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Jonas Kaufmann im Gespräch: Statt zu glotzen, lese ich lieber Casanovas Memoiren - Bilder und Zeiten - FAZ

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Jonas Kaufmann im Gespräch

Statt zu glotzen, lese ich lieber Casanovas Memoiren
15.02.2013 · Am Freitagabend sang der Tenor Jonas Kaufmann an der New Y orker „Met“ die Titelrolle im „Parsifal“. Zeitgleich ist sein neues Wagner-Album erschienen. Ein Gespräch über den richtigen Ton.

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Vergessen Sie doch mal, dass ich auch singen kann: Jonas Kaufmann reflektiert gern über sich und seine Zunft

© LENA W UNDER LIC H

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err Kaufmann, am 2. März werden wieder mal die Kameras dabei sein, wenn Sie den Parsifal singen, auf der Bühne der Met und gleichzeitig in Hunderten von Kinos so ungefähr überall auf der Welt. Wie ist das stimmlich hinzukriegen? Eigentlich gar nicht anders als sonst. Ich sag’ immer: Wenn man weiß, wie’s geht, dann braucht man keine Nerven zu zeigen, wenn mal ein paar mehr Leute zuhören. Ich kann ja nicht plötzlich anders singen. Es macht einfach wahnsinnig Spaß, den Sängerberuf auszuüben, und da kann man keine Unterschiede machen, ob das jetzt ein kleiner Saal ist oder eine weltweite Übertragung. Ich muss ehrlich sagen, ich war vorher relativ skeptisch, als diese ganze Geschichte anfing mit den Übertragungen, weil ich mir nicht
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vorstellen konnte, dass das Publikum in die Oper geht, um im Kino zu sitzen und Popcorn zu essen. Das ist ja doch eine andere Atmosphäre. Aber viele Kinos haben sich jetzt darauf eingestellt, und die Übertragungsqualität ist so ausnehmend gut, dass es immer mehr zum Erfolg wird. Waren Sie selbst schon mal im Opernkino? Ja, ja! Es funktioniert ausgezeichnet! Nur ist es halt so, ich möchte lieber selber mein Auge schweifen lassen und nicht dem Kameramann überlassen, was ich gerade gucken darf. Manchmal gehen da schon Dinge verloren. Andererseits kann ich mit einer entsprechenden Kameraregie eine Produktion total verändern, zum Negativen und Positiven. Ich glaube, es ist ein Teil des Erfolgsrezepts, dass die Met sehr gute Bildregisseure hat, die einfach tolle Aufnahmen bringen.
Hörprobe: Jonas Kaufmann singt Wagner (Ausschnitt aus „Rienzi“)

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© DEC C A / UNIVER SAL

Und wie ist das mit der Stimme? Sie müssen doch für viertausend Leute in der Met singen und zugleich fürs intime Mikrophon? Es ist ja nicht so, dass ich dann speziell fürs Mikrofon sänge. Ich verändere ja meine Stimme nicht, um eine Aufnahme zu machen. Bei uns Opernsängern gibt es keinen
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Unterschied zwischen Live-Auftritten und Studioaufnahmen. Viel entscheidender ist die Positionierung des Mikrofons. Kleinere Stimmen sind besser aufgehoben, wenn das Mikrofon ganz nah ist, größere Stimmen hätten es lieber weiter weg. Da gibt es immer wieder Diskussionen. Schwer fällt es mir hingegen, mich für eine Studioaufnahme zu motivieren. Da hat man niemanden, den man ansingen kann, und ich brauche immer ein bisschen Zeit, um mich in einen Part hineinzuleben und so passioniert bei der Sache zu sein wie vor einem großen Publikum. Wenn Sie schon stimmlich nichts anders machen, muss es darstellerisch nicht ziemlich schwierig sein, die Überlebensgröße auf der Leinwand und das optische Miniaturformat im vierten und fünften Rang in der Met oder der Scala auf einen musikdramatischen Nenner zu bringen? Ich mache auch da nichts anderes. Wenn man fühlt, was man singt, wenn Gesang und Text nicht leer sind, sondern mit echten Gefühlen verbunden, dann tragen auch die kleinen Gesten bis in die letzte Reihe. Die natürlichen Bewegungen, die automatisch aus Verzweiflung, aus Freude, aus was auch immer entspringen, werden vom menschlichen Auge noch aus großer Entfernung erkannt. Künstliche Gesten dagegen, die nicht im Herzen und in der Seele verwurzelt sind und nur mechanisch ausgeführt werden, müssen größer angelegt werden, damit sie überhaupt verstanden werden können. Davon ist man aber in den letzten Jahren und Jahrzehnten auch in einem großen Haus wie der Met abgekommen. Wenn der Ausdruck stimmt, stimmt auch die Körperhaltung.
Hörprobe: Jonas Kaufmann singt Wagner (Ausschnitt aus „Der Engel“)

