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Druck: DSZ - Druck GmbH, München
Printed in Germany
ISBN 3-924309-76-0
E IN PAAR W O RT E ZUVO R
Mit _ dreihund ertsieb enundneu n zig Ja - Stimmen b ei zweihund ertund zwei Nein ,
z wö l f m a l E n t h a l t u n g u n d e i n e m u n gü l t i g e n Z e t t e l i s t An g e l a M e r k e l a m 2 2 . N o -
v e m b e r 2 0 0 5 v om D eu t s c h en B u n d es t a g i n s Am t d es B u n d es k a n z l e r s d e r B u n d es -
republik Deutschland gewählt worden.

Wa s i h re P f li c h t un d S ch u ldi gk ei t i s t, wei ß m a n . E s s t eh t im Am t s ei d gem ä ß Art i -


k el 5 6 d es Gru n d ges et z es fü r d i e Bu nd es rep u b li k Deu t s ch lan d , we lc h er d a lau t et :
„ Ic h s ch wöre, d as s ich m ein e Kra ft d em Woh le d es d eut sch en Volk es wi dm en, s ei -
n en Nu t z en m eh r en , S c h a d en v o n i h m wen d en , d a s Gru n d ge s e t z u n d d i e Ge s et z e
d e s B u n d e s wa h r e n u n d v e r t e i d i g e n , m e i n e P f l i c h t e n g e w i s s e n h a ft e r f ü l l e n u n d
Gerechtigkeit gegen jedermann üben werde. So wahr mir Gott helfe."
Aber weiß man auch, wer sie ist, die das geschworen hat?

„J a, m ein e Ha a re sind get önt." Als s i ch An gel a M erk el d erges ta lt in d er „B i ld " a m


3 . M a i 2 0 0 2 „ ou t et e ", h ä t t e m a n d en k en k ön n en : E n d li c h m a l j e m a n d a u s d e r Gi l -
d e d e r S p i t z e n p o l i t i k e r , d e r m i t o f f e n e n Ka r t e n s p i e l t . G a n z d a s G e g e n t e i l v o n
Ka n z le r S c h röd er, d er u m s ein e n i e ergra u en d en S ch lä fen ei n St a at s geh ei m n i s ge -
macht hat und sogar vor d en Kadi brachte, wer es lüft en wollt e. Gan z offen konnte
d en n a u c h n a c h d em „C om i n g o u t " i n d er „B i ld " ü b e r d a s M e rk e l' s c h e Ha u p t h a a r
di skuti ert werd en. B is hin zu r öffent lich en Emp feh lun g d es P romi - „Hai rst yli s t en ",
Le e S t a f f o rd a n d i e C h efi n d e r C h ri s t d e m ok ra t en : „Un b ed i n gt b l on d e Hi gh li gh t s
und etwas Spra y- Wa x als zeitgemäßes Finish." („Welt am Sonntag", 6. März
2005).
Au ch au f and eren wi chti gen Gebi et en is t di e Öffent lichk eit hin reich end au fgek lä rt
word en. B ei spi els wei s e, d as s Fra u M erk el b es ond ers gern Blut wu rst mit Ka rt offel -
b rei isst un d dass sie h ervorragend Pflau menku ch en b acken k ann, mit d em sie
Gä s t e b e z a u b e rt ( „B ei m i r i s t n oc h k ei n e r u n zu f ri ed en we g g e g a n g en . " ) In d i es e r
H i n s i c h t a l l e r d i n g s wa r d e r F o r t s c h r i t t z u S c h r ö d e r n i c h t s o a u f r e g e n d . W u s s t e
m an d och län gst auch , was d er Gen os s e d er B oss e fü r Lei b und Ma gen b evorzu gt.
Von wegen : „Doris , h ol m i r ma l 'n e Fla s ch e Bi er. " Od er s ein e legendä re „Ka n zler -
platte": Currywurst mit Fritten.
D o c h s on s t ? W i e h ä lt s t Du ' s , „ An gi e ", d en n n u n b ei s p i e ls we i s e m i t d e r P o li t i k ?
Ka n n d a d i e a t e m b e r a u b e n d e E n t h ü l l u n g i h r e r B i o g r a p h i n P a t r i c i a Le ß n e r k r a u s
„An gela M erk el i st k ons ervativ, lib era l und p rogres si v zu gleich " wi rk li ch b efri edi -
g e n ? Un d we r s i n d i h r e E i n f lü s t e r e r, i h r e B e ra t er u n d E i n fl u s s n eh m e r h i n t er d en
Kulissen?

3
In d er M erk e l-B i ogra p h i e von E ve l yn R ol l h ei ß t es vi el s a gen d n i ch t s s a gen d, b ei
d en M en sch en, di e „An gela Merk el wi rk lich b erat en ", hand ele s i ch um „Leu t e, di e
eb en n i c ht h eru m la u fen u nd da rü b er red en ". E s s ei en „i n t er es s a n t e M en s c h en , d i e
sich regelmäßig mit ihr t reffen". M ehr erfährt man nicht. Wi e ab er i st das bei -
s pi els wei s e mi t j en em V-Mann d es Richa rd P erle, d es „Fü rs ten d er Fins t erni s" hin -
t er d en Ku li s s en v on Wh i t e Hou s e u n d Wa ll S t re et , d er s i ch m it Fra u M erk el zu m
„Briefing" hinter verschlossenen Türen trifft? Oder wer war der Große Unbekannte,
au f d es s en Ord er hin Frau M erk el d en „Tät ervolk "-R edn er Ma rt in Hoh mann in P ar -
t ei u nd Fra k t i on li q ui di ert e, wo s i e i h n d och ei gen t li c h m it ei n er R ü ge d a von k om -
men las sen wollte? Ist man über d en „ Inn er Circ le" d es „S ys tems Merkel" wirk lich
au s reich end in form i ert, wen n m an weiß , da ss ih re Bü roch efin B eat e Bau mann und
ihre Press esprecherin Eva Christiansen ihr „Girls Camp" darstellen und Eckart von
Klaeden, Merkels „Ecki", die wichtigste Figur in ihrer „Boy Group" sei?
Au f d e r let zt en S ei t e, i m m erh i n d er z wei h u nd ert un d si eb zi gs t en , i h rer M erk el- B i o-
g r a p h i e k o m m t d i e P u b li z i s t i n J a c q u e l i n e B o ys e n z u m S c h l u s s : „ An g el a M e r k e l
lässt den Blick hinter die Mas ke nicht zu." Sie habe „ihre Fähigkeit, eine Maske zu
tragen, perfektioniert", heißt es da weiter. „Sie verbirgt vor der Öffentlichkeit sehr
s orgfä lt i g, wa s s i e wi rk li c h den k t . " Am 7 . M a i 20 01 sc h on b et i t elt e d i e „S üd d eu t-
s ch e Zeitun g" ein en An gela- M erk el -Artik el mit d er Sch la gzei le „Di e Frau mit d er
Maske".
„S p h i n xha ft e Vers c h los s en h ei t u nd ei n e p oli t i s ch e Un b es t im m b a rk ei t " an a lys i ert
B oys en b ei M erk e l. Ga n z ä h nli c h d a s Urt ei l von M erk el- B i ogra p h P rof. Dr. Ge rd
La n g gu t h : „ S i e h a t et wa s S p hi n xh a ft e s a n s i c h . " Un d e r f ra g t : „ Wa ru m i s t es An -
gela Merkel augenscheinlich so unangenehm, wenn man mehr von ihr wissen
will?"
M a tt hi a s Kra u ß, M erk el- Leb e n s b es c h rei b er au c h er, i s t a u f ei n en „S c h ut zp an zer"
ges t oß en , m it d em sich di e P oli tik erin u m geb en hab e. Weit er s ch reib t er. „Wer zu
unt ersuch en t ra cht et , wa s An gela M erk el üb er sich s elbst p rei s gibt , d er st ößt zua l-
lererst auf ein einfach es Ergebnis: am liebsten gar nichts." Biographin Nicole
S c h le y, An ge la M erk e l s eh r g e wo gen , k om m t d oc h n i ch t a n d er k ri t i s ch en An m er-
k un g vorb ei , d a s s s i e n u r „ei n woh l d os i ert es M i n i mu m an In form a t i on en zu r P er -
s on p rei s gi b t ". Nä m li ch n u r solc h e Hä p p ch en , „di e fü r d en S t i m m en fa n g u n erlä s s-
li ch sind ". Wozu au ch Bi ld er au s d er Vergan genh eit geh ören wü rd en, a ls si e n och
n i c h t i m R a m p en li c h t s t a n d , d i e „p ro f e s s i on e l l a u s g e wä h lt " s ei en u n d „i n j ed e m
Fall Symp athien weck en ". Nicht ern st gemeinte An merkun g am Rand e: Früh er
schnitt man Ecken an Fotos ab, die nicht kommen sollten.

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Bio graphin Patricia Leßnerkra us wi ll die Merk el'sche Zugeknöpftheit, was die ei ge -
n e Vi t a an geh t , mi t d eren DDR - P rä gu n g erk lä ren . E s rüh re n oc h a u s d er Zei t h er,
a ls si e „vor a llem ni e p rei s geb en du rft e, wi e s i e und ih re Fa mi li e dah eim wi rk li ch
leb en , wa s s i e d en k en un d d i sk ut i eren ". Au c h n ic ht , wa s m a n zu ha u s s o a lles s t u -
d i ert ha b e a n ni c ht d er S E D- Li n i e en t sp rec h en d em Les egu t . Doc h : Ka n n d a s m ög -
l i c h s e i n , d a s s F r a u M e r k e l n a c h m e h r a l s a n d e r t h a l b J a h rz e h n t e n m e n t a l i m m e r
n och nicht an gek omm en i st in d er frei est en Ges ells ch aft, d ie j e a u f d eu ts ch em B o -
den, wenn nicht sogar auf Gottes Erdbod en insgesamt, b estanden hat? Eine Ge -
s el ls c h a ft , in d er s i c h n i em and vor S c h la pp hü t en fü rc ht en m u s s , in d er k ei n e Zen -
sur stattfindet, in der jeder sagen, jeder auch lesen darf, was er möchte ...
Od er s ol lt e d er DDR - B e zu g b ei m M erk el' s c h en Ni c ht p rei s geb en wol l en eh er m eh r
d a ri n li e g en , d a s s Va t e r H or s t Ka s n e r, d er P fa rr e r, d er „ r ot e Ka s n er ", wi e e r k i r -
c h en i n t e rn g en a n n t wu rd e , s eh r vi e l n ä h e r a n d e r S E D -S t a a t s m a c h t d ra n wa r , a ls
es d em B i ld ent s p ric ht , wa s Toc h t er An ge la ge rn a ls d a s a llg em ei n gü lt i ge g em a lt
hätte? Und wie war das noch gleich mit An gela Merk el a ls FDJ -Aktivistin, wom ög -
li c h a ls „S ek ret ä ri n fü r Agi t a ti on un d P rop a gan da "? Un d m it i h rer a n geb li c h sp u r -
los versch wundenen Arb eit an der Ka rl -Marx -Universität Lei pzig, „Was ist s ozialis -
tische Lebensweise"?
Biograph Krauß ziti ert einen Journalist en mit den Wort en: „Di e Kan zlerkandidatin
hat di e Kun st , a llen Fra gen aus zu weich en, s ich nicht fest zu legen , nicht s zu s a gen,
z u ei n em Gra d p e rf ek t i on i e rt , d er n i c h t ei n m a l i m , N eu en D e u t s c h la n d ' d e r a lt en
S E D err ei c h t word en wa r. " „ An g ela M erk e l i s t wi e ei n Gl et s c h ers e e", p oet i s i ert e
d er J ou rn a li s t Di et e r S c h n a a s i m „Ha n d els b la t t " Nr. 1 3 / 200 0 na ch i h rer Wa h l zu r
CDU-Chefin. „So tief man auch hineinschaut — einen Grund findet man nie."
Au ch en ge p oliti sch e Weggefä h rt en sind da oft rat los. „Wi e s i e wi rk lich t ickt, da s
k a n n k e i n e r s o r i c h t i g s a g e n " , wu r d e J u n g e - U n i o n s - C h e f P h i l i p p M i ß f e l d e r i m
„st ern" -Extra zur Bundestags wahl 2005 zitiert. In d ems elb en Artikel hieß es : „Üb er
M e rk e l wi s s e e r a m wen i g s t en , ei g en t li c h n i c h t s , s a gt F ri ed ri c h M e r z. " W a s m a n
ihm, der zu ihrer „Skalpsammlung" auf dem Weg nach oben gehört, allerdings
nich t s o gan z glaub en m a g. Vi ellei cht wollt e M erz nu r nic ht s o un versch ämt offen
s ein wi e E x -Mini st er Günth er Kra u s e, d es s en Ska lp sich auch in d er M erk el -Sam m -
l u n g b efi n d et , u n d d e r wu t s c h n a u b t : W e r d e r F ra u M e rk e l d en R ü c k en zu we n d e,
bekomme „einen Finalschuss, einen Tritt in den Arsch. So funktioniert die."
„ D e r g a n z e M e r k e l -C l a n s t e h t u n t e r d i e s e m V e r h ü l l u n g s z wa n g " , h i e ß e s i n d e r
„B er li n er M org en p os t " vom 18 . S ep t em b er 20 05 . Au c h Vater u n d Mu tt er m a c h en
d i e S c h o t t e n d i c h t . „ D i e Ka s n e r s s c h we i g e n " , m e l d e n J o u r n a l i s t e n , d i e s i c h b e i
den Eltern erkundigen wollten. Nicht anders der Gatte, Professor Sauer, der des-
5
halb von Medien „Phantom der Oper" getauft wurde (er liebt, zumindest das weiß
„die Öffentlichkeit", das Musiktheater. Wer plaudere, könne sich gleich eine neue
Uni suchen, zitiert der „stern" einen Studenten des kameralichtscheuen Prof. und
Kanzler-Gemahls.

Und es geht sogar noch weiter. Die „Märkische Allgemeine" aus Angela Merkels
Kindheits- und Jugendheimat Brandenburg berichtete am 31. Mai 2005 über den
Fall jenes alten Freundes der Familie in Templin, bei dem ein Merkel-Biograph vor-
beischauen wollte. „Als der bei ihm klingelte, hat er erst einmal Angela Merkel
angerufen. Sie wollte nicht, dass er redet. Sie sichert sich ab." Mit den Worten:
„Ich habe der Angela versprochen, nichts zu erzählen", blitzte der Quellenforscher
ab.

Das, was über sie geschrieben stehe, entspreche „bei weitem nicht der Realität",
bekundete Frau Merkel in einem Interview mit dem Magazin „Cicero", Mai 2004.
Um dann aber auch gleich klarzustellen, dass sie eben nichts klarstellen wolle:
„Ich halte mich an den Spruch des englischen Königshauses: Never complain, ne-
ver explain." Vulgo: Scher' dich nicht, erklär' dich nicht! Sollen Ihre Hoheit uns auf
diese „feine Englische" davonkommen oder wollen wir, geneigter Leser, auf den
folgenden hunderzwanzig Seiten gemeinsam das Wagnis eingehen, der Realität
ein Stückchen näher zu kommen?

David Korn

Bei dem im vorliegenden Buch zitierten


Merkel-Biographien handelt es sich um:
Jacqueline Boysen, Angela Merkel. Eine Karriere, Berlin 2005 (aktualisierte Neu-
ausgabe) — Herlinde Koelbl, Spuren der Macht. Die Verwandlung des Menschen
durch das Amt. Eine Langzeitstudie, München 1999 — Matthias Krauß, Das Mäd-
chen für alles. Angela Merkel. Ein Annäherungsversuch, Leipzig 2005 — Gerd Lang-
guth, Angela Merkel, München 2005 — Patricia Leßnerkraus, Merkel, Macht,
Politik. Und wo sonst noch die Weiblichkeit regiert, Saarbrücken 2005 — Hugo
Müller-Vogg, Angela Merkel — Mein Weg. Ein Gespräch mit Hugo Müller-Vogg,
Hamburg 2005 — Evelyn Roll, Die Erste. Angela Merkels Weg zur Macht. Reinbek
2005 (2. Auflage) — Nicole Schley, Angela Merkel. Deutschlands Zukunft ist
weiblich, München 2005 — Wolfgang Stock, Angela Merkel. Eine politische Bio-
graphie, München 2005 (2., überarbeitete6
und aktualisierte Auflage)
„In den Osten rübergemacht”
An g e l a D o r o t h e a Ka s n e r , d i e s e i t i h r e r e r s t e n E h e s c h li e ß u n g 1 9 7 7 M e rk e l h e i ß t
— sie b ehielt d en angeh eirateten Namen nach der Scheid ung 1982 bei —, kam
a m 1 7 . J u l i 1 9 5 4 i m H a m b u r ge r S t a d t t e i l E i m s b ü t t e l z u r W e l t . E i n i g e i h r e r m ü t -
terlicherseits aus Westpreußen stammenden Verwandten lebten damals in der
H a n s e s t a d t : Ih r e M u t t e r H e r l i n d Ka s n e r g e b . J en t z s c h , i h re Gr o ß m u t t e r Ge r t r u d
Jent zsch (eine Leh rerin), d eren Sch west er Emi lie sowi e eine Tant e der klein en
Angela, Ärztin von Beruf.
D i e 2 6- j ä h r i g e H e r l i n d K a s n e r w o h n t e i m S o m m e r 1 9 5 4 m i t d e m B a b y b e i d e r
Groß m u t t er von An g e la i n d er Ha m b u rger ls es t ra ß e 9 5 . Zu vor h a t t e s i e m i t ih rem
M a n n i n d e r H u d t w a l c k e r S t r a ß e , H H -W i n t e r h u d e , g e l e b t . A n g e l a s V a t e r w a r
nach „drüben" in die „Ostzone" gegangen. So sagte man damals im Westen,
wenn der kommunistisch beherrschte Tei l Deutschlands gemeint war, den die
M a c h t h a b er i n O s t b e r li n a u f d en Na m en „ D eu t s c h e D em ok r a t i s c h e R ep u b li k " g e-
tauft hatten.
Horst Kasner, zu dieser Zeit 27 Jahre alt, hatte als frischgebackener evangeli-
scher Th eologe noch vor d er Geburt sein er Tocht er von Hamburg aus „rüberge-
m a c h t " . F l u g s t a u s c h t e e r s e i n e n b u n d e s d e u t s c h e n P e r s o n a l a u s we i s i n e i n e n s o l -
c h e n d e r D D R u m . Im D o r f Q u i t z o w n a h e P e r l e b e r g , w e s t l i c h e s B r a n d e n b u r g
(h eut e: La ndk rei s P ri gni t z), t rat er ein e Pfa rrst elle an. Mitt e S ept emb er 1954 folgte
ihm seine Frau Herlind mit Klein-Angela dorthin.
Ka s n e r, a ls P o li zi s t en s oh n a m 6 . A u gu s t 1 9 2 6 i n B e r li n -P a n k o w z u r W e l t g e k o m -
m e n , w o e r a u f g e w a c h s e n wa r u n d s e i n e F a m i l i e a u c h n a c h Z w e i t e m W e l t k r i e g
u n d M a u e r b a u 1 9 6 1 v e r b l i e b ( An g e l a M e r k e l b e r i c h t e t v o n h ä u f i g e n B e s u c h e n
a l s Ki n d u n d J u g en d li c h e b ei d e r O m a i n P a n k o w), h a t t e 1 9 4 8 s ei n Th e o l o gi es t u-
d i u m i n H e i d e l b e r g b e g o n n e n u n d d a n n i n B i e l e f e l d b z w. H a m b u r g a b g e s c h l o s -
s en, wo er a uch a ls Vika r (Epiphan i enki rch e, HH- Wint erhud e) wi rk t e. In d er E lb-
metropole lernte er Herlind Jentzsch kennen. Sie studierte an der Hamburger
Universität Englisch und Latein mit Lehramt als Ziel.
„ D e r d a m a l i g e H a m b u r g e r B i s c h o f H a n s O t t o W ö l b e r e r ö f f n e t e Ka s n e r , d a s s e r
gebraucht werde — als evan gelischer Pfarrer in der Berlin - Brandenburgischen
La n d e s k i rc h e. P fa r r e rm a n g e l m a c h t e s i c h i n d e r D DR b em e r k b a r. " S o gi b t P r of .
Dr. Gerd La n ggu t h i n s ei n er M erk el -B i og ra p h i e Ka s n ers ei gen e V ers i on zu m Hi n -
t e r g r u n d s e i n e s W e s t -O s t - W e c h s e l s v o n 1 9 5 4 w i e d e r . B e i d i e s e r D a r s t e l l u n g
hakt es ab er sch on da ran, da ss Wölb er erst zehn J ahr e sp ät er, 1964, Bi sch of
wu r d e . 1 9 4 2 o r d i n i e r t , 1 9 4 4 a l s W e h r m a c h t p f a r r e r i n It a l i e n i n Ge f a n g e n s c h a ft
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geraten, 1945 wieder in Deutschland, diente er 1954 in Hamburg als Jugend-
beauftragter der Kirche.
An g ela M e rk el s Va t er e rk lä rt e rü c k b li ck end i n ei n em s ei n er e xt rem s e lt en en P r es -
s eg es p rä c h e (ei n em a u f E n gli s c h a m 6 . S ep t em b er 2 0 05 ver öff en t li c h t en „ In t ern a-
t i on a l Hera ld Tri b u n e"- In t e rv i e w), d a s s d er C h ef d er — vo n ih m ni ch t n äh er vor-
g e s t e l l t e n — „ M a n n s c h a f t " („ c o m p a n y" ) , d i e s e i n e r F r a u u n d d e m B a b y An g e l a
b ei d er Um si elun g üb er di e Zon en gren ze zu ihm in di e DDR ha lf, b ei d er Au ft ra gs -
e r t e i l u n g b a s s e r s t a u n t ü b e r d a s An s i n n e n g e w e s e n s e i . D e r M a n n h a b e g e s a g t ,
dass es normalerweise doch von Ost nach We st, nicht jedoch andersherum
g e h e . B i s l a n g , s o d e r „ C o m p a n y " -C h e f w e i t e r , k e n n e e r n u r z w e i S o r t e n v o n
M e n s c h e n , d i e v o n W e s t n a c h O s t w e c h s e l n w o l l t e n : „ K o m m u n i s t e n o d e r wi r k -
liche Idioten."
Doch zu welcher gegebenen falls dritten Art mag Horst Kasner gehö rt haben?
Tatsache ist, dass damals großen Mengen Deutscher, die von d er DDR in die
B u n d es r ep u b li k gi n g en (a l l ei n 1 9 5 4 wa r en e s M on a t fü r M o n a t z wi s c h en d r ei ß i g-
u n d vi e r zi gt a u s en d ), n u r r e la t i v wen i g e g e g en ü b er s t a n d en , d i e d en u m g ek eh rt en
W e g e i n s c h lu g e n . Un t e r d en W a n d e r e r n v o n W e s t n a c h O s t a b e r , d i e n i c h t g e r a -
d e von Sinn en waren (und auch n icht aus rein familiären Gründ en in die DDR
w e c h s e l t e n , wa s g e l e g e n t l i c h v o r k a m ( , f a n d m a n i n d e r T a t f a s t n u r Ko m m u n i s -
ten oder zumindest doch Sympathisanten der kommunistischen Weltanschauung.
Wä h ren d nu n z. B . da s von der B er li n er Ta g es zei t u n g „B Z" ver öff en t li c h t e „M er -
k e l -Le x i k on " b eh a u p t et , J u n gp fa r r e r Ka s n e r h a b e m i t s e i n em W e c h s e l i n d en Os -
ten der Kirche in der DDR helfen wollen, „den Angriffen des Kommunismus
s t a nd zu ha lt en ", n ot i ert M erk el- B i ogra p h i n J ac qu eli n e B o ys en , Ka s n er s ei „p ri n zi-
p i ell d em s o zi a li s t i s c h en Ges el ls c h a ft s b i ld zu get an " ge wes en , u nd t ei lt e d i e „B er-
l i n e r M o r g en p os t " a m 1 8 . S ep t em b e r 2 0 0 5 m i t , d a s s d e r M e rk e l -Va t e r „d i e DDR
für das gelobte La nd hielt". Demzufolge hätte bei ihm schon früh ein welt-
an schau lich er Li nk sdra ll von erh eb lich er In t ensi tät vorgelegen . Mit na ti ona ler S o -
l i d a ri t ä t i m S i n n e ei n e s b es on d e r en V e ra n t wo rt u n gs g e fü h ls f ü r d i e g e i s t li c h e B e-
t r eu u n g g era d e d er m i t t e ld eu t s c h en La n d s l eu t e d ü r ft e H o rs t Ka s n er s Üb e rt ri t t i n
d i e DDR j ed en fa lls n i ch t s zu t un geh a b t ha b en . La n ggu t h : „ An ge la M erk e ls Va t er
s a g t h e u t e , e r wä r e ü b e r a l l h i n g e g a n g e n , wo h i n d i e Ki r c h e i h n g e s c h i c k t h ä t t e ,
selbst nach Afrika."
I m S E D - S t a a t h a n d e l t e s i c h d e r W e s t - O s t -W a n d e r e r k i r c h e n i n t e r n d e n S p i t z -
n a m en „ d e r r o t e Ka s n e r " e i n . E r g e r i e t m i t C h ri s t en ü b e r Kr e u z , d i e a u f s t ri k t e
Di s t a n z zu d en k om m u ni s ti s ch en M ac ht ha b ern hi elt en . P ro f. La n ggu t h b eh aup t et ,
w e g e n „ i n t e n s i v e r S t a a t s n ä h e " b z w . w e i l e r „ z e i t w e i s e K o n t a k t e m i t d e r S t a a t s-
8
s i c h e rh ei t n i c h t s c h eu t e" s ei An g e l a M e rk e l s Va t e r „t i e f i n d a s D DR - S ys t e m v er -
strickt" gewesen . Der „rote Kasn er" wirkte jed en falls als „grau e Emin en z d er
b ra n d en b u rgi s c h en Ki rc h e " ( „r b b on li n e " ). Dr e i ß i g J a h r e la n g wa r e r C h ef e i n er
S c h a lt s t e l l e d e r Th e o l o g en a u s b i ld u n g i n B ra n d en b u r g, d es P a s t ora lk o l l e gs W a ld -
h of b ei T e m p li n . Da b ei k a m e s zu ei n e r Ko l la b o ra t i on m i t d er p o li t i s c h en M a c h t
im Staate, die über das zwi ngend erforderliche Maß offenbar hinausging. Zu
Ka s n e rs Ka r ri e r e i n d e r k o m m u n i s t i s c h en Di k t a t u r a u f d eu t s c h e m B od en u n d d a -
rü b er, wi e „t i ef" s ei n e „V ers t ri c ku n g" wi rk li c h gewes en s e i n m a g, sp ät er m eh r i n
diesem Buch.

Beinahe vom Leben „befreit"


H o r s t Ka s n e r h a t t e , wi e g e s a g t , s e i n e n a c h m a l i g e E h e f r a u , An g e l a M e r k e l s M u t -
t er, i n Ha m bu rg k en n en geler n t . Geb oren word en wa r He rli n d J en t zs ch a m 8 . J u li
1928 in Elbing. Langguth übrigens vermut et fä lschlich Danzig; Nicole Schley liegt
m i t „ g e b ü r t i g e H a m b u r g e r i n " n o c h fa l s c h e r ; P a t r i c i a Le ß n e r k r a u s s c h r e i b t , we i t
dan eb en grei fend, von „westd eut sch er Ab sta mmun g", Prof. Wolfgan g St ock,
a u c h n i c h t t r e f f s i c h e r e r , v o n „ An g e l a M e r k e l s we s t d e u t s c h e r M u t t e r " , wä h r e n d
d i e a n d e r en M erk e l -B i o gra p h e n s i c h zu d i es e r H erk u n ft s fra g e a u s s c h wei g en . Im
Alt er von acht Jah ren, 1936, ka m Herlind Jent zsch mit ih rer Fa mi li e au s d er
westpreußischen Heimat nach Hamburg. Möglich erweise hing es mit ein er Ver -
setzung ihrer Mutter, also Angela Merkels Oma, die Lehrerin war, zusammen.
O b wo h l e s i n d e r b e r ü h m t e n D i r e k t i v e J C S 1 0 6 7 d e r v e r e i n i gt e n S t a b s c h e f s d e r
U S - Ar m y v on 1 9 4 5 u n z wei d eu t i g h i eß : „ D eu t s c h la n d wi rd n i c h t zu m Z we c k e s ei -
n e r B e f r e i u n g b e s e t z t , s on d er n a l s b e s i e g t e r F e i n d s t a a t " , p f l e g t An g e l a M e r k e l
d i e Al l i i e rt en g e rn e a l s „B e fr e i e r" d er D eu t s c h en zu b e z e i c h n en . B ei s p i e ls we i s e
l e i t e t e s i e i h r e R e d e a u f d e r M ü n c h n e r Ko n f e r e n z f ü r S i c h e r h e i t s p o l i t i k , 1 2 . F e -
b ru a r 2 00 5 (d er Vora b en d d es 6 0. J ah res t a ges d er wes t a lli i ert en Ve rn i c ht un g von
D r e s d e n , wa s d i e C D U -C h e f i n i n i h r e r An s p ra c h e g ä n z l i c h u n e r wä h n t l i e ß ) , m i t
dem Satz ein: „Am 8. Mai gedenken wir des 60. Jahrestages des Endes des
Z we i t en W e l t k ri e g es u n d d e r B e f r ei u n g E u r op a s v o m Na t i o n a ls o zi a li s m u s . " Un d
zu r B ekrä fti gun g ih rer S olida rit ät m it Bu sh, d em Ir a k -Kri egs h errn, b et ont e M erk el
a m 5 . F eb ru a r 2 0 0 3 i n „t a c h el e s ", d e m „ Li v e -C h a t d er T a ge s s c h a u ", d a s s j a a u c h
Deut sch land 1945 „ohn e mi litä ri sch es Ein greifen d er Alli i ert en ni cht b efreit " wor -
d e n wä r e . W e i t e r l o b t e s i e i n e i n e m In t e r v i e w m i t d e r „ Z e i t " , 6 . M a i 2 0 0 4 , d a s
An s i n n e n d e r U S A, „ d i e D e m o k r a t i e , d i e s i e d e n D e u t s c h e n n a c h d e m Z w e i t e n
Weltkrieg gebracht haben, auch in den Irak zu bringen".

9
N u n f ü g t e s s i c h s o , d a s s An g e l a M e r k e l s e i g e n e M u t t e r u n d a u c h d i e w e i t e r e n
i n Ha mb u rg leb en d en Fa m i li e n a n geh öri gen i n d er Ta t b e i n ah e d u rc h d i e Wes t a l li -
i ert en , gen a u er g es a gt d u rc h d eren Lu ft wa ff en R o ya l Ai r F orc e u n d US Am eri c a n
Air Force, „befreit" worden wären — und zwar vom Leben:
Mit d er „Op era ti on Gom orrha" erreich t en di e völk errech ts wid ri gen B omb enan grif -
fe von R AF und USAAF au f Zi vi listen End e Ju li 1943 in der Hansestadt ihren
s c h a u ri g en H öh ep u n k t . E s wa r e n ü b e rh a u p t d i e b i s d a h i n s c h we r s t en An g ri f f e i n
d e r G e s c h i c h t e d e s Lu f t k r i e g e s . D a s a l l i i e r t e C o d e w o r t b e z o g s i c h a u f a l t t e s t a -
m en t a ri s ch e Üb erli e fe ru n g: V ern i c h tu n g d er B evö lk eru n g v on S od om u nd Gom or -
r h a , a u c h d er Ki n d e r, we g en m o ra li s c h er V e rk om m en h ei t i n d en S t ä d t en — s o zu-
sagen per Luftangriff, mit Feuer und Schwefel von oben. Im Hamburger
F e u e r s t u r m - In f e rn o, E n d e J u li 1 9 4 3 , k a m en a u c h Ta u s en d e Ki n d e r u m . Di e m ei s -
t en Op f e r e rs t i c k t en i n fo l g e d es ln j ek t or e f f ek t es , d e r m ons t r ös en Ka m i n wi rk u n g
d e s H ö l l e n f e u e r s a u s M e n s c h e n h a n d , o d e r wu r d e n i n d en K e l l e r n d u rc h e i n s t r ö -
m e n d e R a u c h s c h wa d e n v e r g a s t . D i e G e s a m t z a h l d e r T o t e n i n d e r H a n s e s t a d t i n
d e n T a g e n d e r „ O p e r a t i o n G o m o r r h a " b e l i e f s i c h a u f ü b e r f ü n f z i g t a u s e n d . Au f
d em Hambu rger Fried h of Ohlsd orf sind die Bomb en op fer in ein em gewaltigen
M a s s en gra b b es t a t t e t wo rd en . E i n D en k m a l v on Ge r h a rd M a rc k s ru ft i h r Le i d i n
Erinnerung, den Lebenden zur Mahnung.
D r ei m a l wu rd e d i e F a m i li e vo n An g e la M e rk e ls M u t t e r i n H a m b u r g a u s g eb o m b t .
Nu r knapp k am en di e J ent zsch s — un t er Verlu st säm t lich en Hab und Gu t es — mit
d e m L e b e n d a v o n . D a s M ä d c h e n H e r l i n d wu r d e s c h l i e ß l i c h a u s H a m b u r g i n S i -
ch erh eit geb racht. Sie erleb te d as Kriegsend e in ein em an d er Elb e gelegen en
Dorf d es h eu t i gen S a c h s en -An h a lt. B ei d er s t a a t li c h orga ni s i ert en , h a up t sä ch li c h
v o n d e r H i t l e r j u g e n d v e r a n t wo r t e t e n Ki n d e r l a n d v e r s c h i c k u n g ( V e r b r i n g u n g a u s
d e n b o m b e n b e d r o h t e n S t ä d t e n a u f s La n d ) , i m R a h m e n d e r e r m e h r e r e M i l l i o n e n
Ki n d e r u n d J u g e n d l i c h e b e t r eu t wu r d en , h a n d e l t e e s s i c h u m d i e g r ö ß t e h u m a n i -
t ä r e R et t u n g s a k t i on d es Z we i t en W e lt k ri e g es — n eb en d e r E va k u i eru n g v on M i l -
l i on en F l ü c h t li n g en ü b e r d i e O s t s e e a b E n d e 1 9 4 4 d u rc h d i e d eu t s c h e M a ri n e u n -
ter Führung des Großadmirals und letzten Reichspräsidenten Karl Dönitz.

Wurzeln in Westpreußen
Angela Merkels aus Elbing in Westpreußen stammende Großmutter Gertrud
J en t z s c h g eb . Dr a n g e , d i e m i t i h r e r T oc h t e r H e r li n d s e i t 1 9 3 6 i n Ha m b u r g l eb t e,
wa r , wi e b e r ei t s e r wä h n t , P ä d a g o gi n . Vo r i h r e m Um zu g i n d i e n o rd d eu t s c h e E lb -
m et rop ol e h a t t e s i e a n d er E l b in ger Kön i gi n -Lu i s e - S c h u le i h ren Di en s t a ls Leh re -
rin verrichtet. Bei ihrem Vater, Emil Richard Drange (18. März 1866 — 8. April
10
1 9 1 3 ) , An g e l a M e r k e l s U r g ro ß v a t e r , h a n d e l t e e s s i c h u m e i n e n a u s O s t p r e u ß e n
n a ch E lb in g zu ge wa n d ert en M ü lle rm ei s t ers oh n . E r fü h rt e Em m a Wa c h s (2 5. Ok t o-
b e r 1 8 7 1 — 1 . Au gu s t 1 9 3 5 ) h ei m , F r a u M e rk e l s Ur o m a . E m i l D ra n g e b ra c h t e e s
zu m Ob ers t a d t s ek ret ä r i m Magi s t ra t u nd s t ellv ert ret en den B ü rgerm ei s t er E lb i n gs .
D i e F a m i l i e l e b t e i n d e r T a n n e n b e r g a l l e e . D a s Gr a b m a l d e r D r a n g e s a u f d e m a l -
ten Fri edhof der Stadt ist erhalten gebli eben. Die Inschrift erwähnt auch die
h oh e Fu n k t i on von An ge la M e rk els U rgr oß va t er i m Gem ei n d ewes en . W ei t er e V or-
fahren Merkels stammten aus Niederschlesien.
E lb i n g li egt ö s t li c h von Da n z i g, s ü d li ch d es Fri s c h en Ha ff s a m E lb i n gflu s s . Hi er
an d er u ralten Bern stein straß e k am es vor rund 12 00 Jah ren zu r Gründun g d er
H a n d e ls s i ed lu n g T ru s o , d i e vo n d en b a lt i s c h en P ru z z en (P r u ß en ) u n d d en g er m a-
n i s c h e n W i k i n g e r n g e n u t z t wu r d e . Di e S t a d t E l b i n g s e l b s t wu r d e 1 2 3 7 v o n H e r-
mann Ba lk , d em b erühmt en erst en La n dmei st er d es Deut sch en Ord en s, gegrün-
d e t ; d i e B ü r g e r s t a m m t en z u n ä c h s t m e i s t a u s Lü b e c k . 1 3 5 8 g e h ö r t e d i e S t a d t z u
d en Grü n d e rn d er D eu t s c h en H a n s e. In f o l g e N i ed er ga n gs d e r O rd en s m a c h t s t a n d
E lbin g a b 1466 un t er p oln isch er Herrsch aft; di e B evölk erun g k onn t e j ed och ih ren
rein deutschen Charakter bewahren. Unter Friedrich dem Großen kam Elbing
1772 an den Staat Preußen. Es nahm im 19. Jahrhundert, insbesondere nach
Grü ndun g d es Bi sm arck reich es , groß en wi rt sch aft lich en Aufs ch wun g. Dort gab es
ei n e Werft von Welt ru f, ein b ed eut end es Lok omoti vwerk , d i e größt e Zi ga rren-
fabrik Festlandeuropas.
N a c h d e m E r s t en W e l t k r i e g b l i e b d i e S t ad t i m Ge g e n s a t z z u v ö l k e r r e c h t s wi d ri g
abgetrennten anderen westpreußischen Gemeinden beim Deutschen Reich. Es
l e b t e n s o g u t w i e k e i n e P o l e n i n E l b i n g . In d e r u n w e i t g e l e g e n e n S t a d t M a r i e n -
b u r g v o t i e r t e n a m 1 1 . J u l i 1 9 2 0 b e i d e r V o l k s a b s t i m m u n g 1 7 8 0 5 d e r W a h l-
b e r ec h t i gt en fü r D eu t s c h la n d u n d ga n z e 1 9 1 fü r P o l en . Di e Ab s t i m m u n g i n we s t-
p r eu ß i s c h en lä n d li c h en Kr e i s e n d e r Um g eb u n g erb ra c h t e a m s e lb en Ta g e u m d i e
9 0 % fü r D e u t s c h l a n d . W o b e i m a n b ed e n k e n m u s s , d a s s d a s e i n d eu t i g e E r g e b n i s
t rot z d es E len d s d es Deu t s c h en R ei ch es n ac h d er Ni ed erla g e i m E rs t en We lt k ri eg
u nd d em ni ed ers c h m et t ern d en Vers a i l le r Ve rt ra g e rru n gen wu rd e, wä h ren d P ol en
s i c h k rä ft i g e r Un t e rs t ü t zu n g d e r S i e g er m ä c h t e e r f r eu t e u n d i n t e rn a t i on a l a l s a u f-
strebende neue Macht „gehandelt" wurde.
Z u K r i e g s b e g i n n 1 9 3 9 h a t t e E l b i n g k n a p p 1 0 0 0 0 0 E i n wo h n e r . V o m 2 3 . J a n u a r
1 94 5 b i s zu m 10 . Feb ru a r 1 945 vert ei d i gt en W eh rm a c h t u nd Volk s s t u rm d i e S t a d t
ge gen d i e m i t ge wa lt i ge r Üb e rm a c h t a n grei fen d e R ot e Arm ee, wod u rc h vi er Fü n f-
tel d er bis d ahin verb lieb enen Elbin ger und d er hin zu geströmten Flüchtlin ge
w e s t wä r t s e n t k o m m e n k o n n t e n . D i e a n d e r e n D e u t s c h e n i n d e r S t a d t wu r d e n b i s
a u f w e n i g e Au s n a h m e n V e r b r e c h e n s o p f e r v o n E x z e s s t ä t e r n a u s d e n R e i h e n d e r
11
R ot en Ar m e e b z w. p o ln i s c h en V e rt r ei b u n g s t e rr o rs . Na c h E n d e d e s Z we i t en W e l t-
krieges kam das von Deutsc hen „ethnisch gesäubert e" E lbing unter Wa rschaus
H e r r s c h a ft . Di e P o l en n en n en e s E lb la g. S ei t An fa n g d e r 1 9 9 0 e r - J a h r e d a r f s i c h
dort wied er in Ansätzen deutsches Leben regen („Gesellschaft der deutschen
Minderheit Stadt und Landkreis Elbing").
Un t er d en E lbi n ger Op fern der s t a li n i s ti s ch en M ord - un d S c h än du n gsk om m a nd os
b efa n d en si ch 194 5 verm u t li c h au ch Verwa n d t e An g ela M e rk els . Ni c h t sd es t ot rot z
zä h lt si e — ob woh l a ls füh rend e P olitik erin d er Bund es repub lik lan ge s ch on nich t
m eh r d em Di k t a t d er en t s p rec h en d en S E D - P rop a ga n da un t er wor fen — d i e S o wj et -
uni on au sd rück li ch zu d en „Befrei ern Deuts ch land s ". E s s ch ein t Frau M erk el nicht
z u i r r i t i e r e n , w e s In h a l t s d i e T a g e s b e f e h l e d e r F ü h r u n g a n S t a l i n s T r u p p e n wa -
r e n , a ls s i e d i e Gr e n z en D eu t s c h la n d s e r r ei c h t en . „E s i s t zwe c k l os , v on d en S o l -
daten d er Roten Armee Gn ade zu ford ern. Sie lod ern vor Hass un d Rach such t.
D a s La n d d e r F a s c h i s t en m u s s z u r W ü s t e we r d e n " , h i eß e s d a . O d e r : „ Gr o ß u n d
b ren n end ist un ser Hass. Diesmal werd en wir d as d eutsch e Gezü cht end gü ltig
zerschlagen."
N i c h t s d e s t ot r o t z a n t wo r t e t e d i e C D U - C h e f i n i n e i n e m In t e r v i e w m i t d e r „ Z e i t " ,
Nr. 16/2005, auf die Frage, ob der 8. Mai 1945 ein Tag der Niederlage oder der
B e fr e i u n g g e we s en s e i : „R i c h a rd v on W e i zs ä c k e r h a t d a s s e i n e r z ei t ga n z ri c h t i g
ges a gt . E s wa r ei n Ta g d er B efr ei u n g vom Na t i ona ls ozi a li s m u s , u nd zwa r fü r a lle
. . . Zu d en en , d i e u n s v om Na t i on a ls o zi a li s m u s b e f r ei t h a b e n , g eh ö rt e eb en a u c h
u n b e s t r e i t b a r d i e S o wj e t u n i on . " An g e l a M e r k e l l ä s s t d i e s e E h r e e i n e r M a c h t z u -
t ei l we r d en , a n d e r en S p i t z e e i n Gu la g - u n d Ge n i c k s c h u s s d i k t a t or s t a n d , a u f d es -
sen Kerbholz Abermillionen Morde gingen.
In s B i ld von d er Un i on d er S ozi a li s t i s c h en S owj et r ep u b li ken a ls „B efr ei e rm a c h t "
will ebenso wenig passen, dass schon wenige Jahre nach Ende des Zweiten
Weltkrieges eine gewaltige westlich e Militärallian z unter Beteiligung der Bun -
d e s d e u t s c h e n g e b i l d e t wu r d e , u m d i e s e U d S S R i n S c h a c h z u h a l t e n u n d z u r ü c k -
z u d r ä n g en . Di e „ P h i l os op h i e " d e r v on F ra u M erk e l s o b e wu n d ert en Na t o b es t a n d
über Jahrzehnte in kaum etwas anderem als in der Beschwörung der Gefahr
d u r c h d i e S o wj e t u n i o n s o z u s a g e n a l s „ S c h u r k e n s t a a t " u n d „ M a c h t d e s B ö s e n " .
Und noch heute, lange nach Niedersturz der kommunistischen Herrschaft im
R ei c h M o s k a u s , p r op a gi ert d i e N a t o M i s s t ra u en g e g en R u s s l a n d a u c h we g e n d e r
sowjetimperialistischen Vergangenheit.
Die Herkunft der mütterlichen Familie Angela Merkels aus Elbing erregte im
Frü h h erb s t 20 05 d a s In t eres s e p oln i s ch er M ed i en , di e B eri c h t e da rü b er verö f fen t -
lichten. Am 16. Oktober 2005 ging auch die Berliner „BZ" auf Frau Merkels Fami-

12
li en wu rzeln i m „p olni sch en E lb la g" ein, wob ei di e offenb ar von weni g Komp et en z
beleckten Redakteure, die zu r Recherche direkt vor Ort gewesen sein wollten,
d i e Groß s t a d t a m Fri s c h en Ha ff a ls „M a s u ren s t ä dt ch en " b ez ei c h n et en u nd E lb i n g
damit absurderwei se in ein e weit entfernte südostpreußische Landschaft, Masu-
r e n , v e r l e g t e n . Au t h en t is c h a b e r k l a n g e n z u m i n d e s t d i e v o n d e r „ B Z " wi e d e r g e -
geb en en An- u n d Ab s i c h t en des p oln i s c h en S t a d t ob erh a up tes v on E lb i n g, Hen r yk
S lon i n a . Da s B la t t s ch ri eb : „ An g ela M e rk el i s t E lb la gs gr oß e H offn u n g. Der B ü r-
g e r m e i s t e r wi l l d e m n ä c h s t a n U r- O p a s W o h n h a u s ei n e Ge d e n k t a f e l a n s c h l a g e n .
S lonina : , Du rch An gela M erkel k ann E lb la g eu ropa weit b ekannt werd en. Si e kann
h e l f e n , d a s s s i c h h i e r n e u e B e t r i e b e a n s i e d e l n . W i r b r a u c h e n d r i n g e n d Ar b e i t s -
plätze. Denn 39 Prozent sind ohne Job.—

„Da kommt das Slawische in mir durch"


Im J a h r zu vor ha tt e An gela Merk el ih r von d er „Zeit " (Nr. 41/2004 ) veröffent lich-
t e s G e s p r ä c h m i t z w e i „ t ü r k i s c h s t ä m m i g e n d e u t s c h e n In t e l l e k t u e l l e n " , d a s v o n
„ D e u t s c h la n d a l s E i n wa n d e ru n gs la n d " h a n d e l t e, fü r e i n s el t s a m es „ C om i n g ou t "
gen u t zt . S i e p rä s en t i ert e s i c h n un p löt zli c h a ls ei n e Art M ult i k u lti- Ges c h öp f. „E s
g i b t v e rs c h i ed en e M i s c h u n g en ", s a gt e s i e u n d s p ra c h — i n An s p i e lu n g a u f i h r en
Gr o ß v a t e r a u s E l b i n g — v o n „ p o l n i s c h e n An t e i l e n i n m e i n e r F a m i l i e " . „ M a n c h -
m a l ", s o fu h r s i e f ort , „ z u m B ei s p i e l , we n n i c h s o v e rs on n en od e r m e l a n c h o li s c h
vor mich hin schaue, denke ich, da kommt das Slawische eben durch."
B ei d en „d eu t s c h- t ü rk i s c h en " In t e l l ek t u e l l en , d en en s i c h An g e la M e rk e l a ls „M i -
s c h u n g " i r g e n d wi e s c h i c k s a l s g e n ö s s i s c h h i n z u g e s e l l e n w o l l t e , h a n d e l t e e s s i c h
u m d i e An wä l t i n S e yr a n At e s u n d d e n S c h r i ft s t e l l e r F e r i d u n Z a i m o g l u . D i e s e r ,
V e r fa s s e r ei n es W e rk e s „ Ka n a k s p ra k ", m a c h t e b es on d e r e Fu ro r e, a l s e r 2 0 0 5 m i t
v i e rh u n d e rt t ü rk i s c h en Ha lb m on d -B a n n e rn d i e W i en e r Ku n s t h a l l e v e rh ü l lt e. Di e
Empörung über dieses von vielen Wienern als Provokation gewertet e „Kunst -
E vent " t ru g zu d em mit k räftigen Ant i -Üb erfremdun gs -Au s sa gen erzi elt en, sp ekta -
kulären Gemeinderatswahl-Erfolg der FPÖ, Oktober 2005, bei.
Was mag nun ab er b ei An gela M erk el wirk lich „du rchk omm en ", wen n sie sich
i m m er wi ed er a ls en ergi s c h e S a c h wa lt eri n p oln i s c h er In t er es s en g eri ert ? S o h i eß
e s a m 1 6 . Au gu s t 2 0 0 5 i n ei n e m Z D F -B e ri c h t ü b e r i h r en ge r a d e b e en d et en P o l en -
besuch: „Angela Merkel wurde hofiert. Präsident Kwasniewski sprach schmei-
ch elnd von d er ,h öch st wah rsch ein lich kün fti gen Kan zlerin' . Nicht nu r er, di e m ei s-
ten Politiker in Warschau wären mit einem Regierungswechsel in Berlin
du rchau s zu fri ed en. Und An gela M erk el verstand es b ei ih rer Vi sit e, di e p oln isch e
Öffentlichkeit für sich einzunehmen. Sie versprach eine neue Russlandpolitik in
13
Berlin und auch auf EU- Ebene. Schröder agiere über die Köpfe der Polen und
auch der Balten hinweg. Di e Männerfreundschaft zwischen dem Kanzler und
Wl adimir Putin war d en Polen stets ein Dorn im Au ge und h öch st su sp ek t ...
Angela Merk el nutzte die St immungslage und äußerte Verständnis. ,Die deut -
s c h en P o li t i k e r, d i e k ü n f t i g n a c h M o s k a u f li e g en , we r d en i n W a rs c h a u z wi s c h en -
la n d en ' , fa s s t e Don a ld Tu s k von d er li b era l -k on s er va t i ven , B ü rg erp la t t form ' s ei n
Gespräch mit der Kanzlerkandidatin zusammen."
V e rt r et e r d es en g s t en S t a b es v o n F ra u M erk e l wi e et wa F ri ed b e rt P f lü g e r h a t t en
z u v o r s c h a r f e Kr i t i k a n S c h rö d e r s u n d P u t i n s Z we i e r - Gi p f e l i n Kö n i g s b e r g ( r u s -
s is ch- am t lich : Ka linin grad ) an lä s s lich d es 750 - Jah r- Jub i läu ms d er ostp reuß isch en
Haup tstadt geüb t, wei l di e St aat slenk er Polen s u nd Li t auen s nich t ein gelad en
wa r en . Di e R u s s en h at t en zum F es t d i e Kön i gs b erg er Un i vers i t ä t offi zi e ll a u f d en
Namen des größten Sohnes der Ostpreußenmetropole, de s Giganten der deut-
s c h e n u n d a b e n d l ä n d i s c h e n P h i l o s o p h i e Im m a n u e l K a n t , g e t a u f t . Au c h d i e v o n
S c h r ö d e r u n d P u t i n An f a n g S e p t e m b e r 2 0 0 5 u n t e r z e i c h n e t e V e r e i n b a r u n g ü b e r
ei n e Ga s- P i p e li n e von R u s s lan d n ac h Deu t s ch la n d du rch d ie Os t s e e — von S a nk t
Petersburg bis Greifswald — stieß auf harsche Proteste der M erk el- CDU, weil
d em p oln isch en An sinn en, di e R ohre qu er du rch P olen zu verlegen (m it d er Folge,
dass Warschau direkt am Drücker säße), nicht Rechnung getragen worden war.
Doc h h at s olc h e P olon op h i li e woh l w en i ge r d a m i t zu t un , d a s s d i e C DU -Fü h reri n
wi r k l i c h g e n e t i s c h „ P o l n i s c h e s " o d e r „ S l a wi s c h e s " i n s i c h wä h n t , s o n d e r n e h e r
mit d er Tatsach e, dass Polen sich wie k ein and eres Ex- Ostb lock land an d en
Rock zip fel von Uncle Sam heftet. Das weckt Begeisterun g b ei d er Ch efin d er
Ch ri std em ok rat en . P rot ok olli ert von ih rem Hofbi ograph en Hu go Mü ller - Vogg wu r-
d e i h r s ym p t o m a t i s c h e s Lo b , d a s s i n P o l e n „ b e i n a h e v o r j ed e m ö f f e n t l i c h e n Ge -
bäude neben der Nationalflagge auch die der Nato hängt".

