Günter Grass Ein weites Feld

(Die Gestalt des Tallhover, die in dem vorliegenden Roman als Hoftaller fortlebt, entstammt dem 1986 bei Rowohlt/Reinbek erschienenen Roman >Tallhover< von Hansjoachim Schädlich.)
September 1997 Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG, München © 1995 Steidl Verlag, Göttingen ISBN 3-88243-494-5

Für Ute, die es mit F. hat

ERSTES BUCH 1 Bei den Mauerspechten Wir vom Archiv nannten ihn Fonty; nein, viele, die ihm über den Weg liefen. sagten: »Na, Fonty, wieder mal Post von Friedlaender? Und wie geht's dem Fräulein Tochter? Überall wird von Metes Hochzeit gemunkelt, nicht nur auf dem Prenzlberg. Ist da was dran, Fonty?« Selbst sein Tagundnachtschatten rief: »Aber nein, Fonty! Das war Jahre vor den revolutionären Umtrieben, als Sie Ihren Tunnelbrüdern bei Funzellicht was Schottisches, ne Ballade geboten haben ... « Zugegeben: es klingt albern, wie Honni oder Gorbi, dennoch muß es bei Fonty bleiben. Sogar seinen Wunsch nach dem abschließenden Ypsilon müssen wir mit einem hugenottischen Stempel beglaubigen. Seinen Papieren nach hieß er Theo Wuttke, weil aber in Neuruppin, zudem am vorletzten Tag des Jahres 1919 geboren, fand sich Stoff genug, die Mühsal einer verkrachten Existenz zu spiegeln, der erst spät Ruhm nachgesagt, dann aber ein Denkmal gestiftet wurde, das wir, mit Fontys Worten, »die sitzende Bronze« nannten. Ohne Rücksicht auf Tod und Grabstein, eher angestoßen vom ganz figürlichen Monument, vor dem er als Kind oft allein und manchmal an des Vaters Hand gestanden hatte, übte sich schon der junge Wuttke - sei es als Gymnasiast, sei es in Luftwaffenblau - so glaubhaft ein bedeutendes Nachleben ein, daß der bejahrte

Wuttke, dem die Anrede »Fonty« seit Beginn seiner Vortragsreisen für den Kulturbund anhing, eine Fülle von Zitaten auf Abruf hatte; und alle waren so treffend, daß er in dieser und jener Plauderrunde als Urheber auftreten konnte. Er sprach von »meiner sattsam bekannten Birnenballade«, von »meiner Grete Minde und ihrer Feuersbrunst«, und immer wieder kam er auf Effi als seine »Tochter der Lüfte«. Dubslav von Stechlin und die aschblonde Lene Nimptsch. die gemmengesichtige Mathilde und die zu blaß geratene Stine, nebst Witwe Pittelkow, Briest in sein er Schwäche, Schach, wie er lächerlich wurde, der Förster Opitz und die kränkelnde Cécile, sie alle waren sein Personal. Nicht etwa zwinkernd, sondern durchlebter Leiden gewiß, klagte er uns seine Fron als Apotheker zur Zeit der achtundvierziger Revolution, sodann die ihm mißliche Lage als Sekretär der Preußischen Akademie der Künste - »Bin immer noch kolossal schlapp und nervenrunter« -, um gleichwegs von jener Krise zu berichten, die ihn fast in eine Heilanstalt gebracht hatte. Er war, was er sagte, und die ihn Fonty nannten, glaubten ihm aufs Wort, solange er plauderte und die Größe wie den Niedergang des märkischen Adels in pointenscharfe Anekdoten kleidete. So hat er uns trübe Nachmittage verkürzt. Kaum saß er im Besuchersessel, legte er los. Ihm war ja alles geläufig; sogar die Irrtümer seiner Biographen, die er bei Laune »meine verdienstvollen Spurentilger« nannte, konnte er auflisten. Und als ihm sicher zu sein schien, daß er uns zum Modell wurde, rief er: »Wäre ridikül, mich als >heiter darüberstehend< zu portraitieren!« Oft war er besser als wir, seine »fleißigen Fußnotensklaven«. Den bei uns lagernden Briefwechsel, etwa mit der Tochter, konnte er derart zitatsicher abperlen, daß es ihm eine Lust gewesen sein muß, diese Korrespondenz in unvergänglicher Brieflaune fortzusetzen; schrieb er doch gleich nach der Öffnung der Berliner Mauer einen Metebrief an Martha Wuttke, die ihrer angegriffenen Nerven wegen in Thale am Harz zur Kur war: » ... Mama hat sich natürlich zu Tränen verstiegen, während mir solche Ereignisse, die partout groß sein wollen, herzlich wenig bedeuten. Eher setze ich aufs aparte Detail, zum Beispiel auf jene jungen Burschen, unter ihnen exotisch fremdländische, die als sogenannte Mauerpicker oder Mauerspechte den zweifelsohne begrüßenswerten Abbruch dieser kilometerlangen Errungenschaft teils als Bildersturm, teils als Kleinhandel betreiben; sie rücken dem gesamtdeutschen Kunstwerk mit Hammer und Meißel zu Leibe, auf daß jedermann - und es fehlt nicht an Kundschaft - zu seinem Souvenir kommt ... «

Hiermit ist gesagt, in welch zurückliegender Zeit wir Theo Wuttke, den alle Fonty nannten, aufleben lassen. Gleiches gilt für seinen Tagundnachtschatten. Ludwig Hoftaller, dessen Vorleben unter dem Titel »Tallhover« auf den westlichen Buchmarkt kam, wurde zu Beginn der vierziger Jahre des vorigen Jahrhunderts tätig, stellte aber seine Praxis nicht etwa dort ein, wo ihm sein Biograph den Schlußpunkt gesetzt hatte, sondern zog ab Mitte der fünfziger Jahre unseres Jahrhunderts weiterhin Nutzen aus seinem überdehnten Gedächtnis, angeblich der vielen unerledigten Fälle wegen, zu denen der Fall Fonty gehörte. So war es denn Hoftaller, der am Bahnhof Zoologischer Garten blechernes Ostgeld versilberte, damit er sein Objekt dank westlicher Währung einladen konnte, den siebzigsten Geburtstag zu feiern: »Da kann man nicht still drüber weg. Muß begossen werden.« »Das wäre, als wollte man mir die vorletzte Ehre erweisen.« Fonty erinnerte seinen altgewohnten Kumpan an eine Situation, die sich durch Einladung der »Vossischen Zeitung« ergeben hatte. Ein Brief des Chefredakteurs Stephany war ins Haus gekommen. Doch schon vor hundert Jahren hatte er postwendend lustlos reagiert: »Siebzig kann jeder werden, wenn er einen leidlichen Magen hat.« Erst als Hoftaller versprach, nicht, wie damals die »Vossin«, an die vierhundert Spitzen der Berliner Gesellschaft zu versammeln, sondern den Kreis der Feiernden klein zu halten, ihn sogar, wenn gewünscht, radikal auf das betagte Geburtstagskind und ihn, den Nothelfer in schwieriger Lage, zu beschränken, gab Fonty klein bei: »Möchte mich zwar lieber in meine Sofaecke drücken - mit demnächst siebzig darf man das -, aber wenn es denn sein muß, muß es was Besonderes sein.« Hoftaller schlug den Künstlerklub »Möwe« in der Maternstraße vor. Danach bat er seinen Gast, das beliebte Theaterrestaurant »Ganymed« am Schiffbauerdamm zu erwägen. Nichts paßte. Und auch das »Kernpinski« im Westen der Stadt war nicht nach Fontys Wünschen. »Mir schwebt«, sagte er, »etwas Schottisches vor. Nicht unbedingt mit Dudelsack, aber annähernd schottisch soll es schon sein ... « Wir, die im Archiv übriggebliebenen Fußnotensklaven, ermahnen uns, nicht vorschnell den Siebzigsten abzufeiern, sondern von jenem Spaziergang Bericht zu geben, der schon Mitte Dezember stattfand und erst nach längerem Verlauf Gelegenheit bot, den bevorstehenden Geburtstag zu bereden und dessen Feier zu planen.

An einem frostklirrenden Wintertag, dem ein wäßrig blauer Himmel über der nunmehr ungeteilten Stadt entsprach, am 17. Dezember, als in der Dynamo-Halle die bislang führende Partei tagte, um sich mit neuem Namen zu verkleiden, an einem Sonntag, der Klein und Groß auf die Beine brachte, kamen auch sie zielstrebig Ecke Otto-Grotewohl-, Leipziger Straße ins Bild: lang und schmal neben breit und kurz. Der Umriß der Hüte und Mäntel aus dunklem Filz und grauem Wollgemisch verschmolz zu einer immer größer werdenden Einheit. Was sich gepaart näherte, schien unaufhaltsam zu sein. Schon waren sie am Haus der Ministerien, genauer, an dessen nördlicher Flanke vorbei. Mal gestikulierte die hochwüchsige, mal die kleinwüchsige Hälfte. Dann wieder waren beide mit Händen aus weiten Ärmeln beredt, der eine bei ausholendem Schritt, der andere im Tippelschritt. Ihre Atemstöße, die sich als weiße Wölkchen verflüchtigten. So blieben sie einander vorweg und hinterdrein, waren aber dennoch miteinander verwachsen und von einer Gestalt. Da dem Gespann kein Gleichschritt gelang, sah es aus, als bewegten sich leicht zapplige Schattenrißbildchen. Der Stummfilm lief in Richtung Potsdamer Platz, wo die als Grenze gezogene Mauer schon in Straßenbreite niedergelegt war und in jede Fahrtrichtung offenstand; doch ließ dieser Übergang, weil oft verstopft, nur verzögerten Verkehr von der einen zur anderen Stadthälfte, zwischen zwei Welten, von Berlin nach Berlin zu. Sie überquerten ein Jahrzehnte lang wüstes Niemandsland, das nun als Großfläche nach Besitzern gierte; schon gab es erste, einander übertrumpfende Projekte, schon brach Bauwut aus, schon stiegen die Bodenpreise. Fonty liebte solche Spaziergänge, zumal ihm der Westen neuerdings mit dem Tiergarten Auslauf bot. Jetzt erst kam sein Spazierstock ins Bild. Von Hoftaller, der ihm ohne Stock, aber mit praller Aktentasche anhing, war bekannt, daß er, außer der Thermosflasche und der Brotbüchse, jederzeit einen durch Knopfdruck auf Normalgröße zu entfaltenden Kleinschirm bei sich trug. In ihrem kaum mehr bewachten Zustand machte die Mauer beiderseits des Durchlasses Angebote. Nach kurzem Zögern entschieden sie sich nach rechts hin in Richtung Brandenburger Tor. Metall auf Stein: von fern her schon hatten sie das helle Picken gehört. Bei Temperaturen unter Null trägt solch ein Geräusch besonders weit. Dicht bei dicht standen oder knieten Mauerspechte. Die im Team arbeiteten, lösten einander ab. Einige trugen Handschuhe gegen die Kälte. Mit Hammer und Meißel, oft nur mit Pflasterstein und Schraubenzieher zermürbten sie den Schutzwall, dessen Westseite während der letzten Jahre seines Bestehens von anonym

gebliebenen Künstlern mit lauten Farben und hart konturierendem Strich zum Kunstwerk veredelt worden war: Das geizte nicht mit Symbolen, spuckte Zitate, schrie, klagte an und war gestern noch aktuell gewesen. Hier und dort sah die Mauer schon löchrig aus und zeigte ihr Inneres vor: Moniereisen, die bald Rost ansetzen würden. Und über weite Flächen gab das kilometerlange, bis kurz vor Schluß verlängerte Wandbild in museumsreifen Fragmenten handtellergroße Placken und in winzigen Bruchstücken wilde Malerei preis: freigesetzte Phantasie und erstarrte Protestchiffren. All das sollte dem Andenken dienen. Abseits vom Gehämmer, im sozusagen zweiten Glied der von Westen her betriebenen Demontage, lief bereits das Geschäft. Auf Tücher oder Zeitungen gebreitet, lagen gewichtige Batzen und winziger Bruch. Einige Händler boten drei bis fünf Fragmente, keins größer als ein Markstück, in Klarsichtbeuteln an. Bestaunt werden konnten mit Geduld abgesprengte größere Details der Mauermalerei, etwa der Kopf eines Ungeheuers mit Stirnauge oder eine siebenfingrige Hand; Exponate, die ihren Preis hatten, und dennoch fanden sich Käufer, zumal ihnen ein datiertes Zertifikat - »Original Berliner Mauer« - mit dem Souvenir ausgehändigt wurde. Fonty, der nichts unkommentiert lassen konnte, rief: »Bruch ist besser als Ganzes!« Weil er nur Ostgeld locker hatte, schenkte ihm ein jugendlicher Händler, dem offenbar genug Gewinn zugeflossen war, drei groschengroße Absprengsel, deren Farbspuren, das eine Schwarz gegen Gelb, das andere Blau neben Rot, das dritte Stück dreierlei Grün, als kostbar zu gelten hatten: »Hier, Opa, nur für Ostkundschaft und weil Sonntag ist.« Anfangs wollte sein Tagundnachtschatten dem zwar illegalen, doch beiderseits der Mauer geduldeten Volksvergnügen nicht zusehen, Fonty mußte ihn am Ärmel ziehen. Er zerrte seinen Kumpan regelrecht an laufenden Bildmetern vorbei Nein, das war nichts für Hoftaller. Diese Mauerkunst war nicht nach seinem Geschmack; und doch mußte er ansehen, was ihn schon immer angewidert hatte. »Chaos!« rief er. »Nichts als Chaos!« Als sie an eine Stelle der enggefügten und durch einen Wulst überhöhten Betonplatten kamen, die nach Osten Ausblick bot, weil dem abgrenzenden Bauwerk kürzlich von oben weg eine weit klaffende Lücke geschlagen worden war, blieben sie stehen und schauten durch den offenen Keil, aus dessen gezackten Rändern teils verbogene, teils abgesägte Moniereisen ragten. Sie sahen den Sicherheitsgürtel, die

Hundelaufanlage, das weite Schußfeld, sahen über den Todesstreifen hinweg, sahen die Wachtürme. Von drüben gesehen, schaute Fonty ab Brusthöhe durch den erweiterten Spalt. Neben ihm war Hoftaller von den Schultern aufwärts im Bild: zwei Männer mit Hüten. Wäre aus östlichem Bedürfnis nach Sicherheit noch immer ein Grenzsoldat wachsam gewesen, hätte er von beiden ein erkennungsdienstliches Photo schießen können. Längere Zeit schwiegen sie durch den geschlagenen Keil, doch hielt jeder anders laufende Erinnerung zurück. Endlich sagte Hoftaller: »Macht mich traurig, auch wenn wir diesen Abbruch spätestens seit der >Sputnik<-Affäre vorausgesagt haben. Wird man eines Tages lesen können, unseren Bericht über den Zerfall staatlicher Ordnung. Wurde nicht zur Kenntnis genommen. Keiner der führenden Genossen war ansprechbar. Kenne das: die übliche Ertaubung während ner Spätphase ... « Mehr flüsternd als laut setzte Hoftaller seinen dienstlichen Kummer durch die Mauerlücke frei. Plötzlich kicherte er. Ein lange zurückgehaltenes, nun bis zum Überfluß gespeichertes Kichern schüttelte ihn. Und Fonty, der sein Ohr dem Flüsternden zuneigen mußte, hörte: »Eigentlich komisch. Typischer Fall von Machtermüdung. Nichts greift mehr. Aber wissen möchte man schon, wer den Riegel aufgesperrt hat. Na, wer hat dem Genossen Schabowski den Spickzettel untergeschoben? Wer hat ihm erlaubt, ne Durchsage zu machen? Satz auf Satz rausposaunt ... >Ab heute ist ... < Na, Fonty, wem wird das Sprüchlein >Sesam, öffne dich< eingefallen sein? Wem schon? Kein Wunder, daß der Westen wie vom Schlag gerührt war, als ab 9. November Zehntausende, was sag ich, Hunderttausende rüberkamen, zu Fuß und mit ihren Trabis. Waren richtig perplex ... haben Wahnsinn geschrien ... Wahnsinn! Aber so ist das, wenn man jahrelang jammert: >Die Mauer muß weg ... < Na, Wuttke, wer hat >Bitteschön, schluckt uns< gesagt? Fällt der Groschen?« Fonty, der bisher bei schräger Kopfhaltung geschwiegen hatte, wollte nicht rätseln. Eher beiläufig spielte er eine Gegenfrage aus: »Wo steckten eigentlich Sie, als damals hier alles dichtgemacht wurde, querdurch?« Vor dem in Brust- und Schulterhöhe klaffenden Spalt standen sie immer noch wie gerahmt: ein Doppelportrait. Weil sich beide gern dem Ritual eingeübter Befragungen unterwarfen, nehmen wir an, daß Fonty vorauswußte, was Hoftaller zur Litanei reihte: »Infolge der Konterrevolution ... Als nur noch mit Hilfe der Sowjetmacht ... Kam zu Säuberungen bald danach ... «

Er zählte unterlassene Sicherheitsmaßnahmen auf und sprach von Enttäuschungen. Noch immer bedauerte er Systemlücken. Untilgbar hing ihm der 17. Juni an: »Wurde strafversetzt. Saß im Staatsarchiv rum. Rutschte in ne depressive Stimmungslage. Habe deshalb den Arbeiter- und Bauern-Staat verlassen müssen. War aber keine prinzipielle Sinnkrise. Nein, Tallhover hat nicht Schluß gemacht, hat nur die Seite gewechselt., war drüben gefragt. Das hat mein Biograph leider nicht glauben wollen, hat die im Westen gängige Freiheit fehleingeschätzt, hat mich ohne Ausweg gesehen, mir ne Todessehnsucht angedichtet. als könnte unsereins Schluß machen. Für uns. Fonty, gibt's kein Ende!« Hoftaller sprach nicht mehr im Flüsterton. Nun nicht mehr vor die klaffende und zum Bekenntnis zwingende Plattenkonstruktion gestellt, sondern wieder im Tippelschritt und am endlosen Mauerbild vorbei, gab er sich gutgelaunt: >Jetzt kann man ja offen reden: Wurde mit Kußhand genommen. Versteht sich: mein Spezialwissen! Lief drüben unter gewendetem Namen. Wurde als >Revolat< geführt. Bekam mir gut, der Klimawechsel. Doch auch die andere Seite knauserte nicht mit Enttäuschungen. Meine Warnungen vor drohender Abriegelung sind für die Katz gewesen. Habe in Köln mit abgelichteten Lieferscheinen alle im Westen getätigten Großeinkäufe belegt; was man so brauchte für den Friedenswall: Zement, Moniereisen, ne Menge Stacheldraht. Gab schließlich Pullach nen warnenden Tip. Half nichts. Endlich, als es zu spät war, merkte der Agent Revolat, daß auch der Westen die Mauer wollte. War ja alles einfacher danach. Für beide Seiten. Sogar die Amis waren dafür. Mehr Sicherheit war kaum zu kriegen. Und nun dieser Abbruch!« »Nichts steht für immer« hieß Fontys Trost. Im schräg einfallenden Nachmittagslicht schritten und tippelten sie Richtung Tor. Die schon tief stehende Sonne machte, daß sie auf das Mauerbild einen gepaarten Schatten warfen, der ihnen folgte und ihre Gesten nachäffte, sobald sie mit Händen aus weiten Mantelärmeln redeten und die neuerliche Sicherheitslücke entweder als Risiko einschätzten - »Wird man sich noch zurückwünschen eines Tages« - oder als »kolossalen Gewinn« feierten: »Ohne ist besser als mit!« Einige Mauerspechte betrieben ihr Handwerk verbissen, wie gegen Stücklohn, ein Herr fortgeschrittenen Alters sogar mit einem batteriegespeisten Elektrobohrer. Er trug eine Schutzbrille und Ohrenklappen. Kinder sahen ihm zu. Viel Volk war unterwegs, auch türkisches. Junge Paare ließen sich vor Hintergrund photographieren, damit sie sich später, viel später würden erinnern können. Hier

trafen lange getrennte Familien einander. Von fern Angereiste staunten. Japaner in Gruppen. Ein Bayer in Tracht. Heitere, aber nicht laute Stimmung. Und über allem lag dieses dem Specht nachgesagte Geräusch. Zwei berittene Westpolizisten kamen ihnen entgegen und schauten über die Sonntagsarbeit hinweg. Hoftaller gab sich einen dienstlichen Ruck, doch auf die Frage nach der Zulässigkeit des destruktiven Vorgangs sagte der eine Wachtmeister: »Zulässig isset nich, aber verboten noch wenjer.« Zum Trost schenkte Fonty seinem Tagundnachtschatten die drei groschengroßen Mauerbröcklein. Und während er noch die einseitig bunten Fragmente wie Beweisstücke im Portemonnaie sicherte, sagte Hoftaller: >Jedenfalls war ab August einundsechzig wieder was fällig. Meine alte Dienststelle klopfte an. Ließ mich nicht lange bitten. Aber das wissen Sie ja, daß ich schon immer gesamtdeutsch ... « Ihr Ritual gab nichts mehr her. Schweigend liefen sie die Mauer ab. Nur als Dampf verwehte ihr Atem. Schritt nach Schritt, dann stand das Gespann im gestauten Auflauf vor dem Brandenburger Tor oder vielmehr vor dem weit ausgebuchteten, das Tor noch immer sperrenden Betonwall, auf dessen Abriß seit Wochen die Welt mit lauernden Kamerateams wartete. Massiv, wie für ewig gebaut. Nur die Verlegenheit einiger Grenzsoldaten, die auf dem oberen Wulst der hier begehbaren Bastion mehr herumstanden als Präsenz zeigten, kündigte die auf demnächst datierte Hinfälligkeit des Bollwerks an. Wir sind sicher: Hoftaller sah das mit gemischten Gefühlen, doch Fonty hatte Freude an den Nebenhandlungen der sonntäglichen Idylle. Junge Frauen und von Müttern hochgehaltene Kinder schenkten den Soldaten Blumen. Zigaretten, Orangen, Schokoladenriegel und natürlich Bananen, jene dazumal demonstrativ beliebte Südfrucht. Und Wunder über Wunder, die kürzlich noch schußfertigen Männer in Uniform ließen sich beschenken, sogar Westsekt nahmen sie an. Und hier, in Sonntagsstimmung gebettet, umgeben von Schaulustigen, unter denen Jugendliche mehr bierselig als aggressiv »Macht das Tor auf!« brüllten, damals, zur Zeit der steilen Hoffnungen und Runden Tische, der großen Worte und kleinstriezigen Bedenken, zur Stunde der abgesägten Bonzen und schnellen ersten Geschäfte, an einem windstill klaren Dezembertag des Jahres 89, als das Wort »Einheit« mehr und mehr an Kurswert gewann, sagte Fonty plötzlich laut und von Hoftaller nicht zu dämpfen, jenes lange Gedicht mit dem Titel »Einzug« auf, das am 16. Juni 1871 im Berliner Fremden- und Anzeigenblatt pünktlich zum Anlaß gedruckt gestanden hatte und dessen Reime das siegreiche Ende des Krieges gegen

Frankreich sowie die Reichsgründung und die Krönung des preußischen Königs zum Kaiser der Deutschen feierten, indem sie strophenreich alle heimkehrenden Regimenter, die Garde voran, zur Parade führten - »Mit ihnen kommen, geschlossen, gekoppelt, die Säbel in Händen, den Ruhm gedoppelt, die hellblauen Reiter von Mars la Tour, aber an Zahl die Hälfte nur... « - und durchs Brandenburger Tor, dann die Prachtstraße Unter den Linden hoch im Gleichschritt marschieren ließen: »Bunt gewürfelt Preußen, Hessen, Bayern und Baden nicht zu vergessen, Sachsen, Schwaben, Jäger, Schützen, Pickelhauben und Helme und Mützen ... « Das geschah zum wiederholten Mal, denn nach den preußischen Siegen über Dänemark und Österreich, den ersten Einheitskriegen, war es gleichfalls zur Parade und zu gereimten Einzugsgedichten gekommen, ein Huldigungseifer, den Fonty mit der ersten Strophe den Schaulustigen vor dem gesperrten Tor in Erinnerung gerufen hatte: »Und siehe da, zum dritten Mal ziehen sie ein durch das große Portal; der Kaiser vorauf, die Sonne scheint, alles lacht und alles weint ... « So betont er deklamierte, hier, unter freiem Himmel, trug die Stimme des ehemaligen Kulturbundredners Theo Wuttke, den alle Fonty nannten, nicht weit genug. Nur wenige lachten, und niemand weinte vor Freude, auch blieb der Beifall spärlich, als er mit letzter Strophe die Siegesparade vor dem Denkmal des zweiten Friedrich, vorm »Fritzen-Denkmal«, hatte auslaufen lassen. Gleich nach dem Verhall der Verse lösten sich beide aus der Menge. Fonty schien es eilig zu haben, und Hoftaller sagte ihm hinterdrein: »Sollte das etwa Ihr Beitrag zur kommenden Einheit sein? Zackig und forsch. Hab's noch im Ohr: >Die Linden hinauf erdröhnt ihr Schritt, Preußen-Deutschland fühlt ihn mit ... <« »Weiß ich, weiß ich! War bloße Lohnarbeit, schlecht bezahlte obendrein ... « »Davon gibt's mehr, mal stocksteif, mal schnoddrig gereimt.« »Leider. Aber Besseres gibt's auch - und das bleibt!« Inzwischen entfernten sie sich unter winterstarren Bäumen. Ihr Gespräch über den Wert von Gebrauchslyrik verebbte schnell; wir lassen es unkommentiert. Sie machten verschieden lange Schritte den Sonntagspassanten entgegen, die zum Tor wollten. Ihr Ziel hieß Siegessäule, deren krönender Engel als neuvergoldete Scheußlichkeit in der Abendsonne prahlte. Zum Großen Stern zog es sie, mitten durch den Tiergarten, der auf nach links abzweigenden Nebenwegen zur Luisenbrücke, zur Amazone und in Richtung Rousseau-Insel mit Ruhebänken

lockte. Aber sie wichen nicht ab. Kaum, daß sie am sowjetischen Ehrenmal den Schritt verlangsamten. Vom Brandenburger Tor aus gesehen, wurden sie kleiner und kleiner. Das verschieden hohe Paar. Schon wieder gestikulierend: der eine mit dem Spazierstock, den er »meinen märkischen Wanderstock« nannte, der andere mit den kurzen Fingern seiner Rechten, denn links trug er die gebauchte Aktentasche. Der Stummfilm. Schreitend der eine, tippelnd der andere. Vom Großen Stern aus gesehen, kamen sie gut voran. Mantel mit Mantel zu einem Schattenriß verwebt, obgleich sie nicht Arm in Arm gingen. Am Ende der Paradestraße verschwanden beide für kurze Zeit, weil sie den ungebremsten Kreisverkehr um die Siegessäule durch einen Tunnel, extra für Fußgänger gebaut, unterlaufen mußten. Nun, da das Paar weg ist, sind wir versucht, über Berlins Sehenswürdigkeit, die in ganzer Höhe beide Weltkriege überstanden hat, zu lästern, doch Fonty fällt uns ins Wort; kaum waren sie wieder aufgetaucht, bot sich vorm Sockel der hochragenden Säule, die bis zur Spitze des siegreichen Feldzeichens sechsundsechzig Meter mißt, Gelegenheit für Abschweifungen ins historische Feld, entweder mit Hilfe vielstrophiger Gedichte oder aus Erinnerung, die bis zum Sedanstag und noch weiter treppab zurückreichte. Wie es sich anhörte, hatten sie am 2. September 1873 die Enthüllung der Siegessäule miterlebt. Damals stand die erhöhte Borussia als Viktoria auf dem Königsplatz, dem heutigen Platz der Republik. Kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde sie auf allerhöchsten Befehl abgetragen und vom Vorfeld des Reichstagsgebäudes an den Großen Stern versetzt. Sehenswürdig soll ein Relief sein, das in Sichthöhe Sieg nach Sieg die Einheitskriege feiert. Hier trägt ein lockenköpfiger Junge dem Vater, den die Mutter zum Abschied umarmt, das Gewehr, dort haben Landsturmmänner das Bajonett aufgepflanzt. Ein Trompeter bläst zum Angriff. Über Gefallene geht es vorwärts. Sie schritten den Sockel ab. Weil die Säule, samt rotschwedischem Granit, allseitigem Metallguß und krönender Siegesgöttin, im letzten, elend verlorenen Krieg Schaden genommen hatte, wies Hoftallers Zeigefinger überall Löcher nach, denen nicht anzusehen war, ob Bomben- oder zum Schluß Granatsplitter ihr Ziel gefunden hatten. Durchlöchert die Brust eines Infanteristen. Halbierte Helme. Drei Finger nur hat die Hand. Hier fehlt einem gußeisernen Dragonerpferd das rechte Vorderbein, dort stürmt ein kopfloser Hauptmann voran, sei es bei Düppel, sei es bei Gravelotte. Bekümmert zog Hoftaller Bilanz. Fünfzig und mehr Einschüsse

»Da haben Sie's«. den er uns später als sommersprossig geschildert hat. Bin erst fünfe.« »Na. da wurde Fonty. Ihre Gesten nun eckiger. nicht voreilig verfrüht.. von hinten angestupst. Zwei alte Männer im Gespräch. den alten Derfflinger. reine Spekulation! Die erste gelungene Schnürsenkelschleife jedoch. »nur sowas ist wichtig. man weiß. begann Hoftaller. die rund um die Siegessäule und umrundet vom Kreisverkehr Fußball spielten. der bereits Atem zum Balladenton sammelte und samt Stock die Arme hob. die zählt. Er wollte sich nicht erinnern. « -. legte den Wanderstock ab und band. den offenen Senkel des rechten Schuhs zur Schleife. sagte er. »So«. Keinen Schatten warfen sie mehr. das Hälsebrechen verstund er allenfalls . Mitropa-Gaststätte. obendrein alle Schlachten von Fehrbellin über Hohenfriedberg bis Zorndorf. Alles Mumpitz und ridikül.« »Zur Feier fehlen mir einige Zentner Überzeugung. Siege. gingen die Straße des 17.« »Die kommt noch. Deutsche Einheit. seine Einladung vorzubereiten: »Wird man nicht alle Tage. nächstet Mal kann ick selba!« rief der Junge und rannte zu den anderen Jungs.« »Und woher nehmen?« »Schlage Bahnhof Friedrichstraße vor. sagte einen Wunsch auf: »Ob Se mia mal nen Schnürsenkel binden könn? Kann ick nämlich nich.« .« Fonty bückte sich. Ein historischer Ort sozusagen. Durch den Fußgängertunnel unterwanderten sie abermals den Großen Stern. Aber Fonty hatte. Juni lang und wollten ab S-Bahnhof Tiergarten die Bahn nehmen. siebzig.. mehr als die Säule zu bieten. Dann war die Sonne weg. wie gewünscht. Und jetzt erst. die Generäle Zieten und Seydlitz.»Herr Seydlitz bricht beim Zechen den Flaschen all den Hals. Schlachten. Sedan und Königgrätz sind null und nichtig. sondern knapp vierzehn Tage vor dem runden Anlaß. Schon wollte er Preußens Siege und gelegentliche Niederlagen an die Standarten berühmter Regimenter knüpfen und des Großen Friedrich besungene Haudegen mit knappem Zitat vorführen . was Siege betraf und soweit Preußens Geschichte zurückreichte. sagte Fonty.zählte er.« Hoftaller stand in abgelaufenen Schnallenschuhen. War mal Agententreff. den Schaden am Granitsockel nicht mitgerechnet. bestimmt. Er zitierte den Grafen Schwerin und dessen Fahne. Ein Junge. »die hält.

. « Um Einsicht in das Original dieses Briefes vom 23. in dem immerhin steht. blieb Fonty kurz vorm S-Bahnhof stehen. als sollte zur Rede ausgeholt werden. wie gehabt.. Wuttke. haben nur sehr wenig davon gebracht . eine. Aber mit dem Bus geht's!« Das rief er noch in offener Tür und überreichte den Damen wie üblich.. einen Strauß Blumen. den rechten Arm.<« Dieser Ausspruch ist. englische.« Nachdem sie das letzte Stück Weg stumm hinter sich gebracht hatten... Nun nicht mehr von subversivem Ausdruck. das ich durch mehr als vierzig Jahre hin in Kriegsbüchern. in dem ferner zu lesen steht: »Von meinem Jubelfeste< schreibe ich Ihnen nicht.und Leuteschilderungen und volkstümlichen Gedichten verherrlicht habe. besser gesagt. sein alter Gönner. wir können auch anders. ließ ihn dann aber sinken und sprach über Hoftaller hinweg: »Wie sagte der alte Yorck bei Laon. Außerdem stinkt mir. aber das alte Preußen... er blieb ihm zur Seite: »Kein großer Auftrieb.Fonty setzte ein subversiv verschlossenes Gesicht auf und machte längere Schritte. hat Fonty uns wenige Tage vor Weihnachten besucht. Januar 189o zu nehmen. die Sache »persönlich herausgerissen« habe. »Ist ja nun keine Weltreise mehr wie früher.. hob er... drei Mistelzweige und deren glasig blasse Früchte. selbst wenn die SBahnverbindung nach Potsdam noch nicht recht klappt. Land. daß der Minister von Goßler. als die Russen nicht anrückten? . Sie wissen ja. es muß auch so gehn. zu radaumäßig verlaufen . das >alte Preußen< hat sich kaum gerührt und alles (wie in vielen Stücken) den Juden überlassen . wie wir vom Archiv wissen... wie uns versichert wurde.>Nunja.einigermaßen auf dem Strich haben. « »Würde trotzdem. Biographien. So kurzbeinig Hoftaller war. « 2 Annähernd schottisch Weiter stand in dem Brief an Pfarrer Jacobi: »Man hat mich kolossal gefeiert und auch wieder gar nicht. versprochen. ich muß?« »Um nicht deutlicher zu werden: Glaube ja. « »Würde mich traurig machen. Ne kleine gemütliche Runde nur. doch gleichfalls in Wales . Die konservativen Blätter.« »Und wenn ich nein sage . wenn er uns aufsuchte.es ist aber nicht so schlimm damit . die mich als einen >Abtrünnigen< . « »Soll das etwa ne Verweigerung sein?« »Soll das heißen. Zitat aus einem Brief an den märkischen Pfarrer Heinrich Jacobi. Das moderne Berlin hat einen Götzen aus mir gemacht.

die gleich zu Beginn des neuen Jahres. Zwar waren drei oder vier junge Männer. fast mit Furcht entgegensah: »Muß ja nicht sein. auf Grund von Akteneinsicht. das Archiv. Und da die jungen Poeten den alten Herrn nie als schrulligen Theo Wuttke verlacht. gelang es ihnen mühelos. doch der Ehrengast ließ auf sich warten. die er . Nichts klappte wie geplant. die alle um den Geburtstag vom 3o.es ging um Tagesereignisse. darunter den an Jacobi. besonders im Rückblick auf revolutionäre Zeiten. nicht ohne Bedenken. Vieles hat sich seitdem durch Vergessen erledigt. zu Schlagzeilen gekommen ist. verließ. Dezember kreisten und um dessen offizielle Nachfeier. die um das betagte Geburtstagskind versammelt werden sollten. dem schon immer aufkeimende Begabungen tauglich zum Vergleich mit Poeten gewesen sind. Kaum. Die Auswahl war groß. am 4. zu denen die blutigen Unruhen in Rumänien zählten . kam keine Feierlichkeit auf. daß er beim Lesen nickte oder die Brauen hob. Im Bahnhof Friedrichstraße.sogar die Eloge in der Vossischen .nur flüchtig las. verglich die Prenzlberger gerne mit Wolfsohn. sein die Zeit verkürzendes Verständnis von Politik und Literatur . die Hoftaller geladen hatte. der später. doch damals konnte man sorglos von Talenten sprechen. manches lebte noch lange vom bloßen Verdacht. Außer den Briefen durften wir ihm einige den bejahrten Greis feiernde Zeitungsberichte vorlegen. wobei er dem eigenen. fragte Fonty zurück: »Warum wird man siebzig?« und nannte dann Briefe. zur Kenntnis zu nehmen: That's British Christmas!« Als wir nach seinen Wünschen fragten. Lepel oder Heyse.uns. die einst im Leipziger HerweghClub oder im Tunnel über der Spree ihre Verse vorgetragen hatten. Weiter reichte sein Interesse nicht. Er blieb nicht lange und machte sich keine Notizen. Muß wirklich nicht sein!« Deshalb hat er das von Hoftaller gewünschte Fest ausgeschlagen. Und Fonty.und bis hoch zu den Orkney-Inseln lebendig gebliebene Tradition: »Bitte darum. das war ihm ein Daumensprung nur: vom Vormärz zu den Montagsdemonstrationen. in dessen Mitropa-Gaststätte Hoftaller einen Tisch reserviert hatte. im Restaurant »Englisches Haus« in der Mohrenstraße stattgefunden hatte. kam er noch einmal auf den vor hundert Jahren abgefeierten Geburtstag. pünktlich zur Stelle. dieser oder jener. Anscheinend war keiner unter ihnen. sondern als Fonty hochgeschätzt haben. Es werden welche vom Prenzlauer Berg gewesen sein. Bevor er nach einigem Geplauder . der bevorstand. Januar.

. Wir können nur vermuten. Man dankte ihm das. « »Quatsch! Wenn einer redet. Zum Siebzigsten ein Galaabend für Fonty am Sandwerder. Den sind wir los. daß die jahrelange Duldung der unruhigen und manchmal vorlauten Prenzlberger Szene nicht nur der Harmlosigkeit ihrer Produkte.« »Der ist doch sonst die Pünktlichkeit in Person. Er durfte als Schutzpatron gelten.« »Oder sie reichen ihn rum: von einer Talkshow zur andern. dem jemand wie Hoftaller stets. dann Fonty.sarkastischen Gutachten sowie in witzigen Personenbeschreibungen die Wünsche seines Tagundnachtschattens erfüllt und so die dem Staat verdächtigen Genies auf Mittelgröße verkürzt hat.« »Auf den können wir lange noch warten.seinem Wesen nach . am Wannsee womöglich. Und was dabei an Profit rausspringt. das Maskottchen vermeintlich konspirativer Versammlungen. Und einer dieser Oberwessis mit Fliege am Hals hält nen Festvortrag über die Unsterblichkeit als Wegwerfprodukt . Enttäuscht warteten die Gäste auf den Ehrengast. Der is inne Freiheit drüben und verjuxt sein Begrüßungsgeld. Hat ja zugesagt. daß auch er. und zwar aus Sicht der jungen Talente? Diese Spiegelungen verlangte ein auf permanente Rückversicherung und vorbeugende Fürsorge angelegtes System.. na. Wir stellen uns besorgte Gespräche vor.auf Glaubenssätze oder einen Scherz zu verknappen: Teils wurde er bis zur Erhabenheit verklärt. verpflichtet gewesen ist. Und weil er scheinbar über allem Zeitgeschehen stand. Unruhe kam auf. war ihm die Aufgabe zugefallen. Doch hatte es nicht nahegelegen.. der mit gewiß kenntnisreichen und .« »Für den sind wir historisch jeworden.. Hoftaller mußte beschwichtigen. sogar nach dessen Untergang. wie seine Tunnelbrüder. Wie die mit ihrem Clan das Ende der Mauerzeit erlebt. Gegenstand gutachtlicher Beurteilungen zu sein hatte. »Was issen mit Fonty los?« »Wird sich im Tiergarten verlaufen haben.« »Unser Freund kommt bestimmt. irgendwas über Jenny Treibel.« . Der quasselt doch gerne. « »Paß auf! Den führn se jetzt im Westen spazieren. sondern auch Fonty zu verdanken war. teils zum Maskottchen verniedlicht. zwischen den sich anarchistisch gebenden Dichtern und der immer besorgten Staatssicherheit zu vermitteln.

Hackbraten mit Spiegelei zu Bratkartoffeln. hier flüsternd. Den jungen Talenten spendierte er ein Tellergericht. selbst an seinem Geburtstag. Als Abgesandte eines Vielvölkerstaates mochten sie Vorboten größeren Andrangs sein. der die Bahnhofshallen zum Tempel erklärt und geräumt hätte. Fonty sah. Fremdländisch wurde der schwankende Kurs der blechernen Ausverkaufswährung betont. Shawl und Stock ein genügsamer Beobachter. Sogar uns gegenüber sagte er: »Wird man sich noch zurückwünschen eines Tages. Fonty wurzelte reglos im immer neu belebten Zahlungsverkehr und hatte sein Vergnügen an dieser für ihn kostenlosen Revue. stieg er nicht wie in Feindesland aus. »Na gut. bis er hier antanzt. hat man den Bahnhof Zoologischer Garten. sah Fingersprache inmitten Stimmengewirr. Das Händlervolk und dessen mobile Kundschaft erstaunte ihn. sooft er Fonty gegenüber beteuert hatte. zum Zeitpunkt der sich überstürzenden Weltereignisse. wie schlanke und dicke Finger .« Mit letztem Wort klopfte er knöchelhart auf die Tischplatte und versprach. auch am Panamakanal scharf geschossen wurde. Dann wieder herrschte der trockene bis naßforsche Berliner Sprechanismus vor. zumal sich viele Einwohner der bis vor kurzem abgeriegelten Stadthälfte für den Besuch der anderen zahlungsfähig machten: Zumindest für einen Kinobesuch und ein Bier danach mußte es reichen.wie zum Trost . mit Hut. den Schutzwall. Aber niemand trat auf. ihn schmerze die notwendig gewordene Öffnung der Friedensgrenze. dort mit lautem Akzent.eine Lage Nordhäuser Korn. Und da er den westlichen Teil der Stadt in sein Ordnungssystem einbezog. warten wir. Er vermutete Zaubertricks. als nicht nur in Rumänien. Einerseits kam Ostgeld in Bündeln günstig in Umlauf. Ohne Umweg nahm er die S-Bahn zum Bahnhof Zoo. mit dem Ausreißer »in Bälde« zurück zu sein.« Dann wird sich Hoftaller mit seiner ihm allzeit berufstauglichen Nase auf Suche begeben haben. sondern.« Damals. bis hin zur Heine-Buchhandlung. andererseits waren Kleinbeträge in Westmark gefragt. als Wechselstuben benutzt. Der unstabile Kurs von zehnkommafünf bis elf Mark Ost zu einer Mark West belebte das Geschäft. in wechselnder Stimmlage.»Ich bring ihn euch!« sagte Hoftaller oder hätte er sagen können. wie zum Ausgleich. war Zeuge schnellbeschwichtigten Streits. »Unser Fonty wird begreifen müssen. Und inmitten der Händler und wechselnden Kunden stand im Wintermantel. besonders dessen zugige Vorhallen. eine weitere Runde Bier und . wohin er gehört. Außer der Deutschmark waren amerikanische Dollar und Schwedenkronen gefragt. endlich. Gegen Pfennigbeträge wurde umgerubelt.

unter grüner Schirmmütze einen grünen Schlips zum grünweißen Hemd trug und . doch hundertsiebzig machen was her. die. wüßte ich.gleich flink gebündelte Scheine abzählten. Fonty den seinen zusätzlich mit dem Stock. Bei McDonald's lief der übliche Betrieb. wie das gesamte Personal von McDonald's.laut Namensschild links überm Herzen . daß ich dabei ein feierliches Gesicht schneide. als folgten sie den Regeln eines allseits tolerierten Rituals. denn der fragende Blick der Kassiererin. an dessen Krempe drei Scheine fremder Währung hingen.« Das also verstand Fonty unter »annähernd schottisch«. daß meine siebzig Anlaß genug sind. »Ihre jungen Freunde warten nun schon ne geschlagene Stunde. verlangte Bestellung. .« Zur Einladung genötigt. Dennoch fanden sie dem langen Tresen und den sechs Kassen schräg gegenüber einen Zweiertisch.. durch Wäscheklammern gesichert. die in Nullkommanix durch ne Razzia beendet werden kann?« »Wäre ich bei Kasse. « »Also wenn schon gefeiert wird. Nie ließ Hoftaller von seiner Aktentasche. dem Bahnhof gegenüber.. Schwer enttäuscht sind sie. Erwarten Sie aber bloß nicht. Rucksäcke und neuglänzende Diplomatenkoffer prall gefüllt ihre Besitzer wechselten. in Nachbarschaft zum Elefantenhaus des Zoologischen Gartens.Sarah Picht hieß. Vor Kasse fünf stellten sie sich an und mußten schnell zum Entschluß kommen. das zwischen einer Radiohandlung und einem Tanzcafé mit Leuchtschrift warb. tauschte der Gastgeber beim nächststehenden Anbieter etliche Scheine Ost gegen rund fünfzig Mark West. des Unsterblichen und des Nachgeborenen runder Geburtstag gefeiert werden: »Glaube zwar immer noch nicht. sollte in einem Lokal.« »Und wo? Etwa auf dieser Stehparty. Jemand trug einen Hut.« »Sollte ne Überraschung werden . ganz nahbei. dann bitte nach Pläsier. Da wurde er rücklings angesprochen. Er sah. einige mehrmals. wo. Überall waren Taschenrechner in Gebrauch. bitter enttäuscht.« »Kann sich nur um ungeladene Gäste handeln. sofort. von dem aus Blicke auf anschließende Räume möglich blieben. wie Plastikbeutel. Sie belegten die Stühle mit ihren Hüten. Doch erst auf dem gleichfalls betriebsamen Vorplatz des Bahnhofs nannte Fonty das Lokal seiner Wahl: Nicht auf dem Kurfürstendamm oder am Savigny-Platz.

dazu Milchshake mit Erdbeergeschmack. bis er mit seinem Cheeseburger und den Chicken McNuggets fertig war. davonund zurückführen zu lassen. mal in die andere Soßenschale. die panierten Nuggets vom Huhn zu sein. dessen Signum als Heilszeichen galt. Dann saßen sie. dem der Super Royal TS für 5 Mark 95 West zu teuer war. wohin damit. Natürlich waren die Strohhalme nicht aus Stroh. hatten beide ihre Hüte auf Fontys Spazier. um sich sogleich von jenem westlichen. aneinander vorbei.ein FischMäc für drei Mark dreißig. als jedem sein Tablett über den Tresen geschoben wurde. kauend kommentierte er das Lokal: die Messingleuchter über der Theke. Noch aßen sie wortlos und blickten. Fonty wartete nicht. Weil sie nicht wußten. Er riet Hoftaller. doch waren die beiden nicht die einzigen älteren Semester oder Senioren. viel jugendliches Publikum. zu einer zusätzlichen Bestellung: Pommes frites mit Senfsoße. und manchmal reichte es sogar für eine Portion Pommes frites. aber auch Devisenhändler von gegenüber belebten den Betrieb. Cola und Milchshake wurden weniger. Ihm stand. Laufkundschaft. der schließlich für beide zahlte. alles für nur 7 Mark 75 . .oder Wanderstock hing an der Stuhllehne. und jeder mampfte für sich. Bei soviel Zulauf hätte Lärm herrschen können. die bestellte und mitnahm. die abgeschirmte Schnellküche. aber in allen Räumen ging es gedämpft zu. Von den Pommes frites nahmen beide. auch an der grünen Schirmmütze der Kassiererin Sarah Picht doppelbäuchig werbende Firmenzeichen wies er hin. obgleich einander gegenüber sitzend. für einen Cheeseburger und eine Portion Chicken McNuggets. Zwischen Biß und Biß. wie man im Westen sagte. Hoftaller schwankte zwischen dem Evergreen Menue . So sicher traf er Entscheidungen. mittlere Portion Pommes frites und mittelgroßes Erfrischungsgetränk.eine hieß Barbecue -. zog dann aber den doppelstöckigen Hamburger namens BigMäc vor. zweierlei Soße zu . als sei McDonald's schon immer sein Stammlokal gewesen. doch das Fleisch versprach. Sarah Picht lächelte der nachrückenden Kundschaft entgegen. Und auf das überall. passend zu den Chicken McNuggets.und einem bloßen McRib. Hatte der eine Mühe mit dem BigMäc.Nach Blick auf das gut leserliche und mit Preisen ausgewiesene Angebot entschied sich Fonty. Fonty wünschte einen Pappbecher Coca-Cola. tunkte der andere seine Chicken McNuggets wie geübt mal in die eine. nunmehr die Welt erobernden Namen. für deren Angebot Preistafeln sprachen . die sich bei McDonald's aufwärmten. Sie hörten sich und andere essen.Hamburger Royal TS. Hier und da standen ziemlich abgetakelte alte Männer und Frauen aus dem Bahnhofsmilieu. hundertprozentig vom Rind.

als wäre er dabeigewesen.»Die Duncans kommen. begann Fonty bei den historischen MacDonalds und deren Todfeinden.. Und vom Massaker von Glencoe kam er auf die gegenwärtigen Wirtschaftsimperien der beiden schottischen Großfamilien. « -. über windgepeitschte Heide und entlang blauschwarz tiefgründigen Wasserlöchern in das Strophengefälle jener schier endlosen Balladen. als über hundert Kiltträger des Campbell-Clans über die noch schlafdumpfen MacDonalds hergefallen waren und den Clan nahezu ausgerottet hatten. « -. Fonty hatte nur noch Schottland im Sinn. war plötzlich bei den Schustern von Selkirk. den Campbells. die Kenzies. Verse. Da staunen selbst Sie .. Bei Nebel zum Hexentreff. die Fonty als »meine ein wenig verstaubten Balladen« wertete. und manchmal sprach er von »unseren Balladen« wie von einem Gemeinschaftswerk. von einem frostigen Februarmorgen des Jahres 1692. Jeden Clan konnte er beim Namen nennen.»Und Jack und Tom und Bobby kommen und haben die blaue Blume genommen . vorgelesen hatte.. schlug er Exkursionen von Burgruine zu Burgruine vor. nachdem ihn die schöne Maid von Inverneß ins blutige Drummossie-Moor geführt und Graf Bothwell den König erschlagen hatte. die Leans und Menzies aus den Jakobitenliedern herbeizuzitieren . zitierte er anfangs aus den Jakobitenliedern . seinen Tunnelbrüdern. Nahtlos schloß an den mörderischen Streit zwischen den MacDonalds und den Campbells der Dauerzwist zwischen den Douglasbrüdern und König Jakob an. « Und schon war er. Deshalb geriet er. deren Namen sich global eingeprägt hatten: »Werden es nicht glauben wollen.. der Nachtwind nur durchpfeift es schrill . Als suchte er Anlauf. Hoftaller. Er erzählte. die der Unsterbliche zum Gutteil im Tunnel über der Spree den gleichfalls dichtenden Leutnants und Assessoren. Maria Stuarts Spuren hinterdrein. vom Stammsitz der Fast-Food-Firma Schloß Armedale ausgehend... dann wieder in Melrose-Abbey. die Donalds kommen .. unterwegs: Wanderungen jenseits des Tweed ins schottische Hochmoor. . nachdem die letzten Hähnchenhappen verputzt waren und er mit einem Rest Cola nachgespült hatte.»Schloß Holyrood ist öd und still. irrte anschließend durch den Zyklus von der schönen Rosamunde »Schloß Woodstock ist ein alter Bau aus König Alfreds Tagen . jedes Kiltkaro war ihm bis in Farbnuancen vor Augen. stieg dann in den Romanzenzyklus um Maria Stuart ein . In aller Welt zerstreut leben heute grob geschätzt dreizehn Millionen Campbells und immerhin gut drei Millionen MacDonalds. « Dann aber. « -. um noch einmal die Phersons...Von der ihm aufgehalsten Zeitlast beschwert..

. als wir uns durch die leider notwendig gewordenen Maßnahmen entlang unserer Staatsgrenze zwar vorm Klassenfeind geschützt.und des Königs schroffe Zurückweisung .. Strophe folgte Strophe. Jung und alt klatschte..»Ein Douglas vor meinem Angesicht wär ein verlorener Mann . « setzte er wirksam ergreifend. wie ausgeflippt. Vom wohlbekannten Einstieg »Ich hab es getragen sieben Jahr und ich kann es nicht tragen mehr. « . seinen »Archibald Douglas« vor. Er nahm Haltung an und den Hut ab. war bei Atem und trug mit heller Stimme. Seit Jahren trug uns Fonty.sagte er die kaum einem Schulbuch fehlende Ballade auf: dreiundzwanzig Strophen lang ohne Versprecher. in viel nietenbeschlagenes Leder gezwängter Glatzkopf hieb Fonty auf die Schulter: »War ne Wucht. wir reiten nach Linlithgow. jegliches Geräusch übertrumpfte.. der Unsterbliche sprach. oder kurze Widmungen nur. noch immer das Herz anrührenden. Und dennoch deklamierte kein Schauspieler. hielt ihn seitlich. doch gleichermaßen wie eingesperrt vorkamen. wie aufgerufen. Wir vom Archiv wären weniger erstaunt gewesen. Die Kassiererin Sarah Picht rief vom Tresen herüber: »Spitze! Das war Spitze!« Sein Vortrag hatte so sehr begeistert. anno 61. schaue mich gnädig an .stand Fonty plötzlich. ihn umarmten und abküßten. « . es wird im November .»Zu Roß. Reim paßte auf Reim... die in der Nähe saßen. in seinen Cheeseburger. die. Kein Wunder. für Wolfsohn. »seine« Balladen vor. herbeihüpften. und du reitest an meiner Seit! Da wollen wir fischen und jagen froh als wie in alter Zeit . schob mit linker Hand die Schachteln. Zöllner. daß der Betrieb an allen Tischen verstummt war. Alter!« Das Personal und die Stammkundschaft waren baff vor Staunen: So etwas hatte es bei McDonald's noch nie gegeben. manchmal auf Wunsch. obgleich sie manchmal zitterte. ohne zu stolpern. »Auf der Treppe von Sanssouci«. wenngleich die Historie verfälschenden Ausblick . häufiger ungebeten.bis zum versöhnlichen. « .»König Jakob. aufsprangen. Sogar den dramatischen Höhepunkt »Und zieh dein Schwert und triff mich gut und laß mich sterben hier. Um jene Zeit.. auch Gelegenheitsgedichte. Heyse bestimmt. in seinen BigMäc zu beißen. Und ein vom Bier aufgeschwemmter.. Niemand wagte. Soßenschälchen und den Pappbecher samt Strohhalm beiseite.über des alten Grafen Bitte . nein. wie das Poem zu Menzels siebzigstem Geburtstag.. Unvergeßlich ist den älteren unter uns ein spätherbstlich trüber Nachmittag geblieben. Beifall belohnte Fonty. mit Betonung.. « . daß zwei schrille Mädchen.

jedenfalls gelang es ihm.. die vom brennenden Schiff auf dem Eriesee handelt. « . daß uns damals. Jedenfalls ließ das freundliche Herrensöhnchen keine Herweghiaden mehr zu. Um genau zu sein: am 3. . Zu observieren war damals bei Ihnen nichts mehr. Doch zu Zeiten des sogenannten Vormärz waren Sie häufig durchgefallen. >Der alte Derffling<. Dezember 1854. uns ein wenig aufzumuntern. Sie sückelten sparsam und ließen dabei ihre Gedanken treppab eilen. Ihre Mache gefiel schon zuvor. doch unter anderem Titel im Tunnel gelesen: >Der Verbannte<. holte Hoftaller eine weitere Cola und für sich einen Milchshake. Respekt. auf freieres Wort..« Hoftaller erinnerte sich: »Zwei Jahre nach Ihrem ersten von uns geförderten Londoner Aufenthalt war das.Hoffnung auf bessere Zeiten.gewesen sein. als Dr. < -. kam Fonty über nunmehr langwierige Umwege auf Besuch und hat uns mit der späten Ballade John Maynard«. Am Tresen hatte das Personal gewechselt: keine Sarah Picht mehr. Kundschaft ging. >Schwerin< und >Keith<. liberal und doch standesbewußt.»In Qualm und Brand hielt er das Steuer fest in der Hand . Danach saßen beide nur noch für sich.>Graf Douglas faßte den Zügel vorn und hielt mit dem Könige Schritt . >Der alte Zieten<.« Mag sein. Adlig war der Herr. Endlich bei sich angekommen.. Sogar Hoftaller klatschte Beifall. zu trösten versucht: »Und ein Jammern wird laut: >Wo sind wir? wo?< Und noch fünfzehn Minuten bis Buffalo. Kundschaft kam. Da die Pappbecher leer waren. die Ihnen immer noch.und Kaffeespelunken. wie man hören konnte. Und wie Fonty dem sozialistischen Alltag Glanzlichter gesetzt hat. wie die meisten Tunnelbrüder. ungebrochen über die Lippen kommt. Fonty. Fonty wieder mit Hut. War ja nicht einfach. sagte Fonty: »Habe diese Ballade mit einigem Erfolg. So kamen Sie unter die Preußen! Und denen gefiel das geschickte Gereime dieser Rührstory . Lange nach den revolutionären Umtrieben. Die letzten achtundvierziger Flausen hatte Freund Lepel dem Revoluzzer ausgetrieben. diesmal mit Vanillegeschmack. Beifall bis ins Protokoll hinein. >Seydlitz<. Wir hatten Sie wieder bei der >Centralstelle< in Dienst genommen. so hob er mit strophenreicher Darbietung die Stimmung bei McDonald's. auf nachlassende Zwänge gemacht hat.. Schobeß noch Archivleiter war. für den abgebrochenen Apotheker ne Existenzgrundlage zu finden. Natürlich gab Merckel seinen Segen dazu. Respekt! War aber nicht Ihr erster Erfolg bei den sonntäglichen Versammlungen in Tabak. Nacheinander bekamen ne Menge preußischer Totschläger. die rettende und heldenmütige Tat des Steuermanns .

den HerweghEpigonen. der seine Apothekerprüfung noch nicht hinter sich hatte. Hörte man gar nicht gern. hab ich noch immer im Ohr. < Zweiundvierzig war das. Wollten wohl damit Ihren Freund Lepel und den gesamten verseschmiedenden Adel aufrütteln. glaubte man mit dem Namen eines mausetoten Stückeschreibers in russischen Diensten ehren zu können. Finde allerdings in meinem sonst gut sortierten Gedächtnis keinen Hinweis. darunter einem zweiundzwanzigjährigen Fant. Na. Blum. wie Ihr Briest zu sagen pflegte. Silentium! Lafontaine hat's Wort. fast zu naheliegend. doch war dem heiteren Anschein eine gallige Farbspur beigemischt. passende Reime gefunden? Ich krieg's noch zusammen. doch in Leipzig und anderswo fleißig gegen die Obrigkeit konspirierte. vorgetragen im Tunnel am 30. Petrarca natürlich. >Ein weites Feld<. den der erzreaktionäre Redakteur der Kreuzzeitung. Ihre allzu nackte soziale Anklage.<« Fonty lächelte über dem Rest seiner Cola. als ein Student Kotzebue erdolchte. mehr eingeschleust als eingeführt hatte. Jellinek hießen Ihre zuhörenden Freunde. hörte mich ein Polizist . die Sie allesamt. Lafontaine verpaßt. Fonty. sondern auch. Und der hat Sie dann in den reaktionären Tunnel eingeführt.. und ich wäre schier verloren. als es brenzlig wurde. Auch nicht >Des Gefangenen Traum<: >Das Volk ist arm! Warum? Warum verprassen die hohen Herrn des Volkes Hab und Gut?< Peinlich. Ganz gegenwärtig und ganz vergangen sagte er: >Ja. Max Müller. mich. was mein Biograph meinte nicht erwähnen zu müssen.Jedenfalls solang Sie bei dem von uns observierten Herwegh in die Schule gingen. soll ich nachhelfen? >Doch die Wände haben Ohren. Ihnen hat man als Vereinsmeiernamen. Nationalliberal nannten sich die Herren Merckel und Kugler. den eher passiven Literaturliebhaber. Juni 43. und kaum weiß ich. >Doch der ist ein Dichter! weiß ich sofort. der Sie bewunderte. Hoftaller.. Ihre Übersetzungen nach englischen Arbeiterdichtern: ein glatter Mißerfolg! Zum Beispiel >Der Trinker<. Ohne diesen Mordanschlag hätte es womöglich keine Karlsbader Beschlüsse. trotz der Proletarierverse. Wurde übrigens geboren. wer du bist. und sei es . Warum nicht? Gar nicht so übel seine Komödien. daß Sie irgend etwas. Selbst ohne Hinweis auf Kotzebue sind mir Ihre Schofelinskischaften erinnerlich geblieben. Sie waren als Tallhover superb. gegen Lepel ausgetauscht haben. Gaben sich hochtrabende Namen. keine Demagogenprozesse. Freund Lepel war Schenkendorf. Wolfsohn. Hat nicht der junge Heyse. daß ich nicht lache! Xenophon und Aristophanes. Doch grundsätzlich waren Sie wohlgelitten bei den Tunnelbrüdern. kein Wasnochalles gegeben. War ja nicht nur dem Objekt Herwegh auf der Spur. Das Portrait eines versoffenen Proletariers. ne längst vergessene Größe namens Hesekiel. Und mich.

und Bauern-Staat vor drohendem Zerfall zu bewahren. täuschte er mit dem Strohhalm Reste von Milchshake vor und rief schließlich: »Leer! Absolut leer! Aber Sie irren sich. Besonders die Schlußphase: kopflos. was an >Spänen<. sich mit einer neuen Papierserviette den Mund wischen zu müssen. Als Fonty nachhakte und ihm die Opfer des Leipziger Herwegh-Clubs in Erinnerung rief . vielmehr als typisches Produkt unserer klassenlosen Gesellschaft. Und da beide dem Jahrgang neunzehn angehörten. Im Grunde waren Sie da gut aufgehoben: ganz der Kunst hingegeben und politisch entschärft. Kann jedoch sein.einen Ihrer Polizeiberichte. Außer altersbedingter Müdigkeit war ihm nichts anzusehen. Sowas gefällt Ihnen natürlich: Mauerspechte! Wie uns damals eure Kleintalentebewahranstalt. mochte aber restlichen Vanillegeschmack nachkosten. Fonty.« Hoftaller saß hinter leerem Becher. Was haben wir nicht alles versucht. Immer wieder meinte er. hatte Fonty noch kürzlich Hoftaller zu seinem Siebzigsten ein Geschenk präsentiert. etwa Storm oder Keller.und Vorbeugeanstalt erwiesen. die uns mißfiel. gefallen hat. Die Politik haben andere gemacht. Abtauchen. in gereimter Fassung vom Blatt gelesen hätten.»Haben nicht Sie dafür gesorgt. übertreiben maßlos. wie dort Gedichte genannt wurden. wollten damit nichts zu tun haben. Selbst Ihr anfänglicher HerweghVerschnitt mit sozialkritischem Tremolo und vormärzlichem Revoluzzergehabe ist kaum einen Bericht wert gewesen. zu Gehör kam. das schon Tallhovers Biograph als geeignet nachgewiesen und somit in Vorschlag gebracht hatte: Dem Geburtstagskind gefiel das vielteilige Puzzle. ein original Westprodukt. und das ohne Adel und Preußentum. Verdeckt bleiben. War oft genug ne Politik. den wir >Rubens< nannten. daß man Ihresgleichen aus den Skizzenbüchern heraussortiert hat. damals wie heute. Spuren verwischen. ganz Ihre Methode. Ihm war gleichfalls nichts anzusehen. Bin kein Bluthund.« Fonty schwieg. aber Sie sind uns leider auf keinem Blatt erhalten. ob unter Manteuffel oder während der Herrschaft unserer führenden Genossen. Erinnert mich an die Prenzlberger Szene. der Tunnel über der Spree. daß Hermann Jellinek und Robert Blum später füsiliert wurden?« -. Ist mir einzig um Sicherheit gegangen. Mein Biograph bezeugt das. außer seiner weit über hundertjährigen Aufmerksamkeit. Das nun den Klassenfeind destabilisierende Ergebnis unserer Bemühungen haben wir noch kürzlich besichtigt. Namhafte Dichter. Menzel. Auch Hoftaller schwieg jetzt. hat ja trotz Tabakdunst und funzligem Licht etliche Skizzen aufs Papier geworfen und so einige der inzwischen total vergessenen Verseschmiede verewigt. Auch dieser Poetentreff hat sich als nützliche Bewahr. um unseren Arbeiter. dessen Motiv eine Großtankstelle mit allem Drum . War durchweg harmlos.

. Auf den einladenden Billets standen die Literarische Gesellschaft und des Unsterblichen Freunde .und Kulissenwechsel. trotz Kur in Thale . Die Zahl seiner Gegner habe sich verdoppelt.und Dran war. abbilden können.erlaubte ihnen prompten Kostüm. Wohin man blickte: zur Schau gestellte Ordensbrüste und Schmuckkollektionen.vermerkt: Als langjährige Existenzstütze des Theaterkritikers im Königlichen Schauspielhaus . verdreifacht. um ein Jahrhundert zurückentwickelt hätte es in zusammengesetztem Zustand durchaus einen preußischen Exerzierplatz.und abschwellender Lärm. März siebzig geworden. Stephany. Immerhin war das Ereignis durch den kaiserlichen Hoftraiteur ausgerichtet worden. Sie hoben spaßeshalber die Pappbecher und nahmen Haltung an. holte Hoftaller eine dritte Cola und abermals einen Milchshake.. Die über vierhundert Geladenen hätten sich auf das Vertilgen teurer Speisen und noch viel teurerer Weine konzentriert. das längere Frühstück mit Frau und Tochter bei Rotkäppchensekt. Welcher Siebzigste soll es denn sein?« Der gegenwärtige Geburtstag hatte seinen Höhepunkt hinter sich. Ganz Berlin war geladen. Eher beiläufig nahm Fonty Abstand: »Heut morgen.Brahm. 23 . Verspätet hatte Fonty das Tankstellen-Puzzle vom damals üblichen Begrüßungsgeld in der Spielzeugabteilung des KaDeWe gekauft und seinem betagten Tagundnachtschatten nachgeliefert.»Na. »Nichts ridlküler als Empfänge!« Und als gegen Schluß der Massenabfütterung sein »Archibald Douglas« rezitiert worden sei. « Erst Hoftallers Brückenschlag . . Fonty sagte: »Furchtbar richtig! Wir wollten ja anstoßen. McDonald's und dessen Kundschaft wurden unscharf. gemischt aus Geschnatter und Renommiergehabe. Januar. das Tempelhofer Feld. Über allem habe auf. dieser versprach Schokoladengeschmack. selbst wenn mir noch immer nicht nach Feiern ist. Schlenther . gleichfalls mit allem Drum und Dran. war grad genug bei meinem fehlenden Sinn für Feierlichkeit. feiern wir doch den großen Auftrieb vom 4. Außerdem kränkelt Mete noch immer. so zeitlos war Hoftaller am 23. rückten weit weg. Doch Fonty bemängelte den Aufwand: Für ihn sei das ein fragliches Glück gewesen. Man hätte in den Boden sinken mögen. gelegen.Eckplatz Nr. habe die Mehrzahl der Gäste Unkenntnis durch vorzeitigen Applaus bekundet. Weil sie nunmehr einander wortlos und trocken gegenübersaßen.wollte sich die Vossische spendabel zeigen. als die Vossische Zeitung zur Nachfeier eingeladen hatte« . Kolossal ledern das Ganze und wichtigtuerisch.

»Jedenfalls war vorhin noch. Ist wohl auf Ewigkeit abonniert. <« Fonty starrte auf die leergefutterten Schachteln. als Stephany. weil meine liebe Frau wieder einmal in Sorge war. ich könne mich in vornehmer Gesellschaft nicht recht benehmen und womöglich Unschickliches sagen. was das Publikum betrifft. Jedenfalls haben selbst Sie diesen völlig entphrasten Ibsen nicht aufhalten können. hat sie gesagt. freundlich wie immer. was Ihresgleichen natürlich nicht arbeitslos gemacht hat. Das Jahr des jungen Kaisers. wie meine Emilie. Und prompt war Emilie wieder in Angst. aber wohl eher doch.. Blamabel das Ganze! Hätte die Einladung ausschlagen sollen. seinem Kanzler den Laufpaß gab. Jede Frau wird diese Angst nie los. Ich engagiere mich ungebührlich. So viel verletzte Sicherheit. was den Hauptmann und seine schwarze Realistenbande betreffe. So viele unterlassene Verbote und am Parlament gescheiterte Umsturzvorlagen. Tallhover! Respekt. Hoftaller!« Nun starrte Fontys Tagundnachtschatten auf die leeren Schachteln. anfragte. ob geladen oder ungeladen. Gnädigst einen Schatten werfend. hat der Herr bemerken können. forsch von Anbeginn. so daß man sich hätte genieren müssen. Eure hochwohlgeborene Zuhörigkeit und untertänigst spitzelnde Durchlauchtigkeit waren ja dabei. Und als dann das Deutsche Theater >Die Weber< brachte. empfohlen hatte: »Na. Hätte nein und danke bestens sagen sollen.. wie verlegen ich während der Rezitation auf das auf meinem Teller vereinzelte Radieschen gestarrt habe. als sei mir ein Hühnerdreck auf den Teller gefallen. aber auch Mete. deren Intendanz der Unsterbliche ein Stück. der. als läge zwischen ihnen zerknautscht jener Theaterzettel. »Aber was rede ich. Schrieb in der Vossischen ziemlich begeistert gleich zweimal nacheinander. McDonald's besser als Englisches Haus damals!« rief Fonty. Respekt. daß ich mich blamieren könnte. Das war mehr als nur ein Skandal gewesen. ich könnte. Und im Vorjahr der Triumph der Freien Bühne. angeblich fehlender Garderobe wegen. die Pappbecher und die zerknüllten Papierservietten. fällt der Groschen? Ende Oktober neunundachtzig? Und zwar im Lessing-Theater: Uraufführung. die nicht dabei waren. mit Liebknecht und weiteren Sozis im Parkett. Januar 1890. der die Premiere der Hauptmannschen »Weber« angekündigt hatte. zu weit gehen. Schrieb deshalb an Stephany zurück: >Muß ich Ihnen die Weiber schildern? Meine sind in einer Todesangst. Hält sich bis heutzutage. als läge in deren Mitte noch immer das einsame Radieschen vom 4. war es mit den Bismarckschen Sozialistengesetzen vorbei. so viele . Tallhover. es muß wohl an uns liegen . Der Schnüffelei war kein Ende gesetzt. Hauptmanns Erstling »Vor Sonnenaufgang«.

»Gehen wir!« rief Hoftaller. Der halbvolle Sack neben ihr sagte nichts über seinen sperrigen Inhalt. Mein Bedarf ist gedeckt!« »Aber aber. sagte er: »Übrigens wüßte ich gerne. Die hätte so zwinkern können. Warum wird man siebzig?« Sie ließen einigen Müll zurück. Hoftaller zog ihn zum Ausgang: »Nun aber los. Die Zöpfe standen ab. »Im Mitropa warten noch immer unsre jungen Poeten. zwinkerte unablässig ihr Auge. daß ich für weiteres Geschwätz aufgelegt bin.schriftliche Eingaben und vorzeitige Hinweise während Kaiser. bis endlich auch Fonty ihr zuzwinkerte. mehrmals. dann mümmelnd kaute. auf wessen Gehaltsliste Sie stehen werden. Ihre löchrigen Handschuhe. dessen Schloß die Rote Armee auswies. Um ne kleine Nachfeier werden Sie nicht herumkommen .« »Und wenn ich nein sage?« »Ratsam wäre das nicht. mit Blick auf ihn.« »Sie wollen doch nicht etwa kneifen?« »Keine Festivitäten mehr. Mühe machte. ständig ihr rechtes Auge verkniff. die. fehlender Zähne wegen. die eine rot. Ihr steingraues Haar hatte sie beiderseits zu Gretchenzöpfen geflochten und mit knittrigen Propellerschleifen. der ihr. die alle mißachtet worden waren. Sie muß ihm bekannt vorgekommen sein. das findet kein Ende. die andere blau. in die Schlitze für die Arme geschnitten waren. Sie stand in Holzpantinen. gebunden. Eine seiner Kräuterhexen. Nahe dem Tresen mit den sechs Kassen und grünbemützten Kassiererinnen sah er eine Frau seines Alters. durch deren Löcher sie fingerte. Sie hatte sich in eine Decke gewickelt. Fonty. Ein Lederkoppel. als wollte sie ihm zuzwinkern. als beide zwischen vollbesetzten Tischen auf den Ausgang zusteuerten... etwa die Buschen aus dem »Stechlin« oder Mutter Jeschke aus »Unterm Birnbaum«. wenn es unseren Arbeiter.« Indem Fonty verzögert und wie von innerem Zaudern gehalten aufstand. Plötzlich blieb Fonty wie auf Anruf stehen. Zu viel Vergeblichkeit. Um den dürren Hals trug sie eine aus getrockneten Hagebutten gereihte Kette in doppelter Schlinge.« »Glaube kaum.bis Stasizeiten. Doch während sie zubiß. hielt die Decke zusammen. faßte sie einen BigMäc. wir tippen auf Hoppenmarieken aus »Vor dem Sturm«. Und mit beiden Handschuhen.« . Nein.und Bauern-Staat nur noch als Konkursmasse geben wird?« Dann seufzte er und stützte sich auf den Wanderstock: »Zweifelsohne. Von McDonald's haben wir mehr als genug.

Zwischen den Englandreisen hat ihn Hugo von Blomberg. als die Mauer fiel. Beide Mäntel miteinander verwebt. die nach einigen Kreidezeichnungen entstanden ist. man blickte sich nach ihm um. wird die Aussage älterer Archivmitarbeiter bestätigt. das ideelle Fortleben nach dem Tod . er sei jederzeit als Neuauflage in Erscheinung getreten. So sehr ähnelte er. Mit der spätbiedermeierlichen Blomberg-Skizze. näherte sich sein Aussehen der bekannten Lithographie von Max Liebermann aus dem Jahr 1896. behaupten noch heute. die uns den Fünfunddreißigjährigen überliefert.ein beschreibbares Aussehen hat. Mit einem Einzelbild zu beginnen heißt. Indem sie gingen. zwei Hüte. gaben seine Gesichtszüge im Profil wie frontal den Unsterblichen wieder. ohne in Potsdam seines Exils froh zu werden. der sich aus dem dänisch besetzten Schleswig nach Preußen geflüchtet hatte. Einige Mitarbeiter des Archivs. weil sein Charakterkopf das Konterfei einer namhaften Person zu sein versprach.. schrieb er über das verlorene Söhnchen: »Außer Vater und Mutter wohnte ein besoffener Leichenkutscher und die untergehende Sonne dem Begräbnis bei . Und übereinstimmend lehnten sie sich gegen den Wind aus Nordwest.oder anders gesagt.. Ob in der S-Bahn oder Unter den Linden. Bis zum gegenüberliegenden Bahnhof war es nicht weit. Fonty hingegen prägte sich ein. denn der sah nach nichts oder beliebig aus. 3 Wie von Liebermanns Hand Wie sahen sie aus? Bisher nur Schattenrisse: die Mäntel. der eine hoch und gedellt. auf denen besonders Nase und Augen betont sind. so vorgestrig wirkte er. Passanten stutzten. nach der Fonty in den fünfziger Jahren langmähnig und . Von hinten gesehen. ein Tunnelfreund. gaben sie ein einträchtiges Bild ab.Draußen wehte ein böiger Wind. die einen stutzerhaft gekleideten und modisch frisierten jungen Mann vorstellt. Man hätte den Hut ziehen mögen. der andere flach. An Theodor Storm. und seitdem er uns allen als Redner auf dem Alexanderplatz ins Blickfeld gerückt worden war. wenn Unsterblichkeit . skizziert. daß man vermuten konnte: er ist es. vorläufig auf Hoftaller und dessen Aussehen zu verzichten. Aber erst im Jahr. zögerten. wurden sie wieder zum Paar. auf dem Gendarmenmarkt oder im Getriebe der Friedrichstraße. Das geschah kurz nach dem Tod seines dritten Sohnes. doch wurde die Länge des leicht gebogenen Nasenrückens schon auf einer relativ frühen Bleistiftzeichnung bewiesen. denen Fonty seit den fünfziger Jahren bekannt war.

doch zugleich verführerischen Glanz« seiner Auftritte in Oranienburg oder Rheinsberg. dem gesellschaftlicher Klatsch und märkische Spukgeschichten gleich wirklich waren. als unbeschnittener Wildwuchs hing ihm der Schnauzbart über die Oberlippe hinweg und verdeckte mit den Mundwinkeln deren häufiges. Der Blick wissend und . Auch er liebte es. so sehr er handfesten Realitäten verhaftet schien. Und seine Koteletten wucherten gekräuselt bis flaumig an den Ohrläppchen vorbei.fest auf das jeweilige Gegenüber gerichtet. weich und zurückgenommen. doch schon seit den »Buddenbrooks« erfolgreicher Schriftsteller in seinem um 1910 geschriebenen Essay das »blasse. wo immer sie ihn erlebt hat: »Wirklich. weil nervöses Zucken. gütig und fröhlich dreinschauenden Greisenhaupt« vergleicht und überdies sehen will. unter Druck gab er nach. ob in Berlin oder später in London. Weitere . die silbrigen Strähnen unordentlich über den Kragen fallen zu lassen. die mit der Zeitschrift »Pan« verbreitet wurde. Und diese in der Unterpartie des Gesichts mangelhaft ausgebildete Willenskraft. Der gleiche Mangel machte Fonty eine hohe Stirn. weiß überbuschten Mund ein Lächeln rationalistischer Heiterkeit liegt«. Herausfordernd und ein wenig herablassend blickt er uns an.« Nichts dergleichen bietet jene Liebermann-Lithographie. die dem zeichnenden Liebermann nicht verborgen geblieben ist. Wenn Thomas Mann als noch junger. Die Augäpfel von plastisch gewölbten Lidern gefaßt. das mochten Personen oder Gegenstände sein. Auch er war über die Ohren hinweg und bis in den Nacken vollhaarig geblieben.obgleich wäßrig schwimmend . Nicht etwa wilhelminisch gezwirbelt. er verzauberte uns. kaum gebürstet. auf dem das annähernd weißergraute Haar willentlich ungekämmt über Mund und den Ohren fusselt und auf dem Schädel spärlich ausfällt. eine dieser mittlerweile reifen Damen schwärmt noch immer vom »zwar spätbürgerlichen.mit zum Backenbart tendierenden Koteletten als Reisender für den Kulturbund aufgetreten sein soll und besonders bei Zuhörerinnen Eindruck hinterlassen haben muß. fest. könnte auf Fontys häufig bewiesene Schwäche deuten: Ob Tallhover oder Hoftaller gegenüber. Ein Beobachter und Zuhörer. kränklich-schwärmerische und ein bißchen fade Antlitz von dazumal« mit dem »prachtvollen. desgleichen Fontys Dienstwilligkeit im Haus der Ministerien. Verjährte Verstrickungen mit dem Zensurwesen während seiner Tätigkeit in der »Centralstelle für Presseangelegenheiten« sind dafür Beleg. Das Kinn eher ängstlich. daß »um dessen zahnlosen. wird auch er die Blomberg-Skizze mit dem Liebermann-Blatt verglichen haben.

geschweige denn eine Portraitzeichnung. die Paul Heyse anläßlich der Lesungen im Literatentreff Tunnel über der Spree gedichtet hatte: »Da ging die Tür. die ihm begegneten.. waren dem jeweiligen Staatswesen dienstbar.. trotz des greisen Schnurrbartes. bereitet. Sobald Fonty das Archiv besuchte..Phasen seiner nachgelebten Biographie. Und Arger hat er sich allemal. zumindest andeutungsweise. notierte an anderer Stelle: »Er macht noch ganz.. können wir nur hoffen. wurde uns eine gereimte Schilderung lebendig. der den Endsiebziger »im Tiergarten. der wie in allzeit unsicherem Gelände tastende Schritte nach Altmännerart machte. den jünglingshaften Eindruck. die er für den Kulturbund gehalten hat. Hoftallers Aussehen beweist kein Photo. warf in den Nacken das Haupt zurück . und in die Halle mit schwebendem Gang wie ein junger Gott trat ein Verspäteter frei und flott.. und Fonty hat das Fortleben wie ein Programm durchexerziert. « Zu solchem Auftritt und Gang war der Unsterbliche bis ins hohe Alter fähig. mit dem historischen dicken Tuch um den Hals« gesehen hatte. sondern ließen uns überdies von seinem Anblick zu dem Glauben hinreißen: Er täuscht nicht vor. selbst wenn sie versuchten. mit Rückbezügen auf die preußische Zensur zu erweitern. Und da uns Tallhovers Biograph nichts Zitierbares in die Hand gegeben. Das brachte ihm Arger ein. Unsere Zweifel wurden an seiner Erscheinung nichtig. wurden damals als halsbrecherisch mutig gewertet. Fontys beschwingtes Schreiten besonders auffiel: ein Jüngling in bejahrter Hülle. sosehr wir heute bereit sind. das Literaturverständnis jener Jahre. So sahen wir Theo Wuttke. grüßt in die Runde mit Feuerblick. die dem elften ZK-Plenum folgten. nicht einmal ein Phantombild geliefert hat. Er lebt fort. « Hier ist Unsterblichkeit direkt angesprochen. Er steht dafür. in der Abenddämmerung. daß mit Fontys Gesamterscheinung auch dessen Tagundnachtschatten ins Bild kommt. sahen sich dem Urheber gegenüber. daß an Hoftallers Seite. ihm vieles nachzusehen und anderes als üble Anpassung zu verurteilen: Seine Versuche. Deshalb nahmen wir ihn nicht nur beim geplauderten und über Seiten und Verskolonnen hinweg zitatseligen Wort.. etwa die wiederholten Kriegsberichte aus dem abermals besetzten Frankreich und alle Vorträge. . in dieser und jener Gestalt. und auch alle anderen. unter dem er fortleben wird . Und Julius Rodenberg. Wir sahen bereits.

»Lager der Kriegstreiber und Imperialisten« aufgefüllt hatte. von dem es hieß. vielleicht der Neubau in Bitterfeld. Eines seiner Häuser. blickte. Miteinander einig die Brüder Mann. Deshalb diente er in den siebziger Jahren. als Phantom. Den Auftrag für die heftige und in allen Farben schwelgende Malerei soll der Kulturbund erteilt haben. die Wandmalerei übertüncht. Sigmund Freud. erkannt haben. wie in einem Vexierbild. verlangte nach Bildschmuck. Ein eher gerundetes als langes Gesicht. der zu früh gestorbene Uwe Johnson mutmaßend über die Schulter. wie es hieß. die ideologische Plattform beschworen. dem stellvertretend abgebildeten Fonty. Selbstkritik mußte geübt. Man stelle sich vor: Das Portrait Franz Kafkas soll eine kopfgroße Lücke gefüllt haben. wie er ein Zeitungsblatt des Zentralorgans als vielteiliges Puzzle . das in der expressiv abgewandelten Manier des sozialistischen Realismus eine Gruppe bedeutender Schriftsteller versammelte. gleichfalls das Lächeln.mit üblicher Anrede . weil Heisig oder einer seiner Schüler die Versammlung literarischer Größen mit Vertretern aus dem. als politischer Protest einige Künstler zu vieldeutigen Parabeln provozierte. ist zu bestätigen. dem Maler Heisig oder einem der vielen HeisigSchüler als Modell für ein Wandbild. Dicht hinter Herwegh gerückt. in einer bärtigen. auffindbar gewesen sein: hier laufend. das ihm nachgesagt wurde. der allzeit schreibbereit einen Gänsekiel hielt. Leider ist dieses Werk. Becher. über der Versammlung als Traumbild schwebenden Erscheinung will jemand die Kultfigur bürgerlicher Dekadenz. nach Aussage einiger Zeitgenossen. wieder mal unterwegs?« . auch waren einige nur damals gegenwärtige Literaten dem Gruppenbild einverleibt. schlug ein Dreikäsehoch auf eine Blechtrommel. soll er durch ein nur mit Mühe lesbares Namensschild am Revers als Tallhover enttarnt worden sein.in ironische Distanz zu flüchten. er habe ein Bändchen Biermann-Lieder in Händen gehalten. An anderer Stelle der Malerei will man gesehen haben. Heine zu Füßen. Fonty. am Einspruch der führenden Genossen gescheitert. dem beständigen Ausdruck bedrohlicher Allwissenheit und an seiner auffälligen Unauffälligkeit erkennen können. So fand sich das Modell Fonty stellvertretend zwischen Georg Herwegh und dem jungen Gerhart Hauptmann plaziert. natürlich Johannes R. der Entwurf an eine staatliche Sammelstelle ausgeliefert werden. wie so viele andere. die noch kürzlich vom Parteikollektiv gerügte Wolf stand der Seghers nachgeordnet. und überdies soll in dem Wandbild jemand versteckt und doch.»Na. dort zusammengekauert und dort versteinert. unverkennbar Brecht und die gestrenge Seghers. Behauptet wurde: Den vervielfachten Hoftaller habe man an seinem Dauerlächeln.

. Was Fonty betrifft. wie er seiner der Nerven wegen kurenden Tochter in einem alles verplaudernden Brief geschrieben hatte. Der Shawl gehörte zum Fortleben des Originals. Nicht nur weil Liebermann.. die ledernen Prinzipienreiter und nicht nur am Sedanstag dröhnenden Geheimräte durch das feinmaschige Sieb seiner Ironie zu jagen. zum Beispiel.. auch wenn bei seinen Tiraden gekränkte.. . «. «.. sondern mehr noch. mit hochgeschlossener Binde gezeichnet. das anstrengende Stillsitzen verkürzte.. ist anzunehmen. ein richtiger Maler ist. März 96: »Es ist hundekalt und ich erkälte mich so leicht. warum Fonty sommers wie winters ein solch langwüchsiges Abzeichen keltischen Clanwesens trug. ganz nahe am Potsdamer Platz.. dem preußischen Adel hohnzulachen. dessen bereits fertigem Teil das Adjektiv »schädlich« abzulesen gewesen sei. daß wir die letzte Sitzung wieder bei uns haben . Wage deshalb die Bitte auszusprechen. im Atelier des Meisters. weil ihm des Malers nie um Pointen verlegener Witz. zurückgewiesene oder verkannte Liebe den Ton angab. Doch Max Liebermann hat den mittlerweile sechsundsiebzigjährigen Greis ohne Schottenmuster am Hals.. Da die Tallhover-Biographie erst seit Mitte der achtziger Jahre im Westen als Buch vorlag. Er ging da gerne hin. den blaugrünen schottischen Shawl locker um die Schulter. daß dem Maler eine Portion Spezialwissen vermittelt worden war. glich selbst im Nachhall noch Fontys Methode. der weder Kaiser noch Kanzler und schon gar nicht die hofmalende Zunft schonte.. dem ich in die Hände falle . bleibt zu sagen: Er trug als Modell und fortlebendes Abbild jenen Shawl. Die Sitzungen fanden entweder am Pariser Platz. Der nahm kein Blatt vor den Mund. die in der Mitropa-Gaststätte am Bahnhof Friedrichstraße stattfand und eher trist endete.zusammensetzte. den Rodenberg als »historisch« empfunden hat und den der Literaturhistoriker Servaes im Todesjahr des Unsterblichen wie eine Reliquie beschreibt: » . daß der enge Geist jener weit zurückliegenden Jahre die komplexe Dichte dieses Wandbildes nicht hat dulden wollen. die neureichen Spießer und verschuldeten Leutnants. Zwar steht in dem Brief vom 29. doch die Ateliersitzungen überwogen. Wenngleich er Menzel höher schätzte. Da stand er vor dem Palast-Hotel.. Schade. » . als er mit Hoftaller bei McDonald's seinen siebzigsten Geburtstag feierte und anschließend zu einer Nachfeier gezwungen wurde. « Hiermit ist letztlich begründet. war Liebermann ganz nach seinem Geschmack. oder auf Wunsch in der Potsdamer Straße 134 c statt. Dessen Methode.

deren dem Massaker folgende Schlußzeilen »Mynheer derweilen. In England übrigens nicht weniger. deren Schärfe seine Emilie. vielmehr mit solchen der Firma Mannlicher ausgerüstet und auf Missionsreise gewesen seien. geh nur: Ich hab mich noch lange nicht ausgekollert.»Das Zeitalter des Schönrednerischen ist vorüber.. Die Mansardenwohnung in der Potsdamer Straße kannte diese Parolen. »Und immer geht's gegen den Kaiser und dessen neueste Reden.« . Tüftelnde Schlaumeier waren dahintergekommen. als wellenschlagende Geschichte einen Zeitungskrieg entfesselt hatte. »Nur noch Diplomatengezänk. wollte aber nicht nur Wilhelm zwo verspottet hören. Das alles erzählte er Liebermann. Über das Poetische steht natürlich kein Wort!« Liebermann zeichnete Blatt nach Blatt. daß er seit seiner Entlassung die Tage nur noch mit Schimpfen verbringe. weil er Steigerungen befürchtete: »Ick will lieber en bisken rausjehn. <« Gestauten Ärger breitete er aus. daß ick nich alles hör. Telegramme. Dummheiten. ziehe der Alte im Sachsenwald ein neues Register seiner Invektivorgel.. sagte. Jetzt gilt nur noch: Freiweg!« rief er bei Tisch den erschrockenen Söhnen zu. »So sind die Kolonialherren. Sagen Christus und meinen Kattun! Oder wie's in meinem John-Bull-Poem heißt: >Und auf hundert Hosenpaare kommen fünfzig Missionare . der gerade eine weitere Skizze begann. war aber nicht stumm dabei. Gleichfalls war die Doppelzeile »Allerlei Leute mit Mausergewehren sollen die Balinesen bekehren« in den Niederlanden empfindlich aufgenommen worden. wenngleich einen genialen«. Sobald Besuch komme. wie kürzlich das Gezeter anläßlich seiner späten Ballade »Die Balinesenfrauen auf Lombok«. von dem der Maler gehört hatte. weil seine Ballade. Man hatte ihn »einen Meister der Grobschmiedekunst« genannt. die immer besorgt war. der während der scharfzüngigen Wechselreden im Atelier herumkramte. durch Abdruck und Kommentierung im »Börsenkurier«. er könne übers Ziel hinausschießen. daß die niederländischen Kolonialtruppen nicht mit Mausergewehren. Jetzt ging es um Bismarck. malt sich christlich Kulturelles vor« hatten anstößig gewirkt. denn wenige Tage vor dem Modellsitzen hatte sich sogar das Auswärtige Amt bekümmert gezeigt. gleichfalls mit Schrecken hörte. Liebermanns alter Diener. in seinem Kontor. während er doch eigentlich beim Modellsitzen ein würdiges Greisengesicht hätte zeigen müssen. sagte: >Ja.« Und Liebermann.« Das Modell stimmte zu. sondern war für Ausgleich und nannte den Eisernen Kanzler einen »schrecklichen Heulhuber. Solche »Forsche« brachte Ärger.

Das gilt gleichfalls für heute. bevor mir die Lampe ausging . dort sagt mein Dubslav: >Nichts ist unmöglich. sondern auch neue Wege . um den Schwefelgelben. Doch meistens ging es um Politisches.. und Adel und Klerus sind altbacken.paar Jährchen. den Judenfresser: des Hofpredigers jüngste Schandmaulerei.. Die neue bessere Welt fängt bei den einfachen Leuten an. Pinseltöpfen. den ich ab Winter fünfundneunzig in der Mache hatte. so nah er seinen Zuhörern die Atelierstimmung brachte. mit Oberlicht. Kaum ahnen wir.und Bauern-Staates. von wo ich dann meine notwendigerweise skeptisch eingetrübte Rede gehalten habe: >Ist alles Trug und Blendwerk!< Denn daß Parolen wie >Wir sind das Volk!< wetterwendisch sind. < . Übrigens: das Richtigste über Bismarck hat ein Pole namens Henryk Sienkiewicz geschrieben. War ja auch toll. ein wilder Norweger namens Munch wurde abgehandelt. So schnell ging der jüngsten Revolution das Pulver aus . an dem ich nach all den blitzgescheiten. in Rußland und anderswo. November vorstellbar gewesen. packen alles neu an. März für möglich gehalten. Wer hätte vor dem 18. meine jungen Freunde.>Alles Interesse ruht beim vierten Stand! Der Bourgeois ist furchtbar. haben nicht bloß neue Ziele. die Arbeiter. Kommt sowieso alles ins Rutschen. der Rest ist Blech. wenn der Drechslermeister vom Leder zog und gegen die Kolonialherrschaft austeilte. deshalb meine Aversion gegen den . plötzlich mutigen und nun freiheitsbesoffenen Rednern aufs Podest gerufen wurde. Oder um Bebels letzte Rede im Reichstag. Na. für möglich in diesem echten und rechten Philisternest Berlin!< Oder wäre etwa hier der 4. bis daß die Fetzen flogen. was alles.. der uns oft versichert hat: »Reden müssen hat für mich immer etwas hervorragend Schreckliches gehabt. Es ist wie im >Stechlin<. März den 18.. von diesen Sitzungen erzählte oder auf Befragen uns im Archiv Bericht gab. im Kreis seiner Freunde vom Prenzlauer Berg. Oder um Stöcker ging's. hörten sich seine Erinnerungen merkwürdig distanziert an. in strengen Vergleich bringe. macht das zwar Adel und Klerus von dazumal nicht besser. und schon war die Demokratie weg und die Einheit da. war mir sicher. Skeptisch bleiben ist besser als zynisch werden.und mein Prophetenlatein aus den mittleren neunziger Jahren . was aber den Arbeiter angeht: Da ist die Luft raus! Liebermann war damals schon skeptisch und ich im Grunde auch. Man mußte nur ein einziges Wörtchen austauschen. Palmwedeln und überall herumliegenden Pferdestudien: »Neueste Malerei. der vierzig Jahre lang >der erste auf deutschem Boden< genannt wurde. « Wenn Fonty. Doch sobald ich Worte wiederbelebe . selbst wenn es druckfrisch im >Spiegel< steht. Denn sie.mit dem nun bevorstehenden Ende des Arbeiter.Als Fonty während der Nachfeier seines siebzigsten Geburtstages.

der anziehende und zugleich Distanz fordernde Blick. auch wenn er noch so hübsche Illustrationen zu >Effi Briest< gestrichelt hat. Die Nase kühn im Profil. Bleibt aber trotzdem Jude. »Die müßte man als Steckbrief anpinnen!« spottete Hoftaller. die vielen Juden an Ihrer Seite. daß Werner der plustrige Orden am Jackett wichtiger war als der Kopf des Modells. Sobald wir das Portrait des Menzel-Schülers Fritz Werner mit Liebermanns Blättern vergleichen. Überhaupt. Und so ist er jenem Teil der Fünfhunderttausend in Erinnerung geblieben. »Auf meine die Kunst betreffende Frage sagte der Meister: >Zeichnen ist Weglassen!< Ich darauf: >Aber man muß auch genug Stoff unterm Daumen haben. der am späten Abend des Tages nach den Geburtstagsfeiern bei McDonald's und im Mitropa als Tallhover nicht nur mit dem Maler abrechnete: »Liebermann. In ganzer Figur und in freier Rede. besonders gerne. der uns fremd. besser als andere. der Jude Friedlaender! Jahrzehntelang war Ihr wichtigster Verleger ein Jude: der Jude Wilhelm Hertz! Und die erste Sammlung Ihrer lyrischen Ergüsse hat. dem seine Auszeichnungen als verdienstvoller Kulturaktivist so schnuppe waren wie dem Unsterblichen seine drittklassigen Orden. stieg ihm Röte ins Gesicht. mit dem Fonty uns musterte.Parlamentarismus«. Und so. fällt auf. weil kommerzienrätlich vorkommt. zugegeben. um weglassen zu können. . Der Blick über alles weg. um Sie herum. Wie vom Wind bewegt das greise Fusselhaar. leicht koloriert. »In Deutschland hat die Einheit immer die Demokratie versaut!« rief er ins Mikrophon und bekam Beifall. Sein bei lockerer Wortwahl zwingender Ausdruck bannte den Zuhörer. hätte man ihn zeichnen müssen.<« Was immer er sagte. hat Sie gezeichnet und lithographiert. sobald wir ihm zu nahe traten. Solche Auftritte haben seinen Augen Glanzlichter gesetzt. Fonty. als Redner. Ihr Stoff spendender Brieffreund. Deshalb wird die Frage »Wie sah er aus?« am treffendsten von Max Liebermanns alles Beiwerk weglassenden Kreidezeichnungen beantwortet. wenn er den Wortschwall seiner jünger vom Prenzlberg oder unsere archivalischen Bedenken zu kürzen versuchte. wies wiederholt auf die Sitzungen in Liebermanns Atelier hin und zitierte den Maler bei jeder sich bietenden Gelegenheit. immerzu Liebermann! Was heißt das schon: bedeutender Impressionist? Reden wir deutsch: der Jude Liebermann! Na schön. ließ nicht los. weil aufgefordert. besonders heftig um die Backenknochen. ins Reden geriet. Das konzentrierte Dreieck aus Nase und Augen. war mehr als bloßes Zitat. der auf dem Alexanderplatz nahe dem Podest stand. derart.

Bis zum Schluß Juden! Lauter Juden als Superpreußen! Nicht zu vergessen Ihre dicksten Freunde: Hieß Ihr großer Förderer. Das fing schon früh an. bei der Vossischen von Juden gelobt. als Sie noch revolutionär reimten . an Juden gerichtet. natürlich ein Herr Katz auf den Buchmarkt gebracht. vorabgedruckt. indem Isenthal der geschäftstüchtigen Titelheldin bestätigt. der >L'Adultera< verlegte. Ein Jude wie jener Cohn. Dazu der Jude Schottländer. nicht eigentlich Abrahamson? Oder der Jude Theodor Wolff. kommen Juden raus. den Sie zum Schluß Ihrer leichtfertigen Geburtstagsreimerei zum Fünfundsiebzigsten hochleben lassen: >Kommen Sie. den Sie bei Laune >den dicken Lewy< nannten. Wo man kratzt. vorfinanziert. Das wollte nicht aufhören. was prompt auch der Witwe Liebermann passiert wäre. Überhaupt! Wäre ne Sache gewesen. hätte sie nicht selbst Schluß gemacht. lauter Juden. Und Moritz Lazarus hieß ein anderer. hieß der stille Teilhaber Fritz Theodor Cohn. Dazu ne Menge Briefe.wie hieß das Bürschchen aus Odessa? Wolfsohn hieß der Judenbengel. Zu Tisch bei Juden.oder sage ich besser: den . wo anfangs ein jüdischer Tierarzt namens Lissauer kurz abgehandelt wird. die in >Mathilde Möhring< zum Schluß ne bezeichnende Rolle spielt. sie höre das Gras wachsen: >Sie hat entschieden was von unseren Leuten. natürlich Jude ist. Selbst als Ihr Sohn Friedrich nen Verlag gründete und des Vaters Bücher nicht gerade besonders erfolgreich verlegte. den später miese Geschäfte in Verruf brachten. wie Sie heutzutage einen gewissen Professor Freundlich . das pleite gegangene Finanzgenie Rubehn. frecherweise Wilhelm vorweg. Oder Ihre jüdischen Kommerzienräte wie Blumenthal und der Bankier Bartenstein.in >Unwiederbringlich<. zuletzt >Effi Briest<. einen Roman. die sich für nen Kulturbundvortrag geeignet hätte: Die Juden in den Romanen des Unsterblichen. viel später nur noch das KZ offenstand.weil Cotta nicht wollte. in dem gleichfalls Juden zur Staffage gehören.naja. immer wieder an Friedlaender. der Jude Brahm. Kapital eingebracht und so den Roman >Frau Jenny Treibel<. dem später. in Karlsbad von Juden umringt. die Szene im brennenden Schloß . der aus dem hessischen Rodenberg stammte und eigentlich Julius Levy hieß. aber nie in Erscheinung tritt. in dem die ehebrecherische Hauptperson. Bis zum Schluß Episteln an Friedlaender. Oder die Firma Silberstein und Isenthal. Oder: Der Unsterbliche und die Juden! Zum Beispiel diese fatale Ebba Rosenberg . Und Rodenberg. hat als Jude die >Deutsche Rundschau< herausgegeben und drei Ihrer Schmöker. Cohn!< Außerdem hat bei der Gründung des Familienverlags ein weiterer Jude. im Herwegh-Club. der es bis zum Generalkonsul bringt.< Was denn? Das Gemauschel? Das Tachelesreden? Das Geschacher? Und im >Stechlin< sind es Vater und Sohn Hirschfeld mit ihrem Dauergezänk.

die zahlten. getünchte Kirche. taten die Juden dazumal die deutsche . der sich als Tallhover erinnerte. Dem einen haben Sie Ihre Sorgen über das preußische Bündnis von Thron und Altar geklagt.zum Brieffreund haben. wie Sie auf Kosten Ihres einst so geliebten Preußen mit Juden verkehrten. Juden. hob leicht die Augenbrauen. weil er bemerkte. vor uns sehen. die Juden . < Und deshalb steht in Ihrem frivolen. dem anderen noch kürzlich Ihren revisionistischen Ärger über die. von Juden abhingen und uns den Juden als eigentlichen Kulturträger hochjubeln wollten.. geschrieben wurde. ungemein witzigen.. daß die Juden überhaupt da sind. Wie ich im Gespräch mit Professor Lasson . dann aber wird die totale Verjudung mit nein Dankgebet gutgeheißen: >. Juden. ihn zu einem »Jahresendbummel« zu überreden: »Was soll diese elende Stubenhockerei!« Und Theo Wuttke. mit beiden ließ sich gut lästern und dem ewigen Renegatentum Vorschub leisten. Ob mit Friedlaender oder Freundlich. doch insgesamt abartigen. wenn die Pflege der 'heiligsten Güter' auf den Adel deutscher Nation angewiesen wäre! Fuchsjagd. am Silvesterabend. Juden. So war's. im Todesjahr übrigens. die Ihnen schmeichelten. verändert hatte: breites. Fonty sagte: »Was da meiner Mete..Sie werden sagen. weil Ihren Ruf als deutscher Schriftsteller für alle Zeit schädigenden Geburtstagsgedicht diese Preußens Adel höhnisch erteilte Abfuhr und ne lobrednerische Aufzählung von Juden. Ihre Leser. hatte sein Tagundnachtschatten keine Mühe gehabt. weil dessen Frau und Tochter kränkelten und deshalb schlafend ins neue Jahr gleiten wollten. daß man aus verantwortlicher Position nicht gerne sah. Juden. aber ohne schiefen Blick. die hilfreich waren. dank Liebermanns Kreidezeichnung.bestätigt fand. « Das alles und noch mehr sagte Hoftaller. ist immer noch kolossal richtig. wenn ich mal zitieren darf.. Kein Wunder. ohne sich von Fonty unterbrechen zu lassen. Hoftaller! Denken Sie mal zurück. wie wir ihn nun.. daß sich Hoftallers Aussehen. Wie sähe es aus. Zwar steht im letzten Ihrer Briefe an die Tochter Martha: >Immer wieder erschrecke ich vor der totalen Verjüdelung' der sogenannten 'heiligsten Güter der Nation'. mit denen sich bei Tisch plaudern ließ.ehemaligen Genossen Freundlich . Sonntagnachmittagspredigt und Jeu . Grübchen werfendes Dauerlächeln war viereckigem. schon wieder ein Jude . die Lippen ins Quadrat zwingendem Haß gewichen.. >Mißgeburt des preußischen Sozialismus< bestätigt. während beide zu später Stunde vom Marx-Engels-Platz aus in bekannter Paarung die Linden runterbummelten. Im einen wie im anderen Fall: ein dicker Packen Plauderbriefe an Juden. Fonty genannt.

Der ereignisreichen Zeit wegen herrschte Unter den Linden ein Sog in Richtung Tor. selbst wenn die Herren Söhne und der Herr Schwiegersohn später meinten. kommen Sie. Jadoch. Stellten mich freundlich an ihre Spitze. Tallhover! Zweifelsohne dienstlich. alle haben sie mich gelesen.< Sogar Liebermann. >Die auf 'berg' und auf 'heim' sind gar nicht zu fassen. Und deshalb schließt das bei dieser Gelegenheit verzapfte Gedicht mit artiger Verbeugung: >jedem bin ich was gewesen. Alle Patriarchen waren zur Stell. nach Percy. Sie gelten nun mal als ausgepichter Judenfreund. der nun Oberwasser hatte. Wolff. wie sonst der Pastor von der Kanzel predigt: Ich sehe viele.. dem solch ein Auflauf. Wahrscheinlich hat sich Mete deshalb geweigert.freiweg! -. was sollten mir da noch die Itzenplitze!<« Weil Hoftaller schwieg oder schweigend nach seinem entschwundenen Dauerlächeln suchte.>Sie hatte ein silbernes Messer. Desgleichen fehlt in der späten Ausgabe der Gedichte mein Gelegenheitsgedicht zum Fünfundsiebzigsten. alle waren gekommen. Dafür jene von prähistorischem Adel. Und deshalb reimte ich: >Keine Bülows und Arnims. Brahm. einem Blutritual abgeschöpften Ballade >Die Jüdin< . Dabei mußte gesagt werden . Es ging ja nicht irgendein beliebiges Jahr zu Ende. die Abram. keine Treskows und Schlieffen und Schlieben und über alle hab ich geschrieben. Mußte an Ihrer. Isack. Die Staatsoper hatten sie hinter sich. Doch selbst Ihr Biograph Reuter tut sich mit dieser Legende schwer. daß bei den Feierlichkeiten. wie schon zum Siebzigsten. Es war. Und selbstverständlich der Co-Verleger Fritz Theodor Cohn an der Seite meines in Verlagsdingen nicht immer glücklichen Sohnes Friedrich. bleibt richtig. als Mitherausgeberin zu zeichnen. hakte Fonty. sie stürmen ein in ganzen Massen. Israel. das . daß nämlich der Ahlwardt ein Lump sei. Cohn!<« Inzwischen waren die beiden Jahresendbummler an der Humboldt-Universität und dem Roßundreiterdenkmal vorbei.»Go West« hieß eine Zigarettenreklame jener Jahre -. Rücksicht nehmen und den >verrückten Lump< bei der Veröffentlichung der Familienbriefe streichen zu müssen. Haben emsig ne Liste gemacht für Ihren Rapport..Kulturarbeit. hat mich beehrt. Preußens Adel durch Abwesenheit glänzte. sogleich nach: »Waren doch bei der Geburtstagsfete dabei. Und was ich meiner Mete über den christlich-sozialen Hofprediger Stöcker und den Giftspritzer Ahlwardt zu schreiben hatte. alle kannten mich lange schon. und das ist die Hauptsache . Lazarus. Und während beide nun wie vom Zeitgeist beschleunigt vorankamen . und die Deutschen leisteten als Gegengabe den Antisemitismus. zuwider war. die nicht da sind. wie mir. fand der in Hoftaller abgetauchte Tallhover sein Dauerlächeln wieder: »Na ja.

. die europäische Presse ist eine große Judenmacht. ihres grenzenlosen Übermuts. zum Beispiel . und zwar in ein und demselben Brief. wie wir wissen.. immer noch griffige Verurteilung des internationalen Judentums fettgedruckt. diese Zeiten. Cohn!< . ich weiß. diese Schande wird bleiben . so bricht in Zeiten. daß ich den Juden eine ernste Niederlage nicht bloß gönne.. waren Sie andererseits nicht sparsam mit happigen Prophezeiungen.. Tallhover. Fonty! Damit leben wir. eine schwere Heimsuchung über sie herein.>Kommen Sie. die es versucht hat. Fonty alterte unter dem lastenden Zitat: »Wir haben sie erlebt.. Und Sie wissen noch mehr.. Wurde anno zweiundfünfzig im Tunnel gelesen.. Es war wohl die Zeit damals .zu nein stinknormalen Antisemiten.< Da wird .. doch erst vierzig Jahre später folgten Sie dem Wunsch Ihres Tunnelfreundes Heyse und kippten den Knabenmord aus der folgenden Neuauflage der Gedichte. denn was Sie am 1.< Na. Gibt ja noch andere Sachen. »Fürchte. In Himmlers >Schwarzem Korps< wurde denn auch prompt. und zwar anno fünfunddreißig.der wohlwollende Philosemit . Und wie Sie einerseits honigsüß beteuert haben: >Ich bin von Kindesbeinen an ein Judenfreund gewesen und habe persönlich nur Gutes von den Juden erfahren . die vor sich hin ticken..Hand aufs Herz. Dezember 1880 Ihrer Busenfreundin und Beichtmutter Mathilde von Rohr vorausposaunt haben.ziemlich schlucken. Fonty? Richtig zitiert?« Schon standen sie inmitten der Masse.trennte gut und schnitt .. wenn sie sie Jetzt nicht erleiden und sich jetzt auch nichts ändert. Die Masse guckte den Raketen nach. sondern wünsche... <. die sich vorm offenen Tor staute. Ich weiß. Fonty! . Nicht jeden meiner Briefe möchte ich geschrieben oder so geschrieben haben. > . Einer jüdischen >Gazettenverschwörung< sind Sie auf der Spur: >. hört sich heute wie Endlösung an: >. Und das steht mir fest. der gesamten Welt ihre Meinung aufzuzwingen. « »Schwamm drüber!« rief Hoftaller. obgleich es noch gut eine halbe Stunde vor Mitternacht war. Und außerdem: Was für ne wacklige Meinung zur Dreyfus-Affäre! Ist alles in den schriftlichen Plaudereien mit Ihrem Spezi Friedlaender verbrieft: >Ich war anfangs natürlich ganz Zola!< Dann aber kommt die Kehrseite zur Ansicht.. Dennoch habe ich so sehr das Gefühl ihrer Schuld. « Da stiegen die ersten Raketen. . « »Ach was.. Ihre. und mit der Masse blickten die beiden gen Himmel. die wir beide freilich nicht mehr erleben werden. die als Leuchtschirme und Goldregen aufgingen.

. die auf Hoftallers vergreistes Kindergesicht Lichter setzten. Jeder rief. Fonty stand unschlüssig neben seinem Tagundnachtschatten. in kindlicher Freude. nur um sein flächiges Gesicht voll aufzuhellen.. denn wie er himmelwärts starrt. erlebte er sich und sahen wir ihn mit offenem Mund. dabei war es zu Unfällen..Nun hätte man sehen können. mal nach Westen reitende Quadriga. « . nur das mächtig überragende Tor zu sehen. « »Aber dazumal ist Ihnen. soll hier das Silvesterfest ums Brandenburger Tor bis zum Glockenschlag und einige Minuten länger ablaufen. sind uns seine unter kurzer Knolle großen Nasenlöcher wichtiger als der zum Jubelfest aufgepumpte Jahreswechsel. Viel Geschubse. Sein Erstaunen über den Raketenhimmel und den himmelhoch proklamierten Weltfrieden wurde von rundgewölbten Augenbrauen beglaubigt. « »Eine sentimentale Anwandlung nur . meinte er. Kein Betonwulst sperrte mehr ab. bald für Taxis und Busse offen zu sein.. als man hier siegreich durchmarschierte. nicht nur mit sich einig zu sein. weil alle von besserem Platz aus bessere Sicht erhofften. wenn nicht errungen. wie nach jedem gewonnenen Krieg. Auch so konnte er aussehen. Hunderte waren über ein angrenzendes Baugerüst auf das flache Dach des breitgelagerten Tores gestiegen. einen Sieg. sich selbst zitiert: Strophe nach Strophe . geeint. die partout Ereignis sein wollen. doch das bemerkten nur wenige. was ihm einfiel.. Fonty! Haben doch kürzlich noch. dann geschenkt bekommen zu haben: Siegesraketen. Und nur dieser Details wegen.« Hoftaller hielt ihn am Ärmel und rief irgendeinen Unsinn: »Dabeisein ist alles!« »Hab schon siebzig-einundsiebzig. Damals glaubte man. außer Raketen für jedermann. nicht hingucken wollen . wie rundum unschuldig Hoftaller aufschaute: beglänzt vom Widerschein. das wiederholte Triumphgeheul . auch zu dieser Parade ein säbelrasselndes Gedicht eingefallen. Klotzig stand es in Licht gebadet und versprach. Von der nationalen Rührkelle bis zum Bodensatz aufgewühlt. Er wollte weg: »Kolossal zuwider sind mir Aufläufe. als wir auf unserem Sonntagsbummel bei den Mauerspechten waren. in dem tadellos gerichtete Ersatzzähne blinkten. Noch herrschte planloser Eigensinn. Dabei gab es.« »War trotzdem ridikül.. sogar tödlichen gekommen. Noch stand auf dem beliebten Briefmarkenmotiv als Krönung die mal nach Osten. Entsprechend laut waren er und das Volk.. vereint. « »Unsinn. Und wie das entfesselte Volk nur das offene Tor sah..

Und auf Schlag zwölf stiegen besonders kostspielige.. « -. dann aber mußte es die verdammte erste. Und alles zum falschen Anlaß. Er ließ von der dritten und vergeblichen Strophe ab und sagte: »Aber Sie weinen ja. Das Hohle. Ansteckend. « Davon wollte Fonty nichts hören: »War bloße Mache. « Hoftaller kam nicht mehr zu Wort. zum dritten Mal ziehen sie ein durch das große Portal . Gratuliere!« .. >Du Hitzkopf! Du Jüngling!< Dabei war ich schon über siebzig hinaus . Mit dem ums Tor versammelten Volk schäumten Sekt und Büchsenbier über. « sein. Sind doch schon da: die Treibels! Die machen als erste ihren Schnitt. »Wahnsinn!« Die Tollkühnen auf dem flachen Dach des Tores sprangen hoch. Hoftaller mehr Stimme.. Und jetzt erst löste sich aus dem Gebrüll einzelner Worte vielstimmiger Gesang. dünnstimmig gingen sie verloren. daß Sie richtig weinen können. daß er beim Singen weinte. später zur Nationalhymne gesteigertes Lied. noch höher hinaus. Und genau das habe ich Friedel geschrieben. Überall schlug es zwölf. Habe nicht geahnt. Deutschland über alles . seit letztem Krieg verfemte Strophe »Deutschland. die dem Volk den Weg ins neue Jahr zu weisen hatte. In Ost und West: zwölf.. Jetzt sah man. doch hatte.. daß der singende Hoftaller weinte. »Wahnsinn!« rief sie. dicht neben ihm. Da war von Einigkeit und Recht und Freiheit nur noch wenig zu hören..»So ein Tag. mitreißend folgte es anfangs noch der zugelassenen dritten Strophe: »Einigkeit und Recht und Freiheit .. Tallhover. Noch versuchte Fonty mit »des Glückes Unterpfand« gegenzuhalten. Wie nach zu langer Zurückhaltung sang er sich lauthals frei.. dann aber des armen Fallersleben gutgemeintes.. «.. wollten höher. >Du gehst zu weit! Du engagierst dich ungebührlich!< . Schunkellieder zuerst . Hochmütige. bisher mühsam zurückgehaltene Raketen in jeder Himmelsrichtung hoch und entfalteten sich wunderbar.Hoftaller ersparte ihm nicht das forsche Gereime: »Und siehe da. das ist die Tendenz der Treibels. Sein »Über alles in der Welt« war auf Siegers Seite..>Draufgänger!< hat sie mir ins Gesicht gesagt. Phrasenhafte. Fonty sah.. im Fernsehen: zwölf. Hartherzige des Bourgeoisstandpunktes . als ich ihm diesen Roman als Futter für den jüngst gegründeten Verlag in Aussicht stellte: >. < Natürlich war meine Emilie wieder mal überängstlich. Im Rundfunk.. Ist ihnen zu Kopf gestiegen: Siegen macht dumm! Wollten sich groß und größer plustern. so wunderschön wie heute . Wird auch diesmal nicht besser über den Leisten kommen.. Lügnerische. Wie losgelassen hüpfte die Menge.

Tränen kullerten über die Backen zum Kinn. . aber nicht müde: Hoftallers Blick. etwa Italiens Graf Ciano oder Ungarns Admiral Horthy.. nach der es Untergebene und Vorgesetzte. erst im Inneren des über endlose Korridore verzweigten Gebäudes herrschte wieder jene den Dienstweg bestimmende Rangfolge. In jener zurückliegenden Zeit wurde ein Berliner Spottlied verboten. und hohe ausländische Gäste. geschaffen für immer neue Skizzen. dem das Bombastische als Uniform angepaßt saß. jeder. mußten die augenblickliche Minimalisierung erdulden. von hinten beobachtet. mußte zuvor eine Durststrecke überwunden werden: Dem breitgelagerten und mit mehreren Büroflügeln in die Tiefe gehenden Gebäudekomplex war von der Straßenseite her eine Freifläche ausgestanzt worden. der entschlossen oder zögernd Anlauf. « ausklang. seine Augen blieben unbeteiligt grau. und dieser besungenen Größe sollte hoch und breit das Portal entsprechen. der Architekt hatte sich dem Willen eines Bauherrn unterworfen. waren Fonty und sein Tagundnachtschatten unterwegs: die Linden runter. die abgestufte Ordnung gab. empfand sich als geduckt. Sogar Staatssekretäre. durch eine Architektur verkürzt. das beide zu Winzlingen macht. Noch bevor sich die Massen verliefen. hatte den Ehrenhof zu überwinden. ob ministerieller Mitarbeiter gleich welchen Ranges oder Besucher des Hauses. Von vorne gesehen.Mit glänzend rundem Gesicht sah er wie ein weinendes Kind aus. perlten ab. das mit dem Kehrreim »Hermann-heeßt-er. zueinander passend. vor das Portal gestellt. Alle. das erst mit dem Singen sein Ende fand. 4 Viele Vaterunser lang Da sind sie wieder. sahen sie gegensätzlich aus. Ein glückliches Weinen. alt. Um so viel Erniedrigung und Erhöhung zu erfahren. die vorm Eintritt alle Personen schrumpfen ließ. wie Teilstücke in einem Puzzle. hatten sich zwangsläufig als degradiert zu begreifen. Doch so mitgerissen er sang und weinte.. Wer sich hier näherte. So übte das Portal gleichmachende Gerechtigkeit. Fortan wurde jeder. der in Zivil oder Uniform zum Portal wollte. und sei es als Gefühl inwendiger Enge. denen sie Diensträume und Sitzungssäle hinter fugendichten Muschelkalkfassaden eingeräumt hatte. die ihm nahe kamen. die im Dienstwagen vorfuhren. doch aus jeder Sicht gaben beide ein Doppelportrait ab. dann die Stufen nahm. Kein Zufall wirkte.

So begehren sie Einlaß: ergeben der eine. lag er als Präsentierteller. der den Hof zur Straßenseite hin begrenzte. wenn ich das Portal sehe. Weiß jedesmal. die sowieso auf ne gewisse Haltlosigkeit hinauslaufen. als wachse der von elf Pfeilerprofilen gehobene Einlaß über sich hinaus. mehr noch. der ein. als sauge das Portal sie an. während Fonty über die Stufen hinweg bedeckt bleibt. zu kolossal« gerufen. Fonty jedoch hatte seine Ausmaße schon in jungen Jahren als »zu kolossal« eingeschätzt. sogar bei Regenwetter. Januar 1990 als Donnerstag sicher. Und in Zeiten wie gegenwärtig. doch ist ihnen dieses Datum gleichfalls als Tag der Reichsgründung von 1871 gesetzt. litt nicht wie Fonty. steigt in mir Dankbarkeit auf. um ihn seitlich zu halten. wenn nicht überwältigend empfunden. mein lieber Wuttke. Bißchen Demut kann nicht schaden. sah es aus. kaum hatte er »kolossal.»kolossal niedlich« zu finden. der. seinen Tagundnachtschatten hörte: »Mir gibt das ne gewisse Festigkeit. zwar verstehen sie sich wie alle hier Bediensteten nunmehr der Regierung Modrow und den Beschlüssen des Runden Tisches unterstellt. als der Ehrenhof nicht mehr Ehrenhof hieß. den das Tausendjährige Reich immer noch kränkte. Vom Zaun aus. wirft aber einen kolossal langen Schatten. wohin ich gehöre. Einfach zu kolossal!« Jetzt erst näherten sie sich. Auch Sie. zumindest geborgen fühlen. der 18. Zwar ist jedem. abgestoßen der andere. Hoftaller! Werde mich nie dran gewöhnen. Wenn wir auch zugeben. dem die veränderten Proportionen zur Erfahrung geworden waren. Gezählt viele Schritte vor der ersten Stufe zieht Hoftaller seinen flach eingedellten Hut. und diese Verzwergung widerfuhr ihnen zu jeder Jahreszeit. haben ihn viele als bedrückend. daß »kolossal« zu seinen Lieblingswörtern gehörte und er wenig Hemmung kannte. als der zur Baumasse gefügte . wenn sie sich unter schützendem Schirm näherten.oder austritt. Hoftaller.und sei es ein Blumentöpfchen .Von drei hochragenden Fassaden flankiert. sollten sich hier zu Hause. wenn ich hier antrabe.« Fonty.« Deshalb müssen wir ihre Auftrittsnummer wiederholen und sie schrumpfend dem wachsenden Portal zuführen. die eintreten oder das Gebäude verlassen. doch sind Fonty und Hoftaller der Zimmerflucht im Haus der Ministerien schon von Person her bekannt gewesen. immer größer wird. Selbst nach dem Krieg. irgend etwas . während beide zu verschieden großen Gnomen wurden. blieb schroff: »Hielt nur zwölf Jahre. Verglichen mit weiteren Personen. wie es größer. muß gesagt sein: Zum Ehrenhof paßte sein forsches »Zu kolossal. sind beide besonders.

Wilhelmstraße geheißen hatte. der damals als Tallhover von seiner Dienststelle aus Kontakt mit dem Gestapoquartier im nahe gelegenen Prinz-Albrecht-Palais hielt. während der Weimarer Republik und solange das Reichsluftfahrtministerium in Betrieb gewesen war. blieb der Koloß. daß die an der Langseite des Gebäudes vorbeiführende Otto-Grotewohl-Straße zu Zeiten des Kaiserreichs. Wie sein Biograph versichert. war ihnen bewußt. wirkten selbst sie. wobei auch Fonty endlich seinen hohen und breitkrempigen Hut zog. Immer wenn beide eintraten.Komplex noch als Neubau galt. eine Adresse mit Ruf. frei von sichtbaren Schäden. Oft kam und ging er allein. Welch ein Angebot in dürftiger Zeit! Bald bezogen neue Herren die über zweitausend Diensträume des Gebäudes. des dazumal modernsten Langstreckenbombers. hat Tallhover in jener Phase seiner Tätigkeit dem Reichssicherheitshauptamt zugearbeitet: so dem Amt Zwei mit einem Memorandum . die nur mit belegter Stimme geflüstert wurde. ab 1935 ging der binnen Jahresfrist errichtete Großbau in die Geschichte ein. Als am Ende des Zweiten Weltkriegs das Regierungsviertel in Trümmern lag. selten und nur bei besonderen Anlässen in Begleitung von Hoftaller. sobald er sich in vollem Wichs und mit Marschallstab über den Ehrenhof hinweg dem Portal näherte. Auftritte mit Mölders. Im Taumel erster Siege wurde von hier aus die Lufthoheit verkündet. das nun nahe jener Linie lag. spielzeughaft klein im Verhältnis zur bewachten Architektur. Damals standen links und rechts vom Portal Uniformierte mit Stahlhelm und geschultertem Gewehr in erstarrter Haltung. Und hier war Fonty während der Kriegsjahre als Soldat ein und aus gegangen. Galland und Udet wurden für die Wochenschau gefilmt und sind heute Archivmaterial. das sich rückspulen ließe. mit längeren Pausen dazwischen. worauf die Wachtposten aus befohlener Starre erwachten und das Gewehr präsentierten. So ausgesucht hochgewachsen die Soldaten des Wachbataillons waren. wenn er auf Dienstreise war. Bald hieß es: Drüben liegt Feindesland. die als Sektorengrenze die sowjetische Besatzungsmacht von der amerikanischen trennte. etwa hochdekorierten Fliegerassen sicher war. der gleichfalls den Adjutanten im Gefolge und namhaften Größen an seiner Seite. »wie ausgespart« übrig. In all seiner bewitzelten Leibesfülle widerfuhr ihm jener Grad von Verniedlichung. Reichsluftfahrtministerium hieß und im Sinn der He III. aus Distanz gesehen. Und wie seinen Zinnsoldaten erging es dem Reichsmarschall. von weitreichender Bedeutung gewesen ist.

Druckposten verschafft. daß sie. ohne sich dabei besonders in Gefahr begeben zu müssen. hatte er zu berichten. Ab 43 betreute er. im kleidsamen blaugrauen Tuch der Luftwaffe. vielmehr machte er auf französischen Feldflugplätzen und in deren Umgebung Notizen. als man ihn in Uniform steckte. von Städtchen zu Städtchen die Landschaft zu wechseln und sich als aufmerksamer Zuhörer und Beobachter zu beweisen. dann Gefreite und später Obergefreite Theo Wuttke für diese Doppeltätigkeit besonders geeignet? Wir vom Archiv vermuten. die Beiträge hugenottischer Einwanderer zur deutschen Literatur. Das Käppi saß ihm schräg auf unvorschriftsmäßig langem Haar. wenig verwendbares Material für Tallhover oder das Reichssicherheitshauptamt hergegeben haben. die Stimmung der Truppe zu erfragen und weinselige Kasinoabende auf Nebentöne abzuhören.. Eine Gefälligkeit. prominente Gefangene im KZ Sachsenhausen. daß ihn das Gesamtwerk des Unsterblichen schon während der Neuruppiner Schulzeit auf die . Des Kriegsberichterstatters Wuttke in bretonische Landschaft verliebte. So bot sich Grund.zur Überwachung der Kirchen jeglicher Konfession. Seinetwegen präsentierte niemand das Gewehr. sich in Offizierskreisen kundig zu machen. den als Sonderfall geführten Gefreiten Theo Wuttke. auch in den Feuilletons der bürgerlichen Presse Leser fanden. näherte er sich dem Portal. die ganz zwanglos Eingang in kunsthistorische Betrachtungen und geschichtliche Rückblicke fanden. Tallhover hatte ihm diesen. wie man damals sagte. Doch werden Theo Wuttkes zusätzliche Berichte. die allerdings mit der Auflage verbunden war. die nie veröffentlicht worden sind. außer in Soldatenzeitungen. von Fliegerhorst zu Fliegerhorst. Weshalb war der Soldat. darunter den kriegsgefangenen Sohn Stalins. Nicht als Augenzeuge direkter Kampfhandlungen. in die er freigiebig literarische Bezüge streute: Goethe und die Kanonade von Valmy. was dem Unsterblichen zum Werk geworden war. Schiller und die Jungfrau von Orléans. Der uniformierte Fonty war als Kriegsberichterstatter tätig. denn Fonty verlor sich gerne im Anekdotischen und hatte kein Ohr für konspirative Nebentöne. So. Und dennoch fand Tallhover Zeit für seinen Schutzbefohlenen. an französischen Kirchenfassaden hochschweifende und nur wie nebenbei am Militärischen orientierte Berichte boten so feingepinselte und bezaubernde Stimmungsbilder. wenngleich er in nicht unwichtiger Funktion das Reichsluftfahrtministerium betrat. mithin Zitate aus allem. im Auftrag des Amtes Fünf. Bei alledem blieb seine soldatische Existenz außer Schußweite. Stuka genannt. Noch keine zwanzig Jahre alt war Fonty. etwa als Copilot in einem Sturzkampfflugzeug.

Sobald er mit ersten Artikeln aus besetzten Ländern Bericht gab. der ein zweites Kriegsbuch zur Folge gehabt hatte. Auf zweitausend Seiten wurde keine Schlacht. die sich als Schlachtfelder bewiesen hatten. das den Krieg Preußens gegen Dänemark im Jahr 1864 zum Anlaß gehabt hatte. dessen östliche Seite durch den Lauf der Elbe zwischen Josephstadt und Königgrätz. sondern auch Episoden aus jenem Buch. Schon seinen Abituraufsatz hatte er mit Zitaten aus dem letzten Feldzugsbericht angereichert. dessen westliche Seite aber durch die Linie Horsitz-Neu Bidsow gebildet wird. Und wie sich die deutschen Überfälle auf Norwegen und Dänemark ins Historische verplaudern ließen. In einem längeren Kopenhagener Stimmungsbild schlugen sich nicht nur dem Roman »Unwiederbringlich« entliehene Zitate nieder.. derart . Nicht nur Armeen und Regimenter. « Wir kannten Fontys Hang zum alles einbeziehenden Rückgriff. als das Leibregiment in heftigem Feuer stand. zum Beispiel aus Dänemark.. doch des jungen Theo Wuttke Hunger nach Details zehrte von diesen Wälzern. das wir im weiteren Sinn als das Schlachtfeld von Königgrätz bezeichnen können . « in seine sonst friedfertige Reportage. Er rückte Einzelheiten von der Erstürmung der Düppeler Schanzen wie diese: » . landschaftlich eingebettete Berichte her. keine Belagerung. zum Beispiel. welche Quellen er abschöpfte und daß sein Blick auf Landschaften.. rief einer der Grenadiere: >Die Dänen kochen ihre Ostereier ziemlich hart< . die der Gefreite Wuttke aus dem Reichsprotektorat Böhmen und Mähren schrieb: »Schneiden wir aus dem Plateau von Gitschin einen Bruchteil heraus. von zwölf verlorenen Jahren und vergeudeter Kraft zu sprechen. Das Archiv wußte. Zwölf Jahre lang hatte der Unsterbliche.Fortsetzung oder Wiederholung bestimmter Arbeitsphasen vorbereitet hat. haushälterisch Kriegsbeute aufgezählt wurde: »Vorn Potsdamer Tore an begann die Aufstellung der eroberten Geschütze. am 2. Wir vom Archiv neigen dazu.. kein Scharmützel ausgelassen. im Dienst eines geizigen Verlegers.. in dem. sobald uns der Wust der Kriegsbücher kommentierende Arbeit bereitet. denn noch ergiebiger als der dänische und der österreichische Feldzug war der Krieg gegen Frankreich gewesen. sondern auch Bataillone und Kompanien fanden Erwähnung. waren die drei Kriegsbücher von Gewicht. sofern ihre Verluste an Offizieren und Mannschaften groß genug waren.. Kriegsbuch nach Kriegsbuch geschrieben: ein jedes dickleibiger und mit mehr todbringendem Wissen vollgepfropft. übersättigt war. so gab der Krieg gegen Österreich von 1866. Ostertag. so haben wir im wesentlichen ein zwei Meilen langes und zwei Meilen breites Quadratstück.

im Lokalblatt abgedruckt. Gleich nach Ende des Polenfeldzugs wurde der Rekrut vom Truppenübungsplatz Groß-Boschpol. « Kein Wunder.verteilt. Später erinnerte sich Fonty. mit reichem Relief bedeckter Vierundzwanzigpfünder aus dem vorletzten Regierungsjahre Ludwigs XIV. natürlich von der Festungsinsel an der Atlantikküste und später sogar aus Lyon einfühlsame. Sein Abituraufsatz wurde. Ein junger Mann. unter ihnen bemerkenswert ein in Soissons erbeuteter. der sich dicke Bücher so kurzgefaßt einverleiben konnte. doch seit Beginn der Blitzsiege über Frankreich konnte er sich nicht nur auf das dickleibigste aller Kriegsbücher. in dem der Unsterbliche von seiner Festnahme in Domrémy bis zur Entlassung von der Insel Oléron Bericht gegeben hat. Jedenfalls befand sich der Soldat Theo Wuttke ab Anfang 1940 im Generalgouvernement Polen auf Dienstreise. Wie Theo Wuttkes Karriere auch immer begann. vom Geburtsort der Jungfrau von Orléans. daß in der Königgrätzer Straße 453. zum Reichsluftfahrtministerium befohlen: Abteilung Kriegsberichterstattung und Propagandawesen. Und so wird Tallhover. Langres und Besançon. ein solches Talent war zu weiterführenden Aufgaben befähigt. hatte ein Auge auf ihn geworfen. ihn als Infanteristen zu schleifen. daß so viel der Vergangenheit gezollte Besessenheit auffiel und den eher unterdurchschnittlichen Schüler Theo Wuttke herausriß.« Wir vom Archiv lassen das unkommentiert. Den Achtzehntagefeldzug zeichnete er noch unsicher nach. zitatsichere und immer amüsant anekdotische Berichte geschrieben. unter den Linden 514 standen. indem sie nicht die Bohne nach Schlachtfeld und Schießpulver rochen. denn die Bedingungen seines relativ gefahrlosen Etappendienstes seien ihm damals nicht durchschaubar gewesen: »Zumindest anfangs roch es recht appetitlich in des Teufels Küche. von dem nachwachsenden Talent Wind bekommen haben. jemand. . aus Nordfrankreich und dem Elsaß. im Zweifelsfall Tallhover. desgleichen aus Neufchâteau. der ja auf Unsterbliche und deren Obsessionen spezialisiert war. daß er diesen Wechsel so dankbar wie gedankenlos vollzogen habe. sondern auch auf ein Nebenwerk berufen. Ohne ausreichende Kenntnis oder gar Anspruch auf die vollzählige Erfassung seiner Artikel können wir dennoch sagen: Theo Wuttke hat aus Sedan und Metz. wo man gerade begonnen hatte. weil ihm auf diesem Terrain kein Kriegsbuch des Unsterblichen den Rücken stärkte und die in Westpreußen handelnden Kapitel aus »Mathilde Möhring« landschaftlich wenig hergaben. daß dabei die auf drei Kriegen beruhende Einheit Deutschlands für jedermann schlüssig wurde. wenngleich gekürzt. rückbezügliche.

nach Nichterfüllung geschönt und von neuen Planzahlen überfordert worden. die Vergangenheit jedoch in aller Breite und Tiefe und nicht nur auf Schlachtfeldern belebt wurde. Dabei hatten sich Aktenvorgänge ergeben. meine Verlobte!« Doch wenn sich der alte und zivile Wuttke. die ihr Innenleben in ungezählten Ordnern führten.. bis in die Schluchten der Ardèche hinab. Auf diesen Teil seiner Tätigkeit von uns angesprochen. Schließlich war des Unsterblichen hugenottische Abstammung eine kaum zu erschöpfende Fundgrube: Besonders die späten Berichte aus Lyon und von nicht ungefährlichen Exkursionen in die Cevennen. sagte er.die bald viele Liebhaber fanden. In Planungskollektiven waren Fünfjahrespläne ausgeheckt. während Fonty bis hinter die Flügeltüren bedeckt blieb. Hatte im Frühling vierundvierzig sogar Nimes und die Rhônemündung im Blick. Erst später und renoviert dürfen dessen Zimmerfluchten zu Glanz kommen. Wir bedauern: Die Innenansicht des Gebäudes entlang der Otto-Grotewohl-Straße muß bis zur Phase der nächsten Nutzung undeutlich bleiben. Herr Oberst. sobald er mit Hoftaller vor dem Haus der Ministerien und dessen sich treu gebliebenem Portal stand: »Daß Scheußlichkeiten wie diese von einer gewissen Unsterblichkeit sind. der noch kürzlich als Fonty auf doppelte Weise Geburtstag gefeiert hatte. in Erinnerungen erging. zeugen von solcher Spurensuche. Aber Berlin war dagegen .. Vierzig Jahre lang hatte der Arbeiter. einem Oberst von Maltzahn. sahen wir ihn verlegen lächeln. Blind. macht mir jeglichen Lorbeer fraglich. bekannt machen: »Gestatten. Wäre doch alles ein paar Nummern kleiner!« Schon vor der untersten Treppenstufe zog Hoftaller den Hut. im Reichsluftfahrtministerium neue Marschbefehle zu empfangen. Noch sah alles schäbig aus. Leider wurde mir für eine Reise in die Gascogne keine Sondergenehmigung erteilt. unter . Nur ungern sprach Fonty über die Kriegsabenteuer des Gefreiten Wuttke: »Na ja. weil nicht aufpoliert. das war zu jener Zeit mehr als gewagt. Mal um Mal sah sich der junge Soldat vor das »kolossale« Portal gestellt. weil in ihnen der tagtägliche Krieg wie eine Nebensache behandelt. Später durfte er ein Bürofräulein namens Emilie Hering über den Ehrenhof in den Kolossalbau führen und seinem Vorgesetzten. « Zwischen Dienstreise und Dienstreise galt es. Unansehnlich gewordene Teppichböden deckten den ursprünglichen Linoleumbelag der Korridore ab. faßte verschieden getönter Marmor die Türen zu den Diensträumen von zehn Ministerien ein.und Bauern-Staat hier seine Mangelwirtschaft verwaltet. die den einzelnen Industriesparten übergeordnet waren.

halbiert. oder er kam mit den Schnürschuhen voran von oben herab. Ihn schienen die Korridore nicht zu ermüden. mit weiteren Mappen und Ordnern beladen . dank Hoftallers Fürsorge. trug halb-. weißhaarig. der in zwei Fahrtrichtungen aus einer Vielzahl von Kabinen gereiht ist und unablässig. sagen wir ruhig »gebetsmühlenhaft«. fest. zeigte. zeigte nur noch die hohen Schnürschuhe vor. um jugendlichen Schrittes und in Kenntnis der Lage aller Diensträume seinen Weg als Aktenbote zu nehmen.diesen Aktenordnern waren solche. Und in solch einem Paternoster ging Fonty im Haus der Ministerien seiner Halbtagsarbeit nach. auf und ab fährt. dann ganzfigürlich einen Stoß Aktenordner vor der Brust umklammert. dank Sondergenehmigung. aber doch zuverlässig. sodann als Brustbild.fast überall ausgemusterten Personenaufzug »Paternoster« genannt hat. stellt sich die Frage nach dem Personenverkehr zwischen Stockwerk und Stockwerk. Er stieg aus der Tiefe auf. das heißt über die Wendepunkte im Keller. bestand aber darauf. Trotz hohen Alters hielt man an ihm.trotz aller wohlmeinenden Proteste . ohne Halt.und Dachgeschoß hinweg. Wir stellen uns den Aktenboten Theo Wuttke in einem nach vorne offenen Aufzug vor. Anordnungen im Umlaufverfahren. Theo Wuttke trug aus. Niemand sonst schien mit allen zehn Ministerien so rastlos tätig vertraut zu sein. inzwischen .falls im dritten Stock Akten abzuliefern und zu holen waren -mit den umklammerten Ordnern auszusteigen. verschwand nach oben geköpft. weshalb man diesen altmodischen. Und schon kommt wieder Fonty ins Spiel. gefunden hatte und hier seit Ende der siebziger Jahre auf allen Korridoren unterwegs war. kam mit Hausmitteilungen. ein Stockwerk höher in gleichbleibender Gestalt. wie zum Abschied. schließlich nach halber in ganzer Figur einen Augenblick lang da zu sein. Mit Akten beladen fuhr er von Stockwerk zu Stockwerk. sein uns vertrautes Gesicht. um ein Stockwerk tiefer wieder langsam ins Bild zu kommen und . Als Aktenbote schleppte er einen Stoß Ordner von Abteilung zu Abteilung. Sogleich rückt ein Transportmittel ins Blickfeld. verließ er mit kleinem Sprung die Kabine. Und da er diese Arbeit. dann in ganzer Person sichtbar. nicht ohne verhaltenes Gestöhne und Seufzen. das seit Anbeginn in Betrieb war. mit fusselndem Schnauz. nahm in Empfang. Und so stellen wir uns Fontys Abgänge vor: Sobald die Bodenplatte der Paternosterkabine in etwa dem Korridorniveau angeglichen war. Er war zwischen den Ministerien tätig. wurde in halber. war wie entschwunden. Ein Schrittzähler am Bein hätte ihm kilometerlange Leistungen nachweisen können. leicht klappernd. Er lieferte ab. war nun ganz und gar weg. die neuerdings nach Einsicht verlangten: auf schnellstem Wege.

Nun aber. was nur scheinbar sinnlos anmutete. war Hoftaller tätig.zurück. Während umlaufender Paternosterfahrten sprach er von »ner zwischenzeitlichen Ablage«. Fonty zeigte sich beim Ein. die Festung der Staatssicherheit in der Normannenstraße.oder Ausstieg. Da er aber seine Halbtagstätigkeit . um gerettete Vorgänge zu sichern. war mit weitem Schritt Herr der Korridore und wuchs sich zwischen marmorgefaßten Türen zur uns bekannten Größe aus. Er bot Halt.Hoftaller verdankte und ihm deshalb verpflichtet war. und Hoftaller wußte. Er verlangte Einblick in die beweglichen Akten. auf und ab. Solange er im Haus der Ministerien Aktenbote gewesen war. Später mußten die eingelagerten Akten verschwinden. so wie der Luftwaffengefreite Wuttke seinen Druckposten als blutjunger Kriegsberichterstatter einem gewissen Tallhover zu verdanken gehabt hatte und diesem verpflichtet gewesen war. Auf ihn war Verlaß. Immer näher kam er. Was gestern noch gerettet schien. Fonty mußte ihn bei der Hand nehmen. Viel hausinterner Verkehr war Folge dieser Umstände. sobald Fonty ihm den einen oder anderen Ordner geöffnet hatte. aber aus übergeordneten Zwängen glaubte. Hoftaller. indem er die sinkende Kabine mit leicht nach unten geneigtem Hüpfer.von Woche zu Woche umschlägig vor. Soweit die Alleingänge auf Korridoren und die Soloauftritte im Paternoster.oder nachmittags . der dem offenen Personenaufzug mißtraute. daß Fonty beim Ein.oder Ausstieg gestolpert oder gefallen wäre. seitdem das eigentliche Zentrum der Arbeiter. ihm diesen Einblick nicht zu verweigern. mal in steigender Tendenz in den Paternoster. Mal stieg er in absinkender. gestürmt und sogleich versiegelt worden war. auf die Zweierkabinen angewiesen zu sein. daß sie über die Wendepunkte zuunterst zuoberst hinwegfuhren. wo. Sie standen einander zugewandt.und Ausstieg geschickter. immer wieder. nach oben zu verschwinden. Und nicht selten ergab es sich. die steigende mit aufstrebendem Sprung besetzte. Des Aktenboten sprungsicheres Vertrautsein mit dem unablässigen Paternoster gab . nie hat jemand gesehen. Wenn beide mehrere Vaterunser lang eine Kabine besetzt hielten. mußte tags drauf umgeschichtet werden. um nach unten. daß beide den Paternoster zugleich verließen oder ihn gleichzeitig betraten. stellten sich neue Aufgaben: Oft kam Hoftaller mit praller Tasche.und Bauern-Macht. benutzte er oft mit jenem gemeinsam ein und dieselbe Paternosterkabine. stolperte manchmal beim Ein. Und Fonty kannte Gründe. hatte Akteneinsicht zur Routine gehört. Bei Andrang vor dem Personenaufzug hatte er Vortritt. Oft verlangten diese vorbeugenden Maßnahmen.

