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Transpersonale Psychologie Und Psychotherapie - 1997 Vol.1

Transpersonale Psychologie Und Psychotherapie - 1997 Vol.1

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Ken Wilber: Die vier Gesichter der Wahrheit. Ein erkenntnistheoretischer Überblick zu transpersonalen Studien 4
Theodor Seifert: Verwirrt von 10 000 Dingen. Ethisches Handeln, on-line mit dem Selbst 19
Samuel Widmer: Der nächste Schritt: Vom Sterbepunkt in unserem Energiesystem 32
Joachim Galuska: Heilung von Psychosen in transpersonalem Verständnis 48
Kurt Gemsemer: Transpersonale Aspekte der Gestalttherapie in der Psychosetherapie 65
Thomas Jordan: Achtsamkeit im Umgang mit Konflikten: ein Weg zur Bewußtseinsentwicklung 78
Ken Wilber: Die vier Gesichter der Wahrheit. Ein erkenntnistheoretischer Überblick zu transpersonalen Studien 4
Theodor Seifert: Verwirrt von 10 000 Dingen. Ethisches Handeln, on-line mit dem Selbst 19
Samuel Widmer: Der nächste Schritt: Vom Sterbepunkt in unserem Energiesystem 32
Joachim Galuska: Heilung von Psychosen in transpersonalem Verständnis 48
Kurt Gemsemer: Transpersonale Aspekte der Gestalttherapie in der Psychosetherapie 65
Thomas Jordan: Achtsamkeit im Umgang mit Konflikten: ein Weg zur Bewußtseinsentwicklung 78

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Transpersonale Psychologie und Psychotherapie

ist eine unabhängige Zeit­ schrift. Aus einem schulen-, kultur- und religionsübergreifenden Verständnis heraus bietet sie ein Forum zur Ver­ bindung von Psychologie und Psychotherapie und deren theoretischen Grundlagen mit spirituellen und transpersona­ len Phänomenen, Erfahrun­ gen und Wegen, Welt- und Menschenbildern. Sie dient dem Dialog der verschiede­ nen Richtungen, fördert integrative Bemühungen und leistet Beiträge zu Forschung und Theoriebildung.

Impressum:
Herausgeber und Schriftleitung: Dr. med. Joachim Galuska, Fachklinik Heiligenfeld, Euerdorfer Str. 4-6, D-97688 Bad Kissingen, Telefon (09 71) 8 20 63 69, Fax (09 71) 6 85 29. Prof. Dr. Edith Zundel, Ankerbachtalweg 4, D-53227 Bonn, Telefon (0228) 44 23 62, Fax (0228) 443393. Redaktionelle Mitarbeit: Ulla Heist, Tilsiter Str. 10, D-88267 Vogt, Tel. u. Fax (075 29) 32 55 Wissenschaftlicher Beirat: David Boadella (spirituelle Körperpsychotherapie) Michael von Brück (vergleichende Religionswissen­ schaften) Stan Grof (Holotrope Therapie, Spirituelle Krisen) Willigis Jäger (Kontemplation und Meditation) Ingo Jahrsetz (Spirituelle Krisen) Ayya Khema (Buddhistische Meditation und Kon­ templation) Walter von Lucadou (Parapsychologie) Pieter Loomans (Initiatische Therapie) Arnold Mindell (Prozeßorientierte Psychotherapie) Michael Plesse (Orgodynamik) Ursula Reineke (Psychosynthese) Christian Scharfetter (Bewußtseinsforschung, Psy­ chopathologie) Theodor Seifert (Jungianische Psychologie) Ken Wilber (Transpersonale Psychologie). Erscheinungsweise und Bezug: Die Zeitschrift erscheint zweimal jährlich. Bezugspreis DM 39,- zuzügl. Versandkosten. Das Abonnement gilt für das Kalenderjahr, die Be­ zugsdauer verlängert sich jeweils um 1 Jahr, wenn bis zum 30. September keine Abbestellung vorliegt. Bestellungen bitte an den Verlag Via Nova. Mit der Annahme eines Beitrags zur Veröffentlichung überträgt der Autor dem Verlag alle Rechte, insbeson­ dere das Recht der weiteren Vervielfältigung und das Recht zur Übersetzung für alle Sprachen und Länder. Die Zeitschrift sowie alle in ihr enthaltenen einzelnen Beiträge und Abbildungen sind urheberrechtlich ge­ schützt. Für den persönlichen Gebrauch dürfen von Beiträgen oder Teilen daraus Einzelkopien hergestellt werden. Die Aufnahme der Zeitschrift in Lesezirkel ist nicht gestattet. Hinweis: Diese Zeitschrift ist auf chlor- und säurefreiem Papier gedruckt.
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Neißer Straße 9, 36100 Petersberg, Telefon /Fax: (06 61) 6 29 73 ISSN 0949-3174

Transpersonale Psychologie und Psychotherapie
3. Jahrgang, Heft 1, 1997

Editorial Ken Wilber: Die vier Gesichter der Wahrheit Ein erkenntnistheoretischer Überblick zu transpersonalen Studien Seifert: Verwirrt von 10 000 Dingen Ethisches Handeln, on-line mit dem Selbst Der nächste Schritt: Vom Sterbepunkt in unserem Energiesystem Heilung von Psychosen in transpersonalem Verständnis Transpersonale Aspekte der Gestalttherapie in der Psychosetherapie Achtsamkeit im Umgang mit Konflikten: ein Weg zur Bewußtseinsentwicklung Gedichte

3

4

Theodor

19

Samuel

Widmer:

32

Joachim

Galuska:

48

Kurt

Gemsemer:

65

Thomas Jordan:

78 2, 18, 47, 64

Angela Krenzin:

Buchbesprechungen Tagungen Die Autoren dieser Ausgabe

102 108 109

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Immer dann, wenn du zum Grund heimkehrst, immer dann, wenn der Ursprung an dich Fragen stellt, kann das Leid hervortreten. Leid ist eine Uhr, sie tickt mit Unruhe. Leid ist eine Chance. Leid ist das Nicht-Sehen, -Hören, -Fühlen anderer Möglichkeiten. Leid ist die Möglichkeit, sich erneut zu disidentifizieren. Leid ist die Möglichkeit, den Ursprung neu zu verstehen. Und die Natur zeigt, daß die Dinge von oben wie von unten wachsen und Zeit brauchen. Du kannst dir die Hand reichen lassen und dich annehmen lassen vom Wachstum.

Angela Krenzin

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Editorial

Liebe Leserinnen und, Leser, wie alles Lebendige ist auch diese Zeitschrift in Entwicklung begriffen, und so gab die vorliegende Ausgabe erneut Anlaß für mancherlei Überlegungen. Wir stellen uns vor; daß die Zeitung die Vernetzung des wissenschaftlichen Diskurses im Bereich der transpersonalen Psychologie und Psychotherapie weitertreiben und eine fundierte, öffentlich geführte Diskussion ermöglichen wird. Wir freuen uns darüber, daß wir inzwischen viele Zusendungen von Artikeln erhalten, die uns zur Veröffentlichung angeboten werden, jedes Heft bietet jedoch nur für eine begrenzte Anzahl von Aufsätzen Platz. Wir wollen deshalb noch einmal darauf hinweisen, daß wir bereits in der vorletzten Ausgabe eine weitere Form der aktiven Beteiligung angeregt haben: die Schaffung eines Leserforums zu den veröffentlichten Artikeln. Bisher haben wir in der Redaktion wenig Resonanz darauf erhalten, was wir sehr schade finden, denn bei einigen der Artikel hatten wir eine kritische Diskussion erwartet und auch erhofft. Gern würden wir aus Ihren Stellungnahmen interessante und kreative Gedanken herausgreifen und den Lesern zugänglich machen. Auf diese Weise könnte ein inspiriertes Gespräch initiiert werden. Vielleicht haben sie auch noch andere Ideen, wie wir diese Zeitschrift weiterentwickeln können zu einem Forum „transpersonaler Kommunikation“, um es schlagwortartig zu umschreiben. Denn Vernetzung scheint uns einer der Imperative der Zeit zu sein, und die trans­ personale Psychologie hat sicher Wesentliches dazu beizutragen. Doch nun zum Themenschwerpunkt dieses Heftes. Wir haben uns dafür von der Internationalen Konferenz des Spiritual Emergence Network Deutschland anregen lassen. Sie fand unter dem Titel „ Krisen der Erde, Krisen der Seele - Chancen für ein neues Jahrtausend“ in Todtmoos-Rütte im September des vergangenen Jahres statt. In dieser Ausgabe beschäftigen wir uns mit den „Krisen der Seele“; die „Krisen der Erde“ werden im nächsten Heft folgen. Die hier veröffentlichten Artikel sind teils Vorträge, die auf dem Kongreß gehalten wurden - Seifert, Widmer und Galuska teils solche, die wir passend zum Thema dazugenommen haben - Gemsemer und Jordan. Zur kreativen Umrahmung haben wir Gedichte von Angela Krenzin ausgewählt. „ Einsichten in die Psychosynthese“ ist die Darstellung eines persönlichen Prozesses in und mit der Psychosynthese. Obwohl wir die Gedichte aus diesem Zusammenhang herausnehmen mußten, glauben wir doch, daß etwas von der zarten Poesie der Darstellung eines inneren Wandlungsprozesses spürbar wird. Der Tradition unserer Zeitschrift folgend, die transpersonale Wissenschaft zu stär­ ken und zu entwickeln, haben wir diesem Heft einen themenübergreifenden Artikel von Ken Wilber vorangestellt. Es ist der Entwurf einer transpersonal orientierten Erkenntnistheorie. Wir wünschen Ihnen viel Freude beim Lesen, denn hier entfaltet sich wieder Wilbers Talent, hochwertige geistige Nahrung mit leichter Hand zuzu­ bereiten. Ulla Heist, Joachim Galuska 3

Transpersonale Psychologie und Psychotherapie
1/97, 4-17

Die vier Gesichter der Wahrheit
Ein erkenntnistheoretischer Überblick zu transpersonalen Studien
Ken Wilber, Colorado, USA

Zusammenfassung: Die bekannten wissenschaftlichen Ansätze, Wirklichkeit zu erfassen, werden untersucht und in vier Quadranten eingeteilt: der individuelle, nach innen gerichtete Ansatz (z.B. Tiefenpsychologie), der individuelle, nach außen gerichtete Ansatz (z.B. Behaviorismus), der innenorientierte kollektive Ansatz (z.B. Hermeneutik) und der außenorientierte kollektive Ansatz (z.B. Systemtheorie). Es wird dargelegt, daß in jedem Quadranten eine andere Wahrheit gilt und eine andere Form besteht, Wahrheit zu suchen und zu überprüfen (Validitätskriterien). Jede der vier Betrachtungsweisen erschließt jedoch einen anderen Aspekt der Realität, und erst alle zusammen ergeben das ganze Bild: ein Bild, das ebenso Oberfläche wie Tiefe aufweist, das die Mikroebene ebenso enthält wie die Makroebene. Eine umfassende Theorie des menschlichen Bewußtseins, die sich als wahrhaft spirituell bezeichnen kann, muß deshalb alle vier Quadranten einbeziehen. Schlüsselworte: Erkenntnisproblem; Innen und Außen; individuell und kollektiv; Wahrheit; Validität; 4 Quadranten der Erkenntnis; Ich, Wir und Es.

Der Urknall hat alle, die denken, zu Idealisten gemacht. Zuerst war nichts, und dann manifestierte sich in weniger als einer Nano-Sekunde das gesamte materielle Universum. Diese frühen materiellen Prozesse gehorchten offenbar mathematischen Gesetzen, die auf irgendeine Weise vor dem Urknall existierten, da sie von Anfang an wirksam waren. Von den beiden großen philosophischen Orientierungen, Materialismus und Idealismus scheint der Urknall (was immer er sonst noch bewirkt haben mag) der einen, nämlich dem Materialismus, den Todesstoß versetzt zu haben. Diese idealistische Tendenz in der modernen Physik läßt sich mindestens bis auf die Zwillingsrevolutionen der Relativitäts- und der Quantentheorie zurückverfol­ gen. Tatsächlich waren die meisten Pioniere dieser Revolutionen - Einstein, Heisenberg, Schroedinger, de Broglie, Planck, Pauli, Eddington - Idealisten oder Transzendentalisten der einen oder anderen Art. „Das Universum ähnelt immer mehr einem großen Gedanken als einer großen Maschine“, hat Sir James Jeans den Erkenntnisstand seiner Zeit zusammengefaßt. Auf eine Weise, gegen die sicherlich keiner jener Pioniere der modernen Physik etwas einzuwenden gehabt hätte, vertrat
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Die vier Gesichter der Wahrheit

er die Ansicht, die einzig sinnvolle Erklärung des Universums sei, daß dieses „im Geiste eines ewigen höheren Wesens“ existiere. Und was hat dies mit Psychologie und Psychiatrie zu tun? Beginnen wir mit der Tatsache, daß „geistige Gesundheit“ immer als „mit der Realität ,in Kontakt“ sein“ definiert wird. Doch was ist, wenn wir uns an die härteste unter den Wissenschaften wenden, um etwas über das Wesen dieser grundlegenden Realität zu erfahren, und dann wird uns rüde gesagt, diese Realität existiere „im Geist eines ewigen höheren Wesens“? Was dann? Und wenn wir diesen Physikern nicht glauben, wem sollen wir dann glauben? Wenn es darum geht, geistige Gesundheit zu erlangen, mit welcher Realität sollen wir dann in Kontakt sein? Eines der großen Probleme dieser „spirituellen“ Perspektive ist, daß diese Schlußfolgerungen jedem, der kein theoretischer Physiker ist und der sich nicht täg­ lich mit Themen dieser Art beschäftigt, als nicht stichhaltig, zu spekulativ, zu weit hergeholt oder gar als gespenstisch erscheinen. Ganz zu schweigen von der Tatsache, daß jeder dahergelaufene Theologe östlicher wie westlicher Herkunft mittlerweile die Hintertürchen wissenschaftlicher Naturbeschreibungen benutzt, um seine Version Gottes zu untermauern. Deshalb gehen die meisten modernen Wissenschaftler, Physiker, Psychologen und Psychiater ihrer Arbeit nach, ohne zuzulassen, daß derartige „idealistische Spekulationen“ ihren Blick trüben. Das Gehirn wird als bio-materieller Informationsprozessor verstanden, der sich wissenschaftlich und objektiv erklären läßt, und die Information, die es verarbeitet, besteht aus nichts weiter als Repräsentationen der empirischen Welt. Aber so erfahren wir unser eigenes Bewußtsein nicht. Denn wenn Sie und ich in uns hineinschauen, so finden wir dort keine Welt aus Bites und Bits und digitalen Spekulationen, sondern eine Welt der Bilder und des Verlangens, des Hungers und des Schmerzes, der Gedanken und Ideen, der Wünsche und des Wollens, der Intentionen und des Zögerns, der Hoffnungen und Ängste. Und diese inneren Informationen sind uns einfach gegeben, sie tauchen plötzlich auf, und wir beachten sie in dem Maße, wie es uns der Mühe wert erscheint. Und selbst wenn wir uns vor­ zustellen versuchen, daß das Bewußtsein aus nichts weiter als Informationseinheiten besteht, die durch neuronale Netze jagen, so ist diese Vorstellung selbst uns doch nur in einem inneren und direkten Wahrnehmen bekannt.

Innen und Außen
Seit Menschen nach Erkenntnis suchen, gibt es diese beiden unterschiedlichen und sich scheinbar widersprechenden Wege: innerlich versus äußerlich. Einerseits gibt es die Ansätze, die mit dem objektiv, empirisch und oft auch quan­ titativ Beobachtbaren beginnen. Diese Ansätze, die wir „äußerlich“, „naturalistisch“ oder „empirisch-analytisch“ nennen, - sehen die materielle oder empirische Welt als die grundlegendste an, weshalb alle theoretischen Erwägungen sorgsam durch empi­ risch Beobachtbares untermauert werden müssen. In der Psychologie verkörpert der klassische Behaviorismus diese Tendenz, in der Soziologie der klassische Positivismus, und selbst in der Theologie und Metaphysik geht dieser naturalistische Ansatz von gewissen empirischen und materiellen Gegebenheiten aus und versucht 5

Ken Wilber

dann, die Existenz des Geistes aufgrund empirischer Realitäten zu deduzieren: Gott gibt es, weil es seine Schöpfung gibt. Diesen naturalistischen und empirischen Ansätzen stehen diejenigen gegenüber, die bei der unmittelbaren Gegebenheit des Bewußtseins selbst ansetzen; wir werden sie „innere“, „introspektive“ und „interpretative“ Ansätze nennen. Sie leugnen nicht die Bedeutung empirischer oder objektiver Fakten, doch weisen sie darauf hin, daß die einzige wirklich direkte Erfahrung, die uns allen zur Verfügung steht, unsere eigene unmittelbare und innere Erfahrung ist. Von dieser Erfahrung sind alle ande­ ren Fakten abgeleitet. In der Psychologie manifestiert sich dieser subjektive Ansatz in den verschiedenen Schulen der Tiefenpsychologie, der Psychoanalyse, der Jungschen Analytischen Psychologie, der Gestaltpsychologie, der phänomenologisch-existentiellen und der humanistischen Psychologie - ganz zu schweigen von der riesigen Zahl der kontem­ plativen und meditativen Psychologien des Osten wie des Westens. Alle diese Tradi­ tionen gehen von unmittelbar erfahrenen inneren Zuständen und von direkt erfah­ renen Realitäten aus, und ihre Theorien basieren auf diesen unmittelbaren Fakten. Diese Schulen interessieren sich weniger für Verhalten als für Bedeutung und Interpretation psychologischer Symbole, Symptome und Zeichen. Schon der Titel von Freuds erstem bedeutendem Buch verrät alles: Die Traumdeutung. Träume sind innere symbolische Erzeugnisse. Doch alle Symbole müssen interpretiert werden. In der Soziologie manifestiert sich der subjektivistische Ansatz in den einfluß­ reichen Schulen der Hermeneutik (,Hermeneutik' ist die Kunst und Wissenschaft der Interpretation) und der interpretierenden Soziologie. Versuchen wir uns dies anhand des Regentanzes der Hopi zu veranschaulichen. Ein typischer objektivfunktionalistischer Ansatz erklärt die Existenz des Tanzes als festen Bestandteil des sozialen Handlungssystems und notwendigen Aspekt der Integration. Der Tanz erfüllt im Gesamtsozialsystem eine Funktion, die den Eingeborenen im allgemeinen unbekannt ist. Sie besteht darin, das soziale Handlungssystem zu erhalten. Der hermeneutische soziologische Ansatz hingegen versucht, sich in die Perspektive des Eingeborenen einzufühlen und den Tanz sozusagen von innen, aus einer mitfühlenden Haltung heraus zu verstehen. Und der Anhänger der interpretie­ renden Soziologie stellt als „teilnehmender Beobachter“ fest, daß der Tanz sowohl der Natur Verehrung als auch der einfühlsamen Naturbeeinflussung dient, und schließt, daß der Tanz phänomenologisch eine Form des Sich-Verbindens mit einem als heilig empfundenen Bereich ist. In der Theologie und Metaphysik divergieren die inneren und äußeren Ansätze stark. Der objektivistische Ansatz geht von empirischen und materiellen Fakten aus und versucht, von diesen die Existenz transzendentaler Realitäten herzuleiten. Thomas von Aquin zum Beispiel versucht bei den meisten seiner zahlreichen Gottesbeweise zu zeigen, daß die Schöpfung die Existenz eines Schöpfers zwingend erfordert. Und bis auf den heutigen Tag veranlaßt immer noch viele Physiker und Mathematiker das „Argument der Existenz einer Struktur“ (argument from design) zu dem Schluß, daß es irgendeine Art von Schöpfer jener Struktur geben muß. Zu diesen Ansätzen zählt unter anderem auch das erst kürzlich entwickelte „anthropische Prinzip“. Aus der Tatsache, daß die Existenz des Menschen in höchstem Maße unwahrscheinlich ist, er aber dennoch existiert, leitet dieser Ansatz ab, daß das
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Die vier Gesichter der Wahrheit

Universum sich ganz einfach von Anfang an nach einem verborgenen Plan ent­ wickelt haben muß. Der subjektive, introspektive Ansatz hingegen versucht nicht, die Existenz des Höheren Geistes (Spirit) mittels Deduktion von empirischen Fakten oder Naturereignissen zu beweisen, sondern er richtet das Licht des Bewußtseins unmit­ telbar auf das Reich des Inneren - den einzigen Bereich, in dem es wirklich unmit­ telbare Tatsachen gibt -, und hält in dem, was diese Tatsachen erkennen lassen, nach dem Höheren Geist Ausschau. Meditation und Kontemplation werden zum Musterbeispiel, zur tatsächlichen Praxis, auf welcher alles Theoretisieren basieren muß. Der innere, nicht der äußere Gott wird zum Orientierungspunkt. Im Westen haben vor allem Plotin und Augustinus diesen Pfad beschritten. In der Philosophie selbst entspricht dem die ungeheure Divergenz zwischen den modernen angelsächsischen und den kontinentalen Ansätzen. Der typische angel­ sächsische (britische und amerikanische) empirisch-analytische Ansatz geht bis auf die Zeit von John Locke und David Hume zurück. Und Wittgenstein verkündet in seinem Tractatus „Wir machen Bilder von (empirischen) Tatsachen“, wobei dann das Ziel aller echten Philosophie ist, diese empirischen Bilder von der empirischen Welt zu analysieren und zu erklären. Keine empirischen Bilder, keine echte Philosophie. Diese Anschauung ist den großen Philosophen des europäischen Festlandes immer als naiv und oberflächlich erschienen. Zuerst und am deutlichsten von Immanuel Kant und in unterschiedlichen Gewandungen auch von Schelling, Flegel, Nietzsche, Schopenhauer, Heidegger, Derrida und Foucault. Immer wieder wurde die dramatische These verkündet, daß die sogenannte „empirische“ Welt in vielen wichtigen Aspekten nicht nur eine Wahrnehmung, sondern eine Interpretation sei. Die angeblich einfache „empirische“ und „objektive“ Welt liegt nicht nur einfach „da draußen“ und wartet darauf, daß jedermann sie sieht. Vielmehr ist die „objekti­ ve“ Welt in subjektive und intersubjektive Kontexte und Hintergründe gestellt, die auf vielerlei Weisen das, was in jener „empirischen“ Welt gesehen wird und was gese­ hen werden kann, beherrschen. Es genügt nicht, Bilder von der objektiven Welt zu machen, man muß auch die Strukturen im Subjekt untersuchen, die die Produktion der Bilder überhaupt ermöglichen. Denn die Fingerabdrücke des Kartenmachers finden sich auf der gesamten Landkarte, die er gemacht hat. Somit liegt der geheime Zugang zum Universum nicht nur in den objektiven Landkarten, auch der subjekti­ ve Kartenmacher spielt dabei eine gewichtige Rolle. Die Tatsache, daß beide Ansätze, der äußere wie der innere, der objektivistische wie der subjektivistische, sich in praktisch allen Bereichen menschlichen Wissens zu allen Zeiten manifestiert und bekämpft haben, zeigt, daß beide Ansätze von großer Bedeutung sind. Das Ziel des transpersonalen Ansatzes wird immer sein, beide Tendenzen der menschlichen Suche nach Erkenntnis zu würdigen und zu inte­ grieren.

Zur Integration dieser Wahrheiten
Die Beispiele, die ich für die verschiedenen Ansätze der Suche nach Erkenntnis angeführt habe, lassen sich sinnvoll nicht in zwei, sondern in vier große Lager ein­ teilen. Denn man muß die inneren wie auch die äußeren Ansätze zusätzlich in indi­
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Ken Wilber

viduelle und kollektive untergliedern. Es ergeben sich dann vier Bereiche, und in jedem dieser Bereiche oder Lager gibt es einflußreiche Schulen. Abb. 1
Innenorientiert/ individuell interpretierend hermeneutisch Bewußtsein Freud C. G. Jung Piaget Aurobindo Plotinus Gautama Buddha Innenorientiert/kollektiv Thomas Kuhn Wilhelm Dilthey Jean Gebser Max Weber Hans-Georg Gadamer außenorientiert/individuell monologisch empirisch, positivistisch Form B. F. Skinner John Watson John Locke Empirismus Behaviorismus Physik, Biologie, Neurologie usw. außenorientiert/kollektiv Systemtheorie Talcott Parsons Auguste Comte Karl Marx Gerhard Lenski

In Abb. 1 habe ich jedem der vier Bereiche einige bekannte Theoretiker zugeord­ net. Der Quadrant oben links (OL) ist der individuelle, nach innen gerichtete Aspekt (z. B. Freud). Der Quadrant oben rechts (OR) ist der individuelle, nach außen gerichtete Aspekt (wie er im Behaviorismus zum Ausdruck kommt). Der Quadrant unten links (UL) repräsentiert den innenorientierten Aspekt des Kollektiven (z.B. die gemeinsamen kulturellen Wertvorstellungen und Weltan­ schauungen, die die interpretierende Soziologie untersucht). Und der Quadrant unten rechts (UR) schließlich ist der außenorientierte Aspekt des Kollektiven (z. B. das objektive soziale Handlungssystem, das die Systemtheorie erforscht). Wir wollen uns mit diesen vier Bereichen anhand des Gedankens beschäftigen, zu einem Gemüsegeschäft zu gehen. Wenn ich diesen Gedanken habe, so erlebe ich ihn als Symbol, Bild, Idee - das ist der Aspekt des Quadranten oben links, der nach innen gerichteten individuellen Perspektive. Während ich diesen Gedanken habe, kommt es natürlich gleichzeitig und in Verbindung damit zu Veränderungen in mei­ nem Gehirnstoffwechsel: Der Dopaminspiegel steigt, Azetylcholin springt an den Synapsen über, die Betawellen im Gehirn nehmen zu usw. Das läßt sich empirisch beobachten (allerdings nicht von mir selbst). Es ist der Bereich des Quadranten oben rechts (OR). Was den inneren Gedanken (OL) angeht, so ist zu beachten, daß dieser nur in mei­ nem kulturell vorgegebenen Zusammenhang sinnvoll ist. Spräche ich eine andere Sprache, so würde sich der Gedanke aus anderen Symbolen zusammensetzen, und er enthielte völlig andere Bedeutungen. Würde ich eine Million Jahre vor unserer Zeit in einer Stammesgesellschaft leben, so hätte ich den Gedanken „zum Gemüsehändler gehen“ ganz sicher nicht. Ich würde dann vielleicht denken: „Es wird Zeit, daß ich einen Bären erlege.“ Meine individuellen Gedanken treten vor einem kulturellen Hintergrund in Erscheinung, der ihnen Struktur, Bedeutung und einen Kontext gibt, und ich wäre nicht einmal in der Lage, „mit mir selbst zu spre8

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chen“, wenn ich nicht in einer Gemeinschaft von Menschen leben würde, die eben­ falls mit mir reden würden. Meine Gedanken tauchen also nicht einfach wie aus dem Nichts in meinem Kopf auf; sie entstammen einem kulturellen Hintergrund, und so weit ich mich auch aus diesem Hintergrund entfernen mag, ich kann ihm nie völlig entfliehen, und ohne ihn hätte ich niemals Gedanken entwickeln können. Die bekannt gewordenen Fälle von „Wolfskindern“, die von Tieren in der Wildnis großgezogen wurden, zeigen, daß das menschliche Gehirn, wenn es nicht durch eine Kultur unterstützt wird, also völlig auf sich selbst gestellt ist, keine Gedanken im linguistischen Sinne produziert. Meine individuellen Gedanken entstehen also nur vor einem riesigen Hintergrund kultu­ reller Praktiken, Sprachen, Bedeutungen und Kontexte. Dies entspricht dem unteren linken Quadranten (UL), dem inneren Aspekt des Kollektiven, dem intersubjekti­ ven Raum gemeinsamer kultureller Kontexte. Doch schwebt meine Kultur nicht einfach idealistisch-körperlos irgendwo in der Luft. Alle kulturellen Ereignisse haben soziale Korrelate: Technologien, Produk­ tionsmittel, Institutionen, Verhaltensgewohnheiten, Gesetze, geopolitische Orte usw., ein soziales System also. Dies gehört zum unteren rechten Quadranten, dem sozialen Handlungssystem. Und diese konkreten materiellen Komponenten haben entscheidenden Einfluß darauf, innerhalb welcher kulturellen Weitsicht sich meine eigenen Gedanken bilden. Mein vermeintlich „individueller“ Gedanke ist also in Wahrheit ein Phänomen, dem (mindestens) diese vier Aspekte eigen sind: der intentionale (OL), der des Ver­ haltens (OR), der kulturelle (UL) und der soziale (UR). Alle vier Aspekte sind mit­ einander verknüpft und beeinflussen einander. Jeder dieser vier Ansätze erschließt uns sozusagen eine Ecke des Kosmos. Jeder sagt uns etwas sehr Wichtiges über ver­ schiedene Aspekte der bekannten Welt. Und keiner läßt sich ohne einen gewaltsam herbei geführten Bruch, ohne Verzerrung und ohne Abtun auf die übrigen redu­ zieren. Die Arten der Wahrheit und die Validität transpersonaler Kriterien für Wissen Jeder dieser Quadranten hat eine spezielle Wahrheit und auch eine spezielle Form, diese Wahrheit zu überprüfen (Validitätskriterien). Diese habe ich in Abbildung 2 zusammengefaßt. Abb.2
Wege der linken Seite innerlich/individuell/OL subjektiv Wahrhaftigkeit Aufrichtigkeit Integrität Vertrauenswürdigkeit innerlich/kollektiv/UL Angemessenheit kulturelles Passen gegenseitiges Verständnis Richtigkeit intersubjektiv Wege der rechten Seite äußerlich/individuell/OR objektiv Wahrheit Entsprechung Repräsentation propositionell äußerlich/kollektiv/UR funktionelles Passen systemtheoretisches Netz struktureller Funktionalismus Ineinandergreifen des Sozialsystems interobjektiv

Ich Wir

Es Es

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Ken Wilber

Es folgen ein paar kurze Beispiele für die unterschiedlichen ,Arten von Wahrheit' (Validitätskriterien). Wahrheit Die Wahrheit des oberen rechten Quadranten wird als repräsentational, proposi­ tional oder als Entsprechung bezeichnet. Die Aussage „draußen regnet es“ wird dann als wahr angesehen, wenn dies im betreffenden Augenblick den Tatsachen ent­ spricht. Mit anderen Worten: Wenn die Landkarte dem Gebiet entspricht, so nennt man sie eine wahre Repräsentation oder eine wahre Entsprechung. Die meisten Menschen sind mit dieser Art von Wahrheit wohlvertraut. Sie ist in einem großen Teil der empirischen Wissenschaft und unseres Alltagslebens so allgegenwärtig, daß sie vielen als die einzige Wahrheit gilt. Wahrhaftigkeit Im oberen linken Quadranten hingegen lautet die Frage nicht: „Regnet es draußen?“ Hier wird gefragt: „Wenn ich dir sage, daß es draußen regnet, sage ich dann die Wahrheit, oder lüge ich?“ Nicht: „Entspricht die Landkarte dem Gebiet?“ Sondern: „Kann man dem Kartenmacher vertrauen?“ Denn hier geht es weniger um äußeres beobachtbares Verhalten als um innere Zustände, und die einzigen Möglichkeiten, mit Ihrem Inneren in Kontakt zu treten, sind Dialog und Interpretation. Wenn ich nicht nur Ihr Verhalten kennen lernen, sondern auch wissen will, wie Sie sich fühlen oder was Sie denken, muß ich mit Ihnen sprechen, und ich muß interpretieren, was Sie sagen. Doch wenn Sie mir Auskunft über Ihren inneren Zustand geben, können Sie mich natürlich anlügen. Und Sie können sich sogar seihst anlügen. Und mit der Tatsache, daß Sie sich selbst anlügen könnten, betreten wir den Bereich der Tiefenpsychologie. Nach Ansicht praktisch aller tiefenpsychologischen Schulen ist „Neurose“ im weitesten Sinne ein Zustand, in dem die Betroffenen nicht mit ihren wahren Gefühlen oder mit ihren tatsächlichen Bedürfnissen oder mit ihrem authentischen inneren Zustand in Verbindung sind. Die meisten Schulen stim­ men darin überein, daß Neurotiker an irgendeinem Punkt ihrer Entwicklung ange­ fangen haben, ihren eigenen inneren Zustand zu leugnen, zu unterdrücken, zu ver­ bergen oder sich auf irgendeine andere Weise selbst darüber zu „belügen“; sie haben angefangen, ihren subjektiven Zustand falsch zu interpretieren. Und diese falschen Interpretationen, Verheimlichungen und Fiktionen umnebeln allmählich das Gewahrsein in der symbolischen Form schmerzhafter Symptome - verräterische Spuren der Lügen, die sie in die Welt gesetzt haben. Deshalb ist für diese Schulen Therapie zuerst und vor allem ein Versuch, die Betroffenen mit den eigenen inneren Zuständen, mit ihren Symptomen, Symbolen, Träumen und Wünschen in Kontakt zu bringen - und ihnen zu helfen, dieselben zutreffender und wahrheitsgemäßer zu interpretieren. Auf diese Weise lernt ein Mensch, sich selbst klarer zu sehen, mehr Transparenz und Offenheit sich selbst gegenüber zu entwickeln und seine Abwehr gegen die tatsächliche Lage der Dinge zu verringern. Die Beurteilung meditativer Zustände ist völlig von der subjektiven Wahrhaftigkeit abhängig. Das ist ein völlig anderer Blickwinkel als derjenige der objektiven Physiologie meditativer Zustände. Das heißt, wenn Sie sich für die neurophysiologischen Veränderungen interessieren, die während der Meditation auftre10

Die vier Gesichter der Wahrheit

ten, so können Sie mich einfach an ein EEG-Gerät anschließen und die Veränderungen im Zustand meines Gehirns registrieren, ganz gleich, was ich selbst über die Erfahrungen, die ich mache, sage. Sie brauchen dazu nicht einmal mit mir zu sprechen. Die Maschine zeichnet auf, was in meinem Gehirn geschieht, und dabei spielt es keine Rolle, ob ich lüge oder nicht. Doch wenn Sie wissen wollen, was in meinem Gewahrsein vor sich geht, müssen Sie mich befragen und mit mir sprechen - der Ansatz ist dann dialogisch und inter­ subjektiv, nicht monologisch und rein empirisch. Vom Ausschlag der Nadel am EEG-Gerät erfährt niemand, ob ich eine strahlende innere Vision habe, die von Mitgefühl und Liebe geprägt ist, oder ob ich gerade über eine neue Möglichkeit nachdenke, in den Spirituosenladen an der Ecke einzubrechen. Die Physiologie der Meditation verläßt sich also auf objektive Fakten, für die der Maßstab der propositionalen Wahrheit gültig ist, wohingegen die meditative Phänomenologie sich auf subjektive Fakten verläßt, deren Maßstab Wahrhaftigkeit ist. Dieses Beispiel für den Umgang des oberen rechten und des oberen linken Quadranten mit dem Bewußtsein dürfte die Bedeutung und die Unterschiedlichkeit ihrer gleichermaßen wichtigen Validitätskriterien klargemacht haben. Funktionelles Passen Die beiden unteren Quadranten (innerlich-kollektiv und äußerlich-kollektiv) befassen sich mit dem Kollektiven oder Kommunalen. Beim Regentanz der Hopis, zum Beispiel, wahren die Vertreter des unteren rechten Lagers eine äußerlich und objektiv orientierte Haltung und erklären den Tanz danach, wie er in das soziale Gesamtsystem paßt. Dieses Gesamtsystem, das objektive, empirische Ganze, ist die primäre Wirklichkeit und bildet den Maßstab. Sein Validitätskriterium ist das funk­ tionelle Passen. Deshalb muß jede Proposition mit dem Ineinandergreifen des gesamten Systems oder Geflechts in Verbindung gebracht werden. Wir alle erkennen darin die Systemtheorie in ihren vielen Gewändern wieder. Und wenn wir Theorien über Gaia, über globale Systeme, ,holistische Netze’ oder dyna­ mische Prozesse hören, die allesamt zu einem großen empirischen Netz des Lebendigen miteinander verwoben sind, so sind alle diese Ansätze dem unteren rechten Quadranten und dem funktionellen Passen zuzuordnen. Richtigkeit Die Ansätze des unteren linken Quadranten beschäftigen sich damit zu verstehen, wie Subjekte in Akten gegenseitigen Verstehens zueinanderfinden. Konkret: Wenn ich und Sie Zusammenleben wollen, müssen wir nicht nur den gleichen empirischen und physischen Raum bewohnen, sondern auch den gleichen intersubjektiven Raum gegenseitigen Erkennens und Anerkennens. Wir müssen zueinander passen, und das gilt nicht nur für unsere physischen Körper, die den gleichen physischen Raum bewohnen müssen, sondern es gilt auch für unser Subjekt-Sein im gleichen kulturel­ len, moralischen und ethischen Raum. Wir müssen Möglichkeiten finden, die Rechte unserer Mitmenschen und der Gemeinschaft anzuerkennen und zu respektieren. Diese Rechte sind nicht in der objektiven Materie zu finden, und es geht dabei auch nicht einfach um die Frage individueller Aufrichtigkeit und ebensowenig um ein funktionelles Zusammenpassen empirischer Ereignisse. Vielmehr müssen wir in einem intersubjektiven Raum geistig zusammenpassen, damit wir in der Lage sind, einander anzuerkennen und zu respektieren. Wir brauchen nicht unbedingt der glei­
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Ken Wilber

chen Meinung zu sein, aber wir müssen die Position des anderen anerkennen - das Gegenteil dazu wäre schlicht Krieg. Wir sind also nicht nur an der Wahrheit interessiert, nicht nur an der Wahrhaftigkeit und nicht nur am funktioneilen Passen, sondern es geht uns um Angemessenheit (Korrektheit), Richtigkeit (Gerechtigkeit), Güte und Fairness. Dieser intersubjektive Raum (unser gemeinsamer kultureller Hintergrund) ist eine Komponente des menschlichen Seins, ohne die unsere individuelle subjektive Identität nicht existieren und objektive Wirklichkeiten nicht wahrgenommen wer­ den könnten. Man beachte, daß beide kollektiven Ansätze holistisch sind, daß sich die Sozialwissenschaften dem Ganzen jedoch von außen, aus einer objektiven oder empirischen Haltung heraus nähern, wohingegen die kulturelle Hermeneutik ver­ sucht, sich dem Ganzen aus der Perspektive eines mitfühlenden Begreifens zu nähern. Das Validitätskriterium ersterer basiert auf dem funktionellem (Zusam­ menflüssen oder der inneren Verbundenheit des gesamten Systems, auf dem Zusammenpassen objektiver Prozesse. Das Validitätskriterium letzterer ist kulturel­ les Zusammen-Passen oder gegenseitige Anerkennung und gegenseitiges Verstehen menschlicher Wesen. Die beiden unteren Quadranten repräsentieren jeweils einen äußeren und einen inneren Holismus. Die meisten Theoretiker beschäftigen sich jedoch nur mit dem äußeren Holismus. Das ist ein bedauerlicher Ungleichgewichtszustand. Bisher hat es noch nie einen Holismus gegeben, der wirklich alle vier Quadranten auf allen Ebenen umfaßt, und ich halte es für ein zentrales Ziel transpersonaler Studien, die Entwicklung einer solchen Position zu fördern.

Das Fallibilitätskriterium
In den empirischen Wissenschaften versteht man Fallibilität üblicherweise so: Landkarten, Modelle und Bilder, die nicht den empirischen Tatsachen entspre­ chen, können durch neu gewonnene Fakten verdrängt werden. Dieses Fallibilitätsprinzip ist in allen echten Validitätskriterien wirksam, weshalb Lernen in allen vier Quadranten stattfinden kann; Fehler werden durch neugefundene Evidenz in den betreffenden Quadranten eliminiert. Beispielsweise ist Hamlet ein interpretatives, kein empirisches Phänomen, und doch ist die Aussage „Im Hamlet geht es um die Freuden des Krieges“ falsch - die­ se unzutreffende Interpretation kann rigoros abgelehnt werden von der Gemein­ schaft derer, die 1. das Experiment ausführen (nämlich das Theaterstück namens Hamlet lesen), 2. interpretative Daten oder Wahrnehmungen sammeln (indem sie den Sinn des Theaterstücks im Lichte der gesamten verfügbaren Evidenz studieren), und 3. diese Daten mit den Ergebnissen anderer vergleichen, die das Experiment bereits durchgeführt haben (konsensuelle Validierung oder Ablehnung durch eine dem Vorhaben gemäße Gemeinschaft). Diese drei Bestandteile jeder echten Wissensansammlung (Erfahrung/Experi­ ment, Daten, Bestätigung) sind in allen genannten Validitätskriterien enthalten, die ihrerseits in den realen intentionalen, verhaltensbestimmten, kulturellen und sozia­ 12

Die vier Gesichter der Wahrheit

len Domänen menschlicher Wesen verankert sind. Anders ausgedrückt, geben diese realen Bereiche unserer Suche nach Wahrhaftigkeit, Wahrheit, Korrektheit und funktionellem (Zusammen-)Passen einen Boden, und sie werden ihrerseits jeweils mit Hilfe des Prüfens und Abwägens von Injunktion, Daten und Bestätigung aktiv. Die epistemologischen Behauptungen transpersonaler Studien sind deshalb eben­ so wie alle anderen gültigen Wissenskriterien im Experiment, im Sammeln von Fakten und in der konsensuellen Bestätigung verwurzelt.

Ich, Wir und Es
Ihnen wird aufgefallen sein, daß ich die Wörter „Ich“, „Wir“ und „Es“ in die inne­ ren Ecken der vier Quadranten geschrieben habe. Der Grund dafür ist, daß jeder Quadrant in einer anderen Sprache beschrieben wird. So werden Ereignisse und Fakten im oberen linken Quadranten in der „Ich“-Sprache beschrieben, im unteren linken Quadranten in der „Wir“-Sprache; und da die Ereignisse und Fakten der bei­ den rechten Quadranten empirisch und äußerlich sind, beschreibt man sie in der „Es“-Sprache. Ebensowenig wie sich einer der Quadranten auf die übrigen reduzieren läßt, geht eine der drei Sprachen restlos in den anderen beiden auf. Alle sind gleich wichtig, und jede bildet einen wesentlichen Teil des gesamten Universums - einmal ganz abgesehen davon, daß jede ein wichtiger Bestandteil eines umfassenden Verständnisses der Psychologie und Soziologie menschlicher Wesen ist. Ich werde im folgenden einige Elemente der drei wichtigen Bereiche des Ich, Wir und Es zusammenfassen. Ich (OL) - Bewußtsein, Subjektivität, Selbst und Selbstausdruck (einschließlich Kunst und Ästhetik); Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit. Wir (UL) - Ethik und Moral, Weltanschauungen, gemeinsamer Kontext, Kultur; intersubjektive Bedeutung, gegenseitiges Verständnis, Angemessenheit, Richtigkeit. Es (OR, UR) - Wissenschaft und Technik, objektive Natur, empirische Formen (einschließlich des Gehirns und sozialer Systeme); propositionale Wahrheit (sowohl im singulären als auch im funktionellen Passen). Wissenschaft - empirische Wissenschaft - beschäftigt sich mit Objekten, mit „Es“, mit empirischen Mustern. Moral und Ethik beziehen sich auf „Wir“ und auf unsere intersubjektive Welt wechselseitigen Verstehens und der Richtigkeit. Kunst und Ästhetik beschäftigen sich mit der Schönheit aus der Perspektive des Betrachters, des „Ich“. Dies ist Platons Gutes (Moral, das „wir“), Wahrheit (im Sinne der propositionalen Wahrheit oder des „es“) und Schönheit (die ästhetische Dimension, so wie sie von jedem „ich“ wahrgenommen wird). In der Moderne tauchen die drei Bereiche erst­ mals in Kants Trilogie Die Kritik der reinen Vernunft (objektive Wissenschaft), Die Kritik der praktischen Vernunft (Moral) und Die Kritik der Urteilskraft (ästhetisches Urteil und Kunst) auf. Sie entsprechen auch Karl Poppers berühmter Unterscheidung von drei Welten - der objektiven (Es), der subjektiven (Ich) und der kulturellen (Wir). Viele Menschen, und ich zähle mich zu ihnen, halten Jürgen Habermas für den wichtigsten lebenden Philosophen unserer Zeit, und die drei 13

Ken Wilber

großen Bereiche entsprechen genau den drei Validitätskriterien, die er nennt: objek­ tive Wahrheit, subjektive Aufrichtigkeit und intersubjektive Richtigkeit. Man könnte Dutzende weiterer Beispiele anführen, doch das generelle Bild dieser großen Domänen des Ich, Wir und Es dürfte nun hinlänglich klar sein. Natürlich ist dies sehr wichtig für die transpersonalen Studien, weil jede umfassende Theorie des menschlichen Bewußtseins und Verhaltens sich bemühen wird, alle vier Quadranten einzubeziehen oder aber diese drei großen Bereiche, die sich jeweils eines anderen Validitätskriteriums bedienen und die eine jeweils deutlich eigenständige Sprache benutzen.

Flachland
Die moderne Wissenschaft versucht seit mindestens dreihundert Jahren intensiv und mit erheblichem Erfolg, den gesamten Kosmos auf lauter Es-Objekte zu redu­ zieren. Dadurch sind die Bereiche des Ich und des Wir fast völlig vom wissenschaft­ lichen Materialismus, vom Positivismus und vom Empirismus und anderen objektivistisch-äußerlichen Ansätzen kolonialisiert worden. Und alle Erfahrungen der linken Seite wurden auf die entsprechenden Aspekte der rechten reduziert. Das hat ein multidimensionales Universum auf brutale Weise zu einem Flachland gemacht und es von Wert, Sinn und Bewußtsein, von aller Tiefe und jedem Diskurs entledigt. Und denken Sie daran: Das eine, was der Urknall uns gelehrt hat, ist, daß eine Welt von Es-Objekten das Universum ganz sicher nicht zu erklären vermag. Auf irgend­ eine Weise sind auch Ich und Wir wirklich und wahrhaftig in das Gewebe des Kosmos eingewoben. Diese Behauptung braucht uns absolut nicht als weit herge­ holt oder gespenstisch zu erscheinen. Das Wort „Im Geiste eines ewigen Höheren Wesens“ erinnert uns lediglich, daß eine Welt, die ausschließlich aus Es-Objekten besteht, gar keine Welt ist. Bewußtsein und Form, Subjekt und Objekt, Innen und Außen, Purusha und Prakritti, Dharmakâya und Rüpakâya sind Kette und Schuß eines wunderbaren Universums, dem jeglicher Sinn fehlt, wenn eine der beiden Seiten außer acht gelassen wird. Dabei ist, wohlgemerkt, nicht die Existenz objektivierender empirischer Ansätze das Problem, sondern die Tatsache, daß sie den „Markt für Wahrheit“, monopolisie­ ren. Wenn ein Denksystem jedoch einen oder mehrere der vier Quadranten leugnet, manifestieren sich die ignorierten Wahrheiten als massiver innerer Widerspruch. Dazu ein kurzer Überblick über gängige Vorstellungen von Wahrheit und Wirklichkeit.

Szientismus:
Wie wir gesehen haben, leugnen Empiriker praktisch alle Dimensionen der linken Seite und betrachten sie bestenfalls als Spiegelungen oder Repräsentationen ihrer Welt der Es-Objekte, welche die menschlichen Sinne oder deren Erweiterungen auf­ spüren. Aber der geleugnete intersubjektive Quadrant revanchiert sich mit einem hinter­ hältigen Angriff: ,Empirisch-objektives Wissen’ ist immer in kulturelle Praktiken 14

Die vier Gesiebter der Wahrheit

oder Paradigmen eingebettet, die dieses Wissen erst ermöglichen. Dies leugnet nicht die objektive Komponente des Wissens, sondern es widerspricht lediglich der Ansicht, daß das Wissen nur objektiv oder unschuldig empirisch sei.

Sozialer Konstruktivismus:
Umgekehrt ist in neuerer Zeit auch versucht worden, jede Form objektiver Wahrheit zu leugnen und dieselbe in einen sozialen Konstruktivismus aufzulösen. Extreme Konstruktivisten behaupten, es gebe so etwas wie eine objektive Wahrheit überhaupt nicht, weil unsere Ideen aufgrund der verschiedensten Interessen ent­ stünden, gewöhnlich aufgrund von Machtstreben, aber auch aufgrund der verschie­ densten „Ismen“ und Ideologien (Sexismus, Rassismus etc). Gleichzeitig behaupten sie, ihre Haltung sei wahr. Aber das können sie nur, wenn sie von einer Theorie der Wahrheit ausgehen, die nicht durch Macht oder Ideologie verzerrt ist, und das heißt, daß sie die rechtsseitigen Aspekte der Existenz anerkennen und zulassen müssen. Tatsächlich werden Aspekte des Wissens intersubjektiv geschaffen, doch sind die­ se Schöpfungen in Netze subjektiver, objektiver und interobjektiver Wirklichkeiten eingebunden, die den Schaffensprozeß Einschränkungen unterwerfen. Wir werden wohl in keiner Kultur die allgemeine Sichtweise finden, daß Äpfel aufwärts fallen oder daß Männer Kinder gebären.

