taliban sind Menschen ohne Kleidung und ohne Nahrung. Sie gingen in die Madrassas, das haben sowohl die Pakistanis als auch der Westen zu verantworten. (11) l Die Stoßkraft für den Aufstand wurde in den vergangenen zwei Jahren aufgebaut. Die Taliban wurden durch erfahrene Kämpfer mit Verbindungen zu Al Qaida verstärkt und bekämpften die pakistanische Armee bis zum Stillstand. Die Aufständischen zielten auf Machtzentren: auf die Landlords und auf die gewählten Repräsentanten, die in der Regel die gleichen Personen sind, und auf die unterbezahlte Polizei. […] Der junge militante Maulana Fazlullah konnte mit seinem Radiosender den Unmut der ‚Entrechteten’ weiter anstacheln. 2006 hatte Fazlullah seine zwielichtige Truppe zusammengestellt. Der Druck auf die Landlords war zunächst schleichend, z. T. wurden sie gezwungen, den Taliban Spenden zukommen lassen. Ende 2007 wurden Shujaat Ali Khan, der reichste Grundbesitzer, seine Brüder und sein Sohn, Jamal Nasir, der Bürgermeister von Swat, zum Ziel. […] Später veröffentlichten die Taliban Listen mit Namen Prominenter, die sich vor
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Wer sind die Taliban?

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den Taliban Gerichten zu verantworten hatten. Einer der treibenden Kräfte der neuen Ordnung war Ibn-e Amin, ein Taliban-Kommandeur aus Matta, der Region, aus der auch die Grundbesitzer stammten. Er wurde 2004 mit dem Verdacht verhaftet, dass er Verbindungen zu Al Qaida hat. 2006 kam er wieder auf freien Fuß. […] Seit dem erkämpften Waffenstillstand im Februar vertieften die Taliban ihre Strategie und machten deutlich, wer das sagen hat. In vielen Gegenden in Swat forderten die Taliban von jeder Familie einen Sohn, um ihn als Talibankämpfer auszubilden. (7.1) Inder werden auch bei den Taliban involviert sein, es wäre nur logisch, nachdem „wir“ auch die Möglichkeiten genutzt haben, in Indien Unruhe zu stiften. […] Punjabis sind mit von der Partie. [… ] Baitullah hat seine Hände mittlerweile in allen pakistanischen Städten. Früher hätte man gegen ihn vorgehen können. Er ist ein junger Kerl, vielleicht 35, seine Kommandeure sind um die 27 Jahre alt, sie haben nichts zu verlieren. […] (7) Das Abschlagen der Köpfe kommt von den Saudis. (13) Ich bin nicht der Meinung, dass die Scharia so implementiert werden soll, wie die Taliban das wollen. (9) Der COAS [Chief of Army Staff, General Ashfaq Pervez Kayani] hat zahlreiche Päckchen bekommen, mit herausgeschnittenen Augen und anderen Gliedmaßen von Offizieren, was dazu beigetragen hat, dass die Armee ihren Standpunkt bezüglich der Taliban geändert hat. […] Wenn man sich die Ausstattung der Taliban ansieht, muss es eine ausländische Kraft geben. China und Russland wollen verhindern, dass die Amerikaner ihren Einfluss in der Region ausweiten. (17) Dieser Jihad hat mit Islam nichts zu tun, es wird noch immer romantisiert, dass die Taliban die Scharia wollen. (18)

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Taliban aus Sicht der Bevölkerung

Was soll (gegen die Taliban) unternommen werden und wie soll sich das Ausland verhalten?
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Ich sehe kaum einen Ausweg, sondern die [islamistische und die westliche] „Welt“ gewaltsam aufeinander prallen. (1) Wenn die Regierung nichts tut, müssen die Menschen auf die Strasse gehen, so wie beim Lawyers March. Sie waren erfolgreich. (2) Man sollte einen Studiengang zum Thema Rechtssystem einführen. […] Was kann man machen: in Afghanistan Dialog führen. In Pakistan kann man den Zulauf nicht ändern. Man kann auch nicht auf die Strasse gehen, die Pakistanis haben schon viele Schläge einstecken müssen und die Schläger werden von außen bezahlt. […] Die NATO und die Amerikaner müssen überlegen. (4) Wir können nicht auf die Straße gehen und gegen die Taliban protestieren, das macht hier niemand. Unsere Regierung und unsere Armee müssen etwas gegen den Terror und die Taliban unternehmen. […] (5) Unter Musharraf bereinigten sie die Gegend nahezu vollständig. Die Generäle machen sich keine Sorgen. […] Die Armee kann – wenn sie will – Swat innerhalb eines Tages bereinigen. Natürlich ist die Armee für Aufstandsbekämpfung trainiert. […] Wenn die Regierung will, kann sie die Taliban in einer Woche erledigen. […] Die Armee müsste noch besser ausgerüstet werden. […] Wenn nichts für die Vertriebenen getan wird, schließen sie sich den Taliban an. Mit den Geldern unterstützt der Westen weiterhin die Taliban, da die PPP nicht gegen die Taliban vorgeht, um weiterhin Gelder zu bekommen. […] Wenn der Westen jetzt die Gelder stoppen würde, versinkt Pakistan im Chaos. (11) Auch dieses Mal wird die Armee nicht erfolgreich sein. Wir brauchen Entwicklung für die ländliche Bevölkerung, Gerechtigkeit und weniger Korruption. […] Ich demonstriere für Frieden, für ein vernünftiges Vorgehen der Armee, sie verjagen die Terroristen nur,

