Richard Nordhausen: Das Gespenst - Kapitel 7

VII.
Sie stand hochaufatmend vor der schmutzigen, rissigen Kammertür still, auf die mit weißer Kreide der Name »Kowalsky« geschrieben war, und zwang sich mit Macht zur Ruhe. Niemand wußte daheim, daß sie diesen Besuch gewagt ... Niemand hatte ja eine Ahnung, daß er sich hier versteckt hielt – nur sie wußte es, sie allein in der Welt. Und nun wollte sie ihn zurückführen, den verwunschenen Königssohn, in das Haus seiner Jugend, in die Arme des Vaters, daß er wieder aufsteigen konnte zur Höhe, für die er geschaffen war ... Sie verlangte nichts für sich. Sie würde sich zu beherrschen wissen, sich daran genügen lassen, ihn um sich zu sehen, ihn fördern zu können. Alle anderen Träume waren eitle, unerfüllbare Torheiten, deren sie sich entschlagen mußte. Und nun ihr der Vater wieder zur Seite stand, nun ihr schwaches, begehrliches Herz doch wenigstens einen Menschen hatte, bei dem es Trost und Frieden suchen konnte, würde sie, wenn auch nur langsam, Heilung und Vergessen finden ... Das alles überdachte sie, während sie vor der Tür stand, hinter der er diese ganze Zeit über rachebrütend, ein Würgengel, gekauert hatte. Und als ihr heftig schlagendes Herz, ihre zitternden Hände zur Ruhe gekommen waren, pochte sie leise – ganz leise. Sie kam sich jetzt, in ihrer selbstlosen, wunschlosen Liebe, wirklich wie eine gute Fee vor, die ausgeht, Feinde zu versöhnen. Wie eine Fee ... Sie lächelte über diesen anmaßlichen Vergleich. Auf ihr Pochen gab niemand Antwort. Mit wie ängstlicher Spannung sie auch lauschte, ihr feines Ohr vernahm kein Geräusch sich nähernder Schritte. Totenstill alles. Und seltsam – sie wußte nicht, woher ihr der gespenstische Gedanke kam – plötzlich war ihr zumut, als stehe sie vor einem geschlossenen Sarge und klopfe an und sei im Begriff, den Deckel aufzuheben, darunter der Tote schlummerte. Ihr Toter, Reinhold Lasser – »Pfui!« schalt sie ärgerlich sich selbst – »wie feige! Ganz wie Heinrich!« Und als sie sich so Mut gemacht hatte, drückte sie auf die Klinke, die laut knarrte. Jemand kam mit schleppenden Schritten heran, langsam, langsam; der Riegel kreischte. Sie schloß ein paar Sekunden lang wie betäubt die Augen; sie fühlte, daß sie am ganzen Leibe bebte. Der Mann vor ihr musterte sie aufmerksam, dann umflog ein eigentümliches Lächeln seinen Mund. – »Du bist es, Marianne?« sagte er. »Ich wußte, daß du kommen würdest. Es ist wie mit Mohammed und dem Berge. Aber du warst immer so. Was bringst du mir?« Sie horchte verzückt aus den Klang seiner Stimme – es war ihr wie ein Märchen. »Reinhold!« flüsterte sie, »Reinhold!« und streckte ihm beide Hände entgegen. »Sie sind noch kleiner geworden, als sie früher schon waren,« meinte er galant, ihre Finger leicht berührend. »Wenn du für ein paar Minuten näher treten willst – auf besondere Opulenz darfst du freilich nicht rechnen, aber hier zwischen Tür und Angel ist es doch ungemütlich.« Er sperrte die Türe weit auf. Dumpfer Geruch, leichter Branntweindunst schlug ihr entgegen.

