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Sensationsfund Im Wagner-Jahr_ Und Cosima Grinst Freundlichst - Bilder Und Zeiten - FAZ

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Sensationsfund im Wagner-Jahr: Und Cosima grinst freundlichst - Bilder und Zeiten - FAZ

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Sensationsfund im Wagner-Jahr

Und Cosima grinst freundlichst
21.02.2013 · Im Nachlass eines Wagner-Enkels ist das Bayreuther Tagebuch Alfred Pringsheims aufgetaucht. Der Schwiegervater von Thomas Mann war 1876 bei Proben zur „Ring“-Uraufführung dabei. Wir drucken erstmals Auszüge.
Von ELEO NO R E BÜNING

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Richard Wagner (links) und sein musikalischer Mäzen Alfred Pringsheim in Darstellungen Franz von Lenbachs

© PO LAR IS IMAGES, FR ANZ VO N LENBAC H

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ayreuth. Juli 1876 Mittwoch d. 5ten. Mittags 1 Uhr angekommen, im Reichsadler abgestiegen. Dort bei der table d’hôte Sadler’s [= die erste Fricka: Friederike Sadler-Grün] und Rubinstein [= Josef Rubinstein] getroffen. Letzterer räth mir den „Meister“ um 5 Uhr vor der Probe abzufangen und von ihm Einlaß zu begehren. Das geschieht. Ich höre auf diese Weise das Vorspiel und ersten Act der Götterdämmerung - vollständig mit Scene und Orchester. Großartiger Total-Eindruck, doch im Einzelnen noch vieles zu wünschen übrig. Die Bläser machen das StreichOrchester an vielen Stellen vollständig todt. Sonnabend, den 8ten. Gegen halb fünf bei strömendem Regen zur Probe (Götterdämmerung, Act II mit Scene und Orchester). Es finden sich neben zahlreichen
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Schönheiten doch große Strecken absoluter musikalischer Oede, ein Herumwühlen in den Motiven, ein bizarres Herumspringen in den entlegensten Intervallen, dann wird wieder ein nichts weniger als melodisches Motiv der Bässe (Hagen’s Rache) unaufhörlich zu Tode gehetzt, die Singstimmen unglaublich maltraetirt. Natürlich giebt es auch zahlreiche Ausnahmen. Dazu gehört vor allem die ganze Mannen-Scene - von einer ganz originalen und packenden Wirkung. Die Probe geht im ganzen sehr gut. Doch fühle ich mich nach derselben entsetzlich deprimirt. Der Grund hiervor liegt hauptsächlich in der Erkenntniß der miserablen Akustik: man hört vorläufig kein einziges feineres Détail des Orchesters, die zahlreichen Figurationen der Violinen gehen fast sämmtlich völlig verloren, von dem Texte versteht man oft auf lange Strecken nicht eine Sylbe. Es scheint mir etwas gar zu sanguinisch, wenn man glaubt, daß sich diese Übelstände sofort heben werden, wenn nur der Zuschauerraum gefüllt ist. Ich habe über diesen Punkt Abend’s einen lebhaften Streit mit Rubinstein, welcher in Bezug auf alles von Wagner ausgehende von einem wahrhaft verbohrten Optimismus ist. Dienstag, den 11ten. Nur der Klang, der Klang! Die Harfen, obschon acht an der Zahl, hört man oft kaum - sowohl bei dem Gesange der Rhein-Töchter, als auch z.B. in der wunderbaren Stelle bei Siegfried’s Tod. Der Trauermarsch von erschütternder Wirkung (die beiden 16tel Schläge immer sehr langsam zu nehmen!) Als der Act zu Ende ist, applaudiren die sämmtlichen Musiker und die wenigen Probenbesucher lange und anhaltend. Mittwoch, den 12ten. 5 Uhr Ensemble-Probe zum Act III der Götter-Dämmerung. Die Ermordung Siegfried’s, der Trauermarsch und die Schluß-Scene wohl das höchste von tragischer Wirkung, was mir bekannt ist. Wenn das jetzt - ohne Costüme, mit halben Decorationen und noch ganz unvollendeten Maschinen, fortwährenden Unterbrechungen und sonstigen Störungen - schon so gewaltig wirkt, wie muß erst der Eindruck einer vollendeten Aufführung sein. Nach der Probe mit Kuczynski [= Paul
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Kuczynski] auf dem Theater-Restaurant zu Abend gegeßen; beim Herausgehen Wagner’s in die Arme gelaufen. Wagner sehr liebenswürdig, bedauert daß er sich jetzt so wenig um seine Freunde kümmern könne; er sei jetzt völlig Maschine etc. Donnerstag, den 13ten. Abends zu „einem stillen Abend“ von Cosima eingeladen mit Kuczynski’s. Wagner geräth in sehr gute Laune, erzählt allerlei Geschichten, schließlich kommt er auf Loewe’sche Balladen zu sprechen, und da Hill [= der erste Alberich: Carl von Hill], der eine zu singen aufgefordert wird, sich weigert, erbietet sich Wagner selbst dazu. Er singt - Eckert [= der Dirigent Karl Eckert] begleitet - erst „Walpurgisnacht“, dann „Elvers-Höh“. „Ja, ja, ja, die sind ganz genial gemacht; die hat der Loewe noch so als Student gemacht, die sind höchst originell. Später wie er so ein ,ordentlicher Componist’ werden wollte, da ist er verludert, hat er nichts als langweiliges Zeug geschrieben.