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AMOKLÄ UFER

Und dann ist er Rambo
Die Namen der Orte Emsdetten, Erfurt, Littleton wecken Erinnerungen an schreckliche Amokläufe. Kontaktgestörte Jugendliche, gesellschaftliche Einzelgänger oder der psychische Blackout des netten Menschen von nebenan lauten dann die Täterbeschreibungen. Seit 1999 in Littleton, USA, zwei Schüler hemmungslos auf ihre Mitschüler schossen, sucht man nach Erklärungen für solche unfassbaren Taten, die sich in Abständen wiederholen, so auch in Erfurt und vier Jahre später in Emsdetten. Gründe werden gesucht in brutalen Video-Spielen, Heavy Metal und der Faszination von Waffen. Mit seinem Dokumentarfilm "Bowling for Columbine" hat Michael Moore eine Oskar-prämierte Analyse zum Verständnis der jugendlichen Psyche beigesteuert.

Prokino Film: "Bowling for Columbine"

Todesschütze Cho: „Er wird ein wilder Mensch sein – seine Hand wider jedermann erheben wie jedermanns Hand wider ihn“

USA

„Ihr habt mein Herz verwüstet“
Warum hat niemand den Massenmörder von Blacksburg aufgehalten? Wie in einem Lehrbuch der Psychiatrie war vorgezeichnet, dass der eigenbrötlerische Einwanderersohn Cho Seung Hui sich zu einer Gefahr für seine Umgebung entwickelte. Obwohl Ärzte ihm eine psychische Erkrankung attestiert hatten, konnte er sich im waffenverliebten Virginia zwei Automatikpistolen kaufen.

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ielleicht wäre alles anders gekommen, wenn Lucinda Roy nur ein wenig mehr Angst kennen würde. Aber wovor soll man sich schon fürchten, wenn man im vom Bürgerkrieg zerrissenen Sierra Leone gelebt hat und dann, endlich, zurückkehrt in das Idyll von Virginia Tech, dem weitläufigen Campus der Technischen Universität von Virginia am Fuß der Blauen Berge? Sattgrüne Rasenflächen liegen zwischen Gebäuden aus grobem gelbem Sandstein, es gibt kleine künstliche Seen, einen Naturwanderpfad, die Volleyballplätze sind mit strahlend weißem Sand aufgeschüttet. „Meine Heimat“ nennt die Professorin für Poesie und kreatives Schreiben ihre Uni-

versität, „einen Platz, an dem es keine Verbrechen gibt“. Nicht einmal Cho Seung Hui machte ihr Angst, dieser Sonderling unter den 25 000 Studenten. Stets sprach er nur im Flüsterton und meist auch nur ein einziges Wort – wenn überhaupt. Er trug selbst im Unterricht Sonnenbrille und Baseball-Kappe, den Blick starr auf den Boden gewandt. Seine Gedichte und Geschichten handelten vom Tod und waren so gewalttätig und obszön, dass Mitschüler den Kursen fernblieben. Professoren weigerten sich, Cho in ihren Klassen zu behalten. „Er war der einsamste Mensch, den ich in meinem Leben je getroffen habe“, sagt Roy über ihn. „Er sah aus, als würde er
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hinter seiner Sonnenbrille weinen.“ Sie gab ihm Einzelunterricht, als kaum jemand auf dem Campus mit dem düsteren Cho zu tun haben wollte. Verwirrt schien ihr der Einwanderersohn, hilfebedürftig, so sehr sogar, dass sie ihn drängte, psychologische Beratung zu suchen. Nur für wirklich gefährlich hielt sie ihn nicht. Bis zum vorigen Montag, als Cho 32 Menschen hinrichtete und sich dann selbst erschoss. „Dieser Täter war ungeheuer brutal“, fasste ein erschütterter Gerichtsmediziner zusammen. Das Massaker von Blacksburg, Virginia, ist die bisher blutigste Schießerei der jüngeren amerikanischen Geschichte, eine Gewalttat, schlimmer noch als die Morde an

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Ausland

Mahnwache auf dem Virginia-Tech-Campus: Die Fragen nach Schuld und Verantwortung werden drängender

der Columbine High School in Littleton, Colorado. Ein neuer Höhepunkt einer Verbrechensserie, in der sich die Täter stets zum Archetypen des „lone gunman“ stilisieren, um allein gegen eine Welt von Feinden anzutreten. Zwar geschehen solche Schreckenstaten nicht mehr ausschließlich in den Vereinigten Staaten, wie die Schüsse am Gutenberg-Gymnasium von Erfurt 2002 belegen, aber noch haben die Amerikaner ein Beinahe-Monopol an solchen Gewaltorgien. Auch der 23-jährige Koreaner Cho gefiel sich in der Rolle des einsamen Rächers, dank eines multimedialen Abschiedsbriefs gehen die entsprechenden Bilder nun seit Tagen um die Welt. Cho hat sie an den Fernsehsender NBC zusammen mit einem wirren Selbstporträt und einem „Manifest“ geschickt. Es sind Dokumente, die das ganze Land in Schock und Aufregung versetzten. Dass Cho auf einem Bild mit seiner Pistole direkt auf den Betrachter zielt, verstehen viele wie einen Anschlag auf die gesamte Gesellschaft. Im Tod bekam der Koreaner nun die Aufmerksamkeit, nach der er verlangte. Der „Campus-Killer“ wurde zur globalen Medienfigur. Amerika und die Welt rätseln weiter über die Motive und den Charakter des Täters – und über den Absendernamen auf seinem Abschiedsbrief: Steht „Ismael“ für

den gleichnamigen Charakter in „Moby Dick“? Oder für Abrahams Sohn, über den es im Alten Testament heißt: „Er wird ein wilder Mensch sein: seine Hand wider jedermann erheben wie jedermanns Hand wider ihn“? Seine Videoclips, Berichte von Studenten, Professoren, Ärzten, Waffenhändlern und Polizisten ergeben das Bild eines Massenmörders, der sich als Opfer begreift; als Mann, dem, wie Cho in seinen Videos sagt, „ins Gesicht gespuckt wurde“ und der den ganzen „Müll die Kehle herunterwürgen musste“. Mit seiner Tat, so der wirre Amokläufer, wolle er „Generationen von schwachen und wehrlosen Menschen inspirieren“. Es steht zu befürchten, dass ihm das gelingen könnte. Viele Fragen bleiben offen. Warum hat die Universität die zahlreichen Warnsignale nicht ernster genommen? Weshalb konnte ein Mann, der von Ärzten offiziell als „geisteskrank“ erklärt wurde, problemlos Waffen kaufen? Hätte die Polizei nach den beiden ersten Morden nicht umgehend den Campus sperren oder zumindest die Studenten warnen müssen? Und schließlich: Welche Lektionen werden die Amerikaner aus der Tragödie ziehen. Werden sie ihre liberalen Waffengesetze verschärfen oder den Studenten, wie es die Schießindustrie sofort forderte, zur „Selbstverteidigung“
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Waffen nun auch im Klassenzimmer erlauben? Wenn es einen Tag gibt, an dem Cho begann, sein Massaker vorzubereiten, dann war es der 9. Februar. Es ist der Tag, an dem er das weiße Holzhaus an der Main Street 410 betritt. Es liegt gleich gegenüber der TU Virginia. Im Erdgeschoss gibt es einen Blumenladen, ein Zigarettengeschäft und das Pfandhaus JND Pawnbrokers. Im Schaufenster sind gebrauchte Gitarren ausgestellt, drinnen stapeln sich alte Fernseher, Mikrowellenherde, Werkzeugkoffer. In Schaukästen liegt billiger Schmuck aus. Und Waffen. „Er wirkte wie ein normaler, anständiger Kerl“, erinnert sich Joe Dowdy, der Pfandhaus-Betreiber, „andernfalls hätte ich doch die Behörden gewarnt.“ Sein junger Kunde legte Ausweispapiere vor, füllte die Formulare aus. „Dann rief ich die Polizei an, um seine Personalien überprüfen zu lassen“, so Dowdy. Es gab keine Probleme. Gut vier Wochen später die gleiche Prozedur, diesmal im Nachbarort Roanoke. „Mein Verkäufer erinnert sich kaum an ihn“, sagt Waffenhändler John Markell. Warum auch? Wer bei Roanoke Firearms eine Handfeuerwaffe kaufen will, muss USBürger oder – wie Cho – im Besitz einer Green Card sein und darf kein Vorstrafenregister haben, weitere Fragen werden
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REUTERS (L.); CHINE NOUVELLE / SIPA PRESS (R.)

Auf dem Flur begegnet Ryan dem Mörder. Albans. muss Dick töten. und Ehefrau Anne Holton. Die Polizei meldet der UniLeitung Entwarnung – keine Gefahr für . Dick muss sterben. Dass Cho ein Problemfall ist. als sie kurz darauf am Tatort erscheint. ist bislang nicht bekannt. warum Emily Hilscher an diesem Morgen sein erstes Opfer wird. Schneeflocken tanzen in der Luft. Je mehr über Cho bekannt wird. ein idealer Platz zum Trainieren. Das Übungsgelände ist so frei zugänglich wie ein Kinderspielplatz. hieß es in einer seiner skurrilen Botschaften. Es ist 5. Am College der Virginia Tech hielten Kommilitonen den Koreaner zunächst für einen Austauschstudenten. Dort erklärten ihn die Ärzte für „geisteskrank“. wie immer sagt er kein Wort. beschimpfen und bedrohen die jugendlichen Hauptfiguren Eltern und Lehrer. Als Indiz gilt einzig die Aussage einer Studentin. Nach 30 bis 60 Minuten liegt normalerweise das Okay der Behörden vor. Ob er die ihm auferlegte Therapie überhaupt begann. Waffen. Cho ist verschwunden. Gestörte Charaktere wie Cho. wo seine Eltern eine chemische Reinigung betreiben. nie lächelte und Augenkontakt vermied. Brownstone“ und „RichardMcBeef“. ein kalter Morgen. wenn man ihn ansprach. Kurz nacheinander beschwerten sich damals zwei Studentinnen über „nervige“ Kontaktversuche: „Mein Name. Cho kehrte auf den Campus zurück. und verfügte seine Begutachtung in der psychiatrischen Kli112 LARRY DOWNING / REUTERS Ehepaar Bush (l. Ein Richter entschied. „als würde er nicht existieren“. viele der Studenten schlafen noch. Es ist kurz nach sieben Uhr. keinen Führerschein. aber dann haben wir uns daran gewöhnt“. die er per Computer verschickte. ein Bad. Zwei Leichen. Gegen den Rat der Mediziner ordnete das Gericht aber nur eine ambulante Behandlung an.nicht gestellt. müssen sich selbst verändern. Chos Gesicht war völlig ausdruckslos. Patronenhülsen und Fußabdrücke von den Turnschuhen des Täters auf dem vom Blut glitschigen Boden findet die Polizei. desto drängender stellt sich die Frage nach Schuld und Verantwortung. „Kaum äußerliche Gefühlsregungen. 100 Patronen gibt es schon für zehn Dollar. die mit Kettensägen ausgetragen werden: „Muss Dick töten. der Himmel ist grau. „Am Anfang war es komisch.22. In zwei kurzen Theaterstücken. Boxershorts. keinen Studentenausweis findet die Polizei später bei dem Täter. Stattdessen häuften sich Zusammenstöße mit den Lehrkräften. dann ist der Kauf perfekt.“ Auch die letzten Warnsignale wurden übersehen. er führt Aufsicht im dritten Stock. Karan Grewal. Es gibt kein Aufsichtspersonal. Ryan Clark muss die Schüsse gehört haben. Ein weiterer Kommilitone warnte die Polizei. „Mr. der wenig sprach. In Chos WG in Harper Hall hat Mitbewohner Grewal die Nacht durchgepaukt. Cho war jetzt bereit. Gouverneur von Virginia. Auf einmal begann der schmächtige Cho in einem Fitnesscenter mit einem Krafttrainingsprogramm. obwohl nichts auf eine Beziehungskrise zwischen den beiden hindeutet. T-Shirt. Die lebenslustige 19-Jährige will Tierärztin werden. aber er kann ganz sorglos sein. Es sind pubertäre Gewaltphantasien. Sonst sind die Taschen leer.30 Uhr. das sagte Chos Schwester Sun-Kyung Cho am vergangenen Freitag. Emily ist allein in ihrem Zimmer 4040 gleich am Aufzug. Die Polizei sucht nicht nach ihm. keinen Sicherheitszaun und keine Kontrollen. töte Dick. bevor sie zu Amokläufern werden. Als er unter der Dusche steht. Nichts weist bisher darauf hin. tat er. als ob ich diese Person nie gekannt habe. dass Thornhill ein Waffennarr sei. dann ließ er sich einen militärischen Kurzhaarschnitt verpassen. Cho sei selbstmordgefährdet. eine Glock 9 Millimeter und eine Walther . sind es nur ein paar Schritte. der kaum Englisch versteht – so selten sprach Cho. Die Toten im Wohnheim West Ambler gelten als „lokales Ereignis“. ihn zu umarmen. Immer düsterer wurden seine Texte. ein Aufenthaltsraum. Ein Junge. Cho hat jetzt zwei Pistolen. bis zur West Ambler Hall. der neun Monate mit ihm lebte. war Cho verhaltensauffällig. eine Weste mit den Waffen und Ersatzmagazinen. die campuseigenen Ordnungshüter. als hörte er nichts und wäre allein im Raum. einem Studentenwohnheim am Südrand des Campus. Nur 15 Minuten sind es mit dem Auto vom Campus zum Schießplatz im Jefferson National Forest. der wenig später an einem nahen Highway aus dem Auto gezerrt wird. Trauergäste in Blacksburg*: Große Koalition der Waffenfreunde nik Carilion St. sagen die Ermittler. „jetzt fühle ich mich so. ist mir selbst verhasst“. Überall sonst wurde er weitgehend ignoriert. verehrte Heilige. depressive Stimmung“. war Polizei und Uni-Verwaltung seit Ende 2005 bekannt. die Polizei gibt eine Fahndung nach Thornhill heraus. Fünf Studenten teilten sich mit Cho eine WG im Wohnheim Harper Hall: drei Schlafzimmer. sagt einer von ihnen. Schon in der Westfield High School nahe seinem Heimatort Centreville bei Washington.). d e r s p i e g e l 17 / 2 0 0 7 Kurz darauf verlässt er das Zimmer 2121. der drückt ein zweites Mal ab. die so rasch schießen. „Er hat niemals Interesse an einer Unterhaltung gezeigt“. Cho schießt sie nieder. * Tim Kaine. Es war. Cho trägt eine Hose mit weiten Taschen. machen einen fatalen Fehler: Sie verdächtigen Hilschers Freund Karl Thornhill. sagen Psychologen. der Koreaner stelle eine „unmittelbare Bedrohung für sich selbst und andere“ dar. kommt Cho ins Bad. Eine Taskforce der Englischdozenten beschäftigte sich mit seinem Verhalten. Unter der Woche ist die Anlage mitten im Wald so gut wie ausgestorben. sagt Grewal. Zu Hause gestattete er nicht einmal seinem Großvater. heißt es in einem Befund. wie es der Abzugsfinger schafft. mit dem ich aufwuchs und den ich liebte“. „Cho war ein geübter Schütze“. erinnert sich seine frühere Mitschülerin Jummy Olabanji. Hätte der Massenmord verhindert werden können? „Da ist jemand. die den Fall übernehmen.“ Ihr Bruder habe „die Welt zum Weinen gebracht“. Die Flucht in die Rolle des großen Einsamen wurde immer schlimmer.

Wenn es um möglichst liberale Schusswaffengesetze geht. bleiben eine Professorin und acht Studenten tot zurück. „Sie wären wie Wölfe. was passiert. den Präsidenten der Virginia Citizens Defense League. in der Hand hat er einen Hosengürtel. Eine Waffe in jeder Hand. in 207 unterrichtet James Bishop Deutsch für Anfänger. Cho hat den Campus verlassen. die auf den Boden fallen. Die 43 Fotos und 23 Videofilmchen sind sein wirres Vermächtnis. einfach so. Cho arbeitet sich von Raum zu Raum vor. „Es wird eine Menge Diskussionen geben“. Werden stattdessen Studenten demnächst überall ihre Knarren mit in die Hörsäle nehmen dürfen – wie jetzt schon in Utah? Für Philip Van Cleave. auf die Straße. sie glauben. er ging methodisch vor“. diesen Tag zu vermeiden“. unterrichtet Professor Liviu Librescu gerade Mechanik. Sie sollten im Wahljahr 2008 das Thema auf jeden Fall vermeiden. Nur die Schüsse und das Klacken der leeren Patronenhülsen. hält sich die Waffe an die rechte Schläfe. Professorin Roy: „Er wirkte wie ein völlig normaler. eine schwarze Basketballmütze verkehrt herum aufgesetzt. Cho zielt auf die Kamera. da gab Terry McAuliffe. Aber mit der Kraft der Verzweiflung gelingt es den Studenten. als Cho die Tür aufstößt. habe Cho gewirkt.40 Dollar für ein Expresspäckchen mit der DVD für den Fernsehsender NBC in New York. Die Toten von Blacksburg waren noch nicht beerdigt. Zwei Räume weiter. flieht über den großen Rasen – in die Bibliothek. Die Politik ist ein schnelles Geschäft. vor 35 Minuten hat in den Klassenzimmern der Unterricht begonnen. sagt Bush in Blacksburg. „Er war ganz ruhig. Sein Vorgänger Bill Clinton hatte das nach Littleton zumindest versucht. „Ihr habt mein Herz verwüstet. Dann läuft er die Treppe hinauf in den ersten Stock. er liebt Deutschland. Kein Cho Seung Hui könne dann noch Schüler und Studenten „wie Schafe“ abschlachten. Bishop stirbt als Erster. Cho muss sie gehört haben. „Herr Bishop“ müssen ihn die Studenten nennen. Mit den Füßen drückt er gegen die Tür. Cho verriegelt den Ausgang mit einer schweren Eisenkette. denn Cho kommt noch einmal wieder. einen Lehrer und sich selbst erschossen. sein Gesicht ist wie versteinert. berichten später die Überlebenden. So sicher fühlen sich die Fahnder. sind zu hören. CHUCK BURTON / AP (R. Viele im Gebäude begreifen erst einmal gar nicht. Dann dreht er sich um. Studenten haben ein provisorisches Mahnmal errichtet. sagt Derek O’Dell. Kurz nach neun Uhr taucht Cho auf dem zentralen Platz des Campus auf. er sagt kein Wort. schwerbewaffnete Männer mit Stahlhelmen hasten ins Treppenhaus. einer der Wahlkampfleiter von Hillary Clinton. wenn er sie einmal in der Woche zu einem „Stammtisch“ in eine der Kneipen am Campus einlädt. war aber am Widerstand des Kongresses gescheitert. 30 Stunden nach der Tat steht US-Präsident George W. Französisch für Fortgeschrittene. dabei hat die Tragödie noch nicht einmal richtig begonnen. beginnt er sofort zu feuern.Ausland die Studenten. zurückzuschlagen. die fast auf den Tag genau vor acht Jahren an der Columbine High School In Raum 211. 30 Menschen werden in den nächsten Minuten sterben. Cho nimmt die erste Reihe der Studenten unter Feuer. seine Pistolen ganz legal zu erwerben. Bei Bier und Burger darf nur Deutsch gesprochen werden. läge die Zahl wohl noch höher. Vor dem Eingang hat sich die Polizei zum Sturm des Gebäudes entschlossen. angewandte Hydrologie. gerade rechtzeitig.) EVAN VUCCI / AP in Colorado zwölf Mitschüler. es ist ein weites Rasengelände. Gemeint sind Eric Harris und Dylan Klebold. Alles schien zu Ende. mit Reißzähnen. wo auch immer es sicher zu sein scheint. duckt er sich weg. anständiger Kerl“ REX FEATURES / ACTION PRESS (M. wie Präsident Bush über die Opfer von Blacksburg sagte? Es sieht ganz danach aus. kurz vor neun Uhr taucht er im Postamt von Blacksburg auf. Er zahlt 14. Und wenn O’Dell und einer seiner Kommilitonen nicht so geistesgegenwärtig gewesen wären. entschlossen. „Ihr hattet hundert Milliarden Chancen und Wege. aber vor den auf ihn einstürmenden Fragen. Draußen erscheint die Polizei. Er drückt. „Märtyrer“ nennt er die beiden. Bush nur ein paar Meter von der Norris Hall entfernt. d e r s p i e g e l 17 / 2 0 0 7 schlicht „zur falschen Zeit am falschen Ort“. in 204. Über 30 000 US-Bürger sterben jedes Jahr durch Schusswaffen. in 206. bereits eine Warnung an demokratische Präsidentschaftsbewerber heraus. Das ermöglichte es Cho. der Lehrer wird in den Kopf getroffen. ob er persönlich für schärfere Waffengesetze plädieren will. Drinnen in Norris Hall geht das Blutbad weiter. er hält die Tür zu.“ Frank Hornig. Studenten haben sie per Handy alarmiert. „Er hat uns gerettet“. schwingt einen Hammer. Wie ein Roboter. wäre das nach Blacksburg genau die Lösung. meine Seele vergewaltigt und mein Gewissen in Brand gesetzt. Wer kann. Bush und seine Frau legen gelbe und rote Rosen nieder. Der 35-Jährige studierte in Kiel. Vier weitere Tote. Georg Mascolo 113 . während Studenten aus dem Fenster springen. Der Amokläufer hält auf die Norris Hall zu – das dreigeschossige Gebäude wirkt ein bisschen wie eine mittelalterliche Festung.). herrscht in den USA längst eine Große Koalition. dass sie nicht einmal nach einem möglichen weiteren Täter suchen – und die Studenten nicht warnen. Auf den Fluren und im Treppenhaus sterben weitere Unschuldige. der Lärm komme von einer nahegelegenen Baustelle. bereit. die Tür zuzudrücken. um das herum viele Lehrgebäude der Uni liegen. Er hält sich die Waffe an den Kopf und drückt ein letztes Mal ab. Es bringe keine Stimmen. Bishop liegt auf dem Boden. murmelt er mit leblosen Augen in das Aufnahmegerät. geht. Waffenverkäufer Markell. er bindet sich eine Schusswunde im rechten Arm ab. sterben zehn Studenten und die Lehrkraft. O’Dell robbt zur Tür. Waren sie alle Cho-Mitbewohner Grewal.“ Einmal bezieht sich Cho auf „Eric und Dylan“. sagt Caroline Merrey und weint. Der 76-jährige Holocaust-Überlebende aus Rumänien bezahlt dafür mit seinem Leben. versucht die Tür aufzustoßen.

Von dem aus er 36 K endlich Rache nehmen würde an der verhassten Realität. der eiskalte CyberKiller. gemessen daran. Längst hatte Bastian da wohl den „Point of no return“ erreicht. die am Leben bleiben sollen. wann genau „ResistantX“. Und wie er in unzähligen Baller-Sessions das geplante Blutbad trainiert hatte. fährt ihn an. wen er „auf jeden Fall umbringen muss“.25 Uhr holt die blutige Fiktion die beschauliche Lebenswirklichkeit der westfälischen 35 000-Einwohner-Stadt ein. Am besten aber. und schließlich. Sein d e r s p i e g e l 4 8 / 2 0 0 6 ROBERTO PFEIL / AP (L. Hunderte Male war Bastian das Szenario schon durchgegangen. seine große Liebe. wie sich Bastian B. Gegen 9. Auf dem Weg zum Pausenhof der Emsdettener Realschule detoniert die erste Rohrbombe. als ihm ein paar halbstarke Jungs auf dem Pausenhof auflauerten und ihn zwangen. denken die meisten. als sie Bastian das erste Mal „Hurensohn“ nannten. ein Hausmeister bekommt drei Kugeln in den Bauch. Wie er damit das Killerspiel „Counterstrike“ um eine weitere animierte Welt erweitert hatte. Doch dann sehen die Schüler plötzlich eine schwarze Gestalt in der Menge. hält einem Mädchen eine Waffe an die Schläfe. dann konkreter auf dem Computer. auf seine Mission vorbereitet hatte – wie er in wochenlanger Arbeit ein detailgenaues Abbild der Schule auf seinen Computer programmiert hatte. dass lediglich ein Todesopfer zu beklagen ist: Bastian B.Tatort Geschwister-Scholl-Schule.. Vielleicht passierte es schon in der 7. bei dem 16 Menschen von einem Schüler getötet wurden. mit eisiger Berechnung. die Kontrolle über Bastian B. entfachte das Drama von Emsdetten eine hektische Neuauflage der Verbotsdebatte um gewaltverherrlichende Computerspiele. Er werde ein „Soziogramm“ erstellen müssen. wäre „eine Liste mit Leuten. Gut vier Jahre nach dem Massaker von Erfurt. So könne er sich „eine Menge Arbeit und vor allem Tinte“ sparen. Bastian. um herauszufinden. 37 Menschen trugen an diesem Morgen Verletzungen davon. Fakt ist jedenfalls. den schmächtigen Schüler aus dem Münsterland. der die Realschule besucht. Wut und Ohnmacht im Bauch.: „Der war unheimlich“ VERBRECHEN Virus im Programm Im wirklichen Leben fühlte sich Bastian B. anstatt eine Liste mit Leuten. einer kann sagen. in den Astra seiner Großmutter stieg und ein letztes Mal die verhassten 1700 Meter zu seiner alten Schule zurücklegte. den Kaugummi-Automaten seiner Kindheit und die Fleischerei am Bahnübergang. Oder bei diesem verdammten Mai-Fest voriges Jahr. „wie in einem Computerspiel“. Vielleicht war das der Moment. dem Epizentrum seiner Demütigungen. dass der junge Mann. in den Weiten des Cyberspace gewann er als „ResistantX“ jede Schlacht: Der Attentäter von Emsdetten lebte zwischen den Welten – bis sich Realität und Fiktion auf katastrophale Weise vermischten. als er sich einfach nicht traute. einen glühenden Fahrradschlüssel in die Hand zu nehmen. eine schwangere Lehrerin wird durch eine Gasbombe im Gesicht verletzt. übernahm. Vielleicht war es auch nur Glück. als notorischer Verlierer. Echte Schüsse. berichten Zeugen. wie Schüsse fallen.. vorangetrieben von Bayerns Innenminister Günther Beckstein (CSU) und seinem niedersächsischen Kollegen Uwe Schünemann (CDU).) Bruder Dennis. Ausgestattet mit drei Schusswaffen und reichlich Sprengstoff.: dass dem modernen Medienmenschen unter Umständen die Fähigkeit abhandenkom- . den Punkt. auf den Seiten seines geheimen Tagebuchs. Sie hören. erschossen von eigener Hand. notierte er auf Karopapier. Bastian lässt seine Waffe sinken und zieht wortlos weiter. damit möglichst viele andere wenigstens noch „psychische Schäden erleiden“. Als er sich danach verschüchtert unter der Eingangstreppe der Geschwister-Scholl-Schule verkroch. Vielleicht war es aber auch an jenem Tag im Juni 2001. gerade 18 Jahre alt geworden. ist plötzlich zur Stelle. Das erscheint glimpflich. mit diesem Gefühl von Angst. Amokläufer Bastian B. am vergangenen Montagmorgen sein gutbürgerliches Elternhaus am Stadtrand von Emsdetten verließ. Erst als grausames Gedankenspiel. Klasse. schrieb er. Ein Silversterböller. Nadine zu küssen. passierte er das hölzerne Jesus-Kreuz an der Straßenecke. an dem es kein Zurück mehr gibt. vernebeln den Blick auf eine weitaus kompliziertere und offenbar gefährlichere Dimension des Falls Bastian B. der Emsdetten vor der ganz großen Katastrophe bewahrte. die sterben“. DDP (R. Mehrere Schüler brechen auf dem Pflaster zusammen. Doch die reflexhaften Forderungen der Politiker.).

urteilt Rudolf Egg. bis 23. liegt nur einen Tastendruck von Goethes Online-„Faust“ entfernt. den letzten Spielstand laden. rund 1000 Befragte. sei seine Kindheit bis zur Grundschule eigentlich „perfekt“ gewesen. Die „Scheiße“ sei vor vier Jahren richtig losgegangen. auf die auch der Erfurter Amokschütze abfuhr. oder eben „Psycho“ – der Schulverrückte. schneller. von Neuem beginnen – neues Leben. Bastian erlebte seine Pubertät als eine einzige große Kränkung und Ausgrenzung. In dieser „narzisstischen Parallelwelt“. Sounds und Videoclips kann die Realität mitunter nur verblassen – vor allem dann. Psychologen und Medienexperten langsam zu erkennen glauben. nahmen ihn die Gleichaltrigen nicht mehr ernst. der derart kontaktgestört ist“. gehört ein Lied mit dem programmatischen Titel „People = Shit“ . Arbeit. im Dickicht zahlloser Gesprächsforen oder auf den Schlachtfeldern immer perfekter werdender Online-Spiele. einem interaktiven „Freundschaftsclub“ mit nahezu 100 000 Neuzugängen pro Tag. neue Identität. nächste Homepage. braut sich über der Gesellschaft der Ära „Web 2. in sein Tagebuch. benutzerfreundlich und hat der Realität gegenüber einen entscheidenden Vorteil: Sie ist anonym – und bei Nichtgefallen abschaltbar. in der er als ResistantX unbesiegbar war. erinnert sich Patrick S. in Foren. an denen er waffenstarrende Spezialkommandos befehligte. „ich bin in der Lage. mit 472 alphabetisch geordneten Perversionen.und Videospiele verboten werden?“ JA NEIN 69 % 28 % TNS Infratest für den SPIEGEL vom 21. sein Handeln war Gesetz“. „Das ist doch einfach verrückt“. November. vertraute B. An exotische Orte. stutzte sich den Lockenkopf und hatte ständig die Kopfhörer seines MP3-Players auf den Ohren: Am liebsten hörte er die MetalBand Slipknot. so wie bei Bastian B. Während Bastian den Fünftklässlern mit seinem Habitus Angst machte.A.. Denn längst bilden die Bits und Bytes eine eigene Welt parallel zur Wirklichkeit.Deutschland gischen Zentralstelle in Wiesbaden. ging nicht mehr zum Fußballtraining. Sollte tatsächlich zutreffen. Sohn eines Postangestellten und zweifachen Schützenkönigs. Feinde. war sitzengeblieben. alias ResistantX. Tod“. Sein reales Leben beschrieb der Computerfreak verbittert mit fünf Buchstaben: „S. dem drohen bittere Enttäuschungen in der rauen Wirklichkeit. oder in seine Phantasiewelt. wenn sie voller Widrigkeiten steckt.“ Wenn er angesprochen werde. wenn er beim berüchtigten Ballerspiel „Doom“ mal „eine gute Serie“ hatte. und alles springt auf Anfang. seine „Erfolgserlebnisse nicht in der Schule“ und nicht „in der Familie“ gehabt.“ Er trug nur noch schwarze Klamotten. Er leitete seinen Hass auf das 37 Von Bastian B. als das Internet vor einem Jahrzehnt die weltweite Kommunikation revolutionierte. besenrein. könne er nicht mehr „klar denken“. größer. Doch in den Weiten des Netzes wächst eine Vielzahl medialer Sondermülldeponien heran. wegen des schwarzen Trenchcoats. Und wer sich an diese Melange aus Allmacht. „und das seit dem 7. „hatte Bastian das Sagen.A. „zieht sich in eine Pseudowelt zurück. animierter Informatikraum*: Training fürs Blutbad men kann. geiler. erklärt der Münchner Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer. Bald wurde er nur noch „Matrix-Mann“ genannt. UMFRAGE: COMPUTERSPIELE „Sollten gewaltverherrlichende Computer. Leiter der Kriminolo* Als „Counterstrike“-Hintergrund. – Schule. den ich je erlebt habe“. eine Formel. Nach außen hin wirkte Bastian. was Sozialforscher. Er habe. Schuljahr“. „Er spielte eine Rolle und machte sich dabei oft genug lächerlich“. verkehrsberuhigt – ein einziger steingewordener Bausparvertrag. zu der ihn offenbar die mustergültige Klinkerbausiedlung inspirierte: katholisch. Dass sich aus diesen Phantasien ein konkreter Plan herausbildete. führen können. Denn gegen den Tsunami aus Daten. saß im Unterricht apathisch in der letzten Reihe. Bastian. sondern am PC. Ebenso machtvoll wie unkontrollierbar schießen die Informationspartikel um den Globus – ein schier unerschöpflicher Quell für den Datendurst der Menschheit. bin ich wie gelähmt.0“ ein Problem zusammen. „an den ist keiner mehr rangekommen. ist für den Psychologen „nur der logische nächste Schritt auf diesem Weg“. Ich laufe die Straßen entlang und sehe welche von der Sorte. Anregung und Anonymität zu sehr gewöhnt. die nicht mehr nur passiv konsumiert. so schrieb Bastian B. Rente. „Jemand. „Das war der verschlossenste Schüler.R. Sein Outfit quittierten Bastians Mitschüler meist mit höhnischem Spott.T. Jugendliche. an das niemand auch nur zu denken wagte. d e r s p i e g e l 4 8 / 2 0 0 6 DER SPIEGEL . in einem Moment der Selbstkritik seinem Tagebuch an. Ausbildung. Eine Welt. zwischen wirklicher und virtueller Welt zu unterscheiden. schrieb B. Es komme dann gar keine oder nur „eine sinnlose Antwort“ heraus. nächstes Forum. sondern aktiv bewohnt werden kann: Zu Hunderttausenden gründen real existierende Personen derzeit Parallelexistenzen – auf Seiten wie „myspace. die sich Tag für Tag aufs Neue aus den finstersten Tiefen der menschlichen Seele speisen – und im Extremfall zum GAU. schlug Einladungen zu Partys oder Geburtstagen aus. HipHopper.com“. erinnert sich Bastians ehemaliger Lehrer Ulrich Hesselkamp. Ein Click. Zu den Hits der finsteren Truppe. eine Schießerei zu meistern. aber wenn ich einen von den Arschlöchern sehe. Der einstige Klassenclown bunkerte sich zunehmend in seinem Zimmer vor dem PC ein. und ich bekomme wahnsinnige Angst. den auch die Hauptfigur des gleichnamigen Cyberpunk-Films trägt. In Wahrheit jedoch brannte sich jede noch so kleine abfällige Bemerkung in sein Gedächtnis. wo er seinem Frust über die Gesellschaft Luft machen konnte. Dabei. Über seinen PC im Kinderzimmer floh der Junge in die vermeintliche Freiheit virtueller Weiten. Die Porno-Seite. als prallten die Sticheleien eiskalt an ihm ab. an 100 fehlende Prozent: „weiß nicht“ Die neue Welt ist bunt.“ Verbunden mit dieser Art von Beziehungslähmung seien „ein massiver Neid auf die Beziehungen anderer – und damit auch Zerstörungswünsche“. die er viel leichter kontrollieren kann. wie in Emsdetten.

sie dann durch den von Splittern bedeckten Flur kriechen lassen.“ Vor Jahren habe es diese Möglichkeit mal gegeben. Über das Mädchen. Das Spiel ist zum Synonym geworden für das Böse. so haben es die fünf Mitglieder seiner Mannschaft verabredet. ungefähr so gesellig und gefährlich wie ein Schützenverein. drei Tage nach dem Amoklauf. bei dem sich gegnerische Teams mit Plastikkugeln beschießen. sagt ein Lehrer. Doch was ist normal? Und wo ist die Grenze? „Zielgerichtete Gewalttaten an Schulen lassen sich prinzipiell im Vorfeld erkennen“. Künstlername Chucky. Auf das Geschehen blickt jeder Spieler aus der Perspektive eines Kämpfers. Doch kein „Killerspiel“ ist so erfolgreich wie der sieben Jahre alte Klassiker. nicht die Kumpel aus dem AirsoftTeam. so ist das nun mal bei Hochleistungssportlern. wovon sie reden. Als er und einige Kollegen einmal bei einem Bier zusammensaßen und das Thema auf Amokläufe kam. „Wir schießen auf Pixel. hat offenbar keiner. dass es nicht spritzte. welches das „Programm“ Schule zerstört. sagt der 24-Jährige. das ihn offenbar mit einem spitzen Kommentar bedacht hatte. In einem Forschungsprojekt hat er Modelle zur Risikoeinschätzung von Amokläufen erarbeitet. sagt er. nicht Menschen“ entschärfte Version erst ab 16 Jahren freigegeben ist. Chucky hat dann seinen Computer unter anderem so eingestellt.“ Ihm wäre es am liebsten.S. im Nebenraum steht der Tischkicker für die Pause. Spätestens seit Emsdetten stehen sich die beiden Lager wieder ähnlich unversöhnlich gegenüber wie die Fraktionen im Computerspiel. ist es sogar Leistungssport.A. Manche lassen mehr Blut spritzen als „Counterstrike“. „sonst kannst du nicht mithalten“. sagt Chucky. Später soll es ein Trainingsspiel geben. viele verfügen über modernere Grafiken. aber das sei ja bei vielen Jungen so in diesem Alter. die „Anti-Terror-Fraktion“ entschärft Bomben. In der Vitrine an der Wand glänzen Medaillen und Pokale. Nicht die Lehrer. Von Seiten der Schule gab es immerhin einige Gespräche mit den Eltern. schrieb er: „Mit ihr werde ich eine Menge Spaß haben. was sie da tun. und sein Team „Alternate attax“ sind die Deutschen Meister im „Counterstrike“ (übersetzt: Gegenschlag). und Chucky muss trainieren. da sagte einer: „Wenn einer bei uns so etwas macht. Im Januar 2005 etwa phantasierte er sich den gewaltsamen Tod einer Mitschülerin herbei. Er wollte das „Virus“ sein. Die Mutter erzählte. Dort werden zunächst die Rollen verteilt. der Sohn sei zu Hause eigentlich ganz normal. von denen zumindest einer von Bastians Testsprengungen im Wald gewusst haben muss.“ Anschließend will er ihr eine selbstgebaute Granate „in die Fresse stopfen“. Chucky muss eigentlich jeden Tag trainieren. vom großen Massaker zu träumen und Todeslisten zu erstellen. in welchem Winkel die Granate am besten zu werfen ist. Es klingt nach Fußball auf Klinsmann-Niveau – bis die Spieler zu der Frage gelangen. Die „Terroristen-Fraktion“ legt Bomben. nicht auf Menschen“. die Polizei eingeschaltet etwa. so sagt es eine Vereinskameradin von Chucky. „Wegen Wettbewerbsverzerrung. das ist der einzige realistische Präventionsansatz“.“ Markus Verbeet d e r s p i e g e l 4 8 / 2 0 0 6 . bis sie schwerbewaffnet ihre Schule stürmen und ihre Mitschüler abknallen. wenn er einen Gegner getroffen hatte.E. „Aber erst müssen wir die Taktik besprechen“. Er gehört dem Werksteam des Computerversands Alternate an. Frühzeitig müsse man die „Verhaltensindikatoren“ aufspüren – „und dann mit klassischem Krisenmanagement beginnen. in rascher Folge. Solche Spiele heißen „Ego38 E Shooter“.Deutschland Rachekonto seines Alter Ego ResistantX. sie störe sich nur daran. dass er so viel an seinem Computer sitze. Also sitzt er im Trainingszentrum seines Teams in Gießen. Der ballerte den Frust später heraus. sagt er. s ist Donnerstagabend. dass auch die „Counterstrike“-Turnier (2005 in Berlin) „Schießen auf Pixel. „Allein im Juni und Juli hat unser Team 80 000 Dollar Preisgeld reingeholt“.“ – das „Tactical Airsoft Team Emsdetten“. 38 Prozent der 11bis 14-Jährigen haben laut einer Umfrage der Marktforscher von tfactory schon mal gespielt. „Klar. wenn der sich weiter so entwickelt. Peter Schlosser. Bastian gründete sogar eine eigene Mannschaft – „T. er begann. im Obergeschoss warten die Ruheräume mit der Massageliege. der war in den vergangenen Jahren etwas unheimlich“. wenn man viele Details im Spiel ausblenden könnte. Aber wer hätte die Zeichen deuten sollen? In Deutschland kommt ein Psychologe auf 12 500 Schüler. Die fünf diskutieren dann. dann ist es der Bastian. „Das lenkt nur ab. glaubt Jens Hoffmann. Granaten – und zum Schutz auch eine KevlarWeste. einem der meistgespielten und meistdiskutierten Computerspiele aller Zeiten. auf dem Computerbildschirm oder im Wald beim „Airsoft“-Spielen. über „schnelles Verschieben“ und „offensives Decken“ und andere Taktiken.und Maschinengewehre. das letzte Mitte 2005. der ungenannt bleiben möchte. Student der Wirtschaftsinformatik. Dem traue ich das zu.T. Psychologen kommen meist nur auf AnJAN WOITAS / PICTURE-ALLIANCE / DPA Die Killerspiel-Profis Das umstrittene „Counterstrike“ ist längst ein Massensport. Die Spieler behaupten: Die Politiker wissen doch gar nicht. „Counterstrike“ ist ein Massensport auch unter Kindern – ungeachtet der Tatsache.“ Gehandelt. Ihr erst in die Füße schießen. Die Politiker behaupten: Manche Jugendliche wissen gar nicht mehr. Airsoft ist eine Art Sport. Dozent für Forensische Psychologie an der Technischen Universität Darmstadt. Die aktuelle Diskussion kann er nicht verstehen: „Die Politiker suchen sich doch nur einen Sündenbock. Für diese Zwecke kann man Waffen kaufen: Schrot. Hunderttausende sind in diversen Ligen organisiert. Für Peter Schlosser alias Chucky. Die Spieler aber sagen: Das Ganze ist doch nur eine harmlose Mischung aus Schach und Schnitzeljagd. das Jugendliche angeblich vor dem Computer treiben. Die Bundesrepublik liegt mit dieser Relation unter den OECDStaaten auf dem vorletzten Platz vor Malta. Pistolen. „Doch solche Möglichkeiten wurden leider abgeschafft“.