na ja .« Er verstummte und starrte vor sich hin. aber ihn schien es nicht zu genieren. Ich habe immer lohnende Beschäftigung gehabt. Reinhold?« fragte Marianne. Wenn die funkelnden Augen nicht gewesen waren.. »Du prüfst mich sehr genau. wagte sie es. sprach und lächelte so oberflächlich. laß mich nur aus diesem Jammer heraus sein –« »Du bist schon lange in Berlin. das hat mir nachträglich leid getan. Wie ein Sonnenstrahl über sein Antlitz lief. unversöhnlichen Trotz. ich habe mich ein wenig verändert. Marianne würde ihn kaum wieder erkannt.. so verwüstet und bleich sah er aus. freche Seele.. Drüben lernt man die Hände rühren. Ich sag' dir. kalkgetünchten Raume aus. als wäre gar nichts vorgefallen. und ließ sich ihr gegenüber auf einen Schemel nieder. die man erleidet.. Marianne – ja. Ich fühle mich sehr wohl.Es sah liederlich und armselig genug in dem niederen. Er bot seiner Cousine einen Stuhl an. sag mal?« Ihr hübscher Mund verzog sich dabei zu einem reizenden Schmollen. wenn schon sonst nichts. es war das Gesicht des Freien. Wilden. als lägen nicht fünf lange. und eine Sehnsucht .« meinte er gleichmütig. Cousinchen. so wenig ihn die mehr als dürftige Kleidung genierte. darin er. »Einige Monate. die Maske abgeworfen hatte und zynisch sich selbst lebte.. »Warum hast du denn auf meine Briefe nicht geantwortet. weißt du. den eigene Kraft aus der Niederung erhoben hatte.« »Lohnende?« »Ja natürlich.. Nicht der Triumphator. da. die er trug. es lebt noch eine Tatenlust in mir. »Hm . würde sich vielleicht vor ihm gefürchtet haben. und dann korrespondiert man doch nicht gern mit dem Feinde. Jeder Zug dieses Gesichtes spiegelte die verwegene. Dieser Mensch hier – nein. Und nun tat er so burschikos.« »Ich – dein Feind?« »Bildlich genommen.. Ihr ward seltsam beklommen zumute. nachdem er allerlei Gerümpel von ihm heruntergeworfen hatte.. Und dieser Gewinn ist eine ganz annehmbare Entschädigung für die vielen Verluste. ihm zum erstenmal wieder voll ins Gesicht zu blicken. lange Zeit gewandelt war. das war nicht der Held ihrer Träume. und das leichtfertig bezaubernde Lächeln um diesen feingeschnittenen Mund. aber daß ich deine Mitteilung über das Breslauer Geschäft so benutzte. im Kriege gelten schließlich alle Mittel. »Aber nicht zu meinem Nachteil – höchstens im äußeren Habitus. verriet selbstzufriedenen Stolz. bange Jahre voller Qual und Leid für sie beide zwischen ihnen. Sie hatte sich das Wiedersehen doch ein wenig anders vorgestellt. Sie erschrak heftig. Und es geht mir recht gut. die ihren saphirenen Glanz bewahrt hatten. sich vergessend. der sich von allen Pflichten losgelöst. Ich habe nicht stehlen zu gehen brauchen. einmal wollt' ich mein Inkognito wahren. – Aber . Du bist mir deshalb doch nicht allzuböse?« .