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Handlungsvorschläge

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die sind dann woanders, kommen später zurück und alles geht wieder von vorne los. (13) Wir brauchen Bildung, Reformen und eine grundlegende Infrastruktur für die Bevölkerung. Die Menschen haben jetzt begonnen, sich gegen die Taliban zu organisieren. (19) Was jetzt gebraucht wird, ist eine nachhaltige Anstrengung in jeglicher Hinsicht: Militärisch, politisch und ökonomisch. Die oberste Führung der Taliban muss eliminiert werden. In Friedensverhandlungen haben sich in der Regel die Militanten durchgesetzt. […] Der Westen darf Pakistan keine Militärhilfe geben, stattdessen zivile Unterstützung mit harten Konditionen aufgrund der korrupten Bürokratie. NGOs werden mittlerweile als ‚Ungläubige’ wahrgenommen. (7) Wenn wir die Bildung jetzt in Angriff nehmen, haben wir nach ein bis zwei Generationen junge Menschen, die vernünftig denken können! (8) FATA muss integriert werden in die Settled Areas! Notwendig ist die Abschaffung des FCR [Frontier Crimes Regulation]!40 Notwendig sind Trainingsinstitute zur Berufsausbildung, wir brauchen Schulen, Gerichte, Krankenhäuser und zuallererst politische Integration! (12)

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Hierbei handelt es sich um ein Sondergesetz für FATA von 1848 bzw. 1901, das den Interessen der Briten geschuldet war. Es ist nach wie vor in Kraft. Am 14. August 2009 wurde allerdings gemeldet, dass umfangreiche Reformen für FATA vorgesehen sind. Bis dato verneint der FCR dem pakistanischen Parlament und den Gerichten jegliche Kompetenz für FATA. Berufung vor höheren pakistanischen Gerichten ist für FATA ausgeschlossen. Unter dem FCR gibt es u. a. Kollektivschuld, Menschen können für die Taten von Sippenmitgliedern verantwortlich gemacht werden, ganze Dörfer und Regionen können blockiert werden, die Zerstörung von Häusern von vermeintlichen Räubern u.ä. ist unter FCR eine legale Strafe. Die so genannten Political Agents können willkürlich Macht ausüben. Vgl: Vollständiger Text auf en.wikipedia.org/wiki/Frontier_Crimes_Regulations, vgl. auch: Frontier Crime Regulations: A draconian Law against the tribal people, by Talat Sattar, 5.1.2005; www.pakistanlink.com/Opinion/2005/Jan05/14/11.htm. 25