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Von der Übertragungstechnik zur Stimmtechnik: Was gehört für Sie zum guten Ton bei jeder Kunststimme, was sind deren unverzichtbare Qualitäten, ob Soubrette oder Heldentenor? Schon das Wort „Kunst“ ist da sehr irreführend, weil es bei manchen Leuten „künstlich“ impliziert. Und das ist es bestimmt nicht. Kunststimme mag ja ein Fachbegriff sein, aber im Prinzip geht es darum, dass am Ende eines Lernprozesses, der es mir ermöglicht, meine Stimme zu verstärken und mit ihr über Stunden und ohne zu ermüden auch ein Haus wie die Met zu füllen, sie doch ihre Natürlichkeit behält oder zurückgewinnt. Dieser Kreis muss geschlossen werden, bis Natürlichkeit und Selbstverständlichkeit wie beim Sprechen wiedergefunden sind. Wenn der stimmliche Ausdruck aus dem Gefühl heraus kommt, ist er automatisch richtig. Es muss sehr einfach und ohne großen Aufwand klingen, egal wie viel Arbeit dahintersteckt. Der Zuhörer muss vergessen, dass da jemand singt. Es muss wie die normalste Sache auf der Welt wirken, dass einer seine Gefühle in einem Lied zum Ausdruck bringt.

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Ein Sahnehäubchen mit groben Stellen: „Carmen“ in Salzburg „Die Walküre“ an der Met: Im Maschinenraum der Göttergesellschaft „Fidelio“ in München: Durch das Laby rinth der Brust Neuenfels in Bay reuth: Diese Welt will nicht gerettet sein O Bächlein, sprich, wohin?

Wie lange haben Sie gebraucht, um das zu erreichen? Während meines Studiums hätte ich nie im Leben gedacht, es einmal zu schaffen, auf der Bühne zu stehen und mit keiner Zelle meines Hirns darüber nachzudenken, wie ich den nächsten Ton produzieren sollte. Ich habe jahrelang gebraucht, um herauszufinden, wie das geht. Gleich am Anfang meiner Laufbahn hatte ich eine Krise, als gar nichts mehr ging und ich mir sagte, entweder änderst du etwas dramatisch oder du ergreifst einen anderen Beruf. Immer hatte ich Halsschmerzen, immer war ich erkältet, alles Zeichen, dass die Stimme überlastet und deshalb überempfindlich war. Ich habe dann, Gott sei Dank, einen anderen Lehrer gefunden, der mir eine ganz andere Art des Singens beigebracht hat. Ich habe wirklich wieder bei Adam und Eva angefangen, was sehr mühsam war und mir auch viel Kritik eingebracht hat. Aber ich habe gespürt, dass es funktioniert. Klingt Ihre Stimme jetzt anders als zu Beginn Ihrer Karriere? Völlig anders. Meine Stimme hat sich seitdem immer mehr befreit und entspannt, ist dadurch runder und voller und größer geworden, aber auch dunkler, weil sie sozusagen mehr auf dem Körper sitzt.

