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[Gregorio_Michael]_Königsberger_Dämonen(Bookos.org)

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12/07/2014

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Michael Gregorio

Königsberger Dämonen

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Der Winter 1804 ist bitterkalt, doch nicht Frost und Schnee lassen die Königsberger erschaudern. In ihrer Stadt treibt ein kaltblütiger Serienmörder sein Unwesen, wenn nicht gar der Teufel selbst! Diesem dunklen Rätsel soll der Prokurator Hanno Stiffeniis auf den Grund gehen, der eigens aus der ostpreußischen Provinz in die Hauptstadt beordert wird, um den diabolischen Verbrecher zu stellen. Zwischen den düsteren Stadtmauern Königsbergs nimmt Stiffeniis die Fährte auf, die ihn in eine Welt verbotener Gedanken und gefährlicher Experimente führt, in die Welt des großen Philosophen Immanuel Kant …
ISBN: 978-3-492-05010-4 Original: Critique of Criminal Reason Aus dem Englischen von Sonja Hauser Verlag: Piper Erscheinungsjahr: 2007 Umschlaggestaltung: creativ connect/Karin Huber, München

Dieses E-Book ist nicht zum Verkauf bestimmt!!!

Buch
Wir schreiben den Winter 1804, den kältesten seit Menschengedenken, als Hanno Stiffeniis in Königsberg eintrifft. Kein Geringerer als König Friedrich Wilhelm III. hat den Juristen in die ostpreußische Hauptstadt beordert, wo er vier mysteriöse Todesfälle aufklären soll. Aber obwohl er jeden Winkel innerhalb der düsteren Stadtmauern beleuchtet und sogar in die Königsberger Unterwelt hinabsteigt, kann er weder Täter noch Motiv ausmachen. Immer mehr Menschen fallen dem unheimlichen Unbekannten zum Opfer, und es wird gemunkelt, der Teufel selbst habe seine Hand im Spiel. Fast schon ist auch Stiffeniis geneigt, dieser Theorie zu glauben – bis er eine ungewöhnliche Spur entdeckt, die ihn in die obskure Welt des großen Aufklärers Immanuel Kant führt … Immanuel Kants Königsberg, die stolze, altehrwürdige Universitätsstadt, bevölkert von Engelmacherinnen, Prostituierten und napoleonischen Spionen, ist der Schauplatz dieses historischen Kriminalromans, in dem der preußische Prokurator Hanno Stiffeniis einem unheimlichen Serienmörder das Handwerk legen soll.

Autor
Michael Gregorio ist das Pseudonym eines SchriftstellerEhepaars: des Engländers Michael G. Jacob und der Italienerin Daniela De Gregorio. Die beiden leben im umbrischen Spoleto und haben über ihr gemeinsames Interesse an der Philosophie ihre Faszination für Immanuel Kant und das alte Königsberg entdeckt. »Königsberger Dämonen«, ihr erster Roman, ist in zwölf Ländern erschienen und gelangte in Italien unter die Top Ten der Bestsellerliste.

MICHAEL GREGORIO

Königsberger Dämonen
Kriminalroman Aus dem Englischen von Sonja Hauser

Piper München Zürich

Alle Personen, Orte und Ereignisse (mit Ausnahme dokumentarischer Fakten, die in Verbindung stehen mit erwähnten historischen, religiösen, gesellschaftlichen und philosophischen Gegebenheiten der Epoche) entspringen der Phantasie von Michael Gregorio.

ISBN: 978-3-492-05010-4 © Michael Gregorio, 2006 Titel der englischen Originalausgabe: »Critique of Criminal Reason« Faber and Faber, London 2006 © 2007, Piper Verlag GmbH, München Umschlaggestaltung: creativ connect/Karin Huber, München Umschlagabbildungen: Bettmann/Corbis (Adler); Kaiser-Wilhelm-Platz und Schloßturm Königsberg: Sammlung Heinz Csaller, »Historische Ansichten von Ostpreußen« Initialen: Alphabet »The Netherlands«/The Pepin Press, Amsterdam Satz: psb, Berlin Druck und Bindung: Pustet, Regensburg Printed in Germany www.piper.de

Erster Versuch
ehen Sie, Stiffeniis? Es ist eingedrungen wie ein heißes Messer in Schmalz.« Wie die Logik den Nebel der Unwissenheit durchdringt, dachte ich. Trotz meiner illustren Gesellschaft wurde mir bei dem Anblick übel und ich musste mich zum Hinsehen zwingen. Wenn ich nicht von meinem Pflichtgefühl angetrieben worden wäre, hätte ich mich vermutlich abgewandt. »Aber es war kein Messer …« In dem großen, mit trüber Alkohollösung gefüllten Glasgefäß schwebte ein abgetrennter Kopf. Ein Gewirr aus grau-rötlichen Sehnen und Blutpfropfen bewegte sich sanft in der strohgelben Flüssigkeit wie die Tentakel einer Qualle. Die grauen Augen waren nach oben verdreht, der Mund hatte sich eher zu einem Ausdruck der Überraschung als des Schmerzes verzogen. Ich konnte nicht umhin, mich zu fragen, ob das plötzliche Eintreten des Todes das Fließen des Gedankenstroms genauso unvermittelt unterbrochen hatte wie die körperlichen Reaktionen. Gern hätte ich gewusst, was die letzten Eindrücke des Opfers gewesen waren, doch leider stand keine Methode zur Verfügung, die möglicherweise noch in dem Gehirn schlummernden Gedanken herauszufiltern

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und zur Feststellung der Todesursache zu nutzen. Ich hatte De viribus electricitatis in motu musculari gelesen, aber diese Untersuchung überstieg alles, womit der große Galvani sich je beschäftigt hatte. Träge drehte sich der Kopf in der Flüssigkeit wie eine große Muschel im Meer. Mein Mentor deutete mit einem hageren Finger darauf. »Hier an der Schädelbasis. Sehen Sie?« »Was hat die Wunde verursacht?«, fragte ich. »Der Teufel. Seine Klauen sind spitz«, antwortete er mit bemerkenswerter Ruhe. Er wirkte, als würde er ein elementares Prinzip der materiellen Deduktion vor einer Gruppe von Studenten demonstrieren, von denen ich selbst noch vor sieben Jahren einer gewesen war … Fast drei Jahre waren seit jenem Gespräch vergangen, als ich meine Gedanken zu Papier brachte. Ich hoffte, damit Magistraten eine Methode zur Auflösung von Mordfällen an die Hand zu geben, durch eine Abhandlung, deren vorläufiger Titel ironisch auf den größten Sohn Ostpreußens verwies. Doch dieses Vorhaben musste ich bereits nach den ersten Zeilen aufgeben, und zwar nicht nur aufgrund dramatischer äußerer Ereignisse. Vielmehr wurden mein Geist und meine Seele durch das, was ich im Lauf meiner Ermittlungen entdeckte, in die tiefste Verwirrung gestürzt, aus der ich fast keinen Weg mehr heraus gefunden hätte. Der Einfaltspinsel, der damals jene Zeilen schrieb, und der Mann, der nun den vorliegenden Text verfasst, unterscheiden sich so sehr, dass ich mich fragen

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muss, ob es sich überhaupt um ein und dieselbe Person handelt. Was ich in Königsberg erlebte, wird mich den Rest meiner Erdentage verfolgen …

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berichteten von einer Aurora borealis bisher nie dagewesenen Ausmaßes. würde alle bisherigen in den Schatten stellen. Der kommende Winter. das seit der Geburt des kleinen Immanuel bei uns war. Die dichten Wolken waren tiefrot wie frisches Blut. das Kindermädchen. aber das minderte das Staunen der Menschen an der Ostseeküste nicht. Helena sah mich an. die Nachbarn in ihrem Dorf hätten beobachtet. murmelte Lotte düster. sechsbeinige Kälber. und in den Herbstmonaten seien monströse Pflanzen gewachsen und hätten Neugeborene das Licht der Welt erblickt. eine Rübe. ob ich ihre Belus- W 10 . ich eingeschlossen. Die dunklen Augen meiner Frau funkelten spöttisch. erzählte uns. um festzustellen. so groß wie ein Schubkarren. dass sich die Tiere unnatürlich verhielten. Lotte Havaars. Professor Wollaston hatte das Phänomen der Polarlichtbrechung einige Jahre zuvor wissenschaftlich erklärt. Alle Bewohner des keine acht Meilen vom Meer entfernten Lotingen. Zweiköpfige Ferkel. die im Sommer 1803 aus der Arktis zurückkehrten. starrten hinauf zum Nachthimmel. und das Nordlicht erstrahlte wie ein Perlmuttfächer in der Mittagssonne.I alfänger. die allen Gesetzen der Natur zu widersprechen schienen.

war mit einer Flut von Nachahmern zu rechnen. Ich beklagte mich 11 . informierte Knutzen mich nuschelnd. die Landschaft zu verschönern. als es an der Tür klopfte und mein Sekretär eintrat. als ich jemals gesehen hatte. und zu diesem Zweck zwei Äste eines wertvollen Apfelbaums abgehackt. An jenem Morgen war ich im Gerichtsgebäude von Lotingen beschäftigt. in der Nacht gab es klirrenden Frost und schließlich Schnee. Offenbar hatte er in seinem Entenhof gearbeitet. Lottes Ahnung bewahrheitete sich. Wenn ich derartiges Handeln durchgehen ließ. obwohl ich eine plötzliche Enge im Brustraum spürte. das mich fast eine Woche Zeit gekostet hatte. und ich erwiderte ihr Lächeln.tigung teilte. Herman Bertholt hatte es sich in den Kopf gesetzt. gehörte. Der Winter wurde tatsächlich schrecklich. wie es heraufziehende Gewitterwolken an einem heißen Sommertag hervorrufen. Mein alter Sekretär trug ein speckiges Hemd mit verschmutztem Kragen und dreckige Stiefel. Am Tag regnete es ohne Unterlass. Die Diskussion über diese Angelegenheit von höchster Bedeutung hatte den Ort gespalten. »Draußen wartet ein Mann«. Der Baum habe ihm die Aussicht aus dem Küchenfenster beschnitten. argumentierte Bertholt. Ich wollte gerade meinen Beschluss zu Papier bringen – Hiermit verurteile ich Herman Bertholt zur Zahlung von dreizehn Talern und sechs Stunden am Dorfpranger –. wo ich ein Urteil formulierte. mehr Schnee. dem Bauern Dürchtner. Der erste Februar 1804 erwies sich als der kälteste Tag seit Menschengedenken. der seinem Nachbarn. fast so etwas wie Atemnot – ein Gefühl.

Denn Soldaten mussten neu ausgerüstet. sobald der Hausierer wieder in den Ort käme. Was. Generäle besser bezahlt. Pferde aufgefüttert werden für einen Krieg. dass das so bald nicht der Fall sein würde. Aber die Kassen waren leer. Wie jeder andere in Europa hatte er die Konsequenzen der Französischen Revolution zu tragen und die Folgen des Schreckens. so groß wie Lorbeerblätter. Helena hatte ihm versprochen. fragte ich mich. der mit Sicherheit kommen würde. während sich die anderen großen Staaten in Europa gegen Frankreich stellten. Folglich wurde zugunsten des Militärs in der Verwaltung gespart. die ihren Namen schreiben konnten. den Napoleon überall verbreitete. Ein Blick aus dem Fenster sagte mir. Deshalb arbeitete er nun so wenig wie möglich bei mir und verbrachte Stunde um Stunde bei seinen Enten. Nicht zuletzt der Erwerb schweren Geschützes in Bessarabien bescherte Preußen harte Zeiten. ja sogar Elend. Besonders die unteren Ränge der Judikative. Er war wieder zu einem Bauern geworden. trieb einen Mann an einem solchen Tag vor die Tür? 12 . wurden durch die jüngsten Einsparungsmaßnahmen besonders hart getroffen. zu denen auch ich gehörte. Es schneite. Gudjon Knutzen gehörte immerhin zu den wenigen Männern im Ort. Flocken. ihm eines meiner abgelegten Hemden zu überlassen. Aufgrund dieser Fähigkeit war er dem Schicksal seines Vaters und all seiner männlichen Vorfahren entgangen. Knutzen hatte die Halbierung seines Gehalts ins dunkelste Mittelalter zurückgeworfen.schon lange nicht mehr. Der König von Preußen hatte sich für bewaffnete Neutralität entschieden.

Was kann ich also für Sie tun. Die unheimliche Blässe seines Gesichts sowie das ungesunde Zittern. »erwarte ich heute Vormittag eigentlich niemanden. Der Fremde zog den weiten schwarzen Umhang enger um seinen zitternden Leib. mein Herr? Nicht aus Lotingen. wollte er wissen. fragte ich. mein Herr?«.« »Erwarten Sie mich denn nicht?«. sie würde aufrecht stehen bleiben.»Bringen Sie ihn herein«. antwortete ich. Da er die Tür sperrangelweit offen ließ. was selten passierte. »Angesichts des Wetters«. deutete auf den Besucherstuhl und setzte mich selbst wieder hinter meinen Schreibtisch. Wenig später stapfte ein kräftig gebauter Mann in dunkler Reisekleidung und hohen Reitstiefeln in den Raum und hinterließ eine schmutzige Lache aus schmelzendem Schnee auf dem Boden. konnte ich ihn draußen im Flur murmeln hören. der sich mit dem Ärmel die Nase abwischte. glaubte ich. erwiderte ich mit einem Blick aus dem Fenster. »Jawohl«. fragte er überrascht. erwiderte er und verschwand. »Was kann ich für Sie tun. »Ja. als er vor mir stand. bevor er sich laut räusperte. veranlassten mich zu der Vermutung. das seinen Körper erfasste. Er schien eher die Dienste eines Arztes zu benötigen als die eines Magistraten. »Sie sind Magistrat Stiffeniis. Ich schüttelte den Kopf. wies ich Knutzen an. dass er sich in der Adresse geirrt hatte. »Aber woher kommen Sie. wenn er seine einzige Jacke auszog. mein Herr?« 13 . so viel steht fest. das stimmt«. Jedes Mal. nicht wahr?«.

Ich arbeite für Prokurator Rhunken. »Und Prokurator Rhunken kenne ich auch nur vom Hörensagen. muss ich Ihnen den Grund meines Kommens wohl erläutern. »Bei allem Respekt: Im Augenblick wäre er der letzte Mensch. Ohne etwas zu erwidern. entgegnete ich. »Sind am Ende Sie selbst Prokurator Rhunken?«.« »Keine Post?«. worauf das alles hinauslaufen würde. der ich sein möchte. um ein Husten zu unterdrücken. fragte ich verwirrt. inzwischen neugierig. »Sie haben also keine Nachricht von Prokurator Rhunken erhalten?« »Es ist den ganzen Morgen keine Post gekommen«.« 14 . »Nein. das macht die Sache schwieriger. »O je. nein. fragte er daraufhin unvermittelt. drang es undeutlich hinter dem Taschentuch hervor. mein Herr!«.Er schwieg einen Augenblick. Sergeant der Königsberger Polizei. öffnete er seine lederne Schultertasche. »Da offenbar noch keine Post eingetroffen ist. »Davon weiß ich nichts«. Mein Name ist Amadeus Koch. dass er daraus etwas hervorholen könnte. fragte ich.« »Ach?«. »Ist die Kutsche aus Königsberg noch nicht da?«. Die Hoffnung. antwortete ich. als er ein großes weißes Leinentaschentuch herauszog und sich geräuschvoll die Nase putzte. wurde zunichte. murmelte der Fremde und schlug sich mit der Handfläche aufs Knie.« Er presste das Taschentuch auf den Mund. was seine Anwesenheit in meiner Amtsstube erklären würde.

»Ich verspreche Ihnen. dass die Reise von Königsberg hierher mich in meinem gegenwärtigen Gesundheitszustand sehr erschöpft hat. Sie zu holen. drehte ihn um. der glaubt. wie dieser Auftrag genau aussieht. Ihre Fähigkeiten sind Uns von einem Herrn von Rang zu Gehör gebracht worden. Mit Ihrer Beauftragung wurde ich betraut. dass der Schnee uns nicht hindert …« »Erklären Sie mir doch bitte.« Wieder begann Sergeant Koch. Langer Rede kurzer Sinn: Ich habe den Auftrag. Höchst ehrenwerter Prokurator Stiffeniis.« Ich nahm den Umschlag entgegen. Ein mattes Lächeln trat auf das fahle Gesicht des Mannes. Besagte Person. und ich zögerte einen Moment. las meinen Namen darauf. »Nach Königsberg?« »Ich hoffe nur. doch aus unbekannten Gründen ist es nicht eingetroffen.»Ich bitte darum. es zu erbrechen. die Unser geliebtes Königsberg in Angst und Schrecken versetzt. Zu meiner Verteidigung muss ich allerdings sagen. Das große rote Siegel der Hohenzollern verschloss ihn. die Sie empfohlen hat. Sergeant«. »Das offizielle Ernennungskommuniqué wurde gestern mit der Post verschickt. eine Situation zu klären. mein Herr. Das ist für Sie. Erst nach einer ganzen Weile zog er einen großen weißen Umschlag heraus. in seiner Tasche zu kramen. genießt Unser uneinge- 15 . ermutigte ich ihn.« Ich sah ihn erstaunt an. keine Zeit mehr zu vergeuden. dass Sie allein in der Lage sind.

antwortete der Sergeant und deutete lächelnd auf das Kuvert. Herr Koch«.« »Herr Rhunken leidet unter Schlagfluss«. erklärte Sergeant Koch. Das Schicksal der Stadt liegt in Ihrer Hand. fragte ich. murmelte ich. »Man hat mir heute Morgen aufgetragen. Sie darüber in Kenntnis zu setzen. unterzeichnet. Offenbar sind Sie auserwählt. dass es sich nicht um einen Irrtum handelt?« »Ja«.schränktes Vertrauen. »Das ist Preußen. »und kann die unteren Gliedmaßen nicht mehr bewegen.« »Ich verstehe nicht ganz. seine Arbeit fortzusetzen. »In Königsberg geht ein Mörder um. informierte mich Sergeant Koch mit gesenkter Stimme. dass Sie dieser Königlichen Anweisung nicht nachkommen.« »Aber warum. belauscht zu werden. ebenso wie Sie. »Er ist doch der oberste Magistrat im Königsberger Raum. Sergeant Koch? Prokurator Rhunken kennt mich nicht persönlich. als hätte er Angst. Prokurator Stiffeniis«. Und auf dem Umschlag steht Ihr Name. den Blick auf den Brief gerichtet.« »Aber leitet denn nicht Prokurator Rhunken die Ermittlungen?«. handeln wir mit der gebotenen Eile. Welche »Fähigkeiten« meinte der König wohl? Und welcher »Herr von Rang« hatte Seine Majestät darüber informiert? »Sind Sie sicher. Wieso also empfiehlt er mich dem König mit so glühenden Worten?« 16 . Der Brief war von König Friedrich Wilhelm III. Da wir keinen Grund zu der Annahme haben.

Sergeant. Erst gestern ist wieder eine aufgetaucht. was ich Ihnen gerade gesagt habe. und deutete auf den Brief in meiner Hand. als Knutzen wieder draußen war. meinte er. »Aber das wird sich zweifelsohne alles in Königsberg klären. Das kaum zehn Minuten zuvor schriftlich fixierte Urteil war die wichtigste Entscheidung in meiner dreijährigen Laufbahn in Lotingen. erklärte Koch. Bis dahin hatte ich es als Magistrat niemals mit einem ernsthaften Verbrechen zu tun gehabt und das als Segen erachtet. Knutzen kam hereingeschlurft. Alles scheint darauf hinzudeuten. um mir einen Brief auf den Schreibtisch zu legen.« Es blieb mir keine andere Wahl. den Fall zu klären. »Der Polizei gelang es nicht. Um wie viele Fälle geht es?« »Um vier. Die Postkutsche hat kurz vor Rykiel ein Rad verloren und ist deshalb vier Stunden zu spät dran. Aber vor drei Monaten fand man eine weitere Leiche und vergangenen Monat noch eine. 17 . »Das erste Opfer wurde vor einem Jahr entdeckt«.« Ich hielt den Atem an.« »Gott sei Dank habe ich die Küstenstraße genommen«. fand ich darin eine Anweisung Prokurator Rhunkens in wackeliger Schrift. »In dem Schreiben steht das. »Es war von Mord die Rede. »Der ist gerade gekommen. als das zu glauben. und so geriet er irgendwann in Vergessenheit.« Als ich den Umschlag öffnete.»Dazu kann ich Ihnen auch nichts sagen«. dass die Opfer samt und sonders auf die gleiche …« Da klopfte es an der Tür. und Koch verstummte. murmelte Koch.

die das. dass Prokurator Rhunken. was Sergeant Koch mir soeben über dessen Schlagfluss erzählt hatte. »Ich stehe Ihnen bei der Vorbereitung der Abreise voll und ganz zur Verfügung. fragte ich. Auch die abschließenden Worte Rhunkens beseitigten meine Zweifel nicht: … bestimmte Aspekte dieses Falls dürfen nicht dokumentiert werden. jedoch ohne genauere Erläuterung. Damals hatte ich ein Versprechen gegeben. 18 . dass sich in Preußen kein Geeigneterer finden ließe. Er informierte mich offiziell darüber. weil ich mich nicht drängen lassen wollte. das ich durch die Reise mit Sergeant Koch würde brechen müssen. Doch woher wusste er überhaupt von mir? Und wieso hatte er dem König von mir erzählt? Warum setzten so mächtige Leute Vertrauen in mich? Ich war nicht so verblendet zu glauben. der sich aufgrund seiner Strenge und Entschlossenheit einen Namen gemacht hatte. Natürlich schmeichelte es mir. den ich sieben Jahre zuvor aus Königsberg erhalten hatte. fragte Sergeant Koch. »Wie lange werden meine Dienste in Königsberg benötigt?«. Sie erfahren zu gegebenem Zeitpunkt mehr. fiel mir ein. schlang die Tasche über die Schulter und erhob sich. dass die Aufklärung der Mordfälle mir übertragen worden sei. Ein anderer Brief. Ich legte das Schreiben mit gemischten Gefühlen zur Seite.« Ich blieb sitzen. »Sind Sie bereit?«. meine Fähigkeiten schätzte. zu belegen schien.

Herr Stiffeniis«. um nachzudenken. erklärte ich und sprang auf. um mich von meiner Frau zu verabschieden und meinen Kindern einen Kuss zu geben«. müsste ich mir keine Sorgen machen. in dem er mich anflehte. Als ich sie bestieg. machte ich mir die absurde Situation bewusst.»Bis der Fall gelöst ist. erwiderte ich. Sergeant Koch schlang den Umhang enger um seinen Körper. wären meiner künftigen Karriere keine Grenzen gesetzt. um einen Fall abzuschließen. Falls ich mich als unfähig erwies. wenn wir Königsberg vor Einbruch der Dunkelheit erreichen wollen. Eigentlich hätte ich das als die Krönung meiner kurzen Karriere erachten sollen. »Weder Prokurator Rhunken noch der König werden mir dies verwehren wollen!« Draußen im Schnee wartete eine große Kutsche mit dem königlichen Wappen. Ich befand mich in einem königlichen Gefährt. »Uns bleibt nicht viel Zeit. »Ich muss meiner Frau Bescheid geben«. antwortete Koch. den Prokurator Rhunken aufgrund seiner Krankheit nicht weiterbearbeiten konnte. würde man mich einfach wieder in mein Provinznest zurückversetzen.« »Ich brauche nur ein paar Minuten. einen Brief des Herrschers in der Hand. Ich lehnte mich auf meinem Stuhl zurück. einen Fall zu lösen. Doch bei erfolgreicher Erledigung. der alle großen Magistrate in seinen Diensten überforderte. ein paar Tage in der Stadt zu verbringen. doch mir kamen die Worte jenes Briefes von vor sieben Jahren wieder in den Sinn: 19 . Wenn es lediglich darum ging. dachte ich mit plötzlich aufkeimendem Ehrgeiz.

die Pferde zogen an. kam sie mir trotz des beißenden Nordwinds und des dichten Schneefalls ohne Haube oder Mantel entgegengelaufen und begrüßte mich mit einem fragenden Blick. meine Liebe«.Kehren Sie nie mehr hierher zurück. Hanno?«. die Vergangenheit ruhen zu lassen und sich auf eine erfreulichere Zukunft zu konzentrieren. Ich betrachtete den Brief als Wink des Schicksals. Sie haben genug Schaden angerichtet. zugigen Hauses am Ortsrand gesessen. denn als ich aus der prächtigen Kutsche kletterte. murmelte sie. was du suchst. sagte sie und fuhr nach kurzem Zögern fort: »Falls du das für deinen Vater tust – die Vergangenheit lässt sich nicht ändern. »Ich dachte wirklich. mich beruflich auszuzeichnen? Offenbar hatte Helena am Fenster unseres kleinen. »Hattest du Lotingen nicht gewählt. und das Gefährt machte einen Satz vorwärts. während sie sich bei mir unterhakte. Hanno. die ich nur zu gut kannte. wich sie einen Schritt zurück und hielt schützend die Hände vor die Brust. »Was ist. Nachdem sie mich angehört hatte. »Dann verstehe ich dich nicht«. um genau solchen Dingen aus dem Weg zu gehen. Es war das Beste. hier hättest du gefunden. Lassen Sie sich ihm zuliebe nicht mehr in der Prinzessinstraße blicken! Der Kutscher knallte mit der Peitsche.« 20 .« »Das stimmt. genauso wenig wie er. pflichtete ich ihr bei. erkundigte sie sich schwer atmend. Was konnte ich mir Schöneres wünschen als diese Möglichkeit. eine Geste der Verärgerung. Hanno?«.

Was soll ich deiner Ansicht nach tun?« Helena sah mich verständnislos an. und ein schmallippiges Lächeln huschte über sein Gesicht. rief ich ihm zu. was meine Frau soeben gesagt hatte. »Noch einen Augenblick. »Mit einem so abscheulichen Verbrechen hattest du noch nie zu tun. »Warum machst du es so schwer. Ich dirigierte Helena. erklärte ich. ich muss gehen. Welche Reaktion hatte ich von ihr erwartet? Stolz vielleicht oder Freude über meine unvermutete Beförderung? »Der König ruft mich«. wenn der König es befiehlt. sagte ich. Ich schaute hastig zu Sergeant Koch hinüber. Sergeant«. »Aber Mord. Um ihre Tränen zu verbergen. »Es dauert nicht mehr lange. »Ein einflussreicher Beamter in Königsberg hat mich Seiner Majestät empfohlen. 21 . Wie lange wirst du weg sein?«. du würdest stolz auf mich sein.« Sie senkte den Blick. wenn ich versuche weiterzukommen«. Frau? Ich habe keine Wahl. als hätte er nichts von dem gehört.»Ich dachte.« So verstört hatte ich sie noch nie erlebt. die mich argwöhnisch musterte. der mit ausdruckslosem Gesicht neben der Kutschentür wartete. Ein wenig war ich ihr böse wegen der peinlichen Situation.« Koch nickte kurz. in die sie mich brachte. fragte sie schließlich. drückte sie sich gegen meine Brust. Hanno?«. fragte sie und sah mich an. in den Flur. »Ich … ich weiß es nicht. ein wenig unwirscher als beabsichtigt.

die ich trotz des Abschiedsschmerzes aufbringen konnte. »Ich werde jeden Tag schreiben und dir von meinen Erlebnissen berichten. gegen die Franzosen zu kämpfen!«. Helena und ich waren seit vier Jahren verheiratet und hatten in dieser Zeit noch keine einzige Nacht getrennt verbracht. Nicht allzu lange. »Vergib mir.« Nun wusste ich nicht mehr. wies Helena plötzlich das Mädchen an. versprach ich mit aller Fröhlichkeit. Susanne knapp zwei. was ich sagen sollte. Sobald ich ankomme. murmelte sie in meinen Wollumhang hinein. »Was wollen sie nur von dir?« Darauf wusste ich auch keine Antwort. verfasse ich den ersten Brief«. bevor Lotte zurückkehrte. scherzte ich mit einem nervösen Lachen und zog sie näher an mich. Hanno.»Das kann ich noch nicht abschätzen.« »Lauf nach oben. schlang die Tasche über die Schulter und schritt hastig mit ge- 22 . warf sich Helena noch einmal an meine Brust und ließ ihren Gefühlen mit einer mir bis dato unbekannten Macht freien Lauf. Ich entwand mich ihrer Umarmung. um sie sanft auf Stirn. »Ich habe ja nicht vor. ordnete meine Kleidung. »Gib Manni und Susi einen Kuss von mir. »Seine Kutsche wartet vor der Tür. hoffe ich. Beeil dich! Er wird ein paar Tage wegbleiben. Wange und Lippen zu küssen.« Als ich Lotte die Reisetasche aus der Hand nahm. Lotte. ich mache mir Sorgen«. Vermutlich hatte das mit den Kindern zu tun: Immanuel war noch nicht einmal ein Jahr alt. und hol die Sachen deines Herrn«.

Leichten Fußes und schweren Herzens stieg ich ein. blickte ich zurück auf die allmählich in der Ferne verschwindende schlanke Gestalt meiner geliebten Helena. Als das Gefährt mit knirschenden Rädern anfuhr.senktem Kopf durch den Schneesturm. zur Kutsche und zu Sergeant Koch. Wie zuvor sie quälte nun mich die eine Frage: Warum hatte der König gerade mich gewählt? 23 .

ein gebrochener Vorderlauf baumelte in der Luft. um dem Pferd zu helfen oder den Mann wegen seiner D 24 . ihre feststeckenden Kühe und Schafe zu retten. ich in der meinen. so dass man nicht mehr sagen konnte. und auf den Feldern mühten sich Bauern. durch die wir fuhren. düstere Schatten wie die Welt. wüste Flüche ausstoßend. auf das bedauernswerte Tier ein. Koch saß in seiner Ecke. teilte ich Koch über die Schulter gewandt mit.II ie Kutsche rumpelte mehr als eine Stunde lang vor sich hin. wo die Erde endete und der Himmel begann. Ein Betrunkener schlug. Ich sprang auf. Mein erster Impuls war auszusteigen. »Ein Bauernkarren ist auf dem Eis umgestürzt«. Wir hatten gerade einen kleinen Ort namens Endernffords passiert. und in dieser Zeit wechselten Sergeant Koch und ich kaum ein Wort. schob das Fenster herunter und beugte mich hinaus. was los war. Das Pferd war ausgeglitten und lag jetzt mitten auf der Straße. bis zu den Knien im Schnee. Alles verschmolz zu einer einzigen trüben Fläche. Wir kamen an grauen Dörfern und Gehöften vorbei. Schmerzensschreie gellten durch die Luft. als unsere Kutsche an der Rampe zu einer Schwingbrücke über einen schmalen Fluss halten musste. um zu sehen.

Blut und Innereien ausgebreitet. während sie das Tier in Windeseile in Stücke hackten. wird es hier nichts mehr zu essen 25 . »Was soll man tun. Derartiges ereigne sich hier regelmäßig. dass der Weg frei sei. Doch dann hielt mich das Eingreifen einiger Männer zurück. zwei mit Äxten. erklärte Sergeant Koch.« »Wollen wir hoffen. die Franzosen mit der gleichen Begeisterung abzuschlachten«. doch im Innern der Kutsche hatte sich bereits ein süßlicher Geruch nach Fleisch.« Ich lehnte mich mit geschlossenen Augen in die Lederpolster zurück. murmelte ich. Drei von ihnen sprangen herunter. Kurz darauf signalisierte der Vierte uns. gebogenen Messer in der Hand. dass sie irgendwann bereit sind. was zu tun war. Der Lenker des Karrens ließ wortlos die Peitsche fallen und flüchtete rutschend über die Brücke. die sie auf ihren Karren luden. dass ich daraus schlussfolgerte. »Harte Zeiten machen die Menschen hart«. Die Klinge blitzte kurz auf. »Das treibt Menschen zu solchen Taten. Dampf stieg auf. bevor sie den Hals des Pferdes durchschnitt. das den Schnee rot färbte. »Wahrscheinlich sind sie kurz vor dem Verhungern«. Mit weichen Knien schloss ich das Fenster. einer mit einem langen. Alle Anwesenden – vier Männer. das so schnell und geordnet vonstatten ging. die auf einem Holzbalken der Brücke saßen – schienen genau zu wissen.Grausamkeit zu schelten. Daraufhin machten sich die Männer mit den Äxten über den Kadaver her. »Wenn Bonaparte in Preußen einmarschiert. meinte Koch trocken. dessen Schmerzensschreie mit dem Hervordringen eines Schwalles schäumenden Blutes verstummten.

entschlossen. dachte ich.geben.« »Gebe Gott. wer ein Mann ist. Mein guter Wille verflüchtigte sich sofort wieder. was für ein Himmel!«. dass es nie so weit kommt!« Wieder verging eine Stunde.« Die Ernsthaftigkeit des Mannes hatte etwas fast schon Komisches. Schlechtes Wetter ist die Strafe für unsere Sünden. so also liegen die Dinge. »Heißt das. heißt es. ich solle Ihnen diese Dokumente aushändigen. Herr Stiffeniis«. bevor ich Gelegenheit hatte. erwiderte er. Durch das Rumpeln der Kutsche war sein Dreispitz verrutscht. »Jetzt wäre ein guter Zeitpunkt. »Gütiger Gott. als er einen Stapel Papier aus seiner Ledertasche zog. meinte Koch und griff nach seiner Tasche. den Rest der Fahrt in geselligerer Stimmung zu verbringen. Dann wird sich erweisen. Da überre- 26 . auch wenn ich nicht so recht wusste. was man mir aufträgt«. in der wir kaum ein Wort wechselten. Herr Koch?« »Ich tue. einen Blick auf diese Dokumente zu werfen. sobald wir die Straße nach Königsberg erreicht hätten. so dass Strähnen seines schwarzen Haares unter den starren weißen Locken seiner Perücke hervorlugten. Ich nickte lächelnd. wie mir das gelingen sollte. riss Koch mich schließlich unvermittelt aus meinen Gedanken. nicht einmal Pferde. »Es sieht aus.« Aha. denn letztlich handelte es sich bei Koch um meinen Untergebenen. als würde er gleich auf uns herabstürzen. etwas zu erwidern. dass Sie mir etwas vorenthalten haben. »Man hat mir gesagt.

Es bestand keine Notwendigkeit. und enthüllen sie mir erst. wo es zu spät ist für einen Rückzieher. erneut das Taschentuch in der Hand. Finden Sie es dann aber nicht auch merkwürdig. weil ich allein lebe. 27 . Herr Koch. fragte ich ungehalten. und jetzt. das zu tun. fuhr Koch fort. sondern auch beobachtete und beurteilte und Informationen für seine Vorgesetzten sammelte. so gut wie nichts über die Sache zu wissen. »Ich bin ein einfacher Beamter und spiele keine aktive Rolle in den Ermittlungen. »Alle. Andere auszuspionieren verhalf einem am sichersten auf die nächste Stufe der wackeligen bürokratischen Leiter. was ich soeben erledige. haben Stillschweigen geschworen. einen Auftrag anzunehmen.det man mich. meine Frau oder irgend jemanden sonst zu informieren. »Ich habe nichts zu verbergen«. »Sie halten Fakten zurück. »Sie müssen Ihrer Frau doch einen Grund für Ihren frühen Aufbruch genannt haben. »Sie behaupten.« Meine Verärgerung wuchs. Koch. dass Sergeant Koch mich nicht nur begleitete.« Wieder hatte ich Koch auf dem falschen Fuß erwischt. Heute Morgen um halb sechs habe ich wie alle anderen den Dienst angetreten und wurde angewiesen. dass ausgerechnet Sie ausgewählt wurden.« Mir drängte sich der Verdacht auf. die an den Ermittlungen mitwirken. »Die Behörden sind zur Friedenssicherung verpflichtet«. wenn Sie nicht mehr anders können oder Ihnen gerade der Sinn danach steht. Das war das normale Vorgehen im preußischen Staatsdienst. wehrte sich Sergeant Koch.« »Sie auch?«. erfahre ich die unangenehmen Einzelheiten.

an der seine Leiche entdeckt wurde. In dem dichten Nebel wäre sie fast über Konnen gestolpert. dass er tot war. Koch sah stumm zum Fenster hinaus. gesehen zu haben. Man hat mich angewiesen. der kniend an einer Mauer lehnte. Draußen war er niemandem aufgefallen. dass er den vorangegangenen Abend in einer Hafenkneipe unweit der Stelle. Offi- 28 . Ein litauisches Segelschiff habe an jenem Tag angelegt.jemanden. sie Ihnen erst zu zeigen. Der erste Mord hatte sich mehr als ein Jahr zuvor ereignet. Herrn Konnen vor diesem Abend jemals. Nachforschungen ergaben. Seiner Ansicht nach war der Mann ein Fremder. war am Morgen des 3. Der Bericht wurde von Anton Lublinsky und Rudolph Kopka. Die Hebamme hielt ihn für krank. weil sich aufgrund der klirrenden Kälte nicht viele Leute auf der Straße aufgehalten hatten. ich hätte ablehnen können?«. wenn Sie den Auftrag angenommen hätten. verbracht hatte. Konnen habe es kurz nach zehn Uhr abends verlassen.« »Heißt das. weder allein noch am Spieltisch mit ausländischen Seeleuten. fragte ich und riss ihm die Papiere aus der Hand. ein Hufschmied mittleren Alters. Seine Leiche wurde im Morgengrauen von einer Hebamme auf dem Weg zur Arbeit gefunden. erkannte aber bei näherem Hinsehen. Jan Konnen. Der Wirt erinnerte sich nicht. und das Gasthaus sei bis in die frühen Morgenstunden sehr voll gewesen. der genauso wenig Ahnung hat. Mürrisch wandte ich mich den Dokumenten zu. Januar 1803 tot in der Merrestraße aufgefunden worden. zu instruieren? Führt da nicht der Blinde den Blinden?« »Diese Dokumente dürften Ihre Fragen beantworten.

also eine gute Woche zuvor und fast vier Monate nach dem Mord. Hatte der zweite Mord sie zu einer genaueren Beschäftigung mit dem ersten veranlasst? Höchst merkwürdig! Der Name des zweiten Opfers lautete Paula-Anne Brunner. Auch dieser Bericht war erst vor Kurzem verfasst worden. Am 22. September 1803.zieren der königlichen Nachtwache. genauer gesagt am 23. Einen Moment spielte ich mit dem Gedanken. was nicht gerade für die Effizienz der örtlichen Behörden sprach. schnarchte rasselnd vor sich hin. Aber preußische Frauen trinken im Allgemeinen nicht in der Öffentlichkeit und geben sich auch nicht dem Spiel hin. denn er war im Staatsdienst und stammte aus Königsberg. doch dann konzentrierte ich mich wieder auf die Papiere. Januar 1804. Unter dem in passablem Deutsch formulierten Bericht war das Abfassungsdatum »sechs Monate nach dem Mord« angegeben. ihn zu wecken. Aber Koch. Und damit war die offensichtlichste Hypothese dahin! Ich hatte vermutet. Gern hätte ich Koch um eine Erklärung gebeten. dass die Angelegenheit mit gewalttätigen Auseinandersetzungen bei Würfelspiel und Alkohol zu tun habe. wurde die Leiche von Paula-Anne Brunner (geborene Schobart) im Park an der 29 . unterzeichnet. Am allerwenigsten im für seine Moral und seinen Pietismus bekannten Königsberg. Mein Blick fiel auf das Datum am unteren Ende der vierten Seite. dem der Kopf auf die Brust gesunken war. Bestimmt kannte er das übliche Prozedere in solchen Fällen. las ich. Mittlerweile prasselte heftiger Schneeregen gegen die Kutsche.

Neumannstraße gefunden. für die Seele von Superintendent Brunswig. Sie blickte immer wieder zu der Knienden hinüber. ob sie krank sei oder Hilfe benötige. Oberst Rodianskys Freundin brachte die Anwesenheit einer dritten Person bei ihrem Rendezvous offenbar stärker aus der Fassung als diesen. sie bete. und habe nur keine Gelegenheit gehabt. deren Namen er sich zu nennen weigert. Während er gewartet und geraucht habe. Ein österreichischer Kavallerieoffizier. wartete auf eine Dame. in der Hoffnung. um ihren guten Ruf zu schützen. sich in die Kirche zu begeben. Oberst Rodiansky. um nachzusehen. sei sein Blick auf eine neben einer Holzbank kniende Frau gefallen. nachdem er seine Begleiterin nach Hause geschickt hatte. Er traf um vier Uhr im Park ein. an besagtem Abend sei es weder besonders kalt noch besonders nass gewesen. dass es sich um eine Leiche handelte. ähnlich wie viele andere Frauen in der Stadt. In dem Augenblick sei jedoch die Dame eingetroffen. und Oberst Rodiansky rief die Polizei. mit der er verabredet war. als ein großer Teil der Bevölkerung den Beisetzungsfeierlichkeiten für den kurz zuvor verstorbenen beliebten Superintendenten Brunswig in der Kathedrale beiwohnte. Meeresdunst habe jedoch die Sicht auf sechs bis sieben Meter begrenzt. Oberst Rodiansky sagt aus. zu einer Zeit. Erst nach geraumer Zeit näherten sich die beiden der Frau. derzeit in Diensten der preußischen Armee. dass diese ihr Gebet bald beenden und den Park verlassen würde. weil er glaubte. Ihre Haltung sei ihm nicht merkwürdig vorgekommen. und habe ihn von der Knienden abgelenkt. 30 . Nun merkten sie.

Wie waren diese Menschen gestorben? Und warum? Wieso hatten zwei Beamte mit Ermittlungserfahrung – Lublinsky und Kopka waren bei beiden Fällen herangezogen worden – sich nicht mit diesen wichtigen Fragen auseinandergesetzt? Ein ohrenbetäubender Donnerschlag und ein unmittelbar folgender greller Blitz rissen mich aus meinen Überlegungen und Koch aus dem Schlaf. »Glauben Sie das. Herr Stiffeniis?« »Ja. jenen beiden Beamten. was sich nicht durch die Wissenschaft erklären ließe.« 31 . Sein Kopf wippte im Takt der Schlaglöcher auf und ab.« Koch sah mich mit nachsichtigem Blick an. es gebe nichts. »Du lieber Himmel!«. mit der anderen sich bekreuzigend. beruhigte ich ihn. Er sagt. die eine Hand nach der Perücke ausstreckend. Er schoss hoch wie von der Tarantel gestochen. Koch schlief immer noch. Ich lehnte mich zurück in die Lederpolster. »Die Natur straft den Menschen. »Elektrische Entladungen am Himmel. wie das Opfer umgebracht beziehungsweise welche Waffe verwendet worden war. und die Perücke hing an seinem rechten Ohr.« »Es ist nur Wasserdampf. der Hut war ihm auf die Knie gefallen.Auch dieser Bericht war von Lublinsky und Kopka unterzeichnet. Auch ich schloss die Augen und versuchte. meine Gedanken zu ordnen. Ein bedeutender Mitbürger von Ihnen hat einmal ein Pamphlet zu diesem Thema verfasst. zum Beispiel. Trotz seiner Detailfülle fehlte es dem zweiten Bericht an wesentlichen Informationen. brummelte er. Sergeant«. die schon den ersten Mord dokumentiert hatten.

Ich würde das als bedingtes Unwissen bezeichnen.« »Sie scheinen an meinen Fähigkeiten zu zweifeln. weil noch niemand sich die Mühe gemacht hat. 32 .« »Das würde ich nie wagen. »Und ich bete zu Gott. Dann klopfte er ihn ab und setzte ihn auf. warum man so große Hoffnungen in Sie setzt«. Wenn nicht. nicht als Argument gegen die Wissenschaft. Sie wieder nach Hause zu begleiten. »Das heißt. Herr Koch«. wie Sie es nennen. der mittlerweile auf den Boden der Kutsche gefallen war. wenn Sie sich mit dem Unerklärlichen konfrontiert sehen?« »Ich möchte nicht behaupten.»Ich beneide Sie um Ihre Gewissheit«. sagte er und beugte sich zu mir herüber. ich werde die Ehre haben. sagte er und wandte den Blick ab. Das Unbekannte.« Ein Blitz ließ Kochs Gesicht silberblau erstrahlen. dass ich mich täusche und Sie recht haben. murmelte er. wenn die Angelegenheit erfolgreich abgeschlossen ist«. Herr Prokurator. Im Gegenteil: Ich meine zu begreifen. für Sie gibt es keine Geheimnisse?« »Ich habe immer versucht. »Dann gestehen Sie also dem Unbekannten und Undenkbaren keine Existenzberechtigung zu? Darf ich fragen. was Sie tun. sagte ich mit kaum verhohlener Verärgerung. »Unserem Begreifen sind Grenzen gesetzt. möge der Himmel uns beistehen. dass die Vernunft jedes menschliche Handeln erklären und rechtfertigen kann«. »Ich hoffe. bevor er sich nach seinem Hut bückte. rationalen Argumenten bis zu ihrem logischen Schluss zu folgen. es zu erklären. Herr Stiffeniis. antwortete ich. ist deshalb unbekannt.

Was soll ich machen? Die Waffe erraten. antwortete Koch ein wenig spöttisch. Ich weiß ja nicht. In diesen Berichten wird die Todesursache nicht erwähnt. aber dass nicht einmal Sie in das Geheimnis eingeweiht werden. »Haben Sie die Leichen gesehen. mag ich kaum glauben. In der Stadt gibt es natürlich mehr als genug Gerüchte. »Ich begreife ja.« »Was für Gerüchte.»Mir geht es um praktische Dinge. unter welchen Umständen diese Menschen starben?« »Nein. ohne auf meinen Sarkasmus zu reagieren. dass ein Ei gestohlen wurde.« »Dann ahnen nicht einmal Sie. erwiderte Koch.« »Ich habe keine Ahnung. davon zu erzählen«. 33 . wie Sie sich vorstellen können. ein vertrauenswürdiger Beamter des Staates. Koch? Wissen Sie. und in diesen Dokumenten kann ich nur sehr wenige davon finden. Koch?« »Einem rationalen Denker wie Ihnen gegenüber wage ich fast nicht. wie sie umgebracht wurden? Gibt es denn keine Mutmaßungen? Wurden die Opfer erstochen. sondern auch um Fakten. erwürgt oder erschlagen?« »Ist denn in den Berichten keine Rede von der Mordwaffe?« Koch wirkte aufrichtig überrascht. aber wir in Lotingen glauben. Herr Koch. dass in so einem Fall Diskretion vonnöten ist. mit der die Opfer umgebracht wurden? Beim Übergang vom Leben zum Tode geht es nicht nur um religiöse Fragen. wie Sie es in Königsberg damit halten. was in den Berichten steht«. wenn es verschwindet.

« »Was noch?« »Das ist nur Gerede«. »Angeblich hat die Frau.« »Ich möchte wissen. Prokurator Rhunken frage ich nach seiner Meinung. die die Leiche von Jan Konnen fand. was Sie denken. meinte Koch. der Tod sei schnell und gewaltsam eingetreten. der Teufel sei’s gewesen.« »Ach. Koch?«. Sergeant Koch. Herr Koch. bevor er fortfuhr. sagte Koch. »Und was hat sie angeblich gesehen? Welche Waffe hat der Teufel benutzt?« Sergeant Koch sah mich mit einem verlegenen Lächeln an. Herr Stiffeniis.« Der Sergeant nahm mit schuldbewusstem Gesicht den Hut ab. »Vielleicht sollten Sie das Prokurator Rhunken fragen. plötzlich ernst. »Seine Klauen. »In 34 .»Machen Sie sich nicht über mich lustig!« »Das war nicht meine Absicht.« »Ich kann Ihnen nur sagen.« Koch rutschte unruhig auf seinem Platz hin und her und setzte den Hut wieder auf. »Was nützen Ihnen Gerüchte?« »Überlassen Sie das mir. Alle Fakten weisen darauf hin …« »Was für Fakten. »Die Morde wurden auf merkwürdige Weise begangen. Es heißt. Ihnen zu antworten. die Waffe gesehen. Ich fühle mich nicht befähigt. sobald sich die Gelegenheit dazu ergibt.« »Klauen? Was soll das bedeuten?« Wieder zögerte er. fiel ich ihm ins Wort.« »Heißt es zumindest«. was ich gehört habe.« Dieser lehnte sich in seinen Sitz zurück und zögerte kurz. »Die Leute in Königsberg sagen.

Januar im Jahr Unseres Herrn 1804 wurde die Leiche des Notars Jeronimus Tifferch vor Tagesanbruch von Hilde Gnute. ohne wirklich voranzukommen. Rätsel öffnen der Spekulation Tür und Tor.« Er musterte mich einen Moment kühl. erwiderte er und deutete auf die Dokumente in meiner Hand. der Frau des Bauern Abel Gnute. Ich tappte fast genauso sehr im Dunkeln wie tags zuvor. oder sie wollen nicht.« »Klauen! Was für unsinniger Aberglaube!« »Aber wenn die Verantwortlichen nicht einmal Ihnen die Todesursache verraten«. »dann kann man daraus eigentlich nur zwei Schlüsse ziehen: Entweder sie kennen sie nicht. Und dass der seine Klauen benutzte. dass Konnen erstochen. sondern vom Teufel ermordet. Ich wandte mich wieder der Lektüre der Unterlagen zu. ge- 35 . wie Sie es nennen. die Augen. »Das ist es doch gerade. dass wir sie erfahren! In beiden Fällen ist viel Raum für unsinnigen Aberglauben. Die Leute munkeln nicht. Herr Stiffeniis.allem. weiterzugeben. hatte mich etwas aus der Fassung gebracht. offensichtlich erschöpft von seiner Rede.« Damit sank Koch zurück ins Polster und schloss. bin ich auf kein einziges Faktum gestoßen. den für die Ermittlungen zuständigen Magistraten. In den Papieren hieß es weiter: Am 31. was ich bisher gelesen habe. erwürgt oder erschlagen wurde. als ich noch überhaupt nichts von dem Fall geahnt hatte. Denn die Andeutung des Sergeanten. die Verantwortlichen seien möglicherweise nicht willens. ihr Wissen an mich.

nur der Teufel könne ein solches Verbrechen begehen. egal. was sie wirklich dachten. Im Vorbeifahren bespritzte unsere Kutsche eine Gruppe von Bauern mit Schlamm. wie und warum der Mann umgebracht worden war? Ich drückte die Stirn gegen das kalte Fenster und schloss die Augen. die unter den Bäumen Schutz vor dem Sturm gesucht hatte. Da ihre Augen von der Kälte tränten. Der Bericht. war lächerlich kurz. Ich würde versuchen zu verstehen. Stumm bat ich Gott. dass ich von meinem hohen Ross herunter und den Königsbergern mit offenem Ohr lauschen müsste. kamen wir gerade in einen Wald. Als ich sie wieder aufschlug. Im letzten verbleibenden Licht bemühte ich mich. die vom Lesen im schlechten Licht schmerzten. es sei ein kalter Tag gewesen. habe sie nicht sehr gut sehen können. stieß sie auf die Leiche des Herrn Tifferch. in der Nacht habe es fast durchgehend geschneit. Der Mann war von einem oder mehreren Unbekannten ermordet worden. wie weit hergeholt und abergläubisch mir ihre Ideen erschienen. sowohl diese armen Leute als auch mich zu schützen. eine dem Bericht angeheftete Notiz zu entziffern: »Befragt. Als sie die Jungmannenstraße in Richtung des Kramerladens von Herrn Bendt Frodke entlangging. dem sie Eier verkaufen wollte. die an eine Mauer gelehnt kniete.« Da stand es schwarz auf weiß: Als mutmaßlicher 36 . Hatte der Beamte denn nicht mehr darüber zu sagen. ob sie in der Nähe des Tatorts irgendwen gesehen habe. diesmal von Anton Lublinsky allein unterschrieben. antwortete Hilde Gnute. Mit einem Mal wurde mir klar. Die Zeugin sagt aus.funden.

Plötzlich spürte ich. Ich weiß nicht mehr. und im Wald begannen die Wölfe zu heulen. verkündete Sergeant Koch. wie mir jemand auf die Schulter tippte. »In Königsberg. Am schwarzen Himmel hing die fahle Sichel des Mondes. »Wir sind am Ziel«. Das sollte mein Ausgangspunkt sein. welche Gedanken mir durch den Kopf gingen. Ganz allmählich wechselte die Farbe der Felder vor meinen Augen von trübem Grau zu grellem Weiß. irgendwann schlief ich wohl ein. und ich musste nur meine Zweifel über Bord werfen? Ich kann nicht sagen. Inzwischen hatte es zu regnen aufgehört. wie lange ich in die Düsternis hinausstarrte. Wohin würden meine Gedanken mich von dort aus führen? Handelte es sich um eine Glaubensfrage.« 37 .Mörder galt der Satan selbst. und vom Himmel fielen dicke Schneeflocken.

und über der ganzen Stadt lag ein weiß glitzernder Teppich. »Das Wetter scheint sich zu beruhigen«. Nordlichtschlieren schimmerten am silbergesäumten Horizont. aufgeworfen und gekräuselt vom Wind. als die Kutsche vor einem großen gotischen Bogen zu stehen kam. weil eine Truppe schwer bewaffneter Soldaten auf unser Gefährt zugerannt kam. »Ich bin ein Bediensteter des Hofs. erkundigte sich der Offizier in scharfem Tonfall. »Welcher von Ihnen ist der Magistrat?«. informierte er die Wachen. Die Soldaten sahen zuerst uns. Wenig später kehrte er in Begleitung eines Offiziers wieder. während er mir signalisierte. die Musketen im Anschlag. D 38 . Mittlerweile hatte es aufgehört zu schneien. der eigentlich die Ostsee war.III er Himmel sah aus wie ein gewaltiges dunkles Laken. dass ich mein Gesicht zeigen solle. der den westlichen Eingang von Königsberg markierte. sagte ich. Sergeant Koch erwiderte nichts. dann einander an. Schließlich rannte einer von ihnen durch das Tor zurück in die Stadt. Er öffnete das Fenster und beugte sich zu ihnen hinaus. und dieser Herr hier ist der neue Prokurator von Königsberg«.

fuchtelte mit einer Pistole vor meiner Nase herum. dem Gesicht des Mannes Würde zu verleihen. erklärte Koch plötzlich mit unerwartetem Selbstbewusstsein. »Verstauen Sie das Dokument gut«. musterte mich und gab mir das Papier zurück.Seinem dunkelblauen Umhang. »Hier drin ist ein Brief des Königs …« »Sie hindern den Prokurator an der Ausübung seiner Pflichten«. herrschte ich ihn an und reichte ihm den schriftlichen Auftrag. er könne weiterfahren. »Das ist Vorschrift. damit er sie sehen konnte. schwere Schollen in der gottvergessenen Provinz von Bory Tucholskie zu brechen. den Koch mir am Morgen überbracht hatte. Haben Sie denn nicht gehört? Hier sind Morde geschehen …« »Deswegen bin ich ja hier!«. die Miene des Mannes wirkte gleichermaßen spöttisch-ungläubig und angespanntwachsam. Seine feiste rechte Hand. Sergeant?«. dem ledernen Barett. riet er mir. während 39 . fragte ich. aber ich muss Ihren Passierschein sehen«. Niemand darf Königsberg ohne Erlaubnis betreten. Unter zwei Kuhaugen befanden sich dicke Säcke. »Was sollte denn das. bevor er die Wachen anwies zurückzutreten. »Ich bin Prokurator Hanno Stiffeniis«. beharrte der Offizier. stellte ich mich vor und hielt meine Tasche hoch. Dann salutierte er und rief dem Kutscher zu. die die Natur eigentlich dazu geschaffen hatte. der langen purpurfarbenen Feder daran und der eindrucksvollen Sammlung silberner Auszeichnungen an der Uniformjacke gelang es nicht. Der Offizier las das Dokument. »Tut mir leid. ein gewachster Schnurrbart hing traurig herunter.

»Prokurator Rhunken hat doch einen Schlaganfall erlitten. antwortete Koch und schwieg dann. Von ihm hoffte ich die wesentlichen Fakten zu erhalten. über die sich die mir vorliegenden Dokumente ausschwiegen. Koch?« Ohne zu reagieren. nicht wahr?« »Ja«. »Herr Rhunken erwartet Sie. antwortete Koch. Obwohl noch nicht vier Uhr. »Herr Rhunken war ein ausgezeichneter Vorgesetzter.« 40 . bald würde sich alles klären. »Sagten Sie nicht. Rhunken war schließlich derjenige. die mit aufgepflanztem Bajonett an fast jeder Ecke Wache standen. bevor Koch sich mir zuwandte. und die Straßen waren bis auf die Soldaten leer. Nun. Ich musste die Frage zweimal wiederholen. verkündete er. »Ostmarktplatz«.die Kutsche über das Kopfsteinpflaster in Richtung Stadtmitte rumpelte. der mir am meisten über den Auftrag verraten konnte. hatten alle Geschäfte bereits geschlossen.« Warum hatte Sergeant Koch mir nicht schon vorher gesagt. gab Koch dem Kutscher Anweisungen. scheunenähnlichen Gebäude zu stehen kam. er sei nicht in der Verfassung zu reden. »Ist das Kriegsrecht ausgerufen?« »Ich weiß es nicht«. dass Prokurator Rhunken mich sofort sehen wollte? Ich holte tief Luft und ordnete meine Kleider. auf dessen Stulpenhandschuhen aus Ölhaut und Leder der Raureif glitzerte. bis die Kutsche an einem von Bäumen gesäumten Platz vor einem grünen. sprang erstaunlich behende aus dem Gefährt und klappte die Aussteigstufen für mich heraus.

« Meine Augen wanderten hinüber zum Schloss. die ich in meiner neuen Position innehaben würde. »Dort werde ich wohl zukünftig einen Großteil meiner Zeit verbringen. und der Arzt diagnostizierte Schlagfluss. in unmittelbarer Nähe des Gerichts.« Ich empfand das Gebäude als architektonische Schandtat. erklärte Koch. 41 . Doch dann brach er in seinem Büro zusammen.« Koch deutete auf eine hübsche rosa Villa mit einem winzigen. obwohl es für die fast grenzenlose Macht stand. »Ich werde Sie zur vereinbarten Stunde hinüber bringen«. das schließlich die Tür öffnete.»Ist er schon lange krank?« »Bis gestern erfreute er sich bester Gesundheit. und an ihren breiten Schultern lehnten lange Musketen. schneebedeckten Garten hinter dem hässlichen grünen Gebäude. einem gewaltigen Bauwerk aus grauem Stein mit Zinnen. »Das ist sein Haus. betätigte der Sergeant dreimal kurz den Messingklopfer. Soldaten mit grauen Winterumhängen und schwarzen Pelzmützen schoben Wache zu beiden Seiten des Tores. Als wir die Tür erreichten. teilte Koch dem blassen Dienstmädchen mit. Die Arbeit war sein ganzes Leben. Das massive Haupttor mit seinem Stahlfallgitter erinnerte mich an in Preußen gebräuchliche Rattenfallen. Koch musste noch einmal klopfen. Ihr Blick war starr geradeaus gerichtet. Wie Sie sehen. Burgfried und Wachtürmen. Im Haus rührte sich nichts. »Herr Stiffeniis«. befindet es sich gegenüber des Schlosses. bevor er hastig in den Weg zu der Villa einbog und fast auf dem rutschigen Boden ausglitt.

erkundigte ich mich. Das Mädchen blieb vor einer angelehnten Tür stehen. Nachdem sie die Tür geschlossen hatte. miteinander verbundener Räume führte. Ich warte draußen beim Kutscher«. Er war immer ein so stolzer. Das Mädchen schüttelte. half ich ihr auf die Sprünge. erkundigte sich Sergeant Koch voller Sorge. »Hier lang. Auch auf Tischen und Sitzgelegenheiten befanden sich hohe Bücherstapel. »Der Arzt hat heute Morgen zweimal einen Aderlass 42 . »Schlecht.Die junge Frau sah mich kurz mit ihren wässrig blauen Augen an und senkte dann sofort wieder den Blick. murmelte sie schüchtern in ihr Taschentuch. aufrechter Mann …« »Führen Sie Herrn Stiffeniis hinein. mein Herr«. »Herr Rhunken erwartet mich«. Prokurator Rhunken schien sein Haus in eine Privatbibliothek verwandelt zu haben. den Tränen nahe. Abgesehen von dem Dienstmädchen gab es hier offenbar keine Frau. was sie mit mir anfangen sollte. durch die ein Murmeln und dann ein langgezogenes Wimmern drangen. sagte Koch. »Doktor Plucker ist gerade bei meinem Herrn. »Kann der Prokurator sprechen?«. den Kopf. bevor sie mich durch eine Reihe kleiner.« »Wie geht es Prokurator Rhunken heute?«. betrachtete die junge Frau mich unsicher. Herr Koch. als wüsste sie nicht so recht. Ich legte die Hand auf den Arm der jungen Frau. in denen alle Wände mit Bücherregalen voller Lederbände bedeckt waren.

herrschte er mich an. 43 . Was redete sie da? Seeleute? Tiere? »Wenn er wirklich den Teufel gesehen hat«. »Wer sind Sie?«. ob vor Angst. »Ich kannte solche Tiere vorher gar nicht«. und seine Miene verdüsterte sich. Ohne auf meine Antwort zu warten. »und muss mit Ihrem Patienten sprechen. fauchte er. zischte er dem Mädchen zu: »Der Prokurator ist nicht in der Verfassung. hagerer Mann trat heraus auf den düsteren Flur. »Dann sind Sie also verantwortlich!«. »kann ihm kein Arzt der Welt helfen. und ein groß gewachsener. »Ich musste am Hafen diese … Biester holen. konnte ich nicht beurteilen. leuchteten seine Augen auf. Seine Augen funkelten in dem trüben Licht. flüsterte sie und schniefte wieder in ihr Taschentuch. fügte sie hinzu.« Sie sah mich voller Furcht an. das habe ich Ihnen doch gesagt. Ekel oder Kälte. Dann fiel sein Blick auf mich.« Da ging die Tür ganz auf. Es ist dringend.« Der Arzt richtete sich auf wie eine Schlange vor dem Biss. ich soll den Eimer vorsichtig tragen. Besucher zu empfangen. Ein enger. stellte ich mich vor.« Ihre Schultern begannen zu beben. Als er das Dienstmädchen sah. damit sie nicht rausspringen und mir das Leben aussaugen. Er trug keine Perücke auf dem erst vor Kurzem geschorenen Kopf.vorgenommen und plant noch einen weiteren …« Sie wischte sich Nase und Augen ab. »Die Seeleute haben mich ausgelacht und gesagt.« »Ich bin der neue Prokurator«. dunkler Anzug ließ ihn noch größer und schlanker erscheinen.

und mir ging es mit Prokurator Wolfgang Rhunken ebenso. Die Worte der Dienstmagd. wie ich erwartet hatte. erfahrener.« »Ich werde seine Zeit nicht lange in Anspruch nehmen«. sondern ruhte mit Blick zum Fenster auf einer lederbezogenen Chaiselongue an der hinteren Wand. Drei dünne. Sein Gesicht war ausgezehrt vor Schmerz. doch was sie damit meinte. Doktor Plucker hatte einen älteren Mann erwartet. die Beine nackt und erhöht auf Kissen gelagert. Prokurator Rhunken war nicht ans Bett gefesselt. Beim Näherkommen bemerkte ich seine Blässe. »Das möchte ich auch hoffen!« Ich schrieb die Unhöflichkeit des Arztes seiner Überlastung zu. die zu beiden Seiten eines Himmelbetts in der dunkelsten Ecke des Zimmers wie betrunken an den Wänden lehnten. In diesem eiskalten Raum herrschte noch mehr Unordnung als im übrigen Haus. begriff ich nicht. sagte ich. Allerdings überraschen Sie mich«. er sei ein aufrechter Mann gewesen. Älter. Er saß mit mehreren Kissen im Rücken da. fügte er mit einem unverhohlenen Blick hinzu. Er konnte kaum älter als fünfundvierzig Jahre sein. »Ich hatte Sie mir anders vorgestellt. Und auch ich konnte meine Anspannung kaum verbergen. in einem Halter steckende Kerzen erhellten hohe Stapel Bücher und Papiere. kamen mir in den Sinn.»Herr Rhunken befindet sich Ihretwegen schon den ganzen Tag in einem Zustand der Nervosität. die zusammengepressten Lip- 44 . als ich ihm ins Krankenzimmer folgte. hatte ein dunkles Wolltuch um die Schultern geschlungen und betrachtete mich.

pen und die halb geschlossenen Augen. verstärkte sich. sobald er den ironischen Tonfall des Arztes vernahm. »Gehen Sie näher heran und sagen Sie. versetzt mit Kampfer und anderen Arzneien. Große Schweißtropfen standen auf seiner Stirn. packte er meinen Arm und zog mich 45 . und die linke Seite seines Gesichts begann heftig zu zucken. Ich zögerte einen Augenblick. setzte ich mich. Nun stellte die Dienstmagd einen großen. dass es sich um eine Mischung aus Schweiß. begann ich mit leiser Stimme. was ich sonst sagen sollte. und ich erkannte.« Dann rief er dem Dienstmädchen auf dem Flur zu: »Holen Sie einen Hocker für den neuen Prokurator! Und den Eimer!« Rhunkens fiebrige Augen öffneten sich ein wenig. die vom körperlichen Verfall des Prokurators kündeten. als der Kranke zitternd die Rechte hob und schwer auf den Hocker fallen ließ. Gegen die unwillkürlichen Spasmen ankämpfend. mit einem Leinentuch bedeckten Eichenholzeimer neben ihren kranken Herrn auf den Boden. Er schaute mich an. weil ich nicht wusste. Ich sah den Arzt unsicher an. handelte. was Sie zu sagen haben. Schon bald brachte das Mädchen den Hocker und stellte ihn neben das Sofa. Nachdem ich tief Luft geholt hatte. und die Haare klebten ihm trotz der Eiseskälte feucht am Kopf. Kot und Urin. ohne etwas zu sagen. »Ich hoffe auf Ihre baldige Genesung«. Was ich bis dahin für den muffigen Geruch eines selten genutzten Raums gehalten hatte. Prokurator Rhunkens Mund klappte mit bebender Unterlippe auf.

»Hmmm! Der Urweltgeruch des Amazonas! Fast kann man sich die dunklen. den Kopf zu heben. wenn Sie wüssten. schwülen Sümpfe vorstellen. als er noch einmal versuchte. ohne ein Wort gesagt zu haben. »Wenn ich irgendwie helfen kann«. nach Luft schnappend. Als das Tier mit der nackten Haut des Patienten in Berührung kam. Um die hier musste ich mit Doktor Franzich vom Schlosshospital streiten. Sie sind tausendmal besser als die Hirudo-Würmer. er würde vor meinen Augen sterben. Dann sank er. ermahnte ihn Doktor Plucker. Doktor Plucker streckte den riesigen Blutegel auf Herrn Rhunkens Unterschenkel aus. in die Kissen zurück. »Sie dürfen sich nicht so anstrengen«. »Ich bin …« 46 . »Der junge Mann hat gute Ohren und Geduld.« Ich beobachtete beeindruckt. Würden Sie jetzt bitte stillhalten? Gestern hat ein Schiff von Rio de la Plata hier angelegt. wie der Arzt mit einer Zange einen schwarzen sich windenden Wurm aus dem Eimer holte. die Monsieur Broussais aus Ägypten mitgebracht hat. Sie werden Ihnen gut tun. während er das Tuch von dem Eimer zog und es an die Nase hob. wie viel sie gekostet haben. wo er sofort zu saugen begann. Überall in Europa legt das Militär einen Vorrat davon für den Krieg an. Haementeria ghilianii«. bot ich zögernd an. Herr Rhunken. in denen sie leben. erklärte er. das mindestens dreißig Zentimeter maß und bereits vom Blut des Patienten zu schwellen begann. wurde es ganz ruhig.näher zu sich und dem bestialischen Gestank heran. Ihnen würde übel werden. fasziniert vom Anblick dieses Amazonasungeheuers. Einen Moment glaubte ich. Ein starkes Zittern erfasste seinen Körper.

»Ich bin heute aus Lotingen eingetroffen. »Woher?« »Aus Lotingen. Ihr Empfehlungsschreiben befindet sich in meiner Tasche. antwortete ich. fuhr er fort. »Was wollen Sie dann hier?« Dass mich der Mann. »Ich habe den königlichen Auftrag.« »Lotingen?«. als Doktor Plucker zwei weitere Blutegel an seinen nackten Schenkeln anlegte. rief Rhunken entsetzt aus. der mich empfohlen hatte. murmelte der Patient verärgert. Im westlichen Gerichtsbezirk«.Eine gelbhäutige Hand schoss unter Prokurator Rhunkens Tuch hervor und mit einer solchen Geschwindigkeit auf mein Gesicht zu. über meine Person befragen würde. »Ich bin der dortige Magistrat. »Von der Geheimpolizei. »Sie sind gekommen«. »Das ist sein Werk! Dieser hinterlistige Kerl will mich quälen. denn der war damit beschäftigt.« Prokurator Rhunken wandte das Gesicht zur Wand. »Sie haben mich doch vorgeschlagen. krächzte Rhunken. Auch ein Blick auf den Arzt half mir nicht weiter. kam unerwartet. dass es mir die Sprache verschlug. einen zweiten riesigen Blutegel auf dem anderen Bein des Kranken anzulegen. Nicht Sie …« 47 . nehme ich an?« »Aus Berlin?«.« Herr Rhunken runzelte die Stirn. wiederholte ich unsicher. »Aus Berlin.« »Ich habe einen Emissär aus Berlin erwartet«. »Ich habe niemanden vorgeschlagen«. Ihren Fall zu übernehmen.« Rhunken schüttelte ungläubig den Kopf.

Und um die.»Er hat noch nie von Ihnen gehört«. ermahnte dieser ihn und warf über die Schulter einen Blick in meine Richtung. hierherzukommen. während er seinem Patienten einen kleineren schwarzen Egel an der schweißnassen Stirn anlegte und noch einen an der rechten Schläfe. »Gehen Sie zum Gerichtsgebäude«. »Und versuchen Sie. damit sich ein Fachmann damit befasst. Haben Sie denn kein Mitleid?« Plötzlich schnappte Rhunken nach Luft. finde ich. »Nur keine Anstrengung«. Lassen Sie ihn in Frieden!« Während der Arzt darauf erpicht erschien. das zu tun … was mir nicht gelungen ist. dass er krank ist«. Sie wühlen ihn auf. haben Sie ihn nun lange genug gebracht. Ich brauche seine Hilfe. um mich mit verblüffender Kraft in die Knie zu ziehen. »Herr Rhunken braucht Ruhe. sagte Rhunken mit schwacher Stimme. Seine Hand krampfte sich um meinen Ärmel. Herr Rhunken weiß mehr über die Morde als jeder sonst. das Gespräch zu beenden. »Der König hat mich beauftragt. »Das sieht doch jeder. begann zu röcheln und heftig zu husten. »Haben Sie Erbarmen!« »Ich kann nichts dafür.« Doktor Plucker wandte sich mir mit wütender Miene zu. Der Blutegel an seiner Stirn rutschte gesättigt auf die Wange des Prokurators. von der der Arzt ihn hastig entfernte. bevor er in den Napf spuckte. wollte der Patient es offenbar fortsetzen.« 48 . den der Arzt ihm hinhielt. erwiderte ich. Zu viel Aufregung schadet ihm. zischelte mir Doktor Plucker ins Ohr. Ihm wurde der Fall entzogen.

Herr Stiffeniis?«. »Das wird noch sein Ende sein«. »Wer hat Ihnen befohlen. heute nach Lotingen zu kommen. herrschte er mich an.Dann sank er. »Führen Sie Herrn Stiffeniis hinaus!«. keifte Doktor Plucker. Während meines Aufenthalts in dem Haus war die Temperatur weiter gesunken. fragte ich unwirsch. rief ich. Als die Tür sich hinter mir geschlossen hatte. mit was für einer Waffe sie umgebracht wurden!«. erkundigte er sich. bevor er mich mit erstaunlicher Kraft hinaus in den Flur beförderte. schob mich weg und ergriff das Handgelenk seines Patienten. stand ich einen Moment lang stocksteif im kalten Licht des Mondes. fauchte Doktor Plucker. 49 . das ich einst in der römischen Villa Borghese gesehen hatte. das Gesicht geädert wie Kirchenmarmor. sagte sie sanft und dirigierte mich durch die düsteren Korridore und Räume voller Bücher zum Ausgang. »Ich muss Sie bitten. packte mich am Arm und zerrte mich zur Tür. in eine Ohnmacht zu fallen schien. die Augen geschlossen und um Luft ringend. in was für einem Zustand er sich befindet?«. der nun. »Aber Sie müssen doch wissen. Sergeant Koch?«. »Ist Ihnen denn nicht klar. Jenseits des Zauns wartete Sergeant Koch auf mich. »Alles in Ordnung. und frisch gefallener Schnee bedeckte seinen Hut. mein Herr«. um seinen Puls zu fühlen. »Kommen Sie. wo die Dienstmagd stand. diesen Raum zu verlassen!«. die Egel an seinem Gesicht in wildem Aufruhr wie bei einem Bildnis der Medusa. in die Kissen zurück. auf mich zukam. wies er sie mit lauter Stimme an. als Prokurator Rhunken.

erklärte er. Der Bote sagte. rief er mir nach. ohne zu zögern. Sie haben überhaupt nicht persönlich mit Herrn Rhunken gesprochen?« Koch schüttelte den Kopf. als ich merkte. antwortete er. ich bin zum Vergnügen in Königsberg? Nein. Koch öffnete den Mund. »Wollen Sie denn nicht zuerst Ihre Unterkunft sehen?« »Glauben Sie. Wenn ich irgendetwas falsch gemacht habe. was ich zu tun und wohin ich zu fahren hätte.« »Das heißt. Ich bin ein Untergebener des Prokurators. sagte ich und wandte mich in Richtung der Schlossanlage auf der anderen Seite des Platzes. »Der kennt mich aber nicht«. Erst nach einer ganzen Weile meinte er: »Ich glaubte. »Ich muss sofort zum Gerichtsgebäude«. dass Koch sich nicht von der Stelle bewegt hatte. Sergeant!« 50 . Derselbe Bote überreichte mir den Umschlag mit dem königlichen Siegel und die Papiere. Ein Bote hat mir das Schreiben überbracht. erwiderte ich mit einer Kälte. um etwas zu sagen. die mich selbst überraschte. »Zum Gerichtsgebäude?«.»Prokurator Rhunken«. die ich Ihnen auf dem Weg nach Königsberg geben sollte. tut mir das herzlich leid. »In dem Schreiben stand.« »Von wem war es unterzeichnet?« »Es trug keine Unterschrift. Herr Rhunken braucht seine Anweisungen an mich nicht zu unterzeichnen«. das Dokument komme von oben. es sei Herr Rhunken gewesen. Ich war schon einige Schritte’ gegangen. ich muss Morde aufklären. schloss ihn aber wieder.

und zwar. erwiderte ich.« Koch betrachtete mich kühl. Koch hob den Blick zum Himmel. Fragen zu stellen. »Misst man in Königsberg die Zeit auf diese Weise. Man hat mir lediglich mitgeteilt. fiel ich ihm ins Wort. Mehr weiß ich auch nicht«. sobald der Mond seinen Zenith erreicht hat. »Der Mond steht noch nicht hoch genug«. dass Sie mich im Dunkeln tappen lassen. 51 . um etwas zu sagen. bevor er antwortete: »Der Mann heißt Doktor Vigilantius. doch dann fuhr er fort: »Wir haben genug Zeit …« »Hat die Kälte Ihr Gehirn eingefroren. Sergeant«. ihn am Kragen zu packen. keine Minute früher. dass Sie einen Assistenten erhalten werden.« Langsam marschierte ich über den knirschenden Schnee zu ihm zurück und konnte nur mit Mühe den Impuls unterdrücken. doch es kam nichts heraus. sagte ich. sagte er. meinte Koch. Schneeflocken landeten auf meinen kalten Lippen und schmolzen auf meiner Zunge. Koch?«. Sergeant«.Koch machte einen Schritt und nahm seinen Hut ab.« Ich öffnete den Mund. »Davon haben Sie bisher nichts erwähnt.« »Menschen haben für gewöhnlich Namen. »Es ist nicht das erste Mal. »Es steht mir nicht zu. »Was in Gottes Namen hat der Mond damit zu tun?« »Ich soll Sie zum Schloss bringen. wenn der Mond im Zenith steht. ihn falsch verstanden zu haben. Koch? Mit Hilfe der Mondphasen? Oder ist das nur wieder unsinniger Aberglaube?« »Dort drüben ist eine Zusammenkunft anberaumt. Einen Augenblick meinte ich.

antwortete er hastig. nein«. »Ich soll Sie an einen anderen Ort bringen. als hätte man mir die Blutegel angelegt. »will der Doktor Experimente wissenschaftlicher Natur durchführen. »Diese Frage kann ich nicht beantworten. Wer hat Augustus Vigilantius hierher nach Königsberg gerufen?« »Es tut mir leid. Was nutzte es.« Plötzlich hatte ich das Gefühl. Koch?« Ihm schien mein Sarkasmus zu entgehen. presste ich schließlich hervor.« »Lassen Sie es mich anders ausdrücken. meinte Koch zögernd. eine weitere Erklärung abzugeben.« »Konnen oder wollen Sie nicht? Das scheint sich wie ein roter Faden durch unsere Gespräche zu ziehen«. keinen Funken Energie mehr zu besitzen. Die Kutsche wartet. brummte ich verärgert. Koch. »Sie haben noch Zeit vor dem Treffen«. Herr Prokurator Stiffeniis«. »Stimmt genau. Koch.»Ein Nekromant?«. »Offenbar ist er in puncto Gehirnströmen Experte«. wiederholte er schließlich. antwortete er. 52 . entschuldigte er sich. doch Koch machte keinerlei Anstalten. »Was macht der denn hier?« »Soweit ich weiß«. das zur Schlachtbank trottet. »Ich soll Sie zuerst zu Ihrer Unterkunft bringen. Aber was macht Vigilantius hier?« »Wie gesagt: Er will Experimente durchführen. »Bin ich denn nicht dort untergebracht?« »Nein.« »Und von welcher Art Wissenschaft sprechen Sie. sich weiter mit diesem Mann auseinanderzusetzen? Ich folgte ihm artig zur Kutsche wie ein Lamm.« Ich deutete zum Schloss hinüber.

und eine kleine Flotte Fischerboote ruhte auf dem Trockenen. Plötzlich stieg mir der Gestank von Fisch und Seetang in die Nase. Ein schwarzer Steinpier ragte armgleich ins Wasser hinaus.IV ie Kutsche fuhr holpernd an. noch warum ich ihn aufsuchte. Er hatte mich nicht erwartet und wusste weder. Ich sah hinaus. Seeleute mit Säcken D 53 . Jenseits einer Sandbank erstreckte sich das graue Meer nordwärts in die Unendlichkeit. Große Dreimaster warteten vertäut wie tote Wale darauf. Raue Möwenschreie rissen mich aus meinen Überlegungen. von wem dann? Rhunken hatte auf einen Beamten von der Berliner Geheimpolizei gehofft. Der frische Schnee auf dem Kopfsteinpflaster machte die Pferde nervös und den Kutscher zögerlich. Warum hatte man mich zu ihm geschickt? Und wenn die Empfehlung nicht von ihm stammte. die Masten wie ein Wald aus Eiszapfen. ans Ufer gezogen zu werden. wer ich war. Es herrschte Ebbe. waren meine Gedanken bei Prokurator Rhunken. einen Fachmann für politische Fragen und Morde. Der Strand war bis auf eine Rinne voll schnell strömendem Wasser mit einer Eisschicht bedeckt. Während das Rattern der Räder von den hohen dunklen Steinmauern beiderseits der Straße widerhallte.

Abgesehen von den Soldaten in den Straßen war dies die erste größere Menschenansammlung. in Gesellschaft von Schmugglern und Piraten? Ich bin nicht zum Vergnügen in Königsberg. die ich seit meiner Ankunft in Königsberg zu Gesicht bekam. ein bisschen abgelegen. Sie hierherzubringen«. Zwischen Schiffen und Lagerhäusern liefen Hafenarbeiter hin und her wie Ameisen. hatte bestimmt die Blutegel für die Armee aus Südamerika mitgebracht. während uralte Kräne unter dem Gewicht ihrer Ladung ächzten. dass meine Einführung in Königsberg nach einem Plan ablief. Aber wer gab den Takt an? Und zu welchem Zweck? 54 . Allmählich bekam ich das Gefühl. erklärte mir Koch. ins Gasthaus. »Wie ein fahrender Händler. fragte ich. »Zu Ihrer Unterkunft. aber die Kutsche wird immer …« »Ein Gasthaus?«. erwiderte Koch ungerührt. Es befindet sich direkt am Kai. legte hier ein Dutzend Schiffe aus den entlegensten Winkeln der Erde an. »Ich habe Anweisung. Einer der Frachter. zugegeben. An einem durchschnittlichen Tag. wie ein höfischer Tanz. wiederholte ich ungläubig. dachte ich. »Wohin führen Sie mich.und Ballen rannten die Planken hinauf und herunter. Herr Koch?«. und mein schweigsamer Tanzlehrer Koch mich Schritt für Schritt dabei anleitete. einer für den Fleiß ihrer Bewohner und die Geschäftstüchtigkeit ihrer Händler bekannten Stadt. seine Kapazität übertraf selbst die Häfen von Hamburg und Danzig. Sie nannte den größten Hafen der Ostsee ihr eigen. erinnerte ich ihn noch einmal. Sergeant«. und die gleiche Anzahl machte sich wieder auf den Weg hinaus in die Welt.

dem dichte graue Locken in die Stirn fielen und der in jedem Ohr einen Messingring trug. welcher fast die gesamte gegenüberliegende Wand einnahm. In der Düsternis schimmerte das matte Glas des Erkerfensters bernsteinfarben. »Es heißt ›Zum baltischen Walfänger‹. Er begrüßte mich mit einem Nicken. dass die Unterkunft bequem ist«. viel besser als im Schloss. Mit eisigen Gliedern traten wir durch die Tür. ist das Essen hier ausgezeichnet. was darauf hindeutete. sah ich mich in dem Raum um. Drinnen empfing mich ein Schwall drückender Hitze. bevor er sich hinter die Theke duckte. der sich mir an jenem Tag bot. »Soweit ich weiß. dass ich den Namen des Gasthauses nicht entziffern konnte. auf dem sich eine Wetterfahne in Form eines Schiffs mit geblähten Segeln im Wind drehte. Während Sergeant Koch sich einem Mann zuwandte.»Ich hoffe nur. Alles wirkte sauber und einladend. Das Holzschild über der Tür war so voller Schnee. kräftigen Mann zu mir. Herr Prokurator«. keine Beachtung. als die Kutsche vor einem alten Ziegelhaus mit schiefem Dach anhielt. dass drinnen ein Kaminfeuer brannte – der erste tröstende Ausblick.« Ich schenkte seinem Versuch. Kurz darauf tauchte er mit einem großen 55 . verriet Koch mir. murmelte ich. Nach einer Weile gesellte sich Koch mit dem groß gewachsenen. Sein gewachster Pferdeschwanz mit dem leuchtend roten Band ließ mich vermuten. Die Tische waren mit weißem Leinen und glänzendem Silber gedeckt. der das Feuer in dem Kamin schürte. meine Laune zu heben. dass es sich um einen ehemaligen Walfänger handelte.

dass wir hier nur Schutz vor dem Schneesturm suchten. wandten sie sich wieder ihrem Bier. Gesichter aus dem Mittelmeerraum waren in Preußen wie in vielen anderen Teilen Europas seit einigen Jahren kein ungewohnter Anblick mehr. Nachdem sie offenbar zu dem Schluss gekommen waren. ein anderer die eines russischen Husaren mit kurzem grünem Umhang und Goldtressen über der Brust. sagte er mit tiefer. wenn die Ägypter schlau genug gewesen wären. aber nicht unterwürfigen Lächeln. »Ich habe jemanden nach oben geschickt.« Ich bedankte mich und sah mich noch einmal in dem Raum um.Schlüsselring wieder auf und bedachte mich mit einem respektvollen. »Ich bin Ulrich Totz. Vermutlich handelte es sich um einen Marokkaner oder Türken. Wir haben Sie schon erwartet«. während Koch sich die Hände am Feuer wärmte. Lassen Sie mich Ihr Gepäck aus der Kutsche holen. Drei von ihnen trugen die Uniform der preußischen Marine. ihre Geheimnisse für sich zu behalten. ihrer Pfeife und ihrer Unterhaltung zu. Doch der Kaiser liebte die Früchte der exotischen Dattelpalme über alles. wohltönender Stimme. hätte Bonaparte sie in Ruhe gelassen. um in Ihrem Zimmer einzuheizen. Von einer hohen Wandbank beim Kamin aus betrachteten einige Männer Koch und mich mit unverhohlener Neugierde. der Wirt. Der Mann direkt am Kamin hatte dunkle Haut und einen schräg auf dem kleinen Kopf sitzenden leuchtend roten Fes und kraulte seinen riesigen Schnauzbart. höchstwahrscheinlich um einen Handelsschiffsoffizier. und so … 56 . Gemeinhin hieß es. Zu dieser frühen Stunde waren noch nicht viele Gäste da.

sagte ich. »Wie bitte?« »Haben Sie denn heute Nacht etwas anderes vor?« »Nein. musste ich gestehen.« Ich stellte mich neben Koch ans Feuer. »Bis zu Ihrer Verabredung mit Doktor Vigilantius ist noch etwa eine Stunde Zeit. »Ich frage mich … ich meine.Bevor ich mich weiteren Überlegungen hingeben konnte. sagte ich und schwieg dann einen Moment. ein flaues Gefühl im Magen bekam. »Ich habe den Auftrag. »Sie haben heute Ihre Effizienz und Diskretion bewiesen. Herr Prokurator«. ohne den Blick von den knisternden Scheiten zu heben. dann wäre das also abgemacht«. den ich um Hilfe bitten konnte. ich wäre dankbar. wann immer Sie wollen. Koch«. »Sie haben das zweite Zimmer links im ersten Stock. scherzte ich. das düstere Schloss am Ostmarktplatz allein betreten zu müssen. um mir die Hände zu wärmen. Koch pflichtete mir mit einem Murmeln bei. »Ein erfreulicher Anblick«. nein. der Mond!«. Sergeant Koch war der Einzige in der Stadt. kehrte der Wirt mit meinem Gepäck zurück. »Sie werden mir hoffentlich Gesellschaft leisten?« Koch wandte sich mir verblüfft zu. fasziniert von den tanzenden Flammen. erinnerte er mich. Sie können hinaufgehen. Ihren Anweisungen zu folgen. Herr Prokurator«. weil ich bei dem Gedanken. Es ist gerichtet. wenn Sie Ihr Wissen über die Stadt mit mir teilen würden. richtig. »Ja. Wir standen eine ganze Weile schweigend nebeneinander. 57 . antwortete er freudig überrascht. Aber ich war mir nicht sicher. ob …« »Gut.

Kann er noch heute Abend zugestellt werden?« »Ich überbringe ihn persönlich«. Am Fenster befand sich ein kleiner Schreibtisch mit einer Öllampe darauf. fielen mir die angenehme Wärme und Sauberkeit des Raums. während an der gegenüberliegenden Wand ein großer Schrank und ein dazu passender Frisiertisch aus Walnussholz ein Himmelbett mit sauberen Vorhängen flankierten. mein Zimmer zu finden. »also erbe ich Sie wohl. dass ich Ihnen behilflich sein kann …« »Ich bin Prokurator Rhunkens Nachfolger«. antwortete Koch sofort. erklärte Koch. dessen Tür angelehnt war. Bitte bestellen Sie uns doch zwei Gläser heißen Grog. Ein großer blauer Krug aus Dresdner Porzellan und eine Waschschüssel vervollständigten die Einrichtung. ohne von den Flammen aufzublicken.« Oben hatte ich keine Mühe. 58 . die dunklen Eichenbalken an der niedrigen Decke. Da sie mir beide den Rücken zuwandten. »Danke. Aber wenn Sie mich jetzt entschuldigen würden: Ich muss einen Brief schreiben. Ich brauche nicht lange. der kniend mit einem Blasebalg das Feuer anfachte. sagte ich. die weiß verputzten Wände sowie der lediglich in der Mitte ein wenig abgetretene Teppich auf. Sergeant. Als ich meinen Hut aufs Bett legte. einen kleinen Scherz wagend. »Wenn Sie glauben.Wollen Sie mir während meines Aufenthalts in Königsberg zur Seite stehen?« »Prokurator Rhunken benötigt mich im Augenblick nicht«. Der Wirt stand neben einem Jungen. bemerkten sie mich nicht.

war ich verblüfft über den plötzlichen Wandel der Szene. Des knisternden Feuers und des Blasebalggeräuschs wegen verstand ich nur wenig von dem. Herr Totz hatte die Hände in die Hüften gestemmt. Das ist Morik. verbrennt sich die Finger. Das Gesicht des Jungen war vor Angst verzerrt wie das eines in die Enge getriebenen Fuchses. Ein wenig erinnerte er mich an einen Dorfwachmann. während ich mich umdrehte. »Wer mit dem Feuer spielt. Morik«. lobte ich den Neffen. sagte der Wirt mit einem Zwinkern in meine Richtung. Ihr Zimmer«. der noch immer mit rotem Gesicht vor dem Kamin kauerte. meinen Umhang abstreifte und aufs Bett fallen ließ. sagte ich laut. begrüßte mich mit freundlicher Miene. Morik!«.« Seine Hand krallte sich fester um die Schulter des Jungen. Herr Totz«. der gerade einen Jungen beim Stehlen erwischt hat. scheint er wirklich zu wissen. der vor Schmerz zusammenzuckte. Und Ulrich Totz. und ich bin sowieso fast immer unten im Gastraum. mein Neffe. wie man ein Feuer entfacht. »Da hast du aber ein schönes Feuerchen gemacht. war sein drohender Ausdruck unverkennbar. »Nun. Als ich mich wieder dem Kamin zuwandte. »Bitte sehr. Seine Linke ruhte schwer auf der knochigen Schulter seines Anbefohlenen. noch kurz zuvor deutlich wütend. 59 .Zufrieden wanderte mein Blick wieder zurück zu dem Wirt und dem Jungen. »Wenn Sie irgendetwas brauchen sollten – meine Frau kommt noch heute Abend von ihrer Schwester zurück. spottete Herr Totz gerade. was die beiden miteinander sprachen. Obwohl ich sein Gesicht nur im Profil sehen konnte.

und stürzte sich auf meine Tasche wie ein kleiner Affe. »Gieß mir nur noch ein bisschen warmes Wasser in die Schüssel. diese Freundlichkeit beizubehalten. Morik!«. Kamm und Bürste legte er neben die Waschschüssel. »Wird das Gasthaus überwacht?« »Ganz Königsberg wird überwacht«. bei mir zu bleiben und meine Sachen auszupacken. Er war ein aufgeweckter Junge mit wachen Augen und rundem. Strümpfe und Unterwäsche breitete er auf dem Bett aus. Allerdings hatte ich den Eindruck. Dass Totz sich nicht mehr im Raum befand.« »Von dem Schutzmann?«. Zu diesem Zweck 60 . arrangierte mein Schreibzeug und formulierte einen Brief. möchte ich mich frisch machen. Umstände. »Jetzt ist es gut. die sich meiner Kontrolle entziehen. als ich ihn entließ.Wieder bedachte der Wirt mich mit einem breiten Lächeln. alles andere verstaute er in Schubladen. Ich folge einem königlichen Auftrag größter Wichtigkeit. sagte ich schließlich. führen mich wieder nach Königsberg. Herr Jachmann. schien Morik bedeutend ruhiger werden zu lassen. Hemden. amüsiert über seine kindliche Neugierde. dass es ihn große Mühe kostete. rotbäckigem Gesicht. ihn je verfassen zu müssen. höchstens zwölf Jahre alt. den ich Ihnen gern so bald wie möglich erläutern würde. Er schien die Berührung so schöner Dinge zu genießen und ließ sich Zeit. den Jungen aber bat. fragte Morik aufgeregt. Ich werde unten erwartet. antwortete ich. von dem ich nicht gedacht hätte. ja? Bevor ich das Haus verlasse. Dann setzte ich mich an den Tisch am Fenster.