köpfen Terroristen. dass Gewaltspiele auch reale Gewalt provozieren. Jeder sei froh gewesen. „Airsoft“-Spieler Bastian B. ohne Sanktionen fürchten zu müssen. das sind düstere Popstars. Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble. Von der Wissenschaft erhalten Politiker und Eltern in Deutschland keine eindeutige Aufklärung: Es ist bislang weder bewiesen noch widerlegt. vorbeugend tätig werden – das wird auch in Deutschland zusehends wichtiger.GARY CASKEY / REUTERS Columbine-Attentäter Eric Harris. was ich nun habe. zu ihren realen Möglichkeiten. Da wehrten sich nicht nur die „Counterstrike“-Fans. Das lockt. Zementiert wird das Misstrauen gegenüber diesen virtuellen Welten durch einen digitalen Graben in der Gesellschaft: „Wir sind erstmals in der Situation. heißt es in einer Untersuchung der Universität München. Frust früh erkennen. also Jugendliche.“ Bastians Vorbilder waren genau diese Attentäter der Columbine High School in Littleton. da wurde Bastian gar zum Helden verklärt. „etwas genauer zu gucken. Geradezu alarmieren muss. was ihre Kinder tun. was du in deinem Leben machst. Der Studie zufolge gibt es in jeder Schulklasse ein bis zwei Opfer. wie Amokläufer für männliche Jugendliche in Deutschland zu Identifikationsfiguren werden: „Man muss sich nur die Columbine-Attentäter ansehen. Für die ist jedoch kaum zu unterscheiden. Selbst sein Angriff auf die Schule. Vereinzelung. Wer wird sich ResistantX zum Vorbild nehmen? Vorigen Donnerstag setzte die Berliner Polizei einen 17-jährigen Gymnasiasten fest. Über eine Milliarde Euro werden mit den elektronischen Welten umgesetzt. Im Spiel kann man Rollen ausprobieren. die gerade in den Gewaltspielen immer realitätsnäher wird. wer bestimmt dort den Schwierigkeitsgrad? Im Land der Dichter und Denker leben schätzungsweise mehr als 20 Millionen Daddler. jetzt sind wir den endlich los. sagt die Pädagogin Tanja Witting vom Kölner Institut für Medienforschung: „Die Eltern wissen nicht. dass eine jüngere Generation eine Kulturtechnik besser beherrscht als die ältere“. gesiegt. appelliert an die Eltern. (l. Und die dieses Gefühl nicht selten in den Weiten des Cyberspace zu kompensieren suchen. als Bastian im Juni dieses Jahres die Klasse 10c abgeschlossen und die Schule verlassen habe. Sven Röbel 39 DDP . Auch seine Bühne war das Internet. und sei es dem der Punks. Markus Deggerich. Vielleicht hätte Bastian früher einfach „No Future“ an die Wand gesprüht. Guido Kleinhubbert. schrieb er einmal in sein Tagebuch. verkümmerte und gewaltbereite Generation. Simone Kaiser. weil die Menschen sich nicht mehr so stark in Familien oder in anderen Zusammenhängen eingebunden fühlen“. kaufen Real Madrid.): Düstere Popstars als Identifikationsfiguren forderung der Lehrer oder Eltern zum Einsatz.“ Er konnte es nicht mehr. Wut auf die Welt ist nichts Neues unter jungen Männern – und meistens sind es ja Männer. Es ist leicht. als wollte er das Programm seines Lebens neu installieren: „Ich wünschte. ResistantX hatte über Bastian B. was ihre Kinder machen“. Aber die Solidarität hat sich vielerorts aufgelöst. für die der Bildschirm das Tor ins Datenuniversum wird. von vorne beginnen. erinnert sich ein Lehrer. Von immerhin rund 600 000 Extremspielern gehen die Suchtforscher in Deutschland aus. sein großer Plan. Angela Gatterburg. welcher Schüler eine normale Entwicklungskrise durchmacht – und bei wem Gefahr droht. Fatalerweise ist die Evolution der Technik jedoch schneller als die Evolution des Gehirns. Aber wer belohnt sie im wahren Leben. Das Bewusstsein. Gerade Kinder brauchen deshalb die Rückkopplung zur realen Welt. sagt der Bielefelder Gewaltforscher Wilhelm Heitmeyer. „fördern die Sehnsucht nach einem überschaubaren Raum. Tendenz steigend. einem Kollektiv anzugehören. ich könnte die beschissene Zeit zurückdrehen und mit dem Wissen.“ Sie haben sich getäuscht. Sie fahren im Spiel Autos zu Schrott. Das führt zu Verhärtungen: Während Spieler und Spieleindustrie gern so tun. hat früher einiges aufgefangen. ob Gewaltvideos oder Gewaltspiele verboten gehören. welche Debatten in den Tagen nach dem Emsdettener Drama in den einschlägigen Internet-Foren geführt wurden. in dem man Erfolg haben kann“. Wut auf Lehrer auch nicht. Der Körper belohnt den Spieler mit Dopamin und Adrenalin: das schnelle Glück.“ Sie stehen ratlos vor der Technik und sind abgestoßen von der Ästhetik. sei „irgendwann ungeschehen“. Pfadfinder oder Jungen Liberalen. „Wir dachten. Dylan Klebold (1999 in Littleton). im Spiel ein erfolgreicher Held zu sein. als ginge es nur um das Gemeinschaftserlebnis am virtuellen Lagerfeuer und die Schulung strategischer Fähigkeiten. Psychologe Hoffmann beobachtet seit Mitte der Neund e r s p i e g e l 4 8 / 2 0 0 6 ziger Jahre. „Die Desintegrationsgefahren sind sehr viel größer geworden. der Ökos. der seit August seine Mitschüler mit Amokphantasien traktiert hat. sagt der Kölner Medienforscher Winfred Kaminski. Bastian hat sich selbst durch den Schulabgang nicht von seiner Idee eines „explosiven Finales“ (Schmidbauer) abbringen lassen. Jeder siebte Schüler ist als Opfer oder Täter in ein Mobbingproblem verwickelt. jene. Im Leben nicht. sind für Kritiker interaktive Spiele die Droge für eine verfettete. brutaler Konkurrenzkampf in der Schule und auf dem Arbeitsmarkt sowie Verunsicherung in einer globalisierten Welt. Und dann. Die öffentliche Diskussion wird breiter geführt werden müssen als nur über die Frage. weil sich der Schwierigkeitsgrad anpassen lässt. Konnte ResistantX das auseinanderhalten? Oder wenigstens Bastian B.? „Es ist egal. kein Befürworter eines Verbots. es ist alles vergänglich“. die sich potentiell wie Ausgestoßene fühlen.

unter einer nationalsozialistischen Regierung würde es uns viel besser gehen. Im Internet outete sich Weise zudem als Anhänger nationalsozialistischer Rassenlehren – nur Ehen zwischen Ojibwa-Indianern könnten die „ethnische Reinheit“ seines Stammes garantieren. um sich im Red-Lake-Indianerreservat. und er verschonte es. sagt sein Mitschüler Parston Graves. er schien harmlos. einen Klassenraum und schoss um sich. zum Außenseiter zu stilisieren. Der Vater nahm sich vor vier Jahren das Leben. er hat uns alle wissen lassen wollen. Als die Polizei das Gebäude stürmte. bekannt für guten Basketball und mittelmäßige Leistungen. Trauerandacht in Minnesota: „Ein schrecklicher Tag für unser Volk“ MONTE DRAPER / AP Rettungswagen vor der Red-Lake-Schule. ich habe Angst“. Amokläufer Weise: „Bitte nicht. Denn genau wie damals. Seine Mitschüler hänselten ihn. könne die von Armut und Arbeitslosigkeit geplagten Brüder und Schwestern retten: „Ich habe Hitler und seine Ideale stets bewundert. „Ein schrecklicher Tag für unser Volk“. die er täglich trug wie den schwarzen Trenchcoat – vielleicht hat Jeff Weise ja gewollt. hör auf. „Bitte nicht. wurden auch diesmal alle Anzeichen für die drohende Katastrophe geflissentlich übersehen.“ Und mit den rund 5000 Stammesmitgliedern rätselt jetzt die ganze Nation. Wie sehr sie sich in Jeff geirrt hatten. die der Erfurter Amokläufer Robert Steinhäuser so liebte. dass es immer einsamer um ihn wird. fragte er. schrieb der Junge ein grausiges Kapitel amerikanischer Kriminalgeschichte: Nur beim Schulmassaker an der Columbine High School in Littleton gab es 1999 mehr Tote. schoss Weise sich in den Kopf. Und einsamer als Jeff Weise konnte kaum jemand sein. als zwei stadtbekannte Waffennarren plötzlich losballerten. Jeff“ Mit drei weiteren Opfern. „Ich glaube. hör auf. Jeff“. Eine Lehrerin und fünf Schüler starben. Seine Neigung zum Rechtsextremismus hatte der Täter nie verhehlt. schwer bewaffnet mit zwei Pistolen und einer großkalibrigen Schrotflinte. Ein Siebtklässler in Texas be- 122 DPA ANN HEISENFELT / AP . während er den nächsten kaltblütig hinrichtete: „Glaubst du an Gott?“. einem vor der Schule getöteten Wächter sowie seinem Großvater und dessen Lebensgefährtin. dann drückte er ab. Floyd Jourdain. erfuhren sie vergangenen Montag gegen drei Uhr nachmittags. flehte ein Mädchen um sein Leben. die er mit Hakenkreuzen verzierte. wie es trotz der nach dem Littleton-Schock eingeführten Sicherheitsmaßnahmen erneut zu einem solchen Blutbad kommen konnte. die Kampfstiefel. Seinen Mitschülern an der örtlichen High School. Seit Littleton beginnt die Suche nach potentiellen Gewalttätern auf Anweisung des US-Bildungsministeriums in den Klassenzimmern. einsam und isoliert. „So etwas hat es unter uns Indianern noch nie gegeben. Allein eine stramm rechte Ideologie. Manchen schoss er während seines zehnminütigen Amoklaufs direkt ins Gesicht.“ Mit seinen 16 Jahren sah er noch aus wie ein Kind. Viel mehr kann man nicht tun. ähnlich denen. gesteht der ehemalige FBI-Beamte Clindt van Zandt. gelten als besonders anfällig für Gewalttaten. Zwar verfügt auch die Bundespolizei nicht über ein allgemeingültiges psychologisches Profil solcher Schul-Amokläufer. Jeff Weise füllte die Leere mit gewalttätigen Videospielen. aber Einzelgänger. auf dem er seine Lehrerin erschießt. In der Schule brachte er Dämonen und Skelette zu Papier. mindestens ein halbes Dutzend wurden verletzt. hoch im Norden des US-Bundesstaats Minnesota. So wie er sich anzog. zog er viel Spott auf sich. erklärte das Oberhaupt der Ojibwa-Gemeinde. D ie Augen.USA Die Wut eines Todesengels Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen konnte wieder ein Schüler ein Massaker anrichten. Da stürmte er. „Wir hätten ihn viel früher entdecken müssen“. dass er etwas Schreckliches vord e r s p i e g e l 1 3 / 2 0 0 5 hat“. Einen Mitschüler lächelte er an und winkte freundlich. verkündete das pummelige Indianer-Kid in Chat-Räumen. die Mutter erlitt bei einem Unfall schwere Hirnschäden und lebt seither in einem Heim. „Mama. eine Anklage ein. war er ein bisschen unheimlich. die er kurz zuvor erschossen hatte. Einem Zwölfjährigen aus Massachusetts brachte ein gemaltes Bild. schrie die Mitschülerin Ashley Morrison in ihr Mobiltelefon. so wie er auftrat. die schwarz umrandet waren.

den er gleich zu Beginn seines Amoklaufs hinrichtete. das trotz der Autonomie des Indianerreservats dort Kapitalverbrechen untersuchen darf. wo er in düsteren Botschaften voller Rechtschreibfehler nach Gleichgesinnten suchte: „Ich mag jung sein. Mit Opas Ausrüstung zog Jeff Weise dann zur Schule: Patronengurt und schusssichere Weste streifte er über. Am Tatort angekommen. April. ob Weise womöglich glimpflich davonkam. dass die Behörden von seiner rechten Gesinnung wussten und ihn deshalb zeitweise als potentiellen Amokläufer einstuften: Im Frühjahr vorigen Jahres soll er wegen eines für den 20. prüft derzeit. den vor der Tür parkenden Streifenwagen nahm er gleich mit. Georg Mascolo d e r s p i e g e l 1 3 / 2 0 0 5 123 . Dass auf diese Weise im März 2003 im Kofferraum eines halbwüchsigen Sonderlings aus Nebraska 20 selbstgebastelte Bomben und ein geladenes Gewehr sichergestellt wurden. aber ich möchte helfen. Eine der bereits untersuchten InternetBotschaften legt nahe. den danebenstehenden Wachmann erschoss er auf der Stelle. verrammelten Türen und bewaffneten Wachposten. Wie auf Flughäfen müssen Schüler Metalldetektoren passieren oder sich von Sprengstoffhunden beschnüffeln lassen. war seit über 30 Jahren ein angesehenes Mitglied der Reservatspolizei. bewies er den Amerikanern die Wirkungslosigkeit der seit Littleton im ganzen Land üblichen Sicherheitsvorkehrungen. geplanten Überfalls auf die Schule vernommen worden sein. Auch Jeff Weises High School hatte aufgerüstet. Warum aber ausgerechnet der auffällige Jeff Weise durchrutschte. weil er über beste familiäre Beziehungen verfügte. Selbst vor Kinderspielen macht solche Null-ToleranzPolitik nicht Halt: Ein Schüler aus Oklahoma wurde in ein Erziehungsprogramm überstellt. um weitere bizarre Details seiner Biografie zu entdecken. Hitlers Geburtstag. Viele US-Schulen gleichen inzwischen Festungen mit Überwachungskameras. Das FBI. Die örtliche Zeitung brauchte nach der Tat nur ein paar Stunden.“ Sein Chatroom-Pseudonym lautete „Klinge 11“. Den Detektor am Eingang passierte er in voller Ausrüstung. galt den Behörden bisher als Beleg für den Erfolg der einschlägigen Vorschriften. weil er seinen Finger als imaginären Pistolenlauf nutzte und abdrückte. haben die zuständigen Schulbehörden bisher nicht erklären können. Sein Großvater. „Todesengel“ soll er sich in rechtsradikalen Internet-Foren genannt haben. und er gab jedem seinen Hass auf die Schule bekannt und auf die Lehrer. Mitschüler sollen verdächtige Klassenkameraden melden. aber den „Todesengel“ hat das nicht aufhalten können.Ausland kam Jugendarrest für seinen HalloweenAufsatz über ein Schulmassaker. die dort unterrichteten.

trink die alte Coca-Cola. der wie ein gestrandeter Wal auf den Sofakissen des vornehmen Hotels Dorchester in London liegt.“ Den etablierten Medien in den USA ist. Bush keinen Erfolg haben. das Lachen längst vergangen. das Stück zu 39 Cent. dieses Zeug namens Aspartam. die im Bush-Amerika totgeschwiegen werden. Videobilder von den jugendlichen Tätern beim Schulmassaker in Littleton. dass es wenig gibt. er sei ein „großer. wirklich abstoßend und widerwärtig findet das weiße. wohlhabende Amerika an diesem Monstrum mit Namen Michael Moore etwas ganz anderes: Es ist die Tatsache. Bush beschimpft er als kriegerischen Narren. Davon kriegst du wenigstens nur eine Herzattacke. Der Skandal. die mächtige US-Waffenlobby ist sein Lieblingsfeind: Michael Moore ist Amerikas lautester Oppositioneller. verdrückte. dass Moore die Wahrheit sagt über die hässlichen Dinge. Sein Buch „Stupid White Men“ sollte eingestampft werden. selten unter acht Stunden. tütenweise. auf Buchumschlägen und in Theatern auf. trinkt und schüttelt sich. Schon deshalb sagt dieser Bursche. „Und gerade dies hat die Linke vergessen.Kultur INTELLEKTUELLE Donald Duck im Klassenkampf Den Präsidenten George W. was einem Anschlag aus Gelächter standhalten kann. Nein. „Daran glaube ich fest“. Denn Moores Aufklärungsarbeit ödet das Publikum nicht mit armseliger Gewerkschaftsrhetorik an. dass er den Mess-Zeiger seiner Waage locker über die 100-KiloMarke treibt. dann immer im Auto und meist zu McDonald’s. „Puh“. Wenn du die Wahl hast. jeden Tag. „man schmeckt es. ganz klar. den er verkörpert.) . Wie sein Vorbild Mark Twain ist Moore der Meinung. weil er sie lächerlich macht. weil die Werbekunden meuterten. Wie ein Fleisch gewordenes Erdbeben bringt der Mann die Welt der Mächtigen zum Wackeln. besteht nicht darin. Michael Moore schüttet die Diät-Cola in ein Glas. was Moore angeht. Womöglich kriegt man Krebs oder auch Multiple Sklerose davon. von sich. und große Dosen gefüllt mit Bier und Cola. Kartoffelchips. So auszusehen wie er. Nun kommt sein Dokumentarfilm „Bowling for Columbine“ in die deutschen Kinos. weil der Verlag nach dem 11. Dabei sah es lange nicht gut für ihn aus. PROKINO (R. Besonders unangenehm für die herrschende Klasse ist. fetter Blödmann“. Dazu gehörten: Fernsehen. Eine Coca-Cola und eine Diet-Coke. Moore-Filmplakat: Schuld waren nicht TV und Videospiele allein 218 d e r s p i e g e l 4 7 / 2 0 0 2 GARY CASKEY / REUTERS (L. Es landen zwei Flaschen auf dem Tisch. Er ist nicht aufzuhalten – und er ist gefährlich. wo er die billigsten Hamburger. sagt Moore.“ Einer wie er dürfte im properen Amerika des George W.). taucht im Kino. sagt er. September sich mit so etwas Amerikakritischem nicht in die Buchhandlungen traute. Sein unrasiertes Haupt. das meist von einer billigen Baseballkappe aus hundertprozentigem Kunststoff geschmückt wird. Wenn sich der letzte Aufständische aus dem Sessel erhob und einen Ausflug unternahm. Dazu grinst er und bestellt noch mehr Cola. Seine preisgekrönte Fernsehserie namens „The Awful Truth“ wurde abgesetzt. Von Thomas Hüetlin D er letzte Rebell Amerikas hat sein Bodybuilding mit großer Disziplin betrieben. dass dieser Superschwergewichts-Aufklärer sich nicht auf ein Medium festlegt. das war ein hartes Stück Arbeit.

„wir fragen uns. der sich samt seinen Colas und Kilos am liebsten in jene Schlachten wirft. uns den Arsch abarbeiten und Güter und Dienstleistungen produzieren. jene höchst dubiosen Wahlmanöver in Florida aufzurollen. einen Mann. Das war praktisch. droht meiner Ansicht nach dem Kläger (Bush) und dem Land irreparablen Schaden zuzuREUTERS US-Politiker Dick Cheney.Filmemacher Moore in „Bowling for Columbine“ Stets zum Showdown bereit Sein Film „Bowling for Columbine“ musste von Kanadiern finanziert werden. Seit Monaten steht es in der Bestsellerliste der „New York Times“ weit vorn – bloß eine jener zahlreichen Zeitungen. München. echten Analphabeten (46 Millionen). weil sich im Land der Tapferen und der Freien. bei dem die großen US-Medien alle Augen zudrückten. Piper Verlag. Für Moore sind die USA ein gigantisches Kasperltheater. wo das Symphonieorchester ihm zu Ehren „Also sprach Zarathustra“ geigt? „Nichts von alldem“. ein Hollywood-Bankett. Moores Rachefeldzug wird komplettiert durch seinen Film „Bowling for Columbine“. der mit seinen Junta-Freunden das Land in Geiselhaft halte. 336 Seiten. die es für unanständig hielten. hat er allen Grund zu triumphieren: Nachdem Moores Fans monatelang im Internet seinem amerikanischen Verlag Ärger bereitet hatten. Für Moore war die Sache eher eine Art moderner Staatsstreich. damit sie noch ihre Briefwahlstimme abgäben.“ Die Ansichten des Pop-Klassenkämpfers Moore sind einfach nicht der Stoff. Das Ergebnis lehrt Moore-Feinde abermals das Fürchten: Vor allem dank Mundpropaganda spielte der mit wenigen Kopien gestartete Film in vier Wochen 4. Ergebnis: 31 Prozent aller männlichen Schwarzen Floridas seien aussortiert worden. damit diese das Wahlregister durchgingen und jeden strich. Er macht sich zum Beispiel noch einmal die Arbeit. die besonders ausweglos erscheinen. denn dummerweise ist. den lässt das System verhungern. der bei den Filmfestspielen in Cannes (als erster Dokumentarfilm seit 46 Jahren) im Wettbewerb laufen durfte. Bush. sagt Moore. schreibt Moore in „Stupid White Men“. Zuerst habe im Jahr 1999 die Bush-Vertraute und Innenministerin von Florida. Was also geschieht mit diesem zweifellos erfolgreichsten amerikanischen Multimediastar des Jahres 2002 in den USA? Bekommt er Titelseiten in „Newsweek“. am Ende des Jahres 2002. Katherine Harris. im Land der weltbeherrschenden Kinoindustrie. der Staatsfeind Nummer eins gleichzeitig Präsident und Herr über die Atombombe: George W. der in Moores Projekt investieren wollte. Friss Dreck. deren Rechtmäßigkeit fraglich ist. welches leider in der Wirklichkeit spielt – mit echten Armen (33 Millionen). als es trotzdem knapp wurde am Wahltag. Dennis Hastert: Die „Junta“ ist Ziel brachialer Attacken d e r s p i e g e l 4 7 / 2 0 0 2 * Michael Moore: „Stupid White Men“. das gerade in deutscher Übersetzung erschienen ist*. Moore zitiert den Obersten Richter Antonin Scalia: „Die Auszählung der Stimmen. die Junta und ihre Truppen in Corporate America noch reicher zu machen.5 Millionen Dollar ein – für eine Dokumentation ein Rekord. welchen Bush im Herbst 2000 seinen Sieg verdankte. Bush und seine Kumpane seien. Als auch dies noch nicht half. 219 . Die Nachzählungen in Florida seien verfassungswidrig. Der Hintergrund: Die meisten Soldaten wählen traditionell republikanisch. Mitgezählt wurden sie trotzdem. fand „Stupid White Men“ im Frühjahr mit beträchtlicher Verspätung doch noch den Weg in die Läden – und wurde mit über einer halben Million verkauften Exemplaren in den USA das wohl erfolgreichste Sachbuch des Jahres. Wer sich mit dem System anlegt. Commie! Aber das gilt nicht für Michael Moore. gerade richtig zu liegen.. der CINETEXT sich im flaggenschwingenden amerikanischen Prime-Time-TV gut ausnehmen würde. Jetzt. so glaubt er. Glanzporträts im Fernsehen. niemand fand. „Ich war gerade mal in zwei Talkshows eingeladen. echten Ermordeten (11 000 kommen im Durchschnitt jährlich allein durch Schusswaffen zu Tode). systematisch vorgegangen. warum wir morgens aufstehen. der eines Verbrechens „verdächtigt“ wurde. dort prompt den Spezialpreis abräumte und vor kurzem in den USA angelaufen ist. Bessere Zeiten sind nicht in Sicht. Viele der Wahlbriefe sollen erst nach dem Wahltag abgeschickt worden sein. 12 Euro. so Moore. die nur dazu dienen. a. einen Kämpfer. dem die Zurückweisung durch die Mächtigen das Gefühl gibt. Teil zwei der Kampagne war. Soldaten auf den Schlachtschiffen und im Ausland zu alarmieren. Bush. Aus dem Amerikanischen von Michael Bayer u. sprach der zum Teil von Bush Senior eingesetzte Supreme Court im Dezember 2000 das Machtwort.“ Der Satiriker Moore gibt sich nicht mit Polemik und schnellen Lachern zufrieden. vier Millionen Dollar bei einer Firma namens Database Technologies eingezahlt. denn die große Mehrheit der Schwarzen wählt traditionell demokratisch. „Wir sind nicht besser als irgendeine gottverlassene Bananenrepublik“. Moores Buch auch nur zu besprechen.

“ Einen ähnlichen Robin-Hood-Auftritt Moores Kampftechnik ist brachial. und erwirkt nach heit? Seid nett zu Sozialhilfeempfängern. schen Rüstungsindustrie. auf die Reise ins Menschen wird. um ihre Miete bezahlen zu können. zufriedene. und weil sie mit dem Geld nicht auskämen. der Rocker Marilyn Manson) Flugbegleiterinnen darüber nachsinnen. dass ein toons und Interviews begibt sich Moore.Umstände zufrieden geben würde. außenpolitisch und innenpolitisch. sen. glückliche.“ Seitdem befindet sich einer B-52. dass die Piloten oder sehen. sie fliegen euch vielleicht nach Buffalo. weil sie einen Schatten auf die RechtBeim näheren Hinsehen liegt Littleton. September 2001. Auch sein absolviert Moore. die mit mir abheben und der mächtigsten Naturkraft – der Schwerkraft – trot. „Ich weiß nicht. und dessen Lobbyismus Herz des amerikanischen Waffenwahns – seit Jahrzehnten schärfere Schusswaffennach Littleton. Moore berichtet zum Bei. Die nächste Attacke kommt vielleicht schon morgen. er sucht immer den offenen Fight.Munition zuständig sei.er in die Firmenzentrale des Supermarkts. sagte Bush. oder wen sie ausrauben müs. zu dessen GlaubensgrundMontage aus Nachrichtenschnipseln.).“ jener riesige Spielplatz. 220 d e r s p i e g e l 4 7 / 2 0 0 2 DEFD . da unterstützt Kritik allein den Feind. dem PräKettensägenmassaker gegen die verlogen. „Dann werden wir legt. Moore wäre nicht Moore. in einem Zentrum der amerikanispekt seiner Landsleute gerungen hatte. dass die Munition aus dem Angebot genommen wird. mäßigkeit seiner Wahl wirft. wenn er sich Leute.bloß mit der Schilderung bizarrer Orte und zen.sätzen es anscheinend zählt. wie Sie das sehen“. aber strahlt munter vor sich hin. Mit T-Shirt und Baseballkappe spaziert stellt kriegen. will ich nicht. Car. allerdings weniger erFilm „Bowling for Columbine“ ist eine Art folgreich. fragte Bush nach den Anschlägen tin Elektronik für Militärjets her. er fes. ein paar Tagen. dass die Munition. zuversichtli. einen Leh. die Unterund Mittelschichten zu Schauspieler Moore (r.bardements in der Weihnachtszeit des spiel von Flugkapitänen der Linie American Jahres 1972 feiert. In diversen Wer„Wie viele Staaten sind jetzt ein Problem ge. Kino. „Einen Moore zeigt auch ein Denkmal in Form nach dem anderen.Schul-Killer am Morgen vor ihrer Tat noch tigte den Status eines Präsidenten.ken stellt etwa die Firma Lockheed Marworden?“. griffe der Amerikaner in Vietnam gelten. eine den CIA-Direktor George Tenet. die von den Teenagern benutzte 9-mmschreibt Moore. wo die Schüler Dylan Klebold und die Veränderbarkeit der Welt durch eigene Eric Harris im Jahr 1999 in der Columbine High School zwölf Mitschüler. bei Charlton Heston. wenn sie abends nach Hause kommen. aber dafür. mehr. „aber ich möchte.Kultur fügen. antwortete Tenet. uns die vornehmen“. auf dem sich die Es folgte der 11. der bis beim Bowling amüsierten (daher der Filmdahin um seine Legitimierung und den Re. was ihnen von Attentat zwar keine Handfeuerwaffen der Fluglinie untersagt worden sei. Der typisch amerikanische Glaube an Vorort von Denver im US-Bundesstaat Colorado. Während die Querulanten in der Medienöffentlichkeit des Landes geknebelt werden.sidenten der National Rifle Association – heile Welt Vorstadt-Amerikas. „Lucky Numbers“ (2000). Fernbin. fragt. Kollegen*: Komischer Querulant Gunsten der Oberklasse auszuplündern. schickt sich die Regierung Bush in Moores Augen an. die 16 800 Dollar im Jahr verdienten. wer amerikaweit für den Verkauf von Und was ist die Lehre für die Allgemein. die als schwerste AnEagle.* John Travolta und Lisa Kudrow in Nora Ephrons Film rer und sich selbst töteten. Kritik wird in dieser Situation nicht geduldet. „So an die riesige Plutoniumfabrik ist zwar stillge60“. als Lebewesen erst mit einer Schusswaffe zum drehe er ein Roadmovie.titel). In einer jenem Verein.den Showdown. als wäre es Limonade. die jene denkwürdigen BomAmerika in einem zeitlich nicht begrenzbaren Krieg. jenen angeblich so heiteren gesetze verhindert. und wird selbst aktiv: Michael Moore sucht wie sie Strom und Wasser wieder ange. Er verche und gut bezahlte Menschen sind … höhnt die stereotypen Schuldzuweisungen Wenn ich 10 000 Meter über dem Erdboden der Meinungsmacher (Videospiele. Der örtliche Supermarkt verkauft seit dem Sozialhilfe beantragt hätten.

dass das zornige Gekritzel in Alternativzeitungen nicht viel an diesem Zustand ändern würde. Teil 17“ herumdoktern. was ein Irrtum war. Es musste ein Medium her. und eigentlich war das Drehbuch für ein solches Schicksal in Amerika schon geschrieben: Hollywood. was vor allem daran liegt. drei Jahre am Swimmingpool an einem Filmprojekt vom Schlag „Die nackte Kanone. bis er als Karrierehöhepunkt die Chefredaktion einer Stadtzeitung in San Francisco angeboten bekam – und prompt wenig später rausflog. ein paar Monate später seine ärgsten Peiniger – den Direktor und seinen Vize. Moore sah das als Metapher für die Lage seiner Familie. habe er nur fernsehen und Chips essen und seine Ruhe haben wollen. Dazwischen Interviews mit Familien. was ich mir je erträumt hatte“. Eigentlich. Als notorischer Nörgler nistete Moore sich zunächst bequem ein in Alternativzeitungen und Radiosendungen. dass er die Wirklichkeit spannender findet als alles. aber schon als Teenager gewann er fast wider Willen einen lokalen Redewettbewerb. „Wenn Sie 20 Unterschriften beibringen“. so sagt er.). und ein Thema wie „Arbeitslosigkeit in einer Autostadt in Michigan“ verführte Produzenten nicht unbedingt dazu. der 260000 Dollar investiert hatte. wie leise Panik ausbricht in den Hallen der vermeintlich Unantastbaren – und dann manchmal tatsächlich für ein wenig mehr Gerechtigkeit in der Welt zu sorgen. die mitten in Flint ein Schild anbrachte: „Kaninchen zu verkaufen: als süße Kuscheltiere oder als Fleisch“. so sagt er. an der Kasse untergehen. nach dem Chef zu verlangen. dass das Wahlalter von 21 auf 18 Jahre gesenkt worden sei. Er ging zurück in seine Heimat nach Flint (Michigan). eine Frau aus Silikon. das die Bosse nicht mit einer Hand in den Papierkorb knüllen könnten: der Film. als mit Baseballkappe und einer Kamera schwitzend im Foyer eines großen Konzerns aufzutauchen.Kultur Aktionen hat sich schon früh in das Leben von Michael Moore gedrängt. eines. zu sehen. lud die Bürger von Flint einmal die Woche zum Bingospiel und besuchte einen Crash-Kurs für Filmtechnik. Der Ort. wurde prompt als Jüngster in die Schulbehörde gewählt und feuerte. fragte. Hinzu kommt. Feuilletonisten verglichen Moore auf einmal mit dem russischen Filmrevolutionär Sergej Eisenstein. erfuhr er. die aus ihren Heimen geworfen wurden. plünderte seine Abfindung aus San Francisco. Er rief bei der Stadtverwaltung an. das lauter und mächtiger war. geschweige denn auf einem Kinoset gestanden. SPLASH NEWS. + O. immer auf den Fersen des Chairman Roger Smith. denn die sozialkritische Strenge und das zeigefingerschwingende Pathos dimmte Moore herunter zu Gunsten einer Art revolutionärer Komik: Sheriff Donald Duck auf der Suche nach Gerechtigkeit. dass es im Leben des Michael Moore wenig gibt.) . lautete die Antwort. verwandelte sich langsam in eine Geisterstadt: leere Fabrikhallen. störten ihn diese Hindernisse nicht. setzte sich wieder vor den Fernseher und wurde depressiv. den alten Zeiten nachjammern. Das Dumme war nur: Moore hatte noch nie eine Kamera in der Hand gehalten. Schlangen vor den Suppenküchen und eine Frau. Früher waren sie die irisch-katholischen Haustiere von General Motors. Er verkaufte sein Haus für 27 000 Dollar. Moore lieferte sie. „Roger and Me“ machte seinen Regisseur. jetzt wurde ihnen das Fell über die Ohren gezogen. ™ 4 7 / 2 0 0 2 s p i e g e l PROKINO (U. Aber weil Moore ein uramerikanischer „Man of Action“ ist. was sich Drehbuchschreiber an ihren Computern ausdenken können. Bald darauf konnte man den dicken Mann mit einem Filmteam die Konzernzentralen von General Motors stürmen sehen. Moore ahnte. Wenn er die Straßen von Flint entlangfuhr. früher mal ein stolzer Standort der amerikanischen Autoindustrie.COM (M. seiner Freunde. Die Dokumentation „Roger and Me“ spielte 25 Millionen Dollar ein – das beste 222 d e r Szenen aus „Bowling for Columbine“ Bizarre Spurensuche im Waffenparadies Ergebnis in diesem Genre jemals. Moore ist den kalifornischen Sirenenrufen nicht erlegen. was ihm mehr Freude bereitet. Kaum 18 geworden. ihre Geldschranktüren begeistert aufzureißen. ob man auch kandidieren könne. besserte sich seine Laune keineswegs. nach eigenen Worten „reicher als alles. ein Personal Trainer.

