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Zigarren_Rauchkultur

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POLITIK

Anzünden, bitte
Die Augen folgen dem aufsteigenden Rauch, Bilder kehren aus der Erinnerung zurück. Ein Blick über die Zigarrenspitze
VON Gero

von Randow | 03. Januar 1997 - 13:00 Uhr

Sie sind auch auf der Flucht? Vor Talk-Shows und Dessousreklamen? Vor Fünf-Minuten-Terrinen und Last-minute-Angeboten, vor Anfragern, Anrufern, Anmotzern, vor Panik, Irrsinn, Partyspaß? Nur die Ruhe. Ich kenne einen Fluchtweg. Kommen Sie doch mal her zu mir. Lassen Sie sich etwas zeigen. Warten Sie, klein' Moment - so, bitte sehr, bedienen Sie sich: Wir werden Zigarren rauchen. Wir schalten den Computer aus, das Fernsehen sowieso und das Radio gar nicht erst ein. Das Buch wird weggelegt, das Telephon ausgestöpselt. Zeitschriften, Zeitungen, Prospekte, Rechnungen, Terminkalender, Postwurfsendungen, Beipackzettel - ab dafür. Keine Ablenkung mehr. Wir zelebrieren nämlich jetzt eine Teezeremonie, nur eben, daß der Tabak den Tee vertritt. Dunkelbraun liegt sie da. Grüne Farbnuancen, matter Glanz. In gewissen Romanen repräsentieren Zigarren die Idee des Kostbaren, etwa im "Zauberberg" oder im "Selbstmörderklub". Eine Zigarre ist zwar erstens nur ein Ding. Zweitens aber ein Zeichen, dessen Bedeutungen wir im Laufe der nächsten anderthalb Stunden ergründen werden. So lange dauert es nämlich, eine Double Corona zu trinken. Zu rauchen. Was auf das gleiche herauskommt. Als die Deutschen noch kein Verbum dafür hatten, sprachen sie vom "Tabak-trincken". Das transitive "rauchen" stellte sich erst ein, als Zigarren im vergangenen Jahrhundert zu einer ernstzunehmenden Ware wurden: fertige Exporte aus den Tropen die einen, in Hamburg und Bremen gedreht die anderen. Die Hamburger Zigarrendreher des späten 19. Jahrhunderts waren stramme Sozis und setzten den bezahlten Vorleser durch, den es heute noch bei den Drehern in Havanna gibt. Weshalb Zigarrendreher zu den Gebildeten des Proletariats gehörten, was damals hieß: zu den Radikalen. Sie hörten Heine und Mehring beim Drehen, auch wenn das Endprodukt unter wilhelminischen Schnurrbärten landete.

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Zigarren sind Reisende. Mir hat ein Freund einmal drei Havannas per Post geschickt. Wochenlang waren sie unterwegs: aus Übersee in ein Londoner Büro, von dort in Freundeshand, von ihm zu mir, wo die Weitgereisten schließlich traurigen Aussehens aus dem wattierten Umschlag bröselten. Vertrocknet waren sie, zwar noch Botschafterinnen der Freundschaft, nicht aber mehr der Freude. Vergänglichkeit, dein Name ist Zigarre. In dem Film "Smoke" wird eine Kiste Montechristo unter Wasser gesetzt als ich: "So ist es" seufzte, drehten sich die Leute im Kino nach mir um. Sie hatten die Symbolik nicht verstanden, weil sie keine Zigarrenraucher waren. Im besten Fall löst sich eine Zigarre in blauen Dunst auf. Nur noch ein Aroma liegt in der Luft, ein mausetotes, das einige Menschen nicht mögen, sowie ein Nachgeschmack im Mund, vielleicht 24 Stunden lang vergehend. In Panama, genauer: in einer in Panama City aufgespannten Hängematte, ruhte ich mich eines Tages rauchend unter einer sehr hoch gewachsenen Palme aus. Da löste sich eine Kokosnuß aus ihrer natürlichen Halterung, schoß haarscharf an meinem Schädel vorbei und zerplatzte auf dem Beton. Ich verstand die Symbolik auf Anhieb, weil ich Zigarrenraucher bin. Heiner Müllern wurde, wie man liest, eine Kiste Montechristo Nummer zwei Figurado ins Grab mitgegeben. Das sind sehr gute Montechristos, nicht wie die knarzigen Nummer vier, sondern pyramidenförmige Aromaträume. Sie vergehen jetzt gemeinsam mit dem Dichter. Fühlen Sie mal. Woran denken Sie dabei? Legen wir alles fein zurecht. Zigarrenabschneider, Streichhölzer, Holzspan, Aschenbecher, Rum oder Portwein, etwas Schokolade. Sehen Sie bitte genau hin: Eine Zigarre besteht aus