Kulturelle Relativität:
Kulturelle Relativisten und Multikulturalisten sind in einem ähnlichen Widerspruch befangen: Sie behaupten, alle Wahrheiten seien relativ, es gebe keine universellen Wahrheiten und könne sie nicht geben. Da sie diese Behauptung für wahr halten, gibt es offenbar für sie keine universelle Wahrheit außer ihrer eigenen. Auch dieser Versuch kann seine Position nicht vertreten, ohne sich selbst zu wider­ sprechen. Gewisse Aspekte der Kultur sind ganz sicher konstruiert, und einige sind sowohl relativ als auch geschichtsgebunden. Doch viele Merkmale der menschlichen Körper-Geist-Einheit lassen universelle, kulturunabhängige Gemeinsamkeiten erkennen. Der menschliche Körper besteht überall auf der Welt aus 208 Knochen, einem Herzen und zwei Nieren. Und der menschliche Geist hat überall auf der Welt die Fähigkeit, Bilder, Symbole, Konzepte und Regeln zu produzieren. Daraus muß man, ob einem dies nun paßt oder nicht, ableiten, daß Körper und Geist des Menschen in allen Kulturen gewisse gemeinsame Tiefenstrukturen aufweisen, die überall sehr ähnlich sind, daß jedoch die Oberflächenstrukturen - die tatsächlichen Manifestationen dieser Gemeinsamkeiten - relativ und kulturspezifisch und histo­ risch und kontingent geprägt sind. Der menschliche Körper mag überall auf der Welt 208 Knochen aufweisen, doch werden diese Knochen nicht in allen Kulturen zum Baseballspielen benutzt. Die transpersonalen Studien versuchen, den Reichtum der kulturellen Vielfalt in den Oberflächenstrukturen zu würdigen, und gleichzeitig weisen sie auf die gemein15

Ken Wilber

samen Tiefenstrukturen der Menschheitsfamilie hin: weder monolithischer Universalismus noch beziehungsloser Pluralismus, sondern ein echter universaler Pluralismus des Gemeinsamen im Unterschiedlichen.

Reine Ästhetik:
Neuerdings macht ein ganzer Strom rein ästhetischer Theorien der Wahrheit von sich reden: Was auch immer Sie zufällig mögen, ist der höchste Gebieter der Wahrheit. Alle objektiven, interobjektiven und intersubjektiven Wahrheiten werden fröhlich auf subjektive Neigungen reduziert (alle Quadranten werden auf den obe­ ren linken reduziert). Es ist absolut unverzichtbar, das ästhetische Urteil (OL) zu integrieren, doch eine ausschließlich ästhetische Theorie des Wissens ist ganz einfach unzulänglich. Sie ver­ säumt es nicht nur, sich mit den Aspekten des intersubjektiven Gutseins und der Angemessenheit auseinanderzusetzen, sondern sie entwertet auch jeden objektiven Aspekt jeder Art von Wahrheit und widerspricht sich schließlich selbst. Auf diese Weise kann man weiter durch die vier Quadranten wandern. Mir ging es darum zu zeigen, daß jeder Mensch einen subjektiven Aspekt (Aufrichtigkeit, Wahrhaftigkeit), einen objektiven Aspekt (Wahrheit, Entsprechung), einen intersub­ jektiven Aspekt (kulturell entstandener Sinn, Angemessenheit) und einen interob­ jektiven Aspekt (systemisches und funktionelles Passen) hat und daß unsere ver­ schiedenen Wissenskriterien in diesen sehr realen Bereichen verwurzelt sind. Versuchen wir einen dieser gleichermaßen wichtigen Bereiche zu leugnen, so bewirkt das lediglich, daß wir sie früher oder später auf verborgene und unbewußte Weise in unsere Philosophie einschmuggeln. Die transpersonalen Studien versuchen Stattdessen, den Augenblick der Wahrheit in jeden dieser Ansätze einzubeziehen vom Empirismus über den Konstruktivismus und Relativismus zum Ästhetizismus -, doch indem sie dieselben von dem Anspruch befreit, die einzig existierende Art von Wahrheit zu sein, werden ihre Widersprüche aufgelöst, und sie werden sozusagen in eine echte Regenbogenkoalition integriert. Übersetzung aus dem Englischen: Theo Kierdorf Kürzung und Bearbeitung: Edith Zundel

The four faces of truth: an informal overview of transpersonal studies Summary: The wellknown scientific approaches to comprehend reality are examined and divided into four quadrants: the inwards turned individual approach (depth psychology f.e.), the outwards turned individual approach (behaviorism f.e.), the inwards turned collective approach (hermeneutic f.e) and the outwards turned collective approach (systems theory f.e.). It is explained that each quadrant has its own particular type of truth and its own way in which it goes about accumulating and validating its data and its evidence. Each of the four approaches is revealing another aspect of reality, but only all four together can show the whole picture: A picture that has both - surface and depth; a picture that contains both -

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Die vier Gesichter der Wahrheit

micro level and macro level. A comprehensive theory of human consciousness which proclaims to be truly spiritual therefore has to include all four quadrants. Key words: knowledge quest; interior and exterior; individual and collective; truth; validity; 4 quadrants of knowledge; I, We and It. Literatur Assagioli, R. (1965): Psychosynthese. Handbuch der Methoden und Techniken, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg, 1993. Berger, P. (1980): Der Zwang zur Häresie, Fischer, Frankfurt a.M. - P. und T. Luckmann (1980): Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit, Fischer, Frankfurt a.M. Dürckheim, E. (1991): Physik der Sitten und des Rechts: Vorlesungen zur Soziologie der Moral, Suhrkamp, Frankfurt a.M. Foucault, M. (1961): Wahnsinn und Gesellschaft, Suhrkamp, Frankfurt a.M. - (1971): Die Ordnung der Dinge, Suhrkamp, Frankfurt a.M. - (1977): Sexualität und Wahrheit, Bd. 1, Der Wille zum Wissen, Suhrkamp, Frankfurt a.M. Freud, S. (1978): Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse, in: Gesammelte Werke, Bd. XI, Fischer, Frankfurt a.M. - (1978b): Abriß der Psychoanalyse, in: Gesammelte Werke, Bd. XVII, Fischer, Frankfurt a.M. Gadamer, H. (1975): Wahrheit und Methode, Mohr, Tübingen. - (1976): Philosophische Hermeneutik, Suhrkamp, Frankfurt a.M. Gebser, J. (1992): Ursprung und Gegenwart, dtv, München. Habermas, ]. (1972): Theorie und Praxis, Luchterhand, Neuwied, Berlin. - (1988a): Der philosophische Diskurs der Moderne, Suhrkamp, Frankfurt a.M. - (1988b): Theorie des kommunikativen Handelns, Suhrkamp, Frankfurt a.M. Heidegger, M. (1953): Einführung in die Metaphysik, Niemeyer, Tübingen. - (1977): Sein und Zeit, Niemeyer, Tübingen. Jantsch, E. (1979): Die Selbstorganisation des Universums, Hanser, München. Jung, C. G. (1967): Die Archetypen und das kollektive Unbewußte, in: Gesammelte Werke, Bd. 9/1, Walter, Olten. Kant, I. (1995): Die Kriterien. Kritik der reinen Vernunft. Kritik der praktischen Vernunft. Kritik der Urteilskraft, 3 Bde. Suhrkamp, Frankfurt a.M. - (1993): Prolegomena zu einer jeden künftigen Metaphysik, Meiner, Hamburg. Kuhn, T. (1967): Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen, Suhrkamp, Frankfurt a.M. Leibnitz, G. W. (1995): Philosophische Werke, 4 Bde., Meiner, Hamburg. Lenski, G. und]. (1970): Human Societies, McGraw-Hill, New York. Lovjoy, A. (1993): Die große Kette der Wesen, Suhrkamp, Frankfurt a.M. Neumann, E. (1975): Ursprungsgeschichte des Bewußtseins, Fischer, Frankfurt a.M. Parsons, T. (1975): Gesellschaften, Suhrkamp, Frankfurt a.M. Piaget, J. (1975-1994): Gesammelte Werke, Studienausgabe, 10 Bde., Klett-Cotta, Stuttgart. Popper, K. (1974): Objektive Erkenntnis, Hoffmann & Campe, Hamburg. und J. Eccles (1994): Das Ich und sein Gehirn, Piper, München. Sheldrake, R. (1985): Das schöpferische Universum, Goldmann, München. - (1993): Das Gedächtnis der Natur, Piper, München. Spinoza, B. de (1982-1994): Sämtliche Werke, 4 Bde., Meiner, Hamburg. Taylor, Ch. (1978): Hegel, Suhrkamp, Frankfurt a.M. Theilhard de Chardin, P. (1959): Der Mensch im Kosmos, Beck, München. - (1963): Die Zukunft des Menschen, Walter, Olten und Freiburg i.Br. Varela, E, E. Thompson und E. Rosch (1992): Der mittlere Weg der Erkenntnis, Scherz, Bern u.a. Weber, M. (1978-1986): Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie, 3 Bde., Mohr, Tübingen. Whitehead, A.N. (1979): Prozeß und Realität, Suhrkamp, Frankfurt a.M. Wilber, K. (1988): Die drei Augen der Erkenntnis, Kösel, München. -, J. Engler und D. Brown (1988): Psychologie der Befreiung, Scherz/O. W. Barth, Bern u.a. Wittgenstein, L. (1967): Philosophische Untersuchungen, Suhrkamp, Frankfurt a.M. Ken Wilber Colorado, USA

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Ich bin. Ich bin ich selbst, meine Sonne ist entstiegen der Ununterschiedenheit, strahlend, wandernd, auf und ab steigend, färbend und seiend zugleich. Etwas in mir läßt mich sehen, konstruiert Schatten, sendet Licht. Etwas in mir fühlt Freude wie Trauer Etwas in mir tastet an Grenzen und mittendurch. Etwas in mir riecht salzigen Wind, Himbeeren. Etwas in mir hört, wie sich Schilf wiegt, von fern ein Zug. Etwas in mir empfindet Leben in Bewegung, Kontakt, Freude am Sein.

Angela Kremin

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Transpersonale Psychologie und Psychotherapie
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Verwirrt von 10 000 Dingen
Ethisches Handeln, on-Iine mit dem Selbst*
Theodor Seifert, Wimsheim

Zusammenfassung: Ethisches Handeln muß in Zukunft in unmittelbarer Fühlung mit dem Selbst erfolgen. Die einzelnen Voraussetzungen dafür (Ichentwicklung, psychische Instanzen, Konzept des Selbst nach C. G. Jung, evolu­ tionäre Entwicklung) werden im einzelnen dargestellt. Das Präpersonale im Sinne Ken Wilbers wird klar vom transpersonalen Raum abgegrenzt, aus dem allein die unmittelbaren ethischen Handlungsimpulse vor jeder Überlegung entspringen. Meister Eckehart hat, hier stellvertretend für alle Mystiker, in vielfältiger Weise dar­ gelegt, daß nur über die „edle Kraft der Seele“ in unmittelbarer Gottesnähe rechtes Handeln möglich ist. Orientierende Bezüge zum Neuen Testament, zur Mystik, zu den Kardinaltugenden und zur Buddhalehre werden ebenso hergestellt wie zur Empirie der Tiefenpsychologie. Schlüsselworte: Ethisches Handeln, Ethisches Dilemma, Prä- und transpersona­ ler Raum, Analytische Psychologie C. G. Jungs, Evolution, Meister Eckehart, Der Mittlere Weg Buddhas.

Krisen fallen in den Bereich unseres verantwortlichen Handelns und seiner Steuerung. Sie sind damit auch Krisen unserer ethischen Orientierung, die offenbar nicht hinreicht, um die weltweit sichtbaren und sich androhenden Katastrophen zu verhindern, um die darin zum Ausdruck kommenden Kräfte zu wandeln. Und sie zeigen, daß unser ethisches Können unzureichend ist. Der chinesische Weise LAO TSE formuliert unseren Ausgangspunkt so: Das Dao erzeugt Eins Eins erzeugt Zwei Zwei erzeugt Drei Und Drei erzeugt die zehntausend Dinge Die zehntausend Dinge tragen das Yin und umfassen das Yang. Durch Verschmelzen ihrer Energien erreichen sie Einklang.
*) Überarbeitete Fassung eines Vortrages für die Tagung „Krisen der Erde, Krisen der Seele, Chancen für ein neues Jahrtausend“ im September 1996 in Todtmoos.

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Theodor Seifert

Wir müssen hinaus in die zehntausend Dinge des Lebens und können wieder heimkehren zum Einen, zum Ganzen. Auch im Bereich der Ethik gibt es diese zehn­ tausend Perspektiven, die uns anleiten, führen und zugleich verwirren. Irgendwo bleiben wir in ihren z. T. auch kulturell bedingten Widersprüchen stecken und leiden unter entsprechenden inneren Konflikten. Deutet sich hier eine Lösung an? Das Thema besagt, daß ethisches Handeln in Zukunft in unmittelbarer Fühlung mit dem Selbst als dem großen inneren Wissen erfolgen muß. Wir haben heute die notwendigen wissenschaftlichen, philosophischen und spirituellen Vorausset­ zungen, um uns in dieser Richtung weiter zu entwickeln. Dies muß auf der Grundlage eines soliden Gewissens, eines starken Ichs und einer entwickelten Bewußtheit geschehen. Entsprechende Modelle und Erfahrungen liegen vor. Das ist eine Chance für das neue Jahrtausend, nicht nur eine Chance, sondern eine dringende Notwendigkeit angesichts des Versagens der bisherigen ethischen Praxis. Den hier vorgelegten Überlegungen liegen folgende Bezugspunkte zugrunde: - meine christliche Erziehung mit ihren moralischen Maßstäben und Handlungsanweisungen, - ein seit Jahrzehnten bestehendes starkes Interesse an der Mystik, insbesondere an den Schriften von Meister Eckehart - das Menschenbild, die Theorie und die therapeutische Praxis der von Carl Gustav Jung entwickelten Analytischen Psychologie, - sowie die Lehre des Buddha. Die Brisanz ethischer Fragen wurde mir nach dem ersten Bericht des Club of Rome und darauf folgender Publikationen (v. Weizsäcker, 1996) deutlich und per­ sönlich erlebbar. Die Wissenschaftler begannen, die uns verbleibende Zeit auf die­ sem Planeten hochzurechnen und legten entsprechende Zahlen und Prognosen vor. Auch wenn sie im einzelnen überholt sind, so ist dieses Denkmodell nicht mehr zu verleugnen. Das Ende eines vom Menschen bewohnbaren Planeten Erde kommt in Sichtweite. Entsprechende Zeitpunkte an der Weltenuhr wurden immer wieder angegeben; daß es schon „5 vor 12“ ist, erscheint heute sehr optimistisch. Manche Angaben sprechen von wenigen Sekunden. Das eigentlich Brisante sind aber nicht diese Zahlen, sondern die Notwendigkeit, unser Verhalten, unsere Einstellungen zu ändern, sich der uns leitenden Werte neu bewußt zu werden, sie zu überprüfen, evtl. neu zu formulieren und, das ist das Entscheidende, daraus Handlungskonsequenzen zu ziehen. Die Chancen, die das Motto des Kongresses für ein neues Jahrtausend sieht, sind möglicherweise genau so schnell vertan, wie die Mahnungen verklungen sind, die uns zur Änderung unserer Verhaltensweisen auffordern. Chancen sind eben nur Möglichkeiten, die wir verantwortlich verwirklichen müßten. Als Psychotherapeut bewegt mich immer wieder die Frage, warum so viele Men­ schen gerade das nicht tun, was zu ihrem Besten wäre, nicht nur nach meiner, son­ dern auch und - vor allem - nach ihrer eigenen Meinung. Warum tun sie das Gute nicht? „Ich weiß, ich müßte, oder ich hätte schon längst sollen..., aber....“ Dieses immer wiederkehrende ABER mit all seinen Begründungen und Aus­ flüchten, die wir uns bei näherem Nachdenken selbst nicht glauben. Schon Meister Eckchart fragte sich: 20

Verwirrt von 10000 Dingen

„Warum aber werden wir denn nicht weise?“ (und er antwortet) „Da gehört viel dazu. Das Wichtigste ist, daß der Mensch durch alle Dinge hin­ durch und über alle Dinge und aller Dinge Ursache hinausgehen muß, und das fängt dann an, den Menschen zu verdrießen. Infolgedessen bleibt der Mensch in seiner Beschränktheit“ (Predigt 11). So war es offenbar schon damals, und ist es bis heute so geblieben. „Die Frage ist heute, wie man die Menschen überreden kann, in ihr eigenes Über­ leben einzuwilligen“, so gestellt von dem Philosophen Bertrand Russel. Aber das hat den unermüdlichen Prediger nicht gehindert, weiter zu predigen, den Philosophen nicht, weiter zu schreiben. Sie glaubten daran, daß über das Wort Menschen zur Veränderung angeregt werden können. Das tun wir noch heute. Auch wenn wir sehr skeptisch geworden sind, bleiben wir doch zumindest auf das gesprochene und gedruckte Wort angewiesen. Es stimuliert uns, weckt Impulse und bewegt den Geist. Angesichts des Versagens der großen Weltreligionen in Ost und West wurde das Janusgesicht aller ethischen und moralischen Perspektiven deutlich: sie sind einer­ seits sehr ermutigend, wenn man ihre Wirkungen anschaut, und sie sind anderer­ seits doch immer wieder neu ermutigend, weil sie zutiefst mit unserer menschlichen Natur verbunden sind, wieder und wieder unser Handeln stimulieren, leiten und Hoffnung wecken. Schauen wir auf die Geschichte des christlichen Abendlandes zurück, so finden wir - um das Schlimme vorweg zu nehmen - unendlich viel Blutvergießen - in wes­ sen Namen auch immer -, Folterkammern und Grausamkeit, Pogrome und Hexenverbrennungen, Gasöfen für Millionen Menschen. Nicht nur in der „Alten Welt“, auch in der von Europa entdeckten „Neuen Welt“ gibt es unendlich viele Blutspuren: Die Ausrottung der Azteken durch christliche Seefahrer, die Aufforderung, jeden Indianer zu skalpieren, den man antraf, diesen Menschen die Gleichstellung am Anfang der amerikanischen Verfassung zu verweigern. Die alte Gruppierung in Griechen und Barbaren hat sich voll erhalten und wird befolgt, ethi­ sche Grundsätze, obwohl bekannt und verkündet, aber nicht. Und im Osten? Hat es der Buddhismus, der Taoismus, der Hinduismus geschafft, den Menschen wesentlich zu verändern? Die Grausamkeiten in Südostasien, z.B. verübt durch die Roten Khmer, gehören ebenso hierher wie das unbeschreibliche Elend in Indien, kürzlich so eindrücklich dokumentiert durch den Fotografen Mitidieri (1994) in seinem Bildband und Film über „Die Straßenkinder von Bom­ bay“ sowie die Entwicklungen in China, wo Verfolgung und Folter kein Ende nehmen. Alle Länder der Erde verfügen über beeindruckende spirituelle Erfahrungen, hei­ lige Schriften und eine hohe Ethik, blicken auf Seher, Religionsstifter und Heilige zurück, die weit über unser menschliches Maß hinausgewachsen und, im Eckehartschen Sinn, durch alle Dinge hindurchgedrungen sind bis hin zu den letz­ ten Ursachen, bis zum reinen Sein Gottes. Sind ihre Mahnrufe verblaßt und im Laufe der Geschichte verklungen, wie die des Rufers in der Wüste? Warum hören wir sie nicht, wo es doch nur zu unserem Guten wäre? Immer wieder dieses harte „Warum, warum nur?“ Wer sind wir, daß wir kei­ ne Ohren haben zu hören? Warum tun wir uns das selbst an? Hatte Freud mit seiner 21

Theodor Seifert

Annahme eines Todestriebes doch recht, den die Liebe nicht zu kompensieren, geschweige denn aufzuheben vermochte? Das Ermutigende ist, daß andererseits kein Tag vergeht, ohne daß Hinweise, Mahnrufe, Vorschläge, Veröffentlichungen erscheinen, die dieses Thema behandeln. Hier einige Beispiele für den deutschen Sprachraum: „Das Buch der Tugenden“ erschien mit einer Erstauflage von 100T Stück (Wickert, 1995); der Tübinger Theologe Hans Küng stellte ein „Projekt Weltethos“ (Küng, 1991) vor, das nach seiner Emeritierung von einem Industriellen mit einer Stiftung von 5 Millionen DM weiter gefördert wird; Jörg Zink veröffentlichte einen Vorschlag über „Neue Zehn Gebote“ (Zink, 1995); der bekannte Trendforscher und Managementberater Gerd Gerken propagiert „Management by Love“ (Gerken, 1991); Francisco Varela beschreibt „Ethisches Können“ (Varela, 1994). Die Fragen nach Ethik, Tugend und Moral sind zu einem mächtigen motivieren­ den Faktor im kollektiven Bewußtsein der Menschheit geworden. Das Feld „Ethik“ ist aktiviert. Selbst die „Chinesische Stiftung für Selbstlosigkeit und Tapferkeit“ erfindet Leitbilder für Millionen, Motto: „streng, ehrlich, aufrecht“ - auch wenn ihr unterstellt werden muß, daß schwer durchschaubare politische und Herrschafts­ motive dabei mitspielen. Die Katholische Kirche und der Bund für Naturschutz in Deutschland fordern eine „Ethik der Genügsamkeit“, das deutsche Wirtschafts­ modell sei nicht mehr zukunftsfähig. In Südafrika nimmt eine Wahrheitskom­ mission unter dem Vorsitz von Erzbischof und Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu ihre Arbeit auf. „Wir sollten vergeben und vergessen“ hatte Staatspräsident Mandela kurz nach den Wahlen erklärt. In einem erfolgreichen Schulprojekt in Norwegen will man den Schülerinnen und Schülern nicht Gehorsam, sondern Respekt voreinander und vor den Erwachsenen beibringen. Wirgefühl und die Fähigkeit, Konflikte zu lösen, sind da u.a. erklärte Ziele. Sie beginnen mit den klei­ nen Schritten wie „Guten Tag, Fräulein“, am Morgen des Schultags. „Wir sind über­ rascht, welche Auswirkungen unsere kleinen Schritte gehabt haben.“ Große Worte haben bisher wenig dazu beigetragen, die kleinen Schritte zu tun. Aber es ist gar nicht leicht, die hohen ethischen Ideale in tausend kleine, erlernbare und verwirklichbare Schritte aufzugliedern. Ethik als Lernprogramm, warum nicht? Die wissenschaftlichen Grundlagen dafür haben wir. In den vergangenen 15 Jahren wurden an allen medizinischen Fakultäten der deut­ schen Universitäten Ethikkommissionen gegründet, die Evangelisch-Lutherische Landeskirche hat das „Zentrum für Gesundheitsethik“ eingerichtet, am 8. Mai 1995 wurde das Ethik-Zentrum an der Universität Zürich gegründet, in der „Dekade der Hirnforschung“ spielen in den USA ethische Fragen einer neurobiologischen Forschung am Menschen eine wichtige Rolle, ebenso die Themen Hirntod, Organtransplantation, in-vivo-Fertilisation und Sterbehilfe, um nur einige weitere Beilspiele zu nennen. Allein die ethischen Themen aus dem Bereich der Medizin sind kaum noch zu übersehen, geschweige denn heute verbindlich zu lösen. Je komplexer unser Wissen vom Menschen, der Erde und unseren Mitgeschöpfen, den Tieren, wird, um so vielschichtiger werden die ethischen Fragen. 22

Verwirrt von 10000 Dingen

Man könnte verzweifeln, wenn man sich nach praktikablen Lösungen umschaut. Ich kann sie natürlich auch nicht vorlegen, möchte Sie aber zum Mitdenken anregen. Internationale Organisationen, wie z. B. WWF, sind aktiv, um Tiere zu schützen und Leben zu erhalten, und die Vereinten Nationen schicken Friedens truppen in viele Weltteile. Mutige Menschen kämpfen bei Greenpeace in aller Welt unter gefährli­ chen Bedingungen gegen kriminelle ökologische Fahrlässigkeiten. Es gibt ein SOSKinderdorf, Amnesty International setzt sich für humane Ziele selbst dort ein, wo es noch aussichtslos erscheint, und die Organisation „Brot für die Welt“ leistet Bewundernswertes an vielen Notleidenden. Nicht nur die Reihe der Grausamkeiten, auch die Beispiele gelebter Ethik ließen sich zum Glück für uns noch lange fort­ setzen.

Unsere heutige Situation
Die Vernetzung der Welt macht eine Fülle kultureller und damit ethischer Verschiedenheiten zugänglich, die oft widersprüchlicher nicht sein könnten. Deklarationen in den Verfassungen und soziale Wirklichkeit stehen in krassem Gegensatz zueinander, z.B. was die Stellung und Achtung der Frau betrifft. Frauen werden in Afghanistan noch gesteinigt, wenn sie aus fadenscheinigen Gründen des Ehebruchs beschuldigt werden. Die internationale Frauenkonferenz in Peking zeig­ te viele traurige Facetten dieses Themas. Die Liste ist schier endlos. Wir verfügen aber auch über das reiche, ebenfalls fast unübersehbare Erbe an ethi­ schen und moralischen Vorstellungen und Werten. Sie werden verkündet und bilden den Maßstab für Erziehung und Rechtsprechung. Die Wissenschaften vom Menschen stellen Modelle zum Verständnis menschli­ chen Handelns vor und bieten Möglichkeiten zu begründeten Handlungsanweisungen, die Meister Eckehart noch nicht geben konnte. Und wir stehen vor schick­ salhaften Krisen und Entscheidungen, die die Zukunft des Menschen entscheidend beeinflussen werden.

... und ihr ethisches Dilemma
Was folgt daraus? So sehr wir uns nach einem Weltethos, wie seinerzeit auch nach einer Weltsprache, dem Esperanto, sehnen, so klar müssen wir einsehen, daß dies heute eine Utopie, wenn auch eine wegleitende Utopie bleiben muß, bestenfalls eben ein Projekt, wie erwähnt. Die Uno ist ein wichtiger Schritt in dieser Richtung, ihre Friedensbemühungen sind schon so etwas wie ein Weltethos, über das wir uns alle verständigen können. Aber im übrigen müssen wir mit der großen Vielfalt unter­ schiedlicher und widersprüchlicher ethischer Orientierungen leben. Jede Gruppe und jeder Einzelne muß sich auf seine Grundlage ethischen Handelns besinnen und sich diese sorgfältig bewußt machen. Das ist leichter gesagt als getan, da Bewußtwerden eine langwierige und anstren­ gende, meist vermiedene Aufgabe ist. Und wir müssen uns klarmachen, daß wir zum jetzigen Zeitpunkt der Evolution in einer Welt ethischer Pluralitäten leben. Die Tugend der Toleranz ist eine grundlegende Voraussetzung. Das Entscheidende dabei ist, daß der einzelnen Frau und dem einzelnen Mann immer größere Bedeutung 23

Theodor Seifert

zukommt. Nur sie können aus den Gruppenzwängen, wenn auch mit großer Mühe und in vielen Teilen der Welt unter großen Gefahren heraustreten, und zugleich als solche Individuen wieder Teil des Ganzen ihrer Gruppe werden, aber eben als reife Einzelne. Der Einzelne ist Träger der Verantwortung, seine moralische Tat entschei­ det letztlich.

Weg des Einzelnen
Der Weg des Einzelnen ist ein zentrales Forschungsanliegen der Analytischen Psychologie. C. G. Jung hat seine Forschungen immer wieder auf den Indivi­ duationsprozeß gerichtet und seine einzelnen Stadien beschrieben. Im Ganzen gese­ hen ist es ein Prozeß zunehmender Differenzierung und Bewußtwerdung. Jeder Mensch bringt eine Vielzahl von Lebensmöglichkeiten mit auf diese Welt, die, je nachdem, gefördert oder behindert werden. Hier hat jeder seine Geschichte, die er anschauen und durcharbeiten muß. Zum Glück verfügen wir heute zumindest in der westlichen Welt über eine Vielzahl von Möglichkeiten, unsere Lebensgeschichte kennenzulernen, anzuschauen und durchzuarbeiten, um die Kräfte wieder frei zu setzen, die in neurotischen Verfestigungen, pathologischen Komplexen und für die weitere persönliche Entwicklung sehr schwierigen sozialen Einbindungen bestehen, die aber nicht schicksalsbestimmend bleiben müssen, wenn wir in unser eigenes Überleben und Glück einwilligen. Hier sei schon festgestellt, daß auch unsere ethische Orientierung und die innere Freiheit unseres Handelns, die Entwicklung unseres ethischen Könnens davon ganz entscheidend beeinflußt und meist beeinträchtigt werden. Je kindlicher wir bleiben, um so ängstlicher fragen wir andere, was richtig und falsch, was erlaubt und verbo­ ten ist. Und je narzißtischer wir fixiert sind, um so wichtiger ist es uns, moralisch anerkannt zu sein, als besonders tugendhaft zu gelten und möglichst „besser“ zu sein als andere. Das sind aber dann jene Verhaltensweisen, die Meister Eckchart als Unrecht kennzeichnet, weil sie aus dem Eigeninteresse entspringen und nicht aus der inneren Verbindung mit Gott. Wir lieben dann Gott bestenfalls wie eine Kuh, die uns Käse und Milch gibt, zum eigenen Nutzen (Predigt 16). Diese Art, tugendhaft zu sein, ist sehr problematisch, wenn auch schwer zu durchschauen, auch für einen selbst. Wir kommen um die Aufgabe der konsequenten Bewußtmachung nicht her­ um, auch wenn sie nur in kleinen Schritten erfolgen kann und vielleicht mehrere Leben umfassen muß. Wichtig ist festzuhalten, daß im Laufe der Evolution ein entsprechendes Potential von Verhaltensmöglichkeiten entwickelt worden ist, das ethisches Handeln ermög­ licht. Wir verfügen über die Möglichkeiten, unsere persönliche Entwicklung anzu­ schauen, sie zu reflektieren und zu fördern, wir haben die geistigen und moralischen Voraussetzungen, aus denen jeglicher ethische Kanon entspringt. An den vorhande­ nen Möglichkeiten liegt es nicht, aber daran, diese als Chance zu nutzen. Das nun gehört wieder zum Ermutigenden: Wir verfügen über ein Gewissen, eine psychische Struktur, die wir seit Freud mit Über-Ich bezeichnen und die alle uns vermittelten Normen und Regeln enthält; wir verfügen über eine Ideal-Ich oder Selbst-Ideal genannte Struktur, die uns mit genügend idealer Zielvorstellung versorgt, und, dar­ auf hat vor allem Jung hingewiesen, in uns spricht eine Vox Dei, die uns manchmal 24

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in Widerspruch mit gültigen moralischen Wertvorstellungen bringt. Das sind Situationen, in denen wir „einfach nicht anders können“, in diesem Zusammenhang wird immer wieder Luthers entsprechender Ausspruch zitiert. Der Weg dahin mag weit sein, aber er ist gangbar. Zwingende Voraussetzung dafür ist allerdings, daß die moralische Basis intakt ist. Aber das können wir oft nicht vor­ aussetzen. Die Welt ist in vieler Hinsicht ein großer Kindergarten mit einem ent­ sprechenden Gottesbild, streng und strafend, ein gefährlicher Beobachter unseres Lebens. Aber das ist heutiger Status, auf den wir angesichts unseres Themas zurück­ blicken wollen in der Überzeugung, daß es so nicht bleiben wird und darf.

Die innere Arbeit und die Vox Dei
Damit sind auch die Ziele der persönlichen Arbeit klar: genaues Kennenlernen und Überprüfen der Inhalte der genannten psychischen Instanzen und Schritt für Schritt entscheiden, ob sie weiterhin Maßstäbe meines Lebens sein sollen. Mit dieser Erkenntnis ist allerdings erst der erste Schritt getan, aber ohne diesen geht es eben nicht. Also: Wissen um die Voraussetzungen ethischen Handelns und Kennenlernen der uns übermittelten Inhalte der psychischen Instanzen. Aber es geht nicht nur um das Wissen, sondern um ethisches Handeln. Die Schwierigkeiten, die sich beim Abschiednehmen von gewohnten Maßstäben und Wertvorstellungen ergeben, sind groß und vor allem in der Regel mit heftigen Strafängsten verbunden. Vielen von uns wurden Höllenstrafen angedroht, wenn wir dieses oder jenes tun bzw. unterlassen. Auch wenn wir als Erwachsene glauben, uns schon damit genügend auseinandergesetzt oder sie gar überwunden zu haben, erwei­ sen sich die alten Vorstellungen oft noch als unbewußt wirksam. Die Vox Dei, die Stimme Gottes in uns, ist nicht identisch mit dem Gewissen, wenn ihm auch verwandt. Wir sprechen ja auch von der Stimme des Gewissens, auf die wir hören sollen. Die Vox Dei ist jene innere Gewißheit, in dieser oder jener Richtung handeln zu müssen ohne den Schutz der gewohnten moralischen Regeln, wir tanzen dann den Tanz des Lebens ohne Netz. Die mystische Literatur ist voll von Hinweisen und Forderungen dieser Art. Denn wenn wir uns dem Urgrund der Gottheit oder ihrer Wüste nähern oder gar eins mit ihr werden, wo sind dann die orientierenden Wegweiser? Wer kann uns dann noch sagen, was Recht und Unrecht ist? Uns für diese innere Stimme zu öffnen, den Weg zu ihr zu ebnen, ist vielleicht die Chance für unsere Zukunft. Hier ergibt sich eine Fülle schwieriger Fragen: Wird dann nicht alles völlig will­ kürlich, kann dann nicht jeder seine Maßstäbe setzen, wie er will? Vordergründig gesehen ja, aber sie oder er werden es dann nicht tun, weil sie aus einer anderen Mitte oder einer neuen Form von Verbundenheit handeln. Dabei ist das Wort Verbundenheit wiederum nur die Kennzeichnung eines vorläufigen Status, es geht, wie die Mystiker wissen, um das Einssein mit der Gottheit. Jung hat immer wieder festgestellt, daß die Symbolik der Gottesbilder und die Symbolik des Selbst empi­ risch nicht auseinanderzuhalten sind. Er hat das insbesondere an der Man­ dalasymbolik (C. G. Jung, 1971) studiert, die als objektive Gegebenheit, vor allem aus Tibet, bekannt ist und bis heute gelebt wird. Mandalastrukturen zeigen sich auch in Zeichnungen von Menschen im Verlauf ihrer krisenhaften Individua­ 25

Theodor Seifert

tionsprozesse. Sie sind mit dem numinosen Erleben einer inneren Einheit oder der Führung durch eine übergeordnete Instanz verbunden. Wir verfügen heute nicht nur aus der Religionsgeschichte, sondern auch aus der analytischen Arbeit über kla­ re Beweise einer solchen steuernden und wissenden inneren Instanz. Sich mit ihr im Einklang zu wissen, ist wohl das einzige, was uns wirklich trägt. Diese Instanz habe ich mit zum Titel dieser Arbeit gewählt. Dieses Selbst im Sinne, wie Jung es definiert hat, ist weit mehr als die vielen uns übermittelten Zuschreibungen im Sinne von „du bist so oder so“. Es ist die innere Vorform einer größeren Persönlichkeit, die umfassender ist als unser jetziges Bewußtsein. Verbunden mit der Fülle noch unbewußter Möglichkeit steuert es den Individuationsprozeß zu seinem Ziel, oft mit unausweichlicher Strenge und macht uns gewissermaßen zu dem, wozu wir gemeint sind, wenn wir auf diese Stimme hören wollen. Hinter jedem neurotischen oder psychosomatischen Symptom ver­ birgt sich eine Botschaft des Selbst, ein Hinweis, wie es weitergehen könnte. Das setzt aber voraus, daß wir hören und handeln. Das wiederum setzt voraus, daß wir über ein stabiles Ich verfügen, über Funktionen des Wahrnehmens, Wertens, Erkennens und des logischen Denkens, über die Fähigkeit, Almungen im Hinblick auf die äußere und innere Welt zu haben, daß wir Frustrationen ertragen können, Entscheidungen treffen usw. All diese Fähigkeiten liegen im Rahmen der uns mitge­ gebenen Möglichkeiten, realisiert sind sie vielfach noch nicht. Wenn es um die Vox Dei geht, geht es immer auch um die Überschreitung des per­ sönlichen Bewußtseins, es beginnt der heute so oft und leichtfertig zitierte transpersonale Raum. Schon Ken Wilber (Wilber, 1988) hat immer wieder eindringlich dar­ auf hingewiesen, daß das Transpersonale in diesem Sinne vom Präpersonalen klar unterschieden werden muß. Leider wird es immer wieder verwechselt. Das Durchbrechen des personalen Bereichs setzt eben die volle Entwicklung und Reife der Persönlichkeit in diesem Raum unbedingt voraus, und dahin ist es, wie wir wis­ sen, ein langer und oft leidvoller Weg. Und es ist die Erfahrung der Psychotherapie und der Seelsorge, daß dieser Weg erst dann begangen wird, wenn der Leidensdruck groß genug ist. Das ist keine masochistische Verherrlichung des Leidens, sondern einfach eine Tatsache, genau wie die Tatsache, daß der Brunnen erst dann abgedeckt wird, wenn das Kind hineingefallen ist. Offenbar sind wir zu einem anderen Weg und einer glücklicheren Alternative noch nicht bereit. Vor diesem Hintergrund ist die Individuation nur eine Zwischenstation, sie ist das Tor zum transpersonalen Raum. Genauer müssen wir sagen, daß zunächst beides nebeneinander bestehen muß, denn die Reifung des Individuums ist die unabding­ bare Voraussetzung, um dieses Tor durchschreiten zu können, zumindest soweit unsere heutigen Kenntnisse reichen. Der Individuationsprozeß ist in seinen einzel­ nen Stadien oft selbst schon eine numinose Erfahrung, weil wir gerade dabei erleben, wie wir in der Hand anderer umfassender und wissender Kräfte oder Instanzen sind, die wir nicht besser als ,Gott‘ bezeichnen können. Insofern sind wir immer in der Hand Gottes, sind wir Kinder Gottes. Oder, in der Sprache und Erfahrung der Mystiker: Der Same der Erleuchtung, der Same Gottes (Eckehart, Vom edlen Menschen) ist immer in uns, wir brauchen unsere Buddhanatur nur zu entdecken. So fragt auch Meister Eckchart: „Warum bleibt ihr nicht in euch selbst und greift in euer eigenes Gut? Ihr tragt doch alle Wahrheit wesenhaft in euch“ (Predigt 6). Alle 26

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Wahrheit in diesem Sinne ist transpersonal und eine Quelle, aus der wir immer schöpfen können.

Das ethische Dilemma
Ich will die psychologischen Voraussetzungen ethischen Handelns hier nicht wei­ ter vertiefen, diese Andeutungen mögen genügen. Ein weiterer Punkt gehört hierher und schließt sich direkt an: das ethische Dilemma, die Vielfalt der moralischen Konflikte, die sich aus der Vielfalt z.T. widersprüchlicher Sollensforderungen erge­ ben. Jeder kennt die Frage an sich selbst: „Soll ich oder soll ich nicht? Darf ich oder darf ich nicht?“ Je härter die inneren Sollensforderungen sind - die Psychoanalyse spricht sogar von einem sadistischen Über-Ich -, desto größer ist die Gefahr, daß wir uns selbst belügen, bestimmte Situationen bagatellisieren, wie wir es von Alkoholabhängigen kennen, oder daß wir der Regel folgen, „Einmal ist keinmal“. Seelsorger und Psychotherapeuten kennen das große innere Leid, das durch solch ein hart strafendes Gewissen verursacht wird. Im schlimmsten Fall können sich schwere Zwangsneurosen entwickeln, weil sich nur durch das Einhalten z.T. grotes­ ker Rituale für böse gehaltene Ereignisse vermeiden lassen. Aber die pathologischen Extreme solcher Gewissensformen dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, daß eine amoralische Haltung im Sinne eines „anything goes“ keine sinnvolle Alternative ist. Wir würden weit hinter den heutigen Stand der Bewußtseinsevolution zurückfal­ len, wollten wir auf das ethische Erbe, das uns die Vorfahren hinterlassen haben, ver­ zichten oder es achtlos beiseite lassen. Wir müssen uns sicher nicht sklavisch an die zehn Gebote halten, die Mose von Gott empfangen hat. Aber wir können prüfen, inwieweit sie unserer heutigen Zeit entsprechen. Der Theologe Jörg Zink (Zink, 1995) hat das getan. Er vertritt die Ansicht, daß man die zehn Gebote nicht aus dem Gesamtzusammenhang der Lebensordnungen, die wir die Thora nennen, heraus­ nehmen und sie isoliert als den Willen Gottes deklarieren kann. Für Gebote könnte man „Weisungen“ oder „Angebote Jesu“ sagen. Ein Beispiel: das erste Gebot, „Ich bin dein Gott. Du sollst andere Götter neben mir nicht verehren“, könnte nach Zink als Angebot Jesu so lauten:“ Gott ist der Eine. Setze keinen Menschen an seine Stelle“. Oder das dritte Gebot: „Denke an den Sabbat und halte ihn heilig“, könnte heute lauten: „Gott ist dir nahe. Also höre ihn und gib deine Antwort“. Gerade die­ se Formulierung kommt dem, was Jung - und vor ihm viele andere - über die Vox Dei gesagt hat, sehr nahe. Heute bieten sich uns viele Möglichkeiten, eine Grundlage unseres moralischen Verhaltens zu finden. Vielleicht sind es die fünf grundlegenden Tugendregeln, die der Buddha empfahl, oder wir lesen die Bergpredigt immer wieder, bis wir sie ganz verstanden und wenigstens zum Teil gelebt haben. Paulus hat in 1. Korinther 13 das Hohelied der Liebe geschrieben, die Bibel ist voller Hinweise, welche Tugenden wir verwirklichen könnten. Ich möchte noch die vier Kardinaltugenden nennen, die uns seit Plato vertraut und immer noch unübertroffen wegleitend sind. Josef Piper, der katholische Philosoph, hat sie in seinen Traktaten über die Klugheit, die Tapferkeit, die Gerechtigkeit und das Maß (Piper, 1964) meisterhaft beschrieben, sich dabei immer wieder auf Thomas von Aquin beziehend, dessen „Summa“ über Jahrhun­ derte hinweg ethische Grundlagen aufzeigte. Auch das Werk von Thomas a Kempis, 27

Theodor Seifen

De Imitatione Christi, hat die Jahrhunderte überdauert, bezieht es sich doch auf das große Vorbild der Christenheit, auf Christus selbst. Im Anschluß daran aber ist der Christenmensch immer mit der Forderung nach Vollkommenheit konfrontiert und völlig überfordert gewesen. Jung hat sich auch mit dieser Thematik auseinandergesetzt und kam zu dem Schluß, daß es sich angesichts der Person Christi nicht um Vollkommenheit, sondern um Vollständigkeit handeln muß, soll auch nur eine kleine Chance bestehen, dies zu erreichen. „Das Leben bedarf zu seiner Vollendung nicht der Vollkommenheit, son­ dern der Vollständigkeit. Dazu gehört der „Pfahl im Fleisch“, das Erleiden der Mangelhaftigkeit, ohne welche es kein Vorwärts und kein Aufwärts gibt“ (C. G. Jung, 1972). Bleibt damit, „vollkommen zu sein, wie euer himmlischer Vater voll­ kommen ist“, wie Christus es fordert ( Matth. 5,48) unerreichbar, oder ist es ein Ziel für die kommenden Jahrhunderte? Aber vollständig zu werden im Sinne einer Individuation, der zu werden, der ich bin mit allen hellen und dunklen Seiten, das mir Mögliche zu verwirklichen, voll zu entfalten, das ist zwar auch ein hohes, aber doch noch erreichbares Ziel. Im Rahmen unserer Überlegungen könnte das auch eine Tugend sein, die zu befolgen eine Aufgabe des kommenden Jahrhunderts ist. Im Augenblick ist es noch eine Utopie, aber doch schon klar formuliert und, das gehört heute unbedingt dazu, wissenschaftlich und empirisch begründet. Auch die metho­ dischen und therapeutischen Möglichkeiten liegen vor. Wenn es aber um diese Vollständigkeit geht, die immer eine ganz individuelle und eine allgemein menschliche Seite hat, so ist diese ohne die Vorstellung eines Mittelpunktes, einer inneren Mitte nicht denkbar. Vor diesem Hintergrund bekommt die Empfehlung des Buddha, einen „Mittleren Weg“ zu gehen, noch eine ganz andere Dimension aus unserer heutigen Sicht. Die Vielfalt der normativen Forderungen, vor allem noch vor dem Hintergrund angedrohter zeitlicher oder ewiger Strafen, stellt jeden vor sehr große Schwierig­ keiten, einmal, weil wir alle hinter diesen Forderungen Zurückbleiben - ein innerer Mangel, den wir ganz verschieden verarbeiten -, und zum anderen, weil unser Ver­ halten in hohem Maße angstmotiviert ist. Gerade dies ist im Bereich ethischen Handelns sehr problematisch. Zwar war Buddha der Meinung, daß Scham und Furcht die Welt regieren, und Christus sah aus dem menschlichen Herzen auch nur Böses kommen, doch kann die Motivation, Gutes zu tun und ein Gerechter zu sein, niemals allein so begründet werden. Das stünde auch im Widerspruch zu dem, was wir heute über den Menschen wissen: Wir sind gut und böse, von hohen Idealen motiviert und zu aller Niedertracht fähig. Daß wir aber diese Ideale gesehen und formuliert haben, ist ein sicherer Beweis dafür, daß die Möglichkeit zu ihrer Verwirklichung dazu in uns liegt. Die Kernfrage ist also, wie wir mit den Frustrationen umgehen, die sich aus dem Nichterreichen unserer Ideale ergeben. Je differenzierter und sensibler wir sind, um so härter treffen uns diese Frustrationen. Das kann bis zur Verzweiflung und tiefer Resignation gehen, Überzeugungen wie „das schaffe ich nie“, können jede weitere Entwicklung lähmen und tun es nicht sel­ ten. Das ist die Situation des Mannes im biblischen Gleichnis, der das eine, von sei­ nem Herrn empfangene Gut vergraben hatte, damit es nicht verlorengehe, denn er wußte, daß sein Herr ein gar gestrenger Mann war (Luk, 19,20). Auf die innere Situation übertragen: Wir geben angesichts des überstrengen Über-Ichs und der 28

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damit verbundenen Angst des handelnden Ichs auf, werden oft depressiv und kraft­ los. Es hat keinen Sinn, in die kritische innere Stimme dieses Über-Ichs einzustim­ men, das ist destruktive Selbstkritik, ein ganz schlimmer innerer Feind. Im besten Fall sind wir so weit, wie es die heute bestehenden Werte und Tugenden von uns fordern. Eigentlich fordern sie nichts, sie bieten sich als Leitlinien für unser ethisches Handeln an, das einem starken und unausrottbaren Bedürfnis in uns ent­ spricht. An dieser Grundlage führt kein Weg vorbei, so wenig, wie man vom präper­ sonalen in das transpersonale Leben einfach hinüberspringen kann, ohne die weiten Wege und Umwege der Individuation, des personalen Lebens beschritten, gelebt und durchlitten zu haben. Noch so wortreiche und vielversprechende Angebote aller Art, meist als „spirituell“ bezeichnet, dürfen darüber nicht hinwegtäuschen. Diesen Weg geht niemand in einigen wenigen workshops, mögen die Ankün­ digungen auch noch so vielversprechend klingen. Bestenfalls bekommt man da eine Vorstellung davon, um was es sich handeln kann. Aber zu wissen, wie das dann in meinem persönlichen Alltagsleben aussehen könnte, bedarf intensiver innerer Arbeit. Dann beginnt der Weg der Tat. Aber dabei wollen wir nicht stehen bleiben, so weit sind wir bei dieser Halbzeit der Evolution (Wilber, 1984 ) schon.

