JOHANNES EVANGELIUM

Übersetzung durch

EMIL

BOCK

DAS JOHANNES-EVANGELIUM
IN DER Ü B E R S E T Z U N G V O N EMIL BOCK

Dieses ebook ist nur zum nichtkommerziellen Gebrauch bestimmt!

DAS JOHANNESEVANGELIUM

Prolog

Im Urbeginne war das Wort, und das Wort war bei Gott, und ein göttliches Wesen war das Wort. Dieses war im Urbeginne bei Gott. Durch es sind alle Dinge geworden, und nichts von allem Entstandenen ist anders als durch das Wort geworden. In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht scheint in der Finsternis; aber die Finsternis hat es nicht aufgenommen. Es kam ein Mensch, von Gott war er gesandt, sein Name war Johannes. Er kam, um Zeugnis abzulegen. Er sollte von dem Lichte zeugen und so in allen Herzen den Glauben erwecken. Er war nicht selbst das Licht, er sollte ein Zeuge des Lichtes sein. Das wahre Licht, das alle Menschen erleuchtet, sollte in die Welt kommen. Es war in der Welt, denn die Welt ist durch es geworden, aber die Welt hat es nicht erkannt. Zu den Ich-Menschen kam es, aber die Ich-Menschen nahmen es nicht auf.
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Allen aber, die es aufnahmen, gab es die freie Kraft, Gotteskinder zu werden. Das sind die, die vertrauensvoll seine Kraft in sich aufnehmen. Sie empfangen ihr Leben nicht aus dem Blute, auch nicht aus dem Willen des Fleisches und nicht aus menschlichem Willen; denn sie sind aus Gott geboren. Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt. Und wir haben seine Offenbarung geschaut, die Offenbarung des eingeborenen Sohnes des Vaters, erfüllt von Hingabe und Wahrheit. Johannes legt Zeugnis für ihn ab und verkündet laut: Dieser ist, von dem ich sagte: Nach mir kommt, der vor mir war, denn er ist größer als ich. Aus seiner Fülle haben wir alle empfangen Gnade über Gnade. Das Gesetz ist durch Moses gegeben. Die Gnade und die Wahrheit sind durch Jesus Christus entstanden. Den göttlichen Weltengrund hat nie ein Mensch mit Augen geschaut. Der eingeborene Sohn, der im Schoß des Weltenvaters war, er ist der Führer zu diesem Schauen geworden.

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Injudäa Johannes der Täufer

Dies ist das Zeugnis des Johannes, als die Juden aus Jerusalem Priester und Leviten zu i h m sandten mit der Frage: Wer 20 bist du? Er legte frei und offen sein Bekenntnis ab. Er be21 kannte: Ich bin nicht der Christus. Da fragten sie ihn: Werbist du denn? Bist du Elias? U n d er sprach: Ich bin nicht. - Bist 22 du der Prophet? Er antwortete: Nein. Da sprachen sie: Wer bist du? Was sollen wir denen antworten, die uns gesandt 23 haben? Was hast du über dich zu sagen? Er sprach: »Ich bin die Stimme des Rufers in der Einsamkeit, der da spricht: Bereitet dem Herrn den Weg!« So hat der Prophet Jesajas 24 • 25 verkündet. U n d die von den Pharisäern Abgesandten fragten ihn: W a r u m taufst du, wenn du weder der Christus, noch 26 Elias, noch der Prophet bist? Johannes antwortete ihnen: Ich taufe mit Wasser. Aber schon ist in eurer Mitte der, den ihr 27 nicht kennt, der nach mir k o m m t und doch vor mir gewesen ist. Er wird euch mit dem heiligen Geiste und mit Feuer taufen. Ich bin zu gering, u m ihm auch nur den Riemen an den 28 Schuhen aufzubinden. Das geschah zu Bethabara am unteren Jordan, w o Johannes taufte. 29 An dem zweiten Tage sieht er Jesus zu ihm k o m m e n und spricht: Siehe, Gottes L a m m , das der Welt Sünde auf sich 30 n i m m t . Er ist es, von dem ich sagte: Nach mir k o m m t einer, 31 der vor mir gewesen ist, denn er ist größer als ich. Ich kannte ihn nicht, aber dazu bin ich g e k o m m e n und habe mit Wasser getauft, damit in Israel die Menschen fähig w ü r d e n , die 32 Offenbarung seines Wesens zu erleben. U n d Johannes bezeugte: Ich habe geschaut, wie der Geist gleich einer Taube v o m H i m m e l auf ihn herniederstieg und mit ihm verbunden 33 blieb. Ich kannte ihn nicht, aber der, der mich gesandt hat, mit Wasser zu taufen, sprach zu mir: Auf wen du den Geist sich herniedersenken siehst, so daß er mit ihm verbunden
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bleibt, der ist es, der mit dem heiligen Geiste tauft. Ich habe es 34 geschaut, und so bezeuge ich, daß dieser der Sohn Gottes ist.
Die ersten Jünger

An dem zweiten Tage stand Johannes wieder dort, u n d zwei seiner Jünger waren bei ihm. U n d als er Jesus vorübergehen sah, sprach er: Siehe, Gottes L a m m . U n d als die beiden Jünger ihn so sprechen hörten, folgten sie Jesus nach. Da wandte sich Jesus u m u n d sah, wie sie i h m folgten, u n d sprach zu ihnen: Was suchet ihr? Sie antworteten: Rabbi (das heißt übersetzt: Meister), w o lebst du? Er sprach: K o m m t und seht! U n d sie kamen und sahen, w o er lebte, und blieben diesen ganzen Tag bei i h m . Es war u m die zehnte Stunde. Andreas, der Bruder des Simon Petrus, w a r einer von den beiden, die ihm auf das Wort des Johannes hin gefolgt waren. Der erste, den er traf, w a r sein Bruder Simon, und er sprach zu ihm: Wir haben ihn gefunden, den Messias (das heißt übersetzt: den Christus). U n d er führte ihn zu Jesus. Jesus schaute ihn an und sprach: D u bist Simon, der Sohn des Jona. Dein N a m e soll Kephas sein (das heißt übersetzt: Petrus, der Fels). An dem zweiten Tage wollte er sich auf den Weg machen nach Galiläa. D a findet er Philippus u n d spricht zu ihm: Folge mir nach! Philippus war aus Bethsaida, der Stadt des Andreas und Petrus. Philippus wieder findet Nathanael und spricht zu ihm: Wir haben den gefunden, von dem Moses im Gesetz und v o n dem die Propheten geschrieben haben. Es ist Jesus, der Sohn Josephs aus Nazareth. D a sprach Nathanael zu ihm: Kann aus Nazareth etwas Gutes k o m m e n ? Philippus antwortet: K o m m und sieh! Als Jesus Nathanael auf sich z u k o m m e n sah, sagte er von ihm: Er ist wirklich v o m Range eines Israeliten, in d e m keine Verfälschung mehr ist. D a spricht N a t h a nael zu ihm: Woher kennst du mich? U n d Jesus antwortete: Bevor dich Philippus rief, als du unter d e m Feigenbaum
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49 saßest, sah ich dich. Da sprach Nathanael: Meister, du bist jo der Sohn Gottes, du bist der Führergeist Israels. U n d Jesus erwiderte: Weil ich zu dir sagte: Ich sah dich unter dem Feigenbaum, hast du Vertrauen gefaßt? Größeres als das wirst 51 du erleben. U n d er sprach zu ihm: Ja, ich sage euch: Ihr werdet sehen, wie der H i m m e l sich auftut und wie die Engel Gottes auf- und niedersteigen über dem Menschensohn. In Galiläa
Erste Zeichentat: Die Hochzeit zu Kana

2 U n d am dritten Tage w u r d e eine Hochzeit gefeiert zu 2 Kana in Galiläa. U n d die Mutter Jesu war dabei, und auch Jesus und seine Jünger waren zum Hochzeitsfest eingeladen. 3 Als der Wein zur Neige ging, spricht die Mutter Jesu zu ihm: 4 Sie haben keinen Wein mehr. U n d Jesus antwortet ihr: Achte auf die Kraft, o Weib, die da webet zwischen mir und dir. 5 N o c h ist meine Stunde nicht g e k o m m e n . D a spricht seine 6 Mutter zu den Dienern: T u t , was er euch sagen wird! Es standen dort sechs Wasserkrüge, die den jüdischen Reinigungs7 gebrauchen dienten. Ein jeder faßte zwei oder drei M a ß . U n d Jesus spricht zu den Dienern: Füllet die Krüge mit Wasser! 8 U n d sie füllten sie bis an den Rand. U n d er spricht weiter: Schöpfet n u n daraus und bringet es dem Leiter des Mahles! U n d sie brachten es ihm. Der Leiter des Mahles wußte nichts v o m U r s p r u n g dessen, was man ihm reichte; nur die Diener, 9 die das Wasser geschöpft hatten, wußten davon. U n d als er von dem Wasser kostete, das zu Wein geworden war, ruft er io den Bräutigam herbei und spricht so zu ihm: Sonst pflegt doch jedermann zuerst den guten Wein zu geben und dann, wenn die Gäste trunken sind, den geringeren. D u aber hast ii den guten Wein bis jetzt zurückbehalten. - Diesen Urbeginn seiner Zeichentaten vollbrachte Jesus zu Kana in Galiläa. Die strahlende Lichtgewalt seines Wesens machte er dadurch
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offenbar, und in seinen Jüngern entstand ein tiefes Vertrauen zu ihm. In Judäa
Das erste Passahfest. Reinigung des Tempels

Danach stieg er hinab nach Kapernaum, er selbst und seine Mutter und seine Brüder und Jünger. D o r t blieben sie nur wenige Tage. Das Passahfest der Juden stand nahe bevor. U n d Jesus zog hinauf nach Jerusalem. D o r t fand er im T e m pel die Händler, welche Ochsen, Lämmer und Tauben verkauften, dazu die Wechsler an ihren Tischen. U n d er flocht aus Stricken eine Geißel und trieb sie damit alle aus dem Tempel hinaus samt den L ä m m e r n und Ochsen. Die Geldkästen der Wechsler schüttete er aus und stieß ihre Tische u m . U n d zu den Taubenverkäufern sprach er: Schafft eure Tiere fort und macht kein Kaufhaus aus dem Hause meines Vaters! D a erinnerten sich seine Jünger an das Schriftwort: »Der Eifer u m dein Haus verzehrt mich.« U n d die Juden traten ihm mit der Frage entgegen: Welches Zeichen kannst du tun, u m zu beweisen, daß du ein Recht hast, so zu handeln? Jesus antwortete: Brecht diesen Tempel ab, und in drei Tagen will ich ihn neu errichten. D a sprachen die Juden: Sechsundvierzig Jahre lang ist an diesem Tempel gebaut worden, und du willst ihn in drei Tagen bauen? Er aber hatte v o n dem Tempel seines Leibes gesprochen. Später, als er v o m T o d e auferstanden war, erinnerten sich seine Jünger an dieses Wort und schöpften Glaubenssicherheit aus der Schrift und aus dem Wort, das Jesus gesprochen hatte.
Nachtgespräch mit Nikodemus

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Während er zum Passahfeste in Jerusalem weilte, gewan- 23 nen viele Vertrauen zu seinem N a m e n , indem sie die Zei229

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24 chen, die er tat, sahen. Jesus selbst aber vertraute sich ihnen 25 nicht an. Er erkannte alle Menschen und bedurfte dessen nicht, daß jemand ihm das Wesen des Menschen bekundete. Vor seinem Erkennen lag das Innere des Menschen offen da. 3 Nun gab es einen Menschen, der dem Orden der Pharisäer angehörte; sein Name war Nikodemus; er bekleidete unter 2 den Juden einen hohen Rang. Er kam zu ihm im Nachtbereich und sprach zu ihm: Meister, wir wissen, daß du als ein Lehrer von Gott gekommen bist; denn kein Mensch kann solche Geisteszeichen tun wie du, wenn nicht Gott selbst in 3 seinen Taten wirksam ist. Jesus antwortete: Ja, ich sage dir: Wer nicht aus Weltenhöhen neugeboren wird, kann nicht das Reich Gottes schauen. 4 Da sprach Nikodemus: Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er schon alt ist? Kann er noch einmal zurückkehren in den mütterlichen Schoß, um neugeboren zu wer5 den? Jesus antwortete: Ja, ich sage es dir: Wer nicht die Neugeburt erfährt aus des Wassers Bildekraft und aus dem wehenden Hauch des Geistes, kann keinen Zugang finden 6 zum Reiche Gottes. Was aus dem Erdenelement geboren wird, ist selbst nur irdischer Natur; was aber aus dem Atem 7 des Geistes geboren wird, ist selber wehender Geist. Wundere dich darüber nicht, daß ich zu dir sprach: Ihr müßt aus 8 den Höhen neugeboren werden. Der Wind weht, wo er will. Du hörst zwar sein Rauschen, aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er geht. So auch ist jeder, der aus dem Atem des Geistes geboren ist. 9 Da sprach Nikodemus: Wie kann man dahin gelangen? 10 Und Jesus antwortete: Du bist ein Lehrer unter den Führern 11 des Volkes und weißt das nicht? Ich sage dir, wahrlich: Wir sprechen aus, was wir wissen, und zu dem bekennen wir uns, was wir geschaut haben. Aber ihr nehmt unser Zeugnis nicht 12 an. Wenn ich zu euch über irdische Dinge sprach, so schenktet ihr mir kein Vertrauen; wie wollt ihr mir vertrauen, wenn
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ich über himmlische Dinge zu euch spreche? Es ist noch keiner in die Geisteswelt emporgestiegen, der nicht auch aus der Geisteswelt herabgestiegen ist; das ist der Menschensohn. U n d wie Moses in der Wüste die Schlange aufgerichtet hat, so m u ß der Menschensohn aufgerichtet werden, damit jeder, der seine Kraft im Herzen fühlt, Anteil gewinnt an dem zeitlosen Leben. D a m i t hat der väterliche Weltengrund den Menschen seine Liebe erwiesen, daß er ihnen den aus ihm allein geborenen Sohn hingab. Hinfort soll keiner mehr zugrunde gehen, der sich mit seiner Kraft erfüllt; er soll vielmehr Anteil gewinnen an dem zeitlosen Leben. Nicht, u m die Menschen zu richten, hat der Vater den Sohn in die Welt gesandt, sondern u m sie zu retten. Wer sich mit seiner Kraft erfüllt, wird vor keinen Richter gestellt. Wer sich aber seiner Kraft verschließt, ist schon gerichtet, weil er kein Vertrauen gefaßt hat zum Wesen und der Kraft des aus der Einheit geborenen Sohnes Gottes. Das ist bereits das Weltgericht, daß das Licht in die Welt g e k o m m e n ist und daß die Menschen die Finsternis mehr liebten als das Licht; denn ihre Taten dienten dem Bösen. Jeder, der mit seinen Taten dem vergänglichen Wesen hingegeben ist, wird z u m Gegner des Lichtes. Er wendet sich dem Licht nicht zu, damit sich das wahre Wesen seines Handelns nicht enthüllt. Wer aber mit seinen Taten dem wahren Wesen dient, gelangt zum Lichte hin. An seinen Taten wird leuchtend offenbar, daß sie im Geistgebiete volle Wirklichkeit besitzen.
Das letzte Zeugnis des Täufers

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Danach kamen Jesus und seine Jünger in das judäische Land. D o r t verweilte er mit ihnen und taufte. Auch Johannes taufte; er wirkte zu Ainon, nahe bei Salim, denn dort gab es viel Wasser, und die Menschen kamen zu ihm und ließen sich taufen. N o c h hatte man Johannes nicht in den Kerker geworfen. D a entstand ein Streitgespräch zwischen den Jüngern des
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26 Johannes und den Juden über den Weg der Läuterung. U n d sie kamen zu Johannes und sprachen zu ihm: Meister, der, der zu dir kam drüben am Jordan, zu d e m du dich bekanntest, 27 siehe er tauft, und alle k o m m e n zu ihm. Johannes antwortete: Kein Mensch kann etwas an sich reißen, was ihm nicht aus 28 der höheren Welt gegeben wird. Ihr selbst könnt mir bezeugen, daß ich gesagt habe: Ich bin nicht der Christus, sondern 2y vor i h m hergesandt. Wer die Braut hat, der ist der Bräutigam. Der Freund aber des Bräutigams, der dabeisteht und ihm zuhört, er ist voll großer Freude über die Stimme des 30 Bräutigams. Diese meine Freude ist n u n erfüllt. Er muß 31 wachsen; ich aber muß abnehmen. Der von oben k o m m t , überragt alle andern. Der von der Erde ist, dessen Wesen ist irdisch, und seine Worte sind erdgebunden. Der aus der H i m 32 melswelt K o m m e n d e überragt alle andern. Was er gesehen und gehört hat, davon legt er Zeugnis ab; aber niemand 33 n i m m t sein Zeugnis an. Wer aber sein Zeugnis annimmt, der 34 besiegelt damit, daß Gott die Wahrheit ist. D e n n der von Gott Gesandte spricht Worte, die v o m Geist durchdrungen sind. Er spendet das Geistige nicht in abgemessener Form. 35 Der Vater liebt den Sohn und hat alles Sein in seine Hand 36 gegeben. Wer sich dem Sohn vertraut, der hat das zeitlose Leben. Wer dem Sohne nicht vertraut, wird das wahre Leben nicht schauen. Der Z o r n Gottes bleibt über ihm.

