Erik Maria Ritter von Kuehnelt-Leddihn: Katholisch, rechtsradikal und liberal

von André F. Lichtschlag

Heute vor 100 Jahren wurde ein Denker geboren, dessen Größe vermutlich erst in einigen Jahren entdeckt werden wird
Heute, am 31. Juli, vor 100 Jahren wurde Erik Maria Ritter von Kuehnelt-Leddihn in Tobelbad in der österreichischen Steiermark geboren. Bereits am 26. Mai jährte sich der Todestag des 90-jährig in Lans in Tirol verstorbenen zum zehnten Mal. Wir befinden uns demnach im großen Gedächtnisjahr für „den Ritter“, wie ihn seine Freunde nur liebevoll nannten – und (fast) keiner hat es bemerkt. Kein einziges seiner vielen restlos vergriffenen Bücher wurde neu aufgelegt, keine Festschrift ist erschienen, erst recht keine Biographie und kaum ein Nachruf. Der Autor dieser Zeilen hatte vom Herausgeber der legendären Zeitschrift „Criticón“, dem im Januar verstorbenen Baron Caspar von Schrenck-Notzing, die Erlaubnis erhalten, die in seinem Magazin erschienenen Aufsätze Kuehnelt-Leddihns als Buch zum 100-jährigen Geburtstag zu veröffentlichen. Doch die Tochter als Rechtsnachfolgerin des großen weltgewandten Österreichers verweigerte die uns nur obligatorisch erschienene Zustimmung zu diesem Projekt, weil die Familie selbst Neuauflagen plane. Es wäre wünschenswert, wenn es dazu tatsächlich in absehbarer Zeit käme. So traurig der jetzige Stand der Dinge ist, so passend ist er. Denn auch zeitlebens war, wie Ernst Jünger ihn bezeichnet hat, Erik Maria Ritter Kuehnelt-Leddihn eine „einsame Stechpalme“ und ein „Solitär“. Aus Anlass des 100. Geburtstages wollen wir den wohl profundesten Kritiker der Französischen Revolution und aller ihrer linken Kinder (Demokratie, Sozialismus, Nationalismus) zunächst angemessen selbst zu Wort kommen lassen mit zwei denkwürdigen Aufzählungen. Um danach mit Roland Baader über Kuehnelt-Leddihns Leben und indirekt auf doch noch ein mögliches Buchprojekt zu verweisen. In der ersten Liste zeigt Kuehnelt-Leddihn ausführlich in 41 Punkten, was links und anschließend kurz, was rechts ist. Danach sollen seine 25 Thesen zur Monarchie für sich sprechen. Was ist links? (von Erik Maria Ritter von Kuehnelt-Leddihn) 1. Materialismus – ökonomischer, biologischer, soziologischer Natur. 2. Messianische Rolle einer Gruppe – Volk, Rasse, Klasse. 3. Zentralismus. Unterdrückung lokaler Verwaltungen, Eigenarten etc. 4. Totalitarismus. Alle Lebensbereiche von einer Doktrin durchdrungen. 5. Gewalt und Schrecken anstelle von Autorität, einer endogenen Kraft. 6. Ideologischer Einparteienstaat. 7. Völlige, staatliche Kontrolle von Erziehung und Unterricht. 8. „Sozialismus”: Gegenteil von Personalismus. 9. Versorgungsstaat von der Wiege bis zum Grab. 10. Militarismus, nicht Bellizismus. 11. Starre Staatsideologie mit „Feindbild”.

