Joannes Richter

Castra Doloris

2

Joannes Richter

Castra Doloris
- auf den Punkt gebracht -

Lulu Verlag
-2013 -

3

© 2009-2014 by Joannes Richter
Veröffentlicht bei Lulu
www.lulu.com
Alle Rechte vorbehalten
ISBN: 978-1-4092-9581-5

4

Inhalt
1 Castra Doloris......................................................................7
2 Von Mausoleums und Sarkophagen.....................................9
3 Der ungebremste Tauchsieder ...........................................11
4 Der Wolfsbau in den Sümpfen...........................................15
5 Das Mausoleum der Zwietracht.........................................19
6 Der Tempel der Korruption................................................23
7 Der Gipfel der Unvernunft.................................................27
8 Mausoleum der Websymbolik............................................31
9 Das unvollendete Mausoleum............................................37
10 Ein Sarkophag im Perlenhafen........................................39
11 Das Mausoleum der Liebe...............................................43
12 Adams Mausoleum...........................................................47
13 Ein Mausoleum für das Imperium...................................51
14 Das Mausoleum des Wortes.............................................55
15 Die Kathedrale der Waffenindustrie.................................59
16 Mausoleum der Kreationisten..........................................63
17 Das Mausoleum des Lebens.............................................65
18 Das Mausoleum der Giftküchen......................................67
19 Mausoleum der zerstörten Umwelt..................................73
20 Das Castrum doloris der Justiz........................................77
21 Das Mausoleum des Dichters...........................................83
22 Zeugnis der unvollendeten Jugend...................................87
23 Die Sargecke der Fliegerei...............................................93
24 Grabstelle der Globalisierung..........................................97
25 Das Mausoleum des Surrealismus.................................103
26 Die Eiszeitmausoleums auf der Alb...............................107
27 Der Katafalk der Nuklearwaffen....................................113
28 Mausoleum der Opferbereitschaft..................................117
29 Das Mausoleum der Gier...............................................119
5

30
31
32
33
34
35
36
37
38
39
40
41
42
43
44
45
46
47

Mausoleum der SU-Technologie...................................123
Zum Wohl der Menschheit.............................................129
Die Arche der Pflanzensamen........................................135
Die Seebestattung einer Jungfer ....................................139
Das Mausoleum der Folkmusik.....................................145
Zweimal so schnell als der Schall .................................149
Das Castrum Doloris des Rock & Roll .........................153
Das Denkmal der Farbe „Paars“....................................159
Das Ende des ersten Endlagers......................................179
Die Stadt der Verdammten.............................................181
Am Ende werden sie verstehen......................................183
Die Heimat des Pronomens IOU....................................186
Das Federal Reserve System..........................................188
Jahrhundertfeier auf Jekyll Island..................................190
Ein Grabhügel aus Worten.............................................192
Nachwort........................................................................194
Übersicht der Mausoleums............................................195
Labels in Google-Maps..................................................199

6

1 Castra Doloris

A

m Castrum Doloris werden die Exequien1, oder
vielmehr die Absolution des Verstorbenen, gefeiert.
Es besteht aus einem durch ein Gerüst überdachtes
Totenbett und wird im Kirchenschiff, nicht am Altar, errichtet.
In diesem Totenbett wurde ursprünglich der Leichnam des
Verstorbenen aufgebahrt.

Abbildung 1: Beispiel eines Castrum Doloris
Grablege von Willem I. von Oranien i.d. Nieuwe Kerk in Delft
Künstler: Dirck van Delen (1605-1671)
Rijksmuseum Amsterdam - Wikipedia Commons

1

Der Ausdruck Exequien (eigentlich Exsequien; von lat. exsequi
„hinausgeleiten, aussegnen“) bezeichnet in der Liturgie der katholischen
Kirche die Riten und Handlungen zwischen dem Tod und dem Begräbnis
eines Christen.

7

D

as Castrum Doloris hat die Funktion, den
Verstorbenen in seiner Macht und Größe zu
repräsentieren und war eine kurzfristige Dekoration
für den Augenblick. Ein bleibendes Denkmal konnte es nur
durch einen vom Gerüst angefertigten Kupferstich werden, der
die reiche Schmückung dokumentierte.

D
G

a jedoch alle Mausoleums, Sarkophage, Grufte,
Grabsteine, Gräber ohnehin irgendwann eingeebnet
werden, kann man alle Grabstellen getrost als
Castra Doloris bezeichnen.
enauer
betrachtet
endet
jede
bedeutsame
Menschheitsphase als Idee in einer Explosion, die
gewissermaßen ihr Ende besiegelt. Anschließend
benötigt man oft einen Sarkophag beziehungsweise ein
Castrum Doloris zur Markierung des Explosionszentrums denn
in diesem Fokus konzentriert sich die Essenz der Idee...

8

2 Von Mausoleums und Sarkophagen

D

as Nuklearzeitalter wurde eingeläutet mit dem
Urknall in Three Miles Island. In diesem
Kernkraftwerk ereignete sich am 28. März 1979 ein
ernster Unfall (INES-Stufe 5), als es im Reaktorblock 2 zu
einer partiellen Kernschmelze kam, in deren Verlauf ca. ein
Drittel des Reaktorkerns fragmentiert wurde oder schmolz. Da
aber der Knall zwar unerhört laut war, blieb er unerhört und
musste 1986 in Tschernobyl wiederholt werden. Erst danach
war man sich einig, dass die Welt ein Mahnmal zur
Gedankenlosigkeit im Kernkraftbetrieb benötige und baut jetzt
einen wahrhaft eindrucksvollen Steinsarg für die
Nukleartechnologie.

I

n analoger Weise sammelte ich noch Dutzende
Mausoleums mit ähnlicher Symbolwirkung. Manche
sind ungeheuerlich wie die versunkene Kriegsschiffe in
Pearl Harbour, andere rührend, wie das Tagebuch der Anne
Frank.

S

o erschien es mir ein wertvolles Gedankenexperiment
mir vorzustellen, wie die Mausoleums und
Sarkophage entstehen und wo wir sie finden. Anhand
der Kartenpositionen kann man sie auch leicht identifizieren.

9

A

uf den Punkt gebracht haben die Europäer alle
Formen einer kontrollierten Verbrennung eines
Sprengstoffs zu Ende entwickelt. So kennen wir die
daraus hervorgehenden langen Folge der chemischen,
nuklearen und politischen Katastrophen. Nichts lassen wir aus
beim unseren Experimenten, denn in jedem bedeutsamen Knall
steckt ein kurzer Aufstieg und ein langer Fall...

D

as mir am meisten imponierenden Mausoleum ist
jedoch das niederländische Wort „paars“, das der
Niederländer lediglich als Farbe erkennen wird,
aber in Wirklichkeit ein Denkmal der alten androgynen
Religion darstellt, die wir mit den Israeli teilen. So gründlich
war die Beseitigung der letzten Religionsresten, dass nicht
einmal mehr die Etymologie-Experten die Herkunft bis 2010
erahnt haben.

10

3 Der ungebremste Tauchsieder

A

m 30 April 1986 schärfte der Schwäbische
Maschinenbauingenieur Heinrich Siebensinn seine
Sense und begann dann die Grashalme neben
seinem Haus zu mähen. Beim Mähen setzt der Sensenmann
eine erhebliche Menge an reizenden Duftstoffe frei, die der
Grashalm nach dem Maiwachstum aushaucht und die
Vorbeigänger an die Allgäuer Wiesen erinnert.

E

s war ein schöner, sonnig-heißer Morgen und so
nahm Heinrich Siebensinn seinen Heuhaufen auf den
nackten Unterarmen zum Biomüllplatz im Hinterteil
seines Gartens. Dabei verspürte er aber seltsame Nadelstiche in
den Armen, als ob die Arme eingeschlafen und der
Blutkreislauf unterbrochen wäre. Später erschienen
merkwürdige rote Pusteln auf seiner Haut, die aber nach einem
Tag auch schon wieder verschwanden. So kam es dem
Maschinenbauingenieur zunächst vor, als ob die Grashalme
sich gegen ihren Schnitter mit einer Allergie wehrten, aber bald
konnte er nun in der Tageszeitung nachlesen, dass sein Körper
wohl als einer der Ersten einen sechsten Sinn für nukleare
Strahlung entwickelt hatte, der die Nadelstiche in den Armen
auslöste. Klassischerweise unterscheidet man im Allgemeinen
Sprachgebrauch fünf Sinne, die bereits von Aristoteles
beschrieben wurden: der Tastsinn, das Hören, das Sehen, das
Riechen und das Schmecken. Dem fügte nun Siebensinn einen
Sechsten hinzu.

11

I

nfolge der Geheimhaltungsstrategie aller beteiligten
Instanzen erfuhr der Schwabe erst Tage später von den
Risiken der Reststrahlung einer Havarie des gar nicht
soweit entfernten Reaktors von Tschernobyl, der nach einer
Explosion mit einer Kernschmelze eine gewisse Restmenge an
Cäsium-137 freigesetzt haben sollte. Bereits am 26. April 1986
kam es nämlich um 1:23 Uhr und 40 Sekunden zur
berüchtigten Kernschmelze und Explosion des Reaktorkerns,
wodurch der Block 4 vollständig zerstört wurde. Dabei war es
nicht einmal die erste schwere Panne in diesem Kraftwerk.

B

lock 1 wurde 1977 fertiggestellt. Dann wurde bereits
am 1. September 1982 ein zentrales Brennelement
durch Überhitzung infolge eines Bedienungsfehlers
zerstört. Erhebliche Mengen an Radioaktivität traten aus, die
radioaktiven Gase gelangten bis Prypjat. Bei der Reparatur
wurden diverse Arbeiter einer massiv überhöhten Strahlendosis
ausgesetzt. Block 2 wurde 1978 fertiggestellt. Am 11. Oktober
1991 kam es nach einer Wasserstoffexplosion zu einem
Großbrand in der Turbinenhalle, das Dach stürzte teilweise ein
und einer der beiden Generatoren wurde schwer beschädigt. Da
die manuelle Reaktorabschaltung gelang, wurde der Reaktor
selbst nur minimal beschädigt und es trat kaum Radioaktivität
aus.

G

enau genommen bestehen die vier Generatoren der
Zentrale Tschernobyl aus eben so vielen nuklearen
Tauchsiedern,
die
jeweils
mittels
einer
Dampfturbine einen elektrischen Generator antreiben.

12

E

ine komplexe
Kette von Entwurfsfehlern,
Schlamperei,
mangelhafter
Dokumentation,
Geheimniskrämerei und Ignoranz löste die Explosion
aus. Große Mengen an radioaktiver Materie wurden durch die
Explosionen und den anschließenden Brand des Graphits in die
Umwelt freigesetzt, wobei die hohen Temperaturen des
Graphitbrandes für eine Freisetzung in große Höhen sorgten.
Insbesondere die leicht flüchtigen Isotope Iod-131 und
Cäsium-137 bildeten gefährliche Aerosole, die in einer
radioaktiven Wolke teilweise hunderte oder gar tausende
Kilometer weit getragen wurden, bevor sie der Regen aus der
Atmosphäre wusch. Cäsium-137 hat eine Halbwertszeit von
„nur“ 30 Jahren, so dass die Strahlung sich sofort stark
hervorhebt. Die radioaktive Stoffe führten nun zum
Hautausschlag, den der 45-jährige Maschinenbauingenieur im
entfernten Schwabenländle verwundert betrachtete.

U

nmittelbar nach dem Unglück und bis Ende 1987
wurden
etwa
200.000
Aufräumarbeiter
(„Liquidatoren“) eingesetzt. Davon erhielten ca.
1.000 innerhalb des ersten Tages nach dem Unglück schwere
bis absolut tödliche Strahlendosen im Bereich von 2 bis
20 Gray. Die Liquidatoren haben den havarierten Reaktorblock
durch einen provisorischen, durchlässigen „Sarkophag“
gedeckelt.

13

I

m Inneren ist weitgehend die Situation vom Zeitpunkt
der Katastrophe in heißer Form konserviert. Von rund
190 Tonnen Reaktorkernmasse befinden sich
Schätzungen zufolge noch rund 150–180 Tonnen im Gebäude,
teils in Form geschmolzener und erstarrter Brennelemente aus
Uran, Plutonium, Graphit und Sand (es wird auch Elefantenfuß
genannt), teils in Form von Staub und Asche, in Form
ausgewaschener Flüssigkeiten im Reaktorsumpf und im
Fundament oder in anderer Form.

T

schernobyl gilt –nach dem Unfall in der
Nuklearanlage Majak 1957 – als die zweitschwerste
nukleare Havarie und als eine der schlimmsten
Umweltkatastrophen aller Zeiten. Der Menschenfleisch
fressende Sarkophag2 zu Tschernobyl bildet somit die Basis für
das noch zu bauende Prunkgrab der "friedfertigen"
Nukleartechnologie. Der neue Sarkophag soll 257 Meter lang,
150 Meter breit und 108 Meter hoch werden und der Auftrag
wurde am 17. September 2007 dem Konsortium Novarka
erteilt. Der neue Sarkophag soll 200 Meter neben dem Reaktor
aufgebaut und auf Schienen über den alten Sarkophag gefahren
werden.

W

enn Sie also mal wieder Heu machen und Ihnen
dabei die Arme unter Nadelstichen einschlafen,
dann sollten Sie mit ihren Liebsten schleunigst
einen Keller aufsuchen und ihren Vorrat mit Frischwasser und
Lebensmittel sichern, denn eines der noch vorhandenen
nuklearen Tauchsieder könnte mal wieder bei einer Havarie
hops gegangen sein...
2

von griechisch σαρκοφάγος, „Fleisch verzehrend“

14

4 Der Wolfsbau in den Sümpfen

W

ill man eine Idee oder dessen Schöpfer auf den
Punkt bringen, so betrachte man das zugehörige
Mausoleum oder den aufgetürmten Sarkophag.
Denn nicht in den Wiegen, sondern im Graben versenkt der
Mensch nach dem Aushauchen der Lebensseele seine Abarten
und dort auch verbleibt das Essenzkondensat eines
verstorbenen Gedankenblitzes.

D

as Mausoleum plant ein Herrscher wohl zur
Hochzeit als das grandiose steinernen Symbol
seiner Macht. Der Fleischfresser jedoch - der
Sarkophag - trenne das Fleisch von den Zähnen und von einem
geistigen Hauch. Was immer uns bleibt sind die Zähne und
einen Teil der Psyche, das in den frühen Morgenstunden oder
zu später Nacht über den Steinen wie eine neblige Schwade
verweilt. So auch der Wolfsbau in den Sümpfen, der auch heute
manchmal von finsteren Gestalten besucht wird und wer
empfindlich ist, der höre auch noch das leise Geheul aus dessen
Katakomben...

D

er Wolfsbau diente dem Wolf zunächst als
provisorisches Feldlager, das ihm für den nur 6
Monate langen Feldzug zur Verfügung stehen solle,
denn er verbreitete die Parole, dass man in 4 Wochen vor der
Hauptstadt stehen würde... Wie der Feldzug so war auch das
Lager falsch geplant und wurde ständig ausgebaut.

15

N

achdem das Lager in einem heiligen und 100jährigen Eichenwald zwischen den Sümpfen
errichtet war, wurden die Bewohner alsbald von den
rachsüchtigen Mücken heimgesucht. So nannten sie es hinter
dem Feldherrnrücken auch das Mückenheim, unter dessen
Tarnnetzwerk Herr Wolf so zur Entspannung täglich seinen
Schäferhund auf einem 2m hohen Balken trainierte. In seinem
dreieinhalb jähriger Feldzug verbringt der Wolf dann ab dem
Vormarsch seiner Truppen mehr als 800 Nächte in seinem
Wolfsbau und verlässt ihn erst, wenn ihm die Jäger bereits die
Fersen und den Nacken anhauchen.

A

m 20. November 1944 verlässt der Gröfaz 3 dann die
Schanze mit dem Brandenburger Sonderzug in
Richtung Westen. Unter dem Decknamen
"Inselsprung" lässt ein General K. am 24 Januar 1945 bei
klirrender Kälte den Wolfsbau sprengen. Zur Detonation der
Einzelbunker benötigen die Militärs etwa 10-12 Tonnen TNT.
Nur zwei Tage nach der Sprengung erreichen die russische
Truppen am 27 Januar 1945 den Rastenburger Stadtwald 4. Von
1945 bis 1955 werden anschließend ca. 54.000 Minen
entschärft. Die Reste sind seit 1959 eine Touristenattraktion in
Masuren, die jährlich zirka 200.000 Personen besuchen.

D

ie Hauptbauten sind etwa 25-60 Meter lang, 25-40
Meter breit und 9-12 Meter hoch. Und obwohl die
Alliierten gewusst haben, wo sich die Anlage
befand, wurde sie nie bombardiert.
3

Gröfaz ist ein spöttisches Akronym für „Größter Feldherr aller Zeiten“
Das Führerhauptquartier(fhqu) Wolfsschanze,
Von Jerzy Szynkowski, und Georg S Wünsche; Veröffentlicht von Verl.
Kengraf, 2000, ISBN 8387349445, 9788387349448
4

16

D

ie Decken sind sechs bis acht Meter dick und man
mag sich fragen, welcher normaler Mensch sich bei
gutem Gewissen mit acht Meter Beton schützen
muss. Die Facade wurde wohl stabiler gestaltet als die
Rückseite, denn wie behaarte Potemkinsche Dörfer ragen sie
gespenstisch zwischen den Bäumen auf. In der Eile ist der
Mörtel schlecht gemischt und das einzig Wertvolle ist wohl
noch ein rostfreies Stahlrohr, das zwei Klötze verbindet...

D

ie Bewachung der Anlage war nicht gerade
wasserdicht und es sind mindestens drei
schwerwiegenden Pannen bekannt geworden. Im
august 1943 gelang es einer Polnischen Frau, abends
unbemerkt bei der östlichen Wache die äussere Absperrung zu
überwinden und am Bahngleis entlang die gesamte Anlage zu
durchwandern. Sie wurde erst an der westlichen Wache
angehalten und festgenommen.

A
M

us den Rastenburger Sümpfen entweicht das
brennbare Methangas und so harren die Irrlichter
der Verstorbenen an der Stelle an dem der größte
Feldzug aller Zeiten geplant worden sei.
anchmal jedoch entweicht aus der Ruine Nr. 13
inmitten des Rastenbürger Sumpfgeländes ein
sonderbarer Giftcocktail, das man wohl auch nach
der rostig schwarzrotbraunen Farbe den Hahnenschwanz
benennen mag. Sodann erbrütet der Morast die üble Generation
der Zyklonmücken, die ein besonders giftiges Sekret
verbreiten, das eine Einstichstelle für Wochen infiziert und
dabei handtellergrossen, schmerzhaften Quaddeln hinterlässt.
17

D

em Opfer bleibt nur die Hoffnung auf ein baldiges
Ende der Tortur, denn keine Medizin kann den
Juckreiz mildern, der ihn an den Gliedern und am
Gesicht malträtiert...

18

5 Das Mausoleum der Zwietracht

I

m 1. Jahrhundert nach Christus gab es einen
mückenverseuchten Hügel außerhalb des antiken Roms
auf der westlichen Tiberseite gegenüber dem mit
öffentlichen Bauten bestückten Marsfeld. Caligula ließ dort
einen Circus errichten. Nero fügte zum Circus einen Palast und
eine Brücke über den Tiber hinzu, von der heute nur noch
wenige Spuren im Fluss zu sehen sind. Wie auf fast allen
Seiten war das antike Rom auch auf dem ager Vaticanus von
Gräbern umgeben. Nach der Überlieferung wurde der Apostel
Simon Petrus im Herbst 64 n. Chr. im Circus des Caligula mit
dem Kopf nach unten gekreuzigt und fand hier seine letzte
Ruhestätte. An dieser Stelle liess Konstantin der Große um 324
die Grabeskirche über dem vermuteten Grab des Apostels
errichten.

E

s gab einmal einen Brückenbauer, der befand, dass
die rund 1200 Jahre alte Basilika auf dem für seine
Mückenplage bekannten Hügel keinen angemessenen
Platz für sein Grabmal bieten konnte. Er gab deshalb eine
Erweiterung des Baus in Auftrag. Da dieser jedoch an vielen
Stellen einsturzgefährdet war, entschied man sich stattdessen
für einen monumentalen Neubau. Am 18. April 1506 wurde der
Grundstein für das neue Mausoleum unterhalb des späteren
Veronikapfeilers gelegt, der in seinem gewaltigen Tresor die
kostbarsten Reliquie der Christenheit, das Schweißtuch der
Veronika, aufbewahren sollte.

19

D

as
kostenintensive
Unternehmen
wurde
entscheidend durch den sogenannten Peterspfennig
und den Verkauf von Ablässen, in Deutschland u.a.
durch den Dominikanermönch Johannes Tetzel, finanziert.
Diese haarsträubende Art der Finanzierung führte wohl zur
Reformation, der die Kirche in 1,25 Milliarden Katholiken und
ca. 600 Millionen Protestanten teilt. Auf den Punkt gebracht
darf man das Grabmal für Papst Julius II. daher sehr wohl als
das Mausoleum der Zwietracht betrachten...

M

artin Luthers 95 Thesen, in denen er gegen
Missbräuche beim Ablass und besonders gegen
den geschäftsmäßigen Handel mit Ablassbriefen
auftrat, wurden am 31. Oktober 1517 als Beifügung an einen
Brief an den Erzbischof von Mainz und Magdeburg, Albrecht
von Brandenburg das erste Mal in Umlauf gebracht. Den
Ablasshandel erklärt Luther in den Thesen für Menschenwerk,
weil in der Bibel ein römisch-katholisches Konzept für
denselben nicht erklärt ist. Seine Kritik richtet sich vor allem
gegen die falsche Heilssicherheit, die sich aus einer falschen
Handhabung des Ablasses ergab. Die Thesen sind der
öffentliche Beginn einer Kritik Luthers an der Institution des
Papsttums – ein geistiger Sprengsatz, der in den nächsten
Jahren und Jahrzehnten erst seine volle Kraft entfalten und
letztlich zur Trennung innerhalb der abendländischen Kirche
führen sollte.

20

D

er Petersdom ist die im deutschen Sprachraum
übliche Bezeichnung für die Peterskirche in Rom
(auch:
Basilika
St. Peter;
Petersbasilika;
Vatikanische Basilika, italienisch: San Pietro in Vaticano,
lateinisch: Sancti Petri in Vaticano oder Templum Vaticanum).
Der Petersdom ist die größte, aber nicht die ranghöchste der
vier Patriarchalbasiliken in Rom. Das ist die Lateranbasilika,
die Kathedrale von Rom.

D

er Petersdom ist das Zentrum des unabhängigen
Staats der Vatikanstadt und fasst 60.000 Personen
und ist mit einer überbauten Fläche von 15.160 m²
eine der größten Kirchen der Welt: Länge: 211,5 m – Breite:
138 m – Höhe: 132,5 m – Grundfläche: 15.160 m² – Bauzeit:
120 Jahre. - Gewaltige Dimensionen, aber erkauft mit der
Aufspaltung der Religion...

21

22

6 Der Tempel der Korruption

D

ie reiche Innenausstattung des Palastes aus Gaben
der einzelnen Länder ist herrlich kostbar anzusehen,
der Flur ist aus italienischem Marmor, die große
Freitreppe im Foyer stammt ebenfalls aus Italien, das Holz der
Wandtäfelungen
kommt
von
Brasilien
und
die
schmiedeeisernen Zäune aus Deutschland. Der Friedenspalast
ist ein einzigartiges Symbol für Frieden und Zusammenhalt,
dabei auch noch wunderschön anzusehen, außen wie innen. Die
Anhäufung dieser an sich äußerst wertvollen Einzelelemente
wirkt zuweilen eklektisch, so die monumentale, byzantinisch
anmutende Eingangshalle mit ihren goldenen Kronleuchtern,
dem rosettenverzierten Boden und der weißen Marmortreppe.

D

er so beschriebene "Friedenspalast" aus rotem
Backstein wurde von 1907 bis 1913 im Stil der
Neorenaissance im niederländischen Den Haag
errichtet. Der Bau wurde größtenteils von dem USamerikanischen Unternehmer und Mäzen Andrew Carnegie
(1835–1919) finanziert, der von seinen Arbeitern unter den
schlimmsten Arbeitsbedingungen eine Höchstleistung in einer
84-Stundenwoche abverlangen konnte. Geboren als Sohn eines
armen Damastwebers, wurde Carnegie zum reichsten
Menschen seiner Zeit. Er war berühmt als Philanthrop und
spendete insgesamt mehr als 350 Millionen US-Dollar, hatte
zwar keine Ahnung von der Stahlerstellung oder
Metallvermarktung, aber umso mehr vom "gezielten" Spenden.

23

I

m geschenkten Palast weilt nun der Internationale
Gerichtshof, die uns in einer ehrwürdigen und
imposanten Umgebung gegen die internationalen
Verbrechen schützen soll. Kaum einer der Verbrechern und
Zuschauern kann sich aber vorstellen, dass dieser Reichtum
wie so viele andere immense Vermögen durch Korruption,
Bestechung und Ausbeutung zustande gekommen sei. Es ist
wohl eine einzigartige Verkettung von Betrug, Korruption,
Bestechung, welche die Amerikanische Kapitalbeschaffung
ermöglicht hat. Alle, das heißt von Kapitalisten bis zu den
Bewohnern der Armenquartiere, Sträflinge und Multimillionäre
sind Geschöpfe des Systems, das auf diese Weise Habgier,
Laster, Armut und Verbrechen erzeugt.

D

as weit angelegte Werk von Gustavus Myers, The
History of Great American Fortunes5, das sich ganz
nüchtern ausschließlich auf US-Gerichtsprotokolle
basiert, liefert die hervorragende publizistische Aufklärung der
Arbeitsmethode im Finanzjungle, der gerade heute wieder von
Betrugsverdacht in der Finanzkrise geschüttelt wird. Gustavus
Myers dokumentiert erschreckende Tatsachen, die durch keinen
eigentlichen Fehler in der menschlichen Natur hervorgerufen
werden, sondern durch die Triebkraft, die Anreize und die
Resultaten jenes Systems.

5

Money: Die grossen amerikanischen Vermögen (1916), Gustavus Myers,
Veröffentlicht von Zweitausendeins, 1979, 800 Seiten

24

M
I
M

it einem Gemisch von Staunen und Abscheu lesen
wir die endlos sich wiederholenden Berichte über
die
Gewissenlosigkeit
der
geschäftlichen
Machenschaften unserer Zeit.
m Einzelnen ist das Buch sehr modern. Man liest über
bekannten Namen, über die schonungslosen, bis zum
überraschend modernen, verbrecherischen rohen Kämpfe
der Spekulantenringe untereinander und gegen die Massen der
Schwächeren...
yers
beschreibt
die
unerträglichen
Ausschreitungen der Truste, die schamlose
Vergiftung der Wahlen, der Gesetzgebung und
Verwaltung, im Bunde wie in den Einzelstaaten und
Gemeinden, durch den zersetzenden Einfluss der "großen"
Interessen.

D

as Buch dokumentiert die ebenfalls in Europa
anstehenden Ausplünderung der übermächtigen
Bahnsystemen und städtischen Verkehrs- und
Versorgungsgesellschaften,
von
liebesgabenhungrigen
Industrien und Großindustriellen, von beutelüsternen
Finanzhäuptlingen und einzelnen überragenden Finanzkönigen.

K

urioses Schauspiel vor Gericht (17.02.2003):
Während die USA sich auf einen Krieg gegen den
Irak vorbereiten, beschuldigt der Iran die USRegierung wegen ihrer früheren Nähe zu Saddam Hussein. Vor
dem Internationalen Gerichtshof warf Teheran den USA vor, in
den achtziger Jahren gefährliche Chemikalien und tödliche
Viren nach Bagdad geliefert zu haben...

25

26

7 Der Gipfel der Unvernunft

W

er kennt es nicht, das Bild von Sherpa Tenzing
Norgay auf dem Gipfel? Einmal am Dach der Welt
und dann die ganze Welt zu seinen Füssen...
Die Zeit zerrinnt, der Körper kühlt beim Warten. Es ist zu
leicht. Es sind zu viele, zumal noch Unerfahrene im Weg.
Sogar die Zelte und die Schlafsäcke werden von Sherpas für
Geld getragen.
Seit den 1980er Jahren ist die Zahl der Gipfelbesteigungen
stark gestiegen. Jetzt kann es jeder. Nur etwa einer von drei
Bergsteigern schafft es, den Gipfel zu erreichen.

V
D
D

ielleicht gelingt der Abstieg nimmermehr oder erst
morgen? Dann hast du gute Aussicht ... auf eine
Amputation der Glieder, wenn oder überhaupt.
Ja, es ist schon ein besonderes Erlebnis zu überleben.
as Denken - ja, es war bereits zuvor nicht leicht,
jetzt aber in dieser Anstrengung auch noch ohne
Sauerstoff?
Ich habe Jahre und 65.000 US-Dollar investiert, dennoch die
Opfer...
ie Routen auf den hohen Gipfelhängen sind von den
Leichen der über 200 Verstorbenen gesäumt. Die
Hilfe oder der Abtransport sind oft schwere Risiken,
die auch noch den eigenen Aufstieg zum Traumziel im Wege
stehen. Die Leichen gelten ohnehin nicht mal mehr als
Mahnung. Zu groß ist ganz offenkundig die Unvernunft der
Unerfahrenen bei der Bezwingung des höchsten Gipfels.

27

D

ie Probleme kulminieren 1996, als auf beiden Seiten
des
Everestgipfels
zwölf
Menschen
von
Wetterstürzen überrascht ihr Leben ließen, wie in
den Büchern von Jon Krakauer („In eisige Höhen“) und
Anatoli Bukrejew („Der Gipfel. Tragödie am Mount Everest“)
dokumentiert.

S

eit der Entdeckung von 1852, dass der Everest mit
8850 Meter der höchste Berg der Erde ist, mussten 21
Menschen ihr Leben lassen, 15 Expeditionen
aufbrechen und 101 Jahre vergehen, bis der höchste Punkt des
Everest schließlich zum ersten Mal betreten wurde. Bis Anfang
2009 wurden 4109 Besteigungen durchgeführt, aber nur 133
Mal nicht über eine der beiden Standardrouten, sondern eine
der 18 weiteren Routen. 211 Menschen kehrten nicht mehr
zurück. Häufigste Todesursachen sind Abstürze, Erfrierung,
Erschöpfung, Höhenkrankheit und Lawinen. Am 22. Mai 2003,
dem bisher größtem Ansturm, standen 116 Menschen auf dem
höchsten Berg der Erde.

N

achteilig an diesem Massentourismus ist jedoch die
Umweltverschmutzung. Etwa ein Drittel aller
Bergsteiger am Everest gehören zu einer
kommerziellen Expedition. Nach wie vor sind Besteigungen
ohne künstlichen Sauerstoff selten. Expeditionen ohne
Flaschensauerstoff sind durchschnittlich nur halb so oft
erfolgreich und mit einem doppelten Todesrisiko behaftet wie
Besteigungen mit Flaschensauerstoff. Zelte, Sauerstoffflaschen,
Speisereste, Dosen und Medikamente säumen den Weg. Jede
Expedition muss ein Müllpfand hinterlegen, das nur
zurückbezahlt wird, wenn die gesamte Ausrüstung und sogar
die Fäkalien aus dem Basislager wieder abtransportiert werden.
28

Z
D

udem werden in regelmäßigen Abständen sogar
Expeditionen ausgerichtet, die den Müll aus den
Hochlagern vom Berg herunterholen. Der Japaner
Ken Noguchi hat bereits fünf Säuberungsexpeditionen
ausgerichtet und dabei neun Tonnen Abfälle abtransportiert.
ie meisten Besteigungen hat bisher der Sherpa Appa
durchgeführt, der mittlerweile 19 Mal (Stand: Mai
2009) auf dem Gipfel stand. Der jüngste Besteiger
war der Nepalese Temba Tsheri, der am 22. Mai 2001 im Alter
von 15 Jahren den Gipfel erreichte. Mit einem Alter von 76
Jahren und 341 Tagen war der Nepalese Min Bahadur Sherchan
am 25. Mai 2008 der älteste Mensch auf dem Gipfel. Er war
damit auch der älteste Mensch überhaupt, der je auf einem
Achttausender stand. Auch Alter schützt vor Torheit nicht.

D

ie schnellste Besteigung gelang dem Sherpa Pemba
Dorjee, der am 21. Mai 2004 den Aufstieg vom
Basislager zum Gipfel in nur 8:10 Stunden schaffte.
Auf der Nordroute hält Christian Stangl seit dem Jahr 2006 mit
16:42 den Rekord, wobei er allerdings am vorgeschobenen
Basislager startete. Hans Kammerlander brauchte auf derselben
Route zehn Jahre zuvor nur wenige Minuten länger.

B

ergsteigen ist schön. Der Höhenrausch bringt auch
die Euforie der Endorfinen und schaltet das Gehirn
auf Dämmerschlaf. Man spürt nichts mehr und ist
schon halber tot. Da bleibt man lieber liegen.
Manchmal jedoch kommt einer dann noch in das Zelt und lässt
den Sherpa rufen. Man war ja fast schon dem Nirwah nah.
Und irgendjemand trägt mich dann vom Gipfel der Unvernunft
gedankenlos ins Leben und ins Tal hinunter...
29

30

8 Mausoleum der Websymbolik

Z

uerst schneidet man Kettenfäden auf die gewünschte
Länge und fädelt diese durch die Löcher der
winzigen Brettchen aus Holz, Knochen, Leder, oder
Elfenbein. Sind alle Fäden eingezogen, werden die Brettchen
einmal durch die Kettenfäden gezogen, um sauber weben zu
können. Danach werden die Enden der Kettenfäden fixiert und
kann man mit dem Weben beginnen.

D

er Stapel Brettchen wird um eine viertel Drehung
nach vorne gedreht, dann wird der Schussfaden
eingelegt. Danach werden die Brettchen wieder um
eine viertel Drehung gedreht und der Schussfaden wird von der
anderen Seite eingelegt. Sind die Brettchen viermal um eine
viertel Drehung gedreht, werden sie viermal zurückgedreht.