On-line mit dem Selbst
Was heißt nun „Ethisches Handeln on-line mit dem Selbst“? Kurz gesagt folgen­ des: Das bisher skizzierte ethische Verhalten beruht auf Selbstdisziplin und Willenssteuerung, Einsicht vorausgesetzt. Ethisches Handeln on line mit dem Selbst transzentiert dieses Verhalten, ich handle dann ohne Ich, „cs“ handelt aus mir. Dieses Handeln ist nicht mehr personal, es ist transpersonal. D.h., eine andere Instanz gibt vor, was zu tun ist, ich höre, spüre, worum es gehen soll, und handle in dieser inneren Gewißheit, für die es keine äußere Sicherheit oder Legitimation mehr gibt. Es ist ein Sprung ins Paradoxe, denn ich höre mich Worte sagen, die ich eigent­ lich gar nicht sagen wollte und von denen ich gar nicht weiß, woher sie eigentlich kommen. Sie kommen aus mir und doch nicht aus mir. Woher dann? Hier paßt nun der Ausdruck „transpersonaler Raum“ genau, den wir aber nicht genauer definieren können, wenn wir nicht auf bekannte metaphysische Vorstellungen zurückgreifen wollen. Ich weiß dann nicht mehr so genau, warum ich etwas getan oder unterlassen habe, es ist einfach so geschehen. Ich erlebe mich dann eher als Werkzeug, erfülle eine Aufgabe, die ich mir im engeren personalen Raum nicht selbst gestellt habe. Im Neuen Testament heißt es, daß Sein Wille geschehen soll, „ich aber muß abnehmen“ (Joh. 3.30), wohl bis hin zur völligen Relativierung des Ich, das im Buddhismus als Illusion beschrieben wird. Die analytische Psychologie definiert das Ich als einen Funktionskomplex und kommt damit einer Auffassung schon sehr nahe, die die Substantialität des Ichs oder der Person bezweifelt oder ganz verneint. Wie kann ein ichloser Mensch handeln? Schon bei den sprachlichen Formulierungen ist es schwierig, das Wort „ich“ zu ver­ meiden, das geht praktisch nicht. Wir sind schon über die Sprache mit einem Ich fest verbunden. „Du sollst alle Tugenden durch- und überschreiten und sollst die Tugend nur in jenem Urgründe nehmen, wo sie eins ist mit der göttlichen Natur“, sagt Meister Eckchart (Predigt 16), und an anderer Stelle: „Solange der Mensch Zeit 29

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und Raum hat und Zahl und Vielheit und Menge, so ist er gar unrecht daran und ist Gott ihm fern und fremd“ (Predigt 11). Und das erreichen wir nur, wenn wir uns ganz lassen können und uns selbst „zur Eins zusammenfassen“ (Predigt 11). „Wo immer wir uns finden mögen, dessen sollen wir uns entäußern“ (Predigt 12). Leicht ließe sich aus den Traktaten und Predigten von Meister Eckehart Zitat an Zitat rei­ hen, denn es ist sein großes, sein einziges Thema, über dieses Lassen unserer Selbst und Einswerden mit der Gottheit zu sprechen. Körperlichkeit, Zeitlichkeit und Vielheit sind die entscheidenden Hindernisse, wobei es mir hier besonders auf die ethische Vielheit ankommt, in der wir uns genau so verlieren können wie in den zehntausend Dingen, und daran verzweifeln können. Am ehesten läßt sich das als eine Grenzsituation verstehen: wir kommen nicht umhin, immer wieder auf Bewährtes und noch längst nicht in seiner möglichen Fülle Verwirklichtes zurückzugreifen, unser ethisches Handeln an den bekannten Maßstäben zu überprüfen und weiter zu entwickeln, um es dann aber wieder loszu­ lassen, in die paradoxe Erlebnissituation einzutreten, in der es uns im herkömmli­ chen Sinne nicht mehr gibt. Dort sind wir „Gott-wissende Menschen“ (Predigt 11), Freunde Gottes, oder, wie Paulus es ausdrückte, nicht mehr „unmündige Kinder, die von jedem Wind der Lehre hin- und hergeworfen werden“ (Eph.4, 14). Es ist also schon im Neuen Testament gefordert, die infantilen Haltungen hinter uns zu lassen, auch im Sinne des „darf ich oder darf ich nicht?“. Vor diesem Hintergrund bekommt der „Mittlere Weg“ des Buddha einen zusätz­ lichen Sinn. Jung hatte u.a. in seinen „Theoretischen Überlegungen zum Wesen des Psychischen“ darauf hingewiesen, daß das Ich immer eine mittlere Stellung zwi­ schen allen Extremen, allen „Ismen“ einnehmen und sich nicht hier oder da identifi­ zieren sollte. „Das Ich bewahrt nur seine Selbständigkeit, wenn es sich nicht mit einem der Gegensätze identifiziert, sondern die Mitte zwischen den Gegensätzen zu halten versteht“ (C. G. Jung, 1971). Die mittlere Position ist eine Position der Offenheit nach allen Seiten. Und wenn diese Position nicht nur die Stellung des im Rahmen von Vielheit, Zeitlichkeit und Körperlichkeit handelnden Ichs umfaßt, son­ dern Ausdruck einer anderen, transpersonalen, im Sinne Meister Eckeharts göttli­ chen Mitte ist, dann können wir diesen „Mittleren Weg“ als unseren Weg und unse­ re Chance für die vor uns liegende Zukunft erkennen und gehen. „Wenn wir über die Zeit und zeitlichen Dinge hinausgeschritten sind, so sind wir frei und allezeit froh, und dann ist Fülle der Zeit; dann wird der Sohn Gottes in dir geboren“, verspricht Meister Eckehart (Predigt 12). Wenn ich die vorgelegten Gedanken im Hinblick auf unser alltägliches, unbedingt notwendiges Üben zusammenfasse, so lautet das so: 1. Lerne verschiedene Tugendkataloge kennen, prüfe, welche dir naheliegen und entscheide dich für einen. Er steht dann für alle. Bleibe bei dieser Weise. 2. Wähle die dir am einfachsten erscheinenden Schritte für den Anfang, nur klei­ ne Schritte führen zum Ziel, bei großen stolpert man zu leicht und fällt auf die Nase. 3. Wenn es nicht so gelingt, wie ich es mir vorgestellt habe, gilt: Die Tatsachen sehen, sich nicht verurteilen, sondern verändern in einer wohlwollenden Haltung sich selbst gegenüber. Wir vergeuden viele, oft unsere besten Kräfte in destruktiver Selbstkritik und kommen unserem Ziel so keinen Schritt näher. 30

Verwirrt von 10000 Dingen

4. Üben, üben und nochmals üben, das ist hier nicht anders als beim Erlernen einer Fremdsprache. Langsam gelingt es immer besser. 5. Bei schwierigen inneren Hindernissen therapeutische oder entsprechende Hilfe in Anspruch nehmen. Dies gilt vor allem hinsichtlich der Ichstärke und der Durcharbeitung des personalen biographischen Raums. 6. Den Selbst-Bezug aufbauen, einmal im Kennenlernen dessen, was andere von mir sagen oder schon immer gesagt haben, und zum anderen im Hören auf die innere Stimme, die Vox Dei. Voraussetzung ist ein wirkliches Selbst-Vertrauen wie im Sinne eines Gottvertrauens und dann der Mut zum Sprung ins Paradoxe. Aber auch dafür muß das Ich stark sein, denn das Ich ist der Ort der Angst, das hat schon Freud gesehen. 7. Weitergehen und üben in Meditation und inneren Vertiefungen, den Weg fort­ setzen, der sich dann Schritt für Schritt auftut. Dies ist der Weg, den alle Mystiker beschrieben haben. Sie sind hier die besten Lehrer und Begleiter.

Confused by 10000 Things: Ethical Action, on-line with the Self Summary: Ethical action in the future has to take place in immediate touch with the Self. The particular conditions (development of Self, psychological controlling functions, concept of Self according to C.G.Jung, evolutionary development) arc shown separately. The prepersonal according to Ken Wilber is separated clearly from the transpersonal sphere, out of which solely arise the immediate ethical impulses of action before any consideration can take place. Master Eckehart, on behalf of all mystics, has shown that right conduct is only possible through the „noble strength of the soul“ immediately close to god. References are made towards the New Testament, Mysticism, basic virtues and the teaching of the Buddha as well as towards empirical depth psychology. Key words: Ethical action, ethical dilemma, pre- and transpersonal sphere, analytical psychology of C.G.Jung, evolution, Master Eckehard, the middle way of Buddha. Literatur: Meister Eckehart, Deutsche Predigten und Traktate, hrsg. v. Josef Quint, Diogenes Zürich 1979: Predigt 11, S. 203 u. 202; 16, S. 227 u. 228; 6, S. 181; 12, S. 211 u. 209. Gerken, G. (1979): Management by Love, Econ, Düsseldorf. Jung, C.G. (1971): Über Mandalasymbolik, in GW 9/1, Walter, Olten, S. 373. - (1971): Theoretische Überlegungen zum Wesen des Psychischen in G.W. 8, Walter Olten, S. 250. - (1972): Psychologie und Alchemie, in GW 12, Walter, Olten, S. 189. - (1974): Das Gewissen in psychologischer Sicht, in GW 10, Walter, Olten, S. 483 ff. und 492 ff. Küng, H. (1991): Projekt Weltethos, Kreuz, Stuttgart. Lao Tse Tao Te King, Diederichs, München 1996. Miditiere, D. (1994): The Children of Bombay, Braus, Heidelberg. Piper, J. (1964): Das Viergespann, Kösel, München. Varela, J.F. (1994): Ethisches Können, Campus, Frankfurt a.M. v. Weizsäcker, W.-U. (1996): Faktor Vier, Droemer, München. Wickert, U. (1995): Das Buch der Tugenden, Hoffmann und Campe, Hamburg. Wilber, K. (1984): Halbzeit der Evolution, Scherz, München. - (1988): Die drei Augen der Erkenntnis, Kösel, München. S. 119. Zink,J. (1995): Neue Zehn Gebote, Kreuz, Stuttgart.

Dr. Theodor Seifert Mörikestr. 54 71299 Wimsheim

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Transpersonale Psychologie und Psychotherapie
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Der nächste Schritt:
Vom Sterbepunkt in unserem Energiesystem*
Samuel Widmer, Solothurn

Zusammenfassung: Ein Erwachen für das gemeinsame Herz ist unumgänglich geworden, wenn wir persönlich und kollektiv die aktuelle planetarische Krise bewältigen wollen. Dabei überschreiten wir einen besonderen Transformations­ punkt in unserem Energiesystem, den Sterbepunkt. Entworfen wird ein Konzept unserer energetischen Struktur, welche als eine Verdichtung im einen, universellen Energiefeld verstanden wird. Die Überwindung der egozentrischen Persönlichkeit und damit des selbstsüchtigen Willens, der sich dadurch einem größeren Ganzen zur Verfügung stellen lernt, wird als nächster Schritt des einzelnen Menschen in seiner Entwicklung und damit letztlich der Menschheit als Ganzes erkannt. Die Gesetzmäßigkeiten der Willens- und der Herzebene in uns werden beschrieben. Ein Ausblick auf eine zweite Transformationsschwelle in unserem Energiesystem, den Wahnsinns-, Macht- oder Stillepunkt, und damit auf die zukünftige Entwicklung der Menschheit rundet die Ausführungen ab. Schlüsselworte: Transpersonale Psychologie, Psycholytische Psychotherapie, Transformationsprozeß, Energiesystem, Sterbepunkt.

Einleitung
Was ist unser nächster Schritt, wenn wir die gegenwärtige Krise als Chance nutzen wollen, kollektiv und persönlich, wenn wir nicht im ewig Gleichen stecken bleiben wollen? Während der jahrelangen Beschäftigung mit psycholytischen Substanzen, LSD und MDMA - wir hatten in der Schweiz die Gelegenheit, während sechs Jahren einen bewilligten Versuch durchzuführen -, erschloß sich uns sowohl in der eigenen Erfahrung durch Selbstversuche wie bei der Behandlung von anderen Menschen zunehmend ein Verständnis unseres Energiesystems (Widmer, 1989 a, 1992 b). Die wissenschaftliche katamnestische Auswertung unserer Arbeit mit den Klienten (Gasser, 1994) und unserer Ausbildungstätigkeit (Abegglen, 1996) hat
*) Überarbeitete Fassung eines Vortrags am 17. 9. 1996 auf der Tagung „Krisen der Erde, Krisen der Seelen, Chancen für ein neues Jahrtausend“ in Todtmoos.

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Der nächste Schritt: Vom Sterbepunkt in unserem Energiesystem

übereinstimmend eine überdurchschnittlich hohe Besserungs- bzw. Heilungsrate nachgewiesen). Auf die Gesamtheit der gewonnenen Einsichten kann und will ich hier nicht eingehen, da wir uns vor allem einem besonderen Punkt, einem Transformationspunkt in unserem Energiekörper, zuwenden wollen. Diesen Energiekörper verstehen wir als eine Verdichtung im einen, ungeteilten Feld der universellen Energie, so wie wir alle scheinbar abgegrenzten Objekte als Verdichtungen in diesem Feld begreifen. Dabei müssen wir uns vergegenwärtigen, daß wir uns in der Regel mit drei Bewegungen, drei Energieflüssen, welche ineinander greifen, zu beschäftigen haben, wenn wir uns unserem Inneren zuwenden: einmal mit der psychotherapeutischen, aufdeckenden, welche unterdrückte, verdrängte Anteile unseres Selbst wieder ins Bewußtsein heben will, zweitens dann mit der spirituellen Bewegung, welche sich mit einem Erwachen für unsere Ganzheit, das heißt vor allem für die Existenz unse­ res bereits erwähnten Energiesystems und für seine Funktionsweise interessiert. Die psychotherapeutische, auf deckende Bewegung verläuft von oben nach unten, da die Vermauerung, das heißt die Konditionierung und damit die muskuläre Panzerung von unten nach oben stattgefunden hat. Dies hat Wilhelm Reich seinerzeit mit seiner vegetotherapeutischen Forschung bereits nachgewiesen (Reich, 1968 a, 1968 b). Die spirituelle Bewegung verläuft von unten nach oben. Das Erwachen für unser eigenes System beginnt in der Regel im Becken und arbeitet sich allmählich durch bis zu den Kopfzentren. So erfahren wir es auch - nicht ausschließlich, aber doch häufig - bei der Einnahme von psycholytischen Substanzen, welche uns zuerst für die Kraft, für die Problematiken, für die Gesetzmäßigkeiten des Beckens, der Sexualität wecken, uns dann das Reich des Willens im Solar erschließen und schließlich die Ebene von Gemeinschaft und Liebe im Herzen erfahren lassen, um uns dann auch noch zum freien Ausdruck im Hals und letztlich zu den transpersonalen und spirituellen Räumen im Energiereich des Kopfes zu führen. Die dritte Bewegung ist schließlich das Einfließen der universellen Energie, wel­ che uns als Arbeitsenergie von unten schon immer begleitet hat, auch von oben her in unser System.

Die Struktur des menschlichen Energiekörpers
Wenn wir unsere Energie grob beschreiben, sehen wir, daß die Energie von unten, die eine, universelle Energie, sofern sie nicht behindert wird, was sonst eben den psychotherapeutischen Prozeß erforderlich macht, durch unser System fließt und sich auf den verschiedenen Ebenen verschieden ausdrückt: im Becken als Sexualität, im Bauch als Willenskraft, im Herzen als Liebe und im Kopf als Stille. Sexualität und Wille sind dabei die kindlichsten Ausdrucksformen in uns, unsere kindlichste Möglichkeit zu lieben. Auf diesen beiden Zentren, die zusammen das Zentrum unserer Alltagspersönlichkeit bilden, begründet sich unsere egozentrische Persönlichkeit, das Ego, welches sich als abgegrenztes, für sich allein operierendes Wesen erfährt. Das Herz ist dann eine völlig neue Ebene, welche mit dem Zentrum des Ausdrucks im Hals eng verbunden ist und Sexualität und Willen umschließt, um 33

Samuel Widmer

ihnen eine neue Ausrichtung zu geben und sie auch wieder über den Hals zum Ausdruck zu bringen. Diese neue Gesamtheit können wir als den voll erwachten, erwachsenen, ganzen Menschen bezeichnen, der in seiner vollen Verantwortung steht und sich nicht mehr als abgegrenztes Wesen erlebt, sondern durch sein Bezogensein definiert. Wir haben dann zu einer reiferen, erwachseneren Form der Liebe gefunden. Die Kopfzentren erschließen dann nochmals eine nächsthöhere Integrationsebene, eine völlig neue Dimension, welche die Herzpersönlichkeit umfaßt und sie im Universum verankert. Ich würde sie als spirituelle Wesenheit bezeichnen, den Urquell der Liebe, die Matrix, aus der wir leben, ohne meist damit in Berührung zu sein. Wir begreifen also, daß unsere egozentrische Persönlichkeit, unser Ego also, auf den Energiezentren von Becken und Bauch, Sexualität und Wille, aufbaut, daß die ganze, erwachsene Persönlichkeit vor allem auf einem Erwachtsein im Bereich des Herzens, dem Zentrum von Liebe und Gemeinschaft, beruht und die spirituelle Wesenheit schließlich auf einem Erwachtsein für die Kopfzentren fußt, welche natürlich die unteren Bereiche weiterhin einschließen und sie zur Vollendung führen. Innerhalb dieses Systems, dessen Gesetzmäßigkeiten und Zuständigkeitsbereiche wir in uns genau studieren können, haben wir während unserer Arbeit zwei wichti­ ge und schwierige Übergangspunkte entdeckt, den Sterbepunkt zwischen Solarplexus und Herz und den Stille-, Macht- oder Wahnsinnspunkt in der Mitte des Kopfes, welche beide im Erwachen für unsere Ganzheit, für die Energie, die wir sind, eine wichtige Rolle spielen, sozusagen Prüfstationen, Teststationen sind für unsere Reife und Fähigkeit, in einen nächsten Bereich unbeschadet vorzudringen. Sie liegen zwischen den Bereichen der egozentrischen und der Herzpersönlichkeit beziehungsweise zwischen der letzteren und der spirituellen Wesenheit und bilden die wesentlichen Transformationsebenen in uns. Beim ersten Übergang, den wir hier anschauen wollen, beim Sterbepunkt zwischen Solar und Herz, geht es um das Erwachen aus der begrenzten, objektbezogenen, egozentrischen Persönlichkeit für die erwachsene, ganze Herzpersönlichkeit. Beim zweiten Übergang im Kopf, am Macht-, Stille- oder Wahnsinnspunkt, geht es dann um ein Erwachen der ganzen Persönlichkeit für die spirituelle Wesenheit in uns. Am Sterbepunkt wird der Wille transformiert, das heißt, wir werden getestet, ob wir den ersten Schritt schon gemacht haben, ob wir das Leben, das Schicksal als Herausforderung, als Aufgabe annehmen können, ohne mit den üblichen Gefühlen der Abwehr, welche aus dem egozentrischen Bereich kommen, wie Selbstmitleid, Ärger, Frustration etc., reagieren zu müssen. Am Stillepunkt legen wir dann alle Konzepte über das Selbst nieder, realisieren, daß das Selbst lediglich eine Idee ist, die verändert oder sogar ganz aufgegeben werden kann. Durch beide Schritte des Loslassens wird die nötige Energie in uns frei, welche wir für die volle Entfaltung der Wahrnehmung brauchen. Der Transformationsschritt am Sterbepunkt scheint uns nicht nur der zentrale Schritt für die meisten einzelnen Menschen, sondern damit auch für die Menschheit als ganze zu sein. Soweit eine ganz kurze Zusammenfassung über unser Energiesystem, wie es sich uns aus der psycholytischen Arbeit und der Selbsterforschung überhaupt erschlos­ sen hat. Für vertiefende Einsichten verweisen wir neben unseren Büchern auf das Gesamtwerk von J. Krishnamurti (Krishnamurti, 1992) und auf die Arbeiten von 34

Der nächste Schritt: Vom Sterbepunkt in unserem Energiesystem

S. Grof (Grof 1976 a, 1983 b). Gleich zu Beginn ist es wichtig, sich darüber klar zu sein, daß wir hier von Tatsachen und Fakten reden wollen, nicht von Meinungen. Natürlich ist die Beschreibung dieser Tatsachen, dieser Wirklichkeit unsere persön­ liche, geprägt von unserem persönlichen Hintergrund. Gleichzeitig sind aber die Fakten, die wir beschreiben, allgemein gültige Wahrheiten, die jeder von uns jeder­ zeit in sich verifizieren kann. Sich selbst zu erkennen, die Wahrheit zu erforschen, ist gewissermaßen ein wissenschaftliches Experiment, das jederzeit, wie es sich für ein solches gehört, von jedermann und jeder Frau wiederholt werden kann. Wir sind der Meinung, daß jeder und jede auch zu den gleichen Ergebnissen gelangen wird, auch wenn er diese mit anderen Worten, die seinem Hintergrund entsprechen, beschrei­ ben wird, sofern er die Untersuchung überhaupt durchführt. Das Instrument zur Untersuchung ist dabei unsere Wahrnehmung und die Fähigkeit zur Einsicht; das Experiment gehört zur intuitiven Wissenschaft. Nun aber, vor diesem Hintergrund, zum eigentlichen Anliegen, zum nächsten Schritt in diesem Erwachen für unsere innere Wahrheit, den wir persönlich und kollektiv zu machen haben, wenn wir die aktuelle planetarische Krise bewältigen wollen.

Vom Sterbepunkt in unserem Energiesystem
Der Solarplexus, das Zentrum des Willens, ist seit langer Zeit das zentrale Energiezentrum, aus dem heraus der Mensch lebt. Becken und Bauch, Sexualität und Wille bilden zusammen das Zentrum der abgegrenzten Persönlichkeit, auf dem sich unser Ego begründet. Aus diesem begrenzten Verständnis unserer selbst heraus haben wir persönlich und kollektiv bisher gelebt. Becken und Bauch sind relativ unbewußte kindliche Zentren, die Kinder in unse­ rem Energiesystem. Das erklärt auch, warum die Welt aussieht wie ein großer, selbst-organisierter Kindergarten, in dem es keine Kindergärtnerin gibt. Die Unord­ nung, die wir dabei zusammen angerichtet haben, bringt uns zunehmend in eine sol­ che Not, daß wir nicht umhin kommen werden, für etwas Umfassenderes als diese für sich allein unreifen Ebenen zu erwachen. Unreif oder kindlich benutze ich in die­ sem Zusammenhang überhaupt nicht als Schimpfworte. Die Sexualität und der Wille sind wunderbare, notwendige Instrumente, welche in keiner Weise minderwertig sind gegenüber anderen, sogenannten höheren Zentren. Im Gegenteil bilden sie den Nährboden, aus dem diese hervorwachsen. Nun, die nächste Ebene, welche den Willen und die Sexualität umfaßt und ihnen eine neue Richtung gibt, ist das Herzzentrum. Das bewußte Leben aus dem Herzen macht den Menschen erst richtig zum Menschen, zu einem mitfühlenden, sorgenden, liebenden und tragenden Wesen. Nicht mit dem Herzen werden wir uns aber hier beschäftigen, sondern mit dem Übergang vom Solar zum Herzen, mit diesem Entwicklungsschritt, der damit beginnt, daß der Zauberlehrling durch die unkontrollierbaren Kräfte, die er vom Solar aus in Bewegung gesetzt hat, in große Not kommt. Die Welt liegt heute in Agonie, weil dieser Schritt in unserer Entwicklung ein unabdingbarer geworden ist. Wo man hinschaut, in jedem Winkel der menschlichen Gesellschaft, sieht man, daß uns die Wege des Willens, des egohaften, eigensüchtigen Strebens, nicht mehr 35

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weiterführen, sondern die Katastrophe weiter mehren, und daß ein Quantensprung auf eine andere Ebene des Seins unbedingt nötig geworden ist, wenn wir uns nicht selbst vernichten wollen. Die nächste Ebene, die jeder einzelne bewußt in sich zu integrieren hat, ist das erwachte Herz, das Zentrum von Liebe und Gemeinschaft, und damit die voll erwachte, erwachsene Persönlichkeit, der ganze Mensch, der sich nicht als abgegrenztes Objekt, sondern durch sein Bezogensein definiert. Nicht die Spiritualität, nicht die Kopfzentren, wie so viele heute meinen, wie die esoterischen Schulen behaupten, sind unser nächstes Ziel. Das ist ein großer Irrtum. Das würde uns gerade passen, das Herz auslassen zu können, den Preis, den es kostet, nämlich erwachsen, verantwortlich und mitfühlend zu werden, nicht bezahlen zu müssen und trotzdem ins Paradies eintreten zu können. Eine faire, verwirklichte Gemein­ schaft ist die Grundlage für ein nüchternes, spirituelles Erwachen. Alles andere ist Illusion. Dieser Schritt, der Schritt über den zweiten großen Transformationspunkt in unserem Energiesystem, den Stillepunkt im Kopf, wird uns als Menschheit erst beim nächsten großen Übergang beschäftigen in einigen tausend Jahren. Es geht ums Sterben! Und es geht um den Transformationsprozeß, der damit beginnt. Was sterben muß, ist der Eigennutz, der isolierte, für sich allein operieren­ de Wille. Seine Zeit ist vorbei; er muß seine Macht abtreten, und das fällt ihm natür­ lich schwer. Deshalb ist der Tod, das Sterben auch so verdrängt unter uns Menschen. Die Persönlichkeit des Menschen, die sich aufbaut aus dem Erwachtsein im Becken und Bauch und sich versteht als ein abgegrenztes, für sich allein bestehendes Individuum, will um jeden Preis überleben. Das erwachende Bewußtsein von sich selbst führte aber in unserer Evolution auch zu einem gewaltigen Schock über das unweigerliche Ende dieses Selbst, welches darauf in einem Jahrtausende dauernden Prozeß unterdrückt und verdrängt wurde. Dies war die erste notwendige Hälfte des Weges zum Erwachen im Herzen. Das Ergebnis, weil die Verdrängung natürlich nicht ganz möglich war und ist, sind alle unsere Mythen und religiösen Erzählungen von einem Überleben nach dem Tod, von einem Paradies, in dem das Individuum nicht nur überlebt, sondern endlich zu seiner völligen Entfaltung gelangen kann. Auch die heutigen esoterischen Hoffnungen und Glaubensinhalte, die in diese Richtung weisen, versuchen, hoffentlich ein letztes Mal, das Individuum in seinem Todeskampf zu stärken und ihm ein glorifiziertes Überleben in einem höheren Selbst oder etwas Ähnlichem zu versichern. Natürlich stirbt der Wille beim Über­ treten dieser Schwelle zum Bereich des Herzens nicht wirklich. Er erkennt eher seine Beschränktheit, nimmt seinen bescheidenen Platz ein, ist bereit, sich als Werk­ zeug etwas Größerem zur Verfügung zu stellen. Dies ist die zweite Hälfte des Weges zum Erwachen im Herzen. Mit dem Willen haben wir uns in eine große Notlage gebracht. Dadurch hat ein Erkennen eingesetzt. Aber bis alle Einsicht, die damit zusammenhängt, integriert ist in jedem einzelnen und damit dann in der ganzen Menschheit, wird nochmals eine lange, lange Zeit vergehen. Unser Ego erlebt aber diesen Schritt, dieses Erwachen für dieses Größere, das es noch nicht kennt, als ein Sterben und realisiert erst nach dem Durchbruch, daß es eigentlich mehr eine Geburt war. Erst wenn dieser Schritt vollzogen ist, wird der Vogel der Wahrnehmung frei im Herzen und beginnt, sich zu seinem unbegrenzten Flug zu erheben, was wir dann als Spiritualität bezeichnen können. Als einzelne können wir diesen Schritt natürlich 36

Der nächste Schritt: Vom Sterbepunkt in unserem Energiesystem

schon tun und damit, da wir letztlich nicht getrennt sind, das Erwachen der Menschheit vorbahnen.

Vom Willen: Die Gesetzmäßigkeiten der Solarebene
Ein bewußtes Sterben vollzieht sich in drei Schritten. Der erste ist dieser Über­ gang von der Solar- zur Herzebene, zu einer neuen Zentrierung des Menschen. Der zweite vollzieht sich, wenn ein Mensch für die energetischen Ebenen des Kopfes erwacht und diese überschreitet. An diesem Übergang wird nicht nur der Wille nie­ dergelegt, sondern alle gedanklichen Konzepte und Bilder, welche die Wirklichkeit in ein letztlich zu enges Korsett eingefangen haben. Dieser Schritt ist für die Menschheit als Ganzes noch lange nicht aktuell, obwohl ihn einzelne immer wieder machen werden. Sie gehen dabei einen einsamen Weg und bahnen damit die Zukunft der Menschheit vor. Der dritte Schritt ist dann unser wirklicher physischer Tod, bei dem wir uns trennen müssen vom Körper und allem, was mit ihm verbunden ist. Ein bewußtes physisches Sterben ist uns nur möglich, wenn wir in unserem Leben die beiden ersten Schritte bewältigen konnten. Der Wille geht zusammen mit allem Beherrschenden, Kontrollierenden in uns. Wenn er in einem Feld zu operieren versucht, das ihm nicht zusteht, ist er begleitet von abwehrenden Gefühlen wie Haß, Neid und Eifersucht. Deshalb dominieren diese Gefühle auch in der Welt. Im Lebendigen hat der Wille nichts zu suchen. In den Beziehungen zum Beispiel hat er nichts zu suchen. Krieg und Konflikt sind sein Ausdruck, wenn er Dinge zu beherrschen versucht, welche seine Möglichkeiten überschreiten. Das ist genau das, was wir überall sehen in der Welt. Nehmen wir das Drogenproblem als Beispiel: Mit immer noch mehr und noch mehr vom Gleichen versuchen wir, diese Schwierigkeit unter Kontrolle zu bringen, mit Repression, Verboten, Strafaktionen. Wir bauen riesige Kontroll- und Verfolgungsapparate auf, mit welchen wir aber durchwegs gescheitert sind. Im Gegenzug sehen wir uns gezwungen, ebenso riesige Helfermaschinen zu kreieren, die auch nichts auszurichten vermögen. Und auf der anderen Seite schaffen wir damit illegale Maschinerien von ebenso immensen Ausmaßen, wie die Drogenmafia, Geldwäschereien, Kriminalisierung etc. Offensichtlich braucht es einen Durchbruch in eine andere Richtung. Aber der Wille ist uneinsichtig. Er bäumt sich immer wieder auf und ver­ sucht mit noch stärkeren Kontrollen, noch gewaltigeren Maßnahmen, des Problems Herr zu werden. Er will siegen. Das ist sein Gesetz. Aber, sofern er nicht in seinem Bereich bleibt, findet er dabei letztlich immer die Niederlage. Das gehört auch zum Gesetz. Denn dadurch bricht eine neue Dämmerung an. Dies ist nur ein Beispiel, wir finden unzählige davon in unserer heutigen Welt. Überall ist Krieg, weil der Wille etwas zu lösen versucht, was nicht seiner Macht untersteht. Wir ersticken immer mehr in gewaltigen und letztlich doch ineffektiven, bürokratischen Maschinerien, mit welchen der Wille versucht, seine Diktatur auf­ rechtzuerhalten. Einsichtige Menschen erkennen schon lange, daß die Lösung auf einer ganz anderen Ebene liegt und sich auch irgendwann einmal durchsetzen wird, nämlich dann, wenn der Wille sich wirklich mit seinem Tun in eine Agonie gepowert hat. Deshalb scheint es ja auch, daß die Menschheit nicht an diesem Tiefstpunkt vor­ 37

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bei kommen wird. Der Wille wird nicht aufgeben, bevor er nicht wirklich am Ende ist. Und am Ende ist er, wenn alles zerstört ist, so daß er sich den Ast, auf dem er sitzt, selbst abgeschnitten hat. Die Lösung des Herzens für all diese vielschichtigen menschlichen Probleme kön­ nen wir wieder an Hand des Drogenproblems als Beispiel verstehen. Die Lösung ist eigentlich ganz einfach: Man gibt die Verantwortung zurück zum einzelnen, da wo sie hingehört. Man mischt sich nicht ein. Jeder soll die Drogen einnehmen, die er halt will. Dadurch verschwinden die ganzen aufgeblasenen Kontrollapparate und auch die Helferinstitutionen. Dadurch bricht auch der ganze illegale Handel zusammen. Andererseits können die Staaten die Herstellung, Vertreibung und den Verkauf der Drogen an die Hand nehmen, saubere Angebote machen und Steuern daran verdie­ nen. Damit bekommt der Wille den Platz, der ihm zusteht, und damit wäre der Teil des Problems, der aus dem aufgeblasenen Willen resultiert, gelöst. Nun bleibt natürlich noch das wirkliche Problem dahinter, das nun sichtbar wer­ den kann: Wir sind eine süchtige Gesellschaft, durch und durch eigensüchtig. Süchtig ist man, wenn man verzweifelt etwas sucht, das einem fehlt, ohne zu wissen, was es ist, und ohne es finden zu können. Was uns allen fehlt, wird offensichtlich, sobald dieses Erwachen im Herzen stattfindet. Wir haben nicht genug Liebe, nicht genug Geborgensein, wir fühlen uns nicht getragen im Netzwerk unserer Beziehungen. Es liegt daran, daß wir nicht füreinander sorgen, sondern in unserer ständigen Betonung der Eigenwilligkeit, der Eigensucht unser ganzes gesellschaftli­ ches System auf Ehrgeiz, Gier, Neid und Konkurrenzdenken aufgebaut haben. Wir arbeiten gegeneinander statt füreinander. Wir sorgen nicht füreinander. Das mag irgendwann einmal sogar Sinn gemacht haben in unserer Entwicklung, heute macht es sicher keinen mehr. Jeder intelligente, denkende Mensch sieht, daß ein Schritt zum Sorgen füreinander unumgänglich geworden ist, daß es uns als einzelnen nur gut gehen wird, wenn wir schauen, daß es allen gut geht, und wenn alle lernen, dafür zu schauen, daß es allen gut geht. Wenn wir uns darum kümmern, werden die Symptome, wie eben zum Beispiel das Drogenproblem, ganz von selbst verschwin­ den. Es gibt keine Lösung für diese Probleme, es gibt nur ihre Auflösung. Wir müs­ sen uns ums wirkliche Problem kümmern. Damit entziehen wir dem Symptom ganz von selbst die Energie; es fällt in sich zusammen. Am Ende, um beim Drogenproblem als Beispiel zu bleiben, wird dann jeder und jede in eigener Verantwortung diejenigen ekstatischen Mittel benutzen, die ihm eben gut tun, und auch so damit umgehen lernen, daß weder für ihn noch die Gesellschaft daraus Probleme entstehen. Dadurch wird das Drogenproblem nicht mehr ein Problem sein, sondern ein Quell der Freude, eine Quelle vielfältiger, kultureller Rituale, wel­ che der Ekstase als Ausdruck unserer Lebensfreude wieder einen Platz in unserem Leben geben. Wenn wir nun betrachten, welches die wesentlichen Faktoren sind, welche das Vorgehen des Willens und das Vorgehen des Herzens in diesem Problemkreis kenn­ zeichnen, werden wir verstehen, worum es bei diesem Schritt des Sterbens vom Solar zum Herzen geht. Der Wille tut ständig etwas, er kontrolliert, dominiert, be­ herrscht. Das Herz läßt los, es tut nichts. Es überläßt sich. Der Wille reißt die Ver­ antwortung an sich, er will Abhängige schaffen, um dominieren zu können. Das Herz betont die Eigenverantwortung, gibt sie dahin zurück, wo sie hingehört. Es 38

Der nächste Schritt: Vom Sterbepunkt in unserem Energiesystem

läßt auch im Stich, wenn es nötig ist, weil es selbst das Im Stich-gelassen-sein anneh­ men kann, wie wir noch sehen werden. Der Wille hat ein Konzept, er versucht, alles diesem Konzept zu unterwerfen. Was sich fügt, gehört zur eigenen Partei und wird beschützt, was sich weigert, ist der Feind und wird bekämpft. Das Herz achtet und respektiert das So-sein eines jeden, interessiert sich dafür und trägt Sorge dafür. Der Wille grenzt sich ab; das Herz öffnet sich. Der Wille dreht sich um das Eigene, das er gegen das Ganze durchzusetzen versucht; das Herz vertritt dieses Ganze, indem es dem Eigenen darin seinen Platz zu geben versucht. Und so weiter. All dies gilt natür­ lich nicht nur fürs Drogenproblem, sondern für alle Konflikte, die daraus entstanden sind, daß der Wille etwas lenken will, was ihm nicht zusteht. Wir könnten dies an jedem beliebigen Beispiel in unserer Welt anschauen. Ich habe einfach eines gewählt, das ich gut kenne. Andere sind die Umweltverschmutzung, das Asylantenproblem, Religionskriege, aber auch kleinere wie Beziehungsschwierigkeiten, Konflikte zwi­ schen Mann und Frau etc. Die Lösung des erwachten Herzens ist Liebe, in jedem Fall, immer, überall. Seine Antwort auf alles ist Liebe, das heißt ein reaktionsloses, nüchternes Betrachten von und Anteilnehmen an allem. Wenn Liebe da ist, gibt es keine Konflikte. Wenn Liebe da ist, können wir tun, was immer wir wollen, es wird immer Freude schaffen, immer richtig sein. Wenn sie nicht da ist, wird all unser Tun Leid erzeugen, und jeder Versuch, es zu beseitigen, wird noch mehr davon hervorbringen. Wenn Liebe da ist, wird alles ganz einfach. Dann fliegt der Vogel frei im Herzen. Und das ist nur der Anfang. Sein Flug erhebt sich weit über das Herz hinaus und kennt keine Grenzen.

Von Liebe und Gemeinschaft: Die Gesetzmäßigkeiten der Herzebene
Wenn wir nun auch noch beachten, welche Gefühle mit dem Übergang von der Ebene des Willens zur Ebene des Herzens verbunden sind, wird uns klarer werden, warum wir uns so sehr gegen das Sterben wehren. Der Wille geht zusammen mit den siegreichen Gefühlen, dem Dominieren, dem Gewinnen, dem Herausragen, haben wir gesagt. Da sind aber auch die abwehrenden Gefühle wie Neid, Haß und Eifersucht, sofern der Wille in Prozesse einzugreifen versucht, die nicht seiner Kontrolle unterstehen. Der Wille will sich stark fühlen, und wenn ihm das nicht möglich ist, rettet er sich in die negativen Gefühle, die ihm auch im Unterlegensein eine Stärke erlauben. Damit verrennt er sich schließlich nach langen Kriegen so sehr, daß er kapitulieren muß. Das Kapitulieren, das Einsehen seiner Grenzen, das Ein­ geständnis des Unvermögens geht zusammen mit Ohnmacht, Ausgeschlossensein, Verlassensein, Im-Stich-gelassen-sein, im innersten Kern dann die Einsamkeit. Es sind dies die Herzgefühle, welche mit dem Erwachen des Herzens Zusammengehen, gewissermaßen den Eingang zu seiner Entfaltung bilden. Diese Gefühle will der Wille nicht haben, sie müssen verleugnet, ihre Möglichkeit ausgeschlossen sein. Es sind genau die Gefühle, die der Drogenabhängige in der Welt manifestiert, um noch einmal das Drogenproblem als Beispiel heranzuziehen. Es sind die Gefühle, mit wel­ chen uns alle Probleme in der Welt letztlich konfrontieren. Nun sicht aber nur vom Zentrum des Willens aus betrachtet die Niederlage so trostlos und hoffnungslos aus, vom Zentrum des Herzens aus gesehen ergibt sich ein ganz anderer Blickwinkel. 39

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Denn das Herz hat kein Problem, sich zu ergeben, sich hinzugeben, sich zu überlas­ sen. Das ist genau die Lebensart in diesem Bereich unserer Seele. Deshalb findet hier die Verwandlung statt. Die Ohnmacht des Kriegers wandelt sich in die glückselige Hilflosigkeit des Säuglings, das Ausgeliefertsein transzendiert ins Aufgehobensein. Dort, wo Widerstand dominierte, kommt es zur Hingabe. Das, was wie ein Tod aus­ gesehen hat, wird zur Geburt in einen umfassenderen Bereich hinein. Der Wille, der sich als alter Kämpfer sah, welcher jede Schlacht gewinnen muß, sieht sich plötzlich als kleines Kind, willkommengeheißen von Vater und Mutter. Das ist Sterben! Mit dem sich wehrenden Willen bis in die Agonie hinein zu gehen, um am Punkt des Zusammenbruchs dann die Erfahrung machen zu dürfen, daß man als verlorener Sohn zu Hause aufgenommen wird, in einen viel schöneren Bereich, in dem man nichts mehr verteidigen muß, sondern in dem alle füreinander sorgen. Das Denken, das mit dem Willen einhergeht, das davon ausgeht, daß es alles kon­ trollieren, ganz allein zum Rechten schauen müsse, bricht zugunsten eines gemein­ samen Denkens zusammen, eines füreinander Denkens, das vom isolierten Bereich des Willens her gesehen als unvorstellbar, höchstens als ein sektiererischer Wahn erscheint. Die Einsicht in diese neue Möglichkeit, die Einsicht auch in die Sinnlosigkeit des unendlichen Kampfes, der zuvor geführt wurde, geht zusammen mit einer großen Trauer, einer heilsamen Trauer, welche das Erwachen des Mitgefühls im Herzen darstellt. Der unendliche Schmerz über das Verpaßte, über das in Sturheit und Festhalten Zerbrochene reißt das Herz weit auf und ist in seiner Qualität schon identisch mit der Liebe, welche durch den Riß nun eindringt. Wenn alle Einsicht integriert ist, ist auch aller Schmerz integriert. Dann ist das Herz voll, völlig geöffnet. Dann hat der Schmerz ein Ende, weil er rund geworden ist und weil ein ganzer Schmerz, eine ganze Verzweiflung identisch ist mit der Liebe. Die Liebe fürchtet das Ausgeschlossensein nicht mehr. Sie kämpft nicht mehr für das Eingeschlossen-werden. Sie ist selbst Heimat. Sie trägt das, was ausschließt. Sie bekämpft die Liebesgeschichten der anderen nicht, weil sie sich nicht davon ausge­ schlossen fühlt. Sie beschützt sic, fördert sie, nimmt Anteil daran. Wer die Liebe im Herzen trägt, ist immer eingeschlossen, er schließt immer ein, er ist Heimat für sich selbst und für alles, was er berührt.

Vom Transformationsprozeß
Damit kommen wir zum Transformationsprozeß, welcher bei diesem Übergang am Sterbepunkt vom Solar zum Herzen einzusetzen beginnt oder in den wir uns vielmehr durch unser Erwachen einklinken können. Das ist das eigentliche Ziel die­ ses Schrittes, ein Eintreten in unsere Aufgabe und Berufung. Erwachen, das ist Aufmerksamkeit. Sie führt zu Einsicht, und diese führt schließlich zu einer Transformation auf der Energieebene. Das Nicht-tun, welches wir in diesem Sterbeprozeß lernen, ermöglicht eine energetische Verwandlung, zuerst in uns und dann in der Welt. Alle negativen, abwehrenden Gefühle, alle unruhigen, zerstreuten Energien werden in diesem Nicht-tun ganz von selbst gesammelt, zentriert und unentwegt gewandelt, in zentrierte, ruhige und harmonische Grundenergie zurück­ geführt. Wenn dieser Prozeß in uns persönlich vollzogen ist, hört er aber nicht auf. 40

Der nächste Schritt: Vom Sterbepunkt in unserem Energiesystem

Wir werden dann zu Energiegeneratoren, welche heilend, beruhigend auf die Welt einwirken, wo immer wir sind. Unentwegt schaffen wir Stille, verbreiten wir Liebe, ohne daß wir irgend etwas dazu tun müßten. Das ist unsere Aufgabe, unsere Berufung, unser Kreuz auch. Wenn wir uns dieser Aufgabe ganz ergeben, völlig in sie hineinwachsen, kommt die Gnade des spirituellen Erwachens ganz von selbst zu uns. Während wir im Solar aufnehmen, was Heilung braucht, überall, wo immer wir sind, und die gereinigte Energie, nachdem sie in uns durchgepflügt wurde, vom Herzen wieder ausstrahlen, beginnt sich darüber der Vogel zu erheben und ins Unendliche zu fliegen. Das ist Ekstase. Ein Wille und auch eine Sexualität, die für sich selbst funktionieren, entarten wie Kinder, denen die Obhut der Eltern fehlt. Wille und Sexualität brauchen das Herz als lenkende Kraft, so wie das Herz die Sexualität und den Willen braucht als nährende Basis. Der Wille bleibt frei dabei, die Sexualität bleibt frei dabei, weil sie sich nicht unterordnen, sondern aus Einsicht einordnen, so wie Kinder, die sich bei den Eltern wohl und geborgen fühlen und darauf bestehen, daß die Eltern ihnen die Richtung weisen. Was ist nun die Voraussetzung, daß dieser Übergang, dieses Erwachen von der egozentrischen Persönlichkeit ins gemeinsame Herz stattfinden kann? Der Wille wird gleich wieder etwas tun wollen. Das ist alles, was er kennt. Aber es gibt nichts zu tun. Man kann nichts tun. Wenn wir unsere Weltprobleme anschauen und noch einmal das Drogenproblem herausgreifen, werden wir sehen, daß wir wirklich hilf­ los sind; wir können nichts tun. Wir können nur aufhören mit dem Tun, weil wir sehen, daß wir mit dem Willen in einem Bereich operieren, in dem er nicht zuständig ist. Unsere Umweltprobleme werden sich nicht lösen durch Tun. Alles was wir getan haben, hat bisher zu immer noch größeren Problemen geführt. Einfügen müssen wir uns wieder, still werden, aufgeben, das Tun an seinen bescheidenen Platz verweisen. Wenn wir also wollen, daß unser Herz sich öffnet, müssen wir zuerst akzeptieren, daß wir da nichts tun können. Das ist Integration von Gefühlen wie Hilflosigkeit, Ausgeliefertsein, Ohnmacht. Es ist eine Gnade, wenn das geschieht, ein Geschenk. Und wir bestimmen auch nicht selbst darüber, wann es stattfindet und ob es statt­ findet. Wir müssen warten lernen, Geduld haben lernen, bis wir eingeladen sind. Vor diesem verschlossenen Tor zu stehen, wird uns verzweifeln lassen, wird uns ein großes Gefühl von Ohnmacht und Hilflosigkeit geben. Und genau das ist der Eingang: Da, wo wir völlig hoffnunglos werden, da, wo wir keine Rettung mehr sehen, da, wo wir völlig verloren sind, da wartet der Tod, da öffnet sich der Eingang zum Anderen, da kann das Andere erst wirksam werden. Hingabe ist zwar ein aktiver Prozeß, eine Tätigkeit, eine Tätigkeit aus dem Nichttun des Herzens heraus. Aber Hingabe ist eine Eigenschaft eines bereits entfalteten Herzens. Zuerst kommt das Sterben, und das Sterben ist Nicht-tun, ein absolut pas­ sives Geschehen, ein sich Überlassen, ein Gewähren-lassen. Es geht um den Über­ gang vom „Ich will“ zum „Dein Wille geschehe“, und das beinhaltet ein völliges Stillstehen-können, ein Nicht-tun. Zusammenfassend könnte man auch sagen: Der Wille tut, das Herz tut nicht. Oder der Wille sucht mit den Gedanken, das Herz sucht nicht, es schweigt. Wir sollten uns auch noch fragen, warum es zwischen dem Solar und dem Herzen diesen Sterbepunkt, wie wir ihn nennen, zu überwinden gibt, warum da so eine ent­ 41

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scheidende Hürde zu nehmen ist, während der Übergang vom Sexualchakra zum Solarplexus an keinerlei Bedingungen geknüpft ist, genauso wie der Übergang vom Herz- zum Halschakra. Der Grund liegt darin, daß der Wille und die Sexualität, die Kinder im Energiesystem, eine Einheit bilden, nämlich, wie bereits ausgeführt, die Grundlage der egozentrischen Persönlichkeit ausmachen. Das Herz ist eine völlig neue Ebene, die aber wiederum vom Ausdruck nicht getrennt ist und die Sexualität und den Willen umschließt, welche ebenfalls über das Herz im Hals zum Ausdruck kommen. Diese Gesamtheit könnten wir als den erwachten, erwachsenen, ganzen Menschen bezeichnen. Beim Übergang vom Hals in die Kopfzentren begegnen wir darin einer zweiten solchen Schwelle, die nochmals mit einem intensiven Sterben zusammen­ geht, dem Stille-, Macht- oder Wahnsinnspunkt. Wiederum deshalb, weil der Kopf als nächst höhere Integrationsebene nochmals eine völlig neue Dimension aufmacht. Im Herzen findet eine Hingabe an die Gemeinschaft statt, ans Unpersönliche auch. Dem Individuum wird seine unausweichliche Verbundenheit mit dem Ganzen bewußt, und es beginnt sich nach diesen Einsichten auszurichten. Im Kopf begegnet es dann noch der Möglichkeit, sich diesem Ganzen nicht nur hinzugeben, ihm nicht nur dienen zu können, nicht nur gehorchen zu können, sondern ganz in dieses Ganze einzutreten, dieses Ganze ohne jede Begrenzung zu sein, dieses Ganze auch zu meistern, sein Träger zu werden. Der Kopf, welcher wieder die unteren Ebenen integriert, vervollständigt damit die Wesenheit, die wir als spirituelle bezeichnen könnten. Das Herz wird aber auch darin das zentrale Zentrum bleiben, da der Fluß von unten, von der Wurzel her über die Sexualität und den Willen, und der Fluß von oben, der durch die Öffnung des Kopfes einfließen kann, sich im Herzen vereinigen und sich daselbst in tätiger Liebe ausdrücken.

Vom Stille-, Macht- oder Wahnsinnspunkt: Ein Abstecher in die Zukunft der Menschheit
Der Weg der Psychotherapie führt zu einer völligen Dekonditionierung der Energie in uns, speziell der Energie im Becken und Bauch, zu einer Auflösung auch der egozentrischen Persönlichkeit am Sterbepunkt und damit zu einem Erwachen für die ursprünglichen Gesetzmäßigkeiten von Becken, Bauch und Herz, das heißt auch zu einem Erwachen für den ganzen, gereiften, voll verantwortlichen Menschen oder für eine reifere Form der Liebe als die kindliche, besitzergreifende, welche die egozentrische Persönlichkeit aus der Energie des Beckens und des Bauches kennt. Die Energie des Kopfes und des Herzens ist nicht konditioniert in uns. Diese Energie läßt sich nicht konditionieren. Diese Bereiche verschließen sich uns ganz einfach, wenn die Energie in den tiefe­ ren Zentren in Konditionierungen eingefangen ist. Wir haben dann nicht mehr genug frei verfügbare Energie, um diese Bereiche in uns, das heißt Raum und Sein, überhaupt zu erfahren. Wir werden von diesen Bereichen weg auf eine bestimmte, kulturell geprägte Einengung der Energien der unteren Zentren in uns konditioniert. Das Ziel von Psychotherapie ist daher, die Energie der unteren Zentren wieder so 42

Der nächste Schritt: Vom Sterbepunkt in unserem Energiesystem

weit zu befreien, daß das Herzzentrum sich öffnen und erfahren werden kann und wir damit für den ganzen Menschen in uns erwachen. Ganz kurz zusammengefaßt kann man auch sagen, Psychotherapie führt zurück in den ursprünglichen Zustand der Liebe, welcher aber dann bewußt erfahren wird, was eine Reifung in der Liebe darstellt. Das Ziel von Psychotherapie ist die Wiederherstellung und Vollendung der Liebe in uns. Liebe drückt sich aus in einer neuen Ordnung, das gehört auch dazu; die alte Ordnung der Konditionierung ist eingerissen, die neue, welche aus den Gesetz­ mäßigkeiten der ursprünglichen Energie und der Essenz erwächst, beginnt sich zu etablieren. Die neue Ordnung ist eine neue Art der Beziehung, der Gemeinschaft, die frei ist von jedem Konflikt, in der es keine Meinungsverschiedenheiten gibt, weil alle mit dem leben, was wirklich ist, weil alle dasselbe sehen. Die neue Ordnung ist also auch Beziehung, welche eine absolute Intimität und Nähe, mediale eins zu eins Nähe gewissermaßen, beinhaltet, weil man eins ist, ein Herz, ein Geist, eine Seele ist; und zwar nicht zu zweit, sondern mit allem und jedem. Eine reife Liebe, die Liebe der Herzebene, welche das Kindliche und Besitzergreifende abgelegt hat, ist gefun­ den. Damit wird auch Beziehung möglich, welche langdauernde Abmachungen, eine Unverbrüchlichkeit, Verträge auf 99 Jahre beziehungsweise auf immer, eingehen kann. Psychotherapie führt damit über zum spirituellen Erwachen, überschneidet sich mit diesem. Dieses ist ein Erwachen für den Energiekörper, und dieses Erwachen beginnt im Becken. Abgerundete Psychotherapie beinhaltet daher nicht nur ein Dekonditioniertsein der unteren Zentren, sondern auch ein Erwachtsein bis zur Herzebene. Der Weg des spirituellen Erwachens führt dann darüber hinaus zu einem Erwachen für die Gesamtheit unserer Energie, der energetischen Natur des Universums überhaupt und zu einem Verwirklichen des Energiekörpers, zu seiner Ablösung auch vom Körper. Das Ziel des spirituellen Erwachens ist also das volle Erwachen für den Energiekörper. Außerdem gewinnt man einen direkten Zugang zur universellen Intelligenz, welche nun von oben her in unser Energiesystem einfließt. Sobald genügend Energie aufgebaut und vor allem befreit ist aus den unte­ ren Zentren, setzt dieses Erwachen über das Herz hinaus ein. Es braucht kein Dekonditionieren in diesen Bereichen, da sich diese Energien der Beeinflussung ent­ ziehen. Lediglich der Zugang zu ihnen kann verschlossen oder offen sein dadurch, daß der Energiefluß von unten in den unteren Energiezentren unseres Systems gefangen ist. Der Fluß versiegt gewissermaßen, bevor er das Meer erreicht. Damit beginnt ein dritter Weg, die Reise des Energiekörpers ins Unbekannte, die Projektion des Energiekörpers in gemeinsame Träume und die direkte Einsicht ins stille Wissen, in die kosmische Intelligenz. Das bedeutet ein Erwachen für die spiri­ tuelle Wesenheit in uns und damit ein Überschreiten des Menschlichen am zweiten Transformationspunkt in unserem Kopf, am Stille-, Macht- oder Wahnsinnspunkt. Damit wird beliebige Ausdehnung unserer Energie in alle Bereiche aller Wirk­ lichkeiten möglich und, wenn wir genügend Energie aufbringen, auch ein Zusammenziehen dieser Energie an einem beliebigen Punkt in den möglichen Realitäten und darüber hinaus ein gemeinsames Projizieren des Energiekörpers in gemeinsam geschaffene Realitäten. So wie beim Herzen Verwirklichung von Gemeinschaft auf 43

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der physischen Ebene beginnt, setzt sich im Bereich des Kopfes die Verwirklichung von Gemeinschaft auf der Ebene von Essenz fort.