12. Antimonarchisches Führerprinzip. Der Führer, Duce, Vozdj verkörpert das Volk. Er ist nicht Vater sondern Bruder – Big Brother! 13. Antiliberalismus. Freiheitshass. 14. Antitraditionalismus. Man kämpft gegen die „Reaktion”. 15. Expansionsstreben als Selbstbestätigung. 16. Exklusivismus: Keine anderen Götter werden geduldet. 17. Ausschaltung der Zwischenkörperschaften, der „corps intermediaires”. 18. Gleichschaltung der Massenmedien. 19. Abschaffung oder Relativierung des Privatbesitzes. Falls letzterer nominell bleibt, gerät er restlos unter Staatskontrolle. 20. Verfolgung, Knechtung oder Kontrolle der Glaubensgemeinschaften. 21. „Recht ist was dem Volke nutzt, der Partei nutzt!” Partijnost 22. Hass auf die Minderheiten. 23. Verherrlichung der Mehrheit und des Durchschnitts. 24. Glorifizierung der Revolution, des „Umbruchs” etc. 25. Plebejismus: Kampfansage an frühere Eliten. 26. Jagd auf „Verräter”. Wut auf die Emigranten. 27. Populismus und Uniformismus: Volksempfänger, Volkswagen, Volksdemokratien, Volksgerichte etc. 28. Berufung auf das demokratische Prinzip. 29. Ideologische Wurzel in der französischen Revolution. 30. Dynamischer Monolithismus: Staat, Gesellschaft, Volk werden eins. 31. Koordination durch Schlagworte, Gedichte, Lieder, Symbole, Redewendungen, Klischees. 32. Einsetzung von Säkular-Riten als Religionsersatz. 33. Der Konformismus als Existenzprinzip. „Gleichschaltung”. 34. Anfeuerung von Massenhysterien. 35. Technologisierter Herrschaftsmodus. 36. Freiheit – vom Gürtel abwärts. 37. Alles für den Staat, alles durch den Staat, nichts gegen den Staat. 38. Politisierung des gesamten Lebens: Kinder, Touristen, Sportler, Erholung als Objekte. 39. Nationalismus oder Internationalismus gegen Patriotismus. 40. Kampf gegen außerordentliche Menschen, gegen „Privilegien”. 41. Totalmobilmachung des Neids im Interesse von Partei und Staat. Was ist „rechts”? Das Fehlen oder das Gegenteil dieser Prinzipien; vergessen wir dabei ja nicht, dass Extreme sich nie berühren. Da stehen wir vor einem sehr beliebten, und daher schon überaus idiotischen Klischee. Als ob extrem groß und klein, kalt oder heiß oder das Leben in Rumänien und in Liechtenstein einander ähnlich wären. Halten wir uns auch vor Augen, dass politische Parteien selten eindeutig rechts oder links stehen. Sie sind mixta composita und neigen oft lediglich mehr in

die eine oder in die andere Richtung. 25 Thesen zur Monarchie (von Erik Maria Ritter von Kuehnelt-Leddihn) 1. Die Vereinheitlichung des politischen und gesellschaftlichen Elements, hat doch der Monarch, obwohl primär ein gesellschaftliches Haupt, die Macht, in das staatliche Leben einzugreifen. Als Theodore Roosevelt Kaiser Franz Joseph fragte, was er denn in diesem fortschrittlichen 20. Jahrhundert als seine wichtigste Aufgabe betrachte, antwortete ihm der Monarch: „Meine Völker vor ihren Regierungen zu beschützen.“ 2. Der Monarch ist kein Parteimann. Er wird von niemandem gewählt – auch nicht vom bösen Nachbarn, dem man darob zürnen könnte. Durch den biologischen Prozess ist er einfach da und ist Zu-Fall wie die eigenen Eltern. 3. Er wird von Kindesbeinen an für seinen Beruf vorbereitet und ausgebildet. Er ist ein Fachmann: die Koordination ist sein Metier. Das erste Recht eines Volkes, wie Peter Wolf sagte, ist gut regiert zu werden. Selfgovernment is better than good government? Keineswegs, denn in der demokratischen Praxis gibt es keine Selbstregierung, sondern nur Mehrheitsherrschaft. 