In Samarien
Mittagsgespräch mit der Samariterin

Damals nahm der Herr wahr, wie unter den Pharisäern das Gerücht umging, Jesus gewinne und taufe mehr Jünger 2 als Johannes. In Wirklichkeit taufte Jesus selber nicht, wohl 3 aber seine Jünger. Daraufhin verließ er Judäa und zog wieder 4 • 5 nach Galiläa. Dabei mußte er Samarien durchqueren und
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kam in eine samaritanische Stadt namens Sichar, nahe bei dem Gelände, das Jakob seinem Sohn Joseph geschenkt hatte. D o r t war auch der Jakobsbrunnen. Jesus war müde von der Wanderung und setzte sich auf den Brunnenrand. Es war u m die Mittagsstunde. D a k o m m t eine samaritanische Frau, u m Wasser zu schöpfen. U n d Jesus spricht zu ihr: Gib mir zu trinken! Seine Jünger waren fortgegangen, u m in der Stadt zu kaufen, was z u m Essen nötig war. Da sagt die samaritanische Frau zu ihm: Wie kannst du als Jude v o n mir, einer Samaritanerin, einen T r u n k erbitten? Die Juden mieden nämlich jeden U m g a n g mit den Samaritanern. Jesus antwortete: Wüßtest du etwas v o n der Kraft, die Gott uns gibt, u n d kenntest du den, der zu dir spricht: gib mir zu trinken, du würdest ihn bitten, und er w ü r d e dir das Wasser des Lebens geben. Da spricht sie: Herr, du hast nichts zum Schöpfen, und der B r u n nen ist tief. Woher willst du das lebendige Wasser nehmen? Bist du denn größer als unser Vater Jakob, der uns diesen Brunnen gab und selbst mit seinen Söhnen und seinen H e r den daraus trank? Jesus antwortete ihr: Jeden, der von diesem Wasser trinkt, wird von neuem dürsten. Wer aber von d e m Wasser trinkt, das Ich ihm gebe, dessen Durst wird für diese Weltenzeit gestillt. Das Wasser, das Ich i h m gebe, wird in ihm zu einem Quell des Wassers werden, das in das wahre Leben strömt. Da spricht die Frau zu ihm: Herr, gib mir dieses Wasser, damit mich nie mehr dürste und ich nicht mehr h e r z u k o m m e n brauche, u m zu schöpfen. Er sagt zu ihr: Geh, rufe deinen Mann, und k o m m dann wieder her. D a sprach die Frau: Ich habe keinen Mann. Jesus spricht: D u sagst mit Recht, du habest keinen Mann. Fünf Männer hattest du, und der, den du jetzt hast, ist nicht dein Mann. D u hast also w a h r gesprochen. D a spricht die Frau zu ihm: Herr, nun sehe ich, daß du ein Prophet bist. Unsere Väter haben auf diesem Berge angebetet; ihr aber sagt, nur in
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2i Jerusalem sei die Stätte der Anbetung. Jesus antwortet: O Weib, vertraue mir: Es k o m m t die Stunde, da ihr weder auf diesem Berge noch in Jerusalem dem Vater euren Dienst ver22 richten werdet. Eure Anbetung gilt einem Wesen, das sich eurem Bewußtsein entzieht. Unser gottesdienstliches Leben geht mit dem erkennenden Bewußtsein Hand in Hand. Deshalb mußte sich unter den Juden das Heil der Menschheit 23 vorbereiten. Einmal k o m m t eine Stunde, u n d sie ist schon da, dann werden die wahren Gottes verehr er den Vater mit der Kraft des Geistes und in der Erkenntnis der Wahrheit anbeten. U n d der Vater verlangt nach den Menschen, die ihn 24 auf diese Weise anbeten. Gott ist Geist, und die ihn anbeten, müssen es mit der Kraft des Geistes und in der Erkenntnis der 25 Wahrheit tun. Da sagt die Frau zu ihm: Ich weiß, daß der Messias k o m m t , den man den Christus nennt. Wenn er 26 k o m m t , so wird er uns alles verkünden. Jesus sagt zu ihr: Ich bin es, der mit dir spricht. 27 Währenddessen kamen seine Jünger zurück und wunderten sich, daß er mit dem Weibe sprach. Aber keiner fragte: 2S Was willst du v o n ihr, und w a r u m sprichst du mit ihr? Da ließ die Frau ihren Wasserkrug stehen, ging in die Stadt und sprach 29 zu den Leuten: K o m m t , ich will euch einen Menschen zeigen, der mir alles, was ich getan habe, gedeutet hat. O b er 30 wohl der Christus ist? U n d so strömten die Leute aus der Stadt zu ihm hin. 31 Mittlerweile forderten seine Jünger ihn auf: Meister, iß! 32 Aber er antwortete ihnen: Ich habe eine Speise, u m davon zu 33 zehren, die ihr nicht kennt. Da sprachen die Jünger unterein34 ander: Hat ihm denn jemand etwas zu essen gebracht? Jesus antwortete: Meine Speise ist es, aus dem Willen dessen zu wirken, der mich gesandt hat, und sein Werk zu vollenden. 35 Sagt ihr nicht, in vier Monaten k o m m e die Zeit der Ernte? Siehe, ich sage euch, erhebet eure schauenden Seelen! Ihr werdet die Felder sehen, die jetzt schon leuchtend weiß und
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reif zur Ernte sind. Schon lohnt sich des Schnitters Arbeit, die Früchte einzusammeln, die das zeitlose Leben in sich tragen. Miteinander sollen sich freuen der, der gesät hat, und der, der erntet. Das ist der wahre Sinn des Wortes, daß der eine sät und der andere erntet. Ich habe euch ausgesandt, u m die Ernte einzubringen, für die ihr keine Arbeit geleistet habt. Andere haben die Arbeit getan, und ihr tretet nun in ihre Arbeit ein. Viele Samaritaner aus jener Stadt faßten Vertrauen zu ihm auf das Wort hin, mit dem die Frau sich für ihn einsetzte: Er hat mir alles, was ich getan habe, gedeutet. Als n u n die Samaritaner zu ihm kamen, baten sie ihn, bei ihnen zu bleiben. U n d er blieb zwei Tage dort. U n d immer mehr Menschen gewannen Vertrauen zu ihm aufgrund seiner Lehre und sprachen zu dem Weibe: Jetzt gründet sich unser Vertrauen nicht mehr nur auf dein Wort. Jetzt haben wir ihn selber gehört und wissen: Er ist wirklich der Christus, er bringt das Heil für die ganze Welt. In Galiläa
Zweite Zeichentat: Die Heilung des Sohnes eines königlichen Beamten

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Nach den beiden Tagen zog er weiter nach Galiläa. Jesus selbst hat bestätigt, daß ein Prophet in der eigenen Heimat nicht geschätzt wird. Als er n u n nach Galiläa kam, fand er Aufnahme bei den Galiläern, die in Jerusalem, wohin sie zum Osterfest gezogen waren, seine Taten miterlebt hatten. U n d er kam wieder nach Kana in Galiläa, w o er das Wasser in Wein verwandelt hatte. D o r t war ein königlicher Beamter, dessen Sohn in Kapernaum krank lag. Als er hörte, daß Jesus von Judäa nach Galiläa g e k o m m e n sei, ging er zu ihm und bat ihn, hinabzukommen und seinen Sohn, der bereits im Sterben lag, zu heilen. Jesus erwiderte ihm: Wenn ihr keine Zeichen und Wundertaten seht, so habt ihr kein
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49 Vertrauen. Da sprach der königliche Beamte zu ihm: Herr, so k o m m herab, ehe mein Kind stirbt! Da sprach Jesus: Gehe hin, dein Sohn lebt! U n d der Mensch vertraute auf das Wort, ! i das Jesus zu ihm sprach, und ging hin. Als er unterwegs war, kamen ihm seine Diener mit der Botschaft entgegen, sein 52 Knabe sei wieder am Leben. Als er sie nach der Stunde fragte, da die Wendung eingetreten sei, antworteten sie ihm: 53 Gestern u m die siebte Stunde verließ ihn das Fieber. Da erkannte der Vater, daß es dieselbe Stunde war, in der Jesus zu ihm sprach: Dein Sohn lebt. U n d er fühlte sich ganz von der Kraft des Glaubens erfüllt, er selbst und sein ganzes Haus. 54 Diese zweite Zeichentat vollbrachte Jesus, als er von Judäa nach Galiläa kam. In Judäa
Auf dem Laubhüttenfest. Dritte Zeichentat: Die Heilung des Gelähmten

D Ein jüdisches Fest stand bevor, und Jesus zog hinauf nach 2 Jerusalem. In Jerusalem gab es am Schaftor einen Teich, der 3 hieß auf hebräisch Bethesda, mit fünf Hallen. In ihnen lagen viele Kranke, Blinde, Lahme, Verkrüppelte und Entkräftete, 4 wartend, daß das Wasser in Bewegung geriete. D e n n zu bestimmten Zeiten fuhr ein Engel mit seinem Kräftewesen in den Teich, so daß das Wasser emporwallte. Der erste nun, der nach dem Emporwallen des Wassers hineinstieg, w u r d e $ geheilt, gleichviel welche Krankheit ihn auch plagte. U n t e r den Kranken befand sich nun ein Mensch, der bereits seit achtr e unddreißig Jahren an seiner Krankheit litt. Als Jesus ihn dort liegen sah und innewurde, daß er schon so lange krank war, 7 sprach er zu ihm: Hast du den Willen, gesund zu werden? Da antwortete der Kranke: Herr, ich habe keinen Menschen, der mich, wenn das Wasser emporwallt, in den Teich hinunterträgt. U n d bis ich selbst h i n k o m m e , steigt i m m e r schon ein s anderer vor mir hinein. Jesus sprach zu ihm: Steh auf, n i m m
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dein Lager und geh! U n d auf der Stelle w u r d e der Mensch gesund, nahm sein Lager auf und ging. N u n war aber dieser Tag ein Sabbat, und so sprachen die Juden zu dem Geheilten: Heute ist Sabbat, und da ist es nicht erlaubt, daß du dein Bett trägst. Er aber erwiderte: Der mich gesund gemacht hat, sprach zu mir: N i m m dein Lager auf und geh! U n d sie fragten ihn: Wer ist der Mensch, der zu dir sprach: N i m m und geh? Der Geheilte wußte nicht, wer es war. Jesus war der Volksmenge ausgewichen, die sich an j e n e m O r t befand. Später fand Jesus ihn im Tempel und sprach zu ihm: Siehe, du bist gesund geworden. Sündige ferner nicht, damit nicht ein noch schwereres Schicksal dich treffe! Da ging der Mensch hin und sprach zu den Juden, Jesus sei es, der ihn geheilt habe. U n d die Juden fingen an, Jesus nachzustellen, weil er das an einem Sabbat getan hatte.
Das Wirken des Vaters und das Wirken des Sohnes

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Da trat er ihnen selbst entgegen und sprach: Der Vater wirkt bis jetzt, und ich wirke auch. Die Juden waren nur u m so mehr darauf bedacht, ihn zu töten; er hatte jetzt nicht nur den Sabbat entheiligt, sondern sogar Gott als seinen eignen Vater bezeichnet und sich dem Vater gleichgestellt. U n d Jesus trat vor sie hin und sprach: Ja, ich sage euch: Der Sohn kann v o n sich aus nichts tun, als was er den Vater tun sieht. Was der Vater tut, das tut der Sohn ihm nach. D e n n der Vater hat den Sohn lieb und zeigt ihm all sein Wirken, und er wird ihm noch größere Werke zeigen, so daß ihr voll Staunen sein werdet. Denn wie der Vater die Toten auferweckt und lebendig macht, so macht auch der Sohn diejenigen lebendig, welche er will. Der Vater fällt über niemand die Entscheidung. Er hat vielmehr alle Schicksalsentscheidung dem Sohne übertragen. Alle sollen den Sohn ehren, so wie sie den Vater ehren. U n d wer den Sohn nicht ehrt, der ehrt auch den Vater nicht, der ihn gesandt hat. Ja, ich sage euch: Wer das Wort
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hört, das ich spreche, und auf den vertraut, der mich gesandt hat, der hat das zeitlose Leben. Ihn trifft die große Entscheidung nicht; er ist bereits v o m T o d zum Leben durchgedrungen. Ja, so ist es: Es k o m m t die Stunde, und sie ist schon da, da die Toten den Ruf des göttlichen Sohnes hören werden, und die ihn hören, werden Träger des wahren Lebens sein. So wie der Vater das Leben der Welt trägt in seinem Wesen, so hat er auch dem Sohne die Macht gegeben, das Leben der Welt in seinem Wesen zu tragen. U n d damit hat er ihm, weil er zugleich der Sohn des Menschen ist, die Vollmacht übergeben, die Entscheidung über das Schicksal zu treffen. Verwundert euch nicht: Schon k o m m t die Stunde, da alle, die in den Gräbern liegen, seinen Ruf vernehmen werden. Die Vollbringer des Guten werden daraus hervorgehen zur Auferstehung des Lebens; die aber, deren Taten unbrauchbar waren, zur Auferstehung des Gerichts. Ich kann aus mir selbst nichts tun; nach dem, was ich im Geistgebiet vernehme, entscheide ich, und meine Entscheidung ist gerecht. Denn nicht, meinen Willen zu erfüllen, strebe ich, sondern den Willen dessen, der mich gesandt hat.
Zeugnis für den Sohn

31 Träte ich nur auf als Zeuge für mich selber, so wäre mein 32 Zeugnis ohne Wahrheit. Aber es ist ein anderer, der für mich zeugt, und ich weiß, daß das Zeugnis, mit dem er für mich 33 eintritt, volle Wahrheit besitzt. Ihr habt Boten zu Johannes 34 gesandt, und er hat ein gültiges Zeugnis abgelegt. Mir aber genügt ein menschliches Zeugnis nicht, denn ich will, daß ihr 35 durch mein Wort den Weg zum Heile findet. Jener war die brennende und scheinende Leuchte, und ihr wolltet weiter 36 nichts, als euch eine Zeitlang wohlfühlen in diesem Licht. Ein gewichtigeres Zeugnis steht mir zur Verfügung als das des Johannes. Die Werke, deren Vollendung der Vater mir übertragen hat, die Werke, die ich vollbringe, sie bezeugen für
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mich, daß der Vater mich gesandt hat. U n d so zeugt der Vater, der mich gesandt hat, selber für mich. Ihr habt nie seine Stimme gehört oder seine Gestalt geschaut; das Weltenw o r t , das von ihm ausgeht, w o h n t nicht in eurer Seele, denn ihr öffnet euer Herz dem nicht, den er gesandt hat. Ihr durchforschet die heiligen Schriften, weil ihr meint, in ihnen die Kraft des ewigen Lebens zu haben. Sie sind es, die für mich zeugen. Aber euer Wille führt euch nicht zu mir, w o ihr das wahre Leben finden könnt. Ich stütze mich nicht auf die Meinung der Menschen. Ich habe selbst erkannt, daß in euren Seelen keine Liebe zu Gott ist. Ich bin g e k o m m e n im N a m e n meines Vaters, und ihr n e h m t mich nicht auf. Wenn aber ein anderer in seinem eignen N a m e n k o m m t , so werdet ihr ihn aufnehmen. Wie könnt ihr zum Glauben k o m m e n , solange ihr an den menschlichen Ehren hängt, die ihr untereinander austauscht, statt nach der Lichtgestalt eures höheren Wesens zu streben, die nur in der göttlichen Welt zu finden ist? Meint nicht, ich w ü r d e euer Ankläger sein vor dem Vater. Euer Ankläger ist Moses, auf den ihr eure Hoffnung setzt. Würdet ihr wirklich auf Moses vertrauen, so würdet ihr auch mir vertrauen: denn von mir hat er geschrieben. Vertraut ihr seinen Schriften nicht, wie werdet ihr meinen Worten vertrauen? In Galiläa
Vor dem zweiten Passahfest. Vierte Zeichentat: Die Speisung der Fünftausend

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Danach begab sich Jesus weit fort an das galiläische Meer bei Tiberias. Eine große Schar von Menschen folgte ihm, weil sie die Geisteszeichen gesehen hatten, die er an den Kranken tat. U n d Jesus ging auf einen Berg und setzte sich dort mit seinen Jüngern nieder. Das Passahfest, das Osterfest der Juden, stand nahe bevor. Als nun Jesus seine Augen zur
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Schau des Geistes erhob und eine große Volksmenge sah, die zu ihm strömte, sprach er zu Philippus: W o können wir Brote kaufen, damit sie zu essen haben? Das fragteer, um ihn auf die Probe zu stellen. Er selbst wußte, was er tun würde. Philippus antwortete: Für zweihundert Denare Brot würde für sie nicht ausreichen, selbst wenn jeder nur ganz wenig bekäme. Da sprach einer seiner Jünger, Andreas, der Bruder des Simon Petrus zu ihm: Hier ist ein Knabe, der hat fünf Gerstenbrote und zwei gare Fische. Aber was bedeutet das angesichts einer so großen Schar? Jesus sprach: Lasset die Menschen sich lagern! Es gab viel grünes Gras an j e n e m Ort. U n d so lagerten sie sich, an Zahl ungefähr fünftausend Mann. N u n nahm Jesus die Brote, sprach die Segensworte darüber und teilte sie aus an die im Kreise Lagernden; das gleiche tat er mit den Fischen; jeder empfing davon, soviel er wollte. Als sie gesättigt waren, sprach er zu seinen Jüngern: Sammelt die übriggebliebenen Brocken, damit nichts verlorengehe! U n d sie sammelten zwölf Körbe voll Brocken, die beim Essen von den fünf Gerstenbroten übriggeblieben waren. Als nun die Menschen das Zeichen sahen, das er getan hatte, sprachen sie: Dieser ist wirklich der Prophet, der in die Welt k o m m e n soll. Da Jesus erkannte, daß sie im Begriffe waren, sich seiner zu bemächtigen und ihn zum König auszurufen, entwich er von neuem auf den Berg, er für sich allein.
Fünfte Zeichentat: Das Wandeln auf dem Meer