»Da wäre ich mir nicht so sicher. dass ich seine Anwesenheit völlig vergessen hatte. Mit einem Lächeln schlüpfte ich aus Jacke und Weste und rollte die Hemdsärmel hoch. erwiderte ich und holte eine Münze aus der Westentasche.« Nach einem raschen Blick zur Tür nahm er mir die Münze aus der Hand. »Ich tue alles. mein Herr!«. Morik?«. Das Wasser wäre bereit. fragte ich. Auf den nächtlichen Straßen von Königsberg geht ein Mörder um. mein Herr«.werde ich morgen um zwölf Uhr mittags bei Ihnen erscheinen. »aber auch leichtsinnig. Untertänigst. ant- 61 . Magistrat »Soll ich den Brief für Sie zur Post bringen. Ich war so vertieft gewesen.« »Mutig. »Warum sollte ich dir nicht glauben. Du bist sicherer im Haus. Mit der Bitte um Antwort. Der Junge hatte mir über die Schulter geschaut. »Zur Post? Um diese Zeit? Hast du denn nach Einbruch der Dunkelheit keine Angst auf der Straße?«. fragte Morik und trat einen Schritt näher. Hanno Stiffeniis.« Ich tat die Worte des Jungen als kindisches Geschwätz ab. mein Herr?« Ich wandte mich erstaunt um. mutig«. »Aber nein. flüsterte er. was Sie von mir verlangen. vor dem Gespräch mit Ihnen jeden Kontakt mit der Prinzessinstraße zu meiden. Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort. »Glauben Sie mir denn nicht. »Hier in diesem Gasthaus ist es gefährlicher als auf der Straße. antwortete der Junge sofort. mein Herr?«.

mein Herr«. flüsterte er mir noch leiser als zuvor zu. »Was für Dinge meinst du genau?« »Einer der Ermordeten hat seine letzte Nacht hier verbracht. oder?« »Er sagt. verdrehte die Augen und schüttelte den Kopf. »würde ich ihn jetzt gern mitnehmen. dass Jan Konnen den Abend vor seinem Tod in Ihrem Gasthaus verbracht hat. in Gedanken bereits bei dem Gespräch. Und arbeitsscheu ist er obendrein. »Wenn Sie den Jungen nicht mehr benötigen«. Plötzlich war Konnen verschwunden. Jan Konnen …« Da klopfte es laut an der Tür.wortete ich. oder nicht?« »Natürlich«. »Dieser Junge!«. das mir an jenem Abend noch bevorstand. wenn ich ihn Ihnen entführe. und er bestätigte zuckersüß: »Ja. Sie haben doch nichts dagegen. das stimmt. »Deswegen sind Sie doch hier. Ohne auf ein »Herein« zu warten. Ich habe der Polizei bereits alles gesagt. Unter Eid. »In diesem Haus gehen seltsame Dinge vor sich. Mehr weiß ich auch nicht. Ich brauche ihn in der Küche. und zwar sofort!« Bevor ich etwas entgegnen konnte. Stimmt das?« Erst nach einer ganzen Weile trat ein gequältes Lächeln auf die Lippen von Ulrich Totz. scherzte ich und spritzte mir warmes Wasser ins Gesicht. das Zimmer verlassen. »Er lügt wie gedruckt. hatte Morik bereits. rief Totz. trat Herr Totz ein. Ich trocknete mir gerade das Gesicht ab. erklärte der Wirt verärgert.« 62 . Würden Sie mich jetzt bitte entschuldigen? Wir haben im Moment ziemlich viel zu tun. einen weiten Bogen um seinen Herrn machend.

als ich von Koch erhalten hatte. über die Einzelheiten ist mir nichts bekannt. sagte ich und tippte dem Sergeant auf die Schulter. Unten wartete der Sergeant mit zwei hohen Gläsern heißem Grog auf einem Tischchen am Feuer. fiel ich ihm ins Wort. mir die Aussage von Ulrich Totz schnellstmöglich vorzunehmen. »Wie merkwürdig. Aus dem umgestürzten Glas neben ihm tropfte der Grog auf den Boden. fragte ich.Ich entließ ihn mit einem Nicken. War ich in ein bizarres Labyrinth gelockt worden oder nächtigte ich aus reinem Zufall in genau jenem Gasthaus. in dem das erste Mordopfer seine letzten Stunden verbracht hatte? Ich beschloss. als hätte ich ihn halbnackt ertappt. »Koch«. den Kopf an die Wand gestützt. Er sprang auf und setzte sich sofort den Hut auf den Kopf. »Nein. roten Röcken und tief ausgeschnittenen Blusen standen im Mittelpunkt des allgemeinen Interesses. Offenbar gab es im Zusammenhang mit den Morden doch mehr Informationen. »Die Kutsche ist …« »Jan Konnen wurde hier ermordet«. Offenbar weiß die ganze Stadt darüber Bescheid. Natürlich wusste ich. dass der Mann irgendwo am Hafen umge- 63 . bevor er erklärte: »Wie gesagt. »Wussten Sie das?« Koch schwieg eine ganze Weile. davon hatte ich keine Ahnung. Inzwischen waren mehr Gäste eingetroffen – zwei Frauen in weiten.« Koch holte tief Luft.« »Tatsächlich?«. Der russische Offizier mit der auffälligen Uniform schlief inzwischen an seinem Tisch.

das ich vorhin erwähnt habe«. »Für einen Herrn namens Reinhold Jachmann hier in der Stadt. so dass wir sofort mit den Zähnen zu klappern begannen. wenn ich nicht irre?«. »Die Kutsche.« Falls Koch den Namen kannte.« »Es reicht. »Wer auch immer mich hier einquartiert hat: Er jedenfalls weiß Bescheid. aber nicht. während wir uns auf die Tür zubewegten. dass es in diesem Gasthaus war. 64 . berichtigte ich ihn. »Ich bringe es zu ihm. versuchte ich es in lockererem Tonfall. dann streckte ich ihm meinen Brief hin.« Draußen hatten sich hohe Schneeverwehungen auf dem groben Kopfsteinpflaster angehäuft. da haben Sie recht. ließ er es sich nicht anmerken.« Einen Moment standen wir uns schweigend gegenüber. Ein kaum wahrnehmbares Lächeln huschte über Kochs Gesicht. »Das ist das Schreiben. »Auf dem Nachhauseweg. wieder einmal in gegenseitigem Unverständnis.« »Brauchen Sie sonst noch etwas?«. ein wenig versöhnlicher gestimmt. erkundigte er sich. »Ja.bracht wurde. sagte er mit einem pflichtschuldigen Nicken. und der Wind blies heftig vom Meer herein. wenn Sie das gleich morgen Früh erledigen. Koch«. Der Mond dürfte allmählich seinen Zenith erreicht haben. erwiderte ich. »Das Haus von Herrn Jachmann befindet sich in der Klopstraße.« »Vor dem Gasthaus«. sobald wir im Schloss gewesen sind«. sagte ich.

Erst jetzt fielen mir die beiden Gläser Grog ein. murmelte Koch und folgte mir in die Kutsche. 65 .»Gott helfe uns!«. die wir unberührt auf dem Tischchen im Gasthaus zurückgelassen hatten. Dieses Versäumnis sollten wir in jener Nacht noch bereuen.

Sergeant Koch betätigte den großen Eisenringklopfer an der riesigen Holztür. Zu beiden Seiten des Haupteingangs warfen flackernde Fackeln ihren Schein auf die düstere Steinfassade. In der Mitte des Hofs schufteten zwei groß gewachsene Soldaten in Hemdsärmeln mit Spaten in der Hand neben einer Holzkiste. Sogar die Wachhäuschen vor dem Schloss und dem Gerichtsgebäude waren leer. »Prokurator Stiffeniis für Doktor Vigilantius«. befahl der Wachmann und Heß uns einige Minuten in der Kälte stehen. Die Luke schloss sich mit metallenem Klang. und wir traten in einen kleinen Innenhof.V unkelheit hatte sich über den menschenleeren Ostmarktplatz gesenkt. Dann wurde die Tür geöffnet. Kurz darauf wurde ein schwerer Riegel zurückgezogen und eine Luke geöffnet. nachdem man die Gendarmen zur Nacht hereingerufen hatte. Aus dem Innern starrten uns Knopfaugen an. zischte Koch plötzlich. als eine Gruppe blau gewandeter Offiziere auf uns zu marschiert D 66 . verkündete Koch. »Warten Sie hier«. Wieso schaufelten sie Schnee hinein? »General Katowice!«.

kam. Kurz darauf sah ich mich einem rotwangigen Mann von weniger als durchschnittlicher Größe und mehr als durchschnittlicher Breite gegenüber. fragte ich. befindet die Stadt sich der Morde wegen in Aufruhr. »Gut. und er runzelte die Stirn. Ich lächelte erleichtert. fügte er mit gesenkter Stimme hinzu. »Genau! Ich will herausfinden. rief er reichlich erregt. »Der Kommandant der Garnison«. Dabei baumelte eine seiner wei- 67 . Unvermittelt wandte er den Kopf nach links. dass Sie hier sind«. während seine Hand den Griff seines Schwerts umstrich. Mir allerdings ist klar. »Das ist die Antwort. Hier wurde ich offenbar erwartet. der scheußlich schwarze Zähne sowie einen riesigen weißen Schnurrbart hatte. wo sie sich verstecken!«. bellte der General und streckte mir seine feiste Hand entgegen. was da vor sich geht. »Jakobiner!«. sagte er. so dass ich sehr deutlich die Ausdünstungen von Knoblauch und allerlei anderen halb verdauten Speiseresten aus seinem Mund roch. »Wie Sie wissen. »Stiffeniis?«.« Er trat einen Schritt näher an mich heran.« »Spione?«. General Katowice legte mir die Hand auf den Arm. begann er. Seine kurzen Arme waren über der breiten Brust verschränkt. Der König möchte die Sache so schnell wie möglich aufgeklärt sehen. so dass eine lange weiße Haarsträhne durch die Luft flog und auf seinem Arm landete wie eine Schlange auf einem Ast. Hochrangige Offiziere orientierten sich in puncto Haartracht noch immer an Friedrich dem Großen.

die Initiative zu ergreifen. soweit ich weiß. Er war einem Barbarenhäuptling ähnlicher als einem preußischen General. während ich ihm folgte. um die Königsberger Festung einzunehmen. »Folgen Sie mir. »Wenn Sie irgendetwas entdecken. werden Sie erwartet. fragte ich mich. meine Herren«. während ein Corporal von rechts zu uns trat und salutierte. warum man mich gerufen hatte. sagte er. informieren Sie mich. hatte aber keine Beweise. Rhunken vermutete eine ausländische Verschwörung gegen Preußen.ßen Tressen wild vor seiner Brust. Was mir leider die Hände band. überrede ich den König. Alles könnte von Ihnen abhängen. »Keine? Wunderbar! Tja. aber das fragte ich nicht. in dem 68 . solidere Argumente für seine Theorie zu finden. Sollte tatsächlich ein Komplott der Jakobiner zur Unterminierung des Friedens in Königsberg und Preußen das Motiv für die Morde sein?. das nach Franzosen aussieht oder riecht. Auf ein Wort von Ihnen oder mir werden sie ohne Erbarmen zuschlagen. »Vertraue keinem Franzmann! Das sind alles listige Teufel im Dienste des Satans! Napoleon würde seinen linken Arm und ein Bein geben. drehte sich auf dem Absatz um und marschierte davon. Noch Fragen?« Am meisten hätte mich natürlich interessiert. Falls es Ihnen gelingen sollte.« Der General und seine Begleiter entfernten sich nach links. Wir stapften einen dunklen Korridor entlang. Ich habe meine Leute inner. Dann kommen wir ihnen zuvor. durchquerten einen großen leeren Raum.« Er legte mir die rechte Hand auf die linke Schulter und sah mir tief in die Augen.und außerhalb der Stadt postiert.

»Hier lang«. die ich zuvor im Hof gesehen hatte. deren Licht nun auf jene beiden Soldaten fiel. und landeten schließlich vor einer schmalen Tür. fragte ich Koch. so eilig. Da hörten wir auf dem Treppenabsatz über uns das Stampfen schwerer Stiefel mit Stahlspitzen. antwortete dieser. Der Corporal hob die Fackel. »Wo bringen Sie uns hin. Das Licht der Fackel focht einen zischenden Kampf gegen die undurchdringliche Schwärze. antwortete er. sagte ich und wurde immer unruhiger. sagte der Corporal. dass wir uns gegen die Wand drücken mussten. gingen unter einem niedrigen Bogen hindurch. hinter dem sich ein Labyrinth aus düsteren Fluren befand. darunter eine zerzauste Perücke. um nicht von ihnen überrannt zu werden. »Zum Doktor. die in eine feuchte graue Wand gemauert war. Sie schleppten eine große Kiste die Treppe herunter. »Befinden Sich die Amtsräume denn nicht oben?«. mein Herr«.« »Was für ein seltsamer Ort für ein Treffen«. »Doch«. die gewiss einen Monat nicht mehr gepudert worden war. Der Schimmelgeruch wurde unerträglich. während er eine Fackel aus der Halterung an der Wand nahm und über eine Wendeltreppe in die Eingeweide der Erde hinabstieg. dann mich an. »Warum gehen wir dann nach unten?« »Ich weiß es nicht.unsere Schritte widerhallten. Auf seinem Kopf saß ein abgewetzter Dreispitz. 69 . Corporal?« Der Corporal blieb stehen und sah zuerst Koch.

fragte ich den Corporal. »Dem Doktor sind Kleinigkeiten sehr wichtig«. die ihm ins Gesicht geschrieben stand. Der Corporal hob den Blick.« »Wie bitte?«. fragte ich. dass der Mond hinter den Wolken hervortreten würde. rief der Vordere über die Schulter zurück. »Wir sollten ihn nicht warten lassen«. »Auf die Minute pünktlich. leeren und sehr kalten Lagerraum führte. Walter!« »Ist das Teil einer Strafe?«. »Keine Ahnung«. fluchte er. als komisch. nachdem die beiden in der Dunkelheit verschwunden waren. Friedrich der Große hatte diese Tradition begonnen. Am Ende des Schachts bemerkte ich ein viereckiges Oberlicht über unseren Köpfen. »Weiter. rief der Corporal ihnen nach. und da ist er!« Ich empfand die Angst. antwortete er und ging weiter die Treppe hinunter. 70 . Draußen zeichnete sich hoch über uns der Vollmond ab. die vor Kurzem an uns vorbeigehetzt waren. die in einen großen. meinte er. »Der Teufel soll mich holen!«. soeben dabei.»Ist er schon da?«. Erst jetzt sah ich. wie groß sie waren. Schnee aus der Kiste auf eine schwarze Plane zu schaufeln. bevor er hastig zu einer Tür am anderen Ende des Flurs schritt. indem er die entlegensten Winkel seines Reichs bereiste. murmelte er. um die Sammlung seiner riesigen Soldaten zu erweitern. »Sie führen einen Befehl aus«. Dort waren die beiden Soldaten. »Er hat gesagt.

verschlug es mir die Sprache. »Womit?«. dann sollten wir beginnen«. noch gab er mir irgendwie sonst das Gefühl. wischte sich die Stirn mit dem Ärmel ab und sagte: »Natürlich. begann ich. »Was machen wir hier unten?«. Der Größenunterschied zwischen ihm und dem Kleineren der beiden Riesen betrug lediglich eine Handbreit. um in die Welt der Geister einzutreten«.« Er reichte mir weder die Hand. schneeweiße Hände pressten einen imposanten. die trotz der Kälte schwitzten.»Nun. Sie haben sich genau an meine Anweisungen gehalten. den Blick auf die Soldaten gerichtet. ganz genau. »Ich bin hier. fragte ich laut. hörte ich da eine Stimme hinter mir. und große. und Atemwolken bildeten sich vor meinem Mund. hageres Gesicht. Graue Locken umrahmten ein langes.« »Nun. meinte Vigilantius. Vigilantius hob seine buschigen Augenbrauen und musterte mich eingehend. samten schimmernden Umhang gegen seinen Körper. stellte er sich vor. »Ich hoffe. »Sie kommen gerade rechtzeitig«. Als ich mich umdrehte. beharrte ich. um meine Autorität unter Beweis zu stellen. »Mein Name ist Vigilantius«. »Doktor Vigilantius. mein Herr. gab aber keine Antwort. Koch …«. Der Mann schien einem Porträt aus der Ahnengalerie im Landhaus meines Vaters entstiegen. willkommen zu sein. schwarzen. 71 .« Einer der Männer trat vor. als er sich mit wehenden Schößen den Soldaten näherte.

fragte ich. brachte aber keine Einwände vor. die schneebedeckte Plane zu uns herüberzuzerren. »gehen Sie!« Der Corporal eilte aus dem Raum. ohne sich noch einmal umzublicken. was sich unter dieser Plane verbirgt. rief ich aus und machte einen Schritt auf die Soldaten zu. »Gut. »Bleiben Sie. Corporal«. fragte Vigilantius mit einem spöttischen Lächeln. Diese beiden Männer sind für den ersten Teil der Operation nötig. stieg unbändige Wut in mir hoch. »Mehr Hilfe werden Sie in Königsberg nicht finden. »Sind Sie denn nicht neugierig. fauchte ich. wies er die Soldaten an. herrschte er Koch an: »Und wer sind Sie?« »Sergeant Koch ist mein Assistent«.« »Was verstecken Sie da?«. Herr Prokurator?«. das kann ich Ihnen versichern. Wollte der Mann mich zum Narren halten? Bedeutete meine Autorität ihm nichts? Der König höchstpersönlich hatte mir diesen Fall übertragen. sagte er und ließ seinen Zeigefinger vorschnellen. als existierte diese tatsächlich und ließe sich mit Scharfblick auf der Weltkarte finden. Der Doktor verzog das Gesicht. dann kann er bleiben. Ärger stieg in mir auf. Bevor ich etwas erwidern konnte. »Nehmt den Schnee weg«. Warum wurde ich in dieser Angelegenheit immer wieder übergangen? Hatte ich überhaupt etwas zu sagen? 72 . wo Sie sind!«. Mittlerweile hatten die Riesen begonnen. ohne auf mich zu achten.entgegnete er. Hier besaß ich die Entscheidungsgewalt. Während die Männer den Schnee mit bloßen Händen wegschaufelten.

dass ich sie auf den ersten Blick für Eis hielt. »War?«. wie Anwalt Tifferch zu Tode gekommen war. was die Klinge der frisch geölten Guillotine anrichten konnte. genauer zu betrachten. gerade Nase wies auf einen schmalen schwarzen Schnurrbart. Das Leben schien ihm aus dem Leib gerissen worden zu sein. »Wer war das?«. Ich konnte nicht erkennen. wie ihnen geheißen. was sich darauf befand. um das. Die Haare waren steif gefroren und so weiß. 73 . von der Kälte zusammengezogene Waden. Eine lange. der Mund stand weit offen. viertes Opfer des Mörders. und ich wusste. An beiden Knien klebte verkrusteter Schlamm. Er lag auf dem Rücken. Seine Haut war glasig und elfenbeinfarben wie die mumifizierter italienischer Heiliger. Sein Gesichtsausdruck wirkte unschuldig verwirrt. wiederholte Vigilantius mit rauer Stimme. in gänzlich unnatürlicher Haltung: den Torso nach oben gerichtet.»Schiebt ihn hier herüber«. »Und jetzt verschwindet!« Ich trat näher an die Plane heran. Säumen und Knopflöchern mit einer dünnen Goldpaspelierung versehen. »Das ist Jeronimus Tifferch. die Knie gebeugt und die Arme ausgestreckt nach unten zeigend. befahl Vigilantius den Soldaten. Cremefarbene Strümpfe schlackerten um dünne.« In Frankreich hatte ich Leichen genug gesehen. Aber trotz dieses Wissens war ich nicht auf den Anblick von Anwalt Tifferch vorbereitet. der Königsberg in Atem hält. fragte ich. den Tifferch offenbar mit Hingabe gepflegt hatte. Sein gut geschnittener Anzug war olivgrün und entlang Kragen. die taten.

erwiderte er. In dieser Stellung verharrte er eine ganze Weile reglos. während er sich ans Werk machte. Ich hatte einige Jahre zuvor in Rom eine Messe besucht und war fasziniert gewesen von den kultischen Handlungen der Priester. Plötzlich begann er an Nase und Mund des Toten zu schnüffeln. Kehre aus dem Reich der Schatten zurück. Seine Augen funkelten im Licht der Fackel. fragte ich. »Hier ist niemand«. machte die Augen zu und berührte die Stirn der Leiche wie ein Geistlicher Brot und Wein beim Offertorium. das befehle ich.« Vigilantius begann heftig zu wanken. Vigilantius umschloss das Gesicht des Mannes mit beiden Händen. körperlose Stimme. Sein Vorgehen erinnerte mich an katholische Riten. und er fing heftig zu zittern an. derer ich Vigilantius nicht für 74 . Schweiß rann ihm dabei in Strömen von der Stirn. zischte er. Lass mich in der Dunkelheit ruhen«. dir …« So etwas wie ein Knurren erklang. sagte ich leise zu Koch. uns und der Leiche. »Jeronimus Tifferch«.»Wie ist er gestorben?«. antwortete Vigilantius geheimnisvoll. »Jeronimus Tifferch. die merkwürdige. »Lass mich. Augustus Vigilantius. »außer ihm. »Das werden wir bald feststellen«. »Hier verbirgt sich noch jemand«. sprach er mit lauter Stimme. das von den Wänden widerhallte und in einem langen Schmerzensgeheul endete. wie von einer unkontrollierbaren Energie erfasst. in der eine unendliche Traurigkeit mitschwang. Koch sah mich mit zusammengepressten Lippen an. Sein Mund war riesig und verzerrt.

ein Art Lied ohne Melodie und schließlich wieder dieses sturmähnliche Geräusch. »Wer hat dich ermordet?« Ich hörte den Schrei einer Eule. kreischte Vigilantius. »Wer hat es getan. dann begann der Wind wieder zu heulen. die in meinem Gehirn nachhallten. das Gurren von Tauben. Eine Weile herrschte Ruhe. Ein Feuer an meinem Hinter- 75 . »Ich bin … ich … nicht länger … nicht länger …« »Wer hat dich in die Dunkelheit befördert?«. In dem flackernden Licht meinte ich zu sehen. wie der steif gefrorene Mund der Leiche sich zum Sprechen öffnete und schloss. antwortete die Stimme ihrerseits kreischend.und Satzfetzen entrangen sich seiner Kehle.fähig gehalten hätte. dass er sich anhörte wie Hammerschläge. klar und deutlich zu verstehen. »Eine Flammenzunge. fragte Vigilantius. »Wer bist du?« »Ich bin nicht länger ich«. »Hol dir die Energie von mir!«. und – wie gern würde ich es leugnen! – sein weiter Umhang erhob sich von selbst wie eine schwarze Wolke. als risse ihm eine unsichtbare Hand das Herz aus dem Leib. Dann ein hoher Schmerzensschrei. das Kreischen einer Katze. und Koch packte mich erschreckt am Arm. Vigilantius bebte am ganzen Körper. »Mord … Mord … Mord …« Der Wind blies so heftig gegen das Gemäuer. Wort. fragte Vigilantius ganz ruhig. die ihn zu verschlingen drohte. Ich kam mir vor wie in einer starken Strömung oder einem wilden Sturm. Sein Atem wurde unregelmäßig. Geist?«.

»Haben Sie es gehört?«. falls es an diesem düsteren Ort überhaupt etwas Echtes gab.« Er trat einen Schritt auf mich zu und versperrte mir so den Blick auf die Leiche. Mein Herz hämmerte noch immer wie wild in meiner Brust. Was hatte ich da gerade erlebt? Kalter Schweiß rann mir den Rücken hinunter. oder glaubte zumindest zu sehen. Mein Magister Emanuel Swedenborg hat mir vor langer Zeit beigebracht. das klang. Plötzlich verzog er die Oberlippe. fragte er. Herr Prokurator. und ich schnappte nach Luft. Illustrere Männer als Sie haben ohne Augen zu sehen gelernt. wie man an sie herankommt. War das die echte Stimme von Anwalt Tifferch? »Dunkel … dunkel … eine Stimme …« »Was für eine Stimme?«. dass Doktor Vigilantius mich beobachtete. als würde die Kurbel eines Leierkastens in die falsche Richtung gedreht. Die Vorstellung war zweifelsohne beeindruckend gewesen. »Wer hat mit dir geredet? Beschreibe ihn. öffnen Sie sich geheimen Welten. wie sich die Lippen des Toten bewegten. »Die menschliche Leiche dient als Behältnis vitaler Empfindungen. Der echte Vigilantius. und er grinste diabolisch von einem Ohr zum anderen. Da merkte ich. Nehmen Sie die Scheuklappen ab. dann senkte sich Stille herab. brüllte Vigilantius gegen ein dissonantes Geräusch an. ich befehle es dir!« Ich sah.kopf …« Die Worte wurden kurz undeutlich. »Das Gesicht ist … des Teufels … nicht mehr«. seine schwarzen Augen funkelten. dann wieder klarer. Seine Selbstsicherheit und 76 . antwortete die Leiche. allerdings näselnd.

Ich habe kein einziges wahres Wort gehört. »Unseren Monarchen. antwortete ich sarkastisch. Eine bedeutende Persönlichkeit. »Was hat der König damit zu tun. fuhr ich mit wachsender Verärgerung fort. als wollte er eine lästige Fliege verscheuchen. »Machen Sie das Beste aus dem. »Sie haben Ihre Berufung verfehlt. Aber was bleibt. »Sie haben mir nichts Nützliches mitgeteilt«. und wieder verzogen sich seine schmalen Lippen zu einem selbstgefälligen Grinsen. Sie stehlen mir die Zeit. ein Taschenspieler. was Sie gerade beobachten durften«. Herr Stiffeniis?« »Kennen Sie ihn nicht?«. behindern meine Ermittlungen. »Wie ist dieser Mann gestorben? Mit welcher Waffe wurde er ermordet? Und warum konnte er das Gesicht seines Mörders nicht beschreiben? Sie sind ein Bauchredner. »Beeindruckend. Der König wird einen Bericht über das erhalten. sagte er. hat 77 . fiel Vigilantius mir ins Wort und fuchtelte dabei mit der Hand in der Luft herum.« Der Nekromant starrte mich trotzig an. der Seine Majestät vertraut.sein Machtbewusstsein waren absurd. in der Tat«. wenn der Vorhang fällt?« Ich wartete vergebens auf eine Antwort. was sich hier abspielt. Sie hätten Schauspieler werden sollen. »König Friedrich Wilhelm weiß nichts über Sie und mich.? Der mir diesen Fall anvertraut hat? Ich habe sein Schreiben hier …« »Sie täuschen sich«. weder aus dem Mund des Toten noch aus dem Ihren. pflichtete ich ihm mit immer noch rasendem Puls bei. König Friedrich Wilhelm III.

wenn Sie ihn treffen. »Sie beleidigen einen wahrhaft großen Mann. bevor ich mich Koch zuwandte. Das Schreiben ist das Papier nicht wert. mit Ihrer und meiner Hilfe. diese Mysterien für ihn zu klären. und ich vergrub sie tief in den Taschen meines Umhangs. Ich würde gern die leere Hülle dieses Mannes untersuchen.« Vigilantius’ spöttisches Lächeln wich einem Ausdruck der Nachdenklichkeit. die Morde mit Taschenspielertricks aufzuklären? Bemerkenswert! Stellen Sie ihn mir doch bitte so schnell wie möglich vor. »Der der König vertraut? Und dieser eminente Mann soll dem König versprochen haben.« Vor Wut begannen meine Hände zu zittern. nehme ich an. Irgendein Sekretär in Berlin hat es unterzeichnet und mit dem königlichen Siegel versehen. die auf Schläge hingewiesen hätten. Ich legte beide Hände auf seinen Brustkorb 78 . zugegen zu sein. Die zwischen seinen gelben Zähnen hervorlugende Zungenspitze war rosafarben. jetzt. und auf seiner Haut konnte ich keinerlei Würgemale oder blaue Flecken entdecken. um Ruhe bemüht.« »In dieser Welt oder der nächsten?«. murmelte ich mit einem Blick auf die Leiche. Die Stadt Königsberg könnte sich nicht in besseren Händen befinden. An seinen Kleidern befand sich kein einziger Tropfen Blut. »Assistieren Sie mir. »Eine bedeutende Persönlichkeit?«. Ein Vorwand. Ich hoffe. fragte ich. um Sie hierher zu locken. Herr Prokurator.versprochen. weder schwarz noch geschwollen.« Wir beugten uns über Jeronimus Tifferch. wo sein Geist daraus geflohen ist. auf dem es verfasst wurde.

»Gütiger Himmel!«. Herr Koch?« »Was wollen Sie damit?«. Nachdem ich den steifen Stoff weggerissen hatte. »Haben Sie ein Messer. »Daran besteht kaum ein Zweifel«. Verblüfft betrachteten wir. die Hände erneut auf den steifen. Ich kam mir vor wie früher jene Ärzte. fand ich keine Wunden. um einen Blick auf das gefrorene Fleisch darunter werfen zu können. Was für ein seltsamer Mord war das? »Helfen Sie mir. Der Ort eignete sich dafür hervorragend: ein geheimer Raum in den stinkenden Eingeweiden der Erde. die die verbotene Kunst der anatomischen Sektion praktiziert hatten.und drückte dagegen. flüsterte Koch. was sich darunter verbarg.« Ich zwang mich. mit dem einzigen Unterschied. und die Haut fühlte sich hart an wie feuchter Stein. pflichtete ich ihm 79 . kalten Leichnam zu legen. Koch. dass sie mir in dem Gewölbe noch schwärzer erschien. »Von einer Peitsche«. Dabei knisterte seine Kleidung. Als ich sein Hemd öffnete. ihn auf die linke Seite zu drehen. genau wie hier drinnen. Draußen war es Nacht. ihn umzudrehen. auch im hellen Licht der Sonne tun können? Ich hätte es als schändlich empfunden. Hätten wir das. was wir taten. Vorsichtig entfernte ich mit den Fingerspitzen die Blutkrusten. Schweigend nahm ich Kochs Taschenmesser entgegen und schnitt die Jacke des Toten vom Kragen bis zum unteren Saum auf. Der obere Rückenbereich des Mannes war voll alter Narben und neuer Schnitte. wiederholte ich das Ganze bei seinem Leinenhemd. fragte Vigilantius. Auch dort schien alles in Ordnung zu sein. und gemeinsam gelang es uns. murmelte Koch.

»Mir geht es um die in der zerbrechlichen menschlichen Hülle gefangenen vitalen Energien. Ich bin lediglich ihr Sprachrohr. Die Logik ist nur eines von vielen Systemen der Erkenntnis. dass ihn das nicht umgebracht hat. »Könnte das die Todesursache gewesen sein?«. Es wäre unklug. Begreifen Sie denn nicht? Es gibt zahllose Wege zur Wahrheit. warum er ermordet wurde. während ich die Haut betrachtete. »Diese Wunden sind nicht die Todesursache. »Sie haben doch gehört. Durch Fakten ließ er sich offenbar nicht aus der Ruhe bringen.« »Falls es seine Worte waren«.« »Dieser Mann ist ausgepeitscht worden«. beharrte der Nekromant. herrschte ich ihn an.« Augustus Vigilantius bedachte mich mit einem breiten Grinsen. seinen Worten keine Beachtung zu schenken. erwiderte ich. Herr Stiffeniis«. von einem Feuer in seinem Gehirn. Dort müssen Sie ansetzen!« »Das entscheide ich ganz allein!«. »Ich weiß. »Meine Informationen entstammen nicht der Untersuchung seines Körpers«. die sich mir wie eine geheimnisvolle alte Schriftrolle präsentierte. »Es war die Rede von Flammen.bei. aber es könnte erklären. »Ihr unerschütterlicher Unglaube ist die vergiftete Frucht des Dogmatismus. erklärte er steif. meldete sich Vigilantius zu Wort. »Tifferch selbst hat uns soeben eine andere Geschichte erzählt. Das ist der Ausgangspunkt meiner Ermittlungen. fragte Koch. was er gesagt hat«. entgegnete ich.« 80 .

Es gibt da einen 81 . fauchte der Nekromant. »Nur an der Oberfläche. Zu diesem Zeitpunkt kann ein in die Kunst der Divination Eingeweihter ihn erreichen. das mir schon zuvor eine Gänsehaut beschert hatte. »erlangt der Strom des menschlichen Geistes seine höchste Intensität. höhnte ich. »Er stinkt. begegnete ich dem spöttischen Blick des Nekromanten. »Sind Sie ein Hund?«. einen Schritt zurücktretend. sagte Vigilantius. fragte ich. dass Sie kein Kaninchen aus dem Hut des Toten gezaubert haben!« »Wenn der Mond im Zenith steht«.»Hokuspokus!«. er wird nie wiederkehren. Herr Stiffeniis.« Er entfernte sich ein wenig von mir. ihn zurückzudrehen. Herr Stiffeniis. Sie berauschen sich am äußeren Schein.« »Helfen Sie mir. »Sie sollten mir dankbar sein. wies ich meinen Assistenten an. gierig sog er die Luft ein. Seine Nasenflügel blähten sich. ohne dass das spöttische Grinsen aus seinem Gesicht wich. ich aber lebe.« In der darauf folgenden Stille hörte ich wieder dieses abscheuliche Geräusch. die ich Ihnen bieten kann.« Er tippte gegen seine Nase. »Verachten Sie die Hilfe nicht. »Es wundert mich. Aus diesem Grund wurde der Körper von Tifferch konserviert. Als ich mich umwandte. Sergeant Koch«. um an mir zu schnüffeln. Darunter rieche ich den Tod. Sein Kopf näherte sich dem meinen. Herr Prokurator«. Aber der entscheidende Augenblick ist nun vorüber. den Sie überall mit sich herumtragen. ohne weiter auf Vigilantius zu achten. »Dieser Trick mag bei den Toten funktionieren.

fauchte ich. murmelte ich. Herr Prokurator? Wie sehen Ihre Albträume aus? Welche Geheimnisse bergen diese trüben Gewässer? Sie haben Angst vor dem. ohne ein Wort mit diesem zu wechseln. glauben Sie.« »Ich habe genug von Leichen und ihren Hütern«.« Vigilantius hob erstaunt die Augenbrauen. »Ich kann Sie nicht gegen Ihren Willen zum Bleiben zwingen.« »Ihre Kunst interessiert mich nicht«. »Was. sagte er mit einer übertrieben höflichen Verbeugung. hat er vor?« »Das weiß der Himmel allein«. »Aber«. »Es gäbe da noch einen anderen Aspekt meiner Kunst. ereiferte sich Koch.« Ich verließ den Raum. Nur der Klang unserer Schritte schallte in den schmalen Fluren und im Hof. Mit Hilfe dieser Leiche lassen sich weitere interessante Schlüsse ziehen. was jeden Moment hochgespült werden könnte. antwortete ich. »Danke für Ihre unschätzbare Meinung«. den Sie sich nutzbar machen könnten. »Ich möchte Ihnen noch etwas zeigen. und ich hob 82 . »Was für eine Unverschämtheit. Eine steife Brise hatte die Wolken weggetrieben. und stieg die Treppe hinauf. an dem eine Leiche verrottet. Oder täusche ich mich.« Seine Worte hallten unheimlich von den Wänden des Gewölbes wider. diesmal mit zuckersüßer Stimme. »Wie Sie meinen. Koch. Sergeant Koch im Schlepptau. »Hier gibt es nichts mehr für uns zu tun. als wir den Hof betraten. Herr Prokurator«. erwiderte ich.dunklen Ort. Ihren Geist und Ihr Leben vergiftet. hob er an. so mit Ihnen zu reden!«.

fragte ich: »War Ihnen klar. Koch?« Der Sergeant antwortete nicht sofort. Nachdem ich tief durchgeatmet hatte. sagte er schließlich.den Blick zu den Sternen. Ich konnte mir ein Lächeln nicht verkneifen. An den Knochen von Toten herumzuschnüffeln. »Lassen Sie sie warten«. »Aber wundert es Sie. dass sich die Stadtväter an jeden wenden. die am dunklen Himmel funkelten wie Zuckerbrösel auf einem Tisch. der ihnen ihrer Meinung nach in dieser schwierigen Lage helfen kann?« Eines musste man Koch lassen: Er besaß gesunden Menschenverstand. »Nein«.« 83 . Wir haben heute schon genug Zeit vergeudet. »Die Kutsche wartet«. dass noch jemand anderer als Prokurator Rhunken mit diesen Ermittlungen zu tun hat. bringt uns nicht weiter. erwiderte ich. erinnerte er mich. Jetzt müssen wir ernsthaft mit den Ermittlungen beginnen. »Bringen Sie mich zum Büro von Herrn Rhunken.

»Es ist uneinnehmbar. einen Holzsteg über einem Eisengitter zu überschreiten. Raue Stimmen fluchten unter uns. erklärte Sergeant Koch mit spürbarem Stolz. während andere um Essen und Wasser bettelten. Nicht einmal Bonaparte höchstpersönlich könnte es stürmen. Von ihnen begegneten wir in jener Nacht keinem Einzigen.« Nun waren wir gezwungen. »Das Gebäude wurde im zwölften Jahrhundert von den Teutonen als Stützpunkt zur Eroberung Preußens von den Heiden errichtet«. »Im Normalfall dreitausend«.VI atten mich die Kellergewölbe des Schlosses zu Königsberg unangenehm an die Niederungen des Hades erinnert. so erschienen mir die oberen Stockwerke so verwirrend wie das Labyrinth des Minotaurus. erkundigte ich mich. »Und wo stecken sie alle?« »General Katowice hat sie zu Manöverübungen hinausbeordert. während wir die verschlungenen Gänge entlangmarschierten. Schweißund H 84 . als wir die Behelfsbrücke betraten. Zahllose düstere. antwortete Koch. einander ähnelnde Flure gingen links und rechts vom Hauptkorridor ab.« »Wie viele Männer sind in der Garnison stationiert?«.

informierte mich Koch. nichts. der Schnee wird meinen Durst stillen. an denen wir bereits vorbeigekommen waren. erklärte Koch. dass sich dahinter der 85 . und Koch verharrte einen Augenblick. von dem die Ballade handelte. Ich kannte die Ballade gut. Sergeant?« »Die Gefangenen warten auf ihre Deportation«. In der Stimme der Frau schwang etwas Sehnsuchtsvolles mit. Hatte der italienische Dichter zur Inspiration das Gefängnis seiner Heimatstadt Florenz besucht?. kein Hinweis auf Prokurator Rhunkens Position.« Ich war verblüfft. tragische Dimension verlieh: Der Schnee wird mich atzen.Atemdämpfe stiegen von unten auf wie Dünste aus einem Kessel. »Was ist denn dort unten los. fragte ich mich. Es erinnerte mich an einen Sumpf oder an Dantes grausige Schilderung der Hölle. »Das ist Herrn Rhunkens Amtsstube. das ich jemals aus seinem Munde hörte. weil mein Großvater sie oft gesungen hatte. Er habe sie im Siebenjährigen Krieg gelernt. hatte er mir erzählt. und sie war das einzige Lied. Da übertönte eine schöne Frauenstimme mit einem Klagelied den Lärm. was verraten hätte. An der Tür befand sich kein Namensschild. Kurz darauf erklommen wir eine Wendeltreppe ins obere Geschoss und hielten vor einer schweren Holztür. der Schnee wird meine Knochen wärmen. eine neue. die sich in keiner Weise von den anderen unterschied. sagte Koch mit einem Lächeln und einem Kopfschütteln. was der Geschichte des Soldaten. wenn ich tot bin. »Da wären wir«. um zu lauschen. »Mezzosopran«.

doch am Ende hatte der russische Zar sich bereit erklärt. indem er sie in eine ferne Strafkolonie verbannte. die Nation ein für alle Mal von unverbesserlichen Schwerverbrechern zu befreien. in diesen Käfigen gefangen. Wenn sie es wagten zurückzukehren. noch immer umstritten. die Kriminellen gegen einen erklecklichen Betrag bei sich aufzunehmen. sie in die russische Sklaverei zu verkaufen.« »Man hält die Schwerverbrecher. Sobald das Eis zu schmelzen beginnt …« In den vergangen drei. aber der Vorschlag. Straftäter hatten weder in Preußen noch irgendwo sonst mit Sympathie zu rechnen. Die Anfragen Seiner Majestät bei mehreren Ländern mit unbevölkerten Territorien einschließlich der Vereinigten Staaten und Großbritannien waren abschlägig beschieden worden. Wenn Sie lieber ein anderes Zimmer möchten …« »Aber nein«. Es gibt noch einige freie Plätze auf dem Schiff. sagte ich sofort. gerade bei liberalen Geistern. die nach Sibirien geschickt werden. Herr Rhunken war mit der Transportliste beschäftigt. hatte beschlossen. vier Jahren war heftig über diese Deportationen diskutiert worden. »So nahe an dem Elend da unten?« »Prokurator Rhunken war verantwortlich für Sektion D.Mann verbarg. dem der Friede und die Sicherheit dieser Stadt anvertraut waren. Diese Entscheidung des Königs war. werde ich das Beste daraus machen. König Friedrich Wilhelm III. In Europa kursierte der Ausdruck 86 . erwartete sie in der Heimat der Tod. war in aufgeklärten Kreisen auf deutlichen Widerstand gestoßen. »Wenn dieser Raum gut genug für ihn war.

Doch auch ein Dutzend mehr hätte nicht gereicht. erklärte Koch.»Edler Wilder«. Dann trat er einen Schritt beiseite. »Herr Prokurator Rhunken genoss aufgrund seines strikten Vorgehens großes Ansehen«. und die Franzosen sowie zuvor schon die Amerikaner hatten die Gleichheit sämtlicher Menschen ausgerufen. meinte Koch. die einen neuen Anstrich nötig gehabt hätten. Februar 1801 unterzeichnet worden. Schmale Fensterschlitze ließen den Blick frei auf die Gitter im unteren Stockwerk. Trotzdem war das Abkommen am 28. um mich einzulassen.« »Das kann ich mir gut vorstellen«. Die Schreie von unten verfehlten ihre Wirkung auf die Befragten nicht. In dem anderen 87 . »Herr Rhunken hat diesen Raum selbst gewählt«. An den Wänden hingen vier Lampen. »Hier gibt es noch zwei kleinere Nebenzimmer. und man hatte die Gefängnisdirektoren im ganzen Land angewiesen. »Hier führte er auch die Verhöre durch. Der Raum besaß eine hohe Decke und schmutzige. graue Wände. um die Amtsstube wirklich zu erhellen. die schlimmsten und unverbesserlichsten Verbrecher für die Verbannung auszusuchen. In einer Ecke stand ein großer kalter Eisenofen voller Rostflecken. die Koch alle anzündete. sagte ich und bekam unwillkürlich eine Gänsehaut. Im Innern der Stube wartete ich mit wachsender Ungeduld. holte einen riesigen Schlüssel aus seiner Tasche und schloss die Tür auf. eines davon nutzte der Prokurator als Archiv. während er mit Hilfe eines feuchten Feuersteins versuchte. eine Flamme für eine Kerze zu schlagen.

Sie müssten sich hier irgendwo befinden. wenn er gezwungen war. Dieses Möbelstück zeugte von Einfluss und Ansehen. Koch. und eine tote Spinne lag unter dem umgedrehten Glas. es zu betreten. mit kunstvollen Schnitzereien verzierten Schreibtisch.« Eigentlich. Zur Erfrischung in Stunden harter Arbeit standen eine Weinkaraffe und ein Trinkbecher aus geschliffenem Glas bereit. Doch die Karaffe war leer.befindet sich eine Pritsche. Aber Herr Rhunken würde mit Sicherheit niemandem gestatten. das wurde mir jetzt klar. auf der Herr Rhunken sich manchmal eine Rast gönnte. nicht in einem behaglichen Gasthaus wie dem »Walfänger«. sind unvollständig.« Koch sah mich unsicher an. der Stöpsel voller Staub. Die Papiere. Ulrich Totz hat ausgesagt. er sei kurz nach dem Mord an Jan Konnen von Prokurator Rhunken höchstpersönlich vernommen worden.« »Meine Erlaubnis haben Sie. Ich würde gern die Aufzeichnung des Gesprächs lesen. »Ich habe keine Ahnung. Die Unterlagen.« 88 . der Rest lagert wohl im Archiv. hätte ich mich hier einquartieren sollen. die Sie mir in der Kutsche gegeben haben. der mitten im Zimmer stand. In dem abweisenden Festungsschloss von Königsberg wäre meine neue Macht als Leiter der Ermittlungen für alle sichtbar gewesen. wo diese Dokumente aufbewahrt werden. »Bitte zeigen Sie mir die Akten und Berichte von Prokurator Rhunken über die Morde. die der Prokurator mir gegeben hat. Sergeant. bis in die Nacht zu arbeiten. befinden sich verschlossen in meinem Schreibtisch. Ich setzte mich an einen schweren.

Seine weiße Hose hing ihm um die Knöchel. Meine behagliche warme Amtsstube in Lotingen kam mir in den Sinn und der kleine Park mit den hübschen Blumenbeeten und gepflegten Rasenflächen. ging ans Fenster und kehrte Koch den Rücken zu.Ich erhob mich.« Ich setzte mich. zog die Hose hoch und scharrte seine Hinterlassenschaft ordentlich mit der Stiefelspitze zu. den ich zu Gesicht bekam. 89 . den Sie sich ansehen sollten. Der Soldat. fragte ich ungläubig. der mittlerweile sein Geschäft verrichtet hatte. um mich den Papieren zu widmen. blickte ich hinunter zu dem Eisengitter und den dahinter weggesperrten Elenden. bevor er sich davonmachte. Nachdem ich mit dem Ärmel den Staub von der Fensterscheibe gewischt hatte. »Allerdings wäre hier noch ein Brief. der erste überhaupt. in den die Mütter und Kindermädchen des Ortes ihre Schutzbefohlenen im Frühling und Sommer zum Spielen brachten. auf ein schmales Päckchen Papiere in seiner Hand deutend. »Die habe ich gefunden«. berichtete er. antwortete Koch. um jeden Einwand im Keim zu ersticken. Herr Stiffeniis. In der hintersten Ecke hockte ein Wachmann. »Ich habe ihn natürlich nicht geöffnet.« »Ein Brief? Von wem?« »Er ist an Prokurator Rhunken adressiert«. bis Sergeant Koch wenige Minuten später zurückkehrte.« »Ist das alles?«. Koch nickte. Angewidert wandte ich mich um und ging im Zimmer auf und ab. während er die Akten auf den Tisch legte. »Sie lagen auf einem Regal. und er erleichterte sich.

alle relevanten Dokumente dem Magistraten 90 . Und in denen von Napoleon Bonaparte und seiner Armee. Ihr Wohl und Wehe lag in meinen und General Katowices Händen. »dass dieser Brief aus Berlin kommt.Obwohl mir nicht viel vorlag. Zum ersten Mal seit meiner Ankunft in der Stadt fühlte ich mich entspannt und begann die Macht meiner neuen Position zu genießen. Aus diesem Grund weisen Wir Sie an. Sein Assistent ist nun der meine. dachte ich. Sergeant Koch räusperte sich geräuschvoll. Endlich. die in die fernen Gebiete Sibiriens und der Mandschurei deportiert werden sollten. Mir wurde klar. das mein ruhiges Leben schon einmal durcheinandergebracht hatte. Ihre Aufgabe wird es sein. die von Ihnen begonnenen Ermittlungen mit der gebotenen Eile zum Abschluss zu bringen. sagte er. Zur Aufklärung ist Uns eine höchst qualifizierte Person mit ganz besonderen Fähigkeiten empfohlen worden. fiel mein Blick auf das Hohenzollern-Siegel. Bei dem ersten Dokument handelte es sich um eine lange Liste mit den Namen Verurteilter.« Als ich das Schreiben in die Hand nahm. in Preußen einzumarschieren. sitze ich auf Herrn Rhunkens Stuhl. und seine Berichte sind in meiner Hand. dass ich für das Leben der Königsberger verantwortlich war. empfand ich ein tiefes Gefühl der Befriedigung. sollte es ihm einfallen. »Mir ist aufgefallen«. Angesichts der dem Lande durch den Emporkömmling Bonaparte und eine französische Invasion drohenden Gefahr dürfen die Morde in Königsberg nicht länger ungestraft bleiben.

den ich erhalten hatte. die der Wirt des »Walfängers« bei der 91 . Und er kam aus Lotingen. war nicht nur jung. einen älteren Kollegen. Der Beamte. Und dann war ich gekommen! »Die Zeugenaussagen müssten sich hier befinden«. einem winzigen Dorf im westlichen Gerichtsbezirk. was bedeutete. dass Rhunken ihn vor zwei Tagen erhalten hatte. der mich nur wenige Stunden zuvor empfangen hatte. Wie negativ dieser Brief seine Meinung von mir beeinflusst haben musste! Jetzt machte ich mir keine Illusionen mehr über seine Einstellung mir gegenüber. kurz bevor ihn der Schlagfluss – offenbar eine Reaktion auf diese Mitteilung – ereilte. sondern auch gänzlich unerfahren. und zwar mit einer deutlich anderen Schrift als der Brief. auf dem Unsere Hoffnungen nun ruhen. riss Koch mich aus meinen Gedanken. unterzeichnet. einen Angehörigen der Geheimpolizei. einen mit allen Wassern gewaschenen Ermittler aus Berlin. Ich dachte an den armen Mann.zu überlassen. Das Dokument war von König Friedrich Wilhelm III. dass es sich bei meiner Beorderung nach Königsberg um eine Fälschung handelte? Dieser Brief hier war drei Tage zuvor aus der Hauptstadt abgeschickt worden. der ihn ablösen sollte. Beim Durchblättern der Papiere stieß ich schon bald auf die Aussage. Rhunken hatte einen ernst zu nehmenden Rivalen erwartet. und sich unverzüglich wieder Ihren eigentlichen Aufgaben zu widmen. Hatte Doktor Vigilantius also recht damit.

Ich übersprang die nächsten Absätze und las weiter: Herr Totz erklärte. Offenbar hatte er schon einmal seine Ausschanklizenz in Gefahr gebracht. War er am Tag der Befragung nicht zugegen gewesen? Oder hatte Totz ihn an einer Aussage gehindert? Warum sonst hätte sich Morik nicht an Prokurator Rhunken wenden sollen. Kein Wort von den merkwürdigen Vorgängen im »Walfänger«. den er an jenem Abend in seinem Lokal gesehen hatte. das Opfer zu kennen. weil es im »Walfänger« zu einer Messerstecherei zwischen Spielern gekommen war. habe an jenem Abend in seinem Lokal getrunken. und sich in Gesellschaft ausländischer Seeleute befunden. dass er nicht sofort eine Verbindung zwischen dem Mann. Bei der ersten polizeilichen Vernehmung bestritt er. bei der ein Beteiligter zwei Finger verloren hatte. von denen der vorwitzige. die am folgenden Morgen am Hafen gefunden wurde. Jan Konnen. in dem Bericht nicht auftauchende Morik mir erzählt hatte. so erklärte Ulrich Totz. obwohl er damit riskierte. die möglicherweise um Geld Karten gespielt hätten – in diesem Punkt wollte Totz sich nicht festlegen. herstellen konnte. Sie war kurz und brachte keine neuen Erkenntnisse. dass 92 .Polizei gemacht hatte. als dieser den Wirt und seine Frau vernahm? Die Frau … Drei Zeilen am Ende des Berichts bestätigten. sich Prügel von seinem Herrn einzuhandeln. allerdings nicht übermäßig. und der Leiche.

Frau Totz Jan Konnen Bier und heiße Würste serviert hatte. obwohl sie das nicht beschwören könne. Konnen hatte weder Schulden noch Freunde gehabt. Eingehende Ermittlungen über sein Privatleben hatten nichts Ungewöhnliches zutage gefördert. der niemandem etwas zuleide getan hatte.O. Hufschmied. nicht in Gesellschaft von Frauen zweifelhaften Rufs verkehrt und keiner politischen Faktion angehört.. dass sie ohne Weiteres auf einem Grabstein Platz gefunden hätte. I. nur zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen war. ergaben nichts. ob das Opfer politische Kontakte ins Ausland gehabt haben könnte. der an jenem Abend keinen starken Eindruck bei ihr hinterließ. der im ersten Jahr des neuen Jahrhunderts seine berufliche Laufbahn begonnen hatte. Allem Anschein nach handelte es sich um einen Mann. Berlin. einundfünfzig Jahre alt.« Wie jeder junge Beamte. Ein weiteres Blatt Papier enthielt eine Beschreibung des ersten Opfers. Ihrer Schätzung nach habe er das Gasthaus gegen zehn verlassen.M. Jan Konnen. den Mann.« Beim Anblick der letzten Worte von Prokurator Rhunken verschlug es mir den Atem: »Opfer – Kategorie C – Protokoll 2779 – Juni 1800. Ganz am Ende entdeckte ich einen Vermerk Rhunkens: »Nachforschungen darüber. niemals zuvor gesehen zu haben. Sie war so kurz. Der schweigsame Konnen hatte sogar seinen unmittelbaren Nachbarn Rätsel aufgegeben. Er hatte sich nie etwas zuschulden kommen lassen oder mit anderen gestritten. hatte allein gelebt. Sie sagte aus. 93 . von Verwandten war nichts bekannt. Und diesen Fehler hatte er mit dem Leben bezahlt.

als er auch dann noch nichts Verfängliches von sich gab. Wieder befand sich am Ende des Berichts eine kurze Zusammenfassung von 94 . blätterte ich um. Pietistenversammlungen besucht und keine Feinde gehabt. Moral und guten Werke bekannte Frau. für ihre Aufrichtigkeit. mehr über diesen Verdacht zu erfahren. Rhunken hatte offensichtlich einen Verdacht in dieser Richtung gehabt und Konnen als mögliche Gefahr eingestuft. hatte ich dieses Protokoll gelesen. hielt man diesen zwei Tage lang gefangen und unterzog ihn »strengen Befragungen«. »war. Es warnte vor der Infiltrierung durch Agenten und Revolutionäre. an diesem Alibi war nicht zu rütteln. In der Hoffnung. Wie zudem mehrere andere Bauern aussagten. klagte der Mann. hatte Brunner zur Mordzeit mit zwei Helfern auf dem Feld gearbeitet. Mit anderen Worten: Man prügelte ihn. deren Ziel es war. sein »armes Weib« habe am Tag ihres Todes mehr oder minder das Gleiche getan wie immer. hatte zweimal täglich. Ihr Mann hatte ausgesagt. dass sie umgebracht wurde!« Frau Brunner. doch auf der nächsten Seite ging es bereits um Paula-Anne Brunner.kurz nach der Revolution in Frankreich und dem Aufstieg Napoleons. eine gesellige. die Stabilität der Nation zu erschüttern und republikanische Tendenzen ins Land zu schleusen. sonntags dreimal. frei. und ließ ihn. Weil Rhunken offenbar den Gatten des Verbrechens verdächtigt hatte. das zweite Mordopfer. »Das einzig Ungewöhnliche«. nämlich die Hühner gefüttert. bis er um Gnade winselte. lag sie mit niemandem im Streit. Soweit bekannt. die Eier eingesammelt und sie den Nachbarn und den Läden im Ort verkauft.

Johann Gottfried Haase war ein international bekannter Autor und Gelehrter. »Der Herr Prokurator hat immer allein gearbeitet. 95 . zuckte ich unwillkürlich zusammen. 2779?« Offenbar stöhnte ich auf. der als Professor für Orientalistik und Theologie an der Universität von Königsberg mit seiner Behauptung. an der wir uns nun befanden. Als ich den Namen des Opfers las. Johann Gottfried Haase? Wie ich mich ob meiner Nachlässigkeit verfluchte! Während meiner Fahrt nach Königsberg hatte ich mich nicht mit dem Bericht über das wichtigste Mordopfer beschäftigt. Herr Stiffeniis?« »Hat Prokurator Rhunken je mit einem Magistraten zusammengearbeitet? Ich meine. antwortete Koch. Wer hatte es wohl gewagt. dem Bericht über den dritten Mord. könnte jemand anders ihm geholfen haben. denn Koch fragte besorgt: »Alles in Ordnung. da bin ich sicher. musste ich laut auflachen.Rhunkens Schlussfolgerungen: »Keine Kontakte zu politischen Gruppierungen oder Radikalen festgestellt. unmöglich«. der Garten Eden sei alles andere als Fiktion. Beweise zu sammeln oder Zeugenaussagen aufzunehmen?« »Nein.« Ich wandte mich dem nächsten Blatt zu. Er vertraute niemandem. nämlich in Königsberg. und zwar mehr oder minder an eben der Stelle. einen so eminenten Mann umzubringen? Als ich die Seite auf der Suche nach weiteren Einzelheiten überflog. für eine Sensation gesorgt hatte. Adam und Eva seien tatsächlich von der Schlange in Versuchung geführt worden. Prot. Sergeant Koch musterte mich besorgt.

»Wie bitte?« Das Mordopfer hieß in der Tat Johann Gottfried Haase. Hatte er dieses als Tarnung verstanden? Seiner Ansicht nach war Konnen möglicherweise ein Geheimagent gewesen. hatte Rhunken notiert. rief ich aus. im Armen. dass hinsichtlich seiner Geburt keine schriftlichen Aufzeichnungen existierten. für welche Nation spionierten sie seiner Meinung nach? Verwirrt wandte ich mich der nächsten Seite zu. obwohl die Polizei in dieser Hinsicht Nachforschungen angestellt hatte. die die 96 . »NICHT OFFEN POLITISCH«. ob er je die Schule besucht. der auf den Straßen der Stadt um Brotkrumen und Geld bettelte und den alle Königsberger vom Sehen kannten. die Morde als politisch motiviert einzustufen? Als einzige Gemeinsamkeit konnte ich nur das vollkommene politische Desinteresse der Opfer feststellen. um den es hier ging. war ein mittelloser Schwachsinniger gewesen. fragte ich mich. Herr Haase war. Wie war Prokurator Rhunken wohl auf die Idee gekommen. aber ein mittelloser Bettler? Wieder stand die Protokollnummer »2779« am Ende der Seite. Niemand konnte sagen. Der Johann Gottfried Haase. Dort fand sich die Aussage der Hebamme. mit anderen Worten.»Wie dumm von mir!«. aber es handelte sich nicht um die Person. die ich kannte. brachte man einen so armen Tropf um? Ein bekannter Orientalist und Theologe hätte bestimmt Feinde gehabt. Glaubte er das auch von den anderen? Und wenn ja. Warum. ein absoluter Niemand gewesen.oder Waisenhaus oder im Gefängnis gewesen war. Prokurator Rhunken hatte vermerkt.

der an einer Mauer zusammengesunken zu sein schien. Lublinsky und Kopka. niemals ihr Name. Doktor Vigilantius. dass die Erlösung nur durch einen persönlichen Kampf mit dem Teufel und seinen Versuchungen erfolgen könne. Spiegelte dies das Sektierertum. was ich ausgesprochen seltsam fand. »denn er hatte seine Klauen gebraucht. für das die Stadt in ganz Preußen bekannt war? Die Pietisten besaßen großen Einfluss in Königsberg. Dieser Bericht enthielt eine einzige Information. In allen von mir bis dahin gelesenen Unterlagen war nur ihr Beruf erwähnt. die die Aussage der Hebamme un- 97 . Am frühen Morgen. die Soldaten in der Festung.Leiche von Jan Konnen entdeckt hatte. Ihre Auslegung der Bibel ließ sie glauben. erklärte sie. wenn er sich Hoffnungen aufs Himmelreich mache. als er mir das erste Mal von den Morden erzählte. so die geheimnisvolle Hebamme.« Ich hielt inne. die beiden Beamten. die den Toten mit eigenen Augen gesehen hatte? Warum wählte sie jene Worte? In Königsberg schienen die Leute sehr schnell auf den Teufel zu verfallen. an der Universität wimmelte es nur so von Mitgliedern der Sekte. Dafür hatten sie sich sogar eine Bezeichnung ausgedacht: »Bußkampf«. Und wieder: kein Name. das Dienstmädchen von Herrn Rhunken. dass das das Werk des Teufels war«. Sergeant Koch hatte die gleiche Formulierung benutzt. die ich noch nicht kannte: »Ich wusste sofort. Was aber meinte diese abergläubische Frau damit. ich hatte bereits mehrere von ihm sprechen hören: Koch. Ihn müsse jeder wahre Gläubige bestehen. habe sie auf dem Weg zur Frau eines Fischers einen Mann entdeckt. Ich las kopfschüttelnd weiter.

»Das ist wahr. Da klopfte es. um formell den Tod festzustellen. sagte ich. als ich das Blatt Papier weglegte. wie die Wunde beschaffen gewesen war. dessen Leib ich keine Stunde zuvor in den Kellergewölben untersucht hatte. Die Dokumentation seines Falles unterschied sich deutlich von denen der anderen. auch die Leiche hatte man nicht eingehend in Augenschein genommen. und auch nicht. Koch«. wurde nicht erwähnt. wandte ich mich wieder den Unterlagen zu. die ich bereits kannte. Das übliche Prozedere schien im Fall Tifferch einfach ignoriert worden zu sein. Er hatte immer alles im Kopf. Hinsichtlich seiner Person konnte ich keinerlei Informationen finden. Außerdem fehlte mir nach wie vor eine wesentliche Information: der Name der »eminenten Persönlichkeit«. waren offenbar nicht darauf erpicht gewesen. Keiner war befragt worden. Soweit ich das beurteilen konnte. In Rhun- 98 . dem Notar Jeronimus Tifferch. entdeckte. und ich hörte Koch an der Tür mit jemandem flüstern.terzeichnet und wiederum den Bericht verfasst hatten. um welche Mordwaffe es sich gehandelt haben könnte. unter denen ich einen kurzen Vermerk zum letzten Mordopfer.« Ohne etwas zu erwidern. Ähnlich wie in den Aufzeichnungen. ihren Namen zu erfahren. Doch auch meinen Vorgänger Prokurator Rhunken schien dieses Detail nicht interessiert zu haben … »Ihr Herr hat nicht viele Notizen gemacht. die Vigilantius und mich eingeschaltet hatte. Folglich gab es auch keine Sterbeurkunde mit einer offiziellen Todesursache. war nicht einmal ein Arzt gerufen worden.

seinen Assistenten in Habtachtstellung vor mir. und nun war er plötzlich tot. Koch?« »Herr Prokurator Rhunken … Ein Wachmann hat gerade die schlechte Nachricht überbracht.« »Aber das ist unmöglich!«.kens Notizen konnte ich keinen Hinweis darauf finden. schuld daran zu sein. sein Taschentuch vor den Mund gepresst. fragte ich. dass da jemand seine eigenen Ermittlungen anstellte? »Herr Stiffeniis?«. »Vor einer Stunde. rief ich. »Herr Rhunken war ein bedeutender Mann. »Wann findet die Beisetzung statt?«. sein Archiv zu meiner Verfügung. die Augen rot und geschwollen.« Ein unbehagliches Gefühl beschlich mich. sah ich ihn stocksteif vor meinem Schreibtisch stehen. »Was ist. Noch eine halbe Stunde zuvor hatte ich so etwas wie Stolz darüber empfunden. am Schreibtisch von Herrn Rhunken zu sitzen. War ihm nicht klar gewesen. Mein Herr ist gestorben. Die Bewohner der Stadt werden ihm die letzte Ehre erweisen wollen …« »Es war sein Wunsch. Aus irgendeinem Grund glaubte ich. »Er ist bereits bestattet worden. 99 . dass niemand zu seiner Beerdigung kommt. riss Koch mich aus meinen Gedanken. Als ich den Blick hob. Verlegen senkte ich den Blick.« Ich habe selten so aufrichtige Trauer gesehen.« Koch wischte sich die Tränen aus den Augen.

eine Grundlage für ein besseres Leben zu schaffen – für uns selbst und für unsere Kinder. was ich unternehme. Es wird Zeit. Was geschehen ist. tauchte sie ins Tintenfass und schrieb: Glaube mir. wird er nie vergessen. wo reges Treiben herrschte. Ich habe keine Lust. Ich setzte mich an einen Tisch in der hintersten Ecke. um die Zuneigung meines Vaters wiederzugewinnen.VII s war nach zehn. meine Liebe. am weitesten vom Kamin entfernt. egal. bevor ich mir etwas zu essen bestellte. Ich habe zu lange mit dieser Last gelebt und Dich gezwungen. doch nun hat sich der Sturm verzogen. mit mir das Lotinger Exil zu ertragen. wenn ich Dir sage. als Sergeant Koch mich an jenem Abend beim »Walfänger« ablieferte. dass ich nicht hier bin. Diese Ermittlungen öffnen mir Türen … E 100 . Was sollte ich Helena von den Vorgängen in Königsberg erzählen? Konnte ich überhaupt etwas Beruhigendes berichten? Zögernd nahm ich die Feder in die Hand. mich weiter zu verbergen. etwas zu Papier zu bringen. Doch es fiel mir schwer. um einen kurzen Brief an meine Frau zu verfassen. Lotingen ist ein sicherer Hafen für uns gewesen.

sauber und gemütlich. das kann ich Dir sagen! Aber mein Zimmer ist warm. als ein Schatten auf das Blatt Papier fiel. Wie sollte sie mir auch helfen? Ich tauchte den Entenkiel noch einmal ins Tintenfass und versuchte. und die Düfte. »die Frau des Wirts. »Gut. dann bringe ich Ihnen das Beste. denen ich begegnet war. ließen mir das Wasser im Mund zusammenlaufen. Ich schreibe Dir aus meiner Unterkunft in der Nähe des Hafens. Hier weht eine steife Brise. Herr Koch und ich sind heute Nachmittag sicher in Königsberg angekommen. mich auf Erfreulicheres zu konzentrieren. ein leeres Tablett in der Hand. »Ich bin Gerta Totz. Fast erscheint es mir wie ein zweites Zuhause … In diesem Moment riss mich eine Frauenstimme aus meinen Gedanken. mein Herr«. meinte sie und entfernte sich in Richtung Küche. Seit meiner Ankunft in Königsberg sechs Stunden zuvor hatte ich nichts gegessen. Erstaunt über die Schnellig- 101 . Eine Mittvierzigerin mit Mondgesicht und großen grünen Augen stand. in Gedanken versunken. antwortete ich und faltete rasch den Brief an meine Frau. Ich hatte gerade den Brief wieder entfaltet und zückte.Wie sollte ich fortfahren? Ich wollte meiner Frau nicht von den Schwierigkeiten und Schrecken berichten. die den Gastraum durchzogen. vor mir. Soll ich Ihnen das Abendessen servieren? Wonach steht Ihnen der Sinn?« »Mir ist alles recht«. erneut die Feder. was wir haben«. erklärte sie mir mit einem verschlagenen Lächeln.

bevor er sich mit großen Augen zu mir herunterbeugte. Dann sagte ich ziemlich laut. mein Junge«. Junge. Tun Sie so. Nun sah ich mir die drei Männer am Nachbartisch genauer an. »Hat unser Morik Sie gestört?« »Ich brauche eine neue Feder.keit von Frau Totz. Herr Stiffeniis?«. rief Morik und verschwand. mein Herr«. Der Junge bringt mir eine. hätten Sie das doch mir gesagt. In diesem Moment kam die Wirtin aus der Küche zu meinem Tisch getrippelt. »Ist alles in Ordnung. und zwar schnell! Die Spitze von der hier ist stumpf. »Was kann ich für dich tun?«. zischelte der Junge. begann ich in strengem Tonfall. irdenen Pfeifen pafften und Ale aus Krügen tranken.« Ich lehnte mich verwirrt zurück. mein Herr!«. der seinem Offizier Meldung erstattet. an ihm vorbeizuschauen. flehte er mich an. »Bestellen Sie mit lauter Stimme. »Bitte.« Ich versuchte. »Sie treffen sich mitten in der Nacht im Keller. 102 . fragte ich.« »Ach. sonst werden sie auf uns aufmerksam. hob ich den Blick.« »Sofort«. die an langen. erkundigte sie sich mit einem Lächeln. mein Herr. als würden Sie etwas bestellen. »Die Männer am Nachbartisch«. Doch vor mir stand Morik. die ich mit dem Essen nahen wähnte. »Moment mal. so dass alle Anwesenden es hören konnten: »Bring mir eine frische Feder. sonst bekomme ich Schwierigkeiten. doch Morik verstellte mir den Blick. die Hände hinter dem Rücken wie ein Soldat. mit ihr kann ich den Brief nicht zu Ende schreiben.

durch das Verhalten der Wirtin noch aufmerksamer geworden. erhob ich mich und ging zum Kamin. nahm eine der Federn in die Hand und prüfte ihre Spitze auf dem Papier. Als ich am Nachbartisch vorbeikam. antwortete ich.« »Und?«. sagte Morik laut und fügte flüsternd hinzu: »Diese Männer sind Franzosen und seit drei Tagen hier. als wollte ich mir die Hände wärmen. Ich schob den Brief zur Seite und konzentrierte mich. mein Herr!«. wenn er wieder irgendeinen Unsinn ausheckt. Sie scherzten und lachten nicht. das sie von den anderen Gästen unterschied. dann gehe ich jetzt zurück in die Küche«. ich habe sie zu Ihrer Zufriedenheit gespitzt. schnappte ich einen französischen Satz auf. statt dessen unterhielten sie sich übertrieben gedämpft. ganz auf die drei Fremden. Hatte die Tatsache. Bitte melden Sie sich. Einem plötzlichen Impuls folgend. 103 .meinte sie und wischte sich mit dem Handrücken übers Gesicht. dass Morik die Wahrheit sagte? Die drei hatten etwas Gesetztes und Bedächtiges an sich. »Gut. fragte ich leise. Moriks Phantasie beflügelt? »Ihre Schreibfedern. rief Morik da von meinem Tisch herüber und hielt die Kiele hoch. verkündete Frau Totz und nickte stumm den Männern am Nachbartisch zu. der Junge! Nichts macht er richtig.« »Aber sicher«. Ich kehrte an meinen Platz zurück. so dass alle im Raum sie sehen konnten. mein Herr«. Konnte es sein. dass diese Männer in der Sprache von Napoleon Bonaparte redeten. »Er kann wirklich lästig sein. »Ich hoffe.

»Ihr Essen. »Diese Franzosen! Vorletzte Nacht wurde ein Mann ermordet. meinen Tisch zu verlassen. las ich da. zerknüllte es. vollen Teller hin. besorgt umsah. sagte sie und stellte mir einen großen. Es war deutlich zu erkennen. bevor sie wieder zuschlagen!« Ich musterte den Jungen verwundert. Bevor ich etwas sagen konnte. der sich.Wieder hob Morik die Stimme. »Darf ich. fragte ich. flüsterte er: »Halten Sie sie auf.« Er machte auch dann keine Anstalten. ein starres Lächeln auf den Lippen. ging zum Kamin und warf es ins Feuer. als die Wirtin mit vier Krügen schäumendem Bier für eine Gruppe fröhlicher Fischer am anderen Ende des Raums vorbeiging. Er kehrte nicht mehr an meinen Tisch zurück. Sobald sie sich entfernt hatte. nahm mir die Feder und ein Blatt Papier aus der Hand und schrieb mit zitternden Fingern etwas auf. sie werden wieder morden. nahm er das Blatt Papier. der sich 104 . »Und hier wäre ein scharfes Messer zum Nachspitzen. dass er Angst hatte. fragte Morik laut. Morik hatte sie anscheinend kommen sehen. »Napoleon will in Preußen einmarschieren«.« »Aber wieso sollten sie jemanden umbringen wollen?«. Sie mussten nicht zu lange warten. »Ich hoffe.« Mit scharfem Blick beobachtete sie Morik. Nun erschien die Wirtin wieder. Sie sind schon einmal hier gewesen. »Wen soll ich aufhalten?«. mein Herr?«. die Kielspitze ein zweites Mal prüfend. erkundigte ich mich. mein Herr«.

Doch als Allererstes würde ich meinen leeren Magen füllen. die während des Winters unter Eis gelagert werden. »Aber er ist einfach zu neugierig. Er ist alles. Er sollte sich um seine eigenen Angelegenheiten kümmern. »Hat Morik alles recht gemacht?«. 105 . was sie hat. »Er scheint sehr entgegenkommend zu sein. Ich nahm das Besteck in die Hand. um mich über die sämige Gemüsesuppe. die mich nach Königsberg hatte rufen lassen.vom Kamin weg bewegte und durch eine Tür in der Küche verschwand. dass der erste Ermordete die letzte Nacht seines Lebens im »Walfänger« verbracht hatte? Dann kam mir ein anderer Gedanke: Warum logierte ich in dem Gasthaus? Ahnte die geheimnisvolle Person.« War das tatsächlich die Erklärung für das merkwürdige Verhalten des Jungen? Oder gründete es sich vielmehr wirklich auf die Tatsache.« »Um neue Gäste bemüht er sich immer besonders«. Zweitens wollte ich mit Totz ausführlicher über seine Aussage bei Prokurator Rhunken reden. Eines Tages wird er meine arme Schwester noch ins Grab bringen. dass dort Ungesetzliches vor sich ging? Und was sollte ich dagegen unternehmen? Ich beschloss zwei Dinge: Erstens würde ich mich unter vier Augen mit Morik unterhalten. Die Arbeit hier im Gasthaus und der Kontakt mit den Seeleuten haben ihm Flausen in den Kopf gesetzt. das gegrillte Huhn und die winzigen Rüben herzumachen. Guten Appetit. erklärte sie. erkundigte sie sich. mein Herr. Danach gönnte ich mir einen Schluck von dem köstlichen Weißwein.

Ich hoffe. mein Herr«. ich störe Sie nicht?« »Aber nein. Herr Stoltzen«. Immer wieder senkte er den Kopf. »Guten Abend. »Mein Name ist Guntar Stoltzen. Einer von ihnen interessierte mich besonders. um den anderen etwas zuzuflüstern. Französische Spione.Während des Essens ließ ich die drei Männer am Nachbartisch nicht aus den Augen. begrüßte er mich mit einer höflichen Verbeugung. lehnte mich in meinem Stuhl zurück und blickte ihn offen an. weil er größer. Ihr Tod beeinflusste die Stadt und ihre Verteidigung nur insofern. älter und kräftiger war als seine Begleiter. Plötzlich erhob sich ihr Wortführer und trat an meinen Tisch.« 106 . Ich bin gerade mit dem Essen fertig. Aber half eine solche Panik in Königsberg Bonaparte bei einer Invasion Preußens? Zu spät merkte ich. Außerdem schien er aufmerksam auf das zu achten. »Was kann ich für Sie tun?« »Meine Freunde und ich sind Juweliere«. als er zu allgemeiner Panik führte. die ein Komplott gegen Preußen schmiedeten und Unschuldige auf den Straßen ermordeten? Es bedurfte schon sehr viel Phantasie. dass in der Stadt mehrere Morde passiert sind und Sie diese aufklären sollen. Welchen militärischen Zweck sollte man mit einer solcher Strategie verfolgen? Die Opfer waren Männer und Frauen ohne große Bedeutung für den Staat. was in dem Gasthaus vor sich ging. »Der Laufbursche hat uns erzählt. dass die drei zu mir herüberblickten. begann er mit einem Nicken in Richtung seiner Begleiter. erwiderte ich. um Moriks Behauptungen zu glauben.

Wir haben noch einen weiten Weg nach Tallinn vor uns und … nun. anderen Menschen einen Schrecken einzujagen. dass die Morde aus politischen Gründen verübt wurden?« 107 . »Verzeihen Sie«. habe ich recht?«. fragte ich. »Sie kommen aus Frankreich. wollen Sie das sagen?« Herr Stoltzen nickte lächelnd.Morik hatte also auch sie beschwatzt. fuhr er fort. und nie ist uns etwas Unangenehmes widerfahren. Frau Totz’ Einschätzung seines Wesen stimmte wohl. Er hatte diese arglosen Reisenden in Sorge gestürzt und meinen Verdacht geweckt. Offenbar liebte es der gute Morik. Sie verstehen vermutlich. nur meine Begleiter sind Franzosen. doch wir machen uns Sorgen um unsere Sicherheit. Falls die Morde von Räubern begangen wurden. »ich möchte nicht den Eindruck erwecken. »Wer sonst würde Unschuldige ermorden?« »Ein Mörder ist immer auf Gewinn aus. »Wären Sie beruhigter. nicht wahr?« »Woher wissen Sie denn. Beraubt zu werden wäre schlimm genug. wenn Sie glauben könnten. um meine Gedanken zu sammeln. »Aus Deutschland. dass es sich um Räuber handelt?«. Aber diese Neuigkeiten beunruhigen uns. fragte ich. in der Erwartung dass nun wieder Moriks Name fallen würde. Wir haben Ostpreußen schon oft bereist. schweben wir in Gefahr. aber umgebracht …« Ich nahm einen Schluck Wein. dass die Belange anderer mich mehr interessieren als meine eigenen.

fragte ich schnell. natürlich. Herr Stoltzen neigte das Haupt und erwiderte mein Lächeln.»Aus politischen Gründen?« Er runzelte überrascht die Stirn. »Ist das denn so?« Ich schüttelte den Kopf. sagte er freundlich. aber dann könnten Händler wie ich und meine Freunde weiterhin unbehelligt ihren Geschäften nachgehen. wünsche ich Ihnen alles erdenklich Gute und belästige Sie nicht länger«. ich biete Ihnen eine Alternative. sagte ich mit einem Lächeln. das Gespräch schon zu beenden. Ich hoffe. als wollte er zu seinem Tisch zurückkehren. um sich leise mit ih- 108 . dass jemand aus Gründen. Sie beruhigt zu haben«. Was den Handel anbelangt. »Ein politisches Komplott bereitet Ihnen also kein Kopfzerbrechen?«. »Sie haben sich eine Meinung gebildet. bevor ich antwortete: »Gehen wir einmal davon aus. nicht willens. überlegte er laut. »Aber zu welchem Zweck?« Ich steckte achselzuckend ein Stück Brot in den Mund und kaute es genüsslich. oder etwa nicht?« »Wenn Ihre Ermittlungen in diese Richtung zielen.« »Ein politisches Komplott?«.« »Es freut mich. die wir noch nicht kennen. Angst und Schrecken in Königsberg verbreiten möchte. Sie haben nichts dagegen?« Dann schlug er leicht die Hacken zusammen und kehrte zu seinen Begleitern zurück. »Meine Freunde und ich werden auf Sie anstoßen. »Doch. Er musterte mich eingehend. Dazu wären doch augenscheinlich willkürliche Morde bestens geeignet. ist eine Regierung so wie die andere.

und ich muss nicht mehr lange hier in Königsberg bleiben. Gerade habe ich den ersten Verdächtigen befragt. und ein Krug mit Wasser stand zum Wärmen vor dem Kamin. 109 . Als ich mich gerade abwenden und zu Bett gehen wollte. Beim nochmaligen Lesen des Geschriebenen fällt mir auf. um den Brief an meine Frau fertigzustellen. Ich erwiderte ihren Gruß. versiegelte den Umschlag und legte ihn beiseite. meiner lieben Frau. sagte ich mir im Stillen. Eine dunkle Gestalt stand im Profil zu mir. schlüpfte in mein Nachtgewand und warf einen Blick durch die Scheibe.nen zu beraten. Mit dieser guten Nachricht und lieben Grüßen verabschiede ich mich von Dir. Nachdem ich mein Glas geleert und mich mit einem Nicken von den drei Männern am Nachbartisch verabschiedet hatte. ob es noch immer schneite. dass ich bisher nichts über die Ermittlungen berichtet habe. um festzustellen. Trotz bleierner Müdigkeit setzte ich mich an den Schreibtisch. Dann fügte ich noch ein paar zärtliche Worte an die Kinder hinzu. erhob ich mich und ging hinauf in mein Zimmer. nahm ich eine Bewegung hinter einem Fenster auf der gegenüberliegenden Seite des Hofes wahr. Für die Nacht waren Scheite nachgelegt worden. Der Himmel war voller Wolken und der Mond kaum zu sehen. Vielleicht gibt es eine Spur. Ich ließ die Kerze auf dem Tisch am Fenster stehen. Kurz darauf erhoben sie ihre Krüge und prosteten mir freundlich zu.

110 . Die frische. wenn er so weiter machte. erkannte ich sie: Morik. Es war ein langer. harter Tag gewesen. Keine Spur von einem Mann oder einem Geist. Was trieb der Junge da? Er hob den Blick und winkte. Schon bald. Ich zog die Vorhänge zu. das wusste ich. den mein Bewusstsein erst jetzt registrierte? Mit einem Ruck setzte ich mich auf. mich nicht von Morik und seinen Spielchen beeindrucken zu lassen. Wagte er es. um über den Hof zu spähen. ihn am nächsten Morgen zu rügen. sie auszuspionieren? Dieser Laufbursche war wirklich ein Quälgeist. Früher oder später würde der Junge in ernsthafte Schwierigkeiten geraten. In dem flackernden Licht wirkte das Gesicht grotesk – die Augen zwei schwarze. legte ich mich ins Bett. Auf der anderen Seite war alles dunkel. Mir fielen die drei Händler ein. nach Seife duftende Bettwäsche erzeugte ein wohliges Gefühl in mir. und ich fühlte mich hundemüde. Ich nahm mir vor. Doch da zuckte ich plötzlich zusammen. Als die Person den Kerzenhalter abstellte.eine Hand um eine Kerze gewölbt. sprang aus dem Bett und hastete hinüber zum Fenster. oder war hinter Morik tatsächlich ein Schatten gewesen. Nachdem ich Gesicht und Hände gewaschen hatte. klaffende Löcher. Keine Kerze. Hatte ich das geträumt. würde ich tief und fest schlafen. Stirn und Nase durch die Schatten monströs verzerrt. offenbar. um meine Aufmerksamkeit zu erregen. entschlossen. Kein Morik.

In der Nacht hatte A 111 . das ich vor dem Schlafengehen zum Waschen benutzt hatte. die dieser Traum mich nun schon plagte. Zum ersten Mal in den sieben Jahren. ich hatte mich bewegt. Dann schaute ich durchs Fenster hinauf zu einem perlgrauen Himmel. sein starrer Blick war weniger vorwurfsvoll als früher und das Gras nicht blutrot. die Morik am Vorabend bereitgelegt hatte. der nicht ganz so schlimm wie sonst ausfiel. Sogleich schürte ich die Glut im Kamin mit Holzspänen. Darin war das Wasser. versucht.VIII ls die erste Ahnung des Morgengrauens den Baldachin meines Himmelbettes liebkoste. hatte mich aus dem Schlaf schrecken lassen: Diesmal hatte der Stein seinen Schädel nicht gespalten. Diesmal konnte man mir nicht den Vorwurf der Untätigkeit machen. denn ein alt bekannter Albtraum. Ich hatte das Fläschchen aus der Tasche genommen. war ich schon seit einer Stunde hellwach. war ich nicht vor Schreck erstarrt gewesen. Als die erste Flamme knisternd hochzüngelte. ihn zu erreichen. der Inhalt schimmerte im Licht der Sonne wie geschmolzenes Bernstein … Ich schob die Erinnerung beiseite und sprang zitternd aus dem Bett. das Glas lag kalt in meiner Hand. schwang ich den Kupferkessel über das Feuer.

was ich 112 . In diesem Moment hörte ich jemanden auf dem Flur. Einen Schrei ausstoßend. als hätte ich einen Lichtstreifen unter Ihrer Tür gesehen. Was hätten Sie gern zum Frühstück?« »Ich habe Ihnen gestern Abend schon gesagt. »Ich hoffe. Vor mir kniete Frau Totz. »Guten Morgen. hinter dem ich Morik am Vorabend gesehen hatte. Heute würde meine Arbeit an dem Fall ernsthaft beginnen. der drei Tage zuvor gestorben war. Herr Prokurator«. setzte ich mich an den Schreibtisch. und ich wusste nicht. um den kleinen Lauscher auf frischer Tat zu ertappen. dachte ich. die ich an jenem Tag erledigen musste. Das Fenster auf der anderen Seite des Hofes. den ich schon kannte. Was hatte der Junge dort drüben gemacht? War das Ganze am Ende eine Ausgeburt meiner Phantasie gewesen? Die Bettdecke um die Schultern. war dunkel. den Kopf auf Höhe des Schlüssellochs. Ganz oben stand der Name des Anwalts Tifferch. Ich hatte genug Zeit mit dem Nekromanten Vigilantius vergeudet. säuselte sie. Ein klirrend kalter Tag würde es werden. Mir war. rappelte sich aber gleich wieder auf. aber ich konnte keine bedrohlichen Wolken entdecken. und fixierte mich mit dem verschlagenen Blick. fiel sie rückwärts auf ihr ausladendes Hinterteil. ich störe nicht. ob ich es wagen dürfte zu klopfen. marschierte schnellen Schrittes zur Tür und öffnete sie mit einem Ruck. dachte ich mit Blick auf die langen Eiszapfen an der Regenrinne oben am Dach.es erneut geschneit. als wäre nichts Ungewöhnliches geschehen. um eine Liste all der Dinge zu erstellen. Morik. erhob mich.

meinte sie mit zuckersüßer Stimme. und ihr verschlagenes Grinsen verflüchtigte sich. Ich hätte schwören mögen. Morik den anderen Gästen. hier? Sein Schlafzimmer befindet sich doch auf der anderen Seite des Hofes. Morik schläft unten in der Küche. er sei hier. Honig. Frau Totz.« »Wir haben frischen Käse und ausgezeichneten Schinken in der Vorratskammer«. dass es Morik war. »Brot. »Morik?«. »Das steht seit der Abreise der beiden Geschäftsleute aus Hannover letzten Donnerstag frei. oder etwa nicht?« Sie runzelte die Stirn.möchte. was los ist. Wenn Sie erlauben …« »Wessen Zimmer ist das dann da drüben auf der anderen Seite des Hofes?« »Das da?«.« »Morik. hinter dem Ofen. Aber würden Sie mir jetzt bitte Morik heraufschicken?« Auf ihrem Kopf saß eine etwas zu kleine Leinenhaube. um Sie zu wecken. fragte sie verwirrt mit einem Blick nach drüben.« Sie seufzte. »Möchten Sie davon probieren …?« »Ein andermal«. »Ich sehe lieber nach. »Den Jungen habe ich heute noch nicht zu Gesicht bekommen.« 113 .« »Aber ich habe gestern Abend jemanden dort gesehen. Ich dachte. mein Herr. murmelte sie. wieder jemand anders Morik. Nun rutschte die Haube nach rechts. fiel ich ihr ins Wort. War das eine Art Volksvergnügen hier im Gasthaus? »Ihre Sorge um mein Wohl rührt mich. unter der störrische rotbraune Locken hervorlugten. »Nein. mein Herr. Die Frau des Wirts hatte mir nachspioniert. Frau Totz«. heißen Tee. antwortete ich ziemlich unfreundlich.

als vermutete sie den Jungen irgendwo hier. fragte ich. sobald Sie ihn gefunden haben. »Glauben Sie.»Da müssen Sie sich getäuscht haben. und wusch und rasierte mich dann sorgfältig. Ihr Blick huschte im Zimmer umher. ohne auch nur den Versuch einer freundlichen Miene. wieder ihr hinterlistiges Lächeln auf den Lippen. bevor ich in ein sauberes Leinenhemd und meinen besten braunen Anzug schlüpfte. Herr Stiffeniis«. Ich werde unten in der Küche gebraucht. Ich trug sie nicht besonders gern. und herein kam Frau Totz mit dem Frühstückstablett in der Hand. Und die silbernen Locken. murmelte sie. Aus dem Reisekoffer holte ich meine Perücke. so hoffte ich. um meine Liste zu ergänzen.« »Wie Sie wünschen. erwiderte sie hastig. antwortete sie mit trotzig verzogenen Lippen. mein Herr«. würden mir Autorität verleihen. weil ich darunter immer schwitzte und meine Kopfhaut juckte. aber hier trat ich nicht als Privatperson auf: Die Königsberger erwarteten ein gewisses Erscheinungsbild von dem Mann. 114 . mein Herr. die Lotte trotz meines überstürzten Aufbruchs nicht vergessen hatte einzupacken. dem die Rettung der Stadt anvertraut war. Da klopfte es an der Tür. erklärte sie. »Ich kann ihn nirgends finden. Frau Totz. Was für ein Gedanke! Er sollte schon längst unten in der Küche helfen«. mein Herr«. »Aber nein. Ich kehrte an den Schreibtisch zurück. »Wenn Sie mich jetzt entschuldigen würden. er versteckt sich unter meinem Bett?«.« »Schicken Sie mir doch Morik mit dem Frühstück.

stotterte sie. Und die Sache mit Morik wird sich klären. fuhr sie fort.« Sie betrachtete ihre fleischigen Hände. Als ich ihr das Tablett abnahm. die sich unwillkürlich zu bewegen schienen. bevor sie sich wieder mir zuwandte.« »Was für Ideen. fragte ich. solange der Tee noch warm ist. »Morik. Frau Totz?« »Das habe ich Ihnen doch schon gesagt. klingeln Sie doch einfach. meint mein Ulrich. mein Herr!«. Frau Totz«. »Ich stehle Ihnen die Zeit! Falls Sie etwas brauchen. wer Sie sind und warum Sie sich hier einquartiert haben.« Sie sah sich noch einmal nervös in dem Raum um. Morik glaubt. entgegnete ich. Offenbar hatte meine Anwesenheit nicht nur Moriks Neugierde geweckt.»Wahrscheinlich erledigt er gerade einen Botengang«. versuchte ich. Angst ist nicht das richtige Wort«. Er denkt sich Dinge aus. sie zu beruhigen. »Kein Grund zur Sorge. um das Thema zu beenden. Er wollte unbedingt wissen. dieser Hitzkopf. »Hier ist es viel gemütlicher als im Schloss. Frau Totz?«. kommt auf die seltsamsten Ideen. »Nun. »Der Junge hat nur Unsinn im Kopf«. »Seit Ihrer Ankunft. würde ich jetzt gern frühstücken. Aber wenn Sie erlauben. rief sie erneut. mein Herr. dass Sie das Gasthaus observieren. »Wovor haben Sie Angst. verhält mein Neffe sich noch merkwürdiger. sah ich die winzigen Schweißtropfen auf ihrer Stirn. Da ha- 115 .« »Entschuldigen Sie!«. »Könnte ich jetzt bitte mein Frühstück haben?« »Aber natürlich! Verzeihen Sie meine Unaufmerksamkeit. sonst wären Sie bestimmt in der Stadt abgestiegen. rief sie errötend aus.

»Und eine mündliche?« »Nichts. Zehn Minuten später. um zwölf Uhr mittags bei ihm zu erscheinen. als wäre ich der König höchstpersönlich. Ein Bediensteter hat das Schreiben entgegengenommen und die Tür sofort wieder geschlossen.« Koch erwiderte meinen Gruß mit einem Nicken.« Während ich ins Feuer starrte.« »Heute ist das Wetter besser als gestern. mein Herr. »Hat er Ihnen eine schriftliche Antwort mitgegeben?« »Nein. nachdem ich gefrühstückt und meine Toilette beendet hatte. wo Sergeant Koch mich bereits am Kamin erwartete. »Schön.« Sie verabschiedete sich mit einer Verbeugung von mir. dachte ich über das Schweigen Jachmanns nach. ging ich hinunter. »Wollen Sie zum Schloss?« »Ist die Kliesterstraße weit von hier?«.« »Natürlich. teilte er mir mit. ich … Danke. begrüßte ich ihn voller Tatendrang. »Guten Morgen. Sergeant. erkundigte ich mich. Ich hatte ihm meine Absicht kundgetan. nicht mehr. Koch bedachte mich mit einem neugierigen Blick. nicht wahr?« 116 .« Das überraschte mich. Signalisierte sein Verhalten Zustimmung? »Die Kutsche wartet«. informierte mich Koch. er taucht schon wieder auf. »Vielleicht eine Meile.ben Sie sicherlich recht. Sie liegt im Geschäftsviertel der Stadt. »Haben Sie gut geschlafen? Den Brief an Herrn Jachmann habe ich vor einer halben Stunde überbracht«. Koch«. Sie zu sehen.

sie würde gleich weinen. »Seit dem ersten Mord«. Man wirft ihnen offen vor. wie drei Jahre zuvor in Bremen? Dort waren siebenundzwanzig Juden zu Tode gekommen und Tausende vertrieben worden.»Immerhin schneit es nicht.« Frau Totz starrte uns von der Küchentür aus nach. »Morik taucht sicher bald wieder auf«. Die Geschäfte öffneten gerade. begann Koch mir zu erklären. das mich an eine etruskische Statue erinnerte. falls Sie das meinen. würde passieren. fragte ich mich. Herr Stiffeniis«. könnte das ein Blutbad zur Folge haben …« 117 . »Bestimmt. und so lerne ich die Stadt ein bisschen kennen. rief ich ihr zu. Was. doch dann wandte sie sich mit einem Achselzucken ab und verschwand in der Küche. Wenn ein Kirchgänger umkäme. Unseren Erlöser umgebracht zu haben. vor einer Mauer. Ein kleiner Spaziergang tut uns beiden gut. pflichtete sie mir nickend bei.« »Lassen Sie uns zu Fuß gehen. Ein starres Lächeln spielte um ihre Lippen. Er kniete. Einen Moment lang glaubte ich. obwohl außer uns und einem Jungen mit Schläfenlocken und weißer Kipa noch niemand unterwegs war. »werden immer wieder Drohungen gegen die Juden laut. wenn ein paar bigotte Hitzköpfe solche Sprüche ernst nahmen. Draußen kehrten wir dem vereisten Hafen den Rücken zu und schritten schweigend hügelan die Königstraße hinauf. einen Eimer neben sich und einen Lappen in der Hand. Koch. um eine Kritzelei zu entfernen: einen Davidsstern und den Satz »Es ist die Schuld der Söhne Israels!« Ich wandte den Blick ab.

Ich winkte mit einem Lächeln ab. wie er stolz verkündete. dass wir die ersten Kunden waren.Wir näherten uns einem Geschäft. ähnlich wie am Fischmarkt in der Sturtenstraße. Schauen Sie!«. die er seit Langem zu Gesicht bekam. mit Kopfstein gepflasterte Baltenstraße einbogen. Sein Eifer ließ darauf schließen. aber aus qualitativ hochwertigem Material bestand. Kochs Jacke war aus schwerem grauem Tuch und praktisch neu. vor dem hässliche. sagte ich zu Sergeant Koch. 118 . offensichtlich bereits getragene Kleidungsstücke aus steifem Segeltuch mit Meerwasserflecken hingen. antwortete er. »Ja. das ist in der Tat ein Problem. als wir in die breite. aber längst nicht so rege wie früher. »Für Sie zum halben Preis. meine Herren!«. nicht nur hier. rief er uns nach. während sich mein eigener schwarzer Mantel aus englischer Wolle – von Helena anlässlich einer Weihnachtseinladung bei Baron Stiwalski genäht. dessen Anwesen sich kaum eine Meile von Lotingen entfernt befand – vielleicht nicht ganz für diese Jahreszeit eignete. verneigte sich vor uns und bat uns einzutreten und die wasserdichten Jacken anzuprobieren. Der Ladeninhaber eilte herbei. sondern fast in der ganzen Stadt«. Auf dem Gemüsemarkt bei der Kirche herrscht mittags reges Treiben. »Die Läden öffnen früh am Morgen und schließen praktisch alle um drei Uhr nachmittags. »Die Geschäfte scheinen nicht besonders gut zu gehen«. die »auch die schwersten Stürme abhalten« würden. Nach Einbruch der Dunkelheit verlässt niemand mehr das Haus. rief Koch und deutete nach vorn.

