Günter Grass Ein weites Feld

(Die Gestalt des Tallhover, die in dem vorliegenden Roman als Hoftaller fortlebt, entstammt dem 1986 bei Rowohlt/Reinbek erschienenen Roman >Tallhover< von Hansjoachim Schädlich.)
September 1997 Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG, München © 1995 Steidl Verlag, Göttingen ISBN 3-88243-494-5

Für Ute, die es mit F. hat

ERSTES BUCH 1 Bei den Mauerspechten Wir vom Archiv nannten ihn Fonty; nein, viele, die ihm über den Weg liefen. sagten: »Na, Fonty, wieder mal Post von Friedlaender? Und wie geht's dem Fräulein Tochter? Überall wird von Metes Hochzeit gemunkelt, nicht nur auf dem Prenzlberg. Ist da was dran, Fonty?« Selbst sein Tagundnachtschatten rief: »Aber nein, Fonty! Das war Jahre vor den revolutionären Umtrieben, als Sie Ihren Tunnelbrüdern bei Funzellicht was Schottisches, ne Ballade geboten haben ... « Zugegeben: es klingt albern, wie Honni oder Gorbi, dennoch muß es bei Fonty bleiben. Sogar seinen Wunsch nach dem abschließenden Ypsilon müssen wir mit einem hugenottischen Stempel beglaubigen. Seinen Papieren nach hieß er Theo Wuttke, weil aber in Neuruppin, zudem am vorletzten Tag des Jahres 1919 geboren, fand sich Stoff genug, die Mühsal einer verkrachten Existenz zu spiegeln, der erst spät Ruhm nachgesagt, dann aber ein Denkmal gestiftet wurde, das wir, mit Fontys Worten, »die sitzende Bronze« nannten. Ohne Rücksicht auf Tod und Grabstein, eher angestoßen vom ganz figürlichen Monument, vor dem er als Kind oft allein und manchmal an des Vaters Hand gestanden hatte, übte sich schon der junge Wuttke - sei es als Gymnasiast, sei es in Luftwaffenblau - so glaubhaft ein bedeutendes Nachleben ein, daß der bejahrte

Wuttke, dem die Anrede »Fonty« seit Beginn seiner Vortragsreisen für den Kulturbund anhing, eine Fülle von Zitaten auf Abruf hatte; und alle waren so treffend, daß er in dieser und jener Plauderrunde als Urheber auftreten konnte. Er sprach von »meiner sattsam bekannten Birnenballade«, von »meiner Grete Minde und ihrer Feuersbrunst«, und immer wieder kam er auf Effi als seine »Tochter der Lüfte«. Dubslav von Stechlin und die aschblonde Lene Nimptsch. die gemmengesichtige Mathilde und die zu blaß geratene Stine, nebst Witwe Pittelkow, Briest in sein er Schwäche, Schach, wie er lächerlich wurde, der Förster Opitz und die kränkelnde Cécile, sie alle waren sein Personal. Nicht etwa zwinkernd, sondern durchlebter Leiden gewiß, klagte er uns seine Fron als Apotheker zur Zeit der achtundvierziger Revolution, sodann die ihm mißliche Lage als Sekretär der Preußischen Akademie der Künste - »Bin immer noch kolossal schlapp und nervenrunter« -, um gleichwegs von jener Krise zu berichten, die ihn fast in eine Heilanstalt gebracht hatte. Er war, was er sagte, und die ihn Fonty nannten, glaubten ihm aufs Wort, solange er plauderte und die Größe wie den Niedergang des märkischen Adels in pointenscharfe Anekdoten kleidete. So hat er uns trübe Nachmittage verkürzt. Kaum saß er im Besuchersessel, legte er los. Ihm war ja alles geläufig; sogar die Irrtümer seiner Biographen, die er bei Laune »meine verdienstvollen Spurentilger« nannte, konnte er auflisten. Und als ihm sicher zu sein schien, daß er uns zum Modell wurde, rief er: »Wäre ridikül, mich als >heiter darüberstehend< zu portraitieren!« Oft war er besser als wir, seine »fleißigen Fußnotensklaven«. Den bei uns lagernden Briefwechsel, etwa mit der Tochter, konnte er derart zitatsicher abperlen, daß es ihm eine Lust gewesen sein muß, diese Korrespondenz in unvergänglicher Brieflaune fortzusetzen; schrieb er doch gleich nach der Öffnung der Berliner Mauer einen Metebrief an Martha Wuttke, die ihrer angegriffenen Nerven wegen in Thale am Harz zur Kur war: » ... Mama hat sich natürlich zu Tränen verstiegen, während mir solche Ereignisse, die partout groß sein wollen, herzlich wenig bedeuten. Eher setze ich aufs aparte Detail, zum Beispiel auf jene jungen Burschen, unter ihnen exotisch fremdländische, die als sogenannte Mauerpicker oder Mauerspechte den zweifelsohne begrüßenswerten Abbruch dieser kilometerlangen Errungenschaft teils als Bildersturm, teils als Kleinhandel betreiben; sie rücken dem gesamtdeutschen Kunstwerk mit Hammer und Meißel zu Leibe, auf daß jedermann - und es fehlt nicht an Kundschaft - zu seinem Souvenir kommt ... «

Hiermit ist gesagt, in welch zurückliegender Zeit wir Theo Wuttke, den alle Fonty nannten, aufleben lassen. Gleiches gilt für seinen Tagundnachtschatten. Ludwig Hoftaller, dessen Vorleben unter dem Titel »Tallhover« auf den westlichen Buchmarkt kam, wurde zu Beginn der vierziger Jahre des vorigen Jahrhunderts tätig, stellte aber seine Praxis nicht etwa dort ein, wo ihm sein Biograph den Schlußpunkt gesetzt hatte, sondern zog ab Mitte der fünfziger Jahre unseres Jahrhunderts weiterhin Nutzen aus seinem überdehnten Gedächtnis, angeblich der vielen unerledigten Fälle wegen, zu denen der Fall Fonty gehörte. So war es denn Hoftaller, der am Bahnhof Zoologischer Garten blechernes Ostgeld versilberte, damit er sein Objekt dank westlicher Währung einladen konnte, den siebzigsten Geburtstag zu feiern: »Da kann man nicht still drüber weg. Muß begossen werden.« »Das wäre, als wollte man mir die vorletzte Ehre erweisen.« Fonty erinnerte seinen altgewohnten Kumpan an eine Situation, die sich durch Einladung der »Vossischen Zeitung« ergeben hatte. Ein Brief des Chefredakteurs Stephany war ins Haus gekommen. Doch schon vor hundert Jahren hatte er postwendend lustlos reagiert: »Siebzig kann jeder werden, wenn er einen leidlichen Magen hat.« Erst als Hoftaller versprach, nicht, wie damals die »Vossin«, an die vierhundert Spitzen der Berliner Gesellschaft zu versammeln, sondern den Kreis der Feiernden klein zu halten, ihn sogar, wenn gewünscht, radikal auf das betagte Geburtstagskind und ihn, den Nothelfer in schwieriger Lage, zu beschränken, gab Fonty klein bei: »Möchte mich zwar lieber in meine Sofaecke drücken - mit demnächst siebzig darf man das -, aber wenn es denn sein muß, muß es was Besonderes sein.« Hoftaller schlug den Künstlerklub »Möwe« in der Maternstraße vor. Danach bat er seinen Gast, das beliebte Theaterrestaurant »Ganymed« am Schiffbauerdamm zu erwägen. Nichts paßte. Und auch das »Kernpinski« im Westen der Stadt war nicht nach Fontys Wünschen. »Mir schwebt«, sagte er, »etwas Schottisches vor. Nicht unbedingt mit Dudelsack, aber annähernd schottisch soll es schon sein ... « Wir, die im Archiv übriggebliebenen Fußnotensklaven, ermahnen uns, nicht vorschnell den Siebzigsten abzufeiern, sondern von jenem Spaziergang Bericht zu geben, der schon Mitte Dezember stattfand und erst nach längerem Verlauf Gelegenheit bot, den bevorstehenden Geburtstag zu bereden und dessen Feier zu planen.

An einem frostklirrenden Wintertag, dem ein wäßrig blauer Himmel über der nunmehr ungeteilten Stadt entsprach, am 17. Dezember, als in der Dynamo-Halle die bislang führende Partei tagte, um sich mit neuem Namen zu verkleiden, an einem Sonntag, der Klein und Groß auf die Beine brachte, kamen auch sie zielstrebig Ecke Otto-Grotewohl-, Leipziger Straße ins Bild: lang und schmal neben breit und kurz. Der Umriß der Hüte und Mäntel aus dunklem Filz und grauem Wollgemisch verschmolz zu einer immer größer werdenden Einheit. Was sich gepaart näherte, schien unaufhaltsam zu sein. Schon waren sie am Haus der Ministerien, genauer, an dessen nördlicher Flanke vorbei. Mal gestikulierte die hochwüchsige, mal die kleinwüchsige Hälfte. Dann wieder waren beide mit Händen aus weiten Ärmeln beredt, der eine bei ausholendem Schritt, der andere im Tippelschritt. Ihre Atemstöße, die sich als weiße Wölkchen verflüchtigten. So blieben sie einander vorweg und hinterdrein, waren aber dennoch miteinander verwachsen und von einer Gestalt. Da dem Gespann kein Gleichschritt gelang, sah es aus, als bewegten sich leicht zapplige Schattenrißbildchen. Der Stummfilm lief in Richtung Potsdamer Platz, wo die als Grenze gezogene Mauer schon in Straßenbreite niedergelegt war und in jede Fahrtrichtung offenstand; doch ließ dieser Übergang, weil oft verstopft, nur verzögerten Verkehr von der einen zur anderen Stadthälfte, zwischen zwei Welten, von Berlin nach Berlin zu. Sie überquerten ein Jahrzehnte lang wüstes Niemandsland, das nun als Großfläche nach Besitzern gierte; schon gab es erste, einander übertrumpfende Projekte, schon brach Bauwut aus, schon stiegen die Bodenpreise. Fonty liebte solche Spaziergänge, zumal ihm der Westen neuerdings mit dem Tiergarten Auslauf bot. Jetzt erst kam sein Spazierstock ins Bild. Von Hoftaller, der ihm ohne Stock, aber mit praller Aktentasche anhing, war bekannt, daß er, außer der Thermosflasche und der Brotbüchse, jederzeit einen durch Knopfdruck auf Normalgröße zu entfaltenden Kleinschirm bei sich trug. In ihrem kaum mehr bewachten Zustand machte die Mauer beiderseits des Durchlasses Angebote. Nach kurzem Zögern entschieden sie sich nach rechts hin in Richtung Brandenburger Tor. Metall auf Stein: von fern her schon hatten sie das helle Picken gehört. Bei Temperaturen unter Null trägt solch ein Geräusch besonders weit. Dicht bei dicht standen oder knieten Mauerspechte. Die im Team arbeiteten, lösten einander ab. Einige trugen Handschuhe gegen die Kälte. Mit Hammer und Meißel, oft nur mit Pflasterstein und Schraubenzieher zermürbten sie den Schutzwall, dessen Westseite während der letzten Jahre seines Bestehens von anonym

gebliebenen Künstlern mit lauten Farben und hart konturierendem Strich zum Kunstwerk veredelt worden war: Das geizte nicht mit Symbolen, spuckte Zitate, schrie, klagte an und war gestern noch aktuell gewesen. Hier und dort sah die Mauer schon löchrig aus und zeigte ihr Inneres vor: Moniereisen, die bald Rost ansetzen würden. Und über weite Flächen gab das kilometerlange, bis kurz vor Schluß verlängerte Wandbild in museumsreifen Fragmenten handtellergroße Placken und in winzigen Bruchstücken wilde Malerei preis: freigesetzte Phantasie und erstarrte Protestchiffren. All das sollte dem Andenken dienen. Abseits vom Gehämmer, im sozusagen zweiten Glied der von Westen her betriebenen Demontage, lief bereits das Geschäft. Auf Tücher oder Zeitungen gebreitet, lagen gewichtige Batzen und winziger Bruch. Einige Händler boten drei bis fünf Fragmente, keins größer als ein Markstück, in Klarsichtbeuteln an. Bestaunt werden konnten mit Geduld abgesprengte größere Details der Mauermalerei, etwa der Kopf eines Ungeheuers mit Stirnauge oder eine siebenfingrige Hand; Exponate, die ihren Preis hatten, und dennoch fanden sich Käufer, zumal ihnen ein datiertes Zertifikat - »Original Berliner Mauer« - mit dem Souvenir ausgehändigt wurde. Fonty, der nichts unkommentiert lassen konnte, rief: »Bruch ist besser als Ganzes!« Weil er nur Ostgeld locker hatte, schenkte ihm ein jugendlicher Händler, dem offenbar genug Gewinn zugeflossen war, drei groschengroße Absprengsel, deren Farbspuren, das eine Schwarz gegen Gelb, das andere Blau neben Rot, das dritte Stück dreierlei Grün, als kostbar zu gelten hatten: »Hier, Opa, nur für Ostkundschaft und weil Sonntag ist.« Anfangs wollte sein Tagundnachtschatten dem zwar illegalen, doch beiderseits der Mauer geduldeten Volksvergnügen nicht zusehen, Fonty mußte ihn am Ärmel ziehen. Er zerrte seinen Kumpan regelrecht an laufenden Bildmetern vorbei Nein, das war nichts für Hoftaller. Diese Mauerkunst war nicht nach seinem Geschmack; und doch mußte er ansehen, was ihn schon immer angewidert hatte. »Chaos!« rief er. »Nichts als Chaos!« Als sie an eine Stelle der enggefügten und durch einen Wulst überhöhten Betonplatten kamen, die nach Osten Ausblick bot, weil dem abgrenzenden Bauwerk kürzlich von oben weg eine weit klaffende Lücke geschlagen worden war, blieben sie stehen und schauten durch den offenen Keil, aus dessen gezackten Rändern teils verbogene, teils abgesägte Moniereisen ragten. Sie sahen den Sicherheitsgürtel, die

Hundelaufanlage, das weite Schußfeld, sahen über den Todesstreifen hinweg, sahen die Wachtürme. Von drüben gesehen, schaute Fonty ab Brusthöhe durch den erweiterten Spalt. Neben ihm war Hoftaller von den Schultern aufwärts im Bild: zwei Männer mit Hüten. Wäre aus östlichem Bedürfnis nach Sicherheit noch immer ein Grenzsoldat wachsam gewesen, hätte er von beiden ein erkennungsdienstliches Photo schießen können. Längere Zeit schwiegen sie durch den geschlagenen Keil, doch hielt jeder anders laufende Erinnerung zurück. Endlich sagte Hoftaller: »Macht mich traurig, auch wenn wir diesen Abbruch spätestens seit der >Sputnik<-Affäre vorausgesagt haben. Wird man eines Tages lesen können, unseren Bericht über den Zerfall staatlicher Ordnung. Wurde nicht zur Kenntnis genommen. Keiner der führenden Genossen war ansprechbar. Kenne das: die übliche Ertaubung während ner Spätphase ... « Mehr flüsternd als laut setzte Hoftaller seinen dienstlichen Kummer durch die Mauerlücke frei. Plötzlich kicherte er. Ein lange zurückgehaltenes, nun bis zum Überfluß gespeichertes Kichern schüttelte ihn. Und Fonty, der sein Ohr dem Flüsternden zuneigen mußte, hörte: »Eigentlich komisch. Typischer Fall von Machtermüdung. Nichts greift mehr. Aber wissen möchte man schon, wer den Riegel aufgesperrt hat. Na, wer hat dem Genossen Schabowski den Spickzettel untergeschoben? Wer hat ihm erlaubt, ne Durchsage zu machen? Satz auf Satz rausposaunt ... >Ab heute ist ... < Na, Fonty, wem wird das Sprüchlein >Sesam, öffne dich< eingefallen sein? Wem schon? Kein Wunder, daß der Westen wie vom Schlag gerührt war, als ab 9. November Zehntausende, was sag ich, Hunderttausende rüberkamen, zu Fuß und mit ihren Trabis. Waren richtig perplex ... haben Wahnsinn geschrien ... Wahnsinn! Aber so ist das, wenn man jahrelang jammert: >Die Mauer muß weg ... < Na, Wuttke, wer hat >Bitteschön, schluckt uns< gesagt? Fällt der Groschen?« Fonty, der bisher bei schräger Kopfhaltung geschwiegen hatte, wollte nicht rätseln. Eher beiläufig spielte er eine Gegenfrage aus: »Wo steckten eigentlich Sie, als damals hier alles dichtgemacht wurde, querdurch?« Vor dem in Brust- und Schulterhöhe klaffenden Spalt standen sie immer noch wie gerahmt: ein Doppelportrait. Weil sich beide gern dem Ritual eingeübter Befragungen unterwarfen, nehmen wir an, daß Fonty vorauswußte, was Hoftaller zur Litanei reihte: »Infolge der Konterrevolution ... Als nur noch mit Hilfe der Sowjetmacht ... Kam zu Säuberungen bald danach ... «

Er zählte unterlassene Sicherheitsmaßnahmen auf und sprach von Enttäuschungen. Noch immer bedauerte er Systemlücken. Untilgbar hing ihm der 17. Juni an: »Wurde strafversetzt. Saß im Staatsarchiv rum. Rutschte in ne depressive Stimmungslage. Habe deshalb den Arbeiter- und Bauern-Staat verlassen müssen. War aber keine prinzipielle Sinnkrise. Nein, Tallhover hat nicht Schluß gemacht, hat nur die Seite gewechselt., war drüben gefragt. Das hat mein Biograph leider nicht glauben wollen, hat die im Westen gängige Freiheit fehleingeschätzt, hat mich ohne Ausweg gesehen, mir ne Todessehnsucht angedichtet. als könnte unsereins Schluß machen. Für uns. Fonty, gibt's kein Ende!« Hoftaller sprach nicht mehr im Flüsterton. Nun nicht mehr vor die klaffende und zum Bekenntnis zwingende Plattenkonstruktion gestellt, sondern wieder im Tippelschritt und am endlosen Mauerbild vorbei, gab er sich gutgelaunt: >Jetzt kann man ja offen reden: Wurde mit Kußhand genommen. Versteht sich: mein Spezialwissen! Lief drüben unter gewendetem Namen. Wurde als >Revolat< geführt. Bekam mir gut, der Klimawechsel. Doch auch die andere Seite knauserte nicht mit Enttäuschungen. Meine Warnungen vor drohender Abriegelung sind für die Katz gewesen. Habe in Köln mit abgelichteten Lieferscheinen alle im Westen getätigten Großeinkäufe belegt; was man so brauchte für den Friedenswall: Zement, Moniereisen, ne Menge Stacheldraht. Gab schließlich Pullach nen warnenden Tip. Half nichts. Endlich, als es zu spät war, merkte der Agent Revolat, daß auch der Westen die Mauer wollte. War ja alles einfacher danach. Für beide Seiten. Sogar die Amis waren dafür. Mehr Sicherheit war kaum zu kriegen. Und nun dieser Abbruch!« »Nichts steht für immer« hieß Fontys Trost. Im schräg einfallenden Nachmittagslicht schritten und tippelten sie Richtung Tor. Die schon tief stehende Sonne machte, daß sie auf das Mauerbild einen gepaarten Schatten warfen, der ihnen folgte und ihre Gesten nachäffte, sobald sie mit Händen aus weiten Mantelärmeln redeten und die neuerliche Sicherheitslücke entweder als Risiko einschätzten - »Wird man sich noch zurückwünschen eines Tages« - oder als »kolossalen Gewinn« feierten: »Ohne ist besser als mit!« Einige Mauerspechte betrieben ihr Handwerk verbissen, wie gegen Stücklohn, ein Herr fortgeschrittenen Alters sogar mit einem batteriegespeisten Elektrobohrer. Er trug eine Schutzbrille und Ohrenklappen. Kinder sahen ihm zu. Viel Volk war unterwegs, auch türkisches. Junge Paare ließen sich vor Hintergrund photographieren, damit sie sich später, viel später würden erinnern können. Hier

trafen lange getrennte Familien einander. Von fern Angereiste staunten. Japaner in Gruppen. Ein Bayer in Tracht. Heitere, aber nicht laute Stimmung. Und über allem lag dieses dem Specht nachgesagte Geräusch. Zwei berittene Westpolizisten kamen ihnen entgegen und schauten über die Sonntagsarbeit hinweg. Hoftaller gab sich einen dienstlichen Ruck, doch auf die Frage nach der Zulässigkeit des destruktiven Vorgangs sagte der eine Wachtmeister: »Zulässig isset nich, aber verboten noch wenjer.« Zum Trost schenkte Fonty seinem Tagundnachtschatten die drei groschengroßen Mauerbröcklein. Und während er noch die einseitig bunten Fragmente wie Beweisstücke im Portemonnaie sicherte, sagte Hoftaller: >Jedenfalls war ab August einundsechzig wieder was fällig. Meine alte Dienststelle klopfte an. Ließ mich nicht lange bitten. Aber das wissen Sie ja, daß ich schon immer gesamtdeutsch ... « Ihr Ritual gab nichts mehr her. Schweigend liefen sie die Mauer ab. Nur als Dampf verwehte ihr Atem. Schritt nach Schritt, dann stand das Gespann im gestauten Auflauf vor dem Brandenburger Tor oder vielmehr vor dem weit ausgebuchteten, das Tor noch immer sperrenden Betonwall, auf dessen Abriß seit Wochen die Welt mit lauernden Kamerateams wartete. Massiv, wie für ewig gebaut. Nur die Verlegenheit einiger Grenzsoldaten, die auf dem oberen Wulst der hier begehbaren Bastion mehr herumstanden als Präsenz zeigten, kündigte die auf demnächst datierte Hinfälligkeit des Bollwerks an. Wir sind sicher: Hoftaller sah das mit gemischten Gefühlen, doch Fonty hatte Freude an den Nebenhandlungen der sonntäglichen Idylle. Junge Frauen und von Müttern hochgehaltene Kinder schenkten den Soldaten Blumen. Zigaretten, Orangen, Schokoladenriegel und natürlich Bananen, jene dazumal demonstrativ beliebte Südfrucht. Und Wunder über Wunder, die kürzlich noch schußfertigen Männer in Uniform ließen sich beschenken, sogar Westsekt nahmen sie an. Und hier, in Sonntagsstimmung gebettet, umgeben von Schaulustigen, unter denen Jugendliche mehr bierselig als aggressiv »Macht das Tor auf!« brüllten, damals, zur Zeit der steilen Hoffnungen und Runden Tische, der großen Worte und kleinstriezigen Bedenken, zur Stunde der abgesägten Bonzen und schnellen ersten Geschäfte, an einem windstill klaren Dezembertag des Jahres 89, als das Wort »Einheit« mehr und mehr an Kurswert gewann, sagte Fonty plötzlich laut und von Hoftaller nicht zu dämpfen, jenes lange Gedicht mit dem Titel »Einzug« auf, das am 16. Juni 1871 im Berliner Fremden- und Anzeigenblatt pünktlich zum Anlaß gedruckt gestanden hatte und dessen Reime das siegreiche Ende des Krieges gegen

Frankreich sowie die Reichsgründung und die Krönung des preußischen Königs zum Kaiser der Deutschen feierten, indem sie strophenreich alle heimkehrenden Regimenter, die Garde voran, zur Parade führten - »Mit ihnen kommen, geschlossen, gekoppelt, die Säbel in Händen, den Ruhm gedoppelt, die hellblauen Reiter von Mars la Tour, aber an Zahl die Hälfte nur... « - und durchs Brandenburger Tor, dann die Prachtstraße Unter den Linden hoch im Gleichschritt marschieren ließen: »Bunt gewürfelt Preußen, Hessen, Bayern und Baden nicht zu vergessen, Sachsen, Schwaben, Jäger, Schützen, Pickelhauben und Helme und Mützen ... « Das geschah zum wiederholten Mal, denn nach den preußischen Siegen über Dänemark und Österreich, den ersten Einheitskriegen, war es gleichfalls zur Parade und zu gereimten Einzugsgedichten gekommen, ein Huldigungseifer, den Fonty mit der ersten Strophe den Schaulustigen vor dem gesperrten Tor in Erinnerung gerufen hatte: »Und siehe da, zum dritten Mal ziehen sie ein durch das große Portal; der Kaiser vorauf, die Sonne scheint, alles lacht und alles weint ... « So betont er deklamierte, hier, unter freiem Himmel, trug die Stimme des ehemaligen Kulturbundredners Theo Wuttke, den alle Fonty nannten, nicht weit genug. Nur wenige lachten, und niemand weinte vor Freude, auch blieb der Beifall spärlich, als er mit letzter Strophe die Siegesparade vor dem Denkmal des zweiten Friedrich, vorm »Fritzen-Denkmal«, hatte auslaufen lassen. Gleich nach dem Verhall der Verse lösten sich beide aus der Menge. Fonty schien es eilig zu haben, und Hoftaller sagte ihm hinterdrein: »Sollte das etwa Ihr Beitrag zur kommenden Einheit sein? Zackig und forsch. Hab's noch im Ohr: >Die Linden hinauf erdröhnt ihr Schritt, Preußen-Deutschland fühlt ihn mit ... <« »Weiß ich, weiß ich! War bloße Lohnarbeit, schlecht bezahlte obendrein ... « »Davon gibt's mehr, mal stocksteif, mal schnoddrig gereimt.« »Leider. Aber Besseres gibt's auch - und das bleibt!« Inzwischen entfernten sie sich unter winterstarren Bäumen. Ihr Gespräch über den Wert von Gebrauchslyrik verebbte schnell; wir lassen es unkommentiert. Sie machten verschieden lange Schritte den Sonntagspassanten entgegen, die zum Tor wollten. Ihr Ziel hieß Siegessäule, deren krönender Engel als neuvergoldete Scheußlichkeit in der Abendsonne prahlte. Zum Großen Stern zog es sie, mitten durch den Tiergarten, der auf nach links abzweigenden Nebenwegen zur Luisenbrücke, zur Amazone und in Richtung Rousseau-Insel mit Ruhebänken

lockte. Aber sie wichen nicht ab. Kaum, daß sie am sowjetischen Ehrenmal den Schritt verlangsamten. Vom Brandenburger Tor aus gesehen, wurden sie kleiner und kleiner. Das verschieden hohe Paar. Schon wieder gestikulierend: der eine mit dem Spazierstock, den er »meinen märkischen Wanderstock« nannte, der andere mit den kurzen Fingern seiner Rechten, denn links trug er die gebauchte Aktentasche. Der Stummfilm. Schreitend der eine, tippelnd der andere. Vom Großen Stern aus gesehen, kamen sie gut voran. Mantel mit Mantel zu einem Schattenriß verwebt, obgleich sie nicht Arm in Arm gingen. Am Ende der Paradestraße verschwanden beide für kurze Zeit, weil sie den ungebremsten Kreisverkehr um die Siegessäule durch einen Tunnel, extra für Fußgänger gebaut, unterlaufen mußten. Nun, da das Paar weg ist, sind wir versucht, über Berlins Sehenswürdigkeit, die in ganzer Höhe beide Weltkriege überstanden hat, zu lästern, doch Fonty fällt uns ins Wort; kaum waren sie wieder aufgetaucht, bot sich vorm Sockel der hochragenden Säule, die bis zur Spitze des siegreichen Feldzeichens sechsundsechzig Meter mißt, Gelegenheit für Abschweifungen ins historische Feld, entweder mit Hilfe vielstrophiger Gedichte oder aus Erinnerung, die bis zum Sedanstag und noch weiter treppab zurückreichte. Wie es sich anhörte, hatten sie am 2. September 1873 die Enthüllung der Siegessäule miterlebt. Damals stand die erhöhte Borussia als Viktoria auf dem Königsplatz, dem heutigen Platz der Republik. Kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde sie auf allerhöchsten Befehl abgetragen und vom Vorfeld des Reichstagsgebäudes an den Großen Stern versetzt. Sehenswürdig soll ein Relief sein, das in Sichthöhe Sieg nach Sieg die Einheitskriege feiert. Hier trägt ein lockenköpfiger Junge dem Vater, den die Mutter zum Abschied umarmt, das Gewehr, dort haben Landsturmmänner das Bajonett aufgepflanzt. Ein Trompeter bläst zum Angriff. Über Gefallene geht es vorwärts. Sie schritten den Sockel ab. Weil die Säule, samt rotschwedischem Granit, allseitigem Metallguß und krönender Siegesgöttin, im letzten, elend verlorenen Krieg Schaden genommen hatte, wies Hoftallers Zeigefinger überall Löcher nach, denen nicht anzusehen war, ob Bomben- oder zum Schluß Granatsplitter ihr Ziel gefunden hatten. Durchlöchert die Brust eines Infanteristen. Halbierte Helme. Drei Finger nur hat die Hand. Hier fehlt einem gußeisernen Dragonerpferd das rechte Vorderbein, dort stürmt ein kopfloser Hauptmann voran, sei es bei Düppel, sei es bei Gravelotte. Bekümmert zog Hoftaller Bilanz. Fünfzig und mehr Einschüsse

legte den Wanderstock ab und band.« . War mal Agententreff. seine Einladung vorzubereiten: »Wird man nicht alle Tage. die rund um die Siegessäule und umrundet vom Kreisverkehr Fußball spielten. obendrein alle Schlachten von Fehrbellin über Hohenfriedberg bis Zorndorf. Dann war die Sonne weg. siebzig. das Hälsebrechen verstund er allenfalls . Schlachten.« Fonty bückte sich. Mitropa-Gaststätte. bestimmt. den Schaden am Granitsockel nicht mitgerechnet. den offenen Senkel des rechten Schuhs zur Schleife.. reine Spekulation! Die erste gelungene Schnürsenkelschleife jedoch. « -.« »Die kommt noch. Alles Mumpitz und ridikül. Und jetzt erst. »So«. von hinten angestupst. »nur sowas ist wichtig. begann Hoftaller. Juni lang und wollten ab S-Bahnhof Tiergarten die Bahn nehmen. gingen die Straße des 17. da wurde Fonty. Aber Fonty hatte. Deutsche Einheit. die Generäle Zieten und Seydlitz.« »Und woher nehmen?« »Schlage Bahnhof Friedrichstraße vor.« Hoftaller stand in abgelaufenen Schnallenschuhen. Ihre Gesten nun eckiger. man weiß. was Siege betraf und soweit Preußens Geschichte zurückreichte. den alten Derfflinger. nicht voreilig verfrüht. Siege. mehr als die Säule zu bieten. »Da haben Sie's«.zählte er. sagte einen Wunsch auf: »Ob Se mia mal nen Schnürsenkel binden könn? Kann ick nämlich nich.»Herr Seydlitz bricht beim Zechen den Flaschen all den Hals. Keinen Schatten warfen sie mehr. den er uns später als sommersprossig geschildert hat. »die hält. Schon wollte er Preußens Siege und gelegentliche Niederlagen an die Standarten berühmter Regimenter knüpfen und des Großen Friedrich besungene Haudegen mit knappem Zitat vorführen . sagte Fonty. Ein Junge.. Durch den Fußgängertunnel unterwanderten sie abermals den Großen Stern. sagte er.« »Na. Sedan und Königgrätz sind null und nichtig. die zählt. Zwei alte Männer im Gespräch. der bereits Atem zum Balladenton sammelte und samt Stock die Arme hob. nächstet Mal kann ick selba!« rief der Junge und rannte zu den anderen Jungs. Ein historischer Ort sozusagen. Er wollte sich nicht erinnern.« »Zur Feier fehlen mir einige Zentner Überzeugung. Er zitierte den Grafen Schwerin und dessen Fahne. Bin erst fünfe. wie gewünscht. sondern knapp vierzehn Tage vor dem runden Anlaß.

« 2 Annähernd schottisch Weiter stand in dem Brief an Pfarrer Jacobi: »Man hat mich kolossal gefeiert und auch wieder gar nicht. wenn er uns aufsuchte. die mich als einen >Abtrünnigen< . « Um Einsicht in das Original dieses Briefes vom 23. das ich durch mehr als vierzig Jahre hin in Kriegsbüchern.. als sollte zur Rede ausgeholt werden.. einen Strauß Blumen. wie wir vom Archiv wissen... « »Würde trotzdem. selbst wenn die SBahnverbindung nach Potsdam noch nicht recht klappt.Fonty setzte ein subversiv verschlossenes Gesicht auf und machte längere Schritte.« Nachdem sie das letzte Stück Weg stumm hinter sich gebracht hatten. doch gleichfalls in Wales . Zitat aus einem Brief an den märkischen Pfarrer Heinrich Jacobi..es ist aber nicht so schlimm damit . So kurzbeinig Hoftaller war. « »Würde mich traurig machen.einigermaßen auf dem Strich haben. aber das alte Preußen. englische. drei Mistelzweige und deren glasig blasse Früchte. Nun nicht mehr von subversivem Ausdruck. Aber mit dem Bus geht's!« Das rief er noch in offener Tür und überreichte den Damen wie üblich. den rechten Arm. wie uns versichert wurde. « »Soll das etwa ne Verweigerung sein?« »Soll das heißen. ich muß?« »Um nicht deutlicher zu werden: Glaube ja.. hat Fonty uns wenige Tage vor Weihnachten besucht. sein alter Gönner. wie gehabt. ließ ihn dann aber sinken und sprach über Hoftaller hinweg: »Wie sagte der alte Yorck bei Laon. als die Russen nicht anrückten? . Sie wissen ja. es muß auch so gehn... blieb Fonty kurz vorm S-Bahnhof stehen. eine. in dem ferner zu lesen steht: »Von meinem Jubelfeste< schreibe ich Ihnen nicht.>Nunja. Land.und Leuteschilderungen und volkstümlichen Gedichten verherrlicht habe. Januar 189o zu nehmen..« »Und wenn ich nein sage .. Das moderne Berlin hat einen Götzen aus mir gemacht.. versprochen. Ne kleine gemütliche Runde nur. er blieb ihm zur Seite: »Kein großer Auftrieb. haben nur sehr wenig davon gebracht . die Sache »persönlich herausgerissen« habe. wir können auch anders. Biographien. hob er. »Ist ja nun keine Weltreise mehr wie früher. das >alte Preußen< hat sich kaum gerührt und alles (wie in vielen Stücken) den Juden überlassen . zu radaumäßig verlaufen . Außerdem stinkt mir. Die konservativen Blätter.. in dem immerhin steht.<« Dieser Ausspruch ist. Wuttke. daß der Minister von Goßler. besser gesagt.

verließ. die gleich zu Beginn des neuen Jahres. Anscheinend war keiner unter ihnen. Im Bahnhof Friedrichstraße. Lepel oder Heyse. Und da die jungen Poeten den alten Herrn nie als schrulligen Theo Wuttke verlacht. kam keine Feierlichkeit auf. die einst im Leipziger HerweghClub oder im Tunnel über der Spree ihre Verse vorgetragen hatten. fast mit Furcht entgegensah: »Muß ja nicht sein. dem schon immer aufkeimende Begabungen tauglich zum Vergleich mit Poeten gewesen sind. der bevorstand. besonders im Rückblick auf revolutionäre Zeiten.und bis hoch zu den Orkney-Inseln lebendig gebliebene Tradition: »Bitte darum. die er . auf Grund von Akteneinsicht. zur Kenntnis zu nehmen: That's British Christmas!« Als wir nach seinen Wünschen fragten. Weiter reichte sein Interesse nicht. im Restaurant »Englisches Haus« in der Mohrenstraße stattgefunden hatte. verglich die Prenzlberger gerne mit Wolfsohn. sein die Zeit verkürzendes Verständnis von Politik und Literatur .nur flüchtig las. die um das betagte Geburtstagskind versammelt werden sollten.uns. Nichts klappte wie geplant. das war ihm ein Daumensprung nur: vom Vormärz zu den Montagsdemonstrationen. gelang es ihnen mühelos. zu Schlagzeilen gekommen ist. das Archiv. pünktlich zur Stelle. die Hoftaller geladen hatte. Es werden welche vom Prenzlauer Berg gewesen sein. manches lebte noch lange vom bloßen Verdacht. der später. doch damals konnte man sorglos von Talenten sprechen. Die Auswahl war groß. Außer den Briefen durften wir ihm einige den bejahrten Greis feiernde Zeitungsberichte vorlegen. zu denen die blutigen Unruhen in Rumänien zählten . wobei er dem eigenen. dieser oder jener. am 4. doch der Ehrengast ließ auf sich warten. fragte Fonty zurück: »Warum wird man siebzig?« und nannte dann Briefe.es ging um Tagesereignisse. Zwar waren drei oder vier junge Männer. nicht ohne Bedenken. Er blieb nicht lange und machte sich keine Notizen. Bevor er nach einigem Geplauder . sondern als Fonty hochgeschätzt haben. Vieles hat sich seitdem durch Vergessen erledigt.sogar die Eloge in der Vossischen . Dezember kreisten und um dessen offizielle Nachfeier. in dessen Mitropa-Gaststätte Hoftaller einen Tisch reserviert hatte. kam er noch einmal auf den vor hundert Jahren abgefeierten Geburtstag. darunter den an Jacobi. die alle um den Geburtstag vom 3o. Januar. daß er beim Lesen nickte oder die Brauen hob. Und Fonty. Muß wirklich nicht sein!« Deshalb hat er das von Hoftaller gewünschte Fest ausgeschlagen. Kaum.

der mit gewiß kenntnisreichen und ... Gegenstand gutachtlicher Beurteilungen zu sein hatte.« »Oder sie reichen ihn rum: von einer Talkshow zur andern. irgendwas über Jenny Treibel. Und weil er scheinbar über allem Zeitgeschehen stand.« . wie seine Tunnelbrüder. war ihm die Aufgabe zugefallen. das Maskottchen vermeintlich konspirativer Versammlungen. Man dankte ihm das. Enttäuscht warteten die Gäste auf den Ehrengast. daß auch er. teils zum Maskottchen verniedlicht. am Wannsee womöglich. sondern auch Fonty zu verdanken war. Und einer dieser Oberwessis mit Fliege am Hals hält nen Festvortrag über die Unsterblichkeit als Wegwerfprodukt . zwischen den sich anarchistisch gebenden Dichtern und der immer besorgten Staatssicherheit zu vermitteln. Er durfte als Schutzpatron gelten. dem jemand wie Hoftaller stets. Hoftaller mußte beschwichtigen. Und was dabei an Profit rausspringt.« »Für den sind wir historisch jeworden. Hat ja zugesagt.. Den sind wir los.sarkastischen Gutachten sowie in witzigen Personenbeschreibungen die Wünsche seines Tagundnachtschattens erfüllt und so die dem Staat verdächtigen Genies auf Mittelgröße verkürzt hat. »Was issen mit Fonty los?« »Wird sich im Tiergarten verlaufen haben.« »Auf den können wir lange noch warten. dann Fonty. na. Unruhe kam auf..seinem Wesen nach . « »Quatsch! Wenn einer redet. und zwar aus Sicht der jungen Talente? Diese Spiegelungen verlangte ein auf permanente Rückversicherung und vorbeugende Fürsorge angelegtes System. Der is inne Freiheit drüben und verjuxt sein Begrüßungsgeld. sogar nach dessen Untergang. Zum Siebzigsten ein Galaabend für Fonty am Sandwerder.auf Glaubenssätze oder einen Scherz zu verknappen: Teils wurde er bis zur Erhabenheit verklärt. Doch hatte es nicht nahegelegen.« »Der ist doch sonst die Pünktlichkeit in Person. Wir können nur vermuten. verpflichtet gewesen ist. Der quasselt doch gerne.« »Unser Freund kommt bestimmt. « »Paß auf! Den führn se jetzt im Westen spazieren. daß die jahrelange Duldung der unruhigen und manchmal vorlauten Prenzlberger Szene nicht nur der Harmlosigkeit ihrer Produkte. Wie die mit ihrem Clan das Ende der Mauerzeit erlebt. Wir stellen uns besorgte Gespräche vor.

sooft er Fonty gegenüber beteuert hatte. Fremdländisch wurde der schwankende Kurs der blechernen Ausverkaufswährung betont. als Wechselstuben benutzt. zum Zeitpunkt der sich überstürzenden Weltereignisse. Als Abgesandte eines Vielvölkerstaates mochten sie Vorboten größeren Andrangs sein. hat man den Bahnhof Zoologischer Garten. Shawl und Stock ein genügsamer Beobachter. »Na gut. war Zeuge schnellbeschwichtigten Streits. als nicht nur in Rumänien. Außer der Deutschmark waren amerikanische Dollar und Schwedenkronen gefragt. besonders dessen zugige Vorhallen. andererseits waren Kleinbeträge in Westmark gefragt. warten wir. den Schutzwall. sah Fingersprache inmitten Stimmengewirr. Und da er den westlichen Teil der Stadt in sein Ordnungssystem einbezog. wohin er gehört. Gegen Pfennigbeträge wurde umgerubelt.»Ich bring ihn euch!« sagte Hoftaller oder hätte er sagen können.eine Lage Nordhäuser Korn. dort mit lautem Akzent. zumal sich viele Einwohner der bis vor kurzem abgeriegelten Stadthälfte für den Besuch der anderen zahlungsfähig machten: Zumindest für einen Kinobesuch und ein Bier danach mußte es reichen. Sogar uns gegenüber sagte er: »Wird man sich noch zurückwünschen eines Tages. bis er hier antanzt. Ohne Umweg nahm er die S-Bahn zum Bahnhof Zoo. Er vermutete Zaubertricks. wie zum Ausgleich. Der unstabile Kurs von zehnkommafünf bis elf Mark Ost zu einer Mark West belebte das Geschäft. Und inmitten der Händler und wechselnden Kunden stand im Wintermantel. Aber niemand trat auf. stieg er nicht wie in Feindesland aus. in wechselnder Stimmlage. mit Hut. auch am Panamakanal scharf geschossen wurde. Einerseits kam Ostgeld in Bündeln günstig in Umlauf.« Damals. bis hin zur Heine-Buchhandlung. Fonty sah. ihn schmerze die notwendig gewordene Öffnung der Friedensgrenze.wie zum Trost .« Mit letztem Wort klopfte er knöchelhart auf die Tischplatte und versprach. Dann wieder herrschte der trockene bis naßforsche Berliner Sprechanismus vor. Fonty wurzelte reglos im immer neu belebten Zahlungsverkehr und hatte sein Vergnügen an dieser für ihn kostenlosen Revue. Den jungen Talenten spendierte er ein Tellergericht. Das Händlervolk und dessen mobile Kundschaft erstaunte ihn. »Unser Fonty wird begreifen müssen. Hackbraten mit Spiegelei zu Bratkartoffeln. selbst an seinem Geburtstag.« Dann wird sich Hoftaller mit seiner ihm allzeit berufstauglichen Nase auf Suche begeben haben. der die Bahnhofshallen zum Tempel erklärt und geräumt hätte. sondern. eine weitere Runde Bier und . wie schlanke und dicke Finger . mit dem Ausreißer »in Bälde« zurück zu sein. endlich. hier flüsternd.

Vor Kasse fünf stellten sie sich an und mußten schnell zum Entschluß kommen.gleich flink gebündelte Scheine abzählten. das zwischen einer Radiohandlung und einem Tanzcafé mit Leuchtschrift warb. sofort.« Das also verstand Fonty unter »annähernd schottisch«. an dessen Krempe drei Scheine fremder Währung hingen..« »Und wo? Etwa auf dieser Stehparty. wie Plastikbeutel. Schwer enttäuscht sind sie. .« Zur Einladung genötigt. verlangte Bestellung. von dem aus Blicke auf anschließende Räume möglich blieben.laut Namensschild links überm Herzen . die in Nullkommanix durch ne Razzia beendet werden kann?« »Wäre ich bei Kasse. « »Also wenn schon gefeiert wird.. durch Wäscheklammern gesichert. dann bitte nach Pläsier. Sie belegten die Stühle mit ihren Hüten. die. dem Bahnhof gegenüber. Doch erst auf dem gleichfalls betriebsamen Vorplatz des Bahnhofs nannte Fonty das Lokal seiner Wahl: Nicht auf dem Kurfürstendamm oder am Savigny-Platz. »Ihre jungen Freunde warten nun schon ne geschlagene Stunde. Fonty den seinen zusätzlich mit dem Stock. Erwarten Sie aber bloß nicht. Nie ließ Hoftaller von seiner Aktentasche. wüßte ich. unter grüner Schirmmütze einen grünen Schlips zum grünweißen Hemd trug und . Bei McDonald's lief der übliche Betrieb. in Nachbarschaft zum Elefantenhaus des Zoologischen Gartens. Dennoch fanden sie dem langen Tresen und den sechs Kassen schräg gegenüber einen Zweiertisch. ganz nahbei.« »Sollte ne Überraschung werden . als folgten sie den Regeln eines allseits tolerierten Rituals. Da wurde er rücklings angesprochen. sollte in einem Lokal. daß meine siebzig Anlaß genug sind. denn der fragende Blick der Kassiererin. einige mehrmals. wie das gesamte Personal von McDonald's. Er sah. daß ich dabei ein feierliches Gesicht schneide. des Unsterblichen und des Nachgeborenen runder Geburtstag gefeiert werden: »Glaube zwar immer noch nicht. tauschte der Gastgeber beim nächststehenden Anbieter etliche Scheine Ost gegen rund fünfzig Mark West. doch hundertsiebzig machen was her. Rucksäcke und neuglänzende Diplomatenkoffer prall gefüllt ihre Besitzer wechselten. Jemand trug einen Hut. Überall waren Taschenrechner in Gebrauch.Sarah Picht hieß. bitter enttäuscht. wo.« »Kann sich nur um ungeladene Gäste handeln.

oder Wanderstock hing an der Stuhllehne.Hamburger Royal TS. Noch aßen sie wortlos und blickten. kauend kommentierte er das Lokal: die Messingleuchter über der Theke. Natürlich waren die Strohhalme nicht aus Stroh. Fonty wartete nicht. Bei soviel Zulauf hätte Lärm herrschen können. Sarah Picht lächelte der nachrückenden Kundschaft entgegen. mittlere Portion Pommes frites und mittelgroßes Erfrischungsgetränk. zog dann aber den doppelstöckigen Hamburger namens BigMäc vor. davonund zurückführen zu lassen. bis er mit seinem Cheeseburger und den Chicken McNuggets fertig war. So sicher traf er Entscheidungen. Ihm stand. und jeder mampfte für sich. zu einer zusätzlichen Bestellung: Pommes frites mit Senfsoße. Dann saßen sie. aneinander vorbei. Sie hörten sich und andere essen. passend zu den Chicken McNuggets.ein FischMäc für drei Mark dreißig. dessen Signum als Heilszeichen galt. tunkte der andere seine Chicken McNuggets wie geübt mal in die eine. hatten beide ihre Hüte auf Fontys Spazier. der schließlich für beide zahlte.und einem bloßen McRib. wie man im Westen sagte. um sich sogleich von jenem westlichen. die sich bei McDonald's aufwärmten. hundertprozentig vom Rind. die bestellte und mitnahm. aber auch Devisenhändler von gegenüber belebten den Betrieb. Laufkundschaft. Hoftaller schwankte zwischen dem Evergreen Menue . für deren Angebot Preistafeln sprachen . alles für nur 7 Mark 75 . Fonty wünschte einen Pappbecher Coca-Cola. doch waren die beiden nicht die einzigen älteren Semester oder Senioren. viel jugendliches Publikum. obgleich einander gegenüber sitzend. doch das Fleisch versprach. die panierten Nuggets vom Huhn zu sein. Hatte der eine Mühe mit dem BigMäc. als jedem sein Tablett über den Tresen geschoben wurde. dazu Milchshake mit Erdbeergeschmack. Hier und da standen ziemlich abgetakelte alte Männer und Frauen aus dem Bahnhofsmilieu.eine hieß Barbecue -. aber in allen Räumen ging es gedämpft zu. Und auf das überall. Er riet Hoftaller. als sei McDonald's schon immer sein Stammlokal gewesen. mal in die andere Soßenschale.Nach Blick auf das gut leserliche und mit Preisen ausgewiesene Angebot entschied sich Fonty. Zwischen Biß und Biß. auch an der grünen Schirmmütze der Kassiererin Sarah Picht doppelbäuchig werbende Firmenzeichen wies er hin. für einen Cheeseburger und eine Portion Chicken McNuggets. die abgeschirmte Schnellküche. dem der Super Royal TS für 5 Mark 95 West zu teuer war. und manchmal reichte es sogar für eine Portion Pommes frites. Cola und Milchshake wurden weniger. Von den Pommes frites nahmen beide. Weil sie nicht wußten. wohin damit. nunmehr die Welt erobernden Namen. . zweierlei Soße zu .

. Da staunen selbst Sie ..»Die Duncans kommen. Fonty hatte nur noch Schottland im Sinn.. deren Namen sich global eingeprägt hatten: »Werden es nicht glauben wollen.Von der ihm aufgehalsten Zeitlast beschwert. die Donalds kommen . über windgepeitschte Heide und entlang blauschwarz tiefgründigen Wasserlöchern in das Strophengefälle jener schier endlosen Balladen. Er erzählte.»Und Jack und Tom und Bobby kommen und haben die blaue Blume genommen . jedes Kiltkaro war ihm bis in Farbnuancen vor Augen. als über hundert Kiltträger des Campbell-Clans über die noch schlafdumpfen MacDonalds hergefallen waren und den Clan nahezu ausgerottet hatten. Als suchte er Anlauf.»Schloß Holyrood ist öd und still. zitierte er anfangs aus den Jakobitenliedern . irrte anschließend durch den Zyklus von der schönen Rosamunde »Schloß Woodstock ist ein alter Bau aus König Alfreds Tagen . « -. Und vom Massaker von Glencoe kam er auf die gegenwärtigen Wirtschaftsimperien der beiden schottischen Großfamilien. die Fonty als »meine ein wenig verstaubten Balladen« wertete. vorgelesen hatte. vom Stammsitz der Fast-Food-Firma Schloß Armedale ausgehend. Nahtlos schloß an den mörderischen Streit zwischen den MacDonalds und den Campbells der Dauerzwist zwischen den Douglasbrüdern und König Jakob an. unterwegs: Wanderungen jenseits des Tweed ins schottische Hochmoor. von einem frostigen Februarmorgen des Jahres 1692.. begann Fonty bei den historischen MacDonalds und deren Todfeinden. als wäre er dabeigewesen. der Nachtwind nur durchpfeift es schrill . Maria Stuarts Spuren hinterdrein. « -. Deshalb geriet er. seinen Tunnelbrüdern.. Bei Nebel zum Hexentreff. die Kenzies. den Campbells.. « -. schlug er Exkursionen von Burgruine zu Burgruine vor. die Leans und Menzies aus den Jakobitenliedern herbeizuzitieren . Jeden Clan konnte er beim Namen nennen. stieg dann in den Romanzenzyklus um Maria Stuart ein . Verse.. « Dann aber. Hoftaller. die der Unsterbliche zum Gutteil im Tunnel über der Spree den gleichfalls dichtenden Leutnants und Assessoren.... und manchmal sprach er von »unseren Balladen« wie von einem Gemeinschaftswerk. um noch einmal die Phersons. « Und schon war er. war plötzlich bei den Schustern von Selkirk. nachdem die letzten Hähnchenhappen verputzt waren und er mit einem Rest Cola nachgespült hatte. In aller Welt zerstreut leben heute grob geschätzt dreizehn Millionen Campbells und immerhin gut drei Millionen MacDonalds.. dann wieder in Melrose-Abbey. nachdem ihn die schöne Maid von Inverneß ins blutige Drummossie-Moor geführt und Graf Bothwell den König erschlagen hatte.

« .. herbeihüpften. mit Betonung. Reim paßte auf Reim. obgleich sie manchmal zitterte. daß der Betrieb an allen Tischen verstummt war. nein. oder kurze Widmungen nur.bis zum versöhnlichen. Zöllner. der Unsterbliche sprach. Und ein vom Bier aufgeschwemmter. für Wolfsohn. daß zwei schrille Mädchen. wenngleich die Historie verfälschenden Ausblick . Heyse bestimmt. « ..stand Fonty plötzlich.. schaue mich gnädig an ..»Ein Douglas vor meinem Angesicht wär ein verlorener Mann .»König Jakob. Wir vom Archiv wären weniger erstaunt gewesen. Unvergeßlich ist den älteren unter uns ein spätherbstlich trüber Nachmittag geblieben. in viel nietenbeschlagenes Leder gezwängter Glatzkopf hieb Fonty auf die Schulter: »War ne Wucht..sagte er die kaum einem Schulbuch fehlende Ballade auf: dreiundzwanzig Strophen lang ohne Versprecher. Soßenschälchen und den Pappbecher samt Strohhalm beiseite.. Jung und alt klatschte. Um jene Zeit. und du reitest an meiner Seit! Da wollen wir fischen und jagen froh als wie in alter Zeit . Vom wohlbekannten Einstieg »Ich hab es getragen sieben Jahr und ich kann es nicht tragen mehr.. es wird im November . « setzte er wirksam ergreifend. Strophe folgte Strophe. Beifall belohnte Fonty. auch Gelegenheitsgedichte. in seinen BigMäc zu beißen. die in der Nähe saßen.über des alten Grafen Bitte . ohne zu stolpern. anno 61. Er nahm Haltung an und den Hut ab. hielt ihn seitlich. wie das Poem zu Menzels siebzigstem Geburtstag. « . schob mit linker Hand die Schachteln. Alter!« Das Personal und die Stammkundschaft waren baff vor Staunen: So etwas hatte es bei McDonald's noch nie gegeben. wie ausgeflippt. wie aufgerufen. war bei Atem und trug mit heller Stimme. als wir uns durch die leider notwendig gewordenen Maßnahmen entlang unserer Staatsgrenze zwar vorm Klassenfeind geschützt.. »seine« Balladen vor.und des Königs schroffe Zurückweisung . »Auf der Treppe von Sanssouci«. Und dennoch deklamierte kein Schauspieler.. ihn umarmten und abküßten. wir reiten nach Linlithgow. Seit Jahren trug uns Fonty. seinen »Archibald Douglas« vor.. noch immer das Herz anrührenden. doch gleichermaßen wie eingesperrt vorkamen. Sogar den dramatischen Höhepunkt »Und zieh dein Schwert und triff mich gut und laß mich sterben hier. die. Kein Wunder. aufsprangen. Niemand wagte. in seinen Cheeseburger.»Zu Roß. häufiger ungebeten. Die Kassiererin Sarah Picht rief vom Tresen herüber: »Spitze! Das war Spitze!« Sein Vortrag hatte so sehr begeistert. jegliches Geräusch übertrumpfte. manchmal auf Wunsch. « .

Um genau zu sein: am 3. Sie sückelten sparsam und ließen dabei ihre Gedanken treppab eilen. Am Tresen hatte das Personal gewechselt: keine Sarah Picht mehr. Und wie Fonty dem sozialistischen Alltag Glanzlichter gesetzt hat. wie man hören konnte. War ja nicht einfach. als Dr. liberal und doch standesbewußt. kam Fonty über nunmehr langwierige Umwege auf Besuch und hat uns mit der späten Ballade John Maynard«. sagte Fonty: »Habe diese Ballade mit einigem Erfolg. Nacheinander bekamen ne Menge preußischer Totschläger. >Seydlitz<. diesmal mit Vanillegeschmack. Endlich bei sich angekommen. Fonty wieder mit Hut. < -.. auf nachlassende Zwänge gemacht hat. daß uns damals.und Kaffeespelunken. die Ihnen immer noch. Dezember 1854. Wir hatten Sie wieder bei der >Centralstelle< in Dienst genommen. Sogar Hoftaller klatschte Beifall.>Graf Douglas faßte den Zügel vorn und hielt mit dem Könige Schritt . Ihre Mache gefiel schon zuvor. so hob er mit strophenreicher Darbietung die Stimmung bei McDonald's. Doch zu Zeiten des sogenannten Vormärz waren Sie häufig durchgefallen. jedenfalls gelang es ihm. Respekt! War aber nicht Ihr erster Erfolg bei den sonntäglichen Versammlungen in Tabak.« Hoftaller erinnerte sich: »Zwei Jahre nach Ihrem ersten von uns geförderten Londoner Aufenthalt war das.« Mag sein.Hoffnung auf bessere Zeiten.gewesen sein. Kundschaft kam. doch unter anderem Titel im Tunnel gelesen: >Der Verbannte<. wie die meisten Tunnelbrüder. zu trösten versucht: »Und ein Jammern wird laut: >Wo sind wir? wo?< Und noch fünfzehn Minuten bis Buffalo. Jedenfalls ließ das freundliche Herrensöhnchen keine Herweghiaden mehr zu. Zu observieren war damals bei Ihnen nichts mehr.. « . auf freieres Wort. >Der alte Derffling<. Die letzten achtundvierziger Flausen hatte Freund Lepel dem Revoluzzer ausgetrieben. Adlig war der Herr. ungebrochen über die Lippen kommt. die rettende und heldenmütige Tat des Steuermanns . So kamen Sie unter die Preußen! Und denen gefiel das geschickte Gereime dieser Rührstory . uns ein wenig aufzumuntern.»In Qualm und Brand hielt er das Steuer fest in der Hand . >Schwerin< und >Keith<. Beifall bis ins Protokoll hinein. Kundschaft ging. >Der alte Zieten<. Da die Pappbecher leer waren. Danach saßen beide nur noch für sich. Fonty. . für den abgebrochenen Apotheker ne Existenzgrundlage zu finden.. Lange nach den revolutionären Umtrieben. Natürlich gab Merckel seinen Segen dazu. holte Hoftaller eine weitere Cola und für sich einen Milchshake.. Respekt. Schobeß noch Archivleiter war. die vom brennenden Schiff auf dem Eriesee handelt.

Wollten wohl damit Ihren Freund Lepel und den gesamten verseschmiedenden Adel aufrütteln. Silentium! Lafontaine hat's Wort. Jellinek hießen Ihre zuhörenden Freunde. Doch grundsätzlich waren Sie wohlgelitten bei den Tunnelbrüdern. mehr eingeschleust als eingeführt hatte. sondern auch. Das Portrait eines versoffenen Proletariers. Ihre Übersetzungen nach englischen Arbeiterdichtern: ein glatter Mißerfolg! Zum Beispiel >Der Trinker<. Hörte man gar nicht gern. den der erzreaktionäre Redakteur der Kreuzzeitung. Sie waren als Tallhover superb. >Ein weites Feld<. Wurde übrigens geboren. doch war dem heiteren Anschein eine gallige Farbspur beigemischt. Max Müller. und sei es . Auch nicht >Des Gefangenen Traum<: >Das Volk ist arm! Warum? Warum verprassen die hohen Herrn des Volkes Hab und Gut?< Peinlich. < Zweiundvierzig war das. Und mich. wie Ihr Briest zu sagen pflegte. Nationalliberal nannten sich die Herren Merckel und Kugler. kein Wasnochalles gegeben. Wolfsohn. Hat nicht der junge Heyse. was mein Biograph meinte nicht erwähnen zu müssen. darunter einem zweiundzwanzigjährigen Fant. hörte mich ein Polizist . und kaum weiß ich. Petrarca natürlich. Ganz gegenwärtig und ganz vergangen sagte er: >Ja. ne längst vergessene Größe namens Hesekiel. wer du bist. Hoftaller. Und der hat Sie dann in den reaktionären Tunnel eingeführt. Ihre allzu nackte soziale Anklage. gegen Lepel ausgetauscht haben. als es brenzlig wurde. und ich wäre schier verloren. Juni 43. trotz der Proletarierverse.Jedenfalls solang Sie bei dem von uns observierten Herwegh in die Schule gingen. Na. War ja nicht nur dem Objekt Herwegh auf der Spur. Freund Lepel war Schenkendorf. der Sie bewunderte. als ein Student Kotzebue erdolchte. Ohne diesen Mordanschlag hätte es womöglich keine Karlsbader Beschlüsse. der seine Apothekerprüfung noch nicht hinter sich hatte. fast zu naheliegend. Lafontaine verpaßt. Ihnen hat man als Vereinsmeiernamen. Fonty. Blum. mich. keine Demagogenprozesse.<« Fonty lächelte über dem Rest seiner Cola. Warum nicht? Gar nicht so übel seine Komödien. passende Reime gefunden? Ich krieg's noch zusammen. glaubte man mit dem Namen eines mausetoten Stückeschreibers in russischen Diensten ehren zu können. Selbst ohne Hinweis auf Kotzebue sind mir Ihre Schofelinskischaften erinnerlich geblieben. vorgetragen im Tunnel am 30.. doch in Leipzig und anderswo fleißig gegen die Obrigkeit konspirierte. daß Sie irgend etwas. hab ich noch immer im Ohr. den HerweghEpigonen. Gaben sich hochtrabende Namen. die Sie allesamt. den eher passiven Literaturliebhaber.. >Doch der ist ein Dichter! weiß ich sofort. daß ich nicht lache! Xenophon und Aristophanes. soll ich nachhelfen? >Doch die Wände haben Ohren. Finde allerdings in meinem sonst gut sortierten Gedächtnis keinen Hinweis.

Bin kein Bluthund. wie dort Gedichte genannt wurden. Ist mir einzig um Sicherheit gegangen. Verdeckt bleiben. War oft genug ne Politik. um unseren Arbeiter. wollten damit nichts zu tun haben. Immer wieder meinte er. Spuren verwischen. daß man Ihresgleichen aus den Skizzenbüchern heraussortiert hat. ganz Ihre Methode.»Haben nicht Sie dafür gesorgt.« Fonty schwieg. was an >Spänen<. das schon Tallhovers Biograph als geeignet nachgewiesen und somit in Vorschlag gebracht hatte: Dem Geburtstagskind gefiel das vielteilige Puzzle. zu Gehör kam. der Tunnel über der Spree. dessen Motiv eine Großtankstelle mit allem Drum . sich mit einer neuen Papierserviette den Mund wischen zu müssen. Sowas gefällt Ihnen natürlich: Mauerspechte! Wie uns damals eure Kleintalentebewahranstalt. daß Hermann Jellinek und Robert Blum später füsiliert wurden?« -. aber Sie sind uns leider auf keinem Blatt erhalten. Namhafte Dichter. Die Politik haben andere gemacht. Und da beide dem Jahrgang neunzehn angehörten. Fonty. damals wie heute. Auch dieser Poetentreff hat sich als nützliche Bewahr. vielmehr als typisches Produkt unserer klassenlosen Gesellschaft. täuschte er mit dem Strohhalm Reste von Milchshake vor und rief schließlich: »Leer! Absolut leer! Aber Sie irren sich. Das nun den Klassenfeind destabilisierende Ergebnis unserer Bemühungen haben wir noch kürzlich besichtigt. ob unter Manteuffel oder während der Herrschaft unserer führenden Genossen. Ihm war gleichfalls nichts anzusehen.« Hoftaller saß hinter leerem Becher. Kann jedoch sein. außer seiner weit über hundertjährigen Aufmerksamkeit. etwa Storm oder Keller. hatte Fonty noch kürzlich Hoftaller zu seinem Siebzigsten ein Geschenk präsentiert. Mein Biograph bezeugt das. War durchweg harmlos. Auch Hoftaller schwieg jetzt. Als Fonty nachhakte und ihm die Opfer des Leipziger Herwegh-Clubs in Erinnerung rief .und Bauern-Staat vor drohendem Zerfall zu bewahren. in gereimter Fassung vom Blatt gelesen hätten. hat ja trotz Tabakdunst und funzligem Licht etliche Skizzen aufs Papier geworfen und so einige der inzwischen total vergessenen Verseschmiede verewigt. Selbst Ihr anfänglicher HerweghVerschnitt mit sozialkritischem Tremolo und vormärzlichem Revoluzzergehabe ist kaum einen Bericht wert gewesen. ein original Westprodukt. Besonders die Schlußphase: kopflos. gefallen hat. die uns mißfiel. Menzel. mochte aber restlichen Vanillegeschmack nachkosten. Außer altersbedingter Müdigkeit war ihm nichts anzusehen. Abtauchen. Was haben wir nicht alles versucht. Im Grunde waren Sie da gut aufgehoben: ganz der Kunst hingegeben und politisch entschärft.und Vorbeugeanstalt erwiesen. übertreiben maßlos.einen Ihrer Polizeiberichte. den wir >Rubens< nannten. und das ohne Adel und Preußentum. Erinnert mich an die Prenzlberger Szene.

. um ein Jahrhundert zurückentwickelt hätte es in zusammengesetztem Zustand durchaus einen preußischen Exerzierplatz.wollte sich die Vossische spendabel zeigen. Welcher Siebzigste soll es denn sein?« Der gegenwärtige Geburtstag hatte seinen Höhepunkt hinter sich. habe die Mehrzahl der Gäste Unkenntnis durch vorzeitigen Applaus bekundet. trotz Kur in Thale . Ganz Berlin war geladen. McDonald's und dessen Kundschaft wurden unscharf.vermerkt: Als langjährige Existenzstütze des Theaterkritikers im Königlichen Schauspielhaus . das Tempelhofer Feld.erlaubte ihnen prompten Kostüm. Stephany. »Nichts ridlküler als Empfänge!« Und als gegen Schluß der Massenabfütterung sein »Archibald Douglas« rezitiert worden sei. so zeitlos war Hoftaller am 23. Doch Fonty bemängelte den Aufwand: Für ihn sei das ein fragliches Glück gewesen. Immerhin war das Ereignis durch den kaiserlichen Hoftraiteur ausgerichtet worden. Die über vierhundert Geladenen hätten sich auf das Vertilgen teurer Speisen und noch viel teurerer Weine konzentriert. Verspätet hatte Fonty das Tankstellen-Puzzle vom damals üblichen Begrüßungsgeld in der Spielzeugabteilung des KaDeWe gekauft und seinem betagten Tagundnachtschatten nachgeliefert. Januar.Brahm. Fonty sagte: »Furchtbar richtig! Wir wollten ja anstoßen. dieser versprach Schokoladengeschmack. das längere Frühstück mit Frau und Tochter bei Rotkäppchensekt. gemischt aus Geschnatter und Renommiergehabe. Die Zahl seiner Gegner habe sich verdoppelt. feiern wir doch den großen Auftrieb vom 4. verdreifacht.Eckplatz Nr. abbilden können. Über allem habe auf. rückten weit weg.und Kulissenwechsel.und Dran war. gleichfalls mit allem Drum und Dran. Schlenther . selbst wenn mir noch immer nicht nach Feiern ist.»Na. « Erst Hoftallers Brückenschlag . Außerdem kränkelt Mete noch immer. 23 . Eher beiläufig nahm Fonty Abstand: »Heut morgen. Wohin man blickte: zur Schau gestellte Ordensbrüste und Schmuckkollektionen. war grad genug bei meinem fehlenden Sinn für Feierlichkeit. . gelegen. Sie hoben spaßeshalber die Pappbecher und nahmen Haltung an. Kolossal ledern das Ganze und wichtigtuerisch. Weil sie nunmehr einander wortlos und trocken gegenübersaßen. März siebzig geworden. Man hätte in den Boden sinken mögen.und abschwellender Lärm. Auf den einladenden Billets standen die Literarische Gesellschaft und des Unsterblichen Freunde . als die Vossische Zeitung zur Nachfeier eingeladen hatte« . holte Hoftaller eine dritte Cola und abermals einen Milchshake..

ich könnte. So viele unterlassene Verbote und am Parlament gescheiterte Umsturzvorlagen. Der Schnüffelei war kein Ende gesetzt. die nicht dabei waren. was das Publikum betrifft. Hätte nein und danke bestens sagen sollen. der die Premiere der Hauptmannschen »Weber« angekündigt hatte. forsch von Anbeginn. »Aber was rede ich. deren Intendanz der Unsterbliche ein Stück. Ich engagiere mich ungebührlich. war es mit den Bismarckschen Sozialistengesetzen vorbei. Und im Vorjahr der Triumph der Freien Bühne. Jede Frau wird diese Angst nie los. mit Liebknecht und weiteren Sozis im Parkett. McDonald's besser als Englisches Haus damals!« rief Fonty. freundlich wie immer. fällt der Groschen? Ende Oktober neunundachtzig? Und zwar im Lessing-Theater: Uraufführung. empfohlen hatte: »Na. es muß wohl an uns liegen . Hauptmanns Erstling »Vor Sonnenaufgang«. ob geladen oder ungeladen. Schrieb in der Vossischen ziemlich begeistert gleich zweimal nacheinander. Gnädigst einen Schatten werfend. Hoftaller!« Nun starrte Fontys Tagundnachtschatten auf die leeren Schachteln. als sei mir ein Hühnerdreck auf den Teller gefallen. so viele . <« Fonty starrte auf die leergefutterten Schachteln. Ist wohl auf Ewigkeit abonniert. aber auch Mete. Tallhover! Respekt. Das war mehr als nur ein Skandal gewesen..»Jedenfalls war vorhin noch. daß ich mich blamieren könnte. als Stephany. der. hat der Herr bemerken können. die Pappbecher und die zerknüllten Papierservietten. Tallhover. Das Jahr des jungen Kaisers. was den Hauptmann und seine schwarze Realistenbande betreffe. ich könne mich in vornehmer Gesellschaft nicht recht benehmen und womöglich Unschickliches sagen. Schrieb deshalb an Stephany zurück: >Muß ich Ihnen die Weiber schildern? Meine sind in einer Todesangst. Und prompt war Emilie wieder in Angst. So viel verletzte Sicherheit. angeblich fehlender Garderobe wegen.. Hält sich bis heutzutage. was Ihresgleichen natürlich nicht arbeitslos gemacht hat. Januar 1890. wie meine Emilie. Jedenfalls haben selbst Sie diesen völlig entphrasten Ibsen nicht aufhalten können. so daß man sich hätte genieren müssen. zu weit gehen. Und als dann das Deutsche Theater >Die Weber< brachte. anfragte. seinem Kanzler den Laufpaß gab. als läge in deren Mitte noch immer das einsame Radieschen vom 4. weil meine liebe Frau wieder einmal in Sorge war. Eure hochwohlgeborene Zuhörigkeit und untertänigst spitzelnde Durchlauchtigkeit waren ja dabei. hat sie gesagt. aber wohl eher doch. Blamabel das Ganze! Hätte die Einladung ausschlagen sollen. Respekt. als läge zwischen ihnen zerknautscht jener Theaterzettel. wie verlegen ich während der Rezitation auf das auf meinem Teller vereinzelte Radieschen gestarrt habe.

die eine rot. dann mümmelnd kaute. Der halbvolle Sack neben ihr sagte nichts über seinen sperrigen Inhalt. mit Blick auf ihn. ständig ihr rechtes Auge verkniff. Und mit beiden Handschuhen. durch deren Löcher sie fingerte. Um ne kleine Nachfeier werden Sie nicht herumkommen .. Mühe machte. in die Schlitze für die Arme geschnitten waren. Plötzlich blieb Fonty wie auf Anruf stehen. als beide zwischen vollbesetzten Tischen auf den Ausgang zusteuerten. Ein Lederkoppel. Nahe dem Tresen mit den sechs Kassen und grünbemützten Kassiererinnen sah er eine Frau seines Alters. daß ich für weiteres Geschwätz aufgelegt bin. wir tippen auf Hoppenmarieken aus »Vor dem Sturm«.« »Glaube kaum. das findet kein Ende. Fonty. zwinkerte unablässig ihr Auge. fehlender Zähne wegen. etwa die Buschen aus dem »Stechlin« oder Mutter Jeschke aus »Unterm Birnbaum«. Um den dürren Hals trug sie eine aus getrockneten Hagebutten gereihte Kette in doppelter Schlinge..« »Und wenn ich nein sage?« »Ratsam wäre das nicht. Sie stand in Holzpantinen. hielt die Decke zusammen.schriftliche Eingaben und vorzeitige Hinweise während Kaiser. wenn es unseren Arbeiter. Hoftaller zog ihn zum Ausgang: »Nun aber los. »Gehen wir!« rief Hoftaller. bis endlich auch Fonty ihr zuzwinkerte.und Bauern-Staat nur noch als Konkursmasse geben wird?« Dann seufzte er und stützte sich auf den Wanderstock: »Zweifelsohne. Nein. Die Zöpfe standen ab. Sie hatte sich in eine Decke gewickelt. auf wessen Gehaltsliste Sie stehen werden. Warum wird man siebzig?« Sie ließen einigen Müll zurück. der ihr. faßte sie einen BigMäc. dessen Schloß die Rote Armee auswies. die alle mißachtet worden waren.« . die andere blau.« »Sie wollen doch nicht etwa kneifen?« »Keine Festivitäten mehr. als wollte sie ihm zuzwinkern. die. »Im Mitropa warten noch immer unsre jungen Poeten. gebunden. Von McDonald's haben wir mehr als genug. Eine seiner Kräuterhexen. Zu viel Vergeblichkeit. Sie muß ihm bekannt vorgekommen sein.bis Stasizeiten. Die hätte so zwinkern können. Ihre löchrigen Handschuhe. Mein Bedarf ist gedeckt!« »Aber aber. Ihr steingraues Haar hatte sie beiderseits zu Gretchenzöpfen geflochten und mit knittrigen Propellerschleifen. Doch während sie zubiß. mehrmals. sagte er: »Übrigens wüßte ich gerne.« Indem Fonty verzögert und wie von innerem Zaudern gehalten aufstand.

man blickte sich nach ihm um. die uns den Fünfunddreißigjährigen überliefert.oder anders gesagt. die nach einigen Kreidezeichnungen entstanden ist. er sei jederzeit als Neuauflage in Erscheinung getreten. behaupten noch heute. die einen stutzerhaft gekleideten und modisch frisierten jungen Mann vorstellt. Passanten stutzten. Ob in der S-Bahn oder Unter den Linden. Einige Mitarbeiter des Archivs. zwei Hüte. ohne in Potsdam seines Exils froh zu werden. das ideelle Fortleben nach dem Tod . Beide Mäntel miteinander verwebt. 3 Wie von Liebermanns Hand Wie sahen sie aus? Bisher nur Schattenrisse: die Mäntel. Mit der spätbiedermeierlichen Blomberg-Skizze. ein Tunnelfreund. denn der sah nach nichts oder beliebig aus. wenn Unsterblichkeit . gaben seine Gesichtszüge im Profil wie frontal den Unsterblichen wieder.ein beschreibbares Aussehen hat.. An Theodor Storm. Bis zum gegenüberliegenden Bahnhof war es nicht weit. skizziert. weil sein Charakterkopf das Konterfei einer namhaften Person zu sein versprach. auf dem Gendarmenmarkt oder im Getriebe der Friedrichstraße. Man hätte den Hut ziehen mögen. auf denen besonders Nase und Augen betont sind. näherte sich sein Aussehen der bekannten Lithographie von Max Liebermann aus dem Jahr 1896. der eine hoch und gedellt. nach der Fonty in den fünfziger Jahren langmähnig und . wurden sie wieder zum Paar. vorläufig auf Hoftaller und dessen Aussehen zu verzichten. und seitdem er uns allen als Redner auf dem Alexanderplatz ins Blickfeld gerückt worden war. So sehr ähnelte er. doch wurde die Länge des leicht gebogenen Nasenrückens schon auf einer relativ frühen Bleistiftzeichnung bewiesen. als die Mauer fiel. Und übereinstimmend lehnten sie sich gegen den Wind aus Nordwest.Draußen wehte ein böiger Wind. Fonty hingegen prägte sich ein. zögerten. wird die Aussage älterer Archivmitarbeiter bestätigt. der sich aus dem dänisch besetzten Schleswig nach Preußen geflüchtet hatte. denen Fonty seit den fünfziger Jahren bekannt war. Indem sie gingen. gaben sie ein einträchtiges Bild ab.. Das geschah kurz nach dem Tod seines dritten Sohnes. der andere flach. schrieb er über das verlorene Söhnchen: »Außer Vater und Mutter wohnte ein besoffener Leichenkutscher und die untergehende Sonne dem Begräbnis bei . daß man vermuten konnte: er ist es. Aber erst im Jahr. Zwischen den Englandreisen hat ihn Hugo von Blomberg. Von hinten gesehen. so vorgestrig wirkte er. Mit einem Einzelbild zu beginnen heißt.

unter Druck gab er nach. Ein Beobachter und Zuhörer. doch zugleich verführerischen Glanz« seiner Auftritte in Oranienburg oder Rheinsberg.mit zum Backenbart tendierenden Koteletten als Reisender für den Kulturbund aufgetreten sein soll und besonders bei Zuhörerinnen Eindruck hinterlassen haben muß. er verzauberte uns. als unbeschnittener Wildwuchs hing ihm der Schnauzbart über die Oberlippe hinweg und verdeckte mit den Mundwinkeln deren häufiges. Verjährte Verstrickungen mit dem Zensurwesen während seiner Tätigkeit in der »Centralstelle für Presseangelegenheiten« sind dafür Beleg. dem gesellschaftlicher Klatsch und märkische Spukgeschichten gleich wirklich waren. Auch er liebte es. die silbrigen Strähnen unordentlich über den Kragen fallen zu lassen. kränklich-schwärmerische und ein bißchen fade Antlitz von dazumal« mit dem »prachtvollen. die dem zeichnenden Liebermann nicht verborgen geblieben ist. doch schon seit den »Buddenbrooks« erfolgreicher Schriftsteller in seinem um 1910 geschriebenen Essay das »blasse. weiß überbuschten Mund ein Lächeln rationalistischer Heiterkeit liegt«.« Nichts dergleichen bietet jene Liebermann-Lithographie. Wenn Thomas Mann als noch junger. Der Blick wissend und . eine dieser mittlerweile reifen Damen schwärmt noch immer vom »zwar spätbürgerlichen. Und seine Koteletten wucherten gekräuselt bis flaumig an den Ohrläppchen vorbei. Herausfordernd und ein wenig herablassend blickt er uns an.obgleich wäßrig schwimmend . Weitere . so sehr er handfesten Realitäten verhaftet schien. das mochten Personen oder Gegenstände sein.fest auf das jeweilige Gegenüber gerichtet. fest. gütig und fröhlich dreinschauenden Greisenhaupt« vergleicht und überdies sehen will. weil nervöses Zucken. Auch er war über die Ohren hinweg und bis in den Nacken vollhaarig geblieben. Das Kinn eher ängstlich. auf dem das annähernd weißergraute Haar willentlich ungekämmt über Mund und den Ohren fusselt und auf dem Schädel spärlich ausfällt. weich und zurückgenommen. Der gleiche Mangel machte Fonty eine hohe Stirn. Nicht etwa wilhelminisch gezwirbelt. Die Augäpfel von plastisch gewölbten Lidern gefaßt. Und diese in der Unterpartie des Gesichts mangelhaft ausgebildete Willenskraft. könnte auf Fontys häufig bewiesene Schwäche deuten: Ob Tallhover oder Hoftaller gegenüber. desgleichen Fontys Dienstwilligkeit im Haus der Ministerien. kaum gebürstet. daß »um dessen zahnlosen. wird auch er die Blomberg-Skizze mit dem Liebermann-Blatt verglichen haben. ob in Berlin oder später in London. die mit der Zeitschrift »Pan« verbreitet wurde. wo immer sie ihn erlebt hat: »Wirklich.

Und Julius Rodenberg. unter dem er fortleben wird . ihm vieles nachzusehen und anderes als üble Anpassung zu verurteilen: Seine Versuche. Und da uns Tallhovers Biograph nichts Zitierbares in die Hand gegeben. . können wir nur hoffen. und in die Halle mit schwebendem Gang wie ein junger Gott trat ein Verspäteter frei und flott. sondern ließen uns überdies von seinem Anblick zu dem Glauben hinreißen: Er täuscht nicht vor. Er steht dafür. geschweige denn eine Portraitzeichnung. die ihm begegneten. wurde uns eine gereimte Schilderung lebendig. Deshalb nahmen wir ihn nicht nur beim geplauderten und über Seiten und Verskolonnen hinweg zitatseligen Wort. waren dem jeweiligen Staatswesen dienstbar. und Fonty hat das Fortleben wie ein Programm durchexerziert. Sobald Fonty das Archiv besuchte. in dieser und jener Gestalt. die Paul Heyse anläßlich der Lesungen im Literatentreff Tunnel über der Spree gedichtet hatte: »Da ging die Tür. Das brachte ihm Arger ein.Phasen seiner nachgelebten Biographie. das Literaturverständnis jener Jahre.. Unsere Zweifel wurden an seiner Erscheinung nichtig.. mit dem historischen dicken Tuch um den Hals« gesehen hatte. trotz des greisen Schnurrbartes. sahen sich dem Urheber gegenüber. die er für den Kulturbund gehalten hat. Fontys beschwingtes Schreiten besonders auffiel: ein Jüngling in bejahrter Hülle.. « Hier ist Unsterblichkeit direkt angesprochen. die dem elften ZK-Plenum folgten. Hoftallers Aussehen beweist kein Photo. « Zu solchem Auftritt und Gang war der Unsterbliche bis ins hohe Alter fähig. daß an Hoftallers Seite. sosehr wir heute bereit sind. warf in den Nacken das Haupt zurück . mit Rückbezügen auf die preußische Zensur zu erweitern. Wir sahen bereits. der den Endsiebziger »im Tiergarten. So sahen wir Theo Wuttke.. selbst wenn sie versuchten. den jünglingshaften Eindruck. in der Abenddämmerung. wurden damals als halsbrecherisch mutig gewertet. notierte an anderer Stelle: »Er macht noch ganz. Er lebt fort.. Und Arger hat er sich allemal. bereitet. und auch alle anderen. nicht einmal ein Phantombild geliefert hat. der wie in allzeit unsicherem Gelände tastende Schritte nach Altmännerart machte. zumindest andeutungsweise. etwa die wiederholten Kriegsberichte aus dem abermals besetzten Frankreich und alle Vorträge. grüßt in die Runde mit Feuerblick. daß mit Fontys Gesamterscheinung auch dessen Tagundnachtschatten ins Bild kommt..

die Wandmalerei übertüncht. auffindbar gewesen sein: hier laufend. in einer bärtigen. Eines seiner Häuser. Sigmund Freud. ist zu bestätigen. blickte. weil Heisig oder einer seiner Schüler die Versammlung literarischer Größen mit Vertretern aus dem. schlug ein Dreikäsehoch auf eine Blechtrommel. dem stellvertretend abgebildeten Fonty. dort zusammengekauert und dort versteinert. als Phantom. Den Auftrag für die heftige und in allen Farben schwelgende Malerei soll der Kulturbund erteilt haben. erkannt haben. Deshalb diente er in den siebziger Jahren. die ideologische Plattform beschworen. als politischer Protest einige Künstler zu vieldeutigen Parabeln provozierte. Heine zu Füßen. gleichfalls das Lächeln. wie es hieß. Dicht hinter Herwegh gerückt. über der Versammlung als Traumbild schwebenden Erscheinung will jemand die Kultfigur bürgerlicher Dekadenz. verlangte nach Bildschmuck. Leider ist dieses Werk. natürlich Johannes R. dem Maler Heisig oder einem der vielen HeisigSchüler als Modell für ein Wandbild.»Na. Selbstkritik mußte geübt. vielleicht der Neubau in Bitterfeld.in ironische Distanz zu flüchten. Fonty. Ein eher gerundetes als langes Gesicht. Behauptet wurde: Den vervielfachten Hoftaller habe man an seinem Dauerlächeln. wie er ein Zeitungsblatt des Zentralorgans als vielteiliges Puzzle . wie so viele andere. »Lager der Kriegstreiber und Imperialisten« aufgefüllt hatte. An anderer Stelle der Malerei will man gesehen haben. wieder mal unterwegs?« . von dem es hieß. der allzeit schreibbereit einen Gänsekiel hielt. das ihm nachgesagt wurde. er habe ein Bändchen Biermann-Lieder in Händen gehalten.mit üblicher Anrede . der zu früh gestorbene Uwe Johnson mutmaßend über die Schulter. Miteinander einig die Brüder Mann. der Entwurf an eine staatliche Sammelstelle ausgeliefert werden. auch waren einige nur damals gegenwärtige Literaten dem Gruppenbild einverleibt. dem beständigen Ausdruck bedrohlicher Allwissenheit und an seiner auffälligen Unauffälligkeit erkennen können. wie in einem Vexierbild. die noch kürzlich vom Parteikollektiv gerügte Wolf stand der Seghers nachgeordnet. soll er durch ein nur mit Mühe lesbares Namensschild am Revers als Tallhover enttarnt worden sein. Man stelle sich vor: Das Portrait Franz Kafkas soll eine kopfgroße Lücke gefüllt haben. nach Aussage einiger Zeitgenossen. am Einspruch der führenden Genossen gescheitert. unverkennbar Brecht und die gestrenge Seghers. das in der expressiv abgewandelten Manier des sozialistischen Realismus eine Gruppe bedeutender Schriftsteller versammelte. und überdies soll in dem Wandbild jemand versteckt und doch. So fand sich das Modell Fonty stellvertretend zwischen Georg Herwegh und dem jungen Gerhart Hauptmann plaziert. Becher.

.. auch wenn bei seinen Tiraden gekränkte. Zwar steht in dem Brief vom 29. im Atelier des Meisters. ganz nahe am Potsdamer Platz. dem ich in die Hände falle . die neureichen Spießer und verschuldeten Leutnants. Nicht nur weil Liebermann. Da die Tallhover-Biographie erst seit Mitte der achtziger Jahre im Westen als Buch vorlag. « Hiermit ist letztlich begründet. » . mit hochgeschlossener Binde gezeichnet.. Was Fonty betrifft. «. Doch Max Liebermann hat den mittlerweile sechsundsiebzigjährigen Greis ohne Schottenmuster am Hals. den blaugrünen schottischen Shawl locker um die Schulter. März 96: »Es ist hundekalt und ich erkälte mich so leicht. Der Shawl gehörte zum Fortleben des Originals. Da stand er vor dem Palast-Hotel. Wage deshalb die Bitte auszusprechen. glich selbst im Nachhall noch Fontys Methode. oder auf Wunsch in der Potsdamer Straße 134 c statt... bleibt zu sagen: Er trug als Modell und fortlebendes Abbild jenen Shawl. . den Rodenberg als »historisch« empfunden hat und den der Literaturhistoriker Servaes im Todesjahr des Unsterblichen wie eine Reliquie beschreibt: » . daß dem Maler eine Portion Spezialwissen vermittelt worden war. dessen bereits fertigem Teil das Adjektiv »schädlich« abzulesen gewesen sei.zusammensetzte. doch die Ateliersitzungen überwogen. weil ihm des Malers nie um Pointen verlegener Witz. der weder Kaiser noch Kanzler und schon gar nicht die hofmalende Zunft schonte. die ledernen Prinzipienreiter und nicht nur am Sedanstag dröhnenden Geheimräte durch das feinmaschige Sieb seiner Ironie zu jagen. daß der enge Geist jener weit zurückliegenden Jahre die komplexe Dichte dieses Wandbildes nicht hat dulden wollen. Der nahm kein Blatt vor den Mund. Wenngleich er Menzel höher schätzte. war Liebermann ganz nach seinem Geschmack.. wie er seiner der Nerven wegen kurenden Tochter in einem alles verplaudernden Brief geschrieben hatte.. Die Sitzungen fanden entweder am Pariser Platz. Dessen Methode. sondern mehr noch.. Schade. dem preußischen Adel hohnzulachen.. zum Beispiel.. ist anzunehmen. Er ging da gerne hin. daß wir die letzte Sitzung wieder bei uns haben . «. das anstrengende Stillsitzen verkürzte. die in der Mitropa-Gaststätte am Bahnhof Friedrichstraße stattfand und eher trist endete. als er mit Hoftaller bei McDonald's seinen siebzigsten Geburtstag feierte und anschließend zu einer Nachfeier gezwungen wurde. ein richtiger Maler ist. zurückgewiesene oder verkannte Liebe den Ton angab. warum Fonty sommers wie winters ein solch langwüchsiges Abzeichen keltischen Clanwesens trug.

Gleichfalls war die Doppelzeile »Allerlei Leute mit Mausergewehren sollen die Balinesen bekehren« in den Niederlanden empfindlich aufgenommen worden. deren dem Massaker folgende Schlußzeilen »Mynheer derweilen. In England übrigens nicht weniger. der während der scharfzüngigen Wechselreden im Atelier herumkramte. Telegramme.. Die Mansardenwohnung in der Potsdamer Straße kannte diese Parolen. sagte. sagte: >Ja. Liebermanns alter Diener. vielmehr mit solchen der Firma Mannlicher ausgerüstet und auf Missionsreise gewesen seien. während er doch eigentlich beim Modellsitzen ein würdiges Greisengesicht hätte zeigen müssen. Tüftelnde Schlaumeier waren dahintergekommen. die immer besorgt war. »Und immer geht's gegen den Kaiser und dessen neueste Reden. daß ick nich alles hör. Jetzt gilt nur noch: Freiweg!« rief er bei Tisch den erschrockenen Söhnen zu. war aber nicht stumm dabei. Jetzt ging es um Bismarck.»Das Zeitalter des Schönrednerischen ist vorüber. Über das Poetische steht natürlich kein Wort!« Liebermann zeichnete Blatt nach Blatt. daß die niederländischen Kolonialtruppen nicht mit Mausergewehren.. Man hatte ihn »einen Meister der Grobschmiedekunst« genannt.« Das Modell stimmte zu. malt sich christlich Kulturelles vor« hatten anstößig gewirkt. »So sind die Kolonialherren. durch Abdruck und Kommentierung im »Börsenkurier«. Sagen Christus und meinen Kattun! Oder wie's in meinem John-Bull-Poem heißt: >Und auf hundert Hosenpaare kommen fünfzig Missionare . Das alles erzählte er Liebermann. Sobald Besuch komme. in seinem Kontor. Solche »Forsche« brachte Ärger. deren Schärfe seine Emilie. als wellenschlagende Geschichte einen Zeitungskrieg entfesselt hatte. <« Gestauten Ärger breitete er aus. weil seine Ballade. weil er Steigerungen befürchtete: »Ick will lieber en bisken rausjehn. sondern war für Ausgleich und nannte den Eisernen Kanzler einen »schrecklichen Heulhuber. geh nur: Ich hab mich noch lange nicht ausgekollert. denn wenige Tage vor dem Modellsitzen hatte sich sogar das Auswärtige Amt bekümmert gezeigt. wollte aber nicht nur Wilhelm zwo verspottet hören.« . gleichfalls mit Schrecken hörte. er könne übers Ziel hinausschießen. von dem der Maler gehört hatte. Dummheiten. daß er seit seiner Entlassung die Tage nur noch mit Schimpfen verbringe. wie kürzlich das Gezeter anläßlich seiner späten Ballade »Die Balinesenfrauen auf Lombok«. »Nur noch Diplomatengezänk. ziehe der Alte im Sachsenwald ein neues Register seiner Invektivorgel. wenngleich einen genialen«.« Und Liebermann. der gerade eine weitere Skizze begann.

den ich ab Winter fünfundneunzig in der Mache hatte. was aber den Arbeiter angeht: Da ist die Luft raus! Liebermann war damals schon skeptisch und ich im Grunde auch. selbst wenn es druckfrisch im >Spiegel< steht. März den 18. März für möglich gehalten. im Kreis seiner Freunde vom Prenzlauer Berg. für möglich in diesem echten und rechten Philisternest Berlin!< Oder wäre etwa hier der 4. an dem ich nach all den blitzgescheiten. Palmwedeln und überall herumliegenden Pferdestudien: »Neueste Malerei. von diesen Sitzungen erzählte oder auf Befragen uns im Archiv Bericht gab. Pinseltöpfen.>Alles Interesse ruht beim vierten Stand! Der Bourgeois ist furchtbar. Übrigens: das Richtigste über Bismarck hat ein Pole namens Henryk Sienkiewicz geschrieben. wenn der Drechslermeister vom Leder zog und gegen die Kolonialherrschaft austeilte. so nah er seinen Zuhörern die Atelierstimmung brachte. bis daß die Fetzen flogen.paar Jährchen. < . der Rest ist Blech. mit Oberlicht. meine jungen Freunde. War ja auch toll. um den Schwefelgelben. Skeptisch bleiben ist besser als zynisch werden. von wo ich dann meine notwendigerweise skeptisch eingetrübte Rede gehalten habe: >Ist alles Trug und Blendwerk!< Denn daß Parolen wie >Wir sind das Volk!< wetterwendisch sind. Kaum ahnen wir. was alles.. Na. und schon war die Demokratie weg und die Einheit da. in Rußland und anderswo. So schnell ging der jüngsten Revolution das Pulver aus .Als Fonty während der Nachfeier seines siebzigsten Geburtstages. Kommt sowieso alles ins Rutschen. November vorstellbar gewesen. die Arbeiter. macht das zwar Adel und Klerus von dazumal nicht besser. Oder um Stöcker ging's. ein wilder Norweger namens Munch wurde abgehandelt. Wer hätte vor dem 18. Doch meistens ging es um Politisches. packen alles neu an. der uns oft versichert hat: »Reden müssen hat für mich immer etwas hervorragend Schreckliches gehabt. Das gilt gleichfalls für heute.mit dem nun bevorstehenden Ende des Arbeiter. plötzlich mutigen und nun freiheitsbesoffenen Rednern aufs Podest gerufen wurde. sondern auch neue Wege . dort sagt mein Dubslav: >Nichts ist unmöglich. in strengen Vergleich bringe. der vierzig Jahre lang >der erste auf deutschem Boden< genannt wurde. war mir sicher. haben nicht bloß neue Ziele. den Judenfresser: des Hofpredigers jüngste Schandmaulerei. « Wenn Fonty. deshalb meine Aversion gegen den . Es ist wie im >Stechlin<..und Bauern-Staates. bevor mir die Lampe ausging . Die neue bessere Welt fängt bei den einfachen Leuten an. hörten sich seine Erinnerungen merkwürdig distanziert an. Man mußte nur ein einziges Wörtchen austauschen.. und Adel und Klerus sind altbacken.. Denn sie. Doch sobald ich Worte wiederbelebe .und mein Prophetenlatein aus den mittleren neunziger Jahren . Oder um Bebels letzte Rede im Reichstag.

der Jude Friedlaender! Jahrzehntelang war Ihr wichtigster Verleger ein Jude: der Jude Wilhelm Hertz! Und die erste Sammlung Ihrer lyrischen Ergüsse hat. Sein bei lockerer Wortwahl zwingender Ausdruck bannte den Zuhörer. wies wiederholt auf die Sitzungen in Liebermanns Atelier hin und zitierte den Maler bei jeder sich bietenden Gelegenheit. besonders gerne. Sobald wir das Portrait des Menzel-Schülers Fritz Werner mit Liebermanns Blättern vergleichen. ließ nicht los. daß Werner der plustrige Orden am Jackett wichtiger war als der Kopf des Modells. um Sie herum. zugegeben. als Redner. derart. immerzu Liebermann! Was heißt das schon: bedeutender Impressionist? Reden wir deutsch: der Jude Liebermann! Na schön. besonders heftig um die Backenknochen. weil kommerzienrätlich vorkommt. der uns fremd. dem seine Auszeichnungen als verdienstvoller Kulturaktivist so schnuppe waren wie dem Unsterblichen seine drittklassigen Orden. war mehr als bloßes Zitat. die vielen Juden an Ihrer Seite. Das konzentrierte Dreieck aus Nase und Augen. Solche Auftritte haben seinen Augen Glanzlichter gesetzt. der am späten Abend des Tages nach den Geburtstagsfeiern bei McDonald's und im Mitropa als Tallhover nicht nur mit dem Maler abrechnete: »Liebermann. Ihr Stoff spendender Brieffreund. um weglassen zu können. Die Nase kühn im Profil. fällt auf. ins Reden geriet. In ganzer Figur und in freier Rede. mit dem Fonty uns musterte. stieg ihm Röte ins Gesicht. »Die müßte man als Steckbrief anpinnen!« spottete Hoftaller. besser als andere. Und so. auch wenn er noch so hübsche Illustrationen zu >Effi Briest< gestrichelt hat.Parlamentarismus«. sobald wir ihm zu nahe traten. weil aufgefordert. »In Deutschland hat die Einheit immer die Demokratie versaut!« rief er ins Mikrophon und bekam Beifall. wenn er den Wortschwall seiner jünger vom Prenzlberg oder unsere archivalischen Bedenken zu kürzen versuchte. Fonty. . Deshalb wird die Frage »Wie sah er aus?« am treffendsten von Max Liebermanns alles Beiwerk weglassenden Kreidezeichnungen beantwortet.<« Was immer er sagte. hätte man ihn zeichnen müssen. der anziehende und zugleich Distanz fordernde Blick. Bleibt aber trotzdem Jude. leicht koloriert. Überhaupt. Und so ist er jenem Teil der Fünfhunderttausend in Erinnerung geblieben. der auf dem Alexanderplatz nahe dem Podest stand. hat Sie gezeichnet und lithographiert. Wie vom Wind bewegt das greise Fusselhaar. »Auf meine die Kunst betreffende Frage sagte der Meister: >Zeichnen ist Weglassen!< Ich darauf: >Aber man muß auch genug Stoff unterm Daumen haben. Der Blick über alles weg.

dem später. der es bis zum Generalkonsul bringt. wie Sie heutzutage einen gewissen Professor Freundlich . der >L'Adultera< verlegte. immer wieder an Friedlaender. das pleite gegangene Finanzgenie Rubehn. als Sie noch revolutionär reimten . die sich für nen Kulturbundvortrag geeignet hätte: Die Juden in den Romanen des Unsterblichen. einen Roman. lauter Juden. Oder: Der Unsterbliche und die Juden! Zum Beispiel diese fatale Ebba Rosenberg . den Sie bei Laune >den dicken Lewy< nannten. Cohn!< Außerdem hat bei der Gründung des Familienverlags ein weiterer Jude. frecherweise Wilhelm vorweg. in Karlsbad von Juden umringt. an Juden gerichtet. die Szene im brennenden Schloß . Das wollte nicht aufhören. Wo man kratzt. Dazu der Jude Schottländer. der Jude Brahm. der aus dem hessischen Rodenberg stammte und eigentlich Julius Levy hieß. Bis zum Schluß Episteln an Friedlaender. die in >Mathilde Möhring< zum Schluß ne bezeichnende Rolle spielt. Kapital eingebracht und so den Roman >Frau Jenny Treibel<. indem Isenthal der geschäftstüchtigen Titelheldin bestätigt.< Was denn? Das Gemauschel? Das Tachelesreden? Das Geschacher? Und im >Stechlin< sind es Vater und Sohn Hirschfeld mit ihrem Dauergezänk. aber nie in Erscheinung tritt. Das fing schon früh an. Überhaupt! Wäre ne Sache gewesen. vorfinanziert. vorabgedruckt. natürlich Jude ist. Bis zum Schluß Juden! Lauter Juden als Superpreußen! Nicht zu vergessen Ihre dicksten Freunde: Hieß Ihr großer Förderer. den später miese Geschäfte in Verruf brachten. in dem gleichfalls Juden zur Staffage gehören. Dazu ne Menge Briefe. natürlich ein Herr Katz auf den Buchmarkt gebracht. hätte sie nicht selbst Schluß gemacht.wie hieß das Bürschchen aus Odessa? Wolfsohn hieß der Judenbengel. Und Moritz Lazarus hieß ein anderer. im Herwegh-Club. Selbst als Ihr Sohn Friedrich nen Verlag gründete und des Vaters Bücher nicht gerade besonders erfolgreich verlegte. Oder die Firma Silberstein und Isenthal.in >Unwiederbringlich<.oder sage ich besser: den . den Sie zum Schluß Ihrer leichtfertigen Geburtstagsreimerei zum Fünfundsiebzigsten hochleben lassen: >Kommen Sie. Ein Jude wie jener Cohn. Zu Tisch bei Juden.naja. hieß der stille Teilhaber Fritz Theodor Cohn. nicht eigentlich Abrahamson? Oder der Jude Theodor Wolff.weil Cotta nicht wollte. hat als Jude die >Deutsche Rundschau< herausgegeben und drei Ihrer Schmöker. zuletzt >Effi Briest<. Oder Ihre jüdischen Kommerzienräte wie Blumenthal und der Bankier Bartenstein. bei der Vossischen von Juden gelobt. in dem die ehebrecherische Hauptperson. Und Rodenberg. kommen Juden raus. wo anfangs ein jüdischer Tierarzt namens Lissauer kurz abgehandelt wird. sie höre das Gras wachsen: >Sie hat entschieden was von unseren Leuten. viel später nur noch das KZ offenstand. was prompt auch der Witwe Liebermann passiert wäre.

die hilfreich waren.. >Mißgeburt des preußischen Sozialismus< bestätigt.Sie werden sagen. wie wir ihn nun. dem anderen noch kürzlich Ihren revisionistischen Ärger über die. « Das alles und noch mehr sagte Hoftaller. getünchte Kirche. Im einen wie im anderen Fall: ein dicker Packen Plauderbriefe an Juden. während beide zu später Stunde vom Marx-Engels-Platz aus in bekannter Paarung die Linden runterbummelten. So war's. dank Liebermanns Kreidezeichnung. die Lippen ins Quadrat zwingendem Haß gewichen. die zahlten. wie Sie auf Kosten Ihres einst so geliebten Preußen mit Juden verkehrten. verändert hatte: breites. hatte sein Tagundnachtschatten keine Mühe gehabt. weil dessen Frau und Tochter kränkelten und deshalb schlafend ins neue Jahr gleiten wollten. aber ohne schiefen Blick. Wie sähe es aus. schon wieder ein Jude . < Und deshalb steht in Ihrem frivolen. Ob mit Friedlaender oder Freundlich. Juden..ehemaligen Genossen Freundlich . von Juden abhingen und uns den Juden als eigentlichen Kulturträger hochjubeln wollten. der sich als Tallhover erinnerte. wenn die Pflege der 'heiligsten Güter' auf den Adel deutscher Nation angewiesen wäre! Fuchsjagd. Hoftaller! Denken Sie mal zurück. weil Ihren Ruf als deutscher Schriftsteller für alle Zeit schädigenden Geburtstagsgedicht diese Preußens Adel höhnisch erteilte Abfuhr und ne lobrednerische Aufzählung von Juden. ungemein witzigen. Grübchen werfendes Dauerlächeln war viereckigem. Kein Wunder. mit denen sich bei Tisch plaudern ließ. vor uns sehen. Wie ich im Gespräch mit Professor Lasson . daß sich Hoftallers Aussehen. ohne sich von Fonty unterbrechen zu lassen. hob leicht die Augenbrauen. Fonty sagte: »Was da meiner Mete. im Todesjahr übrigens. ihn zu einem »Jahresendbummel« zu überreden: »Was soll diese elende Stubenhockerei!« Und Theo Wuttke.. dann aber wird die totale Verjudung mit nein Dankgebet gutgeheißen: >. Juden. die Juden . Dem einen haben Sie Ihre Sorgen über das preußische Bündnis von Thron und Altar geklagt. Ihre Leser. doch insgesamt abartigen. Juden. taten die Juden dazumal die deutsche . ist immer noch kolossal richtig. weil er bemerkte. daß die Juden überhaupt da sind.bestätigt fand. geschrieben wurde.. Juden..zum Brieffreund haben. Sonntagnachmittagspredigt und Jeu . Fonty genannt. Zwar steht im letzten Ihrer Briefe an die Tochter Martha: >Immer wieder erschrecke ich vor der totalen Verjüdelung' der sogenannten 'heiligsten Güter der Nation'. mit beiden ließ sich gut lästern und dem ewigen Renegatentum Vorschub leisten. wenn ich mal zitieren darf. die Ihnen schmeichelten. daß man aus verantwortlicher Position nicht gerne sah.. am Silvesterabend.

fand der in Hoftaller abgetauchte Tallhover sein Dauerlächeln wieder: »Na ja. daß bei den Feierlichkeiten. Und deshalb reimte ich: >Keine Bülows und Arnims. was sollten mir da noch die Itzenplitze!<« Weil Hoftaller schwieg oder schweigend nach seinem entschwundenen Dauerlächeln suchte. Und deshalb schließt das bei dieser Gelegenheit verzapfte Gedicht mit artiger Verbeugung: >jedem bin ich was gewesen. als Mitherausgeberin zu zeichnen. wie sonst der Pastor von der Kanzel predigt: Ich sehe viele. Jadoch. Und was ich meiner Mete über den christlich-sozialen Hofprediger Stöcker und den Giftspritzer Ahlwardt zu schreiben hatte. wie mir. daß nämlich der Ahlwardt ein Lump sei. der nun Oberwasser hatte. hat mich beehrt. Tallhover! Zweifelsohne dienstlich. alle kannten mich lange schon. Israel. Haben emsig ne Liste gemacht für Ihren Rapport. Es ging ja nicht irgendein beliebiges Jahr zu Ende. Mußte an Ihrer. Cohn!<« Inzwischen waren die beiden Jahresendbummler an der Humboldt-Universität und dem Roßundreiterdenkmal vorbei. Preußens Adel durch Abwesenheit glänzte. Doch selbst Ihr Biograph Reuter tut sich mit dieser Legende schwer.»Go West« hieß eine Zigarettenreklame jener Jahre -. Sie gelten nun mal als ausgepichter Judenfreund. kommen Sie. dem solch ein Auflauf. die Abram. wie schon zum Siebzigsten. Wahrscheinlich hat sich Mete deshalb geweigert. Desgleichen fehlt in der späten Ausgabe der Gedichte mein Gelegenheitsgedicht zum Fünfundsiebzigsten. Brahm.. Stellten mich freundlich an ihre Spitze. alle waren gekommen. zuwider war. Lazarus. Dafür jene von prähistorischem Adel.. Die Staatsoper hatten sie hinter sich. einem Blutritual abgeschöpften Ballade >Die Jüdin< . das . Alle Patriarchen waren zur Stell.>Sie hatte ein silbernes Messer. Dabei mußte gesagt werden . sie stürmen ein in ganzen Massen. nach Percy. Es war. die nicht da sind. selbst wenn die Herren Söhne und der Herr Schwiegersohn später meinten. Rücksicht nehmen und den >verrückten Lump< bei der Veröffentlichung der Familienbriefe streichen zu müssen. bleibt richtig. und die Deutschen leisteten als Gegengabe den Antisemitismus. >Die auf 'berg' und auf 'heim' sind gar nicht zu fassen.freiweg! -. keine Treskows und Schlieffen und Schlieben und über alle hab ich geschrieben. Isack. Und selbstverständlich der Co-Verleger Fritz Theodor Cohn an der Seite meines in Verlagsdingen nicht immer glücklichen Sohnes Friedrich. Der ereignisreichen Zeit wegen herrschte Unter den Linden ein Sog in Richtung Tor.Kulturarbeit.< Sogar Liebermann. Wolff. sogleich nach: »Waren doch bei der Geburtstagsfete dabei. und das ist die Hauptsache . hakte Fonty. alle haben sie mich gelesen. Und während beide nun wie vom Zeitgeist beschleunigt vorankamen .

« Da stiegen die ersten Raketen.. In Himmlers >Schwarzem Korps< wurde denn auch prompt. die es versucht hat. immer noch griffige Verurteilung des internationalen Judentums fettgedruckt. Fonty? Richtig zitiert?« Schon standen sie inmitten der Masse. Ihre. diese Schande wird bleiben .. daß ich den Juden eine ernste Niederlage nicht bloß gönne. Die Masse guckte den Raketen nach. so bricht in Zeiten.trennte gut und schnitt . Und wie Sie einerseits honigsüß beteuert haben: >Ich bin von Kindesbeinen an ein Judenfreund gewesen und habe persönlich nur Gutes von den Juden erfahren . Und außerdem: Was für ne wacklige Meinung zur Dreyfus-Affäre! Ist alles in den schriftlichen Plaudereien mit Ihrem Spezi Friedlaender verbrieft: >Ich war anfangs natürlich ganz Zola!< Dann aber kommt die Kehrseite zur Ansicht. « »Schwamm drüber!« rief Hoftaller. die europäische Presse ist eine große Judenmacht.. diese Zeiten. > . zum Beispiel .ziemlich schlucken.. ich weiß. Nicht jeden meiner Briefe möchte ich geschrieben oder so geschrieben haben.< Da wird . und zwar in ein und demselben Brief. und mit der Masse blickten die beiden gen Himmel. Fonty alterte unter dem lastenden Zitat: »Wir haben sie erlebt.. Tallhover. die wir beide freilich nicht mehr erleben werden. Einer jüdischen >Gazettenverschwörung< sind Sie auf der Spur: >.der wohlwollende Philosemit .Hand aufs Herz. denn was Sie am 1. der gesamten Welt ihre Meinung aufzuzwingen. sondern wünsche. die als Leuchtschirme und Goldregen aufgingen. . Fonty! .zu nein stinknormalen Antisemiten. Cohn!< .< Na.. »Fürchte. doch erst vierzig Jahre später folgten Sie dem Wunsch Ihres Tunnelfreundes Heyse und kippten den Knabenmord aus der folgenden Neuauflage der Gedichte.. <. Dezember 1880 Ihrer Busenfreundin und Beichtmutter Mathilde von Rohr vorausposaunt haben. Und Sie wissen noch mehr.. Gibt ja noch andere Sachen. die vor sich hin ticken. und zwar anno fünfunddreißig. Es war wohl die Zeit damals .. waren Sie andererseits nicht sparsam mit happigen Prophezeiungen. die sich vorm offenen Tor staute. eine schwere Heimsuchung über sie herein. hört sich heute wie Endlösung an: >. « »Ach was. obgleich es noch gut eine halbe Stunde vor Mitternacht war. Ich weiß. wenn sie sie Jetzt nicht erleiden und sich jetzt auch nichts ändert.. Fonty! Damit leben wir... ihres grenzenlosen Übermuts. Und das steht mir fest. wie wir wissen.. Wurde anno zweiundfünfzig im Tunnel gelesen..>Kommen Sie. Dennoch habe ich so sehr das Gefühl ihrer Schuld.

wie nach jedem gewonnenen Krieg. « . sich selbst zitiert: Strophe nach Strophe . erlebte er sich und sahen wir ihn mit offenem Mund. Kein Betonwulst sperrte mehr ab. doch das bemerkten nur wenige. Auch so konnte er aussehen.« »War trotzdem ridikül. Sein Erstaunen über den Raketenhimmel und den himmelhoch proklamierten Weltfrieden wurde von rundgewölbten Augenbrauen beglaubigt.Nun hätte man sehen können. Hunderte waren über ein angrenzendes Baugerüst auf das flache Dach des breitgelagerten Tores gestiegen. « »Unsinn. « »Eine sentimentale Anwandlung nur . weil alle von besserem Platz aus bessere Sicht erhofften. Viel Geschubse. Und wie das entfesselte Volk nur das offene Tor sah. in kindlicher Freude. Noch herrschte planloser Eigensinn. geeint. Dabei gab es.. sogar tödlichen gekommen. das wiederholte Triumphgeheul . die auf Hoftallers vergreistes Kindergesicht Lichter setzten. meinte er. « »Aber dazumal ist Ihnen. Jeder rief. Und nur dieser Details wegen. nur das mächtig überragende Tor zu sehen. als man hier siegreich durchmarschierte. nicht nur mit sich einig zu sein. außer Raketen für jedermann.« Hoftaller hielt ihn am Ärmel und rief irgendeinen Unsinn: »Dabeisein ist alles!« »Hab schon siebzig-einundsiebzig. dabei war es zu Unfällen. nicht hingucken wollen . einen Sieg. denn wie er himmelwärts starrt. Damals glaubte man. Klotzig stand es in Licht gebadet und versprach. Von der nationalen Rührkelle bis zum Bodensatz aufgewühlt. sind uns seine unter kurzer Knolle großen Nasenlöcher wichtiger als der zum Jubelfest aufgepumpte Jahreswechsel. nur um sein flächiges Gesicht voll aufzuhellen.. Noch stand auf dem beliebten Briefmarkenmotiv als Krönung die mal nach Osten. bald für Taxis und Busse offen zu sein. Er wollte weg: »Kolossal zuwider sind mir Aufläufe. mal nach Westen reitende Quadriga. soll hier das Silvesterfest ums Brandenburger Tor bis zum Glockenschlag und einige Minuten länger ablaufen. wie rundum unschuldig Hoftaller aufschaute: beglänzt vom Widerschein... Entsprechend laut waren er und das Volk.. wenn nicht errungen.. vereint. Fonty! Haben doch kürzlich noch. als wir auf unserem Sonntagsbummel bei den Mauerspechten waren... die partout Ereignis sein wollen. Fonty stand unschlüssig neben seinem Tagundnachtschatten. auch zu dieser Parade ein säbelrasselndes Gedicht eingefallen. in dem tadellos gerichtete Ersatzzähne blinkten. was ihm einfiel. dann geschenkt bekommen zu haben: Siegesraketen.

Hoftaller mehr Stimme.. In Ost und West: zwölf. Und alles zum falschen Anlaß. Das Hohle. so wunderschön wie heute . «. Sein »Über alles in der Welt« war auf Siegers Seite. >Du Hitzkopf! Du Jüngling!< Dabei war ich schon über siebzig hinaus . Wie nach zu langer Zurückhaltung sang er sich lauthals frei. Ansteckend. daß Sie richtig weinen können. Tallhover. dünnstimmig gingen sie verloren. die dem Volk den Weg ins neue Jahr zu weisen hatte. dicht neben ihm.. im Fernsehen: zwölf. seit letztem Krieg verfemte Strophe »Deutschland. « sein. Und genau das habe ich Friedel geschrieben.. « -. später zur Nationalhymne gesteigertes Lied. Fonty sah. >Du gehst zu weit! Du engagierst dich ungebührlich!< .... Jetzt sah man. Lügnerische. »Wahnsinn!« Die Tollkühnen auf dem flachen Dach des Tores sprangen hoch.. Überall schlug es zwölf.. dann aber des armen Fallersleben gutgemeintes. Habe nicht geahnt. Sind doch schon da: die Treibels! Die machen als erste ihren Schnitt. noch höher hinaus.. als ich ihm diesen Roman als Futter für den jüngst gegründeten Verlag in Aussicht stellte: >. Ist ihnen zu Kopf gestiegen: Siegen macht dumm! Wollten sich groß und größer plustern.. Hartherzige des Bourgeoisstandpunktes . Hochmütige.. Im Rundfunk.. < Natürlich war meine Emilie wieder mal überängstlich. Noch versuchte Fonty mit »des Glückes Unterpfand« gegenzuhalten. »Wahnsinn!« rief sie. Und jetzt erst löste sich aus dem Gebrüll einzelner Worte vielstimmiger Gesang.>Draufgänger!< hat sie mir ins Gesicht gesagt. « Hoftaller kam nicht mehr zu Wort. Er ließ von der dritten und vergeblichen Strophe ab und sagte: »Aber Sie weinen ja. daß er beim Singen weinte.. Wie losgelassen hüpfte die Menge. Deutschland über alles . Schunkellieder zuerst . das ist die Tendenz der Treibels. Da war von Einigkeit und Recht und Freiheit nur noch wenig zu hören. mitreißend folgte es anfangs noch der zugelassenen dritten Strophe: »Einigkeit und Recht und Freiheit .»So ein Tag. Gratuliere!« . Phrasenhafte. Wird auch diesmal nicht besser über den Leisten kommen. daß der singende Hoftaller weinte. dann aber mußte es die verdammte erste. bisher mühsam zurückgehaltene Raketen in jeder Himmelsrichtung hoch und entfalteten sich wunderbar. Und auf Schlag zwölf stiegen besonders kostspielige. zum dritten Mal ziehen sie ein durch das große Portal . wollten höher..Hoftaller ersparte ihm nicht das forsche Gereime: »Und siehe da. Mit dem ums Tor versammelten Volk schäumten Sekt und Büchsenbier über. doch hatte. « Davon wollte Fonty nichts hören: »War bloße Mache.

perlten ab. Doch so mitgerissen er sang und weinte. der in Zivil oder Uniform zum Portal wollte. mußten die augenblickliche Minimalisierung erdulden. der Architekt hatte sich dem Willen eines Bauherrn unterworfen. sahen sie gegensätzlich aus. Um so viel Erniedrigung und Erhöhung zu erfahren. nach der es Untergebene und Vorgesetzte. dann die Stufen nahm. alt. vor das Portal gestellt. Noch bevor sich die Massen verliefen. Kein Zufall wirkte. doch aus jeder Sicht gaben beide ein Doppelportrait ab. der entschlossen oder zögernd Anlauf. Sogar Staatssekretäre. geschaffen für immer neue Skizzen. denen sie Diensträume und Sitzungssäle hinter fugendichten Muschelkalkfassaden eingeräumt hatte. . das beide zu Winzlingen macht. und hohe ausländische Gäste... die im Dienstwagen vorfuhren. Ein glückliches Weinen. empfand sich als geduckt. So übte das Portal gleichmachende Gerechtigkeit. wie Teilstücke in einem Puzzle. durch eine Architektur verkürzt. 4 Viele Vaterunser lang Da sind sie wieder. zueinander passend. jeder. und sei es als Gefühl inwendiger Enge. die ihm nahe kamen. Tränen kullerten über die Backen zum Kinn. mußte zuvor eine Durststrecke überwunden werden: Dem breitgelagerten und mit mehreren Büroflügeln in die Tiefe gehenden Gebäudekomplex war von der Straßenseite her eine Freifläche ausgestanzt worden. Fortan wurde jeder. die abgestufte Ordnung gab. dem das Bombastische als Uniform angepaßt saß. Alle. und dieser besungenen Größe sollte hoch und breit das Portal entsprechen. In jener zurückliegenden Zeit wurde ein Berliner Spottlied verboten. etwa Italiens Graf Ciano oder Ungarns Admiral Horthy. das erst mit dem Singen sein Ende fand. ob ministerieller Mitarbeiter gleich welchen Ranges oder Besucher des Hauses. « ausklang.Mit glänzend rundem Gesicht sah er wie ein weinendes Kind aus. seine Augen blieben unbeteiligt grau. die vorm Eintritt alle Personen schrumpfen ließ. von hinten beobachtet. erst im Inneren des über endlose Korridore verzweigten Gebäudes herrschte wieder jene den Dienstweg bestimmende Rangfolge. Wer sich hier näherte. hatten sich zwangsläufig als degradiert zu begreifen. waren Fonty und sein Tagundnachtschatten unterwegs: die Linden runter. das mit dem Kehrreim »Hermann-heeßt-er. hatte den Ehrenhof zu überwinden. aber nicht müde: Hoftallers Blick. Von vorne gesehen.

Auch Sie. wenn sie sich unter schützendem Schirm näherten. litt nicht wie Fonty. sah es aus.und sei es ein Blumentöpfchen . Januar 1990 als Donnerstag sicher. als wachse der von elf Pfeilerprofilen gehobene Einlaß über sich hinaus. Und in Zeiten wie gegenwärtig. während Fonty über die Stufen hinweg bedeckt bleibt. Zwar ist jedem. zumindest geborgen fühlen. Verglichen mit weiteren Personen. Hoftaller. Bißchen Demut kann nicht schaden.« Fonty. doch sind Fonty und Hoftaller der Zimmerflucht im Haus der Ministerien schon von Person her bekannt gewesen. der ein. doch ist ihnen dieses Datum gleichfalls als Tag der Reichsgründung von 1871 gesetzt. immer größer wird. als der Ehrenhof nicht mehr Ehrenhof hieß. Wenn wir auch zugeben. steigt in mir Dankbarkeit auf. sollten sich hier zu Hause. haben ihn viele als bedrückend. So begehren sie Einlaß: ergeben der eine. mehr noch. sind beide besonders. wirft aber einen kolossal langen Schatten. abgestoßen der andere. zwar verstehen sie sich wie alle hier Bediensteten nunmehr der Regierung Modrow und den Beschlüssen des Runden Tisches unterstellt. wenn nicht überwältigend empfunden. als sauge das Portal sie an. Fonty jedoch hatte seine Ausmaße schon in jungen Jahren als »zu kolossal« eingeschätzt. lag er als Präsentierteller. seinen Tagundnachtschatten hörte: »Mir gibt das ne gewisse Festigkeit. wohin ich gehöre. Hoftaller! Werde mich nie dran gewöhnen. zu kolossal« gerufen. dem die veränderten Proportionen zur Erfahrung geworden waren.»kolossal niedlich« zu finden. sogar bei Regenwetter. wenn ich das Portal sehe. um ihn seitlich zu halten. wenn ich hier antrabe.oder austritt. wie es größer. der den Hof zur Straßenseite hin begrenzte.Von drei hochragenden Fassaden flankiert. während beide zu verschieden großen Gnomen wurden. Gezählt viele Schritte vor der ersten Stufe zieht Hoftaller seinen flach eingedellten Hut. Weiß jedesmal. Vom Zaun aus. muß gesagt sein: Zum Ehrenhof paßte sein forsches »Zu kolossal. und diese Verzwergung widerfuhr ihnen zu jeder Jahreszeit. blieb schroff: »Hielt nur zwölf Jahre. Selbst nach dem Krieg. als der zur Baumasse gefügte . die sowieso auf ne gewisse Haltlosigkeit hinauslaufen. die eintreten oder das Gebäude verlassen. der.« Deshalb müssen wir ihre Auftrittsnummer wiederholen und sie schrumpfend dem wachsenden Portal zuführen. den das Tausendjährige Reich immer noch kränkte. daß »kolossal« zu seinen Lieblingswörtern gehörte und er wenig Hemmung kannte. irgend etwas . der 18. mein lieber Wuttke. kaum hatte er »kolossal. Einfach zu kolossal!« Jetzt erst näherten sie sich.

des dazumal modernsten Langstreckenbombers. spielzeughaft klein im Verhältnis zur bewachten Architektur. Und wie seinen Zinnsoldaten erging es dem Reichsmarschall. So ausgesucht hochgewachsen die Soldaten des Wachbataillons waren. das nun nahe jener Linie lag. Damals standen links und rechts vom Portal Uniformierte mit Stahlhelm und geschultertem Gewehr in erstarrter Haltung. Im Taumel erster Siege wurde von hier aus die Lufthoheit verkündet. worauf die Wachtposten aus befohlener Starre erwachten und das Gewehr präsentierten. Galland und Udet wurden für die Wochenschau gefilmt und sind heute Archivmaterial. Als am Ende des Zweiten Weltkriegs das Regierungsviertel in Trümmern lag. Und hier war Fonty während der Kriegsjahre als Soldat ein und aus gegangen. die als Sektorengrenze die sowjetische Besatzungsmacht von der amerikanischen trennte. Wilhelmstraße geheißen hatte. der gleichfalls den Adjutanten im Gefolge und namhaften Größen an seiner Seite. Auftritte mit Mölders. der damals als Tallhover von seiner Dienststelle aus Kontakt mit dem Gestapoquartier im nahe gelegenen Prinz-Albrecht-Palais hielt. Bald hieß es: Drüben liegt Feindesland. Immer wenn beide eintraten. daß die an der Langseite des Gebäudes vorbeiführende Otto-Grotewohl-Straße zu Zeiten des Kaiserreichs. von weitreichender Bedeutung gewesen ist. In all seiner bewitzelten Leibesfülle widerfuhr ihm jener Grad von Verniedlichung. ab 1935 ging der binnen Jahresfrist errichtete Großbau in die Geschichte ein. hat Tallhover in jener Phase seiner Tätigkeit dem Reichssicherheitshauptamt zugearbeitet: so dem Amt Zwei mit einem Memorandum . wenn er auf Dienstreise war. wobei auch Fonty endlich seinen hohen und breitkrempigen Hut zog. selten und nur bei besonderen Anlässen in Begleitung von Hoftaller. etwa hochdekorierten Fliegerassen sicher war. Reichsluftfahrtministerium hieß und im Sinn der He III. während der Weimarer Republik und solange das Reichsluftfahrtministerium in Betrieb gewesen war. Welch ein Angebot in dürftiger Zeit! Bald bezogen neue Herren die über zweitausend Diensträume des Gebäudes. aus Distanz gesehen. »wie ausgespart« übrig. mit längeren Pausen dazwischen. das sich rückspulen ließe. Oft kam und ging er allein. sobald er sich in vollem Wichs und mit Marschallstab über den Ehrenhof hinweg dem Portal näherte. war ihnen bewußt. frei von sichtbaren Schäden. blieb der Koloß. Wie sein Biograph versichert. eine Adresse mit Ruf. wirkten selbst sie.Komplex noch als Neubau galt. die nur mit belegter Stimme geflüstert wurde.

die Stimmung der Truppe zu erfragen und weinselige Kasinoabende auf Nebentöne abzuhören. die allerdings mit der Auflage verbunden war. Schiller und die Jungfrau von Orléans. Eine Gefälligkeit. Nicht als Augenzeuge direkter Kampfhandlungen. prominente Gefangene im KZ Sachsenhausen. Druckposten verschafft. So. hatte er zu berichten. wenig verwendbares Material für Tallhover oder das Reichssicherheitshauptamt hergegeben haben. Tallhover hatte ihm diesen. Doch werden Theo Wuttkes zusätzliche Berichte. daß sie. auch in den Feuilletons der bürgerlichen Presse Leser fanden. die ganz zwanglos Eingang in kunsthistorische Betrachtungen und geschichtliche Rückblicke fanden. So bot sich Grund. etwa als Copilot in einem Sturzkampfflugzeug. was dem Unsterblichen zum Werk geworden war. näherte er sich dem Portal. Der uniformierte Fonty war als Kriegsberichterstatter tätig. darunter den kriegsgefangenen Sohn Stalins. vielmehr machte er auf französischen Feldflugplätzen und in deren Umgebung Notizen. Des Kriegsberichterstatters Wuttke in bretonische Landschaft verliebte. Ab 43 betreute er. Noch keine zwanzig Jahre alt war Fonty. Stuka genannt. an französischen Kirchenfassaden hochschweifende und nur wie nebenbei am Militärischen orientierte Berichte boten so feingepinselte und bezaubernde Stimmungsbilder.zur Überwachung der Kirchen jeglicher Konfession. als man ihn in Uniform steckte.. dann Gefreite und später Obergefreite Theo Wuttke für diese Doppeltätigkeit besonders geeignet? Wir vom Archiv vermuten. ohne sich dabei besonders in Gefahr begeben zu müssen. im kleidsamen blaugrauen Tuch der Luftwaffe. Weshalb war der Soldat. denn Fonty verlor sich gerne im Anekdotischen und hatte kein Ohr für konspirative Nebentöne. Und dennoch fand Tallhover Zeit für seinen Schutzbefohlenen. mithin Zitate aus allem. Seinetwegen präsentierte niemand das Gewehr. Das Käppi saß ihm schräg auf unvorschriftsmäßig langem Haar. wie man damals sagte. im Auftrag des Amtes Fünf. sich in Offizierskreisen kundig zu machen. von Fliegerhorst zu Fliegerhorst. von Städtchen zu Städtchen die Landschaft zu wechseln und sich als aufmerksamer Zuhörer und Beobachter zu beweisen. wenngleich er in nicht unwichtiger Funktion das Reichsluftfahrtministerium betrat. die Beiträge hugenottischer Einwanderer zur deutschen Literatur. den als Sonderfall geführten Gefreiten Theo Wuttke. daß ihn das Gesamtwerk des Unsterblichen schon während der Neuruppiner Schulzeit auf die . die nie veröffentlicht worden sind. Bei alledem blieb seine soldatische Existenz außer Schußweite. außer in Soldatenzeitungen. in die er freigiebig literarische Bezüge streute: Goethe und die Kanonade von Valmy.

« Wir kannten Fontys Hang zum alles einbeziehenden Rückgriff. zum Beispiel. dessen westliche Seite aber durch die Linie Horsitz-Neu Bidsow gebildet wird. derart . sofern ihre Verluste an Offizieren und Mannschaften groß genug waren. landschaftlich eingebettete Berichte her. Nicht nur Armeen und Regimenter.. rief einer der Grenadiere: >Die Dänen kochen ihre Ostereier ziemlich hart< . am 2. sondern auch Episoden aus jenem Buch. so gab der Krieg gegen Österreich von 1866.Fortsetzung oder Wiederholung bestimmter Arbeitsphasen vorbereitet hat. die der Gefreite Wuttke aus dem Reichsprotektorat Böhmen und Mähren schrieb: »Schneiden wir aus dem Plateau von Gitschin einen Bruchteil heraus. Ostertag. haushälterisch Kriegsbeute aufgezählt wurde: »Vorn Potsdamer Tore an begann die Aufstellung der eroberten Geschütze. zum Beispiel aus Dänemark. sondern auch Bataillone und Kompanien fanden Erwähnung. « in seine sonst friedfertige Reportage. so haben wir im wesentlichen ein zwei Meilen langes und zwei Meilen breites Quadratstück. das den Krieg Preußens gegen Dänemark im Jahr 1864 zum Anlaß gehabt hatte. Das Archiv wußte. Sobald er mit ersten Artikeln aus besetzten Ländern Bericht gab. Schon seinen Abituraufsatz hatte er mit Zitaten aus dem letzten Feldzugsbericht angereichert.. denn noch ergiebiger als der dänische und der österreichische Feldzug war der Krieg gegen Frankreich gewesen. im Dienst eines geizigen Verlegers. übersättigt war. als das Leibregiment in heftigem Feuer stand.. in dem. von zwölf verlorenen Jahren und vergeudeter Kraft zu sprechen. Er rückte Einzelheiten von der Erstürmung der Düppeler Schanzen wie diese: » . der ein zweites Kriegsbuch zur Folge gehabt hatte. Auf zweitausend Seiten wurde keine Schlacht. keine Belagerung. In einem längeren Kopenhagener Stimmungsbild schlugen sich nicht nur dem Roman »Unwiederbringlich« entliehene Zitate nieder. Wir vom Archiv neigen dazu. Und wie sich die deutschen Überfälle auf Norwegen und Dänemark ins Historische verplaudern ließen.. Kriegsbuch nach Kriegsbuch geschrieben: ein jedes dickleibiger und mit mehr todbringendem Wissen vollgepfropft. waren die drei Kriegsbücher von Gewicht. Zwölf Jahre lang hatte der Unsterbliche.. welche Quellen er abschöpfte und daß sein Blick auf Landschaften. die sich als Schlachtfelder bewiesen hatten. kein Scharmützel ausgelassen. das wir im weiteren Sinn als das Schlachtfeld von Königgrätz bezeichnen können . doch des jungen Theo Wuttke Hunger nach Details zehrte von diesen Wälzern.. sobald uns der Wust der Kriegsbücher kommentierende Arbeit bereitet. dessen östliche Seite durch den Lauf der Elbe zwischen Josephstadt und Königgrätz.

unter den Linden 514 standen. wo man gerade begonnen hatte. vom Geburtsort der Jungfrau von Orléans. Den Achtzehntagefeldzug zeichnete er noch unsicher nach. desgleichen aus Neufchâteau. doch seit Beginn der Blitzsiege über Frankreich konnte er sich nicht nur auf das dickleibigste aller Kriegsbücher. « Kein Wunder.verteilt. weil ihm auf diesem Terrain kein Kriegsbuch des Unsterblichen den Rücken stärkte und die in Westpreußen handelnden Kapitel aus »Mathilde Möhring« landschaftlich wenig hergaben. wenngleich gekürzt. unter ihnen bemerkenswert ein in Soissons erbeuteter. sondern auch auf ein Nebenwerk berufen. . Wie Theo Wuttkes Karriere auch immer begann. zitatsichere und immer amüsant anekdotische Berichte geschrieben. im Lokalblatt abgedruckt. aus Nordfrankreich und dem Elsaß. hatte ein Auge auf ihn geworfen. Jedenfalls befand sich der Soldat Theo Wuttke ab Anfang 1940 im Generalgouvernement Polen auf Dienstreise.« Wir vom Archiv lassen das unkommentiert. Langres und Besançon. jemand. rückbezügliche. daß so viel der Vergangenheit gezollte Besessenheit auffiel und den eher unterdurchschnittlichen Schüler Theo Wuttke herausriß. Ohne ausreichende Kenntnis oder gar Anspruch auf die vollzählige Erfassung seiner Artikel können wir dennoch sagen: Theo Wuttke hat aus Sedan und Metz. denn die Bedingungen seines relativ gefahrlosen Etappendienstes seien ihm damals nicht durchschaubar gewesen: »Zumindest anfangs roch es recht appetitlich in des Teufels Küche. daß er diesen Wechsel so dankbar wie gedankenlos vollzogen habe. indem sie nicht die Bohne nach Schlachtfeld und Schießpulver rochen. Später erinnerte sich Fonty. zum Reichsluftfahrtministerium befohlen: Abteilung Kriegsberichterstattung und Propagandawesen. Sein Abituraufsatz wurde. in dem der Unsterbliche von seiner Festnahme in Domrémy bis zur Entlassung von der Insel Oléron Bericht gegeben hat. Und so wird Tallhover. Gleich nach Ende des Polenfeldzugs wurde der Rekrut vom Truppenübungsplatz Groß-Boschpol. ein solches Talent war zu weiterführenden Aufgaben befähigt. daß in der Königgrätzer Straße 453. daß dabei die auf drei Kriegen beruhende Einheit Deutschlands für jedermann schlüssig wurde. der ja auf Unsterbliche und deren Obsessionen spezialisiert war. Ein junger Mann. mit reichem Relief bedeckter Vierundzwanzigpfünder aus dem vorletzten Regierungsjahre Ludwigs XIV. von dem nachwachsenden Talent Wind bekommen haben. im Zweifelsfall Tallhover. der sich dicke Bücher so kurzgefaßt einverleiben konnte. ihn als Infanteristen zu schleifen. natürlich von der Festungsinsel an der Atlantikküste und später sogar aus Lyon einfühlsame.

Hatte im Frühling vierundvierzig sogar Nimes und die Rhônemündung im Blick. Vierzig Jahre lang hatte der Arbeiter. sagte er. faßte verschieden getönter Marmor die Türen zu den Diensträumen von zehn Ministerien ein. Erst später und renoviert dürfen dessen Zimmerfluchten zu Glanz kommen. Wir bedauern: Die Innenansicht des Gebäudes entlang der Otto-Grotewohl-Straße muß bis zur Phase der nächsten Nutzung undeutlich bleiben. die den einzelnen Industriesparten übergeordnet waren. sobald er mit Hoftaller vor dem Haus der Ministerien und dessen sich treu gebliebenem Portal stand: »Daß Scheußlichkeiten wie diese von einer gewissen Unsterblichkeit sind. Schließlich war des Unsterblichen hugenottische Abstammung eine kaum zu erschöpfende Fundgrube: Besonders die späten Berichte aus Lyon und von nicht ungefährlichen Exkursionen in die Cevennen. bis in die Schluchten der Ardèche hinab. Unansehnlich gewordene Teppichböden deckten den ursprünglichen Linoleumbelag der Korridore ab. im Reichsluftfahrtministerium neue Marschbefehle zu empfangen. Auf diesen Teil seiner Tätigkeit von uns angesprochen. einem Oberst von Maltzahn. Aber Berlin war dagegen . weil in ihnen der tagtägliche Krieg wie eine Nebensache behandelt. macht mir jeglichen Lorbeer fraglich. die ihr Innenleben in ungezählten Ordnern führten. meine Verlobte!« Doch wenn sich der alte und zivile Wuttke. Später durfte er ein Bürofräulein namens Emilie Hering über den Ehrenhof in den Kolossalbau führen und seinem Vorgesetzten. Wäre doch alles ein paar Nummern kleiner!« Schon vor der untersten Treppenstufe zog Hoftaller den Hut. Leider wurde mir für eine Reise in die Gascogne keine Sondergenehmigung erteilt. der noch kürzlich als Fonty auf doppelte Weise Geburtstag gefeiert hatte. Nur ungern sprach Fonty über die Kriegsabenteuer des Gefreiten Wuttke: »Na ja. zeugen von solcher Spurensuche...und Bauern-Staat hier seine Mangelwirtschaft verwaltet. Herr Oberst. während Fonty bis hinter die Flügeltüren bedeckt blieb. Mal um Mal sah sich der junge Soldat vor das »kolossale« Portal gestellt. bekannt machen: »Gestatten. « Zwischen Dienstreise und Dienstreise galt es.die bald viele Liebhaber fanden. unter . Noch sah alles schäbig aus. die Vergangenheit jedoch in aller Breite und Tiefe und nicht nur auf Schlachtfeldern belebt wurde. Blind. Dabei hatten sich Aktenvorgänge ergeben. nach Nichterfüllung geschönt und von neuen Planzahlen überfordert worden. in Erinnerungen erging. das war zu jener Zeit mehr als gewagt. weil nicht aufpoliert. In Planungskollektiven waren Fünfjahrespläne ausgeheckt. sahen wir ihn verlegen lächeln.

Er war zwischen den Ministerien tätig. Wir stellen uns den Aktenboten Theo Wuttke in einem nach vorne offenen Aufzug vor. schließlich nach halber in ganzer Figur einen Augenblick lang da zu sein. bestand aber darauf. Anordnungen im Umlaufverfahren. aber doch zuverlässig. das heißt über die Wendepunkte im Keller.falls im dritten Stock Akten abzuliefern und zu holen waren -mit den umklammerten Ordnern auszusteigen. oder er kam mit den Schnürschuhen voran von oben herab. zeigte nur noch die hohen Schnürschuhe vor. dank Hoftallers Fürsorge. die neuerdings nach Einsicht verlangten: auf schnellstem Wege. dann in ganzer Person sichtbar. halbiert. ein Stockwerk höher in gleichbleibender Gestalt. Er stieg aus der Tiefe auf. Und da er diese Arbeit. um ein Stockwerk tiefer wieder langsam ins Bild zu kommen und . fest.fast überall ausgemusterten Personenaufzug »Paternoster« genannt hat. Trotz hohen Alters hielt man an ihm. stellt sich die Frage nach dem Personenverkehr zwischen Stockwerk und Stockwerk. Theo Wuttke trug aus. leicht klappernd. Er lieferte ab. verließ er mit kleinem Sprung die Kabine. kam mit Hausmitteilungen. Und schon kommt wieder Fonty ins Spiel. Als Aktenbote schleppte er einen Stoß Ordner von Abteilung zu Abteilung. sagen wir ruhig »gebetsmühlenhaft«. Sogleich rückt ein Transportmittel ins Blickfeld. verschwand nach oben geköpft. weshalb man diesen altmodischen.diesen Aktenordnern waren solche. der in zwei Fahrtrichtungen aus einer Vielzahl von Kabinen gereiht ist und unablässig. weißhaarig. ohne Halt. gefunden hatte und hier seit Ende der siebziger Jahre auf allen Korridoren unterwegs war. Mit Akten beladen fuhr er von Stockwerk zu Stockwerk. Und so stellen wir uns Fontys Abgänge vor: Sobald die Bodenplatte der Paternosterkabine in etwa dem Korridorniveau angeglichen war. war wie entschwunden. auf und ab fährt. mit fusselndem Schnauz.und Dachgeschoß hinweg. dank Sondergenehmigung. war nun ganz und gar weg. wurde in halber. dann ganzfigürlich einen Stoß Aktenordner vor der Brust umklammert. mit weiteren Mappen und Ordnern beladen .trotz aller wohlmeinenden Proteste . Und in solch einem Paternoster ging Fonty im Haus der Ministerien seiner Halbtagsarbeit nach. nahm in Empfang. Niemand sonst schien mit allen zehn Ministerien so rastlos tätig vertraut zu sein. zeigte. das seit Anbeginn in Betrieb war. sodann als Brustbild. Ihn schienen die Korridore nicht zu ermüden. nicht ohne verhaltenes Gestöhne und Seufzen. inzwischen . um jugendlichen Schrittes und in Kenntnis der Lage aller Diensträume seinen Weg als Aktenbote zu nehmen. trug halb-. sein uns vertrautes Gesicht. wie zum Abschied. Ein Schrittzähler am Bein hätte ihm kilometerlange Leistungen nachweisen können.

war Hoftaller tätig. Viel hausinterner Verkehr war Folge dieser Umstände. Mal stieg er in absinkender. Oft verlangten diese vorbeugenden Maßnahmen. Fonty mußte ihn bei der Hand nehmen. der dem offenen Personenaufzug mißtraute. Immer näher kam er. Wenn beide mehrere Vaterunser lang eine Kabine besetzt hielten. aber aus übergeordneten Zwängen glaubte.Hoftaller verdankte und ihm deshalb verpflichtet war. mußte tags drauf umgeschichtet werden. Später mußten die eingelagerten Akten verschwinden.oder Ausstieg. Nun aber. mal in steigender Tendenz in den Paternoster. daß Fonty beim Ein. um gerettete Vorgänge zu sichern. Was gestern noch gerettet schien. Sie standen einander zugewandt.und Bauern-Macht. was nur scheinbar sinnlos anmutete. Soweit die Alleingänge auf Korridoren und die Soloauftritte im Paternoster. Des Aktenboten sprungsicheres Vertrautsein mit dem unablässigen Paternoster gab . so wie der Luftwaffengefreite Wuttke seinen Druckposten als blutjunger Kriegsberichterstatter einem gewissen Tallhover zu verdanken gehabt hatte und diesem verpflichtet gewesen war. wo. um nach unten.oder Ausstieg gestolpert oder gefallen wäre. Fonty zeigte sich beim Ein. Auf ihn war Verlaß. gestürmt und sogleich versiegelt worden war. indem er die sinkende Kabine mit leicht nach unten geneigtem Hüpfer. auf und ab. die steigende mit aufstrebendem Sprung besetzte. Während umlaufender Paternosterfahrten sprach er von »ner zwischenzeitlichen Ablage«.oder nachmittags . ihm diesen Einblick nicht zu verweigern. Da er aber seine Halbtagstätigkeit . seitdem das eigentliche Zentrum der Arbeiter. nach oben zu verschwinden. stolperte manchmal beim Ein. immer wieder. Bei Andrang vor dem Personenaufzug hatte er Vortritt. benutzte er oft mit jenem gemeinsam ein und dieselbe Paternosterkabine. hatte Akteneinsicht zur Routine gehört. sobald Fonty ihm den einen oder anderen Ordner geöffnet hatte. stellten sich neue Aufgaben: Oft kam Hoftaller mit praller Tasche. und Hoftaller wußte.und Ausstieg geschickter. nie hat jemand gesehen. daß sie über die Wendepunkte zuunterst zuoberst hinwegfuhren. Er verlangte Einblick in die beweglichen Akten. war mit weitem Schritt Herr der Korridore und wuchs sich zwischen marmorgefaßten Türen zur uns bekannten Größe aus. Er bot Halt. die Festung der Staatssicherheit in der Normannenstraße. auf die Zweierkabinen angewiesen zu sein.zurück. Und Fonty kannte Gründe. daß beide den Paternoster zugleich verließen oder ihn gleichzeitig betraten. Hoftaller.von Woche zu Woche umschlägig vor. Und nicht selten ergab es sich. Solange er im Haus der Ministerien Aktenbote gewesen war.

»Man lächelt hin und zurück und sagt dann was. Natürlich gab es auch zwanglose Paternostergespräche. hüpfte er in eine aufwärts steigende Kabine. sei es ihm im Paternoster leichtgefallen. Schon in Uniform hatte er die flotte Technik des Sprungs in die Kabine und auf den Korridor entwickeln können. die Liebelei in Dresden. aus den besetzten Ländern. der ihn ins Reichsluftfahrtministerium zurückrief. in der ein dunkelhaariger Wuschelkopf stand und eine Adler-Schreibmaschine umklammert hielt. in dessen Maschen der achtundvierziger Barrikadenheld und der Freund der Prenzlberger Szene zugleich zappelten.« . Der konspirative Zirkel in Leipzig. und doch trug er seine doppelt geschnürte Last über alle Wendezeiten hinweg. hatten sich Mittelsmänner gefunden. so wenig Freiheit hatte ihm der Zerfall der Berliner Mauer gebracht. So mußte er sich nützlich machen. schlimmer: Wir vom Archiv wissen.Hoftaller ausreichend Sicherheit. ohne den Inhalt der Kassiber zu kennen. sondern um die Abnahme oder Übergabe von Kurierpost. die Berliner Tage als Apotheker und Revoluzzer: nichts geschah ohne Nachspiel. Belgien oder Dänemark. besonders häufig aus Frankreich brachte oder nach dorthin mitnahm. immerhin waren der Aufzug und dessen Risiken Fonty seit fünf Jahrzehnten bekannt. unter ihnen nicht wenige von preußischem Adel. Denn ob zu Tallhovers oder Hoftallers Zeiten: Theo Wuttke stand als Fonty unter Druck. Ganz zu schweigen von seinen Tätigkeiten für die »Centralstelle« und als Regierungsagent in London. ein Archibald Douglas. doch die anhaltende Gefangenschaft wollte kein Ende nehmen. Tallhover ging es damals nicht um die Sicherung von Akten. mit dem »kolossal niedlichen Fräulein« ins Gespräch zu kommen. brachte Übungsstunden mit sich. Fonty hat uns eingestanden. denn jeder Marschbefehl. die aber dem Gefreiten kein reines Vergnügen waren. Und überall. Ein Fangnetz war geworfen worden. Bereits die Jugendeseleien des Unsterblichen zeitigten Spätfolgen. ob in Frankreich. die der Soldat Wuttke. Als der Soldat Wuttke im April des ersten Kriegsjahres von einer Dienstreise aus dem Protektorat Böhmen und Mähren zurückgekommen war. So machte er sich nützlich. Manchmal hörten wir Fonty rückwirkend wie gegenwärtig stöhnen. daß er von Anbeginn unter Aufsicht gewesen ist. daß er »das junge Ding« auf »höchstens achtzehn« taxiert habe und daß ihn die Schreibmaschine sogleich auf einen Gedanken gebracht hätte. Er wurde an kurzer Leine gehalten. Nein. dem keine Gnade zuteil wurde. Sonst eher schüchtern und alles andere als ein Schwerenöter. Zwar stand nun alles offen.