16 Da der Abend hereingebrochen war, gingen seine Jünger 17 hinunter zum Ufer, stiegen in das Schiff und begannen die Fahrt über das Meer nach Kapernaum. Es war schon finster geworden, und Jesus war noch nicht zu ihnen gekommen. 18 Das Meer w u r d e durch einen heftigen Wind mächtig 19 bewegt. Als sie ungefähr fünfundzwanzig oder dreißig Stadien weit gefahren "waren, sahen sie Jesus auf dem Meere wandeln und nahe an das Schiff herankommen. U n d sie
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waren voller Furcht. Er aber sprach zu ihnen: Ich Bin, furch- 20 tet euch nicht! Als sie ihn nun in das Schiff aufnehmen woll- 21 ten, war das Schiff sogleich am Lande, an der Stelle, w o sie hinwollten.
Ich Bin das Brot des Lebens

A m folgenden Tage sah das Volk, das noch am anderen Ufer stand, daß es dort kein anderes Schiff gab als das eine. Sie w u ß t e n , daß Jesus nicht mit den Jüngern das Schiff bestiegen hatte und daß die Jünger allein fortgefahren waren. Dann aber kamen andere Schiffe von Tiberias nahe an die Stätte, w o die Speisung stattgefunden hatte mit dem v o m Herrn gesegneten Brote. Als nun das Volk sah, daß weder Jesus dort war noch seine Jünger, stiegen sie in ihre Schiffe und fuhren nach Kapernaum, u m Jesus zu suchen. U n d sie fanden ihn auf der anderen Seite des Sees und sprachen zu ihm: Meister, wann bist du hierhergekommen? Jesus antwortete ihnen: Ja, ich sage euch: Ihr sucht mich nicht, weil ihr Taten aus geistiger Kraft gesehen habt, sondern weil ihr von den Broten gegessen habt und satt geworden seid. Erwirket euch nicht die vergängliche Speise, sondern die Speise, die dauernd ist und Anteil verleiht am unvergänglichen Leben. Der Menschensohn wird sie euch geben; ihm hat der Vatergott sein Siegel aufgedrückt. Da sprachen sie zu ihm: Was sollen wir tun, u m im Wirken Gottes mitzuwirken? Jesus antwortete: Das ist das göttliche Wirken, daß ihr auf den vertraut, den Gott gesandt hat. U n d sie fragten weiter: An welchem Zeichen, das du tust, können wir dein eigentliches Wesen sehen und Vertrauen zu dir fassen? Welches ist dein Wirken? Unsere Väter haben in der Wüste das Manna gegessen, wie es in der Schrift heißt: »Brot aus dem H i m m e l gab er ihnen zu essen.« Jesus antwortete ihnen: Ja, ich sage euch: Nicht Moses hat euch das Brot aus dem H i m m e l gegeben, sondern mein Vater ist es, der euch das geistwirkliche Brot
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33 aus dem H i m m e l gibt. Das ist das Brot Gottes, das v o m Himmel herniedersteigt und der Welt das wahre Leben gibt. H Da sprachen sie: Herr, gib uns dieses Brot zu jeder Zeit. 35 Jesus antwortete: Ich Bin das Brot des Lebens. Den, der zu mir k o m m t , wird nicht mehr hungern, und wer sein Ver36 trauen in mich setzt, den wird nicht mehr dürsten. Aber ich habe es euch schon gesagt: Ihr habt mich gesehen, und doch ist 37 euer Herz verschlossen geblieben. Alles, was der Vater mir gibt, wird den Weg zu mir finden. U n d den, der zu mir 38 k o m m t , will ich nicht verstoßen. Ich bin v o m H i m m e l herniedergestiegen, nicht u m meinen Willen zu tun, sondern 39 den Willen dessen, der mich gesandt hat. U n d das ist der Wille dessen, der mich gesandt hat, daß ich nichts von alledem verliere, was er mir gegeben hat, sondern daß ich ihm 40 die Kraft der Auferstehung gebe am Ende der Zeiten. Das ist der Wille des Vaters, daß jeder, der den Sohn sieht und ihm vertraut, Anteil gewinnt am unvergänglichen Leben; und ich werde ihm die Kraft der Auferstehung geben am Ende der Zeiten. 41 Da wurden die Juden unwillig über ihn, weil er gesagt hatte: Ich bin das Brot, das v o m Himmel herniedersteigt. 42 U n d sie sprachen untereinander: Ist dieser nicht Jesus, der Sohn Josephs, dessen Vater und Mutter wir kennen? Wie kann er sagen: Ich bin v o m Himmel herniedergestiegen? 43 Jesus aber trat ihnen entgegen und sprach: Murret nicht 44 untereinander! Keiner kann den Weg zu mir finden, wenn der Vater, der mich gesandt hat, nicht bewirkt, daß er sich hergezogen fühlt; und ich gebe ihm die Kraft der Auferstehung am 45 Ende der Zeiten. In den Büchern der Propheten steht geschrieben: »Sie werden alle Schüler Gottes selber sein.« Jeder findet den Weg zu mir, der das Wort und die Lehre des 46 Vaters empfangen hat. Niemand hat den Vatergott j e gesehen außer dem, der selber aus dem väterlichen Weltengrunde 47 k o m m t : Er hat den Vater gesehen. Ja, ich sage euch: Wer
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Glauben hat, der hat das unvergängliche Leben. Ich Bin das Brot des Lebens. Eure Väter haben in der Wüste das Manna gegessen und sind gestorben. Dieses ist das Brot, das v o m H i m m e l hcrniedcrsteigt. Wer davon ißt, der wird nicht sterben. Ich Bin das lebentragende Brot, das aus dem Himmel herniedersteigt. Wer von diesem Brot ißt, wird leben durch alle Zeitenkreise. U n d das Brot, das Ich geben werde, das ist mein irdischer Leib, den ich für das Leben der Welt dahingehen werde. Da stritten diejuden untereinander und sprachen: Wie kann er uns seinen irdischen Leib zu essen geben? Jesus antwortete: Ja, ich sage euch: Wenn ihr nicht den irdischen Leib des Menschensohnes eßt und sein Blut trinkt, so habt ihr kein Leben in euch. Wer meinen irdischen Leib ißt und mein Blut trinkt, der hat überzeitliches Leben, und ich gebe ihm die Kraft der Auferstehung am Ende der Zeiten. D e n n mein Fleisch ist die wahre Speise, und mein Blut ist der wahre Trank. Wer wirklich mein Fleisch ißt und mein Blut trinkt, der bleibt in mir und ich in ihm. Wie mich der Vater, der das Leben trägt, gesandt hat und wie ich das Leben trage durch des Vaters Willen, so wird auch der, der mich zu seiner Speise macht, durch mich das Leben in sich tragen. Dies ist das Brot, das v o m Himmel herniedersteigt. Es wird nicht wieder sein wie bei den Vätern, die davon aßen und starben. Wer dieses Brot ißt, der wird den ganzen Zeitenkreis hindurch leben. Das sprach er lehrend in der Synagoge zu Kapernaum.
Scheidung im Jüngerkreis und Bekenntnis des Petrus

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Viele von seinen Jüngern, die das hörten, sprachen: Diese Rede ist hart und schwer, wer kann sie verstehen? Jesus nahm wahr, daß seine Jünger nicht damit zurechtkamen, und sprach zu ihnen: N e h m e t ihr Anstoß daran? Was werdet ihr sagen, w e n n ihr den Menschensohn wieder emporsteigen seht dorthin, w o er vorher war? Der Geist ist es, der das
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Leben spendet, das Physische allein hilft nichts. Die Worte, 64 die ich zu euch sprach, sind Geist und sind Leben. Aber es sind einige unter euch, die kein Vertrauen haben. Jesus wußte ja von Anfang an, wer ihm vertrauen und wer ihn verraten 65 würde. U n d er fuhr fort: D a r u m habe ich zu euch gesagt: Keiner kann den Weg zu mir finden, wenn es ihm nicht v o m 66 Vater gegeben wird. Daraufliin zogen sich viele von seinen Jüngern zurück und gingen nicht mehr mit ihm. 67 D a sprach Jesus zu den Zwölfen: Wollt ihr mich auch ver68 lassen? U n d Simon Petrus antwortete ihm: Herr, zu w e m sollten wir denn gehen? Du hast Worte voll unvergänglichen 69 Lebens. Wir haben mit dem Herzen w a h r g e n o m m e n und mit 70 dem Denken erkannt, daß du der Heilige Gottes bist. U n d Jesus sprach zu ihnen: Habe ich nicht euch als die Z w ö l f erwählt? U n d doch ist einer unter euch ein Widersacher. 71 Damit meinte er Judas, den Sohn Simons des Iskarioten. Dieser war es, der ihn verraten wollte, einer von den Zwölfen. In Judäa
Das zweite Laubhütlenfest. Der Gatig nach Jerusalem

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Danach wanderte Jesus durch Galiläa. Er mied Judäa, weil 2 die Juden ihm nach dem Leben trachteten. Das jüdische 3 Laubhüttenfest stand nahe bevor. Da sprachen seine Brüder zu ihm: Mach dich auf und gehe nach Judäa und laß deine 4 Jünger offen die Taten sehen, die du tust. Es kann doch niemand daran hegen, in der Verborgenheit zu wirken, wenn er vor der Öffentlichkeit stehen möchte. Wenn du schon solche 5 Taten tust, so zeige dich damit der Welt! Seine Brüder spra6 chen so, weil sie kein Vertrauen zu ihm hatten. Aber Jesus antwortete ihnen: Meine Zeit ist noch nicht g e k o m m e n . Für 7 euch ist jede Zeit recht. Euch können die Menschen nicht hassen; mich aber hassen sie; denn durch mich wird offen244

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kundig, daß ihr T u n und Treiben den Gegenmächten dient. Ihr möget hinaufgehen zum Fest; ich aber ziehe zu diesem Fest noch nicht hinauf; denn für mich ist die Zeit noch nicht erfüllt. So sprach er zu ihnen und blieb in Galiläa. Als n u n seine Brüder zum Feste hinaufgezogen waren, zog auch er hinauf, jedoch nicht leiblich sichtbar, sondern auf verborgene Weise. Die Juden suchten ihn auf dem Fest und sprachen: Wo ist er? U n d viel Raunen über ihn ging durch die Menge. Die einen sagten: Er ist gut. Andere dagegen sprachen: Nein, er ist ein Verführer des Volkes. Keiner jedoch wagte es, öffentlich über ihn zu sprechen, aus Furcht vor den Juden.
Sein Wirken auf dem Fest

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Als die Mitte der Festwoche g e k o m m e n war, stieg Jesus empor in den Tempel und lehrte. Da verwunderten sich die Juden und sprachen: Wie k o m m t es, daß er die Schriften beherrscht, da er sie doch nicht studiert hat? Da trat Jesus ihnen entgegen und sprach: Die Lehre, die ich verkündige, ist nicht von mir, sondern von dem, der mich gesandt hat. Wer sich im Wollen und T u n mit seinem Willen erfüllt, der wird erkennen, ob die Lehre aus göttlicher Quelle fließt oder ob ich nur aus mir selber spreche. Wer nur von sich aus spricht, sucht die Verherrlichung des eignen Wesens. U n d nur, wer den zur Offenbarung bringen will, der ihn gesandt hat, ist ein Bringer der Wahrheit und ist ohne Verfälschung in seinem Wesen. H a t Moses euch nicht das Gesetz gegeben? U n d doch handelt keiner von euch wirklich nach dem Gesetz. W a r u m seid ihr darauf aus, mich zu töten? Da antwortete die Menge: Du bist von einem D ä m o n besessen. Wer will dich denn töten? U n d Jesus fuhr fort: Eine einzige Tat habe ich getan, und ihr seid darüber verwundert. Moses hat euch die Beschneidung gegeben — ich meine nicht, daß sie von Moses herrührt, sie geht ja auf die Väter zurück—, und so beschnei245

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23 det ihr die Menschen am Sabbat. W e n n n u n der Mensch am Sabbat die Beschneidung empfängt, damit das Gesetz des Moses nicht ungültig werde, w a r u m seid ihr denn darüber empört, daß ich am Sabbat den ganzen Menschen gesund 24 gemacht habe? H ö r t auf, nach dem äußeren Schein zu urteilen, geht vielmehr den Dingen auf den Grund und bildet dann euer Urteil. 25 D a sprachen einige aus Jerusalem: Ist das nicht der, den sie 26 töten wollen? Siehe, er spricht in aller Öffentlichkeit, und keiner tritt i h m entgegen. Sind etwa die Obersten wirklich zu 27 der Erkenntnis gekommen, daß er der Christus ist? Wir kennen ihn doch und wissen, woher er ist. Wenn aber der C h r i 28 stus k o m m t , so weiß niemand, woher er ist. Da erhob Jesus, der im Tempel lehrte, seine Stimme und rief: Ihr sagt, daß ihr mich kennt und daß ihr wißt, woher ich bin. Ich k o m m e aber nicht in meinem eignen Auftrag: Derjenige, der die Wahrheit 29 selber ist, der hat mich gesandt. Ihr kennt ihn nicht. Ich aber kenne ihn, denn von ihm k o m m e ich her; er hat mich 30 gesandt. Da versuchten sie, ihn zu greifen; aber keiner vermochte Hand an ihn zu legen, denn seine Stunde war noch nicht g e k o m m e n .
Der Verhaftungsplan der Hohenpriester und Pharisäer

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Viele aus der Volksmenge gewannen Vertrauen zu ihm; sie sprachen: Kann der Christus, wenn er k o m m t , noch g r ö ßere Geistestaten tun als er? Die Pharisäer hörten, daß man in der M e n g e so über ihn dachte und sprach, und die H o h e n priester und Pharisäer sandten ihre Diener aus, u m ihn in ihre Gewalt zu bringen. Da sprach Jesus: N u r noch eine kurze Zeit werde ich bei euch sein. D a n n gehe ich zu dem, der mich gesandt hat. Ihr werdet mich suchen und nicht finden. Dahin, w o ich bin, könnt ihr nicht gelangen. U n d diejuden sprachen untereinander: Wohin mag er gehen, daß wir ihn dort nicht sollen finden können? Vielleicht hat er vor, zu den 246

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Juden in den griechischen Ländern zu gehen und die Griechen selbst zu lehren. Was mag er meinen mit dem Wort: Ihr werdet mich suchen und nicht finden; w o Ich sein werde, dahin könnt ihr nicht gelangen? A m letzten, dem großen Tage des Festes stand Jesus da und rief laut: Wer durstig ist, der k o m m e zu mir und trinke! Wer sich im Glauben mit meiner Kraft erfüllt, von dessen Leibe sollen, wie die Schrift sagt, Ströme v o m Wasser des Lebens ausgehen. Mit diesem Worte deutete er auf den Geist, den die empfangen sollten, die sich im Glauben mit ihm verbinden würden. Aber noch wirkte dieser Geist nicht, denn Jesus hatte seine Geistgestalt noch nicht offenbart. Einige aus der M e n g e , die diese W o r t e gehört hatten, sprachen: Er ist wirklich der Prophet. Andere sprachen: Er ist der Christus. Wieder andere entgegneten: Kann denn der Christus aus Galiläa kommen? Sagt die Schrift nicht, daß der Christus aus dem Samen Davids und aus Bethlehem, der Stadt Davids, k o m m e n soll? U n d so entstand u m seinetwillen eine Spaltung unter der Menge. Einige wollten ihn greifen, keiner aber konnte Hand an ihn legen.
Spaltung im Hohen Rat.