es war unrecht von mir. was er meinte. »Ich wußte.« Er sah sie ganz verblüfft an. Reinhold. Das mit der Konventionalstrafe von deinem Mann. mit Verehrung für ihn gemischte Entrüstung über seine häßlichen Worte loderten daraus hervor. und Heinrich war so – so zurückhaltend.« Er lachte. wenn's mir nicht vorgeworfen wird. sei ganz ehrlich und offen. »Papa hätte ja doch einmal von der Konventionalstrafe erfahren müssen. und nun wollen wir die Zeit dazu verwenden. es ihm zu sagen. sagte er. Cousinchen. ich sehe mein Unrecht immer ein.« »Ich verstehe dich nicht.... »Du glaubst. von dir eine prachtvolle Moralpauke zu hören zu bekommen . was Onkel von mir will. Ich kann mir ja denken. von seinen Arbeitern so etwas zu erfahren .« setzte er mit leichter Selbstverspottung hinzu. »Du glaubst. »Aber vor dir allerhand Achtung – du bist 'ne schlaue Krabbe. Zuviel gekränkter Stolz. daß Marianne diesen Schritt gewagt hatte. »Und dessen hältst du mich für fähig?« schrie sie auf. Ich sehe immer gern aufgedeckte Karten.. und ich bin dir dankbar dafür. und das war gut. »Du dankst mir. Er blickte prüfend zu ihr auf. Kleine. daß du von meinem Briefe nur den besten Gebrauch machen würdest. das fühlte er. Du bist 'ne viel gewandtere Fechterin. »Laß uns doch nicht Fangeball miteinander spielen – für zwei so betagte Leutchen schickt sich das nicht mehr.. uns ernsthaft auszusprechen. wie angenehm es dem Alten war. Ich sehe jetzt ein. Sag mir frei heraus. Mirjam!«. nun bist du mal hier. lächelte aber nicht mehr. »Na heraus mit der Sprache!« Und er blinzelte ihr leichtfertig zu. sie bei dem alten. muß der in die Zügel geknirscht haben! Und nun – was begehren Seine Gnaden nun von mir?« Sie sah ihn erwartungsvoll fragend an. Dieser elementare Ausbruch war nicht erkünstelt. – na aber! Das ist doch 'ne ganz wundersame Auffassung! Ich glaubte. Du kannst dich ins Gerede bringen.« erwiderte sie verwirrt. das war . Komm. zuviel echte Leidenschaft. ich käme zu dir.. die für ihn darin lag. Er nickte humoristisch. daß du den Streik so rasch beendet hast. »Das hättest du aber nicht tun sollen. als käm' ich aus eigenem Antrieb? O.« Jetzt begriff sie. als ich geahnt hätte. lieben Kosenamen nennend. als verstünde er nun erst die Schmeichelei. »Das ist sehr unrecht. Na. Da hast du's ihm mitteilen lassen. und seine Mienen erhellten sich. sie hätten mich zu dir geschickt?« fragte sie entsetzt. was mußt du von mir denken – wie niedrig! Wie erbärmlich mußt du von mir denken!« Er zuckte die Achseln. und sagte es nicht und täte. im Auftrage des Vaters. deine Nachricht so zu verwerten .»Wie meinst du?« fragte sie erstaunt. er wagte nicht. »Auch eine Erklärung.

Nun. aber heute sog er seinen Duft mit tiefen Atemzügen ein. so daß ich wieder anfangen könnte.« So wie jetzt hatte ihre Phantasie sich ihn ausgemalt. ein Mensch zu werden –« . würd' ich dennoch alles sagen. was ich weiß. Vor sich selber war er ja immer noch der Halbgott von damals. unser erbittertster Feind?« fragte sie. Ihr blinder Glaube an ihn entwaffnete seinen Zynismus und rief seine Eitelkeit wach. auch das Ärgste. du siehst beiseite und tust. Wie man so einen Kontrakt machen kann. Sie gefiel ihm ganz ausnehmend in ihrer demütigen Hingabe. wo jeder sich erdreistet. Geächteter zu gelten.« entgegnete Reinhold unsicher. Indessen. mir gegenüber den Mitleidigen und Mildtätigen zu spielen. bei mir gelingt es dir nicht. »das hast du ihnen gezeigt. Und dann so was dem Alten zu verheimlichen! Wenn ich Konrad wäre. und etwas von der alten. Dank den Erfolgen der letzten Wochen war er zwar wieder emporgestiegen und durfte wieder stolz auf sich sein. und doch keiner ist. sondern sich nur voll auslebte.