Die Reaktionen sind ähnlich wie jetzt nach Erfurt. „Ich habe mich immer wegen meiner Narben geschämt“. treibt jahrelang aufgestauter Hass. Dann fällt ihr die neue. beschließt die inzwischen Zwölfjährige. Hass auf die ganze Welt. er schluckt unmittelbar nach seiner Tat das Insektengift E 605. Und sie quält sich bis heute mit der Vorstellung. sie sei selbst an ihrem Unglück schuld. Zeitungen drucken Sonderausgaben. besonders bei den täglichen Verbandswechseln. Hass auf Verwaltungsbeamte. Juni 1964. gesteht Renate H. wie schwer verletzt sie ist. einen verschlossenen Einzelgänger. mit der rechten Hand ihren linken Unterarm zu verdecken. Noch wahlloser. dringt der Frührentner Walter Seifert auf das Gelände der katholischen Volksschule in Köln-Volkhoven vor. die heute selbstverständlich wäre. Ohne psychologische Betreuung. versucht die 48-jährige Frau krampfhaft. Du bist entstellt.Deutschland Lehrerinnen. die sie noch heute „höllisch“ nennt. Zappe gehörte damals zu den Brandopfern. lernt. Hass. Möbel. „Ich sah aus wie ein Monster“. zieht. das Fernsehen. Zerstörte Schule in Köln-Volkhoven 1964. Die Schmerzen. die ihm einst Lesen und Schreiben beibrachte. ändert sein Programm. seine kleine Rente nicht erhöhen. „Ich fühle mich hässlich“. glaubt der Fahrlehrer Andreas Zappe. damals noch schwarzweiß. dass er beinahe amputiert werden muss. dass seine Ehefrau nebst Baby 1961 im Kindbett starb. sich künftig zu tarnen. erinnert sich Renate H. ruft er dabei. sich perfekt zu schminken. 38 Jahre später. die er zum Flammenwerfer umgebaut hat. zwei tote d e r s p i e g e l 2 1 / 2 0 0 2 50 . in der anderen eine Lanze mit aufmontiertem Dreikantschaber. wie klein. verdankt er seiner robusten körperlichen Konstitution. es ist heiß. Dass er nicht am Druck der Erinnerungen zerbrach.“ Während sie spricht. zündet Menschen. noch verheerender für die Überlebenden. die gerade mit einer Mädchengruppe im Schulhof turnt. die Sonne scheint. Mit dem sengend heißen. Im Krankenhaus erkennen die Eltern ihre Tochter nicht. seinen Verdrängungskünsten. steht sofort in Flammen. sagt sie. die sie noch unbedingt retten will. die nicht verhindert haben.“ Kaum zu Hause. „Seit diesem Tag. noch grausamer. Die Zehnjährige entkommt zunächst unversehrt aus ihrem brennenden Klassenraum. Innerhalb weniger Minuten zerstört der Tobende das Leben und die Zukunft von vielen.“ Dieser Tag liegt 38 Jahre zurück. beginnt für sie nach der Katastrophe eine Existenz voller Schmerzen. Am 11. „Dabei war ich erst zehn.DE VERBRECHEN „Du bist nicht mehr heil“ Mit einem Flammenwerfer raste ein Amokläufer im Juni 1964 durch die Volksschule von Köln-Volkhoven. Dass er überlebte. Niemand soll sehen. Dann zielt er auf die Kinder. der linke Arm derart verbrannt. lassen die Überlebenden die dramatischen Erinnerungen nicht los. Du bist hässlich. Viele der anderen 20 Schwerverletzten hatten weniger Glück. Ängste. In einer Hand trägt er eine mit brennbaren Chemikalien gefüllte Unkrautspritze. Entbehrungen. „Volkhoven war noch schlimmer als Erfurt“. Dazu die Erkenntnis: „Du bist nicht mehr heil. Auch der Attentäter stirbt. und „ich bin Hitler der Zweite“. Renate H. sich ihm entgegenstellt. Noch heute. ihre Gesichtsnarben unter dicken Schichten Creme und Puder zu verbergen. hilflos und ohnmächtig sie sich deshalb fühlt. erinnert sich Renate H. Vorhänge an. streicht sich über das Gesicht. sechs Meter langen Strahl des Flammenwerfers schießt er durch offene Fenster in die ebenerdig gelegenen Klassenräume.DE JOSCHWARTZ. Die 15 Monate in der Klinik empfindet die Schülerin als Tortur: die neun schweren Operationen. Den ersten Feuerstoß richtet er auf die 66-jährige Lehrerin Anna Langohr. Juni nie überwunden. um die verbrannten HänJOSCHWARTZ. Den 42-jährigen Mann. Hass auf Ärzte. 48. Überlebende: „Ich sah aus wie ein Monster“ A n diesem Tag endete meine Kindheit“. Von Bruno Schrep Helene Rauch Klassenraum nach dem Amoklauf ROTHE / BILD ZEITUNG Renate H. Schwarz das Gesicht. Auf dem Rückweg gerät sie unter eine brennende Gardine. Boulevardblätter produzieren Schlagzeilen über den „Flammenteufel“. vom Vater geschenkte Ledertasche ein. die seine Tuberkulose-Erkrankung nicht als Kriegsleiden anerkennen. Die meisten haben das Trauma vom 11. darunter mehrere Hauttransplantationen von den Oberschenkeln ins Gesicht. Die Bilanz des bis dato einmaligen Amoklaufs: Acht tote Kinder. Sie trägt nur noch langarmige Blusen oder Pullover. „Rache“. Und Millionen Deutsche rätseln über Ursachen und Hintergründe des Unbegreiflichen. den er in seiner alten Schule austobt.

Ist der Vater aus Kummer über ihre Verletzungen so früh gestorben? Hat sie aus Unsicherheit die falschen Männer gewählt. Schon beim Gedanken an Feuer beginnt sie zu frieren. meidet sie. wenn sie mit den Kindern allein war. auch im Sommer Handschuhe an. bleibt die Angst. erinnert sich die Lehrerin Wiltrud Schweden. Kinder zu betreuen. Kinder zu beschützen: Sie arbeitet als Erzieherin in einer Kindertagesstätte. hört Kinder schreien. etwa Kinos. hat ROTHE / BILD ZEITUNG Trauerfeier für Kölner Opfer 1964: Schlimmer als Erfurt? sie sich gefragt: „Was würde ich tun. die ihr keiner je beantworten kann. Juni 1964 von Angst bestimmt. sie verlassen. sind deshalb beide Ehen zerbrochen? Blieb ihr Kinderwunsch wegen des Schocks von Volkhoven unerfüllt? Realisiert hat sie immerhin ihren schon früh verspürten Wunsch. Als junge Frau fürchtet sie. 23 Jahre alt sie ist damals. sie heiratet. Ihr Leben ist seit diesem 11. der sie als attraktives Mädchen kennen gelernt hat. Dafür bekommt sie später eine Rettungsmedaille. Obwohl ihr Kleid Feuer gefangen hat. musste hilflos mit ansehen. versteckt Renate H. Ihr wahres Gesicht soll niemand sehen. prüft sie jedes Detail: Fallen die Haare richtig über die verletzte Gesichtshälfte? Deckt die Creme? Kann man auch das Handgelenk nicht sehen? Obwohl viele Narben inzwischen gut verheilt sind. ihre Gefühle zu unterdrücken: „Man muss sich zwingen. die Fragen. atemlos einem unbekannten Verfolger davon.de zu verbergen. 38 Jahre später ar- beitet sie immer noch als Grundschullehrerin. immer noch. sieht Flammen. Konzertsäle. Dazu die Selbstzweifel. Die seelischen Narben sind nicht so leicht zu überdecken. aus der Ehe zwei Kinder hervorgehen. die Angst nicht zu zeigen. Sie gab damals gerade Religionsunterricht. Das Schulgelände in Volkhoven hat die heute 60-Jährige jedoch nie wieder betreten. die Flammen im Waschbecken zu löschen.“ . der Job in Volkhoven ist ihre erste Stelle. ihr Freund. Busse. Doch obwohl der Freund fest zu ihr hält. Geschlossene Räume. könnte ihre Brandnarben abstoßend finden. wenn plötzlich einer wie Walter Seifert käme?“ „Am schlimmsten war diese absolute Ohnmacht“. Wiltrud Schweden gibt sich den Befehl. ihr Gesicht bis heute hinter Make-up. fängt an zu zittern. schleppt sie brennende Kinder zur Toilette. In wiederkehrenden Träumen läuft Renate H. wie der Attentäter die Klasse in Brand setzte. Bevor sie die Wohnung verlässt. Und oft. versucht.

Hält aus. gibt sie keine Antwort. mals seit dem Unglückstag sieht. am liebsten weglaufen möchte.Rauchmelder installieren lassen.von. Sagen.“ Helene Rauch. Inzwischen ist sie zum Im Krankenhaus. Zwölfjährige. ich träume nicht dagends. die sie erstmals nach dem Attentat be. Das zwölfjährige Mädchen mit den dunklen Haaren. Keisie nach dem Scheitern ner. sich erstschlimmer als zu grübeln. zur Faust gekrümmten Hände. ist der Ehe später allein erschwerer verletzt als die zieht. Und bereut. vom Gesicht bis zu den Füßen.psychosomatischen Erkrankung. Ruft dreimal tation mit den Folgen des nach der Mutter. Helene Rauch. lichkeit: 86 Prozent ihrer bekommt drei Söhne. Doch Amoklaufs macht sie der Alptraum ist Wirkstark. eines der hübschesten der Klasse. Juni. mischt sich bei Konzerten unter Seit ein paar Jahren wird sie jedoch von Gleichaltrige. Sie geht schwimmen. Das Kind spürt zusucht.Hass auf die ganze Welt nichts empfindet sie werk schleicht. aber auch gar nichts: „Ich Helene Rauch versteckt sich nie und nir. Morphium gesetzt wird.Deutschland Sie kommt mit zum Feuerwerk. trifft sie nachzudenken. allem über diesen verfluchten 11. willste e Passbild han?“ Angriff ist für sie die beste Verteidigung. der überlebt. wo zweitenmal verheiratet. dreimal.“ cos. wegen ihrer schweren verstecken die SchwesVerletzungen – sie ist zu tern sämtliche Spiegel. böse Träume? nert sie sich: „Entweder ich hänge mich Nichts von alledem plage sie. Erinnerungen. Denn einem anderen Stock.den Zimmerdecken ihrer Wohnung hat sie din. noch zu Hause. aus dem es gleich erwaDie tägliche Konfronchen muss. besucht Dis. zweimal. Sie heiratet mit 18. Sie redet nie über den Amoklauf. behauptet auf. Wenn jemand sie anstarrt. 100 Prozent erwerbsunAls sich die Patientin fähig – keinen Beruf geheimlich zur Toilette in Amokläufer Seifert lernt zu haben. erinÄngste. zu viel nachzudenken. bei ihrem Anblick nächst keinen Schmerz. springt damals auf der Flucht dem Attentäter direkt vor die Füße. Hält die fassungslosen Blicke einem Psychologen behandelt. Jawoll. Sie feiert mit bei der Fondue-Party. oder ich steh das durch. auf dem Campingplatz.denke nicht daran. was Sache ist. Vor eine Entscheidung. ter verkriecht. sie monatelang unter bereits Oma. ich war damals dabei. Na und? Viel anderes bleibt der heute 50-Jährigen auch nicht übrig. Und an tern. dass sich eine frühere Freun. geht sie in die Offensive: „Wat is. Ihre Beschädigungen sind erschreckend: Die Narben im Gesicht und an den Beinen. ich habe vor nichts Angst. auch wenn der Anblick zischender Raketen sie an den Strahl aus Seiferts Flammenwerfer erinnert. in denen sie im Laufe der Jahre unterrichtet. die Haut sind verbrannt. Wenn sie im Schwimmbad nach der Ursache ihrer Verletzungen gefragt wird. weinend hinter ihrer Mutglaubt an einen Traum. ™ . Und der richtet seinen Feuerstrahl auf sie: einmal. reagiert genau umgekehrt. Weder in den verschiedenen Schulen. das Erschrecken in fremden Gesich. die versteiften. im Supermarkt. wegen einer aus. die während des Überfalls in Lehrerin Schwedens Klasse saß. „Es gab nur zwei Möglichkeiten“. auch wenn sie angesichts des offenen Feuers an die brennenden Schüler denkt.

und deshalb nahm der Vater seinen Jungen in den Arm. sagte Robert. keine Tasche. denn Berührungen gestattete er nur seiner Mutter und seiner Katze Susi. mit einer Lüge zu leben. D er Tag der Rache begann um halb acht. etwas ahnen können? Müssen? Wäre der Amoklauf von Tatort Gutenberg-Gymnasium JENS-ULRICH KOCH / DDP „Nur die Besten sterben jung“ 118 . gaben auf. April 2002. wie immer bei seinem Vater. und den Eltern fiel auf. endlich. der aber sträubte sich. hätten sie Verdacht schöpfen können? Oder müssen? Dann verabschiedete der Vater seinen Sohn ins schriftliche Abitur: „Jetzt geht’s um die Wurst. der Amokläufer von Erfurt. es war 9. Dann suchte Robert seine Jacke. und weckte ihn. die schwarze. ins Kinderzimmer ihres Sohnes. die nichts von ihm wussten. Kurz vor seiner Enttarnung tötete er nach dem Vorbild seiner Videos 16 Menschen – und anschließend sich selbst. das wussten die Eltern oder das glaubten sie zu wissen. Um neun Uhr schlurfte er endlich ins Bad. sagte Robert. Hätten sie nicht spätestens jetzt. beschloss.45 Uhr am 26. Die Mutter stand in ihrer Küche und kochte Kaffee und schmierte Knackwurst. und als er sie nicht fand und in der Waschmaschine vermutete. Englisch. „dass es dauert. Hätten die Eltern solche Kleinigkeiten als Zeichen deuten.und Salami-Brötchen. schickten ihn fort. bis Robert das zweite Bein aus dem Bett hat“. Der stille Robert. denn sie wusste. das waren sehr viele Worte für einen wie ihn. Die Englisch-Prüfung sei heute dran. als er in die Küche kam. im Urlaub: „ Vielleicht war er all die Jahre überfordert und deswegen kreuzunglücklich. und nach dem Duschen ließ er wie immer seine Zahnbürste und das Handtuch herumliegen. die mit ihm nicht mehr klarkamen. ich muss heute später los“. Robert Steinhäuser.Titel Steinhäuser als Kleinkind. war ein Problemfach. brüllte er herum. keinen Rucksack. Die Mutter ging durch den Flur nach rechts hinten. als Schüler am Computer. „Lasst mich bis neun schlafen. dass ihr Sohn nichts dabei hatte. Streng dich an!“ Robert zog die Holztür mit dem Keramikschild „die Steinhäusers“ hinter sich zu. Das Spiel seines Lebens Die Lehrer. Die Eltern.

die Daumenknöchel in die verheulten Augen gedrückt. „Wir haben versagt. zart und zierlich. Die Eltern saßen wieder im Auto auf dem Rückweg vom Real. Für das Ehepaar Steinhäuser. all die Meldungen aus den Tagen nach dem Amoklauf. Christel Steinhäuser. Nach zehn Minuten war Robert an diesem Freitag wieder da. Denn es gab keine Englisch-Prüfung. flüstert die Mutter. Günter Steinhäuser. der unter Multipler Sklerose und Diabetes leidet. die Lehrer nicht. nicht in einer Schule und nicht durch einen so jungen Täter. „Ich habe meine Stifte vergessen“. seit 25 Jahren verheiratet. das es so noch nicht gegeben hatte. Bruder Peter. Dieser Rachefeldzug mit 17 Todesopfern war eine unfassbare Tat. natürlich haben wir versagt“. die nur einmal in der Ottostraße hätten anrufen müssen. Die Ursache liegt im Schweigen. die nicht mehr aufrechtzuhalten war. Seit fast einem halben Jahr war er schon nicht mehr zur Schule gegangen. war krankgeschrieben. April. jedenfalls. dass dieser vorvergangene Freitag zu einem jener Tage wird. die dort ihren Sohn nicht mehr erreichten und irgendwann aufgaben. dass niemand wirklich hinsah. sagte er. mit den Fingern an der Lesebrille zupfend. darin.wir haben das doch nicht geahnt“ Erfurt an diesem Morgen des 26. die Mutter hatte frei. die Eltern nicht. die Berichte über eine zerrüttete und getrennte Familie sind. 52. immer noch. Die Ursache für die Katastrophe liegt tiefer. als sie die Nachricht von einer Schießerei im Erfurter Gu* Vater Günter. Die beiden sind gern zusammen. nicht mal in Amerika und natürlich nicht in Deutschland. so weit man das von außen beurteilen kann. Der Vater. waren es zwei besondere Stunden. 52. an denen ein ganzes Land für ein paar Minuten oder Stunden gleichsam schockgefriert? So jedenfalls wurde er zum Tag eines Verbrechens. Es vergingen zwei Stunden. um viertel vor zehn. Lederweste. noch aufzuhalten gewesen? Wäre zu diesem Zeitpunkt noch zu verhindern gewesen. und es gab kein Abitur für Robert Steinhäuser. marschierte in sein Zimmer und verschwand aufs Neue. Mutter Christel am vergangenen Freitag als Zuschauer der Gedenkveranstaltung auf dem Erfurter Domplatz. „Wir haben nichts gesehen“. an dem die Lehrer verzweifelten und die Eltern sowieso. und darum kauften sie bei Real zusammen für das Wochenende ein. murmelt der Vater. verübt von einem schwer fassbaren Massenmörder – von einem jungen Mann. ziemlicher Unsinn. grau melierter Vollbart. Bubikopf. Und die Ursache liegt in einer Lüge. ZDF Trauerfamilie Steinhäuser*: „Ein grauenhafter Fehler“ d e r s p i e g e l 1 9 / 2 0 0 2 119 . Viel tiefer.

und der raste in die Ottostraße. dass der Massenmörder sein Bruder war. dass das nichts Gutes wird. glaubt Peter. normalerweise lagen rund um den Computer die Pizzareste und die Disketten herum. dass ihm etwas passiert war. und Schüler flüchteten in die andere Richtung. Es war ein Verdacht. die im Schaukasten ihre Torte des Monats April. den Hügel hinauf. zum ersten Mal. dass irgendetwas nicht stimmte. Vater: „Misstrauen gab es da nicht“ tenberg-Gymnasium im Radio hörten. vorbei am Bundesarbeitsgericht und der Konditorei Enders. ein Schüler und ein Polizeibeamter getötet. eine Schülerin. und normalerweise war das Bett mit der CocaCola-Decke zerwühlt. GEORG NOWOTNY / ACTION PRESS DIE TRAUERNDE STADT rfurt wirkt. „Joghurt light“. als alle Schüler längst draußen waren. Sie riefen zu Hause an. „habe ich schon gewusst. Er stieß mit dem Fuß an die schwere Reisetasche. Er sollte die Quittungen finden. sagt Peter Steinhäuser. und da. Roberts großen Bruder. ist nur einen Kilometer von der Ottostraße entfernt. Sie wählten Roberts Mobiltelefonnummer. aber er nahm nicht ab. Roberts Gymnasium. Auf Roberts Schreibtisch lagen die Quittungen für den Waffenkauf. wie Robert das Haus verlassen habe. „Und dann gehen Sie mal nach nebenan und erzählen Ihren Eltern. Das Verbrechen hat weltweite Medienbeachtung gefunden“. als wäre es von einem Modelleisenbahner entworfen worden. den Hügel hinab. als Peter Steinhäuser wusste. Ruhig bis zur Lautlosigkeit. Robert. die an Patrizierfassaden und Fachwerk entlangkriechen. ging ans Telefon und erzählte. Aber was? Das Gymnasium. der Nichtraucher. Heute nicht. einer Zitadelle und einem Oberbürgermeister. 25. eine Sekretärin. Und nun rasten Polizeiwagen in Richtung Schule. mit einem Rucksack. Die Quittungen für die Waffen waren Roberts Abschiedsbrief. Die Eltern fürchteten. der aus- E Robert (v. preist. und alles hier war aufgeräumt. dem Straßenbauamt und dem Landesrechenzentrum. April 2002. Sein Schulweg führte nach links in die Rudolfstraße. heißt es in einem Bericht des Innenministeriums des Freistaats Thüringen. Peter ging in Roberts Zimmer. und sie riefen Peter an. einem Renaissancebrunnen samt Obelisken. Es war 13 Uhr an diesem 26. Die Großmutter. Robert kam auch dann nicht. mit Straßenbahnen. die eine Etage tiefer wohnt. vorbei am Ärztehaus. In der Tasche lagen Hunderte Schuss Munition. vier Lehrer. „Durch einen ehemaligen Schüler des Gymnasiums wurden acht Lehrerinnen. was ich jetzt mache“.Kleinkind Robert. was Sie gerade gefunden haben“. sagt Peter Steinhäuser. Es war dieses furchtbare Gefühl. sagt Peter Steinhäuser. „In mei120 nem ganzen Leben habe ich noch nicht so gezittert“.) mit Nachbarstochter „Ein ganz anhängliches Kind“ d e r s p i e g e l 1 9 / 2 0 0 2 . Und mit einer Zigarette in der Hand. sie habe um halb elf Uhr gesehen. Aber Robert war nicht unter den Flüchtenden.

Titel
sieht wie ein fröhlich alt gewordener Hollywood-Star. OB Manfred O. Ruge hat es geschafft, eine gute Portion der Aufbaugelder für Thüringen in seine Stadt umzuleiten. Erfurt ist gepflegter als Berlin, schöner als Hamburg, ungekünstelter als Tübingen, vom Krieg verschont, vom Sozialismus nicht zur Modellstadt verdammt. Erfurt ist eine Stadt im menschlichen Maß. Als während der Pressekonferenz am vorvergangenen Sonntag ein Reporter die Schülerin Michaela Seidel aus der 12. Klasse des Gutenberg-Gymnasiums fragt, was sie dem Täter gegenüber empfinde, antwortet die junge Frau: „Soll ich ihn hassen? Oder Mitleid haben? Das wäre beides eine Genugtuung für ihn. Ich möchte gar nichts für Robert Steinhäuser empfinden.“ In der Woche danach fühlt Erfurt sich sehr leer und sehr taub an. Die Stadt gleicht einem gewaltigen Friedhof mit Blumenbergen, Kerzen, Fotos und Briefen, die sich überall zu großen Haufen schichten. Sprachlosigkeit frisst sich durch die Stadt: Je mehr die Ahnung vom Ausmaß der Tat ins Bewusstsein der Menschen sickert, desto unbegreiflicher wird das, was sie eigentlich zu begreifen versuchen. Die Schule ist zur Kaiserzeit gebaut worden. Das Gutenberg-Gymnasium ist eine Burg des Lernens mit Erkern und Wetterfahne. Mit weit geöffneten Flügeln steht die Schule etwas oberhalb der Stadt. „Lerne um zu leben“, mahnt der rechte Seiteneingang, „Lebe um zu lernen“, korrigiert der linke. Robert Steinhäuser kam von hinten, wo die gelben Mülltonnen stehen und die Autos. Die Luft ist feucht, und von der Kleingartenanlage gegenüber riecht es nach den Blüten der Apfelbäume. „Nur die Besten sterben jung“, steht auf einem Stück Karton im Blumenmeer, und oben im Fenster hängt noch immer das „HILFE“-Schild, das Schüler am 26. April gegen die Scheibe geklebt haben. Es gibt Reporter in Erfurt, die den Erfurtern den Hass auf die Medien, auf alle Medien beibringen; Kameramänner etwa, die Fotos von Opfern vom Blumenberg klauen. Es gibt Lehrer und Schüler, die schweigen wollen. Schweigen und weinen. Aber es gibt andere, denen es hilft, über das zu reden, was war. Dass Lutz Pockel noch am Leben ist, verdankt er der Tatsache, dass er am Freitag, dem 26. April, kurz vor elf Uhr, nicht im Klassenraum, sondern in der Aula des Gutenberg-Gymnasiums war. Es ist Zufall, dass Yvonne-Sofia Fulsche-Baer starb, die Lehrerin, die im Erziehungsurlaub und nur zur Klausuraufsicht in der Schule war. Und es ist Zufall, dass Lutz Pockel lebt. Robert Steinhäuser kam im Mai vergangenen Jahres in Pockels Grundkurs Physik – weil er zurückgestuft worden war, „freiwillig“, wie alle Lehrer betonen, auch naut werden. Anders als sein Bruder Peter ging Robert nicht auf die Straße, zum Bolzen. Die Eltern ließen sich von Freunden aus dem Westen Lego-Steine schicken. „Wir wollten doch kreatives Spielzeug“, sagt der Vater. „Ich habe ihm vorgelesen“, sagt die Mutter. „Felix der Pinguin“ war Roberts Lieblingsbuch. Der Junge konnte nur schlafen, wenn er zu seinen Eltern ins Ehebett kriechen durfte. Als er 14 Jahre alt war, bekam Robert Steinhäuser eine Katze, die schon in seinem Bett schlief, wenn er noch seine Ballerspiele am Computer machte. Dann kroch er zu Susi. „Die Pubertät“, dachte seine Mutter, als ihr Sohn 16 Jahre alt war und allmählich verstummte. „Wie war dein Tag?“ „Ganz okay.“ Danke für das Gespräch. Und jetzt kleben drei graue Siegel-Streifen der Polizei an der verschlossenen Tür zum Kinderzimmer, in dem ihr Sohn die Morde so gewissenhaft geplant hatte. Und im Wohnzimmer gegenüber kauern Günter und Christel Steinhäuser eng nebeneinander auf dem grünen Ledersofa, zusammengefallen, so als ob ihre Muskeln nur noch zum Zittern taugten. „Wir hätten es doch merken müssen“, stammelt der Vater und verschluckt die Vokale: „Warum haben wir’s nicht gemerkt?“ Christel und Günter Steinhäuser gingen, so erzählen sie, 1989 zu den Montagsdemonstrationen gegen die Staats- und Parteiführung der DDR. Sie machten ihre Wahlzettel ungültig. Sie übten zaghaften Protest. Sie kennen auch dieses Unbehagen, das viele Menschen im Osten spürten, „diese ständige Flexibilität, dieses Ver-

Schüler Robert

„Höflich und strebsam“

wenn das sehr nach „Kündigung im gegenseitigen Einvernehmen“ klingt. Lehrer Pockel kann sich an keinen Schüler erinnern, zu dem er einen so schlechten Draht gehabt habe, mit dem so wenig Kommunikation möglich gewesen sei wie mit Robert Steinhäuser.

ROBERTS WELT
ls er zwei Jahre alt war, blieb seine Mutter, Kinderkrankenschwester in der Erfurter Hautklinik, zu Hause, damit er nicht in die Krippe musste. Der Junge „war ein ganz anhängliches Kind“, sagt Christel Steinhäuser, „er musste beschützt werden, damit er seinem Bruder nicht ständig unterlegen war“. Das Kind konnte nur schlafen, wenn die Mutter durch die Gitterstäbe hindurch seine Hand hielt. Als er acht Jahre alt war, baute er in seinem Zimmer Modelle von der „Titanic“ oder vom „Raumschiff Enterprise“. Robert verehrte Captain Kirk, und er wollte Astrod e r s p i e g e l 1 9 / 2 0 0 2

A

BILD ZEITUNG CHRISTIAN SEELING / AP

Wohnhaus der Familie Steinhäuser

Antik-Möbel und Spitzendeckchen 121

Sohn Robert, Mutter Christel auf Teneriffa

Abstand von den Eltern

Familie Steinhäuser im Urlaub*

„Such dir einen Kumpel“

lieren aller Wurzeln“, wie der Vater klagt, aber sie fassten Tritt im vereinigten Deutschland. Er arbeitet als Elektroingenieur bei Siemens, sie im Schichtdienst in der Hautklinik. Sie bezogen eine Vierzimmerwohnung in dieser Gründerzeitvilla in der Ottostraße, unterm Dach, hundert Quadratmeter. Und Günter Steinhäuser war ein ziemlich eifriger Elternvertreter. Er fuhr mit auf Klassenfahrten, und wenn Kinder auffällig waren, ging er zusammen mit dem Klassenlehrer zu den Eltern. „Ich habe versucht, mit Eltern zu beraten, wie man etwas wieder geradebiegen kann“, sagt er und weiß, wie grotesk das heute klingt. Ein Sorgenkind wie seinen Sohn hat es in Erfurt noch nie gegeben. Nach der Grundschule schickten die Steinhäusers ihren Robert auf die Haupt* Links: 1996 mit Mutter Christel auf Zypern; rechts: 1998 auf Teneriffa.

und Realschule, die in Thüringen Regelschule heißt – doch nach einem Jahr meldeten sie ihn wieder ab. Sie waren geschockt, denn die Lehrerinnen hatten von Messern auf dem Schulhof erzählt und von Prügeleien und Drogen. „Wir dachten, nichts wie weg hier“, sagt der Vater. Roberts Zensuren waren in Ordnung; „er ist ein höflicher und strebsamer Schüler“, stand im Zeugnis der fünften Klasse, und darum kam er aufs Gutenberg-Gymnasium. „Ein grauenhafter Fehler“, sagt die Mutter heute. Der erste von vielen grauenhaften Fehlern in dieser Geschichte einer schrecklich normalen Familie. Die Mutter sah, dass Robert schlechte Noten nach Hause brachte, dass er ernster
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wurde und verschlossener. „Robert darf die Freude an der Schule nicht verlieren. Er muss eine richtige Arbeitstechnik finden“, stand im Zeugnis der neunten Klasse. „Vielleicht war er auf dem Gymnasium all die Jahre überfordert und deswegen kreuzunglücklich. Wir haben das doch nicht geahnt“, sagt die Mutter. Denn Robert schwieg. Und Robert floh. Gegen die Proteste seiner Eltern legte er sich einen Gameboy zu, und nachts sah er fern. Als er 14 Jahre alt war, kaufte er sich von dem Geld, das er zur Jugendweihe bekommen hatte, seinen ersten Computer, und den rüstete er ständig nach. Am Ende hatte er einen PentiumII-Rechner, dazu Lautsprecher, so genannte Booster, für authentische Schussgeräusche, dazu Scanner und 17-Zoll-Monitor. Das alles stand auf einem weißen Metalltisch auf Rollen – Roberts Altar. 20 Euro Taschengeld gaben ihm seine Eltern im Monat, 40 Euro die Großeltern. Manchmal putzte Robert zu Hause die Fenster, das brachte 25 Euro. Er gab nicht viel aus, nicht für Klamotten, nicht für Mädchen. Der Vater hatte eine Kontovollmacht, „Misstrauen gab es da nicht“, sagt er. Als Robert anfing, größere Summen abzuheben, immer wieder mal 250 Euro, sagte er, dass er das Geld auf ein Sparbuch überwiesen habe. Wegen der Zinsen. „Heute wissen wir, wofür das Geld war“, sagt der Vater. Am Ende, am 26. April, hatte Robert noch 7 Euro auf seinem Sparbuch und 100 Euro auf dem Girokonto. Wenn die Eltern damals die Tür zum Kinderzimmer öffneten, Eiche-Furnier mit

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Geschwister Robert (r.), Peter (2001): „Beschützt, damit er dem Bruder nicht unterlegen war“

Messinggriff, betraten sie eine bizarre Welt. Alles lief gleichzeitig, Computer, Fernseher, Videorecorder, und Robert hockte da und starrte auf den Bildschirm und hörte nur das, was aus seinen Kopfhörern kam. Es war eine Scheinwelt, natürlich, es war eine brutale Welt, auch das, aber für Robert war es die bessere Welt. Die Musiksammlung des Robert Steinhäuser enthielt CDs von Gute-LauneGruppen wie Ace of Base, und sie enthielt Werke der Metal- und Teufelsanbeter-Fraktion, neben zwei CDs der US-Band Slipknot zum Beispiel Platten von System of a Down oder Entombed. Die Gruppe verehrt Luzifer als „Chief Rebel Angel“, und zu ihren erfolgreichsten Songs zählen Titel wie „Living Dead“ oder „Seeing Red“. Und während er sich dieses Zeug anhörte, saß er an so ziemlich jeder Waffe, mit der sich Menschen töten lassen. Robert übte mit Pistolen, halb- und vollautomatischen, mit Pumpguns, Granatwerfern, Kanonen und Präzisionsgewehren. In seiner Dachkammer schlitzte er Bäuche mit dem Kampfmesser auf, und er durchbohrte seine Gegner mit Pfeilen; er äscherte sie mit Molotow-Cocktails und Flammenwerfern ein, atomisierte sie mit Panzerkanonen, und das alles tat er, ohne selbst Angst spüren zu müssen. Als Polizisten nach dem Amoklauf Roberts Zimmer filzen, finden sie Strategiespiele wie „Homeworld“, Schießorgien wie „Hidden & Dangerous“ – und mindestens sechs indizierte Spiele, die für den Versandhandel gesperrt sind und Minderjährigen nicht in die Hände fallen sollen.

Unter Steinhäusers Baller-Titeln ist das Brutalste und Bestialischste, also das Begehrteste, was die Erfinder von Einzelkämpfer-Spielen je auf den Markt geworfen haben. Zum Beispiel „Half-Life“, ein so genannter Ego-Shooter, mit dem Robert über die Mündung seiner Waffe auf seine Opfer sah. Wie man im Laufschritt mordet, konnte er auch in seinen indizierten Spielen „Return to Castle Wolfenstein“, „Commandos – Behind Enemy Lines“, „Alien versus Predator“ und „Soldier of Fortune“ trainieren, nirgendwo aber so perfekt wie im CyberEpos „Medal of Honor“. Wenn dort Lieutenant Mike Powell am D-Day am Omaha Beach landet, ist nur der finale Treffer ein guter Schuss; je mehr Kopftreffer, desto besser. Dass eine Statistik am Ende aufführt, wo die Projektile in die Körper eingeschlagen sind, hält die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften für „äußerst problematisch“, denn dadurch werde das „gezielte und kaltblütige Töten eingeübt“. Es war so etwas wie ein Entwurf für den 26. April. Das perfekte Trainingslager. Von Zimmer zu Zimmer, von Flur zu Flur musste der Killer Robert Steinhäuser in seiner virtuellen Computerwelt vordringen, immer eine Stufe höher, und er musste Türen öffnen und Treppen hinaufsteigen und wieder hinab, und deshalb wirken diese Spiele im Nachhinein wie eine Blaupause für den realen Massenmord. Es wirkt, als hätte Robert Steinhäuser, maskiert und verkleidet wie ein „Ninja“Kämpfer, an jenem Morgen in den Gängen
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Steinhäuser-Katze Susi

Immer pünktlich den Napf gefüllt

und Treppenhäusern des Gutenberg-Gymnasiums das letzte und das größte Spiel seines Lebens gespielt, so lange, bis ihn der Lehrer Rainer Heise beim Namen nannte und auf die Erde zurückholte.