B
D

rettchengewebe zeigen geometrische Motive, wie
gegenläufige Diagonalstrukturen, Winkelhaken,
komplexere Mäandermotive, Zinnenmäanderrauten,
Flechtband und bevorzugt Sonnenmotive, die zumeist von
einer Raute begrenzt sind.
ie Anordnung der Motive ist unterschiedlich und
zeigt nebeneinander angeordnete oder einzelne
Zonen mit gereihten Motiven, die sich in
regelmäßiger Abfolge wiederholen und gereihte Einzelmotive
ohne randliche Begrenzung oder Musterteile in lockerer
Anordnung. Die Motive lassen im starken Maße die
Übernahme von Mustern aus dem Süden erkennen. Es gibt
Vermutungen, dass ein Teil der Bänder Etruskische
Importarbeiten sind.
31

E
D

rstaunlich sind die verschiedenen Webtechniken, die
hier verwendet wurden. Man findet sowohl
Flottierungen,
Köpertechnik
als
auch
die
ungewöhnliche Webtechnik mit zwei Fäden pro Brettchen.
ie frühesten brettchengewebten Bänder in
Deutschland stammen aus den Fürstengräbern
Hohemichele (6. Jhd. v. Chr.) und Hochdorf (ca.
520 v Chr) der Hallstattzeit. Diese Funde zeigen bereits die
hohe Webkunst der Kelten. Die Borten in Hochdorf wurden
nicht nur mit Schafwolle, sondern auch aus Hanfbast und aus
der feinen Grundwolle des Dachsfells hergestellt. Sie zeigen
verschiedene geometrische Muster und sind - nach den
Pigmentfunden zu urteilen - vornehmlich in blau und rot
gehalten. In diesem Grab sind ungewöhnlich viele Stofffunde
erhalten geblieben.

D

as Spinnmaterial für die Brettchenweberei fällt
durch eine außergewöhnliche Glätte und Feinheit
der Fäden auf, die nur 0,2 – 0,3 mm stark sind und
gezwirnt die Stärke von 0,5 mm nicht überschreiten. Erfahrene
Weberinnen schätzen, dass für die Herstellung eines Mantels
zwei Weberinnen 1 bis 2 Jahre benötigten.

U

m 550 vor Christus, in der späten Hallstattzeit,
wurde in Hochdorf an der Enz ein etwa 40 - 50
Jahre alter Mann mit fürstlichen Beigaben zu Grabe
getragen. Über der Grabkammer errichtete man einen
mächtigen Hügel von ca. 6 m Höhe und 60 m Durchmesser.
Jahrhundertelange Abtragung ließ den Hügel verschwinden und
es dauerte bis in die 70er Jahre des 20. Jh., bis man die Spuren
dieses mächtigen Grabhügels wieder entdeckte.
32

G

oldener Totenschmuck, Köcher und Angelhaken
wurden dem Fürsten mit ins Grab gegeben. Auf dem
vierrädrigen, eisenbeschlagenen Wagen fand man
prunkvolles Geschirr und Zaumzeug. An den Wänden hingen
Trinkhörner und die Kammer war mit wertvollen Stoffen
ausgekleidet. Auf einer Bronzeliege lag der Fürst in einer für
die Hallstattzeit üblichen Lage, wobei der Kopf nach Süden,
die Füße nach Norden gelagert waren.

D

er Fürst war mit seinen 1,85 m Größe ungewöhnlich
groß. Die Menschen in der Hallstattzeit waren im
Durchschnitt um Einiges kleiner. Die zahlreichen
Fragmente von Geweben waren ein Glücksfall. Es konnten
Stoffe und Borten aus Brettchengewebe rekonstuiert werden.
Der Leichnam war in rot-blau karierten Prunktüchern gehüllt.
Er trug einen Hut aus Birkenrinde. Ein prunkvoller
Bronzekessel, der über 400 l Honigmet enthalten hatte stand in
der Grabkammer. Ein Kunstwerk aus dem Mittelmeerraum.
Der Antennendolch war eigens für die Bestattung mit
verziertem Goldblech verziert worden.
„In der Grabkammer waren gemusterte Brettchengewebe an
die Stoffe des Wandbehangs angenäht, in breiterer Ausführung
an die sehr feinen Köpergewebe vom Kessel angenäht oder
angewebt und als Randzier an das rote Grabtuch und die blaurot karierten Prachttücher angewebt, die den Toten
einhüllten.“

A

ls eines der eindrucksvollsten Werke wurde das
Köpergewebe vom Kessel rekonstruiert. Das 6cm
breite Brettchenband bildet den angewebten Rand
33

des am Gewichtwebstuhl hergestellten Diamantköpers. Erst
durch das Nachweben war eine möglichst vollständige
Analyse vieler Gewebe möglich. Am eindrucksvollsten sind
aber die minimale Garnstärken.
„Versuche, die gleichen Garne zu spinnen und die gleichen
Tuche zu weben, haben uns gelehrt, welches Wissen und
welche Erfahrung zur Herstellung dieser Textilien erforderlich
sind. Gleichzeitig haben uns die Experimente gezeigt, dass wir
noch ganz am Anfang stehen und nur Teile dieses komplexen
Wissens verstehen.“

Abb. 1. Keltisches Fürstengrab in Hochdorf6

6

Hochdorf bei Stuttgart, etwa 500 vor C.

34

E

s ist schon erstaunlich, dass sich keine der
Archäologen für die Symbolik dieser Webkunst
interessiert, obwohl speziell die Farbkombination Rot
und Blau, sowie die Zwirntechnologie bereits ausgiebig in der
Bibel dokumentiert sind. Im Buch Exodus7 erhält Mose sage
und schreibe 25 Mal die Anweisung Gottes Tücher und
Gewänder mit den Farbangaben "Blau, Purpur und ScharlachRot" zu erstellen als Bestandteile des Offenbarung-Zeltes. Im
Buch 2. Chronik8 erhält Salomon zudem dreimal eine ähnliche
Anweisung Gottes für die Ausstattung des Tempels in
Jerusalem. Die Farbkombinationen Solomons sind jedoch:
"Blau, Purpur und Karmesin-Rot". Andere Farbanweisungen in
z.B. Gelb oder Grün werden nicht erwähnt.

D
D

ie Farben Scharlach-Rot (E.: Scarlet) und KarmesinRot (E.: Crimson) sind jedoch gleich und beide
stammen von der og. Schildlaus. Laut Wikipedia
stammt der Name Karmin von dem Arabisch-Persischen Wort
Kermes für die "Scharlachbeere".
ie deutsche Einheitsübersetzung der Bibel9
dokumentiert die Farben an den entsprechenden
Stellen etwas genauer10:

"Mach einen Vorhang aus violettem und rotem Purpur,
Karmesin und gezwirntem Byssus;
wie Kunstweberarbeit soll er gemacht werden, mit
Kerubim".
7

Exodus, Kap. 25->27 und 35->39
Chroniken 2, Kap. 2 & 3
9
ISBN 3-460-33007-4
10
Zum Beispiel in Exodus 26-31
8

35

D

ie Elementarfarben Rot, Blau und Purpur deuten auf
androgyne Elemente, die sich bei blauer Farbe auf
männliche, bei roter Farbe auf weibliche und bei
Purpur auf göttliche Symbolik bezieht. Rot und Blau sind die
klar erkennbare Randfarben des Regenbogens, während wir
Purpur als Mischfarbe von Rot und Blau kennen, der als
einzige Farbe im Spektrum des Regenbogens fehlt.

N

ach dem Untergang der androgynen Symbolik, die
ursprünglich allen Varianten des Himmelsgottes
Dyaeus11 zugewiesen worden sei, können wir
deshalb das Hochdorfer Fürstengrab wohl als das Mausoleum
der androgynen Websymbolik betrachten...

11

Der Himmelsgott von Joannes Richter
ISBN: 978-1-4092-7630-2, Verleger: Lulu.com

36

9 Das unvollendete Mausoleum

U

rsprünglich wollte der Großmogul ja wohl ein
gleiches Bauwerk aus schwarzem Marmor auf der
anderen Seite des Flusses Yamuna bauen, denn er
ließ ein Rasthaus auf der östlichen Seite des Gebäudes
errichten, das der Moschee auf der westlichen Seite durchaus
ähnlich ist. Das weiße und das schwarze Gebäude sollten wohl
getrennt von den Gewässern den Himmel als Charbagh12
darstellen.

D

ann aber wird er von seinem Sohn Muhammad
Aurangzeb Alamgir entmachtet und verbringt den
Rest seines Lebens als Gefangener. 1666 wird Shah
Jahan neben seiner Gattin beigesetzt. Sein Grab zerstört dabei
die Symmetrie des Gebäudes, was als Beleg dafür bewertet
werden darf, dass er ursprünglich vorhatte, sich ein eigenes,
gleichwertiges und symmetrisches Grabmal zu errichten. So
schuf er nur den weissen „Kronen-Palast“ als ein 58 m hohes
und 56 m breites Mausoleum für seine Hauptfrau Mumtaz
Mahal (Arjumand Bano Begum), das in Agra im indischen
Bundesstaat Uttar Pradesh auf einer 100 m × 100 m großen
Marmorplattform errichtet wurde.

12

Garten geteilt in vier Quadranten, durch die vier Wasserkänale von einem
zentralen Gebäude, das den Thron Gottes darstellen soll, in die vier
Richtungen fließen

37

D

er Bau des Taj Mahal wurde kurz nach dem Tod
Mumtaz Mahals im Jahr 1631 begonnen und bis
1648 fertiggestellt. Beteiligt waren über 20.000
Handwerker aus ganz Süd- und Zentralasien und verschiedene
Architekten, unter anderem Ustad Ahmad Lahori und der aus
Badakhshan (heute Afghanistan) stammende Perser Abu Fazel.
Die persische Architektur geht auf ihn zurück; gekonnt
verschmolz er sie mit indischen Elementen zu einem
harmonischen Meisterwerk der indo-islamischen Baukunst.

T

rotz der unvollendeter Struktur ist der Taj Mahal auch
beliebtes Besuchsziel frisch vermählter indischer
Eheleute, da der Besuch die gegenseitige Liebe
dauerhaft machen und bestärken soll. Nach dem Eingang
einiger Bombendrohungen haben die Behörden die
Sicherheitsvorkehrungen im Jahr 2006 verstärkt. Das Gelände
des Taj Mahal kann nur noch durch Sicherheitsschleusen
betreten werden. Die Mitnahme von Flüssigkeiten wurde auf
Trinkwasser beschränkt. Soldaten bewachen das Denkmal rund
um die Uhr und in seinem Umkreis gilt ein Flugverbot.

D

as Bauwerk und der Gartens wurden über einige
Jahrzehnte lang restauriert. Laut einem Bericht der
sto/AP vom 16. Mai 2007 verfärbt sich das Taj
Mahal trotz aller Restaurationen durch industrielle
Luftverschmutzung gelb. Inzwischen dürfen sich Autos und
Busse nur noch auf zwei Kilometer nähern und eine neue
Restaurierung wird bereits erwogen. Letztendlich ist es aber
gar denkbar, dass sich das weiße Mausoleum farbtechnisch
gesehen ingedenk der ursprünglichen, aber vereitelten
Konzeption auf die ursprünglich geplante Farbe Schwarz
zubewegt...
38

10 Ein Sarkophag im Perlenhafen

G

egen 21:00 Uhr hatte die Flotte den 158. Meridian
erreicht und war noch etwa 910 Kilometer nördlich
von der Insel entfernt. Stürmische Winde hatten
während der zwölftägigen Fahrt die gehissten Flaggen
zerrissen und mehr als zehn Seeleute über Bord gespült. Doch
alles verlief nach Plan, da die Flotte bisher nicht gesichtet
worden war.

U

m 7:02 Uhr am frühen morgen entdecken die beiden
Radarbeobachter der Opanah Radar-Station eine
Gruppe von 50 oder mehr Flugzeugen, die sich aus
Norden näherten. Nach einer kurzen Diskussion rufen sie die
Informationszentrale in Fort Shafter an und melden die Ortung
sich nähernder Flugzeuge, ohne allerdings die Anzahl der
georteten Maschinen zu erwähnen. Der Bericht wird von einem
Leutnant entgegen genommen, der erst zum zweiten Mal
Dienst in der Informationszentrale tut und nicht weiter
nachfragt. Er weiss dass eine Gruppe von Bombern des Typs
B-17 Flying Fortress erwartet wird und glaubt, dass nun diese
Maschinen geortet worden sind. Da er diese als vertraulich
eingestufte Information aber nicht den Radarbeobachtern
mitteilen darf, sagt er ihnen lediglich, dass sie ihren Dienst
beenden (das Radar war immer nur zwischen 4:00 und 7:00
Uhr in Betrieb) und sich um die Flugzeuge keine Sorge machen
sollen.

39

U

m 7:49 Uhr befiehlt der Kommandant der
Angriffswelle, Mitsuo Fuchida, den Angriff in der
Variante
für
vollständige
Überraschung
durchzuführen, mit den Torpedobombern zuerst. Sein Funker
sendet darauf dreimal das entsprechende Signal, bestehend aus
to für totsugeki (Angreifen) und ra für raigeki 13. Das Signal to
ra, to ra, to ra wird auch auf dem Trägerverband empfangen,
der dadurch weiß, dass die Überraschung geglückt sei.
Amerikanische Funker hören es ebenfalls, sie verstehen jedoch
tora, das japanische Wort für Tiger. Dies führt dazu, dass der
Funkspruch als Tora, tora, tora bekannt wird. So versenken die
Japaner in der Überraschung 12 Schiffe und zerstören 164
Flugzeuge.

L

etztendlich wurden jedoch bis auf die beiden Schiffe
Arizona und Utah alle versenkten amerikanischen
Einheiten wieder gehoben und noch im Zweiten
Weltkrieg wieder eingesetzt. Am schwersten getroffen wurde
die Arizona und sie ist heute eine Gedenkstätte. Das Wrack des
zum Flak-Ausbildungsschiff umgebauten alten Schlachtschiffs
Utah wurde lediglich beiseite gezogen.

D

ie USS Arizona wurde vermutlich bereits von einem
Torpedo getroffen, bevor um 8:10 Uhr eine
Panzersprengbombe zwischen den beiden vorderen
Haupttürmen einschlug. Die Bombe löste eine Kettenreaktion
aus, die zur Explosion der vorderen Hauptmagazine mit über
450 Tonnen Pulver führte. Die gewaltige Explosion hob das
Schlachtschiff 5 bis 6 Meter an, wobei es in zwei Teile
zerbrach.
13

Torpedos/Torpedobomber

40

D

er vordere Teil des Schiffes wurde praktisch
vollständig zerstört, zusätzlich entzündete die
Explosion
ausgelaufenes
Öl
auf
der
Wasseroberfläche. Dabei starben 1177 der 1400 Mann starken
Besatzung, die Hälfte aller amerikanischen Toten des Angriffs,
darunter auch der Kommandant Franklin van Valkenburgh und
Konteradmiral Isaac C. Kidd. Die Arizona brannte noch zwei
Tage nach dem Angriff.

A

m 8. Dezember erklären die USA Japan offiziell den
Krieg. Vier Tage später erklären Deutschland und
Italien, die von dem Angriff ebenfalls überrascht
worden waren, den USA den Krieg, sodass die USA nun in den
zweifrontenkrieg verwickelt wird. Heute wird der Angriff
hingegen in allen Punkten als vollständiger strategischer
Fehlschlag angesehen, der zur Niederlage auf der Achsenseite
führen würde.

I

m Hafenbecken des Perlenhafens verliert die USS
Arizona dagegen immer noch Öl und trauert leise
weinend um den Verlust ihrer Besatzung. In seinem
Rumpf befinden sich noch mehr als 2,000,000 Liter Öl. Aus
diesem Vorrat verlor der Sarkophag im Perlenhafen im Jahr
2006 9.5 quarts (9 Liter) Öl, so dass die eingeschlossene
Menge für 200 Jahrtausenden Trauer für die Angriffsopfer
reiche...

41

42

11

Das Mausoleum der Liebe

D

er erste Anblick war enttäuschend. Eine Unzahl
verhüllender Leinentücher. Als wir die aber entfernt
hatten, sahen wir das Abbild eines knabenhaften
Herrschers auf dem ersten inneren Sarg. Der Goldschmuck
strahlte als sei er soeben aus der Werkstatt gekommen. Kopf
und Hände waren plastisch vollendet ausgeformt, der Körper
dagegen in flachem Relief dargestellt. In den gekreuzten
Händen trug er die königliche Abzeichen: Krummstab und
Wedel, ausgelegt mit blauer Fayence. Das Gesicht strahlte im
puren Gold, die Augen aus Arragonit und Obsidian, die Brauen
und Lider aus dem blauen Lapislazuli verglast. Das bunte
Gesicht wirkte aber starr, maskenhaft und trotzdem lebendig...14

E

inen Blütenkranz zum Schluss legte die junge Witwe
als Liebesgabe auf den Sarg und schaute sich noch
einmal um, vorbei an den Wächterstatuen zu den
Grabbeigaben. Da waren sein Pfeil und Bogen, der kleine
Thron, der zerlegte Streitwagen und andere Jagd-Utensilien,
die der junge Gemahl auf seinen Jagdzügen verwendet hatte.
Dazu seine Dolchklinge, die goldene Sandalen und seine
Kleidung... Dann dreht Anchesenamun sich um und besteigt
die Treppe zum Tal. Das geschieht im April 1323 v. Chr., als
sie die Blüten pflückte...

14

Ägypten für Kenner, von Lothar Wehrle, Veröffentlicht von Ed. Molden,
1984, ISBN 3889190286, 9783889190284

43

T

utanchamun nimmt bei seiner Thronbesteigung den
Thronnamen Neb-cheperu-Re an und wird mit
Anchesenpaaton, der dritten Tochter Echnatons, die
somit seine Schwester oder Halbschwester war, vermählt. Er
ändert seinen Geburtsnamen von Tutanchaton (lebendes Abbild
des Aton) in Tutanchamun (lebendes Abbild des Amun oder zu
Ehren des Amun) und den seiner Gemahlin von
Anchesenpaaton (sie lebt für/durch Aton) in Anchesenamun
(sie lebt für/durch Amun). Echnatons neu gegründete
Hauptstadt Achet-Aton, heute Tell el-Amarna, wird schließlich
im zweiten Regierungsjahr als Residenz aufgegeben und der
Königshof zieht nach Memphis um, und nicht nach Theben,
wie oft fälschlich behauptet wird.

A

ls Howard Carter 1922 das Grab im Tal der Könige
entdeckte, ging die Nachricht davon um die ganze
Welt und entfachte großes Interesse, das lange nicht
abklang. Das Grab, anfangs als ungeöffnet deklamiert, war
relativ unversehrt, wie man bei der Graböffnung am 16.
Februar 1923 feststellen konnte. Tutanchamun, obwohl nur ein
unbedeutender König, hatte eine reichhaltige Menge kostbarer
Grabbeigaben, die viele Ägyptologen im Geiste vervielfältigen,
wenn sie an die geplünderten Gräber bedeutenderer Pharaonen
denken. Als einzige Mumie der ägyptischen Könige befindet
sich die Mumie Tutanchamuns heute wieder in ihrem Grab,
wurde aber - um sie besser vor Umwelteinflüssen zu schützen –
in einen klimatisierten Plexiglassarg umgebettet.

44

W

as Carter aber am meisten bewegt ist der rührende,
kleine Blumenkranz, der Abschiedsgruss der
jugendlichen Witwe an ihren geliebten Mann. Die
drei Bukette aus tropischem Lorbeer wurden bei 62%
Feuchtigkeit und 84 Grad Innentemperatur in einem
Glasschrein in Kairo ausgestellt. Letzte Liebesgrüsse einer
Königin. Seltsam rührend wirkt dieses kleine Geschenk. All die
königliche Pracht, alle königliche Herrlichkeit, alle Glanz und
goldener Schimmer verblasst gegen die armen, verdorrten
Blumen, die noch im matten Schein ihrer einstigen Farben
schimmern15. Sie sprechen am eindringlichsten von der
Flüchtigkeit der Jahrtausende aber sie verwandeln dieses Grab
in ein Mausoleum der Liebe...

15

Ägypten für Kenner, von Lothar Wehrle, Veröffentlicht von Ed. Molden,
1984, ISBN 3889190286, 9783889190284

45

46

12 Adams Mausoleum

U

m 125 vor Christus bedrohen die Salier in der Nähe
ihrer Hauptstadt Entremont die griechischen
Kolonien und greifen römische Legionen auf dem
Durchzug nach Spanien an. Die Griechen rufen ihren
mächtigen Bundespartner zur Hilfe und Rom organisiert in 124
v.C. eine erste Strafexpedition. Die Kelten verteidigen sich
zunächst erfolgreich. Die Römer verlieren einige Soldaten und
ziehen sich zurück. Römische Quellen berichten dass die
Barbaren die Körper der Römer enthaupten und die
mumifizierten Schädel an den Wänden ihrer Heiligtümer und
Häuser nageln.

I

m nachfolgenden Jahr folgt eine zweite Expedition unter
der Leitung des Konsuls Gaius Sextius Calvinus. Die
Truppen marschieren jetzt mit schwerer Artillerie auf,
die 6 Kilogramm schweren Steinkugeln schleudern. Die Römer
postieren diese Waffen auf den Berghängen der Hauptstadt
Entremont und des Heiligtums Roquepertuse. Nach wenigen
Tagen Belagerung geben die Kelten auf und fliehen, während
die Römer Entremont und Roquepertuse vollständig
vernichten. Die Holzkonstruktionen der Bauten stürzen
zusammen und verbrennen. Ein Wiederaufbau wird untersagt
und die Legion gründet in der Nähe eine neue Stadt: Colonia
Aquae Sextia, das heutige Aix en Provence. Die Römer
verbreiten im Keltenland Gallien die Pax Romana. Das Volk
der Salier wird eliminiert und ersetzt durch andere Kelten,
Römer und Griechen. Die Akropolis Roquepertuse wird
vergessen, nachdem der Keltengott die Salier so schmählich im
Stich gelassen hatte und schlummert in der Erde bis 1929.
47

I

n 1923 beginnt der französische Archäologe Henri de
Gérin-Ricard die Ausgrabungen in Roquepertuse, das
inzwischen vollständig unter Laub, Erde und Stein
begraben ist. Die Archäologen finden drei quadratischen
Säulen mit Aussparungen für Menschenschädel, zwei
kopflosen 62cm hohen Buddha-Statuen, eine große
Vogelskulptur in 25 Teilen, eine Vielzahl römischen
Steinkugeln und eine merkwürdige 20cm große Skulptur mit
zwei Gesichtern. Henri de Gérin-Ricard nennt die
zweigesichtige Skulptur “Hermes von Roquepertuse” und seine
Funde werden im Museum Borély in Marseille ausgestellt.

Abb. 2. Hermes von Roquepertuse16

16

Museum Borland in Marseille, Frankreich

48

D

ie menschlichen Gesichter der zweigesichtigen
Skulptur sind etwa 20 cm hoch und in natürlicher
Größe dargestellt. Die Schädel sind bartlos und die
Haartracht wird lediglich mit schwarzer Farbe angedeutet.
Ursprünglich waren die Gesichter mit roter Farbe, die Augen in
Schwarz gemalt. Der größere Schädel ist etwa 7-10 % größer
als sein Partner, und diese Differenz deutet wohl auf ein
androgynes Paar. Zwischen den Schädeln befindet sich eine
dreieckige, keilförmige Geometrie, die Archäologen
normalerweise als Vogelschnabel deuten, aber genausogut ein
Obsidianmesser darstellen könne...

D

er Keltentempel Roquepertuse bildet demnach das
Mausoleum des ersten männlich-weiblichen
Menschen "Adam", erschaffen nach dem Ebenbild
der androgynen Himmelsgottheit Dyæus und erst danach
aufgetrennt hat in Mann und Frau. Genau dieser Moment der
Trennung wird in der Skulptur dargestellt, wobei ein
Obsideanmesser auf einem Altarstein die Verbindung zwischen
Mann und Frau auftrennt. Die Skulptur aus Roquepertuse stellt
deshalb die altertümlichen Schöpfungslegende des ersten
Menschen Adams dar, aber gleichzeitig auch ein Ebenbild des
Schöpfergottes Dyæus.

49

50

13 Ein Mausoleum für das Imperium

E

s gab einmal ein Imperium, wo die Sonne niemals
unterging, auf allen Kontinenten, mit einem Viertel
(37 Millionen km²) der Erdoberfläche und einem
Drittel (ca. 500 Millionen) der damaligen Weltbevölkerung.
Dass Englisch heute die wichtigste Verkehrs- und
Handelssprache der Welt ist, kann man getrost auf die einstige
Bedeutung der Kolonialmacht zurückführen. Den Begriff
„British Empire“ prägte John Dee, der Astrologe, Alchimist
und Mathematiker von Königin Elisabeth I.

D

er Hauptpfeiler der britischen Kolonialpolitik war
es, Konflikte zwischen einzelnen Volksgruppen zu
schüren, um sie daran zu hindern, sich gegen die
Kolonialmacht aufzulehnen. Diese klassische aus Rom
übernommene Teile-und-herrsche-Strategie ist die Ursache für
viele Konflikte der heutigen Zeit, so z. B. in Nordirland,
Indien, Simbabwe, Sudan, Uganda oder Irak. Ein typisches
Beispiel hierfür ist die Mau-Mau-Revolte in Kenia von 1952
bis 1957, als ein kleiner Aufstand sich zu einem blutigen
Stammeskrieg entwickelte. Insgesamt wurden weniger als 100
Weiße getötet, während es bei den einheimischen Stämmen
zwischen 18.000 und 30.000 Opfer gab.

E

in letztes Aufbäumen versuchte das British Empire
im Falklandkrieg, einem bewaffneten Konflikt
zwischen Argentinien und dem Vereinigten
Königreich um die Falklandinseln (auch Malwinen) sowie die
beiden
Nebengebiete
Südgeorgien
und
Südliche
Sandwichinseln zwischen April und Juni 1982.
51

W

enngleich durch den argentinischen Angriff auf die
Inseln überrascht, war Großbritannien schließlich
überlegen. Bemerkenswert ist die Tatsache, dass
die Zahl der Opfer durch Kampfeinwirkung auf beiden Seiten
inzwischen geringer ist als die Anzahl durch Suizid ums Leben
gekommener heimgekehrter Veteranen.

D

er Falklandkrieg von 1982 zeigte wohl am
deutlichsten, dass auch in der westlichen Welt
Konflikte
ganz
schnell
in
kriegerische
Auseinandersetzungen umschlagen können und das auch in
unserer modernen Zeit Politiker immer noch bereit sind, eine
große Anzahl von Menschenleben (ca. 1.000 Tote im
Falklandkrieg) für eine doch recht unwichtige Sache (ein
Stückchen Fels im Südatlantik) zu opfern.

S

einen Höhepunkt erreichte das Imperium 1921 und wo
steht es heute? Heute wird das in wenigen Jahrzehnten
heruntergewirtschaftete Imperium regiert von einer
unfähigen Regierung, deren Beschäftigung sich auf das
Ausfüllen von Spesenformulare beschränkt. Sie regiert in einer
überteuerten Hauptstadt, die regelmässig von Bankenpleiten,
Bombendrohungen und einer unfähigen Verkehrsanbindung
erschüttert wird.

D

as symbolische Mausoleum für dieses bankrotte
Imperium ist das bereits vor der Eröffnung
berüchtigte Terminal 5, das neue Zentrum für das
Heathrow Hassle, in dem der Untergang des Imperiums
regelmässig symbolisch mit einem Zusammenbruch des
Flugverkehrs gefeiert wird.
52

E

inen Höhepunkt erreicht die Inkompetenz jedoch am
27. März 2008 bei der Einweihung des Terminals 5,
wobei Hunderte Flüge abgesagt werden mussten. Für
BA und ihre Tochtergesellschaft, den Flughafenbetreiber BAA,
ist es die Blamage des Jahrhunderts: nach 20 Jahren Planung
und Bauzeit und Kosten von 5,5 Milliarden Euro gelingt es
nicht, die vielgelobte Riesenanlage (von Star-Architekt Richard
Rogers gestaltet) richtig in Betrieb zu nehmen.

Abbildung 2: Übernachtung auf Heathrow Airport

53

B

ei einem Heathrow Hassle werden die
Flugpassagierrechte
mit
EU-Behördlicher
Genehmigung automatisch deaktiviert. Wie im
Reisebericht eines Schweizer Passagiers dokumentiert darf die
British Airways in einem Hassle ihr Personal sofort abziehen
und die Passagiere wie die letzten Kulis ihrem Schicksal
überlassen. Da ein Heathrow Hässle in etwa monatlich
veranstaltet wird, erhält jeder BA-Passagier die Chance noch
einmal den alt-kolonialen Willkür im Mausoleum des
verlorenen Imperiums zu geniessen.

54

14 Das Mausoleum des Wortes

M

iniaturmalereien verdeutlichen die Praxis: In der
einen Hand einen Gänsekiel als Schreibmittel, in
der anderen ein Messer. Die Fälschermönche
benutzten eine scharfe Klinge, mit der sie die Tinte auf dem
Pergament vorsichtig wegkratzten. Dieser Vorgang wurde
Rasur genannt. Während des Schreibens musste der Gänsekiel
ohnehin regelmässig angespitzt werden. Erst im 14. / 15.
Jahrhundert, als die Schriftkunst stark verbreitet wurde, ging
die Häufigkeit der Urkundenfälschungen zurück. Bis zu 50
Prozent der Urkunden aus dem Frühmittelalter sind gefälscht17

W

o in den mittelalterlichen Klöstern soviel gefälscht
wurde, schreckte man auch vor den religiösen
Schriften bestimmt nicht zurück. Antike
Handschriften waren Papyrus- oder Leder-Rollen, die mit rußund harzhaltiger Olivenöl-Tinte beschrieben wurden. Eine
Rolle konnte wegen der Handhabbarkeit nur begrenzte Inhalte
aufnehmen. Die älteste noch erhaltene vollständige Rolle eines
biblischen Buches ist die in Qumran aufgefundene, 7,34 Meter
lange Jesajarolle aus Schafsleder, die um 180 v. Chr. entstand.
Von weiteren Büchern des Tanach18 aus dieser Zeit existieren
vielfach nur noch Fragmente.

17
18

Backnanger Kreiszeitung, Sa. 6. Juni 2009.
Der Tanach ist die Heilige Schrift (Bibel) des Judentums.

55

D

ie Schriftrollen wurden in der Praxis mehrfach
"kopiert".
Die
Auffindung
ausrangierter
Bibelfragmente in der Synagoge von Kairo um
1850, vor allem aber der Schriftrollen vom Toten Meer (1947–
1956 und 1961) brachte die Annahme eines einheitlichen
hebräischen „Urtextes“ teilweise zum Einsturz: Vor und nach
seiner Kanonisierung existierten mehrere voneinander
abweichende Textvarianten des Tanach parallel zueinander,
neben der Septuaginta vor allem der Samaritanische Pentateuch
aus dem 4. Jahrhundert v. Chr.

D

ie neuen Schriftfunde bestätigen aber auch die große
Übereinstimmung der masoretischen Versionen mit
den älteren hebräischen Bibeltexten. Diese Disziplin
bei der Textüberlieferung geht auf ein Gebot in der Tora selbst
zurück: In Dtn 4,2 EU wird streng untersagt, Gottes Wort etwas
hinzuzufügen oder wegzunehmen. Die Annahme eines
Primärtextes hat historische Textkritik jedoch unwiderruflich
widerlegt: Hinter allen bekannten Textfassungen der Bibel und
den meisten ihrer Einzelschriften stehen eine Vielzahl von
Verfassern und Redakteuren, die an der Überlieferung
mitwirkten. Die gemeinsame Version der Masoreten stand erst
am Ende, nicht am Anfang dieses Traditionsprozesses.

Z

u den offensichtlichen Fehldeutungen gehört
sicherlich auch die androgyne Schöpfungslegende,
die im Zohar und in mittelalterlichen GenesisVarianten (z.B. Rashbam's Genesis, Rashi's Genesis) als eine
ganz andere und symmetrische Schöpfungsgeschichte gedeutet
wird.
56

E

in geschichtlicher Vergleich enthüllt gar die
androgyne Schöpfungsgeschichte als eine global
vorhandene Idee. So gesehen kann man den Zohar
wohl als das wahrhaftigere Mausoleum des männlichweiblichen Schöpfungswortes Adam bezeichnen.

D

er Zohar tauchte zuerst gegen Ende des 13.
Jahrhunderts in Spanien auf (Herausgabe in
"Teillieferungen" zwischen 1280 und 1286). Um
seine Herausgabe und Verbreitung hat sich der Kabbalist
Mosche ben Schemtow de León verdient gemacht, der bis 1305
in Kastilien, zuletzt in Ávila lebte. Aufgrund literarischer,
sprachlicher und quellentheoretischer Beobachtungen wurde de
León historisch auch die Autorschaft des Zohar zugeschrieben.

57

58

15 Die Kathedrale der Waffenindustrie
Dieser Bericht folgt die Auszüge aus dem Bericht von
Prof. Helmut Erlinghagen, geb. 1915 in Hagen,
deutscher Augenzeuge in der Zeit von August bis
Oktober 1945 in Hiroshima. 1953 bis 1983 an der
Sophia-Universität in Tokio, danach bis zu seinem Tode
1994 mit Lehrauftrag in Mainz. Prof. Erlinghagen war
als Spätfolge ab 1978 schwer lungenkrank.

I

n diesem Moment, es war inzwischen 8:15 Uhr, blitzte
ein riesiges Licht über dem Zentrum auf, doch im
gleichen Augenblick hatte ich das Gefühl, das Licht,
hundertmal stärker als die Sonne, sei über und um mich. Ein
greller Lichtschein, ähnlich dem Magnesiumlicht, das man
früher bei Blitzlichtaufnahmen benutzte, gelblich-weiß und
gleißend, erfüllte alles. Geblendet wich ich zurück. Plötzlich
fühlte ich eine starke Hitze und warf mich entsetzt auf den
Boden unmittelbar vor dem Fenster, wie wir es oft in Gedanken
trainiert hatten. Ich lag vielleicht zwei oder drei Sekunden da,
als es fürchterlich knallte. Mein Zimmer und das ganze Haus
wurden erschüttert. Ich war über und über mit Glassplittern,
Holzstücken und aus den Wänden gerissenen Lehmbrocken
bedeckt. Ich kroch unter den Schreibtisch und betete. Das ist
das Ende, dachte ich und wartete auf den Gnadentod. Doch
nichts geschah.