« »Ja. zu unbarmherzig mit Füßen getreten.doch zu dumm.« sagte sie mit leuchtenden Augen. aber die andern hatten ihm ihre gegenteilige Meinung doch allzu rücksichtslos dargelegt. Und ich hab's gezeigt. »Manchmal dauert's mich doch. Reinhold. dennoch litt seine Eitelkeit Höllenqualen bei dem Gedanken. auch in der schmutzigsten Armut. daß ich heruntergekommen bin bis zur letzten Stufe – aber ich weiß es darum doch. Marianne goß Balsam auf diese Wunde. sie sah noch immer bewundernd zu ihm auf wie früher . bin ich denn kein Mensch wie ihr.« »Du. dem hätt' ich's gesteckt. die ich auf dem Leibe trage. ich will dir's verraten. als daß er nicht jedem hätte dankbar sein sollen. der es schonte und achtete. »Onkel hat mich zugrunde gerichtet. wieder lächelnd.« hub er an. dies Weihrauchstreuen als etwas Selbstverständliches hingenommen. Dennoch peinigte ihn das Gefühl. daß irgend jemand auf der Welt höhnisch und mitleidig auf ihn herabblicken könnte.« »Du überschätzest mich doch sehr. »Das glaub' ich nicht. der kein Unrecht tat. als sähst du die Lumpen nicht. Für dies Weib also stand er noch immer auf hohem Piedestal. Du bist ja gar nicht fähig. meist ohne einen Silbergroschen in der Tasche. als ein Ausgestoßener. Dich kenn ich allzugut. dich anzuschwärzen. stand auf seiner Seite im Kampf gegen ihre Angehörigen. Damals hatte er diesen Zoll der Verehrung. und sähst nicht. Ich bin noch stark.. der es wagen mochte. »hat mich im Elend verkommen lassen – ja. Und wenn schon! Dir. das ist doch recht unvorsichtig – viel Korpsgeist scheint ihr nicht zu haben. daß alles so kommen mußte. mich zu unterstützen. und sie fühlte sich eins mit ihm. mit vergifteten Waffen zu kämpfen – ein Mann wie du! Nein. wozu bei ihm freilich nicht sonderlich viel gehörte. mit Empfindungen und Nerven wie ihr? Ich weiß. Aber daß du als seine Frau euerm erbittertsten Feind so ein bedenkliches Geheimnis ausplaudern kannst. längst verwehten Neigung für sie stieg in seinem Herzen empor.. Das wollt' ich euch zeigen. Man hatte sein Selbstgefühl in den vergangenen Jahren zu oft. wo man einsam in der Welt steht. ihn allzutief gedemütigt. der starke Übermensch. ihr habt mich nicht gebrochen. als wolle er sich rechtfertigen. ist mir rein unverständlich.

Ihm galt als ein hübscher Spaß. der ihm ganz offenbar weit besser lag. »Ja. »Nun sag mal. wo uns soviel Unglück traf. ich nähme von ihm auch nur einen Wasserstrunk? Ich schwöre dir. das wollt' ich auch. fiel er wieder in den von ihm zuerst angeschlagenen Ton zurück. auf einmal so kindisch und abgeschmackt . warum sollst du die alte Verbindung nicht wieder aufnehmen? Ich glaube. als eine Tatsache zu betrachten. Und willst du glauben. wie lebt ihr denn miteinander. was sie für ganz selbstverständlich gehalten.« »Nicht wahr?« Er konnte es nicht unterlassen. Wenigstens machte sie mir neulich Andeutungen –. »Aber wenn sie dir geschrieben hat – nun. Das hätte sie nicht erwartet. du und dein Mann?« Der jähe Stimmungswechsel berührte sie peinlich. Marianne. fiel ihr nun plötzlich ein. worin sie mir verspricht – na. wurde jetzt zweifelhaft – liebte Reinhold sie denn? Wer hatte ihr das Recht gegeben.« Nachdem er ihr so seinen Standpunkt in prächtigen Worten klar gelegt und den Eindruck seiner pathetischen Deklamation beobachtet hatte.. eine Prahlrakete abzubrennen.« antwortete Reinhold nachlässig. »O – wir verstehen uns ja einigermaßen. auch in der grellen Wirklichkeit des Tages den Traum noch fortträumen zu wollen! All ihr Treiben deuchte sie.