„In a kind of ghetto"


N o c h b e vo r n u n An g e la M e rk e l s V a t er H o rs t Ka s n e r s e i n en Di en s t a ls P fa rr e r i n
Qu i t zo w/ P ri gn i t z i m H e rb s t 1 9 5 7 wi ed er q u i t t i e rt e, u m h öh e r en Au f ga b en i n d e r
D D R z u z u s t r eb e n , wu r d e i m n a h e n P e r l e b e r g a m 7 . J u li j e n e s J a h r e s s e i n e F r a u
von Sohn Marcus entbund en. (Die dreijährige Angela kam zur Entlastung von
Herlind Ka sn er fü r zehn Woch en zu r Oma nach Hambu rg.) An d er Ka rl -Ma rx -Uni -
versi tät Lei p zi g zu m Ph ysiker a usgebi ld et , wi e sein e Sch west er An gela auch ,
b ra ch t e es P a s t oren s oh n M a rcu s Ka s n er, d er ü b ri gen s d i e s t a a t lic h- s ozi a li s t i s ch e
J u g e n d we i h e e m p f a n g e n h a t t e , i n D DR - Z e i t e n z u m S c h l u s s s o g a r a l s S t i p en d i a t
zum Mitarbeiter des sowjetischen Kernforschungszentrums Dubna bei Moskau.
14
Eine Karri ere, die, ähnlich wi e die b eachtliche wiss ensc haftliche Laufbahn Angela
M e rk e ls od e r H o rs t Ka s n e rs S t e l lu n g i n d e r D DR - Ge s e l l s c h a ft , n i c h t s o r ec h t zu
d e r wei t v e rb r ei t et en D a r s t e l lu n g p a s s en wi l l, d a s s d i e An ge h öri g en d i e s er F a m i -
li e i m r ea l e xi s t i eren d en S E D- S o zi a li s m u s q ua s i wi e „ Au s s ä t zi ge" h ä t t en veg et i e -
r e n m ü s s en . ( „ W e li v ed i n a k i n d o f gh et t o” , b eh a u p t et e H o r s t Ka s n e r i n s ei n em
b e r e i t s e r wä h n t e n In t e r v i e w m i t d e m „ In t e r n a t i o n a l H e r a l d T r i b u n e " . „ W i r s i n d
i m m e r d i e Au ß e n s e i t e r g e we s e n " , e r z ä h l t e An g e l a M e r k e l i h r e r B i o g r a p h i n E v e -
lyn Roll.) Darüber später mehr.
Im H e r b s t 1 9 5 7 a l s o z o g d i e n u n v i e r k ö p f i g e F a m i l i e Ka s n e r n a c h T e m p l i n i m
N o r d we s t e n d e s h e u t i g e n B u n d e s l a n d e s B r a n d e n b u r g u m . D a P f a r r e r H o r s t Ka s -
n er „woh l wen iger zum p raktisch en Dien st am M en sch en tau gte als meh r zu m
Theologisieren" (Bärtels, „Angela Merkels Kindheit in Templin" in: Frauenmagazin
„ f r i d a " ) , s o l l t e e r d o r t i n d e r U c k e r m a rk a u f V e r a n l a s s u n g d e s d a m a l i g e n S u p e r -
i n t end en t en d es Ki rc h en k rei s e s B ra n d enb u rg/ Ha vel u n d na ch m a li gen B i s ch ofs Al-
brecht Schönherr, ein es Verfechters enger Kooperation von Ki rche und SED -Staat,
a m Au f b a u e i n e s „ S e m i n a r s fü r k i rc h li c h e D i e n s t e " wi r k e n . D a r a u s e n t wi c k e l t e
s i c h d a s Tem p li n er P a s t ora lk ol le g Wa ld h of, d a s von 1 9 60 b i s 19 90 un t er Ka s n ers
Lei tun g s tand — ein e Fortb i ldun gsst ätt e d er b rand enburgisch en evan geli sch en Ki r -
che, deren Einfluss erheblich war:
„Vi e le Th e ol og en m u s s t en zur W ei t erb i ld u n g od er wä h ren d i h rer Au s b i ld u n gs zei t
als Vikare vor dem zweiten theologischen Examen nach Templin. Wohl jeder
b ra nd en bu rgi s c h e P fa rrer wa r wä h ren d s ei n er Au s b i ld un gs zei t m i n d es t en s ei n m a l
für kürzere oder längere Zeit im Waldhof ... Horst Kasner hatte innerhalb der
B erlin -B rand enbu rgi sch en La nd eski rch e wegen s ein es Ein flus s es au f d en th eologi -
s c h en N a c h wu c h s e i n e z en t ra l e F u n k t i on . " ( La n g gu t h ). „ J e d e r b ra n d en b u r gi s c h e
P fa rre r i s t wä h ren d s ei n er Au s b i ld un g m ind es t en s ei n m a l fü r ku rze Z ei t i m Wa ld-
hof gewesen." (Evelyn Roll). An gela Merkels Mutter Herlind, studierte Philologin,
u n t er ri c h t et e a u f d em W a ld ho f Na c h wu c h s t h e o l o g en i n E n g li s c h u n d La t ei n i s c h ;
s p ä t e r ga b s i e a u c h a m O s t b er l i n er M i s s i on s h a u s E n g li s c hs t u n d en fü r k i rc h li c h e
Mitarbeiter.

„Was man Heimat nennt"


Au f d e m W a l d h o f b e i T e m p l i n wo h n t e An g e l a M e r k e l v o n i h r e m 4 . b i s z u m 1 8 .
L e b e n s j a h r . In T e m p l i n k a m a u c h i h r e S c h we s t e r Ir e n e , d i e h e u t e a l s E r g o t h e r a-
p eu t in i n B erli n t ät i g i st , a m 1 9 . Au gu s t 196 4 a ls d ri tt es un d let zt es Ki n d a u s d er
Verb i n du n g von Hors t Ka s n e r m i t s ei n er E h efra u H er li n d geb . J en t zs c h zu r W elt .
„ D i e U c k e r m a rk i s t f ü r m i c h d a s , wa s m a n H e i m a t n en n t " , s a g t An g e l a M e r k e l ,
15
laut „Spiegel online", 11. September 2005. Wobei das Nachrichtenmagazin
m e i n t , d a s s „ e s s o k l i n g t , a l s h ä t t e s i e k e i n e H e i m a t " . V i el l e i c h t l i e g t d a s a u c h
nur an der unaufgeregten Sprechweise von Frau Merkel, die zwar über sich
sel bst sagt, dass gelegentliches Verfallen ins Schreien einer ihrer Hauptfehler
sei („Ein e Sch wäch e von mir ist Sch reien ", gestand sie d em TV - „Talk master"
B ec k m a n n ; S en d u n g vo m 1 0 . J a n u a r 2 0 0 5 ), d i e a b e r i n d e r Ö f f en t li c h k ei t h ä u fi g
a l s s a c h li c h b i s zu r E m ot i on s l o s i gk ei t wa h r g en o m m en wi rd . An d er e r s ei t s i s t d e r
Bedarf an Hektikern in der deutschen Politik auch so gedeckt.
Di e Uc k erm a rk , An ge la M erk els Ki n d h ei t s - und J u gen dh eim a t , wi rd du rch flos s en
v o n d e r 1 0 3 Ki l o m e t e r l a n g e n U c k e r ( i n P o m m e r n h e i ß t s i e U e c k e r ) , d i e g e g e n -
ü b er Us ed om i n s S t et t i n er Ha ff m ü n d et . E s i st ei n e b ra nd en bu rgi s c h - p om m ers c h e
Gr e n z r e gi on , d i e a u f h a lb e m W e g e v o n B e r li n n a c h S t et t i n l i e gt . Ös t li c h d a v on ,
j enseit s d er Od er, b efi nd et si ch wei t es La nd, da s d en Deut sch en 194 5 gewa lt-
sam genommen und unter polnische Herrschaft gestellt wurde. Man kann die
Uc k erm a rk m it ih ren za h lrei c h en h errli c h en S een u nd au s ged eh n t en , oft un b erü h r -
t en Wä ld e rn m i t Fu g u n d R ec h t ei n e d e r r ei z v o l ls t en La n d s c h a ft en D eu t s c h la n d s
nennen. Besondere Faszination übt der dortige Nationalpark Unteres Odertal aus.
Zweifellos h at die Uck ermark das Zeu g, ein e „Tosk ana des Nord en s" zu sein ,
wi e e s i n d e r F r e m d e n v e r k e h r s w e r b u n g d e r R e g i o n h e i ß t . A l l e r d i n g s : „ D i e M e n -
s c h e n h a b e n k e i n G e l d . S i e h a b e n k e i n e A r b e i t . U n d s i e h a b e n k e i n e P e r s p e k t i-
v e . " S o d i e M e r k e l- B i o g r a p h i n E v e l y n R o l l ü b e r d i e V e r h ä l t n i s s e d o r t . A l s
Sc h n ap si d ee er wi es si c h d i e Erri c h t un g ei n er mi t La n d esmi t t eln g ef örd e rt en
„ W e s t e r n s t a d t " ( „ S i l v e r L a k e C i t y" ) , m i t d e r m a n T o u r i s t e n a n l o c k e n u n d d i e
Wi rt s c h a ft i m R au m e T em p li n a n ku rb eln wol lt e. Di e B et r ei b erge s e lls c h a ft m e ld e-
t e m a n gels B es u c h er ra s c h In s olv en z a n . De r U rla u b er i n d er Uc k erm a rk er wa rt et
dort offenbar nicht ausgerechnet die Nachäffung des amerikanischen Wilden
Westens.
Am 2 8 . J u li 2 00 5 sc hild ert e d er Kor res p on d en t d es „R h ei n i s ch en M erk u r" s ei n en
E i n d ru c k von d en T e m p li n e rn : „ O b d e r Ka n z l e r S c h röd e r h e i ß e od e r M e rk e l, s ei
i hn en ega l, v ers i c h ern d i e M en s c h en, di e ü b er d en Ma rk tp la t z t röd eln . S i e h a b en
andere Sorgen. Fast jeder Vierte ist ohne Arbeit. Und die Politik könne daran
a u c h n i c h t s ä n d e rn . " E i n S p ri n g er -J ou rn a li s t wi e M a rt i n S . La m b ec k a b e r h öh n t :
„Die Uckermark, wo man weder auf Frisur noch Kleidung achten muss."
( „ b i ld . t- on li n e ", 7 . Au gu s t 2 0 0 5 ) . Ob d i e s e r P r op a ga n d i s t e t a b li e rt e r P o l i t i k , d i e
u n fä hi g i st , Geb i et e i n d en n eu en B u nd eslä n d ern , d i e b lü h en d e La n d sc ha ft en
s e i n k ön n t en , a u c h wi rk li c h a u fb lü h en zu la s s en , s i c h ei n er s o lc h en Im p e rt i n en z
gar nicht schämt?

16
D a k a n n e i n e p o l i t i s c h e S t i m m u n g s l a g e z wi s c h e n O s t s e e u n d E r z g e b i r g e , E l b e/
W e r r a u n d O d e r / N e i ß e wo h l k a u m wu n d e r n e h m e n , d i e M a t t h i a s Kr a u ß i n s e i n e r
2 0 0 5 er s c h i en en en M erk e l- B i o g ra p h i e wi e f o l gt b es c h r ei b t : „ 1 5 J a h r e h a b en d i e
etablierten Parteien der Bundesrepublik gebraucht, um in Ostdeutschland eine
Zw ei d ri tt elmehrh eit d a von zu üb erzeu gen, da ss si e fü r di esen La nd est ei l k ein
Ko n z ep t h a b en . Di e s e Z we i d ri t t e l m eh rh ei t wä h lt en t we d er ü b erh a u p t n i c h t m eh r
oder rechtsextrem. Oder eben die PDS."

Die „Befreiung" der Uckermark


Das damals, als die Kasn ers hin zoge n, wie auch h eu te rund 17 000 Ein wohn er
z ä h l e n d e T e m p l i n , c a . 8 0 Ki l o m e t e r v o n B e r l i n e n t f e r n t , wi r d „ P e r l e d e r U c k e r -
m a rk " gen a n nt . E s u rkun d et e ers t m a ls 1 2 70 . Di e t r ot z a lle r S c h ic k s a ls s ch lä ge d er
G e s c h i c h t e v o l l s t ä n d i g e r h a l t e n g e b l i e b e n e a l t e S t a d t m a u er g i l t d e r j e n i g e n v o n
Rothenburg ob der Tauber als ebenbürtig.

Temp lin und Umgebung hatten ab Ende Apri l 1945 unter der Rot en Armee
s c h we r zu l ei d en . Di es s ei h i e r d es h a lb i n E ri n n e ru n g g e ru f e n , we i l An g e la M e r -
k e l — wi e b e r e i t s e r wä h n t — i m m e r wi e d e r m i t „ D e u t s c h l a n d s B e f r e i u n g 1 9 4 5 "
durch die Alliierten kommt und auch den Sowjets entsprechende Ehre erweist.

Überdies rühmte sich die CDU- Politik erin schon häufig, sie habe Richard von
W e i z s ä c k e r s 1 9 8 5 e r B u n d e s t a g s r e d e z u m v i e r z i g s t e n J a h re s t a g d e s Kr i e g s e n d e s
(8. Ma i 1945 a ls „Ta g d er B efreiun g") da ma ls in d er DDR nich t nu r „i m Geh ei m en
v o l l B e wu n d e ru n g g e l e s e n " , s o n d e r n d i e An s p r a c h e a u c h a b s c h r i f t li c h u n t e r d e -
n en ku rs i eren la s s en , „d i e i h r Vert ra u en gen os s en ", wi e e s i n d er B i ogra p hi e von
J a c q u e l i n e B o ys e n h e i ß t . B i o g r a p h i n R o l l : „ An g e l a M e r k e l b e s a ß n a t ü r l i c h e i n e
Ab s c h r i ft d e r R e d e . U n d s i e z e i g t e s i e d e n we n i g e n K o l l e g e n , d e n e n s i e v e r t r a u -
te. So einen tollen Präsidenten hätten die anderen Deutschen drüben im Wun -
derland hinter der Mauer."
Warum es a llerdings derart viel konspirativer Umstände zur Verbreitung der
W ei zs ä c k er' s c h en Au s la s s u n gen b ed u rft h ab en s oll, b lei b t d ub i os . Di e 8 . -M ai -R e -
d e d e s B u n d e s p rä s i d e n t e n wa r v o n W e s t f e r n s e h e n u n d - r a d i o p e r D i r e k t ü b e r t r a -
gung in so gut wie jeden DDR - Haushalt transportiert worden und wurde über
W o c h en i n AR D u n d Z D F , d a m a l s S en d er e r s t e r W a h l d e s Gr o ß t ei l s d e r DDR - B e -
völkerung, immer wieder zitiert.
Christdemokrat von Weizsäcker hatte in seiner R ede zum 40. Jahrestag des
Kriegsendes als erster Bundespräsident den 8. Mai 1945 zum „Tag der Befrei-
un g" erk lärt un d darü b er h inau s ein e Kollek tivhaftun g d es d eutsch en Volk es,
17
Nachkriegs generation en inbegriffen, wegen der Untaten zur Hitlerzeit proklami ert.
Ori gi na lt on : „Und d enn och wu rd e es von Ta g zu Ta g k la rer, wa s es h eut e fü r
u n s a l l e g e m e i n s a m z u s a g e n g i l t : D e r 8 . M a i wa r e i n T a g d e r B e f r e i u n g . . . Di e
Vorfa h ren h a b en ei n e s c h wer e E rb s c h a ft h in t erla s s en . Wi r a lle, ob s c hu ld i g od er
n i c h t , o b a lt o d e r j u n g , m ü s s e n d i e V e r g a n g e n h e i t a n n e h m e n . W i r a l l e s i n d v o n
i h r e n F o l g e n b e t r o f f e n u n d f ü r s i e i n H a f t u n g g e n o m m e n . " In t e r e s s a n t e r w e i s e
heißt es in E velyn Rolls M erk el-Biographie über Vat er Hors t Kasner: „E r sieht ein
b i s s c h en a u s wi e d i e D DR -Ve r s i on v on R i c h a rd v on W ei zs ä c k er. O ff en b a r d en k t
e r a u c h s o . " A u s i h r e r Ki n d h e i t u n d J u g e n d z e i t b e r i c h t e t An g e l a M e r k e ! ( „ D i e
Zeit", Nr. 16/2005): „Wir haben zweimal im Jahr das KZ Ravensbrück besucht."
Nu n ha t wa h rli c h n ic ht j ed er Deu t s c h e ei n e s olc h e fa m i li ä r e „E rb la s t " zu b e wä lt i -
gen wi e Rich ard von Wei zsäck er. E r s elb st wa r i m Kri eg Weh rmacht offi zi er, R egi -
m e n t s a d j u t a n t u n d O r d on n a n z d e s Ge n e r a l s M a t zk y, d e r i m O b e r k o m m a n d o d e s
H e e r e s fü r F ei n d b e ob a c h t u n g z u s t ä n d i g wa r. S ei n Va t e r, E rn s t v on W e i zs ä c k e r,
d i en t e H i t l e r a l s s t e l l v e r t r e t e n d e r R e i c h s a u ß e n m i n i s t e r , g e h ö r t e d e r N S D AP a n
u nd b ek lei d et e d en Ra n g ei n es B ri ga d efü h rers (en t s p ri ch t : Gen era lm a j or) d er S S
— u nd z wa r d er s c h wa r zen S S , n i ch t et wa d er f eld gra u en Wa ff en -S S . Vi k t or von
W e i z s ä c k e r, On k e l d es n a c h m a li g en B u n d es p rä s i d en t en , h a t t e a l s fü h r en d e r N eu -
rol og e u n d M ed i zi nph i los op h i m Dri t t en R ei c h d en Fü h rer Ad o lf Hi t ler zu m „E rs -
t en Ar zt d es d eu t s ch en Volk es " a u s geru fen . Der Na t u rwi s s en s c h a ft ler C a rl Fri ed -
ri c h von Wei zs ä c k er , B rud er R i ch a rd von Wei zs ä c k ers , wa r ei n er d er wi c h t i gs t en
Atom(bomben)forscher des Hitlerreiches.
Als n un ab er di e R ot e Arm ee au f ih rer „B efreiun gst ou r" in d en let zt en Ap ri lta gen
1945 d i e Uck erma rk erreicht hat t e, ges chah en auch d ort, n icht zu let zt in Te mp lin
u n d U m g e b u n g , e n t s e t z l i c h e V e r b r e c h e n : P l ü n d e r u n g e n u n d B ra n d s c h a t z u n g e n ,
V e r g e wa l t i g u n g e n u n d M o r d e . B e t r o f f e n w a r e n n e b e n d e n E i n h e i m i s c h e n a u c h
d i e F l ü c h t l i n g e , d i e a u s d e n G e b i e t e n j e n s e i t s d e r O d e r h e r b e i g e s t r ö m t wa r e n .
Da s oh n eh in du rc h ei n en m i li t ä ri s ch s inn los en B om b en a n gri ff vom 6 . M ä rz 19 44
ge zei c h n et e T em p li n wu rd e v on m a rod i eren d en R ot a rm i s t en zu s ä t zli c h ü b el zu ge-
ri c h t et . Au ch d i e in k ai s erli c h er Z ei t , 1 91 0, ei n ge wei h t e Goet h e - S c h u le b ra n n t en
d i e e i g e n t ü m l i c h e n B e f r e i e r b i s a u f d i e G r u n d m a u e r n n i e d e r . D a s G e b ä u d e e n t-
stand ab 1949 neu; Angela Merket war dann später Schülerin der Lehranstalt.
Au f d e m W a l d h o f , d e r r u n d e i n e n Ki l o m e t e r v o r d e n T o r e n T e m p l i n s g e l e g e n e n
l a n g j ä h r i g e n s p ä t e r e n W i r k u n g s - u n d W o h n s t ä t t e v o n An g e l a M e r k e l s F a m i l i e ,
wu r d e 1 9 4 5 S u p e r i n t e n d e n t Ka r l Go t t f r i e d B u c h h o l z v o n S o wj e t s o l d a t e n b e s t i a -
li s c h um geb ra c h t. E r, d er a u ch S t ad tp fa rrer von T em p li n wa r, m u s s t e s t erb en , d a
er sich schützend vor Flü chtlin gsfrau en gestellt hatte, d en en Vergewaltigun g
durch enthemmte, alkoholisierte Rotarmisten drohte. (Siehe: www.stephanus-stif-
18
t un g. d e/ Wa ld h of/ fes t s c h ri ft 150 j ah re. p d f) Bu c hh olz, a ll es a n d ere a ls ei n „Na zi ",
h a t t e d i e J a h r e z u v o r b e h e r z t g e g e n n a t i o n a l s o z i a l i s t i s c h e E u t h a n a s i e- M a ß n a h-
m e n d e s „ G n a d e n t o d es " b z w . d e r „ V e r h ü t u n g e r b k r a n k e n N a c h w u c h s e s " g e -
kämpft.
Und auf noch ein bezeichnendes „Befreiungsgeschehen" des Jahres 1945 aus
der Umgebung von Templin sei hier hingewiesen:
D a s M a r g a r e t h e- H e n n i g-H a u s d e r „ A l t e n p f l e g e h e i m T e m p l i n Gm b H ", e i n e r E i n -
r i c h tu n g d e s D e u t s c h e n R o t en Kr e u z e s , Kr e i s U c k e r m a r k -W e s t , e r i n n e r t a n d e n
„E n ge l v on Hoh en l yc h en ", M a rga ret h e An t on i a E m m a Hen n i g geb . P i et s c h m a nn .
1896 in Lübb en /Sp reewald zu r Welt gek ommen , hatte sie sich als Rotkreu z-
s c h we s t e r i m E r s t e n W e l t k r i e g i n d e r V e r wu n d e t e n p f l e g e g e r a d e z u a u f g e z e h r t .
Na c h 19 18 gin g s i e a ls S c h wes t ern a u s b i ld eri n i n da s vom B ü rgerk ri eg z er rü t t et e
Sowj et russland. 1924 bi s 1928 wa r si e Lei t erin d es Kri egswa i sen h ei ms „Haus
Sonnensch ein" in Hoh enlychen nahe Temp lin, 1928 bis 1931 Obersch w ester in
d e r H e i l a n s t a l t H o h e n l y c h e n . N a c h Au s b r u c h d e s Z w e i t e n W e l t k r i e g e s wa r s i e
wi ed er i n d er V er wu n d et en b et reu u n g a k ti v. S i e ri eb s i c h auc h fü r Kri e gs g efa n ge-
n e , Z wa n g s d e p o r t i e r t e u n d J u d e n a u f , v e r s o r g t e s i e m i t M e d i k a m e n t e n u n d L e -
b en sm itt eln . „Vi el e Fra u en aus d em Kon zent rati on s la ger Raven sb rück, di e tä gli ch
n a ch Hoh en lyc h en zu r Arb ei t gefa h ren wu rd en , h ab en da nk d er t ät i gen Hi lfe v on
Margareth e Hennig überlebt; sie set zt e ihr Leb en aufs Spiel, um andere zu ret -
t en ", h eißt es in ein em Zeit ges chich tsb eri cht d es DR K Uck erm a rk (www. k v - uck er-
m a rk - we s t . d rk . d e). W e i t e r i m W o r t la u t : „ Al s d i e R ot e Arm e e a m 1 . M a i 1 9 4 5 i n
Lyc h en ei n m a rs c h i ert , wi rd M a rga ret h e Hen n i g von ru s s i s c h en S old a t en in ih rem
H a u s ü b e r fa l l en . S i e k a n n n oc h u m Hi l f e ru f en u n d z we i Le h r er d e r n a h e g e l e g e-
n en Pann wit z -Schu le folgen di es em Ru f. Si e werd en von Rota rmi st en ersch os s en .
M a r g a r e t h e H e n n i g wi r d v o r d e n Au g e n i h r e r M u t t e r u n d i h r e s d a m a l s n e u n j ä h -
ri gen S oh n es geq u ä lt , ver ge w a lt i gt , m i t ei n em Kop fs c h u s s erm o rd et u n d in ei n em
Massengrab auf dem Hohenlychener Friedhof verscharrt."
In d e n a u f d i e „ B e f r e i u n g " f o l g e n d e n J a h r z e h n t e n B e s a t z u n g r i c h t e t e n d i e b e i
Temp lin stationierten Sowjettrupp en verh eerend e Umweltschäd en an . „Gan ze
W a l d s t ü c k e g i n g e n b e i s o wj e t i s c h e n P a n z e r ü b u n g e n i n F l a m m e n a u f " , h e i ß t e s
i n d e r M e r k e l- B i o g r a p h i e v o n J a c q u e l i n e B o y s e n . N i c h t z u v e r g e s s e n : U n t e r
s t ren gs t er Geh ei m h a lt u n g wu rd en i m Ap ri l 1 959 zwölf At o m ra k et en üb er d en M i -
litärflugplat z Templin in die DDR geschafft — di e erst en russischen Nuklear -Rake-
ten außerhalb der Grenzen der „Befreiermacht" Sowjetunion.

19
Der Geist des Waldhofs
W i e b er e i t s e r wä h n t , ü b er t ru g Al b r e c h t S c h ön h er r s ei n em V e r t r a u en s m a n n H or s t
Ka sn er Au fba u un d Lei t un g d es fü r di e Th eologen fortb i ld un g in B rand enb urg
m aß geb li ch en Pa st ora lk ollegs Wa ldh of b ei Temp lin . S ch önherr, 1936 in B erlin a ls
P fa rrer ordini ert, hatt e in d er NS -Zeit Kon takt e zu r B ek ennend en Ki rch e unt erha l -
ten und Bonh oeffers Pred igerseminar Fink en wald e b esucht. Nach Weh rmacht-
dienst un d b ritisch er Kriegsgefan gen sch aft wu rd e er 1946 Sup erin tend ent d es
Ki rc h en k rei s es B ra n d en b u rg/Ha ve l, 1 9 62 Gen era ls u p eri n t en d en t i n B ran d enbu rg,
1969 Ch ef d es Bund es d er E van geli sch en Ki rch en in d er DDR; von 1972 b is 1981
(Ruhestand) wirkt e er a ls Bisc hof der Ost region d er B erlin- Brandenburgischen Kir -
che.
S c h ön h err wa r m a ß g eb li c h a n d er S p a lt u n g d er E va n ge li s c hen Ki rc h e i n Deu t s c h -
land (Bundesrepublik/DDR) beteili gt. Er betrieb Kollaboration mit der SED (Höhe -
p u n k t wa r d a s „ Gi p f e l t r e f f e n " m i t H o n e c k e r , 6 . M ä r z 1 9 7 6 ) u n d g a b d i e P a r o l e
a u s : „ D i e e v a n g e l i s c h e Ki r c h e i n d e r D D R i s t n i c h t Ki r c h e g e g e n , n i c h t n e b e n ,
s on d e rn i m S o zi a li s m u s . " E h rh a rt N eu b e rt s c h r ei b t i n s ei n er „ Ge s c h i c h t e d er Op -
p ositi on in d er DDR " (B erlin 1998 ), S ch önh err hab e „di e Regi ean we i sun g fü r ein e
Ki r c h e g e g e b e n , d i e a u f e i g e n e K o s t e n d e n K o n f l i k t m i t d e r S E D - G e s e l l s c h a f t
s c h eu t e ". D er R e gi ea n we i s e r e n ga gi e rt e s i c h l ei t en d i n k om m u n i s t i s c h i n fi l t ri e r -
ten und von der Stasi durchsetzten Organisationen wie dem „Weißenseer Ar -
b e i t s k r e i s ", i n d e s s e n F ü h ru n g a u c h H o r s t Ka s n e r m i t m i s c h t e , u n d d e r 1 9 5 8 g e-
g r ü n d e t e n , v o n M o s k a u g e l e n k t e n P ra g e r „ C h r i s t l i c h e n F r i e d e n s k o n f e r e n z " , f ü r
die Kasner ebenfalls wirkte.
S c h ön h err s c h i en von d er „B e wä lt i gu n g" Hi t lers wi e b es es s en zu s ei n . Un d d i es e
O b s e s s i on s t e i g e r t e s i c h b e i i h m , j e l ä n g e r d i e Z e i t d e s NS -D i k t a t o r s z u rü c k l a g
und je höher die Leichenberge weltweit durch neue Kriege und Genozide wur-
d e n . 1 9 8 8 b r a c h t e d e r A l t b i s c h o f s e i n e „ V e r g a n g e n h e i t s b e wä l t i g u n g s " -P h i l o s o -
p hi e b ei ei n em Ged en k got t es d i en st in Da ch au wi e f ol gt zu m Au s d ru c k : Der Ho lo -
caust an den Juden werde dem deutschen Volk „noch über Generationen hin
a n ha ft en "; ei n e „B efr ei u n g von di es er S c h u ld " k ön n e, wen n ü b erh au pt , vi ell ei c h t
i r g en d wa n n ei n m a l u n d n u r d u rc h „h a rt e Arb e i t , Kl e i n a rb ei t , Kn oc h en a rb ei t " e r -
rei c h t werd en . Deu t s c h la nd t ra ge we gen Hi t le r „ ei n Ka i n sm a l", ri ef S c h ön h err i n
D a c h a u a b s c h l i e ß en d a u s . In B ü c h m a n n s „ Ge f l ü g e l t e n W o r t e n " f i n d e t m a n z u m
B e g r i f f „ Ka i n s m a l " d i e E r l ä u t e r u n g : „ N a c h d e r B i b e l s o l l d i e s e s Z e i c h e n b e wi r -
k e n , d a s s n i e m a n d Ka i n e r s c h l ä g t . H e u t e b r a u c h t m a n d i e s e s W o r t a l s a l l g e m e i ne
Umschreibung für einen Verbrecher."

20
Von 1960 bis 1990 also war Horst Kasn er Chef d es Past oralkollegs in Schön -
h e r r ' s c h e m G e i s t e a u f d e m „ W a l d h o f "- G e l ä n d e , e i n e n K i l o m e t e r a b s e i t s d e r
S t a d t T e m p li n a m T e m p li n e r Ka n a l. E s h a n d e lt e s i c h s o zu s a g en u m ei n D o r f fü r
s i c h . Di e Ka s n er s b e woh n t en d a s „ Ha u s Fi c h t en g ru n d ", ei n d r ei g es c h os s i g es Ge -
b ä u d e m i t a n h ä n g en d em S e m i n a rt ra k t . An g e la M e rk e l : „ Ic h k a m n i c h t a u s ei n e m
ty p i s c h e n P f a r r h a u s , w e i l m e i n V a t e r w ä h r e n d m e i n e r g a n z e n K i n d h e i t i n d e r
W e i t e r b i l d u n g f ü r P f a r r e r t ä t i g wa r , a l s o e i n S e m i n a r g e f ü h r t h a t . E s g a b n i c h t
d e n k l a s s i s c h e n Ge m e i n d e b et r i e b d ru m h e r u m . " An a n d e r e r S t e l l e b e r i c h t e t e s i e
ü b e r d a s L e b e n a u f d e m Wa l d h o f : „ W i r h a t t e n d a h e i m i m m e r e i n e s o g e n a n n t e
Hausmutter. Und noch etwas früher hatten wir einen Gärtner."
F ü r H i l f s a r b e i t e n z o g K o l l e g c h e f H o r s t Ka s n e r a u c h B e h i n d e r t e h e r a n , d i e a u f
d e m a u s g e d e h n t e n W a l d h o f- A r e a l i n s e p a r a t e n B e h a u s u n g e n u n t e r g e b r a c h t wa-
ren. Angela Merkel: „Es gab dort Mongoloide und viele von ihnen waren bett-
l ä g e ri g. Di e wu rd en i n d e r DD R-Z e i t u n s ä g li c h s c h l e c h t b e h a n d e lt . E i n i g e m u s s -
ten ständ ig an gebund en au f Bänk en sitzen ... Bei un s hat immer jeweils ein er
der erwachsenen Patienten gearbeitet."
W o h l g em e rk t : Di e B et r eu u n g d e r B eh i n d ert en a u f d em W a l d h of- Ge l ä n d e g eh ö rt e
n i c h t z u d e n O b l i e g e n h e i t e n P f a r r e r Ka s n e r s . D a s s e r s e i n e g u t e n B e z i e h u n g e n
z u r D D R- O b r i g k e i t f ü r d i e V e r b e s s e r u n g d e s o f f e n b a r f u r c h t b a r e n L o s e s d e r
S c h wers t b eh in d ert en a u f d em Wa ld h of g en u t zt h ä tt e, i s t a lle rd i n gs n i ch t b eka nn t
geword en . St attd essen li est man b ei Prof. La n ggu th : „Der früh ere Tec hn isch e
L e i t e r a u f d e m W a l d h o f , U l r i c h S c h o e n e i c h , h e u t e B ü r g er m e i s t e r v o n T e m p l i n ,
h a tt e s i ch ja h rela n g m i t Ka s ner g es t ri t t en . E s gab h eft i ge Au s ei n a n d ers et zu n gen ,
d a i n f o l g e d e s wa c h s e n d e n R a u m b e d a r f s K a s n e r s u n d s e i n e s S t e l l v e r t r e t e r s d i e
B eh ind ert en zu weni g P lat z hat t en. Ka sn er ‚wei t et e da s Pa st ora lk olleg au f Kost en
der Behinderten aus', sagt Schoeneich."
Der Templiner Waldhof- Komplex wa r er wachsen aus einem „Knabenrettungs -
h a u s " fü r verwa h rl os t e S t a d t ju n gen , 185 4 von d er Herrn h ut er B rü d ergem ei n d e i m
Gei st e d es evan geli sch en Theologen Joh ann Hin ri ch Wich ern gegründ et. Von
1 92 7 b i s 193 3 lei t et e P a s t or Hei n ric h Grü b er d i e An s t a lt . E r ga lt n a c h d er M ac ht -
ü b ern a h me Hi t lers we gen se i n er en g en B ezi eh u n gen zu n a t i ona l- so ld a t i sc h en
Krei s en („S t a h lh elm " , „Na t i on a ler C lu b ") un d a ls Vord en ker d es a llg em ei n en Ar -
b ei t s d i en s t es a l s ei n F a vo ri t fü r d en P o s t en d e s S t a a t s s ek r et ä rs i m R ei c h s a rb ei t s-
m i n i s t e r i u m , ü b e r wa r f s i c h a b e r m i t d e r N S- O b r i g k e i t , w a r v o n 1 9 4 0 b i s 1 9 4 3
F u n k t i on s h ä ft li n g (B l oc k ä lt es t e r, D o l m et s c h e r ) i m Ko n z en t r a t i on s la g e r S a c h s en -
h a u s en , d a n n i m „P fa f f en b l oc k " v on Da c h a u , u n d k on n t e n a c h s ei n e r E n t la s s u n g
au s d e m KZ m i t t e n i m Kr i e g , J u n i 1 9 4 3 , wi e d e r a l s P f a r r e r i n B e r l i n t ä t i g s e i n .
Von 1949 bis 1958 fungierte Grüber als EKD-Bevollmächtigter in Ostberlin, später
21
a u c h n o c h a l s E h r e n p rä s i d e n t d e r D e u t s c h -Is r a e l i s c h e n Ge s e l l s c h a f t i n d e r B u n -
desrepublik.

W ä h r e n d i m D r i t t e n R e i c h d a s Au s b i l d u n g s a n g e b o t f ü r s c h w e r e r z i e h b a r e o d e r
s t ra ffä lli g e J u gen d li c h e au f dem Wa ld h of er wei t ert word en wa r — b ei s p i els wei s e
u m ei n e d r ei k la s s i g e B e ru fs s c h u l e fü r T i s c h l e r, S c h n ei d e r u n d S c h u h m a c h e r — ,
k a m d i e s e A r b e i t i n S E D- Z e i t e n m e h r u n d m e h r z u m E r l i e g e n . D i e k o m m u n i s t i -
s c h e O b ri g k e i t wü n s c h t e n i c h t , d a s s k i rc h l i c h -d i a k on i s c h e E i n r i c h t u n g e n E r z i e -
h u n g s a u f g a b e n wa h r n ä h m e n . 1 9 5 8 d a n n e r f o l g t e d i e g ä n z l i c h e U m wa n d lu n g d e r
J u g en d e r zi eh u n g s a n s t a lt a u f d em W a ld h o f- Ge l ä n d e i n e i n k i rc h li c h b et r eu t es B e-
hindertenheim.

Das Schweigen des Vaters


In m a n c h en B i o g ra p h i en e rs c h ei n t P a s t ora lk o l l e g -C h ef H or s t Ka s n e r a ls s t e t s u n -
ers c h roc k en er M or a lh ü t er. E vel yn R o l l ü b er d en Wa ld h of: „ Hi er i m R ei c h d es Va-
t ers ga lt en di e Wert e d es c hri st lich en Ab en d land es. " Da k omme ein em fa st so
e t wa s wi e b e i As t e r i x u n d Ob e l i x i n d e n S i n n : „ Ga n z B r a n d en b u r g wa r v o n d e n
Ulb rich ts un d Hon eck ers b es et zt. Gan z B rand enburg? Nein ! E in von unb eu gsam en
C h ri s t en b ewoh n t er Wa ld h of vor d e r S t a d t m au er von T em p li n h i elt s i ch wi e ei n e
Rettungsinsel im rot en Meer d es S ozialismus. " Das „Merkel -Lexikon" d er B erliner
„B Z" b l ei b t s ozu s a gen i m B i ld e u nd t ei lt üb er d a s Ka s n ers c h e Wa ld h of- Id yl l m i t :
„ D a s E lt e rn h a u s An g e la M e rk e l s s t eh t wi e ei n c h ri s t li c h e r F e l s i n d e r k om m u n i s-
tischen Brandung."
Dass „Rettun gsinsel" b zw. „Fels" d rei Jah rzehn te lan g von „rotem M eer" und
„Brandung" so bemerkenswert unangetastet blieben, will Biographin Nicole
S c h l e y m i t g e r a d e z u v i rt u o s er M i m i k r y d e r Ka s n e r -S i p p e e r k l ä r e n : „ Ge h e i m h a l-
tun g galt b ei d en Kasn ers als ob erste Maxime ... Niemand du rfte wissen, d ass
die Familie Westfern seh en sch aute, welch e Bü ch er es im Hau se gab od er wel -
c h e Th em en i n g e m ei n s a m en S t u n d en d i s k u t i e rt wu rd en . S o wa r es Ho r s t Ka s n e r
i m L a u f e d e r J a h r e g e l u n g e n , a l s S y m p a t h i s a n t d e s D D R -S y s t e m s w a h r g e n o m -
men zu werden, was ihm — und seiner Familie — gewisse Vorteile brachte."
Über einige dies er „gewiss en Vort ei le" gibt Langguth in seiner Merk el- Biographie
Au fs c h lu s s : „Da s s d i e Ka s n er s z wei Au t os h a t t en — ei n en P ri va t wa g en , d en m a n
ü b er , Gen e x' b e zog en h a t t e, un d ein en Di en s t wa gen , wa r fü r DDR - Z ei t en a b s olu t
a u ß e r g e w ö h n l i c h . . . H o r s t Ka s n e r e r h i e l t p r a k t i s c h a l l e w e s t l i c h e Li t e r a t u r, d i e
i h m z u g e s a n d t wu r d e . . . Z u d e n P r i v i l e g i e n P f a r r e r Ka s n e r s g e h ö r t e n a u c h d i e
Westreisen .. Er konnte viele Westreisen unternehmen, übrigens auch seine

22
F r a u , d i e b i s n a c h A m e r i k a f u h r . " P f a r r e r Ka s n e r t o u r t e u . a . n a c h It a l i e n u n d
Großbritannien.
La n g gu t h fi nd et es b em e rk en s wert , d a s s „ An g ela M erk el p r a k ti s ch n i e üb er i h ren
Va t er s p ri c h t ". Au ch b ei Hors t Ka s n er s elb s t s ei a u ffä lli g, d a s s er „ga r n i c h t ers t
i n s Vi si er d er Öffen t li c h k ei t gera t en m öc h t e". E r verm ei d e es , m i t s ein er Toc h t er
z u s a m m en fü r i r g en d we lc h e p o l i t i s c h en R ep o rt a g en a u c h n u r a b g e li c h t et zu we r -
d e n . „ Ka s n e r wa r w e d e r z u e i n e m Ge s p r ä c h n o c h z u r B e a n t wo r t u n g v o n s c h r i f t -
li ch ein gereicht en Fra gen b erei t ", sch reibt La n ggu th. Vom M erk el - Va t er erhi elt er
d en a b s c h lä gi g en B es c h ei d , „d a s s wi r P e rs on en u n d In s t i t ut i on en g e g en ü b e r, d i e
a n Veröf f en t li c h un gen ü b er un s ere Toc h t er i n t eres s i ert s i n d , gru nd s ä t zli c h k ei n e
Au s k ü n f t e ü b e r u n s e r e p e r s ö n l i c h e n u n d f a m i l i ä r e n B e l a n g e e r t e i l e n , u n d d i e s
s ch on ga r nicht , wenn k ein e au sdrü ck lich e Zu sti mmun g unserer Toc ht er vorli egt ".
Und am 31. Mai 2005 meld et e das brandenburgisch e Ta geblatt „Märkische All -
gem ei n e": „ Ka s n ers red en m i t n i em a nd em m eh r. Ih re T oc h ter wi rd d a s b egrü ß en .
Merkel ist nicht Schröder. Lieber abschotten als zu viel private Einblicke riskie-
11

ren.
D e r M e r k e l -V a t e r m a c h t f ü r M e d i e n u n d R e c h e r c h e u r e a l l e r A r t d i e S c h o t t e n
d i c h t . D i es b et ri f ft a u c h s ei n e Z e i t i m D ri t t en R ei c h , ü b e r d i e k ei n er d e r za h lr e i -
chen Biographen und Presseberichterstatter, die sich mit der Merkel- Familie in -
t en s i v b e fa s s t h a b en , a u c h n u r e i n e ei n zi g e S i lb e m i t zu t ei le n we i ß . R ei n v om Ge -
b u rt s j a h r h e r, 1 9 2 6 , k ön n t e Ho r s t Ka s n er s eh r woh l i n d e r b ra u n en E n d z ei t n oc h
i r g e n d wi e „ d a b e i " g e we s e n s e i n . Z u m i n d e s t h ä t t e e r a l t e r s g e m ä ß e i g e n t l i c h M i -
litärdienst in der Wehrmacht geleistet haben müs sen. Was wäre denn schon
S c h li m m e s d a ra n ? W a ru m d i e Ge h ei m n i s k r ä m e r ei ? Di e s e F r a g en g e lt en a u c h An -
ge la M erk e l, d i e h i n s i ch t li ch i h rer V er wa n d t s ch a ft i m a llgem ei n en , i n s b es on d ere
ab er b ei biographisch en Details zum Vater extrem wortkarg ist — man k önnte
au ch sagen, d ass sie sich hier, seh r im Gegen satz zu ih rer son stigen Red selig -
keit, als grabesschweigsam erweist. Kanzler Gerhard Schröder hingegen hatte
k e i n e P r o b l e m e , ü b e r s e i n e n ( 1 9 4 4 i n R u m ä n i en g e f a l l e n e n ) V a t e r a l s S o l d a t e n
d e r d eu t s c h en W eh r m a c h t a u c h i n a l l e r Ö f f en t li c h k ei t zu s p r ec h en ; u n d e r t a t es
ohne bewältigungsneurotische Anwandlungen.
„ D a s d ü r ft e d a ra n li e g en , d a s s s i e k ei n In t e r e s s e d a ra n h a t , d i e t a t s ä c h li c h e R o l l e
Ka s n e rs i m D DR -S o zi a li s m u s zu b e l eu c h t en . " S o v e r s u ch t P ro f. La n g gu t h d i e
M erkel'sch e Auskunftsabstinenz zu erklären. Denn: „ Ih r Vater zeigt e — zumindest
gelegentlich — ein e intensive Staatsnähe oder sch eute zeitweilig die Kontakte
m i t d e r S t a a t s s i c h e r h e i t n i c h t . " La n g g u t h we i t e r „ H o r s t K a s n e r wa r b b e i s e i n en
Reisen in d en Westen fü r die Deu tsch landp olitik d er DDR." Bei ein er von d er
staatlichen „Nationalen Front" organisierten Italien-Reise habe „der rote Kasner"
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di e An sich t vert ret en, nu r die Kommuni st isch e Pa rt ei k önn e da s La nd vor wei -
terem Niedergang retten.