»Auch aus diesem Grund ist die Stadt so leer. Ein ähnlich gekleidetes Dienstmädchen hastete. »Noch vor einem Jahr konnte man hier keinen Schritt tun. Karren oder Kutschen störten die Ruhe. Keine Pferde. »Was gibt es sonst Neues. das Alltagsleben in Königsberg wiederherzustellen. Ansonsten war alles menschenleer. Koch?« »Sämtliche Männer unter fünfunddreißig mit militärischer Erfahrung sind von General Katowice zum Dienst an der Waffe einberufen worden«. ein Stück weiter in einen Hauseingang und knallte die Tür hinter sich zu. ohne mit jemandem zusammenzustoßen. antwortete Koch. »Was ist?«.« »Gibt es eine Liste mit Namen. Der General will alle bekannten Agitatoren. Koch?« »Vermutlich. antwortete Koch. hier lebenden Ausländer und alle anderen Fremden im Auge behalten. fragte ich.Etwa fünfzig Meter vor uns gingen zwei Herren.« »Könnten Sie mir eine Abschrift besorgen?« »Ich werde es versuchen. hatte ich nicht geahnt. und auf der anderen Straßenseite kehrte eine Magd mit Leinenhaube und rot-weiß gestreifter Schürze den Schnee von den Stufen eines eleganten Stadthauses. »Bis der Mörder gefasst ist. Dass ich dafür verantwortlich sein würde.« »Und wo stecken die Leute jetzt?« »Sie verbarrikadieren sich in ihren Häusern«. einen mit einem Tuch bedeckten Korb am Arm. Die Gasthäuser lassen sich 119 . klärte Koch mich auf.« »Tja«. »Die Baltenstraße war früher die belebteste Straße von Königsberg«. seufzte ich.

wer in den vergangenen beiden Wochen in der Stadt Station gemacht hat. nein!«. das ich vorgab. offenbar Händler. Aber sobald wir jemanden vernehmen. Dort kommen und gehen die Leute.« »Soll ich sie vernehmen lassen?« »Um Himmels willen. Und der König …« Ich blieb stehen. »Ich teile General Katowices Angst vor dem Mob. weil Ihr Name bereits bekannt war. ins Keuchen und stieß beim Sprechen kleine Atemwolken aus – »aber im Hafengebiet sieht es anders aus. Herr Stiffeniis? Schon der Gedanke an eine französische Invasion lässt hier alle erzittern. Im ›Walfänger‹ hat man Sie lediglich deshalb gebeten. wenn Sie sich unter vier Augen mit den Wirten der Gasthäuser unterhalten.ziemlich leicht überprüfen« – Koch kam ob des Tempos. ob sie irgendetwas Verdächtiges oder Ungewöhnliches wahrgenommen haben. rief ich. Falls diese Verbrechen tatsächlich politisch motiviert sind. Mir wäre es lieber. Wir müssen verdeckt ans Werk gehen. sich ins Gästebuch einzutragen.« »Ich möchte wissen. sollten wir den oder die Schuldigen in Sicherheit wiegen. weiß die ganze Stadt Bescheid. »Was sollen wir ihnen denn sagen. »Der ›Walfänger‹ ist ein guter Ausgangspunkt für die Suche nach dem Mörder. Falls Sie so etwas für möglich halten. Dort haben sich zwei Franzosen und ein Deutscher einquartiert. 120 . sollte umgehend General Katowice informiert werden. Der Polizei ist ein solches Vorgehen doch nicht fremd. oder irre ich?« »Sie wollen also in die politische Richtung ermitteln. sagte ich. Über sie würde ich gern mehr erfahren. Sergeant«. Versuchen Sie herauszufinden.

ob ich mich über ihn lustig machte. erschwerten neugierigen Passanten den Blick 121 . irgendwelche Möglichkeiten auszuschließen. die an gestapelte Weinflaschen erinnerten. wie abwegig sie mir selbst auch erscheinen mögen. verwittertem Sandstein. Sergeant«. dass Saboteure daran arbeiten. »Darf ich fragen.« »Sie haben mich doch ausgelacht«. welche?« Tja. »Ich kann es mir nicht leisten. versperrten den Blick auf den grauen Himmel. die sich fast über die Gasse hinweg berührten. Koch«. mit unregelmäßigem Kopfstein gepflasterte Gasse entlang. Außerdem gäbe es auch noch andere Alternativen. »Welche Nummer suchen wir?« Wortlos schritt ich die dunkle.« Koch schnäuzte sich. »Egal. Die oberen Stockwerke der einander gegenüberliegenden Gebäude. aber eine solche Hypothese bedarf des Beweises. begann ich und setzte mich wieder in Bewegung. »Das ist die Kliesterstraße«.« »Ach ja?« »Die mit dem Teufel. erwiderte Koch. »eine haben Sie selbst gestern in der Kutsche erwähnt. die Bevölkerung in Angst und Schrecken zu versetzen und die Macht der Regierung zu schwächen. Rechts und links von dem stinkenden Abwassergraben in der Mitte des Pflasters befanden sich Häuser unterschiedlicher Größe und Form. manche mit ausgeblichenen Holzund Flechtwerkfassaden. Bleiglasfenster.« Eine Weile gingen wir schweigend weiter. schmale. sagte Koch schließlich. erklärte ich. Natürlich könnte es sein.Koch? Wir wissen doch nichts. unsicher. Bonaparte hält sich bedeckt. andere aus altem. welche? »Nun.

122 . als hätte es ein wenig Schlagseite. NOTAR. erklärte ich. als könnte ein heftiger Windstoß die Häuser zum Einsturz bringen. »Nun wollen wir sehen. den wir gestern in Gegenwart von Doktor Vigilantius untersucht haben.in die Erdgeschosszimmer. und ob es uns bei der Suche nach dem Mörder hilft. hinterlassen hat. Insgesamt wirkte alles.« Neben der Tür befand sich ein Bronzeschild mit der Aufschrift: JERONIMUS TIFFERCH. was der Mann. »Prokurator Rhunken konnte seine Arbeit nicht zu Ende führen. Sergeant«.

kamen ein ausgeprägtes Hugenottenkinn sowie zwei gelbe Hasenzähne in der Mitte ihres schrumpeligen Zahnfleisches zum Vorschein. singender Stimme. »Ach. schien sie nicht zu bekümmern. der ermittelnde Magistrat. »Herr Tifferch ist nicht mehr. dann viel Glück!«. E 123 . »Warum wollen Sie sie sehen?«. kicherte die Frau.IX ine kleinwüchsige Frau in einem schlichten schwarzen Kleid und mit schwarzem Spitzenkopftuch öffnete die Tür. fragte sie. Sie wollen meine Herrin sehen? Ihr kondolieren?« Als sie das Tuch zurückschob. »Ich bin Hanno Stiffeniis. verkündete sie mit hoher. »Dies ist kein Höflichkeitsbesuch«.« »Frau Tifferch?«. Die Frau riss sie wieder auf. Ihr Verhalten wirkte angesichts der Umstände alles andere als pietätvoll. und würde mich gern mit Ihrer Herrin über ihren verstorbenen Gatten unterhalten. wobei ihr Tuch verrutschte. fragte ich und schob den Fuß in die Tür. klärte ich sie auf. Dass ihr Herr ermordet und ihre Herrin zur Witwe gemacht worden war. die fast schon geschlossen war.« »Na. »Geschlossen«.

und ich folgte ihm in den düsteren Raum. »Meinetwegen«. Breite schwarze Schleifen schmückten die Leuchter mit flackernden Kerzen. da können Sie den ganzen Tag warten. murmelte ich eingedenk der kuschenden Bediensteten meines Vaters und unserer eigenen treuen Lotte. winkte uns herein und deutete mit dem Kopf auf eine verschlossene Tür. »Gehen Sie ruhig rein!«. den sie durch die Heirat mit dem Notar erworben hatte. Fragen Sie sie. antwortete ich.« Koch öffnete die Tür. als ich leise an die Tür zum Wohnzimmer klopfte. Schwarze Tücher verhüllten sämtliche Möbelstücke und sogar die Bilder an den Wänden bis auf eine fast einen Meter hohe Christusfigur aus Gips auf einem Tisch in der hintersten Ecke. der eher an eine Leichenhalle als an eine Wohnstube erinnerte. kreischte die Magd vom anderen Ende des Korridors. was Sie wollen.»Ich muss Herrn Tifferchs Sachen durchsehen«. »Worauf warten Sie noch?« »Ich möchte zuerst Ihre Herrin um Erlaubnis bitten. hatte diese bereits die Haustür zugeknallt und war mit klappernden Schritten den Flur nach links verschwunden. gab sie mit einem Achselzucken zurück. »Solches Personal würde ich nicht einstellen«.« Die Dienstmagd trat einen Schritt beiseite. »Die Dame ist da drinnen – in ihrer ganzen Pracht. deutete nicht darauf hin. »Die reagiert nicht. Bevor ich die Magd fragen konnte. der als eine Art Schrein fungierte. Rote Votivlampen brannten neben den nackten Füßen 124 .« Die Dame? Gehörte Frau Tifferch dem Junkertum an? Der Name.

und dazu passende Armbänder schmückten ihre Handgelenke. und in seiner höchst unziemlich entblößten Brust umzüngelten blutrot und golden schimmernde Flammen das Herz. oder vielmehr hob sie den Kopf. »Ihr Mann. »Frau Tifferch?«. allerdings anders als die Magd in altmodischer. Offenbar war er nachts unterwegs …« Als die Frau eine Hand ausstreckte. fuhr ich fort. Sie rührte sich nicht. »Ich leite die Ermittlungen in seinem Fall«. sagte ich. »Darf ich Ihnen mein tief empfundenes Beileid über Ihren Verlust aussprechen?« Die Frau sah mich an. Sie war von Kopf bis Fuß in Schwarz gewandet. fragte ich noch einmal. erklärte ich. edler Kleidung aus geripptem Barchent mit Rüschen. Frau Tifferch …«. 125 . Eine üppige Gagatkette bedeckte ihre Brust. als sie meine Stimme hörte. Der Tod schien eine wichtige Rolle im Leben dieser Frau zu spielen. Mitten im Zimmer saß eine Frau auf einem Stuhl mit hoher Lehne. begannen ihre Armbänder zu klimpern. schien nicht einmal zu atmen. Mich interessiert alles. aber vergebens. Doch sie blieb stumm.Jesu mit den Wundmalen. während ich auf sie zuging. Sergeant Koch und ich wechselten einen Blick. in der Hoffnung eine Antwort zu erhalten. Hier befanden wir uns auf römisch-katholischem Hoheitsgebiet. »Frau Tifferch?«. um nach einem schwarzen Taschentuch auf dem Tischchen neben sich zu greifen und sich damit schniefend die Tränen aus dem Gesicht zu wischen. »und möchte Ihnen ein paar Fragen über Ihren Mann stellen. was ihn zur Zeit seines Todes beschäftigte.

»Fühlt Ihre Herrin sich nicht wohl?«. Sie spricht kein Wort. würde ich eher sagen. Koch durchquerte den Raum auf Zehenspitzen und stellte sich hinter den Stuhl der Frau. »Was wollen Sie?«.« »Was ist los mit ihr?« Sie zuckte mit den Achseln. Ist wohl vor vier oder fünf Jahren passiert. »Holen Sie die Magd«. flüsterte er ihr ins Ohr: »Frau Tifferch?« Dann richtete er sich wieder auf. Frau Tifferch lebt in ihrer eigenen Welt. Ich bin nur die Dienstmagd. murmelte sie. »Frau Tifferch?«. Ein wenig nach vorn gebeugt.« Ich runzelte die Stirn. wiederholte ich. dass es wie ein Blitz aus heiterem Himmel kam. »Keine Ahnung. bis diese wenig später mit klappernden Holzschuhen vor Koch das Zimmer betrat. antwortete sie. »Muss jedenfalls was Schreckliches gewesen sein.« Kopfschüttelnd deutete sie auf die Hausherrin. »Sie ist nicht ganz richtig im Kopf. »So könnte man es auch nennen«. Die Nachbarn erzählen. Damals hab ich noch nicht hier gearbeitet. Vorher war sie ganz normal. fragte ich. tippte mit dem Zeigefinger zweimal gegen seine Schläfe und schüttelte den Kopf. »In einen solchen Zustand verfällt man nicht ohne Grund. »Was meinen Sie damit?« Wieder zuckte sie mit den Achseln. finden Sie nicht?« Mich überkam die Erinnerung an meine eigene Mut- 126 . Ihre Laune hatte sich in den vergangenen Minuten nicht gebessert. wies ich ihn an und wartete schweigend.Schweigen.

Agneta?« »Zu lange. entgegnete sie. Man konnte sie mit Fug und Recht als unhöflich bezeichnen. Irgendwann kam dann der Pastor zur letzten Ölung. beharrte ich. Solange ich hier arbeite. fiel mein Blick auf das Hugenottenkinn der Dienstmagd. bevor ein Krampf ihren Körper erfasste und sie leblos zu Boden sinken ließ. Hatte Notar Tifferch sie nie zurechtgewiesen? »Könnten Sie bitte etwas genauer sein?«. Und während der ganzen Zeit sagte mein Vater kein Wort zu mir. um die schmerzliche Erinnerung abzuschütteln. »Keine Verwandten. fragte ich. konnten ihr nicht helfen. »Und verflucht sei der Tag. Als ich sie wieder öffnete. Das hätte ich schon längst machen sollen …« »Hat Ihre Herrin sonst noch irgendjemanden? Kinder zum Beispiel?«. Aber in seinen Augen las ich die Frage meiner Mutter: »Wie konntest du das tun. verschwinde ich.« Servilität schien der alten Frau völlig fremd zu sein.« »Und wie lange arbeiten Sie schon hier. die ich nun anstelle der verschleierten Witwe auf dem Stuhl sitzen sah und fragen hörte: »Wie konntest du das tun. Hanno? Warum?« Ich schloss die Augen. fragte ich. »Agneta Süsterich. »Wie heißen Sie?«. habe ich zumindest keinen zu 127 . »Zwei Jahre«. »Niemanden«. antwortete sie.ter. die man rief. Die Ärzte. Hanno?« Das war der letzte zusammenhängende Satz. Ihr Schweigen dauerte mehrere Tage. den sie gesprochen hatte. an dem ich hierherkam! Sobald das durchgestanden ist.

»Ich wasch sie. Niemanden …« Sie schwieg kurz.Gesicht bekommen. fütter sie. ich gehe zur Bibelstunde. Damit habe ich nie hinterm Berg gehalten. verkündete sie stolz. um die verpestete Katholikenluft. dass einer von den Blutsaugern hier auftaucht. Heidnischer Aberglaube. die ich in diesem Haus atmen muss. als erwartete sie. »Sonst gibt sie doch keine Ruhe. wenn Sie mich fragen!« »Welche Aufgaben haben Sie?«.« Sie zählte die Punkte an ihren Fingern ab. wie alle Katholiken. Aber zum Glück hat sich bis jetzt keiner blicken lassen. dass ich den Satz für sie zu Ende führte. Herr Tifferch. Ich besuche jeden Abend die Bibelstunde. »Das musste ich wohl oder übel«. der sich um die Frau kümmert. als hätte ich sie des widerwärtigsten Verbrechens unter der Sonne bezichtigt. erkundigte ich mich. »In Königsberg sind alle Pietisten. fauchte sie. »Katholische Priester! Blasphemisches Gesindel! Und jetzt schnüffelt auch noch die Polizei hier rum …« »Sie hängen diesem Glauben also nicht an?« Die Augen der Magd verengten sich. habe ich gesagt. loszuwerden. fiel ich ihr ins Wort. wandte ich mich wieder dem eigentlichen Thema zu. Sie liebt Kerzen. zieh sie an. »Niemanden außer …?« »Pfaffen!«. »Ich bin Pietistin!«. »Ich mach alles. Was soll ich bloß machen?« »Haben Sie die Kerzen angezündet?«. Aber jetzt gibt es niemanden mehr.« »Ihr Herr wurde vor drei Tagen ermordet«. murmelte die Alte. kämm sie. »Spät am 128 . Und ich hab sie in die schwarzen Sachen gesteckt für den Fall.

»Welche Mandanten kamen am Tag seines Todes?« »Keine Ahnung. Anschließend saß er bis fünf in seinem Büro. montags bis samstags. antwortete sie. was in seinem Kopf vorging. hätte ich am liebsten gesagt. wo er hinwollte. denn wer auch immer Tifferch die Wunden zugefügt hatte.« »Er hat seine Notargeschäfte hier getätigt«. Da kamen allerlei Leute. »Er hat vormittags gearbeitet wie immer. sagte ich. wenn sie ihn sah. Dann hat er mit seiner Frau zu Mittag gegessen wie immer. Ist das Antwort genug?« Natürlich nicht.Abend. Agneta Süsterich seufzte entnervt. Ich wusste nie.« »Wissen Sie. »Da ist es warm. Wie üblich bin ich ins Grüsterstraßehaus …« »Was ist das?« »Der Versammlungsort der Pietisten. Die bekam jedes Mal einen Schreikrampf. ob Ihr Herr Feinde hatte?«. fragte ich. »Mein Herr redete nicht viel. Die Tür stand immer offen. »Ist am Tag seines Todes irgendetwas Ungewöhnliches passiert?«. Agneta Süsterich überlegte eine Weile. von sieben bis fünf. wollte ich wissen. bevor sie spöttisch erwiderte: »Nur die Herrin. »Gab es irgendwelche Auseinandersetzungen?« »Mein Platz ist in der Küche«. Ich hab den 129 .« Ich versuchte es mit einer anderen Strategie. Hat er Ihnen gesagt. seine Frau war es bestimmt nicht gewesen. als er das Haus verließ?« Die Frau reckte grinsend das ohnehin schon prominente Kinn vor.

« »Haben Sie ihn nachts normalerweise nach Hause kommen hören?«. sagte sie. Und durch die vierte gelangt man nach oben zu den Schlafräumen. Während unseres gesamten Aufenthalts in dem Raum hatte sie kaum ein Lebenszeichen von sich gegeben.beiden ein kaltes Abendessen hergerichtet. die genauso reglos war wie die Gipsfigur in der Ecke. Und in jener Nacht kam er ja überhaupt nicht nach Hause. erkundigte ich mich. Er ging jeden Abend aus …« »Und wo wollte er hin?«. Es hat keinen Zweck zu warten. eine zu ihrem und eine zu seinem. aber das war nichts Neues. Ihn hab ich überhaupt nicht zu Gesicht bekommen. wie immer. nicht wahr? Die Nachtwache hat uns vor dem ersten Hahnenschrei geweckt. fiel ich ihr ins Wort. Katholiken lieben die Sünde. Die Pfaffen erlassen sie ihnen ja gleich wieder für einen Taler oder zwei. wie immer. 130 . und dann geh ich ins Bett. sagte die Frau. Die Frau verzog angewidert das Gesicht. um die Herrin ins Bett zu bringen. »Eine zu meinem Zimmer. als wir gingen.« »Führen Sie mich ins Arbeitszimmer Ihres Herrn«. »Ich bete. wies ich sie an. Ich wandte mich kurz der Witwe zu. Um halb acht war ich wieder da.« »Und wo ist sein Arbeitsraum?« »Vom Flur gehen vier Türen ab«. und sie tat auch keinen Mucks. bis der Teufel heimkommt. »Hab ihn mehr als einmal morgens die Stiege hochkriechen sehen. weil er kaum noch auf seinen zwei Beinen stehen konnte. »Das kann ich nur raten«.

war größer als das Wohnzimmer. Der Raum. Als ich nickte. Koch!«. meinte sie. kniete er nieder und schob die Klinge in das alte Schloss. mit Bändern unterschiedlicher Farben verschnürt. Nun zieren Sie sich nicht: Gehen Sie rein«. verkündete die Magd von der Tür aus. Der Notar hatte ohne Assistent gearbeitet. murmelte die Alte.« »Haben Sie den Schlüssel?« »Den hatte der Herr. fragte er. »Die Tür ist verschlossen. als könnte Herr Tifferch zurückkehren und sie ob des ruinierten Schlosses rügen. Die Magd beobachtete ihn verächtlich. Hinter den Glastüren der Bücherregale lagerten alphabetisch geordnete Schriftrollen. den Blick ins Zimmer gerichtet wie in ein verbotenes Land. »Wirklich gut gemacht. »Hoffentlich kriegt er sie auch wieder zu«. Dann verschwand sie ohne 131 . der sich hinter der Tür verbarg. sagte sie. und in seiner Mitte befand sich ein Schreibtisch mit zwei Stühlen. Da durften nur Mandanten hinein. »Sie sind doch von der Polizei!« Koch holte ein Klappmesser aus der Tasche. »Ich muss die Herrin umkleiden«.« »Aber Sie mussten das Zimmer doch sicher für ihn sauber machen. Wenig später schwang die Tür mit einem Knacken auf. oder etwa nicht?« »Das hat er selber besorgt.Agneta Süsterich deutete auf eine verschlossene Tür auf der anderen Seite des Korridors. lobte ich meinen Assistenten. als wäre er ein Dieb. »Dort hat er gearbeitet«. »Soll ich mein Glück versuchen?«.

Kurz darauf hörten wir sie im Wohnzimmer brüllen und ihre Herrin kreischen. meldete er sich zu Wort. Verkaufsbestätigungen. Ich ging an Tifferchs Schreibtisch die Papiere durch. Arnolph von Rooysters. bemerkte Koch.« Ich warf ihm einen großen Schlüsselbund zu. wie Koch einen Schlüssel nach dem anderen ins Schloss steckte. »Herr Stiffeniis«. »Ich hoffe. während Koch am anderen Ende des Raumes die Schriftrollen sichtete.« Daraufhin hörte ich. wogegen die Angehörigen Einspruch einlegten.ein weiteres Wort. während ich mich weiter über den Streit zwischen den von Rooysters und dem Diener informierte. Das Gekeife brach erst nach einer ganzen Weile ab. Koch«. Die Unterlagen zu dem letzten von Tifferch bearbeiteten Fall lagen ordentlich auf dem Schreibtisch ausgebreitet. von denen manche dreißig Jahre alt waren: Ehe. Allerdings besaß Tifferch ein beglaubigtes handschriftliches Testament des Toten. »dieser Schrank hier ist verschlossen. »Versuchen Sie’s damit. Testamente. hatte sein gesamtes bewegliches Vermögen seinem Diener Ludwig Frontissen hinterlassen. das die Sache zugunsten des Dieners regelte.und Kaufverträge. staubigen Dokumente durchzusehen.« Die nächsten beiden Stunden brachten wir damit zu. »Ein besonders ruhiges Leben führte Herr Tifferch offenbar nicht«. sagte ich. die vergilbten. »Zünden Sie ein paar Kerzen an. den ich in einer der Schreibtischschubladen gefunden hatte. hier mehr über ihn herauszufinden. ein wohlhabender Bürger der Stadt. Offenbar hatten sich die Angehöri- 132 .

»Was haben Sie gefunden?« »Sehen Sie sich das lieber selbst an«. Erst vor Kurzem hatte Tifferch die Angelegenheit zur Zufriedenheit aller zum Abschluss gebracht. erwiderte er. um die Auseinandersetzung zu beenden. pflichtete Tifferch bei. eine Regelung. »Und. Koch hatte eine Kerze auf einen der 133 . gegen die der Diener offenbar nichts einzuwenden hatte. fragte ich ungeduldig und hob den Blick von dem Dokument. Sergeant. Dann folgte Stille. der sich seinerseits mit Tifferch in Verbindung setzte. Ich klopfte kurz den Staub von meinen Händen.gen an einen Minister in Berlin gewandt. Koch?«. befinden sich in dem Schrank bestimmt Geld und Wertsachen. das Gesetz sei eindeutig aufseiten des Bediensteten. Hier befand sich keinerlei Hinweis auf ein mögliches Mordmotiv. »sollten Sie erneut den Rat der Magd befolgen. Wenige Minuten später stieß er ein zufriedenes Grunzen aus. Tifferch erklärte.« »Brechen Sie das Schloss auf. das ich gerade las.« »Tja. »Es hat keinen Zweck«. »Von den Schlüsseln passt keiner. Die Daten auf einigen der Dokumente reichten mehrere Jahre zurück. bevor ich zu ihm ging. ein entfernter Verwandter der von Rooysters. dann«. schlug aber einen Kompromiss vor. wie der Fall lag.« »Ich verstehe nicht. riss mich Kochs Stimme aus meinen Gedanken. Minister Aschenbrenner. meinte ich. Daraufhin bot Tifferch den Angehörigen die Hälfte des Erbes an.« Mit einem Nicken machte Koch sich ans Werk. Wenn er den Schlüssel versteckt hat. um herauszufinden.

hätte ich sie vor Schreck fast fallen gelassen. Offenbar bevorzugte er Esel. Auf dem obersten Brett stand die Porzellanbüste eines grinsenden Napoleon Bonaparte. »Und was hätten wir sonst noch in dem Schrank?« Auf dem Brett darunter befand sich ein Stapel mit geschmacklosen. Hatte seine Frau sie zufällig entdeckt? Die Erkenntnis. die den Hut des Kaisers nach hinten klappen und zwei Teufelshörner aus seinem Kopf schnellen ließ. zotigen Pamphleten und Flugblättern. »Was für ein bemerkenswertes Spielzeug!«. Koch bemerkte. Als ich sie in die Hand nahm.Stühle gestellt. überlegte ich. er könnte einer politischen Gruppierung angehört haben. rief ich lachend. um besser in den dunklen. Herr Stiffeniis?«. dass der augenschein- 134 . die Koch und ich mit wachsendem Interesse begutachteten. dass die satirischen Kommentare unter den Zeichnungen in Deutsch verfasst und die Obszönitäten offenbar mit einer altmodischen Handpresse aus Holz gedruckt waren. »Wo er die wohl herhatte?«. doch eine Karikatur zeigte ihn auch in inniger Vereinigung mit einer Elefantendame. »Ich habe eher den Eindruck. Herrn Tifferchs Leben scheint hinter den Kulissen doch nicht ganz uninteressant gewesen zu sein. fragte Koch. dass es sich hier um eine skurrile Tauschbücherei handelt. »Meinen Sie. tiefen Schrank sehen zu können. Sie unterstellten Bonaparte eine sexuelle Vorliebe für die Tierwelt. denn der Druck meines Daumens aktivierte eine Feder. überlegte ich laut.« Waren diese zotigen Pamphlete die Ursache für seine häuslichen Probleme?.

Bei der Begutachtung der Flugblätter stießen wir auf ziemlich eindeutige frankophobe Pseudonyme: Cul de Monsieur. »Ich fürchte ja«. Langsam arbeiteten wir uns durch den Inhalt des Schranks. er stand vor ihr. um sie so schnell wie möglich hinter sich zu bringen. 135 . Im nächsten Fach befand sich ein großes braunes Samtkästchen mit Schloss. gab ich zurück. öffnete er es auf meine Anweisung hin mit der bewährten Methode. erkundigte sich Koch. nicht wahr?«. Sie saß mit seltsam entrücktem Gesichtsausdruck auf einem Stuhl. Herr Prokurator?«.« »Verstehe«. meinte Koch und machte sich sofort an die Arbeit. Nachdem Koch noch einmal erfolglos alle Schlüssel von dem Bund durchprobiert hatte. Unser Blick fiel auf ein Tableau aus Wachs und Holz: Bonaparte und Josephine Beauharnais. konnte eine strenggläubige Frau durchaus in eine Salzsäule verwandeln. »Wir können es uns nicht leisten.lich achtbare Ehemann in Wahrheit politisch radikal und sexuell pervers war. denn Kochs Worte hatten das Bild von meiner Mutter schon vertrieben. irgendetwas ununtersucht zu lassen. Mir brach der Schweiß aus. meinte Koch besorgt. »Es ist staubig hier drin. Wenn man einen kleinen Hebel am Fuß der Figur betätigte. Milord Mont du Merde und so weiter. »Soll ich Ihnen ein Glas Wasser holen?« »Nicht nötig«. antwortete ich. Seigneur Duc de Porc. und ich bekam einen Hustenanfall. Wieder musste ich an meine Mutter denken. Sein Widerwille war deutlich zu spüren. »Müssen wir alle Pamphlete durchgehen.

Ein anderer Hebel brachte die Kaiserin dazu. »Aber glauben Sie wirklich.« 136 . Sergeant?«. Konnte Herr Tifferch von Sympathisanten Napoleons in Königsberg ermordet worden sein? Vor Frau und Magd hielt ein Mann solche Spielzeuge natürlich geheim. »Preußen ist durch die politischen Ereignisse der vergangenen Monate isoliert. und sein Glied erhob sich. erkundigte ich mich. Rhunkens Bericht erwähnt nichts von Peitschenspuren an den anderen Leichen. Koch kratzte sich am Kinn. Wir haben nur wenige Verbündete. bevor er antwortete. Und das hier«. »Wie stark sind die Sympathien für Frankreich in der Stadt. steil in die Luft. wie überall in Europa …« Er sah mich an. murmelte Koch errötend. »scheint ihm recht zu geben. dass ein Fanatiker Herrn Tifferch der zotigen Bonaparte-Darstellungen wegen ermordet hat? Was ist mit den Narben an seinem Körper? Wie passen die ins Bild?« »Ich weiß es nicht«. Seit der Revolution in Frankreich waren nicht mehr unbedingt alle Preußen patriotisch. was Napoleon freut.rutschte Napoleons Hose herunter. Und in gefährlichen Zeiten wurden aus Freunden leicht Feinde. direkt vor den Mund der Dame. dabei deutete ich auf die Sammlung in dem Schrank. Es gibt tatsächlich Sympathisanten in Königsberg. »Ein ziemlich ungewöhnlicher Sinn für Humor«. seufzte ich. einem dritten Bein gleich. aber seinen Freunden würde er sie wohl zeigen. aber offenbar hält er die Morde alle für politisch motiviert. es mit den Lippen zu bearbeiten. weil es einen Angriff leichter macht. »Ich sehe keine Verbindung.

Sein schockierter Gesichtsausdruck ließ darauf schließen. rief Koch aus. antwortete ich. Alte Narben. wies ich ihn an.In dem Augenblick traf ein Sonnenstrahl auf ein Bündel purpurfarbener Seide ganz hinten im untersten Fach. Koch und ich betrachteten den Inhalt mit offenem Mund. er hat sich selbst damit Verletzungen zugefügt?« »Daran besteht kaum ein Zweifel«. Ich nahm den dunklen Lederstab in die Hand und schwang ihn. »So etwas habe ich noch nie gesehen«. »Immerhin wissen wir jetzt. Vielleicht ja für beides. Ich holte es heraus und entrollte es vorsichtig auf dem Schreibtisch des Notars. Als wir uns verabschiedeten. stellte Agneta Süsterich 137 . wage ich allerdings nicht zu beurteilen. seine Stimme wiederzufinden. woher die Verletzungen an Tifferchs Körper stammen.« »Dass es so etwas in Königsberg gibt!«. »Das könnte Tifferchs Zustand an jenem Morgen erklären«. sagte ich. Mit spitzen Fingern verstaute er die Sachen wieder im Schrank und schloss ziemlich unsanft die Tür. »In Frankreich ja. dass er soeben mit einer für ihn völlig fremden Welt konfrontiert worden war. »Glauben Sie. neue Wunden …« Koch hatte Mühe. aber hier in Preußen?« »Legen Sie alles dorthin zurück. so dass die drei geknoteten Schwänze daran durch die Luft sausten. wo Sie es gefunden haben«. meinte Koch leise. »Ob als Strafe für seine Sünden oder zur sexuellen Erregung.

Frau Tifferch saß auf einem Holzstuhl. Wie sah es wohl bei den Familien von Jan Konnen. was nötig ist. riss Koch mich aus meinen Gedanken. Paula-Anne Brunner und Johann Gottfried Haase aus? »Herr Stiffeniis?«. Da mag sie nicht warten.gerade das Essen für ihre Herrin auf den Tisch. die wässrig blauen Augen starrten gierig auf die Schale vor ihr. Sie hatte den Schleier abgelegt und ein weißes Leinentuch über ihr Kleid gebreitet. in einem verhassten katholischen Schrein zu dienen? Früher oder später würde sie sicher die Geheimnisse Tifferchs entdecken. einer Pietistin. sagte die Alte. Ihr rundes Gesicht war weiß aufgedunsen und ausdruckslos. »Hoffentlich haben Sie gefunden. »Sie kennen den Weg raus. Würde sie dann weniger gut für ihre Herrin sorgen und Ressentiments gegen ihren verstorbenen Herrn entwickeln? Würde sie Frau Tifferch überhaupt weiter pflegen? Wenn nicht sie. Das Essen ist das Einzige. die gezwungen war. »Welche Schlüsse ziehen Sie aus unseren Entdeckungen?« »Wir haben eine Peitsche in einem Schrank gefun- 138 . wer dann? Der Mörder von Jeronimus Tifferch hatte großes Leid über dieses Haus gebracht. Was für ein Leben würde Frau Tifferch nun führen – eine hilflose Frau in Gesellschaft einer verbitterten Magd in einem leeren Haus? Und wie würde sich fortan das Dasein von Agneta Süsterich gestalten. wofür sie sich noch interessiert. um den Mörder von Herrn Tifferch zu fassen«.« Draußen auf der Straße überkam mich ein Gefühl der Niedergeschlagenheit.

»Ist die Klopstraße weit von hier entfernt?«. schneebedeckten Platz mit ein paar kahlen Bäumen in der Mitte traten. dass ein Kriegseintritt des Landes möglicherweise vom Ausgang meiner Ermittlungen abhing. Russland lauert auf der einen. wollte Koch plötzlich wissen. Und bevor Koch etwas erwidern konnte. Frankreich auf der anderen Seite. erkundigte ich mich. rief ich aus. und ob König Friedrich Wilhelm von Preußen sich heraushalten kann oder ob die Franzosen ihn unbehelligt lassen werden. »Aber wir wissen immer noch nicht. als wir von der Straße auf einen kleinen. warum und wie Herr Tifferch starb.den«. antwortete ich. Es war fast zehn vor zwölf.« »Wunderbar!«. Jachmann legte Wert auf Pünktlichkeit. 139 . es kommt nicht dazu«. eine Verbindung zwischen seinem und den anderen Fällen herzustellen. ähnlich wie sein ältester und engster Freund. Und immerzu geht es um diesen Bonaparte.« General Katowice hatte angedeutet. In einem solchen aufgeheizten Klima bringen die Morde nur weitere Unruhe. antwortete ich. wer für und wer gegen ihn ist. »Aber viel können wir nicht dagegen tun. Nervös holte ich meine Taschenuhr hervor und warf einen Blick darauf. Bei dem Gedanken wurde mir flau im Magen. »Halten Sie einen Krieg mit Frankreich für unausweichlich?«. »Ich hoffe. überquerte ich den verschneiten Platz. »Sie ist gleich auf der anderen Seite des Platzes. Und es ist uns auch nicht gelungen. Wie sollte ich da zu irgendwelchen Schlüssen gelangt sein?« Ich verfiel in resigniertes Schweigen.

als würde er den nächsten Wintersturm nicht überdauern. halb geschlossene Fensterläden hingen traurig in den Angeln. Herrn Reinhold Jachmanns gute Tage schienen der Vergangenheit anzugehören. über die wir vorhin gesprochen haben. wie er über den frisch gefallenen Schnee weg eilte. »Nein. »Gehen Sie zum Gerichtsgebäude und kümmern Sie sich um die Liste mit den sich in der Stadt aufhaltenden Ausländern. die dem Gebäude die Luft abdrücken wollte. sagte ich rasch. Sergeant«. Die ehemals grüne Farbe blätterte nun grau ab. Das schmiedeeiserne Tor quietschte laut in den verroste- D 140 .« Koch verbeugte sich steif. Kaputte. und abgestorbener Efeu krallte sich. Ein rostiger Balkon entlang des ersten Stockwerks sah aus. Bei dem bevorstehenden Gespräch wollte ich keine Zeugen. oder huschte ein Ausdruck der Enttäuschung über sein Gesicht? Ich sah ihm nach. fragte Koch. um sie zusammenzustellen. einer knochigen Hand gleich. Täuschte ich mich. »Soll ich Sie begleiten?«. Schicken Sie die Gendarmen los.X as Haus in der Klopstraße hob sich von seinen Nachbarn ab wie ein fauler Zahn von gesunden. an der Mauer fest. dann wandte ich mich dem Haus zu.

war der Schnee vor dem Haus unberührt. Die Büsche unter der dichten Schneedecke hätten gut und gerne vergessene Grabsteine auf einem verlassenen Friedhof sein können. Ich betätigte den Eisenklopfer. »Hier lang«. sagte er schließlich und ging mir durch den Flur voraus in ein karg möbliertes Wohnzimmer im Erdgeschoss. die Koch hinterlassen hatte. 141 . als befänden sich Haus und Garten in einem Vakuum. als ich mich umwandte. Stiffeniis. herzlichen Mann in Erinnerung. nicht aber den Mann. über pechschwarzen Augen.« Ich erkannte die tiefe. als er am Morgen den Brief überbrachte. Ein einziges Holzscheit glomm darin kraftlos vor sich hin. Eine einsame Amsel flatterte aufgeregt zwitschernd davon. Während ich mich setzte. er würde mich nicht ins Haus lassen. wo er auf eine Sitzgelegenheit neben dem Kamin deutete. Sein Ernst beunruhigte mich. Wir starrten einander eine ganze Weile schweigend an. Einen Moment glaubte ich gar. und seine Brauen lagen. Ansonsten herrschte undurchdringliche Stille. breiten Schneeverwerfungen gleich. Sein schütteres Haar schimmerte weiß wie gebleichtes Leinen. als sich die Tür hinter mir öffnete. denn von unserem ersten und einzigen Treffen sieben Jahre zuvor hatte ich ihn als freundlichen.ten Angeln und gab ein langgezogenes Ächzen von sich. dessen Klang durch die eisige Luft hallte. sonore Stimme von Reinhold Jachmann. als ich es aufdrückte. Ich sah mich gerade im Garten um. um auf den Garten hinauszublicken. trat Jachmann ans Fenster. »Sie sind also tatsächlich gekommen. Auch über ihn war ein kalter Wintersturm hinweggefegt. mit denen er mich eindringlich musterte. Abgesehen von den Fußspuren.

Dann folgte wieder Schweigen. antwortete ich. Sie sollen nicht hierher zurückkommen«. Stiffeniis?« Er wirkte verblüfft. brummte er über die Schulter. »Ich habe weder etwas von seinem Ableben noch von einem Begräbnis gehört. 142 . fragte er. weil …« »Waren Sie schon bei ihm?«.« »Du gütiger Himmel! Was ist nur aus Königsberg geworden?«. »Sie. ohne sich umzudrehen. kam auch für mich überraschend«. erklärte ich.»Was führt Sie hierher?«. »Ein Auftrag des Königs. fiel Jachmann mir ins Wort. »Ich hatte ein ungutes Gefühl bei der Annahme des Auftrags. dafür sei Prokurator Rhunken verantwortlich. das Gesicht blass vor Wut. »Dass man mir die Ermittlungen übertragen hat. »Herr Rhunken wurde sofort beigesetzt. den Blick immer noch auf den Garten gerichtet. war wieder etwas von seiner früheren Energie zu spüren. »Ich habe Ihnen doch gesagt.« Als er sich mit einem Ruck umdrehte und mich ansah. sagte ich nach einer Weile. sagte er.« »Der ist gestorben. »Worum geht es?« »Man hat mich mit den Ermittlungen in den Königsberger Mordfällen betraut. »Eine höchst dringliche Angelegenheit.« »Das haben Sie in Ihrem Schreiben erwähnt«.« »Es ist erst gestern Abend passiert«. als hätte ich die katastrophalen Zustände aus Lotingen mitgebracht. Es gab gemäß seinem letzten Willen kein offizielles Begräbnis. Herr Jachmann. flüsterte er und sah wieder zum Fenster hinaus. »Ich dachte. Herr Jachmann«.« Er schüttelte verwirrt den Kopf.

Ich habe Ihre Warnung nicht vergessen. Herr Jachmann …« »Ich war sein engster Freund«. Alle wesentlichen Informationen überbringt sein Diener. Sein Diener sagt 143 . bestätigte er.« Wieder schwieg ich einen Moment. antwortete ich. »Aber jetzt wollen Sie ihn besuchen.« Endlich wandte er sich mir zu. Herr Jachmann. nicht wahr?«.« »Sein Diener?«. Deshalb bin ich hier. »Nicht wenn es sich vermeiden lässt«. sein Diener«.« Nach kurzem Zögern fügte ich hinzu: »Ihr Brief hat mich sehr erschreckt. »Den Umständen entsprechend«. fragte ich erstaunt. Ich wollte mein Wort nicht brechen. »Sein Diener erstattet mir wöchentlich Bericht. Der Professor hat einfach nur keine Zeit für Freunde. sagte ich.« »Wie kann das sein?« Er winkte ab.»Nein«. »Wie geht es ihm?«. »Es gab keinen Streit. »Und ich bin immer noch sein Verwalter. Unruhig rutschte ich auf meinem Sitz hin und her. antwortete Jachmann unfreundlich. Er lebt sehr zurückgezogen. fragte er mit zornig erhobener Stimme. »Ja. falls Sie das meinen. »Aber Sie sind sein engster Freund. habe ihn aber schon seit mindestens zwölf Monaten nicht mehr gesehen. Seine Tür bleibt allen verschlossen. »Das würde ich ohne vorherige Beratung mit Ihnen nie wagen. Sein Seelenfrieden liegt mir genauso am Herzen wie Ihnen. Herr Jachmann. dass wir uns zufällig begegnen. ich warne Sie lieber. erkundigte ich mich dann. fiel er mir ins Wort. »Allerdings könnte es durchaus sein. Ich dachte.

« »Nun. sagte er unvermittelt. Ihre Meinung ist mir wichtig«. blieb er neben mir stehen und beugte sich zu mir herunter. dass Sie nach Königsberg kommen würden. Hätten Sie mir geschrieben. was damals zwischen Ihnen beiden vorgefallen ist. diese Ermittlungen ausgerechnet Ihnen zu übertragen. fast schon beunruhigt. sagte ich. Stiffeniis?« »Ich weiß es nicht. war ich höchst erstaunt. mit Jachmanns Freund und Universitätskollegen. Er schöpft seine Kraft wie eh und je aus der Arbeit. unter vier Augen mit dem berühmtesten Bürger Königsbergs zu sprechen. 144 . Sie würden meinen Wünschen Folge leisten. mit Immanuel Kant. fuhr er fort und fügte nach einem tiefen Seufzer hinzu: »So oft habe ich mich gefragt.« Nachdem Jachmann eine Weile im Zimmer auf. falls ich Sie nicht daran hinderte.und abgegangen war. ich solle mich um meine eigenen Angelegenheiten kümmern oder zumindest eine Erklärung geben. »Mir war klar.« Ich rief mir jenen Tag sieben Jahre zuvor ins Gedächtnis. Als Sie mir jedoch mitteilten.« »Eigentlich hatte ich eine verärgerte Antwort auf meinen rüden Brief erwartet«. Dabei gruben sich die Falten noch tiefer in sein ausgezehrtes Gesicht. Professor der Philosophie.Besuchern. »Sie wussten. wäre ich kein bisschen überrascht gewesen. als ich die Ehre gehabt hatte. Herr Jachmann. »Wie kann jemand nur auf die Idee kommen. warum ich Sie nicht Wiedersehen wollte«. er sei beschäftigt und wolle nicht gestört werden. doch er hörte mir nicht zu.

um die Bilder zu verdrängen. an dem er Sie zum Essen einlud – ein an und für sich schon singuläres Ereignis. Professor Kant zu treffen?« »Das ist ungerecht«.»Sie haben mich eindringlich gebeten. Es begann an dem Tag. »Genau das ist der Punkt. aber auch keinen Grund. »Ich war gerade von Paris zurückgekehrt. sagte ich mit leiser Stimme.« Herr Jachmann musterte mich fragend. Würden sie mich denn nie loslassen? Der Anblick menschlichen Blutes.« »Aber Sie wissen doch. »Irgendetwas an Ihnen interessiert ihn. warum.« Herr Jachmann nickte grimmig. legte er ein merkwürdiges Verhalten an den Tag«. an dem die Jakobiner ihren Anführer exekutierten …« Ich schloss die Augen. Warum sonst sollte ich Ihnen verbieten. Sie sind sein engster Vertrauter und wissen um seine Bedürfnisse …« »Und Sie schaden ihm!«. warum er mich einlud«. wenn Ihr Name fiel. widersprach ich. erwiderte ich. 145 . fuhr er fort. was völlig untypisch ist für ihn. »Ich erinnere mich an Ihre Schilderung jenes Tages. Der Gestank. »Er hatte niemals zuvor einen Fremden zu sich nach Hause eingeladen.« »Warum?«. fragte ich. und Professor Kant wollte etwas über die Ereignisse dort erfahren. »Jedes Mal. »Er wurde ganz aufgeregt. die plötzlich vor mir aufstiegen. rief er. doch Jachmann redete einfach weiter. mit Rücksicht auf Professor Kant einen weiten Bogen um die Stadt zu machen«. an Ihrer Integrität zu zweifeln. »Ich hatte keine Ahnung.

sagte Jachmann. Was auch immer zwischen Ihnen beiden vorgefallen sein mag: Es hat ihn verändert.« Den König? Einen Menschen. Der metallische Klang. Ein Hebeldruck hatte einen Schatten auf meine Seele geworfen. »Sondern Sie.« Er starrte mich durchdringend an.« »Aber Sie lenkten das Gespräch in eine gefährliche Richtung. »Alles begann mit der Diskussion über die Wirkung elektrischer Ströme auf das menschliche Verhalten. die in Frankreich gewesen waren«. das aus dem durchtrennten Nacken schoss wie eine Fontäne aus einem der königlichen Brunnen in Versailles.« 146 . zweiter Januar siebzehnhundertdreiundneunzig«. der in schmutzigen Lumpen. meinen Mund fielen … »An dem Tag haben sie den König hingerichtet. und ein verborgener Teil meines Wesens war inmitten des wütenden Mobs aufgegangen und hatte Besitz von mir ergriffen. vor meinen Augen. Die geölte blaue Klinge. die im Licht des frühen Morgens schimmerte. »aber deren Schilderungen hatten ihn nicht erschüttert. der Verurteilte. Stiffeniis. Sie hingegen. fuhr Jachmann fort. mich zu verteidigen. die wie Regen auf mein Gesicht. trugen an jenem Tag etwas Böses ins Haus. Mir gefror damals das Blut in den Adern. Unwillkürlich musste ich an die damalige Szene denken: Die Erregtheit der Massen. als sie herniedersauste. Und dann das Blut. aber hoch erhobenen Hauptes zur Guillotine schritt. versuchte ich. Die Tropfen. »Kant hatte auch mit anderen gesprochen. meine Nase.« »Nicht ich brachte dieses Thema auf«.»… Paris. Herr Stiffeniis.

sondern die ungezügelte Energie der Natur.« Das hatte ich nicht vergessen. »Ich war schockiert. »hielt sich ein Fremder auf. meinem Blick ausweichend.« »Und er antwortete. der Vater der Rationalität. seinerzeit interessierte ihn kaum etwas anderes. die er nie in Frage stellen dürfe …« »Dann meldeten Sie sich zu Wort«. »Wie oft habe ich jene Unterhaltung bedauert! Kant beschäftigte sich gerade mit der Wirkung der Elektrizität auf das Nervensystem. diese Macht gehöre Gott allein. fuhr Jachmann fort. lasse sich auf fatale Weise von der Erhabenheit des Schreckens faszinieren.« Jachmann sank in einen Sessel und stützte die Stirn in die Hand. murmelte ich. »Die zerstörerische Kraft der Elemente habe ihn in ihren Bann geschlagen. pries die Macht des Unbekannten. Und Sie erklärten.Er wandte sich dem Feuer im Kamin zu. sagte Jachmann. Der Mensch sei an moralische Regeln gebunden. traute meinen Ohren nicht. der sich unsere Achtung 147 . es sei nicht die elektrische Entladung. Der Mensch. »Draußen in Ihrem Garten«. Kant bezog sich auf das incantamento horribilis. »und plötzlich erschien der freundliche junge Student. der ungeachtet des Gewitters wie in Trance zum Himmel hinaufstarrte. ob die elektrischen Entladungen eine Erklärung für sein seltsames Verhalten bieten könnten. Sie fragten Kant. die den Mann anziehe«. erklärte er. In der Nacht zuvor hatte es einen heftigen Sturm gegeben. Immanuel Kant. die dunkle Seite der menschlichen Seele?« »Ich erinnere mich.

und sein Gesichtsausdruck erschreckte mich. Stiffeniis«. »Ihre Worte haben sich unauslöschlich in mein Gedächtnis eingebrannt: ›Es gibt eine menschliche Erfahrung. den Sie an jenem Tag heraufbeschworen. was hinterher passierte: Ich wartete im Haus auf Kant. Mord ohne Motiv. Seine Augen funkelten vor Erregung. was keinen Aufschub dulde. ob er Fieber habe. gab keine Ruhe mehr.« »Sie wollen wissen. erwiderte er. dass etwas nicht in Ordnung war. hörte ich seine Schritte.durch sein gutes Benehmen und seine vernünftige Argumentation erworben hatte.« 148 . Lange bevor ich ihn durch den Nebel kommen sah. »Als der Professor das Gespräch in andere Bahnen lenkte. Ihr Klang bewies.« »Ich sagte nur …« Er brachte mich mit einer Handbewegung zum Schweigen. dass er mit der Abfassung einer neuen philosophischen Abhandlung begonnen habe. nicht wahr?« »Nicht im Geringsten. führten Sie aus.‹« Jachmann musterte mich vorwurfsvoll. Ich fragte ihn. ob wir weiter über das Thema gesprochen haben. Aber der Geist. im dichten Nebel mit Ihnen allein einen Spaziergang um das Schloss zu machen. ›Kaltblütiger Mord. Mit anderen Worten: Er schickte mich weg! Und am nächsten Tag teilte er mir mit. »Lassen Sie sich lieber erzählen. Er rannte! Ich hastete ihm entgegen. Kant bestand darauf. er müsse etwas erledigen. die vergleichbar ist mit der ungezügelten Kraft der Natur‹. in völlig neuem Licht. denn Kant rannte. war ich froh. nachdem er den ganzen Winter abgesehen von seinen Besuchen in der Universität keinen Fuß vor die Tür gesetzt hatte. Doch er meinte.

« »Sie erinnern sich sicher an Kants sprichwörtliche Pünktlichkeit.« 149 .Ich runzelte die Stirn. seien mächtiger als Logik. Nun. Er geriet praktisch in Vergessenheit. weil ein paar jüngere Philosophen ihn bezichtigten. Einer nach dem anderen kam mit einer Uhr in der Hand in seine Vorlesungen und fragte: ›Zu spät? Ich? Ihre Uhr muss stehen geblieben sein. und Kants Ansehen nahm durch diese verbitterte Debatte Schaden. ein aufgeweckter junger Mann namens Fichte – von ihm haben Sie sicher gehört – Kant als ›Philosophen des spirituellen Müßiggangs‹. entgegnete ich. die tieferen Regungen der Seele außer Acht zu lassen. In den letzten Jahren seiner Tätigkeit als Professor waren seine Vorlesungen leer. dass das Werk überhaupt nicht existiert. Ich neige sogar zu der Annahme. wie man wohl heutzutage sagt. »Es wurde nie veröffentlicht. Am Ende bezeichnete einer seiner früheren Schützlinge. wurde für ›altmodisch‹ befunden.« »Das war bestimmt demütigend für ihn.« »Das kann ich mir vorstellen.« »Das habe ich gehört«. Zu jener Zeit litt er unter starker nervlicher Anspannung. das sich überall in Europa sehr gut verkaufte.« Jachmann schüttelte den Kopf.‹ Das trieb Kant fast zum Wahnsinn und schließlich in den vorzeitigen Ruhestand. Emotionen. »Von einem neuen Buch ist mir nichts bekannt. die jüngeren Studenten machten sich darüber lustig. in einem Buch. Niemand hat je eine Zeile daraus gelesen. behaupteten sie. »Es war sehr traurig. deshalb haben Sie nichts davon gehört.

»Ein junger Mann namens Johannes Odum führt den Haushalt. »Ich musste ihn entlassen. an dem der Professor arbeite.« »Warum haben Sie ihn dann weggeschickt?« »Zu Kants eigenem Besten. fragte ich überrascht. Als die Studenten den Vorlesungen fernblieben. nach dreißig Jahren treuen Dienstes! Geistige Disziplin mag interessante Gedanken hervorbringen.« »Da war es wohl tatsächlich das Beste. Stiffeniis!« Erneut musterte Jachmann mich eingehend.« »Sein Diener?«. »Ich konnte Lampe nicht mehr vertrauen. Kant bereitet ja schon das Anziehen seiner Socken Probleme! Lampe kümmerte sich um ihn. während er seine Bücher schrieb. genauer gesagt: Er machte mir Angst.« Nach kurzem Schweigen fragte Jachmann unvermittelt: »Warum um Gottes willen haben Sie Juristerei studiert?« Ich ließ mir Zeit mit der Antwort. »aber am meisten aus der Fassung war Martin Lampe. sagte ich. ohne ihn gäbe es überhaupt keine Kantsche Philosophie! Das neue Buch. aber sie führt keinen Haushalt. »Er führte sich auf. reagierte Lampe viel heftiger als Kant und brüllte. meinte Jachmann. antwortete Jachmann. »Aber wer kümmert sich jetzt um den Professor?« Jachmann räusperte sich geräuschvoll. ihn zu entlassen«. wozu er in der Lage sei. Einmal erklärte er mir sogar. Er scheint sich recht gut zu schlagen. »An jenem Tag in 150 . als wäre er Kant.»Tja«. dieser solle der Welt zeigen. stamme eigentlich von ihm.« »Angst? Wieso das?« »Merkwürdige Ideen hatten sich in Lampes Hirn geschlichen«.

Der Junge ist tot. wiederholte Koch. sagt er.« »Morik? Was ist mit ihm?« »Man hat ihn gefunden. und ein Bediensteter in schlichtem braunem Gewand streckte den Kopf herein. »Er möchte mit Prokurator Stiffeniis sprechen. aber es geht nicht anders.« Draußen im Flur wartete Koch mit aschfahlem Gesicht. Sergeant. aber warum ist das so dringend?« »Tut mir leid«.« 151 . sagte ich. muss ich mich fragen.« »Das freut mich. was Sie damals von sich gaben. »Dieser Spaziergang! Alles scheint damit seinen Anfang genommen zu haben …« Da klopfte es an der Tür. »Der Mann ist wieder hier«. verkündete er.« »Was ist los?« »Der Junge im Gasthaus.« »Ach?« Jachmann runzelte verwirrt die Stirn. ob dieser Rat vernünftig war!« »Er gab ihn mir während des Spaziergangs um das Schloss«. Jachmann schüttelte traurig den Kopf. »Angesichts dessen. »Tut mir leid. »Vielleicht habe ich mich nicht klar genug ausgedrückt. dass ich störe.Königsberg riet Professor Kant mir höchstpersönlich dazu.

XI lötzlich ertönten wütende Rufe. Ich kam mir in der Kutsche vor wie auf einem Boot. pflichtete ich ihm bei. bestätigte Koch. stob eine wütende Menge brüllender Männer und kreischender Frauen auseinander. das in einer sehr engen Fahrrinne zwischen zwei Riffs hindurchsteuert. »Sie geben den Behörden die Schuld«. den Mob hinter uns zu lassen. nachdem es uns endlich gelungen war. die sich an den Schauplatz des Verbrechens heranzudrängen versuchten. meinte ich.« »Das Ziel ist allgemeine Verunsicherung«. »Es ist genau so. wer die aufrührerischen Parolen rief. geheime Versammlungen. »Der König! Wo ist der König?« »Niemanden scheint’s zu kümmern. Plötzlich war ich mir der enormen Bürde P 152 . wie General Katowice befürchtet: Gerüchte. In dem Durcheinander war es unmöglich auszumachen. »Die Ängste werden mit jeder neuen Leiche schlimmer«. dass Napoleon uns abschlachten wird!« »Nieder mit dem König! Aufs Schafott mit ihm! Vive la Révolution!« Als unsere Kutsche auf die lange Holzbrücke über den Pregel rumpelte. innerer Aufruhr.

Wir hasteten bis zu der Stelle. dass 153 . sagte ich. Wie weit ist der ›Walfänger‹ von hier entfernt?« »Eine halbe Meile. glitschigen Steintreppe stehen. Wenn Sie ihn selbst vernehmen wollen – ich habe seinen Namen und seine Adresse notiert …« »Mit dem beschäftige ich mich später. dass der Junge und die anderen von Saboteuren ermordet worden waren? »Hat man den Wirt und seine Frau in Gewahrsam genommen?« »Ja. die mir da auferlegt worden war. Er wurde zum Gerichtsgebäude gebracht.« Auf der anderen Seite des Flusses blieben wir vor einer steilen. Wir stiegen hinab und erreichten das schlammige Ufer. »Ich bin der neue Prokurator. Sorgen Sie dafür. Welche Beweise brauchte ich noch dafür.« »Nach der Begutachtung der Leiche«. und die dunklen Gewächse waren von der Kraft des zurückströmenden Wassers niedergedrückt worden. wo ich ihn befragte. was mir Morik am Abend zuvor gesagt und an das. Koch. aber nicht viel Neues erfuhr. Dann habe ich vielleicht mehr in der Hand. »vernehmen wir die beiden. was ich später von meinem Fenster aus gesehen hatte. als wir unterbrochen wurden?« »Von dem Aalfischer. an der eine Gruppe bewaffneter Soldaten stand.« Ich musste an das denken. wo uns scharfer Salzgeruch in die Nase stieg. »Aber was wollten Sie mir gerade erzählen. was ich General Katowice berichten kann. der die Leiche beim Aufstellen der Reusen entdeckt hat.sehr bewusst. Es herrschte Ebbe.

rief ich aus. 154 . Natürlich hatte ich damit gerechnet. die. Herr Professor«. seine Hand an meine Lippen zu drücken. wie ein wildes Tier daran herumschnüffelte. Stiffeniis«. wies ich die Männer scharf an. »Das ist unglaublich! Wer hat ihn hierher gerufen?« »Ich. hörte ich jemanden hinter mir sagen. der sein Gesicht fast völlig verbarg. Eingehüllt in einen glänzenden braunen Umhang aus wasserdichtem Material. Kants Anwesenheit verschlug mir die Sprache. dass ich mich in der Stadt aufhielt? »Mein lieber Hanno. der gut und gerne sein Sohn hätte sein können. klammerte er sich an den Arm eines groß gewachsenen jungen Mannes. Wer hatte ihn über den Fund von Moriks Leiche in Kenntnis gesetzt? Und wusste er von Jachmann. begrüßte er mich. Mein Blick fiel auf eine im Schlamm kniende Gestalt. Nur mit Mühe widerstand ich dem Impuls. sagte ich. aber nicht an diesem trüben Ort. meine Verwirrung und Verlegenheit kaschierend.niemand sonst hierherkommt«. »Sie hätte ich hier nicht erwartet. über Moriks Leiche gebeugt. wie schön Sie zu sehen«. Er trug keine Perücke. Auf Immanuel Kants Kopf saß ein Dreispitz. Ein feines Netz silbrig grauer Haare lag über seiner linken Schulter. Jenseits des Flusses schien sich mittlerweile die halbe Stadt versammelt zu haben. »Mein Gott!«. Ich erkannte die Stimme sofort und drehte mich um. Vigilantius ließ sich nicht stören. Doktor Vigilantius. Angewidert wandte ich mich von der sensationsgierigen Menge ab. dass es früher oder später zu einer Begegnung kommen würde.

grunzte wie ein Schwein am Trog.»Das dachte ich mir schon«. habe ich recht?« »Er ist Anhänger Swedenborgs«. an Swedenborgs geistigen Erben gewandt habe?« »Bei Ihrem Versuch? In der Tat. erwiderte er mit einem freundlichen Lächeln. »Soweit ich sehen kann. der nach wie vor neben dem toten Jungen kniete. winkte Kant lachend ab. sich weiter auf den Arm des Dieners stützend. fragte er mit einem listigen Lächeln. sagte er leise. »Hat seine Demonstration gestern Abend Sie denn nicht beeindruckt?«.« Vigilantius. gestand ich. und wandte sich dann wieder Morik zu. Sie selbst haben seinen Lehrmeister als Betrüger und Scharlatan bezeichnet. »Sie fragen sich sicher. trat er. »und behauptet. Missbilligen Sie es. ein paar Schritte auf die Leiche zu. ich bin verwirrt«. aber Professor Kant schien sich nicht im Mindesten daran zu stören. »Ich hoffe. für das ich mich je entschuldigen musste. um Kant mit einem Nicken zu begrüßen. »Träume eines Geistersehers ist das einzige meiner Werke. »Séance?« 155 . »Sie haben Doktor Vigilantius bereits gestern Abend kennengelernt. den Mörder aufzuspüren. nicht wahr?« Ohne auf eine Antwort von mir zu warten. was er da treibt. Mich ekelte sein Verhalten an. der Doktor wird etwas Nützliches herausfinden«. das!«. dass ich mich bei meinem Versuch. hob kurz den Kopf. Was sollte ich darauf sagen? »Sie meinen die Séance?« Kant runzelte die Stirn. antwortete ich so ruhig wie möglich. ist seine Untersuchung noch nicht abgeschlossen. mit den Toten sprechen zu können.« »Ach.

und die Energie. der noch immer über Moriks Leiche kauerte. Ihr Geruch ist völlig anders.« Kant wirkte nachdenklich. mit der die Seele den Körper verließ. Professor«. so. Professor«. sagte er schließlich. »Verstehe«. Herr Professor. was ich mit eigenen Augen gesehen hatte. nicht aber. Sie haben also die Geduld verloren und sind nicht bis zum Ende geblieben.« »Ein anderer Mörder?«. ein wenig gekränkt über seine unverhohlene Ironie. »Was redet er da?« Ohne auf meine Bemerkung einzugehen. »Dieser Todesfall ist eigentümlich. ebenso. wenn jemand eine Leiche befragt und ihm diese augenscheinlich antwortet? Am Ende wusste ich nicht mehr als das. Die anderen Mordopfer waren ahnungslos. Und er hatte schreckliche Angst. wiederholte ich mit Blick auf Kant. was ihm bevorstand. »Hier war ein anderer Mörder am Werk. antwortete ich.« »So. meldete sich Vigilantius zu Wort. »Verrät die Leiche Ihnen noch etwas anderes?« 156 . als Prokurator Rhunkens Nachfolger vorgeschlagen worden zu sein.« Der Doktor bedachte mich mit einem triumphierenden Grinsen. bevor er antwortete. »Diese Leiche weist nicht die gleichen Merkmale auf wie ihre Vorgänger. wogegen dieser Junge wusste. Das hätte ich mir denken können«. nicht wahr?« »Offenbar habe ich diese Ehre Ihnen zu verdanken. »Vigilantius hier zu sehen überrascht Sie. murmelte Kant.»Wie soll ich es sonst nennen. sagte Kant zu Vigilantius: »Erläutern Sie das näher.

»Den Beweis hätten Sie gestern Abend gesehen. »Und?«. Vielleicht 157 . »Was soll das heißen?« »Ich habe heute Morgen sein Haus durchsucht und dort Hinweise auf die Ursache dieser Wunden entdeckt …« Ich schwieg verlegen. Es lässt sich ein Bezug zu den anderen Morden herstellen. fragte Kant daraufhin mich.« »Sich selbst zugefügt?«. lag auf der Hand: Sein Rücken war übersät mit alten und neuen Wunden …« »Ich habe Ihnen doch gesagt.« »Nun. Wie konnte er so voller Achtung mit einem bekannten Nekromanten reden? Immerhin hatte Kant Regeln des ethischen Verhaltens und der rationalen Analyse zur Erkenntniserlangung formuliert. »Ich weiß. antwortete ich. fiel Kant mir ins Wort. »Professor Kant!«. »Was die Leiche von Herrn Tifferch verriet. »Sein Privatleben scheint ziemlich exzentrisch gewesen zu sein.Ich war sprachlos. »Hinter der freundlichen Maske fast aller Menschen verbirgt sich eine hässliche Fratze. »In einem von Tifferchs Schränken befand sich sorgfältig versteckt eine Peitsche«. dass sie nicht die Todesursache waren«. platzte es aus mir heraus. dass er an jenen Wunden nicht gestorben ist«. hakte er nach. wie erklären Sie sich diese Wunden?«.« »Wie interessant!«. »Er hat sie sich selbst zugefügt. »Ich habe napoleonfeindliche Erotika in einem Schrank gefunden. wenn Sie so höflich gewesen wären. murmelte ich. Halten Sie das für das Mordmotiv?« »Nein. ein wenig länger zu bleiben. meinte Vigilantius verächtlich.« Ich holte tief Luft. rief Kant aus. Herr Prokurator.

Ich war verblüfft. »Möglicherweise …« Doch Kant hörte mir nicht mehr zu. Vigilantius schwang seinen Umhang und trat ab wie ein schlechter Schauspieler. musste ich zugeben. Als ich den Blick auf den Jungen senkte. »Befindet sich am Körper des Jungen irgendeine Spur der Klaue?«. rief ich. 158 . Stiffeniis. Ich habe seine Aufzeichnungen gelesen …« »Aber wie ist Tifferch gestorben?«. »Das würde uns alle interessieren. »Was reden Sie da?«. keine«. sehen wir uns die Leiche genauer an. Die Klaue des Teufels.« Er legte seine schmale Hand auf meinen Unterarm und zog mich einen Schritt auf Morik zu. Das scheint auch Prokurator Rhunken gemutmaßt zu haben. ob übernatürliche Kräfte im Spiel sind oder nicht: Morde bereiten Behörden Probleme. Professor Kant verwendete den Ausdruck der Frau. fragte er Vigilantius. »Egal. antwortete Vigilantius ernst. das ist Morik«.« »Nun.wurde er von Anhängern Bonapartes ermordet. hatte ich plötzlich ein ganz anderes Bild vor Augen: Blut und Knochen. »Ja. Nur mit Mühe gelang es mir. Stiffeniis. Hatte sich Jachmann zurecht besorgt über Kants Geisteszustand geäußert? »Keine Spur wovon?« »Das zeige ich Ihnen später«. erklärte Kant. murmelte ich. entsetzt aufgerissene Augen. das weiß ich noch nicht«. Kommen Sie. erkundigte sich Kant. frustriert über ihren vertrauten Umgang miteinander. die die Leiche von Jan Konnen entdeckt hatte. »Nein. die fürchterliche Erinnerung beiseitezuschieben.

Stiffeniis«. mich mit aller Kraft auf die Leiche Moriks konzentrierend. erkundigte sich Kant. und an Haaren. fügte Kant hinzu.« Ich schluckte. »Bringt der Anblick Sie aus der Fassung?«. »Vermutlich. Ihr Bruder hatte ähnliche Schädelverletzungen. fragte er mich besorgt. Würden Sie seine Kleider beiseiteschieben?« Bevor ich mich bücken konnte. war Koch bereits niedergekniet und hatte die Ärmel des Jungen hochgezogen.« »Seinen Namen kenne ich«. bemerkte ich. 159 . »Es … Das war ein ziemlich heftiger Schlag«. nehme ich an. presste ich hervor. »Schauen Sie sich den Gesichtsausdruck des Jungen an.und Blutspritzer. »Bei ihm befanden sie sich auf der rechten Seite«.Die linke Seite seines Kopfes war eingedrückt wie eine Eierschale. seine Hände sind zu Fäusten geballt. erklärte ich hastig. »Mussten Sie damals die Leiche identifizieren?«. sagte Kant nach kurzem Schweigen.« »Lassen Sie uns weitermachen«. »Ich wette. Kant schien meine Gedanken zu lesen. sagte Kant mit einem neugierigen Blick auf Koch. Stirn und Wangen klebten Hirn.« »Und der Junge sah ihn kommen«. forderte er mich daraufhin auf. Kants Mutmaßung erwies sich als richtig. gab es keine polizeilichen Ermittlungen. »Der Tod muss sofort eingetreten sein. Schläfe.« »Das stimmt. »Früher hat er für Prokurator Rhunken gearbeitet. »Sergeant Koch ist mein Assistent«. »Soweit ich weiß.

dass ich im »Walfänger« unterkam. bat Kant meinen Assistenten. auch Tifferch. befahl ihm Kant. Sergeant«. dessen Leiche Sie gestern Abend sahen.« »Beachten Sie die Haltung der Beine«.« Koch rollte Morik vorsichtig mit dem Gesicht in den Schlamm. und Koch hastete hinüber zur Brücke. »Bringen Sie Wasser. den Toten mit Schnee zu kühlen. ohne Vigilantius oder mir weiter Beachtung zu schenken. herrschte Vigilantius mich an. um von einem der Soldaten eine metallene Feldflasche zu holen. der mich nicht erwartete. damit Sie und der Doktor ihn einer genaueren Untersuchung unterziehen konnten. als sie ermordet wurden. Immanuel Kant wusste mehr über diese Morde als jeder andere in Königsberg. »Die anderen knieten. sagte er. fuhr Professor Kant fort. »Gießen Sie es ihm über den Kopf«. 160 . dann in das Horrorkabinett von Doktor Vigilantius und schließlich dafür gesorgt. Vergleichen Sie. Er hatte jede meiner Handlungen seit meiner Ankunft in Königsberg mitverfolgt. Ich hatte die Soldaten angewiesen. mit der ich Koch immer wieder gequält hatte: Hinter all dem steckte Professor Kant. Koch. Haar und Nacken des Jungen waren blutverkrustet. »Drehen Sie den Jungen doch bitte auf den Bauch. mich zu Prokurator Rhunken geschickt.Ich starrte Moriks Kopf an. ohne irgendeinen klaren Gedanken fassen zu können.« Hier also war die Antwort auf die Frage. »Sehen Sie denn nicht?«. »Schauen wir. ob Vigilantius recht hat«. »Bei diesem Fall ist alles anders.

widersprach ich. »Schieben Sie seine Haare zurück und entfernen Sie den Schmutz. Ich bin ziemlich sicher. »Dass er nicht hier ermordet wurde. »Aber es kann keine zwei Mörder in Königsberg geben!«.« 161 . »Die Kopfverletzung wurde dem Jungen mit einem Hammer oder einem anderen schweren Gegenstand beigebracht. dass er etwas über die anderen Morde wusste. Es liegt auf der Hand: Der Junge wurde aus einem anderen Grund umgebracht. und auch nicht von der Person. »Was schließen Sie daraus. fragte ich. die wir bisher gesucht haben. mutmaßte ich. weil ich mich erst gestern Abend mit ihm unterhalten habe.sobald er wieder zurück war. Eigentlich müsste auf dem Boden überall Blut sein. erwiderte Kant. »Das erklärt nicht das völlige Fehlen einer Blutspur«. um mich in die Irre zu führen. Sie zu wählen und im ›Walfänger‹ einzuquartieren. und man hat die Leiche hierher gebracht. Herr Professor?«.« Ich war verwirrt. das Kant einer eingehenden Untersuchung unterzog.« Ein Stück weiße Haut kam zum Vorschein. sagte er nach einer Weile.« »Vielleicht hat die Kälte die Blutung schnell gestillt«.« Kants Augen funkelten. denn Kant hatte denselben Schluss gezogen wie Vigilantius. »Sie haben mit ihm gesprochen? So schnell konnten Sie sein Vertrauen gewinnen? Respekt! Es war also goldrichtig. »Hier im Nacken ist keine Wunde«. »Morik wurde im Gasthaus ermordet. aber ich sehe keines.

was ich von Morik über die Fremden im Gasthaus erfahren und was ich von meinem Fenster aus beobachtet hatte. dass er tatsächlich beeindruckt war. »Das erhabene Vergnügen am Mord. »Offenbar stiftet Ihre Anwesenheit Unruhe. »Aber das wissen Sie vermutlich. »ich wollte mich nicht einmischen. doch dann merkte ich. »Hier sind ausländische Agitatoren am Werk. Stiffeniis«. fügte er mit einem versonnenen Blick auf die dunklen Fluten des Pregel hinzu. »Fahren Sie fort. Sagen Sie. »Es ist genau. »Und welches wäre das?«. er spotte.« Die Ereignisse des vergangenen Abends fielen mir ein: Herrn Totz’ Verärgerung. Denn was für ein besseres Motiv könnte es für diese Morde geben?« »Da wüsste ich mindestens hundert«. wandte er sich sogleich mir zu. was Sie zu sagen haben. Herr Stiffeniis«.« »Könnte ein normaler Mensch aus einem solchen 162 . schloss ich. erklärte er mit einem Leuchten in den Augen. Ich erzählte Kant. »Eines drängt sich mir ganz besonders auf«. Hatte ich richtig gehört? »Ist das Ihr Ernst?«. ohne lange zu überlegen.Einen Moment lang meinte ich. die Furcht des Jungen vor den beiden. erklärte ich. meinte Kant. rief Sergeant Koch aus. »Entschuldigen Sie. antwortete Kant. das verdächtige Verhalten seiner Frau. nicht wahr?« Kant bedachte mich mit einem verschmitzten Lächeln. »Dieses Gasthaus ist ein konspirativer Treffpunkt für Saboteure«. wie Prokurator Rhunken meint«.« »Ihre Offenheit gefällt mir. fragte ich. Herr Koch«.

Koch. Schauen Sie dort hinüber«.« »Ein Soldat? Ist das Ihre Theorie?« Kant wandte sich mir zu. Die Offiziere unserer Armee pflegen auch die hohe Kunst des Duells. wo sich noch immer die Massen drängten.Grund morden?«. »Lassen Sie mich ausreden. den Zeitpunkt und den Ort der Exekution. stimme ich Ihnen zu. »Stellen Sie sich das Gefühl der Macht über Leben und Tod vor. Wenn Sie sagen. »Ein Mann. fügte er. einen Feind im Kampf zu töten sei die Pflicht eines Soldaten. »Zum Vergnügen?« Kant musterte ihn interessiert. »Sind Sie je im Krieg gewesen. Wer 163 . Übrigens nicht nur auf dem Schlachtfeld. schon …« Kant hob die Hand. die sich ihrer mörderischen Fähigkeiten schämen oder die Gräueltaten verschweigen. der solche mörderischen Fähigkeiten besitzt. ohne auf Kochs Bemerkung einzugehen. hinzu.« Er deutete mit dem Kopf auf die Leiche. könnte durchaus Vergnügen bei ihrer Ausübung empfinden. Ich kenne kaum Soldaten. Stiffeniis! Er wählt sich sein Opfer. Das ist gottgleiche Macht. die sie im Namen der Pflichterfüllung begangen haben. offenbar nicht im Geringsten beeindruckt vom Ruhm Kants. »Aber Sie haben doch sicher Freunde oder Bekannte beim Militär?« »Ja. fragte Koch. obwohl man auch dort durchaus Ambiguitäten entdecken könnte. auf die andere Seite des Flusses deutend. »Rufen Sie sich den in der Stadt herrschenden Schrecken in Erinnerung. Sergeant?« Koch schüttelte den Kopf.

Dieser Gedanke schien ihn gehörig zu erschüttern. Er beherrscht uns alle. »Ich hoffe. »Aber nun zu Ihrer 164 . Ich sollte ihn in Königsberg nicht mehr zu Gesicht bekommen. »Stiffeniis wird Ihre Erkenntnisse zu nutzen wissen.« Mit einem letzten verächtlichen Blick in meine Richtung wandte sich Augustus Vigilantius. wenn Sie mich noch einmal brauchen sollten. von uns ab und verschwand.« »Ihre Hilfe in diesem Fall war von unschätzbarem Wert«.der Mörder auch immer sein mag – ihm ist es gelungen.« Ein kalter Wind fegte über die Fluten des Pregel. Kant bedachte mich mit einem freundlichen Lächeln. von denen er gesprochen hatte: Es handelte sich um ein Zwiegespräch mit einem angeblich von der Seele seines früheren Besitzers besessenen Ziegenbock. sagte er. wie Sie mich erreichen können. die keine menschlichen Grenzen anerkennt. jener hell leuchtende Stern am Swedenborgischen Firmament. Königsberg ins Chaos zu stürzen. »Ich muss gehen. mischte sich Koch stirnrunzelnd ein. vielleicht auch eines Dämons. wie die dringenden Geschäfte aussahen. Die Macht einer Gottheit. »Eine Macht. »Professor Kant«. In Hartmanns Zeitung las ich später.« »Macht?«. klang sie laut wie das Zerbersten eines kalbenden Eisbergs im Frühjahr. sagte er. Sergeant Koch. andere dringende Geschäfte harren meiner. Als Doktor Vigilantius die Stimme erhob. als hätte er es mit David Hume oder René Descartes höchstpersönlich zu tun. lobte ihn Kant. Sie wissen. wir werden seine Dienste nicht mehr in Anspruch nehmen müssen«.

entgegnete er. fielen mir die kriecherische Freundlichkeit von Frau Totz und ihre angebliche Besorgnis um ihren Neffen ein. Herr Professor«. »Wie Sie meinen. Stiffeniis«.Verschwörungstheorie. Herr Stiffeniis«.« 165 . Sie teilen meine Meinung nicht. Vernehmen Sie die Leute aus dem Gasthaus.« »Entschuldigen Sie. murmelte ich und sah ihm nach. herrschte Kant ihn an. der die Leiche gefunden hat? Mit dem sollten Sie auch reden. ging er davon. Sie sollten Belege dafür beibringen. ein paar Leute zum Sprechen zu bringen. »Zum Schloss. »Was ist mit dem Fischer.« »Ich dachte. Koch«. Nackte Wut packte mich. wie er die Stufen zur Straße hinaufstieg. Als sie das Gesicht des Jungen mit einem Tuch verhüllten. die Leiche Moriks zuzudecken.« »Stehlen Sie dem Prokurator nicht die Zeit! Der arme Fischersmann weiß bestimmt nichts«. »Zeit. »Sie müssen sie überprüfen. Stiffeniis?«. Nach ein paar Schritten drehte er sich jedoch mit einem listigen Lächeln noch einmal um. Ohne auf eine Antwort zu warten. »Ich hole Sie um vier Uhr ab«. fragte er. sagte ich barsch. sagte er dann zu mir und wandte sich zum Gehen. Stiffeniis. Herr Professor!«. Und wenn Sie fertig sind. Dann gab ich den Soldaten Anweisung. mischte sich Koch ein. »Es ist immerhin Ihre Theorie. rief ich erstaunt. »Wollen Sie denn nicht mehr über die Klaue des Teufels erfahren. möchte ich Ihnen etwas zeigen. das fordert die moderne wissenschaftliche Methodologie.

erklärte ich mit einem Blick auf die grauen Wände. sagte ich überzeugter. als ich eigentlich war. aber es hätte mich nicht überrascht. Ein gesprungener Porzellannachttopf verbreitete beißenden Uringestank. »Hier hätte ich mich von Anfang an einquartieren sollen«. wenn ein Gefängniswärter vorbeigekommen wäre und uns eingeschlossen hätte. wenn ihn die Arbeit nicht nach Hause ließ. erinnerte mich Koch. Die Schreie und Klagen der Gefangenen im unteren Stockwerk klangen zum Glück nur gedämpft herauf. »Nun. auf dem nun meine Reisetasche ruhte. in dem er übernachtete. informierte mich Koch. immerhin haben Sie im ›Walfänger‹ einige sehr wichtige Dinge herausgefunden. I 166 . Herr Prokurator«. Niemand hatte sich die Mühe gemacht einzuheizen. und es war eisig kalt. »Es wird schon gehen«.XII ch habe Ihre Sachen vom Gasthaus hierher bringen lassen«.« Die winzige Kammer im ersten Stock des Schlosses bot gerade genug Platz für eine schmale Pritsche und einen Holzstuhl. Ich hatte mich häuslich in Prokurator Rhunkens Zimmer eingerichtet. Durch das Fenster hoch oben in der Wand drang so gut wie kein Licht herein. »Mehr war in der kurzen Zeit nicht möglich.

vielleicht haben Sie recht. Bei unserem geplanten Treffen heute Nachmittag möchte ich ihm diese präsentieren. fragte ich. »Es hat mich erstaunt. Ihnen nicht auch?« »Er mag sich nicht mit dem Chaos abfinden. »Nein«. Herr Prokurator?« Ich blickte weg und begann in meiner Tasche zu kramen.« »Professor Kant …«.« 167 .« »Nun. nicht gerade überzeugt. »Ihr Bruder«. ein sehr unglücklicher Unfall. »Herr Kant hat ihn heute Morgen im Zusammenhang mit dem Jungen erwähnt. Wurde Ihr Bruder ermordet. während er an seinem Hemdkragen nestelte. erklärte ich. was er sagen würde. fauchte ich schließlich. meinte Koch. als wollte er sich im Voraus für das entschuldigen. fuhr Koch fort. ziemlich viele Unannehmlichkeiten auf sich nehmen. »Was noch?« Koch legte die Hand auf seine Brust. als wäre ihm warm. »Es war ein Unfall. Er hat Angst um Königsberg und würde für die Stadt.« »Aber Ihre Verschwörungstheorie scheint ihn nicht zu überzeugen«. erwiderte Koch. »Was ist mit ihm?«. die sich mit hieb. wenn das so ist«.»Tja. Sein … morbides Interesse an den Morden erscheint mir merkwürdig. »sondern der prominenteste Vertreter des Rationalismus in Preußen und wünscht sich eine Hypothese. »Professor Kant ist weder Magistrat noch Polizist«. Sergeant. meinte er.und stichfesten Beweisen untermauern lässt. ihn heute Morgen unten am Fluss zu sehen. das solche Verbrechen mit sich bringen. Wir sollten dafür dankbar sein. die er liebt.

antwortete der Wachtmeister. »Die Liste mit den Ausländern.« Da klopfte es an der Tür. aber sie verlassen ihn meist noch am selben Tag wieder. »Bitten Sie ihn zuerst allein herein. Koch starrte mich verwirrt an. verkündete er mit einer Verbeugung und reichte mir ein Blatt Papier. und der Wachtmeister. das habe ich überprüft. Besucher machen einen weiten Bogen um die Stadt. »Wachtmeister Stadtschen wartet nur auf Ihre Anweisung. Kein Mensch möchte ermordet werden.« »Ist irgendeine der Personen auf der Liste polizeilich bekannt?« »Nein. Herr Prokurator«. mit denen ich abends zuvor im »Walfänger« gesprochen hatte.« Mein Blick fiel auf die Namen der drei Schmuckhändler. »Sie haben das Gasthaus durchsucht?« »Ja«. »Natürlich legen Schiffe im Hafen an. Herr Prokurator«. ein riesiger Mann mit aufgedunsenem.Erst nach einer ganzen Weile sah ich wieder auf. Er steckte in einer makellosen dunkelblauen Uniform mit weißen Streifen an Ärmeln und Hosensäumen und hatte einen Stapel Papiere in der Hand. Ich überflog die Namen darauf. antwortete Koch und zupfte seine Jacke zurecht. »Wo sind die Eheleute Totz?«. »Siebenundzwanzig Personen? In ganz Königsberg?« »Es kommen nicht mehr allzu viele Fremde hierher«. antwortete der Wachtmeister und legte den Sta- 168 . die beiden nach oben zu bringen. oder die Mannschaft schläft an Bord. rotem Gesicht trat ein. als hätte er unser Gespräch belauscht. fragte ich.

und ich habe Mühe.pel Papiere auf meinen Schreibtisch. »Meine Leute stehen durch die Morde unter starkem Druck. 169 . Herr Prokurator. Dazu Pamphlete in französischer Sprache. haben die Stadt heute am frühen Morgen verlassen. wohin sie unterwegs sind. vermutlich auf dem Seeweg. Herr Prokurator«.« »Haben Totz und seine Frau bei der Verhaftung irgendetwas geäußert?« »Darauf konnte ich nicht achten. für die Sie sich laut Aussage von Sergeant Koch interessieren. die wir im Boden einer Kammer im Obergeschoss entdeckt haben.« »Haben Sie irgendwelche Waffen entdeckt?« »Nein. sie unter Kontrolle zu halten. hinter einer Tür. Die Händler. Der Name Bonaparte taucht immer wieder auf. »abgesehen von einer Pistole im Schlafzimmer von Totz. Die Gendarmen versuchen herauszufinden. Ich möchte nicht.« »Pläne?« »Von Königsberg und anderen Orten. Herr Prokurator …« Stadtschen wischte sich mit der Hand über den Mund.« »Wo?« »In einem geheimen Raum. Sie ist so rostig wie ein alter Anker und würde beim Abfeuern vermutlich explodieren. weil ich Wichtigeres zu tun hatte. sagte Stadtschen grinsend.« »Und was?« »Nun. »Die haben wir dort gefunden. Es handelt sich um Dokumente und Pläne.« »Wie viele Personen haben Sie festgenommen?« »Nur den Wirt und seine Frau.

fragte ich nach. Falls wir es tatsächlich mit einer französischen Verschwörung zu tun haben. In Preußen herrschte Furcht vor einer jakobinischen Revolution.« »Sehr gut«. Der General möchte sie nach Pillau verlegen. alle Gefängnisdirektoren waren angewiesen. damit man sie im Bedarfsfall sofort einschiffen kann. und die Königsberger Festung könnte sich in das preußische Gegenstück der Bastille verwandeln. diejenigen. eine Liste mit Namen von Männern zu erstellen. wenn Sie verstehen. meint der General. »Prokurator Rhunken hat sechs Gefangene für die Deportation ausgewählt und General Katowice zwei 170 . »Ja. dann fangen wir mal an.« »Der Sektion D?«. »aber keine Zeit mehr gefunden. wird das Gefängnis bald voll mit politischen Agitatoren sein. sagte ich. »Tja. die »eine Bedrohung für die Allgemeinheit darstellen.dass sie Selbstjustiz üben. auf den sich das Dokument bezog. Gestern wurden bereits sechzig zu Deportierende aus dem Swinemünder Gefängnis an Bord der Zar Peter gebracht. was ich meine. sich Reformierungsversuchen widersetzen oder Fluchtpläne hegen«. denn ein paar Monate zuvor hatte ich in meiner Amtsstube in Lotingen selbst eine Abschrift davon erhalten. die deportiert werden sollen. sie zu unterzeichnen und sein Siegel darunterzusetzen. Stadtschen holte tief Luft und senkte verlegen den Blick. Ich erkannte den Königlichen Erlass. dass wir als Erstes die Gefangenen der Sektion D von den anderen trennen. Prokurator Rhunken hatte eine Liste erstellt«.« Er reichte mir ein Blatt schweres Pergamentpapier.« »General Katowice will.

rief ich aus.« »In der Tat. … »Du gütiger Himmel!«. 31.« Andreas Conrad Segendorf. Viehdieb Anton Lieberkowsy. »Das sind üble Gesellen. pflichtete Stadtschen mir grimmig lächelnd bei. Herr Prokurator«. 46. 31. Verurteilungen wegen Trunkenheit und Ruhestörung Helmut Schuppe. »lasse ich ihn sofort in Sektion D bringen. den Vorgang abzuschließen. Er bittet Sie. um einen solchen Kain zu strafen? »Wenn Sie Totz ebenfalls auf die Liste setzen wollen. als ich las. Wie viele Lebensjahre. »Die sibirischen Wölfe müssen sich vor ihm vorsehen. Darunter setzte ich meine Unterschrift. fragte ich mich. schenkte ich wohl dem Mörder Ulrich 171 . Wie viele Jahre harter Arbeit.« Ich tauchte die Feder ins Tintenfass und zog eine Linie unter die bisher dort aufgeführten Namen. tötete seinen Bruder mit einer Axt … Mein Herz begann wie wild zu pochen. was man ihm zur Last legte. sagte Stadtschen. 53. Mörder und Entführer Franz Hubtissner. körperlicher Züchtigung und schneidender Winde wären nötig. 43. Münzfälscher Jakob Stegelmann. 38.« Ich warf einen Blick auf die Namen: Geden Wrajewsky. stadtbekannter Störenfried. Deserteur Matthias Ludwigssen. 30. Herr Prokurator«.weitere Namen auf die Liste gesetzt.

lobte ich ihn und gab ihm das Dokument zurück. »Nun. die Tränen nur mit 172 . Trotzdem gelang ihr immer noch das schiefe Grinsen. dass dieser ächzte. begrüßte ich sie.« Wenige Minuten später wurde die Gefangene hereingeführt. Doch als ich den Wachtmeister rügen wollte. »Treten Sie näher. »Beginnen wir mit …« Als ich sie schließlich ansah. Ihr Gesicht war grün und blau geschwollen und ihre Unterlippe aufgeplatzt und blutig. ohne den Blick von den Papieren auf dem Schreibtisch zu heben. »Setzen Sie sich«. murmelte sie. was haben Sie zu sagen?« »Herr Stiffeniis«. Daraufhin drückte Stadtschen sie mit solcher Kraft auf den Stuhl. was mit ihnen geschieht. Frau Totz«. als wartete sie auf eine Bestellung. Gerta Totz. Er errötete vor Stolz. Stadtschen«.Totz durch meine Entscheidung? Zu Zwangsarbeit in Russland Verdammte überstanden normalerweise nicht länger als zwei. »Ich möchte meine Ermittlungen erst abschließen. ihr in die Augen zu schauen. »Bringen Sie bitte zuerst Gerta Totz herein. dass ihm. Hervorragende Arbeit. verschlug es mir die Sprache. forderte ich sie auf und vermied es. sagte sie und verschränkte die Hände vor dem Bauch. das ich schon kannte. vielleicht eine Beförderung winkte. höchstens drei Monate. bevor ich entscheide. »Herr Prokurator?«. sah ich Moriks eingeschlagenen Schädel vor mir. Sicher dachte er daran. wenn er sich meiner Gunst versicherte.

geplant und ausgeführt worden waren. »Das hat mein Ulrich schon vermutet.« »Hat Morik das behauptet?«. als er Morik bei Ihnen am Tisch herumlungern sah. »War meine Sorge etwa nicht berechtigt?« »Morik merkte. »Er wusste. dass die Königsberger Morde von Ihnen. erklärte sie. Ich habe den Jungen gewarnt und Sie auch. fragte sie. »Er wusste. »Sie haben mir heute Morgen gesagt. fuhr ich fort. etwas zu erwidern. murmelte sie. Herr Prokurator!«. dass er tot war?« »Ach. »sie haben das Gasthaus geschlossen.Mühe zurückhaltend. die im Gasthaus verkehrten. antwortete ich. dass Sie Magistrat sind.« Ich machte mir nicht die Mühe. Wer konnte 173 . Wussten Sie da bereits. was in Ihrem Gasthaus vor sich ging«. Er …« »Wurde er deshalb ermordet?« »Was für ein Gedanke. sie zurückzuhalten. über den Schreibtisch zu mir vorbeugte. Dabei tropfte Blut von ihrer Unterlippe auf meine Dokumente. erkundigte ich mich. Ich dachte. er belästigt Sie …« »Warum hätte er das tun sollen?«. »Morik hatte eine lebhafte Phantasie«. »Er war eine Gefahr für die Allgemeinheit. dass Sie nach Morik suchen wollten. während sie die Hände wie zum Gebet faltete und sich trotz des Versuchs von Wachtmeister Stadtschen. Ihrem Mann und Leuten. Wo wollen Sie jetzt unterkommen?« »Das dürfte im Augenblick die geringste Ihrer Sorgen sein«. Herr Stiffeniis! Was sagen Sie denn da? Ich war außer mir vor Sorge um diesen Quälgeist.

wo die Wahrheit begann und die Lügen aufhörten? Als mein Mann über Ihren Besuch informiert wurde. schrie ich.« »Das stimmt nicht. Gerta. So schlimm sind die französischen Ideen letztlich gar nicht: Freiheit. Brü…« 174 . »Ich schwöre Ihnen. Herr Prokurator«. aber einen anderen Burschen konnten wir uns nicht leisten. Was können Sie mir über die Männer verraten?« »Nun. »Gestern Abend waren drei zum Essen dort. »Französische Spione. Wer war das nicht? Die Franzosen haben eine Revolution gegen ihren König angezettelt. »Aus diesem Grund wurde Morik ermordet. Es sind aufrichtige. zwei Franzosen und ein Deutscher.‹ Ulrich hatte Angst vor dem. sagte ich. das sind ehrenwerte Männer. ganz anders als unser eigener König Friedrich. Frau Totz«. einen schrecklichen Mann. einen Herrscher ohne gerechte Gesetze und ohne Liebe für sein Volk. die ihre Rechnung immer sofort begleichen. jammerte sie. »Mein Ulrich war froh über die Geschehnisse in Frankreich. das gebe ich gerne zu. sie waren nicht das erste Mal in unserem Gasthaus. Herr Prokurator!« »Sie und Ihr Mann sind mit ihnen im Bunde. Schmuckhändler zu sein. rief er sofort: ›Wir müssen den Jungen wegschicken.« Die Frau zuckte ob der Heftigkeit meiner Reaktion zusammen. fleißige Herren.« »Jakobiner«.bei ihm schon beurteilen.« »Der ›Walfänger‹ ist ein bekannter Treffpunkt für Verschwörer«. Gleichheit. Sie behaupteten. widersprach ich. was passieren würde. wenn Morik vom Zweck Ihres Aufenthalts erfuhr.