DIE WÜTENDE STADT

I

hr Verhältnis zum Tod, sagt die Notärztin Gabi Wirsing, 54, sei von Berufs wegen eher „professionell“. Seit 1986 macht die blonde Erfurterin den Job, und sie hatte geglaubt, schon alles gesehen zu haben, was ein Mensch ertragen kann. Der Notruf mit der Einsatznummer 20688 aber sprengte den Rahmen. Den Rahmen ihrer Erfahrungen, den Rahmen des Vorstellbaren, den Rahmen dessen, was Menschen für möglich halten. Zwischen zwei Zügen aus der MentholZigarette sucht die Ärztin nach Worten.
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Das Einzige. dem Mörder den Weg zu versperren. und wer ist nur Opfer? Wenn eine ganze Stadt trauert.“ 132 „Hans Lippe“. dass nun viele Menschen klagen. den Mann. Sekretärin Anneliese Schwertner saß noch am Schreibtisch. einen. Dann. Sie legten Infusionen. Menschen wie Gabi Wirsing taten an jenem Morgen. Wirsing nahm Gorskis Dienstwaffe aus dem Holster und gab sie einem Polizisten. An den Beratungstelefonen beschweren sich viele Erfurter darüber. Gefahr? Bewaffnete Täter? Kein Wort davon. Und überall war Blut.13 Uhr das Gutenberg-Gymnasium erreichte. was sie tun konnten. Und dann war da Robert Steinhäuser. Dieses Gerücht geht darauf zurück. ohne Begleitung. als hätte irgendwer mit dem rechnen können. April gleich mehrere Pannen gegeben haben. Wäre es also vermeidbar gewesen. Und dort berichteten diese Kinder. Und auch die Stimmung im Kollegium des Gutenberg-Gymnasiums ist lausig. und Susann Hartung. „Wie heißen Sie?“. Halb auf der Seite. ganz so. gibt es vermutlich zwangsläufig auch eine Mischung aus Gerüchten und Neid. als der dabei war. Sie sprach mit ihm und injizierte ihm das Schmerzmittel Phentanyl. dass nach einem solchen Notruf alle Räder ineinander greifen. Die Notärztin gab einen ersten Bericht an die Leitstelle durch. Unter Deckung rannte das Rettungsteam ins Schulsekretariat. fragte Wirsing den Mann. SVEN DÖRING / VISUM (R. dass die unvermeidliche Polit-Prominenz die öffentliche Anteilnahme für den Wahlkampf nutzt. per Handy. „Damit der Amokläufer sie nicht kriegt. in die man gern auch „weniger fähige“ Kollegen abschiebe. das mit Regalen voll gestopft ist. nur über „eine Straftat im Gutenberg-Gymnasium“ informiert worden. neben seiner Pumpgun. sagt Wirsing und beschreibt. „Auf den Boden“. kam ein Polizist herein und führte sie zu einem Sterbenden auf das Treppenpodest zwischen erster und zweiter Etage. sagte sie. intubierten den Patienten und begannen mit einer Herzmassage. und der eine habe auch noch was auf dem Rücken gehabt – wohl die Pump- . Kultusminister Michael Krapp etwa wollte alle Opferfamilien aufsuchen. wen wir im Krankenhaus wieder gesund machen. Er muss sich die Pistole in den Mund gesteckt haben. „Wir müssen doch wissen. Obwohl der Hausmeister bei seinem Notruf von „Schüssen im Schulhaus“ ged e r s p i e g e l 1 9 / 2 0 0 2 sprochen habe. In der Einsatzzentrale. „Die Situation war sehr. seien die Streifenpolizisten. Misstrauen und Kritik. um den Kreislauf zu stabilisieren. ohne Blumen. einem Zimmerchen. Vor dem Empfangstresen im Büro lag die stellvertretende Schulleiterin Rosemarie Hajna tot auf dem Rücken. das Mädchen mehrere Schüsse in den Rücken. sagt sie dann. Noch immer sind einige Lehrer und Schüler davon überzeugt. befahl ein Polizist. dass auch noch der Beamte Gorski starb? Andererseits: Kann man verlangen. Vor der Tür war ihre Lehrerin zusammenbrochen. sehr unwirklich“.“ Noch bevor das Sondereinsatz-Kommando (SEK) am Tatort war. dass um kurz nach elf. lag er auf dem Fußboden. die er auf den Boden gelegt hatte. wie ein Beamter erzählt. dass Lippes Bauch voller Blut war. sie lag zwischen seinen Beinen. war.Mitgliedereintrag beim Schießclub Kalkreiße. einer dunkel gekleidet. Aber dabei merkten sie. im Flüsterton. ohne Presse. „nichts wie raus und Köpfe runter. flüsterte der Sterbende und dann nur noch: „Die Luft geht weg. lagen die Leichen der Schüler Ronny Möckel. wurden Wirsing und ihr Rettungsassistent abgefangen und mit einem Polizeibus zum linken Nebeneingang der Schule gefahren. Der Junge hatte einen tödlichen Schuss in den Bauch erlitten. allein und in aller Stille – doch Ministerpräsident Bernhard Vogel kam ihm zuvor und machte aus der Aktion eine Betroffenheitsshow. aber eine Frage bleibt: Hätte irgendjemand mehr tun können? Die Stimmung unter den Erfurter Streifenpolizisten ist lausig – „wir sind ja doch nur Kanonenfutter“. fehlerlos. mehrere Sechstklässler in den Keller zu Schulbibliothekarin Margrit Kampe geflohen waren. Auf dem linken Treppenabsatz lag der Polizist Andreas Gorski in „Halbseiten-Bauchlage“ in seinem Blut. Im Vorbereitungsraum Kunst. ohne Schmerzen sterben zu lassen. 14. Waffengeschäft „Frankonia“: Von einer ABM-Kraft für den Schützenverein geworben? MICHAEL HUGHES (L. Sein Kiefer war zertrümmert.“ Die Ärztin und ihr Assistent arbeiteten wie Maschinen. was im Gutenberg-Gymnasium geschah? Es hat natürlich mit Hilflosigkeit und Verzweiflung zu tun. im Klassenzimmer 208. wenn ihm die Munition ausgeht“. Überall sah es Patronenhülsen auf dem Steinfußboden. was Wirsing noch tun konnte. bevor er abdrückte. dass es einen zweiten Täter gab. rief ein Polizist noch. einen also. den seine Schüler „Lippchen“ nannten. 15. seine schusssichere Weste anzulegen. unmittelbar nach Beginn des Amoklaufs. Was ist wahr und was nicht. irgendwann.) „Wie eine menschliche Naturkatastrophe war das“. Dann muss ihm die Pistole aus der Hand gefallen sein. der mit den Flüchtenden aus dem Gebäude gerannt sein muss. Die Notärztin prüfte Puls und Augenreflexe – Gorski war bereits tot. „Wenn geschossen wird“. wie plötzlich ein Schuss durch die Flure knallte. der nun frei durch Erfurt laufe. wie schlafend.). soll es am 26. den Kopf auf der Tischplatte. Als ihr Mercedes-Notarztwagen NEF 1/82/2 um 11. heißt es. hatte Robert Steinhäuser offenbar durch den Türspalt in die Klasse gefeuert. einer heller. beide hätten Pistolen in der Hand. Robert Steinhäuser hatte hinterrücks auf den Beamten gefeuert. bugsierten ein paar Erfurter Streifenbeamte mit grünen Uniformen und Maschinenpistolen die Notärztin ins Schulgebäude. „und niemandem die Tür öffnen!“ Minuten des Wartens. als sie versucht hatte. zwischen umgestürzten Bänken. da oben seien zwei vermummte Männer. die zur Schule geschickt wurden. Im zweiten Obergeschoss. wer trägt Mitschuld.

wenn sie im Bett liegen. sagen die Eltern. sagt Günter Steinhäuser. Fernsehen. eine alte Bibel und ein paar Kochbücher. Und wenn er von dieser grünen Couch aufsteht. die Eltern allein nicht leisten können. er hasste es. Computer. Ehrgeizig sei er nie gewesen. Im Handballclub SSV Erfurt-Nord stand Robert bald im Tor. 133 . Die Steinhäusers versuchten es mit Gesprächen. weil sie dann das Entsetzen anspringt. wie kalt mich das lässt? d e r s p i e g e l 1 9 / 2 0 0 2 * Im September 2001 mit Requisiten für eine Schülertheater-Aufführung. wenn die Kumpels hinter der Kinderzimmertür mit ihm so albern kicherten. trat er gegen den Bürgersteig und schimpfte auf die „Scheißbürokraten“. nur auf die verdammten Computerspiele. Der doch nur seine Gefühle nicht mehr ausdrücken konnte. „du musst doch was lernen“. „Er saß immer vor dem Computer. dass das schwere Ticken der Eichenstanduhr unerträglich wird. streng dich an“. Robert. Schule. und auf den Tischen liegen weiße Spitzendeckchen. den Kurs sollte er in den Sommerferien machen. sagte die Mutter. der Weiche. der Abstand von den Eltern halten wollte. der es nicht schaffte. und an den Fenstern kräuseln sich weiße Rüschengardinen. unterrichtet werden. In den Regalen stehen Kristallgläser. „Was sagst du denn? Wir wissen doch. schenkten sie ihm ein Poster der Tennisschönheit Anna Kurnikowa. als könnte er jeden Moment hinfallen. Und die Steinhäusers sitzen da und schweigen minutenlang. er machte längst keine Hausaufgaben mehr. „er hatte immer ein gutes Verhältnis zu seiner Mutter“. erwachsen zu werden. dann mit Zwang: Der Vater baute eine Sperrvorrichtung an das Fernsehgerät. sagt sie. sich den Erste-HilfeSchein rechtzeitig zu besorgen. Die Verwandten der erschossenen Kollegen mussten von ihnen. es gibt Trockensträuße und Strohgebinde. Die Steinhäusers haben ihr Zuhause mit Antik-Möbeln dekoriert. geht er so schleppend. sagt sie. „Da haben wir SPIEGEL TV DER KAMPF MIT DEM KIND s ging immer ums Schießen. der Vater. nach Zypern. dass er nicht nur ein paar Worte. Robert lernte trotzdem nicht. „Mach was.)*: Seht ihr. dass er sich das einteilt. was es damit auf sich haben könnte – sie seien immer noch unsicher. Er schimpfte. in Nohra bei Nordhausen. sondern professionelle Hilfe gebraucht hätte. Aber er nahm die Jüngeren in Schutz. es ging immer um Gewalt“. nach Teneriffa. den traumatisierten Überlebenden. weil wir selbst noch nehmen müssen“. wer noch lebt und wer nicht“. aber er schaffte es nicht. weil sie nichts wieder gutmachen können. Bis vor zwei Jahren war er mit seinen Eltern zusammen gefahren. scheinbar. Das war wie eine Sucht“. Es funktionierte. suchte alles wieder zusammen und kaufte noch neue Programme dazu. So ähnlich ging es mit dem Urlaub. „Wir können nicht geben. der sanfte Robert. Der große Bruder nahm den kleinen mit zum Handballtraining. mit Kumpels zusammen sein“. Das hat Robert nicht beherrscht“. drohte. „Es gab diese Auseinandersetzung. und obwohl die Geschichte vom zweiten Mann offiziell als erledigt gilt. sagt die Mutter. diese Hilflosigkeit. Als ihm auch das keinen Spaß mehr machte. und als die Fahrschule ihn deshalb abwies. wo ihr Sohn seine schönsten Ferien verbrachte. schrie. der Vater kam an den Sohn nicht mehr heran. Abends. Und sie schenkten ihm das Geld für die Fahrschule. Und dessen Mutter sich freute. „Wir haben alles falsch gemacht“. sagt der Vater. Antriebslos. dort. ist es am schlimmsten. sagt der Vater. Robert habe seine Mutter ganz besonders geliebt. suchten die Eltern im Internet nach Jugendreisen. sagte der Vater. wenn sie gepiesackt wurden. wuchs auf dem Bauernhof auf. sagt die Mutter wieder und weint. keine Scherenschnitte. in die USA. Er habe auf kaum etwas Lust gehabt. Die Mutter. Phlegmatisch. Robert träumte von einem Mustang. wenn ihr Mann zu reden beginnt. sagt Physiklehrer Pockel. wenn ihm die Kreisläufer entgegensprangen. dass sie „durch Befragungen untereinander feststellen mussten. Drei der Sechstklässler setzten sich sofort an den Computer und hielten ihre Beobachtungen fest. keine Kinderzeichnungen. nicht besonders gelenkig und nicht wirklich mutig. weil ihr Sohn in den Minuten vor seinem Tod zum Mörder wurde. mit einer alten Nähmaschine. weil sie nicht mal um ihren Sohn trauern können. Für sie war er bloß einer dieser pubertierenden Teenager.Titel gun. Robert E Gymnasiast Steinhäuser (r. sahen sie nicht. Es gibt einen Kamin mit Glasverkleidung. sonst ging das Gerät aus. Die Lehrer des Gutenberg-Gymnasiums erzählen auch. Er war kein guter Spieler. Einmal riss Christel Steinhäuser vor Verzweiflung alle Kabel aus den Wänden und den Geräten und versteckte sie. Im Wohnzimmer sind die alten Fachwerkbalken zu sehen. Danach sprach er nie wieder über den Führerschein. und nun ist es so still. „Er sollte sich mal bewegen. Dass er möglicherweise depressiv war. aber es gibt keine Spur von Robert: keine Fotos. und auf dem Beistelltisch liegt der Otto-Katalog. dem Flitzer aus dem Actionfilm „Nur noch 60 Sekunden“. Als Robert 18 Jahre alt wurde. die mitten im Satz abbricht. auf Drängen der Mutter. Es änderte nichts. pro Stunde musste Robert eine Mark einwerfen. fragen die Polizisten bei den Freunden Robert Steinhäusers sehr dezent. dass all das nicht gestimmt hat“. Nicht damals.

offenbar zu HauAmoklauf: Mit der Sturmhaube. der Kassettenhüllen aus dem „Video Buster“ am Juri-Gagarin-Ring klaute. Müll strike“ für einen Präzisionstechniker des nur cooler aussehen. den d e r s p i e g e l 1 9 / 2 0 0 2 .“ schizophrenen? geht es nicht darum. ein Machtverstärker – rigen Andreas S. um später in keiner Fahndungskartei aufzutauchen. die Sekunden vor dem klapptem Visier schafft.Sturmhaube gegenüberstand. als würde Und auch das Phänomen. rere Landeskrankenhäuser te dahinter seine Gefühle drei verschiedenen Menschen zu tun. der den Futternapf seiner Katze Susi füllte. tagaus in verschleiern. vermutet die Je mehr man über Robert Steinhäuser („Darth Vader“) erkennt. umso mehr für die Deutung der Schnellfeuer-Schützen aus seinem Com. sagt die Mutter. Andererseits gab es da einen scheuen Jungen. hat er verlegen gelächelt. dass er unerkannt davonkommen hat: Er sieht jetzt aus wie einer dieser wollte. keine Gnade Tatsächlich steht die Sturmhaube in Vielleicht aber wollte er auch einfach der Bildsprache des Spiels „Countersie sich wünschen konnte. einerseits. für sich zwar einzelne Polizisten in der An. desto mehr kann man den Einkönnte man gleich mehgin Susanne Seitz. der unerkannt entkomwie kalt mich das lässt? „Bullshit“. Wer war er? Ein Monster. auch dort tötet er ohne Gesicht und ohne Gnade. Le„als ich ihm mal sagte. kann die Hemmschwelle zum Töten senken. weil sie hoffen. Spezialist für Täterprofile.Such dir einen Kumpel und zieht zusammen los.“ Deckung. liche Regung erschießt er masken („Fantomas“). Die Maske als Verbrecherutensil: Es gehört zu den einfachsten Erkenntnissen der Polizeipsychologie. ihm“. nur. und alles rennt weg“.‘ Das hat ihn aber auch nicht interessiert“. sagt der Bonner Psychologe Thomas Busch. Beherrscht „Ninja“-Horden ziehen durch das MetStammkurslehrer Rainer Heise. Auch dort sieht der Schütze seine Gegner nur durch einen Schlitz. stets war er hilfsbereit.. Und wenn seine Mutter ihn um einen Gefallen bat. die man an Gummiseine einstige Lehrerin Martina Holland. und Robert sprach es aus.zelgenre.Masken zur Requisite der Killer. über schwarzen Sweatshirts auftrat. Bei Steinhäuser dagegen spricht nichts schlüpft er in eine Rolle. der Kampfzone Internet trägt der Mann am Abzug eine Maske. „Da hat er die zwei Silben ausspucken. Ganze „Er war unsicher“. hübsche Mädchen. Dort ließen kundig am Ziel – als er die Maske noch tem seiner Schulkameraden ausmachte. der immer allein sitzt. Er war onymität. Oder einer Auch in vielen Schockern zu seinen Opfern halten. Robert mit einem Achselzucken. hat chologe Busch. um Robert Steinhäuser war es Bullshit. machte sie den Mann zur Maschine. pünktlich auf die Minute. Die Maske. namenlos zu bleiben. gehören – aber kein Stück aggressiv. ein terroristischer Schläfer in eigener Sache? Könnte man denken. hose. die Damit erfüllt die VerDie meisten kannten den Schul-Robert. was das Wertesysoffenbar andere Wurzeln. Stuttgarter Polizeipsycholoerfährt. ErMai-Krawallen wieder beklagten. und auf den Fluren des Guten. tat er es nur noch. drauf-Attacken hinreißen. Mitschüler. Denn auch bei der Terroristenjagd in ben besser durchziehen zu können. einer Sie ist nicht vergleichbar mit der Strumpf. Vermummter Terroristenjäger in „Counterstrike“: Kein Gesicht. sagt und präzise.Psychologen Seitz und Busch. Im Fall Steinhäuser. einkaufen. Die Überziehmütze. glaubt Busch. Robert rauchte nicht. „Höflich und freundlich war er“. ke auf. dass Vermummte leichter töten. die ein Helm mit herunterge. Der Mörder war offenfolge im Sport – all das. „war so ein Lieblingswort von als er dem Lehrer Rainer Heise ohne seine Lehrerin erstochen hatte. die sich ein Bankräuber überstreift. Seht ihr.und Action-Streifen. dass er glaubte. „Ich setze mir die MasMontur. sondern nur einen ganz anderen Zweck „Alles rennt weg“ schwarzen Jeans und schwarzer Lederjacke um ein Maximum an Angst als bei üblichen Straftaten. Vor allem in „Still war er“. Robert tanzte nicht. dieser Schüler.und Schrecken. einer Rüstung. ein jämmerlicher Psychopath. „und auf Abstand bedacht vor Steinhäusers Gesicht zu einer Robert Steinhäuser gern sah. die er Tausende Male übernommen dafür. atort Erfurt.mörder in Spielfilmen. Tötens.Titel Maske als Machtverstärker Psychologen glauben.einmal überzog. man hätte es mit zwei. sagt sein einstiger fekter Killerroboter operiert.“ Lecter“) oder Stahlhauben Sicherheit“. so wie Massenraustragen. verbergen. er konnte Distanz einer multiplen Persönlichkeit. Der Jürgen Dahlkamp im Unterricht einschläft. war er der aufmerksamste Sohn. und mit den Film-Psychopathen. erzählt sein Schulkamerad berg-Gymnasiums wird das Stück Stoff Horror. die nichts verrät. wie sie Falko Kuhnt. glaubt PsyGute Zensuren. Mit füllen. Identität des Mörders zu mummung bei Steinhäuser Killer „Darth Vader“ Einen Jungen. beschreibt Tadel. sagt ein men wollte. die er Hunderte. monstranten nach den jüngsten Berliner die Hemmung eingesetzt“. dermaulkörben („Hannibal „Die Maske gab ihm mache um ihn. „er konndruck gewinnen. dass sich Täter nicht nur vermummen. nachdem er 1999 in Meißen Steinhäusers Amoklauf war zu Ende. die Arme auf dem 134 CINETEXT T gesagt: . 19. der tagein. aus der auch er wie ein per. wie sie die Polizisten von Spezialeinsatzkommandos benutzen.zu sterben. das De. schlechte Noten quittierte der Schulauch nicht mit der Maskierung des 15-jäh. unnahbar und ohne mensch.Seitz die Wirkung. hinter einer Maske sein Vorhaputerspiel „Counterstrike“. dass ich mir Sorgen Lehrer um Lehrer. Robert hatte keine Freundin. Doch über die die sich Robert Steinhäuser in Stränge schlagen auch solche Beamte der Schultoilette über den Kopf zieht.

“ Niko K. Obergeschoss Schüler und Lehrer verbarrikadieren sich. den Biologielehrer Hans Lippe. schon auf der Treppe zur nächsten Etage. ein belesener Typ. in diesem Alter.. Peter E. „aber meiner Einschätzung nach war Robert Steinhäuser kein besonders intelligenter Junge – er lag deutlich unterm Schnitt. an ihrem Schreibtisch. erinnert sich sein Mitschüler Falko Kuhnt. Wahrscheinlich systematisch von unten nach oben durchsucht Steinhäuser nun das Gebäude nach Lehrern. den schoss Mathematiklehrer Helmut Schwarzer und. was wir anziehen sollten. Nur Niko präsentierte er stolz seine Waffen und die Munition im Kinderzimmer. den Kopf auf die Arme gestützt. sagt Rainer Heise. als er gemeinsam mit vier anderen Schülern ein paar Szenen aus Sophokles’ „Antigone“ einstudieren sollte. Dann richtet er die „Glock“-Pistole auf die stellvertretende Direktorin Rosemarie Hajna und erschießt auch sie.Titel Pult verschränkt. nachdem Steinhäuser zu schießen beginnt. während wir den Text aufsagten. Niko war auch bei ihm. der sich nicht verliebt. Er zieht sich in der Schultoilette um. die Sekretärin. Niko und Robert gehörten zu einer seltsamen Clique. Mit ihm zelebrierte er seine düsteren Abende vor dem Computer: EgoShootings im Cyberspace. Er war der Junge. dazu die dumpfen Beats des Death-Metals. war sein bester Kumpel. der Klassenclown. sehr eifrig dabei. Alle bleiben unverletzt. Vermutlich stürmt Steinhäuser zunächst ins Schulsekretariat und ermordet dort als erste Anneliese Schwertner. Obergeschoss Erdgeschoss Haupteingang Untergeschoss Einige Schüler verbarrikadieren sich in der Schulmensa. der Bühnenbild und Kostüme entwarf. Obergeschoss Kurz vor 11 Uhr betritt Robert Steinhäuser das Gutenberg-Gymnasium. und Robert H. eine Art Redner gegen die Lehrerschaft.. Hier gibt es keine Opfer. In „Ninja“-Kluft. „Es war erstaunlich“. „wie viel Robert dazu einfiel. 3. den Mathematiklehrer Hans1. in dem alle Sinne auf Empfang stehen. Die Jungs hatten die Idee. ein scheinbar braver Bub. dass Robert Steinhäuser den eifrigsten Einsatz seiner ansonsten ruhmlosen Schulkarriere zeigte. Alles Bullshit? „Ich sage es ungern“. ObergeJoachim Schwertfeger.“ Es ist bezeichnend. mit Pistole und Pumpgun. am letzten Abend. der seine wilde Seite in einer Death-Metal-Band auslebt. damals betraut mit der Rolle des Kreon. 2. mit 18 nicht. beginnt er seinen Amoklauf. Im 1. 136 d e r s p i e g e l 1 9 / 2 0 0 2 . den Robert Steinhäuser erleben sollte. etwa zählte noch dazu. und Tod in der Schule Mutmaßlicher Ablauf der Erfurter Amoktat 4. Stock tötet er den Physiklehrer Peter Wolff. die Tragödie ins Mafia-Milieu zu verlegen – und hier war Robert Steinhäuser. dem Donnerstag vor Erfurts schwarzem Freitag. auch mit 17. leise schnarchend.

„Er hat uns nur nicht vertraut“. denn hier war das cool. Bis zum 26. Hier sterben auch die Schüler Susann Hartung und Ronny Möckel durch Schüsse. mache die Aufgaben nicht. mit der man es beendet. die hinter Ecken hervorkommen und abgeschossen werden. d e r s p i e g e l 1 9 / 2 0 0 2 DAS TODESURTEIL s solle ja keine Entschuldigung sein. Geschichtslehrer Heise*: „Du musst mir in die Augen sehen“ STEPHANIE PILICK / DPA Im 2.. wir wussten von Robert nahezu nichts“. bevor er noch einmal in den 1. sagte „Bullshit“ und setzte sich wieder. sagt Peter E. erzählt Martina Holland. seit ihm * Umringt von Schülern bei der Trauerfeier am vergangenen Freitag. Und diese Clique war Robert Steinhäusers Raum der Ruhe. sich doch wenigstens eine Zivildienststelle zu suchen. sagt Günter Steinhäuser. dass die Jungs für ein Wochenende in einer leer stehenden Wohnung in der Ottostraße 40 die Computer zusammenschlossen und online spielten. er hat keine Sorgen“. „Ich hab ja das Abitur auch nicht“. aber nicht auf Fragen antworten. Worauf? Robert versteckte seine Antriebslosigkeit hinter einer barschen Fassade. Die Eltern hofften. wie anstrengend die nächtlichen Märsche seien. sagt der Vater. Und Robert hatte sehr schlechte Noten. als sich beim feuchten Überwischen der Arzt-Atteste. „Was mit Computern“ wollte Robert machen. dass alles irgendwie gut gehen würde. auf dem vergangenen Freitag hunderttausend Menschen trauerten. dass der das Abitur schafft. Dort begegnet er Heise zum zweiten Mal. geht ja auch“. sagt sie. Er sei faul. Über die Zukunft sprachen sie selten. Es scheint. „Es ging Tag und Nacht und wieder nur ums Schießen. wenn man meint. „Ich dachte wirklich. Also riefen Lehrer den vermeintlichen Arzt an. so behauptet der Film. Steinhäuser rennt nun wieder nach unten und zum Hinterausgang. Ich kann das aushalten. ermordet er im Bereich des Seiteneingangs den Polizisten Andreas Gorski. Es gab keine Nachfragen. was sich bewegt. Der Vater suchte Ausbildungswege für Computerberufe zusammen. Auch wenn es schlechte Nachrichten sind. Stock hinaufsteigt. aber sie halfen auch nicht. Stock fallen ihm dann die Biologielehrerin Heidemarie Sicker. Hier richtet Robert Steinhäuser sich schließlich selbst. Dann ging alles ziemlich schnell. Ihr Bermuda-Dreieck bestand aus dem Drogeriemarkt Müller. dem Plattenladen Saturn und der Videothek Video Buster. Leute. so genannte LANs. Dann schwänzte er. aber es sei dennoch wahr: Beim Elternsprechtag in der 11.“ Die elfte Klasse machte Robert noch mal. sagt der Vater. Im 3. Zurück im Gebäude. Wie bei Millionen anderen Kindern auch. hatten die Eltern da längst aufgegeben. Einmal sollte er ein Referat über Gutenberg halten. er packt es überhaupt nicht“. sagt der Vater. er schaffte zwei Sätze. bis alle gegangen waren. der Stempel und Unterschriften keine Schmierspuren gezeigt hätten. Ein Menschenleben. Während der elften Klasse versuchte er. Da hab ich sie rausgeschmissen“. aber mehr sagte er nicht. „Auf die Schliche“ sei man Robert gekommen. sagte die Mutter. wie er war. der Lehrersohn Robert S. oder sie zogen durch Kneipen. Einige der Jungs guckten zusammen Filme wie Mike Mendez’ „Killers“. und das neue Schuljahr lief nur wenig besser als das alte. Der Lehrer stößt den Amokläufer in einen Vorbereitungsraum und schließt ab. Einige aus der Clique organisierten Netzwerkpartys. aber sehr schnell gab er auf. Die Mutter bekniete den Sohn. an einer Gesamtschule die Prüfung zum Realschulabschluss zu machen. Klasse habe er gewartet. rufen Sie mich bitte an. Hier durfte er sein. Manchmal traf sich Roberts Gang auch auf dem Domplatz. Obergeschoss trifft er auf die Deutschlehrerin Monika Burghardt und die Kunstlehrerin Gabriele Klement und bringt beide kaltblütig um. dass ein Patient namens Robert Steinhäuser „nie bei ihm gewesen war“. Hier trifft er offenbar zum ersten Mal den Geschichtslehrer Rainer Heise. und möglicherweise ging es ein bisschen zu 137 E . die Referendarin Carla Pott und die Deutschlehrerin Heidrun Baumbach zum Opfer. ist nicht mehr wert als die Patrone. seine Lehrerin aus dem Deutsch-Leistungskurs. sagten die Lehrer. fälschte er Atteste. als hätten sie Robert in einen Alltag mit Kaffee und Kuchen gesteckt und gehofft. er könne zwar erzählen. Doch statt Hilfe gab es Demütigungen. Und um das Schwänzen zu verstecken. dass er die Schule schaffen würde. Die Hoffnung. „weil er das Gefühl hatte. und der war sich sicher. Stock tötet er zudem die Französischlehrerin Yvonne-Sofia Fulsche-Baer. Ein Lehrer sagte: „Man muss doch an Wunder glauben. April nicht.ein Kumpel erzählt hatte. aber Robert winkte ab. Local Area Networks. und dann habe er zum Klassenlehrer gesagt: „Wenn es etwas gibt. wo sie nach billigen Spielen suchten. die Steinhäuser in den Klassenraum R 208 abfeuert. Der Vater erlaubte Robert.“ Es gab keinen Anruf. nur nicht das Richtige. Seine Frau sieht ihn zweifelnd an. Übersteigerte Erwartungen haben diese Eltern nicht gehabt. Im 2. und sie guckten den Mädchen nach. „Es ist erschreckend. keine Diskussionen. wie die Mutter sagt. zur Bundeswehr wollte er ja nicht. in dem gleich zu Beginn zwei Maskierte mit Pumpguns in ein Haus eindringen und alles abknallen. läuft an ihm vorbei und erschießt vermutlich zu diesem Zeitpunkt auf dem Parkplatz die Kunstlehrerin Birgit Dettke. verschlossen und einsilbig. immer wieder lustig frisiert. „Machste eben keinen Abschluss. und deshalb erzähle er irgendetwas.

Die Zuweisung an eine andere endgültige Niederlage. Und dann. September 2001 zu einem Gespräch mit ei. Eine Schulkonferenz Romand zu lebenslänglicher Haft verhat es für Robert S. seine zwei Kinder und seine Eltern. nem Fachlehrer. Der Schulpsychologische Dienst des Schulamtes wurde im Fall des Robert S. ein Verbleib am Gutenberg-Gymnasium sei wegen des „gestörten Vertrauensverhältnisses“ nicht mehr möglich gewesen. m 2.Robert Steinhäuser bei der Jugendweihe (1997): „Mach was. um die vorherige Lüge zu verbergen. Es geht bei Menschen wie Romand nicht darum. War die im strafrechtlichen Sinn wirklich bewiesen? Steinhäuser. nie gegeben. sei ja gar nicht von der Schule geworfen worden. in Wahrheit verbrachte er 18 Jahre lang seine Tage auf Parkplätzen und mit Spaziergängen. Kollegen wie dem Physiklehrer Pockel Gegenwart habe man beschlossen. Im Schulgesetz des Freistaats Thüringen zember“ eher lapidar mitgeteilt. die er nicht belegen wollte. hätten die ihm eine Lehrstelle besorgt. Juli 1996 wurde Jean-Claude nicht eingeschaltet. an einem anderen Gymnasium das Abitur zu machen. und sie kämen da wieder heraus. Ein Gespräch. dass für den Fall. „den An. würde die ganze Welt über sie lachen. ein Geständnis. sagte er. Es geht darum. Kumpels und Verwandte gaben ihm. wenn sie jetzt noch alles zugeben würden.Netz und ohne Boden. auf denen er doch noch ins Leben hätte finden können. aber dort bieten sie nur Kurse an. Beim ersten erkundigte er sich. Das klingt ganz. erzählt. Ihre Blamage. der Schulleitung und dem ihr Sohn sei „von der Schule verwiesen Kurssprecher gebeten worden sei. ein erfolgreicher Arzt zu sein. dass steht. Der Mann aus dem französischen so Lehrer Koch. dass sie Lüge vor Lüge stellen. trag stellt der Schulleiter auf Beschluss der Lehrerkonferenz“. Es geht darum. wie ausweglos ihre Lage objektiv ist. Joachim Koch. Erfurter Gutenberg-Gymnasiums sei. 2. hätte der ihn auf die Gleise in Richtung Realschulabschluss setzen können. urteilt.Robert Steinhäuser nicht mehr Schüler des maßnahmen“ keinen Erfolg erzielten. hätte er seinen Eltern gesagt. Der Teufel sei schuld gewesen. man habe ihm lediglich die Möglichkeit eröffnet. Und der Anstoß zur Schule beschließe das Schulamt. als versuche da jemand ungeschickt ein Vertuschungsmanöver . da tötete Romand seine Frau. ihn an wurde „Ende November oder Anfang Deeine andere Schule zu verweisen. Hätte er mit Lehrer Koch gesprochen. dass „Erziehungs. als er kurz davor stand aufzufliegen. dem angeblich so Welterfahrenen. In seiner worden“. was los war. „rechtlich auch nicht nötig“ gewesen. Die sei. beim zweiten meldete er sich nie. streng dich an“ Selbst Thüringens Kultusminister Krapp schnell. darum.gänzlich unverblümt. Es war ein hektischer Rauswurf ohne „eine schriftliche Mitteilung“ an die Eltern gehen solle. Es war die erfolgen“. an Roberts Eltern. wie sie ihre Lage empfinden. und für Robert war figen Pflichtverletzungen muss ein Hinweis es so etwas wie ein Todesurteil. dass sie irgendwann glauben. Geburtstag: Alltag mit Kaffee und Kuchen LEBEN MIT DER LÜGE A Prévessin hatte seiner Familie und seinen Freunden 18 Jahre lang vorgespielt. sagt Vize-Schulamtschef Wolfram Abbe.5 Millionen Francs. 138 d e r s p i e g e l 1 9 / 2 0 0 2 .Tat. als der Schuldenstand zu hoch und das Gestrüpp aus Lügen zu dicht war. „weil es sich ja um eine Urkundenfälschung gehandelt hat“. Robert Steinhäuser wurden Ende 2001 zwei Gymnasien genannt. dass Robert im schreibt am vergangenen Donnerstag. Torte zum 18. Roberts letzter Stammkursleiter. Und „bei schweren oder häu.

immer allein. und bald wäre er aufgeflogen. steckte das Schulbrot ein und ging. dass er so oft sagte. Der Freizeitpädagoge. Er trank Kaffee.zwei Monate ging er da schon nicht mehr te. er gehe jetzt in die Amokläufers etwa wussten nichts von dessen Schule. den Eltern Auskunft über ihre schulischen Rucksack nahm und sagLeistungen zu geben. Ein paar Rentner sitzen vor ihren Kaf. die er dabei letzten Tisch gesetzt. mehrmals auch am GutenbergGymnasium. „Es war für uns eine Freufeetassen. unter fachkundiger Betreuung. irgendwie.“. ten? Morgen für Morgen an 100 fehlende Prozent: „weiß nicht“ nahm er seinen Rucksack – und dann? Es gibt Zeugen dafür. Mitglied des Schützenvereins „Domblick e. Pünktlich um halb zehn. dass er seit Februar ins Café senders. Den Eltern legte er im Die runde Glasfront zieht sich bis auf den Dezember 2001 ein Zwischenzeugnis vor. Es lässt sich nicht sagen. Die Eltern des Erfurter te. sollte Kinder und Jugendliche für den Schießsport begeistern und sie. die Kasse de. kann sie hier Marathon zog.Jugendzimmer von Robert mit Computeranlage (1996): Blick in eine bizarre Welt Aber er log. Heute kommt es denen natürlich merkwürdig vor. „Für mich war mein Sohn am 26. um Viertel vor acht. er müsse erst zur zweiten Stunde erscheinen. Teller klappern. sagt Gautzsch. Richtig. Es war für seine Verhältnisse gut“. sei er hier oben erschienen. der damals als ABM-Kraft beim Erfurter Schulverwaltungsamt angestellt war. sagt schnurrt. manchmal auch Eiskafwar. Sie wissen nicht immer auf denselben Platz am zweit. Und dann war es zu Ende. Der 26. dorthin. Monitore den Singsang eines Nachrichten140 d e r s p i e g e l 1 9 / 2 0 0 2 Sie waren erleichtert. Und daheim verstrickte er sich in imPuppen. „Das lief so ab. April war der Tag der letzten Klausur. die Jahr für Jahr die Abiturienten meldet. dass wir nach dem Sportunterricht Broschüren verteilt oder die Schüler zum Schnupperschießen eingeladen haben“. Deshalb führte Gautzsch seine Informationsveranstaltungen an Erfurter Schulen durch. Mai. zwei Tage Fußgängerzone sind von hier klein wie vor seinem Rachefeldzug. wie es herausgekommen wäre. aber es wäre herausgekommen. wie er sagt. die vom Abi erzählt hätten. „zu einer sinnvollen Freizeitbeschäftigung im Verein anschubsen“. auf der fee. Ins Café. mer wildere Lügen. das letzte Mal am Mittwoch. „aber nur mit Luftgewehren. sagt der Vater. wo keiner einen gut vergessen. April in der Abiturprüfung“. habe gezahlt und sei geganfurter Altstadt. Morgens kommen nur wenige Gäs. „Gefälscht“. Durch die Lokalzeitung. V. Robert ließ sich jeden Morgen von seinen Eltern wecken.mehr. 52. dass Die Eltern informieren er am ersten Tag nach „ Volljährige Schüler können ihren Lehrern unterdem Rauswurf seinen sagen. wo man nicht gesehen hatte. April bis 2. Es ging damit weiter.aufgestanden. rund 1000 Befragte. weil es sich Falsch. Ins GutenbergSchulverweis. und über dem Tresen verströmen die Mutter. oder Zeitungen. dass der Junge immer las Breuninger. Die Kellnerinnen des Marathon erinzweiten Ebene des Einkaufszentrums nern sich daran. Wo aber trieb er sich 17 % 79% herum in all den MonaNFO-Infratest-Umfrage für den SPIEGEL vom 30. Die Menschen in der gen. Oder durch Freunde. ob es Bücher waren. Boden. weil auch bei volldass er seinen Freunden bei 18-Jährigen schließ.auf die Schule. Gegen Mittag sei er wird und den besten Blick hat auf die Er.jährigen Schülern die Eltern vom Gutenberg-Gymnalich um erwachsene über gravierende Schulprobleme sium sagte. DER AUSWEG ürgen Gautzsch. Es begann damit. Er habe sich oder irgendetwas schrieb. Es ist wie auf einer Kommandobrücke. tat Dienst an der Rekrutierungsfront. sobald geöffnet oder Cappuccino. Wie finden Sie diese Praxis?“ Gymnasium natürlich. Wer zu viel Zeit hat. Robert Steinhäuser trank Milchkaffee wie ihn vermuten würde. er habe die Menschen handelt informiert sein sollten Schule gewechselt. sagt der Vater.“ J .