Rain er Epp elmann, sp äter DDR - Dissid en t und Wen d ep olitik er, war als ju n ger
P f a r r e r a u f d e m W a l d h o f . Im N a c h h i n e i n b e s c h r e i b t e r d i e v o n Ka s n e r d o r t v e r -
b rei t et e p es s i m i s t i s ch e Zu k u nft s vi s i on wi e fo lgt : Di e eva n ge li s c h e Ki rc h e we rd e
i n d e r D DR d e rm a ß en s c h ru m p f en , d a s s s i c h k a u m n oc h Ge m e i n d en ei n en h a u p t -
a m t l i c h e n P fa r r e r l e i s t e n k ö n n t en ; d a s S c h i c k s a l d e r m e i s t e n P a s t o r e n we r d e e s
dann sein, „Nebenbeipfarrer" bzw. „Fei erabendprediger" zu sein. Eppelmann
e m p fa n d d i e Ka s n e r' s c h e W e i s s a gu n g a ls h e r z l os , d e m ot i vi e r e n d , g e ra d e zu d efa i -
t i s t i s c h : „ D e r m a c h t e u n s j u n g e n M e n s c h en , d i e s i c h d a a u f d a s Ge m e i n d e p f a r r -
amt vorbereiten sollten, nicht gerade Mut . Da dachte ich damals natürlich: du
Arsch."
E in ha rt es Urt ei l, das län gst nich t von a llen B esuch ern d es Ka s n er - Kollegs get ei lt
wi rd . M a n b e g e gn et a u c h i m m e r wi ed e r S t i m m en v on Z ei t z e u g en , d i e Ho r s t Ka s -
n er als vorbild lich en Th eologen emp fund en hab en. Sein Wirk en k önn e nu r ge-
r e c h t b e u r t e i l t w e r d e n , w e n n m a n d i e M a c h t v e r h ä l t n i s s e , u n t e r d e n e n e r a r b e i-
ten mu sste, und die Zeitu mständ e b erück sich tigte, wird fü r ihn woh l nich t zu
Unrecht ins Feld geführt.

Der „rote Kasner" in Aktion


Horst Kasner habe „auf Synoden mit Vehemenz Positionen vertreten, die im
m a c h t p o l i t i s c h e n In t e r e s s e d e r D D R g e l e g e n " h ä t t e n , l i e s t m a n b e i P r o f . L a n g-
g u t h . „ E r wa r g a n z u n d g a r a u f d i e D D R -S t a a t l i c h k e i t fi x i e r t " u n d s e i a u c h e i n
„Ak t eur d er ki rch lich en Tei lun g" in Deut sch land gewes en . Als B ei spi el da fü r, wi e
Ka s n e r u n d s e i n e t h e o l o g i s c h e n Ge s i n n u n g s g e n o s s e n op e r i e r t e n , s c h i ld e r t La n g-
guth Ab läu fe b ei d er Syn od e, die vom 13 . bis zu m 17. Feb ru ar 1966 in Berlin
st a t t fa nd u nd au f we lc h er Wei c h en fü r d i e Sp a ltu n g d er B erli n - B ra n d en b u rgi-
schen Kirche gestellt wurden:
In e i n e m S E D - i n t e r n e n B e r i c h t ü b e r d a s k i r c h l i c h e T r e f f e n h i eß e s , d a s s „ P r o f .
Mü ller au f d er Syn od e k onseq u ent die Politik un seres Staates vertrat. Er tru g
d u rc h s e i n Au f t r e t en we s e n t l i c h z u r Ko o r d i n i e r u n g d e r z a h l e n m ä ß i g s c h wa c h e n
p rogressi ven Kräft e und zu r Verhind erun g ein es Ab wü rgens d er Di sku ss i on du rch
d i e Le i t u n g d e r S yn o d e b e i . Au c h d i e S yn o d a l e n R e c h t s a n wa l t d e M a i z i ö r e u n d
P f a r r e r Ka s n e r h i e l t e n s i c h a n u n s e r e K o n z e p t i o n . " B e i d e m e r w ä h n t e n M ü l l e r
h a nd elt e es si c h u m ei n en au f SED - Li n i e li e g en d en , mi t d em M i n i st eri u m fü r
Staatssicherh eit zusamm enarbeitend en Ostberliner Theologi eprofess or (zu ihm
nachher meh r); d er in dem Dokument erwähnte Clemens d e Maiziöre, d er 1980
24
v e r s t a r b , wa r F u n k t i o n ä r d e r v o n d e r S E D g l e i c h g e s c h a l t e t e n B l o c k p a r t e i C D U
u nd Va t er d es l et zt en D DR -M i n i st erp r ä s i d ent en s owi e p oli t i s c h en An gela -M e rk el-
Förderers 1990/91, Lothar de Maiziere.
Langguth: „Was unter ,unserer Konzeption' zu verst ehen ist, ergibt sich von
s e lb s t — es wa r n i c h t d i e Ko n z ep t i on d e r Ki r c h e , s on d ern d es D DR -S t a a t e s , d es
Am t e s f ü r Ki r c h e n f r a ge n u n d — s c h l i m m e r n o c h — d e s M i n i s t e r i u m s f ü r S t a a t s -
s i c h e r h e i t . " In e i n e m d i e S y n o d e v o n 1 9 7 0 b e t r e f f e n d e n D o k u m e n t d e s S t a a t s -
s ek reta riat s d er DDR fü r Ki rch en fra gen h i eß es (zit. na ch Lan gguth ): „Wi r k önn en
einschätzen, dass progressive Synodale sowoh l von d er Quantität als auch von
d e r Qu a li t ä t i h r e s Au ft r et en s h e r b r ei t e r wi rk s a m we r d en k on n t en . P r of . M ü l l e r,
R e c h t s a n wa l t ( C l e m e n s ) d e M a i z i e r e , P f a r r e r Ka s n e r u n d La n d e s j u g e n d p f a r r e r
Gü n t h e r e r r e i c h t e n d u r c h t a k t i s c h k l u g e s Au f t r e t e n , d a s s d i e S yn o d e d i e f e i n d l i -
c h en Kon z ep t i on en n i ch t b es ch los s u n d i n d er Fra g e d er E i gen s t ä n di gk ei t d er Ki r -
c h e B e r li n -B ra n d en b u r g a u f d e m T e r ri t o ri u m d er D DR m i t e c h t en Ko m p r om i s s en
zu s t i m m t e. " P rof. La n ggu t h : „ Au fg ru n d di es er Ak t en la g e k a n n m it Fu g u n d R ec h t
ges a gt werd en, d a s s Hors t Ka s n er a k t i v an d er S p a lt un g d er B erli n -B ra n d en bu rgi -
schen Kirche mitwirkte."
Von b es on d erer B ed eu t u n g i st au ch d i e E rm it t lun g La n ggu t h s , da s s Hors t Ka s n er
n i c h t n u r „ l a n g e M i t g l i e d " d e s „ W e i ß e n s e e r Ar b e i t s k r e i s e s d e r k i r c h l i c h e n B ru -
d e r s c h a f t i n d e r E v a n g e l i s c h e n Ki r c h e i n B e r l i n -B r a n d en b u r g " — k u r z : W A K —
wa r, s on d ern d a rüb er hi n au s si c h „fü r ei n i ge J a h re i m Lei t erk rei s " d i es er Ve rei n i-
gung betätigte.
D e r a u f In i t i a t i v e A l b r e c h t S c h ö n h e r r s a m 1 7 . J a n u a r 1 9 5 8 a u f e i n e r P f a r r e r t a -
g u n g i m Ad o lf- St o ec k er - S t i ft ( S t ep h a n u s- S t i ft ) i n B e r li n -W e i ß en s e e g e g rü n d et e
WAK wu rd e „v on d er St a si st a rk b eei n flu sst " ( La n g gu t h). Ei n e d er Ha u p t au f -
gaben d es Arbeitskreises b estand in den ersten Jahren darin, die Anhänger d es
eva n ge li s c h en Bi s c h ofs von B erli n -B ra n d enb u rg u nd E KD - R a t s vors i t zen d en Ot t o
Di b eli u s i n d er DDR a u s zu s c ha lt en u nd d en „Di b eli a n i s mu s" zu b ek ä m p fen . Di b e -
li u s m it S i t z i n B erli n (Wes t ) wa r a n t ik om m un i s ti s ch u nd ges a m t d eu t s c h ges i n nt ;
n a c h S E D -Le s a rt h a n d e lt e e s s i c h b ei i h m u m e i n en „ Ag e n t e n d e s w e s t l i c h en Im-
perialismus".
L a u t E h r h a r t N e u b e r t ( „ G e s c h i c h t e d e r O p p o s i t i o n i n d e r D D R 1 9 4 9 -1 9 8 9 " ) w a r
d er W AK, i n d es s en Lei t erk re i s zei t wei li g a u c h An ge la M e rk els Va t e r m i t wi rk t e,
„ s t et s d e r v e r lä n g ert e Ar m d er S E D i n d er S yn od e". W i ed er La n g gu t h : „ In D o k u-
m e n t e n d e s M i n i s t e r i u m s fü r S t a a t s s i c h e r h e i t wi r d d e r W e i ß e n s e e r Ar b e i t s k r e i s
zu d en ,p rogres s i v en i n n erk i rc h li ch en Zu s a m m en s ch lü s s en ' gezä h lt . " M erk e l -B i o-
g r a p h i n B o ys e n t e i l t zu d i e s e m Ko m p l e x m i t : „ Ka s n e r g e h ö r t e d e m W e i ß e n s e e r
25
Arb ei t s k rei s a n , ei n er k lei n en , a b er exp on i ert en Gru p p e vo n DDR - Th eol og en , d i e
s ich vi elfach d er Kritik ih rer Gla ub ensb rüd er aus s et zt e, wei l s i e ein e au sdrü ck lich
staatsnahe Haltung pflegte. Der Staatsapparat seinerseits duldete den WAK
n i c h t n u r, s on d ern e rm ö g li c h t e d en Th e o l o g en d i es e s Kr ei s e s , i h r e k i rc h en i n t e rn
u m s t r i t t e n en An s i c h t e n ü b e r d a s V e r h ä l t n i s v o n M i s s i o n u n d g e s e l l s c h a f t l i c h e r
Teilhabe der Christen im Sozialismus in einer Publikation zu verbreiten."
D a m i t wa r en d i e v om W AK h e r a u s g e g eb en en „ We i ß en s e e r B lä t t e r " ( „ WB I” b z w.
„WB") gem eint, deren erstes Heft im Frühjahr 1982 erschien — mit ausdrücklicher
Gen ehmigung des Lekt ors für nichtlizenzpflichtige Druckerzeugniss e im DDR -Ku l -
turministerium. Über das WAK- Organ berichtet der em eritiert e Theologieprofessor
a n d e r Hu m b o ld t- Un i v e rs i t ä t R ei n h a rd H en k ys , d e r i n d en 8 0 er -J a h r en V e rt r et e r
d e s E v a n g e l i s c h e n P r e s s e d i e n s t e s ( e p d ) i n d e r D D R wa r : „ D i e s e i t 1 9 8 2 e r s c h ei -
n en d en , W e i ß en s e e r B lä t t e r' v e r a c h t et en d i e Op p o s i t i on u n d d en u n zi e rt en s i e u n -
verh ü llt . Ih r e Zi e lg ru p p e wa r en vi e lm eh r Th e ol og en u n d F u nk ti on s t rä ger d er offi-
zi e ll en e va n geli s c h en Ki rc h e. Di e WB k ol la b ori ert en off en m i t d er , rei n en Leh re '
der SED, interpretierten die kirchliche Zeitgeschichte von dies er marxistischen Po -
sition aus ... Der SED kreideten die WB schon vor der Wende ideologische
Rechtsabweichung an."

Antifaschismus zur Gleichschaltung


Der b er ei t s er wä h n t e k om mu ni s t i s ch gep olt e Th eo lo ge P r of . Ha n fri ed Mü ller u n d
d ess en Eh efrau R os ema ri e Müller - S t reis and, P rofess orin für Ki rch en geschich t e an
d er Ostb erlin er Humb oldt - Universität, stellten die id eologisch en Weich en im
W A K u n d b ei d en „ W B I" . M ü l l e r, J a h r ga n g 1 9 2 5 , Kr i e gs t e i ln eh m e r, t h eo l o gi s c h
a n d e n U n i v e r s i t ä t en B on n u n d Gö t t i n g e n a u s g e b i l d e t , wa r e i n W e s t -O s t - W e c h s-
l e r wi e Ka s n e r : Al s Ak t i vi s t d e r k om m u n i s t i s c h en F D J ( We s t ), d e r b e r ei t s u n t e r
d em Damok lessch wert d es Verb ots steh end en KPD - Ju gend , hatte er sich 1952
aus der Bundesrepublik in die DDR abgesetzt. Dort brachte er es zum Professor
fü r S ys t em a t i s c h e Th eol ogi e a n d er Os t b erli n er Un i v ers i t ä t. S c h önh errs E va n geli-
scher Kirche Berlin-Brandenburg gehörte er als Synodaler an.
„ T h e o l o g e n u m H a n f r i e d M ü ll e r t r i e b e n i h r e B o n h o e f f e r -I n t e r p r e t a t i o n s o we i t ,
d a s s s i e i m Kom m u n i s m u s sc hli eß li c h d i e E rfü llu n g d er c h ris t li c h en H offn u n g s a -
h en u n d m a c h t en d a m i t i h r e T h e o l o gi e zu ei n er op e ra t i v en Id e o l o gi e i m Di en s t e
d e r S E D zu r Au fh eb u n g d er c h ri s t li c h en R e li gi on . " ( N eu b e r t ). „ Ha n fri ed M ü l l er
propagierte die Auflösung der Kirche im Kommunismus und griff wi ederholt
s t a a t s k ri t i s c h e Ki rc h en v ert r et e r u n d op p o s i t i on e l l e Gr u p p en a n ; e r wa r b ei m M i -
nisterium für Staatssicherheit als IM ,Michael' registriert und hat sich zu ,partiel-
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l e r Z u s a m m e n a r b e i t ' m i t d e m M f S b e k a n n t . " ( M ü l l e r -E n b e r g s / W i e l g o h s / H o f f -
mann, „Wer war wer in der DDR? Ein biographisches Lexikon", Augsburg 2003).
In H e f t N r . 1 / 2 0 0 0 d e r „ W B I " s c h r i e b M ü l l e r ü b e r d i e E n t s t e h u n g d e s W e i ß e n -
s e e r Ar b e i t s k r e i s e s , „ P a t e g e s t a n d e n " h ä t t e n i n s b e s o n d e r e „ B r ü d e r , d i e s i c h z u r
Z e i t d es F a s c h i s m u s a l s P fa rre r n a c h wu c h s g e we i g ert h a t t en , s i c h v on d en n a zi fi -
z i e rt en o ffi z i e l l en Ki rc h en b eh örd en p rü f en z u la s s en u n d s t a t t d es s en b e i Au s b i l-
d u n g s s t ä t t en d e r B e k e n n e n d e n Ki r c h e i h r t h e o l o g i s c h e s E x a m e n m a c h t en " . M ü l-
ler weiter „Viele von ihnen hatten das berühmte von Dietrich Bonhoeffer
g e l e i t e t e P r e d i g e r s e m i n a r d e r B e k en n en d en Ki r c h e i n F i n k e n wa l d e b e s u c h t , wa -
ren a u f d em a n t i fa s ch i st i s ch en Flü g e l d er B ek en n en d en Ki rc h e b eh ei m a t et . . . Fü r
sie gab es nie eine ‚Bedrohung aus dem Osten', in höchstem Maße jed och eine
s o l c h e a u s de m ‚ W e s t e n ' . . . S i e m a c h t e n d i e , D i s s i d e n t e n f r a g e ' n i c h t z w e c k s
Förd erung der Konterrevolution, sondern zwecks der Vert eidigung des Sozialismus
zum Thema."
„Im Au ftrag d er SE D" (so der DDR -Oppositionsforscher Ehrhart Neubert, der auch
M i t a rb e i t e r d e r Ga u c k - b z w. B i rt h l e r -B e h ö r d e i s t ) u n d u n t e r F e d e r f ü h r u n g H a n -
fried Müllers erarb eitete d er Weiß enseer Arb eitskreis 1963 „Sieb en Sätze über
d i e F rei h ei t d er Ki rc h e zu Di en en ". N eu b ert : „Di e , S i eb en S ä t ze' n u t zt en d en An -
t i fa s c h i s m u s zu r Gl e i c h s c h a lt u n g m i t d e r s i c h a n t i fa s c h i s t i s c h a u s g eb en d en S E D-
Gesellschaft. Damit wurde jede Kritik an der SED suspekt und als kirchlicher
Hoch mut di squa li fi zi ert. Di e sp ezi fis ch e Art d es Ant ifas chism us, d i e von d er S E D
als gesellschaftspolitisches Instrument gebraucht wurde, wurde nun theologi -
s i ert . " La n ggu t h : „Hi er en t wi c k elt e s i c h ers t m a ls ei n e Nä he von C h ri s t en tu m u nd
S ozia lis mu s ma rxi sti sch er P rägun g. " Di e „sp ezi fi sch e Art des Ant i fas chis mu s" d er
DDR- Kom munis t en gip felt e bek annt lich da rin , d as s d i e B erlin er Mau er von ihn en
zum „antifaschistischen Schutzwall" deklariert wurde.
B ei Ha n f ri ed M ü l l e r li e s t s i c h d i e E n t s t eh u n gs g e s c h i c h t e d e r „ W e i ß en s e e e r B lä t -
t e r " s o : „ An fa n g d e r a c h t zi g e r J a h r e s c h os s en i n d er DDR s u b v e rs i v e P u b li k a t i o-
n e n , o f t a l s , n u r f ü r d e n k i r c h l i c h e n D i e n s t g eb r a u c h ' d e k l a r i e r t , w i e P i l z e a u s
d e m B od e n . S i e s i gn a li s i e r t en i n d e r Ge s e l l s c h a f t p o l i t i s c h - m o r a li s c h e n u n d i n
d er Ki rc h e t h eol ogi s c h en Verf a ll. Dem wo l lt e d er W ei ß en s e er Arb ei t s k rei s m i t ei-
n e m n i c h t a n t i k o m m u n i s t i s c h o r i e n t i e r e n d e n M i t t e i l u n g s b l a t t b e g e g n e n u n d b e-
a u ft ra gt e a m 6 . Dezem b e r 1 9 81 Ha n fri ed M ü ller u n d C h ri st ia n S ta pp en b ec k zu er-
k un d en , ob d a s m ögli c h s ei . E s wa r m ög li c h , un d i m Frü h ja h r 198 2 ers c hi en Heft
1 der Weißens eer Blätt er." (M üller in: „WB I", Nr. 1/2000). Zur „WB I" -Gründungs-
z e i t f un g i e r t e ü b r i g e n s Kl a u s G y s i a l s H o n e c k e r s S t a a t s s ek r e t ä r f ü r Ki r c h e n f r a -
g e n . E s h a n d e l t s i c h u m d e n b e i d e r S t a s i v i e l e J a h r e a l s IM „ K u r t " g e f ü h r t e n

27
V a t e r d es l e t zt en S E D- C h e fs u n d n a c h m a li g en P D S / Li n k s p a rt ei -Fü h ru n g s fu n k t i o -
närs Gregor Gysi.

Fü r Ha n fri ed M ü ller, s ei n e Fr a u R os em a ri e M ü ll er- S t r ei s a n d u nd d eren W AK -Ge -


s i n n u n gs g en os s en r oc h a l l e s n a c h „ Kon t e r r e v o lu t i on ", wa s s i c h i r g en d wi e g e g en
d i e S E D -D i k t a t u r r i c h t e t e o d e r a u c h n u r z u r i c h t e n s c h i e n . D a m i t m u s s t e d e n
W A K- E i n p e i t s c h e r n n a t ü r l i c h d i e „ D e u t s c h l a n d , e i n i g V a t e r l a n d " - B e w e g u n g
1 9 8 9 / 9 0 a l s d a s „k on t er r e v o lu t i on ä r " B ö s e s c h l ec h t h i n er s c h ei n en . W ä h r en d d i e
W A K ' l e r i m m e r wä h r e n d e S c h u l d u n d B u ß e d e r D e u t s c h e n w e g e n d e r H i t l e r z e i t
p rop a gi e rt en , ri e f Ha n fri ed M ü l l e r d en Ge n o s s en i n Nr . 5 / 1 9 8 9 d e r „ W ei ß en s e er
B l ä t t e r " a n g e s i c h t s d e r s i c h a b z e i c h n e n d e n S E D -G ö t z e n d ä m m e r u n g z u : „ K e i n e
R e u e ! K e i n e B u ß e ! K e i n e S c h u ld b e k e n n t n i s s e ! A l l d a s h ei ß t h i e r u n d h e u t e n u r
a l l z u l e i c h t , a n d e r S t e l l e z u k a p i t ul i e r e n , wo e s n u r a u f e i n e s a n k o m m t : W i d e r -
stand. Unser Weg führt jetzt in die Resistance."

„Zwei getrennte Deutschlands


bevorzugt"
Zur Eröffnung des „Lesertreffens der Weißenseer Blätter", 7. Mai 1994, verkün-
d et e Gen os s i n M ü ller -S t rei s a n d : „Wi r h a t t en vo r d er Kon t err ev olu t i on ver geb li c h
zu warnen versucht ... Uns ging es darum, zu verhindern, dass aus der Kirche
e i n e k o n t e r r e v o l u t i o n ä r e P a r t e i wü r d e . " D e r S E D / P D S wa r f s i e b e i d i e s e r G e l e -
g e n h e i t Ka p i t u l a n t e n t u m v o r . „ In d e r Ko n t e r r e v o l u t i o n ü b e r r a s c h t h a t u n s a l l e r-
d i n g s d a s k a m p f l o s e Au f g e b e n d e r P a r t e i , d i e e i g e n t l i c h n i c h t zu r Ka p i t u l a t i o n
b e r u f e n g e we s e n wä r e , s o n d er n z u r F ü h r u n g a u c h d a n n n oc h , a l s d i e S o wj e t u n i on
die DDR verkauft und — wenn auch nicht sofort — geliefert hatte."
Üb e r d i e Zu s t ä n d e i n d e r D DR s a gt e d i e W AK -Id e o l o g i n m i t vi e l E u p h em i s m u s
u n d C h u zp e : „ Ge wi s s , e s h a t Du m m h ei t en g e g eb en , vi e l l ei c h t s o ga r m eh r a ls a n-
dernorts, es hat Gesetzesverstöße gegeben, sicher nicht mehr als andernorts.
U n d e s h a t F ä l l e v o n K o r r u p t i o n g e g e b e n , g a n z b e st i m m t w e i t w e n i g e r a l s a n -
d e rn o rt s , wo m a n d ek r e t i ert h a t , d a s s d i e D DR ei n ‚ Un r e c ht s s t a a t ' g e we s e n s ei . "
Ab s c h li eß en d ri e f M ü l l e r- S t re i s a n d d en W AK- Ge t r eu en zu : „ R eu e u n d S c h u ld b e-
k e n n t n i s f o r d e r t e n d i e F e i n d e d e s S o z i a l i s m u s u n d Ka p i t u l a n t e n . . . W i r w o l l t e n
un seren Teil dazu b eitragen, d ass Kommunisten wied er Mut, Selbstvertrau en ,
Kampfeswillen gewönnen ... Wir wussten ja noch aus der Nazizeit, dass ein
g a n z es V o lk b es o f f en s ei n k a n n . . . W i r s c h ei n en , s o we i t wi r s eh en , d i e e i n z i g en
zu sein, die so etwas wie eine ‚linke Orthodoxie' vertreten." Müller-Streisand be-

28
k a nn t e s i ch i n ih rer R ed e ü b erd i es zu ei n er „R ot en Hi l fe i m gei s t li c h en u n d gei s -
tigen Sinn".
B ez ei c h n end erwei s e geh ört e a u c h Ma rgot Hon ec k er, d i e S ED- M i n i st eri n u nd Ga t-
tin des Oberhauptes des Mauermord- und Stasisystems, zu den Autoren des
WAK- Organ s. Und woh l n och sympt omati sch er i st , was di e Kn all- rot e „j un ge
w e l t " a m 1 1 . Au g u s t 2 0 0 3 i n W ü r d i g u n g v o n M ü l l e r - S t r e i s a n d ( An l a s s wa r d e r
8 0 . Geb u rt s t a g d er i m Art i k el a ls „p ri n zi pi en t reu d er m a rxi s t i s ch en Di a lek t ik ver -
b u n d en " c h a r a k t e ri s i ert en Ge n os s i n ) v om S t a p e l li eß : „ W o e s u m wi s s en s c h a ft li-
ch e Wah rh eit und u m Verantwortun g fü r d ie Gerech tigk eit geh t, lässt sie sich
von gän gi gen Nost a lgi evorwü rfen ni cht an fech t en. In ih rem E insa t z fü r d en S ozia-
l i s m u s u n d d i e D DR k a n n s i e W a l t er U lb ri c h t u n b e fa n g en u n d eh r e rb i et i g, a u c h
im Blick auf den Lebenslauf ihrer Zeitgenossen, ,unseren Lehrer' nennen."
An g e l a M erk e l s V a t er a b er, l a n gj ä h ri g zu s a m m en m i t Ha n fr i ed M ü l l e r u n d R os e-
m a ri e M ü l l e r- S t r ei s a n d i m W AK, s c h l os s s i c h i n d e r DDR -Un t e r ga n gs p h a s e d em
„Neu en Forum" an. Dieser Gruppierung ging zunächst der Ruf voraus, dass sie
z u r s t ä r k s t e n Kr a f t i n d e r W e n d e- D D R we r d e n k ö n n e . S i e t r a t m i t a n d e r e n V e r -
e i n i g u n g e n z u r V o l k s k a m m e r wa h l i m M ä r z 1 9 9 0 a l s „ B ü n d n i s 9 0 " a n , w e l c h e s
b ei nu r 2,9% land ete. Zu r Nied erlage h atte d as d eu tlich e Nein d es „Neu en Fo -
rum" zur Wi ed ervereinigung maßgeb lich beiget ragen. „Di e m eist en bestim men -
d en Ak t eu r e gi n g en v on d e r Z we i s t a a t li c h k ei t D eu t s c h l a nd s a u s . ‚ W i ed er v e r ei n i-
gung' war für si e k ein Them a." („Wikip edia- Enzyklopädie", Stich wort „Neues
Forum").
La u t „ In t e r n a t i o n a l H e r a l d T r i b u n e " v o m 6 . S e p t e m b e r 2 0 0 5 h ä t t e H o r s t Ka s n e r
n a c h d em M a u e rf a l l 1 9 8 9 z we i g et r en n t e D eu t s c h la n d s b ev o r zu gt ( „p r ef e r r ed t o
h a v e t w o se p a r a t e G e r m a n ys " ) . W e i t e r ä u ß e r t e e r g e g e n ü b e r d e m B l a t t : „ I wa n -
t e d a d e m o c r a t i c E a s t G e r m a n y. B u t t h e p e o p l e wa n t e d t h e d e u t s c h e m a r k . " E r
h a b e e i n d e m o k ra t i s c h e s O s t d e u t s c h l a n d g e wo l l t , d a s V o lk j e d o c h d i e D e u t s c h e
Mark. Kasner ließ 1990 rasch wieder die Finger von der Parteipolitik.
D a s „ B ü n d n i s 9 0 " f u s i o n i e r t e 1 9 9 3 g r ö ß t en t e i l s m i t d e n we s t d e u t s c h e n Gr ü n en .
Ma rcu s Kasn er, An gela M erk els B rud er, h eut e S oft wa re- In geni eu r ein es Telek om-
m u ni ka t i on s -Unt ern eh m en s in Da rm s t ad t un d P ri va td ozen t fü r P h ys i k an d er Un i-
versität Magd ebu rg, machte b is zu diesem Zu sammen sch luss von 1993 b eim
„B ü nd n i s 90 " mi t , i s t s ei th er a b er p a rt eib uc h ab s ti n ent geb li eb en . Herli n d Ka s n er
wi e d eru m , An g e la M e rk e l s M u t t e r, wi rk t e n a c h d er W e n d e b i s 1 9 9 9 a l s S P D- Ab-
g e o r d n e t e d e s u c k e r m ä r k i s c h e n Kr e i s t a g e s i n P r e n z l a u , w o s i e a n f a n g s a l s P a r -
lamentsvorsteherin fungierte.

29
„Den Staat zur Beute gemacht”
Horst Ka sn er ist s eit d er fü r ihn s o fru st ri erend en Wi ed erverein i gun g nu r m eh r we -
n i g m i t p r on on c i e rt p o li t i s c h e n S t e l lu n gn a h m en h e r v o rg et r e t en . Im z we i t en J a h r
d er M i t gli ed s c h a ft s ei n er T oc h t er i m B un d es ka bi n et t Koh l u nd fa s t ei n J ah r na ch
ihrer Wahl zur stellvertretenden CDU - Bundesvorsitzenden allerdings veröffentlichte
er in „die kir che", Organ der Evangelischen Kirche von Berlin - Brandenburg, Nr. 33
(16. August 1992), unter der Schlagzeile „Nichts kann bleiben, wi e es einmal war"
ei n e k n a llh a rt e Ab rec h n un g m i t p oli t i s ch en En t a r tu n gen in Bu nd es rep u b li ka ni en .
M a n c h e P a s s a g en k a n n g e wi s s a u c h u n t e rs c h r ei b en , we r a u s g ä n z li c h a n d e r er p o -
litischer Richtung kommt. Angela Merkels Vater schrieb in dem besagten Artikel:
„ Al s B ei g et r et en e l eb en wi r n u n m i t d em Gru n d g es et z d e r a lt en B u n d es r ep u b li k ,
a n ei n e Neu fa s s u n g i s t n i ch t zu d en k en . All en fa l ls E r gä n z u n gen un d Än d eru n gen
wi r d e s g e b e n . U n d d a b e i s t eh t e s , wi e g e s a g t , n i c h t z u m b e s t e n u m d i e f r e i h e i t -
lich demokratische Grundordnung. Von der Diktatur der Staatspartei befreit, haben
wi r a u f e i n e n d e m o k r a t i s c h e n Au f b r u c h g e h o f f t u n d s i n d n u n i n e i n e n P a r t e i e n -
staat hineingeraten, in dem gemäß Verfassungsp ostulat ,alle Staatsgewalt vom
Volk e au s geht ', dann ab er d orthin ni cht m eh r zu rückk ehrt. Wi r b em erk en nun , wi e
sich d ie etab lierten Parteien d en Staat zu r Beu te gemacht h ab en und d ass d er
S t a a t zu m S e lb s t b ed i en u n gs l a d en fü r P o li t i k e r g e wo rd en i s t . . . D e r P a rt ei en s t a a t
der Bundesrepublik, in dem sich die beiden Volkspartei en inhaltlich kaum noch un -
t ers c h ei d en , h eb t s ic h ei gen t li c h n u r n och du rc h d a s M eh rp a rt ei en s ys t em von d er
P a rt ei d ik t at u r d er DDR a b . In d er b eq u em en P rop or zd em ok ra t i e wi rd d er Klü n gel
z u m S ys t em . M a n s c h a n zt s i c h wec h s e ls ei t i g Vo rt ei l e zu . " Di e P o li t i k i n d i es e m
„System" sei „im Grunde die Fortsetzung der Wirtschaft mit anderen Mitteln".
B i ogra p hi n B oys en : „ An g e la M erk el s a gt , s i e h a b e d i e b i tter e B i la n z i h res Va t er s
ü b e r f a s t z we i J a h r e D e m o k ra t i e n i c h t g e l e s e n . D i e s e Au s s a g e p a s s t d a z u , d a s s
sie unter allen Umständen verhindern möchte, dass die Öffentlichkeit von d en
d u rch au s le gi t i m en u nt ers c h i ed li c h en p oli t i sc h en Üb erzeu g u n gen i n ih rer Fa m i li e
erfährt."
Seit Horst Kasner mit seinem Artikel von 1992 den Finger auf von vielen als
s c h m e r z li c h em p fu n d en e W u n d en g e l e gt h a t t e, i s t e s , j ed en f a l ls i n d en Au g en ei -
n es Gr o ß t ei ls d er D eu t s c h en i m e i n s t i g en „ D rü b en ", e h er n o c h s c h l ec h t er g e wo r -
d en . Der P u b li zi s t M at th i a s Kra u ß a na lys i ert i n s ei n er 20 05 ers c h i en en en M erk el -
Biographie ein e entsprechende Haltung, die sich übrigens auch in demoskopischen
U n t e r s u c h u n g e n wi d e r s p i e g e l t : „ Au s d e r P e r s p e k t i v e d e r m e i s t e n O s t d e u t s c h e n
s i n d d i e p o l i t i s c h en U n t e r s c h i e d e z wi s c h e n d e n W e s t p a r t ei e n n i c h t m eh r g r ö ß e r
a ls di e zwi sc h en d en ein sti gen DDR - B lockpa rt ei en. " Da zu pa sst au ch ein e B e-
30
s ch reibun g d er Zu ständ e au s d er Fed er von E velyn R oll: Di e s o genannt en groß en
Volkspartei en würd e n dem zufolge „hauptsächlich darüber nachdenken, mit welch er
Werteglasur sie ihre immer ähnlicher werdenden pragmatischen Politikansätze
ü b erzi eh en u nd si e s o wen i gs t en s s ym b o li s c h u nt ers c h ei db ar u nd fü r ih re R es t m i -
lieus schmackhaft machen könnten".
Die er st e aus frei en Wahlen , März 1990, hervorgegangene Volkskammer hin-
gegen hatte sich n och du rch ein e groß e Vielfalt au sgezeichn et. Das Sp ektru m
d e r Ab g e o rd n et en a u s ei n e r F ü l l e v on P a rt ei en u n d B e we g u n g en r ei c h t e von d en
m i t r e c h t e n P a r o l e n g e wä h l t e n D S U ' l e rn b i s z u Ko m m u n i s t e n . D i e s e e r s t e f r e i e
Volkskammer glich in gewisser Weise dem ersten Deutschen Bundestag von
1949. Auch fü r di es en ga lt b ei spi els wei s e n och nicht di e Mi lli on en Wäh ler d isk ri -
m i n i eren d e Fü n fp roz en t h ü rd e u nd wa s s i c h d i e C DU/ C S U - b zw. S P D -M a c h th a b er
später noch a lles einfa llen li eß en, um „Auß enseit er" rauszuha lt en und aus -
z u s c h a l t e n — ga n z ä h n l i c h wi e e s n a c h 1 9 9 0 i n d en n e u e n B u n d e s l ä n d e r n u n t e r-
nommen wurde, nur dass die Plattmache dort teilweise noch schneller ablief.
Die Etablierten hatten ja schließlich inzwischen auch wesentlich mehr Übung.
Au c h i m e r s t en B on n e r Na c h k r i e gs p a r la m en t , 1 9 4 9- 1 9 5 3 , ga b e s ei n e b e m erk en s-
wert e p oli t i s c h e Vi el fa lt . In s g es a m t wa ren 1 2 ve rs c h i ed en e P a rt ei en u n d Gru p p i e -
r u n g en v e rt r et en . Da s r ei c h t e v o n d en ga n z R ec h t en ( DR P / N a t i on a l e R ec h t e ) m i t
d em d a m a ls j ü n g s t en B u n d e s t a gs a b g e o rd n et en Ad o l f v on Th a d d en , d em s p ä t e r en
NPD- Chef, bis zu den unverwüstlichen Kommunisten um KPD -R eimann. Und noch
ein en weiteren Vergleich h alten Bund estag 1949 und Volk skammer 1 990 au s:
B e i d e l e i s t e t e n Kä r r n e r a rb e i t f ü r V o l k u n d V o l k s h e r r s c h a f t wi e k a u m j e a n d e r e
d e u t s c h e P a r l a m e n t e s e i t 1 9 4 5 . Da s Ge r e d e v o n „ Z e r s p l i t t e r u n g " u n d „ In s t a b i l i -
tät", wen n „zu viele" Parteien im Parlament säß en , ist rein e Propaganda Herr -
s c h en d er zu r S i ch eru n g d es ei gen en B es i t zs t a nd es . Ge gen d a s a llei n qu an ti t at i ve
P e n s u m , d a s d e r s o vi e l fa lt s b u n t e 1 9 4 9 er -B u n d es t a g b e wä lt i gt h a t , v e rb la s s t d i e
L e i s t u n g d e s h e u t i g e n . V o n d e r i n h a l t l i c h e n Q u a l i t ät d e r B e s c h l ü s s e g a r n i c h t
e r s t z u r e d e n . E s i s t n i c h t s e h r ü b e r s p i t z t a u s g e d r ü c k t , we n n m a n ü b e r d i e G e -
s e t z e d e s e r s t e n B u n d e s t a g e s s a g t : J e d e r S c h u s s e i n T r e f f e r . U n d h e u t e ? Ka u m
ein Tropfen im Zielwasser mehr.
W a s d i e V o l k s k a m m e r v o n 1 9 9 0 b e t r i f f t , s o i s t E v e l yn R o l l z u z u s t i m m e n , we n n
s i e s c h r e i b t , d a s s d a s i m W e s t e n a u f g e k o m m e n e a r r o g a n t e W o r t v o n d e r „ La i e n -
s p i e l s c h a r" n i c h t s a ls „ d u m m e s Z e u g " s ei . J e m eh r Z e i t v e r g eh e , fä h rt d i e P u b li-
z i s t i n f o rt , d es t o d eu t li c h er we r d e a n d en P r ot ok o l l en u n d D ok u m en t a t i on en d i e-
ser 181 Tage Volkskammer der unvergleichliche Fleiß jenes Parlamentes. „Und
wa h r s c h e i n l i c h i s t i n d i e s e m La n d a u c h s c h o n l a n g e n i c h t m e h r d i e V e r a n t wo r -
tungsbereitschaft und der Blick auf das Gemeinwohl so viel stärker gewesen als
31
a l l e p a r t e i t a k t i s c h en In t e r e s s e n . V i e l l e i c h t wa r e n d i e 1 8 1 T a g e v o n B e r l i n t r o t z
d er vi el en E i n red en un d E in flu s s n ah m en a u s B onn s oga r n äh er a m Id ea lb i ld ei n er
p a r l a m en t a r i s c h en , r e p r ä s e n t a t i v e n D e m o k r a t i e a l s v i e l e s , wa s wi r s o n s t i n d i e-
sem Land hatten."
B ei ei n er V era n s t a lt u n g d er B ü rgeri n i t ia ti ve „ F rei e H ei d e " erk lä rt e H ors t Ka s n er
i n d e r Ki r c h e v o n Z e c h l i n a m 4 . S e p t e m b e r 1 9 9 4 : „ F ü r d i e h e u t e f ä l l i g e n p o l i t i -
s c h e n E n t s c h e i d u n g e n i s t e i n h o h e s M a ß a n In t e l l i g e n z e r f o r d e r l i c h . D e m s i n d
P o l i t i k e r i n d e r R e g e l n i c h t g e wa c h s e n . Ih r g e i s t i g e r H o r i z o n t , d a s wi r d i m m e r
wi e d e r d e u t l i c h , i s t b e g r e n z t . S i e s i n d m e h r M a c h e r a l s D e n k e r . U n d v o r a l l e m
versteh en sie sich au f d ie Macht: Wie k ommt man zu r Macht? Wie b leib t man
a n d e r M a c h t ? . . . Di e p o li t i s c h e Kl a s s e i s t ra t l os , d i e E t a b li e rt en s i n d a u f B e s i t z -
standswahrung bedacht." Der Fa ll der Mauer habe den „Zerfa ll der bipolaren
W e l t o r d n u n g d e s 2 0 . J a h rh u n d e r t s " c h a r a k t e r i s i e r t ; d i e „ n e u e W i r k l i c h k e i t " s e i
jetzt „die Weltgesellschaft". „Di eser n euen Wirklichkeit zu entsprechen, das
m us s un s k la r s ein , wi rd von un s Verzi cht ford ern. " Pa st or Ka s n er ziti ert e b ei d i e-
s e r G e l e g e n h e i t e i n e n P a s s u s a u s d e m B ri e f d e s Ap o s t e l s P a u lu s a n d i e Ge m e i n -
de in Rom: „Lasst euch nicht gleichschalten dieser Weltzeit."
S eith er a llerdin gs i st von P fa rrer Ka sn er nicht s „Hochp oli tis ch es " m eh r in M edi en
z u v e r n e h m e n . D a wi r d d o c h k e i n e G l e i c h s c h a l t u n g s t a t t g e f u n d e n h a b e n ? 2 0 0 5
notierte das Maga zin „Cic ero": „Er predigt am li ebst en über den sechst en Ta g
d e r S c h ö p fu n g u n d fü r e i n e n m e n s c h l i c h e n U m g a n g m i t T i e r e n . . . H o r s t Ka s n e r
hat sich d em Mit gesch öp f vers ch ri eb en . " Di e M erk el- E lt ern leb en üb ri gens i mm er
noch in Templin, in einem Einfamilienhaus am Stadtrand.

In „permanenter Auflehnung"?
W a s n u n d a s g ä n g i g e P r o -M e r k e l - S c h r i ft t u m ü b e r d en D D R -L e b e n s we g d e r P o r -
t r ä t i e r t e n b r i n g t , m u t e t o ft n i c h t wi e B i o - s o n d e r n wi e S c h i z o g r a p h i e a n . N i c h t
selten treten die Angela M., die wegen der erdrückenden Allgegen wart einer
g n a d e n l o s e n D i k t a t u r n u r h e i m l i c h , s t i l l un d l e i s e o p p o s i t i o n e l l g e w e s e n s e i n
k on n t e , u n d d i e An g e la M . , we l c h e fu rc h t ( wi e ü b ri g en s a u c h fo l g en- ) lo s d a s R e-
gi m e o ff en en Vi s i ers b e feh d et e, n u r ei n p a a r Zei t u n gs zei l en od er B u c h s ei t en von -
ei n a nd er en t fern t a u f. M erk el -B i ogra p h Ma t th ia s Kra u ß m a c h t d e n S p i elve rd erb er
und n oti ert : „Di e d eut sch e Pub li zis tik si eh t sich ged rän gt, ein en Wid erstand s gei st
z u e r f i n d e n , v o n d e m An g e l a M e r k e l m e i l e n w e i t e n t f e r n t wa r , u n d f ü r d e n i h r e
Biographie auch nichts hergibt. Nichtsdestotrotz werden Beispiele heran -
g e s c h l e p p t , u n d z wa r s o l c h e , d i e s i c h e b e n s o i m L e b e n d e s l i n i e n t r e u e s t e n G e -
nossen auffinden lassen würden."
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Hi er s ei ein e grunds ät zli ch e An m erkun g ein gefü gt : S o s eh r au ch Versuch e, Wid er -
stand nach Toressch luss zu konstruieren, kritikwürdig sind: Million en Deutsche in
d er „DDR ", d i e sich nich t offen au fgelehnt h ab en gegen d i e Diktatu r, s ond ern ein -
fach „ihr Leben gelebt" haben oder sozusagen als kleine Marschierer „mitmachten",
sind dafür nicht zu verurt eilen . Es kehre jed er vor d er eigene n Tür zuerst. Wa r „im
Wes t en " st et s a lles Gold, wa s glän zt e? Wu rd e und wi rd n icht au ch in Dem ok rat i en
o f t g e s c h wi e g e n a n g e s i c h t s v o n U n r e c h t , wo e i n l a u t e s N e i n , we n n n i c h t W i d e r-
s tand geb ot en wä re? Verglichen mit a llen and eren „Kom muni sm en", wa r di e s ozu-
s a gen d eut sch e Versi on in d er DDR di e relati v erträ glich st e. Man hüt e sich grund -
sätzlich vor Werturteilen aus sicherer Distanz. Räumlich oder zeitlich.
„Oh n e Fu rc h t vor d e r S t a s i er zi eh en Va t er u n d Mu tt er An g ela i n Op p os i t i on zu m
S E D -S t a a t ", wei ß d a s „ M e rk el- Le x i k on ", ei n e P u b li k a t i on d e r B e r li n e r „ B Z" , zu
b eri c h t en . An gela M e rk el s el b s t erzä h lt : „ Ic h h a b e d i e DD R n i e a ls m ei n H ei m a t-
land empfund en . .. Jed en Ab end kam i ch voller Wut nach Hause und musst e
m i r e r s t e i n m a l a l l e s v o n d e r S e e l e r e d e n . M i c h v e r b a n d m i t d i e s e m L a n d ü b e r-
h a u p t n i c h t s . " A n a n d e r e r S t e l l e ä u ß e r t e s i e : „ Ic h h a b e m i c h i n e i n e r s t e t i g e n
u nd s t et i g zun eh m en d en , s eh r k ri ti s ch en Au s ei n a nd ers et zu n g m i t d er DDR b efu n -
d en . " 199 4 b eku nd et e s i e la u t d em Na ch ri ch t en m a ga zin „Der S p i eg el" : „ Ic h l eb t e
in permanenter Auflehnung gegen den Staat DDR."
„ U n d s o wu c h s d i e W e s t d e u t s c h e ( s i c !) An g e l a Ka s n e r a l s Au ß e n s e i t e r i n i m Ar -
b ei t e r - u n d B a u e rn s t a a t i m u c k e rm ä rk i s c h en T e m p li n a m R a n d e d e r S c h o r fh ei d e
auf", li est man in Nicole Schleys Merkel -Biograph ie. „Auß enseiterin in der DDR",
s o l a u t e t a u c h e i n e Ka p i t e l ü b e r s c h r i f t i n An g e l a M e r k e l s a l s Z wi e g e s p r ä c h m i t
d e m J o u r n a l i s t e n H u g o M ü l l e r -V o g g g e s t a l t e t e n A u t o b i o g r a p h i e „ M e i n W e g " .
„ M e i n e G e s c h wi s t e r u n d i c h , wi r wa r e n n a c h D D R -M a ß s t ä b e n s c h o n Au ß e n s e i -
te r " , s a g t e An g e l a M e r k e l i h r e m L e b e n s b e s c h r e i b e r P r o f . W o l f g a n g S t o c k . U n d
d i e s e s Au ß e n s e i t e r t u m s o l l s i c h i n e i n e r „ f e i n d l i c h e n U m w e l t " ( „ a h o s t i l e e n v i -
ron m en t ") a b ges p i elt h a b en , s o d er „ In t ern a t i on a l Hera ld T ri b un e" i n s ei n er M er -
kel-Berichterstattung nach Befragung Horst Kasners.
D a b ei k on n t en s o wo h l Ka s n e r a l s a u c h s ei n e Ki n d e r An g e la u n d M a rc u s fü r V e r-
h ä lt n i s s e a n g eb li c h „ wi e i m F e i n d e s la n d " e r s t a u n li c h r eü s s i e r en . Di e we n i g s t en
B ü r g e r d e s Ar b e i t e r - u n d B a u e r n s t a a t e s j e d e n fa l l s b r a c h t e n e s z u Ko l l e g -C h e f s
m i t b e s t en B e zi eh u n g en n a c h „ g a n z ob en " u n d a u s g ed eh n te n W e s t r ei s e- M ög li c h-
k eiten (Vater) od er sch afften d en Sp run g in die Reih en d er Privilegierten d er
Ak a d e m i e d e r W i s s e n s c h a ft e n ( T o c h t e r ) o d e r k a m e n a l s S t i p e n d i a t en a n s Al l e r -
h ei li gs t e d er Wi s s en s c h a ft d er ru h m rei c h en S owj et u n i on , da s Ke rn fors c h u n gs zen-
trum Dubna bei Moskau (Sohn). So gesehen, kann man bei den Kasners wohl
doch wieder von Außenseitertum sprechen.
33
Biographin Schley bringt ein Foto der Vierjährigen und schreibt dazu: „Schwierige
Kindheit. Als Pastorentochter hatte Angela Dorothea Kasner keinen leichten
Stand in der DDR." Der Schnappschuss zeigt allerdings ein munteres und fideles
Mädchen, und Angela Merkel selbst hat wiederholt betont, eine unbeschwerte
Kindheit verlebt zu haben. An anderer Stelle ihres Buches notiert Schley: „Angela
und ihre Geschwister mussten wegen ihrer christlichen Erziehung stets auf der
Hut sein und allerlei Hänseleien erdulden."