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Als nun die Diener zu den Hohenpriestern und Pharisäern 4.5 zurückkehrten, sprachen diese zu ihnen: W a r u m bringt ihr ihn nicht? Die Diener antworteten: Niemals hat ein Mensch 46 so gesprochen, wie dieser Mensch spricht. Da sprachen die 47 Pharisäer: So seid auch ihr bereits verführt? Hat sich ihm 48 denn j e einer von den Führern des Volkes oder von den Pharisäern angeschlossen? N u r diese Volksmenge, die nichts v o m 49 Gesetz versteht — verflucht sei sie! Da sprach N i k o d e m u s zu 50 ihnen, der schon einmal zu ihm g e k o m m e n war und der zu ihrem Kreis gehörte: Erlaubt unser Gesetz ein Urteil über 51 einen Menschen, bevor man ihn angehört und seine Schuld festgestellt hat? U n d sie antworteten ihm: Bist du etwa auch 52
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aus Galiläa? Forschenach, und du wirst sehen, daß aus Galiläa 53 kein Prophet erstehen kann. Danach gingen alle heim.
Die Ehebrecherin

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U n d Jesus ging auf den Ölberg. Als dann aber der nächste Tag heraufdämmerte, war er schon wieder im Tempel, und das Volk strömte zu ihm, und er setzte sich nieder und lehrte sie. Da brachten die Schriftgelehrten und Pharisäer eine Frau herbei, die beim Ehebruch ergriffen worden war, und stellten sie in ihre Mitte. Dann sprachen sie zu ihm: Meister, diese Frau ist auf frischer Tat beim Ehebruch ergriffen worden. Moses hat uns im Gesetz geboten, solche Frauen zu steinigen. Was sagst du dazu? Das sagten sie, u m ihn auf die Probe zu stellen und u m einen Grund zur Anklage gegen ihn zu finden. Jesus jedoch beugte sich nur nieder und schrieb mit dem Finger in die Erde. Als sie nicht aufhörten, mit Fragen in ihn zu dringen, richtete er sich auf und sprach: Wer von euch von der Sünde frei ist, der werfe als erster den Stein auf sie. U n d wieder beugte er sich nieder und schrieb in die Erde. Als sie seine Worte gehört hatten, gingen sie, zuerst die Ältesten, einer nach dem anderen hinaus. Schließlich blieb er ganz allein zurück, und die Frau stand noch in der Mitte. Da richtete sich Jesus auf und sprach zu ihr: Weib, w o sind sie nun? Verurteilt dich keiner? Sie sprach: Keiner, Herr. D a sprach Jesus: Ich verurteile dich auch nicht. Geh, und sündige von jetzt an nicht mehr!
Ich Bin das Licht der Weh

U n d Jesus begann von neuem, zu ihnen zu sprechen: Ich Bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, wird nicht im Finstcrn wandeln, sondern das Licht haben, in welchem das 13 Leben ist. Da sprachen die Pharisäer zu ihm: Wie kannst du 14 dein eigener Zeuge sein? Dein Zeugnis ist ungültig. Jesus antwortete ihnen: U n d wenn ich auch für mich selber zeuge, so 248

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ist mein Zeugnis dennoch gültig; denn ich weiß, woher ich k o m m e und wohin ich gehe. Ihr aber wißt nicht, woher ich k o m m e und wohin ich gehe. Ihr urteilt nach dem äußeren Menschen. Ich aber urteile über niemand. U n d wenn ich urteilte, so wäre mein Urteil gültig; denn ich bin nicht allein, sondern der ist bei mir, der mich gesandt hat. In eurem Gesetz heißt es, daß das Zeugnis zweier Menschen gültig sei. Ich lege Zeugnis ab von mir, und der Vater, der mich gesandt hat, zeugt auch für mich. Da sprachen sie zu ihm: W o ist dein Vater? U n d Jesus antwortete: Ihr kennet weder mich noch meinen Vater. Kenntet ihr mich, so kenntet ihr auch meinen Vater. Diese Worte sprach er lehrend in der Schatzkammer des Tempels. U n d keiner konnte ihn greifen, denn seine Stunde war noch nicht g e k o m m e n .
Abstammung von oben und von unten. Abraham und Christus

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U n d er fuhr fort: Ich gehe nun, und ihr werdet mich suchen, und in eurer Sünde werdet ihr dem T o d verfallen. Wohin ich gehe, dahin könnt ihr nicht gelangen. Da sprachen die Juden: Will er sich etwa selber töten, daß er spricht: Wohin ich gehe, dahin könnt ihr nicht gelangen? U n d er sprach zu ihnen: Ihr stammt von unten her, mein Ich stammt von oben her. Ihr gehört zu dieser Welt, die vergeht, Ich aber stamme nicht aus dieser Welt. Deshalb habe ich zu euch gesagt: Ihr werdet in euren Sünden dem T o d verfallen. Wenn ihr euch nicht mit der Kraft meines Ich durchdringt, so werdet ihr in euren Sünden dem T o d verfallen. Da sprachen sie zu ihm: Wer bist du? U n d Jesus antwortete: Was rede ich überhaupt noch zu euch? Vieles hätte ich über euch zu sagen und zu urteilen. Aber der, der mich gesandt hat, ist die Wahrheit selbst, und so rufe ich das in die Welt hinein, was ich von ihm gehört habe. Aber sie verstanden nicht, daß er v o m Vatergotte zu ihnen sprach. U n d Jesus fuhr fort: Wenn ihr den Menschensohn erhöhen werdet, so werdet ihr erkennen, 249

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daß Ich bin der Ich-Bin und daß ich nichts von mir aus tue, 29 sondern das verkündige, was mich der Vater lehrt. Der, der mich gesandt hat, wirkt mit in meinem Wirken. Er läßt mich nicht allein; was ich tue, ist jederzeit im Einklang mit i h m . 30 D u r c h diese Worte gewannen viele Vertrauen zu ihm. 31 U n d Jesus sprach zu den Juden, die Vertrauen zu ihm g e w o n nen hatten: Wenn ihr in meinem Wort leben und Dauer fin32 den könnt, so seid ihr wirklich meine Jünger, und ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch zur Frei33 heit führen. Da antworteten sie ihm: Wir sind Abrahams Same. Niemals sind wir die Knechte eines Menschen gewesen. Wie kannst du da sagen: Ihr werdet die Freiheit finden? 34 Jesus antwortete: Ja, ich sage euch: Jeder, der sündigt, ist ein 35 Sklave der Sünde. Der Sklave aber gehört nicht wirklich und bleibend zum Hause hinzu. Der Sohn ist es, der wirklich und 36 bleibend zum Hause gehört. Wenn euch der Sohn die Freiheit 37 gibt, so werdet ihr wirklich frei sein. Ich weiß, daß ihr Abrahams Same seid. Aber ihr wollt mich töten, weil mein Wort 38 keinen R a u m in euren Seelen findet. Was ich bei meinem Vater geschaut habe, das verkündige ich. Ihr handelt ja auch nach dem, was ihr von eurem Vater v e r n o m m e n habt. 39 D a antworteten sie ihm: Unser Vater ist Abraham. U n d Jesus sprach: Wenn ihr Abrahams Söhne seid, so tuet Abra40 hams Werke! Jetzt aber sucht ihr mich zu töten, mich, einen Menschen, der ich euch die Wahrheit verkündigt habe, so wie ich sie von Gott vernehme. So hat Abraham nicht gehan41 delt. Tut nur wirklich eures Vaters Werke! Da sprachen sie: Wir sind nicht aus unreiner Vermischung hervorgegangen. 42 Eigentlich haben wir nur einen Vater: Gott selbst. Jesus erwiderte: Wäre Gott euer Vater, so würdet ihr mich lieben. Denn ich bin aus Gott hervorgegangen und gehe immerfort aus ihm hervor. Ich bin nicht in meinem eigenen Auftrag 43 g e k o m m e n , sondern er hat mich gesandt. W a r u m versteht ihr denn meine Sprache nicht? Ihr könnt euer O h r meinem
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Worte nicht auftun. Von dem Vater des Widersachers stammt ihr, und nach dieses eures Vaters Begierden wollt ihr handeln. V o m Urbeginne her will er das Menschenwesen vernichten. A m -wahren Sein hat er keinen Anteil, weil das wahre Sein nicht in ihm ist. Wenn er den trügenden Schein verkündigt, so spricht er aus seinem eigenen Wesen; denn er ist der Bringer und Vater des Truges. Mir, der ich euch das wahre Sein verkünde, vertraut ihr nicht. Wer von euch kann mich denn einer Irrung überführen? W a r u m vertraut ihr nicht mir, der ich euch das wahre Sein verkünde? Wer aus Gott ist, der v e r n i m m t die Worte Gottes. Deshalb vernehmt ihr sie nicht, weil ihr nicht aus Gott seid. Da entgegneten i h m die Juden: Haben wir nicht recht, wenn wir sagen, du seist ein Samaritaner und von einem D ä m o n besessen? Jesus sprach: Mein Ich ist von D ä m o n e n frei; nichts als Verehrung des Vaters ist in mir; ihr aber verunehrt mich. Ich strebe nicht nach einer verklärenden Offenbarung meines Wesens. Es gibt aber einen, der danach strebt und dadurch eine Entscheidung herbeiführen will. Ja, ich sage euch: Wer mein W o r t im Herzen trägt, der ist für alle Erdenzeiten v o m Anblick des Todes befreit. Da sprachen die Juden: Jetzt erkennen wir erst ganz deutlich, daß du von einem D ä m o n besessen bist. Abraham ist gestorben, und alle Propheten sind gestorben; und du sprichst: Wer sich an mein Wort hält, der wird den T o d für alle Zeiten nicht mehr schmecken. Bist du denn größer als unser Vater Abraham, der gestorben ist? U n d als die Propheten, die auch gestorben sind? Für wen hältst du dich denn? Jesus antwortete: Wollte ich selbst mein Wesen offenbaren, so wäre diese Offenbarung wertlos. Aber es ist der Vater, der mich offenbart. Ihr nennt ihn zwar unseren Gott, aber ihr kennt ihn nicht. Ich aber kenne ihn. Würde ich sagen, daß ich ihn nicht kennte, so wäre ich wie ihr dem T r u g verfallen. Aber ich kenne ihn und trage seines Wortes Kraft in mir. Abraham, euer Vater, hat
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darüber frohlockt, daß er den Tagesanbruch meines Ichwesens sollte schauen dürfen. U n d er hat ihn voller Freude 57 geschaut. D a sprachen die Juden zu ihm: D u bist noch keine fünfzig Jahre alt und willst Abraham gesehen haben? U n d 58 Jesus antwortete: Ja, ich sage euch, von den Zeiten her, als Abraham noch nicht geboren war, bin ich als das Ich schon 59 dagewesen. Da hoben sie Steine auf, u m sie gegen ihn zu schleudern. Jesus aber begab sich in das Verborgene und verließ den Tempel.
Sechste Zeichental: Die Heilung des Blindgeborenen

7 Im Vorübergehen sah er einen Menschen, der von Geburt 2 an blind war. U n d seine Jünger fragten ihn: Meister, wer hat gesündigt, dieser Mensch selbst oder seine Eltern, daß er 3 blind geboren ist? Jesus antwortete: Die Blindheit rührt weder von seiner Sünde her noch von der seiner Eltern; vielmehr soll dadurch die Wirksamkeit des Göttlichen in ihm zur 4 Offenbarung k o m m e n . Wir haben durch unser Wirken dem Wirken dessen zu dienen, der mich gesandt hat, solange der Tag reicht. Es k o m m t die Nacht, da niemand wirken kann. 5 Solange ich in der Welt der Menschen bin, solange bin ich ein 6 Licht für die Welt der Menschen. Als er diese Worte gesprochen hatte, vermischte er seinen Speichel mit Erde und machte aus dem Speichel einen erdigen Brei; diesen legte er 7 dem Blinden auf die Augen und sprach zu ihm: Geh hin und wasche dich im Teich Siloah! Das heißt übersetzt: die Aussendung. U n d er ging hin und wusch sich und kam sehend zurück. 8 Da sprachen die Nachbarn und die ihn vorher als blinden Bettler gesehen hatten: Ist das nicht derselbe, der am Wege 9 saß und bettelte? Andere sagten: Ja, er ist es. Wieder andere sprachen: Nein, er sieht ihm nur ähnlich. Da sprach er selbst: 10 Ich bin's. U n d sie fragten ihn: Wie sind dir denn die Augen 11 aufgetan worden? Er antwortete: Der Mensch, den sie Jesus
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nennen, machte einen erdigen Brei und bestrich damit meine Augen und sprach zu mir: Gehe an den Teich Siloah und wasche dich. U n d als ich hinging und mich wusch, w u r d e ich sehend. Da fragten sie ihn: W o ist er? U n d er antwortete: Ich weiß es nicht. Da brachten sie den, der blind gewesen war, zu den Pharisäcrn. Der Tag nämlich, da Jesus mit dem erdigen Brei seine Augen aufgetan hatte, war ein Sabbat gewesen. U n d so riehteten denn die Pharisäer die Frage an ihn, wie er sehend geworden sei. Er antwortete: Er legte einen Brei von Erde auf meine Augen, und ich wusch mich. Seitdem kann ich sehen. Da sprachen einige von den Pharisäern: Dieser Mensch ist nicht von Gott gesandt, sonst w ü r d e er den Sabbat heiligen. Andere wieder sprachen: Kann denn ein sündiger Mensch solche Geistestaten tun? So entstand eine Spaltung unter ihnen. U n d sie wandten sich noch einmal an den, der bhnd gewesen war, und fragten: Was hältst du von ihm, nachdem er dir die Augen aufgetan hat? U n d er antwortete: Er ist ein Prophet. Die Juden wollten nicht glauben, daß er bhnd gewesen und sehend geworden sei und riefen deshalb die Eltern des Sehend-Gewordenen und fragten sie: Ist das euer Sohn, und bestätigt ihr, daß er blind geboren wurde? Wie k o m m t es, daß er jetzt sehend ist? Seine Eltern antworteten: Wir müssen es doch wissen, daß er unser Sohn ist und daß er blind geboren w u r d e . Wie es aber k o m m t , daß er jetzt sehend ist, das wissen wir nicht. Wir wissen nicht, wer i h m die Augen aufgetan hat. Fragt ihn selber. Er ist erwachsen und kann selber über sich Auskunft geben. Das sagten seine Eltern, weil sie sich vor den Juden fürchteten. D e n n schon stand bei den Juden fest, daß jeder aus ihrer Gemeinschaft w ü r d e ausgeschlossen werden, der sich zu ihm als zu dem Christus bekannte. Deshalb sprachen seine Eltern: Er ist erwachsen, und so fragt ihn selbst. 253

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D a riefen sie den, der blind gewesen war, ein zweites Mal herbei und sprachen zu ihm: Wir fragen dich jetzt i m A n g e sicht der Gottheit. Wir wissen, daß dieser Mensch ein Sünder ist. Darauf erwiderte jener: O b er ein Sünder ist, weiß ich nicht. Eines aber weiß ich: daß ich blind war und sehend geworden bin. U n d sie fragten ihn weiter: Was hat er mit dir gemacht? Wie hat er dir die Augen aufgetan? Er antwortete: Ich habe es euch bereits gesagt, aber ihr habt nicht darauf gehört. W a r u m wollt ihr es noch einmal hören? Wollt ihr auch seine Jünger werden? Da fuhren sie ihn an und sprachen: Du bist sein Jünger. Wir aber sind Jünger des Moses. Daß zu Moses die Gottesstimme selbst gesprochen hat, wissen wir; v o n ihm aber wissen -wir nicht, welches Geistes Kind er ist. Der Geheilte aber sprach: Es ist doch sonderbar, daß ihr nicht wißt, welches Geistes Kind er ist, da er doch meine Augen autgetan hat. Wir wissen doch, daß Gott nicht auf den sündigen Menschen hört, wohl aber auf den, der Ehrfurcht hat und nach dem göttlichen Willen handelt. In unserer Weltenzeit hat man noch nicht gehört, daß einer einem Blindgeborenen die Augen aufgetan hat. Wäre er nicht gottgesandt, so hätte er die Kraft zu einer solchen Tat nicht. Aber sie antworteten: D u bist ganz und gar in Sünden geboren und wagst es, uns zu belehren? U n d sie warfen ihn hinaus. Jesus hörte, daß sie ihn hinausgeworfen hatten, und er fand ihn und sprach zu ihm: Vertraust du auf den Menschensöhn? Jener antwortete: Sage mir, wer es ist, Herr, damit ich mein Vertrauen auf ihn setzen kann. Da sprach Jesus: Du hast ihn gesehen. Der mit dir spricht, der ist es. U n d er sprach: Ich vertraue, Herr. U n d er fiel vor ihm nieder. U n d Jesus sprach: U m eine Entscheidung herbeizuführen, bin ich in diese Welt g e k o m m e n . Die nicht sehen, sollen sehend werden, und die Sehenden sollen erblinden. Das hörten einige Pharisäer, die bei ihm waren, und sie fragten ihn: Sind wir denn auch blind? U n d Jesus antwortete: Wäret ihr 254

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blind, so wäret ihr frei von Sünde. N u n aber behauptet ihr, sehend zu sein, und so bleibet eure Sünde.
Ich Bin die Türe. Ich Bin der gute Hirte

Ja, ich sage euch: Wer nicht durch die T ü r e zu den Schafen hineingeht, sondern anderswo in den Stall eindringt, ist ein Dieb u n d ein Mörder. Derjenige, der durch die Türe eintritt, ist ein Hirte der Schafe. Ihm tut der T ü r h ü t e r auf, und die Schafe hören auf seine Stimme, und er ruft sie alle einzeln beim N a m e n und führt sie hinaus. U n d hat er sie so hinausgeführt, so geht er vor ihnen her, und die Schafe folgen ihm nach, denn sie kennen seine Stimme. Einem Fremden folgen sie nicht; vor ihm fliehen sie, denn sie kennen die fremde Stimme nicht. Dieses Bildwort sprachJesus zu ihnen, aber sie verstanden nicht, was er zu ihnen sprach. U n d Jesus fuhr fort: Ja, ich sage euch: Ich Bin die Türe zu den Schafen. Alle, die vor mir g e k o m m e n sind, sind Diebe und Mörder. Aber die Schafe hörten nicht auf sie. Ich Bin die Türe. Wer durch mich den Z u g a n g findet, dem wird das Heil zuteil. Er lernt die Schwelle zu überschreiten von liier nach dort und von dort nach hier, und er wird N a h r u n g finden für seine Seele, wie die Schafe N a h r u n g finden auf der Weide. Der Dieb k o m m t nur, u m zu raffen und zu töten und zu vernichten. Ich jedoch, ich bin g e k o m m e n , damit sie Leben und überströmende Fülle haben. Ich Bin der gute Hirte. Der gute Hirte gibt sein Leben hin für die Schafe. Der Mietling, der kein wahrer Hirte ist und der u m die Schafe nicht besorgt ist, läßt, wenn er den Wolf k o m m e n sieht, die Schafe i m Stich u n d entflieht; und der Wolf zerreißt und zerstreut sie. Ein Mietling ist er, er sorgt sich u m die Schafe nicht. Ich Bin der gute Hirte, und ich erkenne, wer zu mir gehört; und die zu mir gehören, erkennen mich, wie mich der Vater erkennt und ich den Vater erkenne. Ich gebe mein Leben hin für die Schafe. U n d ich
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habe noch andere Schafe, die nicht aus dieser Herde sind. Auch sie m u ß ich führen, und sie werden auf meine Stimme hören, und dami wird eine einzige Herde sein und ein Hirte. D a r u m liebt mich der Vater, weil ich mein Leben hingebe, auf daß ich es neu empfange. Niemand kann mir mein Leben rauben; ich selber gebe es frei dahin. Ich habe Vollmacht, es hinzugeben, und auch die Vollmacht, es neu zu empfangen. Dies ist der Auftrag, den mir mein Vater gegeben hat. Da entstand unter den Juden wieder eine Spaltung wegen dieser Worte. Viele von ihnen sagten: Er ist von einem D ä m o n besessen und ganz von Sinnen. W a r u m hört ihr auf ihn? Andere wieder sprachen: Das-sind nicht die Worte eines Besessenen. Oder kann etwa ein D ä m o n einem Blinden die Augen auftun?
Das Tempelweihfest. Erneute Anschläge der Juden