4. Da er sich die Krone nicht verdient hat, neigt er auch weniger zum Größenwahn als der erfolgreiche Karrierist. Der christliche Glaube zeigt ihm oft seine Nichtigkeit (Fußwaschungszeremonie, Begräbnisformel der Habsburger, siehe aber auch das Zeremoniell in der Peterskirche bei der Papstinthronisierung.) 5. Als weiterer Faktor (neben dem gesellschaftlichen und politischen) figuriert der religiöse. Die Krönung ist ein Sakramentale. Die Monarchie ladet zur Perfektion ein – zur geistigen, wie auch zur seelischen. Die Zahl der heiligen Könige, Kaiser und ihrer Frauen ist groß. 6. Die Wahrscheinlichkeit einer überdurchschnittlichen geistigen Begabung auf erbbiologischer Grundlage ist gegeben. In den Dynastien, die aus einem Aggregat von auserlesenen Familien bestehen, werden spezifische Talente erhalten und weitergegeben. Oft allerdings begegnen wir einer Genialität, die in die Nähe des Wahnsinns gerät … in der Vergangenheit ein Problem, heute hingegen von der Medizin durchschaut. Der verrückte Monarch wird heute frühzeitig von den Regierungsgeschäften ausgeschlossen. 7. Die Monarchie hat einen übernationalen Charakter. Nicht nur sind meist Mutter, Frau, Schwager und Schwiegerkinder „Ausländer”, sondern die Dynastien selbst in der Regel ausländischen Ursprungs. So waren im Jahre 1909 nur die souveränen Herrscher von Serbien und Montenegro lokaler Herkunft. Die Dynastien sind auch rassisch gemischt und stammen unter anderem auch von Mohammed und Dschinghis Khan ab. Dies als auch ihr übernationaler Charakter geben ihnen einen doppelten psychologischen Vorteil: die Chance, andere Völker (und Herrscherfamilien) besser zu verstehen und auch zum eigenen Volk eine objektive Distanz einzuhalten. 8. Die Monarchie ist elastischer als alle anderen Regierungsarten; sie lässt sich leicht mit den verschiedensten Regierungs- und Sozialformen kombinieren. So vereinigt die klassische gemischte Regierungsform elitäre und demokratische Elemente mit einer monarchischen Spitze. Aber man könnte sich auch ein sozialistisches Königtum vorstellen und selbst ein kommunistisches Kaiserreich – das wir ja in der Herrschaft der „Inkas” sahen. Tatsächlich ist, wie Treitschke hervorgehoben hatte, die Monarchie der Proteus unter den Staatsformen. 9. Die Monarchie ist eine patriarchale, unter Umständen aber auch eine patriarchal-matriarchale oder selbst matriarchale Institution. Hier werden tiefste Gefühle unserer familistischen Natur angesprochen. Das Herrscherpaar ist zugleich ein Elternpaar. Zudem ist die Monarchie schon aus diesen Gründen dem Patriotismus, die Demokratie dem Nationalismus zugeordnet. Die Demokratie steht für vaterlose Brüderlichkeit, die logisch in Big Brother ihren Kulminationspunkt findet. 10. Die Monarchie ist eine organische Regierungsform, in der die Vernunft sich mit der Gefühlswelt harmonisch verbinden kann. In dieser Synthese entsteht Legitimität, die ja nicht ein rein juridischer Begriff sein kann. Die Monarchie ist keine „ausgedachte”, künstliche, arithmetische

Regierungsform, sondern eine im engsten Sinne des Wortes „natürliche”, der menschlichen Natur angemessene. Der Zeugung und der Geburt stehen die plakatierten Wände und die Computernächte nach den Wahlschlachten gegenüber. 11. Auch das Prinzip des rex sub lege machte die Monarchie zur arché, nicht zum krátos. Selbst in der Verfallsform der absoluten Monarchie hatte ein „Autokrat” wie Ludwig XIV. nicht einen Bruchteil der Macht unserer Parlamente. Selbst unter ihm gab es corps intermédiaires. 