Der konspirative Zirkel in Leipzig.« . die Berliner Tage als Apotheker und Revoluzzer: nichts geschah ohne Nachspiel. Nein. Er wurde an kurzer Leine gehalten. und doch trug er seine doppelt geschnürte Last über alle Wendezeiten hinweg. unter ihnen nicht wenige von preußischem Adel. mit dem »kolossal niedlichen Fräulein« ins Gespräch zu kommen. Natürlich gab es auch zwanglose Paternostergespräche. schlimmer: Wir vom Archiv wissen. Fonty hat uns eingestanden. Tallhover ging es damals nicht um die Sicherung von Akten. so wenig Freiheit hatte ihm der Zerfall der Berliner Mauer gebracht. hatten sich Mittelsmänner gefunden. denn jeder Marschbefehl. die Liebelei in Dresden. sondern um die Abnahme oder Übergabe von Kurierpost. doch die anhaltende Gefangenschaft wollte kein Ende nehmen. daß er von Anbeginn unter Aufsicht gewesen ist. der ihn ins Reichsluftfahrtministerium zurückrief. Und überall. ohne den Inhalt der Kassiber zu kennen. brachte Übungsstunden mit sich. Schon in Uniform hatte er die flotte Technik des Sprungs in die Kabine und auf den Korridor entwickeln können. sei es ihm im Paternoster leichtgefallen. in dessen Maschen der achtundvierziger Barrikadenheld und der Freund der Prenzlberger Szene zugleich zappelten. Zwar stand nun alles offen. Ganz zu schweigen von seinen Tätigkeiten für die »Centralstelle« und als Regierungsagent in London. in der ein dunkelhaariger Wuschelkopf stand und eine Adler-Schreibmaschine umklammert hielt. Sonst eher schüchtern und alles andere als ein Schwerenöter. »Man lächelt hin und zurück und sagt dann was. Als der Soldat Wuttke im April des ersten Kriegsjahres von einer Dienstreise aus dem Protektorat Böhmen und Mähren zurückgekommen war.Hoftaller ausreichend Sicherheit. Ein Fangnetz war geworfen worden. Denn ob zu Tallhovers oder Hoftallers Zeiten: Theo Wuttke stand als Fonty unter Druck. ob in Frankreich. daß er »das junge Ding« auf »höchstens achtzehn« taxiert habe und daß ihn die Schreibmaschine sogleich auf einen Gedanken gebracht hätte. ein Archibald Douglas. immerhin waren der Aufzug und dessen Risiken Fonty seit fünf Jahrzehnten bekannt. So mußte er sich nützlich machen. hüpfte er in eine aufwärts steigende Kabine. So machte er sich nützlich. Manchmal hörten wir Fonty rückwirkend wie gegenwärtig stöhnen. die der Soldat Wuttke. Bereits die Jugendeseleien des Unsterblichen zeitigten Spätfolgen. besonders häufig aus Frankreich brachte oder nach dorthin mitnahm. aus den besetzten Ländern. dem keine Gnade zuteil wurde. die aber dem Gefreiten kein reines Vergnügen waren. Belgien oder Dänemark.

als er sich im Paternoster bekannt machte. Jedenfalls begann ihre Geschichte im Paternoster. »Is richtig spannend. Schriftlich sei sie gut.und ein bißchen mehr. Dessen bürgerlicher Name Häring wäre einst von dem hugenottischen Einwanderernamen Hareng abgeleitet worden. Emilie Wuttke. Habe allerdings darauf bestanden.. denn nicht ohne Angst erlebte Emmi die Wendemarke im Dachgeschoß. Das habe sie noch nie gewagt. aber schlimm überhaupt nich. »Außerdem les ich keine unanständigen Bücher. der den berühmten Roman »Die Hosen des Herrn von Bredow« geschrieben habe. habe sie eine funkelnagelneue »Erika« stehen. das leichte Seitwärtsruckeln und den sofort beginnenden Abstieg in der gemeinsamen Kabine. geborene Hering. genoß Emmi die untere und obere Wendemarke mehrmals.« Da hatten sie schon den Ausstieg im siebten Stockwerk verpaßt. »ins reine« zu tippen. die Hacken zusammen. wie sie sagte. in denen es um Hosen und sowas geht. Diese zu plötzliche Annäherung wurde abgelehnt. Und der Bericht aus Böhmen. oberschlesischer Herkunft zu sein. Zuerst habe er nur auf die Büroschreibkraft spekuliert. »Nich um drei Ecken rum!« Emmi bestand darauf. »War Liebe auf zweiten Blick. Erst nachdem der Soldat sich vorgestellt hatte. die Mutter seiner Kinder. « So lernte Theo Wuttke seine spätere Verlobte.« Und weil beide im Gespräch blieben. Emilie sagen zu dürfen. Aber dann durfte ich doch .. Sie nannte dieses Erlebnis aufregend. Der Soldat sprach dem Fräulein beruhigend zu. Wie selbstverständlich waren den Reiseimpressionen lange zurückliegende . ob sie mit dem Schriftsteller Willibald Alexis. wollte aber Emmi genannt sein. doch dann sei es der kastanienbraune Wuschelkopf gewesen. Nach gerade abgeschlossener Lehre hatte sie als »Tippse« und Stenotypistin in einem der vielen Vorzimmer der Reichsluftfahrt Anstellung gefunden. seien sie sich nähergekommen. las sich flüssig. irgendwie verwandt sei. Er wollte wissen. Er schlug. Und gerne war sie bereit. kennen. Erst nach dem fünften Vaterunser will der Soldat Wuttke das Bürofräulein Emmi geküßt haben. Paßte ihr gar nicht.Er hat ihr angeboten. »Viele Vaterunser lang«. Sie werde sich schon hineinlesen. Das Fräulein hieß Emilie Hering. sagte Fonty zu uns. und zwar an der unteren Wendemarke und schon wieder im Aufstieg begriffen. Und zu Hause. der ihn närrisch gemacht habe. bei ihrer Tante Pinchen. den Emmi Hering säuberlich in Maschinenschrift gebracht hat. des Kriegsberichterstatters Wuttke handschriftliche Stimmungsbilder nach Dienstschluß. durfte er die »Adler« übernehmen. die schwere Maschine zu tragen.

aber auch im Paternoster vorstellbar. Wuttke! Hab Ähnliches munkeln hören. Und auch hier kamen uns Kinder mit Erinnerungsstücken entgegen. Habe aber dennoch in meinem Bericht das Vergangene beleben und der Gegenwart als mächtigen Kraftstrom zuleiten können. da das Feuer der großen Chlum-Batterie darüber hinweggegangen war. So gut wie nichts stand über die zivilen Zustände im besetzten Protektorat in seinem Bericht. Und als er zwei Tage später Tallhover neben sich hatte. Aber diese Ebba ist wohl ziemlich daneben. Schließlich liegt einer seiner Vorfahren mit vielen gemeinsam auf der Höhe von Chlum begraben: ein Leutnant von Maltzahn. die angeforderten Stimmungsbilder aus der Etappe zu übergeben. der Kriegsberichterstatter Theo Wuttke war ein Meister der Aussparung. was mein Oberst dazu sagen wird. sah es freilich übel aus. Und der Oberst könnte. Tempi passati! Diesmal keine Kinder. um diesem. der als belesen galt. dann liefen sie weg. das heute auf andere Weise trostlos wirkt. Und wenn. Doch die Landschaft noch immer groß. sind Plauderstündchen im Dienstraum. Mit ihm. Käppis. über die Wendemarken hinwegführenden Gespräches darauf aufmerksam gemacht haben. So könnte der junge Wuttke den Oberst während eines längeren. was? Vom . In Lipa.Schilderungen des sechsundsechziger Krieges gegen Österreich unterlegt. Welch prächtiges Panorama. Etwa das Gehölz von Sadowa oder das Dorf Cistowes. zog er die frisch abgetippte Fassung seines Manuskripts aus der Kuriertasche und will gesagt haben: »Herrgott! Wie mir alles wieder lebendig wurde. daß die Gestalt des Grafen Holk aus »Unwiederbringlich« und dessen Kopenhagener Affäre mit einer gewissen Ebba von Rosenberg Personen einer mecklenburgischen Skandalgeschichte waren. blutjung wie all die anderen . wie üblich. Schärpen mit und ohne Blut. ist heute noch ahnbar. darüber hinweggegangen ist. Ganze Reihen von Häusern ragten nur noch mit ihren Feueressen auf. doch wurde an die historische Schlacht erinnert. Ein ganzer Basar wurde ausgebreitet: Federbüsche. mithin Beobachtungen. die er bei der Besichtigung des einstigen Schlachtfeldes von Königgrätz notiert hatte. Nach links hin der glitzernde Streifen der Elbe und unmittelbar dahinter die hohen Türme von Königgrätz! Das alles. Herr Hauptkommissar. darin wir damals wenig Zerstörung fanden. voller Schrecken. die sich zwischen einem Carl von Maltzahn und einer Hofdame namens Auguste von Dewitz abgespielt hatte.. Bin gespannt. so die gegenwärtige Kriegszeit.. « Im vierten Stockwerk des Reichsluftfahrtministeriums verließ der Kriegsberichterstatter den Paternoster und suchte seinen Vorgesetzten auf Der schätzte Fonty und dessen geschickte Aussparungen. Doppeladler. gesagt haben: »Ist ja toll. wenngleich die Zeit. weil literaturkundig.

aus denen er.. die zwar dem mürben Staatswesen den letzten Stoß gegeben hatten. Seitdem das Haus der Ministerien zu einem hochgebirgsähnlichen Klettergelände umgedeutet wurde. nicht wahr. der zwischen den Stockwerken Einblick in seine Last. Total unmöglich bei den Maltzahns.. versiegelt worden? Oder hat man sie durch den Reißwolf. was man nicht wußte. der nichts von Interesse fand und nur einen einzigen Vorgang zwischenlagerte.. doch sah man auch Neulinge. Man ahnte. Mit Alteingesessenen und Neulingen teilte Fonty schwer beladen die Paternosterkabine. verstanden!« Und der Soldat Wuttke wird »Jawoll. Herr Oberst!« gerufen und sich mit kleinem Sprung gerettet haben .. « » . sei es vom Prenzlauer Berg her. blieb auf Wendespur: »Hängt alles von Bonn ab. Einheit sofort! Doch uns sind Wahlen egal. « Dazu schwieg Fonty. sagen können? Auf langem Korridor trug er den Stoß Ordner zu Diensträumen. sei es von konspirativen Treffen in der Gethsemanekirche. . « Der Aktenbote Theo Wuttke verabschiedete sich mit kleinem Sprung. wenn auch geadelt.. nun aber. Was hätte er. Im Haus der Ministerien war viel Personal aus Zeiten der nun zerfallenden Arbeiter. Man nickte sich zu. Und viele. die Herren. beladen mit neuen Akten... im Umgang mit Akten..und BauernMacht beschäftigt. « »Ging wohl schief in der Normannenstraße?« »Und weil sich die Regierung Modrow nicht halten kann . Aktuelles war zu verplaudern. wieder in Richtung Paternoster schritt. der zu keiner Wahl ging.. dieser Aktenverschleiß .wie er fünfzig Jahre später mit immer noch jünglingshaftem Sprung die Kabine betrat und Hoftaller mit sich zog. Muß reine Romanphantasie sein. die meine Familie betreffen. Haben es eilig. Fonty? Wahlen ändern nichts. Fonty.. Aber Hoftaller.. alten und neuen. die mit ihm im Paternoster auf und ab fuhren. Einige Herren und Damen der alten Seilschaften waren Fonty seit Jahren aus dienstlicher Tätigkeit bekannt. wenn nicht gerade Hoftaller den zweiten Platz beanspruchte. doch mit den Neuangestellten war er gleichfalls vertraut. den Stoß Aktenordner. soll es ne vorgezogne Wahl geben. jedenfalls nicht im Prinzip. was sie nicht suchten . dem keine Wahl blieb.. « »Sind etwa Vorgänge.und umgekehrt. »Macht mich traurig. gewährte. Wir bleiben so oder so im Gespräch . schon Mitte März . sprach man jetzt häufig von Seilschaften. Wohl deshalb waren so viele Angestellte auf den Korridoren und zwischen den Stockwerken unterwegs. wenig Kenntnis bewiesen: Immer fanden sie.Stamme Israel. Man hatte ein Wort füreinander.

zum Beispiel seine weggeplauderten Heimlichkeiten. denn die dunkle Seite seiner fortgesetzten Existenz ließ sich allenfalls mit dem flackernden Schein eines konjunktivischen Talglichts ausleuchten. Mehr aus Jux denn ernsthaft haben wir ihn auf die Probe gestellt. als sich der Unsterbliche erlaubt hat. als wir der Frage nachgingen: Wo ließe sich das von ihm mehrmals angedeutete Versteck vermuten? Was hatte er mit dem Köderwort »Sitzmöbel« sagen wollen? Und welcher Stil ließe sich dem offenbar bequemen Möbel nachweisen? . wie. zum Beispiel.nannten ihn Fonty: »Nimmt kein Ende mit den Akten. Fonty?« 5 Im Sofa versunken Auch wenn wir uns der primären und sekundären Fakten sicher sind. als wir nach dem späten und immer wieder liegengebliebenen »Likedeeler«-Projekt fragten. Und deshalb tappten wir lange im dunkeln. getan habe. der unterhalb seiner Nervenpleiten lag. überprüften wir ersatzweise Fontys wortwörtliches Fortleben. die letzten Zufluchten. den die Genossen Kuba nannten. zumeist mit verblüffendem. muß zugegeben werden: Das Archiv wußte nicht alles. Doch selbst auf dürftig bestelltem Feld. sei dieses zwar »polizeischwierig« gewesen. wie es dieser Barthel. er werde aus der Rolle fallen oder ein wenig aus dem Nähkästchen plaudern und dabei mehr preisgeben. er wisse schon. Sobald er das Archiv besuchte. Tiefere Einblicke in jenen Bereich. Und nach einem zeitentlegenen Randproblem. fragten wir ihn aus. was. Und weil der Unsterbliche bis in die Tagebücher hinein dichthielt. blieben versagt. von dem er uns Beweise in Zitaten gab. Dennoch wolle er diesen Plan als Vermächtnis aufgreifen und das Fragment in balladeskem Ton zur Reife bringen. das Schlupfloch. nichts über die Ideologie der brüderlichen Genossenschaft. bestimmt nicht mit grobem Seeräubergereime und parteilichen Sprüchen. alles apart Ausgesparte. uns beschämendem Ergebnis. dem Skandalfall Oskar Panizza. was. was alles und in wessen Tonfall von ihm verschwiegen wurde. Der Verleger Hertz habe für das geplante Epos über »frühkommunistische Gleichteiler« nur gängiges Zeug geliefert: Störtebekers Seeräuberei aus hanseatischer Sicht. doch stehe er nach wie vor auf dem Punkte: Für Panizza müsse »entweder ein Scheiterhaufen oder ein Denkmal errichtet werden«. Fonty?« . befragt. Er wußte alles. sagte er. und wir konnten nur ahnen. insgeheim hoffend.»Was gibt's denn Neues. was dessen »Liebeskonzil« angehe. Fonty?« .»Immer schwer zu tragen. wußte er Antwort. die selten vom Original abwichen.

die für den Heizungskeller freigegeben waren. genauer gesagt. wenn Braunkohle als Brennmaterial und eine Großofenklappe möglich gewesen wären. daß es im Haus der Ministerien einen besonderen Sessel oder ein einzigartiges Sofa gegeben haben muß. schied der Sessel aus. »Entsorgung« nannte. . und entsprechend gasig roch es landauf.und Bauern-Staat mit dieser oft minderwertigen Kohle beheizt worden.Sicher ist. Die Akten. ist nicht eindeutig zu bestimmen. sondern nur eine Notbefeuerungsanlage instand gehalten wurde. hieße die Frage: War die Heizungsanlage geeignet. den Hoftaller. Und da er in diesem Gebäude nur mit Schatten vorstellbar war. also wären Kellerbesuche zu erwägen gewesen. wo aber das Sofa seinen Platz hatte. Das Sofa stünde dann in einer Nische mit Blick auf den Notofen. mit denen Fonty im Untergeschoß aus dem Paternoster stieg. wäre unsere Frage sicher mit knappem Hinweis auf Fernwärme beantwortet worden. wieviel Vergangenheit in einem Polstermöbel Platz findet« war dafür Hinweis genug. nie hat er zu uns »Alles wurde vernichtet« gesagt. So viel Rückversicherung hätte Hoftallers Prinzip entsprochen: Stets hatte er etwas in der Hinterhand. vielleicht benachbart der Tiefgarage. also ließe sich eine seit Kriegsende nicht mehr benutzte Feuerstelle. oder es gammelte in einem Winkel des unübersichtlichen Dachbodens vor sich hin. Nicht auszuschließen ist. daß »beinahe alles entsorgt« worden sei. aber nur dann. Fontys Satz »Sie ahnen nicht. die »Entsorgung« überlebt haben. zudem eingebunkerte Brikettberge und schaufelnde Heizer. Entweder war sein Standort in der Kelleretage. Hoftallers vorbeugende Aktionen abzuschließen? Gewiß. im Heizungskeller zu finden. immerhin ist der Arbeiter. also blieb sie offen. Zöge man den Keller in Betracht. diente dieser seit Jahren kalte Ofen beim Vollzug eines Vorgangs. Die nachgereichte Frage nach einem eventuell vorhandenen Notofen würde der angeschriebenen Dienststelle weder ein ja noch ein Nein wert gewesen sein. falls einem Staatswesen solch eigenständiger Geruch nachgesagt werden kann. vermuten. Hinzu kamen ab Mitte Januar papierene Vorgänge. und ein solch gemütliches Refugium käme unserem Verdacht entgegen: Weil kein in der Lausitz betriebener Braunkohleabbau die Heizung hätte füttern müssen. der sich manchmal in westlichem Targon gefiel. landab. Hätten wir um Auskunft gebeten. die seit der Versiegelung der Zentralstelle Normannenstraße neue Bleibe suchten. vielmehr immer wieder beteuert. stammten aus den im Haus ansässigen Ministerien. daß photographische Ablichtungen von Akten.

zumal nach den Märzwahlen deutlich geworden war. Bin nämlich ganz närrisch nach alten Papieren. Graf Bernstorff drängte . Sollte einen gewissen Glover schmieren . warum das durch viele Risse und Löcher auslaufende Staatswesen sein Innenleben nicht den bereits anreisenden Konkursverwaltern zumuten wollte.« In diesem Sinn hat Hoftaller uns gestanden: »Ach. denn Fonty sagte später zu uns: »Als geeichte Archivare kennen Sie diesen Tick.. Mein eigentlicher Vorgesetzter.. Sogar Quittungen über zwei Biere zu zweimal Bockwurst und lange Gesprächsprotokolle von Nichtigkeiten sammelte er. ihm seien die Geheimhaltungsrituale beim Aktentausch lächerlich vorgekommen. welcher als harmlos beurteilt werden müsse.« Als beide wieder einmal vor der Ofenklappe der Notheizung standen und Hoftaller überschüssige Akten in Flammen aufgehen ließ. andererseits gesichert werden..Fonty warf selten Blicke in die zu Heizmaterial abgewerteten Aktenstöße. Hoftaller sprach wiederholt vom »vorauseilenden Zugriff«. allen entsorgenden Fleiß zu begrüßen.. dürfen von mir aus stockfleckig sein. Alles. denn der hinfällige Oststaat gab nicht nur über sich Auskunft. Direktor Metzel . Beneide Sie manchmal. Das Gemenge einer gesamtdeutschen Aktenlage mußte einerseits getilgt.. deren Pannen durch Aktenschwund zu löschen.. Aber gelegentlich bestand Hoftaller auf Kenntnisnahme. sagte Fonty: »Nur weil jetzt die Regierung Modrow wie weggeputzt ist? Was soll diese Posse! Ist ja lächerlicher als nach dem Sturz der Manteuffel-Regierung. um sie zu vernichten oder für späteren Bedarf aufzubewahren. wer an wen talerschwer Bestechungsgelder gezahlt hat. als man versuchte. Selbst mir wollte man während meiner Londoner Jahre solche Peinlichkeiten zumuten . Saß im Café Divan. zusätzlich legte er ein weiteres. dessen verzweigte Wege und Abwege den Weststaat kenntlich machten. als ich meinerzeit ahnen konnte . haben Sie es doch gut! Nichts geht über ne stubenwarme Klause. Er wußte. schrieb mir die Finger wund .. « Mit diesem .. daß zwischen Ostsee und Erzgebirge mit westlich geschulter Oberaufsicht gerechnet werden mußte. welcher Vorgang als brisant.. In auf. Dabei pfiffen die Spatzen von den Dächern. Uns gegenüber hat Fonty beteuert.. bis dahin verdecktes Innenleben frei.und absteigenden Paternosterkabinen hätte sein Tagundnachtschatten im Schnellverfahren entschieden. Aber über derartigen Zahlungsverkehr wissen Sie mehr.. selbst der kompletteste Unsinn war ihm bedeutsam. daß sich der Entsorger im Paternoster und vor offener Ofenklappe ziemlich wichtigtuerisch benommen hat. Selbst flüchtige Einsicht bestätigte dem Aktenboten: Die zukünftige Ordnungsmacht hatte Grund. Wir nehmen an..

weil es draußen Bindfäden regnete. Schon Ihre erste Englandreise hätte. dank gutem Abzug. doch dann wären Tallhovers abgelagerte Erfahrungen zum Zuge gekommen: »Die Tagebücher sind.. ne Fundgrube. das Sofa stand in einer Nische des Heizungskellers und hätte. Mußte Glover und Bernstorff enttäuschen .. dann der Centralpressestelle in der Leipziger Straße die Augen öffnen müssen. nach London geschickt. auf seinen gewohnten Tiergartenspaziergang zu verzichten. dann eine Fehlbesetzung gewesen bin..Hakenschlag begann Fontys Rückzug in die fünfziger Jahre des vorigen Jahrhunderts: »En famille nach Kensington . und weiterhin angenommen.. « . wenn keine Null. Emilie über english people entrüstet . Berlin war zu geizig .. Aber auch der konnte beim Regierungswechsel nicht alles vertuschen. dem die Nachwelt den oft bestätigten Reim >Gegen Demokraten helfen nur Soldaten< verdankt. im Gehen dann. Die an den Besitzer des >Morning Chronicle< gezahlte Stillhaltesumme in Höhe von jährlich zweitausend Talern ist belegt. richtig gelesen. Ihr Freund und Gönner Merckel. nachdem alle als »geheim« eingestuften Fundsachen verbrannt und. der Aktenbote Wuttke war.. Herr Polizeirat Tallhover! Oder können noch immer nicht zugeben. selbst wenn sich Ihre Biographen. Fonty hatte es »allgegenwärtig« erlebt -. Hätten erkennen müssen. dann hätten beide eine Weile lang das preußische Polizeisystem aus unterschiedlichem Ärger beschimpfen können Hoftaller nannte es »immer schon durchlässig.. Angenommen.. zum Gespräch eingeladen. Reuter eingeschlossen. In der >Times< eine Depesche: Hinkeldey im Duell erschossen .. weil es dort stand. wie ungeeignet ich war. Lange plauderten sie. « Dem folgte ein längeres Gespräch. weil lückenhaft«. trotz unserer Bedenken. wenn nicht uns..« »Sie übertreiben. doch erst ein Ende fand. wie aus der Welt waren.. Klappte nicht mit dem Kauf der Zeitung . frei für ein nachmittägliches Geplauder und wäre... Doch ne affige Liebe zur Literatur hat Merckels Blick getrübt . Zuerst im Stehen.. hatte Sie. Wie wir mußten Sie bestimmten Anweisungen der Regierung Manteuffel folgen. bereit gewesen. drumrum schummeln wollten. Weil es Ihnen an Ausdauer fehlte. Danach hatte Sie ein gewisser Metzel unter Aufsicht. « » . « »Unsinn! Waren doch selbst vor Ort.... nach beendetem Frühdienst. schließlich saßen beide. daß ich.. Zum Beispiel Ihre Schmiergeldaktionen. das vor offener Ofenklappe begonnen wurde. Angeblich ist keine Zahlung quittiert worden.

. Können Sie nachblättern.. Nichts klappte. so tendenziös zugespitzt sie waren.. War nicht nur in Philosophie. Hatte Mühe genug mit Kant . nein überhaupt ahnungslos.»Eine zu kurze Inspektionsreise. wenn man Vergleiche zieht. Dort wagemutige.. Jeder in eine Sofaecke gedrückt.. was nicht gelang .« »Schlecht genug. wie wir wissen.. « »Sie wußten.. Trockener Humor an der Themse. Einzig darum ging's. Ein Fall fürs Feuilleton! Schonungslos demaskiert. Hoftaller hatte sich auf seine Schnallenschuhe konzentriert. durchs Nuttenviertel. Ging nem gefälschten Protokollbuch auf den Leim.. Deshalb der Versuch. Denn wenn man heute nachdrucken oder zitieren würde. was ich in London zu leisten hatte und in welche Malaise mich die Manteuffelei bringen würde . Der kam nicht vor. Dabei war London besser als Berlin. Wir mußten. « » . Irgend etwas bleibt immer unversorgt liegen . Für nen Spitzel hat man Sie gehalten. « Beide saßen mit gestreckten Beinen.. auf Gewinn setzende Weltbürger.. « »Sag ich ja: War eine Fehlinvestition!« » . Fonty schaute auf seine Schnürschuhe. An den Pranger gestellt! Da kennen die nix. Der Unsterbliche hatte Dreck am Stecken. in wessen Sold Sie standen. Tallhover! Schlecht genug!« »Und die deutschen Emigranten wußten gleichfalls. auch wenn ich keinen Schimmer von Marx und Konsorten hatte. Begriff kaum. Was sagt das schon: zwei Millionenstädte.. und sind bald nach dem Sturz der Manteuffel-Regierung gänzlich wertlos geworden. gehässiger Witz an der Spree. Nicht gründlich genug.. Außerdem war Freiligrath in London... der gegen Buchers antipreußische Polemiken agitiert und versucht hat. Allenfalls Schopenhauer .. Sogar Max Müller blieb reserviert. während Sie nur ein kleiner Fisch... hier pfennigfuchsende Kleinstädterei. Fonty. Mußte mich um Marx und Konsorten kümmern. den meine Artikel in der Kreuzzeitung nicht haben stürzen können. von wem Sie bezahlt wurden. Lief unruhig durch Soho. Selbst von Hegel schwante mir nichts . Mich jedenfalls hat Berlin gelähmt und London gebildet. Geschnitten hat man Sie. Aber nur schnell an besagtem Haus vorbei. die Partei Marx meiden. Hatte sich rechtzeitig vom Kölner Kommunistenprozeß abseilen können. Schlesingers >Englischer Correspondenz< das Wasser abzugraben. für uns jedenfalls. wie Sie Ihren erklärten Feind.. Von der Gerrard Street zur Dean Street. diese Lappalien zu löschen. der allerdings nach heutiger Moral erledigt wäre. wenn irgend möglich. den Premierminister Lord Palmerston .. Ausgerechnet ich mußte englandfeindlich mit Tinte spritzen.

Entwickelt sich produktiv. Und das wenige Wochen nach dem Bau des antifaschistischen Schutzwalls. als wollte sie sich biedermeierlicher Vorfahren erinnern. Leider haben wir damals den abschließenden Satz des Informanten >Fonty<. So kam es am 30. . das heißt zur Beleidigung der Arbeiterklasse durch verzerrende Darstellung der Wirklichkeit. Maßnahmen mußten ergriffen werden. das Machwerk >Die Umsiedlerin< neben >Die Weber< stellte. als in Berlin-Karlshorst eine FDJ-Studentengruppe . Sehe mich mittlerweile sogar bereit. Durchgesessen und abgewetzt. doch in besonderen Fällen ziemlich brisante Informantenberichte aus der Zeit Ihrer Tätigkeit beim Kulturbund. die Sie noch vor der Aufführung schrieben. « Aber Hoftaller wollte keine längeren Zitate und gewiß nichts Verwirrendes über das schottische Clanwesen hören. Beide saßen wie übriggeblieben. Die gepolsterten Seitenlehnen schmückte wilhelminische Schnörkelei. dessen Bezug einmal weinrot gewesen sein mochte... Zynisch wurde die Kollektivierung der Landwirtschaft in Szene gesetzt. »Verschonen Sie mich! Nichts liegt mir ferner als Ihre Campbells.. Nur die geschwungene Rückenlehne verlief schlichter.. Denke dabei an meist harmlose. grenzte an Sabotage. Des Sofas Beine wie von August Bebel gedrechselt. Stuarts und Macdonalds. September 61 zur Aufführung. Es gehörte nicht zu meinen Aufgaben. Überall viel Betrieb und Gedränge. Jedenfalls war die Holzfassung der Sofalehne mit ihren drei Schwüngen für mehr als zwei Personen breit. Na ja. Bin ja zufrieden mit unserer gegenwärtigen Zusammenarbeit. noch bevor der Manteuffel-Spuk vorbei war. Im Unterschied dazu waren Ihre Verfälschungen von >Times<-Artikeln in den Spalten der >Neuen preußischen (Kreuz-)Zeitung< ne wahre Leistung: Meisterstücke stilistischer Glaubwürdigkeit. trotz aller englandfeindlichen Propaganda. als positive Wertung verstanden. Aber Ihr lobhudelnder Vergleich. In >Jenseit des Tweed< steht gleich zu Beginn . damit wurde man fertig. sei es in Camden Town. Und aus der Tiefe des Sofas sagte Fonty: Jedenfalls konnten Lepel und ich. sei es in Soho. Ihre oft schlampig recherchierten Reiseberichte zu korrigieren. war ihm nur wenig bestimmbare Farbe geblieben. Doch lassen wir das. Er haßte Schottland. Zum Beispiel die Einschätzung eines Theaterstücks. >Dieses Stück birgt Sprengkammern voll sozialistischem Dynamit<. endlich unsere Schottlandreise antreten. Sie saßen versunken. Ein Möbel der Gründerjahre. die sich womöglich auf Londons Straßen ergingen. Zwischen ihnen ein Loch. einige Sie betreffende Unterlagen der Notheizung zuzuführen.Sie hingen Gedanken nach. der den Autor Müller neben den jungen Hauptmann. weil diese abseitige Gegend außerhalb seiner Kontrolle lag.

Verbandsausschluß. Endlose Sitzungen. Sogar die Akademie tagte. Danach die übliche Selbstkritik. War ne Staatsaffäre! Und alles nur, weil wir Ihrem Gutachten, dem >sozialistischen Dynamit< vertraut haben.« Fonty lachte in seiner Sofaecke. »Geknallt hat es immerhin!« Und als Hoftaller das verjährte Papier aus seiner Brieftasche zog, entfaltete, glättete, schließlich den Informantenbericht Zeile nach Zeile bis zum »sozialistischen Gruß, Ihr Theo Wuttke« vorlas, wobei der im Briefkopf angeführte Deckname »Fonty« nicht verschwiegen wurde, lachte er immer noch: »Ach Gottchen, was ist nur aus unserem Müller geworden!« Erst als sich Hoftaller aus seiner Sofaecke vorbeugte, das handschriftlich doppelseitig beschriebene Blatt mit zwei Fingern von sich hielt, sein Feuerzeug zog und schon beim ersten Versuch Erfolg hatte, lachte er nicht mehr. Bei schwindendem Lächeln sah er zu, wie das Zeugnis seiner Doppeltätigkeit beim Kulturbund von der linken unteren Ecke nach oben weg abbrannte, ohne daß Hoftaller, der rechtzeitig losließ, Schaden nahm. Zwischen ihren Schnür- und Schnallenschuhen verglühte das Blatt auf dem Betonfußboden des Heizungskellers. Ein wenig feierlich war ihnen zumute. Wohl deshalb holte Hoftaller aus der Tiefe seiner Aktentasche nicht etwa, wie sonst bei Pausen, jene Thermosflasche und Blechdose voller Mettwurstbrote, die schon Tallhovers Biograph nachgewiesen hat, sondern zauberte eine Flasche Rotwein, zwei Pappbecher und einen Korkenzieher hervor. Bevor Hoftaller »Nun wollen wir es uns aber gemütlich machen« sagen konnte, sagte Fonty schnell und wie abschließend: »Daß ich den jungen Müller mit dem jungen Hauptmann verglichen habe, ist immer noch furchtbar richtig. Leider sind auch ihre Altersstücke von ähnlicher Mache. Aufgedonnerter Kulissenzauber. Beim einen reizt mystischer Qualm die Lachnerven, der andere bietet verwursteten Shakespeare und Grausamkeiten als Dutzendware. Soll alles zynisch wirken, bleibt aber Pose und wabert kolossal ... « Wir vom Archiv wissen, daß ihm schon das frühe Hauptmannstück »Hanneles Himmelfahrt« mißfallen hat. »Über diese Engelmacherei könnte ich zwei Tage lang ulken«, schrieb er im November 93 an sein angestammtes Theater, in dem er zwanzig Jahre lang als Kritiker den Eckplatz Nr. 23 besetzt gehalten und kaum eine Premiere versäumt hatte. Liest sich noch immer tintenfeucht, was über Schillers »Tell« und Ibsens »Nora« in der Vossischen Zeitung stand. Alles Bombastische war ihm zuwider, wie etwa Wagner und Bayreuth, wo er gleich nach Ende der

»Parsifal«-Ouvertüre -»Noch drei Minuten und du fällst ohnmächtig oder tot vom Sitz« - die vollbesetzte Festspielscheune verließ und das teure Billett für »Tristan und Isolde« an der Theaterkasse zurückgab, verbunden mit der Bitte, den Gegenwert einer »frommen Stiftung« zugute kommen zu lassen. Desgleichen Fonty. Alles Überwürzte war nicht nach seinem Geschmack - wie jener Rotwein, den Hoftaller aus der Aktentasche gezogen hatte, ihm zu süß, zu klebrig war; und dennoch mußte er trinken, weil ihm »ein kurzes, aber gemütliches Beisammensein« verordnet blieb. Immer wieder goß Hoftaller nach. Immer wieder zitierte Fonty den berüchtigten Schierlingsbecher herbei. »Auf Ihr Wohl« mußte er sagen, »auf Ihr spezielles ... « Und nach jedem Schluck befürchtete er, an Übersüße zu sterben. Das Sofa hatte schon viel aushalten müssen. Wahrscheinlich stand es seit Kriegszeiten im Keller. Während der häufigen Bombardierungen mochte es als Zuflucht gedient haben. Wir stellen uns vor, wie es, zwischen Luftalarm und Entwarnung, drei bis vier weiblichen Bürokräften, die im Reichsluftfahrtministerium angestellt waren, den Anschein von Sicherheit bot. Bestimmt war Fontys Verlobte, das Bürofräulein Emmi Hering, unter den Schutzsuchenden, zumal auf Berlin nachts wie am Tage Bomben fielen. Schon damals wird das Sofa zum Plaudern - und sei es über die Angst hinweg - eingeladen haben; und Emmi Wuttke, geborene Hering, soll von Anbeginn eine unerschöpfliche Plaudertasche gewesen sein; ihr riß der Faden nie ab. Nur so hat sie dem Gefreiten Wuttke gefallen können, nur so war sie, selbst bei übler Laune, zu ertragen; und nur so ist ihr, über Jahrzehnte hinweg, der Soldat und Zivilist erträglich gewesen, denn Fonty war das Plaudern, wie er sagte, »bis ins Schriftliche« zur zweiten Natur geworden. Sogar mit Hoftaller plauderte er aus Neigung, gewiß aber auch, um über die aufgenötigte Süße des Rotweins hinwegzukommen. Nur keine Pause zulassen. Mit vorletztem Wort das übernächste anstoßen. Indem er die Zeit immer wieder neu mischte, sprang er, ohne seine Sofaecke zu verlassen, aus dem einen ins andere Jahrhundert. Mehrmals wurde die Geburtsstadt Neuruppin berufen. Dem Apotheker unter den Vätern gab er nur wenige, doch dessen ewige Spielschulden mit Nachsicht wägende Worte. Dann war er mit Vater Wuttke, der das Steindruckerhandwerk gelernt hatte, ausschweifend lang bei den berühmten Neuruppiner Bilderbögen, deren farbig fortlaufende Schilderungen jegliches militärische Ereignis, zudem aktuelle Begebenheiten wie Großbrände und Sturmfluten über ein Jahrhundert lang populär gemacht hatten. Fonty beteuerte, wie dieser bunte Bildersegen die eine und die

andere Jugendzeit bereichert, wie nachhaltig ihn der Steindruck geprägt habe. Er färbte einige Bilderbogengeschichten so bluttriefend und schießpulverschwarz ein, als stünde ihm des Försters Tod von Wilderers Hand noch immer vor Augen, als fände das Gemetzel von Mars-la-Tour gegenwärtig statt. Und während er noch Lithographien aus Gustav Kühns Werkstatt belebte, klagte er darüber, daß vom aktuellen Geschehen der Wendezeit nichts einprägsam anschaulich werden wolle: »Stellen Sie sich die Oktoberereignisse vor. Soeben noch feiert der Arbeiter- und Bauern-Staat sein vierzigjähriges Jubiläum. Großes Trara! Paradierende Volksarmee. Die werktätigen Massen ziehen an der Tribüne auf dem Marx-EngelsPlatz vorbei. In bunter Folge sehen wir winkende Genossen, natürlich auch den mit dem Hütchen, wie er zurückwinkt: lächelnd nach Krankheit und Operation. Und neben unserem Honni sehen wir Gorbi, der nicht lächeln will. Warum nicht? Da kommt es schon in weiteren Bildern zu den Leipziger Ereignissen. Die Montagsumzüge. Die vielen friedfertigen Kerzen. Die Ordnungskräfte, die Hundestaffeln und alles wunderbar bildträchtig! Motive über Motive. Mit Beffchen und im Talar sehen wir hundert und mehr Pfarrer bildstrotzender Lutherworte mächtig. Den Pastor Christian Führer sehen wir, wie er von der Kanzel der Nikolaikirche herab in Gleichnissen Gewaltlosigkeit predigt. Wir sehen das bröckelnde Leipzig. die Heldenstadt! Dann wieder Berlin. Vom Volk enttäuscht, tritt Honni zurück. Sein Nachfolger bleckt lachend die Zähne. Immer mehr Rücktritte und Herzattacken. Sodann in Bilderfolge mit Sprechblasen: zerknirschte Genossen im Gespräch mit bärtigen Menschen vom Neuen Forum. Weitere Rücktritte, Forderungen. Überall Runde Tische! Und überall Pastoren; mein Lorenzen hätte dabeisein können. Natürlich darf der 4. November nicht fehlen, der Tag der tausend Transparente und viel zu vielen Redner, die in immer größeren Sprechblasen ein klein wenig Hoffnung machen. Heym klagt bitter. Die Wolf sucht Nähe zum Volk. Müller warnt: >Machen wir uns nichts vor ... < Die Schauspielerin Spira sagt ein Gedicht auf. Und dann, nachdem ein jüngerer Autor namens Hein jegliche Euphorie kleingeredet hat, werde ich aufs Podium gerufen: >Fonty soll reden! Fonty soll reden!< Ja, ich sprach zu den Fünfhunderttausend auf dem Alex. >Es sind die Imponderabilien, die die Welt regieren!< rief ich durchs Mikrophon. Und dann berief ich die achtundvierziger Revolution: >Viel Geschrei und wenig Wolle!< Ob jemand meine Warnrufe verstanden hat? Und schon kam der uns Deutschen so eingefleischte 9. November, aber diesmal mit Anlaß für fröhliche Folgen. Nach all den Schrecknissen dieses Datums darf endlich Freude den Ton angeben: Die Mauer sperrangelweit offen, der Schutzwall fällt, Mauerspechte sind

tätig, Bananen beliebt ... Jedenfalls ergäbe sich eine Bildfolge, vergleichbar den Neuruppiner Steindrucken, die den Sieg von Sedan, die Kaiserproklamation im Schloß von Versailles, sogar die Tage der Pariser Kommune, dann aber den Einzug der siegreichen Regimenter durch das Brandenburger Tor bebildert haben; wie ja auch mir, der ich voll Hoffnung war, der gesamte Waffengang zweitausend Seiten lang Stoff gewesen ist. Aber niemand hat mein Kriegsbuch lesen wollen, alle griffen nach kolorierten Bilderbögen. Ja, Kühn hieß der Mann, der das große Gemetzel so farbgesättigt unters Volk gebracht hat. Ein solcher Kühn fehlt uns heute. Denn soviel sage ich freiweg: Zwar holzen wir ganze Wälder ab, damit sie zu Zeitungslöschpapier werden, zwar plärrt das Radio rund um die Uhr, und Fernsehen so viel. daß man erblinden möchte, doch was fehlt, Hoftaller, woran wir Mangel leiden, wie vormals den Hauptmannschen Weberkindern ein Stickel Brot mangelte, das ist ein Gustav Kühn aus Neuruppin!« Fast wäre er aufgesprungen. Er versuchte, aus dem durchgesessenen Polster zu kommen, sank aber wieder in seine Sofaecke, tiefer als zuvor. Bevor ihn weitere Bilder anflogen, füllte Hoftaller, der bei kleinem Lächeln zugehört hatte, abermals den Pappbecher mit übersüßem Wein; und dann holte Fonty weit aus: Die Lehrjahre als »Giftmischer« in diversen Apotheken verzwirnten sich mit den Front- und Etappenberichten des Luftwaffengefreiten Wuttke. Nachdem er die Lehr- und Wanderjahre zweigleisig abgefahren hatte, war er plötzlich bei Ordenund Ehrenzeichen: »Anno siebenundsechzig fand man mich mit dem Kronenorden vierter Klasse ab, erst anno achtundachtzig war es endlich das Ritterkreuz des Hohenzollernhausordens ... « Kaum aber hatte er den eher spärlichen Ordensschmuck als »bloßes Blech« abgetan, wurde seine während des Zweiten Weltkrieges ordensfrei gebliebene Brust mit Ehrennadeln und Verdienstschnallen geschmückt, die ihm während seiner Tätigkeit im Kulturbund verliehen worden waren: »Alles nur drittrangig! Aber immerhin: zwei- oder dreimal >verdienter Aktivist<. Bredel persönlich hat mich für eine Medaille vorgeschlagen. Wiederholt haben die Kollegen Strittmatter, Fühmann meine Verdienste um das kulturelle Erbe herausgestrichen. Dann aber starb mein damaliger Gönner, der Präsident des Kulturbunds, Johannes R. Becher... Hätte, wenn mir danach gewesen wäre, als Kreissekretär Karriere machen können, in Potsdam oder Oranienburg ... Oder stellen Sie sich vor, Tallhover, es hätte anno achtzehnneunundfünfzig geklappt. Meinem Freund Heyse wäre es gelungen, mich, als es nach der halbwegs passablen Londoner Zeit in Berlin ganz duster aussah und Emilie nur noch das Jammern hatte, an den bayerischen Hof zu vermitteln. Ich als königlicher Privatbibliothekar. Ich

fest besoldet! Alles wäre anders verlaufen. Keine Wanderungen durch die Mark und keine Kriegsbücher, aber die Voralpen, der Starnberger See, Berchtesgaden, Oberammergau, des König Ludwigs Schlösser und viele Romane, in denen Enzian getrunken wird und Föhn herrscht. Alpenglühen, Wilderer, Bergbauern, farbig Katholisches ... « Da unterbrach ihn Hoftaller und wollte alles auf einen Punkt bringen: »Machen Sie sich nichts vor, Fonty. Sie waren und sind ne verkrachte Existenz. Hier, in dieser sandigen Gegend, haben Sie es immerhin zum Denkmal gebracht, doch in Bayern hätte es nicht mal zu ner achtel Portion Unsterblichkeit gereicht.« Er holte als Tallhover aus, um als Hoftaller draufzupacken. Zum Abrechnen war das Sofa wie geschaffen. Die Beweise für »verkrachte Existenz« brachte er mit lächelndem Bedauern, eher geflüstert als herausposaunt. Nur selten kam Schärfe in seine Stimme. Und selbst Punktumsätze wie »Sie waren und bleiben ein unsicherer Kantonist« hoben das milde und nachsichtige Lächeln nicht auf. Wohlwollen überwog, wie überhaupt Hoftallers rundes, wir sagten oft bauernschlaues Gesicht samt den knopfkleinen, von Lachfältchen gefaßten Augen eher bekümmerte Fürsorge als Härte spiegelte. Ohne zu dem in der Tallhover-Biographie erwähnten, durch einen gewissen Lieske ermordeten Polizei-Rath Rumpf eine namentliche Annäherung herbeispekulieren zu wollen, können wir Fontys Hinweis auf den frühen Berlinroman »L'Adultera« bestätigen; in ihm tritt ein Polizeirat Reiff als Nebenfigur auf und beweist dabei eine nicht zu ignorierende Ähnlichkeit mit Hoftaller als Tallhover: » ... ein kleiner behäbiger Herr mit roten und glänzenden Backenknochen, auch Feinschmecker und Geschichtenerzähler, der, solange die Damen bei Tisch waren, kein Wässerchen trüben zu können schien, im Moment ihres Verschwindens aber in Anekdoten exzellierte, wie sie, nach Zahl und Inhalt, immer nur einem Polizeirat zu Gebote stehn ... « Wir vermuten, daß Tallhover als Modell stillgehalten hat, damit auf Papier die Nebenfigur Reiff entworfen werden konnte; und daß die romanhafte Person in preußisch-protestantischer Umgebung katholisch zu sein hatte, hätte auch zu Tallhover gepaßt, wenngleich Hoftaller, nach seiner Religion befragt, vorgab, »streng wissenschaftlicher Materialist« zu sein. Anfangs verfuhr er nachsichtig mit der »verkrachten Existenz«. Er überging die abgebrochene Gymnasialbildung, lobte sogar den Abschluß an der Friedrichswerderschen Gewerbeschule, also das »Einjährigen-Zeugnis«, und

erweiterte sein Lob um die Spanne der Lehrzeit in der Apotheke »Zum Weißen Schwan«, die trotz unablässiger Reimerei durchgehalten und mit dem Abschluß als Apothekergehilfe - unterschrieben von Wilhelm Rose, Spandauer Straße - beendet wurde. Dann aber hörte sich Hoftallers Abrechnung streng, schließlich unerbittlich an: »Diese Unruhe! Ne Menge Ortswechsel. Will aber nur an die Dresdner Adresse erinnern: Salomonis-Apotheke, denn dort wurde beim Verkauf von Lebertran und direkt übern Ladentisch weg ne Verbindung geknüpft, die nicht gerade revolutionär war, eher spätromantisch, deren Folgen jedoch ruinös blieben: Einmal und abermals wurden dem Apothekergehilfen und Jungdichter Alimente abkassiert, wovon ein Jammerbrief an Freund Lepel Zeugnis gibt: >Meine Kinder fressen mir die Haare vom Kopf, eh die Welt weiß, daß ich überhaupt welche habe ... < Nun, wir wußten von der beklagten, zu großen >Lendenkraft<. Aber Emilie Rouanet-Kummer. die Verlobte im Wartestand, durfte nicht wissen, was für ne Hurerei sich über Jahre hinweg am Elbufer abgespielt hat. Lief alles heimlich. Lepel pumpte Geld. Nichts kam ans Tageslicht. Aber wir hatten den Fisch an der Angel: die verkrachte Existenz, den ausgepowerten Kindsvater, das Liebesverse schmiedende Genie ... Könnte plaudern ... Hätte Lust, auskunftsfreudiger zu sein als das so gut sortierte Potsdamer Archiv... « Fonty war erschrocken und wir mit ihm. Er sank, als immer mehr Peinlichkeiten aus der anderen Sofaecke kamen, tiefer und tiefer ins Polster, wie auch uns das detaillierte Spezialwissen verstörte. Was Hoftaller »Dresden und die Folgen,« nannte, hätte als Konvolut belastender Papiere eine das Archiv schmerzende Lücke füllen können. Er zitierte aus Briefen und beigelegten Gedichten. Er hob Datierungen hervor. Aus sieben Jahren, bis zum Abbruch der Revolutionären Korrespondenzen in der »Dresdner Zeitung«, sollen siebenunddreißig Liebeszeugnisse von des Unsterblichen Hand überliefert sein, doch blieben diese mehr herzzerreißend poetischen, weniger radikal politischen Papiere als Geheimdossier nur jenen verfügbar, die von Berufs wegen Druck ausüben. Selbst uns gegenüber ging Fonty nicht ins Detail, wenn wir nach dem Verbleib der Briefe fragten. Als wäre ihm noch immer seine Sofaecke verordnet, flüchtete er ins Allgemeine: »Lauter Unsinn! Was man briefverborgen schreibt, darf nicht zählen. Meine Episteln an Emilie aus überlanger Verlobungszeit sind gleichfalls futsch. Wurden allesamt verbrannt. Nicht schade drum. War sowieso alles unerlaubt unbedeutend. Na, weil Liebesbriefe in der Regel Ablage für Allgemeinplätze sind. Viel ausgeborgte Zärtlichkeit. Und die Zitate nach Lenau und Platen wie aufgenähte

Hosenknöpfe. Sicher, Eigenes kam auch vor. Das floß nur so. Hatte ja eine leichte Hand und ein beständiges Sehnen. War mit dem Herzen dabei ... « Weil uns der Hunger nach den geheimgehaltenen Briefen des Unsterblichen oft bis zum Äußersten trieb, haben wir Fonty aus archivalischer Hemmungslosigkeit regelrecht verhört. Nachhaken! Stochern! Nur nicht lockerlassen. Als Verhörende mögen wir seinem Tagundnachtschatten ähnlich gewesen sein, jedenfalls lief unsere einzige Sorge auf die Befürchtung hinaus, Hoftaller könnte auf die Idee kommen, den Fall »Dresden und die Folgen« nach seiner Methode abzuschließen, denn als beide in ihren Sofaecken saßen, hat er zum übersüßen Rotwein noch süßere Verheißungen tröpfeln lassen. Wir ahnten, welche Gefahr den siebenunddreißig Briefen, unserer Archivlücke, drohte. Fonty schockierte uns mit dem Eingeständnis, Hoftaller habe eine Kunstpause eingelegt, sich aus der Sofaecke vorgebeugt und seine Stimme mit Wohlwollen gesalbt: »Selbst wir sind der Meinung: Genug ist genug. Dresden soll keine Folgen mehr haben. Nicht nur das Bündel heißblütiger Briefe und beigelegter Gedichte, auch alle Zahlungsanweisungen, jeglichen Behördenkram, alles, was andeutungsweise nach Alimenten riecht, sogar unsere Protokolle bringen wir zum Schweigen, indem wir zwar nicht das tun, was Ihre arme Effi, dieses Dummerchen, mit den Crampas-Briefen hätte tun sollen und was Ihr überängstlicher Botho mit den Lene-Briefen tat, nein, wir verbrennen sie nicht, wir entsorgen sie auf nahestehende Weise: Alles, jeder Seufzer, jeder Herzenserguß, jede gereimte Beteuerung, wird ritschratsch zerrissen, zerfetzt und verschwindet in diesem Sofa, in dessen Tiefe sich des Poeten und Jungapothekers Briefschnipsel getrost mit vieltausend anders geschwätzigen Schnipseln, die schon entsorgt wurden, vermischen und - von mir aus - begatten dürfen ... « Hiermit steht fest: Kein Notheizungsofen war im Spiel. Das Sofa war nicht im Keller zu finden. Wir betreten den Paternoster und steigen zum Labyrinth des Dachbodens auf, der sich über dem teils vier-, teils siebenstöckigen Gebäude hinzieht. Und dort, im siebengeschossigen Seitenflügel, entlang der Leipziger Straße, sehen wir das Sofa: einfach abgestellt, aus welchen Gründen auch immer. Aber genau besehen war das Dachbodenmöbel nicht mehr abgrundtief durchgesessen, sondern wohl gepolstert, weil mit zerfitzelten Papieren vollgestopft, die als geheim gegolten hatten. Wie wir inzwischen wissen, entstammten viele Aktenvorgänge dem Haus der Ministerien, doch hatte die Zentralstelle Normannenstraße beim Stopfen und Nudeln nicht gegeizt; nach Fontys Worten

hätte eine pommersche Gans kaum nachdrücklicher gemästet werden können, so satt war das Sofa an Geheimnis. Hoftallers Werk. Sagen wir lieber: Hoftallers und Fontys Gemeinschaftswerk. Beide haben als Reißwölfe Akten per Hand zerschreddert, die Schnipsel durch Löcher ins ohnehin löcherige Unterfutter gestopft und mit Fingern und Fontys Wanderstock dem Sofa nach und nach zu straffer Polsterung verholfen. Seit Mitte Januar waren sie fleißig. So über Wochen hinweg. Und so an jenem Nachmittag, Ende März, als Hoftaller die Flasche Rotwein, die Pappbecher und den Korkenzieher aus der Tasche gezaubert hatte. Erst nach getaner Arbeit und nachdem sie einen Stoß Personalakten, einige verdeckte Gehaltslisten, etliche Kontaktprotokolle und wohl auch ein Bündel westöstliche Korrespondenz zerkleinert, durch sieben Löcher getrieben und bis in die entlegensten Hohlräume der Polsterung verteilt hatten, lud Hoftaller zum Umtrunk ein. »Sowas macht durstig!« rief er. Fonty sah sich genötigt, nach einem zweiten einen dritten Pappbecher zu leeren. Zum vierten Mal wurde ihm eingegossen. Folgsam nahm er mit kleinen Schlucken die Übersüße des Weins wie eine Strafe auf sich. Er ließ sich abfüllen, und dabei zählte der Gastgeber, der nur andeutungsweise trank, alles auf, was zur Schuld beigetragen hatte: Dresden und kein Ende. Und hier, auf dem Dachboden und nicht im Keller, wurde die Möglichkeit erwogen, mit diesem papiernen Wissen das mittlerweile stramme Sofa zusätzlich zu mästen. Was im Potsdamer Archiv nicht katalogisiert ist und uns als Lücke schmerzt: Hier kam es zur Sprache, hier wurde ausgiebig Liebesgestammel zitiert, ungereimt und gereimt, hier quälte sich über Jahre hinweg eine geheimgehaltene Liebe von Blatt zu Blatt, hier sollte mit kostbarem Spezialwissen ein Sofa aufgemöbelt werden. Uns liegt nur der besondere Brief an Bernhard von Lepel vor, in dem als »Enthüllung« steht: » ... zum zweiten Male unglückseliger Vater eines illegitimen Sprößlings.« Zudem ist der Tatort angegeben: »Das betreffende interessante Aktenstück (ein Brief aus Dresden) werd ich Dir am Sonntage vorlegen ... « Doch Hoftaller wußte mehr und alles, was Fonty zu wissen schien, aber unter der Decke halten wollte: daß die Mutter beider Kinder als Tochter eines Gärtners in DresdenNeustadt gelebt und Magdalena Strehlenow geheißen hat; daß die Gärtnerstochter gern gesehene Kundin der Salomonis-Apotheke gewesen ist; daß es Lebertran für ihre kleinen Geschwister war, nach dem sie immer wieder verlangt hat; daß der junge Apothekergehilfe, der sie über die Ladentheke hinweg bediente, es verstand, die Gärtnerstochter zu Kahnpartien auf der Elbe einzuladen; daß dem Ruderer

anfangs zu Lena Strehlenow revolutionäre Verse im Herwegh-Stil eingefallen sind; daß er auf dem ruhig fließenden Nebenarm der Elbe schließlich rückfällig geworden ist und - angestiftet vom Namen der Gärtnerstochter - nur noch im Stil des Romantikers Nikolaus Niembsch von Strehlenau zu seiner Lena passende Reime hat finden können; und daß die Beschreibung der Jahre später abermals geschwängerten Person - »schlank, mittelgroß, aschblond« - mit einer weitaus späteren Romanfigur verdächtig übereinstimmte. »Wir wissen, wer auf Ruderbänken für Lene Nimptsch Modell gesessen hat.« Hoftaller ließ sich nicht beschwichtigen: »Ihr Hinweis auf bloße Fiktion zieht nicht. Wenn die romanhafte Lene infolge der Bootspartie auf der Havel und der anschließenden Übernachtung in Hankels Ablage nicht schwanger ging, beweist das nur, daß der Autor, hier ganz seinem Stilprinzip folgend, das Bett, die Dresdner Konsequenzen ausgespart hat. Nur mit dem Namen wagte er ein wenig zu spielen. In Wirklichkeit aber wurde die aschblonde Gärtnerstochter nach wiederholtem Rudern zum ersten Mal und sechs Jahre später abermals Kindsmutter. Der >Sprößling<, wiederum ein Mädchen, wurde keine zwei Jahre alt. Nur die erstgeborene Tochter ist nicht von der Diphterie hingerafft worden. Seien Sie froh, Fonty! Die kleine Mathilde überlebte alle Kinderkrankheiten, wuchs heran, war ne praktische Person, die zupackte, fiel durch Klugheit und strebsamen Sinn auf und heiratete später... « Hier brach Hoftaller ab. Und Fonty drängte ihn nicht, weiterführende Sofageschichten auszuplaudern. Es reichte. All dieses aufgehobene Wissen - sein Tagundnachtschatten zitierte nicht nur aus Liebesbriefen. sondern auch Widmungsverse, in denen sich Lebertran auf holden Wahn und andernfalls anzüglich auf Elbkahn reimte - versetzte ihn in einen elenden Zustand, zu dem das Übermaß an Rotwein beitrug. Klebrige Süße stieß übel auf. Aus Hoftallers halbem Versprechen, das Sofa mit belastenden Briefschnipseln zu stopfen, wurde nichts: »Später, Fonty, vielleicht später, wenn wir die Dresdner Folgen abgearbeitet haben.« Das gab ihm den Rest. Dem Aktenboten Theo Wuttke kam es hoch. Schon würgte er. Und selbst wenn der Unsterbliche im vergleichbaren Fall diese Szene ausgeblendet und dem Romanleser alles Vulgäre erspart hätte, sehen wir uns zu dem Eingeständnis gezwungen: Fonty mußte kotzen. Aber wohin? Wo hinein? Wären wir noch, wie anfangs vermutet, in der Kelleretage und stünde das Sofa in Nähe der Eisenklappe zur Notheizung, hätte Hoftaller rufen können: »Mensch, Wuttke, dahin! Einfach in den Heizkessel rein!« Weil aber Fonty

nicht im Keller des ehemaligen Reichsluftfahrtministeriums speiübel wurde, sondern in dessen Dachgeschoß, wird er das neu aufgepolsterte Sofa vollgekotzt haben. Nach so viel widerwilligem Weingenuß und nachdem er gezwungen worden war, all das Bedrückende anzuhören und dabei den eingedickten Sud vergangener Zeit zu schlürfen, wird niemand erwarten können, daß es dem Greis gelang, rechtzeitig vom Polster hochzukommen und sich irgendwo abseits zu entleeren, zwischen Gerümpel etwa: Über Transparente, die vom letzten Ersten Mai geblieben waren und noch immer zur Solidarität aufriefen, hätte er sich erbrechen und so gründlich auskotzen können, bis nichts mehr gekommen wäre. Hoftaller half Fonty, der sich im Paternoster nur mühsam aufrecht hielt, vom Dachboden ins Erdgeschoß, dann, schnurstracks an der Anmeldung vorbei, unter das kolossale Portal und endlich ins Freie. Draußen dunkelte es. Kein Regen, doch unter tiefhängenden Wolken drückte feuchte Luft. Süßlich und gasig bitter roch es nach Braunkohlefeuerung, dem untergehenden Staatswesen. Der Aktenbote Theo Wuttke atmete schwer, wollte aber nicht gestützt werden, sondern ganz allein über den Ehrenhof. In dem ausgestanzten Viereck hallte jedes zu laute Wort: »Loslassen, Tallhover! Was noch, Hoftaller, was noch? Zur Hölle mit Ihren operativen Vorgängen! Zum Teufel mit Ihren Harmlosigkeitsallüren, Herr Polizeirat Reiff!« Aber sein Tagundnachtschatten blieb ihm zur Seite. Es sah so aus, als gehörten sie auf ewig zusammen. Kein literarischer Trick konnte sie trennen. Uns verwunderte diese weit über hundertjährige Praxis nicht, sagte doch schon in »L'Adultera« der pleite gegangene Bankier Rubehn zu seiner geliebten Melanie: »Vor dieser Spezies muß man doppelt auf der Hut sein. Ihr bester Freund, der leibliche Bruder ist nie sicher vor ihnen ... « 6 Zwischen Enten ein Haubentaucher Vom »Genossen Fonty« hätte selbst im Scherz nicht die Rede sein können; und weil er nie jemand mit Parteibuch gewesen ist, legte er Wert darauf, als »Herr« angesprochen zu werden. Nicht selten sind ihm flapsige Anreden wie »Hallo, Fonty, wie geht's« ärgerlich aufgestoßen: »Für Sie, junger Mann, immer noch Herr Wuttke.«

denn uns erging es kaum besser. Gründe genug gab es. die ihn zappeln sahen. nichts ist unsterblicher als ein Archiv. seinem Biographen. ahnten anfangs nur. hätte der Fall Fonty ad acta gelegt werden können. Mit mürrischer Lust behauptete er. ihm eine Person zuzuordnen. hatte das gesamte Papierbündel andauernde Beschattung zur Folge. Wir hätten uns freier. ihn im Verlauf der Zeit unter mehr oder weniger durchlässige Aufsicht zu stellen. der ihn nach über hundert Dienstjahren auslöschen wollte. Und mit dem Fall »Tallhover. Er war beides.»Genossen! Kommt! Helft mir!« -. geboren am dreiundzwanzigsten März Achtzehnhundertneunzehn. dessen Leistungen häufig erwähnt und in zurückliegenden Jahren sogar am Schwarzen Brett gelobt worden waren. durch Selbstjustiz unters Fallbeil gebracht. der gegen den Schluß der Biographie auf Seite 283 protestiert und deren Fortsetzung . wie ihm war dem archivierenden Kollektiv der Name des Unsterblichen vorgeschrieben. was uns später zur Gewißheit wurde: Zu viele Aktenvorgänge belasteten seine verlängerte Existenz zugleich. sah Fonty weiterhin als Objekt und hat sich wohl deshalb geweigert. Ludwig. dem biographischen Aufruf folgend . die. Wegducken half nicht: Mit Fonty saßen wir in der Falle. sogar ein dritter. Gehorsam zu leisten. Hoftaller zu meiden. daß es Fonty war. Und weil jeder Vorgang gewichtig genug war. wäre mit Fonty auch uns geholfen gewesen.und sei es von uns -gefordert hat. ob beim Kulturbund oder im Haus der Ministerien: Theo Wuttke galt als Aktivist. Ab 13. wie es ihm leichtfiel. Tallhovers Tod zu betrauern? Ließe sich ausdenken. ein wenig freier entfalten können. Er belächelte die Lücken in unserer Kartei. Wir. So ängstlich wir versucht haben. dem Arbeiter. doch uns hat jahrzehntelang ein Gutachten geschützt. und gerne betonte er den weit übers Rentenalter hinaus tätigen Aktenboten. Hätte er sich. uns alle als Fonty zu überzeugen. wie Theo Wuttke. Hoftaller nahm das Archiv nicht ernst.und Bauern-Staat von Anbeginn als loyaler Bürger verpflichtet gewesen zu sein. Und in zwiefacher Gestalt hing er am Haken. nach dessen Befund wir als nur sekundär und obendrein harmlos einzustufen waren. nicht nur von heute war: Zwei Immortellenkränze wären zu vergeben. ehemaliger Mitarbeiter der Dienste«. weil er sich nach so langer .Sein bürgerlicher Name schützte ihn. Aber einzig als Theo Wuttke zu gelten war so schwer. Februar 1955 wäre dem Archiv von Staats wegen Ruhe gegönnt worden. Oder wäre dieser nur literarisch schlüssige Tod kein Anlaß zur Freude gewesen? Hätte es Gründe gegeben.

daß Hoftaller aus pädagogischen Gründen nachgab und ihm abrupte. die im Archiv wie unter Hausarrest saßen. auf dessen abgeräumter Fläche. Leipziger Straße. grelle Spekulationen blühten. Vor dem Mauerfall hatte ihm der Volkspark Friedrichshain Auslauf geboten. Fonty stand weiterhin unter Zwang.« Er sah seinem Schützling und dessen wehendem Shawl eine Weile lang nach. zum Beispiel Ecke Otto-Grotewohl-. den Potsdamer Platz.Fürsorge einsam.ohne Bedingung erlaubt hat. Er hing am Haken. Und wir. lag der Wanderstock neben ihm. Einsamkeit besser!« . der Rousseau-Insel gegenüber .sei es zum Goldfischteich oder zur Amazone. sei es am Uferweg. Hoftaller blieb stehen. bis morgen. Hoftaller wollte geradewegs weiter. ohne lange Anlauf nehmen zu müssen. nicht erst seit ausbrechendem Frühling. dem Stachel und Widerhaken in seinem Gedächtnis lösen. um von dort aus trotz undurchlässiger Verkehrsdichte Rückschau auf romanträchtige Mansardenfron zu halten. Jugendlich. Meistens saß Fonty für sich. die der Tiergarten . bestätigte: »Na klar. weil sich Fonty nur so an die neue. Nach kurzem Gruß »Bis morgen dann« scherte er aus. daß ihm nach Dienstschluß tagundnachtschattenlose Alleingänge freistanden. Und wenn er saß. oder er folgte vom Potsdamer Platz aus anderer Gewohnheit. rückhaltlos und ohne Tagundnachtschatten sozusagen schlemihlhaft vorgekommen wäre? Fragen. setzte den Weg dann fort. schritt er aus. oft mitten im Satz vollzogene Kehrtwendungen . . auf die Tatsachen Antwort gegeben haben. indessen entfernte sich Fonty. immer wieder abzweigenden Spazierwegen. Waren ihm Fristen eingeräumt worden? Hat er diese Alleingänge seinem Tagundnachtschatten abtrotzen müssen? Oder kann es sein. Danach bummelte er von Schaufenster zu Schaufenster die westliche Potsdamer Straße hoch bis hin zur kläglich übriggebliebenen Hausnummer 134 C. wie überliefert.»Gesellschaft ist gut. sahen ihn zappeln.mit Ruhebänken zu bieten hatte. Fonty bog links ab. nun aber überquerte er. Natürlich ging er mit Stock. Jedenfalls glaubte er. Immer wieder konnte er sich von seinem Schrittmacher und Aufpasser. mehr beurlaubt denn aus freien Stücken allein. Dennoch waren dem Aktenboten Theo Wuttke kleine Ausbrüche in die Freiheit möglich. dem Westen eigentümliche Freiheit gewöhnen konnte? Ihre Trennungen auf Zeit fanden zumeist gleich nach Dienstschluß an Straßenecken statt.

daß beide gelegentlich einem altersbedingten Drang nachgaben. Abteilung Transportwesen. Bei wachsender Entfernung blieben sie einander dennoch sicher. wie er mit dem Wanderstock in rechter Hand ausschreitet. das Archiv bewahrt ein Exemplar als Beleg auf Über der kommentierenden Zeile »Sieht der märkische Adel jetzt so aus?« hat man ihn vor sich. Der linke Arm ruht abgewinkelt hinterm Rücken. fällt der oft zitierte Shawl lässig drapiert über die Schulter und reicht beiderseits abfallend bis zur Seitentasche des weiten Mantels. daß sie gut zwanzig Jahre nach dem amtlichen Tod des Unsterblichen im »Simplicissimus« wie eine Novität abgedruckt werden konnte. immer gefällig und ansprechbar: »Werden dringend gebraucht.. doch nicht nur deshalb liebte Fonty den Tiergarten. leibhaftig. Von Stockwerk zu Stockwerk war der Aktenbote Theo Wuttke im Haus der Ministerien gefordert und bis hoch zum Dachgeschoß. glich er mit Hut und Stock einer Karikatur. Zimmer 718. wie schon den April über. der andere schnellfüßig tippelnd. Fonty. « Nur auf Tiergartenbänken war er allein. blieb ihm Einsamkeit sicher: So gutgelaunt er mit »wiederholter Nervenpleite« auf »chronisches Asthmaleiden« antwortete.Hier müssen wir einräumen. und auch bei der Personalabteilung stapeln sich einige Vorgänge . die seinen Vorgänger zum Motiv gehabt und dessen Eigenart dergestalt treffend wiedergegeben hatte. und nie wurden seine Hintergründe befragt. schaut er über alles Nahe hinweg in die Ferne. alles Geplapper lief obenhin. Spätestens am nächsten Tag waren sie wieder vereint. Selbst wenn sich ein Rentner neben ihn setzte und beide einander Altersgebrechen aufzählten oder ihre Ärzte als Stümper beschimpften. als sie sich trennten. daß er in dieser Kunstlandschaft von Anbeginn unverkennbar gewesen ist. Wir werden sehen. Die zu einem großräumigen Garten gezähmte Natur half ihm. die er für seine hielt. selbst in Gesellschaft allein zu sein. in rechter Manteltasche steckenden Tageszeitung. nun bei schönstem Maiwetter unterwegs. Beschattet von der geschwungenen Krempe des Künstlerhutes.. wartet schon lange. Ohne sein Schottenmuster zu betonen. Dieser und jener ging zwischen Schritt und Schritt furzend in eine Richtung. war er. denn an gemeinsamer Arbeit fehlte es nicht. wo das Sofa stand. Abgesehen von einer gerollten. Nachdem sich Theo Wuttke von seiner scherzhaft »Schutzengel« genannten Aufsicht getrennt und den Aktenboten wie ein Rollenkostüm abgelegt hatte. Zum fusselnden Bart unter kühn geprägter Nase paßt das hinter den Ohren . so auch. sobald Hoftaller im Paternoster zustieg. der eine mit dem ausholenden Schritt des ewigen Jünglings und mit regelmäßig auftrumpfendem Stock.

für Fonty offen. für die. « Den Krollschen Musikgarten und die später gebaute Kroll-Oper gibt es nicht mehr. war behutsam in Phasen oder gewaltig auf einen Schlag verändert worden.strähnig in den Nacken fallende Haar. hat sich unter Tiergartenbäumen eine Bank gesucht. Natürlich fehlten nicht die dem märkischen Boden heimischen Nadelbäume und Birken. dem zwei lärmende Kinder vorauslaufen. wie vom Baumeister Lenné entworfen. vom Brandenburger Tor bis zum Landwehrkanal und dem dahinter liegenden Zoologischen Garten gestreckte Anlage war. Platanen und so weiter . Hier Einzelbäume auf dicht umsäumten Wiesen. trotz der Teilung der Stadt in Besatzungszonen. Und die gesamte. Nun staunte er. Und wir wissen. von beiderseits bepflanzten Alleen durchzogen: hier. das einen Gutsherrn vortäuscht. in der er sich bewegte. wie üppig sich die Neuanpflanzungen der Nachkriegsjahre in Höhe und Breite verästelt und verzweigt hatten. wie vorgestrig der Unsterbliche den Tiergarten aufgesucht und dort belustigtes Erstaunen erregt hatte. entfernt sogar Bismarck im Sachsenwald oder Dubslav von Stechlin spiegelt. Fonty war Zeuge. Rüstern. um dort zum Entschluß. Bis zum Mauerbau lag der Tiergarten. Und deshalb stellt sich einem nur wenig entfernt treppab steigenden Bürgerpaar.. sich zu erneuern. weil schnellwüchsigen Pappeln und Erlen waren inzwischen Buchen und Eichen. dann wieder geschlossene Gehölze. von den Beeten aber kam ein feiner Duft von Reseda herüber. Ahorn und Trauerweiden gewichen. wie für ihn. Sein Bild stand schon immer fest. Die auf wüstem Gelände zuerst gepflanzten. Das alles hat der Karikaturist Th. dem endgültigen Verzicht auf Stine und dem Griff nach dem Revolver zu kommen: »Eine frische Brise ging und milderte die Hitze. sondern auch Waldemar von Haldern Ruhe verspricht: Der junge Graf. Uferbepflanzungen. vieles ist abgeräumt worden. Er wußte.und Bauern-Macht genug sein mußte. doch dem Tiergarten gelang es immer wieder. siebenmal unterschiedlich von Kastanien. der Ostteil Berlins als Hauptstadt der Arbeiter. bis zum Zeltenplatz hin. dann jedoch blieben die Wanderwege annähernd drei Jahrzehnte lang alljenen versperrt. die offensichtlich neureiche Frage nach dem gegenwärtigen Aussehen des märkischen Adels. dort hainartige Baumgruppen. während drüben bei Kroll das Konzert eben anhob . Th. Ein Bild. der angeblich Bismarck glich. und nur die Kunstlandschaft. niedrig gehaltenes Gebüsch. daß nicht nur im »Stechlin« der Tiergarten Platz für Spaziergänge und Kutschfahrten bietet. Heine mit sicher gesetzten Konturen und nur sparsamer Binnenzeichnung zu Papier gebracht. der nahbei in der Zeltenstraße wohnt..

den der Schloßpark Bellevue begrenzte und in dessen Nachbarschaft die der westlichen Halbstadt teure Akademie der Künste bis vor kurzem ihre Ruhe gepflegt hatte. zum Lortzingdenkmal und suchte von wechselnden Parkbänken aus unverstellte Blicke übers Wasser bis hin zur Rousseau-Insel. dann weiter zum Neuen See. Manchmal lief er bis zur Fasanerieallee und den bronzenen Skulpturen Hasenhetze und Fuchsjagd. eröffnete ein Netz ruhig verlaufender Wanderwege den Ausblick auf freie Wiesenflächen. . denn ganz in deren Nähe hätte er am Rand des Tiergartens sich selbst als marmornes Denkmal sehen müssen. Lene Nimptsch dabei. von Moltke zu Bismarck und weiter bis in den Englischen Garten hinein. ob vorgeahnt oder nacherlebt. dort der Länge nach über den Kleinen und Großen Stern hin durchkreuzt oder von Doppelreihen beschattet. Gerne wanderte er vom Denkmal Friedrich Wilhelms III. mit beschädigtem Stock und in preußischer Haltung über alles hinwegschaut. an denen er teilgenommen oder deren Verlauf sich literarisch niedergeschlagen hatte. wie die Hofjägerallee. Fonty pflegte seine Vorlieben.bestanden. auf eine preußische Institution zurück. doch ganz zu Anfang ist es ein stiller Seitenarm der Elbe gewesen. Selten überquerte Fonty die Hofjägerallee. blickten nun. doch seit dem Fall der Mauer vom Zeitgeist aufgestört und ums Selbstvergnügen gebracht war. gab es dort eine Lieblingsbank. die im Halbschatten stand. um eine »Volkslied« genannte Skulptur aufzusuchen. Doch zwischen den vom Verkehr überlasteten Schnellstraßen und beiderseits der ehemaligen Siegesallee. Und wie wir wissen. verlegen grimassierend. Hier sah er von Uferbänken aus zu und war voller Gedanken an Ruderpartien. später auf der Spree bei Hankels Ablage. dann Straße des 17. weil zur Einheit verurteilt. deren Sekretär einst der Unsterbliche gewesen war. gab es doch in der östlichen Stadthälfte gleichfalls eine Akademie der Künste. die gleichfalls zum Großen Stern führte. Sie führten zum Rosengarten oder über die Luisenbrücke und erlaubten. und immer war. so schnell hat ihn das Akademiewesen angewidert. von Denkmal zu Denkmal zu wandern. etwa die Kahnfahrt in Stralau am zweiten Ostertag. Das waren seine Lieblingsplätze. mit einem Holunder hinter der Rückenlehne. auf dem zu zweit gerudert wurde. wenn auch ein halbes Jahr lang nur. Juni. die während Jahrzehnten einander gemieden hatten. den der Landwehrkanal speiste und der ab Anfang Mal von Ruderbooten belebt war. von Goethe zu Lessing. und beide Versammlungen. die von Frau Dörr »Leneken« gerufen wurde. Teiche und Seen. wie er von hohem Rundpodest barhäuptig.

zum ersten Mal Emilie Rouanet gesehen hatte. Weil unehelich geboren. durch den noch unfertigen Tiergarten über sandige Reitwege führen können. wie ihn das Mädchen auf ersten Blick erschreckt hatte. dem ein Eierkiepenhut zu Gesicht stand und das er verschreckt haben mochte. Im Rückblick sah sich Fonty neben der Einundzwanzigjährigen. komm!« rief. als einem versteinerten Beamten. wie er vierzig Jahre später noch immer verlief. gefolgt von Theo Wuttke. der immerfort »Mete. Dann lieber doch und immer wieder den Großen Weg lang zum stillen Wasser um die RousseauInsel. hieß sie außerdem Kummer. etwa in die um 1836. Dann sah er sich wieder allein durch den Tiergarten laufen. . Mete gerufen. Schon damals hätte er Emilie bei der Hand nehmen und. falls das Kind ihm gefolgt wäre. Ein verwildert anmutendes Kind. Alles grünte wie vorbedacht. Dort konnte nach einigem Stillsitzen . wie er im Frühling 1846. Nach seinen Plänen war die Umgebung der RousseauInsel zur Ruhe gekommen. in dessen Kellerwohnung am Hasensprung besucht. Max Wuttke. den Vater manchmal durch den Tiergarten zu dessen Lieblingsplätzen begleitete. Und der Große Weg führte am See vorbei zur Großen Sternallee. doch sobald sich Fonty so rückgespult und in längeren Bildsequenzen mit Mete sah. den Hut zu ziehen. dem Pumpgenie Onkel August. als die Tochter Martha. als selbst der König gezwungen war.dieser besondere Blick in wechselnde Zeit genossen werden. diesmal als verstörten Revoluzzer. bis hin zur Aussicht auf die so frühzeitig nach einem Philosophen benannte Insel.So. Zu jener Zeit galt die Gestaltung des Tiergartens durch den Gartenbauarchitekten Lenné als abgeschlossen. die nicht mehr wild und schwarzäugig einer Ziegenhirtin aus den Abruzzen glich. nach ihrem Pflegevater. Vater und Tochter hatten zuvor den Großvater. Das war kurz nachdem er noch als Gewerbeschüler beim Bruder des Vaters.mit blühendem oder reifem Holunder im Rücken . sondern mit graublauen Augen die Welt märkisch normal einschätzte und ihr kastanienbraunes Haar zur Frisur getürmt trug: reif zur Ehe. als in Wilhelm Roses Apotheke »Zum Weißen Schwan« seine Lehrzeit begann. mit Emilie RouanetKummer einen Ruheplatz gesucht und eine Tiergartenbank mit Blick auf die Insel des rabiaten Aufklärers und Pädagogen gefunden hat. wollte er sich nicht begegnen. Das war wenige Wochen nach dem Begräbnis der Märzgefallenen. daß ihm im Zeitsprung die neunjährige Martha Wuttke über den Weg lief. dem Jahr nach der Verlobung. Das war kurz vorm Mauerbau. konnte er nicht verhindern.

die jeweils Schlacht.. Er sah Lepel an seiner Seite. Oktober 1850. am 16. viel später saß er mit Schlenther und Brahm auf einer Bank: endloser Theaterklatsch. ihr trauriges Ende gefunden. schwadronierte mit Ludwig Pietsch. « Doch als die Familie sagte: »Überschriften sind altmodisch«.. auch im Leben für Ruhepunkte. die nichts außer Ärger einbrachte und deren unablässiges Wortgetümmel er dennoch in den Tiergarten schleppte. doch zu Emilies Leid.. bilde mir ein. dann auf die Siebzig zu und drüber weg. Die Tunnelbrüder hatten für ein Geschenk gesammelt.Übrigens fand die Hochzeit mit Emilie Rouanet-Kummer gut zweieinhalb Jahre später. traf zufällig Heyse und Spielhagen. »Vor dem Sturm« wurde hier ausgetragen. die bald Einigungskriege genannt wurden. Kaum hatte »Effi Briest«. schlug er seinem Verleger für alle »L'Adultera«-Kapitel Zahlen vor. sah Storm und Zöllner. ein freier Schriftsteller war. später. eine langjährige Plackerei.. von wechselnden Manuskripten beschwert. nahe der Bellevuestraße in einem Restaurant namens »Georgischer Garten«. um die Sechzig. der seinen Stil aus der Sache nimmt. « Und so bis zuletzt. ein Stilist zu sein. wieder nach Haus und in wechselnde Wohnungen zu tragen. Parks ohne Bänke können mir gestohlen bleiben . hieß es in einem der alles ausplaudernden Briefe: »Nur wenige Freunde nahmen Anteil an unserem mittlerweile >Dreißigjährigen Krieg< . « Doch Fonty sah von seiner Lieblingsbank aus nicht nur Familie kommen und gehen. tickte auf Spazierwegen weiter: »Bin für Überschriften. nun ein betagter Anfänger.. das heißt. das seiner geschützten Lage und guten Küche wegen sowohl vor wie nach der Revolution viele Gäste anzog. Als nach drei Jahrzehnten in der Potsdamer Straße 134 c das runde Datum gefeiert werden wollte. mit einem Festessen am Rande des Tiergartens statt. sah er sich mit anderem Gepäck unterwegs: Leichthin geplauderte Romandialoge trug der Unsterbliche als Tiergartenausbeute hoch ins Mansardenloch der Potsdamer Straße. aber es blieb bei den Überschriften.. und so ist es mit den vielen >und's< .. die er behandelt.. vorabgedruckt. Erst als er den Akademiekrempel hinter sich hatte und endlich. war er schon mit dem alten Stechlin unterwegs: im Überrock und mit Stock und Hut. zielstrebig von der Hausnummer 134 c aus in Richtung Königin- . Was an Novellen und Romanen unfertig im Kasten lag. hielt er dagegen: » . ein wenig verschlimmbessert.und Landschaftsbeschreibungen zum Inhalt hatten. Und als nach »Grete Minde« und »Ellernklipp« Kritik an zu vielen »und's« aufkam. Zu wechselnden Jahreszeiten erlebte er sich zwischen und nach drei Feldzügen. um es. Von den Jugendfreunden der Leipziger und Dresdner Zeit war einzig Wolfsohn dabei. ein Vergnügungslokal.

Dezember 1919. immer scharf auf Pointen. ganz hingegeben dem pädagogischen Zauber der Insel: Freiheit und Tugend. Denn immer wieder kommt er als Fronturlauber oder kurz nur auf Dienstreise zurück. dann aber Schlag auf Schlag: Blitzsiege. führt Emmi verlobt am Arm durch den Rosengarten. Emmi Hering. Kommt aus Neuruppin und zeigt sein Geburtsdatum. Heißt Wuttke und Theo dazu.. mal als Revolutionär wiederentdeckt oder parteilich gestrichen. zum feindlichen Vetter. mal als Balladendichter gefeiert. die ihrem Bruder Dubslav. als Ausweis vor. Und weiterer Mißbrauch. Lufthoheit bis zu den Pyrenäen. Das verdrießt mich immer. Robespierre war Rousseaus folgsamster Schüler. « Den einen war er zu preußisch. wiederholt Gundermanns »Wasser auf die Mühlen der Sozialdemokratie« gießend. einzig den »Unsterblichen« im Munde führte. Paris. den anderen nicht preußisch genug. als endlich dieser junge Mann in Luftwaffenblau aufkreuzte. Ihm nachplappernder Professorenfleiß. Friedhofsruhe. über die Marne weg. Und Frankreichs Küste vorgelagert die Inseln. Altes und Neues aus Frankreich zu berichten.. sie sollten fördern und verwüsten alles . Anfangs nur Gravelotte und Sedan. heimzahlt: »Sage nichts Französisches. Sedan und Metz diesmal fast kampflos gefallen. mal aufs »Heitere Darüberstehn« verkürzt. . Paris! Und dann die Fernsicht von der Atlantikküste über normannische und bretonische Ebbestrände nach England rüber. die die Haare hochgekämmt trägt und im kleingeblümten Kleid zur Fülle neigt. Die Denkmäler.« Und dann lange nichts mehr.. Guderians Panzer. sogar Apotheken. sich allein oder in Begleitung auf die besondere Tiergartenbank setzte und ihn. schon galt er als verstaubt. immer nur ihn. schon drohte Vergessen. abermals vor der »großen Generalweltanbrennung« warnend und die Domina Adelheid im Kloster Wutz mit spitzen Worten reizend. Jeder schnitt sich das passende Stück heraus: mal hübsch zum »Wanderer durch die Mark« gestutzt. Von ihm beschimpfte Pedanten: »Lederne Fachsimpler. Schon war er in Schulbüchern abgetan. vorbei am Lortzingdenkmal und ist mit ihr schon einmal rund ums Wasser und über Brücken gelaufen. Umfassungsschlachten. dem alten Stechlin. zu denen Oléron zählt und besonders ist: viele stimmungsvolle Berichte. Der vom Sohn für lumpige achttausend Reichsmark verscherbelte Nachlaß.. das beißt sich oder gebiert Wohlfahrtsausschüsse und Fallbeilurteile. den 30. immer mit Rex und Czako im Gespräch. Hat seiner Verlobten. Schulen wurden nach ihm benannt.Luise-Brücke.

schließlich aus den Cevennen. nichts blieb. rührte ihn ein Familienbild: Gleich zehntausend anderen beackerten er und Emmi mit Spaten und Hacke eine Parzelle. als der Krieg aus war.. dem Söhnchen.. auf der Suche nach Jeanne d'Arc. kam er wieder: zurück aus französischer Gefangenschaft.Doch des Luftwaffengefreiten Berichte. Sie pflanzten Kartoffeln. bis auf staubige Reste. Erst nachdem im Tiergarten der Kahlschlag beendet war. vor letztem Marschbefehl.. die er der Braut.. wo er sich nach hugenottischen Fluchtburgen umgesehen und in Gefahr gebracht hat. Dort hat er Mannschaften und Offizieren literaturgeschichtliche Vorträge gehalten: Wo Schillers >Jungfrau von Orléans« geboren wurde . im Verlauf des siebziger Krieges samt Rotkreuzbinde und fataler Pistole als preußischer Spion hopsgenommen wurde und in Gefangenschaft geriet. Lager Bad Kreuznach. Gleich nach der Trauung mußte das junge Paar auf Holzsuche gehen. Lyon. in Trümmern lag und nur noch. Diese und weitere Rückblenden erzwang die Lieblingsbank. wie vom Blatt flüstert. die Siegessäule ragte. leer. sind in dem verwitterten Nest Domrémy auf Spurensuche. alle Denkmäler nur torsohaft überlebt hatten. die Luisenbrücke und die Kroll-Oper zerstört waren. Doch immer noch berichtet er siegesgewiß und kulturbeflissen. Und wie der Unsterbliche. wurden selbst Wurzelstöcke gerodet. Bombentrichter neben Bombentrichter voll Wasser stand.. während das Söhnchen Georg zwischen den Eltern mit einem Schäufelchen herumlief. die ihm die Verlobte säuberlich abtippt. obgleich er.. Warum »La pucelle« unsterblich ist . den Tiergarten in verletztem Zustand erlebt hat und seit Stalingrad alle Fronten rückläufig sind und die Braut Emmi schwanger ist und Tante Pinchen auf Heirat drängt . Immer wieder kommt er mit neuen Reiseimpressionen. als alles. die Tiergartenbänke. Nachdem er sich mit Axt. bei Emmis Tante Pinchen unter bombenbeschädigtem Dach fand und im Nachholverfahren Oktober 1945 heiratete. denn ab April 46 wurde das kahlgeschlagene . Berichte aus Besançon. denn Tante Pinchens Kohlenkeller war. säten Rübensamen aus. Fuchsschwanz und Bollerwagen auf Suche nach letzten Stubben und Strünken gesehen hatte. die hübsch und ein wenig plapprig ist. Und da das Schlachtfeld des Tiergartens für die Wuttkes und hunderttausend andere Berliner nur noch aus restlichem Brennholz bestand. die er mit Georg. Dann kam der Luftwaffengefreite und Kriegsberichterstatter Theo Wuttke nicht mehr. was um den Zeltenplatz an Herrlichkeit gewesen war. deshalb ausgehungert und klapprig in Uniformresten und auf der Suche nach seiner Verlobten. wie zum Hohn.

Schon wollte Fonty einen freundlich fragenden Satz bilden. Emmi Wuttkes Stiefvater. . Wegeplänen und Wasserregulierungen in Erfüllung gegangen war: Um ihn stand alles in Maigrün. die mit gelerntem Knicks dankten. da sagte das eine Mädchen in kaum berlinerndem Deutsch: »Können Sie uns bitte verraten. Beide Mädchen blickten ernst. denn sie sahen ihn an. den kein knauseriger König und keine Berliner Zerstörungswut hatte löschen können. zusehends gingen Millionen Knospen auf. daß selbst die Amsel Mühe hatte. las. die Zeit ab und verriet sie den Mädchen. ohne zur Brille greifen zu müssen. nach den Notjahren. Erst jetzt. Nur Vogelstimmen und fernes Rufen überm Wasser. ließ sie golden aufspringen. auf der er glaubte. vor ihm und der Tiergartenbank. wie spät es ist?« Sogleich war alles weniger fremd. so groß war die Not. wie er ihm immer schon Augenweide und Zuflucht gewesen war. als hätte es weder Krieg noch Verwüstung gegeben. Hinter ihm begann der Holunder in Fächern aufzublühen. ohne sein Lächeln aufnehmen zu wollen. seit frühesten Apothekerjahren zu sitzen. kehrte Fonty von seinen Ausflügen in die Vergangenheit zurück. um nur zwei Jahre überlebt hat. Noch keine sechzig war Tante Pinchen. Beide gleich groß und gleich ernst. Langsamer Wimpernschlag. sah Fonty sich versucht. nun endlich und nach immer neuen Pflanzstufen. um die Stille aufzuheben. da wurde ihm plötzlich alles fremd: Aus anderer Welt standen Kinder. für ihre Strophen Gehör zu finden. Weit weg lärmte die Stadt. so reich gemischt. den Lennéschen Traum abermals in Fortsetzungen zu träumen. Vogelstimmen. wollte auch er kein Wort riskieren. Nun auch die Amsel stumm. der mit seiner Frau wahrscheinlich in Breslau zu Tode gekommen ist. als sie den Wuttkes ihre Dreieinhalbzimmerwohnung auf dem Prenzlauer Berg hinterließ. Sie mochten zehn oder schon zwölf Jahre alt sein. Lange blieb es fremd zwischen Fonty und den türkischen Mädchen. der beide für kurze Zeit glücklich machte. Das geschah laut Magistratsbeschluß. Und weil das Wasser um Rousseaus Insel gleichfalls und anregend belebt war. Erstaunt sah er. so hart der Winter von 46 auf 47. als wäre nichts geschehen. zwei Türkenmädchen mit streng gebundenen Kopftüchern. als werde der Landschaftspark so ungekränkt in Schönheit verharren. Viele starben weg. Da sie nichts sagten. zog diese. geborene Hering. auch Pauline Piontek. ein Umstand. Die Kopftücher faßten dunkelfarbig ovale Gesichter ein. daß des Großgärtners Peter Josef Lenné Traum.Tiergartengelände vom Brandenburger Tor bis hin zum Flakbunker am Zoo parzelliert. Fonty suchte unterm Mantel nach seiner Taschenuhr. Vier Augen blieben auf ihn gerichtet. die ihren jüngeren Bruder.

so schnell. wo es weh tat. und das mit nein Signalement. Er blieb. Gezwungen zuzuhören. im Gespräch. Notfalls konnte man Lepel anpumpen. aber er blieb nicht allein. Und endlich war mit nein Staatsexamen erster Klasse . selbst wenn er allein saß. dabei nicht strenge. Statt dessen hat unser Achtundvierziger mit nem rostigen Gewehr rumgefuchtelt. um ihn ins anekdotische Erzählen und Durchhecheln ganzer Tischgesellschaften zu bringen. Nicht. ganz ohne abwegige Gedanken oder versuchsweise gedankenlos zur Rousseau-Insel schauen und den Enten.»Die Spreewälderinnen riechen alle milchsauer« . das mein Biograph zu Recht >lächerlich< nennt. Die Leipziger Zeit. als müßten sie die verratene Zeit eilig in Sicherheit bringen. das Kindergeplärr. Dabeisein ist alles! Und trotzdem: wir haben nicht zugegriffen. nix geschah. keine gichtkrumme Oma und keine aus vorigem Jahrhundert noch immer ansässige Amme . so schlimm war es nun auch wieder nicht. Gustav Struve und sogleich bei der anfangs revolutionär. Man war frei. deren Autor chiffriert auftrat. glaubte Fonty. eher trocken Papier auswertende Stimme im Ohr.sich abwendeten. weil wir ausgelastet waren. Und schon war er. nicht mal ne Abmahnung. unter ihnen einem Haubentaucher. zwei Schwänen und anderen Wasservögeln. dann romantisch gestimmten Gärtnerstochter Magdalena Strehlenow. Dresden und die Folgen: »Na ja. hatte er Hoftallers gleichbleibend abrechnende. Na. nein. Als er wieder mit sich allein war. bei Ruderpartien auf der Elbe. diesen total verrutschten Zweiwochenabstecher nach England. zusehen zu können. sahen wir uns . hatte das Wacheschieben als Einjährig-Freiwilliger beim Garderegiment >Kaiser Franz< hinter sich.wurde ihm lästig.gratuliere! -die Approbation als Apotheker verbrieft. nach wenigen Schritten davonliefen. das liebestolle Gebumse. Als Kriminalkommissar hatte man mich auf das überall Epigonen heckende Objekt Georg Herwegh angesetzt. besonders ich. Als Tallhover setzte er wieder einmal dort an. Feige weggedrückt wurden die Kahnfahrten. Kein Rentner. daß sich jemand neben ihn setzte und ein Gespräch übers Wetter begann. ohne Sachsen verlassen zu müssen. beim Herwegh-Club. Diesmal kam kein Plauderton auf. davongingen. Niemand mußte als kompakte Person Platz nehmen. ohne allerdings der zukünftigen Braut die Dresdner Geheimnisse zu flüstern. Als aber in der >Dresdner Zeitung< nach und nach neunundzwanzig politische Korrespondenzen erschienen. gleichfalls die ungeplante Urlaubsreise. Mehr oder weniger glücklich verlobt waren wir. Sosehr uns ein paar Tunnelgedichte und später der konspirative Herwegh-Club mißfallen mußten. in der Salomonis-Apotheke des Dr.

ne Akte anzulegen: Kennwort >Fontaine<. « Fonty hörte das alles in sich hinein. Ab und zu rief er: »Alles Mumpitz!« Und: »Autodidakten übertreiben immer!« Er widersprach: »Irrtum. Wenn nicht Hoftaller. aber regelmäßig zu zahlen. Tallhover! Schon Pietsch hat bestätigt. aber auch unser Mann. gelang es ihm dennoch nicht. als sei er nur noch an Entenfamilien und einem besonders fleißigen Haubentaucher interessiert. knapp. Sie wollten unbedingt aufs Wasser. Privat sorgte Ihre gestrenge Emilie. teils scharfmacherisch. Also setzten wir uns in den Biergarten Moritzhof Die letzten Kastanien fielen. auf seiten Schleswigs gegen die Dänen den Kriegshelden zu mimen. daß ich in >Zwischen Zwanzig und Dreißig< weder mich noch andre geschont habe . « Er holte zur Gegenrede aus: »Freut mich. Treffpunkt Tiergarten stimmt. außer stumm taub zu sein. Der konnte nicht nur Soldaten gegen Demokraten reimen.. dann Tallhover.. Las sich teils überspannt. der hatte mehr auf dem Kasten. Ende August fünfzig habe ich Sie vorladen müssen.doch gezwungen. « Wenn Fonty nach solchen Erklärungen schwieg oder so tat. dem mißglückten Versuch. beim Kahnverleih In den Zelten. In jeder Beziehung. Und gleich nach dem ersten Schluck lag mein Dossier auf dem Tisch. Unser erstes Kontaktgespräch fand nicht vor. Ihr Gönner. daß Sie unter die Fittiche kamen. Sein Fürsorgeprinzip. offiziell standen Sie unter Aufsicht des Herrn von Merckel.. War das ne Hitze! jedenfalls konnte der Bräutigam schon kurz vor der Hochzeit mit unserer Unterstützung rechnen. gewiß. Weißbier und Blätterfall.. Wurde Zeit. hatte durchweg Preußens Polizeistaat am Wickel. Aber mir war nicht nach Rudern. wie es ihn heute in unserer Branche kaum noch gibt. wirkte . Wer ihn im Vorbeigehen auf der Tiergartenbank gesehen hätte. Jemand sprach auf ihn ein. aber ausreichend . Wußte ne Menge. war rundum gebildet. ist mir unerreichtes Vorbild gewesen. Ein Zensor höchster Güte. sondern bald nach meiner Eheschließung statt. nicht dick.. Dessen unbekümmertes Nörgeln war nicht abzustellen: »Nicht im Spätherbst. gab zwar nichts Neues her. genauer. Ab September wurden Sie als Lektor im >Literarischen Kabinett< von der Regierung bezahlt. aber gefährlich waren diese Rundumschläge schon . wäre bei verlangsamtem Schritt Zeuge seines Kopfschüttelns und seiner Grimassen geworden: ein alter Mann mit sich und anderen im Streit.. Wir trafen uns hier im Tiergarten. gleich nach Ihrer letzten Tollerei. kurz vor Auflösung des >Literarischen Kabinetts<. daß es mit Ihrem Gedächtnis so kolossal hapert. Und zwar im Spätherbst fünfzig.

So elend lohnte Preußen meinen kleinen Verrat. . Gerne wäre auch er so unberechenbar mal hier. bitte! Das ist mein Tiergarten. Was wollen Sie noch. einem nur lässig verdeckten Zensurbetrieb.beispielhaft. daß er zitterte. zwischen Enten. War meine erste richtige Englandreise. einige mehrfarbig . Die Rousseau-Insel ist meine. Brüssel.fügen mußte. Nach jedem Abtauchen verwettete er sich. dann Frauen und Kinder. Und mein Haubentaucher ist das!« Linkshändig machte Fonty scheuchende Gesten. diese zwei Wochen auf Pump. « »Aber ja doch. der Stammhalter. Von Familie zu Familie. Endlich mal raus aus den ledernen Zwängen. endlich mit nein festen Gehalt rechnen zu dürfen. Ein zorniger Greis. mal dort. Über Köln. Mußte mir allerdings. den Kopftüchern der Frauen und Mädchen . « Der Haubentaucher war weg und plötzlich wieder woanders da. Fonty ließ sich überraschen. dem sich unsere verkrachte Existenz . denn die allererste. Tallhover! Sie ewiger Kriminalkommissar. zumal ihm nach Rastatt die letzten revolutionären Hahnenfedern gerupft waren.. Gent und Ostende nach London. Türkenfamilien gingen in ihrer Ordnung vorbei: die Männer zuerst. Jedenfalls war Ihre junge Frau froh. der in die Luft hieb. gab Sprachunterricht! So schlecht bezahlt war ich. Ein Jahr später war ja schon George. der Haubentaucher ein Gegenprogramm. damit ein Wunsch in Erfüllung ging. da . nach Lust und Laune . ein Zubrot verdienen.sei's für Minuten nur weg gewesen: »Alles furchtbar richtig. bahnte sich freundschaftlich kollegialer Umgang an . Verduften Sie endlich. später mit Briefwechsel hin und her. Tallhover! Habe mich verkauft.. »Immerhin erschienen meine gesammelten Gedichte. Fonty versuchte.bei all dem Gejammer zu Haus . Mit rechter Hand hatte er den Spazierstock gefaßt...einen dem schottischen Farbspektrum vergleichbaren Sinn abzulesen.. Hier stand schon immer meine Lieblingsbank. einzig meine Augenweide. »Laß ihn quasseln!« mag Fonty sich gesagt haben. vom Vater vernachlässigten Sohn Theo gekümmert wie die Merckels. Immer wieder Türken mit Einkaufsnetzen und Plastiktüten. Sie Wiederkäuer! Weg! Auf Distanz.. Und was Merckel betrifft. mit festem Griff. wie von Fliegen belästigt. zählt nicht. wenn auch mit ministeriellem Knüppel am Bein. Niemand hat sich so liebevoll um Ihren armen. Hinkeldey hieß Berlins Polizeipräsident .viele waren schwarz oder weiß. Kein Wunder. « Inzwischen bot. und zwar bei der >Centralstelle für Presseangelegenheiten<. trotz Auftragskorrespondenzen. wenn bei solcher Protektion nicht ein Posten frei gewesen wäre. Wir sitzen hier nicht auf dem Verhörsofa.

so saß er. widerstanden und schrieb meiner Emilie. als ginge es aufs Ende zu. Ihres hat gestern abgedankt. ich will sie gar nicht. ob bei der Reichsluftfahrt oder beim Kulturbund. Dabei nie allein. Zwar schrieb ich.< .. Die Wege.Nachdem abermals eine türkische Großfamilie ohne Blick für seinen Kampf mit dem Dämon vorbeigezogen war... wenn ihr...aber ein halbes Jahr später mußte ich dennoch Lepel beichten: >Habe mich heut der Reaktion für monatlich 30 Silberlinge verkauft. « Danach brummelte Fonty nur noch vor sich hin. Gealtert. Und das immerfort. nur Flucht treppab.. bei aller Neigung. Immer hattet ihr eure Finger drin. Und gäbe es nicht den Tiergarten. und tagtäglich ausrufen: Herr von Manteuffel ist ein Staatsmann! Sie könnten mir meine frühere Stellung wieder antragen. dafür Skribifax unter Aufsicht. diesen Schwindel zu verteidigen. Hab ich gelesen: Nach Istanbul und Ankara gilt Berlin als drittgrößte türkische Stadt. wollte ihn kein Gedanke beleben.und sechsfach die Kreaturen. die Bänke.. gegen Manteuffel aufwiegeln wollte. die Wiesen. Den Kopf mit dem fusselnden Weißhaar vornübergebeugt. immer weiter zurück. Inhalt: Der Ministerpräsident zertritt den Drachen der Revolution!< Doch als mich in London der Gesandte von Bunsen.. beidhändig auf den Stock gestützt. ich könnte den Krempel hinschmeißen: >Von Manteuffel leben und gegen ihn schreiben wäre die Steigerung der moralischen Ruppigkeit . ein Liberaler natürlich. Tallhover! Außer mir gehört der Tiergarten denen da.. die vielen Türken. Darf gnadenhalber Akten schleppen und muß beiseite gucken. den Haubentaucher. die sich dazu hergeben. die natürlich voller Angst war. rief er: »Hören Sie.. sogar im Paternoster nicht . an meinen Freund Friedrich Witte: >Ich verachte diese feige. Nicht mehr Giftmischer.. wo doch die Mauer weg. hab ich. Kapiert? Die neuen Hugenotten sind Türken! Die werden hier Ordnung schaffen und System reinbringen. Man kann nun mal als anständiger Mensch nicht durchkommen. Und immer mehr kommen. dumme und gemeine Sorte Politik und drei... das ich nie gesehen habe. Das hier ist zweifelsohne türkisches Terrain. die nervös zuckende Unterlippe verdeckt. Selbst jetzt noch. alles.. So viele bringt selbst Ihresgleichen nicht unter Kontrolle. meines schon lange. . Einen Furz ließ er streichen und noch einen. damit meine durch und durch verkrachte Existenz . Ich debütiere als angestellter Skribifax bei der Adler-Zeitung mit Ottaven zu Ehren von Manteuffel. Ein Elend war's. < Dann starb in Berlin das zweite Kind. bevor man mich zum Zuarbeiter der Zensur machte.

Nichts konnte ihn ablenken. auf Macbeths Hexenheide? Gaben seine von der Tiergartenbank aus laufenden Fluchtgedanken nur diese entlegene. das er als Theo Wuttke wahrnahm. sondern lebte zur Zeit Jakobs IV... wenn es ihn hart genug anstieß. Warum mit allen Abtauchgedanken nach London und weiter weg über den Grenzfluß Tweed? Was zog ihn in schottische Hochmoore.. Um Ritterlichkeit ging es und um »Bell-the-Cat«. « Dann sah er nur noch dem Haubentaucher zu. Vieles gab sich als Zitat aus des Unsterblichen Reisebrief »Jenseit des Tweed« zu erkennen.. Mit geschultem Ohr ließ sich aufschnappen: »An Jakobs Hofe war Spens von Kilspindie . sich dem Ufer näherte und aus der Manteltasche heraus Enten mit Brotkrusten fütterte. zählte im Tiergarten nicht.. Warum nicht nach Frankreich? Hätte nicht die Gascogne Ziel sein können? Wir vom Archiv. auch Halbsätze mitnehmen können. doch bis sich Fonty zum Besuch der Grabstelle entschloß.. An allen Ecken Hochlandsöhne mit Kilt und Plaid . Selbst als er aufstand. 7 Vorm Doppelgrab Bis dahin ist es noch weit. um den seiner Lage wegen schwer zugänglichen Friedhof betreten zu dürfen...und BauernStaat Urlaub genommen. Aktuelles. gefielen ihm Plauderstündchen mit Lebenden und Toten und redete ihm ein Wasservogel Reiserouten auf vorgeschriebenen Wegen ein. hätte einzelne Wörter. den er nach dem dritten und längsten Englandaufenthalt schrieb.. vom Clanwesen . denen die Schwankungen seines Fernwehs bis ins Wetterwendische in tausend Briefen belegt sind. « Danach war er nicht mehr auf Edinburghs Pflaster unterwegs.. Zwar steckte in der anderen Manteltasche gerollt »Der Tagesspiegel« und meldete Wählergebnisse aus den anschlußbereiten Ländern. mal weg war. und wir vom Archiv wären in der Lage gewesen.. saß er auf seiner Lieblingsbank. Schottland besuchte: »Als wir High-Street entlang. war er mehr beim Haubentaucher und dessen Künsten. seinen Sprachfluß zu entziffern. hatte der Tiergarten Vorrang. doch Fonty hatte vom Arbeiter... Zwar mußte keine Sondergenehmigung mehr beantragt werden. Dessen Wiederholungen langweilten nie. gemeinsam mit seinem Freund Lepel. Der Hieb war tödlich. dort blieb er rückläufig unterwegs: schon wieder in Schottland. von Stirling Castle nach Loch Katrine . der mal da. traf in die Weiche .Wer langsam vorbeiging.. In Stirling Castle beim Weine flogen . Des Hauses Douglas wachsende Macht . verging der Mai und wurde es Juni... Waren wohl Werbeoffiziere von den Highlanders . als er. mußten uns diese Fragen stellen.

Man hätte ihn standrechtlich erschießen können. »nur schreibende Person« wäre er füsiliert worden. Jedenfalls haben ihm preußische Offiziere versichert. um das Archiv durch bloße Anwesenheit zu irritieren.nicht nur die Kriegsbücher haben ihm Stichworte geliefert. und wir vom Archiv hätten dieses Material sammeln müssen. nach Zwischenstationen. Und selbst wenn man den familiären Hintergrund wegließe. Wie wir wissen. gerade weil er nahe den Kriegsschauplätzen. Hoftaller ist zum Zeitpunkt nur mutmaßlicher Reiseziele oft mit Andeutungen »operativ« gewesen. sagte er: »Ob Dresden oder Lyon. Dem Gefreiten Wuttke ging in vier Jahren Etappendienst die Tinte nicht aus. und was die Erinnerungen an die Internierung in Frankreich betraf. daß er im umgekehrten Fall. sprach alles für Frankreich. in einem nörgelnden Brief beklagte er des Vaters Mangel an vaterländischen Gedanken. nicht mit Gnade hätte rechnen können. denn alle vom Reichsluftfahrtministerium freigegebenen Texte waren reich an Zitaten und schillernden Querverweisen . die später wundersam aufleben und Fonty einholen sollte. hatte der Sohn George. obzwar nie in Kämpfe verwickelt. war er bereits im übernächsten Krieg dort abermals als Berichterstatter tätig. was nach Kriegsrecht billig gewesen wäre. uns über Lyon und jene angeblich folgenreiche Liebesaffäre kundig zu machen.abgesteckte Region frei? Hätte der Unterricht beim Haubentaucher nicht in eine aufgeklärtere Richtung weisen können? Wir blieben geteilter Meinung. Außer einiger Dankbarkeit . bestimmen müssen. und als er uns wieder einmal aufsuchte. Gleichfalls versäumten wir. was heißen sollte. in Gefangenschaft geraten war. sogar fehlenden Franzosenhaß angemahnt.hätte Fonty im Verlauf seiner nachgeordneten Existenz weitere Bindungen an Frankreich finden können. auch als harmlose. der 70/71 als Hauptmann im Feld stand. dem . auf der Insel Oléron interniert. Immerhin standen den gedruckten Erinnerungen an zwei Aufenthalte in England und dem damals noch ungedruckten Londoner Tagebuch andere. Dennoch.schon nach zwei Monaten fand die Internierung des Unsterblichen ein Ende . der ja alles nachlebte. Man hatte ihn. wären sein Wälzer über den DeutschFranzösischen Krieg und das Büchlein über die Gefangenschaft genauso zwingend gewesen wie die Schottlandreise mit Bernhard von Lepel. als Franzose in deutscher Hand. so fleißig und rückbezüglich ist er sich vom Atlantikwall bis in die Cevennen hinein auf der Spur gewesen. wenngleich das Kriegsbuch weder bei Militärhistorikern noch beim Kaiser anerkennende Worte gefunden hat. tiefer wurzelnde Bindungen entgegen: Die doppelt hugenottische Herkunft hätte ihn.

den Ramsch abzuräumen. wo immer er tätig war. fand keinen Ansatz für ein abtastendes Verhör. in jeder Kaufhalle leer sein. Man könnte sogar von nein gewissen Schulterschluß sprechen. Als wir später im dritten Stock des Mietshauses in der Kollwitzstraße klingelten. so bänglich sahen viele ihrer Härte entgegen. Und weil er nie Reisekader war. er hätte in den Schluchten der Ardèche untertauchen können. Er trug seinen Fluchtgedanken zum Arbeitsplatz. Schweigsam erlebten ihn Frau und Tochter zu Haus. das Thema jener Tage . als zu verantworten war. so oft beide unterwegs waren.« Fontys nun häufig wiederholte Sentenz »Ich stehe auf dem Punkte. Endlich dürfe der Kunde König sein.»Ist doch nix Neues! Im Prinzip ist Vater immer schon unruhig gewesen. ob im Paternoster oder beim Aufpolstern des Sofas. mal dahin. Jeder griff zu. sagten uns beide: »Wenn mein Wuttke mit mir redet. damit. Kurz vor Herrschaftsbeginn des neuen Geldes war überall Ausverkauf angesagt. sondern landesweit alle auf Trab. Produkte aus volkseigenen Betrieben gingen zu Schleuderpreisen vom Ladentisch. doch blieb er insgeheim auf England und die schottischen Hochmoore fixiert. Doch so heiß ersehnt die neue Währung war. daß seine Sehnsucht in Richtung Cevennen ging.. redet er nie über seine Sachen und so . schwieg aber.brachte nicht nur unser verzwirntes Gespann. auch Westberlin half. Und überall leerten sich die Regale.. mich demnächst dünne zu machen« war. Außer Fonty und Hoftaller waren nicht nur vieltausend Ostberliner Aufkäufer mit Taschen und Beuteln unterwegs. Noch durften wir folgern. . Nichts konnte ihn vom Sprung über den Kanal abbringen. Noch blieb Zeit. Die Lektion des Haubentauchers wurde als Geheimsache gehütet. Sie nannten ihre gemeinsamen Spaziergänge »Einkaufsbummel«. wie viele seiner Punktumsätze.« Selbst Hoftaller.Apothekergehilfen entspricht der Luftwaffengefreite. Aber ich merke schon: Hier ist man schnell dabei. ein Zitat mehr. sich billig mit unverderblichen Vorräten einzudecken. anstelle der dürftigen und unansehnlich verpackten Ware. Allen saß das alte Geld locker. Hoffnungen spitzten sich zu: Endlich werde lang entbehrter Konsum stattfinden können.der bevorstehende große Geldumtausch .und Konsumläden. alles mit Jugend zu entschuldigen. « . Am Tag des verheißenen Geldwunders sollten die Regale in allen HO. denkt er sich Reisen aus. der Westen Platz für sein Angebot fände. der lange vor uns Fontys nach auswärts gerichtete Absichten erahnt hatte. denn beide haben sich leichtsinniger betragen. mal hierhin.

Das heißt.garantiert holzfrei . sogar im Haus der Ministerien hatte er seine immer kürzer werdenden Zigarren geraucht. Ob längs der von pickenden Spechten besetzten Mauer oder nach dem Geburtstagsimbiß bei McDonald's. so unzureichend die Produktion der großen Textil-Kombinate früher gewesen war. deren Produkte waren während der zurückliegenden Jahre nur selten vorrätig gewesen. Schwer beladen kam Fonty nach Hause. Nie hat ihn jemand mit einer Brasil gesehen. All die Jahre im Staatsdienst bis hin zur angekündigten Währungsunion konnte sich Hoftaller aus hölzernen Kisten kubanischer Herkunft bedienen.und zu zwei Dutzend Bleistiften. bewiesen sie sich als lieferfähig. überall. sei es im Heizungskeller. die von besonderer Länge waren. mit dickem Lungentorpedo und weißer. kenntlich durch magere Aussteuer. nach Münster in Westfalen ziehen. sogar ein Sortiment Nähgarn ein und überdies einen Mixquirl. dann aufgepolsterten Sofa. Martha Wuttke. . von denen schon berichtet wurde. Mete genannt. Außerdem bekam er zu Ausverkaufspreisen Haushaltsartikel für Frau und Tochter. sollte sie nicht als arme Ostmaus. wollte demnächst heiraten. nein. Hoftaller half beim Schleppen. im Kreis der Talente vom Prenzlauer Berg oder auf einer Tiergartenbank.Am Alexanderplatz kam Fonty billig zu einigen Packen Schreibpapier . und wann herrschte kein Mangel? Außer kubanischen Produkten rauchte er ab Mitte der achtziger Jahre Handgewickelte aus Nicaragua. Dessen Schlußeinkäufe zielten auf anderes. Dort betrieb der zukünftige Bräutigam Heinz-Martin Grundmann mit Kompagnon eine Baufirma. gegen Schluß. hergestellt vom VEB Robotron. Er wußte Quellen dieser exquisiten Ware aus dem sozialistischen Bruderland. erst im letzten Moment lässig abgeklopfter Asche vorstellen. Jetzt.und Bauern-Staat für Qualität bekannten Brennerei VEB Wilthen trugen. besonders erfolgreich in Bulgarien. die schon seit Jahren in Ostblockländern tätig war. wir müssen uns Hoftaller bei Anlässen. Tischdecken. Hier muß nachgetragen werden. In einem Spirituosengeschäft nahe dem Rosa-Luxemburg-Platz kaufte er günstig sieben Flaschen Weinbrand. Sogar in Mangelzeiten blieb er versorgt. wo er mit Fonty unterwegs gewesen oder eingekehrt war. die das Etikett der im Arbeiter. wenn nicht vermögend galt. das im Dachgeschoß stand und Platz für Raucher und Nichtraucher bot. mit Sinn für Qualität ein Zigarrenraucher war. Und weil ihr zukünftiger Mann aus dem Westen kam und als gutgestellt. eine Suppenterrine »echt Meißner Porzellan«. sei es auf dem anfangs durchgesessenen. daß der Tagundnachtschatten gelegentlich rauchte. Gleichfalls sorgte er für seine Emmi mit Frottierhandtüchern und Toilettenseife. Also kaufte Fonty ziemlich wahllos Bettwäsche.

wie mit einem Bündel Ostgeld . um dort letzte Bestände zu sichern. Juli .hinter sich hatte. Nun aber war die Zeit der Privilegien vorbei. Zwar hatte der östliche Finanzminister. sollte nur noch die harte Mark Geltung haben. dann ins befreundete Ausland. Ab Montag. das Hoffnung machte: Bis zum 1. die vom freien Markt des Westens durch Handelsboykott verbannt war. kein Wunder.er sagte: »Zwei satte Monatsgehälter« . Schließlich mußte das dem Haubentaucher abgeguckte Prinzip finanziert werden. der seine Einkäufe Waschpulver und Sonnenblumenöl . spielte Hoftaller den Großzügigen. warum nicht nach Kuba geführt hatten.Wie schon Tallhover von seinem Biographen als Zigarilloraucher beschrieben wird. Als Nichtraucher stand er wie abwesend und mußte doch sehen. Außer Rauchwaren gehörten Zeitungen. Durch radikalen Währungsschnitt drohte eine Zulieferung gekappt zu werden.der offenbar privat geführte Laden leergekauft wurde. Als Datum stand der 1. nun aus Gesamtberlin. las der Nichtraucher unter der Überschrift »Das neue Geld kommt über Nacht« die Ankündigung vom Ende der Ausverkaufswährung. als wollte er uns die internationale Reichweite seiner Beziehungen beweisen. machte er sich mit gestaffelten Umtauschsätzen vertraut. Begleitet von Fonty. zum Angebot. Demnächst sollte es mit den feinduftenden Kisten zu Ende gehen. demonstrativ paffend. Während der Raucher zahlte und dabei ein feierliches Gesicht schnitt. die Rarität auszuschlagen. Wir vermuteten ohnehin Dienstreisen.Tag X genannt . doch dann tapfer den Staatsvertrag unterschrieben. . ein Sozialdemokrat namens Romberg. Hoftallers Ausbeute bestand aus drei Kisten »Romeo y Julieta« und zwei Kisten voller überlanger Zigarren der Marke >Joya de Nicaragua«. suchte er nahe dem Bahnhof Lichtenberg in der Weitlingstraße ein Tabakwarengeschäft auf.blieb noch gut eine Woche Zeit. daß Hoftaller dieser Gefahr zuvorkommen wollte. Juli fest. Soviel Qualm wäre dafür nicht nötig gewesen. und selbstverständlich wagte es unser Kollege nicht. Als sich einer unserer Kollegen im Gespräch mit ihm als gelegentlicher Konsument von Handgewickelten zu erkennen gab. so können wir Hoftaller als Zigarrenraucher bestätigen: Wiederholt ist er mit Castros Markenzeichen ins Archiv gekommen. ängstlich Bedenken geäußert. Fonty sprach später von einem Panikkauf. Indem Fonty Einzelheiten überflog. dem 2. Anlaß zur Sorge bestand.. Er rechnete sich insgeheim sein Sparkassenguthaben aus und kam zu einem Ergebnis. die ihn. Fonty kaufte die ihm seit Jahren gewohnte »Wochenpost« und den Westberliner »Tagesspiegel«. wenn nicht ins kapitalistische.

Was jetzt passiert. bis sie im Innern des Bahnhofs vor einem Imbiß.und Getränkestand unschlüssig zögerten. glücklich zu sein. unter ihnen ein gewisser Lenin. lud Hoftaller zu Bockwurst und Bier ein. Seiner Zigarrenvorräte sicher. Häppchen nach Häppchen und jedes Häppchen in Mostrich getunkt.und Ketchupschlieren marmoriert war. allerdings hatte sich Hoftaller mit einer Neuanschaffung bedeckt: Die Kappe mit durchsichtigem Schirm war von amerikanischem Zuschnitt. der einem verplombten Spezialzug von Zürich nach Saßnitz und dessen Mitreisenden galt. »Allerdings«. Sie standen an einem Tisch. dessen Platte von Mostrich. Und jetzt redete Hoftaller in den kurz innehaltenden. kennerisch angezündet. von wo aus die Fähre nach Schweden ging. Über BerlinLichtenberg lief Fernverkehr. zum Beispiel von Leipzig nach Stralsund und weiter nach Saßnitz auf Rügen. mit Lenins Durchreise an. Laut Tallhovers Biograph durchquerte der Sonderzug von Zürich über Gottmadingen kommend mit Zwischenhalt in Mannheim. noch bevor er sich an einen Auf trag Tallhovers erinnerte. Umständlich und geheimniskrämerisch sperrte Hoftaller im Innern der Tüte die Kiste auf. daß es jetzt darauf ankommen werde.« Das sagte er. was hinterher kam. der auf Wunsch der kaiserlichen Reichsregierung die Revolution nach Rußland bringen und so den Feind an der Ostfront schwächen sollte. hat . sagte er. Frankfurt und Berlin das Deutsche Reich. »ist der Sonderzug nicht von hier aus. Annähernd westlich gekleidet. »Jedenfalls fing alles. Die Weitlingstraße grau in grau.Draußen war alles wieder normal. Doch Theo Wuttke wollte Fonty sein: Auch sommers trug er den historischen Shawl doppelt um den Hals geschlungen. Er gab sich gutgelaunt und behauptete. gab er zu verstehen. dann mit der Zugluft abziehenden Zigarrenrauch hinein: »Das kommt davon. griff er in seine Einkaufstüte und öffnete eine der Zigarrenkisten. Des frühsommerlichen Wetters wegen trugen beide weder Hut noch Mantel. Kaum war seine Bockwurst weg. zwei alte Männer als Pflastertreter. holte Hoftaller wie zum Monolog aus. Sie plauderten über ihre Einkäufe. sondern vom Stettiner Bahnhof nach Saßnitz abgedampft. als die Zigarre. zudem zog es in der Bahnhofshalle. die Zeichen der neuen Zeit zu begreifen. Das heißt. kam endlich wieder hoch und stand nun kleinwüchsig mit einer Romeo y Julieta am Stehtisch. Das war im März 17. schon zog und während Fonty immer noch von seiner Bockwurst abbiß. desgleichen ein auf breiten Streifen geblümtes Hemd.« Die Länge der Zigarre in Hoftallers Gesicht entsprach dem Schirm der Baseballkappe.

Na ja. Das Staatswesen pleite. Fonty. Lauter Westzeug. Die im Bahnhof Lichtenberg herrschende Zugluft wühlte in seinen dünnen weißgrauen Haarsträhnen. Ausbeuterklasse. Ist ja auch schlimm. Nur seine Stimme blieb jung: »Kolossal ideologisches Gewäsch. Na. war behilflich dabei. Da wird zwar noch ein bißchen geschnüffelt.immer noch mit damals zu tun: Lenin und die Folgen. je mehr lebt man!« Hoftaller deutete mit kurzfingrigen Händen Beifall an: Seine Zigarre gab Rauchsignale. Fonty. Sorgfältig wischte er sich mit der Papierserviette. Und genauso schnell wird das Hartgeld. Von Rostock bis Karl-Marx-Stadt: ne einzige Schrotthalde. in der wir besser atmen können. all die jahrzehntelangen Schofelinskischaften der Firma Horch. aber richtig operativ ist das nicht mehr. Die sehen nur Baugrund. was der Westen seit Monaten sagt: Schrott. als da Hunderttausende standen. >Ein Schnäppchen machen< heißt das bei denen. Am Potsdamer Platz schnibbeln sie jetzt schon rum. Hoftaller. das gilt immer noch: >Eine neue Zeit bricht an! Ich glaube. Das sind nur Sie. nie geglaubt. Filetstücke nennen die das. wo es ja herkommt. was? Die Festung Normannenstraße gestürmt. muß sonstwo und sei's in einem abgewetzten Sofa verstaut werden. Ohne Hut wirkte er älter. Und was der Reißwolf nicht schafft. um sich Greifbares auszugucken. unsere Produkte werden danach nur noch zum Wegschmeißen und unsere Betriebe das sein. Klar doch: Mercedes voran!« Inzwischen hatte Fonty seine Bockwurst erledigt. Die Aktenschränke versiegelt. hat er der schönen Melusine vorgesäuselt. Klar. >Demokratische Weltanschauung<. Die machen bei uns ihren Schnitt. Juli sieht die Welt anders aus. Und Ihr papierner Fleiß. Und mit der harten Mark kommen ne Menge Aufkäufer. Bin ja froh. Und je freier man atmet. eher Zeitvertreib. »Kenn ich. Hier ein Stück. wenn das Giftzeug verschwindet. Originalton Pfarrer Lorenzen. sogar gerne. Guck und Greif sind für die Katz gewesen. Und zwar im Handumdrehen. so doch mindestens eine Zeit mit mehr Sauerstoff in der Luft. Nicht nur die Japse. Sind übrigens schon da. Behaupte trotzdem: Ab 1. wieder im Westen sein. weil Sie und Ihre Genossen nichts mehr zu melden haben. Doch dafür sind dann überall die Regale voll. was Sie da reden. . der hier mit dicker Zigarre den Teufel an die Wand schwatzt. Kapitalisten wollen uns plattmachen. Und alles. Daß ich nicht lache. Doch nun ist Schluß damit. eine Zeit. diese Sorte kennen Sie doch. Für all diese Raffkes ist das hier Niemandsland. oft gehört. das wir ruckzuck eins zu eins und den dicken Rest später halbiert kriegen. Sind alle vom Stamme Nimm. eine bessere und glücklichere! Und wenn nicht eine glücklichere. kennen wir doch diese Sprüche. endgültig! Was ich im verflossenen November auf dem Alex gesagt habe. Ihre Treibels und Konsorten. da ein Stück raus. prima verpackt.

Fonty! Wie bei der Reichsluftfahrt die >Volksgemeinschaft< haben Sie später die >Arbeiter. und zwar vollgestopft mit nein Wissen. wohin. Hand aufs Herz. Kaum weggepustet. verlockend sein.Ne Schummelpackung. Herr Kriminalkommissar Tallhover! Jawoll.und Bauern-Macht< in Großbuchstaben gefeiert. ist man gerne behilflich. einst semmelblond. dann kamen König und Junkertum. Die schreckliche und einengende Zeit der ausgewählten Reisekader ist vorbei. Glauben Sie mir: Für uns gibt's kein Ende. Zweifelsohne: Die Welt lädt uns mit ihrem Lockfinger ein. das gefragt ist und seinen Preis hat. Griechenland! Reisen bildet! Was waren Sie eigentlich bis noch vor kurzem: Hauptmann? Major?« So namentlich und über die Zeit hinweg angesprochen. Mit der Freiheit wird's offen nach allen Seiten.. Gerade Sie. Gewiß. daß ihm das Haar streichholzlang um den Kopf stand. Und da die Dienste schon immer gesamtdeutsch geplant und gehandelt haben. Köln. Hoftaller konnte gewinnend lächeln. Und je schneidiger sich der Sozialismus Ihrem geliebten Preußen anpaßte. den Hesekiels und Merckels gegen miese Bezahlung verschrieben hatten. um nur naheliegende Adressen zu nennen. Immer auf Linie. Immer stand Preußen ganz oben. und nichts war mir lächerlicher als Liberale. mein lieber Wuttke. Jedenfalls solang Sie sich der Kreuzzeitung. Italien.. und nur in Briefen gemeckert. Hoftaller! Jetzt. was sicher sein wird . lächelte Fontys ausdauernder Tagundnachtschatten. daß Ihnen unter diesem und jenem Namen Freiheit schnurzpiepegal gewesen ist. das ist alles. das gut verpackt überwintern durfte. war schon immer gefährlich. diese ewigen Freiheitshuber. jawoll. Wer redet hier leichtfertig von Dienstschluß. Selbst wenn es Ihnen neuerdings gefällt. Genauso beim Kulturbund. aber. hat Raubtiergeruch. weiß nicht. sollte Ihnen eine Reise. muß ich daran erinnern. Wunderbarerweise zog seine Zigarre noch. Rieche sie förmlich. nur neue gegen alte Zwänge getauscht. Er nahm die Baseballkappe ab und wischte sich mit dem Handrücken die Stirn. Aber diesmal ist es anders. um so mehr war Ihnen . die wollen auf allerletzten Wissensstand gebracht werden. die schöne Aussicht nicht mehr versperrt. jetzt steingrau. Während der ziemlich stabilen fünfziger und sechziger Jahre. Schon jetzt klopft Kundschaft an: Pullach. « »Und doch kommt zuallererst einmal Freiheit. Aber auch älteres Spezialwissen ist gefragt. sollten beim Ausdenken von Reisen vorsichtig sein. Ein Wissen übrigens. großartig Freiheit auszuposaunen. wo selbst Sie außer Dienst sein könnten. Hab da ne Menge Kollegen. Jawoll. sind wir schon wieder da. Man sah. Und seine Stimme kam ohne Schärfe aus: »Aber. Doch damit sind unsere Möglichkeiten nicht erschöpft.

einfach zu schwach gewesen sind. Kennen wir doch seit Herweghs Zeiten. Beide am Stehtisch in zugiger Bahnhofshalle. Hieß nicht einer Ihrer Vorträge über den Wälzer >Vor dem Sturm< geradezu anschmeißerisch >Vom preußischen Landsturm zur Volksarmee<?« »Kolossaler Irrtum! Hieß zwar so. Ist nix mit untertauchen und mal kurz weg sein. wurde aber verboten. Und Fonty schwieg. Geht gar nicht anders. So jedenfalls. . Das wird ein Fest. Deutschland muß durchsichtig werden. Ins Offene drängen die Akten in ihrer Ordnung. mit Sprechchören. zu wenig Rote Armee . weil es muß. dann heben wir den Deckel und machen die Büchse.und wir sind fleißig gewesen . wie unsere Genossen schwach. Werden zahlen müssen. daß in Leipzig und anderswo dieses kindische Gegröle >Wir sind das Volk< durch ein ausgetauschtes Wörtchen ne Prise Pfeffer bekam: >Wir sind ein Volk!< Jawoll. Wir haben dafür gesorgt. Hoftallers Zigarre nun kalt. Die Wahrheit ist ein weites Feld. ne gesamtdeutsche Fete! Am Ende weiß jeder über jeden Bescheid. mein lieber Fonty. « »Weil Ihre Thesen zu früh kamen. daß unsere operativen Vorgänge nicht abgeschlossen sind. die Einheit! Nur deshalb haben wir nachgeholfen und die Genossen hier. und die kommt. das Haubentaucherprinzip!« Die Biergläser leer.wird über sie kommen. Raus in die weite Welt! Dabei geht es nur um uns. die Herren drüben unter Zugzwang gesetzt. kurz bevor der Zug aus Richtung Marzahn einfuhr: »Das ist alles furchtbar richtig. das Geld. wurde Einheit diktiert. Und auch Sie. All unser Wissen . Doch keine zehn Jahre später lief alles im Stechschritt auf Zack. mein lieber Wuttke. sagte Fonty. Wir nennen das: offengelegte Einheit. Beim heiligen Mielke! Nichts soll umsonst gewesen sein. Aber zuerst kommt. Zu viel Scharnhorst und Gneisenau. Das gilt auch für Sie. Mitte der sechziger Jahre mußte das folgenlos bleiben. Erst als sie auf dem U-Bahnsteig in Richtung Alexanderplatz und Weiterfahrt zur Schönhauser Allee standen.Freiheit schnuppe. sollen wissen. muß nicht wahr sein. Aber was richtig ist. nachdem ich ihn zweimal gehalten hatte. das große Faß auf. Und nun soll auf einmal Freiheit das große Rennen machen..« Dann griffen sie zu ihren Schlußverkaufstüten und stiegen ein: Hoftaller nach Fonty. jahrelang zahlen müssen. wieder aufleben wollen sie und die von Ihnen so laut berufene Freiheit genießen. um Deutschland. Die Abfahrt eines Fernzugs über Stralsund nach Saßnitz wurde ausgerufen. ein einziges. Und wenn die Herren von drüben vom Zahlen und Draufzahlen schwach sein werden..

Fonty gab zu verstehen. die mit allem unzufrieden sind. « Dann machte er sich über Leserinnen. zu einer Tagung kommen werde und daß Frau Professor Jolles extra aus London anreisen wolle. als sie offengelegt hat .. Vernichtung an allen Ecken und Enden. Doch kaum hatte er durch Zitat Tangermünde in Schutt und Asche gelegt .»Ein Feuermeer unten die ganze Stadt. und dazwischen ein Rennen und Schreien. Er hatte keine besonderen Wünsche. wobei er Walter Scott höher als Dickens stellte. natürlich wieder mit Blumen. nach der »RütliMethode« einige dazumal hochgeschätzte Kollegen niederzumachen: »Heyses Triumphe sind immer noch mehr seiner Persönlichkeit als seinem Dichtertum zuzuschreiben . Außer seinem wiederholten Hinweis auf den Friedhof der französischen Domgemeinde an der Pflugstraße. verlogen und Quatsch finden .. daß es im Dezember. « . wie sehr der Vorabdruck von Novellen und Romanen den Zwang zum spannenden Kapitelschluß gefördert habe. »Das kostet doch nur und bringt nichts ein. besonders beispielhaft seien ihre Erkundungen der Englandaufenthalte: »Sie weiß beinahe alles. Nachdem wir uns des längeren über literarisch erzeugte Sympathie für an sich verbrecherische Taten unterhalten und dabei Thackerays »Catherine« mit des Unsterblichen »Grete Minde« verglichen hatten.« In unserer damals allgemeinen Ratlosigkeit stellten wir die Gründung einer fördernden Gesellschaft in Aussicht und sagten. wer hätte ahnen können. wie das Archiv nach der demnächst fälligen Währungsunion finanziert werden könne...Kurz danach kam er ins Archiv. die typische »marlittgesäugte Strickstrumpfdame aus Sachsen oder Thüringen« lustig und leitete mit dem Ausruf: »Brachvogel ist Küchenlektüre!« von der Ebbe deutscher Literatur zur Flut seiner englischen Lieblingsautoren über. und dann wieder die Stille des Todes . wie sehr er die forschende Arbeit der alten Dame schätze. daß ihn zu uns wie zum Friedhof Abschiedsgedanken geführt haben. fiel nichts Besonderes auf. alles erbärmlich. « -.. Er wollte von uns wissen. und zwar hier in Potsdam. « Und nach Storms »ewiger Husumerei« war Raabe dran: »Er gehört zu der mir entsetzlichen deutschen Menschengruppe.. »Habe heute meinen Zitiertag!« rief er und begann sogleich. den zu besuchen er vorhatte . lachte er plötzlich und wechselte das Thema. um den Festvortrag zu halten. machte uns Fonty darauf aufmerksam. Und vielleicht weiß sie sogar mehr.»Bin allerdings auf touristisches Gerempel gefaßt« -.. wollte nur plaudern..

Charlotte Jolles habe brieflich versprochen. setzte er kopfrechnend auf die neue Währung.-Hedwigs-Gemeinde grenzten zur Liesenstraße hin an den planierten Todesstreifen und die umlaufende Mauer. sogar Brachvogel einen »guten Handwerker« genannt und sich für Raabes bitteren. hier untertauchen und anderswo auftauchen.. doch nach letzter Wahl durch westliche Schubkraft gestützte Figur. wie dem Vorgänger. manchmal nur kauzigen Humor ausgesprochen hatte. finanziert werden. so doppelt hugenottischer Herkunft der Unsterbliche gewesen sei.Der Archivleiter gab zu verstehen. ging er und winkte von der Tür aus mit seinem leichten strohgelben Sommerhut. Nicht nur uns machte das neue Geld Hoffnung und Sorgen zugleich. bei halbwegs günstigem Umtausch. Und Fonty war mit einem Zitat gerüstet: »Der eine hat den Beutel. den sein Abtauchgedanke umtrieb. Er mag sich gesagt haben: Dem könne der Westen nicht..und Bauernstaatsjahren hinterbliebenen Genossen Modrow abgelöst hatte. der andere hat das Geld . wo er hinwollte. Diese Anlage und auch der Friedhofsanteil der katholischen St. vielleicht zu lange hatten warten müssen. Das Calvinistische habe schon immer dem Geld nahegestanden. Insgesamt ging es um Wünsche. den hatte ihm seine Tochter Martha vor Jahren von einer Urlaubsreise an die bulgarische Schwarzmeerküste mitgebracht. Der werde für neues und härteres Geld sorgen. nichts zu haben war. Sein Hoffen klammerte sich an den amtierenden Ministerpräsidenten des immer noch existierenden Zweitstaates. beim Festvortrag unüberhörbar zu Geldspenden aufzurufen. Beunruhigt war auch die Familie Wuttke und auf besondere Weise Fonty. die den aus Arbeiter. Nun übte er landesweit und stellvertretend Zerknirschung und bewies bis in den Namen hinein streng calvinistische Ausstrahlung. das Programm. Deshalb wurde Lothar de Maizière für Fonty zum Hoffnungsträger. weil mit dem damaligen Blechgeld dort. « Nachdem er die anfangs zu heftig ausgefallene Kollegenschelte zurückgenommen oder relativiert. Heyses Sonette und Storms Lyrik gelobt. eine zwar in der Öffentlichkeit verdrückt wirkende. die lange. Dessen bewiesene Demut dürfe mit irdischem Lohn rechnen. doch nicht unter Preis. Dem Archiv wurde versichert: »Zwar wird uns dieser de Maizière verkaufen. sozialistischen Eigensinn nachsagen.« Solche Spekulationen mögen Fonty bewegt haben. weshalb der . Nur mit seiner Hilfe könne. als er im Norden Berlins den Friedhof der französisch-reformierten Domgemeinde nahe dem ehemaligen Grenzübergang Chausseestraße besuchte. doch er habe diese Nähe zum Mammon nie ausleben dürfen.

Marzellier. als die Schlacht um Berlin keinen Flecken aussparte. Und dann stand Fonty vorm Grabstein jenes Mannes. Der in den Nachkriegsjahren aufgestellte Stein. Weil die U-Bahnlinie 6 noch nicht in Betrieb war. ein Vorzug.. kam er mit der Straßenbahn. vor dem Fonty mit leicht zitterndem Schnauzbart stand und sich nun an den doppelten Granit und die zwei Hügel erinnern mochte. Doch nun stand der Zugang Pflugstraße zu allen Gräbern offen. zerstört und beschädigt wurden: Eine Artilleriegranate großdeutscher oder sowjetrussischer Herkunft zertrümmerte den Granit des Unsterblichen ganz und brach dem Stein seiner Frau Emilie ein Stück der Oberkante weg. Charlet. Das Wetter konnte als wechselhaft eingeschätzt werden. Kurz zögerte er vor einem hellroten Granitobelisken. Fonty kam ohne Blumen. dessen später Ruhm mit dem Begriff Unsterblichkeit einherging und dem er bis ins Äußere nachlebte. die allerdings durch Haltung wettgemacht wurde. auf dem Keilschrift die Namen einiger im Krieg 70/71 für Preußen-Deutschland gefallener Soldaten hugenottischer Herkunft reihte: Reclam. schritt er unter leichtem Hut und mit Bambusstock an schlichten Grabmälern vorbei. meinte es aber gut mit dem Friedhofsbesucher. Des Geländes kundig. Es war ihm gelungen. Hugo. Im Sandboden der Wege waren die Pfützen des letzten Regengusses versickert. Die restlichen Junitage standen bevor. Bonnin.gesamte Friedhof ab 61 zum Grenzbezirk erklärt worden war und bis 85 nur mit Sondergenehmigung betreten werden durfte. sich auf Zeit von seinem Tagundnachtschatten zu lösen.. Genauer gesagt: er stand vor einem restaurierten Grabstein. Sarre . den man selbst Fonty nur selten bescheinigt hatte. war weniger schlicht. die in der Tiefe graugestockt alle erhaben stehenden Buchstaben und Zahlen betonte. sogar des Vorläufers leicht herbeizuzitierende Nervenschwäche brachte er mit. aber von herkömmlicher Machart: Bis auf die Schriftfläche. deren Endstation »Stadion der Weltjugend« hieß. Seine früher so oft durch Behördenkram erschwerte Anwesenheit mußte genügen. die sich im Gegensatz zur katholisch benachbarten Spruchfreudigkeit einsilbig gaben: nur Daten und Namen wie Delorme. glänzte die Vorderseite des an den Rändern kunstvoll grob . die gegen Ende des Zweiten Weltkriegs. Seit Beginn des Jahrhunderts waren es zwei Efeuhügel und zwei schlichte. oben flach abgerundete Granitsteine gewesen. Harnier. Desgleichen wurden die um das Doppelgrab gesetzten und mit einer Kette verbundenen gußeisernen Pfosten umgelegt und später von Metalldieben abgeräumt.

Ein hochkant stehender Stein. daß Fonty zwischen den fünftausend »réfugiés«. Da er allein stand und nur entfernt einige Friedhofsbesucher mit Harke und Gießkännchen tätig waren. wäre wohl nichts aus Preußen geworden. um dann Brandenburgs Kurfürsten Friedrich Wilhelm zu rühmen. immer noch leserlich. Dezember 1989 »Dem großen Humanisten« gewidmet sein solle. wenn auch in beklemmender Gesellschaft.« Mit gezogenem Hut stand er stumm vor dem Stein.»Das war anno 1598« -. »Bald werden runde hundert Jahre zu feiern sein«. doch hätte sich seine innere Rede durchaus als halblautes Geplauder mitteilen können. lobte er laut des vierten französischen Heinrichs Edikt von Nantes . Meine Ahnenwiege hat im Languedoc und in der Gascogne gestanden. und gar nicht verwunderlich ist es. Soviel Gedenken trotz unruhiger Zeit. direkte Vorfahren fand und herbeirief. auf Hochglanz poliert.. . daß der 30. der die Aufhebung des Edikts durch Frankreichs vierzehnten Ludwig . « Er sagte noch weitere feierliche Versprechungen wie ein Gedicht auf. haben wir oft genug Fonty und uns versichert. Beide Kränze erinnerten an den letzten. die sich infolge der angebotenen Toleranz zwischen knapp zehntausend märkischen Berlinern ansiedelten. Mühelos konnte Fonty daraus zitieren: »Unseren wegen der heiligen Evangelii und dessen reiner Lehre angefochtenen und bedrängten Glaubens-Genossen mittels dieses von Uns eigenhändig unterschriebenen Edicts eine sichere und freye retraite in alle Unsere Lande und Provinzen in Gnaden zu offerieren . Über Emilie. die am 18. Auf der Schleife des übrigens vom Archiv gestifteten Kranzes stand. den Fonty. den siebzigsten Geburtstag.gebrochenen Granits. der die Anordnung der Namen untereinander gebot.sogleich mit einem Toleranzedikt beantwortet hatte. Soviel Vorschuß auf weitere Unsterblichkeit. Februar 1902 gestorben war. als die Schweden eins aufs Haupt bekamen. der geborenen Rouanet-Kummer. mitsamt der Inschrift. unter ihnen einige der Emilie Rouanet-Kummer: »Ohne uns Kolonisten und. September 1898. der andere Kranz kam vom Hugenottenmuseum.»Das war anno 1685« . zugegeben. Fonty bewies sein Zahlengedächtnis. stand unter dem Namen und Geburtsdatum des Unsterblichen dessen Todesdatum: der 20. dank kollektiver Bemühung soll etwas Besonderes zwischen Buchdeckel kommen. die Schlacht von Fehrbellin. Will davon nicht lassen. »Das Archiv bereitet sich jetzt schon vor. Habe deshalb immer das hugenottische Herkommen gegen das dumpfe Borussentum gestellt. Zwei welke Kränze mit vom Wetter zermürbten Kranzschleifen gaben Stichworte genug her.. bei McDonald's gefeiert hatte.

ein Plauderer höchsten Grades geblieben bin. mit Seidenraupenzucht.. Lächerlich deshalb und empörend zudem. Übrigens war Melanie van der Straaten schweizerisch-calvinistischer Herkunft. fanden wir Kinder .. wenn Swinemündes Honoratioren zu Besuch kamen.War doch der Vater ein Gascogner wie aus dem Buche: voll Bonhomie. Dabei hatte keiner. wie diese Kirchenmaus de Maizière. den meine eigenste französische Natur immer noch anstiftet . einen >Stockphilister mit einem Ladestock im Rücken< geschimpft hat. Und mir zweifelsohne ein gewisses Heidentum . wie einige meiner literarischen Weibsbilder: in >Schach< Josephine von Carayon nebst unansehnlicher Tochter. die sich jemanden auf die Nadel spießen. oder woanders hin: schottische Hochmoore. einer dieser hyperklugen Kritiker der neuen Schule.. jenseits des Tweed .. Erst mein Großvater Pierre Barthélemy brachte das Künstlerische ein und war sogar Zeichenlehrer der Königskinder.und Feiertagen. besonders an Sonn.. Dabei nicht ohne Renommiergehabe. steif. und von Papa sogar... ihn betrachten und dann niederschreiben.. das nun. sehe verwelkte Kränze und dauerhaft seßhaften Efeu. der ich mit Maria Stuart zu Bett gegangen und mit Archibald Douglas aufgestanden bin. Jadoch.was manchmal ein bißchen albern war. bei aller Verpflichtung der Kolonie gegenüber. der zur Kolonie gehörte. weil ich die Gascogne im Rücken wie vor mir habe . alles organisiert Religiöse kolossal suspekt .. trotz leeren Beutels .. suchte aber nur stimmungshalber Kirchen auf. so . abtauchen einfach . Wie man auch mir gelegentliche Gasconnaden nachsagt: stets auf dem Sprung. Und schon als junger Dachs und Luftwaffengefreiter habe ich in Domrémy vor hochrangigen Offizieren aus dem Stegreif über Jeanne d'Arc und ihr literarisches Fortleben plaudern können . Und später wurde er Kabinettssekretär der Königin Luise. über den Zaun und weg. Die Labrys aus meiner Mutter Familie hatten alle mit der Strumpfwirkerei. daß ich im Schreiben wie im Reden ein Causeur. mit Nasallaut ausgesprochen. blauschwarze Seen.. mich. Jedenfalls wurde zu Haus . weshalb ich mir im Tiergarten häufig eine Bank mit Blick auf ihr Denkmal suche. bei Verschlucken des abschließenden e. auch wenn sie Schmidt heißt.. etwas apart Pariserisches an sich.. Mich. bin aber dennoch reisefertig. überhaupt mit Seide zu tun. daß mich Julius Hart... wie ja auch mir. Was Wunder. Alle meines Namens gehörten der französischen Kolonie an. ernsthaft. ehrpusselig. so daß mir bei meinen Vortragsreisen für den Kulturbund eine Gemeinde geneigter Zuhörer sicher gewesen ist. dabei Phantast . vielmehr waren alle von puritanischer Statur.. Und den Treibels gegenüber betont sogar Corinna Hugenottisches. na..unser Name immer mit Betonung der ersten Silbe. ein Kerlchen.. hier stehe ich vor diesem nachgemachten Stein.