Gemeinschaft ist materialisierte Grenzenlosigkeit
Soweit ein kurzer Abstecher zur zweiten Transformationsschwelle in unserem Energiekörper, ein Ausblick auf die Zukunft der Menschheit. Hier und im Moment geht es aber um die Vorbereitung, darum, die Grundlage zu legen, den Boden zu bereiten. Wenn der Vogel fliegen will, bevor das geschehen ist, wird er sich verlieren, weil er keine Basis hat, zu der er jederzeit zurückkehren, in der er sich immer wieder materialisieren kann. Dann verliert er sich in Ängsten und Gefühlen des Verloren­ seins, und das wird seinen Flug schnell beenden und ihn auf unerfreuliche Weise auf den Boden zurückbringen. Die Basis ist eine befreite Sexualität, ein befreiter Wille und die Hingabe dieses befreiten Persönlichen an das Gemeinsame. Eine solide Basis ist eine blühende, liebende Gemeinschaft. Der ungehinderte Flug des Vogels beginnt in einem starken, zentrierten, liebenden Herzen. Von dieser Basis aus wird sein Flug ohne Grenzen sein. Gemeinschaft ist die ständige Materialisierung dieser Grenzen­ losigkeit, die der Vogel erlebt, in unserem Alltag. Der Vogel ist das Bewußtsein, die Wahrnehmung, welche sich von aller Bindung befreit hat und sich daher in jeden Bereich hinein ausdehnen kann. Gemeinschaft ist materialisierte Grenzenlosigkeit. Ihr Ausdruck ist Freundschaft. Ihr Versprechen ist die Liebe. Der Vogel im Herzen bleibt unter allen Umständen frei. Er ist nicht einzufangen. Wenn man es versucht, entfernt er sich. Kein Gedanke wird dieses Geheimnisvolle je berühren, kein Gedanke hat es je berührt. Es ist frei, unschuldig, rein. Es ruht in völliger Unsicher­ heit. Es ist nichts, womit man sich identifizieren könnte, nichts, woran man sich hal­ ten könnte. Seine Sicherheit liegt in der Unsicherheit. Es ist geschützt dadurch, daß es jenseits und innerhalb von allem ruht. Und so materialisiert es sich auch: Freundschaft verspricht nichts außer Liebe unter allen Umständen. Gemeinschaft ist nicht ein Gedanke, kein Konzept. Sie ist ein Seinszustand. Liebe ist nicht ein Gedanke, sondern ein energetisches Faktum. Ein erwachtes, mitfühlen­ des Herz ist keine Idee, sondern ein eins zu eins Zusammensein mit dem, was ist, ohne jede Reaktion. Glücklichsein ist nicht eine Funktion der Umstände, sondern der inneren Über­ einstimmung mit dem Fluß des Lebens. Glück ist völlig unabhängig von den äußeren Bedingungen; es ist abhängig vom inneren Zustand. Die Menschen haben sich seit Jahrtausenden darauf eingestellt, Vergnügen-orientiert zu leben, das heißt, sie suchen den einen Pol der Dualität für sich zu pachten. Damit fordern sie natür­ lich konstant den anderen heraus. Denn das ganze Leben ist immer im Gleich­ gewicht, ob es den Menschen gefällt oder nicht. Es stellt Gleichgewicht immer wie­ der her. Deshalb lebt der Mensch in seiner Suche nach dem Vergnügen, nach der Lust meist in Angst, Leid und Widerspruch. Sein Konflikt zwischen dem, was ist, und dem, was er findet, was sein sollte, ist sein Unglück. Was ihm fehlt, ist die Einsicht, daß Glück nie aus einer Vergnügen-orientierten Haltung hervorwachsen wird. Es braucht dafür eine Bewegungs-Orientiertheit, ein Ausgerichtetsein auf die Bewe­ gung des ganzen Lebens, ein Gefühl, ein Sensorium vor allem und zuerst auch für 44

Der nächste Schritt: Vom Sterbepunkt in unserem Energiesystem

die ganze Bewegung des Lebens. Glück ist genau jener Zustand der Harmonie, des Gleichschwingens mit der tatsächlichen Bewegung des tatsächlichen Lebens, mit dem, was tatsächlich ist. Glück ist das Gefühl der Entspannung, welches aus solchem Eingebettet-sein ganz natürlich hervorwächst. Es ist ein Beenden der Dualität in sich, der Dualität zwischen dem, was tatsächlich ist und stattfindet, und dem, was unsere Idee, unser inneres Konzept, unser Wille dem Leben gerne überstülpen möchte. Im völligen sich Ergeben in die Wirklichkeit des Seins - was keine Resignation ist, sondern ein aktiver Prozeß des Wahrnehmens/ Einsehens/ Handelns - öffnet sich auf ganz unspektakuläre Weise ein Tor zur Schönheit, die in jedem Moment gegeben ist. Augen und Ohren öffnen sich. Schönheit und Glück liegen im Zusammenspiel, in der Balance, in der Einheit zwischen Betrachter und Betrachtetem. Wenn der Betrachter schwindet in seiner Hingabe an das, was da ist, ist Schönheit und Glück, welche immer mit der Hingabe gepaart sind, da. Natürlich ist diese Ergebenheit ins Dasein, ins Schicksal, welche nicht das Gegenteil ist von Widerstand, nicht immer und ideal da. Wer wäre nicht traurig, wenn er sein Kind verliert oder sonst einen lieben Menschen. Die Bereitschaft zur Ergebenheit, die Einsicht in den Unsinn des Widerstands, das Schwingen um die Mitte ist genug. Traurig sein, weil das Leben eine andere Wende nimmt, der man nicht gleich freudig zustimmen kann, ist nicht falsch. Traurig sein ist bereits wieder Aussöhnung, bereits wieder das halbe Glück. Traurigsein heilt vom Unglück. Es liegt in der Mitte zwischen Glücklichsein und dem Konflikt des Leids. Dazwischen hängen ist immer wieder ein Eingang. So weit also meine Ausführungen zum Sterbepunkt, diesem wichtigen Über­ gangspunkt beim Erwachen für unser Energiesystem, aus dem wir für eine völlig neue Dimension des Menschseins erwachen. Die alte egozentrische, von Grenzen lebende Persönlichkeit stirbt an diesem Übergang zu Gunsten eines unbegrenzten, voll erwachten, verwirklichten Menschens, der erkannt hat, daß er und die Welt ein unteilbares Ganzes bilden. Dies ist meiner Meinung nach der nächste Schritt, den wir persönlich und kollektiv in unserem Alltag und unseren Beziehungen zu bewäl­ tigen haben, wenn wir die momentane planetarische Krise überwinden und als Chance nutzen wollen.

The Next Step: On the Transition - Point within our Energy System Summary: The awakening for the common heart has become unavoidable, if we personally and collec­ tively wish to overcome the current planetary crisis. Thereby we transgress a special transformation point in our energy system, which the author has discovered during his work on energy and consciousness of many years, assisted by psycholytical substances. He calls this point the transition-point (dying point). He thus outlines a concept of our energetical structure which he understands as a condensation within the one and only universal energy. To overcome the egocentric personality and with it the selfish power of will is seen as the next step of every single human being in his or her development and therefore also of humanity. A person learns to put his or her will at the disposal of a bigger wholeness. The laws of the level of will and the level of the heart within us are described. An outlook on a further transformation point in our energy system, the point of craziness, of power, or of stillness, and with that on the future of mankind rounds up the whole. Key words: transpersonal psychology, psycholytical psychotherapy, transformationprocess, energy system, transition

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Samuel Widmer

Literatur Abegglen, R. (1996): Psycholytische Psychotherapie. Katamnestische Auswertung von Psycholyscprotokollen und Fragebogen von Ausbildungskandidaten mit Bezugnahme zu Ergebnissen aus der klini­ schen Literatur, Zürich, Lizenziatsarbeit an der Philosophischen Fakultät I der Universität Zürich. Gasser, P. (1994): Die psycholytische Psychotherapie aus der Sicht des Patienten. Eine katamnestische Erhebung, Solothurn, Kantonale Psychiatrische Klinik. Krishnamurti, J. (1992): Collected Works of J. Krishnamurti, Dubuque, Kendall / Hunt Publishing. Grof, S. (1978): Topographie des Unbewußten, Klett-Cotta, Stuttgart. - (1983): LSD-Psychotherapie, Klett-Cotta, Stuttgart. Reich, W. (1968): Die Funktion des Orgasmus, k & w, Köln. - (1968): Charakteranalyse,, k & w Köln. Widmer, S. P. (1989): Ins Herz der Dinge lauschen: Vom Erwachen der Liebe / Über MDMA und LSD: Die unerwünschte Psychotherapie, Nachtschatten-Verlag, Solothurn. - (1995): Stell Dir vor, Du wärst ein Stück Natur / Von der Lust am Verbotenen, Editions Heuwinkel, Neu-Allschwil/Basel.

Dr. med. P. Samuel Widner Friedhofgasse 11 CH-4500 Solothurn, Schweiz

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Viele der Bezirke sind erschlossen, geöffnet, dem Bewußtsein zugänglich. Immer mehr Raum steht der Mitte zur Verfügung. Ich bin das und das bin ich auch... Schutzzäune von vormals werden weiter und weiter nach außen verlagert. Das Thema Grenzziehung und Bewertung wird zum Thema unter anderen, verliert an Energie. Zurückblickend auf den Weg hinter mir haben sich Bekanntes, Störendes, Engendes und Strickmuster verändert. Ich bin nicht mehr der, der ich dachte, zu sein. Meine Vergangenheit hat sich durch das Hinsehen verändert. Gleichzeitig eröffnen meine Erfahrungen Möglichkeiten für andere. Was also ist das Selbst? Wenn nicht Einheit von Gewußtem, über den Zaun Gestiegenem, ein mittlerer Raum voller Licht? Leere, dann folgt wieder Licht und Sein ohne Verlangen. Dort, direkt nebenan wohnen Liebe, Wollen und Weisheit. Stell dir vor, diese Stadt ist ganz in deiner Nähe. Du kannst dich erreichen lassen. Wenn der Bach klar ist, und die Sonne glitzert in den Steinen, wenn ein sanftes Murmeln zu hören ist von Lebendigem, welches all überall den Bach säumt, dann ist Frieden für den Moment, heilige Stille, Sein. Und du bist nicht alleine.

Angela Krenzin

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Transpersonale Psychologie und Psychotherapie
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Heilung von Psychosen in transpersonalem Verständnis*
Joachim Galuska, Bad Kissingen

Zusammenfassung: Ein angemessenes Heilungsverständnis für Psychosen kann nur durch eine Einfühlung in die entsprechenden Bewußtseinsprozesse entstehen. Ausgehend von den Konzepten von Podvoll, Benedetti und Peciccia, werden Psychosen als tiefgreifende Störungen des Ordnungsgefüges des Bewußtseins beschrieben. Der Heilungsprozeß einer Psychose erfordert den Aufhau eines basa­ len Seinsgefühls, von Bewußtheit und Selbstgefühl. Damit die therapeutischen Begleiter nicht selbst durch die archetypischen Energien und destruktiven Kräfte allzusehr gefährdet werden, benötigen sie eine Verankerung in einem transpersona­ len Bewußtsein, gesunden evolutionären Strukturen und einem Behandlungsteam, das die psychotischen Dynamiken zu transformieren vermag. Schlüsselworte: Transpersonale Psychotherapie, Psychosetherapie, BewußtseinsEntwicklung, psychotische Prozesse, Verstehensgrenze, Selbst.

Die Evolution des menschlichen Bewußtseins
Wir leben in einer Zeit der Krisen, individueller Krisen und globaler Krisen. Diese Krisenzeit verstehe ich als Ausdruck eines Übergangs in der Evolution der Menschheit. Der gegenwärtige evolutionäre Wandel hat viele Gesichter. Wie drückt er sich in der Entfaltung des menschlichen Bewußtseins aus? Wir können davon ausgehen, daß das menschliche Bewußtsein eine Weise ist, in der die Existenz erscheint. Die Struktur des Bewußtseins, seine Ordnung ist damit auch die Ordnung der Existenz, die Seinsordnung, die jedoch selbstverständlich weit über die uns erkennbare Struktur unseres Bewußtseins hinausgeht. Die Beantwortung der Frage nach dem gegenwärtigen Evolutionsprozeß des menschli­ chen Bewußtseins erfordert den Wechsel zu einer transpersonalen Perspektive. Versuchen wir uns vorzustellen, in welch vielfältiger Weise das Absolute, Gott, Nichts als die unendlich vielen Formen und Prozesse der Existenz erscheint. Unsere

*) Überarbeitete Fassung eines Vortrages am 19.09.1996 auf der Tagung „Krisen der Erde, Krisen der Seele, Chancen für ein neues Jahrtausend“ in Todtmoos

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Heilung von Psychosen in transpersonalem Verständnis

Vorstellungskraft ist sicher allzu begrenzt, aber wir können uns fragen, was die Struktur und Besonderheit des menschlichen Bewußtseins als eine Weise des Seins ausmacht. Der Buddhismus zeigt uns, daß unser Erleben im wesentlichen aus einer Organisation unserer Sinneserfahrungen besteht. Man könnte also sagen: als Mensch spurt oder fühlt die Existenz, als Mensch besitzt die Existenz Bewußtheit. Aber noch ein weiteres interessantes Merkmal trägt das menschliche Bewußtsein, nämlich das Selbsthafte, das wir gegenwärtig so deutlich als Ich wahrnehmen. Man könnte also weitergehend sagen: als Mensch spürt oder fühlt die Existenz sich selbst. In jedem von uns kann sie sich ihrer selbst bewußt werden. In jedem menschlichen Bewußtsein identifiziert sich das Sein als Selbst. Wenn wir noch weitergehen wollen, könnten wir metaphorisch sagen: als Mensch kann Gott sich selbst in seiner Schöpfung erkennen. Diese Selbsterkenntnis, diese Seinsfühlung ist jedoch nicht absolut vollständig. Jeder von uns ist nur eine winzige Erscheinung, ein winziger Teil des Ganzen, wie eine kleine Blase auf dem Ozean, die sich bestenfalls selbst erkennen kann als Teil eines gewaltigen und riesigen Meeres. Die gegenwärtigen Möglichkeiten und Grenzen, sich selbst als Mensch zu erleben, sind als die Qualitäten des Ich-Bewußtseins oder des personalen Bewußtseins beschrieben wor­ den (Wilber, 1987). Das Ich-Bewußtsein besitzt eine klare Grenze zwischen Ich und Nicht-Ich, zwi­ schen Innen und Außen, und neigt dazu, sich mit dem Angenehmen zu identifizie­ ren. Alles, was es nicht integrieren kann, verlagert es durch projektive Vorgänge nach außen. Alles, was es nicht mehr gebrauchen kann, wirft es weg. Wer es bedroht, den zerstört es. Wer sich ihm in den Weg stellt, den räumt es aus dem Weg, wenn möglich. So haben wir die anderen Menschen, die Tiere, die Pflanzen, den ganzen Planeten behandelt. Und nun merken wir die Auswirkungen unseres Handelns, denn sie wirken auf uns zurück. Wir haben die Atmosphäre vergiftet und teilweise zerstört und beginnen darunter zu leiden und krank zu werden. Wir haben andere Völker ausgebeutet und müssen jetzt erkennen, daß die Erde nicht genügend Ressourcen dafür besitzt, daß jeder so leben kann wie wir. Als Eltern haben wir unsere Kinder mißachtet, und als alte Menschen spüren wir dann, wie wir abgeschoben werden und keiner mehr ein Interesse an uns hat. Wir machen die anderen für unsere Schwierigkeiten verantwortlich, doch so finden wir nicht heraus aus unseren Problemen und leiden daran, daß wir nicht weiterkommen. All dies sind Formen, wie wir mit unserem eigenen Handeln konfrontiert werden. Dies scheint ein wesent­ liches Charakteristikum des Evolutionsprozesses des menschlichen Bewußtseins zu sein: die Konfrontation mit sich selbst. Indem wir als Ich mit den Folgen unseres eigenen Handelns konfrontiert werden, können wir erkennen, daß die Vorstellung unserer Grenze eine Illusion war. Die anderen Menschen, auf die wir projizieren, sind nicht unterschieden von uns. Die anderen Völker gehören zu uns. Wir sind Teil dieses Planeten, er ist nicht unterschieden von uns. Wenn wir ihn schädigen, schädi­ gen wir uns selbst. Dies zu erkennen, führt zu einer Ausdehnung des Selbstgefühls über die Grenze des Ich. Wenn wir uns innerhalb einer partnerschaftlichen Beziehung mit dem umgreifenden sozialen Holon (Wilber, 1996), also als Paar, iden­ tifizieren, dann spüren wir sehr deutlich, was es bedeutet, wenn einer den anderen mißachtet oder mißbraucht. Wie können wir lernen, unser Bewußtsein auszudehnen über die Grenze des Ich-Bewußtseins hinaus und zu erfühlen, wie sich unsere 49

Joachim Galuska

Familie fühlt, wie sich der Organismus, in dem wir arbeiten, unser Arbeitsfeld, anfühlt, wie sich die Menschheit fühlt? Eine wesentliche Folge dieser Über­ schreitung unserer Ich-Grenze, dieser Form von Transzendenz, dieser Ausdehnung unseres Bewußtseins, ist die zunehmende Übernahme von Verantwortung. Wenn wir aufhören zu projizieren, können wir die Folgen unseres Handelns wahrnehmen, weil wir sie nicht abwehren müssen. Und wenn wir uns immer umfassender identi­ fizieren, können wir in uns selbst, im Gefäß unseres kollektiven Bewußtseins, die Wirkung unserer eigenen Kräfte fühlen und spüren. Dann wüßten wir, was wir tun, wenn wir beispielsweise ein Kind mißbrauchen oder eine Tierart ausrotten. Dann könnten wir wirklich Verantwortung übernehmen.

Psychosen im Evolutionsprozeß des Bewußtseins
Krankheit ist, evolutionär gesehen, offenbar ein häufiges Phänomen. Evolution ist ein Prozeß des sich Veränderns, der Neustrukturierung, der Auflösung von Altem, der experimentellen Erzeugung von neuen Möglichkeiten. Und dazu gehört, daß in neuen Strukturen nicht alles zusammenpaßt, Reibung entsteht, Schmerz entsteht, auf der Ebene organischen Lebens Krankheiten erscheinen. Gleichzeitig finden wir allerlei Heilungsvorgänge, die den Schmerz lindern, das Zusammenpassen weiter­ führen. Krankheitsprozesse und Heilungsvorgänge sind offenbar typische Merkmale des Wandlungsprozesses der Evolution. Wenn irgend etwas gestört ist, aus den Fugen gerät, treten Schmerzen auf, Symptome, Krankheit. Diese sind meist besonders energiereiche Zonen, könnte man sagen, die dann zu deutlichen Bemühungen um Heilung führen. Insofern sind Krankheiten wichtig, weil sie sensi­ ble Bereiche der Entwicklung und Veränderung repräsentieren. Zumindest taucht an diesen Stellen ein großes Leid als subjektives Empfinden auf. Dieses mobilisiert andere Prozesse, die helfen, die Krankheit zu erkennen und zu heilen oder zumin­ dest würdevolle und angemessene Formen des Umgangs mit diesen Krankheits­ zonen zu ermöglichen, solange sie nicht geheilt werden können. Wie Krankheiten Teil des evolutionären Prozesses sind, ist auch Heilung ein Teil des evolutionären Prozesses, der aus der Störung lernt, sie zu beheben versucht, um Integration bemüht ist. Heilung ist für uns vorteilhafterweise verbunden mit dem gesamten Wissen des Seins, könnte man sagen. Prinzipiell kann sich die Heilung in allen Kräften des Seins, in allen Kräften der Evolution verankern, aus allen Kräften das nutzen, was sie benötigt. Der Heilungsprozeß ist daher unbegrenzt weise, er reprä­ sentiert eine wundervolle Aufgabe, zur Ganzheit und Integrität des Seins bei­ zutragen, zu seiner Harmonie und Höherentwicklung. Heilung ist in diesem Sinne verbunden mit den besten Absichten der Evolution. Daher fühlt es sich gut an, wenn etwas heilt oder wir in einem Heilberuf tätig sind. Mit Heilung sind Werte wie Güte, gute Ordnungen, gute Entwicklungen, das Gefühl von Ganzheit, Integrität, Stimmigkeit und Zusammenpassen verbunden. Analog dazu, wie im Heilungs­ prozeß körperlicher Erkrankungen die basalen und gesunden Strukturen der Körperprozesse wirken und wiederhergestellt werden, könnten wir die Heilungs­ prozesse von Geisteskrankheiten, also tiefgreifenden Störungen des Bewußtseins, verstehen. 50

Heilung von Psychosen in transpersonalem Verständnis

Psychosen sind wahrscheinlich solch tiefgreifende Störungen des inneren Ordnungsgefüges des Bewußtseins. Wenn die Aufgabe des menschlichen Bewußt­ seins darin bestehen sollte, sich selbst zu fühlen, zu spüren und zu erkennen, dann mißversteht sich die Existenz in der Psychose. Das Bewußtsein manifestiert sich oder organisiert sich in der Psychose in einer ungeordneten Weise, in einer nicht zusammenpassenden Weise, und so mißversteht die Existenz sich selbst. „Die Sicherheit über die alltägliche Konstruktion der Wirklichkeit, die durch unser IchBewußtsein entsteht, ist partiell verlorengegangen. Es kommt zu einer Identifikation mit archetypischen Kräften und Inhalten, die jedoch nicht ausgehalten und ertragen werden. So ist der Patient einerseits den archetypischen Energien in gewisser Weise ausgeliefert, andererseits versucht er, diese zu organisieren und zu interpretieren. ... Man könnte sagen, der Patient hat den Boden und den Halt verloren und treibt nun wie ein steuerloses Schiff in einem gewaltigen Unwetter im Meer. Gelegentlich meint er, er sei der Sturm, das Regnen, das tosende Meer, das beschädigte Schiff, das lose Steuer oder die Blitze“ (Joachim Galuska, 1995). Das Zusammenwirken unge­ eigneter Aspekte des Ich-Bewußtseins mit archetypischen Kräften und Inhalten führt dann zu allen möglichen Formen verfremdeter innerer Wirklichkeiteil. Bis heute haben wir noch große Schwierigkeiten, wesentliche Gesetzmäßigkeiten dieses Prozesses zu erkennen. Aber wenn wir heilsam wirken wollen, müssen wir versu­ chen, die psychotischen Prozesse zu verstehen. Dies scheint ein Grunderfordernis für die Behandlung von Störungen des Bewußtseins, psychischen Störungen, psy­ chischen Erkrankungen zu sein: das empathische Sich-Einstimmen auf den anderen Menschen und sein subjektives Erleben, verbunden mit der Fähigkeit, dies mit einer gesunden Struktur zu vergleichen. Hieraus kann dann ein tieferes Verständnis resul­ tieren und damit vielleicht auch eine Fähigkeit entstehen, an wesentlicher Stelle einen Heilungsprozeß zu unterstützen. Unglücklicherweise ist die moderne Psychiatrie durch ihre häufig biologistische Einstellung an einem tieferen Verständnis der psychotischen Prozesse nicht interessiert. Darüber hinaus ist sie auch in der Erforschung psychopathologischer Zusammenhänge durch das Postulat der absoluten Verstehensgrenze behindert. Dieses Postulat wurde Anfang dieses Jahrhunderts von Jaspers aufgestellt und meint, daß es bei der Untersuchung von Erlebnisinhalten eine grundsätzlich nicht überschreitbare Grenze dessen gibt, was wir noch verstehen können (Glatzel, 1978). Ein lebensgeschichtlicher Zusam­ menhang für eine ansonsten unangemessene Angst sei noch verstehbar, für eine Wahnidee oder das Hören von Stimmen gäbe es jedoch keine nachvollziehbare Verständnismöglichkeit. Bei genauerer Betrachtung erweist sich jedoch die absolute Verstehensgrenze, geboren aus der Angst des Untersuchers vor der Zerrüttung des eigenen Bewußtseins. Denn wenn wir das Wesen der Einfühlung genauer betrach­ ten, so besteht sie darin, durch eine Art Resonanzprozeß ein möglichst stimmiges inneres Abbild, „ein Nachfühlen“ des Erlebens des anderen Menschen zu erreichen. Im Falle der Psychose würde das bedeuten, das psychotische Erleben im eigenen Bewußtsein des Psychiaters oder Psychotherapeuten erlebbar zu machen, ohne dabei selbst verrückt zu werden. Viele, die mit psychotischen Menschen arbeiten, kennen das Gefühl von Unheimlichkeit, angstvoller Unruhe oder Bodenlosigkeit, das sich in ihnen gelegentlich ausbreitet. Und nur wenigen scheint es gelungen zu sein, Bewußtseinsprozesse psychotischer Menschen tiefer zu verstehen. 51

Joachim Galuska

Edward Podvoll
Einer von ihnen ist für mich Edward Podvoll. Podvoll begleitet den Leser in sei­ nem wundervollen Buch „Verlockung des Wahnsinns“ (1994) anhand von vier Autobiographien psychotischer Menschen langsam hinein in das Nachvollziehen psychotischer Prozesse und ihrer Heilung. Er zeigt, wie diese Menschen in einer Grenzsituation ihres Lebens aus einem Drang zur inneren Transformation und ver­ schiedenen Bemühungen heraus, diese Transformation zu verwirklichen, in eine Art von verändertem Bewußtseinszustand geraten, der sie bannt und fasziniert. Diesen veränderten Bewußtseinszustand nennt er in Anlehnung an Michaux den „zweiten Zustand“. Er sei so etwas wie das natürliche archaische Substrat des Denkens und bestehe aus einer Reihe von sog. „Mikrooperationen“ des Denkens, denen sich das Bewußtsein ausliefert und die Keime des Wahnsinns darstellen. Solche Mikro­ operationen sind beispielsweise ein ungeheuer beschleunigtes Denken, das sich wie­ derholt, multipliziert und verbreitet. Gedanken und Bilder können sich vermählen als Halluzination, wie im Traum. Irgendwelche wahrgenommenen Phänomene kön­ nen personifiziert, „infernalisch belebt“ werden. Unnatürliche perverse Impulse oder gegensätzliche Gedanken tauchen auf. Denkvorgänge können als Töne oder Stimmen verdinglicht und dann als Geister personifiziert werden. Wesentlich ist, daß das psychotisch veränderte Bewußtsein die Fähigkeit zu zweifeln verliert, ja sogar im Ringen um Gewißheit die selbstkritischen Impulse bekämpft, so daß es bald keine Fähigkeit mehr besitzt, sich selbst zu beobachten und zu reflektieren. Auf diese Weise verirrt es sich zunehmend im „Ozean der eigenen Projektionen“. Es fühlt sich ausgeliefert an Mächte, die außerhalb seiner Kontrolle stehen, fühlt sich geführt von diesen Mächten, von Geistern, von Maschinen oder Menschen. Wenn es sich dabei um sehr destruktive Kräfte handelt, landet es irgendwann in einem inne­ ren Reich der Hölle, in dem durchaus die Gefahr der Selbstzerstörung besteht. „Selten sind die Wahnsinnigen, die ihrem Wahnsinn gewachsen sind“ (Michaux, zit. in Podvoll, 1994). Aber selbst in diesen Zuständen tauchen Momente der Wachheit auf, sog. „Inseln der Klarheit“. Dies sind Momente, in denen das Bewußtsein frei von psychotischem Erleben ist, spontane Lichtblicke mit einer neuen Frische, plötz­ liche Zweifel an der Realität des psychotischen Erlebens, kleine Aha-Erlebnisse. Diese Inseln der Klarheit hält Podvoll für entscheidend. In einer geeigneten gesun­ den Umgebung können sie zunehmen, so daß die ausschweifenden Identifizie­ rungen seltener werden. Diese Wachzone ist eine Art innerer Beobachter, ein „nicht mehr rückführbares „Ich selbst“, neben dem mißhandelten, fragmentarischen, immer unterbrochenen Ich“. „Jegliche Heilung hängt von dieser ,Wachzone’ ab“ (Podvoll, 1994, S. 212). In ihrer Entdeckung liegt ein wesentlicher Wert aus der Heilung von Psychosen, denn ein Mensch, der diese Wachzone erlebe, empfinde sie als Moment von spiritueller Bedeutung, das seinem Leben eine andere Richtung gebe. Um aus der psychotischen Verirrung herauszufinden, benötigt der Kranke eine ungeheuere Anstrengung, Disziplin und viel Mut, da er immer wieder in den Sog der psychotischen Erlebnisweisen hineingeraten kann. Zunächst wird er sich langsam von seinem Wahn distanzieren und in einer Zeit des Wechsels zwischen Wachheit und Wahn leben. Doch auch das psychotische Erleben muß sich immer wieder neu konstituieren. So treten schwächere Formen oder vielleicht sogar positi­ ve, liebevolle Stimmen auf. Benedetti (1992) beschreibt solche psychopathologi­ 52

Heilung von Psychosen in transpcrsonalem Verständnis

schen Phänomene während des Heilungsprozesses als „progressive“ Psycho­ pathologie, die sogar einen heilungsfördernden Charakter tragen kann. In diesem Stadium besitzt der Genesende eine hohe Sensibilität und extreme Verletzlichkeit, die Rückfallgefahr ist groß, und eine ruhige stabile Umgebung ist nötig. Es müssen sich zunehmend Bewußtseinsstrukturen ausbilden, die Macht über das eigene Denken besitzen. So wird er gelegentlich stehenbleiben müssen am Abgrund zwi­ schen Traum und Wirklichkeit, um die eigenen Täuschungen zu erkennen. „Letzten Endes hängt die Heilung eines Psychotikers davon ab, welche Bereitschaft und Fähigkeit er besitzt, sich auf die detaillierte Erkundung seines eigenen Geistes­ zustandes einzulassen“ (Podvoll, 1994, S. 169). Die wesentliche Aufgabe in der Therapie einer Psychose bestehe in der „Vereinigung von Himmel und Erde“, in der „Synchronisation von Körper und Geist“. Das Prinzip des Himmels meint die Förderung der Bewußtheit, die Pflege seines Bewußtseins, um das sich der psycho­ tische Mensch bemühen muß, und die Beachtung der spirituellen Dimension des Lebens. Damit ist sowohl ein gewisses Denktraining gemeint als auch die Entfaltung von innerer Ruhe und von Präsenz als Beobachtung der Denkabläufe. Das Prinzip der Erde betont die Kostbarkeit des menschlichen Körpers, seine Pflege, und irdi­ sche Tätigkeiten, wie Einkäufen, Essen kochen, Putzen, Gartenarbeit und Haus­ reparaturen. „Himmel“ und „Erde“ können nun aber durch Rituale, Liebe zum Detail und Mitgefühl, das „menschliche“ Prinzip, miteinander vereinigt werden. Wo immer auf solche Weise gehandelt wird, entsteht ein Ort der Heilung (Podvoll, 1994, S. 271). So weit die Darstellung Podvolls, dessen Arbeit ich im Verständnis psycho­ tischer Prozesse wirklich für wegweisend halte.

Gaetano Benedetti und Maurizio Peciccia
Zwei andere Forscher und Therapeuten, die Wichtiges dazu beigetragen haben, das Wesen psychotischer Prozesse zu verstehen, sind Gaetano Benedetti und sein Mitarbeiter, Maurizio Peciccia. Benedetti hat einen großen Teil seines Lebenswerkes der Erforschung, Therapie und Supervision der Behandlung von Menschen in Psychosen gewidmet (1975, 1976, 1983, 1992, Benedetti et.al 1983). Ausgehend von psychoanalytischem Denken hat er eine Reihe von Verständniskonzepten und zusammen mit Peciccia eine bildgestaltende Psychotherapie von Psychosen ent­ wickelt (Peciccia, Benedetti, 1989, 1996). In einem komplexen Theoriebildungs­ prozeß kommen sie schließlich zu dem Ergebnis, daß eine Spaltung, eine fundamen­ tale Dissoziation, das wesentlichste Charakteristikum schizophrener Psychosen sei, wie es auch schon Bleuler und andere Psychiater formuliert haben. Insbesondere das Erlebnis der Beobachtung der eigenen Teilnahme an Interaktionen sei nicht inte­ griert. Ich hatte ja bereits dargestellt, daß die Selbstbeobachtung, die Selbst­ bewußtheit für das eigene Erleben während einer Psychose nicht vorhanden ist. Sie unterscheiden nun zwischen dem Erlebnis der Teilnahme an einer Interaktion, bei­ spielsweise mit der Außenwelt, und der Beobachtung der verschiedenen Erlebnisinhalte. Wenn nun die teilnehmende Funktion an einer Interaktion und die dieses Erleben beobachtende Funktion nicht integriert sind, sind die Patienten ent­ weder der Interaktion völlig ausgeliefert oder vollkommen von ihr isoliert. Sie ent­ 53

Joachim Galuska

wickeln also entweder eine äußerst individuelle und nicht allgemein geteilte Auffassung der Wirklichkeit und interpretieren sie delirant. Oder sie nehmen gar nicht teil an Interaktionen, isolieren sich in ihrer beobachtenden Funktion und wer­ den autistisch. Die Teilhabe an der Wirklichkeit entspricht einem verschmolzenen symbiotischen Erleben: „Manchmal sehen wir den psychotischen Patienten symbio­ tisch leben, wir fühlen uns ihm sehr nahe, und er sagt uns: ,Ich bin der Mond, die Sonne, das Universum, ich bin Du‘.“ (Peciccia und Benedetti, 1996). Die beobach­ tende Funktion dagegen entspricht dem Zustand des Getrenntseins, der Separation, dem „separaten Selbst“: „Andere Male ist der Patient im separaten Selbst, aber da er vom symbiotischen Selbst gespalten ist, ist seine Separation radikal, und es handelt sich um eine autistische Einsamkeit: „Nichts existiert außer mir. Die Sonne, der Mond, das Universum sind unbedeutende Schatten, die ich nicht unterscheiden kann. Du bist Lichtjahre von mir entfernt. Du bist nicht da“ (Peciccia und Benedetti, 1996). Diese beiden Zustände sollten, wenn sie integriert sind, ein harmonisches Selbstgefühl erzeugen. Im Kontakt mit einer anderen Person leben wir bewußt in einer Dimension, wo wir uns getrennt fühlen, so wie wir das Licht als ein Partikel betrachten könnten, getrennt von anderen Partikeln. Unbewußt aber haben wir den Eindruck, in der anderen Person zu sein oder gar die andere Person zu sein, so wie wir das Licht auch als Wellen interpretieren können. Leider verstehen Peciccia und Benedetti dieses unbewußte Einssein als eine Illusion, die nötig sei, um die Desillusionierungen durch das Realitätsprinzip zu akzeptieren. Von einer buddhisti­ schen Auffassung her würde man eher das getrennte Selbstgefühl für eine Illusion halten. Doch wenn man dem Welle-Teilchen-Modell des Lichts folgt, scheint dies vorwiegend eine Frage der Perspektive zu sein: Wenn wir aus der Perspektive des individuellen Holons (Wilber, 1996) unser Erleben aufbauen, so fühlen wir uns getrennt. Wenn wir das Erleben ausdehnen zu der Perspektive umgebender sozialer Holone, so entsteht das Erleben des Verbundenseins und Einsseins. In der Struktur des psychotischen Erlebens jedoch gibt es eine fundamentale Desintegration zwi­ schen den symbiotischen und den separaten Erlebniszuständen, deren sich der Patient schmerzlich bewußt ist. Im symbiotischen Zustand, im verschmolzenen Erleben, in der Funktion der Teilhabe, fehlt das Gefühl der Grenze und der Selbstbeobachtung. Im Zustand der Trennung, der Isolation, der Funktion des Beobachtens fehlt die Erfahrung des Verbundenseins und der Integration. Der Weg vom Gefühl des Getrenntseins zum Gefühl des Verbundenseins und umgekehrt kann nicht gegangen werden aus Angst vor Selbstverlust, aus dem Gefühl, daß das eigene Leben bedroht ist. Benedetti hat nun im Laufe seines Lebens eine Reihe the­ rapeutischer Konzepte entwickelt, um in diesem Wechsel von auflösender Nähe und undurchdringlicher Ferne in der therapeutischen Beziehung eine Psychose-Heilung zu erreichen (1992). Entscheidend ist für ihn die „Dualisierung“ der Psycho­ pathologie, und das bedeutet, daß der Therapeut durch Identifikationsvorgänge in gewisser Weise psychotische Erlebnisformen übernimmt, diese im eigenen psychi­ schen Organismus entgiftet und umwandelt und dann wieder dem Patienten zur Verfügung stellt. Er nennt dies „therapeutische Appersonation des Leidens“ (1992, S. 63) und „therapeutische Projektion“ (1992, S. 77). Eine gute Veranschaulichung dieser Prinzipien ist die bildgestaltende Therapie, die sein Mitarbeiter Peciccia ent­ wickelt hat. Bei ihr kann es zu einer Integration zwischen den teilnehmenden und 54

Heilung von Psychosen in transpersonalein Verständnis

beobachtenden Funktionen des Erlebens kommen, indem der Patient sein Erleben zeichnet, dann darüber spricht und dann der Therapeut durch eine eigene Zeichnung darauf antwortet, indem er einen Teil der Patientenzeichnung übernimmt und durch weitere Elemente oder kleine Veränderungen dieser Zeichnung eine progressive Bewegung gibt. In diesem Zeichenprozeß zwischen Patient und Therapeut enthalten die Zeichnungen zunehmend Teile des Selbsterlebens des Patienten und des Therapeuten. Im Zusammenhang mit dem beständigen Dialog über die Zeichnungen können dann zunehmend Verbindungen zwischen symbiotischen und separarierten Erlebnisformen entstehen (Peciccia und Benedetti, 1996). Die Konzepte von Podvoll, Benedetti und Peciccia habe ich an dieser Stelle des­ halb so ausführlich dargestellt, weil sie Wesentliches zu einem transpersonalen Verständnis der Heilung von Psychosen beitragen.

Der Heilungsprozeß von Psychosen
Ich habe beschrieben, wie in der Psychose das innere Ordnungsgefüge des Bewußtseins gestört ist, fundamental zerrüttet ist. Auf dem Wege zu einem umfas­ senderen Selbstgefühl mißversteht die Existenz sich selbst. Sie bleibt nicht verankert in fundamentalen Prinzipien der Bewußtseinsordnung, wie Werden und Vergehen, Sein und Nichtsein, Bewußtheit, Selbstempfinden, Stille, energetisches Empfinden, die Steuerungsfähigkeit der Bewußtseinsausrichtung und die Unterscheidung von Körperempfindungen, Emotionen, Sinneswahrnehmungen, Gedanken und Vorstel­ lungsbildern. Podvoll (1994) beschreibt anschaulich, wie durch eine Fülle ungeord­ neter und ungebändigter Mikrooperationen das Bewußtsein dem Wahn verfällt. Ganz wesentlich scheint mir dabei die Identifikation mit archetypischen Strukturen zu sein, also die Verbindung von Selbstgefühl und ganz grundlegenden dynamischen Mustern, was jedoch nicht vollständig gelingt, so daß der Patient sich als Opfer die­ ser energetischen Phänomene empfindet. In der Katatonie beispielsweise wiederholt der Patient einfache Bewegungen, fühlt sich von ihnen geführt oder besessen, oder er verharrt in vollkommener Bewegungslosigkeit. In coenästhetischen Formen der Schizophrenie fühlt der Patient seinen Körper mit Energien durchflutet, beeinflußt, besetzt oder infiziert. Auffällig ist, daß das Bewußtsein sich einer Energiequalität und Energieintensität zuwendet, die ihm sonst nicht zur Verfügung steht und die es nicht beherrschen kann. Hierin gründet wohl auch ein Teil der Faszination an der Psychose, der „Verlockung des Wahnsinns“, wie es Podvoll (1994) nennt. Es wirkt so, als ob die Existenz eine Urkraft fühlen möchte, als ob das Bewußtsein eine größere und fundamentalere Kraft als Selbst empfinden möchte als das kleine Selbstbild und Selbstgefühl, das das Ich-Bewußtsein besitzt. Aber dieser Dynamik, dieser Intensität ist das psychotische Bewußtsein nicht gewachsen. Es verliert seine Ordnung, desintegriert und fehlinterpretiert sich dann als Messias, als Teufel, als Außerirdischer oder Gesandter einer größeren Macht. Wenn die Aufgabe des menschlichen Bewußtseins z.Zt. die Transformation seines Selbstgefühls vom Ich-Bewußtsein hin zu umfassenderen Bewußtseinsformen ist, zu transpersonalen und kollektiven Formen des Bewußtseins, dann besteht sie gleich­ zeitig darin, diese ursprünglichen dynamischen Muster des Lebens, die archetypi55

Joachim Galuska

schen Kräfte aus dem kollektiven Unbewußten der Menschheit zu integrieren. Denn es ist das Ausleben dieser mythologischen Kräfte, einschließlich des Mythos der Individualität, was der Menschheit so viel Leiden bereitet. Es ist wichtig für uns, sowohl in den Energien, Kräften und Formen zu leben, als auch gleichzeitig diese steuern zu können, wahrnehmen zu können, vollkommen frei von ihnen zu sein. Dies ist mein Verständnis der Verbindung von teilnehmender Funktion und beob­ achtender Funktion, von „symbiotischem“, verschmolzenem Selbst und „separier­ tem“, getrenntem Selbst, wie es Benedetti und Peciccia (1996) nennen. So betrachtet, besteht unsere Aufgabe darin, zunehmend hineinzuleben in den Prozeß der Evolution und uns zu verbinden mit seinen ungeahnten Möglichkeiten und Kräften. Und gleichzeitig ist es nötig, vollkommen frei zu sein, unbewegt und still, verankert im Urgrund des Nichtseienden, des Absoluten. An der Gleichzeitigkeit von Himmel und Erde scheinen die psychotischen Menschen gescheitert. Somit ist ihr Scheitern ein Ausdruck des Ringens um die Erfüllung der Aufgabe, um die sich das menschliche Bewußtsein gegenwärtig bemüht. Psychosen sind damit Zeitkrank­ heiten im tieferen Sinne. Sie werden nur heilbar sein, wenn unserem Bewußtsein der Wandlungsprozeß gelingt, den die Evolution gegenwärtig anstößt. Im Heilungsprozeß einer Psychose muß das psychotisch veränderte Bewußtsein sein inneres Ordnungsgefüge grundsätzlich neu aufbauen und strukturieren. Ein weiteres Hineingehen in das psychotische Erleben, ein Ausleben der Psychose führt leider allzu häufig zu einer weiteren Zerrüttung und tiefgreifenderen Spaltungen, wenn es nicht in einem therapeutischen Kontext als eine „progressive Psychopatho­ logie“ im Sinne Benedettis (1992) verstanden werden kann. Dieser Strukturierungs­ und Neuordnungsprozeß kann eine Wandlung der Persönlichkeit zur Folge haben, denn bewußt oder unbewußt ist dieser Mensch ja an seinem Drang zur Transfor­ mation gescheitert und kann ihn günstigenfalls im Heilungsprozeß erfüllen. Und auf diesem Wege sind andere menschliche Begleiter eine ungeheuere Hilfe. Wenn man, transpersonal betrachtet, jeden Menschen als Teil einer umfassenden Existenz ver­ steht, so könnte man es so ausdrücken, daß die Existenz seinem verirrten Teil hilft, sich zu organisieren und wieder zu finden, indem es in Form von Therapeuten ande­ re Teile und Kräfte hinzufügt. Das verirrte Bewußtsein benötigt zunächst einmal Führung und Aufklärung in ganz basaler Weise. Dabei ist es manchmal ganz schwie­ rig, überhaupt einen Zugang zu einem psychotischen Menschen zu finden, weil er in seiner Verwirrung und Angst total in die Defensive gegangen ist. Wenn wir die therapeutischen Aktivitäten systematisch aufbauen, steht am Anfang die Kontaktaufnahme des Therapeuten mit dem Patienten durch eine Präsenz im einfachen Dasein. Der Therapeut verankert sich in seiner Präsenz für rei­ nes Sein. Er ist einfach mit dem Patienten zusammen, tut einfache Dinge, läßt ihn spüren, daß er mit ihm zusammen ist und für ihn da ist. Dies ist vielleicht vergleich­ bar mit einer Mutter, die selbstverständlich ihre Hausarbeit erledigt, während das kleine Kind spielt. Für beide ist die gemeinsame Anwesenheit ganz natürlich und selbstverständlich. Diese Präsenz im reinen Sein ist die Basis, damit sich das psycho­ tische Bewußtsein zunächst einmal überhaupt irgendwo sicher fühlen kann. Es ist nämlich das fundamentale Daseinsgefühl, das es häufig sogar verloren hat. Es ist dann verloren im Niemandsland der Leere, des Nichtseins, in dem es sich jedoch nicht verankern kann. Wenn jemand da ist, jemand wirklich da ist, spürbar da ist, 56

Heilung von Psychosen in transpersonalem Verständnis

kann es mehr Vertrauen gewinnen in die Wirklichkeit der Existenz, in die Wirk­ lichkeit des Daseins. In einem zweiten Schritt geht es darum, Bewußtheit zu entwickeln, die „Inseln der Klarheit“ und der Wachheit zu erkennen, wie es Podvoll (1994) nennt, und die­ se auszubauen. Dafür ist es hilfreich, einfache Dinge bewußt zu tun, am besten mit­ einander bewußt zu tun, z. B. alltägliche und lebenspraktische Dinge, konkrete und irdische Tätigkeiten, vielleicht auch eine Berührung, ein Augenkontakt, der bewußt macht, daß man füreinander da ist. Ein weiterer Schritt besteht darin, daß der Patient sein Selbstgefühl wieder ordnen kann und lernt, sich darin sicher zu fühlen. Das Bewußtsein hat in diesem Augenblick die Chance, grundlegend zu erkennen, was das Selbstgefühl, das Selbsthafte unseres Erlebens ausmacht, indem es die einfachen Handlungen und die Empfindungen dabei als eigene erlebt. Es kann sich dessen bewußt werden, daß alles, was es in diesem Moment erlebt, selbst erlebt, und wie es Teile seines inneren Erlebens als zu sich gehörig betrachtet und andere Teile der Welt zuordnet. So kann das Bewußtsein sich selbst noch einmal neu entdecken und verstehen lernen. Vielleicht ist dies der Grund, warum Menschen, die aus der Psychose auftauchen, in gewisser Weise wie Neugeborene wirken, traumatisiert von einer schweren Geburt, empfindlich und unbeholfen, aber auch neugierig auf das Leben. Eine gute Hilfe in der Unterstützung, sich selbst zu spüren, stellen Therapie­ formen dar, bei denen der Patient seine Körpergrenzen spürt, sich grounden lernt, seine Sinne betätigt. Hier wird es dann auch wichtig sein, den Sinn für schöne Dinge zu wecken, auch für gutes Essen, und zarte Sinneserfahrungen zu ermöglichen. Immer wieder werden die Grundprinzipien des menschlichen Erlebens und ihre fundamentale Ordnung erklärt werden müssen. Dazu braucht es Geduld und einen Blick für die notwendigen praktischen Verhaltensweisen. Da beispielsweise die Realitätsprüfung des psychotischen Menschen gestört ist, er also seine innere Wirk­ lichkeit mit der eines anderen Menschen nicht abzugleichen weiß, muß der Thera­ peut ihm dies erläutern und zeigen. So muß der Patient lernen, wenn ihn ein anderer Mensch forsch anschaut und er Angst hat, daß dieser etwas gegen ihn hat und ihn bedroht, auf den anderen zuzugehen und ihn nach seinem Blick zu fragen. Dies bedeutet also einerseits Basisarbeit und Denktraining, wie es Podvoll (1994) vor­ schlägt, andererseits erfordert es große Umsicht und spirituelle Weisheit. Denn das psychotische Bewußtsein beschäftigt sich mit Grundfragen von Sein und Wirklichkeit, was ich zu zeigen versucht habe. Insofern wird ein therapeutischer Begleiter in gewisser Weise auch ein spiritueller Begleiter oder gar eine Art spirituel­ ler Lehrer für einen psychotischen Menschen sein müssen. Ein weiteres wesentliches Element in der Begleitung einer Psychose sind Begren­ zungen zerrüttender Dynamiken vor allem durch entsprechende Führung, aber auch handfestere Begrenzungen destruktiver Kräfte und Prozesse. Geschlossene Anstalten, Fixierungen, Medikamente machen uns diese Qualität schmerzlich be­ wußt. Gelegentlich ist es für einen mitfühlenden Begleiter sehr schwierig, das sich selbst mißverstehende, sich selbst oder anderen Schaden zufügende Bewußtsein zu begrenzen und zu zügeln. Der Umgang mit der Destruktion ist sicherlich das Schmerzhafteste in der Heilung einer Psychose, und es gehört auch zu dem Schwie­ rigsten, dies tief genug zu verstehen. Gewiß gibt es Zustände, in denen das psycho57

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tische Bewußtsein geradezu aus einer Identifikation mit selbstzerstörerischen Ener­ giemustern besteht. Solche selbstmörderischen Identifizierungen gibt es ja nicht nur in der Psychose, sondern beispielsweise auch in Kriegssituationen. Aber in den mei­ sten Fällen zerstörerischer oder selbstzerstörerischer Impulse scheint die Ursache in der Angst vor der Vernichtung der eigenen Existenz zu liegen und im Versuch, sich selbst zu retten, und zwar im Tod. Selbstgefühl und Seinsgefühl werden hier mitein­ ander verwechselt. Die Flucht in den Tod aus Angst vor dem Weltuntergang oder vor der Bedrohung durch einen scheinbaren Verfolger könnte verstanden werden als Versuch, das Selbstgefühl auf Kosten des Lebens, also des Daseins zu retten. Die Zerrüttung des Bewußtseins, insbesondere die Spaltung von selbsthaftem Erleben des Getrenntseins von den Erlebnisweisen der Verbundenheit des Seins (s.o., Pecic­ cia und Benedetti, 1996), scheint die Ursache für das grundlegende Mißverständnis dafür zu sein, daß es das Selbstgefühl natürlich nur auf der Basis des Daseins geben kann. In der Selbstzerstörung, der Selbstvernichtung oder der Angst vor ihr weist die Psychose hin auf den Tod als Tor zur Nichtexistenz. Zerstörung, Vernichtung, Töten sind Funktionen der Evolution. Sie sind erforderlich, um Raum herzustellen für Neues, das aus dem Nichtsein entstehen kann. In der Evolution werden Zonen des Nichtseins hergestellt, um ein vielleicht höheres Sein, einen weiteren Schritt in der Evolution zu ermöglichen. Da beim Tod des Einzelwesens seine Existenz verlo­ schen ist, weiß in gewisser Weise jedes Lebewesen existentiell um das Nichtsein. Wenn der Prozeß des Sterbens jedoch in der Tiefe nicht in Hingabe geschieht an das Eingehen im Urgrund, an die Rückkehr zu Gott, sondern bezogen bleibt auf das Selbstgefühl, dann erscheint der Tod als „das Böse“. Zerstörung ist dann kein neu­ trales evolutionäres Prinzip, sondern eine bedrohliche „böse Macht“. Immerhin macht sie in der Psychose das Selbstgefühl spürbar, allerdings um den Preis einer fundamentalen Bedrohung. Sie müßte jedoch nicht das Selbstgefühl bedrohen. Sie dient häufig sogar der Entwicklung eines sich selbst empfindenden Wesens. Aber der psychotische Mensch muß erst um die Sicherung von Daseinsempfinden, Bewußt­ sein und Selbstgefühl ringen. Schwerste destruktive Formen von Psychosen könn­ ten damit nur geheilt werden, wenn es zu einer Verankerung jenseits des Selbstge­ fühls, vielleicht sogar erst im Nichtsein kommt und der psychotische Mensch die Selbstzerstörungsneigung erkennt. Er müßte in diesem Fall erkennen, daß er sich mit äußerst aggressiven und destruktiven Kräften zu identifizieren versucht, daß also die Zerstörung somit zu ihm gehört, ein Teil von ihm geworden ist. Nur wenn er seine eigene Destruktivität erkennt, erschüttert ist darüber, wie zerstörerisch er sich verhält, kann er diese Kräfte bändigen oder sich von ihnen abwenden. Anson­ sten besteht die große Gefahr, daß er sein Erleben mißversteht, sich selbst oder die anderen retten will und von seinen eigenen selbstmörderischen Impulsen umge­ bracht wird.