“ Dann kommt er auf die jetzt ganz verschollenen Opern zu sprechen, die zu seiner Dresdner Capellmeister-Zeit gang und gebe waren: Das unterbrochene Opferfest von Winter, Weigl’s Schweizerfamilie; die Spontini’schen Opern. „Ja, ja - die Spontini’schen Opern, das war doch noch ein Styl. Herrrrgott, Sie, Eckert, das Allegro aus der Arie der Vestalin (er setzt sich an’s Clavier, und klimpert es sich zusammen). Das ist ja ganz colossal - solche Allegro’s kann heute kein Mensch mehr schreiben. Ja, wo ist dieser Styl hingekommen!? Das sind die französischen Opern, welche an dem Verfall schuld sind - vor allem Meyerbeer.“ (Eckert: „und Halévy ...“) „Ne, ne, ne - der Halévy das ist ein naiver Mensch gewesen - nur Meyerbeer, das war ’n Speculant. Ah, die ,Jüdin’ schätze ich sehr hoch; ne, ne, ne sagen Sie mir nichts gegen die Jüdin; ach, der 2te Act ist ja ganz colossal, das ist ja ungeheuer ergreifend.“ (Eckert: „Ah, das freut mich, das ist ganz meine Ansicht“). Dann kommt wieder die Rede auf das „unterbrochene Opferfest“ und die wunderbaren Texte mit Textwiederholungen in den Opern diesen Schlages: „Muß denn der Mensch nicht menschlich sein? - Ja wohl der Mensch muß menschlich sein.“ Alles dies von W[agner] in ungemein charakteristisch drolliger Weise vorgesungen.
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Freitag, den 14ten. (...) 5 Uhr Ensemble-Probe mit Requisiten zum Rheingold, Scene I und II. Die erste Decoration sehr schön, die drei Rheintöchter und Alberich ganz vorzüglich. Die zweite Scene hingegen will mir gar nicht recht zusagen. Schon die Decoration gefällt mir nicht recht - weder der blumige Vordergrund, noch die Burg Walhall im Hintergrund, welcher eher wie ein Juden Kirchhof oder ein indisches Grabmal oder eine Anhäufung vorgeschichtlicher Normal-Uhren aussieht. Außerdem ist die Scene musikalisch äußerst trocken. Es herrscht da vielfach geradezu jenes ältere, lediglich von Akkorden begleitete Opern-Recitativ, welches von der sonstigen Wagner’schen Declamation weit verschieden ist. Selbst die - mir wieder wahrhaft ideal erscheinende Stimme von Betz [= der erste Wotan: Franz Betz] kann denselben keinen rechten Reiz verleihen. Durch die Anhörung dieser Probe kommt mir wieder die schon sonst von mir empfundene Styl-Ungleichheit in den verschiedenen Partien des Nibelungen-Ringes zum Bewußtsein. Montag, den 17ten. Nach der Probe am Wagner-Tische oben. Wagner äußerst guter Laune. Schon in der Probe sagt er einmal: „ja, ja, das ist die Walküre, wo die Stelle vorkommt: Du bist der Lenz. Deshalb werden alle Theater diese ,Oper’ geben. Sie haben dann drei Stücke: ,Du bist der Lenz’; ,Du lieber Schwan’; und ,O Du mein holder Abendstern’.“ Dienstag, d. 18ten. Früh 2ten Act der Walküre studirt. - Nachmittags 5 Uhr Probe davon. Cosima samt Schleinitz [= Marie von Schleinitz] grinsen mich freundlichst an. Die Decoration sehr schön. Vorzüglich sieht es aus, wenn die Walküre ihr Roß den hohen Berg hinab geleitet. Nur die Kampfscene am Schluße mangelhaft - der Vorgang durchaus undeutlich. - Die Einleitung macht sich im Orchester vortrefflich, ein hinreißendes Stück. Mittwoch, den 19ten. Nachmittag 5 Uhr Probe vom letzten Act der Walküre. Ist
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wieder einer von den ganz famosen. Die Walküren-Scene wird vorläufig noch durch die mangelhaften optischen Erscheinungen der die Luft durchturnenden Walküren beeinträchtigt, auch geht das musikalisch ungemein schwierige Ensemble der 8 Walküren noch nicht tadellos. Doch glaube ich, daß diese Scene colossal wirken wird. Abends in der Restauration am Wagnertisch. Wagner und Cosima erscheinen gegen 9 Uhr. Er ist wieder vortrefflicher Laune - wie Niemann [= der erste Siegmund: Albert Niemann] sehr richtig bemerkt, ein unlösbares Räthsel wenn man diesen kleinen Mann mit seiner sächsischen Gemüthlichkeit so beobachtet und dann denken soll, dieser Mann hat alle diese großen Werke geschaffen. Freitag, den 21sten. Die Solo-Scenen Siegfried’s und die Scene mit dem Waldvogel sind wunderbar poetisch, und auch musikalisch von reizvollster Wirkung. In den übrigen Scenen ist für meinen Geschmack zu viel Unmusik. Levy, mit dem ich darüber sprach, giebt mir darin Recht: es sei hier zu viel Stoffliches vorhanden, welches einfach hingestellt, aber nicht eigentlich musikalisch bewältigt ist. Es ist ein gehäuftes Nebeneinander, kein fortlaufender organischer Fluß (nämlich in diesen erwähnten Scenen). Die Häufung unvermittelter Dissonanzen in der Zank-Scene zwischen Mime und Alberich überbietet alles, was selbst Wagner bisher hierin gewagt. Über die Drachenscene kann man noch nicht recht urtheilen, da das Unthier selbst noch nicht aus London angekommen ist. Der Gesang Fafner’s durch das Sprachrohr ist von eigentümlich grotesker Wirkung.