Kein Blechgeld mehr soll in den Taschen scheppern.. wohin. steh ich zu Calvin!< Und genau das wird unser de Maizière sagen. Und genauso schlicht wie der Stein des Unsterblichen und seiner Emilie sagten beiderseits die Anschlußgräber ihre Namen auf: Links ruhte ohne Spruch Gerhard Baillieu. mit harten Silberlingen dürfen wir Sprünge machen... den alle Fonty nannten. >Soll keinem schlechter und einigen sogar besser gehen. Will wegtauchen.. Diese Sechserwirtschaft . wohin . unterm rechten Stein lag Georg Minde-Pouet. hat beim Wählen das Kreuzchen prompt an der richtigen Stelle . war kein Kirchengänger. dessen Einfassung kürzlich mit einem Sandsteinsockel und umlaufendem Eisengestänge aufgebessert worden war. wenn's denn zum Umtausch kommt. Muß ja nicht alles aufs Papier . wer weiß. die sie von mir hat .. Arends und der nach ihm benannten Stenographiemethode gedachten.. « Dann stand Theo Wuttke. Wie schon mein sonst labiler Holk in >Unwiederbringlich< sagt: >In diesem Stück..mickrig es guckt... eine kleine größere Reise verspreche: Weiß schon. nachdem uns das Reisefieber gepackt hat. gleich nach Abgang von der Gewerbeschule.<.. Nein. lispelt er mit Leichenbittermiene.. Man hat es oder hat es nicht. glaube aber immer noch calvinistisch: Alles ist Gnade.und Bauern-Staat in die Einheit überführt. Wurde anno sechsunddreißig im Mai. so rausgeputzt wie brav an der Leine gehalten. Erziehung hin oder her. sogar ein stenographisches Kürzel stand dem Stein eingemeißelt.. Jedenfalls guckt dieser de Maizière calvinistisch genug. ohne Gnadenwahl wird nichts. Und meine Emilie. Weil immer das Geld und die feste Anstellung fehlte. Doch ohne Abschiedsepistel wird schlecht reisen sein . so gut lutherisch ich sonst bin. Diese Knapserei .. Viel aufwendiger wirkte in der davorliegenden Grabreihe ein mannshoher Obelisk. Sprünge. die es immer schon mit dem Rechnen hatte und selbst während der Sommerfrische den Spargroschen hütete. nur noch stumm vor dem Doppelgrab. Links und rechts vorm Stein standen je eine frischgepflanzte Eibe. auch wenn sich Emilie wieder zu Tränen versteigt und Metes schwache Nerven.. F. Jedenfalls ist Brief hinterlassen besser als vorher lange reden .. .. Aber das kenn ich von Kindesbeinen an . nämlich das Geld wie die Gnade. auf dessen polierter Fläche dankbare Schüler ihres Lehrers A. wenn er in Bonn antanzen und sich in all seiner Armseligkeit neben die dröhnend regierende Masse stellen muß. von denen ich mir. Ministerpräsident geworden ist.. damit er. in der französisch-reformierten Kirche in der Klosterstraße eingesegnet und gleichfalls dort meiner Emilie nach viel zu langer Verlobungszeit angetraut. den abgetakelten Arbeiter.. Während mir jeglicher Wahlkrempel . um gut fürs Pekuniäre zu sein...

Gut. Hinter einem nach Westen hin abgrenzenden Eisenzaun war auf wüstem Gelände noch immer der Todesstreifen. Damals. die man sich auf Friedhöfen macht.« Dann nahm er Fonty unter den Schirm. Wir vom Archiv könnten aus eigener Erfahrung ergänzen. In straffer Haltung und ohne Umweg überquerte er den angrenzenden katholischen Friedhof der St.Fonty blickte über die Gräber hinweg. denn auch wir mußten zum Alexanderplatz und beim Magistrat von Groß-Berlin. übersah die Reihe namenloser Nonnengräber. die Mauer zu ahnen. Doch wie Fonty. auf Sandwegen an den gereihten Gräbern vorbei. denn inzwischen hatte es sommerlich warm zu regnen begonnen. etwa durch Hinweise auf den Alexis-Aufsatz des Unsterblichen. als bei der Bahnbrücke noch der Wachturm ragte. Sondererlaubnis erhielt. immer aufs neue Anträge auf Grabkarten stellen. Kenne das. als Doppelposten die Friedhofsruhe bewachten und auf Flüchtende scharf geschossen wurde. Doch zur . in dem das Hugenottische in aller Breite Zitate hergibt. als er mit Sondergenehmigung und gestempelter Grabkarte hier gestanden hatte. Er sagte: »Wollte nicht stören. als drüben Feindesland war. doch Theo Wuttke blieb nicht lange genug. nun wieder mit Hut. Mit seiner Rede fertig. Zumindest vor Gräbern will man für sich sein. Und zwar der Gedanken wegen. gingen sie unter schräg einfallender Regenschraffur in Richtung Schwartzkopffstraße. wandte er sich ab und ging. Abteilung Inneres Abteilung Kirchenfragen. Eine Gedankenflucht lang standen ihm rückläufig datierte Friedhofsbesuche vor Augen. als das Grab des Unsterblichen nur selten Besuch erlebte.-Hedwigs-Gemeinde. als Ost und West sich mittels Lautsprechern bekriegten. stand dem Archiv jeweils an Geburtstagen und zum Todesdatum der Friedhof der französischen Domgemeinde offen. Ne kurze Besinnung ist ab und zu fällig. Eigentlich waren nur Verwandte ersten Grades auf Friedhöfen im Grenzgebiet zugelassen. war schließlich in Eile und wie auf der Flucht. dank Fürsprache seiner Bezugsperson. der weit genug für beide spannte. Deren Verlauf war linker Hand noch immer gesperrt: Nur eine westliche Kirchturmspitze überragte das vergessene oder für Filmzwecke konservierte Stück Mauer. Zwischen Mietshäusern. daß am Friedhofseingang Pflugstraße jemand mit aufgeklapptem Regenschirm auf ihn wartete. hatte keinen Blick für dessen noch immer von einem intakten Stück Mauer begrenzte Flanke. denen der Putz wie eine gelbgraue Uniform angepaßt war. Gleichfalls könnten wir Fontys Selbstrede vorm Doppelgrab mit Einschüben anreichern. Wie nach Absprache war Hoftaller zur Stelle.

Und überall. auf dem katholischen Eichsfeld. Das war da . wie die Landeslast anders hätte geschultert und einheitlich balanciert werden können.nur Geld war da. Sparkassen. bis hoch ins Erzgebirge. im Oderbruch und an Neiße und Elbe entlang.Fontys Gegend um Friesack und Ruppin nicht zu vergessen -.und Bauern-Staat. Tatsächlich fand am 1. der hieß Theo Wuttke. daß im monetären Beitrittsgebiet. Unter dem Schirm gingen die beiden Männer auf das himmelhohe Rauchsignal zu.Chausseestraße hin stand alles offen. in der sandigen Lausitz und auf den fetten Böden der Magdeburger Börde. denn endlich war es soweit. Weil der regierenden Masse nicht einfallen wollte. dem auf Schrottwert herabgestuften Arbeiter. in der aus Westsicht sowjetisch besetzten Zone. Dann stiegen sie in die Straßenbahn. die sich auf Behördenpapier immer noch Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik nannte. wo keine Regenwolken den Himmel über der Stadt niedrig machten. an Vorpommerns Küste. zu Füßen des Thüringer Waldes und im Land der Sorben. Postämtern und Sonderauszahlungsstellen wurde taufrisch die erste Milliarde hingeblättert. Auf Rügen. wurde erst gegen Ende des Einheitsjahres in Betrieb genommen. Geld für den ersten Wunsch.und Bauern-Staat vierzig Jahre lang seine stets zuversichtlichen Parolen Wind und Wetter ausgesetzt hatte. wo der erste deutsche Arbeiter. wo jeweils Luther zu Wort gekommen war. 8 Für hartes Geld auf Märchenreise Wären drei Wünsche offen gewesen. soweit die sächsische Zunge trug. In perspektivischem Verlauf rahmten Mietshauskasernen einen Bildausschnitt. in zehntausend und mehr Bankfilialen. im äußersten Zipfel des Vogtlandes und natürlich in der nun offenen Halbstadt Berlin. zu dem im Vordergrund die an der Endstation stehende Straßenbahn gehörte. vielmehr wurde das Heißersehnte abrufbar. sofort und laut Staatsvertrag. die heutzutage zwischen Alt-Tegel und Alt-Mariendorf verkehrt. zwischen Mecklenburgs Seen und Wasserlöchern. denn die Linie U6. Juli der Tag X statt. könnten wir unsere Erzählung im Ton umstimmen: Es war einmal ein Aktenbote. Die Bundesbank sorgte dafür. dem . kein Nest ohne Umtauschschalter blieb. überall dort. der von einem Fernheizwerk gefüttert wurde und mit weißem Rauch die sommerliche Bläue wattierte. Nach Süden. im Osten. kurz SBZ genannt. in Brandenburg . mußte Geld den fehlenden Gedanken ersetzen. im anderen. in der Altmark und Uckermark. der wollte sich dünnemachen. Kein leeres Versprechen stand auf der Tagesordnung. wuchs ein hoher Schornstein.

hart arbeiten müssen. Überall blieb eine Jammerlücke. viertausend Mark eins zu eins und vom größeren Rest nur die Hälfte zu. dem legendären KaDeWe. schlecht. herbeigewählte. dabei hätte es rackern. deshalb dürfen wir sagen: Es war einmal ein Aktenbote. nur Geld war da . nachdem es rasch Konsumgelüste gestillt hatte.Geld war ja da. Weil aber der günstige Umtausch ausschließlich für Personen über dem sechzigsten Lebensjahr galt. Von Emmi Wuttkes Rente und Martha Wuttkes Lehrerinnengehalt hatte immer ein Notgroschen abgezweigt werden können. Ähnliches wünschte Emmi. Träume in Tatsachen umgemünzt werden. Leicht konnte er der schönsten Westverpackung den inbegriffenen Schwindel ablesen. Gleich umsichtig wurden dann weitere vierundzwanzig Milliarden von West nach Ost geschaufelt und in Umlauf gebracht. samt abgeschöpftem Gewinn. eilig in den Westen zurück. Keinesfalls wollte sie ihre Tochter. Frau . Für Fonty. diese Rechnung schien aufzugehen. schuften. das Geld. nun endlich Härte verheißende Geld ein. Kaufwünsche konnten erfüllt.brachte nicht den ersehnten Wohlstand. wie sie gesagt haben soll. würgte ein Sorgenkloß. der hieß Theo Wuttke. Nur ein alter Mann jammerte und würgte nicht. zog das erwünschte. sondern zog sich. Gleiches galt für des Aktenboten Frau und Tochter. war nur noch die Hälfte wert. Dessen Wunsch stieß sich nicht am zu raschen Zahlungsverkehr. Ach. Keine Konsumgüter standen auf seiner Liste. ihr standen. Ach. es hätte wunder was wirken und nicht faul herumliegen dürfen. hatte verdientes Geld über Jahre hinweg für das begrenzte Angebot von Ostprodukten gereicht und ihm sogar Ersparnisse erlaubt. die achtunddreißig zählte. So aber war das Märchen bald aus. deren Anfahrtswege geheim blieben. wären doch weitere Wünsche offen gewesen. rechnete sich diese Einschränkung für Martha. Das schmerzte die Tochter des Aktenboten. wieder auf Bankkonten ansässig oder als Fluchtgeld in Luxemburg heimisch wurde. wo es. wie der Aktenbote Wuttke genannt wurde. Die erste Milliarde kam in bewachten Spezialwagen. »in Ostklamotten vorm Altar sehn«.Fonty hatte seit Kulturbundzeiten alles Ersparte im gelben Postsparbuch angesammelt -. Sie wollte demnächst heiraten und hatte ihrer Hochzeitsausstattung wegen einen Besuch im Kaufhaus des Westens. laut Vorschrift. geplant. wäre sie doch! All das viele Geld und noch viel mehr Geld . Jetzt durfte er bis zur Höhe von sechs tausend Mark mit einem Umtausch von eins zu eins rechnen: Was darüber zählte . mit nichts als Zinsen im Sinn.Gänsefüßchen-Deutschland. und doch forderten auch seine Pläne ihren marktorientierten Preis.

als nach Mitternacht überall und besonders auf dem Alexanderplatz das neue Geld mit Hupkonzerten. Böllerschüssen und vielchörigem Jubel begrüßt wurde. Das hatten alle. wird man die Westmark ziemlich schnell los. einem Montag. « Nur Fonty fand an seiner seit Jahren getragenen Garderobe Genüge: In schwarzgrau gestreifter Hose und in einem Jackett. für Emmi ein Flakon »echt Kölnisch Wasser«. wo ihnen alle Abteilungen Angebote machten. wobei die Scheiben einer Bank in Scherben gingen und ältere Personen im allgemeinen Gedränge in Ohnmacht fielen. Lange zögerten beide angesichts glitzernder Niedlichkeiten und solider Eleganz. ohne die Möglichkeit des günstigen Umtauschs sogleich ausschöpfen zu können.« Fonty stand sommerlich gekleidet in der Schlange. wenn man nicht aufpaßt. sondern erst eine Woche später.wo sie nur greifbar war. doch hatte er keine Eile. auf dem jene Summe amtlich beglaubigt war. die sein gelbes Postsparbuch hergab. . Ihm stand eine Märchenreise offen. das wir Bratenrock nannten. für Martha eine schicke Handtasche italienischer Machart. Hinterher hieß es: »Also. Verständlich. war dies doch der Tag. die dort standen. Zuvor war jeweils nur der Umtausch von zweitausend Mark zugelassen gewesen. In den fünfziger Jahren nach allem und besonders nach Kartoffeln. und doch sollen sie sich an Emmis Weisung »Nur nichts Unnötiges anschaffen« gehalten haben: Außer der Hochzeitsgarderobe gingen nur zwei Luxusartikel ins Geld. Juli. Wenn schon. Nicht am ersten Umtauschtag. Danach war der Besuch im KaDeWe fällig gewesen. daß der Aktenbote Theo Wuttke nicht vorhatte. am g. Deshalb rückte niemand dem Sparkassenschalter in Ungeduld näher. als ihm für seine Bemühungen um das kulturelle Erbe die silberne Verdienstnadel angesteckt wurde. von dem an über das gesamte Konto verfügt werden durfte.. Frischgemüse. Schlangestehen war zur eingeübten Haltung eines Volkes geworden.Wuttke hatte feste Vorstellungen: »Man heiratet ja nich alle Tage. zuletzt. denn schon . Perlonstrümpfen und später nach Zitronen und Apfelsinen. während jahrzehntelanger Mangelwirtschaft gelernt: Schlangestehen. vielmehr zielte sein Wunsch auf ein Reiseticket: Bis Hamburg wollte er die Reichsbahn und von dort aus das Fährschiff nach England nehmen. Er hatte einen Schein bei sich. stellte sich Fonty in der Schönhauser Allee ans Ende einer mäßig langen Schlange. Emmi und Martha Wuttke hatten schon vorher ihre Konten erleichtert. das sich Zeit nahm . war er bei feierlichen Anlässen aufgetreten. sich im Kaufhaus des Westens neu einzukleiden.. in den Sechzigern nach Fahrradschläuchen.

die er überall. auszureden: »Ging doch bis jetzt ohne Glotze. Englandreisen waren beliebt. Was soll der Unsinn: das schottische Hochland im Guckkastenformat!« Und wie in der Kollwitzstraße blieb er beim Schlangestehen seinem Reiseziel treu. weil ohne Führerschein. Pauli ablegen. was er täglich zu Hause hörte: tausend Wünsche zwischen zaunhohen Bedenken. dieser Bildersegen. Er wollte nicht mitlachen. Fonty wäre furchtlos geblieben. die seiner geplanten Reise einen strengen Sparkurs vorschrieben das Gerede vor und hinter ihm war wie auf halblaut bis null gestellt. Laut wird auf die Firma geschimpft. was die Schlange vor und hinter ihm laut zu sagen oder. plötzlich von dem noch immer krakeelenden Stasiankläger wissen. die vor ihm in der Schlange stand. Weit hinten in der Schlange wollte jemand aufgesparte Wut loswerden und zählte Stasiseilschaften auf. Er zog es vor. »Stadt Hamburg« und sollte an den Landungsbrücken in St. Mit vielen fürchtete sie die neue Währung. doch dann verlor er sich in immer neuen Kopfrechnungen. zu welcher Seilschaft denn er gehöre: »Is doch ne altbekannte Masche. »einen Westfernseher mit allem Drum und Dran«. wie gewohnt. in Gedanken immer wieder an Bord zu gehen: Vor Jahren hatte das weiße Fährschiff nach Harwich »Prinz Hamlet« geheißen. Er war bereit. laut Reiseprospekt. von der man bezahlt wird!« Danach schwieg er . man wünscht sich was. weil man sich jottwasnichalles vorjestellt hat. doch wenn es denn kommt. als jemand hinter ihm Witze über die Parteibonzen in Wandlitz riß. Jedenfalls war in einem Westberliner Reisebüro für Fonty vorsorglich ein Schiffsplatz auf seinen bürgerlichen Namen gebucht worden.Anfangs wollte er noch hören. und sah sich schon unterwegs. Mal sollte es eine japanische HiFi-Anlage. alles auf eine Karte zu setzen. Immer neue Witze ödeten ihn an. die das Wunschgeld so laut herbeigesehnt hatten: »Na ja. is man verdattert.« Doch selbst wenn Theo Wuttke als Aktenbote diese Ängste geteilt hätte. Kann mir gestohlen bleiben. Emmi ihren Herzenswunsch. dann wieder ein fast neuer Opel Kadett für Martha sein. die aber. der sich bis dahin maulfaul verhalten hatte. Er aber wollte waghalsig sein und nicht jetzt schon verzagt wie die alleinerziehende Mutter mit Kleinkind an der Hand. Dieses Gejammer kannte er ohnehin. Vor und hinter ihm waren alle schwankend und bänglich. Gleich hinter ihm wollte ein bärtiger junger Mann. zu flüstern hatte. kaum unterschied es sich von dem. aber besonders steiglustig und alpin ausgerüstet im Haus der Ministerien tätig sah. abwinkte. Er hatte Mühe. nun hieß sein Schiff. weil sich deren Härte zuallererst gegen jene wenden könnte.

. Lene zwischen Corinna und der Witwe Pittelkow. Man ist ja gewohnt . Man hat ja nicht ahnen können . zog er die Summe. Ohne Wanderstock. Zwar hatte er nie ein Massenpublikum anziehen können.. Bei lastender Sommerhitze wußte die Schlange vor der Sparkassenfiliale nichts mehr zu sagen. waren ihm immer wieder Prämien für besondere Leistungen zugute gekommen: Der Vortragsreisende Theo Wuttke galt als Kulturaktivist. Stine von Mathilde verdeckt. Dem Witzeerzähler gingen die Witze aus.und Naturfreunde. Die Mutter mit Kleinkind hörte zu jammern auf Niemand wollte mehr Sätze mit »man« bilden: Man hat uns gesagt . mal zum klagenden.muffig. mal zum räsonierenden Chor zusammengerottet. Ein Frauenkränzchen.. denn außer den nicht gerade üppigen Honoraren.. Er litt nicht unter dem feuchtheißen Wetter. während seine Gedanken rückläufig Halt suchten. selbst wenn es um Ehebruch und Duelle ging. Ebba Arm in Arm mit Melanie. Überall versammelten sich Heimat. denen selbst vielstrophige Balladen nicht zu lang waren. Wo immer er sein Gedächtnis anzapfte.. Man ist ja doch immer der Dumme am Ende . in dem jede ihren Fall aufs neue inszenierte. und immer ging es um das Werk des Unsterblichen.... die er seit Anfang der fünfziger Jahre und bis gegen Ende 76 gehalten hatte. allerorts gab es auf Pointen erpichte Liebhaber der vieltausend hingeplauderten Plauderbriefe. Landesweit klapperte er Städte und Städtchen mit schütteren oder pompösen Kulturbundhäusern ab. oft gewaschenen Leinenanzug. vom Humanismus die Rede sein. aber mit gemustertem Shawl kam er langsam voran. Grete Minde zum Beispiel die allzeit latente Gefahr einer Feuersbrunst. die der Kulturbund zwischen Stralsund und Karl-Marx-Stadt gezahlt hatte. in den Vordergrund drängten: Cécile neben Effi. In jedem Vortrag mußte. die. sprudelten sogleich die Quellen seiner Ersparnisse. dessen Knitterfalten wie angeboren waren und doch für lässige Weltläufigkeit bürgten. Natürlich sollte bei Jedem öffentlichen Auftritt das Verhältnis überlieferter Stoffe zum Sozialismus mitbehandelt werden. und zwar vom . die für seine aufs Witzigste verkürzten »Wanderungen durch die Mark Brandenburg« ein offenes Ohr hatten. Nur Fonty war reich an inwendiger Rede. Aus allen Vorträgen.. Zum Strohhut trug er einen leichten. doch einer treuen und im Verlauf der Jahre nachwachsenden Zuhörergemeinde durfte Fonty sicher sein. minderte sie um die Kosten fürs tägliche Leben und kam dennoch auf einen satten Überschuß. genügend Geduldige fanden sich. Mal waren dessen Romane . bei anderen Vortragsreisen herrschten Frauen vor. Man glaubte und glaubte ..ob »Frau Jenny Treibel« oder »Unwiederbringlich« Thema.

Bülow und der junge Poggenpuhl zu schwadronieren hatten. hingegen stieß der in Hoyerswerda gehaltene Vortrag über die Zeitungspolemiken des jungen Apothekergehilfen gegen den »preußischen Polizeistaat« auf Ablehnung von oben. die sich auf des Apothekers Tunnelfreund Wilhelm von Merckel einließ. hörte sich zwar fremdsprachig. So war er zu Ersparnissen gekommen. Desgleichen war sein Ribbeck-Vortrag »Vom Junkertum zur LPG« ein Treffer. weil Vergleiche mit der Praxis der Volkspolizei allzu nahe lagen.wie aus einem Brief an Friedlaender zitiert . weil Böhmen schon immer zu nahe lag. Gleiches widerfuhr einer längeren Vortragspassage. Als heikel erwies sich oftmals der Versuch. Und doch überwogen freundliche Erinnerungen. das hieß im Sinne der Einheitspartei zu gewichten. nun ja. Und . Dieser Vortrag durfte nicht wiederholt werden. Fonty hörte sich.»den vierten Stand« her. vortragen. Bitterfeld und Hennigsdorf vorgemerkt standen. gegen Adelshochmut und bürgerliche Dekadenz vom Leder zu ziehen. die nichts.fortschrittlichen. Und nach dem Einmarsch der sozialistischen Bruderländer in die CSSR durfte das Kriegsbuch des Unsterblichen über den Feldzug gegen Österreich und die Schlacht bei Königgrätz kein Thema sein. So viel Mühe landauf landab. das Sozialdemokratische richtig. weder für seine milieubetonten Reiseberichte noch für jenen peinlichen Erguß. Sogar des Pastors Lorenzen Sympathien für die christlich-sozialen Thesen des wilhelminischen Hofpredigers Stöcker galten als anrüchig und mußten entsprechend kommentiert werden. Das war leicht bis leichtfertig auf Linie zu bringen. wiederholt Vorträge ohne einschneidende Abstriche halten. während er in der Schlange Schritt für Schritt in Richtung Umtauschschalter vorrückte. den er. So etwas fand Publikum. laut Weisung. doch unterhaltsam an und erlaubte. Neunzehnmal durfte er diesen Text ungekürzt. Verbotsschilder vor jeder Ortschaft. Was Rex und Czako. Mehr noch als »Der Stechlin« gaben die späten Briefe Anspielungen auf die Arbeiterklasse oder . aber alles besser wußten. weil im Reiseplan für den Spätherbst 53 die Kulturbundhäuser in Merseburg. Ein Knüller war sein Lieblingsvortrag »Wie sich der preußische Adel bei Tisch verplaudert« zwischen Ostsee und Riesengebirge gewesen. dessen zum Motto erhobener Reim »Gegen Demokraten helfen nur Soldaten« mußte gestrichen werden. Lauter Querelen und engstirnige Funktionäre. samt Birnenballade. gleich ob es um den Rheinsberger Wahlsieger und Feilenhauer Torgelow oder um den »angebebelten« Junker Woldemar ging. Doch nie sind ihm von Hoftaller oder Tallhover Geldsummen zugesteckt worden. weil. über des Unsterblichen Zusammenarbeit mit der Regierung Manteuffel in Potsdam und anderswo hatte vortragen müssen.

für zwischen Rückfällen . sei es in Güstrow oder Wittstock. zumeist handelte es sich um beim Glas Wein geplauderte Nichtigkeiten und liebevoll ausgepinselte Schwächen von Lokalgrößen. Er wies darauf hin. »ist mir geschenkt worden. trotzdem ihre Charaktere sehr verschieden waren . wie aus dem Stegreif einige Eckwerte des Staatsvertrags zwischen den beiden Deutschländern. daß unter Absatz sechs ein verbrieftes Anteilsrecht am volkseigenen Vermögen . der mürrische Bartträger hinter ihm. nachdem Fragen wie »Ist man denn nur noch die Hälfte wert?« -»Will man uns etwa zur Strafe halbieren?« seine Sorge um die Altersreserve gestützt hatten. was man kriegte. weil das Volk das gewollt hat. Der Rest fürs Volk. die ihm auf Vortragsreisen bekannt wurden. Er hatte mehr auf der Latte: »War doch schon immer so. « »Neinnein!« rief Fonty plötzlich laut. daß unser Altersgroschen halbiert wird«. und zwar scheibchenweise.bewiesene Linientreue. jemanden laut rufen.besaßen die schöne Gabe.« Fonty mußte sich nicht umgucken. den Werktätigen in Guben oder Neubrandenburg. die Frau mit Kleinkind vor ihm. stimmten zu.« »Keine Mark«. denn auch sie... die vor und hinter ihm in der Schlange standen.« Wieder Zustimmung: »Nix hat man uns geschenkt.. « Und dann zitierte Hoftaller.die Mutter freilich weniger . Darin waren sich die drei Schwestern gleich. Das war Hoftaller. dessen launiger Einwurf mit Gelächter belohnt wurde.« Und als Fonty ausrief: »Eins zu eins ist richtig. Und die Prämien? Die gab's für besondere Leistungen. rief Fonty. aber falsch ist. fürs Langjährige. hörte er. nie zu klagen. »Das ist alles sauer verdientes Geld!« Und alle. der offenbar Zuhörer fand. trugen ihr sauer Verdientes zum Umtauschschalter: »Man hat sich ganz schön abrackern müssen. ohne daß sich bei diesem Rechnen etwas störend Berechnendes gezeigt hätte. Und das bißchen. der sieben oder neun Schlangenglieder hinter ihm stand: »Na. Senftenberg und Eisenhüttenstadt das handlungsarme und zudem verarmte Adelsmilieu der Poggenpuhls spannend aufzubereiten: »Sie alle .. damit sich ja keiner überfuttert .. kriegte man nicht umsonst. und mag sie noch so leichtgewichtig aus Blech gewesen sein. waren lebensklug und rechneten gut. aber im Prinzip nur noch ne halbe Mark wert. War ja auch mühsam.selbstverständlich wurden angeforderte Portraitskizzen von Kulturfunktionären. Jetzt sind wir zwar bald ein Volk. wenn's um die Wurst ging. ohne Entgelt geliefert.

eintragen. Fonty sah dem Haubentaucher zu. einen Gruß zugenickt hatte. bot sie ein besonderes Profil. Leute! Das soll ne Treuhandanstalt regeln. stieg dort in die Bahn. ließ er ins neue Sparbuch. die er eins zu eins umtauschen durfte. er war einmal. die Münzen zu restlichem Blechgeld ins Portemonnaie gesteckt hatte und nun den Umtauschschalter für den nachrückenden Bartträger freigab. die über Warschauer Straße. Hauptbahnhof. daß man glauben mochte. kamen dreitausendfünfhundertzweiundachtzig Mark. So zielstrebig tauschte er die Bundesbank gegen eine Tiergartenbank. trotz der vielen Türken. und blieb mit seinem Geld in der Brieftasche bis zur schon westlichen S-Bahnstation Bellevue sitzen. Tatsächlich war alles so und doch wie im Märchen. fuhr Richtung Ostkreuz. den Rest in Silber. unbeschattet auf den Weg. Schnurstracks eilte er zur S-Bahnstation Schönhauser Allee. Während der . an der Schlange vorbei davonzukommen. Nachdem der Kulturbundreisende und spätere Aktenbote Theo Wuttke ohne Eile alle Scheine und das Silbergeld durchgezählt. Zu den sechstausend. nur hier fühle er sich sicher. Ein Aktenbote.eingeräumt werden könne. ein blaues. dazu das Sparbuch. »Merkt euch das. Jannowitzbrücke zur Friedrichstraße fuhr. die als Großfamilien auf den Tiergartenwiesen lagerten und sich dort mit den Reichtümern ihrer anatolischen Küche ausgebreitet hatten: Leise roch es nach Schaschlik. dem eine Ecke abgestanzt worden war. fühlte Fonty sich reich und nur zum geringeren Teil halbiert. Wie jedesmal überraschend er anderswo als vermutet auftauchte. tauschte nach längerem Schlangestehen all sein Geld um und machte sich. Nicht mehr Theo Wuttke. die drüben nennen das so: Treuhand!« Dann stand Fonty unversehens vorm Umtauschschalter. runde zwanzig DM. von dem zu sagen ist. Nur ein Kleckersümmchen. der weiter hinten in der Schlange stand. Er hatte es eilig. legte seinen Ausweis dazu und bekam die neue Währung im Großen hingeblättert. Wie plötzlich er weg war. nachdem er seinem Tagundnachtschatten. Jadoch. Und wie des Tauchers Häubchenfrisur bei all den Unterwasserübungen keinen Schaden nahm: Hübsch und elegant gestylt. Er gab den beglaubigten Schein und sein Postsparbuch ab. den großen Batzen hob er ab. seinen Lieblingsplatz mit Blick auf die Rousseau-Insel. dann zum Rosengarten und suchte. als Frischgedrucktes in der Brieftasche versorgt. die halbiert wurden. am Lortzingdenkmal vorbei. Von dort aus lief er in Richtung Kleiner Stern. nur hier könne er mit sich und seinem Geld allein sein.

Fast sah es aus. Er saß. Nun sah Fonty den Teich leicht verschleiert. das Glockengeläute! Doch kaum war das bißchen Revoluzzertum ausgelebt. mehr überrascht als besucht hat. sich wortlos und umständlich eine Romeo y Julieta anzuzünden. Flucht aus allen Zwängen und Bindungen! Wie etwa damals. die hastige Abreise nach Schleswig-Holstein meerumschlungen. weil alle Geheimnisse ausgeplaudert und jeder Verdacht schon benannt war. kannten wir seine strammen Waden und rundgepolsterten Knie. Sie hätten lange so wortlos sitzen können. Von dazumal übriggeblieben. was? Überstürzte Aufbrüche. was. Aber wir machen trotzdem nichts Unüberlegtes. als streichle er die Schwellung seines Jacketts. Ab und davon. Verlockend solch Minireichtum. Flucht ohne Rücksicht auf Frau und Kind. Paare und türkische Mütter mit Kindern vorbei. Einfach die Kurve kratzen. Kaum Vogelstimmen. Das haben wir hinter uns. Da er in solchem Aufzug auch uns. Dazu paßten das kurzärmelige Hemd und die Baseballkappe.Überraschungskünstler unter den Wasservögeln abgetaucht war. sahen Schwäne. Insektengesumm und taumelig zwei Kohlweißlinge. Der längst abgeblühte Holunder hinter der Tiergartenbank breitete schon Fruchtfächer aus. So unversehens wie selbstverständlich war er zur Stelle: diesmal in sommerlichen Kniehosen. hinderte Hoftaller nicht. Diese Freizeitkleidung. das Archiv. Beide saßen im Halbschatten. wo gegen die Dänen im besonderen und gegen die Unterdrückung der Freiheit im allgemeinen mit blanker Waffe gekämpft werden sollte. Fonty? Vermute ein kleines Vermögen auf Ihrem Konto. kam Hoftaller zur Sache: »Hat sich zusammengeläppert. Erst nachdem der Raucher in Kniehosen seiner Zigarre die Asche abgeklopft hatte. Stille. sahen sie dem Betrieb auf dem Teich zu. Ab und zu gingen Einzelpersonen. hah. anno fünfzig. Hat mich oft traurig gemacht. Wie aus der Zeit gefallen: zwei alte Männer. du hast es besser< den ausgepowerten Emigranten aufnehmen. sollte >Amerika. War ne Pleite wie beim achtundvierziger März. zu der neue und vielfarbige Joggingschuhe gehörten. bis plötzlich und ohne Vorwarnung Hoftaller neben ihm Platz nahm. Ne Heldennummer wie diese ist uns heute allenfalls lächerlich. Die vielen Sommersprossen auf hellbeflaumten Unterarmen. verschieden gefiederte Enten. wie gewünscht. Wurde ja auch nix draus. kam es vor. Der Zigarrenraucher gab in gleichmäßigen Abständen Rauch frei. Und wenn ich an all die anderen Ausbrüche denke. daß Fonty seine geschwollene Brusttasche betastete. Konzentriert und entspannt zugleich blickte er dem Rauch nach. War verantwortungslos!« Fonty schwieg. Überall zeigte er alterslos rosiges Fleisch. . Hinter ihnen war der Holunder grün. vor sommergrüner Kulisse allein.

Keine Vorträge mehr. stand irgendwo gedruckt. Wirte. Arnauds Arm im Hotel »Zehnpfund« abstieg. Es ist sieben Uhr abends. weil geschrieben: »Vielfach reine Wegelagerei. sagte der alte Stechlin. Nun aber könnte das Märchen beginnen. sogar die Zeit beschleunigte. Der Zug hält. wie das bei Ihnen hieß. »Seitdem wir die Eisenbahn haben«. als Sie den >Kulturkrempel<. « Dazu Erinnerungen an Hotelzimmer.. »taugen die Pferde nichts mehr. Doch kein Wurf glückte. »War nur ne kurze Sensation«.. ohne Erfolg: Mit dem restlichen Blechgeld waren keine Sprünge zu machen.. Fünfersprung übers Wasser schicken kann. wo Friedlaender Amtsrichter war. auf dem es nicht mehr nach stehendem Rauch roch. Fonty tastete nicht mehr die Schwellung seiner Jackentasche ab.sahen den Haubentaucher und hatten dennoch mehr im Blick. sollte geworfenes Münzgeld springen. Endlich dürfen wir sagen: Es war einmal ein Bahnsteig. auf dessen Gleisen keine stöhnenden und auf der Stelle tretenden Borsig-Lokomotiven auf das Abfahrtssignal warteten. Auch Fonty blieb. Ein windstiller Tag. Oder an beschwerliche Eisenbahnreisen ins Riesengebirge. Fonty? Wir bleiben besonnen . an einem Kinderspiel. doch nicht. die Fonty sich sogleich ausreden wollte: »Weg mit dem abgetretenen . in denen die Dampfkesselkraft alles. Wenn Hoftaller seine Zigarre zwischen zwei Fingern ruhen ließ. Seitdem Sendepause. zum Wurf aufgefordert. sagte Hoftaller und sorgte sich nach einigen Seufzern: »Nicht wahr. ja. Selbst zum Spiel taugte die Leichtwährung nicht. « Bevor sie gingen. stellten sich beide an den Ufersaum... um nach wenigen Flügelschlägen wieder und wie gemalt dem Teich anzugehören. vielleicht ein Kaninchen.. Einmal raschelte hinter ihnen irgendwas im Holundergebüsch. als dem Teich anzusehen war. Vorbei waren die Jahre.. Mietkutscher überbieten sich in Gewinnsucht und Rücksichtslosigkeit . wo später die kränkelnde Cécile an St. Jenseits des Schienenstranges steht die übliche Wagenburg von Omnibussen. Und ich hatte alle Mühe . Mit dem Blechgeld der abgewerteten Währung versuchte sich Hoftaller. Wie man flache Steine mit geübtem Wurf im Dreisprung. Kremsern. stieg der Rauch senkrecht.. um Enten zu füttern. einfach hingeschmissen haben. Und was den Sommerfrischler erwartete. Fiakern . dem einige Münzen in der Tasche schepperten. Kein Jahr ohne Sommerfrische. Und einmal flog ein Schwan auf.oder? Diesmal werden keine Dummheiten gemacht wie sechsundsiebzig. « Und Fonty erinnerte sich an Abfahrten mit Frau und Tochter nach Thale am Harz.

dazu Bücher gestapelt: »Las viel Lessing und Turgenjew abwechselnd. als wollte er wieder einmal in die Sommerfrische. weg . dort die Juden .denn in Gaunerei liegt ihre ganze Größe . sie kannten >alles<. wo die Kaiser und Könige in den Gott sei Dank verschwundenen Tagen der Polizeialliance. wenn ich einen Christen sah . Stets steckte Angefangenes im Gepäck.. wo es an Juden.. « So überfüllt mit Erinnerung. stand Fonty auf dem Bahnsteig... so von uns offengelegt. Liebermanns und Magnus. kann mir wieder die Häuser ansehen. ist aber die Muse in Sack und Asche.. die in der Geschichte den anspruchsvollen Namen >Heilige Alliance< führt. « Als er aber per Eisenbahn nach Berlin zurück mußte.böses Blut. haben doch wenigstens Gesichter. alle sehr liebenswürdig und sehr versiert. mit denen sich plaudern ließ. »Noch vorgestern hatten wir das herkömmliche Goldschmidtsche Diner im Hotel Bristol: einige Friedebergs. « Und doch schrieb er aus Thale: »Es geht mir hier gut. « Erst später. weg mit der tabakverqualmten Goldtapete.und Bauern-Staat bereist hatte. « Und in jeder Sommerfrische lag was quer. kam Überdruß auf. hatte die Kur nur wenig gebracht und suchte sein Mißvergnügen sich Feinde: »Hoffentlich hab ich ein judenfreies Abteil . desgleichen auch die Hotels.. wohin. Nur sein alter Reisekoffer. aus Karlsbad Post: » . « Aber der Post aus Norderney stand wie eingebrannt geschrieben: »Fatal waren die Juden. Das heißt... ließ Ärger nicht auf sich warten. Apollo mit Zahnweh.hier die Christen. Das Leben hat bei ihm einen Grinsezug. mit dem er im Dienst des Kulturbunds den Arbeiter. selbst die häßlichsten.alle sahen vergleichsweise wie Wassersuppe aus.und hergerissen und doch mit sich einig. gleich.drängen sich einem überall auf.Teppichfetzen... trägt ihn die Eisenbahn über Dresden nach Karlsbad.. « Und immer reiste er mit Arbeit beladen. Er hat sowas von einem photographischen Apparat. machte irgendwer . Mir fiel wieder mein Cohn-Gedicht ein . als mit der Diesellok voran der Zug nach Hamburg -nächster Halt Bahnhof Zoologischer . das schlug sich in Briefen nieder: »Ich erschrak. wie unberufen immer. James Morris. wo der alte Goethe gewohnt. ein mittelgroßes Gepäckstück. wenn ich Berlin den Rücken kehre .. so böse hin. Leicht gekleidet. Alle schwer reich. und immer häufiger auf Kurreise denn in die Sommerfrische. weg mit dem schäbigen Plüschsofa.. und ihre frechen Gaunergesichter . « Und gleichfalls bekam sein englischer Brieffreund... nicht mangelte. wartete er. stand neben ihm. bedrängt im Kopf und im Herzen. ihre Karlsbader Tage verbracht haben .. Die Juden. Gestern eine der Jägergeschichten.. so nah der Nervenpleite und zugleich fernsüchtig heiter..

.. der ihm Auskunft über Hotelpreise.Garten . allzu lange hinausgezögerten Roman . Ein Preuße bester Prägung... hatte er die Prenzlberger Jungautoren belehrt. saß dann wieder aufrecht und ruhig. »Beinahe sechzig bin ich damals gewesen. Und immer quer zum höfischen Klimbim. deren Rundbügel flach anlagen. dem lärmenden Zeitgeist offenen Auges zu widerstehn . zum Atmen frei.. in Fahrtrichtung. konservativfortschrittlich. Bis kurz vor der Abfahrt blieb er allein. Nur um sich von der gegenübersitzenden alten Frau mit der Tasche auf dem Schoß abzulenken. bis auf die zitternden Bartspitzen.. sondern tatsächlich zum Stillstand kam: Es war einmal ein D-Zug. »Ein Preuße alter Schule. Jawohl. In einem Abteil zweiter Klasse nahm er Platz: am Fenster.. ihm gegenüber Platz. Als freiem Schriftsteller ist mir >Vor dem Sturm< von der Hand gegangen. Ihm gegenüber klammerte die verhuschte Alte ihre unförmig große Reisetasche. wenig jünger als er.. Immer frei raus. Danach Buch auf Buch bis zum >Stechlin<. streichelten etwas Lebendiges .einfuhr und nicht mehr nur märchenhaft. »Keine Protokolle und Intrigen mehr. wie mein Vitzewitz im ersten. die Hände auf dem geschuppten Leder. königstreu. griff er in die Plastiktüte mit KaDeWe-Aufdruck und ertastete neben dem »Tagesspiegel« den Schmöker des märkischen Grafen Marwitz. « Aus schwarzschuppigem Leder war die Reisetasche der Alten. « Gluckte auf ihren Knien. « Unruhig tasteten die Hände der Greisin die Lederschuppen ab. doch notfalls zum Ungehorsam bereit. « Und kamen nicht zur Ruhe. . »Marwitz ist mir immer förderlich und haltungsmäßig beispielhaft gewesen«. von der sie nicht lassen wollte.. Und hätte mir der Tod nicht die Lampe ausgeblasen . Dann nahm eine Frau. die schwarzgeschuppte Tasche. der als Modell für den Grafen Vitzewitz hatte stillhalten müssen. zum Schreiben frei . tasteten ab... bei leicht zitternden Schnurrbartspitzen. doch ahnungslosen Freunde. Fonty hatte den Koffer auf den Gepäckträger geschoben und die Plastiktüte neben sich gestellt. Wie ich auch Ihnen rate. saß ruhig. Die alte Frau sah verweint oder verschnupft aus und ruckte mit dem Kopf unterm Hut. Ferner steckte in der Plastiktüte ein zeitgenössischer Reiseführer. Verkehrsverbindungen und die Öffnungszeiten der Museen und Schlösser mitteilte. »Aber angestoßen hat mich der alte Marwitz. blätterte er kurz in dem reichbebilderten Paperback. meine hochbegabten. als mich der Streit im Senat der Akademie der Künste endlich nach wenigen Monaten Mühsal frei gemacht hat.. Nur um sich seiner Reiselektüre zu versichern.

überheizt. »nach sachlicher Übereinkunft«. die Abteiltür aufgerissen: Keuchend und durchgeschwitzt stemmte der zugestiegene Fahrgast seinen Koffer auf die Gepäckablage und warf sich auf den Sitz neben Fonty. kaum daß er in schnellere Fahrt kam. weil offenen Auges. Und ähnlich leichtsinnig und nervös wird sich der Gefreite und Kriegsberichterstatter Theo Wuttke auf den Weg nach Frankreich gemacht haben: schnell abgelenkt. teils nur zur Schau gestellte Entschlossenheit. Wir vom Archiv zweifeln an der beteuerten Gewaltlosigkeit der weiteren Vorgänge. Als der Zug abfuhr. wie einst der Unsterbliche mit dem Jugendfreund Lepel. die mitreisen wollte.fuhr der Zug ohne sie weiter. war das Märchen schon aus. »Grad noch erwischt!« rief er zur Begrüßung. oder man werde zu zweit aussteigen. Ausreichend sei der Hinweis gewesen. nach Düppel. man werde entweder gemeinsam nach Hamburg fahren. Doch da uns gegenüber von einer »eher sachlichen Übereinkunft« gesprochen wurde. bis hin zu den Kriegsschauplätzen. Fonty habe aus freien Stücken aufgegeben. Selbst wenn keine Gewalt angewandt wurde. Hoftallers Darstellung. sagt alles. Stickige Julihitze.. besonders einen frisch ausgestellten Reisepaß. kommt unserem Zweifel nur das Gewicht einer Nebenbemerkung zu. zeigte Fonty jene teils heitere. zu zweit ein erfrischendes Bier trinken und so. der ihn als Bundesbürger auswies. London besichtigen und Schottland bereisen . wollte er blindlings hinnehmen. die schweißverklebten Haarspieße.»Dort werden wir fischen und jagen froh« -. Soviel steht fest: Kaum begonnen. Angeblich hätten wenige Worte genügt. mußte aufspringen!« Sogleich riß er sich die amerikanische Kappe vom Kopf und wischte mit dem Handrücken die triefende Stirn. wurde. alles bei sich zu haben. Selbst seine Nervenpleiten nahm er mit. Immortellenkränzen und anderen Leitmotiven: Effis Furcht vor dem Chinesengrab und dem schwarzen Huhn der Frau Kruse: »Vor dem hüte dich. diesen unnützen und zudem kostspieligen Ausflug abbrechen. Metz. »Fuhr schon an. « Fonty saß jetzt zurückgelehnt mit geschlossenen Augen. gemeinsam das Fährschiff nach England nehmen und gemeinsam. weil augenblicklich eingeholt von Grabinschriften. Und so sahen auch wir vom Archiv ihn: allzeit zum Aufbruch bereit. und schnell verführt. . Fonty hatte die Augen nicht öffnen müssen. Königgrätz. Ihm gegenüber die gestreichelte Reisetasche.Sicher. muß doch ein gewisser Zwang nachgeholfen haben.. Das Abteil wie beheizt. Was nun kam. Nach nächstem Halt Bahnhof Zoologischer Garten . das weiß alles und plaudert alles aus . die viele Zeitzeugen dem Unsterblichen nachgesagt haben.

Immerzu Nebel . <« Hoftaller gab sich entrüstet.. ich hätt mir nen Bluff ausgedacht. Benutzte sogar den Ausdruck >verduften<. Er wird sich gesagt haben: Was gestern war. Ich las ihm was aus dem Feuilleton vor. nach so vielen Jahren. sagte: >Vielleicht kommen sogar die Herren Söhne und wollen mitfeiern. mit Schottland und ich als ne Art Reisebegleiter.. Habe ihn dennoch auf das Unverantwortliche seines klammheimlichen Abgangs aufmerksam gemacht.. in solch schweren Zeiten Frau und Kinder im Stich zu lassen. Ich redete. Heute herrscht Freiheit. ihr Liebling. na. Sagte ihm wiederholt: >Sie können doch nicht einfach verduften. Endlich ist Schluß mit dem ollen Familienstreit.. Ziemlich unverantwortlich. nahm er den anklagenden Ton zurück: »Na ja. Herrgott! Was hat Ihre schwangere Emilie alles aushalten. glaubte er Bedenkzeit zu haben. Kaum geboren. nutzte die Zeitspanne und dachte sich. Und als sie Ihnen mit zwei Kindern am Bein nachreiste. < Und dann holte ich aus und packte ihn mit ner an sich verjährten Aktenlage: >Wenn ich an Ihre Englandreisen denke. Bei Nutten womöglich .. Habe lange gut zureden müssen. hat sie unter 'english people' und unterm Klima gelitten ... Ich schlug die >Berliner Zeitung< auf. »die Mitverantwortlichen«. Er interessierte sich sogar für Börsennotierungen und unterstrich mit nein Bleistift . Ihre Emmi wird sich freuen.Er sagte zu uns: »Eigentlich hätten Sie ihm diesen Unsinn ausreden sollen. daß mich seine Ruhe zu nerven begann. Doch Reaktion keine. nicht wahr? Narrenfreiheit!« Erst nachdem er uns »passive Mittäterschaft« vorgeworfen und dem Archiv »wenig angenehme Konsequenzen« in Aussicht gestellt hatte. Bis zum Bahnhof Zoo stumm. wie aus überlieferter Pflicht informierte: >Jedenfalls hab ich unserem Fonty nichts ersparen können. nicht mehr .. In Hafenspelunken . Bestimmt war das Archiv an den Reisevorbereitungen beteiligt. Er las weiter. daß es schofel sei... Da der Zug nach Hamburg erst nach nein zehnminütigen Zwischenhalt weiter sollte. Immerzu Heimweh . zählt heut nicht mehr. Schwamm drüber. er blieb stumm. Jedenfalls kam es zu ner Kraftprobe. und zwar im Wirtschaftsteil. Aber die störte nicht.. Aber jetzt herrscht ja Freiheit. Friedel kommt bestimmt und womöglich auch Theo aus Bonn. einem alten Mann solch ne Strapaze zuzumuten. Fonty!< Und gab ihm dann zu verstehen. Außer uns nur ne alte Frau im Abteil. er seinen >Tagesspiegel<. als er uns. blieb sitzen. Da mich unser Freund nicht als Reisebegleiter akzeptieren wollte. das sich mit dem Prenzlauer Berg und ein paar mutmaßlichen Informanten befaßte. während Sie in London weiß nicht was alles trieben.. Leider kann Georg. starb ihr das Kind weg. Erinnerte ihn an Marthas bevorstehende Hochzeit. dank Ihrer Eskapaden ertragen müssen. waren weitere Argumente überflüssig. Muß zugeben.

sich schnell abzufüttern. mir direkt ins Gesicht: >Hier ist. Sie standen an einem Stehtisch dem Tresen gegenüber und hatten ihre Koffer einträchtig zu Füßen. sich in jedem System loyal zu verhalten. dann. Fonty. dann vor der alten Frau und sagte. Um beide herum war viel jugendliches Publikum dabei. aber den neuen Reisepaß nicht. Beide haben mit ihrem Reisegepäck ganz in der Nähe des Bahnhofs einen Imbiß zu sich genommen. Hoftaller versicherte. verbeugte sich knapp vor den jungen und ziemlich aufgetakelten Frauen. Sein Tagundnachtschatten gab sich erstaunt: »Was sehe ich da: Nur die Hinreise ist bezahlt. die Folgen betreffend.< Mußte mich höllisch beeilen. rund zehn Prozent davon können Sie jetzt schon in den Wind schreiben. bei der Stange zu . hatte in der anderen Hand ne Plastiktüte. hob den Koffer vom Gepäckträger. meine. nur für Nichtraucher Platz. beklopfte auch schon ein Exemplar aus meinem kubanischen Vorrat. Werde ein Wort einlegen oder auch zwei. Bahn und Schiff?« Fonty lieferte alles ab. er werde sich um die Rückerstattung der Reisekosten bemühen: »Darf ich mal Ihr Ticket sehen.Aktienwerte. griff zum Hut. Schon wollte ich. Erst auf der Treppe zu den Bahnhofshallen konnte ich mich bedanken: >Find ich prima. wenn es manchmal auch dauert und dauert. fuhr der Zug ab. Na. nur für mich bestimmt: >Effi fürchtet sich vor dem Huhn. schon in der Abteiltür. demonstrativ nach ner Zigarre greifen. Diesmal bestand Hoftaller auf McDonald's. ließ die Zeitung liegen. dazu eine Portion Pommes frites. da stand er auf. selbst wenn es manchmal schwerfiel. sprach er zu dem Aktenboten Theo Wuttke nur andeutungsweise bedrohlich: »Werde sehen. bitte. die gelernt haben. Wie später uns gegenüber. Fonty. auf das arme Huhn da.<« Hoftaller hat ihn eingeladen. Ganz schön teuer. >Schrecklich!< Er wies mit zittrigem Finger auf die schwarze Tasche der Alten am Fenster und flüsterte. In Zeiten großer Umwandlung muß es Menschen wie Sie geben. obgleich wir in nein Nichtraucherabteil saßen und zwei jüngere Frauen zugestiegen waren. Menschen. Und wenn Sie schon auf die Damen keine Rücksicht nehmen wollen. Das haben Sie oft genug bewiesen. die einsichtig sind und rechtzeitig zur Vernunft kommen. Das Huhn macht ihr angst. daß Sie immer wieder zur Vernunft kommen. wie Sie bemerkt haben sollten. schräg gegenüber natürlich. Zu Cola und Milchshake hat jeder einen Cheeseburger verzehrt. ob ich das hinbiegen kann.« Trotzdem hat Hoftaller aus Fontys geplanter Reise ohne Wiederkehr keine große Geschichte gemacht. denn kaum war ich hinter ihm raus. Menschen. etwa im Haus der Ministerien. Viel gab es nicht mehr zu sagen.

Ihre Kulturbundvorträge beweisen das: kritisch.bleiben. was Grund genug war. « Erst bei der zweiten Cola lockerte sich Fonty ein wenig. Wenn im »Stechlin« Schickedanz sagt: »Straßenname dauert noch länger als Denkmal«. von deren linker . Früher. Beiderseits der scheunentorbreiten Durchfahrt zum Hinterhof. ZWEITES BUCH 9 Es sind die Nerven Die Kollwitzstraße ist eine zum gleichnamigen Platz führende Verlängerung der von der Dimitroffstraße gekreuzten Senefelderstraße. Sind sich immer treu geblieben. war zu Beginn der allerneuesten Wechsel. Käthe Kollwitz konnte den Blick nicht abwenden: Sie hat menschliches Elend gezeichnet. denn ob es bei Kollwitzplatz und der gleichnamigen Straße bleiben würde. war aber nicht bereit .. doch nie Frondeur. und die Straße hieß Weißenburger. Ähnlich hatte sich die jeden Systemwechsel nachäffende Umbenennung von Plätzen und Straßen im Bezirk Prenzlauer Berg und anderswo niedergeschlagen. hieß sie anders. die mit dem Huhn auf dem Schoß. als Tante Pinchen hier wohnte. na. Waren nach eigenem Zeugnis zwar aufmüpfig. In anderen Stadtteilen liefen bereits Anträge. die Percys und die Douglas. Das Mietshaus Nummer 75 lag in Richtung Platz auf der rechten Straßenseite.und Wendezeit nicht sicher. gewiß. mit deren Hilfe die angekündigte Einheit Deutschlands hätte befestigt werden können. dort ein Rosa-Luxemburg-Platz dran glauben sollte. setzte diesen auf und rief über die Geräusche der Schnellabfütterung hinweg: »Hätte nicht gedacht. wie auch der Platz nicht den Namen der einst hier ansässigen Künstlerin trug..« Dann rief er die Namen einiger legendärer Highlander auf. Aus drei oder vier McDonald's-Servietten faltete er einen Papierhut. Frau Kruse zum Beispiel. ihren Namen unter Verbot zu stellen oder zu ehren. nach deren heftigem Verlangen hier eine Heinrich-Heine-Straße.. doch nie destruktiv.so sehr Hoftaller drängte -. ob zur Manteuffel-Zeit oder bei der Reichsluftfahrt. Er versuchte. ahnte er nichts von der bald und rabiat aufkommenden Kurzlebigkeit des Gedenkens. den öffentlichen Vortrag seiner berühmten Ballade zu wiederholen: Ich hab es getragen sieben Jahr. daß meine Exkursion so rasch in schottischem Milieu enden würde. Wörther Platz hieß er. braucht noch Stunden bis Hamburg.. seine verunglückte Reise leicht und sogar auf die Schippe zu nehmen. Allerdings war man im Sommer 90 noch um Namen verlegen.

« Oder urteilte: »Kolossal ridikül dieser Pastor mit Bart als oberster Dienstherr der Volksarmee.« Es war aber ein heißer und bei Windstößen staubiger Julitag. »Holz. noch feucht glänzende Kastanien in beiden Manteltaschen auf Jahr um Jahr. verschleppte er seine Ankunft weiterhin und wollte nicht treppauf. bewahrte brüchiger Putz einige Handelsangebote aus vergangener Zeit auf: Rechter Hand waren. hebt er auf. links die einstige Flickschusterei . Er erzählte Anekdoten aus Tante Pinchens Leben und von ihrer Not mit . dem nur die Tüte anhing. Schuppen und Brandmauern verengtem Hinterhof ein Kastanienbaum die Kriegs. oft bis in den Dezember hinein. indem er das Wetter. Ab U-Bahnstation Senefelder Platz trug er sogar beide Koffer. Habe schon immer gewußt.Mitte der Treppenaufgang ins Vorderhaus führte. Doch hier zählt nur die Nummer 75. die Tagespolitik und die Fassadeninschriften . und vorm Haus angekommen.und Klosettpapier« sowie »Dosen und Gläser jeder Größe« über den Ladentisch weg verkauft worden. daß in meinen Landpfarrern enorm viel Ehrgeiz steckt. Kohlen. Briketts und Koks« vorrätig gewesen. wo die Wuttkes ihre dreieinhalb Zimmer bewohnten. Butterbrot. Nicht nur Kinder sammelten ein.rechts den verjährten Kohlenhandel. Was er sieht. Mag sein. Er trat auf der Stelle.und Nachkriegszeiten überlebt hatte. großblättrig Schatten gab und im Oktober die stachligen Schalen seiner sanft gerundeten Früchte auf geteerte Schuppendächer und den hartgetretenen Grund des Hofes warf. die letzte Wegstrecke lang zum jünglingshaften Schritt zwingen konnte. linker Hand hatte ein Flickschuster eine Kellerwerkstatt als »Besohlanstalt« betrieben. Das Mietshaus und dessen von Stockwerk zu Stockwerk wechselnder Geruch erschreckte ihn. Und alljährlich ärgerte sich Emmi über ruiniertes Taschenfutter: »Ist manchmal richtig kindisch.« Die verwitterte Mauerinschrift »Besohlanstalt« wurde zum wiederholten Mal »furchtbar witzig« genannt. zeigte der Baum die Jahreszeit an. Sein sonst übliches »Also bis morgen dann« hielt er zurück und erfand eine Menge Vorwände für gnädigen Aufschub. Er sagte: »Eigentlich mag ich ja Hitze. ein vom Hochparterre an dreistöckiges Haus. zum Teil versunkener Schrift. Noch mehr bot der Fassadensockel des Nachbarhauses: Dort waren einst »Kurzwaren. daß sich Fonty. Schuhcreme. Bis zum Dachgeschoß hoch. auch Fonty hob frisch gefallene. mein Wuttke. mit Knospen prahlte. an dem Hoftaller den verhinderten Englandreisenden bis zur Haustür heimführte. indem er winterliches Licht durchließ. laut schwarzer. doch vom Kollwitzplatz an hatte er Blei in den Sohlen.als Themen für unterhaltsames Zeitschinden ausprobierte. in dessen von Nebengebäuden.

Strophe nach Strophe reihte Fonty vorm Hauseingang Kollwitzstraße 75. In jedem Hochmoor stocherte er nach Legenden. »vor der Zeit gealterte« Frau Wuttke reden. entstaubte er eine Schulbuchballade. die in der Vossischen stand. Läßt sich ne Menge dazu sagen. Bezweifle. keinen Halbsatz zitieren.wie rückläufig Zeit raffte. « Aber Fonty wollte eigentlich weder über die junge. Er begann mit der Ankündigung des »trotz Nacht. aber aus dem Abschiedsbrief. Das war anno neununddreißig. war schon beim Zugunglück auf der Brücke: »Erglüht es in niederschießender Pracht überm Wasser unten . Wie die Fassade.und Sturmesflug« pünktlichen Edinburgher Zugs: »Ich seh einen Schein am anderen Ufer. der die Besohlanstalt so lange an halbwegs nüchternen Tagen betrieb. machen kann. was ein Könner aus ner bloßen Kurznachricht. daß unsere Prenzlberger Talente sowas Schauriges hinkriegen. die unter der Rubrik »Vermischtes« von einem Eisenbahnunglück in Schottland Bericht gegeben hatte. worauf er mit dem Kommentar der drei Hexen »Tand. »bis der Suffkopp am Ende war und vom Schemel fiel. auf Wunsch des Brückenwärters. »When shall we three meet again«. vor der er stand.. die von den Hexen heraufbeschworene Katastrophe aufs Weihnachtsfest: »Zünd alles an wie zum Heiligen Christ«. den untergegangenen Einzelhandel memorierte. Das muß er sein«. Im Verlauf seiner Filibusterrede klapperte Fonty alle Stationen der vorzeitig beendeten Reise ab. den er für Frau und Tochter auf den Küchentisch gelegt hatte. Fonty! Sowas hör ich immer gerne. das vor. Alle Schrecknisse des Towers wurden aufgezählt. schon als Bürolehrling mollige Emmi noch über die alte. Januar 1880 in Paul Lindaus »Gegenwart« veröffentlicht und beruhte auf einer Zeitungsnotiz..dem stets betrunkenen Ernst-August Piontek. um schließlich mit dem Eingangszitat aus »Macbeth«. während sich Hoftaller »hinter moltkehaftem Schweigen« vermauerte. und dem Hexentreff »Um die siebente Stund am Brückendamm« bei einer seiner späten Balladen zu verweilen: »Die Brück' am Tay« wurde am 10. In London ließ er keine Kunstgalerie. vielmehr geriet er. in ein Geplauder. Tand ist das Gebilde von Menschenhand« abschloß und wieder einmal Hoftaller bewiesen hatte. einem Flickschuster. doch Ihr Hexeneinmaleins . in Schottland kein Schloß aus. worauf meine Emilie bei ihrer verwitweten Tante Wohnung fand. kurz vor Kriegsbeginn . Da sieht man.. reimte sich in dramatischer Steigerung voran: »Denn wütender wurde der Winde Spiel«. Zwar kommt mir das Ganze übertrieben fatalistisch vor. so unablässig lief ihm der Faden von der Spule. Und wieder ist Nacht«. wollte er nichts. was alles ihm geläufig war. wie er sagte. Sein Zuhörer gab sich dennoch zufrieden: »Großartig. besonders diese Ballade. datierte nun..

wie man so schön sagt.. Muß mich nur im eigenen Dienstbereich umgucken.und Klosettpapier« . auch dann noch. Werde mich aber kurz fassen können und Ihre vernünftige Umkehr lobend erwähnen. Schloßruinen auf schottischer Hexenheide. ist von unserer Staatssicherheit geblieben? Wohin haben sich die führenden Genossen verkrochen? Memoiren schreiben sie . die ihm die Nationale Front. als Fonty schon mit seinem Reisegepäck treppauf stieg.»Kurzwaren. gleich.. nur in Bronze natürlich. Von Berufs wegen sind wir neugierig..hörte Fonty. Hochmoore. die sich gern in betretenes Schweigen retten. Tand. glaub fünfundsechzig. Fonty! Sehe ich ähnlich. alles Tand . Und den Vaterländischen Verdienstorden.. die Pflicht. so subjektiv fragwürdig ihr Urteil ausfällt. Und die Aufbaunadel in Silber.< Gut gereimt. Wird einem ja tagtäglich bestätigt. aber gebraucht werden Sie hier. Na. alles von Menschenhand. sozusagen als Briefbeschwerer: lauter Orden von früher. ob es sprudelt oder nach kurzem Erguß zum Rinnsal wird. daß alles vergänglich ist. Doch Fontys Tochter Martha gab Auskunft: »Und ob uns Vater nen Schreck eingejagt hat! Mama war außer sich. >Tand.stimmt vorn und hinten. Was. Doch nicht düster. Tand ist das Gebilde von Menschenhand. bereits Gesichtetes nochmals zu überprüfen. Tand ist das Gebilde von Menschenhand«. in denen alles. Wissen Ja. als sie den Brief auffem Küchentisch fand. reine Routine. angesteckt hat. wie das läuft. außer Papierkram. Schuhcreme. Und noch paar Medaillen und . feststehende Beurteilungen in Zweifel zu ziehen und Quellwasser auf unsere Papiermühle zu leiten. Und auch mich ruft. Kein Blick über die Schulter zurück. befragt werden. Nichts bleibt vom Klassenbewußtsein . Muß neu Bericht verzapfen. Wird sich Sorgen machen. Sie und Ihr Reisekoffer sollten sich langsam treppauf bewegen. eher gutgelaunt wiederholte Hoftaller den Ohrwurm: »Tand. alles bestens. Wir vom Archiv sind es gewohnt.. Aber nun ist genug gejammert. Bis in Höhe der verwitterten Fassadenangebote am Putzsockel des Nachbarhauses . besonders in Wendezeiten. daß sich sein davontippelnder Tagundnachtschatten nicht von einem allzeit triftigen Hexenbefund trennen konnte. auf der Kippe steht. Zeitzeugen wollen gehört und unmittelbar am Geschehen beteiligte Personen müssen. Butterbrot.. Und was er da alles fein säuberlich drumrum gelegt oder draufgepackt hat.« Abrupt ging Hoftaller. vom Kulturbund die Becher-Medaille in Bronze. Ihre Emmi. na ja. auch Familienmitglieder.

den Mama noch nie verknusen gekonnt hat. bis er sich unbeliebt gemacht hat bei den Genossen wegen Revisionismus und fehlender Festigkeit des Standpunkts. steht hier wortwörtlich: >Will untertauchen und dort. < Genau. wobei er wieder mal meinen Verlobten mit dem Mann von der historischen Mete verwechselt hat. Den hat er im HdM. daß er seit zwei Monaten erst Witwer ist. Nur Vater. Genau. genau. ganz leise auf Socken. glücklich zu sein. Ich war ja schon aussein Haus und Mama noch im Bett. bittschön. da bittet er Mama. glaub. als ich gegen Mittag zurückkam. Immer gegängelt. hier steht es. Und für mich jetzt schon >Glückwünsche für die liebe Mete<.. vor achtundsechzig durft er paarmal nach Prag und Karlovy Vary auf Kur. von seiner Abreise zu benachrichtigen. sah ziemlich makaber aus. gehörte nie zum Reisekader. Nee. Genau! Er meint im Prinzip diesen Professor aus Jena. weil ich dienstags nur vier Stunden auffem Plan hab. das kann ich natürlich meinem Zukünftigen nicht erzählen. aber schob mir wortlos den Brief hin.und Hochzeitstag schafft nun zwar allerlei Verlegenheit. Und hier. All die Jahre wie eingemauert. Dieser kurze Abstand zwischen Todes. ohne Reisekoffer...Aktivistennadeln. jedenfalls nicht Richtung Westen. Jedenfalls saß Mama wie verhagelt. was schon! Sein übliches Gestöhn: >Kann nicht mehr. Kein Wort... Ahnte schon im Prinzip. was da drin stand.. Na ja. wo es still ist.< »Na. an diesen Freundlich hätt Mama nicht mal ne Postkarte . < Natürlich dicke Entschuldigung und tausend Dank an Mama für ihre ach so oft strapazierte Geduld. doch mehr war nicht drin. Aber dieser Freundlich. Dein Herr Fritsch ist ein kluger und gescheiter Mann von guter Gesinnung . als er sich weggemacht hat. seinen >Brieffreund Friedlaender<. auftauchen wieder. sogar mit Tinte in Schönschrift: >Macht nichts. so . der durfte und durfte. Richter im Riesengebirge gewesen ist und den es natürlich nicht mehr gibt. sowas. womöglich im Keller oder vielleicht unterm Dach abgestellt gehabt. Fritsch und nicht Grundmann wie mein Heinz-Martin. Denn bis vor kurzem noch durfte Vater nie raus. Na. daß endlich auch er von den Privilegien der Reisekader Gebrauch machen kann. Der hieß ja. sollte sie schreiben. Da hilft nur Abschied nehmen und untertauchen . Was ja stimmt. Freundlich heißt der und ist natürlich auch Jude. wie Sie wissen..< Und das noch: >Will irgendwo bescheiden am Rand meiner Diogenestonne sitzen und die Welt beschweigen . doch wünsche ich Euch zum Hochzeitstag . dennoch hast Du alle Ursach. der zwar Kulturschaffender war und jede Menge Orden und sogar Prämien bekommen hat. Und ausgerechnet diesem Klugscheißer. Ist nicht mehr tragbar. Also. als ich den Ordenssalat auffem Küchentisch sah.. der irgendwas.. < Und so weiter bis hierhin: >Zwar weiß ich mich von allen kleinstriezigen Gedanken über Eheglück frei.. diesen Juden von damals.

quergeschossen. Und bestimmt will Teddy deswegen nicht zur Hochzeit kommen. Aber weil Geburtstag und Neuruppin gleich sind. Genau. Mama. sondern nur in dem tiefen Verlangen nach Ruhe. Nicht im Sinn einer Todessehnsucht. Macht Spaß. was Fakt ist. Und uns.. und ich. Verhöhnt hat er ihn: Parteiredner. Na. wenn Vater mich mitnahm auf Kulturbundreise. wie er sagt. die immer alles ganz wörtlich nimmt. und schon kann er das Wasser nicht halten. War das ein Theater manchmal. War ihnen peinlich. die ja älter waren. was soll der Unsinn!< Ziemlich wirr alles. wenn er sich reinsteigert und denkt. Sind deshalb drüben geblieben bei Tante Lise. weil sie mit Vater drinsteckt in dieser verdammten Rolle. so viel gelebte Unsterblichkeit: und doch. hat natürlich kein Tröpfchen Französisches in sich. das ist nur amtlich und taugt allenfalls fürn Rentenbescheid<. Na. weil ich verdammt nochmal an ihm häng und ihn bewundert hab sogar. Doch Mama. jedenfalls nicht. Sie sagen es: Ellenlange Balladen. war ich seine Mete und angeblich hugenottisch. das märkische Zeug. aber auch alles auswendig brabbelt. . nicht wahr. weil sie mußte. na. wie der ist. Ein Stichwort reicht. Aber die Jungs. Dabei ist sie ne geborene Hering und stammt genau wie Tante Pinchen aus Oberschlesien. als die noch hier waren. Und alle haben mitgemacht. sein Liebling. weil sie das nicht aushalten konnten. na. Ich schon. haben nicht mehr mitmachen gewollt.arrogant. auch die Jungs. wo ich oft mit war. damit er Ruhe gab. sogar von drüben noch: ziemlich gemeine Briefe.. gezwungen stimmt nicht . was da steht: >. nein.. hat er gezwungen. wie Mama und er sowieso. so viel Freiheit trotz Zwang. hat ihm das gereicht. war fix und fertig. Kann man eigentlich nicht laut vorlesen. wo sie auf Ferien waren. Noch heut ist Friedel sauer wegen dem Unsterblichkeitstick. Am meisten aber hat Georg. als Kind schon. daß ich wüßte. in Oranienburg oder Potsdam. um neun Uhr ist alles aus. mitspielen all die Jahre lang. Ein so glückliches und bevorzugtes Leben. wenn alle geklatscht haben zum Schluß. Und dann noch das hier. Georg schon gar nicht. Genosse Witzbold und so. wo genau er das herhat und was er alles dazwischenmixt. Aber Fakt ist. selbst wenn er immer sagt: >Theo Wuttke. er ist was Besonderes. halbe Romanseiten. Sie doch ganz besonders. besonders Georg. die Herren Bescheidwisser vom Archiv. nicht nur Mama und mich. wenn er alles. Schon als Kind. dem alten Mann zuzuhören. Wir mußten ja beide. Sagte ja schon.. jedenfalls im Prinzip. aber Sie vom Archiv werden schon wissen. was uns den Rest gegeben hat. daß sie deshalb im Westen geblieben sind. als die Mauer kam. Nur die Jungs machten nicht mit. Nix war mir peinlich. nur alles genau hundert Jahre später.. sogar die ollen Kriegsschmöker hat er intus. Aber wir haben uns fügen müssen und ja und amen gesagt. Und Vater. Nix ist da dran.

All die Pfarrhäuser. stundenlang rumgestritten hat.. Sie können sich denken. weil Vater alles bloß hinphantasiert hat. Chroniken. genau. Weiße Frau und sowas . was man hörte. Übern Schwielowsee natürlich. nur über Mama und mich. .. sein Schloß zu verkaufen. ist aber trotzdem ne miese Nummer gewesen. hinterher beide vor Kattes Gruft in Wust. na...daß Vater nie Mitglied gewesen ist... per Dampfer. war gar nicht mal übel mit ihm auf Schusters Rappen . nur. Wenn ich zurückdenk. Und dann die Sache mit dem Hirschgeweih. hab sogar seine Wanderungen. um mir nen Schreck einzujagen. War ja im Prinzip alles ganz harmlos. Schloß Kossenblatt: krieg jetzt noch nen Schauder. zu Fuß . Und Vater hat über Katte geredet. Er traf sich da manchmal mit Leuten.. Hab deshalb auch vom Schloß. Aber interessant. Und da standen wir dann. von Caputh mit nein Dampfer. heut schäm ich mich. na. Und wenn ich mitdurfte. daß ich ein paar Berichte . all die Generäle und das gesamte Adelsgesocks... die so verrückt wie er nach Altertümern waren. Oder ab Lübbenau innen Spreewald rein. Von Sozialismus kein Wort. Und vorher noch Kußhand vom Kronprinz. Sie sagen es.. mit ihm abgelaufen am Wochenende. Und immer wieder in die Ruppiner Gegend: per Bahn. das nach Sachsen verkauft wurde und deshalb sogar irgendwo bei Karl May vorgekommen sein soll. hab ich gedacht und deshalb . und ob son Ölschinken mit der Familie von Oppen drauf ein Original war oder bloß ne Kopie. Genau. über alles. de Bruyn war das. über angebliche konspirative Treffs: Hab mich mißbrauchen lassen von diesem. War zwar erst vierzehn oder knapp fünfzehn.. Kam einfach nicht vor.. wie sie im Buch stehn. als er in Rathenow nen Vortrag gehalten hat... jedenfalls schon mit Blauhemd. auch wenn keine Politik vorkam. Sind aber trotzdem meine schönsten Kindheitserinnerungen. wie sich Vater in Kossenblatt mit dem Schriftsteller. auch wenn nix drin stand von >antisozialistischen Umtrieben< oder so. daß da ziemlich langweiliges Zeug gequatscht wurde. Bin ja oft genug mit ihm auf Tour gewesen. weil Vater überall seine Gespenstergeschichten . ob der Graf Barfus vom Soldatenkönig gezwungen wurde. Sag ja: immer zu Fuß. Klar. Aber vom Herrenhaus nix mehr da. Lauter Reaktionäre. aber damals .. War richtig unheimlich drinnen. Na klar. Geb ja zu. viel zu lange natürlich . die meistens Bruchbuden waren. wenn er beim Kulturbund. langweilige Sterberegister. als wär das gestern passiert: Kopfab und so. wie ich etwa. kreuzquer durch die Uckermark oder ab Freienwalde alles erwandert. Und Vater wußte immer Bescheid. weil ich geglaubt und geglaubt hab. das mit den toten Vögeln drin gebrannt hat. nix geschrieben. nur Kirchenbücher. na. daß in Vaters Brief auffem Küchentisch kein Wort stand über die Jungs. von wem. wie Vater gesagt hat.. War fünfzehn oder sechzehn. Weiß noch genau.

< Jedenfalls war das ganz witzig damals in Potsdam. Immer schon im Prinzip. « Darin war Martha Wuttke zuzustimmen. Sich setzen. na. besonders Vater gegenüber. Sie wissen schon. na. Mama ist ungerecht. Aber nun ist er ja zurück. daß dieser Kerl.. Mathilde und so weiter.>vorsingen< mußte. meine Gnädigste . < Vater konnte das gut nachmachen. Haben alle geklatscht und gelacht. redet manchmal genauso: >Wolln doch vernünftig bleiben. wenn er beschäftigt ist und obendrein auf seine Rente was draufkommt. na. als er nicht mehr beim Kulturbund vorsingen wollte und einfach alles hinschmiß. wenn sie immer nur rummäkelt: >Was ist das schon. Finden doch selbst. Sehr fatal. Oder bei Ihnen in Potsdam. Schöne Tochter. na. Möcht ich auch manchmal.. daß der Westen nichts taugt. sie mußte ohne angeborene Leichtigkeit und schlagfertigen Witz auskommen. Dinge beobachten ist besser als Dinge besitzen. seitdem die Normannenstraße dichtgemacht ist und die Firma angeblich Mix mehr zu melden hat.. Und Mama ist natürlich glücklich. geht auf keine Kuhhaut. Aber warum mich Vater manchmal mit seiner Corinna Schmidt verglichen hat.. wie sie sagt. wenn der wieder mal durchdreht wie jetzt. Immer bloß Zaungast. Aber nein! Ohne den läuft nix.. wie die mit der Treibelschen abgerechnet hat. Müßte doch eigentlich Schluß damit sein. den Halbtagsjob im HdM bekommen hat. Und gleichfalls hätten wir ihre Zweifel am väterlichen Vergleich ihrer Person mit der Romanfigur Corinna Schmidt bestätigen können. Kann aber auch anders . trotz allem. Will deshalb abtauchen .. Weiß noch. Corinna. daß Vater. Will nicht Meldung machen müssen . Eher sahen wir Martha grobgliedrig beschaffen und von sperrig . wie Vater sagt. Im Prinzip nette Leute meistens. wird es noch doller mit ihm. über >Schach von Wuthenow< natürlich. finden wir auch: Für sein Alter ist er immer noch gut auf den Beinen . Denn was diese Frau mit >ihrem Wuttke<. Hängt immer drüben im Tiergarten rum und denkt sich was aus. Stine. Fakt ist. über Frauengestalten: Melanie. Genau. Effi.. Damals. freiweg. ihn am Haken hat. Aktenbote?< Denn im Prinzip läuft alles bestens für ihn. weiß ich bis heut nicht. Genau! Der hat sogar dafür gesorgt. War immer ein Singleton. Wär ja was. auch daß er nach der Wende da weitermachen durfte.. in Cottbus. wie's hier im Brief steht: >Spiel nicht gern den Moralisten. Er redet ja manchmal selber so. Und seitdem die Mauer weg ist. war ich ganz glücklich manchmal.. Vorher gab's Kaffee und Kuchen beim Kreissekretär vom Kulturbund. sein Tagundnachtschatten. durchgemacht hat. (Und dieser Kerl. wenn ich die kesse Lippe von der hätte.. wie die Frau von Carayon zum König geht und der immer so abgehackt preußisch redet: >Erinnere Kinderball.

bis es nicht mehr ging. doch pflegte sie den ortsüblichen »Sprechanismus« dergestalt nachlässig. Über verschränkten Armen und bei schräger.. Hatte ein Ziel vor den Augen . dann wieder flapsig.. Sozialismus.« Nein. « Doch bei aller Ähnlichkeit war Martha Wuttke dennoch eine eigenständige Person. feste sogar und viel zu lang. Des Unsterblichen leises Mitgefühl »Mete hat beinahe einen heilen Zug.. Schließlich unterrichtete sie die Fächer Mathematik und Erdkunde und muß als junges Mädchen sogar gut auf dem Klavier gewesen sein. Völkerfreundschaft und so. Auf einmal stimmte rein gar nix mehr. daß ich weitermach. Martha Wuttkes plötzliche Verstimmungen führten oft zu heftigen. unbeirrbar. sondern auch einen Vergleich mit ihres Vaters nachgelebten »Nervenpleiten« und den Verbiesterungen der historischen Martha erlauben. Macht mich krank. na. was er an anderer Briefstelle bestätigt: »Du unterzeichnest Dich >Pechmatz<. selbst bei versuchtem Lächeln. und es ist auch sowas . die nicht nur wochenlang ihre pädagogische Tätigkeit unterbrachen. Wie es hieß. die neuerdings sogar im Archiv um sich greift und die preußische Wortknapserei parodieren soll: »Habe strammen Briefschreibetag hinter mir. daß sie noch vor der Wende .. mehr über die Lippen kam. düster anblickt. doch komme die Nachfolgeorganisation für sie nicht in Frage: »Wem der Glaube mal futsch ist. von uns befragt. ja fiebrigen Nervenkrisen. Hab lang gesucht und . manchmal gewollt schroff. auf denen sie schon früh matronenhaft wirkt und den Betrachter. daß sie »ein paar Sachen von Chopin ganz gut draufgehabt« habe: »Mama wollte natürlich. neigte sie zu verknappten Sätzen. Aus und vorbei. Nicht daß sie übermäßig berlinerte. wenngleich ihr.. jedenfalls gab sie uns beiläufig zu verstehen. Geht mir ähnlich wie Vater. sie war keine Corinna.und zwar »ab März neunundachtzig genau« ..verschlossener Art. »endlich«.. Aber geglaubt hab ich. wie sie betonte. an die gemeinsame Sache. Hierin dem Vater ähnlich. die uns zudem von archivierten Photos her bekannt ist. als ihr Kopf zulassen wollte.. Sie ähnelte jener in vielen Briefen verewigten Mete. von Mißtrauen bestimmter Kopfhaltung gab sie uns Antwort. als zu erwarten gewesen wäre. « Und die Gretchenfrage? Martha Wuttke hat zu ihrer Person mehr gesagt. aber ich wollt nicht mehr. Da bleibt ne ziemliche Leere übrig. eine Sprechweise.. War stramm auf Linie . Musik. zum Beispiel. den das Leben nur abgedämpft hat« deutete an. daß niemand hinter ihrer Wortwahl eine seit Jahren tätige Lehrerin vermutet hätte.raus sei aus der Partei. doch ließen sich gewisse Ähnlichkeiten familiärer Art nicht übersehen. hilft nur noch ein radikaler Schnitt.

und genau die olle Frau Kruse ist es gewesen. Hat mir einfach einen druckfrischen Fünfhunderter in den Brief gesteckt: als Hochzeitsgeschenk! Und wie er mit Koffer und Tüte zurückkam. kann ich aber nicht. als ich ihm den Fünfhunderter zurückgeben wollte: >Geschenkt ist geschenkt!< Dann ist er samt Koffer in seine Stube rein . ist er raus aus dem Zug. das spukende Chinesenhaus. genau.. sprach eher eine Mathilde Möhring aus ihr. Und deshalb. auch wenn er sich das Huhn noch so lebendig hinphantasiert hat. Auf dessen jüngste Eskapaden kam sie immer wieder zu sprechen: »Man muß sich vorstellen. Null Perspektive. Man wird ja sehen. bei Sankt Hedwig. Aber das stimmt natürlich nicht. « . Kessin. Und wie das bei Erdkunde laufen soll. Denn im Prinzip kommt der Mensch ohne Glauben nicht aus . selbst wenn es am gemmenhaften Profil mangelte. Und aschblond war sie auch nicht.. « Hörte man zu. und lachen womöglich. in ihrer überheizten Stube. Die soll ein schwarzes Huhn auf dem Schoß gehalten haben. aus reinem Aberglauben. weil sich. Sie ahnen nicht. ein lebendiges. wenngleich sich uns Fonty weißhaarig eingeprägt hat.dann ganz woanders angeklopft. >Muß man noch dankbar sein. aber nun will Heinz-Martin bei uns investieren. ist mir ziemlich schleierhaft. kapiert? Richtig: die arme Effi. was nach der Hochzeit kommt. Nee.. war er natürlich die Unschuld in Person. daß sie des Vaters Haar hatte. die immer son schwarzes Huhn auffem Schoß hatte. hat er gesagt. Und Vater? Der hat gelacht. Im letzten Moment rausgeholt hat ihn wer anders. außer Hausfrau. wo. wo er schon ne Wohnung für uns hat seit neulich . eine alte Frau zu ihm ins Abteil gesetzt hat. daß einem gruseln mußte. weil das Unglück gebracht hätte.. diesem Kerl!< hat Mama gesagt. Außerdem soll ab jetzt nur noch kapitalistisch gerechnet werden. eher kastanienbraun gewellt wie ihre Mutter vorm Ergrauen. wer. hat Vater gesagt. mehr in Schwerin und Umgebung. Hat irgendwas von >kleinem Ausflug< gefaselt. wenn Martha Wuttke aufs Praktische kam. « Nur andeutungsweise sprach sie von ihrem erwachten Interesse an religiösen Fragen: »Man kann nicht alles rein materialistisch auf Reihe bringen« und machte sich sogleich Sorgen über ihre Zukunft als Lehrerin: »Weil ich so lang in der Partei war.. wenn es um Ölvorkommen und Dritte Welt geht.< Und zwar. Na. Sie wissen schon. als der Zug Bahnhof Zoo hielt.. was im Prinzip ja richtig ist. Es kann aber sein. nicht in Berlin. >Ist leider ins Wasser gefallen. Na. Das Baugeschäft von meinem Verlobten ist zwar in Münster.

Kann man nicht machen.. Hätte mich dann in der Hütte am Torffeuer trockengesessen und vor mich hingelacht . Ganz schön weit weg und der Welt verloren. als ich da stand im Talar.. so gut wie ohne Gesellschaft gewesen. Außerdem will ich meine Mete endlich vorm Traualtar sehn. abgesehen von den drei Macbeth-Hexen . So weit hab ich es nicht gebracht. Frau und Tochter einfach sitzenlassen.wegen >Vor dem Sturm< .. Hätte Metes Hochzeit abwarten sollen und dann erst .. die ja solchen Klimbim schätzte. Wäre da oben.. War immer nur engagiert. Ihr eingeübter Kreisverkehr. Kam zu spät. ich nicht. Ganz zum Schluß noch. bevor es duster wurde. Hatte mir eine torfbeheizte Hütte inmitten Heide und Hochmoor vorgestellt. Schweigt das Leben. Sterblich sein.. Kenn das ja. Wurde mir aber trotzdem kolossal flau. Wollte mich allein und namenlos dem stumpfsinnig nahenden Vergessen zum Fraß hinwerfen. « Kichernd verließ Fonty im dritten Stock den Paternoster. wo sie doch auf die Vierzig zugeht und weit und breit kein Reserveleutnant in Sicht. freiweg ... im Boden versunken und irgendwo anders rausgekommen.. Dabei verging Zeit.. versteckt hinter Erlen . Hoftaller..Tags drauf sagte Fonty im Paternoster: »Haben furchtbar recht gehabt. woraufhin beide aufwärts fuhren. Auf dem hohen Moor. Doch dieser Alterssitz wäre meinen an sich liebenswerten Damen kaum verlockend zu machen gewesen. Wäre lieber. Schon London war für Emilie nur erbsensuppiger Nebel . Soll tüchtig als Architekt sein und ist Professor sogar. Wird Zeit für das Mädchen. Die Sache durchstehn. Tallhover! Endlich wollte ich sterblich sein . wie ich die beiden am Küchentisch sah und mir vor Augen trat. Meine Emilie. der zwischen den Stockwerken Einsicht genommen hatte. fuhr weiter abwärts und traf sich mit Fonty erst wieder nach einer halben Stunde. als jener im zweiten Stockwerk mit erneuter Aktenlast zustieg. Kam auf Vorschlag von Schmidt und Mommsen.... Auffallend viele Küßchen von Mete. welche Folgen mein plötzliches Abtauchen . als ich ganz außer Puste oben mit Koffer und Tüte ankam. Aber so ist es besser.. Doch diesmal blieb ihr . am Bergeskamm. so schweigt der Wunsch . Hoftaller. nur nicht >engaged<. Hab ihr geschrieben und Glück gewünscht mit dem Herrn Fritsch. konnte sich freuen. Waren beide froh..>Um Mitternacht. Und meine Emilie mal wieder in Tränen. gelang ihm ein mutwillig jünglingshafter Hüpfer.. der .. Dabei ließ sich gut plaudern.ein kleines liking für mich hatte. Hoftaller! Verantwortlich handeln. Offenen Auges. Ihre Aufundabreisen ohne Angst vor Wendepunkten. am Erlenstamm< -. Jadoch! Aufgetaucht in einem schwarzbraunen Wasserloch mit Blasenwerfen und Blubbern. den Ehrendoktor der Philosophischen Fakultät. Obgleich mit drei Aktenordnern beladen.

religiöses und dem uralt Überlieferten angepaßtes Leben wird schließlich triumphieren.. mit Blick auf Balkan und Kaukasus. eine andere Weltmacht in den geschichtlichen Vordergrund: » . « Als beide den Paternoster im ersten Stockwerk verließen. daß sie bis auf den heutigen Tag gehalten hat. mein verehrter Herr Morris.. die >andere< heißt zunächst Rußland. Sollte ich demnächst..... befürchte nun aber. nationales. sie stürzt. sprach er sich aus. überstürzten Englandreise. Aber auch Rußland wird nur eine Episode sein .Paternostergespräch einseitig. es ist ein Segen für die Völker. mit Schweiß auf der Stirn. die er dem Militärdienst abgetrotzt hatte. Hoftaller begnügte sich als Zuhörer. Ihr dünnes Nervenkostüm. sagte Hoftaller: »Ist ja gut.. Noch hält ja die Welt einigermaßen. wie nach langer Reise. bedeutet nicht Ende. wegblasen lassen. nein. an Ihrem Londoner Kaminfeuer sitzen dürfen.. in der ganzen Welt. Aufpassen sollten wir. Damit ist nicht zu spaßen. dann zitierte er aus dem Londoner Tagebuch: »Im Café Divan Briefe geschrieben . mal verplauderte er die Stationen seiner ersten. und es ist ein Wunder. ein kolossaler Vorzug. unter ihnen kleine und kleinste. « Schließlich spielte der Briefwechsel mit James Morris. «. was weiterhin zu hoffen mir zusteht. Schrecklich und unerlaubt dumm. und nur Fonty redete.. weil jenseits aller Zeitbarrieren. Sie stürzt. Sie aber sollten sich nicht allzu sehr erhitzen. Dachte anfangs.. ein sich auf sich selbst besinnendes. Sehen spitz aus. die mich mächtig erfaßt hat. um sogleich und nach geflissentlicher Aussparung Amerikas auf die Gegenwart und deren Abstürze zu kommen: »Was wir hier als Fall der Mauer und Kollaps der Sowjetunion erleben. zitierte Fonty aus einem annähernd vierzig Jahre später an Morris gerichteten Brief. den England immer noch auf seiner Seite weiß . Sadler-Wells: Miß Atkinson als Lady Macbeth . Ihr Freund Morris kann warten. Wie wär's mit Feierabend? Heute ein bißchen früher. Enthemmt. und zwar mit Hilfe des gesunden Menschenverstandes. Aber dieser hier nur angedeutete Werdeprozeß vollzieht sich. höllisch . dem er zur Zeit seines zweiten Aufenthalts in England Sprachunterricht gegeben haben wollte. nunmehr als gegenwärtiger Weltstratege: »Die englische Herrschaft in Indien muß zusammenbrechen. das Allerschlimmste. weil ihre Uhr abgelaufen ist .all das bedeutet wenig in der Politik -. Fonty. nicht weil sie Fehler oder Verbrechen begangen hätte . ich weiß. als hätte er Quasselwasser getrunken. nein. wohin man blickt. Mal war er mit dem Jugendfreund Lepel in Edinburgh unterwegs... Übervoll.. Gearbeitet . eine die Jahrhunderte raffende und vertauschende Rolle. « Gegen Schluß des aus dem Stegreif zitierten Briefes rückte er. nach der Ablösung Englands.. will ich mir gerne alle Trübsal.

Kenn ich von mir. Das kommt. Doch wollen wir dabei Amerika nicht vergessen. nach Fontys Worten. Aber nun ist genug. Schätze. Darf aber nicht in Arbeit ausarten.. ohne sich zu verteidigen. wenn dieses Stinktier sich breitgemacht hat. wohin das führt.aufpassen! Habe übrigens ne ähnliche Meinung. Muß es doch geben in so nein großen Haus. Das müßte Ihnen natürlich längst bewußt sein. Er ging. es sind mal wieder die Nerven. weil er sich leicht übernimmt. Und eines Tages wird China . als ihm kein Stuhl angeboten wurde. Müssen wieder mal Doktor Zöberlein rufen. bitte. Kaum war Hoftaller gegangen. Aber läßt nich locker. weiß Gott. Mensch. Denn im Prinzip haben wir nix dagegen. Sieht man ja. was den neuesten Groß-. öffnete Emmi Wuttke die Tür der guten Stube einen Spaltbreit zur Küche: »Is er weg endlich! Richtig durchlüften muß man hinterher. als »altvertrauten Kumpan« zu akzeptieren und seit Jugendjahren als »Stoppelkopp« zu fürchten gelernt hatte. Genau! Alte Kameraden! Von mir aus. Ausgenutzt wird er.. zum bloßen Objekt gemacht.« Martha Wuttke bat den Tagundnachtschatten ihres Vaters nicht in die gute Stube. daß ihm das Raufundrunter und die ewige Aktenschlepperei nicht bekommt. Mit gelockerter Krawatte saß er und blickte wäßrig. Schlottert richtig. Wuttke! Sie zittern ja richtig. Kennen ihn doch angeblich aus Kriegszeiten schon. Kleinund Kleinstnationalismus betrifft. Werden wieder die Nerven sein. Muß meinem . >Vater kennt seine Grenzen nicht!< sagt Mama. fertigte sie Hoftaller in der Küche ab und hielt dabei die Tür zum Hausflur offen: »Glaub. nach so langer Bekanntschaft. Und zwar wie gehabt. halbtags. Wollen uns doch nicht krank werden?« Diese Sorge teilte Fontys Tochter mit Hoftaller. Man sollte ihn endlich in Ruhe lassen. Da ist was dran. das weniger anstrengend ist. zitterte in Schüben und bewegte einige Brotkrümel auf dem Wachstuch. Sieht Ja wie Spucke aus. ein bißchen Ruhe verdient. Aber dann sollten Sie für ihn was ausfindig machen. der seinen von Schüttelfrost gepackten Schützling in der Dreieinhalbzimmerwohnung ablieferte: »Die Aufregungen der letzten Tage haben ihn mitgenommen. Er saß am Tisch. Aber ist nix mit Rücksichtnahme. Müßten Sie eigentlich wissen. genau. wie das anfängt. Fonty hatte sich dem Gejammer um seinen Zustand durch Weghören entzogen. Wenngleich sie ihn. Er wird uns noch krank werden!« Hoftaller bestätigte Martha Wuttkes Befürchtungen. wenn Vater ner Tätigkeit nachgeht. In seinem Alter hat sich Vater. mißbraucht.

Kein Wort. aber die Nachricht von Fontys Nervenkrise erreichte uns mit Verspätung. über die zweite zu klagen. . so ist Ophelia oder ohne Kranz die Lady Macbeth fertig. Und ich Dummerchen hab geglaubt. und der Bund mit der geborenen Emmi Balunek. als Bürofräulein Emmi Hering hieß. das ihm und Emmi beispielhaft vorgeschrieben bleibe: »Wir sind zu verzwirnt. und wenn man ihr einen Kranz einflicht. Fonty neigte dazu. und doch lobte er in Briefen wie bei Archivbesuchen die mit Emilie ausgelebte Ehe als ein »alles in allem strapazierfähiges Bündnis«. und sei es mit einschlägigen Zitaten. geborene Rouanet. geschrieben hat. doch lebendige Musik.. lesen wir: »Mama verfällt leicht in ein gewisses Irrereden. doch beide hielten. keine Klage. Wochen nach seiner Erkrankung. die. « Im Grunde hing er an beiden Frauen.. um auseinander zu können . Sobald uns die historische Emilie auf Photos streng zugeknöpft entgegentritt. Selbst wenn er Ende der siebziger Jahre sein Eheleben als »unseren Dreißigjährigen Krieg« überschaut und mit wenigen Freunden abgefeiert hatte. deren Adoptivvater Kummer hieß. In einem Brief an Martha Wuttke. um so häufiger stand ihm aus doppelter Sicht. deren leiblicher Vater Bosse. dauerte achtundvierzig Jahre. den er später. die Goldene Hochzeit vor Augen. Nur beim Fiebermessen sagte er leise und doch wie vor Publikum deklamierend: »Tand. Jene mit Emilie. hoffte er dennoch nicht auf Friedensschluß.. wenn die erste gemeint war. blieb gleichfalls krisenfest. dank des Stiefvaters Namen. die eine. Beide Frauen brachten ihn zu Bett. Vater!« 10 Warum am Ringfinger gezerrt wurde Die Ehe war schwierig.« Als Emmi Wuttke den Hexenspruch schottischer Herkunft hörte. rief sie: »Nu wirste uns och noch krank. Er ließ das mit sich geschehen. Je länger sie dauerten. trotz brüchiger Nähte.. mal als Schrecknis. auch bei den Wuttkes hing oft der Haussegen schief. « Und mit Zitaten dieser Art berief Fonty beide Ehen. dann wieder als sauer verdiente Belobigung. damit isses nu vorbei.Wuttke immerzu auf die Hacken treten.« Wir vom Archiv wären gern behilflich gewesen. Tand ist das Gebilde von Menschenhand. denn das gelegentliche Zetern der hugenottischen Emilie und der oberschlesischen Emmi war ihm zwar schrille. die andere. entspricht ihre steife Würde den Möglichkeiten damaliger Atelierphotographen. zwei Stunden später futtert sie dann eine Schinkensemmel .

Ob sie über Blasen. verlobten sie sich. zumindest anziehend gewesen sein. Jedenfalls war zu ahnen. während von vielen Nachbarssöhnen nur noch die letzte Meldung nach Hause kam. die zur Fülle neigte . Und schon bald.oder Atembeschwerden klagte. Wir stellten uns ihr früh ergrautes. denn Emmi Wuttke sprach gerne mit uns über Unpäßlichkeiten. bestimmt auf einer Bank der Rousseau-Insel gegenüber. wie uns Fonty versichert hat. Wie wir wissen. »kastanienbraun«. Der Soldat kam immer wieder. was nicht schwerfiel. später leider blauschwarz gefärbtes Haar in naturwüchsiger Bräune vor. Kaum hatten wir im dritten Stock geklingelt. bei der Emmi wohnte. Wenn die photographierte Emilie matronenhaft stattlich auftrat. Tante Pinchen. und zwar Knall auf Fall. Der Soldat erzählte Anekdoten aus dem besetzten Frankreich. die schon wenige Jahre später Kollwitzstraße heißen sollte. Laut leidend blühte sie auf. war er nur andeutungsweise erstaunt. Wenn Erwin lachte. denen stets der Jammer über ihres Mannes kaum faßliche Existenz beigemischt war. das hieß nach nächster Dienstreise. daß wir sie mit Schnappschüssen vorstellen könnten. verläßlich beschloß sie ihren neuesten Leidensbericht mit dem Satz: »Aber mein Wuttke macht alles immer noch schlimmer. ein und aus ging. Sie war eine gemütvoll leidende Person.« Und doch wurde mit dem Gejammer der alten Frau die junge Emmi Hering wachgerufen. als . dann wieder als Trauerkloß.nein. Später saßen sie. sogar Parfum und Brüsseler Spitzen. und hinter ihnen blühte der Holunder oder war reif. Würste aus Lyon. geschah es im Paternoster. kam uns Emmi. Auf dem großen Kunstsee nahe dem Zoogelände ruderten sie abwechselnd. lachte in ihr versteckt noch immer ein junges Mädchen. stand sie in der Wohnungstür mit vor der Brust verschränkten Unterarmen: eine fleischige Bastion. im frühlingshaften oder herbstlichen Tiergarten. wenn der junge und überdies unterhaltsame Soldat in der Weißenburger Straße. warum sich der Soldat Theo Wuttke im Frühling 194o in die knapp achtzehnjährige »flotte Tippse« verlieben konnte. Schafskäse aus den Cevennen. Meistens erlebten wir sie in kurzärmeliger Kittelschürze und in ausgetretenen Schlorren. die geduldig überredet werden wollte. Der Soldat brachte Geschenke mit: normannischen Apfelschnaps. überbordend entgegen: mal aufgekratzt. sie war dick. Das Bürofräulein muß hübsch. Der Soldat lud das Mädchen zum Rudern ein. hatte nichts dagegen. von Kurzurlaub zu Kurzurlaub.denen Momentaufnahmen nicht glücken wollten. aber Emmi wurde uns lebhafter und dergestalt leibhaftig bekannt. sobald wir die Wuttkes besuchten. Und als der Soldat Theo Wuttke im Spätsommer 45 als entlassener Kriegsgefangener heimkehrte.

weil ich meine Arbeit verlor und wir nich mal auf Besuch rüber durften. Sie haben sogleich geheiratet. sondern als Vortragsreisender unterwegs war. Jedenfalls sind alle drei was geworden drüben. konnte ihnen das Wohnungsamt keinen Untermieter zwangsweise einquartieren. lief ihr das Faß über: »Na. gesorgt hat sie für die drei. hat er gesagt: >Dieser pädagogische Krempel. richtige Kinder noch. Das war schon schlimm genug. Na. Deshalb sind auch die Jungs weggeblieben alle drei.. Der Soldat wurde Junglehrer. Studium. aber Teddy und Friedel mal grad erst vierzehn und zwölf. kam Martha und wurde vom Vater gleich nach der Geburt als Mete liebkost und später sogar in Briefen Mete genannt. Auch war sie kein Vielfraß oder unmäßig auf Süßes versessen. weil ' ihm das stank.< Und weil danach auch nichts Richtiges aus ihm geworden is. Weil er immer nur >freiberuflich< was sein wollte. als er Lehrer konnt werden und nachem Schnellkurs gleich Anstellung für Deutsch und Geschichte fand. inne Grundschule Senefelder. Aber hier wurd es immer schlimmer für mich. weil immer alles ganz unsicher mit ihm war. das mit dem Blinddarm passiert wär. Sie wollte noch mehr Kinder. Und weil er von Anfang an diesen Tick gehabt hat. Erst drei Jahre später. als der einstige Soldat nicht mehr Lehrer. Zweifel zu äußern. von der Tante Pinchen der jungen Familie eineinhalb Zimmer abgegeben hatte.. wie alle Nachbarskinder im Haus und auf der Straße den zweitgeborenen Sohn Teddy. hier.ihm seine Verlobte zur Begrüßung den Erstgeborenen in den Arm legte. alles hingeschmissen hat. der Friedel gerufen wurde.. Nach einer Fehlgeburt gelang ihnen der jüngste Sohn Friedrich. Einzig Fonty soll schuld an ihrem Kummerspeck gewesen sein.. Und wenn unserm Georg nich. da kann man nich meckern. weil die Jungs . Schule. Na. Und als im Jahr darauf. Doch nicht die vielen Geburten haben Emmi fettleibig werden lassen. weil zum Hunger die große Kälte kam. Weil er nachem Krieg. was ich mein. und bald lief der kleine Georg in der nur mäßig beschädigten Dreieinhalbzimmerwohnung.. paar Jahre später schon. weil mein Gewicht und weil ich seitdem was an der Blase hab und weil mein Atem nich nur beim Treppensteigen . Sie wissen schon. Muß ganz schön was gekostet haben. denn Emmi ging bereits im fünften Monat mit Theodor schwanger.. Und weil denn die Krankheiten kamen. den erstgeborenen Schorsch riefen. Aber mein Wuttke hat alles immer noch schlimmer gemacht. als die bei seiner Schwester Lise alles ganz superdoll fanden in Hamburg. Das Kind zahnte bereits. als er schon Fliegerhauptmann war. Na ja. Republikflucht hieß das . Tante Pinchen starb. Unser Georg war ja schon siebzehn. Als wir es wagten.. weil nichts ..

»Bestimmt wär mein Wuttke Schuldirektor geworden« . So ist mein Wuttke nun mal. Zum Beispiel hieß es: »Ein Beamter lebt lange.kamen alle verpaßten Gelegenheiten auf den Tisch. Immer am Schreibtisch sitzen und Berichte schreiben. Ist er krank. Und Fehler sind gleichgültig. Nur Aktenbote ist er geworden . « Immer wieder hat sie ihrem Mann die hingeschmissene Pädagogik vorgehalten: »Mußte mein Wuttke denn. zu allem.< Und hat dann alles hingeschmissen. als dem verdienten Kulturbundreisenden ein Posten als Kreissekretär angeboten wurde.. die sich ab Ende der sechziger und bis Mitte der siebziger Jahre ergeben hatten.. was damals politisch lief. daß Fonty.< Und dann noch eins draufgesetzt: >Biermann hier ist besser als Biermann drüben. so wird er vertreten..wurde aus ihm. Na. solange nach außen hin die eigene und des Standes Unfehlbarkeit gewahrt bleibt . die Sicherheiten einer festen Anstellung weit oberhalb der Position eines Aktenboten aufzählen können. daß er dann überhaupt nicht mehr reden gedurft hat. als ihm der Kulturbundsekretär noch einmal auffem Tablett serviert wurde. kein Lehrer nich. erstens hätt er in die Partei reingemußt.. die unter der Überschrift »Wie sich meine Frau einen Beamten denkt« die mißliche Lage im Hausstand des Unsterblichen nach Punkten von eins bis zehn aufgezählt hat. nach Sachsen runter womöglich. die Wünsche der historischen Emilie und geborenen Rouanet-Kummer herbeizitiert hat. Aber sechsundsiebzig. sobald ihn Emmis Klagen aus dem Haus trieben. so schlimm. Badereisen sind garantiert.. denn bei der Selbstkritik vorm Kulturbund.. « Für die Last dieser umfänglichen Schuldzuweisung spricht. beim Kulturbund rein gar nichts und im HdM . Solange er lebt.. Auf ihr Drängen hin ist übrigens für Martha das Klavier angeschafft worden: »Wir hatten och ein Piano in unserer Villa in Oppeln . Doch als die Genossen ihm sogar Potsdam und Neuruppin. wollt aber nich. und achtundsechzig soll er auf Vortragsreise wegen dem Einmarsch der sozialistischen Bruderländer gestänkert haben. was ja ganz nah liegt. angeboten und richtig gedrängelt haben. unbedingt seinen Senf dazugeben?« Und nach der aufs Spiel gesetzten Karriere . als er noch Lehrer war. Außerdem wollt er nich nach Pasewalk oder noch weiter weg. hat er gesagt.. wenngleich in anderer Tonlage. wobei er auf eine Skizze zurückgriff. hat er sich wieder alles politisch verdorben. >den ganzen Kulturkrempel<. Muß immer alles noch schlimmer machen. hat er in aller Öffentlichkeit gesagt: >Sänger muß man singen lassen. »Aber mein Wuttke sagte jedesmal: Liegt mir nicht sowas. hat er ein auskömmliches Gehalt. ist er dem Parteikollektiv ziemlich hochnäsig gekommen: . als die Genossen ihm eigentlich haben helfen gewollt. « Ähnlich hätte Emmi Wuttke.

Geschämt haben wir uns. vielleicht für etwas Dienstliches überhaupt nicht. der immerhin ausreichend für die Familie gesorgt hat. Später schrieb er: »War so ziemlich meine schlechteste Lebenszeit. Und Martha hat hinterher geweint.auch weil der Kaiser diese Berufung gebilligt hatte -. von wem. Fontywitze!« . weil er wieder mal Fürsprache gefunden hat.. Pannen und zänkisch ausgetragene Intrigen reichten aus. wo er immer schwerbeladen die Korridore lang von Zimmer zu Zimmer und mit dem ollen Paternoster rauf und runter mußte . Elbe und Oder gehalten hat. Doch schon der Vortragsreisende. Nichts als Ärger.. gänzlich unbeamtet. Und nur. Er mache sich vorm Publikum zum Gespött. ist mein Wuttke grad noch als Aktenbote untergekommen. >ist nicht meine Sache.« Wir vom Archiv können Emmis Zitat als Zeugnis bescheiden auftrumpfenden Hochmuts bestätigen. auf Wunsch seiner Frau und weil Freunde ihn drängten . als sie Vater im HdM besucht hat. Dabei sei ihm. nur um an den langweiligen Kulturbundsitzungen und der bloßen Schreibtischhockerei vorbeizukommen. die Familie schnuppe und seine spezielle Freiheit heilig gewesen: »Na. ihrem Mann vorzuwerfen. Ich denke jetzt aber anders darüber. um die Kündigung des gut dotierten Amtes im Sommer 1876 zu begründen. Aber damit war sowieso Schluß.. war ich bescheiden genug. wie Emmi Wuttke nicht aufhören konnte. < Das reichte den Genossen natürlich. Bin nicht befähigt für eine solche Stellung.. warf sie ihm vor: »Die reißen Witze über dich. Nur noch freiberuflich will ich. Drei Monate lang gehäufte Mißlichkeiten. Als es damit vorbei war. « Und Emilie? Sie hat ihren amtsuntauglichen Mann. hat er gesagt.. Kränkungen.. der sogleich nach dem Rücktritt wie befreit aufatmete und seinen ersten Roman »Vor dem Sturm« zügig zu Ende geschrieben hat und fortan.>Kreissekretär<. die er zum Ruhme des Unsterblichen zwischen Ostsee und Erzgebirge. dies ewige Rumzigeunern auf Vortragsreise. Grad zum Aktenschleppen war er noch gut. er habe sich absichtlich um Kopf und Kragen geredet und sich politisch aufgespielt. weder die Kündigung bei der Kreuzzeitung noch dieses Hinschmeißen von Amt und Würde verziehen. denn gleichlautend hat der Unsterbliche seinen Posten als ständiger Sekretär der Preußischen Akademie der Künste niedergelegt. fragen Sie nich. nur noch freier Schriftsteller sein wollte. die Schuld in mir selbst zu suchen. ist Emmi fragwürdig gewesen. als freier Mann reden . wie immer schon. « Soviel stimmt: Nie wieder durfte Fonty mit Standardvorträgen unterwegs sein. Sogleich nach Ostern hatte er. den Dienst angetreten.

er bot Anlaß zum Lächeln und wurde uns dennoch nie lächerlich. Fonty spielte mit uns.Wir hätten widersprechen können. Eher war es so. Kein Wunder. . denn nie konnte sie sicher sein. hörten wir seine Thesen. und weil dieses Spiel in oft trister Zeit Spaß machte. spielten wir selbst dann mit. um so detailgetreuer glich er dem Vorbild. mit französischen Einschiebseln zu brillieren. gleich nach dem Heliotrop. so geflissentlich Fonty seinerseits des Unsterblichen Hang unterdrückte. man lächelte. Je älter er wurde.und Fernsehfilmen. daß uns seine besessen vorgetragene Heiterkeit verlegen gemacht hat. Nein. deren Autor gedoubelt zu sein schien. dem alten Stechlin und schließlich der weit älteren Originalvorlage genähert. daß Emmi klagte: »So redet doch mein Wuttke nich. Sie wagte das Fremdwort: »Er personifiziert sich schon wieder«. Nie wußten wir genau. beim Gespräch am Küchentisch ihren Wuttke zu hören. indem er vieldeutig blieb. so täuschend hatte er sich dem alten Briest. ohne daß Fonty Wortwörtliches aus dem staatstragenden Langweiler »Neues Deutschland« vorgetragen hätte. den Immortellen signalhafte Bedeutung zuwuchs. nur in Nebensätzen die Zeit schwinden und voraneilen ließ oder die »weißen Schimmel des sozialistischen Realismus« wie ein Zirkusdirektor durch die Manege trieb. Es stimmt schon: Er sah wie abgekupfert aus und hätte in Kino. Gewiß. etwa indem er Parteifunktionäre und Reisekader als typisch preußische Geheimräte und Reserveleutnants auftreten ließ. >Mit mir ist nich mehr viel los. aber ausgelacht oder gar zynisch bewitzelt haben wir Fonty nie. Er zog Publikum an. daß Emmi immer häufiger Anstoß an seinem Äußeren nahm. Emmi Wuttke aber mußte diese Angleichung mit Sorge sehen. man vergnügte sich hinter vorgehaltener Hand. literarische Hauptfiguren darstellen können. ob wir Zuschauer oder Komparsen einer Komödie waren. Hinzu kam. wenn sein Vortrag über die reaktionäre Kreuzzeitung mit dem Titel »Wie man zum Wohle Preußens die eigene Meinung vermeidet« mehr als gewagt war. nach denen die Zukunft des »vierten Standes« im Arbeiter. die übrigens in beiden Staaten produziert wurden. weil damals noch verblendet. wenn in einem seiner Vorträge alle Romane aus pflanzenkundlicher Sicht durchjätet wurden und. doch weiterhin ungesichert bleibe. denn jedes Zitat ließ sich auf das Zentralorgan der Einheitspartei ummünzen. offene Provokation war nicht seine Sache und gleichfalls nicht Sache seiner dankbaren Zuhörer. Er machte sich mit dem Werk des Unsterblichen mehr plaudernd denn dozierend gemein. so schlimm war es nicht. kopfschüttelnd.und Bauern-Staat zwar aufgehoben sei. wenn seiner verblüffend genauen Zitierkunst ironische Anspielungen auf die sozialistische Gegenwart gelangen.

Gab ja nichts Neues. Die waren sogar lustig manchmal. Na. Is man bloß mein Wuttke.. muß Anfang Siebziger gewesen sein. >Du spinnst dir wieder was Abartiges zusammen. Ein Roman wie 'Unwiederbringlich' verlangt ein freies Gemüt . Und dieser Hut! Is ja möglich. Dazu die Haarflusen bis innen Nacken rein. Immer den ollen Shawl rumgewürgt und mit Krückstock.. als mal wieder ne Reinschrift fällig war.Buschen<. >Was soll das nu wieder?< hab ich oft genug zu meinem Wuttke gesagt. « Emmis Mängelliste war länger. ihren Ärger über Hut und »bismarckbraunen Überzieher« rückgewendet erinnert hat: »Meine Emilie sieht in mir einen vollkommenen Proletarier. Richtig Angst kann man kriegen. Aber was heißt das. die ja jedes Buch von seinem Einundalles gelesen hat. <« Ähnlich kritisch sah die geborene Emilie Rouanet-Kummer ihres Mannes literarische Produkte. Aber die Leute lachen darüber nur . Über Beziehungen. Dem jungen Dramatiker Gerhart Hauptmann. Wer soll das kapieren: >Die Umschreibung sexueller Vorgänge als Feuersbrunst. Sie könne das schließlich beurteilen. War immer nur seine Tippse. Ich kenne das schon. Viel zu unwissenschaftlich. Weiß noch. soll sie inmitten Berliner Gesellschaft gestanden haben: »Er hält sich für einen Schriftsteller. denn ihr habe das schwer leserliche Bleistiftgekritzel jahrelang zur Abschrift vorgelegen: »Schon im Krieg seine ellenlangen Berichte aussem besetzten Frankreich. Lauter Übertreibungen. Die hab ich heut noch. richtig gefallen hat mir das nich mehr.>Nein. < .. Und nachem Krieg seine Vorträge alle. die nicht dein Fall sind. >das sind Feinheiten. sein Gerede. über Kasinoabende in Schlössern und Luxushotels.. daß ihm der steht. Bismarckhut? Is er nich..« Wir wissen von Fonty. daß er sogar die alltäglichen Abneigungen seiner Frau. fand auch Martha. Dafür war ich gut.< . Dafür . Und wie er rumläuft. hat er neulich zu mir gesagt. Hab mir viel später erst ne moderne von Robotron geleistet. der in einer Art Verkleidung herumgeht. und dann erwartet sie wieder eine Haltung von mir. Wuttke!< hab ich gesagt. Nich Bismarck noch sonst wer. versicherte sie uns. hat er gesagt. über den sich die Leute schieflachen. Emilie<. Schon seine Vorträge waren ihr als »verquatschtes Zeug« zu zweideutig witzig gewesen. Fein säuberlich auf meiner alten Erika abgetippt alles. da glaub ich nicht dran. Aber gefallen. Das ist dein Feuertick. zu dessen Theatererfolg der Unsterbliche mit vehementer Belobigung des Erstlings »Vor Sonnenaufgang« beigetragen hatte. und es schadet auch nicht viel. wenn man das liest: 'Liebesbrunst gleich Feuersbrunst'. War ja Mangelware. als wäre ich aus einer unnatürlichen Kreuzung von Cato mit Goethe hervorgegangen .>Laß man. ein popliger Aktenbote..

doch Hunger haben die eine. Sparsam mußte man sein und sogar die Manuskriptblätter doppelseitig benutzen. Und beide Frauen haben ihr mangelndes Verständnis durch Fürsorge wettgemacht. war . das ihre Stimmung hätte aufheitern können. Nur soviel stimmt: Oft war es knapp. Sie konnte unausstehlich sein. darunter einige an Mathilde von Rohr. Wenn Emmi Wuttke uns verließ. wobei sie mit ihrer Besorgnis oft laut klagend Teilnahme suchten. . und beide glaubten sich zu Besserem. Sie vertraute uns. Doch selbst dann. wie sie sagte.wie vormals Tallhover . Selbst aus verschollenen Tagebüchern gab er uns triftige Hinweise. war trotz günstigen Gutachtens nichts geschehen. »streng wissenschaftlich« überprüfen zu lassen. weil die »Nervenpleite« die Wuttkes heimgesucht hatte. weil noch der kühn verstiegenste Vortrag Fontys sich als zitatsicher und stichhaltig bis ins verborgenste Quellenmaterial erwies.. Übrigens sind zweifelhafte. der Photos von märkischen Landschaften und Sehenswürdigkeiten zu bieten hatte. die Emilie und Emmi ein Leben lang anhänglich bleiben ließ.als Hausfreund Hoftaller zur Stelle. für ein Leben in Glück und Wohlstand geboren. Davon durfte Fonty natürlich nichts wissen. hat er vorahnend zitiert. Und später. weil lückenlose Archiv. die andere Familie nicht leiden müssen.»Emilie meint. Wie Emilie sah sich Emmi als »zurückgesetzte Kreuzträgerin«.. « Aber auch sie hat jahrzehntelang alle bleistiftgefüllten Manuskriptblätter leserlich abgeschrieben. wenn wir sie beruhigen konnten. und ihr Urteil . Emmi Wuttke ist sogar zu uns ins Archiv gekommen. war Sorge um Wuttke Ausdruck ihrer Leidensmiene. um das eine oder andere Vortragsmanuskript ihres Mannes. Wir durften sie nicht enttäuschen..fand sogar Gehör. Freund Lepel oder die Merckels. das konnte Hoftaller ergänzen. Es muß wohl Liebe gewesen sein. daß er »oft wochenlang unter ihm angetragener Mißlaune bei bösem Gesicht« hat leiden müssen. Aus zufällig entdeckten Briefen. saß sie ein wenig verlegen auf unserem Besuchersessel und blätterte abwartend in einem Bildband. auch uns irritierende Details durch spätere Manuskriptfunde bestätigt worden. Fonty wußte zu klagen. dessen Besuche waren allerdings peinlich. der aushalf. als es ganz schlimm stand.reicht es wohl nicht . Und was er nicht wußte oder verdrängt hatte. ich schriebe bei Nicht-Stoff in der Regel besser als bei viel Stoff. « . Wenn Emmi kam. Im Zweifelsfall war Fonty das bessere. Sie sah traurig aus in ihrer körperlichen Fülle.. doch notfalls fand sich immer jemand.

« Und nun lag er im Fieber und zerrte am Ehering. Mit dem Sofa. im Ostteil der Stadt sprach sich die Nachricht von der Erkrankung herum. ganz unpassend. häufig mit dem Ringfinger seiner linken Hand spielte. in der Marthas seit ihren Mädchenjahren verstummtes Klavier stand. daß Fonty. Emmis elektrische Schreibmaschine stand. das Gemetzel von Großgörschen. auf dem sie mit Stücken von Chopin und Schumann »gut draufgewesen« sein will. und mit einem weißlackierten Pfeilerspiegel samt eingelegter Goldleiste möbliert. genauer gesagt. zwei Medaillonsesseln. Später wurden wir von Emmi Wuttke auf eine Tasse Kaffee in die sogenannte »Gute Stube« gebeten.. daß im Haus der Ministerien vom »beunruhigenden Zustand« des in allen Stockwerken beliebten Aktenboten die Rede war. das elterliche Schlafzimmer räumen müssen. und wir vom Archiv nannten die gute Stube auch »Fontys Poggenpuhlschen Salon«. Hoftaller riet zum Besuch in allerdings kleiner Delegation nur.hatten wir Fontys abgewandeltes Selbstzitat gehört: »So wohnen wir und geben der Welt den Beweis. daß man auch in ganz kleinen Verhältnissen. direkt überm Sofa. hatte Theo Wuttke. Sein Bett. nicht eigentlich spielte.Sogleich ließ er Fonty krankschreiben.als Salon dienen können. in dem er nun am Ehering zerrte. Er sorgte dafür. Überall. dessen Pfosten mit Messingkugeln bestückt waren und das die Studierstube noch enger machte. den wir fiebrig unruhig erlebten. gleich nach der Flucht der Söhne in den Westen. einem zierlichen Schreibsekretär. zumal gerahmte Stahlstiche an den Wänden hingen. unter ihnen. die mit Schreibtisch und überbordenden Bücherregalen als »Vaters Studierstube« galt. nur noch für Emmi war das Ehebett breit. Oft genug. die Preußens Geschichte mit militärischen Szenen bebilderten. Die kleine Martha zog in das Zimmer der Jungs. Zuallererst fiel auf. wenngleich Potsdam weitab liegt. wenn man nur die rechte Gesinnung und dann freilich auch die nötige Geschicklichkeit mitbringe. nun mit Nervenfieber. auf dem. zufrieden und beinahe standesgemäß leben könne .. stand seit Jahren hier.. Dann lag er wieder apathisch in der engen Kammer. bei dem der Rittmeister von Poggenpuhl zu Ruhm gekommen war. daß man nicht hinsehen mochte.»arme adlige Majorin mit drei Töchtern« . hätte das Wohnzimmer den Poggenpuhls . und versuchte so unablässig seinen Ringfinger zu entlasten. lag seitdem Fonty. Und in Georgs altertümlichem Bettgestell. Eigentlich hatten die beiden Frauen den Kranken im . während wir aus Meißner Porzellan Kaffee tranken. So hörten auch wir davon. nein. Weil ursächlich schuldig gesprochen. er zog bei geschlossenen Augen am Ehering.

Sie pflegten ihn zu zweit. . weinte dort die Tochter vor sich hin und wollte die bevorstehende Hochzeit absagen oder zumindest aufschieben: »Bin noch nicht soweit. Wir hörten. Nein. Alles futsch. der Stiefvater zu einem vermögenden Getreidehändler und die Mutter zur hochmusikalischen Pastorentochter. « Kein Wunden daß sich Emmi.Salon betten wollen. Und Mutti spielte jeden Tag Klavier. mit ihrem Ernst-August wohnte. Wintergarten und Park. auf ihr oberschlesisches Herkommen zurück. die sich leider »als junges Ding« von einem Klavierlehrer habe verführen lassen. weil ich auffem Lyzeum nich richtig mitkam. seine sommerlichen Depressionen und nun sein Nervenfieber so mitfühlend zu erleiden. Redete hier aus immer neuen Fieberschüben ihr Wuttke »lauter krauses Zeug«. Zuerst ging in Oppeln alles futsch. Ihr Leben war ihr ein Opfergang. zwischen Kurzbesuchen bei den Kranken. Und hinterm Park vier Getreidesilos. Der Krieg hatte ihr nicht nur den karriereuntauglichen Theo Wuttke beschert. bei uns haben sich die polnischen Arbeiter nich beklagen gemußt. Kann das nicht. daß Emmi Hering nach Abschluß ihrer Ausbildung als kaufmännische Büroangestellte den väterlichen Getreidehandel hätte übernehmen sollen. Ich war ja schon in Berlin. doch bestand Fonty mit letzter Kraft auf dem Bett in seiner Studierstube. Sind beide nich rausgekommen. als sie noch geübt hat jeden Tag.. Von wegen Schuhmachermeister. Nichts is geblieben. später och nich. wie unsere Martha früher. Dann sind Papa und Mutti nach Breslau. als wir zum Reich kamen. wie die uns brieflich überlieferte Mete neigte sie dazu. auffem Flügel natürlich. die mit uns im Poggenpuhlschen Salon am Kaffeetisch saß. weil in Berlin seine Schwester. zwischen denen die Küche lag. in die Bürolehre ging. daß Emmi bald zwischen der väterlichen Kammer und dem Zimmer der Tochter hin und her eilte: Beide Krankenlager. Und daß ich. Alles Kaltblüter.. was ja die Hölle war als Festung im Endkampf und so. bis Martha gleichfalls krank wurde. « Sie fühlte sich vom Schicksal betrogen. bis mein Wuttke gesagt hat: Das reicht. als der Krieg losging. Das Elternhaus geriet ihr zu einer Villa mit sieben Zimmern. hielten die schwergewichtige und immerfort seufzende Frau in Trab. Die schöne Villa. ganz ohne Perspektive leben . war Papas Wunsch. Tante Pinchen. ihres Vaters häufige Unpäßlichkeiten. »Wenn nich der Krieg dazwischengekommen wär.. Und drei Gespanne hatten wir für die Fuhren. und von Verlusten sprach sie besonders gerne: »Können Sie glauben: Richtige Schicksalsschläge waren das. als mit »doppeltem Kreuz beladen« verstand. sondern auch gegen Ende die Eltern genommen.. Entsprechend häufig kam sie.

Immer mehr Bomben. sowas verbindet.. Wurde schlimmer und schlimmer. Abgerissen und ausgehungert. war es ja nu vorbei. dann als Tippse beim Wohnungsamt. da kam er zurück. die hieß Lise Neiffert. nee.. Ich wollte rüber und die Jungs zurückholen. als alle drei bei ihr auf Besuch warn und denn dablieben. Mit der Reichsluftfahrt. Und in dem schlimmen Winter nischt zu heizen.. Und unser Georg wär heute.. Tante Pinchen hat ihn gepflegt. Nach vorne raus warn da anfangs keine Fensterscheiben mehr.ne kleine Papierwarenhandlung betrieben hat. Aber als das passierte.. Aber eins muß man ihr lassen.. Sowas wie jetzt hat er gehabt: richtiges Nervenfieber. Aber erst mal. « . bestimmt Major. aber die Wohnung hatten wir bald ganz für uns. weshalb wir nich nachem Westen rübergemacht haben.. Ministerialrat . ihr Mann is in Rußland geblieben . weil ich meist im Tiergarten mit dem Bollerwagen auf Holzsuche . Und undicht vom Dach war es och. auf der Stelle.. Friedel hat ne Buchhandelslehre gemacht und nennt sich in Wuppertal nu Verlagsleiter. Hat lang gedauert. War schlimm mit ihm. Nicht nur die Schwäche..ja. das haben wir gemeinsam. dann in Hamburg die einzige Schwester von meinem Wuttke . weil sechsundvierzig in dem schlimmen Winter Tante Pinchen starb und ich wieder schwanger. Kein Arzt konnt helfen .. im Paternoster. Wieder mal Nervenfieber.. durft aber nich. War komisch. Denn was wir durchgemacht haben die schlimmen Jahre lang. All die schlimmen Jahre lang durft ich nich. weil hier die Mauer kam. nur Pappe. Na klar. zuerst Trümmer wegräumen. Da hab ich och meinen Wuttke getroffen. wo ich bis zuletzt war. Na ja. Gott. und alles war dicht hinterher.. Richtig schüchtern war der. nich im Keller. da fragt man nich viel. War immer noch Liebe. daß es so ausgeht. Deshalb hat sie mir och nich die Jungs zurückgeschickt. das kennen wir schon . wo erst in Hannover. grad noch das Dach überm Kopf.. als er aussein Krieg kam. och jetzt noch. War ne kinderlose Ehe.besoffen war der meistens schon gegen Mittag. Doch inner Reichsluftfahrt. jedenfalls anfangs. Na. war es ziemlich sicher im Keller. hat er sich hinlegen gemußt.. Ich mußt ja auf Arbeit. wo ich gleich nacher Lehre Anstellung fand.. wenn das mit dem Blinddarm nich passiert wär. Lise hat gesorgt für die Jungs: Teddy is Beamter in Bonn. wurde mein Wuttke krank. wo er doch schon Anfang siebzig Starfighters ausgebildet hat und wir deshalb .. war Liebe auf ersten Blick... hat ja keiner gedacht. was haben wir nich alles versucht: Briefe und Telegramme. Aber immerhin war es ne Bleibe. Hat sich aber trotzdem bißchen gefreut über das Kind. Und als es dann aus war und wir nischt mehr hatten.

dem er aber dennoch angehörte und dessen Geschichte vierzig Jahre lang seine Geschichte gewesen war.und Bauern-Staates. Und immer waren die Nerven kaputt. Schubweise redete er vor sich hin oder verfiel atemlosem Schweigen. den er sich altpreußischer gewünscht hatte. Erst heißt es. sagte sie: »Na klar! Das war zuviel auf einmal.beschwört und dem Sohn Friedrich berichtet: »Es ist nicht zu beschreiben.. als ihm sein Vortrag über die achtundvierziger Revolution.Jedesmal wenn sich Fontys Lage zuspitzte. Mal lag er unruhig. Als sie uns nach dem Kaffeetrinken noch einmal ins Krankenzimmer ließ. wie Emmi Wuttke behauptete.« Gleichfalls nervenfiebrig legte er sich zu Bett. bald ist Schluß mit Aktenbote. mit dem armen Kranken zu leben. »Vier Wochen lang war er uns bettlägerig«. »Und kaum war die Mauer da und die Jungs drüben im Westen. aber das klappt nich. wiederholten Karlsbader Beschlüssen und anhaltenden Abhängigkeiten. sondern auch der Zerfall des Arbeiter. Und nu liegt er lang und fummelt immer am Ring rum. So muß es gewesen sein. muß alles immer noch schlimmer machen . wie schwer es ist. samt Titel »Gegen Demokraten helfen nur Soldaten«. wie tot sah er aus.laut Diagnose Gehirnanämie . wurde er krank oder rettete sich in Krankheit. Und wie er den Wechsel vom Vortragsreisenden zum Aktenboten bettlägerig überbrückt hat. So is mein Wuttke nun mal. Jedenfalls mischte sich all das in seinen Fieberphantasien. zusammengestrichen wurde. die Tage sowohl wie die Nächte. . nach dessen Wortlaut die historische Emilie im Jahr 1892 die schwere Erkrankung des Unsterblichen .. was zumeist vor dem Hintergrund einer politischen Krise der Fall war. einfach verduften. sagte Emmi. und dann will er weg. ähnlich reagierte er bald nach dem Arbeiteraufstand. weil nämlich die Einheit kommt und der Laden dichtgemacht wird sofort. mitsamt gedoppeltem Vormärz. aber kriegt den nich runter vom Finger. als er sich mit überspitzten politischen Nebenbemerkungen um die Position eines Kreissekretärs gebracht und dann den »Kulturkrempel« ganz und gar hingeschmissen hatte. hat er sich wieder langgelegt. gleich nach dem fünften Plenum des ZK. Wieder vier Wochen. seine Stellung als Grundschullehrer verlor: wegen negativfeindlicher Äußerungen zur damals verordneten Formalismus-Debatte. dann wieder apathisch. so warf ihn nach jüngster Krise nicht nur die verpatzte Schottlandreise aufs Krankenlager. an dem er hing. Wir erwarten den Arzt. « Während der Rückfahrt nach Potsdam erinnerte sich meine Kollegin an ein Briefzitat. Emmi Wuttke konnte damit umgehen. als er 51.

wie Emmi Wuttke zu ihrer gleichfalls depressiv daniederliegenden Tochter gesagt hat: »Ihr endigt beide noch mal inner Klapsmühle. « Dr. Zöberlein sagte. was nach Apotheke roch. Nur über meine Leiche!« Und wie nach vorgeschriebener Rolle reagierte Fonty auf den ärztlichen Rat: Beim nächsten Besuch sahen wir ihn zwischen Fieberschüben abgrundtief niedergeschlagen. die Krise mit stärkeren Medikamenten eindämmen zu können. Die Gesamtstimmung ist freudlos und macht einen jede Stunde von der Mißlichkeit der Sache überzeugt. wenn ihr so weitermacht. schaffte er nicht. Als Martha Wuttkes Jugendfreundin aus gemeinsamen FDJ-Jahren kannte sie deren Anfälligkeiten. Unbegreiflich. Papa. sprang ein. dessen Anstalt »sogar im Westen hohen wissenschaftlichen Ruf genießt«. lange Abschiedsbriefe zu schreiben.. rief Emmi: »Da kriegt ihr meinen Wuttke nich hin.der immer dringlicher von einer Nervenheilanstalt spricht. Ihre Diagnose hieß: »Dat is Migräne.. da kann man nischt machen jegen.. Doch kaum war von »Anstalt« die Rede. nur abwarten und bißken jut zureden. zeigt jetzt ein rechtes Grauen. nun müsse die Selbstheilkraft helfen. Noch lieber wäre ihm das Forschungszentrum Buch gewesen.. riet er zur Überweisung in eine der Nervenkrankheit entsprechende Abteilung der Charité. Anfangs meinte er.« Und ähnliche Warnungen sprach Dr. Inge Scherwinski. jegliche Medizin verweigerte. Aus der Nachbarschaft kam Hilfe für Emmi. Selbst am Ringfinger wollte er nicht mehr zerren. und was seinem von elendigen Müdigkeiten. die als alleinerziehende Mutter dreier Gören zumindest am Vormittag Zeit fand. so daß ich nur in äußerster Not meine Einwilligung geben würde . den man nach heftigen. « Die Familie befürchtete geistige Umnachtung. der erst damit einverstanden schien. daß wir das Wertlose für so wertvoll halten und uns sträuben gegen das Abschiednehmen von Tand und Flitter.« . wo der Spätherbst einsetzt. Zöberlein aus. Der Unsterbliche hatte vom Krankenlager aus seinem Brieffreund Friedlaender geklagt: »Man ist eben das gelbe Blatt am Baum um die Zeit. gastritischen Störungen und dem Nervenfieber geplagten Vorgänger immerhin gelungen war. von Schüttelfrost begleiteten Fieberanfällen aus der nahen Poliklinik gerufen hatte. Doch als Fonty aus nachgelebtem Haß auf alles. Als Hausarzt waren Zöberlein die reizbaren Nerven des Kranken seit Jahren vertraut.

« Doch am ausgiebigsten sprach sich während der Fieberschübe die große Schreibkrise des Unsterblichen aus: das Innehalten inmitten der Arbeit an »Effi Briest«. Schließlich ist es Dr. Delhaes »andere Luft« zu suchen. bei Verzicht auf jegliches Apothekenprodukt. und bald danach war »Effi Briest« fertig. Emmi legte ihrem Mann weiterhin kalte Kompressen auf. die ihn über Hochmoore oder von Schloßruine zu Schloßruine trieb.. sich in Breslau einer neuen Methode. verärgerte ihn plötzlich und mitten im Satzgefälle eine mißglückte Sommerfrische im Riesengebirge. dem Elektroschock. War es soeben noch die verpatzte Schottlandreise. die einst wachrütteln und den Aufbau des Sozialismus hatten fördern sollen. um dort stadtmüde.. wie wir wissen. Emilie nicht wegen der ewigen Stürme . es kommt nicht wieder. nun. Delhaes gewesen. Mit Frau und Tochter hatte er sich nach Zillerthal bei Schmiedeberg zurückgezogen. anzuvertrauen. « Man beschloß die Rückkehr nach Berlin. zweifelte an jedem Wort. zweifelte an sich. die keine Zeitordnung kannten. dann schreiben Sie eben was anderes. den Fieberkranken wieder auf die Beine gebracht hat. indem er die an den Leiden der unglücklichen Effi entzündete Nervenkrise einfach wegredete: »Sind ja gar nicht krank! Ihnen fehlt nur die gewohnte Arbeit! Und wenn Sie sagen: >Ich hab ein Brett vorm Kopf. die meinen nicht unähnlich sind. Diesmal war sie besorgter als bei verjährten Hinfälligkeiten. wo der Rat weiterer Ärzte eingeholt werden sollte. ist ein zu weites Feld . das letzte Aufflackern. bereits angeschlagen. selbst wenn sie nicht viel auf Fontys Fieberreden gab. wo die Familie keinen Schlaf finden konnte: »Mete nicht wegen ihrer nervösen Angstzustände. sang oder summte sie Martha mit Liedern in den Schlaf. Während der Niederschrift des Buches »Meine Kinderjahre« genas der Unsterbliche.. die noch beim fiebrigen Fonty nachklang: »So nehme ich Abschied von Effi. der. die Puste ist mir ausgegangen. Auch diese Strapaze brachte nichts außer Kosten. doch folgsam auf Rat des Familienarztes Dr. zum Beispiel Ihre Lebenserinnerungen. Fangen Sie gleich morgen mit der Kinderzeit an!« Das half..Also saß sie für ganze und halbe Stunden in Marthas abgedunkeltem Zimmer und plapperte von früher. Und da Inge Scherwinski gerne ihr feines Stimmchen zum Vortrag brachte. was bleibt. Verzweiflung. Fonty jedoch wurde nicht durch ärztlichen Rat aus dem Bett gescheucht. Jemand riet. dann sage ich Ihnen: Wenn Sie wieder gesund werden wollen. von Ernteeinsätzen und Sommerlagern. mit der Romanschreiberei ist es vorbei<. Vergeblich saß er über den letzten Kapiteln.. auch Frau .

von all den schweren Jahren . mehr ein sich in Schüben befreiender Stau von Sätzen. gebeten. der plötzlich zutage trat. Nur an günstigen Tagen wurden wir in die gute Stube. Inmitten der Sitzgruppe ein runder. auf dessen Zierdecke außer dem Kaffeegeschirr eine Schale aus Karlovy Vary voller schrumpliger Äpfel stand und an eine lange zurückliegende Reise nach Karlsbad erinnern sollte. Manchmal gab es Streuselkuchen oder Bienenstich dazu.geprägt waren: grämlich und verhärtet. Die Frauen auf dem Sofa unter der gerahmten Schlacht von Großgörschen.»Na. Zu den Vorlieben des Unsterblichen gehörte der von französischen Brocken und Floskeln durchsetzte Salonton. Dämmerung schonte die Frauen. und gleichfalls redeten Emmi und Martha an uns vorbei. wenngleich es im . fettleibig die eine. als es hier schlimmer und schlimmer wurde« . dem die gesundmachende Idee kam. wir in den Medaillonsesseln.oft hörten wir Mutter und Tochter zugleich. Mein Kollege suchte zumeist den brüchig gerahmten Großgörschenstich nach entsetzlichen Szenen und heroischen Details ab. Wir durften Stichworte geben. nur selten hatten das Archiv und die Wuttkes einander im Blick. Man mochte nicht zusehen. unterbrachen. das in fast allen Romanen Blickfang ist und »Truineau« genannt wird. den Poggenpuhlschen Salon. die. wie es Fonty liebte. mein Augenmerk glitt immer wieder zum Pfeilerspiegel. einem Möbel. nur wenig gefiltertes Licht. 11 Mit gespitztem Blei Ihre Stimmen entflechten.und Tochter konnten sein Fieber nicht vertreiben. war es Hoftaller. Beide hielten sich wortkarg. Das war kein Plaudern. In der Küche standen sie. Halbsätzen und vergrabenem Wortmüll. dessen Fenster zum Hinterhof schaute. wenn sie sich aussprachen. zu reden begannen. Doch in der Küche wie im Salon kam für Besuch Kaffee auf den Tisch. Bei jedem Besuch mißtrauten uns Mutter und Tochter ein Weilchen. hager die andere. weil wir geduldig blieben. dem heute in allen Werkausgaben erklärende Fußnoten behilflich sein müssen. Das Sommerlaub der Kastanie ließ dem Salon. geduldig das überlappte Gerede aufdröseln . widersprachen sich: ein auf Dauer abgestimmtes Duett. und wie zwangsläufig war von seinen Marotten die Rede. eine gepaarte Front. als schließlich Emmi erschöpft nach Bettruhe verlangte. Sie redeten vor sich hin. Auch hier saßen sie mit verschränkten Armen. einbeiniger Tisch. Beide Frauen verschränkten in Abwehr die Arme vor oder unter der Brust. bis sie dann doch.

kein bißchen Elektrisch . na.. na. nie festzunageln. einige Wochen vor Marthas Hochzeit mit Heinz-Martin Grundmann. weil Sie vom Archiv sind. Natürlich wurde über die bevorstehende Eheschließung gesprochen.Poggenpuhlschen Salon vordergründig um Theo Wuttke ging: »Im Prinzip lebt Vater alles noch mal durch. « »Man denkt. weil das Westkontakt und verboten war. « »Ne Ausnahme gab's erst mal nur für Sie.. schon immer.. ohne daß wir viel fragen mußten. « Da die Tochter rauchte.. Jedenfalls anfangs nich. Ähnlich waren die Frauen sich nur in ihren Dauerwellenfrisuren.. Martha sagte: »Wir sind beide nicht mehr die jüngsten und haben uns das nun lang genug überlegt. « . Das war schon immer so. die sie erst spät. durften auch wir rauchen. und wir nich mal danken durften.... flutscht einem glatt weg. Das war zu Beginn der Phase von Fontys Genesung. der kam uns nich inne Wohnung.. Überhaupt keine Briefe nich. Außerdem wär zuviel Krankenbesuch für Vater bestimmt zu anstrengend gewesen. und wie sich der olle Briest rausredet jedesmal.. draußen kutschieren se noch mit ner Pferdebahn. wenn unser Friedel uns Päckchen geschickt hat mit Schokoriegeln.. nur heimlich . nicht nur als Aktenbote . genau.. »Nee. auf dessen Notenbrettchen unverrückt etwas von Chopin aufgeschlagen stand. muß aber endlich mal gesagt werden. Zahnpasta. Gleichfalls familiär mutete ihre abwehrende Armhaltung an.. wie er dich weichgekriegt hat . « Wir blieben eine gute Stunde. Schließlich redeten beide hemmungslos: »Man traut sich ja nich. wenn's knifflig wird . was längst schon verschütt ist . dann sie gleich mit . Eiershampoo und sonst was drin. weil nämlich die Sicherheit Vater als Geheimnisträger eingestuft hatte. die die Wuttkes mit Fontys Tagundnachtschatten hatten. Und nur Petroleumfunzeln gibt's. « »Hab aber trotzdem gehört. « »So ist mein Wuttke. Im Hintergrund des Salons dunkelte das seit Jahren stumme Klavier. wenn mein Wuttke schlappmachte.. Nur als es schlimmer und schlimmer wurd . kamen bloß olle Kamellen hoch.. daß man sich schämen gemußt hat. die ein und denselben Friseur zum Urheber haben mochten...« »Weil unsre Martha och noch bettlägrig wurd. seine Effi und ihre Briefe.« Doch dann tippten wir Probleme an. « »Na. « »Als er noch fiebrig geredet hat. Wie sein Einundalles. doch nie ganz aufgaben..

« »Achgottchen.. weiß ich noch: >Beim Rudern< . Was wollt der überhaupt? Aber nich mal inne Küche hab ich ihn reingelassen . der konnt manchmal richtig unheimlich werden. der ja nie richtig an die Front kam. Eins hieß. daß ich mich heut noch schäm. ab wann genau. Muß ziemlich mies gewesen sein. Und außerdem hat mein Wuttke immer gewußt. Wußt aber nie genau. hab ich andre Sachen im Kopp gehabt. weil bei dem Feuersturm . wenn er auf Urlaub kam und wir es schön hatten und ausgingen.. War ja grad neunzehn erst.... « »Jedenfalls waren die schon Kumpels im Krieg. Genau! Sie sagen es.« »Typisch! Mama will wieder mal nix von dem Kerl sagen. wenn ich mit Vater auf Vortragsreise war. na. Alle futsch. blutjung waren wir und hatten von nichts ne Ahnung.. Die kennen sich beide nämlich schon lang. Fragen Sie Mama. « »Genau! Schon als Kind hab ich das mitgekriegt. immer Gedichte reingelegt. gucken. Jedenfalls hat mein Wuttke. Weshalb ich gerufen hab: >Laß den bloß nicht rein. wenn er schrieb.. nicht richtig faschistisch.. Und gefeiert haben wir im Café Schilling am Tauentzien... Nur Tante Pinchen wußte. « »Was der gewollt hat? Na horchen.. sogar in Neuruppin. In Oppeln hatten die keinen Schimmer. sicherheitshalber nach Dresden zu meiner Freundin Erika geschickt hab. weil ich die. richtig unverschämt... Und alle Straßen voll Flüchtlinge aus Schlesien . Doch als ich gleich nach meiner Lehre zur Reichsluftfahrt kam und bei Major Schnöttker im Vorzimmer saß. wie man dem aus dem Weg geht. und ich frag nich viel . aber Propaganda war das schon. weil ich verliebt war in meinen Wuttke. « »So schlimm war es nun och wieder nich. aussem Generalgouvernement. >Historische Rückblicke< hat er das genannt. sein Zeug geschrieben hat.»Jeden zweiten Tag geklingelt. Cottbus. was von ihm is. als Vater. Da tauchte der immer . die weiß da mehr.. der damals schon seine Finger überall drin und Vater kein bißchen Ruhe gegönnt hat . Sind leider verbrannt alle. eigne und fremde. aus Dänemark auch. Weiß nich. das hinterher rauskam.. Mein Wuttke läßt da nix raus.. Den hätten Sie schn solln: So schmal war der. sein Beschatter. in Potsdam.. Jedenfalls haben wir uns heimlich verlobt. >Haus Vaterland< und so. Mutter!<« »Is ne alte Geschichte. was nich.. an die hundert Briefe in zwei Paketen ... daß man sich immer noch schämen muß. Waren gereimt alle . Aber das Schönste waren seine Briefe. aber meistens aussem besetzten Frankreich. als hier immer mehr Bomben. von dem Schlimmen. Was aber den Kerl angeht.

nich nur Revolution. der hat gewußt und trotzdem mit seinem Geläster immer alles noch schlimmer gemacht. wenn es ganz schlimm wurd. Und manchmal tut er so. als er mit Fieber lag. hat der dich bald am Haken. über alles. und Vater hat gelacht dazu . wissen Se. wie Schulaufsätze.. er tickt nich richtig und muß inne Anstalt . als ob die Straßen und Schulen nich nach seinem Einundalles. « »Wir ahnten natürlich. Sie kennen das ja: achtundvierziger Revolution. och sein Gerede mit lauter Figuren von anno dazumal. och Major Schnöttker. >Der Klassenfeind schläft nicht!< War alles harmlos. « »Das hätten Se hören und mitschreiben sollen. die ihn gepflegt hat. weil Vater wegen dem Schreihals. unsre Martha war einfach verblendet.. « »Ach. dußlig. und zwar um zweihundert Taler. daß der irgendwie zum PrinzAlbrecht-Palais gehörte . na... als wenn Kaiser Wilhelm noch immer das Sagen hätt. Hat sich überhaupt nich verändert seitdem. Berichte geschrieben.. wo er Glockenläuten gewollt hat.. Das roch man doch.. Und wenn er was rausläßt.. Deshalb wurd er den Kerl nich los. was ich geschrieben hab. oder legt er ihn rein . weil Vater darüber kein Wort sagt. wo ich hinzitiert wurde. die Märzgefallenen . hab ich später zu Vater gesagt.. na. was mein Wuttke geredet hat. Hieß aber anders . bis heut nich. « »So lief der schon damals bei der Reichsluftfahrt rum: Haare auf Streichholzlänge. « »Und konnt wegen nix lächeln. Und immer so. immer schon ... Denn paarmal hat er geholfen. daß man denkt.auf Hab aber nix kapiert im Prinzip und ihm sogar. wie ich war.. alles durcheinander. Alles reine Phantasie. aber Mama. Stoppelkopp hab ich ihn genannt. Immer direkt. Aber genau weiß man nich: Schützt er ihn... >Wachsam sein!< hieß das bei den jungen Pionieren. « . wegen Gefälligkeiten von früher.. nur als Aktenbote noch . daß dem seine Adresse Normannenstraße hieß. « » . selbst wenn ich ab Mitte Siebziger Genossin gewesen bin und mich geschämt hab vorm Parteikollektiv.. sondern nach ihm benannt sind.. was hinterher bei Kaffee und Kuchen beim Kreissekretär geredet wurde. « »Paß bloß auf.. Aber mein Wuttke. wissen Sie Ja. War sogar mir klar. Wenn du nicht aufpaßt.. der hier nicht singen durfte. ne Lippe riskiert hat und dann später keine Vorträge mehr. als hätt er diesen Friedlaender oder ne andre wildfremde Person bei sich auf der Bettkante gehabt: >Mein lieber Lepel!< Den hat er anpumpen gewollt. schäm mich aber trotzdem. wie man heut sagt.. glaubt manchmal selber. als ob er auf Barrikaden mit ner Flinte dabeigewesen ist. Is richtig abhängig geworden. dann um drei Ecken rum.

so kurz vor der Hochzeit.. Denn angefangen hat alles schon früher. Das ist vorbei . « »Genau! Und in diesen schrägen Nachfolgeverein kriegen mich keine zehn Pferde.. War dabei. « »Na. Hoftaller roch verschwitzt. komm!<.. die von der Doppelpflege erschöpft war. Tut ja niemand weh. wir können auch anders. Und manchmal kam Inge Scherwinski zur Aushilfe.. wie mein Wuttke zu dem Stinktier sagt . Sie putzte die Küche. für einige Stunden ablösen... genau . Und hab als Kind dicke angegeben. wenn nicht dieser Stoppelkopp . Genossin! Ich meine. war Martha nur noch halbtags bettlägerig. « »>Mein altvertrauter Kumpan!<. hat er gesagt und dabei gegrinst. wechselte die Bettwäsche.. <« »Dabei is unsre Martha rechtzeitig raus. « »Wärst bloß nich aufgestanden . Mutter! Sonst passiert noch was .. als es die Partei noch gab . weil er mit Anstalt und Einliefern gedroht hat ... voriges Jahr schon im Frühling... Sommerhitze lag auf der Stadt. wenn er auf Vortrag war. Da kann dieser Gysi noch so witzig. bin ich . Sie wissen ja. « . oft genug. lüftete und trällerte sich von Zimmer zu Zimmer. >Genossin<.. nen Strauß Sommerastern.. >Sie wollen mir doch nicht etwa grundsätzlich einen Besuch bei meinem kranken Freund ausschlagen? Das hätte Konsequenzen. « »Nur weil du geschrien hast: >Martha. « »Mama regt sich auf darüber. erst beim Kulturbund is er durchgedreht völlig....... was is. « »Der läßt sich nicht abwimmeln. als er auf Krankenbesuch kam. ich nicht... Für immer.. als ihm Emmi die Tür zur Studierstube öffnete: »Aber daß Sie mir meinen Wuttke nich aufregen .. Und diesen Geruch nahm er mit. Geklatscht haben die Leute. weil sie Vater als Kulturaktivist mit ner Ehrennadel dekoriert haben und er mit Bild inner Zeitung stand... Mittlerweile war der Juli vergangen.. Genossin . lag ich ja flach ... « »Als der kam und klingelte. « Als Hoftaller endlich zugelassen wurde. Sie konnte Emmi. « »Und deshalb ließ ich ihn nich inne Küche rein .. Und im Prinzip wär das vielleicht auszuhalten gewesen... der kommt immer wieder. « »Und wissen Sie.»Hör damit bloß auf. was dieser Stoppelkopp uns mitgebracht hat? Blumen. Ein Blick in Ihre Kaderakte. « »Ich sag nur. Als Soldat noch nich und gleich nachem Krieg och nich.