59

D

urch tausende von Glassplittern, durch zerborstene
Möbel und zerfetzte Bücher gelangte ich zu der Tür,
die, aus den Angeln gerissen, draußen auf dem
Korridor lag. Zitternd trat ich hinaus, überzeugt davon, dass
den anderen im Haus etwas Entsetzliches widerfahren sei. Bei
mir selbst bemerkte ich keine Verletzungen. Andere kamen aus
ihren völlig verwüsteten Zimmern auf den Gang. Einer blutete
heftig im Gesicht und an den Armen, er hatte, wie er uns später
erzählte, direkt am Fenster gestanden, um der Bombe „ins
Gesicht zu sehen“ – er war Philosoph.

G

egen zehn Uhr wurde der Himmel nicht nur über der
Stadt, sondern auch über uns merkwürdig dunkel.
Bald fielen schwere Regentropfen, die voll von
Schmutz – offenbar Rauch und Asche – waren. Von der ganz
ungewöhnlichen
Dunkelheit
zur
Mittagszeit
eines
Hochsommertages beunruhigt, machten wir uns auf den
Heimweg. Inzwischen strömten immer mehr Menschen vom
nördlichen Teil der Stadt über die Dämme, die sich entlang der
regulierten Bäche der Reisfelder befanden. Zuerst fanden nur
einige der Ausgebombten den Weg zu uns, aber bald waren es
so viele, dass wir nicht mehr wussten, wie wir sie alle
unterbringen sollten. Ich war gerade dabei, Notunterkünfte
anzuweisen, als eine Nachbarin aus dem Tal hereingestürzt
kam und uns dringend um Hilfe bat.

E

inige von uns waren schon zur Hauptverkehrsstraße
geeilt, die etwa zehn Minuten vom Hause entfernt
von Hiroshima nach Norden führte, um dort zu
helfen. So machte ich mich allein auf den Weg zur Nachbarin.

60

E

s war meine erste Begegnung mit den Schrecken der
Verwundeten. In ihrem Haus lagen sie dicht
nebeneinander, Körper an Körper. Aber der Zustrom
ließ nicht nach, sondern wuchs stetig an. Es kamen immer
neue, meistens in geschlossenen Reihen von sieben bis acht
Personen, vorwiegend Frauen, die am Kopf und im Gesicht so
verbrannt waren, dass die Brandblasen sie völlig unkenntlich
machten. Die oberste Haut war verletzt und abgerissen, der
Kopf ballonrund aufgedunsen. Aus dem geschwollenen Mund
hing oft die aufgeblähte Zunge heraus. In den grässlichsten
Farben, rot, violett oder graubraun von Schmutz und Staub,
erschienen sie vor uns. Viele von ihnen konnten wegen der
geschwollenen Fleischteile im Gesicht nicht mehr sehen, sie
hielten deshalb in Gruppen Tuchfühlung zueinander, indem sie
gegenseitig die Hände auf die Schultern legten oder die Arme
einhakten. In ihrem großen Leid halfen sich die Verletzten
gegenseitig, niemand – es waren meist, wie gesagt, Frauen –
wurde allein gelassen. Von zwei anderen unter die Arme
genommen, gingen die Erblindeten klagend, der Orientierung
wegen stets sprechend, oft genug nur im Schmerz vor sich hin
summend, aber immer mit Geduld langsam schlürfend aus der
Stadt. Angekommen auf den vereinzelt am Wegesrand
liegenden Bauernhöfen, brachen ganze Gruppen zusammen,
fielen trotz Zurückweisungen auf die Tatami-Matten oder
einfach in den Hof zwischen der Heckenwand und dem
Bauernhaus.

A

m 6. August 1945 werfen die Vereinigten Staaten
von Amerika auf die japanische Stadt Hiroshima die
erste Atombombe ab. Durch die Explosion und die
frei gesetzte radioaktive Strahlung kommen schätzungsweise
bis zu 150.000 Menschen grausam ums Leben. Etwa 80% der
Stadt Hiroshima werden zerstört.
61

U

m 8.13 Uhr erhält die Besatzung des Boeing B 29Bombers „Enola Gay“ von General Carl A. Spaatz,
dem Oberbefehlshaber der US-Luftwaffe im Pazifik,
den Befehl, einen Nuklearsprengsatz über Hiroshima
abzuwerfen. Zwei Minuten später detoniert die Atombombe,
mit einer Sprengkraft von 12.500 t TNT in 580 m Höhe über
der Stadt Hiroshima. Obwohl die Amerikaner von der Wirkung
der Atombombe selbst überrascht sind, werfen sie drei Tage
später, am 9. August die zweite Bombe auf die Stadt Nagasaki
ab. Die um 12 Uhr mittags über Nagasaki explodierte Bombe
hat eine Sprengkraft von 22.000 t TNT, also beinahe die
doppelte Sprengkraft der Bombe, die über Hiroshima
abgeworfen wurde.

I

m Ruhestand schreibt Truman, Jahre später, über seinen
Befehl für den Abwurf der Atombombe über Hiroshima:
„Als ich meine diesbezüglichen Weisungen erteilte,
machte ich es zur Bedingung, dass die Bombe als Kriegsmittel
im Rahmen der Landkriegsordnung einzusetzen sei.“ Mit
anderen Worten, die Bombe musste auf ein militärisches Ziel
abgeworfen werden. Was dabei herauskam, war jedoch die
Vernichtung der Stadt Hiroshima. Wegen der Berücksichtigung
des Wetters und operativer Umstände räumte Präsident Truman
seinem General eine gewisse „Freiheit“ ein.

D

ie Kathedrale von Nagasaki war bis zur Verwüstung
die größte Kirche des Fernen Ostens. Deshalb ist
wohl angebracht die verwüstende Bombe als
Kathedrale der Waffenindustrie zu bezeichnen.

62

16 Mausoleum der Kreationisten

S

obald man den Flachbau des Instituts for Creation
Research (ICR) mit angeschlossenem Museum der
Schöpfung und Erdgeschichte betritt, reduzieren sich
alle Toleranzen auf Null. Die wissenschaftliche Zweifel am
Alter unseres Planeten verschwinden. Der Leiter John Morris
ist Professor der Geologie und kann erklären, warum das
Universum nicht vor 15 Milliarden sondern 4121 Jahre vor
Christus (mit einer Bandbreite von 49,7 Jahre) entstanden sei
und dass die Arche genau 7877 Paare rettete...19

T

atsächlich glauben 48% der US-Bevölkerung
buchstäblich was im Buch Genesis geschrieben steht.
Gar 70% sind der Meinung, dass die
Schöpfungswissenschaft
gleichberechtigt
mit
der
Evolutionslehre unterrichtet werden soll. Um zu verhindern,
dass Kinder mit falschen Tatsachen gefüttert werden, verleimen
die Schulbehörden in Kentucky unvertretbare Buchseiten, die
eine Theorie des Urknalls dokumentieren. In Georgia wurden
17 Seiten mit der Kreationistenlehre aus dem Schulbuch
"Changing Earth" entfernt. In Florida wurde vor wenigen
Jahren noch die Genesisgeschichte wochenlang als objektive
Tatsache gelehrt.

19

Info: Geo Wissen, Heft September 1998, ISSN: 0933-9736

63

J

ohn Morris ist Kreationist und analysiert die
Gesteinsproben aus dem Grand Canyon. In Buche
"Noahs Arche - eine Machbarkeitsstudie" berechnet der
Geologe John Woodmorappe die genaue Parameter für die
Arche: 411 Tonnen Biomasse, 1990 Tonnen Trockenfutter,
21800
Kubikmeter
Heu,
7060
Kubikmeter
Sonnenblumenkernen und 4,07 Millionen Liter Süßwasser.
Zudem wurden täglich auf der Arche 12 Tonnen Exkremente
produziert...

E

s ist schier unglaublich, was sich alles genau aus der
Genesis ableiten lässt. Deshalb kann man das ICR
getrost als Mausoleum der Genauigkeit einstufen.
Dem ICR wurden folgende Siegel verliehen:


Independent Charities Seal of Excellence
ECFA-Mitgliedschaft (Evangelical Council for
Financial Accountability)
Vier Sterne vom Charity Navigator

I

n ICR-online stehen Hunderte von wissenschaftlichen
Studien als Beweismaterial zur Verfügung20. Bei soviel
geballter Wissenschaftskraft und Genauigkeit ist
eigentlich merkwürdig, dass ICR-Dokumente bei einer GoogleSuche nicht grundsätzlich an erster Stelle aufgeführt werden.

20

http://www.icr.org/evidence/

64

17 Das Mausoleum des Lebens

A

uf den Punkt gesehen gestaltet sich jedes Leben als
eine perfekt kontrollierte Explosion von Zellen.
Zunächst einmal wird festgelegt, was oben, unten,
vorne und hinten sei. Wie sonst auch sollte man wissen, wo
man Kopf oder Schwanz ansetzen soll. Tatsächlich beginnt das
Leben förmlich mit der Auslegung eines Koordinatensystems.
Zumindest gilt das für die Fruchtfliege Drosophila
melanogaster und für den Fadenwurm Caenorhabditis elegans.
Bei der Fruchtfliege kennt ja bereits die unbefruchtete Eizelle
im Mutterleib das dreidimensionale Koordinatensystem ihrer
Gestalt21.

Z

ur Ortsbestimmung legt das Muttertier der
Fruchtfliege vier Substanzen ab, die im Ei an
strategisch bedeutsamen Stellen platziert werden.
Vorne ist zum Beispiel immer dort, wo der Signalstoff "bicoid"
sich befindet. Zwei dieser Signalstoffe markieren die
gegenüber liegenden Polen des Eies, der dritte beide Pole und
der vierte markiert die Bauchposition der Drosophila. Nach der
Befruchtung lösen diese Signalstoffe eine Nachrichtenkaskade
aus, wobei die Gene zum richtigen Zeitpunkt und Ort aktiviert
werden. Zunächst wird dabei die Grobeinteilung des Körpers
festgelegt. Die Kaskade erreicht einen Höhepunkt, wenn die
sogenannte Hox-Gene die Kontrolle übernehmen. Die HoxGene werden in vielen Organismen für die vergleichbaren
Körperfunktionen herangezogen und befinden sich auf dem
DNS-Faden in Blöcken an zentraler Stelle.
21

Informationsbasis: Geo Wissen, März 1998,
ISBN 3-570-19170-2, ISSN 0933-9736

65

B
A

ereits drei Stunden nach der Befruchtung liegt der
Masterplan der Konstruktion genau fest und kennt
jede der bis dahin vorhandenen 6000 Zellen ihre
Aufgabe im erwachsenen Insekt.
uch beim Menschen entstammen Eizelle und
Samenzelle keiner gewöhnlichen Zellteilung,
sondern einer Reduktionsteilung und verfügen nur
über einer einfachen Erbgutinformation. Im Fusionsprodukt
bildet sich dann der menschliche Zellkern mit dem 2 Meter
langen DNS-Faden innerhalb einer winzigen Kugel mit einem
Durchmesser eines Hundertstelmillimeters. Dieser Zellkern
enthält die Bauanleitung für das neue Leben. Für den
erwachsenen Menschen unterscheidet man dabei etwa 350
unterschiedlich spezialisierte Zelltypen, die mit der gleichen
Bauanleitung hergestellt werden müssen.

B

ei genauer Betrachtung ist es ziemlich belanglos
welche Tierart wir als symbolisches Mausoleum des
Lebens auswählen. Ein bescheidener Mensch wird
als Mausoleum des Lebens die Fruchtfliege vorschlagen, die
sich in nur zehn Tagen zur eindrucksvollen Endstufe entwickelt
und die uns dafür vielleicht Jahrmillionen überlebt. Andere
werden in ihrer Hybris den Homo Sapiens als eine besondere
Schöpfungsvariante mit 100 Billionen spezialisierten
Einzelzellen betrachten, die sich jedoch vielleicht wie die
Mammuts in wenigen Jahrzehnten als Tierart von diesem
Planeten endgültig verabschieden wird...

66

18 Das Mausoleum der Giftküchen

I

n Zentralindien ist am 3. Dezember 1984 der Teufel
auferstanden und hat eine Hölle entzündet, in dem
mehrere Tonnen giftiger Stoffe in die Atmosphäre
entlassen wurden. Es sollte die bisher schlimmste
Chemiekatastrophe der Geschichte werden, in dem Tausende
von Menschen an den unmittelbaren Folgen der Havarie
starben. Das austretende Gifgas verursacht bei Exposition
normalerweise Verätzungen der Schleimhäute, Augen und
Lungen, jedoch wurden bei Opfern dieses Unfalls vielfach
auch schwere Verätzungen innerer Organe gefunden.
Schätzungen der Opferzahlen reichen von 3.800 bis 20.000
Toten durch direkten Kontakt mit der Gaswolke sowie bis zu
500.000 Verletzten, die mitunter bis heute unter den Folgen des
Unfalls leiden. Es lebten damals etwa 100.000 Menschen in
einem Radius von einem Kilometer rund um die Pestizidfabrik.
Die indischen Behörden hatten die Ansiedlung rund um die
bestehende Fabrik zunächst geduldet, später sogar mit der
Übertragung des Landes an die Bewohner legalisiert. Tausende
erblindeten, Unzählige erlitten Hirnschäden, Lähmungen,
Lungenödeme, Herz-, Magen-, Nieren-, Leberleiden und
Unfruchtbarkeit. Später kamen Fehlbildungen an neugeborenen
Kindern hinzu.

A

b 1977 hatte der Konzern Union Carbide in Bhopal
(Zentralindien) pro Jahr zunächst 2.500 Tonnen des
Schädlingsbekämpfungsmittels Sevin produziert.
Da die Verkäufe von Sevin in Indien Anfang der 80er-Jahre
aber rückläufig waren, hatte man Sparmaßnahmen zur
67

Kostensenkung durchgeführt, wie z. B. die Einsparung von
Personal, Verlängerung von Wartungsintervallen, Verwendung
billiger Austauschteile aus einfachem Stahl anstelle von
Edelstahl.

Z

um Zeitpunkt des Unglücks fand aufgrund von
Überkapazitäten keine Produktion statt. Es wurden
lediglich
Wartungsund
Kontrollarbeiten
durchgeführt. Nachdem bei Reinigungsarbeiten Wasser in
einen Tank für Methylisocyanat (MIC) eingedrungen war, kam
es zu einer exothermen Reaktion, bei der so viel
Kohlenstoffdioxid freigesetzt wurde, dass sich der
Tankinnendruck stark erhöhte und zwischen 25 und 40 Tonnen
MIC sowie andere Reaktionsprodukte (vor allem
Dimethylamin,
1,3,5-Trimethylisocyanurat,
1,3Dimethylisocyanurat) durch die Überdruckventile in die
Atmosphäre entwichen. Der gesamte Tankinhalt verflüchtigte
sich innerhalb von weniger als zwei Stunden.

O

bwohl zur Sicherung der Lagerung des MIC bei 0
°C ein separates Kühlsystem installiert war, war dies
seit etwa fünf Monaten vor dem Unfall abgeschaltet;
nach nicht weiter verifizierbarer Quellenlage möglicherweise,
weil
die
verwendeten
Fluorchlorkohlenwasserstoffe
anderweitig benötigt wurden. Ein Natronlaugenwäscher zur
Beseitigung auftretender Gase war nicht nachweisbar
funktionsbereit. Eine Gasfackel zur Beseitigung aus dem
Wäscher austretender Gase war seit drei Monaten abgeschaltet
und die Verbindungsrohre zwischen ihr und dem Wäscher
waren offenbar aus Wartungsgründen demontiert.

68

A
D

lle diese Sicherungssysteme wären allerdings selbst
bei einwandfreier Funktion nicht im entferntesten
geeignet gewesen, einen derartigen Störfall
abzufangen.
ie offiziellen Berichte geben Anlass zur Vermutung,
dass außerdem das Anlagenpersonal reduziert und
die Sicherheitsausbildung aus Kostengründen stark
vernachlässigt gewesen seien. Die Alarmsirene sei zunächst
abgeschaltet worden, um die Bevölkerung nicht zu
beunruhigen. Schließlich seien die Tanks an Standards
westlicher Industrienationen gemessen zu groß und überfüllt
gewesen (Füllstand zum Zeitpunkt der Katastrophe zwischen
70 und 87 %). Vergleichbare Anlagen arbeiten mit Tanks unter
20.000 l und mit einer maximalen Füllmenge von 50 % der
Gesamtkapazität. Mitverantwortlich für die hohe Anzahl der
Opfer ist auch die Tatsache, dass die meisten Betroffenen in
Richtung des Krankenhauses flohen und somit mitten in die
Wolke hinein; Katastrophenpläne existierten nicht.

F

ür die Sicherheitsmängel in Bhopal und die daraus
resultierenden Folgen wurde niemand persönlich vor
der Justiz zur Verantwortung gezogen. Der damalige
Vorstandsvorsitzende von Union Carbide, der nach der
Giftgaskatastrophe aus den USA nach Indien geflogen und
unmittelbar nach seiner Ankunft verhaftet worden war, kam
gegen eine Kaution von 2.000 Dollar frei und entzog sich einer
möglichen Bestrafung durch Flucht in die USA.

69

U

nion Carbide hatte das Chemiewerk aus finanziellen
Gründen in ein Niedriglohnland mit niedrigen
Sicherheitsvorschriften verlegt. Die indische
Regierung wollte Schadensersatz von 3 Milliarden US-Dollar
vom Chemieunternehmen haben, das dagegen Rechtsmittel
einlegte. Der Chemieriese zahlte nach zähen Verhandlungen
und gegen Verzicht auf Strafverfolgung letztlich durch ein am
14. Februar 1989 vom Obersten Gericht Indiens gefälltes Urteil
470 Millionen Dollar (damaliger Jahresumsatz der Firma: 9,5
Milliarden Dollar) an den indischen Staat, der das Geld jedoch
nur in geringen Teilen für die Opfer aufwendete. Weitere 250
Millionen US-Dollar zahlten Versicherungen. Aber selbst wenn
die Opfer dieses Geld voll erhalten hätten, hätte es zur
Deckung der Behandlungskosten der Betroffenen kaum
gereicht. Viele Betroffene leiden noch heute unter den Folgen
der Verletzungen und Vergiftungen.

E

in Grund dafür ist auch, dass der Mutterkonzern Dow
Chemical sich bis heute weigert, das von Union
Carbide ehemals genutzte Industriegelände von den
hochgiftigen Überresten zu befreien und so den Gifteintrag in
Luft und Grundwasser zu beenden. Die Sanierung des mit
Quecksilber und krebserregenden Chemikalien vergifteten
Geländes ist bis heute nicht erfolgt, obwohl nach einer
Greenpeace-Studie die Kosten lediglich in der Größenordnung
von 30 Millionen Dollar lägen. Alle Auslieferungsgesuche der
indischen Regierung für den zum Zeitpunkt des Unglückes
amtierenden Vorstandsvorsitzenden von Union Carbide,
Warren Anderson, wurden von den USA abgelehnt.

70

A

us diesem Grund ist es ja wohl angebracht, das
ehemals von Union Carbide mit Quecksilber und
krebserregenden Chemikalien vergifteten Gelände
mit den hochgiftigen Überresten als das Mausoleum der
Giftküchen zu benennen22.

22

Quellennachweis: Die zu diesem Bricht benötigte Infomation stammt aus
dem Wikipedia-Eintrag Katastrophe von Bhopal

71

72

19 Mausoleum der zerstörten Umwelt

A

uf der Insel entwickelte sich zunächst eine streng
geschichtete Gesellschaft mit 10 unabhängigen
Stämmen (máta), die mit verschiedenen Teilen der
Insel assoziiert waren, obwohl es keine definierten Grenzen
gab. Besiedelt wurde zunächst nur die Küstenregion. Ab etwa
1100 n. Chr. begann die Konstruktion großtechnischer
Bauwerke, der Zeremonialplattformen, der steinernen Statuen,
von Zisternen und Beobachtungstürmen (turtle towers).

D

ie heute vorherrschende Vegetation entspricht nicht
der ursprünglichen. Sie ist das Ergebnis massiver
menschlicher Eingriffe in das Ökosystem.
Archäobotanische Befunde belegen, dass die Insel einst dicht
mit Palmwäldern der Gattung Jubaea, einer nahen Verwandten
der Honigpalme Jubaea chilensis, bedeckt war. In Proben
wurde nachgewiesen, dass eine Entwaldung über einen
längeren Zeitraum ab dem Jahr 1010 (± 70 Jahre) stattfand.
Man schätzt, dass in dieser Zeit mehr als 10 Millionen Palmen
auf der Insel gefällt wurden. Der Verlust des Palmenwaldes, der
die Kulturpflanzen vor dem ständig wehenden Wind und vor
Austrocknung geschützt hatte, führte zu einer umfangreichen
Bodenerosion, die wiederum entscheidende Auswirkung auf
die Nahrungsmittelversorgung und damit auf den rapiden
Rückgang der Bevölkerung gehabt haben dürfte.

73

N

achdem der Boden zunächst oberflächenschonend
bearbeitet wurde, ist spätestens ab 1300 n. Chr. eine
radikale
Entwaldung
mit
zunehmender
Bodenerosion nachgewiesen. Dies führte zur Aufgabe von
Siedlungen. Anschließend wird vermehrt auch das Inselinnere
besiedelt, ohne Zugang zu der wichtigen Nahrungsquelle Meer.
Nach 1425 ist ein höchst intensivierter Landbau unter Nutzung
innovativer
Möglichkeiten
(mit
Mauern
geschützte
Kleinstanbauflächen, Steinmulch) feststellbar, der aber mit dem
Zusammenbruch der Stammesgesellschaft in der ersten Hälfte
des 17. Jahrhunderts wieder aufgegeben wird.

A

b etwa 1500 bis zum Eintreffen der Europäer kommt
es zu vermehrten Überfällen und Stammeskriegen
unter Anwendung neuartiger Waffen (mata’a = mit
scharfen
Obsidianspitzen
versehene
Kurzspeere).
Wahrscheinlich breitet sich auch Kannibalismus aus. Die
Kriegerkaste gewinnt an Einfluss. Wie aus archäo-biologischen
Untersuchungen von Abfallhaufen der Siedlungen erkennbar
ist, nimmt die Zahl und Artenvielfalt der Seevögel nach 1650 n.
Chr. als Nahrungsquelle rapide ab.

I

hren heutigen Namen erhielt die Osterinsel von dem
Holländer Jakob Roggeveen, der im Auftrag der
Westindischen Handelskompanie am Ostersonntag, dem
5. April 1722 mit drei Schiffen dort landete. Er nannte sie
Paasch-Eyland (Osterinsel), nach dem Tag der Entdeckung. An
der Expedition nahm der Mecklenburger Carl Friedrich
Behrens teil, dessen in Leipzig verlegter Bericht die
Aufmerksamkeit Europas auf die bis dahin unbekannte Insel
lenkte.

74

A

b Mitte des 17. Jahrhunderts kommt der Bau
monumentaler Bildwerke zum Erliegen. Ab dem
Ende des 17., spätestens in der ersten Hälfte des 18.
Jahrhunderts werden die Kultplattformen durch die Insulaner
selbst systematisch zerstört und die Statuen umgeworfen.

E

s kommt zu einem völligen Verfall der tradierten, auf
der Ahnenverehrung fußenden Kultur. Es ist heftig
umstritten, wo die Wurzeln für diesen Kulturverfall
zu suchen sind, die Mehrzahl der Forscher geht jedoch heute
davon aus, dass die Probleme von den Insulanern selbst
verursacht wurden. Derzeit sehr populär ist die von Jared
Diamond23 publizierte These des Raubbaus an den natürlichen
Ressourcen, der zur Störung des ökologischen Gleichgewichtes
auf der isolierten Insel geführt hat.

M

an schätzt, dass die Osterinsel zur Zeit der
Kulturblüte im 16. und 17. Jahrhundert etwa
10.000 Einwohner hatte. Als Folge der vom
Menschen ausgelösten ökologischen Katastrophe, der
Nahrungsknappheit und kriegerischer Auseinandersetzungen
reduzierte sich diese Zahl auf etwa 2.000 bis 3.000 vor Ankunft
der Europäer. Die Deportation als Zwangsarbeiter nach Peru
verringerte die Einwohnerzahl auf etwa 900 im Jahre 1868 und
die von den wenigen Rückkehrern eingeschleppten
Krankheiten führten zu einem weiteren Bevölkerungsrückgang.
23

Jared Diamond: Kollaps. Warum Gesellschaften überleben oder
untergehen, Frankfurt am Main 2005, S. 103 ff.

75

D

ie Ausbeutung der Insel durch die intensive
Schafzucht eines europäischen Konsortiums hatte
ein Zurückdrängen der Einwohner auf ein
Siedlungsgebiet mit geringer Ausdehnung im Nordwesten der
Insel zur Folge. Dieser Interessenkonflikt führte dazu, dass 168
Bewohner im Jahr 1871 mit Hilfe von Missionaren
auswanderten. 1877 betrug die Einwohnerzahl nur noch 111.
Danach erholte sich die Bevölkerung langsam. 1888, im Jahr
der Annexion durch Chile, wurden 178 Einwohner gezählt.

Z

u Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts gab es
– insbesondere unter der jungen Bevölkerung – den
verbreiteten Wunsch, die Insel zu verlassen.
Entsprechende Bestrebungen wurden jedoch von der
chilenischen Militärverwaltung unterbunden. Erst in den
1950er Jahren besserten sich die Lebensumstände und auch die
Einwohnerzahl nahm zu. 1960 wurden bereits über 1.000
Einwohner gezählt. Heute hat die Osterinsel, nach einer
Zählung aus dem Jahr 2002, wieder 3.791 Einwohner, die
hauptsächlich vom Tourismus leben und aus dem Mutterland
Chile zugewandert sind.

W

egen der unbegrenzten Raubbau der weltweiten
natürlichen Ressourcen und Störung des globalen
ökologischen
Gleichgewichtes
bildet
die
Osterinsel ein bedeutsames Sarkophagmodell für eine
gescheiterte Ökologie und für die Zerstörung der eigenen
globalen Umwelt.

76

20 Das Castrum doloris der Justiz

B

ald nach dem zweiten Zaun wird aus der
Asphaltstraße eine Schlagloch-Sandpiste. Der
Taxichauffeur stöhnt etwas Unanständiges vor sich
hin und steigt hart in die Eisen. Einige Soldaten in Tarnanzug
springen gerade aus dem Gebüsch, stutzen, grüßen und
verschwinden auf der anderen Seite im Gestrüpp. Später
staunen die Fahrgäste über ein Übungsgelände mit
Schießstand, Kletterwänden und exerzierenden Soldaten...
Noch mehr Gründe zum Fluchen hat jedoch sicherlich der
Fahrer des großen Busses, der wenig später sein klimatisiertes
Gefährt über diese Piste steuert.

D

er Ostzipfel, 40 Kilometer von der Stadtgrenze
entfernt, ist die heißeste Ecke der Insel. In diesem
Sperrgebiet gedeihen unter brütender Sonne nicht
nur Gestrüpp, Agaven und Kakteen, sondern auch
absonderliche Foltermethoden und politische Albträume. Der
Weg ins Dorf führt über eine Kontrollstelle, an dem die
Wachposten Pässe prüfen, bevor sie die Weiterfahrt gestatten.
Der Aussichtspunkt befindet sich auf dem Gelände des Hotel
Caimanera, von wo man den Blick über die Bucht schweifen
lassen kann. Am Meer zeichnet ein kleines Museum die
Geschichte der Basis und zeigt Fotos von Soldaten, die dem
Feind ihren nackten Hintern in die Kamera recken und vor den
Gegnern mit ihren Waffen herumfuchteln.

77

S

alzfelder, die tiefe Furchen in die Erde gegraben haben
und der Gegend eine bizarre Rauheit verleihen,
umgeben Caimanera. Der Ortsname ist von den
Krokodiltejus bezeichneten Echsen abgeleitet, die einst die
Gegend durchstreiften. Das Dorf ist jetzt Sperrgebiet aber vor
der Revolution war es ein Sodom & Gomorra, in dem sich die
benachbarten Soldaten reihenweise in den Bars, Spielhöhlen
und Bordellen vergnügten und das taten, was die Prediger
ihnen im biblischen Vaterland verflucht, verboten und
verdammt hatten...

E

in weiterer Aussichtsturm befindet sich im Mirador
Malones auf der östlichen Spitze der Bucht nahe
Boqueron. Dort, auf der Spitze eines steilen, von
staubigen Kakteen und grauem Buschwerk bewachsenen
Hügels, kann man auf einem für die Touristen hergerichteten
Plattform mit Leistungsstarken Fernrohren den Gegner und die
Aussicht über die unglaublich karge Landschaft und eine
erbarmungslose Wüste mit den darüber schwebenden Geiern
genießen.

D

ahinter liegt dann das leuchtende Meer. Für die
Touristen gibt es ein Freiluft-Restaurant mit
Natursteinmauer und roter Bougainville. Mit dem
bloßen Auge sind gut der Grenzverlauf mit dem hell braunen
Kolonnenweg in Schlangenform, auf dem Stützpunkt Gebäude
und große weiße Behälter sowie Buchten und der karibische
Atlantik zu erkennen. Wer das US-Lager mit den TalibanGefangenen ohne Sehhilfe entdecken will, muss scharfe Augen
oder ein wenig Fantasie haben. Das Personal der Gaststätte, die
zur staatlich-militärischen "Gaviota"-Kette gehört, hilft bei der
Einstellung des schwenkbaren Fernrohrs. "Da ganz hinten die
Gebäude, die gehören zum Gefängnis".
78

W
D

eiter rechts sind auch Straßen, Autos mit Soldaten,
Wohnhäuser und Bepflanzung zu erkennen.
Besonders US-Touristen finden es aufregend, dass
sie von Kuba aus mit einem Riesenfernrohr "made in the USA"
ihre Landsleute in Uniform beobachten können.
ie Geschichte der Enklave reicht zurück in die Zeit
der Unabhängigkeitskriegen und der ersten
Feindseligkeiten. Mit dem 1901 unterschriebenen
Platt Amendment nötigte der mächtige US-Riese den
benachbarten kubanischen Zwerg zum Verkauf oder zur
Abtretung des benötigten Landes um "die Gewährleistung der
Unabhängigkeit zu ermöglichen". Vorrangiges Ziel war jedoch,
den gerade im Bau befindlichen Panamakanal vor etwaigen
Seeangriffen zu schützen.

V

om Rest der Insel getrennt durch 28 Kilometer
Stacheldraht und 44 Wachtürme, hat sich seit 1903
vertraglich abgesichert der "Klassenfeind" auf der
größten Karibikinsel breit gemacht. In der Region herrscht
Grenztourismus wie früher im Kalten Krieg an der Berliner
Mauer. Doch diesmal befindet sich der Aussichtspunkt mit
Gaststätte und Fernrohr im Sozialismus.

A

ls jährliche Pacht wurden 2000 Goldmünzen
festgesetzt, was heute weniger als 1 Cent pro Qm.
Land entspricht. Bemerkenswerterweise hat Fidel
Castro keinen einzigen Check der US-Regierung für den
Pachtzins eingelöst und diese Scheine stattdessen auf seinem
Schreibtisch gestapelt. Nachdem Kuba den US-Stützpunkt in
den 1960er Jahren vom Strom- und Wassernetz abkoppelte,
wird dieser seither von den USA aus mit Schiffen und
Flugzeugen versorgt. Eine eigene Entsalzungsanlage produziert
Trinkwasser.
79

E
I

in Computerexperte aus Barcelona meint im
"Gaviota"-Restaurant: "Guantánamo ist ein Stück
Weltgeschichte. Man muss es gesehen haben, um das
alles zu glauben."
n Guantánamo werden über 600 Gefangene aus über 40
Ländern festgehalten, die sich dort teilweise bereits über
ein Jahr befinden. Angeblich würden, so das Pentagon,
in das Lager nach Kuba nur die gefährlichsten der gefährlichen
al-Qaida- oder Taliban-Kämpfer gebracht, um verhört zu
werden. Die Gefangenen haben keine Rechte, beispielsweise
auf einen Rechtsbeistand oder auf einen Prozess, sie werden
völlig willkürlich festgehalten und nach Belieben, wenn
überhaupt, wieder freigelassen. Selbst der Status von
Kriegsgefangenen wurde ihnen verwehrt.

A

m 29. Juni 2006 hat der Oberste Gerichtshof der
Vereinigten Staaten entschieden, dass die
Militärtribunale im Gefangenenlager Guantánamo
nicht rechtens sind. Sie verstoßen gegen die Genfer
Konvention, das US-Militärrecht und die amerikanische
Verfassung. Präsident George W. Bush habe seine
Kompetenzen überschritten, urteilten die Richter im Prozess
um Salim Ahmed Hamdan, der von Lieutenant Commander
Charles Swift vertreten wurde.

D

er Europarat hat am 9. Januar 2007 eine sofortige
Schließung des US-Lagers Guantánamo gefordert.
Das Lager sei eine eklatante Verletzung der
Menschenrechte, ein Schandfleck für die USA sowie eine
Behinderung des weltweiten Kampfes gegen den Terrorismus,
so der Generalsekretär der Staatenorganisation, Terry Davis.
Terrorverdächtige Personen sollten entweder vor ordentliche
Gerichte gestellt oder freigelassen werden.
80

N

ach
fünf
Jahren
des
Bestehens
des
Gefangenenlagers wurden lediglich vier Gefangene
angeklagt und nur einem davon, David Hicks, der
Prozess gemacht. Eine Untersuchung der Pentagondokumente
ergab, dass 55 % der nach Guantánamo verbrachten Häftlinge
keiner feindseligen Handlung gegen die USA beschuldigt
werden. Nur 8 % werden beschuldigt, für eine terroristische
Gruppierung gekämpft zu haben. 86 % wurden von der
Nordallianz oder pakistanischen Behörden gefangen
genommen und an die US-Streitkräfte übergeben, als diese
hohe Kopfgelder für die Verhaftung von vermutlichen
Terroristen zahlten.

