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LITERATURBERICHT 09-10 - Die Mensch-Tier-Beziehung Unter Etischem Aspekt

LITERATURBERICHT 09-10 - Die Mensch-Tier-Beziehung Unter Etischem Aspekt

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Altexethik 2010 27

Literaturbericht 2009/2010
Die Mensch-Tier-Beziehung unter
ethischem Aspekt
Petra Mayr, Judith Benz-Schwarzburg, Regina Binder, Dieter Birnbacher, Silke Bitz,
Gieri Bolliger, Andreas Brenner, Arianna Ferrari, Claus Günzler, Kathrin Herrmann,
Erwin Lengauer, Cecilia Muratori, Silke Schicktanz, Kirsten Schmidt und Norbert Walz
Inhalt
Vorbemerkungen
1 Allgemeines zum Tierschutz
1.1 Jonathan Safran Foer: tiere essen
1.2 Gunter Bleibohm und Harald Hoos: totentanz der tiere – Schonungslose Bemerkungen zu
tierelend, Jagd und Kirche
1.3 Dorothee Brantz und Christof Mauch (Hrsg.): tierische Geschichte – Die Beziehung
von Mensch und tier in der Kultur der Moderne
1.4 AdrianR.Morrison:AnOdysseywithAnimals:AVeterinarian’sRefectionson
the Animal Rights & Welfare Debate
1.5 Karl ludwig Schweisfurth: tierisch gut: Vom essen und Gegessen werden
2 Philosophische Ethik
2.1 Jean Kazez: Animalkind. What We Owe to Animals
2.2 Helmut F. Kaplan: Ich esse meine Freunde nicht oder Warum unser Umgang mit tieren falsch ist
2.3 Robert W. lurz (Hrsg.): the Philosophy of Animal Minds
2.4 Mark Rowlands: Animal Rights. Moral theory and Practice
2.5 Nicole Shukin: Animal Capital. Rendering life in Biopolitical times
3 Ethik interdisziplinär
3.1 Carol Gigliotti (Hrsg.): leonardo’s Choice. Genetic technologies and Animals
3.2 Marc Bekoff (Hrsg.): tugend und leidenschaft im tierreich. Gedanken zu einer neuen Sicht
der Natur.
3.3 Deborah Blum: Die entdeckung der Mutterliebe: Die legendären Affenexperimente
des Harry Harlow
3.4 Johannes Caspar und Jörg luy (Hrsg.): tierschutz bei der religiösen Schlachtung / Animal Welfare
at Religious Slaughter. Die ethik-Workshops des DIAlRel-Projekts
3.5 Johann S. Ach und Martina Stephany (Hrsg.): Die Frage nach dem tier. Interdisziplinäre
Perspektiven auf das Mensch-tier-Verhältnis
3.6 David Mellor, emily Patterson-Kane und Kevin J. Stafford: the Sciences of Animal Welfare
3.7 Dominick laCapra: History and its limits. Human, Animal, Violence
3.8 Carola Otterstedt und Michael Rosenberger (Hrsg.): Gefährten – Konkurrenten – Verwandte.
Die Mensch-tier-Beziehung im wissenschaftlichen Diskurs
3.9 Mieke Roscher: ein Königreich für tiere. Die Geschichte der britischen tierrechtsbewegung
3.10 Cary Wolfe: What is Posthumanism?
3.11 leo tolstoi, Clara Wichmann, Élisée Reclus, Magnus Schwantje et al.:
Das Schlachten beenden! Zur Kritik der Gewalt an tieren. Anarchistische, feministische,
pazifstischeundlinkssozialistischeTraditionen
3.12 Andrew linzey: the link Between Animal Abuse and Human Violence
3.13 Richard twine: Animals as Biotechnology. ethics, Sustainability and Critical Animal Studies
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LITERATURBERICHT
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gen aufmerksam, die vielfach auf den ersten Blick nicht deutlich
werden. So etwa, dass mit Hilfe der Biotechnolgie ein weiterer
starker Anstieg der Fleischproduktion forciert wird. einerseits
sollen damit die ernährungsprobleme in den entwicklungslän-
dern gelöst werden. Andererseits gehe es darum, Vertrauen zu
schaffen in die Biotechnologie als Fortschrittssymbol.
In Animal Capital. Rendering Life in Biopolitical Times betrach-
tet auch Nicole Shukin die wirtschaftlich ausgerichteten Prozesse
der tierproduktion und untersucht die damit verknüpfte Verände-
rung des lebensbegriffes. Shukin entdeckt die „Warenhaftigkeit“
von tieren auch in anderen Bereichen als der Nutztierhaltung, so
etwa in den Medien oder der Kunst. Ihre Analyse bewegt sich
auf der Schnittstelle einer marxistischen und posthumanistischen
Perspektive. Was unter Posthumanismus zu verstehen ist und wel-
che Rolle tiere in einer posthumanistischen theorie einnehmen,
versucht Cary Wolfe mit seinem Buch What is Posthumanism?
zu klären. Posthumanistische Positionen wollen das humanisti-
scheDenken,dassichdurchdieAbgrenzungzumTierdefniert,
überwinden und somit anthropozentrische Strukturen aufösen.
Problematisch an der posthumanistischen Perspektive bleibt da-
bei allerdings, dass sie keine praktischen Handlungsanweisungen
für den Umgang mit tieren liefern kann. Der Grund hierfür liegt
in den Prinzipien der posthumanistischen theorie selbst. Wenn
Menschen gegenüber tieren keine Sonderstellung mehr zuge-
schrieben wird, dann ist es auch nicht möglich, dass Menschen
Verhaltensnormen aussprechen, wie mit tieren umzugehen sei.
Denn eben damit würde wieder die alte humanistische tradition
mit der Sonderstellung des Menschen fortgeführt.
Dominick laCapra kritisiert in seinem Band History and its
Limits. Human, Animal, Violence wie auch Cary Wolfe in What
is Posthumanism? das derzeit vorherrschende Paradigma der
Abgrenzung von Mensch und tier. Mit dieser Kritik ist immer
auch eine Kritik am humanistischen Denken verbunden, da die
Mensch-tier-Abgrenzung eine Konsequenz des Humanismus ist.
laCapra verweist auf die Folgeprobleme, die aus einer solchen
Kategorisierung in Mensch und tier entstehen. In der aktuellen
tierrechtsdebatte sind diese darin zu sehen, dass für Menschen
prinzipiell andere Rechtsnormen gelten als für tiere.
Vorbemerkungen
Die „ethik des essens“ ist in der Belletristik zum thema ge-
worden. Im letzten Jahr hat der amerikanische Autor David
Forster Wallace einen zynisch kritischen essay mit dem titel
Am Beispiel des Hummers (literaturbericht, Altexethik 2009)
vorgelegt. Im August 2010 ist das Buch des amerikanischen
Schriftstellers Jonathan Safran Foer: Tiere essen in deutscher
Übersetzung erschienen. Und die deutsche Schriftstellerin Ka-
ren Duve schreibt an einem Band mit dem titel Anständig es-
sen, der Anfang 2011 erscheinen soll.
Allen drei Büchern ist eines gemeinsam: Sie kritisieren die
Verwendung von tieren als lebensmittel. Wallace tat es mit
einem Abscheu vor der dumpfen Brutalität und Völlerei an
Massenveranstaltungen. Duve erprobt im Selbstversuch al-
ternative Formen der ernährung vom Fleischverzicht bis hin
zum Verzicht auf alle tierischen Produkte. Und Foer liefert in
seinem Buch Tiere essen ein Sammelsurium seiner Methoden
der erkenntnis auf dem Weg zum ethisch vertretbaren essen:
er recherchiert zur Geschichte der landwirtschaft, unterfüttert
vieles mit persönlichen Anekdoten und Alltagserfahrungen, er
trägt aber auch statistische Fakten über tierhaltung und ihre ne-
gativen Folgen für die Umwelt zusammen.
Der Diskurs um Nachhaltigkeit, tier-Produktion und Kon-
sum ist ein zentrales thema in der wissenschaftlichen litera-
tur geworden – jenseits der Belletristik – , die erst vor kurzem
die Gewissens-Frage des essens für sich entdeckt hat. Richard
twine thematisiert in seinem Buch Animals as Biotechnology.
Ethics, Sustainability and Critical Animal Studies die aus der
Massentierhaltung und Massentierzucht resultierende einstel-
lung zu tieren als lieferanten von lebensmitteln. Dieser Be-
trachtungsweise, die tiere nahezu ausschließlich ökonomisch
überdieProduktionvonGüterndefniert,stehtaberaucheine
mehr und mehr sensibilisierte Öffentlichkeit gegenüber, die die-
sen Missstand beklagt. Um dieser Öffentlichkeit und ihrem Be-
streben, tiere wieder als fühlende lebewesen wahrzunehmen
und zu behandeln, gerecht zu werden, entwickelten sich die cri-
tical animal studies. Ihr Ziel ist es diese Missstände, die bislang
schon hinreichend beschrieben worden sind, kritisch zu politi-
sieren. twine macht auch auf wirtschaftspolitische Verwicklun-
4 Theologische Ethik
4.1 Andrew linzey: Why Animal Suffering Matters
4.2 Matthias Beck: Mensch-tier-Wesen. Zur ethischen Problematik von Hybriden, Chimären,
Parthenoten
5 Rechtsfragen und Rechtsentwicklung
5.1 Kristin Köpernik: Die Rechtsprechung zum tierschutzrecht: 1972 bis 2008
5.2 eveline Schneider Kayasseh: Haftung bei Verletzung oder tötung eines tieres – unter besonderer
Berücksichtigung des schweizerischen und U.S.-amerikanischen Rechts
5.3 MariaBiedermann:ÜberwachungundKontrollegenehmigungspfichtigerTierversuche
vergleichend in Deutschland und Großbritannien
Literatur
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LITERATURBERICHT
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tierseuchen auftreten, dann leide ein Großteil der landwirte an
posttraumatischen Belastungsreaktionen. Zweifelsohne geht es
hier oftmals um die existenz des Betriebs; doch erstaunlicher-
weise lassen sich die Belastungsreaktionen nicht alleine damit
erklären. Viele landwirte erlebten den Verlust der tiere in einer
ambivalenten Mischung als ökonomisches Defzit, aber auch
als Verlust eines lebewesens. ein wesentlicher Faktor, der zu
einer entfremdung und Distanz zum tier führt, ist Jürgens zu-
folge nicht zuletzt in der Arbeitsteiligkeit der modernen land-
wirtschaft zu sehen.
Im gleichen Band entfaltet Jean-Claude Wolf seine „ethik der
natürlichen Sympathie“, indem er eine auf Sympathie basierende
Verbundenheit zum tier als motivierendes element stark macht.
Der Philosoph führt aus, dass bereits frühe tierschutztraditio-
nensichdaraufberiefen,dassWesen,dieempfndungsfähigund
damit verwundbar sind, ethische Rücksichtnahme erfahren sol-
len. Darüber hinaus sei Sympathie bereits ohnehin die Grund-
lage in der täglichen tierschutzpraxis. Wenn tierquälereien bei
Menschen kein Mitleid mit dem gequälten tier hervorrufen,
dann müsse man sich fragen, ob Menschen in ihrer „Fähigkeit
zur natürlichen Sympathie“ blockiert seien. In der tat berührt
Wolf hier den zentralen Punkt, indem er sich fragt, wie es sich
erklären lässt, dass eben dieses verbindende Moment zwischen
MenschenundTieren,–unseregemeinsameEmpfndsamkeit–,
oftmals schlichtweg ignoriert werden kann.
pem
Gentechnologische Veränderungen an tieren haben in ethi-
scher Hinsicht zweifellos eine besondere Brisanz, weil sie die
radikalste Form der „Verdinglichung“ von lebewesen dar-
stellen. In dem von Carol Gigliotti herausgegebenen Band
Leonardo’s Choice. Genetic Technologies and Animals wird
der Einfuss dieser neuen Technologie sowohl auf Menschen
als auch auf tiere diskutiert. Der Herausgeberin ist gelungen,
was vielen Büchern versagt bleibt, in denen texte aus vielen
Fachrichtungen zu einem themenschwerpunkt Stellung be-
ziehen: ein harmonisches Zusammenspiel unterschiedlichster
Disziplinen. Historischen, juristischen, philosophischen, ver-
haltensbiologischen oder sogar landschaftsarchitektonischen
Positionen gelingt gemeinsam eine kritisch distanzierte Analy-
se der gesellschaftlichen Bedeutung von einschneidenden ent-
wicklungen, wie sie in gentechnologischen Möglichkeiten an
tieren zu betrachten sind.
Wie sehr über viele Jahre gelebte traditionen im Umgang mit
tieren als unumstößliche Normalität betrachtet werden, zeigt
die Agrarsoziologin Karin Jürgens in einem Aufsatz in Gefähr-
ten – Konkurrenten – Verwandte. Die Mensch-Tier-Beziehung
im wissenschaftlichen Diskurs. In dem von Carola Otterstedt
und Michael Rosenberger herausgegebenen Band beschreibt
sie, dass das Schlachten von Nutztieren normalerweise für
landwirte als alltägliche Selbstverständlichkeit betrachtet wird.
eine Ausnahmesituation ergebe sich allerdings dann, wenn
In Eating Animals konfrontiert Jonathan Safran Foer den le-
ser jedoch nicht nur mit den harten Fakten rund ums Geschäft
mit dem Fleisch und den Folgen der industriellen Fleischpro-
duktion für die tiere, unsere Umwelt und unsere Gesundheit.
er nimmt auch die Geschichten unter die lupe, mit denen wir
unser essverhalten rechtfertigen und die dazu beitragen, dass
wir vor den Auswirkungen der tierproduktionsindustrie die Au-
gen verschließen.
ImAnhangderdeutschenAusgabefndetsicheineÜbersicht
zur Sachlage in Deutschland inkl. genauer Quellenangaben. So
wird jedem leser die „Hoffnung“ genommen, dass es sich bei
den im Buch geschilderten Fakten um nur für die USA zutref-
fende handeln könnte. Die landwirtschaftlichen Praktiken in
den USA und in Deutschland ähneln sich im Übrigen sehr. Cir-
ca 98 Prozent der in Deutschland zum Verzehr gehaltenen tiere
stammen aus industriellen Massentierhaltungsbetrieben (Studie
des statistischen Bundesamtes 2008).
Foers leidenschaftlicher Appell für mehr Verantwortungs-
bewusstsein gegenüber unseren tieren und unserer Umwelt
hat mir einmal mehr vor Augen geführt, dass gerade wir
tierärzte mit unserem Wissen über die Schmerzen, leiden
und Schäden, die durch die nicht artgemäße und nicht ver-
haltensgerechte Haltung entstehen, uns noch mehr für den
Schutz von tieren einsetzen müssen, um unserer besonderen
Verantwortung undVerpfichtung gegenüber denTieren und
1 Allgemeines zum Tierschutz
1.1 Jonathan Safran Foer:
Tiere essen
400 Seiten, Köln: Kiepenheuer &
Witsch, 2010, euro 19,95
englische Ausgabe: eating Animals,
341 Seiten, New York: little, Brown
and Company, 2009, euro 11,50
Der US-Amerikaner Jonathan Saf-
ran Foer, geboren 1977, studierte in
Princeton Philosophie und ist ein inter-
national bekannter Schriftsteller. Seit
seinem neunten lebensjahr war er mal
Vegetarier, mal aß er auch Fleisch. Doch angesichts der bevor-
stehenden Geburt seines ersten Kindes wollte er für sich selbst
einige Fragen klären: Was ist Fleisch? Wo kommt es her? Wie
wird es produziert? Was sind die ökonomischen und ökologi-
schen Auswirkungen? Gibt es Situationen, in denen es falsch
ist, tiere zu essen? Wie werden für den Verzehr bestimmte
tiere gezüchtet, gehalten und getötet? Soll ich mein Kind mit
Fleisch ernähren oder nicht? Drei Jahre trägt Foer Fakten aus
einschlägigen Studien zusammen, befragt experten und Akteu-
re – wobei er alle Seiten zu Wort kommen lässt. er bricht sogar
in industrielle tiermastbetriebe ein, um seine Nachforschungen
zuverifzieren.
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LITERATURBERICHT
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Foers Buch hat eine Kraft, die sich schwer beschreiben lässt.
Vielleicht liegt sie darin, dass er ganz unbedarft an das thema
Nutztierhaltung herangeht – nur mit dem vagen Gefühl, dass
damit etwas nicht in Ordnung sein könnte. Dann wird ihm aber
schnell klar, dass es nicht nur eine Beantwortung von persönli-
chen Fragen bleiben kann, sondern dass die Wahrheit ans licht
der Öffentlichkeit gebracht werden muss. Die tierproduktions-
industrie mit ihrem ökonomisch durchdachten tierquälerischen
Geschäftsmodell baut darauf, dass der Verbraucher so wenig
einblick in ihre Praktiken erhält wie möglich. Das gilt es end-
lich zu ändern. Und dabei kann Foers Buch helfen, denn er
vermag mit seiner Dokumentation gleichermaßen den Verstand
und die Gefühle des lesers zu berühren. Ich hoffe, dass auch in
Deutschland – ähnlich wie in den USA – eine breitere Debatte
zu den ethischen Grenzen unseres Konsumverhaltens angesto-
ßen wird, die dann auch tatsächlich zu einem langfristigen ge-
sellschaftlichen Wandel führt.
Kathrin Herrmann
gegenüber der Öffentlichkeit nachzukommen. es ist falsch,
dass die Grenzen für eine noch als zumutbar geltende Zucht
und Mast von landwirtschaftlichen Nutztieren nicht von tier-
ärzten vorgegeben werden, sondern von den Agrarprodu-
zenten und deren lobby, und damit also rein wirtschaftlich
ausgerichtet sind. Wir wissen, dass die tierschutzwidrigen
Zustände, die Foer in seinem Buch eingehend beschreibt,
auch in Deutschland Realität sind. Die globalen Auswirkun-
gen der Ausbreitung der industriellen Massentierhaltung sind
vor allem auch im Hinblick auf lebensmittelinduzierte Krank-
heiten, Resistenz der erreger gegen antimikrobielle Medika-
mente und mögliche Pandemien beängstigend. es ist höchste
Zeit, dass wir vermehrt und mit vereinten Kräften gegen die
Ursachen dieses ethisch nicht vertretbaren Systems der indus-
triellen Massentierhaltung vorgehen, anstatt weiter lediglich
die Symptome zu behandeln und damit die schlechten Hal-
tungsbedingungen noch zu unterstützen.
themenkreise aufgreift, die zwar seit langem erörtert werden,
aber weiterhin der sorgfältigen Analyse bedürfen. Zu Kirche
und Jagd, den beiden Hauptthemen des Buchs, ist das Reser-
voir an Argumenten noch keineswegs erschöpft, doch wer den
Beitrag der Kirche zur Geistesgeschichte auf „monotheistische
Glaubenshalluzinationen“ (25) reduziert und die Jagd exklusiv
als „Rechtfertigung eines Mordhobbys“ (88) begreift, signali-
siert damit, dass es ihm nicht um einen Diskurs in der Sache
geht. Bestätigt wird dies immer wieder durch die Adjektive
„absurd“ und „pervers“, die zur Bewertung kritisierter Sicht-
weisen herangezogen werden.
Kurzum, das hochemotionale Gemisch aus Verdruss und
Verachtung – zu beiden Haltungen bekennen sich die Autoren
ausdrücklich – überlagert die einschlägig wichtige thematik
und macht dieses Buch für die Fachwelt wertlos und für den
tierfreund eher abschreckend als anregend. Supererogatorische
Forderungen nutzen der tierethikdebatte nur dann, wenn sie die
Geduld mit dem naturgemäß bedächtigen tempo des ethischen
Fortschritts implizieren. Goethe schreibt in den Maximen und
Refexionen dazu: „es ist nichts inkonsequenter als die höchste
Konsequenz, weil sie unnatürliche Phänomene hervorbringt, die
zuletzt umschlagen.“
In diesem Buch ist ebendies geschehen. Zwischen einem düs-
teren eingangskapitel mit einer apodiktisch inszenierten end-
zeitvision und einem pathetischen Schlusskapitel unter dem
Titel „Anklage und Abrechnung“ fnden sich unsystematisch
gereihte Statements, autobiographische einsprengsel mit elitä-
rem Anspruch (43 ff.), gelegentliche satirische Versuche (halb-
wegsgelungenauf73-77)undfktiveErzählungenausderSicht
leidender tiere. letztere erreichen den engagierten tierfreund
noch am ehesten, ändern aber nichts an dem gallig-bitteren
Grundton, der das ganze Potpourri durchzieht. empfehlen lässt
sich dieses Buch in keinerlei Hinsicht, und wenn es doch irgend-
1.2 Gunter Bleibohm und
Harald Hoos: Totentanz
der Tiere - Schonungslose
Bemerkungen zu Tierelend,
Jagd und Kirche
174 Seiten, Saarbrücken: Geistkirch,
2009, euro 14,80
Wer sein Handeln an sittlichen Idealen
ausrichtet, sich also Forderungen unter-
wirft, die über die allgemein anerkann-
ten Pfichten hinausgehen, verdient
RespektundfndetDialogbereitschaft,
wenn er sich argumentativ um Mitstreiter für seine Sache be-
müht. Allerdings muss er der Versuchung widerstehen, die su-
pererogatorischen Forderungen seines persönlichen Praxisideals
als allgemeingültige Richtlinie für jedermann misszuverstehen
und daraus dann Werturteile über den moralischen Zustand der
Menschheit herzuleiten. Dies gilt auch für den „konsequenten
Tierschutz“, dem das vorliegende Buch verpfichtet ist. Die
beiden Autoren stellen sich als Mitbegründer der tierrechts-
initiative pro iure animalis vor, und so ließe sich eigentlich ein
argumentativer Beitrag zur hochkomplexen Debatte über den
Status von tierrechten erwarten. Doch das scheint die Autoren
nicht zu interessieren, weil sie es vorziehen, die Verdrängung
„des herrschenden tierleides zornig anzuprangern“ und „das
allgemeine Desinteresse der Menschen am leid unserer Mitge-
schöpfe wütend zu verachten.“ (11)
Zorn und Wut sind unzulässige Ratgeber, wenn es darum
geht, den Spielraum der ethischen Verbindlichkeit zu erwei-
tern, und so bringt sich dieses Buch mit seiner Diktion von
vornherein um die Chance, theoretische Anregungen oder
praktische Impulse auszustrahlen. Dies ist bedauerlich, weil es
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LITERATURBERICHT
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einen Wert in sich trägt, dann liegt dieser darin, ex contrario die
aufklärerische Aufgabe der Wissenschaften zu unterstreichen.
Solange die beachtlichen Fortschritte, die beispielsweise in der
ethischen und rechtlichen Bewertung von tierversuchen erzielt
worden sind, nicht an den praktischen tierschutz vermittelt wer-
den, können Polemiken wie die vorliegende einem angemaßten
Universalanspruch mit hoher Animosität freien lauf lassen.
Hier wartet eine zentrale tierschutzpädagogische Herausfor-
derung. Der noch jungen tierrechtsinitiative pro iure animalis
ist zu wünschen, dass sie den Anschluss an die ethische Debatte
fndet,sichvonungezügeltenEmotionenebensoverabschiedet
wie von praxislähmenden Visionen und in ernsthafter Weise zu
demThemazurückfndet,dassieimNamenträgt.
Claus Günzler
hatten. Wie das bei vielen Menschen der Fall ist, so war auch
Darwins Verhältnis zu tieren widersprüchlich. Zum einen liebte
er seinen Hund und stellte dessen intellektuelle und emotionale
Fähigkeiten als vergleichbar mit denen des Menschen dar (227).
Auf der anderen Seite war er ein begeisterter Jäger und ging
der Frage nach, welche Hunde man für welchen Zweck züchten
sollte. Weder das erschießen von tieren noch die Nutzung von
Hunden zum Zweck des Jagens anderer tiere stellte er in Frage.
So bezeichnete Darwin die Vogeljagd als „Himmel auf erden“
(233) und in einem Brief schrieb er: „es hätte Neid und Ver-
druss in Dir erregt, ihn (Darwins Hund) zu beobachten, wie er
eine Kette von Rebhühnern aufstöberte, und die Art, wie er das
Platzkommando befolgte, wenn ich meine Hand erhob.“ (234)
Darwins Studien zur natürlichen Auslese und Zucht und die
eigens hierfür eingeführten exotischen tiere gaben den tiergär-
ten und heutigen Zoos möglicherweise besonderen Antrieb, wie
man aus folgender Beschreibung schließen kann:
„Dass die Debatte um den Darwinismus und die Gründungs-
welle der bürgerlichen tiergärten im deutschen Sprachraum und
die Ankunft der ersten Menschenaffen ebenda um 1860 zeitlich
zusammenfelen,warzunächsteinhistorischerZufall.Baldaber
entwickelte diese Konstellation ihre eigene Dynamik (...). Zei-
tungsartikel über die Ankunft von Menschenaffen in Zoos in
den 1870er Jahren berichteten immer wieder von Zehntausen-
den von Besuchern.“ (263, 264)
Der Sammelband ist lesenswert, vermittelt er doch die oft-
mals nicht bewusst wahrgenommene Bedeutung der tiere für
uns Menschen damals wie heute. Gleichzeitig regen die zahl-
reichen Beiträge unterschiedlichster Fachdisziplinen an, den
Blick für neue Sichtweisen zu öffnen oder sogar das Verhältnis
des Menschen Tieren gegenüber zu refektieren. Die Nutzung
von tieren in zahlreichen Bereichen sowie das Herrschaftsden-
ken des Menschen über tiere schreiben eine lange Geschich-
te, wie aus den Beiträgen der Autoren zu schließen ist. Dieses
„Herrschaftsdenken“ wird in unserer modernen Gesellschaft als
Normalität betrachtet. Dennoch scheint es erstrebenswert, die-
ses Dogma zu überdenken, wofür der leser einige Anregungen
in Form von Negativbeispielen für die Degradierung des tieres
zur menschlichen Zweckerfüllung erhält.
Silke Bitz
1.3 Dorothee Brantz und
Christof Mauch (Hrsg.):
Tierische Geschichte – Die
Beziehung von Mensch und
Tier in der Kultur der Moderne
401 Seiten, Paderborn: Schöningh,
2010, euro 39,90
Das Buch thematisiert, dass tiere in
Geschichtsbüchern nur als Rander-
scheinung auftreten, obgleich sie im
Rahmen der menschlichen Gesell-
schaften schon immer eine bedeutende Rolle innehatten. So ge-
hen die Autoren etwa den Fragen nach, wo wir ohne tiere heute
wären, wie man ohne Reittiere Gebiete erkundet hätte oder wo
Kunst, literatur und Philosophie ohne das Motiv tier und die
Medizin ohne tierversuche wären.
Autoren aus europa und den USA beleuchten die Bedeu-
tung des tieres und der tier-Mensch-Beziehung in der Kul-
turgeschichte und zeigen den Zusammenhang zwischen der
Geschichte der tiere und den politischen, gesellschaftlichen,
kulturellen und wissenschaftlichen entwicklungsprozessen auf.
Das Werk ist ein Sammelband aus zahlreichen einzelbeiträgen,
deren Verfasser die historische und moderne Beziehung zwi-
schen Mensch und tier aus unterschiedlichen Blickwinkeln und
Disziplinen darstellen. In vier teilen widmen sich die Autoren
den Überbegriffen Kulturtiere – Tierkulturen, Im Reich der wil-
den Tiere, Tierische Diskurse – Recht, Politik, Wissenschaft und
schließlich dem Komplex Kulturwissenschaftliche Betrachtun-
gen. Die einzelnen Beiträge sind teilweise mit schwarzweißen
Zeichnungen bebildert.
Dass tiere schon immer eine Faszination auf den Menschen
ausübten, zeigt sich unter anderem in der Darstellung zu Dar-
wins Forschungen bezüglich der evolutions- und Auslesetheo-
rien. Jedoch äußerte sich schon damals das Interesse an tieren
eher in ihrer Nutzung als dem Bestreben, sie als fühlende lebe-
wesen zu schützen, wenngleich es auch Bewegungen gab, die
wie die heutigen tierschutz- und tierrechtsorganisationen die
etablierung eines umfassenden Schutzstatus für tiere zum Ziel
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LITERATURBERICHT
Altexethik 2010 32
Morrison liegt viel daran zu betonen, dass er tiere im All-
gemeinen und Katzen – bzw. eine Katze, seinen „buddy Bus-
ter“ – im Besonderen liebt. Nicht sentimentale tierliebe aber
ist es, was die tierschutz- und tierrechtsbewegung einfordert.
Mangelnde Zuneigung, Gleichgültigkeit, ja nicht einmal Ge-
fühlskälte gereichen jemandem zum Vorwurf, so lange er die
Interessen der tiere bzw. des tierschutzes anerkennt und res-
pektiert. Und das bedeutet eben, den Menschen nicht zum Maß
aller Dinge zu machen.
es ist die (vermeintliche) Kluft zwischen Mensch und tier,
mit der Morrison seine tätigkeit (vor sich selbst) rechtfertigt:
“Ourabilityashumans[is]torefectonourfuture,andtoanti-
cipate our eventual death. If animals had these cognitive abili-
ties, I personally could not use them in ways that would lead to
their deaths.” (138) Aber: Können wir denn wirklich so sicher
sein, wozu tiere fähig sind? Und sollten wir es nicht – mit
thomas Huxley – im Zweifel vorziehen, „zugunsten dessen zu
irren, dessen Ausdrucksverhalten für uns zu fremdartig ist, um
uns seine Sicht der Dinge verständlich zu machen“?
Man könnte noch Verständnis aufbringen, wenn sich der Au-
tor darauf beschränken würde, die Verwendung von tieren zu
Zwecken der (bio-)medizinischen Forschung zu rechtfertigen.
Immerhin sind die Verhütung und Bekämpfung von Krankhei-
ten in der Bedürfnis- und damit auch in der Wertehierarchie
besonders hoch angesiedelt, sodass eine Interessenabwägung
im Bereich dieses Forschungszweiges tatsächlich häufg zu-
gunsten des Menschen ausfallen wird: Sophie Petit-Zeman
bringt auf den Punkt, dass es eher gerechtfertigt ist, tiere in
der medizinischen Forschung zu verwenden, als sie zu essen:
„I can survive perfectly well without eating meat (and so can
you) but we can’t get far alleviating illness and disease without
research using animals“ („Confessions of a vegetarian vivisec-
tor“, the Guardian, 7.8.2006).
Morrison hingegen geht einen großen Schritt weiter: „My
view is that animals can serve as food for the mind as well as
for the body (...) “. (93) Die Nutzung von tieren zum Zweck der
Fleischgewinnung ist nach Morrison uneingeschränkt gerechtfer-
tigt, auch wenn der (übermäßige) Fleischkonsum der Menschheit
zumindest global betrachtet eher zum Nachteil als zum Nutzen
gereicht. Vollends unglaubwürdig wird Morrisons Bekenntnis
zum tierschutz jedoch spätestens dann, wenn er die Haltung von
LegehenneninKäfgbatterienbefürwortet,weildieTiereindieser
hygienischsten aller Haltungsformen vor dem Überlebenskampf
geschützt sind und weniger von ekto- und endoparasiten geplagt
werden als in der Freilandhaltung (188f.). So erstaunt es nicht,
dassdasBuchauchaußerhalbderUS-amerikanischenScientifc
Community begeistert aufgenommen und von der American Farm
Bureau Federation sogar zu einem Sonderpreis vertrieben wird
(http://agwired.com/2009/07/27/new-book-on-animal-rights-vs-
animal-welfare/). Das ergebnis von Morrisons Bemühungen ist
nach der Auffassung dieser Organisation „a thought-provoking,
intelligent and fair-minded discussion of a charged subject – of
the past and present of animals’ relationships with humans, and
how and why we should be able to use them as we do.“ ein wei-
teres Buch also, das sich in die Reihe jener Versuche einreiht, das
zu rechtfertigen, was wir immer schon getan haben.