« »Das ist ein Lagerraum. das schwöre ich. um meiner Schwester einen Gefallen zu tun.« »Stadtschen. auch Morik. erklärte ich.« »Morik ist tot!«. Herr Prokurator«. Sie meinten daraufhin. die die Leute bei uns vergessen. stöhnte sie verzweifelt. dass Sie sich zu viele Gedanken über die Flausen des Jungen machen. wiederholte Gerta Totz. ja.»Es geht hier nicht um Ideen«. rief sie aus. das könne nicht sein. Wir werfen nie etwas weg. Er war nicht ganz richtig im Kopf. Es könnte ja noch einmal irgendjemand danach fragen. gut versteckt unter einem Stapel Laken. Was auch immer man dort gefunden hat – wenn es nicht zur Ausstattung des Gasthauses gehört.« »Eine Verschwörung?« Sie rang die Hände und schüttelte den Kopf. »Hat Morik Ihnen das erzählt?« »Ich habe den Jungen hinter dem Fenster eines Zimmers auf der anderen Seite des Hofes gesehen. Morik.« »Wir nutzen den Raum als Rumpelkammer«. wo genau hat man das subversive Material entdeckt?« »In einer Kiste. ist es nicht von uns. »sondern um eine Verschwörung gegen den Staat. Wahrschein- 175 . Herr Prokurator«. fiel ich ihr ins Wort. »Ich. mein Mann. Die Kammer ist vollgestopft mit kaputten Möbeln. »Diese Papiere gehören uns nicht. »Und Morik habe ich nur bei uns aufgenommen. aber just in dem Raum fanden die Gendarmen belastendes Material. »Ich wollte nur nicht. Herr Prokurator!«. Frau Totz. antwortete der Wachtmeister. »Ermordet eben dieser Flausen wegen. dem Sommerbettzeug für die Gäste und Sachen.

was hier in Königsberg geschieht. wie und warum Morik ermordet worden war. »Wollen Sie mich foltern lassen. Haben Sie Ihrer Aussage noch etwas hinzuzufügen?« 176 .« Zur Erlangung genauerer Informationen darüber. Hatte sie meine Gedanken erraten? Obwohl offiziell von König Friedrich Wilhelm III. haben wir Mühe. und bei Hof hatte man den Gedanken positiv aufgenommen.« »Das wird sich erweisen. »Es steht in Ihrer Macht. Aber das glauben Sie doch nicht. der Mörder verberge sich in unserem Haus. Seit die Leiche draußen auf dem Kai gefunden wurde. aber das. verboten. in dem dieser die formelle Wiedereinführung der Folter forderte. Frau Totz stieß ein ängstliches Wimmern aus. lautete seine Argumentation. uns über Wasser zu halten.lich dachte er tatsächlich. findet damit kein Ende. konnte sich die Folter als durchaus nützliches Instrument erweisen. wurde die Folter Gefangener noch immer praktiziert. »Folter ist billig und zeigt schnelle Wirkung«. Es sind schwere Zeiten. »Sie repräsentiert die beiden Grundprinzipien des modernen Staates: Wirtschaftlichkeit und Effizienz. die Geschäfte gehen schlecht. Herr Stiffeniis? Ulrich und ich haben uns wie alle andern auch schon monatelang kaum mehr auf die Straße getraut. oder? Nicht Sie. Erst kürzlich war ein Aufsatz des prominenten preußischen Juristen Karl Heinz Starbeinzig erschienen.« »Schluss mit den Lügen«. sagte ich kühl. Herr Prokurator?« Ich zuckte zusammen. Ulrich und mich hinrichten zu lassen. Herr Prokurator.

« Stadtschen zog sie weg. »Ich wusste gleich. bringen Sie sie hinaus!«. und dabei regnete es Blutstropfen auf meine Hände und die Manschetten meines Leinenhemdes. »Jemand. zischte sie mir entgegen. doch Frau Totz ließ den Tisch nicht los. schrie ich. und wieder tropfte Blut von ihrer Unterlippe auf meine Dokumente. sich am Tisch festklammernd. Sie haben ihn umgebracht. »Der Teufel hat Sie geschickt. Herr Stiffeniis. der Teufel!« »Sie könnten nicht falscher liegen. In unserem Gasthaus gab es keine Geheimnisse. dass er sie hinausbringen solle. »Sie und wer auch immer Sie zu uns ins Gasthaus geschickt hat!« »Stadtschen. und Morik musste sterben. jemand. beugte sie sich noch einmal unvermittelt über meinen Schreibtisch. kreischte sie.Sie fing laut zu schluchzen an. »Ja. »Jemand hat Sie geschickt. Mit einem Nicken signalisierte ich Stadtschen. der uns Böses will«. dass Sie uns nichts Gutes bringen. Doch als er versuchte. gab ich zurück. dem das Wohl der Stadt am Herzen liegt«. Sie haben Morik diese Flausen in den Kopf gesetzt und ihm seine merkwürdigen Geschichten geglaubt. die Frau am Arm zu packen. Trotzig lächelnd fragte sie: »Warum sind Sie in unser Gasthaus gekommen? Was wollten Sie von uns?« Ich wich zurück. Aber plötzlich tauchten Sie auf. Und jetzt wollen Sie uns die Schuld in die Schuhe schieben …« 177 .« »Sie haben Morik umgebracht!«.

In diesem Moment überraschte ich mich selbst: Unvermittelt schoss meine geballte Faust nach vorn und landete mitten im Gesicht der Frau. »Sie sollten dich aufknüpfen. bevor ich mit einem Lappen das Blut von meinen Händen. meinte Koch mit gesenkter Stimme. befahl ich dem Wachtmeister. »Stadtschen. meinem Hemd und den Dokumenten wischte. wies ich Koch ungerührt an. Blut begann aus ihrer Nase zu fließen. er soll ihren Mann hochbringen«. »Da unten wird man dir ein Willkommen bereiten. bevor er einen Schritt vortrat und die Frau vom Boden hochzog. du schamlose Dirne!«. und sie sank mit einem Schmerzenssschrei zu Boden. »Bringen Sie sie runter«. bringen Sie sie in die Zelle«. verpasste er ihr einen Schlag gegen den Hinterkopf. »Die Gefängniswärter werden sie nicht schonen«. Als er sie zur Tür dirigierte. das du so schnell nicht vergisst!« Ich holte tief Luft. rief er. Koch und Stadtschen musterten mich schweigend. 178 . »Sagen Sie Stadtschen. Der Wachtmeister blinzelte kurz. wiederholte ich.

»in der Zelle stinkt es. denn er hatte lediglich einen großen blauen Fleck auf der Stirn. »Ich stehe lieber«. erwiderte er. »Amüsiert Sie etwas.« Er streckte mir seine kräftigen fleischigen Pranken W 179 . Herr Prokurator«. »Mit Verlaub. erklärte ich. Herr Totz?«. Totz«. was man Ihnen sagt!« Um Totz’ Lippen spielte ein süffisantes Grinsen. forderte ich ihn mit einer Handbewegung in Richtung Stuhl auf. entgegnete er mit einem Achselzucken.« »Im Vergleich zum anonymen Grab eines Mörders ist die Zelle der schiere Luxus«. »Gut. Der Wirt schien nicht ganz so unsanft behandelt worden zu sein wie seine Frau. Stadtschen stieß ihn in den Rücken. »kommen wir also gleich zur Sache. antwortete er. »Tun Sie. fragte ich.XIII enig später betrat Wachtmeister Stadtschen mit Ulrich Totz den Raum. und es wimmelt von Ratten. Ich gestehe alles: Ich habe Morik mit diesen Händen umgebracht. Ich habe Ihnen unter meinem Dach einen angenehmeren Empfang bereitet. »Setzen Sie sich. Herr Stiffeniis«.

»Revolutionen fordern Opfer! Fast könnte man sagen. Sie haben ihn umgebracht. die ihn nichts angingen. ruhig zu bleiben. und wir müssen den ganzen Tag schuften wie die Gäule.« »Wo wurde er getötet?« 180 . auch hier in Preußen. Gestern Abend hab ich ihn beim Spionieren erwischt. Verdammte Pietisten! Wartet.« Mit dem Ärmel wischte sich Totz den Geifer vom Mund. bis Sie kamen. Die Pfaffen sind Blutsauger. »Erläutern Sie mir das näher. hätte niemand in Königsberg Morik zugehört. »Der König und die Adligen machen sich einen schönen Lenz. Herr Prokurator. »Als Sie auftauchten. erklärte er stolz. was anno neunundachtzig passiert ist. dass die Polizei mein Gasthaus im Auge hatte. bis Napoleon hier das Sagen hat! Der wird’s euch zeigen! Ich wusste. Religion ist mir einerlei. Ich notierte die Hauptpunkte. ich bin Jakobiner. Nicht nur in Frankreich.hin. Die gehören einen Kopf kürzer. aber nachweisen konnte mir keiner was. Er hätte Ihnen sicher bald alles erzählt …« »Haben Sie ihn deshalb umgebracht?« Totz bedachte mich mit einem hasserfüllten Blick. Wenn Sie nicht hier aufgetaucht wären. und mein Herz setzte vor Aufregung einen Schlag aus. Er nickte und begann zu beschreiben. was sich am Abend zuvor im »Walfänger« zugetragen hatte. »Das.« Ich war bemüht. Und dann musste noch Morik seine Nase in Angelegenheiten stecken. Ja. Totz. macht mich froh«. war mir klar. was es geschlagen hat. ich verehre Monsieur Robespierre.

»Warum machen Sie sich die Mühe zu fragen?«. ohne zu zögern. dass er bedroht wurde.Ulrich Totz stieß einen langen. »Gerta sagt. »Mit einem Hammer. wusste ich genau. »Die Treppe hinunter? Nicht mehr?« »Als ich ihn beim Spionieren erwischt habe. Totz«.« »Womit?«. dass er zu Ihnen gehen würde. »War nicht schwer. bin ich ihm nach und hab ihm einen Schlag versetzt. Ich konnte gar nicht anders. 181 . mir Fragen zu stellen. Nachdem ich ihn die Treppe runtergestoßen hatte. Der Junge hatte schreckliche Angst. Aber das wussten Sie ja schon. »Sie haben den Jungen also gepackt und die Treppe hinuntergestoßen?« »Wie Sie die Kerze ausgeblasen und den Vorhang zugezogen haben. wiederholte ich.« »Womit?« »Mit dem ersten. erkundigte er sich. den wir zum Öffnen der Fässer benutzen«.« »Schildern Sie mir die Vorgänge doch genauer. wies ich ihn zurecht. fiel ich ihm ins Wort.« »Es ist nicht an Ihnen. musste ich handeln. Totz«. aber ich wurde das Gefühl nicht los. als ihn umbringen. was mir in die Finger kam. müden Seufzer aus. oder nicht? Er hatte Ihnen doch selber gesagt. was ich hören wollte. Eigentlich hätte sein Geständnis meine Zweifel zerstreuen sollen.« Dann war das also Herr Totz gewesen hinter dem Fenster. dass er mir genau das erzählte. antwortete er. Mich etwa nicht? Ich hab ihn beim Rumlungern vor der Abstellkammer erwischt und die Treppe runtergestossen. Sie hätten ihn nachts von Ihrem Fenster aus gesehen.

das Blut zu beseitigen.« »Verzeihung. Eine ziemlich blutige Angelegenheit. was möchten Sie wissen. Herr Prokurator?«. »Ich wollte.« »Und Ihre Frau hat Ihnen geholfen?« »Gerta hat nichts damit zu tun«. Ein ordentlicher Schlag. da war es schon besser. meldete sich Wachtmeister Stadtschen zu Wort. Und zwar schnell. ihn aus dem Gasthaus hinauszulocken?« Totz zuckte mit den Achseln. als hätte der Mörder von Königsberg wieder zugeschlagen. antwortete er hastig. »ich kann bestätigen. Herr Prokurator«.»Schön.« »Sie hätten ihn aus Königsberg wegschicken können. Warum versuchten Sie nicht. »Er wäre nie mitgekommen.« Ich wandte mich Totz zu. dass er wie die anderen draußen gefun- 182 . es aussehen zu lassen. und der Junge war hinüber. dass jemand versucht hat. erkundigte er sich mit einem verschlagenen Blick.« »Dann wären Sie doch noch argwöhnischer geworden! Nein. »Warum haben Sie die Leiche zum Fluss gebracht?« Wieder bedachte mich Ulrich Totz mit diesem seltsamen Lächeln. »Warum Sie den Jungen in Ihrem eigenen Haus ermordet haben.« »Sie haben ihn also allein umgebracht? Ohne fremde Hilfe?« »Genau. Außerdem hätten Sie bald etwas gemerkt. das überall klebte. Was blieb mir also anderes übrig? Ich musste ihn zum Schweigen bringen. zurück zu seiner Mutter. »Die würde keiner Fliege was zuleide tun.

Sie wird mir das nie verzeihen. hakte ich sofort nach. »Sie und wer. nicht mehr und nicht weniger. Die Sache mit Konnen hat nur Schwierigkeiten gebracht. sagte ich. Durch die Gassen ist es vom Gasthaus nicht weit bis zum Fluss.« »Aber Sie weiß. Sie hat sich verpflichtet gefühlt. Zehn. auf meinem alten Packpferd. dem Jungen zu helfen. Auf dem Heimweg sind wir niemandem begegnet …« »Wirf«. Er betrachtete mich einen Moment kühl. erwiderte er. »Die Franzosen? Zahlende Gäste.« »Und wer hat Ihnen geholfen. länger hat’s nicht gedauert.« »Das kaufe ich Ihnen nicht ab«. aber diesmal nicht vor meiner eigenen Tür. dass Sie Morik umgebracht haben. Morik war der einzige Sohn ihrer Schwester. Geben Sie sich keine Mühe. bevor sich ein hässliches Grinsen auf seinem Gesicht ausbreitete. Wir haben viele Gäste verloren. dass ein Mann allein …« »Herr Prokurator. die gestern Abend im ›Walfänger‹ waren?« Er zuckte mit den Achseln. das habe ich Ihnen doch schon gesagt«.« »Und wie haben Sie den Jungen transportiert. »Ich war allein. Morik wog ja nichts. Herr Prokurator. Totz? Ihre Frau? Einer der Gäste?« »Ich und das Packpferd.« »Und was ist mit den Ausländern. Die blutigen Lumpen hab ich in den Pregel geworfen. fünfzehn Minuten. Niemand hat mir geholfen. Totz?« »In einem Sack. 183 . Totz? Ich kann kaum glauben. nicht wahr?« »Nein. Gerta ahnt nichts.den wird.

zischte ich. »Diese Taten sind nichts.»Glauben Sie. oder nicht? Er war Notar und Napoleon-Hasser …« »Alle Preußen hassen Napoleon!«. dass die Morde Aufruhr erzeugen werden?« »Sie dienen einem Zweck!« »Einem Zweck?« »Der Revolution. erwiderte ich. Herr Prokurator. für meine Überzeugungen zu sterben. »Ich bin so gut wie tot. Herr Prokurator? Bereitet Ihnen das Vergnügen? Vergessen Sie Ihre Drohungen«. Aber der Notar war ein Parasit. einen Verstockten zum Reden zu bringen. rief Totz aus. »Ich habe darauf geachtet. »Es gibt Mittel und Wege. Glauben Sie. Meinen Sie wirklich. »Sie kannten Herrn Tifferch doch. meinte er mit hasserfülltem Blick. Herr Prokurator. »Wenn’s danach ginge. was Sie wollen. Aus mir bekommen Sie nichts mehr heraus. worauf man stolz sein könnte. kam mir die Idee …« »Es steckte also kein politisches Motiv dahinter?« Totz richtete sich schweigend ein wenig auf. Totz?« »Nach Gelegenheit und Zeit«. den Mund zu einem schmallippigen Lächeln verzogen.« »Die Mordopfer waren unbescholtene Menschen.« »Folter. könnte ich sie samt und sonders umbringen. spielte den 184 . dass niemand in der Nähe war. Sie können mir mit Folter Angst einjagen? Es macht mir nichts aus. Wie ich Konnen an jenem Abend im Gasthaus sah.« »Wie haben Sie Ihre Opfer gewählt.« »Das werden wir sehen«. Totz«. murmelte er erst nach einer ganzen Weile.

was mir in die Finger kam«. Aber wie sind Sie bei den anderen vorgegangen?« Ulrich Totz rieb sich die Handknöchel und bedachte mich mit einem argwöhnischen Blick. erklärte er schließlich. und dann zuschlagen. »Schildern Sie mir doch bitte jetzt die Mordwaffe. sagte ich. dass ihre Pächter im Gefängnis landeten. kaufte und verkaufte für sie und sorgte dafür. erkannt zu werden?« Die Anspannung wich aus Totz’ Gesicht. »Den Hammer. das macht die Sache leichter. »Man kennt mich. »Sie behaupten. Ein Wirt kann auf die Leute zugehen. erwiderte er. »Hatten Sie denn nicht Angst. »Ich hab genommen. bis kein Dritter mehr zugegen ist. ein bisschen mit ihnen plaudern. einen Stein …« »Wie haben Sie zum Beispiel Herrn Tifferch umgebracht? An seiner Leiche konnten keine Verletzungen festgestellt werden. Plötzlich schien alles klar auf der Hand zu liegen – bis auf ein Detail. Dem und seinesgleichen zahl ich’s gerne heim!« »Das werden Sie nicht mehr können. wenn sie kein Geld mehr für die Miete hatten.« »Von der hab ich Ihnen doch schon erzählt«.« »Aha«. Sie hätten Morik mit einem Hammer erschlagen. wenn Sie am Galgen baumeln«. Welche Waffe haben Sie bei ihm verwendet?« 185 . erwiderte ich kühl. abwarten.Junkern in die Hände. In meinem Bericht notierte ich als mutmaßliches Motiv für den Mord an Tifferch dessen franzosenfeindliche Einstellung. Keiner hat etwas geahnt.

was Sie wollen. Aber dann hat die Sache wenigstens ein Ende. oder? Ich hab Ihnen mehr als genug verraten. »Wenn Sie mir alles entlocken. »Ich verstehe. Die meine ist es. Widerstand zu leisten. Den Rest müssen Sie schon selber rausfinden. können Sie endlich Ihre Siebensachen packen und heimfahren. Ich winkte ab. »Bei unserer nächsten Unterredung werden Sie mir alles über die Pamphlete und die ausländischen Spione verraten. hakte ich nach. »Nun. Totz?« »Herr Prokurator«. dann Koch und schließlich wieder mich an. als Wachtmeister Stadtschen und Sergeant Koch drohend einen Schritt auf ihn zu machten. »Sie können mich foltern.« »Tun Sie. auch wenn sie nichts weiß.Zum ersten Mal schwieg Totz. aber mehr kriegen Sie nicht aus mir raus. wer von uns beiden seine Sache besser macht«. das verspreche ich Ihnen. Herr Prokurator«. sagte er daraufhin mit verschlagener Miene.« Er beugte sich vor. erwiderte ich. was Sie ihr in den Mund legen. Da warten doch eine Frau und ein paar Blagen auf Sie. von der die ganze Stadt redet?«. murmelte der Wirt. Totz«. was ich weiß. Herr Prokurator«. sagte ich und zog meine Uhr aus 186 . antwortete er erst nach einer ganzen Weile. Ulrich Totz sah erst mich.« »Wir werden bald wissen. um den Unterarm auf dem Schreibtisch abzustützen. wenn Sie wollen. Und meine Frau wird Ihnen unter Folter sicher alles bestätigen.« »Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen. »Das ist Ihre Aufgabe. »Was ist mit dieser Klaue des Teufels.

»Darf ich einen Vorschlag machen.« »Die Zeiten haben sich geändert. »Bringen Sie ihn weg. Draußen brach bereits die Dämmerung herein. was meine Hypothese einer politischen Verschwörung zum Zweck der allgemeinen Verunsicherung bestätigte. hole ich die Erlaubnis dafür von General Katowice ein. und mir war ein wenig schwindelig. Seiner Ansicht nach weckt Gewalt das Mitleid der 187 . Zeit für meine Verabredung mit Professor Kant. Ging das nicht alles zu leicht? Zu dieser Auflösung des Falles wäre ein Magistrat vom Format eines Prokurator Rhunken doch mit Sicherheit schon Monate zuvor gelangt. Der Fall hat bleibenden Eindruck bei der Bevölkerung hinterlassen. Ich hatte einen trockenen Mund. Vor zwei Jahren ließ er einen Mörder trotz der bereits verhängten Todesstrafe auspeitschen. Ulrich Totz hatte ihn mit seinem Zorn und seinem unverhohlenen Hass ausgefüllt. wirkte der Raum plötzlich leer. Prokurator Rhunken war ein eifriger Verfechter dieser Form der Züchtigung.der Tasche. Ulrich Totz hatte den Mord an Morik gestanden. eine öffentliche Auspeitschung vor dem Schloss könnte nicht schaden. fragte Koch.« Nachdem der Wachtmeister Totz hinausgeführt hatte. erwiderte ich. Koch«. Ich hätte stolz auf mich sein können. Ich erhob mich und ging zum Fenster. Stadtschen. Es war fast vier. Wenn Sie wollen. Herr Prokurator?«. Endlich hatte der Mörder einen Namen. »Ich denke. »König Friedrich Wilhelm ist ein aufgeklärter Monarch. Koch schien auf eine Äußerung von mir zu warten. aber aus irgendeinem Grund war ich nicht zufrieden.

fragte Koch. Am Ende ersticken wir das Feuer nicht. »Da der Fall so klar auf der Hand liegt«. »können wir es uns leisten. Herr Prokurator?«. Zu diesem Zeitpunkt ahnte ich allerdings noch nicht. könnte eine öffentliche Auspeitschung ihre Gesinnungsgenossen in Harnisch bringen. Sie scheinen doch auf dem besten Weg zu einer Lösung des Falles zu sein. und ich hätte die Vernehmung der Eheleute Totz fortsetzen sollen. Ich möchte zuerst meine Ermittlungen weiterführen. Aber Professor Kant würde mir nie verzeihen.« Ich ordnete die Papiere und steckte sie in meine Tasche. »Ich meine. dass ich einen Termin mit ihm nicht einhielt. Falls Totz und seine Frau tatsächlich mit den Jakobinern sympathisieren. dem alten Mann eine Stunde unserer Zeit zu schenken.Zuschauer und widerspricht dem eigentlichen Zweck der Bestrafung. sagte ich schließlich. erwiderte ich fröhlich. »Professor Kant und die mysteriöse Klaue des Teufels warten auf uns. sagt man schließlich. Schmiede das Eisen. dass ich am Ende des Tages mit zitternden Fingern zur Feder greifen würde. 188 . »Jedenfalls haben wir jetzt eine Verabredung«. Sie würde sich über meinen Erfolg und mein baldiges Nachhausekommen freuen. sondern schüren es noch.« Vermutlich hatte er recht.« Auf dem Weg hinaus legte ich mir in Gedanken die Worte für meinen Brief an Helena zurecht. solange es heiß ist.« »Ist das überhaupt noch nötig.

beharrte der Bedienstete. lugte um das hintere Ende der Kutsche herum. wie mich jemand am Ellbogen berührte.XIV or dem Schloss wartete eine elegante schwarze Kutsche auf mich. »Sie sind Johannes Odum. Ich musste lächeln. Eine Stimme fragte leise: »Könnte ich mit Ihnen sprechen. wenn ich zu spät komme«. dessen Pünktlichkeit sprichwörtlich war. um gegen das Fenster zu klopfen. das am Morgen noch völlig ausdruckslos gewesen war. Sein Gesicht.« V 189 . mein Herr?« Der Diener. gerade einen Blick auf seine Taschenuhr. und das heute Morgen unten am Fluss täte keinem gut. wirkte jetzt angespannt. »Es dauert nicht lange«. in dessen Begleitung sich Kant am Fluss befunden hatte. spürte ich. am allerwenigsten aber jemandem seines Alters und seines labilen Nervenkostüms. nicht wahr?« Mit einem Blick gab er mir zu verstehen. denn im Innern warf Professor Kant. »Ihrem Herrn wird es nicht recht sein. »Die Ereignisse der letzten Zeit haben an den Kräften meines Herrn gezehrt. dass ich mich zu ihm hinter die Kutsche gesellen solle. Als ich die Hand hob. warnte ich ihn.

Haben Sie etwas dagegen. »Nein. »aber meines Wissens ist er ziemlich zäh. »Machen Sie schnell. hörten wir da laut und vernehmlich die Stimme von Immanuel Kant. von dem Herr Jachmann mir erzählt hatte. antwortete Kant voller Ungeduld. erwiderte der Diener. Man hat ihn in Ihrer Gesellschaft unten am Fluss gesehen. »Ich hatte einige Papiere vergessen und musste noch einmal zurück. soweit ich weiß. »Wissen Sie. rief ich aufgeräumt. und es ist bitterkalt.« 190 . während ich nach vorn trat und Kants Aufmerksamkeit auf mich zog. »Was tut er denn?« »Schreiben. »In echter Gefahr.»Professor Kant mag zerbrechlich wirken«. und jetzt werden Sie in seiner Kutsche fahren. habe ich etwas entdeckt. »Hier bin ich. »Er ist in Gefahr«.« Ich musste sogleich an den Aufsatz denken. Bevor wir das Haus heute Morgen verließen. nein«. Wir haben einen weiten Weg vor uns. das Sie sehen sollten …« »Johannes!«. »Manchmal sogar die Nacht hindurch …« »Die Nacht hindurch?«. »Wo steckt Prokurator Stiffeniis?« Ich gab dem Diener zu verstehen. Professor«. wiederholte ich. was er schreibt?« Johannes Odum zuckte mit seinen breiten Schultern.« »Er arbeitet Tag und Nacht an den Ermittlungen zu den Mordfällen«. dass er um die Kutsche herumlaufen solle. wenn Sergeant Koch uns begleitet?« Ich gab Koch ein Zeichen vorzutreten. flüsterte ich zurück. um sie zu holen. sagte er dann.

Als sich die Kutsche rumpelnd in Bewegung setzte. abgeschlossen. aber letztlich war es egal. über das sämtliche preußische Zeitungen berichtet hatten. scherzte ich. Doch er machte keine Anstalten. Herr Professor?«. weil es nichts mehr mit dem Ausgang der Ermittlungen zu tun haben würde.« Ich lachte. 191 . was Jachmann in den Wahnsinn getrieben hatte: Kants Konzentration auf Nebensächlichkeiten? »Was für ein deprimierendes Gebäude«. erklärte er mit einem Lächeln. erwartete ich. Ich hatte keine Ahnung. gab ich nach kurzem Zögern zu. weil ich beste Laune hatte: Der Fall war. »Das Schloss von Königsberg dagegen ist ganz anders. wohin Professor Kant Koch und mich bringen wollte. Interessierte ihn denn das Ergebnis meiner Vernehmung von Ulrich und Gerta Totz nicht? »Sind Sie mit Ihrer neuen Unterkunft zufrieden?«.« Machte er sich lustig über mich? »Nun. sagte Kant freundlich.« War es das. abgesehen vom bürokratischen Teil. würde er in die eisigen Kälten Sibiriens verschifft. Selbst wenn Ulrich Totz dem Henker entginge. dass Sie sich dort wohl fühlen würden«. »Mit dem ›Walfänger‹ lässt sie sich nicht vergleichen. »Wusste ich es doch. auf das Deportiertenschiff in Pillau anspielend. von ihm zu meinen Fortschritten am Nachmittag befragt zu werden. nicht wahr? Frau Totz ist stadtbekannt für ihren Schweinebraten.»Wollen Sie nach Sibirien. »aber an unserem Ziel ist es genauso kalt. in dem Gasthaus war es tatsächlich ziemlich gemütlich«. meinte er. erkundigte er sich statt dessen. »Nicht ganz so weit«.

das Schloss werde heimgesucht von den Geistern derer. ohne dass man irgendeine davon mehr als einmal befahren müsse. aber keiner von uns wagte. während Sie hier 192 . »Von der Problematik haben Sie doch sicher schon gehört? Vor seinem Tod stellte der große Mathematiker Leonhard Euler die Frage.« Was sollte ich darauf antworten? Koch und ich wechselten einen Blick. Aber diese Angst.»Bei seinem Anblick habe ich schon als Kind stets eine Gänsehaut bekommen. wenn ich Unserem Herrn und Schöpfer vor die Augen träte!« Kant sah gedankenverloren zum Fenster hinaus. Stiffeniis? Es heißt. die über alle neun Pregel-Brücken führe. wovon er sprach. rief Kant. »Glauben Sie. »Haben Sie die Brücken gezählt?«. die ich eines Tages empfinden würde. Die Kutsche überquerte ratternd eine uralte Holzbrücke. fragte er. ob es eine Route durch Königsberg gebe. Nur der Burgfried des Schlosses auf dem Hügel war in der hereinbrechenden Dämmerung zu sehen. unter der Nebelfetzen über dem dunklen Wasser hingen. sei nichts im Vergleich zu der. »Die Brücken. als die Kutsche scharf nach rechts bog und eine weitere Brücke überquerte. Professor?« Ich hatte keine Ahnung. »Wir sind fast da!«. Die Zinnen lugten über eine dichte Wand aus tief hängenden Wolken hinweg. Versuchen Sie es einmal. sagte sie. Sie werden heute Nacht schlafen können. die die teutonischen Ritter einst in den Kerkern verschmachten ließen. Mutter und ich mussten jeden Morgen auf unserem Weg zur Versammlungsstätte der Pietisten daran vorbei. etwas zu sagen.

Ich vermute. die diese Morde hervorrufen. »Ulrich Totz scheint zu glauben. nicht expressis verbis. auf ihr Urteil warteten? Dass die Klaue des Teufels. nicht wahr?« Unruhig rutschte ich auf dem Ledersitz hin und her. musste ich zugeben. Meinen Stolz über die schnelle Aufklärung des Falles zügelnd. Dass der Fall abgeschlossen sei. ich habe zwei Lösungen …« Da legte er mir unvermittelt die Hand auf den Arm und fragte: »Was können Sie mir über die Eheleute Totz sagen?« Zuerst wusste ich nicht so recht. was ich antworten sollte. dass er sich Opfer gesucht hat. dass die Angst.« Professor Kant lehnte sich strahlend auf seinem Sitz zurück. als was auch immer sie sich entpuppen mochte. sagte ich. der ein enger Freund des Mathematikers gewesen war. die ihrer Abneigung gegen die Franzosen wegen bekannt waren. und zwar ziemlich rasch«. gewann ich eine Wette mit einem Kollegen. »Ein Hammer. Sabotage zum Zwecke der …« Er sah mich fragend an. »Wie schlau von ihm! Und die Mordwaffe im Fall Morik hat er wohl auch beschrieben. Er verriet mir.« 193 . Professor. das Vertrauen des Volkes in den Herrscher schwächen und eine Art Revolution in Gang setzen wird. Professor. »Der Sache liegt ein politisches Komplott zugrunde. keine Rolle mehr spielte? »Ulrich Totz hat gestanden. erläuterte ich Kant die Fakten. Professor«. dass Euler selbst die Antwort nicht kannte! Nun.sind. Kurz nachdem ich meine Stelle an der Universität angetreten hatte. »Zu welchem Zwecke? Haben die Schuldigen Ihnen ihr Ziel offenbart?« »Nun. die Schuldigen in ihren Zellen schmorten.

Plötzlich lachte Kant laut auf. 194 . »Ein großer oder ein kleiner Hammer.« Wollte Kant mich verspotten? Ich kam mir vor wie ein Student. dem der Professor gerade einen Aufsatz zurückgegeben hat mit der Bemerkung. von der die Leute reden?« »Der Herr Prokurator kann die Ermittlungen nicht innerhalb eines einzigen Tages abschließen.« »Nicht immer mit derselben?« Kant runzelte die Stirn. seine Arbeit sei gut. Details sind sehr. »Nein. Die preußische Bürokratie war berühmt für den unbedingten Gehorsam ihrer Amtsmänner. sehr wichtig«. Kochs Miene nach zu urteilen konnte auch er nicht allzu viel damit anfangen. er verwendete das. dass Sie den Pfad zur Wahrheit gefunden haben«. könne aber noch besser sein.« »Ja. »Totz hat allerdings gestanden. wie groß die Macht seiner Feinde ist.Meine Antwort schien Kant zu amüsieren. sagte Kant schließlich. wandte Koch ein. Seine Hochachtung vor meiner Autorität stand seiner Loyalität gegenüber Prokurator Rhunken in nichts nach. bis ich mehr über die Mordwaffen weiß. »Der König wird erfahren wollen. Stiffeniis?« »So eingehend konnte ich ihn noch nicht vernehmen«. sagte Kant. Dieser sprunghafte Humor war mir neu und verunsicherte mich. die anderen Opfer mit unterschiedlichen Waffen ermordet zu haben. »Es freut mich. Herr Professor«. »Haben Sie Ulrich Totz zufällig nach der Klaue des Teufels gefragt. Aber natürlich werde ich nachbohren. stotterte ich. was ihm gerade in die Finger kam.

»Und wie soll ich es nennen? 195 . Professor Kant – sie spielt in diesem Fall keine Rolle mehr. Meiner Erfahrung nach liegt mehr Wahrheit in der Stimme des Volkes als irgendwo sonst. erwiderte Kant gelassen. sprach er. die ich in meinem Leben je angestellt habe.« Zu meiner Überraschung reagierte Kant nicht verärgert auf Kochs Äußerung. Herr Koch«. »Die Welt wartet schon zu lange auf ein neues Werk von Ihnen. sondern nickte nachdenklich. Professor. fuhr Koch fort. Würde Immanuel Kant mir das zeigen. Prokurator Stiffeniis hat die Verschwörung aufgedeckt. beharrte Koch.« Mein Herz begann schneller zu schlagen. warum nicht?«. »und was auch immer die Leute darüber reden mögen. antwortete ich. »Trotzdem möchte ich Sie beide um Geduld bitten. rief er plötzlich begeistert und stützte das Kinn auf die geballte Faust. fragte er erstaunt. Professor«. »Jedes Buch aus Ihrer Feder …« »Buch?«. Kant zögerte. was er vor seinen engsten Freunden verborgen hielt? »Es handelt sich sicher um ein Meisterwerk.« »Ulrich Totz hat den Mord an dem Jungen zugegeben«.« »Mein lieber Sergeant Koch«. Herr Stiffeniis hat den Schuldigen dingfest gemacht. Was Sie bald sehen werden. »ziehen Sie keine voreiligen Schlüsse. sagte ich. Professor«. sind die Früchte der originellsten Nachforschungen. »Ich kann Ihre Vorbehalte verstehen. »Ein Buch … Ein Buch! Nun. »Und die anderen Morde auch.»Was diese Klaue des Teufels auch immer sein mag«.

nicht mehr. der meinen Blick mit angespannter Miene erwiderte. gab ich zurück. unter den gegebenen Umständen würde sich der Titel Eine Kritik der kriminellen Vernunft anbieten. doch Sie wollten sich ja nicht auf ihn einlassen. Ganz offensichtlich kostete es ihn große Mühe. antwortete ich. muss ich gestehen. gestern«. »Sie sind ausgesprochen aufschlussreich. die ihm noch geblieben waren. aber nicht in diesem Fall. Kein angenehmer Anblick. und manchmal gelingt es ihm auch. ein Sammler von Informationen. stieß er mit an Zorn grenzender Heftigkeit hervor. Sie hätten bis zum Ende bleiben sollen. Seine Theorie scheint durch Ulrich Totz’ Geständnis bestätigt zu werden …« »Ein politisches Komplott? Das also vermuten Sie hinter den Morden?« Kant winkte ab. bei dem die wenigen. »Leider haben Sie gestern Abend die Geduld mit ihm verloren. Kant verzog den Mund zu einem Lächeln. Herr Rhunken ist ein Magistrat der alten Schule. 196 . Er hofft. »Da ist Vigilantius der Wahrheit bedeutend näher gekommen!«. Vigilantius hat einiges entdeckt. indem er ihnen Angst macht. »Sie haben sich häuslich in Rhunkens Zimmer eingerichtet. dem er so lange treu gedient hatte. den Mann. gelben Zähne zum Vorschein kamen.« Ich sah Koch an.Nun. nicht wahr? Haben Sie seine Berichte über die Mordfälle gelesen?« »Ja. Seine Phantasie kann der des Mörders nicht das Wasser reichen. meinen Sie nicht auch?« »Das würde ich gern lesen«. nicht zu verteidigen. den Leuten die Wahrheit zu entlocken.

Wer wagt schon.« »Wie bitte?« Ich begriff den Zusammenhang nicht. »Ich wollte Ihnen mit den Berichten Lust auf die obskurere Seite des menschlichen Handelns machen. 197 . warum ich seit unserem ersten Treffen sieben Jahre zuvor nie nach Königsberg zurückgekehrt war und warum ich mir nicht die Mühe gemacht hatte. »Auch in Farcen steckt manchmal ein Körnchen Wahrheit«. Professor«. fragte Kant. sich in einem winzigen Dorf nahe der polnischen Grenze zu verstecken. Dass er möglicherweise über Jachmanns Einmischung Bescheid wusste. versetzte mich in Panik. »Ich dachte mir schon. antwortete ich unsicher. Wie heißt es doch gleich? Lotingen?« Einen Moment lang fürchtete ich. dass er mich fragen würde. Was sollte ich ihm dann entgegnen? Verzweifelt suchte ich nach Entschuldigungen. »Warum sind Sie nicht geblieben?« »Weil ich den Auftritt von Vigilantius als Farce empfand. dass ich mich auf Ihr Pflichtgefühl würde verlassen können. Aber er fragte nicht. weil ihn andere Dinge beschäftigten. Wo war die Verbindung zwischen Vigilantius und den Polizeiberichten. der beschlossen hat. Rhunkens Berichte habe ich Ihnen aus dem gleichen Grund geschickt. dass Sie nicht mit Vigilantius zurechtkommen würden. hoffte aber. Sie könnten etwas Nützliches von ihm erfahren. erwiderte er.»Nun?«. »Ich wusste. einen Auftrag des Königs abzulehnen? Am allerwenigsten ein Magistrat. die ich während meiner Fahrt nach Königsberg gelesen hatte? Kant beugte sich zu mir herüber. ihm zu schreiben.

nein. in altbekannter Manier nach Gründen. nicht wahr?« Kant lehnte sich in seinen Sitz zurück. Manchmal sind solche Magistraten sehr nützlich. Ihrer Vorstellungskraft Flügel zu verleihen und allem Beachtung zu schenken. fuhr er fort.« 198 . mein junger Freund. doch in diesem Fall …« Er sah mich fragend an. Nicht einmal ein Magistrat von Herrn Rhunkens Kaliber konnte das Rätsel lösen. Er handelte im Rahmen seiner Fähigkeiten. wie merkwürdig die Vorgänge in Königsberg sind. würde Ihre Neugierde wecken. dass Sie fasziniert wären von diesen eigentümlichen Morden. müssen Sie lernen. Sollten Sie fortfahren. worüber die Berichte sich ausschweigen. »Ich dachte. und auf den ersten Blick existiert auch keine Verbindung zwischen den Opfern. »Und ich hoffte. die Punkte an den Fingern abzuzählen: »Warum findet sich darin keine Erklärung dafür. selbst den obskursten und mysteriösesten Hinweisen. Bei unserem ersten Treffen zeigten Sie sich doch sehr interessiert an … wie soll ich es ausdrücken? … mysteriösen Dingen. das. »Wenn Sie begreifen wollen. wie die Leute ums Leben gekommen waren? Warum wurde die Mordwaffe nicht erwähnt? Warum stand in den Berichten keinerlei Hypothese über ein gemeinsames Motiv für alle Fälle? Diebstahl oder Leidenschaft spielte ja offensichtlich keine Rolle. Erklärungen und Beweisen zu suchen. aber ihm mangelte es nun einmal an Phantasie. dass ich Rhunkens Leistungen schmälern möchte – nein.Stiffeniis«. In dieser Hinsicht war er dem Mörder deutlich unterlegen.« Er begann. kommen Sie der Wahrheit genauso wenig auf die Spur wie Ihr Vorgänger. Nicht. was hier vor sich geht. Ihnen musste einfach auffallen.

wo wir waren. einen solch gottver- 199 . mein altes Ich und den Hanno Stiffeniis. Plötzlich sah er mich kurz von der Seite an und wandte sich daraufhin einem völlig anderen Thema zu. als existierte dieses neue Leben für ihn überhaupt nicht. war mir nicht klar. Warum? Und wieso interessierte er sich so gar nicht für meine neue Familie. Wir schienen es entlang der Schutzwälle umrundet und uns ihm von der anderen Seite genähert zu haben. »Wie geht es übrigens Ihrem Vater?«. wie ich erblasste. Nun standen wir neben einer armseligen Hütte an einer Straße. Die Kutsche drosselte ihr Tempo. wusste ich. Es war. erkundigte er sich. Was hatte Professor Kant wohl veranlasst. die durch das Fallgatter des Tores führte. denn ich spürte. Vielleicht war die baufällige Behausung ein paar Jahrhunderte zuvor als Zollposten genutzt worden. Bereits zum zweiten Mal sprach er mich auf die Tragödie an. rief Kant. »Wir sind da! Lassen Sie uns keine Zeit verlieren. »Gott sei Dank!«. Erst als ich einen Blick auf das düstere Schloss erhaschte. geht es ihm inzwischen ein wenig besser«. Zum Glück war es dunkel in der Kutsche. meine Frau und meine Kinder? Schließlich hatte ich meinen einzigen Sohn nach ihm benannt. antwortete ich. Statt dessen bezog er sich ständig auf mein altes Dasein. zu dessen Exorzismus er selbst sieben Jahre zuvor beigetragen hatte.« Johannes Odum klappte die Stufen herunter und half seinem Herrn aus der Kutsche.Offenbar hatte ich ihn enttäuscht. doch Kant schien mir nicht zuzuhören. doch wieso. »Soweit ich weiß.

»Gehen Sie voraus. und über allem lag eine dicke Staubschicht. Es hätte mich nicht im Mindesten überrascht. um mit ihm Schritt zu halten. wenn Sie mir Ihren Arm reichen würden? Und Sergeant Koch: Könnten Sie hineingehen und die Lampe gleich neben der Tür anzünden?« Koch betrat die Hütte. »Stiffeniis. »Warten Sie hier«. der die Artgenossen das Fleisch von den Knochen genagt hatten. Es war gar nicht so leicht. wies Kant seinen Diener an. sagte Kant. Koch«. 200 . Offensichtlich befanden wir uns in einem Lagerraum. Beißender Fäulnisgeruch stieg mir in die Nase. wurmstichige Tür.lassenen Ort für die Arbeit an seinem neuen Werk zu wählen? Auf ein eifriges Nicken seines Herrn hin holte Johannes Odum einen großen Schlüssel aus der Tasche und öffnete mit Mühe die alte. bat Kant meinen Assistenten. Von der Decke hingen schimmernde Spinnennetze. »Wir folgen Ihnen. dessen früher einmal weiße Wände nun fleckig von Schimmel und Rauch waren. bevor er meinen Arm losließ und energisch Sergeant Koch folgte. Koch und ich mussten uns bücken. Faust und Mephistopheles aus einer dunklen Ecke hervorspringen zu sehen. In einer Falle klemmte eine Ratte mit gebrochenem Genick. machte Licht und hielt die Lampe hoch über den Kopf. dieses tunnelartige Gewölbe zu passieren. »Berühren Sie nichts«. Die niedrige Decke berührte Kants Dreispitz. an dessen einer Seite sich aufgeplatzte Waffenkisten stapelten. Ich musste schneller gehen.« Er deutete auf ein schmales Gewölbe.

Stiffeniis. begannen die Gegenstände in dem Raum deutlichere Konturen anzunehmen. »Sibirien ist näher.« Aus der dunkelsten Ecke des Raumes starrten uns im flackernden Licht der Lampen vier wässrige Augenpaare an. »Spüren Sie die Kälte?«. fiel mein Blick auf bauchige Destillierapparate und Glasbehälter in Regalen sowie auf mehrere ordentlich gestapelte Kisten auf einer Werkbank. die gezwungen sind. Kant wandte sich der am weitesten entfernten Wand zu. als Sie denken!« Dann wies er Koch an. fragte Kant mit glänzenden Augen. lassen Sie mich Ihnen jene vorstellen. »Nun. in der Dämmerwelt ihr Dasein zu fristen. die Lampen an den Wänden zu entzünden. 201 . Sobald es heller wurde.Als wir einen großen Raum am Ende des Korridors erreichten und Koch die Lampe hoch hielt.

Johann Gottfried Haase und noch jemanden vorstellen. Paula-Anne Brunner. was sehen Sie in dem Gefäß?« K 202 . den Sie von gestern Abend kennen? Würden Sie den ersten Behälter bitte hier auf den Tisch stellen. einen zusammenhängenden Gedanken zu fassen. genau. Fasziniert starrte ich die großen Glasbehälter im Regal an.XV önnen Sie sich denken. sagte Kant und ergriff meinen Arm. während ich den grausigen Inhalt des Glasbehälters betrachtete. strohfarbenen Flüssigkeit schwammen. wem die gehören. den Koch vor uns abstellte. Sagen Sie. Stiffeniis?« Immanuel Kants von der Kälte raue Stimme hatte etwas Schrilles. Triumphierendes. Sergeant Koch?« Koch gehorchte wortlos und mit entsetztem Gesichtsausdruck. »Darf ich Ihnen Jan Konnen. Kant verfolgte das Treiben mit interessiertem Gesichtsausdruck. Stiffeniis. »Treten Sie näher«. so ist’s gut. Ja. in denen vier menschliche Köpfe in einer fahlen. »Bringen Sie eine zweite Lampe. Koch. das mir den Atem nahm. Ich war unfähig. Stellen Sie sie dorthin.

Das Licht der Lampen zu beiden Seiten des Glases ließ die Gesichtszüge des Toten klar hervortreten. um das Gesicht genauer zu betrachten. was Kant von mir hören wollte. fügte Kant hinzu. weil ich nicht so recht wusste. und die Stirn …« Wieder zögerte ich.« Ich versuchte das unangenehme Gefühl der Unzulänglichkeit abzuschütteln. Was in Gottes Namen sollte ich nur sagen? »Nicht aufhören! Machen Sie weiter«. befinden sich graue Strähnen.« »Und diese steile vertikale Falte zwischen den Augenbrauen? War die schon zu Lebzeiten des Mannes da oder tauchte sie erst im Moment seines Todes auf?« Ich trat einen Schritt näher. Beginnen Sie mit dem oberen Teil des Kopfes und arbeiten Sie sich nach unten vor. »Ja. Stiffeniis!«. Beschreiben Sie mir jetzt bitte genau. »Er gehörte Jan Konnen. Nur zu. was Sie sehen. was Sie sehen«. Trotz der Verzerrung durch das Glas wirken die Züge ebenmäßig. »Beschreiben Sie. Herr Professor. »der einem Mann um die vierzig gehörte. hakte Kant nach. drängte er mich. das er an den Schläfen lang trug. »Das kann ich nicht beurteilen. Professor«. »Die Stirn ist breit und glatt. ermutigte er mich. 203 . murmelte ich. »Einen Kopf?« »Einen menschlichen Kopf«. das von mir Besitz ergriffen hatte. und …« Ich schwieg. dem ersten Mordopfer.« Ich schluckte.« »Das Haar bedeckt die Ohren«. »In seinen am Oberkopf schütterem Haar. fügte ich hinzu. »Das ist … ein Kopf. »Mehr verlange ich nicht.

« »Erfolgte der Schlag möglicherweise von oben?«. ist ihr Licht in ihnen zu sehen. als er ihn erahnte?« 204 . Soldaten begegnen ihm oft auf dem Schlachtfeld«. »Natürlich gibt es Aufsätze zur Anatomie. Ein anderes Vorgehen ist nicht möglich. Begreifen Sie nun. presste ich hervor. antwortete ich unsicher. sondern müssen unseren eigenen Sinnen und unserer eigenen Beobachtungsgabe vertrauen und logische Schlüsse ziehen. es ist immer noch da«. für Mord. »Würden Sie nicht erwarten. weil ich das Gefühl hatte. mutmaßte ich. die uns den Weg weisen könnte. dass ein solches Stirnrunzeln nach dem Ableben verschwindet?« »Nun. Wenn der Mensch eine Seele besitzt. erklärte Kant. eingefroren im Augenblick des Todes. auf dem wir uns bewegen? Wir haben keinerlei Autorität. »Haben Sie dafür eine Erklärung?« »Zu dieser Frage existiert keine Literatur. bemerkte ich mit einem Blick auf die gerunzelte Stirn des Mannes. Stiffeniis. »Und er hob den Blick. dass er unsere Blicke erwiderte. aber nicht für Fälle wie diesen. sagte ich schließlich. »Und was haben Sie zu den Augen zu sagen?« Ich betrachtete die starren Augen in dem Glasgefäß. »Dies war sein letzter Gesichtsausdruck. Dabei handelt es sich um ein wohlbekanntes Phänomen.« »Sehr gut. Jan Konnens Kopf verunsicherte mich.»Dann greifen Sie auf Ihre Intuition zurück!« »Seine Miene drückt Verwirrung aus«. Professor«. »Die Augen des Mordopfers sind nach oben verdreht«. wie heikel das Terrain ist. heißt es.

Herr Professor?«. dass etwas Dramatisches. Haben Sie irgendwelche Vermutungen?« 205 .« »Würden Sie vermuten. wiederholte ich mit einem flauen Gefühl im Magen. oder nicht?« Ich zwang mich. Professor. »Weit offen?« »Nicht ganz. Stiffeniis. »Kam der Schlag von oben oder von hinten? Das können wir im Augenblick nicht beurteilen. also halten wir uns damit nicht auf. Professor. das Gesicht des Mannes genauer zu betrachten. nicht unbedingt. Was verrät sie Ihnen?« Doch er ließ mir keine Zeit zu antworten. »Sie ist lang. als er starb?« »Einen Schrei. dünn und gänzlich unauffällig? Gut. dass er im Moment seines Todes schrie. »Nein. Wie würden Sie den beschreiben?« »Er steht offen«.Kant brummte zustimmend. dass er einen Schrei ausstieß. dass er nicht schrie. »Ein offener Mund deutet doch darauf hin. Wenden wir uns nun der Todesursache zu. Sehen Sie sich jetzt die Nase an. sagte ich. Stiffeniis. Ich würde sogar eher sagen. Gewalttätiges diesen Gesichtsausdruck bedingte?«.« »Ich bin ganz Ihrer Meinung. fragte Kant. als ich das Funkeln in Kants Augen sah. wenden wir uns dem Mund zu.« »Was tat er dann? Was für ein Geräusch drang wohl aus seiner Kehle?« »Ein überraschtes Keuchen? Ein Seufzen?« »Würden Sie sagen. »Nein.

Stiffeniis. als wollte er dadurch die Bedeutung des soeben Gesagten betonen. denn es gibt keine deutlich sichtbaren Verletzungen.« Er 206 . Aber es handelte sich nicht um ein Messer …« So hatte ich die ursprüngliche Version dieses Berichts begonnen. fragte Kant und beugte sich weiter hinunter.« Kant schwieg eine Weile. benutzt zu haben. die Königsberg in Angst und Schrecken versetzten. keine. an der Schädelbasis. Etwas Spitzes. Sergeant?« Das Licht der Lampen warf einen ungesund gelblichen Schimmer auf den in dem flockigen Formaldehyd rollenden Kopf. Der Tod kam schnell und unerwartet. sagte ich unsicher. Scharfes trat an dieser Stelle in Konnens Nacken ein. »Hier erfolgte der tödliche Streich. befand sich unter den Waffen. Der Kopf allein versucht. Hier. Es handelte sich nicht um einen schweren Hieb. die Ulrich Totz behauptet.»In dem Gesicht kann ich keine schwerwiegende Verletzung entdecken«. Die Mordwaffe drang ein wie ein heißes Messer in Schmalz. »Schauen Sie genau hin. er war tot. bevor seine Knie den Boden berührten. Diese winzige Wunde ist der einzige Hinweis auf den Angriff. die eine solche Wunde verursachen würde. Würden Sie den Glasbehälter bitte umdrehen. Doch in Wahrheit markierten jene Worte meinen ersten Schritt auf dem Pfad der Verderbnis. »Hat man am restlichen Körper eindeutige Spuren gefunden?« »Der Körper interessiert uns nicht. »Sehen Sie?«. uns seine Geschichte zu erzählen. »Wenn ich Sie richtig verstehe. um das Genie Immanuel Kants zu feiern und meine eigene unwesentliche Rolle bei der Aufklärung der Mordfälle zu schildern.

stimmte mich wütend. dass ihr langes rotes Haar nur noch vom Oberkopf und von den Seiten herabhing. Herr Professor! Er hätte den Geist des Toten nicht fragen müssen. dass Morik nicht von der Person umgebracht wurde. »Das beweist doch nur. als hätte ich gerade selbst einen Schlag gegen den Kopf erhalten. was anrührend verletzlich wirkte.« Er klopfte mit dem Finger gegen das Glas. welches. die wir suchen. sagte Kant und fügte mit einem Seufzen hinzu: »Wenn Sie gestern Abend länger bei Vigilantius geblieben wären.« Professor Kants Stimme bebte vor Erregung. das Koch auf den Tisch stellte. Dass Kant Vigilantius so überschwänglich lobte. »Begreifen Sie jetzt?« Man hatte den Schädel von Paula-Anne Brunner so rasiert. bringen Sie mir ein weiteres Glasgefäß. »Der Doktor gehört zur crème de la crème europäischer Anatomen!«. Egal.« »Dies ist das Werk von Vigilantius?«. einen Ausdruck der Befriedigung über Kants Gesicht huschen zu sehen. »In Tifferchs Nacken befindet sich ein identisches Mal«. als hätte er selbst die Leichen seziert. fragte ich erstaunt. und mir wurde schwindelig. Trotz des trüben Lichts glaubte ich.sah mich mit funkelnden Augen an. Totz ist nicht unser Mörder. erklärte er voller Stolz. »Hier sehen Sie die gleiche Wunde. »Koch. wie er ermordet wurde. während er eine Lampe in die Hand nahm und sie vor das Gefäß hielt. wenn er die Antwort bereits kannte!« 207 . dass er ein Scharlatan ist. hätten Sie sofort gewusst.

« Kant schloss die Augen halb. Nun. »Seien Sie nicht ungerecht. Wie sollte ich einen solchen Fall in meine Statistik einordnen? War der Mann eines natürlichen Todes gestorben oder ermordet worden? Ich erbat die Leiche für die Universität. und einem glücklichen Zufall war es zu verdanken. antwortete er. begann ich. dass ich verwirrt bin.Kant legte mir beschwichtigend die Hand auf den Arm. Stiffeniis. als er in seiner exaltierten und gewöhnungsbedürftigen Art verkündete. »Verzeihung. »Ungefähr vor einem Jahr erhielt ich meinen wöchentlichen Bericht von der örtlichen Polizei. »Wie haben Sie das erraten. in dem etwas von einer Leiche stand. dass er ein 208 . Wie haben Sie die Bedeutung des Mordes an Jan Konnen so schnell erkannt? Damals konnte keiner ahnen. Professor Kant«. Der untersuchende Arzt hatte die winzige Wunde im Nacken von Jan Konnen übersehen und notiert: Todesursache – unbekannt. Ich wusste. dass die Todesursache an der Schädelbasis des Mordopfers zu suchen sei. »Seit vielen Jahren sammle ich Informationen über Todesfälle in Königsberg. »ich wollte Sie nicht unterbrechen. dass Doktor Vigilantius just in jener Woche im Collegium Albertinum Vorlesungen hielt. Herr Professor?« Kochs Frage überraschte uns beide. aber ich muss gestehen. Sie erfolgte später. ein zufriedenes Lächeln trat auf sein Gesicht. sagte der Sergeant verlegen.« »Professor Kant …«. dass ähnliche Morde folgen würden. das war höchst ungewöhnlich. bei der keine Todesursache festgestellt werden konnte. Sergeant«. Der Doktor hatte die Sektion noch nicht durchgeführt.

der König sah sich einer möglichen französischen Invasion ausgesetzt. damit er erneut eine Sektion vornehme. denn hier waren spezielle Fähigkeiten vonnöten. und Rhunken wollte den Fall so schnell wie möglich abschließen. Kant legte mir freundlich die Hand auf den Arm. bewahren. »Rhunken war nicht bereit. Fähigkeiten. Als sich einige Monate später ein ähnlicher Mord ereignete. Er tat meine Erkenntnisse als das Gebrabbel eines alten Narren ab! Mit der polizeilich üblichen Vorgehensweise hätte er den Mörder nie gefasst. fügte ich hinzu. Kant winkte verärgert ab. Hanno«. und machte mir seine Kenntnisse auf zweifache Weise zunutze: Erstens war ich neugierig. sagte er. erkundigte sich Koch. »Jetzt sehen Sie. wie ein Anhänger Swedenborgs mit den Geistern der Toten kommuniziert. was hier in Königsberg geschieht. der allmählich Geschmack an seinem Tun fand. Die Angst der Stadtbevölkerung wuchs. Zweitens wollte ich den Beweis. »Nur jemand. den Prokurator abzulösen. begreift. der schon einmal im Reich der Schatten gewesen ist.« »Wusste Prokurator Rhunken von diesem Gewölbe. erkannte ich die Verbindung und rief Doktor Vigilantius. den Sie gerade gesehen haben. Ich war es.erfahrener Anatom ist. warum ich Sie holen ließ. Professor?«. wie Augustus Vigilantius sie besitzt …« »Und ich«. der Seiner Majestät vor ein paar Wochen vorschlug.« 209 . Wie Sie wissen. den Nutzen der hier versammelten Beweise anzuerkennen. reichen die dunkelsten Beweggründe des menschlichen Herzens weit über Vernunft und Logik hinaus.

Alles schien zu passen – die Erotika in Herrn Tifferchs Schrank. und zwar laut eigener Aussage mit einem Hammer. Moriks Andeutungen. das ist Ihnen jetzt klar. »Nun. »Sie meinten. eindeutige Beweise zu haben«. Professor? Wieso ließen Sie mich im Namen der Logik weiter im Dunkeln tappen?« Ich hatte mich so leicht davon überzeugen lassen. denn dort hatte sich der erste Mord ereignet. was ich im Gasthaus hörte und sah. dass der Wirt mit Bonaparte sympathisiere. Hanno: Mit Ihren Ermittlungen müssen Sie 210 . Ulrich Totz’ Geständnis. oder besser gesagt: Ich hatte es mir selbst eingeredet.« »Warum haben Sie mir das nicht gleich gesagt. Ich hatte mir die Fakten so zurechtgebogen. dass die Morde politisch motiviert waren. Aber leider schöpfte Totz durch seinen Laufburschen Morik Verdacht. das verschlagene Gesicht seiner Frau.Ich erstarrte. Diesen Satz hatte ich seinerzeit bei unserer ersten Begegnung selbst ausgesprochen. dass sie meine Theorie bestätigten. der so viel Vertrauen in meine Fähigkeiten setzte. »Für etwas anderes interessierten Sie sich nicht. Ich hoffe. Und mich dadurch in den Augen dessen. das. »Dieser Ort erschien mir als geeigneter Ausgangspunkt für die Ermittlungen. und es gab Gerüchte. was ich Ihnen gesagt habe. Dadurch hat er sich selbst von der Liste unserer Verdächtigen gestrichen. »Deshalb habe ich Sie im ›Walfänger‹ einquartieren lassen«. zum Narren gemacht. fügte er nachdenklich hinzu. erklärte Kant mit einem verschmitzten Lächeln. Das hatte ich nicht vorhersehen können«. Rufen Sie sich ins Gedächtnis. Totz brachte den Jungen um. fuhr Kant fort.

»Was ist das. »Eine ungewöhnliche Methode. wenn Sie sie sehen wollen«.« Er holte ein Dokument aus einer Mappe und legte es auf den Tisch. Die Szene wirkte. Ich instruierte diese beiden Gendarmen. die Toten zu zeichnen. sagte Kant. Koch und ich beugten uns im flackernden Lampenschein darüber.« 211 .das Wie der Dinge rekonstruieren. bat ich Lublinsky. Professor?« Kant lachte auf. fragte Koch unsicher. Sobald eine Leiche entdeckt wurde. die an einer Wand lehnte. Natürlich wurde er für seine Bemühungen eigens entlohnt. Genauso hielt ich es bei den folgenden Morden. das Geschehene auf Papier zu bannen. Auf dem Blatt befand sich eine einfache Zeichnung von einer knienden Gestalt. sagte er. als wäre ein Kind zufällig Zeuge des Schreckens geworden und hätte in aller Unschuld versucht. Professor?«. auch wenn sie möglicherweise seine Leidenschaften erklären. worüber ich den König in Kenntnis gesetzt hatte. die Szene zu skizzieren. nicht wahr? Einer der Soldaten erwies sich als recht begabt. Das Warum werden sie Ihnen nicht verraten. »Sehen Sie sich das an«. »Darauf ist die genaue Haltung dargestellt. eine Zeichnung des Tatortes zu fertigen. während ich die Ermittlungen auf meine Weise anging. Die anderen Zeichnungen befinden sich in den Mappen dort drüben. in der die Leichen gefunden wurden. Das Motiv liegt weiter im Verborgenen.« »Sie haben Soldaten angewiesen. Logik und Rationalität beherrschen das menschliche Herz nicht. »Rhunken schickte zwei Gendarmen zum Schauplatz des ersten Mordes.

»Für einen Soldaten ein attraktives Arrangement«, bemerkte Koch. »Darf ich Ihnen noch eine Frage stellen, Professor Kant?«, erkundigte er sich mit einem unsicheren Blick durch den Raum. »Diese ganzen …«, murmelte er nervös, »Körper ohne Köpfe! Das ist … eine Monstrosität, Professor. Was haben Sie damit vor?« Kant wandte sich lächelnd mir zu. »Die Toten sprechen tatsächlich zu uns, Hanno. Bitte verstehen Sie mich nicht falsch: Ich bin kein Anhänger der Swedenborgianischen Lehre. In diesem Raum geht es im Moment um die Untersuchung eines Ermordeten. Durch die Analyse der physischen Beweise und der Umstände können wir zu vernünftigen Schlüssen darüber gelangen, wo und wann der Mord verübt wurde. Das wiederum hilft uns zu begreifen, wie das Verbrechen geschah und welche Waffe verwendet wurde. Und wenn wir uns am Ende nicht von unserer Intuition haben täuschen lassen, finden wir vielleicht sogar noch den Übeltäter. Morik wurde von Totz umgebracht, von niemandem sonst. Aber der tote Körper dieses Mannes hier kann uns eine Menge über seinen Mörder verraten.« »Sie wollen die Gegebenheiten am Tatort rekonstruieren, habe ich recht?«, fragte Koch, bevor ich etwas sagen konnte. »Genau das ist meine Absicht, Sergeant. Sie haben ja den Nutzen dieser ›Monstrosität‹, wie Sie sie nennen, gesehen. Ohne die Glasbehälter und ihren Inhalt wäre Prokurator Stiffeniis fröhlich weiter in die falsche Richtung marschiert und hätte Ulrich Totz einiger Verbrechen beschuldigt, die er nicht verübt hat. Jetzt kann er seinen Irrtum korrigieren«, erläuterte Kant mit zufriede-

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ner Miene. »Ich nenne diesen Ort mein Labor«, fuhr er fort. »Obwohl ich noch keinen befriedigenden Namen für die Wissenschaft gefunden habe, mit der ich mich hier beschäftige. Das verfügbare Material wird jemandem nützen, der mit investigativen Methoden vertraut ist. Wenn es Herrn Stiffeniis gelingt herauszufinden, wie diese Verbrechen begangen wurden, erkennt er vielleicht den Modus operandi des Mörders und kann ihn festnehmen. Eines allerdings steht bereits heute fest: Er wird wieder zuschlagen!« »Totz hatte keine Ahnung, wie diese Menschen zu Tode gekommen sind«, musste ich zugeben. »Warum log er mich dann an?« »Morik wurde aus pragmatischen Gründen umgebracht, Stiffeniis. Zumindest in dieser Hinsicht sagt Totz die Wahrheit. Er dachte, seine Verschwörung laufe Gefahr, aufgedeckt zu werden, und ermordete die einzige Person, die über die Vorgänge Bescheid wusste und der er misstraute.« »Aber wieso hat er auch noch die anderen Morde gestanden?« Kant zuckte mit den Achseln. »Würden Sie gern als skrupelloser Mörder eines wehrlosen Kindes dastehen? Möglicherweise versucht Ulrich Totz lediglich, sich als Revolutionär zu präsentieren, sozusagen als gnadenloser örtlicher Robespierre. Sie werden ihm die Wahrheit wohl mit Gewalt entlocken müssen.« »Das werde ich!«, rief ich voller Zorn aus. Kant legte mir beschwichtigend die Hand auf den Arm. »Ich möchte Ihnen noch etwas zeigen, den eigentlichen Grund für die Einladung. Es wundert mich, dass

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Sie sich noch nicht danach erkundigt haben.« Wie ein Magier, der ein Kaninchen aus dem Hut zaubert, drapierte er ein gefaltetes graues Tuch auf dem Tisch. »Die Klaue des Teufels! Die Vorstellung davon verbreitet mehr Schrecken in Königsberg, als der Gegenstand selbst es jemals könnte. Schlagen Sie das Tuch zurück, Stiffeniis!« Ich zögerte. »Sie beißt nicht«, lachte Kant heiser. Meine Finger ertasteten einen winzigen Gegenstand unter dem dünnen Tuch, der so gut wie nichts wog. Als ich den Stoff zurückschlug, fiel mein Blick auf eine spitze, kaum zwei Zentimeter lange Nadel aus Knochen oder Elfenbein. »Was ist das?«, flüsterte Koch. Kant schüttelte den Kopf, bevor er etwas sagte. »Ein Teil der Mordwaffe, vermutlich die Spitze. Sie war mit Sicherheit länger, als sie zum Einsatz kam. Vigilantius fand dieses Fragment in Jan Konnens Nacken. Wir können davon ausgehen, dass es abbrach, als der Mörder versuchte, die Waffe herauszuziehen.« »In dem Bericht steht, dass die Frau, die die Leiche fand, von der Klaue des Teufels sprach«, sagte ich. »Aber dieses winzige Ding kann sie nicht entdeckt haben. Bedeutet das, dass sie die ganze Mordwaffe im Nacken des Ermordeten gesehen hat?« »Nun, das müsste man nachprüfen«, meinte Kant mit einem Nicken. »Ich möchte mit der Zeugin sprechen. Lublinskys Bericht bleibt in dieser Hinsicht vage.« »Vielleicht weiß Lublinsky, wo sie steckt«, sagte

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Koch, nahm die winzige Spitze vom Tisch und betrachtete sie interessiert wie ein Botaniker eine ihm unbekannte exotische Frucht. »Für so etwas lässt sich leicht ein Ersatz beschaffen, wenn es abbricht.« »Und man kann es gut vor dem Opfer verstecken«, fügte Kant hinzu. »Kein vernünftiger Mensch stellt sich direkt neben den Schlachter, wenn der das Beil schwingt.« Er wandte sich mir mit einem belustigten Blitzen in den Augen zu. »Wissen Sie nun, wie Sie fortzufahren haben, Hanno?« Ich sah die Glasbehälter, die Mappen mit den Unterlagen und die gestapelten Kisten an. »Alles hier ist noch neu für mich, Professor«, sagte ich erregt. »Aber ich werde das Material nach bestem Wissen und Gewissen nutzen.« Ein wenig hörte sich das an wie ein Schwur. »Ich gebe Ihnen den Schlüssel«, erklärte Kant wohlwollend. »Die Köpfe sind hier, die Kleider, die die Opfer zum Zeitpunkt des Mordes trugen, in den Kisten dort. Auf jeder steht der Name des Betreffenden, und die Zeichnungen von den Leichen befinden sich in den Mappen. Ich denke, Sie haben alles, was Sie brauchen. Die Beweise stehen Ihnen zur Verfügung. Nutzen Sie sie klug.« Kant schien in sich zusammenzusacken, als er mir den Schlüssel in die Hand drückte. Seine Kraft hatte sich erschöpft. »Bringen Sie Professor Kant mit der Kutsche nach Hause, Koch«, sagte ich. »Ich gehe zu Fuß zum Haupttor, um mich mit Lublinsky zu unterhalten.« »Nein, Prokurator!«, rief Koch. »Begleiten Sie den Professor nach Hause, und ich kehre zu Fuß zum Schloss

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zurück. Sie verlaufen sich nur, während ich weiß, wo Lublinsky zu finden ist.« »Der Weg könnte gefährlich sein«, erwiderte ich, erstaunt über Kochs Nervosität. »Ich passe schon auf«, sagte der Sergeant mit einem hastigen Blick in Kants Richtung. Nun begriff ich, was ihn bewegte: Er hatte keine Angst vor der Dunkelheit, dem Nebel oder dem unbekannten Mörder, sondern vor dem Professor. »Na schön«, meinte ich. »Suchen Sie Lublinsky auf und befragen Sie ihn zu der Frau. Ich sehe Sie dann im Schloss.« Draußen war es mittlerweile dunkel und der Nebel so dicht, dass man kaum noch die Hand vor Augen sah. Johannes Odum sprang herbei, um die Tür der Kutsche zu öffnen, während ich Professor Kant beim Einsteigen half. »Fahren Sie mit zum Haus des Professors, Herr Prokurator?«, erkundigte sich Johannes Odum. Plötzlich fiel mir ein, dass der Diener mir dort noch etwas zeigen wollte. »Natürlich«, antwortete ich. »Seien Sie vorsichtig, Sergeant«, warnte ich Koch, nachdem ich ebenfalls in die Kutsche gestiegen war und Koch die Tür geschlossen hatte. »Gehen Sie kein Risiko ein.« Die Kutsche setzte sich gemächlich in Bewegung. Der Professor und ich sprachen kein Wort. »Leisten Sie mir auf ein Gläschen Bischoffs Fruchtlikör Gesellschaft? Es war ein langer Tag, und wir könnten beide eine Stärkung vertragen«, sagte Kant nach einer Weile.

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»Mit Vergnügen, Herr Professor.« Wenig später begann er leise zu schnarchen, und sein Kopf sank auf die Lehne zurück. Ich dachte über den Brief nach, den ich Helena über den erfolgreichen Abschluss meiner Ermittlungen hatte schreiben wollen. Professor Kant war es zu verdanken, dass mein Aufenthalt in Königsberg noch nicht so bald zu Ende wäre.

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ant schlief den Rest des Weges. Die Kraft, die er den ganzen Tag über ausgestrahlt hatte, war mit einem Schlag verflogen. Ich hingegen fühlte mich kein bisschen müde. Durch eine Art Osmose schien die Energie meines Mentors auf mich übergegangen zu sein. Am Morgen hatte ich am Ufer des Pregel die Leiche eines Jungen mit eingeschlagenem Kopf gesehen; ich kam gerade aus einem düsteren, albtraumhaften Horrorkabinett; auf den dunklen Straßen von Königsberg trieb ein skrupelloser Mörder sein Unwesen – aber mein Herz sang. Ich fühlte mich, als wäre ich soeben von einem erfrischenden Spaziergang zurückgekehrt. Hatten die Glasbehälter in Kants Labor mich angewidert? Nein, ganz im Gegenteil. Ich hielt den Schlüssel zu dem Labor fest in meiner vor Erregung zitternden Hand. Die Köpfe der Mordopfer waren bemerkenswert, aber noch bemerkenswerter fand ich die Tatsache, dass Kant seine Sammlung mir anvertraut hatte. Prokurator Rhunken hatte nichts von diesem geheimen Ort geahnt, und sein treuer Diener Koch war schockiert, ich jedoch jubilierte. Jetzt wusste ich, warum Kant mir den Vorzug vor allen anderen Magistraten gegeben hatte. Vielleicht waren sie erfahrener im Hinblick auf herkömmliche Ermitt-

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lungsmethoden, aber Kant glaubte, dass ich allein in der Lage sein würde, den Nutzen seiner Sammlung und ihre makabre »Schönheit« zu würdigen – ein besseres Wort kam mir nicht in den Sinn. Sieben Jahre zuvor hatte Kant mir geraten, Magistrat zu werden, und nun bot er mir die Gelegenheit, der ich durch meinen Rückzug nach Lotingen bewusst aus dem Weg gegangen war. Er gab mir das Material an die Hand, mit dessen Hilfe ich mich als einer aus der neuen Magistratenzunft hervortun und revolutionäre Methoden im Kampf gegen das Verbrechen erproben konnte, welches möglicherweise den Frieden einer ganzen Nation gefährdete. Kant hatte Vigilantius hinzugezogen, um seine anatomischen wie auch obskureren Kenntnisse zu nutzen. Existierte irgendwo ein Magistrat, der so etwas gewagt hätte? Deshalb hatte er gewollt, dass ich dem Nekromanten am Abend zuvor bei der Arbeit zusah. Plötzlich erschienen mir dessen Fähigkeiten in einem völlig neuen Licht. Vielleicht war Kant ja tatsächlich dabei, auf die dunklen Ufer des Styx zuzudriften, aber er hatte weder seinen Scharfblick noch seine Gabe der logischen Argumentation verloren. Er brachte mir bei, das zu tun, wozu er selbst körperlich nicht mehr in der Lage war, und machte mich mit einer völlig neuen Art der Wahrnehmung und Vorgehensweise bekannt. Bei Ermittlungen ging es eben nicht nur einfach darum, Hinweise zu sammeln und störrischen Zeugen die Wahrheit zu entlocken, wie Rhunken gemeint und auch ich bis vor Kurzem noch geglaubt hatte. Kant hatte mich darauf vorbereitet, mein Wissen zum Nutzen der Menschheit einzusetzen und Beweise nicht

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aufgrund ihrer augenscheinlichen Perversität oder »Monstrosität«, wie Koch es nannte, zu verwerfen. Noch am Vorabend war ich Rhunkens Ansicht gewesen, doch jetzt erkannte ich, was ich tun musste. Sobald der Fall gelöst und der Mörder hinter Schloss und Riegel wäre, würde ich einen Aufsatz zum Lob des unvergleichlichen Genies von Immanuel Kant verfassen, der sich auf diesem Gebiet weiter vorgewagt hatte als irgendjemand bisher. Ich betrachtete den Professor, der neben mir schlief, voller Zuneigung. Ihm verdankte ich alles. Er hätte gut und gerne mein Vater sein können. Letztlich, das wurde mir klar, verdankte ich ihm bedeutend mehr als meinem Vater. Plötzlich kam die Kutsche zum Stehen. Kant wachte nicht auf. In dem dichten Nebel draußen vor dem Fenster tauchte das Gesicht von Johannes Odum auf, der mir signalisierte auszusteigen. Ich öffnete die Tür der Kutsche so leise wie möglich. »Wir können nicht weiter, Herr Stiffeniis«, verkündete der Diener mit einem Blick auf den Bach neben uns. »Ich habe Angst, die Kutsche bei dem Nebel in den Graben zu lenken.« »Ich führe das Pferd«, schlug ich vor. »Nehmen Sie eine der Lampen, Herr Prokurator. Und seien Sie vorsichtig«, riet er mir. Ich machte ein paar energische Schritte, war jedoch schon bald gezwungen, aufgrund von Schnee und Nebel langsamer zu gehen. Das Pferd scheute vor Angst. Erst nach einer Weile gelang es Johannes, die Zügel kürzer zu fassen. Es dauerte eine Ewigkeit, bis Professor Kants Haus aus dem Dunst auftauchte.

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»Er ist todmüde. was ich heute Morgen entdeckt habe.« 221 . öffnete die Haustür und führte mich draußen zum hinteren Teil des Hauses. erklärte Johannes. seufzte Johannes. der im Licht der Lampe funkelte wie Diamanten.Dort angelangt. weil sich der Schnee zu kniehohen Verwehungen aufgetürmt hatte. dann könnte ich Ihnen zeigen. Schon ein paar Minuten später kehrte er zurück. und da waren sie. »Das hier ist Professor Kants Arbeitszimmer«. Warum. hob der Diener Kant aus der Kutsche wie ein schlafendes Kind. wie Johannes seinen Herrn scheinbar mühelos hinauf in sein Schlafgemach trug. während ich mit der Lampe in der Hand die Tür öffnete. »Sehen Sie.« Ich betrachtete den Schnee. Herr Prokurator – das hat mir heute Morgen einen Schrecken eingejagt. als er den Fuß der Treppe erreichte. Vom Flur aus beobachtete ich. Dunkle Fußspuren führten vom Fenster zu einem Tor am anderen Ende des Gartens. konnte so etwas Johannes derart erschrecken? »Das wollten Sie mir zeigen?« »Ja. nachdem er vor einem dunklen Fenster stehen geblieben war und die Lampe ein wenig gesenkt hatte. wo sich der von hohen Bäumen gesäumte Kräutergarten befand. Diesen zu durchqueren war nicht einfach. fragte ich mich.« Er nahm mir die Lampe ab. Nach unserer Rückkehr vom Fluss heute Morgen habe ich die Vorhänge im Arbeitszimmer geöffnet. Herr Prokurator. »Aber wenn Sie mir jetzt folgen würden. Wie schön. dass endlich Ruhe einkehrt!«.

sich nicht so intensiv mit den Morden zu befassen.« Trotz des dicken Wollmantels. Ich gebe den Gendarmen Anweisung. ihn zu beruhigen. dass die Türen und Fenster stets verschlossen sind. »Aber zuerst müssen wir noch etwas anderes erledigen«. bemühte ich mich. »Sorgen Sie dafür.« 222 . Johannes. »Sind Sie sicher? Ein Nachbar vielleicht oder ein Bettler oder ein Händler?« Johannes schüttelte den Kopf.»Könnten Sie mir das genauer erklären.« Ich versuchte.« »Du gütiger Himmel!«. wie sich meine Gesichtsmuskulatur verkrampfte. den Lotte für mich eingepackt hatte. rief Johannes aus. Johannes.« Ich spürte. »Noch schlimmer?« »Der Mörder könnte ihm hierher gefolgt sein. sagte ich in entschlossenem Tonfall. Halten Sie die Lampe bitte etwas höher. »Wir werden ihn schützen«. Herr Prokurator«. begann ich zu zittern. Johannes. »Es gibt nur eine Möglichkeit. sagte er ernst. Sich dort unten am Fluss blicken zu lassen war gefährlich. »Das würde der Herr Professor auch so machen. »Ich habe Professor Kant geraten. »Jemand hat ihm nachspioniert oder versucht.« Was würde Kant wohl in so einem Fall tun? Die Antwort lag auf der Hand. Sie sollten …« Ich brachte ihn mit einer Handbewegung zum Verstummen. Johannes?« »Hier draußen ist seit dem Sommer niemand gewesen. das Haus zu bewachen und die Straße zu observieren. gefasst zu bleiben. ins Haus einzudringen. »Oder noch schlimmer.

« Auf dem Weg zum Tor fanden wir keinen einzigen unverwischten Fußabdruck. rief Johannes voller Angst. die zur hinteren Tür des Hauses hinaufführten. »Wir müssen ein vollständig erhaltenes Muster finden.« »Wie bitte?«. »Ach was«. und ging dann zu den drei Steinstufen. »Treten Sie nicht in die Spuren«. »Ein Muster wovon?« »Von einem Fußabdruck. Johannes.« Ich sah mich um. dass jemand versucht hatte. wies ich Johannes an. fragte der Diener verwirrt.« Die Oberfläche des Schnees war durch den Wind brüchig wie Glas geschliffen. und draußen auf der Straße vermischten sich die Spuren mit denen der Passanten. Vielmehr möchte ich die analytische Methode anwenden. ihn zu stören. »Es hat keinen Sinn. Halten Sie die Lampe bitte dicht über den Boden. »Folgen Sie den Abdrücken durch den Garten«. um noch einmal den Bereich direkt davor in Augenschein zu nehmen. Ich dirigierte ihn zurück in den Garten und zum Fenster. Herr Prokurator«. sah ich. Widerstrebend hob der Diener die Lampe und ging mir voran. die mir der Professor gerade in seinem Labor gezeigt hat. »Die Sachlage ist schon verwirrend genug.»Sie wollen doch hoffentlich nicht Professor Kant herausholen?«. meinte Johannes nervös. Als ich mich hinabbeugte. antwortete ich. »Ich habe nicht vor. 223 . sagte ich. die Spuren durch einen schleppenden Gang zu verwischen.

»Glauben Sie. nachdem ich die Klinke heruntergedrückt hatte.« Ich begann in meiner Tasche nach einem Stück Papier zu suchen. fragte ich. merkte aber. Herr Prokurator?« 224 . Ich begutachtete die dunkle Kiefernholztür sowie das große Schlüsselloch. wenn er das nächste Mal erfolgreicher wäre? »Kommen Sie. »Zeichnen. durch diese Tür hineinzukommen. sehen Sie? Und hier …« Da stieß ich einen Freudenschrei aus. »Er hat versucht.»Er war hier.« »Offenbar hat er von seinem Vorhaben abgelassen«. Auf der obersten Stufe entdeckte ich einen vollständigen Fußabdruck. die an den Tatorten genommen wurden«. schloss ich. Die Tür scheint von innen verschlossen zu sein«. ob es sich bei diesem Abdruck um den des Mörders handelt. dass der Diener nicht viel vom neuen Ermittlungsjargon des Immanuel Kant verstand. »So würde Ihr Herr auch vorgehen«. »Womit soll ich nur zeichnen?«. Herr Prokurator?«.« »Aber wie. dass sich jemand daran zu schaffen gemacht hat. Herr Prokurator?«. erklärte ich. Alles war intakt. fügte ich hinzu. jedoch keinen Bleistift. er hat es geschafft. wir müssen feststellen. Mittlerweile hatte ich in meiner Tasche ein Blatt Papier gefunden. fragte er verständnislos. antwortete ich. »Das habe ich selbst besorgt. fragte Johannes ängstlich. Johannes. Herr Prokurator. »Indem ich diesen Fußabdruck mit denen vergleiche. »Ich kann keinen Hinweis darauf entdecken. Doch was würde passieren.

»Die Abdrücke. Ich möchte sie kopieren. Gibt es im Haus einen Bleistift?« »Ja, im Zimmer meines Herrn. Aber ich möchte ihn nicht wecken.« Johannes sah sich im Garten um. »Augenblick«, sagte er und brach einen Zweig von einem kahlen Rosmarinbusch neben der Küchentür. Dann öffnete er die Lampe, hielt den Zweig eine Weile in die Flamme, löschte ihn im Schnee und reichte ihn mir. »Holzkohle, natürlich!«, rief ich und legte das Blatt Papier neben dem Abdruck auf den Schnee, um die Größe abzumessen, dann nahm ich es auf mein Knie, um die Form zu umreißen. Die Sohle des linken Schuhs hatte ein auffälliges Kreuzmuster, das sich leicht mit den Zeichnungen der anderen Spuren vergleichen ließe. Sobald ich fertig war, machte ich mich daran, einen Plan des Gartens zu skizzieren und darin die Gehrichtungen des Eindringlings zu markieren. »Haben Sie gestern Nacht irgendetwas Ungewöhnliches gehört?«, fragte ich Johannes schließlich. »Nein, Herr Prokurator … nein«, antwortete er, meinem Blick ausweichend. Hatte er jemanden ins Haus gelassen, dessen Anwesenheit seinem Herrn nicht recht gewesen wäre? Aber hätte er mir dann die Fußabdrücke gezeigt? »Wirklich nicht, Johannes?«, hakte ich nach. Oder hatte Johannes, der um die dreißig sein mochte, eine junge Frau empfangen und wand sich nun deshalb so? »Halten Sie die Lampe ein wenig höher«, wies ich ihn an, um sein Gesicht besser mustern zu können. »Egal, was Sie mir sagen: Ich verrate Ihrem Herrn nichts. Ha-

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ben Sie jemanden eingeladen, ohne Professor Kant um Erlaubnis zu bitten?« »Nein, nein, Herr Prokurator!«, kam die Antwort sogleich. »Solche Freiheiten würde ich mir nie herausnehmen.« Johannes schien den Tränen nahe. Ich wartete schweigend, nach Art eines guten Magistrats. »Nun, Herr Prokurator«, sagte er schließlich. »Ich muss tatsächlich ein Geständnis machen. Das bedeutet zwar, dass ich jemandes Vertrauen missbrauche, aber … das lässt sich nicht vermeiden.« Er stellte die Lampe auf dem Boden ab, rieb sich die Hände, ballte sie über seinen Taschen und sah mir mit unglücklicher Miene in die Augen. »Möglicherweise schwebt Professor Kant in ernster Gefahr«, erinnerte ich ihn. »Ich hatte Angst, jemandem davon zu erzählen, Herr Prokurator. Besonders Herrn Jachmann. Ich dachte, ich verliere die Stelle, wenn ich es ihm sage. Herr Jachmann hat mir aufgetragen, Professor Kant niemals allein zu lassen.« »Richtig«, lobte ich. »Und ich habe mich an diese Anweisung gehalten. Bis auf …« »Bis auf?« »Bis auf ein Mal, auf Professor Kants ausdrücklichen Wunsch.« »Was meinen Sie damit?« »Er hat mich gestern Abend gebeten, ihn eine Stunde lang allein zu lassen, und mir erlaubt, meine Frau zu besuchen. Man könnte sagen, dass er … darauf bestand.«

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»Warum sollte er Sie mitten in der Nacht wegschicken?«, fragte ich erstaunt. »Er arbeitet an seinem Buch, Herr Prokurator, und wollte nicht gestört werden. Ich habe versucht zu widersprechen, aber er meinte, ich solle die Gelegenheit nutzen. Offen gestanden: Es war nicht das erste Mal.« »Wann zuletzt?« »Nun, gestern Nacht.« »Davor!«, fragte ich ungeduldig. »Vielleicht vor einer Woche oder zehn Tagen, Herr Prokurator. Im vergangenen Monat hat er mir fünf oder sechs Mal frei gegeben.« Was für ein Risiko Professor Kant eingegangen war! Ich stellte mir vor, wie der Mörder ihn beobachtet hatte wie eine Spinne die Fliege in ihrem Netz. »Wie konnten Sie den alten Mann nachts allein im Haus lassen?«, herrschte ich Johannes an. Der Diener brach in Tränen aus. »Was sollte ich denn machen, Herr Prokurator?«, jammerte er und wischte sich die Augen mit dem Ärmel ab. »Der Professor war so nett zu mir. Es wäre undankbar gewesen, ihm den Wunsch abzuschlagen. Und außerdem muss ich zugeben, dass ich meine Frau und meine Kinder vermisse.« »Sie hätten Herrn Jachmann in Kenntnis setzen sollen«, sagte ich. »Das wäre Ihre Pflicht gewesen. Er regelt Herrn Kants Angelegenheiten.« »Das weiß ich, Herr Prokurator. Aber Herr Jachmann kommt nicht mehr hierher.« Nach kurzem Zögern fügte er hinzu: »Professor Kant ist mein Herr. Ihm muss

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ich gehorchen.« Dann senkte er den Kopf und schluchzte wie ein Kind. »Sie wissen, was sich in Königsberg abspielt.« Ich legte ihm beruhigend die Hand auf die Schulter. »Ein Mörder treibt sein Unwesen in der Stadt. Das dürfen Sie nicht vergessen.« Johannes biss sich auf die Lippe. »Ich schwöre, dass ich ihn nie wieder allein lassen werde, Herr Prokurator!« »In ebendiesem Moment ist er doch auch allein, oder irre ich?«, fragte ich. »Gehen Sie hinein, Johannes, ich komme hier schon zurecht. Sobald ich im Schloss bin, schicke ich ein paar Soldaten her.« Er setzte sich in Bewegung. »Sie verraten Herrn Jachmann doch nichts, oder?«, bettelte er, während er sich noch einmal umwandte. »Ich erwarte von Ihnen, dass Sie mich umgehend benachrichtigen, falls sich eine gefährliche Situation ergibt«, erwiderte ich. »Zögern Sie nicht, die Soldaten zu rufen!« Kurz nachdem er im Haus verschwunden war, erhob auch ich mich und machte mich mit einem unguten Gefühl auf den Weg zurück zum Schloss. Herr und Diener hielten sich allein im Haus auf, und in der Stadt war ein Mörder unterwegs, der es möglicherweise auf Professor Kant abgesehen hatte. Die Soldaten mussten so schnell wie möglich hier Posten beziehen. Wieder einmal spürte ich die schwere Last der Verantwortung auf meinen Schultern. Diesmal ging es jedoch nicht um das Wohl Preußens, sondern um das der Person, die ich, abgesehen von meiner Frau und meinen Kindern, am meisten schätzte.

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Ich verließ die Prinzessinstraße und bog in eine dunkle Gasse, die in Richtung Stadtmitte und Schloss führte. Da wurde mir bewusst, dass derjenige, der versucht hatte, ins Allerheiligste von Immanuel Kants Behausung einzudringen, den gleichen Weg gewählt haben musste wie ich jetzt. Vielleicht verbarg er sich hinter den Bäumen. Nervös um mich blickend, beschleunigte ich meine Schritte. Vor meinen Augen stieg das Bild eines großen Glasbehälters auf, darin mein Kopf und davor Doktor Vigilantius, der gleichgültig mit seinen Instrumenten hantierte, an denen noch mein Blut klebte. Mehr als einmal rutschte ich auf dem glatten Untergrund aus, aber ich gönnte mir – mit wild klopfendem Herzen – erst dann eine Atempause, als ich im Nebel die flackernden Lichter des Schlosses auf der anderen Seite des Ostmarktplatzes auftauchen sah. Da nahm ich plötzlich aus den Augenwinkeln eine Bewegung wahr. Neben dem Haupttor harrte ein Mann in der klirrenden Kälte aus. Sobald er mich entdeckt hatte, begann er, ungeachtet des rutschigen Kopfsteinpflasters, in meine Richtung zu laufen. Mich ergriff ein Gefühl der Hilflosigkeit. Ich kam mir vor wie eine Holzpuppe mit einem menschlichen Gehirn, und soeben zog eine mir unbekannte und mir übelwollende Hand mit einem heftigen Ruck an den Marionettenfäden.

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XVII
ergeant Koch kam schlitternd vor mir zum Stehen. Sein Gesicht war fahl, und aus seinem Mund drangen weiße Wolken, als er versuchte, Atem zu schöpfen. »Was ist los?«, schrie ich fast. Meine Nerven lagen blank ob der mysteriösen Spuren in Kants Garten und der greifbaren Angst, die zusammen mit der Dunkelheit Einzug in die Stadt hielt. »Es ist etwas Schreckliches passiert, Herr Prokurator.« »Was?«, rief ich und packte Koch am Jackenkragen. Er zog meine Hände mit einer Kraft weg, die ich nicht erwartet hätte. »Wir konnten sie nicht retten«, sagte er. »Wen?« »Totz und seine Frau. Vor einer halben Stunde. Sie haben sich umgebracht.« »Ich hatte doch Anweisung gegeben, Sie in getrennte Zellen zu bringen«, presste ich hervor. Koch dirigierte mich zum Tor. »Genau das ist geschehen. Stadtschen hat mir versichert, dass Ihre Anweisungen buchstabengetreu befolgt wurden. Als man Totz hinunterführte, kam er an der Zelle seiner Frau vorbei. Offenbar tauschten die beiden ein Signal aus.« Koch hämmerte gegen das Tor, und es schwang auf.