drei Teilen. Für den Techniker aus Füllung, Binder und Deckblatt, so heißen ihre Konstruktionselemente. Für den Raucher hingegen besteht sie aus dem Heu, dem Herrlichen und dem Konzentrierten: Das sind hergebrachte Namen, die das erste, zweite und letzte Drittel bezeichnen. Anzünden, bitte. Es wird erhebliches Gewese um das Anzünden gemacht. Da wird an den Zigarren geleckt oder gekokelt, sie werden in Rum getunkt oder gedreht, geschwenkt, angeblasen - alles Hokuspokus. Ritual, mit dem das Geschehen aus dem beiläufig dahinströmenden Alltag emporgehoben werden soll. Kann hochgradig albern wirken, wenn dabei übertrieben wird. Die Kunst der feinen Unterscheidung will gelernt sein. Wenn Sie unsicher sind, hilft, wie immer, Nonchalance. Zünden Sie die Double Corona einfach an und paffen Sie, bis sie gleichmäßig glüht. Am weißen Ascherand bilden sich feine Öltröpfchen. Brennt's gut? Das ist jetzt das Heu. Sie haben ein Naturprodukt in der Hand. Aus Kuba oder vielleicht aus der Dominikanischen Republik, aus Honduras , Nicaragua , Jamaika.
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Keinen Snobismus bitte, auch Nicas und Jamaikaner können wunderbare Zigarren drehen. Alles von Hand. Geile alte Männer, von denen noch die Rede sein wird, behaupten, die besten Zigarren würden auf den nackten Schenkeln von jungen Frauen gerollt: Also das einzige, was an Zigarren eklig ist, sind einige ihrer Liebhaber. Wie bei allen Drogen. Nehmen Sie nur Arnold Schwarzenegger , den Grinseprotz mit der (fragwürdigen!) Cohiba Lancero zwischen seinen Marmorbeißern. Oder diese drei kessen Käfer, die jetzt auf Millionen von Plakaten für ihren Film posieren, allesamt mit Zigarren ausstaffiert. Schwarzenegger ist stark. Die drei Schauspielerinnen, die sehr berühmt sein müssen, sind es bestimmt auch. Vermutlich handelt es sich um "starke Frauen", ein Wort übrigens, das im Laufe der Zeiten seine Bedeutung gewechselt hat. Heute haben starke Frauen zum Beispiel Terminkalender. Wußten Sie das? Stark sein! Das ist gut und wichtig. Man kennt diese Propaganda. Apropos. Vor wenigen Wochen verkündete die Bild-Zeitung: Zigarrerauchen ist in. Ein untrügliches Zeichen dafür, daß es bald wieder out ist. Was wiederum nichts anderes bedeutet, als daß es in Wirklichkeit (wenn das Wort in diesem Zusammenhang erlaubt ist) schon längst megaout ist. Wie Handys oder http://www.bild.de. Es gibt Web-Sites für Zigarren, und das ist nun wirklich das Letzte. Nein, die Zigarre braucht natürlich eine körperliche Repräsentation, einen Prachtband wie das kürzlich erschienene "Havanna - Die Königin der Zigarren" (Hallwag-Verlag 86,- DM). Die Königinnen prangen lebensgroß darin, begehrenswert. Die neue aus Kuba ist freilich noch nicht abgebildet, sie heißt Cuaba, kommt in vier Größen, läuft an beiden Enden spitz zu und ist in Deutschland von April des neuen Jahres an zu kaufen. Sie zu wickeln ist schwierig und mußte in Kuba neu gelernt werden: Es gab kaum mehr Trocedores, Wickler also, die noch über das handwerkliche Spezialwissen verfügten, weshalb eigens vierzehn junge Leute frisch instruiert und trainiert werden mußten. Kubazigarren sind ein knappes Gut. Das Plansoll für Exportware betrug 1996 siebzig Millionen Stück, alle handgemacht. Um es zu erreichen, haben die rund 3000 Zigarrenroller des Landes auf ihren Jahresurlaub verzichtet. Die meisten Havannas werden in Europa geraucht, und selbst hier sind manche Sorten hin und wieder ausverkauft. Die Ernte 1996 wurde vom Hurrikan Lili heimgesucht, weshalb es in den kommenden Jahren Engpässe geben wird, also Preissteigerungen. Ein weiterer Grund für steigende Preise wird die Stabilisierung des Peso sein. Und wenn eines Tages das Embargo fällt, wird der gierige US-Markt die Preise in Höhen führen, die sonst nur von großen Weinen erklommen werden. Dennoch wird es ein Freudentag sein. Ich werde ihn mit einer Havanna begehen, das wird fürs erste dann wohl die letzte sein.