Er wollte wissen.Er hat ihr angeboten. durfte er die »Adler« übernehmen. den Emmi Hering säuberlich in Maschinenschrift gebracht hat. Und gerne war sie bereit. Wie selbstverständlich waren den Reiseimpressionen lange zurückliegende . Nach gerade abgeschlossener Lehre hatte sie als »Tippse« und Stenotypistin in einem der vielen Vorzimmer der Reichsluftfahrt Anstellung gefunden. Diese zu plötzliche Annäherung wurde abgelehnt.und ein bißchen mehr. des Kriegsberichterstatters Wuttke handschriftliche Stimmungsbilder nach Dienstschluß. « So lernte Theo Wuttke seine spätere Verlobte. in denen es um Hosen und sowas geht. Sie werde sich schon hineinlesen. Das Fräulein hieß Emilie Hering. Erst nach dem fünften Vaterunser will der Soldat Wuttke das Bürofräulein Emmi geküßt haben. seien sie sich nähergekommen. aber schlimm überhaupt nich.. sagte Fonty zu uns. Paßte ihr gar nicht. »ins reine« zu tippen. Schriftlich sei sie gut. Der Soldat sprach dem Fräulein beruhigend zu. Aber dann durfte ich doch . als er sich im Paternoster bekannt machte. irgendwie verwandt sei. habe sie eine funkelnagelneue »Erika« stehen. geborene Hering. Und der Bericht aus Böhmen. »Außerdem les ich keine unanständigen Bücher. Das habe sie noch nie gewagt. wollte aber Emmi genannt sein. kennen. Emilie Wuttke. Er schlug.« Und weil beide im Gespräch blieben. »Viele Vaterunser lang«. die Hacken zusammen. der ihn närrisch gemacht habe. »Nich um drei Ecken rum!« Emmi bestand darauf. das leichte Seitwärtsruckeln und den sofort beginnenden Abstieg in der gemeinsamen Kabine. Zuerst habe er nur auf die Büroschreibkraft spekuliert.« Da hatten sie schon den Ausstieg im siebten Stockwerk verpaßt. Jedenfalls begann ihre Geschichte im Paternoster. oberschlesischer Herkunft zu sein. wie sie sagte. und zwar an der unteren Wendemarke und schon wieder im Aufstieg begriffen. bei ihrer Tante Pinchen. der den berühmten Roman »Die Hosen des Herrn von Bredow« geschrieben habe.. »Is richtig spannend. Emilie sagen zu dürfen. ob sie mit dem Schriftsteller Willibald Alexis. Sie nannte dieses Erlebnis aufregend. Und zu Hause. Habe allerdings darauf bestanden. las sich flüssig. Erst nachdem der Soldat sich vorgestellt hatte. Dessen bürgerlicher Name Häring wäre einst von dem hugenottischen Einwanderernamen Hareng abgeleitet worden. genoß Emmi die untere und obere Wendemarke mehrmals. »War Liebe auf zweiten Blick. doch dann sei es der kastanienbraune Wuschelkopf gewesen. die Mutter seiner Kinder. die schwere Maschine zu tragen. denn nicht ohne Angst erlebte Emmi die Wendemarke im Dachgeschoß.

So könnte der junge Wuttke den Oberst während eines längeren. Herr Hauptkommissar. « Im vierten Stockwerk des Reichsluftfahrtministeriums verließ der Kriegsberichterstatter den Paternoster und suchte seinen Vorgesetzten auf Der schätzte Fonty und dessen geschickte Aussparungen. In Lipa. was mein Oberst dazu sagen wird. Ganze Reihen von Häusern ragten nur noch mit ihren Feueressen auf. was? Vom . die angeforderten Stimmungsbilder aus der Etappe zu übergeben.. Etwa das Gehölz von Sadowa oder das Dorf Cistowes.. Schärpen mit und ohne Blut. Und als er zwei Tage später Tallhover neben sich hatte. doch wurde an die historische Schlacht erinnert. sah es freilich übel aus. Doch die Landschaft noch immer groß. die er bei der Besichtigung des einstigen Schlachtfeldes von Königgrätz notiert hatte. da das Feuer der großen Chlum-Batterie darüber hinweggegangen war. die sich zwischen einem Carl von Maltzahn und einer Hofdame namens Auguste von Dewitz abgespielt hatte. Schließlich liegt einer seiner Vorfahren mit vielen gemeinsam auf der Höhe von Chlum begraben: ein Leutnant von Maltzahn. dann liefen sie weg. Ein ganzer Basar wurde ausgebreitet: Federbüsche. der Kriegsberichterstatter Theo Wuttke war ein Meister der Aussparung. darin wir damals wenig Zerstörung fanden. Welch prächtiges Panorama. um diesem. Aber diese Ebba ist wohl ziemlich daneben. sind Plauderstündchen im Dienstraum. so die gegenwärtige Kriegszeit. das heute auf andere Weise trostlos wirkt. So gut wie nichts stand über die zivilen Zustände im besetzten Protektorat in seinem Bericht. weil literaturkundig. Und wenn. daß die Gestalt des Grafen Holk aus »Unwiederbringlich« und dessen Kopenhagener Affäre mit einer gewissen Ebba von Rosenberg Personen einer mecklenburgischen Skandalgeschichte waren. Und der Oberst könnte. Doppeladler. gesagt haben: »Ist ja toll. aber auch im Paternoster vorstellbar.Schilderungen des sechsundsechziger Krieges gegen Österreich unterlegt. Mit ihm. Bin gespannt. der als belesen galt. wenngleich die Zeit. wie üblich. voller Schrecken. Habe aber dennoch in meinem Bericht das Vergangene beleben und der Gegenwart als mächtigen Kraftstrom zuleiten können. ist heute noch ahnbar. Und auch hier kamen uns Kinder mit Erinnerungsstücken entgegen. blutjung wie all die anderen . darüber hinweggegangen ist. über die Wendemarken hinwegführenden Gespräches darauf aufmerksam gemacht haben. zog er die frisch abgetippte Fassung seines Manuskripts aus der Kuriertasche und will gesagt haben: »Herrgott! Wie mir alles wieder lebendig wurde. Wuttke! Hab Ähnliches munkeln hören. Tempi passati! Diesmal keine Kinder. Nach links hin der glitzernde Streifen der Elbe und unmittelbar dahinter die hohen Türme von Königgrätz! Das alles. Käppis. mithin Beobachtungen.

wieder in Richtung Paternoster schritt. wenn auch geadelt. Einheit sofort! Doch uns sind Wahlen egal. der zwischen den Stockwerken Einblick in seine Last. dieser Aktenverschleiß . jedenfalls nicht im Prinzip.. wenn nicht gerade Hoftaller den zweiten Platz beanspruchte. versiegelt worden? Oder hat man sie durch den Reißwolf. Man ahnte. die zwar dem mürben Staatswesen den letzten Stoß gegeben hatten. « Der Aktenbote Theo Wuttke verabschiedete sich mit kleinem Sprung. Seitdem das Haus der Ministerien zu einem hochgebirgsähnlichen Klettergelände umgedeutet wurde. Was hätte er.und umgekehrt. Man hatte ein Wort füreinander. « Dazu schwieg Fonty. soll es ne vorgezogne Wahl geben. Und viele.und BauernMacht beschäftigt. alten und neuen. die meine Familie betreffen. was man nicht wußte. die mit ihm im Paternoster auf und ab fuhren. . sei es von konspirativen Treffen in der Gethsemanekirche. verstanden!« Und der Soldat Wuttke wird »Jawoll. Aktuelles war zu verplaudern. doch sah man auch Neulinge.. nicht wahr. Herr Oberst!« gerufen und sich mit kleinem Sprung gerettet haben . schon Mitte März ... sprach man jetzt häufig von Seilschaften. « »Sind etwa Vorgänge. dem keine Wahl blieb. Fonty? Wahlen ändern nichts. Muß reine Romanphantasie sein. der zu keiner Wahl ging. beladen mit neuen Akten. den Stoß Aktenordner. der nichts von Interesse fand und nur einen einzigen Vorgang zwischenlagerte. Man nickte sich zu. sagen können? Auf langem Korridor trug er den Stoß Ordner zu Diensträumen... im Umgang mit Akten.. Total unmöglich bei den Maltzahns. blieb auf Wendespur: »Hängt alles von Bonn ab. nun aber.. Fonty.Stamme Israel. »Macht mich traurig. « »Ging wohl schief in der Normannenstraße?« »Und weil sich die Regierung Modrow nicht halten kann . die Herren. doch mit den Neuangestellten war er gleichfalls vertraut. Mit Alteingesessenen und Neulingen teilte Fonty schwer beladen die Paternosterkabine. gewährte.. Wir bleiben so oder so im Gespräch .. sei es vom Prenzlauer Berg her. Einige Herren und Damen der alten Seilschaften waren Fonty seit Jahren aus dienstlicher Tätigkeit bekannt. Wohl deshalb waren so viele Angestellte auf den Korridoren und zwischen den Stockwerken unterwegs. aus denen er. Im Haus der Ministerien war viel Personal aus Zeiten der nun zerfallenden Arbeiter. wenig Kenntnis bewiesen: Immer fanden sie. was sie nicht suchten .. « » . Aber Hoftaller. Haben es eilig.wie er fünfzig Jahre später mit immer noch jünglingshaftem Sprung die Kabine betrat und Hoftaller mit sich zog..

was. er wisse schon. Und weil der Unsterbliche bis in die Tagebücher hinein dichthielt. Fonty?« . Sobald er das Archiv besuchte. zum Beispiel. getan habe. er werde aus der Rolle fallen oder ein wenig aus dem Nähkästchen plaudern und dabei mehr preisgeben. die letzten Zufluchten. sagte er. und wir konnten nur ahnen. dem Skandalfall Oskar Panizza. Und nach einem zeitentlegenen Randproblem. Mehr aus Jux denn ernsthaft haben wir ihn auf die Probe gestellt. sei dieses zwar »polizeischwierig« gewesen. denn die dunkle Seite seiner fortgesetzten Existenz ließ sich allenfalls mit dem flackernden Schein eines konjunktivischen Talglichts ausleuchten. doch stehe er nach wie vor auf dem Punkte: Für Panizza müsse »entweder ein Scheiterhaufen oder ein Denkmal errichtet werden«. wie. der unterhalb seiner Nervenpleiten lag.»Immer schwer zu tragen. Der Verleger Hertz habe für das geplante Epos über »frühkommunistische Gleichteiler« nur gängiges Zeug geliefert: Störtebekers Seeräuberei aus hanseatischer Sicht. den die Genossen Kuba nannten. Fonty?« 5 Im Sofa versunken Auch wenn wir uns der primären und sekundären Fakten sicher sind. als wir der Frage nachgingen: Wo ließe sich das von ihm mehrmals angedeutete Versteck vermuten? Was hatte er mit dem Köderwort »Sitzmöbel« sagen wollen? Und welcher Stil ließe sich dem offenbar bequemen Möbel nachweisen? . als wir nach dem späten und immer wieder liegengebliebenen »Likedeeler«-Projekt fragten. als sich der Unsterbliche erlaubt hat. befragt. Doch selbst auf dürftig bestelltem Feld. wußte er Antwort. was alles und in wessen Tonfall von ihm verschwiegen wurde. uns beschämendem Ergebnis. zumeist mit verblüffendem. blieben versagt. nichts über die Ideologie der brüderlichen Genossenschaft. bestimmt nicht mit grobem Seeräubergereime und parteilichen Sprüchen. was. von dem er uns Beweise in Zitaten gab. Fonty?« . fragten wir ihn aus. Tiefere Einblicke in jenen Bereich.nannten ihn Fonty: »Nimmt kein Ende mit den Akten. das Schlupfloch. Und deshalb tappten wir lange im dunkeln. zum Beispiel seine weggeplauderten Heimlichkeiten. überprüften wir ersatzweise Fontys wortwörtliches Fortleben.»Was gibt's denn Neues. die selten vom Original abwichen. Dennoch wolle er diesen Plan als Vermächtnis aufgreifen und das Fragment in balladeskem Ton zur Reife bringen. was dessen »Liebeskonzil« angehe. alles apart Ausgesparte. wie es dieser Barthel. insgeheim hoffend. muß zugegeben werden: Das Archiv wußte nicht alles. Er wußte alles.

der sich manchmal in westlichem Targon gefiel. nie hat er zu uns »Alles wurde vernichtet« gesagt. hieße die Frage: War die Heizungsanlage geeignet. immerhin ist der Arbeiter. Die Akten. zudem eingebunkerte Brikettberge und schaufelnde Heizer. oder es gammelte in einem Winkel des unübersichtlichen Dachbodens vor sich hin. genauer gesagt. und ein solch gemütliches Refugium käme unserem Verdacht entgegen: Weil kein in der Lausitz betriebener Braunkohleabbau die Heizung hätte füttern müssen. die für den Heizungskeller freigegeben waren. Nicht auszuschließen ist. die »Entsorgung« überlebt haben. Hoftallers vorbeugende Aktionen abzuschließen? Gewiß. aber nur dann. diente dieser seit Jahren kalte Ofen beim Vollzug eines Vorgangs. wo aber das Sofa seinen Platz hatte. landab. wieviel Vergangenheit in einem Polstermöbel Platz findet« war dafür Hinweis genug. Die nachgereichte Frage nach einem eventuell vorhandenen Notofen würde der angeschriebenen Dienststelle weder ein ja noch ein Nein wert gewesen sein. Das Sofa stünde dann in einer Nische mit Blick auf den Notofen. vielleicht benachbart der Tiefgarage. vielmehr immer wieder beteuert. So viel Rückversicherung hätte Hoftallers Prinzip entsprochen: Stets hatte er etwas in der Hinterhand. stammten aus den im Haus ansässigen Ministerien. . daß photographische Ablichtungen von Akten. Fontys Satz »Sie ahnen nicht. »Entsorgung« nannte. schied der Sessel aus. wäre unsere Frage sicher mit knappem Hinweis auf Fernwärme beantwortet worden. die seit der Versiegelung der Zentralstelle Normannenstraße neue Bleibe suchten. wenn Braunkohle als Brennmaterial und eine Großofenklappe möglich gewesen wären. im Heizungskeller zu finden. daß es im Haus der Ministerien einen besonderen Sessel oder ein einzigartiges Sofa gegeben haben muß. also blieb sie offen. mit denen Fonty im Untergeschoß aus dem Paternoster stieg. Entweder war sein Standort in der Kelleretage. Hinzu kamen ab Mitte Januar papierene Vorgänge. sondern nur eine Notbefeuerungsanlage instand gehalten wurde. Und da er in diesem Gebäude nur mit Schatten vorstellbar war. ist nicht eindeutig zu bestimmen. also wären Kellerbesuche zu erwägen gewesen.Sicher ist. Zöge man den Keller in Betracht. Hätten wir um Auskunft gebeten. vermuten. den Hoftaller.und Bauern-Staat mit dieser oft minderwertigen Kohle beheizt worden. falls einem Staatswesen solch eigenständiger Geruch nachgesagt werden kann. also ließe sich eine seit Kriegsende nicht mehr benutzte Feuerstelle. und entsprechend gasig roch es landauf. daß »beinahe alles entsorgt« worden sei.

« Als beide wieder einmal vor der Ofenklappe der Notheizung standen und Hoftaller überschüssige Akten in Flammen aufgehen ließ.. dürfen von mir aus stockfleckig sein. wer an wen talerschwer Bestechungsgelder gezahlt hat. Uns gegenüber hat Fonty beteuert.. Direktor Metzel . Selbst mir wollte man während meiner Londoner Jahre solche Peinlichkeiten zumuten ... Er wußte. Beneide Sie manchmal.. selbst der kompletteste Unsinn war ihm bedeutsam. Sollte einen gewissen Glover schmieren . Saß im Café Divan.Fonty warf selten Blicke in die zu Heizmaterial abgewerteten Aktenstöße.. als man versuchte.und absteigenden Paternosterkabinen hätte sein Tagundnachtschatten im Schnellverfahren entschieden.« In diesem Sinn hat Hoftaller uns gestanden: »Ach. Selbst flüchtige Einsicht bestätigte dem Aktenboten: Die zukünftige Ordnungsmacht hatte Grund. Bin nämlich ganz närrisch nach alten Papieren.. Mein eigentlicher Vorgesetzter. sagte Fonty: »Nur weil jetzt die Regierung Modrow wie weggeputzt ist? Was soll diese Posse! Ist ja lächerlicher als nach dem Sturz der Manteuffel-Regierung. dessen verzweigte Wege und Abwege den Weststaat kenntlich machten. Hoftaller sprach wiederholt vom »vorauseilenden Zugriff«. Wir nehmen an. schrieb mir die Finger wund . denn Fonty sagte später zu uns: »Als geeichte Archivare kennen Sie diesen Tick. Sogar Quittungen über zwei Biere zu zweimal Bockwurst und lange Gesprächsprotokolle von Nichtigkeiten sammelte er. denn der hinfällige Oststaat gab nicht nur über sich Auskunft. ihm seien die Geheimhaltungsrituale beim Aktentausch lächerlich vorgekommen. zusätzlich legte er ein weiteres. haben Sie es doch gut! Nichts geht über ne stubenwarme Klause.. Das Gemenge einer gesamtdeutschen Aktenlage mußte einerseits getilgt.. daß zwischen Ostsee und Erzgebirge mit westlich geschulter Oberaufsicht gerechnet werden mußte.. welcher Vorgang als brisant. um sie zu vernichten oder für späteren Bedarf aufzubewahren. Aber gelegentlich bestand Hoftaller auf Kenntnisnahme.. Graf Bernstorff drängte . zumal nach den Märzwahlen deutlich geworden war. Aber über derartigen Zahlungsverkehr wissen Sie mehr. als ich meinerzeit ahnen konnte . daß sich der Entsorger im Paternoster und vor offener Ofenklappe ziemlich wichtigtuerisch benommen hat. bis dahin verdecktes Innenleben frei. warum das durch viele Risse und Löcher auslaufende Staatswesen sein Innenleben nicht den bereits anreisenden Konkursverwaltern zumuten wollte. allen entsorgenden Fleiß zu begrüßen. andererseits gesichert werden. deren Pannen durch Aktenschwund zu löschen. « Mit diesem . Dabei pfiffen die Spatzen von den Dächern. In auf.. welcher als harmlos beurteilt werden müsse. Alles.

. weil lückenhaft«. « . Weil es Ihnen an Ausdauer fehlte.. nach beendetem Frühdienst.. ne Fundgrube. dann eine Fehlbesetzung gewesen bin. daß ich.. weil es draußen Bindfäden regnete.. Doch ne affige Liebe zur Literatur hat Merckels Blick getrübt . selbst wenn sich Ihre Biographen.« »Sie übertreiben. hatte Sie. Ihr Freund und Gönner Merckel. im Gehen dann. Aber auch der konnte beim Regierungswechsel nicht alles vertuschen. dank gutem Abzug. « Dem folgte ein längeres Gespräch.. wenn keine Null.. richtig gelesen. drumrum schummeln wollten. Berlin war zu geizig .. nachdem alle als »geheim« eingestuften Fundsachen verbrannt und. Angenommen. das Sofa stand in einer Nische des Heizungskellers und hätte. weil es dort stand. Mußte Glover und Bernstorff enttäuschen . frei für ein nachmittägliches Geplauder und wäre. doch erst ein Ende fand... Hätten erkennen müssen. doch dann wären Tallhovers abgelagerte Erfahrungen zum Zuge gekommen: »Die Tagebücher sind. In der >Times< eine Depesche: Hinkeldey im Duell erschossen . Schon Ihre erste Englandreise hätte. Die an den Besitzer des >Morning Chronicle< gezahlte Stillhaltesumme in Höhe von jährlich zweitausend Talern ist belegt..Hakenschlag begann Fontys Rückzug in die fünfziger Jahre des vorigen Jahrhunderts: »En famille nach Kensington . dann hätten beide eine Weile lang das preußische Polizeisystem aus unterschiedlichem Ärger beschimpfen können Hoftaller nannte es »immer schon durchlässig. Fonty hatte es »allgegenwärtig« erlebt -. Zuerst im Stehen. Reuter eingeschlossen. Klappte nicht mit dem Kauf der Zeitung .. bereit gewesen. zum Gespräch eingeladen. wie aus der Welt waren. dem die Nachwelt den oft bestätigten Reim >Gegen Demokraten helfen nur Soldaten< verdankt. auf seinen gewohnten Tiergartenspaziergang zu verzichten. wenn nicht uns.. Emilie über english people entrüstet . der Aktenbote Wuttke war... nach London geschickt. dann der Centralpressestelle in der Leipziger Straße die Augen öffnen müssen. Lange plauderten sie. wie ungeeignet ich war. « »Unsinn! Waren doch selbst vor Ort. Herr Polizeirat Tallhover! Oder können noch immer nicht zugeben. « » . schließlich saßen beide.. und weiterhin angenommen. Wie wir mußten Sie bestimmten Anweisungen der Regierung Manteuffel folgen. Angeblich ist keine Zahlung quittiert worden. das vor offener Ofenklappe begonnen wurde... Zum Beispiel Ihre Schmiergeldaktionen. trotz unserer Bedenken. Danach hatte Sie ein gewisser Metzel unter Aufsicht.

wie wir wissen. der gegen Buchers antipreußische Polemiken agitiert und versucht hat.« »Schlecht genug.. durchs Nuttenviertel. Fonty schaute auf seine Schnürschuhe. von wem Sie bezahlt wurden.. gehässiger Witz an der Spree. « » . so tendenziös zugespitzt sie waren. Für nen Spitzel hat man Sie gehalten. den meine Artikel in der Kreuzzeitung nicht haben stürzen können. Nicht gründlich genug. hier pfennigfuchsende Kleinstädterei. « Beide saßen mit gestreckten Beinen. Tallhover! Schlecht genug!« »Und die deutschen Emigranten wußten gleichfalls.... Ausgerechnet ich mußte englandfeindlich mit Tinte spritzen. wenn irgend möglich. Dabei war London besser als Berlin. Dort wagemutige. Aber nur schnell an besagtem Haus vorbei. nein überhaupt ahnungslos. auch wenn ich keinen Schimmer von Marx und Konsorten hatte. Begriff kaum. Sogar Max Müller blieb reserviert. Können Sie nachblättern. und sind bald nach dem Sturz der Manteuffel-Regierung gänzlich wertlos geworden.. Trockener Humor an der Themse. Hatte Mühe genug mit Kant .. diese Lappalien zu löschen. Mich jedenfalls hat Berlin gelähmt und London gebildet. Wir mußten. Fonty. Der Unsterbliche hatte Dreck am Stecken. . den Premierminister Lord Palmerston .. der allerdings nach heutiger Moral erledigt wäre. was nicht gelang . Geschnitten hat man Sie. Irgend etwas bleibt immer unversorgt liegen . Hoftaller hatte sich auf seine Schnallenschuhe konzentriert.. die Partei Marx meiden. in wessen Sold Sie standen. « »Sie wußten. Deshalb der Versuch.. Lief unruhig durch Soho. Außerdem war Freiligrath in London. Allenfalls Schopenhauer . Nichts klappte.»Eine zu kurze Inspektionsreise. Jeder in eine Sofaecke gedrückt.. Selbst von Hegel schwante mir nichts .. was ich in London zu leisten hatte und in welche Malaise mich die Manteuffelei bringen würde . für uns jedenfalls. Schlesingers >Englischer Correspondenz< das Wasser abzugraben... Ein Fall fürs Feuilleton! Schonungslos demaskiert. Der kam nicht vor. An den Pranger gestellt! Da kennen die nix. Einzig darum ging's. Denn wenn man heute nachdrucken oder zitieren würde. wie Sie Ihren erklärten Feind. Von der Gerrard Street zur Dean Street. Was sagt das schon: zwei Millionenstädte.. auf Gewinn setzende Weltbürger.. Hatte sich rechtzeitig vom Kölner Kommunistenprozeß abseilen können. Ging nem gefälschten Protokollbuch auf den Leim. wenn man Vergleiche zieht.. War nicht nur in Philosophie.. Mußte mich um Marx und Konsorten kümmern. während Sie nur ein kleiner Fisch. « »Sag ich ja: War eine Fehlinvestition!« » .

sei es in Soho. In >Jenseit des Tweed< steht gleich zu Beginn . das Machwerk >Die Umsiedlerin< neben >Die Weber< stellte. sei es in Camden Town. die sich womöglich auf Londons Straßen ergingen. Denke dabei an meist harmlose. als positive Wertung verstanden. Im Unterschied dazu waren Ihre Verfälschungen von >Times<-Artikeln in den Spalten der >Neuen preußischen (Kreuz-)Zeitung< ne wahre Leistung: Meisterstücke stilistischer Glaubwürdigkeit. grenzte an Sabotage. Die gepolsterten Seitenlehnen schmückte wilhelminische Schnörkelei. Und aus der Tiefe des Sofas sagte Fonty: Jedenfalls konnten Lepel und ich. . Nur die geschwungene Rückenlehne verlief schlichter. die Sie noch vor der Aufführung schrieben. Zynisch wurde die Kollektivierung der Landwirtschaft in Szene gesetzt. Und das wenige Wochen nach dem Bau des antifaschistischen Schutzwalls. trotz aller englandfeindlichen Propaganda. weil diese abseitige Gegend außerhalb seiner Kontrolle lag. war ihm nur wenig bestimmbare Farbe geblieben. Ihre oft schlampig recherchierten Reiseberichte zu korrigieren. Durchgesessen und abgewetzt. Beide saßen wie übriggeblieben. Sie saßen versunken. das heißt zur Beleidigung der Arbeiterklasse durch verzerrende Darstellung der Wirklichkeit. Er haßte Schottland. als in Berlin-Karlshorst eine FDJ-Studentengruppe . September 61 zur Aufführung. der den Autor Müller neben den jungen Hauptmann. Zum Beispiel die Einschätzung eines Theaterstücks. einige Sie betreffende Unterlagen der Notheizung zuzuführen. Aber Ihr lobhudelnder Vergleich. »Verschonen Sie mich! Nichts liegt mir ferner als Ihre Campbells.. So kam es am 30. Sehe mich mittlerweile sogar bereit. Ein Möbel der Gründerjahre. Leider haben wir damals den abschließenden Satz des Informanten >Fonty<. endlich unsere Schottlandreise antreten. Na ja.. Des Sofas Beine wie von August Bebel gedrechselt. >Dieses Stück birgt Sprengkammern voll sozialistischem Dynamit<. « Aber Hoftaller wollte keine längeren Zitate und gewiß nichts Verwirrendes über das schottische Clanwesen hören.. Zwischen ihnen ein Loch. Überall viel Betrieb und Gedränge.. Stuarts und Macdonalds. Es gehörte nicht zu meinen Aufgaben. noch bevor der Manteuffel-Spuk vorbei war. als wollte sie sich biedermeierlicher Vorfahren erinnern. Jedenfalls war die Holzfassung der Sofalehne mit ihren drei Schwüngen für mehr als zwei Personen breit. doch in besonderen Fällen ziemlich brisante Informantenberichte aus der Zeit Ihrer Tätigkeit beim Kulturbund. Doch lassen wir das. Bin ja zufrieden mit unserer gegenwärtigen Zusammenarbeit. damit wurde man fertig. Maßnahmen mußten ergriffen werden. dessen Bezug einmal weinrot gewesen sein mochte. Entwickelt sich produktiv.Sie hingen Gedanken nach.

Verbandsausschluß. Endlose Sitzungen. Sogar die Akademie tagte. Danach die übliche Selbstkritik. War ne Staatsaffäre! Und alles nur, weil wir Ihrem Gutachten, dem >sozialistischen Dynamit< vertraut haben.« Fonty lachte in seiner Sofaecke. »Geknallt hat es immerhin!« Und als Hoftaller das verjährte Papier aus seiner Brieftasche zog, entfaltete, glättete, schließlich den Informantenbericht Zeile nach Zeile bis zum »sozialistischen Gruß, Ihr Theo Wuttke« vorlas, wobei der im Briefkopf angeführte Deckname »Fonty« nicht verschwiegen wurde, lachte er immer noch: »Ach Gottchen, was ist nur aus unserem Müller geworden!« Erst als sich Hoftaller aus seiner Sofaecke vorbeugte, das handschriftlich doppelseitig beschriebene Blatt mit zwei Fingern von sich hielt, sein Feuerzeug zog und schon beim ersten Versuch Erfolg hatte, lachte er nicht mehr. Bei schwindendem Lächeln sah er zu, wie das Zeugnis seiner Doppeltätigkeit beim Kulturbund von der linken unteren Ecke nach oben weg abbrannte, ohne daß Hoftaller, der rechtzeitig losließ, Schaden nahm. Zwischen ihren Schnür- und Schnallenschuhen verglühte das Blatt auf dem Betonfußboden des Heizungskellers. Ein wenig feierlich war ihnen zumute. Wohl deshalb holte Hoftaller aus der Tiefe seiner Aktentasche nicht etwa, wie sonst bei Pausen, jene Thermosflasche und Blechdose voller Mettwurstbrote, die schon Tallhovers Biograph nachgewiesen hat, sondern zauberte eine Flasche Rotwein, zwei Pappbecher und einen Korkenzieher hervor. Bevor Hoftaller »Nun wollen wir es uns aber gemütlich machen« sagen konnte, sagte Fonty schnell und wie abschließend: »Daß ich den jungen Müller mit dem jungen Hauptmann verglichen habe, ist immer noch furchtbar richtig. Leider sind auch ihre Altersstücke von ähnlicher Mache. Aufgedonnerter Kulissenzauber. Beim einen reizt mystischer Qualm die Lachnerven, der andere bietet verwursteten Shakespeare und Grausamkeiten als Dutzendware. Soll alles zynisch wirken, bleibt aber Pose und wabert kolossal ... « Wir vom Archiv wissen, daß ihm schon das frühe Hauptmannstück »Hanneles Himmelfahrt« mißfallen hat. »Über diese Engelmacherei könnte ich zwei Tage lang ulken«, schrieb er im November 93 an sein angestammtes Theater, in dem er zwanzig Jahre lang als Kritiker den Eckplatz Nr. 23 besetzt gehalten und kaum eine Premiere versäumt hatte. Liest sich noch immer tintenfeucht, was über Schillers »Tell« und Ibsens »Nora« in der Vossischen Zeitung stand. Alles Bombastische war ihm zuwider, wie etwa Wagner und Bayreuth, wo er gleich nach Ende der

»Parsifal«-Ouvertüre -»Noch drei Minuten und du fällst ohnmächtig oder tot vom Sitz« - die vollbesetzte Festspielscheune verließ und das teure Billett für »Tristan und Isolde« an der Theaterkasse zurückgab, verbunden mit der Bitte, den Gegenwert einer »frommen Stiftung« zugute kommen zu lassen. Desgleichen Fonty. Alles Überwürzte war nicht nach seinem Geschmack - wie jener Rotwein, den Hoftaller aus der Aktentasche gezogen hatte, ihm zu süß, zu klebrig war; und dennoch mußte er trinken, weil ihm »ein kurzes, aber gemütliches Beisammensein« verordnet blieb. Immer wieder goß Hoftaller nach. Immer wieder zitierte Fonty den berüchtigten Schierlingsbecher herbei. »Auf Ihr Wohl« mußte er sagen, »auf Ihr spezielles ... « Und nach jedem Schluck befürchtete er, an Übersüße zu sterben. Das Sofa hatte schon viel aushalten müssen. Wahrscheinlich stand es seit Kriegszeiten im Keller. Während der häufigen Bombardierungen mochte es als Zuflucht gedient haben. Wir stellen uns vor, wie es, zwischen Luftalarm und Entwarnung, drei bis vier weiblichen Bürokräften, die im Reichsluftfahrtministerium angestellt waren, den Anschein von Sicherheit bot. Bestimmt war Fontys Verlobte, das Bürofräulein Emmi Hering, unter den Schutzsuchenden, zumal auf Berlin nachts wie am Tage Bomben fielen. Schon damals wird das Sofa zum Plaudern - und sei es über die Angst hinweg - eingeladen haben; und Emmi Wuttke, geborene Hering, soll von Anbeginn eine unerschöpfliche Plaudertasche gewesen sein; ihr riß der Faden nie ab. Nur so hat sie dem Gefreiten Wuttke gefallen können, nur so war sie, selbst bei übler Laune, zu ertragen; und nur so ist ihr, über Jahrzehnte hinweg, der Soldat und Zivilist erträglich gewesen, denn Fonty war das Plaudern, wie er sagte, »bis ins Schriftliche« zur zweiten Natur geworden. Sogar mit Hoftaller plauderte er aus Neigung, gewiß aber auch, um über die aufgenötigte Süße des Rotweins hinwegzukommen. Nur keine Pause zulassen. Mit vorletztem Wort das übernächste anstoßen. Indem er die Zeit immer wieder neu mischte, sprang er, ohne seine Sofaecke zu verlassen, aus dem einen ins andere Jahrhundert. Mehrmals wurde die Geburtsstadt Neuruppin berufen. Dem Apotheker unter den Vätern gab er nur wenige, doch dessen ewige Spielschulden mit Nachsicht wägende Worte. Dann war er mit Vater Wuttke, der das Steindruckerhandwerk gelernt hatte, ausschweifend lang bei den berühmten Neuruppiner Bilderbögen, deren farbig fortlaufende Schilderungen jegliches militärische Ereignis, zudem aktuelle Begebenheiten wie Großbrände und Sturmfluten über ein Jahrhundert lang populär gemacht hatten. Fonty beteuerte, wie dieser bunte Bildersegen die eine und die

andere Jugendzeit bereichert, wie nachhaltig ihn der Steindruck geprägt habe. Er färbte einige Bilderbogengeschichten so bluttriefend und schießpulverschwarz ein, als stünde ihm des Försters Tod von Wilderers Hand noch immer vor Augen, als fände das Gemetzel von Mars-la-Tour gegenwärtig statt. Und während er noch Lithographien aus Gustav Kühns Werkstatt belebte, klagte er darüber, daß vom aktuellen Geschehen der Wendezeit nichts einprägsam anschaulich werden wolle: »Stellen Sie sich die Oktoberereignisse vor. Soeben noch feiert der Arbeiter- und Bauern-Staat sein vierzigjähriges Jubiläum. Großes Trara! Paradierende Volksarmee. Die werktätigen Massen ziehen an der Tribüne auf dem Marx-EngelsPlatz vorbei. In bunter Folge sehen wir winkende Genossen, natürlich auch den mit dem Hütchen, wie er zurückwinkt: lächelnd nach Krankheit und Operation. Und neben unserem Honni sehen wir Gorbi, der nicht lächeln will. Warum nicht? Da kommt es schon in weiteren Bildern zu den Leipziger Ereignissen. Die Montagsumzüge. Die vielen friedfertigen Kerzen. Die Ordnungskräfte, die Hundestaffeln und alles wunderbar bildträchtig! Motive über Motive. Mit Beffchen und im Talar sehen wir hundert und mehr Pfarrer bildstrotzender Lutherworte mächtig. Den Pastor Christian Führer sehen wir, wie er von der Kanzel der Nikolaikirche herab in Gleichnissen Gewaltlosigkeit predigt. Wir sehen das bröckelnde Leipzig. die Heldenstadt! Dann wieder Berlin. Vom Volk enttäuscht, tritt Honni zurück. Sein Nachfolger bleckt lachend die Zähne. Immer mehr Rücktritte und Herzattacken. Sodann in Bilderfolge mit Sprechblasen: zerknirschte Genossen im Gespräch mit bärtigen Menschen vom Neuen Forum. Weitere Rücktritte, Forderungen. Überall Runde Tische! Und überall Pastoren; mein Lorenzen hätte dabeisein können. Natürlich darf der 4. November nicht fehlen, der Tag der tausend Transparente und viel zu vielen Redner, die in immer größeren Sprechblasen ein klein wenig Hoffnung machen. Heym klagt bitter. Die Wolf sucht Nähe zum Volk. Müller warnt: >Machen wir uns nichts vor ... < Die Schauspielerin Spira sagt ein Gedicht auf. Und dann, nachdem ein jüngerer Autor namens Hein jegliche Euphorie kleingeredet hat, werde ich aufs Podium gerufen: >Fonty soll reden! Fonty soll reden!< Ja, ich sprach zu den Fünfhunderttausend auf dem Alex. >Es sind die Imponderabilien, die die Welt regieren!< rief ich durchs Mikrophon. Und dann berief ich die achtundvierziger Revolution: >Viel Geschrei und wenig Wolle!< Ob jemand meine Warnrufe verstanden hat? Und schon kam der uns Deutschen so eingefleischte 9. November, aber diesmal mit Anlaß für fröhliche Folgen. Nach all den Schrecknissen dieses Datums darf endlich Freude den Ton angeben: Die Mauer sperrangelweit offen, der Schutzwall fällt, Mauerspechte sind

tätig, Bananen beliebt ... Jedenfalls ergäbe sich eine Bildfolge, vergleichbar den Neuruppiner Steindrucken, die den Sieg von Sedan, die Kaiserproklamation im Schloß von Versailles, sogar die Tage der Pariser Kommune, dann aber den Einzug der siegreichen Regimenter durch das Brandenburger Tor bebildert haben; wie ja auch mir, der ich voll Hoffnung war, der gesamte Waffengang zweitausend Seiten lang Stoff gewesen ist. Aber niemand hat mein Kriegsbuch lesen wollen, alle griffen nach kolorierten Bilderbögen. Ja, Kühn hieß der Mann, der das große Gemetzel so farbgesättigt unters Volk gebracht hat. Ein solcher Kühn fehlt uns heute. Denn soviel sage ich freiweg: Zwar holzen wir ganze Wälder ab, damit sie zu Zeitungslöschpapier werden, zwar plärrt das Radio rund um die Uhr, und Fernsehen so viel. daß man erblinden möchte, doch was fehlt, Hoftaller, woran wir Mangel leiden, wie vormals den Hauptmannschen Weberkindern ein Stickel Brot mangelte, das ist ein Gustav Kühn aus Neuruppin!« Fast wäre er aufgesprungen. Er versuchte, aus dem durchgesessenen Polster zu kommen, sank aber wieder in seine Sofaecke, tiefer als zuvor. Bevor ihn weitere Bilder anflogen, füllte Hoftaller, der bei kleinem Lächeln zugehört hatte, abermals den Pappbecher mit übersüßem Wein; und dann holte Fonty weit aus: Die Lehrjahre als »Giftmischer« in diversen Apotheken verzwirnten sich mit den Front- und Etappenberichten des Luftwaffengefreiten Wuttke. Nachdem er die Lehr- und Wanderjahre zweigleisig abgefahren hatte, war er plötzlich bei Ordenund Ehrenzeichen: »Anno siebenundsechzig fand man mich mit dem Kronenorden vierter Klasse ab, erst anno achtundachtzig war es endlich das Ritterkreuz des Hohenzollernhausordens ... « Kaum aber hatte er den eher spärlichen Ordensschmuck als »bloßes Blech« abgetan, wurde seine während des Zweiten Weltkrieges ordensfrei gebliebene Brust mit Ehrennadeln und Verdienstschnallen geschmückt, die ihm während seiner Tätigkeit im Kulturbund verliehen worden waren: »Alles nur drittrangig! Aber immerhin: zwei- oder dreimal >verdienter Aktivist<. Bredel persönlich hat mich für eine Medaille vorgeschlagen. Wiederholt haben die Kollegen Strittmatter, Fühmann meine Verdienste um das kulturelle Erbe herausgestrichen. Dann aber starb mein damaliger Gönner, der Präsident des Kulturbunds, Johannes R. Becher... Hätte, wenn mir danach gewesen wäre, als Kreissekretär Karriere machen können, in Potsdam oder Oranienburg ... Oder stellen Sie sich vor, Tallhover, es hätte anno achtzehnneunundfünfzig geklappt. Meinem Freund Heyse wäre es gelungen, mich, als es nach der halbwegs passablen Londoner Zeit in Berlin ganz duster aussah und Emilie nur noch das Jammern hatte, an den bayerischen Hof zu vermitteln. Ich als königlicher Privatbibliothekar. Ich

fest besoldet! Alles wäre anders verlaufen. Keine Wanderungen durch die Mark und keine Kriegsbücher, aber die Voralpen, der Starnberger See, Berchtesgaden, Oberammergau, des König Ludwigs Schlösser und viele Romane, in denen Enzian getrunken wird und Föhn herrscht. Alpenglühen, Wilderer, Bergbauern, farbig Katholisches ... « Da unterbrach ihn Hoftaller und wollte alles auf einen Punkt bringen: »Machen Sie sich nichts vor, Fonty. Sie waren und sind ne verkrachte Existenz. Hier, in dieser sandigen Gegend, haben Sie es immerhin zum Denkmal gebracht, doch in Bayern hätte es nicht mal zu ner achtel Portion Unsterblichkeit gereicht.« Er holte als Tallhover aus, um als Hoftaller draufzupacken. Zum Abrechnen war das Sofa wie geschaffen. Die Beweise für »verkrachte Existenz« brachte er mit lächelndem Bedauern, eher geflüstert als herausposaunt. Nur selten kam Schärfe in seine Stimme. Und selbst Punktumsätze wie »Sie waren und bleiben ein unsicherer Kantonist« hoben das milde und nachsichtige Lächeln nicht auf. Wohlwollen überwog, wie überhaupt Hoftallers rundes, wir sagten oft bauernschlaues Gesicht samt den knopfkleinen, von Lachfältchen gefaßten Augen eher bekümmerte Fürsorge als Härte spiegelte. Ohne zu dem in der Tallhover-Biographie erwähnten, durch einen gewissen Lieske ermordeten Polizei-Rath Rumpf eine namentliche Annäherung herbeispekulieren zu wollen, können wir Fontys Hinweis auf den frühen Berlinroman »L'Adultera« bestätigen; in ihm tritt ein Polizeirat Reiff als Nebenfigur auf und beweist dabei eine nicht zu ignorierende Ähnlichkeit mit Hoftaller als Tallhover: » ... ein kleiner behäbiger Herr mit roten und glänzenden Backenknochen, auch Feinschmecker und Geschichtenerzähler, der, solange die Damen bei Tisch waren, kein Wässerchen trüben zu können schien, im Moment ihres Verschwindens aber in Anekdoten exzellierte, wie sie, nach Zahl und Inhalt, immer nur einem Polizeirat zu Gebote stehn ... « Wir vermuten, daß Tallhover als Modell stillgehalten hat, damit auf Papier die Nebenfigur Reiff entworfen werden konnte; und daß die romanhafte Person in preußisch-protestantischer Umgebung katholisch zu sein hatte, hätte auch zu Tallhover gepaßt, wenngleich Hoftaller, nach seiner Religion befragt, vorgab, »streng wissenschaftlicher Materialist« zu sein. Anfangs verfuhr er nachsichtig mit der »verkrachten Existenz«. Er überging die abgebrochene Gymnasialbildung, lobte sogar den Abschluß an der Friedrichswerderschen Gewerbeschule, also das »Einjährigen-Zeugnis«, und

erweiterte sein Lob um die Spanne der Lehrzeit in der Apotheke »Zum Weißen Schwan«, die trotz unablässiger Reimerei durchgehalten und mit dem Abschluß als Apothekergehilfe - unterschrieben von Wilhelm Rose, Spandauer Straße - beendet wurde. Dann aber hörte sich Hoftallers Abrechnung streng, schließlich unerbittlich an: »Diese Unruhe! Ne Menge Ortswechsel. Will aber nur an die Dresdner Adresse erinnern: Salomonis-Apotheke, denn dort wurde beim Verkauf von Lebertran und direkt übern Ladentisch weg ne Verbindung geknüpft, die nicht gerade revolutionär war, eher spätromantisch, deren Folgen jedoch ruinös blieben: Einmal und abermals wurden dem Apothekergehilfen und Jungdichter Alimente abkassiert, wovon ein Jammerbrief an Freund Lepel Zeugnis gibt: >Meine Kinder fressen mir die Haare vom Kopf, eh die Welt weiß, daß ich überhaupt welche habe ... < Nun, wir wußten von der beklagten, zu großen >Lendenkraft<. Aber Emilie Rouanet-Kummer. die Verlobte im Wartestand, durfte nicht wissen, was für ne Hurerei sich über Jahre hinweg am Elbufer abgespielt hat. Lief alles heimlich. Lepel pumpte Geld. Nichts kam ans Tageslicht. Aber wir hatten den Fisch an der Angel: die verkrachte Existenz, den ausgepowerten Kindsvater, das Liebesverse schmiedende Genie ... Könnte plaudern ... Hätte Lust, auskunftsfreudiger zu sein als das so gut sortierte Potsdamer Archiv... « Fonty war erschrocken und wir mit ihm. Er sank, als immer mehr Peinlichkeiten aus der anderen Sofaecke kamen, tiefer und tiefer ins Polster, wie auch uns das detaillierte Spezialwissen verstörte. Was Hoftaller »Dresden und die Folgen,« nannte, hätte als Konvolut belastender Papiere eine das Archiv schmerzende Lücke füllen können. Er zitierte aus Briefen und beigelegten Gedichten. Er hob Datierungen hervor. Aus sieben Jahren, bis zum Abbruch der Revolutionären Korrespondenzen in der »Dresdner Zeitung«, sollen siebenunddreißig Liebeszeugnisse von des Unsterblichen Hand überliefert sein, doch blieben diese mehr herzzerreißend poetischen, weniger radikal politischen Papiere als Geheimdossier nur jenen verfügbar, die von Berufs wegen Druck ausüben. Selbst uns gegenüber ging Fonty nicht ins Detail, wenn wir nach dem Verbleib der Briefe fragten. Als wäre ihm noch immer seine Sofaecke verordnet, flüchtete er ins Allgemeine: »Lauter Unsinn! Was man briefverborgen schreibt, darf nicht zählen. Meine Episteln an Emilie aus überlanger Verlobungszeit sind gleichfalls futsch. Wurden allesamt verbrannt. Nicht schade drum. War sowieso alles unerlaubt unbedeutend. Na, weil Liebesbriefe in der Regel Ablage für Allgemeinplätze sind. Viel ausgeborgte Zärtlichkeit. Und die Zitate nach Lenau und Platen wie aufgenähte

Hosenknöpfe. Sicher, Eigenes kam auch vor. Das floß nur so. Hatte ja eine leichte Hand und ein beständiges Sehnen. War mit dem Herzen dabei ... « Weil uns der Hunger nach den geheimgehaltenen Briefen des Unsterblichen oft bis zum Äußersten trieb, haben wir Fonty aus archivalischer Hemmungslosigkeit regelrecht verhört. Nachhaken! Stochern! Nur nicht lockerlassen. Als Verhörende mögen wir seinem Tagundnachtschatten ähnlich gewesen sein, jedenfalls lief unsere einzige Sorge auf die Befürchtung hinaus, Hoftaller könnte auf die Idee kommen, den Fall »Dresden und die Folgen« nach seiner Methode abzuschließen, denn als beide in ihren Sofaecken saßen, hat er zum übersüßen Rotwein noch süßere Verheißungen tröpfeln lassen. Wir ahnten, welche Gefahr den siebenunddreißig Briefen, unserer Archivlücke, drohte. Fonty schockierte uns mit dem Eingeständnis, Hoftaller habe eine Kunstpause eingelegt, sich aus der Sofaecke vorgebeugt und seine Stimme mit Wohlwollen gesalbt: »Selbst wir sind der Meinung: Genug ist genug. Dresden soll keine Folgen mehr haben. Nicht nur das Bündel heißblütiger Briefe und beigelegter Gedichte, auch alle Zahlungsanweisungen, jeglichen Behördenkram, alles, was andeutungsweise nach Alimenten riecht, sogar unsere Protokolle bringen wir zum Schweigen, indem wir zwar nicht das tun, was Ihre arme Effi, dieses Dummerchen, mit den Crampas-Briefen hätte tun sollen und was Ihr überängstlicher Botho mit den Lene-Briefen tat, nein, wir verbrennen sie nicht, wir entsorgen sie auf nahestehende Weise: Alles, jeder Seufzer, jeder Herzenserguß, jede gereimte Beteuerung, wird ritschratsch zerrissen, zerfetzt und verschwindet in diesem Sofa, in dessen Tiefe sich des Poeten und Jungapothekers Briefschnipsel getrost mit vieltausend anders geschwätzigen Schnipseln, die schon entsorgt wurden, vermischen und - von mir aus - begatten dürfen ... « Hiermit steht fest: Kein Notheizungsofen war im Spiel. Das Sofa war nicht im Keller zu finden. Wir betreten den Paternoster und steigen zum Labyrinth des Dachbodens auf, der sich über dem teils vier-, teils siebenstöckigen Gebäude hinzieht. Und dort, im siebengeschossigen Seitenflügel, entlang der Leipziger Straße, sehen wir das Sofa: einfach abgestellt, aus welchen Gründen auch immer. Aber genau besehen war das Dachbodenmöbel nicht mehr abgrundtief durchgesessen, sondern wohl gepolstert, weil mit zerfitzelten Papieren vollgestopft, die als geheim gegolten hatten. Wie wir inzwischen wissen, entstammten viele Aktenvorgänge dem Haus der Ministerien, doch hatte die Zentralstelle Normannenstraße beim Stopfen und Nudeln nicht gegeizt; nach Fontys Worten

hätte eine pommersche Gans kaum nachdrücklicher gemästet werden können, so satt war das Sofa an Geheimnis. Hoftallers Werk. Sagen wir lieber: Hoftallers und Fontys Gemeinschaftswerk. Beide haben als Reißwölfe Akten per Hand zerschreddert, die Schnipsel durch Löcher ins ohnehin löcherige Unterfutter gestopft und mit Fingern und Fontys Wanderstock dem Sofa nach und nach zu straffer Polsterung verholfen. Seit Mitte Januar waren sie fleißig. So über Wochen hinweg. Und so an jenem Nachmittag, Ende März, als Hoftaller die Flasche Rotwein, die Pappbecher und den Korkenzieher aus der Tasche gezaubert hatte. Erst nach getaner Arbeit und nachdem sie einen Stoß Personalakten, einige verdeckte Gehaltslisten, etliche Kontaktprotokolle und wohl auch ein Bündel westöstliche Korrespondenz zerkleinert, durch sieben Löcher getrieben und bis in die entlegensten Hohlräume der Polsterung verteilt hatten, lud Hoftaller zum Umtrunk ein. »Sowas macht durstig!« rief er. Fonty sah sich genötigt, nach einem zweiten einen dritten Pappbecher zu leeren. Zum vierten Mal wurde ihm eingegossen. Folgsam nahm er mit kleinen Schlucken die Übersüße des Weins wie eine Strafe auf sich. Er ließ sich abfüllen, und dabei zählte der Gastgeber, der nur andeutungsweise trank, alles auf, was zur Schuld beigetragen hatte: Dresden und kein Ende. Und hier, auf dem Dachboden und nicht im Keller, wurde die Möglichkeit erwogen, mit diesem papiernen Wissen das mittlerweile stramme Sofa zusätzlich zu mästen. Was im Potsdamer Archiv nicht katalogisiert ist und uns als Lücke schmerzt: Hier kam es zur Sprache, hier wurde ausgiebig Liebesgestammel zitiert, ungereimt und gereimt, hier quälte sich über Jahre hinweg eine geheimgehaltene Liebe von Blatt zu Blatt, hier sollte mit kostbarem Spezialwissen ein Sofa aufgemöbelt werden. Uns liegt nur der besondere Brief an Bernhard von Lepel vor, in dem als »Enthüllung« steht: » ... zum zweiten Male unglückseliger Vater eines illegitimen Sprößlings.« Zudem ist der Tatort angegeben: »Das betreffende interessante Aktenstück (ein Brief aus Dresden) werd ich Dir am Sonntage vorlegen ... « Doch Hoftaller wußte mehr und alles, was Fonty zu wissen schien, aber unter der Decke halten wollte: daß die Mutter beider Kinder als Tochter eines Gärtners in DresdenNeustadt gelebt und Magdalena Strehlenow geheißen hat; daß die Gärtnerstochter gern gesehene Kundin der Salomonis-Apotheke gewesen ist; daß es Lebertran für ihre kleinen Geschwister war, nach dem sie immer wieder verlangt hat; daß der junge Apothekergehilfe, der sie über die Ladentheke hinweg bediente, es verstand, die Gärtnerstochter zu Kahnpartien auf der Elbe einzuladen; daß dem Ruderer

anfangs zu Lena Strehlenow revolutionäre Verse im Herwegh-Stil eingefallen sind; daß er auf dem ruhig fließenden Nebenarm der Elbe schließlich rückfällig geworden ist und - angestiftet vom Namen der Gärtnerstochter - nur noch im Stil des Romantikers Nikolaus Niembsch von Strehlenau zu seiner Lena passende Reime hat finden können; und daß die Beschreibung der Jahre später abermals geschwängerten Person - »schlank, mittelgroß, aschblond« - mit einer weitaus späteren Romanfigur verdächtig übereinstimmte. »Wir wissen, wer auf Ruderbänken für Lene Nimptsch Modell gesessen hat.« Hoftaller ließ sich nicht beschwichtigen: »Ihr Hinweis auf bloße Fiktion zieht nicht. Wenn die romanhafte Lene infolge der Bootspartie auf der Havel und der anschließenden Übernachtung in Hankels Ablage nicht schwanger ging, beweist das nur, daß der Autor, hier ganz seinem Stilprinzip folgend, das Bett, die Dresdner Konsequenzen ausgespart hat. Nur mit dem Namen wagte er ein wenig zu spielen. In Wirklichkeit aber wurde die aschblonde Gärtnerstochter nach wiederholtem Rudern zum ersten Mal und sechs Jahre später abermals Kindsmutter. Der >Sprößling<, wiederum ein Mädchen, wurde keine zwei Jahre alt. Nur die erstgeborene Tochter ist nicht von der Diphterie hingerafft worden. Seien Sie froh, Fonty! Die kleine Mathilde überlebte alle Kinderkrankheiten, wuchs heran, war ne praktische Person, die zupackte, fiel durch Klugheit und strebsamen Sinn auf und heiratete später... « Hier brach Hoftaller ab. Und Fonty drängte ihn nicht, weiterführende Sofageschichten auszuplaudern. Es reichte. All dieses aufgehobene Wissen - sein Tagundnachtschatten zitierte nicht nur aus Liebesbriefen. sondern auch Widmungsverse, in denen sich Lebertran auf holden Wahn und andernfalls anzüglich auf Elbkahn reimte - versetzte ihn in einen elenden Zustand, zu dem das Übermaß an Rotwein beitrug. Klebrige Süße stieß übel auf. Aus Hoftallers halbem Versprechen, das Sofa mit belastenden Briefschnipseln zu stopfen, wurde nichts: »Später, Fonty, vielleicht später, wenn wir die Dresdner Folgen abgearbeitet haben.« Das gab ihm den Rest. Dem Aktenboten Theo Wuttke kam es hoch. Schon würgte er. Und selbst wenn der Unsterbliche im vergleichbaren Fall diese Szene ausgeblendet und dem Romanleser alles Vulgäre erspart hätte, sehen wir uns zu dem Eingeständnis gezwungen: Fonty mußte kotzen. Aber wohin? Wo hinein? Wären wir noch, wie anfangs vermutet, in der Kelleretage und stünde das Sofa in Nähe der Eisenklappe zur Notheizung, hätte Hoftaller rufen können: »Mensch, Wuttke, dahin! Einfach in den Heizkessel rein!« Weil aber Fonty

nicht im Keller des ehemaligen Reichsluftfahrtministeriums speiübel wurde, sondern in dessen Dachgeschoß, wird er das neu aufgepolsterte Sofa vollgekotzt haben. Nach so viel widerwilligem Weingenuß und nachdem er gezwungen worden war, all das Bedrückende anzuhören und dabei den eingedickten Sud vergangener Zeit zu schlürfen, wird niemand erwarten können, daß es dem Greis gelang, rechtzeitig vom Polster hochzukommen und sich irgendwo abseits zu entleeren, zwischen Gerümpel etwa: Über Transparente, die vom letzten Ersten Mai geblieben waren und noch immer zur Solidarität aufriefen, hätte er sich erbrechen und so gründlich auskotzen können, bis nichts mehr gekommen wäre. Hoftaller half Fonty, der sich im Paternoster nur mühsam aufrecht hielt, vom Dachboden ins Erdgeschoß, dann, schnurstracks an der Anmeldung vorbei, unter das kolossale Portal und endlich ins Freie. Draußen dunkelte es. Kein Regen, doch unter tiefhängenden Wolken drückte feuchte Luft. Süßlich und gasig bitter roch es nach Braunkohlefeuerung, dem untergehenden Staatswesen. Der Aktenbote Theo Wuttke atmete schwer, wollte aber nicht gestützt werden, sondern ganz allein über den Ehrenhof. In dem ausgestanzten Viereck hallte jedes zu laute Wort: »Loslassen, Tallhover! Was noch, Hoftaller, was noch? Zur Hölle mit Ihren operativen Vorgängen! Zum Teufel mit Ihren Harmlosigkeitsallüren, Herr Polizeirat Reiff!« Aber sein Tagundnachtschatten blieb ihm zur Seite. Es sah so aus, als gehörten sie auf ewig zusammen. Kein literarischer Trick konnte sie trennen. Uns verwunderte diese weit über hundertjährige Praxis nicht, sagte doch schon in »L'Adultera« der pleite gegangene Bankier Rubehn zu seiner geliebten Melanie: »Vor dieser Spezies muß man doppelt auf der Hut sein. Ihr bester Freund, der leibliche Bruder ist nie sicher vor ihnen ... « 6 Zwischen Enten ein Haubentaucher Vom »Genossen Fonty« hätte selbst im Scherz nicht die Rede sein können; und weil er nie jemand mit Parteibuch gewesen ist, legte er Wert darauf, als »Herr« angesprochen zu werden. Nicht selten sind ihm flapsige Anreden wie »Hallo, Fonty, wie geht's« ärgerlich aufgestoßen: »Für Sie, junger Mann, immer noch Herr Wuttke.«

Ludwig. sogar ein dritter. uns alle als Fonty zu überzeugen. hatte das gesamte Papierbündel andauernde Beschattung zur Folge. ihn im Verlauf der Zeit unter mehr oder weniger durchlässige Aufsicht zu stellen. ehemaliger Mitarbeiter der Dienste«.»Genossen! Kommt! Helft mir!« -. und gerne betonte er den weit übers Rentenalter hinaus tätigen Aktenboten. die.und Bauern-Staat von Anbeginn als loyaler Bürger verpflichtet gewesen zu sein. Hätte er sich. Tallhovers Tod zu betrauern? Ließe sich ausdenken. nicht nur von heute war: Zwei Immortellenkränze wären zu vergeben. der ihn nach über hundert Dienstjahren auslöschen wollte. nach dessen Befund wir als nur sekundär und obendrein harmlos einzustufen waren. Und weil jeder Vorgang gewichtig genug war. Und mit dem Fall »Tallhover. Und in zwiefacher Gestalt hing er am Haken. Er belächelte die Lücken in unserer Kartei. Wir hätten uns freier. wie ihm war dem archivierenden Kollektiv der Name des Unsterblichen vorgeschrieben. der gegen den Schluß der Biographie auf Seite 283 protestiert und deren Fortsetzung . ob beim Kulturbund oder im Haus der Ministerien: Theo Wuttke galt als Aktivist. wie Theo Wuttke. weil er sich nach so langer . hätte der Fall Fonty ad acta gelegt werden können. Hoftaller nahm das Archiv nicht ernst. Wegducken half nicht: Mit Fonty saßen wir in der Falle. nichts ist unsterblicher als ein Archiv. wäre mit Fonty auch uns geholfen gewesen. dem biographischen Aufruf folgend . Wir. Er war beides. Mit mürrischer Lust behauptete er. was uns später zur Gewißheit wurde: Zu viele Aktenvorgänge belasteten seine verlängerte Existenz zugleich. dessen Leistungen häufig erwähnt und in zurückliegenden Jahren sogar am Schwarzen Brett gelobt worden waren. Hoftaller zu meiden. sah Fonty weiterhin als Objekt und hat sich wohl deshalb geweigert. dem Arbeiter. ahnten anfangs nur. Aber einzig als Theo Wuttke zu gelten war so schwer. ein wenig freier entfalten können. So ängstlich wir versucht haben. Gehorsam zu leisten. Gründe genug gab es. ihm eine Person zuzuordnen.und sei es von uns -gefordert hat. wie es ihm leichtfiel. Februar 1955 wäre dem Archiv von Staats wegen Ruhe gegönnt worden. doch uns hat jahrzehntelang ein Gutachten geschützt. seinem Biographen. geboren am dreiundzwanzigsten März Achtzehnhundertneunzehn. Oder wäre dieser nur literarisch schlüssige Tod kein Anlaß zur Freude gewesen? Hätte es Gründe gegeben. die ihn zappeln sahen. denn uns erging es kaum besser.Sein bürgerlicher Name schützte ihn. daß es Fonty war. durch Selbstjustiz unters Fallbeil gebracht. Ab 13.

Hoftaller blieb stehen.mit Ruhebänken zu bieten hatte. bis morgen. lag der Wanderstock neben ihm. den Potsdamer Platz. die der Tiergarten . sei es am Uferweg. daß Hoftaller aus pädagogischen Gründen nachgab und ihm abrupte. daß ihm nach Dienstschluß tagundnachtschattenlose Alleingänge freistanden. dem Stachel und Widerhaken in seinem Gedächtnis lösen.sei es zum Goldfischteich oder zur Amazone. die im Archiv wie unter Hausarrest saßen. grelle Spekulationen blühten. Und wir. weil sich Fonty nur so an die neue.ohne Bedingung erlaubt hat. immer wieder abzweigenden Spazierwegen. auf dessen abgeräumter Fläche. wie überliefert. Fonty stand weiterhin unter Zwang. Nach kurzem Gruß »Bis morgen dann« scherte er aus. Meistens saß Fonty für sich. . Leipziger Straße. rückhaltlos und ohne Tagundnachtschatten sozusagen schlemihlhaft vorgekommen wäre? Fragen. Und wenn er saß.»Gesellschaft ist gut.Fürsorge einsam. Jedenfalls glaubte er. Jugendlich. auf die Tatsachen Antwort gegeben haben. mehr beurlaubt denn aus freien Stücken allein. Natürlich ging er mit Stock. um von dort aus trotz undurchlässiger Verkehrsdichte Rückschau auf romanträchtige Mansardenfron zu halten. Er hing am Haken. Hoftaller wollte geradewegs weiter. Waren ihm Fristen eingeräumt worden? Hat er diese Alleingänge seinem Tagundnachtschatten abtrotzen müssen? Oder kann es sein. oder er folgte vom Potsdamer Platz aus anderer Gewohnheit. Danach bummelte er von Schaufenster zu Schaufenster die westliche Potsdamer Straße hoch bis hin zur kläglich übriggebliebenen Hausnummer 134 C. dem Westen eigentümliche Freiheit gewöhnen konnte? Ihre Trennungen auf Zeit fanden zumeist gleich nach Dienstschluß an Straßenecken statt. ohne lange Anlauf nehmen zu müssen. setzte den Weg dann fort. nicht erst seit ausbrechendem Frühling. bestätigte: »Na klar. Immer wieder konnte er sich von seinem Schrittmacher und Aufpasser. der Rousseau-Insel gegenüber . Vor dem Mauerfall hatte ihm der Volkspark Friedrichshain Auslauf geboten. indessen entfernte sich Fonty. Einsamkeit besser!« .« Er sah seinem Schützling und dessen wehendem Shawl eine Weile lang nach. schritt er aus. oft mitten im Satz vollzogene Kehrtwendungen . Dennoch waren dem Aktenboten Theo Wuttke kleine Ausbrüche in die Freiheit möglich. sahen ihn zappeln. nun aber überquerte er. zum Beispiel Ecke Otto-Grotewohl-. Fonty bog links ab.

Bei wachsender Entfernung blieben sie einander dennoch sicher. so auch. Der linke Arm ruht abgewinkelt hinterm Rücken. Wir werden sehen. Zimmer 718. Abteilung Transportwesen. schaut er über alles Nahe hinweg in die Ferne. war er. der andere schnellfüßig tippelnd. selbst in Gesellschaft allein zu sein. leibhaftig. Von Stockwerk zu Stockwerk war der Aktenbote Theo Wuttke im Haus der Ministerien gefordert und bis hoch zum Dachgeschoß. Dieser und jener ging zwischen Schritt und Schritt furzend in eine Richtung. als sie sich trennten. nun bei schönstem Maiwetter unterwegs.Hier müssen wir einräumen. die er für seine hielt. sobald Hoftaller im Paternoster zustieg. doch nicht nur deshalb liebte Fonty den Tiergarten. der eine mit dem ausholenden Schritt des ewigen Jünglings und mit regelmäßig auftrumpfendem Stock. daß beide gelegentlich einem altersbedingten Drang nachgaben. immer gefällig und ansprechbar: »Werden dringend gebraucht. daß sie gut zwanzig Jahre nach dem amtlichen Tod des Unsterblichen im »Simplicissimus« wie eine Novität abgedruckt werden konnte. wartet schon lange. Abgesehen von einer gerollten. Zum fusselnden Bart unter kühn geprägter Nase paßt das hinter den Ohren . wo das Sofa stand. « Nur auf Tiergartenbänken war er allein. die seinen Vorgänger zum Motiv gehabt und dessen Eigenart dergestalt treffend wiedergegeben hatte. Die zu einem großräumigen Garten gezähmte Natur half ihm. daß er in dieser Kunstlandschaft von Anbeginn unverkennbar gewesen ist. Spätestens am nächsten Tag waren sie wieder vereint. alles Geplapper lief obenhin. Nachdem sich Theo Wuttke von seiner scherzhaft »Schutzengel« genannten Aufsicht getrennt und den Aktenboten wie ein Rollenkostüm abgelegt hatte. Selbst wenn sich ein Rentner neben ihn setzte und beide einander Altersgebrechen aufzählten oder ihre Ärzte als Stümper beschimpften. glich er mit Hut und Stock einer Karikatur. in rechter Manteltasche steckenden Tageszeitung. Beschattet von der geschwungenen Krempe des Künstlerhutes. und nie wurden seine Hintergründe befragt. wie er mit dem Wanderstock in rechter Hand ausschreitet. und auch bei der Personalabteilung stapeln sich einige Vorgänge . das Archiv bewahrt ein Exemplar als Beleg auf Über der kommentierenden Zeile »Sieht der märkische Adel jetzt so aus?« hat man ihn vor sich. wie schon den April über.. fällt der oft zitierte Shawl lässig drapiert über die Schulter und reicht beiderseits abfallend bis zur Seitentasche des weiten Mantels. blieb ihm Einsamkeit sicher: So gutgelaunt er mit »wiederholter Nervenpleite« auf »chronisches Asthmaleiden« antwortete. denn an gemeinsamer Arbeit fehlte es nicht. Fonty. Ohne sein Schottenmuster zu betonen..

von den Beeten aber kam ein feiner Duft von Reseda herüber. während drüben bei Kroll das Konzert eben anhob . siebenmal unterschiedlich von Kastanien. dann wieder geschlossene Gehölze. von beiderseits bepflanzten Alleen durchzogen: hier. für die. entfernt sogar Bismarck im Sachsenwald oder Dubslav von Stechlin spiegelt. doch dem Tiergarten gelang es immer wieder. niedrig gehaltenes Gebüsch. Hier Einzelbäume auf dicht umsäumten Wiesen. Und die gesamte. bis zum Zeltenplatz hin. das einen Gutsherrn vortäuscht. für Fonty offen. war behutsam in Phasen oder gewaltig auf einen Schlag verändert worden. der Ostteil Berlins als Hauptstadt der Arbeiter. Ahorn und Trauerweiden gewichen. dann jedoch blieben die Wanderwege annähernd drei Jahrzehnte lang alljenen versperrt. wie vorgestrig der Unsterbliche den Tiergarten aufgesucht und dort belustigtes Erstaunen erregt hatte.. um dort zum Entschluß. hat sich unter Tiergartenbäumen eine Bank gesucht. der angeblich Bismarck glich. weil schnellwüchsigen Pappeln und Erlen waren inzwischen Buchen und Eichen. Sein Bild stand schon immer fest. der nahbei in der Zeltenstraße wohnt. wie für ihn. Er wußte. Das alles hat der Karikaturist Th. Rüstern. trotz der Teilung der Stadt in Besatzungszonen. Und wir wissen. sondern auch Waldemar von Haldern Ruhe verspricht: Der junge Graf. Th. in der er sich bewegte. Die auf wüstem Gelände zuerst gepflanzten.. Und deshalb stellt sich einem nur wenig entfernt treppab steigenden Bürgerpaar. Platanen und so weiter . die offensichtlich neureiche Frage nach dem gegenwärtigen Aussehen des märkischen Adels. Nun staunte er. Fonty war Zeuge. Heine mit sicher gesetzten Konturen und nur sparsamer Binnenzeichnung zu Papier gebracht. dort hainartige Baumgruppen. und nur die Kunstlandschaft. wie üppig sich die Neuanpflanzungen der Nachkriegsjahre in Höhe und Breite verästelt und verzweigt hatten. « Den Krollschen Musikgarten und die später gebaute Kroll-Oper gibt es nicht mehr. vom Brandenburger Tor bis zum Landwehrkanal und dem dahinter liegenden Zoologischen Garten gestreckte Anlage war. Natürlich fehlten nicht die dem märkischen Boden heimischen Nadelbäume und Birken. Bis zum Mauerbau lag der Tiergarten. daß nicht nur im »Stechlin« der Tiergarten Platz für Spaziergänge und Kutschfahrten bietet. dem zwei lärmende Kinder vorauslaufen. Ein Bild.strähnig in den Nacken fallende Haar. sich zu erneuern.und Bauern-Macht genug sein mußte. dem endgültigen Verzicht auf Stine und dem Griff nach dem Revolver zu kommen: »Eine frische Brise ging und milderte die Hitze. wie vom Baumeister Lenné entworfen. Uferbepflanzungen. vieles ist abgeräumt worden.

Lene Nimptsch dabei. etwa die Kahnfahrt in Stralau am zweiten Ostertag.bestanden. Gerne wanderte er vom Denkmal Friedrich Wilhelms III. um eine »Volkslied« genannte Skulptur aufzusuchen. an denen er teilgenommen oder deren Verlauf sich literarisch niedergeschlagen hatte. von Goethe zu Lessing. und immer war. dann Straße des 17. den der Landwehrkanal speiste und der ab Anfang Mal von Ruderbooten belebt war. gab es doch in der östlichen Stadthälfte gleichfalls eine Akademie der Künste. gab es dort eine Lieblingsbank. von Moltke zu Bismarck und weiter bis in den Englischen Garten hinein. auf eine preußische Institution zurück. doch ganz zu Anfang ist es ein stiller Seitenarm der Elbe gewesen. Manchmal lief er bis zur Fasanerieallee und den bronzenen Skulpturen Hasenhetze und Fuchsjagd. mit beschädigtem Stock und in preußischer Haltung über alles hinwegschaut. wie er von hohem Rundpodest barhäuptig. denn ganz in deren Nähe hätte er am Rand des Tiergartens sich selbst als marmornes Denkmal sehen müssen. . und beide Versammlungen. dann weiter zum Neuen See. eröffnete ein Netz ruhig verlaufender Wanderwege den Ausblick auf freie Wiesenflächen. den der Schloßpark Bellevue begrenzte und in dessen Nachbarschaft die der westlichen Halbstadt teure Akademie der Künste bis vor kurzem ihre Ruhe gepflegt hatte. Doch zwischen den vom Verkehr überlasteten Schnellstraßen und beiderseits der ehemaligen Siegesallee. wie die Hofjägerallee. weil zur Einheit verurteilt. dort der Länge nach über den Kleinen und Großen Stern hin durchkreuzt oder von Doppelreihen beschattet. Sie führten zum Rosengarten oder über die Luisenbrücke und erlaubten. blickten nun. verlegen grimassierend. deren Sekretär einst der Unsterbliche gewesen war. die von Frau Dörr »Leneken« gerufen wurde. die im Halbschatten stand. Und wie wir wissen. später auf der Spree bei Hankels Ablage. so schnell hat ihn das Akademiewesen angewidert. Teiche und Seen. Juni. die während Jahrzehnten einander gemieden hatten. von Denkmal zu Denkmal zu wandern. doch seit dem Fall der Mauer vom Zeitgeist aufgestört und ums Selbstvergnügen gebracht war. Hier sah er von Uferbänken aus zu und war voller Gedanken an Ruderpartien. die gleichfalls zum Großen Stern führte. Fonty pflegte seine Vorlieben. Selten überquerte Fonty die Hofjägerallee. wenn auch ein halbes Jahr lang nur. mit einem Holunder hinter der Rückenlehne. Das waren seine Lieblingsplätze. zum Lortzingdenkmal und suchte von wechselnden Parkbänken aus unverstellte Blicke übers Wasser bis hin zur Rousseau-Insel. ob vorgeahnt oder nacherlebt. auf dem zu zweit gerudert wurde.

durch den noch unfertigen Tiergarten über sandige Reitwege führen können. Das war wenige Wochen nach dem Begräbnis der Märzgefallenen. mit Emilie RouanetKummer einen Ruheplatz gesucht und eine Tiergartenbank mit Blick auf die Insel des rabiaten Aufklärers und Pädagogen gefunden hat. falls das Kind ihm gefolgt wäre. als einem versteinerten Beamten. wie er im Frühling 1846. Das war kurz vorm Mauerbau. Dort konnte nach einigem Stillsitzen . Schon damals hätte er Emilie bei der Hand nehmen und.So. Dann sah er sich wieder allein durch den Tiergarten laufen. Vater und Tochter hatten zuvor den Großvater. Im Rückblick sah sich Fonty neben der Einundzwanzigjährigen. . Weil unehelich geboren. Mete gerufen. zum ersten Mal Emilie Rouanet gesehen hatte. etwa in die um 1836. Und der Große Weg führte am See vorbei zur Großen Sternallee.dieser besondere Blick in wechselnde Zeit genossen werden. die nicht mehr wild und schwarzäugig einer Ziegenhirtin aus den Abruzzen glich. wie ihn das Mädchen auf ersten Blick erschreckt hatte. konnte er nicht verhindern. der immerfort »Mete. bis hin zur Aussicht auf die so frühzeitig nach einem Philosophen benannte Insel. Das war kurz nachdem er noch als Gewerbeschüler beim Bruder des Vaters. Max Wuttke. wie er vierzig Jahre später noch immer verlief. dem Jahr nach der Verlobung. daß ihm im Zeitsprung die neunjährige Martha Wuttke über den Weg lief. Ein verwildert anmutendes Kind. doch sobald sich Fonty so rückgespult und in längeren Bildsequenzen mit Mete sah. den Hut zu ziehen. den Vater manchmal durch den Tiergarten zu dessen Lieblingsplätzen begleitete.mit blühendem oder reifem Holunder im Rücken . Alles grünte wie vorbedacht. komm!« rief. sondern mit graublauen Augen die Welt märkisch normal einschätzte und ihr kastanienbraunes Haar zur Frisur getürmt trug: reif zur Ehe. dem Pumpgenie Onkel August. Dann lieber doch und immer wieder den Großen Weg lang zum stillen Wasser um die RousseauInsel. Nach seinen Plänen war die Umgebung der RousseauInsel zur Ruhe gekommen. wollte er sich nicht begegnen. diesmal als verstörten Revoluzzer. als die Tochter Martha. gefolgt von Theo Wuttke. als in Wilhelm Roses Apotheke »Zum Weißen Schwan« seine Lehrzeit begann. Zu jener Zeit galt die Gestaltung des Tiergartens durch den Gartenbauarchitekten Lenné als abgeschlossen. als selbst der König gezwungen war. in dessen Kellerwohnung am Hasensprung besucht. dem ein Eierkiepenhut zu Gesicht stand und das er verschreckt haben mochte. hieß sie außerdem Kummer. nach ihrem Pflegevater.

schwadronierte mit Ludwig Pietsch. « Doch als die Familie sagte: »Überschriften sind altmodisch«. vorabgedruckt... die jeweils Schlacht. später. war er schon mit dem alten Stechlin unterwegs: im Überrock und mit Stock und Hut. doch zu Emilies Leid.und Landschaftsbeschreibungen zum Inhalt hatten. am 16. Erst als er den Akademiekrempel hinter sich hatte und endlich. ein Stilist zu sein. ein freier Schriftsteller war. Zu wechselnden Jahreszeiten erlebte er sich zwischen und nach drei Feldzügen.Übrigens fand die Hochzeit mit Emilie Rouanet-Kummer gut zweieinhalb Jahre später. Und als nach »Grete Minde« und »Ellernklipp« Kritik an zu vielen »und's« aufkam. Als nach drei Jahrzehnten in der Potsdamer Straße 134 c das runde Datum gefeiert werden wollte. ein Vergnügungslokal.. auch im Leben für Ruhepunkte. tickte auf Spazierwegen weiter: »Bin für Überschriften. Er sah Lepel an seiner Seite. traf zufällig Heyse und Spielhagen. Was an Novellen und Romanen unfertig im Kasten lag. die er behandelt. die bald Einigungskriege genannt wurden. zielstrebig von der Hausnummer 134 c aus in Richtung Königin- .. sah Storm und Zöllner. hielt er dagegen: » . sah er sich mit anderem Gepäck unterwegs: Leichthin geplauderte Romandialoge trug der Unsterbliche als Tiergartenausbeute hoch ins Mansardenloch der Potsdamer Straße. nahe der Bellevuestraße in einem Restaurant namens »Georgischer Garten«. wieder nach Haus und in wechselnde Wohnungen zu tragen. um es. mit einem Festessen am Rande des Tiergartens statt. »Vor dem Sturm« wurde hier ausgetragen. schlug er seinem Verleger für alle »L'Adultera«-Kapitel Zahlen vor. Die Tunnelbrüder hatten für ein Geschenk gesammelt. Parks ohne Bänke können mir gestohlen bleiben . ein wenig verschlimmbessert. dann auf die Siebzig zu und drüber weg. und so ist es mit den vielen >und's< . ihr trauriges Ende gefunden. Oktober 1850. das heißt. die nichts außer Ärger einbrachte und deren unablässiges Wortgetümmel er dennoch in den Tiergarten schleppte. bilde mir ein. nun ein betagter Anfänger.. hieß es in einem der alles ausplaudernden Briefe: »Nur wenige Freunde nahmen Anteil an unserem mittlerweile >Dreißigjährigen Krieg< . « Doch Fonty sah von seiner Lieblingsbank aus nicht nur Familie kommen und gehen. der seinen Stil aus der Sache nimmt. eine langjährige Plackerei. viel später saß er mit Schlenther und Brahm auf einer Bank: endloser Theaterklatsch. Von den Jugendfreunden der Leipziger und Dresdner Zeit war einzig Wolfsohn dabei. « Und so bis zuletzt. von wechselnden Manuskripten beschwert. um die Sechzig.. aber es blieb bei den Überschriften.. das seiner geschützten Lage und guten Küche wegen sowohl vor wie nach der Revolution viele Gäste anzog.. Kaum hatte »Effi Briest«.

Robespierre war Rousseaus folgsamster Schüler. sich allein oder in Begleitung auf die besondere Tiergartenbank setzte und ihn. Die Denkmäler. Anfangs nur Gravelotte und Sedan. Sedan und Metz diesmal fast kampflos gefallen. den anderen nicht preußisch genug. schon drohte Vergessen. Schon war er in Schulbüchern abgetan. « Den einen war er zu preußisch.. Paris. Das verdrießt mich immer. über die Marne weg. Heißt Wuttke und Theo dazu. immer nur ihn. Friedhofsruhe. Denn immer wieder kommt er als Fronturlauber oder kurz nur auf Dienstreise zurück. sogar Apotheken. die die Haare hochgekämmt trägt und im kleingeblümten Kleid zur Fülle neigt. mal als Revolutionär wiederentdeckt oder parteilich gestrichen. dann aber Schlag auf Schlag: Blitzsiege. als endlich dieser junge Mann in Luftwaffenblau aufkreuzte. Und Frankreichs Küste vorgelagert die Inseln. Altes und Neues aus Frankreich zu berichten. schon galt er als verstaubt. Lufthoheit bis zu den Pyrenäen.« Und dann lange nichts mehr. Dezember 1919. Kommt aus Neuruppin und zeigt sein Geburtsdatum. dem alten Stechlin. Umfassungsschlachten. wiederholt Gundermanns »Wasser auf die Mühlen der Sozialdemokratie« gießend.. ganz hingegeben dem pädagogischen Zauber der Insel: Freiheit und Tugend. heimzahlt: »Sage nichts Französisches. einzig den »Unsterblichen« im Munde führte. zu denen Oléron zählt und besonders ist: viele stimmungsvolle Berichte. Jeder schnitt sich das passende Stück heraus: mal hübsch zum »Wanderer durch die Mark« gestutzt. als Ausweis vor. Paris! Und dann die Fernsicht von der Atlantikküste über normannische und bretonische Ebbestrände nach England rüber. Hat seiner Verlobten. Emmi Hering.Luise-Brücke. mal als Balladendichter gefeiert. den 30.. Und weiterer Mißbrauch. Von ihm beschimpfte Pedanten: »Lederne Fachsimpler.. führt Emmi verlobt am Arm durch den Rosengarten. Ihm nachplappernder Professorenfleiß. Der vom Sohn für lumpige achttausend Reichsmark verscherbelte Nachlaß. . vorbei am Lortzingdenkmal und ist mit ihr schon einmal rund ums Wasser und über Brücken gelaufen. zum feindlichen Vetter. Guderians Panzer. abermals vor der »großen Generalweltanbrennung« warnend und die Domina Adelheid im Kloster Wutz mit spitzen Worten reizend. mal aufs »Heitere Darüberstehn« verkürzt. immer mit Rex und Czako im Gespräch. sie sollten fördern und verwüsten alles . immer scharf auf Pointen. die ihrem Bruder Dubslav. das beißt sich oder gebiert Wohlfahrtsausschüsse und Fallbeilurteile. Schulen wurden nach ihm benannt.

Lyon. säten Rübensamen aus. alle Denkmäler nur torsohaft überlebt hatten. schließlich aus den Cevennen.. als der Krieg aus war. die er mit Georg. auf der Suche nach Jeanne d'Arc. die hübsch und ein wenig plapprig ist. Fuchsschwanz und Bollerwagen auf Suche nach letzten Stubben und Strünken gesehen hatte. die Siegessäule ragte. Berichte aus Besançon.. rührte ihn ein Familienbild: Gleich zehntausend anderen beackerten er und Emmi mit Spaten und Hacke eine Parzelle. bei Emmis Tante Pinchen unter bombenbeschädigtem Dach fand und im Nachholverfahren Oktober 1945 heiratete. Dann kam der Luftwaffengefreite und Kriegsberichterstatter Theo Wuttke nicht mehr.. die Tiergartenbänke. wie zum Hohn. Gleich nach der Trauung mußte das junge Paar auf Holzsuche gehen. leer. Diese und weitere Rückblenden erzwang die Lieblingsbank. wurden selbst Wurzelstöcke gerodet. nichts blieb. kam er wieder: zurück aus französischer Gefangenschaft. als alles.. Erst nachdem im Tiergarten der Kahlschlag beendet war. Dort hat er Mannschaften und Offizieren literaturgeschichtliche Vorträge gehalten: Wo Schillers >Jungfrau von Orléans« geboren wurde . obgleich er. sind in dem verwitterten Nest Domrémy auf Spurensuche. Immer wieder kommt er mit neuen Reiseimpressionen. was um den Zeltenplatz an Herrlichkeit gewesen war.Doch des Luftwaffengefreiten Berichte. die er der Braut. wo er sich nach hugenottischen Fluchtburgen umgesehen und in Gefahr gebracht hat. Lager Bad Kreuznach. denn ab April 46 wurde das kahlgeschlagene . wie vom Blatt flüstert. im Verlauf des siebziger Krieges samt Rotkreuzbinde und fataler Pistole als preußischer Spion hopsgenommen wurde und in Gefangenschaft geriet. Und wie der Unsterbliche. die ihm die Verlobte säuberlich abtippt.. während das Söhnchen Georg zwischen den Eltern mit einem Schäufelchen herumlief. Bombentrichter neben Bombentrichter voll Wasser stand. Und da das Schlachtfeld des Tiergartens für die Wuttkes und hunderttausend andere Berliner nur noch aus restlichem Brennholz bestand. Sie pflanzten Kartoffeln.. deshalb ausgehungert und klapprig in Uniformresten und auf der Suche nach seiner Verlobten. vor letztem Marschbefehl. in Trümmern lag und nur noch. denn Tante Pinchens Kohlenkeller war. die Luisenbrücke und die Kroll-Oper zerstört waren. dem Söhnchen. den Tiergarten in verletztem Zustand erlebt hat und seit Stalingrad alle Fronten rückläufig sind und die Braut Emmi schwanger ist und Tante Pinchen auf Heirat drängt . Nachdem er sich mit Axt. Doch immer noch berichtet er siegesgewiß und kulturbeflissen. bis auf staubige Reste. Warum »La pucelle« unsterblich ist .

Und weil das Wasser um Rousseaus Insel gleichfalls und anregend belebt war. zusehends gingen Millionen Knospen auf. als wäre nichts geschehen. die mit gelerntem Knicks dankten. Emmi Wuttkes Stiefvater. Sie mochten zehn oder schon zwölf Jahre alt sein. die Zeit ab und verriet sie den Mädchen. . ein Umstand. Schon wollte Fonty einen freundlich fragenden Satz bilden. Da sie nichts sagten. zog diese. so groß war die Not. daß selbst die Amsel Mühe hatte. denn sie sahen ihn an. um nur zwei Jahre überlebt hat. las. Nun auch die Amsel stumm. für ihre Strophen Gehör zu finden. als werde der Landschaftspark so ungekränkt in Schönheit verharren. Das geschah laut Magistratsbeschluß. Vier Augen blieben auf ihn gerichtet. wollte auch er kein Wort riskieren. seit frühesten Apothekerjahren zu sitzen. auf der er glaubte. nach den Notjahren. geborene Hering. Beide gleich groß und gleich ernst. wie er ihm immer schon Augenweide und Zuflucht gewesen war. Erstaunt sah er. Die Kopftücher faßten dunkelfarbig ovale Gesichter ein. Erst jetzt. Noch keine sechzig war Tante Pinchen. Lange blieb es fremd zwischen Fonty und den türkischen Mädchen. zwei Türkenmädchen mit streng gebundenen Kopftüchern. Nur Vogelstimmen und fernes Rufen überm Wasser. so reich gemischt.Tiergartengelände vom Brandenburger Tor bis hin zum Flakbunker am Zoo parzelliert. Langsamer Wimpernschlag. die ihren jüngeren Bruder. Fonty suchte unterm Mantel nach seiner Taschenuhr. da wurde ihm plötzlich alles fremd: Aus anderer Welt standen Kinder. ohne sein Lächeln aufnehmen zu wollen. so hart der Winter von 46 auf 47. den Lennéschen Traum abermals in Fortsetzungen zu träumen. als sie den Wuttkes ihre Dreieinhalbzimmerwohnung auf dem Prenzlauer Berg hinterließ. ließ sie golden aufspringen. der mit seiner Frau wahrscheinlich in Breslau zu Tode gekommen ist. Weit weg lärmte die Stadt. den kein knauseriger König und keine Berliner Zerstörungswut hatte löschen können. sah Fonty sich versucht. als hätte es weder Krieg noch Verwüstung gegeben. auch Pauline Piontek. Wegeplänen und Wasserregulierungen in Erfüllung gegangen war: Um ihn stand alles in Maigrün. Hinter ihm begann der Holunder in Fächern aufzublühen. vor ihm und der Tiergartenbank. ohne zur Brille greifen zu müssen. daß des Großgärtners Peter Josef Lenné Traum. der beide für kurze Zeit glücklich machte. kehrte Fonty von seinen Ausflügen in die Vergangenheit zurück. wie spät es ist?« Sogleich war alles weniger fremd. um die Stille aufzuheben. Viele starben weg. Beide Mädchen blickten ernst. da sagte das eine Mädchen in kaum berlinerndem Deutsch: »Können Sie uns bitte verraten. nun endlich und nach immer neuen Pflanzstufen. Vogelstimmen.

daß sich jemand neben ihn setzte und ein Gespräch übers Wetter begann. Gezwungen zuzuhören. Er blieb. im Gespräch. weil wir ausgelastet waren. unter ihnen einem Haubentaucher. in der Salomonis-Apotheke des Dr. Und schon war er. Die Leipziger Zeit. zusehen zu können. ohne allerdings der zukünftigen Braut die Dresdner Geheimnisse zu flüstern. Und endlich war mit nein Staatsexamen erster Klasse . Diesmal kam kein Plauderton auf. hatte das Wacheschieben als Einjährig-Freiwilliger beim Garderegiment >Kaiser Franz< hinter sich. das Kindergeplärr. Sosehr uns ein paar Tunnelgedichte und später der konspirative Herwegh-Club mißfallen mußten. Als Tallhover setzte er wieder einmal dort an. um ihn ins anekdotische Erzählen und Durchhecheln ganzer Tischgesellschaften zu bringen. so schnell. als müßten sie die verratene Zeit eilig in Sicherheit bringen. selbst wenn er allein saß. Statt dessen hat unser Achtundvierziger mit nem rostigen Gewehr rumgefuchtelt. Dresden und die Folgen: »Na ja. dann romantisch gestimmten Gärtnerstochter Magdalena Strehlenow. glaubte Fonty. wo es weh tat. Dabeisein ist alles! Und trotzdem: wir haben nicht zugegriffen. ganz ohne abwegige Gedanken oder versuchsweise gedankenlos zur Rousseau-Insel schauen und den Enten. beim Herwegh-Club. deren Autor chiffriert auftrat. nein. davongingen. Feige weggedrückt wurden die Kahnfahrten.gratuliere! -die Approbation als Apotheker verbrieft.sich abwendeten. zwei Schwänen und anderen Wasservögeln. nicht mal ne Abmahnung. diesen total verrutschten Zweiwochenabstecher nach England. Als er wieder mit sich allein war. und das mit nein Signalement. das liebestolle Gebumse.wurde ihm lästig. Als Kriminalkommissar hatte man mich auf das überall Epigonen heckende Objekt Georg Herwegh angesetzt.»Die Spreewälderinnen riechen alle milchsauer« . nach wenigen Schritten davonliefen. hatte er Hoftallers gleichbleibend abrechnende. Mehr oder weniger glücklich verlobt waren wir. gleichfalls die ungeplante Urlaubsreise. das mein Biograph zu Recht >lächerlich< nennt. keine gichtkrumme Oma und keine aus vorigem Jahrhundert noch immer ansässige Amme . so schlimm war es nun auch wieder nicht. bei Ruderpartien auf der Elbe. Na. Niemand mußte als kompakte Person Platz nehmen. Man war frei. Kein Rentner. nix geschah. ohne Sachsen verlassen zu müssen. eher trocken Papier auswertende Stimme im Ohr. besonders ich. Als aber in der >Dresdner Zeitung< nach und nach neunundzwanzig politische Korrespondenzen erschienen. Notfalls konnte man Lepel anpumpen. sahen wir uns . Gustav Struve und sogleich bei der anfangs revolutionär. Nicht. aber er blieb nicht allein. dabei nicht strenge.

daß Sie unter die Fittiche kamen. auf seiten Schleswigs gegen die Dänen den Kriegshelden zu mimen. außer stumm taub zu sein. war rundum gebildet. « Wenn Fonty nach solchen Erklärungen schwieg oder so tat. Ein Zensor höchster Güte. aber ausreichend . Las sich teils überspannt. War das ne Hitze! jedenfalls konnte der Bräutigam schon kurz vor der Hochzeit mit unserer Unterstützung rechnen. Ab September wurden Sie als Lektor im >Literarischen Kabinett< von der Regierung bezahlt. Der konnte nicht nur Soldaten gegen Demokraten reimen. gab zwar nichts Neues her. Treffpunkt Tiergarten stimmt. Wußte ne Menge. Aber mir war nicht nach Rudern. gewiß. Ab und zu rief er: »Alles Mumpitz!« Und: »Autodidakten übertreiben immer!« Er widersprach: »Irrtum. In jeder Beziehung. aber auch unser Mann. daß es mit Ihrem Gedächtnis so kolossal hapert. Jemand sprach auf ihn ein. gelang es ihm dennoch nicht. hatte durchweg Preußens Polizeistaat am Wickel. Ihr Gönner. der hatte mehr auf dem Kasten. Tallhover! Schon Pietsch hat bestätigt. Weißbier und Blätterfall. « Fonty hörte das alles in sich hinein. Sie wollten unbedingt aufs Wasser.. dann Tallhover. Unser erstes Kontaktgespräch fand nicht vor. Wurde Zeit. Wenn nicht Hoftaller. wirkte ... ne Akte anzulegen: Kennwort >Fontaine<.. Dessen unbekümmertes Nörgeln war nicht abzustellen: »Nicht im Spätherbst. genauer. als sei er nur noch an Entenfamilien und einem besonders fleißigen Haubentaucher interessiert. Privat sorgte Ihre gestrenge Emilie. Wir trafen uns hier im Tiergarten. aber regelmäßig zu zahlen. ist mir unerreichtes Vorbild gewesen. offiziell standen Sie unter Aufsicht des Herrn von Merckel. daß ich in >Zwischen Zwanzig und Dreißig< weder mich noch andre geschont habe . gleich nach Ihrer letzten Tollerei. Sein Fürsorgeprinzip. Wer ihn im Vorbeigehen auf der Tiergartenbank gesehen hätte. Und zwar im Spätherbst fünfzig. aber gefährlich waren diese Rundumschläge schon . Also setzten wir uns in den Biergarten Moritzhof Die letzten Kastanien fielen. « Er holte zur Gegenrede aus: »Freut mich. wäre bei verlangsamtem Schritt Zeuge seines Kopfschüttelns und seiner Grimassen geworden: ein alter Mann mit sich und anderen im Streit.. kurz vor Auflösung des >Literarischen Kabinetts<. dem mißglückten Versuch. Ende August fünfzig habe ich Sie vorladen müssen. nicht dick. sondern bald nach meiner Eheschließung statt.doch gezwungen. beim Kahnverleih In den Zelten. Und gleich nach dem ersten Schluck lag mein Dossier auf dem Tisch. knapp.. wie es ihn heute in unserer Branche kaum noch gibt. teils scharfmacherisch.

bahnte sich freundschaftlich kollegialer Umgang an . Hier stand schon immer meine Lieblingsbank. wenn auch mit ministeriellem Knüppel am Bein. nach Lust und Laune . Immer wieder Türken mit Einkaufsnetzen und Plastiktüten.. und zwar bei der >Centralstelle für Presseangelegenheiten<. den Kopftüchern der Frauen und Mädchen . zumal ihm nach Rastatt die letzten revolutionären Hahnenfedern gerupft waren. Nach jedem Abtauchen verwettete er sich. Fonty ließ sich überraschen.viele waren schwarz oder weiß. zwischen Enten. Von Familie zu Familie. vom Vater vernachlässigten Sohn Theo gekümmert wie die Merckels. daß er zitterte. Türkenfamilien gingen in ihrer Ordnung vorbei: die Männer zuerst. wenn bei solcher Protektion nicht ein Posten frei gewesen wäre. Und mein Haubentaucher ist das!« Linkshändig machte Fonty scheuchende Gesten.sei's für Minuten nur weg gewesen: »Alles furchtbar richtig. dem sich unsere verkrachte Existenz ..bei all dem Gejammer zu Haus . So elend lohnte Preußen meinen kleinen Verrat.. endlich mit nein festen Gehalt rechnen zu dürfen. Endlich mal raus aus den ledernen Zwängen. « Inzwischen bot. « Der Haubentaucher war weg und plötzlich wieder woanders da. Hinkeldey hieß Berlins Polizeipräsident . Die Rousseau-Insel ist meine. Niemand hat sich so liebevoll um Ihren armen. Und was Merckel betrifft. Über Köln. später mit Briefwechsel hin und her. Was wollen Sie noch. dann Frauen und Kinder. bitte! Das ist mein Tiergarten. Gent und Ostende nach London. Mit rechter Hand hatte er den Spazierstock gefaßt. der Stammhalter. ein Zubrot verdienen. mit festem Griff. diese zwei Wochen auf Pump. Tallhover! Sie ewiger Kriminalkommissar.fügen mußte. trotz Auftragskorrespondenzen.. einzig meine Augenweide. Fonty versuchte. Sie Wiederkäuer! Weg! Auf Distanz. Brüssel. wie von Fliegen belästigt. der in die Luft hieb. mal dort. einem nur lässig verdeckten Zensurbetrieb. . Mußte mir allerdings.einen dem schottischen Farbspektrum vergleichbaren Sinn abzulesen. denn die allererste. Tallhover! Habe mich verkauft. gab Sprachunterricht! So schlecht bezahlt war ich. Gerne wäre auch er so unberechenbar mal hier. »Immerhin erschienen meine gesammelten Gedichte. einige mehrfarbig . der Haubentaucher ein Gegenprogramm. da .beispielhaft. Verduften Sie endlich. »Laß ihn quasseln!« mag Fonty sich gesagt haben. « »Aber ja doch. Kein Wunder.. zählt nicht. damit ein Wunsch in Erfüllung ging. Ein Jahr später war ja schon George. War meine erste richtige Englandreise. Wir sitzen hier nicht auf dem Verhörsofa. Jedenfalls war Ihre junge Frau froh. Ein zorniger Greis..

wollte ihn kein Gedanke beleben. den Haubentaucher. « Danach brummelte Fonty nur noch vor sich hin. ein Liberaler natürlich.. diesen Schwindel zu verteidigen. rief er: »Hören Sie. sogar im Paternoster nicht . meines schon lange. Ihres hat gestern abgedankt. und tagtäglich ausrufen: Herr von Manteuffel ist ein Staatsmann! Sie könnten mir meine frühere Stellung wieder antragen. Gealtert. hab ich. wo doch die Mauer weg. ob bei der Reichsluftfahrt oder beim Kulturbund.. Selbst jetzt noch. Zwar schrieb ich..aber ein halbes Jahr später mußte ich dennoch Lepel beichten: >Habe mich heut der Reaktion für monatlich 30 Silberlinge verkauft.. bei aller Neigung. ich könnte den Krempel hinschmeißen: >Von Manteuffel leben und gegen ihn schreiben wäre die Steigerung der moralischen Ruppigkeit . als ginge es aufs Ende zu. bevor man mich zum Zuarbeiter der Zensur machte. widerstanden und schrieb meiner Emilie. alles. beidhändig auf den Stock gestützt.. Den Kopf mit dem fusselnden Weißhaar vornübergebeugt. an meinen Freund Friedrich Witte: >Ich verachte diese feige. Inhalt: Der Ministerpräsident zertritt den Drachen der Revolution!< Doch als mich in London der Gesandte von Bunsen. gegen Manteuffel aufwiegeln wollte. die vielen Türken. Hab ich gelesen: Nach Istanbul und Ankara gilt Berlin als drittgrößte türkische Stadt. Dabei nie allein. Ein Elend war's. das ich nie gesehen habe. so saß er. Immer hattet ihr eure Finger drin. Tallhover! Außer mir gehört der Tiergarten denen da.und sechsfach die Kreaturen.. < Dann starb in Berlin das zweite Kind. Kapiert? Die neuen Hugenotten sind Türken! Die werden hier Ordnung schaffen und System reinbringen. Und das immerfort. dafür Skribifax unter Aufsicht. die Bänke. dumme und gemeine Sorte Politik und drei. Das hier ist zweifelsohne türkisches Terrain. immer weiter zurück.... die Wiesen. Und immer mehr kommen.Nachdem abermals eine türkische Großfamilie ohne Blick für seinen Kampf mit dem Dämon vorbeigezogen war. nur Flucht treppab. Ich debütiere als angestellter Skribifax bei der Adler-Zeitung mit Ottaven zu Ehren von Manteuffel.. Und gäbe es nicht den Tiergarten.. die natürlich voller Angst war..< . . damit meine durch und durch verkrachte Existenz . Einen Furz ließ er streichen und noch einen. die sich dazu hergeben. Nicht mehr Giftmischer. die nervös zuckende Unterlippe verdeckt.. ich will sie gar nicht. Die Wege. Man kann nun mal als anständiger Mensch nicht durchkommen. So viele bringt selbst Ihresgleichen nicht unter Kontrolle. Darf gnadenhalber Akten schleppen und muß beiseite gucken. wenn ihr..

.... Der Hieb war tödlich. Um Ritterlichkeit ging es und um »Bell-the-Cat«. denen die Schwankungen seines Fernwehs bis ins Wetterwendische in tausend Briefen belegt sind. auf Macbeths Hexenheide? Gaben seine von der Tiergartenbank aus laufenden Fluchtgedanken nur diese entlegene. seinen Sprachfluß zu entziffern. Waren wohl Werbeoffiziere von den Highlanders . Selbst als er aufstand. traf in die Weiche . Des Hauses Douglas wachsende Macht . In Stirling Castle beim Weine flogen . Vieles gab sich als Zitat aus des Unsterblichen Reisebrief »Jenseit des Tweed« zu erkennen. zählte im Tiergarten nicht. verging der Mai und wurde es Juni. vom Clanwesen . auch Halbsätze mitnehmen können... Warum nicht nach Frankreich? Hätte nicht die Gascogne Ziel sein können? Wir vom Archiv. doch Fonty hatte vom Arbeiter. Zwar steckte in der anderen Manteltasche gerollt »Der Tagesspiegel« und meldete Wählergebnisse aus den anschlußbereiten Ländern. sich dem Ufer näherte und aus der Manteltasche heraus Enten mit Brotkrusten fütterte. mußten uns diese Fragen stellen. Dessen Wiederholungen langweilten nie. gemeinsam mit seinem Freund Lepel.. Aktuelles. sondern lebte zur Zeit Jakobs IV. das er als Theo Wuttke wahrnahm. wenn es ihn hart genug anstieß.und BauernStaat Urlaub genommen. « Danach war er nicht mehr auf Edinburghs Pflaster unterwegs. der mal da. um den seiner Lage wegen schwer zugänglichen Friedhof betreten zu dürfen. Nichts konnte ihn ablenken. von Stirling Castle nach Loch Katrine . hätte einzelne Wörter. den er nach dem dritten und längsten Englandaufenthalt schrieb.Wer langsam vorbeiging. doch bis sich Fonty zum Besuch der Grabstelle entschloß.. mal weg war.. und wir vom Archiv wären in der Lage gewesen.. hatte der Tiergarten Vorrang.. gefielen ihm Plauderstündchen mit Lebenden und Toten und redete ihm ein Wasservogel Reiserouten auf vorgeschriebenen Wegen ein. saß er auf seiner Lieblingsbank. Mit geschultem Ohr ließ sich aufschnappen: »An Jakobs Hofe war Spens von Kilspindie . als er. Warum mit allen Abtauchgedanken nach London und weiter weg über den Grenzfluß Tweed? Was zog ihn in schottische Hochmoore. war er mehr beim Haubentaucher und dessen Künsten.... An allen Ecken Hochlandsöhne mit Kilt und Plaid . dort blieb er rückläufig unterwegs: schon wieder in Schottland. « Dann sah er nur noch dem Haubentaucher zu. Schottland besuchte: »Als wir High-Street entlang. 7 Vorm Doppelgrab Bis dahin ist es noch weit... Zwar mußte keine Sondergenehmigung mehr beantragt werden.

nicht mit Gnade hätte rechnen können.nicht nur die Kriegsbücher haben ihm Stichworte geliefert.schon nach zwei Monaten fand die Internierung des Unsterblichen ein Ende . Und selbst wenn man den familiären Hintergrund wegließe. und was die Erinnerungen an die Internierung in Frankreich betraf. Dem Gefreiten Wuttke ging in vier Jahren Etappendienst die Tinte nicht aus. sagte er: »Ob Dresden oder Lyon. denn alle vom Reichsluftfahrtministerium freigegebenen Texte waren reich an Zitaten und schillernden Querverweisen . sprach alles für Frankreich. auch als harmlose. der 70/71 als Hauptmann im Feld stand. daß er im umgekehrten Fall. dem . Wie wir wissen. was nach Kriegsrecht billig gewesen wäre. so fleißig und rückbezüglich ist er sich vom Atlantikwall bis in die Cevennen hinein auf der Spur gewesen. bestimmen müssen. Hoftaller ist zum Zeitpunkt nur mutmaßlicher Reiseziele oft mit Andeutungen »operativ« gewesen. hatte der Sohn George. »nur schreibende Person« wäre er füsiliert worden. obzwar nie in Kämpfe verwickelt. in einem nörgelnden Brief beklagte er des Vaters Mangel an vaterländischen Gedanken. Außer einiger Dankbarkeit . tiefer wurzelnde Bindungen entgegen: Die doppelt hugenottische Herkunft hätte ihn. die später wundersam aufleben und Fonty einholen sollte. nach Zwischenstationen. gerade weil er nahe den Kriegsschauplätzen. und als er uns wieder einmal aufsuchte. Man hätte ihn standrechtlich erschießen können. als Franzose in deutscher Hand. auf der Insel Oléron interniert. was heißen sollte. war er bereits im übernächsten Krieg dort abermals als Berichterstatter tätig. uns über Lyon und jene angeblich folgenreiche Liebesaffäre kundig zu machen. und wir vom Archiv hätten dieses Material sammeln müssen. Dennoch. wären sein Wälzer über den DeutschFranzösischen Krieg und das Büchlein über die Gefangenschaft genauso zwingend gewesen wie die Schottlandreise mit Bernhard von Lepel. Man hatte ihn. sogar fehlenden Franzosenhaß angemahnt. um das Archiv durch bloße Anwesenheit zu irritieren. Jedenfalls haben ihm preußische Offiziere versichert. wenngleich das Kriegsbuch weder bei Militärhistorikern noch beim Kaiser anerkennende Worte gefunden hat. Gleichfalls versäumten wir. Immerhin standen den gedruckten Erinnerungen an zwei Aufenthalte in England und dem damals noch ungedruckten Londoner Tagebuch andere. der ja alles nachlebte.abgesteckte Region frei? Hätte der Unterricht beim Haubentaucher nicht in eine aufgeklärtere Richtung weisen können? Wir blieben geteilter Meinung. in Gefangenschaft geraten war.hätte Fonty im Verlauf seiner nachgeordneten Existenz weitere Bindungen an Frankreich finden können.

ein Zitat mehr. auch Westberlin half. Und weil er nie Reisekader war. ob im Paternoster oder beim Aufpolstern des Sofas. wie viele seiner Punktumsätze. fand keinen Ansatz für ein abtastendes Verhör. Sie nannten ihre gemeinsamen Spaziergänge »Einkaufsbummel«. den Ramsch abzuräumen. Man könnte sogar von nein gewissen Schulterschluß sprechen. mich demnächst dünne zu machen« war. das Thema jener Tage . Noch blieb Zeit. « . so oft beide unterwegs waren. Hoffnungen spitzten sich zu: Endlich werde lang entbehrter Konsum stattfinden können. er hätte in den Schluchten der Ardèche untertauchen können. Außer Fonty und Hoftaller waren nicht nur vieltausend Ostberliner Aufkäufer mit Taschen und Beuteln unterwegs.»Ist doch nix Neues! Im Prinzip ist Vater immer schon unruhig gewesen. Er trug seinen Fluchtgedanken zum Arbeitsplatz.« Selbst Hoftaller. Am Tag des verheißenen Geldwunders sollten die Regale in allen HO. Als wir später im dritten Stock des Mietshauses in der Kollwitzstraße klingelten. wo immer er tätig war. Doch so heiß ersehnt die neue Währung war. Kurz vor Herrschaftsbeginn des neuen Geldes war überall Ausverkauf angesagt. alles mit Jugend zu entschuldigen.. als zu verantworten war. Allen saß das alte Geld locker. so bänglich sahen viele ihrer Härte entgegen. Jeder griff zu. sich billig mit unverderblichen Vorräten einzudecken. Endlich dürfe der Kunde König sein. damit. Nichts konnte ihn vom Sprung über den Kanal abbringen.brachte nicht nur unser verzwirntes Gespann.« Fontys nun häufig wiederholte Sentenz »Ich stehe auf dem Punkte.und Konsumläden. sagten uns beide: »Wenn mein Wuttke mit mir redet. sondern landesweit alle auf Trab.. anstelle der dürftigen und unansehnlich verpackten Ware. denkt er sich Reisen aus. denn beide haben sich leichtsinniger betragen. der Westen Platz für sein Angebot fände. Die Lektion des Haubentauchers wurde als Geheimsache gehütet. mal dahin. Produkte aus volkseigenen Betrieben gingen zu Schleuderpreisen vom Ladentisch. der lange vor uns Fontys nach auswärts gerichtete Absichten erahnt hatte. daß seine Sehnsucht in Richtung Cevennen ging. . doch blieb er insgeheim auf England und die schottischen Hochmoore fixiert.Apothekergehilfen entspricht der Luftwaffengefreite. mal hierhin.der bevorstehende große Geldumtausch . in jeder Kaufhalle leer sein. redet er nie über seine Sachen und so . schwieg aber. Aber ich merke schon: Hier ist man schnell dabei. Noch durften wir folgern. Schweigsam erlebten ihn Frau und Tochter zu Haus. Und überall leerten sich die Regale.

Ob längs der von pickenden Spechten besetzten Mauer oder nach dem Geburtstagsimbiß bei McDonald's. erst im letzten Moment lässig abgeklopfter Asche vorstellen. Dessen Schlußeinkäufe zielten auf anderes. In einem Spirituosengeschäft nahe dem Rosa-Luxemburg-Platz kaufte er günstig sieben Flaschen Weinbrand. Sogar in Mangelzeiten blieb er versorgt. die schon seit Jahren in Ostblockländern tätig war. die das Etikett der im Arbeiter. sei es im Heizungskeller. . wir müssen uns Hoftaller bei Anlässen. Jetzt. Hier muß nachgetragen werden. das im Dachgeschoß stand und Platz für Raucher und Nichtraucher bot. im Kreis der Talente vom Prenzlauer Berg oder auf einer Tiergartenbank. All die Jahre im Staatsdienst bis hin zur angekündigten Währungsunion konnte sich Hoftaller aus hölzernen Kisten kubanischer Herkunft bedienen. sogar im Haus der Ministerien hatte er seine immer kürzer werdenden Zigarren geraucht. und wann herrschte kein Mangel? Außer kubanischen Produkten rauchte er ab Mitte der achtziger Jahre Handgewickelte aus Nicaragua. Schwer beladen kam Fonty nach Hause. mit Sinn für Qualität ein Zigarrenraucher war. Tischdecken.und Bauern-Staat für Qualität bekannten Brennerei VEB Wilthen trugen.Am Alexanderplatz kam Fonty billig zu einigen Packen Schreibpapier . Hoftaller half beim Schleppen. von denen schon berichtet wurde. deren Produkte waren während der zurückliegenden Jahre nur selten vorrätig gewesen.garantiert holzfrei . sollte sie nicht als arme Ostmaus. Martha Wuttke. eine Suppenterrine »echt Meißner Porzellan«. bewiesen sie sich als lieferfähig. Dort betrieb der zukünftige Bräutigam Heinz-Martin Grundmann mit Kompagnon eine Baufirma. kenntlich durch magere Aussteuer. Das heißt. gegen Schluß. Nie hat ihn jemand mit einer Brasil gesehen. überall. wollte demnächst heiraten. wenn nicht vermögend galt. nein. besonders erfolgreich in Bulgarien. daß der Tagundnachtschatten gelegentlich rauchte. wo er mit Fonty unterwegs gewesen oder eingekehrt war. hergestellt vom VEB Robotron. mit dickem Lungentorpedo und weißer. dann aufgepolsterten Sofa. Mete genannt. Außerdem bekam er zu Ausverkaufspreisen Haushaltsartikel für Frau und Tochter. Und weil ihr zukünftiger Mann aus dem Westen kam und als gutgestellt. Er wußte Quellen dieser exquisiten Ware aus dem sozialistischen Bruderland. nach Münster in Westfalen ziehen. die von besonderer Länge waren. Gleichfalls sorgte er für seine Emmi mit Frottierhandtüchern und Toilettenseife. sei es auf dem anfangs durchgesessenen. so unzureichend die Produktion der großen Textil-Kombinate früher gewesen war. Also kaufte Fonty ziemlich wahllos Bettwäsche.und zu zwei Dutzend Bleistiften. sogar ein Sortiment Nähgarn ein und überdies einen Mixquirl.

Juli . spielte Hoftaller den Großzügigen. um dort letzte Bestände zu sichern. . warum nicht nach Kuba geführt hatten. als wollte er uns die internationale Reichweite seiner Beziehungen beweisen. Juli fest. machte er sich mit gestaffelten Umtauschsätzen vertraut. sollte nur noch die harte Mark Geltung haben. Als Datum stand der 1. kein Wunder. Als sich einer unserer Kollegen im Gespräch mit ihm als gelegentlicher Konsument von Handgewickelten zu erkennen gab. ängstlich Bedenken geäußert. Indem Fonty Einzelheiten überflog. Nun aber war die Zeit der Privilegien vorbei.Tag X genannt . Zwar hatte der östliche Finanzminister. Während der Raucher zahlte und dabei ein feierliches Gesicht schnitt. Fonty kaufte die ihm seit Jahren gewohnte »Wochenpost« und den Westberliner »Tagesspiegel«. Ab Montag. Außer Rauchwaren gehörten Zeitungen.blieb noch gut eine Woche Zeit. die vom freien Markt des Westens durch Handelsboykott verbannt war. und selbstverständlich wagte es unser Kollege nicht. doch dann tapfer den Staatsvertrag unterschrieben. Er rechnete sich insgeheim sein Sparkassenguthaben aus und kam zu einem Ergebnis. Fonty sprach später von einem Panikkauf. Demnächst sollte es mit den feinduftenden Kisten zu Ende gehen. die ihn. Soviel Qualm wäre dafür nicht nötig gewesen. Als Nichtraucher stand er wie abwesend und mußte doch sehen. zum Angebot. Durch radikalen Währungsschnitt drohte eine Zulieferung gekappt zu werden. dann ins befreundete Ausland. die Rarität auszuschlagen. daß Hoftaller dieser Gefahr zuvorkommen wollte. wie mit einem Bündel Ostgeld . las der Nichtraucher unter der Überschrift »Das neue Geld kommt über Nacht« die Ankündigung vom Ende der Ausverkaufswährung.Wie schon Tallhover von seinem Biographen als Zigarilloraucher beschrieben wird. dem 2. Begleitet von Fonty. Wir vermuteten ohnehin Dienstreisen.er sagte: »Zwei satte Monatsgehälter« .. das Hoffnung machte: Bis zum 1. nun aus Gesamtberlin. wenn nicht ins kapitalistische. Hoftallers Ausbeute bestand aus drei Kisten »Romeo y Julieta« und zwei Kisten voller überlanger Zigarren der Marke >Joya de Nicaragua«. Schließlich mußte das dem Haubentaucher abgeguckte Prinzip finanziert werden. demonstrativ paffend.der offenbar privat geführte Laden leergekauft wurde. suchte er nahe dem Bahnhof Lichtenberg in der Weitlingstraße ein Tabakwarengeschäft auf.hinter sich hatte. Anlaß zur Sorge bestand. so können wir Hoftaller als Zigarrenraucher bestätigen: Wiederholt ist er mit Castros Markenzeichen ins Archiv gekommen. der seine Einkäufe Waschpulver und Sonnenblumenöl . ein Sozialdemokrat namens Romberg.

Sie standen an einem Tisch. hat . daß es jetzt darauf ankommen werde. Häppchen nach Häppchen und jedes Häppchen in Mostrich getunkt. dann mit der Zugluft abziehenden Zigarrenrauch hinein: »Das kommt davon. noch bevor er sich an einen Auf trag Tallhovers erinnerte. »ist der Sonderzug nicht von hier aus. mit Lenins Durchreise an. Das war im März 17. gab er zu verstehen. unter ihnen ein gewisser Lenin. glücklich zu sein. von wo aus die Fähre nach Schweden ging. bis sie im Innern des Bahnhofs vor einem Imbiß. Laut Tallhovers Biograph durchquerte der Sonderzug von Zürich über Gottmadingen kommend mit Zwischenhalt in Mannheim.Draußen war alles wieder normal.« Die Länge der Zigarre in Hoftallers Gesicht entsprach dem Schirm der Baseballkappe. lud Hoftaller zu Bockwurst und Bier ein. Seiner Zigarrenvorräte sicher. schon zog und während Fonty immer noch von seiner Bockwurst abbiß. die Zeichen der neuen Zeit zu begreifen. holte Hoftaller wie zum Monolog aus. Was jetzt passiert. Kaum war seine Bockwurst weg. dessen Platte von Mostrich. Des frühsommerlichen Wetters wegen trugen beide weder Hut noch Mantel. Annähernd westlich gekleidet. als die Zigarre. sagte er. der einem verplombten Spezialzug von Zürich nach Saßnitz und dessen Mitreisenden galt. Die Weitlingstraße grau in grau. desgleichen ein auf breiten Streifen geblümtes Hemd.und Getränkestand unschlüssig zögerten. zudem zog es in der Bahnhofshalle.« Das sagte er. allerdings hatte sich Hoftaller mit einer Neuanschaffung bedeckt: Die Kappe mit durchsichtigem Schirm war von amerikanischem Zuschnitt. zum Beispiel von Leipzig nach Stralsund und weiter nach Saßnitz auf Rügen. Und jetzt redete Hoftaller in den kurz innehaltenden. was hinterher kam. zwei alte Männer als Pflastertreter. kam endlich wieder hoch und stand nun kleinwüchsig mit einer Romeo y Julieta am Stehtisch. Das heißt. sondern vom Stettiner Bahnhof nach Saßnitz abgedampft. Er gab sich gutgelaunt und behauptete. Doch Theo Wuttke wollte Fonty sein: Auch sommers trug er den historischen Shawl doppelt um den Hals geschlungen. griff er in seine Einkaufstüte und öffnete eine der Zigarrenkisten. der auf Wunsch der kaiserlichen Reichsregierung die Revolution nach Rußland bringen und so den Feind an der Ostfront schwächen sollte. Sie plauderten über ihre Einkäufe. kennerisch angezündet. »Jedenfalls fing alles. Umständlich und geheimniskrämerisch sperrte Hoftaller im Innern der Tüte die Kiste auf. Frankfurt und Berlin das Deutsche Reich.und Ketchupschlieren marmoriert war. »Allerdings«. Über BerlinLichtenberg lief Fernverkehr.

diese Sorte kennen Sie doch. Ihre Treibels und Konsorten. Doch dafür sind dann überall die Regale voll. Sind übrigens schon da. Die sehen nur Baugrund. Ausbeuterklasse. aber richtig operativ ist das nicht mehr. was? Die Festung Normannenstraße gestürmt. Am Potsdamer Platz schnibbeln sie jetzt schon rum. sogar gerne. Hoftaller. Fonty. Sind alle vom Stamme Nimm. Und mit der harten Mark kommen ne Menge Aufkäufer. Und genauso schnell wird das Hartgeld. Daß ich nicht lache. Und alles. Klar doch: Mercedes voran!« Inzwischen hatte Fonty seine Bockwurst erledigt. so doch mindestens eine Zeit mit mehr Sauerstoff in der Luft. Und je freier man atmet. unsere Produkte werden danach nur noch zum Wegschmeißen und unsere Betriebe das sein. Kapitalisten wollen uns plattmachen. Da wird zwar noch ein bißchen geschnüffelt. . Doch nun ist Schluß damit. Lauter Westzeug. oft gehört. Die machen bei uns ihren Schnitt. hat er der schönen Melusine vorgesäuselt. Das Staatswesen pleite. Ist ja auch schlimm. um sich Greifbares auszugucken. all die jahrzehntelangen Schofelinskischaften der Firma Horch. Und was der Reißwolf nicht schafft. Das sind nur Sie. >Ein Schnäppchen machen< heißt das bei denen. das gilt immer noch: >Eine neue Zeit bricht an! Ich glaube. wo es ja herkommt. endgültig! Was ich im verflossenen November auf dem Alex gesagt habe. Hier ein Stück. als da Hunderttausende standen. Klar. Nicht nur die Japse. was der Westen seit Monaten sagt: Schrott. Die Aktenschränke versiegelt. Und Ihr papierner Fleiß. eine bessere und glücklichere! Und wenn nicht eine glücklichere. eher Zeitvertreib. Bin ja froh. Für all diese Raffkes ist das hier Niemandsland. Originalton Pfarrer Lorenzen. prima verpackt. das wir ruckzuck eins zu eins und den dicken Rest später halbiert kriegen.immer noch mit damals zu tun: Lenin und die Folgen. Juli sieht die Welt anders aus. nie geglaubt. Behaupte trotzdem: Ab 1. je mehr lebt man!« Hoftaller deutete mit kurzfingrigen Händen Beifall an: Seine Zigarre gab Rauchsignale. Sorgfältig wischte er sich mit der Papierserviette. >Demokratische Weltanschauung<. wenn das Giftzeug verschwindet. Nur seine Stimme blieb jung: »Kolossal ideologisches Gewäsch. Von Rostock bis Karl-Marx-Stadt: ne einzige Schrotthalde. kennen wir doch diese Sprüche. Na. Guck und Greif sind für die Katz gewesen. der hier mit dicker Zigarre den Teufel an die Wand schwatzt. war behilflich dabei. da ein Stück raus. in der wir besser atmen können. Ohne Hut wirkte er älter. muß sonstwo und sei's in einem abgewetzten Sofa verstaut werden. was Sie da reden. »Kenn ich. eine Zeit. weil Sie und Ihre Genossen nichts mehr zu melden haben. Fonty. Na ja. Die im Bahnhof Lichtenberg herrschende Zugluft wühlte in seinen dünnen weißgrauen Haarsträhnen. Filetstücke nennen die das. Und zwar im Handumdrehen. wieder im Westen sein.

und nichts war mir lächerlicher als Liberale. Mit der Freiheit wird's offen nach allen Seiten. die wollen auf allerletzten Wissensstand gebracht werden. Und je schneidiger sich der Sozialismus Ihrem geliebten Preußen anpaßte. Schon jetzt klopft Kundschaft an: Pullach. nur neue gegen alte Zwänge getauscht. war schon immer gefährlich.und Bauern-Macht< in Großbuchstaben gefeiert. um nur naheliegende Adressen zu nennen. Genauso beim Kulturbund. verlockend sein.. Immer stand Preußen ganz oben. Köln.. Hab da ne Menge Kollegen. Aber diesmal ist es anders. jawoll. lächelte Fontys ausdauernder Tagundnachtschatten. Glauben Sie mir: Für uns gibt's kein Ende. sollten beim Ausdenken von Reisen vorsichtig sein. Aber auch älteres Spezialwissen ist gefragt. Griechenland! Reisen bildet! Was waren Sie eigentlich bis noch vor kurzem: Hauptmann? Major?« So namentlich und über die Zeit hinweg angesprochen. dann kamen König und Junkertum. aber. Fonty! Wie bei der Reichsluftfahrt die >Volksgemeinschaft< haben Sie später die >Arbeiter. ist man gerne behilflich. Gewiß. Hoftaller konnte gewinnend lächeln. Herr Kriminalkommissar Tallhover! Jawoll. und nur in Briefen gemeckert. Immer auf Linie. jetzt steingrau. Jawoll. hat Raubtiergeruch. und zwar vollgestopft mit nein Wissen. wo selbst Sie außer Dienst sein könnten. Und seine Stimme kam ohne Schärfe aus: »Aber. daß ihm das Haar streichholzlang um den Kopf stand. Hand aufs Herz. muß ich daran erinnern. Italien. Rieche sie förmlich. den Hesekiels und Merckels gegen miese Bezahlung verschrieben hatten. Er nahm die Baseballkappe ab und wischte sich mit dem Handrücken die Stirn. Wer redet hier leichtfertig von Dienstschluß. Man sah. das gefragt ist und seinen Preis hat. das gut verpackt überwintern durfte. wohin. Doch damit sind unsere Möglichkeiten nicht erschöpft. Zweifelsohne: Die Welt lädt uns mit ihrem Lockfinger ein. Die schreckliche und einengende Zeit der ausgewählten Reisekader ist vorbei. die schöne Aussicht nicht mehr versperrt. großartig Freiheit auszuposaunen. Während der ziemlich stabilen fünfziger und sechziger Jahre. um so mehr war Ihnen . weiß nicht. daß Ihnen unter diesem und jenem Namen Freiheit schnurzpiepegal gewesen ist. Hoftaller! Jetzt. Ein Wissen übrigens.Ne Schummelpackung. was sicher sein wird . Jedenfalls solang Sie sich der Kreuzzeitung. Kaum weggepustet. sind wir schon wieder da. « »Und doch kommt zuallererst einmal Freiheit. einst semmelblond. Wunderbarerweise zog seine Zigarre noch. Und da die Dienste schon immer gesamtdeutsch geplant und gehandelt haben. das ist alles. Selbst wenn es Ihnen neuerdings gefällt. mein lieber Wuttke. diese ewigen Freiheitshuber. Gerade Sie. sollte Ihnen eine Reise.

dann heben wir den Deckel und machen die Büchse. Kennen wir doch seit Herweghs Zeiten. Doch keine zehn Jahre später lief alles im Stechschritt auf Zack. das große Faß auf. wurde Einheit diktiert. einfach zu schwach gewesen sind. Ins Offene drängen die Akten in ihrer Ordnung. Und wenn die Herren von drüben vom Zahlen und Draufzahlen schwach sein werden. daß in Leipzig und anderswo dieses kindische Gegröle >Wir sind das Volk< durch ein ausgetauschtes Wörtchen ne Prise Pfeffer bekam: >Wir sind ein Volk!< Jawoll. um Deutschland. das Haubentaucherprinzip!« Die Biergläser leer. Das wird ein Fest. jahrelang zahlen müssen. All unser Wissen . zu wenig Rote Armee . Hieß nicht einer Ihrer Vorträge über den Wälzer >Vor dem Sturm< geradezu anschmeißerisch >Vom preußischen Landsturm zur Volksarmee<?« »Kolossaler Irrtum! Hieß zwar so.wird über sie kommen. mit Sprechchören. die Einheit! Nur deshalb haben wir nachgeholfen und die Genossen hier. ne gesamtdeutsche Fete! Am Ende weiß jeder über jeden Bescheid. Die Abfahrt eines Fernzugs über Stralsund nach Saßnitz wurde ausgerufen. Wir nennen das: offengelegte Einheit. Raus in die weite Welt! Dabei geht es nur um uns. Die Wahrheit ist ein weites Feld. Werden zahlen müssen. Das gilt auch für Sie. wieder aufleben wollen sie und die von Ihnen so laut berufene Freiheit genießen. weil es muß. Und nun soll auf einmal Freiheit das große Rennen machen. Hoftallers Zigarre nun kalt. daß unsere operativen Vorgänge nicht abgeschlossen sind. Aber was richtig ist. Ist nix mit untertauchen und mal kurz weg sein.Freiheit schnuppe. die Herren drüben unter Zugzwang gesetzt. wurde aber verboten. sollen wissen. Und auch Sie. . Aber zuerst kommt. Geht gar nicht anders. Wir haben dafür gesorgt. das Geld. kurz bevor der Zug aus Richtung Marzahn einfuhr: »Das ist alles furchtbar richtig. Erst als sie auf dem U-Bahnsteig in Richtung Alexanderplatz und Weiterfahrt zur Schönhauser Allee standen. Beim heiligen Mielke! Nichts soll umsonst gewesen sein. Und Fonty schwieg. Zu viel Scharnhorst und Gneisenau. Beide am Stehtisch in zugiger Bahnhofshalle. nachdem ich ihn zweimal gehalten hatte. wie unsere Genossen schwach. sagte Fonty. « »Weil Ihre Thesen zu früh kamen. mein lieber Wuttke. und die kommt. Mitte der sechziger Jahre mußte das folgenlos bleiben. So jedenfalls. Deutschland muß durchsichtig werden.« Dann griffen sie zu ihren Schlußverkaufstüten und stiegen ein: Hoftaller nach Fonty.und wir sind fleißig gewesen . ein einziges.. muß nicht wahr sein.. mein lieber Fonty.

die typische »marlittgesäugte Strickstrumpfdame aus Sachsen oder Thüringen« lustig und leitete mit dem Ausruf: »Brachvogel ist Küchenlektüre!« von der Ebbe deutscher Literatur zur Flut seiner englischen Lieblingsautoren über. besonders beispielhaft seien ihre Erkundungen der Englandaufenthalte: »Sie weiß beinahe alles. zu einer Tagung kommen werde und daß Frau Professor Jolles extra aus London anreisen wolle. den zu besuchen er vorhatte ...« In unserer damals allgemeinen Ratlosigkeit stellten wir die Gründung einer fördernden Gesellschaft in Aussicht und sagten. und dazwischen ein Rennen und Schreien. wie sehr der Vorabdruck von Novellen und Romanen den Zwang zum spannenden Kapitelschluß gefördert habe. lachte er plötzlich und wechselte das Thema. nach der »RütliMethode« einige dazumal hochgeschätzte Kollegen niederzumachen: »Heyses Triumphe sind immer noch mehr seiner Persönlichkeit als seinem Dichtertum zuzuschreiben . Er hatte keine besonderen Wünsche. natürlich wieder mit Blumen. um den Festvortrag zu halten. Fonty gab zu verstehen. fiel nichts Besonderes auf.. Nachdem wir uns des längeren über literarisch erzeugte Sympathie für an sich verbrecherische Taten unterhalten und dabei Thackerays »Catherine« mit des Unsterblichen »Grete Minde« verglichen hatten. und dann wieder die Stille des Todes .. Er wollte von uns wissen. Und vielleicht weiß sie sogar mehr. alles erbärmlich. »Habe heute meinen Zitiertag!« rief er und begann sogleich. Außer seinem wiederholten Hinweis auf den Friedhof der französischen Domgemeinde an der Pflugstraße. wie das Archiv nach der demnächst fälligen Währungsunion finanziert werden könne. verlogen und Quatsch finden .. und zwar hier in Potsdam. « -..»Bin allerdings auf touristisches Gerempel gefaßt« -. « Dann machte er sich über Leserinnen. Vernichtung an allen Ecken und Enden. daß ihn zu uns wie zum Friedhof Abschiedsgedanken geführt haben. als sie offengelegt hat . »Das kostet doch nur und bringt nichts ein. daß es im Dezember.Kurz danach kam er ins Archiv. wie sehr er die forschende Arbeit der alten Dame schätze. machte uns Fonty darauf aufmerksam. die mit allem unzufrieden sind.»Ein Feuermeer unten die ganze Stadt. « .. « Und nach Storms »ewiger Husumerei« war Raabe dran: »Er gehört zu der mir entsetzlichen deutschen Menschengruppe. wer hätte ahnen können. Doch kaum hatte er durch Zitat Tangermünde in Schutt und Asche gelegt .. wollte nur plaudern. wobei er Walter Scott höher als Dickens stellte.

den hatte ihm seine Tochter Martha vor Jahren von einer Urlaubsreise an die bulgarische Schwarzmeerküste mitgebracht. wie dem Vorgänger. als er im Norden Berlins den Friedhof der französisch-reformierten Domgemeinde nahe dem ehemaligen Grenzübergang Chausseestraße besuchte. Charlotte Jolles habe brieflich versprochen. doch nicht unter Preis. sozialistischen Eigensinn nachsagen. Deshalb wurde Lothar de Maizière für Fonty zum Hoffnungsträger. weil mit dem damaligen Blechgeld dort. die lange. das Programm. Dem Archiv wurde versichert: »Zwar wird uns dieser de Maizière verkaufen. Nun übte er landesweit und stellvertretend Zerknirschung und bewies bis in den Namen hinein streng calvinistische Ausstrahlung. Nur mit seiner Hilfe könne. sogar Brachvogel einen »guten Handwerker« genannt und sich für Raabes bitteren.« Solche Spekulationen mögen Fonty bewegt haben. Nicht nur uns machte das neue Geld Hoffnung und Sorgen zugleich. beim Festvortrag unüberhörbar zu Geldspenden aufzurufen.und Bauernstaatsjahren hinterbliebenen Genossen Modrow abgelöst hatte. hier untertauchen und anderswo auftauchen. setzte er kopfrechnend auf die neue Währung. weshalb der . den sein Abtauchgedanke umtrieb. finanziert werden. die den aus Arbeiter. so doppelt hugenottischer Herkunft der Unsterbliche gewesen sei. vielleicht zu lange hatten warten müssen.. doch er habe diese Nähe zum Mammon nie ausleben dürfen. Insgesamt ging es um Wünsche. nichts zu haben war. Sein Hoffen klammerte sich an den amtierenden Ministerpräsidenten des immer noch existierenden Zweitstaates.Der Archivleiter gab zu verstehen. Das Calvinistische habe schon immer dem Geld nahegestanden. manchmal nur kauzigen Humor ausgesprochen hatte. eine zwar in der Öffentlichkeit verdrückt wirkende. der andere hat das Geld . Dessen bewiesene Demut dürfe mit irdischem Lohn rechnen. Und Fonty war mit einem Zitat gerüstet: »Der eine hat den Beutel. « Nachdem er die anfangs zu heftig ausgefallene Kollegenschelte zurückgenommen oder relativiert.. bei halbwegs günstigem Umtausch. doch nach letzter Wahl durch westliche Schubkraft gestützte Figur. Diese Anlage und auch der Friedhofsanteil der katholischen St. Der werde für neues und härteres Geld sorgen. Er mag sich gesagt haben: Dem könne der Westen nicht. ging er und winkte von der Tür aus mit seinem leichten strohgelben Sommerhut.-Hedwigs-Gemeinde grenzten zur Liesenstraße hin an den planierten Todesstreifen und die umlaufende Mauer. Heyses Sonette und Storms Lyrik gelobt. wo er hinwollte. Beunruhigt war auch die Familie Wuttke und auf besondere Weise Fonty.

kam er mit der Straßenbahn. die gegen Ende des Zweiten Weltkriegs. Genauer gesagt: er stand vor einem restaurierten Grabstein. Bonnin. sich auf Zeit von seinem Tagundnachtschatten zu lösen. Das Wetter konnte als wechselhaft eingeschätzt werden. oben flach abgerundete Granitsteine gewesen. sogar des Vorläufers leicht herbeizuzitierende Nervenschwäche brachte er mit. Und dann stand Fonty vorm Grabstein jenes Mannes. Des Geländes kundig. Fonty kam ohne Blumen.. den man selbst Fonty nur selten bescheinigt hatte. die allerdings durch Haltung wettgemacht wurde. Hugo. Seine früher so oft durch Behördenkram erschwerte Anwesenheit mußte genügen. zerstört und beschädigt wurden: Eine Artilleriegranate großdeutscher oder sowjetrussischer Herkunft zertrümmerte den Granit des Unsterblichen ganz und brach dem Stein seiner Frau Emilie ein Stück der Oberkante weg. Sarre . auf dem Keilschrift die Namen einiger im Krieg 70/71 für Preußen-Deutschland gefallener Soldaten hugenottischer Herkunft reihte: Reclam. ein Vorzug. Desgleichen wurden die um das Doppelgrab gesetzten und mit einer Kette verbundenen gußeisernen Pfosten umgelegt und später von Metalldieben abgeräumt. die sich im Gegensatz zur katholisch benachbarten Spruchfreudigkeit einsilbig gaben: nur Daten und Namen wie Delorme.. Charlet.gesamte Friedhof ab 61 zum Grenzbezirk erklärt worden war und bis 85 nur mit Sondergenehmigung betreten werden durfte. schritt er unter leichtem Hut und mit Bambusstock an schlichten Grabmälern vorbei. Der in den Nachkriegsjahren aufgestellte Stein. Kurz zögerte er vor einem hellroten Granitobelisken. Im Sandboden der Wege waren die Pfützen des letzten Regengusses versickert. Weil die U-Bahnlinie 6 noch nicht in Betrieb war. Seit Beginn des Jahrhunderts waren es zwei Efeuhügel und zwei schlichte. die in der Tiefe graugestockt alle erhaben stehenden Buchstaben und Zahlen betonte. war weniger schlicht. Es war ihm gelungen. Doch nun stand der Zugang Pflugstraße zu allen Gräbern offen. meinte es aber gut mit dem Friedhofsbesucher. glänzte die Vorderseite des an den Rändern kunstvoll grob . Harnier. Marzellier. vor dem Fonty mit leicht zitterndem Schnauzbart stand und sich nun an den doppelten Granit und die zwei Hügel erinnern mochte. dessen später Ruhm mit dem Begriff Unsterblichkeit einherging und dem er bis ins Äußere nachlebte. als die Schlacht um Berlin keinen Flecken aussparte. Die restlichen Junitage standen bevor. aber von herkömmlicher Machart: Bis auf die Schriftfläche. deren Endstation »Stadion der Weltjugend« hieß.

»Bald werden runde hundert Jahre zu feiern sein«. Meine Ahnenwiege hat im Languedoc und in der Gascogne gestanden. als die Schweden eins aufs Haupt bekamen. bei McDonald's gefeiert hatte. Will davon nicht lassen. der die Aufhebung des Edikts durch Frankreichs vierzehnten Ludwig . Zwei welke Kränze mit vom Wetter zermürbten Kranzschleifen gaben Stichworte genug her.»Das war anno 1598« -. der geborenen Rouanet-Kummer. wenn auch in beklemmender Gesellschaft. Auf der Schleife des übrigens vom Archiv gestifteten Kranzes stand. der andere Kranz kam vom Hugenottenmuseum.. Da er allein stand und nur entfernt einige Friedhofsbesucher mit Harke und Gießkännchen tätig waren. Soviel Gedenken trotz unruhiger Zeit. daß der 30.sogleich mit einem Toleranzedikt beantwortet hatte. Dezember 1989 »Dem großen Humanisten« gewidmet sein solle. Über Emilie. Soviel Vorschuß auf weitere Unsterblichkeit. immer noch leserlich. und gar nicht verwunderlich ist es. .gebrochenen Granits. die am 18.« Mit gezogenem Hut stand er stumm vor dem Stein. auf Hochglanz poliert. Ein hochkant stehender Stein. unter ihnen einige der Emilie Rouanet-Kummer: »Ohne uns Kolonisten und. stand unter dem Namen und Geburtsdatum des Unsterblichen dessen Todesdatum: der 20.»Das war anno 1685« . Fonty bewies sein Zahlengedächtnis. haben wir oft genug Fonty und uns versichert. den siebzigsten Geburtstag. daß Fonty zwischen den fünftausend »réfugiés«. Mühelos konnte Fonty daraus zitieren: »Unseren wegen der heiligen Evangelii und dessen reiner Lehre angefochtenen und bedrängten Glaubens-Genossen mittels dieses von Uns eigenhändig unterschriebenen Edicts eine sichere und freye retraite in alle Unsere Lande und Provinzen in Gnaden zu offerieren . »Das Archiv bereitet sich jetzt schon vor. Habe deshalb immer das hugenottische Herkommen gegen das dumpfe Borussentum gestellt.. die Schlacht von Fehrbellin. lobte er laut des vierten französischen Heinrichs Edikt von Nantes . den Fonty. Februar 1902 gestorben war. um dann Brandenburgs Kurfürsten Friedrich Wilhelm zu rühmen. September 1898. mitsamt der Inschrift. « Er sagte noch weitere feierliche Versprechungen wie ein Gedicht auf. zugegeben. dank kollektiver Bemühung soll etwas Besonderes zwischen Buchdeckel kommen. Beide Kränze erinnerten an den letzten. direkte Vorfahren fand und herbeirief. der die Anordnung der Namen untereinander gebot. die sich infolge der angebotenen Toleranz zwischen knapp zehntausend märkischen Berlinern ansiedelten. doch hätte sich seine innere Rede durchaus als halblautes Geplauder mitteilen können. wäre wohl nichts aus Preußen geworden.

die sich jemanden auf die Nadel spießen. mit Seidenraupenzucht. vielmehr waren alle von puritanischer Statur. mit Nasallaut ausgesprochen. alles organisiert Religiöse kolossal suspekt ... ehrpusselig. wie einige meiner literarischen Weibsbilder: in >Schach< Josephine von Carayon nebst unansehnlicher Tochter. daß ich im Schreiben wie im Reden ein Causeur. wie ja auch mir. jenseits des Tweed . Was Wunder. überhaupt mit Seide zu tun. oder woanders hin: schottische Hochmoore. besonders an Sonn. wenn Swinemündes Honoratioren zu Besuch kamen. Dabei nicht ohne Renommiergehabe. na. trotz leeren Beutels . das nun. ernsthaft.unser Name immer mit Betonung der ersten Silbe. Mich. wie diese Kirchenmaus de Maizière. Lächerlich deshalb und empörend zudem.....War doch der Vater ein Gascogner wie aus dem Buche: voll Bonhomie.. mich.und Feiertagen... Und den Treibels gegenüber betont sogar Corinna Hugenottisches. über den Zaun und weg. Die Labrys aus meiner Mutter Familie hatten alle mit der Strumpfwirkerei. Und mir zweifelsohne ein gewisses Heidentum .. ein Kerlchen. auch wenn sie Schmidt heißt.. hier stehe ich vor diesem nachgemachten Stein. daß mich Julius Hart. so daß mir bei meinen Vortragsreisen für den Kulturbund eine Gemeinde geneigter Zuhörer sicher gewesen ist. so . blauschwarze Seen.. Erst mein Großvater Pierre Barthélemy brachte das Künstlerische ein und war sogar Zeichenlehrer der Königskinder.was manchmal ein bißchen albern war.. Jedenfalls wurde zu Haus . Und später wurde er Kabinettssekretär der Königin Luise. Alle meines Namens gehörten der französischen Kolonie an. suchte aber nur stimmungshalber Kirchen auf. der zur Kolonie gehörte.. Jadoch. einen >Stockphilister mit einem Ladestock im Rücken< geschimpft hat. einer dieser hyperklugen Kritiker der neuen Schule. Wie man auch mir gelegentliche Gasconnaden nachsagt: stets auf dem Sprung. und von Papa sogar. etwas apart Pariserisches an sich. bei Verschlucken des abschließenden e. ein Plauderer höchsten Grades geblieben bin. Dabei hatte keiner. Und schon als junger Dachs und Luftwaffengefreiter habe ich in Domrémy vor hochrangigen Offizieren aus dem Stegreif über Jeanne d'Arc und ihr literarisches Fortleben plaudern können .. weil ich die Gascogne im Rücken wie vor mir habe .. bei aller Verpflichtung der Kolonie gegenüber. sehe verwelkte Kränze und dauerhaft seßhaften Efeu. weshalb ich mir im Tiergarten häufig eine Bank mit Blick auf ihr Denkmal suche. steif. den meine eigenste französische Natur immer noch anstiftet . bin aber dennoch reisefertig. der ich mit Maria Stuart zu Bett gegangen und mit Archibald Douglas aufgestanden bin. ihn betrachten und dann niederschreiben... dabei Phantast . fanden wir Kinder . abtauchen einfach . Übrigens war Melanie van der Straaten schweizerisch-calvinistischer Herkunft.