22 Damals w u r d e gerade in Jerusalem das Fest der Tempel23 weihe gefeiert. Es war Winterszeit. Jesus erging sich i m 24 Tempel in der Halle Salomos. Da scharten sich die Juden i m Kreise u m ihn und sprachen: Wie lange hältst du unsere Seele hin? Wenn du der Christus bist, so sage es uns frei heraus. 25 Jesus antwortete: Ich habe zu euch gesprochen, aber ihr habt euch meinen Worten nicht aufgeschlossen. Die Werke, die 26 ich tue i m N a m e n meines Vaters, zeugen für mich. Ihr aber verschließt euch diesem Zeugnis, denn ihr gehört nicht zu 27 meinen Schafen. Meine Schafe hören auf meine Stimme, u n d 28 ich erkenne sie, und sie folgen mir nach, und ich gebe ihnen das wahre Leben. Sie sollen in dieser Weltenzeit nicht zugrunde gehen, und niemand soll sie aus meiner H a n d rei29 ßen. Der Vater, der sie mir zuerteilt hat, ist größer als alles andere, und niemand kann sie je aus des Vaters Hand reißen. 30 Ich und der Vater sind eins. 31 D a trugen die Juden aufs neue Steine herbei, u m ihn zu 32 steinigen. Aber Jesus sprach zu ihnen: Durch viele Taten des 256

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Heiles habe ich erwiesen, daß ich aus der Kraft des Weltenvaters wirke. U m welcher Tat willen wollt ihr mich steinigen? D a antworteten die Juden: Nicht wegen einer Heilstat, sond e m wegen einer Gotteslästerung steinigen wir dich. D u bist ein Mensch und machst dich selbst zu einem Gott. Jesus aber erwiderte: Steht nicht in eurem Gesetz zu lesen: »Ich habe gesprochen: Ihr seid Götter«? Wenn nun die Schrift, die unauflöslich ist, diejenigen Götter nennt, an die das Gottesw o r t gerichtet ist, wie könnt ihr denn zu dem, den der Vatergott geheiligt und in die Welt gesandt hat, sagen: Du lästerst Gott! weil ich sprach: Ich bin ein Sohn Gottes? Sind es nicht die Werke meines Vaters, die ich tue, so m ö g e euer Herz vor mir verschlossen bleiben. Vollbringe ich sie aber, so schließt euer Herz wenigstens diesen meinen Taten auf, wenn ihr schon mir selber nicht vertrauen könnt. Ihr "werdet dann i m m e r mehr erkemien, daß der Vater in mir ist und daß Ich im Vater bin. U n d wieder suchten sie ihn zu ergreifen, aber er entschlüpfte ihrer H a n d .
Lazarus

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U n d er begab sich wieder in die Gegend jenseits des Jordans, an die Stelle, w o Johannes am Anfang getauft hatte. D o r t blieb er. U n d viele kamen zu ihm und sprachen: Johannes hat keine Zeichen getan, aber alles, was Johannes über diesen gesagt hat, das ist wahr. Viele waren es, die dort Vertrauen zu ihm faßten. Es war einer krank: Lazarus aus Bethanien, dem W o h n o r t der Maria und ihrer Schwester Martha. Das war die Maria, die den Herrn mit kostbarer Salbe gesalbt und seine Füße mit ihren Haaren getrocknet hatte. Ihr Bruder Lazarus w u r d e krank. Da schickten die Schwestern zu i h m und ließen ihm sagen: Herr, siehe, der, den du liebhast, ist krank. Als Jesus das hörte, sprach er: Diese Krankheit führt nicht zum T o d e , sondern zur Offenbarung Gottes; die Schöpfermacht des
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5 Sohnes Gottes soll sich offenbaren durch sie. Jesus liebte 6 Martha u n d ihre Schwester und Lazarus. Als er n u n v o n seiner Krankheit vernahm, verharrte er zwei Tage an dem Orte, 7 w o er war. D a n n sprach er zu seinen Jüngern: Laßt uns wies der nach Judäa gehen. Die Jünger erwiderten: Meister, jetzt, da die Juden dir nachstellten, u m dich zu steinigen, willst du 9 dorthin zurückkehren? Jesus sprach: Hat nicht der T a g sein abgemessenes Maß von zwölf Stunden? Wer am Tage seinen Weg geht, strauchelt nicht, denn er sieht das Licht, das dieser io Welt leuchtet. Wer aber in der Nacht seinen Weg geht, der ii strauchelt, weil ihm kein Licht leuchtet. So sprach er zu ihnen. D a n n fuhr er fort: Lazarus, unser Freund, schläft; aber 12 ich gehe hin, u m ihn aufzuwecken. Da sprachen die Jünger zu 13 ihm: Herr, wenn er schläft, so wird er wieder gesund. Jesus aber hatte von seinem Tode gesprochen, und sie meinten, er 14 spräche v o m Schlafe. Darauf sprach Jesus in aller Offenheit 15 zu ihnen: Lazarus ist gestorben. U n d ich bin froh u m euretwillen, daß ich nicht dort war, auf daß euer Glaube erwache. 16 Aber jetzt laßt uns zu ihm gehen. Da sprach T h o m a s , den man den Zwilling nannte, zu den anderen Jüngern: Ja, laßt uns gehen, u m mit ihm zu sterben.
Ich Bin die Auferstehung und das Lehen

17 Als Jesus ankam, fand er, daß er schon vier Tage im Grabe is lag. Bethanien lag nahe bei Jerusalem, ungefähr fünfzehn Sta19 dien entfernt. Viele Juden waren zu Martha und Maria g e k o m m e n , u m ihnen wegen ihres Bruders Trost zuzuspre20 chen. Als Martha hörte, daß Jesus käme, ging sie ihm entge2i gen. Maria jedoch blieb in sich versunken zu Hause. U n d Martha sprach zu Jesus: Herr, wärest du hier gewesen, so 22 wäre mein Bruder nicht gestorben. Aber ich weiß, daß Gott 23 jede Bitte, die du an ihn richtest, erfüllt. Jesus antwortete ihr: 24 Dein Bruder wird auferstehen. Martha sprach zu ihm: Ich
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weiß, daß er auferstehen wird bei der großen Auferstehung an der Zeiten Ende. D a sprach Jesus zu ihr: Ich Bin die Auferstehung und das Leben. Wer sich glaubend mit meiner Kraft erfüllt, wird leben, auch wenn er stirbt; und wer mich als sein Leben in sich aufnimmt, ist von der Macht des Todes befreit im ganzen irdischen Zeiterikreis. Fühlest du die Wahrheit dieser Worte? U n d sie sprach: Ja, Herr. Ich habe mit meinem H e r zen erkannt, daß du der Christus bist, der Sohn Gottes, der in die Erdenwelt k o m m t . Als sie das gesagt hatte, ging sie hin und rief ihre Schwester Maria und sprach insgeheim zu ihr: Der Meister ist da und läßt dich rufen. Als Maria das hörte, erhob sie sich rasch und ging zu ihm; Jesus war noch nicht in den O r t hineingegangen. Er war an der Stelle gebheben, w o ihm Martha begegnet war. Als die Juden, die bei ihr im Hause waren und ihr Trost zusprachen, sahen, daß Maria eilig aufstand und hinausging, folgten sie ihr. Sie glaubten, sie wolle an das Grab gehen, u m dort zu klagen. Maria aber kam an die Stelle, w o Jesus war, und als sie ihn sah, fiel sie zu seinen Füßen nieder und sprach zu ihm: Herr, wärest du hier gewesen, so wäre mir der Bruder nicht gestorben.
Siebte Zeichentat: Die Auferweckung des Lazarus

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Als Jesus sie u n d die mit ihr k o m m e n d e n Juden weinen sah, bemächtigte sich seines Geistes eine große Erregung, und er sprach voll tiefer Erschütterung: W o habt ihr ihn bestattet? Sie antworteten: K o m m , Herr, und sieh. U n d Jesus weinte. Da sprachen die Juden: Seht, wie er ihn gehebt hat. Einige von ihnen jedoch sprachen: Konnte er, der d e m Blinden das Augenlicht gab, diesen nicht vor dem T o d e bewahren? Von neuem ging durch das Innere Jesu eine mächtige Bewegung, und er trat an das Grab. Das Grab war in einer Felsenhöhle, und ein Stein lag davor. U n d Jesus sprach: Nehmet den Stein weg! D a sprach Martha, die Schwester des
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Vollendeten, zu ihm: Herr, er ist schon in Verwesung übergegangen, denn es ist bereits der vierte Tag. Aber Jesus sprach: Habe ich dir nicht gesagt: Hättest du den Glauben, du würdest das Offenbarwerden Gottes schauen? Da nahmen sie den Stein weg. D a erhob Jesus seine Augen zur Geistesschau und sprach: Vater, ich danke dir, daß du mich erhört hast. Ich wußte, daß du mich jederzeit hörst. Aber wegen der M e n schen, die hier stehen, spreche ich es aus, damit ihr Herz erkennt, daß du mich gesandt hast. Dann rief er mit lauter Stimme: Lazarus, k o m m heraus! U n d der Gestorbene kam heraus, an Füßen und Händen mit Bändern u m b u n d e n , das Antlitz mit einem Schweißtuch bedeckt. U n d Jesus sprach: Löset die Bänder und laßt ihn gehen!
Tötungsbeschluß des Hohen Rates

45 Viele von den Juden, die zu Maria g e k o m m e n waren und 46 die Tat sahen, die er tat, gewannen Vertrauen zu ihm. Einige aber gingen zu den Pharisäern und berichteten ihnen, was 47 Jesus getan hatte. Da beriefen die Hohenpriester und die Pharisäer eine Versammlung des H o h e n Rates ein und sprachen: 48 Was sollen wir tun? Dieser Mensch tut viele Zeichen. Lassen wir ihn in Ruhe, so werden sich ihm schließlich alle anschließen, und dann werden die R ö m e r k o m m e n und uns Land 49 und Leute wegnehmen. Da sprach einer von ihnen, Kajaphas, der in diesem Jahre das A m t des Hohenpriesters inne50 hatte: Unwissende seid ihr, sonst würdet ihr sehen, daß es besser für euch ist, wenn ein Mensch für das Volk stirbt, als 51 w e n n das ganze Volk zugrunde geht. Das sagte er nicht v o n sich aus, sondern da er der Hohepriester des Jahres war, deutete er prophetisch daraufhin, daß Jesus für das Volk sterben 52 würde, und nicht nur für das Volk allein, sondern für die unter die ganze Menschheit verstreuten Träger der Gottes53 kindschaft, die durch ihn eins werden sollten. Von diesem Tage an stand ihr Beschluß fest, ihn zu töten.
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Das letzte Passahfest

Jesus trat nun nicht mehr öffentlich unter den Juden auf, sondern ging fort in die Gegend am Rande der Wüste, in die Stadt Ephraim, und blieb dort mit seinen Jüngern. Das Passahfest der Juden stand nahe bevor, und vor dem Fest zogen viele Menschen aus dem Lande hinauf nach Jerusalem, u m sich zu heiligen. D o r t suchten sie nach Jesus und sprachen, während sie im Tempel standen, untereinander: Was meint ihr, wird er wohl z u m Feste kommen? Die Hohenpriester und Pharisäer hatten Weisung gegeben: wer ihn sehen würde, sollte es ihnen anzeigen, damit sie ihn ergreifen könnten.
Salbung in Bethanien

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Sechs Tage vor dem Passahfest ging Jesus nach Bethanien, w o Lazarus war, den er von den T o t e n auferweckt hatte. Dort bereiteten sie i h m ein Mahl. Martha diente bei Tisch, und Lazarus war einer von denen, die mit ihm zu Tische saßen. D a nahm Maria ein Gefäß mit kostbarem Nardenöl und salbte die Füße Jesu und trocknete seine Füße mit ihren Haaren ab. U n d das ganze Haus war erfüllt v o m Wohlgeruch des Salböls. Da sprach Judas der Iskariote, einer von seinen Jüngern, der im Sinn hatte, ihn zu verraten: W a r u m hat man die Salbe nicht für dreihundert Denare verkauft und den Ertrag den A r m e n gegeben? Er sagte das aber nicht deshalb, weil er sich u m die A r m e n Sorgen machte, sondern weil er für sich beanspruchte, was ihm nicht gehörte. Er führte die Kasse u n d verwaltete die Gaben. Jesus aber erwiderte: Laß sie; was sie getan hat, soll Geltung behalten für den Tag meiner Grablegung. A r m e habt ihr immer bei euch, mich jedoch habt ihr nicht immer.

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Eine große Schar v o n Juden hatte herausgebracht, daß er 9 dort war, und so kamen sie; aber sie wollten nicht nur Jesus sehen, sondern auch Lazarus, den er v o n den Toten aufer261

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TO weckt hatte. Die Hohenpriester hatten beschlossen, auch ii Lazarus zu töten, weil viele Juden seinetwegen dorthin gingen und zum Glauben an Jesus kamen.
Einzug in Jerusalem

12 A m folgenden Tage hörte die Volksmenge, die zum Fest 13 kam, Jesus sei auf dem Wege nach Jerusalem. U n d sie nahmen Zweige von den Palmbäumen, zogen ihm entgegen und riefen: »Hosianna! Gesegnet sei, der da k o m m t im N a m e n des Herrn. Er ist der König von Israel.« 14 U n d Jesus fand ein Eselsfüllen und setzte sich darauf, dem 15 Schriftwort entsprechend: »Fürchte dich nicht, Tochter Zion! Siehe dein König k o m m t , sitzend auf dem Füllen des 16 lastbaren Tieres.« Die Jünger waren sich zuerst dessen, was geschah, nicht bewußt. Später aber, als sich die Geistgestalt Jesu offenbart hatte, erinnerten sie sich daran, daß es in der Schrift bereits vorherverkündigt war und daß sie selbst zur 17 Erfüllung des Schriftwortes beigetragen hatten. Das Volk, das dabei gewesen war, als er Lazarus aus dem Grabe rief und 18 von den Toten erweckte, bekannte sich zu ihm. Aus diesem Grunde war ihm auch das Volk entgegengezogen: Sie hatten 19 von dem Zeichen gehört, das er vollbracht hatte. Die Pharisäer aber sprachen zueinander: Da seht ihr, daß ihr euch umsonst bemüht. Siehe, alle Welt folgt ihm nach.
Begegnung mit den Griechen

20 U n t e r denen, die hinaufzogen, u m zum Feste ihre Gebete 21 zu verrichten, waren auch einige Griechen. Diese traten an Philippus heran, der aus Bethsaida in Galiläa war, und baten 22 ihn: Herr, wir möchten Jesus sehen. Philippus ging hin und sprach mit Andreas, und so kamen Andreas und Philippus zu 23 Jesus, u m mit ihm zu sprechen. U n d Jesus sprach zu ihnen:
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Die Stunde ist g e k o m m e n , da sich der Sohn des Menschen offenbaren soll in seiner Geistgestalt. Ja, ich sage euch: Wenn das Samenkorn, das in die Erde fällt, nicht erstirbt, so bleibt es, was es ist. Erstirbt es aber, so trägt es viele Frucht. Wer die eigne Seele liebt, wird sie verlieren; wer aber das in seiner Seele haßt, was der Vergänglichkeit angehört, bewahrt sie für das todlose wahre Leben. Wer mir dienen will, muß mir auf meinem Wege folgen. Da w o ich bin, m u ß auch der sein, der mir dienen will; und den, der mir dient, wird mein Vater ehren. Jetzt ist meine Seele voll tiefer Erschütterung. Was soll ich sagen? Vater, rette mich aus dieser Stunde? Aber u m dieses Geschehens willen mußte ich ja in diese Stunde k o m m e n . Vater, offenbare deinen Namen! Da ertönte eine Stimme aus dem Himmel: Ich habe deine Geistgestalt geoffenbart und werde sie von neuem offenbaren. Das Volk, das dabeistand und zuhörte, sprach: Es hat gedonnert. Andere sprachen: Ein Engel hat zu ihm gesprochen. Jesus aber sprach: Nicht u m meinetwillen ließ diese Stimme sich vernehmen, sondern u m euretwillen. Dies ist die Stunde der Entscheidung für die ganze Welt. Der Herrscher dieser Welt wird ausgestoßen werden. U n d wenn ich erhöht bin aus dem Erdensein, so werde ich alle zu mir emporziehen. Dies sagte er, u m auf den T o d hinzudeuten, dem er entgegenging. Da antwortete ihm das Volk: Wir haben doch immer, wenn wir im Gesetz unterwiesen wurden, gehört, der Christus bleibe und führe hinüber in den k o m m e n d e n Äon. Wie kannst du da sagen, der Sohn des Menschen müsse erhöht werden? Wer ist dieser Menschensohn? U n d Jesus antwortete: N o c h eine kurze Zeit ist das Licht in eurer Mitte. Geht euren Pfad, solange ihr das Licht habt, damit die Finsternis euch nicht überwältige. Wer im Finstern geht, weiß nicht, wohin er geht. Solange ihr das Licht habt, schließt euer Herz dem Lichte auf, damit ihr Söhne des Lichtes werdet.