Das Bayreuther Tagebuch von Alfred Pringsheim
Als Alfred Pringsheim, Schwiegervater Thomas Manns und Vorbild für die Figur des Samuel Spoelman in „Königliche Hoheit“, am 25. Juni 1941 in Zürich verstarb, wohin die Pringsheims sich und einen winzigen Teil ihres Vermögens 1939 hatten retten können, verbrannte Ehefrau Hedwig Pringsheim alle schriftlichen Hinterlassenschaften. Zeugen gibt es dafür nicht. Es gingen aber, so viel weiß man zuverlässig, etliche Briefe dabei verloren, die Richard Wagner an Pringsheim, den Förderer und Freund, geschrieben hatte. Jetzt ist ein unbekanntes Pringsheim-Wagner-Dokument aufgetaucht. Keiner der verlorenen Briefe,
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vielmehr die Abschrift von Tagebuchnotizen, die sich der junge Pringsheim, sechsundzwanzigjährig, im Sommer 1876 in Bayreuth machte, als er die Generalproben zur Uraufführung des „Rings des Nibelungen“ besuchte. Richard Wagners Urenkelin Dagny Beidler (Enkelin von Isolde von Bülow, die wiederum die erstgeborene Tochter von Richard und C osima Wagner war) fand die umfangreiche Schrift im Winterthurer Nachlass ihres Vaters Franz Wilhelm Beidler. Sie transkribierte sie mit Hilfe der Musikwissenschaftlerin Eva Rieger. Dieser Pringsheimsche Festspielprobenbericht wird im Mai in Gänze erstmalig veröffentlicht (Thomas-Mann-Schriftenreihe, Band 9, Verlag Königshausen-Neumann). Wir bringen hier einige Auszüge vorab. Sie zeigen, dass dieses Fundstück nicht nur für Pringsheim-Biographen oder für die Wagner-Rezeption von Interesse ist. Auch über Wagner selbst ist viel zu erfahren. Einmal mehr muss man staunen, wie liebenswüridg, ja freundschaftlich er im persönlichen Umgang mit seinen jüdischen Bewunderern ist - jedenfalls, solange sie ihm nützlich sein konnten: Alfred Pringsheim gehörte zu den spendabelsten Geldgebern der ersten Bayreuther Festspiele. Dass Wagner nur mäßig Klavier spielte, ist bekannt, ebenso, dass er gern sang. Aus den eignen Werken gab er, im geselligen Kreis, halbe Akte singend zum Besten, sich von anderen begleiten lassend. Pringsheim schildert eine solche Szene, nur, dass Wagner hier nicht eigene Werke, vielmehr Balladen von C arl Loewe vorträgt, die er offenbar auswendig wusste, was ein Licht wirft auf seinen musikalischen Horizont. Mag die Verurteilung Giacomo Meyerbeers auch keine Überraschung sein, so ist es andererseits die Wertschätzung Halévys, den Wagner gegen Ersteren ausspielt. Und: Die weltberühmte Akustik des neuen Festspielhauses war offenbar stark gewöhnungsbedürftig. Wie die Tagebuchabschrift in den Nachlass von Franz Wilhelm Beidler gelangte, ist unklar. Vermutlich handelt es sich um eine Schenkung. Beidler war mit der Familie Mann gut befreundet, er war es auch, der bei der Beerdigung Alfred Pringsheims in Zürich die Grabrede hielt.

Quelle: F.A.Z. Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

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© Frank furte r Allge m e ine Ze itung Gm bH 2013 Alle R e chte vorbe halte n.

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