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Ob er, der auf das öffentliche Rauchen verzichtet hat, an diesem Tag mit dem Zigarrenliebhaber Bill Clinton eine Friedenszigarre rauchen würde, wurde Fidel Castro gefragt. Seine Antwort: Er müsse dafür erst um Erlaubnis bei der Weltgesundheitsorganisation nachsuchen, damit sie ihm nicht die Ehrenmedaille aberkenne, verliehen für Verdienste um die kubanische Antiraucherkampagne. Das Leben ist voller Widersprüche. Doch über die Gesundheitsgefahren der Zigarre an dieser Stelle nur soviel: Unsereins raucht nicht auf Lunge. Dafür müssen passive Zigarrenraucher mehr erdulden als passive Zigarettenraucher, sowohl gesundheitlich als auch, was den Geruch anbetrifft. Im Restaurant gehört es sich daher nicht, sich eine ins Gesicht zu stecken, bevor andere Gäste ihr Dessert vor sich stehen haben. Bei Weinproben haben die Dinger erst recht im Etui zu bleiben, und vor dem Küssen, nun, das ist im Wortsinne Geschmackssache. Gute Zigarren stinken nicht. Sie eignen sich aber dafür, wilde Tiere zu vertreiben. Ich habe es ausprobiert, in einer Hütte, die in einem dieser weltberühmten Regenwälder steht. Es war kein Moskitonetz vorhanden. Meine Mitwanderer machten sich Sorgen, als wir uns zur Nachtruhe in die Hängematten hoben, und listig fragte ich: "Soll ich die Moskitos aussperren?" Ein wunderbarer Abend hatte begonnen. Die Ihre brennt übrigens schief. Ist offenbar schlecht gewickelt. Wir schneiden ein wenig ab und entzünden sie von neuem. Das riecht nur zu Anfang unangenehm. Es gibt Insekten, die Zigarren lieben, vor allem eines, das mir ebenso verhaßt ist wie die Reblaus: Lasioderma serricorne, das holzwurmverwandte Mistvieh, dem ich einen Ehrenplatz auf der Roten Liste wünsche. Der Käfer legt Eier ins Tabakblatt. Und bei etwa 22 Grad Celsius und 80 Prozent Luftfeuchte schlüpfen die Larven, noch nach Jahren, also beispielsweise in Ihrer Lieblingszigarre. Sie fressen und kriechen und fressen, bis sie das Deckblatt erreicht haben und sich in Käferlein verwandeln, die sich nach einer neuen Eiablage umsehen. Vielleicht in der Nachbarzigarre? O Wunder der Natur, wie schwer fällt es dem Menschen, sich gegen euch zu behaupten! Nun ist das erste Drittel aufgeraucht, das Herrliche beginnt. Bemerken Sie, wie die Aromen sich verändern? Frisch zu Anfang, mit Minze, filigran, und jetzt viel dichter, erdig, mineralisch fast. Ja, das finden Sie nun albern. Über die Sprache, die den Geruch und den Geschmack von Speisen, Weinen und Zigarren zu beschreiben sucht, ist schon viel gelacht worden. Die Zigarrenzeitschriften, die ich
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abonniert und gelangweilt wieder abbestellt habe, sind eine Fundgrube für Witzbolde aller Art. Aber wie, bitte schön, soll Geschmack denn beschrieben werden, wenn nicht mit Bildern? Zwei Typen von Bildern kommen in Frage. Die einen entstehen aus direktem Vergleich, wie die soeben erwähnte Minze. Die anderen sind Analogien. Da schmeckt eine Sauce rund oder eckig, ein Wein flach oder tief, eine Zigarre filigran oder eben dicht. Doch blicken wir einmal über die Zigarrenspitze hinaus in die ganze, weite Sprachwelt - und siehe da: Alles spricht in Bildern (ein Ausdruck, der selbst schon bildhaft ist). Wann immer wir sprechen, wir bilden ein Etwas auf ein Anderes ab, ein Neues auf ein Altes. Alles Wissen ist Erinnerung, hieß es bei Plato. Die Hirnforschung fügt bestätigend hinzu, daß in unserem