« sagte sie zitternd. Und in den letzten Wochen. siehst du.. »Du hast sie in der Zwischenzeit gewiß nicht entbehrt. dies Fräulein Minden?« fragte sie lauernd. »Meinst du. und du bist wahrhaftig mehr als hinreichend gerächt. krampfhaft bemüht. lieber ging ich selber ins Wasser.»Ich hätte dir gern alles gegeben. was mein ist. Eine kleine Rache muß der Mensch doch nehmen. und ist mir sogar angenehm –« »Wie das?« . daß es gar keine Schmeichelei ist. wo auch der Vater mit seiner Verlobung Malheur hatte – wir litten alle sehr darunter. diesem zerstörten Manne gegenüber. daß sie so ernst blieb. wenn du mir so etwas sagst? Aber andererseits beruhigt mich deine mütterliche Sorgfalt doch in einer Beziehung. Und so was hat man geliebt! Zu dumm! Wir beide haben uns ja auch einmal gern gehabt. Kinder. was ihr ganzes Seelenleben ausfüllte und durchfeuerte. Heinrich ist freilich sehr Kaufmann.und hoffnungslosen Umgebung.« Er lachte und schien erstaunt. sie liebt dich noch immer. Ich brauche euch nicht. Und das ist mein Stolz. Ihr war die Kehle wie zugeschnürt. Onkels Braut.« Mit ängstlicher Spannung beobachtete die junge Frau das Mienenspiel ihres Vetters. he? Aber es ging doch poetischer dabei zu. »Auch Vater –« »Laß deinen Vater aus dem Spiel!« fuhr er zornig auf. in dieser trost. dies Frauenzimmer. Woran sie im süßen Gedankenrausche nie gedacht. ihrer Stimme eine scherzhafte Färbung zu geben. mit leiser Stimme. hat mir einen Brief geschrieben. »Mein Gott. davon schweigt des Sängers Höflichkeit besser. was doch vielleicht nur farbiges Spielzeug ihrer Einbildungskraft war? Welch eine Törin war sie. »wie besorgt ihr Frauen doch um unsere Herzensangelegenheiten seid! Weißt du übrigens. Ich will nichts von euch.

allzuoffenherzig und vertrauensselig. die nur getäuschte und verschmähte Liebe erzeugt. wußte. verschollene Geheimnisse wider die Verhaßten heraufbeschworen. erwerb' ich die Mittel ohne große Mühe. sank noch ein anderer Schleier von den Augen ihres Geistes. der darauf ausgeht. mit ihm in Verkehr zu treten und diesen letzten Schritt zu wagen. Und jene Feindseligkeit. ihm in naher Zukunft etwas Höheres. daß er sie einfach in den Kreis seiner Gegner mit einschloß. in England vielleicht. und trotzdem ging er spielend über ihre Empfindungen fort. Er fühlte nichts mehr für sie. stieg in ihr auf.»Ach – das sag' ich nicht. allzuunvorsichtig gewesen..« »Du bist noch sehr jung. daß es nicht nur verwandtschaftliche Zuneigung und einfache Sympathie gewesen war. seine gigantische Wut zu bändigen.« »O – ich verstehe. den man nicht lieben darf und deshalb haßt. Süßeres sein zu wollen. Reinhold?« »O. Wenn nicht hier – denn seit dem Streik haben sie mich auf der Liste – so doch anderswo. der sie empörte. Um seine jüngsten Taten lag für sie bis zu dieser Stunde ein romantischer Zauber von dämonischem Reiz gebreitet. du bist verpflichtet dazu. Ein Tragödienheld hatte er ihr geschienen. jener bittere Trotz voll Hohn und Schärfe. Ihr kaum verhülltes Anerbieten.« Er horchte auf. Sie galt ihm im günstigsten Falle als die gute. noch hatte sie Zeit. »Was gedenkst du nun zu beginnen. mit Scham und Verdruß gemischt. Das Volk hatte er gegen das Haus Lasser aufgewiegelt. Er ahnte also. ihren Vater und ihren Gatten hatte er zu seinen Füßen niederzwingen und dann sie selbst. So schwebte er ihr vor. wie er ihre weibliche Eitelkeit so tief verletzte. was in ihrem Herzen wogte und kämpfte. daß ihr Wort. aber ein Wort aus ihrem Munde genügte auch. Blutrache hatte er nehmen wollen. wie der Wilde die Flugbahn seines Giftpfeiles. Nun. aus drückenden Fesseln erlösen wollen.