S

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Wir betraten den von Fackeln erhellten Innenhof. »Ich habe die Wachleute instruiert, die Leichen heraufzubringen, bevor die anderen Gefangenen etwas merken«, erklärte Koch. »Dort unten haben sie sechs Sinne; sie wittern den Tod wie hungrige Wölfe. Wir müssen um jeden Preis einen Aufruhr verhindern, sonst greift General Katowice ein und knüpft sie alle auf. Zum Glück ist das Schiff, das sie nach Sibirien bringen soll, bereits unterwegs und trifft, wenn uns das Wetter keinen Streich spielt, morgen ein. Stadtschen organisiert gerade den Transport der Gefangenen aus Sektion D zum Hafen von Pillau, wo sie die Nacht verbringen werden. Das ist sicherer, als sie hier in den Zellen zu behalten.« Ich nickte stumm. »Wir hatten Glück im Unglück«, fuhr Koch fort. »Ulrich Totz war allein in einer Zelle, Gerta Totz in Gesellschaft zweier Frauen, die schliefen, als sie sich umbrachte. Ein Wachmann fand Totz und sah sofort nach dessen Frau …« Plötzlich schweifte sein Blick nach hinten. »Da kommen sie.« Einige Soldaten trugen zwei schwer beladene, mit grauen Tüchern bedeckte Bahren quer über den Hof. »Sie werden gleich am Morgen begraben«, sagte Koch. Das merkwürdige Grinsen von Gerta Totz fiel mir wieder ein. Ob es wohl im Augenblick des Todes auf ihrem Antlitz eingefroren war? Mit schnellen Schritten durchmaß ich den Hof. »Abstellen!«, befahl ich den Soldaten. »Und ziehen Sie die Decken herunter.« Die Gewalteinwirkung war den Leichen deutlich an-

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zusehen. Das geschwollene Gesicht von Gerta Totz glänzte schwärzlich, und ihre Augen quollen hervor. Der Stofffetzen, mit dem sie sich erhängt hatte, schnitt noch immer in ihren Hals, und an ihrer Nase klebte weiterhin das Blut, das nach meinem Faustschlag hervorgeströmt war. Doch ihr verächtliches Grinsen war für immer ausgelöscht. Ulrich Totz’ Gesicht dagegen wirkte wie eine blutige Maske. »Er hat den Kopf mit voller Wucht gegen die Zellenwand geschlagen«, erklärte Koch. »Mehr als einmal, wie mir scheint«, ergänzte ich mit einem flauen Gefühl im Magen. Eine Spur getrockneten Blutes führte von seiner kaputten Nase zu seiner weißen Hemdbrust. Offenbar war es ihm gelungen, sich den Schädel oder das Genick zu brechen. Nach einem letzten Blick auf die Leichen wandte ich mich ab. Wie sollte ich sie kategorisieren? Als fünftes und sechstes Opfer des Ungeheuers von Königsberg oder – wie Morik – als das meiner eigenen Unzulänglichkeit? »Bringen Sie sie weg«, murmelte ich niedergeschlagen. »Und Koch, schicken Sie umgehend eine Patrouille in die Prinzessinstraße. Jemand ist in Professor Kants Garten herumgeschlichen, vielleicht der Mörder.« Koch runzelte die Stirn. »Kant ist doch hoffentlich nichts passiert?« »Ihm geht es gut, aber ich fürchte um seine Sicherheit. Ich werde erst wieder ruhig schlafen können, wenn der Mörder gefasst ist«, presste ich hervor. »Er scheint immer dreister zu werden.« »Glauben Sie wirklich, er könnte versuchen, den Pro-

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fessor zu ermorden, Herr Prokurator? Seine Opfer sind ihm bisher immer zufällig begegnet. Genau das ist ja seine Stärke: seine Unberechenbarkeit. Warum sollte er sich plötzlich gezielt jemanden aussuchen?« »Vielleicht hat er seine Strategie geändert«, antwortete ich. »Der Mörder ist anonym und gesichtslos, während wir ihm bekannt sind. Ganz offensichtlich weiß er um die Rolle Kants bei den Ermittlungen und auch um dessen vornehmlichen Aufenthaltsort. Kant verlässt das Haus nur selten.« »Ich gebe dem wachhabenden Offizier Order, Herr Prokurator«, sagte Koch und durchquerte den Hof im Laufschritt. Wenige Minuten später marschierte eine bewaffnete Patrouille hinaus. Mit geschlossenen Augen versuchte ich, meine Schuldgefühle zu verdrängen. »Sie sehen blass aus, Herr Prokurator«, bemerkte Koch besorgt, als er zurückkehrte. »Es war ein langer Tag, Sie brauchen eine Stärkung. Sie haben seit dem Frühstück nichts mehr gegessen.« »Danke, Koch«, antwortete ich mit einem gequälten Lächeln. »Sie sind besser als ein Kindermädchen.« Seine Miene entspannte sich ein wenig. »Folgen Sie mir, Herr Prokurator.« Koch führte mich in einen großen, von einem riesigen Keramikofen erhitzten Raum mit Deckengewölbe. »Die Garnisonskantine«, erklärte er. Ein Gestank nach menschlichem Schweiß und Hammelbraten hing in der Luft, doch das störte mich nicht. Nach dem beißenden Geruch nach Formaldehyd und menschlicher Verwesung in Kants Labor mutete er mich geradezu gesund an, denn er stammte von lebendigen

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« Koch lächelte verlegen.Wesen. nachdem ich einen Schluck Wein genommen hatte. was zu tun ist. »Wie meinen Sie das?« »Sehen Sie ihn sich lieber selbst an. »Er befindet sich im Krankenrevier. Im Kampf wissen sie genau. Aber im Gespräch mit einer Frau …« »Ist er hier stationiert?«. Hungrig machte ich mich darüber her. die die erste Leiche entdeckt hat. solch delikate Angelegenheiten rohen Soldaten zu überlassen. antwortete er. Herr Prokurator. während Koch mich wie ein stolzer Gastwirt beobachtete. Schwarzbrot und Rotwein vor mir auf den Tisch stellte – eine Soldatenmahlzeit. was ich je zu mir genommen habe. Herr Prokurator. erkundigte ich mich. »Ich halte es für falsch.« »Haben Sie mit ihm geredet?« Koch nickte. »Ein eigentümlicher Mensch«. der sie befragte? Wie heißt er noch gleich?« »Lublinsky. um kurz darauf in Begleitung eines jungen Soldaten mit weißer Schürze zurückzukehren. sagte ich mit vollem Mund. »Nichts für einen schwachen Magen. Koch«. tranken. die arbeiteten.« »Er ist krank?« »Nun …« Koch zeigte mit dem Finger auf seine Wan- 234 . und über den Gendarm. Koch suchte mir einen Platz und entfernte sich. Nun jedoch zurück zur Arbeit: Was können Sie mir über die Frau berichten. aßen. der ein Tablett mit fetter Hammelbrühe. »aber das Belebendste. die Stadt und ihre Bewohner beschützten.

bevor er zu mir an den Tisch trat. Nie zuvor hatte ich einen so hässlichen Mann gesehen. wäre mir fast übel geworden. desto besser. was die Pocken in einem Gesicht anrichten können. Jeder Quadratzentimeter seiner groben. Seine Uniform hatte einen hohen Kragen. der die Pockennarben und eitrigen Geschwüre an Hals und Nacken halbwegs verdeckte. hörte ich Koch zu dem Soldaten sagen. Soldaten leugnen grundsätzlich alles. Herr Prokurator. einen Entsetzensschrei zu unterdrücken. 235 .« »Ich möchte mit ihm sprechen. »Wollen Sie nicht zuerst fertig essen. er hatte kaum noch Ähnlichkeit mit einem menschlichen Wesen.« Koch deutete auf das Tablett. Es gelang mir gerade noch. »Er wurde hier verwundet.« »Beim Duell?« »Das würde Lublinksy vermutlich abstreiten. Eigentlich wusste ich von den Bauern.ge. fühlte ich mich wie neu geboren. doch das hier überstieg meine Vorstellungskraft. die das Land meines Vaters bestellten.« Während Koch sich auf den Weg machte. »Bleiben Sie hier stehen«.« »Ich hole ihn aus dem Krankenrevier. Als ich den Blick hob. aß ich meinen Teller leer. Und als mein Assistent in Gesellschaft von Lublinsky zurückkehrte. Herr Prokurator?« »Je rascher ich mit ihm rede. aber an seiner linken Wange prangte eine blutunterlaufene Wunde. roten Haut war mit narbigen Gewächsen bedeckt. Lublinsky schlug die Hacken zusammen. Sieht aus wie eine Stichverletzung.

»Nehmen Sie die Mütze in Gegenwart des Herrn Prokurator ab«, fuhr Koch ihn barsch an. Der Mann befolgte den Befehl, und ein kahler, ebenfalls mit Narben und Furunkeln übersäter Schädel kam zum Vorschein. Wäre er nicht groß und kräftig gebaut und mit soldatischen Fähigkeiten gesegnet gewesen, hätte er sein Dasein vermutlich in einer Monstrositätenschau fristen müssen. »Soll ich Ihren Teller entfernen, Herr Prokurator?«, fragte Koch. »Lassen Sie ihn da«, antwortete ich. Dann wandte ich mich Lublinsky zu. »Sie wirken unter der direkten Leitung von Professor Kant an der Aufklärung der Mordfälle mit, nicht wahr?« Lublinsky sah mich an, dann Koch und daraufhin wieder mich, bevor er schließlich zu sprechen begann. Seine Stimme erschreckte mich. In dem Mann schien ein kreischender Pavian zu hausen, eine Bestie, die er nur mit Mühe unter Kontrolle hielt. Offenbar bemerkte Lublinsky meine Probleme, ihn zu verstehen, denn plötzlich formte er seine Worte weniger hastig, um die lästigen Nebengeräusche zu vermeiden, die er sonst beim Sprechen von sich gab. »Professor wer?«, zischelte er. »Ich mach, was man mir sagt. Sie wollten Berichte, und die haben sie gekriegt.« »Aber sie bekamen auch Geld für die Zeichnungen, die Sie für Professor Kant fertigten.« »Ach, der!«, rief er aus. »Ist der Professor?« »Was dachten Sie?«, fragte ich. Lublinsky zuckte mit den Achseln. »Ich krieg kein Geld fürs Denken. Er hat bekommen, was er wollte. Die

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Welt ist voller alter Männer mit merkwürdigem Geschmack.« »Erzählen Sie mir von sich«, forderte ich ihn auf, bereute das aber schon bald, denn es bedurfte größter Konzentration und Geduld, seinen Ausführungen Sinn abzugewinnen. Sein Name war Anton Theodor Lublinsky, und er stammte aus Danzig. Zehn Jahre zuvor hatte er sich zur leichten Infanterie gemeldet und später in Polen gekämpft. Seit drei Jahren war er in Königsberg stationiert, wo er, wie er sich ausdrückte, bis vor Kurzem recht glücklich gewesen sei. »Und jetzt nicht mehr?«, fragte ich. »Warum?« »Ich würde lieber in den Kampf ziehen, Herr Prokurator. Auf dem Schlachtfeld sieht man seinen Gegner«, antwortete er. »Ich habe Ihre Berichte gelesen, Lublinsky«, sagte ich. »Sie sind alles andere als vollständig. Schildern Sie mir bitte genau, was Sie an dem Tatort in der Nähe des ›Walfängers‹ sahen. Sie waren doch als Erster dort, nicht wahr?« Er schüttelte den Kopf. »Nein, mit einem Gendarmen. Und dann war da noch diese Frau …« »Es ist ein Jahr her, dass man Sie dorthin schickte. Sie unterhielten sich mit der Frau, die die Leiche gefunden hatte. Worüber?« An jenem Morgen, berichtete Lublinsky zischelnd, habe ein kalter Wind von der See geweht, und er sei um vier Uhr aufgestanden, um die Nachtwache abzulösen. Auf dem Posten habe man ihn über einen Leichenfund in der Nähe des Hafens informiert, worauf er und sein Stellvertreter Kopka sich, froh über die Abwechslung,

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auf den Weg gemacht hätten, um die Angelegenheit zu überprüfen. Am Tatort seien die Leiche und eine Frau gewesen, niemand sonst. In den dunklen Straßen habe sich keiner aufgehalten. »Was sahen Sie dort, Lublinsky?« »Ich hab dem Tod schon tausend Mal ins Auge geblickt, Herr Prokurator«, sagte er. »Blut und Kartätschenverletzungen kenne ich. So was hab ich da in der Merrestraße nicht gesehen, aber schön war’s trotzdem nicht.« Er und Kopka hätten keine Anzeichen von Gewalteinwirkung gefunden, keinerlei Hinweis auf die Todesursache. Trotzdem sei es offensichtlich gewesen, dass das Opfer keines natürlichen Todes gestorben war. »Offensichtlich, Lublinsky?« Der tote Jan Konnen habe kniend vorwärts geneigt mit dem Kopf gegen den nackten Stein geruht. Seine Haltung sei jener ähnlich gewesen, in der Moslems zu ihrem Gott beteten. Da die Leiche ihre Geheimnisse nicht preisgab, hätten sie ihre Aufmerksamkeit der vor Angst zitternden Frau zugewandt, einer Hebamme auf dem Weg zu einer Geburt, ihr aber nichts entlockt, obwohl Kopka einen Krug Gin aus dem nahe gelegenen Gasthaus geholt habe. Lublinsky schwieg nachdenklich, bevor er fortfuhr. »Sie hatte den Mann nicht umgebracht, Herr Prokurator, das war klar.« »Klar? Wieso?« Er schnappte nach Luft, als drohte er zu ersticken. »Weil sie solche Angst hatte.« »Wie hieß die Frau?« Wieder zögerte er.

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»Der Name der Hebamme«, wiederholte ich. »Sie haben ihn in Ihrem Bericht nicht erwähnt.« In Lublinsky schienen gegensätzliche Gefühle miteinander zu ringen. »Das Zurückhalten von Informationen ist strafbar«, warnte ich ihn. »Anna, Herr Prokurator«, sagte er schließlich. »Anna Rostova.« »Hat sie Ihnen den Namen in Kopkas Abwesenheit verraten?«, fragte ich. Lublinsky begann an seiner Uniform zu nesteln, an den Knöpfen zu zupfen, den Kragen zurechtzurücken, die Mütze zusammenzurollen. Erst nach einer Weile nickte er. »Und wieso tat sie das? Wie haben Sie ihr Vertrauen gewonnen?« Er wurde tiefrot. »Keine Ahnung, Herr Prokurator. Ich … ich dachte, vielleicht gefalle ich ihr.« Ein so hässlicher Mann?, wunderte ich mich. »Ist das der einzige Grund?« Ein gequälter Ausdruck huschte über Lublinskys Gesicht, sein Blick fing an zu flackern, und sein Mund öffnete und schloss sich wie der eines Karpfens an der Angel. »Mitleid, Herr Prokurator. Ihr einziges Kind hatte auch die Pocken. Sie wusste, wie ich litt.« »Was genau hat die Frau nun gesagt?«, fragte ich. Lublinsky kratzte an seiner Wangenwunde herum, bis Blut floss, dann brach es aus ihm heraus: »Sie hat gesagt, der Teufel hätte ihn umgebracht.« »Der Teufel«, wiederholte ich.

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»Sie hatte seine Klauen gesehen, Herr Prokurator.« »Sie auch?«, erkundigte ich mich. »Nein. Da gab’s nichts zu sehen. Ich hab mir die Leiche angeschaut. Da war nichts, keine Wunde, keine Waffe. Bloß der Satan kann so was, hat sie behauptet.« »Und das glaubten Sie ihr? Warum haben Sie in Ihrem Bericht nichts davon erwähnt?« »Sie sagte, sie würde … mir helfen, Herr Prokurator«, stieß er zitternd hervor. »Eine Hebamme, Lublinsky? Wie könnte eine Hebamme Ihnen helfen?« Er hob eine Hand an sein vernarbtes Gesicht. »Sie hat mir versprochen, mich zu heilen. Ich hab mir die Pocken in Polen geholt, hätte dran sterben können, ist aber leider nicht passiert. Damals war ich mit einem Mädchen aus Chelmno verlobt, die hat mir den Laufpass gegeben, wie sie mein Gesicht sah. Und meine Kameraden im Regiment sind mir aus dem Weg gegangen, haben mich den Sohn Satans genannt, jawoll! Seit fünf Jahren geht das jetzt so. Und da sagt Anna, meine Haut kann wieder wie die eines Neugeborenen aussehen, und ich glaub’s ihr. Sie war die erste Frau …«, er schnappte nach Luft, »… die mich in all den Jahren überhaupt nur angeschaut hat. Ich hab sie weggeschickt, bevor Kopka zurückkam. Ihre Adresse hatte ich ja …« »Zwei Dinge sind mir allerdings noch unklar«, fiel ich ihm ungeduldig ins Wort. »Was hatte Anna Rostova gesehen, das Ihnen entging? Und wie wollte sie Sie heilen? Vergessen Sie nicht, dass Sie eine Gefängnisstrafe wegen Vernachlässigung Ihrer Pflichten riskieren.«

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»Nach einem Jahr sehe ich immer noch nicht besser aus als damals«, sagte er voller Zorn und hielt den Kopf ins Licht. »Anna hat gesagt, der Teufel würde meinem Leiden ein Ende bereiten, deshalb hätte er seine Klaue zurückgelassen.« Ich versuchte, ruhig zu bleiben. »Dann haben Sie sie also gesehen?« Lublinsky blieb stumm. »Machen Sie die Sache nicht noch schlimmer«, warnte ich ihn. »Beschreiben Sie die … Klaue.« »Ein langes Ding, wie ein spitzer Knochen«, erklärte Lublinsky schließlich. »Die Klaue Luzifers. Sie besitzt große Macht. Deswegen hat sie sie aus der Leiche gezogen.« »Macht, Lublinsky? Was meinen Sie damit?« »Die Macht zu heilen und zu töten, Herr Prokurator. Anna sagt, sie kann mit diesem Teufelsding mein Gesicht wiederherstellen, weil darin die Lebenskraft des Toten steckt. Er ist das Opfer für meine Heilung.« Ich wich zurück, als Lublinsky sich mit wütender Miene über den Tisch zu mir beugte. »Sehen Sie mich an, Herr Prokurator. Sehen Sie dieses verdammte Gesicht an!«, rief er. »Hätten Sie nicht genauso gehandelt wie ich?« »Nun, Ihr Gesicht ist in der Tat grässlich entstellt«, antwortete ich kühl. »Soll ich daraus schließen, dass Sie die Frau niemals wieder trafen?« Lublinsky senkte den Blick. »Sie kennen die Antwort, Herr Prokurator.« »Und was tat sie, um Ihnen zu helfen?« »Das, Herr Prokurator.« Dabei berührte er das deut-

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lich sichtbare Loch in seiner linken Wange. »Sie hat meine Backe mit der Teufelsklaue durchstochen.« »Sie wurden also nicht in einem Duell verwundet?«, fragte ich mit einem raschen Blick zu Koch hinüber. »Eine Klinge könnte keine solche Wunde verursachen, nur eine Hexe«, flüsterte Lublinsky. »Und wie lange geht das schon?« »Seit dem ersten Mord, Herr Prokurator.« »Das heißt, die Frau hat die Klaue noch immer?« »Ja.« »Wann haben Sie sie das letzte Mal gesehen?« Lublinsky wandte den Blick ab, bevor er leise antwortete: »Gestern.« Mir war sofort klar, was das bedeutete. »Vorgestern hat sich erneut ein Mord ereignet. Sie trafen sich demnach immer dann mit ihr, wenn wieder jemand getötet worden war, habe ich recht?« Lublinsky ballte die Fäuste. »Jeder Mord verleiht diesem Ding mehr Macht, und ich komme der Heilung einen Schritt näher, sagt sie.« »Warum erzählen Sie mir das erst jetzt?«, fragte ich. Er trat von einem Fuß auf den anderen. »Wie meinen Sie das, Herr Prokurator?« »Das wissen Sie genau. Von alledem steht in Ihrem Bericht kein Wort, und Sie haben weder Prokurator Rhunken noch den Professor darüber informiert. Inzwischen ist Ihnen jedoch klar, dass die Frau lügt! Sie kann Ihnen nicht helfen, egal, wie viele Menschen noch sterben werden. Deshalb liefern Sie sie mir nun aus. Weil Sie sich an ihr rächen wollen. Anna Rostova soll dafür be-

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straft werden, dass sie Sie zum Narren gehalten hat, nicht wahr?« Er gab mir keine Antwort. »Was war mit Kopka?«, bohrte ich nach. »Wo steckte er, als die anderen Leichen gefunden wurden?« Lublinsky wischte sich die Nase mit dem Ärmel ab. »Er ist desertiert, Herr Prokurator.« »Wieso das?«, fragte ich überrascht. »Keine Ahnung, Herr Prokurator. Er ist weggelaufen, mehr weiß ich auch nicht.« »Na schön«, sagte ich und sprang auf. »Führen Sie uns zu dieser Frau. Kommen Sie, Koch.«

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XVIII
önigsberg … Zum ersten Mal hörte ich den Namen dieser Stadt mit kaum sieben Jahren, als uns General von Plutschow, der älteste Kamerad meines Vaters von der Militärakademie und ein Nationalheld, auf dem Weg zu seinem Landsitz eines Tages in Ruisling besuchte. Tags zuvor war er Ehrengast bei einer Königsberger Feier zum zwanzigsten Jahrestag der glorreichen Schlacht von Rossbach 1757 gewesen, wo er mit der Siebten Kavallerieeinheit den Sieg gesichert hatte. Mit offenen Mündern lauschten mein jüngerer Bruder Stefan und ich im Salon der lebendigen Schilderung, die der Gast von der großartigen Gala gab, bei der der König höchstpersönlich zugegen gewesen war. Während der General sprach, betrachtete ich gebannt seine rechte Seite, an der ein leerer Ärmel mit einer Auszeichnung aus Gold an der Silberepaulette festgesteckt war. »Königsberg verkörpert das Ehrenwerte und Edle unserer großen Nation«, begeisterte sich mein Vater, als der General geendet hatte, und meine Mutter tupfte sich Tränen der Rührung von den Wangen. Von da an waren Königsberg und der fehlende Arm von General von Plutschow in meinem Kopf unauflöslich miteinander ver-

K

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Trotz der geschlossenen Fenster drang ein unerträglicher Gestank nach Walfett und Eingeweiden in die Kutsche. Außerdem hatte sich durch das Aufeinandertreffen von kaltem Meer. Sergeant?«. mit einem flachen Strand.und wärmerem Flusswasser dichter Nebel gebildet. zerkleinerten und im Wind trocknen ließen. wo die Walfänger ihre Beute an Land brachten. die ich nur schwer in Verbindung bringen konnte mit dem Ort. bot große Gefahr. vorbei an wenigen. »Hier draußen bin ich selbst nur ein paar Mal gewe- 245 . lernte ich die andere Seite Königsbergs kennen – eine Welt des Elends und der Armut.bunden. Doch an jenem Abend. Und so hielt ich trotz der Morde. dass mit Immanuel Kants Hilfe wieder Ruhe einkehren würde. fragte ich. bevor ich die Stadt mit eigenen Augen sah. die mich hierher geführt hatten. recht heruntergekommenen Behausungen. an dem General von Plutschow ausgezeichnet und Immanuel Kant geboren worden war und den dieser als Paradies auf Erden pries. Ich stellte mir Königsberg als einen Ort vor. »Fahren wir richtig. als wir an der Pregelmündung entlang in Richtung Ostsee fuhren. an dem nur Großartiges geschehen konnte und an dem nur lautere Menschen lebten. Jede Furche und jedes Schlagloch des Schlammweges. wie Koch erklärte. lange. über den wir holperten. eine Art Hafen. trotz des Todes von Morik und des Selbstmordes der Eheleute Totz Königsberg noch immer für eine gesegnete Stadt und glaubte. als wir mit der Kutsche den Stadtkern hinter uns ließen. Wir bewegten uns auf Pillau zu. der mit jeder Drehung der Kutschenräder undurchdringlicher wurde.

Einerseits fühlte ich Verachtung. und die Frau stieß einen erstickten Schrei aus. Das Licht der schaukelnden Kutschenlampe erhellte seine entstellten Züge. mit der Faust gegen die Tür zu hämmern. die Mordwaffe an sich zu nehmen. andererseits aber auch Mitleid ob der Demütigung. »Was wollen Sie?«. »Aber ich kann mir nicht vorstellen.sen. in seinen dunklen Armeemantel gehüllt. Nun stellte sich Koch neben Lublinsky. begann ihr Blick vor Angst zu flackern. antwortete Koch mit einem Blick aus dem Fenster. Lublinsky schritt auf eine Hütte zu. »Du. schweigsam neben uns. Doch als ich hinter dem Soldaten hervortrat. Lublinsky?«. zischte sie. »Da ist es«. knurrte sie. Wir hielten an und sprangen hinaus. »Wer ist das?«. dass Lublinsky uns in die Irre führen will. »Ich habe heute Abend frei. Er hatte den Blick starr nach draußen gerichtet.« Lublinsky saß. weil er die Frau nicht gehindert hatte. Vor dem Eingang drehte er sich kurz um. die Mütze tief in die Stirn gezogen.« 246 . die ihn erwartete. schaute mich an und begann dann. Der Nebel war wie ein nasser Schwamm. wo in der Ferne traurig ein Nebelhorn tönte. Herr Prokurator«. schnurrte sie mit kehliger Stimme. in deren Fenster ein matter Lichtschein zu sehen war. In mir stiegen widersprüchliche Gefühle auf. und bereits nach wenigen Sekunden fühlte sich mein Gesicht feucht an. Sofort tauchte die Silhouette einer Frau auf. Koch klopfte gegen das Dach der Kutsche. sagte er unvermittelt und drückte die Nase gegen das Fenster.

Wir hätten uns gut und 247 . staubigen Ecke holte. Ich glaube. wo sie gegen ein niedriges Tischchen stieß. sie sei aus Eis gehauen. entgegnete ich. Ich sah mich im Licht der Kerze um.« »Wir sind keine Kunden«. Sie mochte um die dreißig sein. war groß gewachsen und wohlgeformt und trug ein ausgeblichenes rotes Kleid mit tiefem Ausschnitt. die Herren machen mir ein verlockendes Angebot. Silberweißes Haar ergoss sich in dichten Locken über ihre Schultern. Wäre ich ihr nachts auf der Straße begegnet. die weißen Lippen hatte sie misstrauisch verzogen.Ich schob Lublinsky in die Hütte. der mit einer Fackel ein Rudel Wölfe vertreiben will.« Das Lächeln verschwand von ihren Lippen. Ihr Gesicht war von faszinierender. fast transparent. Im Licht der Kerze wirkten ihre Haut und ihre Augen fahl. als sie einen wackeligen Hocker mit ausgefranster Flechtsitzfläche aus einer dunklen. Sie griff nach einer Kerze und fuchtelte damit vor unseren Gesichtern herum wie ein Schäfer.« Ihre weißen Wimpern flatterten verärgert. Ich hatte noch nie zuvor einen Albino gesehen. »Ich leite die Ermittlungen in den Königsberger Mordfällen. erklärte sie noch einmal mit einem koketten Lächeln. »Es sei denn natürlich. Die Frau wich nach hinten zurück. puppenhafter Schönheit. Sie haben uns einiges zu erzählen. »Und was wollen Sie von mir?« »Bringen Sie einen Stuhl. hätte ich geglaubt. »Ich gönne mir heute einen freien Abend«. und ihre weit auseinander liegenden. kühlen Augen über den deutlich hervor tretenden Wangenknochen musterten mich eindringlich wie die einer Katze.

So heißen Sie doch. »Vor einem Jahr entdeckten Sie eine Leiche«. sagte ich. zischte sie wie eine Schlange zu Lublinsky hinüber. fuhr sie. »In dein hässliches Gesicht werden dir die Frauen kotzen. deren Zweck ich nicht erraten konnte. Soweit ich weiß. Verlegen wandte ich den Blick ab. ohne meine Frage zu beantworten. hat er den Gegenstand seitdem mehr als einmal bei Ihnen gesehen. Überall hingen Tierschädel. Treibgut und andere merkwürdige Dinge. fuhr ich fort. »mit niemandem sonst!« »Kein Mädel wird dich mehr eines Blickes würdigen. fast durchscheinenden 248 . Lublinsky behauptet. fort. erklärte sie. die glänzenden. Soldat«.gerne in einem heidnischen Tempel oder im Zelt von einem jener Medizinmänner befinden können. herrschte ich sie an. Walfischknochen. Die Frau deutete auf den Hocker. die in unterschiedlichen Stellungen kopulierten und sich lustvoll aneinanderzudrücken schienen. »Setzen Sie sich. sobald ich die Kerze bewegte. habe ich recht?« Sie nahm Platz. über die Amerikareisende berichteten. Sie hätten etwas Wichtiges am Tatort gefunden und mitgenommen.« »Dir ist hoffentlich klar. »Sie reden mit mir«. Anna Rostova. »Der ist für Sie«.« »Was haben Sie bei Jan Konnen gefunden?« »Mütter werden ihren Kindern mit dir Angst einjagen«. ungeachtet meiner Ermahnung. was das bedeutet?«. »Der Schmied Jan Konnen war das erste von vier Opfern eines bis jetzt nicht gefassten Mörders. Eine rauchgeschwärzte Wand war mit eingeritzten Abbildungen von Paaren geschmückt.

als meine weiße Haut zu bluten anfing. »Sie sind mir ein rechter Grobian. »Na. »Was haben Sie von der Leiche entfernt?«. der verwirrt wirkte. Mädchen wehzutun. Hat die Herren mächtig erregt.« Ich wandte mich ab. mein Herr?« Sie lachte laut auf. Anna Rostova. mich auspeitschen zu lassen?«. Lublinsky hatte sich in die hinterste Ecke zurückgezogen. gurrte sie lächelnd. Da sah sie mir tief in die Augen und strich verzückt über ihre Wange. »Letztes Mal waren’s dreißig Hiebe. das war schön«. meine Wut unterdrückend. wiederholte ich. nicht wahr?« Ihre feuchte rosa Zunge huschte über ihre weißen Lippen. wo er heftig zitternd mit gesenktem Kopf kauerte. »Halten Sie den Mund!«.Augen fest auf Lublinsky gerichtet. »Wollen Sie Ihren Johannes mit der Klaue des Teufels liebkosen? Würde Ihnen das gefal- 249 . Mein Blick streifte Koch. fragte sie mit einem anzüglichen Grinsen. Die Frau musterte mich herausfordernd. Heimat von Peitsche und Stock.« Sie kicherte. »Das Ungeheuer mit der Fratze kommt dich besuchen. schrie ich sie an. »Mmm. Ihnen gefällt’s wohl. »Preußen. als belustigte die Situation sie. Wollen Sie das auch sehen. wenn du nicht sofort schläfst. Ihre geweiteten hellgrauen Pupillen glänzten. werden sie sagen …« Ich gab ihr eine schallende Ohrfeige. Verschlagenes. oder?« »Ich kann Sie zum Sprechen bringen. »Der Trottel hat’s Ihnen doch schon erzählt. Mag Ihre Frau das?« Ihr Gesichtsausdruck hatte etwas Lüsternes. »Wollen Sie sich das Vergnügen gönnen.

»Ja.len? Sie hat den Mann am Hafen und die anderen umgebracht.« »Wann sind Sie von Ihrer Freundin weggegangen?« »Nach drei. Unterwegs hab ich leise vor mich hingebetet. denn es war kalt in dieser Nacht. nicht weit vom ›Walfänger‹«. meine Verwirrung nur mühsam im Zaum haltend. was mir bevorstand: Ein kreischendes Weib. Ich hatte noch nie mit einer solchen Frau zu tun gehabt. manchmal der andere. dass nichts schief geht. Ein guter Tropfen hin und wieder ist nicht zu verachten. log ich. bin ein paar Stunden bei ihr geblieben und dann wieder zu der Schwangeren zurück. »Bei einer Frau in der Wassermannstraße hatten die Wehen eingesetzt. aber es gibt bedeutend angenehmere Arten zu sterben …« Ihre Katzenaugen leuchteten hell. »Die Wahrheit. Zur Stärkung hatte ich was getrunken. »Sie haben nichts zu befürchten. klärte Koch mich auf.« »Gebetet?« Aus ihrem Munde klang das Wort fast schon obszön. um ihr bei der Geburt zu helfen. mein Herr? Nun … In der Nacht hab ich in Löbenicht geschlafen. Die streiten sich nämlich um die Neugeborenen. ich bete zu Gott«. sagte sie lächelnd.« »Wo?« »Eine üble Gegend in der Nähe vom Hafen. Manchmal gewinnt der eine. wenn Sie die Wahrheit sagen«. Sie lachte schrill. ein besoffener Mann und ein brüllendes blutiges Balg. 250 . Außerdem wusste ich ja. aber weil’s noch nicht so weit war. »Und zum Teufel. hab ich eine Freundin in der Nähe besucht.

« »Der Mann war tot. fiel ich ihr ins Wort. nicht wahr? Sie haben viele Leichen gesehen. warnte ich sie. während ihre Seele bereits an einem anderen Ort wandelt. Außerdem brach gerade die Morgendämmerung herein. »Aber Sie wissen das ja. Stirbt ein Kind. bis ich am Hafen war. das spüre ich …« 251 . Der Körper der Toten befindet sich noch in dieser Welt.Aber als Erstes bete ich zu Gott. »Keine Menschenseele. und trotzdem sind Sie auf die Leiche zugegangen. Ich ging ein Stück auf ihn zu und da hab ich gemerkt. »Erzählen Sie.« Sie rümpfte die Nase und entblößte ihre ebenmäßigen perlweißen Zähne. Feuer. Die Lichter am Kai hatte fast alle der Wind ausgeblasen. »Die Toten sind etwas ganz Besonderes«. Niemanden. Für mich ist es nicht gut. murmelte sie schließlich voller Ehrfurcht. Sie wissen Bescheid. bleiben die Kunden weg. »Könnten Sie das genauer erklären?« »Schwefel. Aber es war ein seltsamer Ort zum Beten. Warum haben Sie nicht zuerst Hilfe geholt?« Sie starrte mich eine Weile unverwandt an. als Sie durch die Straßen gingen?«. das ist die kälteste Zeit in der Nacht.« »Sie haben ›das Böse‹ gerochen. In diesem Gewerbe ist der Ruf alles. und auch keine Gendarmen weit und breit. dachte ich. Und ich hab das Böse gerochen. der betet wie ich. zudem war der Mann tot. was Sie sahen. dass was nicht stimmt. der Gestank des Teufels …« »Stehlen Sie mir nicht die Zeit«.« »Und was sahen Sie. wenn er verliert. nicht mal ’nen Betrunkenen. Als ich den knienden Mann entdeckte.

was Sie von der Leiche entfernten. meine Hände aus ihren Haaren zu lösen. kreischte sie.»Nun entpuppen Sie sich auch noch als Poetin«. sie schien in sich zusammenzusinken. er wollte mir seine Macht über Leben und Tod demonstrieren. dass ich die Leiche finde. »Lassen Sie mich los!«.« »Weiter!«. kreischte sie und versuchte. Wenn ein Kind geboren wird. »Was haben Sie von der Leiche entfernt?« »Das Ding ragte aus seinem Nacken raus«. Ich werde mit dem Teufel sprechen …« »Vergessen Sie den Teufel!«.« Sie wandte sich zu Lublinsky um und verfluchte ihn. »Das machen Sie doch sowieso!«. aber nirgends sah ich einen Tropfen Blut. brüllte ich und zerrte noch kräftiger an ihren Haaren. muss ein anderer Mensch die Erde verlassen. drängte ich sie. »Ich erzähle Ihnen alles! Wirklich …« Ich ließ los. »Aber dieses Schwein da drüben wird in der Hölle schmoren. es ist ein Dolch. Ihr Zorn auf Lublinsky war erloschen. was es war. unterbrach ich sie und fügte barsch hinzu: »Sagen Sie mir. bis sie aufjaulte. aber dann hab ich gesehen. »Ich kann Sie auch in eine Zelle sperren!«. »Zuerst dachte ich. Ich packte sie an den Haaren und drehte sie wieder zu mir herum. Wer außer dem Teufel wäre dazu in der Lage? Ich hatte zu Gott gebetet. schrie ich. zischte sie. Das war ein Zeichen. und sie sah mir in die Augen. »Der Mann war tot. »Ein mächtiger Talisman«. kalt. aber der Satan antwortete. flüsterte sie. Das Ding war ein 252 . Der Teufel wollte. die Waffe steckte noch in seinem Nacken.

fragte ich. Andere finden. erwiderte ich. Das muss er mit seinem eigenen Gewissen abmachen …« »Zeigen Sie mir die Klaue des Teufels. an der Ausübung seiner Pflicht gehindert. Sie versprachen ihm. »Glauben Sie mir …« »Bringen Sie sie her«. »Sein Aussehen war ihm wichtiger als das Gesetz. und ich hab es an mich genommen.Geschenk des Satans. »Ich hatte Besseres zu tun. sein Gesicht wieder ansehnlich zu machen. dass die Polizei nach der Waffe sucht. warf ihre Silberlocken zurück und funkelte mich an.« »Sie haben die Polizei nicht benachrichtigt?«. während sie 253 . vollzog sie einen merkwürdigen Wandel: Plötzlich wurde sie zur willfährigen Verführerin. »Sie wussten doch. die die Klaue des Teufels Ihnen Ihrer Ansicht nach verlieh. Anna Rostova. »Und ihn mit der Macht.« Sie sah mich unsicher an. sagte ich. was ihnen zugedacht ist. Die Frau zuckte mit den Achseln. Mit den Fingern strich sie sich über die nackte weiße Haut über ihren Brüsten. herrschte ich sie an.« »Sie haben ihn informiert«. »Die Klaue des Teufels war für mich bestimmt. nichts zu melden.« Sie sah hinüber zu Lublinsky.« »Aber die Morde gingen weiter«. und er hat beschlossen. und ein verschlagenes Lächeln trat auf ihre Lippen. Als ich mich drohend über sie beugte. habe ich recht?« Anna Rostova antwortete mit einem verächtlichen Lachen. Ich hab ihm von meinem Fund erzählt.

und die Spitze ist auch nicht mehr dran. dreimal ins Gesicht. »Sie erlauben«. Ich schlüpfte aus den Handschuhen. daran bestand kein Zweifel. der es ins Licht hielt und wie ein exotisches Artefakt betrachtete. die die Stadt in Angst und Schrecken versetzte. Koch und ich sahen einander an. und dabei berührte ihr Haar meine Wange. Nach einem tiefen Blick in meine Augen zog sie sich in den dunkelsten Winkel des Raumes hinter einen dünnen Vorhang zurück. »Ohne Öhr. murmelte Anna Rostova zufrieden. Wenig später trat sie hinter dem Vorhang hervor und überreichte mir mit einer ehrfurchtsvollen Verneigung ein Bündel verblichenen. anders als jedes mir bekannte Mordinstrument. und das Kind hat überlebt. In einem Nähkästchen wäre es nicht aufgefallen. dreimal in den Bauch. begann meine linke Wange heftig zu zucken. obwohl es mit 254 . mit Schimmelflecken übersäten Stoffs. Herr Prokurator«. »Während der Wehen habe ich sie mit der Klaue gestochen. »Eine Nadel. Und dann plötzlich sah ich das Ding: zwanzig Zentimeter lang. schmal und gerade.sich erhob. flüsterte sie mir ins Ohr. wo sie fluchend herumzusuchen begann. um die Bänder besser lösen zu können. beinfarben.« Ich drehte das Ding zwischen meinen Fingern. Während ich den Stoff auseinanderschlug. Hier also war die Waffe. Ich reichte es Koch. »In jener Nacht brachte die schwangere Frau einen hübschen kleinen Jungen zur Welt«. sagte er. aber im Nacken eines Toten besaß es mysteriöse Macht. Bei dem Fragment von Professor Kant handelte es sich um die Spitze des Objekts.

Herr Prokurator. wimmerte er wie ein waidwundes Tier. »Du hast gewusst. und grässlicher Gestank schlug mir entgegen. Staub wirbelte auf. rief er noch. verkrüppelte Kinder. an die die Ärzte sich nicht herantrauen. Da wird Ihnen übel. Schwangere. 255 . bevor er versuchte. womit Anna Rostova sich ihr Geld verdient!« Ich legte die Nadel auf den Tisch. Sehen Sie sich an. »Sie saugt sie aus. Schauen Sie mal ins Hinterzimmer. alte Männer.der Nabelschnur um den Hals zur Welt kam. Ich hielt mir den Mantel vor die Nase und beleuchtete mit der Kerze einen schmutzverkrusteten. durchquerte den Raum und zog den Vorhang zurück. Auf einem schmalen Fach darüber standen schmuddelige Messingtöpfe und -pfannen. die keinen mehr hochkriegen. auf dem unterschiedlich lange. Lublinsky! Sie sind ein Offizier Seiner Majestät!«. Satan hat es gerettet. »Sehen Sie sich vor. Die Weiße Hexe nennen sie sie. Und die Schwangeren strömten in Scharen zu mir …« Ein Stöhnen entrang sich Lublinskys Kehle. blutverschmierte Messer der Größe nach geordnet wie für ein chirurgisches Experiment bereitlagen. die matt im Lichtschein schimmerten. mit rostroten Flecken übersäten Tisch an der Wand. ermahnte ich ihn. Mit der Macht der Klaue habe ich alle möglichen Krankheiten kuriert. trat ihm in den Weg und schob ihn beiseite. griff nach der Kerze. »Sie wollte mir nur helfen. dicht an die Wand gedrängt wie ein in die Enge getriebenes Tier. sich auf Anna Rostova zu stürzen. dass sie mir nicht helfen würde«. wenn ich den Mund halte«.

Die kommen immer her. die Hände gegen das Gesicht gepresst. Herr Prokurator!«. Fragen Sie die Nutten draußen am Haff. hätte ich fast den Topf fallen gelassen. Koch kniete neben Lublinsky nieder. »Deine hässliche Fratze wirst du auch in der Hölle nicht los!« Lublinsky schrie auf wie ein Schwein beim Schlachter. sagt sie. Blut floss über seine Wangen und seinen Hals. Ich musste nicht in die anderen Gefäße schauen. das süßlich nach Fäulnis stank und aussah wie ein seltsam zugerichteter Rettich. »Du hast ’nen Balg im Bauch und willst ihn nicht? Da hilft die Klaue des Teufels. die andere im Schatten. vielleicht auch wie eine fette Made in einer Gelatinehülle. rief hinter mir Lublinsky. bevor er zu Boden fiel. ein weißer Wurm mit allerlei Beulen und Auswüchsen.Ich nahm einen der Töpfe in die Hand und warf einen Blick hinein. der flach auf dem Rücken lag und vor Schmerz mit den Füßen auf den Boden trampelte. Darin befand sich etwas. um zu wissen. Zwischen seinen Fingern ragte die Klaue des Teufels heraus. Mit geschlossenen Augen wich ich zurück. kreischte Anna Rostova und stürzte sich mit geballten Fäusten auf ihn. Als ich jedoch die Kerze näher hielt. sondern um einen Fötus mit winzigen ausgestreckten Armen und einem riesigen. was sich in diesem Haus abspielte. auf die Brust gesenkten Kopf. Entschlossen beugte sich mein Assis- 256 . wenn ihnen die Natur einen Streich spielt …« »Verdammter Lügner!«. Denn es handelte sich weder um einen Rettich noch um einen Wurm. »Eine Engelmacherin ist sie. Die eine Hälfte seines entstellten Gesichts lag im Licht.

Lublinsky zuckte kurz. Herr Prokurator. Koch rief nach dem Kutscher. Eine Blutfontäne ergoss sich über sein Gesicht und seine Hände.tent über ihn und zog die Nadel heraus. wie mir geheißen. »Wir bringen ihn ins Krankenrevier. Laufen Sie unterdessen hinüber zum Wachhäuschen. Koch antwortete erst. war Anna Rostova verschwunden. ganz Herr der Lage. und rannte fast blind durch den Nebel. »Ist er noch am Leben?«. und beordern Sie die Soldaten zu der Hexe. drängte er. »Ohne Hilfe verblutet er. betend. die ich die ganze Fahrt über in der Faust gehabt hatte. bevor sein Körper erschlaffte. fragte ich voller Verzweiflung. Erst nach einer ganzen Weile kamen die Lichter der Stadt in Sicht. Dabei hielt ich die Hand fest um die von Lublinskys Blut feuchte Nadel geballt. Ich tat. sagte Koch. Dann wandte er sich von mir ab und dem Kutscher zu. Wir müssen sie verhaften«. Ich verfolgte das Geschehen in einem Zustand der Erstarrung. »Wir brauchen einen Arzt. herrschte er ihn an. ich solle zu ihm herauskommen und die Tür der Kutsche öffnen. 257 . »Helfen Sie mir!«.« Hastig kletterten wir in die Kutsche und holperten über die dunkle Straße voller Schlaglöcher zurück. dass ich in die richtige Richtung lief. und zu zweit trugen sie den verletzten Soldaten im Laufschritt hinaus. Herr Prokurator!«. nachdem wir das Schlosstor passiert hatten. ohne es zu merken. Koch rief. Als ich aus meiner Trance erwachte. als mein Blick auf den schlaffen Körper Lublinskys neben mir fiel.

Holen Sie Anna Rostova gesund und unversehrt hierher. was geschehen war. Sobald dieser hereinstürzte. während ich auf Wachtmeister Stadtschen wartete.« »Ach. Herr Prokurator?« »Sie ist groß gewachsen. um die dreißig.XIX m Zimmer der Wachen nippte ich an einem Glas heißen Weins. antwortete ich. verstanden?« I 258 .« »Ihre Männer dürfen ihr kein Haar krümmen«. und sie trägt … ein rotes Kleid«. am ganzen Körper«. »Wie sieht die Frau aus. »Weiße Haut. »Und sie ist ein Albino. sagte ich mit strengem Gesicht. weiße Lippen. die kenne ich«. berichtete ich ihm.« »Ein was. Warum begann ich mit solchen Nebensächlichkeiten und beschrieb nicht das. und wies ihn an. Herr Prokurator?« »Sie ist weiß. erklärte ich zögernd. »Dafür bürgen Sie mir persönlich. fügte ich hinzu. Weiß wie Mehl. weiße Haare. eine bewaffnete Patrouille auszuschicken. die Sie und Ihre Leute ihr angedeihen ließen. meinte Stadtschen mit einem anzüglichen Grinsen. Gerta Totz hat sich gestern nach der rauen Behandlung. umgebracht. »Sie nennt sich Anna. was sie von allen anderen abhob? »Sie … heißt Rostova«.

zuckte ich zusammen. »Ich weiß. weil Sie uns keine genauen Anweisungen gegeben haben. da war ich mir sicher.« Stadtschen schlug verwirrt die Hacken zusammen. Damit hat es schon seine Ordnung. Hat die Herren mächtig erregt. ihre spitze Zunge und die Tatsache reagieren. Und egal. »In diesem Fall darf so etwas nicht passieren. als meine weiße Haut zu bluten anfing.Stadtschen straffte die Schultern.« Ein Lächeln spielte um Stadtschens Lippen.« »Aber jetzt bekommen Sie sie!«. »Anna Rostova darf kein Haar gekrümmt werden. den sie ihr da verpasst haben. sagte ich. wie barbarisch es in preußischen Gefängnissen zugeht«. würde ich sagen. »Sie sind auch nicht gerade sanft mit dieser Gerta Totz umgesprungen. dass sie eine stadtbekannte Nutte war? – »… das letzte Mal waren’s dreißig Hiebe. dass Anna Rostova den Soldaten in die Hände fallen könnte. betonte ich. entgegnete Stadtschen mit gesenktem Blick. Meine Leute bereiten allen Neuankömmlingen einen denkwürdigen Empfang. War ein ordentlicher Fausthieb.« Bei dem Gedanken. Wie würden die Soldaten auf ihre exotische Schönheit. hatte sie keine zwei Stunden zuvor gespottet. um sie gesprächiger zu machen. ob die Gefangenen schuldig sind oder nicht: Vor ihrer Entlassung kriegen sie alle noch eine Abreibung.« Mit Glacéhandschuhen würden sie sie nicht anfassen. Herr Prokurator. Heimat von Peitsche und Stock«.« »Den bereue ich bereits«. erwiderte ich. »Preußen. In 259 . »Wenn sie gestorben ist«. Herr Prokurator. »So etwas passiert. »dann deswegen.

Fast beneidete ich ihn um seine klare Weltsicht. Herr Prokurator«. Wenn Sie Anna Rostova aufgespürt haben. sagte ich.seinen Augen war Anna Rostova eine gemeine Verbrecherin. zog ich mich mit einer Öllampe in meine Räumlichkeiten zurück. rief ich ihm nach. Er antwortete nur zögernd: »Nun. wie er draußen auf dem Flur in Trab verfiel. Ich hörte. Sie bemühen sich. Sie finden mich in meinem Zimmer. Schicken Sie jetzt Ihre Männer auf die Suche nach dieser Frau und besorgen Sie mir alle Informationen über Kopka. inzwischen lauwarmen Wein geleert hatte. Ich will seine Akten einsehen. Auf sein Gesicht trat ein kummervoller Ausdruck. Und vergessen Sie eins nicht. Was genau wollen Sie über diesen Kopka wissen?« »Ich möchte mehr über seine Person erfahren und warum er desertiert ist. Sie wissen ja. keine Spuren zu hinterlassen. möchte ich umgehend informiert werden. wie man mit Leuten ihres Kalibers verfuhr. Noch während ich die Tür öffnete.« Stadtschen runzelte die Stirn und räusperte sich. Nachdem ich das Glas mit dem süßen. sobald er wieder da ist. wie Deserteure sind. Sagen Sie Koch. bellte Stadtschen. »Und zwar schnell!«. bevor Sie sich auf den Weg machen«. fiel mein Blick auf einen ordent- 260 . das könnte schwierig werden. »Vor ein paar Monaten ist ein gewisser Kopka desertiert. die Sie haben. Stadtschen: Jede Kooperationsverweigerung hier in Königsberg muss ich den Behörden in Berlin melden. und darüber. dass er zu mir heraufkommen soll. Verstanden?« »Ja. Herr Prokurator. »Eins noch. hatte er genaue Vorstellungen. drehte sich um und marschierte zur Tür.

Helena war unverbesserlich sentimental und aufrichtig. Helena hatte beschlossen. in der meine eigene Seele verscharrt lag.lich gefalteten. jener dunklen Grube. doch nun zögerte ich und blinzelte wie ein Genesender. sie hatte ein offenes Wesen und ein zartes Gemüt. dass meine Frau vor dem Grab meines Bruders stand. mit der Vergangenheit Frieden zu schließen. Was gibt es für eine bessere Möglichkeit. die Kinder in Lottes Obhut gelassen und war am Morgen allein in der Kutsche aufgebrochen. empfand ich fast als unerträglich. »Ich wollte ein Gebet am Grab von Stefan sprechen«. »die Geister der Vergangenheit zu bannen«. Meiner Ansicht nach zeichneten sie besonders ihre Feinfühligkeit gegenüber den Bedürfnissen anderer sowie ihre leidenschaftliche Besorgnis um alle Kreaturen aus. schrieb sie. Die Schrift darauf erkannte ich sofort. versiegelten Brief. um den Umschlag zu öffnen. wusste ich. Doch die Vorstellung. 261 . während Deines Aufenthalts in Königsberg über Dich zu wachen. eine Fahrt. der zum ersten Mal nach Wochen auf dem Krankenlager die Sonne auf dem Gesicht spürt. Unter anderen Umständen hätte ich das Siegel voller Freude erbrochen.« Noch bevor ich die folgenden Worte las. Ich setzte mich. Sie ließ sich nur von ihrem Herzen leiten. der an einem Kerzenhalter auf dem Tisch lehnte. Ruisling lag etwa fünfzehn Meilen von Lotingen entfernt. sei es gewesen. Ruisling zu besuchen. die wenig mehr als eine Stunde in Anspruch nahm. »und ihn bitten. als einen schwesterlichen Kuss an seiner letzten Ruhestätte zu hinterlassen. Zweck dieses Ausflugs. schrieb sie.

›Ihr Sohn hat einen sehr wichtigen Auftrag erhalten. Mein Vater hatte sich Helenas Bitte um Versöhnung schweigend angehört und dann. unsere Kinder – das alles schien plötzlich einer anderen Welt anzugehören. dessen Lenden ich entsprungen war. gesagt: »Verlassen Sie Hanno.« Während ich die Worte auf dem Papier anstarrte. der mir die Schuld gab für den Tod seiner geliebten Frau und seines Lieblingssohnes und der mich verstoßen hatte. sagte ich. ›Sie können stolz sein auf Hanno‹. Dann erzählte ich ihm.was geschehen war: Schwarz gekleidet. den Hut in der Hand. stellte mich vor und erklärte ihm den Grund meines Besuches. »Wofür gibt er dir die Schuld. bevor er sich zum Gehen wandte. hatte mein Vater vor dem weinenden Engel gestanden. Ich wusste. des Mannes. Jeden Morgen verbrachte er dort die Stunde zwischen elf und zwölf. solange es möglich ist. Ich wusste gleich. auf der anderen die versteinerte Miene des Mannes. der frühe Tod meines Bruders. wo Du bist und dass Seine Majestät Dich abberufen hat. Hanno?« Ich knüllte den Brief zusammen und ließ ihn auf den Tisch fallen. der das Familiengrab zierte. dass auch ich Teil davon 262 . ging zu ihm. Das Verhalten meines Vaters. schrieb Helena. Helena. »Wie kann ein Vater nur so hassen?«. klang die Stimme meines Vaters hart und unversöhnlich in meinen Ohren. dass er es war. das Ableben meiner Mutter.‹ Ich konnte mir die Szene gut vorstellen: Auf der einen Seite Helenas Lebhaftigkeit und Freundlichkeit.

war. dass ich die Gefangenen nicht vor 263 . der Ofen in der Ecke nicht angezündet. wären meine eigenen Probleme und die von Königsberg bald gelöst. Stadtschen hatte seine Männer in Schutz genommen. der unter der Pritsche hervorlugte. den Schuldigen aufzuspüren. wie jeder Offizier es tun würde. gingen mir allerlei Fragen durch den Kopf: Woher stammte sie? Warum hatte der Mörder eine so ungewöhnliche Waffe gewählt? In meinem Kopf hörte ich die Stimme Sergeant Kochs: »Sie haben den Mörder gefunden. bot keinen Trost. aber meine Erinnerung daran verblasste rasch. die köstlichen Mahlzeiten von Gerta Totz und der Weinkeller von Ulrich Totz nun fehlten! Ich öffnete meine Pantalons und nutzte das Einzige. doch der dunkle Raum. Königsberg präsentierte sich mir wie ein wirbelndes Kaleidoskop. Dass Totz und seine Frau das Zeitliche gesegnet hatten. Wie sehr mir der gemütliche Kamin im ›Walfänger‹. Herr Prokurator. Die nackten Steinwände waren kalt wie Eis. schlug es auseinander und legte es neben die Lampe auf den Tisch. Während ich die Klaue anstarrte. Ich brauchte Ruhe und Schlaf. nahm ich das schmutzige Tuch mit der Klaue des Teufels aus der Tasche. Nachdem ich mich erleichtert hatte. Natürlich sehnte ich mich danach. den Nachttopf. das Morik mir zum Waschen gebracht hatte.« Hatte Anna Rostova die Morde begangen? Wenn ja. aber eigentlich wollte ich Anna Rostova gar nicht zu fassen bekommen. Dennoch stimmte es. was mir hier zur Verfügung stand. war meine Schuld gewesen. in dem ich mich befand. dessen Bilder sich ständig veränderten und nicht festhalten ließen. das heiße Wasser.

Erregende Bilder von ihr zogen vor meinem geistigen Auge auf. Genau wie der Mörder. Hatte er recht? Hatte sie mich verhext? Warum sonst wollte ich sie unbedingt schützen? »Beweise«. 264 . Ich hatte sie geschlagen. Anna Rostova … sogar ihr Name hatte einen magischen Klang. Ich brauchte Beweise für ihre Schuld. waren viel stärker und vergifteten meine Seele. ihre Haut berührt. Wie spielerisch sie mit meiner Wut umgegangen war! Sie besaß eine gefährliche Schönheit. den ich fangen wollte … Ich musste an die Albino-Frau denken. die sie weckte. Sie erwiderte meine Liebkosungen – mein Leben. ihre sinnlichen Lippen. Daran. und die Phantasien. Und solange ich die nicht hatte. das ich streichelte. Mit denselben Fingern hatte sie die Klaue des Teufels in Lublinskys Gesicht gerammt. an ihre wilde Silbermähne. an Lublinsky. sagte ich mehrmals laut. meine Frau … Doch dort drüben auf dem Tisch lag die Klaue des Teufels. das Gesicht von Helena heraufzubeschwören. Lublinsky hatte Anna Rostova als Hexe bezeichnet. Und nun hetzte ich die Bluthunde auf Anna Rostova. würde ihr kein Haar gekrümmt. ihre frostweiße Haut. Ich sank auf die Pritsche. und ich versuchte. Egal. das Funkeln ihrer Augen. wie ihre Finger über ihren üppigen Busen geglitten waren. meinen Vater. Das musste die Faszination des Bösen sein.Schaden bewahrt und Kochs Warnungen missachtet hatte. meine Mutter und meinen Bruder: Ich brachte Unglück über die Menschen. Mit einem Ruck setzte ich mich auf und presste die Knöchel meiner Hände gegen die Augen. wohin ich blickte – ich dachte an Morik.

Nun. »Ja.Ich erhob mich. erklärte ich noch einmal und überließ ihm das Schreiben. den Brief in der Hand? »Er ist sehr dringend«. falls. dass ich vorankäme mit meinen Ermittlungen.« Warum die Eile?. nur noch. Schließlich unterzeichnete ich den Brief. Aber der Schlaf wollte sich nicht 265 . Umgehend. als wollte ich mich von meiner inneren Unruhe befreien. dass in Kürze alles wieder seinen normalen Gang gehen werde. was ich mit zitternder Hand schrieb. dass sich meine Gedanken sehr rasch aufs Papier ergossen. würde ich ihr Todesurteil mit Freuden unterzeichnen. dass ich bald zu Hause wäre. falls … »Herr Prokurator?« Der Soldat starrte mich an. der durch den Eingang pfiff. versiegelte ihn. Seine Finger waren blau gefroren. »Der muss nach Lotingen. Ich weiß nicht mehr genau. und seine grünen Augen tränten von dem Wind. Herr Prokurator?« Ich streckte ihm den Brief entgegen. genau wie Vigilantius und die Glasbehälter mit den Köpfen. Falls. Nachdem ich ihm mit den Augen bis zum Ende des Korridors gefolgt war. dass es keine Morde mehr gäbe. Königsberg nur noch eine vage Erinnerung wäre. Und was war mit Anna Rostova? Falls sie sich tatsächlich als die Mörderin entpuppte. öffnete die Tür und rief den Wachmann vom anderen Ende des Korridors herbei. Wie lange hatte ich wohl so dagestanden. schloss ich die Tür und legte mich wieder auf die Pritsche. wie Lublinsky … sie alle ein Traum aus der Vergangenheit. fragte ich mich. ich wollte Helena mitteilen. ging zum Tisch. setzte mich und begann einen Brief an Helena zu formulieren.

den Leuten etwas vorzugaukeln. und ich richtete mich auf. Trotz allem.einstellen. blieb nur noch ihr schlechter Charakter als Erklärung. dass sie die Mörderin war? Vielleicht glaubte Lublinsky ja tatsächlich. wenn die Bewohner von Königsberg vor Angst zitterten? Koch hatte etwas von einem Bund mit dem Teufel als möglichem Motiv gemurmelt. Aber Anna Rostova arbeitete mit Aberglauben und Magie. Meine Zunftgenossen hatten den Anweisungen aus dem »Hexenhammer« des Dominikaners Institoris folgend zahllose Frauen zur Folter durch den Tauchstuhl verurteilt und sie im geheiligten Namen der Religion auf öffentlichen Plätzen verbrennen lassen. 266 . erleichtert darüber. Ich wäre verpflichtet. aber tat Anna Rostova es? Als Engelmacherin. die sie versteckt hatte – wie konnte ich sicher sein. Wollte ich in die Geschichte eingehen als »Stiffeniis. und dann würde ich sie öffentlich des Verkehrs mit dem Satan beschuldigen müssen. weil mir zahllose Gedanken durch den Kopf gingen. wie ein Magistrat des Mittelalters. Vom Tod eines Menschen profitierte sie nicht. trotz Anna Rostovas Angriff gegen ihn. Wieso sollte sie eine Gans schlachten. von meinen quälenden Gedanken abgelenkt zu werden. die goldene Eier legt? Was nutzte es ihr. im Namen Preußens das Gleiche zu tun. sie waren der Eckpfeiler ihres Einkommens. was Lublinsky mir gestanden hatte. Falls es ihr nicht ums Gold ging. schloss ich. dass ihn die Klaue des Teufels von seiner Entstellung befreien würde. der Hexenjäger der Aufklärung«? Da klopfte es an der Tür. trotz der Waffe. Hure und Geschöpf der Unterwelt lebte sie davon.

als Sie sagten. Herr Prokurator. Stadtschen?« »In der Akte mit den Einträgen zu den toten Soldaten.« Seine Anspannung war nun deutlich sichtbar. erkundigte ich mich. wo ich die Unterlagen finden würde. er sei desertiert.XX achtmeister Stadtschen trat mit undurchdringlicher Miene ein. Herr Prokurator. Herr Prokurator …« »Es kam zu einer Gerichtsverhandlung?« Er schüttelte den Kopf und lächelte müde. »Und wo. »Das würde ich nicht sagen. holte eine braune Aktenmappe aus Pappe hinter seinem Rücken hervor und streckte sie mir entgegen.« »Wieso denn das? Ich dachte. und ich wusste genau. Herr Prokurator. »Lange musste ich nicht suchen. Kopka sei desertiert?« »Ja.« »Dann hatten Sie also keine Probleme. »Haben sie sie gefunden?«. »Die Unterlagen über Kopka.« »Umso besser.« Mit gesenktem Kopf fügte er hinzu: »Ich kannte Rudolph Kopka. die Informationen zu beschaffen?« Er wandte den Blick ab.« W 267 . Er schüttelte den Kopf.

bis eine Aussage möglich ist. M. zu überfliegen. unterzeichnet vom selben Arzt und bezeugt 268 . Zu diesem Zeitpunkt war er seit vier Tagen abgängig. d.« Unterzeichnet vom Regimentsarzt. die sich darin befanden. um die drei Seiten. Der Gefängnisarzt Colonel Franzich stellt in seinem Bericht fest. Stauffeln konnte Subalternoffizier Kopka keine Gründe für sein Handeln angeben. dass der Kehlkopf des Gefangenen durch einen heftigen Schlag gegen den Hals eingedrückt wurde. dann findet eine militärgerichtliche Verhandlung statt. von einer Suchmannschaft im Wald südwestlich von Königsberg aufgegriffen.Ich nahm ihm die Mappe aus der Hand und setzte mich aufs Bett. Bei der Befragung durch Leutnant T. BERICHT Am Morgen des 26. Der Leiter der Suchmannschaft sagt aus. Bisher ist keinerlei Motiv für seine Abwesenheit bekannt. Kompaniekommandant Das zweite Blatt bestätigte die medizinische Diagnose: »Eingedrückter Kehlkopf aufgrund eines heftigen Schlages gegen den Hals. Kopka verbleibt im Lazarett des Festungsschlosses. Hauptmann Ertensmeyer. der Gefangene sei während der Verfolgungsjagd durch einen tief hängenden Ast vom Pferd gerissen worden. der sich unerlaubt von der Dritten Gendarmerie entfernt hatte. Bei dem dritten Dokument handelte es sich um die Sterbeurkunde. wurde Rudolph Aleph Kopka.

die Papiere beiseitelegend.wiederum von Hauptmann Ertensmeyer: »Der Gefangene erlag seinen Verletzungen. Stadtschen?« »Ich weiß es nicht.« »Ist Kopka im Gefängnis gestorben?«. Herr Prokurator. Wer zum Beispiel war der mysteriöse Leiter der Suchmannschaft? Warum wurde sein Name nicht genannt? »Wer hat die Suchmannschaft angeführt. »Was soll das heißen?«. antwortete Stadtschen. »So kann man es ausdrücken. »Ja. Mich interessieren nur die Morde an unbescholtenen Zivilisten. die Einberufung eines Militärgerichts sei nicht sehr wahrscheinlich.« »An der Kehlkopfverletzung?«. knurrte ich. Sie ergaben für mich nicht mehr als ein lückenhaftes Mosaik. »Ja. der gefangen wird?« 269 . wenn ein Soldat desertiert. Ich begann im Raum auf.« Erneut verblüffte mich die Unvollständigkeit der Dokumente. Also. was geschieht?« Stadtschen sah weiter zur Decke hinauf. fragte ich. »Heraus mit der Sprache«. »Hier geht es nicht um militärisches Prozedere. herrschte ich ihn an. Herr Prokurator.und abzumarschieren. Was passiert mit einem Deserteur. »Was genau sind die Folgen. Herr Prokurator«. fragte ich. Stadtschen? Vorhin sagten Sie. sagte er mit ausdrucksloser Miene. »Oder war da noch etwas anderes?« Stadtschens Blick wanderte zur Wand und dann die Decke hinauf. Herr Prokurator«.

Da er seinem Regiment Schande gemacht hat. um einen genaueren Blick darauf zu werfen. »Und der Leiter der Suchmannschaft beaufsichtigt diese Strafaktion?« Nun kam die Antwort rasch. Stadtschen verzog den Mund zu einem Lächeln. Herr Prokurator.« »Und wie?« Stadtschen stieß einen lauten Seufzer aus. Und was in der Armee keinen offiziellen Charakter hat.« »Die Behörden haben Kenntnis von dieser Praxis. Erst nach einer ganzen Weile begann er kaum merklich zu nicken. Herr Prokurator. ihre Uniform zu tragen. »Die Soldaten stellen sich in zwei gegenüberstehenden Reihen auf.« »Klingt nicht allzu schlimm«. wird er von den Angehörigen dieses Regiments bestraft. Herr Prokurator. »Er wird nicht vor ein Militärgericht gestellt. Der Verräter wird gezwungen.« Ich schloss die Augen.Stadtschen hüstelte.« »Mit anderen Worten: Kopka wurde zu Tode geprügelt?« Stadtschen starrte schweigend geradeaus. »Und er zögert nicht. existiert nicht. nehme ich an?« Noch einmal nahm ich die Papiere zur Hand. Die Liste der Toten schien kein 270 . In Fällen wie diesem werden kaum jemals Namen erwähnt. fügte Stadtschen widerwillig hinzu. »Jeder Soldat hat einen Knüppel in der Hand«. »Offiziell nicht. nachdem er verstummt war. »Höchstwahrscheinlich. die stolz sind. sagte ich. dazwischen hindurchzugehen. ihn zu gebrauchen.

« »Ich bin schon eine ganze Weile hier. Herr Prokurator.Ende zu nehmen.« »Wo steckt er jetzt?« »Es gibt eine Quarantänestation im Lazarett. Koch?«. erhellte das Licht der Morgendämmerung die schmalen Fensterschlitze. und mein erster Blick fiel auf das lange.« Ich richtete mich hastig auf. die Totzens waren Nummer sechs und sieben. der auf einem Stuhl neben meiner Pritsche saß. Nun konnte ich auch noch Rudolph Aleph Kopka hinzufügen. sagt der Arzt. »Es könnte sein. Die Wunde ist tief. »Es freut mich. Dieser heftige innere Aufruhr ist das Einzige. warf ich mich aufgewühlt aufs Bett. Rhunken der achte.« »Und Anna Rostova?« Koch schüttelte den Kopf. Als ich aufwachte. dass Sie doch noch zu ein paar Stunden Schlaf gekommen sind. Sobald der Wachtmeister draußen war. Vier Menschen waren ohne ersichtliches Motiv auf den Königsberger Straßen umgebracht worden. dass er das Augenlicht verliert. woran ich mich im Nachhinein erinnere. fragte ich. denn offenbar schlief ich ziemlich bald ein. begrüßte er mich. Inzwischen war es nicht mehr ganz so kalt in dem Raum. sagte ich. Stadtschen«. »Haben Sie den Ofen angemacht. Herr Prokurator«. »Verschwinden Sie. und möglicherweise entzündet sie sich. aber ich wollte Sie nicht wecken. Aber er wird überleben. blasse Gesicht von Sergeant Koch. »Ist Lublinsky tot?« Koch schüttelte den Kopf. Morik folgte als fünfter. »Ich habe Sie nicht gehört. 271 .

Vielleicht hatte Kopka entdeckt. Kurze Zeit später desertierte Kopka. dass wir irgendein rationales Motiv 272 . Herr Prokurator?« »Er und Lublinsky wurden zur Leiche von Jan Konnen geschickt. als ich mich an die neueste Schreckensmeldung erinnerte. Das reicht für eine ziemlich lange Gefängnisstrafe. »Glauben Sie. dass sie nicht nur Lublinsky mit dieser verdammten Teufelsklaue Schaden zugefügt hat.« Fragend runzelte Koch die Stirn. sagte ich. nicht wahr?« Der Sergeant betrachtete seine Hände. Alle Soldaten wissen das. und floh aus Angst vor Lublinsky und Anna Rostova? Wenn wir sie nicht fassen …« »Ich glaube nicht. »Sie haben ihn zum Spießrutenlaufen gezwungen. wenn sie ihn erwischten. Herr Prokurator?«. »Kopka ist tot«. fragte er.Ich lehnte mich erleichtert in die Kissen zurück. was vor sich ging. »Falls Anna Rostova unsere Mörderin und Lublinsky ihr Komplize ist. murmelte Koch. Koch? Er wusste doch. »Sie halten sie für die Mörderin. Lublinsky hat ihn verraten?« Ich zuckte mit den Achseln. Was könnte ihn dazu veranlasst haben. Koch?« Er schwieg. auch Lublinsky. was ihm blühte. ergibt dies Sinn. »Wir wissen. Deshalb hat er wahrscheinlich nie versucht wegzulaufen …« »Du gütiger Himmel!«. meinen Sie nicht auch. »Vieles deutet darauf hin. Und Sie haben ihr Hinterzimmer gesehen. Sie verfassten die Berichte und fertigten die Zeichnungen beim zweiten Mord.« »Aber hat sie diese Morde begangen. »Wer ist Kopka.

Zu ihrer Verurteilung sind keine Beweise nötig. was er über die Freude am Töten gesagt hat? Seiner Meinung nach existiert das Böse ohne Grund. »Weil die Frau behauptet. aber was ist. »Erinnern Sie sich noch.für diese Morde finden werden. im Bund mit dem Teufel zu stehen? Vor noch nicht allzu langer Zeit hätte eine Anschuldigung wie die Ihre gereicht. wenn es keines gibt? Anna Rostova hat einen schlechten Charakter. »Wie bitte?«. rief ich schockiert aus.« »Aber wie würde die Anklage lauten. erwiderte Koch. »Verzeihung. Sergeant? Hexerei?«. und wir würden uns besser fühlen. Napoleons Truppen stehen vor der Tür. erklärte er mit einem gequälten Lächeln. und Minister von Arnim möchte das Kriegsrecht durchsetzen. daran besteht kein Zweifel. Ich will Beweise für eine Anklage. man kann es nicht analysieren. »Ich kann Ihnen nicht ganz folgen.« »Professor Kant würde das Fehlen eines Mordmotivs nicht so sehr stören wie Sie. »Aber es scheint wirklich keinerlei rationales Motiv für die Vorgänge in Königsberg zu geben. Herr Stiffeniis«. fiel ich ihm ins Wort. sagte Koch nach einer Weile. 273 . Herr Prokurator«. Herr Prokurator«. Aufmerksam musterte ich sein Gesicht mit den tiefen Stirnfalten. Herr Prokurator«.« »Allmählich schließe ich mich Professor Kants Ansicht an. in dem sich meine eigene Verwirrung und Frustration spiegelten. Natürlich würde ein simples Motiv alles einfacher machen. Koch. um sie auf den Scheiterhaufen zu bringen. entgegnete Koch kopfschüttelnd.

»Professor Kant ließ ihn durch Sie ablösen. Körperteile in Glasbehältern zu konservieren? Was für eine Philosophie verlangt von einem einfachen Soldaten.Und Professor Kants plötzliches Interesse an den Morden – finden Sie das rational?« »Kants Interesse an den Morden. Oder vielleicht sollte ich eher sagen: es gab …« »Meinen Sie Prokurator Rhunken?« »Ja«. einen Bleistift in die Hand zu 274 . Nur durch Kants Hilfe und den Besuch in seinem Labor ist mein Blick klarer geworden.« »Trotzdem. könnte gut und gerne einen Krieg verhindern. die Kant bei dieser Entscheidung gespielt hatte? »Zuerst dachte ich. Bei allem Respekt: Das war höchst ungewöhnlich. Sie hatten keinerlei Erfahrung in solchen Fällen vorzuweisen. Sie haben doch nicht etwa unsere Unterhaltung mit General Katowice vergessen? Er würde lieber heute als morgen zuschlagen. und fast hätte ich ihm den Grund dafür geliefert: die ausländische Verschwörung. der schon einmal im Reich der Schatten gewesen ist … Wie sollte ich Koch die Gründe darlegen. derentwegen ich Magistrat geworden war? Oder die Rolle. überlegte Koch laut. antwortete er. die Philosophie ist der Grund«. »Sie interessieren sich wie er für die rationale Methode der Analyse. die eine bessere Qualifikation für die Beschäftigung mit diesen Fällen besitzen als Professor Kant. als ich zu Ihnen nach Lotingen kam. »gibt es hier in der Stadt Leute.« Nur jemand. Herr Prokurator«. meinte Koch. Aber bringt die Philosophie jemanden dazu. wie Sie es nennen. Koch. das haben Sie mir selbst gestanden.

Neue Ideen überraschen anfangs immer.« Das Reich der Schatten … »Ich fand es widerlich«. Falls das Philosophie ist. aber wir haben ihn weggeschickt. das mein Verständnis weit übersteigt. bis der Mond aufgeht? Und dann das ganze Gerede vom Teufel! Ich kann weder ein klares Motiv noch eine logische Erklärung für all das entdecken. dessen Stirn von tiefen Falten durchfurcht war. »während Sie beide offenbar in Ihrem Element waren. ist eine neue Methode. Professor Kant versucht. eine neue Wissenschaft. in die Haut des Mörders zu schlüpfen. in das Böse einzudringen. hob den Finger wie in der Schule. möchte ich nichts damit zu tun haben. Professor Kant interessiert sich auf ungesunde Weise für das Böse und kümmert sich nicht im Mindesten um das Prozedere der Polizei.« Ich unterbrach ihn. was Professor Kant in seinem Labor geschaffen hat.nehmen und Tote zu zeichnen? Oder schneebedeckte Leichen in einem stinkenden Keller aufzubewahren. aber das. Sie und Professor Kant teilen ein Wissen. den ich je gesehen habe. Das Labor ist der teuflischste Ort. Herr Prokurator.« Koch. und wird unser Denken revolutionieren. »Im Morgengrauen ist mir noch ein anderer Gedanke gekommen. seine Geheimnisse zu erforschen. Er handelt im Namen der Aufklärung und der Wahrheit. »Darf ich zu Ende reden. fuhr Koch fort.« 275 . Herr Prokurator?« »Aber sicher«. antwortete ich. Der Aalfischer unten am Pregel heute Morgen zum Beispiel – man hätte ihn befragen müssen. der mir keine Ruhe lässt. Koch. »Ihnen mag das alles merkwürdig erscheinen.

bevor er hinzufügte: »Vergeuden Sie nicht Ihre Zeit mit dem Versuch. sagte ich mit bitterer Stimme.Ich war entsetzt über Kochs Einschätzung unseres Tuns. das gebe ich ehrlich zu«. Er ist achtzig …« Koch rieb sich die Hände. Herr Prokurator. fragte Koch. er ist fasziniert davon. Und im Labor hatte ich den gleichen Eindruck. zum Pregel hinuntergefahren. dass Professor Kant an die Macht der rationalen Analyse glaubt. doch er tat genau das Gegenteil. Er scheint Freude zu haben am Tod. Koch«. »Nach allem. Und aus demselben Grund war er.« Er schwieg eine Weile.« Wie sollte ich den Philosophen gegen eine derartige Fehlinterpretation seines Ansinnens verteidigen? Immanuel Kant hatte die Beweise in seinem Labor im Namen der Wissenschaft und Erkenntnis gesammelt. »Sein Verhalten schockiert mich. Herr Prokurator?«. Überlassen Sie das Professor Kant. als wollte er sie waschen. um nach der 276 . was wir in dem Raum gesehen haben?« »Sie meinen dies offenbar nicht. als würde er Energie aus ihr ziehen. »Ich war entsetzt. sein Gesichtsausdruck veränderte sich. Anna Rostovas Motiv zu klären. Es sah aus. Haben Sie das Funkeln in seinen Augen gesehen. »Meinen Sie wirklich. »Am Flussufer hat er sich über die Leiche des armen Jungen hergemacht wie ein Geier. Herr Prokurator. Jeder anständige Mensch würde bei einem solchen Anblick zurückweichen. ungeachtet seiner Gebrechlichkeit. sprach er weiter. Herr Prokurator? Seine Stimme wurde kräftiger. Ihm wird schon eine Antwort einfallen.

dass Professor Kant nicht vom Bösen fasziniert ist. »Rufen Sie die Kutsche. Koch!«.Wahrheit zu suchen. Verstand Koch das denn nicht? Auf der Suche nach überzeugenden Argumenten fiel mein Blick auf ein Blatt Papier auf dem Boden.« 277 . Unsere Augen werden uns sagen. ob Anna Rostova die Mörderin ist oder nicht. Plötzlich erfüllte mich tiefe Ruhe. sollte ich vielleicht noch hinzufügen. rief ich aus. das mir aus der Tasche gerutscht sein musste: die Zeichnung. die ich am Abend zuvor von dem Fußabdruck vor Professor Kants Fenster gemacht hatte. Ich begriff als Einziger seine Herangehensweise so weit. »Ich werde Ihnen beweisen. dass ich ihm zur Hand gehen konnte. Und das haben wir Professor Kant zu verdanken.

Ich hatte guten Grund. Hatte sich Professor Kant wirklich allein in diesen Räumen aufgehalten? Oder zusammen mit Doktor Vigilantius. als hätten wir die Rollen getauscht. Ich wurde die Angst nicht los.XXI ufgeregt drehte ich den Schlüssel im Schloss und öffnete die schwere Tür zu Kants Labor. Fast war es. nervös zu sein. den verschlossenen Tiegeln und den irdenen Retorten. wonach ich suchte. obwohl wir aus den Augenwinkeln ihre schimmernde Oberfläche wahrnahmen. In dieser Hinsicht schien unausgesprochene Einigkeit zwischen uns zu herrschen: Für uns existierten die Glasbehälter nicht. der die Leichen sezierte? »Wir müssen Lublinskys Zeichnungen finden«. die Kant für seine wissenschaftlichen Experimente verwendete. Würde ich tatsächlich in der Lage sein. denn ich wusste nicht. Mein Blick wanderte hektisch umher. ob ich finden würde. wie des Professors treuester Anhänger. dass sich etwas Unheilvolles aus den Schatten lösen und auf uns zutreten könnte. Kochs Zweifel – und auch meine – zu zerstreuen? Keiner von uns richtete die Lampe auf die Regale an den Wänden. sagte A 278 . während Sergeant Koch vollkommen ruhig wirkte. zu der Sanduhr in ihrem Holzrahmen.

den Kant im Regal zurückgelassen hatte. »Bevor ich irgendetwas anderes unternehme. um sie auf die Arbeitsfläche zu legen. Es handelte sich um das Originaltranskript des Gesprächs zwischen dem Nekromanten und der aus dem Körper entwichenen Seele Jan Konnens: 279 . er stammt von dem Mörder. erklärte ich und schob den ersten Koch hin. »Unsere Arbeit beginnt in diesem Raum. aber leider konnte ich in der ersten Akte nichts Neues finden. Schon nach der Lektüre der ersten Zeilen war ich hellwach. und legte ihn auf dem Tisch ab.ich. möchte ich sie mit dem Abdruck aus Kants Garten vergleichen. während Koch die Lampe für mich hielt. muss ich wissen. »Falls neben den Leichen irgendwelche Fußabdrücke entdeckt wurden. »Die sind für Sie«. können wir ihn mit den Abdrücken von Anna Rostovas Schuhen vergleichen.« »Dazu müssen die Gendarmen sie erst einmal erwischen«.« Ich griff nach einem Aktenberg. Die zweite hatte Kant mit »Doktor Vigilantius« überschrieben. entgegnete Koch. »Ich möchte jedenfalls vorbereitet sein«. ob sie schuldig ist oder nicht.« »Glauben Sie. »Und die für mich. Wenn ja. »Das wollen wir hier feststellen. bewunderte ich wieder einmal Immanuel Kants Akribie und Methodik.« Ich teilte die Papiere in zwei ungefähr gleich große Stapel. Herr Prokurator?«. sagte ich. schob einen Destillierapparat beiseite und holte meine Skizze aus der Tasche. erkundigte sich Koch.« Während ich mich mit den Unterlagen beschäftigte.

genau wie ich kurz nach meiner Ankunft in Königsberg. Herr Prokurator?« »Das sind die genauen Positionen der Mordopfer. auf denen die Position sämtlicher Mordopfer abgebildet war.Ich bin seit zwei Tagen tot. stieß ich einen befriedigten Seufzer aus und rief Koch herbei. als er Doktor Vigilantius bei der Arbeit beobachtete? Ich konnte keinerlei Hinweis auf seine Gefühle finden. Schnell. einer Séance beigewohnt. die sich seinen Augen darbot. Überprüfen wir. der mit »Örtliche Charakteristika der Königsberger Morde« überschrieben war. verschwimmt.« Meine Stimme hallte. Was hatte der Philosoph wohl gedacht. ob die Fußabdrücke aus Kants Garten mit irgendeinem Detail hier übereinstimmen. Die Dunkelheit frisst mich auf. was ich gesehen habe.« Wir machten uns gemeinsam ans Werk und vergli- 280 . näher zu kommen. dass sie sich las wie ein Kapitel seiner Kritik der reinen Vernunft? Wer außer Kant konnte angesichts solcher Gräuel einen ruhigen Kopf bewahren? Als mein Blick auf Zeichnungen fiel. weil der Zeichnende sie immer wieder korrigiert hatte. »Was ist das. Ich wandte mich einem dickeren Stapel zu. Beim Lesen krampfte sich mein Herz zusammen. um der grässlichen Wahrheit. denn ich gehöre nicht mehr dem Licht an. Wer außer Immanuel Kant hätte eine systematische Untersuchung der Morde so durchführen können. Das. »Sehen Sie sich die an.« Die Bleistiftstriche waren fein und unsicher. »Das ist Lublinskys Werk. mein sterblicher Geist entflieht … Offenbar hatte Professor Kant.

»Was ist mit diesen Verwischungen. Er …« »Herr Tifferch lag auf dem Seziertisch«. stimmte der Maßstab nicht. ob sie es war. fiel ich Koch ins Wort. Auch wenn die Abdrücke tatsächlich kreuzförmig wie die vor Kants Fenster waren. die in Professor Kants Garten eingedrungen ist. den Blick auf die Papiere geheftet. Um nur ja nichts zu vergessen.« »Erst wenn wir Anna Rostova aufgespürt haben und den Abdruck ihrer Schuhe mit Ihrer Zeichnung vergleichen können«. »Wir müssen berücksichtigen. meinte Koch. Konzentrieren Sie sich auf die Zeichnungen. dass sie alle knieten. dass der Zeichner nicht ausgebildet war. Herr Prokurator. »Ein isoliertes Objekt ohne Kontext. Der Abdruck könnte kreuzförmig sein oder auch nicht.chen konzentriert jede einzelne Linie. Ich hatte den Schuh in Originalgröße gezeichnet. konnten aber keine Ähnlichkeiten feststellen. den gesamten Tatort zu dokumentieren. bis uns die Augen wehtaten.« Ich nahm ein anderes Blatt Papier in die Hand. Koch. Koch.« »Aber immerhin«. Die Opfer sanken in mehr oder minder der gleichen Haltung zu Boden. »Ich weiß nicht so recht. »ist auf Lublinskys Zeichnungen klar zu sehen. Hier. hat er vielleicht zu viel in sein Bild aufgenommen. Ich habe bisher nicht die richtige Schlussfolgerung gezogen 281 . »werden wir mit Sicherheit wissen. murmelte ich. Herr Prokurator?« Koch deutete auf einige merkwürdig schraffierte Flächen neben der Leiche von Jan Konnen.« »Genau wie Tifferch. während Lublinsky versuchte. sehen Sie: Die Opfer sind Teil der realen Welt des Mörders.

« »Genau. und die Stirn landete stets an einer Wand oder einer Bank wie im Fall von Frau Brunner. Herr Prokurator?«. Was bedeutet. Wir haben die gesamte Sequenz der Morde. dass sie selbst vor dem Mörder niederknieten. Koch«. Koch. Sie knieten bereits. Jedes Opfer sank nach vorn. wenn der Tod sofort eintritt. als der Angriff erfolgte. »Warum hat Professor Kant Sie nicht auf dieses Detail hingewiesen. »Aber vielleicht ist es tatsächlich nur Zufall. nein. fragte er. Aber wie brachte er sie zum Niederknien?« Koch ließ den Blick über die Zeichnungen wandern.« Koch sah mich mit großen Augen an. »Aber das ist unmöglich. Herr Prokurator! Würde ein vernünftiger Mensch so etwas tun? Das käme doch einer Exekution gleich.« »Nein. dass sie alle knieten …« Ich verfiel in nachdenkliches Schweigen. Aber das war hier nicht der Fall. Herr Prokurator? Die Wucht des Angriffs könnte sie in die Knie gezwungen haben. hastig zwischen den Zeichnungen hin. sagte ich.und geglaubt.und herblätternd.« »Er hat viel mehr getan«. eine Exekution. »Es ist ihm doch bestimmt nicht entgangen. der einen Schlag von hinten erhält. da Lublinsky einen nach dem anderen dokumentierte. Diese Leute knien alle. »Ein Mann. Warum fielen sie nicht flach hin. erwiderte ich. dass eine bestimmte Absicht dahintersteckt. »Kant hat 282 . Koch?« »Sie scheinen zu glauben. fällt aufs Gesicht. es sei Zufall.« »Allerdings.

Er legt die verfügbaren Fakten dar und bringt einen dazu. »Schieben Sie die Vakuumpumpe beiseite und holen Sie irgendeine Kiste herunter. Koch!« Ich deutete auf das oberste Regalfach an der hintersten Wand. Um Lublinskys Zeichnungen zu verifizieren. Und er hat mich darauf hingewiesen. hustete Koch ob der Staubwolke.« Ich sah mich in dem Raum um. müssen wir nur einen Blick auf die Kleidung der Opfer werfen. Kant stößt einen nicht mit der Nase auf Dinge. wie sie Schneider zur Auslieferung von Anzügen und Kleidern benutzen. was Lublinsky gezeichnet hatte. müssten die Knie sämtlicher Opfer schmutzig gewesen sein. entgegnete Koch. »Paula-Anne Brunner«.« »Alles recht und schön.« Kochs Einwand gab mir zu denken. der Wahrheit entsprach.« Koch brachte mir eine lange. flache Pappschachtel. dass Tifferchs Leiche unter Eis und Schnee konserviert wurde. doch dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen: »Tifferchs Hose!« »Wie bitte?« »Sie ist der Beweis. dass Moriks Leiche nicht kniend aufgefunden wurde. Koch. Die Knie seiner Hose waren schmutzig. eigene Schlüsse zu ziehen.dafür gesorgt. die sich von der Schachtel erhob. Herr Prokurator«. Wir öffneten sie voller Spannung. auf dem in Kants 283 . Das hätte ich schon viel eher begreifen sollen. »aber Professor Kant besaß keinerlei Möglichkeit zu überprüfen. Der Name der Frau stand auf einem gelben Zettel. Koch. so dass ich sie mit eigenen Augen studieren konnte. erinnern Sie sich denn nicht mehr? Wenn meine Theorie stimmt. ob das. »Da drüben.

»Ein dünner grüner Baumwollmantel«. Ohne ein weiteres Wort der Erklärung nahm er die Liste in die Hand. begann Koch vorzulesen. »sehen wir uns das Kleid an. »Moment. tat sie bestimmt das. »Kein einziger Fleck«. Ein Paar Holzpantoffel mit abgetretenen Absätzen …« »Das Kleid.gestochener Handschrift alle Kleidungsstücke vermerkt waren. flüsterte Koch. Herr Prokurator?« Ich streckte die Hand aus. Herr Prokurator«. Ich beugte mich darüber und drehte es mehrmals um. Wenn sie niederknien musste.« Koch breitete es auf dem Tisch aus und trat beiseite. »Eine langärmelige weiße Bluse. Koch«. ein graues Kleid aus dünnem. »Ich weiß es nicht«. »vermutlich besaß Frau Brunner nur dieses eine Kleid. sagte ich enttäuscht. Herr Stiffeniis?«. musste ich zugeben. »kein bisschen Schmutz an den Knien. Sehen Sie. meinte Koch da plötzlich. überflog sie noch einmal und begann dann die einzelnen Kleidungsstücke durchzugehen. da der Stoff eigentlich zu dünn für die Jahreszeit ist. um sich nur die Strümpfe schmutzig zu machen. in dem sich an Zehen und Fersen Löcher befanden. und an den Knien sah ich tatsächlich zwei große dunkle Flecken. um das grobe graue Material zu berühren. sagte er schließlich und zog ein Paar wollener Strümpfe heraus. »Tja«.« »Was bedeutet das. Die Strümpfe waren mehr als einmal geflickt und gestopft. Ein Paar schwere graue Wollstrümpfe. 284 . was jede andere Frau an ihrer Stelle getan hätte: Sie raffte die Röcke. fiel ich ihm ins Wort. nicht näher bezeichnetem Stoff.

Offenbar halfen sie ihm. sagte Koch. »Wir können also davon ausgehen. murmelte ich. Zuerst in 285 . »Es ist noch nicht einmal Mittag!« »Keine Sorge. und ich fragte mich. zu schätzen gelernt haben. Herr Prokurator?«. Herr Stiffeniis?« Koch sah mich ungläubig an. es handelte sich um ein Ritual. Das würde jedenfalls den Verdacht gegen Anna Rostova stärken«. erklärte ich lächelnd. ob Anna Rostova die Mörderin ist. in die Unterwelt hinabzusteigen. »Ein italienischer Dichter hat mit ähnlichen Worten sein Entkommen aus der Hölle und seine sichere Rückkehr in die reale Welt beschrieben. dass alle Opfer freiwillig vor ihrem Mörder niederknieten. »Ich würde sagen. nachdem er die Sachen aufgeräumt hatte. Sie und ich sind durch diese Ermittlungen gezwungen worden. antwortete ich. »Das klingt einleuchtend«. Koch.« »Was jetzt. »Den Anblick der Sterne. ob es nicht vielleicht doch mehr auf sich hatte mit seiner »Kunst«. »Legen Sie alles zurück in die Mappen und stellen Sie die Schachtel wieder ins Regal. ich habe nicht den Verstand verloren«. Wir wissen immer noch nicht. aber es freut mich zu hören. Möglicherweise wurden die Opfer einer heidnischen Gottheit dargebracht.« Das makabre Gespräch zwischen Doktor Vigilantius und Jan Konnen fiel mir ein. dass Sie den Wert dessen. »Jetzt genießen wir den Anblick der Sterne!«.»Diese dicken Strümpfe haben sie besser gegen die winterliche Kälte geschützt als das dünne Kleid«. fragte Koch. was sich in diesem Raum befindet. fügte Koch aufgeregt hinzu.

Vor uns ausgebreitet lagen die feucht schimmernden Dächer und die hohen Kirchtürme von Königsberg. Er soll wissen. Ich füllte meine Lungen mit der frischen Morgenluft. »Ich möchte noch einmal mit Lublinsky reden«.die des Schlosses und dann hier in dieses Labor. auch wenn ich leider nicht der allerhellste Schüler bin.« Draußen drangen die Strahlen der Sonne schwach durch die lockeren Wolken. »Aber zuerst muss ich etwas anderes erledigen. sagte ich.« 286 . dass sein Vertrauen in mich gerechtfertigt ist. Es wird Zeit. Herr Prokurator?« »Ich will Professor Kant besuchen und ihm meine Bewunderung aussprechen. als wir in die Kutsche stiegen und uns in Richtung Stadtmitte auf den Weg machten. Vereinzelte Schneeflocken wirbelten in der Luft wie Herbstlaub.« »Was. Dahinter erstreckte sich grau die See. ins Licht zurückzutreten.

wer Erster wird. die sich am deutlichsten in mein Gedächtnis eingegraben haben. Nun. ob wir wüssten. rief uns herein und fragte uns. Hanno! Sieh zu. Älter bedeutet nicht unbedingt klüger. Oft jedoch amüsierte er sich mit einem selbst ausgedachten Rätsel auf Kosten von uns beiden Jungen. der kein Verständnis für Trägheit oder Zornesausbrüche hatte. was meinst du? Ein Briefbeschwerer aus französischem Glas? Bravo. Es schulte unser Gedächtnis. Mein Vater versteckte gern hin und wieder etwas von dem Nippes aus dem weitläufigen Haus. dass dein Bruder nicht wieder gewinnt. Wie alles Tun meines Vaters dienten sie einem ernsten Zweck: Er wollte Stefan und mir etwas beibringen.XXII ass uns sehen. indem wir uns all den Krimskrams einprägen mussten. mein Junge! L 287 . Das Anwesen der Familie Stiffeniis liegt seit jeher in der tristen Hügellandschaft außerhalb von Ruisling. das uns als Erwachsenen nutzen würde. was verschwunden sei. Er ist ein schlaues Kerlchen … Die Bilder meiner Kindheit. vergiss das nicht. stehen alle in Zusammenhang mit meinem Vater Wilhelm Ignatius Stiffeniis. dem strengen Zuchtmeister und tief Gläubigen.

vor dem ich mich nicht drücken konnte. Und der strenge Blick für den Verlierer war Strafe genug. in seine Welt aufgenommen zu werden. und erläuterte mir. was die ärztliche Diagnose für Stefan bedeutete: »Keine Spiele mehr«. Während die Kutsche gemächlich auf Professor Kants Haus zuholperte. die mit den Jahren immer anspruchsvoller wurden. Seinen Honig kosten zu dürfen bedeutete. Du bist mir verantwortlich für das Leben deines Bruders. Stefan war groß und kräftig und wie geschaffen für eine Militärlaufbahn. harte Arbeit und Großzügigkeit. »Keinerlei körperliche Anstrengung. Vater nahm mich beiseite. Wenn unser Vater zu beschäftigt war. die dieser Ruhm und Reichtum beschert hatten. das ich 288 .« Mit anderen Worten: Er wies mich an. Obwohl zwei Jahre jünger. um sich um uns zu kümmern. Für Stefan und mich symbolisierten sie die Ideale meines Vaters: Strenge. Stefan wie einen Invaliden zu behandeln. als sein Lieblingssohn in einer Kutsche nach Hause gebracht wurde. begann ich mich zu fragen. warnte er mich. Und das tat ich auch. Hanno. Doch diese sollte keine sechs Monate dauern. dachte Stefan sich selbst Aufgaben aus. war Stefan bedeutend ehrgeiziger und gewann dank seiner schnellen Auffassungsgabe und guten Konzentrationsfähigkeit weit häufiger als ich. Wieder verlor meist ich. ob mein Mentor eine Variante jenes Spiels mit mir spielte. bis dieser mich zu einem Wettkampf herausforderte.Der Sieger bekam immer eine Scheibe Schwarzbrot mit einer dicken Schicht dunklem Honig aus den Bienenstöcken der Familie Stiffeniis.