Scherenberg. was ja Swinemünde ist: das Bollwerk. blieben die tief eingefallenen Augen geschlossen. auch die Jungs aus der Nachbarschaft nicht. selbst der Ringfinger wollte nicht zucken. dazu ein Päckchen.. so daß Mama sich wieder mal schämen muß . August über soll man raus aus Berlin. Dennoch schien Fonty sicher zu sein.« Selbst als Hoftaller einen Stuhl heranzog und sich neben das Bett setzte.. Außerdem ist zuviel unfertig.mit Volkskammerwahlen . « . Hoftaller. oder es mischten sich Nachwahlen zum Reichstag . Ohne sich einen Augenblick lang vergewissern zu müssen. wo mich keiner je aufgestöbert hat.Fonty lag mit geschlossenen Augen. längst vergessene Tunnelbrüder.der Maler Max Liebermann . denn dieser Arzt aus der Poliklinik.»Der Feilenhauer Torgelow siegt!« .. so abwesend sah er aus. mein Versteck unterm Dach im Holzgebälk. immer wieder die Bredows.mehrere Skizzen hätte hinwerfen können. Wir waren ja diesmal im Riesengebirge. das himmelblau angestrichene Haus. Will aber nicht. leicht zitternder Stimme: »Diese Hitze. daß jemand mit zeichnerischem Können und schneller Kreide . Zöberlein heißt er. Half sonst gegen deprimierte Stimmung. Einspruch. jedenfalls manchmal.. dann kam er wieder ins fiebrige Plaudern. Gehen wohl nie in die Sommerfrische? Hab ich schon immer gesagt: Den Juli. Preußens Adel. sofort. der wollte mich auch partout weghaben: ab nach Buch in die Anstalt. Eine Weile schwieg Fonty bei geschlossenen Augen. Sein Lächeln hatte er mitgebracht. zumal die Hände des Scheintoten wie auf immer zur Ruhe gekommen waren: Knochig lagen sie auf der Bettdecke. sagte er mit matter. Sein Besucher sagte uns später: »Er hätte tot sein können. Verkettete Namen. die andere Luft. siegreiche Regimenter bei Gravelotte und Mars-la-Tour. Doch selbst die tapfersten aller Genossen machen heut Zugeständnisse: Die Bürger kommen! Die Bürger kommen! Sie werden den Arbeiter. Muß nochmal an Effi ran und Kessin. daß ihn sein Tagundnachtschatten besuchte. wie Vater am Sonntag. Nun soll ich ab in die Nervenabteilung. Hör noch.und Bauern-Staat retten . hat Delhaes geraten. Kugler. « Hoftaller hörte mit seitlich geneigtem Kopf zu. hat aber nichts gebracht. Tallhover. Der Ausdruck des Kranken war so beständig. Dagegen müssen Sie was tun.und achtundvierziger Barrikadenlyrik: »Viel Geschrei und wenig Wolle!« All das ging kommalos in Alexanderplatz-Reden über: »Nur der Feigling ist immer ein Held. wenn Besuch da ist.»Diese ledernen neunundneunzig Prozent!« . Besser hier rumbibbern als da ruhiggespritzt liegen. mit seinen Gasconnaden brilliert. Hesekiel. das er unausgepackt auf den Knien hielt. Sollten endlich Ferien machen.

Meine Frau ist tiefunglücklich. und von ihrem Standpunkte aus hat sie recht.. Zwar war nur Hoftaller da. die Welt verlangt nun mal ihre Götzen. vom Schnauzbart überfusselte Mund. katzbuckeln? Oder dieses Amt. Fühle deutlich. war er gegenwärtig. die aber nicht wie üblich wäßrig schimmerten. Und wie ist die Aktenlage? Fehlt was? Oder klappt es nicht mit der Einheit. Sekretariat! Muß auch ohne die Plackerei beim Kulturbund gehn . Dann aber begann er. Er sah sich um. Habe furchtbare Zeiten durchgemacht. ruckzuck. Bin jetzt dreieinhalb Monate im Dienst.. Meinetwegen. Alles verdrießt mich. so zu reden. Andererseits soll mir die Akademie . Er griff sich in den Mund. Requiescat in pace! Der Mensch gewöhnt sich eben nicht an alles . als säße Emilie.. wie gewünscht?« . schlug Fonty die Augen auf. « Jetzt erst. Alles verstimmt mich. daß ich gemütskrank. »Was gibt's.. als habe er sich selbst einen Befehl zugerufen... seine Beichtmutter und Brieffreundin Mathilde von Rohr am Krankenbett zu haben: »Sehe mich in beklagenswertem Zustand. Soll ich etwa vor diesem Kant.. die an den Schläfen hervortraten. Dann besser doch Aktenbote im Haus der Ministerien . fingerte seine Prothesen ab.. « Er brach ab.... Der zuckende... wie das Parteikollektiv beschließt . Dieser Lump Hitzig. doch meinte Fonty. weil Hoftaller sich lächelnd still verhielt. weil ich zu Preußens Akademie Lebewohl gesagt habe und den Moment ersehne. das mit Feierlichkeit bekleidet ist. Die Augäpfel unruhig unter geschlossenen Lidern. sondern trocken und fiebrig glänzten..Dann aber verlor er sich in einem Lamento.. das ihn zum wiederholten Mal als ständigen Sekretär der Akademie der Künste vorführte. Hoftaller?« Kaum aufgetaucht. schwermütig werde.. die geborene Rouanet-Kummer.. Alles ekelt mich an. am Krankenbett und müsse beschwichtigt werden: »Was soll das heißen: >So habe ich mir unsere Zukunft gedacht!< Nur weil bei deiner Schwester zwei Flaschen Medoc à zwölf Silbergroschen auf den Tisch gekommen sind? Und machst dazu ein böses Gesicht. wieder heraus sein werde? Du sagst. der nur zufällig so ehrenhaft heißt.. namentlich in meinem Hause. wenn ich nur nicht mit anbeten brauche. wo ich aus diesem wichtigtuerischen Nichts. Habe in dieser ganzen Zeit auch nicht eine Freude erlebt. Nein! Außerdem ist eine Fülle neuer Arbeit angefangen . Adern. Ist mir egal... trotz Krach mit Hitzig . Will nicht nach jeder Geheimratspfeife . Neulich mit ihm im Paternoster . Fahre wohl. war zufrieden und hatte sogar Scherze parat: »Keine Zigarre mehr im Gesicht? Ohne Nachschub aus Kuba? Oder ist etwa der Paternoster zum Stillstand gekommen? Rumpelt nicht mehr rauf runter.

Fonty. Und doch. Nun? Immer noch nervlich am Ende? Oder wollen wir langsam wieder gesund werden?« Als der Kranke mit einem Lächeln. und den noch bevorstehenden Fall eines musikalischen Rechtsanwalts. Weiß ja. von mir aus in gedoppelter Ausführung. an allem knabbern die Mäuse. wie Ihnen zumute sein muß.« Und dann breitete Hoftaller einige Fälle aus: kleine Fische vom Prenzlauer Berg. den sozialdemokratischen Fall Ibrahim Böhme. antwortete und dabei die Hände ein wenig von der Bettdecke hob. Und hat nicht dazumal der Hausarzt dem Unsterblichen. Ahne. wenn einen das GastritischNervöse gepackt hat: Jeder Vogel krächzt nur noch Mißgeschick. muß es weitergehn. Gibt ja noch immer ne Menge . wer solche Verspätung bestraft. Könnte ein längerer Vortrag werden. den Dauerkranken. für das Volkseigentum!« Doch wie mit den Akten in der Normannenstraße umgegangen werden solle. und ich sorge für Publikum. Wird vorläufig noch geschont. berichtete er dem Kranken Alltäglichkeiten: wie rasch sich das neue Geld verbrauche. in jedes Wässerchen münden Abflußkanäle. der wird sich verspäten. der Ministerpräsident wurde und den Fonty einen »verspäteten Calvinisten« genannt habe. Sind doch sonst fürs Positive! Sind doch immer wieder. Ihm gehe es bestens.Hoftaller nahm sein Lächeln nur vorläufig zurück. Wir leben nun mal in ner schnellebigen Zeit. nen prima Rat gegeben und ihn. zu Papier. um sie sogleich wieder sinken zu lassen. sozusagen am Hemdzipfel gepackt und mit nein anspornenden Auftrag aus dem Bett getrieben? Wie wär's. falle tagtäglich neue Arbeit an: »Die Kollegen von drüben brauchen Leute mit Durchblick. das wie endgültig auf Abschied gestimmt war. daß schlecht scherzen ist. eine Treuhandanstalt zu gründen: »Na ja. Das aber sei nicht seine Sorge. auf die Beine gekommen. die man zum gegebenen Zeitpunkt bis zur Tatsächlichkeit erhärten muß. wie rechtzeitig man am Runden Tisch beschlossen habe. holte Hoftaller aus vielstöckig tiefem Gedächtnis Trost und guten Rat herbei: »Bin ja kein Unmensch und will nicht drängeln. Kleiner Vorschlag: Sie bringen Ihre Kinderjahre. Aber dann ist er dran. weil ihn der Kanzler demnächst für Unterschriften benötigt. ob zu Zeiten des Schwefelgelben oder zur Zeit des sächsischen Spitzbartes. wie zügig »der Mann mit den Ohren« die Vierpluszweigespräche vorantreibe. wie zupackend der Westen um sich greife. der aufgeben wollte. Sie wissen ja. Lychener Straße. Wer da zu lange das Bett hütet. Mit dem länglichen Päckchen auf den Knien. wenn ich mal den Onkel Doktor spiele. »Gibt ne Menge Vermutungen. Und da der Westen an Personen mit zeitlos übergreifender Erfahrung Interesse zeige. dem seine Effi entschwunden und alle Romanschreiberei nichtsnutz zu sein schien. Fonty. An Zigarren vorerst kein Mangel. wisse man nicht.

Könnte mir Potsdam. Aber die hier machen was her. hielt ihn in Schreibhaltung und kritzelte in die Luft: Wort nach Wort. Für die Reinschrift wird meine Emilie sorgen .. dann aber. sein Mitbringsel ausgepackt. oder?« Fonty sagte uns später. sobald er alle zwölf hölzern auf dem rechten Handteller hüpfen. sagte der Kranke auf dem Weg zur Genesung: »Habe ja eigentlich noch genug Stifte vom letzten Ausverkauf mit dem alten Geld vorrätig. das große Z. nicht zu weich für das jüngste Kind meiner Laune. « So sehr gefiel ihm das schier unerschöpfliche Geschenk.. beinah die erste Zelle . ob Brief oder Novelle. Sind Weststifte mit Goldschrift drauf.. mein Leben zu beschreiben . wie heißt Ihre Devise: Freiweg! Am besten ist. wie Fonty das Dutzend Bleistifte nannte. beste Adresse. bevor man sie schließen wird. Wir stellen uns Anfänge vor: »Als mir es feststand. Hoftaller habe gegen Schluß seines Appells stehend gesprochen. Als Hoftaller das Fenster der Kammer zum Hof geöffnet und etwas lauwarmen Sommer eingelassen hatte... in Gänsefüßchen gesetzt. W.. Ein ganz großes E sollte wohl Effi bedeuten. die »Russischgrünen«.. Seelage. einander bedrängen ließ. Hübsch. die Waage als Signum. Muß ja nicht hier in Berlin sein. Denn sogar mit dem Stummel kann man. Dann nahm er jeden einzelnen Bleistift. und genoß die fein abgestimmten Töne. Blatt auf Blatt.. Und dann der nächste Stift . Zitate und Eigenes. Er bildete Buchstaben aus den Stiften: das große A. A. «.. Faber-Castell 9000. nach letztem Wort. Neuruppin oder sogar Schwerin vorstellen.Kulturbundhäuser. Immer frisch angespitzt bis runter zum Stummel. Wir wollen doch nicht schlappmachen. ein kurzes Zwischenkapitel hinkritzeln. Und die richtige Schreibstärke: 3 B! Nicht zu hart. Sogleich begann Fonty auf der Bettdecke mit den Stiften zu spielen. Aus zwölf Grünlackierten formierte er vier Kompanien. Er erlaubte ihnen. Entwürfe zuerst. morgen gleich anfangen. Zwar liegt mir nur . Ganze Romane oder Lebensläufe: das Glück und das Unglück in Fortsetzungen. das große M. tanzen. Das längliche Päckchen enthielt ein Dutzend grün lackierte Faber-Castell-Bleistifte und einen Anspitzer. in schöner Unordnung zu liegen.. Also. Hoftaller. « und danach: »Bei richtigem Aufbau muß in der ersten Seite der Keim des Ganzen stecken . darauf viel geplauderte Rede. was in solch einer Bleimine alles drinsteckt. wenn es denn kommt und nicht nur drippelt. die belebt werden wollen. dann: »Das erste Kapitel ist immer die Hauptsache. wo demnächst das Fräulein Tochter als Frau Grundmann Wohnung beziehen will. kurze und lange Sätze. Haben ja keine Ahnung. Er legte sie in Reih und Glied wie Soldaten. Gold auf Grün. und in dem ersten Kapitel die erste Seite.

er habe nicht nur durch Kurierdienst. Sie sollen von alten Zeiten geplaudert haben. Emmi und Martha hörten das Gelächter. die bald wieder Studierstube sein sollte. Tallhover! Spielen mir hier den Doktor Delhaes vor. « Wir wissen. denn immer nur hätten Rückbezüge auf gleichnamige Adlige im literarischen Werk des Unsterblichen eine Rolle gespielt. was.solche mit klangvollsten Namen . dann Viereck auf Viereck. Weiß schon. denen später das mißglückte Attentat zum Verhängnis wurde.kann ja wieder mal knapp werden . zum Widerstand beigetragen. Ob bei diesem Geplauder ohne Rücksicht auf geschwundene Zeit abermals die Kindejahre angetippt worden sind. daß Hoftaller immer wieder Situationen in Erinnerung gebracht hat. in die sich der Luftwaffengefreite Theo Wuttke ab Frühjahr 43 leichtfertig hineingeschrieben haben soll.nichts Konspiratives preisgegeben. Es hieß. Mal um Mal. wie es auflebte. diesem. hörte immer häufiger Fontys helles. Zwar habe der Wortlaut der Briefe an Adlige preußischer Herkunft . schottische. wenn auch unwissentlich. denn mit Papier haben wir uns rechtzeitig eingedeckt . sondern sich zudem durch Briefwechsel mit hochgestellten Offizieren belastet. unter ihnen einige. in denen Tallhover aktiv wurde. denn Emmi Wuttke. dann großdeutsche und zwischendurch immer wieder realsozialistische Anekdoten eingefallen sein mögen. hörte Fonty nicht auf. Ein Anschein von Glück lag auf dem Spiel.wenig an Unsterblichkeit. mit den westlichen Bleistiften zu spielen: Er legte sie Dreieck auf Dreieck verkantet. aber haltbar muß es schon werden. schon wieder jünglingshaftes Lachen. den Kriegsberichterstatter vor Freislers Volksgerichtshof zu bewahren. wissen wir nicht. Mutter und Tochter fanden einen Genesenden vor. wilhelminische. daß Hoftaller nur noch ein halbes Stündchen geblieben ist.. doch soll Tallhover Mühe gehabt haben. gibt keine Ausrede mehr. die in der Küche mit ihrem Blasentee saß. schließlich kam der private Vielschreiber davon. klopfte sie aus dem Bett. daß beide nur harmlos geplaudert haben. Es kann aber auch sein. während einige seiner Briefpartner. Soviel Heiterkeit rief beide in die Krankenkammer.. unter ihnen ein Generalfeldmarschall. ihr Ende durch den Henker in Plötzensee fanden. . perpetuierlichen Lorbeerzustand. der mit hübsch grünlackierten Bleistiften spielte und dessen heilender Arzt Hoftaller hieß. vermuten eher. wie bei Schiller. Sie klopfte an die Zimmertür der bettlägrigen Tochter. zum Beispiel jene verquere Lage. Doch während ihnen preußische.

. zu vergleichen und bald so übergangslos zu vermischen. in den ersten Lebensjahren steckt alles . Ein aus Militärdecken genähter. daß wir vom Archiv Mühe gehabt hätten. genannt nach jener Königin. Er wollte die neuen Stifte ausprobieren...Der sagte: »Ganz schön munter. Tag um Tag. denn väterlich großmütterlicherseits verlief sich eine Linie im Sächsischen. seit Kriegsende verfilzter Morgenmantel von unbestimmter Farbe kleidete ihn. deutlich von der Wuttkeschen Stammlinie ab. « und fand so Gelegenheit. ein gemeinsames. eine knappe Stunde lang nur. lagen weitere Möglichkeiten offen. doch immerhin hieß Fontys Mutter Luise.« Anderntags saß Fonty am Schreibtisch. anfangs als Zeichenlehrer und später im Rang eines Kabinettsekretärs tätig gewesen war. Tochter eines Seidenfabrikanten namens Labry gewesen zu sein. Der Apotheker Louis Henri und dessen Frau Emilie. wobei er allerdings den Spott des Bildhauers Schadow provoziert hat: »Er malt schlecht. nicht wahr? Doch nun will ich nicht länger stören. über das Dialogische und die anekdotische Kleinmalerei. zudem farbgesättigtes Feld abzustecken. dennoch blieb im Herkommen der Wuttkes einiges dunkel. Da schon den Unsterblichen während früher Kindheit die weit verbreiteten »Neuruppiner Bilderbögen« geprägt hatten und der Steindrucker Max Wuttke in Gustav Kühns Werkstatt immer noch jene Blätter von Solnhofer Steinplatten abzog. über raffinierte Aussparungseffekte und dann über die konsequent durchgeführte Erzählhaltung.. die gerne betont hat. die bereits vor hundert Jahren im Handel gewesen waren. überall dort das Original vom Abklatsch zu trennen. Er schrieb über des Meisters Stil. Danach füllte er Blatt nach Blatt. mit eiligem Blei die Zeit aufzuheben und eine . dessen Vater Apotheker gewesen war. belegt mit betont englischem.« Danach kam er auf das Motto des seine Kinderjahre ausbreitenden Unsterblichen: » . was immerhin hugenottisch klang. die eher in Richtung germanisiertes Westpreußen wies. als Sohn des Steindruckers Max Wuttke. wo Fonty mit zwei Spiegeln zugleich hantiert hat.« Zwar war Luise Wuttke eine geborene Fraissenet. unser Sorgenkind. Pierre Barthélemy. mit der hundert Jahre zuvor durchlebten Zeitweil seines Vorgängers. seine frühe Neuruppiner Zeit. hoben sich. Anfangs ging es noch. bei der des Apothekers Vater. auf Scott oder Thackeray zurückweisendem Zitat: »To begin with the beginning. dank ihrer hugenottischen Herkunft. auf dem Fonty in jeder Richtung zu Hause war. spricht aber gut französisch. Bald aber gelang es.

Lithographengeheimnisse. das demnächst ausläuft? Die Garnisonstadt bot mit traditionellen Regimentern und weitläufigen Kasernenanlagen von Krieg zu Krieg fließende Übergänge bis hin zur Reichswehr und dem Panzerregiment Nr. daß beide in den ersten Schuljahren als »Engelsköpfchen« gehänselt wurden und beim morgendlichen Kämmen regelmäßig zu Tränen kamen.. wenngleich in hundertjähriger Distanz. selbst wenn sie fangfrisch waren. die Gerüche der väterlichen Löwenapotheke in der FriedrichWilhelm-Straße. kaum abgemustert. Siechenstraße für den nachgeborenen Sohn nur wenig Spielraum. dem gegen die ganze Welt verlorenen. Mit neuem. heirateten und Söhne zeugten. vormals der Galgenberg gewesen war. Wie sah es hier zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts nach dem großen Brand aus und wie in den zwanziger Jahren unseres Jahrhunderts. Lebertran und Druckerschwärze.Neuruppiner Spezialität mit Anekdoten anzureichern: Kinderarbeit in Kolorierstuben. immer wieder nachgespitztem Bleistift ließ er den einen wie den anderen Vater aus jeweils großen Kriegen. Und in beiden Fällen .. was die Seenkette betraf. mit den Gerüchen des väterlichen Arbeitsplatzes in der Kühnschen Lithographiewerkstatt zu mischen: Salmiak und Gummi arabicum. Das aber hatten sie gemein: Wie jenem lange blonde Locken auf die Schultern fielen . der. Der eine erlebte das zum Haushalt gehörende Schweineschlachten. von einer Ruppiner Schweiz schwärmen. dem anderen stanken zeitlebens die Fische. als zu meiner Mutter Freude . Wie von einer holsteinischen. 6. Spielte sich das Vorleben des einen Sohnes in einer geräumigen Beletage-Wohnung nahe dem Rheinsberger Tor ab. Nahezu unverändert war der See geblieben. Bilderbogengeschichten. lief entsetzt davon und ruhte erst außerhalb der Stadt auf einem Hügel. So kam es. nur seiner Mutter erfreulicher Lockenpracht. an dessen Ufer sich Neuruppin. hinstreckte und auf dessen Wasser ein Dampfer bereits im Jahr 1904 den Namen des Unsterblichen zu weitentlegenen Ausflugszielen getragen hatte: durch den Lauf des Rhin zum Molchow.und Tornowsee. zu seinem weiteren Entsetzen. Auch hatten die Schinkelkirche und das zentral gelegene Gymnasium die Zeit überdauert. blieb im engen Arbeiterquartier Ecke Fischbänkenstraße. die später auf unbestimmte Zeit Karl-Marx-Straße heißen sollte. heimkehren. die am gleichen Tag ans Licht kamen. mecklenburgischen oder kaschubischen Schweiz konnte man. dem befreienden gegen Napoleon. schräg gegenüber von Altruppin. Überhaupt reizte das Städtchen im Ruppiner Land zu Vergleichen. Fonty genoß es.»weniger zur eignen. « -. litt der andere unter blonder. auf daß sie.

Romanen und Gedichten aus. Mitte der zwanziger Jahre. Selbst Hoftaller. dort auf der Stelle trat und dennoch mit den geschenkten Westbleistiften die frühen Neuruppiner Jahre kaum stockend niederschrieb. bei dem die Scheunen vorm Rheinsberger Tor in Flammen aufgingen. Frau und Tochter sahen dem staunend zu. dem Chronisten von Brandkatastrophen und kleineren Bränden wurde ein Vortrag behilflich. während in der Volksschule allmonatlich der Rohrstock erneuert werden mußte. die von der Nürnberger Firma Faber schon zu Zeiten des Unsterblichen als genormte Stifte auf den Markt gebracht worden waren. bei dem.schmerzte die »rasche Hand« der Mutter. Beide Söhne betonten jedoch vor allem die Strenge der Mütter: Emilie und Luise bewiesen ihre Liebe durch Entzug. Links und rechts vom Stoß dicht beschriebener Blätter stapelten sich die Werke des Meisters. zudem die Reutersche Biographie. konnte Fonty weitere Parallelen ausreizen: Weil zum großen Feuer. verlegt beim Aufbau-Verlag und ergänzt durch die Taschenbücher der Nymphenburger Edition. wirkte sich diese Frühprägung nicht nur in etlichen Novellen. ein Großbrand hinzukam. sogar die Enthüllung der sonst sorgsam verdeckten Liebesbrunst versprach. der neuerdings freien Zutritt hatte und jeden zweiten Tag vorbeischaute. hier sprang. zweibändig und bebildert. Bei solch kühner Sprungtechnik ließ sich zwanglos von Grete Minde und der brennenden Stadt Tangermünde auf Ebba von Rosenberg und den Kaminbrand in . Kleinmalerei und Gedächtniskrümel: indem sich Fonty nie aufdringlich. Die Nachbarin Scherwinski sprach mit katholischen Wendungen von einem wahren Wunder. mit Merkzetteln gespickt und greifbar für querverweisende Zitate. Und wir vom Archiv erlebten bei Krankenbesuchen nur noch Gesundung und ein wachsendes Manuskript. Auch sonst wurde geprügelt. Natürlich saß der Genesende von Büchern umgeben. begann und bestätigte sich der Prozeß seiner Genesung. war verblüfft von der wirkenden Kraft der Russischgrünen. der den Kulturbundreisenden Theo Wuttke schon Anfang der sechziger Jahre republikweit bekannt gemacht hatte und dessen Titel »Die Feuersbrünste in des Unsterblichen erzählerischem Werk« alles mögliche. Martha Wuttke entschloß sich. ein Holzlager am Stadtrand samt Sägewerk zunichte wurde. Emmi ging vom Blasentee zum Milchkaffee über. eher hinter diskreter Verkleidung in Vergleich brachte und wie auf Bilderbögen den Zeitverlauf raffte. ihre Nervenreizung gleichfalls abklingen zu lassen. Und da in dem Band »Kinderjahre« bereits alles angelegt war. wenngleich »der Lehrer Gerber« in der Neuruppiner Klippschule von seinem Namen keinen Gebrauch machte.

von der sich Pelle um Pelle häutenden Zeit. Wir. glücklich am überladenen Schreibtisch vorzufinden. wurde zu Asche oder ragte noch lange mit verkohlten Balken in das Vorratslager gemischter Erinnerungen. sobald im Frühling. doch im Untertitel »Genesung« hieß. das waren meine Kollegin und ich. Kein Wunder. Und Lenes Liebesbriefe. am Bollwerk alles zu leben begann. Das alles war Zunder seit dem frühen Scheunenbrand und dem abgefackelten Sägewerk. Kein Wunder. laut Aktenlage. reicherten den Pechgestank an. doch jene zwei jungen Männer. wie Fontys Tagundnachtschatten. hörten vom Glück der Rückschau. verblüfft. ja. zu denen bald einige der jungen Poeten vom Prenzlauer Berg gehörten. daß Fonty darüber gesund wurde. Kartoffeln und Speckstücke. die das Dummerchen Effi leider nicht in den Ofen gesteckt hatte. ließen sich in Beziehung zu den verräterischen Episteln von Crampas' Hand bringen. brach funkenstiebend zusammen. von lange verschütteten. preisgegeben und rückwirkend entblößt wurden. schlimmer noch. im Hintergrund. Während ihre der puren Literatur geweihten Stammlokale in der Lychener Straße von der Vergangenheit eingeholt. wenn die Swine eisfrei war.einem dänischen Schloß kommen. hockten dicht bei dicht auf der Bettkante oder standen. plötzlich wie neu glänzenden Fundsachen und von der Lust an dauerhaften Gerüchen. zudem die beiden. die Schiffe an Land gezogen und auf die Seite gelegt wurden und Pech in eisernen Grapen brodelte. ihn so tätig. das und noch mehr prasselte. auf daß mit Werg die schadhaften Stellen der Schiffsrümpfe kalfatert werden konnten. die gänzlich verhagelt und jedem Verdacht ausgesetzt auf Fontys leerer Bettstatt hockten. Fonty lieferte Querverweise zwischen Swinemünder . konnten nicht begreifen. wie es Fonty gelang. Wir waren weniger überrascht. war in des Genesenden Studierstube alles Vergangene goldeswert. die der schwache Botho verbrannt hat. So erfuhren wir vom Umzug der Apothekerfamilie nach Swinemünde. in die Glut geschoben. Wir saßen auf Stühlen. sobald Fonty uns seine Fassung vom Blatt las. Und dennoch waren seine Besucher. Geboten wurde dem gemischten Publikum ein Stück in Fortsetzungen. der als Qualm über dem Bollwerk lag. Wie eine Neuigkeit hörten wir das. Beleuchtet vom Flammenspiel wurde Frankfurts brennende Oderbrücke in Szene gesetzt. mehr oder weniger enthüllten Prenzlberger und unvermeidlich: Hoftaller. sprühend. Sie. bei annähernd finalem Weltzustand so fröhlich zu sein. die sich trotz gleichbleibend lastender Sommerhitze schwarzgekleidet bedeckt hielten. das einerseits »Kinderjahre«. daß uns die ohnehin vollgestellte Studierstube eng wurde.

unter Kontrolle hatte. »schrieb ich während meiner Soldatenzeit im besetzten Frankreich einem Nachkömmling jenes Leutnants aus Kinderjahren. bestätigen.« Doch Hoftaller. kein Rüchlein mehr an den Qualm der kubanischen Zigarre erinnerte. Uns.und in gewissem Sinn auch uns . Fonty. Hätte mich fast Kopf und Kragen gekostet.Alltäglichkeiten. der wird diese Zusammenhänge. spielte er vor.« Hoftaller lächelte wissend und zog an seiner Zigarre. Fonty lüftete seine Studierstube so lange. die sich prinzipiell deprimiert gaben. bis nichts. damit er uns ganz und gar gesund wird. ermahnte die jungen Leute. Und der andere bettelte: »Wie war das. Effis Ehestand in Kessin und den geplauderten Erinnerungen der schauspielernden Pfarrerstochter Franziska in »Graf Petöfy«. sich für diesmal zufriedenzugeben: »Wir werden unseren Freund nun mit seinen Bleistiften alleine lassen. der anno 31 mit einem Bataillon vom Regiment Kaiser Franz die Stadt an der Swine gegen die anrückende Choleraseuche abgesperrt und viel später des Unsterblichen Bücher über die drei einheitsstiftenden Kriege in einem Militär-Wochenblatt rezensiert habe. »Selbstverständlich«.. hatte einen Schutzengel sozusagen. als das feuerherdrote Haus himmelblau angestrichen wurde . « Beide beteuerten. meine Kollegin machte sich fleißig Notizen. was zu ausführlicher Korrespondenz geführt hat.« Mit seinen Schützlingen ging Hoftaller. Den beiden Poeten in Schwarz. Fragen Sie meinen altvertrauten Kumpan. seine . der Pilger empfing und entließ. denen die laute Welt draußen die Poesie vergällt und ein schnelles Urteil gesprochen hatte. etwa wie beim Verhör. Geschäftig räumte er auf und glich in seinem verfilzten Morgenrock einem Eremiten. die für mich glücklich ausgingen. nachdem diese Wünsche erfüllt waren: »Davon kann man nie genug hören. Wir blieben noch ein Weilchen. mit welchem Vergnügen er jenem Leutnant von Witzleben wiederbegegnet sei. dem Generalfeldmarschall von Witzleben. die er mit Fontys Erlaubnis rauchte. Wurde gehängt. nachdem er vorm Volksgerichtshof altpreußische Haltung bewiesen hatte. Die zwei vergrämten Poeten jedoch. suchten Trost bei solchen und ähnlichen Anekdoten. Wir wollen ihn doch nicht ausquetschen. Wir vom Archiv schwiegen.. »Noch ne Geschichte!« rief der eine. dieser Briefwechsel. rief Fonty aus seinem Armstuhl. Hoftaller hörte das alles schweigend in sich hinein. Mein lebender Witzleben gehörte bekanntlich der mißglückten Offiziersrebellion an. der die Prenzlberger Szene .

und Ritterspornbeeten begann. Haben über die Stränge geschlagen. «< Als die Tochter Martha bald nach dem Lüften dem Genesenden Tee und Kekse brachte. Doch schädlich sind solche sich immer wieder avant gebenden Spielereien gewiß nicht gewesen. zu einem baumhohen Berberitzenstrauch führte und schließlich eine »ziemlich baufällige Schaukel« ins Bild setzte. Jetzt war ihm in Swinemünde die Bepflanzung des Gartens hinterm himmelblau angestrichenen Haus wichtig. und über Schulter und Nacken fiel ein breiter Matrosenkragen . deren Produkte er als »bibliophile Raritäten« schätzte. Nun gingen auch wir. und geradezu liebevoll genoß er die stilisierte Schwermut der beiden Anarchen vom Berg. wie er sagte.»Archivsklaven«. daß man das junge Blut und sein noch gärendes Talent von der verfluchten Politik ferngehalten hat. Sie mochten ihn an Lesungen im Tunnel über der Spree erinnern. Fonty. Liebhabereien für Sammler! Immerhin wurden unsere Heißsporne dadurch gehindert. wo Möhren und Zwiebeln neben Kohlköpfen und zwischen rankenden Feuerbohnen wuchsen und wo in immer mehr Verschlägen Kaninchen gehalten wurden. kaum waren sie gegangen. dem erst ein fest zusammengezogener. Und doch. während der Zigarrenrauch abzog: »Furchtbar richtig. was man mit viel graphischem Geschick in der Lychener Straße produziert hat. war eine frische Zeit: >Heraus nun endlich aus dem alten Gleise. endlich jedoch und ursächlich auf Effi hinwies. Diese hier und dort betriebene Hobbygärtnerei war ihm ein Zwischenkapitel wert. als es im Herwegh-Club und den Vormärz lang darum ging. der. wie wir dazumal. sah er mit Wohlwollen. das mit Reseda. bronzefarbener Ledergürtel die Taille gab. die Revolution in Verse zu zwingen und einander in Freiheitshuberei zu übertrumpfen.und weißgestreiften. halb kittelartigen Leinenkleid. eilte sein Stift schon wieder übers Papier. hielt zu den Jungpoeten. daß er gleich nach dem im Roman zum Motiv erhobenen .. das Leben steigt mit der Gefahr im Preise ... wie sie uns überliefert wurde: »In ihrem blau.. « Es spricht für Fontys verzweigtes und selbst im Literaturbereich der Moderne streunendes Wissen. die anfangs von Geschwistern und Nachbarkindern in Schwung gebracht wurde. wenngleich mir die bloße Vergötzung der Form genauso wenig schmeckt wie der nackte soziale Aufschrei. Bleibt hübsch anzusehen. »aus Tradition« mit Verdächtigungen und schuldhaften Verstrickungen lebte. Dummheiten zu machen. Deshalb hat er auch Hoftallers umfassende und über ein Jahrzehnt lang anhaltende Fürsorge gutgeheißen. Er sah dessen Wildnis im Vergleich mit dem Schrebergarten des steindruckenden Vaters in Neuruppin. nachdem uns das weitere Ausschreiten der gedoppelten Kinderjahre mit nächsten Schritten gesichert schien. Er sagte.

indem ich wieder einmal Effi las. zudem mit amerikanischer Literatur . so daß die Brüder Mann und Emile Zola. Müllers frühe Stücke gegen Hauptmanns »Weber« gestellt und Herweghs »Gedichte eines Lebendigen« Seite an Seite mit Schädlichs »Tallhover« in wie gewollter Unordnung standen. was alles in der Studierstube Platz hatte: Rechts von der Tür stand als schlanke Röhre ein gußeiserner Ofen und links. In ihm reihte sich Literarisches aus dem neunzehnten Jahrhundert. bei Rowohlt. mit Messingkugeln auf allen Pfosten. wie Effi stehend wild schaukelt. das mit Historischem und längst vergriffenen Reiseführern.Pause . vermischt mit nachfolgender Literatur. in dessen Spielverlauf der Monologist Krapp. das länger als fünf Minuten dauert . das Mädchen mit dem Matrosenkragen. den zuletzt genannten Band. 12 Auf chinesischem Teppich Erstaunlich. so daß Fonty vom Kopfende aus einige Äste voller breitgefächerter Blätter sah. verlegt werden durfte. und die Kiefern und die Dünen Pause . zu einem Drittel vorm Doppelfenster mit Blick auf den Hinterhof und die Kastanie zu jeder Jahreszeit. neben »Berlin Alexanderplatz« Storms Poesie und die Gedichte der Bachmann.. wieder einmal unter Tränen.Mark Twain. das Bett. die Seghers Rücken an Rücken mit Turgenjew.Hätte mit ihr glücklich sein können. An den Wänden hing in Griffhöhe überm Bett ein Bücherbord. die nach rechts hin nur knappen Raum für das Bücherregal an der Langseite der Kammer bot. die selten ein Windstoß bewegte. der Mitte der achtziger Jahre nur im Westen. Mit Türen beiderseits und der Schublade über der offenen Mitte stand. das sich entlang der Wand zum Fenster hin streckte. der mit wenigen Strichen des einsamen Herrn Krapp letzte Verheißung des Glücks festgehalten hatte: wie des märkischen Adels unglücklichste Tochter. Raabe und dem Tschechen Hrabal. da oben an der Ostsee. zwischen den Bänden »Kindheitsmuster« und »Mutmaßungen über Jakob« der Wälzer »Soll und Haben«. .. Cooper beladen war. Scott. Bret Harte. wohl nur des Titels wegen durfte sich ein Band Kafka dazwischendrängen. . bevor er die nächste Tonspule ablaufen läßt. Effi.Schaukelbild auf Samuel Becketts Einakter »Das letzte Band« kam. . vor sich hin brabbelt: »Sah mir die Augen aus dem Kopf. « Und gleich danach wies Fontys russischgrüner Bleistift auf eine illustrierende Ätzradierung von Max Liebermanns Hand.Nicht?« Dem folgte als Kommentar: »Es gibt kein Glück. mit Thackeray. hatte . der Schreibtisch und stieß mit der Längskante gegen die Außenwand. eine Seite pro Tag. Dickens.

nie ganz geschlossen. die sich aus Tante Pinchens Erbe gehalten hatten. der. uns. bald nach Erscheinen. auf deren oberstem Bord Zeitschriften und Magazine gestapelt lagen und ein Globus stand. des alten Marwitz Erinnerungen. dessen Motiv die versammelte Ruhe der Büchervitrine irritierte. aber das Objekt Schädlich zog es vor. den man besser Läufer oder Brücke nennen sollte. nur der im Vordergrund gestaute Menschenauflauf blieb angesichts der handkolorierten Festbeleuchtung gelassen.. das der verrinnenden Zeit einen heiteren Rahmen setzte. weil das Gewicht. Und vom Stuhl zur Tür lief ein Teppich. Fonty hatte es. Stimmt im großen ganzen. dessen Rückenlehne ein offenes Oval bildete. ausgehängt war: ein schönes Stück aus heller Birke. der des Unsterblichen östliche und westliche Gesamtausgaben. und . durchsichtige Musselingardinen. zur Mitte hin spitz zulaufenden Bordüre abgedeckt waren: Staubfänger von alters her. deren schlichte Form nur zuoberst von einer sanft geschwungenen Zierleiste geschönt wurde. deren Ränder mit einer in Zöpfen und Trotteln.wie dazugehörend . Hätte mit dem Autor gerne persönlich Kontakt aufgenommen. fand gerade noch. Vorm Schreibtisch stand auf leicht geschwungenen Beinen der Armstuhl. Fonty mit den Worten geschenkt: »Ist schwierig. Vorm Fenster hingen. schwere Vorhänge. eine kolonial aufgeteilte Welt abrollen ließ. desgleichen nahmen die berittenen Offiziere vom Regiment Gendarmes keine Notiz von diesem allerletzten Spektakel. Ein schöner und mit Bedacht ausgewählter Druck. wie wir wissen. darüber. Habe nie Todeswünsche geäußert. zeigte es doch Berlins im Jahr 1843 lichterloh brennendes Opernhaus in letzter theatralischer Steigerung. wenn man ihn anstieß. . Über dieser in Kirschholz gefaßten Vitrine.. ohne sich heftig zu räuspern. weil er den schmalen Durchgang zwischen Bett und Bücherbord auf sechs Schritt überbrückte.einige Bände Alexis aufbewahrte. vorn und seitlich verglaster Bücherschrank biedermeierlicher Herkunft Platz. unter ihnen Erstdrucke der »Wanderungen durch die Mark Brandenburg«. hing gerahmt ein Neuruppiner Bilderbogen aus der Werkstatt Kühn. seitlich zu Falten gerafft.Hoftaller. « Der Bücherwand gegenüber. nur nicht das Ende. aus welchen Gründen auch immer. Zwischen Vitrine und Fensterwand paßte gerade noch eine gleichfalls biedermeierliche Standuhr. deren Läutwerk jedoch stumm blieb. aber lesenswert. den Arbeiter. mit Feuersbrünsten. ans Fußende der Bettstatt gerückt.und Bauern-Staat zu verlassen . die zwar ging. Jes Thaysens Übersetzung von »Unwiederbringlich« ins Dänische sowie antiquarische Funde. diverse Biographien. ein schmaler.

die Gehspur lang. späte Rosen. erste Dahlien. um sie sauber zu halten. die den Unsterblichen und gleichwohl Fonty abbildete. doch kann die eine oder andere Rarität bei . eigentlich nur bei Laune oder in besonderer Stimmung und dann auf Briefbögen benutzt. Hinterm Stein. eine Briefwaage aus Messing. beim Zuspitzen anfallende Holzlocken mitsamt dem Bleistaub in dieses Kästchen fallen zu lassen. Man hätte in dem Rankwerk Dämonen und züngelnde Drachen entdecken können. Briefmarken und den Radiergummi.Fonty hatte dieses exotische Stück Mitte der fünfziger Jahre von einer Vortragsreise aus Eisenhüttenstadt mitgebracht: rotchinesischer Export aus neuester Produktion. abgelaufen war. Vielleicht haben wir Kleinigkeiten vergessen . wartete griffbereit Meyers Konversationslexikon in sechzehn Bänden. Links vom durchlöcherten Stein stand neben dem Tintenfaß eine schmale gläserne Vase. Frau. die. in dem Gift lagerte. und mit der Blumenvase korrespondierte. eine Papierschere und zwei Schwanenfedern. in dessen kreisrunden Hohlräumen Schreibutensilien steckten: viele Bleistifte. Nur an den Rändern der Teppichbrücke kringelte sich in Ranken und pflanzlichen Trieben viel Rosa. einen aufblühenden Weidensproß. Limonadengelb. die jüngst im Tiergarten ein Parkwächter Fonty geschenkt hatte. die auf marmornem Sockel stand. sie entsprachen jener Ausgabe. einen Stoß Briefe und einen regelmäßig durchlöcherten zementgrauen Baustein eingeengt. Auf dem Tisch war die Schreibfläche durch gestapelte Bücher. in Neuruppins Heimatmuseum aufbewahrt wird. die Reproduktion jener Liebermannschen Lithographie. wie zum Stilleben gestellt. ausgewaschenes Blau und Grün. nun warteten sie. unter ihnen gesondert die russischgrün lackierten. Tochter. alle drei Söhne Motiv waren. Fontys Unart.manchmal stand eine gipserne Miniaturbüste Friedrichs des Großen zentral auf der Büchervitrine oder wie lästig zur Seite gerückt auf dem Schreibtisch -. die die Studierstube nur betrat. auf des Schreibers Hand. in die Martha Wuttke. für den Bleistiftanspitzer bestimmt war. zwischen gerahmten Photographien. auf denen die historische Familie. Rechts davor standen ein zumeist von Bücherstapeln verdecktes Kästchen voller Karteikarten und eine Zigarrenkiste kubanischen Ursprungs. je nach Jahreszeit. dessen befremdliches Ornament aber inzwischen. Über der rechten Hälfte des Schreibtischs hing. den weihnachtlichen Mistelzweig steckte. brachte seit Jahren Ärger mit Emmi. wurden aber nur selten. die für Büroklammern und Schnipsgummis. wo die Tischplatte mit niedriger Säulenbalustrade an die Mauer stieß. zugeschnitten als Federkiele. als Nachlaß des Unsterblichen.

die uns an die runden und unauffällig gefaßten Gläser des Unsterblichen erinnert. haben sie diesen Widerspruch an Ort und Stelle ausgelebt: Der chinesische Läufer und das türkische Stück luden zum Aufundablaufen ein. Briefwaage. sie waren Reiseersatz. wenn es Russen waren. der sich nie bebrillt hat malen oder photographieren lassen. Vase und Büchervitrine . bis er mit nächster und übernächster Periode wieder den Schreibstuhl besetzen und Blatt nach Blatt füllen konnte. in grün« -. Der brachte ihn. Weil Fonty und der Unsterbliche ein Faible fürs Exotische hatten. von Großereignissen Bericht gaben: wie Frankreichs Flotte vor der algerischen Küste aufkreuzte und unter Befehl des Admirals Duperre die Stadt Algier beschoß. Davon bekam der Zehnjährige Kenntnis vor Jahrmarktsschaubuden. Beim Aufundab kamen ihm die passenden Worte. Der erlaubte Wanderungen bei jedem Wetter. wie nach so heftiger wie kurzer Revolution Louis Philippe als Bürgerkönig aufstieg.. während ringsum die Welt mit Sensationen prahlte. zitierte Fonty mit Bleistift.. weil wichtig. Preußen stagnierte in polizeistaatlicher Ereignislosigkeit. so kurz er maß.. zurück in die Kinderjahre. nach Vorlage der Neuruppiner Bilderbögen -»immer wieder Soldaten in gelb und rot. »hat von meiner Phantasie je wieder so Besitz genommen wie diese Polenkämpfe . wie im Verlauf der Insurrektionskriege endlich doch die aufständischen Polen geschlagen wurden . daß der weit größere türkische Teppich dem Mobiliar des Originalzimmers vergleichbar fremd gewesen ist. Mal um Mal trieb es ihn aus dem Stuhl auf den Läufer. wenn auch in kleinerem Ausmaß und abgesehen vom Bett und der gerahmten Feuersbrunst. dem uns von Photos her gewissen Schreibzimmer in der Potsdamer Straße 134 c. »Kein anderer Krieg. Schon nahm die Zeit um 1830 gefangen. doch wurden alle Zitate . Der Teppich gestattete Expeditionen. es kann aber sein. «.durch den rotchinesischen Läufer und dessen bonbonfarbiges Ornament in Frage gestellt. unsere eigenen nicht ausgeschlossen«.Standuhr. in denen Guckkastenbilder.späterer Gelegenheit nachgetragen oder jetzt schon. Auf dessen Wegstrecke durfte er ohne Tagundnachtschatten unterwegs sein. Nicht nur deshalb war Fonty in seiner Filzkutte immer wieder die fünfeinhalb Schritt hin und her unterwegs. Insgesamt glich die Studierstube. der schmale Läufer nur Stippvisiten. um dann die Begeisterung des Unsterblichen für Polens Freiheitskampf und die polenfreundlichen Poeme von Holtei bis Platen zu . Er lief so lange.. in den Blick gerückt werden: Fontys Lesebrille auf leerem Konzeptpapier.

Dem wiederholten Freiheitskampf der Polen. er hörte und sah Polens heldischen Marschall Pilsudski und Mussolinis gestenreiche Balkonreden. während der Unsterbliche bis ins hohe Alter in Briefen und zu Hause bei Tisch Freiheitsliebe beteuerte. die von Jahr zu Jahr mehr die Wochenschau in Bewegung hielten.relativieren: » .Fox tönende Wochenschau lang .. an visuelle Bestätigungen der auf Neuruppins Bilderbögen abgeklatschten Großereignisse. denn den schwarz und braun eingekleideten Kolonnen. als er gegen den natürlichen Lauf der Dinge verstößt. erinnerte sich Fonty.den Riesen zum Trotz .die Jugend der Welt versammelte. die mit indischen Massenszenen Gandhis gewaltlosen Widerstand gegen die britische Kolonialmacht einfing. auch die russische nicht ausgeschlossen. seine eigene Biographie in Einklang mit den Zweideutigkeiten seines Vorbilds zu begreifen. gab eine Wochenschau Antwort. er ließ sich durch robust jugendliche Wettkämpfe und von stupidem Willen vorangetriebene Aufmärsche hinreißen. entsprach das jenem Völkerfrieden. den auch die Heilige Allianz von Metternichs Gnaden im Sinn gehabt haben mochte. denen der zehnjährige Theo Wuttke im Neuruppiner Kino von Wochenschau zu Wochenschau ausgesetzt war: Er sah den schwarzen Börsenfreitag mitsamt seinen aufgeregt zappelnden Männlein in New Yorks Wallstreet. seiner Rolle getreu. weil ich -im gewissen Sinne zu meinem Leidwesen und jedenfalls im Widerstreit zu den poetischen Empfindungen . wie er auf Neuruppiner Bilderbögen koloriert war. Und als die Olympiade in Los Angeles .die Bemerkung daran knüpfen muß.. in mir verspürt habe. was der Zehnjährige in Swinemünde auf Guckkastenformat verkleinert gesehen hat. Dazu fand Fonty ein passendes Zitat: »Bei aller militärischen Überlegenheit des Empire. ertrug er zugleich stummen Frondienst unter jeweils herrschender Ordnung und kam deshalb zu einem nicht nur den Polenkrieg aburteilenden Befund. daß ich vielfach nur mit geteiltem Herzen auf Seite der Polen stand und jederzeit ein gewisses Engagement zugunsten der geordneten Gewalten. er war Zeuge der senilen Ehrwürdigkeit des greisen Reichspräsidenten Hindenburg.« Und weil Polen immer wieder verloren war oder .« Nach längerem Fußmarsch auf kurzer Teppichbrücke hob Fonty ein Zitat hervor. entsprach jenen beweglichen Bilderfolgen. das ihm erlaubte. gehörte die Zukunft. stellt sich dennoch die Frage: >Wer ist hier Riese.bis heutzutage noch nicht verloren ist. dem damals Tallhover und gegenwärtig Hoftaller hätte zustimmen können: »Ein Zwergensieg gegen Riesen verwirrt mich und erscheint mir insoweit ungehörig. wer Zwerg?<« .

wie so viele Denkmäler. »Die steht dort gegenwärtig«. »nur noch auf Abruf. Fonty schrieb. eingeweiht wurde. dazu jedesmal eine Prise Bleistaub jetzt. etwa bei dem Wort »Quatsch«. auf die der Vater in einem Brief an Emilie eingeht: »Was George . gradlinige Paradestraßen und außer dem Rathaus und der Schinkelkirche jenes durch einen nur kurzfristig dort leidenden Schüler berühmt gewordene Gymnasium von klassizistischer Strenge. denen von Staats wegen Dauer versprochen wurde.Danach lief er wieder die rotchinesische Teppichbrücke ab.alle von oben nach unten gezogenen Abstriche wegen ihrer Unterlängen ins Auge. dann alten Gymnasiums fällig. wie von Eile diktiertem Bleistiftgekritzel gelingen nur selten offene. dennoch sei ein Versuch gewagt. jene Schrift weiter. Und mit der Begutachtung dieser und anderer Pädagogen war eine Innenansicht des einst neuen. Natürlich mußte auch diese Feuersbrunst beide Kinderjahre ausleuchten. das 1791. die nunmehr seit über fünf Jahrzehnten im Archiv gehütet wird und die. um nach gut hundert Metern Wegstrecke das Portrait des Swinemünder Hauslehrers Dr. Wir sind keine Graphologen und können. Vielleicht bestätigt sich so die Kritik des ältesten Sohnes. mit angeblicher Sinnenlust ausschweifende Schleifen. ihrem Schriftbild nach. so finden sich auf dem uns vorliegenden Blatt. ob mit Bleistiften. was uns kalligraphisch als Brief oder Manuskriptseite vorliegt. Mitte August. Nach drei. eine überlebensgroße Karl-Marx-Büste aus schwarz nachdunkelnder Bronze eingeweiht worden war. stand eine aufblühende Dahlie in der gläsernen Vase. Flüchtigem. bald nach dem großen Brand der Stadt Neuruppin. Nur wenn der Bleistift gespitzt werden mußte. gedeutet werden sollte.beim doppelten s nach damaliger Schreibweise . sondern auch beim langen s keine dieser auf Triebhaftigkeit verweisenden Unterlängen. Stahl. Besonders fallen bei der Tintenschrift die schleifigen oder . dessen Portal gegenüber einst König Friedrich Wilhelm als Denkmal gestanden hatte und viel später. Wir wollen hier einhalten und einen Vergleich wagen. schrieb Fonty. schließlich verdankte die Stadt dem Flächenbrand sauber umbaute Exerzierplätze. nur laienhaft auslegen. unterbrach er den Schreibfluß. Lau dem Portrait seines Lehrers zu konfrontieren: Lau kam genauso gut weg wie Studienrat Elssner. bei aller archivalischen Gründlichkeit. nicht nur beim h im abschließenden sch.oder eigenhändig zugeschnittenen Schwanenfedern. vier Teppichläufen und folgenden Niederschriften fielen hölzerne Locken in die offene Zigarrenkiste kubanischer Herkunft.« All diese Zeitsprünge gingen ihm zügig von der Hand. an Königs statt.

auch beim abendlichen Spaziergang . dort forsch auf den Punkt oder auf eine Pointe zu. . die ihr heimlichstes Versteck. Strebt der Tintenzug hier witzig ausholend. im Vergleich mit der Bleischrift. beim Hin und Her auf dem türkischen Teppich gehört. die schräg nach oben weist. ob sie mit Stahl. dabei hat der Ohrenzeuge das meiste im Zimmer. durchweg ornamentaler aus. Diese drängend nervöse Hast. Diese dem inwendigen Reden abgelauschten Notate. bevor sie verklingen. dieser die literarischen Manifeste und poetischen Skurrilitäten der Dichter vom Prenzlauer Berg mit mildem Spott schont und dabei seinen Adressaten dringlich vor staatssicherndem Zugriff warnt. die Linden runter . Zwei alte Herren. daß eine nur nachgemachte Schrift vorliegt. sommerliche Gewitter und winterliches Eistreiben. indem ihre minimalen Durchlässe mal nach oben. ist sehr nett. im Café Josty oder bei Stehely mitgehörtes Tischgeplauder. Alle normalerweise schüsselförmigen Bögen überm kleinen u sind annähernd zum Kreis geschlossen. Die gleiche Eile. denn eine mit Blei gekritzelte Manuskriptseite der »Kinderjahre« verhält sich zwillingshaft zu den mit russischgrün lackierten Bleistiften vollgekritzelten Blättern. als ein Bleistift nachvollziehen kann. daß ich keine Liebhaber schildern kann.oder Schwanenfeder geschrieben sind. Dennoch bezweifeln wir. dann wieder nach dieser oder jener Seite offenbleiben. aufgeschnappt in der Pferdebahn. Eher könnte fortgesetzte Schreibe vermutet werden. All das gilt gleichermaßen für Fontys Schrift. deute wer will diese Abkapselungen. ist nur allzu wahr. so auch die ornamentalen Abschweifungen und die sich willkürlich kringelnden Bögen des kleinen u. als müsse sie Wortfetzen. gleich. mal nach unten. eilt die bleierne Schrift in nervöser Hast. kartenspielenden Sonntagsbesuch und schließlich ihre Lieblingslehrer aus Knabenjahren vor sich haben. der Zweitgeborene seinem altvertrauten Kumpan einen Bericht schreibt. beweisen sich die Unterlängen beim h oder beim doppelten s als deckungsgleich. ihre der Weihnachtsbescherung zu nahen Geburtstage. Insgesamt fällt das kleine u in Bleistiftschrift noch beliebiger und oft kreisrund aus.oder abwertet. Zwei von längerer Krankheit genesende Greise.hängengebliebene Wechselrede notieren. Aber wer kann alles?« Die Tintenschrift des Unsterblichen fällt. jener über gleichbleibende Geldsorgen klagt oder die letzte Tunnellesung auf.die Linden rauf. Wenn der Unsterbliche seinem Freund Lepel einen Brief. die sich beschleunigter erinnern. So besteht das große M bei den brieflichen Anreden »Meine liebe Frau« und »Liebe Mete« aus zwei nach unten gezogenen Schleifen und einer Schleife.schreibt.

Und nun lag nach langer Pause neuestes Bleistiftgekritzel vor.. «. ob seiner pädagogischen Methode. mehr als irgendeinen anderen Lehrer. das mir Vergangenes in zukunftstrunkene Präsenz. trotzdem brachte mich meine verdammte Komödianteneitelkeit um jedes richtige Gefühl für den Mann.»Lieber Vater. Wie gut. dem ich soviel verdanke . konnte weit Entlegenes wie die Völkerwanderung durch Felix Dahns Ostgotenschmöker >Ein Kampf um Rom< und die sozialen Zustände im vorindustriellen Deutschland durch Hauptmanns >Weber< so nah zueinanderrücken. die in >Irrungen. Du bist ein Mann. damit sie für Hoftaller leserlich wurden: Der suchte ab Anfang der sechziger Jahre. Wir vom Archiv waren geübt. Elssner deutlich geblieben.und deshalb reduzierten Unterlängen dringlich: »Von allen Lehrkräften am Neuruppiner Gymnasium ist mir einzig Dr. daß ich seitdem jenes zeitraffende Verständnis von Literatur und Geschichte habe.Wenn der erstgeborene Greis dem Swinemünder Hauslehrer Dr. sie sei aus der Übung. ist dem zweiten Greis ein Nachruf mit eiligem Bleistift . alle Vortragstexte nach Sicherheitsrisiken ab. Du bist kein Kater. Lau ganz aufrichtig. zum Abschied nachsagt: »Ich liebte Dr. Wirrungen< noch als getrocknete Kränze zu kaufen waren. das heißt die Unsterblichkeit gewiß macht. dessen zeitraffende Methode die Glückseligkeiten der Neuruppiner Bilderbögen mit den Bildstürzen von Fox tönender Wochenschau und den Sohn des Apothekers mit dem Sohn des Steindruckers in Einklang brachte. hatte immer noch Mühe beim Entschlüsseln der wie unter altersbedingtem Zeitdruck vollgeschriebenen Blätter. Lau. heutzutage aus gutem Grund unter Naturschutz gestellt hat . der unserer Gründlichkeit nicht nachstand. « Wer immer den Bleistift geführt hatte. doch dann tippte sie den zur Genesung führenden Vortrag über die Kinderjahre. Anfangs zierte sich Emmi und sagte.. Hoftaller jedoch. den ich später gehabt habe. weshalb auch Emmi Wuttke ihres Mannes Vorträge für den Kulturbund in Maschinenschrift übertrug. die meisten Bleistiftfassungen abgeschrieben und für den Druck tauglich gemacht hat... der nichts Fettes vertragen kann . weil dieser es verstand.. den wir.. Elssner. Emmi tippte auf ihrer elektrischen Robotron im . die Manuskriptseiten lasen sich schwierig. daß Emilie. kaum daß er enttäuscht aus dem Westen zurück und wieder an alter Stelle im Dienst war. beiläufig gesagt. weshalb man. der ihn zum ersten Geburtstagsgedicht ermunterte . die selten gewordenen Immortellen. als >Zeitraffer< verspotteten. trotz bleibender Zweifel an ihres Mannes schriftstellerischen Gaben. « -. beim Deutschunterricht mit geschichtlichem Zitat und beim Geschichtsunterricht mit literarischen Belegen die unsinnige Trennung dieser Fächer aufzuheben.

fand alles zu weitschweifig und . Doch da lebten sie schon abgesondert und ganz für sich. Beiden Vätern mißlang die Ehe. war dem anderen jede neue Werkstatt die beste.wie sie sagte . 1935 sah der halbwüchsige Gymnasiast und Hitlerjunge Theo Wuttke seinen Vater mit wenig Gepäck davonziehen. wie er meinte. günstigem Verkauf der Löwenapotheke von Neuruppin auf sandigen Wegen nach Swinemünde. sei es als Heizer auf einem Ausflugsdampfer. Der Unsterbliche hat die hinausgezögerte Scheidung seiner Eltern als Apothekergehilfe. gefördert gewiß vom Tempo der neuen Zeit: Luise Wuttke bekannte sich schon früh zu »unserem Führer und Reichskanzler. und nach der Eröffnung einer eigenen Lithographiewerkstatt und deren schnellem Konkurs wechselte er nur noch Gelegenheitsarbeiten. die noch unmündigen Kinder dem väterlichen Lotterleben zu entziehen. Zwar nörgelte sie. doch als Fonty kurz vor Schluß der »Kinderjahre« ein Zwischenkapitel. Beide schwach und liebenswürdig. Jeder auf konsequente Weise unzuverlässig. war bereits mehr als die Hälfte abgetippt. Väter. zudem ging es darum. die ihm zufallen konnte. Des häuslichen Streits müde und weil ihm das von SA-Kolonnen besetzte Neuruppiner . Beide wurden von ihren Frauen am Ende vor die Tür gesetzt. »Vierzig Jahre später«. das heißt erwachsen und aus Distanz erlebt. der Deutschland aus Schmach und Elend emporheben wird«. die ihren Spielschulden oder jeder abhängig machenden Arbeit aus Prinzip davonliefen und dabei nie um glaubhafte Ohnmachtsgebärden oder Pläne für todsichere Neuanfänge verlegen waren.Poggenpuhlschen Salon. als Intermezzo einschob. bei den Wuttkes ging es schneller zu. sah der andere die Zukunft gleichfalls im Wechsel: vom Druckhaus Kühn in der Ludwigstraße zur Druckerei der Firma Oehmigke & Riemschneider an der Friedrich-Wilhelm-Straße. Galt dem einen häufiger Ortswechsel als jederzeit wirksames Allheilmittel gegen den Stumpfsinn bürgerlicher Ansässigkeit. Es ging um die Väter. Am Ende fühlten sich beide bei Schweine.»an den Haaren herbeigezogen«. Trieb es den einen nach hastigem und.und Karnickelzucht wohl und fanden ihr Stück bemessene Freiheit auf dem Kartoffelacker und beim Gemüseanbau. weil die strenge Emilie und die strenge Luise den gesellschaftlichen Abstieg der Familie oder den Rückfall ins Proletariat nicht als »Befreiung von Zwängen« oder »klassenbewußten Neubeginn« gutheißen konnten. sei es als Gärtner in den Knöllerschen Gewächshäusern.

von seinem elfjährigen Sohn den Kopf verbinden. Beide Frauen waren in mittlerem Alter. um dort unterzutauchen. ließ sich der andere. doch ließen sie von ihren weltbeglückenden Entwürfen nicht ab. in ihr wohnliches Kellerloch aufgenommen. die eine galt als »gute Person. obgleich Bewunderer Napoleons. wenn er nach Saalschlachten mit randalierenden SA-Männern nach Hause kam.Pflaster zu heiß geworden war. doch mit prägend soldatischen Erfahrungen gerüstet. fanden sie zu Tätigkeiten. am überwachsenen alten Flußufer der Oder. War der eine. der andere hatte nach unruhigem Hin und Her. schwer beschädigt wurde. von der . Beide Väter hatten jung. Beide waren mit wenig beruflichen. mit Ausnahme der Kellerwohnung des Hausmeisters Max Wuttke. dem Eisernen Kreuz und vor Verdun zum Unteroffizier gebracht. die im Brandenburgischen meilenlange Chausseen mit zerkleinertem Gestein pflasterte. mit mäßigem Gewinn Mastschweine und verkaufte zu günstigem Preis die in seinen Sandäckern reichlich vorrätigen Feldsteine an eine Straßenbaufirma. Beide scheiterten zwar beruflich und als Ehemänner. der eine züchtete nahe Freienwalde. der andere schwankte zwischen Bebel und Bernstein. überlebten sie. mitunter allerdings schrecklich. Erst als sie von Frau und Kindern getrennt und allein für sich lebten. am Hasensprung 35 als »meine Altersgenossin« den Tisch deckten. Beide alleinstehenden Väter haben. Beide Väter hatten Reste revolutionärer Ideen über Niederlagen hinweggerettet. als Freiwilliger beim Infanterieregiment Nr. als sie schon an die Sechzig waren.. nun als Reichsbannermann. Der eine hielt Napoleon die Treue. «. die. gegen diesen und unter preußischen Fahnen ins Feld gerückt. wenn die Söhne in unregelmäßigen Abständen auf Besuch kamen. so pazifistisch er das Militärwesen verachtete. Frauen in ihre Kätnerhütte. Sie hatten es mit Prinzipien. 24 zu einigen Verwundungen. das nur von einer halbjährigen Schutzhaft im Konzentrationslager Oranienburg unterbrochen wurde. aber bei Lichte besehen ist alles mal schrecklich . wollte der unverbesserliche Sozi nach Berlin.. So lebten. Lehrte der eine seinen Erstgeborenen die Namen aller Napoleonischen Marschälle von Ney bis Rapp. der andere in einst vornehmer Villenlage. Hasensprung hinter hohen Bäumen versteckt lag und dennoch im Bombenkrieg. der eine im Oderbruch. Dort besorgte er eine schloßähnlich verschnörkelte Villa. jeweils nach Kriegsende geheiratet. als Hausmeister und Gärtner in Berlin-Grunewald Unterschlupf gefunden. hatte es der andere. die an der Ecke Königsallee. blieb aber unbeirrbar dem Genossenschaftswesen verschworen. nahe der Oder als »Haushälterin«. die ihren nie recht ausgelebten Neigungen Auslauf boten.

Und weil er ihnen so viele Gemeinsamkeiten zuschrieb. der andere stand mit oft geflickter Gärtnerschürze über blaugrauer Cordhose und in Holzschuhen am Gartentor. Soviel Verständnis für zwei altgewordene Eigenbrötler. Als der Erstgeborene im Sommer 1867 seinen Vater in der ehemaligen Schifferkolonie nahe Freienwalde besuchte. die andere bereitete Kaninchen zu: gebraten. daß Fonty den einen meinte.verkrachte Existenzen wie er standen ihm jederzeit nahe. war ihm sein eigener so nahe. « Beide Frauen kochten gerne. Als Fonty in einem Zwischenkapitel über den Vater des Unsterblichen schrieb. beide Väter miteinander befreundete. Kaninchen gab es genug. Blaue Wiener und andere Stallhasen. Der ehemalige Apotheker und spätere Schweinezüchter belächelte seines Sohnes journalistische Fron und dessen Anstrengungen zugunsten preußischer Kraftakte. war er annähernd fünfzig Jahre alt. nur die Väter . . sobald diese als Besuch am Tisch saßen. Der eine erwartete seinen Sohn in grauer Leinenhose und in schon lange nicht mehr gewechseltem Hemd unterm Drillichrock. für die nur Respekt blieb. hat Hand und Fuß. wie einst im Neuruppiner Schrebergarten. wenn er vom anderen sprach. die Lebenskosten deckender Zahl. Das weitläufige Gartengelände. lieferte Grünfutter genug. Und soviel gehäufter Gewinn auf Kosten der in Distanz geratenen Mütter.. geschmort oder zerkleinert als Pfeffer. der Unsterbliche schrieb damals noch für die Kreuzzeitung und saß überm zweiten Kriegsbuch. Sogar dem Spiel und dem Alkohol hatten sie abgeschworen. Die eine verwertete alles vom Schwein: von der Schnauze übers Nackenstück bis zu den Spitzbeinen. selbst wenn es daneben greift oder fehltritt . So waren beide Väter endlich zur Ruhe gekommen. doch diesmal in großer. das den Krieg gegen Österreich abhandelte. aber was sie sagt. denn immer noch fürchtete er deren zwiefach bewiesene Strenge. indem er beiden nur Gutes nachrief.. daß er. das sanft geneigt bis zum verschilften Dianasee abfiel.anderen hieß es: »Sie redet nicht viel. Soviel liebevoller Zuspruch für zwei schwadronierende Käuze. Max Wuttke züchtete. nach üblichem Hin und Her auf der Teppichbrücke. glichen sie einander wie Zwillinge aus Neigung. Manchmal verwechselte er sie. Jedenfalls kam es vor. Nun täuschten sie ihre Söhne. wurde aber dennoch vom Einundsiebzigjährigen als »mein Jung« begrüßt und erst ein wenig später als »nun auch schon betagter Knabe« erkannt.

nach gärtnerischer Redeweise. « -. erzählte der Kaninchenzüchter zum Nachtisch. weil in den oberen Stockwerken ausgebrannten Grunewaldvilla besuchte. Dazu kam Rotwein in zwei Pokalgläsern. Getrunken wurde Birnensaft. wie es kurz vor 33 beim berüchtigten BVG-Streik zugegangen sei: »Eine Schande! Klumpfuß und Spitzbart an einem Tisch. sie stammte aus dieser waldigen Gegend.Als Fonty im Juli 1961 zum letzten Mal seinen Vater in der Kellerwohnung der noch immer kriegswüsten. sondern Kalbsbrust. Und der Kaninchenzüchter sprach den Kulturbundreisenden als »Junior« an. »die Radieschen von unten anzusehen«.»Weißt du noch? Lannes und Latour d'Auvergne und Michel Ney. »parteischädigender Sozialdemokratismus« hieß sein Verbrechen. Damals gab es zur Abwechslung keinen Schweinebraten.. die die »Haushälterin«. sagte der Alte. nur Flucht konnte ihn vor einem längeren Aufenthalt im ehemaligen und weiterhin drohenden KZ Buchenwald bewahren. hatte der Schweinezüchter im Oderbruch den bevorstehenden Tod als »Abberufung in die Große Armee« vorausgesagt. Kommune und Nazis gemeinsam gegen . ahnte er nicht. Seine versuchte Rückkehr nach Neuruppin wurde ihm übel ausgelegt. Sie begrüßten sich heiter. auf den Tisch.. Rhabarberkompott. Inzwischen war der alte Wuttke Mitte Sechzig und litt. während Fontys Vater zwei Jahre nach dem Mauerbau davonging. als hätte er sie kürzlich besucht. wie sie ihn im öden und einsamen Luxembourg-Garten an die Wand stellten . Die stumme »Altersgenossin« dagegen holte am Abend einen Kaninchenbraten in Sahnesoße aus dem Ofen. wie bei jedem Besuch des Sohnes. der in den ersten Jahren nach Kriegsende Erfahrungen mit der Einheitspartei gemacht hatte. außer an geschwollener Leber. im Eisentopf geschmort hatte. Doch für die wechselnden Vorträge seines kulturaktivistischen Sohnes hatte der ehemalige Steindrucker nur milden Spott und für den »drüben« praktizierten Sozialismus allenfalls Hohn übrig. von Napoleons Marschällen . unter asthmatischen Beschwerden wie des Unsterblichen Vater. Plauderte der Schweinezüchter nach dem Essen von der Pariser Weltausstellung. seiner Fixierung auf Napoleon entsprechend. die noch aus Swinemünder Zeiten geblieben waren. daß der Bau der Berliner Mauer bevorstand und welch anhaltende Trennung dieses verschämt zum Schutzwall ernannte Bauwerk für Vater und Sohn zur Folge haben würde. um den ermüdeten Kreuzzeitungsredakteur zu erfreuen. »Das nenne ich puren Staatskapitalismus«. um sich. und danach. Dazu gab es thüringische Kartoffelklöße. der bald nach dem Besuch seines Sohnes im darauffolgenden Oktober gestorben war. noch einmal von Neuruppiner Saalschlachten mit der SA und anschließend davon.

und der andere sagte: »Komm da nicht drüber weg.« Beide hörten den beruflichen Plänen ihrer Söhne zerstreut oder mit Ungeduld zu: Was kümmerten sie journalistischer Schweiß. oder die Vorträge eines Kulturbundreisenden. die nie zur Ruhe kamen. nicht wahr. sagte der eine. »Und wenn dann die beste Stelle kommt und ich sage: >Die Verhältnisse machen den Menschen. Luise?<. Das war ihnen Kleingehacktes: ehrenwert. daß ihm die kritischen Spitzen seiner sonst der Parteilinie folgenden Ausführungen von der Zensur gekappt wurden.und Uferstreifen des Villengrundstücks gingen sie und redeten zeitverschoben. Er liebte sie nicht zuletzt wegen ihrer Erfolglosigkeit und ihrer Gewinne von nur bescheidenem Maß. Bis zum Schilf. daß schließlich Arbeiter gegen Arbeiter standen . wenn ich ihr frei nach Bernstein die evolutionäre Methode der Menschheitsverbesserung erkläre: >Der Weg ist alles. fanden in der gutmütigen Haushälterin und der stummen Altersgenossin willige Zuhörerinnen. Mit dem einen Vater ging er hinaus in den Hof zu den Mastschweinen und später zum Sandacker. und das Ziel ist nichts .. aber unnütz. rief Frau Jenny Treibel. doch zum Gespräch kam es nie.uns Sozialdemokraten. wobei Fonty mit nachgespitztem Blei ein weiterer See zum Dianasee einfiel. »Ich lerne nicht mehr dazu«.. den Blumenkohl und den Sellerie. Beide Väter hatten schließlich Weltsysteme im Sinn. dann fährt sie zusammen oder sitzt da wie ein Holzpfahl . Und ihre immer um Zuwachs und Fortschritt bekümmerten Gedanken.. kommende Freiheit und soziales Glück verhießen. Mit eiligem Bleistift entwarf er sie überlebensgroß und stellte sie gemeinsam auf einen Sockel.»Aber meine Gundula nickt immer nur stumm und mag dabei an ihre eingelegten Essiggurken denken.. Das war zuviel.. vergossen für eine reaktionäre Zeitung. mit dem anderen Vater zählte er die in den Kaninchenställen wimmelnden Würfe der Blauen Wiener und bewunderte dann im Gemüsegarten die gut tragenden Feuerbohnen. der zuließ. Unser Widerstand erlahmte.. die Seite an Seite mit Professor Schmidt ging: »Es ist ein Elend mit den . So kam es. in dem die verkäuflichen Feldsteine vorrätig lagerten. « Beiden Vätern waren nur noch die alten Geschichten wichtig. der zu der Seenkette im Grunewaldviertel gehörte und an dessen Ufer sich Literarisches abgespielt hatte: Die kommerzienrätliche Treibel-Gesellschaft erging sich plaudernd und schwatzte über zwei Schwanenhäuschen bei fehlenden Schwänen. man mußte sie nur aus der Küche rufen. die jeweils größere Gerechtigkeit. <« So baute Fonty beiden Vätern ein Denkmal. « . Als im weiteren Verlauf des Spaziergangs des Lebens Wechselfälle besprochen wurden.

ist das wieder ein Sommer! Kaiserwetter hat man in meiner Jugend dazu gesagt. ich war für die Mauer. das Glück. Fonty zitierte noch mehr Stellen. sein Gerede über die Zukunft der Arbeiterklasse. zum Beispiel die Passage mit dem biertrinkenden Pferd. Zwischendurch war er die fünfeinhalb Schritt über die rotchinesische Teppichbrücke hin und zurück unterwegs.. wenn ich nicht Professor wäre.. Glück.Äußerlichkeiten.. Wilibald. vom alten Max Wuttke in seiner Gärtnerschürze zum Vater des Unsterblichen. Sogar preußische Junker hat er angebebelt daherreden lassen. erlaubt dir der Genosse Ulbricht. von meinem liebenswürdigen Vater und. wenn ich im folgenden Satz auf hochgehaltenem Transparent den Kommunismus siegen lasse. fast noch schmerzlicher. da kam er schon ohne Umstand auf die prekäre Lage Berlins kurz vorm Mauerbau: »Irgendwie mußte der Massenflucht Einhalt geboten werden. Schreibst ja auch viel über die Hohenzollern. Glück! Ach. Dem Arbeiter. aber nur. Ja... Ja. wenngleich sie mich auf Jahre vom Westen der Stadt. Vater. daß ich es in solcher Stunde gerad vor Ihnen bekennen muß. freiweg den ollen Stechlin zu zitieren? Und darf der Busenfreund der Treibelschen. mit eiligen Gedanken ein Jahrhundert auszuschreiten.« . Gerade noch feierte er den siegreich beendeten Krieg gegen Österreich. « Und der ehemalige Steindrucker sagte vom Denkmalsockel herab zu seinem Sohn.und Bauern-Staat liefen die Bürger davon. die sich auf den Halensee bezogen.nach Westberlin zum Hasensprung gekommen war: »Na. als ihn sein Sohn zum letzten Mal besuchte: »Das reine Hohenzollernwetter hast du getroffen. na. Keine Mühe machte es ihm. zu meiner Frau Leidwesen. noch immer zu seiner Tochter sagen: >Corinna. Ich für meine Person halte an Napoleon fest . von dessen unentwegt nachwachsenden Kaninchenbraten getrennt hat. sag mal. Der sagte. wie heißt er schon. es ruht hier allein.. als dieser auf Besuch von Ost. vom Tiergarten und.»Wie bescheiden hat man den großen Schweiger nach vollbrachter Tat erlebt« -. <?« Worauf Fonty nach kurzem Teppichlauf in schwer leserlicher Bleistiftschrift dem Karnickelzüchter Antwort gab: »Gewiß. mithin Moltke und die Schlacht bei Königgrätz . Und wie sieht's drüben aus? Hältst du noch immer Vorträge über die Unsterblichkeit unserer Neuruppiner Lokalgröße? Kenne das alles. Wilibald Schmidt. richtig. so würd ich am Ende Sozialdemokrat .« Dabei legte sie die Hand aufs Herz. um auch diesen Einsiedler im Drillichrock aufs Podest zu stellen. « Und schon eilte er abermals vom verschilften Dianasee zum sandigen Oderufer.

allenfalls ein paar niedliche Zynismen. genehmigt.. kurz nach Max Wuttkes Tod. « 13 Vom Wechselkurs fester Glaubenswerte Als Fonty das Zwischenkapitel beendet hatte und seinen doppelt gewebten »Kinderjahren« den Schlußfaden einfädeln wollte. doch die Aktenschlepperei kann warten. an der Zeit sei: »Wolln uns auf ein Stündchen .. Was will man mit Müller groß reden? Außer.. daß er seinen Whisky zelebriert und sich via Zigarre über seinen Meister Brecht mokiert. als wären sie sich begegnet. als eigentlicher Arzt und Nothelfer. war er vom Nervenfieber genesen. und gleichfalls war Hoftaller. keine sechs. mit Bobrowski und Fühmann ja. « eine Klage anzustimmen.« Besonders dem ersten Teil dieser Empfehlung stimmte Emmi zu: »Du mußt an die frische Luft. Kurze Spaziergänge. Habe ja nichts gegen schreibende Frauen und stelle die Bachmann neben Mörike. Früher. «. das ist ein Fluch . mit denen ich auf dem Sprechfuß stehe. weil dort. Das fiel ihm leicht.Man könnte über soviel Vaterverehrung lächeln oder tiefschürfend reden. Und die Wolf hält sich tapfer ihr Damenkränzchen. da ist man in Hosen und mit Krawatte grad noch geduldeter Gast. kommt da nicht viel. der Meinung... einige Verse aus dem Band »Die gestundete Zeit« zu zitieren. der Altbau renoviert wurde und eine namhafte österreichische Dichterin in einer ausgebauten Etage Wohnung nahm. dabei der inzwischen komfortablen Grunewaldvilla Bedeutung anzudichten und mit dem Wunsch »Hätte mit der Bachmann gerne ein Stündchen und länger zwischen Vaters Karnickelställen geplaudert . das Haus der Ministerien befindet sich ohnehin in letaler Phase. ins Bild des Vaters und Hausmeisters die spätere Mieterin zu schummeln. die dem Archiv vertraut war: »Habe ja keine Kollegen. beide miteinander zu verquicken. daß ein Bummel zum Kollwitzplatz und ein anschließender Café noir vorm Bistro in der Husemannstraße. aber daß Hunderte solcher Blaustrümpfe wie Ludovica Hesekiel mit Sechser-Moral und Dreier-Patriotismus unsere Literatur besorgen. zumal Fonty sogar der Kriegsruine am Hasensprung 35 eine gewisse Unsterblichkeit zugesprochen hat. Doktor Zöberlein sprach von »starken Selbstheilkräften« und riet zu normalen Gewohnheiten: »Aber übertreiben wollen wir nicht. à Elle drei Mark. aber seitdem Keller und Storm tot sind welche Dürftigkeit. Wuttke . wo man bei stabil sommerlichem Wetter gut draußen sitzen könne.. wenn auch nur für bemessene Zeit. Dennoch war ihm der alles in allem unglückliche Berlinaufenthalt der Lyrikerin Ingeborg Bachmann Anlaß genug.

auch erwachsene Konvertiten. die du dem Grundmann versprochen hast.. wolle er die gewohnten fünfeinhalb Schritt auf dem Teppich bleiben und wenn schon mit lauter Rede unterwegs. weil die sich ändert. Warum? Na. Monate vorm Fall der Mauer. war nicht mehr zu rechnen. Bist du ihr schuldig als Brautvater. und weil's ne Menge Leute gibt. die sich für nen Vortrag nach Ihrer Mache drängeln würden. so auch in Neuruppin. Mit Peinlichkeiten. Sie riß die Tür von der Küche zur Studierstube auf und zeterte: »Mach nen Punkt. wo ihr ein Priester die Glaubenssätze der ihr neuen Lehre beigebracht hatte. Wuttke! Du mußt dich endlich um Martha kümmern und die paar Sachen regeln. Das war Heinz-Martin Grundmanns Wunsch. Quelle dieser eher Kindern verordneten Exerzitien war der Katechismus gewesen. sonst sagt sie die Hochzeit ab .« Fonty zögerte. Müssen unbedingt die Lage sondieren. Alle Einladungen waren ausgesprochen. die ständig aufs Solide pochten und den Familienfrieden brachen. Bevor Spaziergänge wieder alltäglich und abermals Vorträge. Weil das Aufgebot schon seit Wochen aushing. Man steht nur rum und fängt sich allenfalls eine Grippe ein. Also mach endlich. Also lief er in seiner Filzkutte Zeile nach Zeile ab. indem sie ihn einklagten? Fonty stand unter Druck.. Er schrieb so schnell. Ihm war nicht nach Öffentlichkeit. verlockend sein dürften.« Er müsse sich noch eine Weile bedenken. genauer gesagt. Weil ein rechtgläubiger Trauzeuge fehlte und Grundmann an Marthas nachbarlicher Jugendfreundin Inge Scherwinski keinen Gefallen finden konnte. daß sein Bleistift kaum Muße für Unterlängen fand und seine Kritzelschrift selbst für Emmi unleserlich wurde. « Wir bestätigen den Anlaß für Emmis Sorge. Und hier wie da hing der Haussegen schief. täglich. freiweg vom Stehpult. niemand wird ungeprüft aufgenommen. Das lag an den Vätern und deren Unruhe. doch müssen alle. erinnerte sich . war der Eheschließung ein Termin gesetzt. ihre Glaubensleere aufzufüllen und die Religion ihres zukünftigen Mannes anzunehmen. Er scheute die Welt außerhalb seiner Studierstube: »Bin gegen Gesellschaftliches. durch diese Waschanlage. doch nicht Bedingung gewesen. die sich aus der kirchlichen Trauung hätten ergeben können. und zwar demnächst. Aus Münster kamen dringliche Briefe. In Swinemünde stand abermals Weihnachten bevor. denn bereits im Vorjahr. oder lag es an den Müttern. Deshalb war Martha wochenlang zur Hedwigskirche gelaufen. sogar die an Professor Freundlich und Frau. hatte Martha den Entschluß gefaßt. dann über diese Distanz die »Kinderjahre« zu Ende bringen. dann Telegramme.treffen.

schon dich. Nun hatte es doch noch geklappt.einer von uns an seine katholische Herkunft. Für den ist nur wirklich. denn wer will sowas noch hören? Gibt es ja nich mehr. brabbelt dabei. der macht trotzdem weiter. schreibt was. setzt sich. War ja all die Jahre so. den langen Tisch reservieren und das festliche Menü auswählen müssen. die ihm angeratenen Spaziergänge auf der rotchinesischen Teppichbrücke abzulaufen. war ihm lästig. Wenngleich wir uns sagten: »Vorsicht vor Übereifer« und uns bekannt war. Als wenn das nich Zeit hätt bis nacher Hochzeit. der er mehr aus Trotz denn aus Glaubensstärke nie abgeschworen hatte. vor dem er als Knirps schon gestanden und geguckt hat. was raus will. diesmal sogar über sich. Aber der Brautvater kümmerte sich zu wenig. muß raus. wenn er hat liefern gemußt. diese Gefälligkeit war das Archiv den Wuttkes schuldig. Er hielt sich abseits und spitzte seine Bleistifte immer wieder neu an. weil ihm sein Vater vor dem verflixten Denkmal immerzu eingebleut hat: >Der da. rennt wieder und schreibt und schreibt. Diesmal nich nur über sein Einundalles. Aber diesmal kritzelt er einfach ins Blaue nur. Kulturbund und so. Wir mußten in der Küche oder im Poggenpuhlschen Salon warten und wie auf Abruf sitzen. laß man gut sein. was er sich ausdenkt. kein Ende finden. daß da der olle Mann sitzt. dessen Tochter bat mich. der eigentlich dem Genesenden gelten sollte. nee. als Enddreißigerin einen Mann zu bekommen. Emilie. nur mit dem Brautvater war nicht zu rechnen. und konnte. Der kann mal wieder nich aufhören mit seinem Gekritzel. Kaum is er bißchen gesund. sagte sie: »Auf den können wir lange noch warten. Selbst unser Besuch. was die »Kinderjahre« betraf. Also hab ich getippt und getippt. Das durfte die Braut von ihm erwarten. Nach der vor Jahren mißlich gelösten Verlobung mit einem Oberleutnant der Volksarmee hatte sie kaum noch zu hoffen gewagt. Kaum isser aussein Bett raus. muß ja nich alles gleich und sofort aufs Papier. Aber das wissen Sie ja besser. willigte ich ein. der ist unsterblich. Da kann links und rechts die Welt untergehn. weil ja beide aus diesem Nest kommen. für sie zeugend vor den Altar zu treten. Alles futsch und vorbei! Nur nich für meinen Wuttke. wenn er von seinem Einundalles redet. Weil er nicht kam oder uns rief. daß er. Er hätte schon längst eine Gaststätte für das Hochzeitsessen bestimmen. Ohne daß wir viel fragten. tröstete uns Emmi über die Zeit hinweg. übernimmt er sich gleich. Aber wenn ich zu meinem Wuttke sag. sagt er. der bleibt bis in alle Ewigkeit. Fonty bestand darauf. rennt er hin und her.< So fing das an. Nicht etwa Fonty. sich . Oft saßen wir eine geschlagene Stunde und länger. daß vormalige Kommunisten als frischgebackene Katholiken gerne ihr altgedientes Glaubenswerkzeug mit sich führen.

nämlich als weiser Eremit. Konnt einem leid tun die arme Frau. Gundelchen da. eigentlich nur ein verbummelter Apotheker gewesen is. alle beide nich. manchmal auch zwei frisch geschlachtet und abgezogen. Gab ja rein gar nischt. in dem der Alte hauste. der muß och son Schönredner gewesen sein. Weil aber der Vater von seinem Einundalles. Ein Spukschloß ist nix dagegen. Gott. bevor die Mauer kam. wie mein Wuttke das nennt. weshalb ich dem Alten hätt dankbar sein müssen. Richtig wien Kavalier konnt der sein. Und genauso der Vater von seinem Einundalles. den seine böse Frau. und unten konnt man die Schwindsucht kriegen. Da kann ich nur lachen drüber. so feucht. Hab ihn ja oft genug besucht. die natürlich Emilie heißt. Aber der Garten tipptopp. der andre mit ner bloßen Dachlatte. Roch richtig nach Schimmel und war nich sauber zu kriegen. die sich in Swinemünde rumkloppen. Steht bei dem was über Prügeleien mit Straßenbengels geschrieben.diese ewige Knapserei. kaum bißchen Gemüse. Hat uns Salatgurken und Blumenkohl mitgegeben und jedesmal ein Karnickel. bekam der andre. so ne kleine pummelige. die nie nen Mucks gesagt oder sich groß beklagt hat. Oben vom Krieg noch ausgebrannt alles.aber das wissen Sie ja . muß er ihn rausstreichen. Der eine mit nein Holzschwert. Gundula hieß sie. einfach vor die Tür gesetzt hat. Denn reden konnt der. als wenn er alles nachplappern muß. Aber der Kasten. Ziemlich wirr alles. Waren aber überall Bilder drauf. weil bei uns . War bestimmt Schwamm inne Dielen. will er sich in Neuruppin och mit paar Rowdys rumgekloppt haben. Und immer wieder diese Väter! Ich kann Ihnen sagen: Hatte der eine Spielschulden. Und wie sich die Jungs versteckt haben. der andre im Kohlenkeller hinter Packen von Papier. daß dem seine Emilie genauso schlecht wegkommt wie die arme Luise von deinem . seit er arbeitslos war. wo sie keiner hat finden gekonnt: der eine auffem Dachboden. der sich ja immerhin ein richtiges Denkmal zusammengeschrieben hat. Und die Betten klamm. selbst im Sommer. mit ihr war der Alte ja freundlich: Gundelchen hier. Weltverbesserung und so. der sich von der schlimmen Welt in ein naßkaltes Kellerloch zurückgezogen hat. besonders mit Fräuleins. Der und seine Karnickel! Kann Ihnen sagen: Vornehme Villengegend war das mal. das er auf Weihnacht bekommen hat. die alle Ausschuß waren oder Makulatur. sah wirklich schlimm aus. bloß bißchen verdruckt alle. weil wir bei uns sowas nich kriegten. Immer seine Sozisprüche gekloppt. die sich der Alte angelacht hatte. Nur ihre Frauen haben nischt zu lachen gehabt.immer irgendwie reinmogelt. nich mehr die Flasche vom Hals. wie mein Wuttke och manchmal. und zwar als gütigen Papa. Wenn ich aber zu meinem Wuttke sag: >Also das geht nich. Lief die Wände runter. Und genauso steht nun der Vater von meinem Wuttke ziemlich aufgeplustert da.

klebt nicht an der Oberfläche. gab aber dennoch .Papa.. warst du schuld. da fragt keiner nach. Wuttke<. Aber daß dein Vater davon ne kaputte Leber gekriegt hat. Immer nur deine Emilien. nach der keiner fragt. nich auf fein Taufschein Emilie eingetragen gehabt hätt. < Aber Sie wissen ja. die immer nur tippen muß. Das steckt tiefer drin. den er ja doch nich halten wird können. Doch was bei mir drinsteckt. Doch wenn was passiert. nur immer an dein Einundalles . och wenn es ne Bruchbude is. Kenn ja das meiste. damit unsre Martha nich rumhängt und sich verkriecht in ihr Zimmer.. nur viel mehr noch: all die Kriegsschmöker und Romane und obendrein diese Wanderungen. Aber mein Wuttke sagt immer: >Das ist das Besondre.. die och nu schon lange unter der Erde is.. daß sie katholisch is nu. Man muß aufhören. och wenn du dagegen bist. Ehebruch oder son richtiges Duell mit Pistolen. Zuviel Gerede und jedes Schloß klitzeklein beschrieben.. Martha Wuttke. erst als Kandidat und dann richtig. >weil du unten durch warst bei den Bonzen da oben. hab ich gesagt. und zwar ein heimlicher. Was haben die aushalten gemußt und beide ihre Last gehabt. Emilie. < Dann sagt mein Wuttke: >Laß man.. weiß ich schon lang. Aber das is nu vorbei alles... gefällt mir aber nich. Außerdem gibt es uns noch. weil er hat unbedingt Flieger werden gewollt. besonders für dich. wie liebenswert alle beide . davon steht bei dir kein Sterbenswörtchen geschrieben. nur immer wie gütig. Die Kunst des Weglassens .< Mir paßt das ja och nich. die für Fonty Mete hieß und bald nach ihrem Ehemann heißen sollte.. daß die andre genau wie ich alles hat abschreiben gemußt. < Na schön! Aber dann hätt er sich selber ein Beispiel nehmen sollen bei seinem Vortrag. wär ich dir schnuppe gewesen womöglich . alle. Was wirklich ist. Ich sag Ihnen: Das is genau wie damals. der eigentlich ein Säufer war. weil sie in Hamburg bei deiner Schwester. war zwar von ihrer Spielart der Nervenschwäche genesen. Kümmer dich endlich um deine Tochter. und es spannend wird. Lauter Emilien.. >Aufgeopfert hat sie sich für uns. wie weise. Deshalb drängel ich immerzu: >Nu is genug. das verstehst du nicht.< Und ich sag denn: >Weiß ich. was ja das Schlimmste war. Und unser Georg. wenn genug is. weil kein Kulturbund mehr da is und zahlt. weil du kein bißchen an ihre Hochzeit denkst. inne Wehrmacht drüben. haben die gesagt. Kümmer dich endlich. als unsere Martha freiwillig inne Partei reingegangen is. Als unsre Jungs alle im Westen geblieben sind.. Und wenn deine Emmi. die eine mit dem ewigen Schuldenmacher und Pumpgenie und die andere mit dem Großkotz.. was die Schlimmsten sind. hört er auf oder macht nen neuen Abschnitt mit Spaziergänge und schon wieder Gerede. wo sie vor sich hin heult.

wie ich bei der FDJ . nur noch manchmal. Dabei würd ihm Grundmann das abnehmen und selber nen Tisch bestellen. In der Villa rumsitzen. Diesmal trau ich mich. weil ich nicht mehr dahintersteh. Grundmann hat wieder geschrieben und drängelt. der gut ist. lupenrein Parteilosen Direktor. besonders mit mir.. um es von dort. Darüber sprach sie mit uns vom Archiv. Und ob ich in Schwerin noch mal irgendwas anfang. kein Unterricht in elementarer Mathematik.< Genau! Warum nicht im Westen? Ich hab da nix gegen... ob ich schuld bin. ich soll seine Bauherren betreuen. als Trauzeuge einzuspringen: »Im Prinzip wollt ich schon längst mit der Schule aufhören.. genau. die viel zu groß ist. Diesmal spring ich nicht ab wie damals bei Zwoldrak. Nichts konnte sie ablenken. die Investoren. Außerdem hielten die Sommerferien an. Er sagt. Eigentlich hätte sie. Nee! Eigentlich ist mir überhaupt nicht nach Heiraten. weil ich rechnen kann? Aber nur Hausfrau sein paßt mir noch weniger. einem Lehrfach. weil ich nicht rechtzeitig Klartext mit ihm geredet hab. genau wie Mama. dessen Glaubensferne nur zweifelsfreie Beurteilungen. hört Vater weg. wenn es auf Pfingsten. doch auch in dieser Frage erlebten wir Martha Wuttke unschlüssig. weil ich so lang allein . Du mußt dich um die Hochzeit kümmern. hat er extra aufgeschrieben für dich. kein Ärger mit dem neuen.abgesehen vom häufigen Krankfeiern zuverlässige Lehrerin. indem sie ihr Leid aus der Küche in ihr ältlich verwohntes Jungmädchenzimmer schleppte. der bevorstehenden Hochzeit wegen. bei nein Italiener.. und jedenfalls ne Perspektive brauch. Im Prinzip will ich schon und hab paarmal zu Vater gesagt: >Diesmal wird's ernst.zu Hause den Trauerkloß ab. Natürlich frag ich mich manchmal. und warten . wenn er wie taub ist. weil immer wieder von grundsätzlichen Zweifeln befallen. na. und zwar im Westen drüben. die nicht rechtzeitig die Partei verlassen hatten: Gezänk im Lehrerzimmer. Am Ku'damm neben der Schaubühne soll es einen geben. nicht geheißen hätt: >Das Hochzeitsessen ist meine Sache!< Doch wenn ich das antipp. kündigen müssen. Sagt nur ja ja und ist in Gedanken schon wieder woanders.. Weiß noch genau. Sie galt als tüchtige und . hatte allerdings Probleme mit Kollegen und mehr noch mit Kolleginnen. auch wenn Grundmann meint. Geht nicht ohne . richtig oder falsch zuließ. ich kann mich da unten betätigen. daß wir in der Hedwigskirche vorm Altar und daß ich keine Zweifel mehr. Bloß. vielleicht. Er will. daß du einen Tisch für zwölf Personen bestellst. Mach mir da nix vor. aber Vater kümmert sich nicht. nachdem ich versprochen hatte. da bin ich mir gar nicht sicher. war weder beliebt noch gefürchtet. wieder in die Küche zu tragen.. wo neuerdings Photos und Andenken aus FDJ-Zeiten zur Seite geräumt waren und ein zum Hausaltar dekoriertes Tischchen um Andacht warb.. als er kurz hier war.

. >Ob Kommunismus oder Katholizismus. Fonty? Wir leben nun mal in ner Wendezeit . Aber gepaßt hat ihm mein Übertritt bestimmt nicht. Genau. weil er auf einmal schreiben. Mete!< hat er gesagt. « . Aber katholisch? Das will ihm nicht einleuchten. Was wollen Sie eigentlich.. die Hedwigskirche. Falsch war bloß.. klar.. Jedenfalls hat er das krummgenommen und sowas wie Bäumchenwechseldich gemurmelt.. >Na endlich!< gesagt hat. Aber sich kümmern. meinen Glauben zuerst an Lenin und später an Marxengels verloren hab. sondern geglaubt hab: >Damit du in der Welt dich nicht irrst .. Nix mehr mit Nervenpleite. nix dagegen gehabt hat. Gekränkt hat mich nur. kam aber nur bis Bahnhof Zoo.. < Denn im Prinzip ist er die Toleranz in Person.. Genau! Und daß katholisch geheiratet werden soll . daß ich ihm nix vom Katechismusunterricht und dem Priester von Sankt Hedwig gesagt hab oder zu spät erst. war Anfang der Achtziger . wenn seine einzige Tochter. >Ist doch ein hübscher Kuppelbau.nicht nur gesungen. < Dann ist er mir mit dieser Schnulze >Graf Petöfy< gekommen. auch wenn wir alle auffem Papier nur lutherisch sind oder noch weniger und Vater. richtig gesund ist er davon geworden. auch wenn er zu mir voriges Jahr im März. weil da ja auch konvertiert wird. das will er noch immer nicht im Prinzip . < Das hat der gesagt. als noch das alte System war und ich raus bin aus der Partei. sich richtig um meine Hochzeit kümmern. Und vielleicht hat Vater deshalb Knall auf Fall weggewollt. hat er mir hier in der Küche ganz freundlich nen kleinen Vortrag gehalten.. < Aber das ist bestimmt nicht einfach für Vater.davor war ich drei Jahr lang nur Kandidat -. mit paar Spitzen drin: >Sei's drum. Am liebsten wär ihm natürlich ne reformierte Hochzeit im Französischen Dom.. >Besser gar nix als alles glauben!< hat er gerufen und dann noch eins draufgesetzt: >Nach welchem Wechselkurs tauscht man heutzutage die Überzeugung?< Erst als ich ihm lang und breit erklärt hab.. denn kurz bevor er abgedampft ist.. Richtig beleidigt ist er gewesen. Doch im Prinzip muß er sich an den Gedanken gewöhnt haben... daß ich schon bald nachem Eintritt in die Partei. wie früher schreiben gekonnt hat. daß ausgerechnet dieser Stoppelkopp für mich geredet hat. als ich zusammen mit meiner Freundin Inge zur Jugendweihe gewollt hab. als es Vater schon besser ging. genau. Richtung Schottland natürlich. hat Vater kurz >Meinen Segen hast du!< gesagt und dann noch gemurmelt: >Jeder nach seiner Fasson . fängt beides mit K an und hält sich partout für unfehlbar .

so sehr das in Mode ist. als es um die Bezuschussung ging. sondern dürfen sogar abkassieren. Und ob bei unserer Mete diese Weihwasserkur anschlägt. Für Grundmann und Konsorten bleiben wir Ostelbier. Sie sind gefragt. was ja stimmt. selbstverständlich vor Publikum. kippt Bismarck. Jedenfalls sollten Sie besser als ich wissen. Na Fonty. sollen all die hübschen Bleistifte als destruktives Westprodukt beschlagnahmt werden? Na also! Hab übrigens gute Nachricht. von noch früher zu hören kriegen. dann ist das meine Sache. aber erstens sei er zu alt und obendrein Witwer. Jedenfalls ist es mir gelungen. wie wir wissen. kaum war er gesund. Nicht nur in Swinemünde. Dem haben. wie Fonty sich verweigert hat. was sagen wir jetzt? Nun sind Sie bei all der Schreiberei nicht nur gesund geworden. vortragen können. und ich hatte ein Wörtchen mitzureden. heidnische Protestanten.« Er wäre wohl so verbockt geblieben.Wir haben miterlebt.« Hinzu kam. Und selbst wenn seine Firma. wie beim großen Vorbild. jetzt schon ne runde Summe lockerzumachen: Werkhonorar! Wird übrigens von drüben subventioniert der Laden. wo die Leute immer auf Klatsch aus und neugierig waren. Die ist ihm. hat er von uns keinen Schimmer. hätte ihn sein Tagundnachtschatten nicht aus der Studierstube getrieben: »Nun machen Sie mal nen Punkt. Fing achtundachtzig mit dem Dreikaiserjahr an. Haben die Nase gestrichen voll von dem. Sind ganz wild drauf. Das Ganze zahlt sich aus. daß der Unsterbliche an den Erinnerungen fast so viel verdient hat wie an seiner berühmten Effi. Da hilft kein Konvertieren. Ketzer im Grunde. die >Kinderjahre< nen ersten wirklichen Verkaufserfolg gebracht. zweitens komme dieser Herr Neunmalklug aus dem Westen: »Die ticken doch ganz anders als wir. Waren aufregende Zeiten. daß dem Brautvater der Bräutigam nicht gefiel. Fonty! Oder soll etwa mein kleines Geschenk. schlug er aus: »Wenn überhaupt. daß Sie Ihre >Kinderjahre< in der alten Schultheiß-Brauerei. Beste Aussicht besteht. Zwar lasse sich mit Grundmann halbwegs amüsant plaudern. Wollen unbedingt was von früher. was grad läuft. Selbst mein Angebot. wie nix von der Hand gegangen. die jetzt >Kulturbrauerei< heißt. Das Büchlein ging wie warme Semmeln weg. ihm jegliche Lauferei zu ersparen und ganz nach seinem Wunsch einen Hochzeitstisch zu bestellen. in Bulgarien Hotelbauten hochgezogen hat und ihm unsere Mete am Schwarzen Meer über den Weg gelaufen ist. Wie schnell sich doch die Lage ändert. von der ich jetzt schon und drittens behaupte. wage ich zu bezweifeln. Wurde danach immer toller: Kaum sind die Sozialistengesetze weg. daß sie nach Pleite riecht. die jungen Leute. .

Selbst der junge Kaiser spielte verrückt. das . Half nix. Lobe-Theater. damit die Arbeiter nicht . und fand dann. Hatten alle Hände voll zu tun. Mantel der Geschichte! hat neulich der Kanzler von drüben gesagt. Doch nun wird nicht mehr gefackelt. das nimmt sich nix. Fonty. Schließlich ganz groß im Deutschen Theater mit Liebknecht und weiteren Sozis im Publikum. in Breslau. So ist der Mensch! Immer Kleidersorgen! Deshalb sollten Sie Ihrer Tochter den Auftritt im neuesten Glaubensgewand nicht verübeln. weil die Ordnung wieder mal grundsätzlich . wie die Rede von nein Fabrikanten. Kenne ja ihre Kaderakte. Immerzu Zweifel . diesen Kostümwechsel auf offener Bühne. Kennen wir doch. Ob mit oder ohne Weihwasser: Die Hochzeit steht vor der Tür!« Keine Ausrede half: Es war soweit. und in Hannover. aber nur vereinsintern erlaubt. der übliche Hemdentausch. Trotzdem kamen >Die Weber< zur Aufführung: Erst waren sie hier am Schiffbauerdamm. lauter Illusionen und massive Großsprecherei. Von wegen neues Kapitel aufschlagen. einen langen Schlußabsatz breit zum in Bronze gegossenen Denkmal. von der Dresdner zur Kreuzzeitung und aus deren Spalten zur Vossischen gewechselt sind oder ob Ihr Fräulein Tochter Rot gegen Schwarz tauscht. war dann auf die abgebrochene und die linear fortgesetzte Gymnasialzeit gekommen. Daß ich nicht lache! Bißchen Wendezeit. der Herr. Lief als Renner das Stück.. wie heute... daß Ihre Mete allenfalls ne Katholikin mit Abstrichen sein wird. Und der Herr von Platz 23 schrieb im >Salon-Feuilleton< begeistert wie ein Jungrevolutionär. >Führ Euch herrlichen Zeiten entgegen<.. Er hatte noch einmal.. das ist alles.. Na. Ob Sie sich dazumal vom Revoluzzer zu Manteuffels Agent gemausert haben und als Skribifax von einem Journal zum anderen. Wir pausenlos im Dienst. nachdem er die Friedrichswerdersche Gewerbeschule als eher lästiges Pensum abgehakt hatte.. Wird sich noch wundern. wie sie als Betschwester des Marxismus-Lenimmus nur mäßig gläubig gewesen ist. um Zeit zu gewinnen. um von beiden Zufluchten aus die »existentielle Notwendigkeit des kindlichen Verstecks« zu beschwören. dann in Paris. obgleich wir die Preise auf dem obersten Rang verdoppelt hatten..Unruhige Jahre. hieß Dreißiger. Soziale Anklage! Schlesisches Elend! Hab noch im Ohr. wobei er den einen und den anderen Schuldirektor im Rahmen eines Doppelportraits vorstellte. Dem schlägt eine historische Stunde nach der anderen. Außerdem sind wir sicher. und die Sozis immer frecher. die Verstecke der Kinderjahre im Swinemünder Dachgebälk und in der gespenstisch von einem Talglicht erhellten Schwärze des Neuruppiner Kohlenkellers ausfindig gemacht. ausgelacht wurde.

Mit seinem Tagundnachtschatten kam sich Fonty wie ausgestellt vor. Man bestaunte die von der 750 Jahrfeier Berlins gebliebene Vorspiegelung. nicht unbedingt für Schwarzröcke. das er als Fluchtreserve wertete. griff dann nach Hut und Stock. als er. Fonty gehörte wieder der Welt an. doch durfte er anfangs nur in Begleitung ausgehen.mehr dem ruhenden und ins märkische Land schauenden Wanderer als dem Romanautor gewidmet wurde. mit dem Geständnis: »So bin ich seit frühesten Kinderjahren ganz eins mit ihm. in der immer noch neu anmutenden Währung bar auf die Hand ausgezahlt wurde. aber für Weihrauch und Kerzenschimmer schon und für die Gottesmutter sowieso. um sich und andere zu täuschen. Fonty sah sich vor. zur Dresdner Bank in die Dimitroffstraße zu tragen. der als metallener Guß in Neuruppin auf der Steinbank sitzt. Häuserfassaden wie aus dem Bilderbuch. Im Verlauf der anfangs entspannten Plauderei sagte er zu Hoftaller: »Bleibe dabei: Französischer Dom ist besser als Hedwigskirche. als es am 8. will ich mir was einfallen lassen. Mal beschattete ihn die Bronze. Kulissen. vom »heiligen Schauer«. an der Hand des Vaters. die errichtet wurden. Was wäre aus Effi ohne die vom finstersten . fünfhundert Mark. Aber wenn es denn unbedingt katholisch über die Bühne muß. sondern den seiner Genesung abgezweigten Gewinn in das Hochzeitsessen zu stecken. Als ihm das versprochene Werkhonorar. Draußen wartete auf ihn mit trockener Hitze der August. Er schloß seine Erinnerungen.Hoftaller ein Schultheiß. den er verspürte. Sein Bleistift schrieb von allerfrühesten Begegnungen mit der Unsterblichkeit. Juni 1907 mit viel Trara. Lobreden und Deklamationen zur festlichen Einweihung kam. Hab ja ein Faible. hinter dem Denkmal stehen und um das Denkmal herumlaufen. denen mittlerweile ein Honorar sicher und ein Vortragspult versprochen war. Nach dreimaligem Umrunden des Kollwitzplatzes fand das Gespräch mit Hoftaller unter einem Sonnenschirm statt. Sie saßen in der Husemannstraße vor dem seit Mitte der achtziger Jahre mitsamt der Straßenfront restaurierten »Café Bistro« und tranken . mal fiel sein Schatten auf den steinernen Sockel. auf die »ewigen Werte der Dichtkunst« eingeschworen wurde. Alteingesessene ließen sich hier kaum blicken.« Danach gönnte er sich nur noch ein kurzes Auf und Ab über die Teppichbrücke. die runde Summe nicht wie sein Restvermögen. Fonty ein Glas Medoc. beschloß er. Manchmal streunten westliche Touristen vorbei.

Bedauerlich nur. .. meiner in Beichtstühlen erfahrenen Prägung Beachtung zu schenken . Verdanke der katholischen Kirche ne Menge. ne gewisse Hemmung hatte. Sind nicht sogar Sie.. die sich für hartgesotten hält. der ja sonst alles offengelegt hat. dieses Gefühl. « »Furchtbar richtig!« rief Fonty. Hoftaller. Sie wissen schon . Und mit nem Trick wie dem Beichtgeheimnis kann man sogar ne Sorte redselig machen. in Gedanken. doch die Sünden. unsere Sünden bleiben sich treu . daß mein Biograph.. sozusagen taufrisch zu sein. Die Kirche weiß. dabei ständig rumsende Musik als störend. « »Späte Einsichten!« »Aber Hand aufs Herz. wenn ich mich recht bedenke. dann aber mit Bekennerfreude ein. die auf ne subtile Weise die Zunge lösen. von der päpstlichen Fraktion. Die Kirche ist immer da. dann hemmungslose Offenlegen des Innersten. machte ein Kaplansgesicht.na. »Auch ich hätte beizeiten das katholische Unterfutter Ihrer ansonsten weltlichen Firma erkennen müssen . als alle. neugeboren. das Ohr des Priesters und den reuigen Mund: Ja. wir alle sitzen lebenslänglich im Beichtstuhl?« »Konfession spielt dabei nur ne geringe Rolle. praktizieren Sie immer noch?« »Irgendwie hört das nie auf. Zwar hat Ihr Fräulein Tochter den Glauben gewechselt. Wie ne Dusche ist das. erst ne heiße. ich habe gesündigt . und hat tausend Techniken entwickelt. selbst Briest samt Frau. Ach. empfand er die neuerdings installierten Spielautomaten und die aus jeder Ecke den Schankraum beschallende. dieses Geflüster beiderseits des hölzernen Gitters..dieser Polizeirat Reiff aus >L'Adultera<?« Fonty genoß seinen Winkelzug um drei Ecken.. dann ne kalte . von ihr abfielen? Auf das Katholische ist wie auf die Hölle Verlaß. Tallhover. « Tags drauf war Fonty allein unterwegs. etwa Schweinshaxe und Schlachteplatte oder Kohlroulade. doch nicht als Stammlokal vertraut war.. nur die auf der Speisekarte angebotenen Gerichte. Worten und Werken .« »Sie meinen.. daß er seine frühesten Berufserfahrungen in Beichtstühlen gesammelt habe. Er zündete eine seiner Kubanischen an. die ihm von früher. wie .. In ihrem Arm singen alle. die treu zu ihr hielt.. Anfangs besuchte er die Kneipe »Keglerheim« in der Lychener Straße. glänzte wie gesalbt und erinnerte sich. und dann endlich die Absolution. Und Hoftaller räumte zuerst verlegen.. was im Menschen drinsteckt.. dieses erst zögerliche. Als er mit kleinem Bier an der Theke stand.Glauben geschlagene Magd Roswitha geworden. nun schon genüßlich: »Wird man nicht los.. Sollte Ihnen einleuchten.

doch für ein Hochzeitsessen waren diese Berliner Spezialitäten kaum geeignet. die neuerdings als Kulturbrauerei in Betrieb war und mit täglich aufgefrischtem Spektakel Publikum fand.. »bis nache Einheit und innen Oktober rein« ausgebucht seien. In diesem Quartier war er als Fonty bekannt.. Verrat ging ein und aus. und noch ein Spitzel. Hier hatte sich in diversen Lokalen die Szene mehr selbstbezogen als konspirativ versammelt. Über die Senefelder kam er zur rechts abzweigenden Stubbenkammerstraße. daß beide Kegelbahnen noch immer in Betrieb und. da verging Zeit. und wie Wechselgeld blieb Verdacht im Umlauf. doch auf dem Prenzlberg schon. trank aber dann doch noch einen Nordhäuser Korn zum letzten Bierschluck und prostete sich dabei zu: Nein. da haben sich immer wieder. die Gaststätte »Offenbach-Stuben«. der noch ungebrochenen Machtfülle der führenden Genossen die private Einrichtung eines . Sein Viertel. auf Abruf. erkannte Nante den Eckensteher. Er legte sich Zitate zurecht.und Bauern-Staates gelungen war. wie der Wirt sagte. kannte. Hier waren Gedichte geheckt und wie Kassiber gehandelt worden. Dann las er die Glaubenssatzung aller Kegelbrüder in Form geschwungener Inschrift . Und schon jetzt galten Lokale.sagten ihm zu.»Gut Holz und alle Neune!« -. desgleichen die noch nicht verwestlichten Preise. dem es zu Zeiten des Arbeiter. « -. Hier war der Mief besonders dicht und von Heimlichkeiten gesättigt. wollte nichts vergangen sein. hier soll Mete nicht ihre späte Hochzeit feiern müssen. sogar die Straßenkinder riefen ihm nach. vergewisserte sich durch Nachfrage. doch für Fonty. die seinem Spott auf alles Berlinische zupaß kamen . jedes Stück Fleisch schmeckt nach Kellermuff. der hier zu Hause war. Talente trugen auf beiden Schultern. In einem Stadtteil wie diesem war jeder des anderen Informant und keiner unbeschattet gewesen. und dabei der unerträglichste Dünkel . die gestern noch den ungebundenen Genies als Umschlagplätze gedient hatten. desgleichen den Wirt. als historischer Ort: Da war doch mal was. Wir verdanken das weitaus am meisten dem Asphalt und den Pferdebahnen«. sondern alles gegenwärtig. darüber ist Zeit vergangen. da soll ein Spitzel. Zum Wirt des Keglerheims sagte er: »Berlin hat sich kolossal verändert. den Leierkastenmann. Von hier aus war es nah zum verschachtelten und mit Zinnen und Türmchen gekrönten Backsteingemäuer der alten Schultheiß-Brauerei. Er ließ den Blick wandern. der als hochbegabt gehandelt wurde. verweilte bei den über der Thekenwand angepappten Lokalgrößen. wo er ein Ecklokal. da soll sogar. denn da trafen sich.>Jede Semmel ist pappig. dem der Mund überging. die Harfenjule und Zille in seinem Milljöh. dann zahlte er und ging. und kein Buchbinder kann ein Buch hübsch einbinden.

mittags. Bühnenkünstler der Komischen Oper und vom MetropolTheater sollen behilflich gewesen sein. Desgleichen hat er zu Zeiten der Arbeiter. daß Ende der fünfziger Jahre »Hoffmanns Erzählungen« und später im Metropol »Die schöne Helena« sowie »Die keusche Susanne« zur Aufführung gekommen waren. Der Wirt klagte ein wenig über die neuerdings sprunghaft steigende Miete und über das Ausbleiben vormals zahlungskräftiger Stammgäste. als es darum ging. Fonty genehmigte sich an der Theke einen Calvados und gab die Wortspiele eines altgedienten Kellners witzig zurück. Geigen -bestand. so genannt zu werden. Fonty erinnerte sich. So hingen denn überall Kostümentwürfe zu Offenbachs Opern an den Wänden. kam er auf »Metes Hochzeit«. Wenn er schon den Wunsch seines zukünftigen Schwiegersohns nach einem »guten Italiener« unterlief.. Er wollte sich nicht lumpen lassen. Das ist das gewöhnliche Schicksal solcher Sätze. September. summte er vor sich hin: »Als ich noch Prinz war von Arkadien . Und als nach dem Mauerbau seine drei Söhne im Westen blieben. Als er ging. durfte in Offenbachs Stuben an nichts gespart werden. « Mit dieser gerade noch rechtzeitigen Entscheidung praktischer Natur.. daß Fonty durchaus als Wuttke zu handeln verstand.Mandolinen. heißt das nicht.Junkerland in Bauernhand« -. hat aber die Zwangskollektivierung als »staatliches Bauernlegen« mißbilligt. Zugleich bestellte Fonty das Menü: drei Gänge. er habe andernorts. dessen Wandschmuck aus etlichen alten Instrumenten .und Bauern-Macht seine politische Meinung direkt als »Herr Wuttke« vertreten und die offizielle Parteilinie allenfalls als Fonty relativiert. etwa zu Felsensteins »Blaubart«-Inszenierung. die üblichen Schikanen der Behörden ein wenig zu mildern. indem er den Satz jung gefreit. traf . Auf die Frage »Was Neues in der Feder?« antwortete er: »Es ließe sich von jedem Tage ein Buch schreiben!« Und erst. Davon zehrten die Offenbach-Stuben. und zwar zum 5. soll noch einmal betont werden. So war er von Anfang an ein Befürworter der Bodenreform . vielmehr trat er besonders dort als Theo Wuttke auf und legte Wert darauf. denn gleich nach der kirchlichen Trauung sollten hier die Hochzeitsgäste mit dem Brautpaar als geschlossene Gesellschaft tafeln. etwa als Aktenbote im Haus der Ministerien. nur diese eine. Bratschen.Restaurants abzuhandeln. die nicht frei von Eigensinn war. ihm vorgeschriebene Rolle gespielt. Wenn wir ihn im Archiv ausschließlich als Fonty erlebten.« Wie nach plötzlich gefaßtem Entschluß reservierte er im sogenannten Musikzimmer. als der Wirt ihm auf Wunsch die Speisekarte vorlegte. einen Tisch für zwölf Personen. hat niemand gereut« einfach ins Gegenteil kehrte: »So ist es mindestens genauso richtig.

war 78 infolge eines Blinddarmdurchbruchs gestorben -. Doch gleich. Meinen Einwand »Sogar die katholische Kirche muß mit der Zeit gehen« hat er verlacht: »Der Papst hält es mit den Buchhändlern. der älteste. zuallererst als Familienvater verletzt. auf Wunsch des Bräutigams mal so. schnell anderen Göttern zu. Hauptsache. waren wir vom Archiv weit mehr beeindruckt als der Brautvater. wie das Publikum. mal so für Photos gruppiert und vor wechselnde Kulissen gestellt. daran konnte die Zusage des jüngsten Sohnes Friedel nichts ändern. immer kolossal überzeugt. Durch mich vertreten. ihm habe jener »sinnbetörende Hokuspokus« gefehlt. nach welcher Fasson geheiratet wird. wo sich die Hochzeitsgesellschaft bei bedecktem Himmel versammeln mußte. dann aber war er. fiel das Wort »Schummelpackung«.Georg. der in des Unsterblichen Roman »Graf Petöfy« bis in die letzte Zeile hinein spuke. als Fonty enttäuscht. und »ziemlich abgeduscht«. wie Fonty sagte. die wenden sich. Mit Mühe fanden sich vier Taxis. Gleich nach der Trauung begann er zu mäkeln. . ganz anders als seine Tochter.« 14 Marthas Hochzeit Beide gaben ihr Jawort deutlich. Anfangs schaute Fonty dem katholischen Zeremoniell in der Hedwigskirche noch neugierig als Theo Wuttke zu. und als er sich später bei Tisch richtig auskollerte. der sich wunder was von der Zeremonie in der Hedwigskirche versprochen hatte. meine Mete. nichts Lateinisches geboten wurde und alle früher üblichen Mysterien ausgespart blieben. wenngleich diese beim Konvertieren ohne Eile gewesen sei. das ja stimmt. die ohne Zögern zuerst der alleinseligmachenden Partei das Verlöbnis aufgekündigt und alsdann der alleinseligmachenden Kirche das Glaubensbekenntnis nachgesprochen habe: »Aber so ist sie nun mal. Später hat er bei Tisch gesagt. Deshalb hat ihn die Weigerung seines zweitältesten Sohnes Teddy . als kein Weihrauchfaß geschwenkt. bis sie von einem Regenschauer vertrieben wurden. wo die Madonna aus der Nische der nunmehr verwitweten Gräfin Franziska himmlischen Schutz verspreche. er werde auf keinen Fall zur Hochzeit seiner Schwester kommen. Alles lebt nur auf acht Tage hin!« Noch mehr Spitzen schoß Fonty auf dem Bebelplatz ab.ihn dieser Verlust mehr als Wuttke denn als Fonty. fand die Gesellschaft endlich zum Prenzlauer Berg in die Offenbach-Stuben.

wenngleich ihm schon in der Kirche und angesichts des »kolossal ausgenüchterten Katholizismus<~ nach längerer Rede gewesen war. hätte »Orpheus in der Unterwelt«. ihm den Orpheus auszureden und .die »Schöne Helena« zu empfehlen. sie sahen sich. sie hatte sich seit Schulzeiten einen der Sütterlinschrift abgewandelten Schriftzug bewahrt. mit einer eher koketten Entschuldigung »Ich kann gut plaudern.rosa gebratene Entenbrust mit Orangensoße. als er an sein Glas schlug und sich erhob. als beide noch in Sankt Hedwig familiär Seite an Seite saßen: »Dazu kann man nur schweigen oder eine Menge gepfefferten Unsinn reden. bei Tisch fällt mir sicher was Unpassendes ein. folglich gab ihm die äußerlich kroß gebratene. doch war es Emmi gelungen. und selbst Fonty packte ein Lob .. Die Braut.»Dank sei meiner allen Wechselfällen des Lebens trotzenden Emilie gesagt« . beleidigt zu sein. aber schlecht sprechen« . doch innen saftig gebliebene Entenbrust. « Doch war aus Jena rechtzeitig ein üppiges Blumenbukett geliefert worden. den er als Kind oder nur von Photos her kannte und der sich ohnehin vorgenommen hatte. befürchtete sie weitere Ausrutscher. Doch zartrosa muß nicht jüngferlich heißen.« Wenn es nach Fontys Wunsch gegangen wäre. Zu seinem Sohn Friedel. Na wartet.« Solche Einfälle machten Emmi besorgt.genügend Auslauf für Eskapaden . dessen kindlich korrekt gezogene Schleifen allen Gästen Eindruck machten.. Die Tischkärtchen waren Emmis eigenhändig umgesetzte Idee. sagte er.hausgebeizter Lachs mit Sahnemeerrettich . nämlich geschmorter Ochsenbraten in Zwetschgensoße mit Speckbohnen.in seine Tischrede.stehend und freiweg zu halten begann. sondern erst zwischen der Vorspeise . kaum saß die Gesellschaft. die er jedoch nicht sogleich. laut Telegramm und zu Fontys Bedauern. leider verhindert: »Unaufschiebbare Universitätstermine . dazu Gemüse und Kartoffelpuffer .als passend zum festlichen Anlaß . der die Freundlichs sonst kaum etwas recht machen konnten. Professor Freundlich und Frau hatten nicht kommen können. Und weil sie auf ihres Wuttke Reden noch nie mildernden Einfluß gehabt hatte.Dort wartete der für nur zehn Personen gedeckte Tisch. einige gewagte Anspielungen ein: »Schöne Helena paßt immer. Jemand rief: »Wie niedlich!«. Kaum war es dem Brautvater gelungen. was gemeint ist. an dem nach einigem Hin und Her alle mit Hilfe handgeschriebener Tischkärtchen ihren Platz fanden.und dem Hauptgericht namens »Schöne Helena« . das sogar Emmi Wuttke gefiel. als Hauptgericht serviert werden sollen. an denen sollte es nicht fehlen. unsere schon so lange zuwartende Schönheit. versteht.

Nun erst wurde der Titelheld des Romans.. wurde nun ganz und gar Fonty.. zumal Fonty mit seinem Hinweis auf des »abgelebten Grafen baldiges Ende« den katastrophalen Schluß des Romans ins Spiel brachte und diesen auch noch als »erzähltechnisch geschickt« lobte: »So gelingt es dem Autor. der das Auftragen des Hauptgerichts ein wenig verzögern wollte. die er eine »übrigens aus Swinemünde stammende Plaudertasche« nannte. der achtunddreißigjährigen Martha und dem sechsundfünfzigjährigen Bauunternehmer Grundmann. indem er eine seiner von uns bewunderten Volten schlug: »Aber was rede ich da! Altersunterschied muß nicht scheiden! Altersvorsprung ist immerhin Vorsprung! Oder wie schon der greise Petöfy als Lebemann und deshalb genüßlich spekulierte: Der Jugend Überschuß und schneller Verbrauch könne dem genügsamen Alter Wegzehrung sein.zu schaffen. indem er sein Romanpersonal musterte und nach nur kurzem Suchen der Hochzeitsgesellschaft die Schauspielerin Franziska Franz vorstellte.im Vergleich zu dem verlebten und alsbald abgelebten Grafen ungarischen Geblüts . Deshalb nochmals: Hauptsache. Kein Tröpfchen Blut fließt literarisch. der alte Graf Petöfy. dem das Leben sperrangelweit offenstand . die Tischgesellschaft und sich selbst aus der leichtfertig herbeigeplauderten und von Emmi befürchteten Schieflage. den nur vom Ergebnis her handlungsfördernden Pistolenschuß auszusparen. Alles Interesse darf sich der jungen Witwe und ihrem Seelenkummer hingeben .als wiederholt vollzogene Trauung abgefeiert: »Denn zuerst wurde in der Augustinerkirche. um die Anspielung auf den Altersunterschied zwischen den gerade Frischvermählten. « Man mußte nicht Kenner des heute vergessenen Romans sein. die sich in der Gumpendorfer Straße befindet.noch immer ein junges Ding. aber .. gewann dann ihrer neuen Perspektive einige Rückblicke ins finstere Mittelalter »inklusive Hexenverbrennungen« ab. prophezeite: »Der Scheiterhaufen kommt wieder in Mode«. »ein wenig knickbeinig« der Braut zur Seite gestellt und deren in Wien zelebrierte Hochzeit »natürlich zu Beginn des dreizehnten Kapitels« . wieder beim Traualtar und allgemein beim Katholischen . « Dann aber rettete Fonty das Brautpaar. das ja stimmt!« Und schon war der Brautvater. nannte er anfangs seiner geliebten Tochter Parteiaustritt und Kircheneintritt ein »ökumenisches Wechselbad«. als riskant zu begreifen. das Ja ausgesprochen.« Und nun kam er abermals auf die Braut: »Franziska war zwar nicht blutjung. danach in der protestantischen..

angelangt, dessen Wesen er als »in Jahrhunderten geübte Disziplin des längeren Atems« lobte und als »farbenprächtig bis in den Sündenfall hinein« pries, während er dem Protestantismus »eine mehr graphische Linienführung« nachsagte, die »auf weiß gekalktem Grund immerfort Schuld suche und anschwärze«. Damit war der Tischredner bei des alten Grafen so betagter wie frommer Schwester Judith und dem allgegenwärtigen Pater Feßler gelandet und sogleich inmitten jener verräterischen Ringgeschichte, bei der es, gegen Ende des Romans, um Petschaftssprüche geht. Fonty, der einen pointierten Ausklang für seine Rede suchte, nahm, mit Blick auf den als Gast anwesenden Priester, rhetorisch Anlauf: »Hochwürden, ich muß gestehen, daß mir dieser Pater als schwarzer Papist und Anschwärzer jeglicher Irrlehre, ob lutherisch oder calvinistisch, dennoch Eindruck gemacht hat, weil er, wenngleich als ausgewiesener Dunkelmann, freimütig genug gewesen ist, seinen Siegelring mit der Inschrift eines Protestanten, mit der knappen Devise des berühmten Gelehrten Thomas Carlyle, zu zieren ... « Als der Redner hier eine Kunstpause einlegte, wollte natürlich die Hochzeitsgesellschaft, voran der Bräutigam, den gravierten Wortlaut wissen. HeinzMartin Grundmann rief: »Schluß mit der Geheimniskrämerei. Wie heißt denn der Spruch?« »Entsage!« antwortete Fonty mit, wie immer, genauem Zitat und hob das Glas. Woraufhin alle anderen zögernd, dann aber doch ihre vom Medoc dunklen Gläser hoben: zuerst Emmi Wuttke, die keine peinliche Stille aufkommen lassen wollte; ihr folgte Friedrich, Friedel gerufen, der jüngste Bruder der Braut, den vor Jahrzehnten der Mauerbau zum jugendlichen Ostzonenflüchtling gemacht hatte und der mittlerweile in Wuppertal als Verlagsleiter tätig war; gleich nach ihm folgte die so hagere wie zugeknöpfte Schwester der vor fünf Jahren verstorbenen ersten Frau Grundmann der feierlichen Trinksitte: als verwitwete Bettina von Bunsen hatte sie in Freiburg im Breisgau die beiden mutterlosen Kinder des Bauunternehmers großgezogen; mit ihr zugleich hatte eines der Kinder, Martina, die in Köln Germanistik studierte und für hübsch oder niedlich angesehen wurde, ihr Glas gehoben; jetzt zog Inge Scherwinski nach, die als Freundin und Hausnachbarin der Braut eingeladen war, sich aber ihr schweres Los als alleinerziehende Mutter dreier Jungs nicht ansehen ließ, sondern unbeschwert überm Weinglas lächelte und dabei ihre Mäusezähnchen zeigte; nun griff auch ich zu, der vom Archiv ausgeliehene Trauzeuge, dem des Brautvaters Tischrede beruflich nahegegangen war; zu vorletzt legte der in der Hedwigskirche als Pfarrer amtierende Priester Bruno Matull, der

Martha beim Konvertieren geholfen und ihr den ehelichen Segen erteilt hatte, die Finger beider Hände dergestalt priesterlich um das Glas, als wollte er einen Kelch heben; und nun erst griffen sie gleichzeitig zu: die Braut und der Bräutigam; dem war es jüngst gelungen, in Schwerin eine Zweigstelle seiner Münsteraner Firma zu eröffnen. Heinz-Martin Grundmann hob sein Glas in Augenhöhe und rief: »Verstehe: Entsage! Ist originell! Aber, mein lieber Schwiegervater, diesen Hochzeitsspruch werden sich Martha und ich bestimmt nicht in die Ringe gravieren lassen. Einfach köstlich, entsage. Darauf laßt uns anstoßen: Entsage!« Woraufhin Friedel Wuttke seinem Schwager, dem er zuprostete, ins Gesicht lachte. Noch lauter und mitreißender lachte Inge Scherwinski, die mit ihrer Jugendfreundin anstieß. Als sich der Priester ein Schmunzeln über gehobenem Kelch erlaubte, begann die Grundmanntochter Martina zu kichern und steckte damit Frau von Bunsen an. Schließlich lief das Gelächter rundum, denn weder Emmi Wuttke noch ich konnten uns zurückhalten. Was blieb der Braut und dem Bräutigam übrig, als beim Klang der Gläser jenes einzelne Wort lachhaft zu finden, das soviel Heiterkeit ausgelöst hatte. Nur der Brautvater trank dem Brautpaar feierlich ernst zu. Jetzt erst bemerkte ich, daß Fonty auf dem linken Revers seines schwarzen, im Verlauf der Jahre ein wenig zu weit gewordenen Jacketts ein Ordensband samt baumelnder Medaille trug. Sein Anzug für Vorträge, dekoriert während Kulturbundzeiten. Doch wie er in grauer Weste unter der Jacke und mit zur Schleife geordneter Halsbinde dastand und mit weißhaarigem Haupt und überm geneigten Rotweinglas strähnig hängendem Schnauz aufs Wohl der Brautleute trank, wobei er seinen Blick über das Hochzeitspaar hinweg gleiten ließ, hätte er anstelle der für »Verdienste um das kulturelle Erbe« verliehenen Dekoration, links auf der Brust, ein anderes Markenzeichen spät nachklappernder Ehre tragen können: den Hohenzollernhausorden erster Klasse. Wir stritten ein wenig, ob dem Archiv das Recht zustünde, den chronologischen Ablauf der Hochzeit zu mißachten und die Tischrede einfach vorzuziehen. Korrekt wäre es gewesen, wenn schon nicht mit allen rituellen Einzelheiten der Trauung in der Hedwigskirche, dann doch mit der Vorspeise, mit Lachs, Meerrettichsahne und trockenem Chablis aus alten Gläsern zu beginnen. Ich wäre dafür gewesen, mit Inge Scherwinskis den Akt der Trauung überschwemmenden Freudentränen den Kirchenraum einzubeziehen, und gleich danach hätte der Wirt der OffenbachStuben die Hochzeitsgäste begrüßen und mit allen Gastzimmern bekannt machen können. Das darf nun nachgeholt werden, denn es war ja nicht so, daß wir vom

Schankraum direkt durch den Flur und an der Küche vorbei in das Musikzimmer geleitet wurden, wo jedem der vielen Instrumente eine Legende anhing und der gedeckte Tisch wartete. Zeit für einen Aperitif - »auf Kosten des Hauses« - gehörte zum Festplan. Und mit gefüllten Gläsern führte der Wirt die als »geschlossene Gesellschaft« angemeldeten Gäste vom Schankraum durch alle drei dahinterliegenden Stuben. Waren die Tapeten der ersten in Lindgrün gehalten, ging von den folgenden, die englischrot und blau-violett tapeziert waren, jene aus frivoler Laune und mitreißender Sangeslust gemischte Stimmung aus, die der Name des Restaurants seinen Gästen versprach. Ich erlaubte mir einige Bemerkungen zu Karl Kraus' Bemühungen um Jacques Offenbach und nahm die hier hängende Zimmerdekoration, hinter Glas gerahmte Kostümentwürfe zu Felsensteins »Blaubart«-Inszenierung, zum Anlaß für kulturgeschichtliche Hinweise. »Verstehe«, sagte der Bräutigam, »leichte Muse mit zeitgenössischem Pfiff.« Den Schankraum schmückten durch Signatur wertvoll gemachte Photos von Künstlern, unter ihnen einige noch immer bekannte. Und als Münzautomat stand dort eine Vitrine, in der, nach Einwurf, fingerlange Tänzerinnen im Tutu die Beine zu werfen und zu einschlägiger Musik Cancan zu tanzen begannen. Ein Sammlerstück, das der Wirt nur selten in Gang setzte, so - auf Fontys Wunsch - zu Marthas Hochzeit. Man klatschte Beifall, als der Tanz nach letzten Zuckungen endete. Doch so einladend sich die Offenbach-Stuben mit gedeckten Tischen anboten, fast leer waren sie trotzdem. Der Wirt klagte darüber: Gleich nach der Währungsunion sei ihm die Stammkundschaft weggeblieben. »Erst gegen Abend wird es lebhaft, aber jetzt, über Mittag, ist ziemlich Flaute. Was soll's, kann ja nur besser werden.« Heinz-Martin Grundmann, der mir bereits auf dem Standesamt in maßgeschneidertem Zustand als straffer Herr mit Halbglatze vorgestellt worden war, gab sich als ein an allem interessierter und selbst den alltäglichen Nöten gegenüber aufgeschlossener Mann: »Wem gehört denn dieses heruntergekommene Eckgrundstück? Verstehe! Aus München haben sich Altbesitzer gemeldet, selbstredend mit Mieterhöhung. Donnerwetter, die langen aber zu. Das setzt Kasse voraus. Wird nicht einfach sein.« Er schaffe das schon, versicherte der Wirt, ein schmächtiger Mittvierziger, der selbst gerne Bühnenkünstler geworden wäre, es aber immerhin - »und das trotz Sozialismus« - zu einem beliebten und - »bis kurz vorm Umbruch« - immer

proppevollen Künstlerlokal gebracht hatte: »War nicht leicht, wenn man privat bleiben wollte.« Grundmann wünschte Glück und einen tüchtigen Steuerberater. Friedel Wuttke stand fremd und betont abseits seiner Familie. Inge Scherwinski hätte gerne noch einmal die Püppchen tanzen sehen. Der Priester wirkte angestrengt. Ich versuchte, mit Frau von Bunsen ins Gespräch zu kommen. Die Braut blickte mürrisch drein. Des Bräutigams Tochter nannte die Offenbach-Stuben »niedlich«. Der Brautvater schwieg. Endlich leitete der Wirt die Hochzeitsgesellschaft in das Musikzimmer, in dem Emmi Wuttke mit ihren Kärtchen die Tischordnung bestimmt hatte. Brautpaar und Braut-Eltern saßen sich gegenüber. Ihnen gehörte die Mitte der Langseite, zwischen ihnen ein Blumengebinde. Emmi hatte den Priester zur Seite. Neben Fonty, den der Wirt übrigens immer wieder respektvoll als »Herr Wuttke« angeredet hatte - »Der Chablis selbstverständlich eisgekühlt, Herr Wuttke« -, saß Martina Grundmann, die in den ersten Semestern steckende Studentin. Dem Bräutigam war als Trauzeugin die Schwester seiner verstorbenen Frau zur Seite gesetzt worden. Ich hatte die Braut am nächsten. Für Inge Scherwinski war am rechten Kopfende des Tisches gedeckt. Das linke Kopfende blieb für Friedel Wuttke. Die meisten am Tisch waren einander fremd oder, was den verlorenen Sohn Friedel betraf, fremd geworden. Selbst als die Vorspeise, der hauchzart in Scheiben geschnittene Lachs, serviert war, kamen Tischgespräche nur stockend in Gang. Frau von Bunsen beteuerte ihrem einstigen Schwager wiederholt, daß sie »alles Erdenkliche« getan habe, um den Sohn Thomas, von dem zu hören war, wie leicht ihm sein Jurastudium falle, »aus seinem Schmollwinkel« herauszulocken: »Er hängt besonders an der Mutter.« »Bei uns war och nichts zu machen«, bestätigte Emmi über den Tisch hinweg. »Unser Teddy meint immer noch, er darf nich rüber zu uns, weil er in Bonn nämlich Beamter ist auf der Hardthöhe, wo die Verteidigung sitzt. Dabei wäre die Hochzeit ne prima Gelegenheit für uns gewesen, sich mal richtig auszusprechen nach so langer Zeit ... « »Das wird sich schon noch ergeben«, sagte der Priester, »wir sind uns ja alle fremd geworden, leider, bis in die Familien hinein.« Inge Scherwinski, die nicht nur aus Hemmung laut sprach, wollte über die Länge des Tisches hinweg von Friedel Wuttke wissen, ob er sich noch an seine Kindheit in der Kollwitzstraße erinnere. »Mußte doch ehrlich zugeben, is ne schöne Jugend jewesen in dem ollen Kasten und auffem Hinterhof. Na, im Schuppen drin, weißte

noch, Friedel?« Als keine Antwort kam, zeigte sie Verständnis: >War trotzdem richtig, daß ihr drüben jeblieben seid alle drei, als die hier dichtjemacht haben alles. Aber vermißt haben wir dir... « Endlich gab der oben schon kahle Verlagskaufmann zu, sich »an die Kastanie im Hinterhof« zu erinnern, »aber Heimweh, dafür hatten Teddy und ich keine Zeit. Und Georg schon gar nicht, weil er zum Bund ging und später in Aurich als Pilot bei den Starfightern ... Da war Leistung gefragt ... Ihr habt ja keine Ahnung... Aber lassen wir das.« Wie gut, daß der Bräutigam zustimmte: »Was gewesen ist, ist gewesen. Heut wolln wir fröhlich sein!« Denn die so frühzeitig beendete Offizierskarriere des Hauptmanns Georg Wuttke wäre kein Thema für die Hochzeitsgesellschaft gewesen, bestimmt nicht für Emmi und Martha, die ohnehin ängstlich Friedels Anspielungen auf den Dollpunkt der Familie zu überhören versuchten und Halt bei Lachs und Toast fanden. Leichter hatte es Martina Grundmann, die auf Fonty einredete, indem sie die Probleme westlicher Studenten in überfüllten Hörsälen in so drangvoller Enge ausmalte, daß für interessierte Zwischenfragen kein Platz blieb. Der Brautvater war mit seinen Gedanken auswärts. Das sahen die Braut und deren Mutter mit Sorge. Emmi neigte sich dem Ohr ihres Tischnachbarn zu: »Er sammelt sich, Hochwürden. Gleich wenn die Teller leer sind, fängt mein Wuttke zu reden an. Das kenn ich von früher. War meistens ganz schlimm. Wenn er mal nur nich aus der Rolle fällt.« Aber Fonty schwieg noch ein Weilchen. Fast sah es so aus, als hörte er auf das Geplapper der nicht nur hübschen, sondern auch mit gefälligem Chic ganz in Türkis eingekleideten Studentin. Ich versuchte, die neben mir schwer atmende Braut mit einem Scherz zu beruhigen: »Wollen wir wetten, daß er uns die Hochzeitsgesellschaft aus dem >Stechlin< samt Rex und Czako auftischt?« Aber Marthas Verdacht horchte an anderer Tür: »Wenn er bloß nicht mit dem Architekt anfängt, der seine Mete geheiratet hat, und womöglich diesen Professor Fritsch mit meinem Grundmann verwechselt. Das halt ich nicht aus. Jedenfalls heut nicht.« Wir irrten beide, denn als die Reste der Vorspeise abgetragen waren und der Wirt persönlich dem Brautvater einen Schluck Medoc zum Vorkosten eingegossen und Fonty die Probe für gut befunden hatte, woraufhin beiderseits des Tisches eingeschenkt wurde - nur Friedel deckte sein Glas mit der Hand ab und verlangte nach Fachinger -, erhob sich Theo Wuttke zu einer Tischrede, die in ganz anderer Richtung daneben war, weil in ihrem mal abschweifenden, dann wieder die heikle

Sache auf den Punkt bringenden Verlauf jenes Nebenwerk des Unsterblichen an Bedeutung gewann, in dem mit dem Grafen Petöfy und dessen Schwester der österreichisch-ungarische Katholizismus zum Zuge kam; doch sprach Fonty, wie wir nun wissen, so launig über die Tauschwerte des Konvertierens und so riskant an Klippen vorbei, daß Emmi, die ja immer das Schlimmste befürchtete, nur selten mit Einwürfen - »Nu mach aber nen Punkt, Wuttke!« - den Redefluß einzudämmen versuchte. Zu ihrer und Marthas Beruhigung war es dem Bräutigam gelungen, das zum Schluß gelüftete Geheimnis des katholischen Ringes, die betont protestantische Weisung »Entsage!«, mit Humor zu nehmen. Grundmann sagte, nachdem das Gelächter abgeebbt war und alle einander mit Rotwein, Friedel mit Fachinger im Glas zugeprostet hatten: »Verstehe! Wir sollen sozusagen auf Sparflamme kochen. Aber das ist keine Devise für Bauunternehmer. Wir nehmen, was wir kriegen. Wir kleckern nicht, Schwiegervater, wir klotzen!« Kaum hatte die Tischrede ihr Ende gefunden, wurde die rosa gebratene Entenbrust namens »Schöne Helena« aufgetragen. Es hätte auch, wie gesagt, der nach Offenbachs »Orpheus in der Unterwelt« benannte Ochsenrücken, gewiß nicht das als »Barkarole« gepriesene Lachsfilet mit Kräuterbutter, bestimmt aber »Popolanis Zauberei«, nämlich Kaninchen in Burgunder, sein können, und sei es, um des Sozis und Karnickelzüchters Max Wuttke freundlich zu gedenken. Als alle zu Messer und Gabel griffen, sagte der Brautvater: »Eigentlich hatte ich mich für Ochsenrücken entschieden, aber meine Emilie war strikt gegen Orpheus. Und >Ritter Blaubart< als Rinderfilet mißfiel ihr gleichfalls, dabei hätte dessen Wiederholungstätergeschichte eine Menge Anspielungen erlaubt, zum Beispiel auf die verbotenen Zimmer einer jeden Ehe, gleich welcher.« Die Entenbrust namens Helena gab nicht so viel her, zumal der Braut Gesichtszüge, die einander ständig widersprachen, keine Schönheit im klassischen Sinn zuließen. Solange des Vaters Rede von jähen Abstürzen bedroht war, hatte ihr kleiner ängstlicher Mund dem Blick, der auf den leeren Teller gerichtet blieb, Tränen einreden wollen. Dafür war nun kein Anlaß. Das Tischgeplauder lobte die Ente und mehr noch die Orangensoße. Die Kartoffelpuffer wurden originell genannt. Frau von Bunsen sprach von »sächsischen Einflüssen auf die Berliner Küche«, und Inge Scherwinski rief: »Dat hieß bis vor kurzem bei uns noch Sättigungsbeilage, ehrlich!« Jeder erinnerte sich an vergleichbar köstliche Entengerichte. Martina Grundmann schwärmte von einem Wochenendtrip nach Amsterdam, wo sie

kürzlich mit Freunden ihren zwanzigsten Geburtstag bei »ganz lecker knuspriger Pekingente« gefeiert habe. »Was gab's denn zu deiner Hochzeit damals?« wollte Emmi von ihrem Sohn hören. »Ich bekam ja keine Genehmigung, all die Jahre nich, rüberzureisen.« Friedel Wuttke wollte auf den Beginn seiner inzwischen geschiedenen Ehe nicht eingehen. »Lassen wir doch die alten Geschichten! Aber vielleicht dürfen wir erfahren, wie der reiche Wessi Grundmann meine Schwester Martha, die arme Ostmaus, aufgegabelt hat. Erzähl mal, Schwager! Aber die Wahrheit. Nichts hören wir lieber als rührende Geschichten, obendrein gesamtdeutsche mit glücklichem Ausgang.« Der Verlagskaufmann, der in Wuppertal einen evangelischen Missionsverlag leitete, dessen gemischtes Programm nicht nur Besinnungsliteratur bis hin zu religiösen Traktaten anbot, sondern auch die Dritte Welt und deren unerlöstes Elend zum Thema hatte, fragte nicht ohne Hintersinn und von mir vermuteter pietistischer Tücke, denn die Vorgeschichte der Liebesbeziehung zwischen dem westlichen Bauunternehmer und der sozialistischen Lehrerin galt als familiäre Verschlußsache und war deshalb nicht allen am Tisch bekannt; selbst mir, dem Trauzeugen, hat die Braut keine Einzelheiten anvertraut. Nur andeutungsweise ahnte ich etwas von der dazumal gewagten Liaison, die sich über Jahre mitsamt ihren Heimlichkeiten hingeschleppt hatte. Sogar die Brauteltern wußten wenig. Allenfalls war Hochwürden Matull, als Marthas Beichtvater, unterrichtet. »Warum nicht!« sagte der Bräutigam. »Jetzt kann man ja offen darüber reden. Verstehe, daß da für meinen lieben Schwager, na, sagen wir mal, ein gewisser Nachholbedarf herrscht. Hoffentlich ist er nicht enttäuscht, wenn wir ihm nicht mit Zweideutigkeiten dienen können.« »Nur die Wahrheit ... « »Die sollst du haben. Das war vor etwa sechs Jahren. Unser, wie du schon sagtest, gesamtdeutsches Treffen fand im Juli, und zwar bei Bullenhitze in einem Strandhotel am Schwarzen Meer statt, wohin ich häufig, unserer Großbauten wegen, auf Geschäftsreise mußte, doch diesmal mit Familie, obgleich meine Frau schon damals ... « »Muß das sein, Heinz-Martin! Bitte dich wirklich. Außerdem geht das Friedel nichts an. Nie hat er mich gefragt. Kein Brief, nix ... «

»Und ich bitte dich, liebe Martha, mich nicht zu unterbrechen. Dein Bruder will unbedingt alles bis aufs i-Tüpfelchen hören. Soll er haben. Juli vierundachtzig. Bulgarien. Die Ferienküste bei Varna. Ziemlich überlaufen. War damals nicht nur beliebtes Reiseziel der sonst eingesperrten Leute aus der Sowjetzone, die du, lieber Friedel, schon als Halbwüchsiger verlassen durftest, auch Westdeutsche, simple Bundesbürger wie meine Familie, die Kinder, nicht wahr, Martina, waren dabei, machten dort Ferien, doch in meinem Fall kamen, zugegeben, einige damals noch im Rohbau stehende Projekte hinzu. Jedenfalls suchten wir Entspannung und ich gewiß auch das Gespräch mit den ansonsten vom Westen abgeschnittenen Landsleuten, weil mir die gewaltsame Teilung Deutschlands schon immer ein nicht einfach hinzunehmender Zustand gewesen ist; vielmehr glaubte ich felsenfest an die Wiedervereinigung... « »Und Martha, wann taucht Martha auf?« »Geduld, Schwager. Das kommt. Keine Geschichte ohne Fundament. Wer vom Bau ist, versteht, was ich meine. Deshalb dieser dir vielleicht überflüssige Hinweis auf das Unrecht der Teilung. Jedenfalls wurden die westdeutschen Tische - wie damals üblich, saß und aß man getrennt -zuerst bedient, selbstverständlich der Währung wegen. Wir saßen, das heißt meine leider im folgenden Jahr schon verstorbene Frau, die Kinder und ich, ziemlich am Rand der westdeutschen Reservierung und aßen schon - weiß nicht mehr, was genau - wahrscheinlich Fischfilet ... « »Stimmt nicht, Papa! Brathähnchen gab's mit Pommes frites, ziemlich fettig alles ... « »Verstehe. Martina erinnert sich, was das Essen angeht, genauer. Jedenfalls saß innerhalb der Ostreservierung, doch mehr zum Rand hin, eine einzelne Dame mit immer noch leerem Teller, als wir schon beim Dessert angelangt waren. Jetzt fällt es mir wieder ein: Die Kinder hatten Hähnchen, wir Schaschlik bestellt. Auf jeden Fall konnt ich das nicht mit ansehen, wie Martha, denn das war sie, vorm leeren Teller saß ... « »Gib zu, Schwager, war Liebe auf ersten Blick!« »Mein lieber Friedel, als Verleger hundertprozentig frommer Bücher sollte dir eigentlich christliches Mitleid ... « »Aber Papa! Es war doch Mama, die uns auf die skandalöse Bevorzugung der westlichen Touristen aufmerksam gemacht hat.« »Verstehe! Ihr seht, meine Tochter - wie alt warst du damals, Martina? Keine fünfzehn - weiß noch genau, wie sehr uns diese offensichtliche Schikane empört hat. Und deshalb bin ich kurzentschlossen aufgestanden und zu dem Tisch rüber... «

»Du irrst schon wieder, Heinz-Martin. Von meiner Schwester weiß ich, daß Thomas jene Ritterlichkeit bewiesen hat, die dir sicher erwägenswert gewesen ist, desgleichen hat meine Schwester Cordula ... « »Stimmt, Papa! Thomas hat Martha, weil Mama das wollte, zu uns an den Tisch geholt, nicht wahr, Martha?« »Ist doch nun gleich, wer kam. Mir war das ziemlich peinlich. Und daß euer Vater, kaum hatt ich mich gesetzt, den Kellner rangewinkt hat - und der spurte auch -, war mir noch peinlichen« »Jedenfalls kam das Essen sofort: Suppe, Hauptgericht, Dessert, wie am Schnürchen, gegen Trinkgeld, versteht sich. Und unser Tischgespräch verlief schon bald - ich kann es nicht anders sagen - total unangestrengt, wie Deutsche mit Deutschen sprechen sollten, obgleich Martha ja damals noch äußerst parteilich von >unserer Republik< und ganz vorsichtig nur von >gewissen Schwierigkeiten beim sozialistischen Aufbau< geredet hat. Auch zwischen Martha und Cordula lief es vorzüglich. Das war ja leider ihre letzte Reise ins Ausland. Aber nur sie hat gewußt, wie krank sie wirklich war, und uns nichts gesagt bis zum Schluß. Dennoch ist es Cordula gewesen, die mir, als es zu Ende ging, dringlich geraten hat, den Kontakt mit Martha nicht abbrechen zu lassen. Die paßt zu dir, die denkt praktischer als ich, hat sie gesagt und gelächelt dabei ... War aber gar nicht so einfach mit unseren Treffen in Ostberlin ... Immer nur heimlich und viel zu kurz ... Dabei riskant ... Wurden bestimmt bespitzelt ... Aber in Bulgarien haben wir dann jeden Sommer ... Das zog sich in die Länge ... Unsere Großprojekte ... Aber selbst dort haben wir uns erst langsam ... Nicht wahr, Martha?« Alle schwiegen. Besonders deutlich schwieg der evangelische Verlagskaufmann Friedel Wuttke. Frau von Bunsens Schweigen richtete sich gegen die Braut und brachte kühl konserviertes Mißtrauen mit. Daß Martha schwieg, verwunderte niemanden. Wir hätten gerne mehr über die an Krebs gestorbene erste Frau Grundmann, geborene von Wangenheim, gewußt: ihr Verständnis, ihre Nachsicht. Wohl deshalb schloß Fontys Schweigen Erinnerungen an Christine von Arne auf Schloß Holkenäs ein, die bei den Herrnhutern zu vergleichbarer Selbstlosigkeit erzogen worden war. Ich hätte als Trauzeuge einiges dazu sagen, aus »Unwiederbringlich« zitieren, womöglich zu einer Tischrede ausholen und mit Holk beginnen können, der allerdings unter Christines Tugenden gelitten hat; aber ich schwieg, wie alle schwiegen, bis endlich Inge Scherwinski passende Worte fand: »Genau so isses gewesen bei uns im Osten. Ohne Westmark warste nich mal de

Hälfte wert. Auch in Prag war es so, wo ich mit Wölfchen, was mein Jeschiedener Mann is, paarmal erlebt hab, wie unsereins nur schief anjeguckt wurde. War überall so inne sozialistischen Bruderländer. Aber nu wird ja alles besser, wo wir die Einheit kriegen: Deutschland, einig Vaterland! Darauf will ich mit mein Glas anstoßen, ehrlich. Nun trink mal bißken, Martha! Das muntert janz schön auf« Solch ein Toast wäre mir nicht gelungen. Alle prosteten einander zu. Sogar Frau von Bunsen hatte für die Braut ein nur noch halbgefrorenes Lächeln übrig. Und mit dem Stichwort »deutsche Einheit« war dem Tischgespräch hinlänglich Futter gegeben. Dazu hatten alle eine Meinung, die auch die neue, auf Vorschuß gelieferte Währung einschloß. Hochwürden Matull sagte: »Das Geld alleine wird es nicht bringen. Noch fehlt der Wille, einander hinzunehmen, wie wir geworden sind.« Der Bräutigam warnte vor zu großen Hoffnungen: »Hart arbeiten werdet ihr müssen, verdammt hart arbeiten, sonst läuft hier nichts, sonst geht es weiter bergab.« Und Friedel Wuttke verlangte nach schonungsloser Offenlegung der Schuld: »Das gilt für alle, die hier mitgemacht haben. Zum Beispiel wüßte ich gerne -auch wenn das kein Hochzeitsthema ist -, wie meine Familie ja, Martha, ich meine dich, mit dieser Existenzlüge fertig wird. In Vaters Tischrede jedenfalls vermißte ich offene Worte. Habe nur Zweideutigkeiten gehört. So kommen wir nicht zusammen. Was wir brauchen, ist eine klare Offenlegung der Schuld. Deshalb wird mein Verlag zur Herbstmesse mit einem Buch auf dem Markt sein, das unter dem Titel >Wie wir schuldig wurden< erschütternde bekenntnishafte Zeugnisse versammelt, und zwar aus Ost und West. Ein solches Bekenntnis würde ich gerne, wenn nicht von Martha, dann doch von dir, Vater, hören - und zwar ohne dein übliches Wenn und Aber.« Niemand wagte auf Fonty zu blicken, der seinem Sohn aufmerksam, doch auch ein wenig belustigt zugehört hatte. »Alles furchtbar richtig!« rief er. »Doch die Schuld ist ein weites Feld und die Einheit ein noch weiteres, von der Wahrheit gar nicht zu reden. Wenn du aber Schriftliches für deinen Verlag haben willst, könnte ich dir mit einer Auswahl meiner Kulturbundvorträge helfen; sind zwar keine Schuldbekenntnisse und Wahrheitsergüsse, handeln aber vom Leben, das mal so und mal so ist. Und was die Einheit betrifft, stehen wir auf dem alten deutschen Standpunkte., daß wenn der Sondershauser eins abkriegt, so freut sich der Rudolstädter... « Diesmal rettete Martina Grundmann den Tischfrieden in brenzliger Situation, indem sie ihr Mißbehagen an der Einheit auf die Feststellung brachte: »Also Dresden, das sagt mir gar nichts. Von Köln ist es nach Paris viel näher oder nach Amsterdam.«

.. wieviel Selbstbewußtsein fröhlich auf Unwissenheit fußen kann: »Ich weiß ja. um dann in Schweigen zu versinken. nur Kurzfassungen .. ich bin mehr für das Minimalistische. und versuchte. Außerdem halt ich nicht viel von Großschriftstellern oder von Unsterblichen. Aber auch Randfiguren können ganz interessant sein. « Als Fonty nun doch nach dem »Stechlin« fragte. wie unser Prof sagt. Hat später sogar den Nobelpreis gekriegt. so gut wie nichts vom Unsterblichen gelesen. hielt mich aber dann doch zurück... wie unser Prof sagt. daß das seine besondere Erzähltechnik ist. Lafontaine hat's Wort . Und kann gut sein. bis er den Rang des eigentlich Primären erreicht habe. Ach. wenn dir der ein Begriff ist. »Außerdem gibt es ja Sekundärliteratur. schließlich gegenstandslos werden lasse und so den Diskurs fördere. Das hat mir Martha gesagt. Unser Prof will extra ein Seminar über Heyse und noch ein paar andere machen . Und deshalb finden wir den interessant. «. Paul Heyse zum Beispiel. Ganz ungehemmt gab Martina Grundmann zu. Fragmentarisches oder in der Kunst überhaupt. Na. Sind ja manchmal ganz witzig.. « Eigentlich hätte ich mich einmischen und Martina einen Besuch des Archivs vorschlagen wollen. Natürlich muß man das alles nicht lesen.Worauf Fonty abermals »Furchtbar richtig« sagte. was ich meine. hörte er. ihn nebensächlich. was nicht geschrieben stehe und über den Urtext hinausführe. wie Sie die nennen. daß man den Durchblick hat und ihn einordnen kann. jedenfalls so viel. den immerhin möglichen Gewinn beim Lesen von Originaltexten anzupreisen. nämlich den endlosen Diskurs über all das. doch immerhin die Fassbinder-Verfilmung von »Effi Briest« gesehen zu haben. bestimmt. weil man den wiederentdecken kann. wenn du verstehst. darf ich? Also.. Unser Prof hat ein paar ausgegraben. sowas wie Concept-art. ich sag jetzt einfach du und Opa Wuttke. Na.. »Aber Sekundärliteratur kriegen wir mit. so unablässig ihn seine Tischnachbarin ins westdeutsche Universitätswesen und also in ihre germanistischen Seminare einzuführen versuchte. weil . Aber um ehrlich zu sein: Nur ein paar kürzere Sachen hab ich angefangen. Komm da nicht weiter: diese ewigen Spaziergänge und seine endlosen Dialoge. irgendwas mit Verwirrungen und Schach von sowieso. Er zitierte einige Tunnelverse von Heyse. darunter den Begrüßungsvers »Silentium.. »Irrsinnig interessant find ich .. ungefähr zwischen Raabe und Keller. Doch Martina und der Prof von Martina wußten es besser: Der Urtext sei bloßer Vorwand für das. weil einerseits die Braut Zuspruch verlangte und andererseits Fonty an seiner plapprigen Tischnachbarin Vergnügen fand.. was Literatur eigentlich ausmache. Heut kennt den keiner mehr.. daß der Ihr Einundalles ist. Waren früher ziemlich berühmt sogar.