Die therapeutische Begleitung
Wenn wir uns diese Aspekte der Heilung psychotischer Prozesse veranschauli­ chen, können wir ein Gefühl dafür bekommen, welch ungeheuere Aufgabe es bedeuten kann, einen psychotischen Prozeß zu begleiten. Selbstverständlich wird 58

Heilung von Psychosen in transpersonalem Verständnis

nur ein Therapeut, der in der Lage ist, das psychotische Erleben, also die Unordnung des Bewußtseinsgefüges, zu erkennen, dies auch sinnvoll behandeln können. Dafür besitzen wir Menschen die wundervolle Möglichkeit der Empathie, der Einfühlung, der Einstimmung. Dieses Prinzip ist eigentlich ein Wunder. Transpersonal ausge­ drückt bedeutet es, daß sich ein Teil der Existenz, also das Bewußtsein eines Therapeuten öffnen kann für einen anderen Teil der Existenz, also für das gestörte und psychotisch veränderte Bewußtsein eines Patienten. Als Therapeuten stimmen wir uns auf den Patienten ein. Wir gleichen in gewisser Weise unser Bewußtseinsfeld mit dem des psychotisch veränderten Bewußtseins ab. Üblicherweise geschieht dies dadurch, daß wir das Erleben des Patienten in uns abbilden und gleichzeitig diese Abbildung beobachten und untersuchen. Die Einfühlung in ein psychotisches Erleben, das Wachrufen des psychotischen Erlebens in einer etwas kleineren Dosierung im eigenen Bewußtsein, ist jedoch eine sehr schwierige und schmerzliche Aufgabe. Der therapeutische Begleiter muß schon mächtig in der Lage sein, Verrücktheit in sich selbst exemplarisch herzustellen und auszuhalten. Nur wenn der Therapeut fähig dazu ist, psychotisches Erleben nachzuvollziehen, kann er viel­ leicht die Verwirrung und Verirrung, die Form der Störung erkennen. Man muß sich einmal veranschaulichen, was es für den Therapeuten bedeuten kann, innerlich zu empfinden, was der Patient erlebt, nämlich, daß die ganze Welt gegen mich ist, alle mich zerstören wollen, meine Existenz bedrohen, die Telefone abgehört werden, Steckdosen Wanzen besitzen, der Nachbar mich umbringen möchte. Nur wenn der Therapeut in der Lage ist, die innere Zerrüttung des Patienten, vielleicht sogar seine innere Hölle, auszuhalten, ohne selbst verrückt zu werden, kann er ihm vielleicht einen Ausweg zeigen. Dazu braucht der Therapeut einen Rahmen, der nicht ver­ rückt ist, eine Verankerung in Bewußtseinsstrukturen, die tiefer liegen als die Störung des Patienten. Wie kann der Therapeut in der Lage sein, zumindest einen Teil der Ordnung seines eigenen Bewußtseins zeitweise aufzulösen, um als Gefäß zu dienen für das psychotische Leiden des Patienten? Denn nur in einem solchen Falle werden die ungeordneten Teile des Patienten, seine Mißverständnisse und Fehlinterpretationen verstanden und neu geordnet. Ein solches Gefäß zu sein, ein solcher Container, der auch die energetische Dynamik psychotischer Erlebnisse aus­ tragen kann, erfordert eine Verankerung in einem transpersonalen Bewußtsein (Galuska und Galuska, 1995) und in einem Kreis mehrerer therapeutischer Begleiter, die sich um den kranken Menschen finden. In ihrer Verbindung bilden sie so etwas wie einen Heilkreis im konkreten oder übertragenen Sinne. Der Kreis, das Team, ist ein viel effektiveres Prinzip als der einzelne Therapeut (Galuska, 1996). Insbe­ sondere die Gefahr des einzelnen Therapeuten, gerade in der Psychosetherapie selbst instabil zu werden, ist am besten abgesichert durch eine Verankerung in den fundamentalen Prinzipien des Bewußtseins, insbesondere in spirituellen Qualitäten der inneren Stille, der Mitte, der Zentriertheit, der Leere, der Weite, der Bewußtheit usw. Grundsätzlich muß die Verankerung tiefer und umfassender sein, als die Störung hingreift. Dabei mag es psychotische Formen und Zerrüttungen des Bewußtseins geben, die nur ausreichend verstanden und innerlich abgeglichen wer­ den könnten durch ein im Absoluten, in Gott verankertes Bewußtsein, also durch einen „erleuchteten Menschen“, der außerdem über klinische Erfahrung verfügen müßte, was in der Geschichte der Menschheit wohl nur selten vorkommt. Die 59

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Verankerung in den Grundstrukturen des Bewußtseins besitzt für einen Therapeuten in einem Team eine stärkere Sicherheit und wird gestützt durch eine gegenseitige Bestätigung, beispielsweise indem er sich mit seinen Kollegen und Kolleginnen austauscht und bespricht und darüber seine eigenen Strukturen wieder stabilisiert. Jeder Therapeut wird in einem Team sehr gut eingebunden sein müssen, wenn er eine Psychose begleitet, da die Stabilität und Ordnung seines eigenen Bewußtseins auf diese Weise am besten abgestützt werden kann. Besonders hilfreich dabei ist die Supervision der Behandlung. In der Supervision kann zum einen die Integrität eines labilisierten Therapeuten wiederhergestellt werden, zum anderen unterstützt sie den Prozeß des Austragens der Psychose. Dies ist ein Konzept, das die Bedeutung des Teams in der Psychosetherapie, des „Heilkreises“, besonders deutlich macht. Lassen Sie uns für das Verständnis des Heilungsprozesses einer Psychose die Perspektive wechseln und nicht mehr den einzelnen psychotischen Menschen, umgeben von seinen therapeutischen Begleitern, betrachten, sondern das überge­ ordnete Ganze sehen, den Heilkreis, das kollektive Bewußtseinsfeld, das das psy­ chotisch veränderte Bewußtsein in sich aufgenommen hat. Wenn wir es als einen größeren Organismus verstehen, so besteht seine Aufgabe offenbar darin, den Transformationsprozeß eines seiner Teile zu ermöglichen. Alle Kräfte dieses Organismus, wie Mitgefühl, Liebe, Steuerung, Führung, Begrenzung, Bewußt­ werdung usw., die wir nur teilweise kennen und verstehen, können hier Zusammen­ wirken (Galuska, 1995). Vielleicht ist dies vergleichbar mit dem Austragen einer Schwangerschaft, so daß eine neue Bewußtseinsstruktur geboren werden kann. In Psychosetherapien finden wir häufig die Thematik von Tod und Wiedergeburt. Menschen, die sich im Heilungsprozeß psychotischer Entwicklungen befinden, wir­ ken wie prädestiniert zur Lösung der Aufgabe der Verbindung von Himmel und Erde, die ich ja als die evolutionäre Aufgabe des menschlichen Bewußtseins beschrieben habe. Vielleicht ist das Bild des Austragens einer Schwangerschaft auch zu einseitig. Vielleicht stellt der Heilkreis eher ein Gefäß dar zur Entgiftung, Verdauung und Assimilation unpassender und zerstörerischer Muster menschlichen Verhaltens. Therapeuten können in diesen Heilungsprozessen oft partizipieren an fundamentalen Wandlungsprozessen, an gewaltigen energetischen Intensitäten, an der Lösung existentieller Fragen. Wenn wir eine solche Perspektive einnehmen, dann ist, bezogen auf den heutigen Umgang mit Psychosen, nicht der Einsatz von Gewalt und Medikamenten der kritischste Punkt, sondern die Frage der Heilung auf der einen Seite oder der Abkapselung eines „psychotischen Herdes“ bzw. der Schadensbegrenzung auf der anderen Seite. Denn wenn wir die Bewußtseinsstörung einer Psychose nicht umfassend genug verstehen können, wird sie unser eigenes Bewußtsein bedrohen, und wir werden daher den psychotischen Menschen isolie­ ren, damit er keinen Schaden anrichten kann. Und da, wo uns keine andere Möglichkeit als diese bleibt, sollten wir dies mit soviel Mitgefühl und Erbarmen wie möglich tun. Doch auf eine solche Weise kann eine Psychose nicht heilen, sie bleibt ein potentiell gefährlicher Herd, den viele Menschen in sich spüren, die lediglich medikamentös behandelt wurden, sich selbst überlassen bleiben und am liebsten „diese ganze Horrorgeschichte“ vergessen möchten. Ausheilen kann eine Psychose nur, wenn umfassendere Bewußtseinsstrukturen sich um sie bilden, Menschen, mit 60

Heilung von Psychosen in transpersonalem Verständnis

denen der Kranke sich verbinden kann und die ein kollektives Heilungsfeld um ihm herum bilden, dem er sich anvertrauen kann. Und für die nächsten Jahrzehnte wird es schon etwas besonderes bleiben, Menschen zu finden, die in der Lage sind, psy­ chotische Strukturen neu zu ordnen und zu heilen. All das tiefere Verständnis für psychotische Prozesse können wir nur gewinnen, wenn wir uns mit den verirrten Menschen verbinden, uns öffnen, uns innerlich von ihnen berühren lassen. Heilsam wirken können wir nur, wenn wir ein Heilungsfeld schaffen, in dem der psychotische Mensch sich niederlassen kann, von dem er sich durchströmen lassen kann, dem er sich anvertrauen kann. Dies ist nur möglich, wenn sich unser Herz öffnet füreinander, wenn wir Mitgefühl, Erbarmen und Liebe auch gegenüber dem Verstörten und Leidenden wirken lassen. Wenn die gegenwär­ tige Menschheitsaufgabe, wie oben dargestellt, in der Erfüllung der Gleichzeitigkeit von Himmel und Erde besteht, in der Vereinigung von Nichtsein und bewußtem Erleben des evolutionären Prozesses, dann stellt das synthetische Prinzip selbst eine Eigenschaft des Herzens dar. Um es in einem Bild auszudrücken: Wir sind Kinder von Himmel und Erde, und unsere Aufgabe scheint zu sein, die Qualitäten unserer Eltern, das Absolute und die jeweilige einzelne Form unserer Wirklichkeit, auf eine menschliche Weise zu verbinden und zu gestalten. Menschlich ist es eben dann, wenn es mit Liebe, Würde und Anmut geschieht. Aus dem Herzen heraus kann die ganzheitliche Kraft der Vereinigung und Verschmelzung wirken. Wirklich integres schöpferisches Handeln ist ihre Frucht. Wir benötigen die Klarheit und Intelligenz unseres Bewußtseins, um kranken Menschen effektive Hilfe anbieten zu können. Im gleichen Ausmaß jedoch wird unser Herz benötigt, ansonsten könnten die Lösungen kühl und sauber, aber herz­ los sein. Erst die Liebe versöhnt. Sie wirkt fundamental noch vor jedem Verstehen. Es ist die Liebe, die ja sagt zu jeder Seinsform, zu jeder Bewußtseinsform, so wie sie ist. Und sie gibt das, was der psychotische Mensch zutiefst braucht, ein absolutes Ja zu unserem Sein, denn er hat das Vertrauen zum Leben verloren. Das Herz läßt uns auch noch hilfreich sein, wenn wir eine Erkrankung nicht verstehen, nicht be­ handeln, nicht heilen können. Es schenkt Trost und mitmenschliche Anteilnahme, es läßt uns respektvoll und demütig mit dem Leiden verbunden bleiben, auch wenn wir nicht zu seiner Heilung oder nicht einmal zu seiner Linderung beitragen können.

Gesundheit und die Ziele der Heilung
Wenn wir noch einen letzten Blick auf das Heilungsfeld werfen, können wir jetzt leicht verstehen, daß seine heilsamen Kräfte im wesentlichen aus seiner Verbindung mit den gesunden Strukturen der Evolution wirken. Deshalb muß eigentlich jede Klinik, jede Gesundheitseinrichtung, das Gesunde betonen und vom Gesunden aus­ gehen. Gesund sein bedeutet, geordnet zu sein, in Balance zu sein, ausgeglichen zu sein, Potentiale zu besitzen, die eigenen Fähigkeiten nutzen zu können, auf Ressourcen zurückgreifen zu können, zu funktionieren, sich lebendig zu fühlen, gelöst und frei. Gesundheit scheint kein Ziel der Evolution, sondern eher eine Voraussetzung für Lebensgestaltung, Entwicklung und Entfaltung. Je mehr wir ver­ 61

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ankert sind in unserer Gesundheit, um so geringer ist die Gefahr der Erkrankung und um so optimaler sind die Bedingungen dafür, unsere Potentiale und Fähigkeiten zu nutzen. Von daher besitzt die Prävention gegenüber der Heilung von Krankheiten oder gar der Symptombehandlung einen umfassenderen Stellenwert. Prävention im Sinne der Unterstützung der gesunden Strukturen, ihrer Pflege und ihrer Wirkung, Prävention im Sinne der Förderung von gesundem Leben, dem Gefühl, gesund zu sein, hat fundamentale Bedeutung auch für die Behandlung aller Erkrankungen. Es ist nunmehr leicht nachzuvollziehen, daß gerade bei Psychosen eine Ausgangsbasis für die Heilung erst dadurch erreicht wird, daß gesunde Strukturen aufgebaut werden und gestärkt werden, damit der psychotische Mensch sich wenigstens für Momente klar, aufgehoben, getragen, angstfrei und lebendig fühlen kann. Damit ein gesundes Heilungsfeld entstehen kann, müssen sich vor allem therapeutisch tätige Menschen um ihre eigene Gesundheit bemühen. Sie müs­ sen permanent darauf achten, selbst gesund zu werden und zu bleiben. Daher ist eine Eigentherapie für therapeutisch Tätige selbstverständlich unerläßlich. Körper­ hygiene, Psychohygiene, Hygiene des Geistes, Hygiene der Beziehungen sind wich­ tige Erfordernisse eines Lebens als Therapeut. Je größer seine Aufgabe ist, um so mehr Achtsamkeit für die eigene Gesundheit ist nötig, damit er nicht übermäßig durch die Probleme seiner Klienten auf körperlicher, emotionaler oder geistiger Ebene „infiziert“ wird. Daher ist auch die geistige Gesundheit eine wesentliche Voraussetzung für die Begleitung von psychotischen Menschen. Ein psychosegefährdeter Psychotherapeut wird wohl kaum eine Psychosetherapie durchführen können, außer in einem guten Team und unter einer glücklichen Supervision. Dann könnte er vielleicht in diesem Prozeß selbst heilen. Es bedarf in der Regel eines einigermaßen gesunden Bewußtseins, um ein krankes zu heilen. Kranke Menschen können einander viel Mitgefühl und Trost entgegenbringen, da sie sich im Leiden der anderen wiedererkennen. Heilung bedarf aber eines Bezuges auf gesunde Strukturen und Prozesse, seien sie wirksam im Organismus des kranken Menschen oder in der therapeutischen Beziehung, im umfassenderen Feld der Behandlung. Was ist das Ziel der Heilung von Psychosen? Ist es die Wiederherstellung des Gleichgewichts im Neurotransmitter-System unseres Gehirns? Ist es die Beseitigung oder die Linderung der krankhaften und störenden Symptome? Ist es die Herstellung oder Wiederherstellung der Fähigkeit, in unserer Gesell­ schaft, in der menschlichen Gemeinschaft zu leben und zu arbeiten? Ist es die Entwicklung eines normalen Ich-Bewußtseins, einer ausgereiften Ich­ struktur? Ist es die Beherrschung medialer Begabungen, die Fähigkeit, statt von „Geistern“ oder von archetypischen Kräften besessen zu werden, diese tranceartig zu kanalisie­ ren? Oder ist das Ziel der Heilung einer Psychose ein Mystiker, der Gott in sich selbst findet, der Gott verwirklicht und seine Schöpfung lebt? Vielleicht ist das letzte das vornehmste Ziel. Aus ganzheitlicher Sicht schließen sich jedoch alle diese Ziele nicht aus, sondern sie stellen Aspekte einer umfassende­ ren Wahrheit dar. Die Begleitung einer Psychose erfordert unsere Bereitschaft zu 62

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akzeptieren, daß das Leben unsere Fähigkeiten es zu begreifen, weit übersteigt, zu akzeptieren, daß wir den vollständigen Überblick nie haben werden, sondern versu­ chen können, das Beste daraus zu machen, mit Gelassenheit, Größe, Würde und Demut. Wenn wir bereit bleiben zu immer wieder neuem und umfassenderem Verstehen, dann können wir in Anerkennung leben gegenüber dem offenen und unbestimmten Prozeß der Evolution, deren Wege und Offenbarungen wir noch nicht kennen.

Healing of Psychoses in transpersonal understanding Summary: An acceptable understanding of the healing of psychoses is only possible through empathy in the psychotic consciousness. Starting with the concepts of Podvoll, Benedetti and Peciccia psychoses are described as deep disorders of the structure of consciousness. The healing process of psychoses needs the reconstruction of the sense of being, of awareness and of the sense of self. To prevent therapists from destabilisation through the archetypical energies and destructive forces they need a grounding in a trans­ personal consciousness, in healthy structures of evolution and in a team which is able to transform the psychotic dynamics. Key words: transpersonal psychotherapy, psychotherapy of psychoses, evolution of consciousness, pro­ cesses of psychoses, boundary of understanding, the self.

Literatur Benedetti, G. (1975): Ausgewählte Aufsätze zur Schizophrenielehre, V & R, Göttingen. - (1976): Der Geisteskranke als Mitmensch, V & R, Göttingen. - (1983): Todeslandschaften der Seele, V & R, Göttingen. - (1992): Psychotherapie als existentielle Herausforderung, V & R, Göttingen. Benedetti et al. (1983): Psychosentherapie, Psychoanalytische und existentielle Grundlagen, Hippokrates, Stuttgart. Galuska, J. (1996): Transpersonale stationäre Psychotherapie, Transpersonale Psychologie und Psychotherapie 1, 1996, 23 - 33. Galuska, J. und Galuska, D. (1995): Körpertherapie im Spektrum des Bewußtseins, in Zundel, E., Loomans, P. (1995): Im Energiekreis des Lebendigen, Herder, Freiburg. Glatzel, J. (1978): Allgemeine Psychopathologie, Enke, Stuttgart. Peciccia, M., Benedetti, G. (1989): Das progressive therapeutische Spiegelbild, Neurologie und Psychiatrie 3, 1989, 296 - 304. - (1996): The splitting between separate and symbiotic states of the self in the psychodynamic of Schizophrenia, int forum psychoanal 5, 1996, 23 - 38. Podvoll, E. (1994): Verlockung des Wahnsinns, Hugendubel, München. Wilber, K. (1987): Halbzeit der Evolution, Scherz, Bern. - (1996): Eros, Kosmos, Logos; Krüger, Frankfurt.

Dr. med. Joachim Galuska Fachklinik Heiligenfeld Euerdorfer Str. 4-6 97688 Bad Kissingen

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Wenn Sterben zum Alltagserleben gehört, wie die Geburt zum Leben, wird Auf stehen zum Fest. Je nachdem, durch welches Fenster ich schaue, kann ich Bezüge heute, Bezüge gestern, Bezüge morgen in die Vorstellung rufen. Das Große Ganze wird erfahrbar in der Aneinanderreihung von Zeit, was gestern war, ist heute, was morgen sein wird, existiert bereits im Jetzt. Ewigkeit erwächst momenthaft. Die Zeit wird zum Raum.

Angela Krenzin

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Transpersonale Psychologie und Psychotherapie
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Transpersonale Aspekte der Gestalttherapie in der Psychosetherapie
Kurt Gemsemer, Berlin

Zusammenfassung: In dem folgenden Beitrag geht es um den Versuch, die Berührung der Gestalttherapie mit spirituellen Vorstellungen, insbesondere R. Maharshis, zu beschreiben. In der Darstellung dieser Berührung wird die Persön­ lichkeitsfunktion herausgearbeitet, die erforderlich ist, um Menschen in existentiel­ len psychischen Krisen wie Psychosen begleiten zu können. Schlüsselworte: Psychose, Gestalttherapie, transpersonales Bewußtsein, Kontakt, Persönlichkeitsfunktion.

Der Grenzprozeß als vollendete Gestalt
Das mystische Erlebnis von R. Maharshi Ramana Maharshi war als Heiliger und Weiser bekannt, lebte von 1879-1950 in Indien in der Nähe von Madras. Viele Europäer sind zu ihm gereist und brachten seine Lehren mit in den Westen. Persönlich hat mich die Einfachheit und Klarheit seiner Darstellung des spirituellen Weges beeindruckt. Der Wendepunkt in seinem Leben mit dem Durchbruch der in seiner Psyche schlummernden spirituellen Tiefe manifestierte sich, als er etwa 16 Jahre alt war. Hier Maharshis Darstellung dieses Ereignisses. „Der Schock der Todesangst trieb meinen Geist nach innen, und ich stellte inner­ lich fest, ohne es wirklich in Worte zu fassen: ,Dies also ist der Tod. Was bedeutet das? Was stirbt da? - Dieser Körper stirbt.* Und ich begann, den Vorgang des Sterbens nachzuspielen. Ich lag steif mit ausgestreckten Gliedern, als ob die Totenstarre eingesetzt hätte, und ahmte eine Leiche nach, wie um meinem Forschen eine größere Wirklichkeit zu verleihen. Ich hielt meinen Atem an und meine Lippen fest geschlossen, so daß kein Laut entschlüpfen konnte, weder ein ,ich‘ noch irgend­ ein anderes Wort. ,Schön‘, sagte ich zu mir selbst, ,dieser Körper ist tot. Er wird zur Verbrennungsstätte getragen und dort zu Asche verbrannt werden. Aber bin ,ich‘ tot mit dem Tod dieses Körpers? Bin ,ich‘ der Körper? Er ist still und gefühllos, ich aber fühle die ganze Kraft meiner Persönlichkeit und höre, getrennt von ihm, selbst die Stimme des Ich in mir. So bin Ich also der Geist, der über den Körper hinausreicht. Der Körper stirbt, aber der GEIST, der ihn überschreitet, kann vom Tode nicht berührt werden. Das bedeutet, daß ich der todlose GEIST bin. 65

Kurt Gemsemer

All dieses waren nicht dumpfe Gedanken, es durchfuhr mich vielmehr lebhaft als lebendige Wahrheit, die ich unmittelbar wahrnahm, fast ganz ohne Denkvorgang. ,Ich‘ war etwas sehr Wirkliches, das einzig Wirkliche meines gegenwärtigen Zustandes, und alle bewußte Aktivität, die mit meinem Körper zusammenhing, war auf jenes Ich konzentriert. Von dem Augenblick an hielt das Ich oder Selbst die Aufmerksamkeit durch eine machtvolle Anziehung auf Sich Selbst gerichtet fest. Die Todesangst war ein für allemal verschwunden. Seit jener Zeit hielt das Aufgesogensein im Selbst ununterbrochen an. Andere Gedanken mögen kommen und gehen wie eine Melodie, das Ich aber dauert an wie der Leitton, der allen anderen Noten unterliegt und mit ihnen verschmilzt. Ob der Körper redend, lesend oder anderweitig beschäftigt war, ich blieb immer auf das Ich konzentriert. Vor dieser Krise hatte ich keine klare Vorstellung von meinem Selbst und fühlte mich bewußt nicht von ihm angezogen. Ich war gar nicht an ihm interessiert, viel weniger geneigt, dauernd in ihm zu verweilen“ (Cornelsen, 1985, S. 21). Nach diesem Ereignis verließ er seine sozialen Zusammenhänge und traf am 1. Sept. 1896 bei dem in der hinduistischen Religion als heilig verehrten Berg Arunachala ein. „Der Junge hatte alle Brücken abgebrochen, die ihn mit seinem bisherigen Leben verbanden. Nun entledigte er sich der letzten Habseligkeiten... Bald erregte er Aufmerksamkeit; Straßenjungen plagten ihn... Schweigend versunken in sein SELBST schenkte er Körper und Welt keine Beachtung mehr. Nach acht Wochen brachten Sannyasins den Jungen, dessen Körper abgemagert und von Ungeziefer zerfressen war, an einen anderen Ort... Erst zwei Jahre danach erfuhr seine Mutter den Aufenthaltsort... So traf sie ihn an: fast unkenntlich mit seinem verwahrlosten Leib. Doch ließ er sich nicht helfen, und sie mußte ohne ihn heimkehren... Im Jahre 1917 durfte die Mutter zu ihm ziehen. Sri Ramana (Maharshi)(wie er jetzt genannt wurde) lebte zu dieser Zeit mit eini­ gen Gefährten in einer höhlenartigen Behausung am Hang des Berges“ (Cohen, 1992, S. 9 u. 10). Als die Mutter 1922 gestorben war, entstand in der Nähe des Grabes ein Ashram, der zu einem Magnet für Tausende von Besuchern wurde. Aus der biographischen Beschreibung geht deutlich hervor, daß die Rückkehr Maharshis zu einem „äußerlich normalen Leben“ nur ganz allmählich vonstatten ging (Cohen, 1992).

Maharshis Selbstbegriff
Dieser indische Mystiker beschreibt in der o. g. Schilderung, wie er damals als 16jähriger junger Mann das Durchleben einer Todesangst, einer existentiellen Grenzerfahrung, erfahren hat. Es gelang ihm, durch Annehmen und Loslassen die­ sem Prozeß zu folgen und ihn zu einer geschlossenen Gestalt werden zu lassen, obgleich die Rückkehr zu einem äußerlich normalen Leben Jahre später erst vollzo­ gen wurde. Ganz wie Grof dies auch (Grof, 1983a, 1983b, 1985, 1987, 1989, 1990), insbesondere in der Erfahrungsmöglichkeit der IV-ten perinatalen Matrix beschrie­
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Transpersonale Aspekte der Gestalttherapie in der Psychosetherapie

ben hat, wird das Durchleben dieser existentiellen Bedrohung zu einer mystischen Erfahrung, da die Identifikation mit den angstbesetzten Überzeugungen im Ich losgelassen wurde (Grof 1987, S. 54). Diese angstbesetzten Überzeugungen im Ich wer­ den oft schlicht als Ego bezeichnet. Die geschlossene Gestalt des Durchlebens dieses Sterbeprozesses ist die Begegnung mit dem SELBST. Das Beispiel von Maharshi zeigt, daß es die Möglichkeit gibt, diese existentielle Bedrohung durch einen der Psyche innewohnenden, spontan vonstatten gehenden Prozeß zu einem positiven bedeutenden Erfahrungsschatz werden zu lassen. Aller­ dings kann die Vollendung dieses Prozesses nur gelingen, wenn man sich ihm anver­ trauen kann, Zeit und Raum für die vollständige Integration vorhanden ist und die Umgebung eine wertschätzende Haltung zeigt. Dies alles war in seinem Fall gege­ ben. Er wurde z. B. in seinem körperlich beeinträchtigten Zustand nicht in eine psy­ chiatrische Klinik gebracht, sondern von Menschen, die ihn in einem tiefen spiritu­ ellen Wandlungsprozeß begriffen, versorgt. Vertraut man sich diesem Prozeß an, so wird erfahrbar, daß an der Grenze zwi­ schen Leben und Tod keine Vernichtung des Lebens geschieht, sondern der Lebensprozeß weitergeht und dies auch wahrgenommen werden kann, so daß der Tod vielmehr als eine Gestalt der Lebens-Veränderung erscheint, in der bisher gülti­ ge Strukturen der Psyche, aber nicht das Leben aufgelöst werden. Diesen Prozeß der Lebens-Veränderung hin zur Begegnung mit dem SELBST hat L. Frambach in sei­ nem Buch „Identität und Befreiung“ untersucht (Frambach, 1993). Er hat dabei gezeigt, daß dieser Befreiungsprozeß einen immanenten Verlauf hat und sowohl für den spirituellen Befreiungsprozeß, von dem die Mystiker berichten, als auch für den psychotherapeutischen Befreiungsprozeß von neurotischer Fixierung gilt, wie er in der Gestalttherapie von Perls beschrieben wurde. In einer sich spirituell entwickelnden Persönlichkeit werden also die ängstlichen Kontraktionen im Ego-Prozeß zunehmend aufgelöst und das Loslassen wird immer mehr zu einer selbst-verständlichen psychischen Funktion. Damit wechselt der Identifikationsfocus der Person hin zum Selbst. Würde man die Wahrnehmungs­ funktionen nun weiterhin als Ichfunktionen beschreiben, so stünden diese nunmehr in inniger Verbindung mit den spirituellen Schichten der Psyche.

Der Grenzprozeß als offene Gestalt
Menschen, die mit ängstlicheren inneren Voraussetzungen als Maharshi an diese existentielle Grenze stoßen - und das sind die meisten von uns -, können diesen Prozeß nicht wie er zu einer geschlossenen Gestalt werden lassen, sondern bleiben irgendwo in diesem Prozeß stecken. Das Steckenbleiben in einem Prozeß an dieser existentiellen Grenze kann uns kli­ nisch als Psychose erscheinen und entspräche in seiner Symptomatik den angstbe­ dingten Alpträumen eines sich der Auflösung, dem Loslassen widersetzenden EgoProzesses, der (noch) seine Identität in seinen Kontraktionen erlebt. J. Perry, ein jungianischer Psychotherapeut und Begründer von Diabasis, einer Einrichtung zur nonpharmakologischen Begleitung akut Psychoseerkrankter, hat in seiner Arbeit gezeigt, daß diese immanente Verlaufsgestalt bei steckengebliebenen 67

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Grenzprozessen immer noch erkennbar bleibt und daß mit entsprechender Unterstützung der Transformationsprozeß zur Vollendung begleitet werden kann. Dabei werden die Patienten natürlich nicht automatisch zu Mystikern und Heiligen, aber sie haben die Erfahrungsmöglichkeit, einen Transformationsprozeß zu durchleben und als sinnvolle Gestalt in ihrem Leben zu integrieren, und das ist eine spirituelle Erfahrung (Perry, 1990). V. Aderhold hat sich in seiner Dissertation ausgiebig mit dem Thema „Die akute Schizophrenie als Prozeß der Selbst-Gestaltung“ (Aderhold, 1994) beschäftigt und ebenfalls herausgearbeitet, daß der Psychotische Prozeß in vielen Fällen diese imma­ nente Verlaufsgestalt besitzt und daher mit entsprechender therapeutischer Begleitung zum Abschluß gebracht werden kann (ebd. S. 162 ff). Insbesondere wird durch Aderholds Arbeit die Gefahr der Chronifizierung durch Neuroleptika deut­ lich, da durch diese das Steckenbleiben zur Behandlung erhoben werden kann, wenn der Prozeß nicht verstanden wird. Gleichzeitig arbeitet Aderhold heraus, daß non­ pharmakologische Begleitung in entsprechenden differentialdiagnostisch geklärten Fällen indiziert ist: „Es scheint eine große Gruppe schizophrener Menschen zu geben, die die biologischen, physiologischen, psychologischen und sozialen Voraussetzungen mitbringen, um ohne neuroleptische Behandlung in einem ange­ messenen psychosozialen Milieu aus einem akut schizophrenen Prozeß wieder in einen normalen Wachbewußtseinszustand in relativ kurzer Zeit zurückzukehren (ebd. S. 65).“

Praxisbeispiele
Ich möchte nun in diesem Zusammenhang von Klienten sprechen, die von psy­ chotischen Episoden betroffen waren, mit denen ich lange genug in der Praxis gear­ beitet habe, um die inneren Zusammenhänge zu begreifen, und für die zutrifft, psy­ chische Traumatisierungen verarbeiten zu müssen, die sie an diese existentielle Grenze geführt hatten. Die Bedrohungen der eigenen Existenz waren durch körperliche Gewalt und sexuelle Übergriffe geschehen oder sind andere Katastrophen im Leben des Kindes, wie im nachfolgenden Beispiel. Wobei ausschlaggebend ist, daß für das Kind keine bergende, haltende Haltung in der Verarbeitung des Traumas zugegen war. Dann kann anscheinend lange Zeit noch eine Verleugnung aufrechterhalten werden, bis irgendein Auslöser an diese psychische Wunde erinnert und der psychotische Zusammenbruch erfolgen kann. Auf diese Weise wird im Grof’schen Sinne ein COEX-System (system of conden­ sed experience, Grof, 1983b, 1985,1987) aktiv, und Erfahrungen aus den verschiede­ nen Ebenen des COEX-Systems drängen ins Bewußtsein. COEX-Systeme sind Erfahrungsmuster, „deren gemeinsamer Nenner eine starke emotionale Besetzung von der gleichen Qualität, eine intensive Körperempfindung der gleichen Art oder irgendein anderes wichtiges Element ist“ (Grof 1987, S. 22). Die COEX-Systeme enthalten Erinnerungen aus unterschiedlichen Lebensabschnitten, und „die meisten biographischen COEX-Systeme sind mit bestimmten Aspekten des Geburtspro­ zesses dynamisch verbunden (ebd.).“
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Enthält nun ein solches Muster - man könnte auch „Gestalt“ dazu sagen - ein exi­ stentiell bedeutendes Thema, dann ist es eben deshalb mit den perinatalen Grundmatrizen verknüpft. Irgendein Ereignis im Hier und Jetzt, dessen Charakter für den Betroffenen assoziativ mit einer psychischen Grenzsituation verknüpft ist, kann also nach diesem Modell die perinatalen Grundmatrizen aktivieren. Die peri­ natalen Matrizen ihrerseits sind in diesem Modell wiederum assoziativ mit Mustern aus dem transpersonalen Bereich verbunden. Hierdurch erklärt Grof eine Vielzahl möglicher psychotischer Phänomene (Grof 1985, S. 290 ff. und 328 ff.).

Fallbeispiel I Im nachfolgendem Fallbeispiel geht es um eine jetzt 52jährige Klientin, deren Mutter und Bruder ebenfalls an Schizophrenie litten bzw. noch leiden, weshalb ihr Selbstverständnis sehr dem schulmedizinischen Modell, das ja in solch einem Fall den Vererbungsaspekt herauskehrt, gefolgt war. Sie glaubte zu Beginn unserer thera­ peutischen Arbeit, daß die Krankheit vererbt sei, daß sie also eine Behinderung habe und lernen müsse, möglichst mit der Krankheit zu leben. Bald am Anfang der Behandlung schilderte sie folgendes: Die Mutter habe sich suicidiert und das im unmittelbaren Zusammenhang mit einer frechen Bemerkung ihrerseits, als sie 10 Jahre alt war. Sie sei in der Küche an ihren Schulaufgaben gesessen, als die Mutter, die zu diesem Zeitpunkt psychotisch, wahnhaft war, hereingekommen sei und sie gestört habe. Daraufhin habe sie zur Mutter gesagt: „Hau endlich ab!“ Die Mutter sei verschwunden, und als sie selbst nach einer Weile nach draußen wollte und der Mutter Bescheid sagen wollte, konn­ te sie diese zunächst nicht finden, bemerkte dann aber die ungewöhnlicherweise offenstehende Schlafzimmertüre und fand dort die erhängte Mutter. Die Klientin konnte sich nicht mehr an das Bild der erhängten Mutter erinnern. Nur noch die Szene in der Küche und ihr Weg bis zur Schlafzimmertüre waren in ihrem Gedächtnis. Die Szenerie danach war vage, als sie, um Hilfe zu holen, eine ganze Strecke durchs Dorf rennen mußte und eine Verwandte benachrichtigte. Niemand hat sich im Gefolge um sie gekümmert, geschweige denn dieses Ereignis als ein Trauma für die Psyche eines 10jährigen Kindes begriffen. Sie hatte seit dieser Zeit Schuldgefühle, daß sie durch ihre Bemerkung den Tod der Mutter verursacht habe. Diese Schuldgefühle bestanden zu Beginn der Behandlung massiv, und sie war zunächst ganz abwehrend, als ich diese in Frage stellte. Nach der Kenntnis der für das Kind traumatischen Suicidszene bewertete ich die Situation als eine Katastrophe im Leben des Kindes, das keinen Halt und Trost gefunden hatte. Entsprechend fanden sich auslösende Situationen, wenn die Klientin von der Ich-Funktion, entschlossen „nein“ zu sagen (Dreitzel, 1995), Gebrauch hätte machen müssen bzw. wenn solche Situationen angehäuft wor­ den waren. Dann berührten die in der aktuellen Situation ausgelösten Schuld­ gefühle das innere Katastrophengebiet, die unabgeschlossene Gestalt. Ich arbeitete mit der Klientin einmal pro Woche eine Einzelstunde gestalttherapeutisch aufdeckende und integrierende Arbeit. Ziel war es, ein Mitgefühl, eine haltende ber­ gende Haltung für das 10jährige Kind zu entwickeln und es aus der Schuldvor­ stellung zu befreien. 69

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Dies also als Beispiel für eine Katastrophe existentiellen Ausmaßes, in der es der kindlichen Psyche nicht gelang, die durch das Trauma erzeugten Affekte loszulas­ sen, weil Verständnis, Halt und Trost fehlten, sondern eine Fixierung an das Schuld­ gefühl und darüber an den Wahnsinn (der Mutter) erfolgte. Nach etwa einem Jahr, als wir uns schon beinahe sicher wähnten, ergab sich durch eine berufliche Konfliktsituation erneut die auslösende Konstellation, und der Eintritt in die Psychose geschah sozusagen vor meinen Augen. Das Schuldgefühl war wieder da und riesengroß: „Ich habe sie (die Mutter) umgebracht. Jetzt bin ich ganz sicher.“ Ich konnte die Patientin regelmäßig während der nun ca. 10 Tage dau­ ernden psychotischen Episode sehen und in den Therapiestunden kleine „Inseln der Klarheit“ (Podvoll, 1994) mit ihr erleben. Ich unterstützte ihr „grounding“, wider­ sprach freundlich penetrant den Schuldgefühlen und nährte, so gut ich konnte den Zweifel an der wahnhaften Schuldverstrickung. Sie war in der Psychose nicht selbstoder fremdgefährdet, nahm lediglich 3 Tage lang Neuroleptika, um die Familie zu entlasten, die für sie sorgte, befand aber, daß sie besser ohne Neuroleptika aus der Psychose herausfinden würde, was dann auch geschah. Erst im darauffolgenden zweiten Therapiejahr konnte dann an Hand von Träumen die Integration der haltenden, bergenden Haltung verifiziert werden, deren Erarbeitung wesentlich in der Wiederherstellung der Ich-Funktion, entschlossen „nein“ zu sagen, bestand (Dreitzel, 1995, S 26). Die Therapie wurde nach 2 Jahren gemeinsamer Arbeit in gegenseitiger Übereinstimmung vorläufig beendet, mit dem von der Patientin gewonnen Eindruck der Integration. Der weitere Verlauf muß dies noch bestätigen.

Veränderung der Wahrnehmungsmodalitäten
Wird durch die Aktivierung eines COEX-Systems ein Wahrnehmungsbereich vor dem dritten Lebensjahr aktiv, und dies ist bei einer existentiellen Traumatisierung immer der Fall, so desintegrieren die Wahrnehmungsmodalitäten hylotrop (norma­ ler Alltagswahrnehmungsmodus, auf das Teil gerichtet, analytisch, Raum und Zeit linear erfahrend) und holotrop in dem Maße, wie dieser frühe Wahrnehmungsbereich das Alltagsbewußtsein überflutet. Die Wahrnehmungsmodalitäten hylotrop/holotrop können sich offensichtlich gegenseitig durchdringen oder auch die jeweils andere vorübergehend dominieren bzw. miteinander in Konflikt geraten. Überwiegt die holotrope Wahrnehmungsmodalität auf Grund starker Aktivierung unabgeschlossener Gestalten aus den frühen biographischen und perinatalen Erinnerungen, so erfordert dies eine bestimmte gesicherte Verankerung in Raum und Zeit. Die holotrope Wahrnehmung ist nicht geeignet für die Alltagswelt. Die holotrope Wahrnehmung ist der Wahrnehmung im Traum vergleichbar und löst die normalerweise gültigen Wahrnehmungsgrenzen auf. Die holotrope Wahrnehmung kann unsere Sinne von innen her überlagern. Dann sehen wir unseren individuellen eigenen Film. Wir sind von Sinnen dergestalt, daß die kollektive Übereinstimmung der Interpretation von Sinnesdaten verlassen wird und andere Interpretations­ möglichkeiten entstehen. Affekte können wie im Traum unmittelbar szenarisch erlebt werden. In diesem Erleben ist die Identifikation mit einem grenzenlosen Bewußtseinsfeld gegeben; es gibt echte Alternativen zum dreidimensionalen Raum 70

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und zum linearen Ablauf der Zeit, zeitliche Abläufe werden psychisch erlebt, was zur Folge haben kann, daß z. B. eine Sekunde sehr lange dauern kann. Die Festigkeit und Diskontinuität von Materie ist Illusion; derselbe Raum kann von verschiedenen Objekten eingenommen werden (Grof 1985, 328-331). Somit könnte verstanden werden, daß eine Fixierung in einem COEX-System einen chronischen Alptraum hervorbringt, in dem eine holotrope Wahrnehmung überaktiv ist, die Angst und Schrecken sozusagen „traumhaft“ übersetzt, anders gesagt: So wie eine nichtversorgte Physische Wunde sich entzünden und eitern kann, so kann eine existentielle psychische Wunde alpträumen. Diese Alpträume, welche die Alltagswahrnehmung (hylotrope Wahrnehmung) mehr oder weniger überlagern können, sind - so gesehen - also sich wiederholende Reinigungsversuche des betrof­ fenen Organismus, der versucht, den psychischen Müll loszuwerden, um eine Erfahrung in sich loszulassen. Klinisch mag uns das dann als Halluzination, Paranoia o. ä. erscheinen.