Am 17. „präzise mit der Waffe umzugehen. sagt der Vater. Der Waffenhändler vermerkt den Verkauf in der Waffenbesitzkarte.oder zweimal“ nur will Gautzsch Robert Steinhäuser gesehen haben. scheiterte auch dieser Versuch im Ansatz. Als Schießtrainer schult er die Beamten im zielsicheren Umgang mit der Waffe. die Steinhäuser ein Bußgeld eingebracht hätte. Oktober ordnungsgemäß vermerkt. Eine Glock-Pistole kostet in Erfurt in Läden wie dem „Frankonia Jagd“ zwischen 717 und 948 Euro. Ein durchschnittlicher Schütze sei dieser Robert Steinhäuser gewesen. auch per Katalog. bis ihm das Erfurter Ordnungsamt nach Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft am 16. Oktober 2001 die lang ersehnte Waffenbesitzkarte ausstellte. Bis vor einem halben Jahr trainierte der Verein im Schießkeller vom „Schützenhaus-Erfurt-Kalkreiße“. sagt er. der am Computer längst nahezu perfekt war. wenn sie der Erfurter Ordnungsbehörde aufgefallen wäre. sagt Birnbaum. 30 Cent. sagt Birnbaum. Innerhalb einer 14-Tage-Frist hätte dies erfolgen müssen. Man kann auch Kaliber . „Ich habe was gegen die Schützenvereine. die 9-mm-Glock. Eine eigene Waffe wollte Steinhäuser nach Angaben von Eilers und Birnbaum erstmals im Frühjahr 2001 besitzen. Der Junge sei interessiert gewesen. es war eine Zeit der besonders großen Sorgen in der Schule. einem rot-weiß gestrichenen Flachbau am Rande der Stadt. mit automatischer Zuganlage. Jürgen Birnbaum. so mittelalterlich. Aber er sagt auch. Er schoss regelmäßig. Die Karte berechtigt zum Kauf einer 9-mmPistole und einer Pumpgun. Das ist so Burschenschaftsmentalität. den auch seine Eltern unterschrieben. Bereit fürs echte Schießen. 43. Aber ich hätte es ja nur um drei Monate aufhalten können. wenn der Schütze regelmäßiges Schießtraining nachweisen kann. erwarb der Schüler die spätere Tatwaffe. sagt Eilers.357-Magnum kaufen. Die Pumpgun hingegen wurde am 30. dass er in seinem Schützenbuch zu wenige Stempel für Trainingsschießen hat“. Der Jugendliche habe mit der Flinte auf Tontauben schießen wollen. Entgegen den gesetzlichen Bestimmungen ist die Pistole nicht in der Waffenbesitzkarte mit Hersteller und Fabrikationsnummer eingetragen. „das war kein Waffennarr“. Vier Meter unter dem Parkplatz liegen die beiden 25-Meter-Schießbahnen. Die Begründung für den Kauf eigener Waffen war simpel: Steinhäuser sei die auf den Schießständen angebotene Munition zu teuer gewesen. Der spätere Killer von Erfurt sei ein „ordentlicher Junge“ gewesen. noch im Oktober 2001. doch weil eine Waffenbesitzkarte nur ausgestellt . und deshalb wollte er diese künftig selbst kaufen. Martin Eilers hat Steinhäuser in beiden Fällen den Antrag zum Eintrag einer Waffe selbst unterzeichnet. wo die Güterzüge stehen. Robert bei einer Familienfeier: Einer dieser pubertierenden Teenager „Ein. habe er ein langes Gespräch mit dem Schützen geführt. Fortan wurde Robert fleißiger. aber das ist teurer.Titel wird. und er betreut auch die Auswahlmannschaft der thüringischen Polizei. gut zu treffen. Seine ersten Stunden am Schießstand verbrachte er mit einem Profi. dass er „psychologischer Laie“ sei und „seelische Zustände nicht beurteilen“ könne. Ehrenschütze und Ehrenmitglied im Schützenverein Domblick ist seit September 2000 Thüringens Innenminister Christian Köckert (CDU). „Ich habe ihm erklärt. Oktober 2000. Und mit der Karte kann dann Munition in jeder Menge bestellt werden. ist Sportwart im Verein und im Hauptberuf Oberkommissar im Führungsstab der Erfurter Bereitschaftspolizei. dann wäre er volljährig gewesen“. Sehr flink. 48. Bevor Eilers dem späteren Killer das so genannte Bedürfnis zum Kauf einer Waffe mit Stempel und Unterschrift quittierte. Dass ausgerechnet dieser Mann den Massenmörder ausgebildet hat. das hat er hier gelernt“. das war eine Ordnungswidrigkeit. aber der Junge. erinnert sich gern an Robert Steinhäuser. ist eine der besonders absurden Wendungen dieser Geschichte. Ein Schuss 9-mmMunition kostet hier 20 Cent. stellte Steinhäuser den Aufnahmeantrag. Der Vereinsvorsitzende Martin Eilers. fühlte sich inspiriert.

du Schwein. Steinhäuser hatte die Registriernummer 128. Und dann. Und die Schuldirektorin Christiane Alt sagt. Sie wussten nichts. Ist Heise ein närrischer Heiliger? Oder ein Aufschneider? Rainer Heise. dann das Verhör durch die Polizei. käsig. begann ganz normal. isst gern vegetarisch. er hatte das Unterrichtsthema ins Klassenbuch eingetragen. schüchtern und klein. Er rief AnMICHAEL DALDER / REUTERS Familie Steinhäuser. als der anonyme Anrufer sagte: „Dich knallen wir auch noch ab. Um 9. Dezember. 7. suchte Christel Steinhäuser eine Reisetasche und fand sie in Roberts Zimmer. ich nehme eine andere“. sie bemerkten nichts. Das Schloss geöffnet. „Er machte gute Fortschritte. „Gehst du etwa nicht mehr in die Schule?“. „das begreife. „Der Zufall hat uns nicht geholfen. weil er nicht mehr zu Hause wohnte. Es war kurz nach elf. wie sie sagen. April. die ihn seit 32 Jahren kennt. „habe ich nicht als so abwegig empfunden. April. Direktorin Alt* Schweigen und Weinen d e r s p i e g e l 1 9 / 2 0 0 2 142 . Er kam erstmals im Juli 2001. wer will …“ Er zuckt die Achseln. Da sah die Mutter. zum letzten Mal am 17. 60 Jahre alt. und zuckte zusammen. * Am vergangenen Freitag in Erfurt. auf 25 Metern dicht am Schwarzen“. Zum Schluss hat er ziemlich gut geschossen. nicht ein einziges Mal“. „Lass nur. „Seine Videospiele“. fragte sie. immer zweite Wahl. Sein ehemaliger Schießwart Hans Meitz zeigte ihm. „Er ist impulsiv und hat eine intensive Art zu reden“. sagte er. sagt sein Bruder. Aber er erzählte. weinten. Der Anruf unterblieb. Rai- D Ministerpräsident Vogel. nicht. kurzer weißer Bart. dass die Waffen dort aufbewahrt würden. sagt er. viel zu früh. „Ich hatte keine Erfahrung mit Medien“. Robert aber ging weiter ins Schützenhaus. Und der große Bruder. schwimmt viel. „Ruf doch an. wo er nach seiner Scheidung allein lebt. wussten seine Eltern. Erste Stunde. am 11. sagt der Vater. „ich habe nie behauptet. „Willst du sie haben?“. picklig. DER GEHASSTE HELD rei Morddrohungen lagen schon im Briefkasten. dass ich ein Held bin. sechs Stunden lang. meint sein Vater. einen Tag bevor sie mit ihrem Mann in Urlaub fuhr. sagt er. Heise schaute an diesem Tag ständig auf die Armbanduhr. Der Computer des Schießclubs verzeichnet die Registriernummer 128 für die letzten vier Monate nicht mehr.25 Uhr ging er in den Raum 108 im ersten Stock zum Kunstunterricht einer sechsten Klasse. Aber der Held von Erfurt ist zurzeit der meistgehasste Mann der Stadt. sagt. Vom Opfer zum Helden zum Wichtigtuer – so ergeht es Rainer Heise. benutzt sie auch“. setzte gerade sein schwungvolles Kürzel daneben. groß. „aber er ist auch der Typ Lehrer. Dass Robert selbst zwei Waffen besaß. dunkle Haare. aber Heise nimmt schon lange nicht mehr ab. Zu Hause erzählte Robert wenig vom Verein. die B4 ein paar Kilometer hinauf Richtung Norden.“ Es gab diese Momente. einer von Heises Schülern. Freunde: „Still war er – aber kein Stück aggressiv“ Den Domblick-Schützen wurde das Training im Schützenhaus-Erfurt-Kalkreiße vor sechs Monaten zu teuer. an dem Heise zum gehassten Helden wurde. sagt er. der einen nicht hängen lässt. dass der Schulrucksack leer war. natürlich gehe ich da noch hin“. 19. Erst der Terror des Attentats. weil das die Waffe zur Seite ziehen kann. voll und schwer war sie. runder Kopf auf breiten Schultern. „Warum sich alles auf mich stürzt. Wäre sie doch bloß schärfer und bestimmter gewesen.“ In der Straßenbahn wurde er angespuckt. Robert muss sich neben Peter gefühlt haben wie das hässliche Entlein. Blick auf die Uhr: acht Minuten nach elf.30 Uhr. und ein kleines Vorhängeschloss baumelte am Reißverschluss. aber keinen Kriegsgewinnler. der Sonnenschein der Familie. „Wer eine Waffe kauft. Eines der Kinder rief Heise zu: „Oben schießt einer!“ Schon stolperten die ersten. der exzellente Handballtorwart? Der bemerkte nichts. weil er „sich im Fernsehen so ekelhaft wichtig machen“ würde. Heise unterrichtete seinen Leistungskurs Geschichte. wo die Eltern ganz kurz Verdacht schöpften. sagt Marco Kneise. Pausenlos klingelt das Telefon in seiner Dachwohnung. warum jetzt diese Polarisierung sich an meiner Person festmacht“. als Heise einen Knall hörte.“ Und seine Nachbarin. „hse“. wandert gern. denn die Schulklingel war wegen der Abiturprüfungen abgestellt.Titel ner Heise „hätte auch ein leiserer Held sein können“. Dann die Vereinnahmung durch den Innenminister. „In dem Moment hatte ich nur einen Gedanken – die Kinder müssen raus aus dem Gebäude!“ Heise versuchte die Flucht zu organisieren. sagte sie. blaue Augen. wie man den Abzug nur mit der Fingerkuppe bedient und nicht mit dem Gelenk. dem Mann. schrien. Selten wurde ein Mensch so schnell durch den Fleischwolf der Öffentlichkeit gedreht. Es war drei Wochen vor dem 26. er sei ein „grundanständiger Mensch“. fragte er.“ Der Tag. den Bundesinnenminister Otto Schily für das Bundesverdienstkreuz vorschlug. Hätte sie doch nur nachgefragt. die eine Schneise durch sein Leben ziehen. und sie verlegten das Handfeuerwaffentraining unter anderem nach Elxleben. nämlich als Erfurt noch im Koma lag und alles verkraftete. sein großes Vorbild? Peter Steinhäuser. Er hat kräftige Hände. Dann der Terror der Medien. Das machen so viele.

“ Und er hatte Glück. Dann zerrte sich der Fremde die Maske vom Kopf. „Die wollen uns nicht. 100 000 Menschen kommen zur Trauerfeier. Steffen Winter A Zwölftklässler Steinhäuser (2001): „Alles Bullshit“ kierte hatte eine Waffe. ihre Fassungslosigkeit darüber. und hatte. Ein Schlurfen.“ Und griff in die Tasche. Heise drückte die Klinke. Ralf Hoppe. sagte der Mann am Telefon. sagte Heise. war Robert zu dem Lehrer Hans Lippe marschiert.“ Er vergrub das Gesicht in den Händen. Gegenüber liegt die Turnhalle. hinter Fensterglas zu. sagt er. Aber Heise fragte: „Hast du geschossen. erst mal alle raus. darüber werden wir reden müssen“. Als ob das damals eine Übung gewesen wäre. ihr Sohn ist der 17. ihr Mitgefühl. er zog die Tür hinter sich zu. „wie der Maskierte etwas Messingfarbenes aus seiner Tasche zog und an seiner Waffe hantierte und zum Parkplatz ging. die die beiden zwei Jahre zuvor auf einer Klassenfahrt erlebt hatten. Sah. Günter Steinhäuser kauerte weinend auf dem Sofa. sagen Polizisten. Heise sah seine Kollegin Martina Holland. Dann hörte er Schritte. er schob und schleuste die Zögernden in die richtige Richtung. er schloss auf. „Die Sicherheitslage lässt es nicht zu“. Damals schon war Heise dazwischengegangen. Da trat eine schwarze Gestalt hinter Heise aus der Tür. Er tat es nicht. Andreas Wassermann.“ Stattdessen trat er hinaus auf den Gang und N DIE EINSAMKEIT m Freitag vergangener Woche weint die Stadt Erfurt. abschließen. den er nicht leiden konnte. Derart maskiert und mit Macht-Requisiten ausstaffiert. Dann hörte Heise ein Klicken. was da geschehen war. War es so? „Es könnte so gewesen sein“. „Als ob ein Kind seinen Ranzen hinter sich herschleift. Der Massen. Whisky gekippt. sich verrammeln. wie der den Gang entlang kam. Denn Heise war plötzlich ein Gesicht und keine Silhouette aus einem Computerspiel. das vor dem Materialraum steht. Schüsse simuliert. sogar ein wenig barsch. und egal was später passierte: Neun von zehn Menschen wären vermutlich draußen geblieben. sagt Bundespräsident Johannes Rau. rief Heise den Schülern zu. Christel. hatte der Schüler ein paar d e r s p i e g e l 1 9 / 2 0 0 2 SPIEGEL TV . Eigentlich wollten sie hingehen. Heise sagte: „Wenn du auf mich schießen willst. Es war vorbei. sagte der Attentäter. sich eine Havanna angesteckt und einen Stetson übergestülpt. Sven Röbel. wohin sich die Lehrer in ihren kurzen Pausen zurückziehen. ein ZDF-Kamerateam beobachtet sie. „für heute ist genug.Titel weisungen. Felix Kurz.“ Und dann gehen sie doch hin. stemmte die Pendeltür auf. und Heise erkannte das Gesicht seines früheren Schülers Robert Steinhäuser. mit ausgestrecktem Zeigefinger. was ihr Sohn angerichtet hat. Dann sagte der Maskierte: „Die krieg ich auch noch. bis der Maskierte vor ihm stand. erwiderte Heise streng – Steinhäuser stopfte brav die Maske in seine Hosentasche und legte die Pistole auf das hellgraue Holzregal. Dominik Cziesche. warum“. den Schüler zusammenstauchte. da Heise. Und Robert Steinhäuser hatte das seinen ersten Verweis eingebracht. April von oben. „Nee. dann tu’s. gab einen Schuss ab in Richtung Rondell. buchstäblich. „wir leben miteinander und kennen uns häufig nicht“. Und nun war es ein wenig wie damals. „er machte einen regelrechten Bogen um mich. Die denken. Heise schubste den Attentäter in den Raum. Damals. Und außerdem wiederholte sich an diesem 26. die unkontrolliert zitterten. da kommt ein Mob und lyncht uns. der seinen Fluchtinstinkt unterdrückt und in ein brennendes Haus stürmt. April 2002 vor dem Materialraum eine Szene. um ihr Entsetzen zu zeigen. „Ich habe agiert wie ferngelenkt“. mit schweren. „Robert. „Ich sah“.“ „Robert. griff sich die kleineren Kinder. Der Maskierte ging um Heise herum. „Es schien mir das Falsche“. Irina Repke. Die Kinder standen dann draußen auf dem Hof.“ Er öffnete die Tür einen Spalt weit. Und in dem Moment. Alexander Smoltczyk. Cordula Meyer. „Lauft alle zu Frau Holland“. Tote. Schweißüberströmt und bleich. an der Rückfront des Gebäudes. du?“. wo die Kinder schon über den Zaun kletterten. Herr Heise“. aber du musst mir in die Augen sehen dabei.“ Die Stimme kannte er. Und noch hatte er keine Ahnung. Sah den schwarz gekleideten Maskierten. und er hatte dem Schüler Zigarre und Whiskyflasche weggenommen. Es war totenstill dort oben. Klaus Brinkbäumer. rechts der Lehrerparkplatz. Heise ging den Gang entlang bis zum Materialraum. keine Ahnung. spähte hinaus. aber woher? Und dann machte Heise kehrt. sagt er.“ Robert griff sie sich. raus hier. sagt Heise. war das Schüler-Lehrer-Verhältnis von früher wieder hergestellt. Sie schauen der Trauerfeier für die Opfer des 26. Steinhäuser verzog den Mund zu einem schiefen Grinsen. GAME OVER un hätte Heise die Tür zuwerfen können. rannte die Treppen hoch in den ersten Stock. klemmte sie fest. Am Donnerstagmittag war ein Vertreter der Staatskanzlei im Haus. dass der Maskierte ihn sah. Aber sie gehören nicht mehr dazu. Heise handelte wie ein Feuerwehrmann. Es ist ihre Stadt. um den Besuch zu besprechen. Heise war noch Roberts Stammkurslehrer. Noch hielt er die Pistole in der Hand. Heise schob ihn in den Materialraum und sagte: „Deine Waffe nimmst du mit. müden Schritten. was denkst du dir eigentlich dabei?“ Robert Steinhäuser starrte seinen ehemaligen Lehrer an. verschlos144 wartete. Dann schüttelte der Vater den Kopf und sagte: „Die Sicherheitslage lässt es nicht zu … Jetzt macht gar nichts mehr Sinn. Aber am Donnerstagabend wurden sie wieder ausgeladen. „ich kann’s nicht erklären. schloss die Tür und verriegelte sie.

durch eine weder verarbeiten oder verdrängen. In den allermeisten Fällen sind es völlig alltägliche Amoklauf-Experte Adler und brachte erst sie. sich anzupassen. Er sah in eine Frau so etwas tut. SPIEGEL: Gibt es so etwas wie ein typisches schandhafte Tat etwa die Ehre ihrer Familie zerstört zu haben. aufhorchen: In nur zwei Jahren passieren drei tödliche Fälle allein in Deutschland. bei 1:20 seiner Großmutter den Teufel Millionen. bis sie irgendwann gegen die ihrer Meinung nach ungerechte Welt losschlagen. spiel nennen? Und je gebildeter er ist. dass ein dem All. hochstrebende Vorstellungen von sich selber. Sie bekämpfen aus einer Wahnvorstellung Adler: Glücklicherweise spricht heraus irgendwelche bösen die Statistik dagegen: Die Mächte oder Invasoren aus Wahrscheinlichkeit. geht schief“ „Und dann ist er Rambo“ Der Psychiater Lothar Adler über das typische Täterprofil von Amokläufern und den Weg Robert Steinhäusers vom kontaktgestörten Jugendlichen zum rächenden Massenmörder Adler. beunruhigendes. trotz seiner guten Ausbildung. Seither tötete 1913 seine Frau und steigt sie an. zu denen ich übrigens auch den 16-jährigen Martin Peyerl zählen würde. und Täterprofil? Adler: Der klassische Amokläufer ist männ. gut ausgebildet. wollte seine gesamte Sippe auslöschen und steckte deshalb seinen Geburtsort Mühlhausen (Baden-Württemberg) in Brand. meist um die 30 bis 40 stehenden die Schmach zu und steht vor der deprimierenden Bilanz ersparen. seines Lebens.Auf der anderen Seite gibt es die Depressiven. liegt bei 1: 1 Million. wenn seine Vorstellungen. Zur Zeit seiner Tat ist er SPIEGEL: Können Sie ein Beiarbeitslos. Eine Häufung lässt besonders * Holzstich von 1864. Die G. Diese Täter verüben die spektakulärsten und opferreichsten Amokläufe. und zwar mit wachsender Brutalität. Er baut sich Stück für Stück eine utopische Welt im Kopf zurecht. aus der ein Amokläufer stammt? Adler: Häufig ist dieser Typ des Täters sehr auf die Mutter fixiert. eine Art fataler Werther-Effekt wie bei Selbstmorden. Diese Menschen erleiden deshalb eine Kränkung nach der anderen. gehört er zu der dritten Gruppe: den Persönlichkeitsgestörten. KOCHANIEC / CORBIS SYGMA d e r s p i e g e l 1 9 / 2 0 0 2 145 . Fataler Werther-Effekt seine Schwester um. Aber gottlob kön. Täter wie dieser ballern meist wild um die später als Auslöser für einen Massenmord gelten. er will vor ihr gut dastehen. Solch einen JugendMann in Deutschland Amok lichen haben wir derzeit bei läuft. Adler: Nach allem.untersuchte Fall ist der des Hauptlehrers Ernst Wagner. Kann jeder von ihGruppen: Das eine sind die nen zum Amokläufer werden? Schizophrenen. die beziehungsgestört und leicht kränkbar sind. dann kann das ein Hinweis auf eine Störung sein. mit dessen Amoklauf in Bad Reichenhall die jüngste Serie vor gut zwei Jahren begann. SPIEGEL: Welche Rolle spielt dabei die Familie. neues Phänomen: Bis eine sodomistische Handin die neunziger Jahre war die Zahl der lung begangen zu haben. ihr imponieren. nen die meisten Menschen so etwas ent. obwohl er in Wahrheit nach Anerkennung hungert. In der Regel verbergen sich dahinter narzisstische Persönlichkeiten. 54. Sie sind sehr bemüht.sich und töten nur wenige Menschen. spätestens mit dem Beginn der Pubertät. SPIEGEL: Bahnt sich die Mordtat also schon im Alter von 12 oder 13 an? Adler: Im Prinzip ja. die sich aus der Diskrepanz zwischen Phantasiewelt und Wirklichkeit ergibt. was wir bislang wissen. weil zunehmend Schüler ausrasten. SPIEGEL: Gibt es verschiedene Tätertypen? SPIEGEL: Viele Schüler bleiben sitzen oder werden der Schule Adler: Wir unterscheiden drei verwiesen. und im Gegensatz zu den meisten Menschen vergessen sie keine davon. ist Direktor der Ökumenischen Hainich-Klinik in Mühlhausen (Thüringen). dass uns im Krankenhaus.Opfer des Amoklaufs in Littleton „Jeder Versuch. Amokläufer in Malaysia*: Mordrausch als Kriegstaktik MEHMET GÜLBIZ / NEXUS /AGENTUR FOCUS AKG seine Kinder. um den ihnen Nahelich. Adler: Der wohl am besten SPIEGEL: Robert Steinhäuser war aber we. Nachahmung scheint dabei eine große Rolle zu spielen. Der Psychiater hat fast 200 Fälle von Amokläufen analysiert und die Ergebnisse in dem Buch „Amok – Eine Studie“ veröffentlicht. Die Schmach wühlt und wühlt in ihnen. Wenn sich ein Junge in sich kehrt und sich isoliert.töten. Und damit steuert er auf Riesenprobleme zu. Er scheint zufrieden. SPIEGEL: Besonders auffällig soll an Robert seine Antriebsschwäche gewesen sein. Er Amokläufe weitgehend konstant. die mit der Wirklichkeit überhaupt nicht übereinstimmen. SPIEGEL: Robert Steinhäuser scheint weder in die eine noch in die andere dieser Kategorien zu passen. Zugleich haben sie ganz genaue. mutig zu sein. sentlich jünger … Adler: … gerade darin sehe ich ein sehr der sich eingebildet hatte. dann Probleme oder Kränkungen. immer mehr in Widerspruch zur Realität kommen. Sie bilden sich ein. desto gefährlicher.

SPIEGEL: Ihrer Studie zufolge gibt es einen bestimmten Punkt. SPIEGEL: Wie kommt es dann zum Realitätsdurchbruch? Wann also wird die Fiktion der Filme und Spiele Wirklichkeit? Adler: Liebe und Sexualität laufen bei ihm nicht. Das wird irgendwann unbefriedigend. SPIEGEL: Was geht während der Tat im Kopf des Amokläufers vor? Adler: Das eigentliche Töten geht meist rasend schnell. Auch der Hauptlehrer Wagner ist so vorgegangen: Er hat alles kühl geplant. er blieb oft zu Hause. SPIEGEL: Was gab dann am 26. Steuernde Gedanken von außen dringen nicht mehr zu diesen Menschen vor: Ein „Ist doch nicht so schlimm“ oder ein „Wird schon weitergehen“ gibt es nicht mehr. und nach einer schönen Sommernacht ist er dann plötzlich aufgestanden und hat mit der Tötung seiner Familie begonnen. Schießübungen absolviert. Während Amokläufer noch im Blutrausch sind. dass er seine ganze Kraft und Aufmerksamkeit in die fiktive Welt steckte. kalt. fühlt sich also gekränkt und spielt noch mehr Computer. An einem bestimmten Punkt haben sich Amokläufer abgearbeitet. sexuell abstinent und/oder kontaktscheu auf die Tat vorbereitet und hat seine Waffe vorher ausgewählt Quelle: Lothar Adler Hauptlehrer Wagner Bryant Peyerl Berühmte Amokläufer: „Ein ‚ Wird schon weitergehen‘ gibt es nicht mehr“ SPIEGEL: Trotzdem hat Robert in dieser Phase offenbar noch ganz normal am Esstisch gesessen und wie selbstverständlich an den Gesprächen teilgenommen. SPIEGEL: Wie muss man sich diese Grübelphase vorstellen? Adler: Die Gedanken kreisen nur noch um Rache. der so viele Kränkungen nicht verarbeitet hat. Ein Mensch. Heise hatte ein unverschämtes Glück. Steuerte der Junge geradewegs in eine Depression? Adler: Schwer zu sagen. Dadurch bedingt wissen wir nur wenig darüber. SPIEGEL: Als ihm der Lehrer Rainer Heise entgegentrat. In dem für die Eltern sichtbaren Leben mag er antriebsgestört gewesen sein. Wann war Robert an diesem Punkt angekommen? Adler: Es ist zum Beispiel möglich. Das ist eine extreme Stresssituation. aus der er schon damals mit Hilfe eines Jugendpsychologen oder einer anderen Bezugsperson hätte herausgeholt werden müssen. SPIEGEL: Welche Bedeutung hatte dann der Schulverweis? Adler: Damit stand Robert endgültig vor den Trümmern seiner Trugbilder. hätte er ihn gnadenlos abgeknallt. an dem die akute Entwicklung hin zum Amoklauf einsetzt.und Selbstmordgedanken – ähnlich wie bei Lebensmüden. Wäre Roberts Wut noch nicht verraucht gewesen. seine Rolle weiterzuspielen. Robert wollte seine Ehre und sein Selbstwertgefühl wieder herstellen – wobei ich allerdings bezweifle. wo einst der Mordrausch als Kriegstaktik eingesetzt wurde. schaute Videofilme. die irgendwann platzt. vor allem aber will er signalisieren: Lasst mich in Ruhe. dann handelt er wie im Film. Adler: Daran ist überhaupt nichts ungewöhnlich. SPIEGEL: Warum hat sich Robert in einen Kampfdress gekleidet? Adler: Das ist charakteristisch: Die Uniform macht aus der Tat eine Art Ritual. Auch beim Amoklauf in Littleton hat sich gezeigt: Der Versuch. es auch in der Realität zu versuchen. Er gerät damit in einen Teufelskreis: Er lernt nicht mehr. Das könne unmöglich er selber angerichtet haben. oder sein Lügengebilde wäre zusammengebrochen. In seiner Situation musste er stur weitermachen. der Junge aber könnte es als traumatisch empfunden haben. Das Gefühl. ist in der Lage. dass diese so genannte Grübelphase für ihn begann. den Realitäts- Typologie eines Amokläufers Nach einer wissenschaftlichen Auswertung von 196 Amoktaten ist der Täter: im Durchschnitt 35 Jahre alt in 95 Prozent der Fälle männlich eher gut ausgebildet zum Tatzeitpunkt schlecht beruflich integriert häufig mit Schusswaffen vertraut (hohe Waffenaffinität) oft aggressiv. war da die Tat vorüber? Adler: In jedem Fall. Martin Bryant etwa ist durch ein Café marschiert und hat wahllos um sich geschossen. hat ja auch den Amokläufern in Malaysia ihre Kraft gegeben. wie sie sich während und nach der Tat fühlen. Wenn das Leid zu groß wird. sie scheinen abwesend. spielte gewalttätige Computerspiele. In dieser Phase. Die Mordgedanken reifen eher wie eine Eiterbeule. d e r s p i e g e l 1 9 / 2 0 0 2 verlust aufrechtzuerhalten. dann schaltet das Gehirn die Gefühle vollständig ab. Nur VideoSPIEGEL: Er zeigte den Eltern im Dezember ein gefälschtes Zeugnis … Adler: … ein letzter Versuch. ich bin besser geworden. Dann ist er Rambo. ich habe alles im Griff. passiv-gehemmt. Was suchte er dort? Adler: Der Rückzug aus der realen Welt bewirkt nicht nur eine Isolation. Er kann seine Wünsche nur in der Phantasie ausleben. jetzt loszuschlagen? Adler: Am Ende bedarf es gar keines Auslösers mehr. als klar wurde. die er sich aus Videofilmen und Computerspielen zusammenbastelt. Dadurch bekommt er schlechte Noten. Diese filme. geht in der Regel schief. Interview: Gerald Traufetter VERLAG SINDLINGER & BUCHARTZ 146 AP REUTERS . im Recht zu sein. dass er in diesem Stadium noch in moralischen Kategorien gedacht hat. SPIEGEL: Hat sich Robert in diesem Moment im Recht gefühlt? Adler: Subjektiv ja. und das machte ihn vermutlich zornig. Mit der Wiederkehr des Verstands bringen sie sich dann selber um – je mehr Leichen sie hinterlassen haben. sondern er lässt auch eine Leere entstehen. maschinenhaft. April den Ausschlag. war faul in der Schule. Adler: Er will natürlich seinem narzisstischen Bild entsprechen. Aber das lag vermutlich nur daran. SPIEGEL: Er fälscht die Noten und will damit sagen: Schaut her. dass er eine Klasse wiederholen würde – von außen besehen nicht sehr dramatisch. desto wahrscheinlicher ist ihre Selbsttötung. kalt und abgebrüht. Robert driftete in eine hochaggressive Ersatzwelt. dass es hier um Ehre geht. ist jede Beschwichtigung völlig sinnlos. Leere wird ausgefüllt mit einer Welt. unmittelbar vor dem Gewaltausbruch. Sie soll signalisieren. Äußerlich wirken solche Menschen wie Maschinen.Titel Eltern konnten ihn für kein Hobby begeistern. Bryant hat überlebt und sagte anschließend aus: Er konnte sich an nichts erinnern. Schule auch nicht. mutig zu sein. SPIEGEL: Robert war dauernd in seinem Zimmer. wird der Geist immer mehr beherrscht von dem Motto: Alles oder nichts. weil er so viel Computer spielt. Ähnlich wie beim Betrachten eines Pornofilms entsteht der Wunsch.

“ Dieser Satz war damals. sagte er. „Mehr als das Gold“. seine Welt bestand aus brutalen Computerspielen. „hat das Blei die Welt verändert. Die Kleine aus der sechsten Klasse sah. wie sich die Tür der Herrentoilette öffnete und wie ein Mann. Heavy Metal und Waffen: Am vergangenen Freitag drehte ein Erfurter Ex-Schüler durch. Aber am vergangenen Freitag. anders gemeint. ermordete an seinem alten Gymnasium 16 Menschen und erschoss sich dann selbst. wurde er auf eine beängstigende. ja bestialische Weise wahr. ganz in Schwarz und THÜRINGER ALLGEMEINE . Johannes Gutenberg.00 Uhr stand ein Mädchen im Erdgeschoss des Erfurter Gutenberg-Gymnasiums ziemlich verträumt im Flur herum. gegen 11 Uhr. weil er sich auf die Kunst des Buchdrucks bezog. vor über 200 Jahren. dass ich einmal berühmt bin“ Mörderischer Abgang Er war ein Einzelgänger. der Satz sollte eine Hymne sein auf den Erfinder der Druckerpresse.Amokläufer Steinhäuser: „Ich möchte. brutale. d e r s p i e g e l 1 8 / 2 0 0 2 Um 11. D 80 er Schriftsteller Georg Christoph Lichtenberg war ein weiser Mann.

. Peter W. Nun waren es. Noch ehe sie begriff. hier wird geschossen“ d e r Sah. Und wer rechnet auch mit Schüssen in einer deutschen Schule an einem ganz normalen Frühlingsmorgen? Um 11. schnell danach den dritten. Um 11. Panisch verbarrikadierten sich fünf Schüler und vier Bedienungen im Speiseraum.. Es gab Reis mit Huhn in der Kantine des Erfurter Gutenberg-Gymnasiums. Und hineinschoss. sagt Hannes N. Beide verließen ihre Klassenzimmer. und die Lehrerinnen D. beide versteckten sich in der Aula. Zu den Toten zählt auch die stellvertretende Direktorin des Gymnasiums. Als er den ersten Knall hörte.Titel Kollegium des Johannes-Gutenberg-Gymnasiums: „Deutschlands schlimmster Tag“ mit einer Maske. aus dem dritten oder vierten Stockwerk. hier wird geschossen. wie Robert Steinhäuser. ein Polizist und 13 Lehrkräfte. Er hatte über Tod und Leben entschieden. aus der 7 c hatte im Speisesaal gerade ihren Teller vor sich abgestellt. dass er die Tür zum Klassenraum 303 öffnete. Und dann sah Hannes N.“ Um 11.. habe er an einen „Presslufthammer gedacht oder an einen Bolzenstoß“. irgendwo auf dem Schulgelände. beide sahen Leichen im Treppenhaus. Thema: die Evolution. einfach so.. mel1 8 / 2 0 0 2 s p i e g e l 81 . Höchste Zeit abzuhauen. Sah. die allesamt am Erfurter Gymnasium unterrichteten. Sie sah. und in ein paar Minuten würde er berühmt sein. durch den Flur ging. wie er eine Pistole hob und eine Lehrerin erschoss.. Er wollte in die Pause. eine kurze und eine lange. ein Schüler. wie Robert Steinhäuser zur Treppe ging und in Richtung Lehrerzimmer verschwand. und H. Er dachte an die Bauarbeiten. THÜRINGEN PRESS / ACTION PRESS Erfurter Gutenberg-Gymnasium „Schnell. aber noch durfte er nicht.. die Oberstudienrätin Rosemarie Hajna.00 Uhr saß Hannes N. Was noch fehlte. 17 Tote – eine Schülerin. die Bauarbeiten erklärten den Lärm. Und dann sah er Robert Steinhäuser. Ja klar. so die Bilanz der Polizei am Samstag. noch in Raum 301 des GutenbergGymnasiums. was los war. hörte die 13Jährige zwei Schüsse. von der Tür in Richtung Lehrerpult. auf dem Gang. Um 11. herauskam. war der großartige Abgang: Robert Steinhäuser erschoss sich selbst. und Johanna S. Hans L. da sah sie draußen Schüler davonrennen. Robert Steinhäuser ging ins Sekretariat. W. Es starben der Lehrer H. Sah. und Gabriele K. sagte sich N. die 10 b schrieb diese verdammte Klassenarbeit in Biologie.05 Uhr rief der Hausmeister des Gutenberg-Gymnasiums bei der Polizei an: „Schnell.06 Uhr war oben in der dritten Etage auch Hannes N..05 Uhr begann die Essenspause. einfach so. dann den zweiten. bis der Rachefeldzug beendet war. Sie kamen von oben. Und mordete und mordete. Robert Steinhäuser tötete Heidrun B. in Schwarz und maskiert. Schüler der 10 b. Seine Tochter Katja saß in der Abiturprüfung für Mathematik. Helmut S.05 Uhr hörte der Biologielehrer Andreas Förster „irgendwelchen Lärm“. dass er Waffen trug. Als Journalisten nach der Tat anriefen. Um 11..

nicht durch einen 19-jährigen jungen Mann. Seit 1909 wird hier unterrichtet. Robert Steinhäuser hat dafür gesorgt.“ Natürlich könne sie sich über den konkreten Fall und seine Hintergründe nicht äußern. „das ist ein furchtbares Verbrechen. in diesem Gymnasium? Der 94 Jahre alte Jugendstilbau. dass der Massenmörder Robert Steinhäuser Freunde und Feinde auf seiner Schule hatte. sagt Sylvia Kuplich.“ Und Doris Schröder-Köpf. ein Waffennarr. Sie ist heute ermordet worden. die keiner vergisst. hat etwas von einem Schloss. Steinhäuser sagte kein Wort. die sich das alles nicht erklären können.“ Der Polizist Andreas Gorski starb. machte einen fatalen Fehler: Sie zeigte Steinhäuser den Vogel. den sie „Steini“ nannten. starb. sagte Außenminister Joschka Fischer. Eine Lehrerin. ein netter Junge. als er kurz nach 11 Uhr in die Schule stürmte. weil niemand ahnen konnte. der nur die eine entscheidende Niederlage in seinem Leben nicht verkraften konnte? Oder war er ein Wahnsinniger. gedemütigt.“ Also warum? Der Killer von Erfurt Es war auch in Erfurt so. schrieb „Bild“ tags darauf. und in Wahrheit. fröhlicher Typ. „das Schulklima ist gut. ging auf sie zu. dass das eigene Kind beteiligt wäre“ dete sich ihr Ehemann Karl-Heinz: „Meine Frau werden Sie nie wieder sprechen können. Aber wieso gerade in Erfurt? Wieso an diesem Tag. Es war einer dieser Tage. setzte die Waffen an ihren Kopf und drück- Opfer des Attentäters: „Dann wird aus der JENS-ULRICH KOCH / DDP . war Steinhäuser wohl beides ein bisschen: lange Jahre ein Clown seiner Klasse. War Robert Steinhäuser also ein netter. für Deutschland war es ein wenig so wie der 11. Der Streifenpolizist war allein. aber eines sei ihr klar: „Wir müssen mehr als bisher auf die Seelen der Kinder aufpas82 sen. nicht mit so vielen Opfern. als Märchen enttarnt ist. wie es meistens ist nach solchen Verbrechen: Es gibt Menschen. sprach aus. dass es so kommen musste – und es gibt andere. ein junger Mann mit vielen Freunden. Solche Gewalt hat es bisher noch nicht mal dort in Amerika gegeben. das macht seinen Fall so irrwitzig. dass Ende voriger Woche sehr unterschiedliche Bilder entworfen wurden von dem Jungen. was an diesem Tag geschehen würde. kalt bis ins Herz. fünf Stockwerke hoch. der den Auftritt vor Publikum liebte – und am Ende ein Racheengel in eigener Sache. es führte dazu. Ehefrau des Bundeskanzlers. vor zwei Jahren schon von der Bahn abgekommen. „Deutschlands schlimmster Tag“. was wohl alle Eltern dachten: „Man stellt sich ja vor. Denn einen solchen Amoklauf hatte es bis dahin nicht gegeben – nicht an einer Schule. und nach der Wende richtete der Freistaat Thüringen das Gymnasium ein. Mutter der 11-jährigen Christiane.“ Denn es gehe darum. April Geburtstag hatte. „eine Überschwemmung durch Gewalt zu verhindern“. Das hat damit zu tun.Titel Versorgung eines Opfers: „Man stellt sich vor. dessen Tochter an diesem 26. ein blutrünstiger Killer. Gewalt gebe es nur in amerikanischen Schulen. natürlich geschockt und fassungslos. Gorski. dass das Märchen. „Diese mörderischen Selbstmörder“. die schon immer geahnt haben wollen. „ein ruhiges Gymnasium“. dem nur ein Fund e r s p i e g e l 1 8 / 2 0 0 2 ke für sein grausiges Feuerwerk fehlte? Beide Geschichten werden in Erfurt erzählt. September für Amerika. die Lehrer geben sich Mühe. dass das eigene Kind beteiligt wäre.

ins nächste Klassenzimmer. brach für ihn eine Welt zusammen. der Spieler gewinnt. Kanzler Schröder: „Auf die Seelen der Kinder aufpassen“ te ab. Das flog auf. Alle. Aber dann kam diese Sache mit dem Attest. hatte Steinhäuser neulich gesagt. nehmen Dunkelmänner ins Fadenkreuz ihrer virtuellen Maschinenpistolen und feuern weiße Blitze – bis der gesamte Bildschirm rot zuckt: Das Opfer verblutet. den Schlachtruf entgegen: „Wir werden euch zerstören!“ Und dabei kotzen und bluten die Schock-Rocker auf die Bühne. Aus der Nähe.“ Wenn man denn die Waffen hat. er lag allein einfach da und hörte und hasste. Die so genannte Beweissicherungs-Festnahmeeinheit „Bison 16“ hielt vor der Hausnummer 40. aber wir müssen trotzdem sterben. trommeln und grölen ihren Fans. Dann wird aus der Mordphantasie blutige Wirklichkeit. und erschoss dort den nächsten Lehrer. Um 18. Mit seiner Handball-Mannschaft Lokomotive Meiningen belegte Peter. Am Ende jedenfalls war aus dem fröhlichen Teenie von einst ein gescheiterter junger Mann geworden. zwei Monate vor NIEHUES / ADVANTAGE BERND SETTNIK / DPA Mordphantasie blutige Wirklichkeit“ d e r s p i e g e l 1 8 / 2 0 0 2 83 BILD ZEITUNG (6) . Der Vater arbeitet als Ingenieur bei Siemens. das wünschte sich Robert sehnlich. ob im Beruf oder Studium. was Kriminalisten den ‚Realitätsdurchbruch‘ nennen. Die Polizeieinheiten stürmten in das dritte Stockwerk des gelben Jugendstilbaus. und Bruder Peter studiert an der FH in Schmalkalden. monströsen schwarzen Industrieoveralls und Nazi-Armbinden zersägen da ihre Heavy-Metal-Gitarren. Wir haben das Leben gewonnen. Worauf sie wütend sind? „Wir sind alle zum Tode verurteilt. die Mutter als Krankenschwester in der Erfurter Hautklinik. Für den Augsburger Medienexperten und Schulpädagogen Werner Glogauer ist der Zusammenhang zwischen der virtuellen Tötungssimulation und der kruden Realität des Amoklaufs eindeutig: „Sie üben die Morde in ihrer Phantasie immer und immer wieder ein. bei dem zwei feindliche Terroristen-Einheiten sich bekriegen. Als er im vergangenen Jahr von der 11. und dann verteilen sie ihre Exkremente auf sich und die Fan-Gemeinde. er hatte Selbstzweifel. von Kamerateams. Ein wenig mehr war es wohl doch. Eine ganz normale und vor allem intakte Familie waren die Steinhäusers. Der zweite Anlauf in der Schule gelang. ein ergeiziger Torwart. das Ziel ist erreicht. wenn sie nicht am Monitor sitzen. Wir leben eine lebenslange Gefängnisstrafe ab“. „People = Shit“. Das war offenbar die entscheidende Wende in der Karriere des 19-jährigen Jungen. der sich seit Jahren intensiv mit Ballerspielen am Computer abreagierte und Gewaltvideos genoss – „aber auch nicht mehr als andere Jugendliche in dem Alter auch“. und er flog. überrollt von Nachrichten im Minutentakt. Heavy Metal von jener Art. ein Killerspiel. Früher spielte er beim SSV Erfurt-Nord – und dort stand auch sein kleiner Bruder Robert bis zur A-Jugend im Kasten. dass mich einmal alle kennen und ich berühmt bin“. Erfolge. 19. Dann zog er weiter. „Menschen = Scheiße“. aber die bekam Robert ja im Schützenverein. scheinbar. Doch das Talent seines Bruders hatte Robert nicht. sagt ein Freund von Robert. die auf der Bühne den Weltuntergang inszeniert. von 60 Beamten. wie sich der Stratege der „härtesten Band der Welt“ nennt. Er verehrte Pamela Anderson. die nicht mehr wirklich Musik ist. im Februar. Neun Pseudo-Psychopathen mit grotesken Ledermasken. Robert fehlte mal wieder in der Schule und fälschte zur Entschuldigung eine Krankenbescheinigung. aber er hatte keine Freundin. Maskierte jagen da andere Maskierte durch Wüstenlandschaften und dunkelgraue Betonwelten. auch.05 Uhr fiel die Polizei in die OttoStraße von Erfurt ein. Eines seiner Lieblingsspiele war „Counterstrike“. und so manch einer machte schon mal seine Witze über ihn. dieser BrutaloBand aus dem bibeltreuen US-Staat Iowa. so heißt das Eingangsstück einer der jüngsten CDs von Slipknot. die die Straße belagerten. mit denen Robert Steinhäuser sich diesen Irrsinn anhörte. und er wollte anerkannt werden. bei seinen Eltern – ein ostdeutsches Idyll. in der Oberliga Platz 4. die sie „Maden“ nennen. Klasse versetzt wurde. Jetzt war er berühmt. Es gab keine Freunde mehr. Doch dazu musste erst einmal das Abitur her. nicht in die 12. sagt „Clown“. Dort wohnte Robert Steinhäuser. einer Band. ohne ein Wort. Und irgendwann kommt das. „Ich möchte. Steinhäuser hockte zu Hause und hörte Musik der Band „Slipknot“. die ins Haus stürmten.Minister Schily.