. Muß ja nicht alles aufs Papier . so rausgeputzt wie brav an der Leine gehalten. Diese Knapserei .. . Links und rechts vorm Stein standen je eine frischgepflanzte Eibe. lispelt er mit Leichenbittermiene. Arends und der nach ihm benannten Stenographiemethode gedachten.. unterm rechten Stein lag Georg Minde-Pouet. um gut fürs Pekuniäre zu sein. damit er. steh ich zu Calvin!< Und genau das wird unser de Maizière sagen.. in der französisch-reformierten Kirche in der Klosterstraße eingesegnet und gleichfalls dort meiner Emilie nach viel zu langer Verlobungszeit angetraut. auf dessen polierter Fläche dankbare Schüler ihres Lehrers A. Weil immer das Geld und die feste Anstellung fehlte. nachdem uns das Reisefieber gepackt hat. sogar ein stenographisches Kürzel stand dem Stein eingemeißelt. Jedenfalls ist Brief hinterlassen besser als vorher lange reden . den abgetakelten Arbeiter. nur noch stumm vor dem Doppelgrab.. Diese Sechserwirtschaft . glaube aber immer noch calvinistisch: Alles ist Gnade. >Soll keinem schlechter und einigen sogar besser gehen. ohne Gnadenwahl wird nichts. mit harten Silberlingen dürfen wir Sprünge machen. die sie von mir hat . F. wohin. Während mir jeglicher Wahlkrempel . wer weiß. Sprünge. Wurde anno sechsunddreißig im Mai. so gut lutherisch ich sonst bin... den alle Fonty nannten. Man hat es oder hat es nicht.... die es immer schon mit dem Rechnen hatte und selbst während der Sommerfrische den Spargroschen hütete.und Bauern-Staat in die Einheit überführt. Viel aufwendiger wirkte in der davorliegenden Grabreihe ein mannshoher Obelisk.. dessen Einfassung kürzlich mit einem Sandsteinsockel und umlaufendem Eisengestänge aufgebessert worden war. Jedenfalls guckt dieser de Maizière calvinistisch genug. Doch ohne Abschiedsepistel wird schlecht reisen sein . Ministerpräsident geworden ist. nämlich das Geld wie die Gnade.<. wenn's denn zum Umtausch kommt. hat beim Wählen das Kreuzchen prompt an der richtigen Stelle .. Will wegtauchen. war kein Kirchengänger. Wie schon mein sonst labiler Holk in >Unwiederbringlich< sagt: >In diesem Stück.mickrig es guckt. Kein Blechgeld mehr soll in den Taschen scheppern.. eine kleine größere Reise verspreche: Weiß schon... von denen ich mir. Erziehung hin oder her. « Dann stand Theo Wuttke... Aber das kenn ich von Kindesbeinen an .. wohin . auch wenn sich Emilie wieder zu Tränen versteigt und Metes schwache Nerven. Und meine Emilie.. Und genauso schlicht wie der Stein des Unsterblichen und seiner Emilie sagten beiderseits die Anschlußgräber ihre Namen auf: Links ruhte ohne Spruch Gerhard Baillieu. Nein. wenn er in Bonn antanzen und sich in all seiner Armseligkeit neben die dröhnend regierende Masse stellen muß.. gleich nach Abgang von der Gewerbeschule.

als drüben Feindesland war. denn auch wir mußten zum Alexanderplatz und beim Magistrat von Groß-Berlin. in dem das Hugenottische in aller Breite Zitate hergibt. Eine Gedankenflucht lang standen ihm rückläufig datierte Friedhofsbesuche vor Augen. Zumindest vor Gräbern will man für sich sein. denen der Putz wie eine gelbgraue Uniform angepaßt war. Gut. doch Theo Wuttke blieb nicht lange genug. Und zwar der Gedanken wegen. die Mauer zu ahnen. Kenne das. als er mit Sondergenehmigung und gestempelter Grabkarte hier gestanden hatte. Deren Verlauf war linker Hand noch immer gesperrt: Nur eine westliche Kirchturmspitze überragte das vergessene oder für Filmzwecke konservierte Stück Mauer. Doch wie Fonty. dank Fürsprache seiner Bezugsperson. gingen sie unter schräg einfallender Regenschraffur in Richtung Schwartzkopffstraße. nun wieder mit Hut. Doch zur . stand dem Archiv jeweils an Geburtstagen und zum Todesdatum der Friedhof der französischen Domgemeinde offen. Wir vom Archiv könnten aus eigener Erfahrung ergänzen.« Dann nahm er Fonty unter den Schirm. der weit genug für beide spannte. Sondererlaubnis erhielt. In straffer Haltung und ohne Umweg überquerte er den angrenzenden katholischen Friedhof der St. Zwischen Mietshäusern. war schließlich in Eile und wie auf der Flucht. immer aufs neue Anträge auf Grabkarten stellen. Wie nach Absprache war Hoftaller zur Stelle. als Doppelposten die Friedhofsruhe bewachten und auf Flüchtende scharf geschossen wurde. Abteilung Inneres Abteilung Kirchenfragen. Mit seiner Rede fertig.-Hedwigs-Gemeinde. wandte er sich ab und ging. Er sagte: »Wollte nicht stören. hatte keinen Blick für dessen noch immer von einem intakten Stück Mauer begrenzte Flanke. denn inzwischen hatte es sommerlich warm zu regnen begonnen. als das Grab des Unsterblichen nur selten Besuch erlebte. Hinter einem nach Westen hin abgrenzenden Eisenzaun war auf wüstem Gelände noch immer der Todesstreifen.Fonty blickte über die Gräber hinweg. Gleichfalls könnten wir Fontys Selbstrede vorm Doppelgrab mit Einschüben anreichern. übersah die Reihe namenloser Nonnengräber. Damals. Ne kurze Besinnung ist ab und zu fällig. daß am Friedhofseingang Pflugstraße jemand mit aufgeklapptem Regenschirm auf ihn wartete. etwa durch Hinweise auf den Alexis-Aufsatz des Unsterblichen. die man sich auf Friedhöfen macht. als Ost und West sich mittels Lautsprechern bekriegten. auf Sandwegen an den gereihten Gräbern vorbei. als bei der Bahnbrücke noch der Wachturm ragte. Eigentlich waren nur Verwandte ersten Grades auf Friedhöfen im Grenzgebiet zugelassen.

in der sandigen Lausitz und auf den fetten Böden der Magdeburger Börde. zwischen Mecklenburgs Seen und Wasserlöchern. Juli der Tag X statt. kein Nest ohne Umtauschschalter blieb. kurz SBZ genannt. Tatsächlich fand am 1. an Vorpommerns Küste. Geld für den ersten Wunsch. denn die Linie U6. wo der erste deutsche Arbeiter. zu Füßen des Thüringer Waldes und im Land der Sorben. der hieß Theo Wuttke. daß im monetären Beitrittsgebiet. zu dem im Vordergrund die an der Endstation stehende Straßenbahn gehörte. In perspektivischem Verlauf rahmten Mietshauskasernen einen Bildausschnitt. Und überall. soweit die sächsische Zunge trug. vielmehr wurde das Heißersehnte abrufbar. wie die Landeslast anders hätte geschultert und einheitlich balanciert werden können. Unter dem Schirm gingen die beiden Männer auf das himmelhohe Rauchsignal zu. im äußersten Zipfel des Vogtlandes und natürlich in der nun offenen Halbstadt Berlin. Dann stiegen sie in die Straßenbahn.Chausseestraße hin stand alles offen. sofort und laut Staatsvertrag. Nach Süden. in Brandenburg . könnten wir unsere Erzählung im Ton umstimmen: Es war einmal ein Aktenbote. in der Altmark und Uckermark. die sich auf Behördenpapier immer noch Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik nannte. Postämtern und Sonderauszahlungsstellen wurde taufrisch die erste Milliarde hingeblättert.und Bauern-Staat. Auf Rügen. dem . wo jeweils Luther zu Wort gekommen war. Kein leeres Versprechen stand auf der Tagesordnung. Sparkassen. wo keine Regenwolken den Himmel über der Stadt niedrig machten. wurde erst gegen Ende des Einheitsjahres in Betrieb genommen. Das war da . in der aus Westsicht sowjetisch besetzten Zone. 8 Für hartes Geld auf Märchenreise Wären drei Wünsche offen gewesen. im Oderbruch und an Neiße und Elbe entlang.und Bauern-Staat vierzig Jahre lang seine stets zuversichtlichen Parolen Wind und Wetter ausgesetzt hatte. der wollte sich dünnemachen. mußte Geld den fehlenden Gedanken ersetzen. dem auf Schrottwert herabgestuften Arbeiter.Fontys Gegend um Friesack und Ruppin nicht zu vergessen -. im Osten. der von einem Fernheizwerk gefüttert wurde und mit weißem Rauch die sommerliche Bläue wattierte. auf dem katholischen Eichsfeld. bis hoch ins Erzgebirge. im anderen. Weil der regierenden Masse nicht einfallen wollte. Die Bundesbank sorgte dafür. die heutzutage zwischen Alt-Tegel und Alt-Mariendorf verkehrt. wuchs ein hoher Schornstein. denn endlich war es soweit.nur Geld war da. überall dort. in zehntausend und mehr Bankfilialen.

rechnete sich diese Einschränkung für Martha. Leicht konnte er der schönsten Westverpackung den inbegriffenen Schwindel ablesen. viertausend Mark eins zu eins und vom größeren Rest nur die Hälfte zu. geplant. nun endlich Härte verheißende Geld ein. eilig in den Westen zurück. es hätte wunder was wirken und nicht faul herumliegen dürfen. Nur ein alter Mann jammerte und würgte nicht.brachte nicht den ersehnten Wohlstand. diese Rechnung schien aufzugehen. Ach. hart arbeiten müssen. Ähnliches wünschte Emmi. So aber war das Märchen bald aus. Die erste Milliarde kam in bewachten Spezialwagen. Ach. Sie wollte demnächst heiraten und hatte ihrer Hochzeitsausstattung wegen einen Besuch im Kaufhaus des Westens.Fonty hatte seit Kulturbundzeiten alles Ersparte im gelben Postsparbuch angesammelt -. »in Ostklamotten vorm Altar sehn«. Gleiches galt für des Aktenboten Frau und Tochter. deshalb dürfen wir sagen: Es war einmal ein Aktenbote. Keinesfalls wollte sie ihre Tochter. samt abgeschöpftem Gewinn. wie der Aktenbote Wuttke genannt wurde.Gänsefüßchen-Deutschland. sondern zog sich. das Geld. die achtunddreißig zählte. Überall blieb eine Jammerlücke. wieder auf Bankkonten ansässig oder als Fluchtgeld in Luxemburg heimisch wurde.Geld war ja da. Dessen Wunsch stieß sich nicht am zu raschen Zahlungsverkehr. Gleich umsichtig wurden dann weitere vierundzwanzig Milliarden von West nach Ost geschaufelt und in Umlauf gebracht. wären doch weitere Wünsche offen gewesen. zog das erwünschte. Kaufwünsche konnten erfüllt. der hieß Theo Wuttke. deren Anfahrtswege geheim blieben. Von Emmi Wuttkes Rente und Martha Wuttkes Lehrerinnengehalt hatte immer ein Notgroschen abgezweigt werden können. Weil aber der günstige Umtausch ausschließlich für Personen über dem sechzigsten Lebensjahr galt. nur Geld war da . hatte verdientes Geld über Jahre hinweg für das begrenzte Angebot von Ostprodukten gereicht und ihm sogar Ersparnisse erlaubt. und doch forderten auch seine Pläne ihren marktorientierten Preis. war nur noch die Hälfte wert. Frau . nachdem es rasch Konsumgelüste gestillt hatte. Für Fonty. wie sie gesagt haben soll. wo es. schlecht. Träume in Tatsachen umgemünzt werden. schuften. würgte ein Sorgenkloß. dem legendären KaDeWe. herbeigewählte. ihr standen. laut Vorschrift. Keine Konsumgüter standen auf seiner Liste. dabei hätte es rackern. wäre sie doch! All das viele Geld und noch viel mehr Geld . Jetzt durfte er bis zur Höhe von sechs tausend Mark mit einem Umtausch von eins zu eins rechnen: Was darüber zählte . Das schmerzte die Tochter des Aktenboten. mit nichts als Zinsen im Sinn.

von dem an über das gesamte Konto verfügt werden durfte. Zuvor war jeweils nur der Umtausch von zweitausend Mark zugelassen gewesen. auf dem jene Summe amtlich beglaubigt war. Schlangestehen war zur eingeübten Haltung eines Volkes geworden. in den Sechzigern nach Fahrradschläuchen. Verständlich. für Martha eine schicke Handtasche italienischer Machart. Das hatten alle. Böllerschüssen und vielchörigem Jubel begrüßt wurde. ohne die Möglichkeit des günstigen Umtauschs sogleich ausschöpfen zu können. Deshalb rückte niemand dem Sparkassenschalter in Ungeduld näher.wo sie nur greifbar war. . das wir Bratenrock nannten. für Emmi ein Flakon »echt Kölnisch Wasser«. und doch sollen sie sich an Emmis Weisung »Nur nichts Unnötiges anschaffen« gehalten haben: Außer der Hochzeitsgarderobe gingen nur zwei Luxusartikel ins Geld. vielmehr zielte sein Wunsch auf ein Reiseticket: Bis Hamburg wollte er die Reichsbahn und von dort aus das Fährschiff nach England nehmen. Danach war der Besuch im KaDeWe fällig gewesen. während jahrzehntelanger Mangelwirtschaft gelernt: Schlangestehen. Er hatte einen Schein bei sich.Wuttke hatte feste Vorstellungen: »Man heiratet ja nich alle Tage. zuletzt. wird man die Westmark ziemlich schnell los. « Nur Fonty fand an seiner seit Jahren getragenen Garderobe Genüge: In schwarzgrau gestreifter Hose und in einem Jackett. denn schon .. sich im Kaufhaus des Westens neu einzukleiden. als nach Mitternacht überall und besonders auf dem Alexanderplatz das neue Geld mit Hupkonzerten. einem Montag. Juli. am g. In den fünfziger Jahren nach allem und besonders nach Kartoffeln. Emmi und Martha Wuttke hatten schon vorher ihre Konten erleichtert. Frischgemüse. wobei die Scheiben einer Bank in Scherben gingen und ältere Personen im allgemeinen Gedränge in Ohnmacht fielen. wenn man nicht aufpaßt. war dies doch der Tag. Perlonstrümpfen und später nach Zitronen und Apfelsinen.. Ihm stand eine Märchenreise offen. sondern erst eine Woche später. Nicht am ersten Umtauschtag. war er bei feierlichen Anlässen aufgetreten. stellte sich Fonty in der Schönhauser Allee ans Ende einer mäßig langen Schlange.« Fonty stand sommerlich gekleidet in der Schlange. Hinterher hieß es: »Also. die dort standen. Wenn schon. das sich Zeit nahm . doch hatte er keine Eile. daß der Aktenbote Theo Wuttke nicht vorhatte. als ihm für seine Bemühungen um das kulturelle Erbe die silberne Verdienstnadel angesteckt wurde. die sein gelbes Postsparbuch hergab. wo ihnen alle Abteilungen Angebote machten. Lange zögerten beide angesichts glitzernder Niedlichkeiten und solider Eleganz.

was er täglich zu Hause hörte: tausend Wünsche zwischen zaunhohen Bedenken. als jemand hinter ihm Witze über die Parteibonzen in Wandlitz riß. nun hieß sein Schiff. zu welcher Seilschaft denn er gehöre: »Is doch ne altbekannte Masche. die vor ihm in der Schlange stand. Mit vielen fürchtete sie die neue Währung. Gleich hinter ihm wollte ein bärtiger junger Mann. Was soll der Unsinn: das schottische Hochland im Guckkastenformat!« Und wie in der Kollwitzstraße blieb er beim Schlangestehen seinem Reiseziel treu. Pauli ablegen. in Gedanken immer wieder an Bord zu gehen: Vor Jahren hatte das weiße Fährschiff nach Harwich »Prinz Hamlet« geheißen. laut Reiseprospekt. Weit hinten in der Schlange wollte jemand aufgesparte Wut loswerden und zählte Stasiseilschaften auf. »einen Westfernseher mit allem Drum und Dran«. Fonty wäre furchtlos geblieben. die aber. die seiner geplanten Reise einen strengen Sparkurs vorschrieben das Gerede vor und hinter ihm war wie auf halblaut bis null gestellt. weil sich deren Härte zuallererst gegen jene wenden könnte. man wünscht sich was. Er war bereit. abwinkte. dann wieder ein fast neuer Opel Kadett für Martha sein.« Doch selbst wenn Theo Wuttke als Aktenbote diese Ängste geteilt hätte. kaum unterschied es sich von dem. was die Schlange vor und hinter ihm laut zu sagen oder. »Stadt Hamburg« und sollte an den Landungsbrücken in St. zu flüstern hatte. Emmi ihren Herzenswunsch. doch wenn es denn kommt. Er zog es vor. Englandreisen waren beliebt. auszureden: »Ging doch bis jetzt ohne Glotze. von der man bezahlt wird!« Danach schwieg er . dieser Bildersegen. der sich bis dahin maulfaul verhalten hatte. Laut wird auf die Firma geschimpft. Er aber wollte waghalsig sein und nicht jetzt schon verzagt wie die alleinerziehende Mutter mit Kleinkind an der Hand. alles auf eine Karte zu setzen. die das Wunschgeld so laut herbeigesehnt hatten: »Na ja.Anfangs wollte er noch hören. Jedenfalls war in einem Westberliner Reisebüro für Fonty vorsorglich ein Schiffsplatz auf seinen bürgerlichen Namen gebucht worden. aber besonders steiglustig und alpin ausgerüstet im Haus der Ministerien tätig sah. plötzlich von dem noch immer krakeelenden Stasiankläger wissen. Dieses Gejammer kannte er ohnehin. Vor und hinter ihm waren alle schwankend und bänglich. doch dann verlor er sich in immer neuen Kopfrechnungen. weil ohne Führerschein. und sah sich schon unterwegs. Er hatte Mühe. wie gewohnt. Er wollte nicht mitlachen. Immer neue Witze ödeten ihn an. is man verdattert. Kann mir gestohlen bleiben. die er überall. Mal sollte es eine japanische HiFi-Anlage. weil man sich jottwasnichalles vorjestellt hat.

die für seine aufs Witzigste verkürzten »Wanderungen durch die Mark Brandenburg« ein offenes Ohr hatten.. Aus allen Vorträgen. waren ihm immer wieder Prämien für besondere Leistungen zugute gekommen: Der Vortragsreisende Theo Wuttke galt als Kulturaktivist. Natürlich sollte bei Jedem öffentlichen Auftritt das Verhältnis überlieferter Stoffe zum Sozialismus mitbehandelt werden.. Landesweit klapperte er Städte und Städtchen mit schütteren oder pompösen Kulturbundhäusern ab. oft gewaschenen Leinenanzug. Ohne Wanderstock. Lene zwischen Corinna und der Witwe Pittelkow. Man ist ja gewohnt . Stine von Mathilde verdeckt. in den Vordergrund drängten: Cécile neben Effi. allerorts gab es auf Pointen erpichte Liebhaber der vieltausend hingeplauderten Plauderbriefe. denen selbst vielstrophige Balladen nicht zu lang waren. zog er die Summe...muffig. Man hat ja nicht ahnen können . und immer ging es um das Werk des Unsterblichen. denn außer den nicht gerade üppigen Honoraren. bei anderen Vortragsreisen herrschten Frauen vor. Nur Fonty war reich an inwendiger Rede. minderte sie um die Kosten fürs tägliche Leben und kam dennoch auf einen satten Überschuß. mal zum räsonierenden Chor zusammengerottet. Man ist ja doch immer der Dumme am Ende .. während seine Gedanken rückläufig Halt suchten. Man glaubte und glaubte .. dessen Knitterfalten wie angeboren waren und doch für lässige Weltläufigkeit bürgten. Überall versammelten sich Heimat. Ebba Arm in Arm mit Melanie.. In jedem Vortrag mußte. sprudelten sogleich die Quellen seiner Ersparnisse. vom Humanismus die Rede sein. Ein Frauenkränzchen. in dem jede ihren Fall aufs neue inszenierte. Wo immer er sein Gedächtnis anzapfte. Die Mutter mit Kleinkind hörte zu jammern auf Niemand wollte mehr Sätze mit »man« bilden: Man hat uns gesagt . aber mit gemustertem Shawl kam er langsam voran. Dem Witzeerzähler gingen die Witze aus. die der Kulturbund zwischen Stralsund und Karl-Marx-Stadt gezahlt hatte. Er litt nicht unter dem feuchtheißen Wetter. Mal waren dessen Romane . Grete Minde zum Beispiel die allzeit latente Gefahr einer Feuersbrunst. die er seit Anfang der fünfziger Jahre und bis gegen Ende 76 gehalten hatte. Zwar hatte er nie ein Massenpublikum anziehen können. Zum Strohhut trug er einen leichten.und Naturfreunde.. mal zum klagenden. genügend Geduldige fanden sich. selbst wenn es um Ehebruch und Duelle ging.ob »Frau Jenny Treibel« oder »Unwiederbringlich« Thema.. und zwar vom . doch einer treuen und im Verlauf der Jahre nachwachsenden Zuhörergemeinde durfte Fonty sicher sein.. die. Bei lastender Sommerhitze wußte die Schlange vor der Sparkassenfiliale nichts mehr zu sagen.

dessen zum Motto erhobener Reim »Gegen Demokraten helfen nur Soldaten« mußte gestrichen werden. gleich ob es um den Rheinsberger Wahlsieger und Feilenhauer Torgelow oder um den »angebebelten« Junker Woldemar ging. Mehr noch als »Der Stechlin« gaben die späten Briefe Anspielungen auf die Arbeiterklasse oder . doch unterhaltsam an und erlaubte. den er. Und doch überwogen freundliche Erinnerungen. die nichts. Gleiches widerfuhr einer längeren Vortragspassage. die sich auf des Apothekers Tunnelfreund Wilhelm von Merckel einließ. Was Rex und Czako. hingegen stieß der in Hoyerswerda gehaltene Vortrag über die Zeitungspolemiken des jungen Apothekergehilfen gegen den »preußischen Polizeistaat« auf Ablehnung von oben. Das war leicht bis leichtfertig auf Linie zu bringen. das hieß im Sinne der Einheitspartei zu gewichten. nun ja. Ein Knüller war sein Lieblingsvortrag »Wie sich der preußische Adel bei Tisch verplaudert« zwischen Ostsee und Riesengebirge gewesen. samt Birnenballade. Sogar des Pastors Lorenzen Sympathien für die christlich-sozialen Thesen des wilhelminischen Hofpredigers Stöcker galten als anrüchig und mußten entsprechend kommentiert werden. Doch nie sind ihm von Hoftaller oder Tallhover Geldsummen zugesteckt worden. Als heikel erwies sich oftmals der Versuch. So etwas fand Publikum. Lauter Querelen und engstirnige Funktionäre. Bitterfeld und Hennigsdorf vorgemerkt standen. wiederholt Vorträge ohne einschneidende Abstriche halten. So viel Mühe landauf landab. Neunzehnmal durfte er diesen Text ungekürzt. weil. über des Unsterblichen Zusammenarbeit mit der Regierung Manteuffel in Potsdam und anderswo hatte vortragen müssen. weil im Reiseplan für den Spätherbst 53 die Kulturbundhäuser in Merseburg. Und . Verbotsschilder vor jeder Ortschaft. Dieser Vortrag durfte nicht wiederholt werden. laut Weisung. aber alles besser wußten.»den vierten Stand« her. Und nach dem Einmarsch der sozialistischen Bruderländer in die CSSR durfte das Kriegsbuch des Unsterblichen über den Feldzug gegen Österreich und die Schlacht bei Königgrätz kein Thema sein. gegen Adelshochmut und bürgerliche Dekadenz vom Leder zu ziehen. vortragen.fortschrittlichen. während er in der Schlange Schritt für Schritt in Richtung Umtauschschalter vorrückte. weil Vergleiche mit der Praxis der Volkspolizei allzu nahe lagen. So war er zu Ersparnissen gekommen. Fonty hörte sich.wie aus einem Brief an Friedlaender zitiert . das Sozialdemokratische richtig. weder für seine milieubetonten Reiseberichte noch für jenen peinlichen Erguß. Bülow und der junge Poggenpuhl zu schwadronieren hatten. weil Böhmen schon immer zu nahe lag. hörte sich zwar fremdsprachig. Desgleichen war sein Ribbeck-Vortrag »Vom Junkertum zur LPG« ein Treffer.

wenn's um die Wurst ging. Das war Hoftaller. wie aus dem Stegreif einige Eckwerte des Staatsvertrags zwischen den beiden Deutschländern. Der Rest fürs Volk. aber falsch ist. was man kriegte.besaßen die schöne Gabe. ohne daß sich bei diesem Rechnen etwas störend Berechnendes gezeigt hätte. War ja auch mühsam. »Das ist alles sauer verdientes Geld!« Und alle. der offenbar Zuhörer fand. Und die Prämien? Die gab's für besondere Leistungen. hörte er. « »Neinnein!« rief Fonty plötzlich laut.selbstverständlich wurden angeforderte Portraitskizzen von Kulturfunktionären. der sieben oder neun Schlangenglieder hinter ihm stand: »Na.bewiesene Linientreue. Darin waren sich die drei Schwestern gleich. den Werktätigen in Guben oder Neubrandenburg. daß unter Absatz sechs ein verbrieftes Anteilsrecht am volkseigenen Vermögen .. sei es in Güstrow oder Wittstock. die vor und hinter ihm in der Schlange standen. Senftenberg und Eisenhüttenstadt das handlungsarme und zudem verarmte Adelsmilieu der Poggenpuhls spannend aufzubereiten: »Sie alle . kriegte man nicht umsonst. waren lebensklug und rechneten gut. trugen ihr sauer Verdientes zum Umtauschschalter: »Man hat sich ganz schön abrackern müssen. Er hatte mehr auf der Latte: »War doch schon immer so. nachdem Fragen wie »Ist man denn nur noch die Hälfte wert?« -»Will man uns etwa zur Strafe halbieren?« seine Sorge um die Altersreserve gestützt hatten. »ist mir geschenkt worden. daß unser Altersgroschen halbiert wird«. stimmten zu..die Mutter freilich weniger . denn auch sie. dessen launiger Einwurf mit Gelächter belohnt wurde. trotzdem ihre Charaktere sehr verschieden waren . und zwar scheibchenweise. ohne Entgelt geliefert.« Und als Fonty ausrief: »Eins zu eins ist richtig. der mürrische Bartträger hinter ihm. Und das bißchen. fürs Langjährige. « Und dann zitierte Hoftaller. für zwischen Rückfällen . Er wies darauf hin. zumeist handelte es sich um beim Glas Wein geplauderte Nichtigkeiten und liebevoll ausgepinselte Schwächen von Lokalgrößen.« Fonty mußte sich nicht umgucken. nie zu klagen.. die ihm auf Vortragsreisen bekannt wurden.« »Keine Mark«. weil das Volk das gewollt hat. und mag sie noch so leichtgewichtig aus Blech gewesen sein. jemanden laut rufen. rief Fonty.« Wieder Zustimmung: »Nix hat man uns geschenkt. aber im Prinzip nur noch ne halbe Mark wert. damit sich ja keiner überfuttert . die Frau mit Kleinkind vor ihm.. Jetzt sind wir zwar bald ein Volk..

kamen dreitausendfünfhundertzweiundachtzig Mark. runde zwanzig DM.eingeräumt werden könne. So zielstrebig tauschte er die Bundesbank gegen eine Tiergartenbank. trotz der vielen Türken. Nachdem der Kulturbundreisende und spätere Aktenbote Theo Wuttke ohne Eile alle Scheine und das Silbergeld durchgezählt. Wie jedesmal überraschend er anderswo als vermutet auftauchte. Schnurstracks eilte er zur S-Bahnstation Schönhauser Allee. die halbiert wurden. Tatsächlich war alles so und doch wie im Märchen. daß man glauben mochte. fuhr Richtung Ostkreuz. stieg dort in die Bahn. die drüben nennen das so: Treuhand!« Dann stand Fonty unversehens vorm Umtauschschalter. »Merkt euch das. die über Warschauer Straße. Nicht mehr Theo Wuttke. Jadoch. eintragen. von dem zu sagen ist. nur hier könne er mit sich und seinem Geld allein sein. nachdem er seinem Tagundnachtschatten. unbeschattet auf den Weg. Zu den sechstausend. Er hatte es eilig. seinen Lieblingsplatz mit Blick auf die Rousseau-Insel. Leute! Das soll ne Treuhandanstalt regeln. bot sie ein besonderes Profil. Ein Aktenbote. nur hier fühle er sich sicher. Während der . tauschte nach längerem Schlangestehen all sein Geld um und machte sich. Wie plötzlich er weg war. Von dort aus lief er in Richtung Kleiner Stern. einen Gruß zugenickt hatte. die als Großfamilien auf den Tiergartenwiesen lagerten und sich dort mit den Reichtümern ihrer anatolischen Küche ausgebreitet hatten: Leise roch es nach Schaschlik. den Rest in Silber. dem eine Ecke abgestanzt worden war. die Münzen zu restlichem Blechgeld ins Portemonnaie gesteckt hatte und nun den Umtauschschalter für den nachrückenden Bartträger freigab. Nur ein Kleckersümmchen. den großen Batzen hob er ab. legte seinen Ausweis dazu und bekam die neue Währung im Großen hingeblättert. Er gab den beglaubigten Schein und sein Postsparbuch ab. die er eins zu eins umtauschen durfte. am Lortzingdenkmal vorbei. als Frischgedrucktes in der Brieftasche versorgt. fühlte Fonty sich reich und nur zum geringeren Teil halbiert. Hauptbahnhof. Jannowitzbrücke zur Friedrichstraße fuhr. an der Schlange vorbei davonzukommen. dazu das Sparbuch. Fonty sah dem Haubentaucher zu. Und wie des Tauchers Häubchenfrisur bei all den Unterwasserübungen keinen Schaden nahm: Hübsch und elegant gestylt. der weiter hinten in der Schlange stand. und blieb mit seinem Geld in der Brieftasche bis zur schon westlichen S-Bahnstation Bellevue sitzen. ein blaues. ließ er ins neue Sparbuch. er war einmal. dann zum Rosengarten und suchte.

Kaum Vogelstimmen. Konzentriert und entspannt zugleich blickte er dem Rauch nach. du hast es besser< den ausgepowerten Emigranten aufnehmen. Fast sah es aus. zu der neue und vielfarbige Joggingschuhe gehörten. War ne Pleite wie beim achtundvierziger März. sich wortlos und umständlich eine Romeo y Julieta anzuzünden. Paare und türkische Mütter mit Kindern vorbei. kam Hoftaller zur Sache: »Hat sich zusammengeläppert. anno fünfzig. Ne Heldennummer wie diese ist uns heute allenfalls lächerlich. War verantwortungslos!« Fonty schwieg. mehr überrascht als besucht hat. Nun sah Fonty den Teich leicht verschleiert. kam es vor. Aber wir machen trotzdem nichts Unüberlegtes. wo gegen die Dänen im besonderen und gegen die Unterdrückung der Freiheit im allgemeinen mit blanker Waffe gekämpft werden sollte. Diese Freizeitkleidung. Wurde ja auch nix draus. Dazu paßten das kurzärmelige Hemd und die Baseballkappe. was. die hastige Abreise nach Schleswig-Holstein meerumschlungen. Wie aus der Zeit gefallen: zwei alte Männer. So unversehens wie selbstverständlich war er zur Stelle: diesmal in sommerlichen Kniehosen. Erst nachdem der Raucher in Kniehosen seiner Zigarre die Asche abgeklopft hatte. sollte >Amerika. Beide saßen im Halbschatten. Verlockend solch Minireichtum. wie gewünscht. als streichle er die Schwellung seines Jacketts. kannten wir seine strammen Waden und rundgepolsterten Knie. Stille. Flucht ohne Rücksicht auf Frau und Kind.Überraschungskünstler unter den Wasservögeln abgetaucht war. Die vielen Sommersprossen auf hellbeflaumten Unterarmen. Fonty? Vermute ein kleines Vermögen auf Ihrem Konto. Das haben wir hinter uns. das Glockengeläute! Doch kaum war das bißchen Revoluzzertum ausgelebt. sahen sie dem Betrieb auf dem Teich zu. hinderte Hoftaller nicht. Überall zeigte er alterslos rosiges Fleisch. Sie hätten lange so wortlos sitzen können. das Archiv. Insektengesumm und taumelig zwei Kohlweißlinge. Ab und davon. Da er in solchem Aufzug auch uns. sahen Schwäne. vor sommergrüner Kulisse allein. Flucht aus allen Zwängen und Bindungen! Wie etwa damals. Von dazumal übriggeblieben. Der längst abgeblühte Holunder hinter der Tiergartenbank breitete schon Fruchtfächer aus. Der Zigarrenraucher gab in gleichmäßigen Abständen Rauch frei. was? Überstürzte Aufbrüche. . Hinter ihnen war der Holunder grün. Hat mich oft traurig gemacht. weil alle Geheimnisse ausgeplaudert und jeder Verdacht schon benannt war. Er saß. Und wenn ich an all die anderen Ausbrüche denke. Ab und zu gingen Einzelpersonen. Einfach die Kurve kratzen. verschieden gefiederte Enten. daß Fonty seine geschwollene Brusttasche betastete. hah. bis plötzlich und ohne Vorwarnung Hoftaller neben ihm Platz nahm.

um nach wenigen Flügelschlägen wieder und wie gemalt dem Teich anzugehören. « Bevor sie gingen. Und einmal flog ein Schwan auf. Kein Jahr ohne Sommerfrische. Und was den Sommerfrischler erwartete... wo später die kränkelnde Cécile an St. Keine Vorträge mehr. stand irgendwo gedruckt. »taugen die Pferde nichts mehr. auf dessen Gleisen keine stöhnenden und auf der Stelle tretenden Borsig-Lokomotiven auf das Abfahrtssignal warteten. Mietkutscher überbieten sich in Gewinnsucht und Rücksichtslosigkeit . um Enten zu füttern. « Dazu Erinnerungen an Hotelzimmer. Endlich dürfen wir sagen: Es war einmal ein Bahnsteig. Fünfersprung übers Wasser schicken kann. weil geschrieben: »Vielfach reine Wegelagerei. Seitdem Sendepause. Mit dem Blechgeld der abgewerteten Währung versuchte sich Hoftaller. stellten sich beide an den Ufersaum. Fonty? Wir bleiben besonnen . Der Zug hält. als dem Teich anzusehen war. stieg der Rauch senkrecht.oder? Diesmal werden keine Dummheiten gemacht wie sechsundsiebzig.. Fiakern .. als Sie den >Kulturkrempel<. Auch Fonty blieb. auf dem es nicht mehr nach stehendem Rauch roch. Wirte. Fonty tastete nicht mehr die Schwellung seiner Jackentasche ab. Einmal raschelte hinter ihnen irgendwas im Holundergebüsch. sogar die Zeit beschleunigte. wie das bei Ihnen hieß. Ein windstiller Tag. Oder an beschwerliche Eisenbahnreisen ins Riesengebirge. Vorbei waren die Jahre.. wo Friedlaender Amtsrichter war. an einem Kinderspiel. vielleicht ein Kaninchen. zum Wurf aufgefordert. Wenn Hoftaller seine Zigarre zwischen zwei Fingern ruhen ließ... Es ist sieben Uhr abends.sahen den Haubentaucher und hatten dennoch mehr im Blick.. einfach hingeschmissen haben. Doch kein Wurf glückte. Kremsern. Wie man flache Steine mit geübtem Wurf im Dreisprung. ohne Erfolg: Mit dem restlichen Blechgeld waren keine Sprünge zu machen. Und ich hatte alle Mühe . in denen die Dampfkesselkraft alles. dem einige Münzen in der Tasche schepperten. »Seitdem wir die Eisenbahn haben«. »War nur ne kurze Sensation«. Jenseits des Schienenstranges steht die übliche Wagenburg von Omnibussen. ja. « Und Fonty erinnerte sich an Abfahrten mit Frau und Tochter nach Thale am Harz. Arnauds Arm im Hotel »Zehnpfund« abstieg. sollte geworfenes Münzgeld springen. die Fonty sich sogleich ausreden wollte: »Weg mit dem abgetretenen . sagte Hoftaller und sorgte sich nach einigen Seufzern: »Nicht wahr. sagte der alte Stechlin. Selbst zum Spiel taugte die Leichtwährung nicht. doch nicht. Nun aber könnte das Märchen beginnen.

mit denen sich plaudern ließ. Mir fiel wieder mein Cohn-Gedicht ein . James Morris. Alle schwer reich. haben doch wenigstens Gesichter.. Die Juden... so von uns offengelegt.. Das Leben hat bei ihm einen Grinsezug.. « So überfüllt mit Erinnerung. so nah der Nervenpleite und zugleich fernsüchtig heiter.und hergerissen und doch mit sich einig. Nur sein alter Reisekoffer. sie kannten >alles<. Gestern eine der Jägergeschichten.. Liebermanns und Magnus. wie unberufen immer. als mit der Diesellok voran der Zug nach Hamburg -nächster Halt Bahnhof Zoologischer . wo der alte Goethe gewohnt. « Und immer reiste er mit Arbeit beladen. weg mit dem schäbigen Plüschsofa.. bedrängt im Kopf und im Herzen. wenn ich Berlin den Rücken kehre . ließ Ärger nicht auf sich warten. alle sehr liebenswürdig und sehr versiert. dort die Juden .hier die Christen. Leicht gekleidet. wenn ich einen Christen sah . aus Karlsbad Post: » . wohin. Das heißt..denn in Gaunerei liegt ihre ganze Größe . « Und gleichfalls bekam sein englischer Brieffreund.. « Und doch schrieb er aus Thale: »Es geht mir hier gut... ihre Karlsbader Tage verbracht haben . dazu Bücher gestapelt: »Las viel Lessing und Turgenjew abwechselnd.und Bauern-Staat bereist hatte.. wo es an Juden. ein mittelgroßes Gepäckstück. Apollo mit Zahnweh. und immer häufiger auf Kurreise denn in die Sommerfrische. kann mir wieder die Häuser ansehen. die in der Geschichte den anspruchsvollen Namen >Heilige Alliance< führt..Teppichfetzen. weg . und ihre frechen Gaunergesichter . trägt ihn die Eisenbahn über Dresden nach Karlsbad. Er hat sowas von einem photographischen Apparat.alle sahen vergleichsweise wie Wassersuppe aus.. als wollte er wieder einmal in die Sommerfrische. mit dem er im Dienst des Kulturbunds den Arbeiter. « Und in jeder Sommerfrische lag was quer. nicht mangelte. das schlug sich in Briefen nieder: »Ich erschrak. hatte die Kur nur wenig gebracht und suchte sein Mißvergnügen sich Feinde: »Hoffentlich hab ich ein judenfreies Abteil .böses Blut. desgleichen auch die Hotels. « Aber der Post aus Norderney stand wie eingebrannt geschrieben: »Fatal waren die Juden.drängen sich einem überall auf. Stets steckte Angefangenes im Gepäck. « Als er aber per Eisenbahn nach Berlin zurück mußte. ist aber die Muse in Sack und Asche. so böse hin.. « Erst später. gleich. wo die Kaiser und Könige in den Gott sei Dank verschwundenen Tagen der Polizeialliance. kam Überdruß auf. weg mit der tabakverqualmten Goldtapete. machte irgendwer . selbst die häßlichsten. »Noch vorgestern hatten wir das herkömmliche Goldschmidtsche Diner im Hotel Bristol: einige Friedebergs... wartete er. stand neben ihm. stand Fonty auf dem Bahnsteig..

Immer frei raus.. Ihm gegenüber klammerte die verhuschte Alte ihre unförmig große Reisetasche. ihm gegenüber Platz.. Dann nahm eine Frau. Nur um sich von der gegenübersitzenden alten Frau mit der Tasche auf dem Schoß abzulenken. saß dann wieder aufrecht und ruhig. »Keine Protokolle und Intrigen mehr. Nur um sich seiner Reiselektüre zu versichern.. wenig jünger als er. konservativfortschrittlich. Danach Buch auf Buch bis zum >Stechlin<. Verkehrsverbindungen und die Öffnungszeiten der Museen und Schlösser mitteilte. Ferner steckte in der Plastiktüte ein zeitgenössischer Reiseführer. « Unruhig tasteten die Hände der Greisin die Lederschuppen ab.. der als Modell für den Grafen Vitzewitz hatte stillhalten müssen.. « Gluckte auf ihren Knien..einfuhr und nicht mehr nur märchenhaft. saß ruhig. Die alte Frau sah verweint oder verschnupft aus und ruckte mit dem Kopf unterm Hut. bis auf die zitternden Bartspitzen. meine hochbegabten. die Hände auf dem geschuppten Leder. Als freiem Schriftsteller ist mir >Vor dem Sturm< von der Hand gegangen. »Marwitz ist mir immer förderlich und haltungsmäßig beispielhaft gewesen«. Jawohl. »Aber angestoßen hat mich der alte Marwitz. hatte er die Prenzlberger Jungautoren belehrt. die schwarzgeschuppte Tasche. zum Atmen frei. « Und kamen nicht zur Ruhe. Wie ich auch Ihnen rate. als mich der Streit im Senat der Akademie der Künste endlich nach wenigen Monaten Mühsal frei gemacht hat. In einem Abteil zweiter Klasse nahm er Platz: am Fenster. Bis kurz vor der Abfahrt blieb er allein. tasteten ab. « Aus schwarzschuppigem Leder war die Reisetasche der Alten. wie mein Vitzewitz im ersten. Ein Preuße bester Prägung. sondern tatsächlich zum Stillstand kam: Es war einmal ein D-Zug. von der sie nicht lassen wollte. zum Schreiben frei . ... »Ein Preuße alter Schule. königstreu. bei leicht zitternden Schnurrbartspitzen. deren Rundbügel flach anlagen. in Fahrtrichtung. Und hätte mir der Tod nicht die Lampe ausgeblasen ..Garten . Fonty hatte den Koffer auf den Gepäckträger geschoben und die Plastiktüte neben sich gestellt. der ihm Auskunft über Hotelpreise.. Und immer quer zum höfischen Klimbim. doch ahnungslosen Freunde. doch notfalls zum Ungehorsam bereit. dem lärmenden Zeitgeist offenen Auges zu widerstehn . streichelten etwas Lebendiges .. blätterte er kurz in dem reichbebilderten Paperback.. »Beinahe sechzig bin ich damals gewesen. allzu lange hinausgezögerten Roman . griff er in die Plastiktüte mit KaDeWe-Aufdruck und ertastete neben dem »Tagesspiegel« den Schmöker des märkischen Grafen Marwitz.

weil offenen Auges.fuhr der Zug ohne sie weiter. alles bei sich zu haben. überheizt. und schnell verführt. die viele Zeitzeugen dem Unsterblichen nachgesagt haben. mußte aufspringen!« Sogleich riß er sich die amerikanische Kappe vom Kopf und wischte mit dem Handrücken die triefende Stirn. « Fonty saß jetzt zurückgelehnt mit geschlossenen Augen. wie einst der Unsterbliche mit dem Jugendfreund Lepel. Doch da uns gegenüber von einer »eher sachlichen Übereinkunft« gesprochen wurde. weil augenblicklich eingeholt von Grabinschriften. wurde. »nach sachlicher Übereinkunft«. Das Abteil wie beheizt. Als der Zug abfuhr. besonders einen frisch ausgestellten Reisepaß. die schweißverklebten Haarspieße. oder man werde zu zweit aussteigen. diesen unnützen und zudem kostspieligen Ausflug abbrechen. Immortellenkränzen und anderen Leitmotiven: Effis Furcht vor dem Chinesengrab und dem schwarzen Huhn der Frau Kruse: »Vor dem hüte dich. Stickige Julihitze. »Fuhr schon an. Selbst wenn keine Gewalt angewandt wurde. man werde entweder gemeinsam nach Hamburg fahren. kaum daß er in schnellere Fahrt kam. teils nur zur Schau gestellte Entschlossenheit. zu zweit ein erfrischendes Bier trinken und so. . Wir vom Archiv zweifeln an der beteuerten Gewaltlosigkeit der weiteren Vorgänge. Und ähnlich leichtsinnig und nervös wird sich der Gefreite und Kriegsberichterstatter Theo Wuttke auf den Weg nach Frankreich gemacht haben: schnell abgelenkt. die mitreisen wollte. Ausreichend sei der Hinweis gewesen. wollte er blindlings hinnehmen.. Und so sahen auch wir vom Archiv ihn: allzeit zum Aufbruch bereit.»Dort werden wir fischen und jagen froh« -. Fonty hatte die Augen nicht öffnen müssen.Sicher. Fonty habe aus freien Stücken aufgegeben. zeigte Fonty jene teils heitere. London besichtigen und Schottland bereisen . nach Düppel. die Abteiltür aufgerissen: Keuchend und durchgeschwitzt stemmte der zugestiegene Fahrgast seinen Koffer auf die Gepäckablage und warf sich auf den Sitz neben Fonty. Ihm gegenüber die gestreichelte Reisetasche. Was nun kam.. sagt alles. bis hin zu den Kriegsschauplätzen. gemeinsam das Fährschiff nach England nehmen und gemeinsam. Angeblich hätten wenige Worte genügt. Soviel steht fest: Kaum begonnen. Hoftallers Darstellung. Nach nächstem Halt Bahnhof Zoologischer Garten . muß doch ein gewisser Zwang nachgeholfen haben. das weiß alles und plaudert alles aus . kommt unserem Zweifel nur das Gewicht einer Nebenbemerkung zu. Selbst seine Nervenpleiten nahm er mit. Königgrätz. Metz. »Grad noch erwischt!« rief er zur Begrüßung. der ihn als Bundesbürger auswies. war das Märchen schon aus.

Da mich unser Freund nicht als Reisebegleiter akzeptieren wollte. waren weitere Argumente überflüssig. Fonty!< Und gab ihm dann zu verstehen. nach so vielen Jahren. Leider kann Georg. während Sie in London weiß nicht was alles trieben. Jedenfalls kam es zu ner Kraftprobe. Er interessierte sich sogar für Börsennotierungen und unterstrich mit nein Bleistift .. nahm er den anklagenden Ton zurück: »Na ja. Bestimmt war das Archiv an den Reisevorbereitungen beteiligt. Herrgott! Was hat Ihre schwangere Emilie alles aushalten. sagte: >Vielleicht kommen sogar die Herren Söhne und wollen mitfeiern. er blieb stumm. Habe ihn dennoch auf das Unverantwortliche seines klammheimlichen Abgangs aufmerksam gemacht.. blieb sitzen. nicht wahr? Narrenfreiheit!« Erst nachdem er uns »passive Mittäterschaft« vorgeworfen und dem Archiv »wenig angenehme Konsequenzen« in Aussicht gestellt hatte. Heute herrscht Freiheit. Habe lange gut zureden müssen. daß mich seine Ruhe zu nerven begann. Muß zugeben. mit Schottland und ich als ne Art Reisebegleiter. Ziemlich unverantwortlich.. zählt heut nicht mehr. < Und dann holte ich aus und packte ihn mit ner an sich verjährten Aktenlage: >Wenn ich an Ihre Englandreisen denke. Erinnerte ihn an Marthas bevorstehende Hochzeit. Aber die störte nicht. das sich mit dem Prenzlauer Berg und ein paar mutmaßlichen Informanten befaßte. daß es schofel sei.. Ich schlug die >Berliner Zeitung< auf. wie aus überlieferter Pflicht informierte: >Jedenfalls hab ich unserem Fonty nichts ersparen können.Er sagte zu uns: »Eigentlich hätten Sie ihm diesen Unsinn ausreden sollen. In Hafenspelunken .. Ich las ihm was aus dem Feuilleton vor. Und als sie Ihnen mit zwei Kindern am Bein nachreiste. Kaum geboren. einem alten Mann solch ne Strapaze zuzumuten.. Immerzu Nebel . Schwamm drüber. nutzte die Zeitspanne und dachte sich.. Sagte ihm wiederholt: >Sie können doch nicht einfach verduften. Benutzte sogar den Ausdruck >verduften<. und zwar im Wirtschaftsteil.. Er wird sich gesagt haben: Was gestern war. Bei Nutten womöglich . ich hätt mir nen Bluff ausgedacht. er seinen >Tagesspiegel<. »die Mitverantwortlichen«. Doch Reaktion keine... Ihre Emmi wird sich freuen. <« Hoftaller gab sich entrüstet. starb ihr das Kind weg. glaubte er Bedenkzeit zu haben. Ich redete. Friedel kommt bestimmt und womöglich auch Theo aus Bonn. in solch schweren Zeiten Frau und Kinder im Stich zu lassen.. als er uns. hat sie unter 'english people' und unterm Klima gelitten . Außer uns nur ne alte Frau im Abteil.. Aber jetzt herrscht ja Freiheit. Bis zum Bahnhof Zoo stumm. Immerzu Heimweh . ihr Liebling. nicht mehr . dank Ihrer Eskapaden ertragen müssen. Er las weiter. na. Da der Zug nach Hamburg erst nach nein zehnminütigen Zwischenhalt weiter sollte. Endlich ist Schluß mit dem ollen Familienstreit.

Fonty. griff zum Hut. In Zeiten großer Umwandlung muß es Menschen wie Sie geben. nur für Nichtraucher Platz. Sein Tagundnachtschatten gab sich erstaunt: »Was sehe ich da: Nur die Hinreise ist bezahlt. Menschen. fuhr der Zug ab. Erst auf der Treppe zu den Bahnhofshallen konnte ich mich bedanken: >Find ich prima. Fonty. ließ die Zeitung liegen. Na. mir direkt ins Gesicht: >Hier ist. Das haben Sie oft genug bewiesen. obgleich wir in nein Nichtraucherabteil saßen und zwei jüngere Frauen zugestiegen waren. dazu eine Portion Pommes frites. Bahn und Schiff?« Fonty lieferte alles ab. Und wenn Sie schon auf die Damen keine Rücksicht nehmen wollen. daß Sie immer wieder zur Vernunft kommen. Wie später uns gegenüber. Schon wollte ich. verbeugte sich knapp vor den jungen und ziemlich aufgetakelten Frauen. demonstrativ nach ner Zigarre greifen. Diesmal bestand Hoftaller auf McDonald's. sich in jedem System loyal zu verhalten.< Mußte mich höllisch beeilen. Ganz schön teuer. Beide haben mit ihrem Reisegepäck ganz in der Nähe des Bahnhofs einen Imbiß zu sich genommen. Sie standen an einem Stehtisch dem Tresen gegenüber und hatten ihre Koffer einträchtig zu Füßen. Menschen. bitte. meine. selbst wenn es manchmal schwerfiel. rund zehn Prozent davon können Sie jetzt schon in den Wind schreiben. denn kaum war ich hinter ihm raus.<« Hoftaller hat ihn eingeladen. Zu Cola und Milchshake hat jeder einen Cheeseburger verzehrt. schräg gegenüber natürlich. sich schnell abzufüttern. er werde sich um die Rückerstattung der Reisekosten bemühen: »Darf ich mal Ihr Ticket sehen. da stand er auf. Hoftaller versicherte. die gelernt haben. Um beide herum war viel jugendliches Publikum dabei. Werde ein Wort einlegen oder auch zwei. hob den Koffer vom Gepäckträger.Aktienwerte. aber den neuen Reisepaß nicht. >Schrecklich!< Er wies mit zittrigem Finger auf die schwarze Tasche der Alten am Fenster und flüsterte. hatte in der anderen Hand ne Plastiktüte. die einsichtig sind und rechtzeitig zur Vernunft kommen. nur für mich bestimmt: >Effi fürchtet sich vor dem Huhn. Das Huhn macht ihr angst. dann. wie Sie bemerkt haben sollten. etwa im Haus der Ministerien. sprach er zu dem Aktenboten Theo Wuttke nur andeutungsweise bedrohlich: »Werde sehen. schon in der Abteiltür. die Folgen betreffend. wenn es manchmal auch dauert und dauert. bei der Stange zu . dann vor der alten Frau und sagte. Viel gab es nicht mehr zu sagen. auf das arme Huhn da. ob ich das hinbiegen kann. beklopfte auch schon ein Exemplar aus meinem kubanischen Vorrat.« Trotzdem hat Hoftaller aus Fontys geplanter Reise ohne Wiederkehr keine große Geschichte gemacht.

war zu Beginn der allerneuesten Wechsel. die mit dem Huhn auf dem Schoß. den öffentlichen Vortrag seiner berühmten Ballade zu wiederholen: Ich hab es getragen sieben Jahr. na.. « Erst bei der zweiten Cola lockerte sich Fonty ein wenig. Wörther Platz hieß er. Allerdings war man im Sommer 90 noch um Namen verlegen.. setzte diesen auf und rief über die Geräusche der Schnellabfütterung hinweg: »Hätte nicht gedacht. und die Straße hieß Weißenburger. doch nie destruktiv.. ob zur Manteuffel-Zeit oder bei der Reichsluftfahrt. ahnte er nichts von der bald und rabiat aufkommenden Kurzlebigkeit des Gedenkens. Beiderseits der scheunentorbreiten Durchfahrt zum Hinterhof. nach deren heftigem Verlangen hier eine Heinrich-Heine-Straße. In anderen Stadtteilen liefen bereits Anträge. seine verunglückte Reise leicht und sogar auf die Schippe zu nehmen. Frau Kruse zum Beispiel. wie auch der Platz nicht den Namen der einst hier ansässigen Künstlerin trug. dort ein Rosa-Luxemburg-Platz dran glauben sollte. Ihre Kulturbundvorträge beweisen das: kritisch.« Dann rief er die Namen einiger legendärer Highlander auf. Er versuchte. Wenn im »Stechlin« Schickedanz sagt: »Straßenname dauert noch länger als Denkmal«. ZWEITES BUCH 9 Es sind die Nerven Die Kollwitzstraße ist eine zum gleichnamigen Platz führende Verlängerung der von der Dimitroffstraße gekreuzten Senefelderstraße. Früher. war aber nicht bereit . die Percys und die Douglas..bleiben. als Tante Pinchen hier wohnte. Waren nach eigenem Zeugnis zwar aufmüpfig. mit deren Hilfe die angekündigte Einheit Deutschlands hätte befestigt werden können. Aus drei oder vier McDonald's-Servietten faltete er einen Papierhut. denn ob es bei Kollwitzplatz und der gleichnamigen Straße bleiben würde. von deren linker . Das Mietshaus Nummer 75 lag in Richtung Platz auf der rechten Straßenseite. hieß sie anders. daß meine Exkursion so rasch in schottischem Milieu enden würde. Ähnlich hatte sich die jeden Systemwechsel nachäffende Umbenennung von Plätzen und Straßen im Bezirk Prenzlauer Berg und anderswo niedergeschlagen. ihren Namen unter Verbot zu stellen oder zu ehren.und Wendezeit nicht sicher. braucht noch Stunden bis Hamburg.so sehr Hoftaller drängte -. was Grund genug war. Sind sich immer treu geblieben. doch nie Frondeur. gewiß. Käthe Kollwitz konnte den Blick nicht abwenden: Sie hat menschliches Elend gezeichnet.

Sein sonst übliches »Also bis morgen dann« hielt er zurück und erfand eine Menge Vorwände für gnädigen Aufschub. zeigte der Baum die Jahreszeit an. und vorm Haus angekommen.« Die verwitterte Mauerinschrift »Besohlanstalt« wurde zum wiederholten Mal »furchtbar witzig« genannt. hebt er auf. Schuppen und Brandmauern verengtem Hinterhof ein Kastanienbaum die Kriegs. linker Hand hatte ein Flickschuster eine Kellerwerkstatt als »Besohlanstalt« betrieben. mit Knospen prahlte. Er sagte: »Eigentlich mag ich ja Hitze. Er trat auf der Stelle. Habe schon immer gewußt.und Klosettpapier« sowie »Dosen und Gläser jeder Größe« über den Ladentisch weg verkauft worden. daß in meinen Landpfarrern enorm viel Ehrgeiz steckt. Was er sieht.rechts den verjährten Kohlenhandel. wo die Wuttkes ihre dreieinhalb Zimmer bewohnten. zum Teil versunkener Schrift. Noch mehr bot der Fassadensockel des Nachbarhauses: Dort waren einst »Kurzwaren.Mitte der Treppenaufgang ins Vorderhaus führte. an dem Hoftaller den verhinderten Englandreisenden bis zur Haustür heimführte. laut schwarzer. Schuhcreme. oft bis in den Dezember hinein. Kohlen. dem nur die Tüte anhing.« Oder urteilte: »Kolossal ridikül dieser Pastor mit Bart als oberster Dienstherr der Volksarmee. doch vom Kollwitzplatz an hatte er Blei in den Sohlen. Briketts und Koks« vorrätig gewesen. indem er das Wetter.als Themen für unterhaltsames Zeitschinden ausprobierte. Butterbrot. Bis zum Dachgeschoß hoch. bewahrte brüchiger Putz einige Handelsangebote aus vergangener Zeit auf: Rechter Hand waren. ein vom Hochparterre an dreistöckiges Haus. auch Fonty hob frisch gefallene. Mag sein.« Es war aber ein heißer und bei Windstößen staubiger Julitag. verschleppte er seine Ankunft weiterhin und wollte nicht treppauf. Das Mietshaus und dessen von Stockwerk zu Stockwerk wechselnder Geruch erschreckte ihn. die Tagespolitik und die Fassadeninschriften .und Nachkriegszeiten überlebt hatte. links die einstige Flickschusterei . »Holz. in dessen von Nebengebäuden. daß sich Fonty. indem er winterliches Licht durchließ. noch feucht glänzende Kastanien in beiden Manteltaschen auf Jahr um Jahr. großblättrig Schatten gab und im Oktober die stachligen Schalen seiner sanft gerundeten Früchte auf geteerte Schuppendächer und den hartgetretenen Grund des Hofes warf. mein Wuttke. die letzte Wegstrecke lang zum jünglingshaften Schritt zwingen konnte. Er erzählte Anekdoten aus Tante Pinchens Leben und von ihrer Not mit . Doch hier zählt nur die Nummer 75. Nicht nur Kinder sammelten ein. Ab U-Bahnstation Senefelder Platz trug er sogar beide Koffer. Und alljährlich ärgerte sich Emmi über ruiniertes Taschenfutter: »Ist manchmal richtig kindisch.

Januar 1880 in Paul Lindaus »Gegenwart« veröffentlicht und beruhte auf einer Zeitungsnotiz. Fonty! Sowas hör ich immer gerne. Bezweifle. Wie die Fassade. Läßt sich ne Menge dazu sagen. »vor der Zeit gealterte« Frau Wuttke reden. die von den Hexen heraufbeschworene Katastrophe aufs Weihnachtsfest: »Zünd alles an wie zum Heiligen Christ«. Zwar kommt mir das Ganze übertrieben fatalistisch vor. und dem Hexentreff »Um die siebente Stund am Brückendamm« bei einer seiner späten Balladen zu verweilen: »Die Brück' am Tay« wurde am 10. den er für Frau und Tochter auf den Küchentisch gelegt hatte. aber aus dem Abschiedsbrief. Strophe nach Strophe reihte Fonty vorm Hauseingang Kollwitzstraße 75. das vor. Er begann mit der Ankündigung des »trotz Nacht. kurz vor Kriegsbeginn . einem Flickschuster. was alles ihm geläufig war. in ein Geplauder.. daß unsere Prenzlberger Talente sowas Schauriges hinkriegen. « Aber Fonty wollte eigentlich weder über die junge. während sich Hoftaller »hinter moltkehaftem Schweigen« vermauerte.. Tand ist das Gebilde von Menschenhand« abschloß und wieder einmal Hoftaller bewiesen hatte. In jedem Hochmoor stocherte er nach Legenden.wie rückläufig Zeit raffte. wollte er nichts. Da sieht man. was ein Könner aus ner bloßen Kurznachricht. Sein Zuhörer gab sich dennoch zufrieden: »Großartig. den untergegangenen Einzelhandel memorierte.und Sturmesflug« pünktlichen Edinburgher Zugs: »Ich seh einen Schein am anderen Ufer. Und wieder ist Nacht«. auf Wunsch des Brückenwärters. Das muß er sein«. datierte nun. »bis der Suffkopp am Ende war und vom Schemel fiel. die unter der Rubrik »Vermischtes« von einem Eisenbahnunglück in Schottland Bericht gegeben hatte. »When shall we three meet again«. so unablässig lief ihm der Faden von der Spule. machen kann. vielmehr geriet er. Im Verlauf seiner Filibusterrede klapperte Fonty alle Stationen der vorzeitig beendeten Reise ab. keinen Halbsatz zitieren. vor der er stand.dem stets betrunkenen Ernst-August Piontek. der die Besohlanstalt so lange an halbwegs nüchternen Tagen betrieb.. schon als Bürolehrling mollige Emmi noch über die alte. worauf meine Emilie bei ihrer verwitweten Tante Wohnung fand. reimte sich in dramatischer Steigerung voran: »Denn wütender wurde der Winde Spiel«. in Schottland kein Schloß aus. die in der Vossischen stand. doch Ihr Hexeneinmaleins . wie er sagte. Das war anno neununddreißig. entstaubte er eine Schulbuchballade. In London ließ er keine Kunstgalerie. worauf er mit dem Kommentar der drei Hexen »Tand. um schließlich mit dem Eingangszitat aus »Macbeth«. war schon beim Zugunglück auf der Brücke: »Erglüht es in niederschießender Pracht überm Wasser unten .. Alle Schrecknisse des Towers wurden aufgezählt. besonders diese Ballade.

vom Kulturbund die Becher-Medaille in Bronze. Tand ist das Gebilde von Menschenhand. Muß mich nur im eigenen Dienstbereich umgucken. Und auch mich ruft. Na. ist von unserer Staatssicherheit geblieben? Wohin haben sich die führenden Genossen verkrochen? Memoiren schreiben sie .. als sie den Brief auffem Küchentisch fand. besonders in Wendezeiten.hörte Fonty. die sich gern in betretenes Schweigen retten.< Gut gereimt. Aber nun ist genug gejammert. Schuhcreme. gleich. bereits Gesichtetes nochmals zu überprüfen. wie das läuft. Sie und Ihr Reisekoffer sollten sich langsam treppauf bewegen.stimmt vorn und hinten. feststehende Beurteilungen in Zweifel zu ziehen und Quellwasser auf unsere Papiermühle zu leiten. in denen alles. Und was er da alles fein säuberlich drumrum gelegt oder draufgepackt hat. alles Tand . Wissen Ja. Von Berufs wegen sind wir neugierig. daß alles vergänglich ist. Wird einem ja tagtäglich bestätigt. ob es sprudelt oder nach kurzem Erguß zum Rinnsal wird. alles von Menschenhand. alles bestens. Fonty! Sehe ich ähnlich. sozusagen als Briefbeschwerer: lauter Orden von früher. außer Papierkram. als Fonty schon mit seinem Reisegepäck treppauf stieg. glaub fünfundsechzig.« Abrupt ging Hoftaller. wie man so schön sagt. Werde mich aber kurz fassen können und Ihre vernünftige Umkehr lobend erwähnen. so subjektiv fragwürdig ihr Urteil ausfällt... aber gebraucht werden Sie hier. na ja.. reine Routine. Hochmoore. auf der Kippe steht. Und noch paar Medaillen und . die ihm die Nationale Front. Muß neu Bericht verzapfen.und Klosettpapier« . eher gutgelaunt wiederholte Hoftaller den Ohrwurm: »Tand.. Und den Vaterländischen Verdienstorden. Bis in Höhe der verwitterten Fassadenangebote am Putzsockel des Nachbarhauses . Doch nicht düster. Und die Aufbaunadel in Silber. auch Familienmitglieder. Wird sich Sorgen machen. Was. Zeitzeugen wollen gehört und unmittelbar am Geschehen beteiligte Personen müssen. nur in Bronze natürlich. Nichts bleibt vom Klassenbewußtsein . Schloßruinen auf schottischer Hexenheide. angesteckt hat.»Kurzwaren. Tand ist das Gebilde von Menschenhand«. Wir vom Archiv sind es gewohnt. >Tand.. die Pflicht. Ihre Emmi. Butterbrot. befragt werden. daß sich sein davontippelnder Tagundnachtschatten nicht von einem allzeit triftigen Hexenbefund trennen konnte. auch dann noch. Kein Blick über die Schulter zurück. Doch Fontys Tochter Martha gab Auskunft: »Und ob uns Vater nen Schreck eingejagt hat! Mama war außer sich. Tand.

.< Und das noch: >Will irgendwo bescheiden am Rand meiner Diogenestonne sitzen und die Welt beschweigen . Und hier. bittschön. Kein Wort.. als ich den Ordenssalat auffem Küchentisch sah. von seiner Abreise zu benachrichtigen. als ich gegen Mittag zurückkam. gehörte nie zum Reisekader. wie Sie wissen. Freundlich heißt der und ist natürlich auch Jude. dennoch hast Du alle Ursach. Den hat er im HdM. jedenfalls nicht Richtung Westen. wobei er wieder mal meinen Verlobten mit dem Mann von der historischen Mete verwechselt hat. Aber dieser Freundlich.. Nur Vater.. Jedenfalls saß Mama wie verhagelt. so . Richter im Riesengebirge gewesen ist und den es natürlich nicht mehr gibt. was schon! Sein übliches Gestöhn: >Kann nicht mehr. daß er seit zwei Monaten erst Witwer ist. genau. der durfte und durfte. als er sich weggemacht hat. doch mehr war nicht drin. der irgendwas.Aktivistennadeln. seinen >Brieffreund Friedlaender<. Genau. bis er sich unbeliebt gemacht hat bei den Genossen wegen Revisionismus und fehlender Festigkeit des Standpunkts. < Und so weiter bis hierhin: >Zwar weiß ich mich von allen kleinstriezigen Gedanken über Eheglück frei. sowas. Ist nicht mehr tragbar. vor achtundsechzig durft er paarmal nach Prag und Karlovy Vary auf Kur. glücklich zu sein. an diesen Freundlich hätt Mama nicht mal ne Postkarte . Da hilft nur Abschied nehmen und untertauchen . der zwar Kulturschaffender war und jede Menge Orden und sogar Prämien bekommen hat.. ganz leise auf Socken. was da drin stand. Und ausgerechnet diesem Klugscheißer. das kann ich natürlich meinem Zukünftigen nicht erzählen. hier steht es. steht hier wortwörtlich: >Will untertauchen und dort. wo es still ist.. Nee. Fritsch und nicht Grundmann wie mein Heinz-Martin.. Ich war ja schon aussein Haus und Mama noch im Bett.. doch wünsche ich Euch zum Hochzeitstag . sogar mit Tinte in Schönschrift: >Macht nichts.und Hochzeitstag schafft nun zwar allerlei Verlegenheit. diesen Juden von damals. den Mama noch nie verknusen gekonnt hat. Was ja stimmt. Dieser kurze Abstand zwischen Todes. Na ja. da bittet er Mama. Also. auftauchen wieder. < Genau. sollte sie schreiben. glaub. Und für mich jetzt schon >Glückwünsche für die liebe Mete<. sah ziemlich makaber aus. Ahnte schon im Prinzip.. < Natürlich dicke Entschuldigung und tausend Dank an Mama für ihre ach so oft strapazierte Geduld. weil ich dienstags nur vier Stunden auffem Plan hab. aber schob mir wortlos den Brief hin. Denn bis vor kurzem noch durfte Vater nie raus. womöglich im Keller oder vielleicht unterm Dach abgestellt gehabt. daß endlich auch er von den Privilegien der Reisekader Gebrauch machen kann. Dein Herr Fritsch ist ein kluger und gescheiter Mann von guter Gesinnung . ohne Reisekoffer. Na. Der hieß ja..< »Na. Immer gegängelt. Genau! Er meint im Prinzip diesen Professor aus Jena. All die Jahre wie eingemauert.

Aber die Jungs. . Wir mußten ja beide. Nix war mir peinlich. wie der ist. wie Mama und er sowieso. um neun Uhr ist alles aus. als die noch hier waren.. hat natürlich kein Tröpfchen Französisches in sich. was Fakt ist. auch die Jungs.arrogant. wenn Vater mich mitnahm auf Kulturbundreise. nicht wahr. und schon kann er das Wasser nicht halten.... Sie sagen es: Ellenlange Balladen. Ein so glückliches und bevorzugtes Leben. Na. weil sie das nicht aushalten konnten. die ja älter waren. Schon als Kind. das märkische Zeug. Verhöhnt hat er ihn: Parteiredner. wo genau er das herhat und was er alles dazwischenmixt. er ist was Besonderes. wo ich oft mit war. selbst wenn er immer sagt: >Theo Wuttke. daß sie deshalb im Westen geblieben sind. jedenfalls nicht. War ihnen peinlich. Noch heut ist Friedel sauer wegen dem Unsterblichkeitstick. weil sie mußte. weil ich verdammt nochmal an ihm häng und ihn bewundert hab sogar. Nur die Jungs machten nicht mit. wie er sagt. Doch Mama.. Und dann noch das hier. und ich. Aber weil Geburtstag und Neuruppin gleich sind. na. dem alten Mann zuzuhören. Und Vater. war fix und fertig. Ich schon. Und uns. als Kind schon. was da steht: >. War das ein Theater manchmal. weil sie mit Vater drinsteckt in dieser verdammten Rolle. Dabei ist sie ne geborene Hering und stammt genau wie Tante Pinchen aus Oberschlesien. Macht Spaß. Und alle haben mitgemacht. in Oranienburg oder Potsdam. Nix ist da dran. als die Mauer kam. was uns den Rest gegeben hat. das ist nur amtlich und taugt allenfalls fürn Rentenbescheid<. Kann man eigentlich nicht laut vorlesen. besonders Georg. mitspielen all die Jahre lang. wenn er alles. hat ihm das gereicht. sein Liebling. Am meisten aber hat Georg. halbe Romanseiten. sondern nur in dem tiefen Verlangen nach Ruhe. war ich seine Mete und angeblich hugenottisch. Georg schon gar nicht. jedenfalls im Prinzip. nicht nur Mama und mich. Sie doch ganz besonders. wenn er sich reinsteigert und denkt. haben nicht mehr mitmachen gewollt. gezwungen stimmt nicht . Ein Stichwort reicht. Aber Fakt ist. Mama. aber auch alles auswendig brabbelt. Sind deshalb drüben geblieben bei Tante Lise. hat er gezwungen. wo sie auf Ferien waren. die Herren Bescheidwisser vom Archiv. daß ich wüßte. Und bestimmt will Teddy deswegen nicht zur Hochzeit kommen. Genau. na. nein. Nicht im Sinn einer Todessehnsucht. damit er Ruhe gab. nur alles genau hundert Jahre später. Sagte ja schon. die immer alles ganz wörtlich nimmt. Aber wir haben uns fügen müssen und ja und amen gesagt. wenn alle geklatscht haben zum Schluß. was soll der Unsinn!< Ziemlich wirr alles. Na. sogar die ollen Kriegsschmöker hat er intus. aber Sie vom Archiv werden schon wissen. Genosse Witzbold und so. quergeschossen. so viel gelebte Unsterblichkeit: und doch. sogar von drüben noch: ziemlich gemeine Briefe. so viel Freiheit trotz Zwang.

Hab deshalb auch vom Schloß. Klar.. per Dampfer. Wenn ich zurückdenk. von Caputh mit nein Dampfer. Oder ab Lübbenau innen Spreewald rein. nur Kirchenbücher. Aber vom Herrenhaus nix mehr da. nur über Mama und mich. na. von wem. Lauter Reaktionäre. Und dann die Sache mit dem Hirschgeweih.. wie sich Vater in Kossenblatt mit dem Schriftsteller. um mir nen Schreck einzujagen. Bin ja oft genug mit ihm auf Tour gewesen. Und Vater wußte immer Bescheid. Kam einfach nicht vor. als wär das gestern passiert: Kopfab und so. sein Schloß zu verkaufen. Von Sozialismus kein Wort. das mit den toten Vögeln drin gebrannt hat. langweilige Sterberegister.. Aber interessant. viel zu lange natürlich ... Und vorher noch Kußhand vom Kronprinz. Weiße Frau und sowas . wie Vater gesagt hat. Sind aber trotzdem meine schönsten Kindheitserinnerungen. ob der Graf Barfus vom Soldatenkönig gezwungen wurde... War richtig unheimlich drinnen. aber damals . Chroniken. Schloß Kossenblatt: krieg jetzt noch nen Schauder. Sag ja: immer zu Fuß. kreuzquer durch die Uckermark oder ab Freienwalde alles erwandert.daß Vater nie Mitglied gewesen ist. Genau. die meistens Bruchbuden waren. na. daß da ziemlich langweiliges Zeug gequatscht wurde. stundenlang rumgestritten hat.. Er traf sich da manchmal mit Leuten. War ja im Prinzip alles ganz harmlos. genau. Na klar. Und Vater hat über Katte geredet. über alles.. und ob son Ölschinken mit der Familie von Oppen drauf ein Original war oder bloß ne Kopie. . Und da standen wir dann. weil Vater überall seine Gespenstergeschichten .. über angebliche konspirative Treffs: Hab mich mißbrauchen lassen von diesem. auch wenn keine Politik vorkam.. zu Fuß ... hab ich gedacht und deshalb . Sie sagen es. jedenfalls schon mit Blauhemd. wenn er beim Kulturbund. hinterher beide vor Kattes Gruft in Wust.. weil ich geglaubt und geglaubt hab. War fünfzehn oder sechzehn. nix geschrieben. heut schäm ich mich. All die Pfarrhäuser. auch wenn nix drin stand von >antisozialistischen Umtrieben< oder so. daß ich ein paar Berichte . war gar nicht mal übel mit ihm auf Schusters Rappen . Sie können sich denken. de Bruyn war das. mit ihm abgelaufen am Wochenende. das nach Sachsen verkauft wurde und deshalb sogar irgendwo bei Karl May vorgekommen sein soll. Übern Schwielowsee natürlich. wie sie im Buch stehn. wie ich etwa. daß in Vaters Brief auffem Küchentisch kein Wort stand über die Jungs. nur. was man hörte.. die so verrückt wie er nach Altertümern waren. Und wenn ich mitdurfte. all die Generäle und das gesamte Adelsgesocks. Und immer wieder in die Ruppiner Gegend: per Bahn. ist aber trotzdem ne miese Nummer gewesen. Geb ja zu. als er in Rathenow nen Vortrag gehalten hat. na.. weil Vater alles bloß hinphantasiert hat. hab sogar seine Wanderungen. Weiß noch genau. War zwar erst vierzehn oder knapp fünfzehn.

Wär ja was. meine Gnädigste . War immer ein Singleton. Aber warum mich Vater manchmal mit seiner Corinna Schmidt verglichen hat. na.>vorsingen< mußte. Denn was diese Frau mit >ihrem Wuttke<. wenn sie immer nur rummäkelt: >Was ist das schon.. redet manchmal genauso: >Wolln doch vernünftig bleiben. wie die mit der Treibelschen abgerechnet hat.. wenn der wieder mal durchdreht wie jetzt. Dinge beobachten ist besser als Dinge besitzen. « Darin war Martha Wuttke zuzustimmen. den Halbtagsjob im HdM bekommen hat. wie die Frau von Carayon zum König geht und der immer so abgehackt preußisch redet: >Erinnere Kinderball. geht auf keine Kuhhaut. weiß ich bis heut nicht.. freiweg. Er redet ja manchmal selber so.. wie Vater sagt. finden wir auch: Für sein Alter ist er immer noch gut auf den Beinen . Aber nein! Ohne den läuft nix. wenn ich die kesse Lippe von der hätte.. daß Vater. Haben alle geklatscht und gelacht. Kann aber auch anders . Vorher gab's Kaffee und Kuchen beim Kreissekretär vom Kulturbund. in Cottbus. wie's hier im Brief steht: >Spiel nicht gern den Moralisten. Mathilde und so weiter. Weiß noch. Und seitdem die Mauer weg ist. < Vater konnte das gut nachmachen. über >Schach von Wuthenow< natürlich. < Jedenfalls war das ganz witzig damals in Potsdam. Finden doch selbst.. daß dieser Kerl. Genau. durchgemacht hat. Damals. sie mußte ohne angeborene Leichtigkeit und schlagfertigen Witz auskommen. na. auch daß er nach der Wende da weitermachen durfte. Will deshalb abtauchen . Oder bei Ihnen in Potsdam. Mama ist ungerecht. Stine. Im Prinzip nette Leute meistens. trotz allem. Effi. besonders Vater gegenüber. Fakt ist... Will nicht Meldung machen müssen . Sie wissen schon. Sehr fatal. Genau! Der hat sogar dafür gesorgt. Sich setzen. ihn am Haken hat. über Frauengestalten: Melanie. wie sie sagt. (Und dieser Kerl. Müßte doch eigentlich Schluß damit sein. na. Hängt immer drüben im Tiergarten rum und denkt sich was aus. Aber nun ist er ja zurück. Und Mama ist natürlich glücklich. Aktenbote?< Denn im Prinzip läuft alles bestens für ihn. Schöne Tochter... Immer schon im Prinzip. na. seitdem die Normannenstraße dichtgemacht ist und die Firma angeblich Mix mehr zu melden hat. wenn er beschäftigt ist und obendrein auf seine Rente was draufkommt. war ich ganz glücklich manchmal. wird es noch doller mit ihm. sein Tagundnachtschatten. Corinna. Eher sahen wir Martha grobgliedrig beschaffen und von sperrig . daß der Westen nichts taugt. Und gleichfalls hätten wir ihre Zweifel am väterlichen Vergleich ihrer Person mit der Romanfigur Corinna Schmidt bestätigen können. als er nicht mehr beim Kulturbund vorsingen wollte und einfach alles hinschmiß. Immer bloß Zaungast. Möcht ich auch manchmal.

« Doch bei aller Ähnlichkeit war Martha Wuttke dennoch eine eigenständige Person. Da bleibt ne ziemliche Leere übrig. Des Unsterblichen leises Mitgefühl »Mete hat beinahe einen heilen Zug. Musik.. wie sie betonte. und es ist auch sowas . zum Beispiel... wenngleich ihr. als zu erwarten gewesen wäre. die nicht nur wochenlang ihre pädagogische Tätigkeit unterbrachen. « Und die Gretchenfrage? Martha Wuttke hat zu ihrer Person mehr gesagt. die neuerdings sogar im Archiv um sich greift und die preußische Wortknapserei parodieren soll: »Habe strammen Briefschreibetag hinter mir. Schließlich unterrichtete sie die Fächer Mathematik und Erdkunde und muß als junges Mädchen sogar gut auf dem Klavier gewesen sein. die uns zudem von archivierten Photos her bekannt ist.und zwar »ab März neunundachtzig genau« . was er an anderer Briefstelle bestätigt: »Du unterzeichnest Dich >Pechmatz<. neigte sie zu verknappten Sätzen. manchmal gewollt schroff. na. Nicht daß sie übermäßig berlinerte. daß ich weitermach. doch pflegte sie den ortsüblichen »Sprechanismus« dergestalt nachlässig. Sozialismus.. Aber geglaubt hab ich. War stramm auf Linie . Auf einmal stimmte rein gar nix mehr. Hierin dem Vater ähnlich.. Hatte ein Ziel vor den Augen . dann wieder flapsig. Wie es hieß. ja fiebrigen Nervenkrisen. daß sie noch vor der Wende . eine Sprechweise.raus sei aus der Partei. unbeirrbar. doch ließen sich gewisse Ähnlichkeiten familiärer Art nicht übersehen. daß sie »ein paar Sachen von Chopin ganz gut draufgehabt« habe: »Mama wollte natürlich. mehr über die Lippen kam. doch komme die Nachfolgeorganisation für sie nicht in Frage: »Wem der Glaube mal futsch ist. von Mißtrauen bestimmter Kopfhaltung gab sie uns Antwort. an die gemeinsame Sache. auf denen sie schon früh matronenhaft wirkt und den Betrachter. düster anblickt. bis es nicht mehr ging. aber ich wollt nicht mehr.verschlossener Art. Hab lang gesucht und . Sie ähnelte jener in vielen Briefen verewigten Mete. als ihr Kopf zulassen wollte. Martha Wuttkes plötzliche Verstimmungen führten oft zu heftigen. sondern auch einen Vergleich mit ihres Vaters nachgelebten »Nervenpleiten« und den Verbiesterungen der historischen Martha erlauben. jedenfalls gab sie uns beiläufig zu verstehen.. Völkerfreundschaft und so. Über verschränkten Armen und bei schräger. daß niemand hinter ihrer Wortwahl eine seit Jahren tätige Lehrerin vermutet hätte. Geht mir ähnlich wie Vater. Macht mich krank. selbst bei versuchtem Lächeln.« Nein. den das Leben nur abgedämpft hat« deutete an.. hilft nur noch ein radikaler Schnitt.. »endlich«. Aus und vorbei.. von uns befragt. feste sogar und viel zu lang. sie war keine Corinna.

wenn es um Ölvorkommen und Dritte Welt geht. wo. Und wie das bei Erdkunde laufen soll.dann ganz woanders angeklopft. weil sich. Das Baugeschäft von meinem Verlobten ist zwar in Münster. genau. Hat mir einfach einen druckfrischen Fünfhunderter in den Brief gesteckt: als Hochzeitsgeschenk! Und wie er mit Koffer und Tüte zurückkam. ist mir ziemlich schleierhaft. bei Sankt Hedwig. kann ich aber nicht. >Ist leider ins Wasser gefallen. Hat irgendwas von >kleinem Ausflug< gefaselt... Man wird ja sehen. Im letzten Moment rausgeholt hat ihn wer anders. weil das Unglück gebracht hätte. Und aschblond war sie auch nicht. als ich ihm den Fünfhunderter zurückgeben wollte: >Geschenkt ist geschenkt!< Dann ist er samt Koffer in seine Stube rein . hat Vater gesagt. aber nun will Heinz-Martin bei uns investieren. nicht in Berlin. « . Denn im Prinzip kommt der Mensch ohne Glauben nicht aus . sprach eher eine Mathilde Möhring aus ihr. daß sie des Vaters Haar hatte. Es kann aber sein.. wer. eine alte Frau zu ihm ins Abteil gesetzt hat. selbst wenn es am gemmenhaften Profil mangelte. Und Vater? Der hat gelacht.< Und zwar. wenn Martha Wuttke aufs Praktische kam. daß einem gruseln mußte. wo er schon ne Wohnung für uns hat seit neulich . Die soll ein schwarzes Huhn auf dem Schoß gehalten haben.. und genau die olle Frau Kruse ist es gewesen. Aber das stimmt natürlich nicht. ist er raus aus dem Zug. eher kastanienbraun gewellt wie ihre Mutter vorm Ergrauen. wenngleich sich uns Fonty weißhaarig eingeprägt hat. Nee. Kessin. auch wenn er sich das Huhn noch so lebendig hinphantasiert hat.. Na. aus reinem Aberglauben. außer Hausfrau. mehr in Schwerin und Umgebung. Sie ahnen nicht. Auf dessen jüngste Eskapaden kam sie immer wieder zu sprechen: »Man muß sich vorstellen. Und deshalb. kapiert? Richtig: die arme Effi. als der Zug Bahnhof Zoo hielt. Na. was im Prinzip ja richtig ist. die immer son schwarzes Huhn auffem Schoß hatte. Null Perspektive. « Nur andeutungsweise sprach sie von ihrem erwachten Interesse an religiösen Fragen: »Man kann nicht alles rein materialistisch auf Reihe bringen« und machte sich sogleich Sorgen über ihre Zukunft als Lehrerin: »Weil ich so lang in der Partei war. hat er gesagt. diesem Kerl!< hat Mama gesagt. ein lebendiges.. >Muß man noch dankbar sein. und lachen womöglich. Sie wissen schon. das spukende Chinesenhaus. war er natürlich die Unschuld in Person. « Hörte man zu. Außerdem soll ab jetzt nur noch kapitalistisch gerechnet werden. in ihrer überheizten Stube. was nach der Hochzeit kommt.

Ihre Aufundabreisen ohne Angst vor Wendepunkten. Jadoch! Aufgetaucht in einem schwarzbraunen Wasserloch mit Blasenwerfen und Blubbern. am Erlenstamm< -.. woraufhin beide aufwärts fuhren.. am Bergeskamm. Hoftaller. Ganz zum Schluß noch. freiweg . Dabei ließ sich gut plaudern. So weit hab ich es nicht gebracht. Kam auf Vorschlag von Schmidt und Mommsen. Kam zu spät. ich nicht. als ich ganz außer Puste oben mit Koffer und Tüte ankam. welche Folgen mein plötzliches Abtauchen . Hoftaller! Verantwortlich handeln. Schweigt das Leben. Hätte Metes Hochzeit abwarten sollen und dann erst . Wäre lieber.. Kenn das ja. Hoftaller. Auf dem hohen Moor. Wurde mir aber trotzdem kolossal flau.. gelang ihm ein mutwillig jünglingshafter Hüpfer. so schweigt der Wunsch . « Kichernd verließ Fonty im dritten Stock den Paternoster. Offenen Auges. Meine Emilie. konnte sich freuen. Wollte mich allein und namenlos dem stumpfsinnig nahenden Vergessen zum Fraß hinwerfen... als jener im zweiten Stockwerk mit erneuter Aktenlast zustieg. versteckt hinter Erlen . fuhr weiter abwärts und traf sich mit Fonty erst wieder nach einer halben Stunde. Frau und Tochter einfach sitzenlassen. Ihr eingeübter Kreisverkehr. Aber so ist es besser. Obgleich mit drei Aktenordnern beladen. der ... Doch dieser Alterssitz wäre meinen an sich liebenswerten Damen kaum verlockend zu machen gewesen. den Ehrendoktor der Philosophischen Fakultät. Hatte mir eine torfbeheizte Hütte inmitten Heide und Hochmoor vorgestellt. Tallhover! Endlich wollte ich sterblich sein . Die Sache durchstehn. wo sie doch auf die Vierzig zugeht und weit und breit kein Reserveleutnant in Sicht. Schon London war für Emilie nur erbsensuppiger Nebel . als ich da stand im Talar.wegen >Vor dem Sturm< .. War immer nur engagiert. Hätte mich dann in der Hütte am Torffeuer trockengesessen und vor mich hingelacht . Soll tüchtig als Architekt sein und ist Professor sogar. Außerdem will ich meine Mete endlich vorm Traualtar sehn.Tags drauf sagte Fonty im Paternoster: »Haben furchtbar recht gehabt. Doch diesmal blieb ihr . Und meine Emilie mal wieder in Tränen.. so gut wie ohne Gesellschaft gewesen.. bevor es duster wurde... Sterblich sein. im Boden versunken und irgendwo anders rausgekommen..ein kleines liking für mich hatte. abgesehen von den drei Macbeth-Hexen . Hab ihr geschrieben und Glück gewünscht mit dem Herrn Fritsch. der zwischen den Stockwerken Einsicht genommen hatte. die ja solchen Klimbim schätzte. wie ich die beiden am Küchentisch sah und mir vor Augen trat.. Waren beide froh. nur nicht >engaged<. Kann man nicht machen. Ganz schön weit weg und der Welt verloren. Dabei verging Zeit.... Wird Zeit für das Mädchen.>Um Mitternacht. Auffallend viele Küßchen von Mete. Wäre da oben.

Sie stürzt. befürchte nun aber. den England immer noch auf seiner Seite weiß . Damit ist nicht zu spaßen.. daß sie bis auf den heutigen Tag gehalten hat. eine die Jahrhunderte raffende und vertauschende Rolle. die mich mächtig erfaßt hat. Gearbeitet ..all das bedeutet wenig in der Politik -. nunmehr als gegenwärtiger Weltstratege: »Die englische Herrschaft in Indien muß zusammenbrechen. als hätte er Quasselwasser getrunken. weil ihre Uhr abgelaufen ist . überstürzten Englandreise. religiöses und dem uralt Überlieferten angepaßtes Leben wird schließlich triumphieren... dann zitierte er aus dem Londoner Tagebuch: »Im Café Divan Briefe geschrieben . will ich mir gerne alle Trübsal. Dachte anfangs. wohin man blickt. « Gegen Schluß des aus dem Stegreif zitierten Briefes rückte er. mal verplauderte er die Stationen seiner ersten. nicht weil sie Fehler oder Verbrechen begangen hätte . höllisch .. Aber dieser hier nur angedeutete Werdeprozeß vollzieht sich. Mal war er mit dem Jugendfreund Lepel in Edinburgh unterwegs. Aber auch Rußland wird nur eine Episode sein . und es ist ein Wunder. Sadler-Wells: Miß Atkinson als Lady Macbeth . nationales. Ihr dünnes Nervenkostüm. es ist ein Segen für die Völker. zitierte Fonty aus einem annähernd vierzig Jahre später an Morris gerichteten Brief. Enthemmt. ein kolossaler Vorzug.. sagte Hoftaller: »Ist ja gut. Ihr Freund Morris kann warten. die er dem Militärdienst abgetrotzt hatte.Paternostergespräch einseitig. sprach er sich aus. um sogleich und nach geflissentlicher Aussparung Amerikas auf die Gegenwart und deren Abstürze zu kommen: »Was wir hier als Fall der Mauer und Kollaps der Sowjetunion erleben. in der ganzen Welt. Wie wär's mit Feierabend? Heute ein bißchen früher. Hoftaller begnügte sich als Zuhörer. an Ihrem Londoner Kaminfeuer sitzen dürfen.... die >andere< heißt zunächst Rußland.. unter ihnen kleine und kleinste. Übervoll. nach der Ablösung Englands. wie nach langer Reise. Aufpassen sollten wir. bedeutet nicht Ende. mein verehrter Herr Morris. sie stürzt. Sehen spitz aus. Fonty. Sie aber sollten sich nicht allzu sehr erhitzen. Schrecklich und unerlaubt dumm. « Schließlich spielte der Briefwechsel mit James Morris. ich weiß. «. ein sich auf sich selbst besinnendes. nein. und nur Fonty redete. eine andere Weltmacht in den geschichtlichen Vordergrund: » .. nein. mit Blick auf Balkan und Kaukasus. dem er zur Zeit seines zweiten Aufenthalts in England Sprachunterricht gegeben haben wollte. das Allerschlimmste. « Als beide den Paternoster im ersten Stockwerk verließen. Noch hält ja die Welt einigermaßen. wegblasen lassen. Sollte ich demnächst.. was weiterhin zu hoffen mir zusteht. mit Schweiß auf der Stirn... und zwar mit Hilfe des gesunden Menschenverstandes. weil jenseits aller Zeitbarrieren.

Aber nun ist genug. als ihm kein Stuhl angeboten wurde. nach so langer Bekanntschaft. Doch wollen wir dabei Amerika nicht vergessen. wie das anfängt. Wollen uns doch nicht krank werden?« Diese Sorge teilte Fontys Tochter mit Hoftaller. Da ist was dran. Aber dann sollten Sie für ihn was ausfindig machen. Kaum war Hoftaller gegangen. Ausgenutzt wird er. Fonty hatte sich dem Gejammer um seinen Zustand durch Weghören entzogen. Man sollte ihn endlich in Ruhe lassen. Muß es doch geben in so nein großen Haus. als »altvertrauten Kumpan« zu akzeptieren und seit Jugendjahren als »Stoppelkopp« zu fürchten gelernt hatte. >Vater kennt seine Grenzen nicht!< sagt Mama. Werden wieder die Nerven sein. Müßten Sie eigentlich wissen. genau. Und eines Tages wird China . Er ging.. daß ihm das Raufundrunter und die ewige Aktenschlepperei nicht bekommt.aufpassen! Habe übrigens ne ähnliche Meinung. Und zwar wie gehabt. Das kommt. Wuttke! Sie zittern ja richtig. Aber läßt nich locker. Aber ist nix mit Rücksichtnahme. weil er sich leicht übernimmt. Denn im Prinzip haben wir nix dagegen. Kleinund Kleinstnationalismus betrifft. ein bißchen Ruhe verdient. Schlottert richtig. Genau! Alte Kameraden! Von mir aus. Sieht man ja. ohne sich zu verteidigen. Sieht Ja wie Spucke aus. Darf aber nicht in Arbeit ausarten. Mit gelockerter Krawatte saß er und blickte wäßrig. nach Fontys Worten. weiß Gott. Kennen ihn doch angeblich aus Kriegszeiten schon. zum bloßen Objekt gemacht.« Martha Wuttke bat den Tagundnachtschatten ihres Vaters nicht in die gute Stube. es sind mal wieder die Nerven. Mensch. Er saß am Tisch. der seinen von Schüttelfrost gepackten Schützling in der Dreieinhalbzimmerwohnung ablieferte: »Die Aufregungen der letzten Tage haben ihn mitgenommen. Wenngleich sie ihn. wenn dieses Stinktier sich breitgemacht hat. Müssen wieder mal Doktor Zöberlein rufen. was den neuesten Groß-. Schätze. Das müßte Ihnen natürlich längst bewußt sein. halbtags. Kenn ich von mir.. das weniger anstrengend ist. zitterte in Schüben und bewegte einige Brotkrümel auf dem Wachstuch. In seinem Alter hat sich Vater. öffnete Emmi Wuttke die Tür der guten Stube einen Spaltbreit zur Küche: »Is er weg endlich! Richtig durchlüften muß man hinterher. wohin das führt. fertigte sie Hoftaller in der Küche ab und hielt dabei die Tür zum Hausflur offen: »Glaub. mißbraucht. Muß meinem . Er wird uns noch krank werden!« Hoftaller bestätigte Martha Wuttkes Befürchtungen. bitte. wenn Vater ner Tätigkeit nachgeht.

« Als Emmi Wuttke den Hexenspruch schottischer Herkunft hörte. Und ich Dummerchen hab geglaubt. dank des Stiefvaters Namen. aber die Nachricht von Fontys Nervenkrise erreichte uns mit Verspätung.Wuttke immerzu auf die Hacken treten. « Im Grunde hing er an beiden Frauen. Jene mit Emilie. denn das gelegentliche Zetern der hugenottischen Emilie und der oberschlesischen Emmi war ihm zwar schrille. die andere. damit isses nu vorbei. und doch lobte er in Briefen wie bei Archivbesuchen die mit Emilie ausgelebte Ehe als ein »alles in allem strapazierfähiges Bündnis«. . um auseinander zu können . trotz brüchiger Nähte. zwei Stunden später futtert sie dann eine Schinkensemmel . Wochen nach seiner Erkrankung.. Kein Wort. keine Klage. doch lebendige Musik. um so häufiger stand ihm aus doppelter Sicht. Er ließ das mit sich geschehen. wenn die erste gemeint war. auch bei den Wuttkes hing oft der Haussegen schief.. hoffte er dennoch nicht auf Friedensschluß. Vater!« 10 Warum am Ringfinger gezerrt wurde Die Ehe war schwierig. die. dann wieder als sauer verdiente Belobigung.. entspricht ihre steife Würde den Möglichkeiten damaliger Atelierphotographen. In einem Brief an Martha Wuttke. Je länger sie dauerten. Tand ist das Gebilde von Menschenhand. die Goldene Hochzeit vor Augen.« Wir vom Archiv wären gern behilflich gewesen. dauerte achtundvierzig Jahre.. das ihm und Emmi beispielhaft vorgeschrieben bleibe: »Wir sind zu verzwirnt. so ist Ophelia oder ohne Kranz die Lady Macbeth fertig. deren leiblicher Vater Bosse. als Bürofräulein Emmi Hering hieß. geschrieben hat. mal als Schrecknis. Selbst wenn er Ende der siebziger Jahre sein Eheleben als »unseren Dreißigjährigen Krieg« überschaut und mit wenigen Freunden abgefeiert hatte. lesen wir: »Mama verfällt leicht in ein gewisses Irrereden. « Und mit Zitaten dieser Art berief Fonty beide Ehen. über die zweite zu klagen. Sobald uns die historische Emilie auf Photos streng zugeknöpft entgegentritt. doch beide hielten. Nur beim Fiebermessen sagte er leise und doch wie vor Publikum deklamierend: »Tand. rief sie: »Nu wirste uns och noch krank. blieb gleichfalls krisenfest. geborene Rouanet. und der Bund mit der geborenen Emmi Balunek. und wenn man ihr einen Kranz einflicht. Fonty neigte dazu. und sei es mit einschlägigen Zitaten. die eine. deren Adoptivvater Kummer hieß. Beide Frauen brachten ihn zu Bett. den er später.

verläßlich beschloß sie ihren neuesten Leidensbericht mit dem Satz: »Aber mein Wuttke macht alles immer noch schlimmer. und hinter ihnen blühte der Holunder oder war reif. später leider blauschwarz gefärbtes Haar in naturwüchsiger Bräune vor.« Und doch wurde mit dem Gejammer der alten Frau die junge Emmi Hering wachgerufen. Später saßen sie. »kastanienbraun«. bestimmt auf einer Bank der Rousseau-Insel gegenüber. Schafskäse aus den Cevennen. war er nur andeutungsweise erstaunt. während von vielen Nachbarssöhnen nur noch die letzte Meldung nach Hause kam. geschah es im Paternoster. hatte nichts dagegen. daß wir sie mit Schnappschüssen vorstellen könnten. Kaum hatten wir im dritten Stock geklingelt. Ob sie über Blasen. was nicht schwerfiel. Würste aus Lyon. Wir stellten uns ihr früh ergrautes. Und als der Soldat Theo Wuttke im Spätsommer 45 als entlassener Kriegsgefangener heimkehrte. sie war dick. Auf dem großen Kunstsee nahe dem Zoogelände ruderten sie abwechselnd. ein und aus ging. kam uns Emmi. die schon wenige Jahre später Kollwitzstraße heißen sollte. lachte in ihr versteckt noch immer ein junges Mädchen. die zur Fülle neigte . denn Emmi Wuttke sprach gerne mit uns über Unpäßlichkeiten. Meistens erlebten wir sie in kurzärmeliger Kittelschürze und in ausgetretenen Schlorren. sogar Parfum und Brüsseler Spitzen. stand sie in der Wohnungstür mit vor der Brust verschränkten Unterarmen: eine fleischige Bastion. verlobten sie sich. Der Soldat erzählte Anekdoten aus dem besetzten Frankreich. von Kurzurlaub zu Kurzurlaub. sobald wir die Wuttkes besuchten. zumindest anziehend gewesen sein.oder Atembeschwerden klagte. im frühlingshaften oder herbstlichen Tiergarten. Der Soldat brachte Geschenke mit: normannischen Apfelschnaps. überbordend entgegen: mal aufgekratzt. Wie wir wissen. Der Soldat lud das Mädchen zum Rudern ein. und zwar Knall auf Fall. denen stets der Jammer über ihres Mannes kaum faßliche Existenz beigemischt war. Und schon bald. wie uns Fonty versichert hat. Laut leidend blühte sie auf. wenn der junge und überdies unterhaltsame Soldat in der Weißenburger Straße.denen Momentaufnahmen nicht glücken wollten.nein. Der Soldat kam immer wieder. Jedenfalls war zu ahnen. das hieß nach nächster Dienstreise. Wenn die photographierte Emilie matronenhaft stattlich auftrat. bei der Emmi wohnte. Tante Pinchen. Das Bürofräulein muß hübsch. Wenn Erwin lachte. die geduldig überredet werden wollte. aber Emmi wurde uns lebhafter und dergestalt leibhaftig bekannt. dann wieder als Trauerkloß. Sie war eine gemütvoll leidende Person. als . warum sich der Soldat Theo Wuttke im Frühling 194o in die knapp achtzehnjährige »flotte Tippse« verlieben konnte.

lief ihr das Faß über: »Na.. von der Tante Pinchen der jungen Familie eineinhalb Zimmer abgegeben hatte.. Zweifel zu äußern. das mit dem Blinddarm passiert wär. Unser Georg war ja schon siebzehn. weil nichts . wie alle Nachbarskinder im Haus und auf der Straße den zweitgeborenen Sohn Teddy. Studium. als er schon Fliegerhauptmann war. da kann man nich meckern. Doch nicht die vielen Geburten haben Emmi fettleibig werden lassen. Und weil denn die Krankheiten kamen. Nach einer Fehlgeburt gelang ihnen der jüngste Sohn Friedrich. Schule. der Friedel gerufen wurde. den erstgeborenen Schorsch riefen. Als wir es wagten. Muß ganz schön was gekostet haben. Und als im Jahr darauf. als er Lehrer konnt werden und nachem Schnellkurs gleich Anstellung für Deutsch und Geschichte fand. als die bei seiner Schwester Lise alles ganz superdoll fanden in Hamburg. Na.. aber Teddy und Friedel mal grad erst vierzehn und zwölf.. Auch war sie kein Vielfraß oder unmäßig auf Süßes versessen. hier. Weil er immer nur >freiberuflich< was sein wollte.. alles hingeschmissen hat. hat er gesagt: >Dieser pädagogische Krempel. Einzig Fonty soll schuld an ihrem Kummerspeck gewesen sein. Tante Pinchen starb. Und wenn unserm Georg nich. Sie haben sogleich geheiratet. Der Soldat wurde Junglehrer. was ich mein.< Und weil danach auch nichts Richtiges aus ihm geworden is. weil die Jungs . Na ja. Das war schon schlimm genug. Aber mein Wuttke hat alles immer noch schlimmer gemacht. sondern als Vortragsreisender unterwegs war. Deshalb sind auch die Jungs weggeblieben alle drei. und bald lief der kleine Georg in der nur mäßig beschädigten Dreieinhalbzimmerwohnung. Weil er nachem Krieg. weil ich meine Arbeit verlor und wir nich mal auf Besuch rüber durften.ihm seine Verlobte zur Begrüßung den Erstgeborenen in den Arm legte. Jedenfalls sind alle drei was geworden drüben. denn Emmi ging bereits im fünften Monat mit Theodor schwanger. Sie wissen schon. weil zum Hunger die große Kälte kam.. paar Jahre später schon. Erst drei Jahre später.. weil mein Gewicht und weil ich seitdem was an der Blase hab und weil mein Atem nich nur beim Treppensteigen . Und weil er von Anfang an diesen Tick gehabt hat. Das Kind zahnte bereits. konnte ihnen das Wohnungsamt keinen Untermieter zwangsweise einquartieren. als der einstige Soldat nicht mehr Lehrer. Na. richtige Kinder noch. weil ' ihm das stank. gesorgt hat sie für die drei. inne Grundschule Senefelder. kam Martha und wurde vom Vater gleich nach der Geburt als Mete liebkost und später sogar in Briefen Mete genannt.. weil immer alles ganz unsicher mit ihm war. Sie wollte noch mehr Kinder. Aber hier wurd es immer schlimmer für mich. Republikflucht hieß das .

sobald ihn Emmis Klagen aus dem Haus trieben. als ihm der Kulturbundsekretär noch einmal auffem Tablett serviert wurde. wobei er auf eine Skizze zurückgriff. So ist mein Wuttke nun mal.wurde aus ihm. angeboten und richtig gedrängelt haben. Na.. zu allem. so wird er vertreten. denn bei der Selbstkritik vorm Kulturbund. Ist er krank.kamen alle verpaßten Gelegenheiten auf den Tisch. Auf ihr Drängen hin ist übrigens für Martha das Klavier angeschafft worden: »Wir hatten och ein Piano in unserer Villa in Oppeln . daß Fonty.»Bestimmt wär mein Wuttke Schuldirektor geworden« . hat er ein auskömmliches Gehalt.. Aber sechsundsiebzig. unbedingt seinen Senf dazugeben?« Und nach der aufs Spiel gesetzten Karriere .< Und hat dann alles hingeschmissen. Immer am Schreibtisch sitzen und Berichte schreiben. die Wünsche der historischen Emilie und geborenen Rouanet-Kummer herbeizitiert hat. Zum Beispiel hieß es: »Ein Beamter lebt lange.. Nur Aktenbote ist er geworden . Und Fehler sind gleichgültig. Muß immer alles noch schlimmer machen. ist er dem Parteikollektiv ziemlich hochnäsig gekommen: . Doch als die Genossen ihm sogar Potsdam und Neuruppin. die unter der Überschrift »Wie sich meine Frau einen Beamten denkt« die mißliche Lage im Hausstand des Unsterblichen nach Punkten von eins bis zehn aufgezählt hat..< Und dann noch eins draufgesetzt: >Biermann hier ist besser als Biermann drüben. kein Lehrer nich. erstens hätt er in die Partei reingemußt. Außerdem wollt er nich nach Pasewalk oder noch weiter weg. die Sicherheiten einer festen Anstellung weit oberhalb der Position eines Aktenboten aufzählen können. als dem verdienten Kulturbundreisenden ein Posten als Kreissekretär angeboten wurde. wenngleich in anderer Tonlage. >den ganzen Kulturkrempel<. hat er gesagt. was damals politisch lief.. Badereisen sind garantiert. nach Sachsen runter womöglich.. hat er sich wieder alles politisch verdorben. wollt aber nich.. und achtundsechzig soll er auf Vortragsreise wegen dem Einmarsch der sozialistischen Bruderländer gestänkert haben.. was ja ganz nah liegt. beim Kulturbund rein gar nichts und im HdM . als er noch Lehrer war. so schlimm. hat er in aller Öffentlichkeit gesagt: >Sänger muß man singen lassen. daß er dann überhaupt nicht mehr reden gedurft hat. Solange er lebt. « Für die Last dieser umfänglichen Schuldzuweisung spricht. « Ähnlich hätte Emmi Wuttke. solange nach außen hin die eigene und des Standes Unfehlbarkeit gewahrt bleibt . als die Genossen ihm eigentlich haben helfen gewollt. « Immer wieder hat sie ihrem Mann die hingeschmissene Pädagogik vorgehalten: »Mußte mein Wuttke denn. »Aber mein Wuttke sagte jedesmal: Liegt mir nicht sowas. die sich ab Ende der sechziger und bis Mitte der siebziger Jahre ergeben hatten.

von wem. er habe sich absichtlich um Kopf und Kragen geredet und sich politisch aufgespielt. Geschämt haben wir uns. der sogleich nach dem Rücktritt wie befreit aufatmete und seinen ersten Roman »Vor dem Sturm« zügig zu Ende geschrieben hat und fortan. Kränkungen. Und Martha hat hinterher geweint. Sogleich nach Ostern hatte er. als sie Vater im HdM besucht hat. Fontywitze!« . Ich denke jetzt aber anders darüber. Grad zum Aktenschleppen war er noch gut. den Dienst angetreten. denn gleichlautend hat der Unsterbliche seinen Posten als ständiger Sekretär der Preußischen Akademie der Künste niedergelegt... nur um an den langweiligen Kulturbundsitzungen und der bloßen Schreibtischhockerei vorbeizukommen.auch weil der Kaiser diese Berufung gebilligt hatte -. Dabei sei ihm.>Kreissekretär<. Elbe und Oder gehalten hat.. Nichts als Ärger. wo er immer schwerbeladen die Korridore lang von Zimmer zu Zimmer und mit dem ollen Paternoster rauf und runter mußte . ist mein Wuttke grad noch als Aktenbote untergekommen. Er mache sich vorm Publikum zum Gespött. Nur noch freiberuflich will ich. nur noch freier Schriftsteller sein wollte. die er zum Ruhme des Unsterblichen zwischen Ostsee und Erzgebirge. < Das reichte den Genossen natürlich. der immerhin ausreichend für die Familie gesorgt hat. Drei Monate lang gehäufte Mißlichkeiten. « Soviel stimmt: Nie wieder durfte Fonty mit Standardvorträgen unterwegs sein. hat er gesagt. Später schrieb er: »War so ziemlich meine schlechteste Lebenszeit. ihrem Mann vorzuwerfen. Und nur. Aber damit war sowieso Schluß. Bin nicht befähigt für eine solche Stellung. gänzlich unbeamtet. warf sie ihm vor: »Die reißen Witze über dich. wie Emmi Wuttke nicht aufhören konnte. « Und Emilie? Sie hat ihren amtsuntauglichen Mann. ist Emmi fragwürdig gewesen. als freier Mann reden ... vielleicht für etwas Dienstliches überhaupt nicht. Doch schon der Vortragsreisende. die Schuld in mir selbst zu suchen.« Wir vom Archiv können Emmis Zitat als Zeugnis bescheiden auftrumpfenden Hochmuts bestätigen. Als es damit vorbei war. war ich bescheiden genug. >ist nicht meine Sache. Pannen und zänkisch ausgetragene Intrigen reichten aus. die Familie schnuppe und seine spezielle Freiheit heilig gewesen: »Na. fragen Sie nich. weder die Kündigung bei der Kreuzzeitung noch dieses Hinschmeißen von Amt und Würde verziehen. um die Kündigung des gut dotierten Amtes im Sommer 1876 zu begründen. weil er wieder mal Fürsprache gefunden hat. wie immer schon. auf Wunsch seiner Frau und weil Freunde ihn drängten .. dies ewige Rumzigeunern auf Vortragsreise.

so geflissentlich Fonty seinerseits des Unsterblichen Hang unterdrückte. wenn in einem seiner Vorträge alle Romane aus pflanzenkundlicher Sicht durchjätet wurden und. Fonty spielte mit uns. deren Autor gedoubelt zu sein schien. indem er vieldeutig blieb. denn jedes Zitat ließ sich auf das Zentralorgan der Einheitspartei ummünzen. gleich nach dem Heliotrop. ohne daß Fonty Wortwörtliches aus dem staatstragenden Langweiler »Neues Deutschland« vorgetragen hätte. etwa indem er Parteifunktionäre und Reisekader als typisch preußische Geheimräte und Reserveleutnants auftreten ließ.und Fernsehfilmen. beim Gespräch am Küchentisch ihren Wuttke zu hören. man lächelte. nach denen die Zukunft des »vierten Standes« im Arbeiter. den Immortellen signalhafte Bedeutung zuwuchs.und Bauern-Staat zwar aufgehoben sei. offene Provokation war nicht seine Sache und gleichfalls nicht Sache seiner dankbaren Zuhörer. um so detailgetreuer glich er dem Vorbild. er bot Anlaß zum Lächeln und wurde uns dennoch nie lächerlich. daß Emmi immer häufiger Anstoß an seinem Äußeren nahm. Hinzu kam. Es stimmt schon: Er sah wie abgekupfert aus und hätte in Kino. und weil dieses Spiel in oft trister Zeit Spaß machte. Er zog Publikum an. Gewiß. denn nie konnte sie sicher sein. daß Emmi klagte: »So redet doch mein Wuttke nich. >Mit mir ist nich mehr viel los. dem alten Stechlin und schließlich der weit älteren Originalvorlage genähert. weil damals noch verblendet. daß uns seine besessen vorgetragene Heiterkeit verlegen gemacht hat. . literarische Hauptfiguren darstellen können. wenn sein Vortrag über die reaktionäre Kreuzzeitung mit dem Titel »Wie man zum Wohle Preußens die eigene Meinung vermeidet« mehr als gewagt war. so schlimm war es nicht. Er machte sich mit dem Werk des Unsterblichen mehr plaudernd denn dozierend gemein. so täuschend hatte er sich dem alten Briest. wenn seiner verblüffend genauen Zitierkunst ironische Anspielungen auf die sozialistische Gegenwart gelangen. mit französischen Einschiebseln zu brillieren. aber ausgelacht oder gar zynisch bewitzelt haben wir Fonty nie. ob wir Zuschauer oder Komparsen einer Komödie waren. Sie wagte das Fremdwort: »Er personifiziert sich schon wieder«. Eher war es so. Nein. spielten wir selbst dann mit. Kein Wunder. Nie wußten wir genau. Emmi Wuttke aber mußte diese Angleichung mit Sorge sehen. nur in Nebensätzen die Zeit schwinden und voraneilen ließ oder die »weißen Schimmel des sozialistischen Realismus« wie ein Zirkusdirektor durch die Manege trieb. die übrigens in beiden Staaten produziert wurden. kopfschüttelnd. doch weiterhin ungesichert bleibe. hörten wir seine Thesen. Je älter er wurde.Wir hätten widersprechen können. man vergnügte sich hinter vorgehaltener Hand.

Fein säuberlich auf meiner alten Erika abgetippt alles. Richtig Angst kann man kriegen. sein Gerede. Na. >das sind Feinheiten. wenn man das liest: 'Liebesbrunst gleich Feuersbrunst'. über Kasinoabende in Schlössern und Luxushotels. Dazu die Haarflusen bis innen Nacken rein. die ja jedes Buch von seinem Einundalles gelesen hat. Sie könne das schließlich beurteilen. daß er sogar die alltäglichen Abneigungen seiner Frau. der in einer Art Verkleidung herumgeht.« Wir wissen von Fonty. Aber gefallen.. Dafür war ich gut.Buschen<. Is man bloß mein Wuttke. Wuttke!< hab ich gesagt. ein popliger Aktenbote. die nicht dein Fall sind. Viel zu unwissenschaftlich.>Nein. Bismarckhut? Is er nich. Über Beziehungen. Und wie er rumläuft. hat er neulich zu mir gesagt. Ich kenne das schon. War immer nur seine Tippse.. Emilie<.. Die waren sogar lustig manchmal. Dem jungen Dramatiker Gerhart Hauptmann. Ein Roman wie 'Unwiederbringlich' verlangt ein freies Gemüt . Und dieser Hut! Is ja möglich. als wäre ich aus einer unnatürlichen Kreuzung von Cato mit Goethe hervorgegangen . « Emmis Mängelliste war länger.>Laß man. Wer soll das kapieren: >Die Umschreibung sexueller Vorgänge als Feuersbrunst. Hab mir viel später erst ne moderne von Robotron geleistet. Lauter Übertreibungen. und es schadet auch nicht viel. Aber die Leute lachen darüber nur . da glaub ich nicht dran. War ja Mangelware.. <« Ähnlich kritisch sah die geborene Emilie Rouanet-Kummer ihres Mannes literarische Produkte. Die hab ich heut noch. Dafür . Das ist dein Feuertick. zu dessen Theatererfolg der Unsterbliche mit vehementer Belobigung des Erstlings »Vor Sonnenaufgang« beigetragen hatte. soll sie inmitten Berliner Gesellschaft gestanden haben: »Er hält sich für einen Schriftsteller. Weiß noch. Schon seine Vorträge waren ihr als »verquatschtes Zeug« zu zweideutig witzig gewesen.. richtig gefallen hat mir das nich mehr. >Was soll das nu wieder?< hab ich oft genug zu meinem Wuttke gesagt. Nich Bismarck noch sonst wer.. Und nachem Krieg seine Vorträge alle. Aber was heißt das. Immer den ollen Shawl rumgewürgt und mit Krückstock. fand auch Martha. versicherte sie uns. und dann erwartet sie wieder eine Haltung von mir. denn ihr habe das schwer leserliche Bleistiftgekritzel jahrelang zur Abschrift vorgelegen: »Schon im Krieg seine ellenlangen Berichte aussem besetzten Frankreich. als mal wieder ne Reinschrift fällig war. muß Anfang Siebziger gewesen sein. daß ihm der steht. hat er gesagt. über den sich die Leute schieflachen.< . >Du spinnst dir wieder was Abartiges zusammen. < . Gab ja nichts Neues. ihren Ärger über Hut und »bismarckbraunen Überzieher« rückgewendet erinnert hat: »Meine Emilie sieht in mir einen vollkommenen Proletarier.

Freund Lepel oder die Merckels. Wenn Emmi kam. Und später.»Emilie meint. wobei sie mit ihrer Besorgnis oft laut klagend Teilnahme suchten. und beide glaubten sich zu Besserem. Sie konnte unausstehlich sein. ich schriebe bei Nicht-Stoff in der Regel besser als bei viel Stoff. Sie vertraute uns. Im Zweifelsfall war Fonty das bessere. der Photos von märkischen Landschaften und Sehenswürdigkeiten zu bieten hatte. Es muß wohl Liebe gewesen sein. Selbst aus verschollenen Tagebüchern gab er uns triftige Hinweise. wenn wir sie beruhigen konnten. Fonty wußte zu klagen. der aushalf. das konnte Hoftaller ergänzen. und ihr Urteil . war . Und was er nicht wußte oder verdrängt hatte. doch Hunger haben die eine. war trotz günstigen Gutachtens nichts geschehen. Nur soviel stimmt: Oft war es knapp. Sparsam mußte man sein und sogar die Manuskriptblätter doppelseitig benutzen. weil noch der kühn verstiegenste Vortrag Fontys sich als zitatsicher und stichhaltig bis ins verborgenste Quellenmaterial erwies. die andere Familie nicht leiden müssen. weil die »Nervenpleite« die Wuttkes heimgesucht hatte.wie vormals Tallhover . Wir durften sie nicht enttäuschen. das ihre Stimmung hätte aufheitern können. war Sorge um Wuttke Ausdruck ihrer Leidensmiene. Emmi Wuttke ist sogar zu uns ins Archiv gekommen.. »streng wissenschaftlich« überprüfen zu lassen.reicht es wohl nicht . Übrigens sind zweifelhafte. auch uns irritierende Details durch spätere Manuskriptfunde bestätigt worden. dessen Besuche waren allerdings peinlich. Doch selbst dann. weil lückenlose Archiv. Aus zufällig entdeckten Briefen. wie sie sagte. für ein Leben in Glück und Wohlstand geboren.fand sogar Gehör.als Hausfreund Hoftaller zur Stelle.. Sie sah traurig aus in ihrer körperlichen Fülle. um das eine oder andere Vortragsmanuskript ihres Mannes. die Emilie und Emmi ein Leben lang anhänglich bleiben ließ. Wie Emilie sah sich Emmi als »zurückgesetzte Kreuzträgerin«. Und beide Frauen haben ihr mangelndes Verständnis durch Fürsorge wettgemacht. darunter einige an Mathilde von Rohr. als es ganz schlimm stand.. « .. . « Aber auch sie hat jahrzehntelang alle bleistiftgefüllten Manuskriptblätter leserlich abgeschrieben. hat er vorahnend zitiert. daß er »oft wochenlang unter ihm angetragener Mißlaune bei bösem Gesicht« hat leiden müssen. Wenn Emmi Wuttke uns verließ. Davon durfte Fonty natürlich nichts wissen. doch notfalls fand sich immer jemand. saß sie ein wenig verlegen auf unserem Besuchersessel und blätterte abwartend in einem Bildband.

bei dem der Rittmeister von Poggenpuhl zu Ruhm gekommen war. das elterliche Schlafzimmer räumen müssen. daß im Haus der Ministerien vom »beunruhigenden Zustand« des in allen Stockwerken beliebten Aktenboten die Rede war. genauer gesagt. zumal gerahmte Stahlstiche an den Wänden hingen. daß man auch in ganz kleinen Verhältnissen. und mit einem weißlackierten Pfeilerspiegel samt eingelegter Goldleiste möbliert. wenngleich Potsdam weitab liegt.als Salon dienen können. Später wurden wir von Emmi Wuttke auf eine Tasse Kaffee in die sogenannte »Gute Stube« gebeten. lag seitdem Fonty. zufrieden und beinahe standesgemäß leben könne . ganz unpassend. den wir fiebrig unruhig erlebten. Eigentlich hatten die beiden Frauen den Kranken im . einem zierlichen Schreibsekretär. daß Fonty. direkt überm Sofa. nun mit Nervenfieber. Sein Bett. Weil ursächlich schuldig gesprochen. nur noch für Emmi war das Ehebett breit. Und in Georgs altertümlichem Bettgestell. Dann lag er wieder apathisch in der engen Kammer.. zwei Medaillonsesseln. und wir vom Archiv nannten die gute Stube auch »Fontys Poggenpuhlschen Salon«. stand seit Jahren hier. dessen Pfosten mit Messingkugeln bestückt waren und das die Studierstube noch enger machte. Hoftaller riet zum Besuch in allerdings kleiner Delegation nur. in der Marthas seit ihren Mädchenjahren verstummtes Klavier stand. So hörten auch wir davon.. die Preußens Geschichte mit militärischen Szenen bebilderten. auf dem. « Und nun lag er im Fieber und zerrte am Ehering. unter ihnen. das Gemetzel von Großgörschen. nein.hatten wir Fontys abgewandeltes Selbstzitat gehört: »So wohnen wir und geben der Welt den Beweis. daß man nicht hinsehen mochte. hätte das Wohnzimmer den Poggenpuhls .Sogleich ließ er Fonty krankschreiben. während wir aus Meißner Porzellan Kaffee tranken. Er sorgte dafür. in dem er nun am Ehering zerrte.»arme adlige Majorin mit drei Töchtern« . häufig mit dem Ringfinger seiner linken Hand spielte. wenn man nur die rechte Gesinnung und dann freilich auch die nötige Geschicklichkeit mitbringe. Die kleine Martha zog in das Zimmer der Jungs. Emmis elektrische Schreibmaschine stand. Überall. Zuallererst fiel auf. die mit Schreibtisch und überbordenden Bücherregalen als »Vaters Studierstube« galt. hatte Theo Wuttke. Mit dem Sofa. er zog bei geschlossenen Augen am Ehering. im Ostteil der Stadt sprach sich die Nachricht von der Erkrankung herum. Oft genug. auf dem sie mit Stücken von Chopin und Schumann »gut draufgewesen« sein will. nicht eigentlich spielte.. und versuchte so unablässig seinen Ringfinger zu entlasten. gleich nach der Flucht der Söhne in den Westen.

auffem Flügel natürlich.Salon betten wollen. daß Emmi bald zwischen der väterlichen Kammer und dem Zimmer der Tochter hin und her eilte: Beide Krankenlager. weil ich auffem Lyzeum nich richtig mitkam. Kann das nicht. Alles futsch. die sich leider »als junges Ding« von einem Klavierlehrer habe verführen lassen. bei uns haben sich die polnischen Arbeiter nich beklagen gemußt. mit ihrem Ernst-August wohnte.. hielten die schwergewichtige und immerfort seufzende Frau in Trab. Zuerst ging in Oppeln alles futsch. Und hinterm Park vier Getreidesilos. und von Verlusten sprach sie besonders gerne: »Können Sie glauben: Richtige Schicksalsschläge waren das. Nichts is geblieben. ganz ohne Perspektive leben . zwischen denen die Küche lag. als mit »doppeltem Kreuz beladen« verstand. Nein. ihres Vaters häufige Unpäßlichkeiten.. « Sie fühlte sich vom Schicksal betrogen. in die Bürolehre ging. »Wenn nich der Krieg dazwischengekommen wär. auf ihr oberschlesisches Herkommen zurück. weil in Berlin seine Schwester. die mit uns im Poggenpuhlschen Salon am Kaffeetisch saß. Dann sind Papa und Mutti nach Breslau. daß Emmi Hering nach Abschluß ihrer Ausbildung als kaufmännische Büroangestellte den väterlichen Getreidehandel hätte übernehmen sollen. doch bestand Fonty mit letzter Kraft auf dem Bett in seiner Studierstube. Ich war ja schon in Berlin. Alles Kaltblüter. « Kein Wunden daß sich Emmi. Tante Pinchen. Und daß ich. Redete hier aus immer neuen Fieberschüben ihr Wuttke »lauter krauses Zeug«. bis mein Wuttke gesagt hat: Das reicht. Sind beide nich rausgekommen. Das Elternhaus geriet ihr zu einer Villa mit sieben Zimmern. wie die uns brieflich überlieferte Mete neigte sie dazu. . weinte dort die Tochter vor sich hin und wollte die bevorstehende Hochzeit absagen oder zumindest aufschieben: »Bin noch nicht soweit. Entsprechend häufig kam sie.. Sie pflegten ihn zu zweit. als sie noch geübt hat jeden Tag. wie unsere Martha früher. als der Krieg losging. Die schöne Villa. Wir hörten. sondern auch gegen Ende die Eltern genommen. Ihr Leben war ihr ein Opfergang. Wintergarten und Park. was ja die Hölle war als Festung im Endkampf und so. seine sommerlichen Depressionen und nun sein Nervenfieber so mitfühlend zu erleiden. Und Mutti spielte jeden Tag Klavier.. Und drei Gespanne hatten wir für die Fuhren. zwischen Kurzbesuchen bei den Kranken. als wir zum Reich kamen. war Papas Wunsch. später och nich. Der Krieg hatte ihr nicht nur den karriereuntauglichen Theo Wuttke beschert. bis Martha gleichfalls krank wurde. der Stiefvater zu einem vermögenden Getreidehändler und die Mutter zur hochmusikalischen Pastorentochter. Von wegen Schuhmachermeister.

die hieß Lise Neiffert. All die schlimmen Jahre lang durft ich nich.. Wieder mal Nervenfieber. das haben wir gemeinsam. bestimmt Major. War immer noch Liebe. da fragt man nich viel. Richtig schüchtern war der. Immer mehr Bomben.. war Liebe auf ersten Blick. war es ziemlich sicher im Keller. Hat sich aber trotzdem bißchen gefreut über das Kind. Kein Arzt konnt helfen . jedenfalls anfangs. Mit der Reichsluftfahrt. Ich mußt ja auf Arbeit.. als alle drei bei ihr auf Besuch warn und denn dablieben. nich im Keller.ja.. und alles war dicht hinterher. das kennen wir schon . Na ja.. War komisch. Abgerissen und ausgehungert. nee. dann als Tippse beim Wohnungsamt. auf der Stelle. zuerst Trümmer wegräumen. Nicht nur die Schwäche. wo erst in Hannover. « . Deshalb hat sie mir och nich die Jungs zurückgeschickt. Und undicht vom Dach war es och. Aber immerhin war es ne Bleibe. Gott....besoffen war der meistens schon gegen Mittag. wo ich gleich nacher Lehre Anstellung fand. wo ich bis zuletzt war. Hat lang gedauert. Na klar. da kam er zurück. Na. Sowas wie jetzt hat er gehabt: richtiges Nervenfieber. hat ja keiner gedacht. weil sechsundvierzig in dem schlimmen Winter Tante Pinchen starb und ich wieder schwanger. aber die Wohnung hatten wir bald ganz für uns. Doch inner Reichsluftfahrt. Wurde schlimmer und schlimmer. was haben wir nich alles versucht: Briefe und Telegramme. weshalb wir nich nachem Westen rübergemacht haben. Aber als das passierte. Friedel hat ne Buchhandelslehre gemacht und nennt sich in Wuppertal nu Verlagsleiter. Denn was wir durchgemacht haben die schlimmen Jahre lang. Nach vorne raus warn da anfangs keine Fensterscheiben mehr.. Lise hat gesorgt für die Jungs: Teddy is Beamter in Bonn. wurde mein Wuttke krank. durft aber nich. Aber eins muß man ihr lassen. weil hier die Mauer kam... nur Pappe. Und unser Georg wär heute.. ihr Mann is in Rußland geblieben . Und in dem schlimmen Winter nischt zu heizen.ne kleine Papierwarenhandlung betrieben hat. Aber erst mal. Ich wollte rüber und die Jungs zurückholen. Da hab ich och meinen Wuttke getroffen. wo er doch schon Anfang siebzig Starfighters ausgebildet hat und wir deshalb . weil ich meist im Tiergarten mit dem Bollerwagen auf Holzsuche ... als er aussein Krieg kam... dann in Hamburg die einzige Schwester von meinem Wuttke . im Paternoster. daß es so ausgeht. War schlimm mit ihm. Ministerialrat . war es ja nu vorbei. wenn das mit dem Blinddarm nich passiert wär. Und als es dann aus war und wir nischt mehr hatten. Tante Pinchen hat ihn gepflegt. War ne kinderlose Ehe. hat er sich hinlegen gemußt... och jetzt noch. grad noch das Dach überm Kopf. sowas verbindet.

beschwört und dem Sohn Friedrich berichtet: »Es ist nicht zu beschreiben. Und nu liegt er lang und fummelt immer am Ring rum. als er 51. weil nämlich die Einheit kommt und der Laden dichtgemacht wird sofort.Jedesmal wenn sich Fontys Lage zuspitzte. Schubweise redete er vor sich hin oder verfiel atemlosem Schweigen. einfach verduften. muß alles immer noch schlimmer machen . Wir erwarten den Arzt. wie Emmi Wuttke behauptete. sagte Emmi. was zumeist vor dem Hintergrund einer politischen Krise der Fall war. wiederholten Karlsbader Beschlüssen und anhaltenden Abhängigkeiten. Wieder vier Wochen. So is mein Wuttke nun mal..« Gleichfalls nervenfiebrig legte er sich zu Bett. an dem er hing.. gleich nach dem fünften Plenum des ZK.laut Diagnose Gehirnanämie . »Vier Wochen lang war er uns bettlägerig«. nach dessen Wortlaut die historische Emilie im Jahr 1892 die schwere Erkrankung des Unsterblichen . bald ist Schluß mit Aktenbote. und dann will er weg. so warf ihn nach jüngster Krise nicht nur die verpatzte Schottlandreise aufs Krankenlager. aber kriegt den nich runter vom Finger. als er sich mit überspitzten politischen Nebenbemerkungen um die Position eines Kreissekretärs gebracht und dann den »Kulturkrempel« ganz und gar hingeschmissen hatte. Und wie er den Wechsel vom Vortragsreisenden zum Aktenboten bettlägerig überbrückt hat. Erst heißt es. Und immer waren die Nerven kaputt.und Bauern-Staates. als ihm sein Vortrag über die achtundvierziger Revolution. mit dem armen Kranken zu leben. die Tage sowohl wie die Nächte. « Während der Rückfahrt nach Potsdam erinnerte sich meine Kollegin an ein Briefzitat. samt Titel »Gegen Demokraten helfen nur Soldaten«. zusammengestrichen wurde. sondern auch der Zerfall des Arbeiter. mitsamt gedoppeltem Vormärz. »Und kaum war die Mauer da und die Jungs drüben im Westen. Mal lag er unruhig. ähnlich reagierte er bald nach dem Arbeiteraufstand. Emmi Wuttke konnte damit umgehen. wie tot sah er aus. Als sie uns nach dem Kaffeetrinken noch einmal ins Krankenzimmer ließ. wie schwer es ist. den er sich altpreußischer gewünscht hatte. seine Stellung als Grundschullehrer verlor: wegen negativfeindlicher Äußerungen zur damals verordneten Formalismus-Debatte. sagte sie: »Na klar! Das war zuviel auf einmal. hat er sich wieder langgelegt. . aber das klappt nich. Jedenfalls mischte sich all das in seinen Fieberphantasien. wurde er krank oder rettete sich in Krankheit. dann wieder apathisch. dem er aber dennoch angehörte und dessen Geschichte vierzig Jahre lang seine Geschichte gewesen war. So muß es gewesen sein.

wie Emmi Wuttke zu ihrer gleichfalls depressiv daniederliegenden Tochter gesagt hat: »Ihr endigt beide noch mal inner Klapsmühle. nur abwarten und bißken jut zureden.der immer dringlicher von einer Nervenheilanstalt spricht. Inge Scherwinski.. Doch kaum war von »Anstalt« die Rede. jegliche Medizin verweigerte. da kann man nischt machen jegen. gastritischen Störungen und dem Nervenfieber geplagten Vorgänger immerhin gelungen war. wenn ihr so weitermacht. Noch lieber wäre ihm das Forschungszentrum Buch gewesen. zeigt jetzt ein rechtes Grauen. schaffte er nicht. Der Unsterbliche hatte vom Krankenlager aus seinem Brieffreund Friedlaender geklagt: »Man ist eben das gelbe Blatt am Baum um die Zeit. Als Hausarzt waren Zöberlein die reizbaren Nerven des Kranken seit Jahren vertraut. Als Martha Wuttkes Jugendfreundin aus gemeinsamen FDJ-Jahren kannte sie deren Anfälligkeiten. die Krise mit stärkeren Medikamenten eindämmen zu können. Unbegreiflich. Anfangs meinte er. Nur über meine Leiche!« Und wie nach vorgeschriebener Rolle reagierte Fonty auf den ärztlichen Rat: Beim nächsten Besuch sahen wir ihn zwischen Fieberschüben abgrundtief niedergeschlagen. daß wir das Wertlose für so wertvoll halten und uns sträuben gegen das Abschiednehmen von Tand und Flitter. rief Emmi: »Da kriegt ihr meinen Wuttke nich hin. sprang ein. dessen Anstalt »sogar im Westen hohen wissenschaftlichen Ruf genießt«. Zöberlein sagte. Doch als Fonty aus nachgelebtem Haß auf alles. den man nach heftigen. Ihre Diagnose hieß: »Dat is Migräne.. der erst damit einverstanden schien. die als alleinerziehende Mutter dreier Gören zumindest am Vormittag Zeit fand. riet er zur Überweisung in eine der Nervenkrankheit entsprechende Abteilung der Charité. wo der Spätherbst einsetzt. Die Gesamtstimmung ist freudlos und macht einen jede Stunde von der Mißlichkeit der Sache überzeugt. was nach Apotheke roch. von Schüttelfrost begleiteten Fieberanfällen aus der nahen Poliklinik gerufen hatte. « Die Familie befürchtete geistige Umnachtung.« . nun müsse die Selbstheilkraft helfen.. Zöberlein aus. so daß ich nur in äußerster Not meine Einwilligung geben würde . Papa. lange Abschiedsbriefe zu schreiben. « Dr.. Selbst am Ringfinger wollte er nicht mehr zerren. Aus der Nachbarschaft kam Hilfe für Emmi. und was seinem von elendigen Müdigkeiten.« Und ähnliche Warnungen sprach Dr.

War es soeben noch die verpatzte Schottlandreise. dann schreiben Sie eben was anderes. wie wir wissen. sich in Breslau einer neuen Methode. die keine Zeitordnung kannten. zweifelte an jedem Wort.Also saß sie für ganze und halbe Stunden in Marthas abgedunkeltem Zimmer und plapperte von früher. Vergeblich saß er über den letzten Kapiteln.. dem Elektroschock. ist ein zu weites Feld . die noch beim fiebrigen Fonty nachklang: »So nehme ich Abschied von Effi. wo die Familie keinen Schlaf finden konnte: »Mete nicht wegen ihrer nervösen Angstzustände. bereits angeschlagen. Und da Inge Scherwinski gerne ihr feines Stimmchen zum Vortrag brachte. um dort stadtmüde. von Ernteeinsätzen und Sommerlagern. sang oder summte sie Martha mit Liedern in den Schlaf.. Delhaes gewesen. die einst wachrütteln und den Aufbau des Sozialismus hatten fördern sollen... zweifelte an sich. Jemand riet. die meinen nicht unähnlich sind. auch Frau . Emmi legte ihrem Mann weiterhin kalte Kompressen auf. selbst wenn sie nicht viel auf Fontys Fieberreden gab. Verzweiflung. doch folgsam auf Rat des Familienarztes Dr. mit der Romanschreiberei ist es vorbei<. anzuvertrauen.. Auch diese Strapaze brachte nichts außer Kosten. die Puste ist mir ausgegangen. der. Schließlich ist es Dr. « Man beschloß die Rückkehr nach Berlin. den Fieberkranken wieder auf die Beine gebracht hat. Fangen Sie gleich morgen mit der Kinderzeit an!« Das half. was bleibt. Emilie nicht wegen der ewigen Stürme . bei Verzicht auf jegliches Apothekenprodukt. Delhaes »andere Luft« zu suchen. und bald danach war »Effi Briest« fertig. indem er die an den Leiden der unglücklichen Effi entzündete Nervenkrise einfach wegredete: »Sind ja gar nicht krank! Ihnen fehlt nur die gewohnte Arbeit! Und wenn Sie sagen: >Ich hab ein Brett vorm Kopf. dann sage ich Ihnen: Wenn Sie wieder gesund werden wollen. « Doch am ausgiebigsten sprach sich während der Fieberschübe die große Schreibkrise des Unsterblichen aus: das Innehalten inmitten der Arbeit an »Effi Briest«. Fonty jedoch wurde nicht durch ärztlichen Rat aus dem Bett gescheucht. verärgerte ihn plötzlich und mitten im Satzgefälle eine mißglückte Sommerfrische im Riesengebirge. zum Beispiel Ihre Lebenserinnerungen. wo der Rat weiterer Ärzte eingeholt werden sollte. nun. das letzte Aufflackern. die ihn über Hochmoore oder von Schloßruine zu Schloßruine trieb. es kommt nicht wieder. Mit Frau und Tochter hatte er sich nach Zillerthal bei Schmiedeberg zurückgezogen. Während der Niederschrift des Buches »Meine Kinderjahre« genas der Unsterbliche. Diesmal war sie besorgter als bei verjährten Hinfälligkeiten.

fettleibig die eine. Sie redeten vor sich hin. Die Frauen auf dem Sofa unter der gerahmten Schlacht von Großgörschen. die. widersprachen sich: ein auf Dauer abgestimmtes Duett. wie es Fonty liebte. war es Hoftaller. Beide hielten sich wortkarg. der plötzlich zutage trat. weil wir geduldig blieben. Das Sommerlaub der Kastanie ließ dem Salon. einbeiniger Tisch. geduldig das überlappte Gerede aufdröseln . als es hier schlimmer und schlimmer wurde« . Nur an günstigen Tagen wurden wir in die gute Stube. Auch hier saßen sie mit verschränkten Armen. das in fast allen Romanen Blickfang ist und »Truineau« genannt wird. unterbrachen. zu reden begannen. als schließlich Emmi erschöpft nach Bettruhe verlangte. hager die andere. Man mochte nicht zusehen. wenngleich es im .geprägt waren: grämlich und verhärtet. von all den schweren Jahren . Wir durften Stichworte geben. und gleichfalls redeten Emmi und Martha an uns vorbei. einem Möbel. dem die gesundmachende Idee kam. dem heute in allen Werkausgaben erklärende Fußnoten behilflich sein müssen. eine gepaarte Front. wenn sie sich aussprachen. dessen Fenster zum Hinterhof schaute. bis sie dann doch. mehr ein sich in Schüben befreiender Stau von Sätzen. Das war kein Plaudern.und Tochter konnten sein Fieber nicht vertreiben. auf dessen Zierdecke außer dem Kaffeegeschirr eine Schale aus Karlovy Vary voller schrumpliger Äpfel stand und an eine lange zurückliegende Reise nach Karlsbad erinnern sollte. Doch in der Küche wie im Salon kam für Besuch Kaffee auf den Tisch.oft hörten wir Mutter und Tochter zugleich. Dämmerung schonte die Frauen. In der Küche standen sie. Beide Frauen verschränkten in Abwehr die Arme vor oder unter der Brust. Mein Kollege suchte zumeist den brüchig gerahmten Großgörschenstich nach entsetzlichen Szenen und heroischen Details ab. gebeten. Zu den Vorlieben des Unsterblichen gehörte der von französischen Brocken und Floskeln durchsetzte Salonton.»Na. den Poggenpuhlschen Salon. Bei jedem Besuch mißtrauten uns Mutter und Tochter ein Weilchen. wir in den Medaillonsesseln. nur selten hatten das Archiv und die Wuttkes einander im Blick. Manchmal gab es Streuselkuchen oder Bienenstich dazu. und wie zwangsläufig war von seinen Marotten die Rede. 11 Mit gespitztem Blei Ihre Stimmen entflechten. nur wenig gefiltertes Licht. Inmitten der Sitzgruppe ein runder. mein Augenmerk glitt immer wieder zum Pfeilerspiegel. Halbsätzen und vergrabenem Wortmüll.

Jedenfalls anfangs nich. kamen bloß olle Kamellen hoch. Ähnlich waren die Frauen sich nur in ihren Dauerwellenfrisuren. Martha sagte: »Wir sind beide nicht mehr die jüngsten und haben uns das nun lang genug überlegt. nie festzunageln. seine Effi und ihre Briefe. die die Wuttkes mit Fontys Tagundnachtschatten hatten. Das war schon immer so. doch nie ganz aufgaben. Zahnpasta... na.. « »Ne Ausnahme gab's erst mal nur für Sie. daß man sich schämen gemußt hat. Außerdem wär zuviel Krankenbesuch für Vater bestimmt zu anstrengend gewesen. muß aber endlich mal gesagt werden.« Doch dann tippten wir Probleme an. « Da die Tochter rauchte. dann sie gleich mit . »Nee. Nur als es schlimmer und schlimmer wurd . auf dessen Notenbrettchen unverrückt etwas von Chopin aufgeschlagen stand. Das war zu Beginn der Phase von Fontys Genesung. einige Wochen vor Marthas Hochzeit mit Heinz-Martin Grundmann... flutscht einem glatt weg... nur heimlich . die sie erst spät.. und wie sich der olle Briest rausredet jedesmal. « »Man denkt. Im Hintergrund des Salons dunkelte das seit Jahren stumme Klavier. draußen kutschieren se noch mit ner Pferdebahn. Überhaupt keine Briefe nich. wenn's knifflig wird . schon immer. wie er dich weichgekriegt hat . Und nur Petroleumfunzeln gibt's. « Wir blieben eine gute Stunde. Eiershampoo und sonst was drin. durften auch wir rauchen. der kam uns nich inne Wohnung. weil Sie vom Archiv sind. « »Hab aber trotzdem gehört. « »Als er noch fiebrig geredet hat. weil das Westkontakt und verboten war.... Natürlich wurde über die bevorstehende Eheschließung gesprochen. genau.. Gleichfalls familiär mutete ihre abwehrende Armhaltung an. kein bißchen Elektrisch . Schließlich redeten beide hemmungslos: »Man traut sich ja nich... « »Na. die ein und denselben Friseur zum Urheber haben mochten. was längst schon verschütt ist . « .. wenn unser Friedel uns Päckchen geschickt hat mit Schokoriegeln.Poggenpuhlschen Salon vordergründig um Theo Wuttke ging: »Im Prinzip lebt Vater alles noch mal durch.. nicht nur als Aktenbote .. weil nämlich die Sicherheit Vater als Geheimnisträger eingestuft hatte.« »Weil unsre Martha och noch bettlägrig wurd. « »So ist mein Wuttke. na. und wir nich mal danken durften. ohne daß wir viel fragen mußten. wenn mein Wuttke schlappmachte.. Wie sein Einundalles.

. die weiß da mehr.»Jeden zweiten Tag geklingelt. wenn ich mit Vater auf Vortragsreise war.. Da tauchte der immer . >Haus Vaterland< und so. « »Was der gewollt hat? Na horchen. aus Dänemark auch.. Wußt aber nie genau.. blutjung waren wir und hatten von nichts ne Ahnung. Cottbus.. als Vater. Und gefeiert haben wir im Café Schilling am Tauentzien. aussem Generalgouvernement.. sein Zeug geschrieben hat. sein Beschatter. Den hätten Sie schn solln: So schmal war der. Und außerdem hat mein Wuttke immer gewußt. weiß ich noch: >Beim Rudern< . Jedenfalls haben wir uns heimlich verlobt. richtig unverschämt. weil ich verliebt war in meinen Wuttke. Nur Tante Pinchen wußte. sogar in Neuruppin. Aber das Schönste waren seine Briefe. immer Gedichte reingelegt. Die kennen sich beide nämlich schon lang. Weshalb ich gerufen hab: >Laß den bloß nicht rein. na.« »Typisch! Mama will wieder mal nix von dem Kerl sagen. weil ich die.. als hier immer mehr Bomben. Weiß nich.. Mutter!<« »Is ne alte Geschichte. ab wann genau.. Jedenfalls hat mein Wuttke. daß man sich immer noch schämen muß. Alle futsch. das hinterher rauskam. Waren gereimt alle . sicherheitshalber nach Dresden zu meiner Freundin Erika geschickt hab. Und alle Straßen voll Flüchtlinge aus Schlesien ... der ja nie richtig an die Front kam. in Potsdam. aber Propaganda war das schon.. Doch als ich gleich nach meiner Lehre zur Reichsluftfahrt kam und bei Major Schnöttker im Vorzimmer saß... weil bei dem Feuersturm . >Historische Rückblicke< hat er das genannt. « »Jedenfalls waren die schon Kumpels im Krieg. Muß ziemlich mies gewesen sein. Was wollt der überhaupt? Aber nich mal inne Küche hab ich ihn reingelassen . hab ich andre Sachen im Kopp gehabt. und ich frag nich viel .. Was aber den Kerl angeht. was von ihm is. Mein Wuttke läßt da nix raus. wie man dem aus dem Weg geht. War ja grad neunzehn erst.. von dem Schlimmen. « »So schlimm war es nun och wieder nich. nicht richtig faschistisch.. an die hundert Briefe in zwei Paketen . Genau! Sie sagen es. daß ich mich heut noch schäm. Sind leider verbrannt alle. Eins hieß.. der damals schon seine Finger überall drin und Vater kein bißchen Ruhe gegönnt hat .. « »Achgottchen. Fragen Sie Mama. aber meistens aussem besetzten Frankreich. « »Genau! Schon als Kind hab ich das mitgekriegt. eigne und fremde. der konnt manchmal richtig unheimlich werden. In Oppeln hatten die keinen Schimmer. was nich. gucken.. wenn er auf Urlaub kam und wir es schön hatten und ausgingen. wenn er schrieb.