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Der Unglaube der Juden

Als Jesus diese Worte gesprochen hatte, ging er fort und 37 hielt sich vor ihnen verborgen. Soviele Geistestaten er auch vor ihren Augen getan hatte, sie fanden dennoch nicht die 38 Kraft, ihm zu vertrauen. Das Wort des Propheten Jesajas mußte sich erfüllen: »Herr, wer schließt sich unsrer Botschaft auf? U n d w e m enthüllt sich der schaffende A r m des Herrn?« 39 Sie konnten also wirklich ihre Herzen nicht auftun, und so 40 spricht Jesajas an einer anderen Stelle: »Er hat ihre Augen blind gemacht und ihre Herzen verhärtet, damit sie trotz ihrer A u g e n nicht sehen und trotz ihrer Herzen nicht erkennen; sie sollen nicht zu den alten Geisteskräften zurückkeh41 ren. Einmal aber werde ich sie heilen.« Dieses sprach Jesajas, denn er schaute seine Geistgestalt und hat deshalb bereits von 42 ihm gesprochen. Von den Führern des Volkes fanden zwar manche den Z u g a n g zu ihm, aber aus Furcht vor den Pharisäern wagten sie es nicht, sich zu bekennen, damit sie nicht 43 aus der Synagoge ausgeschlossen würden. Sie liebten die menschliche Ehre mehr als die göttliche Offenbarung. 44 Jesus aber rief laut: Wer an mich glaubt, der glaubt nicht 45 an mich, sondern an den, der mich gesandt hat. U n d wer 46 mich sieht, sieht den, der mich gesandt hat. Ich bin als ein Licht in die Welt gekommen, damit jeder, der sich mit mir 47 verbindet, frei werde aus dem Bann der Finsternis. Wer meine Worte hört und sich nicht daran hält, den richte ich nicht. Ich bin nicht gekommen, u m die Menschen zu richten, 48 sondern u m sie zu heilen. Wer mich von sich stößt und meinen Worten keinen R a u m in sich gibt, der hat seinen Richter schon gefunden. Das Wort, das ich gesprochen habe, -wird 49 selbst sein Richter sein an der Zeiten Ende. D e n n ich habe nicht aus mir allein gesprochen. Der Vatergott, der mich gesandt hat, er hat mir selbst als Geistesziel gegeben, was ich 50 auszusprechen und was ich zu verkünden habe. U n d ich weiß, daß sein Geistesziel das wahre Leben unseres Zeiten264

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kreises ist. Was ich verkünde, das verkünde ich so, wie es der Vater selbst zu mir gesprochen hat.
Die Fußwaschung

Das Osterfest stand vor der Tür. Jesus n a h m im Geiste wahr, daß für ihn die Stunde g e k o m m e n sei, da er aus der Welt des Irdischen übergehen sollte in die Welt des Vaters. Er liebte alle, die aus der Menschheit heraus die Seinen g e w o r den waren, und diese Liebe trug er durch bis zur Vollendung. Als das Mahl begann, hatte der Widersacher den Gedanken, ihn zu verraten, Judas, dem Sohne Simons des Iskarioten, bereits ins Herz gelegt. Jesus wußte, daß der Vater alles in seine H a n d gegeben hatte, jetzt, da er, der aus der göttlichen Welt g e k o m m e n war, in die göttliche Welt zurückkehren sollte. So stand er v o m Mahle auf, legte sein Übergewand ab, nahm einen Schurz und umgürtete sich damit. D a n n goß er Wasser in die Schale [die für die Waschungen bestimmt war] und fing an, den Jüngern die Füße zu waschen, und trocknete sie ab mit dem Schurz, mit welchem er umgürtet war. So kam er auch zu Simon Petrus. D a sprach dieser: Herr, du wäschest mir die Füße? Jesus antwortete: Was ich tue, verstehst du jetzt noch nicht; später aber wirst du es erkennen. U n d Petrus sprach: Du sollst mir nicht die Füße waschen, weder jetzt noch j e in künftigen Zeiten. D a antwortete Jesus: Wenn ich dich nicht wasche, so hast du keinen Teil an mir. U n d Simon Petrus sprach: Herr, nicht die Füße allein, sondern auch die H ä n d e und das Haupt. Jesus erwiderte: An w e m die Waschung geschieht, der bedarf nur der Fußwaschung; sie macht sein ganzes Wesen rein. Ihr seid jetzt rein, wenn auch nicht alle. Er wußte nämlich, wer ihn verraten würde. D a r u m sagte er: nicht alle seid ihr rein.

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Als er ihnen die Füße gewaschen hatte, nahm er sein 12 Gewand und setzte sich wieder zu ihnen und sprach: Versteht
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T 3 ihr w o h l , was ich jetzt an euch getan habe? Ihr nennt mich Meister und Herr, und ihr habt recht damit, denn ich bin es 14 auch. Wenn nun ich, der ich euer H e r r und Meister bin, euch die Füße gewaschen habe, so seid auch ihr schuldig, euch ein15 ander die Füße zu waschen. Ich habe euch ein Vorbild gegeben, damit ihr, was ich an euch getan habe, selber auch einer 16 an dem anderen tun könnt. Ja, ich sage euch: Der Knecht ist nicht größer als sein Herr, und der Sendbote ist nicht größer 17 als der, der ihn gesandt hat. Wenn ihr das versteht: selig seid 18 ihr, w e n n ihr es tut. Nicht von euch allen kann ich sagen: ich nehme das höhere Wesen derer wahr, die ich erwählt habe. Aber es m u ß sich ja das Schriftwort erfüllen: Wer mein Brot 19 isset, der tritt mich mit Füßen. Jetzt sageich es euch, bevor es geschieht, damit ihr, wenn es geschieht, mit Seelensicherheit 20 erkennt, daß Ich es bin. Ja, ich sage euch: Wer den aufnimmt, den ich sende, der n i m m t mich auf; und wer mich aufnimmt, der n i m m t den auf, der mich gesandt hat.
Die Bezeichnung des Verräters

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Als er das gesagt hatte, überkam ihn eine große Erschütterung im Geist, und er bezeugte: Ja, ich sage euch: einer von euch wird mich verraten. Da blickten die Jünger einander an, ratlos vor der Frage, w e n er wohl gemeint habe. N u n saß einer von seinen Jüngern mit zu Tisch, an der Brust Jesu liegend, der Jünger, den Jesus hebhatte. Ihm winkte Simon Petrus und sprach: Frage, wer es ist, von dem er spricht. Da fragte dieser, der an der Brust Jesu lag, ihn: Herr, wer ist es? U n d Jesus antwortete: Der ist es, dem ich den Bissen eintauche und reiche. U n d er tauchte den Bissen ein und gab ihn Judas, dem Sohne Simons des Iskarioten. U n d nachdem dieser den Bissen g e n o m m e n hatte, fuhr die dunkle Macht des Satans in ihn. U n d Jesus sprach zu ihm: Was du tun willst, das tue bald! Keiner jedoch von denen, die am Tische saßen, verstand, w a r u m er das zu ihm sagte. Einige glaubten, Jesus 266

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habe zu Judas als dem Verwalter des Geldes sagen wollen: kaufe, was wir für das Fest nötig haben, oder: er solle den A r m e n etwas geben. N a c h d e m jener den Bissen empfangen 30 hatte, ging er sofort hinaus. Es war aber Nacht.
Ankündigung der Verleugnung des Petrus

Als er hinausgegangen war, sprach Jesus: Jetzt ist die Geistgestalt des Menschensohns geoffenbart; der Gott in ihm ist offenbar geworden. U n d da der Gott in ihm offenbar geworden ist, so wird Gott ihn auch in ihm offenbaren, u n d bald schon wird er ihn so offenbaren. Ihr Kindlein, nur noch eine kurze Spanne Zeit bin ich bei euch, u n d dann werdet ihr mich suchen. U n d wie ich zu den Juden sagte: Wohin ich gehe, dahin könnt ihr nicht gelangen, so sage ich es jetzt auch zu euch. Einen neuen Auftrag gebe ich euch: Liebet einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt ihr einander lieben. Daran sollen euch alle als meine Jünger erkennen, daß ihr euch untereinander hebet.

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D a sprach Simon Petrus zu ihm: Herr, wohin gehst du? 36 U n d Jesus antwortete: Wohin ich gehe, dahin kannst du mir jetzt nicht folgen; später aber wirst du mir folgen. Petrus 37 sprach: Herr, w a r u m kann ich dir jetzt nicht folgen? Ich werde mein Leben für dich hingeben. Jesus antwortete: D u 38 willst dein Leben für mich geben? Ja, ich sage dir: N o c h ehe der H a h n kräht, wirst du mich dreimal verleugnen.

Abschiedsreden
Ich Bin der Weg und die Wahrheit und das Leben

N i c h t schwach soll werden euer Herz. Vertrauet auf die 1 4 Kraft, die euch zu dem Vatergott und die euch zu mir führt. In dem Hause meines Vaters sind viele Wohnungen. Ich hätte 2 sonst nicht zu euch gesprochen: Ich gehe hin, u m euch die 267

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3 Stätte zu bereiten. U n d wenn ich hingehe, u m euch die Stätte zu bereiten, so k o m m e ich neu zu euch und will euch aufnehmen und euer Sein mit meinem Sein vereinen, damit, w o 4 mein Ich ist, auch euer Ich sein kann. U n d ihr kennt den Weg dorthin, wohin ich jetzt gehe. 5 Da sprach Thomas zu ihm: Herr, wir wissen nicht, wohin 6 du gehst. Wie sollen wir den Weg kennen? Jesus antwortete: Ich Bin der Weg und die Wahrheit und das Leben. Keiner 7 findet den Weg zum Vater außer durch mich. Wenn ihr mich erkannt hättet, so kenntet ihr auch meinen Vater. Von jetzt an erkennt ihr ihn, denn ihr habt ihn gesehen. 8 Da sprach Philippus zu ihm: Herr, zeige uns den Vater, 9 das ist alles, was wir brauchen. Jesus antwortete: So lange bin ich nun schon bei euch, und du hast mich nicht erkannt, Philippus? Wer mich gesehen hat, der hat den Vater auch gesehen. Wie kannst du da noch sagen: Zeige uns den Vater? io Glaubst du nicht, daß Ich im Vater bin und daß der Vater ist in mir? Die Worte, die ich zu euch spreche, spreche ich nicht von mir aus. Der Vater, der in mir lebt, vollbringt durch ii mich seine Werke. Glaubet mir, daß mein Ich i m Vater und der Vater in meinem Ich lebt. Könnt ihr mir nicht vertrauen, 12 so vertrauet doch auf diese Werke. Ja, ich sage euch: Wer mein Ich in sich aufnimmt, der wird die Werke auch zu tun vermögen, die ich tue, und er wird größere tun, denn ich 13 gehe zum Vater. Was ihr erbitten werdet in meinem Namen: ich werde es vollbringen, damit in des Sohnes Wirken der 14 Vater offenbar werde. Alles, was ihr erbittet in meinem N a m e n : ich will es vollbringen.
Die Verheißung des heiligen Geistes

15 Wenn ihr mich in Wahrheit liebt, so nehmet meine Weli6 tenziele in euren Willen auf. U n d ich will den Vater bitten, und er wird euch einen anderen Beistand, den Spender des Geistesmutes, senden, der bei euch sein wird für diese ganze 268

J O H A N N E S EVANGELIUM 14

Weltenzeit, den Geist der Wahrheit und Erkenntnis. Ihn k ö n nen nicht alle Menschen aufnehmen. Sic sehen ihn nicht u n d erkennen ihn nicht. Ihr aber erkennt ihn, denn er waltet als euer höheres Wesen über euch und wird in euer Inneres einziehen. Ich will euch nicht als Waisen zurücklassen. Ich k o m m e zu euch. N o c h eine kurze Zeit, so sieht die Welt mich nicht mehr; ihr aber seht mich. Ich lebe, und ihr sollt teilhaben an diesem Leben. An jenem Tage -werdet ihr erkennen, daß ich im Vater bin und ihr in mir und ich in euch. Wer meine Weltenziele kennt und in seinen Willen aufnimmt, der ist es, der mich in Wahrheit hebt. U n d wer mich liebt, der wird geliebt werden von meinem Vater, und ich werde ihn lieben und mich ihm offenbaren. D a sprach zu i h m Judas, nicht der Iskariote: Herr, aus welchem Grunde willst du dich uns offenbaren, aber nicht allen Menschen? Jesus antwortete: Wer mich in Wahrheit liebt, der trägt mein Wort in seinem Wesen, und mein Vater wird ihn lieben, und wir -werden zu ihm k o m m e n und dauergründend bei ihm wohnen. Wer mich nicht liebt, der trägt mein W o r t nicht in sich. U n d das Wort, das ihr vernehmt, ist nicht v o n mir, sondern v o m Vater, der mich gesandt hat. Das habe ich zu euch gesprochen, weil ich noch bei euch bin. Der Beistand, der Spender des Geistesmutes, der heilige Geist, den der Vater senden wird in meinem N a m e n , er wird euch alles lehren und in euch die Erinnerung beleben an alles, was ich zu euch sprach. D e n Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Ich gebe ihn euch nicht, wie ihn die Welt gibt. Nicht schwach soll werden euer Herz und nicht furchtsam. Ihr habt gehört, wie ich gesagt habe: Ich gehe hin und k o m m e doch zu euch. Wenn ihr mich wirklich liebtet, so würdet ihr euch freuen, daß ich zum Vater gehe, denn der Vater ist größer als ich. U n d n u n habe ich es euch gesagt, bevor es geschieht, damit ihr Seelensicherheit besitzt, wenn es geschieht. Ich werde 269

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nun nicht mehr viel mit euch reden. Schon k o m m t der 31 Gebieter dieser Welt, aber mir kann er nichts anhaben. Die Menschheit soll erkennen, daß ich den väterlichen Weltengrund liebe und wie ich die Sendung erfülle, die mir der Vater gegeben hat. Seid bereit, so können wir ruhig diesen O r t verlassen.
Ich Bin der wahre Weinstock

1D Ich Bin der wahre Weinstock, und mein Vater ist der 2 Weingärtner. Jede Rebe an mir, die keine Frucht trägt, n i m m t er weg, und jede, die Frucht trägt, reinigt er, damit sie 3 mehr Frucht trage. Ihr seid bereits gereinigt durch die Kraft 4 des Wortes, das ich zu euch sprach. Wohnet dauergründend in mir, so will ich dauergründend w o h n e n in euch. Wie die Rebe aus sich selbst heraus keine Frucht tragen kann, sie sei denn durchpulst v o m Leben des Weinstocks, so könnt auch 5 ihr es nicht, ihr habet denn die Dauer gefunden in mir. Ich Bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer mit seinem Wesen w o h n t in meinem Wesen und mein Wesen in sich wohnen läßt, wird reiche Früchte tragen. O h n e mich aber 6 könnt ihr nichts vollbringen. Wer nicht w o h n t in mir, wird herausgerissen wie die Rebe und muß verdorren. Es geht ihm wie den Reben, die gesammelt und ins Feuer geworfen u n d 7 verbrannt werden. Wohnet ihr in mir und laßt meine Worte weiterleben in eurem Herzen, so könnt ihr erbitten, was euer 8 Wille sich vorsetzt, und es wird euch zuteil werden. Dadurch wird mein Vater geoffenbart, wenn ihr reiche Früchte tragt und i m m e r mehr zu meinen Jüngern werdet. 9 Wie mich der Vater gehebt hat, so habe ich euch gehebt. 10 Lebet weiter in meiner Liebe. N e h m t ihr meine Weltenziele in euren Willen auf, so lebet ihr weiter in meiner Liebe; so wie ich die Weltenziele meines Vaters in meinen Willen aufgeu n o m m e n habe und weiterlebe in seiner Liehe. Diese Worte habe ich zu euch gesprochen, auf daß meine Freude in euch
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lebe und eure Freude sich erfülle. Das ist der Auftrag, den ich euch gebe: Liebet euch untereinander so, wie ich euch geliebt habe. Eine größere Liebe kann niemand haben als die, sein Leben hinzugeben für seine Freunde. Ihr seid meine Freunde, wenn ihr dem Auftrag folgt, den ich euch gebe. Ich kann euch nicht mehr Knechte nennen, denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Ich nenne euch Freunde, weil ich euch alles habe erkennen lassen, was mir durch meinen Vater kundgeworden ist. Ihr habt nicht mich auserwählt, sondern ich habe euch auserwählt. Ich habe euch die Kraft gegeben, wenn ihr die Erde verlaßt, eure Lebensfrüchte durchzutragen u n d ihnen Dauer zu verleihen, auf daß der Vater euch gebe, was ihr in meinem N a m e n erbittet. Dies ist das Ziel, das ich euch gebe, daß ihr euch untereinander liebet.
Der Haß der Welt

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Wenn die Menschen euch hassen, so bedenkt, daß sie mich vor euch gehaßt haben. Gehörtet ihr zu den Menschen im Allgemeinen, so würden die Menschen euch als die Ihrigen lieben. N u n gehört ihr aber nicht zu ihnen, sondern ich habe euch aus der Menschheit auserwählt, und darum hassen euch die Menschen. Erinnert euch an das Wort, das ich zu euch sprach: Der Knecht ist nicht größer als sein Herr. Haben sie mich verfolgt, so werden sie euch auch verfolgen. Haben sie mein Wort bewahrt, so werden sie auch euer Wort bewahren. Alles, was sie an euch tun, werden sie tun, als täten sie es an mir; denn sie kennen den nicht, der mich gesandt hat. Wäre ich nicht g e k o m m e n und hätte ich nicht zu ihnen gesprochen, so wären sie ohne Sünde. Jetzt aber haben sie keine Entschuldigung für ihre Sünde. Wer mich haßt, der haßt auch meinen Vater. Hätte ich nicht unter ihnen solche Werke getan, wie sie nie ein anderer getan hat, so wären sie ohne Schuld. N u n aber haben sie mich gesehen und trotzdem mich u n d meinen Vater gehaßt. Aber es m u ß t e das Wort aus
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ihrem Gesetz in Erfüllung gehen: »Sie haben mich ohne Grund gehaßt.«
Das Wirken des heiligen Geistes