.. rastlos ein Versteck suchenden Hände. daß Hochwürden Matull aus dieser Bemerkung eine Anspielung auf die gegenwärtig tafelnde Hochzeitsgesellschaft herausgehört hatte. Und dort gab es einen Vikar. übrigens über die Staatsgrenze hinweg. die Pause bis zum Dessert . seine groben. weil größer als ich. ihn kindlich geliebt zu haben. mitten durch meine waldige Heimat. schon kam er. vom Stuhl hoch.« Mag sein. Eisvariationen unter dem Motto »Pariser Leben« versprochen . aufwendig als Todesstreifen bewacht. . schon ließ er mit Hilfe des Dessertlöffels sein Glas klingen. eher heiter hinzu: »Wenn man will. ob soviel Sekundäres nicht »kolossal ledern« sei. der ähnliche Schwierigkeiten mit seinen Händen und gleichfalls ein gedelltes Kinn hatte.eine Gegend. in der es katholischer als sonstwo zuging.der Wirt hatte. nachdem die Reste der »Schönen Helena« abgetragen worden waren. Fast glaube ich. kann man die längste Geschichte kurz fassen. »nun bekommen wir den apostolischen Segen.« »Sieht man . wie gegen Widerstände. Und Fonty wollte nur noch wissen. flüsterte ich Martha zu.« Die Braut mußte sich. schon waren alle ganz Ohr. voll anschaute. Zum Beispiel ist beim >Stechlin< die Mache: Zum Schluß stirbt ein Alter und zwei Junge heiraten sich. jedenfalls glaubte er. der uns gegenüber saß und nun stand. Der hat es als Priester nicht leicht mit sich. « Sobald ich Bruno Matull. als mir das rote Halstuch der Jungen Pioniere bedeutsamer wurde als die in unserer Familie traditionelle Meßdienerei. auch dann noch. sein massiger Schädel auf zu kurzem Hals und das wie eine Delle wirkende Grübchen im Kinn an die Qualen und Freuden meiner im thüringischen Eichsfeld verschütteten Kindheit . wie Deutschland im Ganzen. ein wenig zu mir herabbeugen: »Erwarten Sie bloß nicht zuviel. mehr noch: der Europa in Ost und West scheidende Schnitt verlief. Dann fügte er nicht etwa resigniert. denn das Eichsfeld war. mein Kind. erinnerten mich die körperlichen Ausmaße des Priesters.das!« rief die Studentin im vierten Semester.für eine Tischrede nutzen zu sollen. mich also weder von den Brauteltern noch von der hinlänglich hübschen Studentin ablenken ließ. das ist so ziemlich alles auf fünfhundert Seiten. 15 Weshalb die Braut weinte »Endlich«.« »Aber er leidet besonders. geteilt.« »Das gehört zum Berufsrisiko.

deshalb war ich sicher. Nein. dabei bis über die . nur übungshalber die Lippen zu kneten. um dem Bibliothekar in Cottbus und später dem Mitarbeiter im Potsdamer Archiv über die Schulter zu gucken. Jemand. Deshalb hielt ich mich an Fonty. ganze Sätze verschluckte. schloß. Beide hofften wir. oder besser. zu uns zu sprechen. Bis zur Firmung hing ich ihm an. der nachhaltig spukend die arme Effi um den Schlaf gebracht hat. doch aus Gründen ganz anders gebetteter Kindheit.Der Vikar hieß Konrad. denn alles »Altgläubige« galt ihm als exotisch und ähnlich geheimnisvoll anziehend wie etwa die aus Fernost stammenden Mitbringsel im Kopenhagener Haus der Kapitänswitwe Hansen oder das Grab des Chinesen im pommerschen Kessin.stets ins Zwielichtige gerückt-. diese allen Zweifel wegschminkende Gewißheit der Pfaffen verzichtete. der stehend nach Worten suchte.ich wurde in die Braunkohlenproduktion gesteckt -. der es. daß Fonty. verblaßte der letzte katholische Zauber. indem er seinen weich gezeichneten Mund öffnete. Den Nachnamen weiß ich nicht mehr. Er hatte schwarzes Kraushaar und roch nach Rasierwasser. und nun saß er mir als Bruno Matull gegenüber. aus dem Mund des Priesters. einige fand und sogleich verwarf. dann doch etwas »kolossal Ketzerisches« erwartete. dann wieder preßte. wenn er doch endlich zu Wort kommen und aufhören wollte. hatte ans Glas geschlagen und sammelte sich zur Rede. der auf mildes Dauerlächeln. ähnlich wie ich. riesig und ungeschlacht. ging mir nie ganz verloren. Vielleicht erwartete er eine Teufelsaustreibung oder die Beschwörung wundertätiger Reliquien. nach Marthas Worten. Ein Fisch. der sprechen übte. er stand mittlerweile. vielmehr blieb er hintergründig genug. größere Brocken zerkaute. neue als untauglich erprobte. öffnete. die erst an der Leipziger Universität ins Stocken geriet und bald nach Professor Mayers Fortgang ihren Knick mit Folgen weghatte . Dieser Anstrengung konnte ich nicht länger zusehen.ob die Titelfigur Grete Minde oder Nebenpersonen wie Effis Magd Roswitha . als wollte er die Lippen kneten und für längeren Gebrauch gefügig machen. der sich inzwischen längst bei den Bergleuten in Bischofferode in Amt und Würden befand. Und wie dem Unsterblichen war ihm Romanpersonal mit katholischem Unterfutter . nicht leicht mit sich hatte. Ach. daß der Fisch anfinge. Wir sahen ihn als eher finster blickenden Mann von fast brutaler Gestalt. dem es nicht gelang. wenn nicht eine kleine Offenbarung. dem des Priesters Mühe viel Neugierde wert war. doch im Verlauf meiner anfangs steilen FDJ-Karriere. massierte sein Kinn und dessen Grübchen. diese Miene aufzusetzen. nur der Vikar Konrad. Bruno Matull war einer jener wenigen Gemeindehirten.

fiel. mehr war vonnöten. bat um Entlastung. das waren wir.und Tauschwert behaupteten. die nur umgepolt werden wollte und allzu leicht fällt es dem Hirten. mitten hinein in die Wirrnisse des Zeitgeschehens. denn der eigentlich Bekehrte bin ich. Doch wie kam es zu diesem Mauersturz? O nein! Ein kurzes befreiendes Durchatmen genügte nicht. Da kam. jenen Halt geben könnte. War mir doch selber der Boden unter den Füßen schwankend geworden. der sich nur nachäffe und so der Lüge Dauer verleihe. Ihre Glaubenskraft. die nicht lockergelassen hatten. und fragte dringlich: >Priester. wo ist deine perspektive?< Ja. etliche Hirten der anderen Glaubensgemeinschaft. ein wüstes Feld. Beladen kam sie zu mir. Ihr Glaube. Trauzeugen und Hochzeitsgäste« überstürzt vom Brett zu springen. weshalb mir der Brautvater vorhin noch mit einem . den unansehnlichen Zweifel. liebe Hochzeitsgäste. Indem Matull die Tischkante klammerte. doch ich zweifelte. breite sich vor mir aus. sie rechnete mir vor. der einst groß und von starker. vom Glauben vorgezeichneter Perspektive hat mir Mut gemacht. sagte er: »Nichts ist von Dauer. wohl meinend. Auch ich blieb stumm. all die Jahre lang. So ging dem Hirten die Herde verloren. zu meinen verdorrten Glaubensresten zu stehen. sie sei nicht zuständig für die Zwänge dieser Welt. Von einem Glauben sprach sie. den sie suchte. die nicht glaubte. außerhalb der Offenbach-Stuben. reich an Disteln. Aber nur wenige waren bereit. mein Stillhalteglaube. Also geizte ich mit Tröstungen. als wollte er demnächst die Tafel umstürzen. Sie aber zwang mich. um schließlich mit der Eröffnung »Liebe Brautleute. auch mir sei die letzte Gewißheit abhanden gekommen. Sie lästerte ihn. Jetzt erst kamen viele und sagten: Das Beben. So verlangend kam sie. die draußen. Auch ich nahm hin. daß ich heute der Braut Dank sagen muß. sagte. was nicht hinzunehmen war. O ja. war ihr vergangen. was gestern noch glaubte. ihren Tages. doch Halt suchte. eine Frau zu mir. Unser der Sieg! So legten sie falsches Zeugnis ab. des Glaubens Kehrseite. so sprach sie und ließ nicht von mir ab. er aber tröstete sich und suchte Genüge in seinem Glauben. nannte ihn trügerisch und blindlings parteiisch. Und siehe da: Sie wankte.Backenknochen rot anlief. einem verirrten Schaf das nächstliegende Gatter zu öffnen -. ob ihr mein Glaube. In Wahrheit aber gab es unter den wenigen Rüttlern. ihre im Grunde unbeirrbare Glaubensstärke hat mich zweifeln gelehrt. Überall zerfällt. von Bestand zu sein. um welchen Preis und auf wessen Kosten sie gläubig gewesen war. verehrte Gäste. wurde sich selbst zum Spott. von innen an der Zwingburg zu rütteln. während meine Kirche sich still verhielt. zerfiel. als Alltagskleid zu tragen. Kein Mut war auf meiner Seite. Mehr noch: ihr Hunger nach klarer. jeden Zweifel überwindender Hoffnung gewesen sein muß.

liebe Gäste. und der pietistische Bruder der Braut. das kategorische >Entsage!<. Der münsterländische Bräutigam. Martha. die von Herzen ganz unbeschadet katholisch war und deshalb. die jedermann. Grundmanns Tochter lachte bis ins Schrille hinein. fortan dem Glauben zu entsagen.diesmal der Glaube an die Allmacht des Geldes . « An dieser Stelle seines Bekenntnisses wurde der Priester ums Wort gebracht. zu eigen ist. Gott existiert nur im Zweifel. Er blieb stehen und klammerte weiterhin bedrohlich die Tischplatte. der als Verleger missionierende Schriften bis in die Dritte Welt hinein vertrieb und dabei irdischen und überirdischen Gewinn verbuchte. war Fels in der Brandung. der als Bauunternehmer sein nahes und fernes Umfeld als Baugrund nach Gottes Willen wertete. wie ich gestehen muß. unbekannten Romanwerk.literarischen Gleichnis wahrgesprochen und so meine zweifelnde Seele gelabt hat. am rechten Kopfende der Hochzeitstafel saß. wußte aber genau. wenn nicht des Zweiflers Ruf .>Es ist kein Gott!< -ihm Stachel und Ansporn. »nichts als Geschmacklosigkeiten« und einen »verkappten Kommunisten« gehört zu haben. auf Wunsch der Braut. Entsagt ihm! Müde aller Anbetung. Laßt endlich Gott aus dem Spiel. irrsinnig komisch find ich das.billig zu haben und doch hoch im Kurs? Und sind uns nicht abermals Perspektiven vorgezeichnet. Labsal und Manna gewesen wäre . Längst hätte der Glaube Gott abgetötet und in ein schwarzes Loch gestürzt. in Kürze Gewinn und dort. das Trugbild blühende Landschaft verbeißen? Ich aber kann unseren lieben Brautleuten nur wenig auf den Weg geben. Frau Wuttke. das >Graf Petöfy< heißt. wo das Graue obsiegt hat. bekreuzigte sich immer wieder und rief: »Wo bin ich denn hier? Ehrlich. Ja. wo sind wir denn hier?« Hingegen war Bettina von Bunsen sicher. Inge Scherwinski. der ihnen gläubig folgt. ich will ohne Glauben sein! Mehr noch: dieses >Entsage!< befiehlt mir. wahrhaft nur noch dem Zweifel zu dienen und allerorts Zweifel zu säen.. eine protestantische Lebensmaxime. wurde nicht hierzulande zu viel und zu lange geglaubt? War Glaube nicht wohlfeil wie eine Hure? Und ist nicht wiederum neuer Glaube . Ihn dürstet nach nichts. lebt er vom Nein. Denn. riefen gleichzeitig: »Das reicht. Wie jenem Pater Feßler in einem mir. Hochwürden! Wir haben verstanden!« Und: »Das ist jesuitische Spiegelfechterei!« So viel Widerspruch warf den bekennenden Priester dennoch nicht um.« Mir fiel nur »starker Tobak« ein. so hat mich des Brautvaters Tochter Martha mit ihrem Willen angestoßen. was sie von den Aufgeregtheiten am Hochzeitstisch zu halten hatte: »Komisch. Und die Braut flüsterte: . doch soviel immerhin: Glaubt nicht blindlings..

zwei Verlöbnisse waren in die Brüche gegangen.« Als Heinz-Martin Grundmann und Friedel Wuttke den immer noch standhaften Priester vergeblich aufforderten: »Nun setzen Sie sich endlich. Wir hörten kein Schluchzen. nun ganz besorgter Bräutigam.»Was ich geahnt habe. Die Braut strahlte. der vorhin noch amüsierten. wie meines. zu ihrem Mann: »Nu sag doch was. der wie ein Naturereignis bestaunt wurde. Nix läßt er aus. bemüht um einen dritten Mann. nur barhäuptig und in mausgrauem Kostüm. Ein eher stiller Tränenfluß trat über die Ufer. im Kontrast zur sich . lächelte allen. wobei Bruno Matull. Der Priester mußte durch den Bräutigam und dessen Schwager genötigt. nicht etwa in Weiß und mit Schleier vor den Altar getreten war. war Marthas Fähigkeit. Grundmann. schließlich dem standhaften Priester. Da die Braut. Nun saß der Priester. das letzte mit Zwoidrak. daß es knackte: zwei Männer mit Halbglatze. handgreiflich gezwungen werden. nur fließen lassen. wollte fließen. er hat es nicht leicht mit sich. sich zu setzen. nu sag endlich was.« Doch Fonty versteifte sich auf Schweigen. Glanz ging von ihr aus. dem Bruder. sie lösten seine Hände nicht etwa behutsam. dessen Haar. Aber sie wollte nichts trocknen. und Martha Grundmann. was Fakt ist. Wuttke. der Jugendfreundin. das erste mit ihrem Schuldirektor. Für den zählt nur. O Gott. unter Tränen zu lächeln. Sie. nein. sagte Emmi Wuttke. schob ihr sein Taschentuch zu. den Trauzeugen. nun verstörten Studentin. Was aber dem Schweigen der Hochzeitsgesellschaft Dauer verlieh. die nur selten der Welt ein freundliches Gesicht geboten hatte und eher von alltäglich mürrischem Ernst geschlagen war. und die Hochzeitsgesellschaft verstummte auch angesichts des so deutlich abtropfenden Überflusses. und ich erlebte mich sogar ein wenig ergriffen. ihrem Vorleben entsprechend . geborene Wuttke. sondern Finger nach Finger von der Tischplatte. ungeübt zu und bot uns ihr längst vergangenes Jungmädchenlächeln an: zuerst tränenreich ihrem angetrauten Heinz-Martin. begann zu weinen. sooft seine Frau ihn anstieß. Hochwürden!« »Wir haben genug Peinlichkeiten gehört!« -. die am Tisch saßen. das wir stumm ansahen. der sichtlich vertrotzt und nur gezwungenermaßen saß. dem Oberleutnant der Volksarmee -. weil Bruno Matull wie zu weiterer Rede bereit stand und seinen Doppelgriff nicht lockern wollte. gleichfalls von schütterem Wuchs war. dann Vater und Mutter. Also siegte das Bild der weinenden Braut. Eigentlich war ihre feuchte und an den Rändern verschwimmende Fröhlichkeit schön anzusehen. hätte man die Tränen zählen können.

War mir schon vorher ziemlich klar im Prinzip. Denn das andere. Was. war klar. daß das nicht einfach glatt ablaufen kann. aus Romanen und Novellen. wie zu uns allen der Herr Pfarrer vorhin gesprochen hat. von Anfang an gesagt: Wenn ich das mach mit dem Konvertieren. nahm sozusagen Parade ab und sagte: »Ob Domprediger . Diese Sorte Glauben hab ich intus. positiv zu zweifeln.oder?« Friedel saß mit geschlossenem Visier. Was. wär vielleicht doch was draus geworden. jahrelang. Leute. Vater? Hat er doch schön gesagt. sondern nur. genau das wollt ich hören. Sitzend sagte sie: »Hört zu. auch Pastor Lorenzen. auch nicht. der immerhin die Liebe dreier Prinzessinnen abgewiesen hatte. daß ich geglaubt hab. Da sprach die Braut. ich sag euch: Wenn wir hier rechtzeitig unserem Sozialismus sowas erlaubt hätten. Ich danke Ihnen. daß nur sowas rauskam und keine Sprüche. hab ich sowas noch tue gehört. Friedel.. daß die sein mußte. daß unsere Republik die bessere ist. Kannst mir glauben. Pastor Petersen und Superintendent Schwarzkoppen. als ich bei ihm noch Unterricht bekam. weil deine Familie das unbedingt will. bis unsere Republik nix mehr. nicht besser hingekriegt und im Prinzip nicht schöner sagen können. Und macht euch bloß keine Sorgen. Heinz-Martin weiß das. als es ernst wurde mit uns. na. du auch. Friedel? Du bist doch sonst scharf auf Wahrheit. da gab's kein Zweifeln. Ideologische Plattform. den kenn ich. weil ich endlich lernen muß.. na. Pfarrer Matull. als wir uns wiedergesehen haben in Bulgarien und anderswo im Hotel. zuletzt den Dänen Schleppegrell.. da hapert es bei mir. ließ sie als mehr oder weniger protestantische Garde aufmarschieren. Das. Friedel. der einst vor versammeltem Reichstag sein »Ich kann nicht anders« zur Redensart gemacht hatte. Dafür bin ich zu lange felsenfest überzeugt gewesen. Aber Fonty wird die genannten Pastoren vor sich gesehen haben. das ich den Gören beigebracht hab. rief weitere Gemeindehirten herbei. da brauch ich Nachhilfe im Prinzip. Sogar an unsere revolutionären Ziele hab ich ziemlich lange . Parteilichkeit. Genau! Sitzt wie das kleine und große Einmaleins. der ja ein Sozi war angeblich. kein frommes Gesums. diesen verdammten Glauben bis zum Gehtnichtmehr. Er löste sie alle. Ich heul ja vor Glück.schönweinenden Braut. Denn so klar.. Genau! Nicht mal Schleppegrell. der ja nicht ohne war . Ach. raus aus der Partei und rein in die Kirche. Da muß ich nix zulernen mehr. dann nicht. Und vielleicht bin ich deshalb so glücklich jetzt. immer noch . >Gott existiert nur im Zweifel!< Leute. wie bin ich froh.. na. der uns kaputtgemacht hat. Deshalb hab ich zu Heinz-Martin. na. nur noch ne Bewahranstalt war. Disziplin . ne gesunde Portion Zweifel. Niemeyer. Aber beim Zweifeln.. jenem Augustinermönch nicht unähnlich war. Das hätten all deine Pastoren. unser Herr Pfarrer.

. weniger abschüssige Bahnen. Muß sagen . aber da werden wir helfen. Doch ist es uns immerhin gelungen. dessen Stammhaus früher in Magdeburg seinen Sitz hatte.oder Landpastor. Mein Verlag. trank bis zur Neige und rief: »Herr Wirt! Nun soll aber schleunigst das Dessert auf den Tisch und die beim Glaubensstreit erhitzten Gemüter ein wenig abkühlen. Endlich kam Grundmann dazu. die den toten Liebsten meiner Grete Minde ordentlich unter die Erde gebracht haben. sonst läuft gar nichts. der Leiche den Segen verweigert hat .. kann sich zwar dort auf Eigentumsrechte berufen. Der alte Schlendrian . aber die will man nicht akzeptieren. daß bei der vordringlichen Lösung der Eigentumsfrage unkonventionell gehandelt werden muß. dann dem ungeschlachten Priester zu. Stagnation. sein bauwirtschaftliches Fachwissen auszubreiten. obwohl sie. Noch verhandeln wir ziemlich geduldig.« Die Eisvariationen namens »Pariser Leben« taten. Liegt ja völlig brach alles seit dem Ende der Kommandowirtschaft. trinken wir auf Metes tränenreiches Glück und einen übrigen Schluck auf den Zweifel. in welchen Schwierigkeiten wir stecken. Der möge bis zum Schluß unsere Schildwacht sein. lieber Schwager. daß mich Hochwürden. der auch nicht . kolossal an jenes verlorene Häuflein illegaler Nonnen erinnert. während der Prediger Roggenstroh hartherzig. die waren allesamt müdegepredigt. Sogar Schwager und Bräutigam kühlten sich ab.. Zweifel ist immer richtig!« Er hob das Glas. prostete seiner Tochter. Der Blutdruck sank.. wie er sagte. Verstehe ja.. bei dem am Ende doch noch >Ritter Blaubart< auftischt. Bin allerdings der Meinung. doch ... »Der mecklenburgische Grundstücksmarkt ist total unterentwickelt. wie nur ein Christenmensch hartherzig sein kann. da müssen wir helfen. Nein. Harte Worte oder gar Abrechnungen wurden verschluckt oder auf später verschoben.. Funkstille bei Investoren. dem Gott sei Dank alles Hochwürdige abgeht. mit Hilfe einiger ortskundiger Kräfte ersten Durchblick zu gewinnen. « Dem konnte Friedel Wuttke nur zustimmen: »Du ahnst nicht. gut lutherisch. daß man nach dem großen Kladderadatsch nicht weiß. Allenfalls hätte Lorenzen so offen heraus wie dein Priester. wie ich es gern habe. »zum Stützpunkt« ausbauen. Auf »solidem Fundament« wollte er in Schwerin eine Filiale. beide Testamente und die Sprüche Salomonis auf ihrer Seite hatten. sonst mißrät uns die Hochzeit zum Schlachtfest. Respekt und nochmals Respekt! Kam alles furchtbar richtig raus und freiweg. was Fonty von ihnen erwartet hatte.wenn der Vergleich erlaubt ist -. wie es weitergehen soll. Die Tischgespräche fanden andere. Na.

irgendwann muß das Theater mit dem sogenannten Volkseigentum aufhören. der Markt für theologische Schriften ist eng. Sie erwähnte »völlig heruntergewirtschaftete Liegenschaften« der Familie ihres Mannes im östlichen Teil der Altmark. Ehrlich. Marthchen. »vor Graf Berristorff«. <« Frau von Bunsen verneinte.. sprach von »seit Generationen rechtmäßigem Besitz« in der Gegend von Rathenow. um konkurrenzfähig zu bleiben. was ihren Mann betraf. wir zwei beide auf Ernteeinsatz? All die riesengroßen LPGs! War doch manchmal ganz schön -oder? Wir als Junge Pioniere mittem Halstuch ... Du hast manchmal auffem Klavier. ob ihr verstorbener Mann mit Karl Josias von Bunsen.. Auf jeden Fall müßten wir mit der Ausdünnung im Personalbereich jetzt schon beginnen. Galt als Liberaler und war ein erklärter Manteuffel-Fresser.. Deshalb wollen wir unsere Reihe >Mission heute< in Richtung Osteuropa öffnen und bei den verdienstvollen Tätigkeiten der Herrnhuter anknüpfen . das fehlt mir manchmal . Waren ausgesprochen antipreußisch.. in London tätig gewesen wäre: »Wurde erst siebenundfünfzig geadelt..« Außerdem war Fonty an der Familie von Wangenheim interessiert: »Gaben sich zugespitzt altgläubig.. ganz und gar unpassend. von rund tausendzweihundert Hektar enteignetem Junkerland abgelenkt.. die bis dahin dem Priester ihre Nöte mit ihren »drei Jungs« ausgebreitet hatte .. Und später mit Blauhemd . verwandt sei. Der Brautvater wollte wissen. « . sondern wie Grundmann und Friedel Wuttke bei »berechtigten Eigentumsforderungen« bleiben... die unvermittelt Fonty stellte. die schaffen einen!« -. doch nun verhielt sich Inge Scherwinski.»Ehrlich. jenem preußischen Botschaftsrat... « Nun wollte auch Frau von Bunsen der Eigentumsfrage nachgehen. indem sie die verschieden lokalisierten Kämpfe um Besitztitel durch eine Frage an die Braut beendete: »Weißte noch. direkte Verwandtschaft mit irgendwelchen Liberalen und wollte keinesfalls mit Fonty über die Verästelungen des preußischen Adels plaudern. den man auf keinen Fall den »Kolchosen und sonstigen Seilschaften« überlassen dürfe. »Das bin ich meinem verstorbenen Mann schuldig!« Dann wollte sie auf den Altbesitz der Familie von Wangenheim kommen. wurde aber durch eine Frage. mir mit dem allerkatholischsten Gesicht zu versichern: >Preußen-Deutschland birgt keine Verheißung . Die alte Frau von Wangenheim ging so weit. ganz einfach. der während der fünfziger Jahre des vorigen Jahrhunderts. Und als wir zwei beide in einer Singgruppe .

Jadoch.. worin unsere Stärke besteht . er brüllte: »Schluß! Das ist vorbei! >Für eine bessere Zukunft<. daß mein Gedächtnis all das gespeichert hatte.... ein ziemlich rabiater Achtundsechziger gewesen . Hast sogar. und die Braut sang mit: »Damit du in der Welt dich nicht irrst . war von der abkühlenden Wirkung der Eisvariationen namens »Pariser Leben« nichts mehr zu spüren. Nichts. Diese Verbrecher. das zu Herzen ging.. und nicht vergessen. Auch mir war jede Strophe eingehämmert. bau auf!« zu singen begannen. Was habt ihr denn damals gesungen?« .. hab ich gehört. Kein Herrnhuter. « Beide sangen nun kräftiger.. Endgültig vorbei ist das. mit Mao-Bibel und so . Ich hörte mich singen und erstaunte darüber. Versaut haben sie euch. ich sang mit. »Weiß gar nicht. ein Wüterich sprang auf und schlug auf den Tisch. was uns von Jugend an gläubig hat werden lassen.. »Du bist doch früher mal. daß es klirrte. Wer hätte Martha diesen dunklen und zugleich warmen Ton zugetraut? Gleich anschließend sangen sie das Solidaritätslied »Vorwärts. hört ihr!« Aber der Gesang der Freundinnen war nicht abzustellen. doch wir sind bereit«. mitzusingen: »Spaniens Himmel breitet seine Sterne«. wie von Erinnerungen fortgespült. da kann ich nur lachen. wenn Friedel Wuttke nicht mit lautem Einwurf »Aufhören!« dagegen gewesen wäre.und Bauern-Staates aufriefen.. Che-Guevara-Poster verhökert .Und schon sang Marthas Jugendfreundin mit feinem Stimmchen: »Du hast Ja ein Ziel vor Augen . Doch weder seine Schwester noch ihre Freundin wollten auf Befehl schweigen. absolut nichts will ich davon je wieder hören. was du willst«. rief Martha zwischen Strophe und Strophe. Er rief nicht. Na. « und hätten wohl gerne alle Strophen gesungen. Als aber die beiden Freundinnen wie zwei in die Jahre gekommene FDJlerinnen nun auch noch »Bau auf. Friedel Wuttke erlebte sich jenseits aller pietistischen Geduld. als sich Martha und Inge so wohlklingend entschlossen zeigten. verdammt. dabei einander fest anblickten und mit wiederholtem Appell die »Freie Deutsche Jugend« zum Aufbau des mittlerweile auf Abbruch stehenden Arbeiter. Sie stimmten ein Lied an. für die Freiheit zu kämpfen und zu siegen.. bevor du auf fromm gemacht hast. weshalb ich versucht war.. bau auf! Bau auf. und ich summte wohl auch leise: »Die Heimat ist weit.. «.

als noch Streit die Hochzeitsgesellschaft belebte. « Als Frau von Bunsen als Ziehmutter und Grundmann als Vater die Studentin ermahnten: »Laß das bitte. soll ja! Aber sich erinnern. Und du. Inge Scherwinski sah plötzlich nicht mehr munter aufgekratzt. damit es besser. Wir erkennen einander nicht. als wir noch unter uns waren. hörte man ihn sagen: »Schade. Friedel suchte die Zimmerdecke weiß nicht wonach ab. Friedels Ausbruch verpuffte. auch wenn es trotzdem nich richtig voranging. Um den Tisch saßen wir fremd. als Martha noch klein war und bevor sie alle drei drüben geblieben sind.. Martina Grundmann fand so viel lautstarken Zorn ohnehin übertrieben: »Ist doch lustig!« Und schon versuchte sie mitzusingen: »Bau auf.. daß sich Fonty zu längerer Rede sammelte. jedenfalls anfangs noch. Was. Freundlich würde das alles kolossal apart finden. das mit dem ewigen >Bau auf<. daß der Professor nicht dabei ist.»Alle Zukunft liegt beim vierten Stand« . Ich wünschte mich ins Archiv. warst ein ganz Scharfer.. « Dann schwieg er wieder. aber wie abwesend. Martina« -»Nun hat der Spaß aber ein Ende«.. wie es gewesen is früher. was die Emigranten gesungen haben. Fast jeder hat mitgesungen. Aber bevor er seine allzeit rückläufigen Gedanken ausbreiten. bau auf. vielleicht nach seinen achtundsechziger Thesenanschlägen. seitdem wir die Einheit kriegen sollen.. in Mexiko damals .. aus Bebels Reichstagsreden zitieren. Emmi sah das mit Unruhe. Aber die Jungs sangen das und dachten so. bevor du . Soll ja auch.. Immer so fanatisch .Dann ging es weiter im aufbaufreudigen Liedtext. das preußische Spitzelwesen verdammen und die Hoffnung des Unsterblichen auf die Arbeiterklasse . von der sie bei Tisch geschwärmt hatte. doch war zu vermuten.. Hätte zweifelsohne Anekdoten auf Lager. War ja gut gemeint. trat die Erinnerung in Person auf.« Und Fonty? Er saß in korrekter Haltung.beschwören konnte. Zum Beispiel.. und sogleich sahen wir uns in anderem Licht. Nur einmal.. damals. Wuttke?« Kein Gesang mehr. Richtig aufpassen mußt man bei jedem Wort . . Aber das is ja nu alles vorbei. bat Emmi Wuttke beide und besonders ihren Schwiegersohn um Nachsicht: »So war das bei uns all die Jahre. Zwischen Braut und Bräutigam war ein Loch.. immer besser wird.. das darf man . auch unser Friedel und seine Brüder beide. nur noch abgearbeitet aus. die Studentin vielleicht nach Amsterdam und Frau von Bunsen in die Toskana. Nur Pfarrer Matull hatte ein passendes Wort übrig: »Wir kennen uns nicht. Friedel. die Zeit der Sozialistengesetze beklagen.

Einmal nahm mich Fonty beiseite: »Schreibt.. widerstand aber der Versuchung. der gerade begonnen hatte.. Er brachte keine Blumen.« Also wurde auch ihm Kaffee serviert.. Nein. jenes katholische . stand unberufen Hoftaller im Musikzimmer der Offenbach-Stuben... nahm man den Fremden mit nur halbem Interesse auf. Ist nur ne kleine Aufmerksamkeit . Warum er uneingeladen dennoch gekommen sei. in der Tür stand er und lächelte. dessen kunstvoll geknüpfte Schleife auf Konfekt schließen ließ. falls es sowas gibt. hielt aber ein mit rotem Seidenband zum Geschenk gebundenes Päckchen. das rote Band zu lösen.Als gerade der Kaffee serviert wurde. mehr nicht. Immerhin ist er bis zum Schwarzen Meer gelaufen. « Marthas Glück war verbraucht. antwortete ich mit des Bräutigams »Verstehe!« Später unterhielt mich die Studentin Martina. Und von Georg weiß ich . Hoftallers viereckiges Mitbringsel regte Vermutungen an. zupfte kurz an der seidig schimmernden Schleife. Als er sein Päckchen zu den anderen Geschenken und Blumenbuketts auf einen Nebentisch legte. Verstehe dich nicht. « Fonty sagte: »Mit seinesgleichen haben wir leben müssen«. was ihr wollt. nahm deren Geplauder auf und sprach sogar einige Worte mit Friedel Wuttke. Einer der Mitarbeiter tippte auf den »Schott«. Hoftaller wechselte zwanglos von Gast zu Gast und stellte sich mit aufgesetztem Lächeln als Freund der Familie vor. den ungeschlachten Priester zu missionieren. Ein wenig erschöpft von den drei Gängen und dem zu vielen Gerede bei Tisch. Cognac und Liköre gab es. daß du dieses Gesocks . und zwar zum neuen Lebensabschnitt. sogar Pralinen. begründete er nur Fonty gegenüber: »Ich gehöre nun mal dazu. um sich meine Mete zu angeln . Vater. Wir vom Archiv haben gerätselt. als wäre ihr der neuglänzende Schmuck schon jetzt lästig. Hoftaller mischte sich wieder unter die Gäste. Der hat sich ein paarmal bei Teddy und mir blicken lassen. Ende der siebziger Jahre schon.. einzig Friedel sagte zu seinem Vater: »Ließ sich denn diese Peinlichkeit nicht verhindern? Kenne den Typ.. ihre momentane Schönheit dahin. aber stutzt mir den Grundmann nicht zur Karikatur. Verkniffen wirkte sie. schaute mürrisch drein.. nen Glückwunsch auszusprechen. die an einem Gläschen Amaretto nippte und dabei amüsant von Amsterdams speziellen Freiheiten erzählte. « So ermahnt. sagte er mit leichter Verbeugung der Braut gegenüber: »Möchte auf keinen Fall versäumen. brachte gerade noch ein »Danke« über die Lippen und zerrte dann am Ringfinger ihrer rechten Hand. Zum taubengrauen Anzug mußte eine sehr gelbe Krawatte passen.

ihre lange Verlobungszeit betreffend. Und sogar im Hotelbett hat sie den Sozialismus ne im Prinzip gute Sache genannt. Potz Blitz! Es ist der Chablis. Sieht jetzt ganz hübsch aus. in Halbleder. offenbar dem gleichen Drang folgend. das bei alten Männern naturgemäß Zeit benötige. Beim Wasserlassen. Ein anderer traute Hoftaller die Geschmacklosigkeit zu.« Nun schon am Waschbecken.. Sie kennen ja Ihre Tochter. das Päckchen war flach. der so treibt.« Hoftaller. schnurstracks nach Fonty die Toilette aufzusuchen. wie bekannt. Mit einer harmlosen Pralinenschachtel wird er sich in Unkosten gestürzt haben«. Habe übrigens. den man sich vorm benachbarten Toilettenbecken vorstellen möge. diese gewiß nicht erbauliche Lektüre. daß ihm nicht nur die überfüllte Blase befohlen hatte. . zu beißen haben. Hat nun mal nen Hang zum Prinzipiellen. diesmal sein ominöses Päckchen betreffend: »Habe mir erlaubt. einen Buchbinder bemüht. mal rechts abweichend. sagte beschwichtigend: »Nur das Übliche. das mir zur ersten Kommunion auf den Geschenktisch gelegt worden war. Sofort sei ihm Hoftaller hinterdrein gewesen. Sowas darf nicht in falsche Hände kommen. Nur auf ihren einstigen Verlobten. gleich zu Beginn der gemeinsamen Erleichterung eröffnet worden sei. mal links. das von Hoftaller. Wird meiner Mete ein zwiespältiges Vergnügen sein. von dem wir vermuten dürfen. dessen Autor zur Spitze der Staatssicherheit gehört hatte und nun mit »Erinnerungen« auf den Markt ging. den Genossen Zwoidrak. halb so schlimm alles. der Braut ein Buch mit dem Titel »Troika« zugemutet zu haben. Einige revisionistische Extratouren. um die Nüchternheit der Akte ein wenig aufzuhellen. der verehelichten Frau Grundmann das Relikt ihrer Parteizugehörigkeit.. Zwischendurch Peinlichkeiten . wollte sie nichts kommen lassen. fast übertrieben gutgelaunt aufklärte.. mit marmoriertem Vorsatzpapier. anläßlich eines Archivbesuchs. Dabei sollte Ihnen an nein ähnlich inhaltsreichen Geschenk gelegen sein.« Fonty will gelacht haben: »Kolossal feinfühlend! Mete wird beim Auspacken ein Poesiealbum vermuten und dann erst am Inhalt. komme sein Tagundnachtschatten ja immer ohne Umstände zur Sache. bis Fonty uns. Doch jedesmal hinterher Selbstkritik. der gleichfalls ledern ist.« Daraufhin will Fonty gesagt haben: »Furchtbar rücksichtsvoll.« Ich blieb bei meinem Verdacht: »Ach was. nämlich ne abgeschlossene Kaderakte. Fonty. zu schenken. Dennoch.Meßbuch. Ne Menge Hotelgeflüster. soll Hoftaller geseufzt haben: »Noch spotten Sie. mit nein kleinen Anhang übrigens. habe ein Gespräch begonnen. Eine der Kolleginnen frotzelte: »Vielleicht hat er ihr ein Paar rote Socken verehrt. Gegen Schluß der Hochzeitsfeier habe er einem dringlichen Bedürfnis nachgeben müssen..

Ist ne Menge zusammengekommen.. wurde laut und wollte unbedingt zahlen: »Sofort und für alles!« Schon wedelte er mit der Kreditkarte und nahm den Wirt in Beschlag: »Und zwar die gesamte Rechnung.. HeinzMartin Grundmann. Außerdem wird Friedel... der nun bestimmt. die Buchrücken .Fürchte. besonders die Londoner Kladde . Trifft ja keinen Armen . « »Abgemacht ist abgemacht. obgleich sein Verlagsprogramm mehr zu Traktaten . Die Gäste warten auf uns. meine Mete jedoch heiratet nur einmal . Tallhover! Trödeln Sie nicht so lange. was soll das? Verstehe ja... der Buchbinder wird mir mehrere Bände in Rechnung stellen müssen.« Zum Schluß der Hochzeitsfeier hätte es beinahe doch noch Streit gegeben. Soll noch mehr werden. beendete den prinzipiellen Handel: »Das hier ist Ehrensache. aber nicht laut wurde. « »Sparen Sie sich die Kosten!« will Fonty bei laufendem Wasserhahn gerufen haben. die Friedel anno 95 verlegt hat . Aber für mich ist das ein Klacks sozusagen . « Fonty. einen Wink gegeben hatte. auch die >Effi Briest<-Erstausgabe. der mehrere Cognac gekippt hatte. gab sich der Bräutigam beleidigt: »Also. später die Londoner Jahre .« »Aber in schweren Zeiten wie diesen sollten die alten Spielregeln nicht . die seit jeher alles in Reinschrift bringt. der fein lächelnd zuhörte... Aber beim Händetrocknen hat er sich dann doch noch die Adresse des Buchbinders erbeten: »Will schon lange meinen Marwitz nachbinden lassen.. Dresden nicht zu vergessen. Drei Gänge. war ihm die Rechnung sicher. « »Der Brautvater zahlt!« »Machen wir doch bitte keine Affäre daraus .. « »Nun bin ich aber beleidigt... was ist das schon. ein wenig von oben herab. mit Datum und Stempel!« Als der Brautvater Einspruch erhob . Bin wieder flüssig.»Das hier ist meine Sache!« -.. wenn es zum Vortrag kommt. daß Sie gerne . Schnell versöhnt legte er den Arm um des rundlichen Bauunternehmers Schulter und erklärte ihm. Nun aber los.. Sehen schlimm aus. daß er nach längerer Krankheit wieder den Bleistift habe spielen lassen und nun seine wie des Unsterblichen Kinderjahre auf gut dreißig Blatt stünden: »Mit Hilfe meiner Emilie natürlich. « »Schwere Zeiten gibt's immer.. angefangen beim Herwegh-Club. Trug mir ein ordentliches Werkhonorar ein. mein lieber Schwiegervater.... Oder will sich mein Schwiegersohn etwa mit mir duellieren?« Nachdem er dem Wirt... Hätte die Tagebücher gerne.

spät polternde Gäste. an Frau und Tochter: »Es geht mir hier gut. Später gehts um Schweine. Der Mutter strafende Hand. Fängt übrigens alles in Neuruppin an. des Vaters Reden bei Tisch. wenn er allein verreist ist. Redakteure und Freunde wie Hertz. einige Narben. demnächst ein Bändchen herausbringen. dessen Prinzipienreiterei ihn schon oft.. Zufluchten in mittlerer Preislage. hängt doch durchaus auch mit meinen literarischen Vorzügen zusammen. kläffende Hunde. Von dort aus schreibt er an Emilie: »Du beklagst Dich über meine Weitschweifigkeit. Gerüche. die sitzende Bronze. Ich behandle das Kleine mit derselben Liebe wie das Große .und Karnickelzucht. besonders aber auf politischem Feld in Position gebracht hatte: »Die Elsässer gehörten zweihundert Jahre lang zu Frankreich. « Kurz bevor seine Novelle »Schach von Wuthenow«. bestellte Aufsätze für Rodenberg.. Wir lesen Klagen über muffige Zimmer.. Und immer wieder der See. die Schinkelkirche. Das Denkmal. dennoch. in dem auch dieser Vortrag leicht gekürzt Platz finden könnte. die er bald nach der Drucklegung des ersten Romans entworfen hatte.. das Wetter. Auch Tränen. nicht immer standesgemäß. Das Ganze ist zwar mehr hingeplaudert als für den Druck geschrieben. « .. Dann wieder Fox tönende Wochenschau. die brennenden Scheunen vorm Rheinsberger Tor. wenn ich Berlin den Rücken kehre . Die Weitschweifigkeit aber. erste Korrekturbögen. bunt kolorierte Bildchen. die ich übe.« DRITTES BUCH 16 Nach Stralsund und weiter Seine Sommerfrischen. gibt er aus Thale am Harz seinem Sohn Theodor Bescheid. »Graf Petöfy«.hin tendiert. « Im August 1883 beendete der Dreiundsechzigjährige auf Norderney nach »L'Adultera« einen weiteren Ehebruchroman. die Franzosen gefallen uns besser als die Deutschen<.. nur was von uns bleibt: Erinnerungen. so ist nicht viel dagegen zu sagen . Bäderreisen. sowas findet Leser. und wenn sie nun schließlich sagen: >Erwin von Steinbach hin. Nichts Großes. wie unberufen immer. ab Juli 82 in der Vossischen Zeitung vorabgedruckt wird. doch stets mit Manuskript im Gepäck: wiederholt liegengebliebene Novellen. Stephany und Friedlaender. Von überall her richtet er Briefe an Verleger. Erwin von Steinbach her.

Doppelarbeit. « Als ihn mit Korrekturbögen beruflicher Ärger in der Sommerfrische einholt . seinem Sohn Friedel antwortet. An einer Stelle schreibt er: >Er (Th. Der ihm seit Jahren gewogene Kritiker Paul Schlenther berichtet: »Zur Feier der . habe die neue Novelle entworfen. Georg Friedlaender in Schmiedeberg. mit dem ich fünf Worte hätte sprechen mögen . « Übrigens wohnte der Amtsrichter Dr. so macht es Doppelarbeit!« 1891. nah bei Krummhübel. wo er die Vorarbeit zu einem Manuskript unter dem Titel »Quitt« nach einem Stoff beginnt. von wo aus er. Aus Bad Kissingen Briefe und immer wieder aus Karlsbad. sondern verdummt auch« -. Fritsch. zu dem noch überall das Material fehlt. Wenn Fonty über Martha Wuttke sagte: »Schriftlich ist sie besser als mündlich«.. die Wendung >vielmotivige Mogelpläne< ist Dir geglückt ...»Sein Eigenes immer wieder zu lesen. « Wieder zurück in Berlin.das war Anfang September 98 -. hab ich durchgelesen oder richtiger überflogen.. Stellenweise zum Totlachen war Otto Leixner in der >Täglichen Rundschau<. klagt er seiner Tochter Martha. denn sie spielt hier in der Gegend. daß Metes Briefstil dem seinen angepaßt war. Von dort aus. der »Irrungen... strapaziert nicht bloß... Also hoch Silberstein! Oder Friedlaender. soweit man etwas entwerfen kann. nur aus Zitaten . mit Prinz Reuß nicht. die in Berlin geblieben ist: » . «.< Danach muß Leixner ein Sachse sein .und Wilderergeschichte mitgeteilt hat..ganz .. F. zum letzten Mal mit Frau und Tochter in Kur .die bei den Mennoniten in Amerika spielt . doch ihn zog es wiederholt und oft »nervenpleite« ins Riesengebirge. ist Berlin besser als Krummhübel«. vermuteten wir ein verschollenes Zitat. verlobt sich endlich Mete mit dem Architekten Dr. von der zweiten . der seit »Stine« und »Frau Jenny Treibel« des Vaters Bücher verlegt: »Was Du mir von Kritiken schickst. was ich wünsche. den ihm sein Brieffreund Friedlaender als schlesische Förster. teilt sich sein Mißmut in einem Brief mit. ist er den August über in Wyk auf der Nordseeinsel Föhr: »Noch bin ich keinem Menschen begegnet.Für anderer Leute Leiden wußte er Rat: »Wenn man die Gicht hat.» .. Leider liegen dem Archiv ihre Briefe an den Vater nicht vor. Von der ersten Hälfte gilt dies halb..wissen wir. Wirrungen« in Fortsetzungen abdrucken will und nun des Autors Kommentar zu den miserablen Fahnenabzügen der Vossischen Zeitung lesen muß: »Macht das.. « . den er am 18.) mußte fünf Jahre auf sein Bräutchen warten. man sah sich häufig. »Mit einem Silberstein kann man Fragen durchsprechen. Juli 87 an Friedrich Stephany richtet.. schreibt er Anfang Juni 85 an Emilie. im Jahr vor der Nervenkrankheit.

sagte Theo Wuttke zu seiner Frau: »Der ist uns. gehalten in schwieriger Zeit. im »Hotel Praestekilde« in Keldby auf der Insel Mon ab.« Sie fuhren in Grundmanns BMW über Schwerin. Eine Einladung an die Eltern. wurde nicht ausgesprochen. nach dem Debakel der materialistischen Lehre. nach Öffnung der Märkte. « Vier Tage später war der Alte oder. Anschließend stiegen sie. für dessen Sehenswürdigkeiten drei Tage genug sein mußten. reiste das frischvermählte Paar sogleich ab und folgte der Devise des Brautvaters: »Wenn auch nur kurz. Nach Martha Wuttkes Trauung mit dem Bauunternehmer Heinz-Martin Grundmann und dem anschließenden Festessen. um die zukünftige Wohnung mit Seeblick zu besichtigen. Steif saß man sich im Poggenpuhlschen Salon gegenüber. vielleicht rappelt er sich doch noch und verlegt seines alten Vaters Vorträge. Doch auch die Brauteltern hielt es nicht in der immer noch heißen Stadt. Eine Geschichte der Herrnhuter und ihrer weltweiten Missionsarbeit sei in Vorbereitung. weil Professor Freundlich und Frau abgesagt hatten. Nun. wenn . der Unsterbliche tot. global orientieren. feines Essen bereitet worden. Bin mir aber nicht sicher. Dem im Haus der Ministerien halbtags angestellten Aktenboten stand Genesungsurlaub bei voll ausgezahltem Gehalt zu. Hochzeitsreise muß sein. nach Wuppertal zurückzukehren. Fragen nach Teddy und dessen Frau sowie nach deren Kindern aus erster Ehe bekamen kaum Antwort. Nur als Verleger war er gesprächig: Das Verlagsprogramm müsse sich nun. auch verloren. Friedel wich jeder familiären Annäherung aus. Es kam zu keiner klärenden. glaube ich. zu dem. nur zehn. etwa zum Kuraufenthalt im Sauerland. Im Grunde steht man zu seinen Kindern nicht anders als zu anderen Menschen. Vorsichtig abwägende Worte. Als der Sohn ging und nur einen Verlagsprospekt zurückließ.. Hoftaller mitgezählt.Verlobung seiner ihm geistesverwandten Tochter war ein kleines. dann weiter nach Lübeck und Puttgarden auf Fehmarn. wo sie kurz Halt machten. seine Frau sollte ihn begleiten. »Unsere Stunde!« rief er. dürste die Menschheit nach religiöser Sinngebung. mußte die Abreise nicht verschoben werden. Da helfen keine Erziehungskunststücke. wie vorbestellt. Jeder auf seine Weise verletzlich. Und da der Sohn Friedel die Eltern nur kurz in der Kollwitzstraße besuchte und es überaus eilig hatte. Nur neun Personen. elf Personen versammelt waren. nahmen von dort die Fähre nach Rodby und waren zwei Stunden später in Kopenhagen. lieben Greisenschönheit Mittelpunkt und Seele der Unterhaltung. geschweige denn versöhnlichen Aussprache. Na.. Der Alte in seiner herrlichen. wie wir zu sagen gewohnt sind.

Wir vermuten. wird auch nur mit Wasser gekocht. dem Hauptmannhaus benachbart. das heute. gleich hinter den Buchen. ein Städtchen. und Karlsbad als Karlovy Vary schienen einige Erwägungen wert. ein wenig vorzusorgen. mit Westgeld. mit diesem baltischen Capri zufrieden sein werden. So spürbar die veränderte Lage ist und so erstaunt wir feststellen. Norderney und Wyk auf Föhr schieden aus Kostengründen aus. Nehme an. Noch verfüge er über Kontakte. nachdem er ein zahlreiches Publikum mit pikanten Hinweisen auf die Praxis der preußischen Zensur überrascht habe. Nicht nur Emmi lehnte Thale am Harz ab. daß auch Sie. wie jeder Liebhaber der Insel wisse. daß hinter der Villa Seedorn. war man dort König. Emilie.ich meinen Herrn Sohn so selbstgerecht daherreden höre. jetzt. die Fonty erwogen haben wird. weil seit Kriegsende in polnischem Besitz. die Ostsee hatte man noch immer in greifbarer Nähe. schrieb die Leiterin der vielbesuchten Gedenkstätte: »Das Werk des großen Dichters wird auch diese Wendezeit überleben. zuletzt. Krummhübel im Riesengebirge. zudem sprachen die längere Krankheit und die anstrengenden Hochzeitsvorbereitungen für einen Aufenthalt an der Küste. ihre besonderen Reize. liebe Frau Wuttke. Glaub mir. ohne aufdringlich sein zu wollen.« Emmi weinte eine halbe Stunde lang. wir bleiben weiterhin dem gemeinsamen Kulturschaffen verpflichtet. Karpacz heißt.« Die Nachricht kam von der Ostseeinsel Hiddensee und besagte. daß sie das nunmehr feststehende Reiseziel allen anderen Kurorten. Doch darin waren sich Theo und Emmi Wuttke einig: Seeluft sollte Vorrang haben. »Habe mir erlaubt. Und schon legte er als Beweis einen Brief auf den Küchentisch. Dort habe der werte Herr Wuttke. Mit dem ihm verbliebenen Nachdruck war Hoftaller. Soviel sich im Verlauf der Wendezeit verändert haben mochte. ob nun in Wuppertal oder Bonn. Ohne Hoftallers verdeckte Dienstleistung zu erwähnen. Bad Kissingen. da drüben. Man freue sich auf das Wiedersehen. Was heißt hier Unrechtsstaat! Innerhalb dieser Welt der Mängel lebten wir in einer kommoden Diktatur. Er wolle sich über Beziehungen nützlich machen. daß sich von Fontys langjähriger Tätigkeit als Kulturbundreisender durchaus ein Anspruch auf »exquisite Ferienortlage« ableiten lasse. der Meinung. schon mehrmals übernachtet. vorgezogen hat. wie man sich gut erinnere. Die Nachsaison habe. wer hier neuerdings anlandet und sich als kauffreudig zu erkennen gibt. ein Gästezimmer mit Kochgelegenheit und wohnlichem Nebenraum frei sei. Herzlich willkommen auf unserer Insel!« . der unbedingt behilflich sein wollte. dann begann sie zu packen.

War auf der Hochzeit schon so. wie Martha sagt. waren aber indirekt dabei. und warum sich mein Wuttke dafür so angestrengt und verdient gemacht hat. immer mehr Autos. Der Zug kam verspätet aus Leipzig. und daß unser Friedel bei uns dann kein einziges herzliches Wort gefunden hat. Außerdem hat die Hochzeit meinen Wuttke. Ein Nahziel mit Fernblick. immer dasselbe. Aber das hat sich. daß man rauskam endlich. die er nich wissen kann. Wir hätten uns gerne dazugesetzt. und wie das wirklich war beim Kulturbund. Und wie üblicherweise wir. Wer sind wir denn. daß sie ihn paarmal sogar mit ner Ehrennadel in Silber ausgezeichnet haben. weil Emmi uns später die Bahnfahrt miterleben ließ: »Ziemlich langweilig die Landschaft. Nicht selten haben Mitarbeiter kurze und längere Inselferien mit Studienaufenthalten verbunden. Dort kam man auf vogelfreie Gedanken. Vater nich nehmen lassen. War aber trotzdem gut. nämlich manchmal. Dabei freundlich. daß wir von früh bis spät gelitten und uns wie im KZ gefühlt haben. reisten die Wuttkes zweiter Klasse. Die Hitze in der Stadt. so zurückgeblieben sah er aus. daß man uns dauernd wie arme Schlucker behandelt. sollte sich die Übernahme dieses Relikt aus vorsozialistischen Zeiten noch lange hinauszögern. Erklärt meinem Wuttke. Nur immer auf uns runtergeguckt. Richtig hochnäsig sind die alle. Oft hat man von dort aus Anfragen ans Archiv gerichtet. Von dieser Trauminsel aus öffnete sich uns zumindest der Horizont. aber mich och ziemlich mitgenommen. der ja nie ins westliche . och wenn er rein nischt kapiert hat und am liebsten hören will. das gilt auf Bahnhöfen wie in der Politik. Weil untauglich für ein schnelles Geschäft. Von Berlin-Lichtenberg über Pasewalk. und was man jetzt überall von Ozon redet. Kann einfach über alles reden und weiß sogar Dinge. von Weltniveau. Zum Schluß hätt es beinah noch Krach beim Bezahlen gegeben. und da der Kulturbundreisende Fonty jahrelang den Schienenweg genommen hatte. Noch hieß die Reichsbahn nicht Bundesbahn.« Weil aus Gewohnheit sparsam. redet och über alles weg. Mein Gott. wie Martha immer gesagt hat. Bis Stralsund hatten sie ein Abteil für sich. Sagt zu mir gnädige Frau und hochverehrte Emmi. Doch dieser Grundmann sagt immer nur >Verstehe<. dieser Grundmann. so reisten Theo und Emmi Wuttke bis Stralsund mit der Bahn und nahmen von dort aus das Schiff. so verlangsamt und schäbig abgenutzt kam er sich vor: »Bin untauglich für schnelle Anschlüsse. Na. Und seine Tochter.Uns war das Hauptmannhaus eine vertraute Adresse. Warum manches schlimm und anderes nich so schlimm. Das ganze Drum und Dran. die ganz schön keß is. konnte er als ein Stück Reichsbahn gelten. wie der redet! Als müßt man uns alles dreimal erklären.

die die Bunsensche von sich gegeben hat: >Recht anständig. wenn er auf sein Einundalles kommt. Rom und jede Menge griechische Inseln. Dergleichen gibt es bei uns im Westen schon lange nicht mehr . diese Grundstückmakelei. aber kolossal anstrengend. als die alle und die Adlige och endlich weg waren. Gründerjahre nannte man das. < oder: >Richtig niedlich. die Stadt. die wird ihren Grundmann schon zurechtstauchen. wie ihm sein oller Petöfy in die Tischrede gerutscht ist. auf Ball! Mein Wuttke hat nur gestaunt. Alles Mumpitz! Erinnert mich kolossal an anno einundsiebzig. und was er sonst noch vorhat. diese Frau Scherwinski. als mir mein Wuttke das berlinische und hamburgische Getue vorgespielt hat: >Was ist denn wohl schöner. hat er gesagt: >Ganz nett die Leute aus dem Westen. Konnt ma ja sehn von weitem schon: Britz. Und manchmal paßt es sogar.. < Sie wissen ja. nee! Mein Wuttke hat zwar über unsere Martha gesagt. wo sie nu katholisch is und mitreden kann. paßt immer. War eine einzige Baustelle. Kann man in der Vossischen nachlesen: der Börsenkrach anno dreiundsiebzig. als mit Frankreichs Golddukaten die preußische Renommiersucht hochgepäppelt wurde. < Darin ist er groß. Industriepark und Erholungspark in ökonomisch-ökologischer Symbiose. wie mein Wuttke redet. >Entsage!< Und das auf ner Hochzeit. wenn sie auch Treibel hießen. Aber hinterher. So natürlich. dann aber prompt sein Gedicht.. aufgesagt. Und immer so direkt. Und stellen Sie sich vor: Sogar auf Ball is das junge Ding gewesen. alle Strophen. gefällt mir gar nicht.Ausland gedurft hat. haben wir erst mal gelacht alle beide. wo überall sie gewesen is: Klar doch. < jedenfalls haben wir unsern Spaß gehabt.. War doch ne schöne Hochzeit! Och wenn mir dieser Grundmann mit seinen zehn Großbaustellen und seinen Witzen über unsere Plattenbaukästen ziemlich auffen Wecker gegangen is. Und paarmal London. einmal sogar bis Schottland rauf. als ob er gestern noch mit nein Bleistift das alles persönlich .. Was der gesagt hat. Aber auf der Bahnfahrt waren bis Pasewalk nur die Treibels dran. der Wein hier . Und überall Grundmanns.. Was hab ich gelacht. weil mein Wuttke nun och >gnädige Frau< und noch so paar komische Sachen zu mir gesagt hat. Und wie die Potsdamer Straße aussieht! Nee. Paris.< Und als wir dann fuhren. Skandale und Pleiten. Alles Fassade und hinten raus Mietskaserne. Kommerzienrat waren und in Berliner Blau machten . wissense.. das von den balinesischen Frauen. Buckow und wo noch überall. aber besorgt war er trotzdem.. die Alster bei der Uhlenhorst oder die Spree bei Treptow?< Und die aufgeblasene Frau Treibel hat er flöten lassen: >Dieser furchtbare Vogelsang hat wie ein Alp auf mir gelegen . na. Sie vom Archiv haben ja mitgekriegt. als wenn die drüben nich och Mist gebaut hätten. >Was die da in Schwerin groß aufziehen wollen..

daß er hier sowas wie Kreissekretär hätt werden können. andauernd mit unserer Martha verglich. auf den hinter jeder Ecke lauernden Ehebruch zu bringen. Nur. Ehekräche. ähnlich wie unsere Martha . sobald wir zurück sind. Hatte vor. Immerzu: Corinna hin. nämlich die Einheit gemeint. ich hätt nach der Ehe mit Grundmann gefragt. aber da hätten Sie meinen Wuttke mal hören sollen: >Pasewalk . Rücksicht genommen und meiner frisch konvertierten Tochter etwaige Wünsche nach katholischem Glück mit dem protestantischen 'Entsage!' wegzublasen versucht.gekritzelt und mir zum Abtippen vorgelegt hat. als der Eisenbahnzug quer durch Deutschland mit Lenin drin . nich nur die Landschaft draußen. wie man heute sagt. Wollte mit 'L'Adultera' anfangen und den Faden von der couragierten Melanie über die kränkelnde Cécile bis hin zur armen Effi spinnen. auch die Geschichten von früher. was noch lang . >Was soll schon werden<. Politiker zu werden. von der alle geredet haben und die für uns dieser Krause ausgehandelt hat. Werde ihr raten.. weil er damit alles noch schlimmer macht. Nee. Dabei soll diese Mete. hat er gesagt.nie! Hier hat doch dieser österreichische Gefreite im Lazarett gelegen und beschlossen. meinen altvertrauten Kumpan fragen. Bleibe dabei: Zweifel ist immer nichtig!< Und dann hat mein Wuttke doch noch gemerkt. weil ihr Mann viel älter als sie war und ihr einfach weggestorben is und weil sie sowieso nervenkrank war. Hier hat angefangen. die ja an sich ne flotte Person is. hab ich ihn kurz dran erinnert. habe dann aber auf deine Empfindlichkeit. >wird sich hinziehen wie jede Ehe und schlecht und recht sein. Denn das kannt ich schon alles. Werde schon morgen Einschlägiges an unsere Mete schreiben. Doch zurück zu deiner Frage. vom Balkon runter. Aber er hat geglaubt. der wußte schon immer im voraus. Der hat. der hat den richtigen Riecher. Schon als Tallhover. die ja wohl bißchen daneben war. nur aussem Fenster geguckt und mich ziemlich gelangweilt. daß ich nach ganz was anderem gefragt hab. fand ich wieder mal ziemlich daneben. meine Tischrede. < Ich hab ihn nur noch reden lassen und nischt mehr gesagt. Ich hab schon zu oft danebengetippt. daß er diese Corinna Schmidt aussein Roman. Da mußt du. Als wir in Pasewalk hielten. keine Ahnung. Wuttke! (Hab aber eigentlich was ganz anderes. Was soll schon werden? Ehekrise. zum Schluß Selbstmord gemacht haben. die ja der Liebling von seinem Einundalles gewesen is.. Mete her. meine liebe Emilie. >Was nun werden soll? Falls du das Einigvaterland gemeint hast. wie es schiefgehen würde. das Glaubensbekenntnis ihres gar nicht so üblen Pfaffen zu beherzigen und tapfer zu zweifeln. Ehebruch! Ein immergrünes Thema.. aber Hoftaller. jedesmal. das arme Ding. den Durchblick und ist kolossal auf dem laufenden. Aber gelacht hab ich schon.. Jedenfalls hab ich gesagt: >Was soll nun werden.

darunter das Londoner. Als hätt er nich unsre Jungs und och Martha bespitzelt. hat ein Päckchen mit Schleife drum. selbst solche. « Grob geschätzt sind es über siebentausend Briefe gewesen. Jedenfalls war. denn viele seiner Briefe.. War richtig zum Aufatmen . war ganz nach Plan. etwa sein emotionaler Ausbruch. bald nach Emilies Tod folgte die Familie ihrem Wunsch und hat alle verbrannt. doch können wir nur selten mitbieten. als wüßt er mehr. zum Beispiel Entwürfe. kann mich nicht abhalten.. sogar jene. und die Möglichkeit.. als die sich mit ihrem Grundmann im Hotel heimlich . weil ja vom Wasser ein Lüftchen ging. ist in einem beständigen Wachsen. Steht plötzlich in Schlips und Anzug da. diesen Sieg des Neuen zu wünschen . Hinzu kommt der Geiz der preußischen Kulturbehörden.nicht zu Ende ist. das mehr als nur Arbeitskladde ist. sagt: >Für die Genossin Braut< und feixt dabei. dem Geburtstag jenes Kronprinzen zu Papier kam. Nen richtigen Schauer hab ich gekriegt.. als man von sich selber weiß. doch nich so heiß wie in Berlin. Mai 1895. Glücklicherweise fanden sich in einem Tresor . daß dem Sieg des Neuen eine furchtbare Schlacht voraufgehen muß. der am 6. ja die Wahrscheinlichkeit.. die sich wie spontane Niederschrift lesen und reich an augenblicklichen Einfällen sind.. ein für die Forschung besonders bedauerlicher Verlust. Pasewalk? Niemals. die von politischem Zorn diktiert zu sein scheinen.natürlich in einem jüdischen . denn als die Erben anno 35 glaubten.. « . hat eingesehen sogar . « Als Kommentar dazu steht an anderer Stelle: »Habe oft hart am Rande des Hochverrats geplaudert . < Da hab ich nur lachen gekonnt: >Nee. Wuttke. Anderes bleibt weg: so die Korrespondenz mit Wolfsohn und die frühen Briefe an die Verlobte.. Der hat doch schon wieder überall seine Finger drin. denn an die tausend Handschriften aus seiner Feder gehören zu den Verlusten. hab ich gesagt. wurden bis ins launige Detail erarbeitet. Gelegentlich taucht die eine oder andere Originalschrift wieder auf und erzielt auf Auktionen stolze Preise.. als wär nie was Schlimmes gewesen . Selbst mein altvertrauter Kumpan konnte mich nicht überreden. der gottlob nie Kaiser werden sollte: »Mein Haß gegen alles. der kennt kein Einsehen nich.. gingen bereits Kostbarkeiten unübersichtlich in fremde Hände über. als wir in Stralsund ankamen. < Und daß er och noch auf Martha ihre Hochzeit gekommen is-. Hat dann auch nicht mehr gedrängelt.. die gesammelt wurden und zum Teil wieder verlorengingen.einige Tagebücher. was die neue Zeit aufhält. immer noch schönes Wetter.. als er auf einmal bei Friedel stand und auf den eingequasselt hat. die uns der letzte Krieg brachte. einen Teil des Nachlasses versteigern zu müssen.

der seine Vorträge nie ohne Beschwörung der »kulturellen Errungenschaften« abschloß.. der unserem Epistolographen mit gewagtem Satz nachsagte: »Er würde zur großen deutschen Literatur gehören. wo er am 12.Einer seiner Biographen. Keller und Hebbel stellt er ihn und spricht von »europäischen Briefen«. mit Reuter. der übrigens freundschaftlich mit Fonty in Korrespondenz stand.. wenn er in einem Brief an Mete den Konflikt des Kaisers mit Bismarck.« Über Storm. hat sich Reuter. daß meine Nerven sich dabei erholen. der unserem Archiv über Jahrzehnte hinweg auf recht eigenwillige Weise verbunden gewesen ist. ohne deutlicher als notwendig zu werden. Ähnlich wie der Kulturbundreisende Wuttke. »lauter kleine Klümpchen«. Die Luft ist ozonreicher als nötig und macht mich fiebrig. Mein Zimmer ist reizend. eine Brücke zurück ins neunzehnte Jahrhundert gezimmert. Nur die Tinte! Geht das so fort. Auch vor der Nacht habe ich ein ahnungsvolles Grauen . Und Reuter war es. und der Blick über den Vorgarten fort auf den starkbewegten Strom und die Heide dahinter erquickt mich.und Bauern-Staates als historisch konsequent abgeleitet.. Wovon man doch alles abhängig ist? Die ganze Schreiblust ist hin. das kulturelle Erbe zu festigen. « ..und sei es mit listig ausgewählten Briefzitaten . ich. den zur Höchstform entwickelten Plauderstil betonen. auch wenn von ihm nichts überliefert wäre als seine Briefe. « Und ähnlich spontan wirkend verplauderte er politische Ärgernisse. Staatsretter und sentimentaler Hochverräter. Klage über Undank und norddeutsche Sentimentalitätsträne . dennoch fühle ich. in eine Anekdote kleidet und zum Schluß befindet: »Er hat die größte Ähnlichkeit mit dem Schillerschen Wallenstein (der historische war anders): Genie. die an Voltaire und Diderot. den er als »Mogelant« sieht.es sieht alles sehr mäusrig aus . es ging ihm wohl darum..den Fortschritt und den Humanismus. Mai 1884 aus strenger Arbeitsklausur in Hankels Ablage an seine Frau schreibt und beiläufig die Qualität der Tinte. es weht eine starke Ostbrise. indem wir. so können all the perfumes of Arabia mich nicht wieder gesund machen. Immer ich. an Lessing oder Swift und Scott zu messen seien. Wir vom Archiv stimmen dem gerne zu. mithin den »Sieg des Neuen« paradieren ließen. zum Beispiel dort. und wenn die Geschichte nicht mehr weitergeht. beklagt: » . hat diese und andere Briefstellen mit Bedacht in den Vordergrund gerückt und aus deren Radikalität die Existenz des ersten deutschen Arbeiter. über die beide . etwa. Hans-Heinrich Reuter..

ob Kopenhagen noch immer ein Sündenpfuhl ist und die Dänen so fidel wie dazumal sind. die er als »Meine Mete« anredet: »Die Buchen vor unserem Quartier stehen immer noch unbeschadet. weshalb ihr der arme Holk nicht gewachsen war. das äußerst lebendige Tivoli abgehakt haben. gerichtet an Martha Grundmann. Jedenfalls bin ich begierig. sondern eine Enkelin des schwedisch-königlichen Leibjuden Meyer-Rosenberg gewesen ist und alle Vor. nur wenig gesehen. die ja keine Rosenberg-Gruszczynski. damit Du ihn postlagernd vorfindest. während Emmi die Koffer auspackte. Und weil in Eile. haben wir von der Stadt am Strelasund. zumal ihn beiläufig die mit der Geheimpolizei vertrauliche Kapitänstochter Brigitte durch ihr laszives Benehmen verwirrt hat. nach Stege auf Mon schicke. wie verabredet.. geborene Wuttke.oder was von der einst Schönen und selbst von Wallenstein nicht Bezwungenen geblieben ist . verspürte er.und Nachteile des jüdischen an sich hatte. denn pünktlich um 14 Uhr 30 . und auch sonst ist auf der Insel von kommender Einheit nichts zu bemerken. muß diesem Vergleich insoweit zugestimmt werden. Thorwaldsens kalte Marmorpracht und. die uns. Grundmann ist sicher mehr an Baulichkeiten interessiert.>Go West!< .. unwiderstehliche Schreiblaune. zu meiner Zeit setzte man mit dem schmauchenden Dampfer >Swanti< über. als ich in beiden kolossale Mogelanten sehe .) Mama und ich erreichten Stralsund . von Dir zu hören. außerdem stieß ihn aus einer liegengebliebenen Zeitung politischer Ärger an: »Sperre ja selten mein Ohr in Richtung Bonn auf. den ich. es sei denn. die Glyptothek. Dich jedoch vermute ich auf den Spuren des so liebenswürdigen wie labilen Grafen Holk und der feuerzüngigen Ebba Rosenberg. im Gegensatz dazu. « Weiter steht in dem Brief an seine Tochter.Dieses Urteil übernahm Fonty in einem Brief. trotz einiger Goldzähne. doch wenn sich der gegenwärtige Kanzler der Deutschen in Sachen Einheit überhebt und als regierende Masse in die Nähe Bismarcks rücken läßt. so daß wir einerseits Eure Hochzeit und deren Gäste verplaudern und andererseits das Motorschiff >Insel Hiddensee< gerade noch rechtzeitig erreichen konnten.allgemein richtungweisend sein will. Inzwischen werdet Ihr Kopenhagen.im guten alten Reichsbahntempo. denn kaum auf Hiddensee angekommen. was nun tatsächlich für meinen aus bester Laune gestifteten Brief zutrifft. (Übrigens kam >Unwiederbringlich< auf dänisch unter dem Titel >Grevinde Holk< heraus. daß die Zigarettenreklame am Klosterschen Bollwerk . auffallend lückenhaft anlächelte.

später schwarz-gelben Wimpeln begrüßten uns erste Reusen. Schnell rückte uns Altefähr näher. Mit schwarzen. die weniger durch den Bildhauer Oskar Kruse als durch die Puppenmutter Käthe Kruse bekannt ist. >Schipperöbing< genannt haben. die sich gegenwärtig gewiß ungern an ihre Unsterblichkeitszertifikate für den damals schon kränkelnden Sozialismus erinnern werden. Übrigens ist es dasselbe Doppelzimmer. Während der nachfolgenden Aussprache mit dem Publikum. gab es zwar deutliche Winke mit dem Zaunpfahl. den sie. auf denen Kormorane saßen. kindliche Freude aufkommen ließen. Fand auch mich rückblätternd mit letzter Eintragung vom Mal einundsiebzig: >Ein Hauptmann brachte dem Kaiser Verdruß. die ja eigentlich gegen Seefahrten ist und selbst bei stabilem Wetter Stürme befürchtet. wenn Du Dich an Deinen Inselbesuch mit Zwoidrak erinnerst. die uns vor dem Hintergrund der langgestreckten Insel entzückten und bei Mama. >Guck nur. in dem ich Anfang der siebziger Jahre ein verregnetes Wochenende überstanden habe. zumal ich mir als Zugabe einen Vergleich zwischen Hauptmanns >Die Weber< und Müllers >Die Umsiedlerin< erlaubte. Nach knapp zweistündiger Fahrt legten wir in Neuendorf. guck nur!< rief sie und wollte gar nichts anderes sehen. wie ich finde. Bei prächtigem Wetter und minimalem Seegang genoß Mama die Überfährt vorbei an grünen und roten Bojen und die Sicht auf den Gellen. Etliche drollig gereimte Ergebenheitsadressen. weit genug weg von aller touristischen Neugierde. zu dem einige Inselprominenz gehörte. doch scharf geschossen wurde nicht. bald in Vitte an und folgten dabei der Fahrrinne zwischen Bojen. Kann man im Gästebuch nachlesen. die den Weg wiesen. In Kloster angelandet. doch ziemlich wortkarg karrte uns ein Fischersohn die Koffer im Bollerwagen zum Hauptmannschen Anwesen. Zwischen Vitte und Kloster machte ich Mama auf die im waldigen Hügelland gelegene Lietzenburg aufmerksam. uns ist ein Müller 'ne harte Nuß. ein. Und Immer wieder Kormorane in ständig wechselnden Flugformationen. mit Kochnische für Mamas Blasentee. Einige restliche Speicher blieben zurück. blauweiß karierten Gardinen und einem Ledersessel. möchte ich nunmehr . der von vielen Inselgästen erzählen könnte . das schon auf Rügen liegt. unter ihnen illustre. nachdem mein Vortrag >Literatur und Zensur in Preußen vor und nach dem Wegfall der Sozialistengesetze< nur ängstlichen Beifall gefunden hatte. Die beiden Zimmer sind unverändert schlicht möbliert.< Dies Verslein lesend. in dessen Windschatten wir in der Gästewohnung Quartier nahmen.legten wir ab. stand dann am Bollwerk zwar nicht ein Enkel des alten Gau. allzu klotziger großbürgerlicher Bau.

die das Leben selbst seinen Erscheinungen. Nun ja! Man verzapft so gut man kann seine väterliche Weisheit. erst spät gelernt. Jedenfalls fühlte ich mich. nämlich der Weber-Hauptmann und der Lohndrücker-Müller. in Vitte Quartier bezogen. die leider zu Deiner Hochzeit nicht kommen konnten. Mama und ich haben die alte Devise. weil ich nun mal nicht aufs Pessimistische abonniert bin. noch weniger Mama. in späteren Produktionen gewann oft das Pompöse überhand: viel inszeniertes Geschrei und wenig Wolle. Nur Mama fand die Zimmerchen unangemessen und behauptete. daß Du Deinem Grundmann in der Hedwigskirche weder ein himmelhochjauchzendes noch ein trübsinniges ja gegeben hast. es rieche mäuserig. saftige Filetstücke rauszuschneiden. Warne nur vor allzu großer Happigkeit! Hier gibt man sich übrigens wohltuend freundlich. die sich partout nicht die Butter vom Brot nehmen läßt. daß mir in beiden Fällen jeweils die jungen und radikalen Ausgaben. Eine schwere Kunst: gelegentlich durch die Finger gucken und doch ehrlich bleiben. laut neuester Redensart. vor Augen standen. die nach wie vor bemüht bleiben. kaum waren die Koffer ausgepackt. Gehe nicht. sogleich angekommen. nachdem uns das Leben deprimierenden Nachhilfeunterricht erteilt hat. sich nach der Decke zu strecken. nach bauherrlicher Lust mit Mecklenburgs Grund und Boden zu spekulieren und sich überall. Viele Gäste hat die Insel nicht. Mir hingegen ist sein weltläufiger Witz immer Gewinn . Die Leiterin des Museums erinnert sich meiner Bemühungen um das kulturelle Erbe. Zum Glück hat Professor Freundlich mit Frau. hat er zweifelsohne ein Auge auf Schwerins Schelfstadt geworfen. dem Traurigen nach. Deshalb hoffe ich. sobald es ihn ankommen wird. der mich oft reizt. und schließlich ist doch auch diese belämmert. Du weißt. Noch immer begegnet man hier jenen von Jugend an halb ansässigen alten Damen mit Bubikopffrisuren und schräg sitzender Baskenmütze. so auch dem Ehestand gibt. alles in jenen Verhältnissen und Prozentsätzen zu belassen. Sie scheint mir eine Person zu sein. er liegt Dir nicht besonders. Und selbstverständlich fehlt es nicht an Sachsen. die begehrlich über die Zäune gucken. bleibt ungewiß. Ich weiß. er sprach von einigen >hochinteressanten Projekten<. Ob allerdings in heutigen Zeiten Haltung bewahrt werden kann. was wir natürlich auch von Deinem Grundmann erwarten.nachtragen. aller Welt zu beweisen. sie redet sich leicht übers Ziel hinaus und hat einen schwarzseherischen Zug. wie unverwüstlich sie sind. Wie ich am Hochzeitstisch beiläufig hörte. befleißige mich vielmehr. Einige Westler. wie sie. auch Mama gegenüber.

Doch wie Du weißt.gewesen. nur weil er Jude war. Nun werden Mama und ich einen ersten Inselbummel wagen. Schließlich bekamen beide Ärger mit der Partei. steht übrigens auf dem gleichen Blatt.< Und meinen spielerischen Vergleich mit Friedlaender. Und als die Freundlichs. Freundlich junior jedoch. linker Hand Feuerdorn und kurze Eiben.umgemünzt habe. Wuttke. die Lebensdaten jedoch wie überflüssiges Beiwerk ausspart. schlimmer kann es nicht werden. den ich. hat den Verlust seiner Parteizugehörigkeit mit noblem Sarkasmus quittiert und meinen im Grund feigen Verbleib beim Kulturbund nicht krummgenommen. auf Wunsch begraben: >Vor Sonnenaufgang< . man wollte ihn immer schon weghaben.ganz im Sinne Reuters . « Wir müssen dem Biographen Reuter zustimmen. auf dem Freundlichs Ärger mit der Partei notiert ist.gerne einen Kranz getrockneter Immortellen zur Hand gehabt hätte. als »stolzen Anspruch auf Unsterblichkeit« lobte. wo ja nicht nur Schluck und Gau liegen. einigen Kummer.. fand mein Bemühen um das kulturelle Erbe jederzeit ihre Unterstützung. Freundlich senior starb darüber. . der nun schon auf die Sechzig zugeht. passierte das jedem. Man will ihn weghaben. sondern gutgeheißen. Sein Rat hieß: >Weitermachen. die nur den Namen nennt. daß er . hat er mit Vergnügen gehört. ist anzunehmen. als mich die Pirckheimer-Gesellschaft anläßlich seines fünfzigsten Geburtstages als Festredner nach Jena eingeladen hatte. der auf sich hielt. von unserem Briefwechsel ausgehend. aber doch angemessen« nannte. den Findling »zwar kolossal.. die sich anmaßen. Natürlich geht's zuerst auf den nahen Friedhof.der alte Freundlich ging seinerzeit nach Mexiko haben sich einen weiten Horizont bewahrt. sich am Efeu über dem Grabhügel erfreute. einige vertrocknete Kränze bemängelte. seinen wissenschaftlichen Rang zu evaluieren. wenn er die Verdienste des Briefschreibers und Theaterkritikers um den jungen Dramatiker Hauptmann aufzählt: Niemand habe wie er den neuen Ton gehört. noch beim Kulturbund von Einfluß waren. rechter Hand einen Weißdorn registrierte und die in den Stein gehauene Keilschrift. Diese Emigranten . anfangs der Vater. zum Vortrag >Wiederholte Freundschaft mit Juristen< . aber auch die Gefahr des Abgleitens ins weihevoll Mystische oder in die Langweiligkeit klappriger Ritterstücke wie »Florian Geyer« erkannt. Daß Friedlaender Ärger mit der Armee bekam. sondern unterm Findling auch er. Wenn Fonty also das Hauptmanngrab besuchte. doch zur Zeit bereiten ihm westliche Professoren. später der Sohn.

von Stein zu Stein. Emmi und er folgten den Grabreihen des sanft gewellten Friedhofs. Wie viele der von städtischer Unruhe getriebenen Inselgäste. Beide gingen gerne auf Friedhöfe. zum Widerstandskreis der »Weißen Rose« gehört hatte und sich das Leben nahm. daß er ein zweites und drittes Paar in Reserve hält. sind auch wir einigermaßen ortskundig und bis in die Heide hinein bewandert. als Verhaftung drohte. Er wandert mit Stock unterm bulgarischen Sommerhut und trägt zur hellen Hose ein strohgelbes Leinenjackett.doch war dieser Grabschmuck schon lange nicht mehr im Handel. vom Wind geduckte Bäume. vorbei an Heckenrosen und reifendem Sanddorn. der so gerufen wurde. Witt. heute eher kümmerlichen und kaum Fruchtdolden tragenden Holunder. Hier fielen ihm.« Dann blickte er sich um. spitz zulaufende Stele und wußte. Nur wenige. Er wies auf eine schmale. aber er kennt jedes Gewächs und erinnert sich. sind ohnehin Wanderschuhe. noch vom letzten Besuch her. nun unter den wenigen windschiefen Strandkiefern. besonders aber die gußeiserne Schmuckumrandung wie eine Bühnendekoration zu einem eher mittelmäßigen Theaterstück. so sehen wir die Wuttkes vor wechselnden Grabstellen. wirkte auf ihn der »enorme Aufwand«. Gau. deren Lebensdaten ihr nur die knappe Spanne von 1921 bis 1943 ließen. 17 Inselgäste Der Wanderer. Einheimische neben Zugereisten. Schluck. wie er im Buche steht. beides ein wenig knittrig. in denen er sonst und das ganze Jahr über durch den Volkspark Friedrichshain oder neuerdings durch den Tiergarten läuft. weil seine zwei Kühe auf Salzwiesen weideten. sei es zum alten Inselpfarrer Gustavs. wie auf Suche nach einer aufgelassenen Grabstelle. an den Weißdorn. die zur Seeseite stehen. Wir wissen. Emmi hat ihn auf die vielen Gottschalk. der dem allmählich beginnenden Hügelland zu Füßen liegt. Als Emmi das Familiengrab der Felstensteins nahe der Kirche bewunderte. Vorbei an Eibenhecken. Fonty rief: »Respekt vor dem großen Regisseur! Doch zuletzt hat er sich kolossal daneben inszeniert. Hand in Hand. die Weiden. daß jene zuoberst angeführte Sabine Hirschberg. Schlieker und Striesow aufmerksam gemacht. sei es zu Solting. besonders viele Anekdoten ein. Wir sehen Fonty von Kloster aus über den Plattenweg unterwegs nach Vitte. Seine Schnürschuhe. so die Immortellen. bedroht sind und überdies der Begriff Unsterblichkeit fragwürdig geworden ist. noch kürzlich hat er auf einem der rasch den Standort wechselnden Polenmärkte »für ein Spottgeld« ein Paar . den damals üppigen. weil angesichts des Weltzustandes viele Pflanzen.

Hier und dort immer noch namhafte oder inzwischen vergessene Besitzer. Rechter Hand fällt ein Anwesen mit außen geführter Wendeltreppe auf. gut für die Nerven. blickt sich nach ihm um. sind gleichfalls von zeitlosem Aussehen: Manche wirken kostümiert. heißt eine seiner Devisen. teils schofgedeckten Häusern. Linker Hand das Haus. darf nicht auf der Brandsohle laufen«. dann aber mit Kalkül gesammelt haben. die wir anfangs aus Laune nur. ist mit wallender Löwenmähne und glutvollem Blick schon vorbei. sogar Freud. die ihm begegnen. Doch zumeist begegnet er Tagestouristen im üblichen Freizeitlook. Am Norderende von Vitte erkennt Fonty ein eingeschossig gestrecktes und wohnlich einladendes Haus wieder. Aber andere Inselgäste. in dem bald nach Kriegsende Szenen des mittlerweile klassischen DEFA-Films »Ehe im Schatten« gedreht worden sind: in Schwarzweiß. Überall Namen. dort kürzer. fand er die Insel zu klein für zwei Große. indem er bühnenreif vor sich hin zitiert: Verse von Däubler womöglich oder Expressives von Becher vielleicht. in dem einst der Stummfilmstar Asta Nielsen wohnte. Jemand nähert sich stürmisch. Sächsisch eingefärbte Halbsätze. übte während der Ferienzeit in der Fischerkirche von Kloster das Orgelspiel. jedenfalls beruhigten sie. war später der Sänger Ernst Busch Feriengast. »Wer gut zu Fuß sein will. etwa im Stil der zwanziger Jahre. bleibt Fonty vor einem bürgerlichen Klinkerhaus stehen.robuste Schnürstiefel aus sowjetischen Armeebeständen gekauft. die. oder wie handgestrickt nach anthroposophischer Kleiderordnung. Hier hält er länger. Das Dorf Vitte beginnt mit teils ziegel-. Er kommt gut voran. der bald nach dem Mauerbau mit Frau und falschen Papieren seinen drei Töchtern in den Westen folgte. das der Architekt Adolf Loos entworfen haben soll. die in Greifswald Musik studierte. Substanzen des Hopfens und der Mistel enthielten. sondern der weiten Sicht wegen. hat ihm hier einst Tabletten verschrieben. Einstein sonnte sich hier. Jetzt legt er Pausen ein. Der Inseldoktor. immer wieder . wenn er sich wieder einmal »abattu« fühlte. Wie vormals Ringelnatz. um zu rasten. überholt ihn. links über den Bodden nach Rügen. Fonty erinnert sich oder sieht aus wie jemand. an denen Inselgeschichten ranken. In Vitte. Ein Jogger keucht. den Erinnerungen eingeholt haben: Eine der Doktorstöchter. dem Dorf ohne Kirche und Mittelpunkt. Wer ihm entgegenkommt. außer Baldrian. Als sich Thomas Mann mit Familie ansiedeln wollte. womöglich halfen sie. doch nicht. rechts zur offenen See hin.

Buxtehude. die neuerdings von einer Speiseeisfirma. Ein Paar. sobald Emmi.wartete und sich dabei aller Freiheiten sicher sein konnte.. das Trugbild der Freiheit. wer liebt . doch Elisabeth spielte auf dem Klavier und sang dazu: »Wer haßt. von der aus. bis hin zum Leuchtturm und der jäh abbrechenden Steilküste. Als Fonty jedoch auf Hiddensees Steilküste stand. später trieben die Leichen der Paddler an Südschwedens Küste an und wurden ordnungsgemäß überführt: Inselgeschichten. ein langer Hals . war aber gewiß. nun einer anderen Devise folgend: »Liebesgeschichten läuft man am besten davon . weshalb auch das Piano in der Kollwitzstraße verstummen mußte . deren Ticken erst nachließ. nachts und in Paddelbooten dieses Ziel zu erreichen.. Einige Söhne der Insel haben versucht. Seine Nerven waren strikt gegen Orgel. das sich schon alles gesagt hatte und doch noch ins Plaudern geriet. den Kreidefels. die Kreideklinten der dänischen Insel Mon den Horizont aufbrechen. durch Gebüsch.. ahnte er nur. kaum saßen sie unter einem der bunten Schirme. doch halbwegs nach Vitte und dann zu den Strandbuhnen kam Emmi mit. bei klarer Sicht. Zu zweit kam man nur langsam voran. Auf der Empore war nur ihr schmaler Rücken zu sehen und ihr inselblondes. zum Zopf hochgebundenes und seitlich in Locken fallendes Haar. erreichen durfte. daß. « Orgel vertrug Fonty nicht. Ein Bild. ist zu bedauern.und Bauern-Staat entziehen und Mons Kreideklinten. Sturm wühlte die See auf und sorgte dafür. So viel Hingebung an Präludien und Fugen. stellte die Orgel so leise. dessen fernsehgerechten Wohlstand und obendrein Freiheit. zwecks Markterweiterung. « Und: .postlagernd Stege . als er wieder Schritt vor Schritt setzte.und eine kleine Sehnsucht. Aufs Hügelland nie. Nicht alle kamen an. daß nur das Bild blieb: der schwere Zopf. wo man im Gasthof »Zum Enddorn« auch draußen unter Sonnenschirmen sitzen konnte. der ihm Baldrian verschrieben hatte. war Fonty im Hügelland. das gleich hinter Kloster anhob. Über sanft gebuckelte Schafsweiden aufwärts... das Stichwort gab: »Ganz schön happig die Preise hier . Aber die Erinnerung an die Tochter des Doktors.. die der Westen. sich keiner dem Arbeiter. spendiert worden waren. niemand davonkommen. trotz guter Sicht. das wunder was versprach: lange Zeit den Westen.. Desgleichen zum Kaffee im nahen Grieben. Plötzlich stimmte der Wetterbericht nicht mehr. nach Weisung der Küstenwache. Überhaupt Musik. unterwegs. je nach Preislage. und mehr noch fast.. daß dort. zu bieten hatte. « Wenn er nicht nach Vitte und weiter nach Neuendorf durch die Heide wanderte. Sie hätte Pastor Petersens Enkelin aus »Unwiederbringlich« sein können. das sich zum Wald verdichtete. ungefähr dort die frischvermählte Tochter auf den Brief des Vaters .

Ihren Zeitsprüngen zu folgen hält zwar den Geist gelenkig. « Sie sprachen wie gleichgestimmt und ließen kaum Pausen zu. vorbereitet zu sein.und schließlich über ihre gemeinsame Zeit beim Kulturbund ..« Doch meistens sahen wir Fonty allein unterwegs. dennoch nie Fonty zu ihm.. komm!« rief und dabei mit beiden Händen einen Trichter bildete. Doch so vertraut sie waren.. Effi! Effi. keine bloße Zeitmode gewesen ist.. zumal Stöckers Antisemitismus.. dessen Türme wie eine hingetuschte Erscheinung am Horizont klebten.»Daß dieser Mensch. als sei nach ihrer letzten Begegnung »Das war.. Jeder Satz bot dem nächsten das Stichwort. der man den Umriß eines Seepferdchens nachsagt. über dies und das plaudern ließ: über Familiäres . sondern: »Mein lieber Wuttke. siezten Fonty und Freundlich einander dennoch: »Ich bitte Sie. denn niemand war Zeuge. bei der keiner gewonnen hat. frische Flundern gibt's . so sehr ihm Fontys Nachvollzug der Unsterblichkeit bis ins Zitat vertraut war. wiederum auf dem Weg von Kloster nach Vitte.< Das muß kurz vorm Sängerstreit gewesen sein. « Oder: »Ihre These von der Wiederkehr der . mit Blick in Richtung Stralsund. vom Bodden und der See ausgesparte Motiv vieler Maler »Komm. Wuttke. Als er am dritten Inseltag. bringt aber Muskelkater ein .»Guck mal.»Schöner kann's nicht werden« . laut über das flache.. Hätte bereits gegen Freytags >Soll und Haben< viel schärfer vom Leder ziehen müssen . sozusagen auf Pump geholt« -. als er vom Hügelland herab die Insel. verehrter Herr Professor. unbedingt Krause heißen muß« -. hatte er fortan auf Wanderungen jemanden zur Seite.keine Zeit vergangen. dann über die allgemeine Lage . mit dem sich altgewohnt. wie wir nun wissen. der für uns die Einheit aushandelt. die ja dereinst den Dreh mit dem christlichsozialen Gesums erfunden hat.»Erinnere mich noch an Ihren luziden und dank etlicher Fallgruben waghalsigen Vortrag. wie verabredet Professor Eckhard Freundlich traf. bis zum Gellen hin überschaute und dann.. den Sie bei uns in Jena gehalten haben: >Weshalb Effi Briest keine deutsche Madame Bovary ist. auf den Sieg der Stöckerschen Hofpredigerpartei. als die Mauer noch stand« . nur Verluste seitdem .>Jetzt haben sich die Hiddenseer einen Bürgermeister von Helgoland her. nun über insularen Klatsch . « Und der Jurist Freundlich sagte. Oder wir dachten ihn uns zu Fuß und allein. als könnte man dort besonders abwechslungsreich seine Freizeit genießen« -. eine Rechthaberei.»Meine Töchter liebäugeln neuerdings mit Israel. sodann über das Wetter . « Oder auch nur: »Wie's unsrer Martha wohl geht? So weit weg.

meinetwegen durch die Heide bis nach Neuendorf runter.wer sich wohl das Gewerkschaftsheim der Stralsunder Volkswerft unter den Nagel reißen werde und wem am Ende die Ferienhäuser der VEB Fahrradproduktion Simson-Suhl zufallen könnten -. soll als Jurist zum Reisekader gehört haben und sogar im nichtsozialistischen Ausland gefragt gewesen sein. den versprochenen Kaffee servierte. Nehmen wir einen Kaffee bei uns. nach mangelnder Selbstkritik. Wir wissen nicht viel über den Staatsrechtler Freundlich.Gründerjahre ist eine typisch Wuttkesche Rechnung. tippte nur kurz die universitäre Situation in Jena und anderswo an . nur das. was Fonty zu sagen bereit war.« Und sagte der andere: »Ihnen. aber zugleich bedauern. Noch im Dorf sagte Fonty: »Das kleine Hexenhaus dort gehört wohl noch immer der Witwe des ermordeten Sozialdemokraten Adolf Reichwein. Die Damen werden beglückt sein. in den . nach einem Korn als Zielwasser.. wenn sie in Konkurs gehen. Und dann. der Parteiausschluß folgte. bis von gewissen Schwierigkeiten gemunkelt wurde. bewegte die neuesten Inselgerüchte . mittlerweile kaum noch der Prominenz anrüchige Behausung. machen wir uns davon. die nur zeitweilig im Licht standen. Er galt als Kapazität. Man teilte die Besorgnisse der Hausfrau über die Zukunft der Insel bei jetzt schon steigenden Bodenpreisen. in deren Veranda ihnen Freundlichs Frau Elisabeth. hatte sich Anfang der fünfziger Jahre die Baugenehmigung erteilen und das Baumaterial liefern lassen. eine resolute Biologin mit kurzgeschnittenem Haar.. selbst mir diese penetrant autofreie Insel erträglich zu machen.« So sagte der eine. aber Ihnen hier zu begegnen. vorbei an den schofgedeckten Refugien einstiger Theatergrößen: Unter wechselnder Staatsgewalt hatte die Insel selbst denen Zuflucht geboten. mit dem mein Vater. überzeugt als Findung. Die knappe Stunde Besuch bei den Freundlichs gab nicht viel her. der selber ein Revisionist reinsten Wassers gewesen ist. So entstand eine trotz Privileg eher schlichte. Freundlichs Vater. als sie einander kurz vor Vitte über den Weg liefen: »Bin im allgemeinen gegen Gesuchtheiten. die Töchter Rosa und Clara waren am Strand.ob die Humboldt-Uni demnächst ganz und gar unter Westberliner Aufsicht gerate doch dann machten sich Theo Wuttke und Eckhard Freundlich auf den Weg. « Das gastliche Haus befand sich am Norderende. Puting gegenüber. bei der unterm Strich die Treibels und weitere Neureiche selbst dann Gewinn einstreichen. denen. daß Sie Ihre Emmi an irgendeiner Strandbuhne zurückgelassen oder womöglich verbuddelt haben. der eine Zeitlang Minister gewesen war. bester Freund Wuttke. gelingt es.

Nach dem Reichstagsbrand war dem kommunistischen Abgeordneten. als hätte es dort weder Trotzki und den Eispickel noch die Seghers und deren Unfall gegeben. nicht nur seiner antifaschistischen Vergangenheit wegen. Fast ein Jahr wartete man in Shanghai auf ein Einreisevisum in die USA. Dort trafen sie Emigranten. Zwei Bernsteinianer. Zwei Wanderer im Gespräch. Neben Fonty wirkte er wie eine melancholische Zugabe. Es dauerte. der nur knapp der Verhaftung entging. die sich mit Lust auf den Erfurter Parteitag beriefen. Sein Vater hatte zeitweilig hohes Ansehen genossen. denn aufgewachsen ist er in Mittelamerika. wie er sagte. wo Eckhard Freundlich. als Kind der Emigration war Freundlich überall und nirgends zu Hause. und doch. doch Freundlich sprach über die Schattenseite seiner Jugendzeit immer nur andeutungsweise hinweg oder leichthin touristisch. Liegt zwar lange zurück. und seiner Sekretärin. etwa das bereits abgeblühte Heidekraut oder ein Birkenwäldchen. sogar jene kleinteiligen Einzelheiten. Der eine Reformpädagoge. die ihnen parteilich nahestanden. Freundlich war ein straffer Mittfünfziger. Mittlerweile wissen wir. die nur für die Insel von Bedeutung waren. selbst der trübsten Aussicht witzige Glanzlichter zu setzen. wohin die Familie bald nach seiner Geburt weiterreisen durfte. die bald seine Frau wurde. daß beide gleichzeitig schwiegen. wenn nicht blank. Allenfalls sagte er: »Können Sie sich vorstellen.dreißiger Jahren korrespondiert hat. daß das politische und das mexikanische Klima den Streit der Fraktionen bis hin zu Mord und Totschlag belebte. oben schon kahl. mein lieber Professor: Diese Geschichten enden nie!« Ab Süderende und dem Wiesenland kamen sie in die Heide. Kein Wort über den Renegaten Regler und den parteilichen Aufpasser Janka. wenngleich sich bald zeigen sollte. war aber immer bemüht. wohin mir sozusagen in die . die Flucht über Prag nach Moskau geglückt. bis sie ankamen. Schließlich bot Mexiko den Flüchtlingen Asyl. »auf Durchreise« geboren wurde. Wuttke. rechtzeitig vor Beginn der Prozesse. Er hörte sich gerne sprechen und verstand es. daß meine Mutter keine Palmen und Kakteen mehr sehen konnte und selbst angesichts aztekischer Pyramiden von Heidekraut und blühenden Heckenrosen schwärmte? In Acapulco. wie feindselig es zwischen den Emigranten und ihren Gruppierungen unterhalb der Vulkane Popocatepetl und Ixtaccihuatl zugegangen ist. in Bezug zur Welt zu bringen und mit weiträumigem Vergleich aufzuwerten. Selten. der andere Genossenschaftler.

nur für Parteimitgliedschaft war ich nicht zu gewinnen. Ging leider verloren. im Mai siebenundvierzig. Hat in Berlin. Wankelmütig seit jeher. Doch was ging nicht verloren? Hand aufs Herz.Sommerfrische fuhren.« . doch schon bald setzte er mehr auf einen Ersatzglauben. sie korrespondierten. sagte Fonty: »Ein großer Redner. hat sie sich nach einem Birkenwäldchen wie diesem gesehnt. mich auf Bebels Linie gebracht hätte. >Maikäfer flieg< und ähnlich unsterbliche Lieder gesungen. Ihr Herr Vater. weshalb er zu den Gründungsmitgliedern des Kulturbunds gehörte. da sie nicht reisen durften. Sie wissen ja. Und wenn in Briefen an Friedlaender halbwegs Sympathisierendes über die Sozialdemokratie steht. blieb er in diesem Bereich tätig. daß mein Vater. wie ich als Kind in Mexico City. auf dem ersten Bundeskongreß kolossal mitreißend gesprochen. Sogar Briefmarkenfreunden war es erlaubt. Jeder konnte halbwegs ungegängelt sein Steckenpferd reiten. der »völkerverbindender Humanismus« hieß. beim Kulturbund ihren kleinformatigen Humanismus zu pflegen. Wuttke! Was zählt noch? Wie ich Ihnen kürzlich schrieb: Nichts bleibt. aber Partei nie!« Darauf sagte Professor Freundlich: »Für diese schwankend bürgerliche Position gab es ja extra den Kulturbund. selbst später. die Vossische konnte. das Album. daß ich weder ein eingeschworener Kreuzzeitungsmann noch ein freiheitsbesoffener Liberaler gewesen bin. Habe übrigens unter Palmen und zwischen Kakteen gleichfalls gesammelt. war politisch auf mich kein Verlaß. Unser Posteingang prunkte ja internationalistisch mit Wertzeichen. eine Spielwiese mit wenig Auslauf. brachte Freundlichs Vater seinen Glauben an den Kommunismus in immer noch zweifelsfreiem Zustand mit. Am Ende stehen wir alle mit leeren Händen da. Andere haben. aber viel Betrieb. der als gelernter Steindrucker natürlich ein Sozi war. bei allem Respekt.« Als die Familie nach Deutschland zurückkehrte und nur Ruinen vorfand. heißt das noch lange nicht. Als die beiden Wanderer kurz vor Neuendorf vom Sandweg auf den Plattenweg wechselten. Humanismus ja. Habe mich damals als nur vorübergehend bemühter Junglehrer seinen humanistischen Bestrebungen angeschlossen. nachdem ihm das Ministeramt genommen war. wie ja auch Sie dort während Jahren Ihr märkisches Gärtchen bestellten und uns die Eintopfsuppe des Sozialismus mit einigen preußischen Zutaten verlängern durften. genauso wenig meine Sache sein. In diese Vortrefflichkeitsschablone paßte ich nie. mit Briefmarkenfreunden in aller Welt.

seinen Freund unterm Richtschwert knien zu sehen. diese Belege personifizierter Unsterblichkeit genossen hat. Brief nach Brief geschrieben hat: von unterwegs. nur die Professur blieb dem Sohn des Antifaschisten. der damals nur noch Ehrenämter bekleidete. der einen oder anderen Feder den historischen Fall Katte aufzubereiten. wohin ihm Fonty. Sogar der Seghers oder dem Dramatiker Müller soll er sich mehrseitig mitgeteilt haben. indem er seinen Briefpartner als kurioses und zudem mobiles Denkmal begriff. eine Zeitlang mit Fühmann und anderen Schriftstellern. sondern verdammt wurde. weil die pädagogisch wirksame Abstrafung des auf der Flucht ertappten Kronprinzen Friedrich. November auf dem Alexanderplatz . und zwar mit dem Angebot. damit Preußens Tugenden endlich einen fortschrittlichen Widerhall fänden. dann als Professor in Jena. in denen sich alltäglicher Kleinkram mit Sorgen um das kulturelle Erbe mischte. hatten sie sich kennengelernt. gewiß nicht erinnern wollen. dem nichts Exzentrisches fremd war. Wir vermuten. wahrscheinlich sogar mit Johnson vor und nach dessen Weggang korrespondiert hat. das zunahm. Zuletzt waren sie sich am 4. solange der Sängerstreit Folgen hatte. zuerst als Dozent. Fonty hingegen schätzte die witzigen Aufschwünge und melancholischen Abschwünge des Professors. sind nicht belegt und nur zu vermuten. doch auch als Aktenbote. nach Deutung aus sozialistischer Sicht im Sinn von Brechts »Maßnahme« verlange. durfte der Sohn sein Studium fortsetzen. Wir wissen. der nicht zum Tode verurteilt. der weder gänzlich in Ungnade fiel noch irgendeine Karriere machte. Kant wird sich an Fontys schriftliche Quengeleien. seitdem Freundlichs Karriere durch ein Parteiverfahren . wie etwa der mit dem »Tallhover«Autor Schädlich. Doch dieser und andere Briefwechsel. Über den Vater. daß Freundlich. ein Auf und Ab.die übliche Anklage: Subjektivismus und Abweichlertum . daß er bis Mitte der sechziger Jahre mit Bobrowski. Briefe an Hermlin und Strittmatter soll es geben.Fonty hatte nicht nur Freundlich zum Briefpartner. sogenannte PaternosterEpisteln.einen Knick bekommen hatte und schließlich mit Parteiausschluß endete. Während Vater Freundlich als Abweichler galt und allenfalls unter dem Schutztitel »verdienter Antifaschist« geduldet wurde. auf Vortragsreise. Wie nebenbei machte er Parteikarriere und lehrte bereits ab Mitte der sechziger Jahre Rechtsphilosophie und Staatsrecht. dürfen jedoch als gesichert festhalten: Freundlich und Fonty haben einander Briefe geschrieben. Schon als Student hatte der Professor an dem Kulturbundreisenden Wuttke einen Narren gefressen. Wir vom Archiv bedauern solche Blindstellen.

wurde nicht zuletzt durch Neuendorfer Szenen wie diese bekannt. die noch immer jenen mürrisch-solidarischen Ton pflegte. für Bratheringe zu Petersilienkartoffeln entschieden. Meine Frau Mama. Und eine seiner begabtesten Schülerinnen. Nachdem Fonty sich über den »Berliner Sprechanismus« ausgelassen und die hiesige Bedienung als »typische Mischung aus Gräfin. fragte Freundlich die Serviererin: »Was hat die Küche denn heute Gutes zu bieten?« »Jibt nur. was uff de Karte steht. Soubrette und Biermamsell« zitiert hatte. die Malerin Büchsel. wie damals in Guadalajara oder als Gast bei dem . nahezu sprichwörtlich immer dann einfielen. >Pollo con Mole<. Sehen Sie: Es sieht aus. sagte die weißgerüschte Person. von dem Fonty sagte: »Solch ein Motiv kennt man von den Worpsweder Malern.« Als sie sich. der den Arbeiter. etwa der Spezialität aus Puebla. doch durstig. hätte in Mexiko. wie diese alten Linden vor unserem freundlichen Gasthof. Davon war auch in Neuendorf die Rede. nun schon überm Essen: »Alle Berlinerinnen sind. wo man die Wanderer in Franz Freeses »Hotel am Meer« einkehren sah. laut Speisekarte.« Als das Bier auf dem Tisch stand. denn Freundlich bestellte sogleich Bier frisch vom Faß. bitte?« »Kommt jleich. von Natur aus unzufrieden. Aber die vieltausendköpfige Menge klatschte nur Beifall.und Bauern-Staat bestimmt hat: Jibt's nich!« Also einigte man sich auf das. als komme die Alte nicht vom Fleck. denken Sie an die Frau mit Ziege. wenn wir unter allerprächtigsten Palmen saßen. die waschecht vom Wedding stammte. sicher gemäkelt und rumgemault: >Dorsch in Senfsoße wäre mir lieber!<. Aber auch bei Liebermann kommt dergleichen vor. was es gab: Gekochten Dorsch zu Petersillenkartoffeln. rückblickend stellen wir fest: weder verschwitzt noch ermüdet. weshalb ihr auch Lindenbäume. den drei Linden beschatteten.begegnet. wie diese Kellnerin. als Fonty seine große Rede hielt und mit Hilfe mehrerer Zeitsprünge vor einer Wiederholung der achtundvierziger Revolution und dem nachfolgenden Katzenjammer warnte. Nur Radfahrer kamen zu zweit oder in Rudeln vorbei. dann eine vom Alter krumme Frau mit Henkelkorb und Kopftuch. niemand hörte auf ihn. zum Beispiel. sagte Freundlich.« »Und wo ist die Karte. »Eine sanfte Revolution ist keine!« rief er. Sie saßen im Vorgarten. angesichts der köstlichsten Gerichte. das ja für seine gute Küche berühmt ist. die mühsam in Richtung der blendend weiß in Reihe stehenden Fischerkaten wie auf einem Bild unterwegs war.

Zwischendurch bot die Serviererin wiederholt Anlaß. steht in einem Brief an Martha Grundmann. vielmehr bei alles verrührendem und mitunter geistreichem Geplauder. einem Ehrenmann gewiß. im Grunde neigen wir alle zu Vergleichen. wie niemand sonst. Und ob unsere Mete in Schwerin zufriedener sein wird als auf dem Prenzlberg. Zwei Herren im wandernden Halbschatten. um Freundlichs Mexiko und Fontys Sehnsucht nach schottischen Hochmooren. die ungern bei einer Sache blieben.. ist noch nicht ausgemacht. schlecht abschneidet. Jedenfalls waren wir bald per Luftlinie von Hiddensee weg. mir über langjährigen Briefwechsel vertraut. Und die arme Effi hätte .. Heutzutage spricht man von >einer Wellenlänge<. ob Mexiko oder Kessin. die Sonnenuhr oder die Libellen. sondern bewiesenermaßen so ist: Eckhard Freundlich. landeten anfangs in Mexico City. Nun. Mal ging es um den wackligen Tabellenplatz des Fußballklubs Carl Zeiss Jena.wie gestern . denn neben mir war jemand gut zu Fuß. daß uns das Geistreiche am leichtesten aus der Feder fließt oder . Dazu kam diese unglückliche Paarung mit Innstetten.. die beinahe regungslos über dem Teich standen . geborene Wuttke. der nicht nur so heißt. was wir hätten mithören können..vom Munde geht. so lebte Crampas noch . auf den gleichfalls die Kurzfassung >Man versteht sich< paßt. Nahes und Fernes wurde durchgehechelt.. gemessen an unseren märkischen. wo Freundlich mit lebhaften Kindheitserinnerungen zu Hause ist. mal bekam der eine.« Damit war das Gesprächsthema weit genug abgesteckt.. Wir lassen sie dort sitzen.. denn alles. Die Heirat allein wird's nicht bringen.. doch habe ich meine gestrige Fußreise nicht solo hinter mich gebracht. der andere Kanzler als Mogelant sein Fett ab: »Berühmtheit ist ein Zeitungsresultat!« Doch war die Politik bald wieder vom Tisch. wäre nicht der Ehrengötze.. doch im Grunde liegt es wohl daran.Maler Diego Rivera. da steht ein Lindenbaum< vorgesungen hat . bei denen das Fremde. Effis unglückliche Ehe und Marthas Hochzeit einzubeziehen und so den frühen Nachmittag im Schatten der Linden zu verplaudern. . Ja. ausgenommen Friedlaender.. aber auch einem Prinzipienreiter erster Ordnung . dem sie >Am Brunnen vor dem Tore. »Der Sandweg nach Neuendorf durch die Heide war der Frieden und die Unschuld selbst. die im pommerschen Kessin ständig ihr heimatliches Hohen-Cremmen vor Augen hatte: »Den Park. « Und sogleich war Fonty mit Effi zur Stelle. als dessen bekennender Fan der Professor in Eifer geriet. die berüchtigte »Berliner Schnauze« zumindest redensartlich zu stopfen. sogar die einsamsten schottischen Seen.

der Bauwirtschaft verbunden war.sahen uns dann in Kessin unterwegs. zu bewerten. Die Häuser in Waren mit Seeblick hat er ja ziemlich günstig ergattern können. hin ins vertraute Ländchen Friesack . mal in jener. ihre aus Langeweile geborene Anfälligkeit und ihr offenes wie verborgenes Sehnen .und ich stimme ihm zu -. wie er den Tonfall westlicher Professoren parodierte.vergleichbar den Folgen der Währungsunion . sein Taschentuch mit vier Knoten zum Schutz seiner immer wie hochpoliert glänzenden Glatze geknüpft. sagt er. neigt er dazu. mein Stil kommt immer aus der Sache. um diese als Sieg des Kapitalismus zu rechtfertigen. was heißen solle. die ich gerade behandle. ihr herablassendes Wohlwollen. Freundlich bangt in Jena um seine Professur. ohne daß wir uns auf den in Berlin schon immer gängigen Grundstücksschacher einlassen mußten. sogar in des alten Briest Tonlage: >Es ist so schwer. den hinterpommerschen Strand entlang. nach den Regeln der bevorstehenden Einheit müsse. So hat er sich gestern. Hinreißend. um danach Effis schwankende Stimmungen. ihre kolonisierende Fürsorge. Ferner sagt er . Zweitwohnungen und Drittehen. der. Und da mir nach so viel standesgemäßem Unglück Deine Hochzeit zu denken gegeben hat. mit Mama darüber jedoch nicht zu reden ist. seine Trauer im närrischen Kostüm auf treten zu lassen.zu einer Wertschätzung auf Null führen werde. Das ist auch ein weites Feld. habe ich mich furchtbar grundsätzlich über die Ehe ausgelassen. Wie Du weißt (und oft mit Kritik bedacht hast). alle Universitäten nach westlichem Maß zu evaluieren. nicht nur Effi betreffend. Da er . wie folgt beklagt wird: >Und immer bloß die Dünen und draußen die See. und was . Wir konnten uns nicht genug tun.weg aus der pommerschen Fremde. Dennoch war Freundlich bei diesen Bekundungen des einseitigen Werteverfalls um keinen Scherz verlegen. ihre Ängste im Spukhaus.gegen Innstettens an sich vernünftige Beschwichtigungen aufzurechnen. der katholischsten aller Mägde. sondern auch mit Blick auf Metes späte Bindung an den Architekten Fritsch. sondern auch alles östliche Wissen als nichtsnutz ausgewiesen werden. Und mit dem Immobilienhandel von dazumal hatte uns sogleich die Gegenwart am Wickel.< Du weißt ja. übrigens ein knallrotes. was man tun und lassen soll. und doch hörte ich viel unausgesprochene Bitterkeit mit. Und in diesem komischen Aufzug rettete er sich (und uns) in haarsträubende Inselgeschichten und immer vergnüglichen Inselklatsch. die von Roswitha. auf dem Rückweg nach Vitte. wie Dein Grundmann. aber weiter ist es auch nichts<. nicht nur jegliches Produkt unserer Machart. ihr Gerede über Fachkongresse. Und das rauscht und rauscht. Mal in dieser. Man habe vor. mithin in einer Gegend.

Hat mir im Ärger noch Spaß gebracht. alles vergeblich. Doch dann..deutsch. War aber auch ein Deutscher. die alle so furchtbar richtig sind. nicht einfach verdrängen darf. < Nach diesem Ausbruch . wie mein alter Herr. Fonty?< Er. allerdings mehr Preuße als Deutscher gewesen ist. was jetzt bei uns obenauf ist.. entweder heute schon oder es von morgen an erwartet. de Hiering kümmt!<. der als Kommunist . brach es unvermittelt aus ihm heraus: >Wegevaluiert! Jede Spur soll gelöscht. wie alle Welt mich zu Mamas und Deinem Ärger nennt. wenn nicht als jüdischer Kommunist. daß man das. lieber Kollege. wie nie gelehrt und nicht gelebt. blieb er doch recht untypisch in mauer Haltung.seinen üblichen Ton gesucht: >Alles furchtbar richtig. konnte er den alten Gau und seinen Nachbarn Puting naturgetreu reden lassen. was ich fast vergessen hatte zu sein.. Eigentlich müßten Sie mir zustimmen. Und ich antwortete ihm prompt aus meiner verlängerten Erfahrung: >Alles schon gehabt. Und das ungefähr sagt man mir neuerdings ins Gesicht: Als Jude müßten Sie doch begreifen.ob in Mexiko oder an der Spree . was gewesen ist. ..bühnenreif Platt spricht.oder soll ich Erguß sagen? . Doch jetzt bin ich. darf sich im Osten nicht wiederholen. aber auch den alten Inselpastor.hat er mich angeschaut und nun wieder lächelnd . Was uns im Westen bei der Bewältigung der Nazivergangenheit fehlerhaft unterlaufen ist. etwa Ihre langjährige Parteigenossenschaft und daß Sie sich immer noch als Marxist . Zuallererst und zuallerletzt: Jude! Seitdem man mich evaluieren will und meine Wissenschaft null und nichtig sein soll: ein jüdischer Wissenschaftler. ist mir grenzenlos zuwider: dieser beschränkte. denn das sind Sie . mein lieber und verehrter Friedlaender! Alles. Plötzlich stand er wie angerufen. nicht wahr. Radierkrümel nur noch!< So sehr ich bemüht war. nannte mich. daß sie mir nachhallen: >War immer mehr Marxist als Kommunist. selbstsüchtige. ihm seine Schwarzseherei aufzuhellen. der mich sonst als Wuttke oder mein lieber Wuttke anspricht und seine Briefe sogar mit >Hochverehrter Herr Wuttke< beginnt. der inmitten der Predigt rief: >Kinnings. dem obendrein ein kleiner Schönheitsfehler anhängt. Er lebt noch. ein Jude. Also bin ich ein übriggebliebener Jude. nachdem wir das Birkenwäldchen durchquert und von Schipperöbing über Solting bis Wichting jeden Ökelnamen durchbuchstabiert hatten und vor uns bis zu den Dünen nur Heide lag. nur noch Schrott sein. dann als überlebender Jude. Er wischte sich mit dem viermal geknoteten Taschentuch den schweißblanken Schädel und sagte mehr an mir vorbei als über mich hinweg einige Sätze. worauf die Fischerkirche bald leer und alle Boote auf Fang waren.

Schlafe traumlos. Womit wir gesprächsweise beim Begräbnis. Hauptmanns Begräbnis und seine frühen Stücke sind Thema eines Vortrags gewesen. den Geldjuden.der greise. allerdings mit dem Hinweis. Bin mit Professor Freundlich gut und reichlich bedient. Sie hat alte Bekannte getroffen. der zwanzigste Todestag des Dichters bot . < Und schon lachte er wieder und erinnerte mich. ein Jahr vor seinem Tod. diese verlogene und bornierte Kirchlichkeit. und Hauptmann nahm. Mir oder speziell meinen Nerven bekommt das insulare Klima. Hätte >Mete. komm! Komm. Auch Mama geht es gut oder wieder besser. An der Seite seines Vaters ist Freundlich als Knabe >vor Sonnenaufgang< dabeigewesen. Beim Kaffee in der Heiderose . « Wir wollen an die Begebenheiten »vor Sonnenaufgang« erinnern. das heißt bei der tragikomischen Überführung der hochberühmten Leiche waren. schweigt aber dazu..sie hörte dergleichen gern unverzeihlich sind. Die zog sich tagelang vom Riesengebirge über Berlin und Stralsund bis nach Hiddensee hin.muß ich gestehen.rappschige Adel. Er gibt sich tapfer. den Fonty Mitte der sechziger Jahre halten durfte. Freundlich weiß das. diese Berufung an.und zwar auf Vorschlag des Schauspielers Paul Wegener . daß auch die nicht viel taugten. diesem Schrecken aller Kongresse.wir waren die einzigen Gäste gelang es uns.. Vom seligen Johannes R.und nur Dir . daß gleich bei der Gründungsveranstaltung . Bleibt zu hoffen. Mete!< rufen mögen . Sah von der Steilküste aus Mons Kreidefelsen in der Morgensonne und war Dir näher. wie er ist. daß ich bei meiner Generalschelte dazumal Bismarck und die Sozialdemokraten ausgenommen hätte. Doch Dir . Becher und vom seligen Bredel war die Rede. fern im polnisch besetzten Schlesien auf seine Abschiebung wartende Dramatiker Gerhart Hauptmann als Ehrenpräsident berufen wurde. zitatsicher. wie nachhaltig mich gewisse Äußerungen über das Judentum. dieser greuliche Byzantinismus .. daran. Du siehst: ein ergiebiger Spaziergang. Aber auch davon.. und ich lebe damit: schamverborgen. dieser ewige Reserveoffizier. besonders jene Stellen. das jüdische an sich und die allgemeine Verjudung belasten. der dem Brief an meine Mete eine übergebührliche Länge auferlegt hat. die in den Briefen an Fräulein von Rohr . die ich lieber meiden möchte: lauter furchtbar gemütliche Kaffeesachsen. doch die Familie bangt um seine Professur. als es einem Vater während der Flitterwochen seiner Tochter erlaubt sein sollte. daß Dich Dein Grundmann nicht gleichermaßen nach westlicher Werteskala evaluiert. wieder vergnügt und heillos erinnerungssüchtig die alten Kulturbundzeiten zu beschwören. natürlich vom Genossen Kurella.

darauf in Stralsund. Allerorts hörte man. er durfte diesen Vortrag als Gedenkrede zuerst in Forst.Hauptmanns schlesischem Domizil . Hauptmann starb. von Agnetendorf durch Niederschlesien mühsam vorangekommen war. der am Ende aus acht Güterwagen und zwei Personenwagen der Reichsbahn bestand. die immer wieder von einem Leutnant der Roten Armee. indem er ihn immer wieder vor die im Haus Wiesenstein . So vergaß er nicht. Schon bei der Ankunft im Grenzstädtchen Forst . ferner das Säckchen schlesische Erde auf der Brust des Toten und der Streit um den Sonderzug. als Museumsgut deklariert wurden. dann im Foyer der Berliner Volksbühne am Luxemburg-Platz. Der Streit mit den polnischen Behörden um die Zahl der zu den Umzugsgütern gerechneten Nähmaschinen wurde nur kurz erwähnt. und zwar am 28. desgleichen die Gefahren drohender Plünderung der Güter.und Personenwagen durch Jugendbanden. Juli 1966. wurde seine stets gefährdete Position beim Kulturbund gestärkt. halten. als der Frieden kaum älter als ein Jahr war. und sei es mit gezogener Pistole. welche Möbel. Nachdem der Sonderzug. passieren und die nach Kriegsende von Ost nach West gerückte Republik Polen verlassen. bestimmt nicht »Hanneles Himmelfahrt«. Und überall versammelte sich erstaunlich viel Publikum.aufgebahrte Leiche stellte. Schobeß hat zwischen den Zuhörern gesessen. dank Oberst Sokolow. namens Leo. die Verdienste des sowjetischen Oberst Sokolow zu betonen. durfte er endlich die Grenzstation Tuplice. In seinem Vortrag sparte Fonty an keinem Detail. dessen Personenabteile übrigens kaum oder nur provisorisch verglast waren. versteht sich. zum Beispiel der riesige Schreibtisch. der leider beim Verladen lange im Regen stehen mußte. Nach des Unsterblichen Urteil zählten zwar »Die Weber« und »Der Biberpelz« zum allerbesten von Hauptmanns Hand und sonst nur noch wenige Stücke. Auf allen Stationen der letzten Reise des toten Dichters sprach Fonty vor vollem Saal. Nur unser vormaliger Archivleiter Dr. insgesamt zum Sinnbild kriegswüster Zeit tauglich. doch weil der Tod des Dreiundachtzigjährigen und die folgende Mühsal bei der Beschaffung des Zinksargs sowie der zwei Pfund Gips für die Totenmaske dem Kulturbundreisenden Theo Wuttke nahegingen. am Westufer der Neiße. Und weil er den Rotarmisten zum Helden und obendrein Literaturliebhaber machte. waren ihm die Aufbahrung der dichterfürstlichen Leiche in torfbrauner Franziskanerkutte samt weißem Strick. vormals Teuplitz an der Neiße. schließlich in Kloster auf Hiddensee.dazu Gelegenheit. abgewendet werden konnten. zum Schutz vor polnischen Plünderern.