Taliban aus Sicht der Bevölkerung

Dieses Land muss ausbalanciert werden. Uns gehen die Werte mehr und mehr verloren. Das schafft Probleme. […] Vom Ausland wollen wir gar nichts mehr, wir wollen auch kein Mitleid mehr. Die Welt soll uns einfach in Ruhe lassen. (9) l Die Identität Pakistans könnte sich zusammensetzen aus dem Potential aller Regionen, aus der Wirtschaft, aus gemeinsamen Interessen, wobei sie feststellen werden, dass sie mehr zu gewinnen haben. Die Wirtschaft muss neu gestaltet werden. […] Es ist sehr gut möglich, dass der COAS mit entsprechenden Beweisen die Medien zu der Überzeugung gebracht hat, dass es wirklich Zeit ist, zu handeln. Die Medien, einschließlich TV, haben ihren Standpunkt bezogen auf die Taliban geändert. (17) l Ich möchte eine mutige Regierung sehen. […] Wir brauchen eine politische Strategie hinter dem Militär – das ist das, was bis jetzt fehlt. Und die Medienvertreter sollten sich mal in die politische Realität begeben statt Stücke aus der Regierung heraus zu reißen. Die gewählte Regierung muss erhalten bleiben, ich würde jede gewählte Regierung unterstützen. […] Demokratie ist ein beständiger und langsamer politischer Prozess. Zudem wird eine reife Medienlandschaft benötigt. Obama mag besser sein. Die Amerikaner sollten weniger Einmischung an den Tag legen und wenn überhaupt, sollten sie tatsächlich die Demokratie in Pakistan unterstützen. Kredite müssten besser sein. (18)
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Was halten Sie von der Militäroperation?
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Das Militär ist nicht trainiert für Aufstandsbekämpfung, sie machen alle Gebäude dem Erdboden gleich, da sich in jedem ein Feind aufhalten könnte. Es ist nicht ihr Krieg, es ist ein aufgezwungener Krieg, so die Wahrnehmung sowohl des Militärs als auch der Bevölkerung in Swat. Nach dem peace deal waren die ersten Opfer in Swat diejenigen, die zuvor das Militär unterstützt hatten. In Bajaur wurde zuvor kein Taliban-Kommandeur je gefasst oder

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Synopsis

getötet. Was Gilani momentan macht, ist nicht schlecht, es ist nur die Frage, ob er sich beim Militär durchsetzen kann. […] (7) l Jetzt werden Flüchtlinge, die sich zuvor nicht mit dem Militär verbündet haben, auch noch von der Armee schikaniert! (8) l Die Armee hat keine andere Wahl, es muss jetzt klappen. Die Armee hat jetzt genug von den Taliban. Die Entscheidung [zum militärischen Vorgehen] haben die Armee und die Regierung gemeinsam getroffen. (17) l Ich bin skeptisch gegenüber der Militäroperation, sehe aber keine andere Option. Ich hoffe, dass das Militär tatsächlich in der Lage ist, schnell und chirurgisch gegen die Militanten vorzugehen. […] Keine Armee der Region ist für Aufstandsbekämpfung trainiert. [… ] (18)

Synopsis
Der Mehrzahl meiner Gesprächspartner war es wichtig klarzustellen, dass die Taliban nichts mit dem Islam gemein haben. Hinsichtlich der innenpolitischen Ursachen zum Vordringen der Taliban haben meine Gesprächspartner folgendes Rezept zusammengestellt: Als historische Ursachen sind die von Beginn an nicht funktionierende Demokratie und der regelmäßige Machtmissbrauch durch demokratisch gewählte wie militärische Vertreter in der 62 jährigen pakistanischen Geschichte zu nennen. Der Einfluss des Militärs auf zivile Regierungen wird kritisiert. Die Islamisierung unter Zia ul-Haq setzt sich bis heute weiter fort. Da die Scharia in der Verfassung niedergeschrieben aber nicht umgesetzt wird, denken die Menschen es sei legitim sie einzufordern – vor allem wenn es in Pakistan kein funktionierendes Rechtssystem gibt. Zudem hatte die Bevölkerung vor der Unterordnung Swats unter PATA 1969 dort positive Erfahrungen mit der Scharia gemacht.

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Taliban aus Sicht der Bevölkerung

Pakistan ist noch immer in weiten Teilen ‚feudal’ 41. Nicht nur in Swat verwehrten die Großgrundbesitzer ihren Pächtern Bildung und politische Rechte. Zudem ist die Rede von Landraub in Swat. Die Menschen seien gezwungen ihre Landlords in die Parlamente zu wählen. Zudem existieren nach Auskunft meiner Gesprächspartner in Swat keinerlei Einrichtungen für die Bevölkerung, keine Krankenhäuser, keine Schulen – nur Madrassas. Die Jugendlichen hätten keine Perspektiven. Seit Swats Unterordnung unter PATA gäbe es keine Rechtsstaatlichkeit mehr. Gerichte in ganz Pakistan gelten als untätig und korrupt. Die Regierungen gelten als ebenso korrupt, Politiker sorgten sich nur um eigenes Wohl, niemand habe die Nation im Blick. Es gäbe keine umfassenden Strategien zur Armutsminderung, Geld für Entwicklung werde allenfalls für teure und folgenlose Gutachten ausgegeben. Auch um die Flüchtlinge aus Swat habe sich die Regierung viel zu spät gekümmert, islamistische Hilfsorganisationen füllten die Lücke. Respekt- und rücksichtslose Sicherheitskräfte werden genannt. Teile der Geheimdienste, des Militärs und der Regierung förderten die Taliban, dies aus ideologischen als auch aus strategischen Gründen. In den 90er Jahren gab es keinen politischen Widerstand gegen islamistische Bestrebungen, auch in der vergangenen Dekade wurden Taliban Kommandeure nach Verhaftungen regelmäßig wieder frei gelassen. So war auch die Verwaltung in Swat seit 2007 untätig. Das internationale Geld für die Reformen der Madrassas sei dort nie angekommen, so einige der genannten Beispiele. „Wir haben die Taliban geschaffen“, so ein häufig geäußerter Satz meiner Interviewpartner.