A

ls eine seiner ersten Amtshandlungen als neuer
Präsident der Vereinigten Staaten hat Barack Obama
am 20. Januar 2009 die Aussetzung aller Verfahren
vor dem Militärtribunal verfügt. Die neue Regierung will die
Rechtmäßigkeit der Verfahren überprüfen lassen. Zwei Tage
später unterschrieb er ein Dekret zur Schließung des
Gefangenenlagers innerhalb eines Jahres und ein Dekret zum
Verbot „harter Verhörmethoden“. Außerdem befahl er mit
sofortiger
Wirkung
die
Schließung
aller
CIAGeheimgefängnisse („black sites“). Man wolle sich zukünftig
an die Genfer Konventionen zum Umgang mit
Kriegsgefangenen halten. Zu diesem Zeitpunkt befanden sich
auf Guantánamo noch 245 Häftlinge in Gewahrsam.

D

ie ursprüngliche militärische Bedeutung des
Stützpunktes für die USA als Nachschubbasis für
den Kohle-, Wasser- und Munitionsbedarf der
Dampfschiffe der US-Flotte ist mit Ende der Dampfschifffahrt
nicht mehr gegeben.
81

D

ie jüngste Nutzung als Gefangenenlager hängt damit
zusammen, dass die zivile Gerichtsbarkeit der USA
auf das vom Militärrecht bestimmte Gelände
außerhalb des US-Territoriums keinen unmittelbaren Zugriff
hat. Auf dem Punkt gebracht darf man somit die Guantánamo
Bay Naval Base getrost als Castrum doloris der USdemokratischen Justiz einstufen.

82

21 Das Mausoleum des Dichters

D

er Pilot des Jagdgeschwaders 200 habe das
französische Hoheitszeichen am Flugzeug gesehen,
sei eine Kurve geflogen und habe sich hinter den
Gegner gesetzt. Dann habe er den Dichter abgeschossen:
"Es ist in der Nähe von Toulon passiert, er flog unter
mir. Ich war über der See auf einem Aufklärungsflug.“

D

er französische Luftwaffenpilot hatte mit 44 Jahren
bereits ausgedient und war nach einem Unfall 1943
sogar ausgemustert worden. Durch seinen guten Ruf
war es ihm jedoch möglich, sich für eine begrenzte Zahl von
Aufklärungsflügen zu reaktivieren. Diese unternahm er zuerst
vom inzwischen amerikanisch besetzten Sardinien aus, dann
vom zurückeroberten Korsika.

E

r hatte bereits viele Notlandungen auf anderen
Planeten gemacht und notlandenden Flieger gerettet.
Diesmal würde er nicht mehr landen müssen. Denn
auf den Punkt gebracht war er doch ein Pilot, der nur nebenher
geschrieben und gedichtet hatte. So war es nun Zeit den
kleinen Jungen wieder aufzusuchen, den es von einem
Asteroiden auf die Erde verschlagen hatte und mit ihm zu
diskutieren über die Rose, über den Baobab und über die
Schlange mit dem verschlungenen Elefanten...

83

D

enn das Testament des Dichters ist doch vor allem
die verzweifelte Auseinandersetzung mit der ihn
bedrückenden
Situation
des
geknebelten
Frankreichs, seinem Unbehagen im utilitaristisch denkenden
Amerika und nicht zuletzt seinem schlechten Gewissen
gegenüber seiner in Frankreich zurückgelassenen Frau – der
„Rose“ des „kleinen Prinzen“.

A

m 31. Juli 1944 war Saint-Exupéry morgens auf
Bastia (Korsika) zu seinem planmäßig letzten
Aufklärungsflug in einer Lockheed P-38 Lightning
in Richtung Grenoble gestartet, kehrte aber nicht zurück und
blieb verschollen. Als Ursache seines Verschwindens wurden
verschiedene Möglichkeiten ins Auge gefasst: Abschuss,
technischer Defekt, aber auch Selbstmord, denn diesem Flug
sollten keine weiteren folgen und Saint-Exupéry war stark
depressiv, wie seine Briefe aus der Zeit belegen.

1
1

948 schrieb Hermann Korth, ein Pfarrer aus Aachen,
an Saint-Exupérys Verleger Gaston Gallimard, dass ein
Kriegstagebuch für den 31. Juli 1944 den Eintrag
enthalte „Anruf Tribun Kant Abschuss I Aufklärer brennend
über See. Aufklärung Ajaccio unverändert.“
998 fand dann der Fischer Jean-Claude Bianco SaintExupérys Silberarmband im Meer östlich der Île de
Riou 24, südlich von Marseille. Es trägt eine Gravur mit
seinem Namen und der Inschrift: Reynal & Hitchcock.

24

Genaue GPS-Koordinaten: 43° 10' 30" N, 5° 24'10" O.

84

E

rst im Jahr 2000 wurden von Luc Vanrell Teile der
Maschine auf dem Grund des Mittelmeers in der
Nähe der Île de Riou geortet, im Herbst 2003
geborgen und 2004 anhand einer von Hand im Turbolader eines
der beiden Motoren eingravierten Nummer „2734“
identifiziert.

D

ie Fundstelle liegt weit westlich der vorgegebenen
Flugroute von Saint-Exupérys Aufklärungsflug.
Vermutlich wollte Saint-Exupery eigenmächtig
Aufklärungsfotos von Marseille machen und so eine weitere
Verwendung bei den Luftstreitkräften erzwingen. Die
Wrackteile wurden im Juni 2004 dem Musée de l'Air et de
l'Espace in Le Bourget übergeben und sind zusammen mit dem
1998 gefundenen Silberarmband dort ausgestellt.

N

ach den 2008 von Luc Vanrell und Jacques Pradel
im Französischen und von Claas Triebel und Lino
von Gartzen im Deutschen veröffentlichten
Recherchen soll der deutsche Jagdflieger Horst Rippert als
Angehöriger des Jagdgeschwaders 200 die Maschine SaintExupérys abgeschossen haben. Ein offizieller Abschussbericht
liegt allerdings nicht vor, da Abschussberichte dieser Einheit ab
Juni 1944 beim Rückzug der Wehrmacht verloren gingen. Wie
auch immer bleibt aber doch die Lockheed P-38 Lightning mit
der Registriernummer 42-68223 die letzte Ruhestelle des
Dichters am Meeresboden nahe der Île de Riou vor der Küste
Marseilles25.
25

Die Informationen zu diesem Bericht stammen überwiegend von der
deutschen Wikipedia, Eintrag Antoine de Saint-Exupéry

85

86

22 Zeugnis der unvollendeten Jugend

D

ie Menschen liefen durcheinander und packten ihre
Koffer. Dann trat ein Mann auf mich zu und stellte
sich als Otto Frank vor. Er sei deutscher
Reserveoffizier gewesen. Auf die Frage wie lange sie in dem
Versteck lebten, habe Frank geantwortet: "25 Monate". Als der
Wiener Polizeibeamte das nicht glauben wollte, nahm Frank
ein Mädchen, das neben ihm stand an der Hand. Er stellte das
Kind gegen einen Türpfosten, der an verschiedenen Stellen
eingekerbt war. Daran konnte man erkennen, wie das Mädchen
gewachsen war. Der Beamte sagte noch zu Frank: "Was haben
Sie für eine hübsche Tochter!".

W

er den entscheidenden Hinweis gab, ist noch nicht
geklärt,
aber
sicher
ist,
dass
die
Nationalsozialisten am Morgen des 4. August
1944 gegen 10 Uhr in der Prinsengracht erschienen, nachdem
ein Anruf bei der Gestapo eingegangen war. Die Helfer
konnten die Juden nun nicht mehr schützen und mussten dem
aus Österreich stammenden Karl Josef Silberbauer das Versteck
zeigen. Kugler und Kleiman wurden in das SD-Gefängnis in
der Euterpestraat gebracht. Sie kamen am 11. September 1944
ins Polizeiliche Durchgangslager Amersfoort. Kleiman wurde
am 18. September 1944 aus gesundheitlichen Gründen
entlassen, Kugler gelang am 28. März 1945 die Flucht. Bep
Voskuijl konnte das Chaos bei der Festnahme nutzen, um mit
einigen Dokumenten, die auf Verbindungen zum Schwarzmarkt
hinwiesen, zu fliehen.

87

M

iep Gies sammelte die Blätter mit Annes
Aufzeichnungen, die Silberbauer bei seiner Suche
nach einem Behälter für das Geld und den
Schmuck der Gefangenen auf dem Boden verstreut hatte, und
verwahrte sie in einer Schublade, um sie nach dem Krieg an
Anne oder ihren Vater zurückzugeben26.

D

ie Versteckten wurden zunächst bei der Gestapo
verhört und über Nacht festgehalten. Am 5. August
brachte man sie in das überfüllte Gefängnis Huis
van Bewaring in der Weteringschans. Zwei Tage später kamen
die Juden ins Durchgangslager KZ Westerbork. Da sie als
Verbrecher galten, mussten sie in den Strafbaracken harte
Arbeit verrichten. Die Frauen arbeiteten – von den Männern
getrennt – in einer Batterien-Abteilung. Sie lebten in der
Hoffnung, sich durch die Arbeit unentbehrlich zu machen und
so einem noch schlimmeren Schicksal zu entgehen. Jedoch
hörten sie nicht nur Gerüchte über die Fortschritte der
Alliierten, sondern auch Nachrichten über Transporte in die
Konzentrationslager im Osten. Anne wirkte nach Angaben der
anderen Gefangenen in Westerbork wie gelöst. Nach der langen
Zeit im Versteck holte sie sich ihre Zuversicht durch den
Glauben an Gott. Am 2. September wurde sie mit ihrer Familie
und der Familie van Pels beim Appell zum Transport nach
Auschwitz ausgewählt.

26

Die Informationen zu dieser Dokumentation stammen überwiegend aus
dem Wikipedia-Eintrag: Anne Frank

88

A

m 3. September 1944 fuhr der letzte Zug mit 1.019
Juden nach Auschwitz, wo er zwei Tage später
ankam. An der Rampe sahen sich die Männer und
Frauen zum letzten Mal. Es ist nicht eindeutig geklärt, ob alle
Bewohner des Hinterhauses die „Selektion“ überstanden. Nach
Aussagen und Nachforschungen des Roten Kreuzes wurde
Hermann van Pels direkt nach der Ankunft vergast; allerdings
behauptete Otto Frank, er sei erst einige Wochen später, also
kurz bevor die Vergasungen eingestellt wurden, ermordet
worden. Auguste van Pels wurde über das KZ Bergen-Belsen
und KZ Buchenwald am 9. April 1945 ins Ghetto
Theresienstadt gebracht. Sie starb während des Transports nach
Theresienstadt. Peter van Pels wurde am 16. Januar 1945 auf
einen Todesmarsch von Auschwitz zum KZ Mauthausen
geschickt, wo er kurz vor der Befreiung starb. Edith Frank
starb am 6. Januar 1945 in Auschwitz an Hunger und
Erschöpfung. Zuvor hatte sich Rosa de Winter um Annes
Mutter gekümmert und sie in eine Krankenbaracke gebracht.

A

nne war drei Monate vor der Ankunft in Auschwitz
15 Jahre alt geworden und entging damit dem
direkten Tod. 549 der 1.019 Passagiere – darunter
alle Kinder unter 15 Jahren – kamen direkt in die Gaskammern.
Die 258 Männer und 212 Frauen, die die Selektion überstanden
hatten, mussten die demütigende Prozedur mit Ausziehen,
Desinfektion, Rasur und dem Eintätowieren einer Nummer auf
ihrem Arm über sich ergehen lassen. Anne, Margot und Edith
Frank wurden in Block 29 des Frauenlagers Birkenau
untergebracht. Da ihnen eine hohe Nummer eintätowiert
worden war, standen sie in der Hierarchie weit unten. Tagsüber
mussten sie harte Arbeit verrichten und nachts in überfüllten
Baracken frieren.
89

D

ie anderen Häftlinge beschrieben Anne als stark
oder introvertiert. Ihre Sehnsucht und ihr
Lebenswille erwiesen sich als treibende Kraft.
Dennoch konnte sie den Krankheiten, die wegen der
katastrophalen hygienischen Bedingungen im Lager
grassierten, nicht entfliehen und infizierte sich mit Krätze. Zum
Schutz der anderen Häftlinge wurde sie zusammen mit Margot
in einen Isolierblock, den sogenannten Krätzeblock verlegt. In
diesem Isolierblock herrschten noch katastrophalere
hygienische Zustände.

D

a die Alliierten immer näher rückten, entschlossen
sich die Nationalsozialisten, Auschwitz allmählich
zu räumen. Am 28. Oktober deportierten sie 1308
Frauen aus Birkenau ins KZ Bergen-Belsen. Sie gehörten zu
den
insgesamt
8.000
„kranken,
aber
potentiell
wiederherstellungsfähigen Frauen“ , die für einen späteren
Einsatz in der Rüstungsindustrie vorgesehen waren. In BergenBelsen brachte man Anne und Margot sowie die anderen
Gefangenen in Zeltlagern unter. Die beiden Mädchen verlegte
man im Januar 1945 in ein Schonungslager. Dort traf sie ihre
Freundinnen Hannah Goslar und Nanette Blitz wieder, die seit
Februar 1944 als „Austauschjüdinnen“ in einem anderen
Lagerteil gefangen waren. Bei ihren Gesprächen am Zaun
erzählte Anne, die wegen Läusebefalls nur mit einem Tuch
bekleidet war, dass sie und ihre Schwester alleine seien, weil
sie ihre Eltern für tot hielt. Hannah und Nanette beschrieben
Anne als kahl, ausgemergelt und zitternd, aber Anne zeigte sich
trotz ihrer eigenen Krankheit mehr um Margot besorgt.

90

I

m März 1945 breitete sich eine Typhus-Epidemie im
Lager aus, die wohl 17.000 Gefangene tötete und der
auch Anne und Margot zum Opfer fielen. Laut
Zeugenaussagen fiel Margot geschwächt von ihrer Pritsche und
starb. Einige Tage später war auch Anne tot. Die genauen
Daten wurden kurz vor dem Kriegsende nicht mehr notiert.
Wenige Wochen später, am 15. April 1945, befreiten britische
Truppen das Lager.

O

tto Frank überlebte als Einziger der im Hinterhaus
untergetauchten Juden. Nach der Befreiung des KZ
Auschwitz-Birkenau durch die Rote Armee am 27.
Januar 1945 wohnte er bis 1953 weiter in Amsterdam. Dann
übersiedelte er in die Schweiz nach Basel, wo seine Schwester
lebte. Bis zu seinem Tod am 19. August 1980 lebte Otto Frank
in Birsfelden bei Basel und widmete sich dem Tagebuch seiner
Tochter Anne und der Verbreitung der darin enthaltenen
Botschaft.

A

m 12. Juni 1942 hatte Anne Frank zum dreizehnten
Geburtstag ein rot-weiß kariertes Tagebuch erhalten.
Noch am selben Tag begann sie in niederländischer
Sprache ihr Tagebuch. Sie vertraute ihrer imaginären Freundin
Kitty ihre Gedanken an und äußerte sich später auch zu
abstrakteren Themen wie dem Glauben an Gott, Liebe und
Sexualität. Zunächst schrieb Anne über diverse Erlebnisse in
ihrem ungewöhnlichen Alltag – die Enge des Verstecks, schöne
Überraschungen wie beim Chanukka-Fest und die Konflikte
mit den Mitbewohnern (vor allem mit Fritz Pfeffer und ihrer
Mutter). Sie fühlte sich oft missverstanden, wenn die anderen
sie als vorlaut und unbescheiden kritisierten.
91

I

n der überarbeiteten Einleitung brachte sie ihren Wunsch
nach einem wahren Freund zum Ausdruck, einer Person,
der sie ihre intimsten Gedanken und Gefühle anvertrauen
könnte. Sie stellte fest, dass sie mehrere „Freunde“ und ebenso
viele Verehrer habe, aber (nach ihrer eigenen Definition)
keinen echten Freund. Jacqueline van Maarsen konnte diesen
Anspruch nur teilweise erfüllen. Helmut Silberberg hätte
vielleicht solch ein Freund werden können, auch wenn sie eine
Liebesbeziehung zu ihm leugnete.

S

o blieb ihr Tagebuch der engste Vertraute. In den
Einträgen kann man nachvollziehen, wie Anne ihre
eigene Sexualität entdeckt und aufkeimende Gefühle
der Liebe zu Peter van Pels beschreibt; der zuvor kritisierte
Mitbewohner enttäuschte sie jedoch. Während der 25 Monate
im Versteck vertraute sie dem Tagebuch alle Ängste und
Hoffnungen an. Es wird deutlich, wie das Mädchen, das sich
manchmal in seinen Träumen verlor, zu innerer Festigkeit
heranreift...

A

nnelies Marie Franks Grab befindet sich auf dem
Gelände
der
Gedenkstätte
Bergen-Belsen.
Angehörige haben dort nach der Befreiung des KZ
einen Gedenkstein für Anne und ihre Schwester Margot
errichtet. Der Stein markiert keinen exakten Beisetzungsort, da
beide in einem der umliegenden anonymen Massengräber
ruhen. So wähle ich lieber das rot-weiß karierte Tagebuch, das
sie ihrer liebsten Freundin Kitty als großartiges Denkmal ihrer
eigenen, unvollendeten Jugend hinterlassen hat.

92

23 Die Sargecke der Fliegerei

A

m 22 August 2006 um 15:05 hob Pulkovo Flug
nummer 612 ab vom Anapa und nahm Kurs auf St.
Petersburg. Die Tupolev gewann rasch Höhe um die
Kreuzflughöhe von 10.700 Meter zu erreichen. Aufgrund der
vorausliegenden Gewitterzellen beschloß der Pilot den Kurs
um 20 km zu verlegen und versuchte das Gewitter zu
überfliegen. Das konnte ihm jedoch nicht gelingen, denn die
Gewitterfront reichte ungewöhnlich hoch bis 15 km Höhe. Die
Tu-154 geriet in einer Front mit schweren Turbulenzen, welche
die Maschine wie ein Blatt innerhalb nur zehn Sekunden von
11.961 m to 12.794 m hochhievten. Auf dieser Höhe erreichte
der Anstellwinkel einen kritischen Wert von 46 Grad und die
Luftgeschwindigkeit fiel zurück auf den Nullpunkt. Daraufhin
fiel die Maschine in einen Tauchflug, die von den Piloten nicht
mehr abgefangen werden konnte. Das Flugzeug stürzte ab und
verbrannte auf einem Feld, wobei alle 170 Insassen starben. In
der Fliegersprache hatte die Maschine sozusagen ihre Sargecke
erreicht...

D

er Auftrieb eines Flugzeugs ist von der Luftdichte,
der Fluggeschwindigkeit und dem Anstellwinkel
abhängig. Wird die Geschwindigkeit reduziert, muss
das Flugzeug den Anstellwinkel vergrössern, um denselben
Auftrieb zu erzeugen und die Höhe halten zu können. Ein zu
grosser Anstellwinkel führt jedoch zu einem Strömungsabriss
(stall). Das Flugzeug muss also eine bestimmte
Mindestfluggeschwindigkeit Vs einhalten, damit die Strömung
nicht abreisst. Diese Mindestgeschwindigkeit nennt man stall
limit oder stall speed.
93

D

ie Luftdichte, also die Flughöhe, wirkt sich auch auf
die Mindestfluggeschwindigkeit aus. Je dünner die
Luft
wird,
umso
höher
muss
die
Mindestgeschwindigkeit (True Airspeed – TAS) angesetzt
werden, um einen Strömungsabriss zu vermeiden.

E

in schwer beladenes Flugzeug braucht mehr Auftrieb,
als ein leeres Flugzeug. Es muss also bei einem
bestimmten Anstellwinkel schneller fliegen als ein
leichteres Flugzeug, um den notwendigen höheren Auftrieb zu
erhalten. Daher ist die Mindestfluggeschwindigkeit bei einem
schwereren Flugzeug höher als bei einem leichteren.

W

egen der mit der Höhe abnehmenden
Lufttemperatur
sinkt
auch
die
Schallgeschwindigkeit. Bereits bei Mach-Zahlen
ab etwa 0,8 strömt in einem Bereich oberhalb der Tragfläche
die Luft schneller als der Schall. Der Verdichtungsstoß beim
Austritt der Strömung aus diesem Bereich ist bei einem für den
Unterschallbereich entwickelten Flügelprofil stärker ausgeprägt
und liegt weiter vorne. Dahinter löst sich die Strömung ab,
Steuerklappen verlieren an Einfluss. Bei steigender
Geschwindigkeit wandern der Verdichtungsstoß und mit ihm
der Auftriebsschwerpunkt nach hinten. Das Flugzeug senkt die
Nase und beschleunigt weiter. Dieses als Mach tuck
bezeichnete Phänomen war Ursache mehrerer Abstürze.

94

B

edrohlich kann die Sargecke (Coffin Corner) in
Hochleistungsflugzeugen sein, aus denen die letzten
Reserven herausgeholt werden. Hier ist dann der
Unterschied zwischen „zu schnell“ und „zu langsam“
manchmal nur noch 5 Knoten. Jegliche Erhöhung des
Anstellwinkels, durch Kurvenflug oder Luftturbulenzen (Clear
Air Turbulence), führt zum Strömungsabriss. Der Pilot muss,
wenn das Flugzeug zu schütteln anfängt (buffet), sofort und
genau wissen, ob er zu schnell oder zu langsam ist. Besonders
gefährlich sind die Situationen in dem Warmluft hochsteigt, das
Flugzeug
hochgedrückt
wird,
oder
alle
Luftgeschwindigkeitsmesser ausfallen.

E

rfahrene Piloten sollten wissen allerdings auch,
welche Art von Gewittern man wegen der Sargecke
nicht überfliegen sollte. Leider werden diese
Entscheidungen jedoch von vielen Fluggesellschaften kritisch
betrachtet. Piloten, die zu oft umkehren,ausweichen oder gar
notlanden, riskieren ihren Weiterflug... Deshalb können wir die
Sargecke von Flug 612 symbolisch durchaus als den
Sarkophag der modernen Fliegerei betrachten.

95

96

24 Grabstelle der Globalisierung

D

as Castrum doloris hatte die Funktion, den
Verstorbenen in seiner Macht und Größe zu
repräsentieren und war eine kurzfristige Dekoration
für den Augenblick. Ein bleibendes Denkmal konnte es nur
durch einen vom Gerüst angefertigten Kupferstich werden, der
die reiche Ausschmückung dokumentierte.

S

tieg man unterhalb des Turmes aus der U-Bahn, wurde
man von der Wucht des Betons imponiert. Ich wurde
bei unserem Besuch im Dezember 1997 an dieser
Stelle von einer unwillkürlichen, klammen Angst gefesselt.
Sicherlich handelte es sich dabei um einer Art akuter
Platzangst, nun aber eher gemischt mit der Furcht vor einem
Bombenattentat, denn ich war mir bewusst, dass der
Gebäudekomplex wenigen Jahren zuvor (am 26. Februar 1993)
Ziel eines Bombenanschlags gewesen sei. Mein erster Eindruck
war: weg von hier, weg aus der heißen Zone der Weltmacht...
Damals hatten Terroristen einen gemieteten Ryder-Van auf der
Ebene B2 der Tiefgarage des Nordturms des World Trade
Centers abgestellt. In ihm hatten sich etwa 700 kg des
Sprengstoffs TNT befunden sowie etliche Druckgasbehälter
mit Wasserstoff, die die Wucht bei der Explosion des
Fahrzeugs noch verstärken sollten. Die Explosion riss ein 30
Meter großes Loch in vier der sechs Untergeschosse (in
Betonbauweise).

97

D

er Ausfall des Transpondersignals von AmericanAirlines-Flug 11 um 8:20 Uhr Ortszeit (EDT) war,
im Nachhinein betrachtet, das erste Anzeichen der
vier Flugzeug-Entführungen. Kurze Zeit später wurde durch
einen Anruf der Stewardess dieses Fluges an die
Bodenkontrolle bestätigt, dass es sich um eine Entführung
handelte. Spätere Ermittlungen ergaben, dass diese erste
Entführung gegen 8:15 Uhr begann. Zu diesem Zeitpunkt hob
United-Airlines-Flug 175 von der Rollbahn ab.

U

m 8:46 Uhr Ortszeit flog American-Airlines-Flug 11
in den Nordturm des World Trade Centers. Zu
diesem Zeitpunkt ging man noch von einem Unfall
aus. Im Südturm wurden deshalb die Menschen durch
Lautsprecherdurchsagen aufgefordert, Ruhe zu bewahren und
an ihrem Arbeitsplatz zu bleiben. 17 Minuten später, um 9:03
Uhr (13:03 UTC) flog das zweite Flugzeug, United-AirlinesFlug 175, in den Südturm des WTC. Damit wurde den
Behörden und vielen Zuschauern der Fernsehmeldungen klar,
dass es sich nicht um einen Unfall, sondern einen gezielten
Angriff handelte.

M

it zusammen rund 90 m³ Treibstoff wirkten die in
das WTC geflogenen Jets wie große
Brandbomben. Der Südturm stürzte nach 56
Minuten um 9:59 Uhr, der Nordturm nach 102 Minuten um
10:28 Uhr komplett ein. Über zweitausend Menschen (2.123),
darunter 343 Feuerwehrmänner, befanden sich noch in den
Türmen und wurden beim Einsturz getötet. Dutzende waren
bereits aus den oberen Stockwerken in den Tod gesprungen, da
ihnen alle Fluchtwege abgeschnitten waren und sie im Feuer zu
ersticken oder zu verbrennen drohten.
98

F

ünf weitere Gebäude des WTC, darunter das
benachbarte WTC 7, wurden ebenfalls zerstört,
ebenso vier U-Bahnstationen. 23 weitere Gebäude, die
das WTC umgaben, wurden zum Teil so schwer beschädigt,
dass sie später aufgegeben werden mussten.

N

eun Tage nach den Anschlägen, am 20. September
2001, hielt US-Präsident Bush eine Rede vor beiden
Kammern des Kongresses. Das untermauert die
Bedeutung der Ereignisse, da der Präsident der Vereinigten
Staaten gewöhnlich nur zur jährlichen Rede zur Lage der
Nation vor den Kongress tritt. Darin identifizierte er al-Qaida
unter der geistigen Führung von Osama bin Laden als für die
Anschläge verantwortliche Organisation, deren Zentrale er in
Afghanistan vermutete und seine unmittelbare Auslieferung
verlangte. Andernfalls kündigte er einen „Krieg gegen den
Terror“ („war on terror“) an.

D

ie Kampfhandlungen begannen am 7. Oktober 2001
und führten am 13. November zur kampflosen
Besetzung von Kabul und zur militärischen
Einnahme von Kunduz am 25. November und von Kandahar
am 7. Dezember. Bin Laden wurde nicht gefasst. Im September
2002 leitete Bush aus dem Kampf gegen den Terror das Recht
der USA auf Präventivkriege ab, was als Bush-Doktrin bekannt
wurde.

99

I

m Abschlussbericht der 9/11-Untersuchungskommission
heißt es später dazu: „Die Verteidigung des Luftraums
wurde am 11. September nicht in Übereinstimmung mit
den vorhandenen Plänen und den Ausbildungsrichtlinien
vollzogen.

E

s wurde von Zivilisten improvisiert, die noch nie mit
einem entführten Flugzeug zu tun hatten, das zu
verschwinden versucht, und von Militärangehörigen,
die völlig unvorbereitet darauf waren, dass Zivilflugzeuge in
Massenvernichtungswaffen umgewandelt werden.“

E

ine Untersuchungskommission kam 2004-2005 zu
dem Ergebnis, dass Abstimmungsprobleme zwischen
verschiedenen
Einzelbehörden
und
fehlende
gemeinsame Entscheidungsplattformen die Terrorakte möglich
gemacht
haben.
Zahlreiche
Missverständnisse,
Informationsmängel, Nichtweitergabe von Befehlen, unklare
Vorgaben und falsche Reaktionen auf allen Ebenen – besonders
zwischen CIA und FBI bei der Überwachung möglicher Täter
im Vorfeld, der Federal Aviation Administration (FAA, zivile
Flugaufsicht) und der militärischen Luftabwehr NORAD im
Verlauf sowie zwischen Verteidigungsminister und Weißem
Haus in der Reaktion – wurden im Detail nachgewiesen und
scharf kritisiert. Schlüsse für die Einrichtung effektiver
Entscheidungswege und Kompetenzverteilung wurden gezogen
und seitdem teilweise umgesetzt. Der Bericht wurde am 22.
Juli 2004 herausgegeben.

100

Z

u den längerfristigen und tiefergehenden Ursachen
des islamistischen Terrors gibt es verschiedene
Theorien: „Antiimperialistische“ Erklärungsmuster
machen den Westen – hier wiederum besonders die USA und
Israel – aufgrund ihrer angeblich verfehlten Nahostpolitik
selbst für den Hass verantwortlich. Die Tatsache, dass bin
Laden ein ehemaliger Verbündeter der USA und speziell der
CIA war, wird auch als Beweis für eine fatale Außenpolitik
gesehen, bei der die Unterstützung militanter Gruppierungen
während des Kalten Krieges in den entsprechenden Ländern
eine Situation geschaffen habe, die schließlich auf die USA
selbst zurückgefallen sei. Dies wird als Blowback bezeichnet.
Auch das Versagen der reichen westlichen Industriestaaten
gegenüber dem Problem der Armut durch eine einseitige
Globalisierung habe dem Terror einen Nährboden geschaffen.

G

round Zero bezeichnet im englischsprachigen Raum
ursprünglich einen Punkt auf der Erdoberfläche, auf
oder über dem eine Bombenexplosion stattgefunden
hat. Der Ground Zero ist somit der Punkt mit den höchsten
Schäden durch die Bombenexplosion. Das „Zero“ (Null) steht
für den Abstand zum Detonationsschwerpunkt. Der Begriff
stammt aus Fach- und Militärkreisen und wurde seit dem
Manhattan Project fast ausschließlich im Zusammenhang mit
nuklearen Explosionen verwendet. Die Terroranschläge am 11.
September 2001 in den USA in New York haben den Begriff
erweitert: Seitdem wird er als Synonym für das Areal des
zerstörten World Trade Centers weltweit verwendet. Deshalb
steht heute der Ausdruck Ground Zero nicht mehr nur für die
japanischen Opfer der Atombombenabwürfe auf Hiroshima
und Nagasaki, sondern auch für die Opfer von New York (911), einer Explosion gänzlich anderer Art.
101

I

n Anbetracht der gängigen Erklärungsmuster kann man
Ground Zero somit durchaus als das Castrum Doloris
der einseitigen Globalisierung betrachten.

102

25 Das Mausoleum des Surrealismus

D

as am 11 Mai 1904 neugeborene Kind erhielt den
Namen seines neun Monate zuvor gestorbenen
Bruders Salvador. Dadurch wurde in ihm der Wille
geweckt, aller Welt zu beweisen, dass er das Original und
einmalig sei. Als Kind soll er sich vor dem Grab seines Bruders
gefürchtet haben. Das bürgerliche Umfeld und die väterliche
strenge Erziehung riefen in Salvador ein starkes
Sicherheitsbedürfnis und einen ausgeprägten Sinn für Ordnung
hervor, was für sein späteres Leben bestimmend sein sollte.
Seine Mutter, die er sehr liebte, glich die Strenge des Vaters
aus; sie tolerierte seine frühen Eigenheiten wie Wutausbrüche,
Einnässen, Tagträume und Lügen27.

D

alís Schwester Ana María wurde im Januar des
Jahres 1908 geboren, und er litt darunter, die Liebe
der Eltern nun teilen zu müssen. Der kleine
Salvador nahm Besitz vom Dachboden des Hauses, dem
„Waschzimmer“, zu dem die Schwester keinen Zutritt hatte; er
war dort oben in seiner Phantasie „Weltenherrscher“ und malte
Bilder auf die Deckel von Hutschachteln. In der Grundschule
war er unaufmerksam und verlor sich in Träumen. Die
Sommerferien verbrachte die Familie im eigenen Haus nahe
Cadaqués. Der Sechsjährige soll stundenlang einem Nachbarn,
dem Hobbymaler Juan Salleras, beim Malen zugeschaut haben.
In diesem Alter entstand sein erstes Bild. In seiner
Autobiographie „Das geheime Leben des Salvador Dalí“
beschrieb er seine Zukunftsträume: „Im Alter von sechs Jahren
wollte ich Köchin werden. Mit sieben wollte ich Napoleon sein.
27

Die Informationen stammen überwiegend aus der deutschen Wikipedia.

103

Und mein Ehrgeiz ist seither stetig gewachsen.“ Am 20.
Oktober 1926 wurde er auf königlichen Erlass endgültig wegen
ungebührlichen Betragens von der Akademie verwiesen. Er
hatte sich geweigert am Examen teilzunehmen, da er die Lehrer
für unfähig hielt, ihn zu beurteilen.

U

m das Jahr 1929 hatte Dalí seinen persönlichen Stil
und sein Genre gefunden, die Welt des
Unbewussten,
die
in Träumen
erscheint.
Schmelzende Uhren und brennende Giraffen wurden zu Dalís
Erkennungsmerkmal. Sein malerisches technisches Können
erlaubte es ihm, seine Bilder in einem altmeisterlichen Stil zu
malen, der an den späteren Fotorealismus erinnert. Dalís
häufigste Themen sind außer der Welt des Traums die des
Rausches, des Fiebers und der Religion; oft ist in seinen
Gemälden seine Frau Gala dargestellt. Dalís Sympathie für den
spanischen Diktator Francisco Franco, sein exzentrisches
Verhalten sowie sein Spätwerk führen vielfach zu
Kontroversen bei der Bewertung seiner Person und seiner
Werke bis in die Gegenwart hinein.