Biographin Patricia Leßnerkraus über Jung-Angela: „Sie darf vor allem nie preis-
geben, wie sie und ihre Familie daheim wirklich leben, was sie denken und dis-
kutieren. Vor allem nicht, dass im Hause Kasner selbstverständlich Westfernse-
hen geschaut und massiv über Honecker geschimpft wird, die Hausbibliothek
gefüllt ist mit Büchern aus dem feindlichen Westen. Eine furchtbare Belastung
für ein kleines Mädchen, das doch eigentlich fröhlich, beschwingt und unbe-
schwert durchs Leben laufen sollte." Dass nun aber Westfernsehen auf dem Pro-
gramm der Masse der DDR- Bürger stand (da waren die Kasners gegebenenfalls
nun wirklich keine Außenseiter), dürfte Stasi-Mielke und auch dem gesamten Po-
litbüro der SED ohnehin bekannt gewesen sein. Davon zeugte im übrigen allein
schon die Ausrichtung der Antennen auf den Dächern des Volkes. Und was die
Kasner'sche Hausbibliothek betrifft, so wurde, wie bereits in diesem Buch er-
wähnt, deren steter postalischer Nachschub aus dem Westen kontrolliert und
zum Waldhof durchgereicht.

In sämtlichen Biographien liest man die Story, dass Angela Kasner an der Tem-
pliner Schule bei der Antwort auf die Frage nach dem Beruf ihres Vaters aus
Angst vor Nachteilen durch das Atheistenregime bewusst so genuschelt habe,
dass statt „Pfarrer" eher „Fahrer" zu verstehen gewesen sei. Dabei dürfte nie-
mand, auch kein Lehrer, im kleinstädtischen Templin nicht genau gewusst haben,
dass Vater Kasner ein paar Steinwürfe von der Stadtmauer entfernt als Pfarrer
eine große Ausbildungsstätte für Theologen leitete, welche sich überdies höchs-
ter staatlicher Duldung, wenn nicht mehr, erfreute.

Widerstand leistete der Kasner-Nachwuchs laut diverser veröffentlichter Lebens-


läufe auf subkutane Art. Ein Beispiel aus der Biographie von Roll: „Angela Merkel
wusste schon mit neun Jahren die Namen aller westdeutschen Minister auswen-
dig." Soll das etwa heißen, dass nur die Bonner Bundesregierung, nicht aber der
Ostberliner Ministerrat von Klein- Angela als legitim anerkannt wurde? In diesem
Zusammenhang ist auch belangreich, was Angela Merkel selbst zum Beleg des
„Außenseitertums" ihrer Familie bekundet hat: „Mein Bruder kannte alle Päpste
auswendig. Ich sammelte Kunstpostkarten. Und gegenseitig haben wir uns die
Hauptstädte der Länder der Welt abgefragt." Nun wird es zweifellos auch auf
34
Von Apologie bis zum Versuch kritischer Beleuchtung reicht die Palette bisheri-
ger Merkel-Biographien.
35
d e n o f f i z i e l l e n D D R -Le h r p l ä n e n fü r d e n E rd k u n d e - U n t e r r i c h t g e s t a n d e n h a b en ,
d a s s d en S c h ü l e rn d i e N a m en d e r H a u p t s t ä d t e d er W e l t b ei zu b r i n g en s ei en . Un d
schätzungsweise wäre es überall auf Erden ein wenig ungewöhnlich, wenn ein
Teenie das Sammeln ausgerechnet von Kunstpostkarten als Steckenpferd hat.

Was nun ab er d ie Päp ste anbetrifft, so hand elte e s sich zweifellos u m ein e au-
ßerord entlich e mnemot echnische Leistung von Klein - Ma rcus, reif für „Wett en
d a s s . . . " , we n n e r t a t s ä c h l i c h a l l d i e H e i l i g e n V ä t e r „ a u s we n d i g g e k a n n t " h a b e n
s o l lt e — we i t ü b e r d r e i h u n d er t a n d e r Za h l, m i t Na m en wi e T e l e s p h oru s , d e s s en
P on t i fi k a t v on 1 2 5 b i s c a . 1 3 6 n . C h r. wä h rt e, o d er s ei n e s N a c h f o l g er s H yg i n u s ,
m i t E u t yc h i a n u s (u m 2 8 0 n . C h r. ) u n d S ym m a c h u s (4 9 8 -5 1 4 ) , m i t Ad eod a t u s 1 . ,
Sissinius, Gelasius usw. usf. etc. pp. Nur: Könnte es nicht sein, dass man als
Sohn eines evang elisch en Pfarrers mit d erlei extrem ein gepauktem „Papismus"
eh er d en eigen en Vater hoch nehmen, d enn die k ommunistische Staatsmacht h e -
rausfordern wollte?

Kraftprobe „Kasi"/Stasi
Nicole Schley, ansonsten nimmermüde auf „unvermeidbare" Camouflage und
Ko n s p i r a t i on b e i m Ka s n e r ' s c h e n Ko n t r a g e g e n d a s S E D -S ys t e m h i n we i s e n d , b e -
t ont and erers eit s : „An gela t rug d eut lich erk ennba r Wes tk leidun g. " Ähn lich E velyn
R o l l , d e r z u f o l g e F r ä u l e i n Ka s n e r „ i m m e r i n W e s t k l a m o t t e n " z u s e h e n g e w e s e n
s ei . An ge la M erk e l s elb s t (n a c h zu les en i n i h rer B i ogra p h i e von Wo lf ga n g S t oc k )
b eh aupt et : „ Ic h h ab e p rak tis ch ni e DDR - Klam ott en get ra gen. " M anch e Zei t zeu gen
allerd in gs h ab en gelegen tlich and ere Wah rn ehmun gen gemacht. So b erichtete
An gela M erk els eh emaliger Math ematik - und Ph ysik leh rer lau t „BZ" vom 20.
M ä r z 2 0 0 0 , d a s s e r s i e a n d e r S c h u l e „ a u c h m a l i n d e r b l a u e n B lu s e d e r F D J g e -
s eh en " hab e. M erk el - Bi ographin Jacqu elin e B oys en sch reibt: „Als Ki nd lernt e si e
wi e s e l b s t v e r s t ä n d l i c h b e i d e s — d a s F a l t e n d e r H ä n d e z u m G e b e t wi e a u c h d a s
Binden des Pionierknotens."
V o r a l l e m f e h l t i n d e n g ä n g i g e n L e b e n s b e s c h r e i b u n g e n n i e d e r H i n we i s a u f n a -
hezu permanentes Tragen von Jeans, welche Angela von der Westverwandt -
s cha ft p er P ak etp ost ges chickt b ek om m en und d er DDR - Obrigk ei t zum Trot z an ge-
zogen hab e. „In sb esond ere ih re Jeans sti eß en vor a llem b ei d en Leh rern auf
M i s s b i l li gu n g " ( S c h l e y) . P a t ri c i a Le ß n e rk ra u s s c h r ei b t ü b er d i e s o zu s a g en k ec k -
f r e c h g ek l ei d et e j u g en d li c h e An g e l a Ka s n er , d a s s s i e „ e i n k l ei n e r P a ra d i e s vo g e l
u n t e r l a u t e r g r a u e n S p a t z e n " g e w e s e n s e i . B e i M e r k e l- B i o g r a p h La n g g u t h a b e r
l i e s t s i c h d i e S a c h e s o : „Un d s o li e f s i e a ls T e en a g e r a u f P a rt i e s m i t W e s t - J ea n s
herum, während ihre Freundinnen zumeist Mini-Röcke bevorzugten."
36
D i es e lb e An g e la Ka s n e r, d i e a u s An gs t v o r R ep r es s a li en i n d e r S c h u l e a u s i h r em
V a t e r , d e m P f a r r e r , e i n e n „ F a h r e r " g e m a c h t h a b e n wi l l , g i n g a u f d e r P e n n e a n -
g e b li c h s o v e r we g en B i s s i d en t i s c h i n d i e Of f en s i v e , d a s s s i e „ li n i en t r eu e Le h r e r
i n end los e Di s k u s s i on en ver wi c k elt e, u m i h re S E D - We lt a n sc h au un g lä ch erli c h zu
m ach en " („B Z - M erk el-Lexi k on "). „Si e n ei gt e in d er Schu le zu Wid ersp ruch ", wi ll
H u g o M ü l l e r -V o g g h e r a u s g e f u n d e n h a b en . S i e wa r a u c h , i m B a c k fi s c h a l t e r v o n
1 3 J a h r e n , s c h o n s o e i n e r i c h t i g e „ Ac h t u n d s e c h z i g e r i n ", m a d e b y GD R . Im M a i
1 9 6 8 h a b e d i e „ F l o w e r - P o w e r- S t i m m u n g " An g e l a M e r k e l e r f a s s t , we i ß d a s „ B Z -
M erk el- Le xi k on " u n d s ch rei b t wei t er. „ Ih r e op p os i t i on ell e Ha lt u n g ge wi n n t j et zt
an Profil. Sie wiegelt ihre Klassenkameraden gegen die SED-Lehrer auf."
Zen t ra l b ei E rzä h lu n gen ü b er d i e „ wi d ers t ä n d leri s c h e" P en n ä leri n An ge la Ka s n e r
( S p i t zn a m e u n t e r d en Gl e i c h a l t ri g en : „ Ka s i " ) i s t d i e S t or y v o n ei n em s o g en a n n -
t e n S c h u l - Au f s t a n d u n t e r i h re r L e i t u n g i n d e r 1 2 . Kl a s s e . D i e s e „ E r h e b u n g " b e -
s t a n d d a r i n , s c h ä lt m a n d e n K e r n h e r a u s , d a s s d i e S c h ü l e r d a s v o r g e g e b e n e P r o -
gramm einer so genannten „Kulturstunde" eigenmächtig änderten, um einem
unb eliebten Pauk er ein s auszu wisch en . Höh epu nkte: Man tru g ein hu moresk es
Poem von Christian Morgenstern vor, in welch em auch ein auf ein er Mauer h o-
c k en d er M op s v o rk o m m t ( wa s e i n e a n k la g en d e An s p i e lu n g a u f d i e B er li n e r M a u -
er gewes en s ei ), und di e „In t ernat i ona le" („Völk er, h ört di e S i gna le"), das Ka mp f -
li ed d er i n t ern a t i on a len k om m u ni s t i sc h en B ewe gu n g, wu r d e von d e r Kla s s e n i c ht
wi e l e h r p l a n m ä ß i g v o r g e s e h e n a u f D e u t s c h , s on d e rn i n en g l i s c h e r S p r a c h e a n g e -
s t i m m t (wa s „p rov ok a n t " gewes en s ei , wei l es s i c h d ab ei gem ä ß S E D -Di k t i on u m
die „Sprache des Klassenfeindes" gehandelt habe).
Di e von 150 %i g Li ni ent reu en d es Leh rins titut s ein ges cha lt et e S tas i s oll d er „Au f -
s t a n d s f ü h r e r i n " An g e l a Ka s n e r d a r a u f h i n „ b e i n a h e " d e n w e i t e r e n L e b e n s w e g —
d a s Ab i t u r , d a s S t u d i u m u s w. — v e r m a s s e l t h a b e n . Di e B et o n u n g l i e g t a u f „ b e i -
n a h e". Den n Va t er Hors t Ka s n er li eß s ei n e e xz e ll en t en B ez i eh u n gen b i s „h och hi -
nau f" in B erlin (Os t ), Haup t stadt d er DDR , spi elen — unt er E in scha ltun g au ch d es
ih m gu t b ek annten Ch efju risten d er Kirch e im Arb eiter - und Bau ernstaat, d es
s p ä t e r en b r a n d en b u rgi s c h en S P D - M i n i s t e rp rä s i d en t en u n d B u n d es m i n i s t e rs M a n -
f r e d S t o l p e . E r g e b n i s : Di e S t a s i v e r l o r d i e Kr a f t p r o b e m i t d e r Ka s i . D e r Ku l t u r -
s t u n d e n e k l a t b l i e b o h n e K o n s e q u e n z e n f ü r d i e P a s t o r e n t o c h t e r . M e r k e l - B i o g r a-
p h i n S c h l e y f i n d et , d i es s ei „ e i n we i t e r es In d i z fü r Ka s n ers An s eh en u n d s e i n en
Einfluss im DDR-System".
D i s z i p l i n a r m a ß n a h m e n g a b e s d a n n a b e r d o c h n o c h . B e t r o f f e n wa r d e r L e h r e r ,
d en d i e Kl a s s en - Kä m p f er u m Ka s i & C o. a u f d em Ki ek e r h a t t en . W e i l e r p ä d a g o -
gisch versagt habe, wurde er der Schule verwiesen.

37
Ta t s a c h e j ed en fa lls i s t , da s s An g ela Do rot h ea Ka s n er 1 9 61 i n d er Tem p li n er Goe -
t h e - S c h u l e e i n g e s c h u l t wu r d e u n d s p ä t e r d i e n a c h H e r m a n n M a r t e r n , e i n e m a l t -
k om m u n i s t i s c h en S p i t z en g en o s s en d e r S E D (u . a . wa r e r Vi z ep rä s i d en t d er D DR -
„Vo lk s k a m m er"), b en a n nt e E rwei t ert e Ob ers c h u le (E OS ) b e s u c h en k onn t e; wob ei
zu b erü cks ichti gen is t, da ss in d er DDR da ma ls c a. 85 P rozen t d er Alt ers gen oss en
An g ela s d i e E OS - Zu la s s u n g ver weh rt b li eb , n u r rela t i v wen i ge es i h r a ls o gl ei c h -
t u n u n d a u f d i e we i t e r f ü h r e n d e L e h r a n s t a l t w e c h s e l n k o n n t e n . M a n w e i ß , d a s s
Fräulein Kasn er, P farrerstochter und Thälmannpi onierin, am 3. Mai 1970 in der St.
M a ri a -M a gda len en - Ki rc h e zu Tem p li n von S up eri n t en d ent Ha n s -Ge org S c h ra m m
k on fi rm i ert wu rd e. B e l egt i s t wei t e r, d a s s An ge la Ka s n er n a ch i h rer Z ei t b ei d en
J u n gen P i on i eren , d en en s i e als Z wei t k lä s s l eri n b ei get r et en wa r, i m Alt er von 1 6
J a h r en M i t g li ed d er s t a a t li c h e n k om m u n i s t i s c h en J u g en d or g a n i s a t i on F DJ wu rd e
(rund 55 Prozent a ller jun gen DDR -Deut sch en wa ren d ama ls m it dab ei ), wob ei si e
„nach Erinnerung von Mitschülern in der FDJ in ihrer Klas s e ,führend' wa r” sowie
„ Fu n k ti on en in i h rer FDJ- Gru p p e üb ern ah m " (La n ggu t h ) u nd au ch „wi e a l le a n d e -
ren wä h ren d d er F eri en i n Uniform ü b t e un d di e S c hu l -Na c hm i t ta ge a u f FDJ - Tr ef-
fen verbrachte" (Bärtels, „Angela Merkels Kindheit in Templin").
T a t s a c h e i s t we i t e r , d a s s „ Ka s i " i n d e r n e u n t e n Kl a s s e z u r B e l o h n u n g f ü r a u ß e r -
ge wöh n li c h gut e E rgeb n i s s e i m Fa c h R u s si s ch un t er d er of fi zi el l en Los u n g „M a r -
xi s t i s ch -len i n i s ti s ch e W elt a n s c h au un g i s t d a s fes t e Fu n d a men t d er Fr eu n d s ch a ft "
anlässlich des 100. Geburtstages Lenins zur Internationa len „Russisch -Olympiade"
a u f S t a a t s k o s t e n n a c h M o s k a u r e i s e n d u r ft e . Üb e r l i e f e r t i s t f e r n e r , d a s s An g e l a
M erk el „fü r h erv orra g en d e ge s el ls c h a ft li c h e un d sc hu li s ch e Lei s t u n gen " n a ch d er
z e h n t e n Kl a s s e u n d s p ä t e r d a n n e i n z we i t e s M a l d i e L e s s i n g -M e d a i l l e i n S i l b e r
verli ehen bekam. Fakt ist schließlich, dass die Kasner - Tochter 1973 als Jahr -
g a n g s b e s t e i h r Ab i t u r a u f d e r E O S b a u t e u n d s o g l e i c h Z u g a n g z u m S t u d i u m a n
d er R en ommi erh ochs chu le d er DDR erhi elt, d er Leip zi ger Ka rl -Ma rx - Uni versitä t,
s i e a l s o n a c h An s i c h t d e r V e r a n t w o r t l i c h e n d e n o f f i z i e l l e n „ An f o r d e r u n g e n a n
d e n S t u d i e n b e we r b e r " e n t s p ra c h , d i e a u c h f ü r d a s F a c h P h ys i k , f ü r d a s s i e s i c h
e n t s c h i ed , g a lt en : „ Di e B e we r b er m ü s s en d u rc h i h r e b i s h e ri g en Le i s t u n g en d ok u -
mentieren, dass sie fähig und bereit sind , sich für unsere sozialistische Gesell -
s c h a f t s o rd n u n g e i n z u s e t z e n . S i e s o l l e n s i c h d u r c h s o z i a li s t i s c h e s B e wu s s t s e i n ,
ges el ls c h a ft li c h e Ak t i vi t ä t , u nt a d eli ges V erh a lt en , gu t e Al lg em ei n b i ld un g u nd ge -
festigtes politisches Wissen auszeichnen."

38
Um Albert Einstein zu begreifen ...
„Der Ged ank e, d en väterlichen Beru f zu ergreifen , kam ih r nicht in d en Sinn,
a u c h wen n i n d e r D DR vi e l e P fa r r e rs k i n d er d en W e g i h r es V a t e rs ei n s c h lu g en ",
s c h r ei b t La n ggu t h i n s ei n er An g e l a - M e rk e l- B i o g rap h i e. W a ru m n u n a b e r g e ra d e
d a s P h ys i k -S t ud iu m ? Fra u M erk el erlä u t ert e wei t i m Na c hhi n ei n — i m S ept em b er
2 00 5 un d sc hi ck zu m E in s t ein- J a h r p a s s en d (5 0. Tod es t a g d es B erü h m t en ) — di e
H i n t er g rü n d e i h r es E n t s c h lu s s e s i n ei n em In t e r vi e w m i t d e m M a ga zi n „C i c e r o " :
„ P rä g en d en E i n f lu s s a u f m i c h h a t s i c h e r li c h a u c h Al b e rt E i n s t ei n g eh a b t , d e r j a
viel meh r war als nu r ein b rillan ter Wissen schaftler. Wie b ei and eren groß en
P h ys i k ern a u ch , zu m B ei sp i el We rn er Hei s en b erg u n d Ca rl - Fri ed ri c h von Wei zs ä-
c k er, fü h rt e b ei E i n st ei n d i e wi s s en s c h a ft li ch e Au s ei n a nd ers et zu n g m i t elem en t a-
ren Prinzipien der Schöpfung zu sehr anregenden philosophischen Ansätzen."
B i ogra p h Wolf ga n g S t oc k über An g ela M erk els Fa k u lt ä t s en t s ch ei du n g von 19 73 :
„ S i e i n f or m i e rt s i c h b ei B ek a n n t en ü b e r a n d e r e s t a a t s f e rn e S t u d i en fä c h er u n d e r-
wä rmt sich für Ph ysik. , Für Einsteins Relativitätstheorie habe ich mich intensiv in-
t e r e s s i e r t , a l l e r d i n g s m e h r a u s p h i l o s o p h i s c h e r S i c h t . ' S i e e n t s c h l i eß t s i c h , d i e
Hera u s ford e ru n g a n zun eh m en ." M erk el i m Ges p rä c h m i t Hugo M ü lle r- V ogg : „ Ic h
wo l l t e d i e E i n s t ei n ' s c h e R e la t i vi t ä t s t h e o ri e v e rs t eh en , wo l l t e b e g r ei f en , wa s d i e
Le u t e u m R ob e rt Op p en h ei m e r , d i e d i e At o m b o m b e g eb a u t h a b en , d a c h t en . Un d
vieles mehr."
Der 1879 in Ulm geborene, zunächst für eine Zeitlang in die Schwe iz, später
dann für immer nach den USA ausgewanderte Albert Einstein hatte unter Hin-
w e i s a u f Ge f a h r e n , d i e Am e r i k a d u r c h D e u t s c h la n d d r o h e n wü r d e n , d e n U S - P r ä -
sidenten Roosevelt schon am 2. August 1939 zum Bau einer Atombomb e auf-
gef ord ert — ei n en M on a t vor Kri egs a u s b ru ch in Eu rop a , zwei ei n vi ert el J a h re v or
o f f i z i e l l e r K r i e g s b e t e i l i g u n g d e r V e r e i n i g t e n S t a a t e n v o n Am e r i k a ( D e z e m b e r
1 9 4 1 ) . Na c h d e m R o o s e v e l t i m O k t ob e r 1 9 3 9 s e i n O k a y e r t e i l t h a t t e , wu r d e d a s
At om b om b en vo rh a b en (Dec kna m e: „M a n h at t an P roj ec t ") u nt er Lei t u n g von J . R o-
b e rt Op p en h ei m e r v e r wi rk li c h t . Im Au gu s t 1 9 4 5 k a m es s c h li eß li c h zu m E i n s a t z
d es e i g en t li c h d en D eu t s c h en z u g ed a c h t en M a s s en v e rn i c h t u n gs m i t t e l s g e g en d i e
jap ani sch e Zi vi lb evölk erun g: Di e US- At omb omb en ford ert en Hund ert taus end e Op -
fer in Hiroschima und Nagasaki.
D i e t i e f e V e r s t r i c k u n g E i n s t e i n s u n d O p p e n h e i m e r s , b e i d e v o m F a c h P h ys i k , i n
d a s At om b om b en p roj ek t d er US- R egi eru n g zei gt b es on d ers d eu t li ch , wi e z wei f e l-
h a ft d i e B e h a u p t u n g i s t , d i e b e s a g t e W i s s e n s c h a ft s e i „ s t a a t s f e r n " . An g e l a M e r-
k e ls B ru d e r M a rc u s , a u c h er P h ys i k er , wa r — wi e b e r ei t s e r wä h n t — S t i p en d i a t
der Sowjets am Atomzentrum Dubna bei Moskau, welches dem Staate zweifellos
39
besonders nahe stand; interessanterweise kam er nach der Wende in den Ge -
n u s s e i n e s U S -S t i p e n d i u m s . S c h l i e ß l i c h An g e l a M e r k e l s e l b s t : W a s s i e a m O s t -
b erli n er P h ys i k a li s c h en Zen t ra li n s t it ut Ad le rs h of a b 1 9 78 m i t ih ren Kol l eg en a u s -
z u t ü f t e l n h a t t e , wa r v o n d en k o m m u n i s t i s c h e n M a c h t h a b e rn u . a . d a z u g e d a c h t ,
d em S E D -S t a a t u nd au ch d er Ud S S R wi rt s c h a ft li ch e Vort ei le d u rc h n eu a rt i ge M e -
t h o d e n d e r V e r w e r t u n g s o w j e t i s c h e n E r d g a s e s i n d e r c h e m i s c h e n In d u s t r i e z u
verschaffen . Und in d er Ein leitun g d er M erk el - Dissertation von 1986 hieß es:
„ D i e K o h l e n wa s s e r s t o f f w a n d l u n g b e i h o h e n T e m p e r a t u r e n i n Ab w e s e n h e i t v o n
S au erst off (Th erm olys e, P yrol ys e, P la s m olys e) i st gegen wä rti g und sich er auch in
Zukunft von hoher volkswirtschaftlicher Bedeutung."
In d e r D o k t o r a r b ei t g i n g e s n i c h t z u l e t z t d a ru m , wi e d i e Z e r f a l l s r e a k t i on e n b e i
d er Abfa llen ts orgun g volks wirt scha ft lich zu nu t zen s ei en, di e DDR s ozu sa gen au s
D r e c k Ge l d m a c h e n k ön n e . An g e l a M e r k e l k o n n t e i n d i e s e r F r a g e d e m Ar b e i t e r -
und Bau ernstaat letztlich d och k ein e entsch eid en d e Hilfestellun g leisten . Der
Wi s s en s c h a ft s pu b li zi s t Ulri c h S c h na b el n ot i ert e i n d er „ Ze i t " vom 1 4 . J u li 2 00 5 :
„Hä u fi g wi rd An ge la M erk e l m i t Ma rga ret Th a t c h er v erg li c h en , d i e a ls ers t e Fra u
u n d Na t u r wi s s en s c h a ft l e ri n d e n S p ru n g a n ei n e R e gi e ru n gs s p i t z e s c h a fft e . . . B e -
v o r T h a t c h e r z u r E i s e r n e n Ka n z l e r i n a u f s t i e g , b e g l ü c k t e s i e a l s C h e m i k e r i n d i e
B rit en mit d er En t wick lun g d es S oft ei s. Ein s olch er E rfolg bli eb An gela M erk el in
der Wissenschaft versagt. Das Resultat ihrer Arbeit fällt eher bescheiden aus."

„Was ist sozialistische Lebensweise?"


An g ela M erk e l s t u d i ert e v on 1 97 3 bi s 19 78 P h ys i k a n d er Ka r l-M a rx -Un i ve rs i t ä t .
Di e Hoc hschu le in Lei p zi g wa r 1409 von Akad emik ern d er üb erhaupt ä lt est en
d eu t s c h en Un i v e r s i t ä t , d e r P ra g e r, g e grü n d et wo rd en . Im Z we i t en W e lt k ri e g wu r -
den 80 Prozent der Leipziger Leh r - und Fo rschungs einrichtungen sowi e 70 Prozent
d es B ib li oth eksb estand es du rch Lu ftan gri ffe d er „B ef rei er" verni cht et . Zah lreich e
wi s s en s c h a ft li ch e Kor yp h ä en d er Un i vers i t ä t Lei p zi g k a m en i m B om b enk ri eg u m
od er fielen sonstigen alliierten „Befreiun gs" - Aktion en zu m Op fer. Am 5 . M ai
1 95 3, d em 13 5 . Geb u rt s t a g von Ka rl M a rx, e rfo lgt e d i e Ta u fe d er Un i vers i t ä t a u f
d e n N a m e n d i e s e s a u s d e r T a l m u d g e l e h r t e n -F a m i l i e H i r s c h e l h a - L e v i s t a m m e n -
d en B e g rü n d er s d e s Kom m u n is m u s . Da s h a t m a n 1 9 9 1 rü c k g ä n gi g g em a c h t . S ei t -
dem lautet der offizielle Name wieder, wie früher: Universität Leipzig.
Au c h hi n si c ht li ch An gela M er k els Un i vers i t ä t s zei t k u rsi ere n in M ed i en E rzä h lu n -
g e n ü b e r A k t e d e s „ W i d e r s t a n d s " b z w. d e r W e i g e r u n g , s i c h d e m r o t e n R e g i m e
zu unterwerfen. Merke! selbst stellt herau s, maßgeblich an einer zweimal die
W o c h e v e r a n s t a l t e t e n „ D i s k o" i h r e r F a k u l t ä t b e t e i l i g t g e w e s e n z u s e i n , b e i we l -
40
c h e n Ge l e g e n h e i t e n s i e „ a l s B a rd a m e " d i e v o n i h r b e s c h a f f t e n Ge t r ä n k e , v o r a l-
lem „Ki rsch -Whisk y", profitabel verkauft habe. Angela Merkel wi ll dies irgend wi e
a ls i h r früh es B ek en nt ni s zu r M a rkt wi rt s c h a ft m i tt en im rea l exi s t i er en d en S ozi a-
lismus verstanden wissen.
Di e a ls C DU- n a h gelt en d e C hefi n d es Al l en s b a ch er M ei nu ngs fors c h u n gs i n s ti tu t s ,
P r o f. D r. E li s a b et h N o e l l e, m e i n t e es v e rm u t li c h b e s on d e r s gu t m i t d e r V o rs t eh e-
r i n d er C h ri s t d e m ok ra t en , a ls s i e a m 1 7 . N o v em b e r 2 0 0 4 i n d e r „ F ra n k fu rt e r Al l-
gem ei n en " u nt er d er S c h la gze i le „S i e gi lt a ls k lu ge Fra u " ü b er M erk els Lei p zi ge r
S t u di u m i n di e W elt s et zt e: „ Ab e r d i e ei gen t li c h vorg es c h ri eb en en m a rxi s t i s ch en
B e g l e i t k u r s e b e s u c h t e s i e n i c h t . " M e r k e l s e l b s t s t e l l t i h r e T e i l n a h m e a m ob l i g a-
torischen marxistisch -leninistischen Ausbildungsprogramm d er Universität nicht in
Ab r e d e . Al l e r d i n g s f ü h r t s i e f ü r s i c h i n s F e l d , d a s s i h r e A b s c h l u s s a rb e i t i n M a r -
xi s m u s -Len i n i s m u s zu m Th em a : „ Wa s i s t s ozi a li s t i s ch e Leb en s wei s e ?" s ei n er zei t
„ v i e l K r i t i k g e e r n t e t " h a b e — we i l „ z u v i e l ü b e r d i e B a u e r n u n d z u we n i g ü b e r
die Arbeiterklasse" enthalten gewesen sei.
N a c h p r ü f b a r i s t d a s n i c h t . D e n n d i e s c h r i f t l i c h e n A r b e i t e n An g e l a M e r k e l s i m
universitären Pfllichtfach Marxismus- Leninismus sind samt und sonders irgend wie
p e r d u g e g a n g e n , g e l t e n j e d en f a l l s a l s n i c h t m e h r a u f fi n d b a r . Au c h i h r E l a b o r a t
„Wa s i st s ozia li sti sch e Leb en swei s e?" i s t — s o Mü ller- Vogg — „i n d en Ak ad emi e-
Ak t en nicht m eh r zu find en ". Fra u M erk el m acht gelt end , üb er k ein erlei Abs chrift
o d e r Ko p i e z u v e r f ü g e n . Au c h P r o f . La n g g u t h s c h r e i b t i n s e i n e r 2 0 0 5 e r s c h i e n e -
nen Biographie der CDU- Chefin: „Bislang ist keine jener Arbeiten Angela Mer k els
zu Fragen des Marxismus-Leninismus aufgetaucht."
N a c h Ab s c h lu s s i h r e s S t u d i um s (Di p l o m : 1 9 7 8 ) e rh i e lt An g e la M e rk e l „ ei n e d e r
begehrtesten St ellen an der Akademie d er Wissenschaften, der zentralen For -
s chun gsakad emi e d er DDR, und zwa r a m Zent ra lins titut für Ph ys ik a li sch e Ch emi e
(Z IP C )", wi e ih re Bi ographin S ch ley s ch reib t. Am ZIP C , B erlin- Ad lersh of, gab es
d a m a l s a l l e s i n a l l e m ru n d 6 0 0 M i t a rb ei t er . An g e la M e rk e l wi rk t e i n ei n em B ü r o
i m „Di en s t geb ä ud e 2 .1 4 ". Ih r Fa c h geb i et wa r d i e Qu an t enc h em i e. S c h le y wei t er:
„ D i e M i t a r b e i t e r d e r Ak a d e m i e g e n o s s e n i n d e r a n g e b l i c h k l a s s e n l o s e n G e s e l l -
schaft d er DDR gewisse Freih eiten und verfü gten üb er ein en im Vergleich zur
d u rc h s c h n i t t li c h e n D D R -B e v ö l k e r u n g g e h o b e n en L e b e n s s t a n d a rd . " D a s M on a t s -
g e h a l t d e r u n v e r h e i r a te t e n u n d k i n d e r l o s e n P h ys i k e r i n l a g z u l e t z t b e i we i t ü b e r -
du rch schnit t lich en 1012 Ma rk. M erk el -Bi ographin B oys en : „Au f Kon gres s en , zum
B ei s p i e l b ei d en r e g e lm ä ß i g a b g eh a lt en en Arb ei t s t a gu n g en d er Qu a n t en c h em i k e r
im Ostseeb ad Küh lun gsb orn, wo auch die jun ge Gru nd lagen forsch erin An gela
M e rk e l i h r e Ar b ei t d e r F a c h öf f en t li c h k ei t v o rs t e l l t e, t ra f en s i c h Wi s s en s c h a ft l e r
unterschiedlicher Nationalität ... Angela Merkel hatte diverse Male Gelegenheit,
41
lä n ger e Zei t a m H e yr ovs k y- In s t it ut an d er Ak a d em i e d er Wi s s en s c h a ft en i n P ra g
zu arbeiten."

Au c h b e zü g li c h An g e la M e rk e l s W i rk en a m In s t i t u t Ad l e rs h o f d e r Ak a d e m i e d e r
W i s s en s c h a ft en b e g e gn et m a n i n B i o gra p h i en g e l e g en t li c h H i n wei s en a u f a n g eb -
l i c h wi d e r s t ä n d l e r i s c h e b z w. wi d e r s p e n s t i g e H a n d l u n g e n d e r P o r t r ä t i e r t e n . S o
h ei ß t e s b ei E v e l yn R o l l ü b er d i e Ge wi e ft h ei t en d er An g e la M erk e l, s i c h a n o f fi -
z i e l l en P rop a ga n d a -V e ra n s t a lt u n g en , wi e e t wa d en 1 . M a i -D e m on s t ra t i on en , v or-
b ei zu m o g e ln : „S i e h a t s i c h ge d rü c k t , wa n n i m m e r e s gi n g, h a t s t a t t d e s s en li eb e r
b ei m Tellera b wa sch geh olfen i m R atsk eller Köp enick od er — gan z li sti g — ein en
R ec h n ert a g ei n gel egt a m In s t i t u t sc om p ut er. " (R ol l h a t ü b rigen s , li s t i ger wei s e, i h-
r e r M e r k e l- B i o g r a p h i e e i n e n A u s s p r u c h v o n M a x F r i s c h v o r a n g e s t e l l t : „ J e d e r
Mensch erfi ndet sich früh er oder spät er ein e Geschichte, die er für sein Leb en
hält. Oder eine ganze Reihe von Geschichten.")

Agitation in der blauen Bluse


W a s n u n d i e La u f b a h n v o n A n g e l a M e r k e l i n d e r „ F r e i e n D e u t s c h e n J u g e n d " b e-
t ri fft , d er DDR- S t a a t s ju gen d orga n i s a ti on , wi ll m a n wei s m a c h en , d a s s s i e di e E nt -
s c h e i d u n g z u m M i t m a c h e n n i c h t , wi e e i n S c h u l f r e u n d s i c h e r i n n e r t , „ s e l b s t u n d
g a n z v o n s i c h a u s g e t r o f f e n " h a b e u n d a u c h n i c h t e t wa „ g l ü h e n d e F D J - Ak t i v i s-
t i n " ( „ B e r l i n e r M o r g e np o s t " , 1 8 . S e p t e m b e r 2 0 0 5 ) g e we s e n s e i , s on d e r n d a s s e s
s i c h b e i i h r e m B e i t r i t t a l s S e c h z e h n j ä h r i g e — ä h n l i c h wi e z u v o r b e i i h r e m An -
schluss an die Jungen Pioniere — um „ein Schutzprogramm" gehandelt habe.
S p rich : FDJ -Gen os sin s ei An gela M erk el nu r zu r Ta r nun g gewes en . Und Bi ograph
Wolfgang Stock tischt folgende Geschichte über das angeblich jähe Ende des
„S chut zp rogram ms " au f: „Nach ein er FDJ -Weihn acht sfei er gibt es Krach, wei l si e
d a s c h ri s t li c h e Li ed , E s i s t e i n R os ' en t s p ru n g en ' a n g e s t i m m t h a t . Da m i t i s t M e r -
kels FDJ-Karriere schnell beendet."
N a c h g e wi e s e n i s t , d a s s An g e l a M e r k e l n i c h t n u r a l s J u g e n d li c h e , s on d e r n a u c h
n o c h — a b 1 9 7 8 — a l s e r wa c h s e n e V o l l a k a d e m i k e r i n a n d e r Ak a d e m i e d e r W i s -
s en s c h a ft en d e r DDR , wo m a n lä n g er a l s i n a n d er en B e r ei c h en , n ä m li c h b i s zu m
30. Lebensjahr, der FDJ angehören konnte, bei den roten Blauhemden rührig
wa r . B e i Hu g o M ü l l e r - V o g g, M e rk e ls H o fb i o gra p h en , r ed uz i e rt s i c h d a s a u f „ ei n
k l ei n es P ös t c h en a l s F DJ -Ku lt u rb e a u ft ra gt e a m In s t i t u t ". An g e l a M e rk e l s ei g en e
E rk lä run g zu ih ren Ad lersh ofer FDJ -Ak t i vitä t en : „Ic h hab e Th eat erka rt en b es orgt ,
B u c h l es u n g en o rga n i s i e rt , z. B . d i e B ü c h e r j ü n g e r er s o wj et i s c h er S c h ri ft s t e l l e r,
V o rt rä g e. Au c h a l l e s , wa s z wi s c h en d en Z ei l en k ri t i s c h g eg e n ü b er d e r D DR wa r,
h a t u n s i n t e r e s s i e r t . " W o l f g a n g S t o c k z u m T h e m a An g e l a M e r k e l u n d d i e F D J :
42
„Aus der Einstellung, ,etwas für den Menschen tun zu wollen', lässt sich ihre
FDJ-Arbeit erklären. Sie sieht diese Mitgliedschaft als Möglichkeit zur Organisati-
on von kulturellen und sportlichen Veranstaltungen sowie als Hilfeleistung bei
sozialen Problemen, nicht als politische Arbeit unter jungen Menschen.”

Spätestens hier aber wird es denn auch Biographin Evelyn Roll zu bunt: Angela
Merkel habe, betont sie, „als Schülerin das blaue Hemd einer Organisation ge-
tragen, die in der Bundesrepublik als verfassungsfeindlich erklärt war" (gemeint
ist die FDJ); auch sei Merkel, wie es bei Roll weiter heißt, „tatsächlich FDJ-Se-
kretärin für Agitation und Propaganda an der Akademie der Wissenschaften" ge-
wesen. Biographin Jacqueline Boysen hält fest: „Angela Merkel übernahm ganz
selbstverständlich eine Funktion im Sekretariat der FDJ- Grundorganisation an ih-
rem Institut. Zwang oder Überredung waren nicht notwendig ... Während Kolle-
gen von damals sich an Angela Merkel in der Position der FDJ-Sekretärin für
Agitation und Propaganda erinnern, beschreibt sie selbst ihre damalige Aufgabe
in der staatlichen Jugendorganisation als die einer Kulturfunktionärin." Seit An-
fang 1984 dann sei „die Doktorandin nicht mehr in der FDJ- Leitung aktiv" gewe-
sen, „um sich ungestört auf ihre Dissertation zu konzentrieren", teilt Boysen wei-
ter mit.

„Professor Hans- Jörg Osten war mehrere Jahre lang der FDJ- Sekretär am Insti-
tut, Merkels FDJ- Chef also gewissermaßen", fährt Evelyn Roll fort. Sie zitiert ei-
nen Bericht Ostens, demzufolge Angela Merkel sich „vor allem um das so ge-
nannte Studienjahr zu kümmern hatte, eine monatliche Zwangsveranstaltung zur
politischen Weiterbildung". 2001 wurde Prof. Osten hinsichtlich Angela Merkels
FDJ-Aktivitäten von „rbb-online" wie folgt zitiert: „Sie hat sich da sehr engagiert
Wir waren auch zusammen im Ferienlager, sie hat die älteste Mädchengrup-
pe betreut." Prof. Langguth wiederum schreibt in seiner Merkel-Biographie von
2005: „Osten kann sich nicht an die genaue Funktion seiner damaligen Kollegin
erinnern, wohl aber daran, dass sie in dem vier- bis fünfköpfigen Leitungskreis
unter anderem für das ‚Studienjahr' verantwortlich war — worunter ,politische
Bildung' und die Vermittlung des Marxismus-Leninismus verstanden wurde."

Zu Beginn ihrer Karriere als Bundesministerin übrigens hatte Angela Merkel in


einem Interview mit der „Ostsee- Zeitung" geäußert. „Wir müssen lernen, über
unsere eigene Vergangenheit zu sprechen. Wenn ich heute durch die neuen Bun-
desländer reise, habe ich den Eindruck, dass niemand in der Gewerkschaft, der
Partei oder der FDJ war. Es gibt nur den Schrei nach vier oder fünf Leuten, die
man an der Fahnenstange hängen sehen will."

43
Mit der Stasi in Büro und Hausflur
Im Physikalischen Zentralinstitut der Akademie der Wissenschaften arbeitete An -
gela Merkel Schreibtisch an Schreibtisch mit Frank Schneider, der auf den Spitz-
namen „Schnaffi" hörte und sich später als langjähriger Zuträger des Ministeri -
ums für Staatssicherheit entpuppte (IM „Bachmann"). Merkel-Biographin Boysen:
„,Schnaffi' berichtete seinem Führungsoffizier, dass die Kollegin Merkel eine
,saubere politische Haltung' vertrete. Sie wäre nach ihren eigenen Aussagen we -
niger von ihrem kirchlichen Elternhaus geprägt als vielmehr durch Schule und
Studium, würde sich Argumenten zugänglich zeigen und offen ihre Meinung sa -
gen. Haltung und Handlungen — so die Beobachtung des IM — stimmten bei ihr
überein."

IM Bachmann alias Schneider alias Schnaffi schnüffelte bis in den Intimbereich


der Auszu forschenden hin ein. Er gab bei der Stasi u. a. von ihm registrierte
„mehrere Liebschaften" zu Protokoll und dass er gelegentlich einen der Liebhaber
nur im Bademantel bekleidet in der Wohnung seines Ausspähungsopfers vor -
gefunden habe. Zugleich betonte er, dass Angela Merkel über eine „politisch po -
sitive Grundeinstellung" verfüge.

Wenn nun Prof. Langguth den Eindruck gewonnen hat, dass Frau Merkel in der
DDR „ihr Engagement nie so weit trieb, dass auch nur ein Hauch einer wirk -
lichen Opposition spürbar gewesen wäre", so lässt sich jedenfalls ziemlich sicher
sagen, dass die Stasi tatsächlich keinen Hauch verspürte.

In diesem Zusammenhang bleibt nachzutragen, dass Angela Merkel 1992 von ei-
nem Stasi- Anwerbeversuch berichtete, der sich 1978 abgespielt habe. Geschehen
sei es, als sie sich um eine Forschungsstelle an der Hochschule in Ilme nau be-
worben h ab e. Z wei Agen te n d es M fS h ätten si e in ei nem Treppenhaus der
Hochschule eine halbe Stunde lang bedrängt. Sie aber habe das Duo abblitzen
lassen und schließlich mit der Drohung vertrieben, dass sie den Versuch, sie als
Spitzel zu keilen, an die große Glocke hängen werde. Jacqueline Boysen schreibt
dazu in ihrer Merkel-Biographie von 2005: „,Bild' und ,BZ' schmückten die Details
zu diesem Anwerbungsversuch der Stasi weidlich aus: Scheinwerfer hätten die
gnadenlosen Offiziere auf Angela Merkel gerichtet — ein für Anwerbungsversuche
im Treppenhaus einer Hochschule wohl doch eher untypisches Szenario. In den
Akten der Behörde des Bundesbeauftragten für die Unterlagen der Staatssicher -
heit wiederum, wo ein solcher Vorgang üblicherweise Spuren hinterlassen hätte,
finden sich darauf bislang keine Hinweise." Recherche ist hier übrigens beson -
ders schwierig: „Angela Merkel lässt keinen Einblick in die Stasi- Unterlagen zu."
(Langguth).
44
M a t t h i a s Kr a u ß , d e r p o l i t i s c h l i n k s a n g e s i e d e l t e B i o g r a p h v o n An g e l a M e r k e t ,
m a c h t s i c h we g en i h r er W e s t r e i s e 1 9 8 6 ei n i g e Ge d a n k en : „ M i t 3 2 d u r ft e An g e la
M erk el zu r Hoc h zei t i h rer C ou s in e n a ch Ha mb u rg. Ob woh l s olc h e R ei s en vi e l öf -
ter stattgefunden haben, als man heute gemeinhin annimmt — eines jedenfalls
war n icht alltäglich : Dass ein e jun ge, geschied en e und kind erlose Ostb erlin er
Ak a d e m i e wi s s e n s c h a f t l e r i n m i t k i r c h l i c h e m E l t e r n h a u s 1 9 8 6 b e i n a h e m i r n i c h t s
d i r n i c h t s n a c h H a m b u r g f u h r . N i c h t z u m B ru d e r o d e r z u d e n E l t e r n . N i c h t z u m
O n k e l o d e r z u d e n G r o ß e l t e r n . N e i n , z u V e r wa n d t e n d ri t t e n Gr a d e s , wi e d a s d a-
m a l s h i eß . Zu d i es e m u n g eh eu r en V e rt ra u en s b e we i s k a n n m a n i h r i m Na c h h i n e i n
n u r n oc h g ra t u li e r en . Un d An g e l a M e rk e l h a t d a s i n s i e g es e t zt e V ert ra u en n i c h t
enttäuscht." Übrigens wei lt e Angela Merk el wenige Ta ge vor dem Mauerfall
1989 erneut in Hamburg, diesmal zum 85. Geburtstag ihrer Großtante Emilie
(„Tante Emmy"(.