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Mit ‚feudal’ sind ausgeprägte persönliche Abhängigkeitsverhältnisse zwischen Großgrundbesitzern und Pächtern vor allem im ländlichen Pakistan gemeint. Die ländlichen Eliten verfügen bisweilen über private Polizei- und Justizgewalt und erhalten politische Rentenzahlungen. Auch der Industrielle Nawaz Sharif wird mit seiner Vetternwirtschaft und Allmachtsansprüchen während seiner Amtszeit des Feudalismus bezichtigt. Vgl. Jochen Hippler: Das gefährlichste Land der Welt? Pakistan zwischen Militärherrschaft, Extremismus und Demokratie; Köln 2008, S. 125f.

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Synopsis

Bildung und Bildungsinhalte der staatlichen Schulen werden als gravierendes Problem für Pakistans Gesellschaft beschrieben. Die Schüler würden nicht zum kritischen Denken ermutigt, die Unterrichtsform wird als Indoktrination beschrieben. „In Pakistan fragt man nicht ständig nach dem warum“, wurde mir zudem in einem anderen Zusammenhang beschieden. Die Inhalte der Schulbücher stellten Pakistans Geschichte verzerrt, vor allem in Abgrenzung zu Indien dar und ein religiöser Unterton sei allgegenwärtig. Auffällig in Pakistan ist die ethnische Komponente. Unterschwellig werden von den unterschiedlichsten Personen permanent Abgrenzungen vollzogen: die Menschen in Swat wollen keine Bildung, dass sie die ANP gewählt hatten, wird mit der Aussage beschieden, dass die Taliban ebenfalls Paschtunen seien. Paschtunen machen alles falsch herum u.Ä. Ein Paschtune äußerte, dass die Paschtunen durch die Jamaat-e Islami und an Hochschulen diskriminiert werden, er wollte sich von mir aber genauso wenig mit einem Sindhi vergleichen lassen. Ebenso auffällig sind ein negatives Menschenbild und eine ausgeprägte Selbstgerechtigkeit. Auskünfte nach politischen Ausrichtungen bestimmter Personen werden gern mit dessen vermeintlicher Schlechtigkeit eingeleitet. Zudem sei in Pakistan gegen Geld alles möglich, Werte existierten nicht, nur der jeweilige Sprecher macht alles richtig. Dass man sich Selbstmordattentäter kaufen kann, um säkulare Probleme aus der Welt zu schaffen, lässt sich bezüglich der Auftraggeber in diesem Zusammenhang lesen, ist auf der anderen Seite allerdings ein Hinweis auf eklatante Armut. Häufig wird eine fehlende pakistanische Identität als entscheidende Ursache gegenwärtiger Probleme genannt. Die Abgrenzung zu Indien habe sich als wenig konstruktiv erwiesen. Die Pakistanis hätten alles Eigene aufgegeben. Aufgrund der innenpolitischen Lage und entsprechender Resignation, bereitet sich, wer es sich leisten kann, den Weg ins Ausland.

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Taliban aus Sicht der Bevölkerung