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Liebe geht durch die Haare: Magdalena Kožená und Jonas Kaufmann in der Salzburger „C armen“-Inszenierung von 2012

© DAPD

Sie waren Ferrando, Tamino und Florestan, Sie singen Parsifal und Faust, Sie pendeln zwischen deutscher und französischer Romantik, Sie stürzen sich in die Emotionen des Verismo, Sie geben Liederabende - warum diese musikalische Allgegenwart? In der Vergangenheit ist das völlig normal gewesen! Die Leute damals haben alles durcheinandergesungen, an einem Abend Tamino, am nächsten Siegfried. Ich weiß nicht, warum das verlorengegangen ist, aber prinzipiell geht es ja in unserer Welt immer mehr in Richtung Spezialisierung. Ich fände es aber langweilig, tagein, tagaus nur noch fünf, sechs Partien zu singen, und außerdem wäre es auch gefährlich: Routine lullt ein, und man merkt gar nicht, dass es wieder mal nötig wäre, die Stimme auf den Prüfstand zu legen. Ich stelle auch immer wieder fest, dass sich die unterschiedlichen Partien gegenseitig befruchten. Wenn man eine italienische Partie nach einer deutschen macht, versucht man doch, seiner Stimme mehr Weichheit und Legato zu geben und profitiert gleichzeitig von den Kraftreserven aus dem „Wagner-Training“. Den italienischen Schöngesang versucht man dann auch wieder in den Wagner-Gesang reinzubringen, damit es nicht so abgehackt und hart klingt, sondern auch eine gewisse Weichheit hat. In Ihrem neuen Wagner-Album warten Sie mit einer sprachlichen
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Subtilität, einem Farben- und Nuancenreichtum auf, wie es derart ausgeprägt und durchgeformt selten in diesem Fach zu vernehmen ist. Wäre so viel liedhafte Subtilität auch auf der Bühne möglich? Also, das geht dort genauso! Wenn das Orchester spielt, was in der Partitur steht, dann funktioniert das. Die haben da nicht geschummelt und extra leise gespielt. Das Piano auf der Aufnahme ist um keinen Deut anders, als ich es auf der Bühne machen würde. Die Abwechslung macht’s! Kein Forte-Ton ist beeindruckend, wenn davor und danach alles im gleichen dynamischen Bereich liegt. Wenn ich aber das Ohr des Hörers wieder auf das Leise einstelle, wirkt das Forte umso gewaltiger. Dieses ewige Auf und Ab, dieses Yin-und-Yang-Spiel ist in fast jeder Partitur vorhanden, auch bei Wagner.

Scheue Zärtlichkeiten in den Trümmern der Musik: Ariadne (Emily Magee) und ihr BacchusJungtier (Jonas Kaufmann) in der Salzburger Inszenierung der „Ariadne auf Naxos“ aus dem Jahr 2012

© AFP

Ihr CD-Siegfried, wie er da in der Waldwebenszene so berührende Töne über sich, übers Leben und die Welt anschlägt, muss natürlich Lust machen, Sie in dem gesamten Part zu hören. Hat er inzwischen einen Platz in Ihrem Terminkalender bekommen? Der ist noch nicht im Terminkalender. Der wird aber sicher kommen, ich will Siegfried singen, keine Frage...
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...beide Siegfriede? Beide! Neulich habe ich wieder einen „Siegfried“ gehört, alles klang unheimlich angestrengt und brutal, aber wenn ich mir die Noten ansehe, dann ist es gar nicht so. Man kann so viel mehr gestalten, so viel mehr Weichheit und Legato in diese Partie bringen, ohne dass man Gefahr läuft, überhaupt nicht mehr gehört zu werden. Ich will es gerne machen, aber davor müssen noch ein paar Sachen kommen, gerade im italienischen Bereich, wo ich noch viel nachzuholen habe. Sie haben hier an der Met auch schon ein Recital gegeben, einen Liederabend, der kein falsch etikettierter Arienabend war, und auf der Wagner-CD lassen Sie den Opernszenen die Wesendonck-Lieder folgen. Was reizt Sie an dieser intimen Form, die so gar nicht in unsere laute, visuell ausgerichtete Zeit passen will? Wenn da nicht der Schauspieler spricht, sondern die Seele, wenn da echte Gefühle im Spiel sind, wenn da etwas entsteht, wenn das berührt, dann hat man im Liederabend die Chance, ohne das Kostüm, ohne die Maske, ohne das Tamtam rundherum noch minimalistischer zu sein, noch detailreicher, noch zarter, noch ehrlicher, noch natürlicher - und trotzdem kommt es beim Publikum an. Man macht mit dem Pianisten Musik wirklich in diesem Augenblick, entdeckt sie immer wieder neu, und es ist jedes Mal wieder anders.