12. Die weltanschaulich-ideologische Einheit, ohne die (laut Harold Laski) der Parlamentarismus nicht bestehen kann, ist in der Monarchie viel weniger notwendig – daher ist auch die geistige Freiheit potentiell eine viel größere. Österreich war kulturell um 1910 viel fruchtbarer als um 1930 oder gar um 1980. 13. Die Möglichkeit der Bestechung eines Monarchen ist eine besonders geringe. Und die Plutokratie (dank der Präsenz anderer Werte) sehr unwahrscheinlich. 14. Unwahrscheinlich ist auch von Seiten des Monarchen die Popularitätshascherei, das Schmeicheln des Volkes, größer hingegen die Möglichkeit, dem Volk die Wahrheit zu sagen, da die Problematik seiner Wahl oder Wiederwahl nicht besteht. 15. Vor allem aber ist es die Aufgabe des Monarchen, unpopuläre Minderheiten, die im demokratischen Rahmen rettungslos verloren sind, zu beschützen. 16. Echter Liberalismus (Liberalität) hat eine viel größere Chance unter der Monarchie als unter der Demokratie, die eine totalitäre Wurzel hat. Freiheit und Ungleichheit sind ebenso verbunden wie Gleichheit und Zwang. 17. Der christliche Monarch trägt eine Verantwortung vor Gott. Das ist eine unvergleichlich größere Verantwortung als die vor Völkern oder deren Vertreter. Demokratie jedoch ist Verantwortungslosigkeit: wer einen unterschriftslosen Zettel in eine Urne wirft, kann hier auf Erden nicht zur Verantwortung gezogen werden. 18. Monarchen sind „öffentliches Eigentum”: sie gehören ihren Untertanen. Das ist ein wechselseitiges Verhältnis. Sie sind auch klassenlos, denn sie sind weder Adelige, noch Bürger, noch Arbeiter oder Bauern. Sie gehören „soziologisch” ideell zu einer internationalen Sondergruppe. So sind sie äquidistant zu allen Klassen und Ständen. 19. Die Monarchen sind berufen, Staatsmänner und nicht bloß Politiker zu sein. Sie müssen viel weiter denken als bis zur nächsten Wahl. Ihnen muss das Schicksal ungeborener Generationen am Herzen liegen. Gescheiterten Monarchen wurden die Köpfe abgeschnitten, gescheiterte Politiker ziehen sich ins Privatleben zurück und verkaufen ihre Memoiren. 20. Ein monarchisches System kontinentaler Natur ermöglicht eine bessere Atmosphäre gegenseitigen Vertrauens der Länder, da das ewige Schaukelspiel der Demokratie alle internationalen Beziehungen verunsichert 21. Die großen Staatsmänner Europas waren in der Mehrzahl entweder Monarchen, von Monarchen ernannte Männer, Aristo-Oligarchen oder Produkte der Revolutionen und schwerer Krisenzeiten, die den Brutalsten, Skrupellosesten und Schlauesten an die Spitze kommen ließen – Leute wie Napoleon, Hitler, Lenin, Stalin, Mao, Pol Pot, die aber unweigerlich ein Meer von Blut und meist keine bleibende Ordnung hinterließen. 22. Die Monarchie verbürgt vor allem die Kontinuität. Man weiß, wer wem nachfolgen wird. Die Einführung des Sohns, des Neffen, der Tochter in die Regierungsgeschäfte wird garantiert. 23. Die Permanenz verbürgt auch eine größere Erfahrung. Die meisten demokratischen Verfassungen, die sich vor der persönlichen Macht fürchten, verbieten eine zweite oder dritte Amtsperiode. Wenn der politische Karrierist (etwa ein Ex-Hemden- und Krawattenverkäufer à la Truman) endlich angefangen hat, richtige Erfahrungen zu sammeln, wird er abserviert und dann kommt ein neuer Amateur in die Regierungsspitze. So kann man nicht einmal einen größeren