Moskauer Nächte/California Dreamin'


Einen vielleicht noch bemerkenswerteren „Vertrau ensbeweis" ab er brachte die
DDR d em lan gjäh ri gen Leb ens gefäh rt en An gela M erk els, P rof. Dr. J oach im Sau er,
en t geg en , d er s ei t 1 9 98 ih r zwei t er E h ega t t e i s t . B i ogra p h La n ggu t h : „ In t ere s s a n t
i s t , d a s s S a u e r n oc h zu r DDR- Z e i t , n ä m li c h 1 9 8 8 u n d 1 9 89 , fü r i n s g e s a m t s ec h s
M onat e ein Forschun gsau fentha lt b ei P rofes s or R einha rd Ahlri chs vom In s titu t fü r
Physikalische Chemie der Universität Karlsruhe genehmigt wurde."
Einen „Dank an Dr. Joachim Sauer für kritische Durchsicht des Manuskriptes"
e n t h i e l t An g e l a M e r k e l s a m 8 . J a n u a r 1 9 8 6 b e i d e r Ak a d e m i e d e r W i s s e n s c h a f-
ten der DDR, Zentra linstitut für Ph ysikalische Chemi e, P rofess or Dr. Lut z Zü licke,
ein gereicht e Arb eit zu r E rlangun g d es Dokt orgrad es d er Natu rwi s s ens cha ft en (Dr.
rer. n a t . (. Di e ei n hun d ert d reiu nd fün fzi g S c h rei b m a s ch in ens ei t en u m fa s s en d e Di s-
sertationsschri ft trug den Tit el: „Unt ersuchung des M echanismus von Zerfa lls -
reak ti on en mit ein fach em Bindun gsb ruch und B erechnun g ih rer Ges ch windi gk eit s -
konstanten auf der Grundlage quantenchemisch er und statistischer M ethoden ".
Der Dank d er Dokt orandin für Du rch sicht sdi en st e ga lt „j enem J oachi m Sau er, d er
ihr guter Freund und damals noch verheiratet war und den sie 13 Jahre später
selbst heiraten sollte". (Nicole Schley(.
Üb er S a u er s p ä t er m eh r. Nu r ei n es s c h on vor weg : S ei n ra d i k a ler Ta p et en wec h s el
k u rz n ach d em M au erfa l l — von Os t b erli n n a c h S an Di eg o/ Ka li forn i en — k ön n t e
auch von Einfluss auf den Paradigmen wechsel zugunsten der USA b ei Merk els
V o r m a c h t -V o r l i e b e g e w e s e n s e i n . L a n g e n ä m l i c h wa r s i e v o n d e r S o w j e t u n i o n
hingerissen. So liest man bei ihrer Biographin Boysen: „Angela Merkel hatte seit
45
ihrer Schulzeit ein Faible für die Sowjetunion und nahm begeistert am Aus -
t a u s c h p r o g r a m m d e r Ak a d e m i e d e r W i s s e n s c h a f t e n t e i l . " D i e s e s „ F a i b l e " h a t t e
sie b eispielsweise auch zu ein er woch en la n gen „Tramp - Tou r" 1983 du rch die
Uni on d er S ozi a li sti sch en S owj et repub lik en veran la ss t, di e bi s nach B aku a m Ka s -
p i s c h en M e er fü h rt e. Au ß e rd em s ei es , s o d a s „M u n zi n g e r - Ar c h i v ", An g e la M e r -
kels „ursprünglicher Berufswunsch" gewesen, Lehrerin für Russisch zu werden.
Als n un ab er ih r Leb en sgefäh rt e Dr. Sau er, ein e Kor yp hä e au f d em Geb i et d er
ch emi sch en Fors chun g in d er DDR, Fa ch gebi et : Zeoli th e, 1990/91 a ls h och d oti er -
ter Deputy Technical Director bei Bios ym Technologi es Inc. im kalifornischen San
Di ego wi rk en k onnt e, st i eg An gela M erk els Am erikab egeis terun g in st ei le Höh en.
Seither auch ist speziell Kalifornien erklärtermaßen ihr „Traumland".
La n ge b evor ihr Ca li forni a Drea min ' b egann, a ls o n och in Zei t en, a ls si e eh er von
M o s k a u e r N ä c h t e n t rä u m t e , h a t t e An g e l a Ka s n e r 1 9 7 7 i n e r s t e r E h e U l r i c h M e r -
k el, ein en Kom mi lit on en an der Fa ku ltät fü r Ph ys ik d er Univers itä t Lei p zi g, geh ei -
ratet. Die b eiden waren sich bei gemeinsamer Teilnahme an einem Studenten -
a u s t a u s c h m i t d e r S o wj e t u n i o n n ä h e r g e k o m m e n . D i e R e i s e h a t t e n a c h M o s k a u
und Leningrad geführt.
Ulrich M erk el stammt au s dem thü rin gisch en Vogtland . Sein em Vater geh örte
d o r t , b i s e r v o n d e n Ko m m u n i s t e n e n t e i g n e t wu r d e , e i n m i t t e l s t ä n d i s c h e r T e x t i l -
b e t r i e b . D i e k i r c h l i c h e T r a u u n g An g e l a K a s n e r s m i t U l r i c h M e r k e l f a n d i n d e r
Geo rg en -Ka p el le zu Tem p li n s t a t t. Der wei h evo l le Ak t wu r d e von ei n em b efreu n -
d et en P farrer vollzogen , nicht von Vat er Ka sn er. Das s b ei An gela M erk el vi el Li e -
be in der Beziehung zu ihrem erst en Mann im Spiel gewesen wäre, kann man
den Quellen nicht gerade entnehmen. Sie sagt selbst: „Hauptgrund für die
s c h n e l l e H ei ra t i s t g e we s en , d a s s es ei n e C h a n c e, g em e i n s a m ei n en Arb ei t s p la t z
am gleich en Ort zu b ek ommen , nu r dan n gab, wen n man verh eiratet war." Die
„Berliner Morgenpost" schrieb dazu am 18. September 2005: „Angela Merkel
macht heute keinen Hehl daraus, dass die Heirat handfeste Gründe hatte. Ge -
meinsamen Arbeitsp latz und Wohnung gab es b evorzugt für Eheleute." Merk el -
Biograph Matthias Krauß ergän zt: „Ein zin sloser Eh ek redit in Höh e v on 5000
DDR-Mark war auch nicht zu verachten."
E s d a u e r t e n i c h t a l l z u l a n g e , d a l i e ß An g e l a M e r k e l i h r e n e r s t e n Ge m a h l f a l l e n .
D i e T r en n u n g gi n g v on i h r a u s . B i o g ra p h i n Le ß n erk ra u s : „ D a s j u n g e P a a r fi n d et
i n d er B e r li n e r M a ri en s t ra ß e e i n e Hi n t erh o f woh n u n g . . . U lr i c h M e rk e l r en ovi e rt
nach Feierab end die ziemlich heruntergek ommene Wohnung. 1981 ist er fertig
u n d z u f ri e d e n m i t d e r R e n o vi e r u n g, d a v e r l ä s s t i h n s e i n e F r a u . " D i e S c h e i d u n g
erfolgt e 1982, nach knapp fünf Ehejahren. Angela Merkel konnte es im Nach -

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hinein offenbar gar nicht schnell genug gegangen sein. „Nach drei (I) Jahren
waren wir wieder geschieden", erzählte sie 1991 der Journalistin Koelbl. Ulrich
Merkel hat es übrigens zum Dozenten an der Humboldt-Universität gebracht. Po-
litisch soll er ein Anhänger der Grünen sein.

„Angies" Traumland
Laut Biographin Leßnerkraus hat Angela Merkel den fünf Jahre älteren, an der
Akademie der Wissenschaften bereits arrivierten Chemiker Dr. Sauer, ihren spä-
teren zweiten Ehemann, „Anfang der 80er- Jahre" in Ostberlin kennen gelernt.
Leßnerkraus weiter. „In der Kantine (der Akademie) beim gemeinsamen Mittag-
essen soll es geknistert hab en." Bei Langguth liest sich der Sachverhalt so:
„Sauer war bereits einmal verheiratet. Aus dieser im Jahre 1969 geschlossenen
Ehe mit einer einstigen Klassenkameradin, einer diplomierten Chemikerin, gingen
zwei Söhne (Daniel und Adrian) hervor. Sauers erste Frau, die lange Jahre we-
gen der Kindererziehung nicht berufstätig war, arbeitete später als Lektorin. An-
gela Merkel war zeitweise im Hause Sauer eingeladen. Sauer zog 1983 aus der
gemeinsamen Wohnung aus. 1985 erfolgte die Scheidung ... Die beiden Söhne
lebten nach der Trennung bei der Mutter."

Joachim Sauer ist am 18. April 1949 als Sohn eines Konditors in Hoyerswerda/
Sächsische Schweiz (nach anderen Angaben: Chemnitz) geboren worden. Ab
1967 studierte er Chemie an der Humboldt- Universität, 1972 machte er sein Di-
plom, 1974 promovierte er, ab 1977 arbeitete er an der Akademie der Wissen-
schaften, 1982 erhielt er den Friedrich-Wöhler -Preis der Chemischen Gesellschaft
der DDR, 1985 habilitierte er sich an der Ostberliner Akademie. Zu dieser Zeit
war Angela Merkel, seine Geliebte, mit ihrer Doktorarbeit beschäftigt, die von
ihm, wie bereits erwähnt, „kritisch durchgesehen" wurde. Langguth: „Häufig wur-
de Sauer seitens der Akademie nach Prag ‚delegiert', wo ihm Forschungsaufent-
halte bei dem bedeutenden tschechischen Wissenschaftler Rudolf Zahradnik vom
Heyrovsky-Institut ermöglicht wurden. Sauer und Merkel hatten sich gelegentlich
in Prag getroffen. Auch Angela Merkel war sehr häufig bei Zahradnik."

Sauers Verpflichtung nach Kalifornien, wo er 1990/91 als Forschungsdirektor,


Spezialgebiet: Katalyse, bei Biosym Inc. wirkte, geschah zu einer Zeit, als sich
„Headhunters" im Auftrag von US- Konzernen mit dicken Scheckbüchern im zer-
bröckelnden Ostblock nach Experten „umschauten". Bei Biosym — gegründet 1984
von Arnold T. Hagler, seit 1992 Teil des internationalen Corning- Konzerns — han-
delt es sich um ein führendes Unterneh men der biochemischen Industrie der
USA. Von der internationalen Reputation zeugt die enge Kooperation u. a. mit
47
d e r H i g h- T e c h - In d u s t ri e d e s S t a a t e s Is r a e l ( s i e h e : „ C o o p e r a t i on B e t we e n Is r a e l
and th e Sta t e of C a li fornia ", www. j ewi s h vi rtua llib ra ry. org). An gela M erk el st att e-
te ihrem „Achim" ausged ehnte Besuche an sein er neu en Wi rkungsstätte in San
Di ego a b . Als o t ri f ft d i e gä n gi ge Da rs t e llu n g n i c ht zu , ih re US -R ei s e a l s B u nd es-
m i n i s t e ri n v om 1 1 . b i s zu m 17 . S ep t e m b er 1 9 9 1 , b ei d e r Ka n z l e r Koh l s i e i n Wa -
s h i n gt on d e m P rä s i d en t en B u s h s en i o r a l s „ m ei n e N eu e " vo r s t e l lt e, s ei i h r e rs t e r
Amerikatrip gewesen.
Ka li forn i en , J oa c hi m S au ers vorü b erg eh en d e n eu e Hei m a t , wa r von d en S p an i ern
i n B e s i t z g e n o m m e n w o r d e n u n d g e h ö r t e d a n n z u M e x i k o . Au c h d i e R u s s e n u n -
t erh i elt en d ort ei n s t S t ü t zpu nk t e. E rs t M i tt e d es 1 9 . J a h rhu nd ert s ri s s en d i e US A
d a s La n d a n s i ch . Di e In d i a n erfra g e fü h rt e m a n d er ü b li c h en a m eri k an i s ch en E nd-
l ö s u n g z u . D i e l e t z t e n n o c h „ i n f r e i e r W i l d b a h n " l e b e n d e n „ R o t h ä u t e " wu r d e n
n a ch E nt d ec kun g ge wa lt i ger Gold v ork om m en „e rl egt ". S i e h ä t t en b ei d er Au s b eu-
t un g vi el lei c h t s t ören k ön n en. Der Gold ra u s c h b rac ht e a u ch rei c h li ch n eu es Geld
i n di e Ka s s en d es n ord a m eri k a n i sc h en Groß k a pit a ls , welc h es n i c h t zu let zt d er Fi -
nanzierung des Ausgreifens der USA in den karibischen und den pazifischen
Raum zugute kommen konnte.
In d en e r s t en J a h r z eh n t en d es 2 0 . J a h rh u n d e rt s et a b li e rt e s i c h i m k a li fo rn i s c h en
Hol l ywood , vor d en To ren vo n Los An g el es , ei n e a u fb lü h en d e Fi lm i n du s t ri e, d i e
i n d e n 1 9 3 0 e r - J a h r e n d u r c h er f o l g r e i c h e Ko n k u r r e n z a u s E u r o p a ( U f a , P ot s d a m-
B a b els b erg; C i n ec i t tä , R om ) a u f d em i n t ern a ti on a len M a rkt i n B ed rä n gn i s geri et .
D e r S t u r z d e s F a s c h i s m u s i n It a l i e n 1 9 4 3 u n d d i e N i e d e r l a g e d e s N a t i on a l s o z i a-
l i s m u s i n D eu t s c h la n d 1 9 4 5 k l ä rt e d i e W e t t b e we r b s s i t u a t i on g rü n d li c h . E n d e d e r
1 9 9 0 e r -J a h r e wu rd e e i n er b r ei t e r en Öf f en t li c h k ei t b ek a n n t , d a s s H o l l ywo o d - P r o-
dukti on en d urch Fi lm fond s, derer s ich gewi eft e An leger b edi en en, m it jäh rli ch ca.
anderthalb Milliarden Euro aus bundesrepublikanischem Steu ergeld subventio-
n i ert we rd en . B ra nc h en in t ern b ezei c h n et m a n d i es e M i tt el i n Am eri k a a ls „s t u p id
G e r m a n m o n e y" . S o k a n n m a n a l s o s a g e n , d a s s d i e k a l i f or n i s c h e „ T r a u m f a b ri k "
ü b er d en oh n eh i n s c h on rei c h e n R ei b a c h d u rc h s t a rk en Ab s a t z i h r e r P r od u k t e i n
D e u t s c h l a n d s Li c h t s p i e l h ä u s e r n u n d T V -An s t a l t e n h i n a u s a u c h n o c h e r h e b l i c h
vom Steuergeld der Deutschen zehrt.
Ka li forni ens Au fsti eg nach 1945 zu ein em füh rend en Tec hnologi e- St aat wi ed erum
wu r d e d u rc h d e n E r t r a g d e r U S -B e u t e k o m m a n d o s b e i d e n B e s i e g t e n b e g ü n s t i g t .
In s b e s o n d e r e d i e n a c h d e m Z w e i t e n W e l t k r i e g a u f In i t i a t i v e d e s P e n t a g o n s g e -
g r ü n d e t e R AN D C o r p o r a t i o n m i t S i t z i n S a n t a M o n i c a / Ka l i f o r n i e n wa r f ü r d i e
Au s wert u n g d er Au s b eu t e zu s t ä n d i g. Wa s a n b erei t s ver wi r k li c ht en od er n oc h im
Versuch sstadium b efin d lich en Technik en aller Art im n ied ergeworfen en Deut-
s c h en R e i c h 1 9 4 5 v o r g e f u n d en wo r d e n wa r , h a t t e d en a l l i i e r t e n E x p e r t en s c h i e r
48
d e n At e m v e r s c h l a g e n . D i e d e u t s c h e W i s s e n s c h a f t wa r d e r U S- a m e r i k a n i s c h e n
auf zahlreichen Feldern weit voraus, in einigen Bereichen sogar um Jahrzehnte.
„Deutsch land gibt sein e reichsten Geh eimnisse preis", schlagzeilte der „News
C h r on i c l e " a m 2 1 . F e b r u a r 1 9 4 6 ; s e i t en we i s e b e r i c h t e t e d a s B l a t t ü b e r s e n s a t i o -
n e l l e W i s s e n s c h a ft s f u n d e b e i d e n D e u t s c h en , wo b e i d i e „ Au s w e r t u n g d e r S c h ä t -
z e d e n F o r t s c h r i t t a u f v i e l e J a h r e b e s t i m m e n " w e r d e . Im O k t o b e r 1 9 4 6 s c h r i e b
„Harp er's Magazin e", die Zah l d er in Deutsch land erb euteten Ak ten stü ck e mit
wi s s e n s c h a f t l i c h e n G e h e i m n i s s e n s e i a u f e i n e D r e i v i e r t e l m i l l i o n a n g e wa c h s e n ;
u m d i e d e u t s c h e n E n t wi c k l u n g e n d e n a n g l o p h o n e n E x p e r t e n b e k a n n t z u m a c h e n ,
s e i ei g en s „ ei n d eu t s c h - en g li s c h e s F a c h wö rt e rb u c h m i t et wa vi e r zi gt a u s en d n eu -
e n t ec h n i s c h en u n d wi s s en s c h a ft li c h e n Au s d rü c k en " v e rfa s s t wo rd en . Au ß e rd em
griffen sich die USA Hunderte Genies aus dem geschlagenen Großdeutschen
R e i c h . Di e R a k e t e n - u n d R a u m f a h rt p i on i e r e u m W e r n h e r v o n B r a u n s i n d d i e b e -
kanntesten Beispiele.
E n d e d e r 1 9 8 0 e r , An f a n g d e r 1 9 9 0 e r J a h r e f a n d d a n n e i n e r n e u t e r „ b r a i n d r a i n "
s t a t t . D i e s m a l wa r e s d e r Z u f l u s s v o n W i s s e n s c h a f t l e r n a u s d e m b e r s t e n d e n O s t -
b lock . Da von p rofiti ert en di e US A i m Allg em ei n en und di e in Ka li forni en an sä ssi -
gen Konzerne insbesondere.
Die breite Öffentlichk eit glaubt aufgrun d der gän gigen Berichterstattung, dass
s i c h An gela M e rk el m i t i h rem E h em a n n ü b li ch erwei s e i n i hrer n oc h a u s DDR - Zei -
ten stammenden uckermärkischen „Datsche"" einem See beim Örtchen Hohen -
wa ld e n a h e T em p li n zu r ek rei er en p fle g e ( we lc h es , ei n s t ei n e k lei n e K a t e n u r, i n -
z wi s c h en zu ei n em v on h oh en Fi c h t en u m g eb en en v e ri t a b le n La n d h a u s v on z we i
Geschossen geword en ist). So schreibt das meist aus Selbstauskünften der Por -
t r ä t i e r t e n s c h ö p f e n d e „ M u n z i n g e r -A r c h i v " : „ D a s E h e p a a r z i e h t s i c h a n g e m e i n -
s am en frei en Ta g en in s Feri enhau s in Temp lin zu rück . " Im „ Ka ndid at ench eck : An-
g e l a M e r k e l " d e s „ K ö l n e r S t a d t - An z e i g e r s " , 1 2 . S e p t e m b e r 2 0 0 5 , h i e ß e s : „ S i e
en tsp annt am lieb sten im Ferienhau s in d er Uck ermark , wo d er eigen e Garten
g e p f l e gt wi rd . " Da zu p a s s en h ä u fi g e M e rk e l -W en d u n g en i n In t er vi e ws wi e : „ F ü r
mich ist das Bodenständige sehr wichtig."
Wa h r i s t a lle rd i n gs a uc h , d a ss Ka li forn i en s ei t S a u ers v on B i os ym In c . ve rs ü ß t en
T a g e n v o n S a n D i e g o z u d e n b e v o r z u g t e n U r l a u b s z i e l e n An g e l a M e r k e l s u n d i h -
r e s M a n n e s g e h ö r t . B i o g r a p h i n Le ß n e r k r a u s : „ Im W i n t e r t r i f f t m a n d a s E h e p a a r
b ei m S k i la n g la u f i n d e r S c h we i z a n , i m F r ü h li n g od e r S om m e r zi eh t e s s i e n a c h
It a li en , a u f La Gom e ra od er i n M erk els Li eb li n gs la n d Ka li forn i en . " La n ggu t h b e -
ri c h t et ergä n zen d , d a s s s i ch Sa u er/ M erk el „ö f t er zu m Wa n d ern i n d er S c h wei z i n
Pontresina im Engadin" aufhalten.
49
In d e n wä h r e n d d e r 9 0 e r- J a h r e g e f ü h r t e n G e s p r ä c h e n d e r J o u r n a l i s t i n H e r l i n d e
Koelbl mit Merk el sind folgende Urlaubsaussagen enthalten: „Wir hatten auch
e i n e n s c h ö n en S o m m e r u r l a u b , e i n e w u n d e r b a r e K a l i f o r n i e n r e i s e . U r l a u b w e i t
w e g v o n d a h e i m h i l f t , d e n D i n g e n z u e n t f l i e h e n . In d i e s e n v i e r W o c h e n i s t e s
m i r g e lu n g en , ri c h t i g a b zu s c h a lt en . " (M erk e ) 1 9 9 4 ) . „ Vo r k u r z em wa r i c h i m U r -
la u b i n d er P r ov en c e. " (M e rk e) 1 9 9 5 ). „Ic h f li e ge Wei h n a ch t en n ac h Ka li forn i en .
Da fi c ht mi ch d a nn n ic ht s m eh r an . Wen n ic h frü h er Urla ub in m ein em Hä u s ch en
in der Uckermark machte, war das schrecklich." (Merke) 1996).

„Eine Amerikanerin in Deutschland"


„ Am eri k a s eh en . Ka li fo rn i en , S a n Di ego. " S o a n t wort et e An gela M erk e l i m J a h re
2 0 0 0 i n ei n em In t e r vi e w m i t d e r „ Z e i t " ( Au s ga b e N r. 6 j en e s J a h r e s ) a u f d i e F ra -
g e , wa s „ Ih r s c h ö n s t e s E r l e b n i s s e i t d e m F a l l d e r M a u e r " g e w e s e n s e i . G l ü c k s -
g e fü h l e i m f e rn en Li e b li n g s la n d a n d e r U S -W e s t k ü s t e g l ei c h n a c h d er D DR - W en-
de sind — wie gesagt — mutmaßlich nicht ohne Auswirkung auch auf den
Um sch wun g b ei d er M erk el' sch en Vormach t- Zun ei gun g geb li eb en : Vom Faib le fü r
d i e S o w j e t u n i o n z u r U S -B e g e i s t e r u n g . U n d d i e g l e i ß e n d e k a l i f o r n i s c h e S o n n e
sch eint 1990 u mgeh end gewirkt zu hab en , so d ass die USA d en Stich b ei „An -
gie" rasch machen konnten.
J e d e n f a l l s s c h r e i b t B i o g r a p h i n B o ys e n ü b e r M e r k e l s H a l t u n g s c h o n a l s s t e l l v e r -
t ret en d e P r es s es p r ec h eri n d er let zt en DDR -R e gi eru n g, d a s s s i e s i c h „i n d er Fra ge
k ü n ft i g e r a u ß en p o li t i s c h e r Ko n s t e l la t i on en " g e g en ü b e r d em M i n i s t erp rä s i d en t en
„p löt z li c h ga n z u n m i s s vers t ä nd li c h p os i t i oni ert " h a b e. B oys en wei t e r. „ Lot h a r d e
M a i zi é r e wa r i rr i t i ert , a ls s i e i h m b ed eu t et e, d a s s es d oc h ga r k ei n en Z we i f e l d a -
r a n g e b en k ö n n e , d a s s a u c h d a s v e r e i n t e D e u t s c h l a n d M i t g l i e d d e r N a t o b li e b e .
Z u d i e s e r Z e i t k u r s i e r t e u n t e r d e n o s t d e u t s c h e n V e r h a n d lu n g s p a r t n e r n , d i e i h r e
S k ep s i s g e g en ü b e r d e r N a t o l ä n gs t n i c h t ü b e r wu n d en h a t t en , ei n e Vi e l z a h l a n d e-
r e r M o d e l l e . . . D a s s s i c h s e i n e S p r e c h e r i n s o d e u t l i c h z u r N a t o b e k a n n t e , ü b e r-
raschte den Ministerpräsidenten."
M erk els Fa i b le fü r d a s US -d om i n i ert e W es t b ün dn i s u nd di e US A s c h lec h t h in s oll -
t e s i c h i n d e n f o l g e n d e n J a h r e n n o c h s t e i g e r n . Ih r e B i o g r a p h i n S c h l e y s c h r e i b t
v o n „ P r o- Am e r i k a n i s m u s ". M a n d a r f a n n e h m e n , d a s s R ep r ä s e n t a n t e n d e s U S- In-
s i d e r t u m s w i e d e r M e g a b a n k e r u n d F e d e r a l- R e s e r v e -B o s s Al a n G r e e n s p a n u n d
Hen r y Ki s s i n ger, e wi g e Gra u e E m i n en z d er a m eri k a ni s c h en P oli t i k , di e Fra u M er -
kel verschiedentlich Privataudienz gewährt en, der ohnehin schon westküs ten-
b egei st ert en d eut sch en Politik erin auch di e Herrli chk ei ten d er Ostkü st e na h e-
gebracht haben. Weiter hat sich Angela Merkel in Amerika von Persönlichkeiten
50
An der Verschlossenheit der „Frau mit der Maske" haben sich Merkel-
Biographen auf manchen Feldern ihrer Vita
51
die Zähne ausgebissen.
wie Pau l Wolfowitz (Sp itzn ame: „Velociraptor", nach ein em k lein en , au s d em
H i n t e r h a lt o p e r i e r e n d e n R ä u b e r d e s P a l ä o z ä n , s o z u s a g e n d e r P a r t i s a n u n t e r d en
S a u ri e r n ) u n d R i c h a rd P e r l e , d e r we g e n s e i n e r N e i g u n g , Ko n f l i k t e m i t B o m b en
u n d R a k et en zu l ös en , a u f d en s c h m u c k en B ei n a m en „ P ri n c e o f Da rk n es s " ( Fü r s t
d e r Fi n s t e rn i s ) h ö rt , er l ä u t ern la s s en , d a s s d i e C h e fs v on W h i t e H ou s e u n d Wa l l
S t reet b e ru fen s i n d , a ls d i e S h eri ffs d er We lt a u fzu t ret en . W es t li c h - wert e g em ei n -
s c h a f t l i c h u n t e r r i c h t e t wu r d e An g e l a M e r k e l ü b e r d i e s b e i T r e f f e n h i n t e r g r u n d -
m ä c ht i ger, t ra n s at la n ti s c h er In s id erk rei s e, zu d en en s i e a u f Vor la d u n g d er „Tri la -
tera l C om m i s s i on ", d er „ At la n t ik -B rüc k e" un d sc h li eß li ch , M a i 20 05 , a uc h d er s o
genannten Bilderberger erschien (darüber nachher mehr).
Im La u fe d e r Z ei t i s t es j ed e n fa lls s c h on s o wei t ged i eh en , d a s s d i e „ Fra n k fu rt er
R u n d s c h a u " a m 2 . Ap r i l 2 0 0 3 e i n e n M e r k e l- B e r i c h t m i t „ E i n e A m e r i k a n e r i n i n
Deu t s c h la nd " b et i t elt e u n d d as s d i e C DU -C h efi n 2 00 5 ei n B ek en n tn i s na ch B lu t s -
b a n d e n a r t v o n i h r e m S e m i -„ E c k e r m a n n " H u g o M ü l l e r - V o g g a u f s c h r e i b e n l i e ß :
„ D a s At la n t i s c h e B ü n d n i s h a t f ü r m i c h Äh n li c h k ei t m i t ei n e r F a m i li e. " Na c h d em
d i e Ka n z l e rk a n d i d a t i n vo m i s r a e li s c h en J ou rn a li s t en Ad a r P ri m o r ( S oh n d es e h e -
maligen Botschafters Is ra els in der Bundesrepublik, Avi Pri mor) eingehend befra gt
wo r d en wa r, g e wa n n d i es e r d e n E i n d ru c k , s o s ei n B e ri c h t ü b er d i e E i n v e rn a h m e
i m Zi on i s t en b la t t „ Ha a r et z " a m 1 4 . S ep t e m b e r 2 0 0 5 , d a s s e i n e Ka n z l e ri n M erk e l
m eh r Di s t a n z zu R u s s la n d sc ha ffen ( „m ov e a wa y from R u s s i a ") u nd d i e Verei n i g -
ten Staaten von Amerika umarmen werde („She will embrace the U.S.")

Das „Phantom" an ihrer Seite


J oa c h i m S a u e r a b e r ü b e rn a h m n a c h R ü c k k u n ft a u s Am e ri k a 1 9 9 2 d i e Le i t u n g d e r
„Arb ei ts grupp e Quan t ench emie" d er Ma x- P lan ck- Ges ells c haft, u m dann Leh rstuh l -
inhab er fü r Ph ysik a li sch e und Th eoreti sch e Ch emi e d er B erlin er Hu mb oldt - Uni ver -
sität zu werden. Dort wi rkt Sauer auch als Sprecher des „Sonderforschungsbereichs
546": Struktur, Dynamik und Reaktivität von Übergangsmetalloxid-Aggregaten.
P r o f e s s o r S a u e r u n d An g e l a M e r k e l h a b e n r u n d a n d e r t h a l b J a h r z e h n t e i n s o g e -
n a nn t er wi ld e r E h e m i t ei n a nder ge l eb t . B i ogra ph in Leß n erk ra u s : „ Fra g en n a c h ei -
n e r E h e m i t J oa c h i m S a u er b e a n t wo rt et s i e la n g e s t et s m i t d em S a t z , T ra u s c h ei n
— n e i n d a n k e , d a s h a t t e i c h s c h o n m a l . — B e i W o l f g a n g S t o c k l i e s t s i c h d a s f o l-
gen d ermaß en : „ La n ge lebt en si e un verh ei rat et zu sa mmen. M erk el hät t e sch on
g e rn frü h e r g eh ei ra t et , a b e r we i l s i e Ko n f o rm i t ä t h a s s t , wi ll s i e n a c h 1 9 9 0 , n a c h -
d em s i e i m R a m p en li c h t s t eh t , u n b ed i n gt d en E i n d ru c k v e rm ei d en , s i e h ei ra t e i h -
ren Leb en s g efä h rt en j et zt n u r, u m d er öffen t li c h en E rwa rt u n g ger ec h t zu werd en .
E r s t a l s s i e 1 9 9 8 n i ch t m e h r M i n i s t e r i n i s t , s o n d e r n a l s C D U - G e n e r a l s e k r e t ä r i n
52
ei n , Ei n er- Am t ' i n n eh at , i n d em es k ei n e glei c h ra n gi gen Koll eg en gi b t , m it d en en
s i e v e r g li c h en we rd en k a n n — d a h ei ra t et s i e J oa c h i m S a u e r s t a n d es a m t li c h : a m
3 0 . D e z e m b e r 1 9 9 8 , oh n e E l t e r n u n d o h n e T r a u z e u g e n . " De r Ak t wu r d e i m S t a n -
d e s a m t B e r l i n -M i t t e z u r M i t t a g s z e i t v o l l z o g e n ; k i rc h li c h l i e ß s i c h d i e P a s t o r e n -
t o c h t e r m i t d e m P r o f e s s o r n i c h t t r a u e n . E i n e k l e i n e An z e i g e i n d e r „ F A Z " v o m
2. Januar 1999 kündete vom Eheschluss.
E s g i b t v e r s c h i e d e n e M u t m a ß u n g e n , a u f w e s s e n In i t i a t i v e h i n s i c h d i e b e i d e n
n a c h s o l a n g e r Z e i t ü b e r h a u p t n o c h d a s o f f i z i e l l e J a -W o r t g a b e n . E s s o l l d a b e i
auch um die Überlegung gegangen sein, dass eine „wilde Ehe" immer noch in
m a n c h en V o lk s k r ei s en n i c h t g e r a d e „a n k om m t " . M a l h ei ß t e s , d e r „ gu t e R a t " zu r
Verheiratung habe vom s einerzeitigen C DU/CSU -Fraktionsc hef Wolfgang Schäuble
ges t a m m t ; m a l geh en d i e V er m u tu n gen i n R i ch tun g a u f ei nen „f reu n d li c h en , a b er
bestimmten Hinweis" des Kölner Kardinals Meisner.
J oa c h i m S a u e r s ei „R a t g eb e r s e i n e r p r o m i n en t en E h e f ra u " , h a t d i e „B i ld " (t - on li -
n e - Au s g a b e , 7 . Au g u s t 2 0 0 5 ) z u b e r i c h t e n g e wu s s t u n d a u c h e i n k o n k r e t e s B e i -
spiel dafür genannt „Sie nimmt ihn mit, wenn sie in Boutiquen Kleidung ein -
kauft." Die „Mitteldeutsc he Zeitung" wartete am 16. Oktober 2005 mit der
a t em b era u b end en In form a t i on a u f: „E r i s t es a u c h , d er ei n k a u ft u nd d en Hau s ha lt
in der Wohnung in Berlin -Mitte versorgt."
D a r a u f a b e r s c h e i n t s i c h d i e B e d e u t u n g d e s P r o f e s s o r s i n d e r S a u e r - M e r-
k e l ' s c h e n B e z i e h u n g s k i s t e n i c h t z u b e s c h rä n k e n . S c h o n 1 9 9 1 s a g t e An g e l a M e r -
kel d er Fotojournalistin Herlinde Koelbl auf d eren Frage, welchen Ein fluss ihr
M a n n a u f s i e a u s ü b e : „ W a s d i e P o l i t i k a n g e h t , s p i e l t e r e i n e g a n z wi c h t i g e R o l -
l e . " In ei n e m v on d e r „ B u n t e" a m 2 4 . J a n u a r 2 0 0 2 v er ö f f en t li c h t en In t e r vi e w b e -
k u n d et e M e rk e l : „ E s h ei ß t o ft , d a s s m ei n M a n n a l s p o li t i s c h e r B e ra t e r k ei n e R o l -
le sp i ele. Di ese Ei nschät zung en t sp rich t üb erha upt ni cht d en Ta tsach en. " Di e
„Sächsisch e Zeitung" meld et e am 15. Oktob e r 2005, Sauer habe sein er Leb ens-
g e f ä h rt i n s c h on i n i h r e r Fu n k t i on a ls P r e s s e s p r ec h e ri n d es „ D e m ok ra t i s c h en Au f -
bruchs", Anfang 1990, „geh olfen, als sie die erste wichtige Pressemitteilung
formulieren musste". Fern er notierte das Blatt „Er liest einige ihr er Parteitags -
red en , b evor si e si e hä lt . " M erk el - B i ograph Lan gguth 2005 : „Verm ut li ch übt er, —
d e r a ls ei n ‚b ri l la n t e r' Ko p f g i lt — m eh r p o li t i s c h en E i n f lu s s a u f An g e la M erk e l
aus, als bekannt ist oder vermutet wird."
N a c h a l l e d e m h a t d i e Ö f f e n t l i c h k e i t e i n g e s t e i g e r t e s In t e r e s s e d a r a n u n d w o h l
a u c h ei n R ec h t d a ra u f, Nä h e re s ü b er d a s Z o on p o li t i k on J oa c h i m S a u e r zu e r fa h -
ren , we lc h es a n geb li c h „p oli t i s c h eh er a u f C S U - s t a t t au f CDU -Li n i e li egt " (M er -
kel-Biograph Prof. Stock). Doch: „Auch Merkels zweiter Mann ist für die Presse

53
tabu." (Stock ). „Alles in allem versucht das Paar, sich völlig ab zu schirmen ."
( L a n g g u t h ) . „ S a u e r g i b t k e i n e In t e r v i e w s , g i b t n i c h t s v o n s i c h s e l b s t p r e i s . "
( S c h l e y ) . „ D e r M a n n a n M e r k e l s S e i t e w i l l u n b e k a n n t u n d un e r k a n n t b l e i b e n . "
( „ M ü n c h n e r M e r k u r " , 2 4 . O k t o b e r 2 0 0 5 ) . „ W e r i r g e n d e t wa s ü b e r d e n P r o f e s s o r
ausplaudert, der kann sich gleich eine neue Uni suchen", zitiert der „stern"
(Nr. 33/2005) einen Sauer-Studenten.
„ E r r ed et n i c h t m i t J ou rn a li s t e n ", s c h r i eb d i e „S ä c h s i s c h e Z e i t u n g " a m 1 5 . Ok t o-
b e r 2 0 0 5 u n d v e r ö f f e n t l i c h t e d e n W o r t l a u t d e r E -m a i l v o n S a u e r a n e i n e n Z e i -
t u n g s r e d a k t e u r , d e r u m e i n I n t e r v i e w g e b e t e n h a t t e : „ Ic h h a b e m i c h e n t s c h l o s -
s e n , k e i n e J o u rn a l i s t e n g e s p rä c h e z u f ü h r e n , d i e n i c h t d u r c h m e i n e T ä t i g k e i t a l s
Hoc h s c hu lleh r er u n d Fors c h er , s on d ern au s s ch li eß li c h d u rch di e p oli t i s ch e Tä t i g-
keit meiner Frau veranlasst sind." Biographin Schley üb er Sau er/M erk el: „Die
b e i d e n s c h e i n e n s i c h d a r ü b e r z u a m ü s i e r e n , wi e d i e P r e s s e ü b e r j e d e k l e i n e In -
formation herfällt, die sie ihr gezielt hinwerfen."
S o ist es k aum verwund erli ch, das s P rof. Sau er von J ou rna lis t en — in An spi elun g
auf seine Musiktheaterliebhaberei — zum „Phantom der Oper" („stern") erklärt
wo r d en i s t od e r M ed i en i h n a l s „ u n s i c h t b a r wi e ei n M o l ek ü l" ( „t a z ") b e z e i c h n en
b zw. i h n s c h li c ht u nd ergr ei f en d p er S c h la gz ei l e „D er Un s i c ht ba re" ( „Di e W elt ")
taufen. Mister Kirschbaum von der Nachrichtenagentur „R euters" schrieb am
8 . S ep t e m b er 2 0 0 5 v on S a u er a ls v on ei n e m „ m ys t e ri ou s m a n ", e i n er „s h a d o w fi -
gure behind Merkel".
N u r s e h r s e l t e n z e i g e n s i c h S a u e r / M e r k e l g e m e i n s a m d em g e m e i n e n V o l k e . E i n
öffentliches Schaulaufen des Paares gibt es immerhin einmal im Jahr bei den
B a yr e u t h e r F e s t s p i e l en , zu d e n en d e r b ek en n en d e W a gn er- F a n S a u e r r eg e l m ä ß i g
wa l l f a h r t e t , u m d a n n i m S p r e i z s c h r i t t m i t s e i n e r G e m a h l i n d a s S p a l i e r d e r P r o-
m i n en z -An ga f f e r u n d P r es s efo t o gra f en v or d e m F e s t s p i e lh a u s zu p a s s i e r en . F a s t
s c h on ei n er S en s a t i on gli c h e s , a ls d er k a m era li c h t s ch eu e M erk el -Ga t t e 2 0 0 4 b ei
d e r ö f f e n t l i c h z e l e b r i e r t e n B e r li n e r 5 0 - J a h r-Ge b u r t s t a g s f e i e r s e i n e r E h e f r a u e r -
s c h i en . S o l l t e e r g ea h n t h a b en , d a s s ei n a n d e r e r P a rt yga s t m i t s ei n e r B e g l ei t u n g
d i es m a l b e s s e r i n s B eu t es c h em a d e r S c h n a p p s c h u s s- u n d S c h la g z ei l en j ä g e r p a s s -
t e ? E r s t m a l s n ä m l i c h z e i g t e s i c h Li b e r a l e n c h e f Gu i d o W e s t e r w e l l e , d e r W u n s c h-
partner d er d eutschen Christdemok raten, b ei sozusagen offizieller Gelegenheit
m i t d em Herrn s ei n es Her z en s . E r zog d i e M ed i en s c h ei n wer fer b ei d er M erk elf eie r
au f sich und sein en „ Lover ". Zu m Geli n gen d es Ab ends t ru g da nn n och Ed -
m u n d S t o i b e r b e i m i t s e i n e m V e r s p r e c h e n a n d i e J u b i l a r i n , d a s s „ d i e S c h we s t e r
aus München", er meinte die CSU, „immer an Ihrer Seite" sein werde.

54
Für „Homestorys" in der Presse steh en Merkel und Gatte schon gar nicht zur
Verfü gung. Das Dah eim d es Paares übrigens ist laut „Mu nzinger - Archiv" eine
„ Al t b a u e t a g e i n B e r l i n - M i t t e" . B i o g r a p h i n L e ß n e r k r a u s we i ß v o n e i n e r „ A l t b a u -
D a c h g e s c h o s s wo h n u n g " z u b e r i c h t e n . Di e „ W e l t " s c h r i e b a m 2 4 . Ok t ob e r 2 0 0 5 ,
F r a u M erk e l wo l l e „i n i h r e m Ki e z , i h r e r Alt b a u woh n u n g a m Ka n a lu f e r " a u c h a ls
Ka n z l er i n v erb l ei b en . Ge n a u er b et ra c h t et h a n d e lt e s s i c h b e i m M erk e l/ S a u e r - D o -
mizil um das oberste Geschoss eines klassizistischen Prachtbaus am Berliner
Ku p f e r g r a b e n i n e x z e l l e n t e r h a u p t s t ä d t i s c h e r W o h n l a g e , d i r e k t a n d e r v o n d e r
U n e s c o z u m W e l t k u l t u r e r b e e r k l ä r t e n M u s eu m s i n s e l , g l e i c h g e g e n ü b e r d e m P e r -
gamonmuseum.
Unterhalb von Merkel lebt dort Ottmar Schreiner, d er Linksflügler in der SP D -Füh -
r u n g, d a n n f o l g t d i e E t a g e m i t P r o f . H a n s M a ye r , d e m E x -P r ä s i d e n t en d e r Hu m-
boldt- Universität. Im Part erre schließlich bet reibt Dr. h. c. Lothar de Maiziäre, d er
l e t zt e DDR - M i n i s t e rp rä s i d en t u n d M erk e l -Vo r gä n g er a l s S t e l l v e rt r et er Koh l s i m
P a r t e i v o r s i t z , s e i n e Ka n z l e i u n d d e n s o n s t i g e n B ü r o b e t r i e b ( a b 1 9 9 3 a l s H a u p t -
s t a d t r ep r ä s e n t a n t u n d b i s 2 0 0 4 a l s V o r s i t z e n d e r d e s Au f s i c h t s ra t e s d e r „ H u n z i n -
g e r In f o r m a t i o n AG " d e s b e k a n n t e n „ P R -M a n a g e r s " M o r i t z H u n z i n g e r ( , u n d i m
N a c h b a rb a u , wo ei n s t Th ea t e rm o gu l M a x R ei n h a rd t r e s i d i er t e, u n t e rh ä lt B u n d e s -
p rä s id en t au ß er Di en s t en Dr. Dr. h . c. mu lt . R ic ha rd Frei h er r von Wei zs ä c k er, d er
von An g e la M erk el b e wu n d ert e „B efr ei u n gs red n er" ( Ac h t er M a i ), bü rom ä ß i g s ei n
Hauptstadthauptquartier.

Sehnsucht nach deutscher Einheit?


B i o gra p h P r o f. W o l f ga n g S t oc k wi l l we i s m a c h en , An g e la M e rk e l h a b e „ z u D DR -
Z e i t e n d a s u n b e u g s a m e B e k e n n t n i s d e r W e s t -C D U z u r d e u t s c h e n W i e d e r v e r e i n i -
g u n g b e wu n d e rt ". E i n e s o lc he „ B e wu n d e ru n g " i s t n i c h t b el e g t . Un d a l l ei n s c h on
die Behauptung, dass sich die CDU im Westen Deutschlands „unbeugsam zur
W i ed e r v e r ei n i gu n g b ek a n n t " h a b e, e rs c h ei n t f ra g li c h g en ug . E s ga b a u c h i n W o r -
t e n u n d T a t e n f ü h r e n d e r B o n n e r C h ri s t d e m o k ra t e n v i e l b u n d e s r e p u b li k a n i s c h e n
Separatismus.
Ken n zeichn end fü r di e Eins t ellun g zu r Deuts ch en Fra ge zunä chst — s eit d en 70 er
J a h r en — i n T e i l en , d a n n — a b B e gi n n d e r Ac h t zi g e r — b e i fa s t d e r Ge s a m t h ei t
d e s b u n d e s r e p u b l i k a n i s c h e n P o l i t - E s t a b l i s h m e n t s wa r , wa s d i e „ F r a n k fu r t e r Al l-
gemeine" im Juli 1988 meldete: „Als der amerikanische Botschafter in Bonn,
B u r t , A n f a n g d i e s e s J a h r e s e i n e g e m e i n s a m e S t r a t e g i e d e s W e s t e n s z u r Ü b e r-
wi n d u n g d er p o li t i s c h en T ei lu n g D eu t s c h l a n d s f o rd e rt e, b e k a m e r we d e r v on d e r
Bundesregierung n och aus den Reihen der Opposition Unterstützung. Niemand
55
gri ff d en Vors c h la g a u f. Als a m 7 . J u n i P rofes s or Da s c h i t s ch ew, Lei t er d er Ab t ei -
l u n g Au ß e n p o l i t i k i n d e r s o wj e t i s c h e n Ak a d e m i e d e r W i s s e n s c h a f t e n , D e u t s c h -
la n d exp ert e u n d B era t er Gorb a t s ch ows , i n d er s o wj et i s c h en B ot s c h a ft in B onn er -
k l ä r t e , M a u e r u n d S t a c h e l d r a h t s e i e n s c h li m m e R e l i k t e d e s Ka l t e n Kr i e g e s , d i e
das Dasein und die Psych e d er M en sch en b elasteten und d eshalb mit d er Zeit
vers c h wi n d en m ü s st en , ga b es u n t er d en B onn er P oli t i k ern wi ed eru m k ei n e m erk -
l i c h en R ea k t i on en . Da s of fi zi e l l e B on n , d i e R e gi eru n g, d i e P a rt ei en n a h m en v on
Daschitschews Äußerungen keine Notiz."
N i c o l e S c h l e y b e h a u p t e t : „ V o n i h r e n E l t e r n ü b e r n a h m An g e l a M e r k e l d i e Ü b e r -
zeu gun g, d ass die Wied ervereinigun g Deu tsch lands ein hoh es p olitisch es Ziel
sein mü sse. Diesen Ged ank en verfolgten d ie Eltern p rivat und b eru flich stets
w e i t e r . S o s e t z t e s i c h Va t e r Ka s n e r z u j ed e r Z e i t b e wu s s t f ü r d i e Ge m e i n s c h a f t
d e r O s t - u n d W e s t k i rc h en ei n . Au fg ru n d i h r e r Üb er z e u gu n g g e l a n gt e s e i n e T o c h -
ter 1989 zu d er Einsicht, dass sie in die Politik geh en müsse, um dieses groß e
Ziel voranzubringen."
Ü b e r d i e s e D a r s t e l l u n g k a n n m a n s i c h n u r wu n d e r n e i n g e d e n k d e r v i e l f ä l t i g e n
Ak t i vi t ä t en von Va t e r Ka s n er g e g e n d i e d eu t s c h e E i n h ei t : V on s ei n em S ep a ra t i s -
mus als Leitungsmit glied des „Weißenseer Arb eitskreises" üb er seine spalt eri-
s ch en Akti vität en a ls S yn oda ler bi s hin zu s ein em B ek enn tni s von 2005, d as s ih m
auch nach 1990 „zwei Deutschlands" lieber gewesen wären. Angela Merkel
s p i e l t m i t o f f e n e r e n Ka r t e n . In e i n e m In t e r v i e w m i t d e r „ Z e i t " , N r . 1 6 / 2 0 0 5 , g e -
s t a n d s i e : „ M e i n Va t e r wa r d e r M e i n u n g — d i e i c h g e t e i l t h a b e — , d a s s d i e T e i -
lung und alle damit verbunden en Folgen ein Ergebnis des von Deutschland be -
gonnenen Krieges ist ... Als Folge war es für ihn erklärbar."
„ Ic h h a b e j e d o c h n i c h t d e n E i n d r u c k g e h a b t , d a s s A n g e l a b e s o n d e r s u n t e r d e r
M au er g e li t t en h a t . " S o wi rd E x- Ga t t e Ul ri c h M erk el s o wo h l von J a c q u eli n e B oy-
sen a ls a u c h von Ge rd La n g gu t h zi t i ert . Ge wi s s i st Fra u M erk els B ek u n d un g
gla u b h a ft, ü b er d i e M a u eröff n un g „u n ei n ges c h rä nk t froh " ge wes en zu s ei n . Doc h
wa s B i o g r a p h i n B o ys e n ü b e r i h r e S t i m m u n g u n m i t t e l b a r n a c h d e m h i s t o r i s c h e n
9. November 1989 berichtet, lässt nichts von heiß er Sehnsucht nach deutscher
Einheit erk ennen : „Sie b lieb seh r sk eptisch. Sie hatte gelernt, mit d er Teilung
d e r D e u t s c h en z u l e b e n , u n d wa r a n d i e E xi s t en z v o n D DR u n d B u n d e s r e p u b li k
gewöhnt. Das Gedankenspiel um eine Wiedervereinigung war ihr, solange sie
d e n k e n k on n t e , v e r we h r t g e w e s e n . E s f i e l i h r n u n n i c h t l e i c h t , d a s e i n g e i m p f t e
Tabu zu brechen."
W e d e r h a t s i c h An g e l a M e r k e l a n o p p o s i t i o n e l l e n B e w e g u n g e n g e g e n d a s k o m -
munistische Teilstaatsregime auf deutschem Boden beteiligt, noch gar für Bestre-
56
bungen engagiert, die auf Überwindung der deutschen Teilung abzielten. Als
1989 b ei d en M ontagsd emonstration en Zehntau send e „ Wir sind das Volk " au f
den Straßen und Plätzen der DDR bekundeten, war sie nicht mit dabei. Auch
nicht, als Hunderttausende „Wir sind ein Volk!" riefen.
N a c h d em s i e i m F e rn s eh en a m 9 . N ov e m b e r 1 9 8 9 d i e An k ü n d i gu n g d e r u m g eh en -
d en Öffn u n g d er B erli n er M a u er a u s d em M un d e d es P oli t b ü ro- M it gli ed s Gü n th er
S c h a b o ws k i v e r n o m m e n h a t t e , e s w a r k u r z n a c h 1 9 . 0 0 U h r , b e g a b s i c h An g e l a
M erk el nach eigen em Bekund en „wie ü b lich" an Donn erstagab end en zun äch st
e i n m a l f ü r d r e i S t u n d e n m i t e i n e r F r e u n d i n i n d i e S a u n a a m T h ä l m a n n -P a r k i n
O s t b e r l i n . Al s s i e wi e d e r h i n a u s k a m , g e r i e t s i e i n e i n e j u b e l n d e M e n s c h e n m e n -
g e , d i e i n R i c h t u n g a u f d i e g e ö f f n e t e M a u e r f l u t e t e . „ Ic h s a h d i e M e n s c h e n d i e
B o r n h o l m e r S t r a ß e h i n u n t e r s t r ö m e n , i c h s c h l o s s m i c h d em S t r o m a n . " N a c h n u r
ku rzer Zeit westwärts d er Mau er, die sie zu ein em Telefon at mit d er Tante in
H a m b u r g n u t zt e, en t z o g s i c h An g e l a M e rk e l s c h n e l l wi ed er d e m a n s c h we l l e n d en
B egeis t erun gs taum el (es wa r, a ls wollt e gan z B erlin d i e Nacht durch fei ern ). „ Ic h
bin lieb er zu rü ck gegan gen. Ich musste am näch sten M orgen früh rau s. Un d so
v i e l f r e m d e C o m p a n y — j e t z t wa r e s e r s t e i n m a l g e n u g , i c h wa r f ü r m e i n e V e r -
hältnisse ohnehin schon ziemlich weit gegangen."
In d e r M e r k e l- B i o g r a p h i e v o n B o y s e n l i e s t m a n w e i t e r . „ S i e t r a t w e n i g e T a g e
n a c h d e r M au e r ö f f n u n g w i e g e p l a n t e i n e l ä n g s t v e r e i n b a r t e D i e n s t r e i s e n a c h
Th orn an . Zu i hrer Verwu nderun g sp rach en d ort au sgerech n et i hre p oln isch en
Kollegen ohne zu zögern von der raschen Vereinigung der beiden deutschen
S t a a t en — a ls s ei n i c h t s s e lb s t v e rs t ä n d li c h e r a ls d i e Wi ed er h er s t e l lu n g d e r s t a a t-
li ch en Einh eit d er Deut sch en ." La n ggu th sch i ld ert d en Sachverha lt unt er B eru fun g
a u f M e r k e l ' s c h e S e l b s t b e k u n d u n g e n ( In t e r v i e w m i t d e r „ B e r l i n e r M o r g e n p o s t ",
1 2 . J a n u a r 2 0 0 3 ) wi e f o l g t : „ D a n a c h — a m 1 3 . N o v e m b e r 1 9 8 9 — f u h r An g e l a
M erk el erst ein mal au f ein e Dienstreise nach Polen , wo es sie ,erstaunt' hatte
zu h ören , , a ls Nä c h s t es k om m e d i e d eu t s c h e E i nh ei t ' . Ih r e Wi s s en s c h a ft s k olle gen
, wa r en b a s s e rs t a u n t , d a s s i c h d a a u ft a u c h t e u n d n i c h t i n D e u t s c h la n d g eb li eb en
wa r , w o d o r t d o c h g e r a d e a l l e s s o s p a n n e n d s e i . U n d d a n n s a g t e n s i e m i r , d a s s
b e i i h r e m n ä c h s t en B e r l i n- B e s u c h D e u t s c h l a n d wo h l s c h o n wi e d e r v e r e i n i g t s e i .
D a s h a t m i c h wi e d e r u m e r s t a u n t ' . " An g e l a M e r k e l r ä u m t ei n : „ S o we i t h a t t e i c h
n i ch t ged a ch t . " Au c h h i er i st s i e s e lb s t eh rli c h er a ls m a n c h e i h rer Hofb i ogra p h en
u nd vi ele i h re r s on s t i gen P rop a ga n di s t en , d i e i h r Lorb eer en a n di ch t en , wo es k ei ne
zu ernten gibt.
Ap rop os p o ln i s c h e Wi ed e rv er ei n i gu n gs -Vora u s s a gen , d i e s ozu s a gen a u f ei n „Ni x
vers t ehn " b ei bund es repub likani sch en P oli t -P romin ent en gest oß en sind : In s ein em
Buch von 1990 „Deutsche Wahrheiten" schreibt Oskar Lafontaine: „Unplanmäßig
57
( I) k a m j e t z t d i e E i n h e i t a l s F o l g e d e s Z u s a m m e n b r u c h s d e s e u r o p ä i s c h e n Ko m -
muni smu s. Im Frü hjah r '89 saß ich in ein em M adrid er Hot el d em p olni sch en
Schriftsteller Adam Schaff gegenüber. Als er behauptete, die deutsche Fra ge
werd e b ald das wichtigste Th ema in Eu ropa sein, d enn die Wied ervereinigun g
stehe vor der Tür, habe ich ihn nur ungläubig angesehen."