Becher herausstrich und sich dabei listig auf die kürzlich wirksam gewordenen Beschlüsse des elften Plenums berief. mehrere Parteiaktivisten und ein Grüppchen schlesische Neusiedler hielten die Totenwache. Eher dürftig war der Empfang des Sonderzugs in Berlin-Schöneweide. hat ihm die seinen Vorträgen übergeordnete Dienststelle das Bild vom immer gleichbleibenden Karren zwar später gestrichen. und mit großer Delegation trauerte der Kulturbund um Hauptmann. In Stralsund stand man mit Fackeln bereit. Trauermusik gehörten zum Programm. doch reparablen Schaden genommen hatte.« Doch weil er im nächsten Satz schon die Totenrede des Kulturbundvorsitzenden und expressionistischen Dichters Johannes R.« Doch erwählte er die im Krieg zur Ruine ausgebrannte Volksbühne zum ideellen Ort des toten Dramatikers. nach ausreichenden Hinweisen auf die deutsch-sowjetische Freundschaft und den völkerverbindenden Humanismus. ganz ohne Einschränkung. Zum Schluß. den er.begannen die Totenfeiern im verkleinerten Deutschland. wurde im Rathaussaal aufgebahrt. Regisseure. erlaubte sich Fonty einige Bemerkungen über die Leichenbestattung des anderen Unsterblichen. Die Wochenschau stand mit aufgebockter Kamera bereit. die dem lebenden Dichter zu jeder Zeit widerfahren war: im Kaiserreich gepriesen. Schauspieler. unsterblich nannte. weil offiziell angefeindet. Fonty zählte die dort wartenden Parteifunktionäre und Besatzungsoffiziere auf. was Fonty in seinem Vortrag mit der Bemerkung quittierte: »Hier ist der lokale Heilige noch immer ein Eckensteher namens Nante. Deklamationen. vor welchen Karren er auch gespannt wurde oder sich spannen ließ. als es. Der Zinksarg. wurde des Toten Ruhm nun unter stalinistischer Herrschaft in Szene gesetzt. September 1898 auf dem Friedhof der französisch-reformierten Gemeinde an der Liesenstraße stattfand: »Der Leichenzug ging bei sonnigem Wetter vom Johanniterhaus in der . Bei der Trauerfeier setzten die Redner jene Tradition der Lobpreisung fort. doch nicht folgenreich verübelt. Der vortragende Fonty hat diese ungebrochene Tradition in einem Bild anschaulich gemacht: »Hauptmann zog immer. vom Volk und dessen Führer im Dritten Reich zum Idol erhoben. Professoren und Journalisten aus aller Welt hatten sich versammelt. der beim Transport leichten. auf russisch. solange die Weimarer Republik hielt. die in Berlin am 24. gefeiert. seinen Ehrenvorsitzenden. nur noch um das Begräbnis auf Hiddensee ging. Reden wurden gehalten: auf deutsch. Einige Universitätsprofessoren.

haben sie zugelangt und sich die Taschen vollgestopft. mein lieber Wuttke. daß mit einiger Verspätung begraben wurde: »Wir alle warfen schon Schatten. weil man am Vorabend schon den Leichenschmaus vorweggefeiert hatte.Potsdamer Straße durch die Invalidenstraße. Wenn Fonty. sondern tags drauf ein weiterer Inselgast. trugen sie den Sarg so torkelig. Fonty verweilte noch einige Zeit auf dem Hugenotten-Friedhof und schilderte dessen jetzigen. eher trostlosen Zustand. wußte Freundlich. Schinken. als Kind in Mexiko solch Naturtheater gesehen zu haben. Freunde. Der Kritiker Karl Frenzel sprach am Grab. in denen er täuschend Friedrich den Großen dargestellt hatte. Pastor Devaranne gab das Geleit. der zum geretteten Flüchtlingsgut gehörte. für die nächsten Tage versorgt haben. kaltes Huhn. Preußens Adel glänzte durch Abwesenheit!« Auch davon war unterwegs und beim Kaffee die Rede. der zum Bild gewordene Schleier der vereinsamten Witwe Margarete Hauptmann. rückten seine Erinnerungen als photographisch genaue Ausschnitte bald in den Vordergrund: das Bild vom Sarg auf dem Vorschiff des Dampfers »Hiddensee«. Immer noch angeduhnt. Und was es alles zum Schnaps zu essen gab: Wurst. Freundlich war sicher. Das war ein Fest. hartgekochte Eier. bei der Beerdigung auf dem Friedhof in Kloster dabeigewesen war. doch da Eckhard Freundlich. doch diese Lokalfarbe trug nicht Professor Freundlich auf. die Fischer kamen zu spät. wo Stine und die Witwe Pittelkow gewohnt haben. und Bild nach Bild die sechs Hiddenseer Fischer als Sargträger. Mehr nicht. so hoch stand der Feuerball überm Horizont der Ostsee. in Begleitung seines Vaters. Wie sich die Rauchfahne des Totenschiffes hinzog. der durch Filme bekannt geworden war. der nicht dabeigewesen ist.« Bei diesem Leichenschmaus soll sich besonders ein Schauspieler aus Sachsen. etwas undeutlich von »beigemischter schlesischer Erde« sprach. . daß man »nach jeder Schippe Inselsand eine Schippe schweren Boden aus Agnetendorf«. mein lieber Wuttke! Kein Wunder. die Schlucks und die Gottschalks allesamt nicht nur durstig. daß die Sargträger es noch in den Beinen hatten. daß sie ins Stolpern gerieten. »ziemlich polternd« in die Grube geschaufelt habe. der in gleicher Windrichtung wehte. Verwandte. Kartoffelsalat. Fonty beharrte auf den vom Dichter gewünschten Begräbnistermin »vor Sonnenaufgang«. Sah toll aus!« Sogar den Grund des verpaßten Termins wußte er noch: »Naja. sondern auch ausgehungert waren. Und da die Gaus und Striesows. Erinnere mich.

wie anstrengend Berlin geworden ist. Die Stadt muß ihm gestunken haben. bis zum Leuchtturm und bis dicht vor die Kante der Steilküste. Dafür spricht. zur Leiterin des Hauptmannhauses sagte: »Ein paar ruhige Inseltage habe ich bitter nötig. sogenannte Sneakers. sondern nun auch inselgerechtes Schuhzeug mit Schaumgummisohle. daß er. denn ohne Fonty fühlte er sich verlassen. übersetzt »Schleicher«. daß ihn Berlin nicht halten konnte. Wir waren nicht von Interesse und wie außerhalb seiner besonderen Anteilnahme. Doch hartnäckig blieb er Fonty auf den Hacken. auf dem Weg nach Grieben.18 Beim Wassertreten Wir haben uns während seiner beklemmenden Anwesenheit und danach gefragt: Warum reiste er an? Warum so plötzlich und unangemeldet? Glaubte er. Überdies mag er ein wenig Entspannung gesucht haben. Später kam es zu kurzem Wortwechsel in der zum Haus »Seedorn« gehörenden Bibliothek . war mit Hoftaller auch Tallhover zur Stelle. und zwar mit dem Firmenzeichen New Balance. das ihm fehlende Objekt. Wollte er nur dabeisein? Zumindest wünschte er. mehr nicht. sobald sie ihre Fußreisen zuwege brachten. ne einzige Strapaze.»Wie geht's dem Archivwesen?« -. auf Sandwegen keuchend das Hochland hinauf. daß dem Tagundnachtschatten so etwas wie Sehnsucht nicht fremd war. von fern den Brieffreunden zu folgen. auch dessen gegenwärtig prekäre Lage war erfaßt. Das hielt er nicht aus: drückende Hitze. Ein anderer vermutete Routine als fortwirkenden Antrieb. Sogar von Angesicht kannte man sich. wenn nicht verloren. gewiß nicht die minderen Fälle vom Prenzlauer Berg. Sie ahnen nicht. Niemand hätte Ersatz bieten können. weiteren Gesprächen zwischen Fonty und Freundlich nicht fern sein zu dürfen? Waren Wanderungen zu dritt seine Absicht? Oder suchte er nur Erholung. mitteilte. zu seinem Spezialwissen: Nicht nur die zurückliegenden Parteiverfahren des Professors. auf Befragen.« Uns mußte. . Und da .in Freundlich der Amtsrichter Friedlaender nachlebte. Er litt unter Entzug. ein Kopfnicken als Begrüßung genug sein. kaum auszuhalten. harmlos und als Tourist? Jemand tippte auf Eifersucht. nach Akteneinsicht. Sicher waren wir alle. Einsamkeit in der Menge. Sein Äußeres hatte sich merklich amerikanisiert: Zur Baseballkappe und einem T-Shirt trug Hoftaller nicht nur Shorts. wie er uns später. Wir begriffen. Schließlich gehörte der Fall Freundlich.aus Fontys Sicht . weil in unserem fürsorglich verengten Staatswesen keiner dem anderen ausweichen konnte. kaum angekommen.

bricht nun gewalttätig auf.sie mögen noch so wattig verpackt sein . weder Deine noch meine Sache ist.und Bauern-Staat zeigte sich das Postwesen dieser neuen Offenheit nicht gewachsen. an denen sogar diese paradiesischste aller Inseln keinen Mangel leidet. mal ein böser Uferstein ihr Malheur verschuldet haben. in jenen Tagen standen zwar überall endlich die Grenzen offen. wenn ihre sogenannte >Sturmkrankheit< nach stummem Jammer jeweils ins Lamento umschlug. Häßliche Vorkommnisse sollen diesen plötzlichen Entschluß angestoßen haben. doch im hinfälligen Arbeiter. nur die Dämlichen.Und weil er mit solchen Sneakers so unablässig seinem Objekt hinterdrein blieb. nicht nur ihren Mann betreffend. was.die Mutter mehr als die Töchter . Dabei wäre es unsere Pflicht.nicht getan ist. nach so ausgedehntem Krankenlager eine gewisse Hospitalstimmung von uns fernzuhalten und nicht in Heulhuberei zu verfallen. daß beide in Leipzig studierenden Töchter auswandern wollen. der diesmal nicht sogleich die Insel in Breite und Länge ausmißt. natürlich den linken. Er schrieb aus bloßer Neigung und weil es ihn drängte: »Das Wetter bleibt prächtig! Sommerwolken von Küste zu Küste. doch nicht nach Kanada. Stoff genug für einen dritten Brief an seine Tochter zu haben. der schon immer mit der Gewalt einherging: Auf offener . Zur Situation in Jena kommt neuerdings hinzu. Was lange verdeckt bleiben mußte oder allenfalls parteilich als antizionistische Parole zugelassen war. damit ihm der Inselgast Wuttke nicht entging. Er füllte Blatt nach Blatt. aber auch mitteilsame Kranke besorgt. sondern zuerst von Mama berichtet. trotz der Luftliniennähe von Insel zu Insel. glaubte Fonty. Dabei scheint mir Madame Freundlich unter der Oberfläche stillhaltender Heiterkeit (dann wieder forcierter Sachlichkeit) überaus besorgt zu sein. Zum Glück sind Frau Freundlich und ihre Töchter ausdauernd um die zwar stöhnende. Weil es aber mit wolkigen Grüßen . wie immer weit übers Ziel hinausschießend. woran man immer einen Toleranzmesser hat. wie ich weiß. Mal soll ein heimtückischer Wurzelstrunk im Hügelland. das sie nun liegend und laut beklagt. sondern nach Israel.klug genug für jedes Gespräch. zudem ein Mißgeschick Folgen hatte . nicht zu rechnen war. Sie legen kühlende Wickel auf und üben sich dabei als geduldige Zuhörerinnen. wie der Vater rät. selbst heikle Themen wie die prekäre Lage in Nahost eingeschlossen.Emmi verstauchte sich bei einem Spaziergang zur Lietzenburg den linken Fuß -. die sich den Fuß. Alle drei sind . Erinnert mich fatal an früher. sind ötepotöte. selbst wenn mit Antwort. will Dir Dein alter Vater einen Brief stiften. verstaucht hat. dabei frech auf die Freiheit des Wortes und jenen dummdreisten Stolz auf Deutschland pochend.

auf Vater und Mutter Briest oder den so korrekten wie lieblosen Innstetten kommen.) Mich jedenfalls hat diese Geschichte entsetzt. um nur ein Beispiel zu geben. das spukende Haus im pommerschen Kessin vom Spukwesen der Swinemünder Kinderjahre ableite. so witzig bleibt er dabei und in Maßen sogar aufgeschlossen. als mir der Kulturbund. was den Amtsrichter betraf. wie vormals dem Siebzig-einundsiebziger-Veteranen Friedlaender bei dessen Ehrengerichtsverfahren. zuwider war. Aber so streitbar Freundlich manchmal daherredet. geraten habe. in dessen Verlauf ich ihm. sobald wir im Verlauf unserer ausgedehnten Fußreisen -gestern über Neuendorf hinaus zum kleinen Leuchtturm.solch nackt zutage tretende Feindschaft zuwider sein. aufs Nordischste blondgelockt. den ein jüdischer Rechtsprofessor unbedingt wissenschaftlich und nicht nur ideologisch begründen wollte. der seine recht manierlichen. auch wenn ich einschränkend sagen muß. den schwadronierenden Major Crampas köstlich zu imitieren. um dann ausgiebig über die nur notdürftig versiegelten Innereien der Stasi-Zentrale in der Normannenstraße zu spekulieren: >Eine .Straße hat eine brüllende Rotte die Mädchen angepöbelt. es ging ja. nicht die Bohne gekümmert hat. allen Parteifunktionären von provinziellem Zuschnitt. die Gelegenheit zum weithergeholten Vergleich. Nur was er erlebt hat. und selbstredend ging es um den Klassenstandpunkt. aber nein. dabei sind Rosa und Clara.und das ist bösartig genug trifft und interessiert ihn. der Professor jedoch ist bester Laune und bleibt dabei . nutzt aber. Er hört gut zu. wenn ich. daß mich Marx. Noch kürzlich schrieb er mir: >Marx' Fehler war es. wie auch den dünkelhaften und in ihrer Karriere steckengebliebenen Offizieren aus Friedlaenders Regiment. weiß in der Sache Bescheid.was ich nicht unkritisch sehe . um die gekränkte Ehre eines jüdischen Reserveleutnants. selbst zur gemeinsamen Londoner Zeit.< Er mag recht haben. So kam er mir mit mexikanischen Kindheitserinnerungen und brachte Trotzkis vergeblich zur Festung gerüstetes Haus als Geisterschloß ins Spiel.ganz in den Banden seiner Persönlichkeit. soll heißen. was ihm zur Zeit an der Universität angetan wird . den Krempel vor die Füße zu werfen. versteht es.bei aller Voreingenommenheit den Freundlichs gegenüber . wie Du Dich sicher erinnerst. Obendrein kommt immer wieder das leidige Parteiverfahren von dazumal auf. wie einst die Akademie. wenn auch nicht bis zur Spitze des Gellen . (Auch Dir würde . wenn auch zu sehr aufs Ego bedachten Kriegserinnerungen hartnäckiger verteidigte als die Franzosen seinerzeit die Festung Metz. Dickens sagte mehr. die Perlen seiner Erkenntnisse vor die Säue einer Partei zu werfen. wie ich es getan habe.

< Schließlich hat er sogar unser an sich harmloses Haus der Ministerien zum rumorenden Spukhaus erklärt. Ledergürtel und Matrosenkragen . bei der sich. während das Volk gafft . daß einem nur Geschubst. bleiben die Sorgen jeder Etappe in Erinnerung . beim Glockenläuten ein Auge drauf zu werfen. weil das Ganze träumerisch und fast wie mit einem Psychographen geschrieben wurde. dem dritten ist ein Sandkörnchen ins Auge gekommen. In zwei Wochen soll es soweit sein.. Sonst bleibt ja immer die Mühe. Ja. Er ist ferienhalber hier. denn mit besonders schweißtreibender Intensität ist mein sonst auf Ironie abonnierter Professor auf Gefahrensuche. so viele Leute einem sehenden Wanderer wie mir entgegenkommen oder wie von Hunden gehetzt über den Weg laufen. Oktober kriegt ein rotbeziffertes Kalenderblatt. ein anderer sucht den im Gedränge abgesprungenen Jackenknopf. Er sprach von der deutschen Einheit. Allenfalls . Denn zweifelsohne ist es so. als ich vom Balkon aus eigentlich nur die Roßtrappe hinaufsehen wollte.. In der Regel läuft es darauf hinaus: Der Bericht ist besser als die Sache selbst.. in dem ich meinen altvertrauten Kumpan erkenne. Nun kenne ich aber diese sich historisch gebenden Momente zu gut und weiß. Der Termin steht.und weißgestreifter Kattun. Hier jedenfalls findet sich weit und breit keine >Tochter der Lüfte<.gafft und nichts sieht -. Wird mehr was fürs Fernsehen sein. ich bin sicher. wie kolossal anhänglich diese Tallhover und Hoftaller sind. durchaus sehenswerte und manchmal aparte Kleinigkeiten abfallen: jemand kaut seine mitgebrachte Buttersemmel. Der 3. doch zwei. bekam ich zu hören: Er wolle nur kurz mal vorbeischauen und nicht stören. nun reibt er und reibt . vermute ich. Habe aber versprochen. Selbst beste Insellage schütze nicht vor solch einem epochalen Ereignis..Giftküche! Mit dem dort lagernden Sud läßt sich ein Jahrzehnt lang und länger die deutsche Suppe würzen.in diesem Fall nicht. daß demnächst Großes bevorstehe. die bisher begrenzten Schofelinskischaften in nunmehr erweiterten Jagdgründen abspielen werden. Es ist wie von selbst gekommen. die arme Effi! Vielleicht ist sie so gelungen. blau.und Gedrücktwerden bevorsteht. müsse aber daran erinnern. Daß ich nicht lache. die in glatthäutiger Unschuld als Gruppe vor der Gästewohnung stehen. Und so später nie wieder. Unter den Buchen. daß. Oder wie damals im Zehnpfund-Hotel in Thale am Harz. versteht sich: Auch Tagundnachtschatten müssen mal ausspannen. drei Schritt vor mir ein englisches Geschwisterpaar auf den Balkon hinaustrat und das jüngere Mädchen gekleidet wie später Effi: Hänger. Nun muß ich meiner Mete nicht erklären. seitdem hier jemand angelandet ist. Irgendeine Angst steckt in ihm.

so penetrant er anhänglich ist. Heute bestand er darauf. beim Diebstahl von Lebensmitteln aufgefallen: Wurst und hartgekochte Eier. wurde in ihm der alte Tallhover redselig: Er sei beim Begräbnis dabeigewesen. Du solltest ihn sehen in seinem Freizeitlook: eine Figur aus dem Panoptikum berlinischer Originale. Man kann ihn eigentlich nicht ernst nehmen. Sogar die Ferienhäuser der Staatssicherheit. samt interner Baugeschichte. sonst nur verstörtes Inselvolk. dem nur schwerlich auszuweichen sein wird. Seine Dienststelle habe. Er erinnere sich an diese Filme lebhaft. (Deshalb rate ich Dir. umstürzlerisch aufreizenden Ton gehört habe. der verkörperte Durchhaltewille und so weiter. Und als wir . mithin seiner eigenen Firma. welche Altbesitzer in Bergen auf Rügen im Grundbuch eingetragen sind. Nur seine allzeit gewichtige Aktentasche hat er diesmal zu Haus gelassen. Ihm falle Verdienst zu. Ihm sei beim Leichenschmaus jener Schauspieler mit (nach Menzel) historischem Profil.einige Wanderwege abzulaufen. die Mitte der achtziger Jahre gegen jedes Verbot ins beginnende Hügelland gesetzt wurden. welche nicht und warum nicht. weshalb er keine Meldung erstattet habe. ein Kapitel für sich. den neuen. Ein schlechter Scherz. Und gleichfalls hätte der Unsterbliche gewiß . Dazu die kniefreien Hosen und das überall spannende Hemdchen. Schließlich hat er mir zugezwinkert und mit dickem Finger auf den kolossalen Findling gedeutet: Vieles von Hauptmann sei immer noch spielbar. außer der Kunstfertigkeit. mit dem Genossen Leo. gab er mir preis. sein gewiß unpassendes Hochzeitsgeschenk als Lappalie zu bewerten.notabene . auf dem mit sattem Aufdruck für ein ohnehin bekanntes Getränk geworben wird. Doch die subversive Kraft des jungen Dramatikers habe nur und sogleich der Unsterbliche erkannt. den man sich nicht als simplen Leutnant der Roten Armee vorstellen dürfe.wie es mir meinerzeit möglich gewesen sei -das gefährlich Neue aus den rabiaten ersten Versuchen des . sonst nichts!) Aber rundum informiert ist er schon: weiß.einen Blick wert sind flotte Westler. die grapschig und wendeselig auf Grundstückssuche sind.und natürlich mein altvertrauter Kumpan.und ohne den von mir erwünschten Beistand Freundlichs .vorm Hauptmanngrab standen. wer in bester Insellage ohne Genehmigung gebaut hat. weil er. dem das Neue noch nie geheuer gewesen ist . an meiner Seite . der sich in diversen Filmen als >Alter Fritz< einen Namen gemacht habe. bedeckt mit amerikanischer Baseballmütze und fix zuwege in kunterbunten Turnschuhen. Die schauspielerische Leistung. Kontakt gehalten. vom schlesischen Agnetendorf an.

>hinter einem Mann. weiß Gott. diesen jungen Kerl mit der landläufigen Phrase >Er hat ein bißchen Talent< abzuspeisen. haben an Hauptmann nur ihren Witz und Ulk abgelassen. diese ins Wurst. schrieb ich an Stephany und später an die Genossin Seghers. Außer mir haben nur die Kollegen Hacks und Bunge ein Wort für das noch unfertige. kann er.der Theaterkritiker Frenzel ausgenommen -. im einen wie im anderen Fall. Gleich dumm wollte man den jungen Müller runterstufen.und Kartoffelsalatdetail gehenden Schilderungen meines altvertrauten Kumpans. weil Kind eines führenden Genossen. das furchtbar königliche Zitat: >Hunde. Wäre ein Stoff für Müller gewesen. daß sich weder der Inselpastor Gustavs noch der Inseldoktor Ehrhardt an der beim Leichenschmaus um sich greifenden Mundräuberei beteiligt hätten. Doch da sie meinen Tagundnachtschatten gleich kurzgebunden ablehnt - . denn dieser Mime namens Otto Gebühr brachte die üblichen Stereotypen: der gichtkrumme König. die den Professor nur ungern an ihrem Krankenlager sieht.. < Übrigens hat mir mein altvertrauter Kumpan. aber doch gekonnt dem Leben abgezapfte Stück eingelegt. Meiner These. die ich. nach der die Juden sich immer als die besseren Preußen bewiesen haben. der blaue Königsblick. oberflächlich und böswillig. kenne und als junger Kintoppgänger mit sträflicher Begeisterung gesehen habe. Komischerweise bestätigte mir Professor Freundlich. Desgleichen Mama. Doch Talent ist gar nichts. steckt mehr . Lächerlich. Sämtliche Skribifaxe. an Hauptmanns offener Grube stehen durfte. >Nur die Fischer und späteren Sargträger und dieser Schauspieler mit Profil haben zugelangt!< rief er und hat mir dann lang und breit -nun schon in der Kirche den schlachtenreichen Ablauf etlicher Ufa-Filme wie >Der Choral von Leuthen< und Tridericus Rex< erzählt. Das stimmt beinahe. Half nichts! >Talent ohne Perspektive< und >fehlende Parteilichkeit< lautete das Gefasel beim Verband wie in der Akademie. während der Kronprinz zusehen muß. Ein bißchen Talent hat jeder. Geschichtsklitterungen. der unterm Richtschwert kniet.. Doch sonst sind die beiden sich nicht grün. >Der ist mir zu ironisch!< heißt das bei ihr. auf dem kurzen Weg zur Kirche versichert. der schon den Amtsrichter Friedlaender durch die (neuerdings wieder modische) Stöckersche Brille des Antisemitismus sah. >Glauben Sie einem alten Knopp<. nachdem er vorm Hauptmanngrab in Kniehosen und auf Turnschuhen seine Kappe gezogen hatte. nicht zustimmen. der sowas schreiben kann. und sei es als Antwort auf die Brechtsche >Maßnahme<. all die Landau und Lindau . wollt ihr ewig leben!< Doch nichts von Katte. der ja als Zwölfjähriger.damals jungen Dramatikers Müller herausgehört und mit Probenbeginn der >Umsiedlerin< an interessierter Stelle bekanntgemacht.

Dabei mußten sich beide in der weißblauen Kirchenbank verdrehen. daß der Alte wenig >Gescheites< bei diesem Anlaß ausgeplaudert habe. das in geschicktem Wurf die selbst Engeln eigene Blöße bedeckt. dessen Firmament rosenbekränzt ist. aber Mamas Einspruch fürchten mußte: wie denn aus Furcht vor obligaten Zweideutigkeiten Briests Hochzeitsrede im Roman wohlweislich ausgespart wird. Weder das hölzerne Taufbecken noch die wie eine gute Stube in den rechten Altarraum gerückte Sakristei lenkten ab. daß die Technik des Aussparens nun mal zum Schreiben wie das Verschweigen zur Ehe gehöre. Nur eines alten Mannes restliche Sehnsucht. das unter der Orgelempore hängt und ein bei Sturm in Seenot geratenes Schiff zum Motiv hat. Nur dürftig ausgestattete Erinnerung. der in früherer Zeit von den Hiddenseer Fischern zur Boddenfischerei bemannt wurde. werte ich ihr Urteil als zwar nicht gerecht. schläft schon. doch ließ er sich von Fonty in allen Einzelheiten ein Bild erläutern. aber ausgewogen. Mama. Sie . Nun ist aus dem kleinen Brief doch wieder ein länglicher geworden. Dann gab es nichts mehr zu gucken. Sonst ist es kolossal still hier. wenn sie in Abhängigkeit umschlägt. sahen andere Besucher beide vor dem Findling. Während er noch seinem Banknachbarn die gemalte Seenot bis ins strandräuberische Detail interpretierte.. Später saßen sie Seite an Seite in der Fischerkirche: Fonty satt an Kenntnissen. « Als sie den Friedhof besuchten. Dieses Paar. die Dich grüßt. Danach galt seine Neugierde einem links vom Altar hängenden Zeesboot mit rotbraunem Segel. daß ich für die hochzeitliche Tischrede insgeheim eine Suada über den Ehebruch auf der Pfanne hatte. Hoftaller ein wenig verlegen und fast kindlich staunend angesichts des himmelblauen Tonnengewölbes. ein Bootstyp. Deshalb sage Deinem Grundmann lieber. nur Frau von Briest gibt zu erkennen. Mir wiederum sind beide so nachhaltig vertraut. Nur ein Nachtfalter macht Geräusch. Das rechts hängende Wikingerschiff interessierte ihn weniger. Mit kurzem Finger wies er auf den fleischig rosa schwebenden Engel vorm Altarraum und ein blaues Faltentuch. Sag Deinem Grundmann. wie gemacht für Auftritte vor gewichtigem Hintergrund. daß ich eine gewisse Anhänglichkeit selbst dann nicht leugnen mag. Aber da war nichts.>Der war mir schon immer zu zweideutig!< -. suchte Fonty die Orgelbank nach der ältesten Tochter des einstigen Inselarztes ab. sich sozusagen über die Schulter gucken.. Oder sag besser nichts.

Entfernt gewannen weitere Inselgäste dem Altweibersommer ein Fußbad ab. Kapiert. die zwischen Kloster und Vitte den sandigen und zur Düne hin . das die Sakristei krönt. Und etwa so wird Hoftaller sein zögerndes Objekt überredet haben: »Sie . eher betont verzögert. daß sie einander nicht verlorengehen konnten. gleichwohl die Fischerkirche verließ. Fonty unterm Strohhut und mit hochgekrempelten Hosenbeinen. das nichts brachte. An sich ein harmloses Bild: beide im erträglich kühlen Flachwasser. folgte ihm Hoftaller nicht sofort. Ausrufe. Hoftaller hatte die Baseballkappe auf und stand kniefrei in Shorts. heilig ist der Gott Zebaoth!« Mehrmals rief er die alttestamentliche Instanz an und sagte dann mit weniger Stimme: »Zumindest soviel sollten Sie respektieren. Satzanfänge. heilig. Tallhover? Hier haben Sie nichts zu suchen. erlebten aber noch mit. wie sich Fonty aus der Kirchenbank zwängte und unter den fleischig rosa schwebenden Engel und dessen güldene Flügel stellte. kein Gegengeflüster. zum Zuhören verurteilt. Zuletzt standen sie in der Ostsee. Hier singt man nicht nach ledernen Protokollen.mit Steinen beschwerten Inselstrand leckt. als suche er Schutz. Sogar Schwimmer sah man jenseits der letzten Sandbank. Sagen Sie das Ihrem Polizeipräsidenten. Zwar sträflich ungläubig. Dann wies er auf ein barockes Schnörkelwerk. Man hat sie wiederholt nah beieinander gesehen: hinter Ginstersträuchern im Hochland und auf der dem alten Bessin vorgelagerten Landzunge. Wir befinden uns hier auf kirchlichem Grund und Boden und nicht in der Normannenstraße. der lange stillhielt. Wir waren sicher. Wir verließen die Fischerkirche zu früh. Das hier ist keine Zweigstelle des Prinz-Albrecht-Palais. Doch so weit entrückt wir sie sahen. die als neuer Bessin und bevorzugter Nacktbadestrand gilt. dem Herrn von Puttkamer. was uns erlaubt. Wir sahen sie aus Distanz. wir sahen sie nur reden: leere Sprechblasen. zu verknotet ihr Knäuel. Er saß in sich zusammengesackt. die uns offenstanden. und zitierte laut hallend den von geschnitzten Engeln gehaltenen Spruch: »Heilig. stehe ich hier dennoch unter besonderem Schutz.flüsterten miteinander.« Als Fonty nach einigem Abwarten. Bald flüsterte nur noch Hoftaller in Fontys Ohr. bloße Vermutungen zum Dialog zu festigen. freilich setzte der Wind manchmal aus. irgendein Wind trug uns Wortfetzen. Zu klein war die Insel. zu reich mit Zetteln gespickt ihr Gedächtnis. all das zu.

wird versucht haben. wenn auch nach streng parteilicher Dressur. Nach der gescheiterten Konterrevolution vom Vorjahr versprach man sich ne gewisse Stabilisierung durch Neufassung der Grundaufgaben. War als Berliner Delegierter dabei. « »Sag ich ja. mit denen ein gewisser Jungapotheker. daß sich Fonty beim Wassertreten weiterhin an den Kulturbund geklammert hat. Sollten Sie eigentlich wissen. konnte Hoftaller nicht ausweichen: »Wen wunderte das. der diese Falle seit letztem Sofagespräch kannte und fürchtete. Hölzerne Poller waren alle hundert Meter in die See hineingetrieben worden. Sie übrigens auch. Dabei läßt sich gut plaudern. der wenig später in der Dresdner Salomonis-Apotheke . In Leipzig gibt es sogar nen Club. Fonty. Steht mir vor Augen. ein Stichwort lieferte. was mich sofort zu den demagogischen Umtrieben verbummelter Studenten in Leipzig zurückführt.. « Wir sind sicher. meine ich nicht die endlosen Anträge der Philateliekundigen und Aquarienfreunde und bestimmt nicht die Wünsche der Sektion >Literatur und kulturelles Erbe<. Anfangs schwiegen sie beim Wassertreten. Ein gewisser Jungapotheker eifert einem gewissen Dichter namens Herwegh nach..« Den Wanderstock. bis Hoftaller. « »Wenn ich Dresden sage. befinden wir uns im Vormärz. Aber . Doch wenn ich >damals in Dresden< sage.sind doch für Kneippkuren. So waren Buhnen entstanden. mein Lieber. damit sie dicht bei dicht den Sandstrand festigten. Ganz Sachsen ist Beute der Demagogen. jeden sein Steckenpferd reiten zu lassen. und eine der Buhnen gehörte den beiden. die Jacke. Die Neigung der versammelten Delegierten ging dahin.. übrigens dem vierten. Fonty. Wir wurden zum ersten Mal auf Kreiskonferenzen gewählt. hilfreich wie immer. die im Prinzip nur auf Ferienplätze im Erholungsheim des Kulturbundes in Bad Saarow erpicht war. Lauter kleinbürgerliche Wünsche bei vorgeblich revolutionärer Zielsetzung. die Schnürschuhe und Sneakers mit Schaumgummisohle hatten sie abgelegt. Das belebt den Kreislauf. nicht ohne Erfolg.. sich so naheliegend wie möglich zu erinnern: »Sie meinen den Kulturbundkongreß im Februar vierundfünfzig. einen Plastikbeutel. damals in Dresden?« Fonty. Habe mich in Dresden furchtbar ins Zeug gelegt und vor der Gefahr landesweit einreißender Vereinsmeierei gewarnt . Steht alles im Protokoll. ihre Socken. Ein halbes Stündchen Wassertreten nur. Und zum Club gehört dieser Jungapotheker. in dem fleißig gegen die Obrigkeit konspiriert wird. kam ziemliche Bedeutung zu«.. Habe dagegen polemisiert. daß er es besonders gerne hervorzog und deshalb wiederholt in Anschlag gebracht hat: »Erinnern Sie sich.. von dem wir wissen. denn seinem Insistieren: »Und diesem Dresdner Kongreß.

schließlich die Geburtstage der überlebenden Tochter Mathilde. hatte Hoftaller versprochen. den Fonty nicht löffeln wollte: nein. fällt der Groschen?« Beim Wassertreten ist gut plaudern. unsere Spottverse auf liberale Stammtischhelden. Ist alles abgearbeitet und Literatur geworden. pünktliche Alimentezahlungen und zitierte Herzensergüsse. Und wenn nicht ne andere.. Wolfsohn und ich. Ne relativ kurze Aktenlage.« Er konzentrierte sich auf die Gesundheitsübung. wonach dem Tallhover in Ihnen der Sinn steht: unsere metaphernreichen Freiheitsträume. unsere unterm Strich lächerliche Verschwörung gegen die staatliche Obrigkeit. die wir gerne im Archiv gesichert hätten. ferner geht es in >L'Adultera< um das aus . die alle ohne väterliches Geschenk begangen wurden. die These vertreten habe. unterbrach sich der Beschuldigte beim Wassertreten: »Halte nichts von platten Geständnissen. die lebenslange Unwissenheit der damaligen Verlobten Emilie. als mit zu süßem Rotwein die Neuaufpolsterung des Sitzmöbels gefeiert werden sollte. in der Geburtsdaten. geborene Rouanet-Kummer. daß sein Tagundnachtschatten über ein Bündel Liebesbriefe verfügte. der ominöse Brief an Lepel. weil ich schon damals bei einem Gespräch am Rande.. Fonty wird von Beginn der Kneippkur an geahnt haben. Schrieb ihm von der Brühlschen Terrasse aus . obzwar unehelich. Hilflos wirkte deshalb sein abwehrender Satz: »Wieder einmal soll unser unfreiwilliger Kindsvater gepeinigt werden. wußte er doch seit jenem Sofagespräch. Komme nur deshalb noch einmal auf den vierten Kulturbundkongreß zurück. Schmerzliche Gefühle . Als Hoftaller jedoch zusätzliche Kost. verbissen trat er die See. sowie Ruderpartien auf der Elbe und der Tod des zweitgeborenen Kindes. dem vorzüglichen Biographen Reuter. trat weiches Ostseewasser. unsere Reime auf Spitzel und Polizei. Lassen wir das. daß dieses leidige Thema in Romanen und Erzählungen erschöpft worden ist: in >Ellernklipp< und >Grete Minde< wie im >Stechlin< . dem alten Dubslav das Sterben erleichtert -. und zwar mit einem wirklichen Kenner der Materie. Jahre später wiederholte Kinderei einen wahren Kindersegen zur Folge gehabt hätte.. was mit der geforderten Rückbesinnung auf Dresden gemeint war. ich und Wolfsohn. gerichtet an eine Gärtnerstochter namens Magdalena Strehlenow. die. hingerafft von der Diphterie. Na.. müßte ich nicht so beharrlich an Dresden erinnern. Wen kümmert das noch!« »Um Ihnen zuzustimmen: Auch für uns waren das Kindereien nur. längst abgeschlossen. aufzutischen begann.rieche schon. spürte von den Sohlen her belebende Wirkung und ließ dabei eine Suada über sich ergehen. mit weiteren Peinlichkeiten zu einem Brei verkocht waren.denken Sie an die kleine Agnes.

weil seine Emilie ihren richtigen Vater. für uns in den Dünen zu leise.. Dennoch ich weiß! -bleibt die Frage nach der Schuld allemal offen. die von Berufs wegen hellhörig sind. ohne daß wir im Fortgang der Geschichte .schlimm genug .wenn Sie sich der armen Effi erbarmen wollen . Tallhover? Ich bitte Sie . sagte Hoftaller: »Bin ja Ihrer Meinung. während uns ne aschblonde Gärtnerstochter und ne aschblonde Weißnäherin eine weitere aschblonde Person in Erinnerung rufen. nicht die Elbe . « »Muß das sein. entstand. Wer will hier richten? Wer maßt sich letztes Urteil an? Nur Philister. wie beide nur noch auf ihre Gesundheit bedacht zu sein schienen. auch Bankett genannt. und Ihre Emmi leidet ja auch unter solch ner Blindstelle. « »Irrtum. verschwiegen hat und sich lieber nach ihrem Adoptivvater . Aber erstaunt bin ich schon. Eine Pause. Vielleicht hoffte er. die mal so. solch ne Menge Interesse aufgebracht. Leise. Klar doch.ehelicher Untreue geborene Kind und .Kummer nannte. wie ja die Position der Moral eine schwankende ist.... weil wir. und Modell für Lene ist einzig die Tochter des Kastellans der Akademie der Künste gewesen. die aber auf anderem Wasser . einen Militärarzt namens Bosse. daß sich Fontys Erregung mittels Kneippkur abkühlen werde. lang genug für Spekulationen. die ich während meiner kurzen Sekretärszeit beim Nähen beobachten konnte .um das. davon ein wenig Wind bekamen. der Mutter entrissene Kind.abgesehen von ein paar Andeutungen der schwatzhaften Frau Dörr irgend nen Tip kriegen über Vater und Mutter jener klaglosen Schönheit. als wollten Sie Lene Nimptsch verleugnen. « Hoftaller schwieg eine Weile. wie sich ja auch diese Ruderpartien prompt wiederholen. die schon auf Seite eins als Pflegetochter einer alten Frau vorgestellt wird.. « » . wegen erwiesener Untreue. mal so heißen . Wir sahen.... Hoftaller! Gerudert wird überall. daß diese Lücke nicht offenbleiben würde. daß Sie in Ihrer Bilanz diesen damals als Hurengeschichte beschimpften Roman ausgelassen haben.. und sogleich waren wir sicher. deren liebenswerte Eigenschaften ner gewissen Magdalena Strehlenow abgekupfert worden sind.. fehlte ein literarischer Titel. Doch als wir uns die Vielzahl möglicher Rückbezüge vor Augen hielten.. « . nur ist es diesmal die Spree.gerudert wurde . so pedantisch regelmäßig traten sie das Flachwasser.. Nur der Unsterbliche hat für das uneheliche Kind. und die ne dunkelhaarige Schönheit war.von wem wohl? . aber dennoch zitierbar.

»Ne Person. Fonty.. noch einmal das Hauptmanngrab besuchen wollen . daß er sich heiter anbahnte.den Damen Freundlich und Emmi Wuttke entgegen. geradezu schicksalhaft dem Obergefreiten Wuttke anhing.. « » . die morgen schon. ausgelaugten Füße. na. abreisen wollen . « »Außerdem seh ich Emilie kommen. trotz ihrer Beschwerden. voller Sorge ... Mit letztem Satz . Zum Aufbruch der Inselgäste am nächsten Morgen läßt sich nur sagen. Sogleich scherzte er mit den Töchtern übrigens Zwillinge und deshalb von wiederholtem Reiz. denn ihr verstauchter Fuß bot Stoff genug...»Wir kommen darauf zurück« . « » ..und zwar allein . Theo Wuttke sah sich von Frauen gerettet. und zwar während Kriegszeiten in Frankreich.. dessen Füße bis zu den Waden hoch krebsrot glühten. Aber es bleibt dabei: Dresden und die Folgen.. gab ziemlich bald ne traurige Figur ab.. der mit den Freundlichs zwischen Gepäckstücken am Bollwerk wartete.Fonty noch immer mit hochgekrempelten Hosen ... gestützt auf die Damen Freundlich. reisten auch wir ab und wurden so zu beteiligten Zeugen... Lyon und die Folgen . « » . « So endete das Fußbad in der Ostsee. weil . um dort eine einzelne Rose vor den Findling zu legen. « »Aber sehen Sie doch. wie ich.. wie sich meine Emilie nähert... wie ich hörte. Frühjahr vierundvierzig..folgte ihm Hoftaller. Beinahe hätten die Wuttkes das Schiff verpaßt.. Sicher hat Mete nach Berlin geschrieben.. vorzeitig. Mit der Kneippkur wurde die peinliche Befragung abgebrochen. « »Könnt ihr denn absolut nichts vergessen . Sind beunruhigt. Lyon. Und diese nicht mal besonders hübsche Französin . weil von der Tochter keine Nachricht kommt. dort über die Düne ... Weil uns die Arbeit zurück ins Archiv rief. Im Weggehen sahen wir.. sagte zu uns und an Hoftaller vorbei: . Meine Frau ist.. die. sagen wir mal.. Aber diesmal hatten wir ne Gastwirtstochter im Kahn . die sogleich das Gespräch bestimmte.. und übrigens reisen auch wir morgen schon ab. wie Fonty sich als erster auf den Strand rettete. weil ihr ein gewisser Obergefreiter.. « »Na schön. seien wir gnädig. die auf den Namen Madeleine hörte.. Schweigend gingen beide . Seine blauen. « »Jetzt wird mir aber das Wasser zu kalt!« » . denn Emmi hatte.

Beide lachten noch immer. Nur Mete hat an mich geglaubt. So viel Heiterkeit. als Emmi Wuttke leicht humpelnd die Schiffsanlegestelle erreichte. weil sie »auf keinen Fall« nach Schaprode wollte. Jedenfalls gute Reise. als Fonty und mehr noch Emmi Wuttke protestierten. daß man mir diesen Wunsch abschlagen darf. Jetzt haben wir Freiheit!« . Wäre schade. Das is nu endlich vorbei. nur einen einzigen Nachsatz übrig. hat sie gesagt.»So ist das mit den Emilien. teilte Hoftaller die am Bollwerk versammelte Gesellschaft. für Rumlauferei auf Rügen sei sie zu schlecht auf den Beinen. als ihr Eckhard Freundlich vom Anlaß der heftigen Belustigung berichtete. obgleich er sich für nen richtigen Schriftsteller hält. da steckt ein wahrer Dichter drin. >Mein Mann<. Mit ihr lachten die Frau des Professors und deren gleichermaßen sonnengebräunte Töchter.« Bedrohlicher mußte er diesmal nicht werden. Fonty lachte. wie wir und die Freundlichs es taten. Wir werden vom Ufer aus winken. und keinesfalls wolle sie auf die Eisenbahnreise mit der Familie Freundlich verzichten: »Überhaupt lasse ich mir von niemand das Schiff vorschreiben.« Er sagte das mit aufgesetztem Kinderlächeln und hatte. Wir lächelten distanziert. daß nun auch Hoftaller lachte. die wir aufgelistet und in besonderer Mappe bewahrt haben. Zwar klagte Erwin. Sie las ja auch lieber Raabes >Hungerpastor< oder die Stormschen Husumereien. verstanden worden zu sein. Professor Freundlich lachte.< So war das. Neuendorf nach Stralsund nehmen können. eine halbe Stunde später ablegende Schiff nach Schaprode auf Rügen bestimmt waren: »Muß unserem Freund unbedingt ne kleine Überraschung bereiten. dem er jedoch sein Lächeln entzog: »Glaube nicht. als wir sahen. begleiten müssen. Doch bald sollte allen das Lachen vergehen. doch als die »Insel Hiddensee« anlegte und mit Signalton alle an Bord rief. Jetzt lachte auch Emmi. Er hätte auch »Das würde mich traurig machen« sagen können oder: »Hoffe. Schon die Rouanet-Kummer hat dem Unsterblichen an ihrer Seite einen jungen Dachs vorgezogen. die für das nächste. denn eigentlich hätten alle Inselgäste das Motorschiff vorbei an Vitte.« Einer von vielen beschließenden Hoftaller-Sätzen. 19 Allein im Boot Eigentlich hätte so viel gute Laune den Abschied von der Insel. indem er für die Wuttkes und sich Tickets vorwies. wenn das Ihre Pläne stören sollte. bis alle an Bord waren. Doch in dem WeberHauptmann. >ist nur Journalist.« Wir vom Archiv bestätigten diese Anekdote.

nun dem Spott preisgegebene Vehikel aus Zwickau. Wechselnde . Könnte mich. gewissen Reisebestimmungen haben wir zu leben gelernt... die Reusen. Emmi weinte ein bißchen. winkte Hoftaller lange mit einem schwarzweiß gewürfelten Taschentuch. sogar die Leitung des Archivs. Kein Zureden half. Ihr Briest sagte in ähnlich unwägbarer Situation: >Ein weites Feld.. Luise<. er hätte mit Ihresgleichen rechnen müssen . mit kleinen Schikanen oder. doch darauf. Geht wohl nicht anders. auf ihnen Kormorane. schon mit Koffern beladen.. Wie sieht's in Jena aus? Einfach scheußlich. war Hoftaller schon wieder mit Lachgrübchen gesegnet: »Wäre vernünftig gewesen. Welch höherer Sinn dahintersteckt. wenn gewünscht. «. Schon während der Überfahrt nach Stralsund rätselten wir. welche zwingende Überraschung in Schaprode aus dem Hut gezaubert werden könnte. Später sagte er: »Meine Emilie wollte partout nicht an Deck bleiben. glaubte er an etwas. weiß niemand.Doch Fonty hatte bereits die Kröte geschluckt: »Bedaure. Kaum waren die drei an Bord gegangen. Wieder die schwarz-gelben Wimpel. mich fügen zu müssen. Und Eckhard Freundlich. fiel uns ein.. das er bei Tisch.« Wir schwiegen.. Hockte während der Fahrt in der verqualmten Kajüte. wären wir nicht gekommen. Wir mit ihnen.. auf dieses einst begehrte.. Unsere Kontakte . Kann aber auch anders . gezielt sagte: »Als mein Vater seinerzeit Mexiko in Richtung Deutschland verließ. Die Frau des Professors sagte wiederholt: »Dieses Schwein. Die Wuttkes standen mit hängenden Armen. lieber Wuttke. Was hatte Hoftaller schon zu bieten. Will ungern deutlicher werden . nützlich machen. Hingegen war mir im Übermaß frische Luft sicher. Bojen entlang der Fahrrinne. ehrenhalber.. Beide Töchter verängstigt. aber auch öffentlich >die gute Sache< nannte.« Beide standen im Wind auf dem Achterdeck. kommentierte die verordnete Trennung: »Aber ich bitte Sie. zumal wir uns mit Ihrem Herrn Papa bereits unter Palmen befassen mußten und deshalb in Veracruz gleichfalls an Bord gingen.« Als die »Insel Hiddensee« ablegte. nicht wahr?« Als der Professor dann doch noch. Sie verstehen . diese Evaluierungsverfahren. « Die Freundlichs mußten aufs Schiff.. außer der üblichen Fürsorge? Etwa eine befristete Schottlandreise. milder. Doch Spaß beiseite. der gleichfalls im Schlucken geübt war. wurde Fonty beiseite gerufen. selbstverständlich mit begleitender Aufsicht? Alles mögliche.

Aber auch sonst hatte. Kreuz und quer durch Frankreich bis nach Lyon. Und wie andere Inselgäste hatte er seinen Wagen auf dem Parkplatz Schaprode nahe der Schiffsanlegestelle abgestellt. die vorm und hinterm Tresen fleißig war. der kein Bruder mehr helfen . vom Hügelland flach bis zum Gellen. Bin übrigens passionierter Automobilist. Langgestreckt lag die autofreie Insel entrückt.. Sie schwiegen nebeneinander. Denn nachdem der Soldat im Sommer schon den Rückzug antreten mußte .« Erst jetzt. zu spät.erinnert mich an die häufigen Dienstreisen eines gewissen Luftwaffengefreiten. « Er tauchte in Vergangenheit ab. den Rügendamm. doch ein paar klärende Hinweise auf wiederholte Abstecher als Nutznießer des französischen Eisenbahnsystems bis zu ner Stadt. nach ner gewissen Zeit. winterliche Folgen. Immer wieder nach Leipzig oder Dresden. ja doch. der erahnt werden konnte. Und weil die verlassene..versprochen! . sondern mit dem Auto angereist. Liegt an zwei Flüssen.wir sprachen bereits darüber . Erst auf Höhe von Vitte wurde Fonty »die kleine Überraschung« bekanntgemacht. weil der Bruder der Schankmamsell zur Résistance gehörte. Und dort gab's ne Gastwirtstochter. Er lasse sich nicht kujonieren und in solch eine Kiste zwängen.über Dresden und die aschblonde Gärtnerstochter. weshalb ein reiselustiger Soldat in diesem Bistro bald als ne Art Dauergast galt. Über Rügen. aus rein militärischen Gründen verlassene Madeleine. in der ne Menge passiert ist. aber nicht diese fahrbaren Untersätze . Also kein Wort mehr . werde er notgedrungen mit seiner Emilie allein reisen. und zwar seit frühesten Dienstjahren.Flugformationen übender Zugvögel. und zwar wie früher. ich sag mal. als Bahnfahrten ins Riesengebirge oder nach Waren am Müritzsee noch Abenteuer gewesen seien: »Borsigs Dampflokomotiven ja. Außerdem kommen wir so viel schneller nach Berlin als mit der bummeligen Reichsbahn. indem er die Mühsal aller Reisen des Unsterblichen in die Sommerfrische oder in Kurbäder aufleben ließ. was im Frühling begann. Keine Bange.. Meinen Fahrkünsten kann vertraut werden. Fuhr nen DKW. Hoftaller war nicht per Reichsbahn. War schon immer Handelsmetropole: stinkreich. durch Stralsund werden wir bald auf der Autobahn sein. Wenn er schon auf das gemeinsame Eisenbahnabteil mit den Freundlichs verzichten müsse. lehnte Fonty ab. Hiermit erlaube ich mir. Blieb nicht folgenlos. Er sagte: »Mein Privatwagen wartet auf Sie. Dieses Hin und Her . das Ehepaar Wuttke zu ner gemeinsamen Fahrt einzuladen. doch Hoftaller war selbst auf frühesten Schienenwegen mit dem Kursbuch präsent und hatte ihn sogleich mit allen Eisenbahnverbindungen zur Zeit des Vormärz am Wickel: »Ein richtiger Reisekoffer sind Sie gewesen..

besonders aber in Lyon reiner Tisch gemacht wurde . War ja ziemlich eng hinten. Na. Glauben Sie mir. Ein Pulk Möwen machte die Reise mit. dem Haßobjekt aller Fischer. fabrikneu. nein. auf nein See. wie überhaupt in dieser fischreichen Gegend.. wenn nötig. Fonty möge dem gesicherten Spezialwissen bitte vertrauen: »Unter veränderten Bedingungen sind gewisse Freundschaften unpassend.und Bauern-Macht fanden.. Wir wollen doch da nicht reingezogen werden. Emmi sagte: »Viel geredet haben die beiden nich. bißchen außerhalb. Fonty überließ sich dem Fahrtwind und sah mit Hut und leichtem Sommershawl vergangen aus. Bis das Schiff in der Enge zwischen Rügen und der vorgelagerten Insel Oehe anlegte. besser für dein Bein.. vielleicht zu lange geschwiegen . aber Hoftaller ging der Stoff nicht aus. Regle Gustaf Gründgens.. vorstellbar gewesen. wäre er als Hauptdarsteller in einem Ufa-Streifen »Der Schritt vom Wege«. Mein Wuttke mußte neben ihm sitzen.. Fährt noch lange. Als sie von Bord gingen.konnte . Einheit her.« Emmi sagte: »Und ob ich verstehe.« Als sie auf dem Parkplatz zwischen westlichen Karosserien klein und eingeengt den automobilen Ausweis der einstigen Arbeiter. Könnt Ihnen stundenlang. den Wissenschaftler belasten. hörte er eine ganz andere Legende und schaute dabei einer Formation Kormorane. So deutlich dem alten Briest angenähert. Hab ja lange. Fonty blieb arm an Worten. die in Richtung Gellen flog und an deren Spitze ständiger Wechsel den Flugkeil bestimmte. versteht sich. Aber sonst konnt ich nich klagen. sagte Hoftaller: »Den habe ich mir kurz vor der Währungsunion gesichert.« Die Fahrt im Zweitakter verlief ohne Panne. erst als wir schon Autobahn . « Grüne und rote Bojen leiteten das Motorschiff nach Schaprode.. hatte Fonty für Emmi nur einen Satz übrig: »Wird besser sein. Fonty. in dem es. zeigte er sich bedrohlich besorgt: Der Umgang und langjährige Briefwechsel mit Professor Freundlich könne sich schädlich auswirken.. Und überall nach der Invasion.. Eine zur Zeit noch verdeckte Aktenlage werde. Einheit hin. wenn wir per Auto reisen. nach. ne Menge Frösche gab. Und dann noch mit meinem schlimmen Fuß. Fonty. Wie er so an der Reling stand. in Deutschland nen Trabi zu fahren. Weiß noch mehr. Weshalb man der armen Madeleine die aschblonden Haare ritschratsch . dämmert's? Fing alles ganz harmlos mit ner Ruderpartie an. Auch wir vom Archiv behalfen uns damals noch mit dem verspotteten Pappkoffer auf Rädern. es wird nochmal schick. Oder?« Nichts war von der Rückblende des Ufa-Films geblieben. Nur gleich hinterm Rügendamm.

der rechtzeitig abgehauen is. Aber dann hat mein Wuttke in Bad Saarow. Doch nich etwa mit unserm Teddy. weil der in Bonn sitzt und sowas wien Geheimnisträger is? Oder noch immer mittem Kulturbund. Da gab's schon Geflüster im Saal. >Im Zug hätten wir Nichtraucher gesessen!< hab ich geschrien und >Raus! Will hier raus!< Da hat er den Stinker weggesteckt und sich schnell entschuldigt. War irgendwie ne miese Stimmung drinnen. Nee. gern Ferien gemacht haben. Jedenfalls gab's damals nen Lenau-Club. nich direkt gegen die führenden Genossen. die sie bespitzeln. Der saß wien Affe hinters Steuer geklemmt.was ich ihm ja abgetippt hatte vorher -. Nur wenn wieder mal links oder rechts ein Autowrack lag. wo wir. Und daß die Spitzelei nie aufhört. hat er gesagt: >Das kommt von der Raserei. nich nur der Herwegh. Daß aber manchmal auch Dichter richtige Spitzel sind. Ein paar haben gelacht. weiß bloß nich. die deshalb doppelt unsterblich werden. Wie hätt er auch können mit nein Trabi. der vor hundertfuffzig Jahren den Herwegh und seinen Verein bespitzelt hat. hab ich Zoff gemacht. och wenn draußen Schönwetter war. aber och so ne Art Hochschule gewesen is und wo mein Wuttke über diese Lene Nimptsch lauter unmögliche Sachen gesagt hat. konnt er nich. in dem sein Einundalles Mitglied gewesen ist. Müssen unbedingt alles dem Westen nachmachen... Da kenn ich nix. hat er geflüstert. daß nämlich der Spitzel von anno dazumal hier im Saal irgendwo die Ohren spitzt und sich alles . sondern um drei Ecken rum. immer noch rumläuft und rumspitzelt. wie unsre Martha den nennt. womit. was aber trotzdem ein Beweis für Unsterblichkeit is. wie er sonst redet. wo mal das Ferienheim vom Kulturbund. wie er immer redet. >Mein kleines Laster<. weil er nun ohne Zigarre . aber reden. Weshalb alle bespitzelt wurden. Die heißt so wegen Verehrung von dem Dichter Lenau. Dabei sind wir früh genug zu spät dran. nen bedrückten Eindruck hat mein Wuttke kein bißchen gemacht. paar Dinger losgelassen. weil mein Wuttke da wirklich manchmal schlimme Sachen gesagt hat? Nee.< Mein Wuttke aber kein einziges Wörtchen. Bad Saarow fiel mir ein.< Bekam aber keine Antwort. Aber zu schnell is er nich . Andauernd wurden wir überholt von Mercedesse und andere Flitzer.fuhren und dieser Stoppelkopp. War sauer. Und außerdem hat er vor Publikum gesagt. eine von seinen Stinkdingern hat rauchen gewollt. Ich hab mir gesagt: Der hat ihn bestimmt in die Mangel genommen. >Wie konnt ich nur so gedankenlos sein.. der verboten war. umgekippt oder ausgebrannt völlig. als Martha noch klein war. Und daß die Spitzel unsterblich sind wie die Dichter. natürlich mit nein ausgetauschten Namen. bevor er in diesen Herwegh-Verein reinging. daß dieser Oberspitzel. die nich im Manuskript standen .. Davon hat mein Wuttke geredet und von den vielen Apotheken in Leipzig und Dresden. weil sie nich aufhören kann.

. einer aus Kopenhagen und einer von dieser dänischen Insel. noch stundenlang ausplaudern gewollt. Nur Friedel war noch inner Buchhandelslehre . Na.. weil . Och als der Stoppelkopp abgezischt war . Nee. daß da in Frankreich irgendwas schiefgegangen is. aber darüber nich gern geredet hat. denn freiwillig wär er nie in den Trabi rein. weil seine Feldpostbriefe damals irgendwie komisch . Konnt ich noch nie. Denn eigentlich sind die ganz nett gewesen. wie unsere Martha den nennt. wo er sich doch auf die Eisenbahn mit Freundlichs im Abteil so gefreut hat . Also mit Frau Freundlich. Vorgeladen haben sie ihn paarmal... Nur mit dem Professor kann ich nich. Und Georg fertig als Pilot . weil unsere Jungs schon drüben . -Wann das war? Mitte Sechziger. Hat alles nur schlimmer gemacht. Jedenfalls sind wir gut nach Berlin rein. meinen Wuttke mal wieder unter Druck gesetzt hat. Für uns keine Ferien mehr in Bad Saarow. Dabei kann ich mir denken. Hat überhaupt nich genutzt. weil die mir irgendwie fremd sind .. wie er den nennt.. wo mein Wuttke ja als Soldat gewesen is. drei Treppen hoch. Aber das paßt hier nich hin. genau. unter son tückischen Wurzelstrunk . daß dieser Stoppelkopp. Und die Mädels sind och ganz nett.. Hat gelacht und Witze gerissen über Flitterwochen und so... Ich ja weniger. krieg ich das Kribbeln.und hat dann.irgendwie gelblich ist der . und das mit Koffern und Reisetasche. >Der vergißt nichts... Aber mein Wuttke hätt sich mit seinem >Brieffreund<. als wir schon >Vielen Dank fürs Mitnehmen< oder sowas gesagt hatten. Aber vergessen haben die nix. als mir das mit dem Fuß passiert ist.. wie er sich früher alles gemerkt hat. Nachem Mauerbau jedenfalls. da war mein Wuttke wie ausgetauscht. Jedenfalls hat man das meinem Wuttke krummgenommen. ohne daß irgendwas passiert ist.. lauter Papierkram. Erst als wir oben waren. Dabei hat Martha nich mal was Besonders geschrieben. Mon heißt die.kein Sterbenswörtchen. bis es dann wieder ging.merkt.. Und reden durft er da och erst mal nich. weil ich beim Raufklettern. Wenn der Mechiko und nich wie unsereins Mexiko sagt. Deshalb glaub ich auch. als es mit der Kultur mal wieder eng wurde. ganz ernst zu meinem Wuttke gesagt: >Der Fall Lene Nimptsch bleibt aktuell!< Und dann hat er noch so paar Zweideutigkeiten über Frankreich losgelassen . Bis vor die Haustür hat er uns mit seinem Trabi .. und inner Post Briefe von unserer Martha drin steckten.>Lyon und die Folgen!< -. als ich zum Leuchtturm wollt. daß er sich rausreden gewollt hat mit >Der Klassenfeind schläft nich!< und >Immer auf der Hut sein vor Westagenten<. >Reichsbahn ist besser als Autobahn!< hat er gesagt. das geht.. Und unsere Martha sagt och immer. . der kann nichts vergessen!< hat er gesagt. die vergessen nie was... nur daß das Wetter schön is und sich ihr Grundmann zuviel Arbeit.

.. War ja meistens von Bonzen belegt. Jehn Se spazieren. Im Personalbüro hieß es: »Das geht klar. da stand och immerzu was von Rudern drin. da steckt mehr hinter.. Vorher ließ er sich im Haus der Ministerien den Genesungsurlaub bestätigen. verstehn Se? Wir werden bloß noch bezahlt. hat sie geschrieben. Als wollte er in Übung bleiben. während ich . Und Fonty konnte erst am Nachmittag des folgenden Tages seiner Lust nachgehen.. Er wurde gegrüßt.. Hausputz. hab ich mir gedacht. da hat es bei mir getickt. bis nischt mehr übrig is. Er hängt ja an Martha besonders und sieht wunder was in ihr. Aber das paßt hier nich hin. besonders Kopenhagen. rudern. Jekochten Dorsch gab's. Wär ja schön. Nein.. grüßte zurück. Fonty. den anderen Plausch: »Ein richtiger Glückspilz sind Se. Emilie? Wär doch was.. Wie früher in Stralau. Jedenfalls ist mein Wuttke in der Küche rumgesprungen und hat immerzu gerufen: >Jetzt hätt ich Lust zu rudern! Von mir aus im Kreis rudern. die er zum Schluß aus Frankreich geschickt hat. und denn kommt wat Neues. Hauptsache rudern! Haste nich auch Lust. weil ich mir Sorgen mach . Was? In Neuendorf waren Se? Im Vorjarten von Franz Freeses Hotel am Meer. kein wildes Geschaukel. « Emmi Wuttke war zu keiner gemeinsamen Ruderpartie zu bewegen. Hier is sowieso nischt mehr los. Ach ja.. Muß ja. Wird aber noch dauern.. Im Tiergarten kann man welche mieten. besenrein.. Und? Jibt's die Linden noch?« . < Und wie er nich aufhören wollt mit dem Gerede. Ferien auf Hiddensee! Davon hat unsereins immer nur träumen jekonnt. hatte von Stockwerk zu Stockwerk den einen.. bestimmt. Genau... fuhr Fonty einige Male mit dem Paternoster rauf und runter. Keene Bange. Aber mein Wuttke war wie aussein Häuschen. wir halten Se auf Jehaltsliste. wenn Se auffem Damm sind wieder.. Denn in seine Feldpostbriefe. und wie schön das is. wenn sie glücklich . Fonty. Mußt keine Angst haben. ein Gedicht sogar. Wir zwei beide in einem Boot. Na. Nur Auf und Abräumen. solang Se lustig sind. Nur das is wichtig. da is doch was faul. Zu tun jibt's jenug. eine Menge Papierkram. Nana. Ganz ruhig treiben lassen . damit wir uns überflüssig machen. Aber schaun Se mal vorbei. Warum sind Se nich länger jeblieben? Von uns aus können Se Pause machen.mitgenommen hat und daß sie manchmal richtig Sehnsucht kriegt nach uns und unserer Gegend hier. und wie teuer Dänemark is. « Soviel Aussicht auf Zukunft beruhigte. von wejen Einigvaterland muß alles schnell abjewickelt sein. Könn se doch nich leer stehen lassen den Kasten .

gutgelaunt. an den der Zoologische Garten grenzt. vor sich hin pfeift. viel Geld für einen sparsamen. sei es zur Amazone nahe dem Goldfischteich. Oder sind wir es. vorbei an den Bronzen Hasenhetze und Fuchsjagd. gleichfalls die Ruder. Nun biegt er zum Café am See ein. die ihn voller Ungeduld unterwegs und endlich auf dem Wasser sehen wollen? Es stimmt. auf dem Großen Weg. wurde ihm angesichts seiner knittrigen Aufmachung . sogar als geizig verrufenen König. und zwar durch das Wasserpumpwerk am Lützowufer. den sumpfigen Elsbruch nicht kostspielig auszutrocknen. deren Ruderbänke sowie der Bodenrost allerdings hölzern waren. Opa!« . Schon 1840 lag der Neue See im dritten Entwurf der gesamten Naturgartenanlage als künstlicher See vor. Über dreißigtausend Taler kostete die Anlage samt Brücken. gespeist wird. wie er zackige.Plötzlich oder weil ihn wieder die Lust aufs Rudern ankam. denn nun nähert er sich dem Tiergarten. bis zum Neuen See hin. alle zwei Schritte auf stoßendem Wanderstock. etwas wie »Preußens Gloria«. Lenné hatte geraten.geantwortet: »Fürn Zehner biste dabei. im Freien ist er uns eher zugänglich als im geschlossenen Gebäude. Ganz gegenwärtig sehen wir ihn. Wo er hinwollte. um unter Kastanien auf der Terrasse zu sitzen. mit geschultertem Wanderstock das zukünftige Bauland Potsdamer Platz überquert und unbehindert im Westen ist. Sommerhut und Spazierstock .leichte Jacke. klotzte noch lange nach Kriegsende. nun mit schwingendem. sei es zur RousseauInsel und seiner alteingesessenen Lieblingsbank oder wie heute: über die Hofjägerallee hinweg. bis er gesprengt wurde. Und dort. Wir sehen. dessen Ausläufer vom Landwehrkanal. wie er verkehrssicher die vielbefahrene Entlastungsstraße für Sekunden zum Stillstand bringt. an langem Steg gut zwei Dutzend Plastikboote gereiht. seinem seit jeher bevorzugten Gelände für Spaziergänge. wie er mit jugendlichem Schritt das Portal des Kolossalbaus hinter sich läßt. in die Leipziger Straße einbiegt. sondern ein Gewässer anzulegen. in dessen Betonverliesen Menschen und gestapelte Kunstwerke überlebten. wo ab Mitte des neunzehnten Jahrhunderts ein Herr Alexander Kähne verlieh. Leinenhose. gab Fonty das Paternosterfahren auf. bahnbrechende Marschmusik. vom linken Terrassenrand zugänglich. lagen. der große Flakbunker. hören. als Fonty jedoch beim Bootsverleih nach dem Mietpreis fragte. das später mit dem neuen Kanal verbunden sein und zu Kahnfahrten einladen sollte. doch nicht. Für ein vormals spottbilliges Vergnügen zahlt man heute zweiundzwanzig Mark die Stunde.

dann den anderen in den Dollen liegenden Riemen ein. »so daß wir uns beständig im Kreis drehten«. sprang er mit kleinem Hüpfer ins Boot.Er mußte als Pfand seinen Personalausweis hinterlegen. vom Bootsvermieter mit dem Ruf »Schiff ahoi!« angestoßen. sich ans Steuer setzte. die aber. weil ihnen romanhafte Erlebnisse vorgeschrieben standen: etwa jene Bootspartie auf der Spree bei Stralau. Für weite Ruderpartien reichte es dort nicht. wenn nicht in eben diesem Augenblicke das andere Boot mit den zwei Herren sich unserer Not erbarmt hätte . Und sicherlich »wären wir überfahren worden. sei es auf polnischen Flußläufen und Seen. denn das Dampfschiff kam immer näher auf sie zu.. wie wir wissen. Wirrungen«. die in Berliner Manier witzig zu sein hatten . verstaute Jacke und Stock auf der aus Kunststoff gepreßten Heckbank. »Weil Lina Gansauge gern Kahn fahren wollte« und der halbwüchsige Rudolf. doch half er beim Auslegen von Aalreusen und mußte mit anhören. wenn Max Wuttke seiner wortkargen Freundin zum wiederholten Mal das sozialdemokratische Genossenschaftswesen als Weltmodell erklärte. auf dem Neuen See. Lene Nimptsch überreden ließ. Später hat er auf dem verschilften Dianasee gerudert. wie ein Schild am Bootssteg lehrte. Worauf Lene und Lina schrien. wurden sie aus dem . die Geschichte mit dem Dampfschiff. als Vorgeschichte zu »Irrungen. Als Junge schon war er auf dem Ruppiner See sozusagen zu Hause gewesen. « Mit dem Bootshaken herangezogen und festgemacht. »der ein Bruder von Lina ist«. Nach weiteren Fragen. wenn er seinen Vater besuchte. das Villengrundstück Ecke Hasensprung. nicht betreten werden durften: »Vogelschutzgebiet!« Fonty war ein geübter Ruderer. doch waren all seine Ruderpartien. Wir erinnern daran. So gewann er nach wenigen Schlägen vom Ufer Abstand. nie zu flach ein. sei es im Flachwasser dänischer Inselbuchten oder auf Frankreichs stillen Gewässern gehörten. Einer der Wasserarme reichte bis zum Terrassencafé und führte zur Seemitte und deren Inseln.. allein zu rudern. Königsallee neigte sich bis zum Seeufer. zuerst den einen. zu denen Kahnfahrten während der Kriegsjahre. setzte sich auf die hölzerne Ruderbank und tauchte. Dem folgte. das von Treptow kam und Wellen machte. Gleichmäßig zog er durch und tauchte die Blätter nie zu tief. daß Rudolf aus Angst und Dusseligkeit die Gewalt übers Steuer verlor. Fonty genoß es. wenn auch in einem Kunststoffboot.As denn Oma nich mit vonner Partie? Und wo sind die lieben Enkelchen abjeblieben?« -. zu der sich. literarisch besetzt.

als ob die große. einen Ausflug aufs Land wagten. sie schließlich aber verbrannt. wobei er anderen Booten geschickt auswich. Erst nach der Kahnfahrt nahmen sie ein gemeinsames Zimmer. was folgt. Auf der spiegelglatt moosgrünen Fläche warfen eine Ente. was einer Liebesgeschichte vorhergeht und auch das. steht nicht geschrieben. Den Hut hatte er hinter sich abgelegt. dennoch bei jedem Ruderschlag anderes Wasser unterm Kiel hatte.. die bis dahin die Aufpasserin gemacht hatte. weil nämlich die schöntraurige Liebesgeschichte zwischen der aschblonden Plättmamsell und Weißnäherin Lene Nimptsch und dem Baron Botho von Rienäcker. ließ sie abtropfen und das Boot treiben. Manchmal hielt er die Ruder waagerecht überm Wasser. alle achteten das Verbot. Und später kam es zu einer weiteren Wasserpartie. . etwas zuviel Pose.. ohne Intimes oder gar Leidenschaftliches zu zitieren. mit Hinweisen auf die verräterischen Zettel von Crampas' Hand. und »nur einmal war es noch. daß Fonty. « Und uns gegenüber verteidigte Fonty das Weglassen »berühmter Schilderungen«. als er allein mit sich auf dem Neuen See des Tiergartens ruderte. vom Dampfschiff her auf uns zukommende Welle uns umwerfen wollte . beim Bootfahren begann. Er ruderte in Ufernähe. die zum Rudern einlud. Die Insel zog viele an. Die Sonne. den Blick vom See und dessen Betrieb abgehoben. und doch erfreute er uns mit täuschend echtem Profil. Mit dem Görlitzer Zug gelangten sie in die Nähe des Gasthofes Hankels Ablage an der Oberspree. als beide ohne Frau Dörr. für das Letztere hab ich vielleicht eine gute Begabung. Eine der vielen Aussparungen oder sollen wir Lücken sagen? In einem Brief an Otto Brahm aus dem Jahr 83 gesteht der Unsterbliche: »Ich kann wohl schildern. später ein Schwan mit sanfter Bugwelle keilförmig verlaufende Spuren auf. doch niemand betrat sie. dann wieder inmitten des Kunstsees und um die Vogelschutzinsel herum..Strudel herausgerudert. die er »Gipfel der Geschmacklosigkeit« nannte. der trotz seiner stattlichen sechs Fuß Länge von schwacher Natur war. « So kam es dazu.. Wir sahen ihn Haltung bewahren: ein wenig steif der gerade Rücken. Kaum daß der Wirt Verlegenheit andeuten darf. schönte sein Haar. Unbewegt saß der Greis. wie sie nachmittäglich geneigt stand. gestreift von tiefhängenden Zweigen. Fonty ruderte mit ruhigem Schlag. Doch was dort über Nacht geschah. ja. gerichtet an Effi: »Die sagen doch alles!« Obendrein mußten Lenes Briefe herhalten: Zwar habe Botho diese Liebesbeweise mitsamt ihrer mangelhaften Orthographie als »vernünftig und leidenschaftlich zugleich« empfunden. die Liebesszenen selbst werden mir nie glücken .

wischte mit dem Handrücken die Stirn. die bei günstigem Licht verliefen und auf Papier gedruckt stehen. sah türkische Großfamilien und Radfahrergruppen. vorbei an dichtem Gestrüpp und knorrig verwachsenen Bäumen. doch erst als er zum Café am See zurückruderte. Auf einem der Seitenarme. Vor Ablauf der Stunde zahlte er und erhielt seinen Ausweis zurück: »Na. was die Gegenwart für ihn bereithielt: Auf dem Steg des Bootsverleihs stand jemand und winkte mit seiner Baseballkappe. Dann tauchte er wieder die Riemen ein und gab sich mit mattem Schlag neue Richtung. Opa? Hat sich schon ausgerudert?« Hoftaller ließ nicht locker: »Ein halbes Stündchen nur. ein onanierender Mann.. sagte Botho. nein: Er wollte gerudert werden. griff hinter sich.. Plötzlich auf einer Bank.. ruderte er. Das stehende Wasser roch. sah Paare und Vereinzelte.. Hinterhältige Stille . Kein Boot kam entgegen. den Fonty während solch einer Ruderpause in Reime gebracht hat. als Lene und Botho in Hankels Ablage Quartier bezogen hatten.. hatte er Wasserpartien im Kielwasser. der auf seinem Tischtennisschläger endlos den weißen Ball hüpfen ließ.. Auf meine Kosten selbstverständlich . »Welches nehmen wir«. doch beide der Liebe frühem Ende zugeführt. Hoftaller wollte auch rudern. Nichts erfreute . sah er. auf daß wir ihn hier überliefern: Beim Rudern streifte mich die Trauerweide. blickte unruhig zum Ufer. suchte Bänke und eine bis ans Wasser reichende Liegewiese ab. aber erst in einem späteren Brief wurde uns dieser Gelegenheitsvers bekannt. Auf Ufersteinen gaben die Reste eines zerrissenen Kleides scharlachrot ein Signal.oder die Hoffnung?« Und Fonty zitierte Lenes Antwort so lauthallend. sah uns zu zweit im Boot und jung. als wollte er ein Programm verkünden: »Natürlich die Forelle. « . setzte den Strohhut auf. Doch Fonty war müde.Vielleicht ist den tiefhängenden Zweigen der Uferbäume und dem frühherbstlichen Septemberhimmel jener Vierzeiler zu verdanken. von Biege zu Biege verzögertem Umweg wieder zur Mitte des Sees führte. Erst als Fonty wieder ins Freie ruderte. die mit ihrem Wurzelwerk im Wasser standen. der nach längerem. Wir nehmen an. Entengrütze. so nah dem Ufer war ich plötzlich angerührt. Was sollen wir mit der Hoffnung?« Bei abermals eingezogenen Rudern hörte er dem Zitat nach. sah einen Jungen. Ein wenig unheimlich dunkelte es. verschattet.. »die Forelle . Ohne hilfreiches Zitat .. daß die Kahnfahrt auf der Oberspree von ihm nachgelebt wurde: Zwei Boote lagen am Steg zur Auswahl.

wohin sie ohne Zwischenhalt fuhren. Sie standen am Geländer. setzen die Hoftallers fort. Was die Tallhovers beginnen. Kautsky auch . Zwar rudere er lieber allein. ließ sie fallen.. Vormittags sei auf dem See wenig Betrieb.« Dazu sagte Hoftaller nichts. und sei es. Als Hoftaller auf einen gleichfalls in Metall verewigten Vermerk wies. Zum Beispiel hätte die Luxemburg total observiert werden müssen .. doch diese Einladung wolle er annehmen. Unterwegs zum Auto gebot an der Uferpromenade eine Gedenktafel Halt.. daß sie auf dem Weg zum nahen Bahnhof Zoologischer Garten eher belanglos geplaudert haben. dann wäre bestimmt ne ganz .. Auch später. rechtzeitig. hätten zufassen müssen.. Zu vermuten ist. dann in der Frühe. dem Fonty zu folgen hatte. als beide im Trabi saßen.. nur hundert Meter weiter. weil der Trabi am Lützowufer geparkt stand.und Bauern-Staat diese späte Initiative gefördert habe . jedenfalls ist mir so. hatte Fontys Tagundnachtschatten genug angesammelt: »Haben mal wieder recht. Januar 1919 die Sozialistin Rosa Luxemburg von Offizieren und Soldaten der Garde-Kavallerie-Division an dieser Stelle erschlagen und in den Kanal geworfen worden sei. auf der zu lesen stand. ausnahmsweise. indem die Mörder von einst ihren Opfern heutzutage Denkmäler stiften. Wir hätten operativ werden. Neunzehnneunzehn. daß der Arbeiter..»Morgen ist auch ein Tag. übrigens unser Geburtsjahr. Sie gingen und warfen einen gepaarten Schatten. daß am Abend des 15.. Schon wieder war es Hoftaller. Oder sollen wir sie auf der Lichtenbergbrücke sehen. Erst in der Kollwitzstraße. als seien wir dabeigewesen.. wenn Tallhovers Biograph lauter Pannen aufzählt . hob er die Schultern.« »Abgemacht. sagte Fonty: »Die Dienste haben schon immer ganze Arbeit geleistet. der mit dem Jahr 1987 das VEB-Lauchhammerwerk als Kunstgießerei angab. und er außerdem wußte. Wuttke. Neunzehnhundertzehn ist Lenin wieder mal bei ihm . am Einfluß zum Neuen See. habe man Karl Liebknecht ermordet. das Lächeln geronnen. die den Landwehrkanal überwölbt? Sie nahmen den Weg Richtung Brücke. Und bei der Luxemburg in der Cranachstraße . in das ein denkmalähnlicher Eisenguß eingelassen war. Nichts ist vergangen.« Da Fonty keine Wahl zu bleiben schien.»Über unsere Kontakte zu Westberlin lief das« -. Kein Wunder.. Überall hängen Versäumnisse nach. Wenn es denn unbedingt sein müsse. der in Großbuchstaben den Namen der Ermordeten in Erinnerung zu halten versuchte. fiel kein weiteres Wort. Seine alten Augen waren wie ohne Wimpernschlag.

Ach...da saß er schon am »Stechlin« -. kam in England zu Ruhm.. Und alles wollte benannt werden: »Chinapomade und Salmiakpastillen. was ist aus den radikalen Freunden geworden? In Leipzig waren wir sechs bis acht Mann schwach. Doch jede Heimlichkeit hat dieser Spürhund. Jadoch.. Sie sang gern. die immer wieder von der Küche aus anklopfte: »Nu laß doch das Rumgelaufe. Wuttke.. Küsse. manchmal frage ich mich wie Ihr Unsterblicher: >Wozu das alles?< Werde müde . Alles im Stillverborgenen . von Mann zu Mann. Lena! Ihre schmalen.. Wuttke. Mit Richard Kersting hinterm Ladentisch.. Ist wie ne Sinnkrise . Zwar hatte ihn kürzlich noch wer anders auf Reise geschickt. dessen Schnüffelnase vom Leipziger Herwegh-Club bis ins liebliche Dresden auf Spur blieb .. Ach. Will aber nicht vorgreifen. Zwei Blum und Jellinek . die Gärtnerstochter aus der Neustadt.... dann aber Auflage nach Auflage als Buch verbreitet wurde . weshalb noch heute dort Kulturinstitute. Fonty. Alles hat er herausgespitzelt.. doch jetzt erlebte er sich zurückgeworfen und wie auf verjüngtem Teppich. Briefe an Wolfsohn.andre Geschichte gelaufen . der Sohn des Dichters der Müllerlieder. Komm lieber was essen... wir werden uns aussprechen müssen. Ach. die arme Effi. beriet das Empire in allem. am besten schon morgen. Brauche unbedingt Hilfe .. sogar ihr Muttermal unterm Herzen und daß ihr aschblondes Haar eher dünn gewesen ist.. Frühe Erinnerungen gaben ihr Muster preis.« Er blieb beim Auf und Ab. Wird bestimmt anstrengend . so heiß .. Zwei weitere wurden sächsische Philister.. vom Umtopfen. Unkrautverziehen immer rissigen Hände. wenn auch mit kleiner Stimme nur. und wollte Lebertran für ihr Brüderchen . Buchten im Schilf. gab der Queen Unterricht. Seit der Genesungsschrift über die Kinderjahre war er so anhaltend nicht unterwegs gewesen. sobald uns auf den Elbwiesen oder beim Rudern nach Freiheit oder zum Singen war.. Und eines Tages kam das junge Ding. beim Rudern .. Nur Wolfsohn blieb. Gibt belegte Schnittchen und Tomatensalat. Den Abend lang und bis in die Nacht hinein strapazierte Fonty die rotchinesische Teppichbrücke in seiner Studierstube und wollte nicht auf Emmi hören. « 20 Platzwechsel Aber er kam nicht zur Ruhe.. Ach. Gustav Struves Salomonis-Apotheke. War kundig in Sanskrit. Zwei gingen in Amerika vor die Hunde. dennoch praktischen...wurden später in Wien füsiliert.. was Indien betraf.. die anderswo nach Goethe . deren schnell verbrauchtes Leben erst 94 vorabgedruckt und im Jahr drauf in gewohnt dürftiger Zahl.. Lena Strehlenow. Und Max Müller. Lasse nach . Ruhen Sie sich aus.

steigerte.. die bleichsüchtigen Mondscheinverse. das über sechs oder sieben Jahre anhielt. dachte ich doch einerseits. Mal um Mal verlängerten Dresdner Glücks. nach nur zwei Jahren Alimente . gut vierzig Jahre später und noch zu Lebzeiten . denn wie auf der Elbe so auf der Spree . Mit Schach hat die Furcht vorm Lächerlichsein überdauert. Aber auch Lene blieb. der mir. der sich zu drehen. von der Hand ging. zu wenden wußte und all die freiheitsbesoffenen Freunde überlebt hat.verjüngen und durch literarische Kur als Lene Nimptsch erneuern können. . dieser trotz Aussparung jeglichen Bettgeflüsters volltönende Nachhall eines kurzen. Jedenfalls wurde er was.als alte Frau wurde sie von ihrer tüchtigen Tochter Mathilde im westpreußischen Konitz umsorgt . Ja. Ein eher schmaler Roman. bald nach >Cécile<. nein. Doch erst drei Jahre später wurden. und zwar die ersten acht Kapitel in Hankels Ablage.benannt sind. an seiner Zeit verzweifelte und verrückt wurde.und sei es aus Angst vorm Ende . daß schon damals eine literarische Tochter gezeugt wurde. denn immer hatten wir Lenau im Boot. die namentliche Anspielung. leider auch Mete . der mein Leibundmagenspitzel natürlich nicht aufsaß: Hat alles herausklamüsert. von denen nur die erstgeborene Mathilde alle Krankheiten überlebte. den die Familie. sogar die Verlobung mit Emilie wie nebensächlich hinnahm. ist barer Unsinn. die unter allzeit gültigem Titel zur Welt kam. der eigentlich Nikolaus Niembsch Edler von Strehlenau hieß. wenn man vom sprichwörtlichen >Erschossen wie Robert Blum< und vom Unsterblichen absieht. hieß Magdalena Strehlenow und war achtzehn. jedenfalls wiederholt in Blüte stand. mehr schlecht als recht. fast stehenden Gewässern. wegstarb: Diphterie . Eine Zwecklüge. verbreitet hat. nicht totzukriegen.. Unverwüstlich Mathilde Möhring. noch während >Cécile< und >Stine< in Arbeit waren oder in Schubladen ruhten. die >Irrungen. natürlich der Alte.. wir ruderten auf stillen. Max Mueller Bhavan heißen. Manchmal ließen wir den Kahn treiben. Wirkungen< vorabgedruckt. das übrigens schwarzhaarig war. sich dabei . als ich sie nahm. Ein paar Balladen. jadoch. als einziger.. doch seine Verse unsterblich. während Ernestine bald. Mag sein. so daß dem Elbwiesenglück zwei heimlich gehaltene Kinder zuzurechnen sind. und zwar von Ende Juni bis Ende August in der Vossin. der ungern mit Vornamen Dubslav hieß.. Mit ihm überwinterte die arme Effi. denn das Anekdötchen von des Akademiekastellans Töchterlein.doch die Söhne voran! -. Doch hat sich die nachweisliche Mutter. Immer wieder wuchsen wie Spitzwegerich die Treibels nach.und später die Waldlieder. wo das verflixte Rudern seinen Fortgang nahm. nur das bessere Publikum dieser sich liberal schimpfenden Zeitung könne das Berlinische goutieren.. nach Amerika ging. zurückkehrte. so daß wir beim Rudern die Schilf.

der sonst zu allem fähig war.. so daß meine Lene. wenn sie schon keinen Gewinn brachte. wo sich der Frühtau länger hielt. anders als Zola. packt aus. alles Häßliche. sagt: >Nach Aktenlage handelt es sich . Auf schmaler Zufahrt zum See hielt Fonty Kurs.auf der Teppichbrücke erschöpft und auf die am nächsten Morgen drohende Ruderpartie vorbereitet haben. bin Nichtschwimmer. glänzten weitflächig Spinnennetze. schrieben Schlenther und Brahm spät. der andere auf der Ruderbank. Als hätte ich die Treibels und ihre Bagage vorweggenommen. bis in den September hinein. Erst als das Buch vorlag. mehr nicht . der mir in jener Zeit Lektüre zwischen Grausen und Bewunderung gewesen ist. wer liest Novellen in dieser Hitze? War dann auch glatter Durchfall. Sogar ein Mitinhaber der Vossin entrüstete sich: >Wird denn die gräßliche Hurengeschichte nicht bald aufhören . Will freiwillig aufs Wasser. « So erinnerungs. < Niedergemacht hat das Philisterpack meine Lene.. jeden Auswurf der Leidenschaft. sagte: »Bedaure. Wieder einmal war ihm sein Tagundnachtschatten voraus. auf Nebenarmen der Elbe in ruhigem Wasser rudern. Diese Prinzipienreiter! Diese Nachmittagsprediger! Dabei habe ich. doch noch zu einem gewissen Achtungserfolg.. Müssen sich in die Riemen legen. Sie sind dran. sogar die soziale Misere ausgespart und fast zu ängstlich gemieden. Fonty half ihm in den schunkelnden Kahn.... Und nun kommt dieser Spitzel von Anbeginn. schräg einfallendes Licht. Bürger und Adel einmütig in Heuchelei. und dennoch berührten sich nie ihre Knie. Noch immer Altweibersommer.trotz Emmis Ermahnungen . Wuttke. Wüßte gern. < Flüstert: >Nach Informantenbericht sah man beide wiederholt. der Pünktliche. die aber nicht revolutionär gereimt waren und mit keiner Zeile dem Objekt Herwegh zugeordnet werden konnten.. Eher kam eine gewisse bürgerliche Dekadenz zum Ausdruck ... ob er schwimmen kann . viel zu spät mit Respekt. wartete schon am Bootssteg und hatte vorweg bezahlt. Sie saßen einander gegenüber. Im Ufergebüsch. < Und dieser Spitzel will nun mit mir in einem Boot ... Im Café am See kaum Gäste zu so früher Stunde.andererseits sagte ich mir: Gott.. jedes für sich gespannt...und womöglich rachsüchtig wird sich Fonty . weil er keinen Personalausweis hinterlegen wollte. Buntscheckig sah er aus. entleert ein verjährtes Dossier.« Der eine am Heck. Seine Fußreise war in verkehrte Richtung anstrengend gewesen. nicht rudern zu können. auf jeweils das eigene Zentrum zu und doch miteinander . Doch es kam anders. weil . Aber Vorsicht.. wie ein Tourist.. doch er. wobei Gedichte laut wurden. Und Hoftaller.

so sichtlich genoß er die Kahnfahrt: »Aber mein lieber Freund! Wer wird denn alles so persönlich nehmen. ob so viel Nähe sie verschwistert. Wo waren wir letztmalig stehengeblieben? Dresden. Immer gilt es. Dresden! Ne Bagatelle! Dieser Vorgang ist längst abgeschlossen und allenfalls von literarhistorischem Interesse. wieviel rastlose Arbeit! Bestaunt unseren kunstvollen Sachverstand. ein armes Studentlein. Sommer zweiundvierzig? Oder soll der Leipziger Club noch einmal operativ eingekreist. Auf uns ist Verlaß. stellt sich als Frage ohne Antwort später. als sie genug Abstand zwischen der Vogelschutzinsel und dem Seeufer hatten: »Zur Sache! Beginnen wir mit dem Verhör. . Ist die Spinne noch immer unzufrieden? Nun denn. wir wissen: Bald nach der Ruderpartie hat Fonty einen Vierzeiler gekritzelt und in einem Brief an Professor Freundlich. von jedermann Fonty nennen ließ. bespitzelt. ausgehoben werden? Wolfsohn und Müller gingen euch durch die Lappen.sobald sich der Wasserarm öffnete . observiert. meinen letzten Saft hergeben zu dürfen. Tallhover. aber Blum an die Wand gestellt und gleichfalls Jellinek.« Hoftaller ließ aus dem sacht treibenden Boot die linke Hand ins Wasser gleiten. als wollte der taunaß demonstrierte Spinnenfleiß dem Ruderer und dessen Fahrgast etwas sagen: Seht. Vielleicht hat Hoftaller dieser zu nahe glänzenden Metapher wegen den Ruderer gebeten. gar beglückt. Aber ganz anders verhält es sich mit den Ruderpartien eines Gefreiten. Leipzig. unsere nützliche Schönheit. Einzig der Beute. saugen Sie mich aus. die uns ins Netz geht. Und doch hängt uns übler Ruf an. als könnte der Faden nie ausgehen. das Ufer zu meiden und . Sind geübt. eine Lücke zu schließen.. dem es in Jena an den Kragen ging. mit Tintenschrift ins reine gebracht: So sehen wir in einem Netz verstrickt das Opfer und den Täter. abgeschöpft.verwoben. Kunststück! Haben ja schon als Junge auf dem Ruppiner See und dann immer wieder. Und nie geben wir auf. Toll. Man könnte damit ne Archivlücke füllen.. saugen Sie. Na. dann Obergefreiten der Luftwaffe namens Theo Wuttke.. viel später Fonty. Wir mutmaßen nicht. Mit Schimpf werden wir entlohnt. mehr nicht. « Nach kräftigen Schlägen und raumgreifendem Durchziehen der Riemen holte Fonty die Ruder ein. ließ sie abtropfen und sagte.die Mitte des Sees anzusteuern: »Dort können wir uns ein wenig treiben lassen. Wuttke. Bin glücklich. zugeführt. ist Anteilnahme gewiß. Stets suchen wir das Loch im System. der sich später. isoliert.. wie Sie das machen. Sogar der sonst geschmähten Schmeißfliege wird in gereimten Versen gedacht .

Zu spät für Madeleines Bruder . Und wie ich bereits andeutete.. Sie hieß Madeleine Blondin. Paar Ausflüge nach Chalamont. die es an jedem Ufer gebe.. wo man bei Fischern ein Boot mieten konnte ... Wuttke! Hören Sie auf mit dem Geschaukel! Waren doch schon immer auf Aschblond versessen.. wie auf der Suche nach Zuflucht.. Plaudern wir lieber über Madeleine... Man ruderte häufig.. Im Grunde so süß wie harmlos . besonders in der Etappe .. War wie seine Schwester an Literatur interessiert. ein kurzes Techtelmechtel nur. Außerdem kam uns die Invasion dazwischen . wobei er die stolz und abweisend aufragende Stadt Lyon im Rücken hatte. ließ sie abtropfen. nicht von unseren Leuten. muß zur Résistance gehört haben. Tausendmal durchgekaut diese Geschichte ..... doch nicht als Anstandsperson. Schon auf Hiddensee sagte ich . War damals üblich. Lassen wir das. Überall Rückzug ... Später Lager Bad Kreuznach . die. Was ist denn los. saß ihm im Frühling des Kriegsjahres vierundvierzig keine Gärtnerstochter. doch suchte er mit angstgetriebenen Ruderschlägen das Ufer. sei nicht für Lauscher.. sichtlich beglückt. das Ufer zu meiden. wurde Hoftaller streng..... Geriet in Gefangenschaft. Ihr Bruder. die uns nahe stand. zog Fonty die Ruder ein. in der diese fischreiche Seenplatte liegt. Wurde jedenfalls verhaftet. wischte die Stirn: >Jadoch. Was er zu sagen habe. Und ich mußte mit Marschbefehl . Das bißchen Rudern . Habe . Jadoch. später aber in ner seenreichen Gegend nordöstlich der Stadt. Aufhören! Sagte schon. die Spinnennetze im Ufergebüsch und rief zwischen Schlag und Schlag: »Nichts will ich davon hören . Und dieser Soldat ruderte nicht auf Elbwasser. Dombes heißt die Gegend... sondern . wohl aber die Tochter des Gastwirts Marcel Blondin gegenüber.weshalb wir ihn zu Kulturbundzeiten unter diesem Decknamen als Informant geführt haben. nebenbei gesagt. ein gewisser Jean-Philippe.. die überhängenden Trauerweiden. Manchmal war der Sohn des Gastwirts.. « Als Fonty. setzte den Hut ab.. Nein. legte ihn neben sich. indem er mit bekannter Floskel drohte: »Wir können auch anders!« Dann befahl er.. das Boot unter dem hängenden Gezweig einer Trauerweide... Will nicht als Wasserleiche . sondern einzig für den ehemaligen Obergefreiten Wuttke: »Wir wollen uns doch nicht ne Affäre einhandeln. vom Scheitel weg aschblond war. sondern anfangs auf der zu stark strömenden Rhône. bin Nichtschwimmer. « Zwar gab Fonty seinen wilden Protest auf. die örtliche Gendarmerie führte ihn ab. der Elektromechaniker lernte. oder?« Wieder in der Mitte des Sees.. Gleich mir ließ sie die Hand im Wasser gleiten.. Und wenn dieses Geschaukel . wo es ruhig floß..... parken wollte. Und im August dann der Aufstand in Lyon. mit von der Partie.. bestimmt.

« Danach nur noch die Geräusche des moosgrünen Wassers. doch davon bitte ich schweigen zu dürfen. Sie bedürfen der Schonung. Wirrungen<. Sobald ein Lüftchen wehte... Nach wenigen Monaten schon mußte Lyon geräumt werden. als wäre der Asche Bedeutsames abzulesen. sah Hoftaller der wachsenden Asche seiner Kubanischen zu. Oder soll ich Sie lieber Fonty nennen. wurde öffentlich kahlgeschoren.. Stimmt. Dazu schwiegen die beiden im Kahn. Erinnerungen. im Boot. doch nur kurze Zeit.. doch muß. Im treibenden Boot sah er dem Rauch nach: »Na gut. das von der Mutter den schönen Namen Cécile erhielt. Sein verschattetes Gesicht gab nichts her. rein menschlich gesehen. Außerdem wurde ich nach Berlin beordert. November auf dem Alex . Legen wir ne Pause ein. mein lieber Fonty.. Genießen wir den September. Ende der Dienstreise. War ne Schande. das auszutragen ne gewisse Zeit brauchte. wie gesagt. Fonty. Zuletzt nahe Bourg-en-Bresse. Nein. ..den beiden vorgelesen. wie man's nimmt. Wuttke. Ihre Glücksmomente nur kurz an. jadoch. daß Ihre kurze Liebelei. in Gefangenschaft. Bei nun höher stehender Sonne setzte Fonty wieder den Hut auf. Übrigens ein gesundes Kind. Verschweigen wir vorläufig Ihre illegalen Ausflüge in die Cevennen. Ne fabelhafte Idee. Aber ich will Sie doch nicht betrüben. wuchs prächtig heran. Momente des Glücks. die kleine Cécile. am 4. tippen wir. roch es nach Schaschlik.. Nun ja. jedenfalls kam kurz vor Kriegsende ein Töchterchen ans Licht.>Fonty soll reden!< -. War eine schöne. folgenreich gewesen ist. aus >Irrungen. Auf der Liegewiese hatte ein Paar oder ein Vereinzelter sein Transistorradio flächendeckend auf laut gestellt. Und durch die Straßen . so gerufen hat? War übrigens ne gute Rede: wirr und passend zum Anlaß. Und während Zeit verging. Alles aus und vorbei. weil man einen gewissen Theo Wuttke vor bald einem Jahr. erwähnen wir die Kontakte zur Résistance nur andeutungsweise. von mir aus. Beenden wir die Ruderpartie. Also. Lassen wir uns ein wenig treiben. geschweige denn Ihre Gefangenschaft ein Zeugnis aus der Welt schaffen.. diesmal keine Mathilde. Aber auch Raabe: >Schwarze Galeere<. etwas Chiffriertes oder ein Losungswort. Wuttke. mit der Bitte um Verständnis. Keine schönere Jahreszeit als der Spätsommer oder Frühherbst..« Hoftaller nahm sich Zeit. mein Freund .. Von anderen Booten kam in Salven verzerrtes Gelächter. als er umständlich bis feierlich eine Zigarre aus seinem kubanischen Vorrat anzündete. ich gebe nach. Ab und zu auf einem anderen See. darauf hingewiesen werden. wenngleich die Mutter. Weder konnte die Invasion noch der eilige Rückzug. geriet aber. dieses Rudern und Plaudern beim Rudern über Gott und die Welt. Aber ich sehe.

dann ist das Vaterland vereint. Mit kleinen Rutschern. die allerdings vom Ufer her nur zu vermuten waren. Zum Beispiel hätte Hoftaller. obgleich vieles noch ungesagt war. beide mit hängenden Armen wie in abwartender Haltung. vollzog sich der Platzwechsel ohne Worte. um unvermittelt von Entschluß zu sein: »Tauschen wir mal die Plätze. Herrgott. die Chiffre im Stück über Bord. Wird bestimmt schiefgehn!« Und schon stand er. als wäre ein Kommando fällig gewesen. sei es durch leichtes Abklopfen. Danach ging es stumm zu. In gut ner Woche ist es soweit. mit immer noch hängenden Armen. bis das Boot ruhig lag. um für den Ruderer Jean-Philippe und dessen Schwester Madeleine. erbeutet aus Wehrmachtsbeständen. vom Heck aus einem Tonbandgerät. Sie dürfen sich ausruhen und mir ne Weile zuhören. Wuttke. Jetzt will ich rudern. hochgewachsen und hager der eine. dieser Pantomime nachträglich einen Text zu unterlegen. mit heller Stimme zuzusprechen. Noch warteten sie. sein Geheimkästchen öffnen und in Erinnerung bringen können. gedrungen kurzbeinig der andere. Wir glauben. zuerst freihändig.und nun ein wenig ängstlich . mein Flüstern hätte ihnen geholfen: Nun begannen sie gleichzeitig ihren Standort zu verändern. bewegten sie sich Schuhbreite um Schuhbreite. woraufhin Fonty die Ruder einzog und sich gleichfalls erhob. daß es zischte. und Fonty hätte zugeben müssen. sei es durch Überständigkeit. aber auch von anderen Kähnen aus gesehen. daß er die Ruderbank verlassen habe. Aber dieses Geheimnis wurde erst später ausgeplaudert. nachdem er sich abermals .als Nichtschwimmer erklärt hatte. Kein auslösendes Kommando wurde laut. als Fonty einen Orden bekam. Das alles auf stillem Wasser. indem sie einander ergriffen. das Zischen der Asche gehört zu haben. daß es bei mehreren Ruderpartien auf den Seen nordöstlich Lyon gleichfalls zum Platzwechsel gekommen sei. fiel als Beweis sorgsam gleichmäßigen Rauchens. die an der Bugspitze saß. Sie standen sich gegenüber. Nach kleinem Seufzer sagte Hoftaller: »Ach. dann im Verbund. ganz statuarisch. Deutschland«. weil das Boot zu schaukeln begann und sie mit dem Boot ins . »Nun los«. Kaum Nebengeräusche. Jedenfalls standen beide einander stumm gegenüber. flüsterte ich. was sind das für Zeiten! Tag für Tag wird Geschichte gemacht. bot sich ein beängstigendes Bild: der Platzwechsel zweier alter Männer in einem schwankenden Boot. Vom Ufer aus gesehen. Von der Liegewiese oder von schattigen Bänken. es sei denn. und wir verzichten darauf.Doch kaum hielt er die Rechte mit der Zigarre über den Bordrand.

Schwanken gerieten. und der klammerte sich an Fontys Hüften. daß Hoftaller. drehte sich im Uhrzeigersinn. Die Umklammerung löste sich. Was man jetzt vom Ufer aus hörte. Ausrufe. die Hoftaller erhielt und denen er folgte. Ein feierlich täppischer Tanz. Viel zu tief. Der Ruderer legte mit frischer Kraft die Riemen in die Dollen und bewies vom ersten Schlag an sein Ungeschick. der Reim zu versinken wäre ertrinken gewesen. hinter sich traten. so daß es Spritzer gab. weithin bis zu den Uferbänken und über die Liegewiese und das laute Transistorradio hinweg. Verse zu schmieden. Wir atmeten auf. waren wir doch. Aber er ruderte immerhin. auch längere. Lacher. denn er gab Rauchsignale von sich. Jämmerlich sah das aus. der Tagundnachtschatten sprach. weil sein Objekt beim Platzwechsel in einem Ruderboot erfahren war. und die Kubanische zog noch. Soviel Leerlauf. oft unvollständige. Ich wünschte mir. Soviel Anstrengung bei wenig Nutzen. . waren Anweisungen. Fontys Hände ruhten zupackend auf Hoftallers Schultern. was Hoftaller betraf. und als folgten sie meinem Wunsch. Aber ihm war nicht danach. Fonty saß mit Haltung auf der Heckbank und rückte an seinem verrutschten Strohhut. die alle auf Deutschland zielten. Oder eine Zeremonie von ritualer Ernsthaftigkeit. daß sie noch ein Weilchen so stehen blieben. Soviel in Sachen Vergeblichkeit geschulte Mühe. während der Zeremonie des Platzwechsels seine zum Stummel kurzgerauchte Zigarre im Gesicht gehabt hatte. Als sie voneinander Abstand nahmen. Oder eine Umarmung jener Art. Endlich hatten sie einander ausgetauscht. die auf der bekannten Versicherung beruht: Wir befinden uns beide in einem Boot. Buntgescheckt. standen beide nach überlebter Mutprobe wieder mit hängenden Armen. mal vereinzelte Wörter. verknappte Sätze. tauchten die Blätter ein. dann wieder zu flach oder verkantet. es sei denn. war vom Ufer aus zu bemerken. der nun auf der Ruderbank saß. auf Vermutungen angewiesen. auf dessen Einheit gemünzt waren und über den See hallten. die wir vom Archiv nicht deuten konnten. Das stimmte in jeder Beziehung und hätte Fonty zu einem weiteren Vierzeiler anstiften können. ihren neuen Platz besetzten. kurzärmlig ruderte er im Kreis und förderte mit jedem Ruderschlag mal dichtgedrängte. Das verklammerte Paar schob.

.. ne demokratische Maßnahme nannten die das . War unser Plan lange schon . Paßte dem Westen natürlich nicht. na.. Mußten ein einziges Wörtchen nur austauschen . Aber nicht ohne uns.. diese Greise in Wandlitz. Nur noch Glasnost und Perestroika .... Will man jetzt überall: die große Offenheit! Ne neue . Konnten sie glatt vergessen. Runder Tisch! Wollten das Volkseigentum unter ne Treuhand stellen. ne Menge Zeug. Und alles auf Pump! Nen riesigen Schuldenberg seh ich .. Nur bei uns gab's Sperenzchen... die mit dem Dritten Weg.. die Mauer.. aber ein Volk! Winziger Unterschied? Stimmt! Aber der hat's gebracht. Simsalabim! Und auf war sie. Also haben wir aufgemacht.. Und wir? Wir sind weg und machen uns doch nützlich. dann gibt's kein Zurück mehr. Zuerst in Leipzig... denn genau besehen waren das lauter Einzelobjekte. ob ne Immobilie oder Fabrikanlage.... Informantengesabbel.. Na.. Wuttke.. aber gefährlich ...... Das ist ne Einheit. gehn wir rüber und holen sie uns. Wuttke. na.. Kam nur Blaba noch . Ha. Wollten ne neue Lage schaffen.. War aber bald kein Halten mehr. Und der Westen war erst mal baff. Haben handeln müssen. Alles umsonst . was ein simples Wort ausmachen kann . Jadoch! Wir waren das. machen wir noch ein Faß auf.... Die von drüben wollten natürlich alles ganz billig haben und begannen zu knausern..... Wollten aber nix davon hören.. Da haben wir schnell ne neue Parole . Bettgeflüster... Operative Vorgänge. Nur ein paar Tage noch.... Und bald auf die Russen kein Verlaß mehr. wie wir. Wird teurer und teurer werden .... Einfach lächerlich. Waren nun angeschmiert. hat aber schnell kapiert und zugelangt. wo was liegt und leis vor sich hin tickt. Gibt's nirgendwo: Dritter Weg! Bei uns nicht. die nun auf einmal alle zu haben waren . wissen genau.. sind ja nicht unsre Sorgen! Wir kochen die weich.... Wir mischen da mit.. Wer zu spät ..... butterweich. ha . Nix läuft mit Blechgeld! Wenn die Mark nicht zu uns kommt. im Kapitalismus nicht. Das half Zahlen sich dußlig seitdem . Ach was. Muß sich auszahlen endlich . Denn wenn die nicht zahlen. na. abgeschöpft alles . Tausend Schnäppchen und mehr.. lauter Schrumpfgermanen... bis sie klein und häßlich sind.. Nicht mehr das... Doch ohne Sowjetmacht im Rücken . Nur noch Geschrei: Wir sind das Volk! Stimmt.. Ab fünfundachtzig Eingabe über Eingabe . weil das mit dem Dritten Weg noch gefährlicher. den bestraft . Und wir haben schnell noch ne kleine Korrektur angebracht .Uns ist sein Reden wie ein Diktat gewesen: »Mantel der Geschichte! Zugreifen! Gab da kein Zögern . dann überall . hieß unsre Devise.. Ist im Prinzip ja richtig.. Die im Westen sahen das auch so.. ne Furzidee nur. Da sehn Sie. Und zwar gesamtdeutsch. wie wir sie wollen.... Mußte schnell. vor kapitalistischem Zugriff retten. damit nix dazwischen . kilometerlang Akten. die Normannenstraße! Ist doch genügend im Keller. na alles.

.. Und dann vergnügten wir uns an einem einzelnen Ruderer. Wie geübt standen sie einander gegenüber.. Sind doch ganz geil drauf. Machen wir: na. Seine Zigarre hatte er kalt und als Stummel bald nach Beginn der Rede ausgespuckt. weil Hoftaller an dieser oder an späterer Stelle seiner Rede beim Rudern die Riemen sinken. lag das Boot ruhig und trieb kaum noch. und setzte sich wieder ans Heck. « Dann stand er abermals auf und legte Hoftaller. trittsicher. Wir hörten Lärm und Gelächter. Nein. Deutsche Einheit ist immer die Einheit der Raffkes und Schofelinskis. daß es kam. denn das Boot schwankte kaum.. den auch Fonty apart gefunden . Wuttke! Wird es.. Fonty. Wir füttern sie häppchenweise . hielten wir uns vom Ufer aus an andere Boote. das Boot treiben ließ. doch er schwieg.. hätte aber Beifall klatschen oder den Kopf schütteln und den Dritten Weg verteidigen können. Ob vermutet oder tatsächlich: Schweiß fiel ihm von der Stirn. Er zog sich die Kappe ab: verschwitzte Haarspieße. War siebzig-einundsiebzig nicht anders. der noch immer in Schweiß war. selbst wenn die alte Frau von Wangenheim sagte .. der bei gleichbleibender Haltung und wie unbewegt Zuhörer gewesen war.Ehrlichkeit! Wahrheit nackt sozusagen. Jetzt erst. nicht alles auf einmal. nachdem er den Hut abgelegt hatte. Ha! Sollen sie haben! Können sie kriegen! Auf die Hand gratis und gegen bar . stand auf. so oder ähnlich. sahen das Schwanenpaar fern. die Arbeiterklasse. umarmten sich.. langsam. die Vergangenheit ans Licht bringen.. Deutschland soll wieder sauber werden . einen wiederholten Platzwechsel nahe. Er suchte und suchte.. In kleinen und großen Portionen. Der Tagundnachtschatten gehorchte.. Einig und sauber! Ha! Und gleichgemacht West wie Ost. tauschten den Ruderer aus. Als Hoftaller endlich den Zigarrenstummel fand und sich Feuer gab. Nur gab es damals den vierten Stand. « Wir hören hier auf. wie es kam. sagte Fonty: »So wird es kommen. Was wir im Prinzip immer gewollt haben . Wir tippten auf momentane Erschöpfung. Niemand siegt ungestraft. weil beide Riemen gefährlich locker in den Dollen lagen. nah mehrere Enten. Vom Ufer aus gesehen. Und doch müssen wir uns auch heute beglückwünschen.. Nun suchte er unter der Ruderbank und zwischen den Ritzen des Lattenrostes auf dem Bootsboden nach dem Rest seiner Kubanischen. Endlich wird unser Deutschland sauber. war das Wichtigste vorbei.. Jedenfalls sah es so aus. Wird es. Bei all dem schwieg er. Da war noch Hoffnung drin.. holte die Ruder ein. Da uns dieses Bild als Tanz auf der Stelle vertraut war. das weithallend über der Wasserfläche lag.

Die Bootspartie war zu Ende. Wuttke. einen und noch einen Schnappschuß wert. an der gestern noch ein zerrissenes und obendrein scharlachrotes Kleid von einer Gewalttat. doch Hoftaller hatte schon alle Unkosten gedeckt: »Geht auf Spesen. Und das Wetter. möchte aber vorher unbedingt ihren Opa treffen. Besuch ist da. sagte Hoftaller. Freuen sollten Sie sich. etwa auf MarlittRomane. hab ich gehört. Ich hatte gehofft. womöglich von einem Mord gezeugt hatte. ihr nach längerer Korrespondenz wieder zu begegnen. Hat vor. endlich gelingt uns ein Lächeln. Dreimal dürfen Sie raten. als rudernder Brillenträger. frohlocken. denn der junge Mann .. Nur nicht so ängstlich. Uns kümmerte das nicht mehr. Sagen wir. Rudert sicher gern.. er werde einen der verschwiegenen Seitenarme des Sees anrudern und dort die verschattete Stelle finden. Nichts. Mit ruhigen Schlägen steuerte Fonty in Richtung Anlegesteg. Heißt eigentlich Nathalie.« Sie haben dann noch im Café am See unter Kastanien ein Bier getrunken. War entzückt. das Klicken zu hören. von mir aus Hosianna rufen. der nun wieder unterhalb trockener Stirn lächelte: »Übrigens gibt's ne Überraschung. Vor wechselndem Hintergrund war er sich... Nichts Vergangenes wollte hochkommen. Was soll das Gezitter! Wenn Sie wollen. gleiche Welle. Kaum waren sie ausgestiegen. Unklar blieb. Kommt aus Frankreich. nach der Großmutter natürlich. Hat irgendwas mitgebracht. Wuttke! Geben Sie sich nen Ruck.er trug Brille. morgen vormittag um zehn rum. für die Bootsfahrt zahlen zu wollen. « Fonty stand heimgesucht. Was ist denn los. das Archiv zu besuchen. konnte sein Erstarren auflösen. die studienhalber. Also was ist nun? Na. aber auch privat . Plötzlich beschloß er. als hätte ihn ein Erzengel berührt. Ihre Emmi hat keinen blassen Schimmer. Die Kleine ist wirklich reizend. die Kleine. Gleiche Stelle. 21 Beim Rudern geplaudert . bleibt stabil. Zwischen Hoftaller und Fonty kam es zu keinen Bekenntnissen mehr. es ist Ihre niedliche Enkeltochter. wer wen zum Bier eingeladen hat. wie sollte sie auch .hätte. ne Kleinigkeit. mach ich für morgen ein Treffen aus. Wurde auch Zeit. auch kein scherzhafter Hinweis auf literarische Belege für spätes Glück. Wir glaubten.hatte auf der Heckbank seines Kahns eine Kamera mit Selbstauslöser in Anschlag gebracht. war vielleicht Student . will aber Madeleine genannt werden. doch Fonty wollte seinem Tagundnachtschatten um dieses Geheimnis vorausbleiben. ein Geschenk womöglich. Na? Will der Groschen nicht fallen? Um Sie nicht länger auf die Folter zu spannen.

wo ihm nichtsahnend Emmi gegenübersaß. daß er sie aus gemischter Sehnsucht herbeirief und mal inselblond. und weil er als Fonty zu uns gehörte. Wir mußten ins Grüne. als er von der allerneuesten Madeleine hörte. dann hat es ihn überflutet. Man gab das Belauschte weiter: Notate für später. bald aber sprang. Aber Theo Wuttke schleppte eine Gewissenslast. leichte Vorfreude vermutet werden. zudem Dresden als Tatort ausgewiesen ist. Nun aber kam Nachricht aus einem fernen. Es gab keine kleinen Wuttkes.Die vielen Mädchen: Magdalena.faßlich geworden sein. Gleich Hoftaller war uns Außendienst vorgeschrieben. Schließlich waren seine Söhne ohne Nachkommen. mehr noch. Am nächsten Vormittag sollte ich zuständig sein. fiel dem Archiv eine Aufgabe zu. nichts. liegt nichts vor. Eigentlich sind wir überfragt. dessen Gesicht gab. daß die angekündigte Begegnung mit der französischen Enkeltochter uns mehr als den Großvater überrascht hat. müssen wir auf Lücken verweisen: Die Familie. nach erstem Erschrecken. was er als »aufgedonnert« hätte bekritteln müssen. Mete voran. falls es sie gab. wie im Märchen. Wie Spanner hockten wir im Gebüsch oder hinter glatthäutigen Buchenstämmen versteckt. Lene. Allenfalls durfte. hat alle Spuren. umsichtig getilgt. Zu uns sagte er: »Anfangs wurde mir eng ums Herz. doch nicht fremden Land. denn nur zur Weißnäherin mit Plätteisen. sonst hätte Hoftaller ihn nicht so andauernd am Wickel haben können. Und im Fall Lyon und die Folgen waren wir ganz und gar ohne Kenntnis. in dem über »zu große Lendenkraft« und Alimente im wiederholten Fall geklagt wird.die halbe Nacht lang . Man wollte den Unsterblichen schlackenlos überliefern. und von Martha und ihrem späten Grundmann konnten kaum Kinder erwartet werden. daß ihr Wuttke den besonderen Blick hatte: »Der sieht manchmal Sachen. oder er sah sie am Küchentisch in der Frühe dort sitzend. die zu Buche schlug.« Denkbar.« Also hat er sich Madeleine vor Augen gestellt. doch immer in Kleidern von altmodischem Schnitt und schlichtem Faltenwurf. . Madeleine. wenig zu erkennen. Außer dem Brief an Bernhard Lepel. die gar nich da sind. der lebendigste Beweis unserer papierenen Materie war. die nicht durch Stubenhockerei bewältigt werden konnte. Zuerst wird Fonty ein Kribbeln verspürt haben. was Dresden und die Folgen betrifft. Zusammenfassend läßt sich sagen. mal aschblond auf sich zukommen sah. der eiserne Ring. keine Rüschen. Beim Hin und Her auf der chinesischen Teppichbrücke wird sie ihm in wechselnder Gestalt . die aber vielleicht doch merkte. Man löste sich ab. gibt das Archiv etwas her.

dem Obergefreiten hingegeben und sich dem Unsterblichen oder dessen Wiedergänger anvertraut. die Zeit überwölbt hatte. selbstlos. ob Mußlauf oder glatter See das Schifflein trug . die Gastwirtstochter dem Apothekergehilfen. vom Dresdner Fall. wie genügsam. Ihm sind die Jahrhunderte durchlässig gewesen. Schulenburg.« Und Madeleine Blondin hat alles wortwörtlich genommen. also auf das mißglückte Attentat zu kommen.. hätte Fonty alle Folgen der Bootspartie auf seine Kappe nehmen und um Nachsicht bitten können. Oder es hätten Zitate verdoppelten Sinn gemacht. beginnend beim sündigen Elbflorenz und des Unsterblichen frühen Fehltritten. sagte doch Lene Nimptsch lächelnd und ernst zugleich: »Glaube mir. ach. Herztöne und ihr Echo. Wirrungen abermals. im Hundertjahressprung vom Leipziger Herwegh-Club und dessen aufrührerischen Deklamationen auf das Rumoren in den Offizierskasinos der französischen Etappe. auf daß sich die eine modellhaft überliefern.Vielleicht hat er vor seiner imaginierten Enkeltochter die große Abbitte geprobt und inwendig Sätze für eine weitausholende Beichte gereiht. Nach seiner inneren Geographie floß die Spree in die Rhône. und das andere Unglück hatte er ganz und gar unwissend überlebt. dabei um Nachsicht bittend. Nicht etwa leichthin und einschmeichelnd wäre ihm eine Jahrhundertbeichte gelungen. Weil er aber ohne Kenntnis der bedrückenden Einzelheiten. die dem französischen Etappenglück folgten. Magdalena Strehlenow und Madeleine Blondin. eher stockend. die uns schlug. Bestimmt wäre ihm ein Vierzeller gelungen: Es war die Liebe. den von Witzleben. . die andere dem Modell angleichen konnte.. weil die Wirrnisse einer auf mangelnde Freiheit gestimmten Zeit zu Irrwegen nicht nur auf politischem Feld verführt hätten. als wollte er um Vertrauen werben. diese Stunde habe. die Gärtners-. Und mit Hilfe der ihm allzeit dienstbaren Zeitschleuse hätte er wiederholt aschblondes Haar durch Frühlingslüfte beleben und einstiges Liebesgeflüster von Ruderblättern abtropfen lassen können. Es wäre ihm möglich gewesen. nie klagend. außer daß Alimente fällig wurden. daß ich dich habe. denn. das ist mein Glück. immer heiteren und nur andeutungsweise wehmütigen Sinns haben sich beide. dann aber ein stiller See nahe Ambérieux das Boot der Liebenden tragen dürfen. Weiterhin der Begegnung mit der Enkeltochter vorauseilend. mithin auf seinen Briefwechsel mit preußischen Adelsspitzen. Yorck. Irrungen. wäre er im Verlauf seiner Abbitte ins Stottern geraten. Dabei wären ihm in Nebensätzen absichtsvoll lyrische Anspielungen auf Ruderpartien unterlaufen: Soeben noch hätten sacht fließende Nebenarme der Elbe. das kümmert mich nicht. Was wußte er schon. Was daraus wird. Fonty konnte das.

daß dem Objekt Fonty bei passender Gelegenheit . die sein Tagundnachtschatten »Fakt« nannte: »Fakt ist. verstand er sich doch als ergänzende Sammlernatur und als Freund geschriebener Wörter. Habe nicht zuviel versprochen. Sie ließ aber nicht locker.war Hoftaller versessen. zum Beispiel des so schönen wie schwachen Baron Botho hingeplauderte Erkenntnis. dort retuschierte Hintergründe selbst unter dickster Firnisschicht Auskunft gaben. als ihre Ehe mit nein verbummelten Studenten . Und wo sich Fonty ahnungslos gab.ob gedruckt oder gesprochen . Fakt ist.Nur Hoftaller.Hoftaller auf spurensichernden Trab zu bringen. Ihm galt kein Vorgang als beendet.einige Tatsachen verklickert worden sind.sei es im Paternoster. Wir können bezeugen. die geborstenen Schalen. keine Aktenlage als abgeschlossen. widersprach als typische Revisionistin auf dem Erfurter Parteitag dem revolutionären Flügel. Mit seinem Wissen hätte er in unserem Archiv einige Lücken schließen können. war sein Tagundnachtschatten mit Fakten zur Stelle. Ihr Deutsch ist vorzüglich. Wirklich. Redet wie gedruckt. daß ihre Tochter Mathilde auch ne Rote gewesen ist. kannte die in Lyon ausgetragenen Folgen. War als Rednerin nicht nur in Sachsen gefragt. Und Fakt ist. sagte: »Bald fallen die ersten«. Galt als mit Clara Zetkin bekannt. vormals Tallhover. daß das Vorbild der literarischen Lene Nimptsch ne zähere Demokratin als ihr flatterhafter und rasch den Stil wie die Gesinnung wechselnder Liebhaber gewesen ist.blieb sie den achtundvierziger Ideen anhänglich. Und selbst noch. Oft reichte ein Halbsatz nur. Heute wollen wir uns auf den Besuch aus Frankreich vorbereiten. Sie saßen unter den Kastanien des Biergartens.Magdalena Strehlenow starb 1904 . Fonty. Keine Bange.im Nachvollzug . daß sie zur Zeit der Sozialistengesetze wegen Umgehung des Verbots geschlossener Versammlungen viermal arrestiert werden mußte. auf alles Wortwörtliche . Starb ohne christlichen Beistand. war deshalb besonders gefährlich. deren hier übermalte. gemäßigter zwar. wollte dann aber mehr über den verbummelten Studenten und die revisionistische Mathilde hören. tendierte zu Bernstein. vielleicht. doch Hoftaller war nicht abzulenken: »Darüber reden wir später.. Sie werden Ihr Etappenfranzösisch kaum . Bis ins hohe Alter . Fonty wies auf den reifen Fruchtsegen. « Das alles und mehr Fakten hatte Hoftaller schon auf Hiddensee parat. er war und blieb auf Fährte. sei es beim Wassertreten auf Hiddensee . um den damaligen Tallhover und .. aber erst nach der Ruderpartie auf dem Tiergartensee kam er vom sächsischen aufs französische Detail. ne niedliche Person. daß seine Lene »eigentlich eine kleine Demokratin« sei. wenn nicht befreundet.

nein anziehend überbrückte sie alle Distanz.« Doch als dann plötzlich Hoftaller vor ihm stand und neben dem Vermittler des familiären Treffens »La petite« als eine augenblicklich alle Vorängste besiegende Person. nicht wahr? Doch nun möchte ich Sie um Verständnis bitten. als wollte er Begrüßungssätze erproben. Als Fonty ein wenig verfrüht zum Bootsverleih kam. doch gleich aus welcher Entfernung gesehen: Nathalie Aubron. die aber auf den Vornamen ihrer Großmutter hörte. wird Ihnen das Herz hüpfen . wiederholt »Da bist du ja.wie sagt man . Bald war Hoftaller überflüssig. Wuttke. Klein bis zierlich. aber bestimmt verabschiedet hatte: »Ich bin Ihnen sehr verbunden. zum Beispiel diesen: »Spät sehen wir uns. sollte geschont werden. nachdem ihn Fontys Enkeltochter höflich.« Oder: »Darf ich unsere überraschende Begegnung als ein Herbstgeschenk werten?« Oder: »Mademoiselle. nutzte er die Zeit. so gewinnend. und Fonty. Indem er ging. daß Sie sich wie Ihre liebenswürdige Großmutter Madeleine nennen. Gleichfalls empfinde ich Ihre Diskretion als lobenswert: In Montpellier ist man ahnungslos. die überdies mit hellem »Bonjour Monsieur!« und drei wie selbstverständlichen Wangenküssen keine zurechtgelegten Begrüßungssätze zuließ. die noch immer ein wenig bekümmert ist. Mama. ganz Ohr. Dann suchte er ihr Gesicht ab und sie seines. die zum Gespräch einlud und die Fonty sogleich als einladend für eine Ruderpartie empfand.. Herr Wuttke und ich haben einander sehr viel zu erzählen. dann wieder still. Zwar stand er noch eine Weile herum. aber auch schmerzliche Erinnerungen wach. « Wir hätten das mit größerem Abstand genießen sollen. daß Hoftaller gerne ging. ruft in mir schöne.bemühen müssen. Kind« zu sagen. Er wußte ohnehin genug. doch ging er wie auf Befehl. Man muß ja nicht alles . den wir uns nur schwer ohne . doch nicht zu spät. um seinen leichten Sommershawl. hinterließ er keine Lücke. fiel Fonty nur ein. den er sonst achtlos trug. selbst wir vom Archiv hätten gerne mit Madeleine in einem Kahn gesessen. Monsieur Offtaler. Das ist gut so. mal lebhaft burschikos. Monsieur. von mir aus heimliche Freude. Dann ging er auf und ab und sprach im Gehen halblaut vor sich hin.an die große Glocke hängen.« Wir glauben. gefälliger zu drapieren: Das Schottenmuster sollte zur Geltung kommen. dabei ungekünstelt naiv und dennoch von jener mitteilsamen Klugheit. daß Sie mir den Weg zu meinem Großvater eröffnet haben. Schon morgen.. und wir genossen seine Verlegenheit. Ihre Enkeltochter. war wirklich reizend. Wird Ihnen Freude machen.

Tagundnachtschatten vorstellen konnten, war glücklich, mit seiner Enkeltochter allein zu sein. Als hätte es keine andere Wahl gegeben. etwa einen Spaziergang durch den Tiergarten zur Rousseau-Insel, lud er mit stummer Geste zur Ruderpartie ein. Und Madeleine, die als erste ins Boot sprang, bot ihm beim Einsteigen ihre kleine, kindlich anmutende Hand. Mit einer Kavaliersgeste. dabei ein wenig schauspielernd, bedankte er sich. Madeleine saß schon auf der Ruderbank, als sie schulmädchenhaft um Erlaubnis nachfragte: »Bitte, Monsieur, darf ich rudern? Ich kann das ganz gut.« Ein schönes Bild, vom Ufer aus gemalt. Bei lockerer Bewölkung wechselte das Licht. Farbtupfer, Schattenspiele, wässerige Übergänge, wie aquarelliert. Ab und zu rillte ein Windstoß die Wasserfläche, dann wieder Spiegelungen. Erste Blätter fielen verfärbt. Libellen über Entengrütze. Schon öffnete sich der See. Zu zweit im traumhaft gleitenden Kahn, dem, wie bestellt, ein Schwanenpaar begegnete. Und immer neue Bildausschnitte erlaubte das Ufergebüsch. Außer den gemalten Motiven war zu sehen, daß Madeleine nicht aschblond war, sondern wirbelig kastanienbraun; der kurzgehaltene Schopf hob sich vom fusselnden Weißhaar Fontys, der seinen Hut neben sich gelegt hatte, einprägsam ab, besonders wenn das Boot durch Lichtkringel glitt. Ihr kleingeblümtes Kleid, ein geräumiger Hänger, in dem sich die knäbische Figur verbarg, gab ein überwiegend blaues Signal. Nur wenn sie die Ruder durchzog, traten, kaum angedeutet, die Brüste hervor. Sie ruderte ärmellos, die Knie eng beieinander, als sei ihr diese sportliche Haltung antrainiert worden. Die mageren Arme kräftig und muskulös. Ihre im Profil spitze, ich sagte zu meinem Kollegen: ein wenig vorwitzige Nase. Nun ruderte sie in weitem Bogen das Seeufer ab. Anfangs versuchte Fonty, sein eher schütteres Französisch zu bemühen. Weil Madeleine flüssig, mehr noch, überkorrekt und wie nach einem altmodischen Regelbuch Deutsch sprach, könnte der Großvater seine Enkeltochter zuallererst nach der Herkunft dieser sicheren und sogar den Konjunktiv pflegenden Kenntnisse gefragt haben, denn gleich nach dem Anrudern hatte sie gesagt: »Wüßte ich nicht, daß alles tatsächlich und am hellichten Tag geschieht, müßte ich glauben, mir träume etwas sehr Wunderbares.« Madeleines Antwort holte weit aus: Der vor wenigen Jahren verstorbenen Großmutter traurige Liebe, die alles Deutsche eingeschlossen habe, sodann das Verbot der Mutter, zu Hause oder gar bei Tisch irgend etwas Deutsches, und sei es nur einen VW oder eine Schwarzwälder Kuckucksuhr, zu erwähnen, ferner der

versammelte und nicht enden wollende Widerstand gegen die einstige Besatzungsmacht, aber auch das Geheimnis um den verschollenen Liebhaber der Großmutter, den viele als Lump und niemand als antifaschistischen Helden erinnert hätten, all das und besonders die verkapselte Liebe der Großmutter habe sie dazu gebracht, als Kind schon, zuerst aus Trotz, dann aus Neigung diese schwierige und oft der Logik ferne Sprache zu erlernen, sie schließlich zu studieren und - seit dem Tod der Großmutter - die deutsche Literatur des neunzehnten Jahrhunderts zum Gegenstand ihres Studiums zu machen. »Monsieur können mir glauben, das war gewiß kein Kinderspiel.« Und dann begann Madeleine, während sie aufs Ufer zuruderte, eine Idylle auszumalen: In einem einsamen, kaum noch bewohnten Dorf in den Cevennen, wo die Großmutter noch vor Kriegsende und der Geburt ihres Kindes gezwungenermaßen habe leben müssen, sei ihr, dem anhänglichen Enkelkind, als Erbe ein Haus, gemauert aus Feldsteinen, zwar klein, doch voller Bücher, zugefallen, unter ihnen einige aus dem Besitz des entschwundenen Großvaters, von dem kein Photo, kein Brief, nicht einmal eine Postkarte gezeugt hätte. Und in dem Cevennenhäuschen mit den dicken Mauern und dem tiefen Fluchtkeller - »Monsieur müssen wissen, daß dort bis weit ins achtzehnte Jahrhundert die Hugenotten Zuflucht suchten« - habe sie während Ferienzeiten - »Und zwar mit grand-mère gemeinsam« - viele Erzählungen von Storm, Keller und Raabe lesen dürfen, aber auch »Irrungen, Wirrungen«, das Lieblingsbuch der Großmutter, zu studieren begonnen. So früh sei sie auf den Unsterblichen gekommen: »Keine sechzehn war ich, als mich grand-mère mit Lene und Botho bekannt gemacht hat.« Jetzt noch könne sie den Anfang der schöntraurigen, aber auch ein bißchen dummen Geschichte hersagen: »An dem Schnittpunkte von Kurfürstendamm und Kurfürstenstraße, schräg gegenüber dem >Zoologischen<, befand sich in der Mitte der siebziger Jahre noch eine große, feldeinwärts sich erstreckende Gärtnerei ... « Noch immer ruderte Madeleine ihren Großvater in Ufernähe. Deutlich sah man die Muskeln ihrer Ober- und Unterarme. Sie ruderte mit Ausdauer. Bei eng geschlossenen Knien hielt sie den Rücken gerade. Unter spitzem Nasenwinkel lächelte ihr kleiner Mund beim Sprechen, während ihre Augen, die im schmalen Gesicht groß wirkten, ernst blieben, dunkel von soviel Klugheit und früh gesammeltem Wissen; ein immer aufmerksamer, von Heimlichkeiten am Rande des Sees - auf Uferwegen, hinter Holundergebüsch - nicht abzulenkender Blick, der uns dennoch nicht ausließ, sagte sie doch: »Attention, Monsieur! Hier hat alles Ohren,

sogar die Natur. Vielleicht spricht man deshalb in Deutschland gerne von lauschigen Plätzchen.« Fonty, der seiner Enkeltochter ausgehungert und wie nach langer Fastenzeit zuhörte, stellte nur selten vorsichtige, nach Einzelheiten tastende Fragen: Ob in der Stadtmitte von Lyon noch immer der Bahnhof Perrache in Betrieb sei? Er habe von rasend schnellen Zügen gelesen, mit denen man in zwei Stunden schon Paris erreiche. Ob es im Vorort Limonest noch immer das Café de la Paix gebe, in dem einst Monsieur Blondin hinter der Theke gestanden und ihm, dem gottverlassenen Soldaten, einen und noch einen Pastis eingegossen habe? Und dann erst, ängstlich verzögert, wollte er wissen, welche Schrecken das Kriegsende, bei aller Siegesfreude, mit sich gebracht habe, ob Madeleine Blondin in jenem einsamen Cevennendorf mit ihrem Kind ganz allein gewesen sei und weshalb das Kind - »Man sagte mir, meine Tochter heißt Cécile« - nicht später die Mutter zu sich nach Montpellier genommen und so deren Verbannung beendet habe. Die Enkeltochter versicherte, daß Lyons Bahnhof noch immer in günstiger Lage in Betrieb sei. Kummer und Ärger mit den Behörden, schließlich Krankheit gab sie als Grund an für den Verkauf des Café de la Paix in der Vorstadt. Schon Anfang der fünfziger Jahre wurde der verwitwete Gastwirt zu Grabe getragen. Gleich nachdem »La Terreur« als »épuration« inmitten Siegesfreude gewütet habe, sei die schwangere Großmutter kahlgeschoren in die Cevennen geflüchtet, heimlich nachts. Das einsame Haus dort habe leer gestanden und des Vaters Familie gehört. Und dort sei sie niedergekommen; nur eine alte Frau, die auf Kräutersuche war, habe ihr beigestanden. »Aber nein, Monsieur Wuttke«, rief Madeleine, »nie hat grand-mère sich wieder mit einem Mann eingelassen, so sehr verletzt ist sie gewesen. Und doch hat sie immer ganz liebevoll von einem Soldaten gesprochen, den sie als ein wenig schwärmerisch und absolut unmilitärisch in Erinnerung hatte und dem sie nichts Böses nachsagen wollte, obgleich er ihr, nach nur kurzem Glück, soviel Leid gebracht hatte. Mais non! Sie wollte von dort nicht weg. Da half kein Zureden. Maman, die ja schon mit siebzehn zuerst nach Aix und dann nach Montpellier gegangen ist, und auch mein Vater, Monsieur Aubron, haben sie immer wieder eingeladen: >Viens, Maman! Wir bauen extra für dich den Dachboden aus!< Aber sie wollte nicht, wollte nicht unter Menschen sein. Und so blieb sie in dem Steinhaus, dessen Fenster so schmal wie Schießscharten sind. Ich bin sicher, Monsieur Wuttke, daß Ihnen grand-mère's Festung gefallen würde. Alles ist voll Geheimnis dort. Steinkäuze gibt es. Auf dem

Hügel hinterm Haus stehen dunkle Zypressen gereiht. Man sieht sie aus der Ferne schon. Exactement! Ein alter Hugenottenfriedhof. Und hinter dem Hügel weitere Hügel, die blau und blauer werden. Steineichen, Kastanienwälder. Wir könnten in die Pilze gehen oder Ausflüge machen nach Saint-Ambroix, Alès und noch weiter, bis in die Ardèche. Dafür habe ich sogar grand-mère gewinnen können. Mit meinem >deux-chevaux< sind wir bis nach Barjac und weiter zu den Höhlen gefahren, von denen eine sogar >Grotte des Huguenotes< heißt, weil sich dort die Reformierten vor der katholischen Miliz, den gefürchteten Dragonaden, versteckt haben sollen. Schrecklich waren die. >Gestiefelte Missionare< hat man die Dragoner genannt. O ja! >La Terreur< hat in Frankreich eine lange Geschichte ... « Dann hörten wir nichts mehr. Madeleine ruderte das Boot in jenen Seitenarm des Neuen Sees, der gleich einem toten Gewässer modrig roch und in dessen einer Uferbiege das zerrissene scharlachrote Kleid auf Steine gebreitet lag. Aber Fonty hat uns gegenüber später beteuert, irgend jemand müsse den mordverdächtigen Fetzen weggeräumt haben, nichts Schreckliches habe die Stimmung eintrüben können, und gar nicht unheimlich sei seiner Enkeltochter der dunkle Wasserarm gewesen. Ich kann das bestätigen: Kaum war das Boot wieder in Sichtweite, sahen wir La petite gefragt und ungefragt plaudern. Noch lange hat sie ihrem Großvater die einsamen Cevennen, das festungsähnliche Haus der Madeleine Blondin, den Zypressenhain, aber auch das Elend hugenottischer Galeerensklaven ausgemalt und ihm erzählt, wie eine alternde Frau ihre nur kurz gelebte Liebe als Herzstück in Büchern suchte, die in einer Sprache hinterlassen waren, die fremd blieb, auch wenn sie erlernt wurde, zuerst mühsam allein, dann später, viel später mit dem heranwachsenden Enkelkind, das während Ferienaufenthalten rasch lernte und ihr, als die Augen in den letzten Jahren nachließen, sogar beim Schein der Lampe vorlesen konnte: immer wieder der armen Effi traurige Geschichte; mit welchen Worten die blasse Stine ihren Verzicht begründete; aber auch, wie entschlossen Lene Nimptsch ihrem Herzen befahl zu schweigen ... Im Gegensatz zu ihrer Großmutter, die überall - und sei es zwischen den Zeilen Trost suchte und fand, war Madeleine Aubron eine kritische Leserin. Als sie ihren Großvater aus dem düsteren Seitenarm wieder auf die glänzende Fläche des Neuen Sees ruderte und abermals in Ufernähe kam, bat sie ihn, ihr zu erklären, weshalb der Unsterbliche, den sie nie beim Namen nannte, aber als »unser Autor« in Besitz nahm oder als »Monsieur X« mystifizierte, in seinen Romanen zulasse, daß immer

wieder Standesbewußtsein die Liebe abtöten dürfe, und weshalb die Ordnung so traurige Siege der Vernunft verbuchen dürfe. »Bien sûr!« rief sie. »Sie werden mir jetzt die Gesetze einer ständischen Gesellschaft als zwar dünkelhaft, aber rechtens erklären und sich, wie unser Monsieur X, wenn auch bedauernd und voller mitleidendem Gefühl für die unglücklich Liebenden, an die standesgemäße Ordnung halten; doch mich hat diese resignative Tendenz oft sehr ärgerlich gemacht: Incroyable! Schon als Kind war ich, wenn mir grand-mère aus ihrem Lieblingsbuch vorgelesen hat, wütend, daß dieser langweilige Baron Botho die plapprige dumme Käthe, nur weil sie adlig war, zur Frau genommen hat und nicht seine Lene. Und dann hat er auch noch die Briefe, sogar alle getrockneten Blümchen, die noch von Hankels Ablage erzählen konnten und mit Lenes Haar gebunden waren, im Kamin verbrannt, damit nichts übrigblieb. Grand-mère hat immer gelacht, wenn ich wütend war auf unseren Autor. Doch einmal hat sie gesagt: >Wie gut, daß mir Théodore keine Briefe geschrieben hat. Pas un mot! Man hätte sie gefunden, als man mich holte. Und geschrien haben sie: 'La pute à boches!' Und bestimmt hätten sie seine Briefe verbrannt, wie sie mich am liebsten verbrannt hätten. Aber kahlgeschoren durch Lyon laufen war schlimmer als ein Scheiterhaufen.< Wenn grand-mère so etwas sagte, war sie ein wenig bitter. Sonst aber hat sie von Ihnen sehr lieb gesprochen und immer gelächelt dabei. Einmal, als ich den Sommer über die Ferien bei ihr verbrachte, sagte sie, als wir am Abend auf der Steinbank vorm Haus saßen: >Bien sûr, mein Théodore war ein Verführer und obendrein ein Schwärmer. Er konnte von diesem Schriftsteller französisch-reformierter Herkunft, der sein Gott war, so einfühlsam sprechen, als wollte er ihn in jeder Phase seines Lebens nachleben. Oft wußte ich nicht, wer zu mir sprach, wenn er von sich, zum Beispiel aus seiner Kindheit, erzählte. Immer hat ihm der andere über die Schulter geschaut, so daß er mir, so blühend jung er war, oft wie aus anderer Zeit und uralt vorkam. Vielleicht waren deshalb seine Radiosendungen, die er heimlich mit uns gemacht hat, so erfolgreich. Die Résistance verdankt ihm viel, o ja. Mein Bruder, der die Deutschen wirklich gehaßt hat, war ganz verliebt in Théodore. Jung waren beide und ich noch jünger. Wie Kinder, so albern. Und doch haben wir sehr ernst für dieses Partisanenradio gearbeitet. Das war schön, wir drei in einem Boot. Eines hieß 'La Truite', aber wir nannten jedes Boot 'Bateau-ivre'. Wir mußten ja, der Sicherheit wegen, häufig den See wechseln, was leichtfiel, weil überall stille Teiche zu finden waren. Und wo immer wir im Boot saßen, hat Théodore mit seiner leisen, aber ganz deutlichen Stimme aus Büchern gelesen. Und Jean-Philippe hat alles mit seinem Apparat

aufgenommen. Ich durfte rudern. Ach, war das lustig - bis alles verraten wurde und sie unseren Jean-Philippe und die anderen auch, die heimlich das Radio machten, im Gefängnis Mont-Luc gefoltert und zu Tode geschunden haben. Nur Théodore kam davon, glücklicherweise ... Doch mir hat später keiner glauben wollen, daß ich dazugehört habe, niemand, nicht meine Schwestern, sogar mein Vater nicht. Die Hure von einem boche war ich, die collaboratrice horizontale!< Das und noch mehr hat mir grand-mère gesagt. Sowas tut weh, nicht wahr? Doch nicht nur deshalb bin ich gekommen, Monsieur Wuttke! Oder darf ich zu Ihnen grand-père, nein, Großpapa sagen?« Sie durfte. Und jetzt kam Fonty zu Wort. Doch da seine Enkeltochter die Mitte des Sees anruderte, während er sprach, blieben wir zurück und in wachsender Distanz. Mehrmals ruderte sie den Kahn um die Vogelschutzinsel, war aus dem Blick, wieder da, abermals hinter Bäumen und Gebüsch und brachte sich und ihren Großpapa aufs Neue ins Bild. Dann sahen wir vom Ufer aus, wie Madeleine Aubron die Riemen einzog. Noch immer sprach Fonty mit sparsamen Gesten. Im sacht treibenden Boot hörte sie ihm zu. Wir ahnten ihren kleinen lächelnden Mund, die ernsten altklugen Augen. Nach langem Zuhören stand sie von der Ruderbank auf, ging, nein schwebte in ihrem blauen Hänger zum Heck, wo Fonty saß, nun ein wenig gebeugt. Sie umarmte ihn. Die Enkeltochter ging auf die Knie und umarmte den sitzenden Großvater. Ich hätte ein Photo machen sollen und noch ein weiteres Photo, doch Schnappschüsse waren nicht unsere Methode; obgleich wir sahen, wie Fonty am Ende seines langen und von behutsamen Gesten begleiteten Berichts umarmt und ihm danach von Madeleine eine winzige Schachtel überreicht wurde, gibt es kein Zeugnis von diesem feierlichen Moment, in dem der ehemalige Obergefreite und Kriegsberichterstatter Theo Wuttke, um Jahrzehnte verspätet, ganz inoffiziell und nach familiärer Zeremonie, einen französischen Orden bekam. Er wird seiner Enkeltochter erzählt haben, was Hoftaller bestätigt hat: Fonty gehörte zur Résistance, nein, nur zeitweilig war er auf seiten des französischen Widerstands oder genauer: Der Obergefreite Theo Wuttke ließ sich ab Frühjahr 44 von einer kleinen, isoliert aktiven Partisanengruppe benutzen. Nicht, daß er im Untergrund mit Sprengsätzen Munitionszüge oder Brücken in die Luft gejagt hätte., aber einen Partisanensender, der dreieinhalb Monate lang in Betrieb blieb, hat er mit halbstündigen Vorlesungen bedient, die für die Soldaten der Besatzungsmacht bestimmt waren. Er las insbesondere aus den Büchern des Unsterblichen, nicht nur

aus den Romanen, auch aus dem schmalen Bändchen »Kriegsgefangen, Erlebtes 1870«, in dessen Kapiteln er seine Liebe zu Frankreich mit seiner Kritik am französischen Chauvinismus ins Gleichgewicht gebracht hat. Diese vormittäglichen Rundfunksendungen, die auf plumpe Propaganda verzichteten, sollen erfolgreich gewesen sein, besonders ab Beginn der Invasion. Es hieß: Des vorlesenden Soldaten Stimme brilliere in Dialogpassagen, gebe Nebensätzen ironische Bedeutung, pflege den mal knappen, mal ausschweifenden Plauderton, könne wohltönend weich, aber auch von preußischer, alles aufs Kurze bringender Schärfe sein. Und da der Soldat seine Lesungen - etwa aus »Schach von Wuthenow« - mit Kurznachrichten von der Invasionsfront unterbrach oder vom Attentat im Führerhauptquartier Wolfsschanze ohne Tendenz, eher sachlich berichtete, wobei er die Kämpfe um Caen mit dem normannischen Herkommen der erfolgreichen Attentäterin Charlotte Corday und den am mißglückten Attentat beteiligten Adel geschickt mit Preußens ruhmreicher Geschichte verquickte, gelang es ihm, den Kampfgeist der bereits angeschlagenen Wehrmacht durch beiseite gesprochene Nachdenklichkeiten zu schwächen, jedenfalls im Besatzungsbereich Lyon. Uns hat Hoftaller versichert, daß man dieses Verdienst erst nach langen Recherchen einem anfangs namenlosen deutschen Soldaten zugesprochen habe. Dabei hätte seine Dienststelle behilflich werden und endlich den gesuchten LuftwaffenObergefreiten ausfindig machen können. Doch erst ab Mitte der achtziger Jahre wäre man auf französischer Seite bereit gewesen, den Namen Theo Wuttke in Erwägung zu ziehen. Es war wohl Hoftaller persönlich, der sein Objekt namentlich anerkannt sehen wollte; dank seiner Firma verfügte er über Kontakte zur Kommunistischen Partei Frankreichs. Und seit vier Jahren schon stand er mit Madeleine Aubron in Verbindung, teils über vermittelnde Personen, teils direkt, anläßlich einer Dienstreise, die uns von beiden als Ortstermin mit dem Datum Mal 87 bestätigt wurde. Als der Arbeiter- und Bauern-Staat sein vierzigjähriges Jubiläum begehen wollte und ihm seinen weiteren Bestand abstützende Feierlichkeiten als Planziel sicher waren, sollte Theo Wuttke im Rahmen des Festprogramms offiziell geehrt werden; doch als es soweit war, kamen in Frankreich Bedenken auf, weil sich bereits das Ende des zur Selbstfeier bereiten Staates abzeichnete. Nur so können wir uns die Übergabe des winzigen Kästchens erklären, die bei einer vormittäglichen Bootsfahrt stattfand, als die knieende Enkeltochter den sitzenden

Großvater dekorierte und ihm sogar eine Urkunde übergab, die allerdings nur durch Madeleines Handschrift und von keinem Behördenstempel beglaubigt war. Jedenfalls trug Fonty seitdem am linken Revers seiner Jacke bei besonderer Gelegenheit ein kleinfingernagelgroßes Ordensband. Wenn wir ihn nach der Bedeutung des signalroten Tupfens fragten, schwieg er vielsagend oder redete sich auf den Maler Corot heraus, in dessen grünen Bildern stets und raffiniert versteckt ein Blutstropfen zu finden sei; allenfalls sagte er: »Die Compagnons de la Résistance glaubten, meine Vortragskunst auszeichnen zu müssen. Doch diese Fähigkeit wurde schon früh im Tunnel über der Spree gelobt, etwa von Merckel, als ich mit balladeskem Ton den Tower in Brand steckte und die versammelten Tunnelbrüder von der in Versen angezettelten Feuersbrunst nicht genug hören konnten. >Da capo<, riefen sie; wenngleich das Feuer, wie wir wissen, dem Tower nichts anhaben konnte ... « Was noch alles im Boot erzählt, berichtet oder nur leichthin zwischen Heck und Ruderbank geplaudert wurde, hörten wir nicht. Nur einmal, als Madeleine ihren Großvater wieder in Ufernähe ruderte, schnappten wir Wortfetzen auf, die auf »Irrungen, Wirrungen« schließen ließen. Von einer Kutschfahrt durch die Hasenheide zum Friedhof und von Immortellen auf dem Grab der alten Frau Nimptsch war die Rede. Später parodierte Madeleine die dumme Käthe: »Ach, das ist zu komisch ... der Laubfrosch!« Und Fonty rief den Schlußsatz des Romans: »Gideon ist besser als Botho!« Seine Stimme trug auf dem Wasser. La petite wiederholte diese Behauptung, woraufhin Großvater und Enkeltochter zweistimmig lachten und sich Madeleines eigentlich kleiner Mund zu clownesker Größe weitete. Dann riefen sie abwechselnd oder gleichzeitig: »Gideon ist besser als Botho!« Mal klang das lustig, mal verzweifelt, schließlich sogar höhnisch. Immer wieder, als müsse ein Urteil gefällt oder das Schicksal als unabwendbar beschworen werden, riefen beide und bildeten mit den Händen Trichter: »Gideon ist besser als Botho!« Bald kam von anderen Booten und von der ans Ufer grenzenden Liegewiese Antwort: »Wer is besser? Stimmt watt nich, Opa?« Wir begriffen sofort den weittragenden Doppelsinn dieser abschließenden Wertschätzung. Madeleine Blondin hatte sich zwar geweigert, wie Lene Nimptsch eine zweite Wahl zu treffen, vielmehr ist sie mit ihrer abgekapselten Liebe in den Cevennen einsam geblieben; doch ihre Tochter Cécile flüchtete, kaum war sie knapp siebzehnjährig der Mutter aus bergiger Einöde entlaufen, nach Montpellier

und in die Ehe mit einem Automechaniker namens Gilles Aubron, der, beträchtlich älter als sie, dem Cevennenkind Halt gab und ihm proletarische Prinzipientreue versprach. Später, mit eigener Werkstatt, kam sogar ein wenig Wohlstand zusammen. Als das einzige Kind dieser offenbar glücklichen Ehe davon seinem Großvater beim Rudern erzählte und ihm ein streng behütetes Familienleben bis hin zu Tischsitten und Sparvorschriften ausgemalt wurde, hörten wir ihn eher halblaut als weithallend sagen: >Jaja. Selbst ein Gilles ist wohl besser als ein Théodore.« Danach wechselten sie den Platz. Ganz schnell ging das, leichtfüßig. Sobald sich Fonty wie ein gelernter Ruderer in die Riemen legte, rief Madeleine: »Bravo, Großpapa!« Mit hochgezogenen Knien, die sie umklammert hielt, hockte sie auf der Heckbank und zeigte uns ihren spitzen Nasenwinkel. Der rudernde Greis mochte inwendig an einem Vierzeiler arbeiten, der später in einem Brief an seine Tochter Martha in Reinschrift stand: Wir haben uns in einem Boot gefunden, das schon auf frühem Wasser leichte Liebe trug. Nun zählen wir die nachgelaßnen Wunden, das Herzeleid - und was uns sonst noch schlug. Erst als der Großvater alle Reime beieinander hatte und ihm, wie er sagte, »nach einem Cognac zum Kaffee war«, ruderte er seine Enkeltochter, die, wie sie sagte, »ein richtiges Bier zischen« wollte, in Richtung Anlegesteg und Terrassen-Café, wo ich schon unter Kastanien saß, bei einer Selters und, abgewendet, mit Notizen beschäftigt. La petite trank noch ein zweites Bier. 22 Zu dritt im Boot Waren schön anzusehen, die beiden, nun unterwegs: der mit Stock ausschreitende Greis und das schritthaltende Mädchen, seine siebzig, ihre zweiundzwanzig Jahre, er rüstig im knittrigen Leinenanzug, sie zierlich in ihrem Blau in Blau geblümten Hänger versteckt, sein in der Mittagssonne loderndes Weißhaar, ihr dunkler, von keinem Kamm zu glättender Strubbelkopf, Großvater und Enkeltochter auf städtischem Pflaster - wir hinterdrein. Vom Alexanderplatz, wo sie den Fernsehturm mit Rundblick von oben für später aufsparten, zum Palast der Republik, der von Amts wegen - asbestverseucht! geschlossen war, über die Französische Straße am Dom vorbei, rechts ab in die Glinka-, links ab in die Behrenstraße, wo die stolze Frau von Carayon mit wenig ansehnlicher Tochter gewohnt hatte und der Schönling Schach von Wuthenow in

die Ehefalle getappt war; Fonty hielt im Vorbeigehen einen Vortrag über die Macht des Ridikülen. Und nun übers letzte Stück der Otto-Grotewohl-Straße zum Pariser Platz, wo Max Liebermann sein Atelier gehabt hatte, und dann durchs große Tor der diesmal nicht zitierten Einzugsgedichte, auf dem die Quadriga, weil nach Jahresbeginn in Reparatur, fehlte; die beiden gingen auf den Tiergarten zu. Gegenüber dem Sowjetischen Ehrenmal, zu dem als mittlerweile verjährtes Siegessymbol naturgetreu ein Panzer gehörte, bogen sie links ab. Er führte sie auf altbekannten Wegen. Sie henkelte sich bei ihm ein, ließ wieder los, hüpfte mit tänzelndem Wechselschritt mädchenhaft voraus, um als junge Frau abermals seinen Arm zu suchen. Er wies erklärend und mit knappen, manchmal wegwerfenden Gesten auf Denkmäler und Skulpturengruppen. Sie gab vor zuzuhören. Der beginnende Herbst bestimmte dem Tiergarten die Farbe, doch die Kastanien wollten noch immer nicht fallen. Vorbei an Friedrich Wilhelm III., dessen jeden Satz zu Kleinholz hackende Redeweise wir nachzuahmen gelernt hatten, aber Fonty war besser: »Wollen hier gnädigst geruhen ... Oder bevorzugen Blick auf Luise ... Dort Bänke genug ... « Nein, sie mußten sich nicht verschnaufen. Erst als sie auf dem Großen Weg und dann auf Nebenwegen die schönste Aussicht zur Rousseau-Insel fanden, wollte Madeleine neben ihrem Großvater und auf dessen Lieblingsbank sitzen. Mit ihm vergnügte sie sich an den Kunststücken des Haubentauchers, der mal weg, mal da war, unverhofft, plötzlich, nach Lust und Laune; und nach jedem Auftauchen triumphierte seine elegante Frisur unbeschädigt. Madeleine rief: »Bravo!« Auch das brachte Spaß: auf einer Bank zu sitzen und allen Vorbeigehenden, unter ihnen Türkenfamilien, ältere Damen und dann und wann ein keuchender Jogger, teils witzig, teils boshaft nachzureden. Zwischendurch plauderte er über Schottland und das schottische Clanwesen, und sie nahm ihren reiselustigen Großvater übers Kalkgestein der Cevennen mit, bis hin zum verriegelten Haus der Großmutter, auf dessen kühler Schwelle Abend für Abend eine Erdkröte wartete. Madeleine hatte den Schlüssel, Madeleine wußte, wo Pilze standen, Madeleine war, wie ihre Mutter, ein Cevennenkind. Sie fragten einander ab, wollten alles genau, noch genauer wissen. Welche technischen Voraussetzungen für die Lesungen im Ruderboot notwendig gewesen seien. »Und die Geräusche des Wassers, die Vögel im Mal, die vielen Frösche?« Ob man bei den Tonbandaufnahmen immer zu dritt gewesen sei. »Hat denn grandmère überhaupt etwas von Tontechnik verstanden?«

der die deutschen Soldaten an Schillers Jungfrau erinnern wollte?« »Nein. bis zum Schafott .alle tot. auch den Orden für meinen lange verschollenen Großvater habe ich beantragt und alles durchgeboxt. « Doch Madeleine deutete auf das rote Ordensbändchen. Und die Stimmen der Natur störten überhaupt nicht. bis alles aufgeklärt war und sie in allen Zeitungen eine Heldin genannt wurde. Und erst der Barbie-Prozeß brachte . kahlgeschoren und im Schandhemd durch die Straßen von Lyon getrieben wurde. niemand übrigblieb. Wie Ende August das Gefängnis gestürmt und die noch Überlebenden befreit wurden. das sie dem Großvater angesteckt hatte. wieviel Unrecht sie hat erdulden müssen. Großpapa. weil sie von einem deutschen Soldaten schwanger war. »Waren Sie das.. Nein. Erst nach der Maueröffnung wurde die Übergabe bewilligt. und sagte: »So etwas kann man nicht teilen. das er im Balladenton als Epos gestalten und -wenn möglich . kam Fonty auf das liegengebliebene »Likedeeler«-Projekt des Unsterblichen. aber was das bedeutet.. Ja. Später.»zu spät für grand-mère« beiläufig an den Tag. mein Kind. ich bin nicht Parteimitglied. Wie Madeleine Blondin. hat man sie sogar der Verräterei verdächtigt. als sie einsam in den Cevennen saß. In ihrem Rücken stritten Vögel um überreife Holunderbeeren. für den Partisanensender aus den Kapiteln des Buches »Kriegsgefangen« zu lesen. Ich bin sehr stolz auf meinen Großpapa. der wahre Kommunismus. Théodore weggelaufen -. außer Madeleine. Wie immer. Habe sogar bei meinem Lesevortrag einem unermüdlichen Kuckuck zwischen den Sätzen Platz eingeräumt. Jean-Philippe bestand darauf. weil entlastende Zeugen fehlten . »Bien sûr..vollenden wollte: »Der Seeräuberei beschuldigt. obgleich das in meiner Familie Tradition ist.« Danach die Frage nach dem Verrat: Wer hatte geplappert? Eine der Schwestern? Und wer kam nachts? Gestapo oder Gendarmerie? Die leisen Antworten: Wie Madeleine Blondins Bruder im Gefängnis Mont-Luc von deutscher Hand zu Tode kam. Wie von der Partisanengruppe. vielleicht steht es mit dem wahren Christentum ähnlich . wenn vom Kommunismus die Rede war. nannten sie einander Gleichteiler. daß ich von Domrémy bis zur Festungsinsel Oléron keine Station ausließ. « Sie saßen lange auf Fontys schattiger Lieblingsbank. Eher verstehe ich mich als Trotzkistin. als sich die KPF wieder mal querstellte. ich habe nicht lockergelassen. Nicht jeder macht sich verdient. das weiß ich immer noch nicht.« . Jedenfalls glaubte ich mich für eine kleine Zeremonie befugt.Wer den Vorschlag gemacht habe..

sogar ich ein bißchen. mithin bei den flüchtenden Glaubensgenossen der calvinistischen Lehre. Ödnis und in ihr einige Großbauten von imposanter Verlorenheit. streng reformiert. ich sage: ein erlaubter Trick. nur ein umzäuntes Übungsgelände. hätten wir sie beinahe verloren. doch Madeleine spielte mit und ließ sich von Fonty leicht überzeugen: »Mögen meine Fußnotensklaven ihr papiernes Lächeln aufsetzen. mal dort versteckt halten mußten. Übrigens waren alle Blondins. Und weil dieser Wasservogel das Prinzip des Untertauchens so anregend verkörperte. Schloß Wuthenow und die Tempelhofer . Nahe der Rückfront der Staatsbibliothek. und die Aubrons sind es noch immer. Wohl deshalb schlug er seiner Enkeltochter einen kleinen Selbstbetrug vor . als er sie die Potsdamer Straße hoch bis in Höhe einer Bolle-Filiale und einer breitflächigen Videothek führte: »Hauptsache. Welch ein Unsinn. Eine Weile sahen sie nur dem Haubentaucher zu. waren sie bald wieder in den Cevennen.er sprach von »zwinkernder Wahrheit« -und rief. wenn uns nicht sicher gewesen wäre. Und schon wartete das verriegelte Haus der Großmutter. Hier hatten sie nichts zu suchen.Fonty wehrte sich ein wenig: »Hab nur vorgelesen und wußte nicht mal genau. in der man sich leicht verlieren kann.« Dann gingen sie. Kommandos. an der. grand-père. nach früherem Verlauf der Potsdamer Straße. die sich mal hier. auf dem ein Züchterverein Hunde dressierte. die Hausnummer stimmt!« Nach neuer Numerierung lag der Gebäudetrakt 134 C zwischen Foto Porst und der Bülow-Apotheke. etwas mehr als hundert Meter von der Eichhornstraße entfernt. abermals auf Besuch: »Ein solches Refugium könnte Ihnen gefallen. Gebell. für wen. daß Fonty nur eines im Sinn haben konnte: Er wollte die Stelle finden. war kein Held!« Zu diesem Eingeständnis machte er ein amüsiert verlegenes Gesicht. selbst wenn sie sich für gläubige Kommunisten hielten. das dreistöckige Johanniterhaus 134 c gestanden hatte. bei den Hugenotten und Hugenottenkriegen. denen einzig mit Hilfe einer historischen Adresse Bedeutung aufgeschwatzt werden konnte. Großvater und Enkeltochter nahmen den Rückweg in Richtung Königin Luise und weiter zum Kemperplatz. Sonst war da nichts. Unansehnliche Neubauten der Nachkriegszeit. doch immer wieder behindert und aufgehalten vom vielspurigen Verkehr. nahe der gleich einem gestrandeten Schiff hochragenden Philharmonie. Staub. Dazu die Weite. wies er auf einige übriggebliebene Linden. Hier. diese Leere. hinter dem auf rundem Hügel ernsthaft in Reihe Zypressen standen. nach unserer Meinung.