Kaufladen, geschweige denn eine Großmacht leiten. (Man komme da uns nicht mit Experten, denn welcher Laie kann widersprüchliche Expertisen koordinieren?) 24. Die Monarchie ist mit dem Christentum oder zumindest einer ursprünglich christlichen Kultur durch ihren patriarchalen Charakter in einem harmonischen Einklang: das Vaterbild wurde durch Gottvater, den Heiligen Vater, die Kirchenväter, den Pater Patriae, den leiblichen Vater und Großvater bestimmt. Dazu bemerkte Abel Bonnard: „Der König war Vater seines Volkes, denn jeder Vater war König in seiner Familie.” Dieser psychologische (mehr als theologische) Aspekt gilt für alle genuin christlichen Glaubensgemeinschaften, auch für jene, die die politische der kirchlichen Hierarchie gleichgesetzt oder mit ihr verkoppelt haben. Doch die Autorität kommt stets von oben. Und wahrhaft gut regieren kann man nur mit Hilfe der Autorität, einer endogenen Kraft, und nicht durch Furcht, einer exogenen. Wie schon Joseph de Maistre sagte, können Millionen von Menschen nur durch Religion oder Sklaverei regiert werden, also durch die innerlich rezipierte Autorität oder durch die zitternde Angst erzeugende Gewalt. Doch die Demokratie ist mit der Autorität nur mühevoll zu vereinen und deshalb auch nicht leicht mit dem Rechtsstaat. 25. Der höchste christliche Stellenwert der Monarchie liegt jedoch in ihrem Appell an die Liebe. Eine Liebesgemeinschaft mit dem Regenten ist im Zahlenzauber der Demokratie nicht denkbar, da deren Wahlen jedesmal in Siegen und Niederlagen, Freudenausbrüchen und Enttäuschungen, Triumph und Zorn enden. Das ahnten wahrscheinlich auch Augustinus und Franz von Baader, als sie von der unersetzbaren Harmonie zwischen der Liebe und dem Dienen schrieben. Nur in der Liebe ist das Dienen kein Schmerz und keine Last. Lästige Politiker aber setzt man durch den Stimmzettel wie aufsässige Domestiken wieder an die Luft, denn sie sind ja auch nicht vom Schicksal zugeteilte „Eltern”, sondern nur Mietlinge. Doch ein Buchprojekt Beide Aufzählungen sind dem restlos vergriffenen Buch „Die rechtgestellten Weichen“ von 1989 entnommen. Und hier kommen wir zum bereits angedeuteten Projekt. Der Verlag dieser Zeitschrift hat die Rechte für eine Neuauflage dieses gesamten Buches vom Karolinger-Verlag erworben. Mehr noch: Martin Möller, der Initiator der Monarchieliga, hat bereits dankenswerterweise das gesamte Buch für uns eingescannt. Martin Möller hat zu Lebzeiten den Ritter noch persönlich besuchen dürfen. Ebenso wie Roland Baader, der für uns ein neues Vorwort zu diesem Buch beigetragen hat. Das Buch wird, wenn auch nicht mehr genau zum Jubiläum, neu erscheinen, sobald die Finanzierung der Neuauflage gesichert ist [wer dabei helfen möchte, wende sich bitte an unseren Verlag]. Denn einen Verkaufserfolg darf man leider nicht erwarten – ansonsten hätte der KarolingerVerlag das Buch längst selbst neu aufgelegt. Weniger denn je ist die Stechpalme „zeitgemäß“ und der „Solitär“ massentauglich. Bevor wir abschließend einigen Ausschnitten aus dem bislang unveröffentlichten Vorwort von Roland Baader zur geplanten Neuauflage von „Die rechtgestellten Weichen“ lauschen, zitieren wir den Verleger des Karolinger-Verlages. Im Gespräch mit der Zeitschrift „eigentümlich frei“ äußerte sich Peter Weiß so über Ritter von Kuehnelt-Leddihn: „Ein Mann von der Körpergröße Dávilas, also auch sehr hoch gewachsen und schlank. Er war ein außergewöhnlich gebildeter Aristokrat, ein Mensch mit einem ungeheuren Gedächtnis. Unglaublich, was er gewusst hat. Und es war nicht nur Faktenwissen. Kuehnelt-Leddihn war vor allem ein Causeur der alten Schule. Er konnte die interessantesten Verbindungen herstellen. Er hat viele bedeutende Menschen gekannt und er war weltweit sehr viel gereist. Überall hat er auch interessante Leute besucht. Dabei war er sehr bescheiden. Er war sicherlich kein Mann, der sehr viel Geld hatte. Kuehnelt-Leddihn