. und zwar um zweihundert Taler.. aber Mama. daß man denkt. « » . die ihn gepflegt hat. unsre Martha war einfach verblendet. sondern nach ihm benannt sind. alles durcheinander. hab ich später zu Vater gesagt.. « »So lief der schon damals bei der Reichsluftfahrt rum: Haare auf Streichholzlänge. daß der irgendwie zum PrinzAlbrecht-Palais gehörte . Und manchmal tut er so. wie ich war. als ob die Straßen und Schulen nich nach seinem Einundalles.. über alles. nich nur Revolution. Berichte geschrieben. Sie kennen das ja: achtundvierziger Revolution.. daß dem seine Adresse Normannenstraße hieß. als er mit Fieber lag... « . Wenn du nicht aufpaßt.. « »Und konnt wegen nix lächeln. « »Wir ahnten natürlich.. « »Paß bloß auf. was ich geschrieben hab. wie Schulaufsätze. na. als ob er auf Barrikaden mit ner Flinte dabeigewesen ist. und Vater hat gelacht dazu .. hat der dich bald am Haken. Is richtig abhängig geworden. « »Das hätten Se hören und mitschreiben sollen.. immer schon . was mein Wuttke geredet hat. was hinterher bei Kaffee und Kuchen beim Kreissekretär geredet wurde. selbst wenn ich ab Mitte Siebziger Genossin gewesen bin und mich geschämt hab vorm Parteikollektiv. och sein Gerede mit lauter Figuren von anno dazumal.auf Hab aber nix kapiert im Prinzip und ihm sogar. die Märzgefallenen . « »Ach. Hieß aber anders . nur als Aktenbote noch . >Wachsam sein!< hieß das bei den jungen Pionieren. Und wenn er was rausläßt.. als wenn Kaiser Wilhelm noch immer das Sagen hätt. wo er Glockenläuten gewollt hat. er tickt nich richtig und muß inne Anstalt . wissen Se. Aber genau weiß man nich: Schützt er ihn. dann um drei Ecken rum.. als hätt er diesen Friedlaender oder ne andre wildfremde Person bei sich auf der Bettkante gehabt: >Mein lieber Lepel!< Den hat er anpumpen gewollt. Immer direkt. Denn paarmal hat er geholfen. weil Vater darüber kein Wort sagt. weil Vater wegen dem Schreihals. Das roch man doch. glaubt manchmal selber. wenn es ganz schlimm wurd. och Major Schnöttker. Aber mein Wuttke.. dußlig.. Deshalb wurd er den Kerl nich los. wo ich hinzitiert wurde. na.. ne Lippe riskiert hat und dann später keine Vorträge mehr. wegen Gefälligkeiten von früher. Und immer so. Alles reine Phantasie. War sogar mir klar... oder legt er ihn rein . Hat sich überhaupt nich verändert seitdem.. wissen Sie Ja. der hier nicht singen durfte. bis heut nich. schäm mich aber trotzdem. wie man heut sagt. Stoppelkopp hab ich ihn genannt.. der hat gewußt und trotzdem mit seinem Geläster immer alles noch schlimmer gemacht. >Der Klassenfeind schläft nicht!< War alles harmlos.

.. als ihm Emmi die Tür zur Studierstube öffnete: »Aber daß Sie mir meinen Wuttke nich aufregen .. « »Na. <« »Dabei is unsre Martha rechtzeitig raus. War dabei..»Hör damit bloß auf. als er auf Krankenbesuch kam.. bin ich . « »>Mein altvertrauter Kumpan!<. Tut ja niemand weh.. hat er gesagt und dabei gegrinst... voriges Jahr schon im Frühling. Mutter! Sonst passiert noch was . wir können auch anders. Sommerhitze lag auf der Stadt. Geklatscht haben die Leute. als es die Partei noch gab ... >Genossin<. wenn nicht dieser Stoppelkopp .... wechselte die Bettwäsche. Und hab als Kind dicke angegeben. « . erst beim Kulturbund is er durchgedreht völlig. die von der Doppelpflege erschöpft war.. Als Soldat noch nich und gleich nachem Krieg och nich. Sie konnte Emmi.. >Sie wollen mir doch nicht etwa grundsätzlich einen Besuch bei meinem kranken Freund ausschlagen? Das hätte Konsequenzen. Da kann dieser Gysi noch so witzig. genau .. nen Strauß Sommerastern. « »Der läßt sich nicht abwimmeln. « Als Hoftaller endlich zugelassen wurde... Sie wissen ja. der kommt immer wieder. so kurz vor der Hochzeit.. war Martha nur noch halbtags bettlägerig. « »Und deshalb ließ ich ihn nich inne Küche rein .. wie mein Wuttke zu dem Stinktier sagt . « »Ich sag nur... « »Wärst bloß nich aufgestanden . Genossin! Ich meine... Das ist vorbei . oft genug.. was is. für einige Stunden ablösen.. Denn angefangen hat alles schon früher. komm!<. wenn er auf Vortrag war. Mittlerweile war der Juli vergangen. Ein Blick in Ihre Kaderakte... lag ich ja flach . weil er mit Anstalt und Einliefern gedroht hat . ich nicht. « »Mama regt sich auf darüber. « »Als der kam und klingelte.. Sie putzte die Küche. Und im Prinzip wär das vielleicht auszuhalten gewesen. Genossin . weil sie Vater als Kulturaktivist mit ner Ehrennadel dekoriert haben und er mit Bild inner Zeitung stand. was dieser Stoppelkopp uns mitgebracht hat? Blumen. « »Nur weil du geschrien hast: >Martha. Und manchmal kam Inge Scherwinski zur Aushilfe. Hoftaller roch verschwitzt. « »Und wissen Sie. « »Genau! Und in diesen schrägen Nachfolgeverein kriegen mich keine zehn Pferde. Für immer... lüftete und trällerte sich von Zimmer zu Zimmer.. Und diesen Geruch nahm er mit.

die andere Luft. mit seinen Gasconnaden brilliert. Außerdem ist zuviel unfertig. Verkettete Namen. blieben die tief eingefallenen Augen geschlossen. Scherenberg. Eine Weile schwieg Fonty bei geschlossenen Augen. der wollte mich auch partout weghaben: ab nach Buch in die Anstalt.. hat aber nichts gebracht.der Maler Max Liebermann . Zöberlein heißt er. Der Ausdruck des Kranken war so beständig. dazu ein Päckchen. Will aber nicht. Dagegen müssen Sie was tun. mein Versteck unterm Dach im Holzgebälk. sagte er mit matter. was ja Swinemünde ist: das Bollwerk. Sollten endlich Ferien machen. auch die Jungs aus der Nachbarschaft nicht.. wenn Besuch da ist. Besser hier rumbibbern als da ruhiggespritzt liegen. sofort. daß jemand mit zeichnerischem Können und schneller Kreide . Einspruch.. Half sonst gegen deprimierte Stimmung. Muß nochmal an Effi ran und Kessin. Hesekiel. « Hoftaller hörte mit seitlich geneigtem Kopf zu.« Selbst als Hoftaller einen Stuhl heranzog und sich neben das Bett setzte.mit Volkskammerwahlen . oder es mischten sich Nachwahlen zum Reichstag .und Bauern-Staat retten .und achtundvierziger Barrikadenlyrik: »Viel Geschrei und wenig Wolle!« All das ging kommalos in Alexanderplatz-Reden über: »Nur der Feigling ist immer ein Held. jedenfalls manchmal. Hör noch. Wir waren ja diesmal im Riesengebirge. Doch selbst die tapfersten aller Genossen machen heut Zugeständnisse: Die Bürger kommen! Die Bürger kommen! Sie werden den Arbeiter. daß ihn sein Tagundnachtschatten besuchte. selbst der Ringfinger wollte nicht zucken. Ohne sich einen Augenblick lang vergewissern zu müssen. Hoftaller. wie Vater am Sonntag. zumal die Hände des Scheintoten wie auf immer zur Ruhe gekommen waren: Knochig lagen sie auf der Bettdecke. dann kam er wieder ins fiebrige Plaudern. denn dieser Arzt aus der Poliklinik. hat Delhaes geraten. Tallhover. Preußens Adel.Fonty lag mit geschlossenen Augen.»Diese ledernen neunundneunzig Prozent!« . Nun soll ich ab in die Nervenabteilung.mehrere Skizzen hätte hinwerfen können. so abwesend sah er aus. August über soll man raus aus Berlin. Dennoch schien Fonty sicher zu sein. leicht zitternder Stimme: »Diese Hitze.. so daß Mama sich wieder mal schämen muß . immer wieder die Bredows. Gehen wohl nie in die Sommerfrische? Hab ich schon immer gesagt: Den Juli. längst vergessene Tunnelbrüder. « .»Der Feilenhauer Torgelow siegt!« . wo mich keiner je aufgestöbert hat. Sein Besucher sagte uns später: »Er hätte tot sein können. das er unausgepackt auf den Knien hielt. Sein Lächeln hatte er mitgebracht. Kugler. das himmelblau angestrichene Haus. siegreiche Regimenter bei Gravelotte und Mars-la-Tour.

Er griff sich in den Mund. Zwar war nur Hoftaller da. Neulich mit ihm im Paternoster . wenn ich nur nicht mit anbeten brauche. der nur zufällig so ehrenhaft heißt.. Will nicht nach jeder Geheimratspfeife . vom Schnauzbart überfusselte Mund... doch meinte Fonty. Andererseits soll mir die Akademie . war er gegenwärtig. Die Augäpfel unruhig unter geschlossenen Lidern.. als habe er sich selbst einen Befehl zugerufen.Dann aber verlor er sich in einem Lamento. Alles verstimmt mich.... Habe in dieser ganzen Zeit auch nicht eine Freude erlebt. Requiescat in pace! Der Mensch gewöhnt sich eben nicht an alles .. wieder heraus sein werde? Du sagst. ruckzuck. die an den Schläfen hervortraten. Dieser Lump Hitzig. Soll ich etwa vor diesem Kant.... so zu reden. Fühle deutlich. « Jetzt erst. daß ich gemütskrank. Fahre wohl. Adern. namentlich in meinem Hause. als säße Emilie. Sekretariat! Muß auch ohne die Plackerei beim Kulturbund gehn . katzbuckeln? Oder dieses Amt. Bin jetzt dreieinhalb Monate im Dienst. das ihn zum wiederholten Mal als ständigen Sekretär der Akademie der Künste vorführte. war zufrieden und hatte sogar Scherze parat: »Keine Zigarre mehr im Gesicht? Ohne Nachschub aus Kuba? Oder ist etwa der Paternoster zum Stillstand gekommen? Rumpelt nicht mehr rauf runter. die Welt verlangt nun mal ihre Götzen. Meine Frau ist tiefunglücklich.. Er sah sich um.. »Was gibt's. und von ihrem Standpunkte aus hat sie recht. Und wie ist die Aktenlage? Fehlt was? Oder klappt es nicht mit der Einheit. schwermütig werde.. die aber nicht wie üblich wäßrig schimmerten. Dann besser doch Aktenbote im Haus der Ministerien .. Alles ekelt mich an. trotz Krach mit Hitzig . Dann aber begann er. weil Hoftaller sich lächelnd still verhielt. die geborene Rouanet-Kummer. Nein! Außerdem ist eine Fülle neuer Arbeit angefangen . fingerte seine Prothesen ab. Der zuckende. Meinetwegen. wo ich aus diesem wichtigtuerischen Nichts. schlug Fonty die Augen auf. weil ich zu Preußens Akademie Lebewohl gesagt habe und den Moment ersehne. Ist mir egal. Habe furchtbare Zeiten durchgemacht.. « Er brach ab. Hoftaller?« Kaum aufgetaucht.. sondern trocken und fiebrig glänzten. seine Beichtmutter und Brieffreundin Mathilde von Rohr am Krankenbett zu haben: »Sehe mich in beklagenswertem Zustand. Alles verdrießt mich... wie das Parteikollektiv beschließt . am Krankenbett und müsse beschwichtigt werden: »Was soll das heißen: >So habe ich mir unsere Zukunft gedacht!< Nur weil bei deiner Schwester zwei Flaschen Medoc à zwölf Silbergroschen auf den Tisch gekommen sind? Und machst dazu ein böses Gesicht.. wie gewünscht?« . das mit Feierlichkeit bekleidet ist.

Sie wissen ja. berichtete er dem Kranken Alltäglichkeiten: wie rasch sich das neue Geld verbrauche. die man zum gegebenen Zeitpunkt bis zur Tatsächlichkeit erhärten muß. Und hat nicht dazumal der Hausarzt dem Unsterblichen. und ich sorge für Publikum. um sie sogleich wieder sinken zu lassen. Wird vorläufig noch geschont. Kleiner Vorschlag: Sie bringen Ihre Kinderjahre. Ahne. den Dauerkranken. an allem knabbern die Mäuse. holte Hoftaller aus vielstöckig tiefem Gedächtnis Trost und guten Rat herbei: »Bin ja kein Unmensch und will nicht drängeln. nen prima Rat gegeben und ihn. sozusagen am Hemdzipfel gepackt und mit nein anspornenden Auftrag aus dem Bett getrieben? Wie wär's. antwortete und dabei die Hände ein wenig von der Bettdecke hob. Könnte ein längerer Vortrag werden. den sozialdemokratischen Fall Ibrahim Böhme. Und doch. An Zigarren vorerst kein Mangel. Weiß ja. von mir aus in gedoppelter Ausführung. Das aber sei nicht seine Sorge. wie Ihnen zumute sein muß. Lychener Straße. und den noch bevorstehenden Fall eines musikalischen Rechtsanwalts. Sind doch sonst fürs Positive! Sind doch immer wieder. wisse man nicht. Wer da zu lange das Bett hütet. wer solche Verspätung bestraft. muß es weitergehn. daß schlecht scherzen ist. eine Treuhandanstalt zu gründen: »Na ja. »Gibt ne Menge Vermutungen. in jedes Wässerchen münden Abflußkanäle. dem seine Effi entschwunden und alle Romanschreiberei nichtsnutz zu sein schien.Hoftaller nahm sein Lächeln nur vorläufig zurück. für das Volkseigentum!« Doch wie mit den Akten in der Normannenstraße umgegangen werden solle. wenn einen das GastritischNervöse gepackt hat: Jeder Vogel krächzt nur noch Mißgeschick. wie zupackend der Westen um sich greife. zu Papier. wie rechtzeitig man am Runden Tisch beschlossen habe. Gibt ja noch immer ne Menge . weil ihn der Kanzler demnächst für Unterschriften benötigt. auf die Beine gekommen. Und da der Westen an Personen mit zeitlos übergreifender Erfahrung Interesse zeige. Wir leben nun mal in ner schnellebigen Zeit. der Ministerpräsident wurde und den Fonty einen »verspäteten Calvinisten« genannt habe. das wie endgültig auf Abschied gestimmt war. wie zügig »der Mann mit den Ohren« die Vierpluszweigespräche vorantreibe. Mit dem länglichen Päckchen auf den Knien. Fonty. Fonty.« Und dann breitete Hoftaller einige Fälle aus: kleine Fische vom Prenzlauer Berg. der aufgeben wollte. Aber dann ist er dran. der wird sich verspäten. Nun? Immer noch nervlich am Ende? Oder wollen wir langsam wieder gesund werden?« Als der Kranke mit einem Lächeln. ob zu Zeiten des Schwefelgelben oder zur Zeit des sächsischen Spitzbartes. wenn ich mal den Onkel Doktor spiele. falle tagtäglich neue Arbeit an: »Die Kollegen von drüben brauchen Leute mit Durchblick. Ihm gehe es bestens.

Und die richtige Schreibstärke: 3 B! Nicht zu hart.. in Gänsefüßchen gesetzt. W.. das große Z.. die Waage als Signum. Sind Weststifte mit Goldschrift drauf. A.Kulturbundhäuser. wie heißt Ihre Devise: Freiweg! Am besten ist.. ob Brief oder Novelle. wo demnächst das Fräulein Tochter als Frau Grundmann Wohnung beziehen will. die »Russischgrünen«. Dann nahm er jeden einzelnen Bleistift. Für die Reinschrift wird meine Emilie sorgen . was in solch einer Bleimine alles drinsteckt. bevor man sie schließen wird.. und in dem ersten Kapitel die erste Seite. Entwürfe zuerst. morgen gleich anfangen. dann aber. tanzen.. ein kurzes Zwischenkapitel hinkritzeln. oder?« Fonty sagte uns später. Könnte mir Potsdam. Er bildete Buchstaben aus den Stiften: das große A. Hoftaller habe gegen Schluß seines Appells stehend gesprochen. Muß ja nicht hier in Berlin sein. wie Fonty das Dutzend Bleistifte nannte. in schöner Unordnung zu liegen. Hübsch. sobald er alle zwölf hölzern auf dem rechten Handteller hüpfen. Wir wollen doch nicht schlappmachen. und genoß die fein abgestimmten Töne. Immer frisch angespitzt bis runter zum Stummel. sein Mitbringsel ausgepackt. einander bedrängen ließ. Seelage. darauf viel geplauderte Rede. Aus zwölf Grünlackierten formierte er vier Kompanien. «. Blatt auf Blatt. Faber-Castell 9000. Er legte sie in Reih und Glied wie Soldaten. Zitate und Eigenes. Und dann der nächste Stift .. « und danach: »Bei richtigem Aufbau muß in der ersten Seite der Keim des Ganzen stecken . mein Leben zu beschreiben . kurze und lange Sätze. Sogleich begann Fonty auf der Bettdecke mit den Stiften zu spielen. Also. Gold auf Grün. wenn es denn kommt und nicht nur drippelt. « So sehr gefiel ihm das schier unerschöpfliche Geschenk. dann: »Das erste Kapitel ist immer die Hauptsache. Hoftaller.. Ganze Romane oder Lebensläufe: das Glück und das Unglück in Fortsetzungen. Als Hoftaller das Fenster der Kammer zum Hof geöffnet und etwas lauwarmen Sommer eingelassen hatte. Das längliche Päckchen enthielt ein Dutzend grün lackierte Faber-Castell-Bleistifte und einen Anspitzer. Haben ja keine Ahnung. Ein ganz großes E sollte wohl Effi bedeuten. Er erlaubte ihnen. hielt ihn in Schreibhaltung und kritzelte in die Luft: Wort nach Wort.. sagte der Kranke auf dem Weg zur Genesung: »Habe ja eigentlich noch genug Stifte vom letzten Ausverkauf mit dem alten Geld vorrätig. Denn sogar mit dem Stummel kann man. Aber die hier machen was her. nicht zu weich für das jüngste Kind meiner Laune. beinah die erste Zelle . Wir stellen uns Anfänge vor: »Als mir es feststand. Neuruppin oder sogar Schwerin vorstellen. die belebt werden wollen. nach letztem Wort. Zwar liegt mir nur .. beste Adresse. das große M.

unter ihnen einige. zum Widerstand beigetragen. dann großdeutsche und zwischendurch immer wieder realsozialistische Anekdoten eingefallen sein mögen. klopfte sie aus dem Bett. daß Hoftaller nur noch ein halbes Stündchen geblieben ist. Ob bei diesem Geplauder ohne Rücksicht auf geschwundene Zeit abermals die Kindejahre angetippt worden sind. Es hieß. unter ihnen ein Generalfeldmarschall. vermuten eher. Es kann aber auch sein. hörte Fonty nicht auf. wissen wir nicht. « Wir wissen. in denen Tallhover aktiv wurde. daß Hoftaller immer wieder Situationen in Erinnerung gebracht hat.nichts Konspiratives preisgegeben. die bald wieder Studierstube sein sollte.. perpetuierlichen Lorbeerzustand. Mutter und Tochter fanden einen Genesenden vor. Zwar habe der Wortlaut der Briefe an Adlige preußischer Herkunft . wie bei Schiller. wenn auch unwissentlich. Mal um Mal. wilhelminische. Tallhover! Spielen mir hier den Doktor Delhaes vor. diesem. denn Emmi Wuttke. Emmi und Martha hörten das Gelächter. Weiß schon. denn mit Papier haben wir uns rechtzeitig eingedeckt . daß beide nur harmlos geplaudert haben.wenig an Unsterblichkeit. zum Beispiel jene verquere Lage. schließlich kam der private Vielschreiber davon. mit den westlichen Bleistiften zu spielen: Er legte sie Dreieck auf Dreieck verkantet. schon wieder jünglingshaftes Lachen. wie es auflebte. schottische. Doch während ihnen preußische. was.solche mit klangvollsten Namen . in die sich der Luftwaffengefreite Theo Wuttke ab Frühjahr 43 leichtfertig hineingeschrieben haben soll. denn immer nur hätten Rückbezüge auf gleichnamige Adlige im literarischen Werk des Unsterblichen eine Rolle gespielt. doch soll Tallhover Mühe gehabt haben. Soviel Heiterkeit rief beide in die Krankenkammer. dann Viereck auf Viereck. sondern sich zudem durch Briefwechsel mit hochgestellten Offizieren belastet. ihr Ende durch den Henker in Plötzensee fanden. der mit hübsch grünlackierten Bleistiften spielte und dessen heilender Arzt Hoftaller hieß. aber haltbar muß es schon werden. den Kriegsberichterstatter vor Freislers Volksgerichtshof zu bewahren. . Sie klopfte an die Zimmertür der bettlägrigen Tochter.kann ja wieder mal knapp werden .. denen später das mißglückte Attentat zum Verhängnis wurde. hörte immer häufiger Fontys helles. gibt keine Ausrede mehr. er habe nicht nur durch Kurierdienst. während einige seiner Briefpartner. die in der Küche mit ihrem Blasentee saß. Ein Anschein von Glück lag auf dem Spiel. Sie sollen von alten Zeiten geplaudert haben.

überall dort das Original vom Abklatsch zu trennen. Er schrieb über des Meisters Stil. als Sohn des Steindruckers Max Wuttke. ein gemeinsames. « und fand so Gelegenheit.. die eher in Richtung germanisiertes Westpreußen wies. wo Fonty mit zwei Spiegeln zugleich hantiert hat. Er wollte die neuen Stifte ausprobieren. spricht aber gut französisch. Da schon den Unsterblichen während früher Kindheit die weit verbreiteten »Neuruppiner Bilderbögen« geprägt hatten und der Steindrucker Max Wuttke in Gustav Kühns Werkstatt immer noch jene Blätter von Solnhofer Steinplatten abzog. Anfangs ging es noch. die bereits vor hundert Jahren im Handel gewesen waren. Danach füllte er Blatt nach Blatt. anfangs als Zeichenlehrer und später im Rang eines Kabinettsekretärs tätig gewesen war. deutlich von der Wuttkeschen Stammlinie ab. dessen Vater Apotheker gewesen war. zudem farbgesättigtes Feld abzustecken. eine knappe Stunde lang nur. denn väterlich großmütterlicherseits verlief sich eine Linie im Sächsischen.« Danach kam er auf das Motto des seine Kinderjahre ausbreitenden Unsterblichen: » . über raffinierte Aussparungseffekte und dann über die konsequent durchgeführte Erzählhaltung. lagen weitere Möglichkeiten offen. in den ersten Lebensjahren steckt alles . über das Dialogische und die anekdotische Kleinmalerei. seine frühe Neuruppiner Zeit.. Pierre Barthélemy. die gerne betont hat. Tag um Tag. auf dem Fonty in jeder Richtung zu Hause war. Der Apotheker Louis Henri und dessen Frau Emilie. daß wir vom Archiv Mühe gehabt hätten. hoben sich. Ein aus Militärdecken genähter. nicht wahr? Doch nun will ich nicht länger stören.. zu vergleichen und bald so übergangslos zu vermischen. auf Scott oder Thackeray zurückweisendem Zitat: »To begin with the beginning.Der sagte: »Ganz schön munter. dennoch blieb im Herkommen der Wuttkes einiges dunkel. genannt nach jener Königin. doch immerhin hieß Fontys Mutter Luise. seit Kriegsende verfilzter Morgenmantel von unbestimmter Farbe kleidete ihn. mit eiligem Blei die Zeit aufzuheben und eine .. wobei er allerdings den Spott des Bildhauers Schadow provoziert hat: »Er malt schlecht. Bald aber gelang es.« Zwar war Luise Wuttke eine geborene Fraissenet. unser Sorgenkind.« Anderntags saß Fonty am Schreibtisch. mit der hundert Jahre zuvor durchlebten Zeitweil seines Vorgängers. was immerhin hugenottisch klang. belegt mit betont englischem. Tochter eines Seidenfabrikanten namens Labry gewesen zu sein. dank ihrer hugenottischen Herkunft. bei der des Apothekers Vater.

was die Seenkette betraf. der. Der eine erlebte das zum Haushalt gehörende Schweineschlachten. die später auf unbestimmte Zeit Karl-Marx-Straße heißen sollte.und Tornowsee. daß beide in den ersten Schuljahren als »Engelsköpfchen« gehänselt wurden und beim morgendlichen Kämmen regelmäßig zu Tränen kamen. an dessen Ufer sich Neuruppin. Spielte sich das Vorleben des einen Sohnes in einer geräumigen Beletage-Wohnung nahe dem Rheinsberger Tor ab. Wie von einer holsteinischen.. Auch hatten die Schinkelkirche und das zentral gelegene Gymnasium die Zeit überdauert.. dem befreienden gegen Napoleon. Lithographengeheimnisse. auf daß sie. blieb im engen Arbeiterquartier Ecke Fischbänkenstraße. Lebertran und Druckerschwärze. selbst wenn sie fangfrisch waren. So kam es. dem gegen die ganze Welt verlorenen. Siechenstraße für den nachgeborenen Sohn nur wenig Spielraum. das demnächst ausläuft? Die Garnisonstadt bot mit traditionellen Regimentern und weitläufigen Kasernenanlagen von Krieg zu Krieg fließende Übergänge bis hin zur Reichswehr und dem Panzerregiment Nr. Mit neuem. hinstreckte und auf dessen Wasser ein Dampfer bereits im Jahr 1904 den Namen des Unsterblichen zu weitentlegenen Ausflugszielen getragen hatte: durch den Lauf des Rhin zum Molchow. litt der andere unter blonder. immer wieder nachgespitztem Bleistift ließ er den einen wie den anderen Vater aus jeweils großen Kriegen. Wie sah es hier zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts nach dem großen Brand aus und wie in den zwanziger Jahren unseres Jahrhunderts. schräg gegenüber von Altruppin. mit den Gerüchen des väterlichen Arbeitsplatzes in der Kühnschen Lithographiewerkstatt zu mischen: Salmiak und Gummi arabicum. Bilderbogengeschichten.Neuruppiner Spezialität mit Anekdoten anzureichern: Kinderarbeit in Kolorierstuben. « -. Und in beiden Fällen . wenngleich in hundertjähriger Distanz. dem anderen stanken zeitlebens die Fische.»weniger zur eignen. die Gerüche der väterlichen Löwenapotheke in der FriedrichWilhelm-Straße. Nahezu unverändert war der See geblieben. die am gleichen Tag ans Licht kamen. vormals der Galgenberg gewesen war. zu seinem weiteren Entsetzen. Überhaupt reizte das Städtchen im Ruppiner Land zu Vergleichen. mecklenburgischen oder kaschubischen Schweiz konnte man. als zu meiner Mutter Freude . Das aber hatten sie gemein: Wie jenem lange blonde Locken auf die Schultern fielen . lief entsetzt davon und ruhte erst außerhalb der Stadt auf einem Hügel. 6. nur seiner Mutter erfreulicher Lockenpracht. kaum abgemustert. heirateten und Söhne zeugten. Fonty genoß es. von einer Ruppiner Schweiz schwärmen. heimkehren.

verlegt beim Aufbau-Verlag und ergänzt durch die Taschenbücher der Nymphenburger Edition. zweibändig und bebildert. Frau und Tochter sahen dem staunend zu. Bei solch kühner Sprungtechnik ließ sich zwanglos von Grete Minde und der brennenden Stadt Tangermünde auf Ebba von Rosenberg und den Kaminbrand in . Auch sonst wurde geprügelt. hier sprang. eher hinter diskreter Verkleidung in Vergleich brachte und wie auf Bilderbögen den Zeitverlauf raffte. Natürlich saß der Genesende von Büchern umgeben. Kleinmalerei und Gedächtniskrümel: indem sich Fonty nie aufdringlich. bei dem die Scheunen vorm Rheinsberger Tor in Flammen aufgingen. Die Nachbarin Scherwinski sprach mit katholischen Wendungen von einem wahren Wunder. dem Chronisten von Brandkatastrophen und kleineren Bränden wurde ein Vortrag behilflich. der neuerdings freien Zutritt hatte und jeden zweiten Tag vorbeischaute. ein Großbrand hinzukam. Und da in dem Band »Kinderjahre« bereits alles angelegt war.schmerzte die »rasche Hand« der Mutter. Selbst Hoftaller. ein Holzlager am Stadtrand samt Sägewerk zunichte wurde. dort auf der Stelle trat und dennoch mit den geschenkten Westbleistiften die frühen Neuruppiner Jahre kaum stockend niederschrieb. bei dem. ihre Nervenreizung gleichfalls abklingen zu lassen. die von der Nürnberger Firma Faber schon zu Zeiten des Unsterblichen als genormte Stifte auf den Markt gebracht worden waren. während in der Volksschule allmonatlich der Rohrstock erneuert werden mußte. der den Kulturbundreisenden Theo Wuttke schon Anfang der sechziger Jahre republikweit bekannt gemacht hatte und dessen Titel »Die Feuersbrünste in des Unsterblichen erzählerischem Werk« alles mögliche. mit Merkzetteln gespickt und greifbar für querverweisende Zitate. wirkte sich diese Frühprägung nicht nur in etlichen Novellen. wenngleich »der Lehrer Gerber« in der Neuruppiner Klippschule von seinem Namen keinen Gebrauch machte. Und wir vom Archiv erlebten bei Krankenbesuchen nur noch Gesundung und ein wachsendes Manuskript. sogar die Enthüllung der sonst sorgsam verdeckten Liebesbrunst versprach. begann und bestätigte sich der Prozeß seiner Genesung. konnte Fonty weitere Parallelen ausreizen: Weil zum großen Feuer. Martha Wuttke entschloß sich. Mitte der zwanziger Jahre. Links und rechts vom Stoß dicht beschriebener Blätter stapelten sich die Werke des Meisters. zudem die Reutersche Biographie. Emmi ging vom Blasentee zum Milchkaffee über. Beide Söhne betonten jedoch vor allem die Strenge der Mütter: Emilie und Luise bewiesen ihre Liebe durch Entzug. war verblüfft von der wirkenden Kraft der Russischgrünen. Romanen und Gedichten aus.

So erfuhren wir vom Umzug der Apothekerfamilie nach Swinemünde.einem dänischen Schloß kommen. reicherten den Pechgestank an. Sie. die der schwache Botho verbrannt hat. daß Fonty darüber gesund wurde. schlimmer noch. zudem die beiden. Beleuchtet vom Flammenspiel wurde Frankfurts brennende Oderbrücke in Szene gesetzt. doch jene zwei jungen Männer. preisgegeben und rückwirkend entblößt wurden. daß uns die ohnehin vollgestellte Studierstube eng wurde. Fonty lieferte Querverweise zwischen Swinemünder . ließen sich in Beziehung zu den verräterischen Episteln von Crampas' Hand bringen. Während ihre der puren Literatur geweihten Stammlokale in der Lychener Straße von der Vergangenheit eingeholt. sobald Fonty uns seine Fassung vom Blatt las. das und noch mehr prasselte. zu denen bald einige der jungen Poeten vom Prenzlauer Berg gehörten. von der sich Pelle um Pelle häutenden Zeit. Wir. am Bollwerk alles zu leben begann. laut Aktenlage. Kein Wunder. Wir saßen auf Stühlen. brach funkenstiebend zusammen. die Schiffe an Land gezogen und auf die Seite gelegt wurden und Pech in eisernen Grapen brodelte. konnten nicht begreifen. doch im Untertitel »Genesung« hieß. Geboten wurde dem gemischten Publikum ein Stück in Fortsetzungen. bei annähernd finalem Weltzustand so fröhlich zu sein. ihn so tätig. wenn die Swine eisfrei war. sobald im Frühling. auf daß mit Werg die schadhaften Stellen der Schiffsrümpfe kalfatert werden konnten. hörten vom Glück der Rückschau. die das Dummerchen Effi leider nicht in den Ofen gesteckt hatte. wie es Fonty gelang. im Hintergrund. glücklich am überladenen Schreibtisch vorzufinden. das einerseits »Kinderjahre«. Das alles war Zunder seit dem frühen Scheunenbrand und dem abgefackelten Sägewerk. der als Qualm über dem Bollwerk lag. wie Fontys Tagundnachtschatten. die gänzlich verhagelt und jedem Verdacht ausgesetzt auf Fontys leerer Bettstatt hockten. Wie eine Neuigkeit hörten wir das. die sich trotz gleichbleibend lastender Sommerhitze schwarzgekleidet bedeckt hielten. wurde zu Asche oder ragte noch lange mit verkohlten Balken in das Vorratslager gemischter Erinnerungen. Und Lenes Liebesbriefe. verblüfft. war in des Genesenden Studierstube alles Vergangene goldeswert. Wir waren weniger überrascht. Und dennoch waren seine Besucher. sprühend. von lange verschütteten. in die Glut geschoben. mehr oder weniger enthüllten Prenzlberger und unvermeidlich: Hoftaller. das waren meine Kollegin und ich. hockten dicht bei dicht auf der Bettkante oder standen. plötzlich wie neu glänzenden Fundsachen und von der Lust an dauerhaften Gerüchen. Kartoffeln und Speckstücke. ja. Kein Wunder.

Geschäftig räumte er auf und glich in seinem verfilzten Morgenrock einem Eremiten. der anno 31 mit einem Bataillon vom Regiment Kaiser Franz die Stadt an der Swine gegen die anrückende Choleraseuche abgesperrt und viel später des Unsterblichen Bücher über die drei einheitsstiftenden Kriege in einem Militär-Wochenblatt rezensiert habe. dieser Briefwechsel.und in gewissem Sinn auch uns . damit er uns ganz und gar gesund wird. Und der andere bettelte: »Wie war das. Wir vom Archiv schwiegen. Wir wollen ihn doch nicht ausquetschen.. seine . der die Prenzlberger Szene . Wurde gehängt. rief Fonty aus seinem Armstuhl. Mein lebender Witzleben gehörte bekanntlich der mißglückten Offiziersrebellion an. ermahnte die jungen Leute. sich für diesmal zufriedenzugeben: »Wir werden unseren Freund nun mit seinen Bleistiften alleine lassen. Fonty.« Mit seinen Schützlingen ging Hoftaller. Fragen Sie meinen altvertrauten Kumpan. die für mich glücklich ausgingen. Uns. « Beide beteuerten.« Doch Hoftaller. Wir blieben noch ein Weilchen. »Noch ne Geschichte!« rief der eine. spielte er vor. bestätigen.Alltäglichkeiten. Hätte mich fast Kopf und Kragen gekostet. kein Rüchlein mehr an den Qualm der kubanischen Zigarre erinnerte. nachdem er vorm Volksgerichtshof altpreußische Haltung bewiesen hatte. meine Kollegin machte sich fleißig Notizen.. »Selbstverständlich«. nachdem diese Wünsche erfüllt waren: »Davon kann man nie genug hören. was zu ausführlicher Korrespondenz geführt hat. die sich prinzipiell deprimiert gaben. der Pilger empfing und entließ. Den beiden Poeten in Schwarz. etwa wie beim Verhör. Hoftaller hörte das alles schweigend in sich hinein. mit welchem Vergnügen er jenem Leutnant von Witzleben wiederbegegnet sei. denen die laute Welt draußen die Poesie vergällt und ein schnelles Urteil gesprochen hatte. bis nichts. dem Generalfeldmarschall von Witzleben. Die zwei vergrämten Poeten jedoch. Fonty lüftete seine Studierstube so lange.« Hoftaller lächelte wissend und zog an seiner Zigarre. hatte einen Schutzengel sozusagen. der wird diese Zusammenhänge. »schrieb ich während meiner Soldatenzeit im besetzten Frankreich einem Nachkömmling jenes Leutnants aus Kinderjahren. als das feuerherdrote Haus himmelblau angestrichen wurde .unter Kontrolle hatte. die er mit Fontys Erlaubnis rauchte. Effis Ehestand in Kessin und den geplauderten Erinnerungen der schauspielernden Pfarrerstochter Franziska in »Graf Petöfy«. suchten Trost bei solchen und ähnlichen Anekdoten.

wenngleich mir die bloße Vergötzung der Form genauso wenig schmeckt wie der nackte soziale Aufschrei. als es im Herwegh-Club und den Vormärz lang darum ging. bronzefarbener Ledergürtel die Taille gab. Und doch. wo Möhren und Zwiebeln neben Kohlköpfen und zwischen rankenden Feuerbohnen wuchsen und wo in immer mehr Verschlägen Kaninchen gehalten wurden. kaum waren sie gegangen. und geradezu liebevoll genoß er die stilisierte Schwermut der beiden Anarchen vom Berg. daß man das junge Blut und sein noch gärendes Talent von der verfluchten Politik ferngehalten hat. nachdem uns das weitere Ausschreiten der gedoppelten Kinderjahre mit nächsten Schritten gesichert schien. «< Als die Tochter Martha bald nach dem Lüften dem Genesenden Tee und Kekse brachte. endlich jedoch und ursächlich auf Effi hinwies. wie er sagte. sah er mit Wohlwollen. Er sagte. zu einem baumhohen Berberitzenstrauch führte und schließlich eine »ziemlich baufällige Schaukel« ins Bild setzte. Dummheiten zu machen. Haben über die Stränge geschlagen. Diese hier und dort betriebene Hobbygärtnerei war ihm ein Zwischenkapitel wert.. Doch schädlich sind solche sich immer wieder avant gebenden Spielereien gewiß nicht gewesen.. der. Bleibt hübsch anzusehen.. « Es spricht für Fontys verzweigtes und selbst im Literaturbereich der Moderne streunendes Wissen. Nun gingen auch wir. Liebhabereien für Sammler! Immerhin wurden unsere Heißsporne dadurch gehindert. wie sie uns überliefert wurde: »In ihrem blau. Fonty. während der Zigarrenrauch abzog: »Furchtbar richtig. eilte sein Stift schon wieder übers Papier. was man mit viel graphischem Geschick in der Lychener Straße produziert hat. daß er gleich nach dem im Roman zum Motiv erhobenen . und über Schulter und Nacken fiel ein breiter Matrosenkragen . halb kittelartigen Leinenkleid.»Archivsklaven«. dem erst ein fest zusammengezogener. die anfangs von Geschwistern und Nachbarkindern in Schwung gebracht wurde. die Revolution in Verse zu zwingen und einander in Freiheitshuberei zu übertrumpfen.und weißgestreiften. deren Produkte er als »bibliophile Raritäten« schätzte. Jetzt war ihm in Swinemünde die Bepflanzung des Gartens hinterm himmelblau angestrichenen Haus wichtig. Sie mochten ihn an Lesungen im Tunnel über der Spree erinnern. Er sah dessen Wildnis im Vergleich mit dem Schrebergarten des steindruckenden Vaters in Neuruppin. wie wir dazumal. das Leben steigt mit der Gefahr im Preise . das mit Reseda. war eine frische Zeit: >Heraus nun endlich aus dem alten Gleise. hielt zu den Jungpoeten.und Ritterspornbeeten begann. »aus Tradition« mit Verdächtigungen und schuldhaften Verstrickungen lebte.. Deshalb hat er auch Hoftallers umfassende und über ein Jahrzehnt lang anhaltende Fürsorge gutgeheißen.

und die Kiefern und die Dünen Pause .Mark Twain. indem ich wieder einmal Effi las. mit Messingkugeln auf allen Pfosten. wieder einmal unter Tränen. so daß Fonty vom Kopfende aus einige Äste voller breitgefächerter Blätter sah. das sich entlang der Wand zum Fenster hin streckte. . 12 Auf chinesischem Teppich Erstaunlich. zudem mit amerikanischer Literatur . zwischen den Bänden »Kindheitsmuster« und »Mutmaßungen über Jakob« der Wälzer »Soll und Haben«. vor sich hin brabbelt: »Sah mir die Augen aus dem Kopf.. « Und gleich danach wies Fontys russischgrüner Bleistift auf eine illustrierende Ätzradierung von Max Liebermanns Hand. . hatte . Effi. die nach rechts hin nur knappen Raum für das Bücherregal an der Langseite der Kammer bot. verlegt werden durfte. Bret Harte. Cooper beladen war. der Mitte der achtziger Jahre nur im Westen. bei Rowohlt. in dessen Spielverlauf der Monologist Krapp.Pause . da oben an der Ostsee. wohl nur des Titels wegen durfte sich ein Band Kafka dazwischendrängen. mit Thackeray. die Seghers Rücken an Rücken mit Turgenjew. das Mädchen mit dem Matrosenkragen. An den Wänden hing in Griffhöhe überm Bett ein Bücherbord. der Schreibtisch und stieß mit der Längskante gegen die Außenwand. das länger als fünf Minuten dauert . wie Effi stehend wild schaukelt. neben »Berlin Alexanderplatz« Storms Poesie und die Gedichte der Bachmann. der mit wenigen Strichen des einsamen Herrn Krapp letzte Verheißung des Glücks festgehalten hatte: wie des märkischen Adels unglücklichste Tochter. das Bett. zu einem Drittel vorm Doppelfenster mit Blick auf den Hinterhof und die Kastanie zu jeder Jahreszeit.. Müllers frühe Stücke gegen Hauptmanns »Weber« gestellt und Herweghs »Gedichte eines Lebendigen« Seite an Seite mit Schädlichs »Tallhover« in wie gewollter Unordnung standen. den zuletzt genannten Band. In ihm reihte sich Literarisches aus dem neunzehnten Jahrhundert. Scott. die selten ein Windstoß bewegte.Nicht?« Dem folgte als Kommentar: »Es gibt kein Glück.Hätte mit ihr glücklich sein können.Schaukelbild auf Samuel Becketts Einakter »Das letzte Band« kam. so daß die Brüder Mann und Emile Zola. Mit Türen beiderseits und der Schublade über der offenen Mitte stand. was alles in der Studierstube Platz hatte: Rechts von der Tür stand als schlanke Röhre ein gußeiserner Ofen und links. eine Seite pro Tag. . vermischt mit nachfolgender Literatur. Raabe und dem Tschechen Hrabal. bevor er die nächste Tonspule ablaufen läßt. das mit Historischem und längst vergriffenen Reiseführern. Dickens.

die sich aus Tante Pinchens Erbe gehalten hatten. uns. unter ihnen Erstdrucke der »Wanderungen durch die Mark Brandenburg«. mit Feuersbrünsten. durchsichtige Musselingardinen. hing gerahmt ein Neuruppiner Bilderbogen aus der Werkstatt Kühn.. aus welchen Gründen auch immer. deren Läutwerk jedoch stumm blieb. das der verrinnenden Zeit einen heiteren Rahmen setzte. aber das Objekt Schädlich zog es vor. Und vom Stuhl zur Tür lief ein Teppich.. zeigte es doch Berlins im Jahr 1843 lichterloh brennendes Opernhaus in letzter theatralischer Steigerung. « Der Bücherwand gegenüber. den Arbeiter. weil das Gewicht. Zwischen Vitrine und Fensterwand paßte gerade noch eine gleichfalls biedermeierliche Standuhr. weil er den schmalen Durchgang zwischen Bett und Bücherbord auf sechs Schritt überbrückte. bald nach Erscheinen. und . auf deren oberstem Bord Zeitschriften und Magazine gestapelt lagen und ein Globus stand. der des Unsterblichen östliche und westliche Gesamtausgaben. Fonty hatte es. fand gerade noch. darüber. deren Ränder mit einer in Zöpfen und Trotteln. desgleichen nahmen die berittenen Offiziere vom Regiment Gendarmes keine Notiz von diesem allerletzten Spektakel. schwere Vorhänge. Über dieser in Kirschholz gefaßten Vitrine. diverse Biographien. Fonty mit den Worten geschenkt: »Ist schwierig. Habe nie Todeswünsche geäußert. wenn man ihn anstieß.einige Bände Alexis aufbewahrte. Ein schöner und mit Bedacht ausgewählter Druck. des alten Marwitz Erinnerungen. dessen Motiv die versammelte Ruhe der Büchervitrine irritierte. . vorn und seitlich verglaster Bücherschrank biedermeierlicher Herkunft Platz. zur Mitte hin spitz zulaufenden Bordüre abgedeckt waren: Staubfänger von alters her. deren schlichte Form nur zuoberst von einer sanft geschwungenen Zierleiste geschönt wurde. nie ganz geschlossen. seitlich zu Falten gerafft. Vorm Schreibtisch stand auf leicht geschwungenen Beinen der Armstuhl. Stimmt im großen ganzen.und Bauern-Staat zu verlassen . ohne sich heftig zu räuspern. eine kolonial aufgeteilte Welt abrollen ließ.Hoftaller. ein schmaler. die zwar ging. Jes Thaysens Übersetzung von »Unwiederbringlich« ins Dänische sowie antiquarische Funde. den man besser Läufer oder Brücke nennen sollte.wie dazugehörend . dessen Rückenlehne ein offenes Oval bildete. der. ans Fußende der Bettstatt gerückt. aber lesenswert. nur nicht das Ende. ausgehängt war: ein schönes Stück aus heller Birke. wie wir wissen. Hätte mit dem Autor gerne persönlich Kontakt aufgenommen. nur der im Vordergrund gestaute Menschenauflauf blieb angesichts der handkolorierten Festbeleuchtung gelassen. Vorm Fenster hingen.

wurden aber nur selten. doch kann die eine oder andere Rarität bei . in dessen kreisrunden Hohlräumen Schreibutensilien steckten: viele Bleistifte. Auf dem Tisch war die Schreibfläche durch gestapelte Bücher. wo die Tischplatte mit niedriger Säulenbalustrade an die Mauer stieß. in die Martha Wuttke. späte Rosen.manchmal stand eine gipserne Miniaturbüste Friedrichs des Großen zentral auf der Büchervitrine oder wie lästig zur Seite gerückt auf dem Schreibtisch -. Nur an den Rändern der Teppichbrücke kringelte sich in Ranken und pflanzlichen Trieben viel Rosa. eigentlich nur bei Laune oder in besonderer Stimmung und dann auf Briefbögen benutzt. eine Papierschere und zwei Schwanenfedern. Limonadengelb. auf denen die historische Familie. Briefmarken und den Radiergummi. beim Zuspitzen anfallende Holzlocken mitsamt dem Bleistaub in dieses Kästchen fallen zu lassen. wie zum Stilleben gestellt. als Nachlaß des Unsterblichen. je nach Jahreszeit. Fontys Unart. brachte seit Jahren Ärger mit Emmi. Vielleicht haben wir Kleinigkeiten vergessen . für den Bleistiftanspitzer bestimmt war. Rechts davor standen ein zumeist von Bücherstapeln verdecktes Kästchen voller Karteikarten und eine Zigarrenkiste kubanischen Ursprungs. die Gehspur lang. Frau. die auf marmornem Sockel stand. abgelaufen war. Links vom durchlöcherten Stein stand neben dem Tintenfaß eine schmale gläserne Vase. Über der rechten Hälfte des Schreibtischs hing. die. einen Stoß Briefe und einen regelmäßig durchlöcherten zementgrauen Baustein eingeengt. dessen befremdliches Ornament aber inzwischen. die die Studierstube nur betrat. einen aufblühenden Weidensproß. die den Unsterblichen und gleichwohl Fonty abbildete. erste Dahlien. um sie sauber zu halten. die jüngst im Tiergarten ein Parkwächter Fonty geschenkt hatte. alle drei Söhne Motiv waren. Man hätte in dem Rankwerk Dämonen und züngelnde Drachen entdecken können. den weihnachtlichen Mistelzweig steckte. in dem Gift lagerte. eine Briefwaage aus Messing. nun warteten sie. auf des Schreibers Hand. unter ihnen gesondert die russischgrün lackierten. Tochter. Hinterm Stein. die Reproduktion jener Liebermannschen Lithographie.Fonty hatte dieses exotische Stück Mitte der fünfziger Jahre von einer Vortragsreise aus Eisenhüttenstadt mitgebracht: rotchinesischer Export aus neuester Produktion. in Neuruppins Heimatmuseum aufbewahrt wird. zugeschnitten als Federkiele. zwischen gerahmten Photographien. und mit der Blumenvase korrespondierte. sie entsprachen jener Ausgabe. ausgewaschenes Blau und Grün. wartete griffbereit Meyers Konversationslexikon in sechzehn Bänden. die für Büroklammern und Schnipsgummis.

der schmale Läufer nur Stippvisiten. der sich nie bebrillt hat malen oder photographieren lassen. in denen Guckkastenbilder. haben sie diesen Widerspruch an Ort und Stelle ausgelebt: Der chinesische Läufer und das türkische Stück luden zum Aufundablaufen ein.. Schon nahm die Zeit um 1830 gefangen. wenn auch in kleinerem Ausmaß und abgesehen vom Bett und der gerahmten Feuersbrunst. in grün« -. Insgesamt glich die Studierstube. zurück in die Kinderjahre. wie im Verlauf der Insurrektionskriege endlich doch die aufständischen Polen geschlagen wurden . Auf dessen Wegstrecke durfte er ohne Tagundnachtschatten unterwegs sein. «. doch wurden alle Zitate . Beim Aufundab kamen ihm die passenden Worte.Standuhr. Briefwaage. bis er mit nächster und übernächster Periode wieder den Schreibstuhl besetzen und Blatt nach Blatt füllen konnte. Der Teppich gestattete Expeditionen. nach Vorlage der Neuruppiner Bilderbögen -»immer wieder Soldaten in gelb und rot. sie waren Reiseersatz. weil wichtig. Er lief so lange. Der erlaubte Wanderungen bei jedem Wetter. es kann aber sein. Preußen stagnierte in polizeistaatlicher Ereignislosigkeit.. während ringsum die Welt mit Sensationen prahlte.durch den rotchinesischen Läufer und dessen bonbonfarbiges Ornament in Frage gestellt. »Kein anderer Krieg. so kurz er maß. zitierte Fonty mit Bleistift. »hat von meiner Phantasie je wieder so Besitz genommen wie diese Polenkämpfe . die uns an die runden und unauffällig gefaßten Gläser des Unsterblichen erinnert.. wie nach so heftiger wie kurzer Revolution Louis Philippe als Bürgerkönig aufstieg. dem uns von Photos her gewissen Schreibzimmer in der Potsdamer Straße 134 c. Nicht nur deshalb war Fonty in seiner Filzkutte immer wieder die fünfeinhalb Schritt hin und her unterwegs. um dann die Begeisterung des Unsterblichen für Polens Freiheitskampf und die polenfreundlichen Poeme von Holtei bis Platen zu . in den Blick gerückt werden: Fontys Lesebrille auf leerem Konzeptpapier. Mal um Mal trieb es ihn aus dem Stuhl auf den Läufer. daß der weit größere türkische Teppich dem Mobiliar des Originalzimmers vergleichbar fremd gewesen ist. unsere eigenen nicht ausgeschlossen«. wenn es Russen waren.. Davon bekam der Zehnjährige Kenntnis vor Jahrmarktsschaubuden. Weil Fonty und der Unsterbliche ein Faible fürs Exotische hatten. Der brachte ihn.späterer Gelegenheit nachgetragen oder jetzt schon. von Großereignissen Bericht gaben: wie Frankreichs Flotte vor der algerischen Küste aufkreuzte und unter Befehl des Admirals Duperre die Stadt Algier beschoß. Vase und Büchervitrine .

denn den schwarz und braun eingekleideten Kolonnen.. die von Jahr zu Jahr mehr die Wochenschau in Bewegung hielten. auch die russische nicht ausgeschlossen. dem damals Tallhover und gegenwärtig Hoftaller hätte zustimmen können: »Ein Zwergensieg gegen Riesen verwirrt mich und erscheint mir insoweit ungehörig.die Bemerkung daran knüpfen muß.den Riesen zum Trotz . weil ich -im gewissen Sinne zu meinem Leidwesen und jedenfalls im Widerstreit zu den poetischen Empfindungen . in mir verspürt habe. an visuelle Bestätigungen der auf Neuruppins Bilderbögen abgeklatschten Großereignisse. er ließ sich durch robust jugendliche Wettkämpfe und von stupidem Willen vorangetriebene Aufmärsche hinreißen. den auch die Heilige Allianz von Metternichs Gnaden im Sinn gehabt haben mochte. Dem wiederholten Freiheitskampf der Polen. während der Unsterbliche bis ins hohe Alter in Briefen und zu Hause bei Tisch Freiheitsliebe beteuerte.Fox tönende Wochenschau lang . was der Zehnjährige in Swinemünde auf Guckkastenformat verkleinert gesehen hat. denen der zehnjährige Theo Wuttke im Neuruppiner Kino von Wochenschau zu Wochenschau ausgesetzt war: Er sah den schwarzen Börsenfreitag mitsamt seinen aufgeregt zappelnden Männlein in New Yorks Wallstreet. seiner Rolle getreu. stellt sich dennoch die Frage: >Wer ist hier Riese. erinnerte sich Fonty. das ihm erlaubte. als er gegen den natürlichen Lauf der Dinge verstößt. seine eigene Biographie in Einklang mit den Zweideutigkeiten seines Vorbilds zu begreifen. wie er auf Neuruppiner Bilderbögen koloriert war. wer Zwerg?<« . gab eine Wochenschau Antwort. er war Zeuge der senilen Ehrwürdigkeit des greisen Reichspräsidenten Hindenburg.relativieren: » . gehörte die Zukunft. Dazu fand Fonty ein passendes Zitat: »Bei aller militärischen Überlegenheit des Empire.bis heutzutage noch nicht verloren ist.« Und weil Polen immer wieder verloren war oder . entsprach das jenem Völkerfrieden. er hörte und sah Polens heldischen Marschall Pilsudski und Mussolinis gestenreiche Balkonreden.die Jugend der Welt versammelte. entsprach jenen beweglichen Bilderfolgen. Und als die Olympiade in Los Angeles . daß ich vielfach nur mit geteiltem Herzen auf Seite der Polen stand und jederzeit ein gewisses Engagement zugunsten der geordneten Gewalten. ertrug er zugleich stummen Frondienst unter jeweils herrschender Ordnung und kam deshalb zu einem nicht nur den Polenkrieg aburteilenden Befund..« Nach längerem Fußmarsch auf kurzer Teppichbrücke hob Fonty ein Zitat hervor. die mit indischen Massenszenen Gandhis gewaltlosen Widerstand gegen die britische Kolonialmacht einfing.

dennoch sei ein Versuch gewagt. Vielleicht bestätigt sich so die Kritik des ältesten Sohnes.« All diese Zeitsprünge gingen ihm zügig von der Hand.oder eigenhändig zugeschnittenen Schwanenfedern. so finden sich auf dem uns vorliegenden Blatt. Natürlich mußte auch diese Feuersbrunst beide Kinderjahre ausleuchten. Fonty schrieb. Stahl. gedeutet werden sollte. etwa bei dem Wort »Quatsch«. Wir wollen hier einhalten und einen Vergleich wagen. wie so viele Denkmäler. Nach drei. Wir sind keine Graphologen und können. eine überlebensgroße Karl-Marx-Büste aus schwarz nachdunkelnder Bronze eingeweiht worden war. mit angeblicher Sinnenlust ausschweifende Schleifen. dazu jedesmal eine Prise Bleistaub jetzt. wie von Eile diktiertem Bleistiftgekritzel gelingen nur selten offene. denen von Staats wegen Dauer versprochen wurde. Mitte August. schließlich verdankte die Stadt dem Flächenbrand sauber umbaute Exerzierplätze. nicht nur beim h im abschließenden sch.beim doppelten s nach damaliger Schreibweise . Flüchtigem. Und mit der Begutachtung dieser und anderer Pädagogen war eine Innenansicht des einst neuen. vier Teppichläufen und folgenden Niederschriften fielen hölzerne Locken in die offene Zigarrenkiste kubanischer Herkunft. um nach gut hundert Metern Wegstrecke das Portrait des Swinemünder Hauslehrers Dr. unterbrach er den Schreibfluß. bald nach dem großen Brand der Stadt Neuruppin. Besonders fallen bei der Tintenschrift die schleifigen oder . stand eine aufblühende Dahlie in der gläsernen Vase. ihrem Schriftbild nach. Lau dem Portrait seines Lehrers zu konfrontieren: Lau kam genauso gut weg wie Studienrat Elssner. schrieb Fonty.alle von oben nach unten gezogenen Abstriche wegen ihrer Unterlängen ins Auge. das 1791. dann alten Gymnasiums fällig. Nur wenn der Bleistift gespitzt werden mußte. ob mit Bleistiften. an Königs statt. sondern auch beim langen s keine dieser auf Triebhaftigkeit verweisenden Unterlängen. »Die steht dort gegenwärtig«. nur laienhaft auslegen. was uns kalligraphisch als Brief oder Manuskriptseite vorliegt. jene Schrift weiter. »nur noch auf Abruf. eingeweiht wurde. bei aller archivalischen Gründlichkeit. dessen Portal gegenüber einst König Friedrich Wilhelm als Denkmal gestanden hatte und viel später. gradlinige Paradestraßen und außer dem Rathaus und der Schinkelkirche jenes durch einen nur kurzfristig dort leidenden Schüler berühmt gewordene Gymnasium von klassizistischer Strenge. auf die der Vater in einem Brief an Emilie eingeht: »Was George . die nunmehr seit über fünf Jahrzehnten im Archiv gehütet wird und die.Danach lief er wieder die rotchinesische Teppichbrücke ab.

jener über gleichbleibende Geldsorgen klagt oder die letzte Tunnellesung auf. Wenn der Unsterbliche seinem Freund Lepel einen Brief. dann wieder nach dieser oder jener Seite offenbleiben. Zwei von längerer Krankheit genesende Greise. ist sehr nett. So besteht das große M bei den brieflichen Anreden »Meine liebe Frau« und »Liebe Mete« aus zwei nach unten gezogenen Schleifen und einer Schleife. deute wer will diese Abkapselungen. Diese dem inwendigen Reden abgelauschten Notate. die schräg nach oben weist. durchweg ornamentaler aus. daß eine nur nachgemachte Schrift vorliegt. Strebt der Tintenzug hier witzig ausholend.hängengebliebene Wechselrede notieren. ihre der Weihnachtsbescherung zu nahen Geburtstage. Zwei alte Herren.die Linden rauf. kartenspielenden Sonntagsbesuch und schließlich ihre Lieblingslehrer aus Knabenjahren vor sich haben. bevor sie verklingen. Dennoch bezweifeln wir. Aber wer kann alles?« Die Tintenschrift des Unsterblichen fällt. ist nur allzu wahr. der Zweitgeborene seinem altvertrauten Kumpan einen Bericht schreibt. mal nach unten.schreibt. sommerliche Gewitter und winterliches Eistreiben.oder Schwanenfeder geschrieben sind. als müsse sie Wortfetzen. im Vergleich mit der Bleischrift. All das gilt gleichermaßen für Fontys Schrift. daß ich keine Liebhaber schildern kann.oder abwertet. dabei hat der Ohrenzeuge das meiste im Zimmer. . aufgeschnappt in der Pferdebahn. denn eine mit Blei gekritzelte Manuskriptseite der »Kinderjahre« verhält sich zwillingshaft zu den mit russischgrün lackierten Bleistiften vollgekritzelten Blättern. auch beim abendlichen Spaziergang . beweisen sich die Unterlängen beim h oder beim doppelten s als deckungsgleich. gleich. Alle normalerweise schüsselförmigen Bögen überm kleinen u sind annähernd zum Kreis geschlossen. die sich beschleunigter erinnern. so auch die ornamentalen Abschweifungen und die sich willkürlich kringelnden Bögen des kleinen u. Eher könnte fortgesetzte Schreibe vermutet werden. dort forsch auf den Punkt oder auf eine Pointe zu. im Café Josty oder bei Stehely mitgehörtes Tischgeplauder. die Linden runter . dieser die literarischen Manifeste und poetischen Skurrilitäten der Dichter vom Prenzlauer Berg mit mildem Spott schont und dabei seinen Adressaten dringlich vor staatssicherndem Zugriff warnt. ob sie mit Stahl. Diese drängend nervöse Hast. Insgesamt fällt das kleine u in Bleistiftschrift noch beliebiger und oft kreisrund aus. die ihr heimlichstes Versteck. indem ihre minimalen Durchlässe mal nach oben. als ein Bleistift nachvollziehen kann. Die gleiche Eile. eilt die bleierne Schrift in nervöser Hast. beim Hin und Her auf dem türkischen Teppich gehört.

Elssner. Lau. das mir Vergangenes in zukunftstrunkene Präsenz. das heißt die Unsterblichkeit gewiß macht.. trotz bleibender Zweifel an ihres Mannes schriftstellerischen Gaben.Wenn der erstgeborene Greis dem Swinemünder Hauslehrer Dr. Wirrungen< noch als getrocknete Kränze zu kaufen waren. weil dieser es verstand.. Du bist ein Mann. damit sie für Hoftaller leserlich wurden: Der suchte ab Anfang der sechziger Jahre. Hoftaller jedoch.. mehr als irgendeinen anderen Lehrer. sie sei aus der Übung. die selten gewordenen Immortellen. beim Deutschunterricht mit geschichtlichem Zitat und beim Geschichtsunterricht mit literarischen Belegen die unsinnige Trennung dieser Fächer aufzuheben. Und nun lag nach langer Pause neuestes Bleistiftgekritzel vor. daß ich seitdem jenes zeitraffende Verständnis von Literatur und Geschichte habe.. ob seiner pädagogischen Methode. hatte immer noch Mühe beim Entschlüsseln der wie unter altersbedingtem Zeitdruck vollgeschriebenen Blätter. ist dem zweiten Greis ein Nachruf mit eiligem Bleistift . Emmi tippte auf ihrer elektrischen Robotron im . der ihn zum ersten Geburtstagsgedicht ermunterte . dessen zeitraffende Methode die Glückseligkeiten der Neuruppiner Bilderbögen mit den Bildstürzen von Fox tönender Wochenschau und den Sohn des Apothekers mit dem Sohn des Steindruckers in Einklang brachte. als >Zeitraffer< verspotteten. Anfangs zierte sich Emmi und sagte. die Manuskriptseiten lasen sich schwierig. die in >Irrungen. Elssner deutlich geblieben. den wir. Wie gut.. den ich später gehabt habe. daß Emilie. «. weshalb auch Emmi Wuttke ihres Mannes Vorträge für den Kulturbund in Maschinenschrift übertrug. beiläufig gesagt. die meisten Bleistiftfassungen abgeschrieben und für den Druck tauglich gemacht hat. Wir vom Archiv waren geübt. trotzdem brachte mich meine verdammte Komödianteneitelkeit um jedes richtige Gefühl für den Mann.»Lieber Vater. « -. der nichts Fettes vertragen kann . alle Vortragstexte nach Sicherheitsrisiken ab. weshalb man. konnte weit Entlegenes wie die Völkerwanderung durch Felix Dahns Ostgotenschmöker >Ein Kampf um Rom< und die sozialen Zustände im vorindustriellen Deutschland durch Hauptmanns >Weber< so nah zueinanderrücken. Lau ganz aufrichtig.und deshalb reduzierten Unterlängen dringlich: »Von allen Lehrkräften am Neuruppiner Gymnasium ist mir einzig Dr. « Wer immer den Bleistift geführt hatte. Du bist kein Kater. zum Abschied nachsagt: »Ich liebte Dr. heutzutage aus gutem Grund unter Naturschutz gestellt hat .. dem ich soviel verdanke . der unserer Gründlichkeit nicht nachstand. kaum daß er enttäuscht aus dem Westen zurück und wieder an alter Stelle im Dienst war. doch dann tippte sie den zur Genesung führenden Vortrag über die Kinderjahre.

Beide schwach und liebenswürdig. wie er meinte. als Intermezzo einschob.wie sie sagte . die noch unmündigen Kinder dem väterlichen Lotterleben zu entziehen. zudem ging es darum. Väter.und Karnickelzucht wohl und fanden ihr Stück bemessene Freiheit auf dem Kartoffelacker und beim Gemüseanbau. die ihm zufallen konnte. fand alles zu weitschweifig und . war bereits mehr als die Hälfte abgetippt. das heißt erwachsen und aus Distanz erlebt. Beiden Vätern mißlang die Ehe. günstigem Verkauf der Löwenapotheke von Neuruppin auf sandigen Wegen nach Swinemünde. Galt dem einen häufiger Ortswechsel als jederzeit wirksames Allheilmittel gegen den Stumpfsinn bürgerlicher Ansässigkeit. Beide wurden von ihren Frauen am Ende vor die Tür gesetzt. Es ging um die Väter. sei es als Gärtner in den Knöllerschen Gewächshäusern. Der Unsterbliche hat die hinausgezögerte Scheidung seiner Eltern als Apothekergehilfe.Poggenpuhlschen Salon. und nach der Eröffnung einer eigenen Lithographiewerkstatt und deren schnellem Konkurs wechselte er nur noch Gelegenheitsarbeiten. der Deutschland aus Schmach und Elend emporheben wird«. Doch da lebten sie schon abgesondert und ganz für sich. doch als Fonty kurz vor Schluß der »Kinderjahre« ein Zwischenkapitel. die ihren Spielschulden oder jeder abhängig machenden Arbeit aus Prinzip davonliefen und dabei nie um glaubhafte Ohnmachtsgebärden oder Pläne für todsichere Neuanfänge verlegen waren. Trieb es den einen nach hastigem und. weil die strenge Emilie und die strenge Luise den gesellschaftlichen Abstieg der Familie oder den Rückfall ins Proletariat nicht als »Befreiung von Zwängen« oder »klassenbewußten Neubeginn« gutheißen konnten. sah der andere die Zukunft gleichfalls im Wechsel: vom Druckhaus Kühn in der Ludwigstraße zur Druckerei der Firma Oehmigke & Riemschneider an der Friedrich-Wilhelm-Straße. sei es als Heizer auf einem Ausflugsdampfer. 1935 sah der halbwüchsige Gymnasiast und Hitlerjunge Theo Wuttke seinen Vater mit wenig Gepäck davonziehen. »Vierzig Jahre später«. Des häuslichen Streits müde und weil ihm das von SA-Kolonnen besetzte Neuruppiner . gefördert gewiß vom Tempo der neuen Zeit: Luise Wuttke bekannte sich schon früh zu »unserem Führer und Reichskanzler.»an den Haaren herbeigezogen«. Am Ende fühlten sich beide bei Schweine. bei den Wuttkes ging es schneller zu. war dem anderen jede neue Werkstatt die beste. Jeder auf konsequente Weise unzuverlässig. Zwar nörgelte sie.

in ihr wohnliches Kellerloch aufgenommen. die. Beide Väter hatten jung. gegen diesen und unter preußischen Fahnen ins Feld gerückt. schwer beschädigt wurde. die an der Ecke Königsallee. das nur von einer halbjährigen Schutzhaft im Konzentrationslager Oranienburg unterbrochen wurde. überlebten sie. mit mäßigem Gewinn Mastschweine und verkaufte zu günstigem Preis die in seinen Sandäckern reichlich vorrätigen Feldsteine an eine Straßenbaufirma. Beide scheiterten zwar beruflich und als Ehemänner. blieb aber unbeirrbar dem Genossenschaftswesen verschworen. mit Ausnahme der Kellerwohnung des Hausmeisters Max Wuttke. ließ sich der andere. am überwachsenen alten Flußufer der Oder. aber bei Lichte besehen ist alles mal schrecklich . von seinem elfjährigen Sohn den Kopf verbinden. Beide Frauen waren in mittlerem Alter. doch mit prägend soldatischen Erfahrungen gerüstet. Beide alleinstehenden Väter haben..Pflaster zu heiß geworden war. mitunter allerdings schrecklich. Der eine hielt Napoleon die Treue. wenn er nach Saalschlachten mit randalierenden SA-Männern nach Hause kam. fanden sie zu Tätigkeiten. So lebten. Frauen in ihre Kätnerhütte. der eine züchtete nahe Freienwalde. Dort besorgte er eine schloßähnlich verschnörkelte Villa. als Hausmeister und Gärtner in Berlin-Grunewald Unterschlupf gefunden. nun als Reichsbannermann. Hasensprung hinter hohen Bäumen versteckt lag und dennoch im Bombenkrieg. «. wollte der unverbesserliche Sozi nach Berlin. wenn die Söhne in unregelmäßigen Abständen auf Besuch kamen. die ihren nie recht ausgelebten Neigungen Auslauf boten. von der . der andere schwankte zwischen Bebel und Bernstein. Lehrte der eine seinen Erstgeborenen die Namen aller Napoleonischen Marschälle von Ney bis Rapp.. doch ließen sie von ihren weltbeglückenden Entwürfen nicht ab. als Freiwilliger beim Infanterieregiment Nr. 24 zu einigen Verwundungen. als sie schon an die Sechzig waren. am Hasensprung 35 als »meine Altersgenossin« den Tisch deckten. hatte es der andere. nahe der Oder als »Haushälterin«. Sie hatten es mit Prinzipien. Erst als sie von Frau und Kindern getrennt und allein für sich lebten. der andere in einst vornehmer Villenlage. so pazifistisch er das Militärwesen verachtete. um dort unterzutauchen. Beide waren mit wenig beruflichen. der eine im Oderbruch. dem Eisernen Kreuz und vor Verdun zum Unteroffizier gebracht. obgleich Bewunderer Napoleons. die eine galt als »gute Person. War der eine. die im Brandenburgischen meilenlange Chausseen mit zerkleinertem Gestein pflasterte. jeweils nach Kriegsende geheiratet. der andere hatte nach unruhigem Hin und Her. Beide Väter hatten Reste revolutionärer Ideen über Niederlagen hinweggerettet.

Soviel Verständnis für zwei altgewordene Eigenbrötler. Manchmal verwechselte er sie... Die eine verwertete alles vom Schwein: von der Schnauze übers Nackenstück bis zu den Spitzbeinen. Nun täuschten sie ihre Söhne. Als der Erstgeborene im Sommer 1867 seinen Vater in der ehemaligen Schifferkolonie nahe Freienwalde besuchte. geschmort oder zerkleinert als Pfeffer. Max Wuttke züchtete. indem er beiden nur Gutes nachrief.anderen hieß es: »Sie redet nicht viel. lieferte Grünfutter genug. beide Väter miteinander befreundete. Und soviel gehäufter Gewinn auf Kosten der in Distanz geratenen Mütter. wurde aber dennoch vom Einundsiebzigjährigen als »mein Jung« begrüßt und erst ein wenig später als »nun auch schon betagter Knabe« erkannt. Und weil er ihnen so viele Gemeinsamkeiten zuschrieb. sobald diese als Besuch am Tisch saßen. das sanft geneigt bis zum verschilften Dianasee abfiel. So waren beide Väter endlich zur Ruhe gekommen. der andere stand mit oft geflickter Gärtnerschürze über blaugrauer Cordhose und in Holzschuhen am Gartentor. nur die Väter . wie einst im Neuruppiner Schrebergarten. Als Fonty in einem Zwischenkapitel über den Vater des Unsterblichen schrieb. glichen sie einander wie Zwillinge aus Neigung. war ihm sein eigener so nahe. doch diesmal in großer. hat Hand und Fuß. aber was sie sagt. war er annähernd fünfzig Jahre alt. Der eine erwartete seinen Sohn in grauer Leinenhose und in schon lange nicht mehr gewechseltem Hemd unterm Drillichrock. die Lebenskosten deckender Zahl. Kaninchen gab es genug. Das weitläufige Gartengelände. für die nur Respekt blieb.verkrachte Existenzen wie er standen ihm jederzeit nahe. « Beide Frauen kochten gerne. nach üblichem Hin und Her auf der Teppichbrücke. . denn immer noch fürchtete er deren zwiefach bewiesene Strenge. Soviel liebevoller Zuspruch für zwei schwadronierende Käuze. das den Krieg gegen Österreich abhandelte. selbst wenn es daneben greift oder fehltritt . Der ehemalige Apotheker und spätere Schweinezüchter belächelte seines Sohnes journalistische Fron und dessen Anstrengungen zugunsten preußischer Kraftakte. die andere bereitete Kaninchen zu: gebraten. wenn er vom anderen sprach. daß er. daß Fonty den einen meinte. Blaue Wiener und andere Stallhasen. der Unsterbliche schrieb damals noch für die Kreuzzeitung und saß überm zweiten Kriegsbuch. Jedenfalls kam es vor. Sogar dem Spiel und dem Alkohol hatten sie abgeschworen.

noch einmal von Neuruppiner Saalschlachten mit der SA und anschließend davon. daß der Bau der Berliner Mauer bevorstand und welch anhaltende Trennung dieses verschämt zum Schutzwall ernannte Bauwerk für Vater und Sohn zur Folge haben würde. »parteischädigender Sozialdemokratismus« hieß sein Verbrechen. Inzwischen war der alte Wuttke Mitte Sechzig und litt. im Eisentopf geschmort hatte.. ahnte er nicht. wie bei jedem Besuch des Sohnes.Als Fonty im Juli 1961 zum letzten Mal seinen Vater in der Kellerwohnung der noch immer kriegswüsten. Doch für die wechselnden Vorträge seines kulturaktivistischen Sohnes hatte der ehemalige Steindrucker nur milden Spott und für den »drüben« praktizierten Sozialismus allenfalls Hohn übrig.. Dazu gab es thüringische Kartoffelklöße. Seine versuchte Rückkehr nach Neuruppin wurde ihm übel ausgelegt. erzählte der Kaninchenzüchter zum Nachtisch. »die Radieschen von unten anzusehen«. Sie begrüßten sich heiter. seiner Fixierung auf Napoleon entsprechend. sagte der Alte. die noch aus Swinemünder Zeiten geblieben waren. Die stumme »Altersgenossin« dagegen holte am Abend einen Kaninchenbraten in Sahnesoße aus dem Ofen. « -. sie stammte aus dieser waldigen Gegend. außer an geschwollener Leber. nach gärtnerischer Redeweise. wie es kurz vor 33 beim berüchtigten BVG-Streik zugegangen sei: »Eine Schande! Klumpfuß und Spitzbart an einem Tisch. als hätte er sie kürzlich besucht. »Das nenne ich puren Staatskapitalismus«. um sich. der in den ersten Jahren nach Kriegsende Erfahrungen mit der Einheitspartei gemacht hatte. der bald nach dem Besuch seines Sohnes im darauffolgenden Oktober gestorben war. wie sie ihn im öden und einsamen Luxembourg-Garten an die Wand stellten . von Napoleons Marschällen . Kommune und Nazis gemeinsam gegen . während Fontys Vater zwei Jahre nach dem Mauerbau davonging. Getrunken wurde Birnensaft. sondern Kalbsbrust. hatte der Schweinezüchter im Oderbruch den bevorstehenden Tod als »Abberufung in die Große Armee« vorausgesagt. Dazu kam Rotwein in zwei Pokalgläsern. Und der Kaninchenzüchter sprach den Kulturbundreisenden als »Junior« an.»Weißt du noch? Lannes und Latour d'Auvergne und Michel Ney. um den ermüdeten Kreuzzeitungsredakteur zu erfreuen. und danach. unter asthmatischen Beschwerden wie des Unsterblichen Vater. nur Flucht konnte ihn vor einem längeren Aufenthalt im ehemaligen und weiterhin drohenden KZ Buchenwald bewahren. auf den Tisch. Rhabarberkompott. Damals gab es zur Abwechslung keinen Schweinebraten. weil in den oberen Stockwerken ausgebrannten Grunewaldvilla besuchte. die die »Haushälterin«. Plauderte der Schweinezüchter nach dem Essen von der Pariser Weltausstellung.

. Das war zuviel. daß schließlich Arbeiter gegen Arbeiter standen . Mit dem einen Vater ging er hinaus in den Hof zu den Mastschweinen und später zum Sandacker. Er liebte sie nicht zuletzt wegen ihrer Erfolglosigkeit und ihrer Gewinne von nur bescheidenem Maß.. kommende Freiheit und soziales Glück verhießen. <« So baute Fonty beiden Vätern ein Denkmal. Luise?<. dann fährt sie zusammen oder sitzt da wie ein Holzpfahl .. « . oder die Vorträge eines Kulturbundreisenden. Beide Väter hatten schließlich Weltsysteme im Sinn. der zu der Seenkette im Grunewaldviertel gehörte und an dessen Ufer sich Literarisches abgespielt hatte: Die kommerzienrätliche Treibel-Gesellschaft erging sich plaudernd und schwatzte über zwei Schwanenhäuschen bei fehlenden Schwänen. So kam es. mit dem anderen Vater zählte er die in den Kaninchenställen wimmelnden Würfe der Blauen Wiener und bewunderte dann im Gemüsegarten die gut tragenden Feuerbohnen. Und ihre immer um Zuwachs und Fortschritt bekümmerten Gedanken. sagte der eine. die nie zur Ruhe kamen. rief Frau Jenny Treibel. »Und wenn dann die beste Stelle kommt und ich sage: >Die Verhältnisse machen den Menschen.. in dem die verkäuflichen Feldsteine vorrätig lagerten. »Ich lerne nicht mehr dazu«.und Uferstreifen des Villengrundstücks gingen sie und redeten zeitverschoben. und der andere sagte: »Komm da nicht drüber weg. doch zum Gespräch kam es nie. die jeweils größere Gerechtigkeit.»Aber meine Gundula nickt immer nur stumm und mag dabei an ihre eingelegten Essiggurken denken. daß ihm die kritischen Spitzen seiner sonst der Parteilinie folgenden Ausführungen von der Zensur gekappt wurden. vergossen für eine reaktionäre Zeitung.« Beide hörten den beruflichen Plänen ihrer Söhne zerstreut oder mit Ungeduld zu: Was kümmerten sie journalistischer Schweiß.. die Seite an Seite mit Professor Schmidt ging: »Es ist ein Elend mit den . wenn ich ihr frei nach Bernstein die evolutionäre Methode der Menschheitsverbesserung erkläre: >Der Weg ist alles.uns Sozialdemokraten.. « Beiden Vätern waren nur noch die alten Geschichten wichtig. nicht wahr. den Blumenkohl und den Sellerie. Unser Widerstand erlahmte. und das Ziel ist nichts . Mit eiligem Bleistift entwarf er sie überlebensgroß und stellte sie gemeinsam auf einen Sockel. Das war ihnen Kleingehacktes: ehrenwert. der zuließ. Bis zum Schilf. Als im weiteren Verlauf des Spaziergangs des Lebens Wechselfälle besprochen wurden. aber unnütz. wobei Fonty mit nachgespitztem Blei ein weiterer See zum Dianasee einfiel. man mußte sie nur aus der Küche rufen. fanden in der gutmütigen Haushälterin und der stummen Altersgenossin willige Zuhörerinnen.

als ihn sein Sohn zum letzten Mal besuchte: »Das reine Hohenzollernwetter hast du getroffen.. wenn ich nicht Professor wäre. es ruht hier allein. Ja. sag mal.»Wie bescheiden hat man den großen Schweiger nach vollbrachter Tat erlebt« -. ist das wieder ein Sommer! Kaiserwetter hat man in meiner Jugend dazu gesagt. wenn ich im folgenden Satz auf hochgehaltenem Transparent den Kommunismus siegen lasse. « Und schon eilte er abermals vom verschilften Dianasee zum sandigen Oderufer. sein Gerede über die Zukunft der Arbeiterklasse. Dem Arbeiter. ich war für die Mauer. das Glück.« Dabei legte sie die Hand aufs Herz. aber nur. zu meiner Frau Leidwesen. freiweg den ollen Stechlin zu zitieren? Und darf der Busenfreund der Treibelschen. so würd ich am Ende Sozialdemokrat . mit eiligen Gedanken ein Jahrhundert auszuschreiten. Und wie sieht's drüben aus? Hältst du noch immer Vorträge über die Unsterblichkeit unserer Neuruppiner Lokalgröße? Kenne das alles. wie heißt er schon. Zwischendurch war er die fünfeinhalb Schritt über die rotchinesische Teppichbrücke hin und zurück unterwegs. Wilibald. erlaubt dir der Genosse Ulbricht. vom Tiergarten und. Glück. zum Beispiel die Passage mit dem biertrinkenden Pferd. die sich auf den Halensee bezogen. Fonty zitierte noch mehr Stellen. um auch diesen Einsiedler im Drillichrock aufs Podest zu stellen. « Und der ehemalige Steindrucker sagte vom Denkmalsockel herab zu seinem Sohn. Vater. Der sagte.. Glück! Ach. von dessen unentwegt nachwachsenden Kaninchenbraten getrennt hat. Schreibst ja auch viel über die Hohenzollern. Ja.und Bauern-Staat liefen die Bürger davon. Sogar preußische Junker hat er angebebelt daherreden lassen. Keine Mühe machte es ihm. vom alten Max Wuttke in seiner Gärtnerschürze zum Vater des Unsterblichen. Ich für meine Person halte an Napoleon fest .. noch immer zu seiner Tochter sagen: >Corinna. daß ich es in solcher Stunde gerad vor Ihnen bekennen muß.. <?« Worauf Fonty nach kurzem Teppichlauf in schwer leserlicher Bleistiftschrift dem Karnickelzüchter Antwort gab: »Gewiß. wenngleich sie mich auf Jahre vom Westen der Stadt. fast noch schmerzlicher. da kam er schon ohne Umstand auf die prekäre Lage Berlins kurz vorm Mauerbau: »Irgendwie mußte der Massenflucht Einhalt geboten werden. Wilibald Schmidt.« . von meinem liebenswürdigen Vater und..Äußerlichkeiten. als dieser auf Besuch von Ost. Gerade noch feierte er den siegreich beendeten Krieg gegen Österreich. richtig.nach Westberlin zum Hasensprung gekommen war: »Na.. na. mithin Moltke und die Schlacht bei Königgrätz .

. Was will man mit Müller groß reden? Außer. und gleichfalls war Hoftaller. da ist man in Hosen und mit Krawatte grad noch geduldeter Gast.. Doktor Zöberlein sprach von »starken Selbstheilkräften« und riet zu normalen Gewohnheiten: »Aber übertreiben wollen wir nicht. Wuttke . zumal Fonty sogar der Kriegsruine am Hasensprung 35 eine gewisse Unsterblichkeit zugesprochen hat. daß ein Bummel zum Kollwitzplatz und ein anschließender Café noir vorm Bistro in der Husemannstraße. einige Verse aus dem Band »Die gestundete Zeit« zu zitieren.. keine sechs. Habe ja nichts gegen schreibende Frauen und stelle die Bachmann neben Mörike. der Meinung. genehmigt.. der Altbau renoviert wurde und eine namhafte österreichische Dichterin in einer ausgebauten Etage Wohnung nahm. kurz nach Max Wuttkes Tod. an der Zeit sei: »Wolln uns auf ein Stündchen . wenn auch nur für bemessene Zeit. à Elle drei Mark.. Und die Wolf hält sich tapfer ihr Damenkränzchen. Kurze Spaziergänge. « 13 Vom Wechselkurs fester Glaubenswerte Als Fonty das Zwischenkapitel beendet hatte und seinen doppelt gewebten »Kinderjahren« den Schlußfaden einfädeln wollte. die dem Archiv vertraut war: »Habe ja keine Kollegen.Man könnte über soviel Vaterverehrung lächeln oder tiefschürfend reden. das ist ein Fluch .. Das fiel ihm leicht. aber seitdem Keller und Storm tot sind welche Dürftigkeit. «. mit Bobrowski und Fühmann ja. als wären sie sich begegnet. war er vom Nervenfieber genesen. kommt da nicht viel. « eine Klage anzustimmen. aber daß Hunderte solcher Blaustrümpfe wie Ludovica Hesekiel mit Sechser-Moral und Dreier-Patriotismus unsere Literatur besorgen. ins Bild des Vaters und Hausmeisters die spätere Mieterin zu schummeln.« Besonders dem ersten Teil dieser Empfehlung stimmte Emmi zu: »Du mußt an die frische Luft. Früher. allenfalls ein paar niedliche Zynismen. mit denen ich auf dem Sprechfuß stehe. daß er seinen Whisky zelebriert und sich via Zigarre über seinen Meister Brecht mokiert. das Haus der Ministerien befindet sich ohnehin in letaler Phase. dabei der inzwischen komfortablen Grunewaldvilla Bedeutung anzudichten und mit dem Wunsch »Hätte mit der Bachmann gerne ein Stündchen und länger zwischen Vaters Karnickelställen geplaudert . als eigentlicher Arzt und Nothelfer. doch die Aktenschlepperei kann warten. beide miteinander zu verquicken. Dennoch war ihm der alles in allem unglückliche Berlinaufenthalt der Lyrikerin Ingeborg Bachmann Anlaß genug. weil dort. wo man bei stabil sommerlichem Wetter gut draußen sitzen könne.

Mit Peinlichkeiten. auch erwachsene Konvertiten. Deshalb war Martha wochenlang zur Hedwigskirche gelaufen. Man steht nur rum und fängt sich allenfalls eine Grippe ein. dann über diese Distanz die »Kinderjahre« zu Ende bringen. sonst sagt sie die Hochzeit ab . Quelle dieser eher Kindern verordneten Exerzitien war der Katechismus gewesen. wolle er die gewohnten fünfeinhalb Schritt auf dem Teppich bleiben und wenn schon mit lauter Rede unterwegs. und weil's ne Menge Leute gibt. indem sie ihn einklagten? Fonty stand unter Druck. wo ihr ein Priester die Glaubenssätze der ihr neuen Lehre beigebracht hatte. Das war Heinz-Martin Grundmanns Wunsch. so auch in Neuruppin. die sich aus der kirchlichen Trauung hätten ergeben können. Wuttke! Du mußt dich endlich um Martha kümmern und die paar Sachen regeln. ihre Glaubensleere aufzufüllen und die Religion ihres zukünftigen Mannes anzunehmen. die du dem Grundmann versprochen hast. Also lief er in seiner Filzkutte Zeile nach Zeile ab. die ständig aufs Solide pochten und den Familienfrieden brachen. freiweg vom Stehpult. doch nicht Bedingung gewesen. Das lag an den Vätern und deren Unruhe. weil die sich ändert. denn bereits im Vorjahr. durch diese Waschanlage. genauer gesagt. hatte Martha den Entschluß gefaßt. Er schrieb so schnell. verlockend sein dürften. war der Eheschließung ein Termin gesetzt. « Wir bestätigen den Anlaß für Emmis Sorge. und zwar demnächst. daß sein Bleistift kaum Muße für Unterlängen fand und seine Kritzelschrift selbst für Emmi unleserlich wurde. Müssen unbedingt die Lage sondieren. Also mach endlich. Monate vorm Fall der Mauer. Bist du ihr schuldig als Brautvater. Warum? Na. In Swinemünde stand abermals Weihnachten bevor. täglich. erinnerte sich .. Weil das Aufgebot schon seit Wochen aushing. Weil ein rechtgläubiger Trauzeuge fehlte und Grundmann an Marthas nachbarlicher Jugendfreundin Inge Scherwinski keinen Gefallen finden konnte.treffen. Er scheute die Welt außerhalb seiner Studierstube: »Bin gegen Gesellschaftliches. Ihm war nicht nach Öffentlichkeit. Alle Einladungen waren ausgesprochen. Aus Münster kamen dringliche Briefe. Und hier wie da hing der Haussegen schief. niemand wird ungeprüft aufgenommen. war nicht mehr zu rechnen.« Fonty zögerte. Sie riß die Tür von der Küche zur Studierstube auf und zeterte: »Mach nen Punkt. die sich für nen Vortrag nach Ihrer Mache drängeln würden. sogar die an Professor Freundlich und Frau. oder lag es an den Müttern. Bevor Spaziergänge wieder alltäglich und abermals Vorträge.« Er müsse sich noch eine Weile bedenken. dann Telegramme. doch müssen alle..

Wenngleich wir uns sagten: »Vorsicht vor Übereifer« und uns bekannt war. Fonty bestand darauf. weil ja beide aus diesem Nest kommen. muß raus. setzt sich. der macht trotzdem weiter. der bleibt bis in alle Ewigkeit. Emilie. Oft saßen wir eine geschlagene Stunde und länger. nee. Für den ist nur wirklich. weil ihm sein Vater vor dem verflixten Denkmal immerzu eingebleut hat: >Der da. Kaum isser aussein Bett raus. Wir mußten in der Küche oder im Poggenpuhlschen Salon warten und wie auf Abruf sitzen. Kulturbund und so. daß er. sich . Weil er nicht kam oder uns rief. Aber wenn ich zu meinem Wuttke sag. muß ja nich alles gleich und sofort aufs Papier. für sie zeugend vor den Altar zu treten. War ja all die Jahre so. tröstete uns Emmi über die Zeit hinweg. willigte ich ein. diese Gefälligkeit war das Archiv den Wuttkes schuldig. die ihm angeratenen Spaziergänge auf der rotchinesischen Teppichbrücke abzulaufen. der eigentlich dem Genesenden gelten sollte. was er sich ausdenkt. den langen Tisch reservieren und das festliche Menü auswählen müssen. der er mehr aus Trotz denn aus Glaubensstärke nie abgeschworen hatte. denn wer will sowas noch hören? Gibt es ja nich mehr. laß man gut sein. wenn er von seinem Einundalles redet. Aber der Brautvater kümmerte sich zu wenig. Er hätte schon längst eine Gaststätte für das Hochzeitsessen bestimmen. brabbelt dabei. der ist unsterblich. was raus will. sagte sie: »Auf den können wir lange noch warten.einer von uns an seine katholische Herkunft. wenn er hat liefern gemußt. schreibt was. vor dem er als Knirps schon gestanden und geguckt hat. Also hab ich getippt und getippt. Er hielt sich abseits und spitzte seine Bleistifte immer wieder neu an. Als wenn das nich Zeit hätt bis nacher Hochzeit. Nicht etwa Fonty. was die »Kinderjahre« betraf. Kaum is er bißchen gesund. war ihm lästig. Alles futsch und vorbei! Nur nich für meinen Wuttke. Aber das wissen Sie ja besser. und konnte. diesmal sogar über sich. Der kann mal wieder nich aufhören mit seinem Gekritzel. Aber diesmal kritzelt er einfach ins Blaue nur. Ohne daß wir viel fragten. kein Ende finden. übernimmt er sich gleich. daß vormalige Kommunisten als frischgebackene Katholiken gerne ihr altgedientes Glaubenswerkzeug mit sich führen. rennt wieder und schreibt und schreibt. rennt er hin und her. sagt er. schon dich. Selbst unser Besuch. als Enddreißigerin einen Mann zu bekommen. nur mit dem Brautvater war nicht zu rechnen. Nun hatte es doch noch geklappt. dessen Tochter bat mich.< So fing das an. daß da der olle Mann sitzt. Nach der vor Jahren mißlich gelösten Verlobung mit einem Oberleutnant der Volksarmee hatte sie kaum noch zu hoffen gewagt. Diesmal nich nur über sein Einundalles. Das durfte die Braut von ihm erwarten. Da kann links und rechts die Welt untergehn.

will er sich in Neuruppin och mit paar Rowdys rumgekloppt haben.immer irgendwie reinmogelt. wo sie keiner hat finden gekonnt: der eine auffem Dachboden. Gott. und zwar als gütigen Papa. weil bei uns . War bestimmt Schwamm inne Dielen. Ein Spukschloß ist nix dagegen. alle beide nich. manchmal auch zwei frisch geschlachtet und abgezogen. besonders mit Fräuleins. daß dem seine Emilie genauso schlecht wegkommt wie die arme Luise von deinem . Gundelchen da. und unten konnt man die Schwindsucht kriegen. Und genauso der Vater von seinem Einundalles. weshalb ich dem Alten hätt dankbar sein müssen. Steht bei dem was über Prügeleien mit Straßenbengels geschrieben. Lief die Wände runter. Und immer wieder diese Väter! Ich kann Ihnen sagen: Hatte der eine Spielschulden. Richtig wien Kavalier konnt der sein. so ne kleine pummelige. Und die Betten klamm. die natürlich Emilie heißt. Denn reden konnt der. Der eine mit nein Holzschwert. das er auf Weihnacht bekommen hat. wie mein Wuttke och manchmal. Gundula hieß sie. bloß bißchen verdruckt alle. die sich in Swinemünde rumkloppen. bekam der andre. muß er ihn rausstreichen. der sich ja immerhin ein richtiges Denkmal zusammengeschrieben hat. Nur ihre Frauen haben nischt zu lachen gehabt. seit er arbeitslos war. Roch richtig nach Schimmel und war nich sauber zu kriegen. Und wie sich die Jungs versteckt haben. der muß och son Schönredner gewesen sein. Konnt einem leid tun die arme Frau. Weltverbesserung und so. Aber der Garten tipptopp. wie mein Wuttke das nennt. nich mehr die Flasche vom Hals. den seine böse Frau. Und genauso steht nun der Vater von meinem Wuttke ziemlich aufgeplustert da. in dem der Alte hauste. Der und seine Karnickel! Kann Ihnen sagen: Vornehme Villengegend war das mal.diese ewige Knapserei. als wenn er alles nachplappern muß. Gab ja rein gar nischt. der andre mit ner bloßen Dachlatte. Aber der Kasten. nämlich als weiser Eremit. einfach vor die Tür gesetzt hat. kaum bißchen Gemüse. Oben vom Krieg noch ausgebrannt alles. Hab ihn ja oft genug besucht.aber das wissen Sie ja . die sich der Alte angelacht hatte. Immer seine Sozisprüche gekloppt. der andre im Kohlenkeller hinter Packen von Papier. mit ihr war der Alte ja freundlich: Gundelchen hier. die nie nen Mucks gesagt oder sich groß beklagt hat. bevor die Mauer kam. weil wir bei uns sowas nich kriegten. Hat uns Salatgurken und Blumenkohl mitgegeben und jedesmal ein Karnickel. Wenn ich aber zu meinem Wuttke sag: >Also das geht nich. eigentlich nur ein verbummelter Apotheker gewesen is. Waren aber überall Bilder drauf. der sich von der schlimmen Welt in ein naßkaltes Kellerloch zurückgezogen hat. sah wirklich schlimm aus. Weil aber der Vater von seinem Einundalles. Ziemlich wirr alles. so feucht. die alle Ausschuß waren oder Makulatur. selbst im Sommer. Da kann ich nur lachen drüber.

Martha Wuttke. weiß ich schon lang. Wuttke<. das verstehst du nicht. Das steckt tiefer drin. hab ich gesagt. weil kein Kulturbund mehr da is und zahlt. weil sie in Hamburg bei deiner Schwester. Außerdem gibt es uns noch. daß die andre genau wie ich alles hat abschreiben gemußt. Ich sag Ihnen: Das is genau wie damals. die immer nur tippen muß. wo sie vor sich hin heult. Als unsre Jungs alle im Westen geblieben sind. nur viel mehr noch: all die Kriegsschmöker und Romane und obendrein diese Wanderungen.. Emilie. nich auf fein Taufschein Emilie eingetragen gehabt hätt. alle. damit unsre Martha nich rumhängt und sich verkriecht in ihr Zimmer.. besonders für dich. inne Wehrmacht drüben. den er ja doch nich halten wird können. weil er hat unbedingt Flieger werden gewollt... hört er auf oder macht nen neuen Abschnitt mit Spaziergänge und schon wieder Gerede. davon steht bei dir kein Sterbenswörtchen geschrieben. wie liebenswert alle beide . erst als Kandidat und dann richtig. < Aber Sie wissen ja. Was haben die aushalten gemußt und beide ihre Last gehabt. Kümmer dich endlich. daß sie katholisch is nu. als unsere Martha freiwillig inne Partei reingegangen is. Zuviel Gerede und jedes Schloß klitzeklein beschrieben. Und unser Georg. und zwar ein heimlicher. Kenn ja das meiste. Aber daß dein Vater davon ne kaputte Leber gekriegt hat.Papa.. Kümmer dich endlich um deine Tochter.. Doch was bei mir drinsteckt. was die Schlimmsten sind. < Na schön! Aber dann hätt er sich selber ein Beispiel nehmen sollen bei seinem Vortrag. war zwar von ihrer Spielart der Nervenschwäche genesen. wär ich dir schnuppe gewesen womöglich .< Und ich sag denn: >Weiß ich.< Mir paßt das ja och nich. nur immer an dein Einundalles .. gefällt mir aber nich. die eine mit dem ewigen Schuldenmacher und Pumpgenie und die andere mit dem Großkotz.. und es spannend wird. die für Fonty Mete hieß und bald nach ihrem Ehemann heißen sollte. der eigentlich ein Säufer war. warst du schuld. Deshalb drängel ich immerzu: >Nu is genug.. >Aufgeopfert hat sie sich für uns. Lauter Emilien. klebt nicht an der Oberfläche. was ja das Schlimmste war.. Was wirklich ist. Aber mein Wuttke sagt immer: >Das ist das Besondre. die och nu schon lange unter der Erde is. weil du kein bißchen an ihre Hochzeit denkst. wenn genug is. da fragt keiner nach.. >weil du unten durch warst bei den Bonzen da oben. Und wenn deine Emmi. Die Kunst des Weglassens . haben die gesagt. och wenn es ne Bruchbude is. wie weise. Aber das is nu vorbei alles. Ehebruch oder son richtiges Duell mit Pistolen. < Dann sagt mein Wuttke: >Laß man. nach der keiner fragt. Man muß aufhören. nur immer wie gütig. Immer nur deine Emilien. Doch wenn was passiert.. och wenn du dagegen bist. gab aber dennoch .

um es von dort. Nee! Eigentlich ist mir überhaupt nicht nach Heiraten. weil ich nicht mehr dahintersteh. Dabei würd ihm Grundmann das abnehmen und selber nen Tisch bestellen. Nichts konnte sie ablenken. Im Prinzip will ich schon und hab paarmal zu Vater gesagt: >Diesmal wird's ernst.zu Hause den Trauerkloß ab. der bevorstehenden Hochzeit wegen. wo neuerdings Photos und Andenken aus FDJ-Zeiten zur Seite geräumt waren und ein zum Hausaltar dekoriertes Tischchen um Andacht warb. nur noch manchmal. weil ich so lang allein . Mach mir da nix vor. Er will. Außerdem hielten die Sommerferien an. als er kurz hier war. ob ich schuld bin. Eigentlich hätte sie. kein Ärger mit dem neuen. Weiß noch genau. der gut ist. daß du einen Tisch für zwölf Personen bestellst. aber Vater kümmert sich nicht. ich soll seine Bauherren betreuen. Diesmal trau ich mich. doch auch in dieser Frage erlebten wir Martha Wuttke unschlüssig. Geht nicht ohne . In der Villa rumsitzen. weil ich rechnen kann? Aber nur Hausfrau sein paßt mir noch weniger. auch wenn Grundmann meint. war weder beliebt noch gefürchtet. wieder in die Küche zu tragen. Darüber sprach sie mit uns vom Archiv. daß wir in der Hedwigskirche vorm Altar und daß ich keine Zweifel mehr. Er sagt.abgesehen vom häufigen Krankfeiern zuverlässige Lehrerin. kündigen müssen. die viel zu groß ist. wenn es auf Pfingsten. hatte allerdings Probleme mit Kollegen und mehr noch mit Kolleginnen. Bloß. bei nein Italiener... Du mußt dich um die Hochzeit kümmern. lupenrein Parteilosen Direktor. hat er extra aufgeschrieben für dich. die Investoren. Diesmal spring ich nicht ab wie damals bei Zwoldrak. genau. Sagt nur ja ja und ist in Gedanken schon wieder woanders.. wenn er wie taub ist. wie ich bei der FDJ . nachdem ich versprochen hatte.. besonders mit mir. weil ich nicht rechtzeitig Klartext mit ihm geredet hab. und warten .. richtig oder falsch zuließ.. Am Ku'damm neben der Schaubühne soll es einen geben. Natürlich frag ich mich manchmal. da bin ich mir gar nicht sicher. ich kann mich da unten betätigen. und jedenfalls ne Perspektive brauch. Und ob ich in Schwerin noch mal irgendwas anfang. die nicht rechtzeitig die Partei verlassen hatten: Gezänk im Lehrerzimmer. genau wie Mama. na. und zwar im Westen drüben. als Trauzeuge einzuspringen: »Im Prinzip wollt ich schon längst mit der Schule aufhören. hört Vater weg.. Grundmann hat wieder geschrieben und drängelt. einem Lehrfach. indem sie ihr Leid aus der Küche in ihr ältlich verwohntes Jungmädchenzimmer schleppte.< Genau! Warum nicht im Westen? Ich hab da nix gegen.. nicht geheißen hätt: >Das Hochzeitsessen ist meine Sache!< Doch wenn ich das antipp. kein Unterricht in elementarer Mathematik. weil immer wieder von grundsätzlichen Zweifeln befallen. Sie galt als tüchtige und . vielleicht. dessen Glaubensferne nur zweifelsfreie Beurteilungen.

Am liebsten wär ihm natürlich ne reformierte Hochzeit im Französischen Dom. >Ist doch ein hübscher Kuppelbau. Mete!< hat er gesagt.. daß ich schon bald nachem Eintritt in die Partei. genau.. Richtung Schottland natürlich. Genau.davor war ich drei Jahr lang nur Kandidat -. nix dagegen gehabt hat. klar. < Aber das ist bestimmt nicht einfach für Vater. Aber sich kümmern. denn kurz bevor er abgedampft ist. Und vielleicht hat Vater deshalb Knall auf Fall weggewollt... Genau! Und daß katholisch geheiratet werden soll . wenn seine einzige Tochter. hat er mir hier in der Küche ganz freundlich nen kleinen Vortrag gehalten. daß ich ihm nix vom Katechismusunterricht und dem Priester von Sankt Hedwig gesagt hab oder zu spät erst. Doch im Prinzip muß er sich an den Gedanken gewöhnt haben... fängt beides mit K an und hält sich partout für unfehlbar . mit paar Spitzen drin: >Sei's drum.nicht nur gesungen.. Falsch war bloß. meinen Glauben zuerst an Lenin und später an Marxengels verloren hab.. Aber gepaßt hat ihm mein Übertritt bestimmt nicht. als noch das alte System war und ich raus bin aus der Partei. die Hedwigskirche. < Denn im Prinzip ist er die Toleranz in Person. hat Vater kurz >Meinen Segen hast du!< gesagt und dann noch gemurmelt: >Jeder nach seiner Fasson .. Gekränkt hat mich nur. Was wollen Sie eigentlich.. als es Vater schon besser ging. richtig gesund ist er davon geworden. sich richtig um meine Hochzeit kümmern. sondern geglaubt hab: >Damit du in der Welt dich nicht irrst . Nix mehr mit Nervenpleite. als ich zusammen mit meiner Freundin Inge zur Jugendweihe gewollt hab. kam aber nur bis Bahnhof Zoo. auch wenn er zu mir voriges Jahr im März. Jedenfalls hat er das krummgenommen und sowas wie Bäumchenwechseldich gemurmelt. < Dann ist er mir mit dieser Schnulze >Graf Petöfy< gekommen. war Anfang der Achtziger . Aber katholisch? Das will ihm nicht einleuchten. Richtig beleidigt ist er gewesen. wie früher schreiben gekonnt hat. daß ausgerechnet dieser Stoppelkopp für mich geredet hat. < Das hat der gesagt. weil da ja auch konvertiert wird. >Na endlich!< gesagt hat. auch wenn wir alle auffem Papier nur lutherisch sind oder noch weniger und Vater. >Ob Kommunismus oder Katholizismus.... das will er noch immer nicht im Prinzip . weil er auf einmal schreiben. >Besser gar nix als alles glauben!< hat er gerufen und dann noch eins draufgesetzt: >Nach welchem Wechselkurs tauscht man heutzutage die Überzeugung?< Erst als ich ihm lang und breit erklärt hab.. Fonty? Wir leben nun mal in ner Wendezeit . « .

die >Kinderjahre< nen ersten wirklichen Verkaufserfolg gebracht. Wurde danach immer toller: Kaum sind die Sozialistengesetze weg. Jedenfalls ist es mir gelungen. kippt Bismarck. Sie sind gefragt. wie beim großen Vorbild. ihm jegliche Lauferei zu ersparen und ganz nach seinem Wunsch einen Hochzeitstisch zu bestellen. . Das Büchlein ging wie warme Semmeln weg. und ich hatte ein Wörtchen mitzureden. daß dem Brautvater der Bräutigam nicht gefiel. Das Ganze zahlt sich aus. Wollen unbedingt was von früher. Wie schnell sich doch die Lage ändert. die jungen Leute. Haben die Nase gestrichen voll von dem. daß Sie Ihre >Kinderjahre< in der alten Schultheiß-Brauerei. vortragen können. sollen all die hübschen Bleistifte als destruktives Westprodukt beschlagnahmt werden? Na also! Hab übrigens gute Nachricht. Na Fonty. hätte ihn sein Tagundnachtschatten nicht aus der Studierstube getrieben: »Nun machen Sie mal nen Punkt. Ketzer im Grunde. von der ich jetzt schon und drittens behaupte.« Er wäre wohl so verbockt geblieben. Beste Aussicht besteht. zweitens komme dieser Herr Neunmalklug aus dem Westen: »Die ticken doch ganz anders als wir. Für Grundmann und Konsorten bleiben wir Ostelbier. die jetzt >Kulturbrauerei< heißt. Nicht nur in Swinemünde. selbstverständlich vor Publikum. Jedenfalls sollten Sie besser als ich wissen.« Hinzu kam. Da hilft kein Konvertieren. hat er von uns keinen Schimmer. wie wir wissen. Fonty! Oder soll etwa mein kleines Geschenk.Wir haben miterlebt. wo die Leute immer auf Klatsch aus und neugierig waren. Und ob bei unserer Mete diese Weihwasserkur anschlägt. von noch früher zu hören kriegen. Selbst mein Angebot. daß sie nach Pleite riecht. Sind ganz wild drauf. daß der Unsterbliche an den Erinnerungen fast so viel verdient hat wie an seiner berühmten Effi. sondern dürfen sogar abkassieren. Und selbst wenn seine Firma. wie Fonty sich verweigert hat. Waren aufregende Zeiten. als es um die Bezuschussung ging. wage ich zu bezweifeln. was ja stimmt. was sagen wir jetzt? Nun sind Sie bei all der Schreiberei nicht nur gesund geworden. was grad läuft. wie nix von der Hand gegangen. Fing achtundachtzig mit dem Dreikaiserjahr an. dann ist das meine Sache. kaum war er gesund. jetzt schon ne runde Summe lockerzumachen: Werkhonorar! Wird übrigens von drüben subventioniert der Laden. Zwar lasse sich mit Grundmann halbwegs amüsant plaudern. in Bulgarien Hotelbauten hochgezogen hat und ihm unsere Mete am Schwarzen Meer über den Weg gelaufen ist. Dem haben. Die ist ihm. so sehr das in Mode ist. aber erstens sei er zu alt und obendrein Witwer. heidnische Protestanten. schlug er aus: »Wenn überhaupt.

Schließlich ganz groß im Deutschen Theater mit Liebknecht und weiteren Sozis im Publikum. Immerzu Zweifel .. diesen Kostümwechsel auf offener Bühne. Er hatte noch einmal. Ob Sie sich dazumal vom Revoluzzer zu Manteuffels Agent gemausert haben und als Skribifax von einem Journal zum anderen. einen langen Schlußabsatz breit zum in Bronze gegossenen Denkmal. der Herr. Von wegen neues Kapitel aufschlagen.. Na. weil die Ordnung wieder mal grundsätzlich . nachdem er die Friedrichswerdersche Gewerbeschule als eher lästiges Pensum abgehakt hatte. Lief als Renner das Stück. Selbst der junge Kaiser spielte verrückt.. wie sie als Betschwester des Marxismus-Lenimmus nur mäßig gläubig gewesen ist... Fonty. So ist der Mensch! Immer Kleidersorgen! Deshalb sollten Sie Ihrer Tochter den Auftritt im neuesten Glaubensgewand nicht verübeln. wie heute. in Breslau. >Führ Euch herrlichen Zeiten entgegen<. ausgelacht wurde.. Lobe-Theater. Und der Herr von Platz 23 schrieb im >Salon-Feuilleton< begeistert wie ein Jungrevolutionär. Dem schlägt eine historische Stunde nach der anderen. Wird sich noch wundern. um Zeit zu gewinnen. Trotzdem kamen >Die Weber< zur Aufführung: Erst waren sie hier am Schiffbauerdamm. Daß ich nicht lache! Bißchen Wendezeit. Hatten alle Hände voll zu tun. obgleich wir die Preise auf dem obersten Rang verdoppelt hatten. das . und die Sozis immer frecher. war dann auf die abgebrochene und die linear fortgesetzte Gymnasialzeit gekommen. Doch nun wird nicht mehr gefackelt. Ob mit oder ohne Weihwasser: Die Hochzeit steht vor der Tür!« Keine Ausrede half: Es war soweit.. das nimmt sich nix. und in Hannover. Kenne ja ihre Kaderakte. und fand dann. Mantel der Geschichte! hat neulich der Kanzler von drüben gesagt. hieß Dreißiger. Half nix. dann in Paris. Wir pausenlos im Dienst. Soziale Anklage! Schlesisches Elend! Hab noch im Ohr. damit die Arbeiter nicht . der übliche Hemdentausch. wobei er den einen und den anderen Schuldirektor im Rahmen eines Doppelportraits vorstellte. lauter Illusionen und massive Großsprecherei.. das ist alles. Kennen wir doch. wie die Rede von nein Fabrikanten. um von beiden Zufluchten aus die »existentielle Notwendigkeit des kindlichen Verstecks« zu beschwören. die Verstecke der Kinderjahre im Swinemünder Dachgebälk und in der gespenstisch von einem Talglicht erhellten Schwärze des Neuruppiner Kohlenkellers ausfindig gemacht.Unruhige Jahre. Außerdem sind wir sicher. von der Dresdner zur Kreuzzeitung und aus deren Spalten zur Vossischen gewechselt sind oder ob Ihr Fräulein Tochter Rot gegen Schwarz tauscht. daß Ihre Mete allenfalls ne Katholikin mit Abstrichen sein wird. aber nur vereinsintern erlaubt.

als es am 8. Was wäre aus Effi ohne die vom finstersten . Lobreden und Deklamationen zur festlichen Einweihung kam. auf die »ewigen Werte der Dichtkunst« eingeschworen wurde.mehr dem ruhenden und ins märkische Land schauenden Wanderer als dem Romanautor gewidmet wurde. Draußen wartete auf ihn mit trockener Hitze der August. die errichtet wurden. die runde Summe nicht wie sein Restvermögen. Kulissen. Aber wenn es denn unbedingt katholisch über die Bühne muß. das er als Fluchtreserve wertete.« Danach gönnte er sich nur noch ein kurzes Auf und Ab über die Teppichbrücke. Fonty gehörte wieder der Welt an. Hab ja ein Faible. Mal beschattete ihn die Bronze.Hoftaller ein Schultheiß. der als metallener Guß in Neuruppin auf der Steinbank sitzt. mit dem Geständnis: »So bin ich seit frühesten Kinderjahren ganz eins mit ihm. Häuserfassaden wie aus dem Bilderbuch. fünfhundert Mark. mal fiel sein Schatten auf den steinernen Sockel. sondern den seiner Genesung abgezweigten Gewinn in das Hochzeitsessen zu stecken. Juni 1907 mit viel Trara. Sie saßen in der Husemannstraße vor dem seit Mitte der achtziger Jahre mitsamt der Straßenfront restaurierten »Café Bistro« und tranken . nicht unbedingt für Schwarzröcke. an der Hand des Vaters. Er schloß seine Erinnerungen. doch durfte er anfangs nur in Begleitung ausgehen. will ich mir was einfallen lassen. Als ihm das versprochene Werkhonorar. zur Dresdner Bank in die Dimitroffstraße zu tragen. in der immer noch neu anmutenden Währung bar auf die Hand ausgezahlt wurde. Fonty ein Glas Medoc. Mit seinem Tagundnachtschatten kam sich Fonty wie ausgestellt vor. den er verspürte. beschloß er. Manchmal streunten westliche Touristen vorbei. Sein Bleistift schrieb von allerfrühesten Begegnungen mit der Unsterblichkeit. Nach dreimaligem Umrunden des Kollwitzplatzes fand das Gespräch mit Hoftaller unter einem Sonnenschirm statt. als er. um sich und andere zu täuschen. hinter dem Denkmal stehen und um das Denkmal herumlaufen. griff dann nach Hut und Stock. Fonty sah sich vor. Im Verlauf der anfangs entspannten Plauderei sagte er zu Hoftaller: »Bleibe dabei: Französischer Dom ist besser als Hedwigskirche. Man bestaunte die von der 750 Jahrfeier Berlins gebliebene Vorspiegelung. vom »heiligen Schauer«. aber für Weihrauch und Kerzenschimmer schon und für die Gottesmutter sowieso. denen mittlerweile ein Honorar sicher und ein Vortragspult versprochen war. Alteingesessene ließen sich hier kaum blicken.

... »Auch ich hätte beizeiten das katholische Unterfutter Ihrer ansonsten weltlichen Firma erkennen müssen . praktizieren Sie immer noch?« »Irgendwie hört das nie auf. die treu zu ihr hielt. nun schon genüßlich: »Wird man nicht los. von der päpstlichen Fraktion. ich habe gesündigt . Anfangs besuchte er die Kneipe »Keglerheim« in der Lychener Straße. Und Hoftaller räumte zuerst verlegen. wenn ich mich recht bedenke. der ja sonst alles offengelegt hat. Die Kirche weiß. dann ne kalte . als alle. Worten und Werken . « »Furchtbar richtig!« rief Fonty.Glauben geschlagene Magd Roswitha geworden.na. « »Späte Einsichten!« »Aber Hand aufs Herz. von ihr abfielen? Auf das Katholische ist wie auf die Hölle Verlaß.. dann aber mit Bekennerfreude ein.. Er zündete eine seiner Kubanischen an.. Ach. sozusagen taufrisch zu sein. Sind nicht sogar Sie. ne gewisse Hemmung hatte. das Ohr des Priesters und den reuigen Mund: Ja. unsere Sünden bleiben sich treu .. dieses erst zögerliche. dieses Gefühl. Wie ne Dusche ist das. neugeboren. Sollte Ihnen einleuchten. und hat tausend Techniken entwickelt. Verdanke der katholischen Kirche ne Menge.. doch die Sünden. Sie wissen schon . Tallhover.. Und mit nem Trick wie dem Beichtgeheimnis kann man sogar ne Sorte redselig machen.dieser Polizeirat Reiff aus >L'Adultera<?« Fonty genoß seinen Winkelzug um drei Ecken. etwa Schweinshaxe und Schlachteplatte oder Kohlroulade. nur die auf der Speisekarte angebotenen Gerichte. empfand er die neuerdings installierten Spielautomaten und die aus jeder Ecke den Schankraum beschallende. In ihrem Arm singen alle. die sich für hartgesotten hält. Die Kirche ist immer da. die auf ne subtile Weise die Zunge lösen. glänzte wie gesalbt und erinnerte sich. doch nicht als Stammlokal vertraut war. was im Menschen drinsteckt. selbst Briest samt Frau. « Tags drauf war Fonty allein unterwegs. machte ein Kaplansgesicht.. dann hemmungslose Offenlegen des Innersten. daß er seine frühesten Berufserfahrungen in Beichtstühlen gesammelt habe. Zwar hat Ihr Fräulein Tochter den Glauben gewechselt. Bedauerlich nur.. dabei ständig rumsende Musik als störend. dieses Geflüster beiderseits des hölzernen Gitters.. die ihm von früher. . meiner in Beichtstühlen erfahrenen Prägung Beachtung zu schenken . Als er mit kleinem Bier an der Theke stand. daß mein Biograph. in Gedanken.« »Sie meinen. wir alle sitzen lebenslänglich im Beichtstuhl?« »Konfession spielt dabei nur ne geringe Rolle. erst ne heiße. Hoftaller. und dann endlich die Absolution. wie .

. jedes Stück Fleisch schmeckt nach Kellermuff. Hier war der Mief besonders dicht und von Heimlichkeiten gesättigt. vergewisserte sich durch Nachfrage. desgleichen den Wirt. Verrat ging ein und aus. den Leierkastenmann. denn da trafen sich. sogar die Straßenkinder riefen ihm nach. dann zahlte er und ging. hier soll Mete nicht ihre späte Hochzeit feiern müssen. der als hochbegabt gehandelt wurde. wollte nichts vergangen sein. verweilte bei den über der Thekenwand angepappten Lokalgrößen. erkannte Nante den Eckensteher. wie der Wirt sagte. Er legte sich Zitate zurecht. dem der Mund überging. als historischer Ort: Da war doch mal was. die gestern noch den ungebundenen Genies als Umschlagplätze gedient hatten. Von hier aus war es nah zum verschachtelten und mit Zinnen und Türmchen gekrönten Backsteingemäuer der alten Schultheiß-Brauerei. Und schon jetzt galten Lokale. doch auf dem Prenzlberg schon.»Gut Holz und alle Neune!« -. und kein Buchbinder kann ein Buch hübsch einbinden.. trank aber dann doch noch einen Nordhäuser Korn zum letzten Bierschluck und prostete sich dabei zu: Nein. wo er ein Ecklokal. »bis nache Einheit und innen Oktober rein« ausgebucht seien. Zum Wirt des Keglerheims sagte er: »Berlin hat sich kolossal verändert. und wie Wechselgeld blieb Verdacht im Umlauf. dem es zu Zeiten des Arbeiter. sondern alles gegenwärtig. doch für Fonty. Hier waren Gedichte geheckt und wie Kassiber gehandelt worden. und noch ein Spitzel. die Harfenjule und Zille in seinem Milljöh. die seinem Spott auf alles Berlinische zupaß kamen . darüber ist Zeit vergangen. die neuerdings als Kulturbrauerei in Betrieb war und mit täglich aufgefrischtem Spektakel Publikum fand. da haben sich immer wieder. Wir verdanken das weitaus am meisten dem Asphalt und den Pferdebahnen«. desgleichen die noch nicht verwestlichten Preise. Er ließ den Blick wandern.und Bauern-Staates gelungen war. daß beide Kegelbahnen noch immer in Betrieb und. da soll sogar. « -. da soll ein Spitzel. kannte. die Gaststätte »Offenbach-Stuben«. der noch ungebrochenen Machtfülle der führenden Genossen die private Einrichtung eines . auf Abruf. der hier zu Hause war. und dabei der unerträglichste Dünkel . Sein Viertel.>Jede Semmel ist pappig. In einem Stadtteil wie diesem war jeder des anderen Informant und keiner unbeschattet gewesen. In diesem Quartier war er als Fonty bekannt. doch für ein Hochzeitsessen waren diese Berliner Spezialitäten kaum geeignet. da verging Zeit. Dann las er die Glaubenssatzung aller Kegelbrüder in Form geschwungener Inschrift . Hier hatte sich in diversen Lokalen die Szene mehr selbstbezogen als konspirativ versammelt. Talente trugen auf beiden Schultern. Über die Senefelder kam er zur rechts abzweigenden Stubbenkammerstraße.sagten ihm zu.

hat aber die Zwangskollektivierung als »staatliches Bauernlegen« mißbilligt. Das ist das gewöhnliche Schicksal solcher Sätze. Bratschen.Junkerland in Bauernhand« -.Mandolinen. etwa zu Felsensteins »Blaubart«-Inszenierung. Der Wirt klagte ein wenig über die neuerdings sprunghaft steigende Miete und über das Ausbleiben vormals zahlungskräftiger Stammgäste. daß Ende der fünfziger Jahre »Hoffmanns Erzählungen« und später im Metropol »Die schöne Helena« sowie »Die keusche Susanne« zur Aufführung gekommen waren. heißt das nicht. als es darum ging. als der Wirt ihm auf Wunsch die Speisekarte vorlegte. Wenn er schon den Wunsch seines zukünftigen Schwiegersohns nach einem »guten Italiener« unterlief. dessen Wandschmuck aus etlichen alten Instrumenten .und Bauern-Macht seine politische Meinung direkt als »Herr Wuttke« vertreten und die offizielle Parteilinie allenfalls als Fonty relativiert. Fonty genehmigte sich an der Theke einen Calvados und gab die Wortspiele eines altgedienten Kellners witzig zurück. So hingen denn überall Kostümentwürfe zu Offenbachs Opern an den Wänden. er habe andernorts. Bühnenkünstler der Komischen Oper und vom MetropolTheater sollen behilflich gewesen sein. So war er von Anfang an ein Befürworter der Bodenreform . daß Fonty durchaus als Wuttke zu handeln verstand. Und als nach dem Mauerbau seine drei Söhne im Westen blieben. traf . und zwar zum 5. ihm vorgeschriebene Rolle gespielt. kam er auf »Metes Hochzeit«. hat niemand gereut« einfach ins Gegenteil kehrte: »So ist es mindestens genauso richtig. Fonty erinnerte sich. Als er ging.. Davon zehrten die Offenbach-Stuben. durfte in Offenbachs Stuben an nichts gespart werden. einen Tisch für zwölf Personen. so genannt zu werden. Wenn wir ihn im Archiv ausschließlich als Fonty erlebten. Auf die Frage »Was Neues in der Feder?« antwortete er: »Es ließe sich von jedem Tage ein Buch schreiben!« Und erst. denn gleich nach der kirchlichen Trauung sollten hier die Hochzeitsgäste mit dem Brautpaar als geschlossene Gesellschaft tafeln.« Wie nach plötzlich gefaßtem Entschluß reservierte er im sogenannten Musikzimmer.Restaurants abzuhandeln. September. Er wollte sich nicht lumpen lassen. summte er vor sich hin: »Als ich noch Prinz war von Arkadien . mittags. Desgleichen hat er zu Zeiten der Arbeiter. nur diese eine. Geigen -bestand. die nicht frei von Eigensinn war. Zugleich bestellte Fonty das Menü: drei Gänge. vielmehr trat er besonders dort als Theo Wuttke auf und legte Wert darauf. « Mit dieser gerade noch rechtzeitigen Entscheidung praktischer Natur. etwa als Aktenbote im Haus der Ministerien. indem er den Satz jung gefreit.. soll noch einmal betont werden. die üblichen Schikanen der Behörden ein wenig zu mildern.

wie Fonty sagte. Später hat er bei Tisch gesagt. daran konnte die Zusage des jüngsten Sohnes Friedel nichts ändern. auf Wunsch des Bräutigams mal so. und als er sich später bei Tisch richtig auskollerte. nach welcher Fasson geheiratet wird. Hauptsache. er werde auf keinen Fall zur Hochzeit seiner Schwester kommen. der sich wunder was von der Zeremonie in der Hedwigskirche versprochen hatte. meine Mete. und »ziemlich abgeduscht«. Doch gleich. Alles lebt nur auf acht Tage hin!« Noch mehr Spitzen schoß Fonty auf dem Bebelplatz ab. Durch mich vertreten. wo die Madonna aus der Nische der nunmehr verwitweten Gräfin Franziska himmlischen Schutz verspreche. mal so für Photos gruppiert und vor wechselnde Kulissen gestellt. wie das Publikum. waren wir vom Archiv weit mehr beeindruckt als der Brautvater. dann aber war er. Anfangs schaute Fonty dem katholischen Zeremoniell in der Hedwigskirche noch neugierig als Theo Wuttke zu.ihn dieser Verlust mehr als Wuttke denn als Fonty. fand die Gesellschaft endlich zum Prenzlauer Berg in die Offenbach-Stuben. war 78 infolge eines Blinddarmdurchbruchs gestorben -.Georg. Deshalb hat ihn die Weigerung seines zweitältesten Sohnes Teddy . fiel das Wort »Schummelpackung«. bis sie von einem Regenschauer vertrieben wurden.« 14 Marthas Hochzeit Beide gaben ihr Jawort deutlich. der in des Unsterblichen Roman »Graf Petöfy« bis in die letzte Zeile hinein spuke. ihm habe jener »sinnbetörende Hokuspokus« gefehlt. nichts Lateinisches geboten wurde und alle früher üblichen Mysterien ausgespart blieben. wenngleich diese beim Konvertieren ohne Eile gewesen sei. der älteste. Gleich nach der Trauung begann er zu mäkeln. als Fonty enttäuscht. als kein Weihrauchfaß geschwenkt. Meinen Einwand »Sogar die katholische Kirche muß mit der Zeit gehen« hat er verlacht: »Der Papst hält es mit den Buchhändlern. ganz anders als seine Tochter. die ohne Zögern zuerst der alleinseligmachenden Partei das Verlöbnis aufgekündigt und alsdann der alleinseligmachenden Kirche das Glaubensbekenntnis nachgesprochen habe: »Aber so ist sie nun mal. die wenden sich. immer kolossal überzeugt. Mit Mühe fanden sich vier Taxis. schnell anderen Göttern zu. . zuallererst als Familienvater verletzt. das ja stimmt. wo sich die Hochzeitsgesellschaft bei bedecktem Himmel versammeln mußte.

den er als Kind oder nur von Photos her kannte und der sich ohnehin vorgenommen hatte. mit einer eher koketten Entschuldigung »Ich kann gut plaudern. als Hauptgericht serviert werden sollen. « Doch war aus Jena rechtzeitig ein üppiges Blumenbukett geliefert worden. Professor Freundlich und Frau hatten nicht kommen können. und selbst Fonty packte ein Lob .genügend Auslauf für Eskapaden . Doch zartrosa muß nicht jüngferlich heißen. befürchtete sie weitere Ausrutscher. laut Telegramm und zu Fontys Bedauern. Na wartet. sagte er. Die Tischkärtchen waren Emmis eigenhändig umgesetzte Idee. dazu Gemüse und Kartoffelpuffer .als passend zum festlichen Anlaß . kaum saß die Gesellschaft. das sogar Emmi Wuttke gefiel.stehend und freiweg zu halten begann.« Solche Einfälle machten Emmi besorgt. sie hatte sich seit Schulzeiten einen der Sütterlinschrift abgewandelten Schriftzug bewahrt.« Wenn es nach Fontys Wunsch gegangen wäre.und dem Hauptgericht namens »Schöne Helena« . bei Tisch fällt mir sicher was Unpassendes ein. Die Braut. als beide noch in Sankt Hedwig familiär Seite an Seite saßen: »Dazu kann man nur schweigen oder eine Menge gepfefferten Unsinn reden. leider verhindert: »Unaufschiebbare Universitätstermine . sondern erst zwischen der Vorspeise . an dem nach einigem Hin und Her alle mit Hilfe handgeschriebener Tischkärtchen ihren Platz fanden. versteht. Zu seinem Sohn Friedel.die »Schöne Helena« zu empfehlen. folglich gab ihm die äußerlich kroß gebratene. aber schlecht sprechen« .rosa gebratene Entenbrust mit Orangensoße. Jemand rief: »Wie niedlich!«. der die Freundlichs sonst kaum etwas recht machen konnten. hätte »Orpheus in der Unterwelt«.hausgebeizter Lachs mit Sahnemeerrettich . die er jedoch nicht sogleich.. dessen kindlich korrekt gezogene Schleifen allen Gästen Eindruck machten. Kaum war es dem Brautvater gelungen. doch innen saftig gebliebene Entenbrust. wenngleich ihm schon in der Kirche und angesichts des »kolossal ausgenüchterten Katholizismus<~ nach längerer Rede gewesen war. unsere schon so lange zuwartende Schönheit. einige gewagte Anspielungen ein: »Schöne Helena paßt immer. was gemeint ist. doch war es Emmi gelungen. an denen sollte es nicht fehlen.in seine Tischrede. Und weil sie auf ihres Wuttke Reden noch nie mildernden Einfluß gehabt hatte. ihm den Orpheus auszureden und . sie sahen sich. beleidigt zu sein.. als er an sein Glas schlug und sich erhob.»Dank sei meiner allen Wechselfällen des Lebens trotzenden Emilie gesagt« . nämlich geschmorter Ochsenbraten in Zwetschgensoße mit Speckbohnen.Dort wartete der für nur zehn Personen gedeckte Tisch.

aber . »ein wenig knickbeinig« der Braut zur Seite gestellt und deren in Wien zelebrierte Hochzeit »natürlich zu Beginn des dreizehnten Kapitels« . Alles Interesse darf sich der jungen Witwe und ihrem Seelenkummer hingeben . « Dann aber rettete Fonty das Brautpaar.im Vergleich zu dem verlebten und alsbald abgelebten Grafen ungarischen Geblüts . indem er eine seiner von uns bewunderten Volten schlug: »Aber was rede ich da! Altersunterschied muß nicht scheiden! Altersvorsprung ist immerhin Vorsprung! Oder wie schon der greise Petöfy als Lebemann und deshalb genüßlich spekulierte: Der Jugend Überschuß und schneller Verbrauch könne dem genügsamen Alter Wegzehrung sein. Deshalb nochmals: Hauptsache. die Tischgesellschaft und sich selbst aus der leichtfertig herbeigeplauderten und von Emmi befürchteten Schieflage. Kein Tröpfchen Blut fließt literarisch. die sich in der Gumpendorfer Straße befindet... Nun erst wurde der Titelheld des Romans. der achtunddreißigjährigen Martha und dem sechsundfünfzigjährigen Bauunternehmer Grundmann. das ja stimmt!« Und schon war der Brautvater.noch immer ein junges Ding. nannte er anfangs seiner geliebten Tochter Parteiaustritt und Kircheneintritt ein »ökumenisches Wechselbad«. den nur vom Ergebnis her handlungsfördernden Pistolenschuß auszusparen. indem er sein Romanpersonal musterte und nach nur kurzem Suchen der Hochzeitsgesellschaft die Schauspielerin Franziska Franz vorstellte. prophezeite: »Der Scheiterhaufen kommt wieder in Mode«..« Und nun kam er abermals auf die Braut: »Franziska war zwar nicht blutjung. der das Auftragen des Hauptgerichts ein wenig verzögern wollte. dem das Leben sperrangelweit offenstand . als riskant zu begreifen..zu schaffen. « Man mußte nicht Kenner des heute vergessenen Romans sein. danach in der protestantischen. die er eine »übrigens aus Swinemünde stammende Plaudertasche« nannte. wurde nun ganz und gar Fonty. um die Anspielung auf den Altersunterschied zwischen den gerade Frischvermählten.als wiederholt vollzogene Trauung abgefeiert: »Denn zuerst wurde in der Augustinerkirche. gewann dann ihrer neuen Perspektive einige Rückblicke ins finstere Mittelalter »inklusive Hexenverbrennungen« ab. der alte Graf Petöfy. zumal Fonty mit seinem Hinweis auf des »abgelebten Grafen baldiges Ende« den katastrophalen Schluß des Romans ins Spiel brachte und diesen auch noch als »erzähltechnisch geschickt« lobte: »So gelingt es dem Autor. wieder beim Traualtar und allgemein beim Katholischen . das Ja ausgesprochen.

angelangt, dessen Wesen er als »in Jahrhunderten geübte Disziplin des längeren Atems« lobte und als »farbenprächtig bis in den Sündenfall hinein« pries, während er dem Protestantismus »eine mehr graphische Linienführung« nachsagte, die »auf weiß gekalktem Grund immerfort Schuld suche und anschwärze«. Damit war der Tischredner bei des alten Grafen so betagter wie frommer Schwester Judith und dem allgegenwärtigen Pater Feßler gelandet und sogleich inmitten jener verräterischen Ringgeschichte, bei der es, gegen Ende des Romans, um Petschaftssprüche geht. Fonty, der einen pointierten Ausklang für seine Rede suchte, nahm, mit Blick auf den als Gast anwesenden Priester, rhetorisch Anlauf: »Hochwürden, ich muß gestehen, daß mir dieser Pater als schwarzer Papist und Anschwärzer jeglicher Irrlehre, ob lutherisch oder calvinistisch, dennoch Eindruck gemacht hat, weil er, wenngleich als ausgewiesener Dunkelmann, freimütig genug gewesen ist, seinen Siegelring mit der Inschrift eines Protestanten, mit der knappen Devise des berühmten Gelehrten Thomas Carlyle, zu zieren ... « Als der Redner hier eine Kunstpause einlegte, wollte natürlich die Hochzeitsgesellschaft, voran der Bräutigam, den gravierten Wortlaut wissen. HeinzMartin Grundmann rief: »Schluß mit der Geheimniskrämerei. Wie heißt denn der Spruch?« »Entsage!« antwortete Fonty mit, wie immer, genauem Zitat und hob das Glas. Woraufhin alle anderen zögernd, dann aber doch ihre vom Medoc dunklen Gläser hoben: zuerst Emmi Wuttke, die keine peinliche Stille aufkommen lassen wollte; ihr folgte Friedrich, Friedel gerufen, der jüngste Bruder der Braut, den vor Jahrzehnten der Mauerbau zum jugendlichen Ostzonenflüchtling gemacht hatte und der mittlerweile in Wuppertal als Verlagsleiter tätig war; gleich nach ihm folgte die so hagere wie zugeknöpfte Schwester der vor fünf Jahren verstorbenen ersten Frau Grundmann der feierlichen Trinksitte: als verwitwete Bettina von Bunsen hatte sie in Freiburg im Breisgau die beiden mutterlosen Kinder des Bauunternehmers großgezogen; mit ihr zugleich hatte eines der Kinder, Martina, die in Köln Germanistik studierte und für hübsch oder niedlich angesehen wurde, ihr Glas gehoben; jetzt zog Inge Scherwinski nach, die als Freundin und Hausnachbarin der Braut eingeladen war, sich aber ihr schweres Los als alleinerziehende Mutter dreier Jungs nicht ansehen ließ, sondern unbeschwert überm Weinglas lächelte und dabei ihre Mäusezähnchen zeigte; nun griff auch ich zu, der vom Archiv ausgeliehene Trauzeuge, dem des Brautvaters Tischrede beruflich nahegegangen war; zu vorletzt legte der in der Hedwigskirche als Pfarrer amtierende Priester Bruno Matull, der

Martha beim Konvertieren geholfen und ihr den ehelichen Segen erteilt hatte, die Finger beider Hände dergestalt priesterlich um das Glas, als wollte er einen Kelch heben; und nun erst griffen sie gleichzeitig zu: die Braut und der Bräutigam; dem war es jüngst gelungen, in Schwerin eine Zweigstelle seiner Münsteraner Firma zu eröffnen. Heinz-Martin Grundmann hob sein Glas in Augenhöhe und rief: »Verstehe: Entsage! Ist originell! Aber, mein lieber Schwiegervater, diesen Hochzeitsspruch werden sich Martha und ich bestimmt nicht in die Ringe gravieren lassen. Einfach köstlich, entsage. Darauf laßt uns anstoßen: Entsage!« Woraufhin Friedel Wuttke seinem Schwager, dem er zuprostete, ins Gesicht lachte. Noch lauter und mitreißender lachte Inge Scherwinski, die mit ihrer Jugendfreundin anstieß. Als sich der Priester ein Schmunzeln über gehobenem Kelch erlaubte, begann die Grundmanntochter Martina zu kichern und steckte damit Frau von Bunsen an. Schließlich lief das Gelächter rundum, denn weder Emmi Wuttke noch ich konnten uns zurückhalten. Was blieb der Braut und dem Bräutigam übrig, als beim Klang der Gläser jenes einzelne Wort lachhaft zu finden, das soviel Heiterkeit ausgelöst hatte. Nur der Brautvater trank dem Brautpaar feierlich ernst zu. Jetzt erst bemerkte ich, daß Fonty auf dem linken Revers seines schwarzen, im Verlauf der Jahre ein wenig zu weit gewordenen Jacketts ein Ordensband samt baumelnder Medaille trug. Sein Anzug für Vorträge, dekoriert während Kulturbundzeiten. Doch wie er in grauer Weste unter der Jacke und mit zur Schleife geordneter Halsbinde dastand und mit weißhaarigem Haupt und überm geneigten Rotweinglas strähnig hängendem Schnauz aufs Wohl der Brautleute trank, wobei er seinen Blick über das Hochzeitspaar hinweg gleiten ließ, hätte er anstelle der für »Verdienste um das kulturelle Erbe« verliehenen Dekoration, links auf der Brust, ein anderes Markenzeichen spät nachklappernder Ehre tragen können: den Hohenzollernhausorden erster Klasse. Wir stritten ein wenig, ob dem Archiv das Recht zustünde, den chronologischen Ablauf der Hochzeit zu mißachten und die Tischrede einfach vorzuziehen. Korrekt wäre es gewesen, wenn schon nicht mit allen rituellen Einzelheiten der Trauung in der Hedwigskirche, dann doch mit der Vorspeise, mit Lachs, Meerrettichsahne und trockenem Chablis aus alten Gläsern zu beginnen. Ich wäre dafür gewesen, mit Inge Scherwinskis den Akt der Trauung überschwemmenden Freudentränen den Kirchenraum einzubeziehen, und gleich danach hätte der Wirt der OffenbachStuben die Hochzeitsgäste begrüßen und mit allen Gastzimmern bekannt machen können. Das darf nun nachgeholt werden, denn es war ja nicht so, daß wir vom

Schankraum direkt durch den Flur und an der Küche vorbei in das Musikzimmer geleitet wurden, wo jedem der vielen Instrumente eine Legende anhing und der gedeckte Tisch wartete. Zeit für einen Aperitif - »auf Kosten des Hauses« - gehörte zum Festplan. Und mit gefüllten Gläsern führte der Wirt die als »geschlossene Gesellschaft« angemeldeten Gäste vom Schankraum durch alle drei dahinterliegenden Stuben. Waren die Tapeten der ersten in Lindgrün gehalten, ging von den folgenden, die englischrot und blau-violett tapeziert waren, jene aus frivoler Laune und mitreißender Sangeslust gemischte Stimmung aus, die der Name des Restaurants seinen Gästen versprach. Ich erlaubte mir einige Bemerkungen zu Karl Kraus' Bemühungen um Jacques Offenbach und nahm die hier hängende Zimmerdekoration, hinter Glas gerahmte Kostümentwürfe zu Felsensteins »Blaubart«-Inszenierung, zum Anlaß für kulturgeschichtliche Hinweise. »Verstehe«, sagte der Bräutigam, »leichte Muse mit zeitgenössischem Pfiff.« Den Schankraum schmückten durch Signatur wertvoll gemachte Photos von Künstlern, unter ihnen einige noch immer bekannte. Und als Münzautomat stand dort eine Vitrine, in der, nach Einwurf, fingerlange Tänzerinnen im Tutu die Beine zu werfen und zu einschlägiger Musik Cancan zu tanzen begannen. Ein Sammlerstück, das der Wirt nur selten in Gang setzte, so - auf Fontys Wunsch - zu Marthas Hochzeit. Man klatschte Beifall, als der Tanz nach letzten Zuckungen endete. Doch so einladend sich die Offenbach-Stuben mit gedeckten Tischen anboten, fast leer waren sie trotzdem. Der Wirt klagte darüber: Gleich nach der Währungsunion sei ihm die Stammkundschaft weggeblieben. »Erst gegen Abend wird es lebhaft, aber jetzt, über Mittag, ist ziemlich Flaute. Was soll's, kann ja nur besser werden.« Heinz-Martin Grundmann, der mir bereits auf dem Standesamt in maßgeschneidertem Zustand als straffer Herr mit Halbglatze vorgestellt worden war, gab sich als ein an allem interessierter und selbst den alltäglichen Nöten gegenüber aufgeschlossener Mann: »Wem gehört denn dieses heruntergekommene Eckgrundstück? Verstehe! Aus München haben sich Altbesitzer gemeldet, selbstredend mit Mieterhöhung. Donnerwetter, die langen aber zu. Das setzt Kasse voraus. Wird nicht einfach sein.« Er schaffe das schon, versicherte der Wirt, ein schmächtiger Mittvierziger, der selbst gerne Bühnenkünstler geworden wäre, es aber immerhin - »und das trotz Sozialismus« - zu einem beliebten und - »bis kurz vorm Umbruch« - immer

proppevollen Künstlerlokal gebracht hatte: »War nicht leicht, wenn man privat bleiben wollte.« Grundmann wünschte Glück und einen tüchtigen Steuerberater. Friedel Wuttke stand fremd und betont abseits seiner Familie. Inge Scherwinski hätte gerne noch einmal die Püppchen tanzen sehen. Der Priester wirkte angestrengt. Ich versuchte, mit Frau von Bunsen ins Gespräch zu kommen. Die Braut blickte mürrisch drein. Des Bräutigams Tochter nannte die Offenbach-Stuben »niedlich«. Der Brautvater schwieg. Endlich leitete der Wirt die Hochzeitsgesellschaft in das Musikzimmer, in dem Emmi Wuttke mit ihren Kärtchen die Tischordnung bestimmt hatte. Brautpaar und Braut-Eltern saßen sich gegenüber. Ihnen gehörte die Mitte der Langseite, zwischen ihnen ein Blumengebinde. Emmi hatte den Priester zur Seite. Neben Fonty, den der Wirt übrigens immer wieder respektvoll als »Herr Wuttke« angeredet hatte - »Der Chablis selbstverständlich eisgekühlt, Herr Wuttke« -, saß Martina Grundmann, die in den ersten Semestern steckende Studentin. Dem Bräutigam war als Trauzeugin die Schwester seiner verstorbenen Frau zur Seite gesetzt worden. Ich hatte die Braut am nächsten. Für Inge Scherwinski war am rechten Kopfende des Tisches gedeckt. Das linke Kopfende blieb für Friedel Wuttke. Die meisten am Tisch waren einander fremd oder, was den verlorenen Sohn Friedel betraf, fremd geworden. Selbst als die Vorspeise, der hauchzart in Scheiben geschnittene Lachs, serviert war, kamen Tischgespräche nur stockend in Gang. Frau von Bunsen beteuerte ihrem einstigen Schwager wiederholt, daß sie »alles Erdenkliche« getan habe, um den Sohn Thomas, von dem zu hören war, wie leicht ihm sein Jurastudium falle, »aus seinem Schmollwinkel« herauszulocken: »Er hängt besonders an der Mutter.« »Bei uns war och nichts zu machen«, bestätigte Emmi über den Tisch hinweg. »Unser Teddy meint immer noch, er darf nich rüber zu uns, weil er in Bonn nämlich Beamter ist auf der Hardthöhe, wo die Verteidigung sitzt. Dabei wäre die Hochzeit ne prima Gelegenheit für uns gewesen, sich mal richtig auszusprechen nach so langer Zeit ... « »Das wird sich schon noch ergeben«, sagte der Priester, »wir sind uns ja alle fremd geworden, leider, bis in die Familien hinein.« Inge Scherwinski, die nicht nur aus Hemmung laut sprach, wollte über die Länge des Tisches hinweg von Friedel Wuttke wissen, ob er sich noch an seine Kindheit in der Kollwitzstraße erinnere. »Mußte doch ehrlich zugeben, is ne schöne Jugend jewesen in dem ollen Kasten und auffem Hinterhof. Na, im Schuppen drin, weißte

noch, Friedel?« Als keine Antwort kam, zeigte sie Verständnis: >War trotzdem richtig, daß ihr drüben jeblieben seid alle drei, als die hier dichtjemacht haben alles. Aber vermißt haben wir dir... « Endlich gab der oben schon kahle Verlagskaufmann zu, sich »an die Kastanie im Hinterhof« zu erinnern, »aber Heimweh, dafür hatten Teddy und ich keine Zeit. Und Georg schon gar nicht, weil er zum Bund ging und später in Aurich als Pilot bei den Starfightern ... Da war Leistung gefragt ... Ihr habt ja keine Ahnung... Aber lassen wir das.« Wie gut, daß der Bräutigam zustimmte: »Was gewesen ist, ist gewesen. Heut wolln wir fröhlich sein!« Denn die so frühzeitig beendete Offizierskarriere des Hauptmanns Georg Wuttke wäre kein Thema für die Hochzeitsgesellschaft gewesen, bestimmt nicht für Emmi und Martha, die ohnehin ängstlich Friedels Anspielungen auf den Dollpunkt der Familie zu überhören versuchten und Halt bei Lachs und Toast fanden. Leichter hatte es Martina Grundmann, die auf Fonty einredete, indem sie die Probleme westlicher Studenten in überfüllten Hörsälen in so drangvoller Enge ausmalte, daß für interessierte Zwischenfragen kein Platz blieb. Der Brautvater war mit seinen Gedanken auswärts. Das sahen die Braut und deren Mutter mit Sorge. Emmi neigte sich dem Ohr ihres Tischnachbarn zu: »Er sammelt sich, Hochwürden. Gleich wenn die Teller leer sind, fängt mein Wuttke zu reden an. Das kenn ich von früher. War meistens ganz schlimm. Wenn er mal nur nich aus der Rolle fällt.« Aber Fonty schwieg noch ein Weilchen. Fast sah es so aus, als hörte er auf das Geplapper der nicht nur hübschen, sondern auch mit gefälligem Chic ganz in Türkis eingekleideten Studentin. Ich versuchte, die neben mir schwer atmende Braut mit einem Scherz zu beruhigen: »Wollen wir wetten, daß er uns die Hochzeitsgesellschaft aus dem >Stechlin< samt Rex und Czako auftischt?« Aber Marthas Verdacht horchte an anderer Tür: »Wenn er bloß nicht mit dem Architekt anfängt, der seine Mete geheiratet hat, und womöglich diesen Professor Fritsch mit meinem Grundmann verwechselt. Das halt ich nicht aus. Jedenfalls heut nicht.« Wir irrten beide, denn als die Reste der Vorspeise abgetragen waren und der Wirt persönlich dem Brautvater einen Schluck Medoc zum Vorkosten eingegossen und Fonty die Probe für gut befunden hatte, woraufhin beiderseits des Tisches eingeschenkt wurde - nur Friedel deckte sein Glas mit der Hand ab und verlangte nach Fachinger -, erhob sich Theo Wuttke zu einer Tischrede, die in ganz anderer Richtung daneben war, weil in ihrem mal abschweifenden, dann wieder die heikle