Sergeant Koch im Schlepptau. einen Finger an die Lippen gelegt. Nach dem. Und die Vorhänge im oberen Stockwerk waren geschlossen! Soweit ich aus dem Artikel wusste. Herr Stiffeniis«. was ich in einer biographischen Skizze in einer der populäreren Literaturzeitschriften gelesen hatte. Ich wurde das Gefühl nicht los. Als ich aus dem Fenster sah. sagte er mit einem übertriebenen Kopfschütteln. »Die geringste Veränderung im Tagesablauf des Philosophen«. auf dem das Pferd ein wenig schneller zu traben begann. bemerkte ich etwas Ungewöhnliches am Haus des Professors: Aus dem höchsten Kamin stieg schwarzer Rauch.von meinem Vater kannte. dass etwas Wesentliches passiert ist …« Ich sprang aus der Kutsche und rannte den Gartenpfad hinauf. dass sie beim ersten Morgenlicht geöffnet wurden. dass Kant meine Fähigkeiten prüfen wollte. Johannes?« »Sie sind sehr früh dran. duldete Kant weder im Winter noch im Sommer ein vormittägliches Entzünden des Kamins. »bedeutet. das mir entgangen war. »Was ist los. Sein Gesichtsausdruck schien meine schlimmsten Befürchtungen zu bestätigen. denn mehr als einmal hatte er mich auf etwas hingewiesen. mit der ich die vorliegenden Beweise analysierte? Da bog die Kutsche in die Prinzessinstraße ein. hatte der Verfasser geschrieben. und das Kopfsteinpflaster wich einem Kiesbelag. öffnete bereits Johannes die Tür. bestand Immanuel Kant darauf. Bevor ich den Klopfer betätigen konnte. Mit einem Nicken über die Schulter er- 289 . Aber warum? War er enttäuscht gewesen über meine mangelnde Aufmerksamkeit? Oder hatte ihn eher die Oberflächlichkeit gestört.

aber …« Er 290 . Ich habe den Rauch gesehen …« Die Tür zum Arbeitszimmer stand ein Stück offen.« »Erklären Sie das genauer«. »Aber der Kamin brennt. Falls er mich brauche. »Gott sei Dank ist alles in Ordnung! Er hatte heute Nacht Besuch. flüsterte ich. Wieder warf der Diener einen nervösen Blick über die Schulter. »Professor Kant sagte. wies ich ihn an. darauf einen Ellbogen und darunter einen mit einem Pantoffel bekleideten Fuß. Herr Prokurator. begann er. Hastig überquerte Johannes den Flur und schloss leise die Tür. um meine Frau zu besuchen.« »Gott sei Dank!« »Ich habe meine Lektion gelernt. erklärte Johannes mit einem Blick zum Arbeitszimmer. Durch den Spalt erspähte ich einen Schreibtisch. sagte ich. »Was ist los?«. Ich wollte die ganze Nacht Wache halten. es sei noch viel im Haushalt zu tun. Er zog sich ins Arbeitszimmer zurück. Herr Prokurator«.« Konnte dergleichen den Diener so aus der Fassung bringen? »Mein Herr ist noch nicht bereit für Besucher«. während ich mich auf einen Stuhl nebenan setzte. Ich schlug sein Angebot aus und antwortete. könne er mich im Frühstücksraum finden. »Ich habe hier geschlafen. er habe noch zu arbeiten.klärte er daraufhin lauter als nötig: »Professor Kant hat seine Perücke noch nicht aufgesetzt. während er mir Hut und Handschuhe abnahm. ob ich mir den Abend frei nehmen wolle.

dass Professor Kant nicht ohne Schutz ist. Ich sprang auf. Professor Kant hat mich daran gehindert. »Wie bitte?« »Er war leichenblass und presste die Hand aufs Herz. Professor Kant schnappte nach Luft.« »Hatte sich jemand gewaltsam Zutritt verschafft?« »Ich rannte sofort ins Arbeitszimmer. »Sie quietscht ziemlich laut. wollte ich ihn wissen lassen. Johannes?« »Nun. Aber dann hörte ich etwas anderes.« »Weiter«. glaube ich. und dabei scharrte mein Stuhl laut über die Fliesen. Herr Prokurator.« »Am hinteren Ende des Hauses?« Er nickte. Herr Prokurator«. »Irgendwann muss ich eingeschlafen sein. als wäre er kurz vor dem Ersticken. vermutlich ein Geräusch an der Verandatür zum Garten. »Nun. aber …« »Aber was. antwortete er. es sei Professor Kant. drängte ich.seufzte. Ich konnte ihn doch nicht allein lassen. Er öffnet manchmal das Fenster zum Lüften. oder? Nicht einmal. zuerst dachte ich. Dann hörte ich ein Geräusch aus der Küche und wollte hinüberlaufen. um einen Einbrecher zu vertreiben.« »Nun lassen Sie sich nicht jedes Wort aus der Nase ziehen!« »Ein Murmeln. aber Professor Kant war allein. Stimmen. Falls es ein Einbrecher wäre.« »Wann war das?« »Kurz nach Mitternacht.« »Dann hatte er den Eindringling also gesehen?« 291 . Jedenfalls weckte mich plötzlich etwas.

Er wollte. Falls irgendeine Gefahr bestanden hatte. wies ich Johannes an. Herr Prokurator. »Ich brachte ihm Tee ans Bett.« »Und wie ging es Ihrem Herrn heute Morgen?« »Offenbar ganz gut«. nicht wahr?«. aber dann schlief er wieder ein. und er rauchte wie immer seine Pfeife. sich ins Bett zu legen. Nun. war sie ohnehin vorüber. beruhigte ich ihn. insistierte ich.« »Ein Albtraum. dass ich sie von innen verschlossen hatte. dass ich den Kamin in seinem Zimmer anzünde. Und seine Gedärme …« »Sagen Sie ihm. »Die Küchentür stand offen«. dass ich ihn aufgeweckt hatte. die Vorhänge zu öffnen. »Haben Sie die Soldaten gerufen?« »Zuerst habe ich Professor Kant geholfen. dass ich hier bin«. Ich traute mich nicht.« »Bestimmt«. murmelte Johannes mit gesenktem Blick. erwiderte er unsicher. ich wollte ihn nicht weiter erschrecken. Herr Prokurator.« »Aber Sie hatten ein Geräusch gehört.Johannes schüttelte den Kopf. 292 . Er sagte.« Ich sah Johannes stirnrunzelnd an. vermutlich habe er im Schlaf aufgeschrien. »Ich kann Ihnen nicht ganz folgen. und als Erstes bedankte er sich bei mir dafür. Herr Prokurator. »Ich glaube nicht. Er ist heute Morgen nicht er selbst. Zur Beruhigung habe ich ihm einen Schluck Brandy gegeben. dann bin ich zu den Soldaten hinausgegangen. weil ihm kalt sei. »Ich könnte schwören. aber die hatten nichts bemerkt. Bei dem Nebel gestern Nacht konnte man kaum die Hand vor Augen sehen.

Bei unserem allerersten Treffen hatte er sich mit seinem Freund Reinhold Jachmann während des Mittagessens eine gute halbe Stunde lang über seine Verdauung unterhalten. keine Spur …« Da öffnete sich knarrend die Tür des Arbeitszimmers. das ich ihm gestern Abend hingelegt hatte. »Als ich heute Morgen seine Sachen wegräumte. danke der Nachfrage. Stiffeniis!«.Der Diener verbeugte sich und wandte sich zum Gehen. Keine einzige Seite! Seine Federn waren stumpf.« »Was schrieb er?« »Ich weiß es nicht.« »Ja. konnte ich das Papier. »Eine höchst befriedigende Entleerung. bestens«. dicht und mit minimalem Flüssigkeitsanteil. Herr Prokurator. Und er wirkte in der Tat ausgeschlafen – bis auf seine 293 .« Die Augen des Dieners verengten sich. das behauptet er zumindest. »Schön geformter Stuhl. aber von dem. um ihn zurückzuhalten. und heraus trat Professor Kant.« »Und was genau tat er?« »Er schrieb. nirgends entdecken. antwortete ich. gab er zurück. Herr Professor«. »Augenblick noch! Sie sagten. er habe bis spät in die Nacht gearbeitet?« »Ja. doch ich legte ihm die Hand auf den Arm. was er mir am Anfang unseres Gesprächs mitgeteilt hatte. Ich hoffe. Plötzlich war mir die Bedeutung dessen klar geworden. Offenbar wurde er dieses Themas niemals müde. das Tintenfass war leer. verkündete er mit einem strahlenden Lächeln. »Haben Sie gut geschlafen?« »Bestens. was er geschrieben hatte. Sie hatten heute Morgen schon ein ähnlich angenehmes Erlebnis.

Dazu trug er allerdings seine Pantoffeln. entschuldigte ich mich. als er mich im Flur hörte. Ich holte die Klaue des Teufels aus der Tasche und schlug das schmutzige Tuch auseinander. »Du gütiger Himmel!«. »Nun?«. einer knielangen Leinenhose und rosafarbenen Seidenstrümpfen. Nichts deutete auf die nächtlichen Ereignisse hin. und wurde nicht enttäuscht. wo er auf einem Holzstuhl Platz nahm und den Kopf in die offene Hand stützte. sagte Kant. »Ich habe die Mordwaffe gefunden. 294 . Es stank ein wenig nach menschlichen Exkrementen. Mit einem verlegenen Blick auf seine Pantoffeln sagte er: »Ich bin heute Morgen spät aufgestanden.schief sitzende Perücke. die Johannes Odum mir geschildert hatte. fragte er. Ich hatte gehofft. »Das tun Sie auch nicht. Als er die Hand ausstreckte. Abgesehen davon war er jedoch wie immer makellos gekleidet mit einer wattierten. fuhr er fort und ging Koch und mir voran ins Arbeitszimmer. Herr Professor«.« »Ich wollte nicht stören«. als würde er mit ihnen das Haus verlassen. rief Kant aus. die er wohl selbst aufgesetzt hatte. begann ich. und unter der seine dünnen Haare hervorlugten. was Kant mit einem leichten Zucken der Nase und einem Lächeln kommentierte. in das Anna Rostova sie gewickelt hatte. ihn zu beeindrucken. dreiviertellangen Hausjacke aus burgunderrotem Satin. Normalerweise pflegte Kant Gäste so zu empfangen. Kant straffte die Schultern. um die Klaue zu berühren. Sie haben mir sicher viel zu erzählen«. »Tatsächlich?«.

»Eine Frau?« »Ja. Stiffeniis?« »Sergeant Koch meint. weil es sich 295 .« »Müsste sie dann nicht ein Öhr haben?«. Herr Professor«. obwohl ich ganz sicher sein möchte. Sie muss abgebrochen sein. »Natürlich. dass er diesen Gegenstand aus einem bestimmten Grund wählte. »Der Mörder hat die Waffe seinen Bedürfnissen angepasst. fragte Kant. Daraus können wir schließen. Offenbar ist sie aus Walfischbein. das Sie bereits haben. antwortete ich ausweichend.« »Und. Herr Professor.begannen seine Finger zu zittern. es könnte sich um eine Nadel handeln. Sie …« »Sie?« Er sah mich erstaunt an. »Das Stück.« Kant nickte. als der Mörder versuchte. Woher haben Sie das Ding. Herr Professor. »Ich glaube schon. »daraus können wir außerdem schließen. »Sie ist abgesägt. ist die Spitze davon. Koch«. die mit den Morden zu tun hat?« Ich nickte. bevor ich wieder jemanden verhafte. erwiderte Kant. dass er einen ganzen Vorrat davon besitzt. die ich vernommen habe«. die Nadel gehört einer Frau. meldete sich Koch zu Wort. Herr Professor. die Nadel aus der Leiche zu ziehen. »Was ist das. um sie genauer zu betrachten. »Eine Person.« »Diese Nadel stammt von der Leiche Jan Konnens«. fuhr Koch fort. der die ganze Zeit schweigend hinter mir gestanden hatte. nahm die Nadel in die Hand und beugte sich darüber. Stiffeniis?« »Von einer Person.« »Meinen Sie.

wenn Ihre Mutmaßungen stimmen – hat eine höchst ungewöhnliche Waffe gewählt. kein Messer. darüber wollte ich mit Ihnen sprechen. wo Ihre Logik uns hinführt. dass es sich um Hexerei handelt. dass sich die Vorgänge in Königsberg mit Hilfe der Logik erklären lassen?«. als wäre es eine gegen ihn persönlich gerichtete Beleidigung.« »Hexerei?« Kant sprach das Wort aus. kein Schwert. »Sie sind also weiterhin der Ansicht. »Haben Sie nicht gerade gesagt. und damit die Stadt Königsberg in die Knie gezwungen. keine Pistole. die physische und moralische Welt des Menschen allein über die Logik zu definieren. Herr Professor«. sagte ich. Der Mörder – eine Frau. meinte er mit einem versöhnlichen Lächeln. die er in der Hand hielt wie einen seltenen Schmetterling. Dann schüttelte er den Kopf. Sie seien hierhergekommen. »Meine erste Frage. Sagte er sich nun von diesem Prinzip los? »Ich sehe schon. fragte er mit einem Blick auf die Klaue des Teufels. dass ich Sie verunsichere«. »Nun gut. um sich von der Vernunft leiten zu lassen?«. Ich schluckte. richtig?« Er schwieg eine Weile. Ich rang um eine Antwort. sondern ein banales Haushaltsgerät. Herr Professor. »Die Frau gibt den Umgang mit dem Teufel selbst zu. Stiffeniis. fassen wir also unsere Erkenntnisse zusammen und versuchen wir festzustellen. »Hexerei könnte daher gut und gerne das Motiv 296 .« Kant sah mich verärgert an.um weibliches Handwerkszeug handelt?«. herrschte er mich an. fragte er spöttisch. »Nun. Professor Kant hatte sein ganzes Leben damit zugebracht. lautet: Wie sieht ihr Motiv aus?« »Es gibt Grund zu der Annahme.

was Sie dort sahen. der Angelegenheit liege eine ausländische Verschwörung zugrunde. Und deshalb möchte ich mir ihrer Schuld auch sicher sein. die Hexerei liefert Ihnen solche rationalen Motive? Vor noch nicht allzu langer Zeit meinten Sie. die gar nicht so undenkbar sind.« Unwillkürlich verkrampfte sich mein Körper. bevor ich sie festnehme. Wir müssen Licht ins Dunkel bringen …« »Sie kennen den Aufruhr. und das. gab ich zu. der die Fähigkeit besitzt. stellte Kant fest. der in der menschlichen Seele herrscht. und wissen.« »Sie gehen also immer noch davon aus. drang sein muffiger Atem mir säuerlich in Nase und Lunge. Deshalb habe ich Sie geholt.« 297 . dass er eine stärkere Antriebskraft ist als alles andere.sein. dass dieser Fall von rationalen Motiven beherrscht wird«.« »Ein Fehler«. Sie hätten nichts von solchen Leidenschaften geahnt. es gibt sie.« Als er sich zu mir herüberbeugte. »Ich habe die Beweise in meinem Labor für einen Mann zusammengetragen. wie sie erscheinen. für einen. der offen ist. Vielleicht sollten Sie ihn in diesem Fall ins Kalkül ziehen. haben Sie sich schon einmal auf unerforschtes Gebiet begeben. eine Frau könnte die Morde begangen haben. warum Sie meinen. dass sie die Mörderin ist. Aber sagen Sie mir doch. allerdings habe ich keine eindeutigen Beweise. »Das streite ich nicht ab. damit Sie Ihre eigenen Erfahrungen nutzen. sie zu nutzen und mit ihrer Hilfe zu Schlüssen zu gelangen. Sie kennen den Weg durch das Labyrinth. Sie sagten mir selbst. erschreckte Sie. Nun. »Soweit ich mich erinnere. »Nun meine zweite Frage: Glauben Sie.

das dachte ich zumindest. Warum. Es tut mir leid. dass ich.Ich beschrieb ihm Anna Rostova und die Schritte. sagte ich nach kurzem Schweigen. fügte er nachdenklich hinzu. Doch das Geld. Allerdings erwähnte ich nichts von den Fußabdrücken vor seinem Fenster. Natürlich hatte ich Tifferchs seltsame Haltung bemerkt. war ihm weniger wichtig als sein Aussehen. vor ihm niederzuknien. obwohl ich die Soldaten losgeschickt hatte. Ich muss mich für meine Blindheit entschuldigen. Und Doktor Vigilantius konnte ebenfalls keinen Hinweis liefern – weder einen anatomischen noch einen paranormalen«. Ganz sicher stach sie damit Lublinsky das Auge aus. 298 . Und jetzt ist er noch hässlicher als zuvor! Mein Gott!« »Ich bin wegen der Zeichnungen da. Vermutlich brachte der Mörder seine Opfer dazu. das ich ihm gab. »Lublinsky diente mir treu. hoffte. vielleicht auch nicht. als ich geendet hatte.« Kant schüttelte den Kopf. bevor er zuschlug. »Dann verrichtete dieses Ding also tatsächlich das Werk des Teufels«. »Sie haben mich darauf hingewiesen. »Vielleicht beging die Frau die Morde mit der Nadel. dass er durch mich in den Fall verwickelt wurde. glauben Sie. antwortete Kant achselzuckend. die die kniende Position der Mordopfer zeigen«. Anna Rostova niemals wiederzusehen. »Mir ist es auch ein Rätsel. sagte Kant ernst. die mich zu ihr geführt hatten. aber ihre Bedeutung wurde mir erst durch die Zeichnungen in Ihrem Labor klar. hat er das geschafft?« »Ich hatte gehofft. Wie. weiß ich nicht. als wir Moriks Leiche untersuchten. dass Sie eine Erklärung dafür finden würden«. Und ich erzählte ihm auch nicht.

»Der Mord er hat diese Nadel gewählt. die ich an den Beginn dieses Berichts gestellt habe? »›Es ist eingedrungen wie ein heißes Messer in Schmalz‹«. was ich als Erstes über die Waffe sagte. das der graue Star noch nicht so stark getrübt hatte wie das linke. dachte ich laut nach. nur anatomische Kenntnisse. »Es geschah alles sehr schnell«. Ihr Einsatz erfordert kaum Körperkraft. Aber wie? Wenn die Nadel nur ein bisschen zu weit links oder rechts eindrang. »Das Opfer durfte nichts von den Absichten des Täters bemerken und es musste auf irgendeine Weise dazu gebracht werden mitzumachen.« »Was wollen Sie damit sagen. weil sie sich leicht handhaben lässt. antwortete Kant. stillzuhalten?«. »Meinen Sie das. Er – vielleicht auch sie – hat mit Sicherheit lange über die Lösung dieses Problems nachgedacht. murmelte Koch. Herr Professor?« Kant schwieg. »Genau«. Dann breitete sich plötzlich ein Lächeln auf seinem Gesicht aus. »Die Opfer haben sich ihrem Mörder dargeboten?«. Der Mörder wusste das.bevor er einige Sekunden verstummte. »Klingt ganz schön teuflisch«. fragte ich. ging die Sache schief. Trotzdem ist es nicht einfach. sie effektiv zu gebrauchen.« »Wie also brachte er die Opfer dazu. bestätigte Kant und hielt die Klaue des Teufels näher an sein rechtes Auge. als wir die Glasbehälter in meinem Labor betrachteten?« Wie sollte ich jene Worte vergessen haben. Herr Professor?« »Dass das Opfer normalerweise nicht unbedingt kooperieren will«. überlegte Kant mit leiser Stimme. zitierte ich. »Paula-Anne Brunner raffte ihre 299 . »Wissen Sie noch.

»Warum tat sie das? Weil sie den Mörder kannte und sich nicht bedroht fühlte. nein. »Man könnte sie mit einer Pistole zum Niederknien gezwungen haben«. eine Strategie zur Ablenkung des Opfers. bevor sich seine schmalen Lippen zu einem Lächeln verzogen. dass der Mörder nicht in der Lage ist. pflichtete Kant mir bei. »All das deutet darauf hin. Alles geschah schnell. Stiffeniis?« Ich nickte. um das Opfer zu etwas zu zwingen. »Auf wen passt eine solche Beschreibung? Auf jemanden mit angeborener Schwäche.« »Ein Gesicht wie jedes andere«. Eine Waffe. »Nein. Das Gesicht des Teufels sei auch nur ein Gesicht. dass der innere Drang des Täters zu morden stärker ist als seine physische Fähigkeit dazu. 300 .« Erregung ergriff mich. und offenbar hat auch niemand etwas gehört. Sergeant. anders vorzugehen?« Kant musterte mich einen Moment lang. ließ Tifferch durch Vigilantius verkünden.« »Eine Waffe. Wir konnten keine Hinweise auf einen Kampf entdecken. Der Mangel an Kraft wird durch Schläue ausgeglichen. »Eine körperlich schwache Person? Ist das Ihre Theorie. auf einen Kranken. meinte Koch. ein Alltagsgesicht«. und das Opfer wirkte mit.Röcke und kniete mit den Strümpfen im Schlamm nieder. bei deren Einsatz keine Körperkraft nötig ist. Konnen wir daraus schließen. und eine weitere für den Todesstoß – das ergibt keinen Sinn. »Warum erschoss er sie dann nicht?« Kant tat Kochs Theorie mit einer Handbewegung ab. nicht mehr. zählte ich unsere Erkenntnisse auf.

sagte ich. »Das müsste ich erst verifizieren. Zumindest wissen wir jetzt. »Sie haben etwas von Hexerei erwähnt«. Ich wusste. mich in Richtung Anna Rostova zu lenken? »Vieles deutet auf diese Frau hin«. »Anna Rostova?«. Herr Professor. der seine blau gefrorenen Hände rieb und sie mit seinem Atem zu erwärmen versuchte. erinnerte Kant mich. Stiffeniis?« Versuchte er. Herr Prokurator. Stiffeniis.« »Es ist ein Ausgangspunkt. draußen ist ein Mann. Im Flur stand ein junger Gendarm. was er mir sagen würde.« Da betrat Johannes das Zimmer. dass die Verschwörungstheorie eine falsche Spur war. als er einen Schritt vortrat. verkündete er. »Ja. bevor er den Mund aufmachte. fragte ich.auf eine Frau.« 301 . der mit Ihnen sprechen möchte«. »Herr Stiffeniis. Man hat sie gefunden. auf einen alten Mann … Glauben Sie das.

pflichtete ich ihm bei. »Der ist für Sie. bevor er den Raum verließ. Stiffeniis«. Professor«. Aber Kant betrachtete weiter schweigend die dunklen Wolken am Himmel.« »Ja.« Der Diener sah mich besorgt an. Stiffeniis! Sie haben sie also gefunden. »Ich habe ihn eigens anfertigen lassen. aber nicht für das Wetter in Königsberg. obwohl mir Kant ein wenig zu enthusiastisch erschien und ich Ironie hinter seinen Worten vermutete. Da wandte er sich unvermittelt einem anderen Thema zu: »Es muss bitterkalt sein da draußen«. »Sie wollen doch nicht hinausgehen. während ich allmählich nervös wurde.XXIII ndlich gute Nachrichten.« E 302 . Johannes. die Frau zu befragen und zu den nötigen Beweisen zu gelangen. »Bringen Sie mir meinen wasserdichten Umhang. verkündete Kant. erkundigte ich mich. Wenig später kehrte Johannes mit dem weiten bienenwachsimprägnierten Umhang zurück. Nun bietet sich Ihnen eine zweite Chance. oder?«. sagte er mit einem Blick aus dem Fenster. den Kant tags zuvor am Pregel getragen hatte. Ihr Mantel taugt vielleicht für Lotingen. weil noch so viel zu tun war.

»Ja. »Geht es ihm gut?«. antwortete Johannes und legte seine Hand aufs Herz.« »Ja. das werde ich tun«. Gerade als ich einsteigen wollte. mit Koch hinaus. Herr Prokurator«. erkundigte sie sich. kam eine winzige alte Frau aus dem Nachbarhaus. Ich bin die Nachbarin und unterhalte 303 . sagte ich. Sie hatte ein schwarzes Wolltuch umgelegt. gab ich zurück. »Sind Sie ein Freund von Professor Kant?«. das zu locker gebunden war. bedankte mich bei Professor Kant und hastete. »Heute ist er höchst merkwürdig gelaunt«. Johannes«. und wir eilten den Gartenpfad hinunter zur Kutsche. »Für sein Alter bemerkenswert gut«. »Rufen Sie die Soldaten. wenn Ihnen etwas Verdächtiges auffällt.Ich ließ mir von Johannes in den Umhang helfen. »Darf ich nach dem Grund Ihres Interesses fragen. wo der wartende Gendarm seine ganze Kraft benötigte. um Schutz gegen die Kälte zu bieten. Frau …?« »Mendelssohn. ich habe die Ehre. murmelte ich.« Ich wandte mich dem Diener zu. und es macht auch vor Genies nicht Halt. meinte der Sergeant. antwortete ich. mich als solcher bezeichnen zu dürfen«. »Es kann einem die seltsamsten Streiche spielen. »Das ist das Alter. meinen eigenen Mantel unter den Arm geklemmt. fragte sie neugierig. Kurz darauf trat ich mit Koch hinaus in den eisigen Wind. um die Tür für uns aufzuhalten. »Lassen Sie ihn nicht aus den Augen.

um den Plausch fortzusetzen. »Hat man die Gefangene ins Schloss gebracht?«. bin ich in Sorge.« Sie verwechselt den neuen mit dem alten Diener. Und seit nun Herr Lampe.« »Niemand hat ihr etwas zuleide getan?« 304 . Dann stieg ich in die Kutsche. der mir stocksteif in der Kutsche gegenübersaß und in dessen zotteligem Schnurrbart noch Eierreste vom Frühstück hingen. erklärte sie. dass ihm etwas passiert ist. der sich um ihn kümmert. ohne sie zu korrigieren. Er nimmt auch gern einen Zweig frischen Rosmarin aus meinem Kräutergarten. dachte ich. »Und das Wetter hindert ihn daran hinauszugehen.« Die Frau nickte. »Professor Kant leidet unter einer leichten Erkältung«. wenn er im Frühjahr und Herbst seine Spaziergänge macht.und Nachtzeiten hier auftauchten. wo man sie gefunden hat. Sie ist draußen am Haff. Er hatte immer ein gutes Verhältnis zu seinem Herrn. weil der Wind zu stark war. Herr Prokurator.« »Herr Lampe?« »Sein Diener«. wo meine Gedanken sich schon bald um Anna Rostova zu drehen begannen. die Gendarmen und Leute wie Sie zu allen Tages. »Deswegen schaut er wahrscheinlich so häufig hier vorbei.« »Frau Mendelssohn. ich danke Ihnen im Namen von Professor Kant für Ihre Anteilnahme und wünsche Ihnen einen guten Tag«. sagte ich. In letzter Zeit habe ich ihn allerdings kaum noch gesehen. »Der Mann. beendete ich das Gespräch.mich immer kurz mit Professor Kant. fragte ich den jungen Gendarmen. »Nein.

sie nicht anzurühren. grauen Wasser der PregelMündung. Wir brauchten fast dreißig Minuten zu dem sandigen Haff nicht weit von Anna Rostovas Wohnung entfernt.« »Sehr gut«. Herr Prokurator«. Wie sollte ich nun ohne die Aussage der Albino-Frau beweisen. wurde mir klar. dass es keine zweite Vernehmung der verführerischen Anna geben würde. Ein Blick auf ihre Schuhsohlen würde genügen. Anna Rostova trieb mit dem Gesicht nach unten im kalten. um ihre Schuld oder Unschuld festzustellen. antwortete der Soldat. den Körper ans Ufer zu ziehen. die Ostseefischer der Legende nach gelegentlich in ihren Netzen fangen. Es sei denn. ihre Füße steckten in einem Gewirr aus Seetang. wer die Leiche aus dem Wasser fischen sollte. »Ihre Befehle sind genauestens befolgt worden. Als Sergeant Koch mit scharfer Stimme eine Anweisung bellte. ich wollte die Dienste von Doktor Vigilantius in Anspruch nehmen. Fünf Soldaten stritten sich Pfeife rauchend darüber. Anna Rostova sah aus wie eines jener mystischen Geschöpfe – halb Mensch. und lange Strähnen ihres weißen Haares schwammen ausgebreitet um ihren Kopf wie helle Lichtstrahlen. wenn sie unschuldig war? Dann lief der Mörder noch 305 . Das rote Kleid hatte sich über ihren weißen Beinen gebauscht. halb Fisch –. Nachdem wir uns über den windverwehten Strand zu den mit hochgeschlagenem Kragen wartenden Soldaten vorgearbeitet hatten. sagte ich erleichtert. wateten zwei der Männer widerwillig in die eisigen Fluten und begannen. dass sie die Morde begangen hatte? Und was. Wachtmeister Stadtschen hat strikte Anweisung gegeben.»Nein.

Hinter mir brüllte Koch den Gendarm an. was ich denken soll«. antwortete ich.« Koch gab die Anweisung an die Soldaten weiter. »Verzeihung.« Ich drehte mich um und legte beschwichtigend meine Hand auf seinen Arm. dass die Frau tot ist?«. Sorgen Sie bloß dafür.« Während die Soldaten die Leiche an Land zogen. der uns in der Kutsche zum Haff begleitet hatte. nachdem er sich wieder zu mir gesellt hatte. »Obwohl ich das nicht für naheliegend halte. und seine rote Nase lief. »Glauben Sie. schloss ich kurz die Augen. dass ihre Schuhe nicht verloren gehen. »Warum hat niemand dem Herrn Prokurator gesagt. sagte er.immer frei herum. Ich schüttelte den Kopf. fragte er.« »Was gibt’s?«. als wir den Strand abgingen. In beiden Fällen stand ich wieder am Anfang meiner Ermittlungen. »Ich habe die Leiche der Frau entdeckt. um mich innerlich auf die körperliche Untersuchung vorzubereiten. »Sie wissen. Seine Augen tränten vom Wind. Koch. »Ich weiß wirklich nicht. »Das macht nichts. »Darf ich mich vorstellen? Mein Name ist Glinka. Herr Prokurator«. hörte ich da die Stimme eines schlanken jungen Soldaten mit grobknochigem Gesicht. polterte er. die ich gleich an ihr vornehmen musste. sie ist dem Mörder zum Opfer gefallen. Herr Prokurator?«. »Könnte es Selbstmord gewesen sein?« »Alles ist möglich«. dass auf solche Nachlässigkeiten Degradierung steht. herrschte ich ihn an. erwiderte ich. Herr Prokurator«. »Sie trieb 306 .

aber ansonsten …« Er sah schweigend übers Wasser hinüber zu einem einzelnen Gebäude auf der anderen Seite des Ufers. Bei dem Wind wäre das gut vorstellbar. Glinka nahm die Mütze ab. um über sein strähniges Haar zu streichen. Dort werden auch Schwerverbrecher zur Deportation an Bord gebracht. Vielleicht landen in der Nacht Schmuggler. sagte ich und entließ ihn. eine Mole und ein oder zwei Gebäude. Vielleicht hat sie gestern Abend dort drüben ihre Runde gemacht. Der graue Himmel schien auf dem Ganzen zu lasten wie ein schweres Bleigewicht. wiederholte ich. Man hatte den Seetang von Anna Rostovas feingliedrigen.« »Danke.« »Deportation?«. Viel war aus dieser Entfernung nicht zu sehen. in Wasser und Tang nach den Schuhen der Frau zu suchen. »Da drüben ist … eine Spelunke. Herr Prokurator? Die Walfänger nutzen diesen Abschnitt im Sommer und Herbst. Glinka«. und zuerst dachte ich. es handle sich um eine tote Robbe. Herr Prokurator.im flachen Wasser. wo Landstreicher und ähnliches Gesindel während der Nacht Unterschlupf finden. 307 . »Herr Prokurator!«. Ich ging zum Wasser hinunter. nur ein Wellenbrecher. rief Koch. hakte ich ungeduldig nach. Zwei Gendarmen waren damit beschäftigt. um zu dem Haus auf der anderen Seite der Pregel-Mündung hinüberzuschauen. der neben der Leiche stand. nach Sibirien. »Ja. »Ja?«.« »War sonst jemand hier?« »Im Winter. marmorweißen Füßen entfernt. Die Flut könnte die Leiche dann hier angeschwemmt haben.

»Sie scheint nicht bewohnt zu sein. Wollen wir hoffen. fügte er hinzu.« »Mit Sicherheit nicht. dass Sie nicht gestört werden«. eine heute Morgen. und …« 308 . bevor sie die Tür des Schuppens aufbrachen und sie hineinbrachten. Ich sorge dafür. Sergeant Koch trat aus dem Schuppen hinaus. Am Strand gibt es noch Etliches zu tun. in der Luft hing der Gestank von verrottetem Fisch.« Ich gesellte mich zu ihm.»Lassen Sie die Leiche zu der Hütte dort drüben bringen. sagte Koch. wo sich eine finden ließe. »Außerdem habe ich das Gefühl. rief ich ihnen nach. Herr Prokurator«. »Holen Sie eine Lampe«. dass ich auf die Soldaten achten sollte. während Koch meine Order weitergab. »Wenn es Ihnen nichts ausmacht. Herr Prokurator. und das Wetter ist auch nicht gerade einladend. unter ihren Füßen nachgebenden Kiesstrand hinaufmühten. Dort legten sie sie erst einmal ab. das reicht. Die Männer entfernten sich mit gerümpfter Nase. Natürlich hatte keiner von ihnen eine Lampe dabei oder wusste. woraufhin sich die Soldaten mit der tropfenden Leiche widerwillig den steilen.« »Umso besser«. »und bitten Sie den Kutscher um eine seiner Lampen. Im Innern war es dunkel und stickig. brummte ich. »Es sind zu viele Soldaten am Strand. Koch«. wies ich meinen Assistenten an und deutete auf einen etwa hundert Meter entfernten Verschlag. um meinen Befehl zu wiederholen. warte ich hier draußen. Eine Leiche gestern Abend. dass heute niemand auf die Idee kommt zu fischen. »Laufen Sie zur Kutsche«. entgegnete Koch.

Ich nahm sie entgegen. als mir ziemlich erschien … »Sie ist erwürgt worden«. bedankte mich und betrat erneut die Hütte. Wäre da nicht ihr silberweißes Haar gewesen. Als mein Blick auf ihren Körper fiel.« Glinka kehrte im Trab mit der Lampe des Kutschers zurück. Die Krebse im Pregel hatten innerhalb weniger Stunden ganze Arbeit geleistet. Darunter schimmerte weiß der Schädelknochen. Vorsichtig entfernte ich ihn von ihrem Hals. Sergeant«. bevor ich mich ihren Brüsten und Beinen und schließlich den eingerissenen Nägeln zuwandte. dessen Eintreten ich weder bemerkt noch erwartet hatte.»Gut. an ihrer Stelle sah ich nur noch zwei schwarze Löcher. hätte ich sie vermutlich nicht wiedererkannt. fiel ich ihm ins Wort. an dem ich mattbraune Flecken entdeckte. wo ich sie auf den Boden stellte und neben der Leiche niederkniete. da sie sich nicht mehr wehren konnte. Wäh- 309 . hielt ich ihre kalten Hände länger in den meinen. da stimme ich Ihnen zu. Seetang hatte sich um ihren Hals. wurde ich von Mitleid und Traurigkeit ergriffen. ihre Beine und nackten Füße geschlungen. Jetzt. ihre Brüste. Anna Rostovas Augen waren verschwunden. Zum ersten Mal war ich mit Anna Rostova allein. hörte ich da Kochs Stimme neben mir. Ihr vor Kurzem noch so hübsches Gesicht war aufgeschwemmt und mit zahllosen Kratzern und Schnitten übersät. ließ vorsichtig Anna Rostovas Hand los und erhob mich. Ich untersuchte diese Male gründlich. »Ein solcher Anblick ist für keinen schön. pflichtete ich ihm bei. Nase und Stirn abgeschürft. Der Kies hatte die Haut von Kinn. »Sieht ganz so aus«.

Er wusste. danke«. dass sie noch ein zweites Paar besaß?«. Ich ließ die Finger darüber gleiten. »ist nicht unser Mörder. Als ich ihr schweres nasses Haar von ihrem alabasterfarbenen Nacken wegschob. bevor ich antwortete. »Das bezweifle ich. spürte ich die klamme Kälte ihrer Haut. »Vielleicht hat jemand sie gestern Abend dort gesehen.rend ich die Beine streckte.« »Aber Herr Prokurator!«. meinte Koch. Keine Spur von der Klaue des Teufels. hörte ich da eine Stimme von der Tür. »Der Tod der 310 . »Wer sie auch immer umgebracht hat«. »Könnte es sein. erwiderte ich und nahm ihn entgegen. Glinka trat ein. Wir werden nie erfahren. »Sie war es also nicht«. bat ich Koch. die Leiche umzudrehen. was nun. stellte ich fest. aber auch ein wenig verwirrt. damit ich die Rückseite des Schädels untersuchen konnte. Der andere muss irgendwo in der Nähe sein. »Ich würde gern zu dem kleinen Hafen auf der anderen Seite hinüber«.« »Der eine reicht. Ich dachte eine Weile nach. in der ausgestreckten Hand einen Schuh. »Wir haben ihn ein Stück weiter unten am Strand gefunden. fragte Koch leise. dass ich mit meinen Ermittlungen wieder am Anfang stand. sagte ich schließlich. wenn wir nicht ihre Schuhe …« »Herr Prokurator«. rief Koch. ob sie in Professor Kants Garten war. Die Sohle war so glatt und abgeschliffen wie die Kiesel am Ufer. sagte ich enttäuscht.« »Tja. Sergeant. Herr Prokurator?«.

»Bereit. »Decken Sie die Leiche zu«. die über die Pregel-Mündung führte. Ich wandte den Blick ab. warum. Dafür ist die Stadtpolizei zuständig …« »Könnten Sie ein Ruderboot für die Überfahrt organisieren?«. Er fragte nie. wie. Er gab den Weg vor zu besagter Brücke. als die Soldaten Anna Rostova hinaustrugen. stinkende Säcke und ein aufgerolltes Netz voller Löcher befanden. »Ein Stückchen weiter unten befindet sich eine Fußgängerbrücke. obwohl sich in der Hütte nur ein paar schmutzige. als ihre feuchten Locken meine Finger berührten. den sie hinter der Hütte gefunden hatten. wies ich einen der Gendarmen an. fragte ich schließlich. wie sehr ich Kochs Bodenständigkeit und seinen gesunden Menschenverstand nötig hatte. Wortlos zog der Sergeant den Hut zum Schutz gegen den Wind tiefer in die Stirn und setzte sich in Bewegung.Frau ist nicht relevant für den Fall. Koch sah mich mit großen Augen an. zog meine Hand jedoch nicht zurück.« Ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen. Ich hatte Mühe. wie sie die Leiche auf einen wackeligen Karren hievten. Plötzlich wurde mir klar. mit ihm Schritt zu halten. sondern immer nur. Wenn wir sie benutzen. sind wir in weniger als einer halben Stunde auf der anderen Seite und wieder zurück. fragte ich. Koch?«. 311 . Koch und ich folgten den Männern nach draußen und sahen zu.

Eine einzelne Lampe erhellte den Eingang. entgegnete ich mutig. den Gestank ungewaschener Menschen und die Dunkelheit zu gewöhnen. Die Steinmauern erhoben sich direkt auf dem Kai auf einem unregelmäßigen Schlamm. in dem nun ein findiger Geschäftsmann verlorenen Seelen Bier und Hochprozentiges verkaufte. Wir befanden uns in einem ehemaligen Lagerhaus. Ein süßlicher Geruch nach Malz zeugte noch immer davon.und Mulchboden. dass das Gebäude einmal als Kornlager genutzt worden war. um mich an die rauchgeschwängerte Luft. Trotzdem waren alle Wände feucht. »Soll ich nicht lieber Verstärkung holen?« »Nicht nötig«. Ein offenes Feuer in der Mitte des Raumes. ihre Getränke in der W 312 . Koch hatte mit seiner Bezeichnung »Spelunke« noch untertrieben. die mit Salzflecken übersät war. was er gemeint hatte. Ich begriff. schützte vor der bitteren Kälte draußen.XXIV ollen Sie wirklich da hineingehen. Herr Prokurator?« Kochs Hand ruhte auf der Klinke einer groben schwarzen Holztür. Etwa vierzig Männer lagen. sobald wir eintraten. dessen Rauch durch ein gezacktes Loch in der Balkendecke erfolglos hinauszudringen versuchte. Einen Moment musste ich auf der Schwelle innehalten.

doch dann hörte ich das Rasseln des Eisens. auf dem Boden ausgestreckt oder kauerten in Gruppen an den Wänden. beides offenbar selbst gefertigt. Man weiß nichts über seinen Verbleib. seine rechte Hand war ihm vermutlich wegen wiederholten Diebstahls amputiert worden. Herr Prokurator«.« Am Abend zuvor hatte ich in Rhunkens Zimmer die Anweisung zur Verschiffung der Schwerverbrecher unterzeichnet. wo acht Männer Schulter an Schulter auf einer Bank saßen wie Spatzen auf einem Gartenzaun. Anfangs bemerkte ich die Kette nicht. Ein Mann hatte einen bandagierten Armstumpf. Einem von ihnen war der Kopf auf die Brust gesunken. Ein anderer trug einen seltsamen Mantel aus vielen kleinen Fellen und eine Mütze aus dem gleichen Material. Alexander Romanow hatte den 313 . »Sie warten seit gestern hier. Beim ersten Tauwetter würde ihr Marsch bis zur mongolischmandschurischen Grenze in fast sechstausend Meilen Entfernung beginnen. murmelte Koch und deutete mit dem Kopf auf die linke Wand. »Das Schiff nach Narva ist noch nicht da. die Muskete zwischen die Knie geklemmt. Herr Prokurator«. Um die Schultern der kahl geschorenen Gefangenen lagen graue Decken. Die gefährlichsten Männer Preußens wurden in Narva am finnischen Meerbusen gesammelt. Es herrschte erdrückende Stille.Hand. Ein paar hatten sich um die lodernden Flammen geschart. »Dort drüben. An beiden Enden der Bank wachten Soldaten in schmutzig weißer Uniform und Mütze mit rot-blauer Kokarde. die ihre Knöchel miteinander verband. informierte Koch mich. Er schien zu schlafen.

wo die Heirat von Cousins und Cousinen erlaubt war. »In die Sklaverei verkauft«. rief er mit zuckendem Augenlid. 314 . wie ich ihn von den Bauern um Magdeburg kannte. »Ich bin Magistrat der Krone«. »In den Silberminen von Nerchinsk gibt es immer Arbeit«. und Sie sind ein toter Mann!« Ich hob die Hände. sprang der Soldat am hinteren Ende auf und richtete seine Muskete auf mich. Schnaps ist das einzige Mittel gegen die Kälte in Pillau. »Als Erstes müssen wir den Wirt finden«. Währenddessen legte der andere. Er war abgrundtief hässlich und hatte einen riesigen Mund. das er nach Preußen exportierte. der russische Eigentümer der Gefangenen würde schon dafür sorgen. hatte eine Berliner Zeitung getitelt und im folgenden Artikel ausgeführt. im Austausch für diese Männer gesenkt. »Hier wird Schmuggelware verkauft. seine Muskete an der Schulter an und zielte damit auf Kochs Gesicht.« Der Soldat mit dem zuckenden Augenlid senkte die Muskete ein wenig. erwiderte Koch. »Im Fluss hat man eine Tote gefunden. trotz meiner lächerlichen Haltung um Würde bemüht. ein groß gewachsener. schlanker Kerl mit Korporalsabzeichen an der Uniform. hatte der neue Zar angeblich mit einem Lächeln gesagt. »Halt!«. was diese Teufel in Sibirien anfangen werden!« Als ich einen Schritt auf die Bank zu trat. »Einen Schritt weiter. »Ich bezweifle. erklärte ich. Gott allein weiß. ob Sie oder Ihre Gefangenen sie gestern Abend gesehen haben. Der zweite tat es ihm gleich. erklärte ich. dass es einen solchen gibt«. Ich würde gern wissen.Preis für das Getreide. dass sie ihm den größtmöglichen Profit brachten.

fragte Koch. Hatte keinen Mantel an. »Nun. Je schneller sie auf den Weg kommen. »Ich bin der Assistent des Herrn Prokurator«. sagte ich.« »In einer Stunde weiß General Katowice eure Namen!«. antwortete der Sergeant. »Ich möchte lediglich wissen. nur ein Kleid …« Wieder wechselten die Wachen einen Blick. »Wir tun. »Also heraus mit der Sprache!« 315 . wenn wir noch länger bleiben müssen …« »Es geht um eine Albino-Frau«. »Es waren jede Menge Leute hier«. »Das hier ist keine Kirche. »Sie behindern Herrn Stiffeniis in der Ausübung seiner Pflicht!« Widerwillig senkten die beiden ihre Musketen. um die Gefangenen ruhig zu halten. was wir können. erkundigte ich mich. antwortete der Mann. drohte Koch. Zitterte wie Espenlaub. knurrte er. sie kam ein paar Stunden nach unserer Ankunft hier rein und ging zum Feuer. aber die Nacht ist lang. wie viel sie verraten durften. sagte ich. »Bei der Hundskälte …« »Auch Frauen?«. stützte den Schaft seiner Muskete auf dem Boden ab und strich sich nachdenklich übers Kinn. Herr Prokurator«. »Es interessiert mich nicht. weißes Haar. in wessen Begleitung die Frau sich befand. sehr helle Augen …« Die beiden Soldaten sahen einander erschrocken an. »War die Frau allein?«. desto besser. begann der Soldat mit dem riesigen Mund.»Und Sie?«. Es gibt mit Sicherheit Probleme. offenbar unsicher. »Haben Sie hier gestern Abend irgendwelche Frauen gesehen?«. bohrte ich nach. wie geflissentlich Sie Ihren Pflichten nachkommen«. »Weiße Haut.

hätte sich die Passage erarbeitet – was sie damit meinte. Aber das rote Kleid hat sie heiß gemacht. liegen auch Sie bald in Ketten«. Wir hatten keine Ahnung. »Ich hab Ihnen doch schon gesagt. erwiderte der Soldat. Herr Prokurator«.« »Aber Sie nahmen das.« »Haben Sie mit ihr gesprochen?« Beide Männer schüttelten heftig den Kopf. murmelte der Soldat mit dem riesigen Mund. knurrte einer der Gefangenen. »Hat sofort für Aufruhr gesorgt. »Niemand hat sie gezwungen«. fragte ich den Korporal. was ich meine.»Geschieht euch recht«. sagte ich wütend. Die haben doch schon seit Monaten keine Frau mehr gesehen. wie lange wir noch warten müssten. »Nun?«. »Und die Gefangenen?« Erneut warfen sie einander einen verstohlenen Blick zu. Sie sah so exotisch aus. erkundigte ich mich. Ich konnte ihr nichts versprechen. Und so abgeneigt war sie nicht.« »Kannten die sie?«. sie wär schon mal auf ’nem Schiff gewesen. was sie zu bieten hatte.« 316 . »War ihre eigene Entscheidung. »Das bezweifle ich. »Als blinder Passagier. Der Soldat schüttelte den Kopf. »Hat sie Geld dafür geboten?«. »Wenn Sie so weitermachen. nicht wahr?«. wenn Sie verstehen. drohte ich. dass es kein Schiff gab.« Dann blickte er zu Boden. »Sie war allein. fragte ich. war klar. antwortete er. Sie hat gesagt. »Sie wollte mit aufs Schiff«.

»Wer ist das?«. erkundigte ich mich. ihn über dem Kopf herumzuwirbeln. Nach einem kurzen Handgemenge hastete ein Mann zu dem Gefangenen mit dem seltsamen Fellumhang. dass sich jemand freiwillig mit ihm anlegen würde. die im Kreis zusammenkauerten. und ich konnte mir nicht vorstellen. Sofort hoben die Soldaten die Musketen und richteten sie auf eine Gruppe von Leuten. und vereinzelt erklangen Freudenschreie. wie der Gefangene einen Fellbeutel unter seinem Hemd hervorholte und seinen Wettgewinn darin verstaute. als einige Münzen den Besitzer wechselten. fragte ich und beobachtete. Hat die halbe Nacht gewettet und gewonnen und sich mit ihr unterhalten … obwohl das sicher nicht ganz die richtige Formulierung ist …« »Was hat er verbrochen?«.Plötzliche laute Schreie und ein schrilles Kreischen ließen uns zusammenzucken. Der Kampf dauerte nicht lange. dafür aber kräftig wie ein Bär. wo sie einen roten Fleck hinterließ. antwortete der Soldat. Mit einem Mal ließ er die Ratte los. die daraufhin quer durch den Raum segelte und mit einem hässlichen Geräusch gegen die Wand klatschte. um ihn den Zuschauern zu zeigen. Ein Mann hob den Verlierer am Schwanz hoch. und begann dann. In ihrer Mitte hockten zwei katzengroße hellgraue Ratten mit riesigen Schneidezähnen. Der Lärm schwoll an. Helmut Schuppe war nicht sonderlich groß. 317 . »Und wartet auf seine Deportation nach Sibirien. »Er heißt Helmut Schuppe«. die von ihnen angefeuert wurden. der mir bereits zuvor aufgefallen war. so dass Blut in alle Richtungen spritzte.

stieß ihm die Muskete in die Rippen und dirigierte ihn in meine Richtung. wiederholte der Soldat verwundert. Offenbar hatte man weitere Ratten aufgespürt und wettete nun auf deren kämpferisches Geschick. dass er seinen Bruder umgebracht hat. holte einen Schlüssel aus seiner Tasche und steckte ihn in das Schloss des Fußeisens. »Soll ich Ihnen ’nen Tipp geben. schmale Augen. Kaltblütig. Koch stand neben. dessen Namen ich schon von der Liste kannte. oder was wollen Sie?«. fasste er zusammen. fragte der Mann mit einem nasalen Zischeln in 318 . ein leuchtend rotes »M«. begann ich in freundlichem Tonfall. befahl ich dem Soldaten. Trotz seines Namens hielt ich ihn für einen Lappländer. Und hinterher hat er seine Leber verspeist«. nachdem er das Dokument mit Mühe gelesen hatte. während es um uns herum wieder laut wurde. um diesen Eindruck zu unterstreichen. weil er hohe Wangenknochen. »Sie haben richtig gehört. und der Pelzumhang tat ein Übriges.« Er kniete vor der Bank nieder.Der Soldat zog ein schmutziges Blatt Papier aus seiner Tasche. Aus der Nähe betrachtet wirkte Schuppe noch kräftiger. die Soldaten mit ihren Musketen hinter mir. eine große Nase und einen sinnlichen Mund hatte. Dann zog er Helmut Schuppe hoch. Das also war das Monster. Herr Prokurator?«. »Hier steht. »Sie haben ordentlich Geld gewonnen mit den Ratten«. »Nehmen Sie ihm die Ketten ab«. Der Feuerschein aus dem Kamin erhellte das Brandmal auf seiner Wange. »Ich soll ihm die Ketten abnehmen.

falls ich herausfinde. »Ach. Sein lautes Lachen zog die Blicke der anderen Anwesenden auf uns. Helmut Schuppe«. Die Vorstellung. Für Geld kriegt man ’ne warme Decke und was zu essen und Frauen … Letzte Nacht war’s besonders gut angelegt: Grog. »Worüber haben Sie mit ihr geredet?«. pflichtete ich ihm bei. »Ich kenn die Biester«. »Was für eine Frau?« »Anna Rostova«. 319 . »Die hübschen warmen Lippen zwischen ihren Beinen sind nicht besonders gesprächig.« Schuppe sah mich mit schmalen Augen an.akzentfreiem Deutsch. antwortete ich. erklärte er kehlig lachend. sagte ich kühl. »Aber erzählen Sie mir lieber etwas über die Frau. ’ne Wette und ein warmer Körper neben dem meinen. raubte mir den Atem. die«.« Die Drohung zeitigte keinerlei Wirkung – anders als die Nachricht. dass ich Sie vor Ihrer Verschiffung gen Norden ordentlich auspeitschen lasse. wo’s geht. sagte ich.« »Es könnte sein. und wieder drang dieses tiefe Lachen aus seiner Kehle. meinte er. um Beherrschung ringend. »Ein Gefangener holt sich sein Vergnügen. »Oder mir noch etwas Schlimmeres ausdenke. weil er außer Geld sowieso nichts mitnehmen kann. dass Anna Rostova es in der dunkelsten Ecke dieser Spelunke mit einem Brudermörder und Kannibalen getrieben hatte. dass Sie irgendetwas mit ihrem Tod zu tun hatten. »Den Eindruck habe ich auch«.« »Berichten Sie mir mehr über den warmen Körper«. dass Anna Rostova nicht mehr unter den Lebenden weilte. fragte ich.

erklärte er stolz. dass ich ihnen auch solche Umhänge näh. Ich hielt den Atem an. »Ein oder zwei Mann wollten sie. »Der Mann war hinter ihr her wie ein hungriger Wolf. Die Gefangenen würden von Glück sagen können. »Erwürgt«. als er hier reinkam. aber ich hatte das Geld«. »Konnen Sie ihn beschreiben?« Schuppe wandte kopfschüttelnd den Blick ab. sagte er daraufhin und deutete in die dunkelste Ecke. 320 . bevor wir nach Narva kommen.»Tot?«. »Ich würd sonst was dafür geben. Nun sah er mich unverwandt an. herrschte ich ihn an. »Ich hab ihren Mörder gesehen«. und ich will überleben. »Das hab ich ihr gegeben. damit sie an meiner Seite bleibt. »Ein Schatten hat sie fortgetragen. flüsterte er bestürzt. Deswegen wollte sie auch an Bord und hat sich an die beiden rangemacht. sagte er mit leiser Stimme. Ich erkenne das Böse.« Er nickte zu den Soldaten hinüber.« »Drücken Sie sich gefälligst klarer aus.« Sechstausend Meilen zu Fuß durch unwirtliches Gelände. Ich überstehe Russland. wenn ich die Zähne in die Leber dieser Ungeheuer schlagen könnte! Aber sie haben Waffen. »Und schließlich hat sie sich den Gefangenen zugewandt?«. »Da drüben«. Da waren sie zufrieden. Dann spuckte er aus. Mann!«. antwortete ich. wenn sie überhaupt in Russland ankamen. ihr werdet schon sehen! Und dann komme ich zurück und zahle es euch heim. fragte ich mit rauer Stimme. Und den andern hab ich versprochen. Die Ratten sind ganz leise geworden.

fragte ich erstaunt. Daraufhin verbot Minister von Arnim in einem Rundschreiben die Deportation von Frauen und verfügte. Vor was oder wem?« Schuppe schüttelte den Kopf. »In Königsberg sterben die Leute. Ironie des Schicksals: Die Unnachgiebigkeit der Romanows wirkte sich weit positiver auf das preußische Strafrecht aus als alle Diskussionen der Aufklärung über das Wesen von Verbrechen und angemessener Sühne. ohne auf seine Frage einzugehen. Ihr Fell wärmt in der Kälte besser als die Erinnerung an eine Nutte.« »Sie sagen. 321 . und sie ist wieder zurückgekommen!« »Deportiert?«. Ich erinnerte mich gut an die Zeitungsberichte. gesunde Männer nach Russland verbracht werden dürften. sagte der Mann.und Kindsmörderin. Die Frauen waren wiederholt von den anderen Gefangenen vergewaltigt worden. eine Prostituierte und eine Gatten. »Sibirien. »Sie war schon mal da«. »In Sibirien. Schuppe blähte die Backen und kratzte sich an der Nase. sagte ich.« Da hatte er recht. da überlebt keine Frau. und in der ersten Gefangenengruppe hatten sich auch zwei Frauen befunden. weil der Zar keine Schwächlinge in seinen Kolonien dulde. und die Kälte hatte sie noch vor der Ankunft an ihrem Bestimmungsort dahingerafft. Was heißt das? Wütet die Pest in der Stadt?« »Was ist zwischen Ihnen abgelaufen?«.Auf Schiffen gibt’s immer Ratten. vergiss es. Das Deportationsabkommen war 1801 mit Zar Paul Romanow geschlossen worden. hat sie erzählt. dass nur starke. hab ich ihr gesagt. sie hatte Angst.

Maulwürfe im Sommer. an die Soldaten gewandt. bevor er Preußen verließ. 100 Meilen westlich des Pazifischen Ozeans. die offenbar 322 . weit weg nicht nur von Westeuropa. »Ich verdien mir mein Geld mit der Jagd. Oder Vögel. die Wölfe der Tundra. so weit das Auge reicht. Ich komm zurück!«. verkauf Felle und ess das Fleisch. Trostlose Steppen und kahle Berge.Schuppe nickte. aber ich schaff’s. rief er. das nur von nomadischen Tartaren bevölkert wird. hat sie gesagt. sondern auch von den Handelsstraßen Russlands und Chinas. wie viele preußische Städte ich von dem Ungeziefer befreit hab! Ich näh mir warme Socken gegen die Kälte und den Schnee. 480 Meilen nördlich der Chinesischen Mauer. Anna Rostova hatte Helmut Schuppe mit ihrer Lüge Hoffnung gemacht. ein Gebiet. Wieder musste ich an die Zeitungsberichte denken: … Temperaturen von minus fünfundfünfzig Grad. Ratten im Winter. ›Was meinst du. Petersburg entfernt. die einfach über den Schnee. und dann rechne ich mit euch Schweinen ab!« Aus Nerchinsk heimkehren? Von dort kamen nur Geister zurück. Gott allein weiß. die hungrigen Polarbären und die vereiste Steppe hinwegflogen. Wer nach Nerchinsk deportiert werden sollte. wo die zu Eis geworden sind?‹« Er schwieg einen Augenblick. Ich betete für ihre Seele. »›Schau dir meine Haare und meine Haut an‹. »Vielleicht genauso weiß wie sie. 5250 Meilen von St. war tot.

in Sibirien zu sterben. dass er ihn zu der Bank zurückbringen und wieder festketten solle. Ich hab sie ihm abgenommen und in den Schädel gerammt. konnte ich ihr nicht helfen. »Sie hat Sie verlassen. wie ich gedacht hatte. »Ich wollte bei ihm unterkriechen. »Ich hab meinen Bruder umgebracht«. Ich nickte wortlos und wich einen Schritt zurück.« Hätte ich das. den Hut tief in die Stirn gezogen. sagte er und sah mir tief in die Augen. »Sie wissen.doch nicht ganz so schwarz gewesen war. »Warum?« Er zuckte mit den Achseln.« »Danke. Festgekettet. weil ich ’ne ganze Menge getrunken hatte. bevor er sie an den Haaren rauszog …« »Ein Mann. sagte ich. wie ich war. Irgendwann bin ich hochgeschreckt und hab sie an der Tür gesehen. was zwischen meinem Bruder und mir vorgefallen war. Schuppe«. die Soldaten waren hinter mir her. »Warum?« »Nach den Rattenkämpfen bin ich eingeschlafen. Er hat mich rausgeschmissen und mich mit der Axt bedroht. Sie hat mir noch einen Blick zugeworfen. sagte ich und signalisierte dem Soldaten. was ich getan habe?«. sagen Sie?« »Mit einem großen schwarzen Mantel. Schuppe«. flüsterte Schuppe mir da ins Ohr. genauso schnörkellos erzählen können wie dieser Mann? Schuppe war dazu verdammt. während ich in Gesellschaft von Immanuel Kant einen Mörder jagte … 323 .

« »Die Umstände?«. als Räuber an einer Brücke ein Pferd geschlachtet hatten.« Dann hielt er mir plötzlich einen Bleistiftstummel hin. wenn die Umstände es erfordern. als Schuppe die Fußfesseln angelegt wurden. »Krieg. »Und ich werd’s wieder tun.« Ich erinnerte mich an den Zwischenfall während der Fahrt nach Königsberg. »Und zeigen Sie mir Ihre Liste. »Extrarationen«. Hungersnot. forderte er mit einem entwaffnenden Grinsen. seinen 324 . der Anna Rostova ein letztes Mal Zärtlichkeit geschenkt.« Hinter mir hörte ich das Rasseln der Ketten. nahm den Bleistift in die Hand und drehte mich in den Schein des Kaminfeuers. zischte er und begann mit dem Kiefer zu mahlen. riss Schuppe mich aus meinen Gedanken. »Ich fress mich durch die arktische Ödnis. Wenn Bonaparte erst hier ist. wenn Sie mir nicht helfen …« »Ihnen helfen. »Retten Sie diese armen Geschöpfe vor meinen scharfen Beißern. fragte ich. dass einer der Soldaten ihm die Muskete in den Rücken stieß. ein langer Marsch. befahl ich dem Soldaten. »Legen Sie den Gefangenen in Eisen«. Ich machte eine Notiz neben dem Namen des Mannes. »Auch ein Mann im Fellmantel kann verhungern«. landen ’ne ganze Menge Leute im Kochtopf. Schuppe? Wie um Himmels willen könnte ich das?« Er trat so nahe an mich heran.»Ich hab Menschenfleisch gegessen«.

Zum Lazarett«. erwiderte Koch. »Nehmen Sie die Namen der Wachsoldaten auf.« Wortlos bewegte ich mich zum Ausgang. »Haben Sie ihre Namen notiert?«.« »Vielleicht werden sie dann selbst in Ketten gelegt. fragte ich.« »Warum nicht? Was haben Sie vor. sie umzubringen. erkundigte ich mich. fragte Koch nach einer Weile. »Was jetzt. »Lublinsky hatte ein Motiv. aber hatte er auch die Gelegenheit?« »Wenn Sie erlauben.Bruder umgebracht und dessen Leber gegessen hatte und der mit dem »M« für »Mörder« gebrandmarkt war: »Extraessensrationen«. fügte ich hinzu. dass Sie allein leben. Herr Prokurator«. »Sie haben mir doch erzählt. »An Ihre Frau?«. »Ich musste gerade an meine Frau denken. Koch. ihr eine Passage nach Sibirien zu verschaffen.« »Die letzte Typhusepidemie hat Merete hinwegge- 325 .« »Gut. »Ja. An der Tür empfing mich der faulige Geruch von Schlamm und Schlick bei Ebbe. wiederholte ich verblüfft. »Und dann steht ihnen womöglich ein langer. Dann fahren wir jetzt in die Stadt zurück. gab Koch zu bedenken. Ich lasse sie bestrafen. antwortete er traurig. Herr Prokurator?«. weil sie ihre Pflicht vernachlässigt und eine Frau unter dem Vorwand ausgenutzt haben. Dann wandte ich mich Koch zu. Koch?«. Herr Prokurator«. kalter Marsch bevor. Herr Stiffeniis«. »werde ich Sie nicht begleiten.

die sie erwerben. wurde der salzwassergeschwängerte Wind stärker. sagte ich. »Sie war Stickerin. die meine Frau immer verwendete. beim Anblick der Mordwaffe.rafft«. musste ich an Merete denken. der alles besorgt. Im Lazarett brauchen Sie mich nicht. könnte er uns etwas über die Machart der Nadel verraten und über die Kunden.« »Gute Idee«. Das würde uns doch weiterhelfen. und Rinnsale bildeten sich auf dem feuchtigkeitsabweisenden Umhang von Professor Kant. Herr Prokurator. wer sie erwirbt. doch Sergeant Koch ließ sich nicht beirren. der diese Nadeln verkauft. den Mann aufzuspüren. dass er Erfolg haben würde. Dabei fiel mein Blick auf Sergeant Kochs völlig durchnässte Jacke. In Königsberg gibt es nicht viele Kurzwarengeschäfte. »Merete hat mir einmal von einem Händler erzählt«. Ich wischte sie weg. Während wir uns unterhielten. Mir sind die Nadeln eingefallen. ihn ausfindig zu machen. 326 . Möglicherweise schaffe ich es in der Zwischenzeit. fuhr er fort. wäre vielleicht herauszubekommen. sagte er leise. »Von einem Mann. Herr Prokurator. Wenn ich den Händler finden könnte. bevor wir in die Kutsche stiegen. erwiderte ich. obwohl ich mir nicht vorstellen konnte. was ich ihr zum Namenstag oder zum Fest des Heiligen Nikolaus kaufen sollte. gibt es vermutlich viele Käufer in Königsberg«. Die unsere ist anders als die Sorte. Gestern Abend dann. Ich wusste immer. Wenn es mir gelänge. nicht wahr?« »Wenn solche Nadeln so beliebt bei den Hausfrauen sind. die sie benutzte.

« »Nicht nötig«.»Sie sehen aus wie eine ersäufte Ratte«. widersprach Koch. »Nehmen Sie meinen Umhang. Trotzdem streifte ich den Umhang ab und reichte ihn ihm. Unwillkürlich musste ich lächeln. 327 . »Aber ich habe ihn noch weniger nötig als Sie«. Mit dem schimmernden Umhang sah er fast aus wie ich. Doch schon bald sollte mir der Frohsinn vergehen. sagte ich und schlüpfte wieder in meinen eigenen Mantel. sagte ich. während ich die Kutsche habe. Nachdem wir mehrere Holzbrücken überquert hatten. und Sergeant Koch kletterte hinaus. Sie werden zu Fuß unterwegs sein. hielt die Kutsche.

von deren Verletzungen die Abdrücke genommen wurden.« Gefängnisarzt Franzich nickte. Es bestand Gefahr. »Ja«. »Die meisten Patienten. erkundigte ich mich. »So kann ich die Gefangenen besser im Auge behalten«. sind am Leben und erfreuen sich. antwortete er. wie ich hoffe. bester Ge- A 328 . Nehmen Sie doch Platz. Anders als in den anderen Räumen im Schloss waren die Wände hier aus Glas.« Ich setzte mich und ließ den Blick schweifen. sagte er mit einem müden Lächeln.XXV nton Theodor Lublinsky. »Er hat das linke Auge verloren.« »Äußerst genial«. wie ein Kapitän auf der Kommandobrücke. »Ich brauche mich nur zu erheben. Ob die dort arrangierten Objekte bei den Kranken Vertrauen in Franzich erzeugten? »Sind die aus Wachs?«. »Die Gefangenen hingegen liegen im Bett. In ihrem Blickfeld befindet sich lediglich die Wand hinter mir. erklärte Franzich. dass sich das andere auch noch infiziert. von wo aus sie uns nicht sehen. bemerkte ich anerkennend.« ’ »Aha.« »Ich nenne sie die Klagemauer«. daran ließ sich nichts ändern.

und die Zunge ragte schlaff über das hinaus. den ich mehr als ein Jahrzehnt zuvor mit meinem Vater und seinem älteren Bruder Edgard Stiffeniis in einer komfortablen Jagdhütte in den Hügeln bei Spandau verbracht hatte. Armen und Beinen. weil ihm der Unterkiefer fehlte. die Kanonenkugeln oder anderem schwerem Kriegsgerät zum Opfer gefallen waren. Die Exponate an der Wand waren in höchstem Maße makaber: Wachs-abdrücke von Händen. Das flackernde Licht der Öllampe erinnerte mich an einen Sommerabend. aber mich erinnerte es an das von Gerta Totz. Die oberen Zähne hingen abgebrochen über einem schwarzen Loch. die Kartätschen. Besonders eines davon zog meine Aufmerksamkeit auf sich. erzählte Onkel Edgard mit Blick auf die Sammlung ausgestopfter Bären. Die Kunst der Chirurgie hat sich im letzten Jahrzehnt deutlich weiterentwickelt. Franzich saß vor diesen Monstrositäten wie der stolze Inhaber eines Wachsfigurenkabinetts. Bajonette und Säbel abgetrennt oder zerrissen hatten. Am schlimmsten fand ich die geisterhaften Masken von Gesichtern. Doch das hier war viel schlimmer. was früher einmal die Lippen gewesen waren. Im flackernden Licht der Kerzen 329 .sundheit. Während sich Motten und andere Insekten todesmutig in die Kerzenflamme stürzten und ihr Leben mit einem Knistern und einem kurzen Aufleuchten aushauchten.« Sein Lächeln sollte wohl beruhigend wirken.und Eberköpfe an den Wänden von seinen Jagdabenteuern. denn diese an Franzichs Klagemauer zur Unsterblichkeit verdammten Gesichter schienen zu leben und zu atmen.

Rot und Gelb bemalten Sehnen. wiederholte Franzich argwöhnisch. »Sie haben das Todesurteil von Rudolph Aleph Kopka unterzeichnet?«. fragte ich. »Ich habe schon nachgesehen. lasse ich einen Abdruck machen. Muskeln und Membranen vor Schmerz zu bewegen. Er starb vor sechs Monaten an einem eingedrückten Kehlkopf. antwortete er sofort. die Lippe und jetzt noch das Auge … Meine Studenten an der Universität …« »Schwebt er in Lebensgefahr?«.« »Tja. Ist das zu fassen?« »Kann ich ihn sehen?«. erklärte er 330 . fragte ich. »Sobald die Augenhöhle ausgetrocknet ist. »Ein Deserteur. Die Pocken. erwiderte ich. »Der Mann ist stark wie ein Bär.schienen sich die lebensecht in Indigo. Wollte sich bei der Entfernung des Auges nicht festschnallen lassen.« Franzich trommelte mit den Fingern auf die Kante des Tischs. »Was für ein Gesicht!«. rief Franzich begeistert aus. können Sie sich das vorstellen? ›Nun machen Sie endlich‹. Herr Prokurator. erkundigte ich mich. »Aber nein«. »Natürlich. wechselte ich das Thema.« »Dort werden Sie nicht viel finden«. dann …« Er zuckte mit den Achseln. »Reden wir über Lublinsky«. »Das kann ich ohne einen Blick in die Akten nicht sagen. Fast hätte man meinen könnten. Aber seien Sie gewarnt: Sein eigentliches Problem liegt hier oben«. »Kopka?«. hat er gesagt. dass er etwas Wichtigeres vorhatte.

»So sehen wir uns wieder. »Nur. fragte ich.« »Nur ein paar Worte. die könnten sich ohne fremde Hilfe von hier entfernen? Diesem Mann ist das Bein unterhalb des Knies amputiert worden.« Ich nickte. doch abgesehen von Lublinsky befand sich nur ein einziger weiterer Patient dort. In dem Raum standen fünfzig bis sechzig Betten. »Ich hätte nicht gedacht. alles andere als überzeugt.und tippte mit dem Zeigefinger gegen seine Stirn. murmelte ich. bevor ich zu Lublinskys Krankenbett ging. Lublinsky«. wenn man vollständig wiederhergestellt und diensttauglich ist. ausdrucksloser Stimme. Lublinsky ganz am anderen Ende. Aber schauen Sie sich die beiden doch an! Glauben Sie. »Ich habe selten einen so niedergeschlagenen Menschen erlebt. Er lag in der Nähe der Tür. Franzich sah mich erstaunt an. nicht mehr«. »Es könnte sein. dass er Sie angreift. Kommen Sie mit. als hätte Franzich die beiden bewusst getrennt.« »Das meine ich nicht«. »Passen Sie auf. murmelte er nach einer Weile mit flacher. »Da ist er. begrüßte ich ihn. erwiderte ich. warnte mich Franzich. »Ist es für einen Kranken möglich. »Ist während der Behandlung ein freies Kommen und Gehen erlaubt?« »Das hier ist kein Gefängnis. und Lublinsky hat seit gestern Abend weder gegessen noch sich von der Stelle bewegt.« Franzich ging mir voran zum Krankenlager. 331 . dass wir uns noch einmal begegnen würden«. diesen Raum zu verlassen?«. was Sie zu ihm sagen«. Herr Prokurator.« Er deutete auf das andere Ende des Flurs.

Er drehte sich ein wenig. Hier fühle ich mich zu Hause. dass es Ihnen besser geht.« »Nun. »Ja. Lublinsky«. wovon Sie reden«. Unter dem Gazeverband wirkten seine Züge längst nicht mehr so bedrohlich. Sie haben recht. »Nicht alles. Lublinsky. um sich den Speichel von den Lippen zu wischen. Im Lazarett ist ein Anblick wie der meine nichts Ungewöhnliches. »Sie haben mir nur die halbe Wahrheit gesagt«. das ich bereits kannte. erwiderte er mit jenem nasalen Zischeln.« »Ich habe Ihnen alles erzählt«. Seine linke Gesichtshälfte zierte ein Verband.« »Besser als das letzte Mal. Anna Rostova ist tot. erklärte ich. Wie ist es Ihnen gestern Abend gelungen. Hier wendet man sich nicht von mir ab. Lublinsky.« Er straffte die Schultern. dass der Verlust des Augenlichts mir die Fähigkeit zur Hellseherei verliehen hat?«. meinen Sie?« Er versuchte zu lächeln. »Es freut mich. Er hob die Hand. dann kennen Sie die Antwort. »Nein. so dass er mich mit seinem gesunden Auge sehen konnte.« »Wir müssen uns unterhalten. »Jetzt würde ich gern den Rest erfahren. erklärte er. sich zu der Spelunke abzusetzen?« »Ich habe keine Ahnung. Lublinsky. »Sie wissen also nichts über den Mord an Anna Rostova?« »Muss ich eine solche Frage beantworten?« »Ich denke schon. aber das wissen Sie ja bereits.Ich setzte mich auf sein Bett. erwiderte ich.« 332 . fragte er verbittert. »Glauben Sie etwa.

Herr Prokurator«.« »Trotzdem haben Sie sie gestern Abend ermordet.»Gestern Abend haben Sie geschworen. »Wie Sie sie angestarrt haben!« Ich schluckte. sie umzubringen«. zischelte er. War es das. wenn Sie es zugeben?« »Ich war hier im Lazarett. Lublinsky wandte mir sein Gesicht ganz zu. Eine Ehefrau ist und bleibt eine Ehefrau. erinnerte ich ihn. denn er hat der Welt einen Gefallen getan. Anna war etwas Besonderes. das mir klar machte. Diese Bewegung hatte etwas Majestätisches. Ich bin glücklich verheiratet!« »Das sagen sie alle«. Herr Prokurator? Eher Sie. »Beim Kopulieren. dass Sie tatsächlich recht haben.« »Sie wurde gestern Abend in einer Spelunke draußen in Pillau in Gesellschaft eines Mannes gesehen«.« »Gehen wir einmal davon aus. In seiner Gegenwart ergriff mich ein Gefühl der Ohnmacht. »Unterstellen Sie mir nichts. »Sie haben sie ermordet«. »Was verlieren Sie schon. würde ich sagen«. was Sie im Grunde von ihr wollten?« »Ich. »Und dann zahlen sie und lassen die Hosen runter. sagte er. sagte ich leise. wilden Tieren gleich. fuhr ich fort. »Dafür hat Anna gesorgt. Luzifer nach der Verbannung aus der Heerschar der Engel. Herr Prokurator«. erklärte er mit einem bittersüßen Lächeln. »Was macht das für einen Unterschied? Wer auch immer sie umgebracht hat: Gott wird ihm vergeben.« 333 . erwiderte er kopfschüttelnd. dass eine Veränderung in seinem Leben eingetreten war – hier sah ich die Würde des Bösen.

»Sie sind unvollständig. aber ihm schien das nichts auszumachen.« »Sie haben die Fußabdrücke des Mörders neben den Leichen nicht gezeichnet«. »Ich möchte von Ihnen lediglich die Wahrheit erfahren. Aber in den anderen Fällen fehlen sie. »Machen Sie sich nicht über mich lustig!«. milchiges Vakuum verwandelt. Lublinsky«. 334 . knurrte er. was Sie wirklich sahen und taten.« Lublinsky drehte sich zum Fenster. um sein Gesicht darin zu betrachten. erklärte Lublinsky mit einem bitteren Lachen.»Ihre Sicht der höheren Gerechtigkeit interessiert mich nicht«. herrschte ich ihn an. rügte ich ihn. »Die Wahrheit worüber?« »Ich will wissen. auch Fußabdrücke mit einem kreuzförmigen Muster. »Was für Fußabdrücke?« »Beim ersten Mord haben Sie alles dokumentiert. als Sie mit Kopka zu den Ermordeten geschickt wurden. »Das habe ich Ihnen doch schon geschildert«.« Die Pupille seines gesunden Auges weitete sich. um es zum Fenster rauszuwerfen.« »Satan hinterlässt keine Spuren«. was auf den Zeichnungen dargestellt ist. Draußen war inzwischen dichter Nebel vom Meer her aufgezogen.« »Ich bin kein Künstler. brüllte ich. Wind und Schneeregen hatten sich gelegt und die Welt in ein stilles. was Sie bei der Leiche sahen. »Ich hab das gesehen. entgegnete ich.« »Ihre Zeichnungen kenne ich. das habe ich dem Professor auch erklärt. Offenbar hat er genug Geld.

»Ich habe nichts mehr zu verlieren. Herr Prokurator«. damit Ihr Gesicht wiederhergestellt würde. habe ich recht? Er muss geahnt haben. Ihrer Ansicht nach war sie eine Hexe. die ihren Dämonen Menschenopfer darbrachte.« »Kopka ist tot. dass Anna Rostova die Mörderin war und ich ihr Komplize. Das Schwein hat seinen verdienten Lohn bekommen.« »Deserteure wissen. nicht wahr? Kopka wurde zum Spießrutenlaufen gezwungen. Aber ein Geständnis bekommen Sie nicht von mir …« 335 . sie könnten zu ihr führen. »Die Nadel muss mir ins Gehirn gedrungen sein«. Wie soll ich das alles getan haben? Kopka war doch die ganze Zeit bei mir. Deshalb zeichneten Sie die Fußabdrücke nur einmal – weil Sie glaubten. Sie haben ihn umgebracht. sagte er. dass Sie die Spuren einer Verbrecherin verwischten. ich hätte für Kopkas Tod gesorgt. erwiderte er mit fester Stimme. Doch Sie machten Jagd auf ihn und brachten ihn zurück. Und wenn Sie meinen. Sie waren der Leiter der Suchmannschaft. die preußische Armee zu verlassen. »Ich kann Ihnen nicht ganz folgen. knurrte Lublinsky. und mussten dafür ihre Spuren verschwinden lassen. Wenn Sie unbedingt glauben wollen.« Lublinsky lachte kehlig. Lublinsky. Sie pflegten Umgang mit ihr.« »Wie günstig für Sie.« »Sie können mir keine Angst einjagen. und die Toten können nicht sprechen. Herr Prokurator.»Sie hielten Anna Rostova für die Mörderin. Aber er wollte Sie nicht denunzieren und desertierte lieber. »Es ist nun mal nicht leicht. was ihnen blüht«. kann ich auch nichts dagegen tun. steht Ihnen das frei.

bei reduzierter Ration. werde ich Sie dazu verurteilen. »Meinen Sie. mit Zwangsarbeit. sondern auch für die Verbrechen von Anna Rostova. Ein Offizier. der das Vertrauen missbraucht hat? Abschaum. Lublinsky. Sie zahlen nicht nur für Ihre eigenen. »Erzählen Sie mir von den Fußabdrücken. Lublinsky«. fügte ich hinzu. Soldat zu sein. Lublinsky? Sie kennen doch das Gesetz. oder?« »Das ist mein Leben«. ihn zu verstehen. »Mit Peitschenhieben.« »Das ist mir alles bekannt. dass Sie leiden.« »Unehrenhaft«. dass dein Gesicht wieder ansehnlich wird‹.« Einen solchen Artikel gibt es nicht. Die Strafe? Lebenslang. »Sie verbarg etwas. hat sie gesagt. »Aber jetzt werde ich wahrscheinlich aus der Armee entlassen. Behinderung von Ermittlungen. Mitwirkung bei Morden. die Strafe in einem Militärgefängnis abzusitzen. die sie gefunden hatte …«. fiel ich ihm ins Wort. bestätigte er.« »Das können Sie nicht!«. dass ich Mühe hatte. Und um das sicherzustellen. »Damals an dem ersten Morgen bei der Leiche. hat sie mich in ihren Bann geschlagen.»Sie sind doch stolz darauf. »Dann wollte Kopka den Gin für Anna holen. Mit ein bisschen Glück überleben Sie ein oder zwei Jahre. ›Ich sorge dafür. Und während er weg war. rief er aus. begann Lublinsky stockend. die ich für angemessen halte. aber das wusste Lublinsky mit Sicherheit nicht. Nach Artikel 137 des Strafgesetzbuches kann ich jeden zu der Strafe verurteilen. Im Gefängnis wird man nicht zimperlich mit Ihnen umspringen. Ich werde dafür sorgen. ein Geheimnis …« Seine Stimme wurde so leise. Leichenschändung. Und einer Gerichtsverhandlung dazu.« 336 .

Und auch nicht alles gemeldet. Beim zweiten Mal habe ich das Kreuz nicht mehr gezeichnet.« »Deswegen haben Sie die Fußspuren damals auch noch gezeichnet. im Schnee.« »Was haben Sie damit gemacht?« »Als Kopka mit etwas anderem beschäftigt war. aber Professor Kant war zufrieden mit meinen Skizzen. Zwar konnte ich nicht besonders gut malen. hab ich sie in die Tasche gesteckt. erzählte sie mir. erwiderte er. dass sie von der Frau stammten?« Lublinsky schüttelte den Kopf. Vor unserem Eintreffen hatte sie bereits die Klaue des Teufels aus dem Nacken des Mannes gezogen. »Ein Geschenk des Satans. hakte ich nach. Um die Leiche herum habe ich überall Fußabdrücke gesehen.»Kopka hatte sie gesehen …« »Und Sie vermuteten. weil die Sachen ihrer Ansicht nach mit der Macht über Leben und Tod erfüllt waren …« 337 .« »Das ist Diebstahl«. sagte ich. ein Sakrileg. das sei das Zeichen des Teufels. Eine Uhrenkette mit einem schadhaften Glied. Monate später erst. woran ich mich erinnern konnte. Anna meinte. was ich am Tatort fand …« »Was fanden Sie?«. hat sie gesagt. Ich würde belohnt werden. Mit einem kreuzförmigen Muster. antwortete er. nicht wahr?« »Ich habe gezeichnet. »Ich hab sie Anna gegeben«. der sich über die Kreuzigung lustig macht. was ich am Tatort entdeckte. »In der Hand von Jan Konnen. »Eine Kette«. auf dem Boden. Von da an musste ich ihr alles bringen. Sie war aus Silber. »Beim ersten Mal noch nicht.

»Sie wollte mich an sich binden«.« »Neben der zweiten Leiche waren die gleichen Fußabdrücke wie neben der ersten?« Lublinsky nickte. wenn sie doch angeblich alle Morde beging?«. ein Messingknopf mit Ankerprägung in der des dritten Opfers und eine Münze in der von Anwalt Tifferch. Und dort nahm ich dann die Geschenke des Satans für Anna an mich. weil er mich immer wieder zum Zeichnen zu den Tatorten schickte.« Mein Herz begann schneller zu schlagen. hat sie behauptet. Ich musste einen Eid schwören. »Haben Sie ihr auch die Mordwaffe gebracht?« 338 .»Und warum hat sie sie nicht gleich selbst an sich genommen. »Erläutern Sie das näher. Wenn du irgendjemandem etwas von unserem Geheimnis verrätst. »Mich zu ihrem Komplizen machen. wirkt der Zauber nicht mehr. sie hätte Professor Kant ebenfalls verhext. war ziemlich unspektakulär: die Kette in Konnens Hand.« Ich runzelte die Stirn. obwohl ich sie dieses Mal nicht am Tatort gesehen habe. murmelte Lublinsky. der Schlüssel in der von Frau Brunner. und ich hab’s Anna gebracht wie ein folgsames Hündchen. Es war von ihr. »Was waren das für Dinge?« »Ein Schlüssel in der Hand der toten Frau …« Was Lublinsky daraufhin aufzählte. Ihre Macht wachse mit jedem Mord. mich mit der Klaue des Teufels heilen. hat sie gesagt. »Wieder dieses kreuzförmige Muster. fragte ich. Ich glaubte.« »Die Opfer hielten alle etwas in der Hand. das könnte ich schwören.

Ich bin noch immer so hässlich wie zuvor … Komisch. Aber Sie täuschen sich. und mir war es egal. »Ich hab immer einen Spiegel mit mir rumgetragen«. »Die Frau hat die ganze Stadt in Atem gehalten und den König obendrein. als erwachte er soeben aus einem bösen Traum. Sie sind hier ja fast 339 . »Glauben Sie wirklich. nicht?«. Herr Prokurator. dass sie wieder zuschlägt. dass Sie Ihr Mysterium mit der Hilfe zweier solcher Ungeheuer lösen können. Sogar noch. sollte es mir recht sein. Sie hat mir viel versprochen. Ich brauchte eine ganze Weile. weil Sie sie für die Mörderin hielten. wenn sie nicht so anders gewesen wäre. »damit ich überprüfen konnte. bis ich begriff. aber nichts gehalten. Ja. als sie mir die Nadel ins Auge stieß …« Er sah mich an. Lublinsky. »Sie hat sie alle umgebracht. »Durch dieses Fenster? Natürlich. Die hat sie jedes Mal verschwinden lassen. ich mit meinem Pockengesicht und sie mit ihrer Silbermähne und ihren funkelnden Augen.»Nein.« Er sah mich mit großen Augen an. Am Ende wollte ich sogar. sagte er. Wir waren uns ähnlich. Wenn der Tod dieser Leute ein Wachsen ihrer Macht bedeutete. Wie ist es Ihnen gelungen. ob sich mein Gesicht nach den Morden verändert. fügte er plötzlich hinzu. sich aus dem Lazarett zu stehlen?« Wortlos wandte er sich dem Fenster zu.« Er stieß so etwas wie einen erstickten Schrei aus. Niemand hätte sie eines zweiten Blickes gewürdigt. dass er lachte. um wie Narziss sein Spiegelbild zu betrachten. ich begehrte sie. Herr Stiffeniis?« »Sie haben Anna Rostova gestern Abend umgebracht.

ohne mich noch einmal umzudrehen. Dortselbst schluckte er Glasscherben und verblutete elendiglich. seine Rolle im Fall Anna Rostova und schrieb. den ich noch am selben Abend verfasste. »Der Mann da drüben bekommt vermutlich seit der Amputation starke Schmerzmittel. griff nach meinem Hut und verließ den Raum. »Bevor die schwarzen Wölfe in meiner Seele zu heulen begannen. der ihn zu dreist gehänselt hatte. Ihnen einen Bären aufgebunden …« »Lassen Sie mich aufhängen. So landete er am Ende im Militärgefängnis. »Die Fußabdrücke neben den Leichen stammten nicht von ihr. In dem Bericht. war ich ein guter Soldat. Ich schüttelte den Kopf. knurrte er.« »Sie ist sicher glücklich beim Teufel«. Erst sehr viel später hörte ich wieder etwas über Lublinsky: Nach dem Verlust seines Augenlichts hatte man ihn in die Regimentsküche abkommandiert. sagte Lublinsky bitter. damit er schlafen kann. da ich keine eindeutigen Beweise gegen ihn hatte. stöhnte er mit einem Mal. wo er einen Kollegen erschlug. verschleierte ich. erklärte ich. Sie hat mit Ihnen gespielt. »Anna Rostova hat die Leute nicht umgebracht«. »Das weiß ich jetzt auch«.« Ich erhob mich mit einem verächtlichen Blick. sagte ich mit einem Blick auf den einzigen anderen Genesenden im Krankensaal. Herr Prokurator«. die Frau sei von Unbekannten umgebracht worden.allein«. Draußen begann mich wieder einmal ein Gefühl der 340 . Anton Lublinsky sah ich nie wieder.

in Ihrem Namen Einblick in diese Liste nehmen zu dürfen. »Hier ist eine Nachricht von Sergeant Koch. Und …« »Von Koch?« Ich riss ihm den Brief aus der Hand und öffnete ihn. Im Moment bin ich unterwegs zu seinem Haus. Was sollte ich jetzt tun? Wo sollte ich mich hinwenden? Wenn ich doch nur den Mut gehabt hätte. Baumwolle und Strickutensilien. sobald ich mehr weiß. Herr Lutbatz erkannte die Nadel aufgrund meiner Beschreibung sofort. ich habe den Mann gefunden! Sein Name ist Arnold Lutbatz. Herr Stiffeniis. Wie sollte ich eine solche Flucht vor ihm rechtfertigen? »Herr Stiffeniis?«.Unzulänglichkeit zu quälen. Die Klaue des Teufels wird zum Auffädeln von Wolle für Wandteppiche verwendet! Er führt eine Liste der Personen. Amadeus Koch 341 . wenn mich Zweifel überfielen. fügte der Gendarm hinzu. mich von dem unangenehmen Auftrag des Königs zu befreien und zu meinem ereignislosen Leben in Lotingen zurückzukehren! Doch dann wanderten meine Gedanken wie immer. »Ich habe überall nach Ihnen gesucht«. Lutbatz beliefert sowohl Privatleute als auch Läden. er versorgt Königsberger Geschäfte mit Wolle. der neben mich getreten war. zu Immanuel Kant. Ich informiere Sie umgehend. riss mich da eine Stimme aus meinen Überlegungen. die hier in der Stadt solche Nadeln benutzen. Untergebenst. Ich habe ihn gebeten.

Noch ein paar Sekunden zuvor war ich ohne Hoffnung gewesen. Er sagt.« 342 .Mich durchströmte ein Gefühl der Freude wie beim Öffnen eines Fensters nach einem langen. harten Winter. wie meine Entschlossenheit wiederkehrte. »Herr Prokurator?« Den Soldaten hatte ich völlig vergessen. »Unten wartet ein alter Herr auf Sie. er sei Professor Immanuel Kant. jetzt spürte ich. wenn man den ersten Schmetterling entdeckt.