Für möglich gehalten wird, dass die Militäroperation spät gestartet wurde, um die pakistanische Bevölkerung von der Böswilligkeit der Taliban zu überzeugen. Zudem könne die PPP das Land ohne die internationalen Gelder nicht aufrechterhalten, und um diese zu bekommen, braucht sie die Taliban. Ein Gegenargument hierzu lautet, dass es vielmehr die Opposition war, die ein früheres militärisches Eingreifen gegen die Taliban verhinderte. Der Stimmungswandel in der Öffentlichkeit nach Beginn der Militäroperation wird mit einer Vorgabe bzw. der Vorlage von Beweisen der Taten der Taliban durch das Militär gegenüber den Medien begründet. Hinzu kommen eine ganze Reihe von außenpolitischen Begründungen für das Vordringen der Taliban in Pakistan: allen voran werden historische Ursachen wie der Konflikt mit Indien um Kaschmir und ebenso Afghanistan als permanente Bedrohung Pakistans genannt. Die Armee ist auf Indien und Afghanistan als Feinde gedrillt, hunderttausende Paschtunen wurden zum Kampf gegen Indien ausgebildet, Taliban und Lashkar-e Toiba wurden zuvor gefördert – um den Einfluss Pakistans in Indien und Afghanistan zu gewährleisten. Pakistan müsse nach früheren Enttäuschungen durch den Westen nun selbst für seine Sicherheit sorgen. Die Unterstützung militärischer Machthaber von außen wird als eine Ursache für antidemokratische Entwicklungen genannt, die letztlich den Taliban zugute kommen. Eine nicht allzu faire Behandlung muslimischer Gemeinschaften durch internationale Akteure spiele wiederum der romantischen Vorstellung von der umma (muslimische Gemeinschaft der Gläubigen) und der Identifikation mit den Palästinensern in die Hände. Hiermit lassen sich Israel- und USAfeindliche Emotionen wecken, die in der Folge den explizit antiamerikanischen Taliban Zuspruch zuteil werden lassen können. Die Wahl des als vollkommen korrupt geltenden Zardari zum pakistanischen Präsidenten wird gern dem Westen angelastet, wirtschaftliche und politische Interessen, allen voran die der Amerikaner stünden dabei im Vordergrund. Pakistans finanzielle Abhängigkeit vom Ausland begünstigt diese Annahme. Diverse andere ausländische Mächte, die an der Destabilisierung Pakistans beteiligt seien, werden genannt. So wollen China und Russland den amerikanischen Einfluss in der Region verhindern. Dass die
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Schlussbetrachtung

Russen die ANP unterstützten, mag in diesem Zusammenhang gedeutet werden. Die Saudis wollten chinesisches Öl auf dem pakistanischen Markt verhindern. Einen Wirtschaftkrieg gegen China trügen die Amerikaner auf pakistanischen Boden aus. Zudem wollten sie die Instabilität aufrechterhalten, da sie das Land als Puffer gegen China und Iran benötigten. Ein anderer Argumentationsstrang zielt auf die Historie, derer zufolge die Amerikaner islamisch motivierte Bewegungen wie die Jamaat-e Islami seit den 60er Jahren gegen den Kommunismus unterstützten. Die von CIA, ISI und pakistanischem Militär eingerichteten Trainingslager in Swat gegen die Russen in Afghanistan legten den Grundstein für die Taliban. Religiöse Parteien haben in Pakistans Geschichte generell geringe Zustimmung erhalten. Dies änderte sich mit den amerikanischen Bomben auf Afghanistan.

Schlussbetrachtung
Zurück zum Ausgangspunkt: Afghanistan kann nur stabilisiert werden, wenn den Taliban Pakistan als Rückzugsgebiet entzogen wird. Pakistanische Regierungen haben die Militanten über Jahre toleriert und gefördert. Auch nachdem das Militär in Malakand und teilweise in FATA gegen die Taliban, die „die pakistanische Regierung bedrohen“ vorgegangen ist, bleibt Indien der Erzfeind Nummer Eins. Die selektive Förderung der Islamisten durch den ISI soll die Infiltration nach Afghanistan und Kaschmir weiterhin gewährleisten, um Kabul und Delhi zu schwächen und so den indischen Einfluss in Afghanistan begrenzen. Langfristig bleiben die Taliban in Afghanistan nach Abzug der Amerikaner potenzielle verbündete in für Pakistan.42 Das strategische Interesse des pakistanischen Militärs und des ISI ist regional und weniger im Kampf gegen den Terrorismus zu verorten.
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Vgl. Pakistan objects to U.S. Expansion in Afghan war, Eric Schmitt und Jane Perlez, New York Times, 22.7.2009. Diese Aussage stammt von Offiziellen des ISI im Zuge der Verstärkung amerikanischer Truppen in Afghanistan. Außerdem werde der Gründer von Lashkar-e Toiba, Hafiz Mohammad Saeed, nicht erneut inhaftiert, da er lediglich ein Ideologe ohne antipakistanische Agenda sei. Lashkar-e Toiba wird für die Anschläge von Mumbai verantwortlich gemacht. 31