Regina Binder
1.4 Adrian R. Morrison:
An Odyssey with Animals:
A Veterinarian’s Refections on
the Animal Rights & Welfare
Debate
288 Seiten, New York: Oxford
University Press, 2009, euro 34,99
Die Mensch-tier-Beziehung ist in un-
serer Gesellschaft komplexer denn
je zuvor: tiere werden nicht nur als
Heimtiere gehalten und als Nahrungs-
mittellieferanten genutzt, sondern in zunehmendem Maß auch
für Zwecke der biomedizinischen Forschung verwendet, was ins-
besondere in den USA zu erbitterten Auseinandersetzungen zwi-
schen tierrechtsaktivisten einerseits und Forschern andererseits
geführt hat. So hat die biomedizinische Scientifc Community
(Advocacy Network der Society for Neuroscience) kürzlich eine
Unterschriftenkampagne gegen das von P. Singer und P. Cavali-
eriinitiierte„GreatApeProject“lanciert.EinvorläufgerHöhe-
punkt im Kampf gegen die Forderungen der tierrechtsbewegung
ist Morrisons Buch „An Odyssey with Animals“. Aus der Sicht
des Autors, der tierarzt, emeritierter Professor für Verhaltens-
neurobiologie an der University Pennsylvania und ein bekannter
Schlafforscher ist, sind tiere „a renewable resource“ (8) und die
tierrechtsbewegung „an attack on humanity“ (120).
Morrison belegt akribisch und durchwegs auch etwas lar-
moyant, wie er selbst und seine Kollegen durch „radikale“
tierschützer eingeschüchtert und in ihrer Arbeit zum Wohle
des Menschen behindert wurden. er versucht, mit Hilfe his-
torischer, philosophischer und biologischer Argumente sei-
ne unerschütterliche Überzeugung zu untermauern, dass der
Dienst an der Menschheit das vorrangige, wenn nicht gar das
ausschließliche Anliegen von Wissenschaft und Gesellschaft
sein müsse. Freilich betont der Autor, durchaus dem Anliegen
des Tierschutzes verpfichtet zu sein, und er räumt immerhin
ein, dass die Durchführung von tierversuchen einer Regelung
durch den Gesetzgeber bedarf, um Missstände hintanzuhalten.
Allerdings muss man sich fragen, wo nach den Vorstellun-
gen Morrisons Raum für tierschutzüberlegungen bleibt. Das
Weltbild des Autors geht von einer unüberbrückbaren Kluft
zwischen Mensch und tier aus und rückt die Interessen des
Menschen absolut und unverbrüchlich in den Mittelpunkt: „I
still hold strongly to the view that there is a distinct division
between animals and humans, created by our own evolutiona-
ry heritage as well as by our religious heritage in the West, at
least.“ (224) eine solche zutiefst anthropozentrische und im
Übrigen auch gegenüber fremden Kulturen anmaßende Sicht-
weise entzieht naturgemäß jeder Güterabwägung den Boden
und lässt es weder zu, die ethische Vertretbarkeit einzelner
tierexperimenteller Vorhaben zu hinterfragen, noch über abso-
lute leidensobergrenzen zu diskutieren. In dem Bestreben, die
leserschaft von dieser Sicht der Dinge zu überzeugen, werden
auch Klischees bemüht, die nahe legen, dass tiere mitunter
freiwillig an tierversuchen mitwirken: „Some monkeys will
actually jump into the testing chair for the excitement of doing
something different and new.“ (92)
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LITERATURBERICHT
Altexethik 2010 33
entscheidende Wende zum Besseren – sowohl für die tiere als
auch für die Fleischkonsumenten – wird es nicht geben, solange
nicht zweierlei gelingt: Die Rechte von Rind, Schwein, Huhn,
lamm, Pute auf ein leben vor dem tod durchzusetzen und das
lebensmittel Fleisch einem Marktgesetz zu entreißen, das – un-
ter Missachtung von tier- und Menschengesundheit – das Diktat
‚Kostensenkung um jeden Preis‘ aufrechterhält.“ (119)
Interessant sind in diesem Zusammenhang auch die Ausfüh-
rungen Schweisfurths zu den gesundheitsschädlichen Folgen des
Fleischverzehrs. er führt eine ende März 2009 veröffentlichte
langzeitstudie des National Institute of Health in den USA an,
die seiner Ansicht nach bestätigt, was lange bekannt ist: „Zu-
viel Fleischkonsum ist ungesund. 545.000 Amerikaner zwischen
50 und 71 Jahren ließen ihre essgewohnheiten wissenschaftlich
protokollieren, und das ergebnis lässt einen frösteln. Bei den
71.000 während der zehnjährigen Untersuchungszeit Verstor-
benen hätte ein geringerer Fleischkonsum die frühen todesfälle
verhindert. Männer, die täglich rund 250 Gramm Fleisch aßen
(die Untersuchung hob auf ‚rotes’ Fleisch ab, also auf Schwei-
ne-, Rind- und Lammfeisch) hatten im Vergleich zu anderen,
die es mit 150 Gramm wöchentlich gut sein ließen, ein um
22 Prozent erhöhtes Krebsrisiko; das Herzinfarkt und Schlagan-
fallrisiko lag um 27 Prozent höher als bei der Vergleichsgruppe.
Bei starken Fleischesserinnen war das Herztodrisiko sogar um
50 Prozent erhöht.“ (120f.)
Die lesenswerte lektüre basiert auf den langjährigen prakti-
schen erfahrungen eines tiernutzers, der praktikabel aufzeigt,
wie ein nachhaltiges Wirtschaften im Hinblick auf tierhaltung
und -nutzung möglich ist. Damit spricht Schweisfurth nicht aus-
schließlich tierschützer an, sondern neben umdenkungswilligen
Verbrauchern auch andere landwirtschaftliche Betriebe, die in
den Ausführungen des Autors Motivation für eine Umgestaltung
ihres Betriebes nach tierethischen Grundlagen fnden können.
eingebettet in die erzählungen sind fachliche Informationen,
die eine wertvolle Grundlage für jeden interessierten, dem tier-
schutz grundsätzlich aufgeschlossenen Menschen liefern. Indust-
riellen landwirtschaftsbetrieben kann das Buch als Anregung für
ein Umdenken dahingehend dienen, dass kurzfristig maximaler
ProftnichtnuraufKostenwehrloserundfühlenderTieregeht,
sondern auch im Hinblick auf einen erhalt unserer Umwelt und
damit unserer eigenen lebensressourcen schädlich ist.
Silke Bitz
1.5 Karl Ludwig Schweisfurth:
Tierisch gut: Vom Essen und
Gegessen werden
251 Seiten, Frankfurt: Westend
Verlag, 2010, euro 17,95
„Immer mehr Menschen auf der erde
essen immer mehr Fleisch. Das bedeu-
tet immer mehr tiere, die wir unsichtbar
hinter uns herziehen. Gemeinsam essen
wir die erde kahl.“ So lauten die Worte
des Autos Karl ludwig Schweisfurth
im Bucheinband. Damit nimmt er sich des immensen Verzehrs
von tieren an und der daraus resultierenden Folgen für unseren
Planeten, von Hunger in manchen teilen der erde über die Bo-
denvernichtung bis hin zur Problematik des Klimawandels. Karl
ludwig Schweisfurth ist selbst gelernter Metzger und ehemali-
ger Geschäftsführer des Fleischwarenunternehmens Herta. Die
moderne landwirtschaft und Fleischproduktion bezeichnet der
Autor als monströsen Fehlschlag, aus denen er mit seinem Werk
Auswege aufzeigen möchte. In Glonn bei München hat er die
Herrmannsdorfer landwerkstätten gegründet, die auf dem Prin-
zip der Nachhaltigkeit beruhen. Die tierhaltung erfolgt dort nach
ökologischen, wirtschaftlichen und ethischen Kriterien zugleich.
Das Buch Tierisch gut – Vom Essen und Gegessen werden
ist in zahlreiche übersichtliche Kapitel gegliedert. es ist in Ich-
Form verfasst und lebendig geschrieben, so dass es sich trotz des
kontrovers diskutierten themas der tiernutzung wie ein Roman
liest. Das Verhältnis ludwig Schweisfurths zu Fleisch und tieren
kommt in seiner Aussage zum Wegwerfen von tierischen Speise-
resten zum Ausdruck. „…es hat mich zeitlebens verstört, wenn
gutes, köstliches Fleisch vom teller weg entsorgt wird. Ich habe
dannhäufg…meinemNachbarnodergernauchmeinerNach-
barin eine Fettkruste oder einen mit Fleisch behangenen Knochen
vom teller genommen und die Reste mit Wohlbehagen verspeist.
Wenn dann pikierte Nachfragen kommen, pfege ich zu sagen:
‚Ich habe es den tieren versprochen. Sie gestatten, dass ich nicht
wortbrüchig werde‘.“ (41) Dieses Verhalten drückt einerseits Re-
spekt vor tieren aus, andererseits wird ihre tötung als Nahrungs-
mittel nicht in Frage gestellt. In den weiteren Ausführungen wird
deutlich, dass der Autor für einen bewussteren Konsum und eine
bedachtere Produktion von Fleisch appelliert. „eine große, eine
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LITERATURBERICHT
Altexethik 2010 34
If we’re biased in placing ourselves on a higher rung than other
animals, it’s a bias we can’t avoid.“ (87f.) Kazez plädiert für
einen hierarchischen Mittelweg zwischen radikalem egalitaris-
mus und dem Ausschluss aller nicht-menschlichen lebewesen
aus der Moralsphäre. tiere müssen moralisch berücksichtigt
werden, aber nicht in gleichem Maße wie Menschen. „Animals
deserve consideration in proportion to their cognitive, emotio-
nal, and social complexity.“ (93) Mit Hilfe dieses Kriteriums
können nach Kazez auch andere tierethische Fragen beantwortet
werden. So beurteilt sie die tötung von tieren als moralisch
gerechtfertigt, wenn damit das leben von Menschen gerettet
werden kann. „Mr. Caveman“, der paläolithische Jäger, darf sei-
nen Speer auf einen Auerochsen werfen, um sich und seine Fa-
milie zu ernähren, da diese aufgrund ihrer Möglichkeiten mehr
Respekt verdienen als das tier. Allerdings ist dieses Argument
heute in vielen teilen der Welt angesichts der industrialisierten
tierhaltung einerseits und der Möglichkeit einer vegetarischen
ernährung andererseits nicht mehr stichhaltig.
Im vierten teil (Moral Disorders) untersucht Kazez, wann die
moralisch zulässige Nutzung von tieren in eine moralisch un-
zulässige Ausbeutung umschlägt. Sie kommt zu dem ergebnis,
dass viele moralische Probleme im Umgang mit tieren durch
einen Mangel an Ausgewogenheit entstehen. Offensichtlich ha-
ben wir die Verhältnismäßigkeit zwischen dem Gewinn für den
Menschen und dem Verlust für das tier aus den Augen verloren,
wennwirTierefüreinfüchtigesästhetischesoderkulinarisches
Vergnügen töten. Die moralische Bewertung von tierversuchen
ist dagegen weniger klar. Meist werden entweder Nutzen oder
Kosten einseitig betont, je nachdem ob Forscher oder Versuchs-
tiere verteidigt werden sollen. Um möglichst beiden Seiten ge-
recht zu werden, untersucht Kazez zwei extrembeispiele tierex-
perimenteller Forschung: die entwicklung des Polio-Impfstoffs
und Harlows Deprivationsexperimente mit Rhesusaffen. Im ers-
ten Fall müssen tierversuche nach Kazez als notwendiges Übel
angesehen werden. Im zweiten Fall ist jedoch der erkenntnisge-
winn gegenüber dem tierleid unverhältnismäßig gering.
Im abschließenden fünften teil (Next) bezieht Kazez das Pro-
blem des Artensterbens in ihre Überlegungen ein. Für Kazez
schließen sich die Sorge um das individuelle tierliche Wohler-
gehen und um die Aufrechterhaltung der Biodiversität nicht aus,
sondern entspringen vielmehr dem gleichen Gefühl der Bewun-
derung und des Respekts für fremde lebensformen: „You can
decline the hamburger to save the cow, but just as reasonably,
to save the tiger.“ (167) Sowohl der bessere Umgang mit Nutz-
und Versuchstieren und die Verringerung der tiernutzung insge-
samt als auch der Schutz von Wildtieren sind Ziele, denen wir
uns in einem allmählichen Prozess annähern sollten.
Kazez’ Buch hebt sich positiv von vielen anderen populär-
philosophischen Darstellungen tierethischer Probleme ab, da es
wohltuend ausgewogen und pragmatisch ist. Statt einer lautstar-
kenVerkündungvonAntwortenfndetmandasaufrichtigeRin-
gen um einen fragilen Mittelweg, auf dem sowohl die mensch-
lichen als auch die nicht-menschlichen Beteiligten so weit wie
möglich respektiert werden. Kazez’ größter Verdienst ist, dass
sie immer wieder eindrücklich darauf hinweist, dass zwischen
2 Philosophische Ethik
2.1 Jean Kazez: Animalkind.
What We Owe to Animals
216 Seiten, Malden: Wiley-Blackwell,
2010, euro 61,99
Die menschliche Wahrnehmung von
tieren wird von einer auffälligen
Ambivalenz, einer „double vision of
animals“ (9), bestimmt. einerseits be-
wundern wir tiere als autonome lebe-
wesen mit einer uns fremden lebens-
weise. Andererseits sehen wir sie als
Ressourcen mit einem reinen Nutzwert. entsprechend schwankt
auch die Qualität der Mensch-tier-Beziehung zwischen zwei
Polen: tiere sind Freund oder Nahrung, Bello oder Fleisch.
Jean Kazez nähert sich dieser spannungsvollen Beziehung in
Animalkind. What We Owe to Animals zunächst über Beispiele
für den Umgang mit tieren in verschiedenen historischen und
gesellschaftlichen Kontexten. Beim Blick auf die gemeinsame
Geschichte von Mensch und tier im ersten teil des Buches
(Before) zeigt sich, dass die Ambivalenz der Mensch-tier-
Beziehung schon lange vor der modernen tierrechtsbewegung
erkannt und in Mythen und religiösen Schriften thematisiert
wurde. In vielen davon deutet sich bereits ein Unbehagen ge-
genüber der Ausbeutung und Konsumierung von tieren an. ein
Überblick über philosophische Positionen von der Antike bis
ins 18. Jahrhundert macht nicht nur deutlich, dass Menschen
schon immer tierethische Fragen gestellt haben, sondern auch,
dass immer wieder die Möglichkeit versäumt wurde, philoso-
phische Ansätze für die Sorge um tierliche Belange zu öffnen.
Im zweiten teil des Buches (The Nature of the Beast) stellt
Kazez einige psychologische und ethologische Untersuchungen
zu potentiellen kognitiven Unterschieden zwischen Mensch und
tier vor. Vor diesem empirischen Hintergrund ist es sehr wahr-
scheinlich, dass weder Bewusstsein noch Denken rein mensch-
liche eigenschaften sind: „As we learn more about animals
and ourselves, we are confronted with more continuity than the
line-drawers like to contemplate. It’s not just that animals have
more ‚human‘ abilities, but that we are more ‚animal‘.“ (74)
Allerdings bestehen durchaus noch unübersehbare graduelle
Unterschiede, etwa im Hinblick auf Selbstbewusstsein, Sprach-
fähigkeit und moralische Handlungsfähigkeit.
Die entscheidende Frage nach der moralischen Bedeutung
dieser Unterschiede, mit der Kazez sich im dritten teil (All
Due Respect) beschäftigt, stellt sich in besonders reiner Form
in Rettungssituationen, bei denen das leben von Menschen und
tieren auf dem Spiel steht. Für Kazez ist es kein Ausdruck von
Speziesismus, dem leben von Menschen einen höheren Wert
zuzuschreiben als dem von tieren, wenn eine direkte entschei-
dung zwischen beiden unvermeidlich ist. Denn der intrinsische
Wert eines lebewesens hängt ebenso wie der Respekt, den wir
ihm schulden, von seinen Möglichkeiten (capabilities) ab. Und
die spezifschen menschlichen Möglichkeiten müssen uns ins-
gesamt wertvoller erscheinen als die tierlichen: „we must make
judgments, because real-world choices depend on doing so. (…)
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LITERATURBERICHT
Altexethik 2010 35
Verhaltens vieler. Und da Menschen keine Heiligen sind, ist
damit zugleich eine Abschwächung der Anforderungen an den
einzelnen verbunden: „For most people, being good is a work
in progress, never to be completed.“ (178)
Die von Kazez diskutierten Argumente, Fragen und Prob-
leme sowie die von ihr angebotenen lösungen sind für leser,
die sich bereits intensiver mit tierethischen Fragen beschäftigt
haben, nicht neu. trotzdem ist Animalkind nicht nur ein guter,
leicht lesbarer einstieg für alle, die gerade beginnen, die gegen-
wärtigen Formen der Nutzung von tieren in Frage zu stellen.
es bietet auch eine ermutigende lektüre für „teilzeitvegetari-
er“, die zwar (noch) nicht für einschneidende Veränderungen
bereit sind, aber bereits erste Schritte zu einer Verbesserung der
Mensch-tier-Beziehung unternommen haben. Sie bekommen
eindrücklich vermittelt, dass jeder Schritt zählt: „If the really
importantthingisthebenefttoanimals,donotscoffatreducing
consumption as a positive step. the point is not to be perfect but
to prevent (as much as you can) harm to animals.“ (179f.)
Kirsten Schmidt
menschlichen und tierlichen Interessen tatsächlich ein Konfikt
besteht, für den es keine einfachen lösungen gibt. es handelt
sichnichtumeinenScheinkonfikt,dereindeutigzugunstenvon
Mensch oder tier entschieden werden kann. Die Mensch-tier-
Beziehung bewegt sich im Spannungsfeld von Problemen, die
nur durch sorgfältiges Abwägen der jeweils auf dem Spiel ste-
henden Güter gelöst werden können.
Aus tierethischer Sicht kann man einige argumentative
Schwächen kritisieren. So ist der stark hierarchische Blick mo-
ralisch sicher nicht so leicht zu begründen, wie Kazez anzuneh-
men scheint. Zudem bringt Kazez an einigen Stellen praktische
oder ästhetische Überlegungen als Argumente für oder gegen
die Gültigkeit moralischer Schlüsse vor. Diese Argumentations-
strategie ist jedoch eine unausweichliche Folge der tatsache,
dass moralische Forderungen nur dann eine Bedeutung besitzen
können, wenn sie tatsächlich umsetzbar sind. eine grundlegen-
de Verbesserung der Mensch-tier-Beziehung kann nicht durch
die radikale lebensänderung einiger weniger Menschen zustan-
de kommen, sondern nur durch die graduelle Veränderung des
werden von Kaplan einer argumentativen Kritik unterzogen; sie
ist nützlich in der Auseinandersetzung mit dem Fleischverzehr
und dient als Vorbereitung zu den systematischen Ausführun-
gen zur tierethik. Basisunterscheidung für die systematischen
Ausführungen zur tierethik ist dabei die von Singer populär
gemachteTrennungvonempfndungsfähigenundnicht-empfn-
dungsfähigen lebewesen. Denn es ist „sinnvoll zu fragen, was
eine Beutelratte fühlt, wenn sie ertrinkt“, aber es ergibt „keinen
vergleichbaren Sinn (...) zu fragen, was ein Baum fühlt, wenn er
abstirbt.“(24)DaempfndungsfähigeWeseneine„Innenseite“
aufweisen, daher Wünsche und Interessen ausbilden, sind sie in
moralischer Hinsicht anders zu bewerten als lebewesen, denen
keine „Innenseite“ nachzuweisen ist. Aus dem Vorhandensein
vonWünschenempfndungsfähigerLebewesenfolgtfürMen-
schen,dasssiemoralischePfichtenihnengegenüberhaben.
Den moralischen Status von lebewesen koppelt Kaplan an
die Empfndungsfähigkeit, aber nicht ausschließlich an die
Leidensfähigkeit (Pathozentrismus), obwohl er der leidensfä-
higkeit eine bedeutende Stellung einräumt (91ff.). Autonomie,
Selbstbewusstsein und Rationalität sind für ihn ebenfalls Kri-
terien, die einen moralischen Status begründen. er insistiert,
dass in der ethik die Bedeutung von Fakten allgemein zu gering
eingeschätzt wird – wohl um die allseits gefürchteten „natura-
listischen Fehlschlüsse“ zu vermeiden, also die Gefahr aus dem
biologisch vorgefundenen Sein ein ethisches Sollen abzuleiten.
Ihm zufolge wurde daher bisher evolutionsbiologischen tatsa-
chen ein zu geringes Interesse entgegengebracht. Nur durch die
naturwissenschaftliche verbürgte „evolutionäre Kontinuität“
ist aber argumentativ abgesichert, dass Empfndungsfähigkeit,
Autonomie, Selbstbewusstsein und Rationalität auch einem
großen teil der Säugetiere zukommt und dadurch das spezie-
sistisch verstandene Prinzip der Menschenwürde ins Wanken
2.2 Helmut F. Kaplan: Ich
esse meine Freunde nicht oder
Warum unser Umgang mit
Tieren falsch ist
132 Seiten, Berlin: trafo
Wissenschaftsverlag, 2009,
euro 12,95
Helmut F. Kaplan ist in der tierethik
kein unbeschriebenes Blatt. Der öster-
reichische Psychologe und Philosoph
(geb. 1952) veröffentlichte seit Mitte der 1980er Jahre eine statt-
liche Anzahl an Büchern und Artikeln zu tierethischen themen.
er versuchte darin v. a. die utilitaristische tierethik von Peter
Singer mit der tierrechtsposition von tom Regan zu verbinden.
Sein neues Buch „Ich esse meine Freunde nicht“ will zentrale
Begriffe der tierrechtsbewegung allgemeinverständlich erläu-
tern und eine Alternative zu religiös-esoterischen und rein aka-
demischen Abhandlungen bieten. Zwar fühlt sich Kaplan der
abendländischenargumentativenPhilosophieverpfichtet,aber
deren „akademischer Wasserkopf“ verhindert die Ausbildung
einer „einfachen ethik“, um die es Kaplan geht.
Das Buch gliedert sich in einen praktischen und einen theore-
tischen teil, wobei der theoretische teil aus ergänzungen und
Ausführungen zu den im praktischen teil angeführten themen
besteht. Kaplan will – einem alten pädagogischen Grundsatz
zufolge − die Menschen dort abholen, wo sie sich mit ihren
moralischen Überzeugungen befnden. Deshalb beginnt er mit
der Widerlegung einiger alltagsweltlicher Argumente für das
Fleischessen wie z. B. „tiere zu töten ist unvermeidlich“ oder
„Fleischessen ist moralisch unbedenklich, weil es gesund ist“.
Diese oft unrefektierten und vorgeschobenen Begründungen
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LITERATURBERICHT
Altexethik 2010 36
verinnerlichte moralische Position, da die Goldene Regel die
Interessen der anderen durch einen gedanklichen Perspektiven-
wechsel mit den eigenen Interessen zu vermitteln suche. Kaplan
bezeichnet die Goldene Regel auch als „ethische Weltformel“.
Wie würde ich mit den eigenschaften des anderen oder in der
Situation des anderen behandelt werden wollen? Die Kritik an
der Goldenen Regel, dass beim Mensch-tier-Verhältnis keine
Anwendbarkeit möglich sei, führt der Psychologe Kaplan indes
auf eine Abwehr aufkommenden entsetzens zurück: „Das wirk-
liche Problem bei der Anwendung der Goldenen Regel auf tiere
(...) ist, dass uns dies so leicht gelingt – und dass das ergebnis
oftsoschauerlichist:Wersichauchnuroberfächlichüberdas,
was auf tiertransporten, was in tierfabriken, in Schlachthäu-
sern usw. passiert, kundig macht und sich dann seinen Hund
oder seine Katze in diesen Situationen vorstellt (...) der droht
vor Mitleid und entsetzen verrückt zu werden.“ (80) Damit
rührt Kaplan an einer zentralen Stelle unseres Umgangs mit tie-
ren, nämlich der Frage, welche psychologischen Mechanismen
es möglich machen, dass industriell organisierte Grausamkeit
an tieren in so großem Ausmaß möglich ist.
Kaplans Buch liest sich als eine gelungene einführung in die
tierethischen Problemkreise. es stellt nahezu alle relevanten
Positionen, Namen und Begriffe in relativ zugänglicher Weise
vor. Die literaturangaben sind ausführlich und auf dem neusten
Stand. Sein Konzept einer „einfachen ethik“ verführt jedoch
Kaplan an manchen Stellen dazu, komplexe Argumentations-
strängeaufgriffgeFormelnzureduzieren.
Norbert Walz
gerät: „Darwins erkenntnisse sollten dazu führen, dass diese
Form von Menschenwürde – mit ihren verheerenden Folgen für
tiere – als das gesehen wird, was sie ist: eine höchst unplausible
und unglaubwürdige Sache.“ (53) Der Idee der Menschenwürde
wird von Kaplan jedwede rationale Begründung abgesprochen
−ihre„Scheinbegründungen“(59)werdendahereinerscharfen
Kritik unterzogen.
Kaplanbauthingegen−PeterSingerfolgend−dieEthikauf
dem Gleichheitsprinzip der Interessen auf: In allen moralischen
Überlegungen sollen wir den ähnlichen Interessen aller, die von
unseren Handlungen betroffen sind, gleiches Gewicht geben.
Dieses zunächst unscheinbare Prinzip entwickelt seine Radika-
lität dadurch, dass es die Speziesgrenzen durchbricht und auch
tieren Interessen zubilligt. Dadurch wird der Anthropozentris-
mus der abendländischen ethik in Frage gestellt. Fleischessen
z. B. wird als eine Verletzung der lebensinteressen von tieren
gekennzeichnet; das vergleichsweise unelementare Interesse von
Menschen am Genuss von Fleisch wird mit dem bedeutenden
Interesse von tieren an ihrem Weiterleben kontrastiert. Da die
utilitaristische Denkweise (von Singer) aber dazu führen kann,
dass die Interessen einzelner Individuen auf der Strecke bleiben,
dadurch, dass sie in der Waagschale mit den Interessen vieler
Individuen zu wenig Gewicht haben können, kombiniert Kaplan
das Gleichheitsprinzip der Interessen mit der Goldenen Regel.
Nur die Goldene Regel – also das Prinzip, welches besagt,
dass ich andere so behandeln soll, wie ich selbst behandelt
werden möchte – garantiere eine Anteil nehmende und somit
ihrer evolutionären Geschichte und den Umwelten, in denen sie
leben – besitzen oder besitzen könnten. traditionell ist es hier
in der Philosophie bisher meist darum gegangen, ob tiere (oh-
ne Sprache) denken können. Zweitens nähern sich Epistemolo-
gische Ansätze dem thema im Gegensatz dazu von der Frage
aus, wie unser Wissen vom Geist der tiere zu verstehen ist und
zustande kommt. Hier ist entweder normativ von Interesse, was
unsere Zuschreibungen mentaler Zustände an tiere rechtfertigt,
oder es wird deskriptiv untersucht, wie wir de facto dazu kom-
men, tieren solche Zustände zu unterstellen.
lurz führt weitere zentrale Begriffe ein und weist dann auf
wichtige inhaltliche Unterschiede verschiedener philosophi-
scher Ansätze hin. Auch hier folgt er einer Zweiteilung, nach
der sich viele philosophische Positionen maßgeblich darin
unterscheiden, ob sie sich auf mentale Repräsentationen oder
intentionale Zustände zweiter Stufe bei tieren konzentrieren
und deren Vorliegen für entscheidend halten („higher-order re-
presentational (HOR) approach“) oder ob sie Bewusstseins- und
Wahrnehmungszustände erster Stufe in den Mittelpunkt rücken
(„frst-order representational (FOR) approach“). Nach dem
HOR-Ansatz verfügt ein lebewesen nur dann über Bewusst-
sein, wenn es auch über ein Bewusstsein darüber verfügt, dass
es Bewusstsein hat. Manche Autoren der vorliegenden text-
sammlung stimmen dem, so lurz, zu und sehen zumindest bei
2.3 Robert W. Lurz (Hrsg.): The
Philosophy of Animal Minds
308 Seiten, Cambridge: Cambridge
University Press, 2009, euro 23,37
In den letzten zehn Jahren hat das phi-
losophische Interesse am Geist der
tiere enorm zugenommen, so Robert
W. lurz in seiner einführung zu The
Philosophy of Animal Minds. Unzäh-
lige Publikationen und Konferenzen
hätten sich diesem thema gewidmet:
„the level of interest and publication has reached a critical mass
and has sustained itself long enough that it is now appropriate
to say that the philosophy of animal mindsisafeldinitsown
right.“ (1) Als editor versammelt er in seinem Buch nun eine
Reihe aktueller Aufsätze der namhaftesten zeitgenössischen
Philosophen, um den Fortgang der Debatte zu präsentieren.
lurz macht in seiner kurzen einführung deutlich, wie die ein-
zelnen Beiträge kategorisiert wurden. Philosophische Fragen
zum Geist der tiere folgen normalerweise zwei (sich nicht aus-
schließenden) Ansätzen. erstens einem metaphysischen Ansatz,
der danach fragt, welche Art von Geist tiere – in Übereinstim-
mung mit ihrem Verhalten, der Beschaffenheit ihres Gehirns,
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LITERATURBERICHT
Altexethik 2010 37
den HOR-Ansatz, während DeGrazia hilfreiche Unterscheidun-
gen mit Blick auf die Kategorie des Selbstbewußtseins einführt:
„Bodily self-awareness“ ist demnach bei vielen Tieren zu fn-
den, „social self-awareness“ und „introspective self-awareness“
aber auch zumindest bei einigen Arten wie Walen und Delphi-
nen, Affen und Menschenaffen. Roberts schließlich verweist
auf Unterschiede zwischen Menschen und nicht-menschlichen
tieren, wenn es um komplexe emotionen geht. Während die-
se Unterschiede einerseits nicht übersehen werden dürfen, sind
doch auch bei nicht-menschlichen tieren einige der in seinem
EssayspezifziertenDimensionenvonEmotionenineinemer-
staunlichen Grad entwickelt (236).
Die letzten beiden texte wenden sich dann gänzlich episte-
mischen, d.h. auch methodologischen Fragen der erforschung
des Geistes der tiere zu: elliott Sober: Parsimony and models
of animal minds, Simon Fitzpatrick: The primate mindreading
controversy: a case study in simplicity and methodology in
animal psychology. Hier wird beispielsweise ausgeführt, dass
Interpretationen, die auf höhere intentionale Zustände Bezug
nehmen, tatsächlich gemäß Morgans Kanon „sparsamere“ und
deshalb wissenschaftlich angemessenere Beschreibungen des-
sen darstellen können, was tiere leisten.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die textsammlung
ihrem Ziel gerecht wird: Im Vergleich zu ähnlichen Büchern
werden hier tatsächlich aktuelle Aufsätze vorgestellt, die sowohl
auf ältere Positionen zurückgreifen als auch neuere empirische
Daten diskutieren und Perspektiven der zukünftigen Forschung
aufzeigen. Sicherlich ist dieses Buch damit interessant für Phi-
losophen und Naturwissenschaftler.
Allerdings bleiben die Autoren – typisch für die Analytische
Philosophie – bei der Frage stehen, ob tiere über bestimmte
mentale Kompetenzen verfügen und wie wir diese beschrei-
ben und erfassen können. Warum diese Frage mit Blick auf das
Mensch-tier-Verhältnis von Bedeutung ist, wird leider nicht er-
wähnt. Warum aber sollen wir uns mit Fragen nach dem Geist
der tiere, nach deren komplexen sozialen, kognitiven und emo-
tionalen Fähigkeiten überhaupt beschäftigen? Ist es auch für
unser Verhältnis zu tieren und unseren Umgang mit tieren von
Relevanz, dass sie etwa über Bewusstsein und Selbstbewusst-
sein, über erinnerungsvermögen, komplexe emotionen und so-
ziales Wissen verfügen und uns hinsichtlich solcher Fähigkeiten
bisweilen sehr ähnlich sind? Solchen weiterführenden, vorran-
gig ethischen Fragen wird in dieser textsammlung weder in ei-
nem eigenen thematischen Block noch in einer abschließenden
Schlussbemerkung nachgegangen (obwohl beispielsweise mit
Jamieson und DeGrazia durchaus Autoren zu Wort kommen, in
deren Forschung die tierethik sonst einen festen Platz hat). Im
literaturverzeichnis sind Referenzen, in denen der moralische
Status von tieren eine Rolle spielt, kaum vorhanden. Wer al-
so an tierethischen Fragen interessiert ist, mag enttäuscht sein.
eine Verbindung von der theoretischen zur Praktischen Philo-
sophie, von der Philosophie des Geistes zur ethik leistet dieses
Buch leider nicht.