Inneren unausgesetzt Konzepte entstehen, deren Passung mit der wahrgenommenen Welt überprüft wird - und wenn's paßt, werden diese Konzepte geadelt und in den Bewußtseinsstand erhoben. Das können Sie übrigens alles im vergangenen Jahrgang der ZEIT nachlesen - eine Zigarre gibt eben, weil sie doch so lange brennt, reichlich Gelegenheit, das Vergangene Revue passieren zu lassen. Auch deshalb symbolisiert sie Muße, Reflexion, Nachsinnen. Die Blicke folgen dem aufsteigenden Rauch, der sich zu freundlichen Geistern formt, und mit ihnen kehren Bilder ins Bewußtsein zurück. Beim Betrachten des braunen Tabakkörpers stellt sich die Erinnerung an Kaffee und Schokolade ein. Passen diese Genußmittel vielleicht nur wegen ihres Aussehens so gut zur Zigarre? Die Wege der menschlichen Synästhesie sind rätselhaft. Zigarrenkisten zum Beispiel sind zwingend aus Zedernholz, das optisch, haptisch und olfaktorisch zum Tabak gehört, als wäre es sein Zwilling. Aus Zedernholz sind auch die Humidore, jene Zigarrenschränke in der Größe von Schuhkartons oder auch ganzer Zimmer, wie etwa das im ersten Stock von Nat Shermans Zigarrenladen in New York. Dort können die Zigarren sowohl gelagert als auch geraucht werden. Ein zauberhafter Ort: draußen Hektik, drinnen Friede. Lagern lassen ist vernünftig, denn Humidore kosten blödsinnig viel Geld. Die Zeitschrift Popular Mechanics, ein lesenswertes Überbleibsel aus der Zeit blinder Technikeuphorie, brachte einmal eine Anleitung zum Selbstbau die dafür benötigten Instrumente waren freilich teurer als ein frisch gekaufter Humidor. Manche Menschen helfen sich mit Tupperdosen oder abenteuerlichen Konstruktionen aus Zigarrenkisten, Schwämmchen und Plastiktüten, doch alles das leistet nicht, wozu ein Humidor vonnöten ist: absolute Kontrolle. Die Temperatur darf 21 Grad nicht überschreiten, die relative Luftfeuchte muß bei 70 Prozent liegen. Sonst: Tabakkäfer, Schimmelpilze. Wenn Sie nicht in der Karibik wohnen und dennoch Zigarren lagern wollen, brauchen Sie mithin einen Humidor, in dem die Luftfeuchte kontrolliert wird. Das funktioniert mit C3H8O2,
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einer öligen, fast geruchlosen Flüssigkeit namens Propylenglykol (PG), die auch als Frostschutzmittel und Bremsflüssigkeit dient. Das PG wird mit destilliertem Wasser gemixt. Wasser verdampft, PG nicht. Genauer: Das Wasser verdampft bis zu einer relativen Luftfeuchte von siebzig Prozent - und alles, was darüber liegt, wird vom PG wieder absorbiert. Weil PG Feuchtigkeit bindet, wird es manchmal maschinell hergestellten Zigarren beigemischt. Das ist zwar im Vergleich zum Tabakrauch nicht giftig, man schmeckt's auch nicht, aber das galt ja alles auch für das dem PG verwandte Glykol in gewissen Weinen, dessen Verwendung dennoch und mit Recht als Sünde gebrandmarkt wurde. Zur Aura der Zigarre gehört nun einmal, daß sie ein Naturprodukt ist. Puro heißt sie auf Latino-Spanisch, sie symbolisiert Natürlichkeit, und von den Pestiziden beim Tabakanbau wollen wir da lieber nichts wissen. Schwelgen wir statt dessen in Erinnerungen. An Situationen, Menschen, Stimmungen. Die Zigarre auf einer Terrasse mit Blick weit ins Tal, wenige Tage nach dem Heiratsantrag. Oder an dem See, wo ich in den Erinnerungen von Lucky Luciano las, dem Mafiaboß. Das letzte Drittel hat begonnen, das Konzentrierte. Jetzt wissen Sie, warum es so heißt. Lucky Luciano hat Zigarren geraucht, Che Guevara auch. Das eigenartige