EUnigkeit und Recht und Freiheit ...


E i n wa h r e s H e r z e n s a n l i e g e n a b e r i s t An g e l a M e r k e l o f f e n k u n d i g d i e S c h a f f u n g
e i n e s s u p r a n a t i o n a l e n E U -S t a a t e s , i n d e m a m E n d e v o n D e u t s c h l a n d a l s e i g e n -
s t ä n d i g e m , s e l b s t b e s t i m m t e m V ö l k e r r e c h t s s u b j e k t s o g u t wi e n i c h t s m e h r ü b ri g
b l e i b t . In d e r E U v e r m e i n t s i e „ d a s e r f o l g r e i c h s t e p o l i t i s c h e P r o j e k t i n d e r G e -
s c h i c h t e u n s e r es Kon t i n en t s " e r k en n en zu k ön n en , wi e s i e i n d e m v on i h r h e ra u s -
gegebenen Sammelband „Europa und die deutsche Einheit", erschienen 2000,
s c h ri e b . „ D a s Z i e l d e r e n d g ü l t i g e n E i n h e i t E u r o p a s i s t e i n f e s t e r B e s t a n d t e i l u n -
s e r e r p o li t i s c h en Id e n t i t ä t ", p rok la m i e rt e s i e d a . W ei t e r : „ D e u t s c h la n d s Z u k u n ft
l i e gt i n E u rop a . . . Wi r wo l l en e i n gr oß e s u n d ei n s t a rk e s E u rop a . E i n u n g et ei lt e s
Europa ... Wir wollen die dynamische Spitze Europas bilden."
In s b es on d e r e h a t M e rk e l wi ed e rh o lt d i e M ü n c h n e r „ Ko n f e r e n z en fü r S i c h e rh e i t s -
p o li t i k ", T r e f f en h oc h k a rä t i g e r P o li t - In s i d er d e r s o ge n a n n t en we s t li c h en
W e r t egem ei n s c h a ft , zu r en ga gi ert en Da rs t el lu n g i h rer eu r op a p oli t i s ch en
Gru n d sa t zp os itionen genutzt.
Au s i h r e r An s p r a c h e b e i d e r X L I. M ü n c h n e r S i c h e r h e i t s k o n f e r e n z , 1 2 . F e b r u a r
2 0 0 5 : „ E u r o p a b ra u c h t i m 2 1 . J a h r h u n d e r t e i n e g e m e i n s a m e Au ß e n - u n d S i c h e r -
heitspolitik ... Europa kann heut e zu einer gemeinsamen Außen - und Sicher -
h ei t s p oli t ik n u r fi nd en , wen n es s ei n e p oli t i s ch e In t egra t i on vora n t rei b t . " Wei t er
p l ä d i e r t e M e r k e l i n d i e s e r R e d e f ü r e i n e E U - T r u p p e , d i e a u c h a u f a n d e r e n Ko n -
tinenten militärisch zum Einsatz komm en kann: „Die Aufs t ellung der europäischen
B a t t l e Gr o u p s i s t ei n wi c h t i ge r S c h ri t t . . . D a m i t wi rd d i e E U h o ff en t li c h i n z we i
b i s d r e i J a h r e n i n d e r L a g e s e i n , i n a k u t e n Kr i s e n a u c h a u ß e r h a l b E u r o p a s e i n -
z u g r e i f e n , w e n n i h r e S i c h e r h e i t s i n t e r e s s e n b e r ü h r t s i n d . Ic h b e g r ü ß e d e n v o r -
ges eh en en B ei t ra g Deu t s c h la nd s zu m i nd es t en s d rei d i es er Ka m p fgru p p en . " Üb er -
dies betonte Frau Merkel, dass „die weit reichende sicherheitspolitische
E i n b i n d u n g d e r Tü rk ei i n eu ro p ä i s c h e S t ru k t u r en a n zu s t r eb en " s ei u n d d a s s „E u -
ropa sich nicht als Gegengewicht zu den USA verstehen"" sondern Brüssel
einer „gemeinsamen Agenda" mit Washington folgen möge.
In ihrer Red e bei der XL. Münchner Konferen z, 7. Februar 2004, hob die CDU -Füh -
rerin zu einer Hymne auf die EU-Verfassung an: „Der Weg dahin ist alternativlos.
58
Oh n e e i n e eu rop ä i s c h e V e rfa s s u n g h ä t t e E u r op a k ei n e Zu k u n ft . S i e s c h a f ft Kl a r -
h ei t d er Ko m p et en z en . S i e erm ö g li c h t E i n i gk ei t . S i e wi rd d es h a lb a u c h k o m m en ,
m i t e i n we n i g Gl ü c k v i e l l e i c h t s o g a r n o c h v o r d e n E u r o p a wa h l e n i m J u n i . " D e r
E U -V e r fa s s u n g s v e rt ra g k a m d e n n a u c h , wen n a u c h ru n d ei n J a h r s p ä t er . Im B u n -
d e s t a g s t i m m t e n 5 6 9 v o n 5 9 4 a n we s e n d e n Ab g e o r d n e t e n i m M a i 2 0 0 5 z u . An g e l a
M e rk e l h a t t e zu v o r i m P l en u m a u s g e ru f en : „ Ic h k a n n a u s v o l l e m H e r z en J a s a -
gen." Überhaupt h atte sie sich als treibende Kraft einer „Europaverfassung"
p rofi li ert. S o ford ert e si e 2000 in ih rem b ereit s erwähnt en „E u ropa " - Buch : „Es i st
Au f ga b e d e r B u n d es r e gi e ru n g, d a s Th e m a V er fa s s u n gs v e rt ra g i n d i e e u r op ä i s c h e
Debatte zu bringen."
Die deutsche Nat ion allerdi ngs wurde von den Berliner Politikern an der Ent -
s c h ei du n g üb er d i e V erfa s s u n g d er E u rop ä i s ch en Un i on ni ch t b et ei li gt . S ä m t li c h e
M e i n u n g s u m f r a g e n z e i g t e n ei n k l a r m e h rh e i t l i c h e s N e i n u n t e r d e r B e v ö l k e r u n g
d er B u n d es rep u b lik . Doc h wi ed er ei n m a l h a t t e es i n D eu t s c h la nd n ic ht s zu s a gen ,
was das Volk sagt. Franzosen und Niederländer hingegen erhielten das freie
W o r t a l s S t a a t s b ü r g e r u n d b ra c h t en d i e s o g e n a n n t e E U - Ve r f a s s u n g , d i e n u r b e i
Z u s t i m m u n g a l l e r M i t g li ed s s t a a t en d e r Un i on i n Kr a ft t r e t e n k a n n , 2 0 0 5 b ei P l e -
bisziten mit deutlichen Mehrheiten zu Fall.
M ü l l er -V og g n ot i e rt i n d i es em Zu s a m m en h a n g : „D i e ü b e r ze u gt e E u r op ä e ri n M e r -
k el ist grund sätzlich sk eptisch gegen üb er Volk sentsch eid en au f Bund eseb en e,
egal um welches Thema es sich handelt." Evelyn „Plebiszite verletzen ihre
Id e a l v o r s t e l l u n g e i n e r r e p r ä s e n t a t i v e n D e m o k ra t i e . " M a h n e n d s a gt An g e l a M e r -
k e l : „ W e n n H e l m u t K o h l d e n E u r o d a m a l s z u r Ab s t i m m u n g g e s t e l l t h ä t t e , w ä r e
e r d u r c h g e f a l l e n . " W e l c h e i n Gl ü c k a b e r , l a u t C D U -C h e f i n , d a s s e s e i n e s o l c h e
V o l k s e n t s c h e i d u n g f ü r d e n B e i b e h a l t d e r D -M a rk n i c h t g a b . D e n n s o h a b e e s g e-
s c h eh en k önn en , d a s s „d er E u ro d en eu rop ä i s c h en E in i gun gs p roz es s u n u mk eh rb a r
gemacht hat". Auch bei Abstimmungen über die Neuaufnahme von Staaten in
d i e E U s o l l f ü r d i e a n g e b l i c h m ü n d i g e n B ü r g e r n a c h An s i c h t M e rk e l s g r u n d s ä t z -
l i c h g e l t e n : „ W i r m ü s s e n d r a u ß en b l e i b e n . " 2 0 0 0 v e r k ü n d e t e s i e i n i h r e m „ E u r o -
p a " - B u c h : „ D i e D e b a t t e u m e i n en V o l k s e n t s c h e i d z u r O s t e r w e i t e r u n g i s t d e r f a l -
s c h e An s a t z. Wi r k ön n en d i e M en s c h en n i c h t v on E u r o p a ü b e r z eu g en , i n d em wi r
S k ep s i s u n d B e fü rc h t u n g en e i n F o ru m g e b en . " M i t d e rs e lb e n B e g rü n d u n g k ön n t e
man dem Volk die Stimmzettel auch gleich ganz wegnehmen.
D i e g e wa lt i g e O s t a u s d eh n u n g d e r E U, d i e 2 0 0 4 v o l l z og en wu rd e u n d d i e m i t d er
bereits versprochenen Aufn ahme Bulgariens und Rumäniens 2007 fortgesetzt
we r d en s o l l, k on n t e An g e la M e rk e l ga r n i c h t s c h n e l l g en u g g eh en . In i h r em „ E u -
r o p a " -B u c h v on 2 0 0 0 s c h r i e b s i e : „ D i e z ü g i g e u n d en t s c h i e d e n e O s t e r we i t e r u n g
i s t f ü r d i e Z u k u n ft u n s e r e s K o n t i n en t s b ed e u t s a m . . . An d er O s t e r we i t e r u n g l a s-
59
sen sich der politisch e Wi lle und die politische Energie Europas erm ess en. An
i h r l ä s s t s i c h a b l e s e n , o b wi r s e l b e r b e g r i f f e n h a b en , wa s a u f d e m S p i e l s t e h t . "
Mü ller- Vogg gegenüb er äuß ert e Frau M erk el 2005 : „ Ic h bin fes t da von üb erzeu gt ,
dass die Beitrittsländ er im Osten genau so ein e Bereicherun g fü r Eu ropa sind,
wie die neuen Bundesländer es für die Bundesrepublik waren."

„Das schlimme Wort vom


deutschen Weg"
„ An g e s i c h t s d e s b e v o r s t e h e n d e n Ir a k -K r i e g e s h a t S c h r ö d e r d a s s c h l i m m e W o r t
v o m , d e u t s c h e n W e g ' g e p r ä g t " , l i e ß s i c h An g e l a M e r k e l 2 0 0 5 i m Ge s p r ä c h m i t
M ü l l er- V og g we i t e r ei n ; d i e b es a gt e P a ro l e s ei „ g e fä h r li c h ". B e i d e r X L. M ü n c h-
n er Kon feren z fü r Sich erh eit sp oli tik verkünd et e M erk el a m 7. Feb rua r 2004 : „Ein
, d e u t s c h e r W e g ' i s t i m m e r d e r f a l s c h e W e g . " D a z u p a s s t , wa s d i e C D U - C h e f i n
bei der XXXIX. Sicherh eitskonferen z in München in ihrer Ansprache vom 8. Febru-
a r 2 00 3 p rok la m i ert e: „Di e e u rop ä i s ch e E i ni gun g u nd di e Ab s a ge a n S on d erweg e
j ed we d er Ar t i s t d i e ra i s on d ' è t r e d es d e m ok ra t i s c h en D eu t s c h la n d s n a c h d er Ka -
tastrophe des Zweiten Weltkrieges. Für mich ist die enge Partnerschaft und
F r e u n d s c h a ft m i t d en V e r ei n i g t en S t a a t en v on Am e ri k a eb e n s o e i n e Gru n d es s en z
d e u t s c h e r S t a a t s v e r n u n f t , wi e e s d i e e u r o p ä i s c h e In t e g r a t i o n i s t . " In „ t a c h e l e s .
0 2 — Li v e-C h a t v on t a g e s s c ha u . d e ", 5 . F eb ru a r 2 0 0 3 , li eß s i c h F ra u M e rk e l wi e
fol gt ve rn eh m en : „E s i s t ei n e d er Leh ren d er Ges c h i c ht e, da s s Deu t s c h lan d k ei n e
S on d e r we g e a b s ei t s s ei n e r eu r op ä i s c h en u n d a m e ri k a n i s c h e n V e rb ü n d et en g eh en
s o l lt e . " Äh n li c h M e rk e ls E i n la s s u n g i n d em v on i h r 2 0 0 0 h e ra u s g e g eb en en B u c h
„Europa und die deutsche Einheit": „Die Zeit der Sonderwege ist vorbei."
Von d er a n geb li c h en d eu t sc h en Da s ei n sb erec h t i gun g b zw. S t a a t s vern un ft s - E s s en z
ä l a M e r k e l s t e h t a l l e r d i n g s i m Gr u n d g e s e t z n i c h t s . W o h l a b e r d e f i n i e r t d i e s e s
d i e Bu nd es rep u b li k Deu t sc h lan d a ls Na t i ona ls t a a t un d verp fli c h t et di e d eu t s ch en
P olit ik er im Am ts eid (Artik el 56 und 64) zum E insa t z für di e n ati ona len B elan ge.
V o n d a h e r i s t M e r k e l s Ab s a g e a n e i g e n s t ä n d i g e d e u t s c h e P o l i t i k — wi e a n d e r s
wä r e d i e F o r d e r u n g n a c h V e r z i c h t a u f d en „ d e u t s c h e n W e g " b z w. a u f a l l e s o g e -
n a n n t en S on d e r we g e zu i n t erp r et i er en ? — s c h we r l i c h a l s v e r fa s s u n gs k on f o rm zu
w e r t e n . G a n z z u s c h w e i g e n , d a s s d i e v o n d e r C D U -C h e f i n p r o p a g i e r t e „ r a i s o n
d ' ä t r e " B u c h s t a b en u n d Ge i s t d e r U NO -C h a rt a wi d e rs p ri c h t , we l c h e d a s R ec h t ei -
n es j ed en V o lk e s a u f ei n en W e g n a c h ei g en er F a Q on v erb ri eft . D e r k a t e g o ri s c h e
V e r z i c h t D eu t s c h la n d s a u f „ E i g en " - b z w. „ S on d e r we g e " wä r e i m ü b ri g en p a ra d o-
x e r we i s e s o z u s a g e n d i e g r ö ß t e E x t r a wu r s t a l l e r Z e i t e n , we i l k e i n e N a t i o n s o n st
zu einer solchen Selbstkastration bereit ist.
60
In i h r e r R ed e vo m 2 . F eb ru a r 2 0 0 2 b ei d e r „M ü n c h n e r S i c h e rh ei t s k on f e r en z " b e -
k l a g t e An g e l a M e r k e l „ d i e Vo r b e h a l t e d e r N a t i on a l s t a a t e n , z u g u n s t e n d e r E u r o -
p ä i s c h e n Un i o n a u f S ou v e r ä n i t ä t s r e c h t e z u v e r z i c h t e n ". S i e s e t z t e s i c h fü r e i n e
„ V e r g e m ei n s c h a ft u n g d e r Kom p et en z en i n d e r In n en - u n d R ec h t s p o li t i k " a u f E U -
E b en e ei n , b ezei c h n et e d i e „E n t s ch ei du n g fü r ei n en eu rop ä i s ch en Ha ftb efeh l" a ls
„überfä lli g", ri ef weit er aus: „Wir benötigen einen eigenen europäischen Ge-
h e i m d i e n s t " , r i c h t e t e e i n e T i r a d e g e g e n „ K l e i n s t a a t e r e i i n s i c h e r h e i t s- u n d v e r -
e i d i gu n g s p o l i t i s c h e n F r a g e n " , f o r d e r t e e i n e „ g e m e i n s a m e R ü s t u n g s p o l i t i k " u n d
plädierte für „gem einsam e Au ßen - und Sicherheitspolitik" (GASP ) der EU- Staaten.
W ö r t l i c h : „ Lä n g e r f r i s t i g s o l l t e d i e G AS P v e r g e m e i n s c h a f t e t w e r d e n , a u c h we n n
vi elen d er Ab schi ed gerad e von di esem B ereich d er nati onalen Sou veränität
s c h wer fä l lt . " W ei t er i m M erk el' s c h en R ed et ext : „Di e E n t s ch ei d un g, ein e eu rop ä i -
sche Eingrei ftruppe ins Leben zu rufen, ist vollkomm en richtig. Dies e Eingreiftrup -
pe darf jedoch nicht zum Pap iertiger werden." Wobei „natürlich immer der
Grundsatz gelten" müsse, „ein geeintes, handlungsfähiges und demok ratisches
Europa als starken Partner, nicht als Konkurrenten der Vereinigten Staaten zu
schaffen".
In d i es e m Zu s a m m en h a n g f o rd e rt e M e rk e l u . a . e n gs t e Ko o p er a t i on z wi s c h en d e r
E U -„E i n gr ei ft ru p p e " u n d d en U S - M i li t ä r s ( „t ra n s a t la n t i s c h es b u rd e r- s h a ri n g "; =
La s t en t ei lu n g ) u n d d en Ab s c h l u s s ei n e s Ko op e ra t i on s a b k om m en s z wi s c h en E u ro -
p o l u n d d e m F B I; a l l i n c l u s i v e , a u c h m i t d e m „ A u s t a u s c h v o n D a t e n " , w i e d i e
C DU -C h e fi n a u s d rü c k li c h b et o n t e. W en n E d ga r H oo v e r d a s n oc h er l eb en d ü r ft e !
Wü rd e Fra u M erk els Vi s i on Wi rk li c h k ei t , k önn t e da s Fed e ra l B u rea u of In v es t i ga -
t i on in Wa s h i n gt on D. C . s ei nem An s p ru c h un d Ru f, der wa c h sa m e Groß e B ru d er
zu sein, auch diesseits des Atlantiks gerecht werden.
Vom J ourn a li st en Mü ller- Vogg 2005 na ch ih rer „Vi si on für Eu ropa " 2020 b efra gt,
n a n n t e An g e l a M e r k e l a l s i h r e H o f f n u n g e n : „ E i n h e i t l i c h e Au ß e n g r e n z e n " , „ g e -
m e i n s a m e Au ß e n - u n d S i c h e r h e i t s p o l i t i k " , „ g e m e i n s a m e r e u r o p ä i s c h e r S i t z i m
W elt s i c h erh ei t s ra t ". Au c h m ö ge s i c h b i s da hi n „d er Ab s t a nd E u rop a s zu Am eri k a
verringern".

Den Adolf Hitler niemals abbüßen?


Ge m ä ß d e m M erk e l ' s c h en E u ro p a - Ko n z ep t b li eb e k a u m n oc h et wa s ü b ri g v on n a -
t i on a ler S ou v erä n i t ä t. Ni c ole S c h le y i n d es b eh a u pt et u n verd ros s en : „ An g ela M e r -
kel lässt k einen Zweifel daran, dass ihr die nationalen Belange stärk er am Her -
zen liegen als das eu rop äisch e Projekt." Jacqu elin e Boysen mein t, b ei An gela
Merkel „wenig emotionale Bindung an die EU" feststellen zu können und wähnt
61
weiter: „Fü r sie steht ein Bek enntnis zu Deutsch land, ih r Begriff d es Deutsch-
s e i n s i m V o r d e r g r u n d . " R e a l i t ä t s b e z o g e n e r e r s c h e i n t d a s c h on d i e An a l ys e v o n
E v e l yn R o l l , d i e i n i h r e r Le b e n s b e s c h r e i b u n g d e r An g e l a M e r k e l a n m e rk t , d a s s
d i e „p os t n a ti on a le Ges e lls c h a ft " (ei n Wort von J ü rg en Ha b erm a s ) „n i c h t n u r zu m
e r k l ä r t e n Z i e l d e r Li n k e n , s on d e rn a u c h d e r e u r o p ä i s c h o ri e n t i e r t e n C D U " h a b e
we r d en k ön n en . R o l l we i t er : „ P s yc h o l ogi s c h i s t d a s s o e i n e Ar t Id e n t i t ä t s a b s p a l-
tung als Sühneidee gewesen: Wenn wir den Nationalstaat, unsere nationale
Id entität a ls fü r immer untergegan gen bet racht en, haben wi r di e richtigen
S c h lu s s f o l g eru n g en a u s d er d e u t s c h en Ge s c h i c h t e g e z o g en . Da m i t i s t d a n n a u c h
die historische Schuld abgegolten."
Wenn denn ein solches „Abgelten" beabsichtigt wäre! Doch am 4. Dezember
2003 berichtete die „Jüdische Allgemeine", Organ des Zentralrats d er Juden in
D e u t s c h l a n d , wi e f o l g t v o m C D U- B u n d e s p a rt e i t a g i n Le i p z i g : „ D i e V o r s i t z e n d e
l i e ß k e i n e n Z we i f e l : F ü r e i n e P a r t e i wi e d i e C D U g e h ö r e z u r , s t ä n d i g e n Au s s ö h -
n u n g a u c h d i e f ort wä h r en d e An e rk en n u n g d es Un a u s s öh n li c h en , d er S i n gu la ri t ä t
d e s H o l o c a u s t . J a , m e h r n o c h . G e r a d e d i e s e An e r k e n n u n g h a t u n s d o c h z u d e m
La n d g e m a c h t , d a s wi r h e u t e s i n d — f r e i v e r e i n t , s ou v e r ä n . ' . . . E s wi d e r s p r a c h
i h r n i e m a n d i m S a a l . " ( „ S o u v e r ä n " wa r wi r k l i c h gu t !) . B e i e i n e r V e r a n s t a l t u n g
d es J ü d i s ch en We lt k on gres s es i n B erli n , 2 7 . Apri l 2 0 04 , b et on t e M erk el la u t d p a ,
„dass es wichtig sei, gerade der jüngeren Generation die dunklen Seiten der
d eu t s ch en Ges c h i ch t e wei t er z u verm i t t eln ". In d er „ Z ei t ", Nr. 1 6 /2 00 5, a nt wort e-
t e d i e C D U- V o r s i t z e n d e a u f d i e F r a g e , o b e i n „ A b b ü ß e n d e r N S - V e r b r e c h e n "
d u rc h d i e D eu t s c h en m ö g li c h s ei : „ N ei n . Da s k a n n m a n n i c h t a b b ü ß en . E s b l ei b t
eine immerwährende Verantwortung."
Im Ges p rä c h mi t d em jüd i s chen M a ga zin „Tri b ü n e" äu ß erte An g e la M erk el 2 0 05 :
„ D e r B u n d e s k a n z l er s p ri c h t of t d a v on , d a s s d a s E n d e d er N ac h k ri e g s z ei t g ek om -
m en s ei . Ic h fi nd e, m an mu s s m i t ei n er s olc h en Form u li eru n g s eh r vors i c h t i g s ei n
. . . E s s t i m m t a u s d rü c k li c h n ic h t , d a s s d i e C D U ei n E n d e d e r V e r f o l gu n g v on NS-
Verb rech en ford ert. Und wi r wollen a uch k ein en ‚Sch lu ss strich ' unt er di e NS- Zei t
zieh en ." Un d am 14. Septemb er 2005 meld ete das israelisch e Tageb latt „Haar-
e t z " , h i e r z i t i e r t n a c h s e i n e r Au s g a b e i n e n g l i s c h e r S p r a c h e , d a s s s i c h d i e Ka n z-
lerkandidatin Merkel „wegen des Nazismus und der Einzigartigkeit des Holo -
c a u s t " g e g en e i n en „ S c h lu s s s t ri c h " a u s g es p r oc h en h a b e (W ö r t li c h : „ T o e r a s e t h e
past is something I don't accept because Nazism and the uniqueness of the Ho-
locaust are pari of our history.")

62
„Auf Parteiensuche gegangen”
„M i t d e m M a u e r fa l l a m 9 . Nov e m b e r 1 9 8 9 ru t s c h t e s i e i n di e P o li t i k ", b eh a u p t e t e
P rof. E li s a b et h Noe ll e i n d er „ F AZ" vom 1 7 . Nov em b er 2 0 04 üb er An ge la M er k el.
„ Wi e ei n Ali en i s t s i e n a ch zwöl fj ä h ri gem Dorn rös c h en s c hla f a u s ih rem s t au b i g e n
Lab or hinter der Berliner Mauer in den westdeutschen Politikbetrieb
g e s c h l e u d e r t wo r d e n " , s c h r e i b t E v e l yn R o l l ü b e r M e r k e l s An f a n g i n d e r P o l i t i k
gegen End e d er DDR. Doch : Gan z ab geseh en d avon , dass es in d er fast sch on
preußisch auf Sauberkeit und Ordnung haltenden DDR keineswegs „staubig"
wa r , s c h on ga r n i c h t i m Z en t r a lh ei li gt u m d er d o rt i g en F o r s c h u n g, d e r Ak a d em i e
d e r W i s s e n s c h a f t e n ( e s i s t j a a u c h g e wi s s „ v e r s t a u b t " i m S i n n e v o n h i n t e r w ä l d -
lerisch gemeint), und dass man Vorbehalte gegen die Beschreibung von Frau
M erk el als „Dorn rösch en " od er au ch als „Alien " an melden k önn te: Rutsch end
b z w. s c h l eu d e rn d g e s t a lt et e s i c h i h r B egi n n en i n d e r P o li t i k n a c h d em M a u e rfa l l
sicher nicht, sondern sie ging bedächtig zu Werke.
Wi e a lles anfin g mit ihrer Su che nach einer Part ei, Wochen nach der Maueröff -
n u n g 1 9 8 9 , li e s t s i c h i n An ge l a M e rk e ls e i g en en W o rt en fa s t s o, a ls h a n d e lt e e s
s i c h u m ei n en E i n k a u fs b u m m e l i m Ka D e W e. „ S o b i n i c h m i t m ei n em C h e f Kl a u s
U l b r i c h t a u f P a rt e i e n s u c h e ge g a n g e n " , s a g t s i e . B e i d e m N a c h n a m e n s v e t t e r d e s
e i n s t i g e n D DR- D i k t a t o r s h a n d e l t e e s s i c h u m M e r k e l s V o r g e s e t z t e n a n d e r Ak a -
demie der Wissenschaften, der sie später dann auch für ihre Part eiarbeit frei -
s t el lt e. „ Ulb ri c h t i s t b ei d er S DP i n B erli n -Tr ep t o w h ä n gen geb li eb en ", fä h rt M er -
kel in ihrem B ericht fort. Unter dem Kürzel SDP hatten die parteipolitischen
Ak t i vit ät en d er Soziald emokrat en in d er Wen d e- DDR b egonn en. Au ch An gela
Merkel lugte bei den Sozis hinein, blieb dort aber nicht „hängen". Biograph
La n g gu t h : „E i n e M i t gli ed s c h aft i n d er S DP h ä t t e s i e i rr ev e rs i b el b er ei t s a u f ei n e
b es t i m m t e we s t d eu t s c h e P a rt e i f or m a t i on v e rp f li c h t et . " An g e l a M erk e l a b e r h a b e
es vorgezogen, sich verschiedene Optionen offenzuhalten.
Al s o b u m m e lt e s i e we i t er . B i s s i e a u f d en D em ok r a t i s c h en Au fb ru c h (D A) s t i eß ,
d e r im Ok t ob e r 1 9 8 9 v on a c h t zi g P er s on en m ei s t a u s d em k i rc h li c h en B e r ei c h i n
d er B erli n er S a m a ri t erg em ei n d e a ls S a m m lu n gs b ewe gu n g Op p os i ti on ell er g egrü n-
d et wo rd en wa r. M e rk e l- B i ogr a p h La n g gu t h : „ S i e b et r a t ers t zu ei n e m Z ei t p u n k t
die politische Arena, als die Bürgerrechtler unter groß en Risiken bereits den
Durchbruch gegen eine totalitäre Diktatur erkämpft hatten. Wenige Tage vor
Weihn ach ten 1989 , fast sechs Woch en n ach d er M au eröffnun g, entschied sich
An gela Merk el, im Demokratis chen Aufbruch (DA) mitzu wirken ." Der DA, d er sich
a m 1 7 . D e z e m b e r 1 9 8 9 a u c h a l s P a rt e i k o n s t i t u i e r t h a t t e , wu r d e z u d i e s e m Z e i t-

63
p u n k t n eb en d e m „N eu en F o r u m " (b ei d em Va t e r Ka s n e r m i t m i s c h t e ) a l s Fa v o ri t
für den Sieg bei den kommenden DDR-Wahlen gehandelt.

Der D DR -opp osit i on elle Th eologe und na chma li ge Mita rb eit er d er Gauck - B eh örd e
E h rh a rt Neub ert , ei n er d er D A -Grü n d er, s c h ri eb üb er ei n g e wi s s es S p ä t ei n s t ei ger -
tu m von End e 1 989 : „Sie h ab en au f d ie Gelegen h eit gewartet, d ass das Risik o
nicht mehr s o hoch ist. Wi r haben sie im mer Novemb errevolutionäre genannt."
Bei Merkel wäre sogar „Dezemberrevolutionärin" zutreffend.

Lo t h a r d e M a i zi è r e b eh a u p t et h eu t e, An g e la M e rk e l s ei woh l „n u r zu f ä l li g i n d i e
C DU gerat en ". P rof. R a lf Der, b efreund et mit M erk el, s eit er ih re Dip loma rb eit an
d e r Le i p z i g e r U n i v e r s i t ä t b e t r e u t e , f i n d e t : „ S i e k ö n n t e g e n a u s o g u t a u c h i n d e r
S P D s ein. " Bi ographin Leßn erk rau s cha rakt eri si ert M erk els p oli tis ch en „S tand ort "
wi e f o l gt : „ S i e i s t k on s e r va t i v , li b e ra l u n d p r o g r es s i v z u g le i c h . " B i o gr a p h La n g -
guth sieh t in M erk el „ein e Rep räsentantin ein es h eute sichtb aren Trends, d em -
zufolge Politiker der großen Parteien häufig als austauschbar erscheinen".
E v e l yn R o l l s t e l lt ei n e i n d i es e m Zu s a m m en h a n g b e s on d e rs i n t er e s s a n t e B et ra c h -
t un g a n : „Kei n er v on d en R e volu t i on ä ren d es J a h res 1 989 sp i elt ei n e wi rk li c h b e -
d e u t e n d e R o l l e i n d e r v e r e i n i g t e n B u n d e s r e p u b l i k . Au ß e r V e r a L e n g s f e l d , G e r d
Poppe und Rainer Eppelmann ist kaum einer was geworden in der bundesdeut -
s c h en P o li t i k . S i e wu rd en a l le s a m t zu Op f e rn d e r D em o k ra t i e, d i e s i e s e lb e r m i t
e r k ä m p ft h a t t en . Un d wä h r end s i e a n i h r en i d e o l o gi s c h en H e m m u n g en u n d B r em -
sen gebastelt haben, während also auch diese Revolution wi eder einmal ihre
Ki n d e r v e r z e h r t e , p r o f i t i e r t e n d i e a n d e r e n , d i e n e u d a z u g e k o m m e n w a r e n , wi e
An g e l a M e rk e l. " Da zu p a s s t e i n zu t r e f f en d er Hi n we i s von „ B B C n e ws " , 1 9 . S ep -
t em b er 2 0 05 , d em zu folg e An g ela M erk e l von a ll en „Os s i s " d i e ei n zi ge s ei , d i e i n
d er C DU -Fü h ru n g ü b erleb t h a b e: „S h e i s t h e on l y p rom i n e n t , Os s i ' (ea s t ern er ) t o
have survived in the CDU leadership."

I m Anfang w ar der „B ruder S chnur"


„Un er wa rt et s c h n ell zä h lt e s i e zu m Krei s v on 9 0 ha up t am t lic h fü r d en Dem ok ra t i -
s c h en Au fb ru c h t ät i gen M it a rb ei t ern i n d er DDR ", h ei ß t es i n J a c qu eli n e B o ys en s
M erk el - Bi ographi e: Ab 1. Februa r 1990 wa r si e Angest ellt e in d er Ges chä ft ss t elle
d es DA i n Os t b erli n . Un d p lötzli c h a uc h, s ch on ein e Woc h e s p ät er, a m 8 . Feb ru a r
1990 — drei Tage, nachdem DA, CDU und DSU, veranlasst von Kohl, für die
V o l k s k a m m e r wa h l d e s n ä c h s t e n M o n a t s d i e „ A l l i a n z f ü r D e u t s c h l a n d " b e s i e g e l t
h a tt en — , a van c i ert e An ge la M erk el zu r D A -P res s es p r ec h eri n . M it d i es em P os t en
b e ga n n i h r e s t e i l e p o li t i s c h e Ka r ri e r e n a c h Un t e r ga n g d es k om m u n i s t i s c h en d eu t -
schen Teilstaatsregimes.
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E s wa r W o l f ga n g S c h n u r, d e r d a m a l i g e C h e f d e s D e m ok ra t i s c h en Au fb ru c h s , d er
i h r d am i t zu m p oli t i s ch en Durc h b ruc h verh a lf. Wob ei s i e s elb s t b eh a up t et , es s ei
e i n e Ad -h oc -E n t s c h ei d u n g d es D A- An fü h r e rs g e we s en , s i e z u r P r es s es p r ec h e ri n
z u e r k l ä r e n . D a s i c h S c h n u r v o n An g e l a M e r k e l a u c h R e d e n r e d i g i e r e n u n d z u m
T e i l s o ga r a u s a rb ei t en li eß (s i e h a b e d i e An s p r a c h en „ g e wi s s e rm a ß en a u s i n h a l t -
l i c h en V e rs a t z s t ü c k en g es c h a f f en ", s c h r ei b t B o ys en ), i s t a b e r zu v e rm u t en , d a s s
e r s i c h s c h o n g e n a u ü b e r l e g t e , w e n e r d a f ü r d i e g e s a m t e M e d i e n a r b e i t b e s t a l l te
D e r 1 9 4 4 i n S t e t t i n g e b o r e n e S c h n u r, n a c h H a l a c h a , d e n a l t t r a d i e r t en j ü d i s c h e n
B e s t i m m u n g e n , e i n J u d e ( we i l s e i n e M u t t e r J ü d i n wa r ) , h a t t e i n d e r D D R a l s J u -
rist und Mann der Kirche Karriere gemacht. Protegiert wurde er von Manfred
Stolpe (Kirchenfunktionariat) und von Erich Mielke (Staatssicherheit; Minister). Ab
Mitte der 60er Jahre bis in die Zeiten, da das rote Regime in den letzten Zügen
lag, stand Schnur in Diensten der Abteilung XX d es Ministeriums für Staats-
sicherheit (B espitzelung und Zers et zung kirchlicher und oppositioneller Gruppen).
In d e r K i r c h e n a n n t e m a n i h n „ B r u d e r S c h n u r " ; d i e S t a s i f ü h r t e i h n u n t e r d e n
D e c k n a m en „ T or s t en " u n d „ Dr . R a lf S c h i r m er ". M f S - C h ef M i e lk e d ek o ri e rt e i h n
mit diversen Orden.
G e wi s s e n l o s b e t r i eb S c h n u r V e r r a t a u c h a n M a n d a n t e n a u s Op p o s i t i on s k r e i s e n ,
d i e s i c h Hi l f e v on i h m e rh of ft en . Un d n i c h t m i n d er s k ru p el l o s s p i t z e lt e e r i n d e r
Ki rc h e . E r wa r la n g e M i t g li ed d e r S yn od e d er E va n g e li s c h e n Ki rc h e i n M ec k l en -
bu rg, zeit wei s e Vi zepr äs es d er S yn od e d er E van geli sch en Ki rch e d er Uni on (E KU)
u n d S yn o d a l e r d e s B u n d e s d er E v a n g e l i s c h e n Ki r c h en i n d e r D D R . „ H e u t e k a n n
m a n i n S c h n u r s IM - T o r s t e n -Ak t e n n a c h l e s e n , wi e b i t t e r e r s i c h b e i s e i n e m F ü h -
r u n g s o f f i z i e r b e k l a g t h a t ü b e r d i e s e s g e h e u c h e l t e Ge t u e m i t e i n e m Go t t , a n d en
er nicht glaube, diese ewige Beterei für die Stasi", schreibt Evelyn Roll.
He lm u t Koh l, Vors i t z en d er d e r C h ri s t lic h - Dem ok ra t i s ch en Un i on u nd Ka n zler d e r
B u n d e s r e p u b l i k D e u t s c h l a n d , f r a ß z u r W e n d e z e i t e i n e n Na r r e n a n S c h n u r , p ri e s
i h n i n M e d i en a l s „ M a n n , d e m S i e v e r t r a u en k ö n n e n " u n d s t e l l t e i h n i n a l l e r Ö f -
f e n t l i c h k e i t s o g a r s c h on a l s „ d e n k ü n f t i g e n M i n i s t e r p r ä s i d e n t e n d e r D D R " v o r .
Doc h k u rz vor d er Vo lk s k a mm er wa h l i m M ä rz 1 9 90 k a m en „B ru d er S c h n u rs " S t a -
si -Schurkerei en heraus. Er trat vom DA -Vorsit z zurück, legte sich einen veritablen
N e r v e n z u s a m m e n b r u c h z u u n d g a b ö f f e n t li c h e S c h a u s p i e l e i n S e l b s t m i t l e i d . E s
d a u e r t e b i s 1 9 9 3 , d a s s i h m d i e An wa l t s z u l a s s u n g w e g e n M a n d a n t e n v e r r a t s u n d
Un wü rd i gk ei t en t zog en wu rd e , u nd s oga r b i s 1 99 6, d a s s das B erli n er La n d geri c h t
i h n zu ( l ed i g li c h ) ei n e m J a h r a u f B e wä h ru n g i m Zu s a m m en h a n g m i t s e i n er S t a s i -
T ä t i gk ei t v eru rt ei lt e. Un g ek lä rt i s t , i n wi e we i t S c h n u r s wi e d e rh o lt e Hi n wei s e a u f
seine jüdische Herkunft während des Prozesses und die lauthalsen Drohungen an

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d a s G e r i c h t ( „ S i e s e t z e n e i n e J u d e n v e r f o l g u n g f o r t !" ) d a s S t r a f m a ß b e e i n f l u s s -
t e n . E i n s p ä t e r e s V e r f a h r e n g e g e n i h n w e g e n d e s V o r wu r f s , e r h a b e n a c h d i v e r -
s e n P l e i t e n i m J a h r e 1 9 9 9 m i t e i n e m i s r a e l i s c h e n u n d e i n e m s c h w a r z a f r i k a n i-
schen Kumpan versucht, gefälschte Wertpapiere im Nennwert von einem
zweistelligen Millionenbetrag bei einer Bank zu versilbern, verlief im Sande.
An g e l a M e r k e l t a t d e r S t u r z i h r e s s t a s i v e r s e u c h t e n P r o t e g ä s f r e i l i c h n i c h t we h .
U n d a u c h d a s s ch wa c h e D A - E r g e b n i s b e i d e r V o l k s k a m m e r w a h l i m M ä r z 1 9 9 0
( d i e n u n S c h n u r -l o s e T r u p p e e r r a n g g e r a d e m a l 0 , 9 3 % , w a s n u r v i e r M a n d a t e
b r a c h t e ) wi r k t e b e i i h r n i c h t k a r ri e r e h e m m e n d . Au f d e r v on C D U , D S U u n d D A
verei nba rt en „Alli an z -fü r - Deut sch land" -P rop orzschi en e rutscht e s i e in s Amt ein er
s t e l l v e rt r et en d en P r es s es p r ec h e ri n d e r DDR- R e gi e ru n g — a l s Vi z e v on M a t t h i a s
Geh ler, d er zu vor Mit arb eit er d es Zent ra lb lat t es „Neu e Zeit " d er B lockpa rt ei CDU
ge wes en wa r u n d d an n a ls R efer en t d es s c h li eß li c h ü b er s e i n e S t a s i -V ers t ri c ku n g
gestrauchelten Generalsekretärs der Ost-CDU, Martin Kirchner, gewirkt hatte.
Al s s t e l l v e rt r et en d e P r es s ea m t s c h e fi n g eh ö rt e An g e l a M erk e l a u c h d e m M i n i s t e r -
rat an, a ls o d em Kabin et t d er let zt en DDR- R egi erun g, di e von Lot ha r d e Mai zi ère
( C D U- O s t ) g e fü h rt wu rd e. D en P os t en b ek l ei d et e s i e v on Ap ri l b i s zu m Vo l l zu g
d er Wi ed ervereini gun g, An fang Okt ob er 1990, d en Mini st erp rä sid ent en b ei s ein en
B e s u c h en i n a l l en b ed eu t en d en Ha u p t s t ä d t en E u r op a s b e g le i t en d . Di e k lä g li c h en
Reste d es Demok ratisch en Au fb ru chs ab er sch lossen sich im Au gu st 1990 d er
D DR -C DU a n . Au f d i es e W e i s e k a m An g e la M e rk e l a n d a s P a rt ei b u c h d e r C h ri s t -
demokraten.