« »Ist alles in Ordnung?«. »Aber ich musste ihn herbringen.XXVI enn Immanuel Kant in dem dichten Nebel den Weg zum Schloss auf sich genommen hatte. begrüßte Johannes Odum mich. er möchte mit Ihnen sprechen. den er Ihnen gegeben hat. Herr Prokurator. »Es tut mir leid. unterbrach ich ihn. Zuerst war er ganz wild darauf. wirkt er äußerst nervös«. und jetzt möchte er ihn zurück. Ich glaube. erkundigte ich mich besorgt. Aber lassen Sie sich noch kurz erzählen. weil er den Umhang braucht. »Er sagt. und zwar sofort. »Seit Sie ihn verlassen haben.« »Wozu denn das?«. nachdem Sie das Haus mit Sergeant Koch verlassen hatten: Er setzte W 343 . Herr Prokurator!«. was heute Morgen geschah. Also rannte ich die Treppe hinunter und weiter in den Hof. fragte ich verwundert. »Das ist mir auch ein Rätsel. »Im Raum der Wachen. er weiß selbst nicht so genau. was er will. wo mich eine einsame Gestalt erwartete. Er ließ mir keine andere Wahl. Sie haben ihn ja erlebt heute Morgen.« »Wo ist er?«. war mit Sicherheit etwas Schlimmes geschehen. Ihnen den Umhang zu geben. antwortete der Diener.

ging ich zu Frau Mendelssohn und bat sie.« »Wieder diese mysteriöse Abhandlung«. jammerte Johannes.« »Sie haben ihn allein gelassen?«. »Ich habe Ihnen ja schon erzählt. murmelte ich. dass niemand mehr zu uns kommt. bis ich mich auf den Weg gemacht hatte. Sonst könne er nicht weiterarbeiten. »Nachdem ich das Haus verlassen hatte. »Ich traf Vorkehrungen zum Schutz von Professor Kant. Ich konnte keine Gefahr erkennen.sich in den Salon und starrte fast eine ganze Stunde lang unruhig zum Fenster hinaus. ihm in meiner Abwesenheit Gesellschaft zu leisten. antwortete Johannes sofort. dass die Gendarmen die Hand nicht vor Augen sehen«. Herr Prokurator«. »Es war helllichter Tag.« »Erwartete er denn Besuch?« »Nein. »Professor Kant bestand darauf. »Das ist die Nachbarin. Er gab keine Ruhe. Herr Prokurator?«. Sie waren der erste Gast seit mehr als einem Monat. Und mit welcher Begründung hätte ich mich seinen Anweisungen widersetzen sollen?« »Der Nebel ist so dicht. mich zu beruhigen. »Was sollte ich denn tun.« 344 . unterbrach ich ihn. Herr Prokurator«. für seine Abhandlung. und vor dem Haus standen ja die Soldaten. Frau Mendelssohn wohnt …« »Ich kenne die Frau«. Ich habe ihm wie immer um elf seinen Vormittagskaffee gebracht. dass ich sofort zu Herrn Flaccovius ging. Irgendwann sprang er dann auf und sagte. versuchte Johannes. sagte ich. aber er wollte ihn nicht. herrschte ich ihn an. er brauche unbedingt ein Buch von Herrn Flaccovius aus der Stadt.

um ihr Abbildungen von den Nerven zu zeigen. weil ich dachte. die er dem zu starken Magnetismus der feuchten Luft in Königsberg zuschreibt. hakte ich nach. stellte ich verärgert fest.« »Das heißt. Dann bin ich zu Herrn Flaccovius geeilt. der jedoch nicht verstand. Die Ermittlungen scheinen ihn gedanklich sehr zu beschäftigen«. die auf Feuchtigkeit reagieren. ich hätte mir den Titel falsch gemerkt.« »In letzter Zeit haben wir viele unerwartete Stimmungsumschwünge bei ihm erlebt. Er hatte ihr einen Vortrag über die Ursachen ihrer Migräne gehalten. und ein paar anatomische Drucke aus seinem Arbeitszimmer geholt. in sein Arbeitszimmer zu gehen?«. Ich lief voller Angst vor einer Rüge meines Herrn sofort wieder nach Hause. dass er doch eine gewisse Zeit allein war«. fragte Johannes. fuhr Johannes fort. fuhr Johannes fort. was ich von ihm wollte. »Ich habe ihr gesagt. es aber bereits vier Monate zuvor an ihn geliefert worden war. weil er sich nicht wohl fühlt. mein Herr sei allerbester Laune gewesen.»Sie bewundert Professor Kant sehr«. doch das Missverständnis schien ihn kein bisschen aufzuregen. sagte ich. »Aber dann …« »Was?«. erzählte sie mir. 345 . Ein Blick in sein Auftragsbuch zeigte. »Als ich Frau Mendelssohn zur Türe brachte. dass ich etwas für ihn erledigen muss und sie ihn nicht aus den Augen lassen soll. »Aber es kam noch seltsamer«. er habe überhaupt nicht krank gewirkt. »Wie hätte sie ihn denn daran hindern sollen. dass der Professor das Werk tatsächlich bestellt hatte.

wiederholte ich und erinnerte mich an mein Gespräch mit Frau Mendelssohn vom Morgen. »Das war es nicht. Herr Prokurator«. als Sie zurückkehrten?« »Überhaupt nicht. »War Ihr Herr aufgeregt. »Sie hat mit eigenen Augen gesehen. Und den Professor konnte ich ja wohl kaum fragen. dass von Martin Lampe kaum etwas zu befürchten sei. Johannes?« Johannes zuckte mit den Achseln. Ich bin ihm nie begegnet. aber mir wäre es lieber. wenn Sie ihn nicht fragten. Und natürlich kennt Professor Kant seine Adresse.« »Wo wohnt er.Der Diener strich sich mit der Hand über die gerunzelte Stirn. »Nein. wie kalter Schweiß auf meine Stirn trat. »Und Frau Mendelssohn hat ja schließlich auch ganz richtig bemerkt. erkundigte ich mich. meinte Johannes seufzend. dort. wie jemand das Haus über den Gartenpfad verließ. Herr Prokurator.« »Hat er vielleicht beim Durchsehen der Drucke vor sich hin gemurmelt? Alte Menschen reden oft mit sich selbst.« »Kennen Sie Martin Lampe?«. »Sie sagt.« »Bringen Sie mich zu Ihrem Herrn«. wandte ich ein. »Was um Himmels willen wollte der denn im Haus?« »Ich weiß es nicht. wo Sie und ich die Fußspuren fanden. »Vielleicht weiß das ja Herr Jachmann. Herr Jachmann hat ihm verboten. ohne es zu merken«.« »Martin Lampe?«. das Haus jemals wieder zu betreten. wies ich Johannes an.« Ich spürte. »Ich muss ihm im Hinblick auf den Umhang. Herr Prokurator«. den 346 . sie hätte Stimmen gehört. antwortete Johannes sofort.

sagte ich.« »Ich verstehe nicht ganz«. schwarzen. einen braunen Filzhut auf den Knien. »Ist es nicht merkwürdig. vor einem riesigen. Professor Kant sprang auf. »Was?« »Wie gewisse Umstände alles verändern können. Das Unberechenbare ist stärker als wir alle. hat jedoch viel größeren Einfluss auf die Ereignisse. verselbstständigt es sich. sprach er mit fahlem Gesicht. »Aber wo ist mein Umhang?« »Den habe ich Sergeant Koch geliehen«. kündigte Johannes mich an. und dabei fiel sein Hut zu Boden. »Ihnen geht es also gut?«. die gerade keinen Dienst hatten. murmelte ich. »Der arme Mann war bis auf die Haut durchnässt. Herr Professor«. Er wirkte überrascht. Sie nicht auch. »Prokurator Stiffeniis ist da. dass die Vernunft nur an der Oberfläche wirkt. gefährlichen Reise zurückgekehrt. Zum ersten Mal im Leben spüre ich die Macht des Schicksals.er so dringend zu benötigen scheint. 347 . Was darunter liegt. mich zu sehen.« Kant sah mich schweigend an. fragte er.« Professor Kant wartete. desto besser begreife ich. Hanno?«. ein Geständnis machen. Wenn man das Chaos in die Welt entlässt. schmiedeeisernen Ofen im Raum der Wachen. »Je weiter ich mich auf dieses Experiment einlasse. In einer Ecke saßen Soldaten. fragte er. schmauchten Tonpfeife und spielten Binokel. Stiffeniis?«. als wäre ich gerade von einer langen. Die Information schien ihn aus der Fassung zu bringen.

wenn ich Sie brauche. Stiffeniis«. 348 .« »Fahren Sie fort«. »Ich rufe Sie. Aber wie haben Sie es herausgefunden?« »Das tut nichts zur Sache. sobald Koch wieder da ist …« »Den benötige ich nicht mehr«. »Täusche ich mich etwa?« »Nein. »Warten Sie nebenan«. begann ich. die Sie von Lublinsky fertigen ließen. sie wurde erwürgt. sind von unschätzbarem Wert. »Ermordet. Herr Professor?«. flüsterte er. sagte er. »Die Frau ist unschuldig. legte Kant mir die Hand auf den Arm und sah mir in die Augen. fragte ich erstaunt. bevor ich Gelegenheit hatte. »Am ersten Tatort fanden sich Fußspuren. »Wie sind Sie denn zu diesem Schluss gelangt.»Fahren Sie nach Hause. sie noch einmal zu befragen. entgegnete ich. »Die Klaue des Teufels?« »Nein.« Kant beugte sich ein wenig vor. Herr Professor«. Professor Kant«. sagte Kant mit einem Nicken. »Die Zeichnungen. Ihre Meinung über die Frau zu revidieren.« »Sie ist tot«. erwiderte er und fügte an seinen Diener gewandt hinzu: »Lassen Sie uns allein.« Johannes warf mir einen besorgten Blick zu. Heute Morgen schienen Sie doch noch an Hexerei zu glauben und von ihrer Schuld überzeugt zu sein.« Sobald sich die Tür hinter Johannes Odum geschlossen hatte. »Den Umhang bekommen Sie zurück. drängte ich ihn. Mich würde viel mehr interessieren. was Sie veranlasst hat. Johannes.

Erst nach einer ganzen Weile legte er mir die Hand auf den Arm und fuhr fort: »Wissen Sie denn die Antwort nicht. dass Anna Rostova nicht unsere Mörderin ist?«. »Vielleicht finde ich dann neue Bewunderer.« »Man behauptet. Was für Narren!«. Meine letzten Tage an der Universität waren unerträglich und demütigend. Ihre Ermittlungsmethoden sollten einer breiteren Öffentlichkeit vorgestellt werden«. ihn von seinen morbiden Gedanken abzulenken. erwiderte ich. möchte ich eine Abhandlung darüber verfassen …« »Das freut mich«. bemerkte ich voller Begeisterung. Ich habe mir ihre Schuhe angesehen – ihre Sohlen passen nicht zu den Abdrücken. »Romantische Träumer … ihnen fehlt die Phantasie für meine Ideen. den ich noch habe. antwortete er leise. Herr Professor. »Sobald dieser Fall abgeschlossen ist. versuchte ich.aber sie stammten nicht von Anna Rostova. sondern begann.« »Ohne Ihre bahnbrechende Arbeit auf dem Gebiet der metaphysischen Spekulation«. Sie sind der Einzige. rief er mit einem heiseren Lachen aus. ich hätte den Geist und die Seele in einer Welt aus strikten Regeln und Gesetzen eingekerkert. die Wand anzustarren. Sie werden niemals etwas über die Schönheit von …« Er führte den Satz nicht zu Ende. Sie würden ins Herz des Geheimnisses vordringen. Hanno? Ich hatte geglaubt. denn die alten haben sich von mir abgewandt. »Intuition«. »gäbe es keine neue Generation von Philosophen. fiel Kant mir spöttisch ins Wort. Ohne Sie kann ich mein Werk nicht zu Ende führen …« »Wie sind Sie zu dem Schluss gelangt. »Hätte ein weiblicher Mörder eine so eindeutig weibliche Waffe gewählt? Ein 349 .

flüsterte er.« Er führte seinen Zeigefinger an den Nacken. Herr Professor.« Er starrte mich an. »Sie fragen sich. Sie mit den Ermittlungen zu betrauen.« »Ein Soldat. mich geschlagen zu geben und nach Lotingen zurückzukehren. »Der Punkt an der Schädelbasis muss exakt getroffen werden. Herr Professor?« Kant verunsicherte mich. dass ich in der Lage bin. und ich überlegte kurz.« 350 . diese Fälle zu lösen?« »Als Sie heute Morgen mit der Mordwaffe und einer neuen Theorie über Hexerei zu mir kamen«. und trotzdem habe ich versagt. welches wesentliche Detail Ihnen entgangen ist. Ich scheine von einer Sackgasse in die nächste zu stolpern. Herr Professor«. Glauben Sie immer noch. ob es richtig war. »Meine Fehler haben zu neuen Morden geführt.wichtiges Detail ist Ihnen entgangen. Dies kann nur ein Soldat.« »Ja. »Vielleicht bin ich tatsächlich nicht der Richtige für diesen Fall. von hinten außer Gefecht zu setzen oder um einen schwer verletzten Kameraden auf dem Schlachtfeld von seinen Qualen zu erlösen. Sie haben mir alle Hilfsmittel zum Verständnis der Vorgänge in Königsberg an die Hand gegeben. sagte ich mit belegter Stimme. Sie von dieser lästigen Bürde zu befreien. der Alarm schlagen könnte. Offen gestanden spiele ich mit dem Gedanken. Ich …« Kant drückte meinen Arm. »zweifelte ich in der Tat einen Augenblick lang. Meines Wissens kommt eine solche Technik nur in zwei Fällen zum Einsatz: entweder um einen Feind. »Sie möchten den Fall abgeben?« »Ich bin ihm nicht gewachsen. ob es nicht besser sei.

Herr Professor! Von Anfang an …« »Sie haben etwas erlebt. Mord ohne Mo- 351 . »Doch inzwischen habe ich es mir anders überlegt. Mir bleibt nicht mehr viel Zeit hier auf Erden. Haben Sie vergessen.« »Und der wäre. A führt zu B. habe ich darauf verwiesen. B zu C. »Ich habe die Beweise in meinem Labor für einen rationalen. In unseren Mordfällen gilt es noch einen weiteren wichtigen Aspekt zu berücksichtigen. was Sie mir bei unserem ersten Treffen verrieten? Ich kann mich noch an jedes Ihrer Worte erinnern. neben der Leiche des jungen Morik. erklärte er. »Worauf haben Sie mich noch nicht aufmerksam gemacht?« »Auf die Verkrüppelungen der menschlichen Seele. Den allerwichtigsten. Herr Professor?«. in meinem Stolz gekränkt. als Sie zugeben wollen. das sich Magistrate wie Rhunken nicht einmal vorstellen können«. Trotz Ihrer Fehler müssen Sie das fortführen. fragte ich. Vermutlich hält er mich seitdem für ein Ungeheuer.« »Aber ich habe Sie enttäuscht. Kant seufzte laut. Hanno. Herr Professor?«. Kaltblütiger Mord. ›Es gibt eine menschliche Erfahrung. Deswegen bin ich hier. die vergleichbar ist mit der ungezügelten Kraft der Natur.»Tatsächlich. Am Pregel. hilflos die Hände ringend. Aber das ist nur eine Seite der Medaille. was Ihren Sergeant Koch sehr zu überraschen schien. mit der Logik von Ursache und Wirkung vertrauten Mann arrangiert. Die Logik spielt nicht bei allem eine Rolle. Sie kennen die Antwort bereits länger. nicht mehr und nicht weniger. erkundigte ich mich. was wir begonnen haben.

dass der Mörder eine Frau sein könnte.tiv‹. als ich Ihnen die abgetrennten Köpfe und die Verletzung im Nacken der Opfer zeigte?« »Es ist eingedrungen wie ein heißes Messer in Schmalz«. »Genau! Aber wie brachte der Mörder die Opfer dazu. weil sie minimalen Kraftaufwand erfordert und präzise ist. »Der Wunsch jener Person. Darüber sind wir uns doch einig. »Sein Vorgehen verrät uns eine ganze Menge über seine Persönlichkeit. zitierte ich. was ich Ihnen sagte. als Sie denken«. Der Täter hat diese spezielle Waffe gewählt. als hätte ich den Verstand verloren. bevor er zusticht. »Was ist mit ihm?« »Ich war vor einer Stunde bei ihm.« »Sie haben also eine Theorie. Kant starrte mich an. haben Sie gesagt. und das Gespräch mit ihm bestätigt Ihre Argumentation: Er sagt. egal. lange genug stillzuhalten?« »Lublinsky«. ist stärker als ihre Fähigkeit dazu. einen Mord zu begehen. Sie sind der Wahrheit näher. murmelte ich. »Heute Morgen haben Sie mich über die Schmutzflecken an der Kleidung der Opfer informiert.« »Aber er ist keine Frau«. fügte er hinzu. jedes der 352 . doch Kant hob abwehrend die Hand. erklärte er bestimmt. Daran erinnern Sie sich doch noch?« Er tätschelte meinen Arm. wie schrecklich sie klingt. »Diese Erkenntnis sollten Sie in Ihre Überlegungen miteinbeziehen. fragte ich. Erinnern Sie sich. Der Mörder bringt sie offenbar dazu niederzuknien. nicht wahr?« »Und ich habe Ihnen von meiner Vermutung erzählt. Herr Professor?«.

»Was schließen Sie also aus diesen Fakten?« Doch bevor ich antworten konnte. Und als sie niederknieten. sagte er mit einem spöttischen Lächeln. fuhr er in belehrendem Tonfall fort: »Der Mörder bat die Opfer. sich zu erheben. sagte ich und lachte. was. 353 .Opfer habe im Moment des Todes ein Objekt umklammert gehalten. Professor«. In seinen Berichten hat er das nicht erwähnt. Erstens: Die Opfer weichen nicht vor der Person zurück. »Lublinskys Verschlagenheit ist das beste Beispiel für die Verkrüppelung der menschlichen Seele. die sich ihnen nähert.« »Nun gut«. Das wäre unhöflich. Hanno«. etwas aufzuheben. »Wenn Sie mir in Zukunft etwas mitteilen wollen. Johannes folgte ihm mit besorgter Miene auf dem Fuße. Natürlich weigerte sich keiner. Aber lassen Sie uns die Teile des Mosaiks zusammensetzen. rief Kant mit leuchtenden Augen. »Eines müssen Sie mir versprechen. Ich half ihm hoch. entblößten alle ihren Nacken der tödlichen Nadel. bat ich ihn. Zweitens: Sie knien freiwillig vor ihr nieder. »bevor ich nicht weiß.« »Sehen Sie?«. sollten Sie einen Boten schicken. Und Ihnen gegenüber vermutlich auch nicht. dann komme ich zu Ihnen. und ein Soldat stürzte herein. antwortete er grinsend. schloss er hierauf und machte Anstalten. Nun überlasse ich Sie wieder Ihren eigenen Gedanken«.« In diesem Moment wurde die Tür aufgestoßen. das ihm angeblich heruntergefallen war. Sie lieben doch die Logik. Drittens: Im Augenblick des Todes halten sie etwas in der Hand. »Ich verspreche nie etwas«.

»Neuigkeiten. »Denn siehe. Vers 2. Ich habe Anweisung von Wachtmeister Stadtschen. vom Marktplatz zum Rathaus und zurück. »Jesaja 60. Die Kirchturmuhr schlug drei. Sie sofort zu informieren. Es dämmerte schon …« Da fiel Immanuel Kant ihm ins Wort.« 354 . »Vor fünfzehn Minuten wurde in der Sturtenstraße eine Leiche gefunden. Herr Prokurator«. deklamierte er mit ernster Stimme. sagte er nach einem kurzen militärischen Gruß. Als ich ihn fragend ansah.« »Waren Sie dort auf Patrouille?« »Ja.Der Soldat nahm die Mütze vom Kopf. huschte ein Lächeln über sein Gesicht. alle dreißig Minuten. Finsternis bedeckt die Erde!«.

dass der Mord am helllichten Tag erfolgt war. wieder zugeschlagen hatte. fragte ich Kants Diener. »Ja. »Es handelt sich um einen Mann. »Oder die Todesursache?« Er schüttelte den Kopf. Herr Prokurator«. war klar. antwortete er. der Königsberg kaum kannte. dass der Mörder. waren alle Opfer in der Nacht umgebracht worden. Die anderen Morde hingegen waren – wieder mit Ausnahme von dem an Paula-Anne Brunner – in abgeschiedenen Gebieten verübt worden. fragte ich den Soldaten. Herr Prokurator.XXVII ch glaubte nicht. Denn abgesehen vom Fall Paula-Anne Brunner. dass die zum Fischmarkt führende Sturtenstraße in einem ausgesprochen belebten Viertel lag. Dazu kam der Fundort. nach dem ich suchte. in der Sturtenstraße gesehen und erkannt zu werden? »Kennen Sie den Namen des Opfers?«. Diese Leiche jedoch hatte man um drei Uhr nachmittags entdeckt. Johannes?«. I 355 . was darauf hinwies. Würde mein Mörder riskieren. Selbst mir.« »Sie kommen doch auf dem Heimweg an der Sturtenstraße vorbei. bei der die Todesstunde nicht genau festgestellt werden konnte. Aber wir haben die Leiche nicht angerührt.

Johannes kann mich in der Nähe des Tatortes absetzen. »Irgendetwas hat ihn erschreckt. flüsterte Johannes. packte er meinen Ärmel und zog mich so heftig zu sich heran. Herr Professor?«.« Die ganze Fahrt über saß Kant mir stumm wie eine Mumie gegenüber. sagte ich. Johannes sprang in die Kutsche. Gemeinsam halfen wir Kant heraus und gingen mit ihm den Gartenpfad entlang bis zur Eingangstür. und wir mussten ihn die letzten paar Meter fast schleifen. Johannes«. Plötzlich knickte der Professor ein. »begleite ich Sie in der Kutsche.»Wenn Sie erlauben«. Als ich ihm in die Kutsche half. »Was meinen Sie damit?« Kant schwieg.« »Die Kontrolle.« Beim Weg hinaus ließ Kant sich von mir stützen. »Er hat Fieber«. um die Knie seines Herrn mit einem schweren wollenen Reiseplaid zu bedecken. flüsterte Johannes mir über den gesenkten Kopf seines Herrn hinweg zu. Wir halfen ihm ins Haus und trugen ihn hinauf ins 356 . als der Diener wieder aus der Kutsche kletterte. sagte ich zu Kant. sagte ich. »Begreifen Sie denn nicht?«. sprang Johannes vom Kutschbock und band das Pferd fest. »Bringen wir ihn auf schnellstem Weg nach Hause. Als wir das Haus erreichten. »Ich bin dabei … die Kontrolle zu verlieren. »Bringen wir ihn ins Bett«. »Ich gehe dann von dort aus zu Fuß in die Sturtenstraße. dass sein Hut gegen meine Stirn stieß. während dieser mich gedankenverloren ansah. wiederholte ich. fragte er. Herr Prokurator«.

Ich sah mich um. Alles wirkte nüchtern und funktional. Herr Prokurator«.Schlafzimmer. »Nein. Herr Prokurator«. obwohl er auch noch die Lampe hielt. Es berührte mich zutiefst. Den Löwenanteil der Arbeit verrichtete Johannes. als ich es mir vorgestellt hatte. wo noch keiner seiner Freunde oder Biographen gewesen war. das auf den hinteren Garten ging. Unter anderen Umständen hätte es mich gefreut. »Dann muss die Matratze ausgeräuchert werden!«. an dem Ort zu sein. Das Zimmer war bedeutend kleiner. und so war die Luft stickig und abgestanden. Allerdings fiel mir ein merkwürdiger Geruch auf. als wären die Wände von Schimmel befallen. erwiderte der Diener. An einer Wand stand eine schmale Pritsche. fast wie eine Mönchszelle. das Allerheiligste von Professor Kant betreten zu dürfen. und spartanisch eingerichtet. »Was ist denn das?«. In der vierten Wand befand sich ein Fenster. sah ich eine graue Wolke darüber. an dem Kant viele seiner richtungweisenden Werke verfasst hatte. Es roch nach Alter und muffigem Bettzeug. Offenbar wurde das Fenster dieses Raumes nie geöffnet. keuchte ich. nachdem wir Kant die Treppe heraufgebracht hatten. »Flöhe. rief ich entsetzt. noch ganz außer Atem. »Professor Kant hat seine 357 . das würde er nicht zulassen. an der nächsten eine kleine Kommode. Als das Licht der Lampe auf Kants Kopfkissen fiel. an der dritten ein winziger Schreibtisch mit Stuhl. antwortete Johannes.

blieb er stumm. wie die armen Flöhe ohne Fluchtmöglichkeit in den Flammen auf. indem sie ein Schaffell auf den Treppenabsatz legte. das Fenster stets geschlossen zu halten und sämtliche Ritzen abzudichten.eigene Methode. »Kommen Sie.« Im vorletzten Sommer hatten wir in Lotingen ein ähnliches Problem gehabt. als uns die Flöhe in allen Schlafzimmern das Leben zur Hölle machten.und abhüpften. Diese Theorie hat er von Martin Lampe. wenn man ihnen Luft und Licht nimmt. während Johannes die Decke zurückschlug und die Kissen aufschüttelte. sie sterben. Professor Kant ruft mich immer wieder bei seinem Namen. Doch Lotte fand eine Lösung. fuhr Johannes fort. sich die Biester vom Leib zu halten. dass Johannes ihn entkleidete und ihm das Nachtgewand anzog. »Er behauptet. es nach zwei Tagen und Nächten zusammenrollte und es im hintersten Winkel des Gartens verbrannte. wo sie und die Kinder voller Freude beobachteten. Herr Professor!«. »Das ist das Einzige. worüber wir uns nicht einigen können«. Lampe hat das Haus nie verlassen. Aber anders als alle Kinder. Wie er so unbeteiligt auf der Bettkante darauf wartete. die ich kannte. schien Kant in einer Art Trance zu ver- 358 . Manchmal denke ich. wirkte Professor Kant wie ein hilfloses Kleinkind. Auch noch nachdem er sich hingelegt und Johannes das Daunenbett über ihn gebreitet hatte. Daher hat er mich angewiesen.« Unvermittelt wandte er sich seinem Herrn zu und machte ihn mit einer Mischung aus Strenge und gutem Zureden fürs Bett fertig. aber er lässt sich nicht davon abbringen. sagte er. Sie funktioniert zwar nicht.

weil seine medizinischen Kenntnisse besser sind als die der meisten Ärzte in Königsberg …« »In diesem Zustand kann er sich nicht selbst helfen. flüsterte Johannes. seine Atmung flach. »Er lässt sich von niemandem reinreden …« »Was sagt er da?«. »Mein Gott!«. fragte Johannes besorgt. fragte ich. Herr Prokurator. Ich durfte keine Zeit verlieren. Wir brauchen professionellen Beistand. hörten wir ihn da plötzlich murmeln. Holen Sie einen Arzt!« »Wer ist für seine medizinische Versorgung zuständig?«. »Er braucht Hilfe. »Mein Werk … Es muss zu Ende gebracht werden …«.« »Gleich in der Nähe gibt es einen Arzt. Plötzlich stieß Kant ein schrilles Wimmern aus. »Professor Kant«. sein Gesicht war fahl und ausdruckslos. Johannes schien es ähnlich zu gehen. Ich schüttelte stumm den Kopf. fiel ich ein und trat näher ans Bett heran. »Wo wohnt dieser Arzt?«. Seine Abwesenheit war mir unheimlich. »Aber …« Kant hatte die Augen geschlossen. 359 . murmelte er. Er trinkt manchmal Tee mit meinem Herrn. »Normalerweise behandelt er sich selbst. rief Johannes.harren. »Kaltblütiger Mord«. Vielleicht würde er …« Johannes zögerte. um mich anzusehen. Man muss ihn zur Ader lassen und ihm Wickel machen. erkundigte ich mich. »Ist alles in Ordnung?« Kant öffnete kurz das linke Auge. »Herr Professor?«.

« Ich rannte sofort los. Ausländer wurden nicht sonderlich geschätzt. Ich hob den wie eine Faust geformten Klopfer und ließ ihn heruntersausen. Wenig später öffnete sich die Tür einen Spalt breit. das mich ernst betrachtete. und sehr jung!«. »Aber er ist Italiener. War Armut der Grund für die Tränen? In Königsberg fiel es einem Italiener mit Sicherheit nicht leicht. auch wenn er sich als Freund von Immanuel Kant bezeichnen konnte. Herr Prokurator. Das Haus bestand aus verwitterten. und mein Blick fiel auf das Gesicht einer hübschen dunkelhaarigen Frau. »Ich suche den Doktor«. ob der Zustand des Hauses die Situation der Menschen darin widerspiegelte. Papisten noch weniger. Fünf Minuten später langte ich völlig außer Atem an der Tür von »Dott. An ihren Beinen klammerte sich ein kleines Mädchen von vielleicht zwei oder drei Jahren fest. und stand eingeklemmt zwischen deutlich massiveren Ziegelgebäuden. dass die Frau Schwierigkeiten mit dem Deutschen hatte. Das erste Haus auf der linken Seite. früher wohl einmal blau gestrichenen Schindeln. rief Johannes mir nach. Herr Prokurator. Ich fragte mich. Danilo Gioacchini. nicht nur von Menschen wie Agneta Süsterich oder Johannes Odum. die jetzt zu einem traurigen Grau verblichen waren. sagte ich. wie auf der Messingplakette zu lesen war. Dahinter hörte ich gedämpftes Weinen. sondern von allen gläubigen Pietisten. MedicoChirurgo« an. seinen Weg zu machen. deutlich artikulierend für den Fall. »Es geht um Professor Kant …« 360 .»Am Ende der Straße.

schlanke Doktor. Vor Kants Tür angekommen. wie sich Kants Haustür öffnete und wieder schloss. entschuldigte ich mich. bestenfalls fünfunddreißig. »Sein Diener ist doch bei ihm. obwohl sein langes blondes Haar bereits schütter zu werden begann. die ihm sofort die Zwillinge abnahm. während sie die Tür ganz öffnete und mir bedeutete einzutreten. was geschehen war.« »Ich hole nur meine Tasche«. so laut es ihre winzigen Lungen vermochten. die vermutlich noch keine Woche alt waren. Ich dagegen muss in die Sturtenstraße«. Wenig später erschien der Arzt selbst im Flur. antwortete er.« Ich hörte noch. erklärte er daraufhin in fließendem Deutsch und sagte dann in schnellem Italienisch etwas zu seiner Frau. Der groß gewachsene. nicht wahr?« »Ja. rief sie nach hinten. Auf jedem Arm hielt er ein Kind. Wenig später verließen wir gemeinsam das Haus. als ich durch die dunkle. Zehn Minuten später erreichte ich den Fischmarkt. »Tut mir leid. fragte ich ihn. sobald ich kann. Beide brüllten.Der Name zauberte ein Lächeln auf ihre Lippen. Zwillinge. ob ich mit hineingehen solle. »Nicht nötig«. der eine modische schwarze Samtjacke mit hohem Kragen trug. »Danilo!«. begrüßte mich mit einem freundlichen Lächeln und funkelnden braunen Augen. »Aber ich komme zurück. Unterwegs erzählte ich ihm. Johannes erwartet Sie. In der Nähe von Hafen und Pregel- 361 . menschenleere Straße davonging. fügte ich hinzu. »Aber Professor Kant benötigt Hilfe. wenn ich störe«. Er war in der Tat jung.

»Bis auf meinen Assistenten Sergeant Koch. Man hat uns gesagt. der in dem orangefarbenen Licht seiner Fackel glänzte. erklärte ich. Das Licht der Laterne. Herr Prokurator«. um mich am Weitergehen zu hindern. warf tanzende Schatten auf das blaue Eis des Bürgersteigs. die rechte Schulter an die hohe Ziegelmauer gestützt.« Mein Herz setzte einen Schlag aus. salutierte der neben dem Toten wachende Soldat. stand wie aus Eis gehauen an einer Straßenecke Wache. »Halten Sie die Lampe näher an die Leiche«. sobald mein Blick auf die Leiche fiel.Mündung wurde der Nebel dichter. Sie haben alles so gelassen. »Ein Soldat bewacht sie. Ein einsamer Soldat mit einem Lederbarett und einem schwarzen. begrüßte er mich mit deutlich spürbarer Erleichterung.« »Ich hoffe.« Der Tote kniete auf dem Boden. »Der ermittelnde Magistrat. antwortete der Mann mit einem Blick über die Schulter. »Ich bin Hanno Stiffeniis«. neben der sich der Abdruck einer kreuzförmigen Sohle befand … Als ich näher trat. »Ich möchte sie genauer ansehen. Wo ist die Leiche?« »Dort drüben. Herr Prokurator. dass Sie da sind«. »Herr Prokurator? Gut. sagte ich. die er in seiner Linken hielt. wasserdichten Umhang. 362 . Er trat mit der Muskete in der Armbeuge einen Schritt vor. Sein Kopf war auf die Brust gesunken. wir sollen auf Sie warten. wies ich ihn an. wie Sie es vorfanden?« »Ja.« »Lassen Sie niemanden durch«.

Der junge Mann klapperte vor Angst mit den Zähnen. Eine ganze Weile kniete ich reglos neben der Leiche meines Assistenten. als hätte er versucht. Seine Augen. der Mann hält etwas in der Hand. »Alles in Ordnung.« So sanft wie möglich öffnete ich Sergeant Kochs geschlossene Faust. wies ich den Soldaten an. Der Umhang. Wie lange wartete er wohl schon hier in der Dunkelheit auf mich. Der junge Soldat beugte sich mit seiner Lampe zu mir herunter. Mein Umhang. waren nach oben und links verdreht. dass ich eine winzige Wunde in seinem Nacken finden würde. Ein 363 . den ich Koch geliehen hatte … Wen hatte der Mörder treffen wollen? Immanuel Kant? Mich? Oder war er zufällig auf Koch gestoßen? Einer Ohnmacht nahe. als hätte er sein Schicksal vorausgesehen. hörte ich da eine Stimme hinter mir fragen. »Herr Prokurator. über denen sich eine dünne Eisschicht gebildet hatte. Herr Prokurator?«.»Noch näher!«. Ein Bronzering löste sich daraus und landete scheppernd auf dem Boden. lehnte ich mich mit dem Oberkörper an die Mauer. Kants Umhang. Schuldgefühle überkamen mich. Sein Mund stand offen. Ich wusste. ohne einen Blick auf die Leiche zu wagen? Ich kniete nieder – und sah in das leblose Gesicht von Amadeus Koch. um Hilfe zu rufen. Auch Koch hatte dem Mörder seinen Nacken freiwillig dargeboten. so dass unruhige Schatten über Kochs Gesicht huschten und es zu neuem Leben zu erwecken schienen. und auch seine Augen waren weit aufgerissen.

weiß – dito 4 Meter Buranospitze – Fräulein Eggars So ging es Zeile um Zeile weiter. ein Hausschlüssel. einige Geldscheine und ein Stück Papier. wie mir schien. das auf die Größe einer Schnupftabakdose gefaltet war. was sich darin befand: ein feines Leinentaschentuch. wie wild zu pochen. Daneben stand der Name des Käufers. Ich entfaltete es und hielt es in das Licht der Lampe. die Stoffe und Nadeln zum Stricken und Sticken erworben hatten. bis mein Blick auf einem Sternchen etwa in der Mitte der Seite haften blieb: »6 Walfischbeinnadeln. hellblau – dito 15 Knäuel Wolle. ging ich Kochs Taschen durch und holte alles heraus. was auf dem Zettel stand. Es handelte sich um eine vollständige Liste der Geschäfte und Privatpersonen. Größe 8. erstarb etwas in mir. zum Auffädeln von geölter Gobelinwolle«. 6 Rollen Seide.Gebet murmelnd. hielt ich den Atem an. 364 . bei dem Kochs verstorbene Frau einst ihre Ausstattung zu kaufen pflegte. Während ich las. und mein Herz begann. Vermutlich stammte sie von dem Mann. ocker – Frau Jagger 10 Stränge ungefärbte Wolle – dito 6 Paar Stricknadeln – Emporium Reutlingen 10 Knäuel Wolle. der einzig männliche auf der Liste – KANT. Endlos lange.

und mein Körper schien sich in Eis verwandelt zu haben. »Herr Stiffeniis?« Ich drehte mich um. Hoch über mir begannen Fensterläden zu klappern. Ich erkannte die beiden sofort: Es waren die zwei Riesen. und irgendwo quietschte ein schweres Metalltor in den Angeln. der ein dunkles Tuch um sein Gesicht gehüllt hatte. die Doktor Vigilantius assistiert hatten. fragte ich. das die Stille durchbrach. Korporal Mullen und sein magyarischer Kamerad Walter. E 365 . Aber ich hatte nur einen einzigen Gedanken: Ich würde Amadeus Koch nicht noch einmal im Stich lassen.XXVIII in schneidender Ostwind. zuckte ich nervös zusammen. Raureif knisterte in meinem Haar. Bei jedem Geräusch. der vom nahe gelegenen Hafen und vom Fischmarkt heraufwehte. ein anderer. Durch das Heulen des Windes hatte ich niemanden herankommen hören. blies den Nebel in Schwaden davon. schleifte eine lange Holzkiste den Hügel herauf. größerer Soldat. schlug krachend zu und öffnete sich mit jedem weiteren Windstoß von der Ostsee aufs Neue. Ein Mann in Uniform stellte sich neben mich. »Was wollen Sie?«.

fiel ich ihm ins Wort. dass es sich um einen geweihten Raum handelt. Und weil sich auf dem wasserabweisenden Umhang eine Eisschicht befand. informierte mich Korporal Mullen. versprach der Korporal. Herr Prokurator? Er ist steif wie ein Brett. wies ich sie an. Ich möchte.« Der eiskalte Wind hatte Kochs Körper in der knienden Haltung erstarren lassen. während sein Kamerad etwas grunzte. mühten sich die Soldaten erfolglos ab. sagt Doktor Vigilantius …« »Diese hier bekommt er nicht!«. dass Sie Kochs Leiche dorthin schaffen. rief Mullen entgeistert. Herr Prokurator«. »Ihn ausziehen?«. »Wir tun unser Bestes«. »Warum das denn. rief ich vor Aufregung zitternd so laut aus. Walter. einen Zipfel des rutschigen Materials zu fassen zu bekommen. Vigilantius hat Königsberg verlassen und kommt nicht zurück.« Die beiden wechselten einen Blick. »Ziehen Sie ihm den Umhang aus«. dass er in eine Kirche gebracht wird. dass meine Stimme von den Mauern widerhallte. »Da es sich jedoch um den einzigen trockenen Raum dort handelt.« 366 . »Keine Sektionen mehr. Ich gebe Ihnen Geld dafür. bevor er an seinen Kameraden gewandt hinzufügte: »Tja. dann befördern wir den armen Herrn mal in die Kiste. wird er genutzt für …« »Egal«. Koch muss unversehrt begraben werden.»Die Leiche soll in den Keller. nach christlichem Ritus.« Mullens dunkle Augen begannen zu leuchten. »Im Schloss gibt es eine Kapelle. So leicht wird das nicht. »Wichtig ist nur.

»Kann ich den Deckel zumachen. »sonst geht der Deckel nicht zu. und Mullen schlug ein halbes Dutzend Nägel ins Holz. Am Ende gelang es ihnen. »Wir müssen ihn auf die Seite legen. leeren Straßen machten. beharrte ich. »Wir müssen seine Arme und Beine strecken«. gebeugten Gliedmaßen hochzuhieven. Mullen und Walter zerrten die schwere Kiste durch Matsch und Eis. »Vorsicht«.« Mullen sah mich einen Augenblick verständnislos an. die Gelenke gaben mit einem lauten Knacken nach. ihre Häuser zu verlassen. Walter schloss die Kiste. herrschte ich ihn an. Herr Prokurator?«. worauf warten Sie?« Mit aller Kraft drückten sie zuerst das linke. Mit dem kurzen scharfen Messer schnitt Mullen den Umhang vom Kragen bis zum unteren Saum auf.»Koch soll nicht in diesem Kleidungsstück beigesetzt werden«.« »Dann tun Sie das!«. Herr Prokurator. ermahnte ich sie. erklärte Mullen. während sie ihn auf den Rücken in die Kiste legten. »Ziehen Sie es ihm aus. dann das rechte Knie herunter. wollte Mullen schließlich wissen. sonst geht das nicht.« »Nun. Die Nachricht von dem neuerlichen Mord würde die Bürger von Königsberg stärker als jede Ausgangssperre davon abhalten. Dann drehten die beiden die Leiche auf die Seite und begannen die Arme des Sergeanten aus dem Kleidungsstück zu befreien. Ich folgte ih- 367 . den schweren Körper trotz der steifen. sagte er zu seinem Kameraden. Walter«. »Gib mir mal ein Messer. bevor wir uns auf den Weg durch die dunklen. Nach einem langen letzten Blick nickte ich.

wenn sie einen Sarg sehen. Unterwegs kamen wir an der Gasse vorbei. und die Gendarmen. trat ich vor und wies die Soldaten an. Mattes Licht schimmerte durch die Vorhänge seines Zimmers im ersten Stock. bildeten die Nachhut. Die Anwesenden bekreuzigten sich und wandten den Blick ab. erkundigte sich Mullen. trieb ich den Soldaten an. »War er verheiratet. die zur Rückseite von Kants Haus führte. wie es Soldaten zu tun pflegen. silbrigen Kanonenkugeln.« »Das übernehme ich«. während ich wieder Kants Namen auf Kochs Liste vor mir sah. Mein Blick fiel auf mannshohe Pyramiden aus großen. Einer von ihnen drehte sich halb zur Seite und griff sich in den Schritt. die im Mittelgang errichtet waren. »Wenn ja. »Leiche für Prokurator Stiffeniis«. ich folgte ihnen. »Er hat sonst niemanden. nachdem er und Walter mit der Kiste vor einem niedrigen Gebäude auf der anderen Seite des Hofes stehen geblieben waren. Herr Prokurator?«. Es stank nach 368 . Er und Walter gingen in den Hof voran.« Mullen nickte und drückte die Tür zur Kapelle auf. Als wir das Schloss erreichten. möchte sicher seine Frau heute Nacht die Totenwache halten. Mullen«. die die Leiche gefunden hatten. Dann zogen die beiden den Sarg hinein. Drinnen entzündeten sie mehrere Lampen. knurrte Mullen den Wachmann an. Entlang einer Wand waren Schusswaffen gestapelt. entgegnete ich. »Schneller. das Tor zu öffnen.nen. und am hinteren Ende des Raumes standen Lafetten.

Große Segeltuchkarten bedeckten die hinteren Wände. aber die Stelle. Da hörte ich. »Die Regimentskapelle«. sagte ich. um Wachtmeister Stadtschen zu begrüßen. »Gönnen Sie sich zum Gedenken an den Mann. damit wir ihn beisetzen können. Ich erhob mich. Herr Prokurator?« Ich reichte ihm einen Geldschein. um Platz zu schaffen. Rattengift und verrottendem Ungeziefer. »Das wollte ich Ihnen eigentlich schon vorhin sagen. Hier werden Waffen und Sprengstoff gelagert. informierte Mullen mich mit leiser Stimme. legte die Hand auf das kühle Holz. an der er sich befand. Sobald ich allein war.« Korporal Mullen salutierte. »Herr Prokurator?« »Es ist Koch«. der hier liegt. kniete ich neben dem Sarg nieder. Er sah zuerst den Sarg. Und schicken Sie mir Stadtschen. und Walter schlug die Hacken zusammen. Von der Decke hing an einer langen Kette ein schlichtes Holzkreuz. schloss die Augen und betete zu Gott um gnädige Aufnahme von Amadeus Kochs Seele. weil es im übrigen Schloss zu feucht ist. 369 . Ist das recht. Wir können den Sarg dort drüben abstellen. Der Altar wurde entfernt. ist geweiht. wie sich hinter mir die Tür öffnete und deutliche Schritte über den Steinfußboden näher kamen. etwas Starkes und kommen Sie bei Morgengrauen mit einem Geistlichen wieder. dass ich ihn unnötig in Gefahr gebracht hatte.Ratten. Andere religiöse Symbole konnte ich nicht entdecken. bevor sie den Raum verließen und sich lachend und scherzend entfernten. dann mich fragend an. Gleichzeitig bat ich meinen Assistenten um Vergebung dafür.

die den Soldaten … die unterschiedlichsten Dienste anbietet. wiederholte ich spöttisch.« »Ich habe eine Idee.Stadtschen nahm die Mütze ab und verneigte sich. versprach er. so schnell wie möglich«. in einer billigen Pension oder einem Gasthaus vielleicht. »Über dieses Alter ist sie längst hinaus. wies ich ihn an. Herr Prokurator«.« »Ich sende ein paar Männer aus«. »Ja. nur sie«. sie wäscht und flickt für die Junggesellen im Regiment. bestätigte Stadtschen. »Nicht. wo ich anfange«. Nein.« »Wie soll ich vorgehen. »Bei Ihrer Frau?«. »Ich möchte. nach dem Sie suchen. erwiderte Stadtschen. sagen Sie? Allzu viele Frauen dürfte es in diesen Mauern nicht geben. was Sie denken. Eigentlich hatte ich 370 .« »Nein. Es könnte gut sein. dass Sie einen gewissen Roland Lutbatz für mich ausfindig machen«. Herr Lutbatz ist Kurzwarenhändler und beliefert Geschäfte in Königsberg.« »Sie lebt im Schloss. Stadtschens Augen blitzten belustigt. Herr Prokurator?« »Da er nicht aus der Stadt stammt. fragte ich. dass sie den Mann kennt. »Seine Aussage könnte wesentlich sein für meine Ermittlungen.« »Dienste?«. »Aber nein. gab ich zurück. »denn er könnte die Stadt jederzeit verlassen. erklärte Stadtschen. Herr Prokurator! Hier im Schloss lebt eine alte Frau. Ich warf einen Blick auf den Sarg. muss er sich irgendwo eine Unterkunft gesucht haben.

Am Ende stieg uns der Gestank von offenen Latrinen und Exkrementen in die Nase. Das hier war ein Mikrokosmos innerhalb unserer großen. Sie mochte um die neunzig Jahre auf dem Buckel haben. auf ihrem Kopf saß eine Haube aus demselben groben Stoff. Ihren Körper umhüllte ein zerlumptes braunes Kleid. als wir vor einer seit Ewigkeiten nicht mehr gestrichenen Tür stehen blieben.nicht vorgehabt. und aus den Schatten flohen quiekend graue Ratten. Er klopfte laut dagegen. die vorsichtig herauslugte und argwöhnisch die Rangabzeichen an Stadtschens Uniform beäugte. »Gute Arbeit. lobte ich den Wachtmeister. »Eigentlich hatte ich Seine Exzellenz erwartet«. Koch so schnell allein zu lassen. die alle nach dem rochen. nach Leder. die mich an die Fratze eines Wasserspeiers erinnerten. womit hier tagsüber Handel getrieben wurde: nach Pferden und Kühen. und aus ihrer Wohnung drangen noch üblere Dünste. das konnte ich bei dem schlechten Licht nicht beurteilen. Stadtschen«. Außerdem hatten sich in ihr schmutzig schwarzes Gesicht tiefe Runzeln eingegraben. antwortete er für einen Soldaten erstaunlich sanft. je tiefer wir in ihn eindrangen. aber die Pflicht rief. Das würde mein Assistent sicher verstehen. und er wurde dunkler und geruchsintensiver. weiten Welt. 371 . vielleicht auch ein ganzes Stück mehr. Backwaren und Kanonenkugeln. Sogleich öffnete eine verhutzelte alte Frau. »Es geht um etwas anderes. begrüßte sie Stadtschen. Mütterchen«. Fünf Minuten später marschierten Stadtschen und ich durch ein Labyrinth aus hohen Steinmauern und kopfsteingepflasterten Höfen. Sie stank zum Himmel.

»Ein zweites Mal bitte ich euch nicht rein. als würden sich drinnen unzählige Vögel zum Flug in den Süden sammeln. nicht länger«. »Sie heißt Margreta Lungrenek. fragte ich Stadtschen verwirrt und hielt ihn am Ärmel zurück. »Kommt rein«. »Das mag Seine Exzellenz nicht!« Dann wandte sie sich unvermittelt um. Dann kannst du dem General Bericht erstatten. fragte ich schließlich. »Was redet sie da. muss ich Roland Lutbatz noch heute Nacht finden. dann Stadtschen an. Beide blieben still. und die Tür schwang weiter auf.« »Was geht hier vor?«. Herr Prokurator«. forderte sie uns auf. da könnt ihr sicher sein!« Ich sah zuerst die alte Frau. Da drang plötzlich ein Höllenlärm aus der Behausung: hektisches Flügelschlagen und Gekreische. »Ich möchte keine Zeit vergeuden.»Dreimal hab ich’s gemacht. fauchte sie. informierte er mich. Die Frau drohte Stadtschen mit ihrem knorrigen Zeigefinger. »Sieh selbst. Wie Sie wissen. Dreimal! Und immer wieder ist das Gleiche rausgekommen«.« »Fünf Minuten. »Und sie kennt den Mann. »Er schlägt nicht wieder in Königsberg zu. hinter dem Sie her sind. rief die Frau aus den dunklen Tiefen des Raumes. Stadtschen?«. »Sag dem Kerl. murmelte sie. als wäre er aus einer Trance erwacht. da bin ich mir ganz sicher …« »Erklär ihm.« Stadtschen schlug die Hacken zusammen. was ich mache!«. 372 . sagte ich und trat ein. Soldat. Soldat. er soll meine Kleinen nicht erschrecken!«.

murmelte ich. Stare. sind Sie mir dafür verantwortlich. Herr Prokurator«. erklärte Stadtschen. Blaumeisen.« In der Düsternis erkannte ich nur mit Mühe die Umrisse der übereinander gestapelten Korbkäfige. gackerte die alte Frau. dass Napoleons Truppen in die Stadt einmarschieren könnten. Amseln sowie eine Eule. »Sie sieht kaum noch etwas und kann keine Nadel mehr halten. »Seine Exzellenz unternimmt nichts mehr. Er ist besessen von dem Gedanken. »Schaut!«. Stadtschen sah mich mit großen Augen an. Raben. Da hörte der General von ihrer besonderen Gabe und holte sie ins Schloss …« »General Katowice?«. rief die alte Frau nun. und überzeugt davon. die sich in der hintersten Ecke des Raumes befanden und in denen Vögel aller Arten und Farben herumflatterten: Sperlinge. dass die Morde das Werk französischer Saboteure sind. Offenbar zogen die Römer nie in den Krieg. Schlosskommandant. fragte ich erstaunt. sein Vertrauen abergläubisch in die Eingeweideschau setzte. »Ihr ging es ziemlich schlecht. über einen kleinen 373 . ohne sie konsultiert zu haben. Der General bewundert Julius Cäsar. ohne eine Art Priester befragt zu haben. »Dann ist es also wahr?« Dass General Katowice. beruhigte mich nicht gerade. Was hatte er mit dieser alten Frau und ihren Vögeln zu tun? »Sie kann in die Zukunft schauen«.« »Den nannte man Haruspex«. »Der Herr General liebt sie«. Tauben.»Wenn mir Lutbatz durch die Lappen geht. Stadtschen. flüsterte Stadtschen. verantwortlich für die Sicherheit der Stadt Königsberg.

um den Gestank einzusaugen. Dort sollte General Katowice für Ordnung sorgen. erklärte sie.« »Kennen Sie einen Mann namens Roland Lutbatz?«.« »Das Gasthaus befindet sich in der Nähe der FerkelBrücke«. Das Ganze ergibt ›Jena‹. auf dem eine tote Krähe lag. stützte die Hände auf den Tisch und beugte sich noch tiefer. und das ist weit weg von Königsberg. als hätte sie 374 . Herr Prokurator. fragte ich.runden Tisch gebeugt. Doch sie verfluchte mich und schleuderte die Münze zu Boden.« »Und wo?« »Im Blauen Einhorn. wenn er in Königsberg ist. Dort quartiert er sich immer ein. »Aber zuerst möchte Prokurator Stiffeniis noch etwas von dir wissen. nicht hier!« Sie bedachte Stadtschen mit einem schmallippigen Grinsen. und die Flügel zeigen auf zwei Vokale.« Sogleich wandte ich mich zum Gehen und drückte der Alten noch eine Münze in die Hand. »Aber sicher«. »Seht euch den Schnabel an!«. »Zu Fuß ist das fünf Minuten von hier. und auf dem Tisch verteilt waren ihre Eingeweide. »Ohne ihn wär ich verloren. Der Kadaver ruhte wie gekreuzigt in einem Kreis aus offenbar willkürlich mit Kreide auf das Holz gemalten Buchstaben. »Ich werde es ihm sagen. Mütterchen«. versprach Stadtschen ihr. Der gebogene Schnabel hing schlaff herunter. flüsterte die alte Frau. Ich kenn ihn so gut wie meine Vögelchen. »Er deutet auf diesen Buchstaben hier. das Gefieder schimmerte rot von Blut. Erst gestern hab ich ihn gesehen. klärte Stadtschen mich auf.

fragte ich. Herr Prokurator. was du sagst. für mich in die Zukunft zu sehen.« »Zum Beispiel?«. fügte sie hinzu. »Und begraben. Wir machten uns durch das Schlosslabyrinth auf den Weg zum Haupttor. feuchte Luft draußen belebte mich nach dem erstickenden Gestank in der düsteren Behausung ungemein. antwortete er verlegen lächelnd. Herr Prokurator?«. Stadtschen?« »Nun«. »Dein Vater ist tot«. »Gehen wir. »Was sah sie darin?«.« Die kalte.« »Der Teufel kennt die Seinen«. »die Dinge.« Ich drehte mich hastig zu Stadtschen. 375 . Ich habe sie gefragt. die ich lieber nicht glauben möchte. Stimmt das. »Mütterchen«. wie gerade eben …« Er blieb unvermittelt stehen. rief sie aus. die alle Soldaten erfahren möchten. »Eine gequälte Seele«. »Darf ich Sie etwas fragen. warnte Stadtschen sie. »Das Böse begleitet dich!«. Beim Licht des Mondes erhebt er sich aus seiner Gruft. »pass auf. »Sie hat die Eingeweide auf dem Tisch ausgebreitet. doch bald wird er erlöst sein. wollte Stadtschen nach einer Weile wissen.sich daran die Finger verbrannt. »Eine gequälte Seele?«. »Sie hat gerade Ihren Vater erwähnt. was sie sagt?« »Was wollten Sie von ihr wissen. Daraufhin hat sie mir allerlei Dinge prophezeit. zischte sie und ballte die Fäuste vor der Brust. »General Katowice vertraut dieser alten Frau. wiederholte ich verblüfft. sagte sie. als wollte sie das Böse abwehren. aber er findet keine Ruhe. Und einmal habe auch ich sie gebeten. erkundigte ich mich.

wie mein Schicksal aussehen würde. dass General Katowice diesen Aberglauben ernst nimmt. »Und in absehbarer Zeit wird er auch hoffentlich nicht sterben. An einem Kai blieben wir neben großen Frachtkähnen und Pfeife schmauchenden Seeleuten stehen und wandten uns einem Gasthaus zu. Stadtschens Schätzung erwies sich als richtig: Nach etwa fünf Minuten kamen wir an einer alten Steinbrücke heraus. 376 . Kurz darauf verließen wir das Schloss und gingen weiter nach links. Ich muss mich wundern. als wäre die Sonne hinter einer dunklen Wolke hervorgetreten. Sie weiß nicht. auf dessen Schild ein blaues. In dieser Hinsicht täuscht sich Margreta Lungrenek. über silberne Wolken galoppierendes Einhorn zu sehen war. die über den Pregel führte.« Stadtschens Miene hellte sich auf. wovon sie spricht. sagte ich. wenn Napoleon je nach Preußen käme …« »Mein Vater ist nicht tot«.

»Wissen Sie. aus dem ein blasses. herrschte Stadtschen ihn an. Abgesehen vom matten Schein der letzten Kaminglut war es völlig dunkel. dass wir ihn im Nachtgewand antrafen. »Ich hab geschlafen«. fragte ich. Kurz darauf öffnete sich über dem Einhorn-Schild ein knarrendes Fenster. und winkte uns herein. Hastig legte der Wirt eine große. 377 . rundes Gesicht lugte. wie spät es ist?« »Polizei«. jammerte der Wirt mit schuldbewusster Miene. in Leder gebundene Kladde vor mir auf den Tisch. und zwar ein bisschen plötzlich!« Wenig später erschien ein dicker Mann in der Tür.XXIX A ls Wachtmeister Stadtschen den Klingelzug betätigte. Ich setzte mich und begann darin zu blättern. der sich offenbar genierte. »Zeigen Sie Herrn Prokurator Stiffeniis das Gästebuch«. »Übernachtet denn hier nie jemand?« Drohend beugte sich Stadtschen über den Mann. rief Stadtschen hinauf. schienen alle Glocken Königsbergs gleichzeitig zu erschallen. »Aufmachen. fand aber nichts. »Soll das ein Scherz sein?«.

»Herr Lutbatz. besonders im letzten Monat. »Nun. Wer kommt schon in eine Stadt. das weiß ich bestimmt.« »Ich möchte mit dem Mann sprechen«. Würden Sie bitte zu ihm hinaufgehen und mich ankündigen?« 378 . zischte er dem Wirt ins Ohr. »Das würde ich nie wagen!«. Wenn ein Mann allein reist … Manchmal hat er tatsächlich Gesellschaft. aber das stört mich nicht. sagte ich. »Wir haben in letzter Zeit nur wenige Gäste gehabt. murmelte er. »Soll er zu Ihnen herunterkommen. rief dieser verängstigt aus. besonders in puncto Kleidung. fügte er demütig mit einem Blick auf das Buch hinzu. Vielleicht ein bisschen exzentrisch. erkundigte ich mich. Aber heute Nacht ist er allein. dass er sich nicht wohl fühlt …« »Kommen auch Kunden hierher?« »Diesmal nicht. Herr Prokurator. sagte er schließlich und zeigte mit dem Finger auf einen Namen und ein Datum. Ein Händler«. Herr Prokurator?« »Nein«. Herr Prokurator. »Ich unterhalte mich lieber in seinem Zimmer mit ihm. Seine Gäste kommen und gehen. »Sie wissen ja. ist er sehr angesehen.»Halten Sie etwa wichtige Informationen zurück?«. Soweit ich weiß. »Außer ihm übernachtet heute niemand hier. begann der Wirt nervös. antwortete ich. wie das ist. Beim Abendessen hat er gesagt. Herr Prokurator«.« »Hat er irgendwelche Besucher empfangen?«. »Darf ich?«. in der sich ein Mörder herumtreibt? Da ist es ja«. Er feuchtete einen Finger an und ging die Seiten durch. Wir alle erleben schwere Zeiten in Königsberg.

um mir zu sagen. dass er nichts von Kants Namen auf der Liste erfuhr. »Ich brauche kein Kindermädchen«. wo mich Roland Lutbatz bereits an der Tür erwartete. »Mein Gott. wusste ich. bevor er die Treppe hinauftrippelte. Dann legte er ein Scheit nach. an dem sofort helle Flammen hochzüngelten. dass der zitronengelbe Turban und das smaragdgrüne Nachtgewand aus schimmerndem Damast nicht dazu dienen sollten. empfing er mich und trat beiseite. Herr Prokurator?«. Stadtschen. »Herr Prokurator?«. rief er aus. dass Herr Lutbatz mich erwarte. gab ich zurück. was der Wirt mit dem Ausdruck »exzentrisch« gemeint hatte. Sobald ich ihn sah. Schon sehr bald wurde mir klar. Wenig später kehrte er zurück. und rückte den Turban auf 379 . und erinnern Sie Mullen daran. Damen in einem Freudenhaus waren nicht halb so extravagant gekleidet wie Herr Lutbatz. »Gehen Sie zum Schloss zurück. dass er einen Geistlichen für die Beisetzung auftreibt. Ich stieg die Treppe in den zweiten Stock hinauf. als der Wirt klopfte!«. um mich in sein parfümiertes Boudoir einzulassen.Der Wirt strich sich mit dem Handrücken über die feuchte Stirn und stieß einen Seufzer der Erleichterung darüber aus. dass er selbst nicht weiter gebraucht wurde. Frauen anzulocken. bin ich erschrocken. »Soll ich Sie begleiten.« Er salutierte und verschwand. während er mir einen Stuhl an den Kamin rückte. fragte Stadtschen. doch eigentlich ging es mir eher darum. der mich mit einem eifrigen Lächeln begrüßte.

»Sehen Sie. Herr Prokurator«. und holte dunkelrote Samtmuster heraus. das ist mein Geschäft – feinste Stoffe und Garne. »Ich bereise den ganzen Kontinent. »Sind Sie sicher. Herr Lutbatz. Herr Prokurator?« »Ich möchte Ihnen einige Fragen stellen. Alle Geschäfte in 380 . »In Königsberg geht ein Mörder um. Herr Prokurator?« »Ich brauche lediglich ein paar Informationen von Ihnen als Händler«. um meine Waren zu erwerben. die sich krümmten wie Adlerkrallen.« Er öffnete eine der Kisten.« Der Mann setzte sich. sagte er. erwiderte er und stützte die Hände auf die Knie. die roten Lippen höchst effeminiert geschürzt. Herr Prokurator. als wollte er sich selbst beruhigen.seinem Kopf zurecht. Seine Nägel waren sorgfältig geschnitten und poliert. dass ich etwas damit zu tun habe. sprang er auf und hastete zur anderen Seite des Zimmers. antwortete ich mit einem beschwichtigenden Lächeln. »Nun. Dann verzog er bestürzt das Gesicht. und seine Augen begannen zu funkeln. dass ich der bin. vor den Kamin und fing an leicht mit der flachen Hand auf seine Brust zu trommeln. die den größten Teil des Bodens bedeckten. »Gern. den Sie suchen?« Ohne auf meine Antwort zu warten. Davon haben Sie sicher gehört?« Er nickte ernst. und hier in Preußen verkaufe ich sie wieder. bis auf die der beiden kleinen Finger. »Ich handle mit Stoffen«. »Sie glauben doch nicht etwa. was kann ich für Sie tun. vor allen Dingen Frankreich und die Niederlande.

« Lutbatz sah mich verwundert an. Herr Prokurator. Herr Prokurator. und Sergeant Koch hat gefragt. Ich habe ihr Materialien im Tausch für ihre besten Arbeiten überlassen. wie das Treffen verlief«. Sergeant Koch hat doch heute mit Ihnen gesprochen.« 381 . »Er ist doch Ihr Assistent. eine höchst angenehme Person. »Sie ist seit fünf Jahren tot.« Mit unglücklichem Gesicht sank er auf seinen Stuhl zurück. erklärte ich. er wollte sich über eine bestimmte Sorte Nadeln informieren. und dazu kommen noch ein paar Privatleute. »Ja. Ich habe ihm meine Muster gezeigt. »Ich bin nicht hier. erklärte Lutbatz ein wenig nervös. Die arme Frau …« »Setzen Sie sich wieder.Königsberg gehören zu meinen Kunden. Hat er Ihnen das nicht selbst gesagt?« »Ich möchte von Ihnen hören. herrschte ich ihn an. Nur die beste Klientel …« »Wie beispielsweise Frau Koch?«. fragte ich. Herr Lutbatz«. ob ich Nadeln dieser Art hier in Königsberg verkauft hätte. Herr Prokurator«. »Für Wandteppiche. um mir Ihre Ware anzusehen. wiederholte er erstaunt. Seine Frau war Näherin und viele Jahre eine gute Kundin von mir. »Nun.« »Ich möchte wissen. »Frau Koch war die Frau meines Assistenten. nicht wahr?« Lutbatz stieß einen Seufzer der Erleichterung aus. »Frau Koch?«. was Sergeant Koch Sie fragte und was Sie ihm antworteten.

antwortete Lutbatz. »Da sind sie ja!« Er holte ein kleines Holzkästchen heraus und streckte es mir entgegen. dann geht’s weiter nach Potsdam.»Und wie lautete Ihre Antwort?« »Auf dieser Reise habe ich noch keine solchen Nadeln verkauft. »Kommt Herr Kant hierher. »Ja. den ich bei Koch gefunden hatte.« Er erhob sich und durchquerte das Zimmer. oder suchen Sie ihn zu Hause auf?«. während Lutbatz ein zusammengerolltes Bündel aus dem Kästchen nahm und es mir überreichte. Morgen möchte ich noch einen oder zwei davon treffen. erkundigte ich mich. das ist meine Schrift. Herr Prokurator. Herr Prokurator«.« Er setzte einen silbernen Kneifer auf seine Nase. fragte ich. antwortete er. kniete nieder und öffnete einen großen braunen Koffer.« Ich holte den Zettel aus der Tasche. Herr Prokurator«. dass Ihre Geschäfte hier in der Stadt noch nicht abgeschlossen sind. Herr Lutbatz?« »So ist es. habe ich ihm meine Aufzeichnungen überlassen. Für die nämlich interessierte sich Sergeant Koch besonders. »Haben Sie schon mit Professor Kant gesprochen?« »Was für ein Zufall!«. die Sie ihm heute gaben?« »Ich glaube schon. »Ist das die Liste. Aber da sich Sergeant Koch auch für frühere Transaktionen interessierte. und das sind meine Kunden. nein. »Er kommt zu mir. »Erwirbt Herr Kant immer nur solche?«. Ich kann Ihnen die von Herrn Kant georderten Nadeln zeigen. »Nein. Er kauft auch andere 382 .« »Heißt das. rief er aus. und reichte ihn Lutbatz. »Sergeant Koch hat mir genau die gleiche Frage gestellt.

Die Sachen von Frau Koch erstand ich. und sie schienen liebevoll poliert.« Er hob erstaunt die Augenbrauen. wofür er sie braucht. »Was für eine hübsche Farbe! Cremeweiß mit gelbem Grundton. manchmal auch ein wenig flämisches Linnen oder französische Seide. Ich gehe davon aus.« Schweigend entrollte ich das Bündel. habe ich recht?«. seine Frau ist krank. Es schien mir allerdings nie angemessen. erklärte Herr Lutbatz stolz. 383 .« Sie waren ein wenig länger und heller als die von Anna Rostova. Und wenn sie etwas taugen. wie die Arbeit seiner Frau aussieht«. erkundigte ich mich. »Ich habe das beste Verhältnis zu meinen Kunden. »Walfischbein«. Herr Prokurator? Ich nehme an. dass sie für seine Frau sind. An einem Ende besaßen sie ein großes Öhr. »Und in seinem Haus waren Sie vermutlich auch noch nie. Aber diese langen Nadeln! Keine Ahnung. ihn danach zu fragen.« »Haben Sie ihn je gefragt?« »Nein.Dinge – Baumwolle. »Woher wissen Sie das. an dem anderen eine feine Spitze. sie zeigen mir oft die Dinge. erwerbe ich sie. erklärte der Händler. Jedoch würde es mich interessieren. Was hatte Koch wohl gedacht. die sie fertigen. als er Kants Namen auf der Liste entdeckte? In dem Tuch befanden sich sechs Nadeln. Wenn sie ihren Mann zum Einkaufen schickt. Ihre Arbeiten waren sehr beliebt …« »Aber Herr Kant hat Ihnen die Erzeugnisse seiner Frau bisher nicht angeboten. Wolle. erfreut sie sich bestimmt nicht besonders guter Gesundheit. um sie gegen neue Materialien einzutauschen.

Danke. Damit lassen sich wunderschöne Dinge gestalten.« »Professor Immanuel Kant ist ein berühmter Mann«. Herr Lutbatz. »Einer meiner Kunden. »Sie sind leicht und liegen gut in der Hand. Ich hoffe. »Er kauft zwar nicht regelmäßig. »Das hat Sergeant Koch auch erkannt. Sie sind mir eine große Hilfe gewesen. meine Pflicht getan zu haben. erwiderte ich.« »Ach. sagte Herr Lutbatz. Aber dürfte ich Sie noch etwas fragen? Warum interessieren Sie sich so sehr für Herrn Kant?« »Wissen Sie.« »Warum denn nicht?«.« »Bestimmt. Darf ich sie Herrn Kant geben. aber letztlich halten sie mehr aus. Man muss vorsichtig mit ihnen umgehen. Allerdings habe ich ihn nicht ganz ernst genommen. »Nun. erkundigte ich mich. dass er sie noch benötigen wird«. »Er hat bis vor Kurzem Philosophie an der Königsberger Universität gelehrt. er stehe in engem 384 . sagte ich. Seiner Frau hätten sie gefallen. als man ihnen zutraut. »Bessere findet er nirgends«. Jetzt können Sie sie wieder verstauen. aber in meinem Gewerbe macht Kleinvieh auch Mist. falls er sich vor meiner Abreise bei mir melden sollte?« »Ich glaube nicht. das muss ich zugeben. Herr Prokurator«. Herr Prokurator. wer er ist?«. er sagte.»Perfekt«.« »Keine Ursache. das meinen Sie! Das hat er mir gleich bei unserem ersten Treffen vor etwa einem Jahr stolz wie ein Pfau erzählt. informierte ich ihn. erklärte Herr Lutbatz mit einem Achselzucken. Lutbatz zögerte. antwortete er.

Herr Prokurator. bevor Sie gehen. sagte ich. auf dem ein großes rotes Samtherz sowie das Wort »Erinnerungen« in eleganten weißen Lettern aufgestickt waren. »Ich habe Sie um den Schlaf gebracht. rief der Händler aufgeregt in die Hände klatschend aus.« 385 . sagte er. und der Himmel färbte sich bereits rosa.« Ich sah zum Fenster hinaus.« Wieder huschte der Händler zur anderen Seite des Raumes. Natürlich ließ ich mir nichts anmerken. wollte ich wissen. fragte er. ob seiner Frau die Nadeln gefallen hätten. erklärte er voller Stolz. Sie nähe nur zum Spaß. »Ich bitte jeden Besucher. aber das meiste habe ich ihm nicht abgekauft.Kontakt zum König. Sie enttäuschen mich doch nicht? Sergeant Koch hat sich entfernt. musste ich zugeben. Im Norden bricht die Morgendämmerung früh herein. »Was für eine Frage. welche Art von Arbeit seine Frau verrichtet?«. dass ich Sie stören musste. seinen Namen und eine kurze Bemerkung hineinzuschreiben. Das ist ein großer Trost. »Würden Sie Ihre Unterschrift in mein Buch setzen.« »Und wie lautete seine Antwort?« »Er reagierte ausweichend. »Es tut mir leid. »Hier ist etwas zum Schreiben. fragte ich nach. »Mein Werk!«. wenn man allein unterwegs ist wie ich. Herr Prokurator!«.« »Hat Herr Kant Ihnen verraten. Herr Lutbatz«. Sie haben mir sehr geholfen. »Als er mich das zweite Mal aufsuchte. »Bemerkenswert«. Herr Prokurator?«. ohne mir den Gefallen zu tun …« Ich nahm das in Leder gebundene Buch entgegen. Danke für Ihre Auskünfte.

finden Sie die Widmung von Herrn Kant. genau wie Immanuel Kant es vor mir getan hatte.« Ich nahm die Feder in die Hand. Die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne liebkosten bereits golden den Horizont. 386 . während ich las: Zwei Dinge erfüllen mein Gemüt mit Bewunderung und Ehrfurcht – der bestirnte Himmel über mir und die finsteren Abgründe meiner Seele. und kurz darauf stand folgender Satz in dem Buch: Die Vernunft hat Licht ins Dunkel gebracht. »Wenn Sie ein paar Seiten zurückblättern. als ich das Blaue Einhorn verließ und in den Morgen hinaustrat. Herr Prokurator!«. »Vielleicht können Sie es besser. »Nur Mut.Lutbatz brachte mir Feder und Tintenfass. und meine Hände begannen zu zittern.« Ich fand die Stelle. rief Roland Lutbatz aus. Ich unterzeichnete.

aus der Verbannung zurückzukehren? Vielleicht befriedigte er ja das Bedürfnis des Philoso- H 387 . die um ein und denselben mächtigen Planeten kreisten. Sein alter Diener wohnte damals dem Begräbnis seiner Schwester bei – in seiner dreißigjährigen Dienstzeit bei dem Philosophen der einzige Tag seiner Abwesenheit.XXX atte ich Immanuel Kant. Ich war ihm weder in den letzten Tagen noch sieben Jahre zuvor begegnet. Martin Lampe und ich waren wie zwei Himmelskörper. Und obwohl Jachmann den sechzigjährigen Martin Lampe mittlerweile entlassen hatte. gebrechlichen Mann. sah Frau Mendelssohn ihn immer wieder bei Kant ein. diesen alten. dass in den vergangenen Tagen mehrfach ein vertrauter Schemen meine Wege gekreuzt hatte. denn die kindliche Handschrift darin war ein lächerlicher Abklatsch von der des großen Philosophen. einander aber nie begegneten. Warum wohl hatte Kant Lampe erlaubt. Plötzlich wurde mir klar.und ausgehen. als Professor Kant mich so unerwartet zu sich nach Hause eingeladen hatte. dann rettete mich der Blick in Roland Lutbatz’ Buch vor einem schwerwiegenden Fehler. wirklich auch nur einen Moment lang für den Mörder gehalten? Wenn ja.

Doch wo sollte ich mit meiner Suche beginnen? Wo lebte er. »Lieber Gott. war für Lampe die Quelle einer unheilvollen Macht. Aber wieso hatte Lampe die anderen ermordet? Um das herauszufinden. »Sagen Sie ihm. Es war halb sechs morgens. Doch das.« 388 . beklagte er sich. wo konnte er sich verbergen? Ich warf einen Blick auf meine Taschenuhr. drückte ich das quietschende Gartentor auf und klopfte laut an die Tür. erwiderte ich. was Kant als harmloses Geplauder erschienen sein musste. »Hilf mir. Martin Lampe aufzuhalten! Erlöse die Seele von Amadeus Koch. Wie ein Kuckuck im fremden Nest vertrieb er alle Freunde Kants und beobachtete jeden meiner Schritte. Und stehe mir bei!« Als ich mein Ziel erreicht hatte. und brachte aus Versehen Sergeant Koch um. Prokurator Stiffeniis müsse ihn in einer sehr wichtigen Angelegenheit sprechen. »Zu früh für einen Besuch. vergib den Totzens und Anna Rostova für ihre Sünden und Verbrechen und verzeih Lublinsky seine Schwäche«. »Es ist noch nicht mal sechs!«. betete ich. Weil er fürchtete. musste ich mit ihm selbst reden. weil der den Umhang Kants trug. Erst nach einer ganzen Weile kam der Diener heraus. Raschen Schrittes ging ich die Königstraße hinunter. sein Herr könnte mir größere Zuneigung entgegenbringen als ihm selbst. die Perücke schief auf dem Kopf. Sie alle waren meiner Unfähigkeit zum Opfer gefallen. mich aus dem Weg zu räumen.« »Für mich wird er eine Ausnahme machen«.phen nach Struktur und Ordnung. versuchte er. Außerdem hat mein Herr eine Erkältung und empfängt heute niemanden.

sagte ich. Herr Jachmann?« Nervös nestelte er an der Wollmütze auf seinem Kopf herum und an der Decke. und deutete die Treppe hinauf. kreischte er so laut. »Sie behauptet. sie habe Martin Lampe mehr als einmal in Professor Kants Haus gehen sehen. Sie wollen den Mörder finden. wenn ich Professor Kant beschützen soll«.« »Ich brauche Ihre Hilfe. eine graue Schlafmütze tief in die Stirn gezogen. Herr Jachmann lag zwischen einem Berg Kissen im Bett. sagte ich. die um seine Schultern ge- 389 . »Kennen Sie Frau Mendelssohn?« Er nickte stumm. Ohne ein Wort der Entschuldigung für seinen unhöflichen Tonfall trat er beiseite. »Erzählen Sie mir alles. »Halten Sie diesen Mann von Kant fern!«. dass er einen Hustenanfall bekam. was Sie über ihn wissen. »Haben Sie mir alles gesagt. was ich über ihn wissen muss. »Sie schon wieder?«. nicht Klatsch über die Bediensteten hören.« Mit einem lauten Seufzen schloss er die rot unterlaufenen Augen. um mich einzulassen. Jachmann spitzte die Ohren.« Da schlug Jachmann die Augen auf und bedachte mich mit einem wütenden Blick. Im Zimmer hing schwerer Kampfergeruch.« Ich setzte mich auf einen Stuhl neben dem Bett.Der Diener verschwand und kehrte ein paar Minuten später zurück. »Noch ein Albtraum diese Nacht. begrüßte er mich. ohne auf eine Einladung zu warten. »Ich dachte. »Ich komme wegen Martin Lampe«.

« »Was für eine Gefahr meinen Sie genau. fort: »Fichte gehörte zu den vielversprechendsten Schülern Kants. das traf sich gut. »Lampe war nicht nur ein einfacher Diener«. »Martin Lampe hatte sich … unentbehrlich gemacht.« Jachmann wischte sich die Nase ab. ich übertreibe?«. fragte Jachmann mit einem matten Lächeln. erklärte er schließlich. doch das stimmte nicht. und der war ihm dankbar dafür. fragte ich.« »Kennen Sie Gottlieb Fichte?«. ohne auf eine Antwort zu warten. unter dem Pseudonym ›Fichte‹. fragte er unvermittelt und fuhr sogleich.« Ich sah ihn ungläubig an. »Martin Lampe wurde damals aus der Armee entlassen. Herr Jachmann? Ich begreife nicht ganz. in sein Taschentuch schniefend. Aber nach der Publikation der Doktorarbeit veränderte sich ihr Verhältnis.schlungen war. Ohne ihn wäre Professor Kant verloren gewesen wie ein Kind ohne Mutter. Die Philosophie bewegte sich in eine andere Rich- 390 . viel mehr. »Weil er für seinen Herrn zur Gefahr wurde«. »sondern viel. Fichte besuchte den Professor regelmäßig. und der empfing ihn immer herzlich. es wurde kühl und feindselig. Kants intellektuelle Leistungen hängen in hohem Maße von Martin Lampes Hilfe ab. »Glauben Sie. antwortete Jachmann. denn der Professor braucht Disziplin. und Kant brauchte einen Diener. Nach einer Weile organisierte er den ganzen Alltag für Kant. Lampe sollte ihm zur Hand gehen. Als seine Doktorarbeit erschien. meinten manche. »Und warum haben Sie ihn nach so vielen Jahren treuen Dienstes entlassen?«. Kant habe sie geschrieben. Kant ist im Haushalt hilflos.

der aussah wie Kant und gekleidet war wie dieser. genau wie Kant.« »Hat Kant ihn empfangen?« »Aber natürlich. Sie kennen ihn doch. erzählte er. der in der Lage war.« Hatte das Fieber Jachmanns Hirn vernebelt? »Nicht der liebenswürdige Kant. Es war Immanuel Kant. erklärte er.« Jachmann presste ein mit Kampfer getränktes Tuch gegen den Mund und atmete tief ein. Da er niemanden sah. stellte er seinen Verfolger schließlich zur Rede.« »Martin Lampe war nur der Diener. fragte ich.tung. nebligen Straße das Gefühl nicht los. »Nachdem Fichte Kants Haus verlassen hatte. Jachmann nickte. Und wenig später stand er vor der Tür des Professors und forderte dreist ein Gespräch mit seinem Mentor. den Fichte soeben erst verlassen hatte«. Er wollte unbedingt mit dem Mann sprechen. die neuen Schlagwörter lauteten Gefühl und Pathos. wurde er auf der dunklen. Doch Martin Lampe sah die Sache anders. was an jenem Tag geschah«. Er stürzte sich mit einem Küchenmesser auf Fichte und hät- 391 . Irgendwann verfasste Fichte dann ohne erkennbares Motiv eine beißende Attacke gegen Kant und beschuldigte ihn der geistigen Trägheit.« »Kannte er ihn?«. »Fichte schrieb mir. der ihm hätte helfen können. »Ja. Vernunft und Logik waren aus der Mode. Wie konnte er Einfluss nehmen?« Jachmann schenkte meinem Einwand keine Beachtung. »Sondern ein Dämon. verfolgt zu werden. neue Konzepte zu formulieren. gestand er in dem Brief. »Er habe Angst um sein Leben gehabt.

« »Warum erzählen Sie mir das erst jetzt?«. Es handelte sich nicht um Kant selbst. »Ich überzeugte Kant davon. wollte ich wissen.« »Aber er wohnte doch im Haus von Kant. vor Einflüssen wie dem Ihren oder Martin Lampes. Jachmann sah mich ein paar Sekunden lang schweigend an.« 392 . »Halten Sie mich für verrückt. fragte ich zurück. und keiner wusste davon.« »Du gütiger Himmel!«. rief ich aus. »Haben Sie Kant je von dem Zwischenfall erzählt?«.te ihm die Kehle durchgeschnitten. schloss ich. sondern um dessen alten Diener. »Was hätte Ihnen dieses Wissen genutzt?«. Und dann schrieb ich Ihnen und wies Sie an. In diesem Moment erkannte Fichte den Mann. erkundigte er sich kühl. Ich wollte. ihm fernzubleiben. »Fichte beschrieb ihn als die dunkle Seite seines Herrn. Man muss den Professor vor der Welt schützen. Aus dem Diener war der Herr geworden. Stiffeniis? In jenem Haus war es zu einem dramatischen Persönlichkeitswandel gekommen. Jachmann zuckte zusammen. dass er einen jüngeren Mann benötige. Das Alter ist nicht spurlos an ihm vorübergegangen …« Jachmann machte eine Pause. »Kurz nach der Entlassung Lampes entdeckte ich noch etwas: Er war verheiratet! Seit sechsundzwanzig Jahren. dass Kant seine letzten Jahre friedlich verlebt. wenn dieser nicht so schnell gewesen wäre.« »Also entließen Sie ihn lieber«. der eine halbe Stunde zuvor den Tee serviert hatte.

Aber da war auch diese Besessenheit. Sie lebt … die beiden leben außerhalb von Königsberg.« »Finden Sie ihn. all die Jahre. sagte Jachmann. »Ich habe so gut wie keinen Kontakt mehr zu Kant. Aber jetzt« – er beugte sich vor und streckte mir seine feuchtkalte Hand entgegen – 393 . fragte ich. dass Kant ohne seinen Beistand nie wieder ein Wort schreiben würde. Kant kann sein Werk ohne meine Hilfe nicht fortführen. warnte er mich. hat er einmal gesagt.« »Haben Sie eine Ahnung. wie er Kants Haus verließ. Trotzdem tue ich alles in meiner Macht Stehende. um Lampe von ihm fernzuhalten. »Was weiß ein gemeiner Soldat schon von solchen Dingen? Des Lesens und Schreibens ist er wohl mächtig. Sie hat ihn beobachtet. fragte ich. bevor er noch mehr Unheil anrichtet. erst gestern. ich weiß nicht genau. wo. Tag und Nacht. Leider hat sich diese Prophezeiung tatsächlich bewahrheitet. wie er in der Küche die Traktate seines Herrn durchblätterte. »Eigentlich war Lampe die Heirat strikt untersagt. Stiffeniis«. »Ist Frau Mendelssohn ganz sicher.« Jachmann schüttelte den Kopf. Jachmann zuckte mit den Achseln. Wie viel er davon wohl verstand? Als er das Haus endgültig verließ. dass sie ihn gesehen hat?« »Ja.»Ja. »Spüren Sie ihn auf. wo er sich aufhält?« »Da kann Ihnen sicher seine Frau weiterhelfen. Außerdem habe ich ihn mehrmals dabei ertappt.« Er sah mich mit fiebrigem Blick an.« »Haben Sie danach noch etwas von ihm gehört?«.« »Versteht Lampe etwas von Philosophie?«.

was Sie für Professor Kant getan haben«. Herr Prokurator«. Herr Prokurator. ähnlich wie sie die Woche zuvor das Grab meines Bruders besucht hatte? »Sie sagt. Ich öffnete. sie heißt Lampe. die. mich zum Schloss zu bringen. »Ich werde alles mir Mögliche unternehmen. war ich hellwach. Draußen rief ich eine zweirädrige Kutsche herbei und wies den schläfrigen Fahrer an. In diesem Moment fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Einen konnte ich nach Martin Lampe fragen – Professor Kant selbst. Ich fühlte mich wie eine Fliege in einem Glas.« »Worum geht es?« »Eine Frau wartet unten auf Sie. Wo hielt sich Lampe auf? Wo war seine Frau? Die Gendarmen konnte ich nicht auf die beiden ansetzen. fügte der Soldat hinzu. nach Königsberg zu kommen. Er musste ja wissen. um Martin Lampe …« Doch Jachmann. denn niemals durfte jemand von der Verbindung zwischen Lampe.»müssen Sie mich entschuldigen. hörte mir schon nicht mehr zu. 394 . Da klopfte es zweimal an der Tür. das Licht vor Augen. der damit beschäftigt war. den Morden und Professor Kant erfahren. immer wieder gegen eine Wand knallt. Obwohl ich die ganze Nacht nicht geschlafen hatte.« War Helena am Ende auf die Idee verfallen. Vor mir stand ein verschlafener Soldat. die Kampferdämpfe einzuatmen. wo ich sofort in meine Stube hastete. wo der Mann zu finden war. Ich danke Ihnen für alles. erklärte er abschließend spöttisch. »Eine dringende Nachricht.

»Ach.XXXI rau Lampe. »Sie müssen Frau Lampe sein«. höchstens fünfundvierzig.« Nachdem ich ihr einen Stuhl angeboten hatte. gab ich zurück. »Kommen Sie herein. Im flackernden Licht traten die Konturen ihres blassen Gesichts scharf hervor. sagte ich. »Es geht um meinen Mann. war überraschend jung. fragte sie erstaunt. »Ich kenne Ihren Mann«. »Prokurator Stiffeniis?«. begann sie. Herr Prokurator. fragte sie mit einem musternden Blick aus ihren großen dunklen Augen. »Dann kennen Sie also den Professor?« F 395 . »Danke.« Frau Lampe senkte den Blick. Obwohl sie müde wirkte.« Ich führte sie in den kleinen Raum der Nachtwache. Ich hätte schon längst zu Ihnen kommen sollen«. Ein dünnes graues Kammgarntuch schützte Kopf und Schultern nur unzureichend gegen die Kälte. hatte sie etwas zeitlos Schönes. tatsächlich?«. aber ich habe seinen Namen oft im Zusammenhang mit Professor Kant gehört. Sie nickte kaum merklich. die mich im Flur vor dem Raum der Wachen erwartete. setzte ich mich hinter den Schreibtisch. draußen ist es kalt. »Nicht persönlich.

»Ja. erwiderte ich barsch. wie ein Krüppel seinen verwachsenen Arm. Warum soll ich mit Ihnen sprechen? Ist ihm etwas passiert?«. weswegen Sie hier sind«. »Also.« »Sie sind vermutlich nicht zu mir gekommen. »Deswegen bin ich hier. drängte ich sie. wir kennen seine dunkle Seite. was führt Sie her?« »Professor Kant ist die Ursache aller Probleme meines Mannes. »Ich muss nämlich dringend mit Ihrem Mann sprechen. »Genau das ist es ja. fragte sie und wischte sich die Tränen mit ihrem Tuch weg.« »Erklären Sie mir lieber. Er ist vorgestern Nacht verschwunden. schluchzte sie. Aber Sie leiten die Ermittlungen in den Mordfällen. ich habe das Vergnügen. hat man mich zu Ihnen geschickt. Herr Prokurator«. »Ich habe keine Ahnung. wo ich ihn finden kann?« Sie bedachte mich mit einem traurigen Blick aus ihren dunklen Augen. oder 396 . Wissen Sie.« »Das Vergnügen?«. wo Martin steckt. fragte sie. sagte ich. Herr Prokurator«. Als ich eine Vermisstenanzeige aufgeben wollte. »Für Sie ist Professor Kant vielleicht ein Freund. antwortete sie. Herr Prokurator. sondern mit bitterer Erfahrung. Meine Einstellung hat nichts mit mangelndem Respekt zu tun. »Sie halten mich für unhöflich?«. um sich über Professor Kant zu beklagen«. sollten Sie das umgehend tun«. wiederholte sie. War ihrem Mann tatsächlich etwas zugestoßen.« »Wenn Sie mir in meiner Funktion als Magistrat etwas sagen wollen. »Auch ich kenne ihn. aber mein Mann und ich.

und in den Geschäften tummelten sich die Menschen. Ich weckte den Fahrer. doch hier rührte sich nichts. die Angelegenheit mir überlassen zu können. Abgesehen von den Patrouillen an allen Kreuzungen hielt sich keine Menschenseele draußen auf. erklärte ich. woraufhin sie dem Kutscher eine Adresse in Belefest gab. dachte ich mit einem Blick aus dem Kutschenfenster. Bonapartes 397 . Königsberg befand sich im Belagerungszustand. und es fehlt auch nichts.« Sie lächelte matt und begleitete mich schweigend hinaus zum Tor. »Werden Sie ihn leichter finden. »Sagen Sie ihm. »Ich tue alles.« Sie nickte. war jede andere Stadt in Preußen hellwach. indem sie sein Verschwinden auf fast vierundzwanzig Stunden vor dem Mord an meinem Assistenten datierte? Ich erhob mich. Herr Prokurator.versuchte Frau Lampe. fragte sie unsicher. ihm ein Alibi zu verschaffen. Da schlug die Kirchturmuhr acht. Frau Lampe«. Um diese Zeit. als wir losfuhren. wenn Sie das Haus durchsuchen?«. wo er hinfahren soll. Martin zu finden. wo eine Polizeikutsche wartete. »Möglicherweise haben Sie einen Hinweis übersehen. Frau Lampe«.« Zu meiner Überraschung stand sie ebenfalls sofort auf und ging zur Tür. bat ich sie. und die Schuld daran trug Martin Lampe. Er hat keine Nachricht hinterlassen. was dazu beitragen könnte. Frau Lampe. und wir stiegen ein. »Ich habe selbst schon alles umgekrempelt. »Ich muss Ihr Haus durchsuchen.« »Das ist normales polizeiliches Prozedere. offenbar erleichtert.

Diesen Feind musste ich aufspüren. Als sie die Tür aufschloss. »Darf ich mich umsehen?«. eine fadenscheinige Pferdedecke und einige Ersatzlaken. dass sie und ihr Mann nur zwei Räume bewohnten. damit das Leben wieder beginnen konnte. weil Professor Kant nicht ohne ihn zurechtkommt«. »Früher hatten wir mehr«. schlug uns starker Kohlgeruch entgegen. kahlen Bäumen gesäumt. Wir stiegen aus. Mein Mann und ich sind selten zusammen. um die Strohmatratze zu untersuchen. Herr Prokurator. Sie erklärte mir. Der unbefestigte Weg wurde von hohen. Sie holte eine Lampe. Das winzige Haus mit dem kleinen Garten war das letzte in der Reihe der ärmlichen Behausungen. »Sie werden im Haus kaum Dinge von Martin finden. Erinnerungsstücke an Martin Lampes Militärzeit. bevor ich Schränke und Schubladen öffnete. murmelte die Frau. sagte Frau Lampe verbittert. wenn alles grünte und blühte. fragte ich. Es fand sich nichts Aufregenderes als ein paar angeschlagene Krüge und alte Teller. »aber jetzt ist alles im Pfandhaus. Das gesamte obere Stockwerk sei vermietet. die schon bald den düsteren Raum erhellte. Mein erster Mann Albrecht 398 . abgetragene Kleidung für die Gartenarbeit.Armee stellte eine geringere Bedrohung dar als der Feind innerhalb der Stadtmauern. Im Frühjahr und Sommer. unter jedes Kissen und jede Decke schaute und das Bett hochhob. hätte alles vermutlich einen weniger tristen Eindruck auf mich gemacht. Nach ein oder zwei Meilen verlangsamte die Kutsche ihr Tempo und hielt schließlich vor einer Reihe ärmlicher Häuschen mit eingesunkenen grauen Reetdächern.

erklärte sie nüchtern. erzählte sie. dass er damit etwas verdienen würde«. Und wir haben auch keine Wertsachen. ohne zu zögern.« Inzwischen war ich am Ende meiner erfolglosen Suche angelangt und wischte mir den Staub von den Händen.« »Und wohin?« »Sie behaupten. geehelicht.« Sie habe Martin Lampe neun Jahre nach dessen ehrenhafter Entlassung aus der preußischen Armee. Warum fragen Sie nicht ihn? Wenn ich könnte. dass Kant etwas weiß?« »Martin besucht ihn oft«. und ich brauchte einen Ehemann«.Kolber war Messdiener. »Wie gesagt. und uns ging es gut. »Er hilft ihm beim Verfassen eines Buches. müssen Sie sich anderswo hinwenden. was mir gehört. doch leider starb er an Cholera. fuhr 399 . »Nicht. »Martin wollte mich heiraten. am Körper. Danach habe Martin Lampe bei Immanuel Kant angefangen. ein Freund von Professor Kant zu sein. für die er unter Friedrich dem Großen in Polen und Westrussland gedient hatte. Herr Prokurator: Hier finden Sie so gut wie keine Hinweise auf ihn. »Wir mussten die Hochzeit geheim halten. »Ich trage alles. Wenn Sie mehr über Martin erfahren möchten.« »Er tut was?«.« »Gibt es irgendwo ein Versteck für Geld oder Dokumente?« Sie schüttelte den Kopf. würde ich es selbst tun …« »Wieso glauben Sie. Sie suchen am falschen Platz. sagte sie. weil Professor Kant nur Ledige beschäftigte. platzte es aus mir heraus.

von denen nicht einmal Kants beste Freunde wissen«. »Sie haben keine Vorstellung davon. sagte sie mit leiser Stimme. Ihr Gesicht verdüsterte sich. erzählen Sie«. soviel ich weiß – kennt Professor Kant. In dieser Stadt nennt man ihn die lebende Uhr. »Jeder in Königsberg – und auch anderswo. Bei ihm pas- 400 . ist er allerdings meist so müde. Herr Prokurator. kein Fleck auf seiner weißen Weste. Martin besucht den Herrn Professor stets nach Anbruch der Dunkelheit. »Bitte. ermutigte ich sie. hat man Ihrem Mann verboten. sein gepflegtes Äußeres. den Preußen je hervorgebracht hat«. dass er keinen Kontakt mehr zu ihm aufnimmt. wie Martins Leben in Kants Haus ablief.« »Als er aus Kants Diensten entlassen wurde. dass er nicht einmal mehr im Garten arbeiten kann. denn im Wald ist es gefährlich in der Nacht. nicht wahr? Dreißig Jahre lang hat er alles für den berühmtesten Sohn Preußens getan. erklärte ich. sein präzises Denken. was er genau macht. Herr Prokurator.« »Ihr Mann kann sich glücklich schätzen. »Ich habe keine Ahnung. Würden Sie die Wahrheit kennen. seine strenge Moral. »Professor Kants Freunde sorgen dafür. dem scharfsinnigsten Denker gedient zu haben.« Sie runzelte die Stirn.sie fort. seine starren Gewohnheiten. Sie wären nicht neidisch auf ihn. »Auch die engsten Freunde müssen irgendwann schlafen.« Frau Lampe lachte schrill. kein sprachlicher Fauxpas. das Haus jemals wieder zu betreten«. Mir gefällt das nicht. widersprach ich. »Ich könnte Ihnen Dinge verraten. Wenn er nach Hause kommt. Kein Haar am falschen Platz.

wiederholte ich. das nur er konnte. rief sie. wenn er abends den Professor ins Bett brachte und die Kerze ausblies. während sie mich nervös ansah. Kants Hand ist nicht mehr so ruhig wie früher. 401 . der den Text für ihn niederschreibt. von dem Moment an.« »Und was meinte er Ihrer Meinung nach damit?« »Nun. dass er seinem Herrn dabei hilft. fragte ich ungläubig. wenn er ihn morgens weckte.« »Das mag vielleicht sein«. »›Ich bin das Wasser in Kants Brunnen‹ hat Martin mir einmal gesagt. unterbrach ich sie. wurde mir klar. Mein Mann war besessen von dem Gedanken. Er begleitete seinen Herrn jede Sekunde des Tages. Professor Kant den Alltag zu erleichtern. er sieht auch nicht mehr so gut. dass etwas nicht stimmte. sagte sie mit einem Achselzucken.« »Kant hat Ihrem Mann diktiert?«. was das für seine Bediensteten bedeutet? Martin hatte keine Freiheit. etwas. Er diente ihm wie ein Sklave. bis zu dem. und er braucht einen Sekretär. Als Herr Jachmann ihn entließ. »Jede Nacht. »Herr Jachmann war zu dem Schluss gekommen. das Buch von Professor Kant!«. Frau Lampe schloss die Augen und nickte. Er machte Martin Vorwürfe …« »Es ging nicht um Vorwürfe«. »Martin hat mir erzählt. Aber haben Sie einmal darüber nachgedacht. »Aber Martin erfüllte in Kants Haus eine besondere Aufgabe. kein eigenes Leben. Oft kam er erst im Morgengrauen nach Hause.siert nichts zufällig.« »Eine besondere Aufgabe?«. dass Professor Kant einen jüngeren Mann brauchte.