« Eine Ernüchterung sondergleichen überkam sie. ihr Leid und ihr Interesse ihm so wenig galten. für alles. der Unversöhnliche. Dir gegenüber. Sie war zu weit gegangen. »Von wannen kommt dir diese Wissenschaft?« »Muß ich sie dir erst bringen?« . Du sollst noch schaffen. tödlich den zu verwunden. seine Jugendgeliebte. Du hast manches gutzumachen. nichts mehr. Reinhold. eine andere Taktik einzuschlagen. ich finde wohl noch ein Unterkommen. Für das. oder ich mache mich vor dir lächerlich. Seltsam – wie ihr das mit Gedankenschnelle klar wurde. Entweder du ärgerst dich darüber. lehnte er kühl und bestimmt ab . ihre Schritte falsch deutete und von ihren Mitteilungen einen Gebrauch machte. opferfreudige Kameradin. was ich noch vom Leben verlange. die sie veranlaßt hatte. der Welt gegenüber. was man an ihm gesündigt. der jedes Wortes Wirkung berechnet. So darf ein Greis sprechen oder ein nichtswürdiger Verlorener. Und nun? Nun sah sie..

tät ich's allein. du hast mir damals wehe getan. und trotzdem . Dann trat er an das schmale Fensterchen. ich bin auch sehr dazu geneigt. Cousinchen? Und du denkst immer noch an mich. blickte lange sinnend in den Hof hinunter. Soviel Menschenliebe – 's ist ja rein unmöglich. Sprich es getrost aus. niemand baut noch auf meine Zukunft. ohne auf seine Cousine Rücksicht zu nehmen. Marianne anzusehen. Wirklich und wahrhaftig. wegzureisen. was eine Unterhaltung zwischen mir und ihm bezwecken sollte. Ich würde mich zum Gespött meiner verehrlichen Freunde von damals machen.. Ob du wirklich der Haltlose bist. kleine Marianne.« Das hatte sie aus seinem Munde hören wollen. »Ich glaubte wirklich – aber du hast ganz recht.« sagte sie ruhig.« Und wieder klang sein Lachen verletzend höhnisch. obwohl ihr sein widerspruchsvolles Wesen immer unverständlicher wurde. Aber ich sprach öfter mit Papa von dir –« Er stieß einen leisen Pfiff aus.. Sie wollte ihre Pflicht tun. die – die verächtlich von dir sprechen. dessen ganze Kraft in seiner Selbstvergötterung liegt. Sie raffte sich zusammen. Du bist ein Engel. daß du diesen Namen angenommen hast.« unterbrach er sie. ja – ich muß es sein. sehr weit weg – wo mich niemand kennt – denn hier bin ich ja doch geächtet. Reinhold – – niemand ahnt.»Du sprachst vorhin etwas anders. Reinhold?« »So? Ist er? Nun. gerade du? Ja. »Sehr wehe sogar. Es stände mir jetzt erbärmlich schlecht zu Gesichte. »Ein bißchen in seinem Auftrag kommst du also doch?« »Ich schwöre dir. Ein Sonderling bin ich nie gewesen.« Er stieß die Sätze abgerissen. »Vater ist sehr – sehr geneigt. Verdorben – es ist wahr. dir zu verzeihen.« »Ja – weil ich sehen wollte. noch bleicher als vorhin. der nur ein Gebot kennt und nur eine Freude –« »Laß gut sein. beleidigte es sie. Reinhold?« »Ich wüßte nicht. und lachte unvermittelt hell auf. ich will nicht arrogant sein. Du hast mir den letzten. den überzeugenden Beweis dafür erbracht. wo er es sagte.« »Hm. Dir habe ich doch damals – na. Und ich habe den Plan schon oft gehabt. und warum solltest du anders als die andern urteilen? Ihr habt alle recht. ihm zu verzeihen. und jetzt. mit fast tonloser Stimme hervor und vermied es. . der Genießling.« »Ja. Ich bin ein Verworfener. das ist eigentlich seltsam – es fällt mir erst jetzt auf. dafür bin ich verdorben. ein Engel. ob sie wirklich recht haben. denn niemand vertraut mir mehr. »Sieh mal! Das nenn' ich nun reizend von dir. Ins Joch schlüpf' ich doch nicht mehr. »Du willst also nicht zu Papa kommen. das freut mich.