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Wenn aber der Beistand, der Spender des Geistesmutes k o m m t , den ich euch v o m Vater her senden werde, der Geist der Wahrheit und Erkenntnis, der v o m Vater ausgeht, so wird er für mich zeugen. U n d auch ihr werdet meine Zeugen sein, denn v o m Urbeginne an seid ihr mit mir verbunden. Diese Worte habe ich zu euch gesprochen, damit euer Ich nicht strauchelt. Sie werden euch aus ihrer Gemeinschaft ausstoßen, und es wird die Stunde k o m m e n , da die, die euch töten, glauben werden, Gott einen Dienst damit zu erweisen. So werden sie handeln, weil sie weder den Vater noch mich erkannt haben. Ich habe euch das alles gesagt, damit ihr, wenn die Zeit k o m m t , euch daran erinnert, daß ich es euch gesagt habe. Solches habe ich euch anfangs nicht zu sagen brauchen, denn ich war selbst bei euch. Jetzt aber gehe ich hin zu dem, der mich gesandt hat; und keiner von euch fragt mich: Wohin gehst du? Jetzt, da ich solches zu euch gesagt habe, zieht Traurigkeit in eure Herzen ein. Aber ich sage euch die Wahrheit: Es ist zu eurem Heil, daß ich hingehe. Denn ginge ich nicht hin, so k ä m e der Beistand, der Spender des Geistesmutes, nicht zu euch. Wenn ich nun hingehe, werde ich ihn zu euch senden. Wenn er k o m m t , wird er die Menschheit zur Rechenschaft ziehen wegen des Verfallenseins in die Sündenkrankheit, wegen der Durchdringung mit dem höheren Sein und wegen der großen Welt-Entscheidung. Wegen des Verfallenseins in die Sündenkrankheit, weil sie sich nicht mit meiner Kraft erfüllen. Wegen der Durchdringung mit dem höheren Sein, weil ich zum Vater gehe und ihr mich nicht mehr seht. Wegen der großen Welt-Entscheidung, weil über den Gebieter dieser Welt die Entscheidung bereits gefallen ist. Ich habe euch noch viel zu sagen; aber ihr könnt es
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jetzt nicht tragen. Wenn aber jener k o m m t , der Geist der 13 Wahrheit und Erkenntnis, so wird er euer Führer sein auf dem Wege zu der umfassenden Wahrheit. Er wird nicht aus sich selber sprechen, sondern was er hört, das spricht er aus, und das K o m m e n d e wird er euch verkünden. Mein Wesen 14 wird er offenbaren; denn was er aus meinem Wesen schöpft, das wird er euch verkünden. Alles, was der Vater hat, ist auch rj mein. Deshalb habe ich gesagt: Er wird es aus meinem Wesen schöpfen und euch verkündigen.
Das Wiedersehen mit den Jüngern

N o c h eine kurze Zeit, und ihr werdet mich nicht mehr sehen. U n d wiederum eine kurze Zeit, und ihr werdet mich sehen. Da sprachen einige seiner Jünger untereinander: Was meint er: eine kurze Zeit, und ihr werdet mich nicht sehen, und noch einmal eine kurze Zeit, und ihr werdet mich sehen? und: ich gehe zum Vater? U n d so sprachen sie: Was ist damit gemeint, wenn er sagt: eine kurze Zeit? Wir verstehen seine Worte nicht. Jesus erkannte, daß sie ihn fragen wollten, u n d sprach: Ihr macht euch untereinander Gedanken darüber, daß ich gesagt habe: Eine kurze Zeit, und ihr werdet mich nicht sehen, und noch einmal eine kurze Zeit, und ihr werdet mich sehen. Ja, ich sage euch: Ihr werdet weinen und wehklagen, und die Menschen werden sich freuen. Ihr werdet traurig sein, aber eure Traurigkeit wird in Freude verwandelt werden. Ein Weib, das gebiert, hat Schmerz zu leiden; denn ihre Stunde ist g e k o m m e n . Hat sie aber das Kind geboren, so gedenkt sie der Drangsal nicht mehr vor lauter Freude, daß ein Mensch in die Welt hereingeboren worden ist. So habt auch ihr jetzt Schmerz zu leiden. Aber ich will euch wiedersehen, und dann wird euer Herz voll Freude sein, und diese Freude kann euch niemand rauben. An diesem Tage werdet ihr mich nichts zu fragen brauchen. Ja, ich sage euch: Was ihr fortan v o m Vater erbitten werdet, das wird er euch in mei273

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24 nem N a m e n geben. Bisher habt ihr noch nicht in meinem N a m e n gebeten. Bittet aus dem Herzen, und es wird eurem Herzen gegeben werden, so daß eure Freude Erfüllung finde.
Das unmittelbare Sprechen vom Vater

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Das alles habe ich in Bildworten zu euch gesprochen. Aber es k o m m t die Stunde, da ich nicht mehr in Bildworten zu euch sprechen werde. D a n n werde ich offen und unmittelbar zu euch von dem Vater sprechen. An j e n e m Tage werdet ihr in meinem N a m e n bitten. Ich sage nicht, daß ich für euch den Vater bitten werde. D e n n der Vater selbst liebt euch, weil ihr mich geliebt und weil ihr geglaubt habt, daß ich v o m Vater k o m m e . Ich bin aus dem Vater hervorgegangen und in die irdische Welt gekommen. U n d nun verlasse ich die Welt der Sinne wieder und gehe zum Vater. Da sagen seine Jünger: Siehe, jetzt sprichst du es offen und unmittelbar aus u n d sprichst nicht in Bildworten. Jetzt erkennen wir, daß vor dir alles offen daliegt. Du bedarfst dessen nicht, daß jemand dich fragt. U n d so bekennt sich unser Herz dazu, daß du v o m Vater k o m m s t . U n d Jesus antwortete: Fühlt ihr jetzt in eurem Herzen meine Kraft? Siehe, es k o m m t die Stunde, und sie ist schon gekommen, da ihr alle auseinandergetrieben werdet, ein jeder in seine Ichheit. Dann werdet auch ihr mich allein lassen. Aber ich bin nicht allein, sond e m der Vater ist bei mir. Diese Worte habe ich zu euch gesprochen, damit ihr in mir den Frieden findet. In der Welt werdet ihr hart bedrängt. Aber fasset Mut: Ich habe die Welt überwunden.
Das Hohepriesterliche Gebet

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Als er das gesagt hatte, erhob Jesus seine A u g e n zur Schau des Geistes und sprach: Väterlicher Weltcngrund, die Stunde ist gekommen; offenbare deines Sohnes Wesen, damit dein 2 Sohn dein Wesen offenbare. D u hast ihn zur schaffenden
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Kraft gemacht in allen irdischen Menschenleibern, damit er allen, die durch dich zu ihm kamen, das wahre Leben verleihe. Das aber ist das wahre Leben, daß sie dich erkennen als den wahrhaft einigen Weltengrund und Jesus Christus als den, den du zu ihnen gesandt hast. Ich habe auf der Erde dein Wesen geoffenbart und das Werk vollendet, das du mir zu tun auferlegt hast. U n d nun, väterlicher Weltcngrund, lasse du mein Wesen offenbar werden in dem Lichte, das mich bei dir umstrahlte, ehe die Welt noch bestand. Ich habe deinen N a m e n zur Erscheinung gebracht für die Menschen, die durch dich aus der Welt zu mir kamen. Dein waren sie, und du gabst sie mir, und sie haben dein Wort in ihrem Inneren bewahrt. So haben sie erkannt, daß alles, was du mir gegeben hast, aus dir ist; denn alle Worteskraft, die du mir gegeben hast, habe ich zu ihnen gebracht. Sic haben sich damit erfüllt und haben wirklich erkannt, daß ich von dir k o m m e , und sind zu dem Glauben g e k o m m e n , daß ich von dir gesandt bin. Für sie als einzelne Menschen, nicht für die Menschen im allgemeinen, bitte ich bei dir. N u r für die M e n schen, die du mir gegeben hast, weil sie dir gehören. Alles, was mein ist, das ist dein, und was dein ist, ist mein, und meines Wesens Licht kann in ihnen leuchten. Ich bin nun nicht mehr in der Welt der Sinne; sie aber sind noch in der Welt der Sinne. U n d ich k o m m e zu dir. Heiliger Vater, bewahre sie, die durch dich zu mir kamen, in der Kraft deines Wesens, damit sie eine Einheit seien, so wie wir eine Einheit sind. Solange ich bei ihnen war, habe ich die, die durch dich zu mir kamen, in der Kraft deines Wesens bewahrt und behütet, und keiner von ihnen ist verlorengegangen außer dem, der sich zum Werkzeug des Verderbens macht, und damit ist die Schrift in Erfüllung gegangen. Jetzt k o m m e ich zu dir, und ich spreche diese Worte noch unter den Menschen aus, damit meine Freude sich in ihnen erfüllen kann. Ich habe dein Wort zu ihnen gebracht; die Menschen aber haben sie gehaßt, 275

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weil sie nicht aus ihrer Welt sind, so wie auch ich nicht aus 15 ihrer Welt bin. Meine Bitte ist nicht, daß du sie herausnimmst aus der Welt des Irdischen, sondern daß du sie vor 16 dem Bösen bewahrst. Sie sind nicht aus der Welt des Irdi17 sehen, so wie ich auch nicht aus dieser Welt bin. Heilige sie 18 durch die Wahrheit. Dein Wort ist die Wahrheit. Wie du mich in die Welt gesandt hast, so habe ich jetzt sie in die Welt 19 gesandt. U n d ich heilige mich für sie, damit sie geheiligt seien in der Wahrheit. 20 U n d nicht nur für sie bitte ich bei dir, sondern auch für die, die sich durch ihre Verkündigung mit mir verbinden 21 werden, damit sie alle eine Einheit seien; so wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, so sollen sie in uns sein, damit die Welt 22 zum Glauben k o m m e , daß du mich gesandt hast. Ich habe ihnen die Kraft der Offenbarung gegeben, die du mir gegeben hast, damit sie eine Einheit seien, wie wir eine Einheit 23 sind. Ich bin in ihnen, und du bist in mir, und so werden sie zu einer vollkommenen Einheit geweiht, damit die Welt erkennt, daß du mich gesandt hast und daß du sie liebst, wie du mich hebst. 24 Väterlicher Weltcngrund, das ist mein Wille, daß sie, die du mir gegeben hast, immer da, w o Ich bin, bei mir sind und daß sie da die Offenbaruno; meines Wesens schauen, die du 25 mir gegeben hast, bevor die Welt war. Erhabener Vatergrund, die Erdenmenschen haben dich nicht erkannt; ich aber erkenne dich, und diese haben erkannt, daß du mich gesandt 20 hast. Ich habe ihnen deinen N a m e n geoffenbart, und ich will ihn weiterhin offenbaren, auf daß die Liebe, mit der du mich geliebt hast, in ihnen sich bewahre und so mein Ich in ihrem Ich sich offenbare. Gefangennahme 1ö Nach diesen Worten verließ Jesus mit seiner Jüngern das Haus und überquerte den tosenden Kidronbach. Auf dem 276

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anderen Ufer war ein Garten. In diesen Garten trat er mit seinen Jüngern ein. Diesen Ort kannte auch Judas, der ihn verriet; denn oftmals hatte Jesus seine Jünger dort u m sich versammelt. So nahm denn Judas eine Abteilung von der römischen Kohorte und dazu einige v o n den Dienern der Hohenpriester und der Pharisäer und kam an mit Fackeln und Laternen und mit Waffen. Jesus n a h m im Geiste alles wahr, was ihm bevorstand, und so trat er heraus und sprach zu ihnen: Wen suchet ihr? Sic antworteten: Jesus von Nazarcth. Er sprach: Ich Bin es! Bei ihnen stand auch Judas, der ihn verriet. Als er nun zu ihnen sprach: Ich bin's, fuhren sie zurück und stürzten zu Boden. U n d noch einmal fragte er sie: Wen suchet ihr? Sie antworteten wieder: Jesus von Nazareth. U n d Jesus sprach: Ich sagte es euch: Ich Bin es. Wenn ihr mich sucht, so laßt diese ihrer Wege gehen. Es sollte sich das Wort erfüllen, das er gesprochen hatte: Von denen, die du mir gegeben hast, lasse ich nicht einen einzigen verlorengehen. Simon Petrus besaß ein Schwert. Das zückte er und schlug damit auf den Diener des Hohenpriesters ein und hieb ihm das rechte O h r ab. Der N a m e dieses Dieners war Malchus. Da sprachJesus zu Petrus: Stecke dein Schwert in die Scheide! Soll ich den Kelch nicht trinken, den mir der Vater gegeben hat? Da ergriffen sie Jesus, die Soldaten und der Befehlshaber und die Diener der Juden, und fesselten ihn und führten ihn zuerst zu Hannas. Dieser war der Schwiegervater des Kajaphas, der in diesem Jahre das A m t des Hohenpriesters innehatte. Kajaphas war es gewesen, der den Juden den Rat gegeben hatte, es sei gut, wenn ein Mensch für das Volk stürbe.
Verleugnung des Petrus und Anklage vor dem Hohenpriester

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Es folgten Jesus nach Simon Petrus und ein anderer J ü n - 15 gcr. Dieser Jünger war ein Bekannter des Hohenpriesters und ging mit Jesus hinein in die Halle des hohenpriesterlichen
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16 Hauses. Petrus stand draußen vor dem Tor. Da ging der andere Jünger, der Bekannte des Hohenpriesters, und sprach 17 mit der Türhüterin und führte Petrus hinein. Da sprach die Magd, die das T o r hütete, zu Petrus: Gehörst du nicht auch zu den Jüngern dieses Menschen? Er antwortete: Ich bin es 18 nicht. D o r t standen die Knechte und Diener u m h e r und hatten, u m sich zu wärmen, ein Kohlenfeuer gemacht, denn es war kalt. Z u ihnen stellte sich Petrus und w ä r m t e sich. 19 Unterdes fragte der Hohepriester Jesus nach seinen Jün20 gern und nach seiner Lehre. Jesus antwortete ihm: Ich habe öffentlich vor aller Welt gesprochen. Allezeit habe ich in der Synagoge und im Tempel gelehrt, w o alle Juden zusammen21 k o m m e n . Ich habe nichts im Geheimen verkündigt. W a r u m fragst du mich? Frage doch die, die gehört haben, was ich zu ihnen sprach. Siehe, sie wissen, was ich, ganz aus mir heraus, 22 verkündigt habe. Als er das sagte, gab einer der dabeistehenden Diener Jesus einen Backenstreich und sprach: Wagst du 23 es, dem Hohenpriester so zu antworten? Jesus sprach zu ihm: Habe ich unrecht geredet, so beweise, daß es unrecht war. Habe ich aber richtig geredet, w a r u m schlägst du mich denn? 24 Da schickte ihn Hannas gefesselt vor den Hohenpriester Kajaphas. 25 Simon Petrus stand noch da und wärmte sich. U n d sie sprachen zu ihm: Gehörst du nicht auch zu seinen Jüngern? Er 26 verneinte es und sprach: Ich bin's nicht. Da sprach einer von den Knechten des Hohenpriesters, ein Verwandter dessen, dem Petrus das O h r abgeschlagen hatte: Habe ich dich nicht 27 im Garten bei ihm gesehen? Wieder verneinte Petrus, und in diesem Augenblicke krähte der Hahn.
Verhandlung vor Pilatus

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Von Kajaphas führten sie Jesus in das römische Gerichtshaus. Es war in der ersten Morgenfrühe. Sie gingen selbst nicht mit hinein in das Gerichtshaus, um sich nicht zu verun-

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reinigen, sondern das Passah essen zu können. So trat Pilatus zu ihnen heraus und sprach: Welche Anklage bringt ihr gegen diesen Menschen vor? Sie antworteten: Wäre er nicht ein Übeltäter, so hätten wir ihn nicht zu dir gebracht. Da sprach Pilatus zu ihnen: N e h m e t ihn selbst und haltet über ihn Gericht nach eurem Gesetz. Die Juden aber sprachen: Wir haben keine Vollmacht, einen Menschen zu töten. Es sollte sich das Wort Jesu erfüllen, als er auf die Art des Todes deutete, der ihm bevorstand. Da ging Pilatus wieder in das Innere des Gerichtshauses, rief Jesus herbei und sprach zu ihm: Bist du der König der Juden? Jesus antwortete: Sagst du das aus dir selber, oder haben dir das andere über mich gesagt? Pilatus sprach: Bin ich denn selbst ein Jude? Dein eigenes Volk und die Hohenpriester haben dich mir übergeben. Was hast du getan? Jesus antwortete: Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Wäre mein Reich von dieser Welt, so hätten meine Diener für mich gekämpft und hätten mich nicht in die Hände der Juden fallen lassen. Aber mein Reich ist nicht von hier. D a fragte Pilatus: Bist du denn ein König? Jesus erwiderte: Du m u ß t es sagen, ob ich ein König bin. Ich bin in die irdische Welt zur Geburt herabgestiegen, u m für die Wahrheit zu zeugen. Jeder, der aus der Welt der Wahrheit stammt, hört meine Stimme. Da sprach Pilatus zu ihm: Was ist Wahrheit? U n d als er das gesagt hatte, trat er wieder heraus zu den Juden und sprach zu ihnen: Ich finde keine Schuld an ihm. N u n herrscht aber doch bei euch der Brauch, daß ich euch z u m Passahfest einen Gefangenen freigebe. Wenn ihr wollt, so gebe ich euch den König der Juden frei. Aber sie schrien zurück: Nicht diesen, sondern Barabbas! Barabbas aber war ein Mörder.
Domenkrönung