Fallbeispiel II Die Klientin ist jetzt 35 Jahre alt. Sie leidet unter enormen Zwängen, die einen wesentlichen Teil ihres Tagesablaufes bestimmen und von der inneren Erfahrung voller Schmutz zu sein, geprägt sind. Im sechsten Schwangerschaftsmonat der Mutter habe es einen Zwischenfall mit erheblichem Fruchtwasserverlust gegeben. Dieses Ereignis war der Klientin zwar immer schon bekannt, sie erinnerte es jedoch in einer geleiteten Phantasie-Sitzung als bedrohliches intrauterines Ereignis wieder, und konnte es durch Nachfragen bei der Mutter bestätigt erhalten, wobei die Angaben der Mutter eher bagatellisierend gewesen seien. Die Mutter habe mit der Sauberkeitserziehung im vierten (!!) Monat begonnen und diese sei bald nach der Geburt der ein Jahr jüngeren Schwester abge­ schlossen worden. Insbesondere die Haltung der Mutter sei ihr gegenüber kontrol­ lierend gewesen. Ordnung und Sauberkeit seien für die Mutter sehr wichtig. Sie habe sich als Kleinkind eher lästig und irgendwie falsch gefühlt. Das später alles überla­ gernde Schuldgefühl, so meint sic, „sei schon sehr früh“ - also vor dem Trauma (s.w.u.) - „dagewesen.“ Das überschattende Ereignis ihrer Kindheit, welches die Klientin bruchstückhaft und verzerrt erinnert, ereignete sich, als sie 4 Jahre alt war: Ein Landarbeiter, der in der elterlichen Landwirtschaft arbeitete, vergewaltigte das Kind an mehreren Tagen, mindestens aber zweimal. Sie weiß nicht mehr wie häufig, ist sich aber sicher, daß es sich wiederholt hat, weil sie beim zweiten Mal zu ihm gesagt habe, er solle „ihr Kleid nicht schmutzig machen.“ Sie erinnert deutlich die Berührung des Penis des Erwachsenen an ihrem kindlichen Genitale. Sie muß dann ins Wohnhaus zurückgekehrt sein, ohne von den Eltern bemerkt worden zu sein. Vermutlich geschah dies um die Mittagszeit, und die Eltern hielten Mittagsruhe, die von den Kindern als „heilig“ respektiert werden mußte. Das Kind blieb nach dem Trauma sich selbst überlassen! Im Alter von 12 Jahren habe sie anläßlich ihrer Menarche all ihren Mut zusam­ mengenommen und eines Tages der Mutter erzählt, was passiert sei, denn sie habe
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befürchtet, daß der Samen des Mannes noch in ihr sein könne und sie schwanger werden könne. Die Situation war sozusagen zwischen Tür und Angel, da die Mutter gerade im Aufbruch war. Die Schwester, zu diesem Zeitpunkt also 11 Jahre alt, kom­ mentierte: „Vielleicht hat es Dir ja Spaß gemacht?“ Die Mutter ging, unter Zeitdruck stehend, nicht weiter auf das Kind ein, sondern stellte lediglich einige Fragen: „Warum bist Du nicht weggegangen? Warum hast Du Dich nicht gewehrt? Hat er Dich festgehalten?“, wodurch das Kind aber in seiner Mitteilung unterbrochen wur­ de und sich wieder verschloß. Allerdings fragte die Mutter am nächsten und an den folgenden Tagen nicht weiter nach! Die Klientin blieb außer mit einer ihr eigenen Nervosität und Schreckhaftigkeit klinisch unauffällig, bis sie eine tiefe Liebesbeziehung zu einem Mann erlebte. In der Intimität und Nähe dieser Beziehung brach das Trauma auf, und die Zwänge began­ nen sich zu bilden. Für das Verständnis des vorliegenden Zwangs-Syndroms sind das oben geschil­ derte Trauma und der familiäre Umgang damit grundlegend. Das Trauma selbst ist für die zu diesem Zeitpunkt vorhandene kindliche Identität zerstörend. Die kindli­ che Psyche fragmentierte in dieser Situation und verlor damit ein einheitliches „Ich“. Der fixierte posttraumatische Zustand ist ein regressiver Zustand vor der vollende­ ten Ich-Entwicklung und enthält entsprechend Desintegration zwischen hylotroper und holotroper Wahrnehmung. Sie kann die einzelnen Fragmente, die in und nach diesem existentiellen Trauma entstanden sind, wie folgt benennen: Es gibt ein weißes oder helles Kind und ein dunkles Kind. Das helle Kind erscheint manchmal in noch mehrere Fragmente unterteilt. Dieses Kind hat den Ort des Traumas verlassen, aller­ dings unter Mitnahme der Erfahrung, verschmutzt zu sein,und sich psychisch unter Verzicht der von dem dunklen Kind besetzten Funktionen weiterentwickelt. Dieser helle Teil stellt ihre Funktionsfähigkeit als erwachsener Mensch dar, soweit dies möglich ist. Das dunkle Kind hat den Ort des Geschehens nicht verlassen. In ihm sind noch alle Affekte des Traumas lebendig, und es ist mit der Energie des Täters „kontaminiert“. Dies erklärt das Erleben des Durchdrungen-Seins von Schmutz. Schmutz war das Schlimmste, was das Kind in den Augen der Mutter an sich haben konnte. Und das, was dem Kind jetzt passiert war und in sein Inneres eingedrungen war, war das Schlimmste, was es je erlebt hatte. Es mußte also Schmutz gewesen sein, und dieser konnte von nun an immer und jederzeit in sie eindringen. Diese kindliche Rationalisierung bildete von jenem Ereignis an die Grundlage für alle Alptraumszenarien. Sie erlebt diese holotropen Wahrnehmungsphänomene aus dem wirksamen COEX-System z. B. in ihrer Wohnung, wenn sie zwischen sich und den Gegenständen keine Grenze mehr empfindet; außerdem in der panischen Angst vor Berührung durch Hundehaare, wobei auch hier die Grenze unklar erlebt wird und ein in die Nähe kommender Hund dies schon auslösen kann. Die existentielle Dimension der Schuld und der Angst sind ebenfalls Erlebnisqualitäten, die aus dem wirksamen COEX-System stammen. Im Sinne von Grof ist hier ein COEX-System aktiv, welches ein schweres körperliches und seelisches Trauma mit einem intraute­ rinen Trauma verknüpft und die dortigen holotropen Wahrnehmungsphänomene einer negativen perinatalen Matrix I (bzw. perinatalen Matrix II, da ein drohender Abort wie eine beginnende Geburt wirken kann) hervorruft. Dies würde die exi­ stentielle Dimension der vorhandenen Schuldgefühle (Grof, 1985, S. 109 ff., S. 291) 72

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zusätzlich erklären, welche in dem Gedanken zusammengefaßt sind: „Wäre ich bei dieser Schwangerschaftskrise gestorben, dann hätte ich dieses Trauma auch nicht herbeiführen können. Nur weil ich überleben wollte, bin ich in dieses Trauma gera­ ten. Alleine, daß ich leben wollte, ist schon Schuld.“ Es ist, als ob der dunkle Teil ihrer selbst aus dieser psychischen Wunde heraus mehr oder weniger fortwährend alpträumt. Die Zwänge erfüllen somit mehrere Funktionen: - Sie sind eine extreme Variante der mütterlichen Reinlichkeitserziehung. - Sie dienen der Aufrechterhaltung der Isolation, damit der Verleugnung der unabdingbaren Hilfsbedürftigkeit des Kindes und - gleichzeitig der Herstellung des Erlebens, durch endlose Wiederholungen doch alleine die Wahrnehmung von Grenzen erzeugen zu können . D. h. m. E. bilden die Zwänge eine Homöostase zwischen einem drohenden psy­ chotischen Zusammenbruch und der rituellen Erzeugung von Ich-Grenzen. Diese soeben erzeugten Grenzen werden aber durch die immense Todes-Angst immer wieder schnell zerstört. Der Anfang der Therapie diente beharrlich der Fokussierung des Traumas im frühen Kindesalter und der Bearbeitung der Verleugnung. Parallel hierzu wurde Kontakt zu einer erfahrenen Therapeutin aufgenommen, die dann dazukam. Vorbereitet und auch durchgeführt unter Durchschreiten sehr großer Angst und beginnender Affektlösung seitens der Klientin wurden dann symbolisch-rituelle Waschungen der „kontaminierten“ Hände durch die Therapeutin. Schließlich wur­ den die Hände gewaschen und eingecremt als symbolische, stellvertretende, trösten­ de Handlung, die eigentlich der gesamte Organismus brauchte. Dadurch lernt die Klientin, das familiäre Muster, alleine mit dem Trauma zurechtkommen zu müssen, loszulassen, und kann die im Trauma gestauten Affekte loslassen.

Die zu erweiternde Persönlichkeitsfunktion an der Existenzgrenze
Wie dieses Beispiel zeigt, ist es von Bedeutung, ob der Mensch eine Fähigkeit in sich oder in seiner Umgebung vorfindet, mit der existentiellen Herausforderung umzugehen. Gäbe es diese innere Fähigkeit, so wäre dieses Trauma vom betroffenen Organismus aushaltbar, sozusagen verdaubar. Hat der betroffene Organismus diese Haltung schon in sich, so besitzt er bezüglich der Herausforderung eine Inte­ grationsfähigkeit. Falls nicht, ist die Herausforderung an die Umgebung gestellt, diese bergende, haltende Haltung anzubieten und zu vermitteln, d. h. einen Kontakt zu finden, der die Betroffenen dort abholt, wo sie sind, und deren beeinträchtigte Persönlichkeitsfunktion dadurch zu heilen, daß diese Kontaktmöglichkeit selbstver­ ständlich wird. Das Problem hier ist, daß bezüglich dieser existentiellen Heraus­ forderung (von psychotischen Phänomenen) die Persönlichkeitsfunktion im gesam­ ten Kollektiv noch nicht funktionsfähig ist, solange die zugrunde liegenden Gestalten ausgegrenzt bleiben und die psychischen Verletzungen in diesen existenti­ ellen Prozessen noch nicht selbstverständlich genug erkannt und ausgehalten wer­ den. Solange dies der Fall ist, besteht eine unheilvolle Konfluenz zwischen der Persönlichkeitsfunktion der Betroffenen und der Persönlichkeitsfunktion ihrer potentiellen Behandler. Diese Konfluenz rührt auf beiden Seiten aus der noch nicht 73

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vorhanden Integrationsfähigkeit von Prozessen an der Existenzgrenze, schlicht gesagt, aus der Angst vor dem Tod. Die potentiellen BehandlerInnen müßten dem­ nach eine Persönlichkeitsfunktion entwickeln und diese im Kollektiv verankern, welche in der Lage ist, dieser existentiellen Herausforderung standzuhalten.

Aus der Sicht der Gestalttherapie birgt der gelungene Kontakt Heilungspotential
Grof hat in seiner Arbeit immer wieder darauf hingewiesen, daß diese existentiel­ len Erfahrungen großes Heilungspotential besitzen, weil in diesen Dimensionen der Psyche die Berührungsfläche zwischen biographischen individuellen Erfahrungs­ mustern und kollektiven spirituellen Erfahrungsmöglichkeiten besteht. Da psycho­ tische Prozesse diese Erfahrungsmöglichkeit beinhalten, besitzen sie auch prinzipiell dieses Transformationspotential (Grof, 1985, S. 279 ff.). Die oben zitierten Kartographien der psychischen Landschaft an dieser Existenzgrenze geben den Therapeutinnen Orientierung und Selbstsicherheit, wenn er/sie gelernt hat, sich dort zurechtzufinden. So kann z.B. mit der Hilfe des Grof’schen Verstehens eine coenästetische Mißempfindung, wie das Hören von Geräuschen im Kopf oder ein Verschiebeempfinden im Kopfbereich, auf der Ebene einer perinatalen Matrix interpretiert werden. Was also als psychotisches Phänomen anmutet, ist auf der regressiven Ebene ein gültiges, sinnvolles Erfahrungsphänomen. Das bedeutet in diesem Beispiel, daß der Therapeut eine Kontakterfahrung zu gestalten hätte, die diese perinatale Ebene erfahrbar macht. Im Erleben eines gelungen Kontaktes erscheint eine jeweilige Erfahrung kontext­ bezogen und dadurch plausibel. Das heißt, in einem gelungenen Kontakt erleben beide eine gemeinsame Erfahrung, von der jeder ein nichtwegzudenkender Teil ist. „Für den Gestalt-Werde-Prozeß der psychotischen Erfahrung gelten meiner Meinung nach die gleichen Prinzipien wie für den Individuationsprozeß im Sinne Jungs: er vollzieht sich nicht allein, sondern erst im mitmenschlichen Vollzug, am Gegenüber. Die psychische Gestalt kann sich erst vollständig im erkennenden Blick des anderen ausbilden. Selbsterkennen bedarf des Erkanntwerdens“ (Aderholt, 1994, S. 181). Dies ist ohne Liebe, ohne Annehmen, nicht vorstellbar. Damit ist ebenfalls der Wertebereich in der Persönlichkeit gemeint, den Maslow beschreibt, wenn er von der Fähigkeit eines reifen Ich zur Transzendenz spricht (Maslow, 1984 und Globe, 1979). Der in der Gestalttherapie beschriebene Kontaktprozeß zeigt, wie im Moment eines gelungenen Kontaktes das SELBST erfahren wird (Perls, 1979, Dreitzel, 1992). Diese SELBST-Erfahrung ist die heilende integrative Qualität des Kontaktes, der in der prozeßorientierten Gestalt-Psychotherapie angestrebt wird, denn die Idee des vollen Kontaktes beinhaltet die Vorstellung von Hingabe und damit von Liebe, und die Übung von Gewahrsein ist eine Desidentifikationsübung vom Denkprozeß und ähnelt den Meditations- und Kontemplationsübungen, die in den spirituellen Schulungen angewendet werden, um das SELBST zu gewahren. Die grundlegende Methode ist also sowohl in der Gestalttherapie als auch in der spirituellen Schulung z. B. Maharshis das Üben von Gewahrsein, um das SELBST zu erfahren (Maharshi, 74

Transpersonale Aspekte der Gestalttherapie in der Psychosetherapie

1993). Ich erlaube mir hieraus den Schluß zu ziehen, daß es sich insofern um einen sehr ähnlichen SELBSTbegriff handeln muß. Bei vollem Gewahrsein gibt es keinen Denkprozeß und damit keinen angstvoll kontrahierten Egoprozeß. Gewahrsein ist eine Schnittstelle zwischen dem von der Gestalttherapie beschriebenen Kontakt­ prozeß und den der Psyche innewohnenden spirituellen Dimensionen. In der Gestalttherapie wird also durch die Kontakterfahrung das Annehmen und Loslassen des angstvoll kontrahierten Ego-Prozesses von Kontakt zu Kontakt immer wieder gelernt, indem immer wieder Gewahrsein geübt wird, und damit wird das Erlernen des Annehmens und Loslassens zur Persönlichkeitsfunktion. Ist diese Funktion verfügbar, so besteht eine zunehmend dauerhafte Verbindung des Wachbewußtseins oder Ichbewußtseins zum SELBST. Der Identifikationsfocus ver­ schiebt sich zum SELBST. Wie ein geworfener Kieselstein über die Wasseroberfläche schnellt, um beim Wiedereintauchen jedesmal ein wenig länger im Wasser zu ver­ weilen, um schließlich auf dessen Grund zu sinken, so können wir in jedem gelun­ genen Kontakt, in jedem spontanen unmittelbaren Tun, in jedem Moment, in dem wir ganz in Gewahrsein eintauchen, unser SELBST in seiner Ganzheit aufblitzend erfahren. In dieser Idee des Selbst im Kontaktprozeß ist die Auflösung von Grenzen und die Verbindung mit dem Objekt des Kontaktes zu einer neuen Einheit enthalten. Im vollen Kontakt wird durch die Berührung von Subjekt und Objekt, von Ich und Du, die Einheit Wir, also eine transpersonale Wahrnehmung, eine neue Form, die nach und nach durch immer weitere Assimilation von Grenzen die Verbundenheit zum ganzen SEIN hervortreten läßt. Das Selbst ist die Kontaktgrenze, ist das System der Kontakte, so die Gestaltterminologie (Perls, 1979). Im Gewahrsein des SELBST löst sich die Grenze zwischen Individuum und Umwelt auf, weil sie aus der Perspektive des SELBST nie dawar (Maharshi, 1993) während sie aus der Perspektive des Egoprozesses nach vollendetem Kontakt wieder auftaucht. Die Wahrnehmung der Kontaktgrenze ist eine Ichfunktion, keine Funktion des SELBST. In der SELBST-wahrnehmung wird also ein Aspekt der spirituellen Wirklichkeit geschaut, in der es keine Objektgrenzen gibt. Die Gestalttherapie benutzt Gewahrsein, kehrt aber wieder zur Ichperspektive zurück, während in der spirituellen Perspektive die Wirklichkeit aus der Perspektive des SELBST weiterhin geschaut wird. Das Kontaktmodell der Gestalttherapie ist daher eine Beschreibung der Verlagerung des Identifikationsfocus vom Ich zum SELBST zurück zum Ich. Entsprechend verschwindet in der Gestalttherapietheorie das Selbst aus der Wahrnehmung nach dem gelungen vollen Kontakt (Perls, 1979). In der spirituellen Perspektive verschwindet das SELBST nie (Maharshi, 1993), son­ dern ist das SEIN. Gewahrsein ist demnach keine Ichfunktion, sondern der Erkenntnismodus (Ellen, 1994) des SELBST. Reines Gewahrsein ist das SELBST, ist das SEIN. Reines Gewahrsein und SELBST sind also synonym (ebd.). Hier ist die Begegnung des gestaltpsychotherapeutischen Selbstbegriffes mit dem spirituellen Begriff vom SELBST.' In diesem spirituellen Verständnis ist das SELBST identisch mit dem SEIN/GOTT, und DIESER ist das EINS OHNE EIN ZWEITES (Wilber, 1988). 75

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Alles, was vom SELBST durchdrungen ist, wird in diesem Verständnis ganz, heil und immer wirklicher. Heilung entsteht dadurch, daß Gewahrsein für das SELBST erlernt wird, was durch jeden gelungenen Kontakt geschieht. Gewahrsein, Annehmen und Loslassen sind demnach die Grundelemente eines transpersonalen Bewußtseins aus der Perspektive der Gestalttherapie und unerläßliche Persönlichkeitsfunktionen für die Arbeit in den hier beschriebenen Grenzbereichen. „Ein solches Gefäß zu sein, ein solcher Container, der auch die energetische Dynamik spiritueller Krisen oder psychotischer Erlebnisse halten, tra­ gen, austragen kann, erfordert ein transpersonales Bewußtsein.“ „Spirituelle Krisen, Psychosen, schwere Traumatisierungen sexueller oder gewalttätiger Natur sind nicht persönlich aushaltbar. Ihre Kraft zerstört die persönliche Identität. Hier kann nur existentielle Anwesenheit, liebevolle Präsenz, die Verankerung im Seinsgrund einen Raum für Heilung eröffnen. In jeder anderen nicht-spirituellen Perspektive könnten wir als Therapeuten den heftigen Stürmen der Übertragungen und unserer eigenen Gegenübertragung kaum etwas entgegensetzen und wären nicht in der Lage, ihre Qualitäten fruchtbar zu machen (Galuska,1996, S. 29).“ Ob ein kritisch verändertes Bewußtsein als psychotischer Prozeß verläuft oder ob dieses kritisch veränderte Bewußtsein als bestimmte qualitative Gestalt in Erschei­ nung treten kann, ergibt sich also aus Voraussetzungen, die nunmehr im Einzelfall durch Einfühlung verstanden werden können. Als Voraussetzungen lassen sich beschreiben: - die Integrationsfähigkeit der Person hier und jetzt, - die Rahmenbedingungen (kollektive Wertvorstellungen), in denen die kritische Bewußtseinsveränderung erlebt wird, - die Wertvorstellungen jenes Gegenüber, auf die der/die (Psychose)-Betroffene im Kontakt trifft. Bei einem adäquaten Verhältnis von persönlichen Voraussetzungen des Betrof­ fenen und Verständnismöglichkeiten der Behandler kann aus einer psychotischen Erfahrung eine vom Betroffenen erkennbare, bisherige Grenzen transformierende Erfahrung werden. Im Hier und Jetzt eines gelungenen Kontaktes kann demnach kein Wahnsinn exi­ stieren.

Transpersonal aspects of Gestalttherapy in the treatment of psychoses Summary: the following article attempts to describe the interrelationship between Gestalttherapy and spiritual concepts, particular)' those of R. Maharshi. The personality function which is necessary to help people in an existential psychic crisis as psychosis is analysed in the discussion of this relationship. Key words: psychosis, gestalt therapy, transpersonal consciousness, contact, personality function.

Literatur Aderhold, V. (1994): Die akute Schizophrenie als Prozeß der Selbstgestaltung, Köln. Cornelsen, L. (1985): Ramana Maharshi und die Suche nach dem Selbst, Interlaken. Cohen, S. (1992): Von der Illusion zur Wirklichkeit, Interlaken. Dittrich, A., Hofmann, A. und Leuner, H. (1994): Welten des Bewußtseins, Berlin.

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Transpersonate Aspekte der Gestalttherapie in der Psychosetherapie

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Kurt Gemsemer Eisenacher Straße 43 10823 Berlin

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Transpersonale Psychologie und Psychotherapie
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Achtsamkeit im Umgang mit Konflikten: ein Weg zur Bewußtseinsentwicklung
Thomas Jordan, Wermelskirchen

Zusammenfassung: Der vorliegende Text stellt einen konkreten, alltagsbezoge­ nen Weg der Bewußtseinsentwicklung durch die Arbeit mit persönlichen Konflikten vor. Es geht mir erstens darum darzustellen, in welcher Beziehung Bewußtseins­ entwicklung und Alltagskonflikte zueinanderstehen, und zweitens möchte ich prak­ tische Richtlinien anbieten, die aufzeigen, wie man persönliche Konflikte für die eigene Entwicklung nutzen kann. Ich unterscheide hier fünfzehn Dimensionen der Bewußtseinsentwicklung, denen zwei Eigenschaften gemeinsam sind: einerseits bringen sie wichtige Aspekte personaler und transpersonaler Entwicklung zum Ausdruck, andererseits werden die in ihnen beschriebenen Fähigkeiten in Konflikt­ situationen auf die Probe gestellt. Aufgrund dieser beiden Eigenschaften können die Dimensionen für die Formulierung von Richtpunkten für unser spirituelles Wachstum benutzt werden. Im Anschluß an die Beschreibung jeder einzelnen Dimension gebe ich praktische Hinweise zur weiteren Arbeit in Form von konkre­ ten „Warnsignalen“, Fragen zur Beantwortung und Übungsvorschlägen. Schlüsselworte: Bewußtseinsentwicklung, Konflikt, Spiritualität im Alltag, spiri­ tuelle Herausforderung, Übungen.

Die Leser dieser Zeitschrift sind sich vermutlich darüber einig, daß der Bewußtseinsentwicklung bei der Lösung der großen Aufgaben, denen sich die Weltgesellschaft gegenüber sieht, eine Schlüsselrolle zukommt. Die ausschließliche Identifikation des Bewußtseins mit einem separaten Ich gehört aus der Sicht der transpersonalen Psychologie zu den Hauptursachen für Konsumrausch, Umwelt­ zerstörung und gewaltsame Konflikte. Durch den Versuch der Ich-Transzendenz könnte das Individuum also einen wichtigen Beitrag auf dem Weg zu einer besseren Gesellschaft leisten. Aus dieser Perspektive gesehen, kommt der Frage nach Integration und Verankerung spiritueller Erfahrung im Alltagsleben eine immense Bedeutung zu. Transpersonale Erfahrungen, wie man sie bei Retreats, beim privaten Meditieren oder in spontanen Gipfelerlebnissen machen kann, führen nicht automa­ tisch dazu, daß sich unsere Beziehungen zu anderen Menschen, zu Ehepartnern und Arbeitskollegen grundlegend ändern. Wenn von der transpersonalen Bewegung wichtige Impulse für eine Erneuerung der Gesellschaft ausgehen sollen, müssen wir 78

Achtsamkeit im Umgang mit Konflikten: ein Weg zur Bewußtseinsentwicklung

nachhaltige Möglichkeiten entwickeln, wie der Abstand zwischen den individuellen Erlebnissen von Ich-Transzendenz und unserer sozialen Wirklichkeit verringert werden kann. In diesem Beitrag soll eine Methode zur Verankerung von Spiritualität im Alltagsleben skizziert werden, die davon ausgeht, daß Konflikte, die uns im Alltag begegnen, wertvolle Angebote zur Arbeit mit unserem Bewußtsein enthalten. Konflikte halten uns den Spiegel vor und fordern uns dadurch zur Weiter­ entwicklung heraus; dabei bieten sie einen Weg spirituellen Wachstums an, bei dem die Gefahr des Selbstbetrugs gering gehalten wird (vgl. Trungpa, 1973). Meine Überlegungen gehen von der Spektrumpsychologie Ken Wilbers aus (Wilber, 1980, 1981, 1995; Wilber, Engler, Brown, 1986). Wilbers Grundannahme lautet, daß die Bewußtseinsentwicklung mehrere charakteristische Stadien durch­ läuft, von präpersonalen über personale zu transpersonalen Bewußtseinsstrukturen. In den frühesten Stadien ist das Bewußtsein noch vollständig identifiziert mit den Trieben, Impulsen und magischen Wirklichkeitsvorstellungen des Körpers. Späte präpersonale Stadien und das frühe personale Stadium zeichnen sich durch eine star­ ke Abhängigkeit von den Normen und Rollenerwartungen des Kollektivs aus. Wenn sich das Individuum aus den kollektiven Mustern löst, tritt eine Identifikation des Bewußtseins mit einem separaten Ich ein. Im fortgeschrittenen personalen Stadium (existentielle Bewußtseinsstruktur) wird die Identifikation mit dem separaten Ich allmählich transzendiert, und das Bewußtsein beginnt, eine das Ich überschreitende Perspektive einzunehmen. In den transpersonalen Stadien schließlich wird die Illusion vom Bewußtsein als einem separaten und persönlichen Phänomen aufgege­ ben. Die meisten von uns sind hauptsächlich in einer der personalen Bewußt­ seinsstrukturen (mythisch-rational, mental-egoisch oder existentiell) beheimatet, auch wenn uns manchmal für kurze Augenblicke der Einblick in transpersonale Sphären vergönnt ist. Der liier von mir beschriebene Ansatz eignet sich vorrangig für diejenigen unter uns, denen der Gedanke an ein jenseits der separaten IchGrenzen verankertes Bewußtsein vertraut ist, die aber immer noch auf der Suche nach einem Weg dorthin sind. Zu den vor uns liegenden Aufgaben gehören: Die Befreiung von den kollektiven Normen, Rollen, Wertmaßstäben und Reaktionsweisen, an die wir gefesselt sind, indem wir eine authentische Indi­ vidualität entwickeln. Erst dann erhalten wir die Freiheit, unseren Weg bewußt zu wählen, anstatt nur passiv in Übereinstimmung mit stereotypen Verhal­ tensmustern zu reagieren. - Die Funktion des Zeugen in uns zu stärken, d. h., die Fälligkeit, unsere Gefühle, Gedanken und Wünsche von einer unabhängigen Position außerhalb beobach­ ten zu können, anstatt von ihnen bestimmt zu werden. - Das Gefühl, wer wir eigentlich sind, vom separaten Ich unabhängig zu machen und in unsere Identifikation immer größere Anteile der Schöpfung einzubezie­ hen (Dezentrierung). Dies beinhaltet auch die Befreiung vom Wunsch des Ichs nach Kontrolle über die Spontaneität unserer inneren Wirklichkeit und über die äußere Welt mit Hilfe festgelegter Interpretationsmuster und verschiedener Kontrollstrategien. Im bewußten Umgang mit Alltagskonflikten bieten sich uns gute Gelegenheiten, an diesen Aufgaben zu arbeiten. In Konflikten sind immer Themen enthalten (bewußt oder unbewußt), die für die beteiligten Parteien von großer Wichtigkeit 79

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sind. Deshalb wird in ihnen sehr viel psychische Energie mobilisiert, die in günsti­ gen Fällen konstruktiv für die Bewußtseinsentwicklung genutzt werden kann.1 Außerdem durchdringen Konflikte unsere Fassade und zwingen uns dazu, unsere existentielle Situation auf häufig sehr schmerzhafte Weise zu konfrontieren. In dem Maße, wie wir uns mit unseren Idealbildern identifiziert haben, holen Konflikte uns auf den Boden der Tatsachen zurück und führen uns an unsere menschlichen Grenzen. Aus der Entwicklungsperspektive betrachtet, gehört zu den vielleicht wichtigsten Eigenschaften von Konflikten, uns bewußt zu machen, was wirklich wesentlich für uns ist, worauf wir unter keinen Umständen verzichten können. Konflikte legen frei, was wir für das Herzstück unserer Identität halten, unsere Wünsche, Begierden und Ziele, die unsere Motivation ausmachen. In Konflikt­ situationen, wo es um Alles oder Nichts geht, wird uns vielleicht klar, wie stark wir uns mit einem separaten Ego identifiziert haben. Bei Konflikten geht es jedoch um mehr als das Zusammenbrechen unserer Fassade. Konflikte, die eine hohe Eskalationsstufe erreicht haben, können uns in unseren Grundfesten erschüttern, auch dann, wenn wir normalerweise in der existentiellen oder transpersonalen Bewußt­ seinsstruktur verankert sind. Dies kann sich als zeitweilige Regression in Form von primitiven Verhaltensweisen bemerkbar machen, die nicht in Übereinstimmung mit von uns anerkannten Wertmaßstäben stehen. Um deren Aufrechterhaltung zu ermöglichen, müssen wir erstens sensibel für Signale werden, die uns anzeigen, daß unser Verhalten von durch die Konflikteskalation freigesetzten Kräften beeinflußt wird, und zweitens versuchen, den regressiven Tendenzen zu widerstehen. Wenn wir in Streßsituationen Regressionstendenzen wirksam standhalten können, leisten wir damit einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung einer erleuchteten Gesellschaft. Eins der Ziele dieses Artikels besteht folglich darin, den Zusammenhang zwischen Bewußtseinsentwicklung und Alltagskonflikten darzustellen. Auf Grundlage der von mir verarbeiteten Literatur über Bewußtseinsentwicklung, Entwicklungs­ psychologie und Konfliktmanagement unterscheide ich fünfzehn Dimensionen von Bewußtseinsentwicklung.2 Diesen Dimensionen ist gemeinsam, daß sie wichtige Stufen für die Bewußtseinsentwicklung des Erwachsenenlebens markieren und gleichzeitig erwünschte Eigenschaften beschreiben, die sich in Konfliktsituationen nicht leicht aufrechterhalten lassen. Sie können daher benutzt werden, um Richt­ punkte in unserem Bemühen um Entwicklung zu formulieren. Konflikte haben die Wirkung eines Kraftfeldes, dem sich niemand, der in seine Nähe kommt, entziehen kann. Bewußte Wahrnehmung dessen, was in uns und um uns herum vorgeht, ist in solchen Situationen noch wichtiger als sonst, wenn man sich frei für einen Weg ent­ scheiden können möchte.

Fünfzehn Herausforderungen in Konflikten
Ich werde im folgenden jede einzelne der fünfzehn Dimensionen und ihre Bedeutung für das Anwachsen von Einsicht in die eigene Person beschreiben. Man muß bei der Auseinandersetzung mit diesen Dimensionen im Auge behalten, daß es bei stark eskalierten Konflikten (z.B. tiefgehenden Partnerschaftskrisen oder lebens­ bedrohlichen, kriegerischen Auseinandersetzungen) nahezu unmöglich ist, nicht in 80

Achtsamkeit im Umgang mit Konflikten: ein Weg zur Bewußtseinsentwicklung

die tobenden Gewalten der Konflikteskalation hineingezogen zu werden, und daß man das eigene Mißlingen nicht an diesen Dimensionen festmachen darf. Anstatt unangemessene Anforderungen an sich selbst zu stellen, sollte man sich bei den Übungen an überschaubare Konflikte halten. Wenn es gelingt, regressive Tendenzen bereits im Vorfeld zu identifizieren, sind die Chancen, Eigenschaften, die man bejaht, beizubehalten und eine ernste Eskalierung des Konflikts zu verhindern, größer. Bei wirklich schweren Konflikten ist bereits die Aufgabe, einfach nur zu beobachten, was mit einem selbst und anderen geschieht, ohne in den Prozeß einzu­ greifen, riesengroß.3 Die von mir hier diskutierten Aspekte der fünfzehn Dimensionen bewegen sich über mehrere Bewußtseinsstrukturen, angefangen bei der mythisch-rationalen bis hin zu transpersonalen Stufen. Ich habe versucht, bei der Beschreibung jeder Dimension so konkret wie möglich von Alltagserfahrungen auszugehen. Ich gebe jeweils „Warnsignale“ an und formuliere Fragen, mit denen man sich auseinander­ setzen kann. Die Erkundung der einzelnen Entwicklungsdimensionen folgt einem bestimmten Muster. Zuerst wird die Dimension und die Rolle, die sie in Konfliktsituationen spielen kann, charakterisiert. Dabei ist zu berücksichtigen, daß die Dimensionen sich teilweise überschneiden, jede von ihnen aber einen entscheidenden Punkt auf­ weist, durch den sie sich von den anderen unterscheidet. Nach der Herausarbeitung allgemeiner Züge mache ich auf verschiedene Warnsignale aufmerksam, die Hin­ weise darauf enthalten, wie man während eines Konflikts im Bereich der angespro­ chenen Dimension reagieren könnte. Daran schließen sich einige allgemeine Fragen an, die das Verständnis der Dimension weiterhin vertiefen, Vorschläge dazu, wie man anderen bei der Bewußtseinsentwicklung behilflich sein kann und einige einfa­ che Übungen, mit deren Hilfe man die Sensibilität für die betreffende Dimension erhöhen kann.4 Bei dieser Erkundung geht es vor allem darum, uns für die darin vorgestellten Entwicklungsdimensionen sensibel zu machen. Die Ausbildung von Fertigkeiten kann nur nach und nach erfolgen, indem wir alle Gelegenheiten nutzen, die uns unsere ganz persönlichen Konflikte bieten. Die fünfzehn Dimensionen sind nicht nach einem bündigen theoretischen System geordnet, lassen sich jedoch in drei größere Gruppen (mit undeutlichen Grenzen) zusammenfassen: (1) Bei den ersten sieben oder acht Dimensionen liegt der Schwerpunkt darauf, wie wir in unserem Inneren mit Informationen, Gefühlen und Wertvorstellungen umgehen. Ein wichtiger Bestandteil der Bewußtseinsentwicklung ist die Fähigkeit zur Differenzierung, d. h., Bilder, Gefühle und Wertfragen in ihrer Komplexität zu erleben. Eng mit der Differenzierungsfunktion verknüpft ist die Fähigkeit, wider­ sprüchliche Informationen und ambivalente Gefühle nebeneinander bestehen zu lassen und unangenehme Spannungen zu ertragen, ohne auf primitive Abwehrmechanismen zurückzufallen (Verleugnung, Verdrängung, Projektion, Externalisierung usw.). (2) Bei der zweiten Gruppe von Dimensionen steht unser Verhalten anderen gegenüber im Zentrum (Interaktion), Handlungsweisen, Kommunikation, Empa­ thie u. a. 81

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(3) Die letzten drei bis vier Dimensionen fokussieren auf Identität, und von wel­ cher Grundlage aus wir die Welt und uns selbst betrachten. 1. Abbild - Wirklichkeit Diese Dimension vermittelt die Einsicht, daß das Bild unserer Umwelt als Abbild verstanden und nicht mit der Wirklichkeit verwechselt werden sollte. Zum Erwachsensein gehört die Erkenntnis, daß die Vorstellungen, die man sich von der Wirklichkeit macht, subjektiven Charakter tragen. Auf früheren Entwicklungs­ stufen wird dieser Unterschied nicht wahrgenommen, sondern Umwelt und unsere Auffassung von ihr werden als identisch erlebt. Es liegt kein echtes Verständnis dafür vor, daß die Umwelt über eigene Qualitäten verfügt, die nicht unmittelbar zugänglich sein müssen. Die Einsicht, daß unsere Wahrnehmungen in einem Konflikt ein verzerrtes Bild des Gegners, der Situation oder einzelner Geschehnisse liefern können, ermöglicht eine Veränderung der von uns produzierten Bilder durch die Bereitschaft, neue Informationen an uns heranzulassen. Im Sinne einer kon­ struktiven Bearbeitung von Konflikten ist dies oft von entscheidender Bedeutung. Besonders wichtig ist dabei auch, bei der Beobachtung gegnerischen Verhaltens eigene Interpretationen von den tatsächlichen Intentionen der Gegenseite zu tren­ nen (Glasl, 1992). Es ist sehr leicht, aus dem von mir beobachteten Verhalten und aus der Wirkung, die dieses Verhalten auf mich hat, vorschnelle Schlüsse auf die Motive des Gegners zu ziehen. Die Wirkung, die die Handlungen eines anderen auf mich haben, steht nicht notwendigerweise im Verhältnis zu seinen Absichten. Die Fähigkeit, den Unterschied zwischen dem eigenen Abbild und der Umwelt selbst im Bewußtsein zu halten, spielt eine zentrale Rolle bei der Bewußtseins­ entwicklung. Dieses Bewußtsein erleichtert einem die Aufnahme von Infor­ mationen, die der Vorstellung, die man sich von der Welt gemacht hat, zuwiderlau­ fen, und führt einen auf den Weg der Entwicklung und der authentischen Beziehungen. Das Fehlen eines solchen Bewußtseins birgt die Gefahr in sich, daß man sein Leben von Vorurteilen über die eigene Lebensweise und über andere steu­ ern läßt und dadurch nur schwer überkommene Lebens- und Beziehungsmuster hinter sich lassen kann. Aus transpersonaler Sicht sind die Vorstellungen, die wir uns von der Umwelt machen, Teil der Strategien des Ichs, eine stabile Kontrolle über das Leben zu erhalten. Der Widerstand gegen die Aufgabe unserer fixen Vorstellungen kann daher stark sein. Aus Konflikten kann jedoch die Motivation entstehen, den Wunsch nach einem stabilen Gefühl der Kontrolle aufzulösen und dadurch der Transzendenz des Ichs den Weg zu bereiten. Zu den Warnsignalen, die darauf hindeuten, daß das Bewußtsein über den unvoll­ ständigen und subjektiven Charakter der eigenen Bilder getrübt ist, gehören: - Das Gefühl zu wissen, wie Menschen aus der eigenen Umgebung sind, z. B. ihre Motive, Verhaltensweisen, Charakterschwächen. - Die Unfähigkeit sich vorzustellen, daß neue Informationen das Bild eines Gegners oder einer Situation grundlegend verändern könnten. - Das Bild eines Gegners oder einer Situation wird einseitig und unverrückbar. Fragen, mit denen man arbeiten kann: - Halte ich meine Vorstellungen, Charakter und Motiven meiner Mitmenschen für eine korrekte Abbildung der Wirklichkeit? 82

Achtsamkeit im Umgang mit Konflikten: ein weg zur Bewußtseinsentwicklung

Bin ich offen für die Einsicht, daß meine Vorstellung von der Wirklichkeit ein­ seitig, verzerrt oder sogar ganz falsch sein kann? - Bin ich fähig, mich von Informationen, die die Richtigkeit meiner Vorstellun­ gen in Frage stellen, dahingehend beeinflussen zu lassen, daß sich mein Bild des Gegners oder einer Situation verändert? Andere dabei zu unterstützen, ihre Vorstellungen von der Wirklichkeit nicht für die Wirklichkeit selbst zu halten, leistet einen positiven Beitrag bei der Suche nach konstruktiven Konfliktlösungen. Ihr Gegner glaubt vielleicht zu wissen, wie Sie wirklich sind. Versuchen Sie sich in das Bild, das er sich von Ihnen macht, hineinzu­ versetzen und vermeiden Sie, ihn in seinen Vorurteilen über Sie zu bestärken, indem Sie bewußt solche Seiten zeigen, die Ihr Gegner vermutlich nicht sieht. Übung: Suchen Sie sich einen abgegrenzten Vorfall in einem harmlosen Konflikt aus, an dem Sie beteiligt waren, und beschreiben Sie mit einigen Stichwörtern das Bild, das Sie von Ihrem Gegner hatten, Verhaltensweisen, die Sie irritiert haben, sei­ ne Motive und Absichten, Charaktereigenschaften u. a. Sprechen Sie anschließend mit dem Betroffenen, und lassen Sie sich von ihm seine Version der Gefühle, Motive und Interpretationen geben, die seinen Verhaltensweisen zugrunde lagen. Hören Sie zu, ohne Kommentare oder Gegenargumente. Vergleichen Sie das eigene Bild mit den neuen Informationen, und versuchen Sie herauszufinden, an welchen Punkten Ihre Wahrnehmung ein falsches Bild des Gegners vermittelt hat (vgl. Glasl, 1992). 2. Gefühle - Urteile Bei dieser Dimension geht es um die Fähigkeit, spontane Gefühle nicht mit Wert­ urteilen zu vermischen. In den frühen Phasen der Bewußtseinsentwicklung ist eine solche Trennung nicht möglich, sondern was als unbehaglich erlebt wird, erhält automatisch den Stempel des moralisch Verwerflichen (Whitmont, 1982). Bei Kon­ flikten entstehen Antipathien und andere negative Gefühle. Es fällt leicht zu glauben, diese Gefühle würden durch die moralischen Eigenschaften des Gegners verursacht. Negative Gefühle anderen gegenüber können jedoch durch viele Faktoren ausgelöst werden, z. B. Unsicherheit dem Fremden gegenüber, Angst, Projektion oder persön­ liche und kulturell vermittelte Wertvorstellungen. Häufig sind es natürlich ganz ein­ fach Persönlichkeitsunterschiede und Unterschiede in den Meinungen, Verhaltens­ weisen und Visionen, die negative Reaktionen bei einem oder beiden Parteien hervorrufen. Ein Außenstehender würde die beiden nicht als gut oder schlecht beur­ teilen, sondern nur Unterschiede feststellen. Ob etwas richtig oder falsch ist, sollte man von den für einen selbst gültigen Wertvorstellungen aus beurteilen (auch wenn diese sich nicht immer in Worte fassen lassen) und nicht von im Augenblick auftre­ tenden negativen Gefühlen. Manchmal muß man bestimmten Prinzipien zuliebe sei­ nen spontanen Widerwillen zurückstellen. Das Unbekannte weckt häufig Gefühle von Angst und Widerstand, ohne daß wir es wollen, z. B. wenn wir Menschen begeg­ nen, die sich anders benehmen, anders aussehen oder andere Wertvorstellungen haben als wir selbst. Manchmal erweist sich ein plötzliches Gefühl der Antipathie im nachhinein als berechtigt, obwohl die Ursachen anfänglich nicht klar zutage lagen. Wichtig ist also, sich bei Werturteilen über andere nicht ausschließlich von seinen Gefühlen leiten zu lassen. Übrigens besteht auch die Möglichkeit, jemanden unsym­ pathisch zu finden, ohne dabei seine moralische Verfassung in Zweifel zu ziehen. 83

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Ziel dieser Dimension ist, sich mit Hilfe des Bewußtseins von der Identifikation mit den eigenen Gefühlen zu lösen: „Ich habe Gefühle, aber ich bin nicht meine Gefühle“ (Assagioli 1965). In dem Maße, wie die eigenen Gefühle von den Wert­ urteilen getrennt werden, vergrößert sich der Handlungsspielraum. Man kann sich seinen Gefühlen gegenüber nachsichtig zeigen, ohne sich deswegen Meinungen oder Wertmaßstäbe zu eigen zu machen, die im Widerspruch zur eigenen Ethik stehen. Auf diese Weise kann man Unsicherheit oder Angst gegenüber Ausländern oder von der Norm abweichenden Menschen bei sich zulassen, ohne dafür ein schlechtes Gewissen zu haben, und man gewinnt die Freiheit, sich mit universellen ethischen Prinzipien, wie z.B. der prinzipiellen Gleichheit aller Menschen, zu verbinden, obwohl man nicht jeden Menschen sympathisch findet. Warnsignale, die anzeigen, daß keine klare Trennung zwischen spontanen Gefühlen und den eigenen Wertvorstellungen besteht: - Unreflektierte Urteile über Personen oder Gruppen, ausgelöst von Gefühlen. - Man zieht sich zurück von Menschen oder Situationen, die unangenehme Gefühle in einem wecken, und begründet dies mit moralischen Urteilen, anstatt auf die eigenen subjektiven Gefühle zu verweisen. - Auf der Grundlage von unangenehmen Gefühlen unterstellt man anderen unlautere Motive. Fragen, mit denen man arbeiten kann: - Bin ich fähig, persönliche Gefühle und mein Werturteil über andere auseinanderzuhalten? - Unterstelle ich automatisch, daß mit dem, was negative Gefühle in mir auslöst, etwas nicht stimmen kann? - Bin ich grundsätzlich bereit, meine negativen Gefühle zu bearbeiten, wenn sich herausstellt, daß meine Gefühle mehr mit mir selbst als mit den Kategorien „Rich­ tig“ oder „Falsch“ zu tun haben, oder bleibe ich dabei, jemanden zu verurteilen? Sie können andere dabei unterstützen, zwischen persönlichen Gefühlen und Wert­ urteilen zu unterscheiden, indem Sie die negativen Gefühle Ihres Gegners mit Ach­ tung behandeln, ohne ihm deshalb in der Frage der von ihm gefällten Werturteile recht zu geben. Durch Ihr Verhalten können Sie zeigen, daß man Mitmenschen gegen­ über negative Gefühle hegen und doch ihre moralische Integrität anerkennen kann. Übung: Versuchen Sie sich an Situationen in der Vergangenheit zu erinnern, die mit Unbehagen und Unlust einer bestimmten Person gegenüber verknüpft waren. Haben diese Gefühle damals dazu geführt, daß Sie die Person moralisch verurteilt haben? Sind Sie im nachhinein immer noch der Meinung, daß Ihre Urteile berechtigt waren? 3. Individuum - Gruppenzugehörigkeit Diese Dimension handelt von der Fähigkeit, gleichzeitig Ähnlichkeiten und Un­ terschiede zwischen verschiedenen Individuen zu berücksichtigen, z.B. die persönli­ chen Eigenschaften eines Menschen einerseits und seine Mitgliedschaft in einer Gruppe, mit der ich einen Konflikt habe, andererseits. Wir neigen dazu, die Ähnlich­ keiten von Gruppenmitgliedern zu übertreiben und die Unterschiede zwischen ihnen nicht mehr wahrzunehmen. Ein Ausdruck für die Tendenz, in Konflikten zu regredieren, ist die wachsende Unfähigkeit, sich ein Bild von einer Gruppe zu machen und gleichzeitig eine differenzierte Vorstellung von jedem einzelnen 84

Achtsamkeit im Umgang mit Konflikten: ein Weg zur Bewußtseinsentwicklung

Gruppenmitglied zu bewahren (Glasl, 1992). Bei den niedrigeren Bewußtseinsstrukturen ist man nicht fähig, mehr als eine Ebene zu berücksichtigen, sondern nimmt trotz großer persönlicher Unterschiede die Mitglieder einer Gruppe als aus­ tauschbar wahr. Individuen kollektive Eigenschaften zuzuschreiben, ist ein weit ver­ breitetes Phänomen, das z. B. die Form von Vorurteilen gegenüber bestimmten Volksgruppen oder Subkulturen annehmen kann. Die Entwicklung der Fähigkeit, Gruppeneigenschaften und individuelle Eigen­ schaften auseinanderzuhalten, macht es einem leichter, authentische Beziehungen zu einzelnen Individuen zu unterhalten.5 Genau wie bei der ersten Dimension können uns innere Widerstände daran hindern, das Einzigartige in jedem Menschen zu sehen, weil es dem Ich leichter fällt, ein Gefühl der Kontrolle beizubehalten, wenn es Gruppenmitgliedern stereotype Eigenschaften zuschreiben kann. Indem wir es ver­ meiden, Personen mit anderen Mitgliedern ihrer Gruppe in einen Topf zu werfen, vermitteln wir ihnen das Gefühl, als Individuen wahrgenommen zu werden, und dadurch verbessern sich trotz Unterschieden die Voraussetzungen für eine kon­ struktive Beziehung. Einseitig auf die kollektiven Eigenschaften von Gruppen abzu­ heben, legt das Bewußtsein auf Vereinfachungen fest, die eine angemessene Einstellung in wechselnden Situationen verhindern. Warnsignale, die darauf hindeuten, daß man sich hinreißen läßt, Individuen kol­ lektive Eigenschaften zuzuschreiben: - Verschwommene Kommentare darüber, wie „die anderen“ „wirklich sind“, in Form von Klatsch und ironischen Bemerkungen. - Vorurteile über Gruppeneigenschaften führen dazu, daß man die Züge des Gegners nur noch selektiv wahrnimmt. - Aussagen von Personen werden vor dem Hintergrund von Eigenschaften, die man ihrer Gruppe zuschreibt, neu interpretiert. Fragen, mit denen man arbeiten kann: - Gibt es Gruppierungen, bei denen ich Persönlichkeitseigenschaften, die ich ihren Mitgliedern zuschreibe, aus der Gruppenzugehörigkeit ableite? Sie können andere dabei unterstützen, die Reduzierung eines Individuums auf Kollektiveigenschaften zu vermeiden, indem Sie selbst authentisch kommunizieren und dabei Ihre Aufmerksamkeit für Ihre persönlichen Gefühle und Wertmaßstäbe nicht verlieren. Begegnen Sie anderen direkt, ohne sich hinter Ihrer Rolle zu verstecken, ver­ mitteln Sie ein nuanciertes Bild der Mitglieder Ihrer Gruppe, entwickeln Sie ein Ge­ spür dafür, wenn andere Ihnen oder einem Dritten kollektive Eigenschaften zuschrei­ ben, und machen Sie deutlich, zu welcher Ebene diese Urteile eigentlich gehören. Übung: Wählen Sie aus einer Gruppe, mit der Sie in Konflikt stehen, einige Individuen aus, und versuchen Sie, die trotz gemeinsamer Gruppenzugehörigkeit zwischen ihnen bestehenden individuellen Unterschiede auszumachen. Worin glei­ chen sie sich, und wo liegen die Unterschiede? 4. Differenzierte Personenwahrnehmung In der vorigen Dimension war das Ziel, persönliche Eigenschaften nicht mit Gruppeneigenschaften zu vermischen, in dieser geht es um die Entwicklung der Fähigkeit, Nuancen und Widersprüche bei einzelnen Personen wahrzunehmen. Normalerweise sind wir uns der komplexen inneren Wirklichkeit von Menschen 85

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bewußt, ihrer konstruktiven und zerstörerischen, ihrer selbstsüchtigen und altruisti­ schen Anteile. Wenn wir in Konflikte hineingezogen werden, nimmt unsere Fähigkeit, andere in ihren widersprüchlichen und vielseitigen Zügen zu sehen, ab, und unser Wunsch, die Dinge zu vereinfachen, führt dazu, daß wir Personen, die zur gegnerischen Seite gehören, als ausschließlich böse einstufen (während uns die Mitglieder der eigenen Seite als übertrieben gut erscheinen). Unsere Erwartungen in bezug auf das künftige Handeln der Personen werden dadurch klar und eindeutig, so daß es uns leichtfällt, schnell Beschlüsse zu fassen. Ohne ein differenziertes Bild der inneren Welt anderer Individuen kann man nicht in komplexe Beziehungen mit ihnen treten - Vereinfachungen stehen einer echten Begegnung im Wege. Wenn wir uns der verschiedenen in einem Menschen wirksa­ men Kräfte bewußt werden, vergrößert sich unsere Chance, bewußt zu wählen, wel­ chen Tendenzen wir in unseren Beziehungen zu anderen Aufmerksamkeit schenken. Auch Menschen, die uns unsympathisch sind und von denen wir Schlechtes erwar­ ten, verfügen über konstruktive und liebenswürdige Eigenschaften. Wenn wir uns dieser gewahr werden, können wir uns entscheiden, zu diesen, anstatt zu den nega­ tiven Eigenschaften Kontakt aufzunehmen. Warnsignale, die uns zeigen, daß wir andere nicht mehr differenziert wahrzuneh­ men vermögen: - Wenn einem beim besten Willen keine positive Eigenschaft des Gegners einfällt. - Wenn man in jeder Situation fest davon überzeugt ist zu wissen, welche Motive das Verbalten des anderen steuern. Fragen, mit denen man arbeiten kann: - Wie ist es mit meiner Fähigkeit bestellt, eine Vielfalt an Eigenschaften bei ande­ ren wahrzunehmen? - Denke ich oft darüber nach, welche verschiedenen Motive bei meinen Mit­ menschen um die Kontrolle über ihr Verhalten konkurrieren (Visionen, Angst, Prestige, Konventionen, ethische Prinzipien, Fürsorge für andere usw.)? Sie können andere dabei unterstützen, zu einer differenzierten Auffassung Ihrer Person zu kommen, indem Sie ihnen deutlich Ihre verschiedenen Seiten zeigen. Sie können Ihren Gegner auf konkurrierende Motive und Eigenschaften bei Ihnen selbst aufmerksam machen. Wenn es um Dritte geht, können Sie von ihnen im Wechsel des Einerseits... Andererseits sprechen. Übungen: 1. Stellen Sie sich Personen vor, von denen Sie ein sehr einseitiges Bild haben. Nehmen Sie Ihr Wissen und Ihre Intuition zu Hilfe, und vervollständigen Sie das Bild mit der entgegengesetzten Seite. Versetzen Sie sie in verschiedene Situa­ tionen: Arbeit, Freizeit, moralische Zwangslagen. Notieren Sie alle Züge und Eigen­ schaften, die Ihnen einfallen. Wird das Bild vollständig? 2. Stellen Sie sich jemanden vor, bei dem sich das zunächst einseitige Bild, das Sie von ihm hatten, nach und nach differenziert hat. Machen Sie diese Person zu einer Symbolfigur, die Sie sich ins Gedächtnis rufen können, wenn Ihre Vorstellung von jemandem an Komplexität einbüßt. 5. Dezentrierung von Perspektiven Dieser Begriff spielt auf die Einsicht an, daß mein Weltbild und mein Wertekanon keine absoluten Wahrheiten darstellen, sondern von meinem besonderen kulturel­
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Achtsamkeit im Umgang mit Konflikten: ein Weg zur Bewußtseinsentwicklung

len, biografischen und historischen Hintergrund geprägt sind. Ziel ist dabei, die eigene Perspektive von außen wahrzunehmen, wobei es schwierig ist, gleichzeitig einzusehen, daß alle Perspektiven und Wertvorstellungen relativ und in verschiede­ ner Hinsicht beschränkt sind, und man dennoch an einer Reihe von fundamentalen Werten festhalten muß (Wilber, 1995). Wenn man lernt, Perspektiven miteinander zu vergleichen, und zu verstehen beginnt, daß die eigene Perspektive nicht notwen­ digerweise besser sein muß als eine andere, kommt man leicht an den Punkt, an dem es keine Werte mehr zu geben scheint, die festzuhalten sich lohnt, an dem alles rela­ tiv wird. Einsicht in den relativen Charakter der eigenen Weitsicht ist Voraussetzung für die prinzipielle Bereitschaft, den Vorstellungen anderer zuzuhören und gelegent­ lich das eigene Weltbild zu revidieren, aber bei fehlender Sensibilität für grundlegen­ de menschliche Werte birgt die relativistische Perspektive die Gefahr in sich, Verwirrung und Orientierungslosigkeit auszulösen, sowie die Unfähigkeit, aktiv an der Gestaltung der Welt teilzunehmen. Solange wir unser eigenes Weltbild für das einzig wahre und richtige halten, sind wir in den stereotypen Vorstellungen des Kollektivs gefangen, mit der Folge, daß neue Erfahrungen nicht zu unserer Grundhaltung Vordringen können und wir leicht in Stagnation fallen. Eine der Wurzeln von Fundamentalismus und Fremdenfeind­ lichkeit ist in unserer Unfähigkeit, kritisch über unser Weltbild zu reflektieren, zu suchen. Daher kann die Fähigkeit zu kritischer Selbstreflexion bei der Entwicklung einer menschlicheren Gesellschaft nicht hoch genug eingestuft werden. Dies erscheint selbstverständlich, fast banal, aber diese Fälligkeit in einem eskalierenden Konflikt beizubehalten, kann sehr schwer sein. Warnsignale, die einen Verlust an Einsicht in die Relativität der eigenen Perspek­ tive anzeigen: - Unumstößliche Überzeugung, daß meine/unsere Beurteilung einer Situation richtig ist. - Empfindung von Irritation und Feindseligkeit, wenn man in Kontakt mit Meinungen gerät, die im Gegensatz zum eigenen Weltbild stehen. - Ausgrenzung von Personen oder Meinungen, die abweichenden Charakter tra­ gen. - Entstehen von Glaubenssätzen oder Führergestalten, die als unfehlbar erlebt werden. Fragen, mit denen man arbeiten kann: - Auf welche Weise hängen mein Weltbild und meine Lebensziele mit meinem persönlichen Hintergrund (Biografie, Kultur, historische Epoche) zusammen? - Bestehen bei Gruppierungen, denen ich angehöre, Vorstellungen, die nicht in Frage gestellt werden dürfen? Sie können andere dabei unterstützen, ihr Weltbild zu relativieren, indem Sie dar­ auf achten, daß Gespräche nicht in ein Abgrenzen fremden Perspektiven gegenüber abgleiten, indem Verhalten, Lebensweise oder Ansichten von „Out-Groups“ in negativen Begriffen interpretiert werden. Vermeiden Sie, wenn so etwas geschieht, zuzustimmen, gehen Sie andererseits nicht zu einem Angriff auf das Weltbild des Gesprächspartners über, sondern versuchen Sie, die Weltsicht der betreffenden OutGroup in möglichst konkreten Begriffen zu differenzieren, und konzentrieren Sie sich dabei auf konkrete Erfahrungen, tatsächliche Personen und Sachfragen. Dar­ 87

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über hinaus besteht die Möglichkeit, verschiedene Grundannahmen einander gegen­ überzustellen, ohne selbst eindeutig zu einer der Perspektiven Stellung zu nehmen. Übung: Erinnern Sie sich an eine Situation, bei der Sie in einen Gruppenkonflikt verwickelt und völlig davon überzeugt waren, daß die eigene Gruppe recht hatte. Nehmen Sie die Position eines unabhängigen Beobachters ein, und versuchen Sie nachzuvollziehen, wie sich die Situation in der Sicht der anderen Gruppe dargestellt hat.