verworfenrlsaquo. Wenn man fünf Jahre lang sein bißchen Brot mit allen möglichen. Du dachtest einen gestürzten Titanen zu finden. seid so gut und kennt mich auch nicht mehr. Verzeihung – du sagtest sogar rsaquo.« »Ja. ernste Einkehr in Frieden mit der Welt.« Er wurde ihr immer unbegreiflicher. »Wir haben uns ja in der Leipziger Straße gesehen. ich.. »Wo hast du dein Schulmeisterinexamen bestanden? An mir wird deine Pädagogik keine Freude erleben. das mag ich euch nimmermehr antun. ein rechter Mann. wie verständig und überlegen sie zu ihm sprach. es schlummern hohe Gaben in dir – sie werden nicht sämtlich. so 'ne Art verarmten Faust. so todesernst war der Ausdruck seines Gesichtes. oder ein wildes Wanderleben wie bisher. – – »Du wirst dir sehr überlegen. und er gewann die Partie. was dich ärgert und enttäuscht. was sie getan. nicht immer gerade ästhetisch schönen Arbeiten verdient und ein Menschenkind ist wie ich. Dies ist die einzige Bitte. Sie hatte ihre Mission schlecht erfüllt. Du verstehst dich gut darauf. den sein Unglück geläutert hat . wenn ich nun in euer Haus dränge. der Selbstvergötterer. der Genießling. solche Ausdrücke zu münzen.« fuhr er fort. Verworfen ist noch viel bezeichnender. nicht ganz erloschen sein – warum willst du sie nicht segenbringend anwenden? Zeig uns doch. dann macht man sich nicht vor sich selber mit melodramatischen Posen lächerlich.« So entschieden klangen seine Worte. keinen fremden Rat. Mitleid ist beleidigend. Ach nein. all in meiner Schändlichkeit! Pu! Nein.« Sie erschrak. Ich weiß. Nun reute es die Wandelbare fast. daß sie erblaßte. das war noch 'ne aristokratische Beschäftigung.« Er sah sie eine Weile lang ernst an. einen Grübler und finsteren Asketen. Keinen braucht. Überhaupt.. der Haltlose. »Sieh mal. das sie mit ihm trieb.. Sie gedachte der Wünsche und Pläne. Ich kenne euch nicht mehr. Ich kann mir ja denken.. Ich habe andere gehabt . daß man auf sich selbst steht. Du kamst mit hochgespannten Erwartungen hierher. daß du noch Kraft hast zu wollen!« Sie beglückwünschte sich selbst dazu. daß du ein Mann bist. sozusagen.. die ihr auf dem Wege hierher durch den Kopf gegangen waren . Marianne.« »Ich habe das Wort nicht gebraucht. Aber dafür auch die Süße der Rache gekostet bis zur Neige. fast bittend an. Reinhold.. Also der Stolz legt sich. . den es doch nach einer Aussöhnung mit Reinhold verlangte? Und wie würde sie in Zukunft über sich selbst und ihr launisches Treiben in dieser entscheidenden Stunde urteilen müssen? Sie sah ihn verwirrt. Aber er lächelte nur auf sie herab. nahm ein unvorhergesehenes Ende.das scheint der richtige Ausdruck. »Weißt du welcher?« »Welcher denn?« »Der.. kein fremdes Mitleid. kleine Marianne. Kein fremdes Geld. – Denke mal. Sie wußte nicht. was dich mehr fordert und von größerem Nutzen für dich ist. ob er seinen Spott mit ihr trieb oder nun im Ernste sprach und seine vorherigen Äußerungen zurücknehmen wollte. Was würde sie dem Vater sagen können. Ein anderer Stolz. die ich an dich habe. legt sich aber nicht. Das Spiel.