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Da nahm Pilatus Jesus und ließ ihn geißeln. U n d die Sol- 1 7 daten flochten eine Krone aus Dornen und setzten sie ihm auf
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das Haupt und legten ihm einen Purpurmantel u m , schritten 3 auf ihn zu und sprachen: Heil dir, König der Juden! U n d sie 4 schlugen ihm ins Gesicht. U n d von n e u e m trat Pilatus hervor und sprach zu ihnen: Seht, so führe ich ihn zu euch heraus, i damit ihr erkennt, daß ich keine Schuld an i h m finde. U n d Jesus k a m heraus, die Dornenkrone und den Purpurmantel tragend. U n d er sprach zu ihnen: Siehe, das ist der Mensch. 6 Als ihn die Hohenpriester und die Tempcldiener sahen, schrien sie laut: Kreuzige, kreuzige ihn! Da sprach Pilatus zu ihnen: N e h m e t ihr ihn selbst und kreuzigt ihn, denn ich finde 7 keine Schuld an ihm. Da antworteten die Juden: Wir haben ein Gesetz, und nach dem Gesetze m u ß er sterben, denn er hat sich zu einem Gottessohn gemacht.
Verurteilung

8 Als Pilatus dieses Wort vernahm, erschrak er noch mehr y und ging wieder hinein in das Gcrichtshaus und sprach zu Jesus: Woher hast du deinen Auftrag? Aber Jesus gab i h m io keine Antwort. Da sprach Pilatus zu ihm: Willst du zu mir nicht sprechen? Weißt du nicht, daß ich Vollmacht habe, dich 11 zu befreien, und auch, dich ans Kreuz zu schlagen? Jesus antwortete: D u hättest keine Macht über mich, wäre sie dir nicht von einem Höheren gegeben. D a r u m fällt die schwerere 12 Schicksalslast auf den, der mich dir überantwortet hat. D a r aufhin versuchte Pilatus ihn freizulassen. Die Juden aber schrien: Wenn du ihn freiläßt, so bist du des Cäsars Freund nicht mehr. Denn jeder, der sich selbst zum Könige macht, i3 widerstreitet dem Cäsar. Als er diese Worte gehört hatte, führte Pilatus Jesus heraus und setzte sich auf den Richterstuhl an der Stätte, die man das Steinpflaster nannte, auf 14 hebräisch Gabbatha. Es war amRüsttagedes Passahfestes u m die Mittagsstunde. U n d er sprach zu den Juden: Seht, das ist i> euer König. Jene aber schrien: Weg mit ihm, weg mit ihm, kreuzige ihn! Pilatus fragte: Soll ich euren König kreuzigen?
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U n d die Hohenpriester antworteten: Wir haben keinen König außer dem Cäsar. Da gab er ihnen Jesus preis zur 16 Kreuzigung.
Kreuzigung

U n d sie griffen Jesus, und er trug das Kreuz hinaus zur Schädel-Stätte, auf hebräisch Golgotha. D o r t kreuzigten sie ihn und mit ihm zwei andere, den einen auf der einen, den andern auf der andern Seite, Jesus aber in der Mitte. Pilatus hatte eine Aufschrift geschrieben und heftete sie an das Kreuz. Darauf stand: JESUS VON N A Z A R E T H , DER K ö N I G DER J U D E N . Diese Aufschrift lasen viele Juden, denn die Stätte, w o Jesus gekreuzigt wurde, lag nahe bei der Stadt. Die Aufschrift war in hebräischer, lateinischer und griechischer Sprache geschrieben. Da sprachen die Hohenpriester der Juden zu Pilatus: Schreibe nicht »der König der Juden«, sondern »jener sprach: Ich bin der König der Juden«. Pilatus aber antwortete: Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben.

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Als n u n die Soldaten Jesus an das Kreuz geschlagen hat- 23 ten, nahmen sie seine Gewänder und teilten sie in vier Teile und gaben j e d e m Soldaten einen Teil. Dann nahmen sie auch den Mantel. Dieser Mantel war ungenäht, von oben bis unten aus einem Stück gewebt. Da sprachen sie zueinander: 24 Laßt uns den nicht zerteilen, sondern das Los werfen, w e m er gehören soll. Es sollte sich das Wort der Schrift erfüllen: »Sie haben meine Kleider unter sich geteilt, und u m meinen M a n tel haben sie das Los geworfen.« Die Soldaten n u n taten dies. Es standen bei dem Kreuze Jesu seine Mutter und die 25 Schwester seiner Mutter, die Maria des Kleophas, und Maria von Magdala. Als nun Jesus seine Mutter dastehen sah und 26 den Jünger, den er liebhatte, sprach er zu der Mutter: Weib, siehe, das ist dein Sohn. U n d dann sprach er zu dem Jünger: 27 Siehe, das ist deine Mutter. U n d von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich.
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Der Tod

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Danach nahm Jesus im Geiste -wahr: Alles ist der WeiheTat-Vollendung nahe, und damit das Wort der Schrift an sein Ziel k o m m e , sprach er: M i c h dürstet. Es stand dort ein Gefäß mit Essig. U n d sie tränkten einen Schwamm mit Essig, legten ihn u m einen Ysopzweig und hielten ihn ihm an den M u n d . U n d als Jesus den Essig g e n o m m e n hatte, sprach er: Die Vollendung ist da. D a n n neigte er sein Haupt und hauchte seinen Atem aus. Da es der Rüsttag war, wollten die Juden nicht, daß die Leiber den Sabbat über am Kreuze blieben, denn dieser Sabbat war ein hoher Festtag. So baten sie Pilatus, man solle ihnen die Beine brechen und sie v o m Kreuze nehmen. So kamen denn die Soldaten und brachen zuerst dem einen, dann dem andern Mitgekreuzigten die Beine. Als sie zu Jesus kamen u n d sahen, daß er schon gestorben war, brachen sie ihm die Beine nicht. Einer aber v o n den Soldaten stieß mit der Lanze in seine Seite, und sogleich floß Blut und Wasser heraus. Das hat der, der es sah, selber bezeugt, und sein Zeugnis ist wahr. U n d er weiß, daß er die Wahrheit spricht, damit auch ihr den Weg des Glaubens findet. Das alles geschah, damit sich das Wort erfüllte: »Man wird i h m die Gebeine nicht zerbrechen«, — und auch die andere Stelle der Schrift: »Schauen werden sie den, den sie durchstochen haben.«
Grablegung

Danach kam Joseph von Arimathia zu Pilatus und bat ihn, den Leib Jesu v o m Kreuze nehmen zu dürfen. Er war ein Jünger Jesu, blieb jedoch als solcher im verborgenen aus Furcht vor den Juden. Pilatus gab ihm die Erlaubnis. So kam 39 er denn und n a h m seinen Leib herab. Auch N i k o d e m u s kam, der zuerst im Nachtbereich zu Jesus g e k o m m e n war, und
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brachte an die hundert Pfund von einer Mischung aus Myrrhe und Aloe. U n d sie nahmen den Leib Jesu und banden 40 ihn in Bänder ein, die mit Balsamgewürzen getränkt waren, wie m a n es bei den Juden zur Grablegung zu tun pflegte. An 41 der Stätte der Kreuzigung war ein Garten, und in dem Garten war ein neues Grab, in das noch nie ein Mensch gelegt w o r den war. Dahinein legten sie Jesus aus Rücksicht auf den 42 Rüsttag der Juden, denn das Grab war nahe.
Die Auferstehung

A m ersten Tage nach dem Sabbat k o m m t Maria v o n Magdala, als das erste Licht des Morgens die Dunkelheit durchbricht, an das Grab und sieht, daß der Stein abgehoben ist. U n d sie läuft und k o m m t zu Simon Petrus und zu dem anderen Jünger, den Jesus Hebhatte, und spricht zu ihnen: Sie haben den Herrn aus dem Grabe geholt, und wir wissen nicht, wohin sie ihn gebracht. U n d so machten sich Petrus und der andere Jünger auf den Weg an das Grab. Sie liefen beide miteinander, und der andere Jünger lief schneller u n d überholte Petrus und k a m als erster an das Grab. Er beugte sich vor und sah die Leichentücher liegen, aber er ging nicht hinein. D a n n kam auch Simon Petrus, der ihm folgte, an und ging sogleich hinein in das Grab. U n d er sah die Leinentücher dort hegen, und das Schweißtuch, das auf seinem Haupt gelegen hatte. Es lag aber nicht bei den anderen Tüchern, sondern abseits zusammengeknäuelt an einem besonderen ()rt. D a ging auch der andere Jünger hinein, der zuerst an das (irab g e k o m m e n war, und sah, und Seelensicherheit des (Glaubens zog in ihn ein. D e n n noch war ihnen der Sinn des Schriftwortes verborgen geblieben, daß er v o m Tode auferstehen würde. U n d die Jünger kehrten wieder zurück in ihr I laus.

ZU

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Erscheinung vor Maria von Magdala

TT Maria aber stand draußen vor dem Grabe und weinte. 12 U n d weinend beugt sie sich vor in das Grab und sieht zwei Engel in leuchtendhellen Gewändern dasitzen, den einen an der Kopfseite, den andern zu Füßen, da, w o der Leib Jesu 13 gelegen hatte. U n d sie sprechen zu ihr: Weib, w a r u m weinst du? Sie antwortet: Sie haben meinen Herrn w e g g e n o m m e n , 14 und ich weiß nicht, wohin sie ihn gebracht. U n d während sie das sagte, wandte sie sich u m und sieht Jesus stehen, erkennt 15 aber nicht, daß es Jesus ist. U n d Jesus spricht zu ihr: Weib, w a r u m weinst du, wen suchest du? Er erschien ihr als der Gärtner, und sie spricht zu ihm: Herr, hast du ihn fortgenommen, so sage mir, wohin du ihn gebracht, damit ich ihn holen 16 kann. Jesus spricht zu ihr: Maria! U n d wieder -wendet sie sich u m und sagt zu ihm auf hebräisch: Rabbuni, das heißt: Mei17 ster. Jesus aber sagt zu ihr: Rühre mich nicht an, denn noch bin ich nicht aufgestiegen zu dem väterlichen Weltengrunde. Gehe jetzt zu meinen Brüdern und sprich zu ihnen: Ich steige empor z u m Weltengrunde, der väterlich mir und euch das Dasein gibt, der als göttliche Kraft lebt in mir und auch in 18 euch. Da geht Maria von Magdala und bringt den Jüngern die Botschaft: Ich habe den Herrn gesehen, und diese Worte hat er zu mir gesprochen.
Erscheinung vor den Jüngern

A m Abend dieses Tages, des ersten Tages nach dem Sabbat, hatten die Jünger die Türen des Raumes, in 'welchem sie waren, aus Furcht vor den Juden verschlossen. D a kam Jesus und trat in ihre Mitte und sprach zu ihnen: Friede sei mit 20 euch! U n d -während er diese W o r t e sprach, zeigte er ihnen seine H ä n d e und seine Seite. Da erkannten die Jünger voller 21 Freude den Herrn. U n d er sprach noch einmal: Friede sei mit 22 euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sendeich euch. U n d
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als er das gesagt hatte, hauchte er sie mit seinem Atem an und sprach: N e h m e t hin heiligen Geist! Die ihr aus der Sünde 21 löset, sollen aus ihr gelöst sein, und die ihr in ihr verharren laßt, sollen in ihr verharren. T h o m a s , einer von den Zwölfen, den man den Zwilling 24 nannte, war nicht dabei, als Jesus kam. Nachher sprachen die %,$ anderen Jünger zu ihm: Wir haben den Herrn gesehen. Er entgegnete ihnen: Wenn ich nicht das Mal der Nägel sehen kann in seinen Händen und meinen Finger in die Nägelmale und meine Hand in seine Seite legen kann, so kann ich es nicht glauben.
Erscheinung vor Thomas

U n d nach acht Tagen waren seine Jünger wieder im innern R a u m versammelt, und Thomas war dabei. Da k a m Jesus bei verschlossenen Türen, trat in ihre Mitte und sprach: Friede sei mit euch! U n d dann sprach er zu Thomas: Reiche deinen Finger her und siehe meine Hände, und reiche deine Hand her und lege sie in meine Seite, und bleib nicht starr in deinem Herzen; fühle vielmehr in deinem Herzen meine Kraft! D a sprach T h o m a s zu ihm: D u bist der Herr meiner Seele, du bist der Gott, dem ich diene. U n d Jesus sprach zu ihm: Weil du mich geschaut hast, hast du meine Kraft in dir gefunden? Selig sind, die meine Kraft im Herzen finden, auch wenn ihr Auge mich nicht sieht.

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N o c h viele andere Zeichen vollbrachte Jesus vor den 30 Augen seiner Jünger. Sie sind in diesem Buch nicht aufgezeichnet. Was aber in diesem Buche steht, das ist geschrie- 31 ben, damit in euch die Seelensicherheit entsteht, daß Jesus der Christus ist, der Sohn Gottes. U n d wenn ihr diese Seelensicherheit gewinnt, so findet ihr durch seines N a m e n s Kraft das wahre Leben.

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Das Frühmahl am See

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Danach offenbarte sich Jesus den Jüngern von neuem am Ufer des Meeres von Tiberias. Diese Offenbarung kam so zustande. Es waren beisammen Simon Petrus, T h o m a s , den man den Zwilling nannte, Nathanael aus Kana in Galiläa, die Zebedäussöhne und noch zwei andere von seinen Jüngern. Da sagt Simon Petrus zu ihnen: Ich will gehen, u m die Netze auszuwerfen. U n d sie antworten: Wir wollen mit dir gehen. U n d sie verließen das Haus und stiegen in das Schiff. Aber in dieser Nacht fingen sie nichts. Als schon der M o r g e n heraufstieg, stand Jesus am Gestade. Die Jünger jedoch erkannten nicht, daß er es war. Da spricht Jesus zu ihnen: Kindlein, habt ihr nichts zu essen? Sie antworten ihm: Nein. U n d er sagt zu ihnen: Werfet auf der rechten Seite des Schiffes euer Netz aus, und ihr werdet zu essen haben. Als sie das Netz auswarfen, vermochten sie es kaum mehr zu ziehen, so groß war die Fülle der Fische. Da sagt jener Jünger, den Jesus liebhatte, zu Petrus: Es ist der Herr! U n d als Simon Petrus hörte, daß es der H e r r sei, fuhr er in sein Gewand und gürtete es u m , denn er war nackt, und warf sich ins Meer. Die anderen Jünger kamen mit dem Schiffe nach. Sie waren nur noch zweihundert Ellen v o m Lande entfernt und zogen das Netz mit den Fischen heran. Als sie nun ans Land stiegen, sehen sie ein Kohlenfeuer angelegt und Fisch und Brot darauf. U n d Jesus spricht zu ihnen: Bringet herbei von den Fischen, die ihr eben gefangen habt. D a stieg Simon Petrus hinauf und zog das volle Netz ans Land mit hundertdreiundfünfzig großen Fischen. Trotz der großen Zahl zerriß das Netz nicht. U n d Jesus spricht zu ihnen: K o m m t zum Mahle! Keiner von den Jüngern wagte es, ihn auszuforschen: Wer bist du? Sehend erkannten sie, daß es der Herr war. U n d Jesus k o m m t und n i m m t das Brot u n d gibt es ihnen. Das gleiche tut er mit den Fischen. Das v a r bereits das dritte Mal, daß
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Jesus sich den Jüngern offenbarte als der v o m Tode Auferstandene.
Auftrag an Petrus undJohannes

Als sie das Mahl gehalten hatten, sagt Jesus zu Simon Petrus: Simon, Sohn des Jona, hebst du mich mehr als die andern? Er antwortet: Ja, Herr, du weißt, daß ich dich liebhabe. U n d er spricht zu ihm: Weide meine Lämmer! U n d er fragt ihn zum zweiten Male: Simon, Sohn des Jona, liebst du mich? U n d er antwortet: Ja, Herr, du weißt, daß ich dich liebhabe. U n d er spricht zu ihm: Sei der Hirte meiner Schafe! U n d zum dritten Male fragt er ihn: Simon, Sohn des Jona, hast du mich Heb? D a w u r d e Petrus betrübt, daß er ihn z u m dritten Male fragte: Hast du mich lieb? U n d er antwortete: Herr, dein wissendes Auge sieht alles, du weißt, daß ich dich liebhabe. U n d Jesus spricht zu ihm: Weide meine Schafe! Ja, ich sage dir: Solange du j u n g warst, gürtetest du dich selbst und strebtest nach selbstgewählten Zielen. Wenn du aber des Alters Reife erlangst, so wirst du deine H ä n d e ausstrecken, und ein anderer wird dich gürten und dein Führer sein zu Zielen, die du dir nicht selber gibst. Mit diesem Wort gab er ihm ein Bild von der Art des Sterbens, durch die das Göttliche in i h m zur Offenbarung k o m m e n sollte. U n d er fährt fort und sagt zu ihm: Folge mir nach! D a wendet sich Petrus u m und sieht, wie der Jünger, den Jesus liebhatte, ihm nachfolgte. Das war der, der beim Mahle an seiner Brust gelegen und gesprochen hatte: Herr, wer ist es, der dich verrät? Als Petrus ihn sieht, sagt er zu Jesus: Herr, welches ist sein Auftrag? Jesus antwortet ihm: Wenn ich ihn dazu bestimme, zu bleiben bis zu meiner Wiederkunft, so stört das deine Wege nicht. Folge du mir nach! Von nun an verbreitete sich unter den Jüngern das Wort: Dieser Jünger wird nicht sterben. Aber Jesus sprach nicht zu Petrus: Er wird nicht sterben, sondern: Wenn ich ihn dazu bestimme, zu blei287

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ben bis zu meiner Wiederkunft, so stört das deine Wege nicht. 24 Dieses ist der Jünger, der alles dies bezeugt. Er schrieb es nieder, und wir erkennen, daß sein Zeugnis die Wahrheit ist. 25 N o c h vieles andere hat Jesus vollbracht. Sollte jedoch alles nacheinander aufgeschrieben -werden, so meine ich, die Welt hätte nicht genügend R a u m für die Bücher, die zu schreiben wären.

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