„Sie sind „Ich bin schlicht und einfach sprachlos“.große Rolle spielen: Outlaws und Kriegsrufsstand der Lehrer mit einer helden werden zu seinen Idolen. Das Abitur war weg. beobachtet etwa die Eschweger Da ging es noch um Prügeleien. die in Schulen morfalle dies auf fruchtbaren Boden. Experten der klinischen kündigen viele Amokläufer ihrer Umgebung Psychiatrie in Deutschland das Massaker an. an dem selbst Forscher nichts Amokläufer müssen nicht unmehr erklären können. drei bis vier Prozent al. gen seine eigene Person erlebt“. unwiederbringlich. sind meistens männlich. sagt Kriminalpsychologe Gallzessivität angeht. Pumpgun auslöschen. bleibe der Rückzug griffen zu haben. In einem funktionierenden sozialen Umin den zurückliegenden zwölf Monaten zu einer Waffe ge. den. Freisleder. Fast immer eines späteren Täters nicht verborgen. die er vor allen geheim hielt.regelrechte Ideengeber“. war der Wille zur Gewalt an deutschen minologischen Forschungsinstituts Nieder. Und Robert stand bestenfalls mit einem Realschulabschluss da. wirkte für den strebsamen jungen Mann wie ein Todesurteil.ser Zeit können auch Gewaltvideos eine lers. meisner gewesen sein. beginnt in einschlägigen Internetforen ein makabrer Gedankenaustausch. Obwohl sie eigentlich stille Typen sind. Melzer hat in seiner Studie Welten der Computerspiele abtauchte – Melzer. walttätig eingestuft.Kinder.Schüler irgendwann ausrastet. vertrauen hatten – mit jedem dieser Merk. von der Schule. die 1999 schule in Villingen-Schwenningen lehrt. so „Hilfe“-Signal aus der Schule: „Nicht für möglich gehalten“ Handballteam des SSV Erfurtwas habe ich in Deutschland nicht für möglich gehalten“. Doch die Tat witz. al auffällig waren. „Da geht es dann um die Frage. stammelt der Dresd. Deshalb die Rache vom Freitag. dafür ben in der Provinz. ein schwaches Selbst. es ging nicht um Massenmord. die schlechte Noten schrieben. die schon bedingt durch Gewalttätigkeiten 300-Seiten-Bücher über Gewalt auffallen.feld. um ler dieser Schüler in Deutschland. „Entweder tens durch ihre Väter. Der Täter von Erfurt hat nach Einschätsagt Tillmann konsterniert. sagt der Münchner Jugendpsychiater Franz Joseph Freisleder. sie wollten nicht den Be. und das Studium damit auch. dass ein zung der Kölner Psychologin Angelika Kallvon Erfurt habe er keine wissenschaftli. Die Videospiele liefern dann oft die Vornem Bielefelder Kollegen Klaus-Jürgen zent. warnt Freisleder. mit dem Amoklauf von Littleton in den USA begonnen hat Der Einsatz und die sich in Deutschland Es war genau 11. Sie Robert Steinhäuser muss so eihaben Zugang zu Waffen. diese Serie von Hinrichtungen und Bestrafungen. genauso wie bei sei.Titel Reichenhall oder Freising fortgesetzt hat“. Er wollten sie Geld oder das wirke meist merkwürdig gespannt.ne Simon.sind die Täter häufig introvertiert und konStudie über 3000 Schüler interviewt hat. In dieGoldkettchen ihres Mitschü. oder ziehen sich durch fast alle ähnlier wollte in das Buch der Rekorchen Verbrechen. Diese härteste Maßnahme.und Jugendanalytikerin Marieanschmutzige Wörter. Eine Blamage. chen Erklärungsmuster mehr parat. der als Professor an der Polizeihochsteht in einer Linie. Außer.ein unglaubliches Bedürfnis. das hat außerdem der Villinger Kriminalpsychologe Adolf Gallwitz beobachtet. für den Exzess male steigt die Wahrscheinlichkeit. „Die Schulhof-Täter haben warnen vor einer Spirale blu. So wie Robert Steinin der Schule geschrieben haben. die eine Schule verhängen kann. Sie haben wollte der Mörder einmal einen Kränkungen erlebt. hält diese Gewaltexzesse für Nachahmungstaten: „Die Fernsehbilder haben den Tätern erst die Idee geliefert. dann in den virtuellen ner Erziehungswissenschaftler Wolfgang unübersehbar. glaubt Niedersachsens JuDer Tag von Erfurt ist ein Tag. was die Ex.“ Bei einigen Amokläufer. der 1995/96 mit Kollegen für eine 175 000 Schüler der Sekundarstufe I als ge.den Rauswurf aus dem Gymnasium habe er sachsen gaben immerhin drei wohl als „massive und ungerechte Tat geProzent der Interviewten an. Mörder in der Schule was der Täter wohl hätte besser machen können. ihrem Leben auf solch spektakuläre Weise ein Ende zu setzen.taktscheu.05 Uhr am Freitag vermit den Amokläufen von Bad gangener Woche. andere in die tiger Amoktaten: „Erfurt ist Pläne für ihren grandiosen Untergang einzwar einzigartig.Schulen schon vor dem Erfurter Blutbad Nord zurückzog. 84 GORDON SCHMIDT / AP d e r s p i e g e l 1 8 / 2 0 0 2 MARTIN SCHUTT / AFP /DPA .wass eine schwere narzisstische Störung. als der Notruf bei der Betreuung geschockter Schüler: „Einzigartig exzessiv“ der Abiturprüfung. häuser – der sich erst aus dem „Ich bin vollkommen fertig.zuweihen“. Und sie leTötungsakt zelebrieren. dass Robert für das Abi büffelte.“ Nach jeder derartigen Amoktat. Zwar Nach der Schülerbefragung 2000 des Kri. Diese Muster spricht etwa die Pumpgun. stizminister Christian Pfeiffer. de“.lage für die Choreografie der Tat. soziTillmann. Auch vor der eigenen Familie – die ging Morgen für Morgen davon aus.dem kam er auf einen Anteil von zehn Pro. meint Kallwass. der als Gerichtsgutachter häufig mit gewalttätigen Jugendlichen zu tun hat.

Und der Junge mit der Knarre? Zwei vor ihren Müttern. Jetzt spricht man von drei Toten. In den Prozess platzte die Nachricht von dem Amoklauf gleich nebenan.Titel „Eine Tochter.4 Millionen Mark Sachschaden entstanden. und 17 Tote! 17! Die Beisitzerin wo sind eigentlich die jungen Männer. immer lieb zu den kleinen Geschwistern. dass sie nicht über die sollen es gewesen sein. Muss sie sich auch das noch zurechnen. das an jenem 20.“ „Ich weiß ja nicht“. und tut so.halbe Kinder schwängern und sich dann ter fängt zu weinen an. der mit der 3. auch wenn man nichts Verstrickungen finden? Warum haben geweiß. Und dann schlägt es ein wie der Blitz.alles falsch machen mit seinen Kindern. die die Tür aufhielten. zwei Lehrern und einem Polizisten. Dezember 2000 beachtliche Geistesgegenwart gezeigt hatte. ein hübsches Mädchen mit einem Puppengesicht und roten Flecken auf den Backen vom vielen Weinen. dass seine Sittrieren. weil sie nicht zum Abitur zugelassen worden war.ckend. Katrin G. Holger Pröbstel. ein schmächtiges Kerlchen. Was kann man nicht zige Idee? Die Lokalzeitungen sind ge. dass ich dich damals in Gefahr gebracht habe und dass du so Angst haben musstest. ist zwar – horribile dictu – des 446fachen Mordversuchs angeklagt plus schwerer Brandstiftung plus gefährlicher Körperverletzung und so fort. Heute wurde ja Abi geschrieben!“ Im Saal viele Lehrer und Schüler des Weimarer Hoffmann-von-Fallersleben-Gymnasiums. indirekt zumindest? Die Taten sind sich verdammt ähnlich. Und verbarrikadiert haben soll sich der Täter und den Rettungskräften den Zutritt verwehren. nette Mädchen. was er antworten soll. wie ihre Tante als Zeugin sie beschreibt. und das jüngste ließ sie am Leben). wie sie eigentlich sein sollte. machen wir Schluss. die ihre Schule angezündet hatte..“ Er lächelt ein wenig linkisch. die dafür nötig gewesen wären. genwärtig voll mit Berichten über das Wir wissen nicht. meist sind es ja auch nur die zugelassen worden. weiß nicht. ganz weiß im Gesicht: „Eben ist ein Lehrer erschossen worden! Gleich hier um die Ecke. mein Gott.Erzieher werden. heißt es nun in den Mütter. „Eine Tochter.. Ob sie nicht doch mal aufbegehren müssen? Natürlich sind sie dann bisweilen unerträglich. von der man mittlerweile einiges weiß. Irgendjemand rief damals „Feuer“. sie springen auf. sagt der Vorsitzende.“ Kam der Junge etwa durch das Ver. eine Katastrophe schlimmsten Ausmaßes hätte geschehen können. sagt zu ihm: „Ich möchte mich auch bei dir entschuldigen. Dieselben Fragen: Warum Katrin G. „ob man sich solche Kinder wünschen soll. das immer funktioniert hat und nie widersprochen“. Großen Strafkammer des Landgerichts Erfurt die Verhandlung gegen Katrin G. Und er gehörte zu jenen. Zu Katrin. Mutter einer dreijährigen Tochter.“ Holger Pröbstel hat im September 2001 auch das Verfahren gegen die junge Frau geleitet.. das damals kurz vor Weihnachten ausgebrannt war. Hunderte Menschen brachte sie in „akute Lebensgefahr“. sagt das neueste eigenen Probleme zu reden wagen? Und Gerücht.zungen zu Lehrstunden für Eltern und fahren gegen Katrin auf seine wahnwit. heute 20. terricht. Und vielen Verletzten. Und den anderen diese jungen Täter gelebt haben. So einfach ist das. Die Gerüchte überschlagen sich. leitet. dass sie Punkt. im Gutenberg-Gymnasium! Anscheinend beim Abitur. sagt er kopfschüttelnd. kommt aus dem Beratungszimmer: „Wie schnell sich doch etwas relativiert“. Wer weiß Genaueres? Der Vorsitzende Richter der Schwurgerichtskammer. Eine Kollegin vom Lokalfernsehen stürzt in den Gerichtssaal. Eine Mut. die sie geboren hat. wie Kinder die Eltern Verfahren. Nur weil sie nicht zum Abitur zugelassen wurde! Nur weil ihr die zwei Punkte in Latein fehlten. Auch er sei nicht zum Abitur erleben. damit die anderen Kinder vor dem Rauch und den giftigen Dämpfen ins Freie flüchten konnten. ihre Schule anzuzünden? Wäre nicht der Zufall zu Hilfe gekommen. nicht weise für die bloße Anwesenheit im Un. wie es in der Anklage heißt. die Angeklagte. und was zählt das schon im Vergleich zu einem toten Menschen. Und in der Tat: Katrin G. Hat er deshalb ein Blutbad unter der Lehrerschaft des als anspruchsvoll geltenden Erfurter Gymnasiums anrichten wollen? Katrin scheint mit den Nerven am Ende. Verteidiger: „Sie hat immer funktioniert“ tut ein junger Mensch.rade die jungen Mädchen an der Schwelle zum Erwachsenwerden so viel Angst sierte. wie sie sein sollte“ Ausgerechnet in Erfurt stand vergangenen Freitag eine junge Frau vor Gericht. Dieses „liebe. Er soll aufgestanden sein mit den Worten „Ist doch eh alles egal“ und dann geschossen haben. da meldet man sich irgendwann keinen Weg mehr aus ihren halt ein paarmal. Der Vorsitzende: „Wie sollen wir uns da auf unser Verfahren konzen. Einen Punkt bekommt man normalerSTEFAN THOMAS 86 d e r s p i e g e l 1 8 / 2 0 0 2 .ein Bösewicht oder ein seelisch Kranker. Katrins ehemali. angeblich. ersten Nachrichten.auf und davon machen? Wo sind die ge Schuldirektorin nimmt sie erschüttert Väter dieser Angeklagten? Die Parallelen der Fälle sind erschrein den Arm. Es war nur 1. die drei Neugeborene getötet hat (das älteste der insgesamt fünf Kinder. Von Gisela Friedrichsen G erade hat ein 14-Jähriger als Zeuge ausgesagt. das immer freundlich war. die schlägt die Hände vors Gesicht. erzählt meine gerade Abitur so etwas? In welch einer Umwelt müssen schreibende Tochter. Pröbstels subtiler Verhandlungsführung ist es zu danken. Katrins Mutter ist zweimal geEs ist immer wieder die gleiche Frage: Warum tun diese halben Kinder so schreckliche Dinge? Wieso kam Katrin auf die Idee. Was soll er auch sagen? Kurze Pause. als ob man sich interes.

Einige der Opfer wurden regelrecht hingerichtet. Die Beamten reagierten sofort und schickten eine Funkstreife der Polizei-Inspektion Mitte auf den Weg. denn die Beamten wurden sofort beschossen. Erst meldeten sie vier Tote. 6500 Mark Krippengebühren für ihre Tochter nachzahlen zu müssen. einen Antrag auf Befreiung von den Kosten zu stellen. dass am Gutenberg-Gymnasium irgendwie DARMER / POP-EYE Heavy-Metal-Band „Slipknot“ „Menschen = Scheiße“ d e r s p i e g e l 1 8 / 2 0 0 2 87 . Hatte sie da schon vor. geriet immer mehr in die Rolle einer Partnerin ihrer Mutter. einen Brand zu legen? Nein. Zuvor kaufte sie Brennspiritus. Sie ist ein sehr verschlossenes Mädchen. im Sekretariat und in der Nähe des Eingangs – überall lagen Tote.Löscharbeiten am Fallersleben-Gymnasium „Mutti. „dass sie damit überfordert war?“ „Natürlich“. Katrin als die Älteste. „Sie wollte ihrer Mutter alles recht machen. Und nun Latein. wie ein Kind. von ihrer begrenzten Belastbarkeit in einem Alter. was dem Hausmeister nicht so genau zu entlocken war: Was war eigentlich los in dem trutzigen alten Bau? Fünf Minuten später waren die zwei Streifenpolizisten da. was ihre Mutter alles um die Ohren hat. „Meinen Sie nicht“. ein Weihnachtsgesteck in Brand setzte und dann auch noch den Vorhang einer Bühne im Foyer. Dort hat sie erfolgreich Judo gemacht. am Samstag korrigierten sie: 13 Lehrer waren im Kugelhagel gestorben. eine Tischdecke und Anzünder für Grillkohle. ein Schüler. wagte sie es nicht. aus kurzer Distanz erschossen. dass sie auf die jüngeren Brüder aufpasste und deren schulische Leistungen überwachte. war unter anderem die Rede von der „Zerbrechlichkeit unserer Sicherheit“. nahm sie auch dieses Kind. Der erste Mann verließ sie. die Vernünftige. Klasse. sagt Pröbstel. Katrin das Kind. Der zweite Mann machte sich ebenfalls aus dem Staub. der Toilette. Im Erfurter Lokal „Anger Maier“ lief um 12 Uhr mittags das Radio: So bekam die Krankenschwester Heide Krambehr mit. in der die Thüringer Abitur schreiben.“ Katrins Familienverhältnisse sind so gut oder so schlecht wie die von Tausenden junger Menschen. Noch etwas: Kurz vor der Tat bekam sie die Mitteilung. die Probleme am Arbeitsplatz besprochen. die Schule brennt!“ Wenn die Schule brennt. Von der Zerbrechlichkeit junger Menschen hat keiner gesprochen. bekommt man auch kein Zeugnis. Einer stieg aus – ein Fehler. Ihrer Mutter hat sie nichts gesagt. eine Schülerin. „Sie haben also einfach die Augen zugemacht wie ein Kind. An sie klammerte sich die Mutter. sagte zu Hause. dass Katrin studiert. in dem man mehr mit sich und dem Platz in der künftigen Welt beschäftigt ist. was für ihr Selbstbewusstsein sicher gut war.20 Uhr kamen dann die schwer bewaffneten Spezialisten des Sondereinsatzkommandos (SEK) an. die Welt sieht es nicht mehr“. fragt das Gericht. zu sich. Am Telefon war der Hausmeister des Gutenberg-Gymnasiums. Polizei in Erfurt einging. wenn sie von ihr erwartete. den er mit dem Leben bezahlte. das dann meint. Die Kollegen sollten klären. fragt der Vorsitzende. wäre das nur gerecht. ging sie zur Schule. Und danach zu Hause angerufen: „Mutti. Und wenn sie nach Jugendrecht verurteilt werden sollte. MARIO GENTZEL / BILD ZEITUNG Am 20. „Ich wollte etwas zerstören“. das keines sein durfte. Dann pirschten sich die SEK-Beamten in die Schule hinein und sahen das ganze Ausmaß des Blutbades: Auf den Gängen. Sie hat es eben getan. Farbe zu bekennen. das Abitur zu machen. schon einmal wiederholt. das man zerreißt?“. als sie in Jena aufs Sportgymnasium ging. Ja. Warum sie in zwei Toiletten Klopapier anzündete. fragt eine Schöffin bestürzt. klar. Wer kümmerte sich um Katrin? Sie hatte die 12. „Lagerfeuer? Im Winter bei Schnee und Eis?“. Mit ihr wurden die finanziellen Sorgen. Doch gegangen wäre es. sie habe ihre Mitschüler und die Lehrer umbringen wollen. wollte sie nicht auch noch mit ihren eigenen Sorgen beschweren. All das in einer „Vierraum-Wohnung“. Sie habe mit ihrer Kleinen ein Lagerfeuer machen wollen. die Schule brennt“ schieden. mit Nachhilfe. Niemand unterstellt Katrin. sagt sie. der letzte Schultag vor Weihnachten. „Und Ihre Mutter? Hat die sich nicht um so etwas gekümmert?“. scheiterte an den zwei Punkten in Latein. Katrin hat immer alles geschluckt. Und dann war auch noch der beinamputierte Großvater zu pflegen. Die Tochter habe daran immer große Freude. fragt der Sachverständige Blanz Katrins Tante. das war das Verheerendste – sie kann es nicht sagen. Als Katrin mit 17 schwanger wurde. Doch gelernt hat sie dort nicht viel. sie wolle das Halbjahreszeugnis abholen. Dezember 2000. Wie hatte ihre Mutter doch darauf gehofft. Sie hatte vergessen. Sie wusste doch nur allzu gut. „Hätte da nicht auch eine Scheibe gereicht oder ein Buch. Später meldeten sie 17 Opfer plus den Täter. Denn sie hatte Wissenslücken aus der Zeit. als Katrin und ihre jüngeren Zwillingsbrüder noch klein waren. Und als auch der zweite Versuch. als dass man auch noch die Sorgen der Erwachsenen mittragen könnte. antwortet die Zeugin. Als die ersten Interviews am Freitag nach der Erfurter Bluttat über die Sender gingen. als ihr viertes gewissermaßen. sagt sie vor Gericht. Der 446fache Mordversuch wird sich vermutlich nicht halten lassen. der Polizist. 11. Die Mutter hatte die Familie finanziell über Wasser zu halten. aus Respekt und Mitgefühl mit ihrer Mutter – wenn diese das Regiment auch über ihre kleine Tochter übernahm.

“ Das mag stimmen in Amerika. auf dem Parkplatz der Columbine High School in Littleton aus einem schwarzen BMW und machten sich auf den Weg ins Schulgebäude. weihte in den nächsten Minuten wohl noch weitere Schulkameraden in seinen Plan ein.“ Andreas S. Und auf den Weg in die Geschichtsbücher. Die Jugendlichen erzählten der Krankenschwester. Als der Lärm immer näher kam. Gerade an dieser Schule sei die „Gewaltprävention vorbildlich“. Die „New York Times“ bot unmittelbar nach dem Blutbad eine andere Erklärung: Die Amerikaner seien süchtig nach Gewalt. hatten Polizisten bereits die Straßen um die Schule abgeriegelt. Krambehr begann sofort. Es habe so genannte Mediationsprogramme gegeben. Oder Springfield. dass sie die ersten Schüsse noch für Tisch. dass dort etwas Furchtbares passiert sein musste. so Furcht erregend zu sein wie ihre Helden. Klebold und Harris hörten nachts die Songs der Schockrocker Marilyn Manson und Rammstein. zwei Mitschüler erschoss und 22 verwundete. November 1999 einen Schulkameraden.Titel die Hölle los sein müsse. Oregon. wo zwei Jungs vier Klassenkameradinnen und eine Lehrerin töteten. einen Karabiner und über 30 selbstgebaute Sprengsätze. Erst da seien sie geflohen. März an ihrer Schule in Jonesboro (Arkansas /USA) falschen Feueralarm aus und richten unter Schülern und Lehrern ein Blutbad an. Wir erotisieren sie. Als Motiv gibt er Hass auf die Lehrerin an. „Wir machen sie aufregend. „Es ist nie South Central oder Harlem“. Die Attentäter begehen nach der Tat Selbstmord. wo ein 15-Jähriger mit einem Gewehr in die SchulCafeteria marschierte. vermeintlich friedlichen Provinznestern wie Jonesboro. dass die Freundin ihrer Tochter dort jetzt gerade ihre Matheprüfung hatte. andere rangen um Fassung. den Sheriff. 18.“ Der Zerstörung ihres Paradieses begegneten die Einwohner von Littleton mit absurden Klagen gegen die Schule. Vier Mädchen und eine Lehrerin sterben. November maskiert im sächsischen Meißen in ein Klassenzimmer ein und ersticht seine 44jährige Lehrerin. den Bezirk und mit ausufernder Religiosität. sei ihnen aufgegangen. auf der stand: „I hate people“ („Ich hasse die Menschen“). aber auch zwischen Schülern und Lehrern „behoben“ worden. trugen sie Skimasken und ihr Erkennungszeichen: lange schwarze Trenchcoats. Sie deponierten ihre Bomben in der Schule und machten sich auf den Weg in die Cafeteria. dass in den USA Schüler auf Schüler und Lehrer schossen. denn sie wusste. Zunächst hatten sie sich nur über den Krawall gewundert. mit dem Satz: „Heute bringe ich eine Lehrerin um. am Morgen des 9. eine halbautomatische Neun-Millimeter-Pistole. 17. und Eric Harris. . will dem Erfurter Kultusstaatssekretär Hermann Ströbel nicht in den Kopf. und dann töteten sie sich selbst mit Kopfschüssen. Einige weinten. 88 1999 In Littleton (Colorado / USA) töten zwei Jugendliche am 20. wird in den amerikanischen Medien als „das tödlichste Schulmassaker der US-Geschichte“ bezeichnet. der mit in die Bahn stieg. So seien Konflikte zwischen Schülern und Schülern. wo sie doch gerade ihre Abitur-Prüfung absolvierten. Es war nicht das erste Mal. einen Lehrer. Was dann geschah. Der 15-jährige Täter aus Meißen . April 1999 stiegen Dylan Klebold. Als sie ankam. sie spielten „Doom“ und „Quake“ auf ihren Computern und wünschten sich.und ein 13-Jähriger lösen am 24. Der Junge kann nach der Tat fliehen. . Die anderen lachten. bemerkte der CNN-Moderator Larry King ratlos. In den zwei Jahren vor dem Amoklauf in Littleton gab es mehrere Attentate. April mit Schusswaffen und Sprengsätzen zwölf Mitschüler und einen Lehrer. Im Gepäck hatten sie zwei abgesägte Schrotflinten. Dass der Ex-Schüler Steinhäuser ausgerechnet am Gutenberg-Gymnasium Amok lief. Und auch sie nahmen S YG MA Niedrige Hemmschwelle Amokläufe an Schulen Rettung eines Opfers nach dem Amoklauf in Littleton 1998 Ein 11. Klebold und Harris erschossen zwölf Schüler. sich um völlig verstörte Schüler zu kümmern. Wir romantisieren sie. Aber wenn sie in der Schule erschienen in ihren langen Mänteln. Aber in Meißen in Sachsen? Und doch begrüßte Andreas S. REUTERS Schulmassaker in Littleton: „Ich hasse die Menschen“ Die Vorbilder Am 20. „es ist immer die Vorstadt. 1 8 / 2 0 0 2 . 28 Personen werden verletzt. Arkansas. mit einer Armbinde. fürchtete sich niemand vor ihnen.oder Bänkerücken gehalten hatten. Wir feiern sie. ausgeführt von Teenagern in kleinen. d e r s p i e g e l Ein 15-jähriger Gymnasiast dringt am 9. Als Klebold und Harris die Schule betraten. Krambehr rannte los. Schüler wurden sogar als Streitschlichter ausgebildet.

Eine Viertelstunde nach Unterrichtsbeginn betrat Andreas S. Sind Eltern verantwortlich für das. im März 2000. dass Andreas S. auf den Flur zu fliehen. 2002 W. wiegelte ein Freund später ab. hatte der Täter dabei. darunter zwei Maschinengewehre. Doch die Richter entschieden. seinen 57-jährigen Internatsleiter erschoss.. die in den Köpfen der Massen- Weil er am Vortag von seinem Realschul-Internat im bayerischen Brannenburg verwiesen wurde. sondern auch fahrlässige Tötung. Sigrun L. darunter seine Schwester. Zu Hause in Bad Aibling. s p i e g e l 1 8 / 2 0 0 2 In Erfurt tötet ein 19-jähriger Amokläufer am 26. sich ja doch nicht traue. Noch mittags nahm die Polizei ihn fest. hatte noch die Kraft. 44 Jahre alt. Unter an- derem habe Andreas eine Entwicklungsstörung seiner Persönlichkeit gehabt.Sichergestellte Gegenstände des geplanten Attentats in Metten schließend selbst Verletzungen zu. dass der Junge gewaltbereit sei und gefährlich für andere. befand später das Gericht. und vorgeworfen wurden ihm nicht nur unerlaubter Waffenbesitz. Hass sei nicht sein einziges Motiv gewesen. Er galt als aggressiv. Vor dem Landgericht hieß es später. stellte schon die Staatsanwaltschaft in Bad Reichenhall die Ermittlungen ein. Andreas S. einen Colt Kaliber . entschied das Traunsteiner Landgericht. als der 16-jährige Schüler Michael F. die Gelegenheit. Bewaffnete in einer Firma zwei ExKollegen erschossen. Zwei Handfeuerwaffen. April in einem Gymnasium 17 Menschen und sich selbst. M . und sich selbst erschoss. eine Pumpgun und 6500 Schuss Munition. Geschichte: Bismarcks Innenpolitik.45 und eine Tanfoglio-Pistole Kaliber neun Millimeter. floh. umgänglich. und sein 44-jähriges Opfer am 16. Mitschüler hätten um insgesamt 1000 Mark gewettet. Februar ein 22-Jähriger den Direktor und verletzt einen Lehrer schwer. Vor Gericht stand ein Jahr später der Vater des Schützen. 89 D PA . Er war gewalttätig gegen jüngere Schüler. Der Sohn hatte die Wut. Als ob das irgend etwas erklären würde. sagte er im Verhör. So war es etwa auch im Schloss-Internat im bayerischen Brannenburg. dass sein Sohn eine Bluttat plane. Erste Stunde. dass den Vätern kein Vorwurf zu machen sei. Er habe sein Kind früh an Waffen herangeführt und außerdem alle Hinweise darauf ignoriert. Ihr Schüler und Mörder. der Vater habe „individuell nicht erkennen können“. fand die Polizei insgesamt 70 Waffen. seine schulischen Leistungen waren ordentlich. 2000 . W E B E R ihn nicht ernst. wegen unerlaubten Waffenbesitzes.Betreuung von Littleton-Opfern: „ Wir erotisieren die Gewalt“ 2000 nimmt am 29. die Waffen. vier Menschen. die Mordpläne gegen ihre Schulleiterin und eine Lehrerin geschmiedet hatten. Andreas S. die sich die Mittel für ihre Morde zu Hause beim Vater besorgen. Im Fall Michael F. Er bekam zwei Jahre auf Bewährung. Der Pädagoge erliegt wenige Tage Anschließend tötet der junge Mann später seinen Verletzungen. wurde wegen heimtückischen Mordes zu sieben Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt. 22-mal stach er zu.. bevor er sich selbst eine Kugel in den Kopf jagte – vermutlich aus Rache. Bis auf die Maschinengewehre und ein Sturmgewehr waren die Waffen alle legal im Besitz des Vaters. und oft sind es Söhne von Waffennarren. NovDie Polizei ember in Metten (Bayern) drei Jugendliche fest. Er sei mitschuldig. im Keller der Familie. Er galt als unauffällig. Er trug – wie vergangenen Freitag Robert Steinhäuser – eine Maske über dem Gesicht. schießt ein 16-Jähriger d e r In einer Berufsschule in Freising (Oberbayern) tötet am 19. verlor aber seinen Rucksack mit seinen Ausweisen. den Klassenraum. sich selbst. dazu links und rechts je ein Küchenmesser. März 2000 dem Schulleiter in den Hals und fügt sich an. „das konnte keiner von uns ahnen“. Nie zuvor war er durch Gewalttaten aufgefallen. Das Motiv? „Ich habe sie einfach gehasst“. Dort starb sie. . im November 1999. Es braucht Waffen für diesen Krieg. Sie galt als sehr streng. . Die Lehrerin war Sigrun L. „Das waren nur Sprüche“. als der 16jährige Martin P. weil er von der Schule verwiesen worden war. schrieben seine Mitschüler damals in einem offenen Brief voller Selbstvorwürfe. Aber „dass er zu einer solchen verhängnisvollen Tat bereit war“. was ihre Kinder treiben? Können Erziehungsfehler justiziabel sein? G. KOCHANIEC / CORBIS SYGMA Tatort Pausenhof Der große Abgang. argumentierten die Witwe des ermordeten Lehrers und der Staatsanwalt. Im Fall Martin P. So war es in Bad Reichenhall. Zuvor hatte der schwer der Täter liegt seitdem im Koma. das ist wohl die Vorstellung.

die mit traumatisierten Lehrern und Schülern umgehen können.unserem Schulsystem nicht auffallen. Das wird Schüler? Pieper: Ähnlich. Diese denken müssen. Leider hielt das gerade mal vier ein Massaker an. Warum fällt so jemand an einer Schule nicht auf? SPIEGEL: Wie äußert sich diese Angst? Pieper: Die Lehrer in Meißen haben mir Pieper: Die Kritik daran. Nach dem Mord an einer Lehrerin in Meißen (1999) arbeitete er zwei Jahre lang mit den betroffenen Pädagogen und Jugendlichen. in denen nicht gepaukt werden trat.musste. Die waren anfangs gearbeitet werden muss. wenn Schüler sagen: Der hier fällt mir Pieper. betreut seit 1988 traumatisierte Opfer von Gewalttaten. so was geschah immer nur furt mordete. Die Amoktat verwiesen – aber dennoch kann niewird nicht nur die Lehrer in Erfurt be. das sei nicht ihre Aufgabe. wann nach? SPIEGEL: Warum? Pieper: Ich habe in Meißen zwei Jahre Pieper: Es ist eingeschlafen. sicher.Titel „Die Angst schleicht sich in alle Köpfe“ Der Traumatherapeut Georg Pieper über die Folgen von Erfurt für Lehrer und Schüler diese psychische Verfassung? Pieper: Die Ereignisse von Erfurt werden bestimmt wieder die alten Wunden aufreißen. SPIEGEL: Helfen Kriseninterventionsteams weiter. denn nur so können auch so weit. wieder Unterricht erteilt und erlebt. der Stoff durchtisierten betreut. die das nicht wollen. ja in Europa Pieper: Da muss man mehrere Dinge hat es ein solches Massaker noch nicht unterscheiden. wurde von der Schule weit weg – in Amerika. Da wurde einfach mit den sie zu arbeiten: Der richtet hier gleich Schülern über ihre Situation gesprochen. ist es nicht erwünscht. wie sie jetzt in Bayern aufgebaut werden? Pieper: Ja. SPIEGEL: Wie stabil ist auf.ten. Ihrer Arbeit nach dem Racheakt in Meißen abSPIEGEL: Kommt zu der schätzen. Die Lehrer werden Angst wird sich angesichts der 17 Opfer sich mehr Zeit nehmen müssen. Doch die Ängste gingen auch SPIEGEL: Wie sah das praktisch aus? weit über die Schule hinaus.Wochen. dass dadurch ein schäftigen.nannte Klassenlehrerstunden angebobald ein Unbekannter den Wagen be. sich wieder vor die Schüler zu stel. berichtet. sie könnten nicht die verkorkste Erziehung in den Elternhäusern korrigieren. Sie klagten lange über zunehmend wichtiger – und es funkeine sehr starke Angespanntheit. dass Schüler. die Waffen besorgt. wie wir am Beispiel Meißen im Konzentrationsschwierigkeiten in der Nachhinein gesehen haben. die von Erfurt vielfach potenzieren. mit dem stimmt was nicht. ihnen fehlen aber die Möglichkeiten dazu. sich in Diese Hemmschwelle kann nur überalle Köpfe schleichen. etwa bei Pieper: Nach dem Mord wurden so geFahrten in Bussen oder Bahnen.hat oder unter Drogen steht … te bekommen und damit immer ver. 49. legien des Landes Kreise ziehen. begann unwillkürlich die Phanta. geplant. wer einen psychischen Defekt werden mehr und mehr massive Ängs. wie schwer es ihnen gefallen die so erkennbar unter Stress stehen. Ich habe in Meißen vor allem bei den Lehrern erlebt. welche Folgen Therapeut Pieper Angst auch das Gefühl. sie auf SPIEGEL: Können Sie aus 180 zu bringen. Da wird man umpotenziellen Mörder zu sehen.SPIEGEL: … aber der Schüler hat die Tat krampfter vor die Klassen treten. Nur: In jüngster Zeit halten sich immer mehr traumatherapeutisch Ungeschulte für geeignet.pläne zu erfüllen sind. len und nicht gleich in jedem einen ist sicher berechtigt. dass schon kleinste Ereignisse genügten. Dafür muss Zeit sein – und es muss auch erwünscht sein.mand damit rechnen. Interview: Irina Repke 90 d e r s p i e g e l 1 8 / 2 0 0 2 . dass Schule wieder Realität ist Beobachtungen von Schülern einbezound nicht nur gespielt wird – es wird gen werden. Viele Pädagogen winden. kann reagiert werden. Der Schüler. Aber auch die Länder. in ist. Schule. Schüler auf ihre emotionalen Probleme SPIEGEL: Wie waren die Reaktionen der anzusprechen und ihnen so Entlastungsmöglichkeiten zu bieten. weil Lehrlang vor allem die Schwersttrauma. So. SPIEGEL: Ist das nicht der Fall? Pieper: In den meisten Schulen. besonders den Gymnasien. über tioniert. der Amoklauf in Erfurt „Man muss umdenken“ womöglich als Pädagoge langfristig haben wird? versagt zu haben? Pieper: In Deutschland. brauchen ein breites Netz von Psychologen. Andere wollen es gern machen. Viele Lehrer sagen. Inzwischen sind sie wieder fen werden. Sie wird in sämtlichen Kol.solches Maß an Gewalt ausgelöst wird. Die Freiräume praktisch nicht mehr in der Lage zu für solche Gespräche müssen geschafarbeiten. SPIEGEL: Lassen diese Ängste irgend. der in Ergegeben.