Du nimm von mir tausend Dank.. vielleicht auch um sein bejammernswertes Schicksal. ihm schluchzend zu gestehen: »Ich habe dich so lieb gehabt. zu lügen – nun kam ihr das Ja nicht über die Lippen. Ein Schleier zerriß. Kleine. riß ihn kraftvoll aus all dem Elend des Augenblicks und gebar in ihm den Wunsch. in tiefer Trauer. Geh jetzt. »Du – du –« Er preßte sie an sich. das ihn seltsam verschönte. Cousinchen.. Dann ließ er sie frei. blauen Augen – »Dann komm und laß dich zum Abschied küssen. Und siehst du. der vor seinen Augen gelegen hatte. Ich habe dich doch auch einmal so gern gehabt. nicht wahr?« Und nun – sie hat nie begriffen.. und wollte doch erst nichts geschenkt nehmen . über und über erglühend: »Ich – ich weiß nicht –. »So – nun geh .. Mein Wort darauf. Grüß daheim alle von mir...« »Reinhold – ehe du reist – versprich mir. daß ich dich vorher noch einmal wiedersehe –« »Ehe ich reise .»Reinhold!« Und einem jähen Impulse nachgebend. ein Lächeln. daß ich davongehe. Mirjam?« Sie schlang in plötzlicher Aufwallung die Arme um seinen Hals. was sie in dieser Minute zwang. goldenen Träume vom kommenden Glück. ach. Schon wieder eine Bitte. aller Stürme und Wandlungen ungeachtet. Die plötzliche Gewißheit. nun plötzlich gewann sie den Mut.« Da lächelte der Mann an ihrer Seite.. und wenn . machte ihn stolz und groß. nun.. Reinhold –« »Aber es ist vorbei.. mit seinen schönen. und sie hauchte. Wenn du aber ein übriges tun willst. »Ich reise heute ab. wenigstens für mich. ruhten seine Lippen auf den ihrigen. geh . jetzt bin ich doch dein Schuldner geworden. sich solcher Liebe würdig zu zeigen. Ich bitte sogar darum. daß ihm dies Herz immer noch gehörte. Ich weiß nun . Darf ich dich zum Abschied küssen.« »Du schreibst?« . und er sah in sein vergangenes Leben wie in sein kommendes.. Unsinn.. Und bleib mir gut. vielleicht um die nun zertrümmerten. und während sie die Augen schloß.« »Und wann?« »Vielleicht schon morgen. Es ist aber darum gut. Ich muß allein sein. begann sie heftig zu weinen. Und nun es doch zu spät war.. wiedersehen sollst du mich jedenfalls. liebe Marianne –« Er sah ihr wieder ins Gesicht.

Er lauschte. . wie es ihm heiß in die Augen stieg.« Und sie ging. Dann hob er die im Sonnenschein blinkende Waffe empor. Aber die Tränen übermannten ihn nicht. Dann kramte er unter den Papieren herum.»Na ja – du sollst es rechtzeitig erfahren. und zog einen Revolver hervor. Der junge Mann sah eine Weite lang regungslos vor sich hin. er lauschte und fühlte. »Auf Wiedersehen!« sagte er mit lauter Stimme und versuchte dabei zu lächeln. bis Mariannens Schritte verklungen waren. die den Tisch hoch bedeckten. Und nun geh.

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