Ding wirkt wie ein Frequenzverstärker, es läßt bestimmte Eigenschaften hervortreten und maskiert andere. Können Sie sich Oscar Wilde mit Zigarre vorstellen oder Björn Engholm ? Nur mit Zigarette den einen, mit Pfeife den anderen. Aber Schröder, ja, den natürlich. Seltsam, nicht wahr, es sind bestimmte Typen, die uns als Zigarrenraucher erinnerlich sind, mögen es Kapitalisten oder Kommunisten sein, Rebellen oder Diktatoren. Die Zigarre ist so sehr ein Symbol der Macht des Individuums, daß ich mich an besagtem See, die Nat Sherman in der Hand, wie einer aus Lucky Lucianos Racket fühlte. Um solche Selbsthypnose zu erleben, brauche ich noch nicht einmal in Gesellschaft zu rauchen - wer raucht, ist nie allein: Noch die unscheinbarste Handhabung einer Zigarre ist ein Nachvollzug tausendfach gesehener Kinobilder. Mit der Zigarre in der Hand komme ich mir vor wie King Louis, wie Graf Koks von der Gasanstalt, was in heimlichen Momenten ein erhebendes, bei Gelegenheiten wie der jetzigen eher ein peinliches Gefühl ist. Unwillkürlich beugen wir uns den sozialen Symbolen, sie sind stärker als wir. Zigarren, Weine, Speisen, sie schmecken nicht nur, sondern sind auch Zeichensysteme des zeitgenössischen Tribalismus, der Stammeskultur. In hohem Maße befremdlich wirken die Photographien alter Frauen in Birma, die dicke Zigarren paffen: Das ist dort etwas für Omi und Tantchen. Aber nicht mehr lange, denn das moderne Asien fährt auf Zigarren ab wie ein Shinkansen. 2-3-9 Azabu-Dai, Minato-Ku 106 lautet die Adresse des "Cigar Club" in Tokio. Neben heimwehkranken US-Bürgern hocken dort Japaner, die mit Hilfe von Whisky und Zigarre zeigen, daß sie von Welt sind. Das läßt sie ausgesprochen lächerlich erscheinen, weil doch draußen vor der Tür des kleinen
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Gemachs eine vollkommen andersgeartete Kultur wartet, in der die Kunst der sozialen Distinktion ein überaus hohes Niveau erreicht hat der Versuch, es bloß mit Tabak zu übersteigen, kann nur als grotesker Fehlschlag enden. Schlimm genug, daß manche Leute in Tokio (und nicht nur dort) einen Château Mouton zu ihren Sushi bestellen, aber hinterher eine Havanna? Stilbrüche sind unter Zigarrenfreaks leider verbreitet. Wie gesagt: Das unangenehmste an den meisten Drogen sind die Leute. Einige Redakteure von Zigarrenmagazinen beispielsweise. Über dieses Genre wurde schon allerhand geschrieben was jedoch - noch einmal und für allemal - verurteilt gehört, das ist die von diesen Leuten gepflegte Einübung des sog. Herrenhumors. Man muß nicht Feminist sein, um die Photos von Nackedeis, in deren Mund jemand eine Zigarre gestopft hat, geschmacklos zu finden. Ich hoffe, das genügt. Und gebe zu, daß mir dabei eine Anekdote einfällt, die an der Grenze liegt. Da sie aber gerade noch diesseits der Grenze zum Schicklichen siedelt, sei sie wiedergegeben: Groucho Marx, der Unverschämte, fragte einst auf einer Party eine Dame, warum sie fünf Kinder zur Welt gebracht habe. "Ich liebe meinen Mann", antwortete sie. Daraufhin Marx: "Na, ich bitte Sie. Ich zum Beispiel liebe meine Zigarre, aber manchmal nehme ich sie aus dem Mund." Bemerken Sie jetzt auch diesen zweifelhaften Geschmack? Unsere Zeit ist um, die Zigarre darf erkalten. Mir ist ein wenig blümerant geworden. Aber schön war's. Fenster auf!
COPYRIGHT: DIE

ZEIT, 02/1997

ADRESSE: http://www.zeit.de/1997/02/Anzuenden_bitte

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