6. Fremdes ertragen Diese Dimension behandelt die Fähigkeit, Verhaltensweisen, Wertvorstellungen, Körpersprache, Gesprächsstile u.a. zu ertragen, die man als fremdartig, unverständ­ lich und irritierend erlebt. Inhaltlich ist sie mit der zweiten Dimension verwandt, die die Differenzierung von Gefühlen und Werturteilen zum Thema hatte. Bei Konflikten greifen wir oft zu dem Mittel, den Kontakt mit dem, was wir als befremdlich erleben, abzubrechen oder zumindest auf Distanz dazu zu gehen. Wir neigen dazu, einem emotionalen Impuls zu folgen, der auf die Vermeidung von Kontakt mit als bedrohlich Erlebtem drängt. Bei den meisten persönlichen Konflikten wird die Bedrohung jedoch selten auf der physischen Ebene erlebt, und für die Lösung des Konflikts reicht normalerweise direkte Kommunikation aus. Die Fähigkeit, Gefühle des Unbehagens auszuhalten, ohne davonzulaufen oder zum Angriff überzugehen, ist eng mit der Entwicklung einer Bewußtseinsstruktur ver­ bunden, die einen in den Stand setzt, eine dezentrierte Perspektive einzunehmen. Bei Personen, die stark mit ihrem Ich identifiziert sind, gehört das Bedürfnis nach Kontrolle über das eigene Leben zu den grundlegenden Triebkräften. In der Begegnung mit dem Fremden glauben wir leicht, den Überblick über eine Situation zu verlieren. Sich mit dem Fremden bewußt, ohne Einschaltung von Abwehr­ mechanismen auseinanderzusetzen, macht uns offen für neue Impulse und dient damit unserer Entwicklung. Indem wir lernen, ohne Flucht- oder Angriffsverhalten unbehagliche Gefühle auszuhalten, tragen wir dazu bei, uns von der ausschließ­ lichen Identifikation mit einer kontrollierenden Ich-Struktur zu befreien. Warnsignale, die auf ein Abstandnehmen Unbekanntem gegenüber hindeuten: - Ein Gefühl des Unbehagens, wenn man nicht so reibungslos kommunizieren kann, wie man es gewöhnt ist. - Der Verlust von Spontaneität in der Begegnung mit fremden Personen und Situationen. - Wenn man Umwege macht, um eine Begegnung mit gewissen Personen zu ver­ meiden. - Abstandnehmen oder Ausgrenzen von Personen, bloß weil sie ein abweichen­ des Verhalten zeigen. Fragen, mit denen man arbeiten kann: - Kann ich mit Personen, die sich abweichend oder unverständlich verhalten, Zusammenarbeiten und dabei meine Offenheit beibehalten? - Wie verhalte ich mich bei Begegnungen mit fremdartigen Personen oder Milieus? Sie können andere bei der Verbesserung ihrer Fähigkeit des offenen Umgangs mit dem Unbekannten unterstützen, indem Sie das Problem zur Sprache bringen, z. B.
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welche Punkte es eigentlich sind, durch heit ausgelöst werden. Wenn Sie selbst andere konfrontiert werden, kann es Gefühlen und Erfahrungen anzuknüpfen Freizeiterlebnisse zu sprechen. Übung: Suchen Sie ein Umfeld auf, wo sind als Sie selbst (z. B. Angehörige Schichten), und versuchen Sie, mit ihnen löst der Umstand in Ihnen aus, daß Sie können? 7. Koordinieren von Interessen

die Gefühle von Fremdheit und Unsicher­ mit dem Versuch der Ausgrenzung durch hilfreich sein, bei allgemeinmenschlichen und über Familie, Freundschaften, Essen, Sie auf Menschen stoßen, die völlig anders anderer Kulturen oder anderer sozialer ins Gespräch zu kommen. Welche Gefühle nicht auf gewohnte Weise kommunizieren

Beim Koordinieren von Interessen geht es darum, gleichzeitig die eigenen Interessen und Bedürfnisse und die des Gegners im Auge zu behalten und die wech­ selseitige Beziehung zwischen ihnen wahrzunehmen, die Notwendigkeit eines funktionierenden gemeinsamen Systems. Interessenkoordination enthält zwei Aspekte, einerseits die Fähigkeit, die eigene und die fremde Perspektive gleicher­ maßen zu relativieren, d. h. von außen zu sehen, und andererseits einander wider­ sprechende oder sogar ausschließende Elemente nebeneinander im Bewußtsein zu halten. Ziel der Bemühungen ist also, komplexe und widersprüchliche mentale Vorstellungen sowohl voneinander trennen als auch Zusammenhalten zu können, weil nur auf diesem Wege die Suche nach kreativen, die Interessen sämtlicher Parteien integrierenden Lösungen zum Erfolg führen kann (Schroder, Driver & Streufert, 1967). Wenn die Fähigkeit, einen Sachverhalt aus dem Blickwinkel verschiedener Parteien gleichzeitig zu sehen, nicht genügend entwickelt ist, fällt es schwer, auf demokratischem Wege zu einer Lösung zu kommen (Oesterdiekhoff, 1992). Dann bleibt nur noch der Konkurrenzkampf übrig, bei dem eine Perspektive als Sieger hervorgeht, während die andere verliert. Eine soziale Ordnung (z.B. in Organi­ sationen) unter solchen Verhältnissen basiert auf Dominanz und Gehorsam. Der Stärkere (aufgrund seiner Position oder seiner persönlichen Eigenschaften) diktiert, wie eine bestimmte Frage gehandhabt wird, und die anderen ordnen sich unter. Es ist wichtig, das Zurückfallen auf Dominanz-Gehorsam-Beziehungen weitgehend zu vermeiden, da sie die beteiligten Individuen auf eine unreife Art des Umgangs mit­ einander festschreiben. Dies widerspricht nicht einer deutlichen Rollenverteilung, wo eine bestimmte Person mit der Aufgabe betraut ist, wichtige Beschlüsse zu fas­ sen. Das Schlüsselwort hierbei ist „Legitimität“, d.h., daß Autorität sich nicht auf uneingeschränkte Macht gründet, sondern auf die Einsicht, daß zum besseren Funktionieren einer Organisation eine gewisse Rollenverteilung notwendig ist. Die Fähigkeit, verschiedene Interessen in der eigenen Vorstellung als gleichberechtigt nebeneinander bestehen zu lassen, ist daher ein Beitrag zur demokratischen Ent­ wicklung der Gesellschaft. Warnsignale, die darauf hindeuten, daß die Fähigkeit zur Koordinierung von Interessen schwach entwickelt ist: - Unfähigkeit, sich eine klare Vorstellung von den Interessen und Motiven des Gegners zu machen. 89

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- Ich sehe in meinem Gegner nichts anderes als ein Hindernis. - Unfähigkeit, die eigenen Interessen weiterhin wahrzunehmen, wenn es mir gelungen ist, mich in die Interessen meines Gegners einzufühlen. Fragen, mit denen ich arbeiten kann: - Falle ich leicht in Dominanz-Gehorsam-Rollen, anstatt Lösungen zu finden, bei denen verschiedene Interessen gleichwertig nebeneinander stehen? - Sind mir meine eigenen Wert Vorstellungen und Ziele noch präsent, wenn ich mich in die Perspektive anderer einfühle oder wenn ich auf den Willen anderer Rücksicht nehme? Sie können andere bei der Entwicklung einer demokratischen Lösung von Interessenwidersprüchen unterstützen, indem Sie verschiedene Interessen neutral darstellen, so daß Ihre eigenen Interessen und Bedürfnisse ebenso wie die anderer gleichberechtigt und legitim nebeneinderstehen. Machen Sie deutlich, welche wich­ tigen Wertvorstellungen für Sie auf dem Spiel stehen, während Sie gleichzeitig Ihr Verständnis dafür klarlegen, daß für andere ebenfalls wichtige Werte auf dem Spiel stehen. Versuchen Sie einen Konflikt zwischen verschiedenen Interessen als gemein­ sames Problem zu betrachten, bei dem Raum genug vorhanden ist, so viel wie mög­ lich von dem zu berücksichtigen, was für die Parteien von grundsätzlicher Bedeutung ist. Übung: Versuchen Sie sich an eine Situation der Vergangenheit zu erinnern, bei der es Ihrem Erleben nach in der Auseinandersetzung mit einem Gegner um Alles oder Nichts (Gewinn oder Verlust, Dominanz oder Unterwerfung) ging. Können Sie im nachhinein Ihre eigenen Interessen und die Ihres Gegners gleichberechtigt nebeneinander betrachten und die Beziehung zwischen ihnen verstehen? Welche Aspekte waren absolut unvereinbar, und für welche hätte man eine Lösung finden können, die Ihre Positionen einander nähergebracht hätte? 8. Perspektivenübernahme Mit Perspektivenübernahme ist die Fähigkeit gemeint, sich in die Lage anderer hineinversetzen zu können, zu verstehen, was wichtig für sie ist, vor welchen Ent­ scheidungen und Konsequenzen sie stehen, wie sie ihre Situation erleben und was sie fühlen (z.B. welche Ängste sie haben). Ich möchte einen Unterschied zwischen Perspektivenübernahme und der als nächste Dimension von mir behandelten Empathie machen: erstere bezeichnet einen mentalen Vorgang, bei dem es um die Fähigkeit geht, zeitweilig die eigene Perspektive zu verlassen und die eines anderen einzunehmen. In Konfliktsituationen ist dieser Vorgang häufig Störungen ausge­ setzt, u.a. weil es schwerfällt, schnell und entschlossen zu handeln, wenn man gleichzeitig die Perspektive des Gegners im Auge behält. Auf der anderen Seite ist Perspektivenübernahme der Schlüssel zum Verständnis des Gegners und damit zu einer Lösung, die von allen beteiligten Parteien angenommen werden kann, und sie beeinflußt die Haltung, die wir anderen gegenüber einnehmen. Mit ihrer Hilfe kön­ nen wir Verständnislosigkeit und Distanz überwinden, auch in Fällen, wo die Auffassungen unseres Gegners unserer Meinung nach ein verzerrtes Bild der Wirklichkeit zeichnen. Perspektivenübernahme erleichtert nicht nur den konstruktiven Umgang mit anderen, sondern erlaubt gleichzeitig einen größeren Abstand gegenüber der eige­ 90

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nen Person und Sichtweise. Die Fähigkeit zum Perspektivenwechsel ermöglicht den freieren Umgang mit Anschauungen, die man für unveräußerlich gehalten hat, ohne zu bemerken, daß sich dadurch die eigene Weitsicht verengt hat. Warnsignale, die darauf hinweisen, daß man die Fähigkeit zur Perspektiven­ übernahme verloren hat: - Man begreift nicht, warum der Gegner auf eine bestimmte Weise reagiert oder handelt. Fragen, mit denen man arbeiten kann: - Mache ich mir Gedanken darüber, wie andere ihre Situation erleben? - Kann ich mir vorstellen, wie Menschen mit einem von meinem abweichenden Weltbild ihre Situation und ihre Entscheidungsmöglichkeiten auffassen? Sie können andere dabei unterstützen, ihre Fähigkeit der Perspektivenübernahme zu verbessern, indem Sie Ihre eigene Sichtweise so authentisch und deutlich wie möglich vermitteln und sich gleichzeitig um einen Vergleich mit den Perspektiven anderer bemühen. Versuchen Sie auf eine Weise zu kommunizieren, die es dem Gegner leichtmacht, sich gefühlsmäßig auf Ihre Situation einzulassen. Bitten Sie andere offen darum, sich in Ihre Lage hineinzuversetzen. Übung: Erinneren Sie sich an eine Situation, in der eine Ihnen einigermaßen gut bekannte Person sich auf eine Weise verhalten hat, die Sie nicht nachvollziehen konnten. Stellen Sie sich vor, diese Person zu sein. Wie sieht die Situation aus? Was ist vorher geschehen? Welche Ziele haben Sie, wovor haben Sie Angst? Was werden andere Ihrer Meinung nach tun? Welche Möglichkeiten des Handelns können Sie sich vorstellen? 9. Empathie Bei Empathie handelt es sich um die Fähigkeit, sich gefühlsmäßig in die Lage eines anderen Menschen hineinversetzen zu können, d.h. das empfinden zu können, was dieser Mensch empfindet, und zwar gerade auch dann, wenn man seine Standpunkte oder Interpretationen nicht teilt. Es kommt also darauf an, das empathische Verständnis von den Werturteilen des anderen abzukoppeln, die sogar im Gegensatz zu den eigenen stehen können. In einem früheren Abschnitt ging es um die Befähigung, sich bei seinen Werturteilen nicht von spontan entstehenden negativen Gefühlen beeinflussen zu lassen. Hier soll nun die Empathie als Gestaltungsmittel eingesetzt werden, wenn es um Beziehungen zwischen Menschen mit gegensätzli­ chen Werturteilen geht. Dem Gegner zu zeigen, daß man seine Gefühle versteht, übt häufig eine heilende Wirkung aus, durch die eine Stimmung der Konfrontation in etwas Konstruktives verwandelt werden kann. Die Schwierigkeit besteht darin, Empathie auch dann beizubehalten, wenn man der Meinung ist, daß der Gegner falsch handelt, Wertvorstellungen hat, die den eigenen zuwiderlaufen, oder Dinge fühlt, für die es keine Grundlage gibt. Es ist natürlich sehr schwer, sich in die Gefühle von jemandem hineinzuversetzen, dessen Handlungen wir moralisch ver­ werflich finden. Die Fähigkeit hierzu kann jedoch darüber entscheiden, wie der Konflikt schließlich ausgeht. Gefühle sind immer authentisch, aber sie werden stark von den mentalen Konzepten beeinflußt, mit denen man einer Situation begegnet. Wenn es uns gelingt, zwischen den Gefühlen des Gegners und seinen Interpre­ tationen des Geschehens zu trennen, eröffnen wir uns damit die Möglichkeit, 91

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Sympathie für seine Gefühle zu empfinden, ohne deshalb die Interpretationen zu übernehmen. Empathie ist ein Weg, in direktem Austausch mit der Umwelt an der Wirklichkeit anderer Menschen teilzuhaben. Sie tritt uns im Alltag als Takt entgegen, d. h. als die Fähigkeit, in einer bestimmten Situation das Angemessene zu sagen und zu tun. Indem wir diese Fähigkeit in uns entwickeln, tragen wir zu einer konstruktiveren und kreativeren Welt bei. Warnsignale, die andeuten, daß unsere Fähigkeit zu Empathie gestört ist: - Unfähigkeit, gefühlsmäßig zu erfassen, was der andere empfindet. Unverständnis für die gefühlsmäßigen Reaktionen anderer in besonderen Situationen. Fragen, mit denen man arbeiten kann: - Ist mein Empathievermögen daran geknüpft, ob ich Sympathie für jemanden empfinde? Kann ich Empathie mit den Gefühlen von Personen empfinden, die ich unsympathisch finde? Sie können andere dabei unterstützen, trotz Meinungsverschiedenheiten Empathie zu empfinden, indem Sie Gefühle in direkter und unverhüllter Form dar­ stellen, ohne sie unauflöslich an bestimmte Standpunkte oder Interpretationen zu binden. Mit Hilfe von Marshall Rosenbergs gewaltfreier Kommunikation kann man eine Atmosphäre schaffen, die Empathie möglich macht (Rosenberg, 1983). Eine weitere Möglichkeit ist, anderen direkt mitzuteilen, daß man sich ihr Mitgefühl mit den eigenen Gefühlen wünscht. Übung: Erinneren Sie sich an eine Situation, wo jemand aus Ihrer Meinung nach nichtigen Gründen oder aufgrund von Mißverständnissen tief verletzt oder böse auf Sie war. Versuchen Sie sich in die Gefühle des Betreffenden einzuleben, ohne Ihre Gedanken über die Berechtigung der Gefühle ins Spiel zu bringen. 10. Intentionalität Die Fähigkeit, trotz Zeitdruck und Angst an einer bewußten Bearbeitung von Entscheidungssituationen festzuhalten, ist Gegenstand dieser Dimension. Es geschieht in Konflikten leicht, daß die mühsame Prozedur neutralen Einholens von Information, des Abwägens von Vor- und Nachteilen, der Rücksichtnahme auf widersprüchliche Aussagen usw. abgekürzt wird und man Stattdessen in unreflek­ tierte „automatische“ Reaktionsweisen zurückfällt, von denen ein breites Spektrum zur Verfügung steht, angefangen bei den Verhaltensnormen, die die jeweilige Kultur in Form von Routinen, Vorbildern, Rollenerwartungen und Mythen bereitstellt, bis zu unbewußten Scripts, Impuls- und Reflexverhalten. Automatisierte Reaktions­ weisen haben den Vorteil, daß man mit ihrer Hilfe rasch reagieren und entscheiden kann, andererseits folgen sie stereotypen Mustern, passen sich also nicht den jewei­ ligen Bedingungen in einer konkreten Situation an und schließen außerdem die Möglichkeit aus, bewußt und in Übereinstimmung mit dem eigenen Wertekanon zu handeln. In den meisten Gruppenbildungen entstehen nach und nach Routinen und stereotype Reaktionsweisen für verschiedene Situationen. Obwohl Entscheidungs­ prozesse dadurch oft flexibler gehandhabt werden können, birgt die Lösung eines Konflikts nach allgemein akzeptierten Mustern manchmal Probleme, und dann kommt es darauf an, die Situation gemäß den speziellen Voraussetzungen zu einem 92

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Ergebnis führen zu können. Auf der persönlichen Ebene werden unsere alltäglichen Verhaltensweisen häufig von unbewußten Scripts beeinflußt, zu denen Sätze wie, „wenn ich mich nicht sofort wehre, werde ich an die Wand gedrückt“, oder „ich muß brav sein, sonst werde ich nicht geliebt“, gehören. Vorstellungen darüber, was die Welt von uns erwartet, werden in der Kindheit angelegt; im Erwachsenenleben sind sie selten von Nutzen. Ausgeprägte geistige Präsenz dem Äußeren wie dem Inneren gegenüber hilft, den Einfluß solcher stereotyper Reaktionsweisen auf das aktuelle Verhalten zurückzudrängen. Warnsignale, die auf den Verlust der Fähigkeit zur bewußten Entscheidung zwi­ schen verschiedenen Alternativen hinweisen: - Reflex- und/oder Routineverhalten in Situationen. - Zunahme von impulsgesteuerten Handlungen, ohne nachfolgende Bearbeitung oder Reparation. Fragen, mit denen man arbeiten kann: - Falle ich in angespannten Situationen leicht auf stereotype oder impulsgesteu­ erte Reaktionsmuster zurück? - Wie sehen meine „automatischen“ Abwehrreaktionen aus? Welche Wirkung üben sie auf meinen Gegner aus? - Verfüge ich in kritischen Situationen über die Freiheit, meine Reaktionsweise zu wählen? Sie können andere dabei unterstützen, sich intentional zu verhalten, indem Sie impulsiven Reaktionen keine Beachtung schenken oder indem Sie den Gegner dar­ auf aufmerksam machen, wenn sein Verhalten von Routinen oder stereotypen Verhaltensweisen gesteuert wird. Es kann nützlich sein, zu einem späteren Zeitpunkt auf eine Situation zurückzukommen und zu beschreiben, wie man sie erlebt hat. Bei erkennbaren Mustern kann man versuchen, mit Hilfe eines Szenarios die für die Beziehung bestehenden Gefahren darzustellen, für den Fall, daß die Parteien mit der vorliegenden Situation nicht bewußter umzugehen lernen. Übungen: 1. Erinnern Sie sich an eine Situation, in der Sie unreflektiert reagiert haben, und versuchen Sie, die Gründe zu untersuchen. Waren Ihre Gefühle (Wut, Angst) so stark, daß Sie ihnen hilflos ausgeliefert waren? Waren Sie sich über die möglichen Folgen im klaren? Verfallen Sie in automatische Reaktionsmuster, wenn Sie angegriffen werden? Wie reagierte die andere Partei? 2. Bitten Sie jemanden, der Ihnen nahesteht, Sie auf wiederkehrende Abwehr­ reaktionen in angespannten Situationen aufmerksam zu machen, z.B. besondere Verhaltensweisen, Haltungen, Diskussionsstrategien oder Gefühle. 11. Authentizität Bei dieser Dimension wird die Aufmerksamkeit darauf gerichtet, wie man in Konfliktsituationen weiterhin authentisch kommunizieren kann, d. h., das zeigt, was man wirklich fühlt, und das zum Ausdruck bringt, was man braucht und sich wünscht. Aus Angst davor, ausgenutzt zu werden, nicht gehört zu werden und die eigenen Wünsche nicht verwirklichen zu können, greift man in Diskussionen gerne zu taktischen Manövern und manipulativen Mitteln. Als Folge davon nimmt das Vertrauen zwischen den Parteien rasch ab, weil man sich nicht mehr darauf verlassen kann, daß der andere wirklich meint, was er sagt. Die Parteien fangen an, sich bei der 93

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Deutung der Situation von ihren schlimmsten Befürchtungen bezüglich der Motive und Strategien des Gegners leiten zu lassen, und die Konsequenz ist häufig eine galoppierende Eskalation des Konflikts (Glasl, 1992). Die Fähigkeit zu Authen­ tizität hängt natürlich eng mit der eigenen Motivation zusammen. Drei Ursachen können für Schwierigkeiten beim authentischen Kommunizieren verantwortlich sein. Als erste nenne ich die Angst, sich verwundbar zu machen, wenn man offen sei­ ne Gefühle und Wünsche benennt. Offenheit enthält immer das Risiko, abgewiesen oder gekränkt zu werden. Die zweite Ursache liegt in der Angst, die Verwirklichung seiner Wünsche zu gefährden, weil Offenheit zur Einbuße von taktischen Vorteilen führen kann. Und als drittes vermeidet man das offene Bekennen von Wünschen, die man selbst für egozentrisch hält. Das Nachdenken über unsere Fähigkeit zu authen­ tischer Kommunikation in angespannten Lagen vermittelt uns also Einsicht in zen­ trale Aspekte der eigenen Persönlichkeit und macht uns deutlich, wie wichtig es ist, die Funktion des inneren Zeugen zu entwickeln, d. h. die eigenen Gefühle, Gedan­ ken und Wünsche von außen sehen zu können. Wenn man nicht weiß, was man in einem bestimmten Augenblick fühlt, wird einem authentisches Kommunizieren schwerfallen. Und noch etwas anderes gehört dazu, nämlich die Bereitschaft, authentisch zuzuhören, welchen Eindruck andere uns von unserer Person vermit­ teln. Authentizität verlangt von uns, bei Situationen, in denen wichtige Interessen und Bedürfnisse auf dem Spiel stehen, in unsere Verwundbarkeit einzuwilligen. Dies ist keine einfache Aufgabe, kann jedoch durch Üben erleichtert werden. Warnsignale, die auf einen Verlust an Authentizität deuten: - Man entdeckt, daß man Tricks und Kniffe anzuwenden beginnt, um in eine überlegene Position zu kommen. - Man entdeckt, daß man vermeidet, seine wirklichen Gefühle und Gedanken zu äußern. Fragen, mit denen man arbeiten kann: - Lege ich Wert darauf, gerade und offen zu kommunizieren? Bin ich bereit, den Preis für Authentizität, in Form von Verwundbarkeit etwa, zu entrichten? - Habe ich die Neigung, in heiklen Situationen taktische Mittel und Tricks bei der Kommunikation einzusetzen? - Habe ich Angst davor zu zeigen, was ich wirklich fühle und denke? Sie können andere dabei unterstützen, authentisch zu sein, indem Sie es selbst sind und indem Sie ihren Gefühlen und Standpunkten mit Achtung begegnen, auch wenn sie von den Ihren abweichen. Ich möchte hier noch einmal auf Rosenbergs Konzept der gewaltfreien Kommunikation (Rosenberg, 1983) verweisen, das einen ausge­ zeichneten Weg zu Authentizität aufzeigt, bei sich selbst und in der Unterstützung von anderen. Übung: Ihre täglichen Interaktionen mit anderen können als Übungsfeld für aut­ hentisches Verhalten dienen. Beobachten Sie sich selbst und die Art, in der Sie nor­ malerweise kommunizieren. Wie reagieren Sie z. B., wenn Leute Sie fragen, wie es Ihnen geht? Versuchen Sie in Situationen, wo gegenseitiges Verständnis wichtig ist, sich selbst gegenüber ehrlich zu sein. Achten Sie jedoch darauf, welche Wirkung Ihre Art zu kommunizieren auf andere hat, so daß Sie Authentizität nicht dahingehend mißbrauchen, in allen Situationen rücksichtslos Ihre Aggressivität und Frustration zum Ausdruck zu bringen. 94

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12. Identifikation mit ethischen Prinzipien Hier geht es um die Frage, wie wir unter dem Einfluß von regressiven Impulsen, die uns in eine egozentrische Richtung treiben, eine altruistische Perspektive beibehalten können. Zu den Werten, auf die wir nicht verzichten können, gehört die Überzeugung, daß jedem Menschen das Recht auf Achtung seiner Gefühle zusteht (unabhängig von meiner Einstellung zur Berechtigung dieser Gefühle) und das Recht, seine Meinung zu äußern und von anderen gehört zu werden. Verallge­ meinert ausgedrückt, wird in dieser Dimension die Fähigkeit zur dezentralen Perspektive beschrieben, bei der die Wertbestimmung vom Interesse aller und nicht nur von den eigenen Interessen ausgeht. Der Wunsch, universelle Werte zur Richtschnur des eigenen Handelns zu machen, hängt eng damit zusammen, wieweit ich mir die Perspektive eines anderen lebendig zu eigen machen kann. Je geübter ich in der Vorstellung bin, jemand anderes zu sein, um so leichter fällt es mir zu sehen, wie ich mich anderen gegenüber verhalten soll­ te, unabhängig von meinen augenblicklichen Interessen, und wenn die Vorstellung stark und lebendig genug ist, werden meine egozentrischen Interessen an Einfluß auf meine persönliche Motivation verlieren. Es wird dann wichtiger für mich sein, mich auf eine Weise zu verhalten, die ich, wenn ich mein eigener Gegner wäre, akzeptabel finden könnte, als meine eigenen Interessen mit ethisch zweifelhaften Methoden durchzuboxen (z.B. jemanden schlechtmachen, verzerrte Information verbreiten, Drohungen aussprechen oder ihn daran hindern, sich zu äußern). Hier geht es dar­ um, das Ich-Gefühl darin zu bestärken, sich mit einer altruistischen Perspektive zu verbinden und die Widerstandskraft gegen regressive Tendenzen in Streßsituationen zu erhöhen. Die Auseinandersetzung mit dieser Dimension zeigt uns, wie sehr wir mit unserem separaten Ich identifiziert sind und wo konkret sich der Weg zur Transzendierung dieses Ichs befindet. In der letzten Dimension komme ich noch einmal auf dieses Thema zurück, hier möchte ich den Schwerpunkt auf unsere Fähigkeit legen, in kritischen Situationen ethisch richtig zu reagieren. Warnsignale, die darauf hindeuten, daß man den Kontakt mit seinen ethischen Grundfesten zu verlieren beginnt: - Das Gefühl, es stünden so wichtige Interessen auf dem Spiel, daß ich zu ihrer Verteidigung zu jeder Handlung bereit bin. - Unfähigkeit, den Gegner aussprechen zu lassen. - Unfähigkeit, die Gefühle des Gegners anzuhören, ohne zum Gegenangriff überzugehen. Fragen, mit denen man arbeiten kann: - Welche Vorstellungen habe ich dazu, wie man sich in kritischen Situationen ver­ halten sollte? - Gebe ich dem Gegner in einer gespannten Situation die Möglichkeit, seine Gefühle und Gedanken zu äußern, ohne den Versuch, zu zensieren, abzuweh­ ren, zu manipulieren oder mich zu verschließen? Sie können andere dabei unterstützen, den Kontakt mit ihren ethischen Prin­ zipien aufrechtzuerhalten, indem Sie ihre Gefühle und Bedürfnisse achten, auf die Wichtigkeit hinweisen, zwischen Sachverhalt und Person zu unterscheiden und bei eigenem Fehlverhalten um Entschuldigung bitten und damit Ihre ethischen Prinzipien klarlegen. 95

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Übung: Erinnern Sie sich an Situationen der Vergangenheit, wo Sie unter dem Druck eigener Bedürfnisse und Interessen, entgegen Ihren Überzeugungen, wie man miteinander umgehen sollte, manipulativ oder ungerecht gehandelt haben. Versuchen Sie über das, was in Ihnen vorgegangen ist, ohne zu urteilen, nachzuden­ ken. Wären damals Verhaltensweisen möglich gewesen, bei denen Sie Ihre Interessen und Bedürfnisse ehrlich hätten vertreten können, ohne gleichzeitig ethische Prinzipien zu verletzen? 13. Persönliche Wertvorstellungen und Konformitätsdruck Wenn der Druck einer Gruppe, sich mit ihren Normen, Auffassungen und Stimmungen zu identifizieren, zunimmt, wird es schwierig, die persönlichen Wert­ vorstellungen lebendig zu erhalten. Gruppen, die sich im Zustand der Konflikt­ eskalation befinden, reagieren auf den Druck, dem sie ausgesetzt sind, instinktiv mit dem Wunsch nach Gleichschaltung ihrer Mitglieder in punkto Wirklichkeits­ auffassung und Verhaltensstrategien, da die Homogenität einer Gruppe schnelles und effektives Handeln garantiert. Gruppenmitglieder, die vom allgemeinen Konsens abweichen, geraten leicht in den Zwang, sich dem Muster der Gruppe anzupassen oder diese zu verlassen. Dem Gruppendruck standzuhalten setzt eine stabile, persönlich verankerte Moral voraus. Die Regressionskräfte in uns streben nach kollektiver Übereinkunft von Konventionen, die uns durch die Bereitstellung fertiger Muster von persönlicher Auseinandersetzung befreien. Der hier angesprochene Aspekt von Bewußtseinsentwicklung ist nicht nur in Konfliktsituationen von Bedeutung. Eine der wichtigsten Aufgaben des Erwachsenenlebens besteht darin, eine persönliche Identität zu entwickeln, die nicht unkritisch von der Gesellschaft vorgegebene Konventionen und Rollen übernimmt. Wer bin ich eigentlich, welche Anschauungen vertrete ich und welche Ziele verfolge ich im Leben? Die Arbeit mit dieser Dimension führt näher an die Frage heran, was die eigene Person ausmacht und wohin man unterwegs ist. Was andere von Ihnen denken, verliert an Bedeutung, und dadurch wächst Ihre Freiheit, der Welt etwas Eigenes zu schenken. Auf einer anderen Ebene leistet Individuation einen wichtigen Beitrag, wenn es darum geht, das Abgleiten von Gruppen in destruktives Verhalten (Mobbing, Fremdenfeindlichkeit, Kriegshetze) zu verhindern. Warnsignale, die darauf hindeuten, daß man sich selbst verliert und in eine Haltung des Konformismus zu den Zielen, Meinungen und Stimmungen der Gruppe gerät: - Das Gefühl, daß bestimmte Gedanken oder Gefühle nicht in der Gruppe aus­ gedrückt werden dürfen. Häufig vorkommender Klatsch, der systematisch den Gegner aufs Korn nimmt. - Herausbildung eines internen Jargons, der die Gruppe von anderen abgrenzt und Elemente von Verachtung diesen gegenüber enthält. - Man äußert sich erst, nachdem man gehört hat, was die Führerpersönlichkeiten der Gruppe sagen. - In der Gruppe wird man von einer spezifischen Stimmung erfaßt, die ver­ schwindet, wenn man sich woanders aufhält. Fragen, mit denen man arbeiten kann: 96

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Habe ich eigene Wertvorstellungen (z.B. über den Umgang mit Mitmenschen), die ich auch unter Gruppendruck aufrechterhalten kann? Weiß ich, was ich denke? - Lasse ich mich leicht von Urteilen beeinflussen, die Personen in meiner Umgebung fällen? - Schaffe ich es, mich allein gegen die Gruppe zu stellen, wenn jemand Mobbing ausgesetzt wird ? Sie können andere dabei unterstützen, ihre Individualität trotz Konformitäts­ druck aufrechtzuerhalten, indem Sie selbst Zivilcourage zeigen und Zivilcourage bei anderen unterstützen. Wenn Sie die Mitglieder der eigenen Gruppe als Individuen ansprechen und sie direkt nach ihrer persönlichen Meinung fragen, schaffen Sie mehr Raum für Individualität. Eins der wichtigsten Instrumente bei der Konsolidierung von Gruppen ist der Klatsch. Klatsch läßt sich begrenzen, indem man freundlich darauf hinweist, daß man über den Sachverhalt nicht genügend unterrichtet ist, oder indem man offen begründet, warum man Klatsch nicht mag. Dabei kann man deutlich machen, welche moralischen Prinzipien einem ermögli­ chen, die eigene Position der Gruppe gegenüber zu behaupten. Übungen: 1. Gibt es Ansichten bei Ihnen, die Sie in einer Gruppe, der Sie angehören, besser nicht preisgeben? Äußern Sie Ihre Meinung in einer Situation, in der Sie mit massivem Widerstand und Ablehnung rechnen müssen. Welche Wirkung hat dieser Versuch auf Ihre Gefühle? 2. Stellen Sie sich eine Situation vor, in der Ihre persönlichen Wertmaßstäbe in Konflikt mit dem Gruppenkonsens geraten (z. B. wenn jemand Mobbing ausgesetzt wird). Wie reagieren Sie, welche Maßnahmen ergreifen Sie? 14. Verantwortung übernehmen Sich selbst als ein Subjekt auffassen, das auch in scheinbar ausweglosen Konfliktsituationen seinen Weg wählen kann (Glasl, 1992), ist Thema dieser etwas subtileren Dimension. In der negativen Beziehung zu einem Gegner gefangen zu sein, löst tiefe Frustration und das Gefühl aus, ein Opfer von Umständen zu sein, die man nicht beeinflussen kann. In solchen Fällen fühlt man sich für die Situation, in der man sich befindet, nicht länger verantwortlich, sondern sieht seine Handlungen nur als Reaktionen auf das, was ein Gegner tut oder zu tun beabsichtigt. Wenn der Gegner das gleiche empfindet, wird es niemanden geben, der aktiv die Entwicklung in eine konstruktive Richtung zu treiben versucht. Die Wahrnehmung, in Lebensmuster eingebunden zu sein, die von außen gesteu­ ert werden, ist nicht nur typisch für Konfliktsituationen. Wir lassen uns in gewissem Sinne dazu verführen, unser Leben so einzurichten, daß Arbeit, Familienverhältnisse und andere Verpflichtungen unser Dasein und unseren Handlungsspielraum in einem begrenzten Rahmen halten. Daraus entsteht eine Illusion der Sicherheit bezüglich Alltag und Zukunft, und man braucht nicht mehr selbst die Verant­ wortung dafür zu übernehmen, wie man sein Leben gestaltet. Wirkliche Indivi­ duation, d. h. die Verwirklichung der unverwechselbaren Möglichkeiten, die uns als Individuum gegeben sind, hängt jedoch davon ab, sich als Subjekt wahrzunehmen, das sich seinen eigenen Weg durchs Leben wählt. Schwierige Situationen, zu denen auch Konflikte gehören, können uns dabei helfen, uns dafür zu sensibilisieren, daß 97

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wir Individuen sind, die in jeder Lage willentlich die Gestaltung der Wirklichkeit beeinflussen können. In einer vertieften Sicht geht es bei dieser Dimension darum, unser Bewußtsein außerhalb der Grenzen, die unsere unmittelbaren Gefühle, Wünsche, Gewohnheiten und Denkmuster ziehen, zu beheimaten. Warnsignale, die darauf hinweisen, daß einem das Gefühl, Herr über das eigene Schicksal zu sein, verlorengeht: - Man fühlt sich als das Opfer von Umständen, die nicht zu beeinflussen sind. - Man faßt das eigene Handeln als Reaktionen auf die Zwänge der Umwelt auf. - Ein Gefühl der Mutlosigkeit und Desillusionierung. Fragen, mit denen man arbeiten kann: - Erlebe ich mich oft als Opfer von Kräften, die ich nicht beeinflussen kann? - Bin ich imstande zu sehen, daß meine eigenen Entscheidungen mich in die Situation geführt haben, in der ich mich jetzt befinde? - Welche alternativen Wege kann ich in der Zukunft beschreiten? - Welchen äußeren Umständen ordne ich mich unter, welchen weiche ich aus, welche versuche ich zu ändern? Sie können andere dabei unterstützen, sich als Subjekt wahrzunehmen, indem Sie ihnen als erwachsenen, handlungsfähigen Personen begegnen. Machen Sie Personen in Ihrer Umgebung deutlich, daß sie die Freiheit haben, ihren eigenen Wege zu wählen. Rosenbergs Modell der gewaltfreien Kommunikation ist hierbei hilfreich (Rosenberg, 1983). Übungen: 1. Versuchen Sie sich in jeder von zwingenden Umständen geprägten Situation ein Bild von der besten Handlungsalternative zu machen (z. B. den offenen Konflikt zu suchen, den Arbeitsplatz zu wechseln, eine Beziehung zu beenden, an einen anderen Ort zu ziehen). 2. Ihre gefühlsmäßigen Reaktionen hängen in gleichem Maße von Ihrer Identi­ fikation mit bestimmten Wertmaßstäben und Wunschvorstellungen ab wie von äußeren Ereignissen (Rosenberg, 1983). Erinnern Sie sich an Erfahrungen, die Sie tief frustriert haben, und versuchen Sie sich über Ihre Verantwortung klarzuwerden, indem Sie den Zusammenhang zwischen Ihrer Frustration und Ihren eigenen Wünschen und Entscheidungen aufdecken. 15. Grundmotivation Die letzte Dimension behandelt die Kernfrage der Bewußtseinsentwicklung, nämlich, auf welcher Bewußtseinsstufe das Ich-Gefühl angesiedelt ist. Wilber, Kegan, Loevinger u. a. beschreiben, wie die spezifische Form, die das Ich-Gefühl in den einzelnen Stadien der Bewußtseinsentwicklung annimmt, jeweils neu konstru­ iert wird. Das Ich-Gefühl des Kleinkindes wird von den unmittelbaren Impulsen, Gefühlen und Bedürfnissen des Körpers geprägt, in der Vor-Pubertät besteht es aus Wünschen, Vorlieben und Bedürfnissen, ab der Pubertät tritt die Identifikation mit Rollen, Idealen und Persönlichkeitszügen ein. Als Erwachsene entwickeln wir ein Gefühl für unsere unverwechselbare Individualität, jenseits von Rollen und Konventionen. Solange wir uns innerhalb der Grenzen dieses Stadiums halten, ist unsere Identität, und damit unsere gesamte Motivation, an ein separates Ich geknüpft. Dies bedeutet, daß zu unseren Antrieben gehört, ein positives Selbstbild zu bewahren, anregende Erfahrungen zu machen, persönliche Projekte und 98

Achtsamkeit im Umgang mit Konflikten: ein Weg zur Bewußtseinsentwicklung

Visionen zu verwirklichen und das, was man für seine persönliche Integrität hält, zu verteidigen. In unseren Konflikten tritt uns alles das in zugespitzter Form entgegen. Konflikte können uns deshalb dabei helfen, die Identifikation unseres Ichs mit einem bestimmten Stadium aufzudecken. Erst wenn wir sehen können, auf welche Weise Ich-Motivation operiert, können wir eine Beziehung zu unserem Ich und sei­ nen Begierden entwickeln und damit die Möglichkeit eröffnen, diese Begierden als Teil eines größeren Ganzen aufzufassen (d. h. das Ich vom Selbst zu differenzieren). Auf der Ebene der existentiellen Bewußtseinsstruktur erlebt sich das Ich als ein Aspekt eines ausgedehnten Netzwerks, zu dem andere Menschen, die Natur und der gesamte Kosmos gehören (Wilber, 1995). Zu dieser Art der Ich-Auffassung gehört eine tiefe Identifikation mit universellen Werten der Achtung vor den Grundrechten des Individuums, des verantwortlichen Umgangs mit Entwicklung (das zu erstre­ ben, was für alle Menschen gut ist, und nicht nur für mich und die meinen), und anderen zu erweisen, was man für sich selbst wünscht. Diese Werte zu leben wird dann als zufriedenstellender erlebt als die Verwirklichung von Ich-Interessen. Die transpersonalen Bereiche beginnen mit der Erfahrung des inneren Zeugen, der die Gedanken und Bedürfnisse von Körper und Ich wahrnimmt, ohne sich in ihre Projekte hineinziehen zu lassen. ln Konflikten begegnet uns das gesamte Spektrum von Motiven: Triebe, Begierden, Gefühle, Wünsche, Loyalität gegenüber Rollen und Normen, Visionen und Werte, die unveräußerlich für uns sind. Sie sind häufig in Schichten gelagert. Oberflächlich betrachtet scheint es bei einem Konflikt um die Verteilung von Aufgaben oder Ressourcen zu gehen, darunter verbirgt sich die Sehnsucht nach Anerkennung, Liebe, Freiheit oder Gemeinschaft. Im Prozeß der Konflikteskalation tritt häufig eine Regression der Parteien auf der Ebene der Motivation ein (Visionen -> Eigeninteressen -> Prestige -> Aggression/Überleben). Durch aufmerksames Beobachten der eigenen Motivation in Konfliktsituationen kann eine Neu­ orientierung der Identität im Hinblick auf transpersonelle Werte und Motive eingeleitet werden. Von dem, der sich auf diesen Weg begibt, ist die Entdeckung zu machen, daß die tiefste Befriedigung darin besteht, zum Wohlbefinden anderer Menschen beizutragen. Warnsignale, die auf eine Begrenzung der Motivation auf die unteren Bewußt­ seinsstufen hindeuten: - Man ist von Begierden und egozentrischen Interessen besessen. - Bereitschaft, die eigenen Interessen und Visionen um jeden Preis durchzuset­ zen. - Zwanghaftes Verfolgen von stereotypen Erfolgsvorstellungen der Gesellschaft. Fragen, mit denen man arbeiten kann: Wer bin ich...? Sie können andere dabei unterstützen, sich auf der höchsten ihnen möglichen Motivationsstufe zu verankern, indem Sie sich direkt an die verschiedenen Motivationsstrukturen Ihres Gegenübers wenden. Machen Sie deutlich, daß Sie die niedrigeren Stufen achten, aber nehmen Sie hauptsächlich Kontakt mit den höheren auf. Bestärken Sie andere in ihrem Wunsch nach Weiterentwicklung und nach Über­ windung der begrenzten Perspektiven des Ichs. Übung: Meditieren Sie nacheinander über folgende Sätze: Ich habe Empfindungen, aber ich bin nicht meine Empfindungen. 99

Thomas Jordan

Ich habe Gefühle, aber ich bin nicht meine Gefühle. Ich habe Wünsche, aber ich bin nicht meine Wünsche. Ich habe Rollen, aber ich bin nicht meine Rollen. Ich habe Gedanken, aber ich bin nicht meine Gedanken. Ich habe ein Selbstbild, aber ich bin nicht mein Selbstbild. (Nach Assagioli, 1965)

Schlußbemerkung
Von der Einsicht zur Verwirklichung, von der Erkenntnis zur Inkarnation im wirklichen Leben, ja im eigenen Körper, ist oft ein weiter Weg. Erst nach langer, ernsthafter Auseinandersetzung mit eigenen Widerständen in den rühmlosen Kämpfen des Alltagslebens kommt man authentischer Spiritualität ein Stückchen näher. Konflikte können ein fruchtbarer Weg zu spiritueller Entwicklung, können „good yoga“ sein, besonders dann, wenn wir glauben, daß man zur Transzendenz auf Abkürzungen gelangen kann. Wenn man sich zu einem achtsamen Umgang mit Konflikten entscheidet, beinhaltet dies, Aspekte in der eigenen Persönlichkeit anzu­ nehmen, die man am liebsten vergessen würde. Eine Reihe von Anzeichen deutet darauf hin, daß selbst unter dem Einfluß tiefgreifender, umwälzender Erfahrungen von transpersonalen Bewußtseinszuständen Teile der Ich-Struktur intakt bleiben können, so daß unsere Beziehungen zu anderen Menschen weiterhin neurotisch geprägt sind.6 Konflikte bieten Gelegenheiten zur persönlichen Weiterentwicklung, mit deren Hilfe unsere Voraussetzungen zur Integration spirituellen Wachstums in unseren Alltag verbessert werden. Die meisten von uns werden mit dem hier skiz­ zierten Prozeß ein Leben lang zu tun haben. Persönliches Wachstum mit der ehrli­ chen Auseinandersetzung mit Konflikten zu verbinden, ist kein leichter Weg, aber er enthält die Möglichkeit zu wirklich authentischer Spiritualität.
Anmerkungen 1 Eigene und fremde Konflikte zeigen jedoch, daß die Aufgabe, sich Konflikte in konstruktivem Sinne zunutze zu machen, in besonders schweren Fällen nicht zu bewältigen ist. Der hier vorgestellte Ansatz bezieht sich hauptsächlich auf überschaubare Alltagskonflikte. 2 Beeinflußt haben mich vor allem Glasl (1992), Wilber (1980,1981,1995), Wilber, Engler, Brown (1986), Kegan, (1982, 1994), Habermas (1976, 1981), Loevinger (1976), Kohlberg (1969, 1971), Neumann (1949, 1979), Oesterdiekhoff (1992), Rosenberg (1983), Spillmann & Spillmann (1990), Selman (1980) und Whitmont (1982). 3 Ich möchte darauf hinweisen, daß es nicht mein Anliegen ist, Methoden zur Konfliktlösung zu präsen­ tieren, auch wenn die hier vorgestellte Perspektive für den konstruktiven Umgang mit Konflikten von großem Nutzen sein kann. Es gibt viele Bücher, in denen konkrete Methoden zur Konfliktlösung dis­ kutiert werden. Nachstehend möchte ich dem interessierten Leser einige von ihnen vorschlagen: Besemer, 1993; Cornelius & Faire, 1989; Fisher, Ury & Patton, 1981; Glasl, 1992; Mindell, 1992; Rosenberg, 1983; Thomann & Schulz von Thun, 1988; Willi, 1975. 4 Darüber hinaus liegen Vorschläge für die Arbeit in Gruppen (Rollenspiele) zu jeder Dimension vor, die man im Rahmen eines Workshops verwenden kann. Sie sind nicht Bestandteil dieses Textes, können jedoch bei mir bestellt werden. 5 Vgl. Martin Buber, 1923. 6 Vgl. die gegen eine Reihe von Gurus gerichteten Vorwürfe zu sexuellen Übergriffen und Macht­ mißbrauch, wie z. B. Baba Muktananda, Bhagwan/Osho, und Da Free John/Adi Da (Wilber et al., 1995; Kramer & Alstad, 1993; Feuerstein, 1992).