war ein brillanter Gesellschafter, der sehr gerne und sehr viel gesprochen hat, dabei meist sehr witzig und immer sehr tiefgängig. Und er war sehr konsequent, vergnüglich und lehrreich – dazu ein Gentleman alter Schule. Als Adeliger war er nicht snobistisch. Er hatte einfach Stil! Nach seinem Tod erst hat mich noch ein letzter Brief erreicht, den er vor der Operation geschrieben hatte, die er wie befürchtet nicht überlebt hat. Für diesen Fall hat er seine Frau gebeten, diese Briefe abzusenden. Er hat mir darin seinen letzten Roman ‚San Schimon’ ans Herz gelegt. Ansonsten hat

er mich gegrüßt und mich gebeten, für ihn zu beten.“ Leben und Werk von Erik Maria Ritter von Kuehnelt-Leddihn (von Roland Baader, Ausschnitte) Nach der Matura studierte Kuehnelt-Leddihn Rechtswissenschaft in Wien, Staats- und Volkswirtschaft an der Universität Budapest (mit Erwerb des Doktorgrades) und schließlich noch Theologie in Wien. Ab seinem 16. Lebensjahr war er journalistisch tätig und wurde mit 20 Jahren als Sonderkorrespondent einer ungarischen Tageszeitung nach Russland geschickt. Vom ehemaligen deutschen Bundespräsidenten Theodor Heuss stammt die Metapher, die abendländische Kultur sei von drei Hügeln zu uns herabgestiegen: Von der Akropolis, vom Kapitol und von Golgotha. Wenn es unter den europäischen Denkern einen gibt, dessen Geist auf jedem dieser Hügel heimisch war, dann Erik von Kuehnelt-Leddihn, ein umfassend gebildeter Gelehrter von enzyklopädischer Wissensfülle. Er war in 12 Sprachen zu Hause – darunter auch Japanisch, Hebräisch und Arabisch, konnte in weiteren Idiomen lesen und hatte die Literatur der klassischen Antike im jeweiligen Original studiert. 1933 erschien sein Roman „Jesuiten, Spießer, Bolschewiken“, dem im Laufe seines Lebens noch rund 30 weitere Bücher und Broschüren folgen sollten, einige davon unter Pseudonym publiziert und in mehrere Sprachen übersetzt. 1937 heiratete er Christiane Gräfin Goess und zog im selben Jahr in die USA, um an der Georgetown University in Washington D.C. zu lehren. Während des Spanischen Bürgerkriegs reiste er als Journalist in die von den nationalspanischen Kräften gehaltenen Gebiete der iberischen Halbinsel. Danach kehrte er nach Amerika zurück, wo er der historischen Fakultät des St. Peter’s College in Jersey City vorstand. Weitere Lehrtätigkeiten führten ihn zur Fordham University und zum Chestnut Hill College in Philadelphia. 1947 kehrte Kuehnelt-Leddihn mit seiner Frau und seiner Tochter Isabel nach Österreich und zu seinem Sohn Erik zurück und ließ sich in Lans, Tirol, nieder. Fortan arbeitete er als freier Schriftsteller und Gastreferent. Alljährlich, fast 50 Jahre lang, unternahm er Vortragsreisen quer durch die USA. Daneben schrieb er Beiträge für über 50 namhafte Zeitschriften in Europa und Übersee, so beispielsweise für das von Wilhelm F. Buckley, Jr. herausgegebene Magazin „National Review“, ein Publikationsorgan der amerikanischen „Old Right“, und in Deutschland für „Criticón“, für „Theologisches“ und den „Rheinischen Merkur“. Erik von Kuehnelt-Leddihn nannte sich selbst einen „Weltreisenden in Semipermanenz“. Er bereiste – zu Vortrags- oder Studienzwecken – die meisten Länder der Erde, manchmal per Autostop, wiederholt auch Krisenregionen wie Vietnam und Nordirland. Die Greuel des Spanischen Bürgerkriegs kannte er aus eigener Anschauung. Seine Eindrücke hielt er als Hobby-Photograph und Hobby-Maler oft auf Zelluloid und in selbstgemalten Bildern fest. Einiges an Kuehnelt-Leddihn erinnert an den englischen Historiker Lord Acton: Auch