Taliban aus Sicht der Bevölkerung

Daher ist es wenig verwunderlich, dass das grundlegende Problem in Pakistan im Frühjahr 2009 ist, dass es keinen Konsens gibt, wie mit den Taliban zu verfahren ist. Auch Kapitel 2 ist zu entnehmen, dass einige hochrangige Politiker das militärische Vorgehen gegen die Taliban keineswegs befürworteten. Die Stimmung in der Bevölkerung ist nach dem ‚bizarren’ Vorgehen der Armee in Folge der gewaltsamen Räumung der Roten Moschee seit 2007 in Swat, welches zahlreiche Opfer forderte und ein hohes Ausmaß an Zerstörung nach sich zog, von Skepsis und Ablehnung geprägt. Zwar sprach sich die Mehrzahl meiner Gesprächspartner für ein rigoroses Vorgehen gegen die Taliban aus, einige Kommentatoren in The News, einer wichtigen englischsprachigen pakistanischen Tageszeitung, taten aber gänzlich andere Meinungen kund. Politiker wie Imran Khan oder Qazi Hussein Ahmad springen dort den Extremisten zur Seite und sehen allerorten Angriffe auf Pakistan, seine Souveränität und seine Kultur. Äußerungen von The News Redakteur Ansar Abbasi bereiten der Talibanisierung den Weg und Kommentatorin Shireen Mazari schreibt nach den Morden der Taliban die amerikanische Verantwortung hierfür herbei.43 Wie meine Gesprächspartner mehrfach berichteten, leistet das Fernsehen einen wesentlichen Beitrag, Zustimmung für die Taliban zu erzeugen. Die kontinuierliche Behauptung, eine ‚foreign hand’ (gleichbedeutend mit Hindus, Amerikanern oder Zionisten) stecke hinter der letzten Detonation, wofür es zwar keine Beweise gibt, scheint für einen nicht unerheblichen Teil der Meinungsmacher ausreichend zu sein, dass die Pakistanis nicht für die Krise in ihrem Land verantwortlich sind und sie deshalb auch nicht gegen die militanten Islamisten vorgehen müssen. Dennoch hat sich die Gesamtstimmung im Verlauf der letzten Monate verschoben. An dieser Stelle sind quantitative Studien hilfreich: Im Frühjahr 2009 äußerten immerhin 70% der Befragten eine negative Einstellung gegenüber den Taliban. Ein Jahr zuvor waren es lediglich 33%. 44
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Ergebnis einer bisher unveröffentlichten, parallel durchgeführten Studie der Verfasserin. Shireen Mazari ist inzwischen Redakteurin bei The Nation. Vgl. The Pew Global Attitudes Project, Pakistani Public Opinion. Growing concerns about extremism, continuing discontent with U.S., 13.8.2009, S. 9 www.pewglobal.org.

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Schlussbetrachtung

Nahezu alle Gesprächspartner haben deutlich gemacht, dass sich die Taliban und ihr Gedankengut nicht allein militärisch bekämpfen lassen werden. Um langfristig ihrer Ideologie innerhalb der pakistanischen Gesellschaft entgegen treten zu können sind umfangreiche Anstrengungen nötig. Die Ursachen für den Zuspruch zu den Taliban reichen von sozioökonomischen Missständen und regionaler Ungleichheit, über ‚bad governance’ zu außenpolitischen Faktoren. Die Governance-Daten der Weltbank belegen die für Pakistan beklagten niedrigen Werte von Teilhabe, politischer Stabilität, Effektivität der Regierung, Regulierungskapazität, Rechtstaatlichkeit und Kontrolle der Korruption.45 Auch gegenwärtig sind die Politiker, pauschal ausgedrückt, nach wie vor im Wesentlichen damit beschäftigt, ihren politischen Kontrahenten Schaden zufügen zu wollen, anstatt sich um das Wohl der Nation zu bemühen. Der Staat ist nach Auffassung meiner Interviewpartner nicht in der Lage, seinen Bürgern grundlegende öffentliche Einrichtungen, Rechtsprechung, die Möglichkeit, sich wirtschaftlich zu betätigen sowie Sicherheit zu gewährleisten. Dies ist aber die Basis, aufgrund derer die Bürger staatliche Autorität anerkennen. Insofern ist es für andere Gruppen relativ leicht, diese Lücke zu füllen. Zusätzlich zu Entwicklung und Bildung sind in Pakistan gleiche Rechte und Chancen für alle, unabhängig von Provinz, Sprache und Religion nötig. Gerade in den ärmeren Regionen gelingt es den Islamisten, Zustimmung zu erhalten. Dies betrifft bspw. auch die südlichen Regionen des Punjab. Das gilt vor allem für FATA, die Menschen dort lassen sich nicht dadurch gewinnen, dass sie unter menschenunwürdigen Gesetzen leben müssen und im übrigen Pakistan auf sie herabgeschaut wird. Einige (etwas ältere) Zahlen für FATA sind aussagekräftig: Die Alphabetenrate liegt bei 17% (44% in Pakistan) und auf einen Arzt kommen 7670 Menschen (1226 in
45