Sache auf den Punkt bringenden Verlauf jenes Nebenwerk des Unsterblichen an Bedeutung gewann, in dem mit dem Grafen Petöfy und dessen Schwester der österreichisch-ungarische Katholizismus zum Zuge kam; doch sprach Fonty, wie wir nun wissen, so launig über die Tauschwerte des Konvertierens und so riskant an Klippen vorbei, daß Emmi, die ja immer das Schlimmste befürchtete, nur selten mit Einwürfen - »Nu mach aber nen Punkt, Wuttke!« - den Redefluß einzudämmen versuchte. Zu ihrer und Marthas Beruhigung war es dem Bräutigam gelungen, das zum Schluß gelüftete Geheimnis des katholischen Ringes, die betont protestantische Weisung »Entsage!«, mit Humor zu nehmen. Grundmann sagte, nachdem das Gelächter abgeebbt war und alle einander mit Rotwein, Friedel mit Fachinger im Glas zugeprostet hatten: »Verstehe! Wir sollen sozusagen auf Sparflamme kochen. Aber das ist keine Devise für Bauunternehmer. Wir nehmen, was wir kriegen. Wir kleckern nicht, Schwiegervater, wir klotzen!« Kaum hatte die Tischrede ihr Ende gefunden, wurde die rosa gebratene Entenbrust namens »Schöne Helena« aufgetragen. Es hätte auch, wie gesagt, der nach Offenbachs »Orpheus in der Unterwelt« benannte Ochsenrücken, gewiß nicht das als »Barkarole« gepriesene Lachsfilet mit Kräuterbutter, bestimmt aber »Popolanis Zauberei«, nämlich Kaninchen in Burgunder, sein können, und sei es, um des Sozis und Karnickelzüchters Max Wuttke freundlich zu gedenken. Als alle zu Messer und Gabel griffen, sagte der Brautvater: »Eigentlich hatte ich mich für Ochsenrücken entschieden, aber meine Emilie war strikt gegen Orpheus. Und >Ritter Blaubart< als Rinderfilet mißfiel ihr gleichfalls, dabei hätte dessen Wiederholungstätergeschichte eine Menge Anspielungen erlaubt, zum Beispiel auf die verbotenen Zimmer einer jeden Ehe, gleich welcher.« Die Entenbrust namens Helena gab nicht so viel her, zumal der Braut Gesichtszüge, die einander ständig widersprachen, keine Schönheit im klassischen Sinn zuließen. Solange des Vaters Rede von jähen Abstürzen bedroht war, hatte ihr kleiner ängstlicher Mund dem Blick, der auf den leeren Teller gerichtet blieb, Tränen einreden wollen. Dafür war nun kein Anlaß. Das Tischgeplauder lobte die Ente und mehr noch die Orangensoße. Die Kartoffelpuffer wurden originell genannt. Frau von Bunsen sprach von »sächsischen Einflüssen auf die Berliner Küche«, und Inge Scherwinski rief: »Dat hieß bis vor kurzem bei uns noch Sättigungsbeilage, ehrlich!« Jeder erinnerte sich an vergleichbar köstliche Entengerichte. Martina Grundmann schwärmte von einem Wochenendtrip nach Amsterdam, wo sie

kürzlich mit Freunden ihren zwanzigsten Geburtstag bei »ganz lecker knuspriger Pekingente« gefeiert habe. »Was gab's denn zu deiner Hochzeit damals?« wollte Emmi von ihrem Sohn hören. »Ich bekam ja keine Genehmigung, all die Jahre nich, rüberzureisen.« Friedel Wuttke wollte auf den Beginn seiner inzwischen geschiedenen Ehe nicht eingehen. »Lassen wir doch die alten Geschichten! Aber vielleicht dürfen wir erfahren, wie der reiche Wessi Grundmann meine Schwester Martha, die arme Ostmaus, aufgegabelt hat. Erzähl mal, Schwager! Aber die Wahrheit. Nichts hören wir lieber als rührende Geschichten, obendrein gesamtdeutsche mit glücklichem Ausgang.« Der Verlagskaufmann, der in Wuppertal einen evangelischen Missionsverlag leitete, dessen gemischtes Programm nicht nur Besinnungsliteratur bis hin zu religiösen Traktaten anbot, sondern auch die Dritte Welt und deren unerlöstes Elend zum Thema hatte, fragte nicht ohne Hintersinn und von mir vermuteter pietistischer Tücke, denn die Vorgeschichte der Liebesbeziehung zwischen dem westlichen Bauunternehmer und der sozialistischen Lehrerin galt als familiäre Verschlußsache und war deshalb nicht allen am Tisch bekannt; selbst mir, dem Trauzeugen, hat die Braut keine Einzelheiten anvertraut. Nur andeutungsweise ahnte ich etwas von der dazumal gewagten Liaison, die sich über Jahre mitsamt ihren Heimlichkeiten hingeschleppt hatte. Sogar die Brauteltern wußten wenig. Allenfalls war Hochwürden Matull, als Marthas Beichtvater, unterrichtet. »Warum nicht!« sagte der Bräutigam. »Jetzt kann man ja offen darüber reden. Verstehe, daß da für meinen lieben Schwager, na, sagen wir mal, ein gewisser Nachholbedarf herrscht. Hoffentlich ist er nicht enttäuscht, wenn wir ihm nicht mit Zweideutigkeiten dienen können.« »Nur die Wahrheit ... « »Die sollst du haben. Das war vor etwa sechs Jahren. Unser, wie du schon sagtest, gesamtdeutsches Treffen fand im Juli, und zwar bei Bullenhitze in einem Strandhotel am Schwarzen Meer statt, wohin ich häufig, unserer Großbauten wegen, auf Geschäftsreise mußte, doch diesmal mit Familie, obgleich meine Frau schon damals ... « »Muß das sein, Heinz-Martin! Bitte dich wirklich. Außerdem geht das Friedel nichts an. Nie hat er mich gefragt. Kein Brief, nix ... «

»Und ich bitte dich, liebe Martha, mich nicht zu unterbrechen. Dein Bruder will unbedingt alles bis aufs i-Tüpfelchen hören. Soll er haben. Juli vierundachtzig. Bulgarien. Die Ferienküste bei Varna. Ziemlich überlaufen. War damals nicht nur beliebtes Reiseziel der sonst eingesperrten Leute aus der Sowjetzone, die du, lieber Friedel, schon als Halbwüchsiger verlassen durftest, auch Westdeutsche, simple Bundesbürger wie meine Familie, die Kinder, nicht wahr, Martina, waren dabei, machten dort Ferien, doch in meinem Fall kamen, zugegeben, einige damals noch im Rohbau stehende Projekte hinzu. Jedenfalls suchten wir Entspannung und ich gewiß auch das Gespräch mit den ansonsten vom Westen abgeschnittenen Landsleuten, weil mir die gewaltsame Teilung Deutschlands schon immer ein nicht einfach hinzunehmender Zustand gewesen ist; vielmehr glaubte ich felsenfest an die Wiedervereinigung... « »Und Martha, wann taucht Martha auf?« »Geduld, Schwager. Das kommt. Keine Geschichte ohne Fundament. Wer vom Bau ist, versteht, was ich meine. Deshalb dieser dir vielleicht überflüssige Hinweis auf das Unrecht der Teilung. Jedenfalls wurden die westdeutschen Tische - wie damals üblich, saß und aß man getrennt -zuerst bedient, selbstverständlich der Währung wegen. Wir saßen, das heißt meine leider im folgenden Jahr schon verstorbene Frau, die Kinder und ich, ziemlich am Rand der westdeutschen Reservierung und aßen schon - weiß nicht mehr, was genau - wahrscheinlich Fischfilet ... « »Stimmt nicht, Papa! Brathähnchen gab's mit Pommes frites, ziemlich fettig alles ... « »Verstehe. Martina erinnert sich, was das Essen angeht, genauer. Jedenfalls saß innerhalb der Ostreservierung, doch mehr zum Rand hin, eine einzelne Dame mit immer noch leerem Teller, als wir schon beim Dessert angelangt waren. Jetzt fällt es mir wieder ein: Die Kinder hatten Hähnchen, wir Schaschlik bestellt. Auf jeden Fall konnt ich das nicht mit ansehen, wie Martha, denn das war sie, vorm leeren Teller saß ... « »Gib zu, Schwager, war Liebe auf ersten Blick!« »Mein lieber Friedel, als Verleger hundertprozentig frommer Bücher sollte dir eigentlich christliches Mitleid ... « »Aber Papa! Es war doch Mama, die uns auf die skandalöse Bevorzugung der westlichen Touristen aufmerksam gemacht hat.« »Verstehe! Ihr seht, meine Tochter - wie alt warst du damals, Martina? Keine fünfzehn - weiß noch genau, wie sehr uns diese offensichtliche Schikane empört hat. Und deshalb bin ich kurzentschlossen aufgestanden und zu dem Tisch rüber... «

»Du irrst schon wieder, Heinz-Martin. Von meiner Schwester weiß ich, daß Thomas jene Ritterlichkeit bewiesen hat, die dir sicher erwägenswert gewesen ist, desgleichen hat meine Schwester Cordula ... « »Stimmt, Papa! Thomas hat Martha, weil Mama das wollte, zu uns an den Tisch geholt, nicht wahr, Martha?« »Ist doch nun gleich, wer kam. Mir war das ziemlich peinlich. Und daß euer Vater, kaum hatt ich mich gesetzt, den Kellner rangewinkt hat - und der spurte auch -, war mir noch peinlichen« »Jedenfalls kam das Essen sofort: Suppe, Hauptgericht, Dessert, wie am Schnürchen, gegen Trinkgeld, versteht sich. Und unser Tischgespräch verlief schon bald - ich kann es nicht anders sagen - total unangestrengt, wie Deutsche mit Deutschen sprechen sollten, obgleich Martha ja damals noch äußerst parteilich von >unserer Republik< und ganz vorsichtig nur von >gewissen Schwierigkeiten beim sozialistischen Aufbau< geredet hat. Auch zwischen Martha und Cordula lief es vorzüglich. Das war ja leider ihre letzte Reise ins Ausland. Aber nur sie hat gewußt, wie krank sie wirklich war, und uns nichts gesagt bis zum Schluß. Dennoch ist es Cordula gewesen, die mir, als es zu Ende ging, dringlich geraten hat, den Kontakt mit Martha nicht abbrechen zu lassen. Die paßt zu dir, die denkt praktischer als ich, hat sie gesagt und gelächelt dabei ... War aber gar nicht so einfach mit unseren Treffen in Ostberlin ... Immer nur heimlich und viel zu kurz ... Dabei riskant ... Wurden bestimmt bespitzelt ... Aber in Bulgarien haben wir dann jeden Sommer ... Das zog sich in die Länge ... Unsere Großprojekte ... Aber selbst dort haben wir uns erst langsam ... Nicht wahr, Martha?« Alle schwiegen. Besonders deutlich schwieg der evangelische Verlagskaufmann Friedel Wuttke. Frau von Bunsens Schweigen richtete sich gegen die Braut und brachte kühl konserviertes Mißtrauen mit. Daß Martha schwieg, verwunderte niemanden. Wir hätten gerne mehr über die an Krebs gestorbene erste Frau Grundmann, geborene von Wangenheim, gewußt: ihr Verständnis, ihre Nachsicht. Wohl deshalb schloß Fontys Schweigen Erinnerungen an Christine von Arne auf Schloß Holkenäs ein, die bei den Herrnhutern zu vergleichbarer Selbstlosigkeit erzogen worden war. Ich hätte als Trauzeuge einiges dazu sagen, aus »Unwiederbringlich« zitieren, womöglich zu einer Tischrede ausholen und mit Holk beginnen können, der allerdings unter Christines Tugenden gelitten hat; aber ich schwieg, wie alle schwiegen, bis endlich Inge Scherwinski passende Worte fand: »Genau so isses gewesen bei uns im Osten. Ohne Westmark warste nich mal de

Hälfte wert. Auch in Prag war es so, wo ich mit Wölfchen, was mein Jeschiedener Mann is, paarmal erlebt hab, wie unsereins nur schief anjeguckt wurde. War überall so inne sozialistischen Bruderländer. Aber nu wird ja alles besser, wo wir die Einheit kriegen: Deutschland, einig Vaterland! Darauf will ich mit mein Glas anstoßen, ehrlich. Nun trink mal bißken, Martha! Das muntert janz schön auf« Solch ein Toast wäre mir nicht gelungen. Alle prosteten einander zu. Sogar Frau von Bunsen hatte für die Braut ein nur noch halbgefrorenes Lächeln übrig. Und mit dem Stichwort »deutsche Einheit« war dem Tischgespräch hinlänglich Futter gegeben. Dazu hatten alle eine Meinung, die auch die neue, auf Vorschuß gelieferte Währung einschloß. Hochwürden Matull sagte: »Das Geld alleine wird es nicht bringen. Noch fehlt der Wille, einander hinzunehmen, wie wir geworden sind.« Der Bräutigam warnte vor zu großen Hoffnungen: »Hart arbeiten werdet ihr müssen, verdammt hart arbeiten, sonst läuft hier nichts, sonst geht es weiter bergab.« Und Friedel Wuttke verlangte nach schonungsloser Offenlegung der Schuld: »Das gilt für alle, die hier mitgemacht haben. Zum Beispiel wüßte ich gerne -auch wenn das kein Hochzeitsthema ist -, wie meine Familie ja, Martha, ich meine dich, mit dieser Existenzlüge fertig wird. In Vaters Tischrede jedenfalls vermißte ich offene Worte. Habe nur Zweideutigkeiten gehört. So kommen wir nicht zusammen. Was wir brauchen, ist eine klare Offenlegung der Schuld. Deshalb wird mein Verlag zur Herbstmesse mit einem Buch auf dem Markt sein, das unter dem Titel >Wie wir schuldig wurden< erschütternde bekenntnishafte Zeugnisse versammelt, und zwar aus Ost und West. Ein solches Bekenntnis würde ich gerne, wenn nicht von Martha, dann doch von dir, Vater, hören - und zwar ohne dein übliches Wenn und Aber.« Niemand wagte auf Fonty zu blicken, der seinem Sohn aufmerksam, doch auch ein wenig belustigt zugehört hatte. »Alles furchtbar richtig!« rief er. »Doch die Schuld ist ein weites Feld und die Einheit ein noch weiteres, von der Wahrheit gar nicht zu reden. Wenn du aber Schriftliches für deinen Verlag haben willst, könnte ich dir mit einer Auswahl meiner Kulturbundvorträge helfen; sind zwar keine Schuldbekenntnisse und Wahrheitsergüsse, handeln aber vom Leben, das mal so und mal so ist. Und was die Einheit betrifft, stehen wir auf dem alten deutschen Standpunkte., daß wenn der Sondershauser eins abkriegt, so freut sich der Rudolstädter... « Diesmal rettete Martina Grundmann den Tischfrieden in brenzliger Situation, indem sie ihr Mißbehagen an der Einheit auf die Feststellung brachte: »Also Dresden, das sagt mir gar nichts. Von Köln ist es nach Paris viel näher oder nach Amsterdam.«

. wie Sie die nennen. jedenfalls so viel. wie unser Prof sagt. was nicht geschrieben stehe und über den Urtext hinausführe. daß das seine besondere Erzähltechnik ist. bis er den Rang des eigentlich Primären erreicht habe.Worauf Fonty abermals »Furchtbar richtig« sagte. was Literatur eigentlich ausmache. ich sag jetzt einfach du und Opa Wuttke. Außerdem halt ich nicht viel von Großschriftstellern oder von Unsterblichen. Unser Prof hat ein paar ausgegraben. Er zitierte einige Tunnelverse von Heyse. « Als Fonty nun doch nach dem »Stechlin« fragte. daß man den Durchblick hat und ihn einordnen kann. schließlich gegenstandslos werden lasse und so den Diskurs fördere. weil . Komm da nicht weiter: diese ewigen Spaziergänge und seine endlosen Dialoge. um dann in Schweigen zu versinken. Fragmentarisches oder in der Kunst überhaupt. Heut kennt den keiner mehr.. nämlich den endlosen Diskurs über all das. wie unser Prof sagt.. Aber auch Randfiguren können ganz interessant sein.. und versuchte. Natürlich muß man das alles nicht lesen. Ganz ungehemmt gab Martina Grundmann zu. nur Kurzfassungen . wenn du verstehst. Unser Prof will extra ein Seminar über Heyse und noch ein paar andere machen . »Aber Sekundärliteratur kriegen wir mit.. Doch Martina und der Prof von Martina wußten es besser: Der Urtext sei bloßer Vorwand für das. Und kann gut sein. hörte er. Das hat mir Martha gesagt. bestimmt. Aber um ehrlich zu sein: Nur ein paar kürzere Sachen hab ich angefangen. irgendwas mit Verwirrungen und Schach von sowieso. Ach. Na. Hat später sogar den Nobelpreis gekriegt. « Eigentlich hätte ich mich einmischen und Martina einen Besuch des Archivs vorschlagen wollen. so unablässig ihn seine Tischnachbarin ins westdeutsche Universitätswesen und also in ihre germanistischen Seminare einzuführen versuchte. doch immerhin die Fassbinder-Verfilmung von »Effi Briest« gesehen zu haben. »Irrsinnig interessant find ich . weil einerseits die Braut Zuspruch verlangte und andererseits Fonty an seiner plapprigen Tischnachbarin Vergnügen fand. sowas wie Concept-art. Waren früher ziemlich berühmt sogar. wenn dir der ein Begriff ist. darunter den Begrüßungsvers »Silentium. Lafontaine hat's Wort . »Außerdem gibt es ja Sekundärliteratur. den immerhin möglichen Gewinn beim Lesen von Originaltexten anzupreisen.... ihn nebensächlich. darf ich? Also. «. Paul Heyse zum Beispiel. ich bin mehr für das Minimalistische.. so gut wie nichts vom Unsterblichen gelesen. hielt mich aber dann doch zurück. Na. ungefähr zwischen Raabe und Keller. daß der Ihr Einundalles ist. weil man den wiederentdecken kann. wieviel Selbstbewußtsein fröhlich auf Unwissenheit fußen kann: »Ich weiß ja. was ich meine. Sind ja manchmal ganz witzig. Und deshalb finden wir den interessant....

seine groben. Eisvariationen unter dem Motto »Pariser Leben« versprochen . weil größer als ich. schon ließ er mit Hilfe des Dessertlöffels sein Glas klingen. jedenfalls glaubte er. ob soviel Sekundäres nicht »kolossal ledern« sei. auch dann noch. »nun bekommen wir den apostolischen Segen. .« »Aber er leidet besonders. vom Stuhl hoch. übrigens über die Staatsgrenze hinweg. mitten durch meine waldige Heimat. denn das Eichsfeld war. ihn kindlich geliebt zu haben. flüsterte ich Martha zu. das ist so ziemlich alles auf fünfhundert Seiten.. schon waren alle ganz Ohr. erinnerten mich die körperlichen Ausmaße des Priesters.für eine Tischrede nutzen zu sollen. 15 Weshalb die Braut weinte »Endlich«. kann man die längste Geschichte kurz fassen. sein massiger Schädel auf zu kurzem Hals und das wie eine Delle wirkende Grübchen im Kinn an die Qualen und Freuden meiner im thüringischen Eichsfeld verschütteten Kindheit . « Sobald ich Bruno Matull. voll anschaute.« Mag sein. der ähnliche Schwierigkeiten mit seinen Händen und gleichfalls ein gedelltes Kinn hatte. Fast glaube ich. geteilt. Zum Beispiel ist beim >Stechlin< die Mache: Zum Schluß stirbt ein Alter und zwei Junge heiraten sich. Und Fonty wollte nur noch wissen. ein wenig zu mir herabbeugen: »Erwarten Sie bloß nicht zuviel. in der es katholischer als sonstwo zuging. der uns gegenüber saß und nun stand. mich also weder von den Brauteltern noch von der hinlänglich hübschen Studentin ablenken ließ. Und dort gab es einen Vikar. aufwendig als Todesstreifen bewacht. wie Deutschland im Ganzen.. Der hat es als Priester nicht leicht mit sich.« »Sieht man . als mir das rote Halstuch der Jungen Pioniere bedeutsamer wurde als die in unserer Familie traditionelle Meßdienerei.der Wirt hatte.das!« rief die Studentin im vierten Semester. daß Hochwürden Matull aus dieser Bemerkung eine Anspielung auf die gegenwärtig tafelnde Hochzeitsgesellschaft herausgehört hatte.eine Gegend. mehr noch: der Europa in Ost und West scheidende Schnitt verlief. rastlos ein Versteck suchenden Hände. wie gegen Widerstände. eher heiter hinzu: »Wenn man will.« Die Braut mußte sich. mein Kind. schon kam er. nachdem die Reste der »Schönen Helena« abgetragen worden waren. die Pause bis zum Dessert .« »Das gehört zum Berufsrisiko. Dann fügte er nicht etwa resigniert.

dann wieder preßte. Jemand. ganze Sätze verschluckte. Bruno Matull war einer jener wenigen Gemeindehirten. wenn er doch endlich zu Wort kommen und aufhören wollte. Vielleicht erwartete er eine Teufelsaustreibung oder die Beschwörung wundertätiger Reliquien.ich wurde in die Braunkohlenproduktion gesteckt -. Er hatte schwarzes Kraushaar und roch nach Rasierwasser. ging mir nie ganz verloren. oder besser. der auf mildes Dauerlächeln. Deshalb hielt ich mich an Fonty. er stand mittlerweile. nur der Vikar Konrad. dann doch etwas »kolossal Ketzerisches« erwartete. Den Nachnamen weiß ich nicht mehr. Dieser Anstrengung konnte ich nicht länger zusehen. die erst an der Leipziger Universität ins Stocken geriet und bald nach Professor Mayers Fortgang ihren Knick mit Folgen weghatte . dem des Priesters Mühe viel Neugierde wert war. daß der Fisch anfinge. vielmehr blieb er hintergründig genug. der stehend nach Worten suchte.Der Vikar hieß Konrad. massierte sein Kinn und dessen Grübchen. größere Brocken zerkaute. dem es nicht gelang. der nachhaltig spukend die arme Effi um den Schlaf gebracht hat. verblaßte der letzte katholische Zauber. riesig und ungeschlacht.stets ins Zwielichtige gerückt-. Und wie dem Unsterblichen war ihm Romanpersonal mit katholischem Unterfutter .ob die Titelfigur Grete Minde oder Nebenpersonen wie Effis Magd Roswitha . hatte ans Glas geschlagen und sammelte sich zur Rede. Nein. indem er seinen weich gezeichneten Mund öffnete. aus dem Mund des Priesters. daß Fonty. wenn nicht eine kleine Offenbarung. als wollte er die Lippen kneten und für längeren Gebrauch gefügig machen. Bis zur Firmung hing ich ihm an. doch aus Gründen ganz anders gebetteter Kindheit. zu uns zu sprechen. der sich inzwischen längst bei den Bergleuten in Bischofferode in Amt und Würden befand. deshalb war ich sicher. öffnete. Ein Fisch. um dem Bibliothekar in Cottbus und später dem Mitarbeiter im Potsdamer Archiv über die Schulter zu gucken. einige fand und sogleich verwarf. diese Miene aufzusetzen. doch im Verlauf meiner anfangs steilen FDJ-Karriere. diese allen Zweifel wegschminkende Gewißheit der Pfaffen verzichtete. Wir sahen ihn als eher finster blickenden Mann von fast brutaler Gestalt. nur übungshalber die Lippen zu kneten. der sprechen übte. denn alles »Altgläubige« galt ihm als exotisch und ähnlich geheimnisvoll anziehend wie etwa die aus Fernost stammenden Mitbringsel im Kopenhagener Haus der Kapitänswitwe Hansen oder das Grab des Chinesen im pommerschen Kessin. ähnlich wie ich. Beide hofften wir. nach Marthas Worten. nicht leicht mit sich hatte. der es. schloß. dabei bis über die . Ach. neue als untauglich erprobte. und nun saß er mir als Bruno Matull gegenüber.

So verlangend kam sie. vom Glauben vorgezeichneter Perspektive hat mir Mut gemacht. was gestern noch glaubte. ihre im Grunde unbeirrbare Glaubensstärke hat mich zweifeln gelehrt. sie rechnete mir vor. Trauzeugen und Hochzeitsgäste« überstürzt vom Brett zu springen. sagte. Sie aber zwang mich. liebe Hochzeitsgäste. Ihre Glaubenskraft. wurde sich selbst zum Spott. ob ihr mein Glaube. das waren wir. den sie suchte. jeden Zweifel überwindender Hoffnung gewesen sein muß. so sprach sie und ließ nicht von mir ab. was nicht hinzunehmen war. als Alltagskleid zu tragen. O ja. Kein Mut war auf meiner Seite. der einst groß und von starker. des Glaubens Kehrseite. zerfiel. der sich nur nachäffe und so der Lüge Dauer verleihe. zu meinen verdorrten Glaubensresten zu stehen. um schließlich mit der Eröffnung »Liebe Brautleute. etliche Hirten der anderen Glaubensgemeinschaft. all die Jahre lang. die draußen.Backenknochen rot anlief. wohl meinend. Mehr noch: ihr Hunger nach klarer. jenen Halt geben könnte. von Bestand zu sein. und fragte dringlich: >Priester. die nicht glaubte. So ging dem Hirten die Herde verloren. reich an Disteln. Unser der Sieg! So legten sie falsches Zeugnis ab. Ihr Glaube. Da kam. den unansehnlichen Zweifel. die nur umgepolt werden wollte und allzu leicht fällt es dem Hirten. die nicht lockergelassen hatten. außerhalb der Offenbach-Stuben. nannte ihn trügerisch und blindlings parteiisch. fiel. sie sei nicht zuständig für die Zwänge dieser Welt. ein wüstes Feld. weshalb mir der Brautvater vorhin noch mit einem . er aber tröstete sich und suchte Genüge in seinem Glauben. von innen an der Zwingburg zu rütteln. Sie lästerte ihn. war ihr vergangen. verehrte Gäste. Indem Matull die Tischkante klammerte. um welchen Preis und auf wessen Kosten sie gläubig gewesen war. Doch wie kam es zu diesem Mauersturz? O nein! Ein kurzes befreiendes Durchatmen genügte nicht. als wollte er demnächst die Tafel umstürzen. War mir doch selber der Boden unter den Füßen schwankend geworden. während meine Kirche sich still verhielt. mein Stillhalteglaube. Beladen kam sie zu mir. wo ist deine perspektive?< Ja. doch ich zweifelte. mehr war vonnöten. eine Frau zu mir. auch mir sei die letzte Gewißheit abhanden gekommen. Jetzt erst kamen viele und sagten: Das Beben. Aber nur wenige waren bereit.und Tauschwert behaupteten. ihren Tages. Auch ich nahm hin. daß ich heute der Braut Dank sagen muß. einem verirrten Schaf das nächstliegende Gatter zu öffnen -. Also geizte ich mit Tröstungen. Überall zerfällt. denn der eigentlich Bekehrte bin ich. Von einem Glauben sprach sie. doch Halt suchte. Auch ich blieb stumm. In Wahrheit aber gab es unter den wenigen Rüttlern. mitten hinein in die Wirrnisse des Zeitgeschehens. sagte er: »Nichts ist von Dauer. Und siehe da: Sie wankte. breite sich vor mir aus. bat um Entlastung.

Ja. Frau Wuttke. bekreuzigte sich immer wieder und rief: »Wo bin ich denn hier? Ehrlich. was sie von den Aufgeregtheiten am Hochzeitstisch zu halten hatte: »Komisch. Und die Braut flüsterte: . der als Bauunternehmer sein nahes und fernes Umfeld als Baugrund nach Gottes Willen wertete.billig zu haben und doch hoch im Kurs? Und sind uns nicht abermals Perspektiven vorgezeichnet. die von Herzen ganz unbeschadet katholisch war und deshalb. Inge Scherwinski. Denn. Labsal und Manna gewesen wäre . irrsinnig komisch find ich das. lebt er vom Nein. wo das Graue obsiegt hat. Wie jenem Pater Feßler in einem mir.>Es ist kein Gott!< -ihm Stachel und Ansporn. wo sind wir denn hier?« Hingegen war Bettina von Bunsen sicher. auf Wunsch der Braut. wie ich gestehen muß. wußte aber genau. Ihn dürstet nach nichts. Laßt endlich Gott aus dem Spiel.diesmal der Glaube an die Allmacht des Geldes . das kategorische >Entsage!<.. und der pietistische Bruder der Braut.literarischen Gleichnis wahrgesprochen und so meine zweifelnde Seele gelabt hat. Er blieb stehen und klammerte weiterhin bedrohlich die Tischplatte. war Fels in der Brandung. das Trugbild blühende Landschaft verbeißen? Ich aber kann unseren lieben Brautleuten nur wenig auf den Weg geben. der ihnen gläubig folgt. eine protestantische Lebensmaxime. der als Verleger missionierende Schriften bis in die Dritte Welt hinein vertrieb und dabei irdischen und überirdischen Gewinn verbuchte. Grundmanns Tochter lachte bis ins Schrille hinein. zu eigen ist. das >Graf Petöfy< heißt. Gott existiert nur im Zweifel. »nichts als Geschmacklosigkeiten« und einen »verkappten Kommunisten« gehört zu haben. Der münsterländische Bräutigam. wenn nicht des Zweiflers Ruf . ich will ohne Glauben sein! Mehr noch: dieses >Entsage!< befiehlt mir. so hat mich des Brautvaters Tochter Martha mit ihrem Willen angestoßen. « An dieser Stelle seines Bekenntnisses wurde der Priester ums Wort gebracht. am rechten Kopfende der Hochzeitstafel saß.« Mir fiel nur »starker Tobak« ein. fortan dem Glauben zu entsagen. riefen gleichzeitig: »Das reicht. die jedermann. doch soviel immerhin: Glaubt nicht blindlings. Längst hätte der Glaube Gott abgetötet und in ein schwarzes Loch gestürzt. liebe Gäste. Hochwürden! Wir haben verstanden!« Und: »Das ist jesuitische Spiegelfechterei!« So viel Widerspruch warf den bekennenden Priester dennoch nicht um. unbekannten Romanwerk. Entsagt ihm! Müde aller Anbetung. wahrhaft nur noch dem Zweifel zu dienen und allerorts Zweifel zu säen.. in Kürze Gewinn und dort. Martha. wurde nicht hierzulande zu viel und zu lange geglaubt? War Glaube nicht wohlfeil wie eine Hure? Und ist nicht wiederum neuer Glaube .

und Martha Grundmann. der sichtlich vertrotzt und nur gezwungenermaßen saß. wollte fließen. Wuttke. Für den zählt nur. Grundmann. zu ihrem Mann: »Nu sag doch was. die am Tisch saßen. Der Priester mußte durch den Bräutigam und dessen Schwager genötigt. das wir stumm ansahen.»Was ich geahnt habe. nur barhäuptig und in mausgrauem Kostüm. und die Hochzeitsgesellschaft verstummte auch angesichts des so deutlich abtropfenden Überflusses. Da die Braut. O Gott. ihrem Vorleben entsprechend . Wir hörten kein Schluchzen. Eigentlich war ihre feuchte und an den Rändern verschwimmende Fröhlichkeit schön anzusehen. das letzte mit Zwoidrak. der vorhin noch amüsierten. ungeübt zu und bot uns ihr längst vergangenes Jungmädchenlächeln an: zuerst tränenreich ihrem angetrauten Heinz-Martin. die nur selten der Welt ein freundliches Gesicht geboten hatte und eher von alltäglich mürrischem Ernst geschlagen war. sich zu setzen. Ein eher stiller Tränenfluß trat über die Ufer. er hat es nicht leicht mit sich. wobei Bruno Matull. schob ihr sein Taschentuch zu. Hochwürden!« »Wir haben genug Peinlichkeiten gehört!« -. nein. Die Braut strahlte. nun ganz besorgter Bräutigam. handgreiflich gezwungen werden. Nun saß der Priester.« Doch Fonty versteifte sich auf Schweigen. im Kontrast zur sich . nicht etwa in Weiß und mit Schleier vor den Altar getreten war. nur fließen lassen. daß es knackte: zwei Männer mit Halbglatze. dem Bruder. dem Oberleutnant der Volksarmee -. schließlich dem standhaften Priester. dann Vater und Mutter. gleichfalls von schütterem Wuchs war. Sie. Also siegte das Bild der weinenden Braut. der Jugendfreundin. nun verstörten Studentin. sie lösten seine Hände nicht etwa behutsam. wie meines. unter Tränen zu lächeln. lächelte allen.zwei Verlöbnisse waren in die Brüche gegangen. was Fakt ist. das erste mit ihrem Schuldirektor. sondern Finger nach Finger von der Tischplatte. weil Bruno Matull wie zu weiterer Rede bereit stand und seinen Doppelgriff nicht lockern wollte. Aber sie wollte nichts trocknen. dessen Haar. der wie ein Naturereignis bestaunt wurde. sagte Emmi Wuttke. nu sag endlich was. bemüht um einen dritten Mann.« Als Heinz-Martin Grundmann und Friedel Wuttke den immer noch standhaften Priester vergeblich aufforderten: »Nun setzen Sie sich endlich. Nix läßt er aus. Glanz ging von ihr aus. war Marthas Fähigkeit. Was aber dem Schweigen der Hochzeitsgesellschaft Dauer verlieh. hätte man die Tränen zählen können. begann zu weinen. den Trauzeugen. geborene Wuttke. und ich erlebte mich sogar ein wenig ergriffen. sooft seine Frau ihn anstieß.

der einst vor versammeltem Reichstag sein »Ich kann nicht anders« zur Redensart gemacht hatte.. sondern nur.. nicht besser hingekriegt und im Prinzip nicht schöner sagen können. Friedel? Du bist doch sonst scharf auf Wahrheit. Pfarrer Matull.. Disziplin . Da sprach die Braut. Da muß ich nix zulernen mehr. ne gesunde Portion Zweifel. da hapert es bei mir. da gab's kein Zweifeln. raus aus der Partei und rein in die Kirche. bis unsere Republik nix mehr. Leute.schönweinenden Braut. Ich heul ja vor Glück. von Anfang an gesagt: Wenn ich das mach mit dem Konvertieren. jahrelang. dann nicht. nahm sozusagen Parade ab und sagte: »Ob Domprediger . den kenn ich. Ideologische Plattform. aus Romanen und Novellen. der ja nicht ohne war . daß unsere Republik die bessere ist. der immerhin die Liebe dreier Prinzessinnen abgewiesen hatte. nur noch ne Bewahranstalt war. wie zu uns allen der Herr Pfarrer vorhin gesprochen hat. wie bin ich froh. diesen verdammten Glauben bis zum Gehtnichtmehr. Sitzend sagte sie: »Hört zu. ließ sie als mehr oder weniger protestantische Garde aufmarschieren. rief weitere Gemeindehirten herbei. der uns kaputtgemacht hat. Was. Deshalb hab ich zu Heinz-Martin. auch nicht. Friedel. Denn so klar. Niemeyer.. Pastor Petersen und Superintendent Schwarzkoppen.oder?« Friedel saß mit geschlossenem Visier. Kannst mir glauben. Genau! Nicht mal Schleppegrell. auch Pastor Lorenzen. >Gott existiert nur im Zweifel!< Leute. da brauch ich Nachhilfe im Prinzip.. Sogar an unsere revolutionären Ziele hab ich ziemlich lange . Und vielleicht bin ich deshalb so glücklich jetzt. als ich bei ihm noch Unterricht bekam. war klar. jenem Augustinermönch nicht unähnlich war. der ja ein Sozi war angeblich. Friedel. daß nur sowas rauskam und keine Sprüche. Aber Fonty wird die genannten Pastoren vor sich gesehen haben. Heinz-Martin weiß das. du auch. genau das wollt ich hören. hab ich sowas noch tue gehört. daß ich geglaubt hab. unser Herr Pfarrer. Vater? Hat er doch schön gesagt. das ich den Gören beigebracht hab. Dafür bin ich zu lange felsenfest überzeugt gewesen. Er löste sie alle. Aber beim Zweifeln. weil ich endlich lernen muß. Parteilichkeit. Ich danke Ihnen. als es ernst wurde mit uns.. na. na. daß die sein mußte. wär vielleicht doch was draus geworden. immer noch . Ach. kein frommes Gesums. weil deine Familie das unbedingt will. als wir uns wiedergesehen haben in Bulgarien und anderswo im Hotel. ich sag euch: Wenn wir hier rechtzeitig unserem Sozialismus sowas erlaubt hätten. daß das nicht einfach glatt ablaufen kann. Das. Denn das andere. zuletzt den Dänen Schleppegrell. na. Diese Sorte Glauben hab ich intus. Und macht euch bloß keine Sorgen. War mir schon vorher ziemlich klar im Prinzip. Was. Das hätten all deine Pastoren. positiv zu zweifeln. Genau! Sitzt wie das kleine und große Einmaleins. na.

sonst läuft gar nichts. »Der mecklenburgische Grundstücksmarkt ist total unterentwickelt. Der alte Schlendrian . Endlich kam Grundmann dazu. Nein. wie nur ein Christenmensch hartherzig sein kann. Stagnation. Harte Worte oder gar Abrechnungen wurden verschluckt oder auf später verschoben. doch . die den toten Liebsten meiner Grete Minde ordentlich unter die Erde gebracht haben. Der Blutdruck sank. dessen Stammhaus früher in Magdeburg seinen Sitz hatte. da müssen wir helfen. was Fonty von ihnen erwartet hatte. während der Prediger Roggenstroh hartherzig. Verstehe ja.oder Landpastor. bei dem am Ende doch noch >Ritter Blaubart< auftischt. Bin allerdings der Meinung. obwohl sie. »zum Stützpunkt« ausbauen. wie er sagte. der auch nicht . Sogar Schwager und Bräutigam kühlten sich ab. der Leiche den Segen verweigert hat . kolossal an jenes verlorene Häuflein illegaler Nonnen erinnert. Auf »solidem Fundament« wollte er in Schwerin eine Filiale.. Na.« Die Eisvariationen namens »Pariser Leben« taten. weniger abschüssige Bahnen.. Doch ist es uns immerhin gelungen. mit Hilfe einiger ortskundiger Kräfte ersten Durchblick zu gewinnen. lieber Schwager. Zweifel ist immer richtig!« Er hob das Glas. aber die will man nicht akzeptieren. Der möge bis zum Schluß unsere Schildwacht sein. daß man nach dem großen Kladderadatsch nicht weiß.. trank bis zur Neige und rief: »Herr Wirt! Nun soll aber schleunigst das Dessert auf den Tisch und die beim Glaubensstreit erhitzten Gemüter ein wenig abkühlen. wie es weitergehen soll. Liegt ja völlig brach alles seit dem Ende der Kommandowirtschaft. dann dem ungeschlachten Priester zu. Die Tischgespräche fanden andere. Mein Verlag. Respekt und nochmals Respekt! Kam alles furchtbar richtig raus und freiweg. prostete seiner Tochter. dem Gott sei Dank alles Hochwürdige abgeht. die waren allesamt müdegepredigt. aber da werden wir helfen. in welchen Schwierigkeiten wir stecken.. daß bei der vordringlichen Lösung der Eigentumsfrage unkonventionell gehandelt werden muß. trinken wir auf Metes tränenreiches Glück und einen übrigen Schluck auf den Zweifel...wenn der Vergleich erlaubt ist -. Allenfalls hätte Lorenzen so offen heraus wie dein Priester. beide Testamente und die Sprüche Salomonis auf ihrer Seite hatten. sonst mißrät uns die Hochzeit zum Schlachtfest... sein bauwirtschaftliches Fachwissen auszubreiten. daß mich Hochwürden. Funkstille bei Investoren. wie ich es gern habe. « Dem konnte Friedel Wuttke nur zustimmen: »Du ahnst nicht. Noch verhandeln wir ziemlich geduldig. gut lutherisch. kann sich zwar dort auf Eigentumsrechte berufen. Muß sagen .

den man auf keinen Fall den »Kolchosen und sonstigen Seilschaften« überlassen dürfe. in London tätig gewesen wäre: »Wurde erst siebenundfünfzig geadelt. Marthchen... der während der fünfziger Jahre des vorigen Jahrhunderts. Ehrlich. Deshalb wollen wir unsere Reihe >Mission heute< in Richtung Osteuropa öffnen und bei den verdienstvollen Tätigkeiten der Herrnhuter anknüpfen . die bis dahin dem Priester ihre Nöte mit ihren »drei Jungs« ausgebreitet hatte . Und als wir zwei beide in einer Singgruppe .. Waren ausgesprochen antipreußisch. Galt als Liberaler und war ein erklärter Manteuffel-Fresser. von rund tausendzweihundert Hektar enteignetem Junkerland abgelenkt. die schaffen einen!« -..« Außerdem war Fonty an der Familie von Wangenheim interessiert: »Gaben sich zugespitzt altgläubig. Die alte Frau von Wangenheim ging so weit. <« Frau von Bunsen verneinte.. sondern wie Grundmann und Friedel Wuttke bei »berechtigten Eigentumsforderungen« bleiben.irgendwann muß das Theater mit dem sogenannten Volkseigentum aufhören.»Ehrlich. um konkurrenzfähig zu bleiben. ob ihr verstorbener Mann mit Karl Josias von Bunsen. »vor Graf Berristorff«. sprach von »seit Generationen rechtmäßigem Besitz« in der Gegend von Rathenow.. das fehlt mir manchmal . der Markt für theologische Schriften ist eng.. mir mit dem allerkatholischsten Gesicht zu versichern: >Preußen-Deutschland birgt keine Verheißung .. Du hast manchmal auffem Klavier... die unvermittelt Fonty stellte. verwandt sei. ganz und gar unpassend.. jenem preußischen Botschaftsrat. direkte Verwandtschaft mit irgendwelchen Liberalen und wollte keinesfalls mit Fonty über die Verästelungen des preußischen Adels plaudern. was ihren Mann betraf. wir zwei beide auf Ernteeinsatz? All die riesengroßen LPGs! War doch manchmal ganz schön -oder? Wir als Junge Pioniere mittem Halstuch .. « . Auf jeden Fall müßten wir mit der Ausdünnung im Personalbereich jetzt schon beginnen. indem sie die verschieden lokalisierten Kämpfe um Besitztitel durch eine Frage an die Braut beendete: »Weißte noch.. Und später mit Blauhemd . « Nun wollte auch Frau von Bunsen der Eigentumsfrage nachgehen. Sie erwähnte »völlig heruntergewirtschaftete Liegenschaften« der Familie ihres Mannes im östlichen Teil der Altmark. Der Brautvater wollte wissen. wurde aber durch eine Frage.. ganz einfach. »Das bin ich meinem verstorbenen Mann schuldig!« Dann wollte sie auf den Altbesitz der Familie von Wangenheim kommen. doch nun verhielt sich Inge Scherwinski.

rief Martha zwischen Strophe und Strophe.. da kann ich nur lachen. für die Freiheit zu kämpfen und zu siegen. Diese Verbrecher. »Du bist doch früher mal.. daß es klirrte. Auch mir war jede Strophe eingehämmert. weshalb ich versucht war.. «..Und schon sang Marthas Jugendfreundin mit feinem Stimmchen: »Du hast Ja ein Ziel vor Augen . bau auf!« zu singen begannen.. Was habt ihr denn damals gesungen?« .. Sie stimmten ein Lied an. Nichts. Wer hätte Martha diesen dunklen und zugleich warmen Ton zugetraut? Gleich anschließend sangen sie das Solidaritätslied »Vorwärts. war von der abkühlenden Wirkung der Eisvariationen namens »Pariser Leben« nichts mehr zu spüren. Er rief nicht. doch wir sind bereit«. absolut nichts will ich davon je wieder hören. « und hätten wohl gerne alle Strophen gesungen. ein Wüterich sprang auf und schlug auf den Tisch. das zu Herzen ging. bevor du auf fromm gemacht hast. Hast sogar. wenn Friedel Wuttke nicht mit lautem Einwurf »Aufhören!« dagegen gewesen wäre. und die Braut sang mit: »Damit du in der Welt dich nicht irrst . verdammt. wie von Erinnerungen fortgespült. ich sang mit. was uns von Jugend an gläubig hat werden lassen. was du willst«. hab ich gehört. Als aber die beiden Freundinnen wie zwei in die Jahre gekommene FDJlerinnen nun auch noch »Bau auf. er brüllte: »Schluß! Das ist vorbei! >Für eine bessere Zukunft<. Versaut haben sie euch. hört ihr!« Aber der Gesang der Freundinnen war nicht abzustellen.. Jadoch. und ich summte wohl auch leise: »Die Heimat ist weit. Che-Guevara-Poster verhökert . daß mein Gedächtnis all das gespeichert hatte.. dabei einander fest anblickten und mit wiederholtem Appell die »Freie Deutsche Jugend« zum Aufbau des mittlerweile auf Abbruch stehenden Arbeiter. Doch weder seine Schwester noch ihre Freundin wollten auf Befehl schweigen. Friedel Wuttke erlebte sich jenseits aller pietistischen Geduld. Kein Herrnhuter.. als sich Martha und Inge so wohlklingend entschlossen zeigten.. worin unsere Stärke besteht . mitzusingen: »Spaniens Himmel breitet seine Sterne«. mit Mao-Bibel und so . bau auf! Bau auf. Ich hörte mich singen und erstaunte darüber. Na. Endgültig vorbei ist das.und Bauern-Staates aufriefen. »Weiß gar nicht.. und nicht vergessen. ein ziemlich rabiater Achtundsechziger gewesen . « Beide sangen nun kräftiger..

daß der Professor nicht dabei ist. auch wenn es trotzdem nich richtig voranging. bevor du . Was. das preußische Spitzelwesen verdammen und die Hoffnung des Unsterblichen auf die Arbeiterklasse . die Zeit der Sozialistengesetze beklagen.. Inge Scherwinski sah plötzlich nicht mehr munter aufgekratzt. Hätte zweifelsohne Anekdoten auf Lager. Wir erkennen einander nicht. Nur Pfarrer Matull hatte ein passendes Wort übrig: »Wir kennen uns nicht. . als noch Streit die Hochzeitsgesellschaft belebte. auch unser Friedel und seine Brüder beide. seitdem wir die Einheit kriegen sollen. was die Emigranten gesungen haben. die Studentin vielleicht nach Amsterdam und Frau von Bunsen in die Toskana. das darf man . Richtig aufpassen mußt man bei jedem Wort .. hörte man ihn sagen: »Schade. wie es gewesen is früher. jedenfalls anfangs noch. « Dann schwieg er wieder. Soll ja auch. Emmi sah das mit Unruhe.« Und Fonty? Er saß in korrekter Haltung.. « Als Frau von Bunsen als Ziehmutter und Grundmann als Vater die Studentin ermahnten: »Laß das bitte. Ich wünschte mich ins Archiv. Aber die Jungs sangen das und dachten so...beschwören konnte. von der sie bei Tisch geschwärmt hatte... vielleicht nach seinen achtundsechziger Thesenanschlägen. Aber das is ja nu alles vorbei.. Freundlich würde das alles kolossal apart finden. War ja gut gemeint. Um den Tisch saßen wir fremd. Immer so fanatisch . Fast jeder hat mitgesungen.. bau auf. aus Bebels Reichstagsreden zitieren. Wuttke?« Kein Gesang mehr. Und du. aber wie abwesend.»Alle Zukunft liegt beim vierten Stand« . Martina« -»Nun hat der Spaß aber ein Ende«. Friedels Ausbruch verpuffte. Zum Beispiel. damals. trat die Erinnerung in Person auf. das mit dem ewigen >Bau auf<. als Martha noch klein war und bevor sie alle drei drüben geblieben sind. doch war zu vermuten. immer besser wird. daß sich Fonty zu längerer Rede sammelte. Aber bevor er seine allzeit rückläufigen Gedanken ausbreiten. Zwischen Braut und Bräutigam war ein Loch. als wir noch unter uns waren. nur noch abgearbeitet aus.Dann ging es weiter im aufbaufreudigen Liedtext.. Friedel. soll ja! Aber sich erinnern. bat Emmi Wuttke beide und besonders ihren Schwiegersohn um Nachsicht: »So war das bei uns all die Jahre. und sogleich sahen wir uns in anderem Licht. warst ein ganz Scharfer.. Martina Grundmann fand so viel lautstarken Zorn ohnehin übertrieben: »Ist doch lustig!« Und schon versuchte sie mitzusingen: »Bau auf. Friedel suchte die Zimmerdecke weiß nicht wonach ab.. Nur einmal. in Mexiko damals . damit es besser.

daß du dieses Gesocks . Er brachte keine Blumen. Einer der Mitarbeiter tippte auf den »Schott«. Ist nur ne kleine Aufmerksamkeit . Warum er uneingeladen dennoch gekommen sei... widerstand aber der Versuchung.. in der Tür stand er und lächelte. sagte er mit leichter Verbeugung der Braut gegenüber: »Möchte auf keinen Fall versäumen. Zum taubengrauen Anzug mußte eine sehr gelbe Krawatte passen... aber stutzt mir den Grundmann nicht zur Karikatur. dessen kunstvoll geknüpfte Schleife auf Konfekt schließen ließ. und zwar zum neuen Lebensabschnitt. « Fonty sagte: »Mit seinesgleichen haben wir leben müssen«. jenes katholische . falls es sowas gibt.. Nein. schaute mürrisch drein. der gerade begonnen hatte. Verstehe dich nicht.. Der hat sich ein paarmal bei Teddy und mir blicken lassen. nahm deren Geplauder auf und sprach sogar einige Worte mit Friedel Wuttke. antwortete ich mit des Bräutigams »Verstehe!« Später unterhielt mich die Studentin Martina. die an einem Gläschen Amaretto nippte und dabei amüsant von Amsterdams speziellen Freiheiten erzählte. ihre momentane Schönheit dahin. nahm man den Fremden mit nur halbem Interesse auf. den ungeschlachten Priester zu missionieren. Hoftallers viereckiges Mitbringsel regte Vermutungen an. Und von Georg weiß ich . stand unberufen Hoftaller im Musikzimmer der Offenbach-Stuben. Als er sein Päckchen zu den anderen Geschenken und Blumenbuketts auf einen Nebentisch legte. hielt aber ein mit rotem Seidenband zum Geschenk gebundenes Päckchen. sogar Pralinen. « Marthas Glück war verbraucht.Als gerade der Kaffee serviert wurde. einzig Friedel sagte zu seinem Vater: »Ließ sich denn diese Peinlichkeit nicht verhindern? Kenne den Typ. Wir vom Archiv haben gerätselt. Ende der siebziger Jahre schon. als wäre ihr der neuglänzende Schmuck schon jetzt lästig. Hoftaller wechselte zwanglos von Gast zu Gast und stellte sich mit aufgesetztem Lächeln als Freund der Familie vor. das rote Band zu lösen. zupfte kurz an der seidig schimmernden Schleife. was ihr wollt. « So ermahnt. Hoftaller mischte sich wieder unter die Gäste. Immerhin ist er bis zum Schwarzen Meer gelaufen.« Also wurde auch ihm Kaffee serviert. brachte gerade noch ein »Danke« über die Lippen und zerrte dann am Ringfinger ihrer rechten Hand. mehr nicht. nen Glückwunsch auszusprechen.. Einmal nahm mich Fonty beiseite: »Schreibt. begründete er nur Fonty gegenüber: »Ich gehöre nun mal dazu. um sich meine Mete zu angeln . Verkniffen wirkte sie. Vater. Cognac und Liköre gab es. Ein wenig erschöpft von den drei Gängen und dem zu vielen Gerede bei Tisch.

das bei alten Männern naturgemäß Zeit benötige. fast übertrieben gutgelaunt aufklärte. Gegen Schluß der Hochzeitsfeier habe er einem dringlichen Bedürfnis nachgeben müssen. Doch jedesmal hinterher Selbstkritik. von dem wir vermuten dürfen. Eine der Kolleginnen frotzelte: »Vielleicht hat er ihr ein Paar rote Socken verehrt.« Ich blieb bei meinem Verdacht: »Ach was.Meßbuch. Sofort sei ihm Hoftaller hinterdrein gewesen. mal rechts abweichend.. bis Fonty uns. ihre lange Verlobungszeit betreffend. der gleichfalls ledern ist.. habe ein Gespräch begonnen. anläßlich eines Archivbesuchs. Wird meiner Mete ein zwiespältiges Vergnügen sein. Ein anderer traute Hoftaller die Geschmacklosigkeit zu. wie bekannt. wollte sie nichts kommen lassen. gleich zu Beginn der gemeinsamen Erleichterung eröffnet worden sei. Sieht jetzt ganz hübsch aus.« Nun schon am Waschbecken. daß ihm nicht nur die überfüllte Blase befohlen hatte.« Hoftaller. einen Buchbinder bemüht.. Fonty. den man sich vorm benachbarten Toilettenbecken vorstellen möge. offenbar dem gleichen Drang folgend. Dabei sollte Ihnen an nein ähnlich inhaltsreichen Geschenk gelegen sein. Und sogar im Hotelbett hat sie den Sozialismus ne im Prinzip gute Sache genannt. nämlich ne abgeschlossene Kaderakte. Hat nun mal nen Hang zum Prinzipiellen. um die Nüchternheit der Akte ein wenig aufzuhellen. sagte beschwichtigend: »Nur das Übliche. diese gewiß nicht erbauliche Lektüre. Sie kennen ja Ihre Tochter. komme sein Tagundnachtschatten ja immer ohne Umstände zur Sache. zu schenken. Habe übrigens. Zwischendurch Peinlichkeiten . mit marmoriertem Vorsatzpapier. den Genossen Zwoidrak. Sowas darf nicht in falsche Hände kommen. Mit einer harmlosen Pralinenschachtel wird er sich in Unkosten gestürzt haben«. schnurstracks nach Fonty die Toilette aufzusuchen. halb so schlimm alles. das von Hoftaller. der Braut ein Buch mit dem Titel »Troika« zugemutet zu haben. mit nein kleinen Anhang übrigens. zu beißen haben. der so treibt. soll Hoftaller geseufzt haben: »Noch spotten Sie. in Halbleder. Beim Wasserlassen. Ne Menge Hotelgeflüster.. diesmal sein ominöses Päckchen betreffend: »Habe mir erlaubt. der verehelichten Frau Grundmann das Relikt ihrer Parteizugehörigkeit. Einige revisionistische Extratouren. Potz Blitz! Es ist der Chablis. . das mir zur ersten Kommunion auf den Geschenktisch gelegt worden war.« Daraufhin will Fonty gesagt haben: »Furchtbar rücksichtsvoll. Nur auf ihren einstigen Verlobten. das Päckchen war flach.« Fonty will gelacht haben: »Kolossal feinfühlend! Mete wird beim Auspacken ein Poesiealbum vermuten und dann erst am Inhalt. dessen Autor zur Spitze der Staatssicherheit gehört hatte und nun mit »Erinnerungen« auf den Markt ging. mal links. Dennoch.

auch die >Effi Briest<-Erstausgabe.. « »Schwere Zeiten gibt's immer. Aber beim Händetrocknen hat er sich dann doch noch die Adresse des Buchbinders erbeten: »Will schon lange meinen Marwitz nachbinden lassen..Fürchte. gab sich der Bräutigam beleidigt: »Also. was soll das? Verstehe ja. « »Abgemacht ist abgemacht. der mehrere Cognac gekippt hatte. was ist das schon.. beendete den prinzipiellen Handel: »Das hier ist Ehrensache. « »Nun bin ich aber beleidigt.. Außerdem wird Friedel.. einen Wink gegeben hatte. der nun bestimmt. war ihm die Rechnung sicher. mein lieber Schwiegervater. wenn es zum Vortrag kommt. mit Datum und Stempel!« Als der Brautvater Einspruch erhob . Trifft ja keinen Armen . die Buchrücken . Dresden nicht zu vergessen.. « »Der Brautvater zahlt!« »Machen wir doch bitte keine Affäre daraus . HeinzMartin Grundmann. Oder will sich mein Schwiegersohn etwa mit mir duellieren?« Nachdem er dem Wirt. später die Londoner Jahre ..« »Aber in schweren Zeiten wie diesen sollten die alten Spielregeln nicht . die seit jeher alles in Reinschrift bringt... Schnell versöhnt legte er den Arm um des rundlichen Bauunternehmers Schulter und erklärte ihm. Die Gäste warten auf uns. aber nicht laut wurde. daß Sie gerne . « »Sparen Sie sich die Kosten!« will Fonty bei laufendem Wasserhahn gerufen haben.. der fein lächelnd zuhörte. Tallhover! Trödeln Sie nicht so lange. besonders die Londoner Kladde .. Soll noch mehr werden. Drei Gänge.. Bin wieder flüssig. wurde laut und wollte unbedingt zahlen: »Sofort und für alles!« Schon wedelte er mit der Kreditkarte und nahm den Wirt in Beschlag: »Und zwar die gesamte Rechnung.. daß er nach längerer Krankheit wieder den Bleistift habe spielen lassen und nun seine wie des Unsterblichen Kinderjahre auf gut dreißig Blatt stünden: »Mit Hilfe meiner Emilie natürlich.. Sehen schlimm aus. « Fonty. Nun aber los. Trug mir ein ordentliches Werkhonorar ein. der Buchbinder wird mir mehrere Bände in Rechnung stellen müssen. Aber für mich ist das ein Klacks sozusagen ..... meine Mete jedoch heiratet nur einmal .« Zum Schluß der Hochzeitsfeier hätte es beinahe doch noch Streit gegeben. die Friedel anno 95 verlegt hat . ein wenig von oben herab. obgleich sein Verlagsprogramm mehr zu Traktaten ..»Das hier ist meine Sache!« -. Hätte die Tagebücher gerne.. Ist ne Menge zusammengekommen. angefangen beim Herwegh-Club.

Später gehts um Schweine. nicht immer standesgemäß. Dann wieder Fox tönende Wochenschau. erste Korrekturbögen.und Karnickelzucht.. Erwin von Steinbach her.. Das Ganze ist zwar mehr hingeplaudert als für den Druck geschrieben. « . Redakteure und Freunde wie Hertz. besonders aber auf politischem Feld in Position gebracht hatte: »Die Elsässer gehörten zweihundert Jahre lang zu Frankreich. die ich übe. Von dort aus schreibt er an Emilie: »Du beklagst Dich über meine Weitschweifigkeit. Auch Tränen. die sitzende Bronze. die er bald nach der Drucklegung des ersten Romans entworfen hatte. und wenn sie nun schließlich sagen: >Erwin von Steinbach hin. das Wetter. spät polternde Gäste. Von überall her richtet er Briefe an Verleger. die brennenden Scheunen vorm Rheinsberger Tor. in dem auch dieser Vortrag leicht gekürzt Platz finden könnte. die Franzosen gefallen uns besser als die Deutschen<. Der Mutter strafende Hand. »Graf Petöfy«. dessen Prinzipienreiterei ihn schon oft. Ich behandle das Kleine mit derselben Liebe wie das Große . Fängt übrigens alles in Neuruppin an.. Und immer wieder der See. an Frau und Tochter: »Es geht mir hier gut. wenn ich Berlin den Rücken kehre . dennoch. ab Juli 82 in der Vossischen Zeitung vorabgedruckt wird. die Schinkelkirche. Gerüche. wie unberufen immer. doch stets mit Manuskript im Gepäck: wiederholt liegengebliebene Novellen.. Die Weitschweifigkeit aber. Zufluchten in mittlerer Preislage. Bäderreisen. kläffende Hunde. Das Denkmal. Wir lesen Klagen über muffige Zimmer. Stephany und Friedlaender.« DRITTES BUCH 16 Nach Stralsund und weiter Seine Sommerfrischen. « Im August 1883 beendete der Dreiundsechzigjährige auf Norderney nach »L'Adultera« einen weiteren Ehebruchroman. nur was von uns bleibt: Erinnerungen. « Kurz bevor seine Novelle »Schach von Wuthenow«. bunt kolorierte Bildchen. so ist nicht viel dagegen zu sagen . einige Narben. des Vaters Reden bei Tisch. hängt doch durchaus auch mit meinen literarischen Vorzügen zusammen.hin tendiert.. bestellte Aufsätze für Rodenberg. Nichts Großes. wenn er allein verreist ist. demnächst ein Bändchen herausbringen. gibt er aus Thale am Harz seinem Sohn Theodor Bescheid.. sowas findet Leser.

) mußte fünf Jahre auf sein Bräutchen warten. von wo aus er.. «. denn sie spielt hier in der Gegend. Wirrungen« in Fortsetzungen abdrucken will und nun des Autors Kommentar zu den miserablen Fahnenabzügen der Vossischen Zeitung lesen muß: »Macht das..das war Anfang September 98 -... teilt sich sein Mißmut in einem Brief mit. den ihm sein Brieffreund Friedlaender als schlesische Förster... die Wendung >vielmotivige Mogelpläne< ist Dir geglückt .. vermuteten wir ein verschollenes Zitat. nur aus Zitaten . Von der ersten Hälfte gilt dies halb. Juli 87 an Friedrich Stephany richtet. Wenn Fonty über Martha Wuttke sagte: »Schriftlich ist sie besser als mündlich«.. « ... so macht es Doppelarbeit!« 1891. soweit man etwas entwerfen kann. der »Irrungen.»Sein Eigenes immer wieder zu lesen. Also hoch Silberstein! Oder Friedlaender. was ich wünsche. mit Prinz Reuß nicht.. ist Berlin besser als Krummhübel«. von der zweiten .. mit dem ich fünf Worte hätte sprechen mögen .wissen wir. Der ihm seit Jahren gewogene Kritiker Paul Schlenther berichtet: »Zur Feier der .die bei den Mennoniten in Amerika spielt . An einer Stelle schreibt er: >Er (Th.. Stellenweise zum Totlachen war Otto Leixner in der >Täglichen Rundschau<. sondern verdummt auch« -. daß Metes Briefstil dem seinen angepaßt war. Von dort aus. F. ist er den August über in Wyk auf der Nordseeinsel Föhr: »Noch bin ich keinem Menschen begegnet. Doppelarbeit.und Wilderergeschichte mitgeteilt hat. der seit »Stine« und »Frau Jenny Treibel« des Vaters Bücher verlegt: »Was Du mir von Kritiken schickst. « Wieder zurück in Berlin. doch ihn zog es wiederholt und oft »nervenpleite« ins Riesengebirge. hab ich durchgelesen oder richtiger überflogen. habe die neue Novelle entworfen. Georg Friedlaender in Schmiedeberg.Für anderer Leute Leiden wußte er Rat: »Wenn man die Gicht hat. seinem Sohn Friedel antwortet. den er am 18.. wo er die Vorarbeit zu einem Manuskript unter dem Titel »Quitt« nach einem Stoff beginnt. die in Berlin geblieben ist: » . zum letzten Mal mit Frau und Tochter in Kur .< Danach muß Leixner ein Sachse sein . strapaziert nicht bloß. Leider liegen dem Archiv ihre Briefe an den Vater nicht vor. « Als ihn mit Korrekturbögen beruflicher Ärger in der Sommerfrische einholt . schreibt er Anfang Juni 85 an Emilie. Aus Bad Kissingen Briefe und immer wieder aus Karlsbad. man sah sich häufig. « Übrigens wohnte der Amtsrichter Dr. nah bei Krummhübel. verlobt sich endlich Mete mit dem Architekten Dr. Fritsch. klagt er seiner Tochter Martha.» .ganz . im Jahr vor der Nervenkrankheit. »Mit einem Silberstein kann man Fragen durchsprechen. zu dem noch überall das Material fehlt.

weil Professor Freundlich und Frau abgesagt hatten. feines Essen bereitet worden. Na. vielleicht rappelt er sich doch noch und verlegt seines alten Vaters Vorträge. Im Grunde steht man zu seinen Kindern nicht anders als zu anderen Menschen. Jeder auf seine Weise verletzlich. geschweige denn versöhnlichen Aussprache. Friedel wich jeder familiären Annäherung aus. « Vier Tage später war der Alte oder. gehalten in schwieriger Zeit. Der Alte in seiner herrlichen. wurde nicht ausgesprochen. glaube ich. auch verloren. Bin mir aber nicht sicher. nach dem Debakel der materialistischen Lehre. wo sie kurz Halt machten. Da helfen keine Erziehungskunststücke. Hochzeitsreise muß sein. elf Personen versammelt waren. Steif saß man sich im Poggenpuhlschen Salon gegenüber. der Unsterbliche tot. nach Öffnung der Märkte. Doch auch die Brauteltern hielt es nicht in der immer noch heißen Stadt.Verlobung seiner ihm geistesverwandten Tochter war ein kleines. sagte Theo Wuttke zu seiner Frau: »Der ist uns. Vorsichtig abwägende Worte. Nun. wenn . Dem im Haus der Ministerien halbtags angestellten Aktenboten stand Genesungsurlaub bei voll ausgezahltem Gehalt zu. im »Hotel Praestekilde« in Keldby auf der Insel Mon ab. Nach Martha Wuttkes Trauung mit dem Bauunternehmer Heinz-Martin Grundmann und dem anschließenden Festessen. Und da der Sohn Friedel die Eltern nur kurz in der Kollwitzstraße besuchte und es überaus eilig hatte. für dessen Sehenswürdigkeiten drei Tage genug sein mußten. lieben Greisenschönheit Mittelpunkt und Seele der Unterhaltung.. Nur neun Personen. zu dem. wie vorbestellt. Eine Einladung an die Eltern. Hoftaller mitgezählt. nach Wuppertal zurückzukehren. »Unsere Stunde!« rief er. wie wir zu sagen gewohnt sind. Es kam zu keiner klärenden. etwa zum Kuraufenthalt im Sauerland. dürste die Menschheit nach religiöser Sinngebung. global orientieren. seine Frau sollte ihn begleiten. Fragen nach Teddy und dessen Frau sowie nach deren Kindern aus erster Ehe bekamen kaum Antwort. um die zukünftige Wohnung mit Seeblick zu besichtigen. mußte die Abreise nicht verschoben werden. Anschließend stiegen sie. Nur als Verleger war er gesprächig: Das Verlagsprogramm müsse sich nun. nur zehn. Als der Sohn ging und nur einen Verlagsprospekt zurückließ.« Sie fuhren in Grundmanns BMW über Schwerin. reiste das frischvermählte Paar sogleich ab und folgte der Devise des Brautvaters: »Wenn auch nur kurz.. nahmen von dort die Fähre nach Rodby und waren zwei Stunden später in Kopenhagen. dann weiter nach Lübeck und Puttgarden auf Fehmarn. Eine Geschichte der Herrnhuter und ihrer weltweiten Missionsarbeit sei in Vorbereitung.

weil seit Kriegsende in polnischem Besitz. da drüben. schon mehrmals übernachtet. Doch darin waren sich Theo und Emmi Wuttke einig: Seeluft sollte Vorrang haben. wir bleiben weiterhin dem gemeinsamen Kulturschaffen verpflichtet. ohne aufdringlich sein zu wollen. Ohne Hoftallers verdeckte Dienstleistung zu erwähnen. dem Hauptmannhaus benachbart. zuletzt.« Die Nachricht kam von der Ostseeinsel Hiddensee und besagte. jetzt. wird auch nur mit Wasser gekocht. ob nun in Wuppertal oder Bonn. war man dort König. daß auch Sie. ein wenig vorzusorgen. mit diesem baltischen Capri zufrieden sein werden. der unbedingt behilflich sein wollte. daß hinter der Villa Seedorn. die Ostsee hatte man noch immer in greifbarer Nähe. wie man sich gut erinnere. mit Westgeld. Glaub mir. Soviel sich im Verlauf der Wendezeit verändert haben mochte. wer hier neuerdings anlandet und sich als kauffreudig zu erkennen gibt. der Meinung. die Fonty erwogen haben wird. zudem sprachen die längere Krankheit und die anstrengenden Hochzeitsvorbereitungen für einen Aufenthalt an der Küste. wie jeder Liebhaber der Insel wisse. Nehme an. dann begann sie zu packen.ich meinen Herrn Sohn so selbstgerecht daherreden höre. Emilie. Herzlich willkommen auf unserer Insel!« . liebe Frau Wuttke. daß sie das nunmehr feststehende Reiseziel allen anderen Kurorten. Mit dem ihm verbliebenen Nachdruck war Hoftaller. Krummhübel im Riesengebirge. schrieb die Leiterin der vielbesuchten Gedenkstätte: »Das Werk des großen Dichters wird auch diese Wendezeit überleben. Bad Kissingen. Und schon legte er als Beweis einen Brief auf den Küchentisch. Karpacz heißt. Norderney und Wyk auf Föhr schieden aus Kostengründen aus. ein Städtchen. ein Gästezimmer mit Kochgelegenheit und wohnlichem Nebenraum frei sei. Dort habe der werte Herr Wuttke. Die Nachsaison habe. Wir vermuten. Man freue sich auf das Wiedersehen. Er wolle sich über Beziehungen nützlich machen. das heute.« Emmi weinte eine halbe Stunde lang. ihre besonderen Reize. und Karlsbad als Karlovy Vary schienen einige Erwägungen wert. So spürbar die veränderte Lage ist und so erstaunt wir feststellen. nachdem er ein zahlreiches Publikum mit pikanten Hinweisen auf die Praxis der preußischen Zensur überrascht habe. Noch verfüge er über Kontakte. »Habe mir erlaubt. vorgezogen hat. Nicht nur Emmi lehnte Thale am Harz ab. daß sich von Fontys langjähriger Tätigkeit als Kulturbundreisender durchaus ein Anspruch auf »exquisite Ferienortlage« ableiten lasse. Was heißt hier Unrechtsstaat! Innerhalb dieser Welt der Mängel lebten wir in einer kommoden Diktatur. gleich hinter den Buchen.

Ein Nahziel mit Fernblick. Außerdem hat die Hochzeit meinen Wuttke. Vater nich nehmen lassen. Warum manches schlimm und anderes nich so schlimm. Oft hat man von dort aus Anfragen ans Archiv gerichtet. Nur immer auf uns runtergeguckt. Mein Gott.« Weil aus Gewohnheit sparsam.Uns war das Hauptmannhaus eine vertraute Adresse. nämlich manchmal. Von dieser Trauminsel aus öffnete sich uns zumindest der Horizont. och wenn er rein nischt kapiert hat und am liebsten hören will. wie Martha sagt. von Weltniveau. immer dasselbe. daß sie ihn paarmal sogar mit ner Ehrennadel in Silber ausgezeichnet haben. Wer sind wir denn. Weil untauglich für ein schnelles Geschäft. daß man rauskam endlich. War auf der Hochzeit schon so. Zum Schluß hätt es beinah noch Krach beim Bezahlen gegeben. sollte sich die Übernahme dieses Relikt aus vorsozialistischen Zeiten noch lange hinauszögern. so zurückgeblieben sah er aus. Dabei freundlich. weil Emmi uns später die Bahnfahrt miterleben ließ: »Ziemlich langweilig die Landschaft. die ganz schön keß is. Und seine Tochter. daß wir von früh bis spät gelitten und uns wie im KZ gefühlt haben. das gilt auf Bahnhöfen wie in der Politik. und wie das wirklich war beim Kulturbund. und was man jetzt überall von Ozon redet. daß man uns dauernd wie arme Schlucker behandelt. Sagt zu mir gnädige Frau und hochverehrte Emmi. konnte er als ein Stück Reichsbahn gelten. redet och über alles weg. wie Martha immer gesagt hat. aber mich och ziemlich mitgenommen. Kann einfach über alles reden und weiß sogar Dinge. Bis Stralsund hatten sie ein Abteil für sich. Wir hätten uns gerne dazugesetzt. reisten die Wuttkes zweiter Klasse. waren aber indirekt dabei. und daß unser Friedel bei uns dann kein einziges herzliches Wort gefunden hat. der ja nie ins westliche . Das ganze Drum und Dran. Richtig hochnäsig sind die alle. Von Berlin-Lichtenberg über Pasewalk. dieser Grundmann. Na. Erklärt meinem Wuttke. Die Hitze in der Stadt. Doch dieser Grundmann sagt immer nur >Verstehe<. so verlangsamt und schäbig abgenutzt kam er sich vor: »Bin untauglich für schnelle Anschlüsse. Aber das hat sich. und warum sich mein Wuttke dafür so angestrengt und verdient gemacht hat. und da der Kulturbundreisende Fonty jahrelang den Schienenweg genommen hatte. wie der redet! Als müßt man uns alles dreimal erklären. Und wie üblicherweise wir. die er nich wissen kann. Der Zug kam verspätet aus Leipzig. Noch hieß die Reichsbahn nicht Bundesbahn. immer mehr Autos. Dort kam man auf vogelfreie Gedanken. War aber trotzdem gut. Nicht selten haben Mitarbeiter kurze und längere Inselferien mit Studienaufenthalten verbunden. so reisten Theo und Emmi Wuttke bis Stralsund mit der Bahn und nahmen von dort aus das Schiff.

Aber auf der Bahnfahrt waren bis Pasewalk nur die Treibels dran. dann aber prompt sein Gedicht. aber besorgt war er trotzdem. gefällt mir gar nicht. wissense. die wird ihren Grundmann schon zurechtstauchen. So natürlich.< Und als wir dann fuhren. Und stellen Sie sich vor: Sogar auf Ball is das junge Ding gewesen. diese Frau Scherwinski. als mit Frankreichs Golddukaten die preußische Renommiersucht hochgepäppelt wurde. Was der gesagt hat. Buckow und wo noch überall. einmal sogar bis Schottland rauf. haben wir erst mal gelacht alle beide. >Was die da in Schwerin groß aufziehen wollen. wo sie nu katholisch is und mitreden kann. Kann man in der Vossischen nachlesen: der Börsenkrach anno dreiundsiebzig. aber kolossal anstrengend. wie mein Wuttke redet. wie ihm sein oller Petöfy in die Tischrede gerutscht ist. Konnt ma ja sehn von weitem schon: Britz. auf Ball! Mein Wuttke hat nur gestaunt.Ausland gedurft hat. als die alle und die Adlige och endlich weg waren. Aber hinterher. War eine einzige Baustelle.. der Wein hier . Und immer so direkt.. die die Bunsensche von sich gegeben hat: >Recht anständig. und was er sonst noch vorhat. paßt immer. diese Grundstückmakelei. Und wie die Potsdamer Straße aussieht! Nee. Sie vom Archiv haben ja mitgekriegt. aufgesagt. < oder: >Richtig niedlich. < Darin ist er groß. als mir mein Wuttke das berlinische und hamburgische Getue vorgespielt hat: >Was ist denn wohl schöner. Paris. die Stadt. Gründerjahre nannte man das. Alles Fassade und hinten raus Mietskaserne. < Sie wissen ja. Was hab ich gelacht. wenn sie auch Treibel hießen. Dergleichen gibt es bei uns im Westen schon lange nicht mehr . Und paarmal London. hat er gesagt: >Ganz nett die Leute aus dem Westen. die Alster bei der Uhlenhorst oder die Spree bei Treptow?< Und die aufgeblasene Frau Treibel hat er flöten lassen: >Dieser furchtbare Vogelsang hat wie ein Alp auf mir gelegen . als wenn die drüben nich och Mist gebaut hätten. Rom und jede Menge griechische Inseln... nee! Mein Wuttke hat zwar über unsere Martha gesagt. War doch ne schöne Hochzeit! Och wenn mir dieser Grundmann mit seinen zehn Großbaustellen und seinen Witzen über unsere Plattenbaukästen ziemlich auffen Wecker gegangen is. Alles Mumpitz! Erinnert mich kolossal an anno einundsiebzig.. als ob er gestern noch mit nein Bleistift das alles persönlich . weil mein Wuttke nun och >gnädige Frau< und noch so paar komische Sachen zu mir gesagt hat. wenn er auf sein Einundalles kommt. Industriepark und Erholungspark in ökonomisch-ökologischer Symbiose. das von den balinesischen Frauen. Und manchmal paßt es sogar.. na. Skandale und Pleiten.. Und überall Grundmanns. Kommerzienrat waren und in Berliner Blau machten .. >Entsage!< Und das auf ner Hochzeit. alle Strophen. < jedenfalls haben wir unsern Spaß gehabt. wo überall sie gewesen is: Klar doch.

auch die Geschichten von früher. meinen altvertrauten Kumpan fragen. vom Balkon runter.nie! Hier hat doch dieser österreichische Gefreite im Lazarett gelegen und beschlossen. den Durchblick und ist kolossal auf dem laufenden. Als wir in Pasewalk hielten. Wuttke! (Hab aber eigentlich was ganz anderes. die ja an sich ne flotte Person is. wie es schiefgehen würde. ich hätt nach der Ehe mit Grundmann gefragt. daß er hier sowas wie Kreissekretär hätt werden können. < Ich hab ihn nur noch reden lassen und nischt mehr gesagt.. keine Ahnung. Aber er hat geglaubt. das Glaubensbekenntnis ihres gar nicht so üblen Pfaffen zu beherzigen und tapfer zu zweifeln. Nur. wie man heute sagt. die ja wohl bißchen daneben war. Aber gelacht hab ich schon. Denn das kannt ich schon alles. Wollte mit 'L'Adultera' anfangen und den Faden von der couragierten Melanie über die kränkelnde Cécile bis hin zur armen Effi spinnen. Ehebruch! Ein immergrünes Thema. nämlich die Einheit gemeint.. Doch zurück zu deiner Frage. Jedenfalls hab ich gesagt: >Was soll nun werden.. nur aussem Fenster geguckt und mich ziemlich gelangweilt. daß er diese Corinna Schmidt aussein Roman. Ich hab schon zu oft danebengetippt.. hat er gesagt. meine Tischrede. Rücksicht genommen und meiner frisch konvertierten Tochter etwaige Wünsche nach katholischem Glück mit dem protestantischen 'Entsage!' wegzublasen versucht. aber da hätten Sie meinen Wuttke mal hören sollen: >Pasewalk . der wußte schon immer im voraus. was noch lang . das arme Ding. als der Eisenbahnzug quer durch Deutschland mit Lenin drin . der hat den richtigen Riecher. Dabei soll diese Mete. ähnlich wie unsere Martha . Bleibe dabei: Zweifel ist immer nichtig!< Und dann hat mein Wuttke doch noch gemerkt. >Was nun werden soll? Falls du das Einigvaterland gemeint hast. Werde ihr raten. Schon als Tallhover. Da mußt du. Mete her. >Was soll schon werden<. die ja der Liebling von seinem Einundalles gewesen is. Nee. Was soll schon werden? Ehekrise. weil er damit alles noch schlimmer macht. hab ich ihn kurz dran erinnert. sobald wir zurück sind. auf den hinter jeder Ecke lauernden Ehebruch zu bringen. fand ich wieder mal ziemlich daneben. andauernd mit unserer Martha verglich. >wird sich hinziehen wie jede Ehe und schlecht und recht sein. Politiker zu werden. Immerzu: Corinna hin. Werde schon morgen Einschlägiges an unsere Mete schreiben. meine liebe Emilie. aber Hoftaller. zum Schluß Selbstmord gemacht haben. Hier hat angefangen. Der hat. habe dann aber auf deine Empfindlichkeit. Hatte vor. nich nur die Landschaft draußen.gekritzelt und mir zum Abtippen vorgelegt hat. jedesmal. weil ihr Mann viel älter als sie war und ihr einfach weggestorben is und weil sie sowieso nervenkrank war. von der alle geredet haben und die für uns dieser Krause ausgehandelt hat. daß ich nach ganz was anderem gefragt hab. Ehekräche.

die gesammelt wurden und zum Teil wieder verlorengingen. der kennt kein Einsehen nich.. daß dem Sieg des Neuen eine furchtbare Schlacht voraufgehen muß. das mehr als nur Arbeitskladde ist... Nen richtigen Schauer hab ich gekriegt. kann mich nicht abhalten... als man von sich selber weiß. weil ja vom Wasser ein Lüftchen ging. Wuttke..nicht zu Ende ist. Hat dann auch nicht mehr gedrängelt. denn viele seiner Briefe.. « Grob geschätzt sind es über siebentausend Briefe gewesen. zum Beispiel Entwürfe. Steht plötzlich in Schlips und Anzug da. doch nich so heiß wie in Berlin. gingen bereits Kostbarkeiten unübersichtlich in fremde Hände über.. als wüßt er mehr. sagt: >Für die Genossin Braut< und feixt dabei.. was die neue Zeit aufhält. War richtig zum Aufatmen .. und die Möglichkeit. Als hätt er nich unsre Jungs und och Martha bespitzelt. dem Geburtstag jenes Kronprinzen zu Papier kam. < Und daß er och noch auf Martha ihre Hochzeit gekommen is-. ja die Wahrscheinlichkeit. denn an die tausend Handschriften aus seiner Feder gehören zu den Verlusten. ist in einem beständigen Wachsen. Selbst mein altvertrauter Kumpan konnte mich nicht überreden. die uns der letzte Krieg brachte.einige Tagebücher. darunter das Londoner.. Pasewalk? Niemals. immer noch schönes Wetter. hat ein Päckchen mit Schleife drum. Der hat doch schon wieder überall seine Finger drin. selbst solche. als er auf einmal bei Friedel stand und auf den eingequasselt hat.. die von politischem Zorn diktiert zu sein scheinen. Jedenfalls war. die sich wie spontane Niederschrift lesen und reich an augenblicklichen Einfällen sind. Hinzu kommt der Geiz der preußischen Kulturbehörden. doch können wir nur selten mitbieten. denn als die Erben anno 35 glaubten. Gelegentlich taucht die eine oder andere Originalschrift wieder auf und erzielt auf Auktionen stolze Preise. « Als Kommentar dazu steht an anderer Stelle: »Habe oft hart am Rande des Hochverrats geplaudert . sogar jene. war ganz nach Plan. der am 6. hat eingesehen sogar . Mai 1895. bald nach Emilies Tod folgte die Familie ihrem Wunsch und hat alle verbrannt. als wär nie was Schlimmes gewesen . Glücklicherweise fanden sich in einem Tresor . Anderes bleibt weg: so die Korrespondenz mit Wolfsohn und die frühen Briefe an die Verlobte. ein für die Forschung besonders bedauerlicher Verlust.natürlich in einem jüdischen . als wir in Stralsund ankamen. etwa sein emotionaler Ausbruch. einen Teil des Nachlasses versteigern zu müssen. wurden bis ins launige Detail erarbeitet. der gottlob nie Kaiser werden sollte: »Mein Haß gegen alles. « . diesen Sieg des Neuen zu wünschen . als die sich mit ihrem Grundmann im Hotel heimlich . hab ich gesagt. < Da hab ich nur lachen gekonnt: >Nee.

« . Klage über Undank und norddeutsche Sentimentalitätsträne . an Lessing oder Swift und Scott zu messen seien. Mai 1884 aus strenger Arbeitsklausur in Hankels Ablage an seine Frau schreibt und beiläufig die Qualität der Tinte. Wovon man doch alles abhängig ist? Die ganze Schreiblust ist hin. in eine Anekdote kleidet und zum Schluß befindet: »Er hat die größte Ähnlichkeit mit dem Schillerschen Wallenstein (der historische war anders): Genie. « Und ähnlich spontan wirkend verplauderte er politische Ärgernisse. zum Beispiel dort. Und Reuter war es.und Bauern-Staates als historisch konsequent abgeleitet. der übrigens freundschaftlich mit Fonty in Korrespondenz stand. auch wenn von ihm nichts überliefert wäre als seine Briefe.. und der Blick über den Vorgarten fort auf den starkbewegten Strom und die Heide dahinter erquickt mich.. Keller und Hebbel stellt er ihn und spricht von »europäischen Briefen«. wenn er in einem Brief an Mete den Konflikt des Kaisers mit Bismarck. »lauter kleine Klümpchen«. Auch vor der Nacht habe ich ein ahnungsvolles Grauen . Ähnlich wie der Kulturbundreisende Wuttke. Nur die Tinte! Geht das so fort.Einer seiner Biographen. hat diese und andere Briefstellen mit Bedacht in den Vordergrund gerückt und aus deren Radikalität die Existenz des ersten deutschen Arbeiter. es ging ihm wohl darum. eine Brücke zurück ins neunzehnte Jahrhundert gezimmert. Hans-Heinrich Reuter. Die Luft ist ozonreicher als nötig und macht mich fiebrig. indem wir. der unserem Archiv über Jahrzehnte hinweg auf recht eigenwillige Weise verbunden gewesen ist. dennoch fühle ich. die an Voltaire und Diderot.den Fortschritt und den Humanismus.. so können all the perfumes of Arabia mich nicht wieder gesund machen. Wir vom Archiv stimmen dem gerne zu. Immer ich. mithin den »Sieg des Neuen« paradieren ließen...« Über Storm.es sieht alles sehr mäusrig aus . das kulturelle Erbe zu festigen.und sei es mit listig ausgewählten Briefzitaten . der seine Vorträge nie ohne Beschwörung der »kulturellen Errungenschaften« abschloß. und wenn die Geschichte nicht mehr weitergeht. ich. Staatsretter und sentimentaler Hochverräter.. der unserem Epistolographen mit gewagtem Satz nachsagte: »Er würde zur großen deutschen Literatur gehören. den zur Höchstform entwickelten Plauderstil betonen. etwa. beklagt: » . Mein Zimmer ist reizend. mit Reuter. hat sich Reuter. den er als »Mogelant« sieht. daß meine Nerven sich dabei erholen. ohne deutlicher als notwendig zu werden. wo er am 12. über die beide . es weht eine starke Ostbrise.

Dieses Urteil übernahm Fonty in einem Brief..und Nachteile des jüdischen an sich hatte. « Weiter steht in dem Brief an seine Tochter. so daß wir einerseits Eure Hochzeit und deren Gäste verplaudern und andererseits das Motorschiff >Insel Hiddensee< gerade noch rechtzeitig erreichen konnten. Und weil in Eile. denn pünktlich um 14 Uhr 30 . die er als »Meine Mete« anredet: »Die Buchen vor unserem Quartier stehen immer noch unbeschadet. im Gegensatz dazu. es sei denn. weshalb ihr der arme Holk nicht gewachsen war. gerichtet an Martha Grundmann. das äußerst lebendige Tivoli abgehakt haben. außerdem stieß ihn aus einer liegengebliebenen Zeitung politischer Ärger an: »Sperre ja selten mein Ohr in Richtung Bonn auf. muß diesem Vergleich insoweit zugestimmt werden. was nun tatsächlich für meinen aus bester Laune gestifteten Brief zutrifft. daß die Zigarettenreklame am Klosterschen Bollwerk . die Glyptothek. den ich. wie verabredet. Thorwaldsens kalte Marmorpracht und. als ich in beiden kolossale Mogelanten sehe . die uns. (Übrigens kam >Unwiederbringlich< auf dänisch unter dem Titel >Grevinde Holk< heraus. doch wenn sich der gegenwärtige Kanzler der Deutschen in Sachen Einheit überhebt und als regierende Masse in die Nähe Bismarcks rücken läßt. zumal ihn beiläufig die mit der Geheimpolizei vertrauliche Kapitänstochter Brigitte durch ihr laszives Benehmen verwirrt hat. während Emmi die Koffer auspackte. geborene Wuttke. Inzwischen werdet Ihr Kopenhagen. Jedenfalls bin ich begierig. die ja keine Rosenberg-Gruszczynski. von Dir zu hören. damit Du ihn postlagernd vorfindest. auffallend lückenhaft anlächelte. verspürte er. denn kaum auf Hiddensee angekommen. ob Kopenhagen noch immer ein Sündenpfuhl ist und die Dänen so fidel wie dazumal sind.allgemein richtungweisend sein will. nach Stege auf Mon schicke. haben wir von der Stadt am Strelasund. Dich jedoch vermute ich auf den Spuren des so liebenswürdigen wie labilen Grafen Holk und der feuerzüngigen Ebba Rosenberg.im guten alten Reichsbahntempo. trotz einiger Goldzähne.oder was von der einst Schönen und selbst von Wallenstein nicht Bezwungenen geblieben ist . unwiderstehliche Schreiblaune. sondern eine Enkelin des schwedisch-königlichen Leibjuden Meyer-Rosenberg gewesen ist und alle Vor.. und auch sonst ist auf der Insel von kommender Einheit nichts zu bemerken.) Mama und ich erreichten Stralsund . nur wenig gesehen.>Go West!< . Grundmann ist sicher mehr an Baulichkeiten interessiert. zu meiner Zeit setzte man mit dem schmauchenden Dampfer >Swanti< über.

stand dann am Bollwerk zwar nicht ein Enkel des alten Gau. unter ihnen illustre. bald in Vitte an und folgten dabei der Fahrrinne zwischen Bojen. zumal ich mir als Zugabe einen Vergleich zwischen Hauptmanns >Die Weber< und Müllers >Die Umsiedlerin< erlaubte. kindliche Freude aufkommen ließen. Einige restliche Speicher blieben zurück. Schnell rückte uns Altefähr näher. Fand auch mich rückblätternd mit letzter Eintragung vom Mal einundsiebzig: >Ein Hauptmann brachte dem Kaiser Verdruß. der von vielen Inselgästen erzählen könnte . Zwischen Vitte und Kloster machte ich Mama auf die im waldigen Hügelland gelegene Lietzenburg aufmerksam. zu dem einige Inselprominenz gehörte. In Kloster angelandet. weit genug weg von aller touristischen Neugierde. die weniger durch den Bildhauer Oskar Kruse als durch die Puppenmutter Käthe Kruse bekannt ist. das schon auf Rügen liegt. guck nur!< rief sie und wollte gar nichts anderes sehen. Bei prächtigem Wetter und minimalem Seegang genoß Mama die Überfährt vorbei an grünen und roten Bojen und die Sicht auf den Gellen. die ja eigentlich gegen Seefahrten ist und selbst bei stabilem Wetter Stürme befürchtet. die uns vor dem Hintergrund der langgestreckten Insel entzückten und bei Mama. wenn Du Dich an Deinen Inselbesuch mit Zwoidrak erinnerst. Und Immer wieder Kormorane in ständig wechselnden Flugformationen. die sich gegenwärtig gewiß ungern an ihre Unsterblichkeitszertifikate für den damals schon kränkelnden Sozialismus erinnern werden. uns ist ein Müller 'ne harte Nuß. auf denen Kormorane saßen. >Schipperöbing< genannt haben. doch scharf geschossen wurde nicht. die den Weg wiesen. Übrigens ist es dasselbe Doppelzimmer. allzu klotziger großbürgerlicher Bau. in dessen Windschatten wir in der Gästewohnung Quartier nahmen. den sie. Die beiden Zimmer sind unverändert schlicht möbliert.legten wir ab. Nach knapp zweistündiger Fahrt legten wir in Neuendorf. >Guck nur. Mit schwarzen. möchte ich nunmehr . später schwarz-gelben Wimpeln begrüßten uns erste Reusen. mit Kochnische für Mamas Blasentee. gab es zwar deutliche Winke mit dem Zaunpfahl. Während der nachfolgenden Aussprache mit dem Publikum. wie ich finde. ein. nachdem mein Vortrag >Literatur und Zensur in Preußen vor und nach dem Wegfall der Sozialistengesetze< nur ängstlichen Beifall gefunden hatte.< Dies Verslein lesend. Kann man im Gästebuch nachlesen. doch ziemlich wortkarg karrte uns ein Fischersohn die Koffer im Bollerwagen zum Hauptmannschen Anwesen. Etliche drollig gereimte Ergebenheitsadressen. blauweiß karierten Gardinen und einem Ledersessel. in dem ich Anfang der siebziger Jahre ein verregnetes Wochenende überstanden habe.

Jedenfalls fühlte ich mich. Mama und ich haben die alte Devise. weil ich nun mal nicht aufs Pessimistische abonniert bin. Warne nur vor allzu großer Happigkeit! Hier gibt man sich übrigens wohltuend freundlich. Viele Gäste hat die Insel nicht. saftige Filetstücke rauszuschneiden. es rieche mäuserig. sich nach der Decke zu strecken. Gehe nicht. hat er zweifelsohne ein Auge auf Schwerins Schelfstadt geworfen. sobald es ihn ankommen wird. sie redet sich leicht übers Ziel hinaus und hat einen schwarzseherischen Zug. aller Welt zu beweisen. wie sie. Du weißt. nämlich der Weber-Hauptmann und der Lohndrücker-Müller. Deshalb hoffe ich. Sie scheint mir eine Person zu sein. alles in jenen Verhältnissen und Prozentsätzen zu belassen. Und selbstverständlich fehlt es nicht an Sachsen. die leider zu Deiner Hochzeit nicht kommen konnten. Nun ja! Man verzapft so gut man kann seine väterliche Weisheit. vor Augen standen. der mich oft reizt. laut neuester Redensart. die das Leben selbst seinen Erscheinungen. die sich partout nicht die Butter vom Brot nehmen läßt. nachdem uns das Leben deprimierenden Nachhilfeunterricht erteilt hat. nach bauherrlicher Lust mit Mecklenburgs Grund und Boden zu spekulieren und sich überall. Nur Mama fand die Zimmerchen unangemessen und behauptete. in späteren Produktionen gewann oft das Pompöse überhand: viel inszeniertes Geschrei und wenig Wolle. Einige Westler. daß Du Deinem Grundmann in der Hedwigskirche weder ein himmelhochjauchzendes noch ein trübsinniges ja gegeben hast. er sprach von einigen >hochinteressanten Projekten<. so auch dem Ehestand gibt. sogleich angekommen. er liegt Dir nicht besonders. wie unverwüstlich sie sind. Die Leiterin des Museums erinnert sich meiner Bemühungen um das kulturelle Erbe. Mir hingegen ist sein weltläufiger Witz immer Gewinn . Zum Glück hat Professor Freundlich mit Frau. was wir natürlich auch von Deinem Grundmann erwarten.nachtragen. auch Mama gegenüber. befleißige mich vielmehr. bleibt ungewiß. noch weniger Mama. kaum waren die Koffer ausgepackt. Ob allerdings in heutigen Zeiten Haltung bewahrt werden kann. daß mir in beiden Fällen jeweils die jungen und radikalen Ausgaben. erst spät gelernt. und schließlich ist doch auch diese belämmert. dem Traurigen nach. Eine schwere Kunst: gelegentlich durch die Finger gucken und doch ehrlich bleiben. in Vitte Quartier bezogen. Wie ich am Hochzeitstisch beiläufig hörte. die nach wie vor bemüht bleiben. Noch immer begegnet man hier jenen von Jugend an halb ansässigen alten Damen mit Bubikopffrisuren und schräg sitzender Baskenmütze. die begehrlich über die Zäune gucken. Ich weiß.

passierte das jedem. zum Vortrag >Wiederholte Freundschaft mit Juristen< . daß er . einigen Kummer. doch zur Zeit bereiten ihm westliche Professoren.gewesen.ganz im Sinne Reuters . Wenn Fonty also das Hauptmanngrab besuchte. Nun werden Mama und ich einen ersten Inselbummel wagen. noch beim Kulturbund von Einfluß waren. hat er mit Vergnügen gehört. einige vertrocknete Kränze bemängelte. hat den Verlust seiner Parteizugehörigkeit mit noblem Sarkasmus quittiert und meinen im Grund feigen Verbleib beim Kulturbund nicht krummgenommen.. Schließlich bekamen beide Ärger mit der Partei. Und als die Freundlichs. den ich. Diese Emigranten . steht übrigens auf dem gleichen Blatt. aber auch die Gefahr des Abgleitens ins weihevoll Mystische oder in die Langweiligkeit klappriger Ritterstücke wie »Florian Geyer« erkannt. sondern unterm Findling auch er. schlimmer kann es nicht werden. nur weil er Jude war. später der Sohn. fand mein Bemühen um das kulturelle Erbe jederzeit ihre Unterstützung. Daß Friedlaender Ärger mit der Armee bekam. wo ja nicht nur Schluck und Gau liegen. ist anzunehmen. Natürlich geht's zuerst auf den nahen Friedhof. auf dem Freundlichs Ärger mit der Partei notiert ist. rechter Hand einen Weißdorn registrierte und die in den Stein gehauene Keilschrift. sondern gutgeheißen. von unserem Briefwechsel ausgehend. auf Wunsch begraben: >Vor Sonnenaufgang< . Doch wie Du weißt.. Sein Rat hieß: >Weitermachen. man wollte ihn immer schon weghaben. sich am Efeu über dem Grabhügel erfreute. Freundlich senior starb darüber. den Findling »zwar kolossal. linker Hand Feuerdorn und kurze Eiben.gerne einen Kranz getrockneter Immortellen zur Hand gehabt hätte.umgemünzt habe. die sich anmaßen. Man will ihn weghaben. der auf sich hielt. als »stolzen Anspruch auf Unsterblichkeit« lobte. . Freundlich junior jedoch.< Und meinen spielerischen Vergleich mit Friedlaender. seinen wissenschaftlichen Rang zu evaluieren. die nur den Namen nennt. die Lebensdaten jedoch wie überflüssiges Beiwerk ausspart. anfangs der Vater. der nun schon auf die Sechzig zugeht. « Wir müssen dem Biographen Reuter zustimmen.der alte Freundlich ging seinerzeit nach Mexiko haben sich einen weiten Horizont bewahrt. aber doch angemessen« nannte. als mich die Pirckheimer-Gesellschaft anläßlich seines fünfzigsten Geburtstages als Festredner nach Jena eingeladen hatte. wenn er die Verdienste des Briefschreibers und Theaterkritikers um den jungen Dramatiker Hauptmann aufzählt: Niemand habe wie er den neuen Ton gehört. Wuttke.

Seine Schnürschuhe. wie er im Buche steht. bedroht sind und überdies der Begriff Unsterblichkeit fragwürdig geworden ist. weil seine zwei Kühe auf Salzwiesen weideten. Als Emmi das Familiengrab der Felstensteins nahe der Kirche bewunderte.« Dann blickte er sich um. Fonty rief: »Respekt vor dem großen Regisseur! Doch zuletzt hat er sich kolossal daneben inszeniert. daß jene zuoberst angeführte Sabine Hirschberg. deren Lebensdaten ihr nur die knappe Spanne von 1921 bis 1943 ließen. nun unter den wenigen windschiefen Strandkiefern. besonders viele Anekdoten ein. Schluck. die zur Seeseite stehen. in denen er sonst und das ganze Jahr über durch den Volkspark Friedrichshain oder neuerdings durch den Tiergarten läuft. Er wies auf eine schmale. sind ohnehin Wanderschuhe. sei es zum alten Inselpfarrer Gustavs. an den Weißdorn. den damals üppigen. besonders aber die gußeiserne Schmuckumrandung wie eine Bühnendekoration zu einem eher mittelmäßigen Theaterstück. noch vom letzten Besuch her. Wie viele der von städtischer Unruhe getriebenen Inselgäste. wie auf Suche nach einer aufgelassenen Grabstelle. die Weiden. der so gerufen wurde. noch kürzlich hat er auf einem der rasch den Standort wechselnden Polenmärkte »für ein Spottgeld« ein Paar . der dem allmählich beginnenden Hügelland zu Füßen liegt. Einheimische neben Zugereisten. Wir sehen Fonty von Kloster aus über den Plattenweg unterwegs nach Vitte. Vorbei an Eibenhecken. Er wandert mit Stock unterm bulgarischen Sommerhut und trägt zur hellen Hose ein strohgelbes Leinenjackett. beides ein wenig knittrig. sind auch wir einigermaßen ortskundig und bis in die Heide hinein bewandert. Witt. Hand in Hand. aber er kennt jedes Gewächs und erinnert sich. vorbei an Heckenrosen und reifendem Sanddorn. als Verhaftung drohte. Emmi hat ihn auf die vielen Gottschalk. Emmi und er folgten den Grabreihen des sanft gewellten Friedhofs. daß er ein zweites und drittes Paar in Reserve hält. so die Immortellen. Nur wenige. so sehen wir die Wuttkes vor wechselnden Grabstellen. Hier fielen ihm. Wir wissen. von Stein zu Stein. vom Wind geduckte Bäume. zum Widerstandskreis der »Weißen Rose« gehört hatte und sich das Leben nahm. Schlieker und Striesow aufmerksam gemacht. weil angesichts des Weltzustandes viele Pflanzen. wirkte auf ihn der »enorme Aufwand«.doch war dieser Grabschmuck schon lange nicht mehr im Handel. heute eher kümmerlichen und kaum Fruchtdolden tragenden Holunder. spitz zulaufende Stele und wußte. 17 Inselgäste Der Wanderer. Gau. sei es zu Solting. Beide gingen gerne auf Friedhöfe.

womöglich halfen sie. immer wieder . der bald nach dem Mauerbau mit Frau und falschen Papieren seinen drei Töchtern in den Westen folgte. außer Baldrian. die wir anfangs aus Laune nur. bleibt Fonty vor einem bürgerlichen Klinkerhaus stehen. Hier hält er länger. um zu rasten. links über den Bodden nach Rügen. überholt ihn. Rechter Hand fällt ein Anwesen mit außen geführter Wendeltreppe auf.robuste Schnürstiefel aus sowjetischen Armeebeständen gekauft. dem Dorf ohne Kirche und Mittelpunkt. Wer ihm entgegenkommt. Hier und dort immer noch namhafte oder inzwischen vergessene Besitzer. gut für die Nerven. Wie vormals Ringelnatz. rechts zur offenen See hin. blickt sich nach ihm um. Sächsisch eingefärbte Halbsätze. In Vitte. den Erinnerungen eingeholt haben: Eine der Doktorstöchter. sondern der weiten Sicht wegen. in dem einst der Stummfilmstar Asta Nielsen wohnte. »Wer gut zu Fuß sein will. ist mit wallender Löwenmähne und glutvollem Blick schon vorbei. die. wenn er sich wieder einmal »abattu« fühlte. Jetzt legt er Pausen ein. Jemand nähert sich stürmisch. Er kommt gut voran. Am Norderende von Vitte erkennt Fonty ein eingeschossig gestrecktes und wohnlich einladendes Haus wieder. doch nicht. Überall Namen. indem er bühnenreif vor sich hin zitiert: Verse von Däubler womöglich oder Expressives von Becher vielleicht. war später der Sänger Ernst Busch Feriengast. die ihm begegnen. Das Dorf Vitte beginnt mit teils ziegel-. Fonty erinnert sich oder sieht aus wie jemand. Einstein sonnte sich hier. darf nicht auf der Brandsohle laufen«. an denen Inselgeschichten ranken. dort kürzer. sogar Freud. Als sich Thomas Mann mit Familie ansiedeln wollte. heißt eine seiner Devisen. übte während der Ferienzeit in der Fischerkirche von Kloster das Orgelspiel. Doch zumeist begegnet er Tagestouristen im üblichen Freizeitlook. sind gleichfalls von zeitlosem Aussehen: Manche wirken kostümiert. Linker Hand das Haus. jedenfalls beruhigten sie. Aber andere Inselgäste. Der Inseldoktor. teils schofgedeckten Häusern. in dem bald nach Kriegsende Szenen des mittlerweile klassischen DEFA-Films »Ehe im Schatten« gedreht worden sind: in Schwarzweiß. Substanzen des Hopfens und der Mistel enthielten. etwa im Stil der zwanziger Jahre. fand er die Insel zu klein für zwei Große. hat ihm hier einst Tabletten verschrieben. oder wie handgestrickt nach anthroposophischer Kleiderordnung. die in Greifswald Musik studierte. dann aber mit Kalkül gesammelt haben. Ein Jogger keucht. das der Architekt Adolf Loos entworfen haben soll.

und eine kleine Sehnsucht. stellte die Orgel so leise. als er wieder Schritt vor Schritt setzte. die der Westen. Aber die Erinnerung an die Tochter des Doktors.wartete und sich dabei aller Freiheiten sicher sein konnte. Sie hätte Pastor Petersens Enkelin aus »Unwiederbringlich« sein können. zum Zopf hochgebundenes und seitlich in Locken fallendes Haar. niemand davonkommen. nachts und in Paddelbooten dieses Ziel zu erreichen. dessen fernsehgerechten Wohlstand und obendrein Freiheit. Nicht alle kamen an. sich keiner dem Arbeiter.. das sich zum Wald verdichtete.. daß dort. So viel Hingebung an Präludien und Fugen. sobald Emmi.. Einige Söhne der Insel haben versucht. nach Weisung der Küstenwache. bis hin zum Leuchtturm und der jäh abbrechenden Steilküste. Plötzlich stimmte der Wetterbericht nicht mehr. weshalb auch das Piano in der Kollwitzstraße verstummen mußte . « Wenn er nicht nach Vitte und weiter nach Neuendorf durch die Heide wanderte. doch Elisabeth spielte auf dem Klavier und sang dazu: »Wer haßt. den Kreidefels. von der aus. Überhaupt Musik. unterwegs. daß. das wunder was versprach: lange Zeit den Westen.. das sich schon alles gesagt hatte und doch noch ins Plaudern geriet. daß nur das Bild blieb: der schwere Zopf. Über sanft gebuckelte Schafsweiden aufwärts.und Bauern-Staat entziehen und Mons Kreideklinten. Sturm wühlte die See auf und sorgte dafür. später trieben die Leichen der Paddler an Südschwedens Küste an und wurden ordnungsgemäß überführt: Inselgeschichten. Als Fonty jedoch auf Hiddensees Steilküste stand. die Kreideklinten der dänischen Insel Mon den Horizont aufbrechen.postlagernd Stege . erreichen durfte. Zu zweit kam man nur langsam voran. bei klarer Sicht. spendiert worden waren. das gleich hinter Kloster anhob. ein langer Hals . Auf der Empore war nur ihr schmaler Rücken zu sehen und ihr inselblondes. die neuerdings von einer Speiseeisfirma. trotz guter Sicht. kaum saßen sie unter einem der bunten Schirme. nun einer anderen Devise folgend: »Liebesgeschichten läuft man am besten davon . Seine Nerven waren strikt gegen Orgel. Ein Bild.Buxtehude. und mehr noch fast. wer liebt . « Und: . doch halbwegs nach Vitte und dann zu den Strandbuhnen kam Emmi mit. ungefähr dort die frischvermählte Tochter auf den Brief des Vaters . ist zu bedauern. das Trugbild der Freiheit.. der ihm Baldrian verschrieben hatte. Desgleichen zum Kaffee im nahen Grieben.. ahnte er nur. Ein Paar. « Orgel vertrug Fonty nicht. durch Gebüsch. das Stichwort gab: »Ganz schön happig die Preise hier . je nach Preislage. zwecks Markterweiterung.. war aber gewiß.. deren Ticken erst nachließ. zu bieten hatte. wo man im Gasthof »Zum Enddorn« auch draußen unter Sonnenschirmen sitzen konnte. Aufs Hügelland nie. war Fonty im Hügelland.

siezten Fonty und Freundlich einander dennoch: »Ich bitte Sie.keine Zeit vergangen.. nun über insularen Klatsch .»Schöner kann's nicht werden« .. als könnte man dort besonders abwechslungsreich seine Freizeit genießen« -. so sehr ihm Fontys Nachvollzug der Unsterblichkeit bis ins Zitat vertraut war. bringt aber Muskelkater ein .. auf den Sieg der Stöckerschen Hofpredigerpartei. wie verabredet Professor Eckhard Freundlich traf. sodann über das Wetter . sozusagen auf Pump geholt« -.>Jetzt haben sich die Hiddenseer einen Bürgermeister von Helgoland her. Ihren Zeitsprüngen zu folgen hält zwar den Geist gelenkig. den Sie bei uns in Jena gehalten haben: >Weshalb Effi Briest keine deutsche Madame Bovary ist. Als er am dritten Inseltag. der für uns die Einheit aushandelt. bis zum Gellen hin überschaute und dann. Oder wir dachten ihn uns zu Fuß und allein. laut über das flache. sondern: »Mein lieber Wuttke. über dies und das plaudern ließ: über Familiäres .. « Oder auch nur: »Wie's unsrer Martha wohl geht? So weit weg. mit dem sich altgewohnt. Wuttke. eine Rechthaberei. Effi! Effi.und schließlich über ihre gemeinsame Zeit beim Kulturbund . « Oder: »Ihre These von der Wiederkehr der . als er vom Hügelland herab die Insel. komm!« rief und dabei mit beiden Händen einen Trichter bildete. der man den Umriß eines Seepferdchens nachsagt. frische Flundern gibt's . Jeder Satz bot dem nächsten das Stichwort. Doch so vertraut sie waren. als die Mauer noch stand« . bei der keiner gewonnen hat. « Sie sprachen wie gleichgestimmt und ließen kaum Pausen zu.»Daß dieser Mensch. denn niemand war Zeuge. dennoch nie Fonty zu ihm. wie wir nun wissen.»Erinnere mich noch an Ihren luziden und dank etlicher Fallgruben waghalsigen Vortrag. die ja dereinst den Dreh mit dem christlichsozialen Gesums erfunden hat. zumal Stöckers Antisemitismus. wiederum auf dem Weg von Kloster nach Vitte. keine bloße Zeitmode gewesen ist. dann über die allgemeine Lage .»Guck mal.« Doch meistens sahen wir Fonty allein unterwegs... nur Verluste seitdem . « Und der Jurist Freundlich sagte. verehrter Herr Professor. als sei nach ihrer letzten Begegnung »Das war. mit Blick in Richtung Stralsund.. Hätte bereits gegen Freytags >Soll und Haben< viel schärfer vom Leder ziehen müssen . vom Bodden und der See ausgesparte Motiv vieler Maler »Komm..»Meine Töchter liebäugeln neuerdings mit Israel.< Das muß kurz vorm Sängerstreit gewesen sein. unbedingt Krause heißen muß« -. vorbereitet zu sein. hatte er fortan auf Wanderungen jemanden zur Seite. dessen Türme wie eine hingetuschte Erscheinung am Horizont klebten.

Gründerjahre ist eine typisch Wuttkesche Rechnung. denen. selbst mir diese penetrant autofreie Insel erträglich zu machen. nach einem Korn als Zielwasser. nur das. in den . die nur zeitweilig im Licht standen. mittlerweile kaum noch der Prominenz anrüchige Behausung. tippte nur kurz die universitäre Situation in Jena und anderswo an .. Die Damen werden beglückt sein. in deren Veranda ihnen Freundlichs Frau Elisabeth.« Und sagte der andere: »Ihnen. Freundlichs Vater. den versprochenen Kaffee servierte. daß Sie Ihre Emmi an irgendeiner Strandbuhne zurückgelassen oder womöglich verbuddelt haben. eine resolute Biologin mit kurzgeschnittenem Haar. nach mangelnder Selbstkritik. aber Ihnen hier zu begegnen. der eine Zeitlang Minister gewesen war.wer sich wohl das Gewerkschaftsheim der Stralsunder Volkswerft unter den Nagel reißen werde und wem am Ende die Ferienhäuser der VEB Fahrradproduktion Simson-Suhl zufallen könnten -. « Das gastliche Haus befand sich am Norderende. Nehmen wir einen Kaffee bei uns. was Fonty zu sagen bereit war. hatte sich Anfang der fünfziger Jahre die Baugenehmigung erteilen und das Baumaterial liefern lassen.« So sagte der eine. der Parteiausschluß folgte. vorbei an den schofgedeckten Refugien einstiger Theatergrößen: Unter wechselnder Staatsgewalt hatte die Insel selbst denen Zuflucht geboten. Er galt als Kapazität. Wir wissen nicht viel über den Staatsrechtler Freundlich.ob die Humboldt-Uni demnächst ganz und gar unter Westberliner Aufsicht gerate doch dann machten sich Theo Wuttke und Eckhard Freundlich auf den Weg. der selber ein Revisionist reinsten Wassers gewesen ist. meinetwegen durch die Heide bis nach Neuendorf runter. Und dann. bester Freund Wuttke. bis von gewissen Schwierigkeiten gemunkelt wurde. machen wir uns davon. Man teilte die Besorgnisse der Hausfrau über die Zukunft der Insel bei jetzt schon steigenden Bodenpreisen. mit dem mein Vater. gelingt es. Noch im Dorf sagte Fonty: »Das kleine Hexenhaus dort gehört wohl noch immer der Witwe des ermordeten Sozialdemokraten Adolf Reichwein. wenn sie in Konkurs gehen. die Töchter Rosa und Clara waren am Strand.. überzeugt als Findung. So entstand eine trotz Privileg eher schlichte. bewegte die neuesten Inselgerüchte . aber zugleich bedauern. Puting gegenüber. soll als Jurist zum Reisekader gehört haben und sogar im nichtsozialistischen Ausland gefragt gewesen sein. bei der unterm Strich die Treibels und weitere Neureiche selbst dann Gewinn einstreichen. Die knappe Stunde Besuch bei den Freundlichs gab nicht viel her. als sie einander kurz vor Vitte über den Weg liefen: »Bin im allgemeinen gegen Gesuchtheiten.

die Flucht über Prag nach Moskau geglückt. mein lieber Professor: Diese Geschichten enden nie!« Ab Süderende und dem Wiesenland kamen sie in die Heide. selbst der trübsten Aussicht witzige Glanzlichter zu setzen. nicht nur seiner antifaschistischen Vergangenheit wegen. Neben Fonty wirkte er wie eine melancholische Zugabe. daß das politische und das mexikanische Klima den Streit der Fraktionen bis hin zu Mord und Totschlag belebte. »auf Durchreise« geboren wurde. Sein Vater hatte zeitweilig hohes Ansehen genossen. der nur knapp der Verhaftung entging. rechtzeitig vor Beginn der Prozesse. Dort trafen sie Emigranten. Zwei Wanderer im Gespräch. wie feindselig es zwischen den Emigranten und ihren Gruppierungen unterhalb der Vulkane Popocatepetl und Ixtaccihuatl zugegangen ist.dreißiger Jahren korrespondiert hat. Es dauerte. als hätte es dort weder Trotzki und den Eispickel noch die Seghers und deren Unfall gegeben. und seiner Sekretärin. Mittlerweile wissen wir. wenngleich sich bald zeigen sollte. Wuttke. denn aufgewachsen ist er in Mittelamerika. daß meine Mutter keine Palmen und Kakteen mehr sehen konnte und selbst angesichts aztekischer Pyramiden von Heidekraut und blühenden Heckenrosen schwärmte? In Acapulco. Kein Wort über den Renegaten Regler und den parteilichen Aufpasser Janka. wohin die Familie bald nach seiner Geburt weiterreisen durfte. Freundlich war ein straffer Mittfünfziger. war aber immer bemüht. in Bezug zur Welt zu bringen und mit weiträumigem Vergleich aufzuwerten. die bald seine Frau wurde. die nur für die Insel von Bedeutung waren. Nach dem Reichstagsbrand war dem kommunistischen Abgeordneten. Schließlich bot Mexiko den Flüchtlingen Asyl. wenn nicht blank. sogar jene kleinteiligen Einzelheiten. wie er sagte. oben schon kahl. wo Eckhard Freundlich. Er hörte sich gerne sprechen und verstand es. Selten. bis sie ankamen. Der eine Reformpädagoge. die ihnen parteilich nahestanden. als Kind der Emigration war Freundlich überall und nirgends zu Hause. der andere Genossenschaftler. Liegt zwar lange zurück. und doch. doch Freundlich sprach über die Schattenseite seiner Jugendzeit immer nur andeutungsweise hinweg oder leichthin touristisch. daß beide gleichzeitig schwiegen. die sich mit Lust auf den Erfurter Parteitag beriefen. Fast ein Jahr wartete man in Shanghai auf ein Einreisevisum in die USA. Allenfalls sagte er: »Können Sie sich vorstellen. Zwei Bernsteinianer. wohin mir sozusagen in die . etwa das bereits abgeblühte Heidekraut oder ein Birkenwäldchen.

aber viel Betrieb. aber Partei nie!« Darauf sagte Professor Freundlich: »Für diese schwankend bürgerliche Position gab es ja extra den Kulturbund. genauso wenig meine Sache sein. wie ich als Kind in Mexico City. nur für Parteimitgliedschaft war ich nicht zu gewinnen. Ihr Herr Vater. Andere haben. beim Kulturbund ihren kleinformatigen Humanismus zu pflegen. >Maikäfer flieg< und ähnlich unsterbliche Lieder gesungen. Hat in Berlin. wie ja auch Sie dort während Jahren Ihr märkisches Gärtchen bestellten und uns die Eintopfsuppe des Sozialismus mit einigen preußischen Zutaten verlängern durften. Sie wissen ja. eine Spielwiese mit wenig Auslauf. Habe mich damals als nur vorübergehend bemühter Junglehrer seinen humanistischen Bestrebungen angeschlossen. weshalb er zu den Gründungsmitgliedern des Kulturbunds gehörte. im Mai siebenundvierzig. sagte Fonty: »Ein großer Redner. Als die beiden Wanderer kurz vor Neuendorf vom Sandweg auf den Plattenweg wechselten. Unser Posteingang prunkte ja internationalistisch mit Wertzeichen. brachte Freundlichs Vater seinen Glauben an den Kommunismus in immer noch zweifelsfreiem Zustand mit. Humanismus ja. das Album. die Vossische konnte. mit Briefmarkenfreunden in aller Welt. nachdem ihm das Ministeramt genommen war. Am Ende stehen wir alle mit leeren Händen da.Sommerfrische fuhren. mich auf Bebels Linie gebracht hätte. Wuttke! Was zählt noch? Wie ich Ihnen kürzlich schrieb: Nichts bleibt.« . selbst später. bei allem Respekt. Ging leider verloren. daß mein Vater. war politisch auf mich kein Verlaß. Sogar Briefmarkenfreunden war es erlaubt.« Als die Familie nach Deutschland zurückkehrte und nur Ruinen vorfand. In diese Vortrefflichkeitsschablone paßte ich nie. blieb er in diesem Bereich tätig. Jeder konnte halbwegs ungegängelt sein Steckenpferd reiten. Doch was ging nicht verloren? Hand aufs Herz. daß ich weder ein eingeschworener Kreuzzeitungsmann noch ein freiheitsbesoffener Liberaler gewesen bin. doch schon bald setzte er mehr auf einen Ersatzglauben. Wankelmütig seit jeher. auf dem ersten Bundeskongreß kolossal mitreißend gesprochen. sie korrespondierten. Habe übrigens unter Palmen und zwischen Kakteen gleichfalls gesammelt. der als gelernter Steindrucker natürlich ein Sozi war. Und wenn in Briefen an Friedlaender halbwegs Sympathisierendes über die Sozialdemokratie steht. hat sie sich nach einem Birkenwäldchen wie diesem gesehnt. heißt das noch lange nicht. der »völkerverbindender Humanismus« hieß. da sie nicht reisen durften.

Kant wird sich an Fontys schriftliche Quengeleien. Während Vater Freundlich als Abweichler galt und allenfalls unter dem Schutztitel »verdienter Antifaschist« geduldet wurde. Wir vom Archiv bedauern solche Blindstellen.Fonty hatte nicht nur Freundlich zum Briefpartner. das zunahm. seitdem Freundlichs Karriere durch ein Parteiverfahren . doch auch als Aktenbote.einen Knick bekommen hatte und schließlich mit Parteiausschluß endete. in denen sich alltäglicher Kleinkram mit Sorgen um das kulturelle Erbe mischte. wahrscheinlich sogar mit Johnson vor und nach dessen Weggang korrespondiert hat. hatten sie sich kennengelernt. indem er seinen Briefpartner als kurioses und zudem mobiles Denkmal begriff. Doch dieser und andere Briefwechsel. wie etwa der mit dem »Tallhover«Autor Schädlich. nur die Professur blieb dem Sohn des Antifaschisten. Fonty hingegen schätzte die witzigen Aufschwünge und melancholischen Abschwünge des Professors. der nicht zum Tode verurteilt. Über den Vater. solange der Sängerstreit Folgen hatte. wohin ihm Fonty. Briefe an Hermlin und Strittmatter soll es geben. daß Freundlich. ein Auf und Ab. Sogar der Seghers oder dem Dramatiker Müller soll er sich mehrseitig mitgeteilt haben. weil die pädagogisch wirksame Abstrafung des auf der Flucht ertappten Kronprinzen Friedrich. dem nichts Exzentrisches fremd war. Zuletzt waren sie sich am 4. damit Preußens Tugenden endlich einen fortschrittlichen Widerhall fänden. Brief nach Brief geschrieben hat: von unterwegs.die übliche Anklage: Subjektivismus und Abweichlertum . seinen Freund unterm Richtschwert knien zu sehen. Schon als Student hatte der Professor an dem Kulturbundreisenden Wuttke einen Narren gefressen. diese Belege personifizierter Unsterblichkeit genossen hat. durfte der Sohn sein Studium fortsetzen. dann als Professor in Jena. der einen oder anderen Feder den historischen Fall Katte aufzubereiten. Wir vermuten. auf Vortragsreise. dürfen jedoch als gesichert festhalten: Freundlich und Fonty haben einander Briefe geschrieben. gewiß nicht erinnern wollen. der weder gänzlich in Ungnade fiel noch irgendeine Karriere machte. nach Deutung aus sozialistischer Sicht im Sinn von Brechts »Maßnahme« verlange. zuerst als Dozent. sind nicht belegt und nur zu vermuten. Wie nebenbei machte er Parteikarriere und lehrte bereits ab Mitte der sechziger Jahre Rechtsphilosophie und Staatsrecht. November auf dem Alexanderplatz . sondern verdammt wurde. und zwar mit dem Angebot. Wir wissen. der damals nur noch Ehrenämter bekleidete. daß er bis Mitte der sechziger Jahre mit Bobrowski. eine Zeitlang mit Fühmann und anderen Schriftstellern. sogenannte PaternosterEpisteln.

Davon war auch in Neuendorf die Rede.« Als das Bier auf dem Tisch stand. »Eine sanfte Revolution ist keine!« rief er. Meine Frau Mama. den drei Linden beschatteten.und Bauern-Staat bestimmt hat: Jibt's nich!« Also einigte man sich auf das. denn Freundlich bestellte sogleich Bier frisch vom Faß. nun schon überm Essen: »Alle Berlinerinnen sind. wurde nicht zuletzt durch Neuendorfer Szenen wie diese bekannt. dann eine vom Alter krumme Frau mit Henkelkorb und Kopftuch. >Pollo con Mole<. Nachdem Fonty sich über den »Berliner Sprechanismus« ausgelassen und die hiesige Bedienung als »typische Mischung aus Gräfin.« »Und wo ist die Karte. rückblickend stellen wir fest: weder verschwitzt noch ermüdet. sicher gemäkelt und rumgemault: >Dorsch in Senfsoße wäre mir lieber!<. wie diese Kellnerin. als komme die Alte nicht vom Fleck. etwa der Spezialität aus Puebla. wo man die Wanderer in Franz Freeses »Hotel am Meer« einkehren sah. Aber die vieltausendköpfige Menge klatschte nur Beifall. sagte Freundlich. Sie saßen im Vorgarten. nahezu sprichwörtlich immer dann einfielen. wie diese alten Linden vor unserem freundlichen Gasthof. laut Speisekarte. niemand hörte auf ihn. zum Beispiel.begegnet. Und eine seiner begabtesten Schülerinnen. die Malerin Büchsel. wenn wir unter allerprächtigsten Palmen saßen. von dem Fonty sagte: »Solch ein Motiv kennt man von den Worpsweder Malern. die waschecht vom Wedding stammte. Sehen Sie: Es sieht aus. was uff de Karte steht. das ja für seine gute Küche berühmt ist. fragte Freundlich die Serviererin: »Was hat die Küche denn heute Gutes zu bieten?« »Jibt nur.« Als sie sich. Soubrette und Biermamsell« zitiert hatte. weshalb ihr auch Lindenbäume. denken Sie an die Frau mit Ziege. für Bratheringe zu Petersilienkartoffeln entschieden. wie damals in Guadalajara oder als Gast bei dem . bitte?« »Kommt jleich. Aber auch bei Liebermann kommt dergleichen vor. die mühsam in Richtung der blendend weiß in Reihe stehenden Fischerkaten wie auf einem Bild unterwegs war. der den Arbeiter. die noch immer jenen mürrisch-solidarischen Ton pflegte. doch durstig. sagte die weißgerüschte Person. hätte in Mexiko. als Fonty seine große Rede hielt und mit Hilfe mehrerer Zeitsprünge vor einer Wiederholung der achtundvierziger Revolution und dem nachfolgenden Katzenjammer warnte. angesichts der köstlichsten Gerichte. Nur Radfahrer kamen zu zweit oder in Rudeln vorbei. was es gab: Gekochten Dorsch zu Petersillenkartoffeln. von Natur aus unzufrieden.

Nun. im Grunde neigen wir alle zu Vergleichen. mir über langjährigen Briefwechsel vertraut. ausgenommen Friedlaender.« Damit war das Gesprächsthema weit genug abgesteckt. landeten anfangs in Mexico City.Maler Diego Rivera. Und die arme Effi hätte . die ungern bei einer Sache blieben. bei denen das Fremde.wie gestern . Nahes und Fernes wurde durchgehechelt. dem sie >Am Brunnen vor dem Tore. auf den gleichfalls die Kurzfassung >Man versteht sich< paßt. um Freundlichs Mexiko und Fontys Sehnsucht nach schottischen Hochmooren. die im pommerschen Kessin ständig ihr heimatliches Hohen-Cremmen vor Augen hatte: »Den Park. als dessen bekennender Fan der Professor in Eifer geriet.. der nicht nur so heißt. aber auch einem Prinzipienreiter erster Ordnung . die berüchtigte »Berliner Schnauze« zumindest redensartlich zu stopfen. « Und sogleich war Fonty mit Effi zur Stelle. Dazu kam diese unglückliche Paarung mit Innstetten. gemessen an unseren märkischen.. .vom Munde geht. mal bekam der eine. Und ob unsere Mete in Schwerin zufriedener sein wird als auf dem Prenzlberg. ist noch nicht ausgemacht. Die Heirat allein wird's nicht bringen. schlecht abschneidet.. sondern bewiesenermaßen so ist: Eckhard Freundlich. wo Freundlich mit lebhaften Kindheitserinnerungen zu Hause ist. daß uns das Geistreiche am leichtesten aus der Feder fließt oder . vielmehr bei alles verrührendem und mitunter geistreichem Geplauder. der andere Kanzler als Mogelant sein Fett ab: »Berühmtheit ist ein Zeitungsresultat!« Doch war die Politik bald wieder vom Tisch. Zwischendurch bot die Serviererin wiederholt Anlaß. die beinahe regungslos über dem Teich standen . da steht ein Lindenbaum< vorgesungen hat . Ja. einem Ehrenmann gewiß.. »Der Sandweg nach Neuendorf durch die Heide war der Frieden und die Unschuld selbst.. die Sonnenuhr oder die Libellen. Jedenfalls waren wir bald per Luftlinie von Hiddensee weg. sogar die einsamsten schottischen Seen. Heutzutage spricht man von >einer Wellenlänge<.. steht in einem Brief an Martha Grundmann. ob Mexiko oder Kessin. wie niemand sonst. Zwei Herren im wandernden Halbschatten. denn alles. Effis unglückliche Ehe und Marthas Hochzeit einzubeziehen und so den frühen Nachmittag im Schatten der Linden zu verplaudern. was wir hätten mithören können. wäre nicht der Ehrengötze.. doch habe ich meine gestrige Fußreise nicht solo hinter mich gebracht. Mal ging es um den wackligen Tabellenplatz des Fußballklubs Carl Zeiss Jena. so lebte Crampas noch . geborene Wuttke. denn neben mir war jemand gut zu Fuß. doch im Grunde liegt es wohl daran.. Wir lassen sie dort sitzen...

hin ins vertraute Ländchen Friesack . So hat er sich gestern.gegen Innstettens an sich vernünftige Beschwichtigungen aufzurechnen. zu bewerten. ihr Gerede über Fachkongresse. Freundlich bangt in Jena um seine Professur. was heißen solle. mal in jener. seine Trauer im närrischen Kostüm auf treten zu lassen.zu einer Wertschätzung auf Null führen werde. wie folgt beklagt wird: >Und immer bloß die Dünen und draußen die See. nicht nur jegliches Produkt unserer Machart. Da er .und ich stimme ihm zu -. Mal in dieser. und was . wie Dein Grundmann. und doch hörte ich viel unausgesprochene Bitterkeit mit. Und das rauscht und rauscht. nach den Regeln der bevorstehenden Einheit müsse. Dennoch war Freundlich bei diesen Bekundungen des einseitigen Werteverfalls um keinen Scherz verlegen. die von Roswitha. ihre Ängste im Spukhaus. ohne daß wir uns auf den in Berlin schon immer gängigen Grundstücksschacher einlassen mußten. aber weiter ist es auch nichts<. der katholischsten aller Mägde.sahen uns dann in Kessin unterwegs. Die Häuser in Waren mit Seeblick hat er ja ziemlich günstig ergattern können. mithin in einer Gegend. ihre kolonisierende Fürsorge. übrigens ein knallrotes.< Du weißt ja. mit Mama darüber jedoch nicht zu reden ist. den hinterpommerschen Strand entlang. sein Taschentuch mit vier Knoten zum Schutz seiner immer wie hochpoliert glänzenden Glatze geknüpft. Und in diesem komischen Aufzug rettete er sich (und uns) in haarsträubende Inselgeschichten und immer vergnüglichen Inselklatsch. Ferner sagt er . sagt er. wie er den Tonfall westlicher Professoren parodierte. nicht nur Effi betreffend. sogar in des alten Briest Tonlage: >Es ist so schwer. Man habe vor. ihre aus Langeweile geborene Anfälligkeit und ihr offenes wie verborgenes Sehnen . Das ist auch ein weites Feld. auf dem Rückweg nach Vitte. habe ich mich furchtbar grundsätzlich über die Ehe ausgelassen.weg aus der pommerschen Fremde. um danach Effis schwankende Stimmungen. der Bauwirtschaft verbunden war. mein Stil kommt immer aus der Sache. neigt er dazu. Und da mir nach so viel standesgemäßem Unglück Deine Hochzeit zu denken gegeben hat. ihr herablassendes Wohlwollen. um diese als Sieg des Kapitalismus zu rechtfertigen. Wir konnten uns nicht genug tun.vergleichbar den Folgen der Währungsunion . der. alle Universitäten nach westlichem Maß zu evaluieren. sondern auch alles östliche Wissen als nichtsnutz ausgewiesen werden. Und mit dem Immobilienhandel von dazumal hatte uns sogleich die Gegenwart am Wickel. Hinreißend. Wie Du weißt (und oft mit Kritik bedacht hast). die ich gerade behandle. sondern auch mit Blick auf Metes späte Bindung an den Architekten Fritsch. Zweitwohnungen und Drittehen. was man tun und lassen soll.

Doch dann. konnte er den alten Gau und seinen Nachbarn Puting naturgetreu reden lassen.ob in Mexiko oder an der Spree . Radierkrümel nur noch!< So sehr ich bemüht war. Eigentlich müßten Sie mir zustimmen. Plötzlich stand er wie angerufen. brach es unvermittelt aus ihm heraus: >Wegevaluiert! Jede Spur soll gelöscht. nur noch Schrott sein. Und das ungefähr sagt man mir neuerdings ins Gesicht: Als Jude müßten Sie doch begreifen. darf sich im Osten nicht wiederholen. der inmitten der Predigt rief: >Kinnings.deutsch. worauf die Fischerkirche bald leer und alle Boote auf Fang waren. de Hiering kümmt!<. War aber auch ein Deutscher.hat er mich angeschaut und nun wieder lächelnd .oder soll ich Erguß sagen? .. mein lieber und verehrter Friedlaender! Alles. allerdings mehr Preuße als Deutscher gewesen ist. ihm seine Schwarzseherei aufzuhellen. Er wischte sich mit dem viermal geknoteten Taschentuch den schweißblanken Schädel und sagte mehr an mir vorbei als über mich hinweg einige Sätze. dem obendrein ein kleiner Schönheitsfehler anhängt. wie nie gelehrt und nicht gelebt. Zuallererst und zuallerletzt: Jude! Seitdem man mich evaluieren will und meine Wissenschaft null und nichtig sein soll: ein jüdischer Wissenschaftler. lieber Kollege. alles vergeblich. denn das sind Sie . nicht einfach verdrängen darf. aber auch den alten Inselpastor.. daß man das. wie mein alter Herr. was gewesen ist. blieb er doch recht untypisch in mauer Haltung. ein Jude. Und ich antwortete ihm prompt aus meiner verlängerten Erfahrung: >Alles schon gehabt. Er lebt noch. nannte mich. Was uns im Westen bei der Bewältigung der Nazivergangenheit fehlerhaft unterlaufen ist. Hat mir im Ärger noch Spaß gebracht. dann als überlebender Jude. was ich fast vergessen hatte zu sein.bühnenreif Platt spricht.seinen üblichen Ton gesucht: >Alles furchtbar richtig. wenn nicht als jüdischer Kommunist.. Doch jetzt bin ich. die alle so furchtbar richtig sind. der mich sonst als Wuttke oder mein lieber Wuttke anspricht und seine Briefe sogar mit >Hochverehrter Herr Wuttke< beginnt. Also bin ich ein übriggebliebener Jude. selbstsüchtige. daß sie mir nachhallen: >War immer mehr Marxist als Kommunist. entweder heute schon oder es von morgen an erwartet. etwa Ihre langjährige Parteigenossenschaft und daß Sie sich immer noch als Marxist . . nicht wahr. < Nach diesem Ausbruch . wie alle Welt mich zu Mamas und Deinem Ärger nennt.. Fonty?< Er. der als Kommunist . ist mir grenzenlos zuwider: dieser beschränkte. nachdem wir das Birkenwäldchen durchquert und von Schipperöbing über Solting bis Wichting jeden Ökelnamen durchbuchstabiert hatten und vor uns bis zu den Dünen nur Heide lag. was jetzt bei uns obenauf ist.

Die zog sich tagelang vom Riesengebirge über Berlin und Stralsund bis nach Hiddensee hin. diesem Schrecken aller Kongresse.. daran. und ich lebe damit: schamverborgen. daß Dich Dein Grundmann nicht gleichermaßen nach westlicher Werteskala evaluiert.. Schlafe traumlos. dieser greuliche Byzantinismus . « Wir wollen an die Begebenheiten »vor Sonnenaufgang« erinnern. ein Jahr vor seinem Tod. Aber auch davon.sie hörte dergleichen gern unverzeihlich sind.und zwar auf Vorschlag des Schauspielers Paul Wegener . daß ich bei meiner Generalschelte dazumal Bismarck und die Sozialdemokraten ausgenommen hätte. Becher und vom seligen Bredel war die Rede. Hätte >Mete. zitatsicher. doch die Familie bangt um seine Professur. allerdings mit dem Hinweis.der greise. Du siehst: ein ergiebiger Spaziergang. Sah von der Steilküste aus Mons Kreidefelsen in der Morgensonne und war Dir näher. Bin mit Professor Freundlich gut und reichlich bedient. Beim Kaffee in der Heiderose . der dem Brief an meine Mete eine übergebührliche Länge auferlegt hat. daß gleich bei der Gründungsveranstaltung . schweigt aber dazu. die ich lieber meiden möchte: lauter furchtbar gemütliche Kaffeesachsen. wie er ist.. die in den Briefen an Fräulein von Rohr . besonders jene Stellen. der zwanzigste Todestag des Dichters bot . fern im polnisch besetzten Schlesien auf seine Abschiebung wartende Dramatiker Gerhart Hauptmann als Ehrenpräsident berufen wurde.rappschige Adel.und nur Dir . daß auch die nicht viel taugten. und Hauptmann nahm.muß ich gestehen. den Fonty Mitte der sechziger Jahre halten durfte.. Sie hat alte Bekannte getroffen. Hauptmanns Begräbnis und seine frühen Stücke sind Thema eines Vortrags gewesen. Freundlich weiß das. das jüdische an sich und die allgemeine Verjudung belasten. Mete!< rufen mögen . als es einem Vater während der Flitterwochen seiner Tochter erlaubt sein sollte. Auch Mama geht es gut oder wieder besser. Er gibt sich tapfer. Womit wir gesprächsweise beim Begräbnis. An der Seite seines Vaters ist Freundlich als Knabe >vor Sonnenaufgang< dabeigewesen.wir waren die einzigen Gäste gelang es uns. Bleibt zu hoffen. diese verlogene und bornierte Kirchlichkeit. natürlich vom Genossen Kurella. den Geldjuden. Mir oder speziell meinen Nerven bekommt das insulare Klima. wie nachhaltig mich gewisse Äußerungen über das Judentum. Vom seligen Johannes R. dieser ewige Reserveoffizier. komm! Komm. das heißt bei der tragikomischen Überführung der hochberühmten Leiche waren. < Und schon lachte er wieder und erinnerte mich. diese Berufung an. wieder vergnügt und heillos erinnerungssüchtig die alten Kulturbundzeiten zu beschwören. Doch Dir .

durfte er endlich die Grenzstation Tuplice. die immer wieder von einem Leutnant der Roten Armee. Nach des Unsterblichen Urteil zählten zwar »Die Weber« und »Der Biberpelz« zum allerbesten von Hauptmanns Hand und sonst nur noch wenige Stücke. der leider beim Verladen lange im Regen stehen mußte. abgewendet werden konnten. dank Oberst Sokolow. namens Leo. Nachdem der Sonderzug. ferner das Säckchen schlesische Erde auf der Brust des Toten und der Streit um den Sonderzug. waren ihm die Aufbahrung der dichterfürstlichen Leiche in torfbrauner Franziskanerkutte samt weißem Strick. bestimmt nicht »Hanneles Himmelfahrt«.aufgebahrte Leiche stellte. desgleichen die Gefahren drohender Plünderung der Güter. schließlich in Kloster auf Hiddensee. Schon bei der Ankunft im Grenzstädtchen Forst . zum Schutz vor polnischen Plünderern. am Westufer der Neiße. als der Frieden kaum älter als ein Jahr war. Allerorts hörte man.Hauptmanns schlesischem Domizil . doch weil der Tod des Dreiundachtzigjährigen und die folgende Mühsal bei der Beschaffung des Zinksargs sowie der zwei Pfund Gips für die Totenmaske dem Kulturbundreisenden Theo Wuttke nahegingen. insgesamt zum Sinnbild kriegswüster Zeit tauglich. Der Streit mit den polnischen Behörden um die Zahl der zu den Umzugsgütern gerechneten Nähmaschinen wurde nur kurz erwähnt. der am Ende aus acht Güterwagen und zwei Personenwagen der Reichsbahn bestand. Und überall versammelte sich erstaunlich viel Publikum. versteht sich. dessen Personenabteile übrigens kaum oder nur provisorisch verglast waren.und Personenwagen durch Jugendbanden. und zwar am 28. Und weil er den Rotarmisten zum Helden und obendrein Literaturliebhaber machte. die Verdienste des sowjetischen Oberst Sokolow zu betonen. und sei es mit gezogener Pistole. Auf allen Stationen der letzten Reise des toten Dichters sprach Fonty vor vollem Saal. So vergaß er nicht. wurde seine stets gefährdete Position beim Kulturbund gestärkt. von Agnetendorf durch Niederschlesien mühsam vorangekommen war. passieren und die nach Kriegsende von Ost nach West gerückte Republik Polen verlassen. zum Beispiel der riesige Schreibtisch. welche Möbel. Juli 1966. Nur unser vormaliger Archivleiter Dr. indem er ihn immer wieder vor die im Haus Wiesenstein . darauf in Stralsund. vormals Teuplitz an der Neiße.dazu Gelegenheit. halten. er durfte diesen Vortrag als Gedenkrede zuerst in Forst. Schobeß hat zwischen den Zuhörern gesessen. als Museumsgut deklariert wurden. In seinem Vortrag sparte Fonty an keinem Detail. Hauptmann starb. dann im Foyer der Berliner Volksbühne am Luxemburg-Platz.

solange die Weimarer Republik hielt. Bei der Trauerfeier setzten die Redner jene Tradition der Lobpreisung fort. September 1898 auf dem Friedhof der französisch-reformierten Gemeinde an der Liesenstraße stattfand: »Der Leichenzug ging bei sonnigem Wetter vom Johanniterhaus in der . Der Zinksarg. Trauermusik gehörten zum Programm. nach ausreichenden Hinweisen auf die deutsch-sowjetische Freundschaft und den völkerverbindenden Humanismus. und mit großer Delegation trauerte der Kulturbund um Hauptmann. als es. gefeiert. seinen Ehrenvorsitzenden. mehrere Parteiaktivisten und ein Grüppchen schlesische Neusiedler hielten die Totenwache. hat ihm die seinen Vorträgen übergeordnete Dienststelle das Bild vom immer gleichbleibenden Karren zwar später gestrichen. was Fonty in seinem Vortrag mit der Bemerkung quittierte: »Hier ist der lokale Heilige noch immer ein Eckensteher namens Nante. doch nicht folgenreich verübelt. Einige Universitätsprofessoren. der beim Transport leichten. Becher herausstrich und sich dabei listig auf die kürzlich wirksam gewordenen Beschlüsse des elften Plenums berief. Zum Schluß. den er. unsterblich nannte. Fonty zählte die dort wartenden Parteifunktionäre und Besatzungsoffiziere auf. Regisseure. Professoren und Journalisten aus aller Welt hatten sich versammelt. Eher dürftig war der Empfang des Sonderzugs in Berlin-Schöneweide.begannen die Totenfeiern im verkleinerten Deutschland. Deklamationen. Der vortragende Fonty hat diese ungebrochene Tradition in einem Bild anschaulich gemacht: »Hauptmann zog immer. auf russisch. Reden wurden gehalten: auf deutsch.« Doch weil er im nächsten Satz schon die Totenrede des Kulturbundvorsitzenden und expressionistischen Dichters Johannes R. Die Wochenschau stand mit aufgebockter Kamera bereit. vor welchen Karren er auch gespannt wurde oder sich spannen ließ. Schauspieler. nur noch um das Begräbnis auf Hiddensee ging. die in Berlin am 24. wurde des Toten Ruhm nun unter stalinistischer Herrschaft in Szene gesetzt. wurde im Rathaussaal aufgebahrt. In Stralsund stand man mit Fackeln bereit. die dem lebenden Dichter zu jeder Zeit widerfahren war: im Kaiserreich gepriesen. vom Volk und dessen Führer im Dritten Reich zum Idol erhoben. ganz ohne Einschränkung.« Doch erwählte er die im Krieg zur Ruine ausgebrannte Volksbühne zum ideellen Ort des toten Dramatikers. weil offiziell angefeindet. doch reparablen Schaden genommen hatte. erlaubte sich Fonty einige Bemerkungen über die Leichenbestattung des anderen Unsterblichen.

daß mit einiger Verspätung begraben wurde: »Wir alle warfen schon Schatten. sondern tags drauf ein weiterer Inselgast. so hoch stand der Feuerball überm Horizont der Ostsee. Und da die Gaus und Striesows. Preußens Adel glänzte durch Abwesenheit!« Auch davon war unterwegs und beim Kaffee die Rede. der nicht dabeigewesen ist. die Fischer kamen zu spät. für die nächsten Tage versorgt haben. kaltes Huhn. Freunde. wo Stine und die Witwe Pittelkow gewohnt haben. Kartoffelsalat. als Kind in Mexiko solch Naturtheater gesehen zu haben. trugen sie den Sarg so torkelig. sondern auch ausgehungert waren. daß sie ins Stolpern gerieten. der in gleicher Windrichtung wehte. Schinken. rückten seine Erinnerungen als photographisch genaue Ausschnitte bald in den Vordergrund: das Bild vom Sarg auf dem Vorschiff des Dampfers »Hiddensee«. Und was es alles zum Schnaps zu essen gab: Wurst. doch diese Lokalfarbe trug nicht Professor Freundlich auf. in Begleitung seines Vaters. haben sie zugelangt und sich die Taschen vollgestopft. der zum Bild gewordene Schleier der vereinsamten Witwe Margarete Hauptmann. Immer noch angeduhnt. Freundlich war sicher. doch da Eckhard Freundlich. mein lieber Wuttke! Kein Wunder. »ziemlich polternd« in die Grube geschaufelt habe.« Bei diesem Leichenschmaus soll sich besonders ein Schauspieler aus Sachsen. Pastor Devaranne gab das Geleit. die Schlucks und die Gottschalks allesamt nicht nur durstig. Fonty verweilte noch einige Zeit auf dem Hugenotten-Friedhof und schilderte dessen jetzigen. Der Kritiker Karl Frenzel sprach am Grab. Wie sich die Rauchfahne des Totenschiffes hinzog. wußte Freundlich. Mehr nicht. Sah toll aus!« Sogar den Grund des verpaßten Termins wußte er noch: »Naja. weil man am Vorabend schon den Leichenschmaus vorweggefeiert hatte. Das war ein Fest. Fonty beharrte auf den vom Dichter gewünschten Begräbnistermin »vor Sonnenaufgang«. mein lieber Wuttke. Wenn Fonty. . daß die Sargträger es noch in den Beinen hatten. Erinnere mich. der zum geretteten Flüchtlingsgut gehörte. daß man »nach jeder Schippe Inselsand eine Schippe schweren Boden aus Agnetendorf«. Verwandte. eher trostlosen Zustand.Potsdamer Straße durch die Invalidenstraße. und Bild nach Bild die sechs Hiddenseer Fischer als Sargträger. in denen er täuschend Friedrich den Großen dargestellt hatte. etwas undeutlich von »beigemischter schlesischer Erde« sprach. bei der Beerdigung auf dem Friedhof in Kloster dabeigewesen war. hartgekochte Eier. der durch Filme bekannt geworden war.