Mit Blick auf die themen, die diskutiert werden, hat man
aber eine umfangreiche Sammlung von texten vor sich, de-
ren argumentatives Niveau sehr hoch ist. Der editor bemüht
sich deshalb um eine klare und hilfreiche einführung und der
einigen tieren in neueren empirischen Studien evidenz für ein
Verständnis vom Innenleben anderer, für Gedankenlesen und
Metakognition. Vertreter der FOR-theorie, die Bewusstseins-
und Wahrnehmungszustände erster Stufe in den Mittelpunkt
rückt, gehen hingegen davon aus, dass – unabhängig von sol-
chen metakognitiven Kompetenzen – Wahrnehmungen an sich
bereits mit Bewusstsein gekoppelt sind, etwa mit einem Kör-
perbewusstsein.
lurz ordnet die essays seiner textsammlung einerseits in-
haltlich, folgt aber auch andererseits den vorgestellten Unter-
scheidungen. Dale Jamieson What do animals think? und eric
Saidel Attributing mental representations to animals eröffnen
die Diskussion um epistemische Fragen der Zuschreibbarkeit
mentaler Zustände wie Überzeugungen und Wünsche an tiere.
Die nächsten drei essays fokussieren auf die repräsentationale
Basis des Denkens bei tieren und beziehen sich vorrangig auf
deren mentale Repräsentation von konkreten Dingen in ihrer
Umwelt: Michael Rescola: Chrysippus’ dog as a case study in
non-linguistic cognition, Michael tetzlaff und Georges Rey:
Systematicity and intentional realism in honeybee navigati-
on und Peter Carruthers: Invertebrate concepts confront the
generality constraint. Hier geht es maßgeblich um die Frage,
ob tiere in Satz-artigen mentalen Repräsentationen bzw. in ei-
ner Art gedanklicher Sprache denken oder eher in ikonischen
Repräsentationen, also etwa bildhaft in Form von mentalen
landkarten. Besonders interessant ist hier tetzlaffs und Reys
Ansatz, die mentalen Repräsentationen, welche der Navigati-
on und Kommunikation von Honigbienen zu Grunde liegen,
als systematisch vorliegende, Satz-artige Repräsentationen zu
verstehen.
Die nächsten zwei essays von elisabeth Camp A language
of baboon thought? und Andrew McAninch, Grant Goodrich
und Colin Allen Animal communication and neo-expressivism
setzen die Diskussion um konzeptuelle, sprach-analoge Fä-
higkeiten fort und wenden sich den Fähigkeiten von Affen zu.
Camp sieht bedeutende Unterschiede hinsichtlich der syntakti-
schen Strukturen, denen lautäußerungen und Repräsentationen
bei Affen im Vergleich zum Menschen folgen. Diejenigen der
Affen hätten viel stärker semantische Funktionen, während das
linguistische System des Menschen kompositionellen Relatio-
nen folge, die deutlich genereller und abstrakter gestaltet seien.
McAninch, Goodrich und Allen problematisieren hingegen die
vorherrschende Unterscheidung, dass Vokalisationen entweder
expressiv oder referentiell seien. eine lautäußerung habe statt-
dessen immer beide Funktionen.
Die folgenden beiden Aufsätze von José luis Bermudez:
Mindreading in the animal kingdom und Joëlle Proust: The
representational basis of brute metacognition: a proposal be-
schäftigen sich nicht länger mit der Wahrnehmung der tiere
in Bezug auf Dinge ihrer Umwelt, sondern widmen sich deren
Verständnis mentaler Zustände. Drei weitere Autoren nehmen
das Bewusstsein, das Selbstbewusstsein und die emotionen bei
tieren in den Blick: Rocco J. Gennaro: Animals, consciousness,
and I-thoughts, David DeGrazia: Self-awareness in animals,
Robert C. Roberts: The sophistication of non-human emotion).
Hier wenden sich die texte auch stärker den in der einleitung
unterschiedenen epistemischen Fragen zu. Gennaro verteidigt
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LITERATURBERICHT
Altexethik 2010 38
Die philosophischen Diskussionen zum Geist der tiere
sind an sich bereits sehr komplex, in englischer Sprache aber
sicherlich eher für leser zugänglich, die ein Vorwissen mit-
bringen. Zum Einstieg in die Tierphilosophie empfehlt sich
deshalb neben Perler und Wilds übersetzten texten vor allem
Markus Wilds knappe Tierphilosophie zur Einführung (Junius,
2008). Wild wird der Debatte ebenfalls in ihrer Komplexität
gerecht, schafft es aber, diese zusammenhängender darzustel-
lenunddenLeserdabeivoneinfacherenzuspezifscherenFra-
gestellungen zu führen.
Judith Benz-Schwarzburg
überforderte oder fachfremde leser kann auf einen Glossar zu-
rückgreifen, in dem die wichtigsten Fachbegriffe der Debatte
erklärt werden. Wer sich eine ausführlichere einführung in die
thematik wünscht, greift vielleicht aber besser auf die wesent-
lich umfangreichere einführung in Perler und Wilds Geist der
Tiere (Suhrkamp, 2005) zurück. Diese textsammlung präsen-
tiert in deutscher Übersetzung ebenfalls einige der bei lurz
vertretenen Autoren, stellt aber vor allem die klassischen und
damit bereits älteren texte zusammen, auf die sich lurz und
seine Autoren oft berufen.
Prinzipien zu schaffen, die Menschen anwenden, wenn sie tie-
re zu ihren Zwecken verwenden. Die hochintelligenten Aliens,
genannt „Namuhs“, züchten nach einer erfolgreichen Invasi-
on auf der erde Menschen zur Fleischproduktion. Versucht
man nun ihr Verhalten nach Kriterien der Moral zu bewerten,
so lassen sich zwei Prinzipien erkennen. Die „Namuhs“ han-
deln erstens nach dem moralischen Prinzip, jedes ihrer Mit-
glieder mit Respekt und gleicher Anerkennung zu behandeln.
Auf der metaethischen ebene lässt sich aus ihrem Verhalten
ein zweites Prinzip ableiten: Demzufolge darf kein morali-
scher Unterschied gemacht werden, ohne dass ein relavanter
natürlicher Unterschied vorhanden ist (vgl.12). Was ist damit
aber gemeint? Rowlands deckt damit einen Speziesismus auf.
Der einzige natürliche Unterschied, der auch moralisch rele-
vant wird, wäre die tatsache, dass Menschen nicht der Spezies
der „Namuhs“ angehören und deshalb auch keine moralische
Berücksichtigung verdienen. Mit seinem imaginären Diskurs
mit den „Namuhs“ versucht Rowlands nun die moralische Irre-
levanz bestimmter Merkmale, wie der Zugehörigkeit zu einer
Spezies, der phänotypischen eigenschaften oder der Intelligenz
eines lebewesens, darzulegen (vgl.17).
Besondere Beachtung verdienen hier die Ausführungen zur
moralischen (Ir)Relevanz von Intelligenz. Diese Fragestellung
fndet sich im Zentrum aktueller (bio-)ethischer Diskurse bei
Grenzfällen als the argument from marginal cases (23). Die-
ses zeigt, wie problematisch es sein kann, eigenschaften oder
Fähigkeiten von Menschen als Grundlage moralischer Rück-
sichtnahme zu betrachten. Bestimmte Fähigkeiten, die als ex-
plizit menschlich betrachtet wurden, wie etwa die Fähigkeit
Zukunftspläne zu entwerfen, sind nicht bei allen Menschen
anzutreffen. So können etwa Kinder oder Menschen mit geis-
tigen Behinderungen nicht in die Zukunft planen. Umgekehrt
können aber bestimmte tiere in die Zukunft planen. Dies hat
zur Folge, dass etwa Menschen, die die zur moralischen Unter-
scheidung vorgeschlagene eigenschaft nicht haben, als „Grenz-
fälle“ betrachtet werden. Rowlands großer Verdienst besteht
darin, dieses Dilemma hervorragend klar herauszuarbeiten. Der
erste argumentative teil besteht darin, dass die eigenschaft x
– verteidigt von Gruppe G – das Kriterium für moralische Be-
rücksichtigung darstellt. teil zwei beschreibt nun das Problem,
dass einige Mitglieder von G nicht die eigenschaft x besitzen.
Die logische Folgerung in teil drei wäre nun, dass diese Mit-
2.4 Mark Rowlands:
Animal Rights. Moral Theory
and Practice
240 Seiten, Chippenham and
eastbourne: Palgrave Macmillan,
2.Aufage,2009,Euro21,99
Mark Rowlands, in Florida/Miami leh-
render Professor für Philosophie mit
dem Forschungsschwerpunkt Philoso-
phy of Mind, erwarb sich bereits 1998
mit der ersten Aufage von Animal
Rights im Bereich der englischsprachigen tierethik hohe An-
erkennung. Im deutschsprachigen philosophisch-akademischen
Diskurs wurde hingegen seltsamerweise bis jetzt nur sein popu-
lärwissenschaftliches Buch Animals Like Us (vgl. 4) wahrge-
nommen.AuchdiezweiteAufagevonAnimal Rights mit sie-
ben überarbeiteten Kapiteln steht für das gleiche engagierte Ziel
wie die ersteAufage: die Begründung von Tierrechten durch
den moralischen Kontraktualismus. Dies ist ein ambitioniertes
Programm, denn wie Rowlands selbstkritisch in Animal Rights
ausführt, gilt für viele ethiker eine solche Verknüpfung als theo-
retisch nicht kompatibel mit einem direkten moralischen Status
vonTieren, daTiere nicht in der Lage sind Pfichten zu über-
nehmen, wie dies im Kontraktualismus zwischen den Vertrags-
partnern (Menschen) der Fall ist. tiere als nicht ausreichend
rationale lebewesen können die klassischen Kriterien als Ver-
tragspartner der Moral nicht erfüllen. Allenfalls kann ihnen ein
indirekter moralischer Status zugesprochen werden, konzipiert
als eine Ausweitung im Interesse von menschlichen Rechtsub-
jekten mit direkten Status (vgl. 119).
Bevor Rowlands in Kapitel sechs sein kontraktualistisches
Argumentationskonzept darlegt, widmet er sich in den Kapi-
teln drei bis fünf einer differenzierten Kritik von bereits eta-
blierten Formen der tierethik im Kontext von Peter Singers
Utilitarismus, tom Regans Animal Rights as Natural Rights
und neueren Ansätzen von tugendethik und tieren. Argumen-
tative Grundlagenarbeit beginnt – nach einem konzisen theore-
tischen Überblick in Kapitel eins – im Science-Fiction-Kapitel
zwei. Dieser teil behandelt ein inzwischen verbreitetes Gedan-
kenszenario mit Aliens à la Independence Day. Dieses Szenario
soll helfen, Klarheit über die zugrunde gelegten moralischen
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LITERATURBERICHT
Altexethik 2010 39
verteidigten kontraktualistischen Ansatz über. Während beim
orthodox view (129) des Kontraktualismus in der tradition von
Hobbes keine Chance auf direkte Berücksichtigung von tieren
besteht, werden in Animal Rights unter Hinweis auf theoretische
Vorarbeiten des politischen Philosophen Will Kymlicka sowohl
elemente von Immanuel Kants „Moral law“ (126) als auch
John Rawls’ „A theory of Justice“ (131 ff.) und „Political li-
beralism“ zur Begründung von tierrechten verwendet. Hierfür
wird das zentrale gerechtigkeitstheoretische element von John
Rawls, der sogenannte Schleier des Nichtwissens („Niemand
weiß seinen Platz in der Gesellschaft, seinen sozialen Status,
seine Intelligenz, seine Stärken etc…“; vgl. 135) auch auf die
mögliche Inklusion von tieren im sozialen Kontrakt verwendet.
Während John Rawls in seinem 1971 erschienen Klassiker „A
theory of Justice“ zu zeigen versuchte, dass tieren nicht die
gleichen Rechte zustehen wie Menschen (vgl.154), wird von
Rowlands insbesondere am Beispiel von Contractarianism and
vegetarianism (162) klar und überzeugend die Argumentation
für eine nicht speziesistische Gerechtigkeitstheorie und ihre
praktischen Implikationen erarbeitet.
Besondere erwähnung verdient noch das letzte und wohl the-
oretisch anspruchvollste Kapitel sieben zu Animal Minds (176
ff.). Hier behandelt Rowlands als einer der weltweit führenden
naturalistischen Philosophen des Geistes in faszinierend kom-
primierter Form die wichtigsten Kritiker von Animal Minds.
Sowohl die einwände gegen das higher-order thought model
of consciousness bei tieren als auch die Probleme der einheit
des Mentalen und des Zusammenhangs zwischen den verschie-
denen Spielarten von Überzeugungen werden Schritt für Schritt
abgearbeitet. Rowlands zeigt ohne Polemik, dass diese Kritiken
nicht nur wenig überzeugend, sondern oftmals nur einfache Be-
hauptungen sind, die als Argumente getarnt werden (vgl. 218).
Obwohl in Animal Rights einige zusätzliche aktuelle bibliogra-
phische Hinweise hilfreich wären (es gibt nur knapp drei Seiten
Bibliographie), verdient dieses theoretisch anspruchsvolle, aber
trotzdem sehr klar argumentierende Werk den Status eines mo-
dernen Klassikers und sollte sich insbesondere durch eine nun-
mehr preisgünstige Paperback-Version über die akademischen
Bibliotheken hinaus einen festen Platz in den Bücherregalen
erarbeiten.
erwin lengauer
glieder von Gruppe G entweder keine moralischen Ansprüche
haben oder dass die eigenschaft x als das relevante Kriterium
verworfen werden muss (23). Kapitel eins schließt mit der tiere-
thischen Kernthese des gesamten Buches: „treating individuals
with equal consideration and respect“ (29).
Im Kapitel drei Utilitarianism and Animals wird insbesonde-
re Peter Singer mit seinem bisher meist zitierten tierethischen
Aufsatz All Animals are equal (vgl. 32) von 1974 und seinem
darauf folgenden Klassiker von 1975 Animal liberation scharf
kritisiert. Singer und den Vertretern verschiedener anderer Spiel-
arten des Utilitarismus wird „an inadequate understanding of
the concept of equal consideration“ (32) angelastet. Rowlands
beginnt hier mit den klassischen Formen des hedonistischen und
präferenztheoretischen Utilitarismus und zeigt überzeugend die
Probleme von Gerechtigkeit bei einer rein konsequentialisti-
schen aggregation of interests (46).
etwas zu kurz wird jedoch die derzeit viel stärker diskutierte
Form des Regel-Utilitarismus als nicht tragfähiges tierethisches
Modell abgetan (51-52). Kapitel vier beginnt mit dem für man-
che etwas überraschenden titel Tom Regan: Animal Rights as
Natural Rights (58). Rowlands vorderhand doch massive Kritik,
Regans theorie aufgrund ihrer metaphysischen Basis nicht ak-
zeptieren zu können (vgl. 59), wird sowohl ausgesprochen dif-
ferenzierend als auch überzeugend an zentralen Begriffen von
Regans theorie dargelegt. Während die Begriffsbestimmung
von “Individuals are subject-of-a-life if they have beliefs and
desires; perception, memory, and a sense of the future, inclu-
ding their own future; an emotional life together with feeling of
pleasure and pain; preference and welfare-interests; (…)” (59)
als metaphysisch neutral zu bezeichnen ist, gilt dies wohl nicht
für Regans Konzept von Werten. Rowland kritisiert hierbei,
dass der Begriff des Inhärenten Wertes inkommensurabel mit
dem Begriff des inneren Wertes sei, da beide nicht einfach mit-
einander verglichen werden können, weil sie sich nicht durch
den gleichen Maßstab bewerten lassen. (vgl. 62)
Hier überzeugen Rowlands kritische Unterkapitel namens In-
herent value is mysterious (86), ad hoc (89) und unnecessary
(93), in denen er dieser Problematik gezielt nachgeht. Mit dem
kompakten Kapitel fünf zur tugendethik Virtue Ethics and Ani-
mals und Conclusion (117) leitet Rowlands zu seinem von ihm
manism?), befasst sich das Buch Animal Capital. Rendering
Life in Biopolitical Times mit der Schnittstelle zwischen Post-
humanismus und kritischer Auseinandersetzung mit marxis-
tischen und post-marxistischen theorien rund um das tier in
der Reproduktion der Hegemonie des Kapitals (7). Der Be-
griff „biopolitisch“ im titel deutet schon darauf hin, dass sich
die kritische Analyse Shukins von der biopolitischen traditi-
on Michel Foucaults inspirieren lässt, die durch die theorie
bzw. Interpretation der neuen Hegemonie-Formen von Mi-
chael Hardt und Antonio Negri (Empire. Die neue Weltord-
nung) ergänzt wird. Shukins Integration der posthumanisti-
2.5 Nicole Shukin: Animal
Capital. Rendering Life in
Biopolitical Times
306 Seiten, Minneapolis:
University of Minnesota Press, 2009,
euro 24,99
erschienen in der Reihe Posthumani-
ties, herausgegeben von Cary Wolfe
(siehe Rezension in diesem Altex-
ethik: Cary Wolfe: What is Posthu-
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LITERATURBERICHT
Altexethik 2010 40
tation der emotionalen Verbindung zwischen Mensch und tier.
Im Kapitel 4 befasst sich Shukin mit der Konstruktion der
Pandemie-Gefahr in den Dokumenten der WHO, in der me-
dialen Betrachtung der Vogelgrippe und in der „Ökologie der
Angst“ von Mike Davis und mit der damit zusammenhängen-
den Betrachtung der biologischen und damit auch ideologischen
Grenzen zwischen Mensch und tier. Auch wenn die Vogelgrip-
pe zum Anlass für katastrophale Spekulationen über die ent-
wicklung bzw. Zerstörung der Welt-Ökonomie wird, so wird
hier gezeigt, wie diese Betrachtungen tatsächlich die Rhetorik
des Neo-liberalismus verstärken. Sie stützen sich zum einen
auf die Idee einer globalisierten Welt und zum anderen verstär-
ken sie die Idee der biologischen gefährlichen Verwandtschaft
zwischen Menschen und tieren; einer Verwandtschaft, die es
auszuklammern gilt. In der globalisierten Welt wird der Mensch
im Namen dieser Kontaminationsgefahr durch tiere allen Men-
schen gleichgesetzt. Gleichzeitig wird aber der typische Mensch
aus dem Westen von einigen Menschen kulturell abgegrenzt, da
in der Rhetorik der Information auf unterschiedliche Kulturen
(vor allem kleine Bauernhöfe im Osten) hingewiesen wird, die
in gefährlicher Intimität mit tieren leben, indem sie bspw. be-
stimmte hygienische Maßnahmen nicht beachten, oder dass die
Zahl der mit tieren zusammenlebenden Menschen hoch ist, wie
bspw. in China (209). Gefährlich sind hier für Shukin die prak-
tischenKonsequenzensolcherRhetorik,weilTiereundinfzier-
te Menschen diskriminiert bzw. auch präventiv getötet werden
können (186).
Im Postskript erklärt Shukin, wie in den letzten zwei Jahr-
zehnten der BSe-Skandal eine materielle Krise in der „eiweiß-
Kette“ des Spätkapitalismus verursacht hat. Diese ist gleichzei-
tig zu einer Krise geworden, die die digitalen technologien und
visuellen Medien in ihrer Betrachtung der tierbilder verursacht
haben, und zwar eine Krise der Symbole. Diese gesamte Krise
hat aber nur zu einer strukturellen Re-Organisation in der land-
wirtschaft geführt, jedoch zu keiner tiefen Veränderung. Shukin
beendet ihr Buch mit der Hoffnung auf eine Herausforderung
zu diesem neuen Verständnis, wobei die erfahrung der letzten
Jahrzehnte die Widerstandskraft des Kapitalismus gezeigt hat.
Alles in Allem bietet die Analyse Shukins interessante Blick-
winkel über die historischen Zusammenhänge der zeitgenös-
sischen Tier-Ikonografe in ihrem breiten kulturellen Kontext.
Bemerkenswert ist die ausführliche Rekonstruktion der Quellen
und Inspirationsmuster alter wie neuer Verwendung tierischen
Materials und seiner Symbole. Weniger klar bleibt aber der
Zusammenhang zwischen der Analyse der Beispiele und dem
ausführlichen theoretischen teil. Der leser bleibt mit der Fra-
ge zurück, ob solche Analysen nicht auch ohne eine explizite
Zustimmung zur theorie der empire von Hardt und Negri, die
allerdings auch nicht so ausführlich diskutiert worden ist, sowie
ohne Bezug auf einige – sehr allgemein erklärte – neo- bzw.
postmarxistische Interpretationen des Fetischismus der Waren
doch zu den gleichen ergebnissen gekommen wäre.
Arianna Ferrari
schen Perspektive, laut der der Mensch keine Sonderstellung
mehr hat, ist herausfordernd.
Das Ziel des Buches besteht in der tat darin, zu zeigen, dass
die logik der Biomacht nicht (mehr) ausschließlich den Men-
schen betrifft, sondern sich auf das ganze Reich des lebendigen
erstreckt: Im Unterschied zur marxistischen theorie wird die
Ideologie nicht mehr auf der ebene der Super-Struktur der Ide-
en geortet, sondern im Körper selbst als biologische Urquelle
für das lebendige und damit auf einer prae-ideologischen bzw.
strukturellen ebene (25) angesiedelt. Aus dieser Perspektive
wird auch die Doppeldeutigkeit des Verbs „rendering“ im titel
klar, das zum einen „Wiedergabe“ bedeutet, und zwar die Kunst
der Übersetzung bzw. Reproduktion eines Gegenstandes oder
eines Werkes. Zum anderen bezieht es sich auf die Bearbeitung
oder das Recycling von tierischen Resten in industriellen Pro-
zessen. Durch die Auseinandersetzung mit unterschiedlichen
Verfahren, bei denen tiere und tierische Reste bzw. Komponen-
ten verarbeitet werden, wird deutlich, dass einerseits Kapitalis-
mus in der materiellen Produktion von tieren involviert ist und
andererseits das Bild bzw. die immaterielle Vorstellung des tie-
resinKunstundMediendadurchauchmodifziertwird.Damit
wird die Komplizenschaft zwischen Kunst und Medien mit der
Industrie verdeutlicht, die tatsächlich in der Praxis unterschied-
liche, zum teil widersprüchliche Formen annehmen kann.
Im Buch werden unterschiedliche tierbilder und tiernut-
zungen unter dieser neuen logik des „Rendering“ analysiert:
Während Shukin ihre neue Auffassung im ersten Kapitel noch
einmal ausführlicher und mit einigen Beispielen erklärt, sind die
anderen Kapitel der Analyse konkreter Bilder und Vorstellun-
gen von tieren gewidmet. Im Kapitel 2 setzt sich Shukin mit
dem tierischen Kapital in Verflmungen, Industrie-Produkten
und Maschinen rund um das thema Mobilität auseinander. Zwi-
schen dem Fließband in lebensmittelfabriken bzw. Schlacht-
häusern, die den Auto-Montage-Bändern ähnlich sind, und der
Filmrolle im Kino, die aus Material mit tierischen Bestandteilen
(Gelatine) besteht, zieht sie eine Parallele: Alle Prozesse gelten
als Ausdruck der ideologischen Zeit des kapitalistischen Fordis-
mus. Im Unterschied dazu wird die postfordistische neo-liberale
Zeit durch den Gebrauch der Metapher der tier-Maschine am
Besten dargestellt: Das Auto steht paradigmatisch in der natür-
lichen Umgebung auf der ebene mit tieren.
Kapitel 3 ist der Analyse der Verwendung von tierbildern
im Bereich der telekommunikation gewidmet: Durch eine kur-
ze Rekonstruktion der Rolle der tier-Bilder in der Geschichte
(z.B. in Galvanis erklärung der elektrizität in lebewesen) so-
wiederEdison-Verflmungsexperimente,dieinteressanterweise
auch das Phänomen der effekte der elektrizität auf tieren zum
Thema hatten (in der ersten Verflmung wird ein elektrischer
einschlag am elefant gezeigt), zieht Shukin eine interessante
interpretative linie hin bis zum Gebrauch der heutigen Ikono-
grafedesTieresineinerbekanntenWerbungeinerkanadischen
Telekommunikationsfrma. In deren Mittelpunkt steht eineArt
„Ästhetik des Verbrauches“ durch eine kapitalistische Interpre-
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LITERATURBERICHT
Altexethik 2010 41
rechtsbewegung ein Gegendiskurs, der gleiche Rechte für alle
fühlenden Wesen einfordert.
Im Rahmen eines tugendethischen Ansatzes fordert Beth
Carruthers eine radikale Veränderung unseres Handelns in der
Welt. eine anhaltende Verbesserung der Mensch-tier-Bezie-
hung kann für sie nicht durch eine bloße erweiterung der Mo-
ralsphäre herbeigeführt werden. Denn solange diese weiterhin
auf einer Ontologie der grundsätzlichen Unterscheidung zwi-
schen Menschen und allen übrigen lebewesen beruht, wird die
Zuschreibung von moralischer Bedeutung für nicht-menschli-
che Wesen immer instabil sein und im Hinblick auf menschli-
che Interessen Ausnahmen zulassen. Carruthers plädiert daher
für eine alternative gemeinsame Ontologie (shared ontology)
welche die unauföslichen Beziehungen und Abhängigkeiten
zwischen allen lebewesen betont.
Der zweite teil des Bandes setzt sich kritisch mit aktuel-
len Kunstprojekten auseinander, die gentechnische Methoden
einsetzen, um neue lebewesen zu erzeugen. Die Autoren sind
sich einig, dass diese Form der transgenen Kunst kein proba-
tes Mittel ist, auf die modernen technologien zu reagieren. So
macht etwa Carol Gigliotti gravierende Widersprüche zwi-
schen Selbstverständnis und Handeln der Künstler aus: Wäh-
renddieseihreArbeithäufgalsKritikamAnthropozentrismus
verstehen, bedienen sie sich gleichzeitig der Machtposition
des Menschen, um tiere technisch zu manipulieren und als
(Kunst-) Objekte zu verwenden. Im Vergleich mit bio- oder
ökozentrischen Ansätzen ist transgene Kunst für Gigliotti da-
her keineswegs radikal, weil sie den Menschen weiterhin in
den Mittelpunkt stellt und so hinter den kreativen Möglichkei-
ten der Kunst als kritischer Instanz zurück bleibt.
Auch der anschließende kontroverse Dialog zwischen Gi-
gliotti und dem Kulturwissenschaftler Steve Baker greift das
Problem der ethischen Verantwortung des Künstlers auf. Da-
bei relativiert Bakers postmoderner Blick die Kritik Gigliot-
tis durch den Verweis auf die zentrale Bedeutung der Ambi-
guität künstlerischer Projekte. Caroline Seck Langill zeigt in
einem historischen Rückblick, wie sich die wissenschaftliche
Wahrnehmung von lebewesen seit dem 18. Jh. verändert hat.
Untersucht werden heute nicht mehr ganzheitliche Subjekte,
sondern „postvitale Körper“, die auf ihren genetischen Code
reduziert und damit unbegrenzt manipulierbar geworden sind.
Vor diesem Hintergrund betont langill einerseits die große
gesellschaftliche und moralische Bedeutung, die die künstleri-
sche Auseinandersetzung mit neuen technologien haben kann.
Aber auch sie wendet sich gegen den direkten einsatz gentech-
nischer Methoden in der Kunst, da eine kritische Distanz des
Künstlers zu den von ihm selbst angewandten technologien
nicht möglich ist.
Die Verhaltensbiologin Lynda Birke kritisiert am Beispiel
des von Eduardo Kac erzeugten grün fuoreszierenden Ka-
ninchens Alba, das auch als GFP Bunny bekannt ist, unter-
schiedliche Aspekte der transgenen Kunst. Im Gegensatz zu
Forschungsrichtungen wie der kognitiven ethologie verhilft
uns Alba ihrer Meinung nach nicht zu substantiellen ein-
sichten über die Kommunikation und Interaktion zwischen
3 Ethik interdisziplinär
3.1 Carol Gigliotti (Hrsg.):
Leonardo’s Choice. Genetic
Technologies and Animals
256 Seiten, Dordrecht: Springer, 2009,
euro 120,73
Der von Carol Gigliotti herausgege-
bene Sammelband Leonardo’s Choi-
ce. Genetic Technologies and Animals
zeigt, dass das in der tierethik viel
diskutierte thema Gentechnik immer
noch Überraschungen bereithält. Da-
zu trägt vor allem die Auswahl der
Autoren bei, die ganz unterschiedliche akademische tradi-
tionen und Perspektiven repräsentieren – von Philosophie,
Kulturtheorie, Kunst und literaturwissenschaft über Verhal-
tensbiologie, Recht und Geschichte bis zur landschaftsarchi-
tektur. Die Beiträge (zwölf Artikel und ein Dialog) verbindet
dieFragenachdemEinfussneuerTechnologienaufmensch-
liche und nicht-menschliche lebewesen. Der Biotechnologie
kommt dabei eine besonders kritische Rolle zu, weil durch
sie biologische Materialität im Sinne von Informationseinhei-
ten neu defniert und so eine neue Stufe der Verdinglichung
des tieres erreicht wird. Für Gigliotti liegt die Bedeutung
des Bandes daher vor allem darin, die zunehmende Blindheit
gegenüber der tierlichen Subjektivität zu kritisieren, die be-
sonders im Gebrauch von tieren in der gentechnischen For-
schung zum Ausdruck kommt.
Im ersten teil des Bandes werden mögliche Wege zu einer
Verbesserung der Mensch-tier-Beziehung aufgezeigt. es ist
bezeichnend, dass ein Artikel des Philosophen und tierrechts-
aktivisten Steven Best am Anfang steht, denn sein postmoder-
ner, von tiefer Sorge über eine ungewisse Zukunft geprägter
Blick durchzieht auch die meisten anderen Beiträge. Nach
Best ist die Wissenschaft in der globalen Welt zu einer aktiven
Kraft geworden, die unsere Interpretation des lebens und so-
gar die Natur des lebens selbst verändern kann. Die entschei-
dende Frage ist, ob wir diese entwicklung dazu nutzen, um
bestehende Missstände im Umgang mit anderen lebewesen
weiter zu zementieren oder um unsere moralischen Werte und
unsere Vorstellungen über den Ablauf demokratischer Prozes-
se grundlegend zu verändern. Nur im Kontext einer von Dia-
log und Kommunikation geprägten „postmodern metascience“
(15) könnten Gentechnik und Wissenschaft ihr durchaus vor-
handenes positives Potential entfalten.
Wie Vincent J. Guihans Analyse des genetischen Diskurses
im 20. Jahrhundert zeigt, hat Darwins Origin of Species zu
einer Vielzahl von Diskursverschiebungen geführt. Auf der
einen Seite wurden Darwins erkenntnisse als wissenschaftli-
che Grundlage für eugenische Bestrebungen bei Mensch und
tier und für einen rassistischen „discourse of species“ benutzt,
„in which human beings are marginalized as though they we-
re animals in an effort to exploit them economically“ (29).
Auf der anderen Seite entspann sich aus dem Wissen um die
grundsätzliche Ähnlichkeit von Mensch und tier mit der tier-
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LITERATURBERICHT
Altexethik 2010 42
Der Geschichtswissenschaftler David Delafenêtre gibt einen
historischen Überblick über die Praxis der „kosmetischen Chi-
rurgie“ an Hunden (d.h. das Kupieren von Ohren und Schwän-
zen) und über die rechtliche Durchsetzung eines Verbotes die-
ser eingriffe in Australien und Neuseeland. Das thema führt
nur scheinbar weg von den zuvor diskutierten Problemen der
Gentechnik. Denn zum einen steht auch beim Kupieren unse-
re ästhetische Wahrnehmung des tieres im Mittelpunkt. Und
zum anderen können chirurgische eingriffe ebenso wie gen-
technische die tierliche Integrität verletzen.
Die landschaftsarchitektin Kelty Miyoshi McKinnon nähert
sichdemProblemdesEinfussesderGentechnikaufTierund
Mensch über das Beispiel des geklonten Schafes Dolly, das als
Metapher nicht nur für das sprichwörtliche Opferlamm, son-
dern auch für ewige Jugend und die Hoffnung auf eine erret-
tung aussterbender tierarten steht. In Anlehnung an Gregory
Bateson beschreibt McKinnon die entfernung des Schafes aus
seinem angestammten sozialen, ökologischen und physiologi-
schen Kontext – Herde, territorium und Körper – und inter-
pretiert sie als Zeichen für die „distancing abstraction of con-
temporary genetic manipulation“ (215).