Rettung aus Dritter-Oktober-Depression


N a c h d e m S t a s i -S c h n u r w e g v o m F e n s t e r w a r , ü b e r n a h m e i n a n d e r e r P o l i t i k e r ,
d e s s e n Ka r r i e r e s p ä t e r s k a n d a l ö s z u s a m m e n b r e c h e n s o l l t e , d i e B e o b h u t u n g u n d
Förd erun g An gela M erk els: Gü nth er Krau se, d er als Parlamen tarisch er Staats-
s ek r et ä r wi e s i e , d i e Vi z e- P r es s es p r ec h e ri n , d i r ek t i m Am t d es M i n i s t erp rä s i d en -
t e n d e M a i z i è r e i n O s t b e r l i n a n g e s i e d e l t wa r u n d s c h o n v o n d a h e r v i e l K o n t a k t
zu Merkel hatte.
D r . -In g . G ü n t h e r K r a u s e w a r „ d e r S t a r d e r N a c h w e n d e -Z e i t , H e l d d e s O s t e n s ,
Vorzei ge -Os si von Koh l" (E velyn R oll). Der C DU - Kan zler, ähn lich enthu sia sm i ert
wi e z u vo r v on „B ru d e r S c h n ur " , s a n g i n a l l e r Öf f en t li c h k ei t , b ei Kr a u s e h a n d e l e
es sich um „das große p olitische Ta lent der neu en Bundesländer". Krause wa r
1 9 5 3 i n Ha l l e a n d er S a a l e zu r W e l t g e k om m en , s e i t 1 9 7 5 M i t g li ed d e r B l oc k p a r -
t ei -CDU in d er DDR, ab 1982 an d er In geni eur- Hoch schu le in Wis ma r t äti g. Nach
seiner Wahl in die Volkskammer, März 1990, übernahm er die Führung der Frakti-
66
o n s g em e i n s c h a ft a u s C DU u n d D A. Al s S t a a t s s ek r et ä r wa r e r a n d en V e rh a n d lu n -
gen für d en deutsch- deutsch en Einigungsvertra g vom 21. Juli 1990 ma ßgeblich
beteiligt.
Am 3 . Oktob er 1990 wu rd e dan n au fgrund d es vorgen annten Vertrages d er An-
s c h lu s s d e r fü n f Lä n d e r d e r e h e m a l i g e n D e u t s c h e n D e m o k r a t i s c h e n R e p u b l i k a n
d i e B u n d es r ep u b li k D eu t s c h la n d a m t li c h v o l l z o g en . Da m i t h a t t e s i c h d a s Da s ei n
d er DDR -Regi eru n g er l ed i gt . An j en em 3 . Ok t ob er, d es s en Wi ed e rk eh r a llj ä h rli c h
als Nation alfeiertag d er Deutsch en zeleb riert wird , hatte An gela M erk el aller -
d i n g s , wi e B i o g r a p h i n E v e l y n R o l l s c h r e i b t , „ H a l b m a s t - Ge f ü h l e " . M e r k e l s e l b s t
b e r i c h t et : „ Ic h h a t t e i n d e r Na c h t j a g e r a d e m e i n e n s c h ö n en P o s t en a l s s t e l l v e r -
tretende Regierungssprecherin eines nun nicht mehr existierenden Staates
v e r l o r e n . J e t z t s o l l t e i c h a l s R e f e r e n t i n i m B u n d e s p r e s s e a m t a r b ei t e n m i t B e s o l -
d u n g s zi ff e r A 1 3 . V o rh er m u s s t e i c h a b e r n oc h i n W e s t -B e rl i n ei n e E i n s t e l lu n gs -
u nt ers u c hu n g fü r d en öffen t li c h en Di en s t üb er m i c h ergeh e n la s s en . Un d wei l i c h
einen hohen Blutdruck habe, sagte man mir, es sei gar nicht sicher, ob ich in
den öffentlichen Dienst übernommen würde. Und ich dachte: Gerade hast du
noch bei Mitterrand gesessen, nun bist du wieder vereint — und nichts mehr."
Als R et t er aus Dritt er- Okt ob er -Dep ressi on erwi es si ch : Günth er Kra us e. Der „s ta r -
k e M a n n " d e r C D U i n M e c k l e n b u r g - V o r p o m m e r n h a t t e A n g e l a M e r k e l d e n B u n-
d e s t a g s wa h lk r e i s 2 6 7 , R ü g e n / S t r a l s u n d / Gr i m m e n , d e n f ü r d i e C h ri s t d e m o k ra t en
s i c h e r s t en v on a l l en i m La n d a m Os t s e e s t ra n d o r ga n i s i e rt . Na c h d e m m a n b ei d e r
Nominierun g ein es d ort b ereits als Bewerb er gewäh lten Parteifreun d es „ein en
F o r m f e h l e r g e f u n d en " h a t t e , wa r d e r W e g f r e i . D i e Au f s t e l l u n g An g e l a M e r k e l s
als Bundestagskandidatin erfolgte in Prora auf Rügen.
D i e M e r k e l - Kü r f a n d i n d e n R ä u m l i c h k e i t e n d e r e h e m a l i g e n M i li t ä r t e c h n i s c h en
Schule „Erich Habersaath" der DDR statt. Das Gebäude gehört zu dem an der
P rorer Wi ek gelegen en ri esi gen „Kra ft du rch Freud e" -Zent rum , d em größt en Zi vi l -
b a u we rk d e s D ri t t en R ei c h e s . Ar c h i t ek t P r o f e s s o r C l em en s Kl o t z wa r f ü r s ei n en
E n t wu r f 1 9 3 7 b e i d e r P a r i s e r W e l t a u s s t e l l u n g v o n d e r i n t e r n a t i o n a l e n J u r y m i t
d e r Go ld m ed a i l l e a u s g e z e i c h n et wo rd en . Ad o l f Hi t l e r d a c h t e s i c h P r o ra a ls F e r i -
enparadies für Hunderttausende Arbeiter und ihre Familien, wozu es kriegs -
bedingt nicht kam. Die sich über Ki lomet er erstreckende An lage stand in der
D DR we i t g eh en d u n g en u t zt he r u m u n d d en H er r s c h en d en n a c h 1 9 9 0 i s t a u c h k ei -
ne sinnvolle Verwendung eingefallen.
An g e l a M e rk e l er r e gt e d a m a ls ü b ri g en s n oc h m i t i h r em ei g e n t ü m li c h en „Ou t fi t ",
S c h l a b b e r r o c k m i t „ J e s u s l a t s c h e n " u . ä . , Au f s e h e n . D e r J ou r n a l i s t H u g o M ü l l e r -
V o g g w e i s t a u f e i n e p r o p a g a n d i s t i s c h e Ü b e r l e g u n g h i n , d i e i n f ü h r e n d e n C D U-

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Kr e i s en a n g e s t e l lt wo rd en s ei . D e m zu f o l g e wo l lt e m a n „ ei n en z we i t en Fa l l S a b i -
n e B e r g m a n n- P o h l v e r m e i d e n " . D i e s e , V o l k s k a m m e r- P r ä s i d e n t i n 1 9 9 0 u n d p r o -
m i n en t e s t e D DR- C h ri s t d em ok r a t i n d er e rs t en W e n d e z e i t , s e i „d u r c h i h r e E s c a d a -
Kostüme bekannt geworden" und habe durch ihre Extravaganz im Volk
Unbehagen ausgelöst.
Gü n t h e r K r a u s e , d e r u n t e r d es s e n i n s Ko h l - Ka b i n et t n a c h B o n n g e w e c h s e l t wa r ,
s et zt e s i c h zu s ä t zli c h da fü r ei n , d a s s d i e a m 2 . Dezem b e r 1 9 90 fri s c h in d en Bu n-
d e s t a g g e wä h l t e An g e l a M e r k e l a u c h z u M i n i s t e r wü r d e n k a m . H e l m u t K o h l b e-
r i c h t et e s p ä t e r. „E s wa r Kr a u s e , d e r s ei n en E i n f lu s s b ei m i r g e lt en d m a c h t e , u m
An gela M erk el in d ie erste gesamtd eutsch e Bund esregierun g zu b eru fen." Bei
E v e l yn R o l l li es t s i c h d er Vo r gan g f o l g en d e rm a ß en : „ Al s Ko h l d r ei os t d eu t s c h e
Minister in seinem Kabinett haben wollt e, ist es Krause gewesen, der gesa gt
h a t : Gu c k d i r d oc h m a l d i e An g e la M e rk e l a n . " S o k a m es d a n n s c h li eß li c h zu i h -
r e m Ka r r i e r e s p r u n g i n s B u n d e s k a b i n e t t . Am 1 8 . J a n u a r 1 9 9 1 wu r d e M e r k e l a l s
Bundesministerin für Frauen und Jugend in der Regierung Kohl vereidigt.
W e r a l s A n g e h ö r i g e r d e s M i n i s t e r i u m s- A p p a r a t s g e d a c h t h a b e n m a g , M e r k e l ,
Koh ls h a rm los a n m u t en d es „M äd c h en ", k önn t e i m li s t en- , fi n t en - un d i nt ri gen rei-
chen Bonn nicht mithalten, sah sich rasch getäuscht. Sie sei „bald geachtet,
a b e r a u c h g e fü rc h t et " wo rd en , b e ri c h t et E v e l yn R o l l. W e i t e r : „ An gi e d i e S c h l a n -
g e , h i e ß e s i m M i n i s t e r i u m . An g i e i s t g e f ä h r l i c h . " D i e B i o g r a p h i n z i t i e r t e i n en
e h e m a l i g e n M i t a r b e i t e r d e r M i n i s t e r i n : „ S i e g u c k t e d i c h a n wi e e i n e S c h l a n g e .
Du wusstest noch gar nicht, was will sie überhaupt, schon schnappte sie zu."
U n d Kr a u s e ? N o c h a m 1 4 . D e z e m b e r 1 9 9 1 h a t t e An g e l a M e r k e l i n e i n e m In t e r -
vi e w m i t d em „Ha m b u rger Ab en d b la tt " ü b er i h n erk lä rt : „ Ic h s c h ät ze s ei n e Arb ei t
u n g e m e i n . E r i s t e i n V e r t r e t e r d e r o s t d e u t s c h e n In t e r e s s e n . Ü b e r i h n wi r d s e h r
v i e l U n g e r e c h t e s g e s c h ri e b e n u n d g e s p r o c h e n . " D a s wa r n o c h zu e i n e r Z e i t , a l s
Kr a u s e z wa r s c h on a n g e g r i f f e n , a b e r l ä n g s t n o c h n i c h t a n g e s c h l a g e n wa r . D oc h
dann geri et Merk els Pa rt eifreund und Prot egé wegen Ska ndale in sch were Was -
ser. Prompt ließ sie ihn fallen wie ein en glüh end en Erdap fel. Und sie b eerb te
i h n a u c h n o c h i m J u n i 1 9 9 3 i m C D U- L a n d e s v o r s i t z v o n M e c k l e n b u r g- V o r p o m -
mern.
Dabei handelte es sich bei den Affären Krauses, vergleicht man sie mit dem
S ü nd en regi s t er a n d erer P oli t i k er, d i e un verd ros s en i n Am t u nd Wü rd en geb li eb en
s i n d , u m „ p e a n u t s " : D a g a b e s e i n e s o g e n a n n t e P u t z f r a u e n a f f ä r e ( K r a u s e s Ga t -
t i n , n i c h t e i n m a l e r s e l b s t , h a t t e z u r B e z a h l u n g e i n e s A t a - G i r l s M i t t e l d e s A r-
beitsamtes beansprucht) und eine Umzugsaffäre (Steuergeld für Umzugskosten).

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69
S p ä t er a lle rd i n gs s t and er we gen i ll ega ler Wä h ru n gs s p ek u la t i on vor Ge ri c h t , wu r -
de auch verurteilt, doch hob der Bundesgerichtshof das Verdikt 2002 auf.

„ W e n n m a n K r a u s e a n An g e l a M e r k e l e r i n n e r t , w e r d e n s e i n e P u p i l l e n e n g . D e r
Tonfa ll verschärft sich. Die leichte Bitterkeit schlägt um in schweren Ha ss",
schreibt Evelyn Roll. 0- Ton Günther Kraus e: „ Ih r Hauptförd erer, der dafür ges orgt
hat, dass sie üb erhau pt au fs Festb ank ett k ommt, war ich. Und als ich in s Wan -
k en gek ommen b in, hat sie den Finalschuss ab gegeb en . So ist die. So funktio -
n i e rt d i e. Un d d a s k ön n en S i e d u rc h a u s zi t i e r en : W e n n m a n F r a u M e rk e l d en R ü -
cken zudreht, gibt's einen Tritt in den Arsch."

Mit „Emma" und der Beauvoir


D a s J a h r 1 9 9 1 h a t t e n u n g l e i c h e i n e n d o p p e l t e n Ka r r i e r e s p r u n g f ü r An g e l a M e r -
k e l g e z ei t i gt . S i e g e la n gt e n i c h t n u r i n s Ka b i n et t d e s H e lm u t Koh l, s on d e rn wu r -
d e a u c h d e s s e n V i z e c h e f i n i n d e r C D U — a l s N a c h f o l g e r i n d e s u n t e r S t a s i -V e r -
dacht geraten en Lothar de Maizière. Üb er Vorgeschichte und Umstände dieses
Merkel'schen Parteiaufstiegs später mehr.

Au s e i n i g e n V e r l a u t b a r u n g e n u n d M a ß n a h m e n An g e l a M e r k e l s i n i h r e r Z e i t a l s
B u n d es m i n i s t e ri n fü r J u g en d u n d F ra u en , 1 9 9 1 -1 9 9 4 , g la u b t en m a n c h e B e ob a c h -
t er sch li eß en zu k önn en, es h and ele si ch b ei ihr u m ein e „CDU -Li nk e". Zu d i es em
Eind ruck tru g b eispielsweise ih r „Gleichb erechtigun gsgesetz" b ei, das gemäß
Gu sto d er Ministerin „an tidisk rimin ierend " sein und Gesch lechtsgen ossinn en
et wa b ei d er Arb ei t s p la t zs u c he b egü n s t i gen s ol lt e. Au c h An gela M erk e ls i n „fo rt -
s c h ri tt li c h en " Krei s en a ls „em a n zi pa t ori s c h " b et ra c ht et e Le b en s fü h ru n g — b eru fs -
t ä t i g, ni ch t eh eli c h e Zwei e rb e zi eh u n g, n u ll Ki n d er — t ru g zu i h rem „p rogre s s i ven
Image" bei.
Im O k t o b e r 1 9 9 1 wu r d e d i e J u g e n d - u n d F r a u e n m i n i s t e r i n v o n d e r J o u r n a l i s t i n
H e r li n d e Ko e l b l g e f ra gt : „ Kön n en S i e s i c h v o rs t e l l e n , i h re n Le b en s g e fä h rt en zu
h ei rat en , vi ellei c h t ei n Ki n d zu h ab en und d ab ei ak t i v P oli t ik zu b et rei b en ?" M er -
k e ls An t wo rt : „ N e i n , zu s a m m e n m i t d e r P o li t i k k a n n i c h es m i r n i c h t v o rs t e l l en .
E i n e H e i r a t wü r d e m ei n Le b e n n i c h t ä n d e r n . Ab e r e i n Ki n d wü rd e n a c h m e i n e m
Verständnis b ed euten, d a ss ich die Politik au fgeb e. Das ist ab er zu r Zeit k ein
Thema. Vielleicht wird es auch keines mehr."
An g ela M erk e l rü h m t s ic h , s ch on zu DDR - Zei t en „s eh r g er n e S i m on e d e B ea u voi r
g e l e s e n " z u h a b e n , „ e i n e d e r wi c h t i g s t en V o r d e n k e r i n n en d e s F e m i n i s m u s , e i n e
s t a rk e Fra u a u s d em bü rger li c h en La g er ". Di e Kern b ot s c h a ft d er b es a gt en fra n zö -
sischen Emanzen-Ideologin aber lautete: „Ich beklage die Sklaverei, die der Frau
70
d u r c h d i e M u t t e r s c h a f t a u f g e z wu n g e n wi r d . D i e F r a u b l e i b t n a c h wi e v o r H a u s -
sklavin, denn sie wird erdrückt, erstickt, abgestumpft und erniedrigt von der
K l e i n a r b e i t d e r H a u s wi r t s c h a f t , d i e s i e a n d i e Kü c h e u n d d a s Ki n d e r z i m m e r f e s -
s elt und ih re Sch a ffensk ra ft du rch ein e gerad ezu ba rba ri sche, unp rodukti ve, k lein -
l i c h e, e n t n e r v en d e, a b s t u m p fe n d e, n i ed e rd rü c k en d e Ar b ei t v e r g e u d en lä s s t . " M i t
i h r e m 1 9 8 5 a l s C D U -B u n d e s fa m i l i en m i n i s t e r i n g e ä u ß e r t e n B e k e n n t n i s z u r W e l t -
s i c ht d er S i m on e d e B ea u voi r („S i e i s t m ei n Vorb i ld ") h at te s c h on Ri t a S ü s s mu th
im Ans ehen „Fortschrittlicher" reüssier en können. Das Linksemanzenblatt „Em ma"
säuselte: „Lovely Rita."
Ap r o p o s : Z wi s c h e n „ E m m a " -S c h wa r z e r u n d d e r C h e f i n d er „ S c h wa r z e n " b e s t e h t
b e r ei t s la n g e gu t es E i n v e rn eh m en . „ Ic h u n t e rh a lt e m i c h g e rn m i t i h r ", s a gt An g e -
la M erk el, die sich sch on in d en 90 er - Jah ren als Autorin in „Emma" zu Worte
g e m e ld et h a t t e. „M i t Al i c e S c h wa r z e r v e r s t eh t s i e s i c h gu t ", n ot i e rt La n g gu t h i n
s ei n er Leb en s b es c h rei b un g d er c h ri s t d em ok ra ti s ch en P oli t i k eri n . „S c h wa rz er wa r
ei n e d er ers t en , d i e s i ch fü r M erk el a ls C DU -C h efi n a u s ges p roc h en h a tt en ", wei ß
B i o gra p h i n E v e l yn R o l l . Di e „ E m m a " -E m a n z e wa r e i n s t a ls l a u t s t a rk e P rop a ga n -
d i s t i n d e r A n t i -§ - 2 1 8 - B e w e g u n g „ M e i n B a u c h g e h ö r t m i r " a u f d i e ö f f e n t l i c h e
Bühne getreten. Was sie in dieser Hinsicht fo rdert, geht sogar noch weit über
jene „liberalen" Gesetze hinaus, die ohnehin schon vom Bundesverfassungs-
geri cht a ls ek la tant verfas sungs wi dri g, wei l di e Un geb orenen ma s si v ent recht end,
kassiert worden sind.
Als es 1 992 im Bund estag um ein en Gesetzen twu rf von SPD, Grün en und FDP
ging, der die Abtreibung in den ersten drei Schwangerschaftsmonaten weit-
g e h en d fr ei g a b , v ot i ert e An ge l a M e rk e l, d i e c h ri s t d em ok ra t i s c h e B u n d e s m i n i s t e -
rin fü r Ju gend und Frau en, mit Entha ltun g. Ob woh l zu glei ch ein d en Leb en s schut z
b es s e r b ea c h t en d e r C DU/ C S U- Ge s e t z en t wu r f v o r la g, d e r i n i h r e m ei g en en M i n i s -
terium mit erarbeitet worden war.
M erk el v ers u c h t e i m Ges p rä c h m it Herli n d e Ko e lb l, De ze m b er 1 99 2 , Vers t ä n dn i s
f ü r i h r e i g e n t ü m li c h e s Ab s t i m m u n g s v e r h a l t en z u e r h e i s c h e n : „ W ä h r e n d d e r g a n -
zen Au seinan d ersetzun g war d er Druck von allen Seiten, au ch d er öffen tlich e
D ru c k , s o s t a rk , d a s s i c h a m S c h lu s s k a u m n oc h wu s s t e , wa s i c h s e lb e r wi l l . Da s
h a t m ei n e ei gen e E n t s ch ei du ng s o s c h wer g em a c h t . " Bi ogra p hi n E vel yn R ol l frei -
l i c h n o t i e r t „ N o c h h e u t e f ä l l t v i e l e n d i e s e Ab s t i m m u n g e i n , w e n n s i e e r k l ä r e n
wo l l e n , d a s s An g e l a M e r k e l i m m e r s c h o n a b g e wa r t e t h a t , wo h e r d e r W i n d we h t ,
dass sie immer laviert."
Gegen das von SPD, Grünen und FDP, bei Enthaltung der Ministerin Merkel,
durchgebrachte Abtreibungsgesetz strengten 248 Abgeordnete der CDU/CSU eine

71
V e r fa s s u n gs k la g e a n , d i e i n Ka r l s ru h e E rf o l g h a t t e u n d zu m j u ri s t i s c h en In k a s s o
des M ehrh eitsbesch lusses des Bundestages durch das höchste d eutsche Gericht
f ü h rt e . „ Al s W o l f g a n g S c h ä u b l e , d e r z u d e r Z e i t s c h on F r a k t i on s c h e f wa r , m i c h
f r a g t e , o b i c h d a s N o r m e n k o n t r o l l v e r f a h r e n u n t e r s c h r e i b e n wü r d e , h a b e i c h d a s
o h n e Z ö g e r n g e t a n " , b eh a u p t e t M e r k e l i n i h r e n a u t ob i o g r a p h i s c h e n Ge s p r ä c h e n
m i t Hu g o M ü l l e r -V og g. P r of. La n g gu t h h a t d e n Fa l l u n t e rs u c h t u n d i s t a u f Un g e -
r e i m t h e i t e n g e s t o ß e n . In s e i n e r M e r k e l -B i o g r a p h i e f i n d e t m a n d a z u f o l g e n d e n
W o r t we c h s e l z wi s c h en i h m u n d i h r : „ S i e a r gu m en t i e r en , S i e h ä t t en s i c h d e r Kl a -
ge beim Bundesverfassungsgericht der 248 Bundestagsabgeordneten ang eschlos-
s en . "/ „Ha b e i c h au ch . " — „ Ic h ha b e ab er Ih r en Na m en a u f d er Kla g es c h ri ft n ic ht
g e f u n d en . " / „M a g s e i n , we i ß i c h n i c h t m e h r , u n t e r s t ü t zt h a b e i c h d i e Kl a g e p o l i -
tisch immer."
Im J a n u a r 1 9 9 2 s t a rt et e B u n d es j u g en d m i n i s t eri n M e rk e l e i n „ Ak t i on s p ro g ra m m "
mit insgesamt 132 „An ti - Aggression s- Projek ten " zu r Eindämmun g d er Ju gend-
g e wa l t . Vi e l e s d a von b e we g t e s i c h i m R a h m en d e s Üb li c he n . E t wa „ M a ß n a h m en
gegen R echt s radika le" (z. B. „Verb ot n eona zi sti sch er Ton t rä ger"). Doch ein es d er
„ An t i -Ag gr es s i on s -P r oj ek t e" d es Ha u s es M erk el ri c h t et e s ic h s oga r gegen Um t ri e -
b e, die au f d as Kerbh olz Mäch tiger geh en, n ämlich d er M ed ien gewaltigen d es
F e r n s eh en s : d i e In i t i a t i v e g e ge n v e rr oh en d e u n d zu Ge wa l t a n s t a c h e ln d e Da rs t e l -
lun gen au f d em Bi ldsch irm. Auch di e in M erk els „P ro j ekt- Pak et " en tha lt en e An re-
g u n g , ei n S c h u lp f li c h t fa c h Vö l k erk u n d e ei n zu fü h r en , wa r s i c h e r b e g rü ß en s we r t .
D e r E t h n o l o gi e, a l s o d er E r f or s c h u n g, B es c h r ei b u n g u n d Wü rd i gu n g d er n a t i on a -
len Vielfalt d er M en schh eit, geh ört d rin gend wied er mehr Au fmerksamk eit g e -
zo llt . Au c h d es h a lb , wei l d i e Völk e rk u nd e b ei d er Zu wa n d eru n gs fra ge r ec h t zei t i g
H i n wei s e d a ra u f l i e f ern k a n n, we l c h e M i g ra n t en zu r Ku lt u r d es Au fn a h m e la n d es
passen und d esh alb gu t in tegrierbar sind und welch e p oten ziellen Zu wand erer
wa h rsch ein lich i mm er fremd e E lem ent e in ges ells cha ft lich en Pa ra llelt op oi b leib en
werden, was für das Gemeinwesen mit hohen Risiken behaftet ist.
Al l e i n : „ Di e m ei s t en In i t i a t i ve n v e r li e f en i m S a n d e ", r e s ü m i e rt S c h l e y d en p ra k -
t i s c h n i c h t v o r h a n d e n e n E r t r a g d e r M e r k e l ' s c h e n „ An t i -A g g r e s s i o n s - P r o j e k t e " .
Au c h d i e In i t i a t i v e g e g e n d e n „ b l u t i g e n B i l d s c h i r m " b r a c h t e e r s i c h t l i c h n i c h t s .
Ebenso war der Vorschlag „Völkerkunde an die Schulen" erfolglos.

Klimaschutz und „Castor"-Strahlen


N a c h d e r B u n d e s t a g s wa h l 1 9 9 4 ü b e rn a h m An g e l a M e r k e ! a m 1 7 . N o v e m b e r d e s
J a h r e s i m n eu en Ka b i n et t Ko h l d a s M i n i s t eri u m fü r U m we l t , Na t u r s c h u t z u n d R e -
aktorsicherheit als Nachfolgerin von Klaus Töpfer. Als Höhepunkt ihres Wirkens
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i n di es em Am t em p fi n d et s i e i h re P rä s i d en t s ch a ft b ei m s o gen a n n t en UNO- Kli m a-
gipfel in Berlin, der im April 1995 mit rund 1000 Delegierten aus 130 Staaten
s t a t t fa n d . Da b ei wu rd e d a s „B e r li n er M a n d a t " b e s c h l os s en — ei n e Ab s i c h t s e rk lä-
run g, d ie „Treibhau sgase" erh eb lich zu vermind ern. Aller din gs folgte d er Ver-
ab schiedun g d es b esagten Man dates au f d er Tagun g sch on bald die weitgeh en-
de Verabschiedung von dessen Inhalt in der Realität.

1 9 9 7 wa rt et e U m we l t m i n i s t e ri n M e rk e l m i t d em V o rs c h la g z u r E i n fü h ru n g e i n e r
A r t Ö k o s t e u e r a u f . S o e r k l är t e s i e b e i s p i e l s w e i s e a m 1 7 . J u n i d e s J a h r e s i n d e r
„ F r a n k fu r t e r R u n d s c h a u " : „ E n e r g i e i s t h e u t e z u b i l l i g . . . E s m ü s s e n a u s m e i n e r
S i c h t g e z i e l t d i e S t e u e r n a u f E n e r g i e a n g e h o b e n we r d e n , s e i e s ü b e r M i n e r a l ö l ,
Hei zgas od er St rom. Der gewün scht e um welt p oli t isch e Len kun gs- od er Lern effekt
tritt freilich nur ein, wenn klar ist, dass die Steuersätze über Jahre allmäh lich
angehoben werden."
B e i d e n Au s e i n a n d e r s e t z u n g en u m d i e At o m k r a f t we r k e e r g r i f f M e r k e l P a rt e i fü r
d i e a u s d e r Ke r n e n e r g i e Ka p i t a l s c h l a g e n d e n Ko n z e r n e . A u c h s e t z t e s i e s i c h v e -
h em en t fü r d i e F o r t s et zu n g d e r s o g en a n n t en C a s t o r- T ra n s p ort e m i t ra d i oa k t i v en
Ab fä l l en ei n , g e g en d i e s i c h e i n e b r e i t e P r ot es t f ron t g eb i ld et h a t t e. Hoh e W e l l e n
s c h l u g e n E n t h ü l l u n g e n i m M a i 1 9 9 8 , d a s s d i e C a s t o r -B e h ä l t e r e n t g e g e n d e r B e -
t e u e r u n g e n d e r In d u s t ri e u n d d e r M i n i s t e r i n s e i t J a h r en S t r a h l u n g e n a u f wi e s e n ,
die üb er d en zu lässigen Gren zwerten lagen . Der An seh en sverlust M erk els, die
s i c h von d en Kon zern en „h i n ters Li c h t gefü h rt " fü h lt e, wa r erh eb li c h . Di e C a st or-
Affä re t ru g zu r s c h wer en Wa h ln i ed erla g e d er Koh l -R e gi er u n g i m S ep t em b er 1 99 8
u n d z u i h r e r Ab l ö s u n g d u r c h R o t g r ü n b e i . An g e l a M e r k e l v e r t e i d i g t e i h r e n v o r -
pommerschen Bundestagswa hlkreis zwar, fi el allerdings auf 37,3 Prozent der
S t i m m en z u rü c k , wä h r en d e s b ei i hr em e r s t en An t ri t t , 1 9 9 0 , b e i n a h e n o c h d i e a b -
solute Mehrheit, 48,5%, gewesen war.

Die Schwarze-Koffer-Bombe platzt ...


„Der 4 . Novemb er 1999 wu rd e zum Sch warzen Donn erstag, zu m sch wärzesten
T a g i n d e r b i s h e r i g e n G e s c h i c h t e d e r C D U " , h e i ß t e s i n d e r M e r k e l- B i o g r a p h i e
von E ve l yn R ol l. Wei t er : „E s wa r d e r Ta g, a n d em Ha ft b efe h l ge gen Wa lt h er Lei s -
ler Kiep erlassen wu rd e, d er Tag, an d em die Sp end en affäre b egann ." An gela
M e rk e l e r l eb t e d en S c h wa r z en D on n er s t a g a l s n u n m eh ri g e Ge n e r a ls ek r et ä ri n d e r
„ S c h wa r z e n " . An d i e s e n P o s t e n wa r s i e g l e i c h n a c h d e r B u n d e s t a g s wa h l , i m N o -
vember 1998, gekomm en — vorgeschlagen von Kohls Erb en als Partei vorsitzender,
W o l f g a n g S c h ä u b l e , u n d i n d e r Na c h f o lg e v on E x -P a s t o r P e t er Hi n t z e. D e r h a t t e
als ein Bauernopfer für die Wahlniederlage gegen Rotgrün herhalten müssen.
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Ki e p , m e h r a l s z we i J a h r z e h n t e l a n g ( 1 9 7 1 - 9 2 ) C D U -B u n d e s s c h a t z m e i s t e r , z e i t -
we i s e z u g l ei c h La n d es fi n a n zm i n i s t e r i n Ni ed er s a c h s en , s owi e H a n s -D a m p f -i n -a l -
len- Gass en internationaler Ins iderzi rkel (Atlantik -Brücke, Trilatera le Kom mission,
B i ld erb erg er), wa r a m b es a gt en S c h wa rz en Don n ers t a g d er C h ri st d em ok ra t en p er
H a ft b e f eh l d es Am t s g eri c h t s Au g s b u r g ei n g es p e r rt wo rd en . E s wa r d en S t ra f v er -
fol ge rn zu r Ken n t ni s gela n gt , d a s s er ru n d a ch t Ja h re zu vo r, a m 2 6 . Au gu s t 1 99 1,
von d em Bitu men fab rikan ten und Waffen schieb er Karlhein z Sch reib er, ein em
C S U- Mit gli ed, au f d em Pa rkp lat z ein es Sch wei zer Eink aufs zent ru ms in St. Ma rga -
r e t h en ei n en Ko f f er m i t ei n e r M i l li on M a rk d u b i os e r Z we c k b es t i m m u n g e rh a lt en
hatte. Eine Versteuerung der Summe fand nicht statt.
Ki ep k a m s c h on t a gs d rau f, 5 . Nov em b er 1 9 99 , gegen ei n e Ka u t i on von fa s t ei n er
h a lb en M i lli on M a rk wi ed er a u f frei en Fu ß . Doc h es k on nte von d en in volvi e rt en
Kreisen nun nich t meh r verhind ert werd en, dass nach u nd nach ein wah rer Ab -
g r u n d a n R e c h t s b ru c h , S c h i eb u n g , B e s t e c h u n g u n d Ko r r u p t i o n m i t V e r wi c k lu n g
prominenter P olitiker der C DU/CSU (neb en Koh l und Kiep z. B. Bundesinnenminis -
t er Kanth er und E x -Verfas sungs schu t zch ef P fah ls ) offenba r wu rd e. Di e Au s wu ch e -
run gen des Skandals reichten bis zu der vermutlich mit 50 Mio. geschmierten
Veräuß erun g d er Leu na -Min era l-R a ffin eri e (Sach s en - Anha lt) n eb st d eren Tank st el -
l e n n et z a n d en i n F ra n k r ei c h s i t z e n d en Ko n z e rn E lf Aq u i t a i n e u n d zu ei n em v o r -
derorientalischen Panzerd e al mit wohl sogar 220 Mio. als „Schmiere". Rasch
m a c h t e d a s W o rt v on d e r „B on n er B i m b es - R ep u b li k " d i e R u n d e ( „ B i m b es " : Au s -
druck aus Kohls Pfälzer Hei mat für Schmiergeld). Bezei chnend war auch ein
„Spiegel"-Titel: „Die geschmierte Republik".
I m Z e n t r u m d e r S c h w a r z e- K o f f e r- A f f ä r e u m i l l e g a l e P a r t e i s p e n d e n -M i l l i o n e n
stand nun aber niemand anderes als der Mann, der ein Vierteljahrhundert als
P a rt eifüh rer di e Ch ris t lich -Dem okrati sch e Uni on Deut sch land s gep rä gt hat t e. Ges -
t e rn n oc h i n d e r v e r öf f en t li c h t en M ei n u n g a l s „ Ka n z l e r de r E i n h ei t " g eb en ed e i t ,
g e r i et H e l m u t Ko h l n u n zu r „d i c k en , gi ft i g en S p i n n e i m Ne t z ", zu m „ ra c h s ü c h t i -
g e n a l t e n M a n n , d e r 1 6 J a h r e l a n g 1 6 S t u n d en a m T a g d i e P a r t e i b i s i n d i e l e t z -
t en Un t ergli ed eru n gen m a n i puli ert u n d n eb en b ei a uc h n och ei n La n d regi e rt h a t ",
wi e e s i n E v e l yn R o l ls M erk el -B i og ra p h i e h ei ß t . P r o f. La n g g u t h b em ü h t ei n ä h n -
l i c h e s B i ld u n d s c h r e i b t v o m E x -Ka n z l e r a l s „ d e r d i c k e n S p i n n e i m N e t z we r k " .
Friedbert Pflüger, selber hochrangiger CDU -Politiker und zur Hoch -Zeit der „dicken
S p i n n e " a u f g es t i e g en , v e r öf f en t li c h t e 2 0 0 0 ei n B u c h t i t e l s „ E h r en wo rt . Da s S ys -
tem Kohl und der Neub eginn", in welch em er die Umt rieb e soga r mit dem Trei -
b en d er „E h ren we rt en Ges el ls c h a ft ", a ls o d es s c h werk ri m i nel l en Un t erwelt -M ob s
a u f S i zi li en , v e r g li c h u n d rh et o ri s c h f ra gt e : „ W a s u n t e r s c h e i d et d en n d i e s es i l l e -
gale Finanzierungssystem von der Mafia?"
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Ko h l g es t a n d i m D e z em b e r 1 9 9 9 ö ff en t li c h , a n d e rt h a lb b i s z we i M i l li on en M a rk
a n Ge s e t z u n d P a rt e i g r e m i e n v o r b e i g e s c h l e u s t z u h ab e n . S o g a r d a s r u n d Z e h n f a -
c h e wa r i n s g es a m t i m La u f e d e r Z ei t i n i r g en d we lc h en „ S c h wa r z en Ko f f e rn " d en
„ S c h wa r z en " zu g e s c h ob en wo r d en . Di e S u m m en fa n d en fü r j en es „ S ys t e m Koh l "
V e r we n d u n g , d u r c h d a s D e u t s c h l a n d s Ka n z l e r p a r t e i u n t e r Ku r a t e l e i n e s M a n n e s
u nd s e i n e r S e i l s c h a f t g e h a lt e n u n d v o n Ge l d g e b e r n u n d Dr a h t z i e h e r n i m H i n t e r -
g r u n d b e e i n f l u s s t wu r d e . D i e S p e n d e r w o l l t e K o h l n i c h t n e n n e n . W e i l e r i h n e n
das Ehrenwort gegeben habe, dass sie anonym blieben. Der Altkanzler schob
a u c h n o c h d i e a b w e g i g e B e g r ü n du n g n a c h , e i n e „ S c h u t z p f l i c h t " g e b i e t e i h m
S c h wei g en , we i l i n D eu t s c h la n d d em j en i g en V e r l eu m d u n g d roh e, d e r d i e B ü r g er -
lichen finanziell unterstütze.

„Zuckerpuppe aus der


Schwarzgeldtruppe"
Als d i e d em osk opis ch e La ge fü r di e C- Pa rt ei en in folge d er Affäre u m Koh l, Ki ep ,
Ka n t h er u s w. i m m e r k a t a s t rop h a l e r wu rd e — d e r Ab s t u r z i n d en M ei n u n g s u m f ra -
g e n wa r j ä h — , „ ü b e r n a h m An g e l a M e r k e l d i e R o l l e d e r S a u b e r f r a u " ( S c h l e y ) .
„ W i r h a b e n j e d e s In t e r e s s e a n e i n e r v o l l s t ä n d i g e n Au f k l ä r u n g " , h a t t e d i e C D U -
Gen era ls ek r et ä ri n glei c h b ei d er e rs t en P r es s ek on f eren z zu m S p en d en s ka nd a l ver-
k ü n d et . Un d a m 2 2 . D e z em b er 1 9 9 9 v e rö f f en t li c h t e An g e la M e rk e l i n d er „ F AZ "
u n t e r d e r S c h l a g z e i l e „ D i e Z e i t K o h l s i s t u n wi e d e r b r i n g l i c h v o r ü b e r " e i n e n n a -
m en t li c h gezei c h n et en Art i k el , i n d em es h i eß : „Di e v on He lm u t Koh l ei n gerä u m-
t e n V o r g ä n g e h a b e n d e r P a r t e i S c h a d en z u g e f ü g t . " E s s e i n u n Z e i t , s c h n e l l s t e n s
„Nachfolgern, den Jüngeren" in der CDU, „das Feld zu überlassen".
Da m i t s c h os s M erk el n i c h t nur einen Vog e l a b : Da Koh l wä h n t e, d a s s S c h äu b le,
sein Nachfolger a ls Pa rteichef, mit dem er bitter verfeh det war, der Spiritus
r e c t o r d e r V e r ö f f e n t l i c h u n g s e i , f o l g t e e i n H a u e n u n d S t e c h e n h i n t e r d e n Ku l i s -
sen , welch es sch ließ lich dazu füh rte, dass b eid e Beteiligte, b lessiert bis d ort-
h in a u s, da s Feld fü r ei n e Dri t t e rä u m t en : An ge la M erk e l. P rof. La n g gu t h : „Du rc h
d e n , F A Z ' -Ar t i k e l s i n d b e i d e H e r r e n s o i n R a g e g e b r a c h t wo r d e n , d a s s s i e b e i m
Versuch, jeweils d en anderen vom Pod est zu reißen, sich gegenseitig mitrissen
... Sollte das Merkels Kalkül gewesen sein, ist es aufgegangen."
E v e l yn R o l l ü b e r d e n F o r t g a n g d e r D i n g e : „ An g e l a M e r k e l wu r d e v o n d e r C D U -
B a s i s zu r J ea nn e d ' Arc d er S p en d en a ffä re, zu r Hoffn u n gs t rä geri n u n d sc h li eß li ch
zu r P a rt ei c h efi n h och gej u b elt . " Au c h B i ogra ph in B oys en z i eh t d en Verglei c h m i t
der Heiligen Jungfrau von Orleans heran: „Plötzlich wandelte sich das wegen der
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Prinz- Eisenherz- Frisur verspottete ‚Mädchen' auf den Porträts zur unbestechlichen
Heilsbringerin, zu einer Jeanne d'Arc mit messianischen Fähigkeiten." Die „Welt"
des Springer- Konzerns proklamierte Angela Merkel am 10. Februar 2000 zur
„Chefaufklärerin", zu einer „Ikone der Glaubwürdigkeit". Zuvor, beim traditionel-
len Münchner Starkbieranstich auf dem Nockherberg, war die „Heilige Jungfrau"
kabarettistisch zur „Zuckerpuppe aus der Schwarzgeldtruppe" ausgerufen wor -
den.

Nachdem der Schwarzekoffer- Skandal über viele Wochen Schlagzeilen beherr-


schend gewesen war und CDU/CSU -nahe Medien anfingen, mit der Aufdeckung
von SPD -Affären „zurückzuschlagen", schwand schließlich allgemein die Lust in
der Etabliertenschaft, weitere Steine ins Rollen zu bringen und damit am Ende
vielleicht eine Lawine zu riskieren, unter die man selber geraten konnte. So blie -
ben denn auch kritische Stimmen zu Angela Merkels „Aufklärer -Image" ab Ende
1 9 9 9 i n M e d i e n r e c h t r a r . I m m e r h i n fr a g t e S a b i n e R ü c k e r t i n d e r „ Z e i t "
Nr. 6/2000 noch: „Wurde sie nicht selbst in dem Augiasstall gemästet, den sie
jetzt ausmisten will?"

Erstaunlich leicht, die Sache „wegzustecken", wurde es der inzwischen an die


oberste CDU- Spitze gelangten Angela Merkel gemacht, als aufflog, dass auch
der Landesverband Mecklenburg -Vorpommern der Christdemokraten fast „hun -
dertfünfzig Riesen" (genau: 147 000 Mark) aus schwarzen Kassen der Bundespar-
te i erhalten hatte. Praktisch ganz unbeschadet überstand Merkel als Parteichefin
darüber hinaus den Skandal um eine mysteriöse Überweisung von einer Mio. un -
bekannter Herkunft durch Walther Leisler Kiep an den Bundesvorstand, März
2001, wobei die Parteispitze den Vorgang der Öffentlichkeit verdächtig lange vor-
zuenthalten versucht hatte.

„Was wird man denn dann?"


Biographin Roll meint: „Angela Merkel gehörte nicht zum System Kohl. Sie war
von draußen zugekommen. Sie kannte die Herren Waffenschieber und Finanz iers
nicht einmal dem Namen nach." Biographin Schley schreibt: „Ohne ihr Wissen
hatte Übervater Kohl sie zu einem Spielball in seinem System gemacht, zu einer
Marionette, die an den Fäden des Systems Kohl hing." Erst nach Auffliegen des
Skandals sei „Angel a Merkel nach und nach bewusst" geworden, „dass sie vom
wir klich en S yste m Ko h l in all d en Jah ren au sgeschlossen geblieben war ",
schreibt Schley weiter — allerdings nicht umhinkommend, sich über „diese Naivi-
tät" doch zu wundern.

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E s m u s s t a t s ä c h l i c h e i n h o h es M a ß a n Ar g l o s i g k e i t b e i An g e l a M e r k e l o b wa l t e t
h a b en, da s s s i e t rot z i h rer ex p on i ert en S t ellu n g i n d er C DU -P a rt ei h i era rc h i e und
i h r er s o zu s a g en n ä c h s t en Nä h e z u Ko h l ü b e r s o vi e l e J a h r e n i c h t s von d em N et z -
we r k , d a s d i e „d i c k e, g i ft i g e S p i n n e" g e s p on n en h a t t e, g e s p a n n t h a t t e . Ab 1 9 9 1
b i s zu Koh ls Ab t ri t t na c h d er ver lo ren en B u n d es t a gs wa h l 1 9 98 wa r s i e i m m erh i n
s e i n e s t e l l v e rt r et en d e C D U- B u n d es v or s i t z en d e g e we s en u n d ü b erd i e s M i n i s t e ri n
im Kabinett des „Schwarzen (Koffer)-Riesen".
Ü b e r h a u p t wa r n i e m a n d a n d e r e s a l s Ko h l — i n d e r N a c h fo l g e v o n S t a s i - S c h n u r
u nd S k an da l- Kra u s e — d er d r i t t e (u nd zwei f el los wi c h t i gs t e) m a ß geb li c h e Ka rri e-
r e h e l f e r An g e l a M e r k e l s . M a n n a n n t e s i e s o g a r „ K o h l s G e s c h ö p f " ( B i o g r a p h i n
R o l l ). 1 9 9 2 h i eß es i n ei n e m M ed i en k o m m en t a r, d a s s M erk e l d era rt gu t zu Ko h l
passen würde, als habe er sie „eigens in einem Genlabor anfertigen" lassen.
Noc h 1 998 , i m J ah r vor d em groß en S k a n da l -Kn a ll, s a gt e M erk el zu r J ou rn a li s t i n
Her li n d e Ko e lb l: „ Wa s i c h geword en b i n, bi n i ch zu nä ch s t d u rch Helm u t Koh l g e-
worden."
Wi e a lles b egann zwi sch en „S ch öp fer" und „Ges ch öp f", schi ld ert Prof. Lan ggu th :
„ D a s e r s t e Ke n n e n l e r n e n wa r n i c h t g a n z z u f ä l l i g , s o n d e r n wu r d e v o n i h r s e l b s t
initiiert." Hans Geisler (er entstammte wi e Merkel dem Demokratischen Auf -
b ru ch ; s pä t er wu rd e er C DU -M in i s t er i n S a ch s en ) s ei von i h r ers u c h t word en , s i e
b ei m s o gen a n nt en Verei n i gu n gs p a rt ei ta g d er C DU, 11 2 . Ok t ob er 1 990 , m it Koh l
b e k a n n t z u m a c h e n . Al s o k a m e s z u e i n e m e r s t e n D i r e k t k on t a k t z wi s c h e n M e r k e l
und dem Bonner Machthaber. Der lud sie daraufhin ins Kanzleramt ein. Das
M e et i n g f a n d s c h on m on a t s d a ra u f , N o v em b e r 1 9 9 0 , s t a t t . D i e C h em i e z wi s c h en
d e r Q u a n t e n c h e m i k e r i n u n d d e m Ka n z l e r m u s s a u f An h i e b g e s t i m m t h a b e n . G e -
m äß B i ograph St ock b erich t ete d i e frisch au s B onn nach B erlin zu rück gek omm en e
M e r k e l i h r e m V e r t r a u t e n H a n s -C h ri s t i a n M a a ß : „ D u , Ko h l h a t m i c h i n d en Ar m
genommen und gefragt: ,Was wird man denn dann?!—
Na c h n u r zwei M on a t en wa r d i e F ra g e g ek lä rt : M er k e l m u t i ert e zu r B u nd es m i n i s -
t eri n . Un d n oc h ei n ma l e lf M on a t e s p ä t er wu rd e b ei m C D U - B u nd es p a rt ei t a g ei n e
An gela M erk el vom Li cht d er Welt erb lickt , di e nun E rst e St ellvert ret end e Vorsit -
z e n d e Koh l s a n d er S p i t z e d er C h ri s t li c h -D em ok ra t i s c h en Un i on wa r. Al s s o lc h e
f ü l l t e s i e d i e L ü c k e a u s , d i e Lo t h a r d e M a i z i ö r e h i n t e r l a s s e n h a t t e . D e r wa r a b -
r u p t a b g e t r e t e n ( wo r d e n ) , we i l e s i h m n i c h t r e c h t h a t t e g e l i n g e n wo l l e n , p l a u s i -
b el zu m a c h en , wi e er a ls IM „C z ern i " i n Ak t en u m Ak t en d es DDR -M i n i st eri u m s
für Staatssicherheit geraten konnte, ohne IM „Czerni" gewesen zu sein.