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Vgl. http://info.worldbank.org/governance/wgi/pdf/c170.pdf, letzte Sichtung am 21.8.2009. Vgl. Government of Pakistan, Selected Development Indicators for Pakistan, NWFP and FATA (1998-2003), www.fata.gov.pk, letzte Sichtung am 8.9.2009. 33

Taliban aus Sicht der Bevölkerung

Pakistan). NWFP schneidet hier auch nicht sonderlich gut ab.46 Rechte und Chancen ist einer anderen quantitativen Studie zufolge das, was die Menschen in FATA wollen: 73% votierten für ‚Justice’, gefolgt von ‚Education and School’ mit 64%.47 Recht, sprich Scharia, Bildung in weniger moderaten Madrassas, Anerkennung und finanzielles Auskommen bieten ihnen im Zweifelsfall die Taliban. Diese investieren in ‚Bildung’. Dass die Bevölkerung Swats von Taliban und Militär als Spielball missbraucht und Paschtunen in Flüchtlingscamps benachteiligt werden, macht die Lage nicht besser. Pakistan wird ein Identitätsproblem attestiert. Die Abgrenzung zu Indien war bisher Identität bestimmend, die Religion spielte hierbei eine entscheidende Rolle. Die problematischen Inhalte der pakistanischen Schulbücher und die Unterrichtsform sind in diesem Zusammenhang benannt worden.48 Im Zuge der Erwähnung, dass die Scharia in der Verfassung nieder– geschrieben und die Pakistanis es von daher als legitim erachten, sie einzufordern, argumentieren Pervez Hoodbhoy und Huma Yusuf, dass ein Staat mit einer religiösen Mission unvermeidlich jene privilegiert, die sich für die Religion in der Gesellschaft engagieren. Dies mache es dem Staat unmöglich, gegen jene vorzugehen, die behaupten, sie setzen sich für religiöse Ziele ein. Da es im Islam keine unumstößlich richtige Version und keine oberste Instanz gibt, kann jedes Individuum und jede Gruppe behaupten, im Besitz der göttlichen Wahrheit zu sein. Daher seien die Taliban in der Lage, andere Interpretationen des Islam zu diskreditieren, ohne dass dagegen vorgegangen werden könne. Religion müsse folglich einzig Sache der Individuen sein, nicht des Staates.49

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Vgl. Understanding FATA 2008, S. 17, www.understandingfata.org, letzte Sichtung am 10.9.2009. Vgl. zu den Inhalten der Schulbücher auch www.sdpi.org/whats_new/reporton/ State%20of%20Curr&TextBooks.pdf, letzte Sichtung am 21.8.2009. The Lahore blast and Taliban Ideology, Huma Yusuf, Dawn.com, 12.6.2009 und Preventing a Taliban Victory, Pervez Hoodbhoy, Dawn.com, 20.6.2009.

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Schlussbetrachtung

Mangelnde Identität, die Suche nach Werten und Gerechtigkeit spielt den Taliban in die Hände. Niilofur Farrukh schreibt hierzu, dass jeder Pakistani den Geist der Demokratie neu erlernen müsse. Sie beklagt die Toleranz der Nation gegenüber Korruption und Vetternwirtschaft einer eigennützigen Elite, die Politik, Boden, Militär und Industrie unter sich aufgeteilt hat. Ein Wandel sei nur möglich, „wenn wir beginnen, den Grundstein für eine partizipative Demokratie zu legen“.50 Aber die Pakistanis haben sich offenbar nicht entschieden, ob sie ‚ohne Wenn und Aber’ in einer Demokratie leben wollen. So wird Musharrafs Coup damit gerechtfertigt, dass die Politik des von der Bevölkerung rechtmäßig gewählten Nawaz Sharif dies notwendig machte. Nach seiner tatsächlich katastrophalen zweiten Amtszeit mag diese Ansicht nachvollziehbar sein, nur haben die pakistanischen Wähler abermals feststellen müssen, wie wenig ihre Stimme wert ist. Für I. A. Rehman erklärt dies das enorme Ausmaß der ‚pakistanischen Selbstgerechtigkeit’, welches verhindert, von Freunden oder Feinden zu lernen. Die Bürger haben selten die Erfahrung gemacht, dass das Volk der Souverän ist.51 Solange sich die Pakistanis nicht entschieden haben, ob sie auf Gedeih und Verderb in einer (unsicheren) Demokratie leben wollen, wird es immer möglich bleiben, dass jemand einschreitet – mit dem Versprechen einer neuen, besseren Ordnung – seien es Militär oder Taliban. Ohne diesen Grundkonsens kann auch Entwicklung nicht voran getrieben werden.52 Die internationale Unterstützung für Pakistan ist auf das Militär fokussiert – jenen vermeintlichen Sicherheitsgaranten, denn das pakistanische Nukleararsenal liefert den Stoff für den sicherheitspolitischen Alptraum – für die westliche Welt. Die Atomwaffen des Landes wurden von keinem meiner Gesprächspartner erwähnt.