jener war umfassend gebildeter Privatgelehrter, in mehreren Sprachen bewandert und auf dem Boden eines festen katholischen Glaubens stehend. Friedrich A. von Hayek hat in seinen Vorlesungen wiederholt auf die unschätzbare Bedeutung solcher Privatgelehrter für die Geistesgeschichte und für den Fortschritt des Wissens hingewiesen. Sind es doch nur solche von staatlichen und politischen Institutionen finanziell und ideologisch vollständig unabhängige Köpfe, die es wagen können, dem jeweiligen Zeitgeist die Stirn zu bieten, und die nicht dem Zwang unterliegen „Wes’ Brot ich ess des’ Lied ich sing“ oder sich unter Karriereaspekten verbiegen zu müssen. […] Dass die Demokratie, „die mit dem Schierlingsbecher (der staatlich angeordneten Ermordung) des Sokrates moralisch untergegangen war“, in der Französischen Revolution „in einem Wald von Guillotinen romantisch wiedergeboren wurde“, machte diese Staatsform für Kuehnelt-Leddihn nicht sympathischer. Mit ihrer aller Natur – und besonders der Natur des Menschen zuwiderlaufenden Gleichheitsarithmetik muss es in der Demokratie sukzessive und zwangsläufig zu einer Hinwendung zum Sozialismus kommen, von der politischen zur materiell-finanziellen

Gleichheit. Der Sozialismus ist nun mal eine „fausse idée claire“, und auch für Ideen gilt, wenn man sie der Allgemeinheit vorsetzt, ein Gresham-Gesetz: die einfachen schlechten setzen die komplizierten guten außer Kurs. Verstärkend kommt die Wirkung des niedrigsten menschlichen Instinktes hinzu: des Neides. Auch eine „christliche Demokratie“ kann es nicht geben, denn weder die Gleichheit noch die Herrschaft der Mehrheit sind christliche Postulate. Außerdem ist die Demokratie eine Art Diesseitsreligion antichristlichen Charakters. Da kein einziger ihrer Lehrsätze eine wissenschaftliche Grundlage hat, muss sie fortschreitend zu einer Religion werden, zu einem blinden weltlichen Glauben. Auch die auf Gleichheit gerichtete „Sozialromantik“ der Demokratie hat nur dem Schein nach mit christlichem Impetus zu tun. „Die ‚soziale Gerechtigkeit’“, schreibt Kuehnelt-Leddihn, „kühl analysiert und demaskiert, zeigt uns nicht das reizende Antlitz der christlichen Nächstenliebe, sondern das Medusengesicht des totalitären Staates. In ihm regiert der Neid, die Faulheit, die kurzsichtige Bequemlichkeit, die Verantwortungslosigkeit, das ökonomische Nichtwissen und die Abdankung der Person.“ Was in unserem Zeitalter droht, ist „der Mensch als verstaatlichtes Säugetier“. Umso mehr bleibt die wahre Religion, das Christentum, eine Existenzfrage. Nicht vergessen sollte man, dass die drei großen Revolutionen auch antichristliche Revolutionen waren. Nur die Religion gibt menschenwürdige Antworten auf die Fragen des Woher, des Wohin, des Wie und des Warum, nicht die großen Führer der Massenverhetzung und Massenverführung, und nicht die Selbstverwirklichungs-Manie der Gottlosen. […] Viele Konservative und die meisten Liberalen und Libertären tun sich schwer mit einer so kantigen Figur. Fest steht, dass sowohl Konservative als auch Liberale unendlich viel von ihm lernen können. Die Gedanken dieses Aristokraten von Herkunft, Geist, Gesinnung, Charakter und Tat gehören in ihrer Tiefe und Fülle zu den wertvollsten Pretiosen in der Schatztruhe der Geistesgeschichte des Abendlandes. Internet Martin Möller hat verdienstvollerweise auf Monarchieliga.de zahlreiche Texte Kuehnelt-Leddihns publiziert Die Autobiographie "Weltweite Kirche" Die Internetseite der Familie Kuehnelt-Leddihn 31. Juli 2009

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