Carol Freeman setzt sich kritisch mit Versuchen auseinan-
der, mit Hilfe gentechnischer Methoden ausgestorbene tierar-
ten wie Quagga (eine ausgestorbene Zebraform) und Beutel-
wolf zu neuem leben zu erwecken. Wie Freeman zeigt, ist die
Präsentation solcher Projekte häufg „strategically selective,
vague or sensational, and ignore[s] or mask[s] the problems
that could arise for the animals themselves” (249). Dabei fällt
vor allem auf, wie selten das individuelle tier über seine Rolle
als Zwischenstufe im Prozess der entwicklung eines phäno-
typischurtümlichenExemplarshinausErwähnungfndet.Für
Freeman sind die beschriebenen Vorhaben daher letztlich Aus-
druck einer speziesistischen Haltung.
Die Stärke von Leonardo’s Choice liegt in der Vielfalt der
Perspektiven, die die üblichen Pfade der tierethischen Dis-
kussion verlassen und den leser zum Weiterdenken anregen.
Dabei ist besonders bemerkenswert, dass viele der texte dem
häufg vernachlässigten Zusammenhang zwischen Ethik und
Ästhetik (sei es im Bereich der transgenen Kunst, der literatur
oder der selektiven Zucht) nachgehen. Und obwohl die meis-
ten Autoren sowohl der gentechnischen Veränderung von tie-
ren als auch der transgenen Kunst eher ablehnend gegenüber
stehen, formulieren sie ihre Kritik bis auf wenige Ausnahmen
in einer überaus konstruktiven Weise, die nicht Wissenschaft
und Kunst als solche in Frage stellt, sondern den dort vorherr-
schenden Reduktionismus und Anthropozentrismus. Gigliottis
textsammlung ist damit in hervorragender Weise dazu geeig-
net, der tierethischen Auseinandersetzung mit der Gentechnik
dringend benötigte neue Impulse zu liefern.
Kirsten Schmidt
Spezies, sondern stellt vielmehr eine neue Form der trivi-
alisierung von tieren dar. Darüber hinaus wird durch den
reduktionistischen Ansatz, der sowohl der Gentechnik selbst
als auch ihrer Anwendung in der Kunst zugrunde liegt, nicht
nur die Kreativität und Komplexität biologischer Prozesse
verschleiert; er ist auch ethisch problematisch, da er eine
fragmentierte Sicht des Organismus als bloße Ansammlung
von einzelteilen fördert.
Die Juristin Taimie L. Bryant diskutiert den ungewissen
rechtlichen Status der transgenen Kunst, der dazu führt, dass
der Schutz lebender „Kunstobjekte“ aufgrund der rechtlichen
Privilegierung der Wissenschaft nur schwer durchzusetzen
ist. Gesetze, so Bryants ernüchternde einschätzung, schützen
vor allem die Interessen derjenigen, die die Natur ausbeuten
wollen. Die transgene Kunst kann ihr Ziel, zu einem Umden-
ken im Hinblick auf die Mensch-tier-Beziehung beizutragen,
nicht erreichen. Denn durch die entscheidung des Künstlers
für transgene und gegen andere Formen der repräsentationalen
Kunst muss er seine expressionsmöglichkeiten auf die gene-
tische Veränderung von nicht-menschlichen lebewesen be-
schränken.Damitnimmterzwangsläufgdiegesetzlichlegiti-
mierte anthropozentrische Haltung ein, die er kritisieren will.
Im abschließenden dritten teil wird das Problem der geneti-
schen Veränderung der Speziesidentität im Spiegel seiner lite-
rarischen und visuellen Darstellung diskutiert. Ausgangspunkt
für die Überlegungen von Traci Warkentin ist der tierliche
Körper, der im biotechnologischen Zeitalter zu verschwinden
droht. Durch den Vergleich mit der dystopischen Zukunfts-
vision in Margaret Atwoods Roman Oryx und Crake zeigt
Warkentin, wie Organismen bereits heute durch gentechnische
eingriffe zu Biofabriken für die Produktion von Organen oder
Fleisch reduziert werden. Die Fragmentierung des Körpers
durch diese mechanische Reduktion erscheint uns vor allem
deshalb verstörend, weil sie eine Verletzung der tierlichen
Integrität darstellt und die Behandlung von lebewesen als
ethisch bedeutungslose Artefakte legitimiert.
Der Vergleich des Romans Die Insel des Dr. Moreau von
H. G. Wells mit unterschiedlichen Verflmungen des Buchs
zeigt, so die literaturwissenschaftlerin Susan McHugh, war-
um gerade transgene tiere in unserer Imagination als „psy-
chic subjects of genetics“ (174) operieren. Während Moreau
ursprünglich als Vivisektionist beschrieben wird, erschafft er
in der modernen Filmfassung Mensch-tier-Chimären durch
gentechnische eingriffe. Die wenigen geglückten Versuche
Moreaus stehen nach McHugh für eine neue „theriomorphic
aesthetic of genetics“ (174): „animals in the process become a
means of interrogating the relationships of genetic science to
cultural representation, modeling other aesthetics of genetics
that challenge the premise of human singularity“ (186).
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LITERATURBERICHT
Altexethik 2010 43
Bekoffs Publikation besticht durch ihre Kombination aus sach-
lich wissenschaftlichen Forschungsergebnissen und dem Mut des
Autors zu einem tief empfundenen und vom leser gut nachvoll-
ziehbaren Verantwortungsgefühl für das Wohlergehen und die
Rechte von tieren. Bekoff gründete zusammen mit Jane Goo-
dall – die regelmäßig, wie auch in diesem Buch, die Vorworte für
Bekoffs Publikationen schreibt – die Vereinigung Ethologists for
the Ethical Treatment of Animals. Da ihn als ethologe maßgeb-
lich seine Achtung vor tieren prägt, führt er außerdem den Begriff
der tiefenethologie ein, „um einige der Tiefenökologie zugrunde
liegende Vorstellungen auszudrücken. Die tiefenökologie betont,
dass Menschen nicht nur anerkennen müssen, dass sie ein wesent-
licher Bestandteil der Natur sind, sondern auch, dass sie eine ein-
zigartige Verantwortung für die Natur haben. Als tiefenethologe,
in der tradition der Ökopsychologie, versuche ich als Sehender
der Gesehene zu werden. Ich werde zum Kojoten. Ich werde zum
Pinguin.“ Nur so könne man „entdecken, wie es sein könnte, ein
bestimmtes Individuum zu sein, wie es seine Umgebung wahr-
nimmt und wie es sich in bestimmten Situationen verhält.“ (24)
Jeder, der sich der Verhaltensforschung oder der Kognition bei
tieren aus einer strengeren wissenschaftlichen Perspektive nähert
und dem das Schreckgespenst des ungerechtfertigten Anthropo-
morphismus im Nacken sitzt, mag Bekoffs texte kritisch betrach-
ten. er führt seine Gedanken jedoch mit einer derartigen Direktheit
und Natürlichkeit aus, dass sie unmittelbar einleuchtend erschei-
nen. Als Meister der Zunft, den eine unter Kollegen so schnell
nicht wieder zu fndende Lebens- und Forschungserfahrung aus-
zeichnet, kann sich Bekoff solche Gedankengänge leisten und dem
einen oder anderen damit sogar noch eine lektion in Sachen Wis-
senschaftsverständnis erteilen. Wer hat eigentlich behauptet, dass
ein Wissenschaftler keine Begeisterung für sein Forschungsthema
in sich tragen darf? Und wer hat gesagt, dass es ausreicht, sich mit
Sachinformationen über die Welt zufrieden zu geben?
Bekoff will eine Wissenschaft, in der sich der Verhaltensfor-
scher auf die sensorische und motorische Welt der tiere einlässt,
in der auch die Gefühlswelt und die tugenden der tiere wissen-
schaftlich erforscht werden und der Forscher den Mut hat, auf die
Verantwortung des Menschen für die Natur hinzuweisen. Ganz am
ende seines Buches zitiert er den Physiker und Nobelpreisträger
erwin Schrödinger
1
, der das traditionelle Wissenschaftsverständ-
nis ebenfalls in Frage stellte, weil es ein unzureichendes Bild der
Welt zeichne: „es liefert viele sachbezogene Informationen und
bringt all unsere erfahrung in eine fabelhafte, zusammenhängende
Reihenfolge, doch es bleibt schrecklich still in Bezug auf alles,
was unserem Herzen nahe steht, auf alles, was wirklich zählt.“
(378) Auf ähnliche Art kritisiert Bekoff die Selbstbeschränkun-
gen in der Naturwissenschaft – etwa einen falsch verstandenen
reduktionistischen Behaviorismus oder einen exklusiven Wissen-
schaftsbegriffs, der die ethik ausklammert. Sein Buch bietet damit
nicht nur einen umfassenden Überblick über mehr als dreißig Jahre
Forschung und es ist auch nicht allein mit Blick auf ethologische
erkenntnisse von Interesse. es verweist zugleich auf die Notwen-
digkeit eines neuen wissenschaftstheoretischen Verständnisses.
Judith Benz-Schwarzburg
3.2 Marc Bekoff (Hrsg.):
Tugend und Leidenschaft im
Tierreich. Gedanken zu einer
neuen Sicht der Natur.
400 Seiten, Bernau: Animal learn
Verlag, 2010, euro 24,00
Mit dem zweiten, in deutscher Sprache
im Animal learn Verlag erschienenen
Buch hat Marc Bekoff eine umfang-
reiche textsammlung zu kognitiven,
emotionalen und sozialen Fähigkeiten
bei tieren vorgelegt. Viele der hier zusammengestellten Aufsätze
widmen sich Bekoffs vorrangigem Forschungsinteresse, den kom-
plexen Verhaltensweisen beim Haushund und seinen wildlebenden
Verwandten.
Neu sind vor allem die einleitung, die Vorbemerkungen und
das Nachwort der Sammlung, die bereits 2006 als amerikanische
Originalausgabe unter dem titel Animal Passions and Beastly
Virtues erschienen ist. Die einzelnen essays hingegen sind Nach-
drucke von z.t. zusammen mit Co-Autoren in Fachjournalen oder
Büchern erschienenen texten Bekoffs aus seiner bereits über drei
Jahrzehnte umfassenden Forschungstätigkeit.
An teil I des Buches, Emotionen, Kognition und tierisches
Selbst, schließt sich teil II zum Sozialverhalten von Hunden und
Kojoten an. teil III konzentriert sich auf die themenfelder Sozial-
spiel, soziale Entwicklung und soziale Kommunikation, worunter
Bekoff auch Kooperation, Fairness und Gerechtigkeit bei tieren
fasst. teil IV schließlich beschäftigt sich mit Wechselbeziehungen
zwischen Menschen und Tieren. Hier geht es um Interaktionsweisen
undEinfüssedesMenschenaufdasVerhaltenvonTieren.Auch
themen der tierschutz-Praxis werden diskutiert, etwa Fragen
nach den Auswirkungen der Umsiedlung von Schwarzschwanz-
PräriehundenaufderenVerhaltenoderKonfiktezwischendiesen
tieren, Haushunden und Menschen.
teil V nimmt abschließend Ethik, Mitgefühl, Naturschutz und
Aktivismus in den Blick und verspricht die auch im Buchtitel an-
gekündigte neue Sicht auf die Natur, bevor Bekoff im Nachwort
über Achtung gegenüber Tieren und der Erde: Alte Gehirne in
neuen Problemsituationen schreibt. Während die ethologie und
die gesamte (westliche) Geistesgeschichte dazu neigt, tiere als die
Besitzer stammesgeschichtlich älterer Gehirne vom Homo sapiens
abzugrenzen, meint Bekoff mit dem Bergriff „Alte Gehirne“ et-
was, was uns mit tieren verbindet. Angesprochen sind die gemein-
same Abstammungsgeschichte und ein Gefühl der evolutionären,
kognitiven und emotionalen Verwandtschaft. Nicht allein das Ver-
haltendesTieres,wieessichfexibelanneueProblemsituationen
anpasst, ist hier ethologisch von Interesse, sondern die Art und
Weise, wie der Mensch zukünftig mit den (selbstgeschaffenen)
tierschutz- und Umweltproblemen umgeht – in dem Wissen, dass
wir letztendlich alle im selben Boot sitzen: „Wir müssen unseren
alten Gehirnen erlauben, das zu tun, was ihnen natürlich erscheint:
Uns zu tiefen, gegenseitigen, mitfühlenden und respektvollen Be-
ziehungen zur Natur zurückzuführen.“ (378)
1
Bei Bekoff wird dieses Zitat fälschlicher Weise Max Schrödinger zugeschrieben, vielleicht durch eine Verwechslung der zwei berühmten Physiker Max Born
und Erwin Schrödinger. Tatsächlich stammt es aus Nature and the Greeks (1954) von Erwin Rudolf Josef Alexander Schrödinger (s. canto edition von Nature
and the Greeks and Science and Humanism, Cambridge University Press, 1996, 95).
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LITERATURBERICHT
Altexethik 2010 44
es folgten experimente zur totalen Isolation in komplett
leeren Räumen. 30 tage, sechs Monate und schließlich ein
Jahr darin erzeugten, so Blum, „tatsächlich Psychopathologie“
(241). „Diese semiparalysierten Affen waren […] zu normalen
sexuellen Beziehungen – und zu Beziehungen überhaupt – au-
ßerstande. Als das laborteam einen Weg herausgefunden hat-
te, die funktionsgestörten Weibchen in einer „empfänglichen“
Position zu halten, erzeugten sie bei bereits instabilen Affen ei-
nige Schwangerschaften.“ Doch die Affenmütter, die selbst nie
irgendeine Form von Mutterliebe kennengelernt hatten, emp-
fanden keine liebe für ihre Jungen. Sie ignorierten, misshan-
delten und töteten sie: „eine drückte das Gesicht ihres Kindes
auf den Boden und kaute seine Füße und Finger ab. eine an-
dere nahm den Kopf ihres Babys in ihr Maul und zerquetschte
ihn. Das war das ende der erzwungenen Schwangerschaften.“
(241 f.) es war aber nicht das ende von Harlows Studien, die
selbst Kollegen heute als „brutal“ bezeichnen (318). Man ent-
wickelte den „vertical chamber apparatus“, eine spitz zulau-
fende Box mit glatten Wänden, aus der es kein entrinnen gab.
Nach Wochen in diesem trichter waren die tiere gebrochen
und die Forscher hatten ein Depressionsmodell vollkommener
Hilfosigkeit und Verzweifung geschaffen. Im Versuch den
Schaden zu beheben wurden Baby-„Peer“-therapeuten einge-
setzt, die in ihrem unermüdlichen Bedürfnis nach Kontakt die
Mehrheit der depressiven Affen ganz langsam in ein normales
leben zurückführen konnten – was auch immer „normal“ in
Harlows labor bedeutete (244 ff.).
Harlow erntete zu lebzeiten nach Jahren der Zurückwei-
sung schließlich große Anerkennung, wurde Präsident der
American Psychological Association und bekam die Nationale
Wissenschaftsmedaille verliehen. In den letzten Jahren seiner
Forschung und nach seinem tod wurde aber, so Blum im vor-
letzten Kapitel ihres Buches, Kritik immer lauter. Feministin-
nen wollten sich nicht auf das Bild der bedingungslos lieben-
den Mutter festschreiben lassen und die tierschutzbewegung
begann ihre Höfichkeit Tierexperimentatoren gegenüber ab-
zulegen.
Blum gelingt es, Harlow in seiner persönlichen Zerrissenheit
darzustellen. Je depressiver er selbst wird, je einsamer und hilf-
loser er sich fühlt, umso verbissener wird sein Interesse an den
AuswirkungenvonHilfosigkeit,IsolationundDepression.Als
politisch unkorrekter exzentriker fand er deutliche Worte für
das leiden der tiere. er selbst bezeichnete die Monstermütter
als solche und erklärte die vertikale Kammer zur „Fallgrube
derVerzweifung“–entgegenallerBedenkenseinerKollegen,
die allmählich um die Außenwirkung ihrer Forschung besorgt
waren (243). Die ethische Dimension seiner Versuche hat er
wohl dennoch nie wirklich begriffen.
Blums großartige wissenschaftsgeschichtliche Recherche
zeigt auch, dass Harlow begann, die liebe zu erforschen,
als Politik und Psychologie gleichermaßen reif dafür waren.
Während Skinner noch den „Baby tender“ propagierte, eine
Glasbox, in der Säuglinge ohne Kontakt zur Außenwelt aufzu-
bewahren seinen, beobachteten andere bereits aufmerksam die
Verhaltensauffälligkeiten von alleingelassenen Waisen- und
Krankenhauskindern. Katharine Wolf, Mary Salter Ainsworth,
John Bowlby oder René Spitz kritisierten etwa, dass die Ste-
3.3 Deborah Blum:
Die Entdeckung der
Mutterliebe: Die legendären
Affenexperimente
des Harry Harlow
351 Seiten, Weinheim, Basel:
Beltz, 2010, euro 24,95
Deborah Blum, Pulitzer-Preisträgerin
und Professorin für Wissenschafts-
journalismus, breitet in ihrem Buch
die Karriere des wohl umstrittensten
Primatenforschers aller Zeiten aus. er führte experimente mit
unter Isolation und Depression leidenden Affenbabys durch,
denen im Versuch nichts außer laborkonstruierten ersatzmüt-
tern als trost und Schutz gelassen wurde. Grausam – und ein
einzigartiges Stück Wissenschaftsgeschichte, so der Ansatz der
Autorin. Die Psychologie der 1940er Jahre war von behavioris-
tischen Größen wie Watson und Skinner geprägt. Mütter hatten
in deren Verständnis ihre Kinder zu ernähren und waren sonst
eine Gefahr, da sie Krankheitserreger übertrugen und das Kind
verweichlichten. Sie durften in Krankenhäusern nicht zu ihren
Kindern. Waisenkinder wurden versorgt, nicht geliebt. Dass
dies eine echte emotionale Beziehung zerstört, die zudem für
die entwicklung des Kindes von Bedeutung ist, lag jenseits je-
der etablierten theorie. Harry Harlow sollte in dieser Hinsicht
die entwicklungspsychologie revolutionieren. In den ersten
Kapiteln ihres Buches gibt Blum einen ausführlichen Über-
blick über Kindheit, Jugend und Studium Harlows, über die
psychologische Forschung der Zeit und über die anfänglichen
Misserfolge des jungen Professors an der University of Wis-
consin.
erst ab dem sechsten Kapitel kommt sie auf Harlows berühm-
te experimente zur Mutterliebe zu sprechen. Die in seinem la-
bor von ihren Müttern getrennten und von Hand aufgezogenen
jungen Affen hatten eine Obsession für Kuscheldecken entwi-
ckelt. Man hatte unrefektiert das humanmedizinische Ideal
des sauberen, steril verpackten und von der Umwelt isolierten
Säuglings auf die tierhaltung übertragen – und verhaltensauf-
fällige, hospitalisierte lebewesen erzeugt. Dass den tieren die
Mutter fehlte war klar. Man wollte nun herausfnden, welche
Art von Mutter sie wofür brauchten, und vor allem wie sehr.
Harlows Mitarbeiter entwickelten laborkonstruierte ersatz-
mütter und wiesen in der Folge nach, dass die Jungen fau-
schige Stoffmütter mit erkennbarem Gesicht kalten und kan-
tigen Drahtgestell-Müttern vorzogen, selbst wenn letztere die
Milch spendeten. Nahm man ihnen die Stoffpuppen weg, dann
kreischten sie, kauerten sich am Boden zusammen, schau-
kelten sich hin und her, saugten an den eigenen Händen und
suchten verzweifelt nach ihren ersatzmüttern. Harlows la-
bor führte diese Art von experimenten mit dem einsatz von
„Monstermüttern“ fort. Diese rüttelten die Jungen permanent
durch, bliesen sie mit luft an, schleuderten sie mit einer me-
chanischen Klappe von sich weg oder drückten stumpfe Nägel
gegen sie. Je mehr die Jungen abgewiesen wurden, umso mehr
suchten sie den Kontakt (229 ff.). Doch selbst diese Versuche
waren steigerungsfähig.
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LITERATURBERICHT
Altexethik 2010 45
keit macht sie verletzbar und soziale Fähigkeiten verkümmern,
wenn sie nicht genutzt werden.
eines der „wunderschönen, für den gesunden Menschenver-
stand logischen ergebnisse“ der Versuche sei, so Blum, dass
jeder letztendlich „die Dinge“ (gemeint sind trauma, leid und
Depression) „nach seinen Möglichkeiten bewältigt“ (249).
Blums Quintessenz des Harlowschen Vermächtnisses: „lie-
be [kann] der beste – und der schlimmste teil unseres lebens
sein.“ (254) Ist das nicht etwas wenig? Blum meint, dass uns
diese erkenntnisse erst heute selbstverständlich erscheinen.
Die Problematik dieses Buches besteht im Unterton der
Rechtfertigung der Versuche aus der Abgrenzung zum Zeit-
geist heraus und der möglichen Überbetonung ihrer Bedeutung
für eine Psychologie, die emotionen zu schätzen weiß. Oh-
ne Harlow wäre die Mutterliebe nicht entdeckt worden. Dies
mag bezweifelt werden. erst im epilog lässt Blum außerdem
RaumfürethischeKritikunderstindenletztenSätzenfndet
sie eigene klare Worte: „Wenn es je einen legitimen wissen-
schaftlichen Bedarf gab, Affenbabys in vertikale Kammern zu
stecken, dann gehört dieses Bedürfnis der Vergangenheit an.
(…) einmal ist mehr als genug.“ (331)
Man wünscht sich für dieses Buch den engagiertesten Jour-
nalismus, der möglich ist. Objektivität einem ethisch brisanten
Stoff gegenüber hat die ethische Dimension deutlich zu be-
rücksichtigen. Die Übersetzerin wählte für das Buch den Un-
tertitel „Die legendären Affenexperimente des Harry Harlow“.
eine spannungsreichere Formulierung, wie etwa „Die umstrit-
tenen Affenexperimente des Harry Harlow“ hätte den Unterton
dieser Biographie tatsächlich weniger gut getroffen. Vorder-
gründig soll Harlow als Person mit schwarzen wie weißen Sei-
ten gezeichnet werden, selbst hierfür wird er aber erstaunlich
positiv gewendet.
Allerdings ist der perfden Logik dieser Versuche wirklich
schwer beizukommen. laut Blum hat Harlow „couragiert“ die
liebe „in all ihren Facetten“ untersucht, „die beste Mutterlie-
be und die schlechteste“ erfasst. „er untersuchte emotionalen
Schaden und bestand darauf, auch emotionale Heilung zu er-
forschen.“ Den Bogen seiner Forschung habe er beschrieben
als „liebe erschaffen, liebe zerstören, liebe zurückerobern“
(315). Blum gesteht Harlow hier womöglich zu viel zu. Seine
umstrittenen Versuche zielten fast ausschließlich darauf ab, die
fehlende liebe, die zerstörteLiebeoderdenEinfusseinerpa-
thologischen Mutter auf ihr Kind zu erforschen und als reales
Modell zu erschaffen. Wenn er also liebe erschaffen hat, dann
anscheinend, umsiezuzerstören.WelcheperfdeVorstellung
von Wissenschaftlichkeit behauptet, dass man, um die Mut-
terliebe zu beweisen, einem Kind die Mutterliebe entziehen
muss? Und wie kann man der Mutterliebe zu einer gebühren-
den Anerkennung verhelfen wollen, ohne sie selbst entspre-
chend zu würdigen?
Judith Benz-Schwarzburg
rilisierung der Umgebung des Kindes „gleichzeitig auch die
Kinderpsyche sterilisiere“ (62). Sie entwickelten Bindungs-
theorien, die die Interaktion von Mutter und Kind betonten
(z.B. 72 ff., 185 ff.) oder beschrieben die stumpfe Apathie bei
vernachlässigten Säuglingen als „anaklitische Depression“
(239). Harry Bakwin, ein New Yorker Kinderarzt, publizierte
bereits in den 1940er Jahren, dass Babys emotionalen Kon-
takt bräuchten. Die Schilder in seinem Krankenhaus, die dazu
aufforderten, die Hände zweimal vor dem Betreten der Kin-
derstation zu waschen, gaben plötzlich die Anweisung: „Diese
Kinderstation nicht betreten, ohne ein Baby auf den Arm zu
nehmen.“ (63) Bestätigten Harlows experimente also ledig-
lich etwas, was sowieso im Kommen war? Waren kontrollier-
te Versuche an Affenbabys nötig, um etwas zu beweisen, was
Mütter und Krankenschwestern sowieso schon lange wussten
und was andere Wissenschaftler aus der Verhaltensforschung
am Kind ablasen? Für Bill Mason, der die Stellvertreter-Müt-
ter mitentwickelte, waren Harlows erste Versuche „eine Art
Demonstration mit feststehenden ergebnissen“ (171).
Ging es Harlow um den Gewinn völlig neuer wissenschaftli-
cher erkenntnisse oder darum, Kollegen und Öffentlichkeit mit
etwas zu provozieren, das sie nicht länger ignorieren konnten?
Sicherlich war es auch taktik und Strategie, den Stellvertre-
ter-Puppen Köpfe aufzusetzen. Zwar wollte Harlow, dass die
Stoffmutter zurückschaut, wenn der Affe sie anblickt. Aber er
wollte auch, dass sie den menschlichen Beobachter anschaut:
„sie musste den Menschen etwas bedeuten […], damit sie über
Beziehungen und liebe nachdachten“ (174). Auf Kritik, dass
seinen Versuchen die statistische tiefe fehle, antwortete er:
„Die Studie braucht keine komplizierten Statistiken. es war
einfach so.“ (183) er freute sich darüber, dass die Psycholo-
gie vom „gesundem Menschenverstand überholt würde“ und
meinte zu seinen Kollegen, dass Mütter und Väter längst wuss-
ten, was er bewies (199).
In gewisser Weise ist Harlow auf die Forschungsstandards
seiner Zeit hereingefallen. er meinte, seine neuen Ideen nur
mit den bewährten, letztendlich typisch behavioristischen For-
schungsmethoden am tiermodell beweisen zu müssen. Und
er teilt die augenscheinliche Immunität seiner Gegenspieler
Watson und Skinner, wenn es um ethische Grenzen im Ver-
such geht. Beides arbeitet Blum leider nicht deutlich heraus.
Ist Mutterliebe quantifzierbar? Muss ein isoliertes Jungtier
erst irreparabel geschädigt oder tot sein, bevor wir den offen-
sichtlichen Schluss ziehen können, dass das Bedürfnis nach
einer Mutter „sehr stark“ ist? tatsächlich muten viele der er-
gebnisse aus Harlows Versuchen erstaunlich trivial an: Kinder
lieben ihre Mütter bedingungslos, sie brauchen Halt und trost,
soziale Hilfsnetzwerke und Unterstützung bei der Gründung
von Beziehungen. Sie müssen lernen loszulassen, soziale In-
telligenz erwerben und diese im Spiel einüben. Ihre Abhängig-
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LITERATURBERICHT
Altexethik 2010 46
für beide Seiten akzeptabel sein sollte. Bei diesem Verfahren
werden die Schlachttiere vor dem Ausbluten soweit betäubt,
dass während des Ausblutens vollständige Empfndungslosig-
keit gewährleistet ist. Die elektrokurzzeitbetäubung löscht das
Schmerzempfnden für die zur vollständigen Entblutung aus-
reichende Zeitspanne aus, ohne den tod des tieres herbeizu-
führen. Versuche haben gezeigt, dass das tier, verzichtet man
auf die anschließende Schlachtung, nach einiger Zeit aufsteht
und sich wie gewohnt weiter bewegt. Auf diese Weise könnte
sowohl dem tierschutz als auch dem Grundsatz der Orthodoxen
Genüge getan werden, kein Fleisch von vor der Schlachtung ge-
storbenen tieren zu verzehren.
Die Frage stellt sich, warum sich die Arbeitsgruppe nicht zu
dem Vorschlag durchgerungen hat, diese – beiden Seiten entge-
genkommende – lösung zu forcieren und eine Beschränkung
der Ausnahmebedingungen nach § 4a Abs. 2 Satz 2 tSchG auf
das Verfahren der reversiblen Betäubung zu fordern. Dieses
Verfahren wird seit etwa 1975 in Neuseeland praktiziert, u.a.
um den islamischen Markt beliefern zu können. Statt die reli-
giöse Schlachtung ausschließlich bei vorangehender reversibler
Betäubung zuzulassen, knüpft der Revisionsvorschlag stattdes-
sen an die bestehende Rechtslage an, die jenen ultraorthodo-
xen Gruppen (vor allem im jüdischen Bereich) Zugeständnisse
macht, die auch eine reversible Betäubung als mit den von ihnen
vertretenen Reinheitsgeboten unvereinbar ansehen. Nicht alle,
aber doch die meisten Mitglieder der Arbeitsgruppe halten es
für vertretbar, eine betäubungslose Schlachtung in dem Umfang
zuzulassen, in dem es der Fleischbedarf dieser Gruppen erfor-
dert. Ihr Votum geht lediglich dahin, zu verhindern, dass – wie
es offenbar gegenwärtig der Fall ist – sehr viel mehr tiere betäu-
bungslos geschlachtet werden, als diesem Bedarf entspricht, so
dass erhebliche Mengen von bei Halal- bzw. Koscher-Schlach-
tungen anfallenden und weiterhin als „unrein“ geltenden teilen
auf dem allgemeinen Fleischmarkt ohne entsprechende Kenn-
zeichnung angeboten werden.
Dieser Vorschlag mag pragmatisch motiviert sein, erscheint
jedoch unter ethischen Gesichtspunkten bestenfalls halbherzig.
Selbstverständlich sind auch dann, wenn man fundamentalis-
tischen Glaubensüberzeugungen nicht viel abgewinnen kann,
die Gefühle der Gläubigen zu achten, die sich an wörtlichen
Auslegungen ihrer heiligen Schriften orientieren. Unbestritten
ist auch, dass sich – wie der Kirchenjurist Peter Unruh in ei-
nem der umfassendsten und präzisesten Beiträge argumentiert
– das Recht auf Religionsfreiheit rechtlich und ethisch nicht nur
auf die Kultfreiheit erstreckt, sondern auch die Ausübung der
religiösen Überzeugungen außerhalb des Kultus umfasst. An-
dererseits aber kann dieses Recht – abgesehen von religiösen
Schlachtungen, die wesentlicher Bestandteil von Kulthandlun-
gen sind – nicht so weit reichen, dass es, sofern die religiösen
Vorschriften lediglich den Verzehr „unreinen“ Fleischs verbie-
ten,zwangsläufgauchdieentsprechendenreligiösenSchlach-
tungen im Inland legitimiert. Zu fragen ist vielmehr, ob es den
Angehörigen der ultraorthodoxen Gruppen zumutbar wäre, auf
nach den entsprechenden Reinheitsgeboten geschlachtetes, aber
möglicherweise teureres Importfeisch zurückzugreifen. Eine
solche Regelung besteht in der Schweiz, in der das betäubungs-
lose Schlachten von tieren seit 1893 ausnahmslos verboten
3.4 Johannes Caspar und
Jörg Luy (Hrsg.): Tierschutz bei
der religiösen Schlachtung /
Animal Welfare at Religious
Slaughter. Die Ethik-Workshops
des DIALREL-Projekts
272 Seiten, Baden-Baden: Nomos,
2010, euro 59,00
Der Band dokumentiert die ethik-
Workshops des sogenannten DIAl-
Rel-Projekts (ein eU-Projekt zur
Förderung des Dialoges zur rituellen Schlachtung), das sich
in den Jahren 2006 bis 2009 unter interdisziplinärer und in-
ternationaler Beteiligung dem umstrittenen Problem der be-
täubungslosen religiösen Schlachtung widmete. entsprechend
der überwiegend rechtswissenschaftlichen Zusammensetzung
der Arbeitsgruppen dominieren rechtswissenschaftliche und
speziell verfassungsrechtliche Beiträge, insbesondere vor dem
Hintergrund der in den europäischen Rechtsordnungen ausge-
sprochen unterschiedlichen verfassungsrechtlichen Abwägun-
gen zwischen tierschutzbelangen und dem Grundrecht auf freie
Religionsausübung. Über diese Unterschiede und ihre histori-
schen Hintergründe informiert eine Reihe von länderberichten,
die damit zugleich das Spektrum der Optionen für einen sachge-
mäßen und wertadäquaten Ausgleich zwischen tierschutz und
Religionsfreiheit illustrieren.