D

as von Dalí zum Museum umgebaute Stadttheater
Teatro Museo Salvador Dalí mit dem Turm Gorgot
an der alten Stadtmauer ist eins der best besuchten
Museen Spaniens. Das heutige Museumsgebäude beherbergte
in Dalís Kindheit das Theater der Stadt und war der Ort, an
dem Dalís Bilder zum ersten Mal ausgestellt wurden. Das
ältere Gebäude wurde während des Spanischen Bürgerkriegs
zerstört und blieb Jahrzehnte lang eine Ruine bis Dalí und der
Bürgermeister von Figueres im Jahr 1960 zusammen
beschlossen, es als Museum wieder aufzubauen.
104

D

as Museum öffnete im Jahr 1974 und wurde in den
1980er Jahren zunehmend erweitert. Dalí ließ sich
in der Krypta des Museums auch begraben. Er
vermacht sein ganzes Vermögen und sein Werk dem spanischen
Staat. Salvador Felipe Jacinto Dalí i Domènech, Marqués de
Púbol (* 1904; † 1989 ) war wohl der bisher bedeutendste
Surrealist und so darf man sicherlich seine Krypta inmitten
seiner eindrucksvollen Kunstsammlung als das Mausoleum des
Surrealismus bezeichnen.

105

106

26 Die Eiszeitmausoleums auf der Alb

M

anchmal verstecken sich im Abraum wahre
Schätze. Einen solchen Schatz präsentierten jetzt
Tübinger Archäologen stolz der Öffentlichkeit:
eine 3,7 Zentimeter lange Figur aus rötlich-schwarz geflecktem
Elfenbein, die offensichtlich einen Elefanten - richtiger ein
Mammut - darstellt. Was die wie abgenutztes Spielzeug
aussehende Figur so bedeutend macht, ist ihr Alter. Auf ein
Alter zwischen 30.000 und 36.000 Jahren datieren die Tübinger
Forscher das Mammut, verlegen es also in die Zeit, als der
moderne Mensch sich im eiszeitlichen Europa ausbreitete und
den Neandertaler verdrängte. Die älteste bekannte Darstellung
eines Menschen stammt aus dem Geißenklösterle bei
Blaubeuren. Das atemberaubend schöne Eiszeitkunstwerk
wurde 1979 gefunden und ist ungefähr 40 000 Jahre alt. Er hat
damit dasselbe Alter wie die ältesten Musikinstrumente der
Welt, die ebenfalls aus dem Geißenklösterle stammen: eine
Flöte aus Schwanenflügelknochen und eine Flöte aus
Elfenbein. Schon früher wurden in den Höhlen im Lonetal in
Südwestdeutschland kleine Figuren und Flöten aus
Mammutelfenbein gefunden. Die Lonetalhöhlen waren
Zufluchtsort und Lagerstätte der frühen Menschen, und schon
die Neandertaler vor 70.000 Jahren zogen sich in diese Höhlen
zurück, um dort Schutz vor Wetter und Feinden zu finden.

B

ocksteinhöhle, Vogelherdhöhle, Hohlenstein und
Fohlenhaus - Die Lonetalhöhlen sind für Ihre
einzigartigen
archäologischen
Funde
heute
weltberühmt. Das Achtal und das benachbarte Lonetal gehören
zu den archäologisch am besten erschlossenen und ergiebigsten
Gegenden Deutschlands.
107

V

ier wichtige Fundstellen gibt es in der Region: neben
dem Hohle Fels das Geißenklösterle bei Blaubeuren,
den Hohlenstein-Stadel bei Asselfingen und die
Vogelherdhöhle bei Niederstotzingen im Kreis Heidenheim.

I

m Fohlenhaus wurden wie auch in anderen Höhlen des
Lonetals Belege einer urzeitlichen Besiedelung
gefunden. Die Funde reichen aus der späten Altsteinzeit,
frühen Mittelsteinzeit und Jungsteinzeit über die vorrömische
Eisenzeit bis in die römische Zeit.

D

ie Bocksteinhöhle ist eine ca. 15 m × 20 m große
Halle im Felsen, ca. 50 m über der Talsohle des
Lonetals. Die große Öffnung zur Talseite wurde erst
im Zuge der Ausgrabungen geschaffen. Zudem sind mehrere
kleine Seitennischen in der Halle bzw. in direkter
Nachbarschaft vorhanden (Bocksteinschmiede). Bei mehreren
Grabungen zwischen 1873 und 1956 wurden neben
Werkzeugen aus der Mittel- und Jungsteinzeit auch die Skelette
einer Frau und eines Säuglings gefunden. Die Skelette werden
auf ca. 6200 v. Chr. Datiert. Andere Funde aus der
Bocksteinhöhle lassen sich auf 50.000 bis 70.000 Jahre
zurückdatieren, die Bocksteinhöhle gilt damit als ältester
Siedlungskomplex des Neandertalers in Süddeutschland.

108

I

n der Vogelherdhöhle fanden Archäologen bereits 1933
elf Tierdarstellungen, unter anderem die kleinen
Abbilder eines Pferdes und eines Bisons. 2006
entdeckten Professor Nicholas Conard und sein Team dann in
der Höhle die älteste komplett erhaltene Elfenbeinfigur der
Welt: ein Mammut von knapp vier Zentimetern Länge. Die
Vogelherdhöhle
wurde
durch
den
Fund
mehrer
Elfenbeinschnitzereien, die mit einem geschätzten Alter von
32.000 Jahren zu den ältesten Kunstwerken der Welt gehören,
weltberühmt. Die Vogelherdhöhle hat drei Mundlöcher. Die
zwei großen, 2,5 bis 3,5 m hohen Mundlöcher sind durch einen
ca. 40 m langen gebogenen Durchgang miteinander verbunden
und werden Große Vogelherdhöhle genannt. Die Kleine
Vogelherdhöhle ist am Eingang sehr eng und ca. 40 m lang. Der
ehemalige Durchgang zwischen kleiner und großer Höhle ist
verschüttet. Die Vogelherdhöhle wurde im Mai 1931 eher
zufällig entdeckt. Ein Dachs führte den Heidenheimer
Heimatforscher Hermann Mohn zum Eingang der Höhle, die
damals oberirdisch noch nicht zu erkennen war. Der Dachs
hatte kleine steinzeitliche Feuersteinstückchen aus dem
Erdreich an die Oberfläche geschaffen. Mohn erkannte diese
und informierte den Urgeschichtler Dr. Gustav Riek von der
Universität Tübingen, der bereits am 5. Juli 1932 mit den
Ausgrabungen an der Vogelherdhöhle begann.

D

er Hohlenstein liegt am Südhang des Lonetals
zwischen Bockstein- und Vogelherdhöhle, und setzt
sich aus mehreren, z. T. verschlossenen Höhlen
zusammen: Bärenhöhle (ca. 89 m lang), Stadel (ca. 69 m lang)
und Kleine Scheuer (10 m breites Felsloch) .
109

A

m Hohlenstein wurden ab 1861 Grabungen
vorgenommen. Viele Funde, vor allem Knochen und
Scherben, verweisen auf eine sehr lange
Besiedelungsgeschichte der Höhlen. Der Stadel wurde 1591
zugemauert, um zwielichtigen Gestalten keinen Unterschlupf
zu bieten. Beim Wiederöffnen dieser Höhle wurde 1937 die
Skulptur des Löwenmenschen aus Mammut-Elfenbein
gefunden, die nun in der Prähistorischen Sammlung in Ulm
ausgestellt ist. Die Höhlen sind aus Naturschutzgründen
(Fledermäuse) ganzjährig gesperrt. Im Hohlenstein-Stadel im
Lonetal wurde der Löwenmensch gefunden, vielleicht das
faszinierendste Relikt aus der Frühgeschichte der Menschheit
überhaupt. Der Löwenmensch ist mit einem Alter von ca.
32.000 Jahren eines der ältesten und spektakulärsten
Kunstwerke der Menschheit. Nur wenige hundert Meter vom
Fundort der Figur entfernt wurde in der ehemaligen
Mönchsklause des Weilers Lindenau eine permanente
Ausstellung über den Löwenmenschen eingerichtet.

D

ie Tübinger Forscher um Nicholas Conard nehmen
an, dass das Donautal vor 30.000 Jahren einen
Wanderungskorridor ins Innere Europas darstellte.
Dieser Annahmen zufolge war der Kontinent nach einer Eiszeit
nahezu entvölkert, so dass sich die modernen Menschen rasant
entlang der Donau ausbreiten konnten. Zwar ist das Alter der
Elfenbeinplastiken nicht direkt bestimmt worden, doch die
Radiokohlenstoffdatierungen der Fundschichten auf der
Schwäbischen Alb haben ein Alter von 28.000 bis 36.000
Jahren ergeben. Andere Methoden ergeben sogar ein noch
höheres Alter.
110

I

n dieser Epoche, die Archäologen als Aurignacien
bezeichnen, entstand nicht nur in großer Zahl erstmals
figürliche Kunst, sondern kulturelle Modernität
insgesamt.
Denn
auch
die
ältesten
bekannten
Musikinstrumente, aufwändiger Grabschmuck und moderne
Steinbearbeitungstechniken haben ihren Ursprung in dieser
Epoche. Die Flöte aus der Geißenklösterle-Höhle bei
Blaubeuren, in der Forscher auch zwei eiszeitliche Flöten aus
Vogelknochen fanden, gehört gemäss Conard zu den
spektakulärsten Funden aus den Höhlen der Schwäbischen Alb.
Die Instrumente seien deutlich älter als alle anderen bekannten
Musikinstrumente. Sie wurden in einer Zeit gespielt, zu der in
Europa sowohl die letzten Neandertaler als auch die ersten
modernen Menschen lebten 28. So bilden diese Höhlen wahrhaft
die Eiszeitmausoleums auf der Schwäbischen Alb...

28

Informationsquelle: Onlinezeitung

111

112

27 Der Katafalk der Nuklearwaffen

E

s nieselt ein wenig, denn Cherbourg ist der
regenreichste Ort in Frankreich. Nicht zuletzt aus
diesem Grund stellen die Franzosen in dieser
Hafenstadt auch die stabilste Regenschirme der Welt her. Wir
aber wählen für diesen Ausflugstag ein sehenswertes und
berühmtes, aber vor allem überdachtes Museum: Cité de la
mer. Das Museum wurde 2002 in einer alten Bahnhofshalle für
den Anschluss an die transatlantischen Routen errichtet.

Z

u den vielen Sehenswürdigkeiten des Museums
gehören ein Aquarium, mehrere U-Boot-Nachbauten
aus der Frühzeit des Bootsbaus, Spezialschiffe (z.B.
Tiefseetaucher), eine Ausstellung über Entdeckungsreisen, usw.
So ist z.B. der Bathyskaph Archimède als Museumsschiff in
Cherbourg ausgestellt. Dieses Tiefsee-U-Boot wurde 1961 in
Frankreich gebaut und hat anschließend einen Tieftauchgang
im Kurilengraben nahe Japan auf nahezu 10.000 meter
durchgeführt. Man kann zwar nicht alle Schiffe betreten, aber
man sollte doch wohl einen kompletten Urlaubstag für dieses
Museum reservieren.

D

er Schwerpunkt des Museums Cité de la mer ist
sicherlich ein sehr sehenswertes und modernes
Aquarium, verteilt auf 17 Bassins. Das riesige
Hauptbassin
liefert
fantastische
Einblicke
in
die
Unterwasserwelt des Meeres. Die kleine Bassins bieten
dagegen gute Blicke in die Tanzbewegungen der Seepferdchen
und Medusen (Quallen). Interessant ist auch die technische
Leistung, die im Entwurf und Betrieb dieser Bassins steckt.
113

D
A

as "Meereswasser" wird künstlich aufbereitet um
Infektionen zu verhindern und wird danach in
Hochleistungsmaschinen gesäubert und filtriert.
Keineswegs wird hier einfach "normales" Meereswasser
hineingepumpt29.
ußerhalb des Museumsgebäude befindet sich an
einem Kai die Redoutable, ein veritables, modernes
U-Boot, mit mehreren Decks auf 128 Meter Länge.
Es ist ein echtes mit Atomenergie angetriebenes Schiff, das bis
vor wenigen Jahren mit Nuklearbomben bestückt auf hoher See
auf Patrouille gewesen ist. Das U-Boot hat auf dieser
makaberen 20-jährigen Weltreise von 1971 bis 1991
gewissermassen 32 mal die Erde umrundet.

M

an kann das Schiff besuchen und erhält dazu einen
tragbaren Museumsführer in der eigenen
Landessprache. Jeder Besucher kann sich bei der
Besichtigung dieses geräumigen Schiffes sehr gut vorstellen,
wie die zwei Schichten mit 135 Personen an Bord dieses
untergetauchten U-Bootes 70 Tagelang gelebt und gearbeitet
haben. Da das Boot so lange unterwegs war, mussten auch
Notoperationen (Blinddarm, Kieferentzündung, usw.) vom
Bordarzt auf einem Operationstisch durchgeführt werden.
Dabei kann man sich im militärischen Alptraum gut vorstellen,
wie einem Matrosen beim Ziehen eines Weisheitszahns die
Schmerzen gelindert werden, während gleichzeitig auf
Knopfdruck eine Stadt samt 100.000 Einwohnern mit einer
abgefeuerten Rakete pulverisiert wird...

D
29

ie Le Redoutable wurde jedoch 1991 planmäßig
außer Dienst gestellt und ist inzwischen das größte
öffentlich ausgestellte Museums-U-Boot der Welt.

Siehe die Fotosammlung im Web.
114

Z

ur Beruhigung: Der Atomreaktor wurde inzwischen
vollständig entfernt und vermutlich mit den
Gefechtsladungen zur Entsorgung ins nahegelegene
La Hague verfrachtet. An der Stelle des Atomreaktors befindet
sich jetzt ein "leeres" Kompartiment mit Überquerungen für die
Besucher30.

A

n Bord treffe ich auf eine alte Bekannte: es ist eine
Teletype, eine Schreibmaschine, der um 1980 noch
als Eingabe- und Programmiergerät für viele damals
moderne "EDV"-Anlagen diente. Auf dieser Maschine wurden
-makaber, makaber- vielleicht auch die Freischaltcodes für die
Vernichtung der Ziele der Raketen übertragen. Deprimierend
ist während und nach der Bootsbesichtigung auch die Idee,
dass die Redoutable nur eine erste Testversion bildete für die
modernere Flotte ähnlicher Kampfmaschinen, die immer noch
solche Missionen auf den Weltmeeren durchführen und
jederzeit Szenen aus dem Film "The Day After31" auslösen
können... Für mich bildet deshalb die Redoutable den
Katafalken der modernen Nuklearwaffen.

30
31

Die Infos stammen aus der Wikipedia für die Redoutable
USA, 1983, von Nicholas Meyer

115

116

28 Mausoleum der Opferbereitschaft

M
I

ilchkühe und Rindviecher gibt es nicht nur im
Finanzsektor, sondern auch in der Landwirtschaft.
Viele Milchkühe leisten zuviel und sterben

vorzeitig...

n nüchternen Zahlen heißt es dass eine solche 840
Kiloschwere Hochleistungsmaschine mit vier Mägen
etwa 50 Kilogramm Gras- und Maissilage, Rapsextrakt,
Mineralfutter und Glyzerin benötigt; dazu kommen noch 100
Liter Wasser für die Verdauung. Beim ständigen Essen leistet
die super-Milchkuh dann an guten Tagen 60 Liter Milch.
Normale Wiederkäuer kommen auf der Weide auf 20 bis 30
Liter pro Tag. Statistisch gesehen versorgt jede Milchkuh 21
Bundesbürger mit Milch. Von der Milch erhält der Bauer zur
Zeit mit 20 Cent nur etwa die Hälfte was sie brauchen. Nur
durch Subventionierung können die Bauern überleben...

D

ie Höchstleistung von 50 Liter/Tag wird jedoch
noch übertroffen von einer Spitzenleistung von bis
zu 70 Liter Milch an der Hightech-Oase Al-Safi in
Saudi-Arabien.Täglich verlassen per Kühltransporter 550.000
Liter Milch die Anlage in der Wüste „Rub Al-Khali“. Hier
werden 32.000 Kühe drei Mal am Tag automatisch gemolken.
Damit die Tiere die Hitze ertragen, werden sie permanent mit
Wassertropfen eingenebelt.

117

F

ür einen Liter Milch werden 2.500 Liter Wasser
verbraucht. Diese gigantische Menge wird aus zwei
Kilometer tiefen Tiefbrunnen hochgepumpt und in
riesigen Türmen gekühlt. Diese "fossilen Wasserreserven"
bestehen aus einmalig vorhandene Vorräte und wird in wenigen
Jahrzehnten restlos aufgebraucht sein. Zusätzlich werden
deshalb bereits jetzt Milliarden Liter Wasser mit Hilfe der
Erdölreserven
durch
Meerwasserentsalzungs-Anlagen
aufbereitet (bis auch die Ölschwemme demnächst vorbei ist)...

D

ie Kuh kann sich gegen Überzüchtung nicht wehren.
Das Instinkt zur Nachkommenpflege treibt sie zur
eigene Vernichtung durch Auszehrung des eigenen
Körpers. Mit zwei Jahren werden sie erstmalig besamt und sind
dann einige Jahre dauerschwanger. Nach maximal drei Würfen
sind die Tiere ausgelaugt. Das Knochengerüst ist nicht mehr
tragfähig und die Tiere können nicht einmal mehr gehen. Die
Hochleistungskühe sind nach wenigen Jahren bereits
körperliche Wracks. Jährlich gehen 40% des Bestands zum
Schlächter.

A

uf den Punkt gebracht ist es bei einer solchen
Leistungsbereitschaft
despektierlich
von
Rindviechern zu reden, wenn wir einen Menschen
herablassend wegen Dummheit ausschimpfen. Nach dem
Untergang der Menschen werden die übrig gebliebenen Tiere
den Rindern ein Mausoleum der Opferbereitschaft und den
Menschen den Sarkophag der Dummheit errichten...

118

29 Das Mausoleum der Gier

I

m Gegensatz zur allgemein verbreiteten Ratlosigkeit
kommt die heutige Finanzkrise nicht unerwartet. Die
Warnungen waren bereits 1994 verfügbar, wurden aber
systematisch in den Wind geschlagen. Günter Ogger
dokumentiert in Das Kartell der Kassierer 199432 die
Zockermethoden der Finanzbranche. Offensichtlich haben die
Finanzhaie von ihren seit Money: Die grossen amerikanischen
Vermögen von Gustavus Myers (1916) ihre Methoden
mittlerweile lediglich perfektioniert, automatisiert und
expandiert. Inzwischen haben sie auch die deutschen
Finanzbranche vollständig erfasst und integriert.

O

gger beschreibt die permanenten Gier nach Geld im
riskanten
Handel
mit
den
sogenannten
Finanzderivaten.
Darunter
versteht
man
Wertpapiere, die gar keine sind, sondern lediglich Wetten auf
die künftige Kursentwicklung von Zinsen, Aktien- und
Devisenkursen. Diese "Futures" wurden mittlerweile per
Computer in so grossen Mengen gehandelt, dass es jedem in
der Branche ein wenig mulmig wurde, sofern es um das eigene
Geld ging. Für den Kunden interessierte sich ohnehin schon
keiner mehr.

B

ereits in 1994 dokumentierte Ogger einen FuturesUmsatz von 10.000 Milliarden Dollar pro Jahr. Das
windige Geschäft wurde bereits damals wie heute
von amerikanischen und britischen Banken dominiert.

32

d.h. bereits vor dem berühmten Buch "Nieten in Nadelstreifen" (1995)

119

D

as Buch warnt (In Kapitel 1 auf Seite 16) auch
bereits vor dem "katastrophalen" Domino-Effekt in
einem Zitat einer amerikanischen Noten-Bankers
Gerald Corrigan, doch der Vorstand der Deutschen Bank
wiegelt ab: "Die Kunst des Bankiers besteht im Managen der
Risiken"...

M

ittlerweile sind die von Ogger bezifferten
Beutezahlen (Ende 1993 in Deutschland: 3500
Milliarden Mark Geldvermögen - davon 80%
zinsbringend angelegt, und nur 4% in Aktien - sowie 5000
Milliarden Mark in Immobilien, siehe Seite 17) sicherlich
zwischendurch bis zum Fall erheblich angestiegen. Wie der
Wert heute ist, verschweigen wohl alle Beteiligten, weil sie
eine Panik vermeiden müssen...

D

er typische Akademiker-Kunde wurde bereits 1993
im Durchschnitt fünfmal aufs Kreuz gelegt: mit
einem
Bauherrenmodell,
mit
einer
Lebensversicherung, mit einer Terminspekulation, mit falschen
Aktien und mit einer überteuerten, „Steuer sparenden“
Ostinvestition.
Der
Rest
wird
mit
ausgefeilten
Gebührenschrauben und überteuerten Krediten abgemolken.

W

er dieses Buch liest, lernt nach dem Abscheu über
soviel Abzockerei zurecht das Fürchten um seiner
Altersversorgung und Wohlstand, da Ogger die
aggressiv-betrügerischen Absicht der Finanzbranche bereits zur
genüsslichen Friedenszeit ausgiebig nachweist. Wer nicht
glaubt, dass wenigstens einer bereits 1994 vor der heutigen
Finanzkrise eindringlich gewarnt hat, soll dem Autor zumindest
heute einmalig gute, hellseherische Fähigkeiten zubilligen.
120

R

ückblickend kann man wohl stellvertretend für die
Gesamtbranche ein Mausoleum der Gier an der
ehemaligen Wirkungsstelle Lehman Brothers Inc.
am Times Square, New York festlegen. Diese Investmentbank
musste im September 2008 im Zuge der Finanzkrise Insolvenz
anmelden.

121

122

30 Mausoleum der SU-Technologie

V

on der Lebensqualität der Umgebung kündet eine
unscheinbare Tafel im Zentrum der Stadt. Die Zahlen
auf der Leuchttafel flackern unsicher, was wohl auf
eine mangelhaften Konstruktion deutet. Aber an sich sind die
Werte beruhigend: Eine Temperatur von 20 Grad minus, damit
aber kann der Winter nördlich des Polarkreises keinen
schrecken. Der Luftdruck lässt ein anrückendes Tief erwarten –
doch der entscheidende Wert steht an unterster Stelle der Tafel.
Die Angabe über die Strahlungsbelastung: 4 Mikroröntgen –
also gar nicht so beunruhigend...

D

ie vorbeischlürfenden Menschen sehen an die Werte
an der Tafel vorbei. Und fragt man sie, dann
versichern sie lächelnd, dass sie den Zahlen nicht
vertrauen. Über die Risiken wüssten sie schon Bescheid: Die
Nordmeerflotte mit den U-Booten und ihrem Restmüll hat
keinen guten Ruf – gerade bei den Anrainern. Aber bisher,
sagen die Menschen, sei es doch wenigstens an Land noch gut
gegangen. Die Katastrophen mit den U-Booten hätten sich stets
auf dem Meer ereignet – bis auf das eine Mal, als ein Amok
laufender Matrose neun Kameraden erschoss und sich im Boot
verbarrikadierte.

D

ie Bilder aus Grimmicha, Andrejew oder der SaidaBucht sind bestürzend. Alte U-Boote der fünfziger
und sechziger Jahre, die, immer noch mit Reaktoren
bestückt, am Ufer vertaut sind. Boote, deren aufgerissene
Schiffskörper von Lappen abgedeckt sind. Brüchige Gemäuer,
in denen verbrauchte Brennstäbe lagern. Die unvorstellbare
Menge von 24 000 Brennstäben allein in Andrejew.
123

I

n der Saida-Bucht schwimmende Container, in die
Reaktorgehäuse eingeschweißt sind. Damit sie nicht
absacken, wird ihnen Luft zugepumpt. Dies ist der Stoff,
aus dem man Albträume macht. Eine apokalyptische
Landschaft, versteckt in der Winterschönheit des Nordens.
„Man sollte diese Rümpfe an Land bringen. Dort
können sie 50 oder 100 Jahre liegen. Das ist
zuverlässiger, als wenn sie im Wasser schwimmen. Es
hat Fälle gegeben, da sind alte U-Boote am Kai einfach
abgesoffen.“

J

uri Jewdokimow ist der Gouverneur des gesamten
Bezirkes an der Barentsee, und er kennt seine Region.
Er weiß, dass Stadt und Land umgeben sind von der
wohl gefährlichsten Müllhalde der Welt. Und beunruhigend ist
nicht alleine die schiere Größe, sondern die Art der
Aufbewahrung. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion
konnten Militär und Geheimdienst das Ungemach nicht mehr
geheim halten, und die Flotte musste zugeben, dass sie
radioaktiven Abfall einfach ins Meer geschüttet hatte, Boote
mit Reaktoren an Bord an Kais verrotteten und sich an Land
Berge von radioaktivem Abfall angesammelt hatten. Damals
ging eine Welle des Entsetzens durch ganz Europa. Den
Gouverneur aber beunruhigt, dass seitdem zu wenig geschehen
ist, um der Gefahr eines neuen Tschernobyl entgegenzuwirken.

124

Die Zeitbombe Murmansk

N

icht nur hat mann Boote mit Reaktoren an Bord an
Kais verrotten lassen. Nein, es wurden die Schiffe
gar so geplant und konstruiert, dass man die
Reaktoren durch öffnen einer Klappe jederzeit und überall
bequem entsorgen konnte. Dabei war es den Kapitänen
offensichtlich egal, ob der Kern im Hafenbecken oder auf
offener See abgelassen wurde. Schon vor zehn Jahren hätten
sich in dem militärischen Sperrgebiet über 200 außer Dienst
gestellte Kernreaktoren befunden. Seitdem habe der Umfang
zugenommen. Der Gouverneur spricht von Tausenden
Kubikmetern festen und flüssigen radioaktiven Abfällen. „Das
Strahlungspotenzial“, sagt er, „wird auf 150 Millionen Curie
geschätzt.“ Um Ordnung zu schaffen auf dem
Militärterritorium, brauche man mindestens eineinhalb
Milliarden Dollar. Weil er weiß, dass der russische
Staatshaushalt viel zu wenig Geld für die Aufbereitung des
Mülls bereitstellt, soll das Ausland helfen.

M

urmansk ist samt der Nachbarstadt Seweromorsk
der
Hauptstützpunkt
der
russischen
Nordmeerflotte. Der Hafen von Murmansk bleibt
durch die Ausläufer des Golfstroms auch im Winter eisfrei.Die
Gegend um Murmansk gilt als das größte Atommülllager der
Welt. Einen großen Teil davon bilden ausgebrannte Brennstäbe
und Kernreaktoren ehemaliger, nach dem Zusammenbruch der
Sowjetunion stillgelegter Atom-U-Boote.

125

B

ei jenen, die in den Fjordhäfen wohnen, gärt der
Zorn. Eisiger Schneesturm treibt die Menschen über
die Straße von Widjajewo, dem Heimathafen der
„Kursk“. Die Häuser wurden in der Zeit der Aufrüstung hurtig
in Beton gegossen und sind für das polare Klima nicht
geeignet. Die Bewohner klagen über kalte Wohnungen, in
denen es schwer sei, die Kinder vor Krankheiten zu bewahren.
An den Fenstern bilden sich dicke Eiskristalle, die sich zu
Fantasieblumen ordnen und den Frost der Außenwelt nach
innen tragen. Manchmal haben sie ein halbes Jahr keinen Sold
bekommen, sagen sie. Jeder ist dann mit der Organisation des
Überlebens beschäftigt. So sei es auch gewesen, als die
„Kursk“ unterging.

Der Bau eines Mausoleums

N

ach rund zweijähriger Bauzeit wurden auf der ersten
Teilfläche des Lagers immerhin die ersten sieben
Reaktoreinheiten von U-Booten eingelagert. Dieser
erste Bauabschnitt umfasst eine umzäunte und mit Wachtürmen
versehene Betonplatte. Sie ist einen Hektar groß und bis zu
einen Meter dick.

Z

uvor wurde unter internationaler Kontrolle der
Kernbrennstoff aus den U-Booten entfernt. Unter
Aufsicht von rund 30 Lubminer Experten wurden
dann die radioaktiv nicht belasteten U-Boot-Segmente
abgetrennt. Die atomar belasteten Reaktoreinheiten, die 70
Jahre in dem Lager in der Saida-Bucht zwischengelagert
werden sollen, erhielten ein zusätzliches Schott und wurden
mit einem Korrosionsschutz versehen.

126

D
U

as Zwischenlager soll bis zum Jahr 2008 erweitert
werden. Zudem wird die Infrastruktur mit einem
kompletten
Schienensystem
ausgebaut. Aus
Deutschland wurden für den Bau des Lagers ein komplettes
Betonwerk sowie schwere Bautechnik in den Norden
Russlands gebracht.
m die Entsorgungskette der Atom-U-Boote
vollständig schließen zu können, beabsichtigen die
deutsche und russische Seite, in der Saida-Bucht
zudem ein nukleares Entsorgungszentrum für alle bei der
Atom-U-Boot-Entsorgung anfallenden radioaktiven Abfälle zu
errichten, wie das Bundeswirtschaftsministerium weiter
mitteilte. Man könnte es - sofern es überhaupt gelänge - getrost
als das Mausoleum der sowjetischen Ingenieurskunst
einstufen...

127

128

31 Zum Wohl der Menschheit...

A

uf Schiffen nahe der Insel harren 5000 Ratten,
Schweine und Ziegen darauf, "zum Wohl der
Menschheit" geopfert zu werden. Die Gegend ist
weit genug entfernt von der zivilisierten Welt und von den
ahnungslosen Eingeborenen erwartet man selbstverständlich
auch keinen Protest. Rund 42.000 Wissenschaftler, Techniker,
Militärs befinden sich vor Ort. Die Presse wünscht exzellente
Aufnahmen und die Soldaten präsentieren ihr "Baby" wie ein
stolzer Vater. Mehr als 600 Kameras sind rund um das
Inselchen stationiert.

A

m 30. Juni 1946 explodiert dann auf dem BikiniAtoll die erste Atombombe "Able" in der Südsee.
Die aus dem Flugzeug geklinkte Bombe hat eine
Sprengkraft von 23 Kilotonnen, und sie markiert den Beginn
einer zwölfjährigen Testreihe. "For the Good of Mankind"
lautete der Freispruch, der den Schaden für die Lebewesen und
die Natur rechtfertigen soll. Die Bombe zerreisst die Allianz
zwischen der Sowjetunion und den USA. Die Gaswolke mit
einer Temperatur von mehreren tausend Grad bildet den
Anfang des Kalten Kriegs und des Wettrüstens in beiden
Lagern.

I

n dem folgenden Jahrdutzend explodieren auf dem
Bikini-Atoll 23 Bomben. Insgesamt zünden auf den
Inseln des weit versprengten Südseestaats 67
Nuklearladungen.
Laut
US-Verteidigungsministerium
entspricht ihre Zerstörungskraft rund 7000 Hiroshima-Bomben.

129

U

mgerechnet sind in dieser Zeit täglich 1,6
Hiroshima-Bomben auf die Marshall-Inseln
herabgefallen. Zurecht trägt die Flagge der
Bikinianer somit ihre drei schwarze Sterne. Sie sind
Erinnerung an jene Inseln, die während der Explosion der 15
Megatonnen starken Wasserstoffbombe "Bravo" Anfang 1954
pulverisiert wurden. Bereits 1952 verlor das nahe EniwetokAtoll eine Insel durch eine H-Bombe, andere Inseln wurden
durch fehlgeschlagene Tests mit Plutonium verseucht. Sie sind
auf Jahrtausende unbewohnbar.

Abbildung 3: Offizielle Flagge des Bikini-Atolls

W

ährend des Castle-Bravo Tests kam es durch
falsche
Wettereinschätzungen
der
Militärmeteorologen der USA zu einer
Kontamination der Inseln Rongelap und Rongerik durch
Fallout. Die Inseln waren zu diesem Zeitpunkt bewohnt. Auch
auf hoher See war ein japanisches Fischerboot, die Daigo
Fukuryu Maru („Glücklicher Drache Nr. 5“), betroffen, auf
dem ein Besatzungsmitglied an den Folgen starb.
130

N

ach Ansicht der Bewohner der Marshallinseln ist es
bewiesen, dass die Erklärung der Verstrahlung durch
eine falsche Wettereinschätzung jahrzehntelang nur
vorgeschoben wurde und in Wahrheit die Zerstrahlung bewusst
in Kauf genommen wurde.

V

ermutlich wurden Tausende Bikinianer beim ersten
amerikanischen Wasserstoffbomben-Test verstrahlt.
Bis heute gibt es keine genauen Zahlen über
Strahlenopfer. Die USA halten eigene Studien mit dem
Hinweis auf militärische Notwendigkeiten geheim. Daten
unabhängiger Institutionen sind kostspielig und rar.
Schätzungen der IPPNW (Internationale Ärzte für die
Verhütung des Atomkrieges) gehen von mehreren tausend
Krebsfällen allein für die Marshall-Inseln aus. Sie reihen sich
ein in die rund 430.000 tödlichen Krebserkrankungen, die laut
IPPNW bis zum Ende des 20. Jahrhunderts durch die
weltweiten Atomwaffentests verursacht wurden. Rund eine
Milliarde Dollar zahlten die USA bis heute an die MarshallInseln. Die überlebenden Opfer nahmen es "For the Good of
Mankind" schweigend an: "Wir haben gelernt, unsere Tränen
mit den Dollarscheinen der Amerikaner zu trocknen". Die
Opfer fristen nun ein Dasein auf Kili und Ejit - unbewohnten,
kargen Eilanden weit von Bikini.