Schließlich gehörte der Fall Freundlich. kaum auszuhalten. von fern den Brieffreunden zu folgen. mitteilte. Später kam es zu kurzem Wortwechsel in der zum Haus »Seedorn« gehörenden Bibliothek . Sicher waren wir alle. sobald sie ihre Fußreisen zuwege brachten. Niemand hätte Ersatz bieten können. kaum angekommen. war mit Hoftaller auch Tallhover zur Stelle. denn ohne Fonty fühlte er sich verlassen. zur Leiterin des Hauptmannhauses sagte: »Ein paar ruhige Inseltage habe ich bitter nötig. gewiß nicht die minderen Fälle vom Prenzlauer Berg. Wir begriffen.« Uns mußte. daß er. Sie ahnen nicht. das ihm fehlende Objekt. daß ihn Berlin nicht halten konnte. auf Befragen. daß dem Tagundnachtschatten so etwas wie Sehnsucht nicht fremd war. harmlos und als Tourist? Jemand tippte auf Eifersucht. übersetzt »Schleicher«. Das hielt er nicht aus: drückende Hitze. . wenn nicht verloren. Doch hartnäckig blieb er Fonty auf den Hacken.aus Fontys Sicht . auf dem Weg nach Grieben. Sogar von Angesicht kannte man sich. bis zum Leuchtturm und bis dicht vor die Kante der Steilküste. nach Akteneinsicht. sondern nun auch inselgerechtes Schuhzeug mit Schaumgummisohle. und zwar mit dem Firmenzeichen New Balance. Einsamkeit in der Menge.18 Beim Wassertreten Wir haben uns während seiner beklemmenden Anwesenheit und danach gefragt: Warum reiste er an? Warum so plötzlich und unangemeldet? Glaubte er. weiteren Gesprächen zwischen Fonty und Freundlich nicht fern sein zu dürfen? Waren Wanderungen zu dritt seine Absicht? Oder suchte er nur Erholung. weil in unserem fürsorglich verengten Staatswesen keiner dem anderen ausweichen konnte.»Wie geht's dem Archivwesen?« -. wie anstrengend Berlin geworden ist. Dafür spricht. auch dessen gegenwärtig prekäre Lage war erfaßt. auf Sandwegen keuchend das Hochland hinauf. Wir waren nicht von Interesse und wie außerhalb seiner besonderen Anteilnahme. Sein Äußeres hatte sich merklich amerikanisiert: Zur Baseballkappe und einem T-Shirt trug Hoftaller nicht nur Shorts. ne einzige Strapaze. Die Stadt muß ihm gestunken haben. Ein anderer vermutete Routine als fortwirkenden Antrieb. Überdies mag er ein wenig Entspannung gesucht haben.in Freundlich der Amtsrichter Friedlaender nachlebte. sogenannte Sneakers. Wollte er nur dabeisein? Zumindest wünschte er. mehr nicht. zu seinem Spezialwissen: Nicht nur die zurückliegenden Parteiverfahren des Professors. wie er uns später. ein Kopfnicken als Begrüßung genug sein. Er litt unter Entzug. Und da .

und Bauern-Staat zeigte sich das Postwesen dieser neuen Offenheit nicht gewachsen. wie der Vater rät. daß beide in Leipzig studierenden Töchter auswandern wollen. nicht zu rechnen war. will Dir Dein alter Vater einen Brief stiften. in jenen Tagen standen zwar überall endlich die Grenzen offen. damit ihm der Inselgast Wuttke nicht entging. natürlich den linken. nur die Dämlichen. was. Dabei scheint mir Madame Freundlich unter der Oberfläche stillhaltender Heiterkeit (dann wieder forcierter Sachlichkeit) überaus besorgt zu sein. die sich den Fuß. glaubte Fonty. der schon immer mit der Gewalt einherging: Auf offener . Zur Situation in Jena kommt neuerdings hinzu. Alle drei sind . wie ich weiß.sie mögen noch so wattig verpackt sein . bricht nun gewalttätig auf. verstaucht hat. sind ötepotöte. das sie nun liegend und laut beklagt. Zum Glück sind Frau Freundlich und ihre Töchter ausdauernd um die zwar stöhnende. weder Deine noch meine Sache ist. Sie legen kühlende Wickel auf und üben sich dabei als geduldige Zuhörerinnen. Stoff genug für einen dritten Brief an seine Tochter zu haben. wie immer weit übers Ziel hinausschießend.nicht getan ist. nicht nur ihren Mann betreffend. doch nicht nach Kanada. woran man immer einen Toleranzmesser hat. trotz der Luftliniennähe von Insel zu Insel. nach so ausgedehntem Krankenlager eine gewisse Hospitalstimmung von uns fernzuhalten und nicht in Heulhuberei zu verfallen. Dabei wäre es unsere Pflicht.Emmi verstauchte sich bei einem Spaziergang zur Lietzenburg den linken Fuß -. Weil es aber mit wolkigen Grüßen . doch im hinfälligen Arbeiter. Häßliche Vorkommnisse sollen diesen plötzlichen Entschluß angestoßen haben.Und weil er mit solchen Sneakers so unablässig seinem Objekt hinterdrein blieb. Er füllte Blatt nach Blatt. Er schrieb aus bloßer Neigung und weil es ihn drängte: »Das Wetter bleibt prächtig! Sommerwolken von Küste zu Küste. selbst heikle Themen wie die prekäre Lage in Nahost eingeschlossen. sondern nach Israel. Mal soll ein heimtückischer Wurzelstrunk im Hügelland. selbst wenn mit Antwort. dabei frech auf die Freiheit des Wortes und jenen dummdreisten Stolz auf Deutschland pochend. mal ein böser Uferstein ihr Malheur verschuldet haben. wenn ihre sogenannte >Sturmkrankheit< nach stummem Jammer jeweils ins Lamento umschlug.klug genug für jedes Gespräch. der diesmal nicht sogleich die Insel in Breite und Länge ausmißt. aber auch mitteilsame Kranke besorgt. Was lange verdeckt bleiben mußte oder allenfalls parteilich als antizionistische Parole zugelassen war.die Mutter mehr als die Töchter . Erinnert mich fatal an früher. an denen sogar diese paradiesischste aller Inseln keinen Mangel leidet. zudem ein Mißgeschick Folgen hatte . sondern zuerst von Mama berichtet.

was ihm zur Zeit an der Universität angetan wird . Obendrein kommt immer wieder das leidige Parteiverfahren von dazumal auf. So kam er mir mit mexikanischen Kindheitserinnerungen und brachte Trotzkis vergeblich zur Festung gerüstetes Haus als Geisterschloß ins Spiel. sobald wir im Verlauf unserer ausgedehnten Fußreisen -gestern über Neuendorf hinaus zum kleinen Leuchtturm. wie Du Dich sicher erinnerst. (Auch Dir würde . es ging ja.) Mich jedenfalls hat diese Geschichte entsetzt.ganz in den Banden seiner Persönlichkeit.bei aller Voreingenommenheit den Freundlichs gegenüber . nicht die Bohne gekümmert hat. das spukende Haus im pommerschen Kessin vom Spukwesen der Swinemünder Kinderjahre ableite. der Professor jedoch ist bester Laune und bleibt dabei . um die gekränkte Ehre eines jüdischen Reserveleutnants. wenn auch nicht bis zur Spitze des Gellen . Er hört gut zu. aber nein. wie auch den dünkelhaften und in ihrer Karriere steckengebliebenen Offizieren aus Friedlaenders Regiment. wie einst die Akademie. allen Parteifunktionären von provinziellem Zuschnitt. wie ich es getan habe. auch wenn ich einschränkend sagen muß. um dann ausgiebig über die nur notdürftig versiegelten Innereien der Stasi-Zentrale in der Normannenstraße zu spekulieren: >Eine . was den Amtsrichter betraf. Noch kürzlich schrieb er mir: >Marx' Fehler war es. wenn ich. und selbstredend ging es um den Klassenstandpunkt.und das ist bösartig genug trifft und interessiert ihn. soll heißen. so witzig bleibt er dabei und in Maßen sogar aufgeschlossen.auf Vater und Mutter Briest oder den so korrekten wie lieblosen Innstetten kommen. versteht es. nutzt aber. den Krempel vor die Füße zu werfen. die Gelegenheit zum weithergeholten Vergleich. aufs Nordischste blondgelockt.solch nackt zutage tretende Feindschaft zuwider sein. die Perlen seiner Erkenntnisse vor die Säue einer Partei zu werfen. den schwadronierenden Major Crampas köstlich zu imitieren. dabei sind Rosa und Clara. selbst zur gemeinsamen Londoner Zeit. wie vormals dem Siebzig-einundsiebziger-Veteranen Friedlaender bei dessen Ehrengerichtsverfahren. den ein jüdischer Rechtsprofessor unbedingt wissenschaftlich und nicht nur ideologisch begründen wollte. wenn auch zu sehr aufs Ego bedachten Kriegserinnerungen hartnäckiger verteidigte als die Franzosen seinerzeit die Festung Metz. um nur ein Beispiel zu geben. weiß in der Sache Bescheid. der seine recht manierlichen.Straße hat eine brüllende Rotte die Mädchen angepöbelt.was ich nicht unkritisch sehe . zuwider war. geraten habe. als mir der Kulturbund. daß mich Marx. Nur was er erlebt hat. in dessen Verlauf ich ihm. Aber so streitbar Freundlich manchmal daherredet. Dickens sagte mehr.< Er mag recht haben.

müsse aber daran erinnern. Nun kenne ich aber diese sich historisch gebenden Momente zu gut und weiß. ich bin sicher.und weißgestreifter Kattun. als ich vom Balkon aus eigentlich nur die Roßtrappe hinaufsehen wollte.in diesem Fall nicht. in dem ich meinen altvertrauten Kumpan erkenne. wie kolossal anhänglich diese Tallhover und Hoftaller sind. versteht sich: Auch Tagundnachtschatten müssen mal ausspannen. Der Termin steht. Es ist wie von selbst gekommen. Und so später nie wieder. daß demnächst Großes bevorstehe. Ledergürtel und Matrosenkragen . daß einem nur Geschubst. dem dritten ist ein Sandkörnchen ins Auge gekommen. doch zwei. Oktober kriegt ein rotbeziffertes Kalenderblatt. Selbst beste Insellage schütze nicht vor solch einem epochalen Ereignis. daß. Hier jedenfalls findet sich weit und breit keine >Tochter der Lüfte<.< Schließlich hat er sogar unser an sich harmloses Haus der Ministerien zum rumorenden Spukhaus erklärt. während das Volk gafft ... weil das Ganze träumerisch und fast wie mit einem Psychographen geschrieben wurde. Daß ich nicht lache. Ja.gafft und nichts sieht -. Oder wie damals im Zehnpfund-Hotel in Thale am Harz. Unter den Buchen. Irgendeine Angst steckt in ihm. Wird mehr was fürs Fernsehen sein. Habe aber versprochen. Er sprach von der deutschen Einheit.und Gedrücktwerden bevorsteht. Denn zweifelsohne ist es so. vermute ich. die arme Effi! Vielleicht ist sie so gelungen. Sonst bleibt ja immer die Mühe. beim Glockenläuten ein Auge drauf zu werfen. In zwei Wochen soll es soweit sein. nun reibt er und reibt . drei Schritt vor mir ein englisches Geschwisterpaar auf den Balkon hinaustrat und das jüngere Mädchen gekleidet wie später Effi: Hänger. seitdem hier jemand angelandet ist. In der Regel läuft es darauf hinaus: Der Bericht ist besser als die Sache selbst.. ein anderer sucht den im Gedränge abgesprungenen Jackenknopf..Giftküche! Mit dem dort lagernden Sud läßt sich ein Jahrzehnt lang und länger die deutsche Suppe würzen. die in glatthäutiger Unschuld als Gruppe vor der Gästewohnung stehen. bei der sich. denn mit besonders schweißtreibender Intensität ist mein sonst auf Ironie abonnierter Professor auf Gefahrensuche. Er ist ferienhalber hier. Nun muß ich meiner Mete nicht erklären. bekam ich zu hören: Er wolle nur kurz mal vorbeischauen und nicht stören. so viele Leute einem sehenden Wanderer wie mir entgegenkommen oder wie von Hunden gehetzt über den Weg laufen. durchaus sehenswerte und manchmal aparte Kleinigkeiten abfallen: jemand kaut seine mitgebrachte Buttersemmel. Der 3. die bisher begrenzten Schofelinskischaften in nunmehr erweiterten Jagdgründen abspielen werden. Allenfalls . blau. bleiben die Sorgen jeder Etappe in Erinnerung .

und natürlich mein altvertrauter Kumpan. welche Altbesitzer in Bergen auf Rügen im Grundbuch eingetragen sind. mit dem Genossen Leo. die Mitte der achtziger Jahre gegen jedes Verbot ins beginnende Hügelland gesetzt wurden. wer in bester Insellage ohne Genehmigung gebaut hat. bedeckt mit amerikanischer Baseballmütze und fix zuwege in kunterbunten Turnschuhen. Dazu die kniefreien Hosen und das überall spannende Hemdchen. weshalb er keine Meldung erstattet habe. Heute bestand er darauf. an meiner Seite . vom schlesischen Agnetendorf an. mithin seiner eigenen Firma. wurde in ihm der alte Tallhover redselig: Er sei beim Begräbnis dabeigewesen. Ihm falle Verdienst zu. dem das Neue noch nie geheuer gewesen ist . so penetrant er anhänglich ist. außer der Kunstfertigkeit. sonst nur verstörtes Inselvolk. Doch die subversive Kraft des jungen Dramatikers habe nur und sogleich der Unsterbliche erkannt. auf dem mit sattem Aufdruck für ein ohnehin bekanntes Getränk geworben wird. Ihm sei beim Leichenschmaus jener Schauspieler mit (nach Menzel) historischem Profil. Und gleichfalls hätte der Unsterbliche gewiß . sonst nichts!) Aber rundum informiert ist er schon: weiß. Du solltest ihn sehen in seinem Freizeitlook: eine Figur aus dem Panoptikum berlinischer Originale.und ohne den von mir erwünschten Beistand Freundlichs . Die schauspielerische Leistung. weil er. umstürzlerisch aufreizenden Ton gehört habe.vorm Hauptmanngrab standen. den man sich nicht als simplen Leutnant der Roten Armee vorstellen dürfe. (Deshalb rate ich Dir. Sogar die Ferienhäuser der Staatssicherheit. sein gewiß unpassendes Hochzeitsgeschenk als Lappalie zu bewerten. Schließlich hat er mir zugezwinkert und mit dickem Finger auf den kolossalen Findling gedeutet: Vieles von Hauptmann sei immer noch spielbar.einige Wanderwege abzulaufen.notabene . Und als wir . dem nur schwerlich auszuweichen sein wird. der verkörperte Durchhaltewille und so weiter.wie es mir meinerzeit möglich gewesen sei -das gefährlich Neue aus den rabiaten ersten Versuchen des . die grapschig und wendeselig auf Grundstückssuche sind.einen Blick wert sind flotte Westler. Kontakt gehalten. beim Diebstahl von Lebensmitteln aufgefallen: Wurst und hartgekochte Eier. gab er mir preis. samt interner Baugeschichte. Nur seine allzeit gewichtige Aktentasche hat er diesmal zu Haus gelassen. Man kann ihn eigentlich nicht ernst nehmen. welche nicht und warum nicht. den neuen. Ein schlechter Scherz. Er erinnere sich an diese Filme lebhaft. der sich in diversen Filmen als >Alter Fritz< einen Namen gemacht habe. ein Kapitel für sich. Seine Dienststelle habe.

der blaue Königsblick. Wäre ein Stoff für Müller gewesen. an Hauptmanns offener Grube stehen durfte. haben an Hauptmann nur ihren Witz und Ulk abgelassen. nicht zustimmen. kann er. Das stimmt beinahe. oberflächlich und böswillig. diesen jungen Kerl mit der landläufigen Phrase >Er hat ein bißchen Talent< abzuspeisen. Gleich dumm wollte man den jungen Müller runterstufen. schrieb ich an Stephany und später an die Genossin Seghers. daß sich weder der Inselpastor Gustavs noch der Inseldoktor Ehrhardt an der beim Leichenschmaus um sich greifenden Mundräuberei beteiligt hätten.damals jungen Dramatikers Müller herausgehört und mit Probenbeginn der >Umsiedlerin< an interessierter Stelle bekanntgemacht. weil Kind eines führenden Genossen. Lächerlich. diese ins Wurst. Doch Talent ist gar nichts. Geschichtsklitterungen. < Übrigens hat mir mein altvertrauter Kumpan. Außer mir haben nur die Kollegen Hacks und Bunge ein Wort für das noch unfertige. kenne und als junger Kintoppgänger mit sträflicher Begeisterung gesehen habe. Komischerweise bestätigte mir Professor Freundlich. der schon den Amtsrichter Friedlaender durch die (neuerdings wieder modische) Stöckersche Brille des Antisemitismus sah. aber doch gekonnt dem Leben abgezapfte Stück eingelegt. >Nur die Fischer und späteren Sargträger und dieser Schauspieler mit Profil haben zugelangt!< rief er und hat mir dann lang und breit -nun schon in der Kirche den schlachtenreichen Ablauf etlicher Ufa-Filme wie >Der Choral von Leuthen< und Tridericus Rex< erzählt. denn dieser Mime namens Otto Gebühr brachte die üblichen Stereotypen: der gichtkrumme König. Half nichts! >Talent ohne Perspektive< und >fehlende Parteilichkeit< lautete das Gefasel beim Verband wie in der Akademie. weiß Gott. Sämtliche Skribifaxe. nach der die Juden sich immer als die besseren Preußen bewiesen haben. der ja als Zwölfjähriger. auf dem kurzen Weg zur Kirche versichert. >Glauben Sie einem alten Knopp<. steckt mehr . im einen wie im anderen Fall.. der unterm Richtschwert kniet. und sei es als Antwort auf die Brechtsche >Maßnahme<.und Kartoffelsalatdetail gehenden Schilderungen meines altvertrauten Kumpans. Doch sonst sind die beiden sich nicht grün.der Theaterkritiker Frenzel ausgenommen -. >Der ist mir zu ironisch!< heißt das bei ihr. Doch da sie meinen Tagundnachtschatten gleich kurzgebunden ablehnt - . Ein bißchen Talent hat jeder. >hinter einem Mann.. die den Professor nur ungern an ihrem Krankenlager sieht. all die Landau und Lindau . wollt ihr ewig leben!< Doch nichts von Katte. die ich. das furchtbar königliche Zitat: >Hunde. der sowas schreiben kann. Meiner These. Desgleichen Mama. während der Kronprinz zusehen muß. nachdem er vorm Hauptmanngrab in Kniehosen und auf Turnschuhen seine Kappe gezogen hatte.

sahen andere Besucher beide vor dem Findling. Deshalb sage Deinem Grundmann lieber. daß der Alte wenig >Gescheites< bei diesem Anlaß ausgeplaudert habe. die Dich grüßt. doch ließ er sich von Fonty in allen Einzelheiten ein Bild erläutern. wenn sie in Abhängigkeit umschlägt. daß ich für die hochzeitliche Tischrede insgeheim eine Suada über den Ehebruch auf der Pfanne hatte. das unter der Orgelempore hängt und ein bei Sturm in Seenot geratenes Schiff zum Motiv hat. ein Bootstyp. daß die Technik des Aussparens nun mal zum Schreiben wie das Verschweigen zur Ehe gehöre.>Der war mir schon immer zu zweideutig!< -. Danach galt seine Neugierde einem links vom Altar hängenden Zeesboot mit rotbraunem Segel. Nur eines alten Mannes restliche Sehnsucht. der in früherer Zeit von den Hiddenseer Fischern zur Boddenfischerei bemannt wurde. Hoftaller ein wenig verlegen und fast kindlich staunend angesichts des himmelblauen Tonnengewölbes. Aber da war nichts. Während er noch seinem Banknachbarn die gemalte Seenot bis ins strandräuberische Detail interpretierte. suchte Fonty die Orgelbank nach der ältesten Tochter des einstigen Inselarztes ab. Mama. wie gemacht für Auftritte vor gewichtigem Hintergrund. Nur ein Nachtfalter macht Geräusch. nur Frau von Briest gibt zu erkennen.. Sie . Später saßen sie Seite an Seite in der Fischerkirche: Fonty satt an Kenntnissen. Das rechts hängende Wikingerschiff interessierte ihn weniger. Nur dürftig ausgestattete Erinnerung. Sag Deinem Grundmann. das in geschicktem Wurf die selbst Engeln eigene Blöße bedeckt.. werte ich ihr Urteil als zwar nicht gerecht. dessen Firmament rosenbekränzt ist. Dabei mußten sich beide in der weißblauen Kirchenbank verdrehen. Mit kurzem Finger wies er auf den fleischig rosa schwebenden Engel vorm Altarraum und ein blaues Faltentuch. aber Mamas Einspruch fürchten mußte: wie denn aus Furcht vor obligaten Zweideutigkeiten Briests Hochzeitsrede im Roman wohlweislich ausgespart wird. Oder sag besser nichts. Dieses Paar. daß ich eine gewisse Anhänglichkeit selbst dann nicht leugnen mag. Mir wiederum sind beide so nachhaltig vertraut. schläft schon. Weder das hölzerne Taufbecken noch die wie eine gute Stube in den rechten Altarraum gerückte Sakristei lenkten ab. Dann gab es nichts mehr zu gucken. Sonst ist es kolossal still hier. « Als sie den Friedhof besuchten. sich sozusagen über die Schulter gucken. aber ausgewogen. Nun ist aus dem kleinen Brief doch wieder ein länglicher geworden.

bloße Vermutungen zum Dialog zu festigen. die als neuer Bessin und bevorzugter Nacktbadestrand gilt.« Als Fonty nach einigem Abwarten. stehe ich hier dennoch unter besonderem Schutz. Dann wies er auf ein barockes Schnörkelwerk. An sich ein harmloses Bild: beide im erträglich kühlen Flachwasser. heilig ist der Gott Zebaoth!« Mehrmals rief er die alttestamentliche Instanz an und sagte dann mit weniger Stimme: »Zumindest soviel sollten Sie respektieren. Das hier ist keine Zweigstelle des Prinz-Albrecht-Palais. Wir waren sicher. Und etwa so wird Hoftaller sein zögerndes Objekt überredet haben: »Sie . was uns erlaubt. erlebten aber noch mit. Zu klein war die Insel. heilig. Wir sahen sie aus Distanz. Entfernt gewannen weitere Inselgäste dem Altweibersommer ein Fußbad ab. Kapiert. das die Sakristei krönt. Zwar sträflich ungläubig. Doch so weit entrückt wir sie sahen. eher betont verzögert. irgendein Wind trug uns Wortfetzen.mit Steinen beschwerten Inselstrand leckt. Hier singt man nicht nach ledernen Protokollen. wie sich Fonty aus der Kirchenbank zwängte und unter den fleischig rosa schwebenden Engel und dessen güldene Flügel stellte. gleichwohl die Fischerkirche verließ. zu reich mit Zetteln gespickt ihr Gedächtnis. zum Zuhören verurteilt. Er saß in sich zusammengesackt. Bald flüsterte nur noch Hoftaller in Fontys Ohr. kein Gegengeflüster. Ausrufe. folgte ihm Hoftaller nicht sofort. Fonty unterm Strohhut und mit hochgekrempelten Hosenbeinen. als suche er Schutz. Man hat sie wiederholt nah beieinander gesehen: hinter Ginstersträuchern im Hochland und auf der dem alten Bessin vorgelagerten Landzunge.flüsterten miteinander. wir sahen sie nur reden: leere Sprechblasen. das nichts brachte. all das zu. die uns offenstanden. dem Herrn von Puttkamer. Satzanfänge. Hoftaller hatte die Baseballkappe auf und stand kniefrei in Shorts. der lange stillhielt. und zitierte laut hallend den von geschnitzten Engeln gehaltenen Spruch: »Heilig. Sagen Sie das Ihrem Polizeipräsidenten. freilich setzte der Wind manchmal aus. Wir verließen die Fischerkirche zu früh. die zwischen Kloster und Vitte den sandigen und zur Düne hin . zu verknotet ihr Knäuel. daß sie einander nicht verlorengehen konnten. Wir befinden uns hier auf kirchlichem Grund und Boden und nicht in der Normannenstraße. Sogar Schwimmer sah man jenseits der letzten Sandbank. Tallhover? Hier haben Sie nichts zu suchen. Zuletzt standen sie in der Ostsee.

So waren Buhnen entstanden. War als Berliner Delegierter dabei.. Ein halbes Stündchen Wassertreten nur. damit sie dicht bei dicht den Sandstrand festigten.. Hölzerne Poller waren alle hundert Meter in die See hineingetrieben worden. ihre Socken. Die Neigung der versammelten Delegierten ging dahin. die im Prinzip nur auf Ferienplätze im Erholungsheim des Kulturbundes in Bad Saarow erpicht war. « »Sag ich ja. Sie übrigens auch. daß er es besonders gerne hervorzog und deshalb wiederholt in Anschlag gebracht hat: »Erinnern Sie sich. Habe mich in Dresden furchtbar ins Zeug gelegt und vor der Gefahr landesweit einreißender Vereinsmeierei gewarnt . konnte Hoftaller nicht ausweichen: »Wen wunderte das. einen Plastikbeutel. « Wir sind sicher. In Leipzig gibt es sogar nen Club. mein Lieber. die Jacke. der wenig später in der Dresdner Salomonis-Apotheke . Doch wenn ich >damals in Dresden< sage. Das belebt den Kreislauf. übrigens dem vierten. daß sich Fonty beim Wassertreten weiterhin an den Kulturbund geklammert hat. Fonty. meine ich nicht die endlosen Anträge der Philateliekundigen und Aquarienfreunde und bestimmt nicht die Wünsche der Sektion >Literatur und kulturelles Erbe<. Sollten Sie eigentlich wissen. von dem wir wissen. damals in Dresden?« Fonty. denn seinem Insistieren: »Und diesem Dresdner Kongreß. die Schnürschuhe und Sneakers mit Schaumgummisohle hatten sie abgelegt. Und zum Club gehört dieser Jungapotheker. jeden sein Steckenpferd reiten zu lassen. und eine der Buhnen gehörte den beiden. hilfreich wie immer. Fonty. Ganz Sachsen ist Beute der Demagogen. wird versucht haben. befinden wir uns im Vormärz.sind doch für Kneippkuren. Steht mir vor Augen. Lauter kleinbürgerliche Wünsche bei vorgeblich revolutionärer Zielsetzung. der diese Falle seit letztem Sofagespräch kannte und fürchtete.. nicht ohne Erfolg. kam ziemliche Bedeutung zu«. Anfangs schwiegen sie beim Wassertreten. « »Wenn ich Dresden sage. Steht alles im Protokoll. bis Hoftaller.« Den Wanderstock. Nach der gescheiterten Konterrevolution vom Vorjahr versprach man sich ne gewisse Stabilisierung durch Neufassung der Grundaufgaben.. Habe dagegen polemisiert. ein Stichwort lieferte. Aber . wenn auch nach streng parteilicher Dressur. Ein gewisser Jungapotheker eifert einem gewissen Dichter namens Herwegh nach... Wir wurden zum ersten Mal auf Kreiskonferenzen gewählt. sich so naheliegend wie möglich zu erinnern: »Sie meinen den Kulturbundkongreß im Februar vierundfünfzig. mit denen ein gewisser Jungapotheker. was mich sofort zu den demagogischen Umtrieben verbummelter Studenten in Leipzig zurückführt. in dem fleißig gegen die Obrigkeit konspiriert wird. Dabei läßt sich gut plaudern.

unterbrach sich der Beschuldigte beim Wassertreten: »Halte nichts von platten Geständnissen. unsere Spottverse auf liberale Stammtischhelden. hatte Hoftaller versprochen. unsere Reime auf Spitzel und Polizei. Ne relativ kurze Aktenlage.. Schrieb ihm von der Brühlschen Terrasse aus . unsere unterm Strich lächerliche Verschwörung gegen die staatliche Obrigkeit. geborene Rouanet-Kummer. daß dieses leidige Thema in Romanen und Erzählungen erschöpft worden ist: in >Ellernklipp< und >Grete Minde< wie im >Stechlin< . Ist alles abgearbeitet und Literatur geworden. weil ich schon damals bei einem Gespräch am Rande. obzwar unehelich. ich und Wolfsohn. Fonty wird von Beginn der Kneippkur an geahnt haben. die alle ohne väterliches Geschenk begangen wurden.. den Fonty nicht löffeln wollte: nein. daß sein Tagundnachtschatten über ein Bündel Liebesbriefe verfügte.« Er konzentrierte sich auf die Gesundheitsübung. und zwar mit einem wirklichen Kenner der Materie. als mit zu süßem Rotwein die Neuaufpolsterung des Sitzmöbels gefeiert werden sollte. der ominöse Brief an Lepel. spürte von den Sohlen her belebende Wirkung und ließ dabei eine Suada über sich ergehen.. verbissen trat er die See. die. in der Geburtsdaten. die These vertreten habe. gerichtet an eine Gärtnerstochter namens Magdalena Strehlenow. Lassen wir das. Na. fällt der Groschen?« Beim Wassertreten ist gut plaudern.rieche schon. trat weiches Ostseewasser. Hilflos wirkte deshalb sein abwehrender Satz: »Wieder einmal soll unser unfreiwilliger Kindsvater gepeinigt werden.. aufzutischen begann. ferner geht es in >L'Adultera< um das aus . Und wenn nicht ne andere. Jahre später wiederholte Kinderei einen wahren Kindersegen zur Folge gehabt hätte. mit weiteren Peinlichkeiten zu einem Brei verkocht waren. Wolfsohn und ich. wußte er doch seit jenem Sofagespräch. dem vorzüglichen Biographen Reuter. dem alten Dubslav das Sterben erleichtert -. Wen kümmert das noch!« »Um Ihnen zuzustimmen: Auch für uns waren das Kindereien nur. schließlich die Geburtstage der überlebenden Tochter Mathilde. pünktliche Alimentezahlungen und zitierte Herzensergüsse. Schmerzliche Gefühle . wonach dem Tallhover in Ihnen der Sinn steht: unsere metaphernreichen Freiheitsträume. sowie Ruderpartien auf der Elbe und der Tod des zweitgeborenen Kindes.denken Sie an die kleine Agnes. müßte ich nicht so beharrlich an Dresden erinnern. was mit der geforderten Rückbesinnung auf Dresden gemeint war. hingerafft von der Diphterie. Komme nur deshalb noch einmal auf den vierten Kulturbundkongreß zurück. die wir gerne im Archiv gesichert hätten. längst abgeschlossen. die lebenslange Unwissenheit der damaligen Verlobten Emilie. Als Hoftaller jedoch zusätzliche Kost.

ehelicher Untreue geborene Kind und ... die schon auf Seite eins als Pflegetochter einer alten Frau vorgestellt wird. aber dennoch zitierbar.. die ich während meiner kurzen Sekretärszeit beim Nähen beobachten konnte . weil seine Emilie ihren richtigen Vater. Leise. wie beide nur noch auf ihre Gesundheit bedacht zu sein schienen.. Eine Pause. daß diese Lücke nicht offenbleiben würde. Wir sahen. ohne daß wir im Fortgang der Geschichte . Wer will hier richten? Wer maßt sich letztes Urteil an? Nur Philister.wenn Sie sich der armen Effi erbarmen wollen . und Ihre Emmi leidet ja auch unter solch ner Blindstelle. Vielleicht hoffte er. wie sich ja auch diese Ruderpartien prompt wiederholen. sagte Hoftaller: »Bin ja Ihrer Meinung. und sogleich waren wir sicher.von wem wohl? . während uns ne aschblonde Gärtnerstochter und ne aschblonde Weißnäherin eine weitere aschblonde Person in Erinnerung rufen. Hoftaller! Gerudert wird überall.. so pedantisch regelmäßig traten sie das Flachwasser. und Modell für Lene ist einzig die Tochter des Kastellans der Akademie der Künste gewesen.gerudert wurde . als wollten Sie Lene Nimptsch verleugnen. der Mutter entrissene Kind. verschwiegen hat und sich lieber nach ihrem Adoptivvater . fehlte ein literarischer Titel. davon ein wenig Wind bekamen... daß Sie in Ihrer Bilanz diesen damals als Hurengeschichte beschimpften Roman ausgelassen haben.schlimm genug .. Doch als wir uns die Vielzahl möglicher Rückbezüge vor Augen hielten. solch ne Menge Interesse aufgebracht. auch Bankett genannt. mal so heißen . Nur der Unsterbliche hat für das uneheliche Kind. Dennoch ich weiß! -bleibt die Frage nach der Schuld allemal offen. für uns in den Dünen zu leise.. « Hoftaller schwieg eine Weile. Tallhover? Ich bitte Sie . « »Irrtum. Klar doch. und die ne dunkelhaarige Schönheit war. wie ja die Position der Moral eine schwankende ist.abgesehen von ein paar Andeutungen der schwatzhaften Frau Dörr irgend nen Tip kriegen über Vater und Mutter jener klaglosen Schönheit. die aber auf anderem Wasser . « »Muß das sein.. « . nicht die Elbe . nur ist es diesmal die Spree. deren liebenswerte Eigenschaften ner gewissen Magdalena Strehlenow abgekupfert worden sind. weil wir. entstand. daß sich Fontys Erregung mittels Kneippkur abkühlen werde. lang genug für Spekulationen.Kummer nannte. einen Militärarzt namens Bosse. wegen erwiesener Untreue.. die von Berufs wegen hellhörig sind. die mal so.. « » . Aber erstaunt bin ich schon.um das.

Beinahe hätten die Wuttkes das Schiff verpaßt..und zwar allein . die auf den Namen Madeleine hörte. weil . « » .. Mit der Kneippkur wurde die peinliche Befragung abgebrochen. gab ziemlich bald ne traurige Figur ab. Theo Wuttke sah sich von Frauen gerettet. Schweigend gingen beide . geradezu schicksalhaft dem Obergefreiten Wuttke anhing. gestützt auf die Damen Freundlich. « »Aber sehen Sie doch... « »Könnt ihr denn absolut nichts vergessen . abreisen wollen . seien wir gnädig..»Ne Person. die sogleich das Gespräch bestimmte. Sind beunruhigt. trotz ihrer Beschwerden. « »Außerdem seh ich Emilie kommen. Mit letztem Satz .. Aber es bleibt dabei: Dresden und die Folgen.»Wir kommen darauf zurück« . Im Weggehen sahen wir. reisten auch wir ab und wurden so zu beteiligten Zeugen. weil von der Tochter keine Nachricht kommt.. um dort eine einzelne Rose vor den Findling zu legen. na. ausgelaugten Füße... die.. wie ich hörte.. sagte zu uns und an Hoftaller vorbei: . wie ich. vorzeitig. sagen wir mal. weil ihr ein gewisser Obergefreiter. Aber diesmal hatten wir ne Gastwirtstochter im Kahn . « »Na schön. « »Jetzt wird mir aber das Wasser zu kalt!« » ... und übrigens reisen auch wir morgen schon ab.... Frühjahr vierundvierzig. Sogleich scherzte er mit den Töchtern übrigens Zwillinge und deshalb von wiederholtem Reiz... noch einmal das Hauptmanngrab besuchen wollen .. « So endete das Fußbad in der Ostsee.... und zwar während Kriegszeiten in Frankreich. der mit den Freundlichs zwischen Gepäckstücken am Bollwerk wartete. Sicher hat Mete nach Berlin geschrieben. denn ihr verstauchter Fuß bot Stoff genug. Weil uns die Arbeit zurück ins Archiv rief... Meine Frau ist. wie sich meine Emilie nähert. Seine blauen.. die morgen schon. Und diese nicht mal besonders hübsche Französin .folgte ihm Hoftaller.Fonty noch immer mit hochgekrempelten Hosen . « » .... Lyon. Fonty. denn Emmi hatte. Zum Aufbruch der Inselgäste am nächsten Morgen läßt sich nur sagen. wie Fonty sich als erster auf den Strand rettete. Lyon und die Folgen .den Damen Freundlich und Emmi Wuttke entgegen. « » . daß er sich heiter anbahnte. dort über die Düne . voller Sorge . dessen Füße bis zu den Waden hoch krebsrot glühten.

begleiten müssen.< So war das. >ist nur Journalist. Schon die Rouanet-Kummer hat dem Unsterblichen an ihrer Seite einen jungen Dachs vorgezogen. denn eigentlich hätten alle Inselgäste das Motorschiff vorbei an Vitte. als Emmi Wuttke leicht humpelnd die Schiffsanlegestelle erreichte. Jetzt haben wir Freiheit!« . wie wir und die Freundlichs es taten. eine halbe Stunde später ablegende Schiff nach Schaprode auf Rügen bestimmt waren: »Muß unserem Freund unbedingt ne kleine Überraschung bereiten. Beide lachten noch immer. und keinesfalls wolle sie auf die Eisenbahnreise mit der Familie Freundlich verzichten: »Überhaupt lasse ich mir von niemand das Schiff vorschreiben. da steckt ein wahrer Dichter drin. für Rumlauferei auf Rügen sei sie zu schlecht auf den Beinen. als wir sahen. nur einen einzigen Nachsatz übrig.« Bedrohlicher mußte er diesmal nicht werden. wenn das Ihre Pläne stören sollte.»So ist das mit den Emilien. Wir werden vom Ufer aus winken. Zwar klagte Erwin. doch als die »Insel Hiddensee« anlegte und mit Signalton alle an Bord rief.« Einer von vielen beschließenden Hoftaller-Sätzen. daß nun auch Hoftaller lachte. Mit ihr lachten die Frau des Professors und deren gleichermaßen sonnengebräunte Töchter. dem er jedoch sein Lächeln entzog: »Glaube nicht. indem er für die Wuttkes und sich Tickets vorwies. >Mein Mann<. als ihr Eckhard Freundlich vom Anlaß der heftigen Belustigung berichtete. Jedenfalls gute Reise. Jetzt lachte auch Emmi. Professor Freundlich lachte.« Wir vom Archiv bestätigten diese Anekdote. Sie las ja auch lieber Raabes >Hungerpastor< oder die Stormschen Husumereien. Wäre schade. Fonty lachte. Doch in dem WeberHauptmann. daß man mir diesen Wunsch abschlagen darf. hat sie gesagt. Er hätte auch »Das würde mich traurig machen« sagen können oder: »Hoffe. Doch bald sollte allen das Lachen vergehen. 19 Allein im Boot Eigentlich hätte so viel gute Laune den Abschied von der Insel. weil sie »auf keinen Fall« nach Schaprode wollte. die wir aufgelistet und in besonderer Mappe bewahrt haben. Neuendorf nach Stralsund nehmen können. die für das nächste. bis alle an Bord waren. verstanden worden zu sein. als Fonty und mehr noch Emmi Wuttke protestierten. teilte Hoftaller die am Bollwerk versammelte Gesellschaft. obgleich er sich für nen richtigen Schriftsteller hält. Wir lächelten distanziert. So viel Heiterkeit. Nur Mete hat an mich geglaubt. Das is nu endlich vorbei.« Er sagte das mit aufgesetztem Kinderlächeln und hatte.

Kein Zureden half. Und Eckhard Freundlich. Was hatte Hoftaller schon zu bieten. war Hoftaller schon wieder mit Lachgrübchen gesegnet: »Wäre vernünftig gewesen. wurde Fonty beiseite gerufen. aber auch öffentlich >die gute Sache< nannte.. « Die Freundlichs mußten aufs Schiff. Will ungern deutlicher werden . gezielt sagte: »Als mein Vater seinerzeit Mexiko in Richtung Deutschland verließ. mit kleinen Schikanen oder. diese Evaluierungsverfahren. Unsere Kontakte . nützlich machen. glaubte er an etwas. nun dem Spott preisgegebene Vehikel aus Zwickau.« Beide standen im Wind auf dem Achterdeck.. fiel uns ein. ehrenhalber. Hockte während der Fahrt in der verqualmten Kajüte. Hingegen war mir im Übermaß frische Luft sicher. Welch höherer Sinn dahintersteckt. nicht wahr?« Als der Professor dann doch noch.. Doch Spaß beiseite. Sie verstehen .. «. wenn gewünscht. er hätte mit Ihresgleichen rechnen müssen . Emmi weinte ein bißchen. Wir mit ihnen. Kann aber auch anders . schon mit Koffern beladen. Könnte mich. Später sagte er: »Meine Emilie wollte partout nicht an Deck bleiben. sogar die Leitung des Archivs. das er bei Tisch.. wären wir nicht gekommen. auf dieses einst begehrte. Wieder die schwarz-gelben Wimpel. der gleichfalls im Schlucken geübt war. Beide Töchter verängstigt.. gewissen Reisebestimmungen haben wir zu leben gelernt.« Als die »Insel Hiddensee« ablegte. Ihr Briest sagte in ähnlich unwägbarer Situation: >Ein weites Feld. lieber Wuttke. milder. auf ihnen Kormorane. Schon während der Überfahrt nach Stralsund rätselten wir. Luise<. winkte Hoftaller lange mit einem schwarzweiß gewürfelten Taschentuch. Kaum waren die drei an Bord gegangen. mich fügen zu müssen. Wechselnde . Geht wohl nicht anders.« Wir schwiegen. Die Wuttkes standen mit hängenden Armen. zumal wir uns mit Ihrem Herrn Papa bereits unter Palmen befassen mußten und deshalb in Veracruz gleichfalls an Bord gingen.. selbstverständlich mit begleitender Aufsicht? Alles mögliche. kommentierte die verordnete Trennung: »Aber ich bitte Sie.Doch Fonty hatte bereits die Kröte geschluckt: »Bedaure.. Die Frau des Professors sagte wiederholt: »Dieses Schwein. außer der üblichen Fürsorge? Etwa eine befristete Schottlandreise. Bojen entlang der Fahrrinne. welche zwingende Überraschung in Schaprode aus dem Hut gezaubert werden könnte. weiß niemand. doch darauf.. Wie sieht's in Jena aus? Einfach scheußlich. die Reusen..

den Rügendamm. Blieb nicht folgenlos. Außerdem kommen wir so viel schneller nach Berlin als mit der bummeligen Reichsbahn.. und zwar wie früher. lehnte Fonty ab. doch Hoftaller war selbst auf frühesten Schienenwegen mit dem Kursbuch präsent und hatte ihn sogleich mit allen Eisenbahnverbindungen zur Zeit des Vormärz am Wickel: »Ein richtiger Reisekoffer sind Sie gewesen. weshalb ein reiselustiger Soldat in diesem Bistro bald als ne Art Dauergast galt.über Dresden und die aschblonde Gärtnerstochter. Kreuz und quer durch Frankreich bis nach Lyon. als Bahnfahrten ins Riesengebirge oder nach Waren am Müritzsee noch Abenteuer gewesen seien: »Borsigs Dampflokomotiven ja. Er sagte: »Mein Privatwagen wartet auf Sie. « Er tauchte in Vergangenheit ab. zu spät. Hiermit erlaube ich mir. was im Frühling begann. ich sag mal. Denn nachdem der Soldat im Sommer schon den Rückzug antreten mußte . War schon immer Handelsmetropole: stinkreich. werde er notgedrungen mit seiner Emilie allein reisen. doch ein paar klärende Hinweise auf wiederholte Abstecher als Nutznießer des französischen Eisenbahnsystems bis zu ner Stadt. winterliche Folgen. durch Stralsund werden wir bald auf der Autobahn sein.. sondern mit dem Auto angereist. Fuhr nen DKW. Langgestreckt lag die autofreie Insel entrückt. Über Rügen. das Ehepaar Wuttke zu ner gemeinsamen Fahrt einzuladen. Und dort gab's ne Gastwirtstochter.erinnert mich an die häufigen Dienstreisen eines gewissen Luftwaffengefreiten. Wenn er schon auf das gemeinsame Eisenbahnabteil mit den Freundlichs verzichten müsse. Er lasse sich nicht kujonieren und in solch eine Kiste zwängen.versprochen! . indem er die Mühsal aller Reisen des Unsterblichen in die Sommerfrische oder in Kurbäder aufleben ließ. der kein Bruder mehr helfen . nach ner gewissen Zeit. aber nicht diese fahrbaren Untersätze . Sie schwiegen nebeneinander..« Erst jetzt. die vorm und hinterm Tresen fleißig war. der erahnt werden konnte.Flugformationen übender Zugvögel. aus rein militärischen Gründen verlassene Madeleine.wir sprachen bereits darüber . in der ne Menge passiert ist. Liegt an zwei Flüssen. ja doch. Bin übrigens passionierter Automobilist. Keine Bange. Aber auch sonst hatte. Dieses Hin und Her .. Hoftaller war nicht per Reichsbahn. Meinen Fahrkünsten kann vertraut werden. vom Hügelland flach bis zum Gellen. und zwar seit frühesten Dienstjahren. Und wie andere Inselgäste hatte er seinen Wagen auf dem Parkplatz Schaprode nahe der Schiffsanlegestelle abgestellt. Immer wieder nach Leipzig oder Dresden. weil der Bruder der Schankmamsell zur Résistance gehörte. Erst auf Höhe von Vitte wurde Fonty »die kleine Überraschung« bekanntgemacht. Also kein Wort mehr . Und weil die verlassene.

Einheit her. Aber sonst konnt ich nich klagen. fabrikneu. Fonty überließ sich dem Fahrtwind und sah mit Hut und leichtem Sommershawl vergangen aus. in Deutschland nen Trabi zu fahren. Und überall nach der Invasion. auf nein See. versteht sich.« Als sie auf dem Parkplatz zwischen westlichen Karosserien klein und eingeengt den automobilen Ausweis der einstigen Arbeiter. die in Richtung Gellen flog und an deren Spitze ständiger Wechsel den Flugkeil bestimmte.. Bis das Schiff in der Enge zwischen Rügen und der vorgelagerten Insel Oehe anlegte. Einheit hin.und Bauern-Macht fanden. Wie er so an der Reling stand. dämmert's? Fing alles ganz harmlos mit ner Ruderpartie an.« Die Fahrt im Zweitakter verlief ohne Panne. zeigte er sich bedrohlich besorgt: Der Umgang und langjährige Briefwechsel mit Professor Freundlich könne sich schädlich auswirken. wäre er als Hauptdarsteller in einem Ufa-Streifen »Der Schritt vom Wege«. dem Haßobjekt aller Fischer. Fonty möge dem gesicherten Spezialwissen bitte vertrauen: »Unter veränderten Bedingungen sind gewisse Freundschaften unpassend. So deutlich dem alten Briest angenähert. besonders aber in Lyon reiner Tisch gemacht wurde . Als sie von Bord gingen. es wird nochmal schick. Auch wir vom Archiv behalfen uns damals noch mit dem verspotteten Pappkoffer auf Rädern. « Grüne und rote Bojen leiteten das Motorschiff nach Schaprode.. Emmi sagte: »Viel geredet haben die beiden nich. Ein Pulk Möwen machte die Reise mit. Mein Wuttke mußte neben ihm sitzen. Glauben Sie mir. hörte er eine ganz andere Legende und schaute dabei einer Formation Kormorane. vorstellbar gewesen. bißchen außerhalb. sagte Hoftaller: »Den habe ich mir kurz vor der Währungsunion gesichert. nach.konnte . Oder?« Nichts war von der Rückblende des Ufa-Films geblieben. ne Menge Frösche gab. Fährt noch lange. War ja ziemlich eng hinten. Könnt Ihnen stundenlang. Nur gleich hinterm Rügendamm.« Emmi sagte: »Und ob ich verstehe.. Eine zur Zeit noch verdeckte Aktenlage werde. Hab ja lange. Weiß noch mehr.. Wir wollen doch da nicht reingezogen werden.. wie überhaupt in dieser fischreichen Gegend. besser für dein Bein. hatte Fonty für Emmi nur einen Satz übrig: »Wird besser sein. erst als wir schon Autobahn . Fonty. in dem es. Und dann noch mit meinem schlimmen Fuß. Fonty. Na. Weshalb man der armen Madeleine die aschblonden Haare ritschratsch . wenn nötig. aber Hoftaller ging der Stoff nicht aus.. Regle Gustaf Gründgens. wenn wir per Auto reisen. Fonty blieb arm an Worten.. den Wissenschaftler belasten. nein.. vielleicht zu lange geschwiegen .

Bad Saarow fiel mir ein. Ein paar haben gelacht. Aber zu schnell is er nich . War sauer. War irgendwie ne miese Stimmung drinnen. weiß bloß nich. eine von seinen Stinkdingern hat rauchen gewollt. Nee. wo mal das Ferienheim vom Kulturbund. hab ich Zoff gemacht.< Bekam aber keine Antwort. konnt er nich. Doch nich etwa mit unserm Teddy. daß nämlich der Spitzel von anno dazumal hier im Saal irgendwo die Ohren spitzt und sich alles .< Mein Wuttke aber kein einziges Wörtchen. Wie hätt er auch können mit nein Trabi. der rechtzeitig abgehauen is. Da kenn ich nix. hat er gesagt: >Das kommt von der Raserei. Und daß die Spitzel unsterblich sind wie die Dichter. >Wie konnt ich nur so gedankenlos sein. Davon hat mein Wuttke geredet und von den vielen Apotheken in Leipzig und Dresden. in dem sein Einundalles Mitglied gewesen ist.fuhren und dieser Stoppelkopp. Und daß die Spitzelei nie aufhört. hat er geflüstert. die sie bespitzeln. Weshalb alle bespitzelt wurden. Jedenfalls gab's damals nen Lenau-Club. aber reden. gern Ferien gemacht haben. die deshalb doppelt unsterblich werden. nich nur der Herwegh. als Martha noch klein war. Die heißt so wegen Verehrung von dem Dichter Lenau. Der saß wien Affe hinters Steuer geklemmt. der vor hundertfuffzig Jahren den Herwegh und seinen Verein bespitzelt hat. Daß aber manchmal auch Dichter richtige Spitzel sind..was ich ihm ja abgetippt hatte vorher -. umgekippt oder ausgebrannt völlig. wie er immer redet. weil er nun ohne Zigarre . nich direkt gegen die führenden Genossen. och wenn draußen Schönwetter war. wie er sonst redet. der verboten war. Nur wenn wieder mal links oder rechts ein Autowrack lag. Ich hab mir gesagt: Der hat ihn bestimmt in die Mangel genommen.. Aber dann hat mein Wuttke in Bad Saarow. Da gab's schon Geflüster im Saal. bevor er in diesen Herwegh-Verein reinging. womit. die nich im Manuskript standen . weil mein Wuttke da wirklich manchmal schlimme Sachen gesagt hat? Nee. weil sie nich aufhören kann.. wie unsre Martha den nennt. daß dieser Oberspitzel. natürlich mit nein ausgetauschten Namen.. >Im Zug hätten wir Nichtraucher gesessen!< hab ich geschrien und >Raus! Will hier raus!< Da hat er den Stinker weggesteckt und sich schnell entschuldigt. paar Dinger losgelassen. immer noch rumläuft und rumspitzelt. nen bedrückten Eindruck hat mein Wuttke kein bißchen gemacht. >Mein kleines Laster<. Dabei sind wir früh genug zu spät dran. sondern um drei Ecken rum. wo wir. was aber trotzdem ein Beweis für Unsterblichkeit is. aber och so ne Art Hochschule gewesen is und wo mein Wuttke über diese Lene Nimptsch lauter unmögliche Sachen gesagt hat. Und außerdem hat er vor Publikum gesagt. Müssen unbedingt alles dem Westen nachmachen. weil der in Bonn sitzt und sowas wien Geheimnisträger is? Oder noch immer mittem Kulturbund. Andauernd wurden wir überholt von Mercedesse und andere Flitzer.

Aber mein Wuttke hätt sich mit seinem >Brieffreund<. daß dieser Stoppelkopp. wie unsere Martha den nennt. krieg ich das Kribbeln. Konnt ich noch nie. Mon heißt die.kein Sterbenswörtchen. weil . Und reden durft er da och erst mal nich. unter son tückischen Wurzelstrunk .. nur daß das Wetter schön is und sich ihr Grundmann zuviel Arbeit. Und unsere Martha sagt och immer.. Also mit Frau Freundlich. . Deshalb glaub ich auch. Hat alles nur schlimmer gemacht. Aber das paßt hier nich hin. Nur mit dem Professor kann ich nich. genau.irgendwie gelblich ist der .... weil seine Feldpostbriefe damals irgendwie komisch . weil die mir irgendwie fremd sind . Denn eigentlich sind die ganz nett gewesen. als mir das mit dem Fuß passiert ist. drei Treppen hoch. lauter Papierkram. weil ich beim Raufklettern. Nee. wo mein Wuttke ja als Soldat gewesen is... Aber vergessen haben die nix. aber darüber nich gern geredet hat. als wir schon >Vielen Dank fürs Mitnehmen< oder sowas gesagt hatten.. Hat überhaupt nich genutzt. >Der vergißt nichts. weil unsere Jungs schon drüben . als es mit der Kultur mal wieder eng wurde. Nachem Mauerbau jedenfalls. die vergessen nie was... Na. Bis vor die Haustür hat er uns mit seinem Trabi . Och als der Stoppelkopp abgezischt war .>Lyon und die Folgen!< -.. und das mit Koffern und Reisetasche. wo er sich doch auf die Eisenbahn mit Freundlichs im Abteil so gefreut hat . >Reichsbahn ist besser als Autobahn!< hat er gesagt. noch stundenlang ausplaudern gewollt. als ich zum Leuchtturm wollt. Jedenfalls hat man das meinem Wuttke krummgenommen. Jedenfalls sind wir gut nach Berlin rein. meinen Wuttke mal wieder unter Druck gesetzt hat. daß da in Frankreich irgendwas schiefgegangen is. ohne daß irgendwas passiert ist. denn freiwillig wär er nie in den Trabi rein.. Und die Mädels sind och ganz nett.und hat dann. da war mein Wuttke wie ausgetauscht. das geht. wie er den nennt. wie er sich früher alles gemerkt hat.. ganz ernst zu meinem Wuttke gesagt: >Der Fall Lene Nimptsch bleibt aktuell!< Und dann hat er noch so paar Zweideutigkeiten über Frankreich losgelassen . Vorgeladen haben sie ihn paarmal.. und inner Post Briefe von unserer Martha drin steckten.merkt. der kann nichts vergessen!< hat er gesagt. bis es dann wieder ging. Und Georg fertig als Pilot . einer aus Kopenhagen und einer von dieser dänischen Insel. Hat gelacht und Witze gerissen über Flitterwochen und so. Dabei hat Martha nich mal was Besonders geschrieben. Für uns keine Ferien mehr in Bad Saarow.. Ich ja weniger. Dabei kann ich mir denken. Erst als wir oben waren. daß er sich rausreden gewollt hat mit >Der Klassenfeind schläft nich!< und >Immer auf der Hut sein vor Westagenten<. Wenn der Mechiko und nich wie unsereins Mexiko sagt. -Wann das war? Mitte Sechziger. Nur Friedel war noch inner Buchhandelslehre ....

Genau.... und wie teuer Dänemark is. Nur Auf und Abräumen. da steckt mehr hinter. Im Personalbüro hieß es: »Das geht klar. wenn sie glücklich . da hat es bei mir getickt. grüßte zurück. solang Se lustig sind. Ganz ruhig treiben lassen . während ich . Fonty.. Und Fonty konnte erst am Nachmittag des folgenden Tages seiner Lust nachgehen. besonders Kopenhagen. Er wurde gegrüßt. rudern. eine Menge Papierkram.. « Emmi Wuttke war zu keiner gemeinsamen Ruderpartie zu bewegen. weil ich mir Sorgen mach . damit wir uns überflüssig machen. bestimmt. Wird aber noch dauern. Jedenfalls ist mein Wuttke in der Küche rumgesprungen und hat immerzu gerufen: >Jetzt hätt ich Lust zu rudern! Von mir aus im Kreis rudern. « Soviel Aussicht auf Zukunft beruhigte. besenrein. Nein.. Wie früher in Stralau. hat sie geschrieben. hab ich mir gedacht.... Wir zwei beide in einem Boot. Zu tun jibt's jenug. Hier is sowieso nischt mehr los. Und? Jibt's die Linden noch?« . Nur das is wichtig. Wär ja schön. wenn Se auffem Damm sind wieder. ein Gedicht sogar. Mußt keine Angst haben. Was? In Neuendorf waren Se? Im Vorjarten von Franz Freeses Hotel am Meer. und wie schön das is. Na. fuhr Fonty einige Male mit dem Paternoster rauf und runter. und denn kommt wat Neues. wir halten Se auf Jehaltsliste. von wejen Einigvaterland muß alles schnell abjewickelt sein. da is doch was faul.. Er hängt ja an Martha besonders und sieht wunder was in ihr.. Nana.. < Und wie er nich aufhören wollt mit dem Gerede. Hausputz. War ja meistens von Bonzen belegt. bis nischt mehr übrig is. Jehn Se spazieren. Warum sind Se nich länger jeblieben? Von uns aus können Se Pause machen.. verstehn Se? Wir werden bloß noch bezahlt. Aber das paßt hier nich hin. Denn in seine Feldpostbriefe. die er zum Schluß aus Frankreich geschickt hat. Emilie? Wär doch was. Jekochten Dorsch gab's. Ach ja. den anderen Plausch: »Ein richtiger Glückspilz sind Se. Als wollte er in Übung bleiben. Fonty. Im Tiergarten kann man welche mieten. kein wildes Geschaukel. da stand och immerzu was von Rudern drin. Vorher ließ er sich im Haus der Ministerien den Genesungsurlaub bestätigen.mitgenommen hat und daß sie manchmal richtig Sehnsucht kriegt nach uns und unserer Gegend hier. Aber mein Wuttke war wie aussein Häuschen. Könn se doch nich leer stehen lassen den Kasten . hatte von Stockwerk zu Stockwerk den einen.. Ferien auf Hiddensee! Davon hat unsereins immer nur träumen jekonnt. Keene Bange. Hauptsache rudern! Haste nich auch Lust. Muß ja. Aber schaun Se mal vorbei.

seinem seit jeher bevorzugten Gelände für Spaziergänge. Sommerhut und Spazierstock . nun mit schwingendem. gutgelaunt. sogar als geizig verrufenen König. in die Leipziger Straße einbiegt. in dessen Betonverliesen Menschen und gestapelte Kunstwerke überlebten. sei es zur Amazone nahe dem Goldfischteich. im Freien ist er uns eher zugänglich als im geschlossenen Gebäude. bis er gesprengt wurde. wie er zackige. klotzte noch lange nach Kriegsende. Nun biegt er zum Café am See ein. gab Fonty das Paternosterfahren auf.Plötzlich oder weil ihn wieder die Lust aufs Rudern ankam. Ganz gegenwärtig sehen wir ihn.geantwortet: »Fürn Zehner biste dabei. alle zwei Schritte auf stoßendem Wanderstock. Schon 1840 lag der Neue See im dritten Entwurf der gesamten Naturgartenanlage als künstlicher See vor. Wo er hinwollte. deren Ruderbänke sowie der Bodenrost allerdings hölzern waren. Für ein vormals spottbilliges Vergnügen zahlt man heute zweiundzwanzig Mark die Stunde. um unter Kastanien auf der Terrasse zu sitzen. sondern ein Gewässer anzulegen. viel Geld für einen sparsamen. gleichfalls die Ruder. lagen. dessen Ausläufer vom Landwehrkanal. die ihn voller Ungeduld unterwegs und endlich auf dem Wasser sehen wollen? Es stimmt. vorbei an den Bronzen Hasenhetze und Fuchsjagd. vom linken Terrassenrand zugänglich. wurde ihm angesichts seiner knittrigen Aufmachung . Opa!« . bahnbrechende Marschmusik. an den der Zoologische Garten grenzt. Wir sehen. Leinenhose. der große Flakbunker. Lenné hatte geraten.leichte Jacke. doch nicht. Oder sind wir es. bis zum Neuen See hin. etwas wie »Preußens Gloria«. das später mit dem neuen Kanal verbunden sein und zu Kahnfahrten einladen sollte. an langem Steg gut zwei Dutzend Plastikboote gereiht. als Fonty jedoch beim Bootsverleih nach dem Mietpreis fragte. sei es zur RousseauInsel und seiner alteingesessenen Lieblingsbank oder wie heute: über die Hofjägerallee hinweg. Und dort. auf dem Großen Weg. den sumpfigen Elsbruch nicht kostspielig auszutrocknen. wie er verkehrssicher die vielbefahrene Entlastungsstraße für Sekunden zum Stillstand bringt. und zwar durch das Wasserpumpwerk am Lützowufer. wo ab Mitte des neunzehnten Jahrhunderts ein Herr Alexander Kähne verlieh. mit geschultertem Wanderstock das zukünftige Bauland Potsdamer Platz überquert und unbehindert im Westen ist. denn nun nähert er sich dem Tiergarten. Über dreißigtausend Taler kostete die Anlage samt Brücken. wie er mit jugendlichem Schritt das Portal des Kolossalbaus hinter sich läßt. gespeist wird. hören. vor sich hin pfeift.

« Mit dem Bootshaken herangezogen und festgemacht. zu denen Kahnfahrten während der Kriegsjahre. dann den anderen in den Dollen liegenden Riemen ein. Königsallee neigte sich bis zum Seeufer. sei es im Flachwasser dänischer Inselbuchten oder auf Frankreichs stillen Gewässern gehörten. sei es auf polnischen Flußläufen und Seen. verstaute Jacke und Stock auf der aus Kunststoff gepreßten Heckbank. doch waren all seine Ruderpartien. Als Junge schon war er auf dem Ruppiner See sozusagen zu Hause gewesen. wurden sie aus dem . Dem folgte. Später hat er auf dem verschilften Dianasee gerudert.. die in Berliner Manier witzig zu sein hatten . wenn Max Wuttke seiner wortkargen Freundin zum wiederholten Mal das sozialdemokratische Genossenschaftswesen als Weltmodell erklärte. vom Bootsvermieter mit dem Ruf »Schiff ahoi!« angestoßen. auf dem Neuen See. als Vorgeschichte zu »Irrungen. zuerst den einen. »der ein Bruder von Lina ist«. nie zu flach ein. wenn er seinen Vater besuchte.Er mußte als Pfand seinen Personalausweis hinterlegen. So gewann er nach wenigen Schlägen vom Ufer Abstand. nicht betreten werden durften: »Vogelschutzgebiet!« Fonty war ein geübter Ruderer. Einer der Wasserarme reichte bis zum Terrassencafé und führte zur Seemitte und deren Inseln. Lene Nimptsch überreden ließ. wenn auch in einem Kunststoffboot. die aber. literarisch besetzt. Wirrungen«. das Villengrundstück Ecke Hasensprung. Und sicherlich »wären wir überfahren worden. Nach weiteren Fragen. wenn nicht in eben diesem Augenblicke das andere Boot mit den zwei Herren sich unserer Not erbarmt hätte . wie wir wissen. »Weil Lina Gansauge gern Kahn fahren wollte« und der halbwüchsige Rudolf. »so daß wir uns beständig im Kreis drehten«. Fonty genoß es. Für weite Ruderpartien reichte es dort nicht. Worauf Lene und Lina schrien. zu der sich. Wir erinnern daran. allein zu rudern. denn das Dampfschiff kam immer näher auf sie zu. wie ein Schild am Bootssteg lehrte. doch half er beim Auslegen von Aalreusen und mußte mit anhören. Gleichmäßig zog er durch und tauchte die Blätter nie zu tief.As denn Oma nich mit vonner Partie? Und wo sind die lieben Enkelchen abjeblieben?« -. sich ans Steuer setzte. setzte sich auf die hölzerne Ruderbank und tauchte. daß Rudolf aus Angst und Dusseligkeit die Gewalt übers Steuer verlor. die Geschichte mit dem Dampfschiff. das von Treptow kam und Wellen machte. sprang er mit kleinem Hüpfer ins Boot.. weil ihnen romanhafte Erlebnisse vorgeschrieben standen: etwa jene Bootspartie auf der Spree bei Stralau.

vom Dampfschiff her auf uns zukommende Welle uns umwerfen wollte . Unbewegt saß der Greis. später ein Schwan mit sanfter Bugwelle keilförmig verlaufende Spuren auf. alle achteten das Verbot. der trotz seiner stattlichen sechs Fuß Länge von schwacher Natur war. die bis dahin die Aufpasserin gemacht hatte. die er »Gipfel der Geschmacklosigkeit« nannte. « Und uns gegenüber verteidigte Fonty das Weglassen »berühmter Schilderungen«. den Blick vom See und dessen Betrieb abgehoben. ließ sie abtropfen und das Boot treiben. gerichtet an Effi: »Die sagen doch alles!« Obendrein mußten Lenes Briefe herhalten: Zwar habe Botho diese Liebesbeweise mitsamt ihrer mangelhaften Orthographie als »vernünftig und leidenschaftlich zugleich« empfunden. . als er allein mit sich auf dem Neuen See des Tiergartens ruderte. gestreift von tiefhängenden Zweigen.Strudel herausgerudert.. Manchmal hielt er die Ruder waagerecht überm Wasser. Mit dem Görlitzer Zug gelangten sie in die Nähe des Gasthofes Hankels Ablage an der Oberspree. mit Hinweisen auf die verräterischen Zettel von Crampas' Hand. die Liebesszenen selbst werden mir nie glücken . Kaum daß der Wirt Verlegenheit andeuten darf. einen Ausflug aufs Land wagten. als beide ohne Frau Dörr. als ob die große. was folgt.. Er ruderte in Ufernähe. doch niemand betrat sie. wobei er anderen Booten geschickt auswich. dann wieder inmitten des Kunstsees und um die Vogelschutzinsel herum. Die Sonne. und doch erfreute er uns mit täuschend echtem Profil. « So kam es dazu. wie sie nachmittäglich geneigt stand. Und später kam es zu einer weiteren Wasserpartie. etwas zuviel Pose. und »nur einmal war es noch. dennoch bei jedem Ruderschlag anderes Wasser unterm Kiel hatte. beim Bootfahren begann. sie schließlich aber verbrannt. Erst nach der Kahnfahrt nahmen sie ein gemeinsames Zimmer. Fonty ruderte mit ruhigem Schlag.. steht nicht geschrieben. Doch was dort über Nacht geschah. die zum Rudern einlud. Eine der vielen Aussparungen oder sollen wir Lücken sagen? In einem Brief an Otto Brahm aus dem Jahr 83 gesteht der Unsterbliche: »Ich kann wohl schildern. Die Insel zog viele an. Auf der spiegelglatt moosgrünen Fläche warfen eine Ente.. ohne Intimes oder gar Leidenschaftliches zu zitieren. für das Letztere hab ich vielleicht eine gute Begabung. schönte sein Haar. daß Fonty. Den Hut hatte er hinter sich abgelegt. Wir sahen ihn Haltung bewahren: ein wenig steif der gerade Rücken. weil nämlich die schöntraurige Liebesgeschichte zwischen der aschblonden Plättmamsell und Weißnäherin Lene Nimptsch und dem Baron Botho von Rienäcker. was einer Liebesgeschichte vorhergeht und auch das. ja.

auf daß wir ihn hier überliefern: Beim Rudern streifte mich die Trauerweide. die bei günstigem Licht verliefen und auf Papier gedruckt stehen. Vor Ablauf der Stunde zahlte er und erhielt seinen Ausweis zurück: »Na. so nah dem Ufer war ich plötzlich angerührt. ruderte er. von Biege zu Biege verzögertem Umweg wieder zur Mitte des Sees führte. als Lene und Botho in Hankels Ablage Quartier bezogen hatten. sah uns zu zweit im Boot und jung. sah einen Jungen. griff hinter sich. wischte mit dem Handrücken die Stirn. der auf seinem Tischtennisschläger endlos den weißen Ball hüpfen ließ. was die Gegenwart für ihn bereithielt: Auf dem Steg des Bootsverleihs stand jemand und winkte mit seiner Baseballkappe. »Welches nehmen wir«. Dann tauchte er wieder die Riemen ein und gab sich mit mattem Schlag neue Richtung. sah er. Auf einem der Seitenarme. blickte unruhig zum Ufer. die mit ihrem Wurzelwerk im Wasser standen. Kein Boot kam entgegen. als wollte er ein Programm verkünden: »Natürlich die Forelle.. Was sollen wir mit der Hoffnung?« Bei abermals eingezogenen Rudern hörte er dem Zitat nach.. daß die Kahnfahrt auf der Oberspree von ihm nachgelebt wurde: Zwei Boote lagen am Steg zur Auswahl. Entengrütze. sagte Botho.. Das stehende Wasser roch. « . Ein wenig unheimlich dunkelte es. den Fonty während solch einer Ruderpause in Reime gebracht hat. doch erst als er zum Café am See zurückruderte. suchte Bänke und eine bis ans Wasser reichende Liegewiese ab. setzte den Strohhut auf. verschattet..oder die Hoffnung?« Und Fonty zitierte Lenes Antwort so lauthallend.. vorbei an dichtem Gestrüpp und knorrig verwachsenen Bäumen. sah türkische Großfamilien und Radfahrergruppen.. Hinterhältige Stille . nein: Er wollte gerudert werden. Wir nehmen an. sah Paare und Vereinzelte.Vielleicht ist den tiefhängenden Zweigen der Uferbäume und dem frühherbstlichen Septemberhimmel jener Vierzeiler zu verdanken. Hoftaller wollte auch rudern.. Auf Ufersteinen gaben die Reste eines zerrissenen Kleides scharlachrot ein Signal. Opa? Hat sich schon ausgerudert?« Hoftaller ließ nicht locker: »Ein halbes Stündchen nur. Doch Fonty war müde. Erst als Fonty wieder ins Freie ruderte. der nach längerem. Nichts erfreute .. ein onanierender Mann. »die Forelle . Auf meine Kosten selbstverständlich . Plötzlich auf einer Bank. hatte er Wasserpartien im Kielwasser. aber erst in einem späteren Brief wurde uns dieser Gelegenheitsvers bekannt. doch beide der Liebe frühem Ende zugeführt. Ohne hilfreiches Zitat .

übrigens unser Geburtsjahr.. daß der Arbeiter.« Da Fonty keine Wahl zu bleiben schien. dann in der Frühe. als seien wir dabeigewesen. Neunzehnneunzehn. rechtzeitig. fiel kein weiteres Wort. daß sie auf dem Weg zum nahen Bahnhof Zoologischer Garten eher belanglos geplaudert haben. Kautsky auch . indem die Mörder von einst ihren Opfern heutzutage Denkmäler stiften. die den Landwehrkanal überwölbt? Sie nahmen den Weg Richtung Brücke.. Schon wieder war es Hoftaller.. ließ sie fallen. hob er die Schultern. auf der zu lesen stand. Kein Wunder. Als Hoftaller auf einen gleichfalls in Metall verewigten Vermerk wies. sagte Fonty: »Die Dienste haben schon immer ganze Arbeit geleistet. und sei es. doch diese Einladung wolle er annehmen. daß am Abend des 15. hätten zufassen müssen. Wenn es denn unbedingt sein müsse. Sie gingen und warfen einen gepaarten Schatten. ausnahmsweise. wohin sie ohne Zwischenhalt fuhren. Zu vermuten ist. nur hundert Meter weiter. Unterwegs zum Auto gebot an der Uferpromenade eine Gedenktafel Halt. Zwar rudere er lieber allein. habe man Karl Liebknecht ermordet. am Einfluß zum Neuen See.. Erst in der Kollwitzstraße. Seine alten Augen waren wie ohne Wimpernschlag. Wuttke.. in das ein denkmalähnlicher Eisenguß eingelassen war. Auch später. und er außerdem wußte. Januar 1919 die Sozialistin Rosa Luxemburg von Offizieren und Soldaten der Garde-Kavallerie-Division an dieser Stelle erschlagen und in den Kanal geworfen worden sei.« »Abgemacht. Oder sollen wir sie auf der Lichtenbergbrücke sehen. weil der Trabi am Lützowufer geparkt stand. der mit dem Jahr 1987 das VEB-Lauchhammerwerk als Kunstgießerei angab.. Vormittags sei auf dem See wenig Betrieb. Überall hängen Versäumnisse nach.. Zum Beispiel hätte die Luxemburg total observiert werden müssen . der in Großbuchstaben den Namen der Ermordeten in Erinnerung zu halten versuchte. Nichts ist vergangen.»Morgen ist auch ein Tag. hatte Fontys Tagundnachtschatten genug angesammelt: »Haben mal wieder recht. Wir hätten operativ werden.und Bauern-Staat diese späte Initiative gefördert habe . setzen die Hoftallers fort. als beide im Trabi saßen.. Was die Tallhovers beginnen. dann wäre bestimmt ne ganz . Neunzehnhundertzehn ist Lenin wieder mal bei ihm . Sie standen am Geländer. dem Fonty zu folgen hatte. Und bei der Luxemburg in der Cranachstraße . jedenfalls ist mir so..»Über unsere Kontakte zu Westberlin lief das« -.« Dazu sagte Hoftaller nichts. wenn Tallhovers Biograph lauter Pannen aufzählt .. das Lächeln geronnen.

. Nur Wolfsohn blieb. Zwar hatte ihn kürzlich noch wer anders auf Reise geschickt. Will aber nicht vorgreifen. die Gärtnerstochter aus der Neustadt.. Frühe Erinnerungen gaben ihr Muster preis. die arme Effi... beim Rudern . Mit Richard Kersting hinterm Ladentisch. weshalb noch heute dort Kulturinstitute. Ist wie ne Sinnkrise . und wollte Lebertran für ihr Brüderchen .. von Mann zu Mann.. Ach. Gibt belegte Schnittchen und Tomatensalat.da saß er schon am »Stechlin« -.. wenn auch mit kleiner Stimme nur. Buchten im Schilf.. am besten schon morgen. Ach... manchmal frage ich mich wie Ihr Unsterblicher: >Wozu das alles?< Werde müde . Alles hat er herausgespitzelt. kam in England zu Ruhm. so heiß . Den Abend lang und bis in die Nacht hinein strapazierte Fonty die rotchinesische Teppichbrücke in seiner Studierstube und wollte nicht auf Emmi hören. gab der Queen Unterricht. Zwei Blum und Jellinek . Jadoch... Lena Strehlenow. die immer wieder von der Küche aus anklopfte: »Nu laß doch das Rumgelaufe. Lena! Ihre schmalen. Alles im Stillverborgenen . Ach. Und Max Müller.. Sie sang gern. die anderswo nach Goethe . Ruhen Sie sich aus. Komm lieber was essen. vom Umtopfen.wurden später in Wien füsiliert. Doch jede Heimlichkeit hat dieser Spürhund.... Lasse nach . Brauche unbedingt Hilfe .. der Sohn des Dichters der Müllerlieder. Wuttke. Fonty.« Er blieb beim Auf und Ab. beriet das Empire in allem.. Wuttke... sogar ihr Muttermal unterm Herzen und daß ihr aschblondes Haar eher dünn gewesen ist. dann aber Auflage nach Auflage als Buch verbreitet wurde . dessen Schnüffelnase vom Leipziger Herwegh-Club bis ins liebliche Dresden auf Spur blieb . dennoch praktischen. Zwei weitere wurden sächsische Philister. War kundig in Sanskrit.. Und eines Tages kam das junge Ding. deren schnell verbrauchtes Leben erst 94 vorabgedruckt und im Jahr drauf in gewohnt dürftiger Zahl. sobald uns auf den Elbwiesen oder beim Rudern nach Freiheit oder zum Singen war. Ach. Zwei gingen in Amerika vor die Hunde.. Küsse. was Indien betraf. was ist aus den radikalen Freunden geworden? In Leipzig waren wir sechs bis acht Mann schwach.. Gustav Struves Salomonis-Apotheke..andre Geschichte gelaufen . Unkrautverziehen immer rissigen Hände. wir werden uns aussprechen müssen.. Und alles wollte benannt werden: »Chinapomade und Salmiakpastillen. Wird bestimmt anstrengend . doch jetzt erlebte er sich zurückgeworfen und wie auf verjüngtem Teppich.. Seit der Genesungsschrift über die Kinderjahre war er so anhaltend nicht unterwegs gewesen. Briefe an Wolfsohn. « 20 Platzwechsel Aber er kam nicht zur Ruhe.

Ein paar Balladen. der mir. von denen nur die erstgeborene Mathilde alle Krankheiten überlebte. ist barer Unsinn. wegstarb: Diphterie . denn immer hatten wir Lenau im Boot... nur das bessere Publikum dieser sich liberal schimpfenden Zeitung könne das Berlinische goutieren. und zwar die ersten acht Kapitel in Hankels Ablage. als einziger. denn das Anekdötchen von des Akademiekastellans Töchterlein. daß schon damals eine literarische Tochter gezeugt wurde. fast stehenden Gewässern. das über sechs oder sieben Jahre anhielt. wenn man vom sprichwörtlichen >Erschossen wie Robert Blum< und vom Unsterblichen absieht. der sich zu drehen. Max Mueller Bhavan heißen.doch die Söhne voran! -. mehr schlecht als recht.. zurückkehrte. noch während >Cécile< und >Stine< in Arbeit waren oder in Schubladen ruhten. jedenfalls wiederholt in Blüte stand. sogar die Verlobung mit Emilie wie nebensächlich hinnahm. nein. . die >Irrungen. so daß dem Elbwiesenglück zwei heimlich gehaltene Kinder zuzurechnen sind.und sei es aus Angst vorm Ende . Jedenfalls wurde er was.verjüngen und durch literarische Kur als Lene Nimptsch erneuern können. Ein eher schmaler Roman. die bleichsüchtigen Mondscheinverse. wo das verflixte Rudern seinen Fortgang nahm. nach Amerika ging. der eigentlich Nikolaus Niembsch Edler von Strehlenau hieß. hieß Magdalena Strehlenow und war achtzehn. Manchmal ließen wir den Kahn treiben. nach nur zwei Jahren Alimente . Unverwüstlich Mathilde Möhring. Doch erst drei Jahre später wurden. Ja. Mit Schach hat die Furcht vorm Lächerlichsein überdauert. Mit ihm überwinterte die arme Effi. an seiner Zeit verzweifelte und verrückt wurde. als ich sie nahm. leider auch Mete .. nicht totzukriegen. Aber auch Lene blieb. Mal um Mal verlängerten Dresdner Glücks. natürlich der Alte. und zwar von Ende Juni bis Ende August in der Vossin. der ungern mit Vornamen Dubslav hieß. so daß wir beim Rudern die Schilf. von der Hand ging. Mag sein. der mein Leibundmagenspitzel natürlich nicht aufsaß: Hat alles herausklamüsert. die namentliche Anspielung. dieser trotz Aussparung jeglichen Bettgeflüsters volltönende Nachhall eines kurzen. jadoch. Eine Zwecklüge. bald nach >Cécile<. verbreitet hat. wir ruderten auf stillen. das übrigens schwarzhaarig war.. dachte ich doch einerseits.als alte Frau wurde sie von ihrer tüchtigen Tochter Mathilde im westpreußischen Konitz umsorgt . Doch hat sich die nachweisliche Mutter.. die unter allzeit gültigem Titel zur Welt kam. den die Familie. doch seine Verse unsterblich. denn wie auf der Elbe so auf der Spree . Immer wieder wuchsen wie Spitzwegerich die Treibels nach.steigerte. während Ernestine bald. sich dabei .und später die Waldlieder. Wirkungen< vorabgedruckt. gut vierzig Jahre später und noch zu Lebzeiten . zu wenden wußte und all die freiheitsbesoffenen Freunde überlebt hat.benannt sind.

.. « So erinnerungs. wie ein Tourist.. Sie saßen einander gegenüber. der andere auf der Ruderbank. auf jeweils das eigene Zentrum zu und doch miteinander .. Erst als das Buch vorlag. bis in den September hinein. Müssen sich in die Riemen legen. Aber Vorsicht. < Und dieser Spitzel will nun mit mir in einem Boot .. wobei Gedichte laut wurden.. Und nun kommt dieser Spitzel von Anbeginn. viel zu spät mit Respekt. Im Ufergebüsch. sagte: »Bedaure... Noch immer Altweibersommer. Wüßte gern. Sie sind dran. wo sich der Frühtau länger hielt. Bürger und Adel einmütig in Heuchelei. sagt: >Nach Aktenlage handelt es sich . anders als Zola.. doch er... auf Nebenarmen der Elbe in ruhigem Wasser rudern.. nicht rudern zu können.auf der Teppichbrücke erschöpft und auf die am nächsten Morgen drohende Ruderpartie vorbereitet haben.. < Flüstert: >Nach Informantenbericht sah man beide wiederholt. so daß meine Lene. bin Nichtschwimmer. und dennoch berührten sich nie ihre Knie. Fonty half ihm in den schunkelnden Kahn. der Pünktliche. Diese Prinzipienreiter! Diese Nachmittagsprediger! Dabei habe ich. Eher kam eine gewisse bürgerliche Dekadenz zum Ausdruck . mehr nicht . Wieder einmal war ihm sein Tagundnachtschatten voraus. der sonst zu allem fähig war. die aber nicht revolutionär gereimt waren und mit keiner Zeile dem Objekt Herwegh zugeordnet werden konnten. Doch es kam anders. sogar die soziale Misere ausgespart und fast zu ängstlich gemieden. Sogar ein Mitinhaber der Vossin entrüstete sich: >Wird denn die gräßliche Hurengeschichte nicht bald aufhören .. glänzten weitflächig Spinnennetze. doch noch zu einem gewissen Achtungserfolg.« Der eine am Heck.und womöglich rachsüchtig wird sich Fonty . ob er schwimmen kann . schrieben Schlenther und Brahm spät. Seine Fußreise war in verkehrte Richtung anstrengend gewesen. Auf schmaler Zufahrt zum See hielt Fonty Kurs. wartete schon am Bootssteg und hatte vorweg bezahlt. packt aus.trotz Emmis Ermahnungen . Und Hoftaller. Buntscheckig sah er aus..andererseits sagte ich mir: Gott. wer liest Novellen in dieser Hitze? War dann auch glatter Durchfall. alles Häßliche. weil er keinen Personalausweis hinterlegen wollte. jedes für sich gespannt. weil . der mir in jener Zeit Lektüre zwischen Grausen und Bewunderung gewesen ist. Wuttke. schräg einfallendes Licht. jeden Auswurf der Leidenschaft. Als hätte ich die Treibels und ihre Bagage vorweggenommen.. < Niedergemacht hat das Philisterpack meine Lene. wenn sie schon keinen Gewinn brachte. entleert ein verjährtes Dossier. Will freiwillig aufs Wasser. Im Café am See kaum Gäste zu so früher Stunde.

die Mitte des Sees anzusteuern: »Dort können wir uns ein wenig treiben lassen. Bin glücklich. Wir mutmaßen nicht. als sie genug Abstand zwischen der Vogelschutzinsel und dem Seeufer hatten: »Zur Sache! Beginnen wir mit dem Verhör.sobald sich der Wasserarm öffnete . observiert. isoliert. wie Sie das machen. Vielleicht hat Hoftaller dieser zu nahe glänzenden Metapher wegen den Ruderer gebeten. Und nie geben wir auf. zugeführt. Wuttke. von jedermann Fonty nennen ließ. Wo waren wir letztmalig stehengeblieben? Dresden. Einzig der Beute.. dem es in Jena an den Kragen ging. unsere nützliche Schönheit.. dann Obergefreiten der Luftwaffe namens Theo Wuttke. abgeschöpft. Immer gilt es. Mit Schimpf werden wir entlohnt. Toll. ob so viel Nähe sie verschwistert. . saugen Sie mich aus. saugen Sie. Sind geübt. der sich später. Tallhover. « Nach kräftigen Schlägen und raumgreifendem Durchziehen der Riemen holte Fonty die Ruder ein.« Hoftaller ließ aus dem sacht treibenden Boot die linke Hand ins Wasser gleiten. Man könnte damit ne Archivlücke füllen. Aber ganz anders verhält es sich mit den Ruderpartien eines Gefreiten. als könnte der Faden nie ausgehen. bespitzelt. meinen letzten Saft hergeben zu dürfen. Leipzig. ausgehoben werden? Wolfsohn und Müller gingen euch durch die Lappen.. Na. eine Lücke zu schließen. ist Anteilnahme gewiß. als wollte der taunaß demonstrierte Spinnenfleiß dem Ruderer und dessen Fahrgast etwas sagen: Seht. so sichtlich genoß er die Kahnfahrt: »Aber mein lieber Freund! Wer wird denn alles so persönlich nehmen. Und doch hängt uns übler Ruf an. das Ufer zu meiden und . ein armes Studentlein. Dresden! Ne Bagatelle! Dieser Vorgang ist längst abgeschlossen und allenfalls von literarhistorischem Interesse. die uns ins Netz geht. gar beglückt.. mehr nicht. aber Blum an die Wand gestellt und gleichfalls Jellinek. Auf uns ist Verlaß. mit Tintenschrift ins reine gebracht: So sehen wir in einem Netz verstrickt das Opfer und den Täter. Sommer zweiundvierzig? Oder soll der Leipziger Club noch einmal operativ eingekreist. Kunststück! Haben ja schon als Junge auf dem Ruppiner See und dann immer wieder. ließ sie abtropfen und sagte. Sogar der sonst geschmähten Schmeißfliege wird in gereimten Versen gedacht .verwoben. wieviel rastlose Arbeit! Bestaunt unseren kunstvollen Sachverstand. Stets suchen wir das Loch im System. viel später Fonty. stellt sich als Frage ohne Antwort später. wir wissen: Bald nach der Ruderpartie hat Fonty einen Vierzeiler gekritzelt und in einem Brief an Professor Freundlich. Ist die Spinne noch immer unzufrieden? Nun denn.

oder?« Wieder in der Mitte des Sees.. Man ruderte häufig. Und wenn dieses Geschaukel . wurde Hoftaller streng. Nein. « Als Fonty. Wurde jedenfalls verhaftet.. saß ihm im Frühling des Kriegsjahres vierundvierzig keine Gärtnerstochter.. wo es ruhig floß. War wie seine Schwester an Literatur interessiert. sondern einzig für den ehemaligen Obergefreiten Wuttke: »Wir wollen uns doch nicht ne Affäre einhandeln. Geriet in Gefangenschaft.. Was er zu sagen habe.... doch nicht als Anstandsperson.. ließ sie abtropfen... Sie hieß Madeleine Blondin. ein kurzes Techtelmechtel nur. die überhängenden Trauerweiden.. zog Fonty die Ruder ein. legte ihn neben sich. in der diese fischreiche Seenplatte liegt.. Manchmal war der Sohn des Gastwirts. sichtlich beglückt. sondern . das Boot unter dem hängenden Gezweig einer Trauerweide. Schon auf Hiddensee sagte ich . « Zwar gab Fonty seinen wilden Protest auf.. das Ufer zu meiden. besonders in der Etappe . Und ich mußte mit Marschbefehl ... Aufhören! Sagte schon.. Gleich mir ließ sie die Hand im Wasser gleiten. Was ist denn los. die Spinnennetze im Ufergebüsch und rief zwischen Schlag und Schlag: »Nichts will ich davon hören . bin Nichtschwimmer.. wo man bei Fischern ein Boot mieten konnte .. sondern anfangs auf der zu stark strömenden Rhône.. Außerdem kam uns die Invasion dazwischen .. Und wie ich bereits andeutete. Tausendmal durchgekaut diese Geschichte . Plaudern wir lieber über Madeleine..weshalb wir ihn zu Kulturbundzeiten unter diesem Decknamen als Informant geführt haben.. Im Grunde so süß wie harmlos . nicht von unseren Leuten. bestimmt.. Will nicht als Wasserleiche . doch suchte er mit angstgetriebenen Ruderschlägen das Ufer. Das bißchen Rudern . Und im August dann der Aufstand in Lyon. mit von der Partie. Jadoch.. vom Scheitel weg aschblond war. Lassen wir das. sei nicht für Lauscher. indem er mit bekannter Floskel drohte: »Wir können auch anders!« Dann befahl er.. Zu spät für Madeleines Bruder . War damals üblich. wohl aber die Tochter des Gastwirts Marcel Blondin gegenüber. die örtliche Gendarmerie führte ihn ab. wobei er die stolz und abweisend aufragende Stadt Lyon im Rücken hatte. ein gewisser Jean-Philippe. wischte die Stirn: >Jadoch.. die uns nahe stand.. wie auf der Suche nach Zuflucht. Habe .. die... Dombes heißt die Gegend. muß zur Résistance gehört haben... Ihr Bruder.. setzte den Hut ab.. der Elektromechaniker lernte.. die es an jedem Ufer gebe. später aber in ner seenreichen Gegend nordöstlich der Stadt. Später Lager Bad Kreuznach . Paar Ausflüge nach Chalamont. Überall Rückzug . nebenbei gesagt. Wuttke! Hören Sie auf mit dem Geschaukel! Waren doch schon immer auf Aschblond versessen.. Und dieser Soldat ruderte nicht auf Elbwasser. parken wollte.

am 4. Ihre Glücksmomente nur kurz an. Nein. Alles aus und vorbei.. Aber auch Raabe: >Schwarze Galeere<. Aber ich will Sie doch nicht betrüben. wuchs prächtig heran. die kleine Cécile. sah Hoftaller der wachsenden Asche seiner Kubanischen zu. Erinnerungen. Ab und zu auf einem anderen See. Ende der Dienstreise. als er umständlich bis feierlich eine Zigarre aus seinem kubanischen Vorrat anzündete. in Gefangenschaft. War eine schöne. Aber ich sehe. ich gebe nach. Legen wir ne Pause ein. wie gesagt. .. doch muß. Bei nun höher stehender Sonne setzte Fonty wieder den Hut auf. Wuttke. daß Ihre kurze Liebelei.. mit der Bitte um Verständnis. Wirrungen<. Zuletzt nahe Bourg-en-Bresse. Übrigens ein gesundes Kind. geschweige denn Ihre Gefangenschaft ein Zeugnis aus der Welt schaffen. geriet aber. Momente des Glücks. dieses Rudern und Plaudern beim Rudern über Gott und die Welt.>Fonty soll reden!< -. rein menschlich gesehen. darauf hingewiesen werden. Im treibenden Boot sah er dem Rauch nach: »Na gut. Fonty. wie man's nimmt. im Boot. Wuttke. als wäre der Asche Bedeutsames abzulesen. jadoch.. jedenfalls kam kurz vor Kriegsende ein Töchterchen ans Licht. Verschweigen wir vorläufig Ihre illegalen Ausflüge in die Cevennen. doch davon bitte ich schweigen zu dürfen. folgenreich gewesen ist. doch nur kurze Zeit. Lassen wir uns ein wenig treiben. Nun ja. wenngleich die Mutter. Sobald ein Lüftchen wehte. November auf dem Alex . Beenden wir die Ruderpartie. von mir aus. das von der Mutter den schönen Namen Cécile erhielt. wurde öffentlich kahlgeschoren. Sie bedürfen der Schonung. Dazu schwiegen die beiden im Kahn. etwas Chiffriertes oder ein Losungswort. Und durch die Straßen . das auszutragen ne gewisse Zeit brauchte.. Genießen wir den September.. War ne Schande. aus >Irrungen.« Hoftaller nahm sich Zeit. « Danach nur noch die Geräusche des moosgrünen Wassers. Keine schönere Jahreszeit als der Spätsommer oder Frühherbst..den beiden vorgelesen. Weder konnte die Invasion noch der eilige Rückzug. Also. erwähnen wir die Kontakte zur Résistance nur andeutungsweise. diesmal keine Mathilde. Von anderen Booten kam in Salven verzerrtes Gelächter. Oder soll ich Sie lieber Fonty nennen. Nach wenigen Monaten schon mußte Lyon geräumt werden. mein Freund . mein lieber Fonty. tippen wir. Auf der Liegewiese hatte ein Paar oder ein Vereinzelter sein Transistorradio flächendeckend auf laut gestellt. Stimmt.. weil man einen gewissen Theo Wuttke vor bald einem Jahr. Ne fabelhafte Idee. Und während Zeit verging. roch es nach Schaschlik. Sein verschattetes Gesicht gab nichts her. Außerdem wurde ich nach Berlin beordert.. so gerufen hat? War übrigens ne gute Rede: wirr und passend zum Anlaß..

Von der Liegewiese oder von schattigen Bänken. die Chiffre im Stück über Bord. Zum Beispiel hätte Hoftaller. die allerdings vom Ufer her nur zu vermuten waren. nachdem er sich abermals . als wäre ein Kommando fällig gewesen. fiel als Beweis sorgsam gleichmäßigen Rauchens. bis das Boot ruhig lag.als Nichtschwimmer erklärt hatte. zuerst freihändig. erbeutet aus Wehrmachtsbeständen.Doch kaum hielt er die Rechte mit der Zigarre über den Bordrand. dieser Pantomime nachträglich einen Text zu unterlegen. sei es durch Überständigkeit. und wir verzichten darauf. Kein auslösendes Kommando wurde laut. In gut ner Woche ist es soweit. sei es durch leichtes Abklopfen. dann im Verbund. Mit kleinen Rutschern. das Zischen der Asche gehört zu haben. Jedenfalls standen beide einander stumm gegenüber. Wuttke. Noch warteten sie. vollzog sich der Platzwechsel ohne Worte. Nach kleinem Seufzer sagte Hoftaller: »Ach. Das alles auf stillem Wasser. woraufhin Fonty die Ruder einzog und sich gleichfalls erhob. was sind das für Zeiten! Tag für Tag wird Geschichte gemacht. Jetzt will ich rudern. daß es zischte. mit heller Stimme zuzusprechen. um unvermittelt von Entschluß zu sein: »Tauschen wir mal die Plätze. Deutschland«. daß es bei mehreren Ruderpartien auf den Seen nordöstlich Lyon gleichfalls zum Platzwechsel gekommen sei. Sie standen sich gegenüber. daß er die Ruderbank verlassen habe. sein Geheimkästchen öffnen und in Erinnerung bringen können. »Nun los«. obgleich vieles noch ungesagt war. und Fonty hätte zugeben müssen. Aber dieses Geheimnis wurde erst später ausgeplaudert. gedrungen kurzbeinig der andere. Herrgott. ganz statuarisch. indem sie einander ergriffen. Danach ging es stumm zu. bewegten sie sich Schuhbreite um Schuhbreite. um für den Ruderer Jean-Philippe und dessen Schwester Madeleine. beide mit hängenden Armen wie in abwartender Haltung. mit immer noch hängenden Armen. es sei denn. als Fonty einen Orden bekam. vom Heck aus einem Tonbandgerät. flüsterte ich. Vom Ufer aus gesehen. die an der Bugspitze saß. hochgewachsen und hager der eine. Wir glauben.und nun ein wenig ängstlich . dann ist das Vaterland vereint. Sie dürfen sich ausruhen und mir ne Weile zuhören. weil das Boot zu schaukeln begann und sie mit dem Boot ins . aber auch von anderen Kähnen aus gesehen. bot sich ein beängstigendes Bild: der Platzwechsel zweier alter Männer in einem schwankenden Boot. Kaum Nebengeräusche. Wird bestimmt schiefgehn!« Und schon stand er. mein Flüstern hätte ihnen geholfen: Nun begannen sie gleichzeitig ihren Standort zu verändern.

Viel zu tief. der Reim zu versinken wäre ertrinken gewesen. standen beide nach überlebter Mutprobe wieder mit hängenden Armen. tauchten die Blätter ein. Oder eine Zeremonie von ritualer Ernsthaftigkeit. der nun auf der Ruderbank saß. und der klammerte sich an Fontys Hüften. Das stimmte in jeder Beziehung und hätte Fonty zu einem weiteren Vierzeiler anstiften können. ihren neuen Platz besetzten.Schwanken gerieten. . Soviel in Sachen Vergeblichkeit geschulte Mühe. weithin bis zu den Uferbänken und über die Liegewiese und das laute Transistorradio hinweg. Oder eine Umarmung jener Art. Der Ruderer legte mit frischer Kraft die Riemen in die Dollen und bewies vom ersten Schlag an sein Ungeschick. Aber ihm war nicht danach. auch längere. denn er gab Rauchsignale von sich. die alle auf Deutschland zielten. waren Anweisungen. Aber er ruderte immerhin. der Tagundnachtschatten sprach. war vom Ufer aus zu bemerken. so daß es Spritzer gab. Ausrufe. kurzärmlig ruderte er im Kreis und förderte mit jedem Ruderschlag mal dichtgedrängte. es sei denn. Die Umklammerung löste sich. Endlich hatten sie einander ausgetauscht. Fontys Hände ruhten zupackend auf Hoftallers Schultern. Verse zu schmieden. während der Zeremonie des Platzwechsels seine zum Stummel kurzgerauchte Zigarre im Gesicht gehabt hatte. Soviel Leerlauf. auf Vermutungen angewiesen. Ein feierlich täppischer Tanz. Fonty saß mit Haltung auf der Heckbank und rückte an seinem verrutschten Strohhut. Was man jetzt vom Ufer aus hörte. die wir vom Archiv nicht deuten konnten. die auf der bekannten Versicherung beruht: Wir befinden uns beide in einem Boot. auf dessen Einheit gemünzt waren und über den See hallten. daß Hoftaller. was Hoftaller betraf. verknappte Sätze. waren wir doch. Ich wünschte mir. daß sie noch ein Weilchen so stehen blieben. und als folgten sie meinem Wunsch. dann wieder zu flach oder verkantet. Das verklammerte Paar schob. Soviel Anstrengung bei wenig Nutzen. oft unvollständige. die Hoftaller erhielt und denen er folgte. Wir atmeten auf. Buntgescheckt. und die Kubanische zog noch. mal vereinzelte Wörter. hinter sich traten. Lacher. weil sein Objekt beim Platzwechsel in einem Ruderboot erfahren war. Als sie voneinander Abstand nahmen. drehte sich im Uhrzeigersinn. Jämmerlich sah das aus.

den bestraft . wie wir sie wollen. Da haben wir schnell ne neue Parole . War aber bald kein Halten mehr.... ha . Ach was. gehn wir rüber und holen sie uns.. im Kapitalismus nicht. Alles umsonst . Waren nun angeschmiert. Und wir haben schnell noch ne kleine Korrektur angebracht . ne Furzidee nur. die Mauer.. Haben handeln müssen. vor kapitalistischem Zugriff retten.. Wuttke. Kam nur Blaba noch .. Wir mischen da mit. Und zwar gesamtdeutsch.. Operative Vorgänge. Die im Westen sahen das auch so. Wird teurer und teurer werden . weil das mit dem Dritten Weg noch gefährlicher.. Mußten ein einziges Wörtchen nur austauschen .. die Normannenstraße! Ist doch genügend im Keller.. ne demokratische Maßnahme nannten die das .. na.. Das half Zahlen sich dußlig seitdem . Ist im Prinzip ja richtig. Bettgeflüster.. wo was liegt und leis vor sich hin tickt.. ob ne Immobilie oder Fabrikanlage...Uns ist sein Reden wie ein Diktat gewesen: »Mantel der Geschichte! Zugreifen! Gab da kein Zögern . Will man jetzt überall: die große Offenheit! Ne neue . Nur bei uns gab's Sperenzchen.. Konnten sie glatt vergessen.. sind ja nicht unsre Sorgen! Wir kochen die weich... Da sehn Sie...... wissen genau. Und der Westen war erst mal baff. hat aber schnell kapiert und zugelangt. bis sie klein und häßlich sind.. Muß sich auszahlen endlich .. Simsalabim! Und auf war sie. na. aber gefährlich ... damit nix dazwischen . Nur ein paar Tage noch. Tausend Schnäppchen und mehr. Und bald auf die Russen kein Verlaß mehr.. Mußte schnell.. na alles. die nun auf einmal alle zu haben waren . Ab fünfundachtzig Eingabe über Eingabe . Denn wenn die nicht zahlen. na. was ein simples Wort ausmachen kann ... Wollten aber nix davon hören. Wuttke. Das ist ne Einheit... Nur noch Geschrei: Wir sind das Volk! Stimmt...... dann gibt's kein Zurück mehr.. Runder Tisch! Wollten das Volkseigentum unter ne Treuhand stellen. hieß unsre Devise. Doch ohne Sowjetmacht im Rücken . Paßte dem Westen natürlich nicht... aber ein Volk! Winziger Unterschied? Stimmt! Aber der hat's gebracht.. Aber nicht ohne uns.. Nix läuft mit Blechgeld! Wenn die Mark nicht zu uns kommt. lauter Schrumpfgermanen. wie wir.... diese Greise in Wandlitz. Nur noch Glasnost und Perestroika .. Gibt's nirgendwo: Dritter Weg! Bei uns nicht. butterweich. Ha. Na. dann überall .... War unser Plan lange schon . abgeschöpft alles . ne Menge Zeug. die mit dem Dritten Weg. Zuerst in Leipzig.. machen wir noch ein Faß auf. Also haben wir aufgemacht..... Einfach lächerlich. Die von drüben wollten natürlich alles ganz billig haben und begannen zu knausern. Jadoch! Wir waren das.. kilometerlang Akten... Und wir? Wir sind weg und machen uns doch nützlich.. Wer zu spät .. Und alles auf Pump! Nen riesigen Schuldenberg seh ich .. Informantengesabbel. Wollten ne neue Lage schaffen.. Nicht mehr das.. denn genau besehen waren das lauter Einzelobjekte.

Wir tippten auf momentane Erschöpfung. Ha! Sollen sie haben! Können sie kriegen! Auf die Hand gratis und gegen bar . Und dann vergnügten wir uns an einem einzelnen Ruderer. Da uns dieses Bild als Tanz auf der Stelle vertraut war. lag das Boot ruhig und trieb kaum noch.. selbst wenn die alte Frau von Wangenheim sagte . sagte Fonty: »So wird es kommen. Wie geübt standen sie einander gegenüber.Ehrlichkeit! Wahrheit nackt sozusagen. Wird es. Einig und sauber! Ha! Und gleichgemacht West wie Ost. trittsicher. Er zog sich die Kappe ab: verschwitzte Haarspieße. Nur gab es damals den vierten Stand. Er suchte und suchte.. holte die Ruder ein. Der Tagundnachtschatten gehorchte. Wuttke! Wird es. Und doch müssen wir uns auch heute beglückwünschen. Vom Ufer aus gesehen.. den auch Fonty apart gefunden .. umarmten sich.. Was wir im Prinzip immer gewollt haben . weil Hoftaller an dieser oder an späterer Stelle seiner Rede beim Rudern die Riemen sinken.. Deutschland soll wieder sauber werden .. nicht alles auf einmal. das Boot treiben ließ. doch er schwieg. Als Hoftaller endlich den Zigarrenstummel fand und sich Feuer gab. war das Wichtigste vorbei. Nein. die Arbeiterklasse. sahen das Schwanenpaar fern. Wir füttern sie häppchenweise . weil beide Riemen gefährlich locker in den Dollen lagen. nachdem er den Hut abgelegt hatte. Niemand siegt ungestraft. Nun suchte er unter der Ruderbank und zwischen den Ritzen des Lattenrostes auf dem Bootsboden nach dem Rest seiner Kubanischen. nah mehrere Enten. so oder ähnlich.. wie es kam. Bei all dem schwieg er. Deutsche Einheit ist immer die Einheit der Raffkes und Schofelinskis. Machen wir: na. und setzte sich wieder ans Heck.. In kleinen und großen Portionen. Seine Zigarre hatte er kalt und als Stummel bald nach Beginn der Rede ausgespuckt. Jedenfalls sah es so aus.. « Dann stand er abermals auf und legte Hoftaller. einen wiederholten Platzwechsel nahe. daß es kam. Jetzt erst. tauschten den Ruderer aus. Endlich wird unser Deutschland sauber.. Sind doch ganz geil drauf.. Da war noch Hoffnung drin. der noch immer in Schweiß war. denn das Boot schwankte kaum. stand auf.. das weithallend über der Wasserfläche lag. langsam. hielten wir uns vom Ufer aus an andere Boote. War siebzig-einundsiebzig nicht anders. die Vergangenheit ans Licht bringen. der bei gleichbleibender Haltung und wie unbewegt Zuhörer gewesen war. « Wir hören hier auf. Fonty.. hätte aber Beifall klatschen oder den Kopf schütteln und den Dritten Weg verteidigen können. Wir hörten Lärm und Gelächter. Ob vermutet oder tatsächlich: Schweiß fiel ihm von der Stirn.

Was soll das Gezitter! Wenn Sie wollen. war vielleicht Student . Mit ruhigen Schlägen steuerte Fonty in Richtung Anlegesteg. von mir aus Hosianna rufen. etwa auf MarlittRomane. womöglich von einem Mord gezeugt hatte.er trug Brille. konnte sein Erstarren auflösen.« Sie haben dann noch im Café am See unter Kastanien ein Bier getrunken. Rudert sicher gern. Also was ist nun? Na. Wuttke. Hat vor. Plötzlich beschloß er. wer wen zum Bier eingeladen hat. Wuttke! Geben Sie sich nen Ruck. der nun wieder unterhalb trockener Stirn lächelte: »Übrigens gibt's ne Überraschung. ne Kleinigkeit. für die Bootsfahrt zahlen zu wollen. Na? Will der Groschen nicht fallen? Um Sie nicht länger auf die Folter zu spannen.hätte.. Vor wechselndem Hintergrund war er sich. an der gestern noch ein zerrissenes und obendrein scharlachrotes Kleid von einer Gewalttat. Was ist denn los. frohlocken. Dreimal dürfen Sie raten. Kommt aus Frankreich. doch Fonty wollte seinem Tagundnachtschatten um dieses Geheimnis vorausbleiben. das Klicken zu hören. Zwischen Hoftaller und Fonty kam es zu keinen Bekenntnissen mehr. das Archiv zu besuchen. denn der junge Mann . Die Bootspartie war zu Ende. hab ich gehört.. will aber Madeleine genannt werden. Nichts. Freuen sollten Sie sich. Ich hatte gehofft. auch kein scherzhafter Hinweis auf literarische Belege für spätes Glück. wie sollte sie auch . er werde einen der verschwiegenen Seitenarme des Sees anrudern und dort die verschattete Stelle finden. aber auch privat . War entzückt. mach ich für morgen ein Treffen aus. ein Geschenk womöglich. Unklar blieb. Und das Wetter. sagte Hoftaller. Heißt eigentlich Nathalie. die Kleine. Ihre Emmi hat keinen blassen Schimmer. einen und noch einen Schnappschuß wert. Gleiche Stelle. Nichts Vergangenes wollte hochkommen. Nur nicht so ängstlich. gleiche Welle. Wir glaubten. ihr nach längerer Korrespondenz wieder zu begegnen. Wurde auch Zeit. Sagen wir. endlich gelingt uns ein Lächeln. Besuch ist da. Die Kleine ist wirklich reizend.hatte auf der Heckbank seines Kahns eine Kamera mit Selbstauslöser in Anschlag gebracht. als hätte ihn ein Erzengel berührt. die studienhalber. 21 Beim Rudern geplaudert . bleibt stabil. doch Hoftaller hatte schon alle Unkosten gedeckt: »Geht auf Spesen. nach der Großmutter natürlich. es ist Ihre niedliche Enkeltochter. als rudernder Brillenträger. Kaum waren sie ausgestiegen. Hat irgendwas mitgebracht. morgen vormittag um zehn rum.. möchte aber vorher unbedingt ihren Opa treffen. Uns kümmerte das nicht mehr.. « Fonty stand heimgesucht.

umsichtig getilgt. daß die angekündigte Begegnung mit der französischen Enkeltochter uns mehr als den Großvater überrascht hat.faßlich geworden sein. der eiserne Ring. die zu Buche schlug. in dem über »zu große Lendenkraft« und Alimente im wiederholten Fall geklagt wird. Mete voran. die gar nich da sind. Madeleine. daß ihr Wuttke den besonderen Blick hatte: »Der sieht manchmal Sachen. Zusammenfassend läßt sich sagen. bald aber sprang. sonst hätte Hoftaller ihn nicht so andauernd am Wickel haben können. dann hat es ihn überflutet. wenig zu erkennen. Allenfalls durfte. die aber vielleicht doch merkte.« Denkbar. dessen Gesicht gab. Es gab keine kleinen Wuttkes. Man löste sich ab. als er von der allerneuesten Madeleine hörte.die halbe Nacht lang . gibt das Archiv etwas her. leichte Vorfreude vermutet werden. Wie Spanner hockten wir im Gebüsch oder hinter glatthäutigen Buchenstämmen versteckt. Beim Hin und Her auf der chinesischen Teppichbrücke wird sie ihm in wechselnder Gestalt . hat alle Spuren. nach erstem Erschrecken. denn nur zur Weißnäherin mit Plätteisen. fiel dem Archiv eine Aufgabe zu. Und im Fall Lyon und die Folgen waren wir ganz und gar ohne Kenntnis. . Außer dem Brief an Bernhard Lepel. Zuerst wird Fonty ein Kribbeln verspürt haben. Eigentlich sind wir überfragt. Nun aber kam Nachricht aus einem fernen. Wir mußten ins Grüne. Aber Theo Wuttke schleppte eine Gewissenslast. und weil er als Fonty zu uns gehörte. Man wollte den Unsterblichen schlackenlos überliefern. Man gab das Belauschte weiter: Notate für später. Lene. liegt nichts vor. falls es sie gab. wie im Märchen. müssen wir auf Lücken verweisen: Die Familie. der lebendigste Beweis unserer papierenen Materie war. mehr noch. wo ihm nichtsahnend Emmi gegenübersaß. was er als »aufgedonnert« hätte bekritteln müssen. Am nächsten Vormittag sollte ich zuständig sein.« Also hat er sich Madeleine vor Augen gestellt. und von Martha und ihrem späten Grundmann konnten kaum Kinder erwartet werden. Schließlich waren seine Söhne ohne Nachkommen. nichts. doch immer in Kleidern von altmodischem Schnitt und schlichtem Faltenwurf. was Dresden und die Folgen betrifft. mal aschblond auf sich zukommen sah. daß er sie aus gemischter Sehnsucht herbeirief und mal inselblond. die nicht durch Stubenhockerei bewältigt werden konnte. zudem Dresden als Tatort ausgewiesen ist.Die vielen Mädchen: Magdalena. keine Rüschen. oder er sah sie am Küchentisch in der Frühe dort sitzend. Zu uns sagte er: »Anfangs wurde mir eng ums Herz. doch nicht fremden Land. Gleich Hoftaller war uns Außendienst vorgeschrieben.

also auf das mißglückte Attentat zu kommen. Schulenburg. denn. hätte Fonty alle Folgen der Bootspartie auf seine Kappe nehmen und um Nachsicht bitten können. dabei um Nachsicht bittend. das ist mein Glück. selbstlos. Magdalena Strehlenow und Madeleine Blondin. Nicht etwa leichthin und einschmeichelnd wäre ihm eine Jahrhundertbeichte gelungen. die andere dem Modell angleichen konnte. den von Witzleben. Weiterhin der Begegnung mit der Enkeltochter vorauseilend. . wäre er im Verlauf seiner Abbitte ins Stottern geraten. Was daraus wird.. sagte doch Lene Nimptsch lächelnd und ernst zugleich: »Glaube mir. Yorck.Vielleicht hat er vor seiner imaginierten Enkeltochter die große Abbitte geprobt und inwendig Sätze für eine weitausholende Beichte gereiht. Dabei wären ihm in Nebensätzen absichtsvoll lyrische Anspielungen auf Ruderpartien unterlaufen: Soeben noch hätten sacht fließende Nebenarme der Elbe. auf daß sich die eine modellhaft überliefern.« Und Madeleine Blondin hat alles wortwörtlich genommen. dem Obergefreiten hingegeben und sich dem Unsterblichen oder dessen Wiedergänger anvertraut. Weil er aber ohne Kenntnis der bedrückenden Einzelheiten. und das andere Unglück hatte er ganz und gar unwissend überlebt. Bestimmt wäre ihm ein Vierzeller gelungen: Es war die Liebe. immer heiteren und nur andeutungsweise wehmütigen Sinns haben sich beide. Was wußte er schon. Ihm sind die Jahrhunderte durchlässig gewesen. Fonty konnte das. ob Mußlauf oder glatter See das Schifflein trug . als wollte er um Vertrauen werben. die Zeit überwölbt hatte. daß ich dich habe. Oder es hätten Zitate verdoppelten Sinn gemacht. Nach seiner inneren Geographie floß die Spree in die Rhône. im Hundertjahressprung vom Leipziger Herwegh-Club und dessen aufrührerischen Deklamationen auf das Rumoren in den Offizierskasinos der französischen Etappe. wie genügsam. dann aber ein stiller See nahe Ambérieux das Boot der Liebenden tragen dürfen. Herztöne und ihr Echo. vom Dresdner Fall. eher stockend. beginnend beim sündigen Elbflorenz und des Unsterblichen frühen Fehltritten. mithin auf seinen Briefwechsel mit preußischen Adelsspitzen. Es wäre ihm möglich gewesen. Wirrungen abermals. die dem französischen Etappenglück folgten. das kümmert mich nicht. außer daß Alimente fällig wurden. ach. weil die Wirrnisse einer auf mangelnde Freiheit gestimmten Zeit zu Irrwegen nicht nur auf politischem Feld verführt hätten. nie klagend. die Gastwirtstochter dem Apothekergehilfen. Irrungen. die uns schlug. Und mit Hilfe der ihm allzeit dienstbaren Zeitschleuse hätte er wiederholt aschblondes Haar durch Frühlingslüfte beleben und einstiges Liebesgeflüster von Ruderblättern abtropfen lassen können. die Gärtners-.. diese Stunde habe.

einige Tatsachen verklickert worden sind. die sein Tagundnachtschatten »Fakt« nannte: »Fakt ist. daß ihre Tochter Mathilde auch ne Rote gewesen ist. Sie ließ aber nicht locker. Redet wie gedruckt. Und wo sich Fonty ahnungslos gab. ne niedliche Person. daß das Vorbild der literarischen Lene Nimptsch ne zähere Demokratin als ihr flatterhafter und rasch den Stil wie die Gesinnung wechselnder Liebhaber gewesen ist. Bis ins hohe Alter . Mit seinem Wissen hätte er in unserem Archiv einige Lücken schließen können. Keine Bange. deren hier übermalte. sagte: »Bald fallen die ersten«. daß seine Lene »eigentlich eine kleine Demokratin« sei.sei es im Paternoster. Starb ohne christlichen Beistand. war deshalb besonders gefährlich. vormals Tallhover. Wir können bezeugen. Fonty wies auf den reifen Fruchtsegen. keine Aktenlage als abgeschlossen. vielleicht. tendierte zu Bernstein.. aber erst nach der Ruderpartie auf dem Tiergartensee kam er vom sächsischen aufs französische Detail. gemäßigter zwar. « Das alles und mehr Fakten hatte Hoftaller schon auf Hiddensee parat. Und selbst noch. dort retuschierte Hintergründe selbst unter dickster Firnisschicht Auskunft gaben. verstand er sich doch als ergänzende Sammlernatur und als Freund geschriebener Wörter. daß sie zur Zeit der Sozialistengesetze wegen Umgehung des Verbots geschlossener Versammlungen viermal arrestiert werden mußte. Ihr Deutsch ist vorzüglich. Oft reichte ein Halbsatz nur. War als Rednerin nicht nur in Sachsen gefragt.ob gedruckt oder gesprochen . Fonty. die geborstenen Schalen. Fakt ist. auf alles Wortwörtliche . Sie saßen unter den Kastanien des Biergartens. Wirklich.Hoftaller auf spurensichernden Trab zu bringen. war sein Tagundnachtschatten mit Fakten zur Stelle.blieb sie den achtundvierziger Ideen anhänglich. Heute wollen wir uns auf den Besuch aus Frankreich vorbereiten. Habe nicht zuviel versprochen. als ihre Ehe mit nein verbummelten Studenten . sei es beim Wassertreten auf Hiddensee . daß dem Objekt Fonty bei passender Gelegenheit .Magdalena Strehlenow starb 1904 . er war und blieb auf Fährte.. wenn nicht befreundet.Nur Hoftaller. Sie werden Ihr Etappenfranzösisch kaum . wollte dann aber mehr über den verbummelten Studenten und die revisionistische Mathilde hören. Und Fakt ist.im Nachvollzug . widersprach als typische Revisionistin auf dem Erfurter Parteitag dem revolutionären Flügel. um den damaligen Tallhover und . kannte die in Lyon ausgetragenen Folgen. zum Beispiel des so schönen wie schwachen Baron Botho hingeplauderte Erkenntnis.war Hoftaller versessen. Galt als mit Clara Zetkin bekannt. doch Hoftaller war nicht abzulenken: »Darüber reden wir später. Ihm galt kein Vorgang als beendet.

Man muß ja nicht alles . Er wußte ohnehin genug.bemühen müssen. Gleichfalls empfinde ich Ihre Diskretion als lobenswert: In Montpellier ist man ahnungslos. doch gleich aus welcher Entfernung gesehen: Nathalie Aubron. so gewinnend. Wird Ihnen Freude machen. Wuttke. mal lebhaft burschikos. den wir uns nur schwer ohne . dabei ungekünstelt naiv und dennoch von jener mitteilsamen Klugheit. die noch immer ein wenig bekümmert ist. Herr Wuttke und ich haben einander sehr viel zu erzählen. daß Sie mir den Weg zu meinem Großvater eröffnet haben. « Wir hätten das mit größerem Abstand genießen sollen.« Doch als dann plötzlich Hoftaller vor ihm stand und neben dem Vermittler des familiären Treffens »La petite« als eine augenblicklich alle Vorängste besiegende Person. daß Sie sich wie Ihre liebenswürdige Großmutter Madeleine nennen. aber auch schmerzliche Erinnerungen wach.an die große Glocke hängen. dann wieder still. die aber auf den Vornamen ihrer Großmutter hörte. die zum Gespräch einlud und die Fonty sogleich als einladend für eine Ruderpartie empfand. fiel Fonty nur ein. den er sonst achtlos trug. Schon morgen. Als Fonty ein wenig verfrüht zum Bootsverleih kam. als wollte er Begrüßungssätze erproben. Mama. war wirklich reizend. Klein bis zierlich. zum Beispiel diesen: »Spät sehen wir uns. Dann suchte er ihr Gesicht ab und sie seines.. Bald war Hoftaller überflüssig. doch nicht zu spät. Das ist gut so. gefälliger zu drapieren: Das Schottenmuster sollte zur Geltung kommen. nein anziehend überbrückte sie alle Distanz.wie sagt man . nachdem ihn Fontys Enkeltochter höflich. Ihre Enkeltochter. nutzte er die Zeit. daß Hoftaller gerne ging.« Oder: »Darf ich unsere überraschende Begegnung als ein Herbstgeschenk werten?« Oder: »Mademoiselle. die überdies mit hellem »Bonjour Monsieur!« und drei wie selbstverständlichen Wangenküssen keine zurechtgelegten Begrüßungssätze zuließ. ganz Ohr. Zwar stand er noch eine Weile herum. Indem er ging. Monsieur. aber bestimmt verabschiedet hatte: »Ich bin Ihnen sehr verbunden.« Wir glauben. Dann ging er auf und ab und sprach im Gehen halblaut vor sich hin. Monsieur Offtaler.. von mir aus heimliche Freude. und Fonty. um seinen leichten Sommershawl. doch ging er wie auf Befehl. nicht wahr? Doch nun möchte ich Sie um Verständnis bitten. sollte geschont werden. ruft in mir schöne. hinterließ er keine Lücke. selbst wir vom Archiv hätten gerne mit Madeleine in einem Kahn gesessen. und wir genossen seine Verlegenheit. wird Ihnen das Herz hüpfen . Kind« zu sagen. wiederholt »Da bist du ja.

Tagundnachtschatten vorstellen konnten, war glücklich, mit seiner Enkeltochter allein zu sein. Als hätte es keine andere Wahl gegeben. etwa einen Spaziergang durch den Tiergarten zur Rousseau-Insel, lud er mit stummer Geste zur Ruderpartie ein. Und Madeleine, die als erste ins Boot sprang, bot ihm beim Einsteigen ihre kleine, kindlich anmutende Hand. Mit einer Kavaliersgeste. dabei ein wenig schauspielernd, bedankte er sich. Madeleine saß schon auf der Ruderbank, als sie schulmädchenhaft um Erlaubnis nachfragte: »Bitte, Monsieur, darf ich rudern? Ich kann das ganz gut.« Ein schönes Bild, vom Ufer aus gemalt. Bei lockerer Bewölkung wechselte das Licht. Farbtupfer, Schattenspiele, wässerige Übergänge, wie aquarelliert. Ab und zu rillte ein Windstoß die Wasserfläche, dann wieder Spiegelungen. Erste Blätter fielen verfärbt. Libellen über Entengrütze. Schon öffnete sich der See. Zu zweit im traumhaft gleitenden Kahn, dem, wie bestellt, ein Schwanenpaar begegnete. Und immer neue Bildausschnitte erlaubte das Ufergebüsch. Außer den gemalten Motiven war zu sehen, daß Madeleine nicht aschblond war, sondern wirbelig kastanienbraun; der kurzgehaltene Schopf hob sich vom fusselnden Weißhaar Fontys, der seinen Hut neben sich gelegt hatte, einprägsam ab, besonders wenn das Boot durch Lichtkringel glitt. Ihr kleingeblümtes Kleid, ein geräumiger Hänger, in dem sich die knäbische Figur verbarg, gab ein überwiegend blaues Signal. Nur wenn sie die Ruder durchzog, traten, kaum angedeutet, die Brüste hervor. Sie ruderte ärmellos, die Knie eng beieinander, als sei ihr diese sportliche Haltung antrainiert worden. Die mageren Arme kräftig und muskulös. Ihre im Profil spitze, ich sagte zu meinem Kollegen: ein wenig vorwitzige Nase. Nun ruderte sie in weitem Bogen das Seeufer ab. Anfangs versuchte Fonty, sein eher schütteres Französisch zu bemühen. Weil Madeleine flüssig, mehr noch, überkorrekt und wie nach einem altmodischen Regelbuch Deutsch sprach, könnte der Großvater seine Enkeltochter zuallererst nach der Herkunft dieser sicheren und sogar den Konjunktiv pflegenden Kenntnisse gefragt haben, denn gleich nach dem Anrudern hatte sie gesagt: »Wüßte ich nicht, daß alles tatsächlich und am hellichten Tag geschieht, müßte ich glauben, mir träume etwas sehr Wunderbares.« Madeleines Antwort holte weit aus: Der vor wenigen Jahren verstorbenen Großmutter traurige Liebe, die alles Deutsche eingeschlossen habe, sodann das Verbot der Mutter, zu Hause oder gar bei Tisch irgend etwas Deutsches, und sei es nur einen VW oder eine Schwarzwälder Kuckucksuhr, zu erwähnen, ferner der

versammelte und nicht enden wollende Widerstand gegen die einstige Besatzungsmacht, aber auch das Geheimnis um den verschollenen Liebhaber der Großmutter, den viele als Lump und niemand als antifaschistischen Helden erinnert hätten, all das und besonders die verkapselte Liebe der Großmutter habe sie dazu gebracht, als Kind schon, zuerst aus Trotz, dann aus Neigung diese schwierige und oft der Logik ferne Sprache zu erlernen, sie schließlich zu studieren und - seit dem Tod der Großmutter - die deutsche Literatur des neunzehnten Jahrhunderts zum Gegenstand ihres Studiums zu machen. »Monsieur können mir glauben, das war gewiß kein Kinderspiel.« Und dann begann Madeleine, während sie aufs Ufer zuruderte, eine Idylle auszumalen: In einem einsamen, kaum noch bewohnten Dorf in den Cevennen, wo die Großmutter noch vor Kriegsende und der Geburt ihres Kindes gezwungenermaßen habe leben müssen, sei ihr, dem anhänglichen Enkelkind, als Erbe ein Haus, gemauert aus Feldsteinen, zwar klein, doch voller Bücher, zugefallen, unter ihnen einige aus dem Besitz des entschwundenen Großvaters, von dem kein Photo, kein Brief, nicht einmal eine Postkarte gezeugt hätte. Und in dem Cevennenhäuschen mit den dicken Mauern und dem tiefen Fluchtkeller - »Monsieur müssen wissen, daß dort bis weit ins achtzehnte Jahrhundert die Hugenotten Zuflucht suchten« - habe sie während Ferienzeiten - »Und zwar mit grand-mère gemeinsam« - viele Erzählungen von Storm, Keller und Raabe lesen dürfen, aber auch »Irrungen, Wirrungen«, das Lieblingsbuch der Großmutter, zu studieren begonnen. So früh sei sie auf den Unsterblichen gekommen: »Keine sechzehn war ich, als mich grand-mère mit Lene und Botho bekannt gemacht hat.« Jetzt noch könne sie den Anfang der schöntraurigen, aber auch ein bißchen dummen Geschichte hersagen: »An dem Schnittpunkte von Kurfürstendamm und Kurfürstenstraße, schräg gegenüber dem >Zoologischen<, befand sich in der Mitte der siebziger Jahre noch eine große, feldeinwärts sich erstreckende Gärtnerei ... « Noch immer ruderte Madeleine ihren Großvater in Ufernähe. Deutlich sah man die Muskeln ihrer Ober- und Unterarme. Sie ruderte mit Ausdauer. Bei eng geschlossenen Knien hielt sie den Rücken gerade. Unter spitzem Nasenwinkel lächelte ihr kleiner Mund beim Sprechen, während ihre Augen, die im schmalen Gesicht groß wirkten, ernst blieben, dunkel von soviel Klugheit und früh gesammeltem Wissen; ein immer aufmerksamer, von Heimlichkeiten am Rande des Sees - auf Uferwegen, hinter Holundergebüsch - nicht abzulenkender Blick, der uns dennoch nicht ausließ, sagte sie doch: »Attention, Monsieur! Hier hat alles Ohren,

sogar die Natur. Vielleicht spricht man deshalb in Deutschland gerne von lauschigen Plätzchen.« Fonty, der seiner Enkeltochter ausgehungert und wie nach langer Fastenzeit zuhörte, stellte nur selten vorsichtige, nach Einzelheiten tastende Fragen: Ob in der Stadtmitte von Lyon noch immer der Bahnhof Perrache in Betrieb sei? Er habe von rasend schnellen Zügen gelesen, mit denen man in zwei Stunden schon Paris erreiche. Ob es im Vorort Limonest noch immer das Café de la Paix gebe, in dem einst Monsieur Blondin hinter der Theke gestanden und ihm, dem gottverlassenen Soldaten, einen und noch einen Pastis eingegossen habe? Und dann erst, ängstlich verzögert, wollte er wissen, welche Schrecken das Kriegsende, bei aller Siegesfreude, mit sich gebracht habe, ob Madeleine Blondin in jenem einsamen Cevennendorf mit ihrem Kind ganz allein gewesen sei und weshalb das Kind - »Man sagte mir, meine Tochter heißt Cécile« - nicht später die Mutter zu sich nach Montpellier genommen und so deren Verbannung beendet habe. Die Enkeltochter versicherte, daß Lyons Bahnhof noch immer in günstiger Lage in Betrieb sei. Kummer und Ärger mit den Behörden, schließlich Krankheit gab sie als Grund an für den Verkauf des Café de la Paix in der Vorstadt. Schon Anfang der fünfziger Jahre wurde der verwitwete Gastwirt zu Grabe getragen. Gleich nachdem »La Terreur« als »épuration« inmitten Siegesfreude gewütet habe, sei die schwangere Großmutter kahlgeschoren in die Cevennen geflüchtet, heimlich nachts. Das einsame Haus dort habe leer gestanden und des Vaters Familie gehört. Und dort sei sie niedergekommen; nur eine alte Frau, die auf Kräutersuche war, habe ihr beigestanden. »Aber nein, Monsieur Wuttke«, rief Madeleine, »nie hat grand-mère sich wieder mit einem Mann eingelassen, so sehr verletzt ist sie gewesen. Und doch hat sie immer ganz liebevoll von einem Soldaten gesprochen, den sie als ein wenig schwärmerisch und absolut unmilitärisch in Erinnerung hatte und dem sie nichts Böses nachsagen wollte, obgleich er ihr, nach nur kurzem Glück, soviel Leid gebracht hatte. Mais non! Sie wollte von dort nicht weg. Da half kein Zureden. Maman, die ja schon mit siebzehn zuerst nach Aix und dann nach Montpellier gegangen ist, und auch mein Vater, Monsieur Aubron, haben sie immer wieder eingeladen: >Viens, Maman! Wir bauen extra für dich den Dachboden aus!< Aber sie wollte nicht, wollte nicht unter Menschen sein. Und so blieb sie in dem Steinhaus, dessen Fenster so schmal wie Schießscharten sind. Ich bin sicher, Monsieur Wuttke, daß Ihnen grand-mère's Festung gefallen würde. Alles ist voll Geheimnis dort. Steinkäuze gibt es. Auf dem

Hügel hinterm Haus stehen dunkle Zypressen gereiht. Man sieht sie aus der Ferne schon. Exactement! Ein alter Hugenottenfriedhof. Und hinter dem Hügel weitere Hügel, die blau und blauer werden. Steineichen, Kastanienwälder. Wir könnten in die Pilze gehen oder Ausflüge machen nach Saint-Ambroix, Alès und noch weiter, bis in die Ardèche. Dafür habe ich sogar grand-mère gewinnen können. Mit meinem >deux-chevaux< sind wir bis nach Barjac und weiter zu den Höhlen gefahren, von denen eine sogar >Grotte des Huguenotes< heißt, weil sich dort die Reformierten vor der katholischen Miliz, den gefürchteten Dragonaden, versteckt haben sollen. Schrecklich waren die. >Gestiefelte Missionare< hat man die Dragoner genannt. O ja! >La Terreur< hat in Frankreich eine lange Geschichte ... « Dann hörten wir nichts mehr. Madeleine ruderte das Boot in jenen Seitenarm des Neuen Sees, der gleich einem toten Gewässer modrig roch und in dessen einer Uferbiege das zerrissene scharlachrote Kleid auf Steine gebreitet lag. Aber Fonty hat uns gegenüber später beteuert, irgend jemand müsse den mordverdächtigen Fetzen weggeräumt haben, nichts Schreckliches habe die Stimmung eintrüben können, und gar nicht unheimlich sei seiner Enkeltochter der dunkle Wasserarm gewesen. Ich kann das bestätigen: Kaum war das Boot wieder in Sichtweite, sahen wir La petite gefragt und ungefragt plaudern. Noch lange hat sie ihrem Großvater die einsamen Cevennen, das festungsähnliche Haus der Madeleine Blondin, den Zypressenhain, aber auch das Elend hugenottischer Galeerensklaven ausgemalt und ihm erzählt, wie eine alternde Frau ihre nur kurz gelebte Liebe als Herzstück in Büchern suchte, die in einer Sprache hinterlassen waren, die fremd blieb, auch wenn sie erlernt wurde, zuerst mühsam allein, dann später, viel später mit dem heranwachsenden Enkelkind, das während Ferienaufenthalten rasch lernte und ihr, als die Augen in den letzten Jahren nachließen, sogar beim Schein der Lampe vorlesen konnte: immer wieder der armen Effi traurige Geschichte; mit welchen Worten die blasse Stine ihren Verzicht begründete; aber auch, wie entschlossen Lene Nimptsch ihrem Herzen befahl zu schweigen ... Im Gegensatz zu ihrer Großmutter, die überall - und sei es zwischen den Zeilen Trost suchte und fand, war Madeleine Aubron eine kritische Leserin. Als sie ihren Großvater aus dem düsteren Seitenarm wieder auf die glänzende Fläche des Neuen Sees ruderte und abermals in Ufernähe kam, bat sie ihn, ihr zu erklären, weshalb der Unsterbliche, den sie nie beim Namen nannte, aber als »unser Autor« in Besitz nahm oder als »Monsieur X« mystifizierte, in seinen Romanen zulasse, daß immer

wieder Standesbewußtsein die Liebe abtöten dürfe, und weshalb die Ordnung so traurige Siege der Vernunft verbuchen dürfe. »Bien sûr!« rief sie. »Sie werden mir jetzt die Gesetze einer ständischen Gesellschaft als zwar dünkelhaft, aber rechtens erklären und sich, wie unser Monsieur X, wenn auch bedauernd und voller mitleidendem Gefühl für die unglücklich Liebenden, an die standesgemäße Ordnung halten; doch mich hat diese resignative Tendenz oft sehr ärgerlich gemacht: Incroyable! Schon als Kind war ich, wenn mir grand-mère aus ihrem Lieblingsbuch vorgelesen hat, wütend, daß dieser langweilige Baron Botho die plapprige dumme Käthe, nur weil sie adlig war, zur Frau genommen hat und nicht seine Lene. Und dann hat er auch noch die Briefe, sogar alle getrockneten Blümchen, die noch von Hankels Ablage erzählen konnten und mit Lenes Haar gebunden waren, im Kamin verbrannt, damit nichts übrigblieb. Grand-mère hat immer gelacht, wenn ich wütend war auf unseren Autor. Doch einmal hat sie gesagt: >Wie gut, daß mir Théodore keine Briefe geschrieben hat. Pas un mot! Man hätte sie gefunden, als man mich holte. Und geschrien haben sie: 'La pute à boches!' Und bestimmt hätten sie seine Briefe verbrannt, wie sie mich am liebsten verbrannt hätten. Aber kahlgeschoren durch Lyon laufen war schlimmer als ein Scheiterhaufen.< Wenn grand-mère so etwas sagte, war sie ein wenig bitter. Sonst aber hat sie von Ihnen sehr lieb gesprochen und immer gelächelt dabei. Einmal, als ich den Sommer über die Ferien bei ihr verbrachte, sagte sie, als wir am Abend auf der Steinbank vorm Haus saßen: >Bien sûr, mein Théodore war ein Verführer und obendrein ein Schwärmer. Er konnte von diesem Schriftsteller französisch-reformierter Herkunft, der sein Gott war, so einfühlsam sprechen, als wollte er ihn in jeder Phase seines Lebens nachleben. Oft wußte ich nicht, wer zu mir sprach, wenn er von sich, zum Beispiel aus seiner Kindheit, erzählte. Immer hat ihm der andere über die Schulter geschaut, so daß er mir, so blühend jung er war, oft wie aus anderer Zeit und uralt vorkam. Vielleicht waren deshalb seine Radiosendungen, die er heimlich mit uns gemacht hat, so erfolgreich. Die Résistance verdankt ihm viel, o ja. Mein Bruder, der die Deutschen wirklich gehaßt hat, war ganz verliebt in Théodore. Jung waren beide und ich noch jünger. Wie Kinder, so albern. Und doch haben wir sehr ernst für dieses Partisanenradio gearbeitet. Das war schön, wir drei in einem Boot. Eines hieß 'La Truite', aber wir nannten jedes Boot 'Bateau-ivre'. Wir mußten ja, der Sicherheit wegen, häufig den See wechseln, was leichtfiel, weil überall stille Teiche zu finden waren. Und wo immer wir im Boot saßen, hat Théodore mit seiner leisen, aber ganz deutlichen Stimme aus Büchern gelesen. Und Jean-Philippe hat alles mit seinem Apparat

aufgenommen. Ich durfte rudern. Ach, war das lustig - bis alles verraten wurde und sie unseren Jean-Philippe und die anderen auch, die heimlich das Radio machten, im Gefängnis Mont-Luc gefoltert und zu Tode geschunden haben. Nur Théodore kam davon, glücklicherweise ... Doch mir hat später keiner glauben wollen, daß ich dazugehört habe, niemand, nicht meine Schwestern, sogar mein Vater nicht. Die Hure von einem boche war ich, die collaboratrice horizontale!< Das und noch mehr hat mir grand-mère gesagt. Sowas tut weh, nicht wahr? Doch nicht nur deshalb bin ich gekommen, Monsieur Wuttke! Oder darf ich zu Ihnen grand-père, nein, Großpapa sagen?« Sie durfte. Und jetzt kam Fonty zu Wort. Doch da seine Enkeltochter die Mitte des Sees anruderte, während er sprach, blieben wir zurück und in wachsender Distanz. Mehrmals ruderte sie den Kahn um die Vogelschutzinsel, war aus dem Blick, wieder da, abermals hinter Bäumen und Gebüsch und brachte sich und ihren Großpapa aufs Neue ins Bild. Dann sahen wir vom Ufer aus, wie Madeleine Aubron die Riemen einzog. Noch immer sprach Fonty mit sparsamen Gesten. Im sacht treibenden Boot hörte sie ihm zu. Wir ahnten ihren kleinen lächelnden Mund, die ernsten altklugen Augen. Nach langem Zuhören stand sie von der Ruderbank auf, ging, nein schwebte in ihrem blauen Hänger zum Heck, wo Fonty saß, nun ein wenig gebeugt. Sie umarmte ihn. Die Enkeltochter ging auf die Knie und umarmte den sitzenden Großvater. Ich hätte ein Photo machen sollen und noch ein weiteres Photo, doch Schnappschüsse waren nicht unsere Methode; obgleich wir sahen, wie Fonty am Ende seines langen und von behutsamen Gesten begleiteten Berichts umarmt und ihm danach von Madeleine eine winzige Schachtel überreicht wurde, gibt es kein Zeugnis von diesem feierlichen Moment, in dem der ehemalige Obergefreite und Kriegsberichterstatter Theo Wuttke, um Jahrzehnte verspätet, ganz inoffiziell und nach familiärer Zeremonie, einen französischen Orden bekam. Er wird seiner Enkeltochter erzählt haben, was Hoftaller bestätigt hat: Fonty gehörte zur Résistance, nein, nur zeitweilig war er auf seiten des französischen Widerstands oder genauer: Der Obergefreite Theo Wuttke ließ sich ab Frühjahr 44 von einer kleinen, isoliert aktiven Partisanengruppe benutzen. Nicht, daß er im Untergrund mit Sprengsätzen Munitionszüge oder Brücken in die Luft gejagt hätte., aber einen Partisanensender, der dreieinhalb Monate lang in Betrieb blieb, hat er mit halbstündigen Vorlesungen bedient, die für die Soldaten der Besatzungsmacht bestimmt waren. Er las insbesondere aus den Büchern des Unsterblichen, nicht nur

aus den Romanen, auch aus dem schmalen Bändchen »Kriegsgefangen, Erlebtes 1870«, in dessen Kapiteln er seine Liebe zu Frankreich mit seiner Kritik am französischen Chauvinismus ins Gleichgewicht gebracht hat. Diese vormittäglichen Rundfunksendungen, die auf plumpe Propaganda verzichteten, sollen erfolgreich gewesen sein, besonders ab Beginn der Invasion. Es hieß: Des vorlesenden Soldaten Stimme brilliere in Dialogpassagen, gebe Nebensätzen ironische Bedeutung, pflege den mal knappen, mal ausschweifenden Plauderton, könne wohltönend weich, aber auch von preußischer, alles aufs Kurze bringender Schärfe sein. Und da der Soldat seine Lesungen - etwa aus »Schach von Wuthenow« - mit Kurznachrichten von der Invasionsfront unterbrach oder vom Attentat im Führerhauptquartier Wolfsschanze ohne Tendenz, eher sachlich berichtete, wobei er die Kämpfe um Caen mit dem normannischen Herkommen der erfolgreichen Attentäterin Charlotte Corday und den am mißglückten Attentat beteiligten Adel geschickt mit Preußens ruhmreicher Geschichte verquickte, gelang es ihm, den Kampfgeist der bereits angeschlagenen Wehrmacht durch beiseite gesprochene Nachdenklichkeiten zu schwächen, jedenfalls im Besatzungsbereich Lyon. Uns hat Hoftaller versichert, daß man dieses Verdienst erst nach langen Recherchen einem anfangs namenlosen deutschen Soldaten zugesprochen habe. Dabei hätte seine Dienststelle behilflich werden und endlich den gesuchten LuftwaffenObergefreiten ausfindig machen können. Doch erst ab Mitte der achtziger Jahre wäre man auf französischer Seite bereit gewesen, den Namen Theo Wuttke in Erwägung zu ziehen. Es war wohl Hoftaller persönlich, der sein Objekt namentlich anerkannt sehen wollte; dank seiner Firma verfügte er über Kontakte zur Kommunistischen Partei Frankreichs. Und seit vier Jahren schon stand er mit Madeleine Aubron in Verbindung, teils über vermittelnde Personen, teils direkt, anläßlich einer Dienstreise, die uns von beiden als Ortstermin mit dem Datum Mal 87 bestätigt wurde. Als der Arbeiter- und Bauern-Staat sein vierzigjähriges Jubiläum begehen wollte und ihm seinen weiteren Bestand abstützende Feierlichkeiten als Planziel sicher waren, sollte Theo Wuttke im Rahmen des Festprogramms offiziell geehrt werden; doch als es soweit war, kamen in Frankreich Bedenken auf, weil sich bereits das Ende des zur Selbstfeier bereiten Staates abzeichnete. Nur so können wir uns die Übergabe des winzigen Kästchens erklären, die bei einer vormittäglichen Bootsfahrt stattfand, als die knieende Enkeltochter den sitzenden

Großvater dekorierte und ihm sogar eine Urkunde übergab, die allerdings nur durch Madeleines Handschrift und von keinem Behördenstempel beglaubigt war. Jedenfalls trug Fonty seitdem am linken Revers seiner Jacke bei besonderer Gelegenheit ein kleinfingernagelgroßes Ordensband. Wenn wir ihn nach der Bedeutung des signalroten Tupfens fragten, schwieg er vielsagend oder redete sich auf den Maler Corot heraus, in dessen grünen Bildern stets und raffiniert versteckt ein Blutstropfen zu finden sei; allenfalls sagte er: »Die Compagnons de la Résistance glaubten, meine Vortragskunst auszeichnen zu müssen. Doch diese Fähigkeit wurde schon früh im Tunnel über der Spree gelobt, etwa von Merckel, als ich mit balladeskem Ton den Tower in Brand steckte und die versammelten Tunnelbrüder von der in Versen angezettelten Feuersbrunst nicht genug hören konnten. >Da capo<, riefen sie; wenngleich das Feuer, wie wir wissen, dem Tower nichts anhaben konnte ... « Was noch alles im Boot erzählt, berichtet oder nur leichthin zwischen Heck und Ruderbank geplaudert wurde, hörten wir nicht. Nur einmal, als Madeleine ihren Großvater wieder in Ufernähe ruderte, schnappten wir Wortfetzen auf, die auf »Irrungen, Wirrungen« schließen ließen. Von einer Kutschfahrt durch die Hasenheide zum Friedhof und von Immortellen auf dem Grab der alten Frau Nimptsch war die Rede. Später parodierte Madeleine die dumme Käthe: »Ach, das ist zu komisch ... der Laubfrosch!« Und Fonty rief den Schlußsatz des Romans: »Gideon ist besser als Botho!« Seine Stimme trug auf dem Wasser. La petite wiederholte diese Behauptung, woraufhin Großvater und Enkeltochter zweistimmig lachten und sich Madeleines eigentlich kleiner Mund zu clownesker Größe weitete. Dann riefen sie abwechselnd oder gleichzeitig: »Gideon ist besser als Botho!« Mal klang das lustig, mal verzweifelt, schließlich sogar höhnisch. Immer wieder, als müsse ein Urteil gefällt oder das Schicksal als unabwendbar beschworen werden, riefen beide und bildeten mit den Händen Trichter: »Gideon ist besser als Botho!« Bald kam von anderen Booten und von der ans Ufer grenzenden Liegewiese Antwort: »Wer is besser? Stimmt watt nich, Opa?« Wir begriffen sofort den weittragenden Doppelsinn dieser abschließenden Wertschätzung. Madeleine Blondin hatte sich zwar geweigert, wie Lene Nimptsch eine zweite Wahl zu treffen, vielmehr ist sie mit ihrer abgekapselten Liebe in den Cevennen einsam geblieben; doch ihre Tochter Cécile flüchtete, kaum war sie knapp siebzehnjährig der Mutter aus bergiger Einöde entlaufen, nach Montpellier

und in die Ehe mit einem Automechaniker namens Gilles Aubron, der, beträchtlich älter als sie, dem Cevennenkind Halt gab und ihm proletarische Prinzipientreue versprach. Später, mit eigener Werkstatt, kam sogar ein wenig Wohlstand zusammen. Als das einzige Kind dieser offenbar glücklichen Ehe davon seinem Großvater beim Rudern erzählte und ihm ein streng behütetes Familienleben bis hin zu Tischsitten und Sparvorschriften ausgemalt wurde, hörten wir ihn eher halblaut als weithallend sagen: >Jaja. Selbst ein Gilles ist wohl besser als ein Théodore.« Danach wechselten sie den Platz. Ganz schnell ging das, leichtfüßig. Sobald sich Fonty wie ein gelernter Ruderer in die Riemen legte, rief Madeleine: »Bravo, Großpapa!« Mit hochgezogenen Knien, die sie umklammert hielt, hockte sie auf der Heckbank und zeigte uns ihren spitzen Nasenwinkel. Der rudernde Greis mochte inwendig an einem Vierzeiler arbeiten, der später in einem Brief an seine Tochter Martha in Reinschrift stand: Wir haben uns in einem Boot gefunden, das schon auf frühem Wasser leichte Liebe trug. Nun zählen wir die nachgelaßnen Wunden, das Herzeleid - und was uns sonst noch schlug. Erst als der Großvater alle Reime beieinander hatte und ihm, wie er sagte, »nach einem Cognac zum Kaffee war«, ruderte er seine Enkeltochter, die, wie sie sagte, »ein richtiges Bier zischen« wollte, in Richtung Anlegesteg und Terrassen-Café, wo ich schon unter Kastanien saß, bei einer Selters und, abgewendet, mit Notizen beschäftigt. La petite trank noch ein zweites Bier. 22 Zu dritt im Boot Waren schön anzusehen, die beiden, nun unterwegs: der mit Stock ausschreitende Greis und das schritthaltende Mädchen, seine siebzig, ihre zweiundzwanzig Jahre, er rüstig im knittrigen Leinenanzug, sie zierlich in ihrem Blau in Blau geblümten Hänger versteckt, sein in der Mittagssonne loderndes Weißhaar, ihr dunkler, von keinem Kamm zu glättender Strubbelkopf, Großvater und Enkeltochter auf städtischem Pflaster - wir hinterdrein. Vom Alexanderplatz, wo sie den Fernsehturm mit Rundblick von oben für später aufsparten, zum Palast der Republik, der von Amts wegen - asbestverseucht! geschlossen war, über die Französische Straße am Dom vorbei, rechts ab in die Glinka-, links ab in die Behrenstraße, wo die stolze Frau von Carayon mit wenig ansehnlicher Tochter gewohnt hatte und der Schönling Schach von Wuthenow in

die Ehefalle getappt war; Fonty hielt im Vorbeigehen einen Vortrag über die Macht des Ridikülen. Und nun übers letzte Stück der Otto-Grotewohl-Straße zum Pariser Platz, wo Max Liebermann sein Atelier gehabt hatte, und dann durchs große Tor der diesmal nicht zitierten Einzugsgedichte, auf dem die Quadriga, weil nach Jahresbeginn in Reparatur, fehlte; die beiden gingen auf den Tiergarten zu. Gegenüber dem Sowjetischen Ehrenmal, zu dem als mittlerweile verjährtes Siegessymbol naturgetreu ein Panzer gehörte, bogen sie links ab. Er führte sie auf altbekannten Wegen. Sie henkelte sich bei ihm ein, ließ wieder los, hüpfte mit tänzelndem Wechselschritt mädchenhaft voraus, um als junge Frau abermals seinen Arm zu suchen. Er wies erklärend und mit knappen, manchmal wegwerfenden Gesten auf Denkmäler und Skulpturengruppen. Sie gab vor zuzuhören. Der beginnende Herbst bestimmte dem Tiergarten die Farbe, doch die Kastanien wollten noch immer nicht fallen. Vorbei an Friedrich Wilhelm III., dessen jeden Satz zu Kleinholz hackende Redeweise wir nachzuahmen gelernt hatten, aber Fonty war besser: »Wollen hier gnädigst geruhen ... Oder bevorzugen Blick auf Luise ... Dort Bänke genug ... « Nein, sie mußten sich nicht verschnaufen. Erst als sie auf dem Großen Weg und dann auf Nebenwegen die schönste Aussicht zur Rousseau-Insel fanden, wollte Madeleine neben ihrem Großvater und auf dessen Lieblingsbank sitzen. Mit ihm vergnügte sie sich an den Kunststücken des Haubentauchers, der mal weg, mal da war, unverhofft, plötzlich, nach Lust und Laune; und nach jedem Auftauchen triumphierte seine elegante Frisur unbeschädigt. Madeleine rief: »Bravo!« Auch das brachte Spaß: auf einer Bank zu sitzen und allen Vorbeigehenden, unter ihnen Türkenfamilien, ältere Damen und dann und wann ein keuchender Jogger, teils witzig, teils boshaft nachzureden. Zwischendurch plauderte er über Schottland und das schottische Clanwesen, und sie nahm ihren reiselustigen Großvater übers Kalkgestein der Cevennen mit, bis hin zum verriegelten Haus der Großmutter, auf dessen kühler Schwelle Abend für Abend eine Erdkröte wartete. Madeleine hatte den Schlüssel, Madeleine wußte, wo Pilze standen, Madeleine war, wie ihre Mutter, ein Cevennenkind. Sie fragten einander ab, wollten alles genau, noch genauer wissen. Welche technischen Voraussetzungen für die Lesungen im Ruderboot notwendig gewesen seien. »Und die Geräusche des Wassers, die Vögel im Mal, die vielen Frösche?« Ob man bei den Tonbandaufnahmen immer zu dritt gewesen sei. »Hat denn grandmère überhaupt etwas von Tontechnik verstanden?«

Erst nach der Maueröffnung wurde die Übergabe bewilligt.« . Später. wenn vom Kommunismus die Rede war. kahlgeschoren und im Schandhemd durch die Straßen von Lyon getrieben wurde. weil sie von einem deutschen Soldaten schwanger war. In ihrem Rücken stritten Vögel um überreife Holunderbeeren. obgleich das in meiner Familie Tradition ist.. bis zum Schafott . als sie einsam in den Cevennen saß. daß ich von Domrémy bis zur Festungsinsel Oléron keine Station ausließ. Nicht jeder macht sich verdient. der wahre Kommunismus. Wie Ende August das Gefängnis gestürmt und die noch Überlebenden befreit wurden. Habe sogar bei meinem Lesevortrag einem unermüdlichen Kuckuck zwischen den Sätzen Platz eingeräumt.alle tot. und sagte: »So etwas kann man nicht teilen. Théodore weggelaufen -. mein Kind.vollenden wollte: »Der Seeräuberei beschuldigt. »Bien sûr. das weiß ich immer noch nicht.. für den Partisanensender aus den Kapiteln des Buches »Kriegsgefangen« zu lesen. « Sie saßen lange auf Fontys schattiger Lieblingsbank. auch den Orden für meinen lange verschollenen Großvater habe ich beantragt und alles durchgeboxt. »Waren Sie das.Wer den Vorschlag gemacht habe. der die deutschen Soldaten an Schillers Jungfrau erinnern wollte?« »Nein. Und erst der Barbie-Prozeß brachte . Nein. Ja. weil entlastende Zeugen fehlten . als sich die KPF wieder mal querstellte. Und die Stimmen der Natur störten überhaupt nicht. nannten sie einander Gleichteiler. niemand übrigblieb.. bis alles aufgeklärt war und sie in allen Zeitungen eine Heldin genannt wurde. Wie immer. das sie dem Großvater angesteckt hatte.« Danach die Frage nach dem Verrat: Wer hatte geplappert? Eine der Schwestern? Und wer kam nachts? Gestapo oder Gendarmerie? Die leisen Antworten: Wie Madeleine Blondins Bruder im Gefängnis Mont-Luc von deutscher Hand zu Tode kam. kam Fonty auf das liegengebliebene »Likedeeler«-Projekt des Unsterblichen. das er im Balladenton als Epos gestalten und -wenn möglich . Wie Madeleine Blondin.. Jean-Philippe bestand darauf. Großpapa.»zu spät für grand-mère« beiläufig an den Tag. Eher verstehe ich mich als Trotzkistin. Jedenfalls glaubte ich mich für eine kleine Zeremonie befugt. wieviel Unrecht sie hat erdulden müssen. « Doch Madeleine deutete auf das rote Ordensbändchen. aber was das bedeutet. ich habe nicht lockergelassen. hat man sie sogar der Verräterei verdächtigt. Ich bin sehr stolz auf meinen Großpapa. Wie von der Partisanengruppe. außer Madeleine. vielleicht steht es mit dem wahren Christentum ähnlich . ich bin nicht Parteimitglied.

an der. Kommandos. mithin bei den flüchtenden Glaubensgenossen der calvinistischen Lehre. als er sie die Potsdamer Straße hoch bis in Höhe einer Bolle-Filiale und einer breitflächigen Videothek führte: »Hauptsache. Großvater und Enkeltochter nahmen den Rückweg in Richtung Königin Luise und weiter zum Kemperplatz. wies er auf einige übriggebliebene Linden. Dazu die Weite. ich sage: ein erlaubter Trick. Eine Weile sahen sie nur dem Haubentaucher zu. nach früherem Verlauf der Potsdamer Straße. wenn uns nicht sicher gewesen wäre.Fonty wehrte sich ein wenig: »Hab nur vorgelesen und wußte nicht mal genau. etwas mehr als hundert Meter von der Eichhornstraße entfernt. waren sie bald wieder in den Cevennen. Und weil dieser Wasservogel das Prinzip des Untertauchens so anregend verkörperte. Übrigens waren alle Blondins. doch immer wieder behindert und aufgehalten vom vielspurigen Verkehr. Welch ein Unsinn. diese Leere. in der man sich leicht verlieren kann. Schloß Wuthenow und die Tempelhofer . selbst wenn sie sich für gläubige Kommunisten hielten. Wohl deshalb schlug er seiner Enkeltochter einen kleinen Selbstbetrug vor . grand-père. nur ein umzäuntes Übungsgelände. und die Aubrons sind es noch immer. Ödnis und in ihr einige Großbauten von imposanter Verlorenheit. denen einzig mit Hilfe einer historischen Adresse Bedeutung aufgeschwatzt werden konnte. Gebell. hinter dem auf rundem Hügel ernsthaft in Reihe Zypressen standen. Sonst war da nichts. daß Fonty nur eines im Sinn haben konnte: Er wollte die Stelle finden. Hier hatten sie nichts zu suchen. das dreistöckige Johanniterhaus 134 c gestanden hatte. Nahe der Rückfront der Staatsbibliothek. die sich mal hier. streng reformiert. Staub. die Hausnummer stimmt!« Nach neuer Numerierung lag der Gebäudetrakt 134 C zwischen Foto Porst und der Bülow-Apotheke. Und schon wartete das verriegelte Haus der Großmutter. mal dort versteckt halten mußten. für wen. auf dem ein Züchterverein Hunde dressierte. nahe der gleich einem gestrandeten Schiff hochragenden Philharmonie. abermals auf Besuch: »Ein solches Refugium könnte Ihnen gefallen. hätten wir sie beinahe verloren. bei den Hugenotten und Hugenottenkriegen. nach unserer Meinung. doch Madeleine spielte mit und ließ sich von Fonty leicht überzeugen: »Mögen meine Fußnotensklaven ihr papiernes Lächeln aufsetzen. Hier. war kein Held!« Zu diesem Eingeständnis machte er ein amüsiert verlegenes Gesicht.er sprach von »zwinkernder Wahrheit« -und rief.« Dann gingen sie. sogar ich ein bißchen. Unansehnliche Neubauten der Nachkriegszeit.