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Achtsamkeit im Umgang mit Konflikten: ein Weg zur Bewußtseinsentwicklung

Awareness in conflicts: an approach to consciousness development Summary: This essay presents a concrete and down-to-earth approach to consciousness development by working with personal conflicts. There arc two objectives: First, to make the relation between cons­ ciousness development and conflicts visible; secondly, to suggest practical guidelines on how one can take up the spiritual challenges offered by personal conflicts. I describe 15 dimensions of consciousness deve­ lopment. These 15 dimensions have two attributes in common: they constitute important aspects of psy­ chological development in adult age, and the abilities associated with them are challenged in conflict situations. Because of these two attributes, the dimensions might be used to formulate benchmarks useful in our efforts to evolve spiritually. I describe each dimension in a praxis-oriented way, e.g. by formulating concrete „warning signs“ and a number of questions one may ask oneself, and by suggesting exercises. Keywords: Consciousness development, Conflict, Spirituality in everyday life, Spiritual challenge, Exercises.

Literatur Assagioli, R. (1965): Psychosynthese. Hamburg: Rowohlt, 1993. Besemer, C. (1943): Mediation - Vermittlung in Konflikten. Königsfeld: Stiftung Gewaltfreies Leben. Buber, M. (1923): Ich und Du. Gerlingen: Bleicher Verlag, 1994. Cornelius, FI. und Faire, S. (1989): Everyone can win. How to resolve conflict. Simon Schuster (Australia). Feuerstein, G. (1992): Heilige Narren. Frankfurt a. M., Krüger, 1996. Fisher, R., Ury, W. und Patton, B. (1981): Das Harvardkonzept: Sachgerecht Verhandeln - erfolgreich Verhandeln. Frankfurt a. M.: Campus Verlag, 1991. Glasl, F. (1992): Konfliktmanagement. Ein Handbuch für Führungskräfte und Berater, Haupt, Bern. Habermas,]. (1976): Zur Rekonstruktion des Historischen Materialismus. Frankfurt a. M.: Suhrkamp. - (1981): Theorie des kommunikativen Handelns, Band I & 2. Frankfurt a. M.: Suhrkamp. Kegan, R. (1982): Die Entwicklungsstufen des Selbst. München: H. Kindt, 1994. Kohlberg, L. (1969): ,Stage and sequence: The cognitive-developmental approach to socialization’, in: D. A. Goslin (Hrsg.) Handbook of socialization theory and research. Chicago: Rand McNally. Kramer, J und Alstad, D. (1993): Die Guru Papers. Frankfurt a. M.: Zweitausendeins, 1995. Loevinger, ]. (1976): Ego Development. San Francisco: Jossey-Bass Publishers. Mindell, A. (1992): The Leader as Martial Artist: Harper San Francisco. Neumann, E. (1949): Ursprungsgeschichte des Bewußtseins. Fischer Taschenbuch, 1995. - (1979): Das Kind. Einsiedeln: Daimon Verlag. Oesterdiekhoff, G. W. (1992): Traditionales Denken und Modernisierung. Jean Piaget und die Theorie der sozialen Evolution. Opladen: Westdeutscher Verlag. Rosenberg, M. (1983): Ein Modell für gewaltfreie Kommunikation. Möhlin (CH): Zentrum für Gewaltfreie Kommunikation [im Winkel 3, 4313 Möhlin, CH]. Schroder, H. M., Driver, M. J. und Streufert, S. (1967): Human Information Processing. Individuals and Groups Functioning in Complex Social Situations. New York: Holt, Rinehart and Winston, Inc. Selman, R. I., (1980): The growth of interpersonal understanding. New York: Academic Press. Spillmann, K. R. und Spillmann, K. (1990): Feindbilder: Entstehung, Funktion und Möglichkeiten ihres Abbaus“, Internationale Schulbuchforschung, Vol. 12, S. 253-284. Thomann, C. und Schub, von Thun, F. (1988): Klärungshilfe, Handbuch für Therapeuten, Gesprächs­ helfer und Moderatoren in schwierigen Gesprächen. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt. Trungpa, C. (1973): Spirituellen Materialismus durchschneiden. Berlin: Theseus, 1993. Wilber, K. (1980): Das Atman-Projekt. Paderborn: Junfermann, 1989. -(1981): Halbzeit der Evolution. Fischer Taschenbuch, 1996. - (1995): Eros, Kosmos, Logos. Frankfurt a. M.: Krüger, 1996. Wilber, K., Ecker, B. und Anthony, D. (Hrsg.) (1995): Meister, Gurus, Menschenfänger. Über die Inte­ grität spiritueller Wege. Frankfurt a. M.: Wolfgang Krüger Verlag. Wilber, K., Engler, ]. und Brown, D. P. (1986): Psychologie der Befreiung. Bern: Scherz, 1988. Willi,}. (1975): Die Zweierbeziehung. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1990. Whitmont, E. C. (1982): Rückkehr der Göttin. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1993.

Thomas Jordan, Floraweg 48 42929 Wermelskirchen

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Buchbesprechungen
Joachim-Ernst Berendt: Das Leben - ein Klang. Wege zwischen Jazz und Nada Brahma, Droemer-Verlag, München, 1996, 496 Seiten. Joachim-Ernst Berendt, jetzt 74 Jahre alt, hat seine Autobiographie geschrieben, über seine inneren und seine äußeren Wege. Es war ein bewegtes Leben: mehrere Male ist er nur knapp dem Tode entronnen, er lebt jetzt in seiner vierten Ehe, war Mitbegründer des Südwestfunks, den er viele Jahre lang mitentwickelte. Er organi­ sierte und inspirierte die Jazzbewegung und später die „Weltmusik“; er veröffent­ lichte zahlreiche Bücher, entwickelte Meditationen, leitete Workshops. Es war ein reiches Leben, und so ist diese Autobiographie auch ein Zeitdokument dieses Jahr­ hunderts. Die Auseinandersetzung mit Nationalsozialismus und Antisemitismus hat ihn geprägt und ein tiefes humanistisches Moralempfinden hinterlassen. Er hat Stellung bezogen, ja nahezu beziehen müssen, und tut dies auch heute noch. Seine tiefe Integrität läßt ihm keine andere Wahl, fordert geradezu seine Ehrlichkeit und Offenheit, manchmal sogar eine gewisse Schonungslosigkeit sich selbst oder anderen gegenüber. Und doch wird überall in diesem Buch seine Feinheit und Sensibilität spürbar, die ihn häufig hat verletzt sein lassen und mit der er gleichzeitig die wesent­ lichen Themen seines Lebens durchwebt. Es ist ein Buch des Hörens, ein Buch der Liebe und ein Buch des Unsagbaren. „Ich erhöre mein Leben“ (S. 27), und der Leser ist aufgefordert, ihn zu erhören. Gehört zu werden, mehr noch als gesehen zu werden, - ursprünglich von seinen Eltern, insbesondere vom Vater, ist ein tiefes Bedürfnis, das sein Leben durchdringt. Und so läßt er uns Anteil daran haben, wie er Musik hört, die Sprache hört, die Stille hört, vom Sein erhört wird. Hören läßt ihn sich verbinden mit seiner Lebensgeschichte, der Musik, den vielen Menschen, seinen Anliegen und Werten. „Man hört nur mit dem Herzen gut“ könnte in Abwandlung des berühmten Satzes aus dem kleinen Prinzen ein Lebensprinzip für ihn gewesen sein. Und so ist es auch ein Buch des Herzens: für sich selbst, für seine Frau Jadranka, für die Sprache, die er inzwischen genauso zu lieben scheint wie die Musik, für das Hörbare, aber auch das Unhörbare. Es ist an der Grenze entlang geschrieben zwischen dem, was er sagen kann, und dem, was nicht gesagt werden kann (S. 19). Es ist geschrieben aus einer tief verwurzelten Spiritualität. Er nennt sie „Religio perennis“, und dies empfinde ich als einen noch schöneren Ausdruck als die „Philosophia perennis“, weil er die religiöse oder spirituelle Erfahrung mehr in den Vordergrund stellt. Immer wieder wird die­ ses tiefe Anliegen spürbar, Ganzheit erfahrbar zu machen, ebenso aus dem Unsagbaren, wie in der Form des Formulierten und der Resonanz des Lesers. Manchmal spüren wir, wie er darum ringt, oft wirkt es ganz leicht. Doch ist diese Autobiographie nicht abgeschlossen, wie auch dieses Leben: es klingt weiter und entfaltet die ihm innewohnende Musik, von der wir uns tief bewe­ gen und berühren lassen können. Dr. Joachim Galuska, Bad Kissingen 102

Buchbesprechungen

Ken Wilber: Eros, Kosmos, Logos. Eine Vision an der Schwelle zum nächsten Jahrtausend. Aus dem Amerikanischen von Jochen Eggert, Theo Kierdorf, Gisela Merz-Busch und Ursula Schumann. Wolfgang Krüger Verlag, Frankfurt/Main 1996. Für viele ist Ken Wilber längst eine Art Thomas von Aquin oder Leibniz des 20. Jahrhunderts. In einer Welt, der zunehmend das Gespür und das Bewußtsein für die Tiefendimensionen des Geistes abhanden kommt und die sich deshalb immer mehr in Oberflächlichkeiten und Äußerlichkeiten verliert, während im gleichen Maße die Zahl sogenannter Spezialisten wie Generalisten steigt, die angesichts der ökologi­ schen Krise prophetische Kompetenz für sich in Anspruch nehmen, meldet sich ein wahrhaft universal Gelehrter zu Wort, der wie kein zweiter sowohl die Vielfalt der modernen Natur- und Systemwissenschaften, der neuen psychologischen Ansätze als auch der alten, östlichen wie westlichen Weisheitslehren überschaut und zu einer wegweisenden Synthese zu bringen versucht. Sein jüngstes, fast 900 Seiten starkes Hauptwerk, das Wilbers bisherige große Arbeiten bündelt und weiterführt, legt davon in großartiger Weise Zeugnis ab. Es ist „ein Buch über Evolution und Religion und in gewissem Sinne über alles, was dazwischen liegt. Es ist eine kurze Historie von Kosmos, Bios, Psyche, Theos eine Geschichte, die ein Wahnsinniger erzählt“, wie der Autor etwas kokett selbst­ ironisch betont. Aber der „Wahnsinn“ hat Methode, und die ist so fruchtbar, daß dieses Buch lediglich den ersten einer auf drei Bände geplanten Trilogie darstellt, die den ebenso schlichten wie anspruchsvollen Titel „Kosmos“ tragen soll. Wilber unternimmt den grandiosen Versuch, die Geschichte der Evolution des Geistes zu erzählen, mit dem Ziel, das gemeinsame Muster der Bewußtseinsstruktur sowohl im Mikro- und Makro-Bereich des Individuums und seines soziokulturellen Umfelds als auch im ontogenetischen und phylogenetischen Bereich der Entwicklung des Individuums und der Evolution der Art herauszuarbeiten. Dabei setzt er bei soge­ nannten „Orientierungs-Verallgemeinerungen“ an, Erkenntnissen, die sich aus brei­ ten Übereinstimmungen zwischen verschiedensten Wissenszweigen - von der Physik über die Biologie und Psychologie bis zur Theologie - ergeben und eine ungefähre Landkarte erkennen lassen, „die den Ort des Menschen in seiner Beziehung zum Universum, zum Leben und zum Geist erkennbar macht“. Leitende Werkzeuge sind für Wilber der von Arthur Koestler übernommene Begriff des „Holons“, der von Alfred North Whitehead inspirierte Begriff der „Emergenz“ und die Unterscheidung von Außen/Innen, wobei er sich neben frühe­ ren Gewährsleuten wie Jean Gebser vor allem - und das ist neu - auf die von Jürgen Habermas im Rahmen seiner „Theorie des kommunikativen Handelns“ gemachten Anmerkungen zur Evolution des menschlichen Bewußtseins und der sozialen Kommunikation stützt. „Holons“ sind Ganze, die wiederum Teile von anderen Ganzen sind, bis ins Unendliche, und als solche die Basiseinheiten der Evolution. Die ersten Kapitel handeln von Holons im physischen Kosmos (Materie) und in der Biosphäre (Leben), also dem Gebiet der Naturwissenschaften, der ökologischen Wissenschaften, der Biowissenschaften und der Systemwissenschaften, wobei Wilber den Begriff eigens in „zwanzig Grundaussagen“ (Kap. 2) absteckt. Die mittleren Kapitel behandeln das Emergieren des Geistes bzw. der Psyche bzw. der Noosphäre, also die Holons, aus denen die Psyche selbst sich zusammensetzt. 103

Buchbesprechungen

Hier öffnet sich für Wilber über die Schlüsselkapitel 4 („Die Dinge von innen ken­ nen“) und 6 („Magisch, mythisch und darüber hinaus“) das Tor zur „Evolution des Innen“, zum Transpersonalen. Kap. 6 greift auf die von Wilber in die Diskussion eingeführte Prä/Trans-Verwechslung zurück, entfaltet im Dialog mit Piaget die Entwicklungsstufen übers Archaische, Magische zum Mythischen und liefert mit einer profunden Kritik von Joseph Campbells Verherrlichung des Mythos die Grundlage für eine Auseinandersetzung mit der modernen Männerbewegung, bei der Regression in biosphärenahe archaische Bilder diagnostiziert wird. („Der Wilde Mann ist das biosphärische Männchen im Reich der Instinkte, wo der Körper regiert, wo das Gleichgewicht zwischen den Geschlechtern suspendiert ist...)“. Das Mythisch-Rationale (Der „Zentaur“) bildet für Wilber den Wendepunkt, an dem höhere Entwicklungsstufen des Bewußtseins in den Blick kommen, die mit Begriffen wie „Transpersonalität“ und „Spiritualität“ verbunden sind. Echte Spiritualität ist für Wilber nicht ein Produkt der Vergangenheit (oder sogenannter Archetypen), echte Transpersonalität kein regredierendes Anknüpfen an archetypi­ sche Weisheit, die wir aus den Augen verloren haben. Die großen spirituellen Gestalten der Vergangenheit in Ost und West, wie Buddha oder Christus, sind viel­ mehr „unbekannte Attraktoren, die in unserer Zukunft liegen, Omega-Punkte, die noch nie eine kollektive Verwirklichung gefunden haben, sondern sich jedem einzel­ nen als Strukturpotentiale darbieten, als künftige Strukturen, nicht als vergangene“ (S. 314). Die Kapitel 7 und 8 führen über das Emergieren des Zentauren hinaus in den nach Materie, Leben und Geist vierten Bereich, den des Psychischen und Subtilen, die Domäne der Seele und damit den Bereich des Transpersonalen, denn „die erste Regel der Seele lautet: Sie ist transpersonal“ (S. 346). Die vier großen Stadien der transpersonalen Entwicklung - das psychische, das subtile, das kausale und das nichtduale - mit ihren Tiefenstrukturen und Pathologien beschreibt Wilber nicht noch einmal eigens, sondern verweist hier auf frühere Bücher. Stattdessen läßt er „vier bedeutende und besonders typische Vertreter dieser Stufen“ zu Wort kom­ men und widmet ihnen weiterführende Analysen: Ralph Waldo Emerson (psy­ chisch), die Hl. Therasa von Avila (subtil), Meister Eckehart (kausal) und Sri Ramana Maharshi (nichtdual). Jede dieser Personen ist zugleich Repräsentant einer für die jeweilige Stufe typischen Form der Mystik: Naturmystik, „Gottheiten­ mystik“ (der klassische Terminus wäre „Gottesmystik“), formlose Mystik und nichtduale Mystik. Es wäre reizvoll, führte aber zu weit, sich mit Wilbers Inter­ pretationen dieser Mystiker/innen auseinanderzusetzen. Nur eine Anmerkung: Es fällt auf, daß ausgerechnet Emerson als Respräsentant einer „psychischen“ (= trans­ personalen) Naturmystik gegen bloße Indissoziation oder biospherische Regression oder egozentrische Verschmolzenheit ins Feld geführt wird. Hat seine Formel vom „Selbst der Nation und der Natur“ nicht zu einer sehr amerikanischen „NewThought“-Bewegung geführt, die als sogenanntes „Positives Denken“ mit dem Emerson’schen Slogen „Vertraue dir selbst“ zu einer der einflußreichsten jener „Flachlandphilosophien“ geworden ist, die Wilber zu recht als „prärational“ bekämpft? Aber fast jede Seite dieses Buches provoziert Fragen, und das zeigt nur, wie anregend und fruchtbar es ist. Vollends deutlich wird dies in den letzten Kapiteln (3-14), die vom Theos, vom Göttlichen, von der tieferen Ordnung und ihrer möglichen Beziehung zum Kosmos, 104

Buchbesprechungen

zur Biosphäre und zur Noosphäre handeln, und in denen Wilber, bildlich gespro­ chen, die Ernte der vorhergehenden Kapitel in die Scheuer fährt. Überraschend ist hier zunächst, die philosophische Abstützung seines Unternehmens im Rückgriff auf Philosophen wie Plotin und Schelling, woraus sich natürlich Anfragen an Wilbers Spiritualitätsbegriff ergeben, nicht nur von theologischer Seite. Auch nach dem, was Wilber in diesen Buch zu „Spiritualität“ ausführt, bleibt dieser Begriff eine Herausforderung für die Transpersonale Psychologie, die selbst ein Interesse daran haben müßte, hier weitere Klärungen herbeizuführen. Um so wichtiger erscheint es, daß Wilber ausführlich zum Verhältnis seines Ansatzes zum Werk von S. Grof und Richard Tarnas Stellung nimmt und dabei viele auch für die Praxis der Transpersonalen Psychologie wichtige Themen berührt, etwa die Bedeutung von „Gipfelerlebnissen“, prä- und perinataler Prägungen, die Verhältnisbestimmung von Ego, Ich und Selbst, den Unterschied zwischen vergangener Aktualität und zukünf­ tiger Potentialität sowie die Frage, ob sich die Moderne auf die perinatalen Matrizen zurückführen läßt. Das Entscheidende findet sich, etwas versteckt, in den Anmer­ kungen 3 zu Kap. 6 (in der deutschen Ausgabe heißt es irrtümlich Kap. 4) sowie 16 zu Kap. 14 (S. 660-664 und S. 806-828). Insgesamt sind wichtige Ausführungen zur Transpersonalen Psychologie einge­ bettet in eine grundsätzliche Kritik der Aufklärung und aus ihr resultierender patho­ logischer Formen von Ego und Öko, die sich vor allem am Verhältnis des postmo­ dernen Menschen zur Natur und zur Sexualität festmachen lassen, aber mit deren Bewußtwerdung auch die Chance zu Neuem erscheint, derweil die „Evolution nicht stehenbleibt und jedes Stadium in ein größeres, umfassenderes Morgen einmündet. Und wenn das Heute Rationalität ist, dann ist das Morgen Transrationalität“ (S. 603). Es liegt auf der Hand, daß hier nur ein schwacher Eindruck vom Reichtum des Wilber’sehen neuen Werks vermittelt werden kann. Das Buch will erarbeitet werden, und dies ist mit Mühen verbunden, nicht nur wegen seines Umfangs. Allein der Anmerkungsteil umfaßt gut 200 Seiten. Wilber empfiehlt daher fürs erste Lesen, die Anmerkungen auszulassen und für einen zweiten Durchgang aufzuheben: Sie bilden ein Buch für sich, für den wissenschaftlich Arbeitenden - gleich welcher Disziplin - eine Fundgrube. Der Hauptteil ist um größtmögliche Zugänglichkeit bemüht. Die 4 (!) Übersetzer/innen haben Erstaunliches geleistet; kleinere Un­ sauberkeiten und Fehler finden sich immer wieder einmal bei (vom Verlag geforder­ ten) Kürzungen (so z.B. S. 339 beim Begriff des Einleuchtens im Gegenüber zur Injunktion), die vor allem dort ärgerlich sind, wo Hinweise auf spezielle Praktiken östlicher spiritueller Wege und die einschlägigen Begriffe Wegfällen, weil dadurch Wilbers Bemühen um eine Synthese westlicher und östlicher Einsichten zu Spiritualität und Bewußtseinsstufen verdunkelt wird. Alles in allem: ein schwerge­ wichtiges, grandioses und gerade heute notwendiges Buch, dem viele Leser/innen zu wünschen sind. Bernhard Wolf, Nürnberg

P.S. Eine Möglichkeit zum Austausch zu diesem Werk gibt es vom 19.-21. 9.1997 in Bad Kissingen in der Fachklinik Heiligenfeld (s. unter Tagungen) 105

Buchbesprechungen

Gerhard Wehr: Jean Gebser - Individuelle Transformation vor dem Horizont eines neuen Bewußtseins, Via Nova, Petersberg 1996, 298 Seiten. Im September 1996 ist Wehrs Gebserbiographie herausgekommen. Wehr gelingt es am Anfang, und in den Schlußkapiteln seines Buches, das Umfeld von Gebsers Leben interessant zu beschreiben, Gebser selber bleibt aber für mich als Leser der noch aus­ gesparte Raum, den diese Biographie nicht erfüllt. Skizzenhaft werden eher periphere Charakterzüge Gebsers beschrieben. Zudem fällt auf, daß Wehr immer wieder schnell bereit ist, die negativste Variante der Interpretation für Gebsers Lebensgeschichte in Betracht zu ziehen. Ein durch das ganze Buch hindurchgehender Verdacht, z. B. daß Gebser in vielen nicht ehrlich gewesen sei, befremdet, weil selbst die im Buch darge­ stellten Fakten diesen Schluß nicht rechtfertigen. Warum soll z. B. Gebser unehrlich sein, wenn er seine homophile Seite in seinem späteren Leben verschwiegen hat? Unter den gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen Gebser gelebt hat, ist das doch nur allzu verständlich. Es ist vielleicht tragisch, aber es hat nichts mit Unehrlichkeit zu tun. Bei Wehr wird man den Eindruck nicht los, daß er Gebser nicht besonders mag. Augustin sagt, daß man etwas nur insofern versteht, als man es liebt. Das scheint mir das Hauptproblem dieser Biographie zu sein. Trotz interessanter und gut formulierter Passagen droht Wehrs Biographie immer wieder in eine negativ wertende Darstellung abzugleiten. „Dedektivisch“ ist Wehr vorgegangen, wie er in seinem Vorwort selber anmerkt. Er will den „Gegenstand“ seiner Darstellung nicht „gutdenken“, was richtig ist, er mißtraut ihm, er „belauert“ ihn. Diese Optik ist dort durchaus am Platz, wo es um kritische Demontage und Relativierung falscher Vorbilder geht. Ist Gebser dazu der geeignete „Gegenstand“? Wehrs grelle Kritik betrifft zum Beispiel die Art und Weise, wie Gebser seine Beziehungen gelebt hat. So hat nach Wehr Gebser seine erste Frau geheiratet, um ans Geld der wohlhabenden Frau heranzukommen, sie aber dann sofort wieder verlassen, als sie enterbt worden ist, weil sie als Geldquelle nicht mehr hat genutzt werden können. Zu dieser monokausalen Reduktion der Beziehung zwei­ er Menschen aufs Ökonomische ist zweierlei zu sagen: Erstens sind die kausalen und finalen Verknüpfungen der Ereignisse Interpretation des Biographen. Interpretations­ ebene und faktische Ebene müssen aber klar unterschieden werden. Zweitens weiß ich, der sowohl Jean Gebser wie auch seine erste Frau persönlich gekannt hat und auch das biographische Material des Nachlasses kennt, daß auf der faktischen Ebene diese eingleisige Erklärung von Eheschließung und Trennung nicht stimmt. Zu relativieren ist auch das für Wehrs Buch wichtige Interpretationsmuster, daß Gebser sich durch den gesundheitlichen Zusammenbruch im Jahre 1966 vom Genußmenschen zum spi­ rituellen Menschen gewandelt habe. Die allzu kausale Auffassung der „Krankheit als Chance“ aber, welche Gebser den Schritt ins Geistige ermöglicht habe, greift zu kurz. Wandlung findet auch schon vorher im Leben Gebsers statt: Sein fast zwanzig Jahre früher entstandenes Hauptwerk „Ursprung und Gegenwart“ ist ein wesentlicher Beleg auf diesem Weg der Wandlung. Dieses Werk, das visionär die Bewußtseins­ entwicklung des menschlichen Geistes nachzeichnet und unsere Zeit bereits in den Fünfzigerjahren als Wendezeit beschreibt, ist von einem sehr wachen und sensiblen Menschen verfaßt worden, der glücklicherweise - soweit gebe ich Wehr durchaus recht - auch nur ein Mensch gewesen ist. Dr. Rudolf Hämmerli, Thun 106

Buchbesprechungen

Leta Vonzun, Franz-Xaver München, 1996, 384 Seiten.

Jans:

Tore

zum

Licht.

Engel

sprechen.

Kösel,

„Tore zum Licht, ist das schriftliche Dokument eines psychisch-spirituellen Prozesses einer Frau in der Lebensmitte, die sie zugleich als Lebenskrise erfährt. Im Mittelpunkt steht die Begegnung mit einer Lichtgestalt, die sich als ihr Ebenbild zu erkennen gibt. Diese Erscheinung bezeichnet sie im Sinne der abendländischen Tradition als Engel, der sie zu einem lebendigen Dialog einlädt. Auf diesem Individuationsweg erlebt sie immer deutlicher Christus als das zentrale Ziel ihres Lebens, der sie fortan in seinen Dienst nimmt. Was den meisten von uns eher suspekt, mythisch oder abergläubisch anmutet, wird für sie zur erlebten Gewißheit. Wir sind verunsichert, aber auch herausgefordert, gewohnte Denk- und Lebens­ muster aufzugeben und die Frage nach dem eigenen Standpunkt neu zu überdenken. Der Mut und die Treue dieser Frau zu sich selbst provozieren uns, nach neuen Möglichkeiten unseres Menschseins zu suchen, die wir bisher nicht mehr zu glau­ ben, geschweige denn zu nutzen wagten. Manches mag im Dunkeln bleiben - handelt es sich um eine wahrhafte Offen­ barung oder um Projektion aus dem Unbewußten - der Text des Erfahrungs­ berichtes beeindruckt durch eine seltene und erfrischende spirituelle Qualität jen­ seits aller Grenzziehungen einer herkömmlichen Konfession oder traditionellen Theologie. Die transpersonale Psychologie und ihre spirituellen Implikationen auf dem Hintergrund einer vergleichenden Mystikforschung ergeben einen möglichen Raster, die Erfahrungen dieser Frau einzuordnen. Wir staunen, wie sich in ihren nächtlichen Träumen die Tore der Seele weit öffnen und vom inneren Seelenpartner eine starke erotisch-zärtliche Kraft ausgeht, die auch die Stimmung des Tages be­ einflußt. Im ganzheitlichen Erleben fließt diese Dynamik des Eros und die spirituel­ len Energien fortwährend ineinander und beseelen auch ihre realen Beziehungen. Im Mitautor, der als Theologe und Psychotherapeut überwiegend nach der analy­ tischen Psychologie C. G. Jungs arbeitet und seit vielen Jahren Menschen in der meditativen Praxis der christlichen Kontemplation führt, findet der Reifungsprozeß einen einfühlsamen und fachkundigen Begleiter. Ohne seine Zusammenarbeit und das neue Verständnis der spirituellen Führungskraft in der Seele dieser Frau, das sich in den fortlaufenden Antwortbriefen schrittweise erschließt, bliebe dem Leser man­ ches unzugänglich, ja rätselhaft. Dieser gegenseitige und sehr persönliche Austausch beider Autoren macht den besonderen Wert, ja Reiz dieses Dokumentes aus. Dennoch liegt der Schwerpunkt nicht so sehr in den Interpretationen und Erklärungen zu den Aufzeichnungen als vielmehr in der Ermutigung des Lesers, am Wandlungsprozeß eines Menschen mit all seinen Höhen und Tiefen teilzunehmen, in dem sich der Sinn eines neuen Lebens langsam enthüllt. Fern jedes spirituellen Abgehobenseins bleibt die gegenwärtige Welt in ihrem ganzen Bedrohtsein in unse­ rem Blickfeld. Eine Umkehr zu einem Leben im Einklang mit der Schöpfung und ein Neubeginn wird aber nur gelingen, wenn wir in unserem eigenen Dasein die spirituelle Dimension wiederfinden und auch „unsere Schritte engelwärts lenken“ (S. 382), indem wir auf die Erscheinung unseres Engels nicht nur warten, sondern sie auch aktiv herbeirufen, wie Leserin und Leser öfters eingeladen werden. Dr. phil. et lic. theol. Georg Wachtier, Zürich 107

Tagungen
Eros, Kosmos, Logos, Gespräche über Ken Wilbers Buch 19. bis 21. September 1997 in Bad Kissingen
Gedacht ist an einen Werkstattcharakter von Gesprächen, Diskussionen und Austausch über Ken Wilbers Werk, vor allem für Interessierte und Engagierte in Transpersonalen Wissenschaften. Informationen bei Dr. med. Joachim Galuska, Fachklinik Heiligenfeld, Euerdorfer Str. 4-6, 97688 Bad Kissingen, Tel. 0971/8206-369, Fax 0971/68529

4. Europäische Transpersonale Konferenz, 17.-22. August 1997 in Warschau, Polen Mandala of Chaos & Harmony
Veranstalter: EUROTAS (Europäische Transpersonale Vereinigung). Referenten: J. Fadiman, Z. Bauman, E. Zundel, J. Prokopiuk, A. Nowak, F. Cramer, J. Drew, L. Arye, L. BoggiotGilot, D. Fadiman, usw. Information: Polish Transpersonal Association ul. Czerniakowska 36/80, 00-714 Warsaw, Poland, Telefon und Fax: +48-22-40-06-58, +48-22-827-04-97

2. Forum der Psychosynthese, 26. bis 28. September 1997 in Wolfegg im Allgäu Seelenlandschaften
Das Forum entstand aus einer Idee, die einen Funken in der jährlichen „Graduierten-Ver­ sammlung“ der Ausgebildeten des Psychosynthese-Hauses gezündet hat. Die Gruppe plante schon das Forum 95, zu dem 120 an Psychosynthese Interessierte kamen. Dieses Experiment in offener Zusammenarbeit hat alle Beteiligte so beflügelt, daß es in zweijährigen Turnus fort­ gesetzt wird. Vorträge und Workshops dieses Forums (bitte Programm anfordern) dienen dem Kennenlernen von und dem Austausch zwischen verschiedenen Schwerpunkten der Psychosynthese und verwandten Strömungen. Den Einführungsvortrag mit anschließendem Workshop hält Molly Young Brown, M. A. aus Kalifornien. Molly, die seit 1973 bei Roberto Assagioli studierte, verbindet seit vielen Jahren die Psychosynthese mit Ansätzen aus der Tiefenökologie und der Systemtheorie. Anmeldung und Anfragen beim Organisationsbüro: Marion Warbinek, Spohnstraße 15/4, 88212 Ravensburg, Tel.: 0751/22743

3. Symposion für künstlerische Therapien, 9. bis 11. Mai 1997 in Hannover „Majestät des Todes - Würde des Lebens“ (Therapeutische Handlungsprozesse)
Interdisziplinäre Arbeitstagung für Psychotherapeuten, Ärzte, Psychologen, Sozialpäd­ agogen, künstlerische Therapeuten, Pädagogen und entsprechende Studenten. Plenarreferate und 18 künstlerisch-therapeutische Arbeitsgruppen (Musiktherapie, Kunsttherapie, plastische Therapie, Bewegungstherapie, Tanz, Schauspiel) u.a. mit Elisabeth Wellendorf/Hannover (Kunsttherapie), Prof. Oie Teichmann-Mackenrodt/Hannovcr (Mu­ siktherapie), Prof. Ingrid Riedel/Konstanz (Mythologie), Univ.-Prof. Fulbert Steffensky/Hamburg (Theologie), Univ.-Prof. Hans-Christoph Piper/Hannover (Seelsorge), Prof. Peter Petersen/Hannovcr. Informationen bei: Univ.-Prof. Dr. med. Peter Petersen, Arbeitsbereich Psychotherapie MHH, Pasteurallee 5, D-30655 Hannover, T.: 0511/1906-3560/3547

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Die Autoren dieser Ausgabe

Galuska, Joachim, Dr. med., Jahrgang 1954, Facharzt für Psychotherapeutische Medizin und für Psychiatrie, Chefarzt der Fachklinik Heiligenfeld in Bad Kissingen; Gestalttherapie und Integrative Therapie (FPI), Orgodynamik, 2. Vorsitzender des SEN Deutschland. Gemsemer, Kurt, Jahrgang 1952, Ärztliche Tätigkeit in psychiatrischen Institutionen, jetzt in freier Praxis, Gestalttherapie, Lomi-Körpertherapie; Therapietätigkeit, Supervision und Veröffentlichungen im Bereich der PsychoseTherapie. Jordan, Thomas, Dr. econ., Jahrgang 1958, Wirtschaftsgeograf an der Universität Göteborg, Schweden, wo er auch das Fach Konfliktlösung unterrichtet. Z. Zt. Gastforscher an der Universität Köln. Applikation der Spektrumpsychologie Ken Wilbers und Robert Kegans auf die Analyse zeitgenössischer gesellschaftlicher Probleme, insbesondere sozialer Konflikte. Krenzin, Angela, Dipl.-Psych., Jahrgang 1956. Ausbildung in Astrologischer Psychologie, Psychosynthese, NLP. Themenschwerpunkte: Arbeit mit Paaren, psy­ chosomatische Prozesse. Seifert, Theodor, Dipl.-Psych., Dr. rer. biol. hum., Psychoanalytiker in eigener Praxis, Lehranalytiker des C. G. Jung-Institutes Stuttgart, Leitender Mitarbeiter der Lindauer Psychotherapiewochen. Widmer, Samuel P., Dr. med., Jahrgang 1948, FMH für Psychiatrie und Psychotherapie, tätig in eigener Praxis. Erfahrungen mit psycholytischer Psycho­ therapie (Spezialbewilligung von 1988 bis 1994), Mitbegründer der SÄPT (Schweizerische Ärztegesellschaft für Psycholytische Psychotherapie) und des ECBS (Europäisches Collegium für Bewußtseinsstudien). Mehrere Veröffent­ lichungen zum Thema, Vater von drei Kindern, „glücklich“. Wilber, Ken, Biochemiestudium, ZEN-Meditation, langjähriger Chefredakteur und Herausgeber der Zeitschrift Revision, zahlreiche Veröffentlichungen, u. a. Spek­ trum des Bewußtseins, Wege zum Selbst, Die drei Augen der Erkenntnis, Halbzeit der Evolution; Eros, Kosmos, Logos.

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Hinweise für Autoren:
Allgemeines:
Manuskripteinsendungen werden an einen der Schrift­ leiter erbeten (s. Impressum). Für die Zeitschrift werden nur unveröffentlichte Beiträge angenommen, die nicht gleichzeitig an anderer Stelle zur Veröffentlichung eingereicht werden. Mit dem Abdruck des Beitrags erwirbt der Verlag alle Rechte, insbesondere das alleinige und ausschließliche Recht für die Ver­ öffentlichung, für die weitere Vervielfältigung und zur Übersetzung für alle Sprachen und Länder.

Gestaltung:

Das Manuskript sollte klar und übersichtlich sein und durch Zwischenüberschriften gegliedert werden. Die Schriftleitung behält sich das Recht vor, notwendig erscheinende Verbesserungen vorzunehmen. Das Manuskript ist in zweifacher Ausfertigung maschi­ nengeschrieben, möglichst ½-zeilig einzusenden. Es sollte maximal 20 Manuskriptseiten nicht überschreiten. Dem Manuskript ist eine deutsche Zusammenfassung mit dem Umfang von 10—15 Zeilen und ein englisches Summary mit dem englischen Titel der Arbeit beizufü­ gen. Im Anschluß an die Zusammenfassungen werden jeweils 3 bis 6 deutsche Schlüsselworte und 3 bis 6 engli­ sche Keywords formuliert. Im Text der Arbeit sind in Klammern Autorenname und Erscheinungsjahr anzugeben, z.B. (Walsh, 1993). Im sel­ ben fahr erschienene Arbeiten des gleichen Autors wer­ den durch a, b, c, usw. hinter der Jahreszahl gekennzeich­ net, z.B. (1992b). Im Literaturverzeichnis werden alle im Text zitierten Arbeiten aufgeführt. Es ist alphabetisch geordnet. Zeitschriftenbeiträge werden folgendermaßen zitiert: Sämtliche Autorennamen mit nachgestellten Initialen der Vornamen, Erscheinungsjahr in Klammern, Beitragstitel, Name der Zeitschrift in der gültigen Abkürzungsform, Band- und Seitenzahl. Beispiel: Walsh R (1993) The Transpersonal Movement: A History and State of the Art. The Journal of Transpersonal Psychology, 25, 123-139. Bücher werden folgendermaßen zitiert: Sämtliche Auto­ rennamen mit nachgestellten Initialen der Vornamen, Erscheinungsjahr in Klammern, vollständiger Buchtitel, Verlag, Verlagsort. Beispiel: Wilber K (1988), Die drei Augen der Erkenntnis, Kösel, München.

Form und Umfang:

Zusammenfassungen:

Literatur:

Informationen über den Autor:

Zur Leserinformation sind folgende Angaben sinnvoll: Geburtsjahr, Titel, Beruf und gegenwärtiges Tätigkeits­ feld, Punktionen wissenschaftlicher, beruflicher oder politischer Natur, Interessenschwerpunkte und Hin­ weise auf eigene Publikationen.

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Weitere Bücher aus dem Verlag Via Nova:

Das Pferd rückwärts reiten
Prozeßarbeit in Theorie und Praxis Arnold und Amy Mindell
240 Seiten, gebunden. 50 Zeichnungen - ISBN 3-928632-25-6 Dieses Buch richtet sich an Menschen, die an ihrer persönlichen Entwicklung interessiert sind, und an all diejenigen, die es sich zur Aufgabe machen, ande­ ren im Prozeß ihres persönlichen Wachstums behilflich zu sein. Es wird auch all denen nützlich sein, die sich für Tanz. Kunst, Gruppenarbeit und Trans­ personale Psychologie interessieren. Es berichtet vom Entstehen der Philoso­ phie. den Methoden und den Anwendungen der Prozeßorientierten Psycho­ logie anhand von wortgetreuen Aufzeichnungen und Berichten über Prozeß­ arbeit ..in Aktion". Sie schließt das Einfühlungsvermögen des Schamanismus und der darstellenden Künste mit ein und steht in Verbindung mit Heilen. Meditation und Achtsam­ keitstechniken. mit Beziehungsarbeit. Bewegung, Traum- und Körperarbeit. Beim Lesen dieses Buches nehmen Sie teil an einer Reise nach innen ins Unbekannte und lernen Methoden der Prozeß­ orientierten Psychologie kennen. Grenzen zu überschreiten, um sich selbst zu finden. Prozeßarbeit greift Teile auf in einem riesigen Feld, in dem wir alle leben. Mit diesem neuen Paradigma können alle gewinnen.

Den Pfad des Herzens gehen
Traumkörperarbeit - Schamanische Praktiken und moderne Psychologie Arnold Mindell
256 Seiten, gebunden - ISBN 3-928632-24-8 Jahrzehntelange Erfahrungen in der Prozeßorientierten Psychologie und intensive Begegnungen mit Schamanen, eingeborenen Heilern und Weisen, in allen Erdteilen bilden die Grundlagen dieses Buches, das sowohl moder­ ne Psychologie als auch schamanische Praktiken und Heilmethoden zu einer fruchtbaren Synthese verbindet, die Sie im Alltag nutzen können. Sie werden in dem Buch mit mächtigen, unbekannten und heilenden Kräf­ ten konfrontiert, die den Weg des „Jägers“ und des „Kriegers“ begleiten. Um dem „Größeren“, das der Verfasser Geist nennt, dem „Verbündeten" und dem „Doppelgänger" zu begegnen, werden die Erfahrungen, die aus Körperempfindungen oder Traumbildern auftauchen, bewußt gemacht und eine „zweite Aufmerksamkeit" entwickelt. Jedes Kapitel schließt mit Übungen ab. die jeweils die persönliche Erfahrung des vorher beschriebe­ nen Inhalts ermöglicht. Es werden praktische Methoden angeboten. wie Sie mit Ihrem Traumkörper in Verbindung kommen, ganz werden und zu sich selbst finden.

Wir sind alle eins
Die Bestätigung der mystischen Erfahrung durch die Vernunft Anton Neuhäusler
16« Seiten, gebunden - ISBN 3-928632-27-2 Wie kann man als naturwissenschaftlich geprägter, aufgeklärter, moderner Mensch über Dinge reden, die unser Erkennen übersteigen? Letzte Sinnfra­ gen kann die Wissenschaft nicht beantworten. Doch als nachdenkende Wesen können wir sie nicht verdrängen, wollen und müssen wir darüber reden: Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Was kommt nach dem Tod? Was ist der Mensch? Was ist der Kosmos? Das Buch stellt sich diesen Fragen auf einer philosophisch, naturwissenschaftlich und argumentativ anspruchs­ vollen Ebene. Es sollen die Gesetze der Logik und Vernunft gelten, und das Hinhören auf die eigene Erfahrung. Der Autor und sein Werk zeigen eine Weltanschauung, die gekennzeichnet ist von kriti­ schem Geist und dennoch offen ist für letzte Fragen und Einsichten: Das „Ursein" ist philosophisch begründbar. Es gibt eine kosmische Religiosität ohne Grenzen und Begrenzung. Die Regeln des strengen Denkens bestätigen die von den Mystikern erlebte Wahrheit des Einsseins: „Wir sind alle eins". Es gibt eine Mystik der Vernunft, die re-ligio/Spiritualität/Seinsgeborgenheit des freien, kriti­ schen. liebenden, lust- und lebensvollen Menschen.

Selbsterkenntnis und Heilung
Die Auflösung der emotionalen Energieblockaden Jordan P. Weiss
240 Seiten, gebunden. 21 Zeichnungen - ISBN 3-928632-28-0 Die in diesem Buch dargestellte Methode „Psychoenergetics“ wurde von Dr. Jordan P. Weiss entwickelt, einem Spezialisten auf den Gebieten Streß­ bewältigung. Verhallensmedizin, Personaler Transformation und chroni­ scher Erkrankungen. Diese Methode schafft Zugang zu dem unbewußten Selbst und läßt Sie verborgene, falsche Denk- und Verhaltensmuster ent­ decken und auflösen, die Sie daran hindern, alle positiven Möglichkeiten des Lebens auszuschöpfen und ein glückliches Dasein zu führen. Mit den Methoden der „Psychoenergetics" können Sie folgendes erlernen: Ärger. Angst und Unsicherheit freizusetzen; Blockaden zu entdecken, die Sie am Erreichen Ihrer Ziele hindern; Selbstsabotage zu eliminieren: sich von Schmerzen zu befreien; Schmerzen bei Men­ schen zu lindern, die Sie lieben; Liebe und Glück zu empfangen und negative Energien aufzulösen. Sie können Ihr Leben dauerhaft verändern.

Identität und Befreiung in Gestalt­ therapie, Zen und christlicher Spiritualität
Ludwig Frambach
418 Seiten, gebunden. 45 Zeichnungen und Fotos ISBN 3-928632-10-8 Aus dem Vergleich von Gestalttherapie, Zen und kontemplativer christli­ cher Spiritualität entwickelt der Autor ein grundlegendes Prozeßmodell, das Psychotherapie und Spiritualität verbindet. Die Darstellung der Gestalttherapie konzentriert sich auf authentische Aussagen von Fritz Perls. Sie weist jene Struktur auf, die als Entsprechung im Befreiungsprozeß des Zen und christlicher Kontemplation nachzuweisen ist. Das Buch kann Menschen, die auf dem Weg sind, helfen, die Phasen und Stadien, die sie durchleben, besser zu ver­ stehen und zu akzeptieren. Es will ermutigen, sich auf eine befreiende Transformation der Identität einzulassen und sich für die notwendigen psychischen und spirituellen Prozesse zu öffnen.

Menschliches Reifen und göttliche Berührung
Joseph Zapf
257 Seiten, gebunden, acht farbige, ganzseitige Bilder von Rosina Zipperle. ISBN 3-928632-08-6 Reifsein ist eines der erstrebenswertesten und beglückendsten Lebensziele. Der Mensch wird jedoch nicht reif ohne eigenes Zutun. Deshalb sind kon­ krete Lernschritte und praktische Methoden für das eigene Reifen im All­ tag so entscheidend wichtig. Wer danach fragt, der findet in diesem Buch sehr konkrete, praktische Hinweise und Anregungen. Scharfsichtig führt der Autor zu einer prüfenden Selbstbesinnung. Er geht den Trübungen des Bewußtseins bis ins Unterbewußte sorgfältig nach. Hilfen werden angeboten. wie beispielsweise Grundformen der Angst, Fixierungen und Vorurteile überwunden werden können. Die lichtdurchfluteten Bilder von Rosina Zipperle und die meditativen Texte des Verfassers ver­ tiefen die spirituelle Wirkung des Buches.

Unterwegs nach innen
Joseph Zapf
250 Seiten, gebunden, acht farbige, ganzseitige Bilder ISBN 3-928632-04-3 Dieses Buch lädt zur Reise nach innen ein. führt in die Meditation ein, weckt Sehnsucht nach einem bewußteren Leben, das aus den Urquellen des Seins gespeist wird. Wichtige spirituelle Lebenshilfen bieten die Ausführun­ gen über die Bildung des Geistes in seinen drei Entwicklungsstufen als Intelligenz. Vernunft und Intuition. Bei der Formung der Seele setzt der Verfasser für die spirituelle Lebenshilfe zwei Schwerpunkte: die Klärung der Gefühle und deren Verwandlung zu höheren Stufen und die Ausfor­ mung des Charakters aus spirituell-psychologischer Sicht nach dem Modell des Enneagramms, einer Typenlehre von neun Charakterstrukturen, die auf islamische Mystiker aus dem Mittelaller, den sog. Sufis, zurückgeht. In dem Kapitel über die Erfül­ lung des Menschen in der Liebe werden alle wesentlichen Reifungsstufen der Liebe beschrieben. Ihre Grundelemente. Eigenschaften und Kräfte werden bewußt gemacht und auf den Verwandlungspro­ zeß des inneren Weges bezogen.

Suche nach dem Sinn des Lebens
Willigis Jäger
272 Seiten, gebunden. ISBN 3-928632-03-5 Alle wichtigen Themen des spirituellen Lebens werden von dem Zenmei­ ster Pater Willigis Jäger in diesem Buch grundlegend behandelt und in Bezug gesetzt zur christlichen Mystik, aber auch zu den großen Traditionen der esoterischen Wege anderer Religionen, zu den Ergebnissen moderner Naturwissenschaft und zu den Erkenntnissen der transpersonalen Psycho­ logie. Die psychologischen Aspekte des inneren Weges, seine Tiefenstrukturen und Stadien, der Umgang mit den Gefühlen und die Verwandlung des Schattens werden eingehend beschrieben. In diesem Buch geht es um den inneren Weg der christlichen Religion, um einen Bewußtseinswandel in der Gleichgestaltung mit Christus, um eine neue - von innen geprägte - Ethik, die Verantwortung für die Mitwelt übernimmt. Das Buch befreit zu einem sinnerfüllten Leben: motiviert, den inneren Weg zu gehen, provoziert zu einem neuen Denken und Handeln und tröstet in dunklen Stunden.

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