Metes Kammer mitgezählt. erschienen. da oben etwa. als die Söhne außer Haus waren.« Auf der gegenüberliegenden Straßenseite standen beide so gedankenverloren. Und dann.aber auch in der Sommerfrische oder allein in Klausur. soviel sei behauptet. Die in Berlin übliche Barbarei. Waren froh. Nach der Rückkehr aus London hausten wir in der Potsdamer 33. War damals schon reparaturbedürftig. in dem Mansardenloch zum Schlußpunkt. dann in der Tempelhofer 51. Und dann die Kritik. Wirrungen< vor. was sich herbeispekulieren ließ. denn erst gut fünfzehn Jahre später kam >Vor dem Sturm< hier. Fonty wies mit ins Leere greifender Geste auf alles. Reizte mich kolossal. mein Kind. kam es . Mal floß es nur so. Kind. dem Vorgarten und dem Balkon überm Hauseingang. <Jedenfalls lagen vor gut hundert Jahren >Irrungen. Schon nächstes Jahr kann >Unwiederbringlich< ein . wenn die Familie >unsere traurige Lage< bejammerte. Nichts erinnert daran. Und grad war >Stine<. dicken wie dünnen.Kirche hat es auch nie gegeben. Vorher mußte immer wieder die Wohnung gewechselt werden. ging es erst richtig los. ist erlaubt. Doch hier. der Unsterblichkeit das Fundament gelegt.. kaum war der Sekretärsposten bei der Akademie abgeschüttelt. obgleich ja das Wichtigste noch im Tintenfaß steckte. und belebte sogleich den nichtssagenden Neubau: »Und hier. 510 Exemplare auf 60 Millionen Deutsche verkauft . Selbst Täuschung. Umzug nach Umzug.. Zugegeben: Wir wohnten beengt. Eine Kette von Kränkungen. dann wieder drippelte es mäßig. Deshalb ist jeder Hochstapler novellistisch angesehen ein Gott .zum Einzug. zum Beispiel in Hankels Ablage ist eines alten Mannes späte Ernte eingefahren worden: vom >Schach< bis zum >Stechlin<. Anno zweiundsiebzig. Nach dem ersten Wanderungsbuch hieß die eher miese Adresse Alte Jacobstraße. Wurde gegen Ende der zwanziger Jahre abgerissen. als könne der Verkehr und dessen Gebrüll sie weder stören noch in die Gegenwart zurückrufen. Die Dichtung darf alles. Oft quälte mich stundenlanger Nervenhusten.und nur im übrigen ein Scheusal.am 3 Oktober übrigens . kaum war der Alexis-Essay im Vorabdruck raus. vier Zimmer nur. So verhält es sich mit der Literatur. wurde mit schwer verkäuflichen Büchern. Nur ein halbes Jahr später war in der Hirschelstraße der erste Roman in der Mache.. Schrieb an meinen Verleger Hertz: >Immerhin. Jedenfalls fällt uns zu 134 C mehr ein als bloß ledernes Archivwissen. dem Klo auf dem Hof. stand nach unserer zwinkernden Übereinkunft das Haus des Brandenburgischen Johanniterordens mit der Mansardenwohnung im dritten Stock. Da drüben . da kam in zwölf Bänden die erste Werkausgabe heraus. bald nach der Gefangenschaft und der zweiten Frankreichreise. mein bleichsüchtiger Liebling. Das schleppte sich hin. wenn sie nur glückt.

denn als sie nach den »Poggenpuhls« zu forschen begann. beantwortete er in einem nahen Café. Aus einem Guß. Kind. Begann mit Effi. uns gegenüber. .. Denn nicht das Vergessen.. Endlich brachten die >Kinderjahre< Heilung. nicht nur auf dem Weihnachtsmarkt in Swinemünde. Doch jetzt. wäre das Archiv mit breiterer Antwort dienstbar gewesen. das alles kam hier.. klopfte schon der alte Stechlin an.. aber Bismarck meint oder umgekehrt . der ihnen vom Wirt. Denn bevor >Effi< als Buch auf die Reise ging und erstaunlich viele Liebhaber fand. in Papierbeuteln zum Ziehenlassen serviert wurde. zu streicheln begann und mit gleich zärtlicher Stimme »Darf ich fragen?« sagte. dazu einen Weinbrand. einem mürrisch hinkenden Invaliden. Nein. das überdies »Imbißstube« hieß. ging nicht zur Reichstagswahl.. Sogleich erschlug der Lärm des nachmittäglichen Verkehrs allen herbeigeredeten Zauber.rundes Jubiläum feiern. Gehirnanämie. Die Politik blieb draußen. frag. Doch als die Enkeltochter des Großvaters Hand. die wissenschaftlich korrekt zurechtgelegt waren. Alles Mumpitz.« Fonty ließ seine auf ein Phantom weisende Hand sinken.. die Funktion der wenigen Möbel in der Wohnung der verarmten Adelsfamilie erklärt haben wollte. kroch aber durch alle Ritzen. sondern das Verwechseln ist das Allerschlimmste. Ach. genauer. Kind. schräg gegenüber der besonderen Hausnummer. sagten die Ärzte. Schrieb an Brahm oder Friedlaender: >Arm in Arm mit Neumann fordere ich mein Jahrhundert in die Schranken!< Dann kam die Krankheit. der aber gar nicht so alt war. Jedenfalls zählte er weit weniger als dazumal ich . auch nicht. Madeleine versuchte. natürlich die Schreibhand. Damals war die Treibelsche. Der Jude Neumann. deren Bagage übrigens ganz von heute sein könnte. Fonty wirkte ein wenig erschöpft. Aber was heißt schon gut: zweite Auflage. im Manuskript so gut wie fertig. Kind. « Aber Madeleine Aubrons Fragen waren nicht auf Politisches oder das preußische Militärwesen erpicht. Am Fenster fanden sie einen Zweiertisch und bestellten Tee. Verkaufte sich gut. Fonty nannte das dürftige Mobiliar einen »standesgemäßen Armutsspiegel«. wenn man Moltke sagt. Hoffentlich verwechsel ich nichts . Sie hätte besser uns befragen sollen. Madeleines Fragen. kein besorgtes Gesicht zu machen. Meine Emilie kam mit dem Abschreiben kaum nach. Zweieinhalb Stunden lang saßen sie in der Imbißstube. mit immer kürzer werdendem Blei zu Papier.. muß ich mich setzen. nickte er: »Frag nur. wo nichts geblieben ist. Gleich drauf >Effi< zum Schluß gebracht. und nie haben wir auf Bismarcks Geburtstag geflaggt.. diese Elektroschocks in Breslau.

sie hätte die Crampas-Briefe verbrannt . « »Aber nein. hätte Fonty angesichts des »Trumeau« anschaulicher geantwortet. geführt worden.. den er zum Thema »Quellenmaterial und Fiktion« für den Kulturbund gehalten hatte .und gestern noch . Und wäre dieses Gespräch. daß die Enkeltochter vom Holze des Großvaters war. Als ihr der Großvater von einem Vortrag berichtete. Sie entsprachen einander eingespielt und hätten unsereins kaum bemerkt. dessen Beginn der im Arbeiter. dann in der Kollwitzstraße und also in der guten Stube der Wuttkes. und . von Elisabeth als einer überlebenden Effi zu hören. denn Madeleine fragte so unmittelbar beteiligt. danach um Quellenmaterial allgemein und insbesondere für »Effi Briest«. Dann ging es um die späte Ballade von den »Balinesenfrauen auf Lombok«. Wirrungen« den Fall der Lene Nimptsch quellengetreu verwendet zu haben: »Beide. als wieder einmal die Literatur auf Parteilinie gebracht wurde« -. wäre Lene womöglich aus Kummer gestorben.»Das muß im Dezember fünfundsechzig. wir vom Archiv wären fehl am Platz und womöglich für kindische Eifersucht anfällig gewesen. Wir hätten vielleicht zu kühl und distanziert geantwortet. jener steinalten Elisabeth von Ardenne. durften überleben.Wir hätten ihr eine kommentierte Inventarliste vorlegen können. wenn wir das Paar so eng beieinander gesehen hätten. das Leben schien gnädiger als die Literatur zu sein. in der man noch mit dem Interzonenpaß reisen durfte. doch Effi war nicht zu retten. die zum Modell getaugt. Damit konnte das Archiv nicht konkurrieren. Wie er.der Zeitungsärger wegen des Einspruchs holländischer Kolonialherren widerfahren und als habe ihr erst kürzlich der Unsterbliche vom Fall jener Elisabeth von Ardenne erzählt. »Und hätten Sie nicht originalgetreu gedichtet. Nicht ohne Neid müssen wir anerkennen. als sei ihr persönlich . wie man sagt. Großpapa. es mußte die Imbißstube in der Potsdamer sein und ein wackliger Zweiertisch. nein. in »Irrungen. wenn schon nicht im Archiv. es sei denn. für die Katz gewesen. Madeleine war froh. räumte er ein. aus anderer Zeit und wie vorgestrig zu sein. einen jahrelangen Briefwechsel geführt. Ein ganz unnatürliches Ende! All die vielen Motivverkettungen wären umsonst oder. so hatte auch sie keine Mühe. dann hätten wir ja nichts zum Weinen gehabt!« rief Madeleine.und Bauern-Staat forschende Physiker Manfred von Ardenne vermittelt haben soll. aber die Veröffentlichung des Effi-Romans bis in die fünfziger Jahre des folgenden Jahrhunderts überlebt hatte. aber nein. die wir den »Poggenpuhlschen Salon« nannten. Zudem hat Fonty mit Effis Vorbild. Fonty schwärmte sogar von Begegnungen während einer Zeit. gleich nach dem elften Plenum gewesen sein.. das Original und der literarische Abklatsch.

eine kaputte Harfe.meine Magisterarbeit wohl auch. wo die hochnäsigen Offiziere vom Regiment Gendarmes zu Zeiten Schachs eine verschwenderisch große Ladung Salz gestreut hatten. um auf dem Salz .bei sommerlicher Hitze . die schreckliche Bartholomäusnacht und das berühmte Gemälde. die das Hugenottenkreuz abbildeten. das offene Ofenfeuer. wie Lene auf Bothos Wunsch . später jedoch.den Wiesenblumenstrauß mit ihrem aschblonden Haar bindet. Dann besuchten sie den Französischen Dom und im Turmhaus das Hugenottenmuseum. wo sie immer noch ungebrochen den katholischen Friedhof der St. Könnte ich auch jetzt noch. vor den Madeleine einen Kranz getrockneter Immortellen legte. Großpapa. Großpapa. Häufig liefen sie Unter den Linden rauf runter. das getrocknete Sträußchen mit Lenes Briefen vom dummen Botho verbrannt. unter ihnen Chodowlecki-Radierungen.. Verzeihen Sie. um den nahegelegenen Friedhof der französischen Domgemeinde zu besuchen. die später schlicht »Schwartzkopffstraße« heißen sollte.. teils frische. um die Stelle zu finden. Das gefällt mir sehr. einfach zu Asche verbrannt wird. besonders dort. wenn ich Sie daran erinnere. Immer wieder der Tiergarten.noch bevor sie in Hankels Ablage in einem Zimmer übernachten . woanders die gipserne Totenmaske Heinrichs IV. aber anderntags war Fonty wieder mit Madeleine unterwegs.. darüber weinen . O ja! Da hab ich geweint.eine Schlittenpartie vorzutäuschen. Es waren die letzten Septembertage. zum Beispiel über den Immortellenkranz. die wiederholten Ruderpartien. »In Frankreich sind diese Strohblumen noch üblich. wenn ich grand-mère in den Cevennen besucht und ihr vorgelesen habe.« Andere. « Als sie gingen. teils . Und auch dorthin führte ein Stadtbummel das Paar: Sie fuhren mit der Straßenbahn bis zur U-Bahnstation »Stadion der Weltjugend«. zwei Kacheln aus den Cevennen. und sei es. darin in einem verglasten Schrank die Belagerung von La Rochelle. Lange standen sie dem restaurierten Grabstein gegenüber. denn ich schreibe über kunstvolle Verknüpfungen von Motiven. gegen Schluß. ferner ein Stadtplan der Handelsstadt Lyon. die Lieblingsbank. eine Blechdose für die Kollekte und Sanduhren für die Prediger der calvinistischen Gnadenwahl zu bewundern waren. auf dem der Große Kurfürst die Réfugiés empfängt. weil es immer Nebensächlichkeiten und keine dicken Leitmotive sind. Richtig weinen mußte ich. den sie für diesen Zweck mitgebracht hatte.-Hedwigs-Gemeinde einengte. trennten sie sich bei der nächsten S-Bahnstation. Außer dem Grab des Unsterblichen war in Resten die Grenzmauer sehenswert. viele Stiche und Bilder. Das Wetter hielt sich.

Staub flog vom Ödland auf. Diese vielen Verdächtigungen. das bis vor kurzem todsichere Grenze gewesen war. das Archiv durfte nicht ins Gerede kommen. wenngleich er ahnte. die ich nicht glauben mag. selbst Martha und Marthas Hochzeit nicht. und nie hat er seine Enkeltochter an der ehemaligen Schultheiß-.über Emilie.welke Gebinde lagen vor dem Stein mit den beiden Namen. wie er im Programm weiterführender Stadtbesichtigungen die Wuttkesche Wohngegend mit Bedacht aussparte. nie besuchten sie den Kollwitzplatz. Lauter Dinge. geborene Rouanet-Kummer. doch vermied Fonty. rudern geht jeden Tag. Und immerzu sagt er. doch wohlweislich hielten wir uns zurück. kaum sind wir von der See zurück. Andererseits war Madeleines Verhältnis zu einem verheirateten Professor dem Großvater keine Frage wert.« Sein Eheleben blieb unbefragt. daß seine Enkeltochter in Paris in etwas verstrickt war. soviel stimmt: Großvater und Enkeltochter sprachen . als »schwierige Beziehung« angedeutet hatte. Was immer sie zu sagen hatten. Dort wurde er sogleich wieder historisch. Nur beiläufig hat sie nach dem Prenzlauer Berg und dessen kulturpolitischer Bedeutung gefragt: »Man liest soviel Häßliches darüber. Wir wußten mehr. In keine der Szenekneipen führte er sie. »Mein Gottchen!« rief Emmi. wenn mein Wuttke. Ein windiger Tag. So erklärt sich. Anfangs hab ich noch geglaubt. nun Kulturbrauerei vorbei bis zu den Offenbach-Stuben geführt und sie dort zu einem Glas Wein eingeladen. Und Madeleine beschwichtigte ihre Neugierde. doch nie liefen sie die Schönhauser Allee hoch. »Wie soll ich nichts merken. Wir hätten uns anbieten und ihr aus unserem Halbwissen einige mehr oder weniger poetische Spitzelgeschichten flüstern können. da is nich viel hinter . ist da was dran?« Fonty wußte Antwort: »Niemand war sich auf dem Prenzlberg seiner selbst sicher.er sarkastisch. Großpapa. sowie über die einerseits schwierige. sein bürgerliches Familienleben in Vergleich zu bringen. doch woanders war der Groschen noch schneller gefallen. was Wuttke hieß. fuhr mit ihr im Paternoster auf und ab und sogar über die Wendepunkte hinweg. daß das gesund ist. Alles. über Rudern im großen und ganzen zu reden und was darüber bei . die nur selten und dann neutral von ihrem Professor sprach. Zwar besuchte er mit Madeleine das Haus der Ministerien. kam nicht vor. sie mitfühlend .aber dann? Wie er nu anfing. daß Fonty und seine Enkeltochter nur bis zur Volksbühne am RosaLuxemburg-Platz gelangt sind. andererseits haltbare Ehe des Unsterblichen. das ihm die Studentin.

wenn er mir nur ein Sterbenswörtchen geflüstert hätt. Ich hätt ihn trotzdem geheiratet. als Kreissekretär in Oranienburg.seinem Einundalles steht. Jedenfalls waren wir da schon verlobt. ziemlich zittrig und >nervenpleite<. Sie kennen ihn ja. wie er das nennt.. Aber die Mutter hat sich och nich gerührt. und weil nu unser Teddy kam. Forsch doch mal nach. hat er gesagt. wenn er von Ruderpartien in Frankreich redet und immer diese Lene aussem Roman im Boot hat. was vom Rudern übriggeblieben war. weil Ja mein Wuttke nich da war. Hab die ja leider alle verbrannt. als er den Kulturkrempel hingeschmissen hat . Aber nein. hätt ich gesagt. Neuruppin sogar. Da konnt ich zehnmal sagen: Wuttke. War aber nich. über die vielen Bunker und ganz zum Schluß bißchen übern Endsieg geschrieben hat. hab ich nich viel gebohrt. wo in Frankreich erst mal alles gegen uns Deutsche war und das arme Luder . da hab ich gedacht: Das is wie früher. Saß ganz gemütlich in Lyon und Umgebung... aber nich verheiratet.. schon anderthalb. Und da hab ich. damit wir die Wohnung für uns behielten. Bestimmt über dreißig oder mehr. War aber nich. bestimmt. so daß ich gedacht hab: jetzt hat ihn die Invasion erwischt. Genau. Und als er dann kam endlich.die war so . seit einundvierzig schon. Schon seine Briefe. wenn er schreibt: >Auf Frankreichs Flüssen und Seen kann man auch rudern?< Mit wem. nein. die noch bis Sommer vierundvierzig mit Feldpost kamen. der muß immer alles unter der Decke halten. bißchen jünger als unser Georg. Soll ja schön sein da unten. Wollt es nich schlimmer machen.. hab ich mich gefragt. ganz zu Anfang. über Aufbau und sozialistische Gesellschaft. bevor sie starb. Da war sein französisches Andenken. Was wollt er damit sagen... na. Und was macht er da unten so lang. Aber ich hab gleich gemerkt: Da stimmt was nich. auch wenn er noch so groß geredet hat über die neue Zeit. so geht das nich weiter. weil nu endlich die Arbeiterklasse . Wie er aber nu nachem Krieg wieder da war.tut mir ja leid -. Na. hat er ja och nich gewußt. wo er doch meistens über die Gegend vom Atlantikwall. in Lyon. Na. hab ich gedacht: Da muß was im Busch sein. mit unserm Georg allein .. als es schon war. als unser Georg kam. Kam ja ab Mitte vierundvierzig nix mehr von ihm für die Reichsluftfahrt. als er aus Gefangenschaft kam und ganz runter war. meinen Wuttke.. noch komischer als sonst. weil er sich vom Kulturbund nich hat anstellen lassen... Is ja verständlich. Und nischt zu heizen . was nachkam. daß da was passiert is vielleicht. abgemagert. waren ziemlich komisch. Auf keinen Fall. als ich mal richtig Wut hatte. Hätt er mir ruhig sagen können.. War aber man gut. von mir aus in Pasewalk. Und all die Bombennächte . daß wir bei meiner Tante Pinchen zwei Zimmer hatten und geheiratet haben. bis es schlimmer und schlimmer wird. die Briefe alle einfach im Küchenherd . die nu anbricht.

kommt ja bald. denk ich mal. Aber nu hab ich nich lockergelassen: >Los. Ein Bombenwetter. Hätt ja bestimmt Ansprüche gehabt. Und wenn Sie mich fragen. nich am Küchentisch morgens und och nich freiwillig und von sich aus. och wenn er anfangs. eigentlich hat er mir leid getan. Na ja. Immer am Ufer lang und im Kreis. um mich zu verpusten ein bißchen . Und überall junge Leute. Oder sie hat ihren Stolz gehabt. die in Frankreich. bevor die Einheit kommt. Is mir och so gegangen. die immer drumrumgeredet hat. denn mein Vater. gewollt hat.sicher paar schlimme Jahre durchgemacht hat. Erst als ich ziemlich mißtrauisch wurd. wenn ich gefragt hab. und ich hatt die Ruder reingenommen. da wußt ich Bescheid. stimmt. dem Kind später erzählt hat: nix oder die Hälfte nur oder was Falsches. Sah bestimmt komisch aus: wir zwei Alte. Wuttke! Wir beide in einem Boot. der in Oppeln meine Mutter geheiratet hat. Da wollt ich nich. aber herzensgut war der. wie er so schluckte und sein Adamsapfel immer rauf runter. Und das Kind. Da hätt ich noch lange warten gekonnt.. kommt meistens was Schlimmes. sein Enkelkind und sagt: Hoppla.>Was ich noch sagen wollte. Oder weil sie nix aufrühren gewollt hat von damals. hab ich zu ihm gesagt: >Na. eh das losging mit dem Glockengeläute. Wuttke. auf Alimente. < -. Haben och gleich ein Boot gekriegt.. Nur darauf kommt's an. wer nu mein richtiger Vater gewesen is. was die Mutter. Oder sie hat nur im Westen gesucht und nich bei uns. mit dir bißchen zu rudern. Wär ja möglich gewesen paar Jahre später. Aber mein Wuttke hat kein Wörtchen gesagt. nu krieg ich richtig Lust. Die vielen Enten und paar Schwäne sogar. weil wir sozialistisch waren. bin keine geborene Hering.jung wie ich damals im Krieg . kann ich nur sagen: Klavierlehrer war der und: Schwamm drüber! Wer weiß.auf einmal den Mund aufgemacht hat .. immer nur rumgedruckst. Emilie . weil sie mit nein deutschen Soldaten . mit der S-Bahn bis Bahnhof Zoo und dann zum Lützowufer am Landwehrkanal lang und denn rüber über die Brücke innen Tiergarten rein. als das mit der Ruderei losging. Oder sie hat jemand gekriegt und hat heiraten gekonnt. wie meine Mutter. Vielleicht hat sie gedacht: Der ist tot. kaum is die Mauer weg und kein Kommunismus mehr.wir waren grad mitten auffem See. Denn wenn er Emilie und nich Emmi zu mir sagt. >Mußt gar nich . wollt davon sowieso nix wissen. Das will ich erleben. Und als er dann endlich . Und nu kommt auf einmal. aus Trotz nämlich. da bin ich! jedenfalls hat er das so erzählt.< Da wollt er nich. Und ich hab gerudert. Nein. war gar nich mein richtiger Vater. als es älter wurd.. Kann ich verstehn sogar. na. die och gerudert haben. War richtig schön. weil er nich gewollt hat. Nee.< Und paar Tage vorher sind wir denn och.

nun aber. was man nich gewollt hat. einfach schrecklich alles. da passiert vieles so nebenbei. oder wenn ich an Friedel denk. <« Emmi konnte kein Ende finden.und Bauern-Macht hatte uns das Archivwesen einen gewissen Halt gegeben. Ob aber unsre Martha . Und warum er das rote Dingsda an der Jacke hat nu. oder Teddy mit seiner Beamtenkarriere . seit Wegfall des Staates. Zu Zeiten der Arbeiter. >Aber glaub bloß nicht. wenn es erst jetzt rauskommt. Mehr und mehr rutschten wir in Fontys Geschichte. und für uns war das von Interesse. Er war uns lebendiger als das in Karteikästen gezwängte Original. seiner Familie gaben wir uns gefangen. nich wegen Kommunismus. Lili . Und daß die Vorgeschichte von dieser Lene bis nach Dresden und in die damalige Revolution zurücklangt. als immer häufiger von Madeleine die Rede war. die Marlen. Ob inner Revolution oder im Krieg. da hab ich gesagt: >Laß man gut sein. Erst von dem jungen Ding. Wer. Seitdem ich bei Marthas Hochzeit den Trauzeugen abgegeben hatte. wie er so redet immer. hab ich gesagt.. hätte ihr so geduldig zuhören wollen? In einer Zeit schnellen Wechsels waren wir..an ne gewisse Romanfigur. erinnert hat. Wuttke... Und dann hat ihm natürlich sein Einundalles wieder mal in die Suppe gespuckt. stimmt's?< Und schon hat er bißchen gelächelt und dann drauflos geredet. Anfangs haben wir mehr aus Jux oder Gewohnheit. außer uns. Hab schon viel schlucken gemußt. hab dich nich so . dem Enkelkind. daß ich ein Held war!< hat er gerufen. Aber kennenlernen will ich die schon. Und Emmi war froh. na. plötzlich »Wie einst.sein Enkelkind nennt sich och so . zum Beispiel. nein. >Da is was nachgekommen von früher. vertraute sie uns und besonders mir. Nicht nur ihm. Sie kennen ihn ja. nämlich an diese Lene Nimptsch. Doch als mein Wuttke nur noch von anno dazumal und rein gar nix mehr von seiner Kriegsbraut erzählen gewollt hat. dann doch deren Ohr und Ablage.viel sagen. Hättste mir ruhig früher flüstern können.. daß Emmi im Boot.. der so moralisch is . selbst Nichtigkeiten haben wir aufgehoben. dein Enkelkind. Wuttke<. wurden uns dessen Bestände fragwürdig.. ich schluck sowas. weil ihn nämlich diese Marlen . daß sie sich so offen aussprechen konnte. dann gleich vom Krieg und was in Lyon damals los war. Ich werd damit fertig.. wenn nicht Teil der Familie Wuttke. wo sie Freiheitslieder gesungen und auf der Elbe gerudert haben. später mit Absicht gesammelt. Und vielleicht is es besser so. sondern für echte Verdienste.

mit der sie weit mehr als die Hälfte der Bank belegte. Viel sprach man anfangs nicht. Und Mademoiselle Madeleine? Ihren schnellen Augen müssen wir nun einen leichten Silberblick nachsagen. sobald sie die Ruder durchgezogen hatte. Der sollte anfangen. prüfenden Augen das Paar auf der Heckbank im Blick. Und wenn sie sich. zu einer familiären Kahnfahrt.berichten können. mal dessen Frau. sagte uns später. gerahmt als Ikone alles überdauernder Bürgerlichkeit: Herr und Frau Wuttke.« Dann räumte sie ein: »Hab dann doch angefangen. der schon wieder alles ganz leicht nahm.Marlen!« gesungen hat. um Fonty. dabei stocksteif. Die ferne Tochter war nicht ins Boot zu holen. und Emmi. Dabei war sie gar nicht verlegen. Oktober. sah sie beide zugleich: Fonty verlegen gerührt. aller Widerrede zum Trotz. mit Neigung zu Triefaugen. gebeten »Und wie geht es deiner Mama. geborene Blondin. der sich immer dann zum Schielen steigerte. ein wenig zu ärgern. bestimmt. Irgendwer mußte ja ein Wörtchen riskieren. weshalb sie so lange stumm geblieben sei: »Wollte meinen Wuttke bißchen zappeln lassen. Mal fixierte sie ihren Großvater. die gleichfalls schwieg. bis ihr das sitzende Paar zu nah kam und so ihre sonst auf klare Sicht geschulten Augen verwirrte. hätte sie jede Annäherung ihres Vaters schroff abgewiesen. Anfangs ging es ein wenig steif zu. Redet doch sonst gern. am Nachmittag des 2. er wie ertappt. Madeleine hätte von der sozialpädagogischen Tätigkeit ihrer Mutter in einem von der reformierten Kirche geführten Waisenhaus und andeutungsweise von Nervenkrisen der Mittvierzigerin offenbar eine Erbanlage . Fonty hatte als Theo Wuttke eingeladen. mein Kind?« -. als hätte er. es fehlte die mittlere Generation. den berüchtigten preußischen Ladestock verschluckt. sie überbordend.« . Ein Bild. Emmi unbekümmert um ihre Fettleibigkeit. So beladen der Kahn war. Deshalb schwieg Fonty. Jedenfalls kam es zwei Tage später. denn hätte er um Auskunft über das Befinden von Cécile Aubron. aus reiner Gutmütigkeit. die Fonty nicht zu stellen wagte. aber mit Haltung. und wäre Madame Aubron mit von der Partie gewesen. kaum mehr. ausgespart blieben Fragen. Er an den Rand gedrückt. leicht zurücklehnte. wenn sie zum nächsten Ruderschlag ansetzte und sich vorbeugen mußte. Madeleine ruderte und behielt dabei mit schnellen. eher zeigte sie sich als Herrin der Situation. wäre sein nachgetragenes Interesse allenfalls höflich nichtssagend bedient worden. sie ganz Ausdruck bedrohlicher Gutmütigkeit. ihn womöglich beschimpft: Boche! Und Schlimmeres.

da gab's nur viel oder wenig Geld. »Schon vor dem Fall der Mauer konnte ich. bei aller persönlichen Motivierung meines derzeitigen Aufenthalts. wechselte sie abrupt das Thema. als interessiere sie deren Thema brennend: »Um was geht's denn da? Warste schon in Potsdam. als Madeleine die familiäre Fracht wieder in Ufernähe vorbeiführte. Das meiste is noch von Tante Pinchen geblieben. von der ab Mitternacht bevorstehenden deutschen Einheit halte: »Vielleicht gehn wir da heut noch hin. dank Empfehlung meines Professors. indem sie von Madeleine wissen wollte. weißlackierte Pfeilerspiegel. Wirrungen« gehe. daß es bei ihrer Examensarbeit um Motivverknüpfungen. aber keine Standesbarrieren« und begann dann übergangslos die Poggenpuhlsche Wohnung zu möblieren: »Einige Erbstücke. die Studien nicht vernachlässigen werde. zu denen der auf einer Auktion erstandene. Er kam mit Hinweisen auf den einst an Felder grenzenden Stadtteil Wilmersdorf. was sie. Dabei geriet er ins Plaudern.« Nachdem Emmi weitere Mängel und den Zustand des Mietshauses im Bezirk Prenzlauer Berg beklagt und alles »schlimm und schlimmer als schlimm« genannt hatte. Marlen? Sind ganz nett die Leute da im Archiv.Plötzlich. den hugenottischen Hintergrund des Autors zu erfragen. die so konzentriert rudernde Französin.« Jetzt erst mischte Fonty sich ein. Trumeau genannt. ironisierte launig das Immortellenmotiv.. und selbstverständlich habe sie ihren Berlinaufenthalt für einen Besuch in der Dortustraße genutzt: »Man ist dort wirklich sehr zuvorkommend und überhaupt nicht pedantisch.und Jungfernheide zum Friedhof und Grab der alten Frau Nimptsch. daß ich. Kontakt knüpfen«. « Da wurde er von Emmi unterbrochen: »Na. Lokalitäten und die Erzählhaltung insbesondere in »Irrungen. fragte Emmi die Ruderin nach der nicht abgeschlossenen Magisterarbeit.« . daß sie zusätzlich »Stine«. Madame Wuttke. bei uns in der Kollwitzstraße sieht's nich besser aus als bei denen in der Großgörschen. mit eingelegter Goldleiste passen mußte . wenn das losgeht mit dem Glockengebimmel. Die wissen ne Menge!« Und die Studentin im achten Semester sagte. den frühen Berlinroman »L'Adultera« und die späten »Poggenpuhls« in ihre Untersuchungen einbeziehe und überdies vorhabe. Mit dem Potsdamer Archiv korrespondiere sie bereits seit einiger Zeit. Und unser Spiegel hat Flecken sogar. rief: »In >L'Adultera< geht für Melanie und Rubehn immerhin alles gut aus!« Sagte: »Das war das jüdische.. Sie können gewiß sein. den damals eher armseligen Zoologischen Garten und mit verkehrstechnischen Bemerkungen zu Botho von Rienäckers Kutschenfahrt durch die Hasen.

ungern beim Namen genannt hat. denn anfangs sah das lustig aus und hatte in anderen Booten und auf der Liegewiese Gelächter und verstärkte Deutschlandrufe zur Folge. Im Gegensatz zu Großpapa. eine die anderen mitziehend über Bord. wenn nicht gerade wünschenswert. immer näher und im Fall zweier Boote. daß Monsieur X das alles gesehen. der voller Bedenken ist. den Zoo besucht. Oft waren riskante Manöver notwendig. Die familiäre Fracht war gut aufgehoben bei ihr.Madeleine überhörte den Themenwechsel. Man kam sich näher. anhand kolorierter Stiche von dazumal Vergleiche mit dem großstädtisch zugewachsenen Bezirk Wilmersdorf angestellt und natürlich in Kreuzberg die Großgörschenstraße gefunden habe. ihre Hilferufe vom Gegröle der geeinten Lustigkeit abzuheben.wie auch sonst alles Häßliche . Da alle mit sich selbst zu tun hatten. fiel das nicht auf. werde sie auf den Hängeboden als Behausung für das alte Dienstmädchen Friederike. so doch akzeptabel. Vorfreude auf die angesagte Einheit gab den Ton an. die sich. Die dritte hatte Mühe. Beim Rudern . daß auch Sie. aber . Ein großer Tag!« Vom Ufer aus sah das mühelos aus.« Und dann erst ging sie mit Blickwechsel auf Emmis Frage ein: »Zur deutschen Einheit kann ich nur sagen: Sie ist aus französischer Sicht als normales Ereignis. die Bierflasche am Hals.zwei Ruderschläge links. Ich hoffe. am späten Nachmittag. den Grazien gleich. Schon war sie für Sekunden unter Wasser. bin ich froh über die Vereinigung . daß sie vor einer Woche schon die gegenwärtige Hasenheide und deren Biergärten mit der Romanbeschreibung verglichen. wie leichthändig die zierliche Person den tiefliegenden Kahn bewegte.steuerte sie das Boot an anderen Booten vorbei. daß nur zwei der Frauen schwimmtüchtig waren. auch wir hatten das kommen sehen: Nach heftigem Zusammenprall wäre der eine kiellose Kunststoffkahn beinahe gekentert und fielen vom anderen drei waghalsig auf der Ruderbank stehende junge Frauen. Einander zuprostend war man sich einig. Madame Wuttke.und gar nicht außer Atem . Wir lachten. In einigen beängstigend überladenen Booten hatten junge Männer jetzt schon. Laute Eintracht wurde behauptet. bei viel Geschrei natürlich. sich glücklich schätzen.versicherte sie. Man mochte staunen. »Ich weiß. ein Ruderschlag rechts . denn mittlerweile herrschte auf dem Kunstsee im Tiergarten ziemlicher Betrieb. Kehlige Deutschlandrufe von Boot zu Boot. in denen heftig schaukelnd Seegang vorgetäuscht wurde. Mit ernstem Vergnügen und Geschick . umarmt hielten. Nicht nur Madeleine. Ein . zu nahe. somit auf die ausgesparte soziale Frage bei anderer Gelegenheit zurückkommen. Was die Poggenpuhlsche Wohnung betreffe. Dann wurde deutlich.

»Na.Unglück schien unbemerkt seinen Verlauf zu nehmen.denn inzwischen hatten auch wir ein Boot gemietet -. ihr den linken Riemen zum Festklammern ausgeschwenkt und die beinahe Ertrunkene nah an den anderen. wäre der Vorfreude auf das Einigvaterland ein Unglücksfall zur Last geworden. Wir nannten das »Emmis Gutmütigkeit«. wie alle miterlebt hatten. genähert hatten. maßlos über alles!« »Ist ja grad noch mal gutgegangen. das ließ sich Madame Wuttke gefallen. was Einheit heißt. Oder besser: wir verbuchten alles. überall auf den Straßen. die sich die Abwandlung ihres Vornamens mit kleinem Lächeln gefallen ließ. zum Beispiel am Quatorze Juillet. Niemand kümmerte sich um sie. Madeleine ruderte ihre Großeltern. sie müßten noch einmal die Bastille stürmen. Fast sah es so aus. als wollten sie sich die Beute teilen. vier nicht mehr ganz nüchterne. sagte: »Ich fand das lustig. denn wir waren weg. feiern sie aber. ruderte die zierliche und doch. Die beiden anderen Frauen waren ans Ufer geschwommen. wurde die Rettungstat beklatscht. so aber konnten sich die männlichen Bootsinsassen um die gerettete junge Frau wie um ein Geschenk kümmern.« »Sag ich ja: Aufpassen muß man!« Und Madeleine.« Schon war das knapp verhütete Unglück dem See nicht mehr anzusehen. Überall gab es noch Bierflaschen. doch immerhin zupackende junge Männer. Wuttke!« Er kollerte vor sich hin: »Lauter verhinderte Reserveleutnants! Maßlos. Von der Seemitte gesehen . wenn alle übermütig sind und glauben. Auf allen Booten. fast gekenterten Kahn geschleppt. Und hätte nicht Madeleine Aubron mit einigen Ruderschlägen die Nichtschwimmerin erreicht. Nein. Doch Fonty fand kein Vergnügen: »Müssen immer kolossal übertreiben! Haben keine Ahnung. vom Unglück angezogen. nicht wahr? Auch in Frankreich. so daß dessen Besatzung. Kann doch überall passieren. Die Ertrinkende blieb allein mit ihrem nun schon tonlosen Geschrei. denn immer häufiger sagte sie grand-père und grand-mère. die sich. So sah es aus. weil unsre Marlen aufgepaßt hat. auf dem Konto ihrer geräumigen Gemütsverfassung. . weit weg. die gänzlich um ihre Frisur gebrachte Blondine an Bord ziehen konnte. zupackende Person das Ehepaar Wuttke in Ufernähe. Man überschrie sich wieder aus Vorfreude. O ja! Nicht nur in Paris. als stünde der Sedanstag im Kalender!« Emmi beschwichtigte: »Sind doch junge Leute. was sie seit Jahren hinnahm. Tun grad so.

zierliche Frau von schwarzem Haar. Und schon war abermals Fontys »Einundalles«. Zum Beispiel ging es um Hektor auf Schloß Hohen-Vietz in >Vor dem Sturm<. mit Augen wie Kohlen. »Meine Mutter hingegen war ein Kind der südlichen Cevennen.« Zu dritt in einem Boot. daß man zu Opa und Oma Sie sagt. Aber die blieb dabei: immer per Sie. ein Neufundländer. sagte Emmi. grand-père. Bißchen altmodisch. die nach Brandenburg-Preußen ausgewandert waren. generell über Einwanderer. auf jene. energisch . Marlen und ich wissen nun.. Es ist ihm doch noch tiefer gegangen als uns . was alles beim Rudern und so passieren kann. der auf doppelt hugenottische Abstammung zurückweisende Unsterbliche. als man weiß«. wenn sie spazierengingen. doch als sich das Geplauder verfänglich den Flüssen Saône und Rhône. »Anfang zweiundsechzig. In einer Seminararbeit habe ich die Rolle besonders dieser Hunde in den Romanen unseres Autors behandelt. konnt sie die kriegen von mir aus. über Türken in Berlin und Algerier in Paris. dann der seenreichen Region la Dombes näherte und Gefahr bestand. als unsre Jungs alle im Westen geblieben sind und wir .wenn Marlen unbedingt auf ne neue Oma scharf war.. gleich nachem Mauerbau.. Als auf dem nahen Uferweg ein stattlicher Herr mit großem Hund an der Leine vorbeischritt. Und um Boncccur in >Cécile<.. < Und über Sultan. hab ich ausführlich geschrieben: wie er Botho und Lene. So kamen sie auf die Hugenotten. »Monsieur X«. eine schlanke. Mein Wuttke und ich haben die Kleine natürlich geduzt. den Kettenhund. was? Aber das is so in Frankreich. sagte Madeleine: »Schauen Sie nur. « Madeleine hatte dieses Zitat parat. Wuttke. weil Fonty schon wieder alle Zusammenhänge kurzzufassen begann. der alle Marschälle Napoleons beim Namen zu nennen wußte. « »Son Hund kapiert mehr. daß allzu schlüssig von einer Bootspartie zur anderen Ruderpartie hätte gewechselt werden können. immer nachgeschaut hat. im Boot und erzählte von der Gascogne und seinem schwadronierenden Vater . auf jene.»Ein Causeur alter Schule« -. Und natürlich um Rollo und la pauvre Effi bis zum Schluß... kam anderes ins Bild. legale und illegale. Beim Rudern geplaudert: jetzt Unverfängliches über das anhaltend schöne Wetter. der allerdings kein Neufundländer war. die sich noch lange in den Cevennen verstecken mußten. wenn Frau von Briest sagt: >Rollo liegt wieder vor dem Stein.« Wie gerufen. als wüßte er über das Leben Bescheid . sagte Emmi: »Is ja gut.

doch auf dem Steg stand jemand. Mein Wuttke hat ihn.. Gassegehn. obgleich ihm Unauffälligkeit als Tugend galt.. Besonders unser Georg . zu jubeln. wie's inner Bibel steht. Paarmal um den Kollwitzplatz rum. Und so geeinigt und immerfort plaudernd legten sie schließlich am Steg für den Bootsverleih an. sagte Hoftaller: »Wir haben ne Menge Zeit. mein Trabi wartet am Landwehrkanal. warum.Schorsch haben sie den gerufen überall .. der nicht zu vermeiden war. sogar Emmi. gehörte gleichfalls zu seinen Tugenden. Aber ein schlaues Kerlchen.mit Martha allein waren. das die drei im anlandenden Kahn boten. Seine nicht zu erschöpfende Geduld... wenn man zurückdenkt . Wird womöglich kühl werden vorm Reichstag. Er stand wie bestellt und freute sich über das Bild. seinen auf Theo Wuttke ausgestellten Personalausweis. der aber mußte sich in Jena evaluieren lassen. Auch das gelang der Enkeltochter mühelos und wie mit angeborenem Geschick.. Son richtiger Stadthund. Und wenn er nich grad auf Kulturbundreise war. War ein Dackel.. um mitzufeiern. Er stand mit Zigarre im Gesicht und zog zur Begrüßung seine amerikanische Baseballkappe. was wir durchgemacht haben alles . Wir hätten hier gerne der familiären Ruderpartie ein Ende gesetzt. auf den Weg macht. Daß er immer rechtzeitig da war. Darf ich bitten. wie der Berliner sagt. ein aus verschiedenen Kartenspielen gemischtes Quartett. Martha war überhaupt nich für Hunde. « Fonty gab dann noch einiges über den Kreuzzeitungsmann zum besten. Schlimme Zeit. Können noch paar warme Sachen holen. Aber wir finden bestimmt ein Plätzchen. bis er nich mehr gewollt und dreimal gebellt hat.. bloß um dabeizusein oder ..« 23 Freude! Freude! Bevor sich unser Vierklee. immer >Hesekiel< gerufen. Wird ne große Schau abgezogen. Aber auf >Fiffi< hat er besser gehört. sagt man bei uns dazu. Haben Fiffi dann einschläfern lassen. Uns war er beizeiten aufgefallen. haben wir uns och einen angeschafft. Überhaupt. Aber die Jungs hätten bestimmt . sechsundsiebzig war das . sondern >He-se-ki-el<.. Alle lachten über den gar nicht so üblen Erzreaktionär aus Tunnelzeiten. wäre doch Professor Freundlich am Steg gewesen. hat er ihn spät abends noch runtergenommen. Wir wohnen nämlich drei Treppen hoch. Während Fonty für zwei volle Stunden Bootsfahrt zahlte und das Pfand. auf dessen biblisch betonten Namen der Dackel nicht hören wollte: Anekdoten am laufenden Band. Und zwar nich. Ach. weiß nich. Da strömen die Massen schon. wieder in Händen hielt.

Sie fragte nach dem Einfluß von Turgenjew und Bürger. kam Madeleine ohne ihren Großvater ins Archiv. Nicht verschwiegen soll werden. jener elitären Institution. vom ersten Besuch an. damit bei dem raschen Ortswechsel . Madeleine hat ein wenig Esprit in unsere trotz aller internationalen Korrespondenz noch immer realsozialistisch verengte . die Dichtergesellschaften Tunnel und Rütli. weniger nach dem der erklärten Vorbilder Scott und Thackeray.anfangs zu Fuß.das sei zugegeben . Anfangs fragte sie nach den frühen. England blieb ausgespart. Lenau-. Noch vor der familiären Ruderpartie hat uns Fonty mit seiner Enkeltochter besucht. müssen wir einiges nachtragen. aber auch ihr von Logik bestimmtes Urteil. so der Fall William Glover und die geschmierte Zeitung »Morning Chronicle«: wohl aber waren ihr Freundschaften mit Wolfsohn. ihre in heutiger Zeit ein wenig altmodisch anmutende Wissenschaftlichkeit. Wir . an der Paul Celan bis in die sechziger Jahre hinein Professor gewesen ist. das Archiv verzaubert hat. wollte sie mehr wissen. wie sie uns vor dem historischen Datum allein und studienhalber aufgesucht hatte. Man könnte sagen. nein. desgleichen Gottfried Kellers Spott auf die preußischen Manieren der im Tunnel über der Spree versammelten Verseschmiede.und Bauern-Macht. ferner um Theodor Storm und dessen Potsdamer Zeit. also um den Platen-. aus der Pariser Ecole Normale Supérieure hervorgegangen war.lustlos in der Menge zu schwimmen. doch studierte sie immerhin an der Sorbonne und befand sich mitten in ihrer Magisterarbeit. Das Blatt soll neu gemischt werden . eher vom plötzlich mitredenden Gefühl gemildert wurde. Heyse wichtig. Und schon bald nach dem Anschluß. Man könnte sagen. später konzentrierten sich ihre schriftlich. Diese Kontakte entsprachen dem seit gut zwei Jahren geführten Briefwechsel mit der Studentin. Deutschlands Einheit ein wenig zu verzögern. auch waren ihr halbwegs oder gänzlich vergessene Literaten wie Alexis. der Beitritt genannt wurde. Über Preußens Adel. geschrieben noch während der Endphase der Arbeiter.nichts liegenbleibt. ging es nach dem Fall der Mauer einzig um den Unsterblichen und dessen literarisches Umfeld.bewunderten ihren Ernst. daß ihr Charme. wie wir inzwischen wissen.oder simpel gesagt: Es gefällt uns. Madeleine Aubron gehörte zu unserem festen Kundenstamm: Wie in den Briefen. verschollenen Gedichten der Dresdner Zeit. wie wir vermutet hatten. Herwegh-Club. Lepel. später im Trabi . Marwitz voran. der die sogenannten Berlinromane Futter genug gaben. sogar Wildenbruch von Interesse. als bei uns zu finden ist. dessen Schärfe manchmal von gefühligen Einsprüchen. dann mündlich gestellten Fragen auf die Magisterarbeit. Scherenberg. die zwar nicht.

heftig verlangte Fonty später. wenn Ordnung so kurzgebunden zu bestimmen ist. als sie plötzlich an dessen Arm das Archiv besuchte. der mit herausgepflücktem Zitat. wenngleich ironisch überspielter Stolz. dessen Zusammenhang selbst wir nicht sogleich erkannten. Sie trug ihr vom Gürtel gerafftes Kleid aus schlicht zugeschnittener Rohseide wie eine elegante Kutte. lächelte Madeleine Aubron bei ernst bleibendem Blick und sagte: »Mein Großpapa neigt dazu.. Rief Fonty: »Palme paßt immer!«. kam etwas vom Geist des Unsterblichen über uns. daß Sie bereits gekostet haben. meine Damen und Herren! Madeleine ist nicht nur klug und belesen. schweigt der Wunsch . als er die uns bekannte Studentin »meine mir spät geschenkte Enkeltochter« nannte und hinzufügte: »Aber Vorsicht. das bis dahin eher lustige Spiel auf die Gegenwart brachte: »Aber die Deutschen . je mehr fehlt einem« und der Spruch des englischen Kutschers der Barbys ein: »Widow ist mehr als virgin. Wette. wohl aber die Gräfin Melusine aus ihr.« Eine Kollegin wußte: »Moral ist gut.Bude gebracht. bei dem wir vom Archiv nicht zurückstehen wollten. wie immer. alles auf den Punkt zu bringen.zerfallen immer gleich wieder in zwei Teile. Schließlich war es Fonty. nach der ihm fehlenden »zartbittren Person« -.« Als sie uns mit diesem haftenden Etikett vorgestellt wurde . Aus Fonty sprach unverkennbarer.um Ihnen Geschmack zu machen . von den Töchtern des Grafen Barby sprach weniger die Komtesse Armgard.« Sie lieferte noch weitere Zitate ab und wetteiferte dabei mit ihrem Großvater. Uns fielen >Je mehr man mitnimmt. und gleichfalls hörte sie sich wie die bürgerlich aufsässige Corinna an. Sobald sie eintrat. sie ist auch von widerborstigem Reiz oder . Erbschaft ist besser!« Ich steuerte die bekannte Altersweisheit bei: »Schweigt das Leben. Das war an einem der letzten Septembertage. etwa wie Botho von Rienäcker die sein Standesbewußtsein verwirrenden Gefühle auf den Punkt brachte: >Ordnung ist Ehe!< Voilà.wenn sich irgendwas auftut . « Und der Archivleiter hatte mit »Kalbsbrust ist immer Knorpel« die meisten Lacher auf seiner Seite. will ich gerne Ihre zartbittre Person sein. als seine Enkeltochter längst abgereist war. hatte Madeleine »Alle Klosteruhren gehen nach« parat. Sie redete wie gedruckt und war fast so zitatsicher wie unser Freund Fonty. Ein eingefuchstes Spiel. mit einem Blumengebinde zur Stelle: knospende und zart aufgehende Dahlien..« .wie zartbittre Schokolade. deshalb waren wir nicht besonders erstaunt. Er war.

Und schon waren wir beim Thema. Eine unserer Damen war des Polnischen mächtig und bot ein Gedicht von Tadeusz Rózewicz. die nicht nur dem Westen paßt. Nach schnell überwundener Hemmung wagten wir den Versuch. Schließlich gelang es. den er als bloße Chimäre abtat. als so flüssig über uns weggeredet wurde. Das hörte sich nicht wie »kümmerliches Etappenfranzösisch« an.aufbewahrt und deklamierte ein kurzes Poem des großen Vorsitzenden Mao. Es ging um das größer werdende Vaterland. Aus französischer Sicht waren Einheit und Nation feststehende Tatsachen. Nun steuerte jeder. Bald lachten alle. Wir staunten. ich Majakowski aus dem Stegreif bei. sich aber bald als unpraktisch und sperrig erweisen sollte: Wohin damit? Was fangen wir mit uns an? Wie lebt man mit soviel Größe? Nicht. der eine Turgenjew. Fonty war als erklärter Feind des »ledernen Borussentums« dennoch Preuße genug. Einer verstand es. daß allgemein Streit ausbrach. sondern eine starke Tatsache« -. nun wieder auf deutsch. also um jenes hübsche Geschenk. Allenfalls konnten wir in einer Sprache gegenhalten. den Streit um Einheit und Nation vielsprachig zu begraben.sie sagte »Mandarin« . und Fonty überraschte uns mit welschem Zungenschlag. . wir schwiegen dazu. »Und damit basta!« rief Madeleine. gab er »Hoch lebe Brandenburg!« zurück. die andere Kollegin hatte aus abgebrochenem Studium sogar ein wenig Chinesisch . am Ende auch Großvater und Enkeltochter. das uns gemacht worden war. um jegliche Einheit kleinteilig aufzulösen und dem Begriff Nation. Und wir. Heiß ging es her. aber bald war kein Mitreden mehr. Der Archivleiter behalf sich mit Latein: Ovid oder Horaz. er den Franzosen selbstgerechten Chauvinismus vor.und Bauern-Staat für alle Schüler obligat gewesen war: mit unserem verordneten Russisch. der andere Tschechow. dessen Schönheit wir nicht verleugnen wollen. auswendig Puschkin nach Originaltext zu zitieren. Was hätte uns Neues einfallen können? Gewiß wären des Unsterblichen Widersprüche mit Zitaten zu belegen gewesen .»Deutschland ist nicht bloß mehr ein Begriff. die im Arbeiter.« Sie warf den Deutschen selbstquälerische Verrücktheit. doch wurde der Gegensatz zwischen Großvater und Enkeltochter deutlich. Rief sie: »Vive la France!«. denen der Anschluß bevorstand. mehr bitter als zart. eine ordentliche und möglichst von der Vernunft bestimmte Verfassung vorzuziehen: »Zweifelsohne fehlt uns eine Konstitution. Madeleine Aubron griff im Eifer des nationalen Streits auf ihre Muttersprache zurück.

Selbstverständlich gab es Kaffee und Kekse dazu. daß Fonty als Theo Wuttke seinen kriegsbedingten Aufenthalt in Frankreich privat zu nutzen verstanden hatte. wie der Unsterbliche. so lautete die Anordnung der Zensur. sei mit der Verhaftung »einer gewissen Anzahl von Personen in ähnlicher Lebensstellung in verschiedenen Städten Frankreichs« zu rechnen gewesen. daß Bismarcks Brief an den US-Gesandten in Frankreich. wie alle an seine Frau gerichteten Briefe. daß der Schriftsteller Moritz Lazarus. von entscheidender Bedeutung gewesen sei: Der Gesandte habe sogleich zu dem französischen Außenminister Jules Favre Kontakt aufgenommen. mit Unterschrift vorlag.Sie blieben und blieben.wurde ein Fall aktualisiert. die Liebe zu Madeleine Blondin wird ihm behilflich gewesen sein. da er im Lebenslauf des Unsterblichen so ganz und gar aufgegangen war. Hinzu kam. der Kardinal-Erzbischof von Besancon habe. teilte er dessen Mühe beim Aufsetzen von Petitionen. behauptete die Studentin Aubron. hilfreich agiert. Als es gegen Ende des Besuchs nur noch um die Aufhebung der Internierung ging. dank Vermittlung der katholischen Familie von Wangenheim. um uns Fontys Sprachkenntnisse nicht nur aus seiner Soldatenzeit im besetzten Frankreich zu erklären. mit dem französischen Kriegsminister Crémieux Verbindung aufgenommen und so den günstigen Verlauf der Gefangenschaft befördert habe. Während Fonty sicher war. nichts >contre La France< zu sagen oder drucken zu lassen. Crémieux sei Vorsitzender der »Alliance Israéite Universelle« gewesen. auf französisch geschrieben werden mußten. Genügend Zeit hatten wir. der. die während der Gefangenschaft auf der Insel Oléron.dem Publikum . Uns . Wir griffen in den Disput ein und gaben zu bedenken. während Lazarus Präsident der Israelitischen Synode war. Seine Enkeltochter wagte den Ausruf: »Absurde!« und spielte mit des Unsterblichen Lieblingswort »ridikül!«. Die Drohung des Kanzlerbriefes habe Wirkung gezeigt. der als »preußischer Untertan und wohlbekannter Geschichtsschreiber« vorgestellt wurde. brach darüber abermals Streit aus.« Hingegen vertrat der Archivleiter die Meinung: »Erst nachdem die Verpflichtung. Großvater und Enkeltochter disputierten wie Advokaten.« . den Dichtervereinigungen Tunnel und Rütli angehörte. Mister Washburne. zu dem wir hinlänglich mit Fußnoten beigesteuert hatten. hat die Entlassung am 24. November 1870 stattfinden dürfen. Madeleine rief: »Unser Monsieur X wurde von Bismarck befreit!« Fonty wollte das nicht hinnehmen. Ich verstieg mich zu der Behauptung: »In Preußen und Frankreich haben einzig die Juden mit Tatkraft zugunsten des Unsterblichen interveniert. Bei Nichtfreilassung des »harmlosen Gelehrten«.

daß Monsieur Wuttke zu der ehrenhaften Dekoration eher grundsätzlich . weil Du die Franzosen in Deinen Schicksalen so sehr herausstreichst . Entweder war es die Katholische Partei oder die Judenpartei oder die Regierungspartei .Diese mehr ergänzende als widersprechende Auskunft konnte den Streit zwischen Enkeltochter und Großvater nicht beenden. der im Krieg gegen Frankreich mit seinem Regiment bei St. « Im übrigen ist die kleine Schrift »Kriegsgefangen« ein Beleg dafür. in dieser Sache der Studentin recht zu geben.. und auch im Namen aller unserer Herren einen kleinen Vorwurf machen. « Die Studentin Aubron bedauerte diesen familiären Zwist. hat sie sehr herzlich gelacht und gesagt: >Das hab ich mir gleich gedacht. man war wieder frei!« rief. Selbst sein Sohn George. daß es Fonty unmöglich gewesen wäre. Dann wandte er sich an uns: »Bitte mir unbedingt zustimmen zu wollen: So ist sie nun mal. Scharf ging es hin und her.. doch von bitterer Strenge. Mit Madame habe ich mich blendend verstanden.« Wir neigten dazu.<« War Emmi Wuttke soviel Verständnis zuzutrauen? Lag alles. eine großherzige Frau. Wir waren uns. auf vergnügliche Weise einig. denn nicht als Held. wer mich befreit hat. unsere Madeleine. zart von Gestalt. wohl aber als nützlich habe er sich bewiesen. die Meinung. Doch als sie kurz nach Vollzug der Einheit das Archiv allein besuchte. oder übte sie aus lebenslanger Gewohnheit Nachsicht mit ihrem . im Prinzip -gekommen sei. Mit Madeleine einigten wir uns dahin: »Monsieur X hat sich in eigener Sache betont lässig geäußert: >Ist doch gleich. unter zentnerschwerer Gutmütigkeit begraben? War sie wirklich so ahnungslos. bis Fonty einlenkte und »Hauptsache.. Aber sieht hübsch aus. Großpapa betreffend. als Befreier zu bestätigen. lieber Vater. doch als wir sie nicht direkt. ausgerechnet Bismarck. das inzwischen erschienene Büchlein zu tolerieren: »Ich muß Dir. Nachdem die Einheit Deutschlands ausgerufen worden war. den er bei jeder Gelegenheit einen »schrecklichen Heulhuber« nannte. Als ich zu verstehen gab. war in einem Feldpostbrief nicht bereit. Wirklich. nach Überprüfung aller uns vorliegenden Dokumente. sagte sie: »Unsere tour en famille verlief recht harmonisch. konnte kaum mehr auf Toleranz gehofft werden. eher zurückhaltend nach der Bootspartie mit ihrem Großvater und dessen Frau befragten.. vertraten wir. Das gefiel in Preußen ganz und gar nicht. was für sie schmerzlich war. das Bändchen. Denis stand. daß der Unsterbliche Wort gehalten und die Erinnerungen an seinen Zwangsaufenthalt ohne nationale Ausfälle gegen »La France« niedergeschrieben hat.oder wie man hier sagt.

weil der nich an die Einheit hat glauben gewollt und immer mit siebzig-einundsiebzig gekommen ist. Und zwar auffen Punkt genau. War Mich abzuschütteln. doch kein bißchen kokett. Und immer weiß er schon alles. Müssen mal ihre Briefe lesen: als wenn Schwerin am Nordpol liegt. als sie uns zwei Alte so sitzen sah. als das dann losging mit dem Theater vorm Reichstag. die Kommißköppe und Herrn Leutnants mit dem Gesocks. als das neue Geld kam . Und daß ganz Deutschland endlich lernen muß. Richtig in Rage is sie gekommen. daß sie früher als Fonty gewußt hat. Und denn nochmal. Dabei immer gutgelaunt und spritzig. es ist mir ein wenig peinlich. Immer nur Gejammer. hundert Prozent richtig!< gesagt hat? Na. die immer nur rummäkelt. >Ohne ein starkes Deutschland schläft Frankreich ein!< hat sie gerufen..Wuttke? Kann es sein. die hat ihm mit ihrem Mundwerk klippklar erklärt. Denn längst bevor mein Wuttke krank wurde. Wenn ich an unsre Martha denk. Wie die gerudert hat und uns angeguckt mit ihren Kulleraugen. Marlen mein ich. als sie meinem Wuttke Kontra gegeben hat. Weiter ging's dann zu Fuß. mein Wuttke natürlich nich. Immer kommen bei ihm zuerst die großkotzigen Treibels. wer >richtig. der für uns so fix die Einheit aufgeschrieben hat. mit Putzfrau. is die Kleine richtig erfrischend. die Raffkes von damals und die Raffkes von heute. Muß alles vergleichen. ich denk mal: Marlen hat eher gegrübelt. Nee. aber wir haben . hat er mir paar Andeutungen gemacht von wegen Auslandsreise mit Schiff nach Schottland hoch. Sie wissen ja. sondern aufs Große gucken soll. in Frankreich sowieso. ne richtige Nation zu werden. wie er die nennt. Genau! Dieser Stoppelkopp. So is mein Wuttke nun mal. Terrasse und Seeblick. doch dann hat er schon diesen Schlauberger Krause am Wickel. na. hat er gesagt. Aber wenn es drauf ankam. paar krumme Dinger. damit mein Wuttke nich hat weghören gekonnt. wie Martha den nennt. weil das och schiefging. Und dieser Stoppelkopp immer mit. weil das zum Leben gehört. Kamen bis inne Glinkastraße. daß sowas normal is. Gerufen hat sie. als wir von Hiddensee zurück . daß man nich immer nur aufs Kleine. was Frankreich an Überraschung zu bieten hatte? Auf Befragen sagte sie: »So niedlich hatt ich mir die Kleine nich vorgestellt. schmiert sich an und flötet: >Liebe Frau Wuttke. Und wissen Sie. konnt sie biestig werden. das jetzt oben is. diese Waffenschieber und Spesenritter. Aber die Kleine. Na. Dabei hat ihr dieser Grundmann ne richtige Villa geschenkt. damit wir uns Mäntel und ne Strickjacke für unsre Marlen haben holen gekonnt. Kommt einfach.. Der hat uns ja vom Rudern abgeholt und nach Haus gebracht. was man sagt über Französinnen. wie das war im Sommer.. Also gegen Martha.. und zwar laut. Und denn sind wir alle in seinen Trabi rein und ab Richtung Reichstag. wie launisch die sein kann und wie rechthaberisch.

< Angeblich hat dieser Stoppelkopp nen dienstlichen Wink von drüben gekriegt. Laß ihn mal reden. als ich bei uns auffem Kiez die Schönhauser runter auf Einkauf war. wenn se nur im Westen gesucht hat. wenn die Kleine schon so lange nach ihrem Großvater sucht. hab ich gedacht. als nur das mit dem Kind rauskam. is das och kein Beinbruch. Wie der aussah! Wien Amerikaner auf Urlaub.. Wird Sie interessieren. Sie ist nämlich da. als hier noch die Mauer stand und alle dachten. mal auf diesem See. über Hugenottenkriege und so. daß es sich um eine Auszeichnung. daß meinem Wuttke aus Frankreich was anhängt.. aussem Nähkästchen zu plaudern.< Is auch ne Zeitlang still gewesen. Und bei Marthas Hochzeit war er och . wenn ich Ihnen anvertraue. Frau Wuttke. kennen wir doch.. sein Enkelkind nur. damals schon. nich seine Tochter. sondern ne richtige Fischwirtschaft . Na. >Na und?< hab ich zu ihm gesagt.< . etwa finanzielle. Partisanenerschießung womöglich. Will unbedingt ihren Großvater sprechen. Ist eindeutig als Enkelkind ausgewiesen.< Die meisten Artikel hab ich ja abgetippt. als er mich auffem Einkaufsbummel im KaDeWe unbedingt hat begleiten gewollt. Aber nen Schreck hab ich schon gekriegt und erst mal auf was Schlimmes getippt.< Und dann hat er noch gesagt: >Ist übrigens ne intelligente Person. < Daß was im Busch is.. Na und? hab ich zu ihm gesagt. hab ich zu ihm gesagt... mal auf nein anderen. Und er hat gesagt: >Wir durften ein wenig behilflich werden . bis er dann neulich. weiß ich selber. Da passiert viel. War richtig erleichtert dann. rein gar nix an. er soll bloß Leine ziehn. Und fing an. wenn da kein Wuttke aufzutreiben war. Das müssen gerade Sie mir nich sagen. und Ansprüche.. Und außerdem hab ich gesagt: >Geht Sie nen feuchten Kehricht... Hat auch was mitgebracht für ihn. die bestimmte Person. is ja kein Wunder. Wird bestimmt was Politisches sein. aber der blieb und grinste wien Honigkuchenpferd. weil das privat is. daß Ihr Mann . Im Krieg is viel passiert. die steht ewig.neuerdings Informationen. stellt sie keine. Aber inner Feldpost. Und daß in dem einen Artikel irgendwas von Ruderpartien zu lesen gestanden hat. Und neulich auf Hiddensee. Verrate wohl kein Geheimnis. da stand noch mehr. Und daß wir vierundvierzig schon längst verlobt waren. als ich mir meinen Fuß verknackst hab . hat er geflüstert und es richtig spannend gemacht. >Kenn ich alles. Und wenn da wer angereist kommt. als wir endlich aus der Lebensmittelabteilung raus waren und er mich in die Cafeteria eingeladen hat. Und daß man in der Gegend da nich nur Froschschenkel produziert. die ollen Kamellen: was mit meinem Wuttke in Lyon los war. gewissermaßen um einen Orden handelt. Na.. Na und? War ja Krieg. Und was in seinen Artikeln für die Reichsluftfahrt drinstand. mich wieder mal angequasselt hat: >Momentchen nur. Erst hab ich gesagt.

Bin aber dann doch neugierig auf die Kleine gewesen. Mir hat das gar nich gepaßt und unsrer Marlen überhaupt nich. als es um den Orden und später nur noch um ne möglichst diskrete Übergabe ging. Aber immer hatten wir diesen Stoppelkopp bei. >verstehen Sie bitte. Café Kranzler und lauter piekfeine Restaurants und Konditoreien. Habe deshalb sogar ne Reise ins nichtsozialistische Ausland bewilligt bekommen. als ich ihm ne Ruderpartie zu dritt vorgeschlagen hab. von mir aus gerne< gesagt.. Aber der war Mich wegzukriegen. hat sie ganz süß zu ihm gesagt. sauber. kam heraus: »Ist doch klar. daß wir diese historische Nacht ganz familiär unter uns verbringen wollen und auf Ihre Hilfe diesmal nicht angewiesen sind . Zu mir hat sie Großmama gesagt. Hatte paar Schrippen mit. weil mein Wuttke nich gleich in den Massentrubel rein. daß man mit seinen Schützlingen sein will. Mein Gottchen. der unter Pétain die Polizei gemacht hat.. hab ich gedacht. unsre Marlen. na. wenn Deutschlands Einheit gefeiert wird. doch unterschwellig ging es auch um den damaligen Chef der Miliz Paul Touvier und um nen gewissen Bousquet. Mein Wuttke war natürlich erleichtert. mich aber trotzdem gesiezt. was hier früher gewesen is. na für das Treffen Großvater-Enkelkind. Is aber. Kannte Lyon zwar von früher. Lief unter >Familienzusammenführung< und war große Mode damals. Jedenfalls haben wir hinterher. « Als wir später Fontys Tagundnachtschatten fragten. weil er meine Einwilligung gewollt hat. sondern erst die Linden rauf und runter uns alles erklären gewollt hat. Sind da noch immer ziemlich . Lief gerade der Barbie-Prozeß. mit Aufschnitt zwischen. als ich ankam. wie unser Freund sagen würde. Wurden ihn einfach nich los. Reiche Stadt. >will da nich stören<. als wir schon von zu Haus was Warmes zum Überziehn geholt hatten. Und hat mit ihre schwarzen Kulleraugen geguckt . Und zu ihm hab ich >Bitte. superhöflich sogar: >Liebe. Einfach goldig. >Rudern ist immer gut!< hat er gerufen und dann noch: >Da muß man nicht viel reden dabei.... kein bißchen ähnlich mit meinem Wuttke.< War denn auch richtig schön der Nachmittag auffem Wasser. der wird ja noch richtig menschlich. hat sich aber seitdem >kolossal rausgeputzt<. < Da waren wir schon nah am Reichstag dran. noch nen Bummel mit zwischendurch Kaffeetrinken gemacht. find ich.Kam mir höflich. der auch ne Menge von früher gewußt hat. >Müßjö Offtaler<. Und wie die Kleine zugelangt und gefuttert hat. gut in Schuß alles. Wurd gleich wieder übermütig.. verehrte Frau Wuttke< und so. Viel Presserummel um nen alten Mann. dieser Schleimer. >Ich gehör auch zur Familie!< hat er gesagt und gegrinst dabei . Außerdem sind die Dienste behilflich gewesen. als sie ihn hat abschieben gewollt.

Schließlich wollten wir was von ihnen... haben wir gesagt. ne Kleinigkeit nur. daß seine vom Tonband gesendeten Lesungen subversiv genug waren und auf einige im Raum Lyon in Bereitschaft stehende deutsche Einheiten destabilisierend gewirkt haben. Der unter dem Kennwort Tontaine< längst abgelegte Vorgang verlangte nach Neubeurteilung.. Hauptsache ist. Im Grunde ging's um ne Formsache nur.empfindlich. Schlug jedesmal ein wie ne Bombe. besonders nach Beginn der Invasion. erwiesenermaßen. Wollte nach Haus. Im Ruderboot . Wir hätten das gerne als nen öffentlichen Akt gesehen. und die Urkunde. zuviel Öffentlichkeit . nein. Der eigentliche Ort des Geschehens. wie gefährlich Wörter sein können. die Wehrkraft zersetzende Stimme des Vortragenden. So ist es leider zu spät zur Ehrung gekommen. selbst die Genossen waren ne Spur verlegen. Auf die hört er ja. Mademoiselle Aubron war verärgert und hat sich. na ja . als die Geschichte endlich losging und das Einigvaterland vorm Reichstag abgefeiert wurde.. Was heißt hier Beweisnot! Als Archivare müßten Sie wissen. Wissen Sie wirklich nicht. die Franzosen. ziemlich trotzkistisch geäußert.. Hat sich aber auch so über den Orden gefreut . welche Macht von Wörtern ausgeht. der Reichstag und die Tribüne vor . Wollte das Glockenläuten nicht abwarten. Die Zahl der Fahnenflüchtigen im Bereich Lyon war Beweis genug.. als wir den Fall Jean Moulin auch nur antippten. nämlich bei der Vierzigjahrfeier unserer Republik.. wenn er auf Sendung ging. War uns völlig unverständlich. Konnte man eindeutig bejahen: Wehrkraftzersetzung hieß das. sind? Überhaupt Literatur.. weil überall die Massen gestaut standen. Ehrentribüne! Großer Bahnhof! Die führenden Genossen! Denn die private Übergabe ist eigentlich ne Formlosigkeit gewesen. Aber nicht doch! Gibt keinen Grund zu bestreiten.. besonders eifrig Fräulein Aubron.« Sie kamen nicht weit. Warum? Mich erstaunt Ihre Frage. Mag er ja nicht.. Schließlich wurde auf ihren Antrag hin Amtshilfe geleistet. Manchmal ein halber Satz nur. Die Veteranenvereine sind in dieser Frage ziemlich pingelig gewesen. Dennoch hatten die französischen Genossen Einwände über Einwände. Einfach unmöglich .. nur knapp bis vors Tor... daß mir Fräulein Aubron bereits seit meinem Lyon-Besuch bekannt ist. Hinzu kam die Wirkung suggestiv gesprochener Wörter und die sich einschmeichelnde und so.. ob der damalige Obergefreite Theo Wuttke wissentlich oder ahnungslos die Résistance unterstützt hat.. Aber wir haben ihm zugeredet. War wohl deshalb so brummig.. daß auf französischer Seite so lange gezögert wurde.. Massenaufläufe .. was nicht gerade hilfreich war. Gewisse Bücher. Haben deshalb nicht tiefer gebohrt.

Einig und dankbar. Und doch ist richtig. zwar verweht und in Fetzen. all das kam durch Lautsprecher rüber.. denn was vor der breitgelagerten Kulisse ablief.. wollte er weg.. Mit tiefer Genugtuung .. Deutschland als zur Einheit unfähig ansehen. Dennoch blieben sie bis zum Glockengeläut. Die einen mit Pathos. Fonty stützte sich auf den Stock und litt nur noch gedämpft.. die Auftritte der Redner. aber bei einfachem Inhalt verständlich.. wenn auch am Rande nur. « . Was fragmentarisch von den Festreden anfiel. die Zwischenmusik. wo sie nun eingekeilt. Wollen wir einig in dieser Stunde .. Ohnehin ließ die platzweite Beschallung keine intimen Gespräche zu. jedenfalls übertrug sich weihevoll Stimmung. doch andererseits ihren grand-père sehr herzlich darum bittet..seiner Fassade.. gelegentlich spottlustige Trotzkistin. In dieser historischen Stunde . Also wollen wir. nur noch weg oder.. der Jubel der Menge.. auf der die Festredner schon begannen. die historische Mitternachtsstunde mit dick oder subtil auftragenden Sätzen zu vergolden. Großpapa. weil auf Wiederholung bedacht.. der zur Familie gehören wollte. die anderen ein wenig spöttisch. im Hintergrund zu bleiben. Nicht wahr? Wir wollen uns freuen und unserer Freude Ausdruck geben.. Aber vor allem aus dankbarer Freude .« Also blieben sie. standen.. Großmama und mir nicht die Freude der heutigen Nacht zu verderben. ein wenig Rücksicht auf grand-mère zu nehmen. Aus tiefempfundener .. steht La France über allem. Hoftaller. wie er sagte: »Schnell raus aus dem kolossalen Rummel!« Aber Emmi bestand darauf zu bleiben. den Reiz zauberischer Beschwörung: » . war bemüht. sogar ein wenig auf mich. als müßten sie dem Général de Gaulle nachsprechen. konnte nur erahnt werden. Was zusammengehört .. was Hoftaller uns gesagt hat: Fonty wollte von Anfang an nicht dorthin. Sie mögen. und eine gewisse Feierlichkeit gab so etwas wie ein Wir-Gefühl her. Das gilt selbstverständlich auch für mich. aus welchen Gründen auch immer. Aus tief empfundener Dankbarkeit .. La Grande Nation sagen wir. die einerseits ihren internationalistischen Träumen nachhängt und sich noch immer ein bißchen Kommunismus erhofft. bei uns in Frankreich jedoch steht die Nation. Und als sie in der Menge aufgingen. Jetzt wächst zusammen . weil die Enkeltochter wünschte. hatte.. Aus tiefer .... doch ernst meinen es alle. sogar mitreißend. auf jeden Fall und bis zum Glockenschlag dabeisein zu dürfen: »Ich bitte Sie... Uns jedenfalls kann die Einheit der deutschen Nation nicht gleichgültig sein.. eine kleine. der einzelne Sätze belohnte.

Milliarden kostet euch das. Aber der barhäuptige Tagundnachtschatten sang nicht. begann der Schwellkörper deutscher Sangeslust zu tönen. daß gleich darauf Emmi mit gar nicht üblem Alt in den Gesang einstimmte. sobald die gesungene Freude als Götterfunken übersprang. -Wolltet ihr doch um jeden Preis. sich bemüht. die Hymne an die Freude mitzusingen. doch kommentierte er mit kurzen Zwischentexten die immer wieder ausgerufene Freude. Mitsingen war diesmal nicht seine Sache. zündete.Mauer auf: Freude! . wir umklammern euch! . ha.Nie mehr werdet ihr uns los. Soviel familiäre Harmonie. Vielleicht hörte er nicht auf Hoftallers alles wegspülenden Erguß. freut Euch. soviel Einklang . die zu Brüder werdenden Menschen und den Ort sanft wellenden Friedens auf seine Weise: >Jadoch. O ja! Ein Singen hob an.Freut euch bloß nicht zu früh. nun freut euch. Wen wir umschlingen. wenn auch nicht ganz so hell und richtig.die vieltausendköpfige Menge überschwemmte. Unter Brüdern. sondern neigte das Ohr seiner verspäteten Enkeltochter zu. billig zu haben. hat sogar Madeleine Aubron mit feinem und doch tragendem Stimmchen so hell und richtig jedes Wort nachbildend im Chor mitgesungen.Ab heute.Lief zwar alles nach Plan . während Hoftaller.Dazu kam endlich passende Musik. null Uhr. der sich diskret zurückhielt. . Obgleich inmitten seiner Familie aufgehoben.Na. denn als vom Reichstag her aus allen Lautsprechern der Schlußchor der Neunten tönte und gleich einem Naturereignis . .so kleinwüchsig La petite war über sich hinauszuwachsen schien. So zündend war dieser Gesang. Aber der Stock gab ihm Halt. wurden Töne geboten. freut euch. daß er nicht nur gehört sein wollte. verdammt! Ihr sollt euch freuen. Den großen Tag ankündigend. unter ihnen wir vom Archiv. deren helles Stimmchen mit Emmis warmer. die fordernd oder erhebend waren und niemanden unberührt ließen. .Denkste! .Klammeraffen. Wird keine reine Freude. wie es der zartbitteren Person gelang. . seine Baseballkappe zog. stand Fonty abseits. Sodann haben andere. wir sagen.Ist doch Schrott alles. habt ihr gesagt. -Wird euch schon noch vergehen. zünden sollte. nur noch Freude!« Fontys Schnauzbart zitterte. der wird uns nicht los. Im herbstlichen Übergangsmantel behielt er den leichten Sommerhut auf. nun los! . richtige Klammeraffen sind wir.Wir packen. warmherziger Stimme korrespondierte.Einheit! Freude! . Entfesselt und chorisch gestimmt. ihr Wessis! . . die nahe standen.D-Mark da: Freude! Aber die Rechnung kommt. die mit dem erhebenden Gesang . Von wegen Millionen! . die zu umschlingenden Millionen.Blechgeld weg: Freude! .

denn nicht alle Kirchen machten beim Geläut mit und sagte. Kenne keine Parteien mehr. sonst gegen Musik eingenommen. mit Ostviren. Erst als Hoftaller den über alle Lautsprecher vermittelten Kuß für die ganze Welt mit Schmatzlauten vermehrte und Jadoch! Machen wir! Ganze Welt abknutschen!« rief. Und wenn wir schon alle Brüder sind. nur noch Deutsche. so viele Folgen der brüderlichen Umarmung. die anfangs »Bleib doch noch bißchen. Als der Schlußchor der Neunten ausklang und bevor Jubel der kurzen und für kurze Ergriffenheit eingeräumten Pause folgen konnte. löste sich aus der Menge und ging so entschlossen die Linden runter. Tallhover! Haben ja furchtbar recht. als dritte Stimme im Freudenchor dazugewünscht. Immer schlimmere Krankheiten. sondern oft gesungen und noch beim Hochzeitsessen »Bau auf! Bau auf!« geschmettert hatte. wir verosten die einfach. Bruder! -. Hier ein Küßchen schmatz! -.wie die Freude. und schon sind alle infiziert drüben. Cholera fielen ihm vereinigend und nützlich ansteckend ein. wir zahlen zurück. Die zahlen. Bin schon Feuer und Flamme . mehr zu sich als zur Familie: »Zuviel Freude schnappt über« und mit mehr Stimme: »Von diesem Einigvaterland erhoff ich mir wenig. Steht mir jetzt schon fest: In dieser Einheit ist der Spaltpilz drin. Pest. daß Emmi und Madeleine. Jetzt geht's erst richtig los!« rief er. Gehn wir.. Energie ging von ihm aus. Die sagen Schrott zu uns. Mal richtig zugepackt und umschlungen -komm. der andere rief: »Ach was.schmatz! -. Hoftaller. überall Deutsche . « Hoftaller konnte kein Ende finden. los. hält ja nicht lange. und schon sind sie schwach auf der Brust wie wir. gehn wir!« Doch weder Madeleine und Emmi noch sein Tagundnachtschatten waren loszueisen. von mir aus Götterfunke. Nun lassen Sie endlich das Geschmatze! Speiübel wird einem davon. Die wollen uns verwesten. die ja früher nicht nur Klavier gespielt. Wuttke! Soviel Freude muß man auskosten.hörte er gern. versuchte er. nutzte Fonty diese Frist . Springt über so ein Funke..« Er wartete den Jubel nicht ab. Vielleicht hat er sich seine Tochter Martha. seinen unsterblichen Nebenmann zu stoppen: Jetzt reicht's. dann richtig. da ein Küßchen . wir machen aus denen Schrott. Die beiden sangen sich hoch bis zum Sternenzelt. . >Jetzt geht's los. Müssen die wissen drüben.. ha! Jadoch! Ansteckend sind wir . Küßchen über alles!« die Hymne an die Freude erweiterte. »nur noch global wird geküßt!« und schließlich mit dem Ruf »Küßchen. gefiel ihm dieser Gesang. Seuchen sogar. Kolossaler Mumpitz alles..nur von fern hörte man einige Glocken. daß wir ansteckend sind.

hat mein Wuttke in all seinen Taschen gesucht. sagt er: >Heißer Kaffee ist gut.< Und die hat er ihr geschenkt. Wenn ich ihm ne Tasse frisch aufgebrühten Kaffee hinstell. als alle gen Himmel schauten. Wie sein Einundalles is der. Wo wir wohnen. Nur in paar Kneipen. Als die Familie ablehnte. ihm nachgerufen hat: >Vollmond ist gut. Hoftaller blieb hinter ihnen bis Ecke Glinkastraße. trennte er sich von Fonty und dessen Frauen: »Trotzdem. Wir haben dann noch unsre Marlen zur S-Bahn gebracht. aber abnehmender ist besser!< So is er nun mal. daß ihm Folge geleistet werden mußte. Da kommt man nich drauf so schnell. Als Emmi und Madeleine mit Fonty himmelwärts guckten.. Aber bevor die Bahn kam nach Wannsee rüber. Heißt es nicht: Geteilte Freude ist doppelte Freude?« Doch bevor er ging. als der Stoppelkopp endlich ging. da steht ne Kastanie schon lange. Und geschubst haben die sich. ihm folgen mußten. nach Hause zu fahren. hat er gesagt. unsre Marlen. Hat sich riesig gefreut. mit ihnen Hoftaller. aber Vollmond pünktlich zur Einheit. wo Fernsehen . das mit dem Mond. der dort geparkt stand.Wuttke!« und »Bitte. das schafft er. Sowas genießt sich in Gemeinschaft am besten..< Dabei hat mein Wuttke sowieso jedes Jahr Kastanien in allen Taschen. daß mein Wuttke. Großpapa. Na. War das ein Gedränge inner Friedrichstraße und auffem Bahnsteig. >Frische<. da hat keiner gefeiert. vielen Dank. Mit der sich auflösenden Menge verloren wir uns.< Und genauso war es mit dem Mond. rief Hoftaller: »Unsrem Kanzler gelingt aber auch alles! Hat keine Ahnung. Waren ganz leer die Straßen. und Madeleine »Monsieur Offtaler« mit kurzer Weisung »Sie sollten sich endlich zufriedengeben« verabschiedete. aber auf spätere Fragen antwortete Emmi Wuttke: »Können Se glauben.« Wir waren nicht mehr dabei. weil sie mir am Tag der deutschen Einheit geschenkt wurden. daß ich dabeisein durfte. Muß zu allem seinen Senf. Bald hatten sie Fonty eingeholt. nur zwei Minütchen noch!« gerufen hatten. und gerufen. Kann nich anders . Richtig ausgebeutelt sind die. Emmi nahm seinen rechten Arm. Großpapa. Was? Das raten Sie nich. was auf ihn zukommt. Sein Hinweis war so zwingend. Stimmt.. Muß immer eins draufsetzen. wies er mit dickem Zeigefinger zum Himmel über der Stadt. wir sind denn och mit der S-Bahn nach Haus über Ostkreuz bis Schönhauser Allee. aber lauwarmer ist besser. Sie wohnte ja drüben im Studentenheim auffem Eichkamp. Waren von unserm Hof. Zwei Kastanien. als wir die Einheit bekamen.. >Sind die ersten. als denn die Bahn kam und sie rein mußte mit Drängeln und Schubsen: >Die gehören jetzt für immer zusammen. die Enkeltochter henkelte sich links ein. in seinem Trabi.

den er >abattu< oder >nervenrunter< nennt. Bien sûr! Er muß seiner Mission. unehelich geborene Rouariet. In dessen kalenderbestimmtem Verlauf herrschten wieder die Mühen der real existierenden Unsterblichkeit vor. Und mein Wuttke hat gesagt: >Unsre Republik ist nun weg. Sah richtig schön aus. bitte. Nur beim letzten Besuch wurde sie knapp. das stimmt. weil ne Menge Pfarrer nich läuten wollten. dann aber bestimmend familiär: »Gestatten Sie mir. neben dem üblichen Kleinkram. bis kurz vor ihrer Abreise. eine Skala. was unsereins von Berufs wegen. die Erwartung auszusprechen. Mit dem ihr eigenen Duft . die der Natur mündlich wie schriftlich nachgesagt werden. erlaubte sie sich keinen Querverweis auf Emmi und die Wuttkes. da oben.sie roch zartbitter nach einem vermutlich aus Mandelessenz gewonnenen Parfum . Aber mit dem Vollmond. dem der Geruch alter Papiere für alle jene Düfte Ersatz zu sein hat. zudem die Abgase der Potsdamer Straße bietet und hier Gerüche. um Einsicht in den Briefwechsel mit Mete.lief. Aber den da. Madeleine Aubron ins Archiv. den kann uns keiner nehmen. die manchmal anregende Betreuung in. dort Gestank meldet. Sogar bei uns überm Prenzlauer Berg stand er ganz deutlich.« . Gelegentlich steigert er sich in einen Zustand. adoptierte Kummer.<« VIERTES BUCH 24 Von Brücke zu Brücke Danach begann der Alltag. selbst angesichts der Briefe an Emilie. und daß er sich dabei gewissermaßen in sehr schlechter Gesellschaft befindet. Gefordert von unserer Arbeit im Archiv. die sich ganz und gar auf Monsieur X bezieht. wie sie war. ist weder Ihnen noch mir verborgen geblieben.und ausländischer Besucher gehörte. den Söhnen. daß Sie sich weiterhin Großpapas Wohlergehen verpflichtet fühlen mögen. zum Beispiel für Ruderpartien und klammheimliche Uferpromenaden im Tiergarten.kam. blieb keine Zeit für Außendienst. zu der. Er neigt zu plötzlichen Entschlüssen. die von preußischen Kiefern und märkischen Dunghaufen über den Flieder nahe der Luisenbrücke reicht. Da war mehr Glockengeläut zu sehn als in Wirklichkeit. schloß ihr betont reserviertes Verhalten private Fragen aus. der Familie zu nehmen. Textorientiert. vielmehr mußten wir das sein. aber auch aus Neigung ist: ein Stubenhocker mit Rückgratschäden. drüben nich und bei uns nich. in schwierigem und oft unübersichtlichem Gelände folgen.

nach seiner Wortwahl. so stetig sie wachse und sich ins Unermeßliche zu verlieren drohe. unter seiner Obhut. die ausgeschritten. allenfalls wies er. auf den Klassenfeind und die Gefahr des »kapitalistischen Zugriffs« hin.kam. in Reihe gestaffelt oder gehäuft als Ansammlung zu sehen. standen wir und alle dem Archiv verpflichteten Vorgänger. »Bilden wir doch ein archivierendes Kollektiv«. dessen Wächter in der Regel zu zweit auftraten. Hinzu kam. hieß sein zeitgemäßes Angebot.kaum hatte »La petite« uns. Ihm Hausverbot zu erteilen hätte Folgen gehabt. in »unbefugte Hände« geraten waren. Eigentlich konnte sein Auftreten als Einzelperson untypisch genannt werden. »Mir war heute so nach Archiv. unter Aufsicht zu stehen. vermessen werden müsse.Und dann . doch immer mit Objekt. Eigentlich handelte es sich um Routinebesuche. denn nie wurden Fundorte genannt. mit seinen Worten. Mehr noch: Indem sein Schatten auf uns fiel. ihn vervielfacht.. was zum Alltag gehörte. gegen Ende der vierziger. Entschuldigen Sie. konnten und können wir Hoftaller nicht verdoppeln. dem wir uns nur . Er kam und war da. Außerdem hat er doppelseitig beschriebene Manuskriptseiten. lauter Schätze. indem er sich nützlich machte. zum Alltag des Archivs gehörte die Gewißheit. Ich erinnere mich: Wiederholt brachte er seit Kriegsende verschollen geglaubte Briefe. untypisch für den Arbeiterund Bauern-Staat. Deshalb sollten wir uns nicht in Einzelaktionen verlieren . « Gottlob kam er selten. gleich uns. Daher rührten seine häufigen Abwandlungen des sprichwörtlich gewordenen Briest-Zitats: »Unser Material liegt auf zu weitem Feld. Hoftaller zu Besuch. die.. so auch den einzigen Brief an Wolfsohn im Original gerettet oder. Als Zubehör zählten wir zum Umfeld seines Objekts. Da aber Tallhovers Biograph seinen Helden betont einzelgängerisch angelegt hat. als müsse er ein Gegengewicht auf die Waage packen. allenfalls gelingt es uns manchmal. Aufzeichnungen zum »Likedeeler«Projekt. im Dienst des Unsterblichen begriffen hatten. als der Sozialismus nicht nur auf Transparenten unser aller Herzenssache war. daß sich Hoftaller als außerdienstlicher Mitarbeiter sah. zu Beginn der fünfziger Jahre verkehrte er regelmäßig mit dem Archiv. An häufige Besuche erinnern sich nur ehemalige Mitarbeiter: Während der Zeit des Aufbaus. zumal sich seine Recherchen oft mit unseren kreuzten. also nahmen wir hin. wenn wir mit Nachfragen hartnäckig blieben. Nur Fonty hob seine Einsamkeit auf Ins Archiv jedoch kam er allein. wenn ich einfach ins Haus platze. die wir verbrannt und längst verloren geglaubt hatten. nein. die Wuttkes und uns verlassen . einer Fläche.« Dabei ist er nie angemeldet gekommen. »irgendwo aufgetrieben«. oder er sprach wieder einmal vom »zu weiten Feld«. einer den andern absichernd. die sich.

hinhaltend, aus heutiger Sicht allzu bänglich zu entziehen versuchten. Dennoch bitten wir um Verständnis, denn damals trat er kollegial und durchaus kenntnisreich auf; seine Hilfe abzulehnen wäre zwar mutig, doch im Sinn des Unsterblichen »kolossal dumm« gewesen. Nach dem Abebben der Aufbauphase, als alles nur noch »seinen sozialistischen Gang« ging, kam er lange nicht. Erst sein Biograph hat uns das Ende seiner teils beklemmenden, teils nutzbringenden Anwesenheit zu erklären versucht. Jedenfalls kamen nach den dreiundfünfziger Unruhen dem Archiv keine neuen Funde ins Haus. Schon hofften und bedauerten wir zugleich, außerhalb des von ihm observierten Umfelds zu liegen. Auch schien nach dem Mauerbau eine Zeitlang gewiß zu werden, daß nun, dank der Errichtung des Schutzwalls, die Periode der Observierung vorbei sein dürfte. Wir täuschten uns. wie sich sein Biograph mit Hilfe einer fiktiven Todesanzeige selbst getäuscht hatte. Schon bald lastete wieder sein Schatten, besonders nach dem elften Plenum, als alle Hoffnung zunichte war: und nach dem Mauerfall, als mit uns viele glaubten, daß fortan der Zwang zur kollektiven Zusammenarbeit ein Ende gefunden habe, täuschten wir uns abermals. Für Hoftaller gab es keine Brüche und Nullpunkte, nur fließende Übergänge. Gerne sprach er im Plural: »Wir sind dabei, uns neu zu orientieren ... « Er sagte: »Die Dienste finden sich wieder.« Und: »Unser Konzept für operative Vorgänge beginnt zu greifen.« Alles ging weiter, wenn auch nicht mehr seinen sozialistischen Gang; und wie nach der Einheit Hoftallers Tätigkeit im Haus der Ministerien kein Ende fand, vielmehr neuen Aktivitäten folgte, die an dieses Gebäude gebunden waren, so blieb er Fonty und mit Fonty uns auf den Fersen, als nach dem Fest wieder der Alltag begann. Er besuchte das Archiv am frühen Vormittag. Er brachte keine Blumen für unsere Damen mit. Er rauchte, was wir nicht gerne sahen, eine seiner Kubanischen. Er sagte: »Komme aus übergeordnetem Interesse. Unbedingt müssen ein paar Ungereimtheiten ausgeräumt werden. Betrifft alles unseren gemeinsamen Freund. Über Lyon und die Folgen sprachen wir kürzlich schon, als die Dienste zwecks Familienzusammenführung behilflich werden konnten. Aber betreffs Internierung auf der in der Girondemündung liegenden Insel Oléron und Entlassung des Kriegsberichterstatters und preußischen Untertans gibt es ne Menge Klärungsbedarf. War nicht die katholische oder jüdische Partei, auch nicht, trotz höchster Intervention, die Regierungspartei, die den Betroffenen freigekämpft hat, nein, das waren wir. Geschah natürlich in Zusammenarbeit mit den französischen

Organen. Krieg trennt ja nicht nur, Krieg wertet bestehende Verbindungen auf, sofern über sie Spezialwissen zu erwarten ist. Haben wir wiederholt erlebt. Zum Beispiel nach dem letzten Frankreichfeldzug. Selten haben die Dienste reibungsloser zusammengearbeitet, besonders in Lyon. Will damit nicht die vormaligen Bemühungen der katholischen, der Jüdischen und der Regierungspartei in Abrede stellen, aber Ihre Archivgewißheiten sollten endlich ergänzt werden: Entscheidend sind in allen Fällen wir gewesen. Wir wurden tätig. Wir werden auch zukünftig... Bitte darum, dieses Fakt zu Protokoll zu nehmen. Ist ne Kleinigkeit nur, dient aber der Wahrheitsfindung.« Mit einem Lächeln sprach er auf uns ein, das bei härtesten Sätzen bestehenblieb, versteinert, wie sein versteinertes Spezialwissen. »Weiß schon«, sagte er, »die Herren wollen nicht glauben. Das Bild des Unsterblichen verträgt keinen Fliegenschiß. Man schätzt unsere Beiträge nicht. Man wartet ungeduldig das Ende meines Besuches ab. Dabei hänge ich am Archiv. Säße lieber hier als woanders. Habe das ewige Rumstehen satt. Ne Schinderei ist das: Außendienst bei jedem Wetter... « Noch nie hatten wir Hoftaller so sinnentleert und seines Dienstes überdrüssig erlebt. Plötzlich jammerte er über alles: den Undank, die ständige Mißachtung, den schlechten Ruf, die vergebliche Mühe. Seine eigene, nur bescheidene Rolle und das ihm vorgeschriebene Randdasein waren ihm nichtsnutz geworden. Überhaupt zweifelte er am Sinn der auf Staatssicherheit spezialisierten Dienste: »Ist ne Fiktion, das Ganze!« Und dann beklagte er die Launen seines Objekts, Fontys plötzliche Aufbrüche und planlos weitläufigen Spaziergänge. Er bat uns, ihm zu helfen und gleich ihm - Fonty nicht aus dem Auge zu lassen: »Denken Sie an Domrémy, als er leichtfertig die preußischen Truppen verließ, um kurz nach der Jungfrau von Orléans Ausschau zu halten. Oder denken Sie an Lyon, als er sich auf Ruderpartien gefährdete. Oder kürzlich noch, sein jüngster Versuch, abzutauchen und sich irgendwo auf schottischer Heide zu verlieren. Glauben Sie mir: Unser Freund ist ne Nummer für sich ... « Vorerst litt Hoftallers Außendienst nicht unter Schlechtwetter: Herbstlich mild blieb es nach dem dritten Oktober; und Fontys Spaziergänge hielten sich in Grenzen, weil er wieder diensttauglich war. Sogleich nach der Verkündung der Einheit sah er sich von banalen Alltäglichkeiten gefordert. Zwar begann man, den Arbeiter- und Bauern-Staat nun offiziell Beitrittsgebiet zu nennen, doch im ehemaligen Haus der Ministerien blieb die Arbeitskraft Theo Wuttkes in allen Räumen und Korridoren

des vielgeschossigen Gebäudes gefragt, weil nunmehr das Wort »abwickeln« in Gebrauch kam. Von Zimmer zu Zimmer und rauf und runter im Paternoster mußten die kopflos gewordenen Ministerien abgewickelt werden. Das Wort begann Sinn zu machen. Rastlos tätig sah man den Aktenboten, denn abwickeln bedeutete räumen, und räumen hieß Platz schaffen für eine neue Behörde. Laut Einheitsvertrag trat das Treuhandgesetz in Kraft, und mit ihm wurde ein Wort aufgewertet, das schon einmal von umfassender Bedeutung gewesen war: solange das Dritte Reich dauerte und überall Besitz und Vermögen der Juden in Deutschland unter Treuhand gestellt wurde. Schon seit Monaten gab es diese Behörde mit beengtem Standort am Alexanderplatz. Auf Verlangen des Runden Tisches sollte sie das Volkseigentum schützen. Doch nun -und seitdem des Volkes Eigentum zur Chimäre erklärt worden war - sah sich die Treuhand vor neue Aufgaben gestellt. Abwickeln sollte sie und dabei über sich hinauswachsen. Sie forderte Platz für über dreitausend Arbeitskräfte, denen das Ziel gesetzt war, in möglichst kurzer Zeit alles, was unter entwertetem Begriff nunmehr herrenlos war, zu privatisieren; ein Wort, das sich im Sprachgebrauch der Treuhand aus der Tätigkeit des Abwickelns ergab. Das gesamte Beitrittsgebiet sollte als Anschlußmasse erfaßt werden. Zwischen der Oder und der Elbe, der Ostsee und dem Erzgebirge war Altlast aufzulisten. Eine Aufgabe für Giganten, zumal dieses gesetzliche Muß allerorts und besonders dort, wo Industriebetriebe noch immer als volkseigen firmierten, radikale Schrumpfung vorschrieb und einer Leitstelle bedurfte, von der aus der bis vor kurzem herrschende Zentralismus abzuwickeln war, einer Treuhand, die zugriff. Wie selbstverständlich bot sich das ehemalige Reichsluftfahrtministerium und vormalige Haus der Ministerien als Standort an. Mit seinen über zweitausend Diensträumen bekam der Koloß den Zuschlag. Doch bevor die Treuhandanstalt, kurz Treuhand genannt, einziehen und sich breitmachen konnte, mußte geräumt, das hieß wiederum abgewickelt werden. Fonty half dabei, und Hoftaller war ihm, wie vorher bei alltäglichen Dienstleistungen, nun beim Abwickeln behilflich. Da die Treuhand einen Teil der vorgefundenen Arbeitskräfte, das Stammpersonal, übernahm, war es nicht verwunderlich, daß der Aktenbote dazugehörte; trotz oder wegen seines hohen Alters wurde er von den neuen Dienstherren gebeten, fortan beratend tätig zu sein. Es hieß: Da er mit dem Gebäude Ecke Leipziger Straße über jeden geschichtlichen Machtwechsel hinweg vertraut sei, verkörpere er das

Bleibende; er gehöre dazu, aus ihm spreche Tradition und Geschichte, ohne ihn laufe man Gefahr, wie ohne Hintergrund zu sein. Diese besondere Position wurde Fonty von höchster Stelle angeboten, vom Chef der neuen Personalabteilung schriftlich bestätigt und von Hoftaller, der gleichfalls in mittlerer Position und zuständig für den Außendienst übernommen wurde, schmackhaft gemacht. Dessen Talent für gleitende Übergänge hatte sich oft genug bewährt, weshalb seine Devise »Ohne uns kein Systemwechsel« zu den bleibenden Wahrheiten gehörte. Und als Hoftaller den einstigen Aktenboten zur Annahme des neuen Arbeitsplatzes überredete, sagte er während einer immer wieder die Wendepunkte überwindenden Paternosterfahrt: »Kann man nicht nein sagen, Wuttke. Ist doch ne Sache. Wird selbstverständlich nach westlichem Tarif bezahlt. Demnächst sind wir Bundesbehörde und nur dem Finanzministerium unterstellt. Da guckt dann keiner mehr durch. Nur wir, Wuttke, nur wir. Außerdem bleibt Freizeit genug.« So kam es, daß Fonty bald nicht mehr als Aktenbote von Stockwerk zu Stockwerk, sondern, bei guter Bezahlung, beratend tätig war. Für später wurde ihm sogar im Nordflügel, der an die Leipziger Straße grenzte, ein eigenes Dienstzimmer zugesagt, das weit genug weg vom nunmehr alltäglichen Betrieb lag: Vom obersten Stock sollte er in den Himmel und in einen der geschlossenen Innenhöfe blicken können. Fonty freute sich auf das Zimmer. Aber vorerst herrschte noch Baulärm bei gleichzeitig stiller Abwicklung. Vor dem Umzug der Treuhand vom Alexanderplatz in die Otto-Grotewohl-Straße mußte das geräumte Gebäude eine gründliche und allen stehengebliebenen Mief vertreibende Renovierung erdulden. Hausputz fand statt. Reiner Tisch wurde gemacht. Alles sollte westlicher Optik genügen. Doch sorgte Fonty in beratender Funktion dafür, daß einiges beim Großreinemachen überlebte. Ein Teil der in über zweitausend Diensträumen hinterbliebenen Topfpflanzen, unter ihnen Zimmerlinden und Gummibäume, aber auch Efeuaralien, Pfeilwurz und dreifarbiger Steinbrech, sollte in geeigneten Räumen für spätere Liebhaber von pflanzlichem Raumschmuck aufbewahrt und gepflegt werden. In beratender Funktion schrieb er: »Die behördliche Liebe zu Alpenveilchen und Becherprimel ist gesamtdeutsch. Was uns Deutsche verbindet, ist das immerfort blühende Fleißige Lieschen. Was weg muß, muß weg, doch hüten wir uns davor, Topfpflanzen, die immerhin Mauer und Stacheldraht überlebt haben, brutal abzuwickeln.«

Ferner legte man, Fontys beratendem Hinweis folgend, auf allen Korridoren jene Linoleumböden wieder frei, die zu Zeiten der Reichsluftfahrt gelegt worden und unter der abgetretenen sozialistischen Auslegware blank geblieben waren. So kam es, daß die Korridore, als nach drei bis vier Monaten Hausputz überall westlicher Standard erreicht war, wie neu glänzten. Doch bevor es soweit war, fand der Treuhandberater Wuttke Zeit für Extratouren von außerberuflicher Reichweite. An Nachmittagen und an Wochenenden lud Hoftaller zu Ausflügen mit seinem Trabi ein. Mal sollte es kurz hierhin, mal entfernt dorthin gehen. Schlösser und Pückler-Muskausche Parkanlagen, Denkmäler und sonstige Sehenswürdigkeiten standen auf dem Programm. Selbst bei nun wechselhaftem Wetter war keine Grenze gesetzt. Und Fonty, den seit der Abreise seiner Enkeltochter nach Frankreich ein oft schmerzlich ziehendes Fernweh heimsuchte nahm die Einladungen an. Diese einst begehrte, doch dann dem Spott feile Billigkarosse, dieser nun bundesweit verschriene Stinker, im mobilen Emblem des Mangels, dem auslaufenden Modell, in einem der vieltausend zu Schrott erklärten Produkte, mit einem Zweitakter, dem Pappmobil ohnegleichen, das vormals allenfalls nach langjähriger Wartezeit lieferbar gewesen war, fuhren Hoftaller am Steuer und Fonty als Beifahrer raus aus Berlin-Mitte, über die Stadtgrenze hinweg, zum Beispiel nach Oranienburg, dessen von allerlei Prinzessinnen ungeliebtes Schloß während der Mauerjahre von dort kasernierten Grenzsoldaten verwohnt worden war. Oder ihr Ziel hieß Cottbus, ohne daß sich dem Stadtbummel ein Ausflug in den nahen Spreewald angeschlossen hätte. Und nach Neubrandenburg waren sie unterwegs, wo sie die übriggebliebene Stadtmauer abschritten und sich mal dieses, mal jenes wohnlich ausgebaute Wehrtürmchen zum Domizil wünschten; weil ihren Dienstjahren nach Ruheständler, spielten Fonty und Hoftaller gerne ihr Recht auf einen Alterssitz aus; dabei lag ihnen nichts ferner als seßhaftes Dahindämmern. Von Ort zu Ort kamen Erinnerungen hoch. Zitatsicher fragten sie einander nach Kulturbundvorträgen ab, etwa nach dem harmlosen, in Cottbus gehaltenen Referat über den von hier stammenden Maler Karl Blechen, aber auch nach kitzligen Stellen jenes Vortrags, den Fonty in Neubrandenburg und später in Rathenow unter dem Titel »Was sagt uns Katte heute?« gehalten hatte und dessen aufrührerische Thematik - Kronprinz gegen König, Fluchtversuch, Hinrichtung - dem Sicherheitsbedürfnis des Arbeiter- und Bauern-Staates zuwider war. Beide lachten über ängstliche Striche im Redemanuskript, die der eine verfügt, der andere frei

vortragend mißachtet hatte. So lang die Rückfahrt sich hinzog, sie blieben heiter und planten neue Ausflüge. Diesmal waren sie auf nur kurze Distanz unterwegs. Bei Nieselregen ging es nach Potsdam, aber nicht nach Potsdam hinein. Weder Schloß noch Archiv war ihr Ziel, beides kannte man zur Genüge. Nein, nichts der Unsterblichkeit Dienliches oder gar Friderizianisches stand auf dem Programm; kurz vor Preußens berühmtester Garnisonstadt machten sie Halt. Wir sind nicht sicher, wer vorgeschlagen hat, den bedeutsamen Schnittpunkt der vormaligen Grenze, die Glienicker Brücke, zu besuchen. Wahrscheinlich ist es Fonty gewesen, der Hoftaller gefällig sein wollte, wußte er doch, daß seinem Tagundnachtschatten dieses Ausflugsziel nicht wegen der Baugeschichte - zuerst aus Holz, dann aus Backstein, schließlich als Eisenkonstruktion - von Interesse war, sondern aus Gründen sentimentaler Art. Der Ort des Austauschs von Topagenten zog ihn an. Mit Bewunderung, aber auch Neid sah Hoftaller die Glienicker Brücke, auf der noch kurz vorm Mauerfall hochkarätige Spione, langjährig tätige Perspektivagenten und manchmal sogar namhafte Größen des geheimdienstlichen Spezialwissens von Ost nach West, von West nach Ost verschoben worden waren. Kurz vor der Brücke über die Verengung der beiden Havelseen parkte er den Trabi auf sozusagen noch westlichem Gelände, seitlich der Zufahrt zum Glienicker Schloß. Was Fonty nur andeutete, hat Hoftaller uns später bei einem Archivbesuch bestätigt: Ihn habe die Brücke bis zur Drittklassigkeit abgewertet. Für seinesgleichen sei diese Agentenschleuse nur im Traum zugänglich gewesen. »Glienicke!« rief er. »Das gab's nur für die Elite. Nur Spitzenleute wurden dort ausgetauscht. Unsereins, der sogenannte Mittelbau, kam nicht vor. Wir waren für die Drecksarbeit gut: Außendienst, Objektobservierung, Informantenpflege, Routineberichte, Schreibkram, ab und zu ne Dienstreise. Will nicht klagen. Mußte ja auch geleistet werden. Aber die Brücke blieb Wunschvorstellung, Traumziel, ne letzte Erfüllung. Sowas faszinierte. Das war doch was. Viel Theater, na gut. Aber heimlich sehnte sich jeder von uns danach: Einmal werde auch ich ... <, Wenn es nun heißt: Hoftaller schwärmte uns gegenüber von der Glienicker Brücke, übertreiben wir nicht. Und verständlich ist, daß Fonty seinem leidenden Tagundnachtschatten gefällig werden wollte. Deshalb wird er es gewesen sein, der das prominente Ausflugsziel vorschlug. Diesmal kam er vorplanend zum Zug und forderte, kaum hatten sie den Trabi verlassen, Hoftaller auf, mit ihm auf der Brücke Agententausch zu spielen.

»Müssen das mal leibhaftig durchmachen.« »Kommt nicht in Frage. Bin ungeeignet dafür.« »Nur keine Minderwertigkeitsduselei! Sie sind doch wer! Ein Tallhover hat schließlich Herwegh observiert. Lenins Sonderzug war Ihr Fall, später sogar Lenins Gehirn ... « »Trotzdem, bin dafür wirklich ein paar Nummern zu klein ... « »Ach. was! Wer war ich schon siebzig-einundsiebzig! Und wurde dennoch von der Insel Oléon runtergeholt und gegen Topleute, wie Sie sagen, ausgetauscht: drei hochrangige französische Offiziere, während ich nur ein kleiner Skribifax ... « » ... den man für nen Topagenten gehalten hat. Beinahe hätte man Sie wegen Spionage füsiliert. Nein, ich tauge für solche Vergleiche nicht. Da muß man schon hugenottischer Herkunft sein und zum Beispiel Guillaume heißen ... « »Seien Sie kein Spielverderber, Tallhover. Nicht umsonst haben Sie so frühzeitig einen Biographen gefunden. Wenn jemand Perspektive bewiesen hat, dann Sie. Nicht ohne Grund sind Sie zum Sinnbild mir zugeordneter Unsterblichkeit gereift. Also, Kopf hoch! Heute sind Sie dran.« »Und wie soll ich mich dabei anstellen, Genosse Kommissar?« Fonty bestimmte die Regeln. Hoftaller nickte: Kapiert. Und so spielten sie auf der Brücke, dem Schnittpunkt tatsächlicher und ausgedachter Spionagegeschichten und Agententhriller, die gefilmt, dokumentiert und immer wieder in Romanen verpackt worden waren. Szenen im Morgengrauen, bei Frühnebel sind erinnerlich. Kaltes Licht aus Bogenlampen. Spannung und Kitzel bei Sprühregen und gebotener Kameradistanz. Die schrittweise Annäherung zweier Männer mit Hut und hochgeschlagenem Mantelkragen, von denen nur einer aus der Kälte kam, obgleich auch der andere fror. Agententausch zwischen Ost und West. Im Film wie in Wirklichkeit. Und die Welt schaute zu. Bei passendem Wetter spielten sie unter den schöngeschwungenen Brückenbögen das altbekannte Ritual durch. Anfangs hatte der zum Superspion beförderte Tagundnachtschatten seinen patenten Regenschirm aufspannen wollen, doch Fonty war dagegen: »Der paßt nun wirklich nicht hierher.« Also setzten sie sich bei Windstille dem Nieseln aus. Nur die Gehstreifen waren ihnen eingeräumt. Sie mißachteten den in jede Richtung fließenden, dann wieder stockenden Autoverkehr. Hoftaller, der auf Fontys Weisung zur Potsdamer Ostseite vorausgelaufen war, kam auf dem fast unbenutzten Weg für Personenverkehr, und zwar auf dem rechten Streifen, Schritt für Schritt in

Richtung Glienicke näher; Fonty hatte sich auf ein Handzeichen des entfernten Austauschobjekts von West nach Ost in Bewegung gesetzt. Schritt vor Schritt. Nicht übereilt, nicht verlangsamt. Dort, inmitten der Brücke, unter der sich zwei Havelseen zum schmalen Durchlaß verengten, gingen sie ohne Blickwechsel aneinander vorbei, jeder auf seine weisungsbefugte Schaltstelle zu. Das verlangte nach Wiederholung. Hin und zurück unter den sanft von Träger zu Träger schwingenden Bögen. Anfangs auf Fontys Befehl, jetzt nach Hoftallers Wunsch. Unter der Brücke verkehrten einfach und doppelt besetzte Paddelboote, dann eine Motorbarkasse; das kümmerte niemanden. Mal war es Fonty, der als östliches Objekt gegen das westliche Faustpfand ausgetauscht wurde, dann wieder kam der Tagundnachtschatten aus dem Osten Schritt vor Schritt näher, während Fonty den Westen hinter sich ließ, bis beide gleichauf waren, nunmehr einen Augenblick lang zum Standphoto erstarrten, blicklos, wortlos, um sich sogleich wieder Schritt vor Schritt dem einen, dem anderen System, den Weltmächten, Todfeinden und Sicherheitsgaranten, dem Klassenfeind und der Roten Gefahr zu nähern und sich dem jeweils eigenen Lager zu überlassen. Ein Spiel mit wenig Varianten. Fonty gegen Hoftaller, Hoftaller gegen Fonty. Beide waren einander wert. Den einen gab es nicht ohne den anderen. Mit gleichhohem Einsatz wurde gespielt, und beiden war die Glienicker Brücke von Alptraumlänge. Monoton sah das aus. Schon ließ, wie nach allzu schleppender Pflichtübung, die Spannung nach, da fielen ihnen doch noch Variationen ein. Der aus der Kälte kommende Fonty zwinkerte mit dem rechten Auge, sobald sie gleichauf waren, und der vom Klassenfeind übergebene Hoftaller zwinkerte mit dem linken. Zuletzt sagten sich beide Objekte beim Austausch sogar ein Wörtchen. »Mach's gut!« sagte der eine. »Mach's besser!« der andere. Das mag verwundern. Sie hätten sich, ihrer Systemzugehörigkeit entsprechend, beschimpfen können, mehr gezischt als geschrien: »Du Kapitalistenknecht!« - »Du rote Sau!« Aber nein, sie wünschten einander besseres Gelingen. Zwei Profis mit Berufsethos, zwei Realisten fern aller Ideologie, zwei Spezialisten von Profession und gleichem Rang, die sich aus nie verjährter Erfahrung ihrer Unsterblichkeit sicher waren, wenngleich Hoftaller, als beide wieder im Trabi saßen, abermals seine relative Nutzlosigkeit beteuerte: »Im Vergleich mit Topagenten bin ich nur Durchschnitt ... « »Ach was, Tallhover. Sie waren doch immer kolossal auf dem laufenden, wußten im voraus schon ... «

»Aber Sie hatten die eigentliche Macht, Bücher, ne ganze Armee gereihter Wörter im Rücken ... « »die sich an der Zensur, deren Fürsorger Sie sind, gerieben, manchmal aufgerieben haben. Ohne Zensur... « »Mag ja sein, Fonty, daß wir uns irgendwie ergänzen. Doch nur nach Aktenlage sind wir gleich.« Dann bedankte er sich. Mehr noch, er sah sich zu Dank verpflichtet. Fast hätte er Fonty umarmt, doch es kam nur zum Händedruck und zu Gestammel: »Ahnen ja nicht, wie deprimiert ich ... Kam mir überflüssig... Gab nur noch ne traurige Figur ab ... Hat mir gutgetan, dieses alberne Spielchen ... Weiß jetzt wieder, was ich mal gewußt, dann vergessen hatte ... Na, wie glatt das geht, Systemwechsel ... Man bleibt, wer man ist ... Auf beiden Seiten der Brücke ... Danke, Fonty.« Er gab den Händedruck auf und lächelte nun wieder altbekannt. So gutgelaunt hätte Hoftaller es gerne gesehen, wenn man gemeinsam über die Glienicker Brücke nach Potsdam hinein und zur Dortustraße gefahren wäre, doch abermals wollte Fonty nicht gefällig werden. So schroff lehnte er einen Besuch im Archiv ab, daß Hoftaller nachgab; allerdings versicherte er auf unsere Kosten: »Macht nichts! Bringt sowieso nicht viel. Die haben doch nur Langeweile in ihren Karteikästen. Kennt man alles. Selbst das Kapitel >Storms Potsdamer Leidenszeit< ist abgehandelt. Wer auf ne wirkliche Hintergrundstory aus ist, dem können nur wir dienen. Sagte ja bereits: Ohne uns läuft nichts ... « Die Rückfahrt durch Westberlin dauerte, weil sie in den nachmittäglichen Berufsverkehr gerieten. Immer wieder brachte Stau sie zum Stillstand. Man kam sich klein vor in dem bewitzelten Pappkoffer, eingeklemmt zwischen den mächtig wirkenden Karossen aus westlicher Produktion. Damals waren Trabiwitze beliebt, deren Pointen den zuvor beliebten Ostfriesenwitzen entlehnt zu sein schienen; und doch fanden der Chauffeur und sein Beifahrer Trost in der Tatsache, daß sich die Verkehrsdichte gleichermaßen gerecht auswirkte: Ob Mercedes oder Trabi, alle kamen nur schleppend voran. Fonty sagte dazu: »Kolossaler Schlamassel! Und das ist nun der heißersehnte Kapitalismus.« Seitdem Madeleine weit weg war, fand er wieder Zeit für lange, alles Tagesgeschehen verplaudernde Briefe, sogar für Vormittage in der Imbißstube Potsdamer Straße, schräg gegenüber der Hausnummer 134 c; dort hatte er ein Tintenfaß deponiert.

Professor Freundlich, dem er die jüngst zugeflogene Enkeltochter allerdings unterschlagen hatte, verdankte seiner Brieflaune einen zugespitzten Rapport vom »filmreifen Agententausch« auf der Glienicker Brücke, die er »das Mekka aller pensionsreifen Geheimdienstler« nannte. Und Martha Grundmann, geborene Wuttke, erhielt wieder Post. Sie las, was uns viel später zur Auswertung überlassen wurde: » ... Soviel zu dem uns lange wohlgesonnenen, dann aber regnerischen Wetter; gewiß wird Mecklenburgs Himmel während der Nacht zum dritten gleichfalls so national gestimmt gewesen sein. Jedenfalls haben wir den Einheitsrummel, samt eher schütterem Glockengeläut, tapfer und dank familiärer Auffrischung überstanden. Mama wird Dir sicher aus ihrer mich oft verblüffenden Sicht mitgeteilt haben, daß Mademoiselle Aubron es verstanden hat, unsere Herzen im Handstreich zu erobern; und wahrscheinlich ist es meiner lieben Mete ähnlich ergangen; denn wie ich in einem sonst eher ledernen Brief Friedels lese, hat sich die so zierliche wie resolute Person in Schwerin, Wuppertal und sogar in Bonn-Bad Godesberg vorgestellt, bevor sie nach Paris weiterreiste. Kann nur lachen, wenn ich an meine Herren Söhne denke - besonders an Teddy und vermute, daß sich dessen Prinzipienreiterei, angesichts der von mir als zartbitter empfundenen Person, mehrmals vergaloppiert haben wird. Muß nun, was meinen in die Jahre gekommenen Sündenfall betrifft, das abschließende Urteil der Familie überlassen, bin aber sicher, daß mich meine Mete nicht an den Pranger stellen wird, vielleicht hilft Dir Dein neuerworbener Katholizismus, Deinen alten Vater in milderem Licht zu sehn. >Mensch ist Mensch<, wie schon der General von Bamme in >Vor dem Sturm< sagte. Von Mamas Gutherzigkeit in dieser Sache war ich überrascht. Ich befürchtete eine knifflige Situation zu Hause. Anfangs schien sie auch ganz baff zu sein, doch dann siegte ihre Neugierde: Unbedingt wollte sie rudern, und zwar zu dritt. Doch was diese familiäre Ruderpartie betrifft, die Dir sicher bis zu Madeleines rettender Heldentat hin ausgemalt worden ist, kann ich nur hinzufügen, daß mir dabei der beigelegte Vierzeiler eingefallen ist, weil beim Rudern Erinnerungen aufgewühlt wurden, beklemmende und belebende, solche, die der Zeit anheimfallen, und andere, die zu Buche schlugen: Bilanzierend waren unterm Strich die belebenden im Plus. Und stell Dir vor, durch den französischen Anstoß regelrecht verjüngt, haben Mama und ich am sechzehnten unseren fünfundvierzigsten Hochzeitstag gefeiert, in den Offenbach-Stuben, versteht sich, zumal unser Ehebund damals eher ärmlich mit Pellkartoffeln zu Hasenpfeffer (dank Zutat des Karnickelzüchters Max Wuttke)

der zu Rückblenden einlädt. seit meinem Fronturlaub im Oktober dreiundvierzig als Zeugnis meiner Lendenkraft gelten konnte. sie deutete mir einen bei der Reichsluftfahrt am Schreibtisch sitzenden Oberleutnant an. der häufige Fliegeralarm. Mein Kumpan wurde nicht müde. was das Sündenkonto betrifft. ein Ort. das heißt mein altvertrauter Kumpan (der meiner Mete verständlicherweise übel aufstößt) und meine Wenigkeit. gefeiert in Offenbachs Stuben. Doch lassen wir das. die Namen von Topagenten herunterzubeten. deren Wert durch Austausch zu steigern war. doch solang ich nicht dran bin. aus dem Offenbachschen übersetzt. und kürzlich war die Glienicker Brücke unser Ziel. Doch diesmal gab es. >Ritter Blaubart<. Die Avantgarde ist schon da. Zur Zeit ist er dabei. obzwar Mamas kriegsbedingte Irrungen. auf Mamas feinfühligen Wunsch hin. Hier ist das Wort >abwickeln< in Mode. Und Dein alter Vater gehört ihr bei gutem Sold beratend an. der ja. Kurzum. was auch fleißig besorgt wird. Nach Cottbus und Neubrandenburg.gestand mir Mama.abgefeiert wurde. hier.nun schon mit Schwips . Im Luftschutzkeller sei man sich näher und näher gekommen. Jedenfalls sind wir nun.und hinterdrein Palatschinken mit heißen Schattenmorellen. Nun ja. zukunftsträchtigen Sinn: Dort wird in wenigen Monaten die Treuhandanstalt Quartier beziehen. was. Am Ende kam er sich so erbärmlich mittelmäßig vor.geschworen hat. das hieße vor brutalem Ausbau zu retten. daß ich ihm wieder aufhelfen mußte. mit Hilfe eines beredsamen Gutachtens den unverwüstlichen Paternoster vor Modernisierung. läßt sich gut spotten. wie sie . Nach solch üppiger Kost . was ich nun Dir ganz briefgeheim mitteile: Auch ihr sei das Warten während Kriegszeiten öde geworden. wo ich mit meinem Katte-Vortrag und einigen beiseite gesprochenen Befehlsverweigerungen nach Marwitzscher Lesart gewisse Schwierigkeiten bekam.und gesprächig vom Wein . heißen soll: Rinderfilet im Gemüsenest . Wir. Wirrungen folgenlos geblieben sind. so glaubte ich fest bis zum Hochzeitstag. Ihre Verlobungszeit habe hauptsächlich aus Warterei bestanden. Dennoch bleibt mir (als Strafe?) des Mäusleins Nagezahn. wo ich zu Zeiten des immerfort siegenden Sozialismus über den von mir geschätzten Maler Blechen gesprochen habe. Im übrigen genieße ich die bessere Hälfte meiner Halbtagstätigkeit. dort. Wenn es nicht so verdrießlich geregnet hätte. der nie ermüdende Zweifel. machen neuerdings Ausflüge im fabrikneuen Trabant. was unseren armen Georg betrifft. gleichauf. Was ist schon zweifelsohne? Zur Zeit geben wir dem verführerisch labyrinthischen Gebäude der mit uns historisch gewordenen Reichsluftfahrt einen neuen. wären wir besser auf die Potsdamer Seite .

daß Du ihm offenbar Anlässe für Nachsicht frei Haus lieferst. allzu weitläufig verzweigte. um einerseits Blicke über den Fluß nach Polen zu werfen und andererseits den zentralen Tatort des Erstlings unter den Romanen nach Spuren abzusuchen. Hardenberg. als nunmehr freier Schriftsteller seine Familie zu verunsichern und -im Rückblick auf die Franzosenzeit . Die Kunst besteht wohl darin. Ausflüge nach Spandau . er sei >sehr nachsichtig< mit Dir. Gneisenau und Scharnhorst! >Vom Landsturm zur Volksarmee< hieß einer meiner Vorträge.kaum von den Sekretärspflichten und Intrigen der preußischen Akademie befreit -.oder nach Tegel. wenn man gleich hinter der Brücke nach rechts abbiegt. sich auch im Großen zu bescheiden. « Fortan wollten Hoftaller und Fonty nicht mehr den unansehnlichen Trabi der Westberliner Verkehrsdichte beimischen. Kaum hatte das Volk sich . Stein. was dazumal einen annähernd Sechzigjährigen bewogen haben könnte . wo meiner Mete nur ein Kämmerchen blieb.Besichtigung der Zitadelle . hat der Korse in Rußland gleichfalls seinen Meister gefunden. schon anderes im Kopp. »Hatte. Befreiung vom fremden Joch! Reformen.gewechselt. zum Humboldt-Schlößchen. als sei er darauf erpicht. Aber über die Autobahn wagten sie sich aus dem Ostteil der Stadt nach Frankfurt an der Oder. während ich >Vor dem Sturm< schrieb. waren dagegen. All diese Hofschranzen.. Und Hoftaller tat am Steuer so. Dennoch: hätte zum königstreuen Volksstaat führen müssen. kurz bevor Napoleon seine Aufwartung machte: >Schach von Wuthenow<. was einerseits Beleg von Herzensgüte ist. ein herrlich weiter Blick übers Wasser bis hin zur Pfaueninsel.einen Wälzer zu Papier zu bringen. aber besser als das Mansardenloch in der Potsdamer Straße. wurden vom Programm gestrichen. Dort ergibt sich. Aber Ihre Leute. zu hören.. wie das Oderbruch. hoffentlich legt er sich nicht zuviel auf den Teller. Zwar kann ich verstehen. Nun aber noch einmal zu meinem Arbeitgeber. Den inneren Niedergang Preußens. der Treuhand: Deren Schweriner Filiale wird Deinem Grundmann gewiß filetstückgroße Angebote machen. Um endlich auf Deinen Grundmann zu kommen: Du schreibst. Fonty ließ sich darüber schon während der Hinfahrt aus. eine knappe Novelle. Während im breit geratenen Erstling die preußische Niederlage schon ausgefochten ist. was man später >die führenden Genossen< nannte. im Dutzend billiger. Alle Zeichen stehen auf Sturm. noch vor dem Sturm. mir aber kundtut. wird sie allemal sein. gehalten in Jüterbog. Kein Gespött wünschten sie zu hören oder nur zu vermuten. der sich. daß Dir die Villa mit Seeblick zu groß ist. Von Anfang an.

weiter weg. während er mit den Gesten eines Clausewitz strategische Lagen entwarf. Einheit hin . aber Ihr Schweigen sagt genug. anno neunundvierzig. Und von der alten Holzbrücke gibt's.. Von Westpreußen. « Fonty liebte solch zeitraffende Verkürzungen. auf Küstrin und. war immer schon unterschwellig wendisch versippt. dann die prekäre Situation der Großen Armee nach dem Brand Moskaus und der Niederlage an der Beresina im Auge . Sie sind verstummt. wenn auch unter Chiffre. Tallhover.. wie Sie sehen. ist aber trotzdem schade. Linker Hand war die Nachkriegsbrücke für Auto. Wenn der eine mit langem Zeigefinger nach Norden hoch.»Da drüben stauten sich die erbärmlichen Reste französischer Macht. wo es Mathilde Möhrings verbummelter Student immerhin zum Bürgermeister gebracht hat. anfangs das nahe dem Ostufer der Oder liegende Schlachtfeld von Kunersdorf . netzförmig erweitern. Stimmt. perfektionieren konnte. nur wir sind das Volk! Doch gegenwärtig ist der Sturm wieder mal abgeflaut. bedrängt von Kosaken« . dem der Rückzug aus Rußlands Weite noch immer die Sprache verschlug.»Friedrichs Debakel« -. aber Tatsache: Hier hat Deutschland aufzuhören. in der >Dresdner Zeitung< geschrieben. Alles weg oder heißt nun polnisch .und Fußgängerverkehr freigegeben. dann.. Gestern noch hieß es: Wir. verdichten. Swinemünde. >Quitt< spielt zum besseren Teil im Schlesischen. Dort hat man Katte einen Kopf kürzer. ganz zu schweigen. Und nach dem verpfuschten Anschlag auf die Frankfurter Oderbrücke saß der junge Graf Vitzewitz in der Festung Küstrin ein. standen schon die Karlsbader Beschlüsse fest. < Habe darüber bereits. Und als sie den Trabi zwischen den Resten der historischen Innenstadt geparkt und auf der Uferpromenade des Grenzflusses einen für weitschweifige Betrachtungen günstigen Aussichtspunkt gefunden hatten. nach Südosten in Richtung Schlesien und Riesengebirge.. auf das verlorene Weichselland wies.. Und das bis heute. auf daß Ihresgleichen von den Demagogenverfolgungen bis hin zum jüngsten Spitzelsystem einen Überwachungsstaat errichten. Rechter Hand überbrückte die Eisenbahnbrücke den Grenzfluß. Fonty hatte... Nichts ist geblieben..Einheit her. weil einige Romane nun ihr Hinterland verloren haben. nicht mal die Andeutung einer Spiegelung. >Der neue Polizeistaat .. mit absolut östlichem Fingerzeig. Das nimmt kein Ende..und sah . Für das Kessin meiner Effi gibt es kein Swinemünde mehr. stand der andere mit verschränkten Armen: ein verfinsterter Napoleon.und zugleich den zaudernden König befreit. « Auch dazu schwieg Hoftaller oder stand neben Fonty wie zum Schweigen kommandiert. sagte er: »Ist bedauerlich.

« Uns verwunderte nicht. als zu exzentrisch empfunden. »Wer Frankfurt an der Oder hat.« Dann wies auch er mit allerdings kurzem Finger in Richtung Osten: »Trotzdem. wirken in der Regel elend zurückgeblieben. als vorgeschobenes Bollwerk. um nochmals die Endgültigkeit der Grenze mit Polen zu besiegeln: »Tatsache! Da rüttelt keiner mehr dran!« Jetzt erst. Friedenswall. die man. Und heute? Alles fließt. daß sie das naheliegende Kleistmuseum gemieden haben. denn was von da hinten auf uns zukommt. Grenzen halten nur auf. « Diese und mehr Worte hörte sich der Fluß Oder an. das Ganze.. Er sagte: »Geburtsstädte.»Dem Nationalen haftet immer etwas Enges an« -. bevor der große Ansturm kommt. Nichts ist mehr sicher. Hoftaller versuchte. mehr beiläufig als zum Widerspruch aufgelegt: »Ach was. in Deutschland ändert sich nichts . Wuttke. als mir mit hüpfendem Stein ein Dreisprung gelungen ist. bei allem Respekt vor bleibender Größe und so sehr ihm der »kolossale Haßgesang. doch kaum begann er sich mit dem grenzenlos offenen Zustand zu befreunden. Später gestand er uns: »Habe kindliche Freude empfunden. hat Berlin!« rief er. lockerte Hoftaller die verschränkten Arme und sagte. muß überschaubar bleiben.. als sich die Rote Armee auf dem östlichen Ufer sprungbereit und in Sichtweite sammelte. friedlich natürlich. Eiserner Vorhang. zu Tode prügelt. Schon brauchen wir weder Visum noch Paß. Wuttke.. >Die Hermannsschlacht<«. Keine Grenze hält ewig. mit flachem Wurf einige platte Ufersteine auf dem Wasser springen zu lassen. Passen Sie auf: Sogar die Dienste werden noch gesamteuropäisch. Minen. ob Neuruppin oder dieses Nest. Stacheldraht. besser. Todesstreifen . war Fonty geschickter. nachdem alle Schlachten geschlagen waren. um rüberzukommen. gleichfalls zu werfen. Aufgefordert. Muß man locker sehen. je nach Belieben. Sehe Polen als ne Art Grenzmark oder. das heißt sichern. Vorgestern noch war alles dicht: Mauer. kamen die alten Besorgnisse hoch: »In Deetz schlug man 1806 einen Franzosen tot. Und jetzt sind es Polen und Vietnamesen. hatte doch schon der Unsterbliche diesen anderen Preußen. ist ne echte Herausforderung. Kenne doch meine Deetzer.. der nach trockenem Sommer und bei immer noch niedrigem Pegelstand keine Eile hatte. Der Osten ist weit!« Fonty stimmte einerseits zu . wie man einen Pfahl in die Erde schlägt oder mit noch viel weniger Grund.schließlich den Frontverlauf vom März 45. Diese Weite müssen wir abschirmen. imponierte.« Und Hoftaller sagte im Vorbeigehen: »Dieser Kleist wäre ein .

die Sache mit dem Volkssturm.. statt des Angriffs. von Bränden in diversen Romanen und Balladen zu sprechen und zugleich an einen diesbezüglichen Vortrag zu erinnern. daß Fonty den Besuch der Glienicker Brücke und den abschließenden Spaziergang über die Oderbrücke bis hin zum polnischen Ufer in einem gereimten Vierzeiler festgehalten hat. En avant! Außerdem blies der Protzhagener Hornist. während nach rechts hin die Brücke brannte. « Statt dessen besuchten sie das Stadtarchiv. sind zwar . die. des nassen Holzes halber. und hatte alsdann die brennende Brücke aus »Vor dem Sturm« in längerem Zitat bereit: » . vielmehr waren es die beiden Kastanien aus seiner Manteltasche. >in der Angst seines Herzens.. An der anderen Seite des Flusses standen der Holzhof und das Bohlenlager in Flammen. Angesichts der gemalten Feuersbrunst konnte Fonty nicht widerstehen. wie geschrieben steht. »War kurz vor dem elften Plenum . der ausführlich vom Besuch der beiden Brücken Bericht gab und mit Zitaten auf Potsdam und Frankfurt zielte. Das Feuer drüben stieg hoch und hell in den Nachthimmel hinein. lagen Rauch und Qualm in dichten Wolken. War aber schwer zu observieren. Der Franzose hielt dagegen. den er während der sechziger Jahre in Frankfurt an der Oder gehalten hatte. kam vom brennenden Tangermünde auf den Schloßbrand in »Unwiederbringlich«. Reime gingen ihm leicht von der Hand. « Dabei geriet er in Hitze. war es nicht.« Beim kleinen Grenzverkehr mußten sie nur die Personalausweise vorzeigen. war nun beim vergeblichen Versuch. das Großfeuer auf dem Gutshof des Herrn von Vitzewitz zu löschen. « Ein wenig bekümmert stand Fonty vor dem Bild: »Wie es hier gemalt ist. Es kann gut sein. mehr schwelte als brannte. Da war bald kein Halten mehr. Doch hat ihn nicht das historische Ereignis poetisch werden lassen.. ein Ausruf allgemeinen Erstaunens wurde laut.. Dort standen sie lange vor einem naiv gemalten Bild.Fall für uns gewesen. das die zur Franzosenzeit brennende Holzbrücke und den Feuerschein auf dem Fluß zum Motiv hatte. die er der Enkeltochter zum Abschied geschenkt hatte. weil zu unruhig und sprunghaft . Ging ja überhaupt daneben. vergaß nicht das niedergebrannte Neuruppin und den Scheunenbrand der »Kinderjahre«. Wie schon beim Rudern... In Wirklichkeit geht es immer banaler zu. In einem Brief an Madeleine Aubron... waren ihm am Einheitstag vier Zeilen eingefallen.das Rückzugssignal<. Die Voltigeurs hatten in knapp einer Viertelstunde die Pontonbrücke fertig. über der Brücke aber. aus denen nur dann und wann eine dunkle Glut auflohte .

mit der Hoffnung auf ein verzeihendes Lächeln. Und weil ihm in seiner Brieflaune noch dieses und jenes »übrigens« einfiel. sogar Kostenvoranschläge westdeutscher Firmen.« Und richtig: es gab Überlegungen. schlug er. zwei Handschmeichler nur. der Grenzstadt an der Oder. daß hoher Personalbestand nach adäquatem Transport verlange. Feucht und bemehlt aus der Schale gesprungen. als Ziel für die nächste Tour mit dem Trabi die seenreiche Ruppiner Gegend und jenes Städtchen vor. die. zu schenken: » .. Madeleine zu bitten. Kastanienbraun färbt des Oktobers Tinktur. eine der Kastanien . gleich hinter der Ausfahrt nach Müllrose. den eigentlichen und obendrein nahe gelegenen Ort auszusparen? Wir vermuteten richtig: Gerne hätte Fonty in Hoftallers Pläne einen halbtägigen Ausflug nach Neuruppin gedrängt: geradewegs zum ganzfigürlichen Denkmal des Unsterblichen. damit nichts schiefgehe: »Die bauen womöglich ruckzuck den Paternoster aus.»selbst wenn sie schrumplig ist mittlerweile« . Die Losung heiße Präsenz zeigen. Wir zwei vor die sitzende Bronze gestellt. wie es hieß: »Im Zuge dringlich erforderlicher Modernisierung.keine Brückenreime aufgehoben. bestimmt« -und begründete den Aufschub mit Hinweisen auf den vier.« Prospekte wiesen statistisch nach. sind sie als Schweinefutter und sonst gelungen. Otto-Grotewohl-Straße: Dort mache die Renovierung Fortschritte. doch hat er der zartbittren Person nachträglich einen herbstlichen Vierzeiler gewidmet: Für Dich.« Hoftaller vertröstete . anstelle der angeblich unfallträchtigen Personenbeförderung in offenen Kabinen. Schnellaufzüge in Vorschlag brachten. das in Theo Wuttkes Personalausweis als Ort der Geburt angegeben war: »Das wär doch was.ihrer Mutter in Montpellier. hat Fonty sich dazu verstiegen. Man müsse sich sehen lassen und kümmern.. Außerdem wurde behauptet: »Die an und für sich liebenswürdige Gemütlichkeit des Paternosters wird auf die . nein.« 25 Am Abgrund Warum diese Umwege? Weshalb nur Ortschaften zweiter Wahl? Welchen Grund gab es. Schon während der Rückfahrt von Kleists Geburtsort.»Später vielleicht.bis siebenstöckigen Gebäudekomplex an der Ecke Leipziger-. seiner immer noch grollenden Tochter Cécile. mein Kind.

und Hoftaller sorgte dafür.»Is ne Wucht.Arbeitsmoral abfärben und zur Bummelei. nannte sie eine »mobile Denkpause«. Bei einem Gespräch zwischen Erdgeschoß und oberstem Stockwerk war Hoftaller sicher. daß die erfolgreiche Eingabe sogar . Auf den Korridoren. zum alten Trott führen. Fonty!« -»Wie wär's mit nem Küßchen als Dankeschön für Ihre Initiative?« Das alles geschah über Baulärm hinweg. jedenfalls bis auf weiteres. Er hob den Nutzen kurzer Besinnung bei nicht zu schnellem Transport hervor. die lassen wir uns nicht nehmen. im Aufundabzug. Allseits wurde Fonty Erfolg zugesprochen. In einem Gutachten wies er auf die systemüberlebende. die vormals und noch bis kürzlich ihren Auf. Mit Hilfe von Unterschriften einzelner Personen und Personengruppen erhielt das Papier zusätzliches Gewicht. den stattlichen und mit steiler Karriere für Erfolg bürgenden Mann.»Nur nicht lockerlassen!« . »bewahrenswert«. Er lobte das kollegiale Zwiegespräch in den Zweierkabinen.« . Fonty schrieb ein forderndes Bittgesuch. indem er sich und allen Benutzern die Frage stellte: »Wer will oder kann in Zeiten wie diesen auf ein tägliches Vaterunser verzichten?« Zwar unterschlug er Hinweise auf führende Parteigenossen dieser und jener ideologischen Einfärbung.»Unser Paternoster ist schließlich ein Stück unserer Identität. das ihn. dabei rochen die auf. als Benutzer des Kabinenaufzugs bestätigte . war bereits fleißig.« Doch Fonty. der schon vor Hoftaller Gefahr gerochen hatte.und niederfahrenden Kisten muffig bis ranzig nach Bohnerwachs.« . Fonty!« »Weiter so. war die gebetsmühlenartige Anlage vor barbarischem Zugriff gerettet.« . Als sich sogar der Chef der nunmehr in allen Stockwerken raumgreifenden Behörde zugunsten des Paternosters aussprach und für Werbezwecke ein Photo freigab.»Klar.man sah ihn von Fuß bis Scheitel robust neben eine zierliche Sekretärin gestellt -. mangelnde Effizienz ist statistisch beweisbar. also des Denkmalschutzes würdige Dauerhaftigkeit des Personenaufzugs hin. doch beschwor er den »zeitgesättigten Geruch« der holzgetäfelten Kabinen und nannte ihn. selbst beim Besuch der Toilettenräume hieß es: »Das haben Sie prima hingekriegt.und Abstieg so sinnfällig erlebt hatten. Der Erfolg der rettenden Aktion hallte bis in den beginnenden November hinein.« Er spielte mit dem Namen des altmodischen Personenaufzugs. Die lächerlich geringe Zahl von Unfällen bei der Benutzung von Paternosteraufzügen faßte er in den Merksatz: »Besser langsam ans Ziel als beschleunigt ins jenseits befördert. seiner angereicherten Güte halber. daß die appellhafte Eingabe in Umlauf kam.