Die dokumentierten Workshops und damit auch der Band
selbst sind nicht nur wissenschaftlich, sondern vor allem auch
politisch motiviert. Der Band will eine Revision der relevanten
Bestimmungen des deutschen tierschutzgesetzes anregen, die
die Ausnahmen für den ansonsten geltenden Betäubungszwang
engeralsbisherfasstundzusätzlichdurchfankierendegesetz-
liche Bestimmungen absichert (z. B. durch eine Kennzeich-
nungspficht für Fleisch aus betäubungslosen Schlachtungen).
Nach der in Deutschland gegenwärtig bestehenden Rechtslage
sind Ausnahmen vom Betäubungsgebot immer dann genehmi-
gungsfähig, wenn zwingende Vorschriften den Angehörigen
einer Religionsgemeinschaft das betäubungslose Schlachten
vorschreiben. Der der Dokumentation vorangestellte Vorschlag
für eine Gesetzesrevision wurde – worüber die Herausgeber
offenbar selbst überrascht waren – im Kreis der Workshopteil-
nehmer nahezu einstimmig verabschiedet, wobei allerdings ihre
Feststellung, dass dieser Vorschlag „ethisch optimiert“ sei, vom
Rezensenten in Frage gestellt wird.
Vor dem Hintergrund der Aufgeheiztheit der seit Beginn der
tierschutzbewegung im frühen 19. Jahrhundert andauernden
Debatte über die von islamischen und jüdischen Fundamen-
talisten geforderte betäubungslose Schlachtung (vorwiegend
von Schafen und Rindern) übernimmt der Band zunächst eine
wichtige Aufklärungsfunktion. Zahlreiche Beiträge weisen da-
raufhin,dassdasAusmaßdesNormenkonfiktszwischenTier-
schutz und Religionsfreiheit weithin überschätzt wird. erstens
werden mittlerweile auch Schlachtungen unter Betäubung von
vielen orthodoxen Gruppen als den religiösen Vorschriften ent-
sprechend anerkannt. Zweitens steht mit dem Verfahren der re-
versiblen Betäubung eine Schlachtmethode zur Verfügung, die
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LITERATURBERICHT
Altexethik 2010 47
müssen, dass sie die gegenwärtige Gesetzeslage – insbesondere
auf dem Hintergrund der mittlerweile erfolgten Anerkennung
des tierschutzes als Staatsziel – als einseitig und unausgewo-
gen erscheinen lassen.
Man vermisst in diesem Band eine Stellungnahme zu den
fundamentalistischen Überzeugungen, die die Konfikte mit
den legitimen tierschutzinteressen allererst heraufbeschwö-
ren. Auch wenn es sich das Rechtssystem versagt, inhaltliche
Kritik an diesen Überzeugungen zu üben, wäre es aus ethischer
Sicht dennoch vordringlich, an die religiösen lehrer der ent-
sprechenden Gruppen zu appellieren, die von ihnen vertretenen
Doktrinen der gewachsenen Sensibilisierung für den tierschutz
anzupassen. Wie die zeitgenössische bioethische Debatte in der
islamischen und jüdischen Welt zeigt, ist auch eine nach fun-
damentalistischer Methodik verfahrende theologie keineswegs
auf eine einzige lesart der Quellen festgelegt. Auch theologen
stehen nicht außerhalb der ethischen Kritik. An ihnen wäre es,
die von ihnen verkündeten Dogmen zu humanisieren.
Dieter Birnbacher
ist. Den damit nicht einverstandenen religiösen Gemeinschaf-
ten wird aber eine begrenzte einfuhrberechtigung erteilt, die
sicherstellt, dass nicht mehr Halal- und Koscherfeisch als aus
Gründung der Achtung der religiösen Bedürfnisse notwendig
eingeführt wird.
Natürlich ist auch diese lösung letztlich unbefriedigend, da
sie das Problem der betäubungslosen Schlachtung lediglich ins
Ausland verlagert. Dieses Problem ist jedoch nicht wegzudis-
kutieren. es ist umstritten, ob die Belastung der tiere durch den
betäubungslos erlittenen Schnitt und das anschließende Ausblu-
ten erheblich ist. (Die Autoren des tierschutzkommentars von
Hirt u. a. zitieren die expertenschätzung, dass bei optimaler
SchnittführungbiszumErlöschendesEmpfndungsvermögens
beim Schaf ungefähr 14 Sekunden, beim Rind durchschnittlich
39 Sekunden vergehen.) Dennoch ist durch physiologische Be-
funde gut belegt, dass insbesondere die vorangehende Fixierung
der tiere und die Anwendung des auch in Deutschland einge-
setzten sog. Weinbergschen Apparats, in dem die tiere um 180
Grad auf den Rücken gedreht werden, als so belastend gelten
und teilhabe immer weiter reduziert und statt dessen auf eine
Art neosozialdarwinistischen Kampf zwischen Siegern und Ver-
lierern übertragen werden, wird Mitleidlosigkeit zum Ausdruck
von Stärke erklärt.“ (84)
Das mag auch erklären, weshalb im Umgang mit tieren nicht
selten eine Art teilnahmslosigkeit herrscht. Dieter Birnbacher
macht in seinem Aufsatz mit dem titel „Haben tiere Rechte?“
darauf aufmerksam, dass in Deutschland einzig die Philosophin
Ursula Wolf die Möglichkeit in erwägung zieht, dass Menschen
auch verletzten Wildtieren aus ihrer Umgebung helfen könnten
(vgl. 54). Während das tierschutzgesetz (tschG) ein Recht auf
Nichtschädigung von tieren festschreibt, die sich in menschli-
cherObhutbefnden,kollidiertdieVersorgungverletzter,wild
lebender tiere mit vielen Naturethiken, denen – so ist zu vermu-
ten – letztlich das sozialdarwinistische Prinzip von Natur als Ide-
al zugrunde liegt. Birnbacher plädiert – über das aktuelle tschG
hinausgreifend – für juridische subjektive Rechte zugunsten
von tieren. Im Gegensatz zu ihrem aktuellen Schutz im tschG,
derMenschendiePfichtzumentsprechendenUmgangmitTie-
ren auferlegt, haben subjektive Rechte einen entscheidenden
Vorteil: „eine Zuschreibung subjektiver Rechte geht über den
objektiven Rechtschutz hinaus, indem sie der zu schützenden
entität zugleich die Befugnis einräumt, in eigener Sache gegen
einen unzureichenden objektiven Rechtschutz zu klagen – im
Fall von tieren vermittels geeigneter Vertreter wie etwa tier-
schutzvereinen.“ (60) Die Umsetzung dieses Gedankens wäre
sicher eine Fortentwicklung im Bereich des tierschutzes.
eher einen Schritt zurück macht in dieser Hinsicht Heike
Baranzke in ihrem Aufsatz „Sind alle tiere gleich? Vom re-
duktionistischen Antispeziesismus zur selbstrefexiven Ver-
antwortungsethik.“ einerseits kritisiert sie zu Recht den über
das Ziel hinausschießenden Antispeziesismus in der aktuellen
Debatte,derdasMenschseinlediglichbiologischdefniertund
3.5 Johann S. Ach und
Martina Stephany (Hrsg.):
Die Frage nach dem Tier.
Interdisziplinäre Perspektiven
auf das Mensch-Tier-Verhältnis
108 Seiten, Münster: lIt Verlag,
2009, euro 19,90
es gibt Begriffe, die nahezu untrennbar
mit der Frage nach dem moralisch rich-
tigen Umgang mit tieren verschmol-
zen sind. Der Begriff Speziesismus ist
ein solcher. Peter Singer hat ihn populär gemacht und damit die
Diskriminierung von tieren als eine Diskriminierung aufgrund
ihrer Spezies benannt. Im tierethischen Diskurs ist das nicht neu.
EineneueunderweiterteUntersuchungdesBegriffsfndetsich
dagegen bei der Sozialwissenschaftlerin Birgit Mütherich. In ih-
rem Aufsatz „Soziologische Aspekte des tierschutzes“ geht sie
der Frage nach, ob es in Gesellschaften eine Verbindung zwi-
schen der Gewaltbereitschaft gegenüber tieren mit der gegen-
über Menschen gibt. Wie so oft bei Forschungsfragen, die sich
eng an Alltagsbeobachtungen anlehnen, scheint die Antwort auf
der Hand zu liegen: Ja, es gibt diesen Zusammenhang.
Mütherich zitiert Studien aus den USA, die belegen, dass ein
Großteil von Serienmördern zunächst durch grausame tierquäle-
rei auffällig wurde. tierquälerei, die rückblickend biographisch
betrachtet als einübung von empathielosigkeit gedeutet werden
kann. Fehlende empathie wird zwar einerseits gesellschaftlich
nicht gewünscht, andererseits setzt das gesellschaftliche leit-
bild von Konkurrenz und Durchsetzungsfähigkeit zumindest
reduziertes Mitleidsempfnden voraus. „Wo das Gefälle von
Macht und Ohnmacht, Wert und Unwert als natürliches Konzept
ausgegeben wird und die Aussichten auf soziale Anerkennung
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LITERATURBERICHT
Altexethik 2010 48
und Goetz Hildebrandt. Die Autoren verweisen darin u.a. auf
das bis 2009 laufende Projekt DIAlRel. Dazu ist mittlerweile
ein Buch erschienen. (Siehe die Besprechung des titels „tier-
schutz bei der religiösen Schlachtung. Die ethik-Workshops des
DIAlRel“ von Johannes Caspar und Jörg luy im literatur-
bericht dieses Altexethik Heftes). ebenfalls nicht mehr ganz
neu sind die Forschungen des Auftakttextes zum „Wohlergehen
der tiere“ des Verhaltensbiologen Norbert Sachser, der u.a.
biochemische Stressparameter im Blut von Meerschweinchen
misst. Gleichwohl sind die ergebnisse gerade im Bereich der
Nutz- und Versuchstierhaltung von großer Bedeutung, zumal
die Haltung von Versuchstieren in einer gut strukturierten Um-
gebung an Bedeutung gewinnt.
Der Beitrag „Der Mensch im tier – Anthropomorphisie-
rung und Funktionalisierung vonTieren im Zeichentrickflm“
von Martina Stephany wirft noch einmal einen soziologischen
Blick auf das ambivalente Verhältnis, das Menschen mit tie-
renverbindet.ImZeichentrickflmgeschiehterstaunlicherwei-
se oft das, was in der Forschung lange als Sakrileg galt: tiere
werden vermenschlicht und umgekehrt erhalten Menschen At-
tribute von tieren. Diese Verwischung der Grenzen, mit denen
der Zeichentrickflm spielt, spiegelt sich auch in der Wissen-
schaft wider. In der Biologie wird die trennschärfe der Grenze
zwischen Mensch und tier seit einiger Zeit in Frage gestellt.
Über die ethischen Konsequenzen daraus herrscht allerdings
noch Uneinigkeit.
Petra Mayr
dabei zu vergessen scheint, dass es allein Menschen möglich ist,
moralische Regeln für Ihresgleichen und für andere Wesen zu
formulieren. Andererseits kommt die theologin zu einem ihrer
Profession entsprechenden, in doppelter Hinsicht anthropozen-
trischen Schluss: erstens spricht sie tieren lediglich eine Rolle
als abhängige Fürsorgebittsteller zu, wie das in der katholischen
tradition üblich ist. Zweitens müssen sich die Fürsorgebittstel-
ler zusätzlich utilitaristischen Nutzungsinteressen von Men-
schen beugen. (vgl. 26) ein ergebnis, das den aktuellen Status
Quo, wie er im tschG verankert ist, manifestiert.
einer nicht-speziesistischen ethik, wie sie auch Peter Singer
vertritt, schließt sich Johann S. Ach in seinem Aufsatz „transge-
ne tiere. Anmerkungen zur Herstellung, Nutzung und Haltung
transgener tiere aus tierethischer Perspektive“ an. er diskutiert
diebrisanteFrage,wiedieHerstellungvonempfndungsunfähi-
gen lebewesen zu bewerten sei, und kommt vor dem Hintergrund
des Prinzips der gleichen Interessenabwägung zum ergebnis,
dass die Nutzung von empfndungslosen transgenenTieren nur
dann zu rechtfertigen sei, wenn auch die Bereitschaft vorliege,
diegleicheHandlunganempfndungslosenMenschenvorzuneh-
men. Ach schließt sich auch hier wieder Singers Prinzipien an.
Der vorliegende Band ist das ergebnis einer Ringvorlesung
aus dem Wintersemester 2006/07 des Centrums für Bioethik in
Münster. Daher haben einige Beiträge mittlerweile zumindest in
teilen an Aktualität eingebüßt. So etwa der Aufsatz „tierärztli-
che und juristische Fragen zu innerethischen Dilemmata – As-
pekte des tierschutzethischen Forschungsbedarfs“ von Jörg luy
sey. Gegliedert ist das Werk in folgende fünf Kapitel Einlei-
tung, Wege aus der Vergangenheit, Bewertung des Tierschutzes,
Menschlicher Einfuss und Tierschutz sowie Denken außerhalb
des vorgesteckten Rahmens. Die einzelnen Kapitel sind jeweils
wiederum übersichtlich in Unterkapitel aufgeteilt und mit eini-
gen schwarzweißen Fotos anschaulich gestaltet.
Die Autoren haben es sich zur Kernaufgabe gemacht, mittels
multidisziplinärer Zusammenarbeit neue erkenntnisse zu ge-
winnen, uns zum Denken in eine neue Richtung anzuregen und
damit einen Beitrag zur Verbesserung der Situation der tiere zu
leisten. In diesem Zusammenhang werden die grundlegenden
Annahmen, die wir über tiere und deren funktionelle Fähig-
keiten haben, in Frage gestellt, sie sollen neu diskutiert werden.
Auf diese Weise werden in dem Werk vom bisherigen Denk-
muster abweichende, neue Ansätze verfolgende Möglichkeiten
einer Wissenschaft des tierschutzes aufgezeigt.
Nach Ausführungen der Autoren geht man sowohl in der Psy-
chologie des Menschen als auch der tiere davon aus, dass das
Vorhandensein positiver erfahrungen ein gutes leben ausmacht.
Basierend darauf könnte das Fehlen positiver erfahrungen in
einSystemzurBewertungdesTierschutzeseinfießen(vgl.77).
eine solche Bewertung des Status des tierschutzes ist den wei-
teren erläuterungen zufolge in allen Situationen notwendig, in
denen tiere für menschliche Zwecke genutzt werden (vgl.78).
ein Beispiel für die Schwierigkeiten, die für ein Management
3.6 David Mellor, Emily
Patterson-Kane und Kevin
J. Stafford: The Sciences of
Animal Welfare
224 Seiten, New York: John Wiley &
Sons, 2009, euro 47,99
Das Buch The Sciences of Animal Wel-
fare vermittelt eine Darstellung und
Analyse der vergangenen, gegenwär-
tigen und zukünftigen Denkweise be-
züglich des tierschutzes sowie der jeweiligen einstellung der
Gesellschaft gegenüber tieren. es geht der Frage nach, wie die
Wissenschaft des Tierschutzes Einfuss auf den Umgang mit
tieren nimmt. The Sciences of Animal Welfare ist als englisch-
sprachiges Buch in der tierschutzreihe der universitären Verei-
nigung für tierschutz in england (UFAW; Universities Federa-
tion for Animal Welfare) erschienen. Die Autoren David Mellor,
emily Patterson-Kane und Kevin Stafford sind im Bereich des
wissenschaftlichen tierschutzes tätig. David Mellor ist Profes-
sor für tierschutz, Angewandte Physiologie und Bioethik an
der Universität Massey in Neuseeland. emily Patterson-Kane
ist tierschutzwissenschaftlerin bei der Veterinärmedizinischen
Vereinigung in Illinois, USA. Kevin Stafford ist Professor für
Veterinärethologie an der neuseeländischen Universität Mas-
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LITERATURBERICHT
Altexethik 2010 49
um zur Klärung dieser kontroversen Sichtweisen beizutragen
(vgl.179).
Das Buch kann als lesenswert empfohlen werden. es eignet
sich nicht nur als lektüre für den Personenkreis, der sich mit
dem wissenschaftlichen tierschutz befasst, sondern ebenso für
interessierte laien, die stichhaltige Argumente suchen, um die
Situation der vom Menschen vielfach ausgebeuteten tiere ver-
bessern zu können. Zwar sollte das Recht auf Anerkennung der
Würde der tiere und ein leben ohne leiden eine moralische
Selbstverständlichkeit sein, doch liegt die Realität fern dieser
theoretischen Vorgabe. Faktisch verlangt die Politik Beweise
für die leidensfähigkeit der tiere. Solange diese nicht erbracht
sind, wird in Abrede gestellt, dass tiere fühlende lebewesen
sind, und die Chancen auf eine Verankerung von tierschutzrele-
vanten Bestimmungen in rechtsverbindlichen Dokumenten sind
nicht gegeben. Insofern liefert das Buch insbesondere für Men-
schen, die in wissenschaftlichen Kreisen oder auf politischer
ebene für die Stärkung der Rechte der tiere eintreten, zum
einen hilfreiche Anhaltspunkte und zum anderen pragmatische
lösungsvorschläge zur Zielerreichung. Allerdings können eini-
ge Beispiele, die die Autoren zur erläuterung beispielsweise des
Bewusstseins von tieren anführen, als tierschutzwidrig betrach-
tet werden. Denn einige erkenntnisse stammen aus Studien an
tieren, beispielsweise neurologischen Untersuchungen, was
beim leser die Frage aufwerfen kann, weshalb tieren Stress
undLeidzugefügtwird,umherauszufnden,obundinwelcher
Art ein erwachsenes tier oder ein noch ungeborenes tier be-
stimmte erfahrungen wahrnehmen.
Silke Bitz
des täglichen Zusammenspiels von Mensch und tier bestehen,
wird anhand von Verhaltensbeobachtungen bei tieren erläutert:
Bei Haustieren, insbesondere bei Hunden und Katzen, werden
häufg Trennungsängste beobachtet, beispielsweise wenn eine
Bezugsperson abwesend ist. Für manche tiere kann diese Angst
schwerwiegend sein. Interessanterweise berichten Hundehalter
in solchen Fällen ausschließlich von Verhaltensproblemen des
tieres, was die Hauptursache dafür ist, dass tierhalter ihr tier
in ein tierheim bringen oder sogar einschläfern lassen (vgl.127).
Wie die Autoren erläutern, befndet sich die Erforschung der
Verhaltensweisen und der Behandlung von entsprechenden Pro-
blemen noch in den Kinderschuhen. ebenso unklar ist bislang,
in welchem Umfang der Umgang des Menschen mit den Haus-
tieren im positiven oder negativen Sinne eine Rolle spielt.
Den Ausführungen zufolge wurde in zahlreichen Studien
mittels eeG die elektrische Aktivität des Gehirns von Säuge-
tieren untersucht, um die verschiedenen Schlafphasen zu stu-
dieren.WeiterwirdderFragenachgegangen,welchenEinfuss
dasUnbewussteaufdasWohlbefndenvonungeborenenTieren
während ihrer neurobiologischen entwicklung hat. So sind nach
Auffassung der Autoren mindestens acht Faktoren zu verzeich-
nen, die hemmend auf das fötale eeG wirken, was während
der zweiten Schwangerschaftshälfte zur Aufrechterhaltung ei-
nes Unbewusstseins-Zustands ähnlich wie im Schlaf beitragen
könnte (vgl.169). Nach Ansicht der Autoren existieren zahlrei-
che Nachweise für das fehlende Bewusstsein bei Säugetieren
vor der Geburt bzw. bei Vögeln vor dem Schlüpfen. Dies wi-
derspricht jedoch der Auffassung vieler Menschen. David Mel-
lor et al. halten weitere experimentelle Studien für erforderlich,
im Zusammenhang mit anderen theorien in der zeitgenössi-
schen Geschichtsauffassung erklärt wird, beschäftigt sich la-
Capra mit prägnanten und hochaktuellen Diskussionen und
neuen trends in den kulturwissenschaftlichen Studien sowie
in der Philosophie. Das Buch ist sehr vielfältig und empfeh-
lenswert. es bietet zahlreiche Überlegungen hinsichtlich der
Bedeutung und der politischen sowie sozialen Implikationen
der Geschichtsschreibung.
Den roten Faden dieses Buches stellen die Gewalt und das
trauma der Gewaltopfer dar. In dieser Rezension konzent-
riere ich mich auf das 6. Kapitel, in dem sich laCapra mit
Interpretationen der Mensch-tier-Dichotomie in der zeitge-
nössischen Debatte auseinandersetzt. Der titel des Kapitels
„Reopening the Question of the Human and the Animal“ deu-
tet schon auf die Absicht, die Frage nach Mensch und tier
neu zu diskutieren, die die zeitgenössische Kontinentalphi-
losophie seit Jacques Derrida zum teil geprägt hat. Im Mit-
telpunkt der Kontroverse steht nicht nur die Kritik an der im
Humanismus verwurzelten Dichotomie als ontologisch un-
überwindbare Barriere zwischen Menschen und den anderen
tieren, sondern auch die dekonstruktionistische Kritik an der
tierethischen Rechtsdebatte. Die Projektion der tiere in eine
von dem Menschen separaten Sphäre führt laut laCapra zu
3.7 Dominick LaCapra:
History and its Limits.
Human, Animal, Violence
230 Seiten, Ithaca und london:
Cornell University Press, 2009,
euro 19,99
In History and its Limits greift die the-
oretische Überlegung laCapras, die
Geschichtsschreibung (Historiogra-
phie) und das Verständnis einer Rolle
und einem Ziel der Geschichte insge-
samt durch den neu geprägten Begriff der „intellektuellen
Geschichte“ aufzufassen. Für laCapra besteht das Ziel einer
intellektuellen Geschichte in der systematischen Auseinan-
dersetzung mit texten und Kontexten bzw. in der Kontextua-
lisierung, d.h. in der erklärung des komplizierten Zusammen-
hanges zwischen einem historischen Singular (der ein text,
ein Individuum, eine Gruppe oder ein ereignis sein kann) und
einem transhistorischen Phänomen (wie Ideen, Wertvorstel-
lungen und Bilder, die das singuläre Element beeinfussen
und mitkonstruieren). Neben dieser Auffassung, die ausführ-
lich in der einführung, im ersten und im letztem Kapitel auch
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LITERATURBERICHT
Altexethik 2010 50
wird dem Verstand des Philosophen die schöpferische Kraft
des Dichters bzw. Schriftstellers gegenübergestellt, der Ge-
fühle gegenüber tieren entwickelt. Dennoch bleibt die Auf-
fassung Coetzees anders als die Agambens: elisabeth Costel-
lo, die Hauptfgur, versucht immer wieder, einen ethischen
und emotionalen Standpunkt in Bezug auf tiere weiter zu
entwickeln. Auch wenn sie sich in Widersprüche verwickelt,
wirkt ihr Mitleid und ihre ausgeprägte empathie performativ
und sehr konkret, vor allem bei der Beschreibung des tieri-
schen leidens beim Schlachten (177-178).
Das Problem der Gewalt gegen tiere ist nicht nur in tiefen
Gefühlen verwurzelt, sondern auch in der Wahrnehmung von
Aufopferung und in der Möglichkeit, einen Sinn im leiden zu
sehen. es ist deshalb laut laCapra nicht überraschend, dass
eine Auseinandersetzung mit der Geschichte von Abraham
und Isaak in der relationalen Auffassung Coetzees keinen
Platzfndet,wohlaberbeiDerrida,derdieseGeschichteals
paradigmatisches Beispiel der Sonderstellung des Menschen
in der Natur interpretiert, in deren Mittelpunkt die Idee der
einzigartigkeit des Geschenkes Gottes an den Menschen und
damit des Objekts der Opfer steht.
Am ende seines Kapitels wendet laCapra seine Kritik den
postmarxistischen Strömungen der aktuellen Debatte zu, ins-
besondere der theorie des Werks Empire (Untertitel: Die neue
Weltordnung). Dieses Buch wurde von dem italienischen,
marxistischen Philosophen Antonio Negri und dem amerika-
nischen literaturkritiker Michael Hardt geschrieben, denen
vorgeworfen wird, ein Gegenbeispiel für die Neudiskussion
der Frage nach dem tier zu liefern. Empire verkörpert die
letzte Spur von Anthropozentrismus, in dem in einer von la-
Capra zitierten Passage der Verweis auf tiere auf eine idealis-
tische, billig-sentimentalische Art geschieht, ohne jeglichen
Bezug auf ökologische Fragen. Dagegen braucht die heutige
Refexion ein lebhaftes theoretisches Engagement rund um
das tier, das in einem komplexen Netzwerk von Diskursen zu
betrachten ist, und zwar im Zusammenhang mit einer theorie
über den Staat, die Herrschaft und die Machtstrukturen.
Hauptverdienst dieses Buches bezüglich des theoretischen
Umgangs mit dem tier ist zweifellos seine vorurteilslose
Analyse der wichtigsten elemente der heutigen kritischen
Debatte. Die Aufhebung der Notwendigkeit der Kontextuali-
sierung erscheint als äußerst wichtiger Punkt für die theore-
tische Diskussion: Wenn man tatsächlich die Frage nach dem
tier erneut diskutieren möchte, müsste man sich auch kon-
kreten Beispielen von eingriffen und Nutzungen in unserer
technologisierten Gesellschaft sowie auch neuen ergebnissen
zu den Fähigkeiten der tiere zuwenden, die die ethologische
Forschung zunehmend anbietet. Für eine neue tier-Philoso-
phie und „intellektuelle tier-Geschichte“ im Sinne laCapras
braucht man deshalb mehr Geschichtsschreibung und Politik
sowie mehr empirie.
Arianna Ferrari
einem Widerspruch: Zum einen wird das Andere (tier) auf
einen infra-ethischen Status reduziert, indem es als einfaches
Material oder instrumentelles Wesen beschrieben wird, zum
anderen wird der Mensch auf einen super-ethischen Status
gehoben, indem er oft als Opfer bzw. als etwas enigmatisches
beschrieben wird (154). Diese Unterscheidung und damit Ab-
grenzung der ethischen und politischen Sphäre der Betrach-
tung derjenigen und der anderenWesenwirdhäufginwider-
sprüchlicher Art und Weise verwirklicht und vermischt sich
mit Grenzziehungen auch im zwischenmenschlichen Bereich:
Für laCapra anregend ist deswegen die zeitgenössische Kri-
tik an den kulturellen Implikationen des Anthropozentrismus,
auch wenn er im Zusammenhang mit anderen Kategorien der
Diskriminierung gebraucht wird, wie z.B. Gender, Rasse oder
Klasse.
In seiner akribischen Analyse der unterschiedlichen Pers-
pektiven kommt laCapra zu interessanten ergebnissen, die
innovativ in der heutigen Diskussion sind: Am Rande be-
merkt er beispielsweise, dass intrinsisch aus der sozialkon-
struktivistischen Perspektive, laut der die Natur (und damit
auch das tier) nicht rein objektiv beschreibbar, sondern eine
menschliche soziale Konstruktion ist, die Gefahr besteht, die
Auffassung von nicht-menschlichen lebewesen als einfaches
Material indirekt zu fordern: Der Mensch wird durch seine
quasi-divinische schöpferische Kraft beschrieben, indem er
die Natur konstruiert und damit noch einmal eine Sonder-
stellung im Vergleich zu anderen lebewesen erhält (162).
Parallel dazu kann eine übertriebene Betonung des Mitleids
bzw. der ethischen und kreativen Fähigkeiten des Menschen
dazu führen, die legitimen Grenzen der eingriffe an tieren
nicht wahrzunehmen (er diskutiert in einer Fußnote das Pro-
blem der tierversuche). Interessant ist auch seine Kritik an
Giorgio Agamben, der heutzutage teilweise als wichtiger
theoretiker der Mensch-tier-Dichotomie gesehen wird mit
dessen philosophischem Projekt er sich ausführlich beschäf-
tigt. Agambens Dichotomie wird meines erachtens berechtigt
vorgeworfen, den Mensch und das tier als zu abstrakten und
allgemeinen topos zu diskutieren, ohne jeglichen direkten
Bezug auf empirische Daten über Fähigkeiten von tieren und
ohne Bezug zur aktuellen tiernutzung. Die Argumentation
Agambens ist extrem entkontextualisiert, was für laCapra
sehr problematisch erscheint. laCapra kritisiert Agambens
Anlehnung an Heidegger bei der Unterscheidung zwischen
Mensch und tier, die sich an „Welt-offenem Dasein“ (Men-
schen) und an „in-seiner-Umwelt-eingeschlossenem Dasein“
(tiere) orientiert. Offen bleibt auch der Zusammenhang zwi-
schen Agambens theorie und den praktischen Implikationen
für die Nutzung und Missachtung von tieren.
Ähnlichkeiten mit dieser Perspektive sind auch in der Fra-
genachdemTierbeiJohnMaxwellCoetzeezufnden.Insei-
nem Roman The Lives of Animals werden die Schattenseiten
der „Vernunft“ bzw. des Rationalitätsideales aufgezeigt. Hier
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LITERATURBERICHT
Altexethik 2010 51
aus der Persönlichkeits- und der Motivationspsychologie) und
streicht die Bedeutung der empathie für die gelebte Beziehung
zu tieren hervor. Dagegen stellt Andrea Beetz das aus der Hu-
manpsychologie übernommene Konzept der Bindung in den Mit-
telpunkt ihrer Überlegungen und legt dar, dass die Beziehung zu
Heimtieren durchaus die für den Bindungsbegriff konstitutiven
Merkmale erfüllen kann. Obwohl der Bindung zu einem tier
grundsätzlich eine andere Qualität zukommt als einer Bindung zu
einem Menschen, besitzt die Bindungstheorie nach Beetz einen
hohen erklärungswert für die Mensch-tier-Beziehung.
Die Psychologin und Psychotherapeutin Monika A. Vernooij
geht von der einsicht aus, dass auch Altruismus im Allgemei-
nen und tierliebe im Besonderen egozentrisch sein können und
untersucht die Rolle von Heimtieren im Spiegel menschlicher
Bedürfnisbefriedigung. Die Autorin kommt in ihrem Beitrag
zum ergebnis, dass der tierhaltung in allen Bedürfnisberei-
chen mehr oder weniger große Bedeutung zukommt, wobei die
Funktionen des tieres in Abhängigkeit von der individuellen
Bedürfnislage des jeweiligen Halters sehr unterschiedlich sein
können. Heimtiere können im Zusammenhang mit mensch-
lichen Bedürfnissen eine Substitutionsfunktion erfüllen und
nicht nur als ersatz für Personen bzw. für persönliche Bezie-
hungen, sondern auch als Substitut für Selbst-, Identitäts- und
Systemaspekte dienen.
Wenngleich tiere seit der Frühen Neuzeit nachweislich auch
als wichtige soziale Interaktionspartner anerkannt sind, konsta-
tiert Olbrich, dass sie im vorherrschenden Paradigma des Ge-
sundheitswesens keinen Platz haben. Stefanie Böttger behandelt
die viel versprechenden Möglichkeiten tiergestützter therapie
im Rahmen der neurologischen Rehabilitation. Anke Prothmann
zeigt einzelne einsatzbereiche tiergestützter Intervention im
Bereich der Humanmedizin auf und plädiert dafür, den einsatz
von tieren im Gesundheitssystem künftig deutlich umfangrei-
cher zu etablieren.
Die Soziologin Helga Milz analysiert die Mensch-tier-Bezie-
hung im Kontext von Öffentlichkeit, Gesellschaft und Politik
und gelangt zu der ernüchternden erkenntnis, dass der tier-
schutz in unserer Gesellschaft nicht selten zum „Symbol und
Deckmantel für grausame Verfahren“ wird: „legaler tierschutz
eliminiert nicht die legitimation von Massakern an tiermassen.