131

Die Rolle des MIT und der Harvard University

Z

ur gleichen Zeit reicherten Wissenschaftler des
Massachusetts Institute of Technology (MIT) und der
Harvard Universität von 1946 bis 1956 den
Frühstücksflocken und Milch für 49 geistig behinderte
Jugendliche eines Heims mit radioaktiven Stoffen an. Der
Geheimdienst CIA nahm radioaktive Geheimstudien an
Schwangeren und Neugeborenen vor. Der zur Einsicht
freigegebene Aktenberg liest sich wie eine Geschichte aus
Frankensteins Gruselkabinett. Im Universitätskrankenhaus von
Rochester im amerikanischen Bundesstaat Neu Mexiko
spritzten Ärzte 17 Patienten Plutonium 239 in die Venen. Jeder
bekam
0,3
Mikrocurie,
43mal
soviel
wie
die
„lebensbedrohende“ Dosis. „Jeder Arzt hat genau gewusst, dass
er gegen alle ethischen Regeln verstößt“, meint David Egilman,
der die Forschungsberichte an der Brown Universität bei New
York auswertet: „Sie haben sogar selbst von naziähnlichen
Methoden gesprochen.“

W

ie ein Schlag ins Gesicht muss es Rabbi Schindler
da vorkommen, dass einige amerikanische
Theologen die Menschenversuche mit „legitimen
Ängsten“ der USA „vor einem Atomkrieg“ verteidigen. „Die
Tests haben zumindest gezeigt, welche gefährlichen Folgen
radioaktive Strahlung hat“, meint etwa Ronald Cole-Turner,
Professor für Theologie und Ethik in Memphis im
amerikanischen Bundesstaat Tennessee, „und damit
wahrscheinlich dazu beigetragen, dass keine Atomwaffen
eingesetzt wurden.“

132

I

nsofern, so Cole-Turner, stehe die Menschheit tief in der
Schuld dieser Leute. Nelson Aftergood zweifelt, dass es
je zu einer umfassenden Aufklärung der Versuche
kommen wird. Der Wissenschaftler verweist auf einen Bericht
des ehemaligen US-Vizepräsidenten Rockefeller aus dem Jahr
1975. Danach hat die CIA bereits einen Großteil der
Unterlagen über die Strahlenversuche an Menschen
vernichtet...

I

nspiriert durch die Schlagzeilen der Kernwaffentests auf
dem Atoll taufte der Modedesigner und frühere
Autoingenieur Louis Réard sein neues Badekostüm auf
den Namen Bikini. Am 5. Juli 1946 stellte das Model
Micheline Bernardini den knappen Zweiteiler erstmals im
Pariser Schwimmbad Piscine Molitor vor. Wie Réard erwartet
hatte, rief die freizügige Badebekleidung die gleiche
moralische Entrüstung hervor wie die Atombombenversuche
auf dem Atoll...

133

134

32

J

Die Arche der Pflanzensamen

örg zeigte uns auf unserer Maiwanderung 2009 des
Weissacher Sängerhaufens eine Wiesenorchidee und
meinte, dass sie wohl zum Aussterben verdammt sei.
"Warum bist Du da so sicher?" fragte ich ihm. Da erklärte er
mir, dass die Orchidee eine spezielle Insektenspezies als
Bestäuber benötige, dass aber die Biologen nicht einmal
wissen, welches Insekt diese Orchidee befruchte und ob dieses
auch schon bereits auf der roten Liste der unmittelbar vor dem
Sterben stehenden Arten stehe. Ohne dem speziellen Bestäuber
müsste ohnehin jede so spezialisierte Pflanze mit dem Insekt
untergehen und aussterben...

A

nalog zum göttlichen Ratschlag eines Tages vor dem
grossen Regen ein Schiff zu bauen, gab es zunächst
mal nur die Frage, die jahrelang in den Schubladen
der Regierenden geschlummert hatte: Was tun, wenn der
Genpool und der Artenreichtum der Welt einmal ernsthaft in
Gefahr geriete? Ausgelöst durch einen nuklearen Krieg oder
den Einschlag eines Asteroiden wäre es ja durchaus möglich,
dass diese Vielfalt für immer verloren ginge. Wo ließen sich
solche wertvolle Informationen also langfristig und sicher
lagern?

D

ie zurzeit gängigen Getreidesorten könnten zum
Beispiel von einem dramatischen Klimawandel oder
einer anderen Naturkatastrophe zerstört werden oder auch infolge eines Atomkrieges oder von Epidemien in
der Pflanzenwelt. Dann könnte man auf das Lager der Arche
zurückgreifen und lebenswichtige Getreidesorten wieder
erblühen lassen.
135

A

ls Lösung kristallisierte sich alsbald eine alte
Kohlemine nahe der Stadt Longyearbyen in
Spitzbergen heraus. Dort sollen einige Millionen
Saatgutproben von Pflanzen eingelagert werden - im "Svalbard
International Seed Vault". Die Umgebungstemperatur in der
ehemaligen Mine bewegt sich zur Zeit zwischen minus vier
und minus sieben Grad. Zudem werden die Proben in dem 120
Meter langen Tunnel wasserdicht verschweißt eingelagert.
Sogar einen beachtlichen Anstieg des Meeresspiegels hat man
einkalkuliert: Der Tunnel-Eingang liegt in 130 Meter Höhe
über dem Meeresspiegel.

I

n der tiefgekühlten Arche auf Spitzbergen sollen
mittlerweile tatsächlich Millionen Samenkörner von
sämtlichen Pflanzensamen gelagert sein. Der Grundstein
für die Arche wurde 19.06.2006 gelegt. Das Gewölbe in einer
Eiswand wird rund drei Millionen Samenkörner von
sämtlichen Getreidesorten auf der Welt aufnehmen. Der
"Welttreuhandfond für Kulturpflanzen" soll das pflanzliche
Weltkulturerbe vor dem Klimawandel und anderen Katastrophe
schützen und so die agrarische Pflanzenvielfalt bewahren. Die
gekühlten Getreidekörner könnten eines Tages vielleicht
lebensrettend für die Weltbevölkerung sein, sagte der
norwegische Landwirtschaftsminister Terje Riis-Johansen über
die "Arche Noah auf dem Svalbard-Archipel", wie er das
Projekt nannte. "Norwegen wird damit zu einem globalen
System beitragen, das die Vielfalt von Pflanzen sichert."

136

N

ur einmal pro Jahr soll ein Wissenschaftler den
Tresor des jüngsten Gerichts auf ihre Intaktheit
überprüfen. So will man gewährleisten, dass dieses
wertvolle Saatgut über Jahrzehnte nicht verfault. Auch der
Eingang ist symbolträchtig gestaltet und wird, je nach
Lichteinfall, unterschiedlich aufleuchten. Oder wie es der
zuständige Projektleiter Magnus Bredeli Tveiten bereits im
Februar 2007 dem Medium "Al Jazeera English" malerisch
beschrieb: "In der Mitternachtssonne wird er aussehen wie ein
großer Diamant und im Winter wird er in der Dunkelheit
leuchten."

W

issenschaftlern zufolge müssen die Getreidekörner
bei minus 18 Grad aufbewahrt werden, damit sie
für Hunderte, wenn nicht Tausende Jahre
anbaufähig bleiben. Das Gewölbe wird deshalb gekühlt. Wegen
der ganzjährig niedrigen Temperaturen auf Spitzbergen, im
Sommer werden meist nur minus drei Grad erreicht, sollen die
Samen auch einen Ausfall der Kühlanlage überstehen.
Allerdings könnten die Temperaturen auf der Insel wegen des
Klimawandels langfristig immer häufiger Werte oberhalb des
Gefrierpunktes erreichen, wie neue Messungen ergaben. Das
Gelände der Getreide-Arche soll eingezäunt und bewacht
werden. Eisbären, die auf Spitzbergen leben, könnten
zusätzlich als natürliche Wächter fungieren, hieß es.

H

offentlich beginnt man jetzt auch bald mit dem
Insektenspeicher, denn wie bereits angedeutet
nützen mir die Pflanzensamen wenig, wenn es keine
Insekten mehr gibt sie zu bestäuben. In dem Fall aber braucht
man auch keine Menschensamen mehr, weil es alsbald nichts
mehr zu essen gibt...
137

138

33 Die Seebestattung einer Jungfer

D

as Schiff legte kurz nach 12 Uhr von seinem
Liegeplatz im Hafen von Southampton ab. Für die
Jungfernfahrt hatten über 1300 Personen eine
Passage
gebucht;
dazu
kamen
die
knapp
900
Besatzungsmitglieder. Unter den Passagieren befanden sich
viele Prominente aus der amerikanischen und europäischen
Gesellschaft.

A

ufgrund eines vorangegangenen Kohlestreiks
befanden sich mehr Schiffe im Hafen als üblich. Als
der Gigant dann an den Dampfern New York und
Oceanic vorbeifuhr, wurde das verdrängte Wasser unter die
beiden liegenden Schiffe gedrückt. Die Halteleinen der New
York rissen. Daraufhin trieb diese langsam auf die Titanic zu.
Ein Zusammenstoß wurde nur knapp verhindert, der Vorfall
verzögerte die Abfahrt der Titanic jedoch um eine Stunde. Am
frühen Abend ankerte die Titanic vor Cherbourg in Frankreich,
wo noch 274 weitere Passagiere und Fracht per Tender an Bord
gebracht wurden. 22 Passagiere, die nur den Kanal überqueren
wollten, gingen von Bord.

A

m 11. April ankerte die Titanic gegen Mittag vor
Queenstown in Irland, wo hauptsächlich
Auswanderer mit einer Karte für die dritte Klasse
zustiegen. Gegen 13.30 Uhr begann die Reise auf der für
Passagierschiffe traditionellen Nordatlantikroute in Richtung
New York. Wie damals zwischen dem 15. Januar und dem 14.
August üblich, führte der Kurs nicht auf direktem Weg nach
New York, sondern über die Südliche Route Richtung Westen,
um dem Eisrisiko durch den kalten Labradorstrom zu entgehen.
139

O

b dies eine Vorsichtsmaßnahme sein sollte, ist nicht
bekannt. Kapitän Smith und seine Offiziere wussten
schon vor der Abfahrt von Southampton, dass das
Eisfeld in Umfang und südlicher Ausdehnung größer war, als
es in allen Jahren zuvor beobachtet werden konnte. Außerdem
gingen während der Fahrt mehrere Funksprüche von anderen
Schiffen ein, die vor Eisfeldern und Eisbergen warnten. Dabei
waren allerdings nicht alle Eiswarnungen von den Funkern an
die Brücke weitergeleitet worden, denn diese waren stark mit
der Übermittlung privater Telegramme beschäftigt. Hierdurch
fehlten genaue Informationen bezüglich der aktuellen Position
des Eisfeldes.

D

ie Reise der Titanic wurde am 14. April 1912 gegen
23:40 Uhr abrupt unterbrochen, als der Ausguck
Frederick Fleet direkt voraus einen Eisberg
entdeckte, dreimal die Alarmglocke läutete und die Warnung
direkt telefonisch an die Brücke weiterleitete, wo sie vom 6.
Offizier James P. Moody entgegengenommen wurde. Jedoch
war der Abstand zum Eisberg bereits zu gering. Die Titanic
kollidierte bei voller Reisegeschwindigkeit ungebremst mit
ihrer vorderen Steuerbordseite mit dem circa 300.000 Tonnen
schweren Eisgebilde.

D

ie Folge waren weitreichende Beschädigungen am
Bug bis zur Mitte. Mehrere Lecks betrafen alle
sechs vorderen wasserdichten Abteile, was aufgrund
des hohen Gewichts des eindringenden Wassers zum Versinken
des Vorschiffes führte. In der ersten Stunde strömten zwischen
22.000 Tonnen und 25.000 Tonnen Wasser in das Schiff. Dabei
wurden die vorderen fünf Abteile nahezu komplett geflutet,
wonach die Titanic kurzfristig fast ein Gleichgewicht erreichte.
140

Die Neigung des Schiffes betrug zu diesem Zeitpunkt circa
fünf Grad Richtung Bug, was von den meisten Personen
wahrscheinlich noch nicht als bedrohlich wahrgenommen
wurde. In der folgenden Stunde drangen höchstens weitere
6000 Tonnen Wasser in das Schiff ein, die Neigung veränderte
sich dabei nicht gravierend. Allerdings begannen nun
zunehmend Sekundärflutungen, da immer mehr nicht
wasserdichte Öffnungen des Schiffes wie offene Bullaugen,
Lüftungsschächte und Ladeluken im untergehenden Bug unter
die Wasserlinie gelangten. Hierdurch beschleunigte sich der
Sinkprozess rapide.

B

ei der Jungfernfahrt steht nur für 1178 Personen,
ungefähr die Hälfte der gut 2200 Menschen an Bord,
Platz in einem Rettungsboot zur Verfügung.
Zusätzlich zu den Rettungsbooten gehören 3560
Schwimmwesten zur Schiffsausrüstung. Die Schiffseigner
hatten mit der zu geringen Anzahl von Rettungsbooten
durchaus kein Gesetz verletzt. Das Gesetz aus dem Jahre 1896
regelte die Rettungsbootanzahl für Schiffe bis zur Kategorie
„Über 10.000 Bruttoregistertonnen“, der zur damaligen Zeit
höchsten vorstellbaren Größe für Passagierschiffe. Für diese
größte Schiffskategorie waren demnach 962 Bootsplätze
vorgeschrieben; allerdings durfte diese Anzahl abhängig von
den wasserdichten Schotten eines Schiffes reduziert werden.
Die Titanic hätte daher laut Gesetz nur Rettungsboote für 756
Passagiere mitführen müssen.

141

V

on den vorhandenen 1178 Rettungsbootplätzen
wurden aber nur 705 genutzt. Statt der teilweise
möglichen Kapazität von 65 Passagieren wurden viele
Boote zunächst nur zur Hälfte besetzt; eines der für 40
Passagiere ausgelegten Rettungsboote wurde sogar bereits
gefiert, als sich darin nur 12 Personen befanden. Aufgrund der
geringen Schlagseite glaubten viele der an Bord befindlichen
Personen, die Titanic sei ein sichererer Ort als die klein und
zerbrechlich wirkenden Rettungsboote. Einen weiteren Beitrag
zum mangelnden Gefahrenbewusstsein könnte die RagtimeMusik der Musikkapelle sein, die gespielt wurden um Panik zu
vermeiden. Erst als offensichtlich wurde, dass das Schiff bald
sinken würde und nur noch wenige Rettungsboote übrig
blieben, brach Panik unter der Mannschaft und den Passagieren
aus. Von den zum Schluss gefierten Booten wurden einige
deshalb mit über 70 Menschen überbesetzt.

D

as letzte Rettungsboot verließ die Titanic um 2:05
Uhr. Gegen 2:10 Uhr war Kesselraum Nummer vier,
die siebte wasserdichte Abteilung vom Bug aus
gesehen, komplett geflutet. Rund 40.000 Tonnen Wasser
drückten den Bug in die Tiefe, das Wasser begann das
Bootsdeck zu überspülen. Zu dieser Zeit wurde auch
Kesselraum Nummer zwei aufgrund von Wassereinbruch
evakuiert, und der vordere Schornstein der Titanic stürzte nach
vorne um. Die übermäßige Trimmung des Schiffes Richtung
Bug nahm jetzt stetig zu; ein normales Gehen war genauso wie
das Arbeiten in den Kessel- und Maschinenräumen kaum mehr
möglich.

142

D

ort hatte Chefingenieur Bell zusammen mit
zahlreichen Heizern sowie den 34 weiteren
Ingenieuren und Ingenieur-Assistenten des Schiffes
bislang die Kesselräume zwei und drei weiterbetrieben, um die
Dampfversorgung der Stromgeneratoren zu gewährleisten,
damit Energie für Pumpen, Funk und Beleuchtung zur
Verfügung stand. Außerdem wurde durch gezieltes Ab- und
Umpumpen von Wasser dafür gesorgt, dass während des
Sinkprozesses die Schlagseite der Titanic minimal blieb, denn
schon bei etwas stärkerer Schlagseite hätten nur auf einer
Schiffsseite Rettungsboote gefiert werden können. Nun
versuchten viele Bemannungsmitglieder verzweifelt, über die
Notleitern nach oben zu gelangen, jedoch war dies ein nahezu
hoffnungsloses Unterfangen.

T

rotz ausreichender Zeit zur Evakuierung starben
mangels Rettungsbooten etwa 1500 von über 2200 an
Bord befindlichen Personen. Angesichts der hohen
Opferzahl zählt der Untergang der Titanic zu den großen
Katastrophen der Seefahrt. Folge des Untergangs waren
zahlreiche Veränderungen der Sicherheit auf See. Dies
umfasste die ausreichende Ausstattung mit Rettungsbooten,
kontinuierliche Besetzung der Funkstationen, Errichtung der
internationalen Eispatrouille sowie die Einberufung der ersten
internationalen Konferenz zum Schutze des menschlichen
Lebens auf See. Somit war die Seebestattung auf der
Jungfernfahrt doch letztendlich eine gewisse Investition in die
Sicherheit der Schifffahrt.

143

144

34 Das Mausoleum der Folkmusik
„Woody durfte das Krankenhaus nicht mehr verlassen,
und ich nahm normalerweise den Bus vom PortAuthority-Terminal, fuhr anderthalb Stunden und ging
dann zu Fuß den letzten Kilometer bergauf zum
Krankenhaus, einem düsteren und bedrohlich
aufragenden
Granitgebäude,
das
wie
eine
mittelalterliche Festung aussah. Woody bat mich
immer, Zigaretten mitzubringen, Raleigh war seine
Marke. Meistens spielte ich ihm nachmittags seine
eigenen Songs vor."

A

ls Bob Dylan, wie er in seinen Chronicles 2004
berichtet, Woody Guthrie 1961 im Krankenhaus
Greystone Hospital in Morristown (New Jersey)
besucht, ist der Folksänger bereits seit sechs Jahren dort,
erkrankt an der Chorea Huntington, einem unheilbaren
Nervenleiden, dem auch schon seine Mutter erlag. Er stirbt
1967. Ähnlich düster sieht Guthries Kindheit aus. Woody
beschreibt selbst in seiner Biografie "Bound for glory", wie er
am 14. Juli 1912 in Okemah/Oklahoma in wohlhabende
Verhältnisse hinein geboren wurde. Seine Mutter ist eine
Lehrerin. Aber sein Vater verliert das Vermögen und wird bei
einem Unfall schwer verletzt. Eine Schwester stirbt bei einem
Feuer im Haus. Woody wächst von seinen Geschwistern
getrennt in wechselnden Pflegefamilien auf. Mit 15 Jahren
trampt er allein in den Süden.

145

G

uthrie wird zum Hobo, schlägt sich mit
Wanderarbeit durch, als Erntehelfer, Tellerwäscher,
Schildermaler, oder auch als Radioredakteur. Er reist
mit den Hobos, die nach dem Dust Bowl, den verheerenden
Sandstürmen der 30er Jahre, ihre Farmen im Mittleren Westen
verloren haben und oft unter Brücken oder in
selbstgezimmerten Holzverschlägen wohnen. Guthrie setzt
seine Erfahrungen mit diesem Amerika in Lieder um. Er erzählt
von den kleinen Leuten, aber er prangert ihr Elend auch an.
Seine Songs trägt er in Kneipen vor, in Konzertsälen, bei
Gewerkschaftsversammlungen und Streiks. Auf seiner Gitarre
steht: "This machine kills fascists" (Diese Maschine tötet
Faschisten).

G

uthries Nachlass bringt später mehr als 3.000 Texte
ans Licht. Aufgenommen hat er davon kaum 300.
Als er 1940 in New York auftritt, lädt ihn der
Liederforscher Alan Lomax in ein Tonstudio ein. Hier
entstehen die ersten Aufnahmen von Guthries eindringlichem
Gesang zu Gitarre und Mundharmonika, der später Bob Dylan
nachhaltig beeinflussen wird. Guthrie legt keinen Wert auf die
Rechte an seinen Liedern. Songs wie "I Ain't Got No Home In
The World Anymore" werden vielfach nachgesungen - vor
allem aber die inoffizielle Gegen-Hymne der USA: "This Land
Is Your Land."

D

as Greystone Hospital in Morristown (New Jersey)
wurde am 17 August 1876 als Irrenhaus eröffnet,
hat sich aber jetzt in eine verfallende Ruine
verwandelt. Bereits nach enigen Jahren war die Einrichtung mit
einer Kapazität von 600 Kranken mit 800 Patienten überfüllt.
146

In 1887 mussten auch die Dachböden ausgebaut und die
Speisesäle in Schlafräume verwandelt werden. In 1912 war die
Einrichtung für 1600 Personen mit mehr als 2400 Patienten
belegt. In 1953 erreicht die Patientenzahl wohl ein Maximum
mit 7.674.

N

ach der Erfindung des Medikaments Thorazine
konnte man die Belegungszahl abbauen und um
2005 wurde die Schließung des alten Greystones mit
den 43 Gebäuden beschlossen. Die meisten Gebäuden waren
bereits zu dieser Zeit in einem desolaten Zustand und nicht
mehr zu retten. Vom Verbleib des großen Sängers Woody
Guthrie in diesem Krankenhaus gibt es immerhin als
Mausoleum der Folkmusik neben wenigen Fotos Gott sei dank
noch Dylan's berühmten Song to Woody.

147

148

35 Zweimal so schnell als der Schall

G

roße Ideen beginnen als Entwürfe, die man als
technisch, ökonomisch, politisch oder künstlerisch
einordnen kann. Künstlerisch heisst eine Idee, die
man schön finden kann ohne dafür rationale Gründen
anzugeben. Künstlerische Entwürfe verkaufen sich besser, weil
sie nicht aus - rein technischen oder ökonomisch nachprüfbaren Gründen einfach ablehnen kann. Sie müssen
dann auf esthetischer Basis weiter betrieben werden um die
künstlerische Sucht des Künstlers oder des Managements zu
befriedigen.

D
D

a ein Entwurf jedoch immer ein Kompromiss ist
kommt es darauf an den Kunden ein herausragendes
attraktives Merkmal zu zeigen und die negativen
Merkmale möglichst lange zu kaschieren.
as herausragende Merkmal des nun zu
beschreibenden
Werkzeugs
war
seine
Geschwindigkeit. Zweimal schneller als die Worte
Gottes und obendrein sicher sollte es schon sein, denn nur
dafür will der Kunde viel Geld hergeben. Zwischen 4500 und
11000 Euro zahlen Fluggäste für ein Hin-und Rückflug Ticket
auf der Überschallstrecke Paris-New York:
"Man fliegt in 18.000 Metern Höhe bei Mach 2
und schlürft Champagner dazu..."

149

D

a Überschallgeschwindigkeit im zivilen Leben
jedoch kein lebenswichtiges Merkmal darstellt kann
man dem Kunden dafür nicht beliebig viel mehr
abverlangen. Künstlerisch schön soll der Flieger auch noch
gewesen sein. Damit kann man seinen Betrieb und seine
Entwicklungskosten auch dann rechtfertigen, wenn der
gesunde Bauernverstand schon lange abgeschaltet hat, aber
sicher soll der Flug natürlich auf jedem Fall sein...

Ü

ber 100 Fluggeräte hätten verkauft werden müssen,
um die Entwicklungskosten wieder einzuspielen.
Obwohl verbindliche Bestellungen ausblieben,
brachen die Manager die Entwicklung nicht ab. Dabei wurde
immer klarer, dass bei dem riesigen Spritverbrauch 33 auch der
reine Flugbetrieb des Vogels ein Verlustgeschäft zu werden
drohte. Schließlich wurden nur 16 Fluggeräte gebaut: einige
wenige für die Air France und für British Airways. Doch das
Flugzeug konnte sich fast nur auf der Flugstrecke von Paris
und London nach New York behaupten. Und selbst auf dieser
Route machte sie schließlich Verluste.

D

er Riesenbleistift mit den Deltaflügeln flog von 21.
Januar 1976 bis 24. Oktober 2003. Das Ende wurde
aber bereits eingeläutet mit dem Unfall am 25. Juli
2000. Auslöser für die Katastrophe war laut Ermittler wohl ein
43 Zentimeter langes Metallteil, das auf der Piste gefunden
wurde. Zwei Minuten nach dem Start der AF 4590 um 16.42
Uhr war die Maschine nahe der französischen Ortschaft
Gonesse abgestürzt. Dabei kamen 113 Menschen ums Leben.

33

von 25.600 Liter pro Stunde

150

D

ie Untersucher halten in einem 80 Seiten
umfassenden Zwischenbericht fest, dass das auf der
Piste gefundene Metallstück "wahrscheinlich" zum
Platzen mindestens eines Concorde-Reifens während des Starts
führte und die verhängnisvolle Kettenreaktion auslöste. Die
Ermittler fanden in der Metalllamelle Nieten des Typs
"Cherry", wie sie in der Luftfahrt benutzt werden. Damit
werden Vermutungen bestätigt, nach denen ein anderes
Flugzeug das Metallteil auf der Piste verloren haben könnte.
Die Rekonstruktion des Absturzes ergab, dass das Metallteil
auf der Startbahn einen Reifen zum Platzen brachte.
Abfliegende Metallteile des Fahrwerks durchschlugen die
Tragfläche und die darin befindlichen Treibstofftanks. Das
auslaufende Kerosin brachte die Triebwerke zum Brennen, der
Absturz war nicht mehr zu verhindern. Infolge der für den
Überschall optimierten Konstruktion konnte der Pilot die
brennenden Maschine nicht mehr in der Luft halten oder
notlanden. Es war das einzige Unglück in der Geschichte der
Concorde.

D

er Eindruck des Feuers, der Explosion liessen sich
nicht mit einer 200 Millionen Euro teuren
Nachbesserung
des
Flugzeugs
auslöschen.
Verbleibende Concordes wurden zerlegt oder den Museen zur
Anschauung überlassen. Ob man daraus was gelernt hat ist
fraglich. Japan und Frankreich wollen nun einen leiseren und
weniger Kerosin fressenden Concorde-Nachfolger möglichst
schon im Jahr 2015 in der Luft haben...

151

152

36 Das Castrum Doloris des Rock & Roll

I

n 1953 nahm ein unbekannter Sänger in den Studios der
Sun Records in Memphis auf Celluloseacetat die Titel
My Happiness und That's When Your Heartaches Begin
auf, angeblich als verspätetes Geburtstagsgeschenk für seine
Mutter. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass er den Klang seiner
Stimme hören wollte. Die beiden Titel - sowie zahlreiche
Balladen in den über zwei Jahrzehnten danach - sang er sehr
rührselig, ja fast kitschig, was teilweise noch heute für
Kritikerspott sorgt. Dieser Vortragsstil war aber – neben seiner
„rockigen“ Phrasierungstechnik – von Anfang an ein wichtiger
Teil des Erfolgsrezepts.

D

er Inhaber der Sun-Studios, Sam Phillips, ein
Liebhaber und Produzent der schwarzen Musik,
wurde durch die spezielle Klangfärbung von Elvis’
Stimme auf diesen aufmerksam. Phillips war damals bereits
seit einiger Zeit auf der Suche nach einem Sänger mit „dem
besonderen Sound“ und vor allem mit einem ausgeprägten
Rhythmusgefühl, denn er sagte einmal voraus:
„Wenn ich einen weißen Mann finden könnte, der die
Stimme und das Einfühlungsvermögen eines Schwarzen
hat, dann könnte ich eine Million Dollar machen“.

153

O

bwohl von seiner Meinung überzeugt, war er
aufgrund der damaligen Marktmechanismen
zunächst noch sehr skeptisch, denn vor allem im
rassistischen Süden der USA spielten „weiße“ Radiostationen
bis in die 1960er Jahre keine schwarze Musik. Doch Phillips
behielt recht, sein Gefühl bezüglich des jungen Gesangstalentes
hatte ihn nicht getäuscht, denn seit 1954 verkauften sich
weltweit insgesamt weit über eine Milliarde Schallplatten von
Elvis Presley.

K

ein anderer Star der früheren Jahre, wie
beispielsweise Bing Crosby, Perry Como oder Dean
Martin, wurde von der Jugend so hingebungsvoll
verehrt wie Elvis Presley. Auch in der Folgezeit konnte kein
einzelner Musiker je wieder die persönliche Ausstrahlung und
das Charisma eines Elvis Presley erreichen. Erst im BeatZeitalter der 60er Jahre können die Beatles sowie die Rolling
Stones in der Popularität aufschließen.

M

usikalisch stand er mit Stücken wie Heartbreak
Hotel (die erste Single für RCA), Hound Dog
(1956) und vielen weiteren anfänglich für den
Rock ’n’ Roll, jedoch erweiterte er recht bald sein Repertoire
um Balladen wie Love Me Tender (1956). Vermutlich die
Kombination aus hervorragender, „schwarz“ klingender
Stimme, gutem Aussehen, weißer Hautfarbe, schwarzgefärbter
„Schmalzlocke“ (Elvis war von Natur aus blond) und einem
vielfältigen, aber stets sicher den Massenmarkt treffenden,
Repertoire kann den einzigartigen Erfolg Presleys erklären.
154

D
F

ie Sun Studios der 1950er hatten mit zahlreichen
Interpreten etwas Neues hervorgebracht, doch erst
Elvis war in der Lage, es von einer Minderheitenzur Massenkultur werden zu lassen.
inanziell sah für Elvis die Situation auch aufgrund
seiner verschwenderischen Großzügigkeit zunehmend
problematisch aus. Für weit unterbewertete 5,5
Millionen US-Dollar verkaufte er 1974 einen Großteil seiner
musikalischen Rechte an RCA. Nach dem Abzug des Anteiles
seines Managers und der Steuern blieben Elvis gerade einmal
900.000 Dollar. Bereits 1967, auf dem Tiefpunkt der Karriere,
hatte er mit seinem Manager einen Vertrag unterschrieben, der
diesem die Hälfte aller Einnahmen zubilligte. Zum Zeitpunkt
seines Todes besaß er trotz Plattenverkäufen im dreistelligen
Millionenbereich an Vermögen nur sein Haus Graceland und
1,2 Millionen Dollar auf seinem Girokonto, um die laufenden
Kosten zu decken.

A

m 31. Dezember 1975 gab Elvis das letzte große
Konzert-Highlight vor der Rekordkulisse von rund
60.000 Zuschauern im damals neuen Silverdome in
Pontiac, Michigan. Seine letzten Studiosongs nahm er im
Oktober 1976 im sogenannten „Jungle Room“ in Graceland
auf, eine geplante Session im Januar 1977 in Nashville fand
wohl aufgrund gesundheitlicher Probleme nicht mehr statt.

E

lvis absolvierte in seinen letzten Lebensjahren einen
Konzertmarathon durch die USA von mehr als 150
Shows pro Jahr. Die freie Zeit verbrachte er meist
zurückgezogen auf seinem Anwesen Graceland in Memphis, in
155

Los Angeles, Palm Springs oder auf Hawaii. Er kämpfte in
dieser Zeit nach Aussage von Freunden mit erheblichen
persönlichen und wirtschaftlichen Problemen. 1973 wurde
seine Ehe mit Priscilla Presley geschieden, zudem litt er seit
Jahren
unter
Übergewicht
und
einer
starken
Medikamentenabhängigkeit, die letztlich seine labile
Gesundheit ruinierte.

A

m 16. August 1977, um ca. 14 Uhr wurde Elvis
Presley von seiner damaligen Freundin leblos am
Boden seines Badezimmers aufgefunden und im
Baptist-Memorial-Hospital um 14:43 Uhr, nach mehreren
Wiederbelebungsversuchen, offiziell für tot erklärt. Er wurde
nur 42 Jahre alt. „Der King ist tot“, diese Nachricht verbreitete
sich rasant und löste weltweite Trauer aus. Als offizielle
Todesursache Presleys wurde „Herzstillstand durch zentrales
Versagen der Atemorgane“ angegeben.

E

lvis’ Ruhm hat auch Jahrzehnte nach seinem Tod
nicht gelitten. Schon zu Lebzeiten erschienen 89
Alben, bis zu seinem Tod im August 1977 hatte er
bereits über 500 Millionen Tonträger verkauft. Nur Michael
Jackson konnte bis zu seinem eigenen Tod mehr Platten
verkaufen - insgesamt 750 Millionen Tonträger. Nach
Ermittlungen der Tonträgerindustrie hat Elvis Presley bis 2007
1,43 Milliarden Tonträger abgesetzt. Damit ist er insgesamt
gesehen bis heute der erfolgreichste Musiker der Welt (vor den
Beatles mit 1,3 Mrd. Platten). Er wurde für 14 Grammys
nominiert und gewann drei – alle für seine Gospelmusik.

156

I

n 1986 wurde Elvis Presley in die Rock and Roll Hall of
Fame aufgenommen. Insgesamt kamen 33 Filme mit
Presley in die Kinos, 31 Spielfilme und zwei
Konzertfilme (1970, 1972). So ist es nur allzuverständlich, dass
wir Elvis’ Grabstätte im Meditation Garden von Graceland als
das Castrum Doloris des Rock & Roll benennen dürfen...

157

158

37 Das Denkmal der Farbe „Paars“
Gelegentlich erwache ich in der Ahnung, dass wieder
ein Wort gefunden wurde, welches nur noch in der
niederländischen Sprache übrig geblieben ist. Weder in
Englisch, Deutsch oder Französisch ist vergleichbares
vorhanden. Es ist ein totes Wort, „Paars“, das wir erst
dann verstehen, wenn wir uns mit der alten, religiösen
Farblehre auseinandersetzen.
Angefangen hatte alles mit Stefans Aussage, dass ein
Germanist mit dem Wort keinerlei religiöse Assoziation
verknüpfen könne, weil Purpur einfach von einer Schnecke
abstammt, der im Mittelalter am Mittelmeer zur Farberstellung
gezüchtet worden ist.
Mit meiner Rede, dass die Farbe Purpur ursprünglich ihre
religiöse Bedeutung durch Weben einer Vielzahl dünnster roten
und blauen Fäden, konnte er nichts anfangen. Für ihn wurde
Purpur erst mit der Verarbeitung der Purpur-Schnecke zum
religiösen Symbol. So blieb mir nichts anderes übrig als die
Etymologie des niederländischen Wort „paars“ (übersetzt
Purpur) genau zu dokumentieren.
International akzeptiert man heute die Farbcodierung Rosa für
die weibliche und Hellblau für die männliche Geschlechter.
Den Beweis zu dieser These werden wir noch an einigen
Beispielen liefern müssen. Bekanntlich ist Purpur die
Mischfarbe der Farben Rot und Blau und bei dieser
Konstellation könnte man sich fragen, inwieweit man die alten
Symbolik der Farben Purpur, Rot und Blau wiederaufleben
lassen kann.