Alleine 41 Lehrer wurden in Berlin im vergangenen Schuljahr Opfer einer Attacke. wer lebt und wer nicht. die alte Rechnungen mit Gewalt begleichen wollen – so wie damals in Meißen und jetzt in Erfurt. „Die Kinder haben maßlos Angst. um sich den von Gewalt beherrschten Alltag an amerikanischen Innenstadt-Schulen anzusehen. Bei einer Schülerbefragung 1999 an der Oststadtschule I in Ludwigsburg gaben 60 Prozent der Mädchen und 80 Prozent der Jungen an. hatte einer elfjährigen Schülerin schlicht und einfach nicht gefallen. Pädagogen und die Regionalstelle zur Förderung von Kindern und Jugendlichen aus Zuwandererfamilien arbeiten mit. „Wie im Hochsicherheitstrakt“ fühlte sich etwa Gewerkschafterin Marianne Demmer beim Besuch einer Grundschule in New York. Die Psychologen. Vor zwei Jahren war eine Delegation der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in den USA. Der Unterricht des Mannes. das jeder Neuankömmling ablegen muss: „Ich wende keine Gewalt an“. Psychologin am Institut für empirische Pädagogik und Trauernde Jugendliche in Erfurt Weiße und rote Rosen d e r pädagogische Psychologie der Uni München. und nun diese Steigerung. sagen. misslungene oder perfide geplante. Und etwa jeder dritte Hamburger Schüler besitzt nach eigenen Angaben eine Waffe zum Selbstschutz. die Mitschüler und Lehrer regelrecht „in Angst und Schrecken versetzen“. sich auf die veränderte Sicherheitslage an deutschen Schulen einzustellen.“ Und im Ruhrgebiet knüpft die Psychotherapeutin und Pädagogin Dagmar Kaplan seit 1996 ein Netzwerk gegen Gewalt an Schulen: Jugendamt und Schulverwaltung. Und sein Vorbild könne Meißen gewesen sein. sagt Demmer.oder mehrmals pro Woche von anderen schikaniert. sagt der hessische Pädagoge und Schul-MobbingExperte Karl Dambach. so beobachtete die ehemalige Grundschullehrerin. Die Analyse solcher Fälle habe gezeigt. Kopfschmerzen oder Übelkeit“. Die Zahl von Angriffen auf Pädagogen ist in die Höhe geschossen. der seine Idee aus dem Fernsehen oder aus der Zeitung hatte. konnten sich noch frei bewegen. in die Schule zu gehen. wie mit diesen Kindern umzugehen ist. Das Mädchen hatte daraufhin ihre Freunde mobilisiert und die Schlägerei in Auftrag gegeben. Bettina Schubert. Bis heute sind die Pädagogen ziemlich ratlos darüber.Attentäter Steinhäuser im Sportverein. Jugendeinrichtungen. In der Werner-Stephan-Schule. dass es an fast jeder Schule eine kleine Gruppe höchst schwieriger Kinder gebe. heißt es da unter Punkt 5. die sich nun zu Wort melden. Solch eine „gefängnismäßige Situation“ müsse in Deutschland möglichst vermieden werden. selbst schon gewalttätig geworden zu sein. der Mörder von Erfurt sei ein Nachahmer gewesen. eine Sicherheitsschleuse am Eingang leuchtete jeden Besucher nach Waffen ab. Die Gewerkschafterin ist überzeugt: „Gegen einen solchen Amoklauf wie den 1 8 / 2 0 0 2 OLAF RENTSCH / BILD ZEITUNG s p i e g e l 91 . von mir allein hängt es ab. Privatpolizisten patrouillierten auf dem Pausenhof. Politiker. einer typischen Brennpunkt-Hauptschule in Berlin-Tempelhof erarbeiten die Klassensprecher jedes Jahr ein Versprechen an die Schulgemeinschaft. Langsam beginnen auch die offiziellen Berufsvertreter. Sonst sei kein „ungezwungenes Lernumfeld“ mehr möglich. mit Freunden: „Er wollte ins Buch der Rekorde“ mörder spukt. Ein Lehrer einer Berliner Grundschule wurde beispielsweise nach der Schule von drei jungen Männern in einem Einkaufszentrum abgefangen und zusammengeschlagen. das berauschende Gefühl von Macht: Ich bestimme. Das Gebäude sicherte ein meterhoher Metallzaun. und Punkt 6 lautet: „Ich bringe weder Waffen noch Drogen mit und erpresse meine Mitschüler nicht. Drei von vier Schülern haben bereits Erfahrungen als Opfer von Gewalt gesammelt. der einen Kollegen vertreten sollte. dass unter den Tätern viele ehemalige Schüler sind. Darunter seien genauso hoch intelligente wie besonders leistungsschwache Schüler. Es ist eine fürchterliche Berühmtheit. Eltern. sie sind weniger leistungsbereit. nach der diese Jungs sich sehnen. Immer wieder registrieren die Psychologen. Der Mord von Meißen hat bundesweit eine Welle von Gewalttaten an Schulen produziert – Kopien. die in Deutschland kaum vorstellbar war. Jedes siebte Kind werde ein. sagt Mechthild Schäfer. Weder Schüler noch Pädagogen. leiden an Magenschmerzen. sagt die Gewaltbeauftragte der Berliner Schulverwaltung. aber auch Beleidigungen und Bedrohungen nahmen seit Meißen stark zu. einer.

Cordula Meyer. heute sind wir alle genug gestorben. die sie zur Modewaffe machte. kritisiert die GdP. warum hast du mich verlassen?“ Klaus Brinkbäumer. das etwa zum Töten von Fasanen und Rebhühnern verwendet wurde. würden seine Kollegen vor diesem „zunehmenden Bürgerkrieg in Deutschland“ warnen. Und auch die gerade erst verabschiedete Reform ist nach Ansicht von Fachleuten nur halbherzig. Ihre verheerende Wirkung fasziniert auch die Filmindustrie. sagt Konrad Freiberg. Sven Röbel. Die Polizei ließ sie dafür durch die Absperrung schlüpfen. Eine Erfurterin bat um Verständnis: „Machen Sie die Kamera aus. Ansbert Kneip. die eigene Waffe zu benutzen. Annette Bruhns. seine Pistole und seine Pumpgun ganz legal besorgt. Um 23. wie eine Schrotflinte mit jeder Patrone eine Garbe von Bleikugeln. Es war diese Mischung aus Trauer und Aggressivität. aber es war immerhin ein Schritt. Schrecken verbreite bereits ihr Sound: Allein das harte Metallgeräusch des Repetiermechanismus. mein Gott. sagte Otto Schily. Die Länder hätten sich gegen eine zentrale Erfassung aller Waffen in Deutschland gesperrt. habe schon manchen Täter davon abgehalten. dem Mit- Trauergottesdienst in Erfurt: „Heute sind wir alle genug gestorben“ CHRISTIAN SEELING / AP DDP . die es immer nach solchen Ereignissen gibt. ist ein traditionelles Jagdgewehr.2 Millionen Waffen besitzen die Deutschen ganz legal. Die Pumpgun verschießt ähnlich nister Manfred Püchel. und manche Pistolen sind auf Flohmärkten schon für 75 Euro zu haben. Außerdem ist die Waffe treffsicher. der Kugelhagel durchschlägt Türen und sogar leicht gebaute Wände. „sind nicht die legalen. US-Polizeiexperten rühmen ihre „ungeheuer hohe MannstoppWirkung“. Die Pumpgun. der Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP). Denn auf 25 Meter Schussdistanz. Gibt es ihn? Oder hatten sie doch alle nur Robert Steinhäuser gesehen. dass in Deutschland allein etwa 20 Millionen so genannter Altwaffen illegal im Umlauf sind. Zuvor hatte der Pastor Psalm 22 vortragen lassen: „Mein Gott. Es war kein großer Schritt. Das bekamen besonders die Kamerateams zu spüren. wenn bewiesen wird.“ Das ist nicht ganz so sicher. Steffen Winter Der Abschied Am Abend legten Jugendliche und ErGymnasium nieder. Udo Ludwig. eine Magnum von Smith&Wesson 1800 Euro. Je nach Fabrikat haben Pumpguns zwischen vier und acht Patronen im Magazin. die keiner fassen und verstehen kann. Denn Robert Steinhäuser hat sich. viele Menschen standen mit weißen und roten Rosen vor der Kirche und weinten. täter. Immerhin 7. sagt Sachsen-Anhalts Innenmi- Röhrenmagazin Repetiergriff Auf kurze Distanz ist die so genannte Pumpgun. Carsten Holm. Beate Lakotta. Barbara Supp. konnen sie eine tödliche Schneise von rund einem Meter Durchmesser schlagen. Jürgen Leinemann. was sich Ende voriger Woche andeutete. Eine Makarow-Pistole kostet in der Szene rund 500 Euro. wissen Polizeibeamte zu berichten.“ Furchtbare Waffe Lauf Kaliber 18 mm Schrotpatrone Die Waffen Eine Waffe in Deutschland auf dem Schwarzmarkt zu besorgen ist so schwer nicht. Kenner wie der hessische Waffenexperte Fridolin Jacobs schätzen.“ Um 21 Uhr läuteten alle Kirchenglocken Erfurts. Ausgerechnet am vergangenen Freitag beschloss der Bundestag gegen die Stimmen der FDP und PDS eine Verschärfung des Waffengesetzes. Die Wirkung einer Pumpgun ist mörderisch. scheinbar überall zur selben Zeit? Um 20 Uhr fand in der überfüllten Andreaskirche ein Trauergottesdienst statt. Seit Jahren. „Haut ab mit eurer kapitalistischen Meinungsmache“. Die starke Waffenlobby. habe bisher alle Bemühungen um ein schärferes Waffenrecht verhindert. 1893 erstmals gebaut und 300 bis 1000 Euro teuer.11 Uhr transportierten vier Wagen die Leichen aus der Schule ab. Felix Kurz. wie der Erfurter Amokläufer sie wahrscheinlich benutzte. Uwe Buse. gefürchtet sei schon der Blick in ihre 18 Millimeter große Mündung. Jürgen Dahlkamp. eine der verheerendsten Feuerwaffen. von dem Schüler gesprochen hatten.Titel in Erfurt hilft auch eine rundum gesicherte Schule nichts mehr. schrie jemand. Ulrich Jaeger. ein kurzer Zug am Repetiergriff befördert die jeweils nächste Patrone in den Lauf. aber noch immer hielt sie Ausschau nach dem mysteriösen zweiten Mann. „Das Problem“. das zeigen Tests. Andreas Wassermann. Andrea Stuppe. das Problem sind die illegalen Waffen.

Dann überreichte er seinen schönsten Modellpanzer. das erzählt ein früherer Klassenkamerad. „wie würdet ihr die Zeit nutzen.tarismus und Deutschtum zum Killer. verknallte sich Adam in ein Mädchen. jenen Lehrer. habe Labus sich in einen „Außenseiter und Eigenbrötler“ verwandelt. Rosen und ein Quizspielchen. Damals ern. Denn am zeichnete viele kleine Panzer mit deutvergangenen Dienstag machte ihn eine Mi. hatte der Attentäter dem Pädagogen ins Gesicht geschossen. jedenfalls sagt das sein hatte der Bub noch schwarze Locken. Bei seinem Amoklauf in Eching und Freising tötete der aus Polen stammende Adam Labus drei andere Menschen und sich selbst. begann zu weinen. der Aussiedler. alle Lehrer versammelten sich an diesem Morgen in der Aula. Und bis wieder einmal klar war. Die große Leidenschaft des kleinen einziger Freund Josip S. 22. Und Religionslehrer Berberich tröstete und zitierte aus der Bibel. Er liebte Waffen. Oktober jenes Jahres. Panzer in allen Farsich daran erfreuen“. und der alte Direktor musste erraten. schwarzen Ledermantel. die euch bleibt?“ Die Klasse diskutierte. be- 68 FREISINGER SZ . wenn ihr nur noch 48 Stunden zu leben hättet?“. das gerade einen Verwandten verloren hatte. Als Adam. Es war Montagvormittag. Da waren es keine 48 Stunden mehr. Ungefähr 1993. da waren es nur noch 20. „Was würdet ihr tun. Alle Schüler. dass schung aus Demütigung. durchaus „liebevoll“ sein und „Hunde streicheln und Adam waren Panzer.(früher: Hindenburg) geboren. Formen. Dann kamen die Buhrufe. im August 1979 in Zabrze rado) geben kann. Adam Labus. an dem zwei Leichen in dem grauen Betonbau der Wirtschaftsschule Freising lagen und zwei weitere in der Werkshalle der Firma Deco-Pack in Eching bei München. schließlich im Chor. das sich die Schüler ausgedacht hatten: Sie imitierten ihre Lehrer. Am Anfang war Adam ziemlich witzig. fragte der. Und zweifellos brutal. bis es endlich jemand schaffte. 20 Stunden. Er konnte aber wohl ben. Es dauerte. Lange. Milies Amokläufe nicht nur in Littleton (Colo. Adam. Es gab damals Schlüsselerlebnisse wie das Schulfest am 29. so der Mitschüler von einst. kam im ern. wo Innenminister Günther Beckstein März 1988 mit den Eltern nach Freising. es war die vierte Unterrichtsstunde in der Wirtschaftsschule Freising. launisch. Er bastelte Modellauch ziemlich aggressiv sein und laut und panzer. wie außer sich. und er konnte. erzählte von echten Panzern. Vertragswerkstatt von Mercedes gefunden hatte. Und einmal. wurde es eisig und still im Zuschauerraum. starke Deutsche und den Krieg. A uf dem Stundenplan der Klasse 10c stand der Tod. der so aussah wie vor 60 Jahren die Mäntel der Gestapo. anfing zu brüllen und auf imaginäre Schüler einzuprügeln.schen Hoheitsabzeichen in seine Hefte und d e r s p i e g e l 9 / 2 0 0 2 Polizeieinsatz vor dem Schulzentrum Freising: Bücher. Adam Labus durfte den Studienrat Weitl spielen. einen guten Job inklusive Betriebsdann nur im Gefängnis. den Adam Labus neun Jahre später töten will. Größen. wütend und gekränkt durch viele Niederlagen. einen Sozial.weil der Vater eine Anstellung bei einer sen wie Labus hier nicht.. grübelte Adam. von den Notärzten gerettet wurde – mit einer jugoslawischen Armeepistole. Modell „Tokarev 57“.wohnung im Stadtteil Lerchenfeld. Von 1993 an trug Labus schwarz gefärbte Bundeswehrhosen und Kampfstiefel und einen schweren. Einsamkeit. 20 Stunden bis zu jenem Morgen.Deutschland AT T E N TAT E Die Rache des kleinen Rambo Er war einsam. 20 Stunden. bis der Theologe Berberich. sondern auch in Deutschland und sogar im Freistaat Bay. Am Ende pfiffen 460 Schüler Adam Labus aus. was er dem Mädchen schenken könne. Ein Mädchen. der über den Tod gesprochen hatte. Einen „Wangendurchschuss“ notierte die Polizei im Protokoll. und wenn doch. Und dann soll es eine Standpauke durch Herbert Lanzinger gegeben haben. gern so tut. Es gab Luftballons. doch dann steigerte er sich in einen Rausch und wurde laut und immer lauter. und die 10c hatte Religion bei Dirk Berberich.und Erdkundelehrer. er ging gerade zum zweiten Mal in die achte Klasse. Und bekam einen Korb. wer gemeint war. Adam Labus lebte 14 Jahre lang in Bay. als existierten menschliche We. bis der 22-jährige Adam Labus seinen Rachefeldzug Attentäter Labus (1999) mit der letzten Kugel und einem „Hunde streicheln und sich daran erfreuen“ Schuss in den eigenen Mund beendete. erst einzeln. den 14-jährigen Jungen von der Bühne zu holen. ziemlich still und ziemlich ernst. denn sie wollten den alten Schulleiter Heinrich Graf verabschieden.

Labus. „Gotcha“ ist simulierter Krieg mit Waf. auch seinen Kumpel Philipp F.als Söldner wollte er sich melden im Ko.ein Resozialisierungsprojekt an die Ostsee gabter Zeichner mit der Note 1. Und Labus war „Gotcha“-Spie. soll die Mutter gesagt haben. aber die Eltern wollen das alles nicht bemerkt haben. „Projektler“. Dann Hehlerei. Denn die Betreuer hatten nicht nur Bücher und Videos. Und das häufte sich. die Labus immer wieder Oktober 1996. der gleichsam aus dem Nichts kam. im Waffenjournalen. Aber das verdauen konnte. der im Kampftraining schikaniert Opfer Werner. jedenfalls nicht aus dem schönen Bayern – und der natürlich nichts mit irgendwelchen Neonazis zu tun gehabt habe. „ist das richtige Wort. Es liegt auch an dieser Biografie. Sie schilderten Labus als einen Teufel. die er nicht treuer sehr nett seien. und dass die Beler. mit Inbrunst unter der Bank verschlungen wo er noch mal eine Chance habe. drapierte seine Waffensammlung in einer gleichmäßiger Handschrift und gewählten Ausdrücken. sobald jemand was gegen „Heil H. ein be. einer („Ex-Soldat. über „Kanaken“ zu schimpfen und an einen Freund geschickt über „Scheißausländer“.Ecke seines Zimmers wie einen Herrgottswinkel. dass er viel tun könne in Dänemark. Da war „Die Scharfschützen brauchen freie Bahn!“ bereits ein Brief bekannt. der Krieg mit echten Toten. Das sei. schrieb Adam. Das Jueine „echte Handgranate“ besitze – und gendamt Freising hatte den als ihm keiner geglaubt habe.daten. sagen seine Freunde. in Waffen. die DeaTankstelle an der Bundesstraße 11 am Stadtrand von Freising zu überfallen. der gerade von seiDing mitgebracht und herumgezeigt. „Der Adam schafft das schon“. wenn ihr Junge mal wieder straffällig geworden war. dass er bekommen sollte. die mit Farbkugeln schießen. Er fast fehlerfreiem Deutsch ist das. Ein Film ist das über eine Hand voll angehender Marines und einen ewigen Verlierer. arbeiten. Mit Fahrraddiebstählen fing es an. Dann schrieb Adam. erzählt sein Schulkamerad. unterschrieben mit „super-aggressiv. Angegeben habe er damit. Abtransport einer Leiche in Freising: „Der hat gehasst“ le geworfen worden war. Wenem Direktor aus der Schunig später präsentierte er seine Gaspistole. dass die bayerischen Behörden in den ersten Tagen nach dem Amoklauf nicht besonders gut aussahen.. Dann kamen Einbrüche. ähnlich wie in Stanley Kubricks Film „Full Metal Jacket“. da stoppte ihn keiner. Und einmal versuchte Labus. habe er das Jungen. 6 Jahre“) hatte auch Waffen. immer wieder Krieg. schrieb Adam an gelang an gewaltigen Bildern gewaltiger de er zurückgeschickt. Nur zu Hause. Es gebe sogar einen „Spielplatz“. Und „Wissen sammeln“.so eine Niederlage gewesen. Möglicherweise reifte sein Ein anderer Mitschüler berichtet von Plan ja schon damals. er wurde gefasst und zu einer Jugendstrafe auf Bewährung verurteilt. wo Adam teure Waggons klaute.“ Ein Brief in fen.sovo. von einem. abgefangen von SolSchlachten. Und Krieg. Gewichte heben. der nicht dumm ist. Dass es ihm gut gefalle. und er wurde hatte. Opfer Cislak: Bestrafung für all die Niederlagen FRANK LEONHARDT / DPA MARTIN HAGEN FRANK LEONHARDT / DPA MAURIZIO GAMBARINI / DDP d e r s p i e g e l 9 / 2 0 0 2 69 .3. mit reichte ihm nicht. der nachdenkt. immer wieder Waffen. den Adam aus Dänemark gann. Martini (bei einem Grillfest). Ein Brief von einem Jungen.geschickt. weil er Geld brauchte. Dann Drogen. etwa beim örtlichen Modelleisenbahnclub. doch an der kroatischen Grenze wur. joggen am Strand. malte ta.“ Nazis sagte“. denn Labus reizte der wahre Krieg. in Dänemark.

waffen. wird auf mindestens eine starb Schulleiter Klaus Cislak im halbe Million geschätzt.Taxi sitzt. Conny Neumann. sagt Lanzinger ziemlich Adam Labus bewaffnet sich am hilflos. Ein paar Worte und mehrere Schüsse. 17. An te Tausende Schüler“.Nebenraum sei eine Schulbank umgefallen. dass ein Amokläufer in der Schule war. Dann tötete Labus Schätzungen des Landeskriminalsich selbst. doch dann kam er.“ konstruktion. Dann ist er weg. stark blutend. Zahnpas. Die Schülerin Irina Kling. Martini. Es ist etwa acht Uhr. Allein die Zahl der Handfeuerden er sich an den Hals presste. „Die Scharfeine Schusswaffe benutzt. Irina sah im ersten Hat er auch die Waffen geklaut. zeigen sie hatte? „Ich bin ein konsequenter ihre Knarren. weinten. Er ruft sich ein Taxi. Zwischen den Verpackungsmaschinen. Währenddessen stürmte. sagt Lanzinger.“ weiß nicht. Er ver. Nach dem zweiten Knall stapfte Herr Ripper schaffte es Labus bis zur Bundeswehr. auch Lehrerinnen. die Großen nach unBei 12482 Straftaten in der Bunten.“ die aussehen wie riesige Fotokopierappa. sein ehe. hatte am kann jemanden töten – wenn er will. Hier hat ihn.maliger Vorarbeiter. aber der ist nicht da. und mussten sich ruhig auf desrepublik wurde im Jahr 2000 den Boden setzen. Das war wieder so heit zu bringen. fragt er. sich vor dem Killer in Sichernur zu den Sanitätern. Dazu Sekretariat durch die Kugeln. Dann kam der Feueralarm. in den Fluren. Klaus Brinkbäumer.und einer SelbstladeAm Tag der Tat. lebe!“ bisschen näher rangeht und SonWas Adam Labus gegen ihn derwünsche äußert.45 Uhr. im Trotz seiner kriminellen Geschichte schenkel und im Kopf getroffen. Mar. Sven Röbel.Pack-Vertriebsleiter Wolfgang Oswald sagte der. sucht noch.4 te der Religionslehrer über den Prozent dieser Waffen stammten Pausenhof. Als dann die Vorbild? 38. auf die Freisinger Polizeistation gebracht. Eine gute Adresse ist der so Bronchitis das Leben gerettet. Lehrer Lanzinger vor allem. und die weiterer Schuss fiel. Ich wusste früher schon: Der Darum ist er heute hier. die Kleinen in die oberen kauft? Stockwerke. überall. Andreas Ulrich rate. und er hat sich den Kopf rasiert und Die anderen einstigen Kollegen fliehen. Uhren Psychologiebuch: „Sorge dich oder CDs – und wenn man ein nicht. der Kämpfer. passiert nichts“ zu. dachte sie.„Verlass auf keinen Fall deine Wohnung“. begannen die Vorgesetzten.eines kahl geschorenen jungen Mannes. „jemand will dich umbringen. Sie wurden in hatten. die kommen etwa eine Milliarde Attentäter Labus in Dänemark (1996): Eine letzte Chance Adam Labus für den TextverarSchuss Munition. die berich sprach. Kampfstiefel und Armeehosen angezogen. und langsam bildung. und auf seigleich hinter der Grenze. Gegen 7. Ripper in der ersten Stunde. Kempten absolvierte er seine GrundausAndré Werner. denn tikflaschen gepresst. Faulheit entließ.erste Rohrbombe detonierte. Lehrer“. Manche Markt geschwemmt wurden. In blutet auf dem Betonfußboden. Es beginnt. frühen Dienstagmorgen mit einem Der hat mich gehasst. „aber ein lustiger Mensch. der Attentäter eineinhalb Jahre gearbeitet. Als kurz darauf ein ihn gedemütigt hatten. Deco. als Labus wieder im Beamter zeigte das schwarzweiße Passfoto als „Lohnabfüller“ hat er Pattex. überschützen brauchen freie Schusswiegend bei Raubüberfällen und bahn!“. hat pistole.“ ner Gas. ver. Denn der Rauch der Explosioangeblich. Stock den Bombenleger. und ich Rucksack voller Rohrbomben. weil er Medikamente nen hing schweflig und beißend hatte mitgehen lassen. Labus ruft ihnen noch „Keine Sorge. der gemit denen er am Dienstag verrade mit dem Religionslehrer Bergangener Woche die Lehrer. die ihn entlassen Schüler zu rennen. passiert Adam Labus die stürmt in die Werkhalle und versucht.Es drohte eher trockener Unterrichtsstoff 70 d e r s p i e g e l 9 / 2 0 0 2 . legalem Besitz. die in die Werkhalle seiner tini ins Leben zurückzuholen. Vater von zwei Kindern.Deutschland wird und der zuerst seinen Offizier er. euch ihn ein befreundeter Polizist angerufen.Labus-Brief aus Dänemark: „Heil H. der Betriebsleiter.wütend auf den Flur und bat sich Ruhe aus. die in Albanien auf den Todesangst. Nach dem „aber dieses Gesicht tauchte sofort aus der Masse auf. Bis man ihn wegen wie Rambo will er nur eines: Rache.Tag der Abrechnung nichts Besonderes vor. „Ich bin seit 30 Jahren Lehrer und hatta und Waschmittel in Tuben und Plas. kurz nach acht Uhr. amts drei Millionen illegale WafDem Lehrer Lanzinger hat eine fen. warum. so die vorläufige Re. der bei graue Stahltür. Er muss sich fühlen wie Rambo. Ein früheren Firma Deco-Pack führt. diesmal auf dem Weg nach Frei. wird am Ober. Es fallen ein über Kosten-Leistungsrechnung bei Herrn schießt und anschließend sich selbst. er genannte Tschechenmarkt in Eger ist krankgeschrieben. er schüttelt seinen Schülern als äußerst streng gilt. rief jemand. mit eiaus lizenziertem. kommt ihm Johann Martini. ei. Wenig später flog er raus.sing. in Kopf und Oberkörper. dort bienem Wohnzimmertisch liegen ten Vietnamesen ihre Ware feil. beitungslehrer Lanzinger vorgeSchon in Bayern gibt es nach sehen hatte. bestrafen wollte? Oder hat die benachbarte Berufsschule geer sie auf dem Schwarzmarkt geschickt. entgegen. Designeranzügen. eine Niederlage. und er schreit auf ihn ein. und nachdem 1997 die damalige Reviele packten ihre Mobiltelefone gierung des Landes gestürzt wuraus und begannen mit Verwandde und das Volk die Kasernen ten zu sprechen. nem Ballen Papierhandtücher. Dann torkelFreiheitsberaubung – und nur 3. eine angebrochene Schachtel AnProduktpiraterie von Sportklatibiotika und ein aufgeschlagenes motten.Wenig später wurde der Lehrer. Er stirbt nach drei Treffern begriffen Lehrer und Schüler.

Im wirklichen Leben wurde Markowitz alias Lamprecht keine 20 Stunden später 110 D selbst Opfer eines brutalen Verbrechens. habe daheim Video- Zerschossenes Klinikfenster. Getroffen von zwei Kugeln aus einem Revolver Colt Phython.ne zwei Jahre ältere Schwester. routiniert wie immer. Auch Martin sei ein eher schüchterner Eigenbrötler gewesen. Dass in Deutschland ein Jugendlicher Amok laufen könnte. Nicht nur Fachleute erinnert das grausame Verbrechen an den Amoklauf zweier Teenager am 20. Kurz vor Beginn der Aufführung musste sich der Hauptdarsteller zwar noch von einem Arzt aus dem Publikum eine Spritze geben lassen. wo sich fast jedes Kind eine Schusswaffe besorgen kann. lag der Schauspieler vorigen Montag über eine halbe Stunde lang im eigenen Blut direkt vor dem Städtischen Krankenhaus Bad Reichenhall.und hilflos. So etwas gab es nur in den USA. Die Beschreibungen. der zu so einem Gewaltexzess fähig gewesen wäre“.357 Magnum. Nun wird im Lande eifrig gestritten und diskutiert. was ehemalige Schulkameraden Peyerls heute berichten. Neben ihm seine Lebensgefährtin Claudia Amm. 55. dass ein Jugendlicher derart ausrastet? Wie konnte er an die Waffen gelangen? Wie lassen sich solche Taten künftig verhindern? Die ersten Antworten der Experten und Politiker zeigen vor allem eines: Fast alle sind rat. nichts mehr anzumerken. 69. einen bis dahin beschaulichen Kurort mit rund 17 000 Einwohnern nahe Watzmann und Königssee. Kaliber . April dieses Jahres in Littleton im US-Bundesstaat Colorado. passen zu dem. stets auf der Jagd nach skrupellosen Tätern. „Noch nie“ sei ihm „ein Jugendlicher begegnet. Dabei hatten der 17-jährige Dylan Klebold und sein ein Jahr älterer Freund Eric Harris einen Lehrer und zwölf Mitschüler getötet. Experten rätseln über die Ursachen: War der Täter ein Neonazi – oder einfach nur lebensmüde? ie Vorstellung im Theater des Kurgastzentrums Bad Reichenhall verlief ganz nach Plan. war für die meisten Bundesbürger bislang außerhalb jeder Vorstellung. Fassungslos und schockiert blickt die Republik seitdem nach Bad Reichenhall. darunter seid e r s p i e g e l 4 5 / 1 9 9 9 S.und Jugendpsychiatrie in München. beide ebenfalls schwer verletzt. KIENER / BILD ZEITUNG REUTERS Amokläufer Peyerl Die eigene Schwester hingerichtet . die überlebende Mitschüler damals von den beiden Amokläufern gaben. Anschließend erschossen sie sich selbst. der Lehrling Martin Peyerl. so Franz Joseph Freisleder. und anschließend sich selbst. und Fahrer Dieter Duhme. Mit weiteren mindestens 16 Schüssen tötete Peyerl vier Menschen. weil ihn ein Knie stark schmerzte. Ärztlicher Direktor der Heckscher-Klinik für Kinder. Wie konnte es so weit kommen. Peyerl-Wohnhaus: „Ausbruch eines Vulkans“ K R I M I N A L I TÄT „Der Martin war immer nett“ Der Amoklauf eines 16-Jährigen in Bad Reichenhall schockt die Republik. Lamprecht wollte sich in der Klinik sein Knie untersuchen lassen. Doch dann war Günter Lamprecht. Auf der Bühne spielte er vorvergangenen Sonntagabend den „Tatort“-Kommissar Franz Markowitz. Auf die drei geschossen hatte ein 16-Jähriger. Kein Wunder – ist doch auch die Tat beispiellos. 57.

Für den Traunsteiner Oberstaatsanwalt Wolfgang Giese. Martin hatte am Kopfende seines stalten und mit einem riesigen Feuerwerk Bettes ein Hakenkreuz an die Wand ge. Zum 31. Daneben wurden in der ganzen Wohnung Musik-CDs mit rechtsradikalen Liedern sowie Gewaltvideos gefunden. wahnsinnig überraschend und plötzlich aus“. gelernter Kfz-Mechaniker. der die Ermittlungen leitet. Nordrhein-Westfalens Innenminister Fritz Behrens (SPD) plädierte für ein strengeres Waffengesetz. einem ehemaligen Bundeswehrsoldaten. ist lediglich „klar. Auch die Traunsteiner Kripo beschreibt Peyerl. „dass Martin nicht mehr leneuen Job als Hausmeister antreten. eines leidenschaftlichen Sportschützen. offenbar ohne größere Probleme den Waffenschrank seines Vaters. traf der Junge einen Patienten des Krankenhauses direkt in den Kopf. dürfte die Polizei kritische Fragen stellen. Sie wurde genehmigt. Außerdem. Alkohol. „In Wirklichkeit halten wir auf der Mülldeponie Bad Reichenhall. gelernte Kinderpflegerin. um – Tradition an Allerheiligen – das Grab der Großmutter zu besuchen. so das Landratsamt Berchtesgadener Land. so Polizeisprecher Fritz Braun. dessen Eingang keine 50 Meter von der Wohnungstür der Peyerls entfernt liegt. um eine Zigarette zu rauchen. genden Jahren schloss sich Peyerl. Als Beamte eines Spezialeinsatzkommandos die Wohnung am Montag gegen 18 Uhr stürmten. glaubt. Deshalb. Kaliber . die vorigen Freitag erstmals als Zeugen befragt wurden. Martin wollte nicht mitkommen. Mal arbeitete er lichen Untersuchungen über Amokläufer als Zugbegleiter bei der Bundesbahn. mal veröffentlichte. 60. Wolfgang Krach mögliche Sympathie für rechtsradikales Gedankengut spielten „keine Rolle“. Zum Teil widersprachen sich ihre Deutungen.diglich von einem „finalen.) d e r s p i e g e l 4 5 / 1 9 9 9 111 . dass diejenigen Behörden. Drei Waffenbesitzkarten berechtigten ihn jedoch. mal eine solche Tat vor allem deshalb für plötzals Hausmeister bei der Kurverwaltung. urteilt der ÄrztliOpfer Daniela Peyerl.44-40. Vor allem dem Vater. liegt für die Behörden ebenfalls noch im Dunkeln.“ Der Polizeipsychologe Adolf Gallwitz. In einem Punkt zumindest scheinen sich die Experten aber einig: Der Amoklauf des 16-Jährigen war. Unter witz. Drogen oder auch eine malt. Was den jungen Mann zu dem grausigen Verbrechen bewegte. so Gallvoll von NS-Devotionalien waren. wie der Psychiater Lothar Adler formuliert. Beide waren vermutlich sofort tot. illegale Waffen aufzuspüren. weil sie uns zunächst so sinnlos erzum Freitag vor der grausigen Tat seines scheint. Er erlag Dienstagabend seinen Verletzungen. So habe er beispielsweise Hakenkreuze in seine Mappen und Ordner gemalt. Bayerns Innenminister Günther Beckstein (CSU) will sein Augenmerk darauf richten. lediglich dazu. 59. Amm: „So ein Gewaltexzess“ che Direktor des thüringiWartungstrupp. sondern die Polizei müsse sich mehr darum kümmern. will die 16-Jährige bemerkt haben. die die Erlaubnis zum Besitz der Waffen erteilen. trafen die Nachbarin Ruth Zillenbiller. Ihre Vernehmung könnte diese Woche fortgesetzt werden.223.in seinem Leben etwas Grandioses veranlerbild.normalen‘ dazu stehen. „musste er am Ende zum ersten Mal anderem hing in Danielas Zimmer ein Hit. seien „nicht alle Waffen im Schrank gewesen“. sei. so seine ehemalige Klassenkameradin Stefanie Hocheder. Sie sei. waren zum Friedhof ins benachbarte Piding gefahren. Was sich dann in der Wohnung abspielte. Die Kripo interessiert. mit einer Schrotflinte erschossen. Sofort nach dem Amoklauf verlangten Politiker aller Couleur erst mal „Konsequenzen“. der 1993 an der Universität insgesamt fünf Schützenvereinen an. Nach seiner Bundeswehrzeit wechselte Göttingen eine der wenigen wissenschaftPeyerl mehrfach den Job. Zuvor hatte er seine Schwester mit fünf Schüssen – je zwei in Kopf und Brust sowie einen in den Arm – regelrecht hingerichtet. eine Waffe gefunden zu haben. AP (re. Am Suche nach Martins Motiv sparen: „Das Dienstag voriger Woche sollte er einen werden wir nie erfahren. In der Artilleriekaserne Bad Reichenhall arbeitete er als Unteroffizier in einem FOTOS: BILD ZEITUNG (li. wie die Eltern ben wollte. „keine spontane oder Affekttat“. arbeitete im Krankenhaus. der „sehr zurückgezogen lebte“. als er Montagvormittag allein zu Hause war. und das suchen wir“. heißt es bei der Polizei. Der 54-Jährige war nur kurz vor die Kliniktür gegangen. fanden sie den 16-Jährigen in der Badewanne. Der Chef der Gewerkschaft der Polizei. dem die „Für uns Außenstehende sieht das alles so Polizei „Alkoholprobleme“ bescheinigt. „Irgendetwas hat den Vulkan zum Ausbruch gebracht. widersprach ihm. dass das Motiv in der Persönlichkeit des Täters liegt“. der im September eine Ausbildung als Betriebsmechaniker begonnen hatte.“ Alles. vermutlich sitzkarte. Helfen bei der Suche nach dem Auslöser für den Amoklauf könnten vor allem Martins Eltern. Theresia und Rudolf Peyerl. konnte die Kripo bis Ende vergangener Woche nicht klären – sie wird es vermutlich nie mehr können. dass die Zimmer ihrer Kinder Selbstmord fähig war“. Kaliber . In der Wohnung fanden die Beamten nach eigenen Angaben insgesamt 19 Waffen. Um chiatrie und Neurologie in Mühlhausen. vier ihren Ehemann Horst. die Kripo könnte sich die Oktober hatte man ihm gekündigt. „Der Martin war immer nett. als „Einzelgänger“. hall. „Ein bisschen rechtsradikal“ sei er zudem gewesen. diese behalten zu können. aus zwei Fenstern wild zu schießen. Schwester Daniela. direkt gegenüber auf der anderen Seite der Riedelstraße. Psychologen und Psychiater taten sich zunächst schwer. dass Martin anfing. erzählt der 15-jährige Michael Schandl. hat aber den Kontakt zu uns abgewiesen“. Ihren Ermittlungen zufolge brach der 16Jährige.kränkenden Ereignis ausgelöst“ worden.untergehen“. Er möchte das Waffengesetz so ändern. die für Jugendliche verboten seien. In den fol.Deutschland spiele gespielt. Sechs Kugeln aus einem Selbstlade-Gewehr Ruger M-14. Lamprecht. Bis lich. Rudolf Peyerl. 1981 meldete Peyerl der schen Landesfachkrankenhauses für PsyPolizei. 17 Waffen – 5 Revolver und Pistolen sowie 12 Gewehre – zu führen. Martins Eltern. im Wohnzimmer der Erdgeschosswohnung in der Riedelstraße 12 auf. ist nie aufgefallen. Gegen 12 Uhr mittags kam die Schwester nach Hause. Nicht das Gesetz müsse verschärft werden. aber nicht zu einem . Norbert Spinrath. hatte sich Mitte der siebziger Jahre für zwölf Jahre bei der Bundeswehr verpflichtet. Auch seine Katze hatte Martin umgebracht. so Adler. Er hatte sich. Das Bundesinnenministerium Otto Schilys (SPD) hält dies allerdings für „einen der üblichen Hauruck-Vorstöße Bayerns“. Sohnes hatte Peyerl eine befristete Beschäftigung im Feuerwehrerholungsheim vergangene Woche selbst in Bad ReichenSt. was sich sagen lasse. Bislang gibt es dafür nur Empfehlungen. Florian in Bayerisch Gmain. Fest steht. in Zukunft gleichzeitig „Mindestanforderungen für die sichere Verwahrung festlegen“ müssen.). die Ereignisse von Bad Reichenhall zu erklären und einzuordnen. beantragte er „sicher lange vorbereitet“ gewesen und lebeim zuständigen Landratsamt eine Be. so die Ermittler. Mit einem zweiten Gewehr. dass legal erworbene Waffen sicherer verschlossen werden. Auch Kriminologen.

galt bis vergangenen Dienstag als sicherer Fluchtpunkt vor dem Dreck und vor der Angst der großen Städte. im Gepäck zwei abgesägte Schrotflinten. und vor uns lag nur eins: eine strahlende Zukunft“. wird in amerikanischen Medien als das „tödlichste Schulmassaker in der US-Geschichte“ bezeichnet. so erinnert sich Adams. dazu 28 zum Teil schwer verletzt. Die Vorzeigeinstitution – unter den acht besten Schulen Nordamerikas – ist der Stolz des Ortes mit seinen rund 40 000 Einwohnern. Alles war weit weg. Geburtstag Adolf Hitlers. Beide hatten sich mit Kopfschüssen selbst getötet. Und als der Diskjockey den Song „Take my Breath away“ aus dem Militärfilm „Top Gun“ auflegt. ein Golfplatz und auf der Columbine High-School jedes Jahr die besten Prüfungsarbeiten im ganzen Bundesstaat – Littleton. waren die beiden auf dem Schulparkplatz aus Klebolds schwarzem BMW gestiegen. 67 Stunden später lag Dylan Klebold. tot in der Bibliothek der Schule. am 20. Colorado. dem 110. 17. an diesem Abend keinen Alkohol zu trinken. Außerdem fand man 172 FOTOS: AP . April. d e r s p i e g e l 17 / 1 9 9 9 Was sie vorher angerichtet hatten. Allein für den Abschlußball hatten die Eltern locker 50 000 Dollar gespendet. 18. flirtete mit seiner Begleiterin Devon Adams. der Ärger mit den Mitschülern. „schwebten wir beide“. mit seinem Freund Eric Harris. „in den Abend hinein. daß die Bewohner abends nicht einmal ihre Haustür absperrten. Auch Dylan Klebold trug auf dem Ball einen Smoking. Die Schule. es ist immer die Vorstadt“ V illen. Gegen 11. Trauerfeier in Littleton am Tag nach der Bluttat: „Es ist nie South Central oder Harlem. So sicher. hatten sich die Schüler schriftlich verpflichtet.30 Uhr.Ausland USA „Ich werde alles vernichten“ Mörderischer Amoklauf amerikanischer Teens: Wie der Haß zweier verlachter Außenseiter auf die Clique der Sportskanonen unter den Schülern der High-School von Littleton zu einem Blutbad führte. Klebold und Harris hatten in einem einstündigen Amokspaziergang einen Lehrer und zwölf Mitschüler getötet. Um einen gesitteten Ablauf sicherzustellen. einen Karabiner und etwa 30 selbstgebaute Sprengsätze. eine halbautomatische Neun-Millimeter-Pistole.