»Mensch.« Als sie gingen. Beim Volltanken zahlte Fonty. Es fehlt an Leuten. Soviel Vertrauen und vertrauensvolle Suche nach Schutz sei gefragt. Er zählte ab jetzt zur nicht ganz unwichtigen Personalabteilung. beschränkte sich unser prinzipielles Mitwissen aufs Hörensagen. hatte abgewinkt: »Mit nein Trabi. gewann er nun Statur zurück. Über dreitausend Planstellen sind genehmigt. Vor allem ist Sachkenntnis gefragt. Fonty! Wir mischen da mit. allenfalls durften wir einigen bei trüber Sicht vorstellbaren Visionen Raum geben. Mit dem Trabant in die sandige Lausitz. Das sei Fonty zu verdanken.das werde immer wieder betont . mein lieber Wuttke. gelegen am gleichnamigen See. Dessen abschließende Formulierung »Möge uns fortan der Paternoster unter der Obhut der Treuhand dienstbar bleiben!« habe den rechten Ton getroffen.« Sie fuhren in die Lausitz. Kann noch Wochen. nie wieder!« Und ohne uns fuhren sie. der Form halber gefragt. Emmi.« Wenn wir an Fontys Tagundnachtschatten während der letzten Wochen ein zunehmend graustichiges Erblassen beobachtet hatten. An einem normalen Arbeitstag sagte er: »Können uns mal wieder nen kleinen Ausflug leisten. die den Filz von innen her kennen. Aus erstarrtem Volkseigentum soll beweglicher Privatbesitz werden. Sowas höre man gern. Hatte heute sechs Einstellungsgespräche. doch waren wir im Prinzip dabei. Monate dauern. Wird es! Wird es! Aber nicht ohne uns. Sie fuhren am g. Habe schon welche bei der Hand. Am Ende der zweiten Novemberwoche fand dieser Ausflug statt. als verfrüht abgesagt und aufs kommende Frühjahr verschoben hatte. wollte er seinem »lieben Wuttke« mit einer Fahrt in die wendische Lausitz gefällig werden. Emmi hatte ihre Absage bekräftigt: »Und in diese lausige Gegend schon gar nich. selbst wenn sich die großen Aufgaben heute ganz anders stellen. Stehen hier nur den Handwerkern im Weg. Der Chef .seine Position gefestigt habe. der neuerdings bei Kasse war. die Hälfte. das haben Sie richtig erkannt. Bin sicher: wird ne gigantische Sache. wenngleich nur in mittlerer Funktion.wolle doch nur das Beste. bis die ersten Räume bezugsfertig sind und es losgeht mit dem Umzug vom Alex. November über die Autobahn Richtung Dresden bis zur Abfahrt . Unsere Kampfparole von einst gilt immer noch. Versteht sich: mit aufgestocktem Personal. rief er aus gehörigem Abstand zum kolossalen Portal: »Allzeit bereit!« Dann wurde Hoftaller leiser: »So ist es. Vormittags fuhren sie vom Kollwitzplatz ab. Nachdem Hoftaller einen Ausflug nach Neuruppin. Wuttke.« Da die Hintersitze frei blieben.

»Will da nicht hin. doch hätte das nicht Fontys Wünschen entsprochen. erfülltes und übererfülltes Soll. als wieder mal schärferer Wind wehte. Deren Geräusch wäre Beweis für Arbeit und Menschenwerk gewesen. angesichts der in der Ferne gereihten Schornsteine und Kühltürme des Kombinats »Schwarze Pumpe«. An diesem g. Wie Emilie.« So wurde mir Mitte der sechziger Jahre. den Fortschritt. und wenn schon ins Sorbisch- . mit Wortkaskaden Sperren zu errichten. sonst nichts. keinen Vogel darüber. um dann. so ich: Das ist nicht meine Gegend. uns aber schon während verjährter Studentenzeit als ständige Androhung vertraut wurde: »Wer ideologisch nicht spurt. das Oderbruch. bogen sie ab und fuhren weiter in Richtung Senftenberg. Von der zu Führers Zeiten bahnbrechenden Reichsautobahn.Ruhland. das ihm von Kulturbundvorträgen in Hoyerswerda bekannt war. den schicken wir in die Produktion. gerne. mehrfach ausgezeichnete Brigaden. November lag unter verhängtem Himmel die Sicht bis zum Horizont frei. Hasse diese Gegend. von mir aus nach Mittenwalde. sahen kegelig aufgeschütteten Abraum. was alles um die Ruppiner Seenplatte liegt. Fördermengen. Rheinsberg immer wieder. Letschin. Schon auf der Autobahn hatte er zu quengeln begonnen. und an den Bruchrändern der Gruben sahen sie Reste verlassener. keinen Baum. der noch lange vom Tagebau weitläufiger Braunkohlelager gezeichnet sein wird. ausgebleichte Hügelketten um Grundwasserseen und von Kohleresten marmorierte Spitzkegel. Da kann man von der Arbeiterklasse lernen. bis sie in jenen Teil der Niederlausitz kamen. das Ländchen Friesack. Wir kennen diese der einstigen Arbeiter. Kollektive. wo Paul Gerhardt Probst war. schon aufgegebener Dörfer. Wir könnten. ja. doch hockten auf den Grubenrändern und vor kohleträchtigen Steilhängen monströse Schaufelbagger aus rostanfälligem Material. Plane Flächen sahen sie zuunterst und in die Tiefe versenkte Mittelgebirge. Stopp und Umkehr forderte er. deren übrige Häuser auf Abbruch standen. immer schon. Sie sahen auf eine in Stufen vertieft gebreitete Landschaft. die Sonderschichten für den Frieden. Sie fuhren über Nebenstraßen bis dicht an die Abbruchkanten heran. die gute Sache einlegten. Wir könnten mit Zahlen nachhelfen: Aushub in Kubikmetern. ein Jahr Braunkohle zur schweißtreibenden Erfahrung. Überall fanden sie die Erdkruste aufgebrochen. einer mittlerweile zum Flickwerk verkommenen Plattenbaustrecke.und Bauern-Macht so förderungswürdige Region und sind sogar halbwegs in wendisch-sorbischer Literatur beschlagen. was malochen heißt. Halt. keinen Strauch.

Lebhafte Debatte danach. fand er inmitten Ödnis immer neue Zugänge zu Grubenrändern. dem der für Deutschland zuständige Kalendermacher vor Jahresfrist eine weitere. mit Gurken und Ammen gesegnete Gegend. volle Säle. Ebba von Rosenberg und Mathilde Möhring. dort als wilde Müllkippe benutzt worden waren. Auch uns hätte es nicht in die Braunkohle gezogen.Wendische. Nichts. so üble wie verfluchte Datum fixiert war. so notwendig sie unserer Existenz ist. Nur Abgrund und Mondgebirge.. denen sein sandgelber Trabant wie angepaßt war. denn sie wissen genau. und weiter auf Kähnen in diese verwunschen liebliche. vergib ihnen. sogar bei den führenden Genossen. düstere. die ja alle was Emanzipiertes an sich haben. Anzunehmen ist. in den Spreewald. die seitlich einer Grubeneinfahrt zuhauf lagen und die . Er führte ihn vor das schwarze Geschlinge ausrangierter Förderbänder. Sie stiegen aus. doch mir war die Arbeitswelt. Den Chauffeur schien diese Fülle historischer Ereignisse anzutreiben. nicht dahin. aber alles gegen die Gegend hier. worauf das Auge ruhen möchte. schon gar nicht . Aber wen kümmerte das? Hoftaller klammerte sich ans Lenkrad und hielt an seinem Plan fest. wiedersehn. interessante Aussprachen und nicht einmal ideologisch vernagelt. Kam gut an. « Kein Einwand konnte den Trabi stoppen oder in reizvolle. Fand Anklang mein Vortrag. Wie umgekrempelt und ausgelutscht. Hoftaller? Wollen Sie mir verschwundene Dörfer samt Kirchen aufzählen. wie ich ihn kenne. was sie tun? Oder was soll ich hier? Da steckt doch Absicht hinter. Er zwang Fonty. auszusteigen und gleich ihm in den Abgrund wie in ein offenbartes Verhängnis zu starren. Gebe ja gerne zu: Publikum war vorzüglich. Aufgehäufelte Häßlichkeit. das Archiv war auf Fontys Seite. aber nicht hierhin. trotz aller novemberlichen Trübnis einladende Gegend locken. Zum Beispiel über Frauengestalten wie Melanie van der Straaten. natürlich auch irgendwas von Clara Zetkin. mich mit Produktionszahlen und henneckehaften Leistungen erschlagen? Soll ich etwa beten lernen: Herr. daß er auf den Feiertag aller Feiertage. Nein! Trotz Kulturbund und allerbester Erinnerungen. Auf ausgefahrenen Nebenstraßen. Zitierte aus Bebels >Die Frau und der Sozialismus<. Also nichts gegen den Kulturbund in Hoyerswerda. schon immer ein Greuel. Will ich nicht sehen. blutige. dazu noch Corinna Schmidt und die Witwe Pittelkow. diesmal Freiheit verheißende Bedeutung draufgepackt hatte. Wäre etwas für Zola gewesen: >Germinal< über Tage. Was soll das. Ein Tallhover fährt nicht einfach ins Blaue und ein Hoftaller. Spremberg womöglich und immer weiter bis nach Bitterfeld rüber und ins Sächsische. die hier sauber abgeschrappt. auf dieses tragische.. dann nach Lübbenau.

ein Städtchen mit Kirche und Schloß. Im Schloßpark standen die alten Bäume. brach die Erdkruste ab. wie auf ewig. die gleich Insekten auf den Grubenrändern erstarrt waren oder auf tiefster Abraumsohle knieten. nach letzten Schritten seitlich der übriggebliebenen Chausseebäume. dessen letzte Häuser leergeweidet am Grubenrand standen und auf Abbruch warteten. eine Kornbrennerei in Betrieb. »Da wollen wir hin«. der kleinkörnigen Sand austrug. »erbrochenes Drachengekröse« nannte. Und sogar Hoftaller glaubte mehr als nur ermüdetes Industriematerial zu sehen: Mit dickem Zeigefinger wies er in die Ferne und der Reihe nach auf Schaufelbagger und Abraumumwälzer. sah schwarzpolierte Spiegelflächen hier ausufernder. unter ihnen exotische. in einem Brief an Martha Grundmann. Ausreichend viel Arbeit: Sägewerke. Sie parkten den Trabi vor der Einfahrt zum Schloß. dort tümpelgroßer Grundwasserseen. doch keine der kegeligen Spitzen des Mittelgebirges überragte den Grubenrand.Fonty später. Das war vor der Absenkung des Grundwasserspiegels. förderten von hier nach dort.. Jetzt gab es keine Holzverarbeitung mehr. Altdöbern lag zwischen Feldern und Wäldern. eingeschlafen zu sein. « Einige von uns erinnern sich an den beschaulichen Ort. knöchelhart anklopfen .. waren unersättlich. bedienten intakte Förderbänder. Alles schien dort stehengeblieben. rief Hoftaller. dessen Fassade hinter einem vergessenen Baugerüst bröckelte. Ihr Blick sprang über Riesenstufen zur Grubensohle. »jetzt gleich. kam als Beweis ihr Geräusch. Zwar leblos anzusehen. gleich hinter der Frauenklinik und ihrem novemberlichen Garten. Sie hätten gestaffelte Bergketten zählen können.. beuteten aus. in dem Kohlköpfe in Reihe lagen. auf die gruppierte Abraumhalden ihr Bild warfen. und mit dem Wind. Den Schornstein der Schnapsfabrik verstopfte ein leeres Storchennest.. und von da aus in Richtung Pritzen gucken . konnten beide über die Grube und deren von unterster Sohle aufgeschüttete Kegel hinweg bis nach Altdöbern sehen. « Nur wenige Schritte vom Kirchplatz und dem noch immer gepflegten Friedhof für drei Dutzend zum Schluß gefallene Soldaten der Roten Armee entfernt. nur die Jahreszeit brachte Wechsel. den Hoftaller und Fonty grad dort besetzt . wo nichts mehr zu holen ist. waren sie dennoch in Betrieb. Welch ein Ausblick! Von Pritzen. An Martha schrieb Fonty: »Irgendwann wird sich gewiß ein Erbe aus Preußens versprengtem Adel melden und selbst hier.

Abgrund war überall. die vormals zwischen Roggen. . wie ich versprochen habe. Braunkohle. daß man Sie vierundfünfzig.hielten. na. Ja. vermengt mit reaktionären Sprüchen aus Zeiten der achtundvierziger Revolution: >Gegen Demokraten helfen nur Soldaten!< Und mehr Provokationen. nur das bleibt von uns. denn in der Ferne. was sein wird. Hier. Vom Produkt befreit. Haben unverschämtes Glück gehabt. die sich ein bißchen spiegeln dürfen. sehen Sie. die Ihnen wenigstens ein Jahr Braunkohle hätten einbringen können. dessen Wolken übersättigt zu sein schienen.. Wuttke! Die paar übrigen Häuser. regnete es in Schleiern ab. wenn man genau hinguckt. wo sie als Säcke durchhingen. Auf all das drückte ein tiefer Himmel. in Wirklichkeit aber allein. wo jene schmale. Schuld. Wuttke. Man starrt in das Loch und ahnt. Sie hätten auch woanders am Grubenrand stehen können. in Reihe gebracht. nicht nur schwarzes Gold. Wuttke. kriegt man ne Ahnung. das kein Lüftchen kräuselt ganz unten. sehen Sie.und Freisprüche zugleich. Als wollte er diesen oder jenen Abraumkegel antippen. endzeitliche Beschwörungen. Nur noch Rückstände sind wir. von verschiedenem Wuchs. »Da. hier und dort sehen wir sie als Paar vervielfältigt. Sortierter Rest und Abraum der Geschichte. ausgebeutet werden wir menschlicher Abraum sein. « Hart an der Abbruchkante der Erdkruste stand Hoftaller. Los. Was heißt hier Schwarzseherei? Ist doch von Ihnen der Spruch: Wenig hoffen ist immer gut . Von hier aus gesehen. Altlasten nennt man uns. ne Menge Zukunft sieht man. ne Lippe riskieren zu müssen. Wuttke! Man sieht. weil Sie meinten. was das heißt: Tagebau.und Rübenfeldern auf vier Kilometer Länge das Städtchen Altdöbern mit einem Dorf namens Pritzen verbunden hatte. Selbstbeschau. deutete er mit dickem Zeigefinger an kurzem Arm in die Grube. Das waren seine neuen Töne: Zerknirschung. hundert und mehr Tagundnachtschatten mit Objekt. da. im Grundwasser. was kommt. doch standen sie in solcher Anhäufung nur im Prinzip. ganz und gar ausgemergelt und feingesiebt. Das.. gleich nach dem Kulturbundkongreß. gucken Sie nur. allenfalls Schrott wert. Das ist Pritzen. sonst geschah nichts. nicht in die Produktion gesteckt hat. Fonty! Hinsehen! Sieht man nicht alle Tage so deutlich. was hat man aus uns gemacht? Was haben wir aus uns machen lassen? Traurige Überreste. gedrängt und gefährlich nah an den Rand geschoben. Ach. laßt fahren dahin. und zwar im Rückblick auf die Juniereignisse vom Vorjahr. malochen. in Mänteln und unter Hüten. kleine und größere Kegel. auch wenn es hier oben bläst. aber asphaltierte Landstraße endete. dicht bei dicht und hintereinander gestaffelt. Und das bis zum Horizont: säuberlich aufgeschüttet.

An Martha. Und jetzt hörte man von fern und doch nah herangetragen das Knirschen. Diese restliche Landschaft konnte selbst er nicht beleben.das ginge ja noch -. durchsetzen. in diese aufgeschüttete Wüste hätte er die arme Effi nicht verbannen mögen. In all ihrer Verlassenheit wäre nicht einmal die blasse Stine hierhin zu denken gewesen.neun Prozent nur Braunkohle in gut fünfzig Meter Tiefe raus geschrappt.bestand die Stimme auf Wiederholung. mit Hut. seine Mete. als wollte sie sich gegen den Zeitgeist.in täglichen Schichten Braunkohle her. das Dorf Pritzen gestanden hatte. mit geblähtem Segel über den Abgrund. gedrängt und klumpig als Gruppe. auf Landkarten markiert. jaulen und Stöhnen der Transportbänder auf Rollen.und nun schon penetrant trotzig . gleich trägt es sie fort. jenen stählernen Dinosauriern.ohne weiterhin volkseigen sein zu dürfen . ocht« in Betrieb seien. bis zum Horizont und weiter. Plötzlich triumphierte eine menschliche Stimme. Und selbst Mathilde Möhrings nüchternem Sinn für Erwerb durch Arbeit hätte er eine solch leblose Produktionsstätte nicht zumuten wollen. als zu sehen war. Dort. « Aber der Tagebau bei Altdöbern war. und zwar von zweckmäßig konstruierten Nachbildungen urzeitlicher Monstren. der allerorts nur Stillegung im Sinn hatte. Und schon sehen wir sie wieder in Vielzahl. . Man könnte meinen. wenngleich nicht augenfällig. finf. Er wollte nicht in den Abgrund schauen. wo einst..Auf dem restlichen Stummel der Landstraße nach Pritzen stand er breitbeinig. Nicht nur von Gott . Fonty stand abgewendet. Nein. Nochmals . als wollte sie sagen: Wir fördern weiter! Wir sind nicht abzuwickeln! Uns macht ihr nicht platt! Denn immer noch gab die Grube . wie Fonty mit Hut und in fliegendem Mantel stand. schrieb er: »Bin kein Zola! War nie auf Misere abonniert. Zu diesem panoramaweiten Auswurf wäre Frau Jenny Treibel keine poetische Überhöhung eingefallen. Konnte soviel seelenlose Häßlichkeit keine Minute länger ansehen. die Abraumkegel hinweg.. mitunter böigen Wind. gehorchen ihre Mäntel dem steifen. Doch als sie uns wieder zum vereinzelten Paar wurden. atmete mich die Leere an . Das war nichts für Fonty.wo auch immer . daß . wollte nicht in die Grube glotzen und mehr sehen. hatte sich etwas in ihrer Stellung hart an der Kante verändert. Die Durchsage wurde wiederholt. belebt. von aller Schönheit verlassen. So wunderbar vermehrt. verstärkt über Lautsprecher.die Förderbänder »zwo. Auf diesem schwarzen Grundwassersee hätte er Lene Nimptsch niemals eine Ruderpartie mit einem verliebten Leutnant erlaubt. wurde in magerem Aufkommen . Kein Ort für die ewig kränkelnde Cécile. im wehenden Mantel. die sächsisch eingefärbt mitteilte. die Grundwasserseen.

mit westlichen Ansprüchen rechnen. nur eine Chimäre. Der alte und seltene Baumbestand habe bereits Schaden genommen: »Durch Absenkung des Grundwasserspiegels. Du weißt ja. im Kollegenkreis Vergnügen bereitet. wie überall.. fragten wir uns. werde man Ärger bekommen. Genauso triftig hätte ich mich selbst in die Grube . Im noch nutzbaren Innern habe sich eine der Blockparteien.die das Endprodukt aus organischen Rückständen auf Förderbänder spuckten. von Sonderschichten und Prämien. Kein Baum überlebt diesen Eingriff. daß dafür kein Abgrund tief genug mißt. die mich seit Jahren bedrückt. Lassen wir das!« Wir wären. Aber die Einsicht. wie ich dicht hinter meinem altvertrauten Kumpan.. Demnächst müsse man. und weg ist er! -. Als hätte er von der Grube ablenken wollen.. Das sei hübsch.und noch zum höchsten .oder er mich . Doch mit dem Park. Oft genug hat uns Fontys Kitzel. Dieser Gestank! Dieses Schreckensbild! Gewiß. mehr oder weniger mißtönend. also gefährlich nah am Grubenrand stand und kaum wagte hinabzublicken. sah ich mich plötzlich versucht.. Wollte à tout prix . erlaubte keine dem mörderischen Gedanken folgende Tat. abzuwerfen. zweistimmig gesungen sein wollten? Was bleibt übrig. einfach in den Orkus zu kippen. all dem ein Ende zu bereiten und sozusagen jegliche Last. eingenistet. deren Pointen vom Echo lebten und. Hoftaller erzählte von vergangenen Produktionsschlachten. gewiß. was alles mir zur Qual geworden ist. den kleinen Schubs zu wagen hoppla.und Energiemangel. »die sich liberal schimpfende«. doch davon wollte Fonty nichts hören. Erben gäbe es immer. so sehr die Versuchung juckte. wenn Hoftaller wegfällt? Theo Wuttke. dem lähmend eintönigen Spielplan abgestandener Erinnerungen. sogar ein toter Gaul oder dessen verwesender Kopf. und dennoch. Doch mußten die Folgen bedacht werden: War Fonty ohne seinen Tagundnachtschatten vorstellbar? Hätte dessen Abwesenheit nicht sogleich eine Geschichte beendet. wo ohnehin bis tief unten Müll und Unrat lagen. Doch wäre dessen Existenz der weiteren Entwicklung förderlich und genug . vom übererfüllten Soll. der dem Muskauschen nachempfunden sei. Das macht man bei Tagebau so. Aber wen kümmert das schon . der allenfalls grinsende Fratzen bietet.. was Hoftaller betraf. Abgewendet sehen wir ihn in Richtung Frauenklinik und Kirchturm schauen. « Aus davon abgeleiteter Sorge hat sich Fonty in seinem Brief an Martha ausgeklagt: » . weniger zimperlich und allenfalls nur im Prinzip gehemmt gewesen. den Zwängen. aber baufällig.raus aus der Sache. Erahnen lasse sich allenfalls die spätbarocke Fassade. vom Kampf der Helden der Arbeit gegen Kohle.. hören wir ihn vom Schloß Altdöbern plaudern.

Das kannte man schon. Über KoKo und ITA hätten wir beim Waffengeschäft wie der Westen . Endstation! Nur noch Minus unterm Strich.. da wurde mir gewiß. mal fließend. paar Restvorkommen gibt's noch.. fünf Abbaustufen hinab flüchtete sein Blick. Und der Genosse Schalck hätte mit immer mehr Devisen . was Hoftaller unterm Schirm in freier Rede ausstieß. Nein. Wir hätten gehen sollen. mal stockend. sofort . Schließlich begann es zu regnen. das dicht an der Abrißkante der Grube stand. daß durch sein Verschwinden allenfalls eine Neugeburt beschleunigt worden wäre. Hoftaller war nicht sterblich! Wir wußten. Unausweichlich war die Grube... schon Tallhover war es nicht gelungen. enggefügt nebeneinander als kompakter Schattenriß. Kein Wunder! Die gaben . Mit linker Hand hielt Hoftaller den Schirm hoch genug für Fontys überragende Größe. Viel unterhaltsamer war es. Ich sagte mir deshalb: Man kann nicht ewig am Abgrund stehn.. « Wir ließen ihn jammern. War ne Staatspleite. Von Nordost her trieben Wolken tief über die Erdkruste und ihre Telegraphenstangen. Fürsorglich holte er einen Schirm aus der Manteltasche und spannte ihn über uns auf. Das Loch lieferte Stichworte. Schon befürchteten meine alten Knochen den Anflug einer Erkältung mit anschließend kolossalem Bellhusten. als wollten die durchhängenden Wolkensäcke alles Buschwerk. Und auch mit dem Plattenbau hätten wir weiter und weiter machen können .. Naja. « Den Schirm. Nun konnte er sich nicht mehr abwenden. einen eingeübten Chor hörten wir: »Die drüben haben uns fix und fertig gemacht. das Loch. ein Ende zu machen. Fast sah es aus. Das stand jedenfalls in unseren Berichten an die führenden Genossen: Nichts mehr da. ausgebeutet bis zum Gehtnichtmehr.. Vielmehr standen sie angewurzelt am Grubenrand. da hinten. ihn mit Objekt zum Multipel zu verzaubern. Chausseebäume und fernen Kirchtürme. Knirps genannt. Bestimmt den Trabi in größerer Stückzahl vom Band . da. der versteinert. Ein feiner Regen fiel und machte die soeben noch spiegelnden Grundwasserseen blind.. Und jede Menge olympisches Gold . unterhalb Pritzen. Mein altvertrauter Kumpan stand mir noch immer zur Seite.. einsacken und mit sich nehmen.. Doch selbst als Serienproduktion wollte er nicht vom Jammer ablassen. sie gingen nicht. ohne und unterm Schirm. Im Brief an Martha Grundmann steht weiterhin: »Wer sein Auge immer auf das Nichts richtet. und doch mußte er hören.. hatte Hoftaller durch Druck verlängert und entfaltet. daß ich nicht allein war. Vier.gewesen? Nein. bevor er ihn aufspannte. »Stimmt! So sah es zum Schluß überall aus..

Ehrenwort.. Wuttke! Deshalb haben wir zu den führenden Genossen >Aufmachen! Sperrangelweit aufmachen!< gesagt.... der Marsch auf die Feldherrnhalle. Ein Schnäppchen machen nennen die das. über die Grube.. wer alles . gehaßt oder noch schlimmer. verscherbeln will . wettrüsten. Sollen sie haben.. Jahrelang hat man uns beschimpft.. Wuttke. « Was kümmerte Hoftaller und seinesgleichen die Novemberrevolution. Stasiwitze hat man gerissen.. wollte er den g. Sitzen nun drauf. viel zu lange geduldet haben. die Reichskristallnacht. halten die Treuhand drüber.als Zugewinn multipliziert. Wir reihten das Paar unterm Schirm kilometerlang: ein schwarzer Randbesatz um die hier ausgebuchtete. Ledermantel . Wird ihnen noch vergehen das Lachen.. die vielen Novembertoten. daß wir unbedingt mußten. Immer mehr. nach neuester Mehrwerttheorie. Und wer ihm alles nachgesungen hat. Nun ist das ganze schöne Volkseigentum für die Katz . Ist aber ne Schande . Werden auf Null gebracht . Ehrenwort. Trotz perspektivischer Verkleinerung und in der Ferne in Regenwolken verschwimmend. Kein Blutvergießen. Primitiv. »Wetten. Aber die Wandlitzer wollten nicht. Nun kriegen sie alles und gratis dazu.. « Das also hatte in seiner Absicht gelegen. Klotz am Bein. genau das stand in unserem Bericht. den Abgrund hinweg. stand jede Einheit genormt mit der nächsten vergattert und jeder Regenschirm entfaltet als Serienprodukt. Mußten wir gar nicht. wie von Geisterhand weg. ausgelaugt. Hatten nie mehr Erfolg zu verbuchen als seit dem Mauerfall.das Tempo an.. weil wir gezielt durch die Finger geguckt . bis der Druck von Montag zu Montag. dort gradlinige Abrißkante . den Schrott. wir mußten Schritt halten. immer das gleiche Klischee: Schlapphut. Was alles die Treuhand gegrapscht hat... daß der Klassenfeind uns auf Schrottwert kriegen will .. heute vor einem Jahr genau: >Macht auf das Tor!< Und auf war es . leergeschrappt waren. Hier. bei uns ging es friedlich zu. die vor sich hin grinsten. Verschlucken werden die sich.. wettlaufen. bis kein Halten mehr und die Wandlitzer gekippt waren.. Wuttke. Guck und Greif nannte man uns. besonders dieser Schreihals. bis endlich. auf Anraten der höchsten Genossin.. dachten nur. den wir.. natürlich nur den vom Vorjahr: »Weg war die Mauer. Staunen wird das Pack über unseren Fleiß und darüber. Nur paar Nullen blieben. auf unsere Kosten gereimt. Immer dieselbe Leier.. bis wir außer Puste. na. Sollen uns ruhig schlucken. wenn wir den Sack aufmachen. Die Firma Horch.. « Und dieses Lamento als Passionschoral vom Grubenrand aus gesungen. »Nein. Haben ja nie genug gekriegt. Die sollten uns heil und vollzählig bekommen. War ja unsere Stunde. November abfeiern.. daß die damit nicht fertig werden? Wird ihnen anhängen....

einzelne und im Dutzend.. ist eine elend lange Geschichte vom Entstehen in Urzeiten bis heute.. weil die Grenzen nicht dicht . fein gestrichelt. Bis zum Horizont näßte der Himmel durch. »Es regnete tapfer«. ein in Armut geeintes Deutschland. umfassend. Sie wissen ja. aber von Hoftaller kam nichts mehr außer Luftholen und Schnauben.Ehrenwort! . Denn was wir brauchen. Jedenfalls begann sich unser abbauwürdiges Produkt in der jüngeren Kreidezeit oder noch früher zu entwickeln. stand in dem Brief an Martha Grundmann geschrieben. stimmt's? Lassen wir das. Mit ganz neuen Methoden werden wir fugendicht. der Schirm blieb aufgespannt. Oder ein richtiger Ökokollaps . Zeiträume sind das . Meine damit.. lauter Wahrheiten! Wir füttern sie ab... Ist ja auch ne Gelegenheit. weltweit . wir helfen gern nach. wo doch alles mögliche in die Luft abgeht. sie muß Winter für Winter drei Stockwerke hoch Briketts aus dem Kohlenkeller schleppen.. Und wenn sonst überall in der Welt nur noch Krisen.. was alles unter der Oberfläche ablagert. Sollen sich gegenseitig fertigmachen. die. heizt meine Emilie damit einen Kachelofen und das Kanonenöfchen in meiner Studierstube. Aber was rede ich.. sondern im tieferen Sinn. Stimmt schon. Fonty. Wir liefern auf Wunsch und frei Haus.von uns zum Fleiß erzogen worden ist.. lieferte jetzt Fonty Stichwörter: »Sie wollen mal wieder auf die Unsterblichkeit raus... ist ne neue Sinngebung. Braunkohle ist unsterblich genug. leise. Außerdem stand heut vor nem Jahr plötzlich die Mauer offen.. das jetzt schon nach ner neuen Ordnung und nach Sicherheit hungert.. und in der Tat. Das macht die Grube hier... Und das kriegen wir bestimmt. Als wollte er dem verstummten Redner helfen. Flüchtlingsströme . Und wir . Wahrheiten. Gemetzel. immer an ein einziges und einiges Deutschland geglaubt haben. denn wenn der Osten überläuft. daß man redselig wird. Aber nun wollen wir . Dann werden wir wieder gefragt sein. Wuttke. Ehrenwort. zwei Eimer voll. Außerdem sind wir die einzigen. wie weit zurück wir nichts auslassen . als hier aus abgestorbenen Pflanzen . wie unsere Kollegen von drüben. sozusagen metaphysisch betrachtet . nicht nur geologisch das bißchen Kohle. Wuttke! Mit unserer Hilfe schafft das die Treuhand: ein armes. um sich aus ziemlicher Höhe und in neuer Gestalt an unseren blauen Planeten zu erinnern. dieses Loch. Alles grau. Sowas wie Tschernobyl hoch drei .. « Fonty wartete ein Weilchen. dieser Blick auf immer tiefere Schichten. aber gleichgemacht armes. weil wir und unser Gedächtnis . das heißt.haben den Riegel gelockert ... Aber was heißt Ende. Wir sind nicht am Ende! Noch lange nicht. Ne Menge Namen. Wie ihrerzeit Tante Pinchen.ne ganz besondere Methode des Speicherns entwickelt haben.na. zum Endverbraucher.

. Bestimmt nicht Pastor Seidentopf. weil er sie frei hatte. mal knapp war. vielleicht Schleppegrell. Nicht nur Deutschland kommt so. was heißen soll. Nein. Der ist zwar auch von vorgestern. und zwar mit beiden Händen.und Bauern-Staat die Rede sein können. Es hätte von einem anhaltend überheizten Zustand im Arbeiter. denn ohne Braunkohle. « »Vortrefflich. während Hoftaller. mein alter Kumpan war nicht zu übertreffen. der mit dem rechten Zeigefinger immer wieder in die Grube und auf die dort abgelagerte Unsterblichkeit wies. wäre er nicht auszudenken gewesen. sein Beifall habe einer »Rede am Abgrund« gegolten. Der Trabi wartet auf uns. Bißchen mehr noch. ohne den Tagebau in der Lausitz und anderswo. Zum Beispiel hätten wir Fontys Auskunft über die mit Braunkohle oder minderwertigem Kohlegrus beheizten Öfen ergänzen können. Aber den Schirm müssen Sie auch mir gönnen. Ist furchtbar richtig alles. Habe ihn mit vorzeitigem Beifall stoppen müssen . zu einer visionären Beschwörung hinreißen lassen. arm.. Uns wären weitere Variationen zum Thema Unsterblichkeit eingefallen. Hoftaller. sondern überall im Bezirk Prenzlauer Berg.. Hoppenmarieken. als Dubslav von Stechlin zu Grabe getragen wurde. als gegen Ende von >Vor dem Sturm< die alte Hexe. Im Brief an Martha stand. Ganz Ostberlin war diese Befeuerung sicher. als Hoftaller seine Novemberrede hielt. und auch das Archiv bezog seine Stubenwärme aus einem Brennmaterial. nur weil uns seine Schadstoffe überdauern werden. Er konnte kein Ende finden. Und im richtigen Moment klatschte Fonty Beifall. Bis zum Schluß wird man uns absichern. aber unsterblich bestimmt nicht . Tallhover!« rief Fonty. wieder zu Geltung. Oder Lorenzen. sogar die Auferstehung der Staatssicherheit ist Ihnen gelungen. Glückwunsch. « Dem Archiv ging das zu schnell. und doch sollte man ihm..zu weit weg vom Schuß. »Keiner meiner Pastoren hätte das besser gekonnt. samt Hakenstock und Wasserstiefeln in die Grube kam. keine Immortellenkränze flechten. So heizte man nicht nur in der Kollwitzstraße. »Das haben Sie gut gemacht.endlich. aber sauber. Deshalb standen die beiden unter einem Schirm am richtigen Ort. Bin schon ganz abgeduschuscht. das mal vorrätig. linkshändig den Schirm halten mußte. aber der war Däne und . Ruhig können wir alle finalen Katastrophen abwarten. der hätte sich womöglich.was Deutschland betrifft .« .

der Mann mit dem Koks ist da . bis sie sich am Parkplatz vor der Einfahrt zum Schloß auflöste oder besser: verflüchtigte. Damals. >Mutter. Als sie gingen. eine sich seit dem Besuch der Niederlausitz ankündigende Nervenpleite und war schließlich ganz auf Lamento gestimmt: » . vor dem Mama in . die schwarzen Hüte unter schwarzen Schirmen verblaßten. vom seitlichen Wind geblähten Mäntel. verkleinerte. kaum auf der Autobahn. >Ich hab kein Geld. Vorbei an der Frauenklinik Altdöbern zog eine Kolonne. am Friedhofstor erwartet und. Den Gassenhauer von anno Tobak. und jedes Paar beschirmt.Dann erst gingen sie. natürlich das richtige. in deren Sichtfläche die Namen von drei Dutzend Soldaten der Roten Armee gemeißelt standen. Im Brief an Martha steht weiterhin: »Während der Rückfahrt kamen die Scheibenwischer nicht zur Ruhe. Wir schlossen uns der Prozession an. inmitten Untergang. wer hat den Mann mit dem Koks bestellt .. fing mein Kumpan an zu singen. sangen wir bis kurz vor Berlin schließlich zu zweit: >Mutter. als Hoftaller seinen Patentschirm abschüttete. vorbei an der gepflegten Friedhofsanlage und den unterm Sprühregen glänzenden Grabsteinen. außerdem lärmt neuerdings zu Hause ein kunterbunt laufendes Fernsehprogramm. immer bleibt. mit aufgespanntem Schirm abgeholt wurde: zwei alte Männer unter einem Regenschirm. die paarweise ging. Nur ein übriges Paar war uns sicher. Und dann. je winziger sie in Richtung Kirchplatz vorankamen: ein Leichenzug.. worauf sich beide in den Trabi setzten.. Die schwarzen. du hast kein Geld. Von hinten gesehen. doch zur Kolonnenspitze hin verschmolz Rücken mit Rücken. gaben sie zu zweit abermals jenes Bild ab. als er am Grab des Unsterblichen stand. <« 26 Ein Zimmmer mit Tisch Sein Brief an Martha schloß mit Klagen über beginnenden Schnupfen und trockenen Bellhusten.. Diesmal kam es zur Bilderfolge. Unser prinzipielles Dabeisein erlaubt ein Schlußbild. das ist das Gute am Prinzipiellen: Immer hat man das letzte Wort. Wie geborgen saßen wir nebeneinander. weil es regnete. Das sich von der Braunkohlengrube entfernende Paar zerfiel in Bildabschnitte. nahmen sie schmächtig neben breitschultrig -Abstand zueinander.. der keinem Sarg folgte. Nach vorne hin schrumpften sie zu immer kleinerem Format. Wir blieben ihnen hinterdrein. sang er mit Inbrunst bei strömendem Regen.. das seit Fontys von uns notiertem Besuch auf dem französischen Friedhof feststeht. < Vorbei an Baustellen und trotz Gegenverkehr. der Mann mit dem Koks ist da<. das Prinzip übrig.

um mich mit meiner Rotznase in die Imbißstube zu setzen.« Oder: »Auf meinen Wuttke hat die Treuhand nich verzichten gekonnt.Andacht versinkt. Außerdem war es Hoftaller. war sogar zu Hause Schönwetter angesagt.« Und wenn man das Fernsehen für Momente abschaltete. ein ähnlich einschränkender Arbeitsvertrag verpflichtete den gleichfalls pensionsreifen Tagundnachtschatten zur Mitarbeit in Diensten der Treuhand. Zu Inge Scherwinski konnte sie sagen: »Mein Wuttke is jetzt bei der Treuhand. Freie Mitarbeit entsprach seinem Geschmack. wie er sagte. Urlaubsgeld und so weiter. doch das ihm zugesprochene Dienstzimmer war nicht bezugsfertig. Sie sah sich auf einem Treppchen zu beginnendem Wohlstand und lobte die Treuhand als »hochanständig«. Doch wo soll ich meine Briefschulden. Da ist kein Bleiben. auch stand er. daß sich der ehemalige Aktenbote allzu offensichtlich jenseits der Pensionsgrenze befand und deshalb nur als »freier Mitarbeiter« angestellt war. um sich gleichfalls »rein menschlich« auszujammern . Weihnachtszulage. Zwar wurde Theo Wuttke wegen seiner Denkschrift gelobt.« . zu sichern. die seiner Brieflaune fehlende Ruhe. bestätigte Fontys Notlage: »Ach was. Doch was unser Freund unbedingt braucht. Doch darüber klagte Fonty nicht. klagte er mit ähnlichen Worten über das nervige Mattscheibenprogramm.« Es blieb beim Wunsch. das bißchen Schnupfen vergeht. für Emmi Wuttke rechnete sich das Fixum als beträchtliches Zubrot und Aufbesserung ihrer Rente. etwa an Professor Freundlich. Vielleicht hat der Umstand. « Und wenn er zu uns ins Archiv kam. der uns besuchte. diese Verzögerung begründet. geht es mir geradezu polizeiwidrig gut.»Kürzlich standen wir in der Lausitz sozusagen am Abgrund« -. obgleich der Umzug dieser Behörde erst für Ende Februar vorgesehen war. Hoftaller. zwar war es ihm gelungen. dank seiner Tätigkeit in der Personalabteilung. Und mehr als zufrieden gab er sich mit dem monatlich ausgezahlten Fixum von zweitausend Mark. Gründe genug gab es für Fonty. Und noch schlimmer: mit ihren Gören kommt von nebenan die Scherwinski zum Glotzen. für sich und Fonty den. Was mir fehlt.. ist ein ruhiges Zimmer. »ein positives Gesicht zu schneiden« und dem Archiv zu bestätigen: »Abgesehen vom fehlenden Zimmer und dem Verschleiß an Tempotaschentüchern.. »im Westen üblichen Sozialklimbim«. die plapprige Nachbarin. bereits auf deren Gehaltsliste. nur die vier Wände fehlten ihm. gelungen. abtragen? Bei diesem Wetter laufe ich nur ungern die Potsdamer hoch. den Hausherrn der Treuhand für den Erhalt des Paternosters zu gewinnen. Bis in meine Studierstube dringen munteres Gequatsche und aggressiver Lärm. ist ein Dienstraum mit ner festen Schreibunterlage.

wenn der alte. Endlich konnte sein in früheren Jahren gern ausgespielter Hang zum Schwerenöter dienstbar gemacht werden..und Imbißstube an den Fenstertisch setzte und dort für die immer noch fehlenden vier Wände Ersatz fand. verführte er mit vorgestrigem Charme.. nach versäumtem Ausstieg im siebten Stock abwärts kopfunten fahren zu müssen. trotz Schlechtwetter die Potsdamer Straße hoch.oder Kellergeschoß als ein harmloses und zugleich unvergeßlich aufregendes Erlebnis vermittelte: »So bin ich . In Farbe natürlich . weil der Tiergarten ausfiel. fehlte Fonty nicht nur das versprochene Dienstzimmer. Nee.. sondern auf Abzahlung. Also suchte er andere Zuflucht und lief. Nur verkabelt sind wir noch lange nich . Ängstlichen Besuchern half er in die auf. doch ohne Schirm bis hin zu jenem unansehnlichen Neubau zwischen der Meierei Bolle und Foto Porst. die befürchteten.meiner späteren Frau Emilie begegnet. selbst wenn dort wenig Arbeit anfiel. Und da Hoftaller oft für die Personalabteilung aushäusig war und Kontakte knüpfte oder Einstellungsgespräche führte. Weil aber im Tiergarten wie im Volkspark Friedrichshain Novembernässe alle Bänke besetzt hielt. der ihn. . Außerdem war mein Wuttke gegen das Glotzen. Wie wär's mit einer Wiederholung.. allein dank richtiger Hausnummer. die Scherwinski. erfuhren wir über den Wohltäter Treuhand: » . zu Ausflügen im Krebsgang stimulierte. konnten wir uns nen Fernseher nich leisten. sobald er sich in der gegenüberliegenden Kaffee.oder abwärts fahrenden Kabinen.Sobald sie auf unsere Frage hin ausführlicher wurde. seines würdigen Aussehens wegen respektierte Mann den unablässig bemühten Personenaufzug ein »Symbol der ewigen Wiederkehr« nannte oder vergleichsweise Sisyphos ins Spiel brachte.und Abfahrt einzugehen.« Dieser Kundendienst blieb Nebenbeschäftigung. das arme Luder mit ihren drei Gören. War einfach nich drin. Und unsre Nachbarin. verehrtes Fräulein? Nur einmal ist keinmal. an seiner Seite das Wagnis einer ununterbrochenen Auf. Nur dieser Hausnummer galt sein Blick. indem er die Wende im Dach. hat auch was davon. mein Wuttke guckt immer noch nich.lang ist's her .. Gelegentlich mußte er aus Bonn angereiste Parlamentariergruppen durch den Baudreck und über Korridore lotsen oder einer extra vom Bundesrechnungshof geschickten Prüfungskommission seine zur Denkschrift ausgearbeitete Eingabe »Zum Erhalt des Paternosters« erläutern.. wurde die Treuhand sein eigentliches Zuhause.. Junge Damen. Aber jetzt hab ich nich viel gefragt. viel schlimmer«. Mir reichen aber die paar Programme.« Wir hätten antworten sollen: »Schlimmer.. lief mit Stock. denn die Glotze trieb Fonty selbst bei Schlechtwetter aus dem Haus. Man lächelte. als er noch Aktenbote war.

als müsse er partout seinen Familiennamen bestätigen. Auf zerkratzter Resopaltischplatte trug Fonty. Zu kühnem Sprung muß ich ansetzen und nun sozusagen aus dem Stand abheben. eher Programm.und Bauern-Macht hatte. wo nicht mehr gilt. Dein Grundmann. beste Beziehungen zur Schweriner Treuhand-Filiale unterhält. zum Schluß den Sohn Friedel bedachte und zwischendurch uns mit schriftlichen Richtigstellungen eindeckte . nach Antwort für Deinen bekümmerten Brief zu suchen. wobei mir Dein Hang (den Du bis ins Ridiküle mit Mama teilst). Denk nur an Fritsch. daß sich Dein zum Spekulanten gewendeter Bauunternehmer liberal schimpft. bevor andere zugreifen.»damit dem Archiv zu jeder gefundenen Wahrheit der Hinkefuß nachgewiesen werde« -. seine Briefschulden ab. Doch bevor er Professor Freundlich. was gestern noch Brief und Siegel der Arbeiter. . ist nun Dein Grundmann auf Baugrund in Uferlage aus. ganze Straßenzüge in der maroden Schelfstadt aufkauft und obendrein an Mecklenburgs Seeufern fündig wird. immer und zuvörderst das Schlimmste zu befürchten. schießen die Malder ins Kraut. bei einem Glas Weinbrand und viel Beuteltee. entpuppt sich. denn heute. weil sie von schnellwüchsiger Bodenhaftung sind. als Grundstücksmakler. dann seine Enkeltochter. zu überwinden und freiweg zu behaupten: Das ist nun mal so. Wer makelt. war er abermals mit Worten in Richtung Schwerin. wobei er gegenwärtig deren Umzug aus dem eng gewordenen Berolina-Bau am Alex in den Koloß aus Reichsmarschalls Zeiten abwarten muß. Wer heiratet. Alle mit Seeblick! Und weil das schon immer so war. Er greift zu. Ist kaum verwunderlich. um das Hindernis. Dein alter Vater steht gleichfalls bei dieser allmächtigen Zentrale in Lohn und Brot. »Erst jetzt komme ich dazu. wie eine mit Glasscherben gespickte Mauer quersteht. wie billig dem seinerzeit drei Grundstücke in Waren an der Müritz zugefallen sind. schreibst Du. Muß er wohl sein. dort ein und aus geht und . Hier waren dem . dem fällt oft unansehnliche und in Deinem Fall unerwünschte Mitgift zu.weil wohlinformiert Filetstücke in der Innenstadt. den Du als Bauunternehmer geheiratet hast.Hier hatte er Madeleine Aubron sein Vorleben ausgebreitet.wie der Biograph Reuter bestätigt -»Mann der langen Briefe« schon viele Episteln von der Hand gegangen. die Dir eigene Sperre. als >gerissener< sogar. muß den vorahnenden Riecher haben. Das ist aus Sicht der neuen Freiheit nicht anrüchig. der Villa mit Seeblick unterwegs.

nun wieder putzmunter an der Oberfläche und gibt sich geschäftig. wenn nicht ridiküles Ansehen gibt. liebe Mete. gewiß. Denn das bist Du auch.mit den hiesigen Schlaumeiern handelseinig werden. etwa als Dezernent für das Bauwesen. wobei sich allerdings diese Person eher auf calvinistisches Herkommen als auf Deine Spätlese katholischen Meßweins berufen würde. wobei zu beobachten ist. sage ihm: Baudezernent heute ist nicht besser . über alle liberalen Sprüche hinweg. was sie ehrt. fern ihrer sonst eifrigen Prinzipienreiterei. es könne Dein Grundmann durch allzu enge Kontakte mit gewissen Seilschaften zum Komplizen werden. längst hätte anpassen sollen. Immer wird es die Treibels und deren Verwandtschaft vom Stamme Nimm geben.die meisten sind zweite Wahl oder gar dritte . etwa zum Schoppen nach dem Abendessen.Frau von Bunsen eingeschlossen und so münsterländisch-katholisch sie sein mögen . das vornweg den höheren Werten und dem Gemeinwohl eine Sonntagsmusik bläst. gehört zur Tagesordnung geschichtsträchtiger Zeiten. Geeignet ist die Partie zum Halensee und den Schwanenhäuschen ohne Schwäne. War nach siebzig-einundsiebzig nicht anders oder besser. also bei der Block. immer ein Stück Corinna. wie schnell die westlichen Führungskräfte . Oder besser noch. wie unbedacht schnell solche Verstrickung zum Fangnetz wird. und die Grundmanns haben . dem sich meine Mete. Nur unsere sanftmütigen Revolutionäre und Montagsredner gehen bei dieser Praxis leer aus. nichts Schlimmes: Was sich gestern noch volkseigen schimpfte und deshalb nur nachlässig in Schuß gehalten wurde. Doch auch das. doch wochentags und hinterrücks sein krummes Ding dreht. (Hatte nicht Frau von Bunsen bereits den raffenden Blick auf Junkerland in der östlichen Altmark gerichtet?) Sollte mich übrigens nicht wundern. Deine Besorgnis jedoch. Auch hier schwimmt. was vor Jahr und Tag abtauchte. meine Mete. wie Jenny Treibel die Schmidts besucht und Corinna ihr Paroli bietet.Du klagst über >motorisiertes Raubrittertum<. ein paar einschlägige Stellen vor. um als Bodensatz zu überdauern. demnächst bei der Nachfolgepartei von Stöckers ChristlichSozialen. zumal ich weiß. Sei ein braves Kind und lies ihm bitte bei Gelegenheit. Bei Licht besehen. soll nun in private Hand und zu aufgeputzten Fassaden kommen.und Hofpredigerpartei reüssiert. aber das ist der Lauf der Welt. Dieses kommerzienrätliche Pack.einen Hang zur Treibelei. Was aber Grundmann betrifft. wenn Dein Grundmann. kommunalpolitisch versteht sich. muß ich wohl teilen. ihnen aber zugleich ein hilfloses. Dieses verwandtschaftliche Gehabe stieß mir schon während Deiner Hochzeitsfeier auf.

außer dem monatlich anfallenden Stück Geld. Nicht mit dem Klassenstandpunkt vereinbar. Lach doch darüber! Jüngst kam aus Frankreich ein reizendes Briefchen. Desgleichen Friedel. dem ich nichts schuldig bleiben will. Zweifelsohne: Treuhand ist mehr als Kulturbund! Ich bin in ihren Augen (und gleichfalls aus Sicht Deiner gleichbleibend naiven Jugendfreundin Ingemaus) sozusagen aufgewertet. Diesen roten Pfaffenelfer kennst Du ja aus Deiner vorkatholischen Zeit.. nunmehr global missionierend sind. Und demnächst soll ich sogar ein eigenes Dienstzimmer bekommen und einen Auftrag dazu. Etwas in Richtung Öffentlichkeitsarbeit. weil mir aber von allen Religionsformen die Sonnanbetung am fernsten steht. nur die Hausnummer schräg gegenüber ist echt . « An den Rand dieses Metebriefes stand ferner umlaufend gekritzelt: »Friedlaender schrieb immer anschaulich. den man à tout prix gegen einen Schnellift austauschen wollte. Selbst wenn er nur gesellschaftlichen Klatsch in der . im Grunde hat sie ja recht. welches ihr Wohlgefallen bereitet. Übrigens soll ich Dir von ihm Grüße sagen. Jahrzehntelang wurde ich unter ideologischer Aufsicht geschurigelt. ganz zu schweigen vom Reserveleutnant Vogelsang und der Wiedergeburt seines Typs. hieß es.zum Spaziergänger macht. Fast glaube ich. vorweg geflüstert. Oder: Zu versöhnlerisch! Oder punktum: Reaktionär! Davon ist bei der Treuhand keine Rede. Doch nun zu Mama. Auch Professor Freundlich soll heute lang aufgeschobene Antwort bekommen. Meine Denkschrift zugunsten des Paternosters. hat mir mein altvertrauter Kumpan. Unter der Treuhand. Propaganda gemeint. das Wort Treuhand ist. meint sie.und trotz Schlechtwetter . Restlich ist zu melden. der ja bekanntlich das Gras wachsen hört. seitdem ich im Sold der Treuhand stehe. wurde an höchster Stelle belobigt. Damit ist. nach Maß der Herrnhuter. kann nichts schiefgehn.als Kommerzienrat damals. bin ich über das ewige Grau nicht sehr unglücklich. dessen jüngste Verlagspläne. Sie sieht sich ganz obenauf. Von Teddy kein Wort. daß es.. Nun. versteht sich. weil zum Treuhänder veredelt. Übrigens schreibe ich Dir in meinem nun schon alteingesessenen Café-Stübchen mit Blick auf die Potsdamer Straße. Penetrant hat mich parteiliche Pfennigfuchserei um die besten Passagen meiner Vorträge gebracht. Mit Menzels Industriebildern (der Eisengießerei) sollte ich die Geburtsstunde des sozialistischen Realismus vordatieren. daß mich der neuerdings als Untermieter einquartierte Fernsehapparat über meine Neigung hinaus .

auf Dauer zu heiß werden . ihre Magisterarbeit in diese Richtung hin zu erweitern. Dagegen gab es nur ein Mittel: Ich brachte unser Gespräch auf die für ihn heikle Londoner Zeit und versuchte. Ich habe ihm Geduld angeraten: Den Mädchen wird es dort . von seiner Enkeltochter und deren Wißbegier die Rede.. die von unstillbarem Wissensdurst zeugten. seine Einschätzung der Querverbindungen zwischen der Manteuffel-Regierung und der Kreuzzeitung. und nebenbei lieferte uns Madeleine Belege des französischen Bildungssystems. aus dem vergleichsweise preußische Strenge sprach. Doch unser Freund hielt sich zumeist bedeckt. zu plaudern. wie sie sind .verwöhnt. « Den Dezember über hatten wir ihn oft im Archiv. daß des Professors im Verlauf der Herbstmonate geschriebene Briefe »unterhalb forciert lustiger Oberfläche recht miesepetrig« geklungen hätten. als die Partei zuließ . « Die Studentin Aubron sammelte solche zumeist aus den Briefen herauszulesenden Spuren. Weshalb ich in Nordaus Artikeln die Judenschärfe des Ausdrucks schätzte. sobald Fonty mit obligatem Blumenstrauß kam. mit Fonty dessen Enkeltochter anwesend.. was anstrengend sein konnte. Da sie erwog. der noch als Kommunist weit mehr Witz verbrauchte. gottlob ohne seinen Tagundnachtschatten. Deshalb war. das hierzulande längst außer Kurs ist. Madeleine korrespondierte mit ihm wie mit uns. dem Archivfreund Fonty. « Nur uns gegenüber klagte Fonty. doch war. besonders wenn er den Schwerenöter spielte und mit gelegentlich zweideutigen Komplimenten unsachlich wurde. Und ähnlich geht es mir mit Freundlich.Feder hatte. was einen so dezidierten Antizionisten natürlich schmerzen muß. deren zugleich französische und märkische Herkunft oft genug aus Sicht ihres Mannes kommentiert worden ist: »Mama ist heute mehr aus Beeskow als aus Toulouse .. mit unserem Besuch. die insbesondere auf Emilie Rouanet-Kummer zielten.. Nicht ohne Stolz machte er uns mit Briefpassagen in schulmädchenhafter Schrift bekannt. im übertragenen Sinn. deckte sie uns mit Fragen ein. blieb er geistreich und zutreffend. Da mir von meinen männlichen Kollegen der Briefwechsel mit der Studentin aufgetragen worden war.. wies ablenkend auf die »nach menschlichem Ermessen« gründlichen Forschungsergebnisse von Frau Professor Jolles hin und machte ein wenig . Nach letzten Anfragen zu Hankels Ablage konzentrierte sich ihr Interesse auf die hugenottische Abstammung des Unsterblichen. »Seine Töchter sind ab nach Israel. hatte in der Regel ich das Vergnügen. etwas.. zudem die Aufgaben der »Deutsch-Englischen Pressekorrespondenz« und die Rolle des dänischen Agenten Bauer zu erfragen.

wenn doch den preußischen Hugenotten allgemein Tüchtigkeit und Sinn fürs Pekuniäre nachgesagt werde. reicht nicht. Mein bei der Treuhand zur Zeit noch geringfügiges Arbeitsvolumen erlaubt ausführliche Korrespondenz. Aber verstehe: Nichts ist von größerem Reiz für Archivare und Geheimdienstler.unter uns gesagt . seinem Mitbringsel nebst Winterastern. das Bummelantentum und allgemein der Hang zur verkrachten Existenz nachzuweisen sei. Weiterhin mußte die Kaffee. seinen Zweitgeborenen durch besorgte Briefe zurückzugewinnen. Geschieht immer häufiger.. daß einige Nebenmotive noch unerforscht seien.geheimniskrämerisch darauf aufmerksam. Da helfen nur Briefe.rausreden. « Das ließ auf sich warten.und Imbißstube in der Potsdamer Straße als Ersatz taugen. Fonty bot mir zuerst einmal von seinen Bahlsenkeksen an. Werde mich im nächsten Skript reinwaschen oder . wie Sie Ihrer Frisur Sorge tragen. ob Teddy als .« Dann kamen wir auf die Wißbegier seiner Enkeltochter. warum.auf einen zitierbaren Nenner brachte. Was zwischen Buchdeckeln steht. Fontys Versuch. rückblickend auf einen Besuch der Tagebaureviere m« der Lausitz. Es fehlt am wichtigen Detail. und sagte: »Apart. mißglückte immer wieder. »Kann sich nur um Bagatellen handeln. musterte mich dann. die ja immer alles genau wissen wollte. nur abschweifend ein: »Vieles ist mir nicht mehr erinnerlich. diese mir zartbittre Person läßt einfach nichts aus. will mir vorkommen. Also bekamen die Tochter in Schwerin. der unablässig durchgeackert werden muß. Allerdings ließ er sich auf direkte Fragen seiner Enkeltochter. Aber sobald ich ein eigenes Dienstzimmer habe . daß das Ureigenste verlustig geht. als wollte er mir den Hof machen.»Viel Abraum und wenig Kohle« . die in Paris studierende Enkeltochter. war ihm meine Korrespondenz mit der Studentin Aubron eine Quelle des Vergnügens. als hätten Sie ganz den Charakter einer einstigen Fürstengeliebten. der mittlerweile in den vorzeitigen Ruhestand evaluierte Professor und nach seinem in Wuppertal verlegerisch tätigen Sohn Friedel auch der in Bonn beamtete Teddy mehr Post. Wenngleich er Madeleines Briefwechsel mit dem Archiv ironisch nachsichtig einschätzte und unsere Arbeit.. im besonderen Fall des Unsterblichen des Vaters Schuldenmacherei. und seine Frage. als sie beantworten konnten oder wollten. mit knappem Befund .« Ein an mich gerichteter Brief der Studentin warf die Frage auf. Selbst abgelebtes Leben ist ihr ein druckfrischer Korrekturbogen. oft mit Vorbedacht. Wir saßen bei Tee und Bahlsenkeksen.« Dann erst kam er auf Madeleine: »Nun ja. manchmal aus Altersschußligkeit. die sich gleichermaßen genügsam von Nebensächlichkeiten ernähren.

Theo Wuttke mußte sich weiterhin um seinen verstockten. Otto-Grotewohl-Straße geschichtlich erlebbar machen. zu dem ich partout nicht beitragen wollte. « Gleich danach war er wieder bei seiner neuen Aufgabe. sondern zugleich die gesamtdeutsch übergreifenden Geld-.« Weit mitteilenswerter war ihm der Zweck seines neuen Auftrags: »Stellen Sie sich vor. hieß es: »Nichts darf verdrängt werden. bin ich ganz auf seiten Ihrer Frau. aber gänzlich ungebremst teilte er sich bei Weinbrand und Tee in einer Epistel von beträchtlicher Länge mit. Da sich Anfang Dezember einiges in der Politik tat.« .Beamter im Verteidigungsministerium während zurückliegender Jahre Kontakte mit einer gewissen Person unterhalten habe. bestätigt nicht nur die Zahlen vorausgegangener Stimmenzählerei. mir den einen oder anderen Tip zu geben. Seitdem gehen mir Phrasen wie >Public Relations< und >That's the message< wie geschmiert von den Lippen. vom Chef der Treuhand gegengezeichneten Auftragsbeschreibung. deren Rat >Abwarten und Tee trinken< mir furchtbar richtig zu sein scheint . plädiert sie für Offenheit. bitten wir Sie um ein Exposé der geplanten Informationsschrift. diese Aufgabe bewältigen können. im Grunde sollte man die Regierungsgeschäfte der Bundesbank anvertrauen. Fonty. schrieb er an seinen Brieffreund in Jena über den Ausgang der Bundestagswahl: »Dieses Ergebnis. und diese hat mir eine an sich reizvolle Aufgabe gestellt. lieber Freundlich. Was aber Ihre israelfixierten Töchter betrifft (und ihre zwillingshaften Zwänge). Ich soll den Gebäudekomplex Ecke Leipziger-. daß mit Vorrang Sie. die wir nur gekürzt wiedergeben können. nämlich die Darlegung der baugeschichtlichen Hintergründe der Treuhand. der Familie abtrünnigen und womöglich von Machenschaften bedrohten Sohn sorgen. blieb ohne Antwort. sehr geehrter Herr Wuttke. Indem sich die Treuhandanstalt keinesfalls der Vergangenheit und deren Altlasten entzieht. In der kurzen. Mit dieser Schrift aus meiner Feder soll geworben werden. was heißen soll Machtverhältnisse. die er dem Brief an Freundlich als Kopie beilegte... Nichts davon in den Briefen an dessen Bruder und Schwester. Da uns. Verstehen Sie bitte diesen eigennützigen Wunsch als Ausdruck unserer langjährigen Freundschaft. in Kenntnis Ihrer biographischen Daten. wurde Zeitzeugenschaft abverlangt. dem der nun bald bezugsfertige Koloß während mehrerer Phasen deutscher Geschichte offengestanden hatte. Vielleicht erlaubt Ihnen Ihr unfreiwilliger Ruhestand. gewiß ist. Fonty verstand es. Peinlichkeiten unter der Decke zu halten. hier gibt es eine Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit.

Mathilde von Rohr. an Israel verlieren sollte. als Du noch bei uns warst. selbst im fernen Amerika anwesende. Ich lebe von unansehnlichen Einzelheiten. und im Fall Ibrahim Böhme wäre nachzuweisen. was noch nicht ausgemacht ist. Lieber möchte ich Fälle aus jüngster Zeit wie den des Pfarrers Brüsewitz. zumeist mittels Blechmusik dröhnenden Ereignisse liegt.zugegeben .ein Stoff übrigens. Denn selbst bei tragischen Vorkommnissen wie Mord und Schußwechsel. der sich aus Protest selbst verbrannte. doch immer hat die allerorts. Eher als Staatsbesuche und lederne Festtagsreden können mich hintersinnige Anekdoten stimulieren. Sogenannte Nebenhandlungen. In seinem Brief an Madeleine Aubron reihte er Bedenken: »Du weißt. denn falls er seine Töchter. haben die jeweiligen Bluttaten nur wenig Raum eingenommen. wie jemand. dicke Daten kommentieren. oder die Tragödie der Familie Wollenberger oder das literaturträchtig lucide Doppelleben des Ibrahim Böhme in Abschweifungen ausbreiten und hier des Pfarrers Konflikt mit seiner Gemeinde. wie Du weißt. mithin vom Abfall.wir sprachen. etwa in >Unterm Birnbaum< und >Quitt< . (Was ist Handlung? Oft ist es nur das leichte Verrücken von Stühlen. sich aber doch nützlicher Kleinkram fand. die immer die Hauptsache sind. über Professor Freundlich . oft nur leis tickende Schuld den Verlauf der Erzählung bestimmt. ein Auswärtsspiel zu gewinnen und ihn aufzumuntern. die mir übrigens nicht fremd ist. wird es furchtbar einsam um ihn bestellt sein. eine Versuchung. desgleichen amüsanter Klatsch und . als Brieffreundin das Stiftfräulein aus Dobbertin.) .) Und nun soll ich historisch entscheidende.Anfangs zierte sich Fonty ein wenig. indem er die Literatur von Dostojewskis Tiefen bis zur Mittellage der Brechtschen List wortwörtlich auslebt. flossen ihr doch alle Unsäglichkeiten des märkischen Adels unverblümt aus der Feder. daß mein Interesse abseits der großen. Die betagte Dame lieferte eine Fülle exzellenter Roman. Überhaupt geschieht viel Durchlebtes abermals. (Wenn es doch endlich seinem Fußballclub gelänge. in denen zwar keine Juwelen glänzten. was heißen soll. der Friedlaender zu verdanken ist -. liebes Kind.und Novellenstoffe. als Heiliger gefeiert und zugleich zum Verräter an der ureigensten Sache wird. eine unerschöpfliche Quelle. Dazumal war. die dezidiert Rosa und Clara heißen.familiärer Zwist. dort den zwischen dem staatlichen Sicherheitsinteresse und der konspirierenden Ehefrau gespreizten Spagat des liebevollen Gatten und pünktlichen Informanten zu Papier bringen. mehr nicht.stärker als jede politische Großinszenierung berührt. Desgleichen waren Friedlaenders Briefe Fundgruben. weshalb mich der Fall meines Freundes in Jena .

auf welche Reise wir uns plaudernd begeben könnten.. »Neinnein«. Kein Funke will springen.einen Anfang gefunden haben.. wenn nicht mit Hinweisen auf das versprochene Dienstzimmer. « Ähnlich beredt hat er uns im Archiv einen Teil seiner Sorgen und seine Lustlosigkeit unterbreitet.. gelingt es mir nicht einmal. denen die Gnade der Herrnhuter und das Missionswesen als Geschäftsgrundlage sicher sind. tauge ich nicht zum Traktat . Längeres als die dreieinhalb Seiten zugunsten des Paternosters ist mir derzeit nicht möglich. doch kommt viel Missetat aufs Papier. Man könnte mit solch fortgesetzten Geschichten die einst beliebten Neuruppiner Bilderbögen aufleben lassen. wäre mir doch meine zartbittre Person zur Seite! Wir wüßten bestimmt.So viele Seelenkonflikte! Ich aber habe dem drögen Verlauf der Historie zu folgen und das Innenleben eines scheußlichen Gebäudes nach außen zu kehren. dieser verführerisch lasziven Rubensschönheit. Als der freie Mitarbeiter Wuttke die Absicht äußerte. Bleibt dennoch eine schwere Geburt. mich in meinem demnächst bezugsfertigen Dienstzimmer aus bloßer Evalaune und als mustergültig frisierte Muse zu besuchen. eingangs den Fall Wollenberger zu skizzieren und wie beiläufig eine Nebenhandlung in »Unwiederbringlich« zu erneuern. « Immerhin. Ach.« Und doch muß Fonty . er begann zu schreiben.. Bei mir fällt wenig Erbauliches an. Offenlegung nennt man das. Mein Wörtersack ist leer. er habe vor. daß Hoftaller.. Habe übrigens damit schon immer Mühe gehabt. wie Du weißt. Militär. aber selbst der kolorierteste Moritatensegen wäre nichts für Euer Verlagsprogramm. mein Sohn. daß er sich leergeschrieben habe. Mag sein. heldische Verräter und bangbüchsige Helden . schließt Dein >immer schwieriger werdendes Verhältnis< einen mich heilsam treffenden Blitzbesuch über Weihnachten aus . Und gewiß kann mein allerneuestes Gekritzel nicht mit Deinen verlegerischen Produkten konkurrieren. denn seinem Sohn Friedel schrieb er: »Seit gestern wird der Bleistift nicht kalt. dann mit furchtbarer Bestimmtheit den Knoten gelöst und den letzten Anstoß zur Erledigung der Auftragsarbeit gegeben hat..eher ohne als mit Muse . Leicht vorstellbar ist Fontys Begründung: »Wenn die Kapitänswitwe Hansen nebst Tochter Brigitte. Mir vertraute er sogar an. rief er. »selbst wenn es Ihnen gefiele. müßte ich passen. soll es zur Konfrontation gekommen sein. mit dem dänischen . Doch wie ich lese. vom Langstreckenbomber zur Kurzarbeit. Und wie Sie sehen.und Parteikarrieren übers Knie gebrochen. den notorischen Schwerenöter zu spielen.

notdürftig eingerichtet. Die Nummer des Dienstraums gehörte zu den letzten der zweitausend numerierten Räume und konnte als bedeutsames Geburtsjahr gelesen werden. Wie versprochen: im siebten Stock. so gibt es in Bonn einen Ministerialrat. Aber das kann sich ändern. dann könnte im Fall der Familie Wollenberger. den Minister Selbmann niedergeschrien haben sollen. dessen Wissen wir jahrelang abschöpfen konnten. was die dänischen Sicherheitsbehörden betrifft. seinen Auftrag ernst zu nehmen. doch irgendwo hört der Spaß auf. Juni 53. die am 17. der im Fensterlicht stand. was selbst dem armen Holk auffiel. Zum Beispiel liegt Material vor. wenngleich Fonty uns gegenüber gerne das Jahr 1819 mit der Königin von England und Kaiserin von Indien. Sie wissen: Wir können auch anders!« So deutlich angestoßen. « Darauf soll Hoftaller gesagt haben: »Hören Sie. wo kurz vor Silvester auch jemand mit Namen zur Welt gekommen ist. von dem allerdings in Neuruppin. der für Bücherborde und eine Schreibtischlampe im Stil der dreißiger Jahre sorgte.« Bald war der Dienstraum 1819 mit Hoftallers Hilfe. Queen Victoria. wie in allen Garnisonstädten. ausschließlich preußisch zu. verkleinerte Kopien der Sagebielschen Baupläne und Photos: das Gewehr präsentierende Soldaten im Ehrenhof und . denn wie ein gewisser Leutnant und Starfighterpilot uns noch als Hauptmann mit Informationen bedient hat. Ist da wirklich was von Beziehungen zwischen einem Sicherheitsassessor und der Tochter oder gar zwischen dem Polizeichef selbst und der Mutter?<. Dort ging es.. Wir wollen hier nicht mit dem Feuer spielen. auch für einen gewissen Fonty. kaum daß er wenige Tage vor Weihnachten ein renoviertes Dienstzimmer mit Schreibtisch bezogen hatte.streikende Arbeiter. Rechts vom Tisch.Geheimdienst verquickt gewesen ist. ohne daß die Eltern dieser Herren Söhne die leiseste Ahnung hatten. Das einzige Fenster gab den Blick in den nördlichen Innenhof frei. begann der freie Mitarbeiter Theo Wuttke. zwar ist der Roman >Unwiederbringlich<. gleichfalls im Ehrenhof. Fonty. . für ne Menge Spekulationen offen. in Verbindung gebracht hat: »Ein königliches Jahr. das zum geeigneten Zeitpunkt Ihre Familie belasten könnte. wenig bemerkt wurde. hing an weißgetünchter Mauer eine breitflächige Pinnwand..gleich daneben . denn er sagt zu Pentz: >Und das macht mir einigermaßen Herzbeklemmungen. auf der mit Reißzwecken erstes Material festgehalten wurde. Wuttke. falls die Normannenstraße eine aparte Agentin ins Spiel gebracht hat . Den Fall Wollenberger gibt es in beliebig vielen Variationen. Mit ihm begann das Viktorianische Zeitalter.

zum Regierungsviertel gehörender Gebäude. Schriften und Briefe des Unsterblichen. glaubte er doch. nach und nach die Dünndruckbände leisten durfte. als freier Mitarbeiter der Treuhandanstalt. . Wenn es eben noch hieß. Dahinter sieht man . sah Fonty als junger Wuttke ziemlich unbedeutend aus. der Tisch habe Fensterlicht gehabt. Das Bücherregal blieb vorerst dürftig bestückt: einige statistische Jahrbücher. muß jetzt nachgetragen werden. der seinen Platz suchte. in denen architektonische Schaustücke aus geschichtlichen Bauphasen versammelt waren. gleich Steckbriefen. der einst den Ehrenhof zur Wilhelmstraße abgegrenzt hatte und später zur OttoGrotewohl-Straße seinen Zweck erfüllte. Bald sollten zwei weitere dazukommen: versammelte Schriften zur deutschen Geschichte. das Hoftaller aus Tallhover-Zeiten aufgetrieben hatte. Genau betrachtet. Es zeigte den etwa zweiundzwanzig Jahre alten Gefreiten der Luftwaffe Theo Wuttke unter schräg sitzendem Käppi mit Kuriertasche. Und dann noch Photographien benachbarter. zudem ausgewählte Schriften zur Kunst. Mal sollte der Schreibtisch unter der Pinnwand stehen. die alle bei Kriegsende zertrümmert wurden: die neue und alte Reichskanzlei. daß Fonty diese Neuanschaffung. Wenig später kam ein Photo dazu. ein nüchternes Möbel. Zwei Möbelrücker bei der Arbeit. das Prinz-Albrecht-Palais. Ein Schreibtisch. etwas über Zweck und Organisation der Luftwaffe. an den Rändern bestoßenen Bildchen steht er vor jenem schmiedeeisernen Zaun. ein Band über Baukunst und Stadtplanung im Dritten Reich. dann wieder wollte Fonty hinter der quergestellten Platte mit Blick zur Tür sitzen.flach wie eine Kulisse . dem in der Kollwitzstraße nur die unvollständige Aufbau-Ausgabe und zusätzlich die Nymphenburger Taschenbücher zur Hand waren. mit Hoftallers Hilfe lange hin und her gerückt hat.verstaubte Zeugnisse lebenslanger Mühe.Dazu. zwei Bildbände. die von einem englischen Historiker verfaßte Biographie des einstigen Reichsmarschalls und als Taschenbuch eine Ulbricht-Biographie. die Fonty. das Hotel Kaiserhof. In einem sonst leeren Regal standen zwei Bände der teuren Hanser-Ausgabe der Werke. die Abbildungen von Widerstandskämpfern der »Roten Kapelle«. die kurze Zeit lang im Reichsluftfahrtministerium tätig gewesen waren. Auf dem kleinformatigen.den mit Muschelkalk verkleideten Koloß und das kolossale Portal. daß er sich nun. kürzlich gekauft hatte.und Kunstgeschichte sowie Buchbesprechungen . was alles die Kriege von 1864 und 1866 und der nachfolgende Krieg gegen Frankreich in Buchform hergegeben hatten. Schließlich kamen Fonty und der Tisch vorm Fenster zur Ruhe. bevor es als Gestapozentrale in Verruf geriet. zu denen das Archiv kommentierend beitragen durfte.

den modernen Bürodrehstuhl gegen ein den Thonetstühlen ähnliches Möbel mit geschwungenen Armlehnen aus Bugholz auszutauschen. die eine leidend. dann nur. diesem Photo war ein Trauerband angesteckt. Emmi und Martha schauten. Und die Briefwaage aus gelbem Messing hatte umziehen dürfen. die drei Söhne und. saß Fonty wie in seiner Studierstube in der Kollwitzstraße. einen Apparat in das Dienstzimmer zu stellen. und er hatte die Tür sowie links neben der Tür ein aus den dreißiger Jahren stammendes Waschbecken im Rücken. In Georgs Nachlaß hatte sich eine Aufnahme gefunden. Da man vergessen hatte. Madeleines Gesicht wurde von einem biedermeierlichen Oval eingezwängt. Auf Wunsch war es Hoftaller gelungen. um die Weihnachtspost zu erledigen. abermals an Freundlich. Beim Briefeschreiben ging er vom Bleistift zur Stahlfeder und manchmal zum Schwanenkiel über. aber auf der Schreibtischplatte war in Stellrahmen die Familie abgebildet: Emmi. Kein Bilderschmuck an den Wänden. der dem Stein auf dem Schreibtisch in der Studierstube glich. die andere mürrisch drein. die trotz Fernsehen einigermaßen verliefen. Martha. Hoftaller drängte nicht. unter ihnen zwei Schwanenfedern und ein halbes Dutzend Bleistifte der Marke FaberCastell. gegen einen Hohlbaustein gelehnt. Fonty begann Blatt nach Blatt zu füllen. . Er blieb nur kurz. Wie zu Hause steckten auch hier Schreibutensilien in den Lüftungslöchern des Bausteins. schrillte kein Telephon. mir eine original Baskenmütze zu verpassen. Erste Notizen zu einer Auftragsarbeit. Kein Photo des Unsterblichen fand Platz. Was den Stuhl betrifft. Wenn Fonty seine Notizen zum Exposé unterbrach. wohl aber stand ungerahmt eine Ansichtspostkarte. und schließlich aus bester Brieflaune an Madeleine: »Wie hintersinnig und fürsorglich zugleich. Friedel in Pionierkluft. doch stand er ab und zu nach leisem Anklopfen auf der Türschwelle.Wir haben ihn nie dort besucht. in dem er für überreiche Geschenke. Ach. die unter Parkbäumen das Neuruppiner Bronzedenkmal zum Motiv hatte. als selbst bei der Treuhand nur gedämpfter Betrieb herrschte. die Enkeltochter. in Paßbildgröße. wissen aber dennoch: Er saß mit Ausblick. die er uns gegenüber abfällig »Reklameschrift« nannte. bleibe aber auf Hüte abonniert. »besonders für den orientalischen Morgenrock« dankte. steht mir nicht schlecht zu Gesicht. schrieb er während der stillen Tage vor Silvester. Nach den Festtagen. dem er »bessere Stimmung anzuputzen« versuchte. dann einen Metebrief. Friedel und Teddy betreffend. die ihn in Zivil zeigte. hatten Photos aus der Jugendzeit aushelfen müssen: beide Jungs kurz vorm Mauerbau.

könnte ich doch meiner zartbittren Person so klarflüssig auf französisch Paroli bieten. Versprochen. ich solle Großmama nicht mit aufschneiderischen Gasconnaden in die Irre leiten.) Doch unterm Strich stimmt auch: Ein bißchen Geheimnis muß bleiben. (Wie in >L'Adultera< der Polizeirat Reiff. sollten wir bedenken. der Großvater möge sich vor dem beflissenen Herrn an seiner Seite hüten. wenn auch schneearmen Kälte (sogar versuchsweise mit Baskenmütze) leicht zu beherzigen. die in der Golfregion drohende Kriegsgefahr nicht ins Apokalyptische zu steigern.demnächst plus eins . so daß bei mir die Sehnsucht nach Einsamkeit und der Wunsch. daß unser spätes Rendezvous seiner Vermittlung zu verdanken ist. wie diese mir jüngst in lebhaftestem Deutsch Bescheid gestoßen hat: Ich dürfe bei naßkaltem Wetter nicht mit offenem Mantel und baumelndem Shawl durch den Tiergarten und über den windigen Alexanderplatz laufen. wie einst der Krimkrieg. Um auf die Kriegsgefahr zu kommen.gutbesoldet in Lohn und Brot stehe. Nicht alles darf ans Licht.. Vorsicht ist immer geboten. dann wird zum neuen Jahr Besserung gelobt. knapp neben das Christbäumchen gestellt.. immer größer wurden. ein überwältigendes Fernsehprogramm. mit welch ziehendem. Daheim herrscht. irgendwo meinen Kohl zu bauen oder ein paar Pflaumen am Spalier zu züchten. so spukt in >Unwiederbringlich< geheimniskrämerisch ein Sicherheitsassessor im Hintergrund. Hoftaller wie Tallhover waren und sind schlimme Finger. zumal ich meine Grimassen nicht mehr zu Hause schneiden muß. den Du so charmant wie unerbittlich bei konsequenter Weglassung des höfischen großen H zum Monsieur Offtaler umfrisiert hast. auswachsen könnte: Leider lief während der Feiertage. . Ohne ihn gäbe es für diesen Brief weder Anlaß noch Adresse. hiermit sei grand-père gebeten. Gewiß. Und weitere Anmahnungen. seitdem ich trotz meiner sieben mal zehn Jahresringe . mein Kind! Wenn nicht nachträglich auf Weihnachten. dem Zahnweh nicht unähnlichen Schmerz Du mir fehlst. Was aber nun Monsieur Hoftaller betrifft. die man gewiß als Randnote der Geschichte abtun kann. wenngleich man das Ultimatum nicht unterschätzen dürfe . die sich aber. in dem Kinderchöre und Berichte aus der arabischen Wüste miteinander wetteiferten. Das Mantel und Shawl betreffende Gebot ist bei der scharfen. erst kürzlich (und endlich) wurde mir ein Dienstzimmer eingeräumt. in dem ich nun Dir briefverborgen gestehe. liebreizender Burgfriede.

weil ich zu weiträumigen Zusammenfassungen neige.Du warst. < Nunja. Ihr gespeichertes Wissen..Übrigens ist Hoftaller besser als Tallhover. wie überall. etwa nach dem Arbeiteraufstand vom 17. Ich kenne ihre Winkelzüge. Doch davon abgesehen entspricht meinem Vorwissen dankenswerterweise eine Aufgabe. drückt mich als gewohnte Last. ein den Göttern und Halbgöttern und ihrem Ränkespiel vorbildliches Walhalla. und neuerdings hat der Genosse Ulbricht dieser altpreußischen Tradition alle Ehre gemacht . All das nur. keine Überraschung bereiten wird. auf totale Weise nachvollzogen wurde. während leider nur kurzem Besuch. mein Kind. Meine Vortragsreisen kreuzten oft genug seine Reiseroute. haben die Deutschen den Hang und sogar das Talent zum Gesamtkunstwerk. Wie Du weißt (und aus französischer Sicht womöglich bewunderst). dann von einem einfachen Gefreiten des Ersten Weltkriegs. so regelmäßig hat er bei drohender Gefahr das Sprungtuch gespannt: etwa nach dem Sturz der Manteuffel-Regierung.und Bauern-Macht verdoppelt hat. Juni. Beiden bin ich auf sozusagen zwiegenähte Weise verhaftet. Ich wurde gemaßregelt. im Verlauf der Einheit. So hinderlich er dem freien Redefluß gewesen ist. die dank Bismarck und Moltke verfeinert. Entsprechend genial (und als Gegenstück zu Bayreuth) ist hier. die Treuhandanstalt kreiert worden.anläßlich einer Kulturbundtagung in Bad Saarow (hübsch am Scharmützelsee gelegen) beinahe um Kopf und Kragen geredet hatte. kurz unser Führer genannt. das Historische breitet sich dennoch übersichtlich. Und hätte damals nicht der Dir so anrüchige Monsieur Offtaler ein Wörtchen für Deinen Großvater eingelegt. Und hinzu kommt. Vom Krimkrieg bis heute. als ich mich . die sich freilich im Verlauf kultureller Turnübungen zugunsten der Arbeiter. so fehlte auch in Bad Saarow der Sinn für Ironie. dem ich leichtfertigerweise Klassenbewußtsein zugesprochen hatte. etwa nach dem mißglückten StauffenbergAttentat. weshalb mir ein Krieg in der Golfregion. und so kraus es verfilzt liegt. sollte er kommen. kaum ein Jahr alt . das in der Regel nur Halbwissen ist. indem ich zu Protokoll gab: >Seit Friedrichs Zeiten ist der blitzschnelle Einmarsch in Böhmen eine preußische Spezialität. und so nach der überfallartigen Einvernahme der Tschechoslowakei. dem kolossalen Gebäude. soll ich als freier Mitarbeiter eine informierende. in das Du.für ein paar Jahre sicher gewesen. . sprich werbende Schrift verfassen. das nunmehr Götterdämmerung en suite im Programm hat. Es gilt. der ich mich derzeit stelle.. wäre mir das Zuchthaus Bautzen hierzulande >Gelbes Elend< genannt . daß mir des einen wie des anderen gleich welchen Staat sichernde Aufsicht seit Menschengedenken vertraut ist. Und für dieses allumfassende Gebilde.

komme. als mich Deine so gütige grand-mère bereits liebgewonnen hatte und ich in meinem Glück eigentlich nicht mehr zurückwollte. namentlich als Madeleine. wie Du weißt. den übrigens Schlenther einen >Neu-Ruppiner und AltFranzos< genannt hat. Ach. « Nicht alle Weihnachtspost war von dieser Länge und wurde so der Briefwaage zur Last. Zum letzten Mal. dessen hugenottisch eingefärbte Familienchronik mir allzeit ein Füllhorn gewesen ist . Schon hat Dein Großvater. in der wildzerklüfteten Gorge l'Ardèche. Sie suchen die Ufer der Rhône und das see. desgleichen Fouqué. sie finden Zuflucht. in jeder historischen Phase gerecht zu werden. Zudem sei Dir -so total vergessen er ist . wenn das Dein Herz erlaubt.und teichreiche Plateau la Dombes nach Erinnerungen ab.ein gewisser Willibald Alexis empfohlen.wieder in Nähe bringt. Bei all dem sollte meine zartbittre Person nicht nur auf die Gasconnaden des Unsterblichen fixiert sein.und sei es mit Hilfe memorierender Paternosterfahrten . wie einst die bedrängten Hugenotten. Schon sichte ich Material. So heftig ich mich der Stille meines Zimmers hingebe. mithin jenem Verhältnis angenähert. Beides.. sondern auch den vortrefflichen Chamisso im Auge behalten. dann eilen meine Sehnsüchte immer wieder dorthin. trocknes Pulver auf der Pfanne. und sogleich drängen sich Bilder auf. sind wir...dankenswerterweise .alles. was wolle . Das mir im siebten Stock eingeräumte Zimmer mit Schreibtisch liegt allem Renovierungslärm enthoben. daß uns das neue Jahr . liegen auf zu weitem Feld: Du wirst ackern und rackern müssen. Und schon hat mich leichtfertige Brieflaune einerseits zum jüngsten Gegenstand Deines forschenden Fleißes geführt und andererseits Deinem Professor. was seine schriftlichen Zeugnisse betrifft.hineinriechen durftest. sie klopfen neuerdings an einem Haus vor einem Zypressenhügel an. das Du mir. der sich leergemolken wähnte. Da Fonty keine seiner Episteln ohne Bleistiftentwurf zu Papier gebracht hat. was .jegliche Tiefe aus. das Du. reich versorgt. und da uns mittlerweile viele Originalbriefe vorliegen und ... Bleibt noch zu hoffen. Ich ging hier. Schon lote ich . als >zunehmend schwierig< erleidest. wie mir Dein letztes Briefchen verrät. Man muß nur die Augen schließen. Und unterdessen solltest Du vielleicht Deinen Professor ein wenig vernachlässigen oder ihn wechseln. als Soldat ein und aus. Frankreich! Wenn nicht ins schottische Hochmoor. es bleibt dabei: Du fehlst mir sehr. sie verflüchtigen sich auf den Höhen der Cevennen. der Einfluß der Hugenotten auf die deutschsprachige Literatur und die Bindung an einen Ehemann und Vater dreier Kinder. eröffnet hast ..

auswertbar ist. Habe diesen Beitrag im Herbst 53 verfaßt und unter dem Eindruck der Juniereignisse geschrieben. Obgleich er dessen verlegerische Produkte uns gegenüber als »pietistischen Quark« verspottete.behilflich gewesen. aber in der von uns edierten Schriftenreihe fand sich kein Platz. wie oft er verbessernd am spontanen Ausdruck gearbeitet und . Dieser Blick . sobald er schriftlich auflebt. dem ich nun mit lachendem und weinendem Auge zu Diensten bin.zum Schluß »den Stil angeputzt« hat. Hier ist die Lage der Verlagshäuser mehr als prekär. der Verleger ist nunmehr gefordert. etwa in jener Passage.. Man hat sie. daß meine Beiträge zum kulturellen Erbe noch immer von taunasser Frische sind . schrieb er ihm Brief nach Brief und zum Jahresende diesen Bettelbrief: » . bei Drucklegung. so.. zwecks Privatisierung. bitte.nur im Entwurf herbeizitiert wird. « Das Archiv hätte diesen Lesereiz bestätigen können. wobei der Besuch des Unsterblichen in Bayreuth .»Man gab >Parsifal<« . Wünsche mir sieben ausgewählte Vorträge in ganzer Länge. dessen Aussicht einen tristen Innenhof freigibt. In anderen Briefen verzichtet er auf die vorgestrige Rechtschreibung und bringt seine Erwartungen oder gar Forderungen kurzgefaßt auf den Punkt.und sei es durch Gutachten . aber Fonty wollte keinen Beistand. unter die Fuchtel der Treuhand gestellt.. Irgendwas aus dieser Zeit muß bleiben! Nicht der Sohn. « Oder: »Mag sein. Dennoch wären wir gerne seinem Wunsch nach Veröffentlichung . nur mit »th« vor. wenn er den als Verleger tätigen Sohn zum wiederholten Mal anstößt. ein dem ihr zugewiesenen Gebäudekomplex entsprechend gigantisches Unternehmen. er setzte auf seinen Sohn.die Familie angeht. die den Bayreuther Festspielhügel und die Treuhandanstalt als Gesamtkunstwerk koppelt.treu seiner Devise . Kein Wunder.... Dazugehören sollte das frühe Zeitbild >Wie ein Apotheker versuchsweise auf die Barrikaden ging<. werden Vergleiche möglich. daß die Zensur kräftige Striche verfügte. die nun. daß Grundmanns Thun und Lassen verwerflich ist . Es darf durchaus ein schmaler Band werden. weil wir unser Konzept allzu wissenschaftlich eng schnüren mußten. die zu erkennen geben. Deiner abgeschworenen Parteigenossenschaft keine Thräne nach . Immerhin hat man mir ein Zimmer eingeräumt.. « Und selbst der Tiergarten kommt.. In den Briefen an Martha ist die altmodische Schreibweise auffällig: »Weine. endlich einen prüfenden Blick auf des Vaters Kulturbundvorträge zu werfen: »Sei auf Treu und Glauben versichert. wieder aufgehoben werden sollten.

erfuhren wir wie nebenbei. weil zur Dichtervereinigung Rütli gehörend. Muß ja nicht alles zwischen festen Deckeln auf den Buchmarkt kommen.. daß sein . nachdenklich gestimmt haben: »Man traf sich von Zeit zu Zeit mit den Rütlionen privat. in dem ihn eine kürzlich entdeckte Rezension des Romans »Quitt« amüsieren sollte. gerichtet an Moritz Lazarus.. daß diese Freundschaft so häßlich enden mußte . wie Fonty uns gleich nach Jahresbeginn versicherte: »Bin nicht nur redensartlich gesellschaftsmüde. mit »Teuerster Leibniz« angeredet wurde. auf Holkenäs mußte sogar die herrnhuterisch frömmelnde Gräfin Christine den einen oder anderen Einspruch..« Dennoch haben ihn die nachträglichen Glückwünsche des Archivs erfreut. sind so gut wie druckfertig. mich zwischen Deine weltweit heidenbekehrenden Traktate zu schummeln. « Nach diesem Brief riskierte Fonty einen Blick in den leblosen Innenhof. « Als Fonty seine Lesebrille aufsetzte und einen kurzen Beitrag über den Jugendfreund Friedrich Witte überflog. also auf das Herrnhuter Missionswesen eingehe. Von mir aus kannst Du Deines Vaters verflossenen Schweiß getrost als Paperback herausgeben. so auch bei Lazarus. Ihr Einundsiebzigster gab für »Festivitäten« nicht genug her. dem heutigen Platz der Republik. Wirrungen« triftiger Allgemeinbefund: »Alle Kritiken sind wie von Verbrechern geschrieben. auch wenn sie seinem Gedächtnis nicht neu sein konnte. Da ich in meinem Beitrag >Was gehen uns die Eskimos an?< beiläufig auf >Unwiederbringlich<. wohnte.. ob altlutherisch oder calvinistisch. Den Rest allerdings hat sie als Irrglauben verdammt . wenngleich ihn die kommentierten Briefe.« Ein wenig Spaß hatte er dennoch an dem Blättchen. dann wechselte er von der Stahlfeder zum Bleistift. der. der am Königsplatz. Meine Vorträge. in diesem Fall über Julius Hart: »Eigentlich weiß er immer schon vorher. die von Mamas Hand säuberlich abgetippt wurden. Schon den Siebzigsten zu feiern war ridikül. in meinem an Dich gerichteten Jahresendbrief nochmals zur Sache zu kommen.zwingt mich geradezu.. erdulden. sondern in Wirklichkeit. 27 Im Dienst der Treuhand Weder Mitte November noch Ende Dezember sind sie bei McDonald's gewesen. was er sagen will . « Zudem galt sein seit »Irrungen. hatten wir ihn doch wiederholt über die »Hyperklugheit« der Kritiker spotten hören.. sollte es Dir nicht schwerfallen. Wir schenkten ihm das Heft 42 unserer Gesamtreihe »Blätter«. Ein Jammer.

beglückt habe: »Eine Fundgrube. so knausrig hat Preußen seinen Untertan entlohnt. Schließlich ging es nur noch albern zu. die Praxis der Veruntreuung von Volkseigentum mit Hilfe der Treuhand einzusegnen. Weder die Aufgaben des Reichsluftfahrtministeriums im Dritten Reich noch die Tätigkeit von zehn bis zwölf Ministerien während der . zahlt aber mehr. wie Treuhänder im Handumdrehen zu Treuhändlern werden. ein Puzzle. Brandenburger Tor natürlich und Sanssouci. mehrmals. die er immer wieder zum Salat aus Fragmenten verrührt. weshalb es fortan möglich sein wird. zum Beispiel. Muß gelegentlich für Nachschub sorgen. daß er die frontale Ansicht des Schlüter-Baus in wenigen Stunden hingefummelt hat. als Geburtstagsgeschenk eingefallen: »Nein. Das wär doch was: die Treuhand als Puzzle! Gab's aber nicht.Tagundnachtschatten ihn mit dem sechsten Band der Hanser-Ausgabe . Viel Preußisches dabei. Hätte ihm gerne unseren Kasten an der ehemaligen Wilhelmstraße geschenkt. Sah kolossales Angebot im KaDeWe. wie bei der Treuhand eine Hand die andere wäscht.« Dann plauderten wir über seinen neuen Aufgabenbereich und ermunterten ihn. Eine hübsche Illusion.»Treuhandschuhe preiswert im Angebot!« Und so weiter. nur dieses Spielzeug für Groß und Klein. in der allerdings das eine oder andere Schnellgereimte blamabel ist«. und andere Wortspiele. keine der uns versprochenen blühenden Landschaften ist abgebildet. Aus bester Laune machte uns Fonty vor. Für meinen Kumpan kein besonderes Problem. Schon im Mantel rief er von der Tür aus: »Treuhand heute ist nicht besser als Manteuffel damals. den häßlichen Offenbarungseid durch Schwur mit erhobener Treuhand vermeiden kann. Der freie Mitarbeiter Theo Wuttke wollte das an ihn ausgezahlte Geld wert sein und beschränkte sich nicht auf die historischen Abschnitte jeweils zum Tiefpunkt geführter Herrschaftsperioden von mehr oder weniger kurzer Dauer. Lieder und Gelegenheitsgedichte . nach deren Regeln man.« Wir haben nachgerechnet und dabei die Kaufkraft von Talern mit der Härte der Mark verglichen. mit dem Namen seines Arbeitgebers spielerisch umzugehen. Jemand entwarf Kleinanzeigen: »Treuhand sucht Maniküre!« . wie schon im Vorjahr.Balladen. Es stimmt: Große Sprünge konnte sich der Unsterbliche weder in London noch in Berlin leisten. Er machte Überstunden. hingegen sei ihm. gelang ihm die historische Verklammerung seiner Tätigkeiten. Als Fonty uns verließ. vielmehr hat mein Präsent tausendteilig das nach Kriegsende gesprengte Stadtschloß zum Motiv. Er macht das aus Passion mit Stoppuhr. Schätze.

schritt er die PrinzAlbrecht-Straße ab. allzeit im Sattel und neunzehn Jahr. indem er lange und anekdotisch beim Schwefelgelben verweilte und diesen mit nachgespitztem Blei mal auf-. zog im Jahr 1933 ein . Reichsgründung. doch bald wieder unter preußischem Herrschernamen ihren Verlauf nehmen sollte. entwarf aufs neue die symmetrische Gliederung des Platzes durch den Baumeister Lenné. denn in den Erweiterungsbau der Reichskanzlei.und Bauern-Staat konnten dem Chronisten genug sein. Juli 1898 halbwegs versöhnt und selbst dem Grubenrand nahe auf Wunsch seines Sohnes Friedel nachgerufen hatte. Er zählte die bis 1800 errichteten Standbilder ruhmreicher Feldherren von Seydlitz bis Zieten auf. Weitläufig erging er sich auf der Wilhelmstraße. nach der Kommunistin Käthe Niederkirchner umbenannt worden war. bis auf Widerruf. die zwar noch immer nach einem der Gründungsväter des kurz. die. Nach der Leipziger. sogar als Zielscheibe mißglückter Attentate sah er ihn. etwa das den jünglingshaften Junker feiernde »In Lockenfülle das blonde Haar. Das geriet ihm zu breit. benannte alle Palais um den Platz und entlang der Wilhelmstraße. Ihm wollte nicht enden. Zudem wollten Auftragsgedichte zitiert werden. aufmarschieren und paradieren.. von Fonty aufgezählt. prunkte mit den Namen märkisch-preußischer Adelsgeschlechter und kam so zum Palais Schulenburg. aber real existierenden Staates hieß. « oder das spät geschriebene »Wo Bismarck liegen soll«. vom Regiment Alexander bis zum Regiment Gendarmes. die während der knappen Zwischenzeit der Weimarer Republik entstand. Also begann er mit Zinn. den Wilhelmplatz und die Wilhelmstraße zum beherrschenden Zentrum. Er begann mit der Vorgeschichte der den Gebäudekomplex flankierenden Straßen. er mußte streichen. die ihren Namen nicht ändern mußte. Doch auf das Großhotel Kaiserhof als Bezugspunkt für späteres Geschehen wollte er nicht verzichten. mal abwertete. Sein Entwurf bewies Gardemaß: Anhand des Plans der Friedrichstadt von 1732 skizzierte Fonty das große Exerzierfeld aller in Berlin kasernierten Regimenter und ließ diese namentlich.vierzig Jahre deutscher Arbeiter.und Bleisoldaten zu spielen. Er erlaubte sich einen besonderen Abschnitt. verwandelte die Paradeanlage durch den ab 1908 beginnenden U-Bahnbau zur Großbaustelle. Er ließ den Wilhelmplatz und dessen bauliche Veränderungen aufleben. was einmal gewesen war. Gründerzeit: Eine Vielzahl Ministerien forderten Raum und machten.. das ab 1875 dem Kanzler Bismarck als Privatwohnung und Amtssitz diente. das der Unsterbliche dem Gründer des Reiches von kurzer Dauer am 31.

Auf einem geräumigen. Als 1935 der Reichskanzlei.und Prinz-Albrecht-Straße begrenzten Areal begann die Abräumarbeit für das geplante Reichsluftfahrtministerium. die dazu führte. etwa »schwefelgelber Heulhuber« und »regierende Masse«. genug waren oder mehr sagten. Er planierte alle zuvor genannten Bauwerke. indem sie mit dem Abbruch von zweihundertsechzigtausend Kubikmetern Altbau zugleich mit einem Neubau begannen: in Tag. Wenn wir dabei nicht immer konsequent sind. der zuvor abwartend im Kaiserhof Quartier belegt hatte. Leipziger. Wir sind bemüht.die immer häufiger versammelten Volksmassen mit gestrecktem oder angewinkeltem Arm begrüßt werden sollten. entspricht auch das Fontys Launen. ein »Führerbalkon« angeklebt werden mußte. Er nannte das gesamte Vorhaben »eine gigantische Arbeitsbeschaffungsmaßnahme. Dabei folgen wir Fonty. Weitere Großbaupläne wurden durch den Krieg zunichte gemacht. in dessen Nutzfläche das bestehende Gebäude sowie das ehemalige Preußische Herrenhaus und das Preußische Abgeordnetenhaus einbezogen werden sollten. war der Zeitpunkt für weit größere Baumaßnahmen erreicht. daß sich staatslenkende Verbrecher gerne durch Wohltaten legitimieren«. in mehreren Bauabschnitten erweitert wurde. das in den folgenden Jahren. woraus man schließen kann. der später den Flughafen Tempelhof in vergleichbaren Dimensionen baute. Endlich kam Fonty zur Sache. Zugleich nahm der Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda vom ehemaligen Palais des Prinzen Friedrich Karl Besitz.nach italienischem Vorbild . Er vergaß kein Detail des neuesten Willens zur Macht. von der Wilhelm-. Jetzt erst ließ er sich auf des Reichsmarschalls Bauherrngeschichte ein. Alles mußte . weil Propaganda über alles ging. waren solch sinnbildliche Arbeitsvorgänge Ausdruck völkischen Willens: Abriß gleich Aufbau. auf Wunsch. Seinen Schlägen entging nur wenig. nur nicht des Reichsmarschalls steingewordenen Komplex. dem Bezeichnungen wie »der Führer« und »der Reichsmarschall«. von dem herab . daß viele tausend Erwerbslose zu Lohn und Brot kamen. einige unverkennbar in die Geschichte eingegangene Personen nicht beim Namen zu nennen.weiterer Reichsgründer von kurzer Dauer ein.und Nachtschichten an acht verschiedenen Stellen. aber auch Metaphern für einstige oder noch amtierende Kanzler. Nach den Plänen des Architekten Ernst Sagebiel.

Nur ein Schlenker wies auf die über Jahrhunderte gedehnte Errichtung des Kölner Doms hin. Fonty verkniff sich eigene Meinung. Und nach einjähriger Bauzeit konnte der gesamte Gebäudekomplex mit einer Nutzfläche von zweiundfünfzigtausend Quadratmetern. parkwärts sind rechtwinklig die erweiterten vier niedrigeren Büroflügel angeschlossen.bald nach dem Richtfest . straßenseitig setzen sich die Flügel mit erhöhter Stockwerkzahl fort.in Rekordzeit geschehen. Nur sparsam kommentierte er die Baugeschichte des Reichsluftfahrtministeriums. das zum »Haus der Flieger« umgebaut wurde. zur Nutzung übergeben werden. Doch ausgiebig wurden Bau. « Da er die in Auftrag gegebene Schrift als historisch bedingt verstand und uns gegenüber häufig von »meiner rückblickenden und höllisch am Detail klebenden Denkschrift« sprach. kunstgeschmiedeten Eisenzaun vor dem Ehrenhof gliederten. doch im Meterpreis kolossal billig.. Schon im nächsten Absatz meldete Fonty die zeitbedingte Zerstörung des Soldatenreliefs und zugleich den nachgelieferten Ersatzschmuck: ein . In der Wilhelmstraße ist dem Haupteingang ein großer Ehrenhof vorgelagert.tausend Diensträume bezugsfertig. Allenfalls erlaubte er sich ein ironisches »Übrigens . vergaß aber nicht die beiden bronzenen Adler. indem sie für Symmetrie bürgten.und Abgeordnetenhauses..« Bei den Säulen zum Hauptportal hielt er sich nur kurz auf. nicht mitgezählt die Räume des Herren. die ihren Sitz auf zwei Pfeilern hatten. « mit Hinweisen auf mögliche Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen der Treuhand in Zwickau oder Eisenhüttenstadt. Gleichfalls war ihm ein steingehauenes Relief des Bildhauers Arno Waldschmidt wichtig.. die aus etwa fünfzig fränkischen Steinbruchbetrieben kurzfristig geliefert wurden. das die offene Pfeilerhalle vor dem Eingang für den Geschäftsverkehr schmückte und von der Leipziger Straße aus zur Ansicht kam: eine Kolonne todsicher geradeaus marschierender Stahlhelmträger. zeittypische Einzelheiten zu betonen. Er unterstrich die Menge »dreißigtausend Quadratmeter silbergrauer Muschelkalk« und fügte in Klammern hinzu: »Genauso dümmlich eintöniges Gestein wie des Führers Lieblingsmarmor Travertin. so die Vielzahl der Hoheitszeichen und die einheitliche Fassadenverkleidung in Platten von acht Größen..und Nutzungsbeschreibungen zitiert: »Die Grundrißordnung der Anlage bildet vier zum Park hin offene Höfe und umschließt vier Innenhöfe. jeweils ein Hakenkreuz in den Klauen hielten und den hohen. war es ihm selbstverständlich. die mittleren umschließen den Ehrenhof. Das Rückgrat des Grundrisses ist der durchlaufende Nordsüdtrakt. Nach einem halben Jahr schon waren .

während im Hintergrund Baugerüste und rauchende Schlote für Fortschritt stehen. Versuchsweise ließ er frischdekorierte Lufthelden . »den plattesten Ausdruck des sozialistischen Realismus«. verständlich als Echo auf die zuvor beschlossene Gründung der westlichen Bundesrepublik Deutschland. ließ schließlich alle drei Auftragsarbeiten in historischer Folge Revue passieren und notierte am Rand: »Selbst wenn Werktätige besser als Todgeweihte sind.und Bauern-Staat zu verrechnen sind. also zum Haus der Ministerien ein. Damals wurde im großen Sitzungssaal des ehemaligen Reichsluftfahrtministeriums. steht nur noch deutsche Kurzatmigkeit unterm Strich. Weiterhin unterstrich er Mengenangaben. solche der Stirn und der Faust. war übergangslos bei anderen heroisierenden Schinken. so bei dem Großbild des preußischen Hofmalers Anton von Werner und dessen Jubelmotiv . auf dem viel Personal frohgestimmt Begeisterung bekundet. der sich jüngst erst der östliche Teilstaat aus freien Stücken mitsamt seinem Volkseigentum verschrieben hatte. als zwei waren. so die »sage und schreibe tausendsiebenhundertfünfzehn in fünfzehn Reihen angeordneten Fliesen aus Meißner Porzellan«. Zwar stand das Gebäude. Mit diesem kleinteiligen Monumentalwerk leitete er den Übergang vom Dritten Reich zum Arbeiter. Fing mit Hurrageschrei an und endete jammervoll. auf dem Werktätige. es kam nur Mumpitz dabei raus. der Arbeiter. »Ob ein Staat besser ist.« Mit Hilfe dieser Bilanz war er abermals beim zuletzt genannten Staatswesen. Das aus Porzellanfliesen gekachelte Wandbild entstand 1952.und BauernStaat als Deutsche Demokratische Republik ins Leben gerufen. Und wenn die knapp zwölfeinhalb Jahre Drittes Reich mit den vier Jahrzehnten Arbeiter. kritzelte Fonty in Klammern an den Rand seiner Denkschrift für Reklamezwecke. wird sich noch zeigen«. Er wollte sich nicht zufriedengeben. Er nannte das Wandbild.und Gitarrenmusik in die Zukunft schreiten und dabei einfarbige Fahnen hochhalten. Sodann unterstrich Fonty dick den 7. Dann verglich er die in den Tod ziehenden Soldaten des Waldschmidt-Reliefs mit den auf Fliesen versammelten Proletariern.und Bauern-Staat. vor dessen geschmückter Stirnseite einst aus erhöhtem Ledersessel der Reichsmarschall Befehle erteilt hatte. aber auch lachende jugendliche bei Ziehharmonika. Oktober 1949.Wandfliesenbild des Malers Max Lingner von fünfundzwanzig Meter Länge. Auf siebenundvierzig Jahre Kaiserreich folgten kaum dreizehn Jahre Weimarer Republik. doch kamen ihm die über zweitausend Diensträume wie unbelebt vor.die Ausrufung des deutschen Kaiserreichs im Spiegelsaal zu Versailles -.

Liegenschaften. Ihr Schatten fiel auf vieltausend einst volkseigene Betriebe. in seinen ausufernden Bericht. als er stehenließ.»Schnell privatisieren.mit Eichenlaub zum Ritterkreuz am Hals auftreten. Parteibesitztümer. war mit allen Jagdflugzeugen. schob sie wie Zinnsoldaten hin und her. . die den Reichsmarschall zum Ziel hatten. reformbelastetes Junkerland in unermeßlicher Hektargröße. zählte.. vergaß den zuverlässigen Transporter Ju 52 nicht. dann als melancholische Todesengel vor. Auf dem elften Plenum wurde beschlossen . bombensichere. Unsere Hauptaufgabe lautet . vertraut. Genitivisch geklitterte Wortungeheuer. Spruchbänder von diesem und jenem Parteitag.und He-III-Einsätzen. machten sich breit. sofern sie Jagdflieger waren.. hatte ein Dutzend durchschlagende. sooft Fonty diese Beschwörung wiederholte. Die Leistungen der unter einem Dach versammelten Ministerien waren nur mit drögen oder geschönten Planerfüllungsdaten zu belegen. Selbst die knappe Formel des Treuhandchefs. von der Me 109 bis zu den allerletzten Nachtjägermodellen. Mölders. unterschlug weder den Dauerstreit zwischen den Generälen Milch und Udet noch den Verschleiß von Menschen und Material sowie den frühen Verlust der Lufthoheit über dem Reich. die der Arbeiter. nichts Lebendiges auf die Beine stellen. Er erlaubte ihnen zackige Auftritte in der Empfangshalle. von der Luftschlacht über England und den Fallschirmspringern auf Kreta zu berichten. führte sie mal als Dummschwätzer. aber erhebend schauerlich ging es allemal zu. über Korridore flanieren und im Paternoster auf und ab fahren. und doch brachte erst die Aufbahrung der beiden Heldengestalten Udet und Mölders ein wenig Leben in die Bude: Zwar konnten die pompösen Totenfeiern im Ehrenhof weder den Selbstmord des einen noch den Unglücksfall des anderen Lufthelden bemänteln. Zuviel Material.. auf siebentausend geplante Privatisierungen und zweieinhalb Millionen gefährdete Arbeitsplätze. Papierne Auslassungen des Zentralkomitees. die der in Auftrag gegebenen Denkschrift als Motto dienen sollte . entschlossen sanieren. ihre Abschußerfolge auf. alles. Und nun drohte die jüngst begonnene Phase in Zahlen zu ersticken: Für Milliardenbeträge bürgte die Treuhandanstalt. Aber die Darstellung der nun folgenden Phase litt gleichfalls unter dem Aufmarsch von Zahlenkolonnen. Fonty strich mehr. behutsam stillegen« -. sogar die Hoffnung ersoff in Zahlen. kam auf gefeierte Fliegerasse wie Galland.und Bauern-Staat am fließenden Band produziert hatte. blitzschnelle Typen parat. Er streute sogar Flüsterwitze. Rudel. wollte. wußte von legendären Stuka..

wechselnden Herren gedient hatten. doch Ihren Töchtern in Israel schrecklich nahe sein wird.. in Jubel auszubrechen. kein Vergleich zum Vorjahr. Er hätte nur die private Kiste lüften müssen: »Als ich als Gefreiter der Luftwaffe hier ein und aus ging.. Er hätte sogar Emmi Wuttkes Erzählungen aus Reichsluftfahrtzeiten und ihre Erinnerungen an Erlebnisse im Luftschutzkeller in seinen Bericht einfließen lassen können. Erst Ende 61 wurde ihr gekündigt. Spät hat uns Emmi davon berichtet: »Wir standen ja unter Druck und durften nich reden . Nicht er. der alle Abwässer dieser Welt mit stets gleichbleibendem Schwung überbrückte. Ersatzweise bietet nun der seit gestern in Szene gesetzte Golfkrieg ein Spektakel. « Er fand ja überall Zutritt und kannte in den Vorzimmern etliche Sekretärinnen.« Das und noch mehr stand in einem Brief an Professor Freundlich. Deshalb hat mein Wuttke das Photo zerreißen gewollt. ein Faß aufzumachen und mit Feuerwerkskörpern den nachtschwarzen Himmel zu illuminieren. hat sie uns erst kürzlich gezeigt: »Der sah gar nich militaristisch aus. « Oder: »Während meiner langjährigen Tätigkeit als Aktenbote im Haus der Ministerien . ab Anfang der fünfziger Jahre.»Wirkt ledern oder atmet mich wie ein Totenhaus an. weil die Söhne im Westen geblieben waren. ohne Rücksicht auf geschichtliche Wenden. die Schreibmaschinenkraft Emmi Hering durfte aus einem der Dienstzimmer dem Trauerakt für Udet und Mölders im Ehrenhof zuschauen.oder kurzbeinig.. mit seinem Lippenbärtchen.. « . Jeder hat auf seine Weise recht.. « Und jenes postkartengroße Photo des Fliegerhelden Galland. Die Lügen der regierenden Masse hinken. eher wien Herzensbrecher. wie sich die streikenden Arbeiter von der Stalinallee in Kolonnen dem Portal näherten. den er Mitte Januar schrieb: »Diesmal wurde eher beklommen als lauthals gefeiert. »Republikflucht« wurde dieses strafwürdige Vergehen genannt... wären hundert pointensichere Anekdoten geläufig gewesen.. das zumindest auf Fernsehschirmen furchtbar lustig zu sein scheint. Alle töten in Gottes Namen. lieber Freundlich. Na. Seinem Plauderton. Ach. und ein Jahrzehnt später sah Emmi. mit Widmung und Unterschrift. Bei mauer Stimmung schlug es zwölf. Arbeit im Haus der Ministerien gefunden. als jedermann glaubte. Die Luft ist raus. ob lang. wie soll mir in solcher Gesellschaft eine Denkschrift gelingen?« Dabei hätte er es sich leichtmachen können. es bestehe Anlaß. denn als Büroangestellte hat Frau Wuttke lange vor Fonty. weil wir verlobt waren und er immer eifersüchtig. die. Überall Sieger.

laut Marschbefehl. wieder nach Frankreich mußte. konnte er vorerst nicht folgen.Richtig. als der Gefreite Wuttke mit seinem ersten stimmungsvollen Bericht aus dem besetzten Frankreich zurückkam: »In Domrémy und Orléans besuchen unsere sieggewohnten Soldaten Jeanne d'Arc . Wie auch immer: Fonty wollte nicht privat werden. den Oberst Gehrts und den Oberleutnant Schulze-Boysen als Absender hätte ausweisen können. zumal sie ja hier.. Auch konnte ich annehmen. die mir zugesteckt wurde. dem niemand soviel entschlossene Haltung. indem ich. der ihm schon vor Jahresende empfohlen hatte. fand sich Zeit für ein Plauderstündchen mit diesem überaus typischen Schreibtischoffizier. finden wir bereits skizziert. bis hin zur Todeszelle in Plötzensee. Sobald ich meine Berichte bei der für mich zuständigen Abteilung vorgelegt hatte. an Ort und Stelle. sobald ich. Ein Leichtsinn. die eher traurige Geschichte von jenem Widerstandsnest im Reichsluftfahrtministerium erzähle. Der Koloß hielt sich Fonty wie einen Gefangenen. zum Beispiel. Übrigens wurde mir Oberst Gehrts nach Rückkehr von Dienstreisen persönlich bekannt.. die für Gehrts bestimmt waren. das von der Gestapo während laufendem Prozeß >Rote Kapelle< genannt wurde. Zu grau lastete auf allem der Muschelkalk. «. Da ich mich leichtfertigerweise . Dazu ein wirklich belesener Mann: Wie bei Liebknecht und dem Historiker Mommsen gehörte >Vor dem Sturm< zu seiner Lieblingslektüre. Das war nicht im Juni 40. seinen altbewährten Plauderton anzuschlagen. Sie werden mir abermals nahelegen. Überhaupt sind mir die Gefahren meiner Soldatenzeit nie recht bewußt gewesen. wie sich zeigen sollte. Und sicher will ich den Offizieren Harro Schulze-Boysen und Erwin Gehrts in meiner Denkschrift ein Kapitelchen einräumen. als Emmi ein Reisefeuilleton aus dem Protektorat Böhmen und Mähren als ersten Beweis ihrer Liebe abtippen mußte. denn bald danach flogen sie auf. Zu verquer lag das sperrige Material. was später die Denkschrift belebt hat: »Ahne schon. von einer Toilette aus Funkkontakt mit anderen Widerstandsgruppen gehalten haben. hatte ich in meiner Tasche oft Briefe. auch damit hätte Fonty seine Denkschrift aufpäppeln können: wie er und Emmi einander zum ersten Mal im Paternoster begegnet sind. Aber in einer Paternoster-Epistel. anekdotisch zu werden. daß ein Teil jener Kurierpost.und eher wie nebenbei als Kurier benutzen ließ. sondern schon im April. Zum Glück hat mich keine Kontrolle erwischt. zugetraut hätte. auch wenn man . lieber Freundlich. Selbst dem Rat des Brieffreundes aus Jena. die dem evaluierten Professor Antwort gibt.

wenn auch am Rande nur. mich abzuschirmen. jene zuerst nur streikenden . wenngleich mir. Meine Emilie. dem es . Ganz ohne die übliche Forsche. den Generalsekretär der führenden Partei zur Rede stellen. sobald ich den i7. im Ehrenhof. hat das alles gesehen: die eher ruhige als zornentbrannte Masse.mich. Der rief. Sie wissen ja.gefallen hat. wie kurzgefaßt das . erinnert sich meine Emilie. einen Akzent sollte diese Konfrontation . das sich ja hier gleich um die Ecke befand. die der Westen später unter dem Schummelbegriff >Volkserhebung< zu Tode gefeiert hat. War eine Zitterpartie. Doch trotz aller Gefahren. Doch der Spitzbart war anderswo. wurde vielmehr ausgebuht und vom Podest gedrängt. Man konnte mir aber nichts anhängen. wahrscheinlich Selbmann. bleibt es dabei: ein tadelloser Mann. die sich eher in literarisch-historischen Stimmungsbildern gefielen. auf gut zweitausend Mann geschätzt.damals noch unter dem Namen Tallhover . in die mich die Rote Kapelle gebracht haben mag. Und jene aufständischen Arbeiter. ziemlich gestapomäßig verhört hat. Andererseits muß wohl ein kurzes Erlebnis bedacht werden.wirklichkeitsblind als vom Westen gelenkter Putsch oder .als Konterrevolution eingeschätzt wurde. dann jedoch revoltierenden Arbeiter. Immerhin. Leider gehört diese Episode genauso wenig in die Denkschrift wie meine Frontberichte. als jeder jeden Trotzkist schimpfen durfte. und zwar während dessen Frühzeit.hier streikende Proletarier. die damals noch als Bürokraft im HdM angestellt war. wollte reden. dieser Oberst Gehrts. dabei kolossal weltläufig. die wie gekälkten Arbeiterklamotten.meiner Denkschrift setzen. kam aber nicht zu Wort. das. Statt dessen sprach ein Steinträger vom Block C-Süd. vor das Haus der Ministerien.aber auch von Ihnen. traute sich. Nur ein einziger Minister. Sprechchöre riefen nach ihm. als wir uns alle noch hoffnungsvoll auf dem richtigen Weg glaubten. die bald enormen Zulauf erhielt und die von unseren führenden Genossen . Verdacht ist immer! Sie kennen ja diese als Zufälle getarnten Spielchen auf Leben und Tod aus Ihren mexikanischen Jugendjahren. lieber Freundlich . beschwichtigen. oder es ist der mir lebenslang zugeordnete Schutzengel gewesen.und Bauern-Staat betraf. mehrmals im Prinz-Albrecht-Palais.Sie erinnern sich: Es ging um die Erhöhung der Normen -. Ich spreche von jener Zusammenrottung der Bauarbeiter von der Stalinallee. März anno 48 in die Quere kommt. als es zu den Prozessen kam. sofort der 18. vor die Menge zu treten. zogen.nach damaliger Sprachregelung . dort der sprachlose Minister . >Arbeiterverräter!< und >Normen runter!< Das ist alles an historischer Begebenheit. unseren Arbeiter. Juni 53 auf dem Papier habe. Man wollte irrtümlicherweise hier.

der neugierig bis fasziniert zuguckte.. mein lieber Freundlich. weil die Arbeiter. was ihn zu der knappen. obgleich der junge Apotheker beim Barrikadenbau dabeigewesen ist und sogar zum Sturmläuten in die Georgenkirche eindringen wollte. Damals jedoch wurde mein. indem ich den vormaligen Revoluzzer zitierte: >. wobei der Lebertran eigentlich für die skrofulösen Kinder bestimmt war. >Einundalles< in der jungschen Apotheke entweder als verkappter Revolutionär oder als verkappter Spion angesehen und so oder so gefürchtet. doch zumeist als Lampenöl benutzt wurde. der mir. auch den Tapfersten gegenüber . höre ich mir vertraute Töne. Das Ridiküle gewinnt. er war wohl mehr ein Revoluzzer. diesmal ging es unblutig zu. Doch das Portal war geschlossen. Zwar wurde auch damals Freiheit als höchster Handelswert ausgerufen. in dem anderen aufzugehen. Nun. nicht genauso banal zugegangen? Nur daß anstelle von Lebertran diesmal die westliche Banane im Angebot war.und Bauern-Macht nicht mehr Staat sein wollte. So kürzlich hier und abermals. Und ist es. Ob Lebertran oder Bananen käuflich sind. Denn allzu schnell war man bereit. zog aber dann gewagte Parallelen zu den Juniereignissen. Lebertran mußte sein!< Natürlich siegte der Lebertran.. Der späte Blick zurück spießt sich mit Vorliebe Absurditäten. lebte meinerseits mehr der Überzeugung von der absolutesten Unbesiegbarkeit einer wohl disziplinierten Truppe jedem Volkshaufen. die obrigkeitliche Rücknahme der Normen für einen Sieg zu halten. In einem Kulturbundvortrag. Das hat den fünfzig Jahre später Berichtenden zu dem Ausruf hingerissen: >Freiheit konnte sein. wie Emilie sagt. ging ich zwar von den achtundvierziger Märzereignissen aus. hier die freiheitstrunkene Barrikadenherrlichkeit. <. aber immer noch gültigen Feststellung gebracht hat: >Protestantische Kirchen sind immer zu!< So ist das mit den Erinnerungen. wie Ihnen vielleicht noch erinnerlich ist. Juni nicht zu reden. auf daß wir . im März und Juni gab es Tote. die Freiheit kommt bei solchem Handel allemal zu kurz.Urteil des Unsterblichen in den späten Erinnerungen lautet: >Viel Geschrei und wenig Wolle!< Und das. vor wenig mehr als einem Jahr. als wir den realen Sozialismus gegen den gleichfalls realen Kapitalismus tauschten. dort die in der Apotheke nach Lebertran anstehenden Hausfrauen im Auge hatte. Aber nur deshalb floß kein Blut. vielmehr beschloß. Stimmt. Der Held wird zur komischen Figur. doch nach dem Auftritt der sowjetischen Panzer war Stille gleichfalls billig zu haben. Höre und akzeptiere Ihren Einwand. Vom 17.. 48 und 53. viel Ärger eingebracht hat. lieber Freundlich. Sobald Sie mir aus Ihren frühen Jahren in Mexiko erzählen und dabei gern der kuriosen Alltäglichkeit Tribut zollen. >Sanfte Revolution< war das Wort..

so begeistert sie sich auf den Weg ins Gelobte Land gemacht haben. Diese mir sonst unübliche Schwarzseherei gehört natürlich nicht in die Denkschrift.zur Last fallen werden. Recht so! Steuerberatung muß sein! Wir lassen uns nicht aufs tote Gleis schieben. der insgesamt ein lebendiges. also der Treuhandanstalt blühen könnte. doch heute früh begann sie. Zweifelsohne soll hier eine kolossale Privatisierungsmaschine in Gang gesetzt werden.nun dem vergrößerten Weststaat . dem Knacks in der Biographie . hält der Fußballclub Carl Zeiss Jena (wenn auch zuunterst) seinen Tabellenplatz und beginnen Sie. « Darüber verging der Januar. ein zu weites Feld. Und deshalb wurde mir beim Rückblick auf die achtundvierziger Märzgefallenen bis zur Schmerzgrenze deutlich. Andererseits weiß man nie.. die Börsenkurse mit Kriegsbeginn stiegen. Uns bliebe dann nur ein gehäufter Löffel Resignation. man gewöhnt sich und klagt nur mäßig. dann . wie Sie wissen. ab dessen Mitte in der Golfregion nur noch die Waffen sprachen. Ölfelder in Brand gerieten. Wie telegen auch immer die Zeiten auf Krieg gestimmt sind. Jeder Krieg schnipselt sich seine Helden zurecht. Von meiner Tochter bekomme ich nur mecklenburgische Mißlichkeiten zu lesen. gleichfalls in die Grube gezogen haben wird.. den jetzt noch vital auftrumpfenden Kapitalismus. neue Vernichtungssysteme erprobt wurden. daß der damalige Aufmarsch streikender Arbeiter vorm Haus der Ministerien auch den jetzigen Nutznießern des Gebäudes. Wie ich Ihrem wie immer unterhaltsamen Brief entnehme.. Schließlich bleibt. Aber andeuten will ich schon.dank unserer Mitgift. ein zwingendes Bild fehlt . indem Sie Ihr Vielwissen in Sachen Jurisprudenz auf neuesten Stand bringen und sich als Steuerberater nützlich machen. dann morgen. der aber durchaus belebend sein kann . Der Ehestand bekommt Mete nicht. und wenn es nichts hat als seine nackten Hände. mehr noch. mit dem Rehleder alle Fenster zu putzen. Damit soll es genug sein. der mit Stürmen auftrat. Was Ihre freundliche Nachfrage nach meiner Emilie betrifft: Der geht es mal so und mal so. Gestern noch war ihr sterbenselend. schließlich doch notwendig stärker ist als die wehrhafteste geordnete Macht. So etwas wird auf Dauer nicht hingenommen. Selbst Ihren Töchtern wird Israel mittlerweile als fragwürdig erscheinen. wenn nicht heute. ein Monat. wie man im Westen sagt. daß ein aufständisches Volk. viel zu tun: >Packen wir's an!< In diesem Sinne will ich mich wieder über meine Denkschrift hermachen. wir dürfen nicht schlappmachen. Ihrem an sich mißlichen Zustand ersten Geschmack abzugewinnen.. bis der an sich selbst gescheiterte Kommunismus seinen Zwillingsbruder. Am besten. Aber das ist.

dessen Anblick ihm von Photos bekannt war: den Chef der Treuhand. Jemand. der Gefreite Wuttke sah die Brust voller Orden und den Pour le mérite unterm fleischig gepolsterten Kinn. dann in ganzfigürlichem Flanell von oben. Nun kam in ganzer Fülle die bekannte Figur. links Lametta. das seit kurzem an der Pinnwand seines Treuhandzimmers hing und den eher schlaff . aber zwei wartende Elektriker vor sich hatte. kaum war er an Fonty. der gegrüßt wurde und zurückgrüßte.wieder fielen. Die blankgewichsten Stiefel kamen zuerst. Wie immer. ein für clever gehaltener Ministerpräsident zurücktrat und sich nach Thüringen verdingte. aus denen sodann die mit Marschallbiesen besetzten Hosen beutelten.« Fonty. Eine Person. und kaum waren die Elektriker mit ihren Werkzeugkisten nach oben verschwunden. gelang es Fonty. Ein ganzer Kerl sozusagen. um Härte bemühter Ausdruck. Allein. vielmehr zögerte und dem mit Gefolge davoneilenden Chef nachblickte. Er sah sich in Luftwaffenuniform und mit schräg sitzendem Käppi gleichfalls im Erdgeschoß auf die nächste freie Paternosterkabine warten. Aber ab Anfang Februar. wenngleich weggeschminkt. sah. der nicht einstieg. daß Fontys Rückblick vergleichsweise ein Photo im Auge hatte. Gorbatschows Stern zu sinken begann und seit plötzlichem Kälteeinbruch Schnee fiel. der mit Jacke und Hose der Erfolg wie angepaßt saß. doch von kräftiger Statur die Kabine füllend. er sah. der von oben kam. als der Golfkrieg alltäglich zu werden drohte und die Renovierungsarbeiten im Treuhandgebäude deutlich voranschritten . Er sah. die Spuren unstillbarer Morphiumsucht in des Reichsmarschalls zur Schau gestellter Maske. sowjetische Panzer in Litauen gegen die protestierende Bevölkerung zum Einsatz kamen. schließlich der feiste Kopf und dessen weicher. Mag sein.die Marmoreinfassungen der über zweitausend Zimmertüren glänzten auf poliert -. wie in dem aus Wochenschau und von Photos bekannten Gesicht zwei Schauspieler namens Kleinmut und Größenwahn miteinander kämpften. wenn es am Lebendigen mangelt. in einer absteigenden Paternosterkabine jemanden. vor ihm zwei Offiziere. vorbei. half bloße Anschauung. als er im Erdgeschoß in den aufsteigenden Paternoster steigen wollte. sich selbst um ein halbes Jahrhundert rückversetzt. wo er die zukünftige Chefetage besichtigt haben mochte. sah Fonty. von dem Willenskraft ausging. Es war der Reichsmarschall. das ihm fehlende Bild zu finden. oder besser. Kaum hatte der Chef mit sicherem Schritt die Kabine verlassen. kam er mit den Hosenbeinen zuerst. Seine Kostümierung entsprach dem geflüsterten Berliner Spott jener Jahre: »Rechts Lametta. in der Mitte ganz ein Fetta.

Von ihm gab es an der Pinnwand im Treuhandzimmer gleichfalls ein Photo. Auch ihm war Gefolge nachgeordnet. Fonty stellte sich den Parteisekretär vor.der. in sinkender Kabine aufkommen: mit Bäuchlein und sächsisch verkniffen. In seinen viel zu weiten Hosen ließ er den Sachwalter des taufrisch ausgerufenen Staates ins Bild kommen und mit sicherem Hüpfschnitt aussteigen. kurz vor Schluß und Mauerfall. der Kommunist neben dem Nazi.von oben herab allein kam oder ob neben ihm. Mit Wilhelm Pieck gemeinsam. seines Vornamens wegen. begann Fonty aus gleichem Blickwinkel. das Haus der Ministerien besuchte. sein Begrüßgustav Otto Grotewohl stand. als aber Ulbrichts Nachfolger. auch diesem historischen Abstieg zu: die Schuhe voran. in Berlin den Streik der Verkehrsbetriebe zu organisieren. Beim Ausstieg stand ihm ein Adjutant bei. Verlangsamt lief nun der Film. gerade noch rechtzeitig und aus Anlaß der Feiern zum vierzigjährigen Bestehen des Arbeiter. Die nächsten absinkenden Paternosterkabinen brachten des Reichsmarschalls Gefolge. Fonty genannt. mußte er nicht grüßen. der Mann mit dem Hütchen. wie es weniger zackig Fonty tat. viel später literarisch als »Sachwalter« umschrieben wurde .und Bauern-Staat ausgerufen worden war. Oktober 1949. sah der Aktenbote Theo Wuttke. Fonty beschränkte sich auf den Spitzbart.und Bauern-Staates. der seine rechte Hand eher reflexhaft zum schräg sitzenden Käppi führte. . wie er am 7. Die Offiziere vor Fonty verpaßten ihre auf steigende Kabine und grüßten militärisch. gleich nachdem der erste deutsche Arbeiter. Schnitt. Fonty war sich nicht sicher. doch mit neuer Filmrolle den historischen Übergang zu drehen. das Hütchen zuletzt. Und beide waren zu Beginn der dreißiger Jahre dabei. Kaum war dieser Streifen vorbei. doch waren auf diesem Archivbild zwei Personen zugegen: Neben Ulbricht saß Goebbels. größer als er. Nur in Fontys Rückblick war er leibhaftig. der Spitzbart neben dem Klumpfuß. Da Fonty bei dieser historischen Paternosterfahrt nicht Augenzeuge gewesen ist. Zeitlupe. ob der spätere Staatsratsvorsitzende . den das Volk »Spitzbart« nannte. Nach der Urteilsverkündung hat er eine Giftkapsel zerbissen. den Ost und West »Honni« nannten. im Paternoster Stück für Stück ankam und im Erdgeschoß ausstieg. aus ihrer Sicht waren die Sozialdemokraten Feind Nummer 1. Nach so vielen Uniformen ordnete er nachkriegsbedingte Zivilkleidung an und ließ den späteren Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht.wirkenden Marschall während des Nürnberger Prozesses auf der Anklagebank abbildete. wäre die Kabine zu eng gewesen. dem dritten Genossen im Bunde.

. in diesem längeren Brief: » . die eigentlich niemand gutheißen kann. wenngleich sie angesichts der treffsicheren Berichterstattung aus der Golfregion immer wieder >Ist das nicht schlimm. Mit erstem Blick gesehen: ein forscher Kerl.Haß antworten wird. wird einem janz schwach von.. mit Streuselkuchen ab. Ist Erfolg gewohnt. Eine kolossale Machtfülle. Sie redet vom System >Patriot< und von Zielkoordinaten. Soviel Größe. die jedesmal ihren Senf dazugibt: >Ehrlich. sogar in Bombenstimmung. Zwar sitzt sie in Schlorren bei ihrem Blasentee. Doch nach Schwerin schrieb er an seine Tochter Martha nur knapp: »Sah kürzlich unseren Chef aus dem Paternoster steigen. das heißt. als liefe Sandmännchen oder ein verspätetes Weihnachtsmärchen. ist zuviel. wie sie ist. Weitere Auftritte gab die Historie vorerst nicht her. Immer feste druff!< Manchmal gucken sogar ihre Bengels zu. Und Mama duldet das alles und füttert die Jungs.. Hat was Gewinnendes. auf die . Ihr imponiert das Zielgenaue. oft zusammen mit der Scherwinski. Die Denkschrift hatte ihr zwingend zeitraffendes Bild.. Was dieser Mann sich zumutet. « 28 Vor das Denkmal gestellt Der Rat ihres Vaters hieß: »Berapple Dich nach Möglichkeit!« Außerdem las Martha Grundmann. als ginge es darum. ist das nicht furchtbar< ruft. Im Paternoster geeint. Möchte aber nicht in seiner Haut stecken . Versteht es zuzupacken. Soviel Abstieg. seitdem ein Fernsehapparat unsere Wohnküche zum Kriegsschauplatz macht. der es seit Wochen unverhofft gut geht. kinderlieb. Soviel Ende und Anfang. Vom Reichsmarschall bis zum Chef der Treuhand. befindet sich neuerdings. die Vorzüge eines neuen Weichspülers anzupreisen. als bei uns Krieg war und wir im Keller von der Reichsluftfahrt oder.da bin ich mir sicher . Zugleich sah er sich in wechselnden Zeiten immer wieder auf eine steigende Kabine warten. hier unten bibbern mußten?< . Nur einmal hörte ich sie besorgt: >Ob die da unten in der Wüste auch richtige Luftschutzbunker haben wie wir damals. aber zugleich erlebt sie sich als Augenzeuge in vorderster Frontlinie. wenngleich er allzu gerne die aus Bonn angereiste regierende Masse in eine Kabine gezwängt und in absinkender Tendenz nachgewiesen hätte. Er begriff die Mechanik der Wende in Gestalt eines rastlos dienstwilligen Personenaufzugs. Mama. was Abfangraketen sind. wenn sie nachts kamen. in allerbester Stimmung. Stell Dir vor: Deiner Freundin Ingemaus erklärt sie. geborene Wuttke. Letzte Entscheidungen über Menschen und Eigentum.Nun war die Reihe komplett. Fonty ließ den Episodenfilm noch einmal und abermals ablaufen.

>Gleiche Welle. Gewiß nicht dank erschöpfend berichtender Zeitungen. wenn sie denn schiene .. Komme mir seitdem fehl am Platz vor. Als noch Schnee unter den Sohlen knirschte. hörte auf mit >Die Weber<. Hörte gerne Bundestagsreden. Mußte an den Eckplatz Nr. Bildchen. 23 im Königlichen Schauspielhaus am Gendarmenmarkt denken. obwohl das Deine FDJ verboten hatte.. denn selbst die mir gewohnte >Wochenpost< hielt strenge Diät. gleiche Stelle . daß mich dieser quatschköpfige Untermieter aus dem Haus treibt. wenn nicht auf Frieden. Dabei sind wir jahrezehntelang ohne Mattscheibe weltkundig gewesen.zuerst ins Wohnzimmer.. wäre vielleicht auch mir an gleicher Stelle. Aber das reicht Mama nicht. < Atemlos aktuell war das. Auf mich wird kaum Rücksicht genommen. dort Ludwig Pietsch beim Schlittschuhlauf rund um die Rousseau-Insel zu begegnen.. wo er nun dort. etwa Friedrich Lufts Theatergeplauder . meine Mete... keine Expertenrunde mehr hören und hoffe. Hab immer noch Erler und Carlo Schmid im Ohr. Aber mit Hilfe unseres die Grenze mißachtenden Radioempfängers waren wir auf dem laufenden. zumindest in unserer Küche. kann aber andererseits keine brennenden Ölfelder mehr sehen. wo einst die alte Küchenwaage Zierde gewesen ist. Du verstehst. der zweite September hieß bei Dir Sedanstag!< Soviel zur Bilderflut. zumal der Kriegslärm bis in meine Studierstube dringt. Doch nun nieselt es vor sich hin. Und wenn es schon damals Radio gegeben hätte.. Keine Premiere versäumt: ob Max Halbes Jugend< oder Ibsens >Nora< . Will mir keine Erkältung einfangen. « Der Brief an Martha verlangte doppeltes Porto.Gegen meinen Willen und Wunsch hat sie den jetzt zentral stehenden Guckkasten natürlich ein Westprodukt mit allen Schikanen . auf gleicher Welle. nach meinem Protest in die Küche geschleust. den Herrgottswinkel zum Altar macht. Weiß noch genau. an mehreren Tagen fortgesetzt. Wir kürzen Fontys . Oder wenn wir beide. den SFB oder RIAS hörten. Blitzkrieg und so. bewegliche und obendrein farbige. Darüber verging der Februar. Begann mit >Wilhelm Tell<. In dieser Welt zu leben ist für einen alten Knaben wie mich degoutant geworden! Schrieb deshalb neulich an Freundlich: >Das einzig Nette ist noch: in der Sonne sitzen und blinzeln<.. müssen es sein. bekam ich zu hören: >Du bist doch sonst immer für Krieg gewesen. weil er. Und als ich Einspruch gegen die dröhnende Schwarzkopferei und das ferngesteuerte Säbelrasseln erhob. dann doch auf Waffenruhe. immer dicker wurde. lief ich durch den Tiergarten und hoffte.

der Krimkrieg und das Amerika in Nord und Süd zerreißende Gemetzel verspätet zwar. Und mir konnte er während der zwanziger Jahre keine größere Freude bereiten als mit alten Drucken. als dem Unsterblichen endlich die langgeplante Schottlandreise gegönnt wurde.. weil er von früher Jugend an. dessen letzte Jahre uns die leidige Politik vorenthalten hat . beim Kolorieren der Steindrucke Geschick bewiesen hat. Februar 1858. als Polenaufstände.als Makulatur gerollt nach Hause brachte. die bei Kühn oder Oehmigke & Riemschneider auf Lager geblieben waren und die er . Zum Beispiel ein Blatt. Was waren das für Zeiten. nimmt die Bilderflut mit sich. Was den heranwachsenden Lümmel in Entzücken versetzte. Mein Vater.offenbar am Meister vorbei . Wie imprägniert sind Barrikadenkämpfe. dieser Max Wuttke steckte voller Bilderbogengeschichten. Das geschah kurz vorm Sturz der Regierung Manteuffel. Höre sofort Deinen Einwand. All das liegt mir in meinen späten Jahren noch immer wie druckfrisch vor. Was sie sekundenschnell zeigt. .Du warst knapp zehn. namens Krausnick. wo er mit weiteren Erinnerungen Blätter füllte: » . Dabei fällt mir das düster schwarzweiß gehaltene Blatt >Napoleon vor Moskau< ein. Und unauslöschlich ist jener farbige Bogen geblieben. war zu lesen. als man Dir mit dem Mauerbau den natürlichen Zugang zum skurrilsten aller Großväter versperrte -. Nichts bleibt haften. Denn wenn ich Mama nach dem Abendessen frage: >Nun. Aber was heißt hier Kinderarbeit? Immerhin hat er als Knirps schon für die Wuttkefamilie ein Zubrot verdient. noch vor der Lehre bei Kühn. März 1848 vom Berliner Aufruhr.) Dagegen heutzutage: rasch löschen die Bilder sich gegenseitig. Alles stand unter dem Datum des 8. dem späteren Kronprinzen waren nur neunundneunzig Tage Kaiserwürde gegönnt. höre ich: . der mit dem Datum vom 19. von Barrikaden und schwarzrotgoldenen Fahnen. Ganz unten war sogar kleingedruckt die Zeit angegeben: >Fünf Minuten vor 2 Uhr< Ein Hochzeitsbild! Vom Kanonendonner und Glockengeläut für die Neuvermählten und vom Willkommensgruß des Oberbürgermeisters von Berlin. vom Freiheitsbaum im Vordergrund und vom im Hintergrund aufmarschierenden Militär samt Pulverdampf berichtete. und auch dem Volk hat so viel Aufwand wenig gebracht.Naja. doch für uns brandneu durch Gustav Kühns kolorierte Bilderbögen bekanntgemacht wurden. das den Einzug des Prinzen und der Prinzessin Friedrich Wilhelm durch das Brandenburger Tor bebildert.. was hast du Interessantes gesehen?<. nur diesen Steindruck. (Seitdem hab ich es mit der Revolution. ist mir bis heute vor Augen geblieben.Klagen über die neuen Medien ein wenig und setzen erst dort wieder ein.

es geht D