Sie verdanken sich einem etikettenschwindel, weil „wichtige
Gründe“ die Bestimmungen des tierschutzes laufend außer
Kraft setzen.“ (237)
Aus der Sicht der Agrarsoziologie weist Karin Jürgens darauf
hin, dass die Bewältigung massenhafter tiertötungen im Zusam-
menhang mit tierseuchen neue empirische und forschungstheo-
retische einblicke in die Mensch-Nutztier-Beziehung vermittelt
habe. Während Nutztierhalter das Schlachten meist als „vertraute
Selbstverständlichkeit“empfnden,stelltdasKeulenvon–zum
teil gesunden – tierbeständen einen tabubruch in der Mensch-
Nutztier-Beziehung dar, der bei den betroffenen landwirten
nicht selten zu akuten posttraumatischen Belastungsstörungen
führt. Nach Jürgens wird die einstellung der Nutztierhalter von
der Ambivalenz zwischen dem Subjektcharakter des tieres und
dem Objektcharakter des Viehs geprägt. Die Beziehung zwischen
tierhaltern und Nutztieren kann zweifellos nicht losgelöst vom
gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang analysiert werden. Al-
3.8 Carola Otterstedt
und Michael Rosenberger
(Hrsg.): Gefährten –
Konkurrenten – Verwandte.
Die Mensch-Tier-Beziehung im
wissenschaftlichen Diskurs
398 Seiten, Vandenhoeck & Ruprecht,
2009, euro 39,90
Das thema „Mensch-tier-Beziehung“
erfreut sich gegenwärtig einer Hoch-
konjunktur, das zeigt der von der
Kulturwissenschaftlerin Carola Otterstedt und dem theologen
Michael Rosenberger herausgegebene Sammelband. Das Buch
beleuchtet die Vielfalt der Mensch-tier-Beziehungen aus natur-,
kultur- und sozialwissenschaftlicher Perspektive und versucht
sich damit dem vielschichtigen Phänomen der „Mensch-tier-
Beziehung“ auf transdisziplinäre Weise anzunähern.
Die den Band einleitenden Beiträge beleuchten die Mensch-
tier-Beziehung aus evolutionärer, zoologischer und ethologi-
scher Sicht. Kurt Kotrschal unternimmt den Versuch, eine evo-
lutionäre theorie der Mensch-tier-Beziehung zu entwerfen. Die
Antwort auf die Frage, weshalb Menschen mit tieren in Bezie-
hung treten wollen und können, ist nach diesem Ansatz darin zu
suchen, dass die Sozialfähigkeit von Menschen und Wirbeltieren
eine ähnliche stammesgeschichtliche entwicklung durchlaufen
hat und folglich durch analoge Strukturen und Mechanismen
gekennzeichnet ist. Die ethologin Willa Bohnert setzt sich mit
den Bedürfnissen von tieren auseinander. Sie betont, dass sehr
gute Kenntnisse des Normalverhaltens der jeweiligen tierart ei-
ne Grundvoraussetzung für die Beurteilung der Befndlichkeit
der tiere und insbesondere auch für das erkennen von Verhal-
tensstörungen darstellen, und erinnert damit daran, dass Wissen
eine Grundvoraussetzung für praktizierten tierschutz ist.
Der Zoologe Josef H. Reichholf weist darauf hin, dass tiere
in entscheidender Weise zur Menschwerdung beigetragen haben
und dass die evolution ohne die engen Beziehungen zu tieren
anders verlaufen wäre. Heute aber ist die Partnerschaft zwi-
schen Mensch und tier gekippt: „Seit Jahrzehnten konkurrieren
Menschen und Nutztiere direkt um lebensraum und Nahrung
auf der erde. Die Gier nach Fleisch erweist sich als stärker. Ihr
werden die lebensinteressen von Millionen hungernden Men-
schen untergeordnet. Allein die [tierhaltung] erzeugt weit mehr
treibhausgase (…) als alle sonstigen Aktivitäten des Menschen
(…). Damit hat das Mensch-tier-Verhältnis eine gänzlich neue
Dimension von globaler Bedeutung erreicht.“ (23f.) Der Kon-
trast zwischen exotischen tieren in terrarien, Aquarien oder
Käfgen einerseits und „der schrecklichen Intensivtierhaltung
andererseits,diejenesBilligfeischproduziert,dasalsSchnäpp-
chen im Supermarkt gejagt wird“ (24), illustriert nach Reichholf
jene Ambivalenz, die der Kulturphilosoph Jost Hermand in sei-
nem bereits 1984 erschienenen essay Gehätschelt und gefressen
pointiert zum Ausdruck gebracht hat.
ein weiterer Schwerpunkt des Bandes ist psychologischen As-
pekten der Mensch-tier-Beziehung gewidmet. Erhard Olbrich
gibt einen Überblick über die wichtigsten Ansätze zur erklärung
der Mensch-tier-Beziehung (Biophilie-Hypothese, Hypothesen
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LITERATURBERICHT
Altexethik 2010 52
ÜberblicküberdasTierimRechtundgehtaufspezifscherecht-
liche Rahmenbedingungen für die tiergestützte Arbeit in geriat-
rischen Institutionen ein.
Zwei Beiträge aus dem Bereich der tierethik beschließen den
Band: Michael Rosenberger vertritt in seinem Beitrag über die
eckpunkte einer modernen theologischen tierethik die Auffas-
sung, dass eine christliche tierethik auf das „emotional unge-
heuer stark besetzte Konzept der Würde“ nicht verzichten kön-
ne. Der christliche Glaube mahnt nach Rosenberger, sich wieder
auf die Schicksalsgemeinschaft zwischen Mensch und tier zu
besinnen und „das tier ins Boot zu holen“ (387). Die philoso-
phische ethik hingegen ist aufgerufen, eine universale tierethik
zu entwerfen: In diesem Sinne plädiert Jean-Claude Wolf für
eine „ethik der natürlichen Sympathie“, die auf einfühlung und
empathischem Verstehen beruht und sich der Vernunft als Kor-
rektiv bedient. Im „vielstimmigen Chor der tierethischen Ansät-
ze“ zeichnet sich nach Wolf ein Grundkonsens ab: „Insbesonde-
rekanndasResultat,dassmindestensalleempfndungsfähigen
Wesen einen moralischen Status haben, der direkte Beachtung
fordert, als gesichert gelten.“ (365) Die künftige Aufgabe der
tierethik besteht nach Wolf darin, tierschützerische Forderun-
gen zu formulieren und durchzusetzen, „die sich auch ohne spe-
zielle weltanschauliche oder besonders umstrittene Annahmen
(wie die Würde, die Rechte oder gar die lebensrechte von tie-
ren) plausibel machen lassen“ (365). Insgesamt zeigt der Band
das Bemühen der Autorinnen und Autoren im vergleichsweise
jungen Wissenschaftsbereich der Anthrozoologie die theorie-
bildung voranzutreiben. Aus den zum teil neuen und überra-
schenden einsichten ergeben sich zahlreiche Impulse für künf-
tige Forschungsarbeiten.
Regina Binder
lein mit dem modernen Produktionsprozess, der durch Arbeitstei-
lung und Massentierhaltung zur entfremdung zwischen Mensch
und Nutztier und in der Folge zu einer entsubjektivierung der
tiere führt, kann die zunehmend gleichgültige einstellung vieler
Nutztierhalter aber dennoch vollständig erklärt werden.
„In der Geschichte ist viel zu wenig von tieren die Rede“ –
dieses Diktum aus der Feder elias Canettis nimmt die Historike-
rin Aline Steinbrecher zum Anlass, sich mit der Rolle des tieres
in der Geschichtsschreibung bzw. in der Geschichtswissenschaft
auseinanderzusetzen. Obwohl tiere in der Menschheitsgeschich-
te omnipräsent sind, spielen sie in der Geschichtswissenschaft
kaum eine Rolle, weil sich die historische Forschung lange Zeit
auf die Analyse politischer und religiöser Machtverhältnisse kon-
zentrierte und in erster linie als Geschichte des weißen Mannes
und der Nationalstaaten verstanden wurde. erst mit dem Aufstieg
der Sozialgeschichte bzw. dem wachsenden Interesse an der All-
tagsgeschichte wird zunehmend auch die zeittypische Rolle der
tiere thematisiert. eine tiergeschichtsschreibung im eigentli-
chenSinnallerdingsstößtaufspezifschemethodischeProbleme:
Um eine tiergeschichte schreiben zu können, ist es erforderlich,
tiere als Akteure und Subjekte der Geschichte zu begreifen und
dieBeschaffenheitderQuellenzurefektieren.
Die im letzten Drittel des Bandes versammelten Beiträge
befassen sich mit einschlägigen kulturwissenschaftlichen Fra-
gestellungen. Carola Otterstedt stellt fest, dass die Mensch-
tier-Beziehung in den jeweiligen Gesamtkontext religiöser,
kultureller und gesellschaftlicher entwicklung eingebettet ist.
Sie behandelt die Mensch-tier-Beziehung in den Weltreligi-
onen und weist darauf hin, dass Globalisierung und multikul-
turelle Gesellschaftsformen spezifscheAuswirkungen auf die
Mensch-tier-Beziehung haben. Antoine F. Goetschel gibt einen
lichen Facettenreichtum auszeichnet. Die Vielfarbigkeit der
britischen Gesellschaft seit dem ende des 18. Jahrhunderts
kontrastiert dabei nicht nur mit der eintönigkeit derjenigen
des Deutschen Reiches, die Roscher kurz beleuchtet, sondern
besticht auch im Vergleich mit der Gegenwart.
es sind, wie Roscher herausstreicht, vor allem die enormen
Verwerfungen, welche die stürmische Industrialisierung mit
sich bringt, die in Großbritannien eine geradezu explosions-
artige Debattenkultur zur Folge hatte. Dass dies den Betei-
ligten nicht nur intellektuelle Freude, sondern auch heftigste
Auseinandersetzungen bescherte, kann man sich leicht vor-
stellen, wenn man sich die Gruppierungen anschaut, die, aus
zum teil höchst unterschiedlichen Gründen, sich der Sache
der tiere annahmen.
Die frühesten tierrechtsbewegungen entstammen dem evan-
gelikalismus, also jener Bewegung des britischen Protestantis-
mus, der den erbsünden-Glauben wach hielt und daraus Ansätze
der moralischen läuterung und Verbesserung entwickelte. Zum
teil direkt aus dem evangelikalismus bzw. aus seinem Umkreis
entstanden gemeinnützige Vereinigungen. Diese Charities, die
übrigens auch heute noch eine wichtige Rolle in der britischen
3.9 Mieke Roscher:
Ein Königreich für Tiere.
Die Geschichte der britischen
Tierrechtsbewegung
581 Seiten, Marburg: tectum Verlag,
2009, euro 29,90
Dass Großbritannien früher als ande-
re länder auf legislativer ebene den
tierschutz verankerte, ist weitgehend
bekannt. Weniger bekannt sind die
gesellschaftlichen und ökonomischen
Voraussetzungen, welche zu diesem Durchbruch führten.
DiesesDefzithilftdieBremerKulturwissenschaftlerinMie-
ke Roscher zu beheben. In ihrer umfassenden Studie, die
Sozialgeschichte, Quellenstudium, ökonomische Untersu-
chungen und philosophische wie theologische Argumente zu-
sammenbringt, wird die aus verschiedensten Gruppierungen
bestehende britische tierrechtsbewegung sichtbar und ver-
ständlich. Zugleich zeichnet sich so ein Bild der führenden
Industriegesellschaft ihrer Zeit, das sich durch einen erstaun-
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LITERATURBERICHT
Altexethik 2010 53
gedanke im Vordergrund. es war daher auch kein Zufall, dass
hier Frauen eine zentrale Rolle einnahmen. Der Kampf gegen
den Ausschluss der Frauen aus dem öffentlichen leben, der sich
am augenfälligsten im fehlenden Frauenwahlrecht zeigte, ver-
einte viele Frauen auch in der Antivivisektions-Bewegung. Die
Emanzipationsdefzite der britischen Gesellschaft wurden als
Ausdruck ihrer patriachalen Struktur gesehen. Aus diesem An-
satz heraus entwickelte sich auch die Kritik an der männlichen
Medizin, die über die Propagierung von Reihenuntersuchungen
und Impfprogrammen für die Unterdrückung der Frauen und,
durch die damit in Verbindung stehende Vivisektion, für das
leiden der tiere gebrandmarkt wurde.
Die tierrechtsaktivistin Anna Kingsford (1846-1888) studier-
te sogar Medizin, um in ihrem Kampf gegen die Vivisektion die
wissenschaftlichen Argumente der (männlichen) Medizin bes-
ser und überzeugender kontern zu können. Diesem Ziel diente
auch ihre an der Sorbonne vorgelegte Doktorarbeit zu einer ve-
getarischen ernährung, die in englischer Übersetzung zu einem
Bestseller wurde. Kingsford wirkte in ihrem kurzen leben auf
nahezu allen ebenen im Kampf gegen das tierleid: als Medizi-
nerin, als Buch- und Zeitschriftenautorin, als Vortragsrednerin
und als beherzte Aktivistin. So schreckte sie nicht davor zurück,
sich als Vivisektionsobjekt anzubieten, um damit tierleben zu
retten. ein Vorschlag, der gleichwohl von den entsprechenden
labors empört abgelehnt wurde.
Unerschrockenheit zeichnete auch France Power Cobbe
(1822-1904) aus, die als Journalistin und Buchautorin das tier
in das Bewusstsein der britischen Öffentlichkeit brachte. So
schrieb sie unter anderem eine auch von Darwin beachtete Ar-
beit zur Vernunft bei tieren und einen Roman, in dem engel
Vivisektionen an Menschen vornehmen. Cobbe, die die wichti-
ge Victoria Street Society gründete, verstand es immer wieder,
exponenten des kulturellen lebens Großbritanniens in die Dis-
kussion um das tier zu verwickeln oder direkt für ihr Anliegen
in Anspruch zu nehmen.
Auffallend an dem frauendominierten Antivivisektionskampf
ist die Vielfalt seiner Mittel: Neben der Publizistik, die eben-
so die wissenschaftliche Arbeit wie den Zeitschriften- und
Zeitungsartikel und das Pamphlet umfasste, spielten Demons-
trationen und öffentliche Anprangerungen von Vivisektoren
eine wichtige Rolle. Einen vorläufgen Höhepunkt bildete das
Brown-Dog-Denkmal, mit dem 1906 in london an die Opfer
der Vivisektion erinnert wurde.
Aus philosophischer Sicht ernüchternd fällt in Roschers Un-
tersuchung die Bedeutung der Philosophie ins Auge. Durch
Bentham und Mill verfügte Großbritannien bekanntlich über
starke Argumente im Kampf gegen das tierleid. In der konkre-
ten politischen Arbeit der Aktivisten spielten diese offenbar nur
eine untergeordnete Rolle. Dafür verstanden es die tierrechts-
bewegungensehrgutanmoralischeEmpfndungen,diesiezum
teil durch ihre Beschreibungen des tierleids selbst verändert
hatten, anzuknüpfen. Die Praxis, so lässt sich aus Roschers
Buch lernen, wird offensichtlich weniger durch die theorie als
vielmehrdurchdieEmpfndungverändert.
Andreas Brenner
Gesellschaft übernehmen, entwickelten ein breites Betätigungs-
spektrum, das weit über die religiöse erziehung und Bildung
hinausging und sich sehr bald konkreter gesellschaftlicher und
politischer themen annahm: Dem Kampf gegen den Alkoho-
lismus als Form der gesundheitlichen und moralischen Gefähr-
dung, dem Kampf gegen die Sklaverei als Form der Missach-
tungderGleichgeschöpfichkeitallerMenschenundebenauch
dem Kampf gegen das tierleid.
Das engagement für die tiere speiste sich bei den evangeli-
kalen aus der Anerkennung der tierseele. Damit korrigierten sie
nicht nur die vorherrschende christliche lehre von der Alleinbe-
seelung des Menschen, sondern verringerten zugleich die Kluft,
welche sich zwischen dem Menschen und der nichtmenschli-
chen Schöpfung durch den vermeintlichen Verfügungsauftrag
des „Machet euch die erde untertan“ aufgetan hatte. Die An-
erkennung der tierseele konnte nicht ohne Folgen für das prak-
tische leben des evangelikal denkenden Gläubigen bleiben.
So setzte sich die 1739 gegründete Methodistenkirche gegen
tierkämpfe zur Wehr, da diese, wie ihr Begründer John Wesley
argumentierte, den Respekt vor dem tier vermissen lassen. Aus
eben diesem Grunde wurde Wesley auch Vegetarier.
EinfussreicheralsdieMethodistenwurdenjedochdieQuä-
ker. Von dem Gedanken der Gewaltfreiheit getragen, waren die
Quäker davon überzeugt, dass ein christliches Zusammenleben
so lange nicht möglich sei, wie Formen von Gewalt geduldet
würden. entsprechend kämpften die Quäker ebenso für die
Abschaffung der Sklaverei wie für ein Verbot der Vivisektion.
Beide Anliegen bildeten aus Quäkersicht eine einheit, wes-
wegen die Quäkerassoziation „Society of Friends“ sich in ih-
ren Pamphleten zugleich für eine Freundschaft der Menschen
untereinander (Abolition, Abschaffung der Sklaverei) und für
eine Freundschaft der Menschen mit den tieren (Antivivisek-
tion) aussprechen konnte. Die wirtschaftlich erfolgreichen und
meist gut ausgebildeten Quäker konnten ihren Anliegen publi-
zistisch den gehörigen Nachdruck verleihen und gesellschaft-
lichen Einfuss gewinnen. Die Abschaffung der Sklaverei im
Jahre 1833, an der Quäker wesentlichen Anteil hatten, verlieh
ihnen weiteres Ansehen.
Zugleich nutzten sie das durch den Abolitionskampf sensi-
bilisierte moralische Gewissen der britischen Gesellschaft für
ihre tierrechtsanliegen. Diese wurden von Quäkern auf meh-
reren ebenen verfochten: Neben der kirchlichen Arbeit enga-
gierten sich immer mehr Quäker in den entsprechenden Verei-
nigungen, an vorderster Front in der 1824 gegründeten Royal
Society for the Prevention of Cruelty to Animals (RSPCA). ei-
ne wichtige Rolle sollte schließlich auch die 1847 – allerdings
nicht von Quäkern – gegründete Vegetarian Society bekom-
men, die den Fleischverzehr als der Spiritualität hinderlich
ansah. Die vielen religiösen Gruppierungen, die sich für die
Antivivisektion, für ein Verbot von tiersport oder sogar ge-
gen den einsatz von Arbeitstieren einsetzte, kamen dabei darin
überein, dass diese Verhaltensweisen letztlich das menschliche
Seelenheil in Gefahr brächten.
Dieses Argument spielte bei den vielen kirchlich ungebunde-
nen Gruppierungen keine Rolle, hier stand der emanzipations-
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LITERATURBERICHT
Altexethik 2010 54
Zusammenhang zwischen der theoretischen Dynamik die-
ser Dekonstruktion und den historischen und soziologischen
Konditionen einer erneuten Subjektivität beschäftigt, sieht
Wolfe in Kapitel 1 in der theorie luhmanns eine fruchtbare
erweiterung: Hier verliert das Subjekt (sei es als Individuum
oder als Gruppe) seine zentrale Rolle in der Gesellschaft und
wird durch Kommunikation ersetzt. Dieser Auffassung zufol-
ge ist auch eine erneuerung des Bereiches „animal studies“
zu überlegen: Diese Studien sind nicht als eine Disziplin im
klassischen Sinne zu betrachten. Sie sollen die Frage nach
dem tier transdisziplinär bzw. durch zahlreiche Blickwinkel
(ein Netzwerk von Beobachtern erster und zweiter Ordnung)
klären (Kapitel 4). Im zweiten Kapitel wird das dekonstruk-
tivistische Programm gegen die repräsentationalistische Me-
taphysik der Kognitionswissenschaften verteidigt: es gibt
keine direkte und eindeutige Verbindung zwischen Sprache
und Realität. Von daher verleiht die (menschliche) Sprach-
fähigkeit dem Menschen keine besondere ontologische Stel-
lung in der Natur.
Im dritten Kapitel setzt sich Wolfe kritisch mit der gesamten
bioethischen tradition auseinander, die als paradigmatisches
Beispiel der entwicklung einer Biomacht gesehen wird. Prob-
lematisch sind dabei nicht nur die Institutionalisierungsprozesse
der Analyse ethischer Fragestellungen, die eindeutig von einer
SuchenachKompromissenundhäufgsogarvonHeucheleige-
kennzeichnet sind. Bei der Mehrheit der Autoren sind sie zu-
dem von einer anthropozentrischen und aufklärerischen logik
geprägt, die starr auf Kategorien wie „Recht“ oder „Interessen-
Träger“fxiertbleibt.
eine neue ethik und Politik über Mensch und tier muss
aufhören, Fragen nach dem moralischen Status durch die Su-
che nach relevanten Merkmalen zu begründen. Für sie besteht
die menschliche Natur aus Fleisch und Blut, wie der titel des
dritten Kapitels andeutet: Posthumanismus zeichnet sich durch
eine Wiedervereinigung der materiellen und biologischen Na-
tur des Menschen aus, der als teil des gesamten lebendigen
gesehen wird, zusammen mit der Wahrnehmung der einbet-
tung des Menschen auch in der technischen Welt. Dadurch
wird zum einen die Mensch-tier-Dichotomie als ontologische
Kluft aufgelöst, zum anderen konstituiert sich die Subjektivität
des Menschen auch in Anlehnung an das technische, an die
von ihm geschaffene Welt. Damit grenzt sich diese Auffassung
deutlich von den aktuellen transhumanistischen und posthuma-
nen Perspektiven ab, die stark für die bewusste Überwindung
des heutigen biologischen Zustandes des Menschen durch neue
technologien plädieren
1
.
Die Auffassung Wolfes zu den konkreten ethischen und poli-
tischen Problemen des Umgangs mit tieren bleibt dem Dekon-
struktionismus treu: Die Notwendigkeit der Überwindung der
Aufklärung und die Kritik an der pragmatischen Bioethik ma-
chen es uns unmöglich, eindeutige und feste Richtlinien über
konkrete Nutzungen und eingriffe an tieren zu formulieren.
Die Kritik an der pragmatischen Bioethik stellt sich in einer
3.10 Cary Wolfe:
What is Posthumanism?
358 Seiten, Minneapolis: University of
Minnesota Press, 2010, euro 20,99
Der Professor für englische literatur
an der Rice University, Cary Wolfe,
beschäftigt sich seit über einem Jahr-
zehnt mit Fragen zur Mensch-tier-
Dichotomie in unserer Kultur. In die-
sem Buch setzt er die fundamentalen
Grundsteine eines posthumanistischen
Denkens. Als Herausgeber der Reihe Posthumanities, in der
dieses Buch auch veröffentlicht wird, macht er seinen Stand-
punkt deutlich (siehe Rezension des Buches von Nicole Shukin:
Animal Capital. Rendering life in Biopolitical times in diesem
Altexethik). Der Posthumanismus stellt sich als neue Sicht-
weise dar, um natürliche Prozesse wie etwa Kognition zu deu-
ten und dabei auf eine nicht-anthropozentrische Art und Weise
vorzugehen. Das Hauptziel dieser Perspektive besteht in der
Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Kulturformen, die
entweder tiere direkt nutzen (bspw. in der Kunst) oder die über
tiere schreiben (literatur und Medien).
Posthumanistisches Denken bedeutet, die traditionen Hu-
manismus und Aufklärung zu kritisieren, die von „anthropolo-
gischen Universalheiten“ (vgl. Foucault) geprägt worden sind,
und die Auffassung der festen metaphysischen Prinzipien und
des dualistischen Denkens zu überwinden: es handelt sich um
eine Art kulturelle Revolution, die die dichotomische logik
durch eine systemische logik ersetzt, in der der Mensch kei-
ne Sonderstellung in der Natur mehr hat. Referenztheorien für
den Posthumanismus sind Derridas Überlegungen über tie-
re („animots“), die kybernetische theorie insbesondere von
Humberto Maturana, Francisco Varela und Niklas luhmanns
Systemtheorie.
Wolfe befasst sich in diesem Buch konsequent mit dem Pro-
jekt einer neuen posthumanistischen kulturellen Perspektive. er
zeigt dabei, was es konkret bedeutet, posthumanistisch zu denken
und zu arbeiten. einer ausführlichen einführung, in der er den
Begriff „Posthumanismus“ historisch erklärt, folgen zwei teile,
die sich mit theorien, Disziplinen und ethik (1. teil) sowie mit
Medien, Kultur und Praktiken (2. teil) auseinandersetzen. Das
Buch ist reich an Überlegungen, Beispielen und erklärungen,
die in einer kurzen Rezension nicht ausführlich diskutiert wer-
den können. Ich werde mich auf die meines erachtens bedeu-
tendsten und problematischsten Punkte konzentrieren.
Die Hauptidee Wolfes ist die Notwendigkeit der Über-
windung traditioneller metaphysischer Konstrukte, die noch
Überbleibsel unserer Kultur sind, und uns daran hindern, tat-
sächlich über das Verhältnis zwischen Mensch und tier neu
nachzudenken, um uns und die tiere wirklich zu befreien.
Während Derrida sich in seinem Plädoyer für die Zerstörung
des alten Denkens der Subjektivität nicht so sehr mit dem
1
Für eine Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Bedeutungen von „Posthuman“ und „Transhuman“ vgl. u.a. Andy Miah (2008). A critical history of
Posthumanism. In: Bert Gordijn and Ruth Chadwick (Eds.), Medical Enhancement and Posthumanity. Amsterdam Dordrecht: Springer.
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LITERATURBERICHT
Altexethik 2010 55
„posthumanistische Posthumane“ sind dagegen Niklas luh-
mann, Humberto Maturana und Francisco Varela, Jacques Der-
rida, Bruno latour und Donna Haraway: Alle haben gegen die
Sonderstellung des Menschen in der Gesellschaft bzw. in der
Natur theoretisch argumentiert.
Problematisch bleibt meines erachtens wie schon bei Derri-
da die Art und Weise, wie man dieses Denken, das notwendi-
gerweise keine eindeutige Stellung bezieht, in der Gesellschaft
jenseits eines allgemeinen Aufrufs zu einem neuen Denken und
einer neuen Kultur praktisch umsetzt.
Arianna Ferrari
Position der Wachsamkeit gegen jegliche Form von Speziesis-
mus. Was dies aber im Konkreten bedeutet, ist explizit offen
gelassen, weil Richtlinien, eindeutige Stellungnahmen usw.
Zeichen der humanistischen logik wären. Nicht überraschend
ist deshalb die Beschreibung der „Klassiker“ der tierethik wie
tom Regan, Peter Singer, aber auch Martha Nussbaum, als
„posthumanistische Humanisten“: Posthumanistisch, weil sie
auf unterschiedliche Weise gegen Speziesismus gekämpft ha-
ben, „Humanisten“, weil sie diesen Kampf mit Hilfe der hu-
manistischen Kategorien des „Rechts“ bzw. „Interessen“ bzw.
„Gerechtigkeit“ geführt haben (125 Schemata). Authentisch
einem politischen Bewusstsein: „tolstois Vegetarismus zielte
nicht allein auf die Vermeidung der Grausamkeiten gegen tie-
re, wie er sie beispielsweise im Schlachthof tula erlebt hatte,
sondern hatte eine starke soziale, gleichmacherische (was ich
hier ganz positiv verstanden wissen will) Dimension. Oft wird
das Fleischessen in einem Atemzug mit der Beschäftigung von
Bediensteten genannt. er schämt sich, bedient zu werden usw.“
(55) Nach seinem Besuch eines russischen Schlachthauses in
tula ist leo tolstoi schockiert über die Realität des angeb-
lich „humanen“ tötens, das mit dem Beginn der industriellen
Massenschlachtung propagiert wurde. Bemerkenswert ist da-
bei,dassTolstoidiePerspektivewechselt.Erempfndetnicht
nur Mitleid für die leiden der tiere, sondern nimmt auch die
Gewalt wahr, der sich die Schlachter bei ihrer Arbeit aussetzen
müssen, wenn sie ein tier töten. es sind gerade solche Passa-
gen, die jenseits der Frage nach dem adäquaten Umgang mit
tieren das Buch lesenwert machen.
Auch wenn die Sprache der Autoren, die vor gut hundert Jah-
rengelebthaben,nichtmehrzeitgemäßist,sofndensichdoch
in ihren Argumentationen vielfach Inhalte, die an Aktualität
keineswegs eingebüßt haben. So schreibt der Anarchist Élisée
Reclus im Jahr 1901 in seinem Aufsatz zur vegetarischen le-
bensweise: „es ist eines der traurigsten ergebnisse unserer Ge-
wohnheit Fleisch zu essen, dass die dem Appetit des Menschen
geopferten tiere mit System und Methode zu scheußlichen, un-
förmigen Wesen erklärt und ihre Intelligenz und ihr moralischer
Wert herabgemindert wurden.“ (87)
Schon 1920 erklärt die Juristin Clara Wichmann, dass tier-
schutz nur dann gewährleistet werden könne, wenn tieren als
empfndenden Wesen eigene Rechte zuerkannt würden. Auch
hier ist in ihrer Begründung der Perspektivenwechsel in die Rol-
le des abhängigen und unterdrückten tieres interessant. Wich-
mann macht nämlich deutlich, dass aus der Sicht von Heim-
tieren, etwa der Perspektive eines Hundes, das Verhältnis zu
seinem Besitzer als die zentrale Beziehung des tieres in seinem
leben zu betrachten sei. Diesem Sachverhalt werde in juristi-
scher Hinsicht jedoch nicht Rechnung getragen, da es sich beim
Besitz eines Heimtieres lediglich um ein sachenrechtliches Ver-
hältnis handele. eine wesentliche essenz dieses Buches ist der
Spiegel auf die aktuelle Diskussion.
3.11 Leo Tolstoi, Clara
Wichmann, Èlisée Reclus,
Magnus Schwantje et al.:
Das Schlachten beenden!
Zur Kritik der Gewalt an
Tieren. Anarchistische,
feministische, pazifstische und
linkssozialistische Traditionen
180 Seiten, Heidelberg: Verlag
Graswurzelrevolution, 2010,
euro 14,90
Manche Bücher widersetzen sich in erfrischender Weise dem
Zeitgeist. Das tun sie gerade deshalb, weil ihre Autoren einer
anderen Zeit entstammen und die thesen nicht mehr zeitge-
mäß erscheinen. Für die aktuelle Diskussion liegt aber gerade
darin eine Bereicherung. Die Frage der tierethik nach dem
adäquaten Umgang mit tieren wird in der Philosophie derzeit
eher analytisch getrennt behandelt, also weniger in einen grö-
ßeren Zusammenhang mit anderen lebenseinstellungen und
Fragen nach einem guten und richtigen leben gestellt. Das
Schlachten beenden! Zur Kritik der Gewalt an Tieren erin-
nert dagegen an eine Strömung, die unseren oftmals brutalen
Umgang mit anderen lebewesen in einen politischen Zusam-
menhang stellt.
Man darf also keine lektüre über explizit tierethische Posi-
tionen, einer Bewertung ihrer logischen Konsistenz und letzt-
lich ein Abwägen ihres Für oder Wider erwarten. Hier liegt ein
grundlegender Unterschied zwischen dem vorliegenden Band
und vielen tierethischen Positionen, wie sie die Philosophie bie-
tet. es geht hier nicht um eine lebenseinstellung von vielen,
nämlich wie man sich tieren gegenüber verhält. Stattdessen
taucht man ein in die zuweilen skurrile Geschichte des Klassen-
kampfes, die sich in erster linie an den Strukturen von Macht
und Herrschaft aufreibt. Macht und Herrschaftsstrukturen, de-
ren Diagnose nicht etwa beim Menschen endet, sondern auch
im Umgang mit tieren dieselben Strukturprinzipien von Unter-
drückung und Ausbeutung erkennt.
In der linkssozialistischen tradition entspringt die Motivati-
on, tiere weder zu quälen, noch zu töten oder sie zu verspeisen,
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LITERATURBERICHT
Altexethik 2010 56
allerdings der Intuition. Man kann nicht am guten (leidens- und
schmerzfreien) leben eines tieres interessiert sein und zugleich
in seinem tod kein Unrecht sehen.