Jeder mit einem weißen T-Shirt ist tot. man müsse den KinSo nette Jungs auch. so als würden rotbackige Familienväter mit ihren Söhnen sonntags mit der Bibel unterm Arm zum Fischen gehen. den d e r s p i e g e l 17 / 1 9 9 9 Doch die lagen tot in der Bibliothek und können deshalb keine Antwort mehr geben auf ihr Motiv und die Frage. bevor sie abdrückten. Mütter versuchten. Mitglieder einer schwerbewaffneten. „Ist der kleine Nigger tot?“ fragt einer. ist schon Und. Oregon. um daraus Splitterbomben zu bauen. „Schau mal. Denn – so vermuteten die Einsatzleiter – die Amokläufer könnten auf die Idee kommen. „Jeder mit einer Baseballmütze ist tot. in einem Eisenwarenladen kaufte er neues Zubehör. zu ihrem eigentlichen Ziel: der Bibliothek. Dabei hatte er stundenlang mitangehört. sich unter die Flüchtenden zu mischen. vo-Bombardements. so sieht also das Gehirn von einem Nigger aus.“ Dann sollen sie gelacht haben. „Er war so ein netter Junge“. denn alle Sportler sind gleich tot“. Die Christliche Rechte gab Hollywood. warum nicht noch andere nette 1997 gab es neun Attentate. So stilisiert und ruhig sie ihre Wahn-Mission begannen. denen sie mit ihren abgesägten SchrotflinDaß nämlich Schüler auf Schüler und ten posierten. wie Harris mit seinem Kumpel Klebold hinter dem hellblauen Garagentor Glas zerschlug. bemerkte der CNNModerator Larry King ratlos. Behinderte und vor allem Sportler. Arkansas.Täter Klebold.59 Uhr waren CNN und NBC live auf Sendung gegangen. in der vierten Woche seines Koso.“ Klebold und Harris machten keine großen Umstände. Und der wurde über. Auf diese Weise wollen wir uns verabschieden. die für große Unruhe sorgt: „Wie konnte so etwas passieren in der heilen Welt von Littleton?“ Die Leute mußten sich erst mal zufriedengeben mit einem dürftigen Abschiedsbrief: „Verurteilt uns nicht. sie beten. so empfahl er ihnen. mit Handys Kontakt zu ihren eingesperrten Kindern aufzunehmen. der REUTERS 173 . In einem nahe gelegenen Bachbett ließ Harris seine Sprengkörper zur Probe in die Luft gehen. gerade so. 18. ausgeführt von Jungs treffen und sich die „Trenchcoat Halbwüchsigen in kleinen. in troffen von einem schlechten Gewissen. Ihre Ziele: Schwarze.“ Doch die Idylle von „Suburbia“ trügt. manchmal auf Lehrer schießen. zwei Mitschüler tötete und 22 verwundete. So nette Jungs Versorgung von Verwundeten: „Alle Sportler sind gleich tot“ eben. wo zwei Jungs im vergangenen Jahr vier Klassenkameraden und eine Lehrerin töteten. Denn in Orten wie Littleton sind die Menschen zum Glücklichsein verdammt. was nach Gangstern klingt friedlichen Provinznestern wie Jonesboro. Hispanics. daß Gewalt keine Lösung kreatives Schreiben Texte entwarfen wie sei. Dazwischen konnte man ganze Schulklassen mit erhobenen Händen über den Rasen vor der HighSchool rennen sehen. mit der sie und vermutlich ihre Helfer die gesamte Schule in die Luft sprengen wollten. Aber hinter den nostalgischen Fassaden regieren längst in vielen Heimen die Fernbedienung und die Ehekrise. um so zu entkommen. so kalt und höhnisch zelebrierten sie ihre Morde. weil es so nett ist unter netten lange nichts Neues mehr in den USA. Vielen ihrer Opfer schossen sie direkt ins Gesicht. „Es ist nie South Central oder Harlem“. Dort riefen sie: „Alle Sportler bitte aufstehen. Zum Trost. wo ein 15jähriger mit einem Gewehr in die Cafeteria marschierte. Einen Jungen. „Ja“. wo Schüler zu Mittag aßen. „es ist immer die Vorstadt. Oder Springfield.Video-Workshops Filme herstellten. Danach hätten sie aussortiert. Sie lieferten die Bilder des Grauens in jedes amerikanische Heim. die im Kurs für dern beibringen. sagte der Nachbar von Mörder Eric Harris. Bombenwerfend und salvenfeuernd marschierten sie durch die Cafeteria. Präsident Clinton Armbinden trugen. und Bogart und einem Ehrenkodex. Zum seelischen Notstand kam und der Himmel ist blutrot“ und die in der intellektuelle. Verdächtig war jeder. Dazu trugen sie Skimasken und ihr Erkennungszeichen: lange schwarze Trenchcoats. Seit Jungs. Harris „Er war so ein netter Junge“ eine Zehn-Kilo-Bombe. Nur zugeben will es keiner. die mit Rockmusik und dem Internet die Schuld. sollten „Das Fleisch verrottet auf deinen Knochen. Adolf Hitler verehrten und von Schußwaffen herum. als seien sie auf dem Set von „Natural Born Killers“. der sich unter dem Tisch versteckte. schwarzen Mänteln und Hakenkreuzen Die Liberalen mäkelten am freien Verkauf herumliefen. Zwar heißen die Straßen noch „Greenwood Pines“ und „Deer Creek Valley“. schwarzgekleideten Spezialeinheit gegen Terroristen zerrten einen Jungen durch eine Glasscheibe. erinnert sich Joshua Lapp. überraschten sie scherzhaft mit „kuckuck“. vermeintlich Mafia“ nennen. bestätigt der andere. auf denen stand: „I meinte. Einen schwarzen Schüler bedrohten sie mit den Worten: „Wo ist denn der kleine Nigger?“ Dazu schossen sie dreimal.“ Dafür waren die üblichen Welterklärer mit ihren Theorien schnell zur Stelle. Ab 1.hate people“ – „Ich hasse die Menschen“. Seltsam.

und je mehr sie versuchten. Sicher ist aber. daß einige Leute aus diesem Teil der Szene durchdrehen. Ich werde zielen. SPIEGEL: Zu Pfingsten werden bei einem großen Gruftie-Treffen in Leipzig bis zu 20000 Fans erwartet. Sind das alles Rechtsradikale? Schobert: Nein. SPIEGEL: Und in den USA? Schobert: Dort gibt es zum Beispiel Boyd Rice.“ Wie an jeder anderen amerikanischen High-School gelten auch in Columbine die „Jocks“. sie wolle ihm damit ein Denkmal setzen. auf eine Website schreiben: „Ich wohne in Denver und möchte fast jeden Einwohner dort umbringen. „Sie waren Außenseiter. die Trenchcoat Mafia. Was man aber nicht ausschließen kann. Und Jocks wissen. 174 d e r s p i e g e l 17 / 1 9 9 9 AP . kombiniert mit Satanismus-Sprüchen und dem Goebbelsschen „Wollt ihr den totalen Krieg?“ Der geht ideologisch in die vollen. Corneliu Zelea Codreanu. erzählt ein eher unscheinbarer Schüler.und Sozialforschung. mit ihren * Bei einer Debatte über das Massaker von Littleton an der Williams High-School in Alexandria (Virginia). Eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit? Schobert: Quatsch! Aber es gibt beim Leipzig-Festival ein paar Projekte mit faschistischem Einschlag. SPIEGEL: Ist das die Gedankenwelt. selbst derzeit laufende Kinoproduktionen wie „The Matrix“ gehören viel- „Wacklige Charaktere“ Der Sozialwissenschaftler Alfred Schobert über Rechtsradikalismus und Gewaltbereitschaft in der Gruftie-Szene Schobert. Aber am Ende eines Konzerts haben sich die Musiker von Kirlian Camera mit dem Hitlergruß verabschiedet. aber ich werde jeden erwischen. So furchterregend Harris. SPIEGEL: Die beiden jugendlichen Täter in Littleton sollen Adolf Hitler verehrt haben und Anhänger der sogenannten Gothic-Bewegung gewesen sein. die gutbezahlten Jobs und später auch mit mittelmäßigen Noten einen Platz an Elite-Universitäten.Ausland der Rest der Welt nicht verstehen soll. So soll zum Beispiel die Band Kirlian Camera aus Italien auftreten. SPIEGEL: Woran kann ein Laie militante Gothic-Fans erkennen? An den schwarzen Mänteln. daß da Prozesse schleichender ästhetischer Gleichschaltung ablaufen. als die Chefs des kleinen Universums. Klebold und ihre Clique. Das hat viele Grufties dann doch sehr schockiert.“ Harris. und in einer Traumsequenz von „The Basketball Diaries“ schießt Leonardo DiCaprio auf Lehrer und Mitschüler. und ich werde alles vernichten. Selbst als Schmuck getragene Nazi-Symbole wie das zwölfzackige Sonnenrad aus der SPIEGEL: Sind Gothic-Fans besonders anfällig für rechte Ideologien? Schobert: Die Gothic-Szene zieht viele wacklige. Die Gruppe verwendet Original-Tondokumente des Führers der faschistischen Eisernen Garde in Rumänien. Ein Teil der europäischen Szene orientiert sich beispielsweise an Esoterikern aus dem SS-Ahnenerbe wie KarlMaria Wiligut. ist. auftreten wollten – in der High-School von Littleton wurden sie für krank gehalten und einfach ausgelacht. wie Harris. Allerdings existiert auch eine Minderheit von Faschisten. was sie wert sind. Interview: Martin Wolf Präsident Clinton. Deshalb haben sich letztes Jahr auch die „Grufties gegen Rechts“ gegründet. ein Berater Himmlers. Oben standen die Sportler. Und dann. SPIEGEL: Gehören Waffen zur GruftieGrundausstattung? Schobert: Nein. höchstens Tränengas zum Selbstschutz. US-Schüler* Zum Trost sollen sie beten Gothic-Star Rice „Tretet die Schwachen weg“ Wewelsburg erlauben keine eindeutige Zuordnung. Die Cheerleader jubeln ihnen zu. Sie sagten: „Steh auf – das ist nicht dein Platz. was die Eiserne Garde war. Das macht sie anfällig für die sogenannte Neue Rechte. Darüber dürfen sich die friedfertigen Leute keine Illusionen machen. Zwar wird nicht jeder. suchende Charaktere an. um zu töten.“ Diesen Haß verbreiten nicht nur obskure Internet-Seiten oder Gewaltvideos. Viele haben Ärger mit Skinheads. in Deutschland auch als „Grufties“ bekannt. vor allem die meist recht androgynen männlichen Gothics. zum Gewalttäter. der von Odin schwafelt. Die Band sagt. arbeitet am Duisburger Institut für Sprach. der in Denver die AbraxasStiftung gegründet hat. Gerade die Szene in Deutschland ist von der gymnasialen Mittelschicht geprägt und zeichnet sich durch eine besondere Sinnbedürftigkeit aus. Klebold und ihre Clique haßten das selbstbewußte Getue der Sportskanonen. geprägt vom Glauben an eine apokalyptische Schlacht. wie sie die Mitglieder der „Trenchcoat Mafia“ von Littleton getragen haben? Schobert: Viele Medien verbreiten da jetzt einen unglaublichen Quatsch – als sei ein schwarzer Trenchcoat das Zeichen der ganzen Szene. Musik und Terror“. Die überwiegende Mehrheit der Grufties in Deutschland und auch in anderen Ländern ist friedlich und sanft. die Athleten. „In der Hierarchie von Columbine standen sie ganz unten“. „Am ersten Schultag habe ich mich an ihren Tisch in der Cafeteria gesetzt“. eine sozialdarwinistische Denkfabrik. leicht zu den mörderischen Vorlagen für das Schulgemetzel von Littleton: In dem Film ballert Hollywood-Star Keanu Reeves im schwarzen Trench aus einem Schnellfeuergewehr um sich. SPIEGEL: Viele Fans wissen vermutlich gar nicht. Ihr versteckt euch am besten alle in euren Häusern. sagt der Mitschüler John Vandemark. Auf Rices CDs hört man Parolen wie „Tretet die Schwachen weg!“. Schobert: Politische Unwissenheit ist in der Szene sehr verbreitet. Denn oft werden diese Zeichen auch in Unkenntnis benutzt. aus der die High-School-Mörder von Littleton schöpften? Schobert: Das weiß ich nicht. 35. sie bekommen die hübschesten Mädchen. Niemand hatte Angst vor ihnen. Im Verlag des Instituts erscheint im Herbst sein Buch „Heidentum.

Mit Verachtung und Hohn gestraft. Einige Schüler hatten schon vom belagerten Gebäude aus mit ihren Handys nicht die Polizei. Zwischen den Satellitenschüsseln debattierten ein paar Leute das Für und Wider des Verkaufs von Schußwaffen – vier Millionen pro Jahr. Aber die Trenchcoats seien zwei Stunden zu spät erschienen. Sie waren ja keine Jocks. „Sie riefen . Am Tag nach dem Massaker hielten Menschen Kerzen in den Händen und sangen. Von denen gab es an der von Weißen dominierten High-School gerade 14. Ziemlich peinlich. daß die Jocks auf uns herumtrampeln“. den Computerspielen „Doom“ und „Quake“ dagegen anzugehen. um dir ein paar aufregende Videos zu besorgen. von denen er glaubte. sie seien schwächer als er. Und vermarkten diese Geräte. Viele weinten. Steck einfach eine Pistole ein und fahr runter zum Videostore. und seien gegangen. „Warum sollte ich mich darüber aufregen. und noch mehr warteten darauf. Für Harris und Klebold gab es die Grenze zwischen virtueller und echter Welt nicht mehr: Hitler in der High-School.“ Mathias Müller von Blumencron. sagte ein Sportler. Wir romantisieren sie. putschten sich auf mit Kriegsgesängen der deutschen Band KMFDM („Kein Mitleid für die Mehrheit“) und Zeilen wie „If I had a shotgun. Thomas Hüetlin 17 / 1 9 9 9 s p i e g e l REUTERS . im Fernsehen interviewt zu werden. sagte Harris. berichtet ein Footballspieler namens Matt Good. Am darauffolgenden Tag waren wieder alle auf Sendung. Und so wurde aus ihrer selbstangelegten kleinen Sammlung mieser 176 d e r Und weil in diesem Durcheinander die Dinge trotzdem ihre Kleinstadtordnung haben sollen. In der Nacht begann es zu schneien. hatten die Sportler einem Kampf mit der Mafia zugestimmt. Und. „Ich lasse es mir nicht länger gefallen.“ Popzitate eine Welt. Stundenlang jagten sie Feinde in den Labyrinthen ihrer Computerspiele.Jock. Weit fataler aber war: Sie verloren den Sinn für Realität. wenn ich durch die Aula ging“. Erst nachdem die letzten von Harris und Klebold installierten Sprengfallen entschärft worden waren. fühlten sich Klebold und Harris immer mehr als Opfer. Sie hätten außerdem noch Schwerter dabeigehabt. Aber daraus wird wohl nichts werden. ich hasse dich‘. Und wie viele schlechte Verlierer haßte er Leute. deutschem Techno. bekannte die „New York Times“: „Wir machen sie aufregend. sondern CNN angerufen. Wir feiern sie. Macht ja nichts. wenn dir jemand in den Weg kommt – knall ihn ab. in denen Frauen umgebracht werden. Wir erotisieren sie.Ausland untrainierten Körpern und den angsteinflößenden Zeichen ihrer selbstgebastelten Subkultur aus Hitler. Zum Beispiel schwarze Mitschüler. die jedem von uns das Morden ermöglichen. würde ich mich in die Hölle blasen“. den Schockrockern Marilyn Manson und Rammstein. legten die Trauernden zwischen den Ü-Wagen der Fernsehstationen Blumen auf dafür bestimmten Flächen ab. Amerikaner seien süchtig nach Gewalt. I’d blow myself to hell“ – „Wenn ich ein Gewehr hätte. Wie die meisten Jugendlichen in der Pubertät waren Harris und Klebold den Erwachsenen längst entglitten. Die Jocks sagten: „Vergeßt es“. desto lächerlicher machten sie sich. Tatort Columbine High-School: „In der Hierarchie standen sie ganz unten“ Vor einigen Monaten. konnten gegen Abend die Toten aus der bombenverminten Schule geborgen werden.

Es gibt kaum Arbeitslose in Dunblane. Man wußte schon. weil sie für ihre Kinder abseits der Großstädte eine gute und sichere Schule suchten. und selbst wenn die Sonne schien.“ Großeltern und Eltern wollen nicht in Haufen tre- 16 Kinder und eine Lehrerin starben ten. . Und wer pendelt. die ein Kind in der Schule haben. Die Verzweiflung sucht nach Wegen. einen Augenblick nur. Denn dann wäre man ja jederzeit tödlichen Angriffen ausgeliefert. zerriß in Sekunden. ihr Gesicht. Jahrhundert. die Menschen. die gehört haben. hinter dem man seit undenklichen Zeiten in Frieden lebte. Ein Deich. Sie zeigten nicht die Walstatt. Immer mehr Menschen sind aus Glasgow und Edinburgh zugezogen. Es ist unerträglich. die am Mittwoch vergangener Woche gegen 10. Man lebte in einem Hort. Vater und zwei Kinder.Mirror-Titel: dung gibt es seit 1845. Und dann die Bilder. um das Unglück zu verarbeiten. Zuerst die Meldung. die den fischreichen Fluß Allan Water überquert. die gehört haben. vor der man in Dunblane geschützt war. Doch das war eine Welt. ein Kleinkind in dem Buggy vor sich. die zur Schule rennen. Die Menschen in Dunblane sind mittelständisch wohlhabend. Viele entschieden sich für die idyllische Kleinstadt. Aber man sah die Menschen. davon hörte man. Eine Bedrohung dieser Idylle war kaum vorstellbar. in einer Zuflucht. acht Kilometer entfernt. Kein Blut auf dem Bildschirm. und aufständischen Schotten 1715 war in Dunblane kein Schuß auf Menschen abgefeuert worden. die Menschen. Zwölf Kinder und eine Lehrerin wurden schwer verletzt. daß Kinder getötet oder schwer verletzt worden sind. Unvorhersehbar. das „Tor zum schottischen Hochland“. die ins Bild des Städtchens passen. ist nicht aufs Auto angewiesen. aus friedlichem Himmel brach das Unglück herein. in der die Schüsse fielen. daß etwas Entsetzliches in der Schule geschehen ist. Die Bahnverbin. einige sollen noch in Lebensgefahr sein. ist über Dunblane wie eine Naturkatastrophe gekommen. S c h ül e r m ör d e r „Er blickte verschlagen“ Gerhard Mauz zu dem Blutbad in der Primary School in Dunblane. wenn sie mit ihren Kleinen am Fluß die Enten füttern. Die Schüsse. Zu 902 Familien gehören Mutter. In Dunblane und in Stirling. mit seiner gotischen Kathedrale und einer Brücke aus dem 16.“ Aber das demonstriert eher die nachbarschaftliche Verbundenheit als Angst. An den Spazierwegen am Allan Water drohen Schilder Hundehaltern: „100 Pfund Strafe für nicht weggeräumten Kot. Unvorhersehbar. hatte er eine Kapuze auf“ – „Er hat seinen Vater aus dem Haus geekelt“ – „An den Wänden DER SPIEGEL 12/1996 97 . ohne Vorwarnung? Das darf nicht sein. Nein. um die 50 Kilometer entfernt und über Autobahnen von Dunblane aus erreichbar. Vom Morgengrauen bis in die Nacht verkehren stündlich Züge. Dunblane. das sah man auf dem Bildschirm. Sie zeigten keine Leichen. Fast 80 Prozent der Häuser gehören ihren Bewoh- E nern. heißt es. aber das war draußen . ob dieses Kind noch lebt. die Halle der Schule. ist heute eine Pendlerstadt. daß es Katastrophen gibt.. wie es in ihr zuging. Seine Einwohnerzahl hat sich in den vergangenen 20 Jahren auf knapp über 7000 fast verdoppelt. er sei immer ein Ungeheuer gewesen: „Er blickte verschlagen“ – „Er lauerte hinter der Hecke seines Hauses“ – „Er trug ständig einen Anorak. denen man ohnmächtig gegenübersteht. Davon las man. In 41 Familien steht nur ein Elternteil dem Haushalt vor. An einigen Straßen am Stadtrand warnen Schilder: „This is a neighbourhood watch area. ein sechsjähriges Kind und die Lehrerin der Kinder getötet. die um ihr älteres Kind zur Schule jagt. Dunblane ist die vielleicht sauberste Stadt in Schottland.30 Uhr aus vier Waffen fielen. die nicht durch Vorsorge verhindert werden können. Thomas Hamilton. die nicht wissen. Sie rennen um das Leben ihrer Kinder. Und ohne Vorwarnung strömte alles überflutend die Welt herein. Ihr Gesicht. Sie haben die alten Häuser aus grauem Granit renoviert oder neue Häuser gebaut. Seit einem Gefecht zwischen Truppen König Georgs I. haben 15 fünf Jahre alte Kinder. Schottland s war ein Alptraum. Man sah Menschen. es muß etwas versäumt worden sein. Die Mutter. 43. dort wuchs Hamilton auf.

Natürlich gab es über Hamiltons Neigung zu Knaben Ger üchte. Es ist irreführend. von 1974 bis in die Gegenwart. Der Fall kam vor den Ombudsmann. auf die er schoß. die Heimweh hatten. Statt. in eine Jugendherberge zu gehen. Auf Handzetteln warb er für Sport. weil er mit Erwachsenen Kontaktschwierigkeiten hatte. nachdem die Kreisverwaltung Hamiltons „Rovers“-Klub die Benutzung von öffentlichen Räumen in der Stadt untersagt hatte. daß er Knaben mißbrauchte. vertrauten ihm Eltern ihre Kinder an. in der er am vergangenen Mittwoch schoß. In Schottland braucht man keine Lizenz. Doch als ein Kinderverführer und -verderber war er nicht aufgefallen.und Wandergruppen. ihren Eltern zu schreiben. hatten Kritik an ihm geübt. Hamilton einen Amokläufer zu nennen. Eine 98 DER SPIEGEL 12/1996 . Und auch nachdem er aus dem Verband der Pfadfinder ausgeschlossen worden war. weshalb man ihn für gemeingefährlich halten mußte . So unterschrieben denn auch 70 Eltern eine Protestresolution. Ein Junge verletzte sich bei einer Campingtour mit einer Axt und wurde angeblich nicht sachkundig versorgt. der Hamilton recht gab. Hamilton untersagte Kindern. Die Beamten. Er fühlte sich zu Kindern hingezogen. Er durfte mit seinen Rovers weiter in Dunblane zusammenkommen – auch in der Schulhalle. enthalten nichts. soweit man sie kennt. Seine Zuwendung zu Jungen war fraglos zunehmend pädophil getönt. Weshalb fo- Eine Protestresolution von 70 Eltern zugunsten Tom Hamiltons tografierte er so gern Jungen? Die Andeutungen über seinen Ausschluß von den Pfadfindern und spätere Anzeigen lassen vermuten. Doch die Akten über ihn. Über Jahre führte er ein Geschäft mit Waren für Heimwerker. Für deren Taten läßt sich wenigstens der Anlaß. Im April 1986 erschoß der damalige Chef der Zürcher Baupolizei vier höhere Mitarbeiter der Stadtverwaltung und verletzte einen fünften lebensgefährlich. Doch Hamilton ging regelmäßig in die Kirche. der Auslöser erkennen. wie versprochen. um Jugendvereine zu leiten. Er war den Anforderungen seines Amtes nicht gewachsen. übernachtete er bei einem Ausflug mit acht Jungen in seinem gelben Kleinbus.DEUTSCHLAND seines Wohnzimmers hingen pornographische Bilder“ – „Er hatte stechende Augen und einen fischfeuchten Händedruck“.

„im Mamit den Ämtern. mit der Seiden Täter noch die Täterin ergab. den alle kennen. würde das Gesetz auf die ganwöhnlich im Schriftverkehr des Bürgers ze Bundesrepublik ausgedehnt. Er war mit einem selbstgeAber das erklärt nichts. die in Schulen eindringen und auf Kinder und ihrer Lehrer schießen. Seifert floh vom Tatort. aus denen sich jedoch weder für den Kindern einer Schule. Mai 1988 erschoß nördlich von Chicago eine Frau. Auch der Amokmörder. Er Der schmale Grat. der Täter habe in den Kindern die Gemeinschaft an ihrer verletzlichsten Stelle treffen oder sich an ihnen für seine eigene. aufgewachsen. ein Schüler und zwei Wie heute in Schottland. Am 20. Alle andeVon dem Täter wie der Täterin war ren Kosten bezahlten die Mitglieder aus nicht mehr zu ermitteln als der Umeigener Tasche. wenn er ihr begegnete. Man kann nicht mehr mit ihnen sprechen. Es gibt kein Bild von diesem Menschen. Ihm fielen sieben nen müssen. fertigten Flammenwerfer und einer Hätte man erkennen können. baut. war längst gegeben worden. läßt noch Einblicke zu. Am 17. Auch zwischen ihr und der Schu- sie habe das hinzunehmen.und Verwaltungskosten den. alle sollten verbrennen. erschoß 5 Kinder und verwundete 30. 31. an deren Ende die Tat stand. der von einem Turm herab oder vor einem Restaurant oder in einem Supermarkt blindlings auf ihm unbekannte Menschen schießt. er sei ein „psydie Tat von Volkhoven. unglückliche Kindheit und Jugend rächen wollen – sind Mutmaßungen. diskutiert. die Fehlentwicklung. nach zwei Warnschüssen am Oberschenkel getroffen. er lag bereits im Sterben. Seifert störe. die sie für ihr Westfalen etwas aufzudecken. DEUTSCHLAND Scheidung und finanzielle Probleme kamen hinzu. erfuhr man. Er litt an Tuberkulorufung auf die Tat Seiferts. Warum sie ihre Attentate begingen. hoven ein. hat sich nicht aufklären lassen. nachvollziehbar macht. er brach zusammen. die ihr Elend auf Kingefährlich“. Warum ein Mensch sein Unglück mörderisch auf Kinder ablädt. lange fert. kam man nicht. der den Angriff auslöste. die seinen Weg in die Vereinsamung. Ein „Gesetz über haben: „Hitler der Zweite kommt. . sie müsse das ertragen. Die Menschen. Januar 1989 drang in Stockton (Kalifornien) Patrick West. Gewiß. Auf gerecht beurteilt. Zwischen der Schule und ihm bestand keine Beziehung. der laden. Weder der Anlaß. Juni 1964 drang Walter Seiter hat er. um Querschnittsgelähmter Müller den Kindern später die Fälschlich für gemeingefährlich gehalten Gr ündung einer Existenz zu ermöglichen. bleiben ein Rätsel. vor allem. Er hatschen als geistig oder seelisch Defekte te im Keller eine Art Folterkammer geunter Staatsaufsicht stellen müsse. Das Ergebnis Doch eine ganz andere Antwort auf eines Gutachtens war. noch das Motiv für gerade diese Tat ließen Volkhoven-Täter Seifert „Hitler der Zweite kommt“ sich erkennen. daß sie seelische Probleme hatRache? Aber warum an Kindern. Sie tötete sich selbst. Aus zwei Fonds von 313 000 und 1. in einer Grundschule einen achtjährigen Jungen und verletzte fünf weitere Kinder schwer.1 Millionen Mark wurde geholfen. so munkelte man. Es ist für die überlebenden Opfer Seiferts geschehen. weil es müsse die Gesellschaft fertig werden. Es scheiterte. gedroht. Doch das ist nicht völlig ungedaß man. einmal einer zu sein. Auch Nachbarn hatximalfall“ etwa sieben Millionen Menten Schwierigkeiten mit Seifert. Auch war es nicht möglich. über die seelische Störung. erkenLanze bewaffnet. bevor er sich selbst erschoß. Er ist bei seiner Großmutter worden. Er hatte mit Rache einer Ärztetagung wurde vorgerechnet. Seine MutAm 11.“ Hilfen und Schutzmaßnahmen bei psySeifert hatte seit Jahren mit den Bechischen Krankheiten“ wurde unter Behörden gestritten. Auch Thomas Hamilton hat sich zuletzt erschossen. in das Bedürfnis. hat sich noch nie aufklären lassen. ist in ner Isolation mit wütenden Briefen an der Bundesrepublik am sichtbarsten geBehörden. was verLeben zeichneten. Warum er das tat. auf dem die Verhatte sich völlig in sich zurückgezogen. Die Stadt und ein Kuratorium haben sich ihrer angenommen. Laurie Wassermann. schmalen Grat der Ohnmacht gegenDoch zu dem Schluß. 42. Erkenntnisse zu gewinnen. Wie immer: da um sie gerade auf Kinder geschossen ein Detail. Er wurde verfolgt. Vermutungen. Frau war drei Jahre zuvor gestorben. wissen wir nicht. 24. an ten. Schulkinder vor mörGelegentlich machte er Ausfälle aus seiderischen Überfällen zu schützen. er sei „gemeinüber Menschen. versuchte Lehrerinnen zum Opfer. etwa die. eine schrecklichisch abwegiger Mensch“ und sogar che Antwort. daß er gefährlich war? Schülerinnen. Aber damit Man hatte sie nur nicht gehört. diese werde nicht sachbeispiel“. warfert nichts zu tun hatte. in eine Schule in Köln-Volkfür seine ältere Schwester gehalten. er sei lästig. dort ein anderes. die Tür zur Schule hatte er mit einem Holzkeil von außen blokkiert. was nur möglich war. fielen beim Kuratorium an. Seiferts hatten. denn sie handelt von dem ein „schizophrener Paranoiker“. das „Paradese und meinte. 21 Kinder erman nach Volkhoven in Nordrheinlitten Brandverletzungen. GRUHNE 100 DER SPIEGEL 12/1996 . Doch er hatte schon auf dem Schulhof ein Pflanzenschutzmittel geschluckt. Nur rund 350 le ließ sich kein Zusammenhang finMark an Bank.. Seifert soll geschrien säumt worden war. stand. suche scheitern. Diese Menschen töten sich am Ende ihrer Tat selbst. in eine Grundschule ein.

hatte das Attentat von Volkhoven zur Folge. etwa ger des Nachtdienstes. schon auf einen gungswahn“ und „Gemeingefährlichfernen. fiel gens als Querschnittsgelähmter keinesin der Praxis eines angesehenen Anwalts wegs sofort entlassen worden. nachdem und sei endlich unter Mitnahme von Akman am rechten Bein des Gelähmten ten „auf die Straße geflüchtet“. „Verfolreit gewesen ist. der für ihr Leben gezeichneten Überlebenden. Die Rücksicht auf einen scheinbar nur schwierigen Menschen. gleichen auf der Röntgenaufnahme. er habe „die Angestellten geschlagen“ Man tippte sogar auf Tollwut. in den Tagen schnittsgelähmt für nach Volkhoven aufs den Rest seines Leäußerste angespannt bens. Müller wird eilends festgenommen. was unvorhersehbar lichen Behauptungen zu widerrufen. Nach der zweiten sonst nicht alarmiert war Müller querhätten. Er starb bald. „irre Blicke“. Anwalts. die der Hauptanlaß zur ZwangseinweiAm Morgen des 16. vagen Verdacht hin so zu hankeit“. Er hat vom Bett aus 1970 ist Imre Müller gekämpft. ist. die des angesehenen der eine 17 Jahre alt. FOTOS: DPA . Der Anwalt. galt. einen Sonderling halt. dessen Wort etwas der Spritzen gebrochen worden war. deln. Juni 1964. Zwangseinweisung als Und es war darauf unzulässig. Es ist einen Hundebiß ausgemacht hatte. Müller ist übrifünften Tag nach Köln-Volkhoven. hat eine – das Verwaltungsgefür jene Jahre horicht Düsseldorf die Eppstein-Attentäter Charva he – Abfindung von 150 000 Mark erhalten und die Krankenkosten. die amtsärztnichts geben soll. er verhält aufmerksam zu masich nicht „ruhig und chen. Im frischen Schatten der getöteten Kinder und Lehrerinnen. ein Lehrer. ein Polizeibeamter starben einem oberflächlichen. Erst im Oktober 1968 machte der Er wird vom Amtsarzt in das psychiaSPIEGEL darauf aufmerksam. war. . daß digt worden. Sein Mitarbeiter bestritt die Klinik. wurde der Versuch. Nur belanglos. rief die Polizei an. wie im Fall SeiMüller empfindet fert nicht gehandelt mit Recht seine worden war. Es wurde auch eine Rente von 1700 Mark im Monat ausgesetzt. die sind. die nicht von der Kasse gezahlt wurden. Zwei PfleEmpfindlichkeit. daß ein Amtsarzt „Schizophrenie mit schwerstem Erreunmittelbar nach Köln-Volkhoven begungszustand“.. zu denen sie menschen. am sung gewesen waren. für die Ververabreichen ihm zwei haltensweisen von MitSpritzen. Von der hat der Gelähmte nicht mehr viel gehabt. war. Stadt Krefeld verurteilte. was tatsächlich geschehen war der Hund gesund. daß die trische Krankenhaus Süchteln eingewieunverantwortliche Zwangseinweisung sen. GemeingeAbtransport der Opfer in Eppstein (1983) fährlichkeit schon nach Drei Kinder. Daß ihm in Krefeld der Assessor Dr. Imre Müller das Rückgrat bei der Verabreichung auf. daß auch die geordnet“. Sie sah nichts derMüller sei offensichtlich „geisteskrank“. für Absonbevollmächtigt worden derlichkeiten. Die Schnelldiagnose enthält all das Müllers vor dem Hintergrund der Tat – was im Fall des Walter Seifert nicht zu von Walter Seifert fünf Tage zuvor geeiner Zwangseinweisung geführt hat: sehen werden muß. Im Jahr dann endlich entschä1967 erreichte er.

. ren Schülern starben: In Köln-Volkhoven starben von Lanzenstichen zerfetzt die Lehrerinnen Ursula Kuhr und Gertrud Bollenrath. was zum Schutz der Kinder. einen Lehrer. von acht Schüssen getroffen. kann seine Tat nicht ausgelöst haben. Lawrence wurde erstochen. Eine neue Dimension. daß ihr Leid zu Erkenntnissen führt. ihre von Kugeln durchsiebte Leiche lag über toten Kindern. was vorbeugend geschehen kann. Es gibt nichts. Juni 1983 erlebte die Bundesrepublik das Elend von Volkhoven ein zweites Mal. mit denen Seifert seine Pflanzenspritze gefüllt und in einen Flammenwerfer verwandelt hatte. DEUTSCHLAND groben Blick anzunehmen. Ihm ist das Große Bundesverdienstkreuz verliehen worden. einen Polizeibeamten und sich selbst. ob der freie Verkauf der Chemikalien. Auch in Schottland wird die Frage „Warum?“ nie beantwortet werden. sie zu zahlen. Sie hatten sich vor ihre Kinder gestellt. Bewunderung dem getöteten Schulleiter. der aus der Nebenklasse zu Hilfe eilte. Es wird keine. Denen man ohnmächtig gegenübersteht. 1937 in Königsberg geboren. Geschwister und Mitschüler hat sich nicht klären lassen. unterbunden werden soll. warum es zu dieser Tat kam. Es gibt Katastrophen. wie man ihm in Dunblane mitspiele. Es Doch erst kurz vor der Tat hat er geschrieben. Aber nicht auf Kinder. was einem derartigen Greuel vorbeugt. Im Dezember vergangenen Jahres wurde in London ein Lehrer getötet. den andere vor ihnen draußen in der Welt auf sich nehmen mußten und noch immer tragen. Der Täter stand in keiner Beziehung zu der Schule. Großbritannien ist nicht nur in Dunblane getroffen worden. die mit ih- Verzweifelte in Dunblane: Kein Trost für Eltern. In Eppstein starb der Lehrer Hans-Peter Schmidt. Nach Volkhoven hat man diskutiert. Hamilton hatte an die Königin geschrieben und sich beschwert darüber. DER SPIEGEL 12/1996 CAMERA PRESS 103 . Die Eltern. Es gibt nichts. Mit zwei Pistolen bewaffnet drang der 34 Jahre alte. was größere Sicherheit garantiert. Der Schulleiter Lawrence hatte sich zwischen Jugendliche geworfen. was vorbeugt. Auch hier ist diskutiert worden. Er hat nicht in den Schuldienst zurückkehren können. Und denen. was abschreckt. In Eppstein überlebte. der Lehrer Franz-Adolf Gehlhaar. Ein schwer überwindlicher Wall von einem Zaun um das Schulgelände? Monitore vor jedem Eingang? Die Eltern waren bereit. schwer verletzt. was sichert. wenigstens ein wenig tröstende Lehre gewonnen werden können. daß Gefahr für Leib und Leben bestand. wenn ihr schießen müßt. Geschwister und Mitschüler in Dunblane sind dem Schmerz ausgeliefert. Er hatte sich Charva entgegengestellt: „Schießen Sie nicht auf Kinder!“ Schießt. Er erschoß drei Kinder. die nicht vorhersehbar sind. Daß er noch keine Antwort hatte. weil er Schülern zu Hilfe kommen wollte. seit 1971 als Asylberechtigter anerkannte Tschechoslowake Karl Charva in eine Schule in Eppstein-Vockenhausen im Taunus ein. Es gibt für die Angehörigen der Opfer und der Überlebenden nicht den Trost.. der vielen von ihnen wichtiger ist als die Rache – den Trost. die so angegriffen wurden von Mitschülern. zum Schicksal Imre Müllers. Achtung. die anderen ein solches Schicksal ersparen. In Schottland starb die Lehrerin Gwen Mayor. Doch es gab und gibt nichts. Am 3.