159

„Paars“ ist die Farbe der „Peers“
Die regionale Anwendung der Wörter für Purpur, Violett und
„paars“
wurde
dokumentiert
im
Niederländischen
34
etymologischen Wörterbuch
in einer Karte von P.J.
Meertens, Taalatlas afl. 4, 14. Vielleicht kann man in dieser
Karte ablesen im welchen Bereich das Wort „paars“ entstanden
ist.
Die etymologische Ableitung des Wortes "paars" ist unsicher.
Die Etymologen vermuten einen Zusammenhänge mit Persae
'Perser', Persia 'Persien' und perzik (Pfirsich) obwohl doch die
zuvor beschriebene, einfachere Erklärung sich anbietet.
Die Datenbank http://www.etymologie.nl/ dokumentiert einige
mittelalterlichen Zitate für dieses Wort um 1300 AD:
paars Substantiv (als 'Farbe')
Mnl. perse 'Purpur (Laken)' [1294; VMNW], perse
saye 'Purpur wollene Stoffe' [1296; VMNW],
peers bruxsch lakene ' Purpur Laken aus Brugge' [134344; MNW], groen of blaeu of root of paers [ca. 1475;
MNW].
Zwei Dokumente aus dem Jahr 1672 und 1742 enthalten
jedoch Verweise auf Substantive „Paars“ sowie „Pers“. Wir
werden diese Zitate kurz analysieren. Die interessante Stelle ist
gelb markiert. Es handelt sich in beiden Fällen um einen Saal,
den man „Paars“ oder „Pers“ nennt. Es betrifft wohl den
Versammlungssaal für die freien Bürger, der Stadt Leiden die
man in England „Peers“ nennt und im britischen Adel als
Sammelbegriff für adlige Personen verwendet wird.
34

von J. de Vries, F. de Tollenaere, Maaike Hogenhout-Mulder

160

Prinzipiell stammen diese Begriffe aus dem Latein: „Pares“,
d.h. die Gleichen.
Korte besgryving van het Lugdunum Batavorum nu Leyden
door Simon van Leeuwen – 1672
Het selve Stadhuys is soo onder als boven in verscheide
plaatsen verdeelt, elk tot sijn byfonder gebruyk, als fijn
boven de Grote Vroedschaps-kamer, Burgermeesters
kamer, Schepens kamer, Secretarie, Griffie ende Weeskamer, voor ende tussen dewelke een groote Wandelplaats, dat men de Paars nomt, ten eynde van dewelke
twee vertrekken voor sijn, daar de Burgen alle nagten
de wagt houden. Boven deselve Paars is de Artelerie
ende Wapen-kamer,
Hedendaegsche historie... - Seite 523
Thomas Salmon, Jan Wagenaar, Matthias Van Goch – 1742
Langs den eerst beschreeven' Buiten-opgang van
twintig trappen naar bovengaande, komt men op eene
ruime Zaal, gemeenlyk de Paars of Pers genaamd, die
zeventig treden lang is.
Zum Verständnis, warum „paars“ die religiöse, adlige Farbe
geworden ist, müssen wir die mittelalterlichen, biblischen
Farblehre bemühen.

161

Die Regeln der Ikonenmalerei
Für die Ikonen gelten immer noch gewisse Regeln, die auch
heute noch eingehalten werden. Zur Farbgestaltung gilt, dass
Jesus und Maria immer in Rot und Blau gekleidet sein müssen.
Überhaupt sind Rot und Blau seit jeher die Farben der
Heiligen. Obwohl eine karolingische Bischofssynode die
Farbgestaltung für die Westkirchen bereits früh im Mittelalter
freigegeben hat, brauchen die Künstler noch Jahrhunderte zur
freien Farbgestaltung. Auf fast alle Gemälde des Mittelalters
bleibt die Kleiderordnung in Rot und Blau erhalten, die 25 mal
in den Büchern Exodus35 und dreimal in 2. Chroniken36 als
göttliches Kommando zur Gestaltung des Verbundzeltes und
Bekleidung des Höhenpriesters.

Abb. 4: Jesus Christus in Rot und
Blau

35

Kapitel 25->27 und 35->39

36

Kapitel 2 & 3

162

Eine Kleidervorschrift aus Exodus
Zu den Amtskleider kann man ablesen, dass der Purpur aus Rot
und Blau, sowie gezwirnter weißer Leinwand gestaltet werden
soll:
391Aber von dem blauen und roten Purpur und dem
Scharlach machten sie Aaron Amtskleider, zu dienen im
Heiligtum, wie der Herr Mose geboten hatte. 2Und er machte
den Leibrock von Gold, blauem und rotem Purpur,
Scharlach und gezwirnter weißer Leinwand. 3Und sie
schlugen das Gold und schnitten's zu Faden, daß man's
künstlich wirken konnte unter den blauen und roten Purpur,
Scharlach und weiße Leinwand. 4Schulterstücke machten sie
an ihm, die zusammengingen, und an beiden Enden ward er
zusammengebunden. 5Und sein Gurt war nach derselben Kunst
und Arbeit von Gold, blauem und rotem Purpur, Scharlach
und gezwirnter weißer Leinwand, wie der Herr dem Mose
geboten hatte.

163

In diesem Gemälde trägt ein Heiliger oder Jesus (?) einen
blauen Obermantel über einem roten Unterkleid. Sogar ein Teil
der weißen Leinwand ist am Kragen noch sichtbar.

Abb. 5: Heiliger in Rot und Blau

164

Zur genauen Symbolik von Rot und Blau
Allgemein wurde die rote Sonne und der blauen Mond südlich
der Alpen als männlich beziehungsweise weiblich verehrt. Die
Sonne war deshalb männlich und der Mond weiblich.
Nördlich der Alpen hat man genau umgekehrt das Geschlecht
der roten Sonne weiblich und des blauen Mondes männlich
gewählt.
Folgendes Bild zeigt eine rote Sonne und blauem Mond aus
dem sechsten Jahrhundert.

Abb. 6: Josef erblickt eine roten Sonne & blauen Mond

165

Der Codex Manesse
Selbstverständlich werden die Vorschriften zur Bekleidung
respektiert und angewandt zur Erstellung der Ikonen und in der
religiösen Kunst, aber auch in der kaiserlichen und königlichen
Bekleidungen. Sogar auf mittelalterlichen Darstellungen der
Bauern findet man oft die rot-blaue Kleiderkombination. Im
Codex Manesse und an den Kleidern des Kaisers Heinrich VI
ablesen, dass er auf seinem Thron einen Purpurmantel und ein
blaues Unterkleid trägt. Zur Bestätigung bestätigt der Künstler
die Symbolik in einer Umrandung Rot-Weiß-Blau.

Abb. 7: Kaisers Heinrich VI (Detail Codex Manesse)

166

Auch an einem König und Königin kann man die gängige
Farbcodierung der Ikonenmalerei gut ablesen:
Der König trägt einen blauen Obermantel über einem roten
Untermantel, während seine Partnerin einen rot-purpuren
Obermantel über einer blauen Untermantel führt. Beide führen
auch Weiß in der Bekleidung.

Abb. 8: Ein Königspaar im Codex
Manesse

167

Ein androgynes Symbol
Wie bereits angedeutet sind die Farben Purpur, Blau und Rot
in der Bibel als religiöse Symbole bekannt, aber bereits zur
Römerzeit war Purpur auch in anderen Religionen als
religiöses Symbol bekannt.
Römische Kaiser haben sich selbst zu Göttern erhoben und
dabei Purpur als kaiserliche, göttliche Farbe festgelegt. Nero
ging dabei so weit, dass er das Tragen des Purpur unter
Androhung der Todesstrafe nur den Mitgliedern der
kaiserlichen Familie erlaubte. Der kaiserliche Nachwuchs
wurde dabei in Purpurwindeln gewickelt.
Generell symbolisiert die Farbe Purpur im Altertum die
Fruchtbarkeit des Ehepaares und bei den alten Völkern die
Bereitschaft zum Kindersegen. Fruchtbarkeit war in den
Kriegszeiten, bei Seuchen und Hungersnot überlebenswichtig.
Purpur wird jedoch aufgebaut auf weiblichem Rot und
männlichem Blau.

Abb. 9: Kopfzeile der Korczek-Bibel (Prag- um1410)
Bereits bei den Kelten und Germanen war die Ehe wie das
Ehepaar ein heiliges und religiöses Symbol. Der alte
Germanische Schöpfergott war nach Angaben von Jacob
Grimm androgyn.

168

Alte Traditionen
Diese Traditionen sind alle alt, sehr alt, und sie haben schon
längst ihre Bedeutung verloren. Die Kirche hat diesen Verlust
gefördert. Durch Zufall ist ihnen das Wörtchen „paars“ jedoch
entgangen. Jetzt steht es einsam und verlassen als ein totes
Wort im Wörterbuch. Kein Mensch versteht noch wo es
herkommt, obwohl gerade dieses Wort eine bisher
geheimnisvolle Farbsymbolik der Bibel aufhellen könnte.
Vielleicht war Purpur sogar ein androgynes Symbol.
Der androgyne Adam war auch im Mittelalter nicht unbekannt.
Rashi's Genesis37 und Rashbam's Genesis38 waren im
Mittelalter bekannt und Vorläufer für den Sohar, in dem eine
vollständige, mittelalterlichen Dokumentation der androgynen
Schöpfung dokumentiert wurde.
Auch gab es im Mittelalter wohl noch Landkreise, in dem die
Bevölkerung sich noch an die alten, heidnischen Religion
erinnerte, die das Wörtchen „paars“ als Symbol verwendet
hatte.

Fig. 10: Initialen in de Neapolitaanse Bijbel

37

Rabbi Rashi 1040-1105, Nord-Europa (Kapitel 27)

38

Rashbam, Rashi's Nachfolger, 1085-1174, Nord-Europa (Kapitel 27)

169

„Paars“ bildet darin die Basis für das Verständnis der
paarweise verwendeten Buchstaben, die wir in großer Zahl in
den illustrierten, mittelalterlichen Bibeln zurückfinden.
Dieses paarige Wort paars für Purpur erlaubt mir auch die
merkwürdige Farbcodierung der Divina Commedia des
berühmten Dichters Dante als mannweiblichen PaarKombinationen zu verstehen:

Abb. 11: Codex der Divina Commedia

170

Im Buch Nummern 15:37-41 befiehlt Gott das Volk Israels von
Generation zu Generation Quasten mit einem violetten
Purpurfaden am Saum ihrer Bekleidung zu nähen, damit sie
sich die göttlichen Geboten erinnern.
Im nachstehenden Bild aus 1336 trägt Jesus (genauso wie
Heinrich VI) einen Purpurmantel über einem blauen
Unterkleid. Genau genommen fehlen jedoch die Quasten mit
dem Purpurfaden, die jeder Hebräer tragen sollte...

Abb. 12: Der Judas-Kuss (1336)

171

Der Keltenfürst von Hochdorf

Abb. 13: Der Keltenfürst in roten und blauen Tüchern

Purpur ist auch die Farbe des Mantels, dessen Struktur im Grab
des Keltenfürsten Hochdorfs nur unter der Lupe als extrem
dicht gewebtem Muster aus roten und blauen Fäden erkennbar
ist. Der Keltenfürst wurde in mehreren abwechselnd roten und
blauen Tüchern eingewickelt. Das Grab stammt aus der Zeit
von etwa 530 vor Christus. Aufgrund der Ähnlichkeit der
Farbsymbolik sollten wir vielleicht doch eine gemeinsamen
Farbcodierung für Purpur, Rot und Blau annehmen für die
frühen Kulturen in Israel und Hochdorf.
172

Abb. 14: Liege mit dem keltischen Fürsten von Hochdorf

173

Die Niederländische Flagge
Als Vorschrift für die niederländischen Nationalflagge mag ein
religiöser Bibelkenner auch folgende Vorschrift aus Exodus
übernommen haben:
15Das

Amtschild sollst du machen nach der Kunst, wie den
Leibrock, von Gold, blauem und rotem Purpur, Scharlach
und gezwirnter weißer Leinwand.

Abb.15: Niederländische
Flagge
„Paars“ hat mir erläutert wie ich den Mantel des Kaisers
Heinrich VI in der Codex Manesse verstehen soll, warum die
niederländische Flagge Rot-Weiß-Blau trägt.

174

Tuisco
„Paars“ bleibt deshalb für mich in zärtlicher Erinnerung als
ein letzter Gruß an die alten Religion meiner Vorfahren, an
Tuisco, dem man Duisburg und Doesburg gewidmet hat.
„Paars“ hat mir erläutert, dass die abwechselnd blauen und
roten Intialen in fast allen mittelalterlichen Bibeln keine
gewöhnlichen Dekorationen, sondern religiöse Symbole bilden,
Die Initiale symbolisieren die Rückkehr und Transformation
des Ehepaars zum androgynen Adam.

Abb. 16: Initiale in einem Codex des 14e JH.

175

Wörter in Purpur weben
Purpur ist auch die Farbe, in dem man in den alten Bibeln mit
Buchstaben gewebt hat, die analog zu den Tüchern im Grab des
hochdorfer Fürsten in einer gewissen Distanz wir Purpur
wirken.

Abb. 17: Utrechter Bibel (1460)

176

Die Symbolik des Granatapfels
Abgesehen von den Spezifikation der Farben Purpur, Rot und
Blau enthält die Bibel an ähnlicher Stelle Andeutungen, die auf
eine genauer umschriebene Symbolik der Farbe Purpur deuten.
So ist zum Beispiel die Samentasche des Granatapfels weiß bis
tief rot, wobei jedoch einige Varianten die Purpurfarbe
erreichen (Photo).
Die Granatäpfel, die sich als Abbildungen auf den Säulen39
Jachin und Boaz des Tempels befunden haben, waren wohl
Fruchtbarkeitssymbole. Granatapfel waren auch in den
Kultgewändern der hebräischen Höhenpriestern eingewebt40.
Der Kult des Granatapfels deutet auf die zentrale Rolle, welche
die Fruchtbarkeit im Altertum gespielt haben muss.

Abb. 18: Samen in den
Samentaschen des Granatapfels
39
40

1 Könige 7:13–22
Exodus 28:33–34

177

Zusammenfassung
International akzeptiert man heute die Farbcodierung Rosa für
die weibliche und Hellblau für die männliche Geschlechter. In
der deutschen Sprache kennt man auch die Wörter “Paar” und
“paarweise”, aber nicht die Farbe, womit man ein Kombination
männlich & weiblich symbolisiert.
Im niederdeutschen Bereich gibt es jedoch ein altes Wort
„paars“ für die Farbe Purpur, das vermutlich bereits im
Altertum analog zu den Farben Rot und Blau als religiöses
Symbol verstanden worden ist.
Aus den Regeln für die mittelalterlichen Ikonenmalerei und aus
den Büchern Exodus und Chroniken kann man diese religiöse
Symbolik für die Farben Purpur, Rot und Blau ablesen.
Auch in modernen Symbolen wie die Flaggen der
Niederlanden, England, USA, Frankreich und Russland lassen
sich immer noch Reste dieser alten Symbolik ablesen.
Die mittelalterlichen Etymologie der Farbe „Paars“ (als
Alternative zu „Purpur“) basiert auf die freien Bürger der
niederländischen Stadt Leiden, deren Versammlungsort zur
damaligen Zeit nach dem Latein “pares” “de Paars”,
beziehungsweise “de Pers” genannt wurde. In der englischen
Sprache lautet das vergleichbare Wort “Peers”. Die Farbe
„Paars“ ist die Farbe der „Peers“, d.h. des Adels.

178

38 Das Ende des ersten Endlagers

I

n der ehemaligen Salzgrube Asse II war mal ein Endlager
für Nuklearmüll geplant. Vom 1967 bis 1978 wurde dort
auch radioaktiver Müll deponiert, der nun wieder entfernt
werden soll. Nix Endlager für 30.000 Jahre oder länger. Falls
wir nicht aufpassen, wird das Grundwasser bald schon
verseucht sein. Die ersten Fässer sind schon durchgerostet, aber
keiner weiß wie viel und wie übel.

R
F

adioaktive Lauge wurde aus dem Sumpf 2005-2008
in die Sohle 950-975 m Tiefe geleitet. Es ist aber
noch ein weiter Weg bis zum Zentrum der Erde und
die Standsicherheit der Grube ist wegen Einsturzgefahr nur bis
2020 gegeben...
ür den Abtransport der rostenden Müllfässer sind 10
Jahre geplant und täglich dringen von außen 12.000
Liter Wasser ein, die den fortschreitenden RostProzess nur noch beschleunigen können. Jederzeit kann ein
Wassereinbruch eintreten, wodurch das Bundesumweltministerium endgültig aus dem Schneider wäre. Wo zu viel
Wasser eindringt, kann man keinen Bergmann oder Roboter
mehr hin schicken. Nun soll das Gerümpel in einen anderen
Schacht verlagert werden, nach Konrad in Salzgitter...
• Rund 1300 Fässer mit mittelradioaktiven Müll (1.000
Tonnen) liegen auf der 511 m-Sohle.
• Rund 125.000 Fässer mit schwach radioaktiven Müll
(88.000 Tonnen) liegen auf der 725 und 750 m-Sohle.

179

A

ber was heißt denn schon schwach radioaktiv? Die
Strahlenschädlichkeit kennt keine Untergrenze.
Unverantwortlich ist das Kennwort. Jetzt ist aber die
Kompetenz vom ehemaligen Betreiber GFS (Gesellschaft für
Strahlen- und Umweltforschung) aufs Bundesamt für
Strahlenschutz (BfS) übergegangen...

180

39 Die Stadt der Verdammten41

D

as Testgelände Semei liegt in etwa südwestlich der
gleichnamigen Stadt Semei in der kasachischen
Steppe in 100 bis 300 m Höhe mit Gebirgszügen von
bis zu 1200 m Höhe. In dieser kontinentalen Lage variiert die
Temperatur zwischen 45 °C im Sommer und bis −50 °C im
Winter bei einem geringen Jahresniederschlag von 200 bis
300 mm.

V

on 1949 bis 1989 wurden hier 496 Tests überwiegend zu
militärischen Zwecken durchgeführt. Ab dem Jahr 1963
wurden die Tests auf dem Gelände in Bohrlöchern und
Tunneln im Balaplan-Gebiet bzw. in den Degelen-Bergen
durchgeführt. Seit 29. August 1991 erfolgte die Stilllegung des
Testgeländes. Das ehemalige Betriebsgelände ist heute wieder
Sperrgebiet, war jedoch lange Zeit für jedermann zugänglich.
Die Strahlung erreicht auch heute, 20 Jahre nach der letzten
Sprengung, noch einen Wert von 14-19 Mikro-Sievert, der
ungefähr 400 mal höher als der empfohlene Maximalwert ist.
Mehr als 1 Million Menschen sollen den Tests schutzlos als
Versuchsobjekte ausgesetzt worden sein.

V

on 600 Dorfsbewohnern des nächstgelegenen Dorfes
Mayskona des Betriebsgeländes sind nur 2 halbwegs
gesund. Ein Phänomen in der Region sei außerdem die
hohe Selbstmordrate. Bis zu 47 Suizide pro 10'000 Einwohner,
darunter viele Jugendliche, sogar Kinder. «Offensichtlich gibt
es da im Gehirn eine biochemische Reaktion, die wir noch
nicht entschlüsselt haben.»
41

Das Video des Grauens (nichts für schwache Nerven!): Die Stadt der
Verdammten, RTL.de (18:10 Min.)

181

B

ei einem Besuch an der Stadt der Verdammten Semei
sollte man nicht unbedingt allzu viel Nahrung zu sich
nehmen. Von wissenschaftlicher Seite wird einem
sogar empfohlen während dem Aufenthalt in dieser Region
Kasachstans möglichst wenig essen - ja sogar lieber zu fasten.
Das Wasser solle man am besten für die gesamten Reise in
Flaschen mitnehmen...
„Was hat keine Arme und keine Hände? Und kann
trotzdem gehen?“
„Ein Kugelschreiber - auf dem Papier!“.
Das ist die Antwort des damals 8-jährigen Glasknochenjungen
Valichan auf das selbst gestellten Rätsels42.

N

iemand weiß zu sagen, wie verseucht das ehemalige
Testgelände heute ist. 2003 ließen die Amerikaner bei
der Ortschaft Snamenka eine große Fläche
zubetonieren, weil das Erdreich so belastet war, dass die
Amerikaner befürchteten, man könne eine Bombe daraus
bauen...

E

ine kleine Poliklinik hat Snamenka auch. Im Eingang
warnt ein großes Plakat vor Ansteckungsrisiken der
Vogelgrippe. Von Radioaktivität ist darauf nichts zu
lesen. In Semey Airport gibt es dagegen ein gelbrotes Schild
das vor radioaktiver Strahlung warnt. Es klebt an der
Gepäckdurchleuchtung, in die wir unsere Taschen schieben...

42

Quelle: aus dem Video des Grauens (nichts für schwache Nerven!): Die
Stadt der Verdammten, RTL.de (18:10 Min.)

182

40 Am Ende werden sie verstehen...

E

s war Dürrenmatt, der in seinem Werk die
Widersprüchlichkeit unseres Handelns nachgewiesen
hat. Dazu bevorzugte Dürrenmatt das Stilmittel der
Verfremdung, in dem der „normale“, das heißt in diesem Fall
der verantwortungslose Physiker als Irrer und die
„Abweichler“ sowie „Sonderlinge“ als verantwortungsvolle
Wissenschaftler dargestellt werden.
Weil Dürrenmatt nachweisen muss, dass sich die Gesellschaft
paradoxerweise aus vielen Verantwortungslosen und nur
wenigen Verantwortungsvollen zusammensetzt, kann man sie
nur in einer Parodie darstellen.

I
D

n der heutigen Welt wird die Schuld in der Regel
vertuscht und auf anderen Ur-hebern oder Ur-sachen
abgeschoben. Nach Dürrenmatts Ansicht kann man der
Unverantwortlichkeit dieser Gesellschaft deshalb nur als
Groteske abbilden.
er Punktekatalog im Anhang der Physiker, eine
Komödie in 2 Akten aus 1962, wurde bereits als
bedeutsamer Leitfaden zur Entwicklung der
gefährlichen
technischen
Anlagen
(zum
Beispiel
Gentechnologie,
Chemiereaktoren,
Nuklearanlage)
identifiziert43. Dieses reicht mir jedoch nicht als Nachweis für
die prophezeienden Kraft der Physiker. Es müsste auch noch
einen Japaner gefunden werden, der zunächst wie ein Irrer
abgestempelt wurde und trotzdem später als ein Held für seinen
Weitblick gefeiert werden konnte.
43

Es Gibt Keine GAUs Mehr - Es gibt nur noch Super-GAUs
183

Dieser Held ist der Bürgermeister Kotaku Wamura des
japanischen Küstenorts Fudai, der in seiner Beharrlichkeit die
3000 Fudaier mit einer 16 Meter übergroßen Schutzmauer vor
dem Untergang bewahrte. Im Bericht Riesenmauer rettete
japanisches Dorf vor Tsunami wurden die Details dieses
meisterhaften Bürgermeisters dokumentiert.
Demnach wurde dem „unverantwortlichen“ Bürgermeister vor
einigen Jahrzehnten Geldverschwendung vorgeworfen. Den
Nachbargemeinden war es gelungen für viel weniger Geld
bedeutend günstigere Schutzwälle zu errichten. In der Stadt
Taro wurde ein nur 10 Meter hoher Wall gebaut, aber am 11.
März reichte diese Höhe nicht aus...

K

otaku Wamura wurde kurz nach dem Zweiten
Weltkrieg zum Bürgermeister gewählt und blieb bis
1987 im Amt. Er untersuchte die Wegmarkierungen
und Gravuren, welche die Wucht früherer Tsunamis
dokumentierten und leitete daraus gewissenhaft die
erforderlichen Abmessungen für die Schutzvorrichtung ab, die
dann 1967 begonnen wurde. Der begnadete Planer hat die
Schutzfunktion seines Bauwerks nicht mehr erlebt, denn er
starb 1997 als 88-Jähriger. Jetzt aber ehren ihn die Bürger an
seinem Grab mit Geschenken.

I

"Auch wenn es Widerstand gibt, habt Vertrauen und
beendet, was Ihr begonnen habt", sagte er bei seiner
Verabschiedung zu den Angestellten. "Am Ende werden
die Leute verstehen."

m Sinne Dürrenmatts hatte Kotaku Wamura als
verantwortlicher Planer die Geschichte zu Ende gedacht.
In Sinne Dürrenmatts war er zu Lebzeiten ein „Irrer“, der
sich entgegen der allgemeinen Meinung konsequent zum
verantwortungsvollen Handeln durchgesetzt hat. Die
184

Bürgermeister der Nachbargemeinden dagegen wurden damals
gefeiert für ihre kostengünstigere Lösungen, die jedoch der
Welle nicht standgehalten haben.

M

it diesen Informationen hätte Dürrenmatt
sicherlich das paradoxe Verhalten unserer
modernen Gesellschaft nach dem realen Leben in
einer „tragischen“ Komödie verdeutlichen können. Mir stehen
die Fähigkeiten zur Dramatisierung dieser Tragödie nicht zur
Verfügung. Es bleibt mir nur die Bewunderung für die
Lebensleistung des Autors Dürrenmatt und für die
Besonnenheit und Weitsicht des Bürgermeisters Kotaku
Wamura auszusprechen, den man damals für seine Ideen
durchaus hätte abwählen oder – nach Dürrenmatt – in ein
Irrenhaus hätte einweisen können...

L

eider hatte Kotaku Wamura nur die Verantwortung für
das 3000-Seelenreiche Fischerdorf Fudai und nicht
für die Region Fukushima, das im Nachhinein noch
dringender einen solchen Helden gebraucht hätte, der eine
Geschichte zu Ende denken konnte.
Wohl aber haben die Fischer der japanischen Küstenregion
jetzt von Kotaku Wamura gelernt, welche Bedeutung der Wahl
eines weitsichtigen Bürgermeisters beigemessen werden muss.

185

41 Die Heimat des Pronomens IOU

I

n der Abgeschiedenheit der Alpen hat sich die religiöse
Symbolik im ursprünglichen Wortschatz der Sprachen
weitaus besser erhalten als in den ungeschützten Ebenen.
Die Symbolik wird im Zusammenhang des Schöpfernamens
und im zugehörigen Ego-Pronomen am leichtesten
identifiziert44.

I

Villar-St-Pancrace

m winzigen Dorf Villar-St-Pancrace in den Westalpen nahe
Briançon , zwischen Grenoble und Turin verwendet man
das Ego-Pronomen iòu më, beziehungsweise m’ iòu 45,
während gleichzeitig der Schöpfergott den Namen Diòu
aufweist46. Das Patois der Bevölkerung von etwas mehr als
1000 Einwohnern die sich mit einem Okzitanischen Wort
Viarans oder Vialans nennen ist jedoch nicht das einzige
Dialekt mit dieser Eigenschaft. Aufgrund der rasanten
Entwicklung der Kommunikationstechnologie ist das Dialekt
jedoch fast ausgestorben. Auffällig ist, dass das Ego-Pronomen
iòu Bestandteil des Schöpfernamens Diòu ist.

I

n der okzitanischen Sprache wird allgemein das EgoPronomen ieu, beziehungsweise iu zusammen mit dem
Schöpfergott Dieu, Diu, oder Deu verwendet.

44

Die Hieroglyphen des Ichs
Patois of Villar-St-Pancrace : Personal pronouns: Cas sujet Cas régime
atone tonique direct indirect
Sg. 1°p a (l’) iòu më, m’ iòu 2°p tü, t’ të, t’ tü 3°p M u(l), al ei(l) së lu ei F
eilo la eilo N o, ul, la - lu - Pl. 1°p nû* nû* 2°p òû* vû* vû* 3°p M î(z) së
lû* iè F eilâ (eilaz) lâ* eilâ
46
Siehe auch das Lexikon des örtlichen Dialekts: Lexique de mots en patois
45

186

A

uffällig ist auch in diesem Fall, dass das EgoPronomen ieu Bestandteil des Schöpfernamens Dieu
ist. Ein sehr schönes Beispiel der poetischen Strophen
mit der Anwendung von des Ego-Pronomens ieu, zusammen
mit dem Schöpfergott Dieu liefert Frédéric Mistral im
okzitanischen Epos Mirèio (1859).

Mausoleums der Pronomina

W

eitere Mausoleums in den Alpenregionen befinden
sich im Vorderrheintal und dessen Seitentälern, wo
man im Sursilvan das Ego-Pronomen „jeu“ und
einen Schöpfernamen „Deus“ verwendet.
In Gebieten des Hinterrheins spricht man Sutselvisch und
verwendet dabei das Ego-Pronomen „jou“ und einen
Schöpfernamen „Deus“. Ggf. bezieht sich das Ego-Pronomen
„jou“ auch auf Jupiter, dessen Name sich auf den IndoEuropäischen Stamm *IOU bezieht.

I
E

m Vallader verwendet man das Ego-Pronomen eu zum
Schöpfernamen Deus. Im Münstertal spricht man die
Dialektvariante Jauer mit dem Ego-Pronomen „jau“.

ine Übersicht der Ego-Pronomina wurde dokumentiert
in der Google-Maps Karte “The Ego-Pronouns”.
Stellvertretend für die Alpine Pronomina wurde VillarSt-Pancrace wurde als Mausoleum des Pronomens IOU
gewählt, wo man das Andenken an die große androgyne
Religion viele Jahrhunderte aufbewahrt hat.

187

42 Das Federal Reserve System

D

as Federal Reserve System oder kurz Fed (oder
eigentlich irrtümlich FED), ist das ZentralbankSystem der Vereinigten Staaten, das allgemein auch
US-Notenbank genannt wird. Die Notenbanken drucken jedoch
kein Geld. Geld als Giralgeld Geld wird aus dem Nichts
geschaffen durch „Bilanzverlängerung“. Giralgeld ist jedoch
kein gesetzliches Zahlungsmittel.
Zinsen sind bei der
Geldschöpfung nicht entstanden und müssen anderen Personen
abgeknöpft werden. Die Zentralbanken sind die Handlanger der
Geschäftsbanken. Geld (das heißt eigentlich → Schuldscheine),
das zurückgezahlt wird, muss durch Bilanzverkürzung
vernichtet werden.

D

as Dollarvolumen wurde vorsätzlich, in betrügerischen
Weise und mit Unterstützung der angeschlossenen
Ratingagenturen von der Privatbank Fed ohne
fundamentalen Mehrung der physikalischen Substanz um der
40-fachen Summe expandiert47.
"Seit 1971 ist es nicht mehr das Gold, das dem Geld
den Wert gibt, es ist nur noch unser Glaube."48

47

Die monetäre Krise XXV - Eurokrise und Finanzmafia
Schlußsatz des Filmberichtes zur Deckung des Papiergeldes von B.
Dzialowski & D. Hassanzadeh. - Beitrag des ZDF - Heute-Journals vom
15.08.2011 - Unser Geldsystem.
48

188

Gold

Z

u den nachgewiesenen Goldpreismanipulationen
gehören nicht nur Leerverkäufe, sondern auch die
mutmaßliche Fälschung von Goldbarren und
Goldzertifikate, die auf gefälschten Goldbarren basieren. Es ist
klar, dass eine nachgewiesenermaßen betrügerische
Finanzmafia auch nicht vor der Fälschung der „Good
delivery“-Goldwährung zurückschrecken wird.
"Gefälschte Goldbarren sind keine Legende" Interview mit ÖGUSSA Geschäftsführer Marcus
Fasching und boerse-express.com vom 15. April 2010
Das gesamte Geld- und Goldsystem gehört zu einer giantischen
Gelddruckmaschine, die unentwegt die Inflation anheizt und
vermutlich in einen neuen Krieg enden wird. Es kann jedoch
noch Jahren dauern, bis der Reis-Sack umfällt oder ein
Politiker aus dem Fenster fällt49.
Die Fed ist daher als treibende Kraft der globalen monetären
Schuldenpolitik das ultimative Mausoleum der stabilen
Währung, die 1972 endgültig von einer Gold-gesicherten
Währung in eine substanzlose Fiat-Währung umgewandelt
wurde.

49

Von der EURO-Krise zum Weltkrieg dokumentiert die Risiken, die zu
einem Krieg führen könnte.

189

43 Jahrhundertfeier auf Jekyll Island

E
A

s hätte entworfen werden sollen als Dr. Jekylls
Stabilitätsgarantie zum monetäre System, verwandelte
sich aber in Mr. Hydes Lug- und Betrugsmaschine zur
Ausplünderung der US-Bevölkerung und letztlich auch der
gesamten Weltbevölkerung.
ngefangen hatte alles mit einer Konferenz auf Jekyll
Island in 191050. Zum hundertsten Geburtstag wollte
die Fed die erfolgreiche Raubgeschichte sogar
51
feiern ! Dazu wählte man den Titel "A Return to Jekyll Island:
The Origins, History, and Future of the Federal Reserve,"
Als ob die Organisation nicht schon genug Elend
verbreitet hätte! Als ob die Fed überhaupt noch eine
Zukunft hätte!

D
D

ie Profit-Rendite des Systems ist noch intakt. Es
wird nichts befürchtet auf der Vulkanspitze, der
mittlerweile eine Eruptiv-stufe 1 erreicht hat.

Ein wissenschaftliches (!) Konzept

ie Konferenz fand statt am 5 und 6 November und
wurde gehalten im gleichen Gebäude wie damals.
Mit dabei waren 1910 auch U.S. Senator Nelson W.
Aldrich, Assistant Secretary of the Treasury Department, A.P.
Andrews und andere bedeutsame Banker. Sie wurden dort
eingeschlossen bis das wissenschaftliche Konzept eines neuen
monetären System ausgearbeitet worden war.
50
51

Jekyll Island - the documentary by Bill Still
The Federal Reserve Is Holding a Conference On Jekyll Island

190

Es war die Geburt des Federal Reserve System.

F
D

ür die Anfahrt zu Jekyll Island stand den Teilnehmern
ein Privatzugwagon zur Verfügung52. Die Teilnehmer
wurden aufgefordert einander nur mit den Vornamen
und bei strengster Geheimhaltung sogar geheimen
Schlüsselwörtern anzusprechen53.
eshalb is ja wohl klar, das Jekyll Island als
Geburtsstätte der Fed zu den bedeutsamsten
Mausoleen der Menschheit gehört.