50 51 52

Unheeded lessons of democracy, Niilofur Farrukh, Dawn.com, 19.5.2009. The Indian Election, I. A. Rehman, Dawn.com, 21.5.2009. Dieser Gedanken schulde ich Cyril Almeida: Cowering before the Taliban, 17.4.2009, Dawn.com. 35

Taliban aus Sicht der Bevölkerung

Der implizite Ansatz des internationalen strategischen Denkens, nicht einseitig auf (unsichere) demokratische Akteure, sondern ebenso auf das Militär als den (vermeintlichen) Garanten eines sicheren Atomarsenals zu setzten, bietet den Pakistanis Stoff für antiwestliche Verschwörungstheorien. Im Rahmen der neuen US Strategie im gleichen Atemzug mit Afghanistan genannt zu werden wie auch die Herabstufung Pakistans gegenüber Indien, verletzt regionale Sensibilitäten und dürfte der Zielerreichung eher abträglich sein. Denn gerade das Verhältnis zu Indien ist die wesentliche Ursache für die zahlreichen Probleme vor denen Pakistan heute steht. Solange der Konflikt um Kaschmir nicht angegangen wird, werden sich weder das Taliban-Problem, noch die Infiltration nach Afghanistan lösen lassen. Eine Garantie territorialer Integrität könnte Pakistan helfen. Hierbei wäre zu beachten, dass das Vertrauen der Pakistanis in das westliche Ausland nach weniger guten Erfahrungen denkbar gering ist.

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Anhang

Anhang
1. 2. 3. 4. 5. 6. 7. Researcherin einer NGO, 15.4.2009 Büromitarbeiter 1, 22.4.2009 Psychologin, Hausfrau, 22.4.2009 Prof. für Wirtschaft und Entwicklungspolitik, International Islamic University, Islamabad, 23.4.2009 College Student, aus dem Umland von Murree, 25. und 26.4.2009 Büromitarbeiter 2, 26.4.2009 Pir Zubair Shah, New York Times Korrespondent Pakistan, 13.5.2009; 7.1 Taliban Exploit Class Rifts in Pakistan, Jane Perlez and Pir Zubair Shah, New York Times, 17.4.2009 Programm Manager einer NGO, 13.5.2009 bekannter TV Schauspieler 1, 17.5.2009 Büromitarbeiter 3, 14.4.2009 Geschäftsmann aus Swat, lebt jetzt in Islamabad, 28.4.2009 Wirtschaftswissenschaftler, ursprünglich aus FATA, arbeitete in Karachi, lebt jetzt in Islamabad, 13.5.2009 bekannte Feministin, Lyrikerin, Kommentatorin, 9.5. und 11.5.2009 Produzent PTV, Reporter, schreibt für urdusprachige Tageszeitungen, produziert Aufklärungsfilme gegen die Taliban für das staatliche Fernsehen, 10.5.2009 bekannter TV Schauspieler 2, 17.5.2009 Schauspieler, 18.5.2009 Kommunikationsexperte, Journalist, 24.5.2009 Gender Expertin, Aktivistin, Fernsehkommentatorin, 27.5.2009 Öffentlichkeitsarbeit UNDP Islamabad, ehem. Journalistin, 11.5.2009

8. 9. 10. 11. 12. 13. 14. 15. 16. 17. 18. 19.

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Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit Tel: +92-51-2 27 88 96, 2 82 08 96 Fax: +92-51-2 27 99 15 House 19, Street 19, Sector F-6/2, 44000 Islamabad - Pakistan pakistan@fnst.org www.southasia.fnst.org