Wirrungen< vor. soviel sei behauptet. Mal floß es nur so. Jedenfalls fällt uns zu 134 C mehr ein als bloß ledernes Archivwissen. So verhält es sich mit der Literatur.und nur im übrigen ein Scheusal. mein Kind. Schrieb an meinen Verleger Hertz: >Immerhin. dem Vorgarten und dem Balkon überm Hauseingang. Metes Kammer mitgezählt. kaum war der Sekretärsposten bei der Akademie abgeschüttelt. Die in Berlin übliche Barbarei. und belebte sogleich den nichtssagenden Neubau: »Und hier. Nur ein halbes Jahr später war in der Hirschelstraße der erste Roman in der Mache. stand nach unserer zwinkernden Übereinkunft das Haus des Brandenburgischen Johanniterordens mit der Mansardenwohnung im dritten Stock.aber auch in der Sommerfrische oder allein in Klausur.am 3 Oktober übrigens . dicken wie dünnen. Eine Kette von Kränkungen. Deshalb ist jeder Hochstapler novellistisch angesehen ein Gott . bald nach der Gefangenschaft und der zweiten Frankreichreise. Oft quälte mich stundenlanger Nervenhusten. Nach der Rückkehr aus London hausten wir in der Potsdamer 33. Anno zweiundsiebzig. kam es .Kirche hat es auch nie gegeben. Vorher mußte immer wieder die Wohnung gewechselt werden. Zugegeben: Wir wohnten beengt. Und grad war >Stine<.« Auf der gegenüberliegenden Straßenseite standen beide so gedankenverloren. Selbst Täuschung. wurde mit schwer verkäuflichen Büchern. da kam in zwölf Bänden die erste Werkausgabe heraus. Und dann. Umzug nach Umzug. Waren froh. was sich herbeispekulieren ließ. Das schleppte sich hin. Reizte mich kolossal.. als könne der Verkehr und dessen Gebrüll sie weder stören noch in die Gegenwart zurückrufen. erschienen. Schon nächstes Jahr kann >Unwiederbringlich< ein . dem Klo auf dem Hof. in dem Mansardenloch zum Schlußpunkt. kaum war der Alexis-Essay im Vorabdruck raus. <Jedenfalls lagen vor gut hundert Jahren >Irrungen.zum Einzug. 510 Exemplare auf 60 Millionen Deutsche verkauft . dann in der Tempelhofer 51. als die Söhne außer Haus waren. Die Dichtung darf alles.. Fonty wies mit ins Leere greifender Geste auf alles. wenn sie nur glückt. ging es erst richtig los. War damals schon reparaturbedürftig. vier Zimmer nur. ist erlaubt. Wurde gegen Ende der zwanziger Jahre abgerissen. Doch hier. Kind. Da drüben . Nichts erinnert daran. denn erst gut fünfzehn Jahre später kam >Vor dem Sturm< hier.. dann wieder drippelte es mäßig. zum Beispiel in Hankels Ablage ist eines alten Mannes späte Ernte eingefahren worden: vom >Schach< bis zum >Stechlin<. wenn die Familie >unsere traurige Lage< bejammerte. Nach dem ersten Wanderungsbuch hieß die eher miese Adresse Alte Jacobstraße. Und dann die Kritik. obgleich ja das Wichtigste noch im Tintenfaß steckte. der Unsterblichkeit das Fundament gelegt. da oben etwa. mein bleichsüchtiger Liebling.

in Papierbeuteln zum Ziehenlassen serviert wurde. das überdies »Imbißstube« hieß. Verkaufte sich gut. einem mürrisch hinkenden Invaliden. auch nicht. klopfte schon der alte Stechlin an. natürlich die Schreibhand. Hoffentlich verwechsel ich nichts . die wissenschaftlich korrekt zurechtgelegt waren. muß ich mich setzen. wäre das Archiv mit breiterer Antwort dienstbar gewesen. Der Jude Neumann.. Ach. der ihnen vom Wirt. Jedenfalls zählte er weit weniger als dazumal ich . der aber gar nicht so alt war. Madeleine versuchte. genauer. Denn nicht das Vergessen. kroch aber durch alle Ritzen. Aber was heißt schon gut: zweite Auflage. Sogleich erschlug der Lärm des nachmittäglichen Verkehrs allen herbeigeredeten Zauber.. im Manuskript so gut wie fertig. schräg gegenüber der besonderen Hausnummer. ging nicht zur Reichstagswahl. zu streicheln begann und mit gleich zärtlicher Stimme »Darf ich fragen?« sagte. Damals war die Treibelsche. dazu einen Weinbrand. Die Politik blieb draußen. Kind... Schrieb an Brahm oder Friedlaender: >Arm in Arm mit Neumann fordere ich mein Jahrhundert in die Schranken!< Dann kam die Krankheit. Kind. diese Elektroschocks in Breslau. und nie haben wir auf Bismarcks Geburtstag geflaggt.rundes Jubiläum feiern. frag. Meine Emilie kam mit dem Abschreiben kaum nach.« Fonty ließ seine auf ein Phantom weisende Hand sinken. Denn bevor >Effi< als Buch auf die Reise ging und erstaunlich viele Liebhaber fand. Doch als die Enkeltochter des Großvaters Hand. wo nichts geblieben ist. denn als sie nach den »Poggenpuhls« zu forschen begann.. die Funktion der wenigen Möbel in der Wohnung der verarmten Adelsfamilie erklärt haben wollte.. uns gegenüber. Am Fenster fanden sie einen Zweiertisch und bestellten Tee. Zweieinhalb Stunden lang saßen sie in der Imbißstube. Doch jetzt. Fonty nannte das dürftige Mobiliar einen »standesgemäßen Armutsspiegel«.. Aus einem Guß. . nickte er: »Frag nur. mit immer kürzer werdendem Blei zu Papier. aber Bismarck meint oder umgekehrt . sagten die Ärzte.. Madeleines Fragen. Gleich drauf >Effi< zum Schluß gebracht. kein besorgtes Gesicht zu machen. Gehirnanämie. Fonty wirkte ein wenig erschöpft. nicht nur auf dem Weihnachtsmarkt in Swinemünde. Endlich brachten die >Kinderjahre< Heilung. Begann mit Effi. Alles Mumpitz. « Aber Madeleine Aubrons Fragen waren nicht auf Politisches oder das preußische Militärwesen erpicht. beantwortete er in einem nahen Café. wenn man Moltke sagt. deren Bagage übrigens ganz von heute sein könnte. sondern das Verwechseln ist das Allerschlimmste. Nein. Sie hätte besser uns befragen sollen. Kind. das alles kam hier.

und Bauern-Staat forschende Physiker Manfred von Ardenne vermittelt haben soll. und . Als ihr der Großvater von einem Vortrag berichtete.Wir hätten ihr eine kommentierte Inventarliste vorlegen können. als wieder einmal die Literatur auf Parteilinie gebracht wurde« -.»Das muß im Dezember fünfundsechzig. Zudem hat Fonty mit Effis Vorbild. es sei denn. Nicht ohne Neid müssen wir anerkennen. von Elisabeth als einer überlebenden Effi zu hören. wie man sagt. so hatte auch sie keine Mühe. es mußte die Imbißstube in der Potsdamer sein und ein wackliger Zweiertisch. für die Katz gewesen. wenn schon nicht im Archiv. jener steinalten Elisabeth von Ardenne. Wir hätten vielleicht zu kühl und distanziert geantwortet. « »Aber nein. wenn wir das Paar so eng beieinander gesehen hätten. aber nein. Fonty schwärmte sogar von Begegnungen während einer Zeit. denn Madeleine fragte so unmittelbar beteiligt. sie hätte die Crampas-Briefe verbrannt . Wirrungen« den Fall der Lene Nimptsch quellengetreu verwendet zu haben: »Beide.. in der man noch mit dem Interzonenpaß reisen durfte. dessen Beginn der im Arbeiter. einen jahrelangen Briefwechsel geführt. danach um Quellenmaterial allgemein und insbesondere für »Effi Briest«. Madeleine war froh. aus anderer Zeit und wie vorgestrig zu sein. geführt worden. durften überleben. »Und hätten Sie nicht originalgetreu gedichtet.der Zeitungsärger wegen des Einspruchs holländischer Kolonialherren widerfahren und als habe ihr erst kürzlich der Unsterbliche vom Fall jener Elisabeth von Ardenne erzählt. nein. räumte er ein. doch Effi war nicht zu retten. die wir den »Poggenpuhlschen Salon« nannten. Und wäre dieses Gespräch. als sei ihr persönlich . wir vom Archiv wären fehl am Platz und womöglich für kindische Eifersucht anfällig gewesen. Damit konnte das Archiv nicht konkurrieren. gleich nach dem elften Plenum gewesen sein.. wäre Lene womöglich aus Kummer gestorben. dann in der Kollwitzstraße und also in der guten Stube der Wuttkes. Sie entsprachen einander eingespielt und hätten unsereins kaum bemerkt. die zum Modell getaugt. aber die Veröffentlichung des Effi-Romans bis in die fünfziger Jahre des folgenden Jahrhunderts überlebt hatte. Dann ging es um die späte Ballade von den »Balinesenfrauen auf Lombok«.und gestern noch . das Original und der literarische Abklatsch. den er zum Thema »Quellenmaterial und Fiktion« für den Kulturbund gehalten hatte . in »Irrungen. hätte Fonty angesichts des »Trumeau« anschaulicher geantwortet. Großpapa. das Leben schien gnädiger als die Literatur zu sein. daß die Enkeltochter vom Holze des Großvaters war. Wie er. dann hätten wir ja nichts zum Weinen gehabt!« rief Madeleine. Ein ganz unnatürliches Ende! All die vielen Motivverkettungen wären umsonst oder.

wo sie immer noch ungebrochen den katholischen Friedhof der St. um die Stelle zu finden.eine Schlittenpartie vorzutäuschen. Das gefällt mir sehr. Dann besuchten sie den Französischen Dom und im Turmhaus das Hugenottenmuseum. die später schlicht »Schwartzkopffstraße« heißen sollte. das offene Ofenfeuer. Außer dem Grab des Unsterblichen war in Resten die Grenzmauer sehenswert. Lange standen sie dem restaurierten Grabstein gegenüber. und sei es. eine kaputte Harfe. den sie für diesen Zweck mitgebracht hatte.noch bevor sie in Hankels Ablage in einem Zimmer übernachten . teils .« Andere. Häufig liefen sie Unter den Linden rauf runter. aber anderntags war Fonty wieder mit Madeleine unterwegs.meine Magisterarbeit wohl auch. um den nahegelegenen Friedhof der französischen Domgemeinde zu besuchen. Richtig weinen mußte ich.den Wiesenblumenstrauß mit ihrem aschblonden Haar bindet. wenn ich Sie daran erinnere. Und auch dorthin führte ein Stadtbummel das Paar: Sie fuhren mit der Straßenbahn bis zur U-Bahnstation »Stadion der Weltjugend«. um auf dem Salz . unter ihnen Chodowlecki-Radierungen. weil es immer Nebensächlichkeiten und keine dicken Leitmotive sind. auf dem der Große Kurfürst die Réfugiés empfängt. denn ich schreibe über kunstvolle Verknüpfungen von Motiven. später jedoch. Könnte ich auch jetzt noch. gegen Schluß. besonders dort. Immer wieder der Tiergarten. trennten sie sich bei der nächsten S-Bahnstation. die Lieblingsbank. darüber weinen . O ja! Da hab ich geweint. zwei Kacheln aus den Cevennen. ferner ein Stadtplan der Handelsstadt Lyon. wenn ich grand-mère in den Cevennen besucht und ihr vorgelesen habe. « Als sie gingen. Es waren die letzten Septembertage. wie Lene auf Bothos Wunsch . Großpapa. die schreckliche Bartholomäusnacht und das berühmte Gemälde. teils frische.-Hedwigs-Gemeinde einengte. Verzeihen Sie. »In Frankreich sind diese Strohblumen noch üblich. die wiederholten Ruderpartien. vor den Madeleine einen Kranz getrockneter Immortellen legte. darin in einem verglasten Schrank die Belagerung von La Rochelle. Das Wetter hielt sich. die das Hugenottenkreuz abbildeten.. wo die hochnäsigen Offiziere vom Regiment Gendarmes zu Zeiten Schachs eine verschwenderisch große Ladung Salz gestreut hatten.. eine Blechdose für die Kollekte und Sanduhren für die Prediger der calvinistischen Gnadenwahl zu bewundern waren.bei sommerlicher Hitze . Großpapa. einfach zu Asche verbrannt wird. viele Stiche und Bilder. das getrocknete Sträußchen mit Lenes Briefen vom dummen Botho verbrannt. woanders die gipserne Totenmaske Heinrichs IV. zum Beispiel über den Immortellenkranz..

das bis vor kurzem todsichere Grenze gewesen war. daß seine Enkeltochter in Paris in etwas verstrickt war. wenn mein Wuttke. So erklärt sich. Und immerzu sagt er.über Emilie. Wir wußten mehr. doch wohlweislich hielten wir uns zurück. »Wie soll ich nichts merken. doch woanders war der Groschen noch schneller gefallen. daß das gesund ist. andererseits haltbare Ehe des Unsterblichen. das ihm die Studentin. Lauter Dinge. was Wuttke hieß. doch vermied Fonty. »Mein Gottchen!« rief Emmi. Anfangs hab ich noch geglaubt. sowie über die einerseits schwierige. Was immer sie zu sagen hatten. Diese vielen Verdächtigungen. Andererseits war Madeleines Verhältnis zu einem verheirateten Professor dem Großvater keine Frage wert.er sarkastisch. Und Madeleine beschwichtigte ihre Neugierde. daß Fonty und seine Enkeltochter nur bis zur Volksbühne am RosaLuxemburg-Platz gelangt sind. nun Kulturbrauerei vorbei bis zu den Offenbach-Stuben geführt und sie dort zu einem Glas Wein eingeladen. Dort wurde er sogleich wieder historisch. die nur selten und dann neutral von ihrem Professor sprach. Nur beiläufig hat sie nach dem Prenzlauer Berg und dessen kulturpolitischer Bedeutung gefragt: »Man liest soviel Häßliches darüber. sie mitfühlend . sein bürgerliches Familienleben in Vergleich zu bringen. Staub flog vom Ödland auf. selbst Martha und Marthas Hochzeit nicht. geborene Rouanet-Kummer.« Sein Eheleben blieb unbefragt. und nie hat er seine Enkeltochter an der ehemaligen Schultheiß-. Ein windiger Tag. ist da was dran?« Fonty wußte Antwort: »Niemand war sich auf dem Prenzlberg seiner selbst sicher. wenngleich er ahnte. das Archiv durfte nicht ins Gerede kommen. kam nicht vor. da is nich viel hinter . doch nie liefen sie die Schönhauser Allee hoch. Großpapa. über Rudern im großen und ganzen zu reden und was darüber bei . In keine der Szenekneipen führte er sie. fuhr mit ihr im Paternoster auf und ab und sogar über die Wendepunkte hinweg. soviel stimmt: Großvater und Enkeltochter sprachen . als »schwierige Beziehung« angedeutet hatte.aber dann? Wie er nu anfing. kaum sind wir von der See zurück.welke Gebinde lagen vor dem Stein mit den beiden Namen. Alles. Zwar besuchte er mit Madeleine das Haus der Ministerien. rudern geht jeden Tag. die ich nicht glauben mag. nie besuchten sie den Kollwitzplatz. wie er im Programm weiterführender Stadtbesichtigungen die Wuttkesche Wohngegend mit Bedacht aussparte. Wir hätten uns anbieten und ihr aus unserem Halbwissen einige mehr oder weniger poetische Spitzelgeschichten flüstern können.

hab ich nich viel gebohrt. Und da hab ich.. wo er doch meistens über die Gegend vom Atlantikwall. so daß ich gedacht hab: jetzt hat ihn die Invasion erwischt. daß wir bei meiner Tante Pinchen zwei Zimmer hatten und geheiratet haben. auch wenn er noch so groß geredet hat über die neue Zeit. als er den Kulturkrempel hingeschmissen hat . abgemagert.. nein. noch komischer als sonst. War aber nich. da hab ich gedacht: Das is wie früher. ganz zu Anfang. die noch bis Sommer vierundvierzig mit Feldpost kamen.tut mir ja leid -. als Kreissekretär in Oranienburg.. Na. was nachkam. Aber die Mutter hat sich och nich gerührt. als es schon war. über die vielen Bunker und ganz zum Schluß bißchen übern Endsieg geschrieben hat. als er aus Gefangenschaft kam und ganz runter war. was vom Rudern übriggeblieben war. War aber nich. bestimmt. Saß ganz gemütlich in Lyon und Umgebung. schon anderthalb. Und als er dann kam endlich.. Bestimmt über dreißig oder mehr. mit unserm Georg allein .. Ich hätt ihn trotzdem geheiratet. Da konnt ich zehnmal sagen: Wuttke.. und weil nu unser Teddy kam. Neuruppin sogar.. die Briefe alle einfach im Küchenherd . Wollt es nich schlimmer machen. der muß immer alles unter der Decke halten. als ich mal richtig Wut hatte. Kam ja ab Mitte vierundvierzig nix mehr von ihm für die Reichsluftfahrt. bis es schlimmer und schlimmer wird. Jedenfalls waren wir da schon verlobt. so geht das nich weiter. Schon seine Briefe. aber nich verheiratet. damit wir die Wohnung für uns behielten. weil er sich vom Kulturbund nich hat anstellen lassen. Wie er aber nu nachem Krieg wieder da war. bißchen jünger als unser Georg. Und all die Bombennächte . weil nu endlich die Arbeiterklasse . hätt ich gesagt. hab ich gedacht: Da muß was im Busch sein. von mir aus in Pasewalk. Aber ich hab gleich gemerkt: Da stimmt was nich. ziemlich zittrig und >nervenpleite<. weil Ja mein Wuttke nich da war. hab ich mich gefragt. in Lyon. Auf keinen Fall. Und was macht er da unten so lang... Hätt er mir ruhig sagen können. Soll ja schön sein da unten. wenn er schreibt: >Auf Frankreichs Flüssen und Seen kann man auch rudern?< Mit wem. War aber man gut. die nu anbricht.. wenn er mir nur ein Sterbenswörtchen geflüstert hätt. Na. wenn er von Ruderpartien in Frankreich redet und immer diese Lene aussem Roman im Boot hat. waren ziemlich komisch. über Aufbau und sozialistische Gesellschaft.seinem Einundalles steht.. Is ja verständlich. Genau. Was wollt er damit sagen.. na. Aber nein. bevor sie starb. seit einundvierzig schon. meinen Wuttke. wie er das nennt.die war so . Sie kennen ihn ja. daß da was passiert is vielleicht. als unser Georg kam. wo in Frankreich erst mal alles gegen uns Deutsche war und das arme Luder . hat er ja och nich gewußt. Forsch doch mal nach. Da war sein französisches Andenken. hat er gesagt. Und nischt zu heizen . Hab die ja leider alle verbrannt.

Is mir och so gegangen.. kann ich nur sagen: Klavierlehrer war der und: Schwamm drüber! Wer weiß.>Was ich noch sagen wollte. Wuttke. mit der S-Bahn bis Bahnhof Zoo und dann zum Lützowufer am Landwehrkanal lang und denn rüber über die Brücke innen Tiergarten rein. War richtig schön. >Mußt gar nich . Nur darauf kommt's an. Oder sie hat ihren Stolz gehabt. eigentlich hat er mir leid getan. was die Mutter. die immer drumrumgeredet hat. Nee. Da wollt ich nich. nu krieg ich richtig Lust. Oder sie hat jemand gekriegt und hat heiraten gekonnt. Haben och gleich ein Boot gekriegt. war gar nich mein richtiger Vater. mit dir bißchen zu rudern. Oder weil sie nix aufrühren gewollt hat von damals. aus Trotz nämlich. sein Enkelkind und sagt: Hoppla. die och gerudert haben. weil sie mit nein deutschen Soldaten . Na ja.auf einmal den Mund aufgemacht hat . die in Frankreich. Wär ja möglich gewesen paar Jahre später. weil wir sozialistisch waren.. Wuttke! Wir beide in einem Boot. kaum is die Mauer weg und kein Kommunismus mehr. Und ich hab gerudert. als das mit der Ruderei losging. wer nu mein richtiger Vater gewesen is. kommt meistens was Schlimmes. Sah bestimmt komisch aus: wir zwei Alte. aber herzensgut war der. Die vielen Enten und paar Schwäne sogar. Erst als ich ziemlich mißtrauisch wurd. Das will ich erleben. bin keine geborene Hering. bevor die Einheit kommt. Und überall junge Leute. auf Alimente. denk ich mal.sicher paar schlimme Jahre durchgemacht hat. wie meine Mutter. Emilie . kommt ja bald.. nich am Küchentisch morgens und och nich freiwillig und von sich aus. hab ich zu ihm gesagt: >Na. Und nu kommt auf einmal. Kann ich verstehn sogar. da wußt ich Bescheid. als es älter wurd. eh das losging mit dem Glockengeläute. Nein. < -. weil er nich gewollt hat. gewollt hat. Denn wenn er Emilie und nich Emmi zu mir sagt. da bin ich! jedenfalls hat er das so erzählt. Immer am Ufer lang und im Kreis. wenn ich gefragt hab. Ein Bombenwetter. Vielleicht hat sie gedacht: Der ist tot. och wenn er anfangs. Aber nu hab ich nich lockergelassen: >Los. und ich hatt die Ruder reingenommen.wir waren grad mitten auffem See. dem Kind später erzählt hat: nix oder die Hälfte nur oder was Falsches. na. um mich zu verpusten ein bißchen . wie er so schluckte und sein Adamsapfel immer rauf runter. stimmt. Und das Kind. immer nur rumgedruckst. wollt davon sowieso nix wissen. Und wenn Sie mich fragen. Und als er dann endlich . Oder sie hat nur im Westen gesucht und nich bei uns. Da hätt ich noch lange warten gekonnt.jung wie ich damals im Krieg . Hätt ja bestimmt Ansprüche gehabt.. Aber mein Wuttke hat kein Wörtchen gesagt.< Da wollt er nich.< Und paar Tage vorher sind wir denn och. der in Oppeln meine Mutter geheiratet hat. denn mein Vater.

und Bauern-Macht hatte uns das Archivwesen einen gewissen Halt gegeben. hab dich nich so . Und dann hat ihm natürlich sein Einundalles wieder mal in die Suppe gespuckt. Und warum er das rote Dingsda an der Jacke hat nu. nämlich an diese Lene Nimptsch. als immer häufiger von Madeleine die Rede war. dann gleich vom Krieg und was in Lyon damals los war. Anfangs haben wir mehr aus Jux oder Gewohnheit. hätte ihr so geduldig zuhören wollen? In einer Zeit schnellen Wechsels waren wir. Aber kennenlernen will ich die schon.. später mit Absicht gesammelt. Erst von dem jungen Ding. Und daß die Vorgeschichte von dieser Lene bis nach Dresden und in die damalige Revolution zurücklangt. da passiert vieles so nebenbei. der so moralisch is . na. Und vielleicht is es besser so. die Marlen. daß ich ein Held war!< hat er gerufen. Hab schon viel schlucken gemußt. Lili . Und Emmi war froh. zum Beispiel. oder Teddy mit seiner Beamtenkarriere . Wer. Wuttke. seiner Familie gaben wir uns gefangen. dein Enkelkind.an ne gewisse Romanfigur. nich wegen Kommunismus. ich schluck sowas. >Aber glaub bloß nicht.. außer uns. wenn nicht Teil der Familie Wuttke. stimmt's?< Und schon hat er bißchen gelächelt und dann drauflos geredet. dann doch deren Ohr und Ablage. Mehr und mehr rutschten wir in Fontys Geschichte. Nicht nur ihm. Sie kennen ihn ja. nein. Ich werd damit fertig. <« Emmi konnte kein Ende finden. daß Emmi im Boot.. wurden uns dessen Bestände fragwürdig.sein Enkelkind nennt sich och so . >Da is was nachgekommen von früher. einfach schrecklich alles. erinnert hat. hab ich gesagt. selbst Nichtigkeiten haben wir aufgehoben. Er war uns lebendiger als das in Karteikästen gezwängte Original. Ob inner Revolution oder im Krieg. plötzlich »Wie einst. sondern für echte Verdienste. daß sie sich so offen aussprechen konnte. Wuttke<. wenn es erst jetzt rauskommt. Seitdem ich bei Marthas Hochzeit den Trauzeugen abgegeben hatte. vertraute sie uns und besonders mir. weil ihn nämlich diese Marlen . Hättste mir ruhig früher flüstern können. da hab ich gesagt: >Laß man gut sein.. wie er so redet immer. Ob aber unsre Martha . nun aber. Doch als mein Wuttke nur noch von anno dazumal und rein gar nix mehr von seiner Kriegsbraut erzählen gewollt hat. was man nich gewollt hat. Zu Zeiten der Arbeiter. dem Enkelkind...viel sagen. und für uns war das von Interesse.. seit Wegfall des Staates. wo sie Freiheitslieder gesungen und auf der Elbe gerudert haben. oder wenn ich an Friedel denk..

leicht zurücklehnte.Marlen!« gesungen hat. Mal fixierte sie ihren Großvater. gerahmt als Ikone alles überdauernder Bürgerlichkeit: Herr und Frau Wuttke. Fonty hatte als Theo Wuttke eingeladen. Anfangs ging es ein wenig steif zu. aller Widerrede zum Trotz. um Fonty. Redet doch sonst gern. geborene Blondin. denn hätte er um Auskunft über das Befinden von Cécile Aubron. Emmi unbekümmert um ihre Fettleibigkeit. eher zeigte sie sich als Herrin der Situation. mein Kind?« -. bis ihr das sitzende Paar zu nah kam und so ihre sonst auf klare Sicht geschulten Augen verwirrte. als hätte er. mal dessen Frau. hätte sie jede Annäherung ihres Vaters schroff abgewiesen. Dabei war sie gar nicht verlegen. Deshalb schwieg Fonty.« . prüfenden Augen das Paar auf der Heckbank im Blick. gebeten »Und wie geht es deiner Mama. sie überbordend. dabei stocksteif. Die ferne Tochter war nicht ins Boot zu holen. der sich immer dann zum Schielen steigerte. wäre sein nachgetragenes Interesse allenfalls höflich nichtssagend bedient worden. aus reiner Gutmütigkeit.berichten können. den berüchtigten preußischen Ladestock verschluckt. der schon wieder alles ganz leicht nahm. Und Mademoiselle Madeleine? Ihren schnellen Augen müssen wir nun einen leichten Silberblick nachsagen. bestimmt. ihn womöglich beschimpft: Boche! Und Schlimmeres. Madeleine hätte von der sozialpädagogischen Tätigkeit ihrer Mutter in einem von der reformierten Kirche geführten Waisenhaus und andeutungsweise von Nervenkrisen der Mittvierzigerin offenbar eine Erbanlage . es fehlte die mittlere Generation. Und wenn sie sich. mit Neigung zu Triefaugen. aber mit Haltung.« Dann räumte sie ein: »Hab dann doch angefangen. weshalb sie so lange stumm geblieben sei: »Wollte meinen Wuttke bißchen zappeln lassen. sah sie beide zugleich: Fonty verlegen gerührt. sie ganz Ausdruck bedrohlicher Gutmütigkeit. sagte uns später. und wäre Madame Aubron mit von der Partie gewesen. sobald sie die Ruder durchgezogen hatte. wenn sie zum nächsten Ruderschlag ansetzte und sich vorbeugen mußte. am Nachmittag des 2. Madeleine ruderte und behielt dabei mit schnellen. zu einer familiären Kahnfahrt. ein wenig zu ärgern. Der sollte anfangen. kaum mehr. Jedenfalls kam es zwei Tage später. die Fonty nicht zu stellen wagte. So beladen der Kahn war. Er an den Rand gedrückt. Ein Bild. er wie ertappt. Oktober. mit der sie weit mehr als die Hälfte der Bank belegte. ausgespart blieben Fragen. Viel sprach man anfangs nicht. die gleichfalls schwieg. und Emmi. Irgendwer mußte ja ein Wörtchen riskieren.

zu denen der auf einer Auktion erstandene. Wirrungen« gehe. « Da wurde er von Emmi unterbrochen: »Na. und selbstverständlich habe sie ihren Berlinaufenthalt für einen Besuch in der Dortustraße genutzt: »Man ist dort wirklich sehr zuvorkommend und überhaupt nicht pedantisch. Das meiste is noch von Tante Pinchen geblieben. Lokalitäten und die Erzählhaltung insbesondere in »Irrungen. daß ich. von der ab Mitternacht bevorstehenden deutschen Einheit halte: »Vielleicht gehn wir da heut noch hin.« Jetzt erst mischte Fonty sich ein.Plötzlich. rief: »In >L'Adultera< geht für Melanie und Rubehn immerhin alles gut aus!« Sagte: »Das war das jüdische. weißlackierte Pfeilerspiegel. daß es bei ihrer Examensarbeit um Motivverknüpfungen. den hugenottischen Hintergrund des Autors zu erfragen. »Schon vor dem Fall der Mauer konnte ich. die Studien nicht vernachlässigen werde. bei aller persönlichen Motivierung meines derzeitigen Aufenthalts. als interessiere sie deren Thema brennend: »Um was geht's denn da? Warste schon in Potsdam. Kontakt knüpfen«. als Madeleine die familiäre Fracht wieder in Ufernähe vorbeiführte. dank Empfehlung meines Professors.und Jungfernheide zum Friedhof und Grab der alten Frau Nimptsch. Madame Wuttke. bei uns in der Kollwitzstraße sieht's nich besser aus als bei denen in der Großgörschen. Die wissen ne Menge!« Und die Studentin im achten Semester sagte. die so konzentriert rudernde Französin. Sie können gewiß sein. aber keine Standesbarrieren« und begann dann übergangslos die Poggenpuhlsche Wohnung zu möblieren: »Einige Erbstücke. Trumeau genannt. den frühen Berlinroman »L'Adultera« und die späten »Poggenpuhls« in ihre Untersuchungen einbeziehe und überdies vorhabe.« Nachdem Emmi weitere Mängel und den Zustand des Mietshauses im Bezirk Prenzlauer Berg beklagt und alles »schlimm und schlimmer als schlimm« genannt hatte. was sie. den damals eher armseligen Zoologischen Garten und mit verkehrstechnischen Bemerkungen zu Botho von Rienäckers Kutschenfahrt durch die Hasen. mit eingelegter Goldleiste passen mußte . Mit dem Potsdamer Archiv korrespondiere sie bereits seit einiger Zeit. Und unser Spiegel hat Flecken sogar. ironisierte launig das Immortellenmotiv. Dabei geriet er ins Plaudern. Er kam mit Hinweisen auf den einst an Felder grenzenden Stadtteil Wilmersdorf.. wenn das losgeht mit dem Glockengebimmel. fragte Emmi die Ruderin nach der nicht abgeschlossenen Magisterarbeit. daß sie zusätzlich »Stine«. indem sie von Madeleine wissen wollte. Marlen? Sind ganz nett die Leute da im Archiv. wechselte sie abrupt das Thema.. da gab's nur viel oder wenig Geld.« .

auch wir hatten das kommen sehen: Nach heftigem Zusammenprall wäre der eine kiellose Kunststoffkahn beinahe gekentert und fielen vom anderen drei waghalsig auf der Ruderbank stehende junge Frauen. die Bierflasche am Hals. wie leichthändig die zierliche Person den tiefliegenden Kahn bewegte. Schon war sie für Sekunden unter Wasser. In einigen beängstigend überladenen Booten hatten junge Männer jetzt schon. bin ich froh über die Vereinigung .wie auch sonst alles Häßliche . den Grazien gleich.ungern beim Namen genannt hat. immer näher und im Fall zweier Boote. Die familiäre Fracht war gut aufgehoben bei ihr. fiel das nicht auf. Ich hoffe. am späten Nachmittag. daß sie vor einer Woche schon die gegenwärtige Hasenheide und deren Biergärten mit der Romanbeschreibung verglichen. Einander zuprostend war man sich einig. denn anfangs sah das lustig aus und hatte in anderen Booten und auf der Liegewiese Gelächter und verstärkte Deutschlandrufe zur Folge. Dann wurde deutlich. Nicht nur Madeleine. Mit ernstem Vergnügen und Geschick . die sich. Die dritte hatte Mühe. Man mochte staunen. Man kam sich näher. Vorfreude auf die angesagte Einheit gab den Ton an. Wir lachten. »Ich weiß. denn mittlerweile herrschte auf dem Kunstsee im Tiergarten ziemlicher Betrieb. Madame Wuttke. daß Monsieur X das alles gesehen. zu nahe. in denen heftig schaukelnd Seegang vorgetäuscht wurde. sich glücklich schätzen. eine die anderen mitziehend über Bord. so doch akzeptabel. der voller Bedenken ist. daß auch Sie. Da alle mit sich selbst zu tun hatten. daß nur zwei der Frauen schwimmtüchtig waren.Madeleine überhörte den Themenwechsel. Ein . den Zoo besucht. werde sie auf den Hängeboden als Behausung für das alte Dienstmädchen Friederike. ihre Hilferufe vom Gegröle der geeinten Lustigkeit abzuheben.zwei Ruderschläge links. Ein großer Tag!« Vom Ufer aus sah das mühelos aus. somit auf die ausgesparte soziale Frage bei anderer Gelegenheit zurückkommen. ein Ruderschlag rechts . Laute Eintracht wurde behauptet. aber . Kehlige Deutschlandrufe von Boot zu Boot.und gar nicht außer Atem .« Und dann erst ging sie mit Blickwechsel auf Emmis Frage ein: »Zur deutschen Einheit kann ich nur sagen: Sie ist aus französischer Sicht als normales Ereignis.steuerte sie das Boot an anderen Booten vorbei. Oft waren riskante Manöver notwendig. Im Gegensatz zu Großpapa. umarmt hielten. anhand kolorierter Stiche von dazumal Vergleiche mit dem großstädtisch zugewachsenen Bezirk Wilmersdorf angestellt und natürlich in Kreuzberg die Großgörschenstraße gefunden habe. Beim Rudern . bei viel Geschrei natürlich. Was die Poggenpuhlsche Wohnung betreffe. wenn nicht gerade wünschenswert.versicherte sie.

doch immerhin zupackende junge Männer. ihr den linken Riemen zum Festklammern ausgeschwenkt und die beinahe Ertrunkene nah an den anderen. wenn alle übermütig sind und glauben. feiern sie aber. denn wir waren weg. die sich die Abwandlung ihres Vornamens mit kleinem Lächeln gefallen ließ. Niemand kümmerte sich um sie. So sah es aus. vom Unglück angezogen. weil unsre Marlen aufgepaßt hat. fast gekenterten Kahn geschleppt. O ja! Nicht nur in Paris. was sie seit Jahren hinnahm. Überall gab es noch Bierflaschen. maßlos über alles!« »Ist ja grad noch mal gutgegangen. wie alle miterlebt hatten. Kann doch überall passieren. als wollten sie sich die Beute teilen. weit weg.Unglück schien unbemerkt seinen Verlauf zu nehmen. überall auf den Straßen. genähert hatten. sie müßten noch einmal die Bastille stürmen. ruderte die zierliche und doch. die sich. . so aber konnten sich die männlichen Bootsinsassen um die gerettete junge Frau wie um ein Geschenk kümmern. wurde die Rettungstat beklatscht. »Na. zupackende Person das Ehepaar Wuttke in Ufernähe. Und hätte nicht Madeleine Aubron mit einigen Ruderschlägen die Nichtschwimmerin erreicht. Die beiden anderen Frauen waren ans Ufer geschwommen. Fast sah es so aus. denn immer häufiger sagte sie grand-père und grand-mère. wäre der Vorfreude auf das Einigvaterland ein Unglücksfall zur Last geworden. Die Ertrinkende blieb allein mit ihrem nun schon tonlosen Geschrei. Doch Fonty fand kein Vergnügen: »Müssen immer kolossal übertreiben! Haben keine Ahnung. so daß dessen Besatzung. nicht wahr? Auch in Frankreich.denn inzwischen hatten auch wir ein Boot gemietet -. Tun grad so. Man überschrie sich wieder aus Vorfreude. was Einheit heißt. das ließ sich Madame Wuttke gefallen. zum Beispiel am Quatorze Juillet. auf dem Konto ihrer geräumigen Gemütsverfassung. Oder besser: wir verbuchten alles. Wuttke!« Er kollerte vor sich hin: »Lauter verhinderte Reserveleutnants! Maßlos. Von der Seemitte gesehen . Wir nannten das »Emmis Gutmütigkeit«.« »Sag ich ja: Aufpassen muß man!« Und Madeleine. Madeleine ruderte ihre Großeltern. Nein. sagte: »Ich fand das lustig.« Schon war das knapp verhütete Unglück dem See nicht mehr anzusehen. vier nicht mehr ganz nüchterne. Auf allen Booten. die gänzlich um ihre Frisur gebrachte Blondine an Bord ziehen konnte. als stünde der Sedanstag im Kalender!« Emmi beschwichtigte: »Sind doch junge Leute.

wenn Frau von Briest sagt: >Rollo liegt wieder vor dem Stein. Beim Rudern geplaudert: jetzt Unverfängliches über das anhaltend schöne Wetter. sagte Emmi. energisch . der alle Marschälle Napoleons beim Namen zu nennen wußte. die sich noch lange in den Cevennen verstecken mußten. « »Son Hund kapiert mehr... Aber die blieb dabei: immer per Sie. im Boot und erzählte von der Gascogne und seinem schwadronierenden Vater . eine schlanke.wenn Marlen unbedingt auf ne neue Oma scharf war.»Ein Causeur alter Schule« -. In einer Seminararbeit habe ich die Rolle besonders dieser Hunde in den Romanen unseres Autors behandelt. Mein Wuttke und ich haben die Kleine natürlich geduzt. gleich nachem Mauerbau. < Und über Sultan. Und natürlich um Rollo und la pauvre Effi bis zum Schluß. hab ich ausführlich geschrieben: wie er Botho und Lene. sagte Emmi: »Is ja gut. wenn sie spazierengingen. den Kettenhund. die nach Brandenburg-Preußen ausgewandert waren. generell über Einwanderer. Marlen und ich wissen nun. So kamen sie auf die Hugenotten. »Meine Mutter hingegen war ein Kind der südlichen Cevennen. was? Aber das is so in Frankreich. auf jene. legale und illegale.« Wie gerufen. Bißchen altmodisch.. daß allzu schlüssig von einer Bootspartie zur anderen Ruderpartie hätte gewechselt werden können. über Türken in Berlin und Algerier in Paris. « Madeleine hatte dieses Zitat parat. »Monsieur X«. daß man zu Opa und Oma Sie sagt. weil Fonty schon wieder alle Zusammenhänge kurzzufassen begann.. der allerdings kein Neufundländer war. grand-père. ein Neufundländer. sagte Madeleine: »Schauen Sie nur. Es ist ihm doch noch tiefer gegangen als uns . Wuttke. Als auf dem nahen Uferweg ein stattlicher Herr mit großem Hund an der Leine vorbeischritt.. als unsre Jungs alle im Westen geblieben sind und wir . auf jene. was alles beim Rudern und so passieren kann. als man weiß«. Zum Beispiel ging es um Hektor auf Schloß Hohen-Vietz in >Vor dem Sturm<. Und um Boncccur in >Cécile<. der auf doppelt hugenottische Abstammung zurückweisende Unsterbliche. zierliche Frau von schwarzem Haar. mit Augen wie Kohlen. Und schon war abermals Fontys »Einundalles«. konnt sie die kriegen von mir aus. kam anderes ins Bild. »Anfang zweiundsechzig.« Zu dritt in einem Boot. dann der seenreichen Region la Dombes näherte und Gefahr bestand. doch als sich das Geplauder verfänglich den Flüssen Saône und Rhône.. als wüßte er über das Leben Bescheid . immer nachgeschaut hat.

Aber wir finden bestimmt ein Plätzchen. wenn man zurückdenkt . Ach. wie der Berliner sagt. auf den Weg macht. seinen auf Theo Wuttke ausgestellten Personalausweis. mein Trabi wartet am Landwehrkanal. Wird ne große Schau abgezogen. Paarmal um den Kollwitzplatz rum. doch auf dem Steg stand jemand. Alle lachten über den gar nicht so üblen Erzreaktionär aus Tunnelzeiten. Und wenn er nich grad auf Kulturbundreise war. das die drei im anlandenden Kahn boten. auf dessen biblisch betonten Namen der Dackel nicht hören wollte: Anekdoten am laufenden Band. Und zwar nich.. Wir hätten hier gerne der familiären Ruderpartie ein Ende gesetzt. « Fonty gab dann noch einiges über den Kreuzzeitungsmann zum besten. Martha war überhaupt nich für Hunde. zu jubeln. Können noch paar warme Sachen holen. Schlimme Zeit. immer >Hesekiel< gerufen. weiß nich. Wird womöglich kühl werden vorm Reichstag. Aber auf >Fiffi< hat er besser gehört.mit Martha allein waren. warum. Seine nicht zu erschöpfende Geduld. Und so geeinigt und immerfort plaudernd legten sie schließlich am Steg für den Bootsverleih an.. Gassegehn. sagte Hoftaller: »Wir haben ne Menge Zeit. haben wir uns och einen angeschafft. obgleich ihm Unauffälligkeit als Tugend galt. Mein Wuttke hat ihn. Er stand mit Zigarre im Gesicht und zog zur Begrüßung seine amerikanische Baseballkappe.. Überhaupt. Uns war er beizeiten aufgefallen. Darf ich bitten. Haben Fiffi dann einschläfern lassen..Schorsch haben sie den gerufen überall . Aber ein schlaues Kerlchen. Son richtiger Stadthund. bloß um dabeizusein oder . wie's inner Bibel steht. Daß er immer rechtzeitig da war. Aber die Jungs hätten bestimmt . Wir wohnen nämlich drei Treppen hoch. Da strömen die Massen schon. Besonders unser Georg ..« 23 Freude! Freude! Bevor sich unser Vierklee.. der aber mußte sich in Jena evaluieren lassen. was wir durchgemacht haben alles . ein aus verschiedenen Kartenspielen gemischtes Quartett. Auch das gelang der Enkeltochter mühelos und wie mit angeborenem Geschick. gehörte gleichfalls zu seinen Tugenden.. um mitzufeiern. sondern >He-se-ki-el<... sogar Emmi. bis er nich mehr gewollt und dreimal gebellt hat. War ein Dackel. Während Fonty für zwei volle Stunden Bootsfahrt zahlte und das Pfand.. sechsundsiebzig war das . Er stand wie bestellt und freute sich über das Bild. wäre doch Professor Freundlich am Steg gewesen. sagt man bei uns dazu. wieder in Händen hielt. der nicht zu vermeiden war. hat er ihn spät abends noch runtergenommen.

Madeleine Aubron gehörte zu unserem festen Kundenstamm: Wie in den Briefen. wie wir vermutet hatten. Und schon bald nach dem Anschluß. wie sie uns vor dem historischen Datum allein und studienhalber aufgesucht hatte. vom ersten Besuch an. Marwitz voran. Lenau-. Heyse wichtig. weniger nach dem der erklärten Vorbilder Scott und Thackeray. kam Madeleine ohne ihren Großvater ins Archiv. nein. Diese Kontakte entsprachen dem seit gut zwei Jahren geführten Briefwechsel mit der Studentin. Herwegh-Club. der die sogenannten Berlinromane Futter genug gaben. verschollenen Gedichten der Dresdner Zeit. Anfangs fragte sie nach den frühen.das sei zugegeben . Scherenberg. an der Paul Celan bis in die sechziger Jahre hinein Professor gewesen ist. so der Fall William Glover und die geschmierte Zeitung »Morning Chronicle«: wohl aber waren ihr Freundschaften mit Wolfsohn. sogar Wildenbruch von Interesse. doch studierte sie immerhin an der Sorbonne und befand sich mitten in ihrer Magisterarbeit.nichts liegenbleibt. also um den Platen-. desgleichen Gottfried Kellers Spott auf die preußischen Manieren der im Tunnel über der Spree versammelten Verseschmiede. das Archiv verzaubert hat. Deutschlands Einheit ein wenig zu verzögern. müssen wir einiges nachtragen.oder simpel gesagt: Es gefällt uns. ging es nach dem Fall der Mauer einzig um den Unsterblichen und dessen literarisches Umfeld. ferner um Theodor Storm und dessen Potsdamer Zeit. dessen Schärfe manchmal von gefühligen Einsprüchen. geschrieben noch während der Endphase der Arbeiter. Madeleine hat ein wenig Esprit in unsere trotz aller internationalen Korrespondenz noch immer realsozialistisch verengte . Das Blatt soll neu gemischt werden . später im Trabi . Nicht verschwiegen soll werden.anfangs zu Fuß. ihre in heutiger Zeit ein wenig altmodisch anmutende Wissenschaftlichkeit. England blieb ausgespart. als bei uns zu finden ist. wie wir inzwischen wissen. Man könnte sagen. wollte sie mehr wissen. der Beitritt genannt wurde. Wir . jener elitären Institution. dann mündlich gestellten Fragen auf die Magisterarbeit. später konzentrierten sich ihre schriftlich. die zwar nicht. aus der Pariser Ecole Normale Supérieure hervorgegangen war.bewunderten ihren Ernst. die Dichtergesellschaften Tunnel und Rütli. damit bei dem raschen Ortswechsel . auch waren ihr halbwegs oder gänzlich vergessene Literaten wie Alexis. aber auch ihr von Logik bestimmtes Urteil. Noch vor der familiären Ruderpartie hat uns Fonty mit seiner Enkeltochter besucht. Man könnte sagen.lustlos in der Menge zu schwimmen. eher vom plötzlich mitredenden Gefühl gemildert wurde. Lepel. Sie fragte nach dem Einfluß von Turgenjew und Bürger. Über Preußens Adel.und Bauern-Macht. daß ihr Charme.

. Uns fielen >Je mehr man mitnimmt. bei dem wir vom Archiv nicht zurückstehen wollten.wenn sich irgendwas auftut . daß Sie bereits gekostet haben.« Als sie uns mit diesem haftenden Etikett vorgestellt wurde . hatte Madeleine »Alle Klosteruhren gehen nach« parat. Rief Fonty: »Palme paßt immer!«. will ich gerne Ihre zartbittre Person sein. wenn Ordnung so kurzgebunden zu bestimmen ist. Er war.« Eine Kollegin wußte: »Moral ist gut. lächelte Madeleine Aubron bei ernst bleibendem Blick und sagte: »Mein Großpapa neigt dazu. etwa wie Botho von Rienäcker die sein Standesbewußtsein verwirrenden Gefühle auf den Punkt brachte: >Ordnung ist Ehe!< Voilà. als er die uns bekannte Studentin »meine mir spät geschenkte Enkeltochter« nannte und hinzufügte: »Aber Vorsicht.um Ihnen Geschmack zu machen . meine Damen und Herren! Madeleine ist nicht nur klug und belesen. dessen Zusammenhang selbst wir nicht sogleich erkannten. das bis dahin eher lustige Spiel auf die Gegenwart brachte: »Aber die Deutschen .« Sie lieferte noch weitere Zitate ab und wetteiferte dabei mit ihrem Großvater. schweigt der Wunsch .wie zartbittre Schokolade. Sobald sie eintrat. Wette.« . wie immer. Ein eingefuchstes Spiel. als seine Enkeltochter längst abgereist war.. alles auf den Punkt zu bringen. sie ist auch von widerborstigem Reiz oder . Das war an einem der letzten Septembertage. und gleichfalls hörte sie sich wie die bürgerlich aufsässige Corinna an. mit einem Blumengebinde zur Stelle: knospende und zart aufgehende Dahlien. je mehr fehlt einem« und der Spruch des englischen Kutschers der Barbys ein: »Widow ist mehr als virgin. Aus Fonty sprach unverkennbarer. wenngleich ironisch überspielter Stolz. Schließlich war es Fonty. Erbschaft ist besser!« Ich steuerte die bekannte Altersweisheit bei: »Schweigt das Leben. nach der ihm fehlenden »zartbittren Person« -. wohl aber die Gräfin Melusine aus ihr.Bude gebracht. der mit herausgepflücktem Zitat. als sie plötzlich an dessen Arm das Archiv besuchte. Sie redete wie gedruckt und war fast so zitatsicher wie unser Freund Fonty. kam etwas vom Geist des Unsterblichen über uns. deshalb waren wir nicht besonders erstaunt. von den Töchtern des Grafen Barby sprach weniger die Komtesse Armgard.zerfallen immer gleich wieder in zwei Teile.heftig verlangte Fonty später. Sie trug ihr vom Gürtel gerafftes Kleid aus schlicht zugeschnittener Rohseide wie eine elegante Kutte. « Und der Archivleiter hatte mit »Kalbsbrust ist immer Knorpel« die meisten Lacher auf seiner Seite.

dessen Schönheit wir nicht verleugnen wollen. doch wurde der Gegensatz zwischen Großvater und Enkeltochter deutlich. sondern eine starke Tatsache« -.»Deutschland ist nicht bloß mehr ein Begriff. gab er »Hoch lebe Brandenburg!« zurück. auswendig Puschkin nach Originaltext zu zitieren. daß allgemein Streit ausbrach. Eine unserer Damen war des Polnischen mächtig und bot ein Gedicht von Tadeusz Rózewicz. Schließlich gelang es. der andere Tschechow. als so flüssig über uns weggeredet wurde. den er als bloße Chimäre abtat. ich Majakowski aus dem Stegreif bei. mehr bitter als zart. das uns gemacht worden war. wir schwiegen dazu. Rief sie: »Vive la France!«. Nach schnell überwundener Hemmung wagten wir den Versuch. die nicht nur dem Westen paßt. Es ging um das größer werdende Vaterland. denen der Anschluß bevorstand. Der Archivleiter behalf sich mit Latein: Ovid oder Horaz. die im Arbeiter. den Streit um Einheit und Nation vielsprachig zu begraben. Und wir. Nun steuerte jeder.und Bauern-Staat für alle Schüler obligat gewesen war: mit unserem verordneten Russisch. um jegliche Einheit kleinteilig aufzulösen und dem Begriff Nation. Wir staunten. Aus französischer Sicht waren Einheit und Nation feststehende Tatsachen. Das hörte sich nicht wie »kümmerliches Etappenfranzösisch« an.sie sagte »Mandarin« . Was hätte uns Neues einfallen können? Gewiß wären des Unsterblichen Widersprüche mit Zitaten zu belegen gewesen . nun wieder auf deutsch. Fonty war als erklärter Feind des »ledernen Borussentums« dennoch Preuße genug. er den Franzosen selbstgerechten Chauvinismus vor. »Und damit basta!« rief Madeleine. der eine Turgenjew. Heiß ging es her. Allenfalls konnten wir in einer Sprache gegenhalten. sich aber bald als unpraktisch und sperrig erweisen sollte: Wohin damit? Was fangen wir mit uns an? Wie lebt man mit soviel Größe? Nicht. also um jenes hübsche Geschenk.aufbewahrt und deklamierte ein kurzes Poem des großen Vorsitzenden Mao. aber bald war kein Mitreden mehr. eine ordentliche und möglichst von der Vernunft bestimmte Verfassung vorzuziehen: »Zweifelsohne fehlt uns eine Konstitution.« Sie warf den Deutschen selbstquälerische Verrücktheit. . Einer verstand es. Bald lachten alle. Madeleine Aubron griff im Eifer des nationalen Streits auf ihre Muttersprache zurück.Und schon waren wir beim Thema. und Fonty überraschte uns mit welschem Zungenschlag. die andere Kollegin hatte aus abgebrochenem Studium sogar ein wenig Chinesisch . am Ende auch Großvater und Enkeltochter.

um uns Fontys Sprachkenntnisse nicht nur aus seiner Soldatenzeit im besetzten Frankreich zu erklären. nichts >contre La France< zu sagen oder drucken zu lassen.« .wurde ein Fall aktualisiert. November 1870 stattfinden dürfen. daß Fonty als Theo Wuttke seinen kriegsbedingten Aufenthalt in Frankreich privat zu nutzen verstanden hatte. mit Unterschrift vorlag. Hinzu kam. von entscheidender Bedeutung gewesen sei: Der Gesandte habe sogleich zu dem französischen Außenminister Jules Favre Kontakt aufgenommen. hat die Entlassung am 24. der. Während Fonty sicher war. wie alle an seine Frau gerichteten Briefe. hilfreich agiert. wie der Unsterbliche. der Kardinal-Erzbischof von Besancon habe. den Dichtervereinigungen Tunnel und Rütli angehörte. der als »preußischer Untertan und wohlbekannter Geschichtsschreiber« vorgestellt wurde. während Lazarus Präsident der Israelitischen Synode war. Als es gegen Ende des Besuchs nur noch um die Aufhebung der Internierung ging. dank Vermittlung der katholischen Familie von Wangenheim. daß der Schriftsteller Moritz Lazarus. auf französisch geschrieben werden mußten. Genügend Zeit hatten wir. daß Bismarcks Brief an den US-Gesandten in Frankreich. die während der Gefangenschaft auf der Insel Oléron. behauptete die Studentin Aubron. so lautete die Anordnung der Zensur. Madeleine rief: »Unser Monsieur X wurde von Bismarck befreit!« Fonty wollte das nicht hinnehmen. zu dem wir hinlänglich mit Fußnoten beigesteuert hatten. Ich verstieg mich zu der Behauptung: »In Preußen und Frankreich haben einzig die Juden mit Tatkraft zugunsten des Unsterblichen interveniert. brach darüber abermals Streit aus. Wir griffen in den Disput ein und gaben zu bedenken. die Liebe zu Madeleine Blondin wird ihm behilflich gewesen sein. da er im Lebenslauf des Unsterblichen so ganz und gar aufgegangen war. Mister Washburne. sei mit der Verhaftung »einer gewissen Anzahl von Personen in ähnlicher Lebensstellung in verschiedenen Städten Frankreichs« zu rechnen gewesen. Bei Nichtfreilassung des »harmlosen Gelehrten«.dem Publikum . teilte er dessen Mühe beim Aufsetzen von Petitionen. Seine Enkeltochter wagte den Ausruf: »Absurde!« und spielte mit des Unsterblichen Lieblingswort »ridikül!«. Crémieux sei Vorsitzender der »Alliance Israéite Universelle« gewesen. Uns . Großvater und Enkeltochter disputierten wie Advokaten. Die Drohung des Kanzlerbriefes habe Wirkung gezeigt. mit dem französischen Kriegsminister Crémieux Verbindung aufgenommen und so den günstigen Verlauf der Gefangenschaft befördert habe.« Hingegen vertrat der Archivleiter die Meinung: »Erst nachdem die Verpflichtung.Sie blieben und blieben. Selbstverständlich gab es Kaffee und Kekse dazu.

daß es Fonty unmöglich gewesen wäre.« Wir neigten dazu. das inzwischen erschienene Büchlein zu tolerieren: »Ich muß Dir.<« War Emmi Wuttke soviel Verständnis zuzutrauen? Lag alles. eine großherzige Frau. und auch im Namen aller unserer Herren einen kleinen Vorwurf machen.. unsere Madeleine.. eher zurückhaltend nach der Bootspartie mit ihrem Großvater und dessen Frau befragten. « Im übrigen ist die kleine Schrift »Kriegsgefangen« ein Beleg dafür. Dann wandte er sich an uns: »Bitte mir unbedingt zustimmen zu wollen: So ist sie nun mal. die Meinung. Das gefiel in Preußen ganz und gar nicht.. wer mich befreit hat. vertraten wir. im Prinzip -gekommen sei. Wir waren uns. als Befreier zu bestätigen. weil Du die Franzosen in Deinen Schicksalen so sehr herausstreichst . Mit Madeleine einigten wir uns dahin: »Monsieur X hat sich in eigener Sache betont lässig geäußert: >Ist doch gleich. auf vergnügliche Weise einig. sagte sie: »Unsere tour en famille verlief recht harmonisch. doch von bitterer Strenge. in dieser Sache der Studentin recht zu geben.oder wie man hier sagt. ausgerechnet Bismarck. Scharf ging es hin und her. Als ich zu verstehen gab. unter zentnerschwerer Gutmütigkeit begraben? War sie wirklich so ahnungslos.. hat sie sehr herzlich gelacht und gesagt: >Das hab ich mir gleich gedacht. Nachdem die Einheit Deutschlands ausgerufen worden war. lieber Vater. das Bändchen. Aber sieht hübsch aus. nach Überprüfung aller uns vorliegenden Dokumente. daß Monsieur Wuttke zu der ehrenhaften Dekoration eher grundsätzlich . Wirklich. Großpapa betreffend. den er bei jeder Gelegenheit einen »schrecklichen Heulhuber« nannte. konnte kaum mehr auf Toleranz gehofft werden. wohl aber als nützlich habe er sich bewiesen. denn nicht als Held. zart von Gestalt.Diese mehr ergänzende als widersprechende Auskunft konnte den Streit zwischen Enkeltochter und Großvater nicht beenden. oder übte sie aus lebenslanger Gewohnheit Nachsicht mit ihrem . war in einem Feldpostbrief nicht bereit. der im Krieg gegen Frankreich mit seinem Regiment bei St. Denis stand. Mit Madame habe ich mich blendend verstanden. bis Fonty einlenkte und »Hauptsache. was für sie schmerzlich war. man war wieder frei!« rief. Entweder war es die Katholische Partei oder die Judenpartei oder die Regierungspartei . daß der Unsterbliche Wort gehalten und die Erinnerungen an seinen Zwangsaufenthalt ohne nationale Ausfälle gegen »La France« niedergeschrieben hat. Selbst sein Sohn George. doch als wir sie nicht direkt. « Die Studentin Aubron bedauerte diesen familiären Zwist. Doch als sie kurz nach Vollzug der Einheit das Archiv allein besuchte.

weil das och schiefging. Genau! Dieser Stoppelkopp. Marlen mein ich. hundert Prozent richtig!< gesagt hat? Na. die immer nur rummäkelt. So is mein Wuttke nun mal. Wenn ich an unsre Martha denk. Immer nur Gejammer. die Kommißköppe und Herrn Leutnants mit dem Gesocks. der für uns so fix die Einheit aufgeschrieben hat. Müssen mal ihre Briefe lesen: als wenn Schwerin am Nordpol liegt. ich denk mal: Marlen hat eher gegrübelt. Wie die gerudert hat und uns angeguckt mit ihren Kulleraugen. War Mich abzuschütteln. es ist mir ein wenig peinlich.. mein Wuttke natürlich nich. Dabei immer gutgelaunt und spritzig. daß sowas normal is. wie das war im Sommer. Gerufen hat sie. schmiert sich an und flötet: >Liebe Frau Wuttke. was man sagt über Französinnen. Weiter ging's dann zu Fuß. Kommt einfach. >Ohne ein starkes Deutschland schläft Frankreich ein!< hat sie gerufen. Und denn nochmal.. paar krumme Dinger. Immer kommen bei ihm zuerst die großkotzigen Treibels. Aber wenn es drauf ankam. als das neue Geld kam . und zwar laut. daß man nich immer nur aufs Kleine. wer >richtig. Also gegen Martha. mit Putzfrau. Na. Und zwar auffen Punkt genau. Und daß ganz Deutschland endlich lernen muß. die Raffkes von damals und die Raffkes von heute. Und denn sind wir alle in seinen Trabi rein und ab Richtung Reichstag. das jetzt oben is. aber wir haben . damit wir uns Mäntel und ne Strickjacke für unsre Marlen haben holen gekonnt. ne richtige Nation zu werden. Sie wissen ja. die hat ihm mit ihrem Mundwerk klippklar erklärt. wie er die nennt. diese Waffenschieber und Spesenritter.. doch dann hat er schon diesen Schlauberger Krause am Wickel. Und immer weiß er schon alles. Kamen bis inne Glinkastraße. als sie uns zwei Alte so sitzen sah. weil das zum Leben gehört. sondern aufs Große gucken soll. doch kein bißchen kokett. was Frankreich an Überraschung zu bieten hatte? Auf Befragen sagte sie: »So niedlich hatt ich mir die Kleine nich vorgestellt. als das dann losging mit dem Theater vorm Reichstag.Wuttke? Kann es sein. Aber die Kleine. Terrasse und Seeblick. Und dieser Stoppelkopp immer mit.. na. wie launisch die sein kann und wie rechthaberisch. wie Martha den nennt. Dabei hat ihr dieser Grundmann ne richtige Villa geschenkt. Muß alles vergleichen. Nee. Der hat uns ja vom Rudern abgeholt und nach Haus gebracht. hat er gesagt. Und wissen Sie. daß sie früher als Fonty gewußt hat. Denn längst bevor mein Wuttke krank wurde. hat er mir paar Andeutungen gemacht von wegen Auslandsreise mit Schiff nach Schottland hoch. weil der nich an die Einheit hat glauben gewollt und immer mit siebzig-einundsiebzig gekommen ist. konnt sie biestig werden. Richtig in Rage is sie gekommen. damit mein Wuttke nich hat weghören gekonnt. als sie meinem Wuttke Kontra gegeben hat. is die Kleine richtig erfrischend. in Frankreich sowieso. als wir von Hiddensee zurück .

Sie ist nämlich da. über Hugenottenkriege und so. wenn ich Ihnen anvertraue. < Daß was im Busch is. Das müssen gerade Sie mir nich sagen. Und wenn da wer angereist kommt. Na.. wenn die Kleine schon so lange nach ihrem Großvater sucht. Hat auch was mitgebracht für ihn. Na. hab ich gedacht. wenn se nur im Westen gesucht hat. Und daß wir vierundvierzig schon längst verlobt waren. Da passiert viel. < Angeblich hat dieser Stoppelkopp nen dienstlichen Wink von drüben gekriegt. Wie der aussah! Wien Amerikaner auf Urlaub. sein Enkelkind nur.< Is auch ne Zeitlang still gewesen. bis er dann neulich. Partisanenerschießung womöglich. Na und? hab ich zu ihm gesagt. mal auf diesem See. hat er geflüstert und es richtig spannend gemacht. als hier noch die Mauer stand und alle dachten. daß Ihr Mann . kennen wir doch. als wir endlich aus der Lebensmittelabteilung raus waren und er mich in die Cafeteria eingeladen hat. da stand noch mehr. >Kenn ich alles.. Aber inner Feldpost. Und er hat gesagt: >Wir durften ein wenig behilflich werden .. >Na und?< hab ich zu ihm gesagt.. Und neulich auf Hiddensee. Aber nen Schreck hab ich schon gekriegt und erst mal auf was Schlimmes getippt. weiß ich selber. Und fing an. Verrate wohl kein Geheimnis. und Ansprüche. als nur das mit dem Kind rauskam. Ist eindeutig als Enkelkind ausgewiesen. stellt sie keine. er soll bloß Leine ziehn. Und was in seinen Artikeln für die Reichsluftfahrt drinstand. aussem Nähkästchen zu plaudern.< .. gewissermaßen um einen Orden handelt. is das och kein Beinbruch. daß meinem Wuttke aus Frankreich was anhängt. War richtig erleichtert dann. Im Krieg is viel passiert. Will unbedingt ihren Großvater sprechen. hab ich zu ihm gesagt. die bestimmte Person. is ja kein Wunder. Erst hab ich gesagt. Wird Sie interessieren. nich seine Tochter. Frau Wuttke. damals schon. weil das privat is. sondern ne richtige Fischwirtschaft . Und daß man in der Gegend da nich nur Froschschenkel produziert. Und bei Marthas Hochzeit war er och . mal auf nein anderen. Laß ihn mal reden.< Die meisten Artikel hab ich ja abgetippt. aber der blieb und grinste wien Honigkuchenpferd.neuerdings Informationen.. Und daß in dem einen Artikel irgendwas von Ruderpartien zu lesen gestanden hat. als ich bei uns auffem Kiez die Schönhauser runter auf Einkauf war. daß es sich um eine Auszeichnung. die steht ewig.. Na und? War ja Krieg. als ich mir meinen Fuß verknackst hab .. Und außerdem hab ich gesagt: >Geht Sie nen feuchten Kehricht. etwa finanzielle.. als er mich auffem Einkaufsbummel im KaDeWe unbedingt hat begleiten gewollt. die ollen Kamellen: was mit meinem Wuttke in Lyon los war.. mich wieder mal angequasselt hat: >Momentchen nur. Wird bestimmt was Politisches sein. rein gar nix an.< Und dann hat er noch gesagt: >Ist übrigens ne intelligente Person. wenn da kein Wuttke aufzutreiben war.

Café Kranzler und lauter piekfeine Restaurants und Konditoreien. wie unser Freund sagen würde. Viel Presserummel um nen alten Mann. < Da waren wir schon nah am Reichstag dran. Wurden ihn einfach nich los. Wurd gleich wieder übermütig. Lief unter >Familienzusammenführung< und war große Mode damals. Außerdem sind die Dienste behilflich gewesen.. mich aber trotzdem gesiezt.. verehrte Frau Wuttke< und so. Einfach goldig. Mir hat das gar nich gepaßt und unsrer Marlen überhaupt nich. « Als wir später Fontys Tagundnachtschatten fragten. noch nen Bummel mit zwischendurch Kaffeetrinken gemacht. Hatte paar Schrippen mit. hat sich aber seitdem >kolossal rausgeputzt<. Jedenfalls haben wir hinterher. der unter Pétain die Polizei gemacht hat. sondern erst die Linden rauf und runter uns alles erklären gewollt hat. >will da nich stören<. >Ich gehör auch zur Familie!< hat er gesagt und gegrinst dabei . als sie ihn hat abschieben gewollt.. >Rudern ist immer gut!< hat er gerufen und dann noch: >Da muß man nicht viel reden dabei. Und zu ihm hab ich >Bitte.< War denn auch richtig schön der Nachmittag auffem Wasser. Mein Wuttke war natürlich erleichtert. der auch ne Menge von früher gewußt hat. superhöflich sogar: >Liebe. Und wie die Kleine zugelangt und gefuttert hat. wenn Deutschlands Einheit gefeiert wird. Sind da noch immer ziemlich .. doch unterschwellig ging es auch um den damaligen Chef der Miliz Paul Touvier und um nen gewissen Bousquet. Aber immer hatten wir diesen Stoppelkopp bei. Habe deshalb sogar ne Reise ins nichtsozialistische Ausland bewilligt bekommen. Lief gerade der Barbie-Prozeß. Reiche Stadt.. als es um den Orden und später nur noch um ne möglichst diskrete Übergabe ging. unsre Marlen. weil er meine Einwilligung gewollt hat. gut in Schuß alles. weil mein Wuttke nich gleich in den Massentrubel rein.. hab ich gedacht. kein bißchen ähnlich mit meinem Wuttke. hat sie ganz süß zu ihm gesagt. der wird ja noch richtig menschlich. na. Bin aber dann doch neugierig auf die Kleine gewesen. Zu mir hat sie Großmama gesagt. daß man mit seinen Schützlingen sein will. was hier früher gewesen is.Kam mir höflich. sauber. mit Aufschnitt zwischen. dieser Schleimer. als ich ankam. als wir schon von zu Haus was Warmes zum Überziehn geholt hatten. >verstehen Sie bitte. von mir aus gerne< gesagt. Aber der war Mich wegzukriegen. Mein Gottchen. Und hat mit ihre schwarzen Kulleraugen geguckt . Is aber. kam heraus: »Ist doch klar. na für das Treffen Großvater-Enkelkind. als ich ihm ne Ruderpartie zu dritt vorgeschlagen hab. daß wir diese historische Nacht ganz familiär unter uns verbringen wollen und auf Ihre Hilfe diesmal nicht angewiesen sind . find ich. >Müßjö Offtaler<. Kannte Lyon zwar von früher.

nämlich bei der Vierzigjahrfeier unserer Republik.. na ja ... Schlug jedesmal ein wie ne Bombe. daß auf französischer Seite so lange gezögert wurde. Gewisse Bücher. selbst die Genossen waren ne Spur verlegen. ne Kleinigkeit nur. Massenaufläufe . besonders eifrig Fräulein Aubron. Mag er ja nicht.« Sie kamen nicht weit. ob der damalige Obergefreite Theo Wuttke wissentlich oder ahnungslos die Résistance unterstützt hat. zuviel Öffentlichkeit ... Aber nicht doch! Gibt keinen Grund zu bestreiten... wie gefährlich Wörter sein können. Warum? Mich erstaunt Ihre Frage. als die Geschichte endlich losging und das Einigvaterland vorm Reichstag abgefeiert wurde. als wir den Fall Jean Moulin auch nur antippten. die Wehrkraft zersetzende Stimme des Vortragenden. Der unter dem Kennwort Tontaine< längst abgelegte Vorgang verlangte nach Neubeurteilung. nur knapp bis vors Tor. Ehrentribüne! Großer Bahnhof! Die führenden Genossen! Denn die private Übergabe ist eigentlich ne Formlosigkeit gewesen. Auf die hört er ja. War wohl deshalb so brummig. Der eigentliche Ort des Geschehens. weil überall die Massen gestaut standen. So ist es leider zu spät zur Ehrung gekommen. sind? Überhaupt Literatur.. Im Grunde ging's um ne Formsache nur. Wissen Sie wirklich nicht. Manchmal ein halber Satz nur.. wenn er auf Sendung ging. nein.. Schließlich wurde auf ihren Antrag hin Amtshilfe geleistet. ziemlich trotzkistisch geäußert. die Franzosen. Hat sich aber auch so über den Orden gefreut . Hinzu kam die Wirkung suggestiv gesprochener Wörter und die sich einschmeichelnde und so. welche Macht von Wörtern ausgeht. besonders nach Beginn der Invasion. Mademoiselle Aubron war verärgert und hat sich. Wollte nach Haus. Die Zahl der Fahnenflüchtigen im Bereich Lyon war Beweis genug.. Einfach unmöglich . Wir hätten das gerne als nen öffentlichen Akt gesehen. Dennoch hatten die französischen Genossen Einwände über Einwände. und die Urkunde. der Reichstag und die Tribüne vor . Die Veteranenvereine sind in dieser Frage ziemlich pingelig gewesen. daß mir Fräulein Aubron bereits seit meinem Lyon-Besuch bekannt ist. Hauptsache ist. Im Ruderboot . was nicht gerade hilfreich war. haben wir gesagt. Schließlich wollten wir was von ihnen.. erwiesenermaßen.. Haben deshalb nicht tiefer gebohrt.. Wollte das Glockenläuten nicht abwarten.. Konnte man eindeutig bejahen: Wehrkraftzersetzung hieß das..empfindlich. War uns völlig unverständlich.. daß seine vom Tonband gesendeten Lesungen subversiv genug waren und auf einige im Raum Lyon in Bereitschaft stehende deutsche Einheiten destabilisierend gewirkt haben.. Aber wir haben ihm zugeredet. Was heißt hier Beweisnot! Als Archivare müßten Sie wissen.

... jedenfalls übertrug sich weihevoll Stimmung. aber bei einfachem Inhalt verständlich.....« Also blieben sie. weil auf Wiederholung bedacht. Mit tiefer Genugtuung . Großpapa. Deutschland als zur Einheit unfähig ansehen. der zur Familie gehören wollte. In dieser historischen Stunde . auf der die Festredner schon begannen. Dennoch blieben sie bis zum Glockengeläut. Die einen mit Pathos. den Reiz zauberischer Beschwörung: » ... als müßten sie dem Général de Gaulle nachsprechen. was Hoftaller uns gesagt hat: Fonty wollte von Anfang an nicht dorthin.. Wollen wir einig in dieser Stunde . ein wenig Rücksicht auf grand-mère zu nehmen. Ohnehin ließ die platzweite Beschallung keine intimen Gespräche zu. war bemüht. Aus tiefempfundener . konnte nur erahnt werden. La Grande Nation sagen wir. wollte er weg. doch andererseits ihren grand-père sehr herzlich darum bittet. Hoftaller.. nur noch weg oder. Aber vor allem aus dankbarer Freude .. wenn auch am Rande nur. die einerseits ihren internationalistischen Träumen nachhängt und sich noch immer ein bißchen Kommunismus erhofft. die Zwischenmusik. gelegentlich spottlustige Trotzkistin. all das kam durch Lautsprecher rüber.. steht La France über allem. Fonty stützte sich auf den Stock und litt nur noch gedämpft. Jetzt wächst zusammen . Uns jedenfalls kann die Einheit der deutschen Nation nicht gleichgültig sein.seiner Fassade. zwar verweht und in Fetzen. bei uns in Frankreich jedoch steht die Nation. auf jeden Fall und bis zum Glockenschlag dabeisein zu dürfen: »Ich bitte Sie. und eine gewisse Feierlichkeit gab so etwas wie ein Wir-Gefühl her... Sie mögen. Einig und dankbar. die anderen ein wenig spöttisch. « . Das gilt selbstverständlich auch für mich. Und als sie in der Menge aufgingen. Also wollen wir.. weil die Enkeltochter wünschte. die Auftritte der Redner. sogar ein wenig auf mich. doch ernst meinen es alle. im Hintergrund zu bleiben.. Großmama und mir nicht die Freude der heutigen Nacht zu verderben. standen. Was zusammengehört . denn was vor der breitgelagerten Kulisse ablief. die historische Mitternachtsstunde mit dick oder subtil auftragenden Sätzen zu vergolden. der einzelne Sätze belohnte. Und doch ist richtig. sogar mitreißend.. Aus tiefer .. hatte. der Jubel der Menge. Nicht wahr? Wir wollen uns freuen und unserer Freude Ausdruck geben.. wo sie nun eingekeilt. Was fragmentarisch von den Festreden anfiel. wie er sagte: »Schnell raus aus dem kolossalen Rummel!« Aber Emmi bestand darauf zu bleiben... eine kleine... Aus tief empfundener Dankbarkeit . aus welchen Gründen auch immer.

daß gleich darauf Emmi mit gar nicht üblem Alt in den Gesang einstimmte. die Hymne an die Freude mitzusingen. die zu umschlingenden Millionen. wir umklammern euch! .die vieltausendköpfige Menge überschwemmte. -Wird euch schon noch vergehen. wie es der zartbitteren Person gelang. Vielleicht hörte er nicht auf Hoftallers alles wegspülenden Erguß. nun freut euch.Klammeraffen. Wird keine reine Freude. doch kommentierte er mit kurzen Zwischentexten die immer wieder ausgerufene Freude. ha. billig zu haben. nur noch Freude!« Fontys Schnauzbart zitterte. ihr Wessis! . null Uhr. die mit dem erhebenden Gesang .Blechgeld weg: Freude! .Ab heute.Na.Lief zwar alles nach Plan . Von wegen Millionen! . freut euch. begann der Schwellkörper deutscher Sangeslust zu tönen. . Mitsingen war diesmal nicht seine Sache. nun los! . Entfesselt und chorisch gestimmt. . die fordernd oder erhebend waren und niemanden unberührt ließen.D-Mark da: Freude! Aber die Rechnung kommt. Unter Brüdern. zünden sollte. Sodann haben andere. daß er nicht nur gehört sein wollte. Den großen Tag ankündigend.Dazu kam endlich passende Musik. warmherziger Stimme korrespondierte. der wird uns nicht los.Einheit! Freude! .so kleinwüchsig La petite war über sich hinauszuwachsen schien. . O ja! Ein Singen hob an. die zu Brüder werdenden Menschen und den Ort sanft wellenden Friedens auf seine Weise: >Jadoch. Soviel familiäre Harmonie.Wir packen. freut Euch. sich bemüht. hat sogar Madeleine Aubron mit feinem und doch tragendem Stimmchen so hell und richtig jedes Wort nachbildend im Chor mitgesungen. Aber der Stock gab ihm Halt. Aber der barhäuptige Tagundnachtschatten sang nicht.Ist doch Schrott alles. Wen wir umschlingen. soviel Einklang . wenn auch nicht ganz so hell und richtig. habt ihr gesagt. zündete. der sich diskret zurückhielt. Obgleich inmitten seiner Familie aufgehoben.Mauer auf: Freude! . . So zündend war dieser Gesang. Im herbstlichen Übergangsmantel behielt er den leichten Sommerhut auf. richtige Klammeraffen sind wir.Freut euch bloß nicht zu früh. verdammt! Ihr sollt euch freuen. sobald die gesungene Freude als Götterfunken übersprang. denn als vom Reichstag her aus allen Lautsprechern der Schlußchor der Neunten tönte und gleich einem Naturereignis . unter ihnen wir vom Archiv. -Wolltet ihr doch um jeden Preis. die nahe standen. während Hoftaller.Denkste! . seine Baseballkappe zog. .Nie mehr werdet ihr uns los. sondern neigte das Ohr seiner verspäteten Enkeltochter zu. wir sagen. wurden Töne geboten.Milliarden kostet euch das. deren helles Stimmchen mit Emmis warmer. stand Fonty abseits.

Nun lassen Sie endlich das Geschmatze! Speiübel wird einem davon. Müssen die wissen drüben. Die wollen uns verwesten. die ja früher nicht nur Klavier gespielt. Seuchen sogar. so viele Folgen der brüderlichen Umarmung.nur von fern hörte man einige Glocken. sondern oft gesungen und noch beim Hochzeitsessen »Bau auf! Bau auf!« geschmettert hatte. Tallhover! Haben ja furchtbar recht. versuchte er. hält ja nicht lange. >Jetzt geht's los. Pest.. Springt über so ein Funke. daß wir ansteckend sind. wir verosten die einfach. ha! Jadoch! Ansteckend sind wir . Energie ging von ihm aus. « Hoftaller konnte kein Ende finden. Bin schon Feuer und Flamme . Küßchen über alles!« die Hymne an die Freude erweiterte.. gehn wir!« Doch weder Madeleine und Emmi noch sein Tagundnachtschatten waren loszueisen. wir zahlen zurück.hörte er gern. mit Ostviren. dann richtig. Die beiden sangen sich hoch bis zum Sternenzelt. daß Emmi und Madeleine. Gehn wir. und schon sind sie schwach auf der Brust wie wir.« Er wartete den Jubel nicht ab. Und wenn wir schon alle Brüder sind.. die anfangs »Bleib doch noch bißchen. Erst als Hoftaller den über alle Lautsprecher vermittelten Kuß für die ganze Welt mit Schmatzlauten vermehrte und Jadoch! Machen wir! Ganze Welt abknutschen!« rief. Jetzt geht's erst richtig los!« rief er. der andere rief: »Ach was. Die zahlen. Mal richtig zugepackt und umschlungen -komm. sonst gegen Musik eingenommen. »nur noch global wird geküßt!« und schließlich mit dem Ruf »Küßchen. Kolossaler Mumpitz alles. .schmatz! -.. Bruder! -. Hoftaller. mehr zu sich als zur Familie: »Zuviel Freude schnappt über« und mit mehr Stimme: »Von diesem Einigvaterland erhoff ich mir wenig. Wuttke! Soviel Freude muß man auskosten. löste sich aus der Menge und ging so entschlossen die Linden runter. Kenne keine Parteien mehr. da ein Küßchen . wir machen aus denen Schrott. überall Deutsche . Steht mir jetzt schon fest: In dieser Einheit ist der Spaltpilz drin. Immer schlimmere Krankheiten. denn nicht alle Kirchen machten beim Geläut mit und sagte. Als der Schlußchor der Neunten ausklang und bevor Jubel der kurzen und für kurze Ergriffenheit eingeräumten Pause folgen konnte. gefiel ihm dieser Gesang. Hier ein Küßchen schmatz! -. los. nur noch Deutsche. Vielleicht hat er sich seine Tochter Martha. Cholera fielen ihm vereinigend und nützlich ansteckend ein. als dritte Stimme im Freudenchor dazugewünscht. von mir aus Götterfunke. seinen unsterblichen Nebenmann zu stoppen: Jetzt reicht's. Die sagen Schrott zu uns. nutzte Fonty diese Frist . und schon sind alle infiziert drüben.wie die Freude.

Wie sein Einundalles is der. Waren ganz leer die Straßen.Wuttke!« und »Bitte. Bald hatten sie Fonty eingeholt. nur zwei Minütchen noch!« gerufen hatten. Wir haben dann noch unsre Marlen zur S-Bahn gebracht. aber abnehmender ist besser!< So is er nun mal. die Enkeltochter henkelte sich links ein.« Wir waren nicht mehr dabei. unsre Marlen. Sowas genießt sich in Gemeinschaft am besten. da steht ne Kastanie schon lange. Hat sich riesig gefreut. Muß zu allem seinen Senf. Hoftaller blieb hinter ihnen bis Ecke Glinkastraße.< Und genauso war es mit dem Mond. Großpapa. daß ihm Folge geleistet werden mußte. daß ich dabeisein durfte. Stimmt. ihm folgen mußten. Mit der sich auflösenden Menge verloren wir uns. wies er mit dickem Zeigefinger zum Himmel über der Stadt.< Dabei hat mein Wuttke sowieso jedes Jahr Kastanien in allen Taschen. trennte er sich von Fonty und dessen Frauen: »Trotzdem. Aber bevor die Bahn kam nach Wannsee rüber.. Sie wohnte ja drüben im Studentenheim auffem Eichkamp. als der Stoppelkopp endlich ging. das mit dem Mond. Zwei Kastanien. Als die Familie ablehnte. hat er gesagt. und gerufen. da hat keiner gefeiert. sagt er: >Heißer Kaffee ist gut. >Frische<. Da kommt man nich drauf so schnell. weil sie mir am Tag der deutschen Einheit geschenkt wurden.. Was? Das raten Sie nich. Wo wir wohnen. nach Hause zu fahren. hat mein Wuttke in all seinen Taschen gesucht. Heißt es nicht: Geteilte Freude ist doppelte Freude?« Doch bevor er ging.< Und die hat er ihr geschenkt. Richtig ausgebeutelt sind die. aber Vollmond pünktlich zur Einheit. als denn die Bahn kam und sie rein mußte mit Drängeln und Schubsen: >Die gehören jetzt für immer zusammen. Na. als alle gen Himmel schauten. ihm nachgerufen hat: >Vollmond ist gut. der dort geparkt stand. was auf ihn zukommt. vielen Dank. Und geschubst haben die sich. in seinem Trabi. Nur in paar Kneipen. und Madeleine »Monsieur Offtaler« mit kurzer Weisung »Sie sollten sich endlich zufriedengeben« verabschiedete. Wenn ich ihm ne Tasse frisch aufgebrühten Kaffee hinstell. Kann nich anders . aber auf spätere Fragen antwortete Emmi Wuttke: »Können Se glauben. Als Emmi und Madeleine mit Fonty himmelwärts guckten. Waren von unserm Hof. das schafft er. Emmi nahm seinen rechten Arm. >Sind die ersten. wo Fernsehen . rief Hoftaller: »Unsrem Kanzler gelingt aber auch alles! Hat keine Ahnung. aber lauwarmer ist besser. als wir die Einheit bekamen. mit ihnen Hoftaller. Muß immer eins draufsetzen. Großpapa. wir sind denn och mit der S-Bahn nach Haus über Ostkreuz bis Schönhauser Allee... Sein Hinweis war so zwingend. War das ein Gedränge inner Friedrichstraße und auffem Bahnsteig. daß mein Wuttke.

den kann uns keiner nehmen. aber auch aus Neigung ist: ein Stubenhocker mit Rückgratschäden. Aber den da. was unsereins von Berufs wegen. in schwierigem und oft unübersichtlichem Gelände folgen. und daß er sich dabei gewissermaßen in sehr schlechter Gesellschaft befindet. den Söhnen. die der Natur mündlich wie schriftlich nachgesagt werden. bitte. eine Skala.und ausländischer Besucher gehörte. schloß ihr betont reserviertes Verhalten private Fragen aus. wie sie war. In dessen kalenderbestimmtem Verlauf herrschten wieder die Mühen der real existierenden Unsterblichkeit vor. dort Gestank meldet. den er >abattu< oder >nervenrunter< nennt. zum Beispiel für Ruderpartien und klammheimliche Uferpromenaden im Tiergarten. neben dem üblichen Kleinkram. unehelich geborene Rouariet. vielmehr mußten wir das sein. selbst angesichts der Briefe an Emilie. Aber mit dem Vollmond.<« VIERTES BUCH 24 Von Brücke zu Brücke Danach begann der Alltag. dann aber bestimmend familiär: »Gestatten Sie mir. blieb keine Zeit für Außendienst.sie roch zartbitter nach einem vermutlich aus Mandelessenz gewonnenen Parfum . Madeleine Aubron ins Archiv. die von preußischen Kiefern und märkischen Dunghaufen über den Flieder nahe der Luisenbrücke reicht. weil ne Menge Pfarrer nich läuten wollten. um Einsicht in den Briefwechsel mit Mete. Und mein Wuttke hat gesagt: >Unsre Republik ist nun weg. Mit dem ihr eigenen Duft . der Familie zu nehmen. Sah richtig schön aus. Da war mehr Glockengeläut zu sehn als in Wirklichkeit. Textorientiert.lief.kam. Sogar bei uns überm Prenzlauer Berg stand er ganz deutlich. da oben. bis kurz vor ihrer Abreise. erlaubte sie sich keinen Querverweis auf Emmi und die Wuttkes. Gelegentlich steigert er sich in einen Zustand. das stimmt. die Erwartung auszusprechen. drüben nich und bei uns nich. die sich ganz und gar auf Monsieur X bezieht. adoptierte Kummer. daß Sie sich weiterhin Großpapas Wohlergehen verpflichtet fühlen mögen. zudem die Abgase der Potsdamer Straße bietet und hier Gerüche. die manchmal anregende Betreuung in. Er neigt zu plötzlichen Entschlüssen. ist weder Ihnen noch mir verborgen geblieben. zu der. Nur beim letzten Besuch wurde sie knapp. dem der Geruch alter Papiere für alle jene Düfte Ersatz zu sein hat. Gefordert von unserer Arbeit im Archiv. Bien sûr! Er muß seiner Mission.« .

mit seinen Worten. Hinzu kam. »irgendwo aufgetrieben«. Als Zubehör zählten wir zum Umfeld seines Objekts. Ihm Hausverbot zu erteilen hätte Folgen gehabt.kaum hatte »La petite« uns. untypisch für den Arbeiterund Bauern-Staat. in Reihe gestaffelt oder gehäuft als Ansammlung zu sehen. unter Aufsicht zu stehen.kam. wenn wir mit Nachfragen hartnäckig blieben. Hoftaller zu Besuch. Nur Fonty hob seine Einsamkeit auf Ins Archiv jedoch kam er allein. allenfalls gelingt es uns manchmal. unter seiner Obhut. zumal sich seine Recherchen oft mit unseren kreuzten. gleich uns. Entschuldigen Sie. oder er sprach wieder einmal vom »zu weiten Feld«. Deshalb sollten wir uns nicht in Einzelaktionen verlieren . Eigentlich konnte sein Auftreten als Einzelperson untypisch genannt werden. einer Fläche. Ich erinnere mich: Wiederholt brachte er seit Kriegsende verschollen geglaubte Briefe.« Dabei ist er nie angemeldet gekommen. doch immer mit Objekt. so auch den einzigen Brief an Wolfsohn im Original gerettet oder. was zum Alltag gehörte.Und dann . also nahmen wir hin. die. Außerdem hat er doppelseitig beschriebene Manuskriptseiten. ihn vervielfacht. lauter Schätze. daß sich Hoftaller als außerdienstlicher Mitarbeiter sah. Daher rührten seine häufigen Abwandlungen des sprichwörtlich gewordenen Briest-Zitats: »Unser Material liegt auf zu weitem Feld. wenn ich einfach ins Haus platze. so stetig sie wachse und sich ins Unermeßliche zu verlieren drohe.. in »unbefugte Hände« geraten waren. Eigentlich handelte es sich um Routinebesuche. Aufzeichnungen zum »Likedeeler«Projekt. denn nie wurden Fundorte genannt. die wir verbrannt und längst verloren geglaubt hatten. Mehr noch: Indem sein Schatten auf uns fiel. nein. nach seiner Wortwahl. allenfalls wies er. als der Sozialismus nicht nur auf Transparenten unser aller Herzenssache war. gegen Ende der vierziger. zum Alltag des Archivs gehörte die Gewißheit. als müsse er ein Gegengewicht auf die Waage packen. dessen Wächter in der Regel zu zweit auftraten. die Wuttkes und uns verlassen . dem wir uns nur . standen wir und alle dem Archiv verpflichteten Vorgänger. einer den andern absichernd. indem er sich nützlich machte. auf den Klassenfeind und die Gefahr des »kapitalistischen Zugriffs« hin. im Dienst des Unsterblichen begriffen hatten. »Mir war heute so nach Archiv. Er kam und war da. An häufige Besuche erinnern sich nur ehemalige Mitarbeiter: Während der Zeit des Aufbaus. Da aber Tallhovers Biograph seinen Helden betont einzelgängerisch angelegt hat. »Bilden wir doch ein archivierendes Kollektiv«.. konnten und können wir Hoftaller nicht verdoppeln. vermessen werden müsse. die ausgeschritten. hieß sein zeitgemäßes Angebot. « Gottlob kam er selten. zu Beginn der fünfziger Jahre verkehrte er regelmäßig mit dem Archiv. die sich.

hinhaltend, aus heutiger Sicht allzu bänglich zu entziehen versuchten. Dennoch bitten wir um Verständnis, denn damals trat er kollegial und durchaus kenntnisreich auf; seine Hilfe abzulehnen wäre zwar mutig, doch im Sinn des Unsterblichen »kolossal dumm« gewesen. Nach dem Abebben der Aufbauphase, als alles nur noch »seinen sozialistischen Gang« ging, kam er lange nicht. Erst sein Biograph hat uns das Ende seiner teils beklemmenden, teils nutzbringenden Anwesenheit zu erklären versucht. Jedenfalls kamen nach den dreiundfünfziger Unruhen dem Archiv keine neuen Funde ins Haus. Schon hofften und bedauerten wir zugleich, außerhalb des von ihm observierten Umfelds zu liegen. Auch schien nach dem Mauerbau eine Zeitlang gewiß zu werden, daß nun, dank der Errichtung des Schutzwalls, die Periode der Observierung vorbei sein dürfte. Wir täuschten uns. wie sich sein Biograph mit Hilfe einer fiktiven Todesanzeige selbst getäuscht hatte. Schon bald lastete wieder sein Schatten, besonders nach dem elften Plenum, als alle Hoffnung zunichte war: und nach dem Mauerfall, als mit uns viele glaubten, daß fortan der Zwang zur kollektiven Zusammenarbeit ein Ende gefunden habe, täuschten wir uns abermals. Für Hoftaller gab es keine Brüche und Nullpunkte, nur fließende Übergänge. Gerne sprach er im Plural: »Wir sind dabei, uns neu zu orientieren ... « Er sagte: »Die Dienste finden sich wieder.« Und: »Unser Konzept für operative Vorgänge beginnt zu greifen.« Alles ging weiter, wenn auch nicht mehr seinen sozialistischen Gang; und wie nach der Einheit Hoftallers Tätigkeit im Haus der Ministerien kein Ende fand, vielmehr neuen Aktivitäten folgte, die an dieses Gebäude gebunden waren, so blieb er Fonty und mit Fonty uns auf den Fersen, als nach dem Fest wieder der Alltag begann. Er besuchte das Archiv am frühen Vormittag. Er brachte keine Blumen für unsere Damen mit. Er rauchte, was wir nicht gerne sahen, eine seiner Kubanischen. Er sagte: »Komme aus übergeordnetem Interesse. Unbedingt müssen ein paar Ungereimtheiten ausgeräumt werden. Betrifft alles unseren gemeinsamen Freund. Über Lyon und die Folgen sprachen wir kürzlich schon, als die Dienste zwecks Familienzusammenführung behilflich werden konnten. Aber betreffs Internierung auf der in der Girondemündung liegenden Insel Oléron und Entlassung des Kriegsberichterstatters und preußischen Untertans gibt es ne Menge Klärungsbedarf. War nicht die katholische oder jüdische Partei, auch nicht, trotz höchster Intervention, die Regierungspartei, die den Betroffenen freigekämpft hat, nein, das waren wir. Geschah natürlich in Zusammenarbeit mit den französischen

Organen. Krieg trennt ja nicht nur, Krieg wertet bestehende Verbindungen auf, sofern über sie Spezialwissen zu erwarten ist. Haben wir wiederholt erlebt. Zum Beispiel nach dem letzten Frankreichfeldzug. Selten haben die Dienste reibungsloser zusammengearbeitet, besonders in Lyon. Will damit nicht die vormaligen Bemühungen der katholischen, der Jüdischen und der Regierungspartei in Abrede stellen, aber Ihre Archivgewißheiten sollten endlich ergänzt werden: Entscheidend sind in allen Fällen wir gewesen. Wir wurden tätig. Wir werden auch zukünftig... Bitte darum, dieses Fakt zu Protokoll zu nehmen. Ist ne Kleinigkeit nur, dient aber der Wahrheitsfindung.« Mit einem Lächeln sprach er auf uns ein, das bei härtesten Sätzen bestehenblieb, versteinert, wie sein versteinertes Spezialwissen. »Weiß schon«, sagte er, »die Herren wollen nicht glauben. Das Bild des Unsterblichen verträgt keinen Fliegenschiß. Man schätzt unsere Beiträge nicht. Man wartet ungeduldig das Ende meines Besuches ab. Dabei hänge ich am Archiv. Säße lieber hier als woanders. Habe das ewige Rumstehen satt. Ne Schinderei ist das: Außendienst bei jedem Wetter... « Noch nie hatten wir Hoftaller so sinnentleert und seines Dienstes überdrüssig erlebt. Plötzlich jammerte er über alles: den Undank, die ständige Mißachtung, den schlechten Ruf, die vergebliche Mühe. Seine eigene, nur bescheidene Rolle und das ihm vorgeschriebene Randdasein waren ihm nichtsnutz geworden. Überhaupt zweifelte er am Sinn der auf Staatssicherheit spezialisierten Dienste: »Ist ne Fiktion, das Ganze!« Und dann beklagte er die Launen seines Objekts, Fontys plötzliche Aufbrüche und planlos weitläufigen Spaziergänge. Er bat uns, ihm zu helfen und gleich ihm - Fonty nicht aus dem Auge zu lassen: »Denken Sie an Domrémy, als er leichtfertig die preußischen Truppen verließ, um kurz nach der Jungfrau von Orléans Ausschau zu halten. Oder denken Sie an Lyon, als er sich auf Ruderpartien gefährdete. Oder kürzlich noch, sein jüngster Versuch, abzutauchen und sich irgendwo auf schottischer Heide zu verlieren. Glauben Sie mir: Unser Freund ist ne Nummer für sich ... « Vorerst litt Hoftallers Außendienst nicht unter Schlechtwetter: Herbstlich mild blieb es nach dem dritten Oktober; und Fontys Spaziergänge hielten sich in Grenzen, weil er wieder diensttauglich war. Sogleich nach der Verkündung der Einheit sah er sich von banalen Alltäglichkeiten gefordert. Zwar begann man, den Arbeiter- und Bauern-Staat nun offiziell Beitrittsgebiet zu nennen, doch im ehemaligen Haus der Ministerien blieb die Arbeitskraft Theo Wuttkes in allen Räumen und Korridoren

des vielgeschossigen Gebäudes gefragt, weil nunmehr das Wort »abwickeln« in Gebrauch kam. Von Zimmer zu Zimmer und rauf und runter im Paternoster mußten die kopflos gewordenen Ministerien abgewickelt werden. Das Wort begann Sinn zu machen. Rastlos tätig sah man den Aktenboten, denn abwickeln bedeutete räumen, und räumen hieß Platz schaffen für eine neue Behörde. Laut Einheitsvertrag trat das Treuhandgesetz in Kraft, und mit ihm wurde ein Wort aufgewertet, das schon einmal von umfassender Bedeutung gewesen war: solange das Dritte Reich dauerte und überall Besitz und Vermögen der Juden in Deutschland unter Treuhand gestellt wurde. Schon seit Monaten gab es diese Behörde mit beengtem Standort am Alexanderplatz. Auf Verlangen des Runden Tisches sollte sie das Volkseigentum schützen. Doch nun -und seitdem des Volkes Eigentum zur Chimäre erklärt worden war - sah sich die Treuhand vor neue Aufgaben gestellt. Abwickeln sollte sie und dabei über sich hinauswachsen. Sie forderte Platz für über dreitausend Arbeitskräfte, denen das Ziel gesetzt war, in möglichst kurzer Zeit alles, was unter entwertetem Begriff nunmehr herrenlos war, zu privatisieren; ein Wort, das sich im Sprachgebrauch der Treuhand aus der Tätigkeit des Abwickelns ergab. Das gesamte Beitrittsgebiet sollte als Anschlußmasse erfaßt werden. Zwischen der Oder und der Elbe, der Ostsee und dem Erzgebirge war Altlast aufzulisten. Eine Aufgabe für Giganten, zumal dieses gesetzliche Muß allerorts und besonders dort, wo Industriebetriebe noch immer als volkseigen firmierten, radikale Schrumpfung vorschrieb und einer Leitstelle bedurfte, von der aus der bis vor kurzem herrschende Zentralismus abzuwickeln war, einer Treuhand, die zugriff. Wie selbstverständlich bot sich das ehemalige Reichsluftfahrtministerium und vormalige Haus der Ministerien als Standort an. Mit seinen über zweitausend Diensträumen bekam der Koloß den Zuschlag. Doch bevor die Treuhandanstalt, kurz Treuhand genannt, einziehen und sich breitmachen konnte, mußte geräumt, das hieß wiederum abgewickelt werden. Fonty half dabei, und Hoftaller war ihm, wie vorher bei alltäglichen Dienstleistungen, nun beim Abwickeln behilflich. Da die Treuhand einen Teil der vorgefundenen Arbeitskräfte, das Stammpersonal, übernahm, war es nicht verwunderlich, daß der Aktenbote dazugehörte; trotz oder wegen seines hohen Alters wurde er von den neuen Dienstherren gebeten, fortan beratend tätig zu sein. Es hieß: Da er mit dem Gebäude Ecke Leipziger Straße über jeden geschichtlichen Machtwechsel hinweg vertraut sei, verkörpere er das

Bleibende; er gehöre dazu, aus ihm spreche Tradition und Geschichte, ohne ihn laufe man Gefahr, wie ohne Hintergrund zu sein. Diese besondere Position wurde Fonty von höchster Stelle angeboten, vom Chef der neuen Personalabteilung schriftlich bestätigt und von Hoftaller, der gleichfalls in mittlerer Position und zuständig für den Außendienst übernommen wurde, schmackhaft gemacht. Dessen Talent für gleitende Übergänge hatte sich oft genug bewährt, weshalb seine Devise »Ohne uns kein Systemwechsel« zu den bleibenden Wahrheiten gehörte. Und als Hoftaller den einstigen Aktenboten zur Annahme des neuen Arbeitsplatzes überredete, sagte er während einer immer wieder die Wendepunkte überwindenden Paternosterfahrt: »Kann man nicht nein sagen, Wuttke. Ist doch ne Sache. Wird selbstverständlich nach westlichem Tarif bezahlt. Demnächst sind wir Bundesbehörde und nur dem Finanzministerium unterstellt. Da guckt dann keiner mehr durch. Nur wir, Wuttke, nur wir. Außerdem bleibt Freizeit genug.« So kam es, daß Fonty bald nicht mehr als Aktenbote von Stockwerk zu Stockwerk, sondern, bei guter Bezahlung, beratend tätig war. Für später wurde ihm sogar im Nordflügel, der an die Leipziger Straße grenzte, ein eigenes Dienstzimmer zugesagt, das weit genug weg vom nunmehr alltäglichen Betrieb lag: Vom obersten Stock sollte er in den Himmel und in einen der geschlossenen Innenhöfe blicken können. Fonty freute sich auf das Zimmer. Aber vorerst herrschte noch Baulärm bei gleichzeitig stiller Abwicklung. Vor dem Umzug der Treuhand vom Alexanderplatz in die Otto-Grotewohl-Straße mußte das geräumte Gebäude eine gründliche und allen stehengebliebenen Mief vertreibende Renovierung erdulden. Hausputz fand statt. Reiner Tisch wurde gemacht. Alles sollte westlicher Optik genügen. Doch sorgte Fonty in beratender Funktion dafür, daß einiges beim Großreinemachen überlebte. Ein Teil der in über zweitausend Diensträumen hinterbliebenen Topfpflanzen, unter ihnen Zimmerlinden und Gummibäume, aber auch Efeuaralien, Pfeilwurz und dreifarbiger Steinbrech, sollte in geeigneten Räumen für spätere Liebhaber von pflanzlichem Raumschmuck aufbewahrt und gepflegt werden. In beratender Funktion schrieb er: »Die behördliche Liebe zu Alpenveilchen und Becherprimel ist gesamtdeutsch. Was uns Deutsche verbindet, ist das immerfort blühende Fleißige Lieschen. Was weg muß, muß weg, doch hüten wir uns davor, Topfpflanzen, die immerhin Mauer und Stacheldraht überlebt haben, brutal abzuwickeln.«

Ferner legte man, Fontys beratendem Hinweis folgend, auf allen Korridoren jene Linoleumböden wieder frei, die zu Zeiten der Reichsluftfahrt gelegt worden und unter der abgetretenen sozialistischen Auslegware blank geblieben waren. So kam es, daß die Korridore, als nach drei bis vier Monaten Hausputz überall westlicher Standard erreicht war, wie neu glänzten. Doch bevor es soweit war, fand der Treuhandberater Wuttke Zeit für Extratouren von außerberuflicher Reichweite. An Nachmittagen und an Wochenenden lud Hoftaller zu Ausflügen mit seinem Trabi ein. Mal sollte es kurz hierhin, mal entfernt dorthin gehen. Schlösser und Pückler-Muskausche Parkanlagen, Denkmäler und sonstige Sehenswürdigkeiten standen auf dem Programm. Selbst bei nun wechselhaftem Wetter war keine Grenze gesetzt. Und Fonty, den seit der Abreise seiner Enkeltochter nach Frankreich ein oft schmerzlich ziehendes Fernweh heimsuchte nahm die Einladungen an. Diese einst begehrte, doch dann dem Spott feile Billigkarosse, dieser nun bundesweit verschriene Stinker, im mobilen Emblem des Mangels, dem auslaufenden Modell, in einem der vieltausend zu Schrott erklärten Produkte, mit einem Zweitakter, dem Pappmobil ohnegleichen, das vormals allenfalls nach langjähriger Wartezeit lieferbar gewesen war, fuhren Hoftaller am Steuer und Fonty als Beifahrer raus aus Berlin-Mitte, über die Stadtgrenze hinweg, zum Beispiel nach Oranienburg, dessen von allerlei Prinzessinnen ungeliebtes Schloß während der Mauerjahre von dort kasernierten Grenzsoldaten verwohnt worden war. Oder ihr Ziel hieß Cottbus, ohne daß sich dem Stadtbummel ein Ausflug in den nahen Spreewald angeschlossen hätte. Und nach Neubrandenburg waren sie unterwegs, wo sie die übriggebliebene Stadtmauer abschritten und sich mal dieses, mal jenes wohnlich ausgebaute Wehrtürmchen zum Domizil wünschten; weil ihren Dienstjahren nach Ruheständler, spielten Fonty und Hoftaller gerne ihr Recht auf einen Alterssitz aus; dabei lag ihnen nichts ferner als seßhaftes Dahindämmern. Von Ort zu Ort kamen Erinnerungen hoch. Zitatsicher fragten sie einander nach Kulturbundvorträgen ab, etwa nach dem harmlosen, in Cottbus gehaltenen Referat über den von hier stammenden Maler Karl Blechen, aber auch nach kitzligen Stellen jenes Vortrags, den Fonty in Neubrandenburg und später in Rathenow unter dem Titel »Was sagt uns Katte heute?« gehalten hatte und dessen aufrührerische Thematik - Kronprinz gegen König, Fluchtversuch, Hinrichtung - dem Sicherheitsbedürfnis des Arbeiter- und Bauern-Staates zuwider war. Beide lachten über ängstliche Striche im Redemanuskript, die der eine verfügt, der andere frei

vortragend mißachtet hatte. So lang die Rückfahrt sich hinzog, sie blieben heiter und planten neue Ausflüge. Diesmal waren sie auf nur kurze Distanz unterwegs. Bei Nieselregen ging es nach Potsdam, aber nicht nach Potsdam hinein. Weder Schloß noch Archiv war ihr Ziel, beides kannte man zur Genüge. Nein, nichts der Unsterblichkeit Dienliches oder gar Friderizianisches stand auf dem Programm; kurz vor Preußens berühmtester Garnisonstadt machten sie Halt. Wir sind nicht sicher, wer vorgeschlagen hat, den bedeutsamen Schnittpunkt der vormaligen Grenze, die Glienicker Brücke, zu besuchen. Wahrscheinlich ist es Fonty gewesen, der Hoftaller gefällig sein wollte, wußte er doch, daß seinem Tagundnachtschatten dieses Ausflugsziel nicht wegen der Baugeschichte - zuerst aus Holz, dann aus Backstein, schließlich als Eisenkonstruktion - von Interesse war, sondern aus Gründen sentimentaler Art. Der Ort des Austauschs von Topagenten zog ihn an. Mit Bewunderung, aber auch Neid sah Hoftaller die Glienicker Brücke, auf der noch kurz vorm Mauerfall hochkarätige Spione, langjährig tätige Perspektivagenten und manchmal sogar namhafte Größen des geheimdienstlichen Spezialwissens von Ost nach West, von West nach Ost verschoben worden waren. Kurz vor der Brücke über die Verengung der beiden Havelseen parkte er den Trabi auf sozusagen noch westlichem Gelände, seitlich der Zufahrt zum Glienicker Schloß. Was Fonty nur andeutete, hat Hoftaller uns später bei einem Archivbesuch bestätigt: Ihn habe die Brücke bis zur Drittklassigkeit abgewertet. Für seinesgleichen sei diese Agentenschleuse nur im Traum zugänglich gewesen. »Glienicke!« rief er. »Das gab's nur für die Elite. Nur Spitzenleute wurden dort ausgetauscht. Unsereins, der sogenannte Mittelbau, kam nicht vor. Wir waren für die Drecksarbeit gut: Außendienst, Objektobservierung, Informantenpflege, Routineberichte, Schreibkram, ab und zu ne Dienstreise. Will nicht klagen. Mußte ja auch geleistet werden. Aber die Brücke blieb Wunschvorstellung, Traumziel, ne letzte Erfüllung. Sowas faszinierte. Das war doch was. Viel Theater, na gut. Aber heimlich sehnte sich jeder von uns danach: Einmal werde auch ich ... <, Wenn es nun heißt: Hoftaller schwärmte uns gegenüber von der Glienicker Brücke, übertreiben wir nicht. Und verständlich ist, daß Fonty seinem leidenden Tagundnachtschatten gefällig werden wollte. Deshalb wird er es gewesen sein, der das prominente Ausflugsziel vorschlug. Diesmal kam er vorplanend zum Zug und forderte, kaum hatten sie den Trabi verlassen, Hoftaller auf, mit ihm auf der Brücke Agententausch zu spielen.

»Müssen das mal leibhaftig durchmachen.« »Kommt nicht in Frage. Bin ungeeignet dafür.« »Nur keine Minderwertigkeitsduselei! Sie sind doch wer! Ein Tallhover hat schließlich Herwegh observiert. Lenins Sonderzug war Ihr Fall, später sogar Lenins Gehirn ... « »Trotzdem, bin dafür wirklich ein paar Nummern zu klein ... « »Ach. was! Wer war ich schon siebzig-einundsiebzig! Und wurde dennoch von der Insel Oléon runtergeholt und gegen Topleute, wie Sie sagen, ausgetauscht: drei hochrangige französische Offiziere, während ich nur ein kleiner Skribifax ... « » ... den man für nen Topagenten gehalten hat. Beinahe hätte man Sie wegen Spionage füsiliert. Nein, ich tauge für solche Vergleiche nicht. Da muß man schon hugenottischer Herkunft sein und zum Beispiel Guillaume heißen ... « »Seien Sie kein Spielverderber, Tallhover. Nicht umsonst haben Sie so frühzeitig einen Biographen gefunden. Wenn jemand Perspektive bewiesen hat, dann Sie. Nicht ohne Grund sind Sie zum Sinnbild mir zugeordneter Unsterblichkeit gereift. Also, Kopf hoch! Heute sind Sie dran.« »Und wie soll ich mich dabei anstellen, Genosse Kommissar?« Fonty bestimmte die Regeln. Hoftaller nickte: Kapiert. Und so spielten sie auf der Brücke, dem Schnittpunkt tatsächlicher und ausgedachter Spionagegeschichten und Agententhriller, die gefilmt, dokumentiert und immer wieder in Romanen verpackt worden waren. Szenen im Morgengrauen, bei Frühnebel sind erinnerlich. Kaltes Licht aus Bogenlampen. Spannung und Kitzel bei Sprühregen und gebotener Kameradistanz. Die schrittweise Annäherung zweier Männer mit Hut und hochgeschlagenem Mantelkragen, von denen nur einer aus der Kälte kam, obgleich auch der andere fror. Agententausch zwischen Ost und West. Im Film wie in Wirklichkeit. Und die Welt schaute zu. Bei passendem Wetter spielten sie unter den schöngeschwungenen Brückenbögen das altbekannte Ritual durch. Anfangs hatte der zum Superspion beförderte Tagundnachtschatten seinen patenten Regenschirm aufspannen wollen, doch Fonty war dagegen: »Der paßt nun wirklich nicht hierher.« Also setzten sie sich bei Windstille dem Nieseln aus. Nur die Gehstreifen waren ihnen eingeräumt. Sie mißachteten den in jede Richtung fließenden, dann wieder stockenden Autoverkehr. Hoftaller, der auf Fontys Weisung zur Potsdamer Ostseite vorausgelaufen war, kam auf dem fast unbenutzten Weg für Personenverkehr, und zwar auf dem rechten Streifen, Schritt für Schritt in

Richtung Glienicke näher; Fonty hatte sich auf ein Handzeichen des entfernten Austauschobjekts von West nach Ost in Bewegung gesetzt. Schritt vor Schritt. Nicht übereilt, nicht verlangsamt. Dort, inmitten der Brücke, unter der sich zwei Havelseen zum schmalen Durchlaß verengten, gingen sie ohne Blickwechsel aneinander vorbei, jeder auf seine weisungsbefugte Schaltstelle zu. Das verlangte nach Wiederholung. Hin und zurück unter den sanft von Träger zu Träger schwingenden Bögen. Anfangs auf Fontys Befehl, jetzt nach Hoftallers Wunsch. Unter der Brücke verkehrten einfach und doppelt besetzte Paddelboote, dann eine Motorbarkasse; das kümmerte niemanden. Mal war es Fonty, der als östliches Objekt gegen das westliche Faustpfand ausgetauscht wurde, dann wieder kam der Tagundnachtschatten aus dem Osten Schritt vor Schritt näher, während Fonty den Westen hinter sich ließ, bis beide gleichauf waren, nunmehr einen Augenblick lang zum Standphoto erstarrten, blicklos, wortlos, um sich sogleich wieder Schritt vor Schritt dem einen, dem anderen System, den Weltmächten, Todfeinden und Sicherheitsgaranten, dem Klassenfeind und der Roten Gefahr zu nähern und sich dem jeweils eigenen Lager zu überlassen. Ein Spiel mit wenig Varianten. Fonty gegen Hoftaller, Hoftaller gegen Fonty. Beide waren einander wert. Den einen gab es nicht ohne den anderen. Mit gleichhohem Einsatz wurde gespielt, und beiden war die Glienicker Brücke von Alptraumlänge. Monoton sah das aus. Schon ließ, wie nach allzu schleppender Pflichtübung, die Spannung nach, da fielen ihnen doch noch Variationen ein. Der aus der Kälte kommende Fonty zwinkerte mit dem rechten Auge, sobald sie gleichauf waren, und der vom Klassenfeind übergebene Hoftaller zwinkerte mit dem linken. Zuletzt sagten sich beide Objekte beim Austausch sogar ein Wörtchen. »Mach's gut!« sagte der eine. »Mach's besser!« der andere. Das mag verwundern. Sie hätten sich, ihrer Systemzugehörigkeit entsprechend, beschimpfen können, mehr gezischt als geschrien: »Du Kapitalistenknecht!« - »Du rote Sau!« Aber nein, sie wünschten einander besseres Gelingen. Zwei Profis mit Berufsethos, zwei Realisten fern aller Ideologie, zwei Spezialisten von Profession und gleichem Rang, die sich aus nie verjährter Erfahrung ihrer Unsterblichkeit sicher waren, wenngleich Hoftaller, als beide wieder im Trabi saßen, abermals seine relative Nutzlosigkeit beteuerte: »Im Vergleich mit Topagenten bin ich nur Durchschnitt ... « »Ach was, Tallhover. Sie waren doch immer kolossal auf dem laufenden, wußten im voraus schon ... «

»Aber Sie hatten die eigentliche Macht, Bücher, ne ganze Armee gereihter Wörter im Rücken ... « »die sich an der Zensur, deren Fürsorger Sie sind, gerieben, manchmal aufgerieben haben. Ohne Zensur... « »Mag ja sein, Fonty, daß wir uns irgendwie ergänzen. Doch nur nach Aktenlage sind wir gleich.« Dann bedankte er sich. Mehr noch, er sah sich zu Dank verpflichtet. Fast hätte er Fonty umarmt, doch es kam nur zum Händedruck und zu Gestammel: »Ahnen ja nicht, wie deprimiert ich ... Kam mir überflüssig... Gab nur noch ne traurige Figur ab ... Hat mir gutgetan, dieses alberne Spielchen ... Weiß jetzt wieder, was ich mal gewußt, dann vergessen hatte ... Na, wie glatt das geht, Systemwechsel ... Man bleibt, wer man ist ... Auf beiden Seiten der Brücke ... Danke, Fonty.« Er gab den Händedruck auf und lächelte nun wieder altbekannt. So gutgelaunt hätte Hoftaller es gerne gesehen, wenn man gemeinsam über die Glienicker Brücke nach Potsdam hinein und zur Dortustraße gefahren wäre, doch abermals wollte Fonty nicht gefällig werden. So schroff lehnte er einen Besuch im Archiv ab, daß Hoftaller nachgab; allerdings versicherte er auf unsere Kosten: »Macht nichts! Bringt sowieso nicht viel. Die haben doch nur Langeweile in ihren Karteikästen. Kennt man alles. Selbst das Kapitel >Storms Potsdamer Leidenszeit< ist abgehandelt. Wer auf ne wirkliche Hintergrundstory aus ist, dem können nur wir dienen. Sagte ja bereits: Ohne uns läuft nichts ... « Die Rückfahrt durch Westberlin dauerte, weil sie in den nachmittäglichen Berufsverkehr gerieten. Immer wieder brachte Stau sie zum Stillstand. Man kam sich klein vor in dem bewitzelten Pappkoffer, eingeklemmt zwischen den mächtig wirkenden Karossen aus westlicher Produktion. Damals waren Trabiwitze beliebt, deren Pointen den zuvor beliebten Ostfriesenwitzen entlehnt zu sein schienen; und doch fanden der Chauffeur und sein Beifahrer Trost in der Tatsache, daß sich die Verkehrsdichte gleichermaßen gerecht auswirkte: Ob Mercedes oder Trabi, alle kamen nur schleppend voran. Fonty sagte dazu: »Kolossaler Schlamassel! Und das ist nun der heißersehnte Kapitalismus.« Seitdem Madeleine weit weg war, fand er wieder Zeit für lange, alles Tagesgeschehen verplaudernde Briefe, sogar für Vormittage in der Imbißstube Potsdamer Straße, schräg gegenüber der Hausnummer 134 c; dort hatte er ein Tintenfaß deponiert.

Professor Freundlich, dem er die jüngst zugeflogene Enkeltochter allerdings unterschlagen hatte, verdankte seiner Brieflaune einen zugespitzten Rapport vom »filmreifen Agententausch« auf der Glienicker Brücke, die er »das Mekka aller pensionsreifen Geheimdienstler« nannte. Und Martha Grundmann, geborene Wuttke, erhielt wieder Post. Sie las, was uns viel später zur Auswertung überlassen wurde: » ... Soviel zu dem uns lange wohlgesonnenen, dann aber regnerischen Wetter; gewiß wird Mecklenburgs Himmel während der Nacht zum dritten gleichfalls so national gestimmt gewesen sein. Jedenfalls haben wir den Einheitsrummel, samt eher schütterem Glockengeläut, tapfer und dank familiärer Auffrischung überstanden. Mama wird Dir sicher aus ihrer mich oft verblüffenden Sicht mitgeteilt haben, daß Mademoiselle Aubron es verstanden hat, unsere Herzen im Handstreich zu erobern; und wahrscheinlich ist es meiner lieben Mete ähnlich ergangen; denn wie ich in einem sonst eher ledernen Brief Friedels lese, hat sich die so zierliche wie resolute Person in Schwerin, Wuppertal und sogar in Bonn-Bad Godesberg vorgestellt, bevor sie nach Paris weiterreiste. Kann nur lachen, wenn ich an meine Herren Söhne denke - besonders an Teddy und vermute, daß sich dessen Prinzipienreiterei, angesichts der von mir als zartbitter empfundenen Person, mehrmals vergaloppiert haben wird. Muß nun, was meinen in die Jahre gekommenen Sündenfall betrifft, das abschließende Urteil der Familie überlassen, bin aber sicher, daß mich meine Mete nicht an den Pranger stellen wird, vielleicht hilft Dir Dein neuerworbener Katholizismus, Deinen alten Vater in milderem Licht zu sehn. >Mensch ist Mensch<, wie schon der General von Bamme in >Vor dem Sturm< sagte. Von Mamas Gutherzigkeit in dieser Sache war ich überrascht. Ich befürchtete eine knifflige Situation zu Hause. Anfangs schien sie auch ganz baff zu sein, doch dann siegte ihre Neugierde: Unbedingt wollte sie rudern, und zwar zu dritt. Doch was diese familiäre Ruderpartie betrifft, die Dir sicher bis zu Madeleines rettender Heldentat hin ausgemalt worden ist, kann ich nur hinzufügen, daß mir dabei der beigelegte Vierzeiler eingefallen ist, weil beim Rudern Erinnerungen aufgewühlt wurden, beklemmende und belebende, solche, die der Zeit anheimfallen, und andere, die zu Buche schlugen: Bilanzierend waren unterm Strich die belebenden im Plus. Und stell Dir vor, durch den französischen Anstoß regelrecht verjüngt, haben Mama und ich am sechzehnten unseren fünfundvierzigsten Hochzeitstag gefeiert, in den Offenbach-Stuben, versteht sich, zumal unser Ehebund damals eher ärmlich mit Pellkartoffeln zu Hasenpfeffer (dank Zutat des Karnickelzüchters Max Wuttke)

doch solang ich nicht dran bin. Jedenfalls sind wir nun. der nie ermüdende Zweifel. >Ritter Blaubart<. wie sie . gleichauf. obzwar Mamas kriegsbedingte Irrungen. läßt sich gut spotten. heißen soll: Rinderfilet im Gemüsenest . der ja. Am Ende kam er sich so erbärmlich mittelmäßig vor. Doch diesmal gab es. Die Avantgarde ist schon da. der zu Rückblenden einlädt. sie deutete mir einen bei der Reichsluftfahrt am Schreibtisch sitzenden Oberleutnant an. machen neuerdings Ausflüge im fabrikneuen Trabant. deren Wert durch Austausch zu steigern war. was auch fleißig besorgt wird. die Namen von Topagenten herunterzubeten.abgefeiert wurde. daß ich ihm wieder aufhelfen mußte. was unseren armen Georg betrifft. wären wir besser auf die Potsdamer Seite . hier. dort.und gesprächig vom Wein .und hinterdrein Palatschinken mit heißen Schattenmorellen. Mein Kumpan wurde nicht müde. Wir. aus dem Offenbachschen übersetzt. so glaubte ich fest bis zum Hochzeitstag. Zur Zeit ist er dabei. Wenn es nicht so verdrießlich geregnet hätte.nun schon mit Schwips . Und Dein alter Vater gehört ihr bei gutem Sold beratend an. Doch lassen wir das. was ich nun Dir ganz briefgeheim mitteile: Auch ihr sei das Warten während Kriegszeiten öde geworden. gefeiert in Offenbachs Stuben. Nach Cottbus und Neubrandenburg. wo ich zu Zeiten des immerfort siegenden Sozialismus über den von mir geschätzten Maler Blechen gesprochen habe. Nach solch üppiger Kost . was. was das Sündenkonto betrifft. das heißt mein altvertrauter Kumpan (der meiner Mete verständlicherweise übel aufstößt) und meine Wenigkeit. Wirrungen folgenlos geblieben sind. zukunftsträchtigen Sinn: Dort wird in wenigen Monaten die Treuhandanstalt Quartier beziehen. und kürzlich war die Glienicker Brücke unser Ziel.gestand mir Mama. Im Luftschutzkeller sei man sich näher und näher gekommen. das hieße vor brutalem Ausbau zu retten. auf Mamas feinfühligen Wunsch hin. Hier ist das Wort >abwickeln< in Mode. Kurzum. Dennoch bleibt mir (als Strafe?) des Mäusleins Nagezahn. Im übrigen genieße ich die bessere Hälfte meiner Halbtagstätigkeit. Was ist schon zweifelsohne? Zur Zeit geben wir dem verführerisch labyrinthischen Gebäude der mit uns historisch gewordenen Reichsluftfahrt einen neuen. mit Hilfe eines beredsamen Gutachtens den unverwüstlichen Paternoster vor Modernisierung. Nun ja. Ihre Verlobungszeit habe hauptsächlich aus Warterei bestanden. ein Ort. der häufige Fliegeralarm. seit meinem Fronturlaub im Oktober dreiundvierzig als Zeugnis meiner Lendenkraft gelten konnte.geschworen hat. wo ich mit meinem Katte-Vortrag und einigen beiseite gesprochenen Befehlsverweigerungen nach Marwitzscher Lesart gewisse Schwierigkeiten bekam.

Und Hoftaller tat am Steuer so. wo meiner Mete nur ein Kämmerchen blieb. er sei >sehr nachsichtig< mit Dir. Den inneren Niedergang Preußens. um einerseits Blicke über den Fluß nach Polen zu werfen und andererseits den zentralen Tatort des Erstlings unter den Romanen nach Spuren abzusuchen. Kein Gespött wünschten sie zu hören oder nur zu vermuten. gehalten in Jüterbog. Aber Ihre Leute. Kaum hatte das Volk sich . wird sie allemal sein. schon anderes im Kopp. kurz bevor Napoleon seine Aufwartung machte: >Schach von Wuthenow<. Von Anfang an. Zwar kann ich verstehen. was man später >die führenden Genossen< nannte. was einerseits Beleg von Herzensgüte ist.gewechselt. »Hatte. Gneisenau und Scharnhorst! >Vom Landsturm zur Volksarmee< hieß einer meiner Vorträge. Die Kunst besteht wohl darin. als sei er darauf erpicht. zu hören. wie das Oderbruch.kaum von den Sekretärspflichten und Intrigen der preußischen Akademie befreit -. hat der Korse in Rußland gleichfalls seinen Meister gefunden. ein herrlich weiter Blick übers Wasser bis hin zur Pfaueninsel.oder nach Tegel. sich auch im Großen zu bescheiden. hoffentlich legt er sich nicht zuviel auf den Teller. waren dagegen. allzu weitläufig verzweigte. was dazumal einen annähernd Sechzigjährigen bewogen haben könnte . Dort ergibt sich.einen Wälzer zu Papier zu bringen. Alle Zeichen stehen auf Sturm. noch vor dem Sturm. im Dutzend billiger. als nunmehr freier Schriftsteller seine Familie zu verunsichern und -im Rückblick auf die Franzosenzeit . All diese Hofschranzen. daß Du ihm offenbar Anlässe für Nachsicht frei Haus lieferst. zum Humboldt-Schlößchen. Dennoch: hätte zum königstreuen Volksstaat führen müssen. Stein. Fonty ließ sich darüber schon während der Hinfahrt aus. Während im breit geratenen Erstling die preußische Niederlage schon ausgefochten ist. der Treuhand: Deren Schweriner Filiale wird Deinem Grundmann gewiß filetstückgroße Angebote machen. Aber über die Autobahn wagten sie sich aus dem Ostteil der Stadt nach Frankfurt an der Oder. mir aber kundtut.. während ich >Vor dem Sturm< schrieb. wurden vom Programm gestrichen. Ausflüge nach Spandau . Befreiung vom fremden Joch! Reformen. wenn man gleich hinter der Brücke nach rechts abbiegt. Hardenberg. « Fortan wollten Hoftaller und Fonty nicht mehr den unansehnlichen Trabi der Westberliner Verkehrsdichte beimischen. eine knappe Novelle. Um endlich auf Deinen Grundmann zu kommen: Du schreibst. Nun aber noch einmal zu meinem Arbeitgeber. aber besser als das Mansardenloch in der Potsdamer Straße. der sich..Besichtigung der Zitadelle . daß Dir die Villa mit Seeblick zu groß ist.

Einheit her. wo es Mathilde Möhrings verbummelter Student immerhin zum Bürgermeister gebracht hat. anfangs das nahe dem Ostufer der Oder liegende Schlachtfeld von Kunersdorf . ist aber trotzdem schade. anno neunundvierzig. Swinemünde. Dort hat man Katte einen Kopf kürzer. Nichts ist geblieben. Tallhover. Stimmt. Für das Kessin meiner Effi gibt es kein Swinemünde mehr. Rechter Hand überbrückte die Eisenbahnbrücke den Grenzfluß. mit absolut östlichem Fingerzeig. perfektionieren konnte. Und von der alten Holzbrücke gibt's.. nach Südosten in Richtung Schlesien und Riesengebirge.. verdichten.»Friedrichs Debakel« -. « Fonty liebte solch zeitraffende Verkürzungen. Alles weg oder heißt nun polnisch . weil einige Romane nun ihr Hinterland verloren haben. aber Tatsache: Hier hat Deutschland aufzuhören.. Sie sind verstummt.. dann die prekäre Situation der Großen Armee nach dem Brand Moskaus und der Niederlage an der Beresina im Auge .und zugleich den zaudernden König befreit. wenn auch unter Chiffre. Fonty hatte. in der >Dresdner Zeitung< geschrieben... Und nach dem verpfuschten Anschlag auf die Frankfurter Oderbrücke saß der junge Graf Vitzewitz in der Festung Küstrin ein. bedrängt von Kosaken« . standen schon die Karlsbader Beschlüsse fest. war immer schon unterschwellig wendisch versippt. Von Westpreußen.. Linker Hand war die Nachkriegsbrücke für Auto. Und das bis heute. < Habe darüber bereits.. ganz zu schweigen. sagte er: »Ist bedauerlich. Einheit hin . auf daß Ihresgleichen von den Demagogenverfolgungen bis hin zum jüngsten Spitzelsystem einen Überwachungsstaat errichten.und Fußgängerverkehr freigegeben. aber Ihr Schweigen sagt genug. wie Sie sehen. Das nimmt kein Ende. >Der neue Polizeistaat . nicht mal die Andeutung einer Spiegelung. Gestern noch hieß es: Wir.. Wenn der eine mit langem Zeigefinger nach Norden hoch. stand der andere mit verschränkten Armen: ein verfinsterter Napoleon. während er mit den Gesten eines Clausewitz strategische Lagen entwarf. auf das verlorene Weichselland wies. netzförmig erweitern. weiter weg. Und als sie den Trabi zwischen den Resten der historischen Innenstadt geparkt und auf der Uferpromenade des Grenzflusses einen für weitschweifige Betrachtungen günstigen Aussichtspunkt gefunden hatten. « Auch dazu schwieg Hoftaller oder stand neben Fonty wie zum Schweigen kommandiert.und sah . >Quitt< spielt zum besseren Teil im Schlesischen. nur wir sind das Volk! Doch gegenwärtig ist der Sturm wieder mal abgeflaut.»Da drüben stauten sich die erbärmlichen Reste französischer Macht. auf Küstrin und. dem der Rückzug aus Rußlands Weite noch immer die Sprache verschlug.. dann.

. besser. Grenzen halten nur auf. nachdem alle Schlachten geschlagen waren.. denn was von da hinten auf uns zukommt. um nochmals die Endgültigkeit der Grenze mit Polen zu besiegeln: »Tatsache! Da rüttelt keiner mehr dran!« Jetzt erst. wirken in der Regel elend zurückgeblieben. als sich die Rote Armee auf dem östlichen Ufer sprungbereit und in Sichtweite sammelte. zu Tode prügelt. als mir mit hüpfendem Stein ein Dreisprung gelungen ist.»Dem Nationalen haftet immer etwas Enges an« -. Nichts ist mehr sicher. das heißt sichern. Todesstreifen . der nach trockenem Sommer und bei immer noch niedrigem Pegelstand keine Eile hatte.« Dann wies auch er mit allerdings kurzem Finger in Richtung Osten: »Trotzdem. Muß man locker sehen. hatte doch schon der Unsterbliche diesen anderen Preußen. als zu exzentrisch empfunden.. in Deutschland ändert sich nichts . Passen Sie auf: Sogar die Dienste werden noch gesamteuropäisch. bevor der große Ansturm kommt. Er sagte: »Geburtsstädte. Eiserner Vorhang. wie man einen Pfahl in die Erde schlägt oder mit noch viel weniger Grund. um rüberzukommen.« Uns verwunderte nicht. war Fonty geschickter. « Diese und mehr Worte hörte sich der Fluß Oder an. Und heute? Alles fließt. Hoftaller versuchte. Schon brauchen wir weder Visum noch Paß. Kenne doch meine Deetzer. das Ganze. gleichfalls zu werfen. je nach Belieben. Minen. Der Osten ist weit!« Fonty stimmte einerseits zu . Aufgefordert. bei allem Respekt vor bleibender Größe und so sehr ihm der »kolossale Haßgesang. ist ne echte Herausforderung. muß überschaubar bleiben.. Vorgestern noch war alles dicht: Mauer. friedlich natürlich. als vorgeschobenes Bollwerk. mit flachem Wurf einige platte Ufersteine auf dem Wasser springen zu lassen. die man. Friedenswall. hat Berlin!« rief er. Stacheldraht. mehr beiläufig als zum Widerspruch aufgelegt: »Ach was.schließlich den Frontverlauf vom März 45. Diese Weite müssen wir abschirmen. kamen die alten Besorgnisse hoch: »In Deetz schlug man 1806 einen Franzosen tot. »Wer Frankfurt an der Oder hat. Sehe Polen als ne Art Grenzmark oder. ob Neuruppin oder dieses Nest. daß sie das naheliegende Kleistmuseum gemieden haben. Keine Grenze hält ewig. Und jetzt sind es Polen und Vietnamesen. lockerte Hoftaller die verschränkten Arme und sagte.« Und Hoftaller sagte im Vorbeigehen: »Dieser Kleist wäre ein . imponierte. doch kaum begann er sich mit dem grenzenlos offenen Zustand zu befreunden. Später gestand er uns: »Habe kindliche Freude empfunden. >Die Hermannsschlacht<«. Wuttke. Wuttke.

Die Voltigeurs hatten in knapp einer Viertelstunde die Pontonbrücke fertig.das Rückzugssignal<.. Wie schon beim Rudern. das die zur Franzosenzeit brennende Holzbrücke und den Feuerschein auf dem Fluß zum Motiv hatte. lagen Rauch und Qualm in dichten Wolken. und hatte alsdann die brennende Brücke aus »Vor dem Sturm« in längerem Zitat bereit: » . die er der Enkeltochter zum Abschied geschenkt hatte. Angesichts der gemalten Feuersbrunst konnte Fonty nicht widerstehen.« Beim kleinen Grenzverkehr mußten sie nur die Personalausweise vorzeigen. Der Franzose hielt dagegen. Ging ja überhaupt daneben. kam vom brennenden Tangermünde auf den Schloßbrand in »Unwiederbringlich«. Das Feuer drüben stieg hoch und hell in den Nachthimmel hinein. Da war bald kein Halten mehr.. mehr schwelte als brannte. ein Ausruf allgemeinen Erstaunens wurde laut. statt des Angriffs.. das Großfeuer auf dem Gutshof des Herrn von Vitzewitz zu löschen. Dort standen sie lange vor einem naiv gemalten Bild. des nassen Holzes halber. die Sache mit dem Volkssturm. über der Brücke aber. den er während der sechziger Jahre in Frankfurt an der Oder gehalten hatte. »War kurz vor dem elften Plenum . weil zu unruhig und sprunghaft . Doch hat ihn nicht das historische Ereignis poetisch werden lassen. aus denen nur dann und wann eine dunkle Glut auflohte .Fall für uns gewesen. war es nicht. von Bränden in diversen Romanen und Balladen zu sprechen und zugleich an einen diesbezüglichen Vortrag zu erinnern. >in der Angst seines Herzens. In Wirklichkeit geht es immer banaler zu. « Dabei geriet er in Hitze. In einem Brief an Madeleine Aubron. War aber schwer zu observieren. daß Fonty den Besuch der Glienicker Brücke und den abschließenden Spaziergang über die Oderbrücke bis hin zum polnischen Ufer in einem gereimten Vierzeiler festgehalten hat. « Statt dessen besuchten sie das Stadtarchiv. Reime gingen ihm leicht von der Hand.. der ausführlich vom Besuch der beiden Brücken Bericht gab und mit Zitaten auf Potsdam und Frankfurt zielte. Es kann gut sein. wie geschrieben steht. die.... während nach rechts hin die Brücke brannte.. An der anderen Seite des Flusses standen der Holzhof und das Bohlenlager in Flammen. sind zwar . En avant! Außerdem blies der Protzhagener Hornist. vergaß nicht das niedergebrannte Neuruppin und den Scheunenbrand der »Kinderjahre«. waren ihm am Einheitstag vier Zeilen eingefallen. vielmehr waren es die beiden Kastanien aus seiner Manteltasche. « Ein wenig bekümmert stand Fonty vor dem Bild: »Wie es hier gemalt ist. war nun beim vergeblichen Versuch.