Die Perspektive von Unterdrückung und Ausbeutung betont
die Ähnlichkeiten zwischen Menschen und tieren und nicht
die Differenzen. es ist die Form der empathie, die in diesem
Band zum Ausdruck kommt, die in der akademischen Diskus-
sion leider nur selten zu fnden ist. Ein besserer Umgang mit
tieren setzt geradezu voraus, sich in die Situation eines anderen
lebewesens zu versetzen. In dieser Hinsicht ist der Band Das
Schlachten beenden! Zur Kritik der Gewalt an Tieren ein höchst
bemerkenswertes lehrstück.
Petra Mayr
Der Blickwinkel von Unterdrückung und Ausbeutung scheint
einer, der der Frage nach dem aktuellen Status von tieren noch
am ehesten gerecht zu werden scheint. Dieser Blickwinkel setzt
eine hohe Identifkation mit demAnderen, also dem Tier vo-
raus. Diese Identifkation geht weit über das hinaus, was ein-
zelne Kriterien wie leidensfähigkeit oder Bewusstsein, mit de-
nen vielfach in aktuellen tierethischen Positionen argumentiert
wird, erreichen können. einzelne Kriterien können naturgemäß
immer nur punktuelle Verbindungen schaffen, sie schließen
damit aber andere mögliche Verbindungslinien aus. Das kann
häufgwidersprüchlichsein.WerTiereetwaaufgrundihrerLei-
densfähigkeit für ethisch relevant hält, hat kein Argument in der
Hand, dass sie nicht getötet werden sollten. Das widerspricht
re in der Kindheit oder im Jugendalter mit großer Wahrschein-
lichkeit auch spätere zwischenmenschliche Gewalt vorhersagt.
eine andere Hypothese sieht in der Gewalt gegen tiere nur
einen Ausdruck grundsätzlicher krimineller Verhaltensweisen.
In einer Studie wurden die den Hypothesen zugrunde liegenden
Ursachen untersucht. 20 männliche wegen Mordes inhaftierte
Sexualstraftäter, 20 an einem entsprechenden Behandlungs-
und Bewertungsprogramm teilnehmende Sexualstraftäter so-
wie als Kontrollgruppe 20 männliche Studenten wurden in
Altersgruppen unterteilt und gebeten, einen Fragebogen aus-
zufüllen. Darin wurden Fragen zu zentralen themenbereichen
der Sozialisation der Probanden, wie etwa zur Kindheit, zur
Jugend, zu tiermissbrauch und ähnlichem gestellt. Im ergeb-
nis zeigte sich, dass die Straftäter, die sich des Mordes schul-
dig gemacht hatten, in ihrer Sozialisation verstärkt auch ge-
genüber tieren Gewalt angewendet hatten, im Gegensatz zu
den Straftätern, die nicht gemordet hatten sowie zur Kontroll-
gruppe. Dieses ergebnis stützt die erste Hypothese, dass frü-
herer tiermissbrauch in Zusammenhang mit späterer Gewalt
an Menschen stehen kann. Auch die zweite Hypothese konnte
verifziert werden. Die Entwicklung von Gewaltbereitschaft
gegen tiere kann unter anderem mit unsozialem Verhalten wie
Diebstahl oder eigentumszerstörung in Verbindung gebracht
werden, was die Annahme allgemein vorhandener krimineller
Verhaltensmuster bestätigt (145).
Für erklärungsmöglichkeiten zur Gewaltbereitschaft gegen-
über tieren sind aber nicht die Ausnahmefälle von Gewalttä-
tigkeit, wie sie Mörder darstellen, so bedeutsam. es ist viel-
mehr die fast alltägliche Sozialisierung zur empathielosigkeit,
die legal stattfndet. Im letzten Kapitel mit dem Titel „Der
Missbrauch von Wildtieren“ werden beispielhaft für die – oft
traditionell anhaftende – Desensibilisierung von Menschen
gegenüber dem Schmerzempfnden von Tieren die englische
FuchsjagdoderdieJagdaufandereWildtieresowieaufDelf-
ne in Japan angeführt.
Da der Sammelband ein Kernproblem thematisiert und auf-
arbeitet, das sowohl hinsichtlich des tierschutzes als auch der
zwischenmenschlichen Gewalt von großer Relevanz ist, kann
3.12 Andrew Linzey:
The Link between
Animal Abuse and Human
Violence
346 Seiten, Brighton, Portland: Sussex
Acedemic Press, 2009, euro 19,43
Der Band befasst sich mit der Darstel-
lung des in Wissenschaftskreisen dis-
kutierten Zusammenhangs zwischen
dem Missbrauch von tieren durch den
Menschen einerseits und der zwischen-
menschlichen Gewaltbereitschaft andererseits.
Der Herausgeber ist theologe und Professor am Zentrum für
tierethik in Oxford. Das Werk umfasst 27 einzelartikel von
Autoren unterschiedlicher Fachdisziplinen. Der leser erhält ei-
nen umfangreichen Überblick über den Stand der Forschung.
So werden beispielsweise bemerkenswerte Parallelen zwischen
dem Missbrauch von tieren und der oft beobachteten Missach-
tung gegenüber älteren Menschen gezogen. Beleuchtet werden
darüber hinaus Zusammenhänge zwischen tiermissbrauch und
Kindesmissbrauch und der Einfuss von familiären Verhält-
nissen auf den Missbrauch von tieren. Auch werden mögli-
che Faktoren diskutiert, die dazu beitragen könnten, dass ein
Mensch zu einem Serienmörder wird. Neben diesen eher so-
ziologischen bzw. psychologischen Betrachtungen werden auch
ethische Fragestellungen und die Rolle rechtlicher Regelungen
angesprochen.
Das Buch gliedert sich in acht Kapitel, die die einzelnen
themenkomplexe abhandeln. ein zweifellos zentrales Kapi-
tel ist Kapitel zwei mit dem titel „emotionale entwicklung
und emotionaler Missbrauch“. Hier beschreibt etwa die Psy-
chologin Andrea Beetz die entwicklung der empathiefähig-
keit und die Einfüsse, die dafür verantwortlich sind, wenn
diese nicht gelingt.
Im Band werden verschiedene thesen zur entstehung von
Gewaltbereitschaft diskutiert. eine Hypothese über die entste-
hung der Gewalt geht davon aus, dass Grausamkeit gegen tie-
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LITERATURBERICHT
Altexethik 2010 57
auf verschiedene Weise entgegenzuwirken oder vorzubeugen.
ein umfangreicher Index erlaubt die Suche nach Stichworten,
so dass sich das Buch auch als Nachschlagewerk eignet. Ins-
gesamt ist es als wertvolle lektüre zu einem bislang wenig
beachteten gesellschaftlichem Problem zu empfehlen.
Silke Bitz
es lesern unterschiedlichster Fachdisziplinen empfohlen wer-
den. Psychologen, tierschutz- und tierrechtsorganisationen
oder Behörden, die mit dem rechtlichen Vollzug des tier- und
Menschenschutz befasst sind, kann es als lehrbuch und Hil-
festellung dienen, dem Missbrauch von tieren und Menschen
und dient als Hintergrund und theoretische Fundierung des gan-
zen Buches. twine erklärt ausführlich und gut dokumentiert, wie
sich die Bioethik relativ rasch von einer ihrer ersten Deutungen
als Disziplin abgelöst hat, die sich kritisch, interdisziplinär und
selbst-refektiert mit unterschiedlichen Deutungen von „Bios“
auseinandersetzt.EineDefnition,wiesieauchvonVanRaess-
ler Potter, der den Begriff in den 70er Jahren in den Diskurs
brachte, vorgenommen wurde. Dagegen wird heute unter dem
Begriff „Bioethik“ zunehmend die Anwendung philosophischer
Prinzipien auf die Medizinethik verstanden. Damit hat der Be-
griff trotz des Versuches, andere traditionen (wie Fürsorgeethik,
tugendethik und Feminismus) zu integrieren, lange Zeit unter
der Beherrschung durch die angelsächsische analytische tradi-
tion gelitten. Die Bioethik hat entgegen ihrem ursprünglichen
Verständnis nie wirklich kritisch dualistisches Denken und
Anthropozentrismus in Frage gestellt. Außerdem hat dieses für
twine begrenzte Verständnis von Bioethik zunehmend dazu
geführt, dass zusammenhängende themen wie die Gesundheit
und der Umgang mit der Umwelt separat behandelt und von
daher in ihrem komplexen Zusammenwirken vernachlässigt
werden. Als Plädoyer für die Anerkennung dieser Komplexität
setzt sich twine auch mit der Frage nach „Animal enhance-
ment“ auseinander und zeigt dabei, wie Deutungen dessen, was
„Verbesserung“ beinhaltet und was konkret an tieren geforscht
wird, noch ausführlicher zu hinterfragen sind.
Der zweite teil ist der Kapitalisierung von tieren in der heu-
tigen landwirtschaftlichen Produktion gewidmet. Anhand der
Analyse institutioneller Dokumente, der Webseiten von Unter-
nehmen und selbst-geführter Interviews mit relevanten Akteu-
ren der tierindustrie gelingt es twine, die Motivationen und
Argumente dieser Akteure herauszuarbeiten. es wird gezeigt,
wie die Mensch-tier-Beziehung nicht nur im Zusammenhang
mit sozialen Beziehungen steht, sondern auch, wie sie sich mit
denMechanismendesKapitalismusverficht,insbesonderemit
der Vision von Biotechnologie als Mittel zur Gewährleistung
von Fortschritt und damit von Wachstum. Ausgangspunkt die-
ser neuen Deutung ist die heute dominierende Vorstellung von
wissensbasierter Ökonomie (knowledge-based economy). Diese
hatdieErwartungengegenüberderBiotechnologiebeeinfusst,
indem sie als Basis für eine neue Wachstumsepoche in der tier-
Industrie diente.
Besonders wertvoll ist twines Analyse der ökonomischen
FaktoreninderEntwicklungderDNA-Verifkation(Kommer-
zialisierung unterschiedlicher genetischer tests zur etablierung
des ökonomischen Wertes einer tierrasse). Vor dem Hinter-
grund des beherrschenden Wachstums-Diskurses bilden sich
3.13 Richard Twine:
Animals as Biotechnology.
Ethics, Sustainability and
Critical Animal Studies
222 Seiten, london, Washington
D.C.: earthscan, 2010, euro 63,99
Mit diesem Buch hat Richard twine,
Senior Research Associate am CeSA-
GeN (eSRC Centre for economic and
Social Aspects of Genomics) in lan-
caster, Großbritannien, eine exzellente,
vielfältige und geschlossene Analyse der ethischen, philosophi-
schen, sozialen und politisch-ökonomischen Aspekte der bio-
technologischen Veränderung und Verwendung von Nutztieren
geliefert. Im Mittelpunkt der Untersuchung steht die Spannung
zwischen dem zunehmend „molekularisierten“ Verständnis von
tieren einerseits, demzufolge tiere ausschließlich als mit mo-
lekularbiologischen Verfahren verbesserte lieferanten wertvol-
ler Materialen wie Fleisch, Milch oder eier betrachtet werden.
Andererseits ist die Öffentlichkeit zunehmend sensibilisiert für
die Bedürfnisse von tieren als fühlende lebewesen. In der ein-
führung verfolgt twine die Schritte von der Diskussion um die
Fleischindustrie bis hin zu den critical animal studies: Diese
Disziplin ist neu aus einer kritischen Analyse der Mängel in der
soziologischen und bioethischen literatur über tiere entstanden
und zielt insbesondere auf zwei Punkte ab:
Zum einen versuchen die critical animal studies die sozio-
logische Perspektive wieder zu politisieren, indem die Analyse
von einer rein deskriptiven zu einer praktisch-kritischen (und
von daher auch normativen) ebene der Betrachtung wechselt.
Zum anderen setzen sich die critical animal studies kritischer
mit dem erbe des Dualismus und des Anthropozentrismus in
der philosophischen tradition auseinander. Fokus des Buches ist
ein neues Verständnis der Mensch-tier-Beziehung, die aus dem
Umgang mit zeitgenössischen theorien wie Akteur-Netzwerk-
theorie (Bruno latour) und Posthumanismus (siehe bspw. die
Rezension des Buches von Cary Wolfe: What is Posthumanism?
in der vorliegenden Altexethik-Ausgabe) resultiert: Diese
theorien betonen die Ko-Produktion von Subjektivität zwi-
schen Menschen und tieren im Kontext neuer technologien.
Sie ermöglichen damit den Gedanken, dass in der Gestaltung
der Mensch-tier-Beziehung auch tiere – und nicht nur Men-
schen – eine aktive Rolle spielen können.
Das Buch gliedert sich in drei teile. Der erste und kürzeste
teil nimmt den bioethischen Diskurs um das tier unter die lupe
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LITERATURBERICHT
Altexethik 2010 58
te Zunahme der Fleisch-Produktion und des Fleisch-Konsums
bis 2050, wird dazu verwendet, um einerseits eine lösung für
politische Probleme wie die vor allem in den entwicklungslän-
dern zunehmende Bevölkerung anzubieten und andererseits, um
das Vertrauen in Biotechnologien als Symbole für Wachstum
und Fortschritt zu verstärken.
Im letzten Kapitel diskutiert twine eine Alternative zu dieser
„livestock revolution“, indem er sich auf Kritik an der Idee des
ökonomischen Wachstums stützt und die Notwendigkeit betont,
das heutige Verständnis von Konsum zu verändern und sich von
der logik einer „win-win“-lösung zu verabschieden. Diese
andere „Revolution“ kann durch die Beschäftigung mit alter-
nativen, sozial verträglichen Formen von Konsum wie bspw.
Vegetarismus und Veganismus proftieren, da der Verzicht auf
tierische Produkte eine neue Deutung der Mensch-tier-Bezie-
hung verkörpert.
Das Buch ist aufgrund seiner vielfältigen und gut dokumen-
tierten Analyse sehr empfehlenswert für alle, die sich Gedanken
um die ethische, politische und umweltökonomische Vertretbar-
keit der tier-Industrie in unserem molekularbiologischen Zeit-
alter machen.
Arianna Ferrari
spezifscheneueKonstellationenderZusammenarbeitzwischen
Unternehmen, wie bspw. zwischen der Firma Viagen, die in der
tierzucht tätig ist, und der Firma MMI Genomics, die dagegen
eher auf dem Haustiermarkt ist. Damit verändern sich auch teil-
weise ursprüngliche Ziele. technologische Mittel werden dann
auch für andere Verwendungen (wie bspw. für die Zucht und
Zertifzierung reinrassiger Haustiere) gezielt weiterentwickelt,
weildieseneueProftmöglichkeiteneröffnen.
Im dritten teil seines Buches setzt sich twine mit der zu-
nehmenden Wechselwirkung des Diskurses um Nachhaltigkeit,
tier-Produktion und Konsum auseinander. Klimawandel als
ethisches und politisches thema ist relativ neu und stellt der-
zeit die größte Bedrohung für die kapitalistischen erwartungen
und Wachstumsnarrativen dar. Auch wenn die Umwelteffekte
der tierproduktion schon früher thematisiert wurden, so sind
es insbesondere die neuen Veröffentlichungen über die Auswir-
kungen der tier-Industrien auf Klimawandel und Umweltver-
schmutzung, mit denen sich die Wissenschaftler und Industrien
vehement für einen grünen Kapitalismus einsetzten. In diesem
gilt die Biotechnologie als Schlüssel für eine lösung dieser Pro-
bleme.DieIdeeder„livestockrevolution“,alsoeinesignifkan-
der Diskussion über die ethische Begründung des menschlichen
Verhaltens gegenüber tieren gehen wollen. Die strikt theologi-
schen Argumente, wie eben das Christus-ähnliche leiden aller
unschuldigen Wesen, bleiben deswegen mehr oder wenig am
Rande der Untersuchung, die das leiden der tiere auch mithil-
fe philosophischer Argumente als moralisch relevant beweisen
möchte. Die von linzey vorgeschlagene Argumentation soll al-
le leser seines Buches überzeugen, dass das leiden der tiere
jedes Mal in Betracht gezogen werden muss, wenn der Mensch
tätigkeiten ausübt, die den tieren Schmerzen zufügen.
In der einleitenden Untersuchung (Kapitel 1) fasst linzey die
Hauptargumentezusammen,diehäufgverwendetwerden,um
moralisch relevante Differenzen zwischen Menschen und tieren
zu begründen, unter anderen die in der Geschichte der Philoso-
phie immer wiederkehrenden thesen, dass tiere unvernünftige,
sprachlose Wesen seien, dass tiere nicht frei handeln könnten
oder sogar dass tiere keine (unsterbliche) Seele wie Menschen
hätten. Die Folge sei immer, dass das leiden der tiere nicht
mit dem leiden der Menschen gleichzusetzen sei. Aber auch
wenn wir zugeben, dass tiere in der tat keine frei handelnden,
vernünftigen Wesen sind, die ihr Bestreben nicht sprachlich äu-
ßern können, dann – so linzeys Schlussfolgerung – folgt dar-
aus keineswegs die erlaubnis für Menschen, mit den tieren so
umzugehen, wie sie möchten. Wenn tiere aus moralischer Sicht
unschuldig sind, dann wird die Verantwortung der Menschen
gegenüber tieren größer und nicht kleiner. eben wegen dieser
Unschuld, dieser Verletzbarkeit, behauptet linzey, dass tiere
und Kinder aus ethischer Sicht ähnlich zu betrachtende Fälle
seien: „these beings are more readily subject to us.“ (35)
4 Theologische Ethik
4.1 Andrew Linzey: Why
Animal Suffering Matters
224 Seiten, Oxford: University Press,
2009, euro 24,99
Die Frage, ob tiere leidensfähig sind
oder nicht, ist keineswegs ein verstaub-
tes philosophisches Problem. Andrew
linzey zeigt in seinem Buch Why Ani-
mal Suffering Matters, wie wichtig es
noch immer ist zu betonen, dass tiere
leidensfähige Wesen sind und dass die-
se leidensfähigkeit ins Zentrum unserer ethischen Überlegungen
zum Status der tiere zu stellen ist. linzey macht das aus einer
originellen Perspektive, die der „animal theology“, zu deren ent-
stehung er schon vor vielen Jahren wesentlich beigetragen hat
(siehe vor allem Animal theology, SCM Press, london, 1994).
Das leiden der tiere – so lautet eine Hauptthese des Buches (z.B.
39) – sei aus theologischer Sicht relevant, da es eine Komponente
im leiden aller unschuldigen tierischen und menschlichen Wesen
gibt, die dieses leiden dem leiden von Christus ähnlich macht.
Deshalb plädiert linzey dafür, dass das leiden der tiere aner-
kannt wird und dass dieses leiden so stark wie möglich vermin-
dert werden soll. Diese zwei Forderungen sollen für Christen „auf
der tagesordnung“ stehen. Mit anderen Worten: Christen sollen
nach linzey anerkennen, dass „animal suffering matters“.
Das Buch richtet sich aber nicht nur an gläubige Christen,
wie linzey mehrmals betont: es wendet sich an erster Stelle an
Studenten vor dem Diplom, die die ersten Schritte im Bereich
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LITERATURBERICHT
Altexethik 2010 59
gen – unnötig, weil Menschen keine erheblichen Nachteile aus
dem Verzicht dieser Aktivitäten entstehen würden. linzey meint
(Kapitel 5), dass es unmöglich sei, Robben zu töten, ohne ihnen
große Schmerzen zuzufügen. Der leser fragt sich: Falls es mög-
lich sein oder werden sollte, Robben schmerzfrei zu schlach-
ten, bliebe die Schlussfolgerung noch gültig, die Robbenjagd
sei zu verbieten? Stellt das leiden der tiere grundsätzlich ein
moralisch relevantes Problem dar, oder nur im Fall von unnötig
verursachtem leid? Ist es grundsätzlich moralisch verwerfich,
Unschuldige zu töten oder nicht (siehe dazu auch linzeys Aus-
einandersetzung mit Peter Singer, 152 ff.)? Mit anderen Worten:
Ist es grundsätzlich ungerecht, tieren leiden zuzufügen, oder
nur in den Fällen, in denen das leiden der tiere im Rahmen der
Ausübung einer sogenannten „Sportart“, der Jagd, oder der Pro-
duktion von luxusartikeln, wie zum Beispiel Pelzen, verursacht
wird? Diese, wie mir scheint, zentrale Frage bleibt im Hinter-
grund von linzeys Argumentation, sie wird zwar am ende des
Buches direkt gestellt, aber auch da nicht ausführlich behandelt.
linzey deutet nur an, dass in allen Fällen ähnlich argumentiert
werden könnte, wenn tieren leiden zugefügt wird: Ob dieselben
Beweise verwendet werden können, ohne auf das Argument vom
„unnötigen leid“ zu rekurrieren, ist nicht deutlich.
Als besonders irreführend erweist sich die Verwendung des
Ausdrucks „humane slaughter“ (z.B. 122 und 133): Zum einen,
weil nicht erklärt wird, wie „menschenwürdiges Schlachten“ zu
defnierenist,obeseinfachSchlachtenohne(große?)Schmer-
zen bedeutet. Zum anderen, weil dieser Ausdruck andeutet, dass
„humane slaughter“ ethisch erlaubt sein könnte. Wer andere
Werke von Andrew linzey und insbesondere Animal Theology
gelesen hat, weiss, dass er nicht meint, dass man tiere ethisch
sorglos weiterhin schlachten und nutzen dürfe, wenn man ihr
leiden vermindern könnte. eben darum macht linzey im
letzten Kapitel von Why Animal Suffering Matters darauf auf-
merksam, dass Autoren wie z. B. Ros Godlovitch nicht nur das
leiden der tiere, sondern auch den Wert ihres lebens in den
Mittelpunkt ihrer Überlegung stellen (158). Wer allein auf das
leiden abhebt, könnte das folgende unangenehme Problem be-
kommen: Falls das leiden eliminiert oder deutlich vermindert
werden könnte, dann könnte die – schmerzfreie! – Ausbeutung
von tieren nicht mehr gestoppt werden. Ausführlichere erklä-
rungen zu diesem Punkt würden die Argumentation von linzey
deutlich stärken.
Das leiden als zentrales Argument führt zu einer noch grund-
sätzlicheren Frage: Sind alle tiere in gleichem Maße leidens-
fähig? Oder können einige tierarten mehr leiden als andere?
linzey versucht, auf diese Frage schon am Anfang des Buches
zuantworten,woereinem.E.höchstproblematischeDefnition
vom „tier“ vorschlägt: „What is important is the recognition
(informedbyscientifcevidence)thatmammals,atleast,expe-
rience both pain and suffering. ‚Animal‘ refers to mammals and
birds where such suffering may be reasonably supposed. Whe-
ther suffering extends wider than the class of beings here envisa-
ged is an important question, but its resolution in no way affects
myargument.“(10,sieheauch71)DieseDefnitionhängtmit
der Unterscheidung zwischen „suffering“ und „pain“ zusam-
men: laut linzey ist unter „suffering“ die mentale Dimension
derSchmerzempfndung(pain) zu verstehen. Ob und wo genau
In den Kapiteln zwei bis fünf wählt linzey als Beispiel drei
vom Menschen ausgeübte tätigkeiten aus, die tieren leiden
verursachen. An praktischen Beispielen will er zeigen, warum
das leiden der tiere eine zentrale Rolle in der moralischen Be-
urteilung dieser tätigkeiten spielen muss und warum und wie
menschliche Verantwortung gegenüber unschuldigen tieren
aussehen soll. es handelt sich dabei um 1) die Jagd mit Hun-
den, mit dem Schwerpunkt auf der Fuchsjagd (ein für englische
leser aktuelles thema), 2) die industrielle Pelzproduktion und
3) die Robbenjagd. In diesen drei Fällen wird den tieren großes
leiden zugefügt, und die moralische Relevanz dieses leidens
ist linzeys Ausgangspunkt. An dieser Stelle ist es interessant
zu bemerken, dass ein wichtiger, von der englischen Staatsre-
gierung in Auftrag gegebener Bericht über Fuchsjagd (Report
of the Committee of Inquiry into Hunting with Dogs in Eng-
land and Wales, chaired by lord Burns, london, 2000. Siehe
z.B. 81), die existenz jeglichen leidens bei tieren während der
Jagd anzuzweifeln scheint. leiden tiere wirklich? Und wenn
nicht, stellt dann die Fuchsjagd, genau wie die Pelzindustrie
und die Robbenjagd, noch ein moralisches Problem dar? linzey
behauptet, dass es von zentraler Relevanz sei, die existenz die-
ses leidens anzuerkennen und die Fuchsjagd auf der Basis der
Wirklichkeit der Schmerzen, die sie verursacht, zu beurteilen.
Mit genauem Bezug auf medizinisches und juristisches Da-
tenmaterial sowie unter Berufung auf wichtige Aspekte der
heutigen philosophischen und theologischen Debatte über den
Status von tieren führt Andrew linzey die leser überzeugend
zu dem Schluss, dass die Regierungen die Fuchsjagd, die Pelz-
produktion und die Robbenjagd verbieten sollen. es ist wichtig,
betont linzey, die Änderungen unserer ethischen Haltung ge-
genüber tieren gesetzlich zu steuern „ (…) we need to reject
the institutionalisation of animal suffering.“ (157) Die Staatsre-
gierungenhabenalsoeinemoralischeVerpfichtung,dasLeiden
der tiere konsequent zu vermindern.
Die Schlussfolgerung von Andrew linzey ist einleuchtend:
Die von ihm detailliert dargestellten Beispiele zeigen deutlich,
dass das leiden der tiere in den drei erwähnten Fällen zu ethi-
schen Bedenken führt, die wir als Konsumenten, aber auch vor
allem unsere Regierungen unbedingt in Betracht ziehen sollten.
Im Folgenden möchte ich auf einige Aspekte von linzeys
Argumentation hinweisen, die meines erachtens erklärungsbe-
dürftig sind. Das sei aber nicht im Sinne einer Kritik, sondern
als Anregung für die entwicklung einer Debatte über diese Stu-
die des britischen theologen zu verstehen – eine Debatte, die
das Buch in der tat anregen möchte (Kapitel 1).
Wie linzey am Schluss in einer Reihe von Bemerkungen be-
hauptet, könnte man ihm vorwerfen, dass er anhand von drei
relativ unverfänglichen Fällen argumentiert. Kann man diesel-
ben Beweise verwenden, um zum Beispiel gegen die Schlacht-
industrie tout court zu plädieren? linzey schreibt: „these cases
constitute object lessons in how unseriously humans take their
responsibility to animals. that doesn’t mean, of course, that they
should be the limit of our concern for suffering animals; on the
contrary,allsufferinginfictedonanimalscanandshouldbeex-
posed to similar critiques.“ (156) In den Kapiteln zwei bis fünf
besteht linzey aber auf der tatsache, dass die Jagd, die Pelz-
industrie und die Robbenjagd den tieren unnötiges Leid zufü-
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LITERATURBERICHT
Altexethik 2010 60
von zentraler Bedeutung sei („We need to move from an an-
thropocentric – indeed, gastrocentric – view of animals“, 56).
Der leser könnte aber fragen, ob das moralische Verbot, tiere
zu essen, nur für Säugetiere und Vögel gelten solle, während
zum Beispiel Fische als leidensunfähige (?) Wesen (z.B. 145)
weiterhin gegessen werden dürften.
Eine mögliche, vorläufge Lösung ist folgende: Linzey prä-
sentiert seine Arbeit als einen ersten Baustein in einem größeren
Plan, der das leiden der tiere – aller tiere? – vermindern soll.
In dieser Hinsicht ist linzeys Argumentation für das Verbot von
Fuchsjagd, Pelzproduktion und Robbenjagd nur der erste Schritt,
um dieses Ziel zu erreichen. Aus linzeys Perspektive scheint
zwangsläufgzufolgen,dassethischeBedenkenaufdasLeiden
aller leidensfähigen Wesen zu erweitern sind, wobei die Kriterien
für die Anerkennung der leidensfähigkeit, oder des Grades von
leidensfähigkeit, präziser entwickelt werden müssten.
Das Motto des Oxford Centre for Animal Ethics, das Andrew
linzey an der University of Oxford als Direktor leitet, ist das fol-
gende: „Putting animals on the intellectual agenda.“ Mit seinem
Buch über die ethische Relevanz der leidensfähigkeit der tiere
hat linzey einen beachtenswerten Beitrag geleistet, um die Dis-
kussion über die Ausbeutung der tiere auf die tagesordnung zu
setzen. „It is an attempt to meet people where they are – and take
them further“, schreibt der Autor am Schluss. Zu wünschen ist,
dass diesem wichtigen, ersten Schritt viele andere folgen.
Cecilia Muratori
dieGrenzezwischenreinkörperlicherSchmerzempfndungund
der mentalen ebene dieses leidens gezogen werden kann, ist
ein schwerwiegendes Problem, das nicht in Betracht gezogen
wird. Deshalb werden die Gründe für diese drastische ein-
schränkung der leidensfähigkeit von tieren auf Säugetiere und
Vögel, deren leiden für die im Buch darauf folgende Argumen-
tation moralische Relevanz hat, nicht deutlich dargelegt. Fische,
Amphibien oder Reptilien sind zum Beispiel ohne weiteres aus
dieserDefnitionausgeschlossen.DaherdieFrage:Dürfenwir
diese tiere, deren leiden linzey nicht auf die selbe Stufe wie
das leiden von Säugetieren und Vögeln zu stellen scheint, ohne
ethische Bedenken weiterhin quälen, ausnützen, essen? Darü-
ber hinaus, was meint linzey, wenn er sagt, dass zumindest bei
Säugetieren das leiden venünftigerweise angenommen werden
könne? Die Frage, ob und wie wir zwischen der leidensfähig-
keit der verschiedenen tierarten unterscheiden können, wird in
linzeys Buch nicht klar beantwortet. Nur bei Säugetieren und
Vögeln die leidensfähigkeit im Sinne von „suffering“ anzuer-
kennen, ist keine einleuchtende entscheidung oder würde zu-
mindest einer detaillierten erklärung bedürfen. In Why Animal
Suffering Matters wird sie nicht ausgeführt.
Die zentrale Bedeutung dieser Überlegungen spiegelt sich
auch in einem thema wieder, das Andrew linzey in diesem
Buchnichtdirektaufgreift,nämlichdieethischeVerpfichtung
zu einer vegetarischen Diät. Der Autor deutet an, dass die ent-
scheidung, vegetarisch zu leben, eigentlich in diesem Kontext
diskutiert, bei denen die entstandenen Klone in der folgenden
entwicklung genetisch so stark eingeschränkt wären, dass sie
sich nicht zu einem eigenständigen lebewesen entwickeln könn-
ten. Des Weiteren gibt es Hybride, welche von der Zeugung an
aus verschiedenen Spezies-Genomen entstammen, sowie Chi-
mären, welche Wesen mit Zellen oder Organen verschiedener
Spezies sind. Schließlich stehen noch Parthenoten bzw. Mole
zur Diskussion, die ebenfalls in der Forschung erzeugt werden
sollen. Dabei handelt es sich um Wesen, die ausschließlich aus
weiblichen oder männlichen Keimzellen entstammen. Weiterhin
wird noch eine Methode diskutiert, bei der ei- und Samenzellen
direkt aus embryonalen Stammzellen gewonnen werden.
Im zweiten teil legt der Autor seine naturphilosophischen und
theologischen Prämissen dar, die sich an drei leitautoren orien-
tieren: Aristoteles, thomas von Aquin und Martin Heidegger.
Die vorrangige Frage in der kombinierten Vorstellung der drei
Autoren ist, inwiefern das Verständnis von leben/lebendigkeit
ethische Orientierung bieten kann. Im letzten teil versucht der
Autor dann, die vorangegangenen theoretischen Überlegungen
auf die Bewertung der verschiedenen konkreten Wesensformen
anzuwenden.
es ist dabei wichtig anzumerken, dass sich die vorgelegte
Bearbeitung auf zwei Aspekte konzentriert. Zum einen geht
es ausschließlich um eine moraltheologische (eher katholisch,
anthropozentrisch orientierte) Bewertung, ob es legitim ist, sol-
che Wesen zu erzeugen. Diese Analyse klammert die säkulare
4.2 Matthias Beck: Mensch-
Tier-Wesen. Zur ethischen
Problematik von Hybriden,
Chimären, Parthenoten
342 Seiten, Paderborn: Ferdinand
Schöningh, 2009, euro 34,90
Die von dem katholischen theologen
und studierten Mediziner vorgelegte
Monographie behandelt ein äußerst ak-
tuelles und komplexes thema: Die anth-
ropologische und ethische Analyse von
sogenannten Mensch-tier-Mischwesen in embryonalen Stadien.