« »Hat sich Ihr Mann je mit Philosophie beschäftigt?«. Er war besessen. die Kant angriffen.« »Wann fing das alles an?« »Vor über einem Jahr. fragte ich. »so unangenehm sie auch gewesen sein mag. fuhr sie fort. erwiderte ich. Dann saß er hier am Fenster und starrte hinaus. ich würde das nicht verstehen.« »Hat er Ihnen verraten. erkundigte ich mich. »Manchmal jagte er mir Angst ein. »Nein. und wenn er dann endlich zurückkehrte. zischte sie. Herr Prokurator. Niemand außer Martin Lampe … »Dieses Buch hat Martin in einen anderen Menschen verwandelt«. Aber er hat viel vom Professor gelernt. dass er ihm half.« 402 . Herr Prokurator. wie seine Arbeit für Professor Kant im Detail aussah?«.Martin ist nicht mehr der Jüngste. das niemand kannte. seine Philosophie neu zu formulieren. Seiner Meinung nach würden sie sich eines Besseren besinnen müssen. In manchen Nächten kam er überhaupt nicht nach Hause. und das lag nur an Kant. ohne ein Wort zu sagen. sobald das Buch herauskäme. war er ein anderer Mensch.« Da war es wieder. Kant machte aus Martin fast einen Mörder. sozusagen Immanuel Kants Vermächtnis. er und sein Herr erforschten gerade eine neue Dimension.« »Unangenehm?«. »Er meinte. wie er es ausdrückte. jenes mysteriöse Werk. Martin redete die ganze Zeit von diesen jungen Philosophen. aber er war stolz auf die gemeinsame Arbeit mit Professor Kant und darauf. »Schlimmer noch.« »Ihr Mann tat seine Pflicht«.

war ich froh. den Verstand zu verlieren. dem jungen Philosophen nachzulaufen und ihn mit einem Messer umzubringen.« »Was geschah dann?« »Kant wies meinen Mann an. Aber der junge Philosoph entkam. »Wo kaufen Sie Ihre Materialien?« Sie sah mich verständnislos an. 403 . es war ja seine Pflicht. »In einem Laden? Oder von einem fahrenden Händler?«. Professor Kant rief ihn in der Nacht zu sich …« »Frau Lampe«. Offen gestanden. als Herr Jachmann meinen Martin entließ. dabei.« »Gehorchte Ihr Mann?« »Natürlich. Jedenfalls begleitete Professor Kant ihn am Ende ihres Gesprächs zur Tür. nachdem mein Blick auf ein besticktes Zierdeckchen über einem Stuhlrücken gefallen war. Ich dachte.»Wie bitte?«. wenn Fichte nicht geflohen wäre?« Sie faltete die Hände wie zum Gebet. dann käme er wieder zu sich selbst. fragte ich. aber nichts änderte sich. mit dem er sich beim Tee über Philosophie unterhielt …« »Hieß der Mann Gottlieb Fichte?« »Das weiß ich nicht. wechselte ich das Thema. »nähen Sie gern?« Sie nickte verwundert. »Eines Tages bekam Kant Besuch von einem jungen Mann. »Kant ist senil. fragte ich. Herr Prokurator.« »Glauben Sie. dass Ihr Mann Kants Anweisung tatsächlich ausgeführt hätte.

wiederholte sie. »Nützt Ihnen diese Information etwas. Frau Lampe?« »Ich zeige es Ihnen. Was hat Herr Lutbatz denn mit dem Verschwinden meines Mannes zu tun?« »Herr Lutbatz sagt. da bin ich mir sicher. antwortete ich. Dort habe ich ihn ein oder zwei Mal gesehen. dass er sich kürzlich mit Ihrem Mann unterhalten hat«.»In zwei Geschäften«. Herr Prokurator. »Haben Sie Ihren Mann gebeten.« »Zum Auffädeln von Gobelin wolle?«. diese Nadeln für Sie zu erwerben?« »Nein. »Martin wollte Nadeln zum Auffädeln von Gobelinwolle kaufen.« »Was bitte.« Sie sah mich fragend an.« Durch den tiefen Schnee stapfte sie mir voran in den kleinen Garten hinter dem Haus. aber ich dachte. Er beliefert den Laden von Herrn Reutlingen. sagte sie an der Schwelle. Das tut er manchmal. Frau Lampe«. dankte ich ihr und erhob mich. es sei nicht nötig. Vielleicht wollte er mich mit einem Geschenk überraschen.« »Da wäre noch etwas.« »Haben Sie in letzter Zeit etwas bei ihm erworben?« »Ich kenne ihn nicht persönlich. »Eigentlich hätte ich es schon früher erwähnen sollen. »Kennen Sie einen gewissen Roland Lutbatz?« »Ja. Die Polizei wird Ihren Gatten bald finden. »Bitte setzen Sie sich mit mir in Verbindung. wenn Ihnen noch etwas Wichtiges einfällt. Herr Prokurator?« »Sie waren mir eine große Hilfe. Herr Prokurator«. antwortete sie schließlich. wo sie und ihr Mann einen Apfelbaum gepflanzt und ein 404 .

dass er ausrutscht und sich verletzt. »In der Nacht. rief ich Frau Lampe zu. aus Professor Kants Garten und von dem Schnee neben Amadeus Kochs Leiche in der Sturtenstraße. in der Martin verschwand. dunkler Wald. Ich habe diese Spuren am Morgen danach entdeckt. als ich getrocknete Kräuter aus dem Schuppen dort drüben holen wollte. den ich lange und entsetzt anstarrte. »Sind Sie sicher. fragte sie und deutete auf Fußabdrücke im überfrorenen Schnee. fragte ich. Jenseits davon erstreckte sich ein dichter. Ich kniete nieder. Ich wollte nicht. Ich folgte den Spuren bis zu einem wilden Pflaumenbaum. in dem glänzende Eiszapfen von dicken Nebelschwaden eingehüllt waren. »Das ist ein Abkürzung zu Professor … in die Stadt«. 405 .« »Warum hat er Ihrer Ansicht nach diesen Weg gewählt?«. korrigierte sie sich.paar Gemüsebeete angelegt hatten. Dort fand ich einen deutlichen Fußabdruck. schneite es. Seitdem ist kein Neuschnee gefallen. der für dieses Wetter und Terrain ungeeignete Schuhe trug. »Ich habe Martins Sohlen selbst eingeschnitten. »Sehen Sie die Spuren?«. Sie waren verwischt und stammten offensichtlich von jemandem. dass diese Spuren von Ihrem Mann stammen?«. weil das Leder abgetragen und glatt war. um sie genauer zu betrachten.« Das kreuzförmige Muster kannte ich bereits – von Lublinskys erster Tatortzeichnung.

bis sie von selbst im Sande verliefen. Der Alkohol begann schnell zu wirken. etwas. Aber Lampe war verschwunden. Dann würde sich eine Suchmannschaft auf den Weg machen. Professor Kant durfte nie erfahren. dass er wieder zuschlug.XXXII ach der Rückkehr aus Belefest betrat ich nachdenklich mein Zimmer. die Identität des Mörders zu verschleiern. Ich schenkte mir ein Glas Wein ein und leerte es mit einem einzigen Zug. wer der Täter war. Die Leute sollten Martin Lampe lediglich als Diener Kants in Erinnerung behalten. und seine Frau glaubte. um ihn zu mir zu bringen. was passieren würde. er sei tot. ohne Aufsehen zu erregen. Aber ich hatte noch etwas anderes vor. und diesen musste ich aufspüren und daran hindern. und mir wurde klar. wozu im Grunde kein Magistrat das Recht hat: Ich beschloss. Ich würde die Ermittlungen unauffällig in eine andere Richtung lenken. und ich könnte ihn befragen. Martin Lampe. sobald N 406 . Nun hatte der Mörder einen Namen. dass sich der Mann nirgendwo finden lasse und möglicherweise ermordet worden sei. Konnte ich das zu meinem Vorteil nutzen? Eigentlich brauchte ich nur Stadtschen zu informieren.

das Gesetz zu manipulieren. Eine öffentliche Verhandlung konnte ich nicht riskieren. Sobald Lampe im Gerichtssaal vor mir stünde. zu dem berauschenden Geruch von Blut. »die sind von Wachtmeister Stadtschen. um das Bild aus meinem Gehirn zu verbannen. Verbrecher zu verurteilen. sondern auch aufzuklären. Wenn ich jedoch Anweisung gab. mir die Schuld dafür zu geben. vor denen alle Beamten der preußischen Verwaltung Angst haben – 407 . Ein Magistrat hat nicht nur die Aufgabe. ein weißer Umschlag mit imposantem roten Siegel. Ich würde Martin Lampe umbringen. würde vermutlich keiner es wagen. den Mann zu seiner eigenen Sicherheit festzusetzen. Es klopfte an der Tür.ich Lampe in meiner Gewalt hätte. würde niemand an meinen guten Absichten zweifeln können. Meine Gedanken eilten zurück zu einem kalten grauen Morgen zehn Jahre zuvor. Herr Prokurator«. Das größere. sagte er und legte zwei Briefe auf meinen Tisch. ließ mich schlucken. Lange saß ich still da. müsste ich seine Schuld beweisen. Ich ballte die Hände zu Fäusten und drückte sie gegen die Augen. nachdem das Fallbeil mühelos den Hals des französischen Königs durchtrennt hatte. und ein Soldat trat ein. Es gehörte zu jenen Briefen. »Verzeihen Sie die Störung. denn es ist nicht leicht. Eine schreckliche Energie ergriff von mir Besitz.« Ich warf einen Blick auf die Schreiben. Im Gerichtssaal würde möglicherweise zu viel über Professor Kants Einfluss auf seinen Diener herauskommen. Und wenn ihm in meiner Obhut etwas passierte. was sie zu ihrer Tat getrieben hat. um mich zu sammeln.

Was sollte ich tun? Konnte ich den königlichen Befehl ignorieren. Seine Majestät König Friedrich Wilhelm forderte bis zum folgenden Morgen einen Bericht über den derzeitigen Stand meiner Ermittlungen.« Ein verärgertes Stöhnen entrang sich meiner Kehle.um die Mitteilung irgendeines namenlosen Sekretärs. Doch als ich Stadtschens Nachricht las. zwei Mal gefaltet und mit einem Band verschlossen. dass es sich bei dem Opfer um einen Mann gehandelt haben könnte. Er wurde durch den Wald gehetzt. 408 . und schließlich in Stücke gerissen. Es handelte sich um einen einzelnen grauen Papierbogen. der einen auffordert. Es fanden sich Pfotenabdrücke von mindestens einem Dutzend Tieren … Wieder hatte man eine Leiche entdeckt. hatte die Soldaten angewiesen. weniger Furcht einflößenden zuwandte. erfolgt die Beisetzung in einem Armengrab. »Die sterblichen Überreste sollen dort einen Tag lang aufbewahrt werden für den Fall. schrieb er. Aber warum war ich nicht sofort informiert worden? Stadtschen. das zeigen die Blutspuren im Schnee. Kleiderfetzen weisen darauf hin. die Knochen in einem Sack zu sammeln und ins Schloss zu bringen. der nach Kochs Tod offenbar seine Chance auf Beförderung witterte. das eigene Tun zu rechtfertigen. begann mein Herz zu rasen. bis ich mich in einer weniger schwierigen Situation befände? Ich überflog das Schreiben noch einmal. Ich ließ den Brief auf den Tisch fallen. das kein Hohenzollern-Siegel schmückte. dass jemand darauf Anspruch erhebt«. … ein Haufen Knochen. bevor ich mich dem zweiten. »Wenn nicht.

Ehrlich gesagt freute es mich. die Leiche ins Schloss zu bringen! Ich vermute. Schon kurz darauf eilte der Mann heran. ganz am Schluss.« Er deutete auf das Schreiben in meiner Hand. Herr Prokurator?« »Der tote Mann aus dem Wald nahe Belefest«. heftig atmend. Und Sie befehlen.als ich weiterlas: »Obwohl die Leiche nicht innerhalb der Stadtmauern entdeckt wurde. »Ich hatte keinen Grund zu der Annahme. dass der Mann von einem Menschen getötet wurde. »Das habe ich auch notiert. Schreck. »Herr Prokurator?«. der oberste Knopf seiner Uniform stand offen. jeden Tatort sorgfältig nach Hinweisen abzusuchen. was in Königsberg vor sich geht. »Wo ist die Leiche. besteht darin. Ich sprang von meinem Stuhl auf. Stadtschen? Hier treibt ein Mörder sein Unwesen. untersteht der Fall dem Herrn Prokurator«. sich an ihm zu schaffen zu machen? Begreifen Sie denn nicht. und die einzige Möglichkeit. fiel er mir mit zitternder Stimme ins Wort. hieß es da. ihn in Verlegenheit gebracht zu haben. Stadtschen?« Er sah mich mit einer Mischung aus Überraschung.« »Prokurator Stiffeniis«. als hätte es jemand in Schmalz gedrückt. riss die Tür auf und rief nach Stadtschen. herrschte ich ihn an und hielt ihm sein Schreiben vor die Nase. Angst und Diensteifer an. »Die Leiche. Vermutlich wurde der Mann von Wölfen zerrissen …« 409 . »Wer hat Ihnen erlaubt. Die Perücke saß ihm schief auf dem Kopf. ihn zu fassen. fragte er. Sein verschwitztes Gesicht sah aus. Ihre Männer sind überall herumgetrampelt wie eine Herde Kühe.

Dort hatte ich am Abend meiner Ankunft in Königsberg mit Koch dem Nekromanten bei der Arbeit zugesehen. allerdings war Belefest sein Heimatort. Vielleicht war er schon tot. als die Wölfe ihn fanden.« »Aber Herr Prokurator!«. Nachdem er eine weitere ergriffen hatte. »Der Mörder schlägt immer innerhalb der Stadtmauern zu. feuchte Wände mit dunkelgrünem Moos bewachsen 410 .« Nicht weit vom Haupttor entfernt nahm Stadtschen eine brennende Fackel von der Wand und reichte sie mir. Herr Prokurator. in den Fels gehauenen Gang ein. hinter der eine Wendeltreppe zu den Verliesen und Labyrinthen unter dem Schloss hinabführte. Deshalb dachte ich …« Martin Lampe hatte tatsächlich nie einen Mord außerhalb der Stadt begangen. Wenn Sie wollen. öffnete er eine schmale Bogentür.« »Tun Sie das. widersprach Stadtschen. Unten angekommen. dessen raue. brüllte ich ihn an.»Und was veranlasst Sie zu dieser Annahme?«. bogen wir nach rechts in einen engen. »Der Mörder könnte den Mann durch den Wald gehetzt haben. Verbarg er sich in der Nähe seines Hauses oder in den Wäldern dahinter? Weniger als eine Stunde zuvor hatte ich seine Fußabdrücke auf dem schneebedeckten Pfad nach Königsberg gesehen. Hatte Lampe womöglich auf dem Nachhauseweg aus der Stadt jemanden umgebracht? Oder war er nach dem Mord an Sergeant Koch selbst in Stücke gerissen worden? »Befindet sich die Leiche noch im Schloss?« »Ja. führe ich Sie hin.

Jedes Jahr am Todestag meines Großvaters schloss mein Vater die Familiengruft auf und führte uns zu einem Gebet für unsere Vorfahren hinunter. diesen muffigen Gestank bis in alle Ewigkeit einzuatmen. nützte mir in dieser düsteren Höhle nichts. Herr Prokurator«. ob die Seelen meiner Vorfahren dazu verdammt seien.waren. Normalerweise habe ich nichts gegen Kälte und erfreue mich an Raureif auf dem Gras. 411 . Oft fragte ich mich damals. Alle diese Dinge schienen es darauf abgesehen zu haben. lebten sie hier unten. »Wir befinden uns in den Eingeweiden der Erde. Pritschen und stinkende Matratzen vor sich hin. Die schwere Wollkleidung. Nur das flackernde Licht der Fackel spendete Trost. Rostige Brustpanzer mit dem doppelköpfigen Adler waren aufeinander gestapelt. und an den Wänden lehnten altmodische Pulvermusketen. die mich bisher gegen den feuchten Nebel und den eisigen Wind in Königsberg geschützt hatte. aber der klamme unterirdische Moder wirkte sich negativ auf meine Stimmung aus. dass man bei dieser Kälte. die mir bis in das Mark der Knochen kroch. lange überleben konnte. »Lange vor der Gründung von Königsberg und bevor die Menschen Häuser bauten. verkündete Stadtschen mit ernster Stimme. Schon als Kind hatte ich Angst davor gehabt. an der Wintersonne und der klaren Luft. Tische.« Es war nur schwer vorstellbar. uns den Weg zu verstellen oder auf uns herabzufallen und uns bei lebendigem Leib zu begraben. doch gegen die Kälte konnte es nichts ausrichten. Hier schimmelten allerlei kaputte Stühle. So lernte ich bereits früh den Geruch von Gräbern kennen.

Herr Prokurator«. erwiderte ich. antwortete er.« Als Stadtschen den rostigen Riegel zum Beinhaus zurückzog. sie Ihnen zu überreichen. tatsächlich bald die Leiche von Martin 412 . Ich wünschte mir. »Trotz der Kälte hält sich eine Leiche hier nicht lange. Ich schrieb eine Nachricht für Sie und befahl den Soldaten. sagte Stadtschen und deutete auf eine schwere Eisentür. nein«. sobald Sie zurück wären. wiederholte ich. »Es könnte ja sein. Die Wachen teilten mir mit. fuhr er fort. und die Ratten tun ein Übriges …« »Das kann ich mir vorstellen«. »Vier Stunden.« »Ich wollte Sie informieren«. Herr Prokurator«. in der Stadt Zettel auszuhängen. »Soll ich diese Anweisung rückgängig machen?« »Nein. »›Leiche‹ würde ich die traurigen Überreste kaum noch nennen. der etwas über die Sache weiß.« »Wie lange?«. dass sich jemand meldet. unterbrach ich ihn hastig. Das liegt an der Feuchtigkeit. reagierten Sie nicht. »Ich wollte nur erklären. fragte ich. übertönte die laut über den groben Steinfußboden scharrende Metalltür meine leisen Gebete. Der Verwesungsprozess setzt schnell ein.»Da wären wir. Ich hatte die ganze Nacht Dienst. »Meine Leute sind dabei.« Er sah mich unsicher an. dass Leichen so kurz wie möglich im Beinhaus aufbewahrt werden …« »Und wie lange befindet sich diese schon hier?«. Herr Prokurator. dass Sie das Schloss in Gesellschaft einer Frau verlassen hätten. »Aber als ich an Ihre Tür klopfte.

riet Stadtschen mir. Herr Prokurator«.Lampe vor mir zu haben. in dem uns süßlicher Gestank entgegenschlug. murmelte er. Ich sah hinein und wandte den Blick sofort wieder ab. Das flackernde Licht unserer Fackeln wanderte über die frisch gekalkten Wände und landete schließlich auf einer großen Zinkwanne. faltiger. »Einer meiner Männer ist an der Cholera gestorben. das Zeitliche zu segnen!« Stadtschen hob die Hand vor Mund und Nase. 413 . Nicht lange. wie sich Stadtschen hinter mir räusperte und ausspuckte. hörte ich. nachdem er eine Woche fast durchgehend auf der Latrine verbracht hatte. breiter. In der Wanne lag die nackte Leiche eines Mannes mit herausquellenden Augen. So betraten wir den Raum. »Hoffentlich war er schon tot. gelber Haut und aufgeblähtem Bauch. Was für eine scheußliche Art. »Da drüben«. »Sie sollten Mund und Nase bedecken. Stadtschen hatte recht gehabt – »Leiche« war nicht der angemessene Ausdruck. damit der Schrecken in Königsberg sowie meine eigene Besessenheit ein Ende hätten. als sie ihn abnagten«. Der Tote aus dem Wald ruhte auf einer Matte aus grobem Sackleinen. eingesunkener Brust. Während ich versuchte. während ich die Fackel in eine Wandhalterung steckte. sagte Stadtschen und deutete mit der Fackel in die andere Ecke. dann würden sich die giftigen Gase einen Weg heraus suchen. während ich mich mit dem Jackenkragen bedeckte. meinen Würgereiz zu unterdrücken.

wandte ich mich dem Torso der Leiche zu. aber kaum noch weiches Gewebe. bis auf eine hell leuchtende Stelle am Gaumen. Ich betrachtete die Knochen. Ich holte den Schlüssel zu meinem Arbeitszimmer im Schloss aus der Tasche und drehte damit den Schädel in meine Richtung. an dem. »Mein Gott. an den Spitzen weiße Haarsträhne. Becken und die anderen Knochen 414 . Entschuldigung. Rippen und die mindestens an drei Stellen gebrochenen Wirbel sowie das. schloss ich daraus. keinerlei Fleisch mehr hing.« Ohne etwas zu erwidern. und der Rest des Mundes war. die Biester müssen richtig Hunger gehabt haben!«. schimmerte nun alles fahlorange oder dunkelbraun. genau wie an Wangen. Kinn und Ohren. Herr Prokurator. was einmal das Gesicht gewesen war. raunte Stadtschen. um die Leiche zu untersuchen. Die Wölfe hatten die Zunge herausgerissen. Dieser Fall hat nichts mit dem Mord an Ihrem Assistenten zu tun. ich weiß. Ein älterer oder vor der Zeit gealterter Mann. wie weit die Totenstarre bereits fortgeschritten war. An den Gelenken hingen Sehnen.und Knorpelreste. Es gelang mir nicht festzustellen. dass Sie ihm nahe standen. »Sie haben ihm den Kopf abgerissen. Rippen. blutig. Am Oberkopf klebte eine letzte. die der Gier der Wölfe entgangen war. Lampe war über siebzig und konnte durchaus weiße Haare gehabt haben. was von Armen und Beinen noch übrig war: Wo sich früher Muskeln und Fleisch befunden hatten. und den lockeren Kiefer genauer betrachten konnte. Er hatte recht. das ist deutlich zu sehen. so viel steht fest. wie Professor Kant es mir beigebracht hatte.Dann kniete ich nieder. so dass ich das.

bevor sie sich über ihn hermachten. In den Gewebe.lagen in einem blutigen Brei – das Einzige. oder?« Er hielt den Atem an. Je schneller sie unter die Erde kommen. Die Biester haben eine Verdauung wie ein französischer Grenadier. sagte ich. Wenn der Mann tatsächlich Martin Lampe gewesen war. deren Farbe nicht mehr auszumachen war. In diesem blutigen Haufen würde ich keinerlei taugliche Hinweise finden. wenn Sie mir so 415 . »Keine vollständigen Kleidungsstücke und keine Schuhe«. »Eigentlich sollte ich ja Ihren unbedachten Befehl.« »Bevor Sie mit dem Arzt sprechen«. Herr Prokurator«. desto besser. sagte ich. Offenbar hatten die Tiere den Mann zu Boden gerissen.und Knochenteilen hingen Kleiderreste.« Ich stieß einen Seufzer aus. »Ein hungriger Wolf frisst alles. in dem Bericht an den König erwähnen«. »könnten Sie sich selbst einen Gefallen tun. die Leiche sofort ins Schloss bringen zu lassen.« »Herr Prokurator?« »Sie haben eigenmächtig gehandelt. »Der Regimentsarzt wird sich die beiden Toten noch heute Vormittag anschauen«. »Allzu gut sehen sie ja nicht aus. das ist Ihnen doch klar. informierte mich Stadtschen. »Die haben sie wahrscheinlich verschlungen. meinte Stadtschen. was von den inneren Organen noch übrig war. An den größeren Knochen entdeckte ich Bissspuren. der von der Bedeutung der Schuhe mit den kreuzförmig gemusterten Sohlen nichts ahnte. »Aber vielleicht überlege ich es mir noch anders. hatte sich seine Identität gänzlich aufgelöst. stellte ich fest.

Sorgen Sie dafür …« Sorgen Sie dafür. brachte mich dazu. dass Sie ihn identifiziert. um mir mitzuteilen. »Sie können sich auf mich verlassen«. Am Haupttor entließ ich ihn. Stadtschen folgte mir.« 416 . dass ihr Mann verschwunden sei. doch die Pflicht verlangt ein solches Vorgehen. rief ich dem Kutscher. der am Tor wartete. dass sie uns irgendetwas sagen kann. erklärte Stadtschen mit einem zackigen Salut. mich ohne Licht in diesen Gemäuern wiederzufinden. Mittlerweile war meine Fackel fast heruntergebrannt.schnell wie möglich Frau Lampe heranschaffen. Die Aussicht. den Raum hastig zu verlassen. Sie wohnt in Belefest und kam heute in aller Frühe zu mir. Ich bezweifle zwar. zu. »So schnell Sie können. und er machte sich auf den Weg in Richtung Belefest. »Bringen Sie mich in die Prinzessinstraße«.

die A 417 . Ich sprang aus der Kutsche und hastete ihm nach. »Professor Kant«. dass ich zu spät gekommen war.« Ich schob ihn beiseite und eilte die Treppe zu Kants Schlafzimmer hinauf. Der winzige. Vor dem Haus fuhr ich erschrocken hoch und streckte den Kopf zum Fenster hinaus.XXXIII m Nachmittag und in der Nacht war ich so beschäftigt gewesen. Kants Diener ließ ihn ein. Das wurde mir erst klar. mit einer großen braunen Arzneiflasche in der Hand den Gartenpfad entlang zur Tür laufen sah. Der Arzt hat gerade etwas zur Stärkung gebracht. Immanuel Kants Wangen waren eingefallen. den ich tags zuvor kennengelernt hatte. wo ich den jungen italienischen Arzt. dass ich kaum einen Gedanken an Professor Kant verschwendet hatte. Dort wurde mir sofort klar. bevor Johannes Odum die Tür schließen konnte. verschrumpelte Mann im Bett befand sich bereits mit einem Bein im Jenseits. »Er verliert immer wieder das Bewusstsein. jammerte Johannes mit tränennassen Augen. als ich den Kopf gegen das Polster der Kutsche lehnte und mich dem gleichmäßigen Rütteln des Gefährts überließ. »Was ist los?«. Schon bald schlief ich tief und fest. fragte ich den Diener keuchend.

dann rief der Arzt plötzlich: »Herr Professor!« Kant hatte die Augen geöffnet und musterte mich unverwandt. Ein paar Minuten lang herrschte völlige Stille. Hanno Stiffeniis. nicht mehr mit ihm in Kontakt treten zu können. »Der Professor möchte mit Ihnen sprechen«. »Seine Lebenskraft erlischt. »Ich bin’s. Ich trat einen Schritt näher an das Fußende des Bettes heran. Er atmete laut und regelmäßig. Herr Jachmann stand mit geneigtem Haupt da. erschreckte mich. auf seiner breiten Stirn glänzten Schweißtropfen. »Beeilen Sie sich«. drängte er. um den Puls des Sterbenden zu nehmen. flüsterte er und holte seine Uhr aus der Tasche. sein Gesicht war zu einer Maske erstarrt. Der Arzt begrüßte mich mit einem kurzen Nicken über die Schulter. Dies war der Beginn eines Schlafes. während Doktor Gioacchini vorsichtig Professor Kants Lippen öffnete. um dessen Herzschlag zu überprüfen.geschlossenen Augen lagen tief in den Höhlen. von dem er nie mehr erwachen würde. sah er mich an. Nachdem er sein Ohr dem weit offen stehenden Mund Kants genähert hatte.« Ich beugte mich übers Bett. Kants Lider flatterten. sagte ich leise. 418 . um ihm eine dunkelgrüne Flüssigkeit einzuflößen. weil ich das Gefühl hatte. Dass Kant die Augen schloss. bevor er sich wieder auf seinen Patienten konzentrierte. Der Arzt senkte sofort den Kopf auf die Brust seines Patienten. Professor«. wirkte aber schwach. Seine schmalen Schultern zeichneten sich spitz unter den Laken ab wie Flügel.

während sein Blick starr auf mich gerichtet blieb. »Holen Sie ihn zurück«. Ich drehte mich wieder zum Bett. »Aber ich werde seinem Treiben ein Ende machen«. »Professor Kant. flehte ich ihn an und senkte mein Ohr direkt an seine Lippen. begann ich. »Zu lange«. spürte ich sie erbeben. sondern sog ihn in mich ein wie klare Gebirgsluft. Seine letzte Kraft zusammennehmend. Doch ich wich nicht zurück. so dass ich den süßen. fragte ich schluckend. Als mein Ohr seine Lippen berührte. »Ich habe den Mörder noch nicht gefasst«. lauter als beim ersten Mal. »Zu spät …«. war ich. 419 . schüttelte Kant den Kopf. hauchte er. mit dem der große Immanuel Kant in seinen letzten Minuten auf dieser Erde sprechen wollte. antwortete dieser. fauligen Geruch des nahenden Todes einatmete. Da schlug Kant die blauen Augen auf. die jetzt fahler wirkten denn je.»Wie lange befindet er sich schon in diesem Zustand?«. »Professor?«. Plötzlich erfüllte mich ein merkwürdiges Gefühl der Ekstase. »Professor Kant!«. sagte ich. Dann öffnete er den Mund und schloss ihn wieder. sprechen Sie mit mir«. denn der Mensch. Sein Kopf sank mit der Andeutung eines Lächelns auf das Kissen zurück. fragte ich den Arzt. drängte Doktor Gioacchini mich. und sah mich an. fügte ich hinzu.

murmelte Doktor Gioacchini und legte mir die Hand auf die Schulter. doch das konnte ich nicht. jedes Wort eine unsägliche Anstrengung. Draußen begann die Abenddämmerung hereinzubrechen. »Deshalb habe ich Sie geholt. »In Paris haben Sie der Wahrheit ins Auge geblickt. »Er verliert das Bewusstsein«. Immanuel Kant war tot. Und dann sprach Immanuel Kant plötzlich ganz klar seinen letzten Satz auf Erden. den Herr Jachmann wenige Monate später in seiner Schilderung dieses denkwürdigen Augenblicks notieren würde. keuchte er schließlich. am Ende tonlos. Hanno … Sie kennen die Gedanken eines Mörd …« Da sank er erschöpft zurück. Dann bewegte er sich nicht mehr. Ich hielt den Atem an. Einen Moment lang stand ich stumm und reglos da.»Sie hatten recht«. dann ergriff ich laut aufschluchzend die kalte Hand meines Mentors.« Er wiederholte den Satz mehrfach. Sie haben die Wahrheit erkannt … 420 . während sich ein rätselhaftes Lächeln auf den blutleeren Lippen Kants ausbreitete. ein angemessener Hintergrund. als fiele eine schwere Last von ihm ab. fuhr er fort. Und dann Ihr Bruder …« Am liebsten wäre ich aus dem Zimmer gerannt. und die Luft entwich aus seiner Lunge wie aus einer Orgelpfeife. Was war gut? Sie hatten recht. »Es … ist … gut. »Sie haben ihn sterben sehen«. Es ist gut.

Doch je näher ich dem Schloss kam. Aber wer war der andere? Mein Herz setzte einen Schlag aus. Am Ende verband es sich mit dem Gesicht jenes namenlosen Mannes. denn schon dort schien mir der üble Fäulnisgeruch entgegenzuschlagen. Noch an der Schwelle zögerte ich. die Leiche aus dem Beinhaus zu entfernen und beizusetzen? Da erkannte ich die schwarz gekleidete Gestalt von 421 . ohne Stadtschen. Kurze Zeit später sah ich. nahm ich zwei schattenhafte Gestalten wahr. desto stärker begannen meine Gedanken. um das rätselhafte Lächeln auf seinen Lippen zu kreisen. Schon bald langte ich an dem schmalen Einlass zu den Verliesen an. mir die Leiche im Beinhaus noch einmal anzusehen. diese Erde zu verlassen? Ich beschloss. Konnte es zwei unterschiedlichere Arten geben. wo ich eine Fackel von der Wand nahm und eintrat.In welcher Hinsicht hatte ich recht? Und welche Wahrheit hatte ich erkannt? Das Bild von Immanuel Kant im Sterbebett verdrängte eine Weile alle anderen Überlegungen. dessen Schädel und Knochen im Beinhaus lagen. schloss die Tür hinter mir und begann die Treppe hinunterzugehen. doch dann wagte ich den ersten Schritt. als ich in der Kutsche von seinem Haus wegfuhr. eine davon Wachtmeister Stadtschen. Als sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Hatte der Regimentsarzt bereits Anweisung gegeben. durchquerte ich den Hof und ging in den Nordturm. Sobald ich das Schloss erreicht hatte. diesmal allein. dass sich das Licht einer anderen Fackel auf mich zu bewegte.

die sich schwer auf den Arm des Soldaten stützte. wiederholte sie mit überraschend fester Stimme. noch fahler als kurz zuvor Professor Kants Gesicht. dass es sich bei der Leiche um Martin Lampe handelte. Stadtschen hob den Blick.« Es war also doch nicht vorbei. »Leider ist nicht viel davon übrig. rief ich aus.Frau Lampe. was ich gerade gesehen habe. meldete sich Stadtschen zu Wort. hole ich den Regimentsarzt. »kann mich davon überzeugen. Einer Frau sollte man 422 . Sie begann laut zu schluchzen und schüttelte den Arm von Stadtschen ab. sagte ich. Ihre Haut wirkte wächsern. dass das mein Martin ist. Fast hätte ihre Trauer mich gefreut. Sie sind vermutlich ziemlich aus der Fassung. Herr Stiffeniis. »Die Leichen sollten so schnell wie möglich beigesetzt werden. Es tut mir leid …« »Aus der Fassung?«.« Ich musterte sie unsicher. »Sobald ich Frau Lampe nach oben gebracht habe. zischte sie wütend. Ich bete zu Gott. als hätte ich sie in einem Moment der Schwäche ertappt. »Die Leiche wurde auf dem Waldpfad hinter Ihrem Haus gefunden«. Die Frau sah mich wenig später. »Nichts an diesem entsetzlichen Ding«. Sie suchen weiter nach ihm. denn sie bestätigte meine Theorie. entdeckte mich und blieb stehen. »Frau Lampe!«. Herr Prokurator«. Nichts! Ich hoffe. dass keine andere Frau je das sehen muss. und ihre Wangen und ihr Mund waren aufgeschwollen. »In einer solchen Situation wäre wohl jeder aus der Fassung.

begann ich. doch dann besann ich mich eines Besseren.« Mit einem Blick auf Stadtschen fügte ich hinzu: »Der Verantwortliche wird bestraft.« Ich sah Frau Lampe an.einen solchen Anblick wirklich ersparen. pflichtete ich ihm bei. Hätte man die Knochen an dem Ort gelassen. erinnerte ich ihn. nichts von Bedeutung«. Nein. riskieren wir eine Epidemie. »Was soll ich wissen. Sie würde sich noch früh genug über das Ableben des Philosophen freuen können. wäre vielleicht eine Identifizierung möglich gewesen. dass angesichts des Zustands der Leiche keine eindeutige Identifizierung möglich war. antwortete ich. dass Kant gestorben war. als er sich verneigte. »dass ich Sie einer solchen Tortur ausgesetzt habe. ich würde ihr nicht sagen. die Hacken zusammenschlug und mir versicherte. »Informieren Sie den Arzt und bringen Sie Frau Lampe nach Hause. Aber im Laufe der nächsten Stunde möchte ich eine eidesstattliche Versicherung von Ihnen. 423 . Ich warte in meinem Zimmer auf Sie. Wenn wir die beiden nicht sofort begraben. sagte ich unterdessen zu Frau Lampe. dass er meine Anweisungen buchstabengetreu befolgen würde. Herr Stiffeniis?«.« »Gut«. »Sie müssen entschuldigen«. Ein Ausdruck der Bestürzung trat auf Stadtschens Gesicht. Ich muss den Ermittlungsbericht für den König verfassen«. fragte sie. an dem sie gefunden wurden. »Ach. wandte mich ab und ging die Stufen hinauf. den sie nie gemocht hatte. Frau Lampe …«. Und auch jedem Mann. »Wissen Sie übrigens schon. Offenbar hatte er meine Drohung verstanden.

wie viel ich enthüllen beziehungsweise verbergen sollte. Noch immer wusste ich nicht. am 12. nur jene Fakten oder Ereignisse zu erwähnen. wäre es. begann ich. schwöre ich. damit er mir die Kerzen anzündete. redete ich mir schließlich ein. Assistenzprokurator des Zweiten Gerichtsbezirks des Obersten preußischen Gerichtshofs. dass die folgenden Aussagen wahr und unbestreitbar sind. Es war höchste Zeit. kurz vor deren Abschluss. Es gibt gute Gründe für die Annahme … I 424 . Entschlossen nahm ich die Feder zur Hand. für die schriftliche Zeugnisse existierten. Am einfachsten.XXXIV ch ging hinauf in mein Arbeitszimmer und rief den Wachposten. Hanno Stiffeniis aus Lotingen. wie ich mich ans Werk machen. tauchte sie ins Tintenfass. dem die Ermittlungen zu den Morden an vier Bürgern der Stadt Königsberg übertragen wurden. setzte die Spitze aufs Papier und blieb dann fünfzehn Minuten oder länger reglos wie eine aus Stein gehauene Statue sitzen. Tag des Monats Februar des Jahres 1804«. den Bericht für den König zu schreiben. »Heute.

Mir fiel kein einziger guter Grund ein. durchquerte das Zimmer und blickte düster zum Fenster hinaus. Erst 425 . und von der See herüber trieben tief hängende Wolken. Wachablösung. und wenig später noch einmal. Unten im Hof marschierten Soldaten auf und ab. Schließlich hatte er durch die Entfernung der Leiche aus dem Wald meine Ermittlungen zunichte gemacht.Ich hielt inne. was ist?«. um frische Luft hereinzulassen. Die Angelegenheit kann nicht warten. Wenn es nach mir ginge. tauchte die Feder wieder ins Tintenfass und stieß dann einen lauten Seufzer aus. vielleicht auch noch mehr Schnee. Ich öffnete das Fenster.« Ich schloss das Fenster und marschierte zornig zur Tür. »Ich arbeite gerade an dem Bericht für den König. stand auf. Schließlich hörte ich Wachtmeister Stadtschen mit tiefer Stimme fragen: »Darf ich eintreten. rückte den Stuhl zurück. Der Himmel war dunkel. die Regen. bitte. noch lauter als zuvor. mit sich brachten. Letztlich ließen mich all die winzigen Mosaikstückchen. das Schlimmste vermuten. »Herr Prokurator. würde er degradiert und meinetwegen auch noch ausgepeitscht. Herr Prokurator?« »Kommen Sie später wieder!«. fragte ich. um Stadtschen zurechtzuweisen. die ich bis dahin zusammengetragen hatte. nachdem ich die Tür geöffnet hatte. rief ich.« Doch Stadtschen klopfte erneut. Da klopfte es an der Tür. Schneeregen. Er stand stocksteif da und sah mich unsicher an. »Nun. Ich warf die Feder hin. Es war sechs Uhr abends.

nach einer ganzen Weile streckte er mir ein Blatt Papier entgegen. war ich gerade dabei. die meines rechtmäßig angetrauten Ehemannes Martin Lampe sind. Herr Prokurator. Frau Lampe hatte nur ihr Kreuz darunter gesetzt.« »Nun. dass es sich bei der Leiche nicht um ihren Mann handelt. »Was für ein Wunder ist denn da geschehen?«. es ist alles auf dem Nachhauseweg herausgekommen. Der Name der Frau war in derselben steilen Handschrift vermerkt wie der Text und die Signatur Stadtschens. fragte ich. »Frau Lampe hat doch Stein und Bein geschworen. Und ich konnte sie doch nicht zwingen. verkündete er. dass die sterblichen Überreste. Dieses Zeichen hier ersetzt ihre Unterschrift. mit ihr zum Luftschnappen in den Hof hinaufzugehen. Der Geruch im Beinhaus war einfach zu viel für sie. Ich hätte sie 426 . »Die eidesstattliche Aussage. erklärte der Wachtmeister. Herr Prokurator«. »Die Frau kann nicht schreiben«. die im Wald nahe Belefest gefunden wurden und die ich in Anwesenheit eines Militärangehörigen im Königsberger Schloss in Augenschein genommen habe. Als Sie eintrafen. die Leichenreste eingehend zu untersuchen. Frau Lampe hat gleich zu Anfang geklagt.« Ich entriss ihm das Papier und überflog den Text darauf: Hiermit schwöre und bestätige ich. dass ihr übel sei. »Identifizierung der Leiche durch Frau Lampe.

wieder nach unten gebracht. Nach einer kurzen Erklärung sorgte der Arzt dafür. so dass sie nicht wieder unnötige Qualen leiden 427 . »aber Sie waren nicht da. erklärte Stadtschen. Es durchbohrte seine Unterlippe und schlitzte seinen Gaumen auf!« Ich erinnerte mich gut. Der Totenschein war bereits ausgestellt. hatte vielleicht die Erinnerung verloren oder war verwundet. fügte er hastig hinzu. sie nach Hause zu begleiten. Herr Prokurator«. falls wir ihn fänden. »Wir eilten zurück in die Stadt und kamen gerade noch rechtzeitig. Natürlich ließ ich sofort nach Ihnen suchen. »Erinnern Sie sich noch an die helle Stelle in seinem Mund? Während seines Dienstes in der preußischen Armee war Lampe vor vierzig Jahren durch ein feindliches Bajonett verwundet worden. dass Frau Lampe den Schädel halb von einem Tuch verdeckt zu sehen bekam. erkundigte ich mich. ihm aber keine Beachtung geschenkt«. sagte sie. »Er habe tatsächlich ein solches besonderes Mal. »Wir haben es selbst gesehen. wenn sie doch gar nicht in der Lage war.« »Welcher Art?«. Herr Prokurator. auf die wir achten könnten.« »Und wieso hat sie ihre Meinung geändert. antwortete Stadtschen. die Leiche richtig zu begutachten?« »Ich habe sie draußen in Belefest nach besonderen Merkmalen ihres Mannes gefragt. Herr Prokurator«. »Offiziell galt er ja als vermisst. denn ich hatte die gezackte Narbe für den frei liegenden Gaumenknochen gehalten. der Geistliche gerufen.« Ein Lächeln trat auf Stadtschens Gesicht. aber Sie wiesen mich an. und man hatte die Gräber für Lampe und den Soldaten ausgehoben.

und sie identifizierte ihren Mann. Anschließend verfasste ich die eidesstattliche Erklärung. Ihre Verbrechen nahmen. Sie selbst sagten aus. ihren Anfang im Januar 1803 … Ich strich mir mit der Feder übers Kinn und fuhr. Nachdem ich die Tür geschlossen hatte. »Nun muss ich diese Leiche in meinem Bericht nicht erwähnen. Dann nahm ich die Feder zur Hand und machte mich mit frischer Energie ans Werk: Es gibt gute Gründe für die Annahme. Einzelheiten ausführend. dass Sie keine Scherereien bekommen. einen Königsberger Gastwirt. Verwirrung in der Stadt zu stiften und den Weg zu bereiten für eine Invasion durch die französische Armee. Frau Lampe ist jetzt offiziell Witwe. Ihre Absicht war es. murmelte er und verließ den Raum.« »Gott segne Sie. Stadtschen«. rief ich.« »Hervorragende Arbeit. setzte ich mich frohen Mutes ob dieser glücklichen Fügung des Schicksals wieder an den Schreibtisch. fort: 428 . was bedeutet. Sonner. las sie ihr vor. wie Eure Hoheit wissen. geb. Herr Prokurator«. dass es sich bei den Tätern um Ulrich Totz. und sie setzte ihr Kreuz darunter.musste. »Der König soll seinen Bericht haben!«. lobte ich ihn. dass ihr Gasthaus »Der baltische Walfänger« als Ort der Zusammenkunft für napoleonische Kollaborateure und allerlei andere aufrührerische Elemente diente. und seine Frau Gertrude Totz. handelt.

429 . und dann für ihren Verrat bestraft wurde. Sie halten sich nicht mehr in Königsberg auf. Engelmacherin und Anhängerin der Schwarzen Magie. Totz und seine Frau begingen. oder ob eine andere unbekannte Person. Es ist unklar. ob Anna Rostova gedroht hatte. die sich im »Walfänger« einquartiert hatten. einer bekannten Prostituierten. Alles weist darauf hin. Es war nicht möglich. die alle diese Dinge freiwillig zugab. gestanden hatten. ihre Komplizen zu verraten. nachdem sie ihre Sympathie für die jakobinische Sache sowie ihre Mitwirkung an den Morden. Suchberichte und Notizen befinden sich in der Akte Nummer 7-8/ 1804. gegen sie liegt ein Haftbefehl vor. Im Hinblick auf diesen Vorfall hat trotz intensiver Ermittlungen noch keine Festnahme stattgefunden. auf der Flucht sind. drei ausländische Saboteure.… sie wurden unter Mithilfe von Anna Rostova. für ihren Tod durch Ertrinken verantwortlich ist. dass die Königsberger Mordserie sowie die damit verbundene Gefahr inneren Aufruhrs ein Ende gefunden haben. ob es eine Absprache gab. verübt. unter anderem an ihrem eigenen Neffen Morik Lüthe. das genaue Ausmaß der aufrührerischen Absichten festzustellen – möglicherweise gibt es keine formelle Verbindung zum Ausland. trotz strenger Überwachung im Gefängnis Selbstmord. Angesichts der Auflösung der Gruppe können wir davon ausgehen. dass die verbliebenen Angehörigen der Verschwörergruppe. Die Namen der drei Gesuchten sowie alle relevanten Dokumente einschließlich der Vernehmungsprotokolle. Die Leiche von Anna Rostova wurde drei Tage später im Pregel gefunden. möglicherweise kein Mitglied der Gruppe.

Die Stadt Königsberg steht tief in der Schuld jenes Mannes. des Ehepaares Totz und Anna Rostovas. Verwirrung bei den Ermittlungen zu stiften und die irrige Annahme meines verehrten Vorgängers Prokurator Rhunken zu bekräftigen. Ich gehe davon aus. Ohne Sergeant Kochs ausdauernde und hingebungsvolle Unterstützung und ohne seine höchst hilfreichen Informationen über die Königsberger Unterwelt wäre die schwierige Aufgabe. dessen Absicht es war. die im Gasthaus von Herrn und Frau Totz verkehrten. dass Ihr die Bedeutung der Arbeit zu schätzen wisst. von einem Unbekannten umgebracht wurde. dass Koch nach dem Ableben der Hauptschuldigen. der mit absoluter Hingabe an der Aufklärung dieser Verbrechen und der Wiederherstellung der Ruhe in seiner geliebten Stadt mitgewirkt hat. die Schuldigen aufzuspüren. ich bin sicher. meines Assistenten. Der Mörder von Herrn Koch gehört aller Wahrscheinlichkeit nach ebenfalls zu den jakobinischen Kollaborateuren. die dieser angesehene Professor der Philosophie ohne finanzielle Unterstützung oder sonstige Ermutigung durch die örtlichen Behörden bei der Entwicklung und Realisierung eines Systems der logischen und analytischen Polizeiermittlung geleistet hat. welches in die Annalen der 430 . Die Weisheit Eurer Majestät ist allgemein bekannt. kaum lösbar gewesen. der den Verschwörern als Letzter zum Opfer fiel.An dieser Stelle möchte ich besonders auf den Mut und die selbstlose Pflichterfüllung des Beamten Amadeus Koch. die Morde gingen auf das Konto eines einzelnen Verrückten … Außerdem möchte ich meiner Dankbarkeit gegenüber dem verstorbenen Professor Immanuel Kant Ausdruck verleihen. hinweisen.

Als ich schließlich die Feder weglegte und mich auf dem Stuhl zurücklehnte. bitte ich um Erlaubnis. das war die Wahrheit – die Wahrheit. nach Lotingen zu meiner Familie zurückkehren und mich wieder den dortigen Aufgaben widmen zu dürfen. fertigte ich eine Kopie für General Katowice. hatte die Fiktion bereits Wahrheitsstatus erlangt. meinen Kindern und irgendwann meinen Enkeln erzählen und wie die Welt sie erfahren würde. 431 . Prokurator PS: Wertvollen Beistand erhielt ich von Wachtmeister Stadtschen von der Königsberger Garnison. die preußischen Polizeibehörden umgehend damit vertraut und sie zum Nutzen der Menschheit allgemein bekannt zu machen. wie ich sie meiner Frau. die Methoden. Hanno Stiffeniis. Ja.und Halsmuskulatur zu entspannen. ohne ein einziges Komma zu verändern. die ich von Professor Kant gelernt habe. in meiner künftigen Tätigkeit als Magistrat anzuwenden und weiterzugeben. Ich empfehle seine Beförderung. Überdies schlage ich vor. Meine treue Ergebenheit dem Haus Hohenzollern und Eurer Königlichen Hoheit gegenüber versichernd. Nachdem ich das Geschriebene mehrfach durchgelesen hatte.Kriminalgeschichte eingehen wird. Ich erachte dies als angemessenen Tribut an diesen großen Sohn Preußens. um meine schmerzende Rücken. Hiermit verspreche ich. Ihr untertänigster Diener.

Sergeant Koch den Umhang zu geben. warf ich einen Blick auf die Uhr und ging in die Schlafstube. als der schlichte Holzsarg von vier Soldaten in den kalten Boden gesenkt wurde. und in Seiner unermesslichen Weisheit entschieden. Ich betete stumm für die große Seele von Sergeant Koch. Er hatte mich nach Königsberg und zu Immanuel Kant geführt. 432 . Außer mir war niemand anwesend. dass Koch für die Sache sterben und ich überleben sollte. Während ich den Hut aufsetzte und mich zum Gehen wandte. hörte ich. bevor ich die Beisetzung Kochs innerhalb des Schlosses anordnete? Die beiden waren Gefährten im Leben gewesen und hätten einander auch im Tod trösten sollen. glaubte ich. Seine Kraft dahinter zu spüren. Ich war Sein Werkzeug. blies die Kerze aus und rief nach einem Gendarmen. Hatte ich das Richtige getan? Merete Koch lag sicher irgendwo in der Stadt begraben. dass ich von Gott. in meinem Handeln geleitet worden war. Hätte ich mich genauer erkundigen sollen. nicht mehr. Als ich meinen Siegelring in das heiße rote Wachs drückte. der mich direkt zum Mörder geführt hatte. dem Herrn. Der Herr hatte mich diesen Abschluss finden lassen und mir diesen Epilog nahegelegt. wo ich mich wusch und das Hemd für die Beisetzung von Amadeus Koch um neun Uhr in der Kapelle auf dem Militärfriedhof wechselte. wie die Soldaten Erde auf den Sarg schaufelten. Dabei redete ich mir ein. Nachdem ich ihm die Schreiben übergeben hatte. Ich legte das Siegel zum Abkühlen auf den Tisch.Ich faltete den Bericht und die Abschrift und versiegelte beides. Er hatte mich gedrängt.

433 . die mich in Gesellschaft von Amadeus Koch nach Königsberg gebracht hatte.Abgesehen von diesem einen Punkt erachtete ich die Königsberger Angelegenheiten nun tatsächlich für abgeschlossen. Zwei Stunden später hatte ich meine Reisetasche gepackt und saß in derselben Kutsche. Über mir und über der Stadt lastete ein bleigrauer Himmel.

vielmehr immer schlechter. dass ich viel öfter mit meinen geliebten Kindern zusammen war als früher.XXXV D as Wetter wurde nicht besser. dass die Stadtväter um einen Wetterumschwung beteten. Der Boden war zu hart gefroren. die sich in meiner Abwesenheit angesammelt hatten. sagte sie. so sehr einem Skelett. Stunde um Stunde saß ich in meiner Amtsstube und starrte das Blumenmuster der Tapete an. als hätte sich die Erde geweigert. ihn aufzunehmen«. Ich stürzte mich unterdessen in Lotingen in die Arbeit. wie es in einer örtlichen Zeitung hieß. machte aber kaum Fortschritte in den Fällen.und Domkirche von Königsberg und schien von Tag zu Tag mehr zu schrumpfen. während sie mir die Zeitung auf den Tisch legte. Eines Morgens kam Helena mit der neuesten Ausgabe der Königsbergischen Monatsschrift in meine Amtsstube. um ein Grab auszuheben. Die Leiche lag aufgebahrt in der Universitäts. Nach einer Weile ähnelte sie. Doch nun hatte es heftig geregnet und an- 434 . Mein einziger Trost war die Familie. und so fand die Beisetzung Immanuel Kants erst nach sechzehn Tagen statt. »Es ist. Helena bewies mir ihre Liebe durch tausend Blicke und Gesten und sorgte dafür.

bekleidet mit schwarzem Anzug und Mantel sowie Trauerflor am Hut. sagte Helena mit sanfter Stimme. mich mit irgendjemandem zu unterhalten. und ich machte mich sofort auf den Weg zur Prinzessinstraße. und sofort war die Beisetzung von Professor Kant für den folgenden Tag um ein Uhr angesetzt worden. und ständig trafen neue Freunde und Bekannte des Philosophen ein. weil mir nicht der Sinn danach stand.« 435 . Wir kamen mittags an. und begleite ihn auf seinem letzten Weg«. »Alles ist genau so. wie er es gewollt hätte«. Auf der Straße wimmelte es von Schaulustigen. wohin Kants sterbliche Überreste am Vortag verbracht worden waren. Hanno. um ihm die letzte Ehre zu erweisen. ob ich Sie heute hier sehen würde. der mir die Hand zum Gruß hinstreckte. nahm ich voller Ehrfurcht den Hut ab. der einzige Passagier zu sein. Stiffeniis«. blumengeschmückten Katafalk. Im Esszimmer ruhte ein üppiger Eichensarg auf einem mit Efeu umkränzten. fügte er hinzu. Als mein Blick auf Kants Gesicht mit diesem rätselhaften Lächeln auf den Lippen fiel. Ich war froh darüber. Obwohl ich Königsberg nie wieder hatte betreten wollen. »Ich war mir nicht sicher. Ich trat durchs Gartentor und wurde von einer Woge Studenten in der Robe des Collegium Fridericianum mitgerissen. hörte ich da Herrn Jachmann neben mir. »Fahr nach Königsberg. Die Szenerie ähnelte einem Rummelplatz. bestieg ich am nächsten Tag bei Morgengrauen die Kutsche.schließend getaut. »Sie haben die Stadt so überstürzt verlassen. Der Sargdeckel lehnte an der Wand.

während die geladenen Gäste und die Honoratioren der Stadt ihre Plätze einnahmen. Die Witwe hätte ich nun wirklich nicht bei den Beisetzungsfeierlichkeiten für den Mann erwartet.und Domkirche wurde von Hunderten Kerzen erhellt. Die Universitäts. bei der zahlreiche Redner. Jachmann dirigierte mich ans vordere Ende der scheinbar endlos langen Schlange von Trauernden. Ich trat in den Gang. wie sechs Studenten den Sarg schulterten und hinaus auf die Straße trugen. den sie für alle Kümmernisse ihres Gatten verantwortlich machte. sagte ich mit erstickter Stimme. während der Deckel von der Wand genommen und auf dem Sarg festgenagelt wurde. wie dies bei solchen Gelegenheiten Brauch ist. die hinter der schwarzen. dass ich die Frau direkt vor mir erst bemerkte. von vier Rappen gezogenen Kutsche herging. Wortlos sahen wir zu. hievten die Studenten den Sarg erneut auf ihre Schultern und trugen ihn gemessenen Schrittes aus der Kirche hinaus. Warum war sie gekommen? Die feierliche Zeremonie. unter ihnen auch Herr Jachmann. dauerte gute zwei Stunden. Plattitüden von sich gaben.»Ich musste kommen«. Auch Johannes Odum. um ihnen zu folgen. Ich setzte mich ein paar Reihen hinter sie und war dabei so tief in Gedanken versunken. Eine Orgel spielte gedämpft ernste Klänge. Der Zug bewegte sich auf von zahllosen Menschen gesäumten Straßen durch Königsberg. Frau Mendelssohn und Doktor Gioacchini waren da. als diese ihr schwarzes Kopftuch zurechtrückte: Frau Lampe. Als schließlich nichts mehr zu sagen war. doch Frau 436 .

die unvergleichliche Größe Immanuel Kants zu preisen. drückte mir die Mappe in die Hand und hastete aus der Kirche. Wieso sollte ich schließlich diesem Monster die letzte Ehre erweisen?« Meinen Versuch. Meine Arbeit hier ist abgeschlossen. Sie hier zu treffen. begrüßte sie mich.Lampe stellte sich mir in den Weg.« »Sie waren mit ihm befreundet«. »übergeben Sie es der örtlichen Polizei. flüsterte sie mir zu und holte eine schmale Lederaktenmappe unter ihrem Mantel hervor. Herr Prokurator«.« Stumm betrachtete ich. »Ich finde. erklärte sie mit geschürzten Lippen. Hastig lief ich aus der Kirche und bahnte mir mit glü- 437 .« Ich sah sie fragend an. vereitelte sie. Immanuel Kants philosophisches Testament – das seiner Meinung nach die gesamte Moralphilosophie verändern würde. »Ich hatte gehofft. sagte ich. Das Buch. an dem die beiden arbeiteten. dass ich auserwählt war. Ich drückte das unerwartete Geschenk mit der gleichen Inbrunst an die Brust wie ein paar Jahre zuvor mein erstgeborenes Kind. das Sie interessieren dürfte«. Auf die Knie sinkend. um sie herumzugehen. »Ich habe Sie schon zu lange aufgehalten«. »Das habe ich vor ein paar Tagen gefunden. es steht Ihnen zu. »Was auch immer dies sein mag«. »Sonst wäre ich nicht gekommen. dankte ich meinem Schöpfer dafür. sagte sie. was sie mir entgegenstreckte. »Ich habe da etwas.

438 . in dem sich normalerweise Studenten tummelten. warum Professor Kant seine Gedanken einem solchen Gehilfen anvertraut hatte. die er Martin Lampe diktiert hatte. Sobald der Kellner sie serviert hatte. ohne ihm Beachtung zu schenken. doch die waren heute alle bei der Trauerfeier.henden Wangen einen Weg durch die draußen Wartenden. ich wollte die letzten Gedanken des Philosophen mit niemandem teilen. Auf der halbwegs ruhigen Straße angekommen. Wieder einmal fragte ich mich. Das Traktat trug keinen Titel. meiner Ansicht nach nur für mich bestimmt waren. Die Seiten wurden durch ein schmutziges rotes Band zusammengehalten. Von irgendwoher hörte ich Jachmann rufen. durch die Menschenmassen. weil die Worte. Doch die Schrift erkannte ich sofort. Die Wörter stolperten unregelmäßig und mit hässlichen. Ich ging hinein. das wertvolle Päckchen fest an mich gepresst. und beim Durchblättern sah ich. setzte mich an einen Tisch in der hintersten Ecke und bestellte als Rechtfertigung für meine Anwesenheit eine heiße Schokolade. Ein Stück weiter die Straße hinunter befand sich ein Kaffeehaus. aber ich kämpfte mich. Wo konnte ich das Traktat ungestört lesen? Warum ging ich nicht zu Jachmann und den anderen Freunden Kants. um Atem zu schöpfen. um ihnen die Mappe zu zeigen? Nun. hielt ich inne. kindlichen Buchstaben dahin. auf der Vorderseite konnte ich auch keinen Autorennamen entdecken. dass auf manchen von ihnen noch der Sand zum Trocknen der Tinte klebte. zog ich das Manuskript unter meinem Mantel hervor wie ein Dieb seine Beute.

Hatte Frau Lampe sich getäuscht? Handelte es sich bei dem Dokument nicht um das. Alles Handeln. Plötzlich fand ich mich auf unbekanntem Terrain wieder. irgendwie zu kennen … Während sich das Kaffeehaus allmählich füllte und ich eine zweite Tasse heiße Schokolade zu mir nahm. so anders als die eleganten Wendungen Immanuel Kants. die er zuerst in Grundlegung zur Metaphysik der Sitten formuliert und später in Kritik der praktischen Vernunft weiter ausgeführt hatte. ab wann mich eine gewisse Unsicherheit zu beschleichen begann. was ich las. wurde mir bewusst. derzufolge das moralische Wesen der Pflicht das menschliche Verhalten universellen. wofür sie es hielt? Die Formulierungen wirkten so ungeschliffen. Fest steht lediglich. War dies die wahre Hölle? Eine Hölle nicht mit lodernden Flammen. Kant griff seine Grundthese auf. sondern eine Schattenwelt.Als ich die ersten Abschnitte las. den Prinzipien der Rationalität unterliegenden Gesetzen unterwirft. betonte er. das sich als eindeutig kantisch identifizieren ließ. vertiefte ich mich immer mehr in die Gedanken des Textes. Der grässlichen Handschrift Lampes zum Trotz erkannte ich den unverwechselbaren Tonfall Immanuel Kants wieder und seine Theorie der Moralphilosophie. das für echte Freiheit stehe. Verzweifelt suchte ich nach einem Konzept. solle dem Gemeinwohl dienen. wie sehr ich Martin Lampe beneidete. In der Mitte von Seite vier setzte mein Herz einen Schlag aus. dass Kant sich von seinen vertrauten Pfaden wegbewegte. in der die Engel plötzlich ihre 439 . Ich kann nicht sagen. Und trotzdem meinte ich das. Entsetzt schloss ich die Augen.

Das philosophische Vermächtnis von Professor Immanuel Kant. was ich Kant sieben Jahre zuvor unter vier Augen anvertraut hatte … 440 . begann mit meinen eigenen Worten.Cherubimmasken und glänzenden Flügel abnahmen. um die hässliche Realität darunter zu offenbaren. niedergeschrieben in der ungelenken Handschrift Martin Lampes. mit dem.

die vergleichbar ist mit der ungezügelten Kraft der Natur‹. »›Es gibt eine menschliche Erfahrung. »Genug vom Wetter!«. Berauscht von den Idealen der Aufklärung B 441 . feuchten Winter. während ich durch Frankreich zurück in Richtung Heimat fuhr. wandte Herr Jachmann mit besorgtem Gesicht ein. von der erfrischenden Kühle des Herbstes und dem kalten. ohne ihm Beachtung zu schenken. begann ich nervös von meinem Sommer zuvor in Italien zu erzählen. Stiffeniis. Ich berichtete von der unerbittlichen Sonne. Mord ohne Motiv. Als wir aufbrachen. doch Kant schlüpfte in seinen Mantel. was ich an einem kalten. Ich konnte sein fahles Gesicht im dichten Nebel kaum erkennen. Die Luft draußen war vom Nebel schwer wie ein feuchtes Tuch. Stiffeniis?« Nach kurzem Zögern beschrieb ich. ›Kaltblütiger Mord. haben Sie beim Essen gesagt. Ich folge Ihnen«. »Gehen Sie voran.XXXVI ei meinem damaligen Besuch schlug Kant einen Spaziergang ums Schloss vor. »Bei dem Wetter?«. Plötzlich blieb Kant stehen. sagte er und stützte sich auf meinen Arm. grauen Morgen keine zwei Monate zuvor gesehen hatte. herrschte er mich an.‹ Was meinten Sie damit.

So schnell. so endgültig. Professor Kant blieb eine Weile stumm. so verheerend.und neugierig darauf. grub sich mit einem Übelkeit erregenden Knirschen in den Hals des Königs. hatte ich meine Reise in Paris unterbrochen und am 2. Ich atmete ihn ein wie Weihrauch. wie der König vor der Guillotine niederkniete. wie die Revolutionäre mit ihrem früheren Monarchen verfahren würden. »Warum 442 . So einfach war das: Man betätigte einen Hebel und machte einem Leben ein Ende. Ursache und Wirkung. gestand ich ihm. fragte er plötzlich. Dieser Doppelgänger liebte den Tod und die damit einhergehende Euphorie. Ich hatte niemals vorher einer Hinrichtung beigewohnt und beobachtete fasziniert. als der abgetrennte Kopf in den bereitgestellten Korb rollte. nicht wahr?«. »Ich konnte mich der Erfahrung nicht entziehen. Kant das Gefühl mit einem Wort zu beschreiben. die Stufen zum Schafott erklomm. als Louis XVI. und plötzlich stieg mir der Geruch von Blut in die Nase. für den ich mich bis dahin gehalten hatte. Ich versuchte. »Aber da ist noch mehr. »Es hatte etwas Erhabenes«.« Nun war es heraus. das er begreifen würde. »Da blickte ich dem Teufel in die Augen«. »Die Klinge sauste herunter. erzählte ich Kant. Januar 1793 auf der Place de la Révolution gestanden. während ich jede Zuckung des Körpers fasziniert mitverfolgte. Ich wollte es wieder und wieder sehen …« In diesem Augenblick erhob sich ein Ungeheuer in der Seele des rationalen Menschen. während die Klinge unter Trommelwirbel hochgezogen wurde.

zu schwitzen begann oder sich seltsam verhielt. Er durfte das Haus nur mit einem durch einen Korken verschlossenen Gläschen mit Honig verlassen. doch der blieb stumm. Für ihn handelte es sich um eine notwendige Frage. Er stellte die Verbindung her. wenn er einen Anfall hatte.« Er schien in die tiefsten Tiefen meiner Seele zu blicken. den sich mein Vater immer gewünscht hatte – also das genaue Gegenteil von mir mit meiner ewigen Grübelei. reagierte aber weder erschreckt noch angewidert. war das Zuckerungleichgewicht in seinem Urin die Ursache. was zu tun war. fragte Kant in dem gleichen höflichen Tonfall. nicht mehr und nicht weniger. auf eine Reaktion von Professor Kant wartend. In jedem Raum stand Honig mit einem Löffel bereit.sprechen Sie von Mord ohne Motiv? Die Pariser hatten Grund genug. »Ja«. Wie sich herausstellte. 443 . »Er war als bester Kadett der Militärschule ausgezeichnet worden und somit genau der Sohn. den König hinzurichten. erklärte ich. Sobald Stefan blass wurde.« Ich schwieg. Vor einem Monat starb mein Bruder …« »Haben Sie ihn umgebracht?«. in dem er sich kaum eine Stunde zuvor erkundigt hatte. Sie wollen mir doch noch etwas anderes sagen. »Stefan wurde vor einem Jahr aus der Armee entlassen«. Alle im Haus wussten. Aber Stefan verlor ohne ersichtlichen Grund immer wieder das Bewusstsein. Nur Honig konnte ihn wieder herstellen. mussten wir ihm davon geben. ob ich das Brot mit oder ohne Butter wolle. ein fahler Schatten im Nebel. »Ich brachte den Wahnsinn mit nach Hause. vor der ich selbst Angst hatte. gab ich schließlich zu.

Es war kalt. aber ich tat es nicht. Er provozierte mich. müssen. das Gläschen Honig in die Tasche zu stecken. seine Augen waren verdreht. ein guter Tag für eine Kletterpartie. fuhr ich fort. die Richtergade. Stefan hatte Schaum vor dem Mund. ja. Ich wollte Stefan gerade von meiner Euphorie erzählen. Dann. und seine Muskeln begannen zu zittern. Ich hätte Nein sagen sollen. einen Felsvorsprung unter mir zu erreichen. genau das zu tun. Vor meinen Augen spielte sich ein Kampf auf Leben und Tod ab. blickte ich dem Tod erneut ins Auge. doch da nahm ich wahr. »hatte sich mein durch die Pariser Ereignisse verursachter innerer Aufruhr noch nicht gelegt. Ich erinnerte ihn lediglich daran. doch für mich hätte es sich genauso gut um … ein wissenschaftliches Experiment handeln 444 . Der Wind dort oben beruhigte den Aufruhr in mir. Ich erzählte niemandem davon außer meinem Bruder Stefan. der sich meine Geschichte stumm anhörte und mich weder beurteilte noch kritisierte. und dann machten wir uns auf den Weg. mich bei ihm bedanken. ein paar Tage später. was Vater uns verboten hatte.« »Und was war das?«. als er zu sprechen versuchte. forderte mich heraus zu einem Spiel. »In der Nähe des Hauses befindet sich eine Felsnase. auf das ich mich gern einließ. Als ich hinunterschaute. weil körperliche Aktivität mich von meinen düsteren Gedanken ablenkte. dass er noch immer nicht oben angekommen war und sich keuchend bemühte.»Bei meiner Rückkehr«. erkundigte sich Kant. und ich erreichte den Gipfel als Erster. forderte er mich plötzlich auf. die wir als Kinder gern um die Wette hinaufkletterten. Immer wieder glitten seine Nägel an dem feuchten Stein ab. Er nickte.

Er war mit dem Kopf auf einem scharfen Stein aufgekommen. und er behauptete. Stefan rutschte ab. An jenem Abend stürzte Vater in mein Zimmer. dass ich den Honig nicht in meine Jacke gesteckt hatte. bevor sie starb.können. Ich hoffte. die Philosophie könne mich retten. ›Warum hast du deinen Bruder nicht gerettet?‹. schien er sagen zu wollen. das war das letzte Wort meiner Mutter. Ich schwöre. Er nannte mich nicht ›Mörder‹. ›Das habe ich in deiner Tasche gefunden‹. dass ich mit Ihnen sprechen musste. »Ich suchte Sie am Ende der Vorlesung auf und sagte …« »›Der Tod hat mich verhext‹«. bis sie mit diesem schrecklichen Vorwurf ihr Leben aushauchte. erklärte ich. stürzte ins Nichts. Seinen Gesichtsausdruck werde ich nie vergessen. 445 . Und was machte ich? Ich sah untätig zu. warf er mir vor. bevor er mich mit eindringlichem Blick musterte. das Moos rund um ihn herum voller Blut und Hirnmasse. das Haus zu verlassen und es nie mehr zu betreten. weil Sie mich verstehen würden. aber dann befahl Vater mir. Nach dem Tod Stefans lag sie wochenlang reglos im Bett und starrte vor sich hin. Professor Kant. in der Hand ein Gläschen mit goldenem Honig. Aus diesem Grunde bin ich heute hier«. das moralische Diktat der Vernunft sei bedeutend stärker als die Gefühlsimpulse des Menschen. Nein. Ich durfte ihrer Beisetzung beiwohnen. Erst nach einer ganzen Weile hastete ich hinunter und fand seinen leblosen Körper im Gras. beendete Kant den Satz für mich. Bei der Trauerfeier erzählte mir ein Freund meines Vaters von Ihnen. Da wusste ich.

fragte ich ihn.« »Aber ich war da«. Warum versuchte ich nicht. aber das ist nur die halbe Geschichte. er sei krank gewesen. Sie geben sich die Schuld für seinen Tod. fragte ich. Und es war niemand anders da. das getan zu haben.« »Aber ich sah zu. »Ihr Bruder hat Sie herausgefordert«.»Bin ich ein Mörder. was Sie in Paris gesehen hatten. widersprach ich. dass er sich in Ihrer Tasche befand. »Sie wissen. Der Tod beherrscht uns alle. einsteckten. Nehmen wir einmal an. doch das war nicht der Fall. dass Sie den Honig. dass Sie einfach nicht reagieren konnten. Das Gleiche hätte auch an einem anderen Ort passiert sein können. wie er sich abmühte. Professor Kants Rat sollte mein Leben verändern. in Ihrer Abwesenheit. Hanno. »Ist Ihnen das schon aufgefallen? Manchmal vergessen wir selbst die wichtigsten Dinge. Dann wussten Sie tatsächlich nicht. Professor?«. antwortete er nach längerem Überlegen. »Und zwar in einer sehr merkwürdigen Verfassung nach dem. für den ich keinen passenden Ausdruck finde …« »Was soll ich also tun?«. wie Mörder denken. was er immer tat. und haben 446 . Ihr Bruder hingegen ging davon aus. »Er kannte das Risiko besser als Sie. Der Geist kann dem Menschen seltsame Streiche spielen«. Sie sagten doch. wenn er das Haus verließ. ohne nachzudenken. pflichtete Kant mir bei. und die Erhabenheit des Schreckens erzeugt einen höchst eigenartigen Geisteszustand. bemerkte er mit einem Lächeln und tippte sich mit dem Finger an die Stirn. »Bedauerlicherweise ja«. ihn zu retten?« »Vermutlich waren Sie so bestürzt.

nahm ich meine Arbeit als Magistrat in der kleinen Ortschaft Lotingen auf. bekämpfen Sie das Unrecht. an dem Koch meine Amtsstube betrat. Bis zu dem Tag. sagte er. wenn ein Mensch gottgleiche Macht über einen anderen ausübt.Überlegungen angestellt. Die Gesetze der Natur werden auf den Kopf gestellt. Studieren Sie Juristerei. Disziplin und Logik verborgen geblieben war? Kurz vor 447 .« Zwei Wochen danach schrieb ich mich als Student der Jurisprudenz an der Universität von Halle ein. die ich sieben Monate zuvor geheiratet hatte. der ihm zuvor durch Rationalität. Und das sollten Sie nutzen«. wo ich mit Helena Jordaenssen zusammenzog. als einfach nur mein Amt zu bekleiden. Er ist eine Apotheose. Dort führte ich ein ruhiges Leben. Urteile zu fällen und zu bestrafen. zu denen sich nur wenige Menschen bekennen würden. »Aber wie. Professor?« »Bringen Sie Ordnung ins Chaos. die ihresgleichen sucht … Hatte ich Professor Kant mit meinem Wahn angesteckt und ihm den Pfad zu verbotenem Wissen offenbart? Hatte er am Ende seines Lebens den Weg zur absoluten Freiheit entdeckt. den Kant Lampe diktiert hatte. Dieses Wissen macht Sie zu etwas Besonderem. und fünf Jahre später. der Frau. dessen Gleichförmigkeit ich zu schätzen lernte. Kaltblütiger Mord öffnet die Tür zum Erhabenen. Ich senkte den Blick wieder auf den Text. Meine Aufgabe war es weniger. nach meinem Abschluss.

hatte er begonnen und ich vollendete den Satz für ihn: Sie ahnen nicht. weil ich wusste. dass Lampe ihn beim Wort nehmen würde? Hatte Kant mit ihm einen mörderischen Golem geschaffen und diesen auf Königsberg losgelassen? Wenn Kant also gewusst hatte … Jan Konnen. was ich …«. Wenn Kant also gewusst hatte … Er hatte mich einzig und allein gewählt. die die Ermordeten gekannt oder geliebt hatten. von den Hohepriestern des Sturm und Drang. Paula-Anne Brunner. Anna Rostova auf dem Gewissen und Lublinskys Seele genauso monströs zugerichtet wie sein Gesicht. meinen treuen Assistenten. wie Mörder denken. Und er hatte Koch. Johann Gottfried Haase und Jeronimus Tifferch waren ihm zum Opfer gefallen. Hatte Immanuel Kant mit diesem Buch im Gehirn seines treuen Dieners den Samen des Bösen gesät. ermordet. Er hatte letztlich den Tod Prokurator Rhunkens sowie den von Morik herbeigeführt. Das Leben Frau Tifferchs und ihrer verbitterten Magd war ebenso zerstört wie das aller. das hatte er selbst gesagt. was ich mit Ihrer Hilfe getan habe. wissend. Die Stadt und ihre Bewohner waren in einem Netz aus Schrecken gefangen.dem Fund von Sergeant Kochs Leiche hatte Kant fiebrig und voller Leidenschaft von seinen Gegnern gesprochen. während ich den Professor nur bewunderte. Stiffeniis. »Sie ahnen nicht. Koch. das Kant so kunstvoll gewebt hatte. Mich – nicht Prokurator Rhunken oder irgendeinen an- 448 . die Totzens in den Selbstmord getrieben. der die düstere Verwicklung Kants in den Fall geahnt und das Böse in seinem Labor wahrgenommen hatte.

als ich zugeben mochte. in dem der Mensch befreit ist von jeglicher Moral. Als ich auf logischen Beweisen sowie glaubwürdigen Erklärungen bestand. Doch Koch nahm meinen Platz ein und empfing den tödlichen Streich. um mich ermorden zu lassen. öffnete Kant die Tür und schickte mich mit seinem Umhang hinaus. Den Augenblick. der ihm sieben Jahre zuvor begegnet war. was aus mir geworden war. Und gelang es ihm nicht fast? Die Köpfe in den Glasgefäßen faszinierten mich stärker. War es allein der wissenschaftliche Aspekt? Oder verspürte ich nicht vielmehr Erregung bei der Untersuchung der gefrorenen Leiche 449 . die er zuvor nur ein einziges Mal gesehen hatte. als ich nicht begriff. der den Tod seines eigenen Bruders beobachtet und ihm an einem kalten. denn ich würde die höllische Schönheit seiner letzten philosophischen These bewundern. der noch befleckt war vom Blut eines vor seinen Augen in Paris ermordeten Königs. oder wie Gott. sondern für die verwirrte Kreatur. was er mir mitteilen wollte. Gut und Böse übersteigt: Mord ohne Motiv. den fleißigen Magistraten aus Lotingen mit Frau und zwei kleinen Kindern. der Logik und Vernunft. den Akt. wie die Natur. Indem er mir den Fall übertrug. Den erhabenen Ausdruck des Willens. wollte der Professor den Dämon wecken. Wenn Kant also gewusst hatte … Er hatte sich nicht für das interessiert. für den Mann. der eigentlich für mich bestimmt war. nebligen Nachmittag bei einem Spaziergang um das Königsberger Schloss das dunkelste Geheimnis der menschlichen Seele enthüllt hatte.deren erfahreneren Magistraten –.

Die Verzweiflung und Entschlossenheit. Es hatte Augenblicke gegeben. und Anna Rostova erkannte in meiner dunklen Seite eine verwandte Seele. womit 450 . die die Eheleute verband. die Albino-Frau vor den Konsequenzen ihres Tuns beschützen zu können. Doch da regte sich Widerspruch in mir. Und gegen Gerta Totz hatte ich die Hand erhoben. von der Liebe meiner Frau und meiner Kinder. die sich so sehr von meiner Helena unterschied. Von der Liebe zu Gesetz. ihren schönen Körper zu besitzen. um einen Mörder zu fassen. Moral und Wahrheit. konnte ich nicht ahnen. bei dem Fausthieb gegen Frau Totz und dem Anblick ihres Mannes nach dessen Selbstmord? Trotz Kochs Warnung stimmte ich bereitwillig der Folter zu. des gespaltetenen Schädels von Morik. Kants Labor hatte ich im Interesse der Wissenschaft und Methodologie genutzt. Ich war nicht mehr länger das Wesen. dass ihre Skrupellosigkeit und Laszivität mich stimulierten … Ich schloss beschämt die Augen. die Schönheit dieser Morde zu schätzen. Nein! Das alles hatte ich allein getan. Darum war es mir gegangen. um ihr eine weit schlimmere Strafe zu ersparen. wie alle Opfer umgekommen waren. Tifferchs Leiche hatte mir verraten. Dann war Anna Rostova aufgetaucht – eine Frau. für das er mich gehalten hatte. Ich konnte nicht umhin zuzugeben. denn mein Herz wurde von der Liebe erwärmt und gerettet. die ich bewunderte. in denen ich hoffte. nicht darum.von Anwalt Tifferch. In Kants Augen hatte ich es nicht geschafft. nicht jedoch die makabren Exponate in den Glasbehältern. Nichts. Augustus Vigilantius riss ein tiefes Loch in meinen schwachen Panzer der Normalität.

Professor für Logik an der Universität zu Königsberg. neu geboren. dass ich tun musste. Ich war kuriert. In der Dämmerung eilte ich über das Kopfsteinpflaster bis zu der Steinbrücke am Ende der Straße und über das graubraune Wasser des Pregel bis zur Mitte der Brücke. legte eine Münze auf den Tisch und hastete aus dem Kaffeehaus. in kleine Stücke zu zerreißen begann. das Frau Lampe mir überlassen hatte. Draußen empfing mich die kalte Nachtluft. die ich als erfrischend empfand und die mir klarmachte.Kant mich lockte. wozu die Vernunft mich zwang. wo ich mich übers Geländer beugte und das Dokument. und das hatte ich ihm zu verdanken … Ich schob die Seiten zusammen. 451 . der ahnungslosen Welt übergeben. So wurde das letzte Werk von Immanuel Kant. Wie frischer Schnee flatterten die weißen Fetzen hinunter und wurden von den Fluten verschlungen. hatte meine dunkle Seite wieder zum Vorschein bringen können.

In meinem Alltag ereignete sich nichts Aufregenderes.und Erbschaftsstreitigkeiten. Ich verbrachte meine Tage damit. als ich Anfang April einen Brief von Olmuth Hanfstaengel. in dem mich dieser informierte. Mein Leben verlief fast gänzlich wieder in normalen Bahnen. Haus und Z 452 . Auseinandersetzungen zwischen Krämern und Bauern. überzeugter denn je davon. Grundstücks. erhielt. den Nachlass zu regeln. Ich vergaß die Vorfälle in Königsberg nicht ganz. als dass hin und wieder ein Hahn von einem Karren überrollt wurde. Ausschweifungen wegen Trunkenheit sowie andere kleinere Gesetzesverstöße zu klären und zu ahnden. Die Erinnerung daran war wie eine Narbe. seit Urzeiten Anwalt unserer Familie. dass man ihn seinem letzten Willen gemäß neben meiner Mutter und meinem Bruder im Familiengrab auf dem Ruislinger Friedhof beigesetzt habe und dass Hanfstaengel beauftragt sei.XXXVII u Hause in Lotingen kehrte ich an meine Arbeit zurück. aber mit der Zeit verloren sie für mich an Bedeutung. die an einem kalten Tag zu jucken beginnt. mich zufrieden zu machen. Grund. dass mein Vater zehn Tage zuvor unerwartet gestorben sei. dass die Tätigkeit eines Landmagistraten ausreichen würde.

Meinen Bruder bezeichnete Vater jedes Mal als »Stefan. neben mir. In einem Zusatz teilte Hanfstaengel mir mit. während ich stets nur mit meinem Namen erwähnt wurde. Ich reichte ihn ihr wortlos. Einen Moment lang redete ich mir ein. Sie bestand nur aus wenigen Worten: »Hiermit schicke ich Ihnen das im letzten Willen des verstorbenen Wilhelm Ignatius Stiffeniis bezeichnete Erbe. machte sich ein Ausdruck unverhohlener Freude auf ihrem Gesicht breit. meinen geliebten Sohn«. ihr zufälliges Zusammentreffen mit meinem Vater an jenem Tag auf dem Friedhof habe Wunder gewirkt und er habe sich mit mir ausgesöhnt und mich deshalb in seinem Testament bedacht. Doch der Tonfall des Schreibens sprach dagegen. die zwei Wochen später eintraf. Sofort erkannte ich die mit Stahlbändern verschlossene Eichen- 453 . Nachdem sie ihn überflogen hatte. Offenbar meinte sie immer noch. dass sie recht hatte. Helena stand.alles andere bis auf eine Ausnahme seien verkauft worden und der Erlös nach der Begleichung der Beisetzungskosten an die Militärakademie in Druzba gegangen. die Hände vor der Brust verschränkt. Stefan hat tatsächlich für uns gebetet«. dass ich in dem Testament ein Mal direkt erwähnt sei und von ihm in Kürze detaillierter Nachricht darüber erhalten werde. während ich den Brief las. wo Stefan seinem Land einige Monate gedient hatte. Trotzdem warteten wir gespannt auf die Nachricht von Anwalt Hanfstaengel. sagte sie schließlich.« Gleichzeitig hoben der Bote und sein Gehilfe ein Paket von ihrem Wagen und trugen es in den Flur. »Ich glaube.

die er wieder und wieder gelesen hatte. schien sich zusammen mit dem Staub eine Wolke aus Schmerz und Kummer zu erheben. einem plötzlichen Impuls folgend. dass ich niemals vergaß. Erinnerungsstücke. Als der Deckel mit einem rostigen Quietschen zurückklappte. die ich ihr bisher nicht beantwortet hatte. die Bücher. sah ich. Ich glaubte. dass ich nie zur Ruhe kam. um Kerzen zu holen. Das war mein Erbe. um sie zu öffnen. ich bekam weiche Knie. Nach einem ungewöhnlich feuchten Sommer kletterte ich eines kühlen Herbstabends hinauf. Ich ließ mich auf dem kalten Steinfußboden nieder. Sie hatte sie mir nach ihrem ersten und einzigen Treffen mit meinem Vater in jenem Brief nach Königsberg gestellt: Wie kann ein Vater nur so hassen? Wofür gibt er Dir die Schuld. der Kiste zu und widmete mich ihrem Inhalt noch einmal genauer. und obenauf fünf Gläschen mit goldenem Honig. wieder die Fragen zu hören. Stefans Hab und Gut war so hastig in die Kiste geworfen worden. Sein Fluch besaß über das Grab hinaus Gültigkeit. dass Freude und Hoffnung aus ihren Augen verschwunden waren. Als ich mich Helena zuwandte. dass nun ein Gläschen des Honigs zersplitterte. In der Kiste lagen alle Besitztümer Stefans: seine Lieblingskleider. Mein Vater wollte also.holzkiste aus dem Ankleidezimmer meiner Mutter wieder. Vor dem Hinuntergehen wandte ich mich. Mein Herz begann schneller zu schlagen. das von einem ausgeblichenen rosaroten Band 454 . wo sie allmählich verstaubte. Hanno? Wortlos schaffte ich die Kiste auf den Speicher. sich über ein Bündel Liebesbriefe.

Stefan hatte wie immer kritische Kommentare am Rand vermerkt. als Du von Paris und der Hinrichtung des Königs erzähltest. Lässt sich Selbstmord als kaltblütiger Mord interpretieren? Jedenfalls handelt es sich um die schwerwiegendste Entscheidung. Wie oft hatte er in unserem gemeinsamen Arbeitszimmer daraus zitiert? Als ich mich daran erinnerte. Wie sollte ich sie Dir auch mitteilen? Falls es kein Leben nach dem Tode gibt. keinen Ort. ergoss und Stefans Lieblingsbuch Die Leiden des jungen Werthers verklebte. die Pfeil’ und 455 . hieß es da. Gibt es eine größere Freiheit? Wenn wir ohnehin unser Leben lassen. Zu meinem Erstaunen entdeckte ich meinen Namen. glitt mir das Buch aus der Hand und landete aufgeschlagen auf dem Boden. »Liebster Hanno«. Du magst Dich gefragt haben. die nie nachzulassen. Mein ganzes Leben lang hatte ich Dich mit Fragen gequält. mit einer Leidenschaft. Ich setzte mich auf den Holzfußboden – das Buch in meiner Hand wog schwer wie Blei – und rief mir ins Gedächtnis. dass Du mir Dein Geheimnis offenbart und mir den Pfad gewiesen hast. Du konntest nicht ahnen. möchte ich Dir an dieser Stelle dafür danken. Er hatte ihn bestimmt hundert Mal gelesen. an der der frühe Tod des jungen Protagonisten beschrieben wird. an dem wir uns Wiedersehen. warum ich schwieg. die ein Mensch fällen kann. doch jetzt sagte ich nichts.zusammengehalten wurde. welche Gefühle Deine Worte in mir weckten. wie sehr Stefan den Roman geliebt hatte. Ich blickte auf die Stelle. sondern sich im Gegenteil bei jeder Lektüre noch zu steigern schien.

Hätte es schöner sein können? Trotz seiner Härte und seines Wunsches. Unser Geist und unser Herz sind aufgewühlt. Am folgenden Morgen. wie Shakespeare schreibt. lieber Hanno. ich die meinen. Dieses Wettklettern wird uns beiden guttun. dass Du dieses Buch jemals liest! Morgen werden wir die Richtergade erklimmen. der den kleinen Im- 456 . 17. Aber ich werde nicht zurückkehren. Und zwar mit Deiner Hilfe. März 1793. Ruisling. So also entdeckte ich mein wahres Erbe. Du hast Deine Gründe. denn ich bezweifle. Ich habe beschlossen. meine Leiden zu beenden. Tränen traten mir in die Augen. bei einem Spaziergang an dem ersten sonnigen Tag seit Wochen. warum dann noch einen Tag warten? Der Tod ist die Erfüllung eines jeden Lebens.Schleudern des wütenden Geschicks erdulden müssen. das ich nie begangen hatte. denn ich habe den Honig satt! Vielleicht wirst Du meine List irgendwann durchschauen … Demnach hatte er das Gläschen mit dem Honig in meine Tasche gesteckt. offenbare ich Dir den Blick auf meinen Tod. gab mein unerbittlicher Vater mir den sieben Jahre zuvor verlorenen Seelenfrieden zurück. als ich die letzte Zeile seiner Botschaft las: So wie Du mir den Blick auf die Freiheit ermöglicht hast. und Du wirst mich nicht enttäuschen. bevor wir an jenem Morgen das Haus verließen. auch wenn Du das nie erfahren wirst. mir ein Verbrechen anzulasten.

»Ein mutiges kleines Bürschchen. 457 . es ist an der Zeit. dass mein Vater mir die Schuld dafür gegeben hatte. als ich ihm meine Erlebnisse in Paris schilderte. Sie lauschte mir schweigend. und wie einst Kant. Ich beschrieb ihr den grüblerischen jungen Mann. den sie normalerweise den Kindern vorbehielt. schweren Krankheit erholt. wie sich Lotte und Helena in der Küche unterhielten. als ich ihm meine Angst vor den Dämonen gestand. Genau wie sein Vater«. antwortete Helena in jenem fröhlichen Tonfall. die von meinem Geist Besitz ergriffen hatten. Da legte sie sanft ihre Hand auf die meine. wo ich mich bei Stefan bedankte und für das Seelenheil meines Vaters und meiner Mutter betete. aber recht sicher auf seinen zwei pummeligen Beinchen vor uns her. meinst du nicht auch?« Am Abend hörte ich. Vielleicht ein bisschen eigensinnig. bemerkte Lotte. hob den Finger an die Lippen und lenkte meine Aufmerksamkeit durch eine Kopfbewegung auf unseren kleinen Sohn. »Ich habe Ihren Mann noch nie so sorglos erlebt wie heute«.manuel zu ersten unsicheren Gehversuchen veranlasste. »Er wirkt. als hätte er sich von einer langen.« »Genau das hat er. Immanuel hatte sich ihrem Griff entwunden und marschierte mit ernstem Gesicht. Hanno. bevor wir uns kennengelernt hatten. Zwei Tage später pilgerten wir zum Familiengrab in Ruisling. »Ich denke. dass wir nach Ruisling fahren. sagte Helena. ohne den Blick von mir zu wenden. wie einst mein Bruder. beantwortete ich endlich alle Fragen Helenas: Ich erzählte ihr ganz offen vom Tod Stefans und davon. Lotte«. der ich gewesen war.

und wie Königsberg und alle anderen Städte und Dörfer im Königreich kehrte Lotingen zu seiner einstigen Geschäftigkeit zurück. in den blutigen Einge- 458 . der die schlummernden Felder erglänzen ließ – die Woche zuvor hatte uns allein Nebel und Nachtfrost beschert –. lächelten matt. was sich tatsächlich ereignet hatte. die wir uns an ihre düsteren Prophezeiungen vom Vorjahr erinnerten und daran. »Das heißt. Das hatte nicht nur Margreta Lungrenek. wann immer er wollte.An einem hellen. Der Sommer des Jahres 1805 zeichnete sich durch Überfülle aus. um bei Austerlitz gegen die vereinten Kräfte Österreichs und Russlands zu kämpfen. Und sie behielt recht.« Helena und ich. Und Napoleon wird eine starke Nation wie die unsere nicht in die Knie zwingen. sonnigen Maimorgen. Offenbar hatte der französische Kaiser uns den Rücken zugekehrt. die persönliche Wahrsagerin General Katowices. Wir waren nur allzu gern bereit zu glauben. Frieden herrschte in Ostpreußen. dass er das Gleiche wieder tun könnte. betrat Lotte Havaars die Küche mit theatralisch-geheimnisvollem Gesichtsausdruck. dass der Sommer gut wird. was Lotte sagte. Und jeder wusste. Sie streckte den Kindern die geschlossenen Fäuste entgegen und öffnete sie unvermittelt. Napoleon Bonaparte lenkte seine Truppen nach Süden. verkündete sie mit einem freudigen Lachen. Zwei leuchtend orangefarbene Marienkäfer kamen zum Vorschein. »Es wimmelt nur so davon«. Marienkäfer so früh im Jahr! Es wird eine üppige Ernte geben. Doch wie lange würde der Frieden halten? Napoleon war 1803 in Hannover einmarschiert und hatte die Stadt besetzt.

In Napoleon Bonaparte reifte der preußische Gedanke. Die Geschichte sollte auch ihr recht geben.weiden der Krähe auf ihrem Tisch gesehen. und vielleicht schon im nächsten Jahr würde er auf den Flügeln eines unschuldigen Marienkäfers von einem Kornfeld vor Jena herübergetragen werden … 459 .

danken. Manfred Kühn macht in seinem Werk Kant. 460 .Danksagung Viele interessante Bücher haben die Entstehung dieses Romans beeinflusst. 2007) Schluss mit sehr vielen Mythen um Leben und Ideen von Immanuel Kant und eröffnet völlig neue Aspekte. doch eine der eindringlichsten Schilderungen des preußischen Lebens und Denkens im frühen neunzehnten Jahrhundert ist wohl Tales from the German Underworld von Richard J. besonders unserem Lektor Walter Donohue. Evans (New Haven/London: Yale University Press. Außerdem wollen wir unserer Agentin Leslie Gardner für ihre kritischen Anregungen und unermüdliche Ermutigung sowie allen bei Faber and Faber. 1998). Beide Bücher seien dem Leser an dieser Stelle ans Herz gelegt. Eine Biographie (München: dtv.

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