52

Planning of the Federal Reserve System
he was to keep them locked up at Jekyll Island, out of the rest of the
world, until they had evolved and compiled a scientific currency system for
the United States, the real birth of the present Federal Reserve System –
Planning of the Federal Reserve System
53

191

44 Ein Grabhügel aus Worten

E

r beabsichtigte eine fingierte Biografie erzählen. Die
Geschwisterliebe sollte dabei eine Hauptrolle spielen.
Das Kapitel „Siamesische Zwillinge“ bildet dabei der
Hauptkern dieser Biografie. Die Zwillingsschwester lebt in uns
allen als geistige Utopie, als manifestierte Idee unser selbst. Als
bedeutender Unterschied zwischen den beiden „Siamesische
Zwillinge“ bezeichnet M. die Farbunterschiede der
Bekleidungsfarben,
die
den
Unterschied
zwischen
Zwillingsbruder Ulrich und Zwillingsschwester Agathe
andeuten könnten:
»Wir können uns ja auch gerade entgegengesetzt
kleiden« entgegnete Agathe belustigt. »Gelb der
eine, wenn der andere blau ist, oder rot neben grün,
und das Haar können wir violett oder purpurn
färben, und ich mache mir einen Buckel und du dir
einen Bauch: und trotzdem sind wir Zwillinge!«

I
M

m darauffolgenden Satz beschreibt M. diese Dialogstelle
als eine „sehr ernste Angelegenheit“, der ein
Schlüsselsatz für die Bedeutung der Dialogstelle oder des
Dialogs bildet.
hat die triviale Details des geschichtlichen
Umfeld dieses Romans als Gegengewicht
eingebaut um die sehr ernste Angelegenheit und
den Roman insgesamt die erwünschte Bedeutung zu verleihen.
Die gelegentlich von Rezensenten ausgesprochen Unfähigkeit
des Autors ist ungerecht.

192

D

as historische Geschehen ist für den Autor M.
übrigens
unbedeutend.
Er
benötigt
die
geschichtlichen Details nur als Füllmasse,
gewissermaßen als Scherbenhaufen für den epischen Überbau.
M's Gedicht „Isis und Osiris“54 (1923) enthält ggf. in nucleo
den Roman55.

A

uch, wenn der Roman "Der Mann ohne
Eigenschaften" Fragment geblieben ist, so ist doch
dieser Kern fast vollständig im Scherbenhaufen
verschwunden. Es wurde die Pyramide nur unvollständig
errichtet, aber der Kern ist nahezu vollständig erhalten
geblieben.... 56

54

Gesammelte Werke – Robert Musil, Rororo Band 6 – Lyrisches (S. 465)
Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften
56
Ein Grabhügel Aus Worten - Der Entwurf zu Musils Roman „Der..
55

193

45 Nachwort

E

s fällt mir schwer die Dokumentation dieser
Mausoleums abzuschließen. Ich hatte mir aber
vorgenommen beim Überschreiten der 100 Seiten auf
zu hören. Auch ist mir klar, dass diese Selektion eine
persönlich Auswahl trifft. Sicherlich könnte man in Fernost
noch ein gutes Dutzend Monumente hinzufügen, aber es ist
einem Fremden nicht leicht aus der Auswahl eine ausgewogene
Zusammenstellung zu selektieren.

A
B

n der Google-Maps-Karte kann man leicht ablesen,
dass die überwiegende Mehrzahl der Castra Doloris
sich auf der nördlichen Halbkugel befinden.

ei Bedarf kann man bekanntlich alles editieren und
ergänzen. Mal sehen, die Blogs werden ohnehin
kaum besucht und vermutlich fallen die Seiten mit
den Mausoleums nicht einmal auf, sodass sie irgendwann
schlichtweg in die Versenkung aller Datenmüllseiten wandern.
Im Idealfall gelingt es mir vielleicht sogar noch ein Großteil
der Geschichten aus der Vergangenheit ins Präsenz zu
übertragen....

E

ines sollte uns die Sammlung der Castra Doloris
jedenfalls lehren. Es gibt sehr wenige schöne, aber
überwiegend hässliche Mausoleums und Sarkophage.
Wenn es sich irgendwie einrichten lässt, so bitte ich Euch
wenigstens im eigenen Bereich etwas Schöneres zu
hinterlassen...

194

46 Übersicht der Mausoleums
Titel

Ort / Objekt

1

Der ungebremste Tauchsieder
Explosion: 26. April 1986

Tschernobyl
Ukraine

2

Der Wolfsbau in den Sümpfen
Sprengung: 24 Januar 1945

Wolfsschanze
Polen

3

Das Mausoleum der Zwietracht
Baubeginn: 18. April 1506

Petersdom
Italien

4

Der Tempel der Korruption
Baubeginn: 1907

Den Haag
Niederlande

5

Der Gipfel der Unvernunft
Erstbesteigung: 29. Mai 1953

Mt. Everest
Nepal

6

Mausoleum der Websymbolik
Erstellung: ca. 550 v.C.

Hochdorf
Deutschland

7

Das unvollendete Mausoleum
Baubeginn: 1631

Taj Mahal
India

8

Der Sarkophag im Perlenhafen
Untergang: 7. Dezember 1941

Pearl Harbor
Hawaii

9

Das Mausoleum der Liebe
April 1323 v. Chr.

Tal der Könige
Ägypten

10 Adams Mausoleum
Zerstörung 124 vor Christus

Roquepertuse
Frankreich

11 Ein Mausoleum für das Imperium
Eröffnung: 27. März 2008

Terminal 5
London-Heathrow

12 Das Mausoleum des Wortes
Herausgabe zwischen 1280 und 1286

Der Zohar
Spanien

13 Die Kathedrale der Waffenindustrie

Die Kathedrale

195

Zerstört um 8:15, 6. August 1945

Nagasaki, Japan

14 Das Mausoleum der Kreationisten
1806 Royal Lane, Dallas, TX 75229

ICR-Institute
Dallas, USA

15 Das Mausoleum des Lebens
Die Fruchtfliege

In meinem Garten,
Backnang (D)

16 Das Mausoleum der Giftküchen
Explosion: 3. Dezember 1984

Industriegelände
Bophal, India

17 Sarkophag einer zerstörten Umwelt
Entdeckung: 5. April 1722

Osterinsel
Pazifik,Chile

18 Das Castrum Doloris der Justiz
Einrichtung des Lagers: 1903

Guantánamo
Karibik, Kuba

19 Das Mausoleum des Dichters
Sterbedatum: 31. Juli 1944

Saint-Exupéry
Marseille

20 Mausoleum einer unvollendeten Jugend
Einträge 12. 6. 1942 - 1. 8.1944

Tagebuch der Anne
Frank, Amsterdam

21 Die Sargecke der Fliegerei
Absturz: 22 August 2006

Flug nummer 612
Donetsk (Ukraine)

22 Das Castrum Doloris der Globalisierung
Ground Zero 11. September 2001

Ground Zero
New York (USA)

23 Mausoleum des Surrealismus
Beisetzung Dalís: 23. Januar 1989

Museum und Grab
Figueras, Spanien

24 Die Eiszeitmausoleums auf der Alb
Älteste Menschdarstellung, 40.000 J. Alt

Lonetalhöhlen
Deutschland

25 Der Katafalk der Atombomben
In Betrieb von 1971 bis 1991

Cité de la mer,
Cherbourg (Fr.)

26 Mausoleum der Opferbereitschaft
Die Hochleistungskühe Saudi-Arabiens

Al-Safi-Anlage in
Saudi-Arabien

196

27 Das Mausoleum der Gier
Insolvenz im Sept. 2008 angemeldet...

Lehman Brothers
Inc., New York

28 Das Mausoleum der Sowjettechnologie
In Planung, muss noch gebaut werden...

Murmansk
Sowjet Union

29 Sargecke „zum Wohl der Menschheit“
Nuklearexplosion 30. Juni 1946

Bikini-Atoll
Marshall-Inseln

30 Die Arche der Pflanzensamen
Grundsteinlegung der Arche 19.06.2006

Longyearbyen
Spitzbergen

31 Seebestattung auf der Jungfernfahrt 1912, Titanic,Nordatlanik
3.821 Meter Tiefe
auf Position: 41° 44′ N, 49° 57′ W
32 Das Mausoleum der Folkmusik
Verbleib Woody Guthrie: 1956 bis 1961

Morristown
New Jersey, USA

33 Absturzstelle der Concorde AF 4590
Absturz am 25. Juli 2000

Gonesse
Frankreich

34 Das Castrum Doloris des Rock & Roll
Elvis Presley, Graceland, † 16. 8. 1977

Memphis,
Tennessee, U.S.A.

35 Das Denkmal der Farbe „Paars“
Die Etymologie des Wortes „Paars“

Die Niederlande

36 Das Ende des ersten Endlagers
Fehlstart eines untauglichen Konzepts

Asse, Deutschland

37 Die Stadt der Verdammten

Semipalatinsk,
Kasachstan

Das Atomtestgelände Semei

38 Die 16 Meter übergroßen Schutzmauer Fudai Japan

des Bürgermeisters Kotaku Wamura

197

39 Das Mausoleums des Pronomens IOU

Villar-St-Pancrace

(und dem Schöpfernamen Diou)
40 Das Federal Reserve System

Washington
(USA)

41 Der Geburtsort der Fed auf Jekyll

Georgia (USA)

Island
42 Ein Grabhügel aus Worten

"Der Mann ohne Eigenschaften"

198

Genf, die Schweiz

47 Labels in Google-Maps
Die Karte zu diesen Ortsangaben befindet sich in Google-Maps
unter der Adresse: Castra Doloris und andere Mausoleums. Die
Liste entspricht der Reihenfolge der Zusammensetzung durch
den Author.

Der durchgeknallte Tauchsieder
Das Nuklearzeitalter wurde eingeläutet mit dem Urknall in
Three Miles Island. In diesem Kernkraftwerk ereignete sich am
28. März 1979 ein ernster Unfall (INES-Stufe 5), als es im
Reaktorblock 2 zu einer partiellen Kernschmelze kam, in deren
Verlauf ca. ein Drittel des Reaktorkerns fragmentiert wurde
oder schmolz. Da aber der Knall zwar unerhört laut war, blieb
er unerhört und musste 1986 in Tschernobyl wiederholt
werden. Erst danach war man sich einig, dass die Welt ein
Mahnmal zur Gedankenlosigkeit im Kernkraftbetrieb benötige
und baut jetzt ein wahrhaft eindrucksvollen Steinsarg für die
Nukleartechnologie.

Der Wolfsbau in den Sümpfen
Wir denken dabei an den Wolfsbau den ein gewisser Herr Wolf
vor seinem Kriegszug in einem versumpften und Mückenverseuchten Eichenhain anlegen liess. Unter dem Decknamen
"Inselsprung" lässt ein General K. am 24 Januar 1945 bei
klirrender Kälte den Wolfsbau sprengen. Zur Detonation der
Einzelbunker benötigen die Militärs etwa 10-12 Tonnen TNT.

199

Nur zwei Tage nach der Sprengung erreichen die russische
Truppen am 27 Januar 1945 den Rastenburger Stadtwald1. Von
1945 bis 1955 wurden anschließend ca. 54.000 Minen
entschärft. Die Reste sind seit 1959 eine Touristenattraktion in
Masuren, die jährlich zirka 200.000 Personen besuchen.

Das Mausoleum der Zwietracht
Es gab einmal einen Brückenbauer, der befand, dass eine rund
1200 Jahre alte Basilika auf dem für seine Mückenplage
bekannten Hügel keinen angemessenen Platz für sein Grabmal
bieten würde. So baute er sich ein neues Mausoleum, das
infolge einer unglücklichen Methode zur Kapitalbeschaffung
die Kirche entzweite und zum Symbol der Zwietracht
avancierte.

Der Tempel der Korruption
Im geschenkten Palast weilt nun der Internationale Gerichtshof,
die uns in einer ehrwürdigen und imposanten Umgebung gegen
die internationalen Verbrechen schützen soll. Kaum einer der
Verbrechern und Zuschauern kann sich aber vorstellen, dass
dieser Reichtum wie so viele andere immense Vermögen durch
Korruption, Bestechung und Ausbeutung zustande gekommen
sei. Es ist wohl eine einzigartige Verkettung von Betrug,
Korruption, Bestechung, welche die Amerikanische
Kapitalbeschaffung ermöglicht hat. Alle, das heißt von
Kapitalisten bis zu den Bewohnern der Armenquartiere,
Sträflinge und Multimillionäre sind Geschöpfe des Systems,
das auf diese Weise Habgier, Laster, Armut und Verbrechen
erzeugt.
200

Der Gipfel der Unvernunft
Die Routen auf den hohen Gipfelhängen des Everests sind von
den Leichen der über 200 Verstorbenen gesäumt. Trotzdem
gelten die Leichen nicht mal mehr als Mahnung. Zu groß ist
ganz offenkundig die Unvernunft der Unerfahrenen bei der
Bezwingung des höchsten Gipfels. Der Everest ist somit der
Gipfel der Unvernunft.

Mausoleum der Websymbolik
Es ist schon erstaunlich, dass sich keine der Archäologen für
die Symbolik der alten Webkunst interessiert, obwohl speziell
die Farbkombination Rot und Blau, sowie die
Zwirntechnologie bereits ausgiebig in der Bibel dokumentiert
sind. Dabei wurden diese Websymbole in einem einzigartigen
Mausoleum
zu
Hochdorf
hervorragend
konserviert
aufgefunden.

Das unvollendete Mausoleum
Das Grab des Bauherrn neben der prächtigen Grabstelle seiner
geliebten Ehefrau zerstört die Symmetrie des Gebäudes, was
als Beleg dafür bewertet werden darf, dass er ursprünglich
vorhatte, sich ein eigenes, gleichwertiges und symmetrisches
Grabmal zu errichten. So ist das Monument der Liebe
gewissermassen unvollendet geblieben.

201

Der Sarkophag im Perlenhafen
Im Hafenbecken des Perlenhafens verliert die USS Arizona
immer noch Öl und trauert leise weinend um den Verlust ihrer
Besatzung. In seinem Rumpf befinden sich noch mehr als
2,000,000 Liter Öl. Aus diesem Vorrat verlor der Sarkophag im
Perlenhafen im Jahr 2006 9.5 quarts (9 Liter) Öl, so dass die
eingeschlossene Menge für 200 Jahrtausenden Trauer für die
Angriffsopfer reiche...

Das Mausoleum der Liebe
Einen Blütenkranz zum Schluss legte die junge Witwe als
Liebesgabe auf den Sarg und schaute sich noch einmal um.
Dann dreht Anchesenamun sich um und besteigt die Treppe
zum Tal. Das geschieht im April 1323 v. Chr., als sie die Blüten
pflückte...

Adams Mausoleum
Der Keltentempel Roquepertuse bildet das Mausoleum des
ersten männlich-weiblichen Menschen "Adam", erschaffen
nach dem Ebenbild der androgynen Himmelsgottheit Dyæus
und erst danach aufgetrennt hat in Mann und Frau. Genau
dieser Moment der Trennung wird in der Skulptur dargestellt,
wobei ein Obsideanmesser auf einem Altarstein die Verbindung
zwischen Mann und Frau auftrennt.

202

Ein Mausoleum für das Imperium
Das symbolische Mausoleum für das bankrotte Britische
Imperium ist das bereits vor der Eröffnung berüchtigte
Terminal 5, das neue Zentrum für das Heathrow Hassle, in dem
der Untergang des Imperiums regelmässig symbolisch mit
einem Zusammenbruch des Flugverkehrs gefeiert wird.

Das Mausoleum des Schöpfungswortes
Zu den offensichtlichen Fehldeutungen gehört sicherlich auch
die androgyne Schöpfungslegende, die im Zohar und in
mittelalterlichen Genesis-Varianten (z.B. Rashbam's Genesis,
Rashi's Genesis) als eine ganz andere und symmetrische
Schöpfungsgeschichte gedeutet wird. Ein geschichtlicher
Vergleich enthüllt gar die androgyne Schöpfungsgeschichte als
eine global vorhandene Idee. So gesehen kann man den in
Leon niedergeschriebenen Zohar wohl als das wahrhaftigere
Mausoleum des mann-weiblichen Schöpfungswortes Adam
bezeichnen.

Die Kathedrale der Waffenindustrie
Die Kathedrale von Nagasaki war bis zur Verwüstung die
größte Kirche des Fernen Ostens. Deshalb ist wohl angebracht
die verwüstende Bombe „Fat Man“ als Kathedrale der
Waffenindustrie zu bezeichnen.

203

Das Mausoleum der Kreationisten
Sobald man den Flachbau des Instituts for Creation Research
(ICR) mit angeschlossenem Museum der Schöpfung und
Erdgeschichte betritt, reduzieren sich alle Toleranzen auf Null.
Die wissenschaftliche Zweifel am Alter unseres Planeten
verschwinden. Hier wird die wahre Wissenschaft betrieben,
alles andere als Scharlatanerie entlarvt. Deshalb kan man
dieses Institut getrost als das Mausoleum der Kreationisten
betrachten.

Das Mausoleum des Lebens
Bei genauer Betrachtung ist es ziemlich belanglos welche
Tierart wir als symbolisches Mausoleum des Lebens
auswählen. Ein bescheidener Mensch wird als Mausoleum des
Lebens die Fruchtfliege vorschlagen, die sich in nur zehn
Tagen zur eindrucksvollen Endstufe entwickelt und die uns
dafür vielleicht Jahrmillionen überlebt.
Andere werden in ihrer Hybris den Homo Sapiens als eine
besondere
Schöpfungsvariante
mit
100
Billionen
spezialisierten Einzelzellen betrachten, die sich jedoch
vielleicht wie die Mammuts in wenigen Jahrzehnten als Tierart
von diesem Planeten endgültig verabschieden wird...

204

Das Mausoleum der Giftküchen
Die Sanierung des mit Quecksilber und krebserregenden
Chemikalien vergifteten Geländes ist bis heute nicht erfolgt,
obwohl nach einer Greenpeace-Studie die Kosten lediglich in
der Größenordnung von 30 Millionen Dollar lägen. Aus diesem
Grund ist es ja wohl angebracht, das ehemals von Union
Carbide mit Quecksilber und krebserregenden Chemikalien
vergifteten Gelände mit den hochgiftigen Überresten als das
Mausoleum der Giftküchen zu benennen.

Sarkophag einer zerstörten Umwelt
Wegen der unbegrenzten Raubbau der weltweiten natürlichen
Ressourcen und Störung des globalen ökologischen
Gleichgewichtes bildet die Osterinsel ein bedeutsames
Sarkophagmodell für eine gescheiterte Ökologie und für die
Zerstörung der eigenen globalen Umwelt.

Das Castrum Doloris der Justiz
Die ursprüngliche militärische Bedeutung des Stützpunktes für
die USA als Nachschubbasis für den Kohle-, Wasser- und
Munitionsbedarf der Dampfschiffe der US-Flotte ist mit Ende
der Dampfschifffahrt nicht mehr gegeben. Die jüngste Nutzung
als Gefangenenlager hängt damit zusammen, dass die zivile
Gerichtsbarkeit der USA auf das vom Militärrecht bestimmte
Gelände außerhalb des US-Territoriums keinen unmittelbaren
Zugriff hat. Auf dem Punkt gebracht darf man somit die
Guantánamo Bay Naval Base getrost als Castrum doloris der
US-demokratischen Justiz einstufen.

205

Das Mausoleum des Dichters
Er hatte bereits viele Notlandungen auf anderen Planeten
gemacht und notlandenden Flieger gerettet. Diesmal würde er
nicht mehr landen müssen. Denn auf den Punkt gebracht war er
doch ein Pilot, der nur nebenher geschrieben und gedichtet
hatte. So war es nun Zeit den kleinen Jungen wieder
aufzusuchen, den es von einem Asteroiden auf die Erde
verschlagen hatte und mit ihm zu diskutieren über die Rose,
über den Baobab und über die Schlange mit dem
verschlungenen Elefanten...

Mausoleum einer unvollendeten Jugend
Die Menschen liefen durcheinander und packten ihre Koffer.
Dann trat ein Mann auf mich zu und stellte sich als Otto Frank
vor. Er sei deutscher Reserveoffizier gewesen. Auf die Frage
wie lange sie in dem Versteck lebten, habe Frank geantwortet:
"25 Monate". Als der Wiener Polizeibeamte das nicht glauben
wollte, nahm Frank ein Mädchen, das neben ihm stand an der
Hand. Er stellte das Kind gegen einen Türpfosten, der an
verschiedenen Stellen eingekerbt war. Daran konnte man
erkennen, wie das Mädchen gewachsen war. Der Beamte sagte
noch zu Frank: "Was haben Sie für eine hübsche Tochter!".

Die Sargecke der Fliegerei
Erfahrene Piloten wissen, welche Art von Gewittern man
wegen der Sargecke nicht überfliegen sollte. Leider werden
diese Entscheidungen jedoch von vielen Fluggesellschaften
kritisch betrachtet. Piloten, die zu oft umkehren,ausweichen
oder gar notlanden, riskieren ihren Weiterflug... Deshalb
können wir die Sargecke von Flug 612 symbolisch durchaus als
den Sarkophag der modernen Fliegerei betrachten.
206

Das Castrum Doloris der Globalisierung
Ground Zero ist der Punkt mit den höchsten Schäden durch die
Bombenexplosion. Der Begriff stammt aus Fach- und
Militärkreisen und wurde seit dem Manhattan Project fast
ausschließlich im Zusammenhang mit nuklearen Explosionen
verwendet. Die Terroranschläge am 11. September 2001 in den
USA in New York haben den Begriff erweitert: Seitdem wird er
als Synonym für das Areal des zerstörten World Trade Centers
weltweit verwendet. Deshalb steht heute der Ausdruck Ground
Zero nicht mehr nur für die japanischen Opfer der
Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki, sondern
auch für die Opfer von New York (9-11), einer Explosion
gänzlich anderer Art.

Das Mausoleum des Surrealismus
Das am 11 Mai 1904 neugeborene Kind erhielt den Namen
seines neun Monate zuvor gestorbenen Bruders Salvador.
Dadurch wurde in ihm der Wille geweckt, aller Welt zu
beweisen, dass er das Original und einmalig sei. Das von Dalí
zum Museum umgebaute Stadttheater „Teatro Museo Salvador
Dalí“ mit dem Turm Gorgot an der alten Stadtmauer ist eins der
best besuchten Museen Spaniens. Dalí ließ sich in der Krypta
des Museums auch begraben. Er vermachte sein ganzes
Vermögen und sein Werk dem spanischen Staat.

Eiszeitmausoleums auf der Alb
Im Fohlenhaus wurden wie auch in anderen Höhlen des
Lonetals Belege einer urzeitlichen Besiedelung gefunden. Die
Funde reichen aus der späten Altsteinzeit, frühen
Mittelsteinzeit und Jungsteinzeit über die vor-römische
Eisenzeit bis in die römische Zeit.
207

Der Katafalk der Atombomben
Jeder Besucher kann sich bei der Besichtigung dieses
geräumigen Schiffes sehr gut vorstellen, wie die zwei
Schichten mit 135 Personen an Bord dieses untergetauchten UBootes 70 Tagelang gelebt und gearbeitet haben. Da das Boot
so lange unterwegs war, mussten auch Notoperationen
(Blinddarm, Kieferentzündung, usw.) vom Bordarzt auf einem
Operationstisch durchgeführt werden. Dabei kann man sich im
militärischen Alptraum gut vorstellen, wie einem Matrosen
beim Ziehen eines Weisheitszahns die Schmerzen gelindert
werden, während gleichzeitig auf Knopfdruck eine Stadt samt
100.000 Einwohnern mit einer abgefeuerten Rakete pulverisiert
wird...

Ein Mausoleum der Opferbereitschaft
Die Höchstleistung von 50 Liter/Tag wird jedoch noch
übertroffen von einer Spitzenleistung von bis zu 70 Liter Milch
an der Hightech-Oase Al-Safi-Anlage in Saudi-Arabien.Täglich
verlassen per Kühltransporter 550.000 Liter Milch die Anlage
in der Wüste „Rub Al-Khali“. Hier werden 32.000 Kühe drei
Mal am Tag automatisch gemolken. Damit die Tiere die Hitze
ertragen, werden sie permanent mit Wassertropfen eingenebelt.
Für einen Liter Milch werden 2.500 Liter Wasser verbraucht.
Diese gigantische Menge wird aus zwei Kilometer tiefen
Tiefbrunnen hochgepumpt und in riesigen Türmen gekühlt.
Diese "fossilen Wasserreserven" bestehen aus einmalig
vorhandene Vorräte und wird in wenigen Jahrzehnten restlos
aufgebraucht sein. Zusätzlich werden deshalb bereits jetzt
Milliarden Liter Wasser mit Hilfe der Erdölreserven durch
Meerwasserentsalzungs-anlagen aufbereitet (bis auch die
Ölschwemme demnächst vorbei ist)...
208

Das Mausoleum der Gier
Rückblickend kann man wohl stellvertretend für die
Gesamtbranche ein Mausoleum der Gier an der ehemaligen
Wirkungsstelle Lehman Brothers Inc. am Times Square, New
York festlegen. Diese Investmentbank musste im September
2008 im Zuge der Finanzkrise Insolvenz anmelden.

Das Mausoleum der SU-Technologie
Die Bilder aus Grimmicha, Andrejew oder der Saida-Bucht
sind bestürzend. Alte U-Boote der fünfziger und sechziger
Jahre, die, immer noch mit Reaktoren bestückt, am Ufer vertaut
sind. Boote, deren aufgerissene Schiffskörper von Lappen
abgedeckt sind. Brüchige Gemäuer, in denen verbrauchte
Brennstäbe lagern. Die unvorstellbare Menge von 24 000
Brennstäben allein in Andrejew. In der Saida-Bucht
schwimmende Container, in die Reaktorgehäuse eingeschweißt
sind. Damit sie nicht absacken, wird ihnen Luft zugepumpt.
Dies ist der Stoff, aus dem man Albträume macht. Eine
apokalyptische Landschaft, versteckt in der Winterschönheit
des Nordens.

Die Sargecke zum Wohl der Menschheit
Am 30. Juni 1946 explodierte auf dem Bikini-Atoll die erste
Atombombe "Able" in der Südsee. Die aus dem Flugzeug
geklinkte Bombe hatte eine Sprengkraft von 23 Kilotonnen, sie
war der Beginn einer zwölfjährigen Testreihe. "For the Good
of Mankind" lautete der Freispruch, der den Schaden für die
Lebewesen und die Natur rechtfertigen sollte. Die Bombe
zerriss die Allianz zwischen der Sowjetunion und den USA.

209

Die Gaswolke mit einer Temperatur von mehreren tausend
Grad markierte den Anfang des Kalten Kriegs und des
Wettrüstens in beiden Lagern.

Das MIT und Harvard University
Von 1946 bis 1956
reicherten Wissenschaftler des
Massachusetts Institute of Technology (MIT) und der Harvard
Universität den Frühstücksflocken und Milch für 49 geistig
behinderte Jugendliche eines Heims mit radioaktiven Stoffen
an. Der Geheimdienst CIA nahm radioaktive Geheimstudien an
Schwangeren und Neugeborenen vor. Der zur Einsicht
freigegebene Aktenberg liest sich wie eine Geschichte aus
Frankensteins Gruselkabinett. Im Universitätskrankenhaus von
Rochester im amerikanischen Bundesstaat Neu Mexiko
spritzten Ärzte 17 Patienten Plutonium 239 in die Venen. Jeder
bekam
0,3
Mikrocurie,
43mal
soviel
wie
die
„lebensbedrohende“ Dosis.

Die Arche der Pflanzensamen
In einer tiefgekühlten Arche nahe der Stadt Longyearbyen auf
Spitzbergen sollen mittlerweile tatsächlich Millionen
Samenkörner von sämtlichen Pflanzensamen gelagert sein. Der
Grundstein für die Arche wurde 19.06.2006 gelegt. Das
Gewölbe in einer Eiswand soll zum Beispiel rund drei
Millionen Samenkörner von sämtlichen Getreidesorten auf der
Welt aufnehmen. Der "Welttreuhandfond für Kulturpflanzen"
soll das pflanzliche Weltkulturerbe vor dem Klimawandel und
anderen Katastrophe schützen und so die agrarische
Pflanzenvielfalt bewahren. Die gekühlten Getreidekörner
könnten eines Tages vielleicht lebensrettend für die
Weltbevölkerung sein.
210

Seebestattung auf der Jungernfahrt
Angesichts der hohen Opferzahl zählt der Untergang der
Titanic zu den großen Katastrophen der Seefahrt. Folge des
Untergangs waren zahlreiche Veränderungen der Sicherheit auf
See. Dies umfasste die ausreichende Ausstattung mit
Rettungsbooten, kontinuierliche Besetzung der Funkstationen,
Errichtung der internationalen Eispatrouille sowie die
Einberufung der ersten internationalen Konferenz zum Schutze
des menschlichen Lebens auf See. Somit war die Seebestattung
auf der Jungfernfahrt doch letztendlich eine gewisse Investition
in die Sicherheit der Schifffahrt.

Das Mausoleum der Folkmusik
Als Bob Dylan, wie er in seinen Chronicles 2004 berichtet,
Woody Guthrie 1961 im Krankenhaus Greystone Hospital in
Morristown (New Jersey) besucht, ist der Folksänger bereits
seit sechs Jahren dort, erkrankt an der Chorea Huntington,
einem unheilbaren Nervenleiden, dem auch schon seine Mutter
erlag. Er stirbt 1967.

Zweimal schneller als das göttliche Wort
Der Riesenbleistift mit den Deltaflügeln flog von 21. Januar
1976 bis 24. Oktober 2003. Das Ende wurde aber bereits
eingeläutet mit dem Unfall am 25. Juli 2000. Auslöser für die
Katastrophe war laut Ermittler "vermutlich" ein 43 Zentimeter
langes Metallteil, das auf der Piste gefunden wurde. Zwei
Minuten nach dem Start der AF 4590 um 16.42 Uhr war die
Maschine nahe der französischen Ortschaft Gonesse
abgestürzt. Dabei kamen 113 Menschen ums Leben.

211

Das Castrum Doloris des Rock & Roll
Nach Ermittlungen der Tonträgerindustrie hat Elvis Presley bis
2007 1,43 Milliarden Tonträger abgesetzt. Damit ist er
insgesamt gesehen bis heute der erfolgreichste Musiker der
Welt (vor den Beatles mit 1,3 Mrd. Platten). Er wurde für 14
Grammys nominiert und gewann drei – alle für seine
Gospelmusik.

Das Denkmal der Farbe „Paars“
Die mittelalterlichen Etymologie der Farbe „Paars“ (als
Alternative zu „Purpur“) basiert auf die freien Bürger der
niederländischen Stadt Leiden, deren Versammlungsort zur
damaligen Zeit nach dem Latein “pares” “de Paars”,
beziehungsweise “de Pers” genannt wurde. In der englischen
Sprache lautet das vergleichbare Wort “Peers”. Die Farbe
„Paars“ ist die Farbe der „Peers“, d.h. des Adels.

Das Ende des ersten Endlagers
In der ehemaligen Salzgrube Asse II war mal ein Endlager für
Nuklearmüll geplant. Vom 1967 bis 1978 wurde dort auch
radioaktiver Müll deponiert, der nun wieder entfernt werden
soll.

Das Atomtestgelände Semei
Das ehemalige Atomwaffentestgelände ist heute noch
Sperrgebiet In den anliegenden Wohnorten leiden die meisten
Bewohner an diversen Krankheiten, hauptsächlich Krebs. Da
es aufwändig und teuer ist, den von den Behörden für jeden
212

Einzelfall geforderten Nachweis zu erbringen, dass die
Atomtests in ursächlichem Zusammenhang mit den
Krankheiten stehen, werden die meisten Betroffenen nicht als
Opfer anerkannt und leben unter ärmsten Bedingungen.

Die Schutzmauer des Bürgermeisters
Der Bürgermeister Kotaku Wamura des Fisherdorfes Fudai,
wurde kurz nach dem Zweiten Weltkrieg gewählt und blieb bis
1987 im Amt. Er untersuchte die Wegmarkierungen und
Gravuren, welche die Wucht früherer Tsunamis dokumentierten
und leitete daraus gewissenhaft die erforderlichen
Abmessungen für die Schutzvorrichtung ab, die unter Protest
der Bevölkerung von 1967 bis 1984 gebaut wurde.
"Auch wenn es Widerstand gibt, habt Vertrauen und beendet,
was Ihr begonnen habt", sagte er bei seiner Verabschiedung zu
den Angestellten. "Am Ende werden die Leute verstehen."

Das Mausoleum des Pronomens IOU
In der Abgeschiedenheit der Alpen hat sich die religiöse
Symbolik im ursprünglichen Wortschatz der Sprachen weitaus
besser erhalten als in den ungeschützten Ebenen. Die Symbolik
wird im Zusammenhang des Schöpfernamens und im
zugehörigen Ego-Pronomen am leichtesten identifiziert57.
Villar-St-Pancrace wurde als Mausoleum des Pronomens IOU
gewählt, wo man das Andenken an die große androgyne
Religion viele Jahrhunderte aufbewahrt hat.

57

Die Hieroglyphen des Ichs

213

Das Federal Reserve System
Es hätte entworfen werden sollen als Dr. Jekylls
Stabilitätsgarantie zum monetäre System, verwandelte sich
aber in Mr. Hydes Lug- und Betrugsmaschine zur
Ausplünderung der US-Bevölkerung und letztlich auch der
gesamten Weltbevölkerung.
Das Federal Reserve System oder kurz Fed (oder eigentlich
irrtümlich FED), ist das Zentralbank-System der Vereinigten
Staaten, das allgemein auch US-Notenbank genannt wird. Die
Notenbanken drucken jedoch kein Geld.

Ein Grabhügel aus Worten
Er beabsichtigte eine fingierte Biografie erzählen. Die
Geschwisterliebe sollte dabei eine Hauptrolle spielen. Das
Kapitel „Siamesische Zwillinge“ bildet dabei der Hauptkern
dieser Biografie. Die Zwillingsschwester lebt in uns allen als
geistige Utopie, als manifestierte Idee unser selbst.

214

Sign up to vote on this title
UsefulNot useful