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Jonas Kaufmann und Annette Dasch im Bayreuther „Lohengrin“ aus dem Jahr 2010

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Beim Erzählen sind Sie jetzt fast so leidenschaftlich wie beim Singen und Spielen. Wie erhalten Sie sich diese Leidenschaft? Die Musik gibt einem die Energie, die man investiert, wieder zurück. Bis jetzt - toi, toi, toi - hat sich nichts daran geändert. Mir macht es einfach Spaß. Man hat seine Leidenschaft zum Beruf gemacht, was kann einem Besseres passieren? Gehen Sie manchmal auch als Zuschauer und -hörer in die Oper? Ich gehe sehr wenig, man kann ja wahnsinnig schlecht abschalten. Als Profi sieht man jeden Fehler, man spürt sofort, wenn etwas nicht stimmt, man kann sich nicht zurücklehnen und entspannen und einfach nur einen schönen Abend haben. Vergangenes Jahr hat sogar die „New York Review of Books“ Sie zu einem großen Interview gebeten, ein ganz und gar einmaliger Vorgang. Sind Sie unter den Kollegen seither als Intellektueller der Opernszene verrufen? Nein, es gibt da noch welche, die verrufener sind und das Ganze sehr kontemplativ angehen. Ich sag’s mal so: Es ist nie verkehrt, gut informiert zu sein. Ich lese sehr gern, es ist kein Geheimnis, und warum auch nicht, man ist die ganze Zeit unterwegs und sitzt
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im Hotelzimmer und wartet auf die nächste Probe. Bevor ich mein Gehirn ab- und die Glotze anschalte, lese ich lieber, und zwar alles Mögliche durcheinander, von modernen Krimis bis zu historischen Abhandlungen. Ein Freund hat mich neulich gefragt: Hast du jemals die Memoiren Casanovas gelesen? Das ist total faszinierend! Der geht ja jeden Abend in die Oper! Erst mal habe ich einen gemischten Band, ein paar hundert Seiten querbeet gelesen, mittlerweile habe ich das gesamte Werk, das unendlich lang ist, in Angriff genommen. Wirklich faszinierend! Weil der ja alles aufschreibt, was nur gerade passiert! Sonst noch einen Lektüretipp? Es ist sicherlich der Interpretation nicht abträglich, wenn man Hintergrundwissen hat. Jeder, der „Carmen“ singt, sollte doch in Gottes Namen mal diese kleine, schmale Novelle von Mérimée gelesen haben. Man weiß plötzlich so viel mehr über die Geschichte. Das gehört einfach zum Grundwissen für jeden, der an dieser Oper beteiligt ist. Das bedeutet aber nicht, dass ich als José jetzt plötzlich intellektuell agieren muss. Alles, was ich auf der Bühne mache, ist in dem Moment spontan, aber - geleitet durch Wissen! In New York sind Sie nicht nur ein gerngesehener und -gehörter Gast, sondern ein frenetisch gefeierter Star, und dass Sie auch eine gute Figur abgeben, hat sicher nicht geschadet. Hat eigentlich auch der Broadway schon mal angefragt? Nee... irgendwie ist das an mir vorübergegangen. Mich würde aber wahnsinnig interessieren, einen Film zu drehen. Mal ganz ohne Singen! Nur wird da von heute auf morgen entschieden, und wir Opernsänger sind fünf Jahre im Voraus ausgebucht. Man müsste einfach einen Riesenteil seines Kalenders freilassen für den Fall, dass so ein Angebot kommt. Entweder es klappt mal spontan, oder es wird halt nix. Aber reizen
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würde es mich schon. Das Gespräch führte Jordan Mejias.
Richard Wagner: Wesendonck-Lieder (Orchestrierung: Felix Mottl); Arien aus Rienzi, Tannhäuser, Lohengrin, Walküre, Siegfried und Die Meistersinger von Nürnberg. Jonas Kaufmann, Markus Brück, C hor und Orchester der Deutschen Oper Berlin, Donald Runnicles. Decca 4785189 (Universal)

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© Frank furte r Allge m e ine Ze itung Gm bH 2013 Alle R e chte vorbe halte n.

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