»selbst wenn sie schrumplig ist mittlerweile« . bestimmt« -und begründete den Aufschub mit Hinweisen auf den vier. nein. sogar Kostenvoranschläge westdeutscher Firmen.« Und richtig: es gab Überlegungen.»Später vielleicht. zwei Handschmeichler nur. die. der Grenzstadt an der Oder.« 25 Am Abgrund Warum diese Umwege? Weshalb nur Ortschaften zweiter Wahl? Welchen Grund gab es. Man müsse sich sehen lassen und kümmern. hat Fonty sich dazu verstiegen. Die Losung heiße Präsenz zeigen.« Hoftaller vertröstete .ihrer Mutter in Montpellier. damit nichts schiefgehe: »Die bauen womöglich ruckzuck den Paternoster aus. doch hat er der zartbittren Person nachträglich einen herbstlichen Vierzeiler gewidmet: Für Dich.. Otto-Grotewohl-Straße: Dort mache die Renovierung Fortschritte.« Prospekte wiesen statistisch nach. eine der Kastanien . Schnellaufzüge in Vorschlag brachten.. Kastanienbraun färbt des Oktobers Tinktur. Wir zwei vor die sitzende Bronze gestellt. Feucht und bemehlt aus der Schale gesprungen. anstelle der angeblich unfallträchtigen Personenbeförderung in offenen Kabinen. sind sie als Schweinefutter und sonst gelungen. daß hoher Personalbestand nach adäquatem Transport verlange. zu schenken: » . Madeleine zu bitten. Schon während der Rückfahrt von Kleists Geburtsort. seiner immer noch grollenden Tochter Cécile.keine Brückenreime aufgehoben. mein Kind. Außerdem wurde behauptet: »Die an und für sich liebenswürdige Gemütlichkeit des Paternosters wird auf die . schlug er. den eigentlichen und obendrein nahe gelegenen Ort auszusparen? Wir vermuteten richtig: Gerne hätte Fonty in Hoftallers Pläne einen halbtägigen Ausflug nach Neuruppin gedrängt: geradewegs zum ganzfigürlichen Denkmal des Unsterblichen. mit der Hoffnung auf ein verzeihendes Lächeln. als Ziel für die nächste Tour mit dem Trabi die seenreiche Ruppiner Gegend und jenes Städtchen vor. wie es hieß: »Im Zuge dringlich erforderlicher Modernisierung. das in Theo Wuttkes Personalausweis als Ort der Geburt angegeben war: »Das wär doch was.bis siebenstöckigen Gebäudekomplex an der Ecke Leipziger-. gleich hinter der Ausfahrt nach Müllrose. Und weil ihm in seiner Brieflaune noch dieses und jenes »übrigens« einfiel.

doch beschwor er den »zeitgesättigten Geruch« der holzgetäfelten Kabinen und nannte ihn. Er hob den Nutzen kurzer Besinnung bei nicht zu schnellem Transport hervor. Er lobte das kollegiale Zwiegespräch in den Zweierkabinen.und niederfahrenden Kisten muffig bis ranzig nach Bohnerwachs. Allseits wurde Fonty Erfolg zugesprochen.»Unser Paternoster ist schließlich ein Stück unserer Identität. war bereits fleißig. den stattlichen und mit steiler Karriere für Erfolg bürgenden Mann. daß die appellhafte Eingabe in Umlauf kam.« . also des Denkmalschutzes würdige Dauerhaftigkeit des Personenaufzugs hin. seiner angereicherten Güte halber. im Aufundabzug. jedenfalls bis auf weiteres. Bei einem Gespräch zwischen Erdgeschoß und oberstem Stockwerk war Hoftaller sicher. die vormals und noch bis kürzlich ihren Auf.« . Auf den Korridoren. Mit Hilfe von Unterschriften einzelner Personen und Personengruppen erhielt das Papier zusätzliches Gewicht. indem er sich und allen Benutzern die Frage stellte: »Wer will oder kann in Zeiten wie diesen auf ein tägliches Vaterunser verzichten?« Zwar unterschlug er Hinweise auf führende Parteigenossen dieser und jener ideologischen Einfärbung.»Is ne Wucht.Arbeitsmoral abfärben und zur Bummelei. Fonty schrieb ein forderndes Bittgesuch. Als sich sogar der Chef der nunmehr in allen Stockwerken raumgreifenden Behörde zugunsten des Paternosters aussprach und für Werbezwecke ein Photo freigab. mangelnde Effizienz ist statistisch beweisbar.»Nur nicht lockerlassen!« .»Klar.man sah ihn von Fuß bis Scheitel robust neben eine zierliche Sekretärin gestellt -. nannte sie eine »mobile Denkpause«. Die lächerlich geringe Zahl von Unfällen bei der Benutzung von Paternosteraufzügen faßte er in den Merksatz: »Besser langsam ans Ziel als beschleunigt ins jenseits befördert. Der Erfolg der rettenden Aktion hallte bis in den beginnenden November hinein. dabei rochen die auf.« . war die gebetsmühlenartige Anlage vor barbarischem Zugriff gerettet. das ihn. als Benutzer des Kabinenaufzugs bestätigte . Fonty!« -»Wie wär's mit nem Küßchen als Dankeschön für Ihre Initiative?« Das alles geschah über Baulärm hinweg. Fonty!« »Weiter so. der schon vor Hoftaller Gefahr gerochen hatte. zum alten Trott führen.« Er spielte mit dem Namen des altmodischen Personenaufzugs. selbst beim Besuch der Toilettenräume hieß es: »Das haben Sie prima hingekriegt.« Doch Fonty. In einem Gutachten wies er auf die systemüberlebende. und Hoftaller sorgte dafür. »bewahrenswert«.und Abstieg so sinnfällig erlebt hatten. daß die erfolgreiche Eingabe sogar . die lassen wir uns nicht nehmen.

« Sie fuhren in die Lausitz. das haben Sie richtig erkannt.seine Position gefestigt habe. als verfrüht abgesagt und aufs kommende Frühjahr verschoben hatte.« Da die Hintersitze frei blieben. Über dreitausend Planstellen sind genehmigt. Monate dauern. mein lieber Wuttke.« Als sie gingen. Soviel Vertrauen und vertrauensvolle Suche nach Schutz sei gefragt. Beim Volltanken zahlte Fonty. Wuttke. bis die ersten Räume bezugsfertig sind und es losgeht mit dem Umzug vom Alex. Sowas höre man gern.das werde immer wieder betont . Habe schon welche bei der Hand. Am Ende der zweiten Novemberwoche fand dieser Ausflug statt. Emmi. Unsere Kampfparole von einst gilt immer noch. Stehen hier nur den Handwerkern im Weg. rief er aus gehörigem Abstand zum kolossalen Portal: »Allzeit bereit!« Dann wurde Hoftaller leiser: »So ist es. Das sei Fonty zu verdanken. Es fehlt an Leuten. Der Chef . die den Filz von innen her kennen. Kann noch Wochen. wollte er seinem »lieben Wuttke« mit einer Fahrt in die wendische Lausitz gefällig werden. Aus erstarrtem Volkseigentum soll beweglicher Privatbesitz werden. Sie fuhren am g. der neuerdings bei Kasse war. nie wieder!« Und ohne uns fuhren sie. gelegen am gleichnamigen See. Versteht sich: mit aufgestocktem Personal. beschränkte sich unser prinzipielles Mitwissen aufs Hörensagen. Vormittags fuhren sie vom Kollwitzplatz ab. doch waren wir im Prinzip dabei. allenfalls durften wir einigen bei trüber Sicht vorstellbaren Visionen Raum geben. hatte abgewinkt: »Mit nein Trabi. Er zählte ab jetzt zur nicht ganz unwichtigen Personalabteilung. Fonty! Wir mischen da mit. gewann er nun Statur zurück. »Mensch. selbst wenn sich die großen Aufgaben heute ganz anders stellen.wolle doch nur das Beste. November über die Autobahn Richtung Dresden bis zur Abfahrt . wenngleich nur in mittlerer Funktion. Vor allem ist Sachkenntnis gefragt. Wird es! Wird es! Aber nicht ohne uns. der Form halber gefragt. Hatte heute sechs Einstellungsgespräche.« Wenn wir an Fontys Tagundnachtschatten während der letzten Wochen ein zunehmend graustichiges Erblassen beobachtet hatten. Mit dem Trabant in die sandige Lausitz. Dessen abschließende Formulierung »Möge uns fortan der Paternoster unter der Obhut der Treuhand dienstbar bleiben!« habe den rechten Ton getroffen. An einem normalen Arbeitstag sagte er: »Können uns mal wieder nen kleinen Ausflug leisten. die Hälfte. Nachdem Hoftaller einen Ausflug nach Neuruppin. Emmi hatte ihre Absage bekräftigt: »Und in diese lausige Gegend schon gar nich. Bin sicher: wird ne gigantische Sache.

Letschin. Sie fuhren über Nebenstraßen bis dicht an die Abbruchkanten heran. deren übrige Häuser auf Abbruch standen. keinen Baum. mit Wortkaskaden Sperren zu errichten. ein Jahr Braunkohle zur schweißtreibenden Erfahrung. Plane Flächen sahen sie zuunterst und in die Tiefe versenkte Mittelgebirge. Wir könnten mit Zahlen nachhelfen: Aushub in Kubikmetern. und an den Bruchrändern der Gruben sahen sie Reste verlassener. Überall fanden sie die Erdkruste aufgebrochen. die gute Sache einlegten. die Sonderschichten für den Frieden. Rheinsberg immer wieder. Hasse diese Gegend. bogen sie ab und fuhren weiter in Richtung Senftenberg. bis sie in jenen Teil der Niederlausitz kamen.Ruhland. der noch lange vom Tagebau weitläufiger Braunkohlelager gezeichnet sein wird. das ihm von Kulturbundvorträgen in Hoyerswerda bekannt war. ja. doch hockten auf den Grubenrändern und vor kohleträchtigen Steilhängen monströse Schaufelbagger aus rostanfälligem Material.und Bauern-Macht so förderungswürdige Region und sind sogar halbwegs in wendisch-sorbischer Literatur beschlagen. wo Paul Gerhardt Probst war. sonst nichts. sahen kegelig aufgeschütteten Abraum. erfülltes und übererfülltes Soll. angesichts der in der Ferne gereihten Schornsteine und Kühltürme des Kombinats »Schwarze Pumpe«. den Fortschritt. Halt. Da kann man von der Arbeiterklasse lernen. Deren Geräusch wäre Beweis für Arbeit und Menschenwerk gewesen. immer schon. Von der zu Führers Zeiten bahnbrechenden Reichsautobahn. Wie Emilie. schon aufgegebener Dörfer. November lag unter verhängtem Himmel die Sicht bis zum Horizont frei. ausgebleichte Hügelketten um Grundwasserseen und von Kohleresten marmorierte Spitzkegel. einer mittlerweile zum Flickwerk verkommenen Plattenbaustrecke. Kollektive. uns aber schon während verjährter Studentenzeit als ständige Androhung vertraut wurde: »Wer ideologisch nicht spurt. das Oderbruch. als wieder mal schärferer Wind wehte. keinen Vogel darüber. so ich: Das ist nicht meine Gegend. was alles um die Ruppiner Seenplatte liegt. Stopp und Umkehr forderte er. Schon auf der Autobahn hatte er zu quengeln begonnen. um dann. was malochen heißt.« So wurde mir Mitte der sechziger Jahre. Wir könnten. Wir kennen diese der einstigen Arbeiter. An diesem g. doch hätte das nicht Fontys Wünschen entsprochen. den schicken wir in die Produktion. »Will da nicht hin. keinen Strauch. und wenn schon ins Sorbisch- . Fördermengen. mehrfach ausgezeichnete Brigaden. Sie sahen auf eine in Stufen vertieft gebreitete Landschaft. das Ländchen Friesack. gerne. von mir aus nach Mittenwalde.

Er führte ihn vor das schwarze Geschlinge ausrangierter Förderbänder. Ebba von Rosenberg und Mathilde Möhring. dem der für Deutschland zuständige Kalendermacher vor Jahresfrist eine weitere. doch mir war die Arbeitswelt. Er zwang Fonty. die hier sauber abgeschrappt. Gebe ja gerne zu: Publikum war vorzüglich. volle Säle. Kam gut an. Ein Tallhover fährt nicht einfach ins Blaue und ein Hoftaller. Den Chauffeur schien diese Fülle historischer Ereignisse anzutreiben. Spremberg womöglich und immer weiter bis nach Bitterfeld rüber und ins Sächsische. so üble wie verfluchte Datum fixiert war. und weiter auf Kähnen in diese verwunschen liebliche. Wie umgekrempelt und ausgelutscht. wie ich ihn kenne. vergib ihnen. auszusteigen und gleich ihm in den Abgrund wie in ein offenbartes Verhängnis zu starren. Aufgehäufelte Häßlichkeit. in den Spreewald. Lebhafte Debatte danach. worauf das Auge ruhen möchte. Zitierte aus Bebels >Die Frau und der Sozialismus<. Will ich nicht sehen.. aber alles gegen die Gegend hier. interessante Aussprachen und nicht einmal ideologisch vernagelt. wiedersehn. das Archiv war auf Fontys Seite. fand er inmitten Ödnis immer neue Zugänge zu Grubenrändern. blutige. Sie stiegen aus. düstere. daß er auf den Feiertag aller Feiertage. Auch uns hätte es nicht in die Braunkohle gezogen. Wäre etwas für Zola gewesen: >Germinal< über Tage. Auf ausgefahrenen Nebenstraßen. sogar bei den führenden Genossen. trotz aller novemberlichen Trübnis einladende Gegend locken. so notwendig sie unserer Existenz ist. denen sein sandgelber Trabant wie angepaßt war. die seitlich einer Grubeneinfahrt zuhauf lagen und die .. die ja alle was Emanzipiertes an sich haben. diesmal Freiheit verheißende Bedeutung draufgepackt hatte. denn sie wissen genau. Nein! Trotz Kulturbund und allerbester Erinnerungen. Hoftaller? Wollen Sie mir verschwundene Dörfer samt Kirchen aufzählen. auf dieses tragische. dort als wilde Müllkippe benutzt worden waren. aber nicht hierhin. dann nach Lübbenau. schon immer ein Greuel.Wendische. Anzunehmen ist. « Kein Einwand konnte den Trabi stoppen oder in reizvolle. Fand Anklang mein Vortrag. mit Gurken und Ammen gesegnete Gegend. Was soll das. schon gar nicht . Aber wen kümmerte das? Hoftaller klammerte sich ans Lenkrad und hielt an seinem Plan fest. Nichts. Nur Abgrund und Mondgebirge. dazu noch Corinna Schmidt und die Witwe Pittelkow. was sie tun? Oder was soll ich hier? Da steckt doch Absicht hinter. natürlich auch irgendwas von Clara Zetkin. Zum Beispiel über Frauengestalten wie Melanie van der Straaten. mich mit Produktionszahlen und henneckehaften Leistungen erschlagen? Soll ich etwa beten lernen: Herr. nicht dahin. Also nichts gegen den Kulturbund in Hoyerswerda.

Und sogar Hoftaller glaubte mehr als nur ermüdetes Industriematerial zu sehen: Mit dickem Zeigefinger wies er in die Ferne und der Reihe nach auf Schaufelbagger und Abraumumwälzer. und von da aus in Richtung Pritzen gucken . brach die Erdkruste ab. bedienten intakte Förderbänder. wie auf ewig.. Zwar leblos anzusehen. dort tümpelgroßer Grundwasserseen. wo nichts mehr zu holen ist. in einem Brief an Martha Grundmann. waren sie dennoch in Betrieb. nach letzten Schritten seitlich der übriggebliebenen Chausseebäume.. Welch ein Ausblick! Von Pritzen. Sie hätten gestaffelte Bergketten zählen können. unter ihnen exotische. »Da wollen wir hin«. beuteten aus.Fonty später. rief Hoftaller. Den Schornstein der Schnapsfabrik verstopfte ein leeres Storchennest. der kleinkörnigen Sand austrug. auf die gruppierte Abraumhalden ihr Bild warfen. doch keine der kegeligen Spitzen des Mittelgebirges überragte den Grubenrand. dessen Fassade hinter einem vergessenen Baugerüst bröckelte. Ausreichend viel Arbeit: Sägewerke. nur die Jahreszeit brachte Wechsel. »jetzt gleich.. konnten beide über die Grube und deren von unterster Sohle aufgeschüttete Kegel hinweg bis nach Altdöbern sehen. kam als Beweis ihr Geräusch. Das war vor der Absenkung des Grundwasserspiegels. und mit dem Wind. knöchelhart anklopfen . « Nur wenige Schritte vom Kirchplatz und dem noch immer gepflegten Friedhof für drei Dutzend zum Schluß gefallene Soldaten der Roten Armee entfernt. die gleich Insekten auf den Grubenrändern erstarrt waren oder auf tiefster Abraumsohle knieten. eingeschlafen zu sein. den Hoftaller und Fonty grad dort besetzt . gleich hinter der Frauenklinik und ihrem novemberlichen Garten. förderten von hier nach dort. Im Schloßpark standen die alten Bäume. Altdöbern lag zwischen Feldern und Wäldern. An Martha schrieb Fonty: »Irgendwann wird sich gewiß ein Erbe aus Preußens versprengtem Adel melden und selbst hier. Jetzt gab es keine Holzverarbeitung mehr. eine Kornbrennerei in Betrieb. « Einige von uns erinnern sich an den beschaulichen Ort. in dem Kohlköpfe in Reihe lagen. Sie parkten den Trabi vor der Einfahrt zum Schloß.. dessen letzte Häuser leergeweidet am Grubenrand standen und auf Abbruch warteten. sah schwarzpolierte Spiegelflächen hier ausufernder. waren unersättlich. ein Städtchen mit Kirche und Schloß. Alles schien dort stehengeblieben. Ihr Blick sprang über Riesenstufen zur Grubensohle. »erbrochenes Drachengekröse« nannte.

daß man Sie vierundfünfzig. was das heißt: Tagebau. . dicht bei dicht und hintereinander gestaffelt. Altlasten nennt man uns. Los. in Wirklichkeit aber allein. Wuttke! Man sieht. die Ihnen wenigstens ein Jahr Braunkohle hätten einbringen können. Selbstbeschau. Sortierter Rest und Abraum der Geschichte. was kommt. kriegt man ne Ahnung. da. die sich ein bißchen spiegeln dürfen. Braunkohle. ne Menge Zukunft sieht man. und zwar im Rückblick auf die Juniereignisse vom Vorjahr. Das waren seine neuen Töne: Zerknirschung. ausgebeutet werden wir menschlicher Abraum sein. na. die vormals zwischen Roggen. malochen. Wuttke! Die paar übrigen Häuser. sonst geschah nichts. was hat man aus uns gemacht? Was haben wir aus uns machen lassen? Traurige Überreste. allenfalls Schrott wert. Hier. in Reihe gebracht. was sein wird. sehen Sie. ganz und gar ausgemergelt und feingesiebt. Und das bis zum Horizont: säuberlich aufgeschüttet. vermengt mit reaktionären Sprüchen aus Zeiten der achtundvierziger Revolution: >Gegen Demokraten helfen nur Soldaten!< Und mehr Provokationen. nicht in die Produktion gesteckt hat.und Rübenfeldern auf vier Kilometer Länge das Städtchen Altdöbern mit einem Dorf namens Pritzen verbunden hatte. wo jene schmale. Ja. Das. Von hier aus gesehen. dessen Wolken übersättigt zu sein schienen. Auf all das drückte ein tiefer Himmel. nur das bleibt von uns. endzeitliche Beschwörungen. Abgrund war überall. wenn man genau hinguckt. Wuttke. gucken Sie nur. Ach. Was heißt hier Schwarzseherei? Ist doch von Ihnen der Spruch: Wenig hoffen ist immer gut .. ne Lippe riskieren zu müssen. Schuld. Als wollte er diesen oder jenen Abraumkegel antippen. « Hart an der Abbruchkante der Erdkruste stand Hoftaller.. laßt fahren dahin. sehen Sie. Wuttke. wo sie als Säcke durchhingen. regnete es in Schleiern ab. auch wenn es hier oben bläst. von verschiedenem Wuchs. wie ich versprochen habe. Nur noch Rückstände sind wir. im Grundwasser. hundert und mehr Tagundnachtschatten mit Objekt. Das ist Pritzen. Man starrt in das Loch und ahnt. weil Sie meinten. deutete er mit dickem Zeigefinger an kurzem Arm in die Grube. gedrängt und gefährlich nah an den Rand geschoben. »Da. Fonty! Hinsehen! Sieht man nicht alle Tage so deutlich. gleich nach dem Kulturbundkongreß.hielten. das kein Lüftchen kräuselt ganz unten. Vom Produkt befreit. hier und dort sehen wir sie als Paar vervielfältigt. aber asphaltierte Landstraße endete. denn in der Ferne.und Freisprüche zugleich. kleine und größere Kegel. nicht nur schwarzes Gold. Haben unverschämtes Glück gehabt. in Mänteln und unter Hüten. Sie hätten auch woanders am Grubenrand stehen können. doch standen sie in solcher Anhäufung nur im Prinzip.

ocht« in Betrieb seien. mitunter böigen Wind. Das war nichts für Fonty. Doch als sie uns wieder zum vereinzelten Paar wurden. wo einst. als wollte sie sagen: Wir fördern weiter! Wir sind nicht abzuwickeln! Uns macht ihr nicht platt! Denn immer noch gab die Grube . seine Mete. Konnte soviel seelenlose Häßlichkeit keine Minute länger ansehen.neun Prozent nur Braunkohle in gut fünfzig Meter Tiefe raus geschrappt. die Grundwasserseen. Nochmals . Er wollte nicht in den Abgrund schauen. jenen stählernen Dinosauriern. atmete mich die Leere an . Die Durchsage wurde wiederholt. gleich trägt es sie fort. Und schon sehen wir sie wieder in Vielzahl.. verstärkt über Lautsprecher. Nein.. mit geblähtem Segel über den Abgrund. im wehenden Mantel. Nicht nur von Gott . und zwar von zweckmäßig konstruierten Nachbildungen urzeitlicher Monstren. die sächsisch eingefärbt mitteilte. wurde in magerem Aufkommen .bestand die Stimme auf Wiederholung.in täglichen Schichten Braunkohle her. Und jetzt hörte man von fern und doch nah herangetragen das Knirschen. als zu sehen war. Man könnte meinen. von aller Schönheit verlassen. der allerorts nur Stillegung im Sinn hatte.Auf dem restlichen Stummel der Landstraße nach Pritzen stand er breitbeinig. wenngleich nicht augenfällig. Plötzlich triumphierte eine menschliche Stimme. mit Hut.und nun schon penetrant trotzig . gehorchen ihre Mäntel dem steifen. bis zum Horizont und weiter.das ginge ja noch -. In all ihrer Verlassenheit wäre nicht einmal die blasse Stine hierhin zu denken gewesen. « Aber der Tagebau bei Altdöbern war. finf. schrieb er: »Bin kein Zola! War nie auf Misere abonniert. durchsetzen.wo auch immer . gedrängt und klumpig als Gruppe. wollte nicht in die Grube glotzen und mehr sehen. auf Landkarten markiert. daß . Fonty stand abgewendet. Dort. Und selbst Mathilde Möhrings nüchternem Sinn für Erwerb durch Arbeit hätte er eine solch leblose Produktionsstätte nicht zumuten wollen.ohne weiterhin volkseigen sein zu dürfen . jaulen und Stöhnen der Transportbänder auf Rollen. wie Fonty mit Hut und in fliegendem Mantel stand. die Abraumkegel hinweg. Diese restliche Landschaft konnte selbst er nicht beleben. das Dorf Pritzen gestanden hatte. . als wollte sie sich gegen den Zeitgeist. So wunderbar vermehrt. Zu diesem panoramaweiten Auswurf wäre Frau Jenny Treibel keine poetische Überhöhung eingefallen. hatte sich etwas in ihrer Stellung hart an der Kante verändert. belebt. Auf diesem schwarzen Grundwassersee hätte er Lene Nimptsch niemals eine Ruderpartie mit einem verliebten Leutnant erlaubt. Kein Ort für die ewig kränkelnde Cécile.die Förderbänder »zwo. An Martha. in diese aufgeschüttete Wüste hätte er die arme Effi nicht verbannen mögen.

wenn Hoftaller wegfällt? Theo Wuttke. Das macht man bei Tagebau so. Das sei hübsch. und dennoch. Hoftaller erzählte von vergangenen Produktionsschlachten. was alles mir zur Qual geworden ist. Erben gäbe es immer. Lassen wir das!« Wir wären. sogar ein toter Gaul oder dessen verwesender Kopf. zweistimmig gesungen sein wollten? Was bleibt übrig. im Kollegenkreis Vergnügen bereitet. aber baufällig.und Energiemangel. Als hätte er von der Grube ablenken wollen. die mich seit Jahren bedrückt. Oft genug hat uns Fontys Kitzel. mehr oder weniger mißtönend. der allenfalls grinsende Fratzen bietet. mit westlichen Ansprüchen rechnen.. Genauso triftig hätte ich mich selbst in die Grube . fragten wir uns. Der alte und seltene Baumbestand habe bereits Schaden genommen: »Durch Absenkung des Grundwasserspiegels... Abgewendet sehen wir ihn in Richtung Frauenklinik und Kirchturm schauen. werde man Ärger bekommen. den Zwängen. so sehr die Versuchung juckte. eingenistet.. einfach in den Orkus zu kippen. Demnächst müsse man. »die sich liberal schimpfende«. also gefährlich nah am Grubenrand stand und kaum wagte hinabzublicken. Doch mit dem Park. Aber die Einsicht. erlaubte keine dem mörderischen Gedanken folgende Tat. « Aus davon abgeleiteter Sorge hat sich Fonty in seinem Brief an Martha ausgeklagt: » . deren Pointen vom Echo lebten und. den kleinen Schubs zu wagen hoppla. Dieser Gestank! Dieses Schreckensbild! Gewiß. vom Kampf der Helden der Arbeit gegen Kohle.raus aus der Sache. Wollte à tout prix . der dem Muskauschen nachempfunden sei. wie überall. Im noch nutzbaren Innern habe sich eine der Blockparteien. Du weißt ja. abzuwerfen.. hören wir ihn vom Schloß Altdöbern plaudern. Doch wäre dessen Existenz der weiteren Entwicklung förderlich und genug . Aber wen kümmert das schon . Doch mußten die Folgen bedacht werden: War Fonty ohne seinen Tagundnachtschatten vorstellbar? Hätte dessen Abwesenheit nicht sogleich eine Geschichte beendet. was Hoftaller betraf. und weg ist er! -. daß dafür kein Abgrund tief genug mißt. wo ohnehin bis tief unten Müll und Unrat lagen. dem lähmend eintönigen Spielplan abgestandener Erinnerungen. Kein Baum überlebt diesen Eingriff.oder er mich . weniger zimperlich und allenfalls nur im Prinzip gehemmt gewesen. all dem ein Ende zu bereiten und sozusagen jegliche Last. vom übererfüllten Soll. gewiß. sah ich mich plötzlich versucht. von Sonderschichten und Prämien.und noch zum höchsten .. wie ich dicht hinter meinem altvertrauten Kumpan. doch davon wollte Fonty nichts hören. Erahnen lasse sich allenfalls die spätbarocke Fassade.die das Endprodukt aus organischen Rückständen auf Förderbänder spuckten. nur eine Chimäre.

Doch selbst als Serienproduktion wollte er nicht vom Jammer ablassen. das dicht an der Abrißkante der Grube stand.. was Hoftaller unterm Schirm in freier Rede ausstieß.. bevor er ihn aufspannte. Und jede Menge olympisches Gold . ihn mit Objekt zum Multipel zu verzaubern. Bestimmt den Trabi in größerer Stückzahl vom Band . Nun konnte er sich nicht mehr abwenden. Unausweichlich war die Grube. hatte Hoftaller durch Druck verlängert und entfaltet. »Stimmt! So sah es zum Schluß überall aus. als wollten die durchhängenden Wolkensäcke alles Buschwerk. « Wir ließen ihn jammern. Im Brief an Martha Grundmann steht weiterhin: »Wer sein Auge immer auf das Nichts richtet.. einsacken und mit sich nehmen. und doch mußte er hören. daß ich nicht allein war. War ne Staatspleite. unterhalb Pritzen.gewesen? Nein. Mit linker Hand hielt Hoftaller den Schirm hoch genug für Fontys überragende Größe. ein Ende zu machen. einen eingeübten Chor hörten wir: »Die drüben haben uns fix und fertig gemacht. da. sie gingen nicht. Wir hätten gehen sollen. Endstation! Nur noch Minus unterm Strich. Über KoKo und ITA hätten wir beim Waffengeschäft wie der Westen . « Den Schirm.... sofort . mal stockend. fünf Abbaustufen hinab flüchtete sein Blick. da wurde mir gewiß. der versteinert. Schon befürchteten meine alten Knochen den Anflug einer Erkältung mit anschließend kolossalem Bellhusten. Das stand jedenfalls in unseren Berichten an die führenden Genossen: Nichts mehr da. das Loch.. Chausseebäume und fernen Kirchtürme. Nein. Fürsorglich holte er einen Schirm aus der Manteltasche und spannte ihn über uns auf. Fast sah es aus. Ich sagte mir deshalb: Man kann nicht ewig am Abgrund stehn. ohne und unterm Schirm.. Viel unterhaltsamer war es. Von Nordost her trieben Wolken tief über die Erdkruste und ihre Telegraphenstangen.. Schließlich begann es zu regnen. daß durch sein Verschwinden allenfalls eine Neugeburt beschleunigt worden wäre. Das kannte man schon. Mein altvertrauter Kumpan stand mir noch immer zur Seite. Naja.. Das Loch lieferte Stichworte.. Und der Genosse Schalck hätte mit immer mehr Devisen .. enggefügt nebeneinander als kompakter Schattenriß. ausgebeutet bis zum Gehtnichtmehr. da hinten. schon Tallhover war es nicht gelungen. Vielmehr standen sie angewurzelt am Grubenrand. Und auch mit dem Plattenbau hätten wir weiter und weiter machen können . Knirps genannt. Vier. paar Restvorkommen gibt's noch. Hoftaller war nicht sterblich! Wir wußten. Kein Wunder! Die gaben . Ein feiner Regen fiel und machte die soeben noch spiegelnden Grundwasserseen blind. mal fließend.

ausgelaugt.als Zugewinn multipliziert. Was alles die Treuhand gegrapscht hat.. Ein Schnäppchen machen nennen die das. halten die Treuhand drüber.. Wuttke. Haben ja nie genug gekriegt. auf unsere Kosten gereimt.. natürlich nur den vom Vorjahr: »Weg war die Mauer. Wir reihten das Paar unterm Schirm kilometerlang: ein schwarzer Randbesatz um die hier ausgebuchtete. Wird ihnen noch vergehen das Lachen. Nur paar Nullen blieben. Wuttke. Sitzen nun drauf.. wie von Geisterhand weg. November abfeiern. Und wer ihm alles nachgesungen hat. den Abgrund hinweg. Stasiwitze hat man gerissen. die vor sich hin grinsten..das Tempo an. Die sollten uns heil und vollzählig bekommen. die vielen Novembertoten.. der Marsch auf die Feldherrnhalle. bis kein Halten mehr und die Wandlitzer gekippt waren. weil wir gezielt durch die Finger geguckt .. Nun ist das ganze schöne Volkseigentum für die Katz . daß wir unbedingt mußten... viel zu lange geduldet haben. dort gradlinige Abrißkante . genau das stand in unserem Bericht.. dachten nur.... bis endlich. na. gehaßt oder noch schlimmer. Ledermantel . daß die damit nicht fertig werden? Wird ihnen anhängen... « Was kümmerte Hoftaller und seinesgleichen die Novemberrevolution. Kein Blutvergießen. Sollen sie haben. Sollen uns ruhig schlucken.. Mußten wir gar nicht. die Reichskristallnacht.. Staunen wird das Pack über unseren Fleiß und darüber. wenn wir den Sack aufmachen. bis der Druck von Montag zu Montag.. heute vor einem Jahr genau: >Macht auf das Tor!< Und auf war es . bei uns ging es friedlich zu. Nun kriegen sie alles und gratis dazu. Immer mehr. wir mußten Schritt halten.. Guck und Greif nannte man uns. daß der Klassenfeind uns auf Schrottwert kriegen will .. Hier. auf Anraten der höchsten Genossin. den wir. Verschlucken werden die sich. Aber die Wandlitzer wollten nicht. wettlaufen. Immer dieselbe Leier. Die Firma Horch. « Und dieses Lamento als Passionschoral vom Grubenrand aus gesungen. über die Grube.. Jahrelang hat man uns beschimpft. Ehrenwort. Ehrenwort. wollte er den g. immer das gleiche Klischee: Schlapphut.. bis wir außer Puste. den Schrott. nach neuester Mehrwerttheorie.. Ist aber ne Schande . War ja unsere Stunde. Werden auf Null gebracht . Wuttke! Deshalb haben wir zu den führenden Genossen >Aufmachen! Sperrangelweit aufmachen!< gesagt. wettrüsten. »Nein. stand jede Einheit genormt mit der nächsten vergattert und jeder Regenschirm entfaltet als Serienprodukt. Primitiv. besonders dieser Schreihals. verscherbeln will . « Das also hatte in seiner Absicht gelegen. Klotz am Bein. Trotz perspektivischer Verkleinerung und in der Ferne in Regenwolken verschwimmend. leergeschrappt waren. wer alles . »Wetten.. Hatten nie mehr Erfolg zu verbuchen als seit dem Mauerfall.

. nicht nur geologisch das bißchen Kohle. aber von Hoftaller kam nichts mehr außer Luftholen und Schnauben. heizt meine Emilie damit einen Kachelofen und das Kanonenöfchen in meiner Studierstube. Und wenn sonst überall in der Welt nur noch Krisen.. weil die Grenzen nicht dicht . sondern im tieferen Sinn. Außerdem sind wir die einzigen.. Wuttke! Mit unserer Hilfe schafft das die Treuhand: ein armes.. Außerdem stand heut vor nem Jahr plötzlich die Mauer offen. fein gestrichelt.ne ganz besondere Methode des Speicherns entwickelt haben. Sowas wie Tschernobyl hoch drei . ist eine elend lange Geschichte vom Entstehen in Urzeiten bis heute. als hier aus abgestorbenen Pflanzen . Sie wissen ja.. sozusagen metaphysisch betrachtet . Fonty. ein in Armut geeintes Deutschland. Ist ja auch ne Gelegenheit. »Es regnete tapfer«. Jedenfalls begann sich unser abbauwürdiges Produkt in der jüngeren Kreidezeit oder noch früher zu entwickeln. die.. dieses Loch. Wuttke. das heißt... stimmt's? Lassen wir das. Und wir . wie weit zurück wir nichts auslassen . « Fonty wartete ein Weilchen. Gemetzel. der Schirm blieb aufgespannt.. denn wenn der Osten überläuft.. Und das kriegen wir bestimmt. immer an ein einziges und einiges Deutschland geglaubt haben. was alles unter der Oberfläche ablagert. Meine damit.na. Mit ganz neuen Methoden werden wir fugendicht. zum Endverbraucher. daß man redselig wird.. Das macht die Grube hier.. Dann werden wir wieder gefragt sein.. das jetzt schon nach ner neuen Ordnung und nach Sicherheit hungert.haben den Riegel gelockert . aber gleichgemacht armes. sie muß Winter für Winter drei Stockwerke hoch Briketts aus dem Kohlenkeller schleppen. einzelne und im Dutzend. Ehrenwort. Wir sind nicht am Ende! Noch lange nicht. Wir liefern auf Wunsch und frei Haus. Zeiträume sind das . stand in dem Brief an Martha Grundmann geschrieben. Wie ihrerzeit Tante Pinchen. Stimmt schon. umfassend.. Braunkohle ist unsterblich genug. Aber was heißt Ende. Als wollte er dem verstummten Redner helfen... Flüchtlingsströme .Ehrenwort! . um sich aus ziemlicher Höhe und in neuer Gestalt an unseren blauen Planeten zu erinnern. weil wir und unser Gedächtnis . dieser Blick auf immer tiefere Schichten... lauter Wahrheiten! Wir füttern sie ab. Sollen sich gegenseitig fertigmachen. wir helfen gern nach.von uns zum Fleiß erzogen worden ist. und in der Tat. Denn was wir brauchen. leise. weltweit . Oder ein richtiger Ökokollaps . Ne Menge Namen. Aber was rede ich. ist ne neue Sinngebung. wo doch alles mögliche in die Luft abgeht. zwei Eimer voll. Wahrheiten. Aber nun wollen wir . lieferte jetzt Fonty Stichwörter: »Sie wollen mal wieder auf die Unsterblichkeit raus. Bis zum Horizont näßte der Himmel durch. wie unsere Kollegen von drüben. Alles grau.

Hoppenmarieken.und Bauern-Staat die Rede sein können. So heizte man nicht nur in der Kollwitzstraße. ohne den Tagebau in der Lausitz und anderswo. aber der war Däne und . Ist furchtbar richtig alles. und auch das Archiv bezog seine Stubenwärme aus einem Brennmaterial. aber sauber. »Das haben Sie gut gemacht.endlich. zu einer visionären Beschwörung hinreißen lassen.was Deutschland betrifft . das mal vorrätig. der hätte sich womöglich. als Dubslav von Stechlin zu Grabe getragen wurde. und zwar mit beiden Händen. Habe ihn mit vorzeitigem Beifall stoppen müssen . weil er sie frei hatte. Tallhover!« rief Fonty. wieder zu Geltung.. Bin schon ganz abgeduschuscht. vielleicht Schleppegrell. Bestimmt nicht Pastor Seidentopf. samt Hakenstock und Wasserstiefeln in die Grube kam. keine Immortellenkränze flechten. während Hoftaller. »Keiner meiner Pastoren hätte das besser gekonnt. sogar die Auferstehung der Staatssicherheit ist Ihnen gelungen... « »Vortrefflich. nur weil uns seine Schadstoffe überdauern werden. Deshalb standen die beiden unter einem Schirm am richtigen Ort. Aber den Schirm müssen Sie auch mir gönnen. Und im richtigen Moment klatschte Fonty Beifall. sein Beifall habe einer »Rede am Abgrund« gegolten. sondern überall im Bezirk Prenzlauer Berg. Nein. als gegen Ende von >Vor dem Sturm< die alte Hexe. Uns wären weitere Variationen zum Thema Unsterblichkeit eingefallen. aber unsterblich bestimmt nicht . arm. Nicht nur Deutschland kommt so. und doch sollte man ihm. Er konnte kein Ende finden. Hoftaller. « Dem Archiv ging das zu schnell. der mit dem rechten Zeigefinger immer wieder in die Grube und auf die dort abgelagerte Unsterblichkeit wies. Glückwunsch. wäre er nicht auszudenken gewesen. Bis zum Schluß wird man uns absichern. Ruhig können wir alle finalen Katastrophen abwarten. Zum Beispiel hätten wir Fontys Auskunft über die mit Braunkohle oder minderwertigem Kohlegrus beheizten Öfen ergänzen können. Der Trabi wartet auf uns.. Es hätte von einem anhaltend überheizten Zustand im Arbeiter. mal knapp war. Im Brief an Martha stand. Ganz Ostberlin war diese Befeuerung sicher. Oder Lorenzen. linkshändig den Schirm halten mußte.zu weit weg vom Schuß. Der ist zwar auch von vorgestern. Bißchen mehr noch.« . denn ohne Braunkohle. als Hoftaller seine Novemberrede hielt. was heißen soll. mein alter Kumpan war nicht zu übertreffen.

>Ich hab kein Geld.. außerdem lärmt neuerdings zu Hause ein kunterbunt laufendes Fernsehprogramm. Wir blieben ihnen hinterdrein. Die schwarzen. bis sie sich am Parkplatz vor der Einfahrt zum Schloß auflöste oder besser: verflüchtigte. weil es regnete.. Wie geborgen saßen wir nebeneinander.. in deren Sichtfläche die Namen von drei Dutzend Soldaten der Roten Armee gemeißelt standen. Vorbei an der Frauenklinik Altdöbern zog eine Kolonne. sang er mit Inbrunst bei strömendem Regen. doch zur Kolonnenspitze hin verschmolz Rücken mit Rücken. Im Brief an Martha steht weiterhin: »Während der Rückfahrt kamen die Scheibenwischer nicht zur Ruhe. vom seitlichen Wind geblähten Mäntel. der Mann mit dem Koks ist da<. das ist das Gute am Prinzipiellen: Immer hat man das letzte Wort. der keinem Sarg folgte. je winziger sie in Richtung Kirchplatz vorankamen: ein Leichenzug. inmitten Untergang. vor dem Mama in .. Wir schlossen uns der Prozession an. Und dann. kaum auf der Autobahn. am Friedhofstor erwartet und. wer hat den Mann mit dem Koks bestellt . <« 26 Ein Zimmmer mit Tisch Sein Brief an Martha schloß mit Klagen über beginnenden Schnupfen und trockenen Bellhusten. Das sich von der Braunkohlengrube entfernende Paar zerfiel in Bildabschnitte. verkleinerte. immer bleibt. die schwarzen Hüte unter schwarzen Schirmen verblaßten. das seit Fontys von uns notiertem Besuch auf dem französischen Friedhof feststeht. vorbei an der gepflegten Friedhofsanlage und den unterm Sprühregen glänzenden Grabsteinen. Damals..Dann erst gingen sie. eine sich seit dem Besuch der Niederlausitz ankündigende Nervenpleite und war schließlich ganz auf Lamento gestimmt: » . mit aufgespanntem Schirm abgeholt wurde: zwei alte Männer unter einem Regenschirm. >Mutter. Nur ein übriges Paar war uns sicher. Den Gassenhauer von anno Tobak. gaben sie zu zweit abermals jenes Bild ab. fing mein Kumpan an zu singen. das Prinzip übrig. der Mann mit dem Koks ist da . die paarweise ging. als Hoftaller seinen Patentschirm abschüttete. < Vorbei an Baustellen und trotz Gegenverkehr. sangen wir bis kurz vor Berlin schließlich zu zweit: >Mutter. Unser prinzipielles Dabeisein erlaubt ein Schlußbild.. nahmen sie schmächtig neben breitschultrig -Abstand zueinander. worauf sich beide in den Trabi setzten. du hast kein Geld. natürlich das richtige. und jedes Paar beschirmt. Von hinten gesehen. Als sie gingen. Nach vorne hin schrumpften sie zu immer kleinerem Format. als er am Grab des Unsterblichen stand. Diesmal kam es zur Bilderfolge.

Freie Mitarbeit entsprach seinem Geschmack. diese Verzögerung begründet. Und mehr als zufrieden gab er sich mit dem monatlich ausgezahlten Fixum von zweitausend Mark. das bißchen Schnupfen vergeht.« Oder: »Auf meinen Wuttke hat die Treuhand nich verzichten gekonnt.»Kürzlich standen wir in der Lausitz sozusagen am Abgrund« -.« Es blieb beim Wunsch. daß sich der ehemalige Aktenbote allzu offensichtlich jenseits der Pensionsgrenze befand und deshalb nur als »freier Mitarbeiter« angestellt war. Da ist kein Bleiben. »im Westen üblichen Sozialklimbim«. dank seiner Tätigkeit in der Personalabteilung. bestätigte Fontys Notlage: »Ach was. Hoftaller. abtragen? Bei diesem Wetter laufe ich nur ungern die Potsdamer hoch. zwar war es ihm gelungen. Gründe genug gab es für Fonty. um sich gleichfalls »rein menschlich« auszujammern . ist ein Dienstraum mit ner festen Schreibunterlage. Zu Inge Scherwinski konnte sie sagen: »Mein Wuttke is jetzt bei der Treuhand. die seiner Brieflaune fehlende Ruhe. doch das ihm zugesprochene Dienstzimmer war nicht bezugsfertig. nur die vier Wände fehlten ihm. Urlaubsgeld und so weiter. etwa an Professor Freundlich.Andacht versinkt. Doch wo soll ich meine Briefschulden. klagte er mit ähnlichen Worten über das nervige Mattscheibenprogramm. Und noch schlimmer: mit ihren Gören kommt von nebenan die Scherwinski zum Glotzen. ein ähnlich einschränkender Arbeitsvertrag verpflichtete den gleichfalls pensionsreifen Tagundnachtschatten zur Mitarbeit in Diensten der Treuhand. Zwar wurde Theo Wuttke wegen seiner Denkschrift gelobt. die plapprige Nachbarin. wie er sagte. gelungen. Bis in meine Studierstube dringen munteres Gequatsche und aggressiver Lärm. obgleich der Umzug dieser Behörde erst für Ende Februar vorgesehen war. ist ein ruhiges Zimmer. für sich und Fonty den. auch stand er. Vielleicht hat der Umstand.« Und wenn man das Fernsehen für Momente abschaltete. zu sichern. Doch darüber klagte Fonty nicht.. der uns besuchte. um mich mit meiner Rotznase in die Imbißstube zu setzen. Außerdem war es Hoftaller. « Und wenn er zu uns ins Archiv kam. Was mir fehlt. für Emmi Wuttke rechnete sich das Fixum als beträchtliches Zubrot und Aufbesserung ihrer Rente. war sogar zu Hause Schönwetter angesagt. »ein positives Gesicht zu schneiden« und dem Archiv zu bestätigen: »Abgesehen vom fehlenden Zimmer und dem Verschleiß an Tempotaschentüchern. Doch was unser Freund unbedingt braucht. Weihnachtszulage.. den Hausherrn der Treuhand für den Erhalt des Paternosters zu gewinnen. geht es mir geradezu polizeiwidrig gut.« . Sie sah sich auf einem Treppchen zu beginnendem Wohlstand und lobte die Treuhand als »hochanständig«. bereits auf deren Gehaltsliste.

Nur dieser Hausnummer galt sein Blick. sondern auf Abzahlung. . nach versäumtem Ausstieg im siebten Stock abwärts kopfunten fahren zu müssen.Sobald sie auf unsere Frage hin ausführlicher wurde.. Wie wär's mit einer Wiederholung. Junge Damen.und Imbißstube an den Fenstertisch setzte und dort für die immer noch fehlenden vier Wände Ersatz fand. erfuhren wir über den Wohltäter Treuhand: » . verführte er mit vorgestrigem Charme.. lief mit Stock. seines würdigen Aussehens wegen respektierte Mann den unablässig bemühten Personenaufzug ein »Symbol der ewigen Wiederkehr« nannte oder vergleichsweise Sisyphos ins Spiel brachte. trotz Schlechtwetter die Potsdamer Straße hoch. wurde die Treuhand sein eigentliches Zuhause. weil der Tiergarten ausfiel. doch ohne Schirm bis hin zu jenem unansehnlichen Neubau zwischen der Meierei Bolle und Foto Porst...meiner späteren Frau Emilie begegnet. mein Wuttke guckt immer noch nich. In Farbe natürlich . selbst wenn dort wenig Arbeit anfiel.. hat auch was davon.. verehrtes Fräulein? Nur einmal ist keinmal. konnten wir uns nen Fernseher nich leisten.. Weil aber im Tiergarten wie im Volkspark Friedrichshain Novembernässe alle Bänke besetzt hielt. viel schlimmer«..und Abfahrt einzugehen. War einfach nich drin. Ängstlichen Besuchern half er in die auf. Nur verkabelt sind wir noch lange nich .oder Kellergeschoß als ein harmloses und zugleich unvergeßlich aufregendes Erlebnis vermittelte: »So bin ich . die befürchteten. denn die Glotze trieb Fonty selbst bei Schlechtwetter aus dem Haus.« Dieser Kundendienst blieb Nebenbeschäftigung. Man lächelte. Also suchte er andere Zuflucht und lief. Mir reichen aber die paar Programme. Außerdem war mein Wuttke gegen das Glotzen.« Wir hätten antworten sollen: »Schlimmer. sobald er sich in der gegenüberliegenden Kaffee. an seiner Seite das Wagnis einer ununterbrochenen Auf. fehlte Fonty nicht nur das versprochene Dienstzimmer. Nee. Und unsre Nachbarin. Und da Hoftaller oft für die Personalabteilung aushäusig war und Kontakte knüpfte oder Einstellungsgespräche führte. allein dank richtiger Hausnummer. Endlich konnte sein in früheren Jahren gern ausgespielter Hang zum Schwerenöter dienstbar gemacht werden. der ihn. wenn der alte. indem er die Wende im Dach.lang ist's her . Aber jetzt hab ich nich viel gefragt.oder abwärts fahrenden Kabinen. das arme Luder mit ihren drei Gören. zu Ausflügen im Krebsgang stimulierte. Gelegentlich mußte er aus Bonn angereiste Parlamentariergruppen durch den Baudreck und über Korridore lotsen oder einer extra vom Bundesrechnungshof geschickten Prüfungskommission seine zur Denkschrift ausgearbeitete Eingabe »Zum Erhalt des Paternosters« erläutern. als er noch Aktenbote war. die Scherwinski.

Hier waren dem . wie billig dem seinerzeit drei Grundstücke in Waren an der Müritz zugefallen sind. entpuppt sich. Auf zerkratzter Resopaltischplatte trug Fonty. Alle mit Seeblick! Und weil das schon immer so war. schießen die Malder ins Kraut. wobei er gegenwärtig deren Umzug aus dem eng gewordenen Berolina-Bau am Alex in den Koloß aus Reichsmarschalls Zeiten abwarten muß. . als Grundstücksmakler. zu überwinden und freiweg zu behaupten: Das ist nun mal so. war er abermals mit Worten in Richtung Schwerin. Doch bevor er Professor Freundlich. »Erst jetzt komme ich dazu. den Du als Bauunternehmer geheiratet hast. Denk nur an Fritsch. bei einem Glas Weinbrand und viel Beuteltee. der Villa mit Seeblick unterwegs. immer und zuvörderst das Schlimmste zu befürchten.wie der Biograph Reuter bestätigt -»Mann der langen Briefe« schon viele Episteln von der Hand gegangen. schreibst Du.weil wohlinformiert Filetstücke in der Innenstadt. wo nicht mehr gilt.und Bauern-Macht hatte. als müsse er partout seinen Familiennamen bestätigen. beste Beziehungen zur Schweriner Treuhand-Filiale unterhält. Ist kaum verwunderlich. Wer heiratet. Dein Grundmann. denn heute. muß den vorahnenden Riecher haben. Er greift zu. seine Briefschulden ab.»damit dem Archiv zu jeder gefundenen Wahrheit der Hinkefuß nachgewiesen werde« -. ganze Straßenzüge in der maroden Schelfstadt aufkauft und obendrein an Mecklenburgs Seeufern fündig wird. daß sich Dein zum Spekulanten gewendeter Bauunternehmer liberal schimpft. ist nun Dein Grundmann auf Baugrund in Uferlage aus. was gestern noch Brief und Siegel der Arbeiter. als >gerissener< sogar. nach Antwort für Deinen bekümmerten Brief zu suchen. dann seine Enkeltochter. Wer makelt. Zu kühnem Sprung muß ich ansetzen und nun sozusagen aus dem Stand abheben. bevor andere zugreifen. dort ein und aus geht und . zum Schluß den Sohn Friedel bedachte und zwischendurch uns mit schriftlichen Richtigstellungen eindeckte .Hier hatte er Madeleine Aubron sein Vorleben ausgebreitet. Muß er wohl sein. um das Hindernis. Dein alter Vater steht gleichfalls bei dieser allmächtigen Zentrale in Lohn und Brot. wobei mir Dein Hang (den Du bis ins Ridiküle mit Mama teilst). dem fällt oft unansehnliche und in Deinem Fall unerwünschte Mitgift zu. eher Programm. wie eine mit Glasscherben gespickte Mauer quersteht. weil sie von schnellwüchsiger Bodenhaftung sind. die Dir eigene Sperre. Das ist aus Sicht der neuen Freiheit nicht anrüchig.

wie schnell die westlichen Führungskräfte . Was aber Grundmann betrifft. meine Mete. doch wochentags und hinterrücks sein krummes Ding dreht. Dieses kommerzienrätliche Pack. wie unbedacht schnell solche Verstrickung zum Fangnetz wird.und Hofpredigerpartei reüssiert. nichts Schlimmes: Was sich gestern noch volkseigen schimpfte und deshalb nur nachlässig in Schuß gehalten wurde. ihnen aber zugleich ein hilfloses. War nach siebzig-einundsiebzig nicht anders oder besser. Immer wird es die Treibels und deren Verwandtschaft vom Stamme Nimm geben. fern ihrer sonst eifrigen Prinzipienreiterei.Du klagst über >motorisiertes Raubrittertum<.Frau von Bunsen eingeschlossen und so münsterländisch-katholisch sie sein mögen . Denn das bist Du auch. kommunalpolitisch versteht sich. was vor Jahr und Tag abtauchte. etwa als Dezernent für das Bauwesen. Auch hier schwimmt. immer ein Stück Corinna. etwa zum Schoppen nach dem Abendessen. Sei ein braves Kind und lies ihm bitte bei Gelegenheit. das vornweg den höheren Werten und dem Gemeinwohl eine Sonntagsmusik bläst. dem sich meine Mete. was sie ehrt. gehört zur Tagesordnung geschichtsträchtiger Zeiten. muß ich wohl teilen. Dieses verwandtschaftliche Gehabe stieß mir schon während Deiner Hochzeitsfeier auf. und die Grundmanns haben . Doch auch das. wobei zu beobachten ist. liebe Mete. (Hatte nicht Frau von Bunsen bereits den raffenden Blick auf Junkerland in der östlichen Altmark gerichtet?) Sollte mich übrigens nicht wundern. über alle liberalen Sprüche hinweg. sage ihm: Baudezernent heute ist nicht besser . also bei der Block. längst hätte anpassen sollen. ein paar einschlägige Stellen vor. wobei sich allerdings diese Person eher auf calvinistisches Herkommen als auf Deine Spätlese katholischen Meßweins berufen würde. Deine Besorgnis jedoch. wenn nicht ridiküles Ansehen gibt. es könne Dein Grundmann durch allzu enge Kontakte mit gewissen Seilschaften zum Komplizen werden. Oder besser noch. wie Jenny Treibel die Schmidts besucht und Corinna ihr Paroli bietet. aber das ist der Lauf der Welt. Bei Licht besehen.mit den hiesigen Schlaumeiern handelseinig werden. Nur unsere sanftmütigen Revolutionäre und Montagsredner gehen bei dieser Praxis leer aus. wenn Dein Grundmann. zumal ich weiß. um als Bodensatz zu überdauern. Geeignet ist die Partie zum Halensee und den Schwanenhäuschen ohne Schwäne.einen Hang zur Treibelei. gewiß. demnächst bei der Nachfolgepartei von Stöckers ChristlichSozialen. soll nun in private Hand und zu aufgeputzten Fassaden kommen.die meisten sind zweite Wahl oder gar dritte . nun wieder putzmunter an der Oberfläche und gibt sich geschäftig.

Damit ist. Übrigens schreibe ich Dir in meinem nun schon alteingesessenen Café-Stübchen mit Blick auf die Potsdamer Straße. « An den Rand dieses Metebriefes stand ferner umlaufend gekritzelt: »Friedlaender schrieb immer anschaulich. hat mir mein altvertrauter Kumpan. daß mich der neuerdings als Untermieter einquartierte Fernsehapparat über meine Neigung hinaus . dessen jüngste Verlagspläne. vorweg geflüstert. welches ihr Wohlgefallen bereitet. Fast glaube ich. wurde an höchster Stelle belobigt. Jahrzehntelang wurde ich unter ideologischer Aufsicht geschurigelt. Nun. Restlich ist zu melden. bin ich über das ewige Grau nicht sehr unglücklich. weil zum Treuhänder veredelt. dem ich nichts schuldig bleiben will. Übrigens soll ich Dir von ihm Grüße sagen. Lach doch darüber! Jüngst kam aus Frankreich ein reizendes Briefchen.zum Spaziergänger macht. daß es. Sie sieht sich ganz obenauf. Desgleichen Friedel. Etwas in Richtung Öffentlichkeitsarbeit.. der ja bekanntlich das Gras wachsen hört. Unter der Treuhand. nunmehr global missionierend sind. Von Teddy kein Wort. Mit Menzels Industriebildern (der Eisengießerei) sollte ich die Geburtsstunde des sozialistischen Realismus vordatieren. nur die Hausnummer schräg gegenüber ist echt . Meine Denkschrift zugunsten des Paternosters. ganz zu schweigen vom Reserveleutnant Vogelsang und der Wiedergeburt seines Typs. meint sie. Diesen roten Pfaffenelfer kennst Du ja aus Deiner vorkatholischen Zeit.. Selbst wenn er nur gesellschaftlichen Klatsch in der . Auch Professor Freundlich soll heute lang aufgeschobene Antwort bekommen. Und demnächst soll ich sogar ein eigenes Dienstzimmer bekommen und einen Auftrag dazu. Propaganda gemeint. Zweifelsohne: Treuhand ist mehr als Kulturbund! Ich bin in ihren Augen (und gleichfalls aus Sicht Deiner gleichbleibend naiven Jugendfreundin Ingemaus) sozusagen aufgewertet. im Grunde hat sie ja recht. Penetrant hat mich parteiliche Pfennigfuchserei um die besten Passagen meiner Vorträge gebracht. Doch nun zu Mama. versteht sich.als Kommerzienrat damals. kann nichts schiefgehn. nach Maß der Herrnhuter. den man à tout prix gegen einen Schnellift austauschen wollte. Oder: Zu versöhnlerisch! Oder punktum: Reaktionär! Davon ist bei der Treuhand keine Rede.und trotz Schlechtwetter . das Wort Treuhand ist. hieß es. außer dem monatlich anfallenden Stück Geld. weil mir aber von allen Religionsformen die Sonnanbetung am fernsten steht. Nicht mit dem Klassenstandpunkt vereinbar. seitdem ich im Sold der Treuhand stehe.

seine Einschätzung der Querverbindungen zwischen der Manteuffel-Regierung und der Kreuzzeitung. daß des Professors im Verlauf der Herbstmonate geschriebene Briefe »unterhalb forciert lustiger Oberfläche recht miesepetrig« geklungen hätten.. hatte in der Regel ich das Vergnügen.verwöhnt.auf Dauer zu heiß werden . mit Fonty dessen Enkeltochter anwesend. Da mir von meinen männlichen Kollegen der Briefwechsel mit der Studentin aufgetragen worden war.. dem Archivfreund Fonty. »Seine Töchter sind ab nach Israel. sobald Fonty mit obligatem Blumenstrauß kam. und nebenbei lieferte uns Madeleine Belege des französischen Bildungssystems. ihre Magisterarbeit in diese Richtung hin zu erweitern. Ich habe ihm Geduld angeraten: Den Mädchen wird es dort . besonders wenn er den Schwerenöter spielte und mit gelegentlich zweideutigen Komplimenten unsachlich wurde. als die Partei zuließ . Und ähnlich geht es mir mit Freundlich. aus dem vergleichsweise preußische Strenge sprach. Doch unser Freund hielt sich zumeist bedeckt. doch war. die insbesondere auf Emilie Rouanet-Kummer zielten. von seiner Enkeltochter und deren Wißbegier die Rede.Feder hatte. Deshalb war... der noch als Kommunist weit mehr Witz verbrauchte. die von unstillbarem Wissensdurst zeugten. deren zugleich französische und märkische Herkunft oft genug aus Sicht ihres Mannes kommentiert worden ist: »Mama ist heute mehr aus Beeskow als aus Toulouse . gottlob ohne seinen Tagundnachtschatten. Da sie erwog. « Nur uns gegenüber klagte Fonty. zu plaudern. blieb er geistreich und zutreffend. « Die Studentin Aubron sammelte solche zumeist aus den Briefen herauszulesenden Spuren. wies ablenkend auf die »nach menschlichem Ermessen« gründlichen Forschungsergebnisse von Frau Professor Jolles hin und machte ein wenig . Nach letzten Anfragen zu Hankels Ablage konzentrierte sich ihr Interesse auf die hugenottische Abstammung des Unsterblichen. « Den Dezember über hatten wir ihn oft im Archiv. was anstrengend sein konnte.. mit unserem Besuch. Dagegen gab es nur ein Mittel: Ich brachte unser Gespräch auf die für ihn heikle Londoner Zeit und versuchte. im übertragenen Sinn. deckte sie uns mit Fragen ein. was einen so dezidierten Antizionisten natürlich schmerzen muß. Weshalb ich in Nordaus Artikeln die Judenschärfe des Ausdrucks schätzte. wie sie sind . zudem die Aufgaben der »Deutsch-Englischen Pressekorrespondenz« und die Rolle des dänischen Agenten Bauer zu erfragen. Nicht ohne Stolz machte er uns mit Briefpassagen in schulmädchenhafter Schrift bekannt. Madeleine korrespondierte mit ihm wie mit uns.. das hierzulande längst außer Kurs ist. etwas.

ob Teddy als .geheimniskrämerisch darauf aufmerksam.rausreden. nur abschweifend ein: »Vieles ist mir nicht mehr erinnerlich. und seine Frage. Wenngleich er Madeleines Briefwechsel mit dem Archiv ironisch nachsichtig einschätzte und unsere Arbeit. oft mit Vorbedacht. wie Sie Ihrer Frisur Sorge tragen.« Dann kamen wir auf die Wißbegier seiner Enkeltochter. diese mir zartbittre Person läßt einfach nichts aus. Allerdings ließ er sich auf direkte Fragen seiner Enkeltochter. Mein bei der Treuhand zur Zeit noch geringfügiges Arbeitsvolumen erlaubt ausführliche Korrespondenz.. Selbst abgelebtes Leben ist ihr ein druckfrischer Korrekturbogen. Weiterhin mußte die Kaffee.»Viel Abraum und wenig Kohle« . rückblickend auf einen Besuch der Tagebaureviere m« der Lausitz. « Das ließ auf sich warten. Was zwischen Buchdeckeln steht. im besonderen Fall des Unsterblichen des Vaters Schuldenmacherei. manchmal aus Altersschußligkeit. war ihm meine Korrespondenz mit der Studentin Aubron eine Quelle des Vergnügens. die in Paris studierende Enkeltochter. seinem Mitbringsel nebst Winterastern. das Bummelantentum und allgemein der Hang zur verkrachten Existenz nachzuweisen sei. wenn doch den preußischen Hugenotten allgemein Tüchtigkeit und Sinn fürs Pekuniäre nachgesagt werde. als sie beantworten konnten oder wollten. die sich gleichermaßen genügsam von Nebensächlichkeiten ernähren. Wir saßen bei Tee und Bahlsenkeksen. der mittlerweile in den vorzeitigen Ruhestand evaluierte Professor und nach seinem in Wuppertal verlegerisch tätigen Sohn Friedel auch der in Bonn beamtete Teddy mehr Post.und Imbißstube in der Potsdamer Straße als Ersatz taugen. als hätten Sie ganz den Charakter einer einstigen Fürstengeliebten. Also bekamen die Tochter in Schwerin. reicht nicht. »Kann sich nur um Bagatellen handeln. will mir vorkommen.unter uns gesagt . Geschieht immer häufiger. Da helfen nur Briefe. und sagte: »Apart. mit knappem Befund .auf einen zitierbaren Nenner brachte. Aber verstehe: Nichts ist von größerem Reiz für Archivare und Geheimdienstler. warum. seinen Zweitgeborenen durch besorgte Briefe zurückzugewinnen. als wollte er mir den Hof machen. Fontys Versuch. musterte mich dann. die ja immer alles genau wissen wollte. daß einige Nebenmotive noch unerforscht seien.. Werde mich im nächsten Skript reinwaschen oder . Fonty bot mir zuerst einmal von seinen Bahlsenkeksen an. der unablässig durchgeackert werden muß. mißglückte immer wieder. Es fehlt am wichtigen Detail. daß das Ureigenste verlustig geht.« Ein an mich gerichteter Brief der Studentin warf die Frage auf.« Dann erst kam er auf Madeleine: »Nun ja. Aber sobald ich ein eigenes Dienstzimmer habe .

diese Aufgabe bewältigen können. sehr geehrter Herr Wuttke. schrieb er an seinen Brieffreund in Jena über den Ausgang der Bundestagswahl: »Dieses Ergebnis. was heißen soll Machtverhältnisse. aber gänzlich ungebremst teilte er sich bei Weinbrand und Tee in einer Epistel von beträchtlicher Länge mit. bin ich ganz auf seiten Ihrer Frau. Fonty. die wir nur gekürzt wiedergeben können. vom Chef der Treuhand gegengezeichneten Auftragsbeschreibung. Was aber Ihre israelfixierten Töchter betrifft (und ihre zwillingshaften Zwänge). sondern zugleich die gesamtdeutsch übergreifenden Geld-. blieb ohne Antwort. Vielleicht erlaubt Ihnen Ihr unfreiwilliger Ruhestand.« Weit mitteilenswerter war ihm der Zweck seines neuen Auftrags: »Stellen Sie sich vor. daß mit Vorrang Sie. zu dem ich partout nicht beitragen wollte. hier gibt es eine Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit. die er dem Brief an Freundlich als Kopie beilegte. Ich soll den Gebäudekomplex Ecke Leipziger-. der Familie abtrünnigen und womöglich von Machenschaften bedrohten Sohn sorgen. in Kenntnis Ihrer biographischen Daten. Indem sich die Treuhandanstalt keinesfalls der Vergangenheit und deren Altlasten entzieht. mir den einen oder anderen Tip zu geben.« . Theo Wuttke mußte sich weiterhin um seinen verstockten. Otto-Grotewohl-Straße geschichtlich erlebbar machen. Da uns.. dem der nun bald bezugsfertige Koloß während mehrerer Phasen deutscher Geschichte offengestanden hatte. bestätigt nicht nur die Zahlen vorausgegangener Stimmenzählerei. nämlich die Darlegung der baugeschichtlichen Hintergründe der Treuhand. In der kurzen. Mit dieser Schrift aus meiner Feder soll geworben werden. « Gleich danach war er wieder bei seiner neuen Aufgabe.. und diese hat mir eine an sich reizvolle Aufgabe gestellt. Seitdem gehen mir Phrasen wie >Public Relations< und >That's the message< wie geschmiert von den Lippen. Peinlichkeiten unter der Decke zu halten.Beamter im Verteidigungsministerium während zurückliegender Jahre Kontakte mit einer gewissen Person unterhalten habe. im Grunde sollte man die Regierungsgeschäfte der Bundesbank anvertrauen. Fonty verstand es. Da sich Anfang Dezember einiges in der Politik tat. Nichts davon in den Briefen an dessen Bruder und Schwester. bitten wir Sie um ein Exposé der geplanten Informationsschrift. lieber Freundlich. plädiert sie für Offenheit. gewiß ist. hieß es: »Nichts darf verdrängt werden. wurde Zeitzeugenschaft abverlangt. Verstehen Sie bitte diesen eigennützigen Wunsch als Ausdruck unserer langjährigen Freundschaft. deren Rat >Abwarten und Tee trinken< mir furchtbar richtig zu sein scheint .

denn falls er seine Töchter. (Was ist Handlung? Oft ist es nur das leichte Verrücken von Stühlen. mithin vom Abfall. Mathilde von Rohr. Desgleichen waren Friedlaenders Briefe Fundgruben. und im Fall Ibrahim Böhme wäre nachzuweisen. Eher als Staatsbesuche und lederne Festtagsreden können mich hintersinnige Anekdoten stimulieren. Die betagte Dame lieferte eine Fülle exzellenter Roman. wie Du weißt. oft nur leis tickende Schuld den Verlauf der Erzählung bestimmt. mehr nicht. der sich aus Protest selbst verbrannte. was noch nicht ausgemacht ist. sich aber doch nützlicher Kleinkram fand. weshalb mich der Fall meines Freundes in Jena . der Friedlaender zu verdanken ist -. (Wenn es doch endlich seinem Fußballclub gelänge.) Und nun soll ich historisch entscheidende.familiärer Zwist.wir sprachen. flossen ihr doch alle Unsäglichkeiten des märkischen Adels unverblümt aus der Feder. ein Auswärtsspiel zu gewinnen und ihn aufzumuntern. die dezidiert Rosa und Clara heißen. Lieber möchte ich Fälle aus jüngster Zeit wie den des Pfarrers Brüsewitz.stärker als jede politische Großinszenierung berührt. haben die jeweiligen Bluttaten nur wenig Raum eingenommen. als Heiliger gefeiert und zugleich zum Verräter an der ureigensten Sache wird. selbst im fernen Amerika anwesende. dort den zwischen dem staatlichen Sicherheitsinteresse und der konspirierenden Ehefrau gespreizten Spagat des liebevollen Gatten und pünktlichen Informanten zu Papier bringen. Sogenannte Nebenhandlungen. Überhaupt geschieht viel Durchlebtes abermals. daß mein Interesse abseits der großen. als Du noch bei uns warst. Dazumal war. etwa in >Unterm Birnbaum< und >Quitt< . In seinem Brief an Madeleine Aubron reihte er Bedenken: »Du weißt.zugegeben .) . zumeist mittels Blechmusik dröhnenden Ereignisse liegt. in denen zwar keine Juwelen glänzten. als Brieffreundin das Stiftfräulein aus Dobbertin. was heißen soll. über Professor Freundlich . wie jemand. die immer die Hauptsache sind.und Novellenstoffe. eine Versuchung. indem er die Literatur von Dostojewskis Tiefen bis zur Mittellage der Brechtschen List wortwörtlich auslebt. an Israel verlieren sollte.Anfangs zierte sich Fonty ein wenig. doch immer hat die allerorts. oder die Tragödie der Familie Wollenberger oder das literaturträchtig lucide Doppelleben des Ibrahim Böhme in Abschweifungen ausbreiten und hier des Pfarrers Konflikt mit seiner Gemeinde. eine unerschöpfliche Quelle. wird es furchtbar einsam um ihn bestellt sein. die mir übrigens nicht fremd ist. liebes Kind. Denn selbst bei tragischen Vorkommnissen wie Mord und Schußwechsel. desgleichen amüsanter Klatsch und . Ich lebe von unansehnlichen Einzelheiten.ein Stoff übrigens. dicke Daten kommentieren.

« Ähnlich beredt hat er uns im Archiv einen Teil seiner Sorgen und seine Lustlosigkeit unterbreitet. Bleibt dennoch eine schwere Geburt.und Parteikarrieren übers Knie gebrochen. schließt Dein >immer schwieriger werdendes Verhältnis< einen mich heilsam treffenden Blitzbesuch über Weihnachten aus . Leicht vorstellbar ist Fontys Begründung: »Wenn die Kapitänswitwe Hansen nebst Tochter Brigitte. Mir vertraute er sogar an. denen die Gnade der Herrnhuter und das Missionswesen als Geschäftsgrundlage sicher sind.So viele Seelenkonflikte! Ich aber habe dem drögen Verlauf der Historie zu folgen und das Innenleben eines scheußlichen Gebäudes nach außen zu kehren. Kein Funke will springen.. dieser verführerisch lasziven Rubensschönheit. Militär. mit dem dänischen . wäre mir doch meine zartbittre Person zur Seite! Wir wüßten bestimmt. vom Langstreckenbomber zur Kurzarbeit. dann mit furchtbarer Bestimmtheit den Knoten gelöst und den letzten Anstoß zur Erledigung der Auftragsarbeit gegeben hat. doch kommt viel Missetat aufs Papier. tauge ich nicht zum Traktat . »Neinnein«.. mich in meinem demnächst bezugsfertigen Dienstzimmer aus bloßer Evalaune und als mustergültig frisierte Muse zu besuchen. Und wie Sie sehen. er habe vor. Mag sein. Mein Wörtersack ist leer..einen Anfang gefunden haben. er begann zu schreiben..eher ohne als mit Muse . heldische Verräter und bangbüchsige Helden . gelingt es mir nicht einmal. Doch wie ich lese.. Man könnte mit solch fortgesetzten Geschichten die einst beliebten Neuruppiner Bilderbögen aufleben lassen. aber selbst der kolorierteste Moritatensegen wäre nichts für Euer Verlagsprogramm. mein Sohn. müßte ich passen. Längeres als die dreieinhalb Seiten zugunsten des Paternosters ist mir derzeit nicht möglich. Als der freie Mitarbeiter Wuttke die Absicht äußerte. Ach. den notorischen Schwerenöter zu spielen. « Immerhin.« Und doch muß Fonty . Und gewiß kann mein allerneuestes Gekritzel nicht mit Deinen verlegerischen Produkten konkurrieren. Bei mir fällt wenig Erbauliches an. daß er sich leergeschrieben habe. wenn nicht mit Hinweisen auf das versprochene Dienstzimmer.. denn seinem Sohn Friedel schrieb er: »Seit gestern wird der Bleistift nicht kalt. daß Hoftaller. soll es zur Konfrontation gekommen sein. wie Du weißt. Offenlegung nennt man das. eingangs den Fall Wollenberger zu skizzieren und wie beiläufig eine Nebenhandlung in »Unwiederbringlich« zu erneuern. auf welche Reise wir uns plaudernd begeben könnten. rief er. »selbst wenn es Ihnen gefiele. Habe übrigens damit schon immer Mühe gehabt.

der für Bücherborde und eine Schreibtischlampe im Stil der dreißiger Jahre sorgte. so gibt es in Bonn einen Ministerialrat.. die am 17. Dort ging es. . Sie wissen: Wir können auch anders!« So deutlich angestoßen. Das einzige Fenster gab den Blick in den nördlichen Innenhof frei. ohne daß die Eltern dieser Herren Söhne die leiseste Ahnung hatten. denn er sagt zu Pentz: >Und das macht mir einigermaßen Herzbeklemmungen. begann der freie Mitarbeiter Theo Wuttke. falls die Normannenstraße eine aparte Agentin ins Spiel gebracht hat . wie in allen Garnisonstädten. Zum Beispiel liegt Material vor. Rechts vom Tisch. hing an weißgetünchter Mauer eine breitflächige Pinnwand. kaum daß er wenige Tage vor Weihnachten ein renoviertes Dienstzimmer mit Schreibtisch bezogen hatte. Juni 53. Wuttke. gleichfalls im Ehrenhof. was die dänischen Sicherheitsbehörden betrifft. Den Fall Wollenberger gibt es in beliebig vielen Variationen. was selbst dem armen Holk auffiel. denn wie ein gewisser Leutnant und Starfighterpilot uns noch als Hauptmann mit Informationen bedient hat. dann könnte im Fall der Familie Wollenberger. Mit ihm begann das Viktorianische Zeitalter.Geheimdienst verquickt gewesen ist.« Bald war der Dienstraum 1819 mit Hoftallers Hilfe. ausschließlich preußisch zu. von dem allerdings in Neuruppin. das zum geeigneten Zeitpunkt Ihre Familie belasten könnte. zwar ist der Roman >Unwiederbringlich<.gleich daneben . « Darauf soll Hoftaller gesagt haben: »Hören Sie.streikende Arbeiter. Wie versprochen: im siebten Stock. doch irgendwo hört der Spaß auf. Die Nummer des Dienstraums gehörte zu den letzten der zweitausend numerierten Räume und konnte als bedeutsames Geburtsjahr gelesen werden. notdürftig eingerichtet. seinen Auftrag ernst zu nehmen. der im Fensterlicht stand. in Verbindung gebracht hat: »Ein königliches Jahr. verkleinerte Kopien der Sagebielschen Baupläne und Photos: das Gewehr präsentierende Soldaten im Ehrenhof und .. für ne Menge Spekulationen offen. wenngleich Fonty uns gegenüber gerne das Jahr 1819 mit der Königin von England und Kaiserin von Indien. auch für einen gewissen Fonty. auf der mit Reißzwecken erstes Material festgehalten wurde. Ist da wirklich was von Beziehungen zwischen einem Sicherheitsassessor und der Tochter oder gar zwischen dem Polizeichef selbst und der Mutter?<. Wir wollen hier nicht mit dem Feuer spielen. den Minister Selbmann niedergeschrien haben sollen. dessen Wissen wir jahrelang abschöpfen konnten. Fonty. Aber das kann sich ändern. Queen Victoria. wo kurz vor Silvester auch jemand mit Namen zur Welt gekommen ist. wenig bemerkt wurde.

Genau betrachtet. ein Band über Baukunst und Stadtplanung im Dritten Reich. Wenn es eben noch hieß. nach und nach die Dünndruckbände leisten durfte. Zwei Möbelrücker bei der Arbeit. Wenig später kam ein Photo dazu. die von einem englischen Historiker verfaßte Biographie des einstigen Reichsmarschalls und als Taschenbuch eine Ulbricht-Biographie. zwei Bildbände. der Tisch habe Fensterlicht gehabt.Dazu. Auf dem kleinformatigen. kürzlich gekauft hatte. Mal sollte der Schreibtisch unter der Pinnwand stehen. das Hotel Kaiserhof. Schriften und Briefe des Unsterblichen. als freier Mitarbeiter der Treuhandanstalt.den mit Muschelkalk verkleideten Koloß und das kolossale Portal. die alle bei Kriegsende zertrümmert wurden: die neue und alte Reichskanzlei. der einst den Ehrenhof zur Wilhelmstraße abgegrenzt hatte und später zur OttoGrotewohl-Straße seinen Zweck erfüllte. die kurze Zeit lang im Reichsluftfahrtministerium tätig gewesen waren. Und dann noch Photographien benachbarter. in denen architektonische Schaustücke aus geschichtlichen Bauphasen versammelt waren. sah Fonty als junger Wuttke ziemlich unbedeutend aus. Das Bücherregal blieb vorerst dürftig bestückt: einige statistische Jahrbücher. die Fonty. Schließlich kamen Fonty und der Tisch vorm Fenster zur Ruhe. der seinen Platz suchte. .und Kunstgeschichte sowie Buchbesprechungen . dann wieder wollte Fonty hinter der quergestellten Platte mit Blick zur Tür sitzen. zum Regierungsviertel gehörender Gebäude.flach wie eine Kulisse . Bald sollten zwei weitere dazukommen: versammelte Schriften zur deutschen Geschichte. zudem ausgewählte Schriften zur Kunst. daß er sich nun. In einem sonst leeren Regal standen zwei Bände der teuren Hanser-Ausgabe der Werke. Ein Schreibtisch. gleich Steckbriefen. bevor es als Gestapozentrale in Verruf geriet. daß Fonty diese Neuanschaffung. die Abbildungen von Widerstandskämpfern der »Roten Kapelle«. muß jetzt nachgetragen werden. an den Rändern bestoßenen Bildchen steht er vor jenem schmiedeeisernen Zaun. was alles die Kriege von 1864 und 1866 und der nachfolgende Krieg gegen Frankreich in Buchform hergegeben hatten. das Prinz-Albrecht-Palais. zu denen das Archiv kommentierend beitragen durfte. Dahinter sieht man . dem in der Kollwitzstraße nur die unvollständige Aufbau-Ausgabe und zusätzlich die Nymphenburger Taschenbücher zur Hand waren. glaubte er doch. Es zeigte den etwa zweiundzwanzig Jahre alten Gefreiten der Luftwaffe Theo Wuttke unter schräg sitzendem Käppi mit Kuriertasche. mit Hoftallers Hilfe lange hin und her gerückt hat. das Hoftaller aus Tallhover-Zeiten aufgetrieben hatte. etwas über Zweck und Organisation der Luftwaffe. ein nüchternes Möbel.verstaubte Zeugnisse lebenslanger Mühe.

die trotz Fernsehen einigermaßen verliefen. die Enkeltochter. Wenn Fonty seine Notizen zum Exposé unterbrach. saß Fonty wie in seiner Studierstube in der Kollwitzstraße. wissen aber dennoch: Er saß mit Ausblick. die andere mürrisch drein. Und die Briefwaage aus gelbem Messing hatte umziehen dürfen. Friedel in Pionierkluft. Erste Notizen zu einer Auftragsarbeit. einen Apparat in das Dienstzimmer zu stellen. Beim Briefeschreiben ging er vom Bleistift zur Stahlfeder und manchmal zum Schwanenkiel über. Kein Photo des Unsterblichen fand Platz. schrillte kein Telephon. abermals an Freundlich. die drei Söhne und. Was den Stuhl betrifft. Fonty begann Blatt nach Blatt zu füllen. dann nur. . Nach den Festtagen. die ihn in Zivil zeigte. mir eine original Baskenmütze zu verpassen. Ach. der dem Stein auf dem Schreibtisch in der Studierstube glich. In Georgs Nachlaß hatte sich eine Aufnahme gefunden. und er hatte die Tür sowie links neben der Tür ein aus den dreißiger Jahren stammendes Waschbecken im Rücken. Auf Wunsch war es Hoftaller gelungen. um die Weihnachtspost zu erledigen. und schließlich aus bester Brieflaune an Madeleine: »Wie hintersinnig und fürsorglich zugleich. steht mir nicht schlecht zu Gesicht. dann einen Metebrief. hatten Photos aus der Jugendzeit aushelfen müssen: beide Jungs kurz vorm Mauerbau.Wir haben ihn nie dort besucht. die er uns gegenüber abfällig »Reklameschrift« nannte. schrieb er während der stillen Tage vor Silvester. den modernen Bürodrehstuhl gegen ein den Thonetstühlen ähnliches Möbel mit geschwungenen Armlehnen aus Bugholz auszutauschen. als selbst bei der Treuhand nur gedämpfter Betrieb herrschte. »besonders für den orientalischen Morgenrock« dankte. Er blieb nur kurz. Friedel und Teddy betreffend. Wie zu Hause steckten auch hier Schreibutensilien in den Lüftungslöchern des Bausteins. bleibe aber auf Hüte abonniert. Kein Bilderschmuck an den Wänden. Hoftaller drängte nicht. gegen einen Hohlbaustein gelehnt. diesem Photo war ein Trauerband angesteckt. doch stand er ab und zu nach leisem Anklopfen auf der Türschwelle. die unter Parkbäumen das Neuruppiner Bronzedenkmal zum Motiv hatte. unter ihnen zwei Schwanenfedern und ein halbes Dutzend Bleistifte der Marke FaberCastell. dem er »bessere Stimmung anzuputzen« versuchte. Da man vergessen hatte. in Paßbildgröße. aber auf der Schreibtischplatte war in Stellrahmen die Familie abgebildet: Emmi. Martha. in dem er für überreiche Geschenke. die eine leidend. Emmi und Martha schauten. wohl aber stand ungerahmt eine Ansichtspostkarte. Madeleines Gesicht wurde von einem biedermeierlichen Oval eingezwängt.

seitdem ich trotz meiner sieben mal zehn Jahresringe . Nicht alles darf ans Licht. Ohne ihn gäbe es für diesen Brief weder Anlaß noch Adresse. daß unser spätes Rendezvous seiner Vermittlung zu verdanken ist. mit welch ziehendem. . immer größer wurden. in dem Kinderchöre und Berichte aus der arabischen Wüste miteinander wetteiferten. dann wird zum neuen Jahr Besserung gelobt. die in der Golfregion drohende Kriegsgefahr nicht ins Apokalyptische zu steigern. dem Zahnweh nicht unähnlichen Schmerz Du mir fehlst. (Wie in >L'Adultera< der Polizeirat Reiff. Vorsicht ist immer geboten. in dem ich nun Dir briefverborgen gestehe. Versprochen. auswachsen könnte: Leider lief während der Feiertage.) Doch unterm Strich stimmt auch: Ein bißchen Geheimnis muß bleiben. Daheim herrscht. so spukt in >Unwiederbringlich< geheimniskrämerisch ein Sicherheitsassessor im Hintergrund.demnächst plus eins . zumal ich meine Grimassen nicht mehr zu Hause schneiden muß. knapp neben das Christbäumchen gestellt. wie diese mir jüngst in lebhaftestem Deutsch Bescheid gestoßen hat: Ich dürfe bei naßkaltem Wetter nicht mit offenem Mantel und baumelndem Shawl durch den Tiergarten und über den windigen Alexanderplatz laufen. Das Mantel und Shawl betreffende Gebot ist bei der scharfen. die man gewiß als Randnote der Geschichte abtun kann. wenngleich man das Ultimatum nicht unterschätzen dürfe . ein überwältigendes Fernsehprogramm. Um auf die Kriegsgefahr zu kommen. irgendwo meinen Kohl zu bauen oder ein paar Pflaumen am Spalier zu züchten. mein Kind! Wenn nicht nachträglich auf Weihnachten..könnte ich doch meiner zartbittren Person so klarflüssig auf französisch Paroli bieten. so daß bei mir die Sehnsucht nach Einsamkeit und der Wunsch. der Großvater möge sich vor dem beflissenen Herrn an seiner Seite hüten. hiermit sei grand-père gebeten.. die sich aber.gutbesoldet in Lohn und Brot stehe. wenn auch schneearmen Kälte (sogar versuchsweise mit Baskenmütze) leicht zu beherzigen. sollten wir bedenken. Was aber nun Monsieur Hoftaller betrifft. liebreizender Burgfriede. den Du so charmant wie unerbittlich bei konsequenter Weglassung des höfischen großen H zum Monsieur Offtaler umfrisiert hast. Hoftaller wie Tallhover waren und sind schlimme Finger. ich solle Großmama nicht mit aufschneiderischen Gasconnaden in die Irre leiten. erst kürzlich (und endlich) wurde mir ein Dienstzimmer eingeräumt. Gewiß. Und weitere Anmahnungen. wie einst der Krimkrieg.

sprich werbende Schrift verfassen. Und hätte damals nicht der Dir so anrüchige Monsieur Offtaler ein Wörtchen für Deinen Großvater eingelegt. Vom Krimkrieg bis heute. während leider nur kurzem Besuch. sollte er kommen. das nunmehr Götterdämmerung en suite im Programm hat. Ihr gespeichertes Wissen.. haben die Deutschen den Hang und sogar das Talent zum Gesamtkunstwerk. das in der Regel nur Halbwissen ist. indem ich zu Protokoll gab: >Seit Friedrichs Zeiten ist der blitzschnelle Einmarsch in Böhmen eine preußische Spezialität. wie überall. Ich kenne ihre Winkelzüge. das Historische breitet sich dennoch übersichtlich. weshalb mir ein Krieg in der Golfregion. kurz unser Führer genannt. All das nur. Und hinzu kommt. im Verlauf der Einheit. die Treuhandanstalt kreiert worden. Doch davon abgesehen entspricht meinem Vorwissen dankenswerterweise eine Aufgabe. und so nach der überfallartigen Einvernahme der Tschechoslowakei. Beiden bin ich auf sozusagen zwiegenähte Weise verhaftet. Und für dieses allumfassende Gebilde. < Nunja. wäre mir das Zuchthaus Bautzen hierzulande >Gelbes Elend< genannt . so regelmäßig hat er bei drohender Gefahr das Sprungtuch gespannt: etwa nach dem Sturz der Manteuffel-Regierung. Entsprechend genial (und als Gegenstück zu Bayreuth) ist hier. kaum ein Jahr alt .Du warst. daß mir des einen wie des anderen gleich welchen Staat sichernde Aufsicht seit Menschengedenken vertraut ist.Übrigens ist Hoftaller besser als Tallhover. dem ich leichtfertigerweise Klassenbewußtsein zugesprochen hatte. die sich freilich im Verlauf kultureller Turnübungen zugunsten der Arbeiter. Wie Du weißt (und aus französischer Sicht womöglich bewunderst). dann von einem einfachen Gefreiten des Ersten Weltkriegs. so fehlte auch in Bad Saarow der Sinn für Ironie. So hinderlich er dem freien Redefluß gewesen ist. keine Überraschung bereiten wird.. etwa nach dem mißglückten StauffenbergAttentat. ein den Göttern und Halbgöttern und ihrem Ränkespiel vorbildliches Walhalla. drückt mich als gewohnte Last. als ich mich . etwa nach dem Arbeiteraufstand vom 17.für ein paar Jahre sicher gewesen. weil ich zu weiträumigen Zusammenfassungen neige. Meine Vortragsreisen kreuzten oft genug seine Reiseroute. soll ich als freier Mitarbeiter eine informierende. auf totale Weise nachvollzogen wurde. dem kolossalen Gebäude. und so kraus es verfilzt liegt.und Bauern-Macht verdoppelt hat. Juni. der ich mich derzeit stelle. Ich wurde gemaßregelt. die dank Bismarck und Moltke verfeinert. und neuerdings hat der Genosse Ulbricht dieser altpreußischen Tradition alle Ehre gemacht . . in das Du. mein Kind. Es gilt.anläßlich einer Kulturbundtagung in Bad Saarow (hübsch am Scharmützelsee gelegen) beinahe um Kopf und Kragen geredet hatte.

was .jegliche Tiefe aus.. als mich Deine so gütige grand-mère bereits liebgewonnen hatte und ich in meinem Glück eigentlich nicht mehr zurückwollte. dessen hugenottisch eingefärbte Familienchronik mir allzeit ein Füllhorn gewesen ist . Schon sichte ich Material. « Nicht alle Weihnachtspost war von dieser Länge und wurde so der Briefwaage zur Last. liegen auf zu weitem Feld: Du wirst ackern und rackern müssen. sie klopfen neuerdings an einem Haus vor einem Zypressenhügel an.und teichreiche Plateau la Dombes nach Erinnerungen ab. das Du. der Einfluß der Hugenotten auf die deutschsprachige Literatur und die Bindung an einen Ehemann und Vater dreier Kinder. wie mir Dein letztes Briefchen verrät. eröffnet hast .. Schon lote ich .ein gewisser Willibald Alexis empfohlen. und sogleich drängen sich Bilder auf. Zum letzten Mal. als Soldat ein und aus.und sei es mit Hilfe memorierender Paternosterfahrten . Bleibt noch zu hoffen.komme. sondern auch den vortrefflichen Chamisso im Auge behalten. sie finden Zuflucht.alles.wieder in Nähe bringt. Man muß nur die Augen schließen. Ach. was wolle . was seine schriftlichen Zeugnisse betrifft. Da Fonty keine seiner Episteln ohne Bleistiftentwurf zu Papier gebracht hat. reich versorgt. Ich ging hier. das Du mir. Frankreich! Wenn nicht ins schottische Hochmoor. daß uns das neue Jahr . wie Du weißt. Das mir im siebten Stock eingeräumte Zimmer mit Schreibtisch liegt allem Renovierungslärm enthoben. trocknes Pulver auf der Pfanne. den übrigens Schlenther einen >Neu-Ruppiner und AltFranzos< genannt hat. wie einst die bedrängten Hugenotten. Zudem sei Dir -so total vergessen er ist .. in jeder historischen Phase gerecht zu werden.. desgleichen Fouqué. Schon hat Dein Großvater. Und unterdessen solltest Du vielleicht Deinen Professor ein wenig vernachlässigen oder ihn wechseln. Bei all dem sollte meine zartbittre Person nicht nur auf die Gasconnaden des Unsterblichen fixiert sein. es bleibt dabei: Du fehlst mir sehr. mithin jenem Verhältnis angenähert.dankenswerterweise . namentlich als Madeleine. Sie suchen die Ufer der Rhône und das see. in der wildzerklüfteten Gorge l'Ardèche.. und da uns mittlerweile viele Originalbriefe vorliegen und . Und schon hat mich leichtfertige Brieflaune einerseits zum jüngsten Gegenstand Deines forschenden Fleißes geführt und andererseits Deinem Professor. sind wir. So heftig ich mich der Stille meines Zimmers hingebe. als >zunehmend schwierig< erleidest. dann eilen meine Sehnsüchte immer wieder dorthin. wenn das Dein Herz erlaubt. der sich leergemolken wähnte. Beides.hineinriechen durftest. sie verflüchtigen sich auf den Höhen der Cevennen..

schrieb er ihm Brief nach Brief und zum Jahresende diesen Bettelbrief: » . endlich einen prüfenden Blick auf des Vaters Kulturbundvorträge zu werfen: »Sei auf Treu und Glauben versichert.. aber in der von uns edierten Schriftenreihe fand sich kein Platz. Kein Wunder. dessen Aussicht einen tristen Innenhof freigibt. Immerhin hat man mir ein Zimmer eingeräumt. Hier ist die Lage der Verlagshäuser mehr als prekär. Man hat sie.. bitte.die Familie angeht.behilflich gewesen. daß meine Beiträge zum kulturellen Erbe noch immer von taunasser Frische sind . aber Fonty wollte keinen Beistand. wobei der Besuch des Unsterblichen in Bayreuth . Es darf durchaus ein schmaler Band werden. « Und selbst der Tiergarten kommt.treu seiner Devise . Wünsche mir sieben ausgewählte Vorträge in ganzer Länge. « Das Archiv hätte diesen Lesereiz bestätigen können. Obgleich er dessen verlegerische Produkte uns gegenüber als »pietistischen Quark« verspottete.»Man gab >Parsifal<« . Dazugehören sollte das frühe Zeitbild >Wie ein Apotheker versuchsweise auf die Barrikaden ging<.nur im Entwurf herbeizitiert wird. « Oder: »Mag sein. daß die Zensur kräftige Striche verfügte. die den Bayreuther Festspielhügel und die Treuhandanstalt als Gesamtkunstwerk koppelt.. wie oft er verbessernd am spontanen Ausdruck gearbeitet und . etwa in jener Passage. nur mit »th« vor. bei Drucklegung. dem ich nun mit lachendem und weinendem Auge zu Diensten bin.. auswertbar ist. In anderen Briefen verzichtet er auf die vorgestrige Rechtschreibung und bringt seine Erwartungen oder gar Forderungen kurzgefaßt auf den Punkt.zum Schluß »den Stil angeputzt« hat.. er setzte auf seinen Sohn. daß Grundmanns Thun und Lassen verwerflich ist . die nun. weil wir unser Konzept allzu wissenschaftlich eng schnüren mußten.. wenn er den als Verleger tätigen Sohn zum wiederholten Mal anstößt. Irgendwas aus dieser Zeit muß bleiben! Nicht der Sohn. Deiner abgeschworenen Parteigenossenschaft keine Thräne nach . werden Vergleiche möglich. der Verleger ist nunmehr gefordert. die zu erkennen geben. ein dem ihr zugewiesenen Gebäudekomplex entsprechend gigantisches Unternehmen.. wieder aufgehoben werden sollten. so. Dennoch wären wir gerne seinem Wunsch nach Veröffentlichung . sobald er schriftlich auflebt. zwecks Privatisierung.und sei es durch Gutachten . Dieser Blick . unter die Fuchtel der Treuhand gestellt.. In den Briefen an Martha ist die altmodische Schreibweise auffällig: »Weine. Habe diesen Beitrag im Herbst 53 verfaßt und unter dem Eindruck der Juniereignisse geschrieben.

wie Fonty uns gleich nach Jahresbeginn versicherte: »Bin nicht nur redensartlich gesellschaftsmüde. erdulden.zwingt mich geradezu. Meine Vorträge. gerichtet an Moritz Lazarus. ob altlutherisch oder calvinistisch.« Ein wenig Spaß hatte er dennoch an dem Blättchen. auf Holkenäs mußte sogar die herrnhuterisch frömmelnde Gräfin Christine den einen oder anderen Einspruch. also auf das Herrnhuter Missionswesen eingehe. sollte es Dir nicht schwerfallen. der am Königsplatz.. « Zudem galt sein seit »Irrungen. Den Rest allerdings hat sie als Irrglauben verdammt . auch wenn sie seinem Gedächtnis nicht neu sein konnte. Ihr Einundsiebzigster gab für »Festivitäten« nicht genug her. die von Mamas Hand säuberlich abgetippt wurden. in meinem an Dich gerichteten Jahresendbrief nochmals zur Sache zu kommen. in diesem Fall über Julius Hart: »Eigentlich weiß er immer schon vorher. was er sagen will . nachdenklich gestimmt haben: »Man traf sich von Zeit zu Zeit mit den Rütlionen privat.. Ein Jammer. sind so gut wie druckfertig. dann wechselte er von der Stahlfeder zum Bleistift. in dem ihn eine kürzlich entdeckte Rezension des Romans »Quitt« amüsieren sollte. mich zwischen Deine weltweit heidenbekehrenden Traktate zu schummeln. dem heutigen Platz der Republik. daß diese Freundschaft so häßlich enden mußte .. der. Da ich in meinem Beitrag >Was gehen uns die Eskimos an?< beiläufig auf >Unwiederbringlich<. Muß ja nicht alles zwischen festen Deckeln auf den Buchmarkt kommen. « Als Fonty seine Lesebrille aufsetzte und einen kurzen Beitrag über den Jugendfreund Friedrich Witte überflog. « Nach diesem Brief riskierte Fonty einen Blick in den leblosen Innenhof. Schon den Siebzigsten zu feiern war ridikül. mit »Teuerster Leibniz« angeredet wurde. weil zur Dichtervereinigung Rütli gehörend. sondern in Wirklichkeit.. daß sein . Von mir aus kannst Du Deines Vaters verflossenen Schweiß getrost als Paperback herausgeben. Wirrungen« triftiger Allgemeinbefund: »Alle Kritiken sind wie von Verbrechern geschrieben. wohnte. wenngleich ihn die kommentierten Briefe. so auch bei Lazarus. erfuhren wir wie nebenbei. Wir schenkten ihm das Heft 42 unserer Gesamtreihe »Blätter«.« Dennoch haben ihn die nachträglichen Glückwünsche des Archivs erfreut. hatten wir ihn doch wiederholt über die »Hyperklugheit« der Kritiker spotten hören. 27 Im Dienst der Treuhand Weder Mitte November noch Ende Dezember sind sie bei McDonald's gewesen...

den häßlichen Offenbarungseid durch Schwur mit erhobener Treuhand vermeiden kann. mehrmals. Weder die Aufgaben des Reichsluftfahrtministeriums im Dritten Reich noch die Tätigkeit von zehn bis zwölf Ministerien während der . weshalb es fortan möglich sein wird. zum Beispiel.Tagundnachtschatten ihn mit dem sechsten Band der Hanser-Ausgabe . wie Treuhänder im Handumdrehen zu Treuhändlern werden. Es stimmt: Große Sprünge konnte sich der Unsterbliche weder in London noch in Berlin leisten. Der freie Mitarbeiter Theo Wuttke wollte das an ihn ausgezahlte Geld wert sein und beschränkte sich nicht auf die historischen Abschnitte jeweils zum Tiefpunkt geführter Herrschaftsperioden von mehr oder weniger kurzer Dauer. so knausrig hat Preußen seinen Untertan entlohnt. Hätte ihm gerne unseren Kasten an der ehemaligen Wilhelmstraße geschenkt. ein Puzzle. wie schon im Vorjahr. Eine hübsche Illusion. daß er die frontale Ansicht des Schlüter-Baus in wenigen Stunden hingefummelt hat. Aus bester Laune machte uns Fonty vor. Als Fonty uns verließ. Er machte Überstunden. nur dieses Spielzeug für Groß und Klein.Balladen. Das wär doch was: die Treuhand als Puzzle! Gab's aber nicht. keine der uns versprochenen blühenden Landschaften ist abgebildet. Brandenburger Tor natürlich und Sanssouci. Viel Preußisches dabei.»Treuhandschuhe preiswert im Angebot!« Und so weiter. die Praxis der Veruntreuung von Volkseigentum mit Hilfe der Treuhand einzusegnen. Schon im Mantel rief er von der Tür aus: »Treuhand heute ist nicht besser als Manteuffel damals. als Geburtstagsgeschenk eingefallen: »Nein. Er macht das aus Passion mit Stoppuhr. in der allerdings das eine oder andere Schnellgereimte blamabel ist«. die er immer wieder zum Salat aus Fragmenten verrührt. Lieder und Gelegenheitsgedichte .« Dann plauderten wir über seinen neuen Aufgabenbereich und ermunterten ihn. Schätze. hingegen sei ihm. vielmehr hat mein Präsent tausendteilig das nach Kriegsende gesprengte Stadtschloß zum Motiv. wie bei der Treuhand eine Hand die andere wäscht. nach deren Regeln man. Schließlich ging es nur noch albern zu. Für meinen Kumpan kein besonderes Problem. gelang ihm die historische Verklammerung seiner Tätigkeiten. zahlt aber mehr.« Wir haben nachgerechnet und dabei die Kaufkraft von Talern mit der Härte der Mark verglichen. und andere Wortspiele. mit dem Namen seines Arbeitgebers spielerisch umzugehen. Jemand entwarf Kleinanzeigen: »Treuhand sucht Maniküre!« .beglückt habe: »Eine Fundgrube. Muß gelegentlich für Nachschub sorgen. Sah kolossales Angebot im KaDeWe.

aber real existierenden Staates hieß. etwa das den jünglingshaften Junker feiernde »In Lockenfülle das blonde Haar. vom Regiment Alexander bis zum Regiment Gendarmes. die zwar noch immer nach einem der Gründungsväter des kurz. benannte alle Palais um den Platz und entlang der Wilhelmstraße. aufmarschieren und paradieren. entwarf aufs neue die symmetrische Gliederung des Platzes durch den Baumeister Lenné.vierzig Jahre deutscher Arbeiter. was einmal gewesen war. er mußte streichen. das ab 1875 dem Kanzler Bismarck als Privatwohnung und Amtssitz diente. doch bald wieder unter preußischem Herrschernamen ihren Verlauf nehmen sollte. die. Gründerzeit: Eine Vielzahl Ministerien forderten Raum und machten. von Fonty aufgezählt. schritt er die PrinzAlbrecht-Straße ab. Reichsgründung. prunkte mit den Namen märkisch-preußischer Adelsgeschlechter und kam so zum Palais Schulenburg. das der Unsterbliche dem Gründer des Reiches von kurzer Dauer am 31. verwandelte die Paradeanlage durch den ab 1908 beginnenden U-Bahnbau zur Großbaustelle. Doch auf das Großhotel Kaiserhof als Bezugspunkt für späteres Geschehen wollte er nicht verzichten.und Bauern-Staat konnten dem Chronisten genug sein.. zog im Jahr 1933 ein . allzeit im Sattel und neunzehn Jahr. Er zählte die bis 1800 errichteten Standbilder ruhmreicher Feldherren von Seydlitz bis Zieten auf. Zudem wollten Auftragsgedichte zitiert werden. die ihren Namen nicht ändern mußte. Also begann er mit Zinn. Er erlaubte sich einen besonderen Abschnitt. den Wilhelmplatz und die Wilhelmstraße zum beherrschenden Zentrum. bis auf Widerruf.. Sein Entwurf bewies Gardemaß: Anhand des Plans der Friedrichstadt von 1732 skizzierte Fonty das große Exerzierfeld aller in Berlin kasernierten Regimenter und ließ diese namentlich. nach der Kommunistin Käthe Niederkirchner umbenannt worden war. Er ließ den Wilhelmplatz und dessen bauliche Veränderungen aufleben. Ihm wollte nicht enden. Er begann mit der Vorgeschichte der den Gebäudekomplex flankierenden Straßen. Nach der Leipziger.und Bleisoldaten zu spielen. Weitläufig erging er sich auf der Wilhelmstraße. mal abwertete. die während der knappen Zwischenzeit der Weimarer Republik entstand. Das geriet ihm zu breit. Juli 1898 halbwegs versöhnt und selbst dem Grubenrand nahe auf Wunsch seines Sohnes Friedel nachgerufen hatte. « oder das spät geschriebene »Wo Bismarck liegen soll«. indem er lange und anekdotisch beim Schwefelgelben verweilte und diesen mit nachgespitztem Blei mal auf-. sogar als Zielscheibe mißglückter Attentate sah er ihn. denn in den Erweiterungsbau der Reichskanzlei.

aber auch Metaphern für einstige oder noch amtierende Kanzler. daß sich staatslenkende Verbrecher gerne durch Wohltaten legitimieren«. Nach den Plänen des Architekten Ernst Sagebiel. Wir sind bemüht.und Nachtschichten an acht verschiedenen Stellen. Er nannte das gesamte Vorhaben »eine gigantische Arbeitsbeschaffungsmaßnahme. waren solch sinnbildliche Arbeitsvorgänge Ausdruck völkischen Willens: Abriß gleich Aufbau.die immer häufiger versammelten Volksmassen mit gestrecktem oder angewinkeltem Arm begrüßt werden sollten. Alles mußte . indem sie mit dem Abbruch von zweihundertsechzigtausend Kubikmetern Altbau zugleich mit einem Neubau begannen: in Tag. dem Bezeichnungen wie »der Führer« und »der Reichsmarschall«. Leipziger. die dazu führte. von der Wilhelm-. nur nicht des Reichsmarschalls steingewordenen Komplex. Er planierte alle zuvor genannten Bauwerke. ein »Führerbalkon« angeklebt werden mußte. Zugleich nahm der Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda vom ehemaligen Palais des Prinzen Friedrich Karl Besitz.und Prinz-Albrecht-Straße begrenzten Areal begann die Abräumarbeit für das geplante Reichsluftfahrtministerium. der zuvor abwartend im Kaiserhof Quartier belegt hatte. Auf einem geräumigen. woraus man schließen kann. daß viele tausend Erwerbslose zu Lohn und Brot kamen. von dem herab . Dabei folgen wir Fonty.nach italienischem Vorbild . Jetzt erst ließ er sich auf des Reichsmarschalls Bauherrngeschichte ein. etwa »schwefelgelber Heulhuber« und »regierende Masse«. einige unverkennbar in die Geschichte eingegangene Personen nicht beim Namen zu nennen. entspricht auch das Fontys Launen. in mehreren Bauabschnitten erweitert wurde. Er vergaß kein Detail des neuesten Willens zur Macht. genug waren oder mehr sagten. war der Zeitpunkt für weit größere Baumaßnahmen erreicht. der später den Flughafen Tempelhof in vergleichbaren Dimensionen baute. Wenn wir dabei nicht immer konsequent sind. Seinen Schlägen entging nur wenig. in dessen Nutzfläche das bestehende Gebäude sowie das ehemalige Preußische Herrenhaus und das Preußische Abgeordnetenhaus einbezogen werden sollten. auf Wunsch. Endlich kam Fonty zur Sache. Weitere Großbaupläne wurden durch den Krieg zunichte gemacht. Als 1935 der Reichskanzlei. weil Propaganda über alles ging. das in den folgenden Jahren.weiterer Reichsgründer von kurzer Dauer ein.

die mittleren umschließen den Ehrenhof.in Rekordzeit geschehen. war es ihm selbstverständlich.« Bei den Säulen zum Hauptportal hielt er sich nur kurz auf. Schon im nächsten Absatz meldete Fonty die zeitbedingte Zerstörung des Soldatenreliefs und zugleich den nachgelieferten Ersatzschmuck: ein . Er unterstrich die Menge »dreißigtausend Quadratmeter silbergrauer Muschelkalk« und fügte in Klammern hinzu: »Genauso dümmlich eintöniges Gestein wie des Führers Lieblingsmarmor Travertin. doch im Meterpreis kolossal billig. die ihren Sitz auf zwei Pfeilern hatten. Und nach einjähriger Bauzeit konnte der gesamte Gebäudekomplex mit einer Nutzfläche von zweiundfünfzigtausend Quadratmetern.tausend Diensträume bezugsfertig. kunstgeschmiedeten Eisenzaun vor dem Ehrenhof gliederten. jeweils ein Hakenkreuz in den Klauen hielten und den hohen. « mit Hinweisen auf mögliche Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen der Treuhand in Zwickau oder Eisenhüttenstadt. vergaß aber nicht die beiden bronzenen Adler. Nur ein Schlenker wies auf die über Jahrhunderte gedehnte Errichtung des Kölner Doms hin..und Abgeordnetenhauses. Nur sparsam kommentierte er die Baugeschichte des Reichsluftfahrtministeriums. « Da er die in Auftrag gegebene Schrift als historisch bedingt verstand und uns gegenüber häufig von »meiner rückblickenden und höllisch am Detail klebenden Denkschrift« sprach. das die offene Pfeilerhalle vor dem Eingang für den Geschäftsverkehr schmückte und von der Leipziger Straße aus zur Ansicht kam: eine Kolonne todsicher geradeaus marschierender Stahlhelmträger.. Das Rückgrat des Grundrisses ist der durchlaufende Nordsüdtrakt. das zum »Haus der Flieger« umgebaut wurde. In der Wilhelmstraße ist dem Haupteingang ein großer Ehrenhof vorgelagert.. nicht mitgezählt die Räume des Herren. Doch ausgiebig wurden Bau. Gleichfalls war ihm ein steingehauenes Relief des Bildhauers Arno Waldschmidt wichtig. straßenseitig setzen sich die Flügel mit erhöhter Stockwerkzahl fort. so die Vielzahl der Hoheitszeichen und die einheitliche Fassadenverkleidung in Platten von acht Größen. zeittypische Einzelheiten zu betonen. die aus etwa fünfzig fränkischen Steinbruchbetrieben kurzfristig geliefert wurden.bald nach dem Richtfest . Fonty verkniff sich eigene Meinung.und Nutzungsbeschreibungen zitiert: »Die Grundrißordnung der Anlage bildet vier zum Park hin offene Höfe und umschließt vier Innenhöfe. Nach einem halben Jahr schon waren .. parkwärts sind rechtwinklig die erweiterten vier niedrigeren Büroflügel angeschlossen. zur Nutzung übergeben werden. Allenfalls erlaubte er sich ein ironisches »Übrigens . indem sie für Symmetrie bürgten.

und Bauern-Staat.Wandfliesenbild des Malers Max Lingner von fünfundzwanzig Meter Länge. es kam nur Mumpitz dabei raus. »den plattesten Ausdruck des sozialistischen Realismus«. Er nannte das Wandbild. doch kamen ihm die über zweitausend Diensträume wie unbelebt vor. Und wenn die knapp zwölfeinhalb Jahre Drittes Reich mit den vier Jahrzehnten Arbeiter. war übergangslos bei anderen heroisierenden Schinken. so die »sage und schreibe tausendsiebenhundertfünfzehn in fünfzehn Reihen angeordneten Fliesen aus Meißner Porzellan«. ließ schließlich alle drei Auftragsarbeiten in historischer Folge Revue passieren und notierte am Rand: »Selbst wenn Werktätige besser als Todgeweihte sind. auf dem viel Personal frohgestimmt Begeisterung bekundet. Er wollte sich nicht zufriedengeben. kritzelte Fonty in Klammern an den Rand seiner Denkschrift für Reklamezwecke. Oktober 1949. Versuchsweise ließ er frischdekorierte Lufthelden . verständlich als Echo auf die zuvor beschlossene Gründung der westlichen Bundesrepublik Deutschland. wird sich noch zeigen«. Dann verglich er die in den Tod ziehenden Soldaten des Waldschmidt-Reliefs mit den auf Fliesen versammelten Proletariern. Fing mit Hurrageschrei an und endete jammervoll. Damals wurde im großen Sitzungssaal des ehemaligen Reichsluftfahrtministeriums. Sodann unterstrich Fonty dick den 7. Mit diesem kleinteiligen Monumentalwerk leitete er den Übergang vom Dritten Reich zum Arbeiter.und BauernStaat als Deutsche Demokratische Republik ins Leben gerufen. Auf siebenundvierzig Jahre Kaiserreich folgten kaum dreizehn Jahre Weimarer Republik.die Ausrufung des deutschen Kaiserreichs im Spiegelsaal zu Versailles -.« Mit Hilfe dieser Bilanz war er abermals beim zuletzt genannten Staatswesen. der Arbeiter. so bei dem Großbild des preußischen Hofmalers Anton von Werner und dessen Jubelmotiv . Zwar stand das Gebäude. Weiterhin unterstrich er Mengenangaben. Das aus Porzellanfliesen gekachelte Wandbild entstand 1952.und Bauern-Staat zu verrechnen sind. auf dem Werktätige. aber auch lachende jugendliche bei Ziehharmonika. als zwei waren. also zum Haus der Ministerien ein. vor dessen geschmückter Stirnseite einst aus erhöhtem Ledersessel der Reichsmarschall Befehle erteilt hatte. während im Hintergrund Baugerüste und rauchende Schlote für Fortschritt stehen. der sich jüngst erst der östliche Teilstaat aus freien Stücken mitsamt seinem Volkseigentum verschrieben hatte. steht nur noch deutsche Kurzatmigkeit unterm Strich. solche der Stirn und der Faust.und Gitarrenmusik in die Zukunft schreiten und dabei einfarbige Fahnen hochhalten. »Ob ein Staat besser ist.

von der Luftschlacht über England und den Fallschirmspringern auf Kreta zu berichten. als er stehenließ. schob sie wie Zinnsoldaten hin und her. Zuviel Material. Genitivisch geklitterte Wortungeheuer. . über Korridore flanieren und im Paternoster auf und ab fahren. sogar die Hoffnung ersoff in Zahlen.. sofern sie Jagdflieger waren. auf siebentausend geplante Privatisierungen und zweieinhalb Millionen gefährdete Arbeitsplätze. dann als melancholische Todesengel vor. behutsam stillegen« -. Die Leistungen der unter einem Dach versammelten Ministerien waren nur mit drögen oder geschönten Planerfüllungsdaten zu belegen. vergaß den zuverlässigen Transporter Ju 52 nicht.mit Eichenlaub zum Ritterkreuz am Hals auftreten. Rudel. Aber die Darstellung der nun folgenden Phase litt gleichfalls unter dem Aufmarsch von Zahlenkolonnen. und doch brachte erst die Aufbahrung der beiden Heldengestalten Udet und Mölders ein wenig Leben in die Bude: Zwar konnten die pompösen Totenfeiern im Ehrenhof weder den Selbstmord des einen noch den Unglücksfall des anderen Lufthelden bemänteln. Er erlaubte ihnen zackige Auftritte in der Empfangshalle. Liegenschaften. Ihr Schatten fiel auf vieltausend einst volkseigene Betriebe. Selbst die knappe Formel des Treuhandchefs. war mit allen Jagdflugzeugen. bombensichere. sooft Fonty diese Beschwörung wiederholte. hatte ein Dutzend durchschlagende. wußte von legendären Stuka. nichts Lebendiges auf die Beine stellen. kam auf gefeierte Fliegerasse wie Galland. aber erhebend schauerlich ging es allemal zu. Er streute sogar Flüsterwitze. Unsere Hauptaufgabe lautet . unterschlug weder den Dauerstreit zwischen den Generälen Milch und Udet noch den Verschleiß von Menschen und Material sowie den frühen Verlust der Lufthoheit über dem Reich. vertraut. alles. machten sich breit. Und nun drohte die jüngst begonnene Phase in Zahlen zu ersticken: Für Milliardenbeträge bürgte die Treuhandanstalt. die der in Auftrag gegebenen Denkschrift als Motto dienen sollte . von der Me 109 bis zu den allerletzten Nachtjägermodellen. blitzschnelle Typen parat. wollte.»Schnell privatisieren. führte sie mal als Dummschwätzer. zählte. Papierne Auslassungen des Zentralkomitees.und Bauern-Staat am fließenden Band produziert hatte. Parteibesitztümer. Fonty strich mehr.. reformbelastetes Junkerland in unermeßlicher Hektargröße. die der Arbeiter. Mölders. in seinen ausufernden Bericht.und He-III-Einsätzen. entschlossen sanieren. die den Reichsmarschall zum Ziel hatten. ihre Abschußerfolge auf.. Spruchbänder von diesem und jenem Parteitag. Auf dem elften Plenum wurde beschlossen ..

kein Vergleich zum Vorjahr. Überall Sieger. hat sie uns erst kürzlich gezeigt: »Der sah gar nich militaristisch aus. es bestehe Anlaß.. Seinem Plauderton. « Er fand ja überall Zutritt und kannte in den Vorzimmern etliche Sekretärinnen. Nicht er. der alle Abwässer dieser Welt mit stets gleichbleibendem Schwung überbrückte. in Jubel auszubrechen. die Schreibmaschinenkraft Emmi Hering durfte aus einem der Dienstzimmer dem Trauerakt für Udet und Mölders im Ehrenhof zuschauen. doch Ihren Töchtern in Israel schrecklich nahe sein wird. Jeder hat auf seine Weise recht. »Republikflucht« wurde dieses strafwürdige Vergehen genannt. mit Widmung und Unterschrift. weil die Söhne im Westen geblieben waren.. und ein Jahrzehnt später sah Emmi.« Das und noch mehr stand in einem Brief an Professor Freundlich. Die Luft ist raus. mit seinem Lippenbärtchen. als jedermann glaubte. wie sich die streikenden Arbeiter von der Stalinallee in Kolonnen dem Portal näherten... die. das zumindest auf Fernsehschirmen furchtbar lustig zu sein scheint. Deshalb hat mein Wuttke das Photo zerreißen gewollt. wechselnden Herren gedient hatten. Ersatzweise bietet nun der seit gestern in Szene gesetzte Golfkrieg ein Spektakel. ein Faß aufzumachen und mit Feuerwerkskörpern den nachtschwarzen Himmel zu illuminieren. ab Anfang der fünfziger Jahre. denn als Büroangestellte hat Frau Wuttke lange vor Fonty. den er Mitte Januar schrieb: »Diesmal wurde eher beklommen als lauthals gefeiert.. wären hundert pointensichere Anekdoten geläufig gewesen.»Wirkt ledern oder atmet mich wie ein Totenhaus an. wie soll mir in solcher Gesellschaft eine Denkschrift gelingen?« Dabei hätte er es sich leichtmachen können. « Und jenes postkartengroße Photo des Fliegerhelden Galland. Na. Erst Ende 61 wurde ihr gekündigt. Spät hat uns Emmi davon berichtet: »Wir standen ja unter Druck und durften nich reden .oder kurzbeinig. eher wien Herzensbrecher. Bei mauer Stimmung schlug es zwölf. Ach. « Oder: »Während meiner langjährigen Tätigkeit als Aktenbote im Haus der Ministerien . Er hätte sogar Emmi Wuttkes Erzählungen aus Reichsluftfahrtzeiten und ihre Erinnerungen an Erlebnisse im Luftschutzkeller in seinen Bericht einfließen lassen können. lieber Freundlich. weil wir verlobt waren und er immer eifersüchtig. ob lang. ohne Rücksicht auf geschichtliche Wenden. Er hätte nur die private Kiste lüften müssen: »Als ich als Gefreiter der Luftwaffe hier ein und aus ging... « . Arbeit im Haus der Ministerien gefunden.. Alle töten in Gottes Namen. Die Lügen der regierenden Masse hinken.

den Oberst Gehrts und den Oberleutnant Schulze-Boysen als Absender hätte ausweisen können. dem niemand soviel entschlossene Haltung. als Emmi ein Reisefeuilleton aus dem Protektorat Böhmen und Mähren als ersten Beweis ihrer Liebe abtippen mußte. an Ort und Stelle. Sobald ich meine Berichte bei der für mich zuständigen Abteilung vorgelegt hatte. zum Beispiel. Zum Glück hat mich keine Kontrolle erwischt. wieder nach Frankreich mußte. konnte er vorerst nicht folgen. fand sich Zeit für ein Plauderstündchen mit diesem überaus typischen Schreibtischoffizier. Zu grau lastete auf allem der Muschelkalk. finden wir bereits skizziert. sondern schon im April. Selbst dem Rat des Brieffreundes aus Jena.Richtig.und eher wie nebenbei als Kurier benutzen ließ. daß ein Teil jener Kurierpost. hatte ich in meiner Tasche oft Briefe. seinen altbewährten Plauderton anzuschlagen. Da ich mich leichtfertigerweise .. indem ich. Dazu ein wirklich belesener Mann: Wie bei Liebknecht und dem Historiker Mommsen gehörte >Vor dem Sturm< zu seiner Lieblingslektüre. Wie auch immer: Fonty wollte nicht privat werden. zumal sie ja hier. Der Koloß hielt sich Fonty wie einen Gefangenen. Zu verquer lag das sperrige Material. auch damit hätte Fonty seine Denkschrift aufpäppeln können: wie er und Emmi einander zum ersten Mal im Paternoster begegnet sind. Und sicher will ich den Offizieren Harro Schulze-Boysen und Erwin Gehrts in meiner Denkschrift ein Kapitelchen einräumen.. laut Marschbefehl. Das war nicht im Juni 40. wie sich zeigen sollte. lieber Freundlich. auch wenn man . bis hin zur Todeszelle in Plötzensee. Ein Leichtsinn. die für Gehrts bestimmt waren. Überhaupt sind mir die Gefahren meiner Soldatenzeit nie recht bewußt gewesen. sobald ich. «. die dem evaluierten Professor Antwort gibt. der ihm schon vor Jahresende empfohlen hatte. die eher traurige Geschichte von jenem Widerstandsnest im Reichsluftfahrtministerium erzähle. Auch konnte ich annehmen. Übrigens wurde mir Oberst Gehrts nach Rückkehr von Dienstreisen persönlich bekannt. denn bald danach flogen sie auf. was später die Denkschrift belebt hat: »Ahne schon. Aber in einer Paternoster-Epistel. anekdotisch zu werden. Sie werden mir abermals nahelegen. das von der Gestapo während laufendem Prozeß >Rote Kapelle< genannt wurde. die mir zugesteckt wurde. als der Gefreite Wuttke mit seinem ersten stimmungsvollen Bericht aus dem besetzten Frankreich zurückkam: »In Domrémy und Orléans besuchen unsere sieggewohnten Soldaten Jeanne d'Arc . von einer Toilette aus Funkkontakt mit anderen Widerstandsgruppen gehalten haben. zugetraut hätte.

nach damaliger Sprachregelung . zogen. dieser Oberst Gehrts. oder es ist der mir lebenslang zugeordnete Schutzengel gewesen. als jeder jeden Trotzkist schimpfen durfte. in die mich die Rote Kapelle gebracht haben mag. >Arbeiterverräter!< und >Normen runter!< Das ist alles an historischer Begebenheit. vor das Haus der Ministerien. Andererseits muß wohl ein kurzes Erlebnis bedacht werden. wenn auch am Rande nur. War eine Zitterpartie. Und jene aufständischen Arbeiter. sobald ich den i7. wurde vielmehr ausgebuht und vom Podest gedrängt. unseren Arbeiter. sofort der 18. und zwar während dessen Frühzeit. wollte reden. wie kurzgefaßt das . kam aber nicht zu Wort. als wir uns alle noch hoffnungsvoll auf dem richtigen Weg glaubten. einen Akzent sollte diese Konfrontation . ziemlich gestapomäßig verhört hat. wenngleich mir. die bald enormen Zulauf erhielt und die von unseren führenden Genossen .Sie erinnern sich: Es ging um die Erhöhung der Normen -.und Bauern-Staat betraf.damals noch unter dem Namen Tallhover . Ganz ohne die übliche Forsche. als es zu den Prozessen kam. hat das alles gesehen: die eher ruhige als zornentbrannte Masse. dem es . erinnert sich meine Emilie.hier streikende Proletarier.als Konterrevolution eingeschätzt wurde. mehrmals im Prinz-Albrecht-Palais. die wie gekälkten Arbeiterklamotten. jene zuerst nur streikenden . auf gut zweitausend Mann geschätzt. dort der sprachlose Minister . Man wollte irrtümlicherweise hier. Meine Emilie. mich abzuschirmen. den Generalsekretär der führenden Partei zur Rede stellen.meiner Denkschrift setzen.aber auch von Ihnen. das. Verdacht ist immer! Sie kennen ja diese als Zufälle getarnten Spielchen auf Leben und Tod aus Ihren mexikanischen Jugendjahren. lieber Freundlich .mich. Doch trotz aller Gefahren. Doch der Spitzbart war anderswo. Juni 53 auf dem Papier habe. Der rief. traute sich.wirklichkeitsblind als vom Westen gelenkter Putsch oder . Immerhin. Statt dessen sprach ein Steinträger vom Block C-Süd. die der Westen später unter dem Schummelbegriff >Volkserhebung< zu Tode gefeiert hat. vor die Menge zu treten. beschwichtigen. Ich spreche von jener Zusammenrottung der Bauarbeiter von der Stalinallee. die damals noch als Bürokraft im HdM angestellt war. Sie wissen ja. Man konnte mir aber nichts anhängen. dabei kolossal weltläufig. die sich eher in literarisch-historischen Stimmungsbildern gefielen. Nur ein einziger Minister.gefallen hat. das sich ja hier gleich um die Ecke befand. dann jedoch revoltierenden Arbeiter. Leider gehört diese Episode genauso wenig in die Denkschrift wie meine Frontberichte. im Ehrenhof. bleibt es dabei: ein tadelloser Mann. Sprechchöre riefen nach ihm. wahrscheinlich Selbmann. März anno 48 in die Quere kommt.

Sobald Sie mir aus Ihren frühen Jahren in Mexiko erzählen und dabei gern der kuriosen Alltäglichkeit Tribut zollen. doch zumeist als Lampenöl benutzt wurde. aber immer noch gültigen Feststellung gebracht hat: >Protestantische Kirchen sind immer zu!< So ist das mit den Erinnerungen. höre ich mir vertraute Töne. >Einundalles< in der jungschen Apotheke entweder als verkappter Revolutionär oder als verkappter Spion angesehen und so oder so gefürchtet. Das hat den fünfzig Jahre später Berichtenden zu dem Ausruf hingerissen: >Freiheit konnte sein. zog aber dann gewagte Parallelen zu den Juniereignissen. Vom 17. der neugierig bis fasziniert zuguckte. lebte meinerseits mehr der Überzeugung von der absolutesten Unbesiegbarkeit einer wohl disziplinierten Truppe jedem Volkshaufen.. Juni nicht zu reden. die Freiheit kommt bei solchem Handel allemal zu kurz.Urteil des Unsterblichen in den späten Erinnerungen lautet: >Viel Geschrei und wenig Wolle!< Und das. 48 und 53. Der späte Blick zurück spießt sich mit Vorliebe Absurditäten. Aber nur deshalb floß kein Blut. vielmehr beschloß. Lebertran mußte sein!< Natürlich siegte der Lebertran. Der Held wird zur komischen Figur. Nun.. auf daß wir . weil die Arbeiter. So kürzlich hier und abermals. viel Ärger eingebracht hat. ging ich zwar von den achtundvierziger Märzereignissen aus. hier die freiheitstrunkene Barrikadenherrlichkeit. indem ich den vormaligen Revoluzzer zitierte: >. was ihn zu der knappen.und Bauern-Macht nicht mehr Staat sein wollte. Stimmt. mein lieber Freundlich. Damals jedoch wurde mein. Doch das Portal war geschlossen.. diesmal ging es unblutig zu. wobei der Lebertran eigentlich für die skrofulösen Kinder bestimmt war. die obrigkeitliche Rücknahme der Normen für einen Sieg zu halten. auch den Tapfersten gegenüber . dort die in der Apotheke nach Lebertran anstehenden Hausfrauen im Auge hatte. Ob Lebertran oder Bananen käuflich sind. der mir. als wir den realen Sozialismus gegen den gleichfalls realen Kapitalismus tauschten. er war wohl mehr ein Revoluzzer. In einem Kulturbundvortrag.. Höre und akzeptiere Ihren Einwand. wie Emilie sagt. <. vor wenig mehr als einem Jahr. >Sanfte Revolution< war das Wort. doch nach dem Auftritt der sowjetischen Panzer war Stille gleichfalls billig zu haben. lieber Freundlich. Das Ridiküle gewinnt. in dem anderen aufzugehen. nicht genauso banal zugegangen? Nur daß anstelle von Lebertran diesmal die westliche Banane im Angebot war. wie Ihnen vielleicht noch erinnerlich ist. Denn allzu schnell war man bereit. obgleich der junge Apotheker beim Barrikadenbau dabeigewesen ist und sogar zum Sturmläuten in die Georgenkirche eindringen wollte. im März und Juni gab es Tote. Zwar wurde auch damals Freiheit als höchster Handelswert ausgerufen. Und ist es.

bis der an sich selbst gescheiterte Kommunismus seinen Zwillingsbruder. So etwas wird auf Dauer nicht hingenommen. man gewöhnt sich und klagt nur mäßig. wenn nicht heute. mit dem Rehleder alle Fenster zu putzen. daß der damalige Aufmarsch streikender Arbeiter vorm Haus der Ministerien auch den jetzigen Nutznießern des Gebäudes. den jetzt noch vital auftrumpfenden Kapitalismus.dank unserer Mitgift. doch heute früh begann sie. Von meiner Tochter bekomme ich nur mecklenburgische Mißlichkeiten zu lesen. hält der Fußballclub Carl Zeiss Jena (wenn auch zuunterst) seinen Tabellenplatz und beginnen Sie. gleichfalls in die Grube gezogen haben wird. der mit Stürmen auftrat. Damit soll es genug sein. Wie telegen auch immer die Zeiten auf Krieg gestimmt sind. der insgesamt ein lebendiges. Am besten. Aber das ist. Schließlich bleibt. ab dessen Mitte in der Golfregion nur noch die Waffen sprachen. Der Ehestand bekommt Mete nicht. Aber andeuten will ich schon. die Börsenkurse mit Kriegsbeginn stiegen. ein Monat. « Darüber verging der Januar. neue Vernichtungssysteme erprobt wurden. Uns bliebe dann nur ein gehäufter Löffel Resignation. dem Knacks in der Biographie . wie Sie wissen. viel zu tun: >Packen wir's an!< In diesem Sinne will ich mich wieder über meine Denkschrift hermachen. Zweifelsohne soll hier eine kolossale Privatisierungsmaschine in Gang gesetzt werden. Wie ich Ihrem wie immer unterhaltsamen Brief entnehme. schließlich doch notwendig stärker ist als die wehrhafteste geordnete Macht. wir dürfen nicht schlappmachen... dann morgen. Recht so! Steuerberatung muß sein! Wir lassen uns nicht aufs tote Gleis schieben. Was Ihre freundliche Nachfrage nach meiner Emilie betrifft: Der geht es mal so und mal so. daß ein aufständisches Volk. mehr noch. dann .zur Last fallen werden. Diese mir sonst unübliche Schwarzseherei gehört natürlich nicht in die Denkschrift. wie man im Westen sagt. der aber durchaus belebend sein kann . Selbst Ihren Töchtern wird Israel mittlerweile als fragwürdig erscheinen. ein zwingendes Bild fehlt . indem Sie Ihr Vielwissen in Sachen Jurisprudenz auf neuesten Stand bringen und sich als Steuerberater nützlich machen. Andererseits weiß man nie. Ihrem an sich mißlichen Zustand ersten Geschmack abzugewinnen. und wenn es nichts hat als seine nackten Hände. ein zu weites Feld. Gestern noch war ihr sterbenselend. so begeistert sie sich auf den Weg ins Gelobte Land gemacht haben..nun dem vergrößerten Weststaat . Und deshalb wurde mir beim Rückblick auf die achtundvierziger Märzgefallenen bis zur Schmerzgrenze deutlich. Jeder Krieg schnipselt sich seine Helden zurecht. Ölfelder in Brand gerieten. also der Treuhandanstalt blühen könnte..

Eine Person. von dem Willenskraft ausging. Gorbatschows Stern zu sinken begann und seit plötzlichem Kälteeinbruch Schnee fiel. der von oben kam.« Fonty. in der Mitte ganz ein Fetta. Seine Kostümierung entsprach dem geflüsterten Berliner Spott jener Jahre: »Rechts Lametta. Jemand. wo er die zukünftige Chefetage besichtigt haben mochte. Ein ganzer Kerl sozusagen. wie in dem aus Wochenschau und von Photos bekannten Gesicht zwei Schauspieler namens Kleinmut und Größenwahn miteinander kämpften. der gegrüßt wurde und zurückgrüßte. als der Golfkrieg alltäglich zu werden drohte und die Renovierungsarbeiten im Treuhandgebäude deutlich voranschritten . Mag sein. sah Fonty. kaum war er an Fonty. Die blankgewichsten Stiefel kamen zuerst. die Spuren unstillbarer Morphiumsucht in des Reichsmarschalls zur Schau gestellter Maske. aus denen sodann die mit Marschallbiesen besetzten Hosen beutelten. half bloße Anschauung. Er sah. Kaum hatte der Chef mit sicherem Schritt die Kabine verlassen. sowjetische Panzer in Litauen gegen die protestierende Bevölkerung zum Einsatz kamen. ein für clever gehaltener Ministerpräsident zurücktrat und sich nach Thüringen verdingte. Aber ab Anfang Februar. vor ihm zwei Offiziere. in einer absteigenden Paternosterkabine jemanden. dessen Anblick ihm von Photos bekannt war: den Chef der Treuhand.wieder fielen. dann in ganzfigürlichem Flanell von oben. Wie immer. wenngleich weggeschminkt. er sah. Nun kam in ganzer Fülle die bekannte Figur. schließlich der feiste Kopf und dessen weicher. der nicht einstieg. als er im Erdgeschoß in den aufsteigenden Paternoster steigen wollte. Allein. der mit Jacke und Hose der Erfolg wie angepaßt saß. der Gefreite Wuttke sah die Brust voller Orden und den Pour le mérite unterm fleischig gepolsterten Kinn. vielmehr zögerte und dem mit Gefolge davoneilenden Chef nachblickte. Er sah sich in Luftwaffenuniform und mit schräg sitzendem Käppi gleichfalls im Erdgeschoß auf die nächste freie Paternosterkabine warten. daß Fontys Rückblick vergleichsweise ein Photo im Auge hatte. das ihm fehlende Bild zu finden. gelang es Fonty. sich selbst um ein halbes Jahrhundert rückversetzt. und kaum waren die Elektriker mit ihren Werkzeugkisten nach oben verschwunden. um Härte bemühter Ausdruck. sah. das seit kurzem an der Pinnwand seines Treuhandzimmers hing und den eher schlaff . links Lametta. doch von kräftiger Statur die Kabine füllend. oder besser. wenn es am Lebendigen mangelt. kam er mit den Hosenbeinen zuerst. vorbei. aber zwei wartende Elektriker vor sich hatte. Es war der Reichsmarschall.die Marmoreinfassungen der über zweitausend Zimmertüren glänzten auf poliert -.

gleich nachdem der erste deutsche Arbeiter. das Haus der Ministerien besuchte.und Bauern-Staates. Zeitlupe. in sinkender Kabine aufkommen: mit Bäuchlein und sächsisch verkniffen. Auch ihm war Gefolge nachgeordnet. kurz vor Schluß und Mauerfall. Beim Ausstieg stand ihm ein Adjutant bei. ob der spätere Staatsratsvorsitzende . der Kommunist neben dem Nazi.von oben herab allein kam oder ob neben ihm. Fonty war sich nicht sicher. doch mit neuer Filmrolle den historischen Übergang zu drehen. begann Fonty aus gleichem Blickwinkel.der. gerade noch rechtzeitig und aus Anlaß der Feiern zum vierzigjährigen Bestehen des Arbeiter. mußte er nicht grüßen. sein Begrüßgustav Otto Grotewohl stand. Kaum war dieser Streifen vorbei. In seinen viel zu weiten Hosen ließ er den Sachwalter des taufrisch ausgerufenen Staates ins Bild kommen und mit sicherem Hüpfschnitt aussteigen. seines Vornamens wegen. größer als er. Schnitt. wäre die Kabine zu eng gewesen.wirkenden Marschall während des Nürnberger Prozesses auf der Anklagebank abbildete. aus ihrer Sicht waren die Sozialdemokraten Feind Nummer 1. in Berlin den Streik der Verkehrsbetriebe zu organisieren.und Bauern-Staat ausgerufen worden war. Die nächsten absinkenden Paternosterkabinen brachten des Reichsmarschalls Gefolge. wie es weniger zackig Fonty tat. der Spitzbart neben dem Klumpfuß. als aber Ulbrichts Nachfolger. Nur in Fontys Rückblick war er leibhaftig. sah der Aktenbote Theo Wuttke. Und beide waren zu Beginn der dreißiger Jahre dabei. auch diesem historischen Abstieg zu: die Schuhe voran. . Da Fonty bei dieser historischen Paternosterfahrt nicht Augenzeuge gewesen ist. Nach der Urteilsverkündung hat er eine Giftkapsel zerbissen. Die Offiziere vor Fonty verpaßten ihre auf steigende Kabine und grüßten militärisch. doch waren auf diesem Archivbild zwei Personen zugegen: Neben Ulbricht saß Goebbels. viel später literarisch als »Sachwalter« umschrieben wurde . Oktober 1949. den Ost und West »Honni« nannten. der seine rechte Hand eher reflexhaft zum schräg sitzenden Käppi führte. den das Volk »Spitzbart« nannte. Mit Wilhelm Pieck gemeinsam. Nach so vielen Uniformen ordnete er nachkriegsbedingte Zivilkleidung an und ließ den späteren Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht. das Hütchen zuletzt. Fonty beschränkte sich auf den Spitzbart. wie er am 7. Von ihm gab es an der Pinnwand im Treuhandzimmer gleichfalls ein Photo. im Paternoster Stück für Stück ankam und im Erdgeschoß ausstieg. Fonty stellte sich den Parteisekretär vor. der Mann mit dem Hütchen. dem dritten Genossen im Bunde. Fonty genannt. Verlangsamt lief nun der Film.

sogar in Bombenstimmung.. die eigentlich niemand gutheißen kann. Zugleich sah er sich in wechselnden Zeiten immer wieder auf eine steigende Kabine warten. in diesem längeren Brief: » . Was dieser Mann sich zumutet. mit Streuselkuchen ab. oft zusammen mit der Scherwinski. als liefe Sandmännchen oder ein verspätetes Weihnachtsmärchen. wenngleich er allzu gerne die aus Bonn angereiste regierende Masse in eine Kabine gezwängt und in absinkender Tendenz nachgewiesen hätte. Eine kolossale Machtfülle. Sie redet vom System >Patriot< und von Zielkoordinaten. Ist Erfolg gewohnt. befindet sich neuerdings. wenn sie nachts kamen. Weitere Auftritte gab die Historie vorerst nicht her. ist zuviel. Fonty ließ den Episodenfilm noch einmal und abermals ablaufen. geborene Wuttke. kinderlieb. Mit erstem Blick gesehen: ein forscher Kerl. wie sie ist. wenngleich sie angesichts der treffsicheren Berichterstattung aus der Golfregion immer wieder >Ist das nicht schlimm. Vom Reichsmarschall bis zum Chef der Treuhand. Doch nach Schwerin schrieb er an seine Tochter Martha nur knapp: »Sah kürzlich unseren Chef aus dem Paternoster steigen. hier unten bibbern mußten?< . Immer feste druff!< Manchmal gucken sogar ihre Bengels zu.Haß antworten wird. auf die . Zwar sitzt sie in Schlorren bei ihrem Blasentee.da bin ich mir sicher . wird einem janz schwach von. Soviel Größe. Er begriff die Mechanik der Wende in Gestalt eines rastlos dienstwilligen Personenaufzugs.Nun war die Reihe komplett. « 28 Vor das Denkmal gestellt Der Rat ihres Vaters hieß: »Berapple Dich nach Möglichkeit!« Außerdem las Martha Grundmann. in allerbester Stimmung.. der es seit Wochen unverhofft gut geht.. die Vorzüge eines neuen Weichspülers anzupreisen. was Abfangraketen sind. Die Denkschrift hatte ihr zwingend zeitraffendes Bild. Versteht es zuzupacken. Mama. seitdem ein Fernsehapparat unsere Wohnküche zum Kriegsschauplatz macht. Ihr imponiert das Zielgenaue. als ginge es darum. Soviel Abstieg. die jedesmal ihren Senf dazugibt: >Ehrlich. ist das nicht furchtbar< ruft.. Und Mama duldet das alles und füttert die Jungs. Stell Dir vor: Deiner Freundin Ingemaus erklärt sie. Letzte Entscheidungen über Menschen und Eigentum. Möchte aber nicht in seiner Haut stecken . Nur einmal hörte ich sie besorgt: >Ob die da unten in der Wüste auch richtige Luftschutzbunker haben wie wir damals. als bei uns Krieg war und wir im Keller von der Reichsluftfahrt oder. aber zugleich erlebt sie sich als Augenzeuge in vorderster Frontlinie. Im Paternoster geeint. Hat was Gewinnendes. Soviel Ende und Anfang. das heißt.

wenn nicht auf Frieden. bewegliche und obendrein farbige.Gegen meinen Willen und Wunsch hat sie den jetzt zentral stehenden Guckkasten natürlich ein Westprodukt mit allen Schikanen . Du verstehst. lief ich durch den Tiergarten und hoffte. zumindest in unserer Küche. Oder wenn wir beide. bekam ich zu hören: >Du bist doch sonst immer für Krieg gewesen. Mußte an den Eckplatz Nr. wäre vielleicht auch mir an gleicher Stelle. meine Mete. gleiche Stelle . Keine Premiere versäumt: ob Max Halbes Jugend< oder Ibsens >Nora< . Komme mir seitdem fehl am Platz vor. weil er. Begann mit >Wilhelm Tell<. Blitzkrieg und so... 23 im Königlichen Schauspielhaus am Gendarmenmarkt denken. wenn sie denn schiene . dort Ludwig Pietsch beim Schlittschuhlauf rund um die Rousseau-Insel zu begegnen. Gewiß nicht dank erschöpfend berichtender Zeitungen. kann aber andererseits keine brennenden Ölfelder mehr sehen. Und wenn es schon damals Radio gegeben hätte. Dabei sind wir jahrezehntelang ohne Mattscheibe weltkundig gewesen. Doch nun nieselt es vor sich hin. etwa Friedrich Lufts Theatergeplauder . der zweite September hieß bei Dir Sedanstag!< Soviel zur Bilderflut. Hab immer noch Erler und Carlo Schmid im Ohr. wo einst die alte Küchenwaage Zierde gewesen ist. keine Expertenrunde mehr hören und hoffe. < Atemlos aktuell war das. denn selbst die mir gewohnte >Wochenpost< hielt strenge Diät. Will mir keine Erkältung einfangen.zuerst ins Wohnzimmer. Darüber verging der Februar. müssen es sein. auf gleicher Welle. Hörte gerne Bundestagsreden. Weiß noch genau. Bildchen.. nach meinem Protest in die Küche geschleust. Und als ich Einspruch gegen die dröhnende Schwarzkopferei und das ferngesteuerte Säbelrasseln erhob. daß mich dieser quatschköpfige Untermieter aus dem Haus treibt. Als noch Schnee unter den Sohlen knirschte. an mehreren Tagen fortgesetzt. dann doch auf Waffenruhe. Aber das reicht Mama nicht.. zumal der Kriegslärm bis in meine Studierstube dringt...>Gleiche Welle.. wo er nun dort. den SFB oder RIAS hörten. obwohl das Deine FDJ verboten hatte. hörte auf mit >Die Weber<.. immer dicker wurde. Aber mit Hilfe unseres die Grenze mißachtenden Radioempfängers waren wir auf dem laufenden. « Der Brief an Martha verlangte doppeltes Porto. In dieser Welt zu leben ist für einen alten Knaben wie mich degoutant geworden! Schrieb deshalb neulich an Freundlich: >Das einzig Nette ist noch: in der Sonne sitzen und blinzeln<. Auf mich wird kaum Rücksicht genommen. Wir kürzen Fontys . den Herrgottswinkel zum Altar macht.

noch vor der Lehre bei Kühn. nur diesen Steindruck.. als man Dir mit dem Mauerbau den natürlichen Zugang zum skurrilsten aller Großväter versperrte -. beim Kolorieren der Steindrucke Geschick bewiesen hat. namens Krausnick. Und unauslöschlich ist jener farbige Bogen geblieben. der Krimkrieg und das Amerika in Nord und Süd zerreißende Gemetzel verspätet zwar. dieser Max Wuttke steckte voller Bilderbogengeschichten. als Polenaufstände. weil er von früher Jugend an. Das geschah kurz vorm Sturz der Regierung Manteuffel. Wie imprägniert sind Barrikadenkämpfe.als Makulatur gerollt nach Hause brachte. Februar 1858.Klagen über die neuen Medien ein wenig und setzen erst dort wieder ein. . Was waren das für Zeiten. nimmt die Bilderflut mit sich. (Seitdem hab ich es mit der Revolution.offenbar am Meister vorbei . Ganz unten war sogar kleingedruckt die Zeit angegeben: >Fünf Minuten vor 2 Uhr< Ein Hochzeitsbild! Vom Kanonendonner und Glockengeläut für die Neuvermählten und vom Willkommensgruß des Oberbürgermeisters von Berlin.. das den Einzug des Prinzen und der Prinzessin Friedrich Wilhelm durch das Brandenburger Tor bebildert. ist mir bis heute vor Augen geblieben. Was den heranwachsenden Lümmel in Entzücken versetzte. dessen letzte Jahre uns die leidige Politik vorenthalten hat . Und mir konnte er während der zwanziger Jahre keine größere Freude bereiten als mit alten Drucken.Du warst knapp zehn. höre ich: . Dabei fällt mir das düster schwarzweiß gehaltene Blatt >Napoleon vor Moskau< ein. Höre sofort Deinen Einwand. Zum Beispiel ein Blatt. von Barrikaden und schwarzrotgoldenen Fahnen. was hast du Interessantes gesehen?<. Alles stand unter dem Datum des 8. dem späteren Kronprinzen waren nur neunundneunzig Tage Kaiserwürde gegönnt. wo er mit weiteren Erinnerungen Blätter füllte: » . die bei Kühn oder Oehmigke & Riemschneider auf Lager geblieben waren und die er . März 1848 vom Berliner Aufruhr. Was sie sekundenschnell zeigt. und auch dem Volk hat so viel Aufwand wenig gebracht.Naja. Aber was heißt hier Kinderarbeit? Immerhin hat er als Knirps schon für die Wuttkefamilie ein Zubrot verdient. Nichts bleibt haften. der mit dem Datum vom 19.) Dagegen heutzutage: rasch löschen die Bilder sich gegenseitig. vom Freiheitsbaum im Vordergrund und vom im Hintergrund aufmarschierenden Militär samt Pulverdampf berichtete. All das liegt mir in meinen späten Jahren noch immer wie druckfrisch vor. doch für uns brandneu durch Gustav Kühns kolorierte Bilderbögen bekanntgemacht wurden. war zu lesen. Denn wenn ich Mama nach dem Abendessen frage: >Nun. Mein Vater. als dem Unsterblichen endlich die langgeplante Schottlandreise gegönnt wurde.

Auch wenn sie dieser Tage wieder einmal mehr aus Beeskow als aus Toulouse ist. Aber vorgestern kam kurzgehaltene Post von Friedel. nachgegeben und e