Die erzeugung von Chimären, Hybriden und anderen embryo-
nalen Mischformen steht vor allem als alternativer Gewinnungs-
weg von embryonalen humanen Stammzellen in der Diskussion.
es geht darum, entweder die als ethisch problematisch bewertete
Zerstörung von menschlichen embryonen zu umgehen oder ent-
wicklungsbiologisch neue erkenntnisse zu erzielen.
Das Buch ist in einem Dreischritt aufgebaut: Im ersten teil
werden die aktuellen naturwissenschaftlichen Grundlagen zu
den verschiedenen Mensch-tier-Mischformen in ihren frühen
entwicklungsstadien dargelegt. Dabei ist beeindruckend, dass
es inzwischen eine breite Palette unterschiedlicher Formen gibt:
Zum einen gibt es „klassische“ Klone nach der Dolly-Methode,
zum anderen werden neue Formen des „altered nuclear transfer“
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LITERATURBERICHT
Altexethik 2010 61
Dem Autor dabei immer in seiner Argumentation zu folgen,
ist kein leichtes Unterfangen, was u.a. daran liegen mag, dass
sprachlich und argumentativ sehr hermetisch vorgegangen
wird. Auch die des Öfteren auftretenden Redundanzen zwi-
schen und innerhalb der Kapitel tragen nicht immer zur besse-
ren Verständlichkeit bei. es bleibt leider offen, inwiefern sich
die vorgelegte Argumentation aus naturphilosophischer und
moraltheologischer Sicht systematisch und inhaltlich von den
SKIP-Argumenten zum moralischen Status des embryos in der
sekulär-philosophischen Debatte unterscheidet. SKIP steht für
die Zusammenfassung der Hauptargumente, welche für einen
ethisch begründeten Schutz menschlicher embryonen plädie-
ren. Dabei bedeuten: S = Spezieszugehörigkeit, K = Kontinuität
in der entwicklung, I = Identität zwischen embryo und Person
und P = Potentialität zur entwicklung in eine Person. In dieser
bereits seit längerem laufenden Debatte um die einschlägigkeit
und Plausibilität dieser Argumente ging und geht es auch im-
mer um anthropologische Aspekte. Denn obwohl der Autor die
einschlägigkeit der SKIP-Argumente mehrfach für seine Prob-
lemstellungzurückweist,soistdochauffällig,wiehäufgeran
entscheidenden Stellen mit dem „Potential“-Argument operiert.
Hier könnte ein systematischer Vergleich zur säkularen Debatte
weiterhelfen.
Silke Schicktanz
ethik-Diskussion weitgehend aus. Zum anderen geht es um die
anthropologische (gemäß dem Verständnis des Autors: onto-
logische) einordnung derartiger Mischwesen im frühen ent-
wicklungsstadium, die m.e. sogar vorrangig zu betrachten ist.
Als Grundaxiom entwickelt Beck das von Heideggers Natur-
philosophie entlehnte Prinzip der Bewegtheit des lebendigen.
DasLebendigeseineuzudefnieren–geradeunterRücksicht
auf neuere erkenntnisse der epigenetik und neuronaler Netz-
werke – als „ein sich in Bewegung befndender dialogischer
Prozess des ständigen Abgleichs, Ausgleichs und Angleichs
der verschiedenen Faktoren untereinander“ (303). Der Autor
veranschaulicht diese Problematik mit dem durchaus gerecht-
fertigten Verweis auf die vorherrschende semantische Verun-
sicherungen – wie soll man diese Wesen eigentlich benennen?
Daher wirft er immer wieder zahlreiche komplexe Fragen auf,
ob und wie man die unterschiedlichen Mischwesen nun ge-
mäß den Kriterien der Form, Materie, der Gerichtetheit und
inneren Geordnetheit den menschlichen embryonen zuordnen
müsse. Wenn dies zutrifft, wie im Fall der Dolly-Klone, der
embryonen aus künstlichen Keimzellen, der Chimären und der
schwergeschädigten, aber trotzdem eine gewisse Zeit lebens-
und weiterentwicklungsfähigen embryonen, so argumentiert er
im Sinne eines absoluten lebensschutzes, dass sich ihre Her-
stellung moralisch verbiete.
Die Bestimmung ist umfassend zu verstehen, weil der verfas-
sungsmässige Schutz sämtliche tierarten umspannt und nicht
nur den Staat selbst, sondern sämtliche Institutionen des öf-
fentlichen Rechts bindet. Auch genügt es nicht, dass der Ge-
setzgeber es vermeidet, gegen die Prinzipien des tierschutzes
(wonach tiere vor leiden und Schmerzen bewahrt werden sol-
len)zuverstossen.VielmehrobliegtihmdiePfichtzumErlass
positiver Massnahmen zum Schutz der tiere.
In einem weiteren Schritt zeigt die Autorin auf, wie die drei
Staatsgewaltensichgegenseitigbeeinfussen,wobeisiebesonde-
res Augenmerk auf das Verhältnis der Judikative zur legislative
legt. Dabei wird deutlich, dass die Gerichte in engen Grenzen
auch gesetzgeberisch tätig sind, etwa durch die Schliessung von
Gesetzeslücken, und bis zu einem gewissen Grad als „informeller
Gesetzgeber“auchEinfussaufdieLegislativenehmenkönnen.
Den Hauptpunkt der Arbeit bildet die gründliche Auseinander-
setzung mit der Rechtsprechung zum tierschutzgesetz seit des-
sen Inkrafttreten (1972). Dabei geht die Autorin – geordnet nach
themen wie etwa tierhaltung, tötung von tieren oder tier-
versuche – zunächst auf die diversen tierschutzrechtlichen ent-
scheidungen des Bundesverfassungs- und Bundesverwaltungs-
gerichts bis zur Aufnahme des tierschutzes in das Grundgesetz
(2002) ein. Die Urteile werden dabei insbesondere im Hinblick
auf Anhaltspunkte analysiert, die für die Frage relevant sind, ob
dem tierschutz Verfassungsrang zuzuerkennen sei. Anschlies-
send widmet sich Köpernik den seit 2002 ergangenen entschei-
dungen sämtlicher deutscher Gerichte zu den jeweiligen themen
5 Rechtsfragen und Rechtsentwicklung
5.1 Kristin Köpernik:
Die Rechtsprechung zum
Tierschutzrecht: 1972 bis 2008
262 Seiten, Frankfurt am Main:
Verlag Peter lang, 2010, euro 54,80
Ausgangspunkt der von der Freien
Universität Berlin abgenommenen
rechtswissenschaftlichen Dissertati-
on von Kristin Köpernik ist die 2002
eingeführte Staatszielbestimmung in
Artikel 20a des deutschen Grundgesetzes (GG). Die Norm ver-
pfichtet den Staat, die natürlichen Lebensgrundlagen und die
tiere im Rahmen der verfassungsmässigen Ordnung durch Ge-
setzgebung und Rechtsprechung zu schützen. Ziel der Autorin
ist es einerseits, anhand höchstrichterlicher Jurisdiktion aufzu-
zeigen, inwieweit in den tierschutzrelevanten entscheidungen
seit Inkrafttreten des deutschen tierschutzgesetzes (tierSchG)
1972 bis 2002 bereits Argumente für oder gegen eine erhe-
bung des tierschutzes in den Rang eines verfassungsrechtlich
geschützten Guts vorhanden waren. Anderseits soll analysiert
werden, inwiefern sich die 2002 erfolgte GG-Änderung auf die
Rechtsprechung ausgewirkt hat.
Im ersten Kapitel erläutert Köpernik die für die zu behan-
delnden Fragen zentralen Begriffe tierschutz und Staatsziel,
um darauf aufbauend den tatsächlichen Inhalt und Umfang des
Staatsziels tierschutz im Sinne von Art. 20a GG darzulegen.
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LITERATURBERICHT
Altexethik 2010 62
tem Urteil bereits ein so hoher Stellenwert eingeräumt worden
wäre, dass eine weitergehende Wirkung von Art. 20a GG nicht
ersichtlich sei. Von anderen Gerichten hingegen wird der Nach-
weis über das Vorliegen zwingender Vorschriften gefordert oder
dieses sogar objektiviert überprüft.
Um das zum teil stark divergierende staatliche Handeln zu
vereinheitlichen, schlägt die Autorin verschiedene Modifka-
tionen des tierschutzgesetzes vor. Sie fordert etwa, dass der
Gesetzgeber für jede tierart spezielle Haltungsvorschriften
aufstellt oder dass die Voraussetzungen für das erteilen einer
Genehmigung zum betäubungslosen Schlachten klarer formu-
liert werden. Zudem sind ihrer Ansicht nach einige Normen
des tierschutzgesetzes aufgrund ihrer Unvereinbarkeit mit der
Staatzielbestimmung anzupassen. So seien beispielsweise die
Haltung gewisser Wildtiere in Zirkussen oder die Hetzjagd
nicht ohne weiteres mit Art. 20a GG vereinbar.
Abschliessend sind alle tierschutzrechtlichen entscheidungen
von 1972 bis 2008 tabellarisch aufgelistet und nach Gesetzesar-
tikel geordnet, sodass sich der leser schnell einen guten Über-
blick über die diversen Urteile verschaffen kann. Insgesamt
liegt eine hoch interessante und gut recherchierte Arbeit vor, die
durch unzählige Quellenangaben ausgezeichnet dokumentiert
ist. Für die Probleme im Zusammenhang mit dem noch rela-
tiv neuen Staatsziel bietet die Autorin praktikable lösungsvor-
schläge, um dem hohen Stellenwert, der dem tierschutz durch
Art. 20a GG eingeräumt wurde, gerecht zu werden.
Gieri Bolliger
und untersucht, wie die verfassungsrechtliche Verankerung des
TierschutzesdieRechtsprechungbeeinfussthat.
Die Autorin gelangt zum Schluss, dass die Gerichte dem tier-
schutz bereits vor 2002 einen sehr hohen Stellenwert zuwiesen.
In vielen entscheidungen wurde er indirekt bereits wie ein Ver-
fassungsgut berücksichtigt, wobei namentlich im Bereich tier-
versuche ein Grossteil der rechtlichen Ausführungen ihrer Mei-
nung nach verfassungsdogmatisch nicht haltbar war. So etwa
bedeutete die in einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts
aus dem Jahre 1978 festgelegte Beschränkung von tierversu-
chen auf ein unumgängliches Mass einen eingriff in die For-
schungsfreiheit, der eigentlich nur unter Berufung auf andere
Verfassungsgüter hätte erfolgen dürfen.
Zudem stellt Köpernik fest, dass einzelne themenkomplexe
seit der Aufnahme des tierschutzes in das GG von den Gerich-
ten uneinheitlich behandelt werden. Auffallend ist dies vor al-
lem im Bereich des Schächtens aus religiösen Gründen, für das
gemäss § 4 Abs. 2 Nr. 2 tierSchG eine Ausnahmegenehmigung
erforderlich ist. So halten gewisse Gerichte an der Auslegung
des Bundesverfassungsgerichts in einem Urteil von 2002 fest,
das aber noch vor der erhebung des tierschutzes zum Staatsziel
erging. Dieses besagt, der Antragssteller müsse lediglich subs-
tantiiert und nachvollziehbar das Vorliegen zwingender religiö-
ser Vorschriften darlegen, wonach ausschliesslich der Verzehr
von Fleisch betäubungslos geschlachteter tiere erlaubt sei. Dies
wird mitunter damit begründet, dass dem tierschutz in besag-
widerrechtlichen Schädigungen von tieren durch Dritte. Auf-
gezeigt wird dabei, dass schon früheste Kulturen tieren eine
herausragende Bedeutung beigemessen haben. So etwa geht
aus den Überlieferungen Herodots hervor, dass das töten einer
Katze im alten Ägypten für den täter die todesstrafe zur Folge
hatte.
Im Anschluss widmet sich Schneider Kayasseh dem geltenden
Recht und der Frage nach dem juristischen Status von tieren.
Nach eidgenössischem Recht sind diese seit 2003 keine Sachen
mehr (wie dies in Deutschland und Österreich schon länger der
Fall ist). Die hierfür grundlegende Bestimmung von Art. 641a
des Zivilgesetzbuchs (ZGB) hat jedoch in erster linie dekla-
ratorischen Charakter; tiere stellen also auch in der Schweiz
noch immer Rechtsobjekte und keine Rechtssubjekte dar. Auch
gelten nach wie vor weitgehend die auf Sachen anwendbaren
Regelungen. Anders als in der schweizerischen Gesetzgebung
sind tiere in den USA rechtlich noch immer den Sachen gleich-
gestellt, was dort allerdings zunehmend auf Kritik stösst.
Der Hauptteil der Arbeit befasst sich mit den zivilrechtlichen
Haftungsvoraussetzungen und Rechtsfolgen bei der Verletzung
oder tötung von tieren. Hier manifestieren sich einige bedeu-
tende Unterschiede zwischen der Schweiz und den USA. Be-
sonderes Augenmerk gilt einerseits dem 2003 in der Schweiz
5.2 Eveline Schneider
Kayasseh: Haftung bei
Verletzung oder Tötung eines
Tieres – unter besonderer
Berücksichtigung des
schweizerischen und U.S.-
amerikanischen Rechts
287 Seiten, Zürich, Basel, Genf:
Schulthess Juristische Medien AG,
2009, euro 45,00
Ausgangspunkt der von der Universität
Zürich abgenommenen Dissertation von eveline Schneider Ka-
yasseh ist die Frage nach der haftpfichtrechtlichen Ersatzleis-
tung bei einer Verletzung oder tötung von tieren, insbesondere
von Heimtieren. Der Schwerpunkt der Arbeit liegt dabei auf der
schweizerischen und US-amerikanischen Rechtslage, wobei re-
gelmässig auch die lehre und Rechtsprechung anderer Staaten,
in erster linie Deutschlands und Österreichs, vergleichend be-
leuchtet werden.
einleitend vermittelt die Autorin einen bis in die Frühantike
zurückreichenden rechtshistorischen Überblick über die ent-
wicklungderMensch-Tier-BeziehungunddieErsatzpfichtbei
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LITERATURBERICHT
Altexethik 2010 63
tötung oder Verletzung von tieren zu. Allerdings wurden ent-
sprechende Klagen bisher meist abgewiesen. Werden tierhal-
tern hohe entschädigungen zugesprochen, ist dies in der Regel
auf sogenannte „punitive damages“ zurückzuführen, also auf
Strafschadenersatz, zu dessen Zahlung der Schadenverursacher
im Falle seines besonders verwerfichenVerhaltens verpfich-
tet werden kann. In der Schweiz sind „punitive damages“ auf-
grund ihres pönalen Charakters aber nicht mit den Grundsätzen
der Schadens- und ersatzbemessung vereinbar und daher ein
Verstoss gegen die ordre public.
Insgesamt betrachtet Schneider Kajasseh die neue Regelung
von Art. 43 Abs. 1
bis
OR kritisch. Ihrer Ansicht nach hätte es
zu mehr Klarheit geführt, den Affektionswert als separaten
Schadensposten in Art. 42 OR aufzuführen, um diesen besser
von der Genugtuung nach Art. 49 OR abzugrenzen. In einem
weiteren Kapitel analysiert sie die Frage der vertraglichen Haf-
tung am Beispiel des tierarztes, wobei sie insbesondere auf in
der Praxis bedeutsame Aspekte wie das Mass der anwendba-
renSorgfalt,dieAufklärungs-unddieDokumentationspficht
eingeht. Die tierärztliche Haftung in den USA beleuchtet die
AutorinanhanddesamhäufgstenaufgerufenenKlagegrunds
der „veterinary malpractice“.
Bei einer abschliessenden Gegenüberstellung kommt die Au-
torin zum Resultat, dass sich die schweizerische Gesetzgebung
gegenüber der amerikanischen als progressiver erweist. Als
Gründe dafür nennt sie in erster linie die lösung der tiere vom
Sachstatus sowie die erwähnten Bestimmungen, wonach die
Heilungskosten des tieres auch über dessen Marktwert hinaus
ersetzt werden und der geschädigte tiereigentümer den Affek-
tionswert geltend machen kann. Dies unterstreiche den hohen
Wert der Mensch-tier-Beziehung und helfe dabei, die Gesell-
schaft hierfür zu sensibilisieren.
Insgesamt liegt eine gut recherchierte und insbesondere auch
aufgrund ihres rechtsvergleichenden Ansatzes sehr wertvolle
Abhandlung vor, die dem leser einen breiten Überblick über
die rechtliche lage bezüglich der Haftung für verletzte oder
getötete tiere in den behandelten Staaten vermittelt. Schneider
Kayasseh bringt die neuen Haftungsnormen gut verständlich
näher und liefert vor allem auch dem Praktiker wertvolle lö-
sungsansätze.
Gieri Bolliger
in Kraft getretenen Art. 42 Abs. 3 des Obligationenrechts (OR),
wonach einem geschädigten tierhalter die angemessenen Hei-
lungskosten für ein verletztes tier auch dann zu ersetzen sind,
wenn sie den materiellen tierwert übersteigen. Die Autorin geht
insbesondere auch darauf ein, was in diesem Zusammenhang
als „angemessen“ zu betrachten ist. Die Regelung kommt je-
doch nur bei ausschliesslich aus emotionalen – nicht aber aus
fnanziellen – Gründen gehaltenen Tieren zurAnwendung. In
den USA hingegen ist es nicht üblich, dass über den Marktwert
des tieres hinausgehende Heilungskosten ersetzt werden.
Anderseits kann der Halter eines verletzten oder getöteten
tieres in der Schweiz seit 2003 auch den emotionalen Wert der
Mensch-tier-Beziehung (sogenannter Affektionswert; Art. 43
Abs. 1
bis
OR) geltend machen. Dieser „liebhaberwert“ ergibt
sich aus der individuellen Gefühlsbeziehung des eigentümers
zum tier und wird somit nach einem subjektiven Massstab
ermittelt. Die Autorin zeigt auf, welche Faktoren für die Be-
messung einbezogen werden müssen, wobei der ersatz des Af-
fektionswerts ihrer Meinung nach vor allem von der Intensität
und Dauer der Beziehung zwischen dem Halter und seinem tier
abhängen und zwischen 500 und 8000 Franken betragen sollte.
Bei der gründlichen Untersuchung der Bestimmung zeigt
die Autorin die Problematik der unterschiedlichen Auffassun-
gen zur Auslegung des Begriffs auf, stellt aber auch klar, dass
der Gesetzgeber durch die einführung von Art. 43 Abs. 1
bis
OR nicht die Mensch-tier-Beziehung in die Nähe der Bezie-
hung zwischen Menschen zu stellen, sondern vielmehr von der
Beziehung zur Sache abzugrenzen beabsichtigte. Der bei der
einführung der Norm geäusserten Befürchtung, in der Schweiz
könnten bald „amerikanische Verhältnisse“ herrschen und den
geschädigten tierhaltern unverhältnismässig hohe Summen
zugesprochen werden, begegnet Schneider Kayasseh mit dem
einwand, dass in den USA selbst gar keine „amerikanischen
Verhältnisse“ bestünden. Anders als in der Schweiz stellt die
Berücksichtigung des emotionalen Werts der Mensch-tier-Be-
ziehung bei der Schadenersatzbemessung in den USA nämlich
einen Ausnahmefall dar. Zwar sprechen lehre und Praxis dem
sogenannten „loss of companionship“, der zumindest in einzel-
nen Bundesstaaten bei der tötung oder schweren Verletzung
eines Angehörigen ein element des Schadenersatzes bildet,
das Potential eines selbstständigen Klagegrunds auch bei der
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LITERATURBERICHT
Altexethik 2010 64
werden von mehreren Personen durchgeführt, die überwiegend
der einrichtung angehören. Sie sollen zu einer verbesserten
Kommunikation und Kooperation zwischen allen ebenen der
einrichtung führen. Außerdem sollen sie retrospektive Projekt-
beurteilungen vornehmen. Eine verpfichtende innerbetriebli-
che Kontrolle, wie sie in Deutschland nach § 8 b tierSchG
vorgeschrieben ist, existiert jedoch im britischen Animals (Sci-
entifc Procedures) Act 1986 nicht.
Neben der Auswertung der literatur der letzten 20 Jahre hat
Biedermann Daten mittels Fragebögen erhoben. Fragebögen
wurden sowohl an die überwachenden Behörden als auch an
die Personen, die für die betriebsinterne Kontrolle zuständig
sind, verschickt. Die Beteiligung an der Fragenbogenaktion war
unterschiedlich hoch. So füllten knapp die Hälfte der überwa-
chenden deutschen Behörden (47%) den Fragebogen aus. Die
Beteiligung der deutschen tierschutzbeauftragten war mit 22%
gering. Dies lag vermutlich daran, dass sich die Gesellschaft für
Versuchstierkunde (GV-SOlAS) ihren Mitgliedern gegenüber
gegen eine teilnahme ausgesprochen hatte. Weshalb sie dies
tat, kann nicht nachvollzogen werden. Die Fragebögen an das
Home Offce wurden komplett beantwortet zurückgesendet. Der
Rücklauf der Fragebögen an die Ethical Review Processes war
mit ca. 6 % sehr gering. Die britische Laboratory Animal Sci-
ence Association (LASA) entschuldigte sich für die schwache
teilnahme. Diese könnte daran gelegen haben, dass es zu der
Zeit der Umfrage zahlreiche andere Untersuchungen gegeben
habe, die zu einer Überlastung geführt haben könnten.
Die Auswertung der Fragebögen ergab, dass behördliche
Überwachungsbesuche in beiden Ländern möglichst häufg
durchgeführt werden und das wichtigste Kontrollmittel darstel-
len. Überwachungsbesuche und andere Überwachungsmaßnah-
men sind jedoch in Deutschland aufgrund der unzureichenden
Personalausstattung stark limitiert. Es fndet durchschnittlich
einmal jährlich ein Besuch in jeder deutschen einrichtung
statt, in Großbritannien hingegen im Durchschnitt 11 Besuche
proJahr.InGroßbritannienfndetca.dieHälfteallerÜberwa-
chungsbesuche unangemeldet statt. In Deutschland hingegen
sind unangekündigte Begehungen eine Seltenheit. Nur nicht an-
gekündigte Besuche ermöglichen einen authentischen einblick
in den Alltag der einrichtung. Das britische Überwachungs-
personal ist entsprechend qualifziert. In den Bundesländern
in Deutschland, in denen die Überwachung einer anderen Be-
hördeobliegtalsdieGenehmigung,kanndieQualifkationdes
Überwachungspersonals jedoch Anlass zur Diskussion geben.
Die Veterinärämter, die in allen Bundesländern außer in Berlin,
Hamburg, Saarland und Sachsen für die Überwachung der tier-
versuche zuständig sind, haben oft weder Zeit für die Überwa-
chung von tierversuchen noch verfügen sie über ausreichendes
Wissen, da sie sich im Gegensatz zur genehmigenden Behörde
nicht eingehend mit dem thema beschäftigen können. Die teils
geteilten Zuständigkeiten für Genehmigung und Überwachung
und der uneinheitliche Vollzug auf Bundesebene in Deutschland
werden zu Recht kritisiert.
Die Mängel und Verstöße waren im Untersuchungszeitraum
– den Jahren 2001 bis 2005 – in beiden ländern mannigfaltig
und reichten von leicht bis schwerwiegend. Biedermanns Un-
tersuchung ergab, dass mehrfach nicht genehmigte oder vom
5.3 Maria Biedermann:
Überwachung und Kontrolle
genehmigungspfichtiger
Tierversuche vergleichend
in Deutschland und
Großbritannien
217 Seiten, Berlin: Mensch und Buch
Verlag, 2009, euro 38,00
Die tierärztin Maria Biedermann
untersucht und vergleicht im ihrem
Dissertationsprojekt, wie die be-
triebsinterne und die behördliche Überwachung und Kontrol-
le genehmigungspfichtiger Tierversuchsvorhaben (regulated
procedures) in Deutschland und in Großbritannien von statten
gehen.ZielderDoktorarbeitistes,dieEffzienzdes1986mit
der einführung des tierschutzbeauftragten grundlegend verän-
derten Überwachungssystems vor dem Hintergrund der erneut
anstehenden Novellierung des tierschutzrechts zu überprüfen.
Das Überwachungssystem soll mit dem in Großbritannien ver-
glichen werden, da Großbritannien in tierschutzbelangen als
vorbildlich gilt.
Da beide länder der europäischen Union angehören, sind die
europa-rechtlichen Grundlagen dieselben: Richtlinie 86/609/
EWG des Rates vom 24. November 1986 zur Annäherung der
Rechts- und Verwaltungsvorschriften der Mitgliedsstaaten zum
Schutz der für Versuche und andere wissenschaftliche Zwecke
verwendeten Tiere und das Europäische Übereinkommen zum
Schutz der für Versuche und andere wissenschaftliche Zwecke
verwendeten Wirbeltiere vom 18. März 1986 (ETS 123). Die
Umsetzung erfolgt dagegen unterschiedlich.
In Deutschland ist die Überwachung der tierversuchsdurch-
führung und der Versuchstierhaltungen der nach dem jeweili-
gen landesrecht zuständigen Behörde unterstellt (§ 15 Abs.
1 tierschutzgesetz). In vier Bundesländern (Berlin, Hamburg,
Saarland und Sachsen) obliegt die Überwachung der Geneh-
migungsbehörde, in den anderen Bundesländern ist das nach-
geordnete Veterinäramt für die Überwachung zuständig. Die
betriebsinterne Überwachung erfolgt in Deutschland durch
tierschutzbeauftragte, die jede einrichtung, die tierversuche
durchführen will, bestellen muss (vgl. § 8 b tierschutzge-
setz). Der tierschutzbeauftragte muss unter anderem für die
Einhaltung von Vorschriften, Bedingungen und Aufagen im
Interesse des tierschutzes sorgen. tierversuche wurden in
Großbritannien aus dem Animal Welfare Act 2006 ausgeklam-
mert. Die Anforderungen der Richtlinie 86/609/eWG wurden
mit dem Animals (Scientifc Procedures) Act 1986 umgesetzt.
Die Genehmigung und Überwachung von tierversuchen ist in
Großbritannien zentral geregelt: Zuständige Behörde ist das
Home Offce (Innenministerium). Die hier ansässige Science
and Research Group besteht aus der Animal Scientifc Proce-
dures Division, bei der die Anträge auf Genehmigung eingehen
und geprüft werden, und dem Animal (Scientifc Procedures)
Inspectorate, welches die tierversuchsabteilung bezüglich
der tierversuchsanträge berät und für die Überwachung vor
Ort zuständig ist. Die betriebsinterne Kontrolle erfolgt in GB
durch Ethical Review Processes. Ethical Review Processes
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LITERATURBERICHT
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auch für die Überwachung der von ihnen genehmigten Versuchs-
vorhaben empfehlenswert wäre. Außerdem sollten deutsche ein-
richtungenwesentlichhäufgerkontrolliertwerden,wobeimin-
destens die Hälfte der Kontrollbesuche unangekündigt erfolgen
sollte. Entsprechend qualifziertes Personal in ausreichender
Anzahl ist somit unerlässlich. Während der Begehungen sollten
dieBehördenvertreterbeiderStaatenhäufgerdieDurchführung
vonVersuchenüberwachen,umsicheinBildüberdieQualifka-
tion und praktischen Fähigkeiten der Durchführenden machen
zu können. Wiederholte und/oder schwere Verstöße müssten
deutlich schärfer geahndet werden. Die rechtlichen Mittel hier-
für sind vorhanden, und es gilt sie auszuschöpfen.
Um die betriebsinterne Kontrolle durch die tierschutz-
beauftragten zu verbessern, muss ihre Weisungsfreiheit ge-
währleistet sein. Außerdem müssen sie von ihrer einrichtung
vollumfänglich unterstützt werden. Persönliches engagement
und regelmäßige Anwesenheit in den laboren sind essentiel-
le Voraussetzung. Um in Großbritannien eine effektive be-
triebsinterne Kontrolle sicherzustellen, müsste diese gesetz-
lich verankert werden.
Die Überwachung und Kontrolle von genehmigungspfichti-
gen Tierversuchen ist sowohl in Deutschland als auch in Groß-
britannien verbesserungswürdig. Die föderal strukturierte be-
hördlicheÜberwachunginDeutschlandscheintwenigereffzient
als die zentral organisierte Überwachung durch das britische
Home Offce. Die in Deutschland gesetzlich vorgeschriebenen
tierschutzbeauftragten scheinen trotz Verbesserungspotentials
einen effektiveren Beitrag zur betriebsinternen Überwachung
zu leisten als die Ethical Review Processes in der UK.
Maria Biedermann sei Dank für diese Arbeit, die die Viel-
zahl der Mängel und Verstöße im Bereich tierversuche und
dieDefziteinderenÜberwachungaufzeigtundsehrdeutlich
macht, dass weder die betriebsinterne noch die behördliche
Kontrolle von tierversuchsvorhaben in Deutschland derzeit
ausreichend sind. Nun bleibt zu hoffen, dass das Bundesminis-
terium für Landwirtschaft, Ernährung und Verbraucherschutz
(BMELV) im Rahmen der Umsetzung der am 08. September
2010 vom europäischen Parlament verabschiedeten neuen EU
Tierversuchsrichtlinie (ersetzt Richtlinie 86/609/EWG) in na-
tionales Recht und der damit verbundenen Überarbeitung des
tierschutzgesetzes die empfehlungen aus dieser Arbeit auf-
greift und gesetzlich verankert. Nur so können Versuchstiere
besser geschützt werden!
Kathrin Herrmann
genehmigten Protokoll abweichende tierversuche durchge-
führt wurden. Außerdem führten solche Personen eingriffe und
Behandlungen durch, die hierzu keine Berechtigung hatten,
etc. In beiden Staaten überwiegen bislang milde Konsequen-
zen wie Belehrungen und Verwarnungen. Geldbußen oder gar
Haftstrafen sind zwar per Gesetz in beiden Staaten möglich,
werden aber nur selten verhängt. Die innerbetriebliche Über-
wachung von tierexperimenten wird von den Befragten als
sehr wichtig erachtet, jedoch erfolgt sie in beiden Staaten nur
bei einem geringen teil der Versuche. In Deutschland spielt
die hohe Arbeitsbelastung der tierschutzbeauftragten wohl die
entscheidende Rolle.
Die in GB geforderte retrospektive Projektbeurteilung durch
die britischen Ethical Review Processes kann einen wichtigen
Beitrag zum Tierschutz leisten und fndet dementsprechend
relativ häufg statt. In Deutschland fndet diese hingegen nur
selten statt. Anmerkung der Rezensentin: Die genehmigende
Behörde hat jedoch die Möglichkeit, eine retrospektive Pro-
jektbeurteilung vom Projektleiter zu fordern, indem sie das
Verfassen einesAbschlussberichtes alsAufage im Genehmi-
gungsbescheid aufnimmt.
Sowohl die tierschutzbeauftragten als auch die Mitglieder des
Ethical Review Process sind auf die Unterstützung ihrer ein-
richtung angewiesen. Obwohl sich die Befragten beider länder
vorwiegend zufrieden über den Zugang zu den Versuchsleitern,
den durchführenden Personen und den jeweiligen einrichtungs-
leitern äußerten und sie bei der Äußerung von Kritik meist nicht
mitnegativenFolgenrechnenmüssten,fndetdasdeutscheBe-
nachteiligungsverbot anscheinend nicht immer Anwendung.
Verbesserungsvorschläge werden in Großbritannien nicht immer
ernst genommen und umgesetzt. Die einbeziehung der Behörde
bei groben oder andauernden Verstößen, scheint von den befrag-
ten tierschutzbeauftragten oft als Verletzung des Dienstweges
betrachtet zu werden. Somit lässt sich für die betriebsinterne
Überwachung und Kontrolle feststellen, dass sie in Deutschland
je nach einrichtung und je nach tierschutzbeauftragtem sehr
unterschiedlich gehandhabt wird, während sie in Großbritannien
aufgrund der unzureichenden gesetzlichen Regelung als nur mä-
ßig effektiv gewertet werden kann. Deutlich wird jedoch, dass
persönliches engagement der überwachenden Personen einen
entscheidenden Unterschied macht.
Maria Biedermann kommt zu dem Schluss, dass für Deutsch-
land insbesondere hinsichtlich der fachlichen Kompetenz die
bundeseinheitliche Zuständigkeit der Genehmigungsbehörden
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