77
„Brutalstmögliche Aufklärung”
E i n „ ra d i k a l e r N eu a n fa n g " wa r v o n An g e l a M e rk e l v e rh ei ß en wo rd en , a ls s i e , i h -
r e s Z e i c h e n s „ C h e f a u f k l ä r e r i n " , a m 1 0 . Ap r i l 2 0 0 0 b e i m P a r t e i t a g i n E s s en z u r
n e u e n V o r s i t z e n d e n d e r s k an d a l g e b e u t e l t e n C D U g e wä h l t wu r d e . R o l a n d Ko c h ,
e i n a n d er e r c h ri s t d e m ok ra t i s c h e r Au fs t r eb e r, h a t t e s o ga r e i n e „b ru t a ls t m ö g li c h e
Aufklärung" versprochen. Ehrenwort.
W e n n d e m a b e r wi r k l i c h s o g e we s e n wä r e : H ä t t e n d a n n n i c h t a n g e s i c h t s d e r D i -
m en s i on en d e s S k a n d a ls ei g en t li c h b ei vi e l l e i c h t e i n e r ga n z en Hu n d e rt s c h a ft h o-
h er He rrs c h a ft en d es b un d es rep u b li ka ni s ch en P oli t- u nd Ges e l ls c h a ft s gefü ges d i e
H a n d s c h e l l e n k l i c k e n , d i e S c h we d i s c h e n Ga r d i n en z u g e h e n m ü s s e n ? N i c h t s d e r -
gl ei c h en a llerd i n gs ges c h a h . M an m u s s n ic ht un b edi n gt ein An h än ger v on J ü rgen
Habermas s ein, wenn man sein Wort für b erechtigt hä lt, dass es ein „ei gentüm-
li ch es Mis s verhä ltni s zwis ch en d er Größ en ordnun g d er CDU -Affä re und ih rer Fol-
gen losigk eit" gab. Jed en falls sch eint meh r zu- als au fged eckt word en zu sein.
E v e l yn R o l l i n i h r e r M e r k e l -B i o g r a p h i e v o n 2 0 0 5 : „ E t wa d i e Hä l f t e d e r U n i o n s -
a b geord n et en s i nd E nt m a ch t ete u nd Vers t ri c kt e d es S ys t em s Koh l. E h em a li ge M i-
nister, eh emalige Staatssek retäre u nd eh emalige Hand lan ger ... Deshalb k lam-
mern sie sich umso nachhaltiger an die Verklärung der Vergangenheit."
So gab es gerad e mal einen einzi gen Selbstm ord: Ein Fraktionsangest ellt er d er
C DU/C S U nah m sich d as Leb en , da er fü r Pri vat zwec k e d era rt „unau ffä lli g" lan ge
F i n g e r i n d i e s c h wa r z e n Ka s s e n d e r S c h wa r z e n g e m a c h t h a t t e , d a s s e s a u f f i e l .
U n d d a g a b e s n u r e i n i g e g a n z w e n i g e , z u d e m l a u e H a f t s t r a f e n . V e r h ä n g t e t wa
ge g en M a n fred Ka n t h er, d en Ex- B u n d esi n n en min i st er (1 8 M on a t e a u f B ewä h -
r u n g ) , u n d g e g e n H o l g e r P f a h l s ( 2 0 0 5 : 2 1 / 4 J a h r e Ge f ä n g n i s , d o c h g l e i c h n a c h
Urt ei l wi ed er fr ei g ela s s en ). D i es er eh em a li ge P rä s i d en t d es B u nd es a m t es fü r V er -
f a s s u n g s s c h u t z u n d E x- S t a a t s s ek r et ä r i m V e rt ei d i gu n g s m i n i s t e ri u m wa r — la n g e
steckbrieflich gesucht — nach einer seltsamen „Verfolgungsjagd" rund um die
E rd e 2 0 0 4 i n ei n e r n ob l en B ou l e va rd woh n u n g i n P a ri s , a l s o ga n z i n d er Na c h b a r -
s c h a ft , v e rh a ft et wo r d en . Im H e rb s t 2 0 0 5 k a m h e ra u s , d a s s P f a h ls v on ei n e m Ge-
h eimd ien st, womöglich d em fran zösisch en (vielleicht ab er auch ein em n ah öst-
l i c h en ) , g e d e c k t wo r d e n wa r . Ka n t h e r u n d P f a h l s ü b r i g e n s h a t t e n s i c h z u Ko h l s
Ka n z l e r z e i t m i t s c h a r f e n M a ß n a h m e n g e g e n d i e p o l i t i s c h e R e c h t e h e r v o r g e t a n .
Es mutet fast wie ein Treppenwitz an, dass die wackeren Kämpfer gegen
„Rechtsradikale" schließlich als überführte Unrechtsradikale endeten.
Au c h m i t R ü c k t r i t t e n w e g e n d e r C a u s a S c h wa r z e K o f f e r wa r e s n i c h t w e i t h e r .
Wolfgang Schäuble beispielsweise, der wegen Verstrickung in die Affäre den
Fraktions- und Parteivorsitz (für Merkel) geräumt hatte, tauchte schon bald darauf
78
a l s C h e f - Au ß e n p o l i t i k e r d e r C- P a r t e i en wi e d e r a u f . 2 0 0 4 wa r e r s o g a r An wä r t e r
au f da s Amt d es Bund esp räsid ent en; d och Horst Köh ler vom In t ernati ona len
Wä h ru n gs fon d s zog d en Lä n g er en . Im N ov em b er 2 0 05 d es ign i ert e An g e la M erk e l
Schäuble zum Bundesinnenminister.
S c h li eß li c h H e l m u t Koh l. Ge g e n 3 0 0 0 0 0 M a rk Ge l d b u ß e s t e l l t e d a s La n d g e ri c h t
B on n da s Verfa h ren geg en i hn ei n . Als „h ei m li c h er Vors i t z e n d er d er Kon ra d -Ad e -
n a u e r -S t i ft u n g " ( La n ggu t h ), d i e i n d e r C D U ei n en k a u m zu ü b er s c h ä t z en d en E i n -
flu s s a u s ü bt , b li eb er a u c h i n d en Z ei t en d er „b ru t a ls t m ögli c h en Au fk lä ru n g" ei n e
„dicke Spinne im Netz" — mit V-Leuten in allen wichtigen Parteigremien.
Ko h l h a b e b a l d n a c h M e r k e l s Au f s e h e n e r r e g e n d e m F AZ -Ar t i k e l d e s 2 2 . D e z e m -
ber 1999 wieder „das Gespräch mit ihr gesucht", weiß Biograph Stock. Wohl
n i c h t oh n e E r f o l g . J e d e n f a l l s s t i m m t e d i e „ C h e f a u f k l ä r e r i n " s c h on 2 0 0 0 i n d e m
von ihr herausgegebenen Buch „Europa und die deutsche Einheit" ein Hosianna
a u f i h r e n „ S c h öp f e r " a n : „ D i e C D U h a t s i c h , wa n n i m m e r s i e R e g i e r u n g s v e r a n t -
wort un g t ru g, m it a ller En tschi ed enh eit fü r Eu ropa ein ges etzt . Allein wäh rend d er
Ka n z le rs c h a ft von Helm u t Ko h l wu rd e d i e E u rop ä i sc h e Ge m ei n s c ha ft zwei m a l er -
weitert, wu rd e sie zu r Eu ropäisch en Union u nd wu rd en Gren zk ontrollen ab ge -
s c h a f f t . D e r B i n n e n m a r k t wu r d e v e r w i r k l i c h t u n d d e r E u r o s a m t e i n e r E u r o p ä i -
schen Zentralbank nach dem Vorbild der Bundesbank auf den Weg gebracht ...
Helmut Kohl hat immer ausgezeichnet, dass er eine Vision von Europa hatte.
Di es i s t Verp fli c h t un g au c h fü r un s ere P o li t i k d es 21 . Ja h rh un d ert s . .. Wi r b au en
au f d em au f, was Ch ristd emok raten von Kon rad Ad enau er bis Helmut Koh l ge -
leistet haben."
B e s on d e rs s ym b o lt r ä c h t i g wa r d a n n 2 0 0 2 d i e B e s t a l lu n g d e s Ad en a u e r - S t i ft u n g s -
V o r s t a n d s m i t g li ed s R on a ld P o f a l la a ls n eu er J u s t i zi a r d e r C DU/ C S U- B u n d es t a g s -
frakti on (2004 wu rd e er ein er d er Vi zefrak ti ons ch efs ). Nicole S c h ley: „M it s ein er
E rn en n u n g b a n d An g e la M e rk e l i n d i r ek t a u c h wi ed e r H e lm u t Ko h l ei n , d en n v on
Pofalla heißt es, er habe einen guten Draht zum ehemaligen Bundeskanzler.
N i c h t z u l e t z t i s t e r R e c h t s a n wa l t i n d e r Ka n z l e i , d i e H e l m u t Ko h l wä h r e n d d e r
S p en d en - Af fä r e v ert ra t . " Ge m e i n t i s t d i e E s s en er S o zi et ä t H o l t h o f f -P fö rt n e r. P o -
f a l l a i s t v o m „ H a n d e l s b l a t t " a l s „ M a n n m i t d i r e k t e m D r a h t z u An g e l a M e r k e l "
p ort rät i ert word en, d er „hint er d en Ku lis s en di e Fäd en zi eht ". E r b ezeichn et Koh l
als sein „großes Vorbild".
„ Li eb er Helmu t Koh l, wi r s ind froh, da ss S i e zu uns geh ören ", ri ef An gela M erk el
b eim Festak t „60 Jah re CDU", Berlin, 16. Jun i 2005 , d em wie in alten Zeiten
zen t ri ert in d er erst en R eih e th ron end en E ld er Sta t es- (b zw. S pid er-)m an zu. Ih rem
H o f b i o g r a p h e n M ü l l e r -V o g g h a t t e s i e w e n i g z u v o r i n d e n N o t i z b l o c k d i k t i e r t :

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„ H e l m u t Ko h l i s t i n d e r C D U wi e d e r u n e i n g e s c h rä n k t b e h e i m a t e t . U n d f ü r m i c h
ist er ein guter Ratgeber — ein uneigennütziger dazu.”

Der C DU- n a h e M erk el-B i og ra p h S t ock freu t s i c h ü b er d en „en d gü lt i gen S c h u lt er -


s c h lu s s z wi s c h e n d e m a l t e n P a t r i a r c h e n u n d An g e l a M e r k e l " . E r we i ß a u c h v o n
ei n er s p e zi e ll en S c h wert lei t e fü r d i e „J ea n n e d ' Arc " a u ß er Di en s t en zu b eri c h t en .
Ko h l n ä m l i c h h a b e An g e l a M e r k e l e i n e n „ R i t t e r s c h l a g g a n z b e s o n d e r e r Ar t " z u -
kommen lass en, indem er ihr sagte: „Mit Ihrer Nominierung zur Kanzlerkandidatin
h a t d i e C D U ei n e gu t e W a h l g e t ro f f en . W e r wi e i c h S p e zi a li s t i n d e r Fü h ru n g e i -
n e r F ra k t i on i s t , d e r we i ß , wa s S i e g e l ei s t et h a b en . " W ei t b e zi eh u n g s r ei c h er , a ls
v o n i h m s e lb s t wo h l b ea b s i c h t i gt , fä h rt S t oc k f o rt , F ra u M e r k e l v er ri c h t e a n d er
Spitze der Christdemokraten „als gute Schülerin des Vorbild s Kohl wichtige Dinge
ganz ähnlich wie er".
Kön n en vor diesem Hintergrund nu r Sch u fte Böses dab ei d en k en, wen n n eu er-
dings immer öfter vom „System Merkel" die Rede ist, das „Handelsblatt" am
8 . Ju n i 20 05 ü b er d i e Ch efi n d er C h ri s td em ok ra t in n ot i ert e: „ In d er Fra k t i on s i t zt
s i e w i e e i n e S p i n n e i m N e t z " u n d — u m i m B i l d e z u b l e i b e n — d i e Il l u s t r i e r t e
„stern" b ereits 2003 zur arachnologisch en Charakterisierung Merkels das Bild
von der „Schwarzen Witwe" gewählt hat?
M e r k e l -B i o g r a p h i n E v e l y n R o l l ü b e r d i e B i l a n z e i n e s h a l b e n J a h r z e h n t s „ s c h o -
n un gs los e r", „b ru t a ls t m ögli c her" Au fk lä ru n g: „Ni em a n d i n d er C DU wi l l n oc h et -
wa s h ören von sch wa rzen Ka ssen und And erk ont en, von di esen an geb lich en
Sp end ern, d eren Namen Helmut Koh l b is h eu te n icht genannt h at, von mind es-
t e n s 2 0 M i l l i o n e n M a r k au s K o h l s Am t s z e i t , b e i d e n e n m a n i m m e r n o c h w e d e r
we i ß , woh e r s i e k a m en , n oc h , wo h i n s i e gi n g en . D a s E rm i t t lu n gs v e rfa h r en i n d e r
Sache Kohl ist gegen eine Zahlung von 300 000 Mark ,vorläufig' eingest ellt.
Was will man m ehr? Di e CDU hat über 15 Millionen Ma rk Mitleidsspenden an
d e r A f f ä r e v e r d i e n t . Ko h l h a t m i t s e i n e m ‚ T a g e b u c h ' m e h r Ge l d g e m a c h t , a l s e r
zur Einstellung seines Verfahrens zahlen musste. Worüber also noch palavern?
V e r s c h wu n d e n e Ak t e n ? D r e i Gi g a b yt e s g e l ö s c h t e R e g i e r u n g s d a t e n ? B l o ß n i c h t
darüber sprechen."

Mit David Rockefeller in der Sauna


B ezei chn en d dü rft e au ch d er un geb roch en sta rk e Ein flu ss d es Wa lth er Lei sler
Ki e p i n d er C D U i m Al l g e m ei n en u n d a u f P e rs on en i n M er k e ls i n n e r s t em Zi rk e l
i n s b e s on d e r e s ei n . M i t d e r Ve r h a ft u n g d es la n gj ä h ri g en C D U- S c h a t zm ei s t er s g e-
ri et — wi e b erei t s g es c h i ld ert — i m Nov em b er 2 0 03 d er S p en d en - S k and a l a n di e
Öffentlichkeit. Obwohl bis zur Halskrause verwickelt, kam der Beziehungsreiche
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s t ra frecht lich b i lli g, vi ellei cht b es s er ges a gt : unb i lli g, da von. 2001 erfolgt e Ki eps
V e r u r t e i l u n g z u 3 0 T a g e s s ä t ze n j e 1 5 0 0 M a rk we g e n S t e u e r h i n t e r z i e h u n g ; 2 0 0 4
e r g i n g g e g en i h n S t ra fb e f eh l ü b er 4 0 5 0 0 E u r o we g en u n ei d li c h e r Fa l s c h a u s s a g e
vor dem Parteispenden-Untersuchungsausschuss des Deutschen Bundestages.
Ki e p , J a h r ga n g 1 9 2 6 , S oh n ei n es B a n k b o s s e s , i s t s ei t l a n g em s c h on ei n e Z e n t ra l -
g e s t a l t b ei d e r V e rn et zu n g b un d es r ep u b li k a n i s c h e r „E li t en " m i t d e m O li g a rc h en -
t u m d e r U S -O s t k ü s t e. N eb en s e i n e r F ü h ru n g s fu n k t i on i n d e r e i n f lu s s r ei c h en V e r -
einigung „Atlantik -Br ücke" logierte er lange auch bei den nach Art einer
i n t e r n a t i o n a l e n Ge h e i m g e s e l l s c h a f t g e b a u t e n „ B i ld e r b e r g e r n " u n d b e i R oc k e f e l -
l e r s „ T ri l a t era l C o m m i s s i on " ( T C ). 1 9 7 1 , f a s t z ei t g l ei c h m i t d e r Üb e rn a h m e d es
CDU - Schatzmeisteramtes durch ihn (er b ekleid ete es 21 Jahre, wobei die „Mie -
sen" in der Parteikasse zu letzt auf sage und schreibe fünfundsiebzig Million en
M a rk a n g e wa c h s e n wa r e n ) , h a t t e i h n d i e C D U / C S U - B u n d e s t a g s f r a k t i o n m i t d e r
„ W a h rn eh m u n g i n t e rn a t i on a l er Ko n t a k t e" b et ra u t . Im S c h a t t en k a b i n et t d e s Ka n z -
lerkandidaten Franz Josef Strauß, 1980, war er Anwärter für den Posten des
Bund esauß enmini st ers. 1999 beri ef Ka n zler S ch röd er ihn a ls „P ers ön li ch en B eau f -
tragten für Sondermissionen im Ausland".
B ei Ki ep s At la n t i k- B rüc k e h an d elt es s i c h u m ein e „m ä c h t ige Al li a n z" („M a n a ger
M a ga zi n " ), ei n e S c h a lt z en t ra le s o g en a n n t e r T ra n s a t la n t i k er , e i n B i n d e g li ed z wi -
s c h en U S - O s t k ü s t e u n d b u n d e s r e p u b l i k a n i s c h e m T o p -E s t a b l i s h m e n t . Ki e p s t a n d
von 1 98 4 b i s 20 00 s ozu s a gen a ls Ka p i t ä n a u f d er Kom m a n d ob rü ck e d er „B rü c k e"
u nd i s t s ei th er E h ren vors i t zen d er, d i e u nb es t ri t t en e Gra u e E m i n en z. In s ei n en Le -
benserinnerungen plauderte er ein wenig aus dem Nähkästchen, wie es so ist,
w e n n m a n d e n r e a l e x i s t i e r e n d e n T r a n s a t l a n t i z i s m u s j e n s e i t s d e s Gr o ß e n T e i c h s
i n N e w Y o r k -M a n h a t t a n p ra k t i z i e r t : „ In d e r S a u n a m i t D a v i d R o c k e f e l l e r , d a n n
T r e f f e n m i t d e n J e wi s h P r e s i d e n t s , d a n n C ou n c i l a n F o r e i g n R e l a t i o n s . Im S m o -
k i n g z u e i n e m Di n n e r , d a s W e l t b a n k p r ä s i d e n t W o l f e n s o h n m i t 2 5 0 Gä s t e n gi b t .
Einer meint: Wenn jetzt eine Bombe hochgeht, ist der Kapitalismus am Ende."
Üb e r N eu m i t g li ed s c h a ft en i m e l i t ä r en Kr ei s d e r At la n t i k - B rü c k e en t s c h ei d et ei n
Au s schu s s na ch Art und Krit eri en , d i e d er Öffent lichk ei t verb orgen b leib en. Au ch
we r z u d en Na c h wu c h s s t a r s d e r t ra n s a t la n t i s c h en B rü c k en b a u e r g eh ö r en wi l l, zu
i h r en s o g en a n n t en Y ou n g Le a d e rs , m u s s s i c h g en a u es t en s d u rc h c h ec k en la s s en .
Mehrere Leute aus dem engsten Stab von Angela Merkel sind aus den Young
L e a d e r s d e r At l a n t i k -B r ü c k e h e r v o r g e g a n g e n . F r i e d b e r t P f l ü g e r b e i s p i e l s w e i s e
od er E c k a rt von Kla ed en , M erk els „E c k i ", ih r „wi c h t i gs t er Zu a rb ei t er" („M u n zi n -
g e r - Ar c h i v " ). M e rk e l s e lb s t h a t i n i h r e r Z ei t a l s B u n d e s m i n i s t e ri n d i e Au fn a h m e -
weihen des hintergrundmächtigen transatlantischen Zirkels empfangen.

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G e g r ü n d e t w o r d e n w a r d i e „A t l a n t i k - B r ü c k e " 1 9 5 2 a u f B e t r e i b e n v o n E r i c M .
W a rb u rg a u s d er b ek a n n t en B a n k h er r en s i p p e. H eu t e i s t M a x M . Wa rb u r g, b ed eu-
t end st er leb end er Sp ros s d es C lans , Fin an zb os s (Schat zm eis t er) d er Organis ati on.
Er h errsch t ansonsten üb er ein verzweigtes Geld imp er ium: M . M. Warbu rg &
C o. , ei n e d er größ t en P ri va t ba n k en d er Bu nd es rep u b li k (S it z: Ha m b u rg), d i e Kr e-
d i t i n s t i t u t e C . F . P l u m p & C o . ( B r e m e n ) , Lö b b e c k e & C o . ( B e r l i n ) u n d T e m p u s
B a nk (Zü ri ch ), di e Wa rb u rg In ves t Ka p i t a lges el ls c h a ft (Fra n k fu rt /M a in ), Im m ob i-
lienfonds, Schiffsbeteiligungen, Assekuranzen und so fort.
„ D i e O p p o s i t i o n wa r h o c h r a n g i g v e r t r e t e n , d i e B u n d e s r e g i e r u n g n u r d u r c h a u f -
merksam zuhörende und mitschreibende fachkundige Beobachter. Auf der
d eut sch -a m erik anis ch en , XXI. Bi ennia l C onferenc e' in B erlin , organi si ert von d er
At la n t i k B rüc k e un d d em Am eri c a n C oun c i l an Ge rm a n y, h i elt An ge la M erk e l a m
Donn erstag Ab end die Dinn er Sp eech." So stand es in d er „Welt" am 14 . Jun i
2 0 0 3 . B ei i h r e r S c h m a u s a n s pr a c h e e rgi n g s i c h d i e C D U -C h e fi n i n s e lb s t fü r i h r e
Verh ä lt n i s s e ext r em en US- S c h m u s erei en . Im Z en t ru m d er Kon fer en z h a b e, s o d i e
„ W e l t " , d i e F ra g e g es t a n d en , we l c h em Z we c k d i e E i n i gu n g E u r op a s d i en en s o l l e
und ob an gesichts d es Streits Bu sh s mit Sch röd er und Chirac h insichtlich d es
Krieges gegen den Irak die Anbindung an die USA gefä hrdet sei. „Nationale
d eu t s ch e As p ek t e", s o fu h r da s S p rin ger- B la t t fort , s ei en b ei d er Zu s a m m en ku n ft
„ i n d e n H i n t e r g r u n d g e t r e t e n " . D i e Z e i t u n g w e i t e r ü b e r d e n Ko n f e r e n z- T e n o r :
„Eu ropa ist im Werd en, Deutsch land nu r meh r sein wichtiges zentrales Bin d e-
g l i e d . D a s T r e f f e n z e i g t e , wi e d i e t r a n s a t l a n t i s c h e W e l t i n Z u k u n f t wa h r g e n o m-
men werden wird."
Auch bei d er Tri lateralen Kom mission (Trilat era l Com mission, TC), d er Ki ep ange-
h ört , i s t An g e la M e rk e l b er ei t s i n E rs c h ei n u n g g e t r et e n . S o wa r s i e b ei s p i e ls we i-
s e R ed n e ri n b ei m „2 8 t h M e et i n g of E u r op ea n Gr ou p " d e r TC i n B e r li n , 2 3 . Ok t o-
ber 2004. Bei den Trilateralen handelt es sich um einen handverlesenen Haufen
von i n s ges a m t d rei h un d ert fünfzi g Ges t a lt en u nd Ges t a lt er d er i n t ern at i ona len Ge -
schäftswelt und Politik. TC wurde 1973 auf Geheiß David Rockefellers gegründet.
Da s Ob erhaupt d es sup erkapi ta list is ch en C lan s i st a uch di e Zen t ra lfi gu r d er Tri la-
teralen geblieben. Dr. Markus Zimmermann bezeichnet in seiner Studie „Die
wa h r en M a c h t h ab e r i n Wa s h i n gt on " d i e T r i la t e ra l e Ko m m i s s i on a l s „ Z K d e r Gl o -
b a l i s i e r e r " . M a n c h e K r i t i k e r b e h a u p t e n , d a s T C- E n d z i e l s e i d i e W e l t h e r r s c h a f t
des Turbokapitalismus. TC = Turbo-Capitalism?

82
83
Bei den Head-Hunters
Den B i ld erb erg ern (b en a nn t na c h i h rem ers t en Ta gu n gs h ot el 1 9 54 i n d en Ni ed er -
l a n d en ) , d e r en R ei h en Ki ep la n g e Z e i t g e zi e rt h a t , m a c h t e An g e l a M e rk e l b ei e i -
n em T r e f f en v om 5 . b i s z u m 8 . M a i 2 0 0 5 i n e i n em s t ri k t v o n d e r s on s t i g en W e l t
ab gesch ott et en Nob elh ot el zu R ott ach - E gern erstm a ls ih re Au fwa rtun g. Als o d rei
Wochen vor ihrer Nominierung als Kanzlerkandidatin. Beim Meeting mit ins-
ges a mt 134 Tei ln ehm ern au s 30 S taat en wa ren bund es repub lik anis ch ers eit s fern er
z u g e g en : D eu t s c h e -B a n k - C h ef J os e f Ac k er m a n n , M a t h i a s D öp fn e r a ls R ep rä s en -
t a n t d es S p ri n g e r -Kon z e rn s , M ed i en m o gu l Hu b e rt B u rd a , S i em en s -AG -P r ä s i d en t
Kla u s Klein feld , Daim ler -Ch rys ler - Au fsi chts ra ts vorsit zend er Hi lm a r Kopp er, M at -
t h i a s Na s s , s t e l l v e rt r et en d e r H e r a u s g eb er d e r „ Z e i t ", Da i m l e r - C h r ys l e r- C h e fm a -
nager Jürgen E. Sch rempp, Ekkehard D. Schulz (Th yssen Krupp AG) und Deut-
sche- P ost- AG-B oss Klaus Zu m winkel s owi e die C DU- Bundesvorständler Fri edbert
P f l ü ge r u n d M a t t h i a s W i s s m a n n . D a s B u n d e s k a b i n e t t wa r i n G e s t a l t d e s In n e n -
m i n i s t e r s O t t o S c h i l y v e r t r e t e n . Ge r h a r d S c h r ö d e r s e l b s t k a m a u f e i n e n k u r z e n
u n d k n a p p en H ö f li c h k ei t s s p ru n g v o rb ei . Au s Ös t e rr e i c h wa r e n a m T e g e rn s e e d a -
bei: Oscar Bronner, Herausgeb er des „Standard", Hans Peter Haselsteiner von
d er B auh oldin g St raba g und der s ozi a ld em okrati sch e Bund es min ist er a. D. Rud olf
S c h o l t e n i n s e i n e r n e u e n E i ge n s c h a ft a l s B a n k e r ( Ö s t e r r e i c h i s c h e K o n t r o l l b a n k
AG) . D a s T op- In s i d e rt u m d e r V e r ei n i gt en S t a a t en v on Am e r i k a l i eß s i c h i n R ot -
t a c h- E g e r n v e r t r e t e n u . a . d u r c h : H e n r y Ki s s i n g e r , d e r Gr a u e n E m i n en z d e r U S -
P oli t i k i n P erm a n en z, Mi c ha el A. Led e en von B u s h s Vord e n k fab ri k Am eri c a n En -
t erp ri s e In s t i t u t e, d en „P ri n ce o f Da rk n es s " R i c h a rd N. P e rl e, Da vi d R oc k efe ll er
s o wi e W e l t b a n k- C h e f J a m es D . W o l f en s oh n u n d d e s s en d e s i gn i e rt en Na c h f o l g e r
Paul Wolfowitz, den Ex-Vize von Rumsfeld im Pentagon.
Wie stets, so hielt sich au ch d iesmal die allgemein e Presse weitestgeh end an
das Sch weigegeb ot, d as die au f Geh eimh altun g strik t b edachten Bild erb erger
h i n s i c h t li c h i h r e r Zu s a m m en k ü n ft e s ei t e h u n d j e e r la s s en h a b en . Z wa r k a m d i e
„ F i n a n c i a l T i m e s " e i n e W o c h e v o r B e g i n n d e r T a g u n g, 1 . M a i 2 0 0 5 , m i t e i n e m
Art ik el üb er d i e Bi ld erb erger unt er vi el versp rech end er S chla gzei le („P ower P l a y-
ers versuchen die Welt zu steuern") heraus, doch war der Beitrag inhaltlich
nichtssagend.
Am 5 . Mai 2005 li eß C NN (Radi o) im m erhin d en Pub li zi st en J on R on s on zu Wort
k omm en , d er si ch mit d en B i ld erb ergern in s ein em Buch „Th em. Ad ventu res with
E x t r e m i s t s " b e s c h ä ft i gt h a t . E r s a g t e d e m S e n d e r . „ V i e l e d e r An t i -B i ld e r b e r g e r
unter d en Versch wörun gsth eoretik ern sind vom rechten Rand d es p olitisch en
Spektrums, die sich als Gegner der Globalisierung bezeichnen, oft allerdings Na-
84
t i on a li s t en si nd . S i e werf en d en B i ld erb erg ern vo r, ei n e W elt r egi eru n g zu p la n en ,
wa s d i e B i l d e r b e r g e r a u f l a n g e S i c h t a u c h t a t s ä c h l i c h a n s t r e b e n , d i e Id e e e i n e r
E i n e -W e l t -G e m e i n s c h a f t , e i n e r N e u e n W e l t o r d n u n g . . . D i e B i l d e r b e r g e r s e h e n
s i c h s elb s t a ls Hea d -Hu n t ers . S i e k n üp fen Kon t a k t e m i t aufs t ei gen d en P oli t i k ern ,
v o n d e n e n s i e d e n k e n , d a s s s i e v i e l l e i c h t e i n e s T a g e s e i n m a l P r ä s i d e n t od e r P r e -
m i e r m i n i s t e r we rd en k ön n t en , u n d s i e s i n d Gl ob a li s t en , In d u s t ri e l l e, F ü h r e r, d i e
g l a u b en , d a s s P o li t i k n i c h t d en Po li t i k e rn ü b er l a s s en b le i b en s o l lt e. S i e v e r -
such en, sie zu b eein flu ssen — mit weisen Worten in d en Sitzun gen hinter ver -
schlossenen Türen."
E in J ahr zu vor, 29. M ai 2004, ha tt e da s „Deu tsch land radi o" üb er d i e Bi ld erb erger
b e ri c h t et . Da h i eß e s ü b e r d i e s e „g eb a l lt e P rä s en z v on Le a d e rs h i p u n d Ka p i t a l " :
„ P o l i t i k wi r d n i c h t n u r i n Ka b i n e t t e n u n d i n P a r l a m e n t e n g e m a c h t . B e v o r p o l i t i -
s c h e T h e m e n a m Ka b i n e t t s t i s c h v e r h a n d e l t we r d e n , s i n d s i e z u m e i s t a b s e i t s d e r
Öffen t li c h k ei t s ch on du rch da ch t u nd b es p roc h en word en. E s ga b un d gib t za h lrei -
c h e Z i r k e l , i n d e n e n v o r g e d a c h t wi r d , wa s d a n n z u r P o l i t i k g e m a c h t wi r d . E i n e
d e r e x k l u s i v s t en R u n d e n , d i e g r o ß e n E i n f l u s s a u f d i e S t r a t e g i e n d e r we s t l i c h en
A l l i a n z h a t t e , i s t d i e B i l d e rb e r g e r - Ko n f e r e n z m i t p r o m i n en t en D i p l o m a t en , Ök o-
nomen und Politik ern. Vor 5 0 Jahren, am 29. Mai 1954, fand die Bilderberger-
Kon feren z erstmals statt." Wie es b ei den M eetings abläuft, schild erte das
„ D e u t s c h la n d ra d i o " s o : „ Dr ei T a g e d a u ert d i e P r o z ed u r, e i n e Art B ra i n -s t o r m i n g
üb er d ie wich tigsten ak tu ellen weltp olitisch en Fragen . Dann treffen sich rund
1 2 0 R e i c h e u n d E i n f l u s s r e i c h e a u s E u r op a u n d d en U S A, s c h e i n b a r p r i va t zu e i -
nem informellen Meinungsaustausch."

Geweiht vom Fürsten der Finsternis ...


Drei Ta g e v or i h rer offi zi e ll e n P rok la m a ti on a ls Ka n zle rk a n di d at in von C DU un d
C S U e rh i e lt An g e la M e rk e l i n a l l e r Ö f f en t li c h k ei t s o zu s a g e n fü rs t li c h e W e i h en .
D a s „ Ha n d e ls b la t t " vo m 2 7 . M a i 2 0 0 5 v e r öf f en t li c h t e ei n In t e r vi e w m i t d em B i l-
d erb erg er R i c h a rd P erl e, d em ei n flu s s rei c h en „Fürs t en d er Fi n s t ern i s " h in t er d en
Ku li ssen von Whit e Hou se und Wa ll Street. Der hatt e gegenüber „Hand els -
b la t t " -R ed ak t eu r B a ck fi s ch bek u nd et : „E s gi b t s eh r groß e Un t ers c h i ed e zwi s c h en
d e r U S- R e gi e ru n g u n d d en d eu t s c h en S o zi a ld e m ok ra t en . Da s t ri fft m i t B li c k a u f
d i e C DU/ C S U n i c h t zu . . . Ic h r e c h n e i m F a l l e e i n es W a h l s i e g e s v on F r a u M erk e l
m i t e i n e r d e u t l i c h e n V e r b e s s e r u n g d e s b i l a t e r a l e n V e r h ä l t n i s s e s . . . An g e l a M e r -
k et i s t s eh r fes t in d er t ra n sa tla n t i s ch en Tra d it i on vera n k ert . S i e s t eh t voll h i n t er
der Nato und setzt sich für eine enge Abstimmung zwischen Berlin und VVashing-

85
t o n e i n . An g e l a M e r k e l s c h e i n t d i e g l o b a l e V i s i o n v o n H e l m u t K o h l z u h a b e n .
Von Bundeskanzler Gerhard Schröder sind wir derlei nicht gewohnt."
P e r l e , b i s 2 0 0 3 C h e f, s ei t h e r Gr a u e E m i n en z d e s a n E i n f lu s s k a u m zu ü b e rs c h ä t -
zenden Defense Policy Board und überhaupt „Global Player" in zig Insider -Zirkeln,
hatte sich wegen der von ihm propagierten Atomwaffen - Erstschlagsstrategi e
s c h on i n d e n 8 0 e r- J a h r e n d e n s c h m u c k e n B e i n a m e n „ P r i n c e o f D a r k n e s s " ( F ü r s t
d e r F i n s t e r n i s ) e i n g e f a n g e n . E s k rä n k t i h n ü b e r h a u p t n i c h t , wi e d e r m i t i h m g u t
b ek a nn t e P rof. Dr. M i c h a el S t ü rm er i n d er „ W e lt " v om 1 2 . Au gu s t 2 0 02 b eri ch t e -
t e , a u c h s o g e n a n n t z u we r d e n . P e r l e , s o S t ü r m e r w e i t e r , g l a u b e n i c h t a n V e r t r ä -
ge u n d Kom p rom i s s e, s on d ern fü r i h n s ei „d er Ka m p f d e r Na t u rzu s t and z wi s c h en
den Staaten"; der Mann stamme halt „aus der Schule von Morgenthau".
Ge m e i n t i s t H en r y M or g en t h a u j r. , U S- Fi n a n zm i n i s t e r u n t er F . D . R o o s ev e l t u n d
Verfechter eines d rak onischen Siegfried en s im Zweiten Weltk rieg. Er entwarf
d en n ach ih m b en annten Plan fü r ein zerstück eltes, h elotisiertes Deu tsch land
o h n e In d u s t r i e , a l s o u n t e r Z e r s t ö r u n g d e r Le b e n s g r u n d l a ge n d e r M a s s e d e s d eu t -
s c h en Volk es . S elb s t d er h a rt ges ot t en e US -Kri e gs m i n i s t er Hen r y Le wi s S t i m s on
wa r s c h oc k i ert u n d wa n d t e ge g e n d en P la n s ei n es Ka b i n et t s k o l l e g en ei n , d a s s e r
au f die Vernich tun g von d reiß ig M illion en Deutsch en hinauslau fe. Fü r Martin
Ni em öller, d en evan gelis ch en Th eologen und scha rfen Widers ach e r Hit lers, zi elt e
d e r M or g en t h a u -P la n i n l e t zt e r Ko n s eq u en z s o ga r d a ra u f a b , „d a s d eu t s c h e V o lk
bis zu seinen Wurzeln auszurotten".
E i n e r d e r wi c h t i gs t en V e rt ra u en s l eu t e P e r l e s i n d e r B u n de s r ep u b li k D eu t s c h la n d
i s t J e f f r e y „ J e f f " G e d m i n , d e r s e i t 2 0 0 1 d i e h i e s i g e Z w e i g s t e l l e d e s U S - a m e-
r i k a n i s c h en As p e n - In s t i t u t s m i t S i t z i n B e r l i n l e i t e t . Ga ry S m i t h v o n d e r B e r l i n
Am e r i c a n Ac a d em y s a gt ü b e r i h n : „ E r v e r m i t t e lt a u s s c h li eß li c h d i e W e l t s i c h t ei -
n e s R i c h a r d P e r l e o d e r P a u l W o l f o wi t z . " Al s Ka n z l e r S c h r ö d e r — m i t d e m o s k o -
pisch ermittelter Zustimmung von 80 Prozent der Deutschen — die militärische
B et ei li gu n g a n B u s h s Go l f - Kr i e g v er we i g e rt e, ä u ß e rt e Ge d m i n : „ Vi e l e D eu t s c h e
sind vom Nationalpazifismus verhext."
P er les V -M a nn ha t s i ch en g an d i e Fe rs en An ge la M erk el s geh eft et . Am 2 7 . M ä rz
2 00 3 n oti ert e d i e „ We lt a m S on n t a g": „ Ged m i n ha t vorgef ü h rt, wi e m a n p opu lä re
P o l i t i k b e r a t u n g b e t r e i b t . D e r Am e r i k a n e r i s t s e i t a n d e r t h a l b J a h r e n i n D e u t s c h -
land , ha t s ein In s ti tut und d i e B erlin er Think - Tank- S zen e ord ent lich aufgemi sch t.
M a l p a r li e rt er b ei ‚C h ri s t i a ns en ' ü b e r d en Ka m p f g e g en d e n T e rr o r, d a n n b ri e ft
er An g ela M erk e l i m k lei n s t en Kr ei s i n S ch we ri n üb er d a s d eu t s ch - a m eri k an i s ch e
Verhältnis. Seine Präsenz brachte ihm die Bezeichnung ,heimlicher Botschafter der

86
US A in Deu tsch land ' ein. " (Im an glo -a m erikani sch en Sp rach geb rau ch b ed eut et „t o
briet" soviel wie: „Instruktionen geben", „Auftrag erteilen".)
Evelyn Roll schreibt in ihrer Merkel -Bi ographie einerseits nichts - und anderers eits
doch wieder vielsagend: „Man hört so wenig von den Menschen, die Angela
M e rk e l wi rk li c h b e ra t en . . . Le u t e, d i e s i e wi rk li c h b era t en , d i e la u f en eb en n i c h t
h e ru m u n d r ed en d a rü b er . " E s h a n d e l e s i c h u m „ i n t er e s s a n t e M en s c h en , d i e s i c h
r e g e l m ä ß i g m i t An g e l a M e r k e l t r e f f en " . J e f f G e d m i n i s t z w e i f e l l o s e i n s o l c h e r
„interessanter Mensch".
D r ei W o c h en n a c h d e m Zu s a m m en t r e f f en v on M r. P er l e m i t d e r v on Ge d m i n „ g e -
b ri eft en " M erk el b eim Bi ld erberg -Au fma rsch in R otta ch -E gern und d rei Ta ge n ach
d es Fi n s t ern i s fü rs t en öffen t li c h ert ei lt en Wei h en fü r s i e, wa r es d a n n a m 30 . Ma i
2 00 5 i n B erli n s o wei t : E s erf o lgt e d i e B es t a l lu n g An g e la M erk e ls zu r Ka n z l erk a n -
d i d a t i n d er C - P a rt ei en — d u rc h zu s t i m m en d es Hä n d ek la t s c h en u n d Ti s c h k l op f en
d er P rä sidiu m smi t gli ed er von C DU und C SU au f Edmund S t oib ers entsp rech end en
V o r s c h l a g h i n b e i e i n e r g e m e i n s a m e n S i t z u n g d e r F ü h ru n g s g r e m i e n d e r S c h we s -
t e rp a rt e i en . Au s s p ra c h e, F ra ge n a c h Ge g e n k a n d i d a t u r en , g eh ei m e Ab s t i m m u n g —
all das fand nicht statt.
Au f d en Frü h s t ü ck s ti s ch en d er Da m en u n d Herren P rä s i d ium s m i t gli ed er v on C DU
u n d C S U h a t t e n v o r d e r „ W a h l " M e r k e l s z u r Ka n z l e r k a n d i d a t i n e t a b l i e r t e d e u t -
s c h e B lä t t e r g e l e g en m i t S c h la g z ei l en wi e : „U S -R eg i eru n g h of ft a u f An g e la M er -
k e l . " U n d i n i h r e r i m Au g u s t 2 0 0 5 , d e m M on a t v o r d e r B u n d e s t a g s wa h l , e r s c h i e -
n e n e n M e r k e l -B i o g r a p h i e b e r i c h t e t e N i c o l e S c h l e y: „ An g e l a M e r k e l g i l t i n d e n
Kreisen d er USA, in den en sie b ekannt ist, als p ro- amerikanischer als Gerhard
Schröder und somit auch als eine leichter zu handhabende Partnerin ... Die
A m e r i k a n e r h o f f e n a u f e i n e b e t r ä c h t l i c h e V e r b e s s e r u n g d e r d e u t s c h -a m e r i k a n i -
schen Beziehungen, sie hoffen sogar auf einen ganz grundsätzlichen Wendepunkt
E n d li ch werd en s i e d en groß e n Gegn er i h rer Ira k -In t e rv en t ion , Gerh a rd S c h rö -
der, los."
Am 1 7 . S e p t e m b e r 2 0 0 5 s c h li e ß l i c h , V o r t a g d e r B u n d e s t a g s wa h l , h i e ß e s i n d e r
„Fra nk fu rt er Rund schau ": „Die a m erik anis ch en Zeitun gen sind sich wei t geh end ei -
n i g, wer D eu t s c h la nd regi er e n s oll: An g e la M erk el. P ra k t is c h d i e ges a m t e P res s e
in den USA wünscht sich den Abtritt des aufsässigen Gerhard Schröder. , Auf
Wi ed erseh en , we h op e', t it elt e di e Los An geles Ti mes, und meint e da mi t : Au f
Nimmerwied ersehen. Die US - Presse nimmt es Schröder immer noch übel, dass
er sich kurz vor der Bundestagswahl 2002 so vehement gegen den Einmarsch
d e r U S A i n d en Ir a k a u s g e s p r o c h en h a t . Da m i t s t i m m t s i e, n i c h t u n e r wa rt et , m i t
Washington überein, wo Schröder ebenfalls ungeliebt ist."
87
„Saddams reale
Massenvernichtungswaffen”
„ M i t i h r er Ha lt u n g zu m Ir a k -Kr i e g h a t s i c h C D U -C h efi n M e rk e l d a s W oh l wo l l e n
Washingt ons gesichert — auch manchen Partei freunden i st das nicht geheu er",
h i eß es i m „S pi ege l", Nr. 9 / 20 03 . Di e P oli t ik eri n la g i n d er en t s c h ei d end en Ph a s e
2 0 0 2 / 2 0 0 3 i n d e r Ta t v o l l a u f B u s h - Li n i e, wä h r en d S c h r öd e r m i t d e r P a r o l e v om
„d eu t s c h en Weg " (M e rk el : „E i n s ch li m m es Wort , g efä h rli c h ") öff en t li c h S t ellu n g
gegen ein e militärisch e Beteiligun g am „Kreu zzu g" gegen d en „Sch u rk en staat
Irak" bezog. Das entsprach der Meinung der großen Mehrheit der Deutschen,
wie Meinungsumfragen zeigten.
„ Als d er Kri eg t r a u ri ge R ea li t ä t wi rd , s t eh t es fü r s i e , au ß er F ra ge, d a s s d i e C DU
i n d er Au s ei n a nd ers et zu n g d er a lli i ert en S t rei t k rä ft e m i t dem i ra k i sc h en Di kt a t or
Sadd am Hu ssein n icht n eutral sein k ann— , h eiß t es in Wolfgan g Stock s
B i o g r a p h i e M erk e l s . W ei t e r : „ Ih r e k la r e Ha lt u n g i n d em v on S c h r öd er h oc h
e m ot i on a lis i ert en Wah lka mp f wi rd t ei lwei s e h efti g k ritis i ert. Ih ren Kritik ern
ant wort et s i e in ei n em p ers ön li c h en An t wort b ri ef. Da r i n b et on t s i e, es s ei
‚u n vera n t wort li c h , d en Ein sat z m i litä risch er Ge wa lt a ls da s let zt e M itt el
kat egoris ch au s zus ch li eß en. Als let zt es M i t t el wi rd es i n m a n ch en Kon f li k t en , s o
a u ch in d i es em , un a u s wei c h li ch sein und bleiben.—
Der Leb en sb esc h rei b u n g M erk els von Pro f. La n g gu t h i st zu en t n eh men , d a ss
b ei m Ira k- Kri eg s e lb s t a u s gem a c ht en „P ro -Am e r i k a n ern " wi e Wo lf ga n g S c h ä ub le
und Edmund Stoiber der Bushismus der CDU - Chefin zu weit gegangen sei. Stoi -
b er (d em als Kan zlerkand idat im Wah lkamp f 2002 die Felle wegzu sch wimmen
d roh t en ) h a b e s o ga r „ f ü r e i n i g e S t u n d en d i e Üb er f lu g r ec h t e a m e ri k a n i s c h e r B om -
ber in Frage gestellt".
M e rk e l s t e l lt e d i e u n i on s i n t e rn en Kri t i k e r ru h i g. W o b ei s i e a u c h Zu c k e rb r ot v e r -
a b rei c ht e. Am 2 5 . M a i 2 004 jed en fa lls la s m a n i m „s t ern ": „ Als No rb ert La m m ert
i n d er Ira k - F ra g e erk en n en li e ß , d a s s er g eg en d en Kri egs k u rs d er US A i s t , b ra c h -
t e M erk e l d en ei n f lu s s r ei c h en C h e f d er NR W - La n d es g ru p p e i m B u n d e s t a g b ei ei -
nem stundenlangen Spa ziergang auf Rügen an ihre Seit e. Wird die Uni on 2006
s t ä r k s t e F r a k t i o n , d ü r f t e La m m e r t m i t d e m b e g e h r t e n S t u h l d e s B u n d e s t a g s p r ä -
sidenten b elohnt werd en." Nun fand die ei gent lich fü r 2 006 vorges eh ene Wah l
b ekannt lich sch on im Sept emb er 2005 st att. Ku rz d an ach wu rd e La mmert Bun -
destagspräsident.
N a c h d em s i e a m 5 . F e b ru a r 2 0 0 3 i n „ t a c h e l es ", d em „ Li v e - C h a t d er t a g e s s c h a u "
a u f d i e F r a g e , wi e d e n n i h r e Kr i e g s b e f ü r wo r t u n g m i t i h r e r „ c h ri s t l i c h e n Gr u n d -
88
lage" zu vereinbaren sei, ausgerechnet den trotz seiner schweren Erkrankung ge-
radezu herkulisch gegen Bushs Irak-Krieg ankämpfenden Johannes Paul II. in ih-
rem Geiste hatte mitmarschieren lassen („Selbst der Papst schließt den Krieg als
letztes Mittel nicht aus"), ließ es Angela Merkel bei ihrer Rede auf der XXXIX.
Münchner „Konferenz für Sicherheitspolitik, 8. Februar 2003, so richtig krachen.
Unter dem Leitwort „Frieden durch Dialog" waren dort Falken aus der gesamten
westlichen Wertegemeinschaft in Vorbereitung der großen Beize eingeflogen.

Nachdem sie die USA zum ausschließlichen „Exporteur von Sicherheit", die Nato-
Europäer aber zu „Importeuren" über die Jahrzehnte hinweg und „die Deutschen"
überdies zu den „größten Nutznießern des ganzen Systems" erklärt hatte (tat-
sächlich trugen die Deutschen, direkt an der Hauptkampflinie des Kalten Krieges,
stets das höchste Risiko — und die höchsten Kosten in der Nato sowieso), rief
die CDU-Chefin aus: „Ob es uns gefällt oder nicht: Wenn der Partner im Sicher-
heitsverbund bedroht ist, dann ist das auch unsere Angelegenheit. Die Bedro-
hung ein es P artn ers, die Bed rohun g der USA, ist spätestens am 11. Septem-
ber (2001) offenbar geworden. Sie ist real, nicht fiktiv. Auch die Bedrohung durch
die Massenvernichtungswaffen von Saddam Hussein ist real, nicht fiktiv. Die aus
dieser Bedrohung entstehende Gefahr kann uns alle treffen ... Europa muss be-
reit sein, sich an militärischen Maßnahmen als ultima ratio zu beteiligen. Teilha-
be an Entscheidungen erfordert Teilhabe am Risiko."

Merkel beschwor „die Bedrohung, die von Saddam Hussein für den Weltfrieden
ausgeht", wie dies „US-Außenminister Powell am Mittwoch im UN-Siche rheitsrat
überzeugend dargelegt hat". Die CDU-Vorsitzende weiter „Wenn am Ende die
friedliche Entwaffnung fehlschlagen und als letztes Mittel nur die angedrohten
Zwangsmaßnahmen verbleiben sollten, dann befürworten wir um der internatio-
nalen Sicherheit und der Autorität der UN- Charta willen auch ein militärisches
Vorgehen. Deutschland sollte sich in diesem Fall nach seinem Vermögen und in
europäischer und transatlantischer Abstimmung beteiligen."

Während der von Merkel als Kronzeuge angerufene Colin Powell im September
2005, zweieinhalb Jahre nach seinem UN-Auftritt, öffentlich enthüllte, dass ihm
für den Vortrag vor den Vereinten Nationen gefälschtes Material aus Geheim-
dienstquellen untergeschoben worden war und er weiter bekannte, wie er sich
schäme, die Storys von den „die Welt bedrohenden Massenvernichtungswaffen
des Saddam Hussein" damals der Weltvölkergemeinschaft aufgetischt zu haben
(„Ich fühle mich furchtbar"; „Es war ein Schandfleck meiner Karriere"), antworte-
te Angela Merkel in ihren 2005 erschienenen autobiographischen Gesprächen
mit Hugo Müller-Vogg auf die Frage, ob sie sich vom US- Präsidenten Bush hin-
sichtlich des Irak-Krieges getäuscht fühle, mit einem glatten „Nein".
89
„Schröder Does'nt Speak for
All Germans”
F r a u M e r k e l s t a t t e t e i n B e g l e i t u n g i h r e s A d l a t u s P f l ü g e r , e i n e s E x t r e m- T r a n s -
atlan tizisten, d en USA im Feb ruar 20 03 ein en Besuch ab. Sie b eteu erte gegen -
über ihren Gesprächspartnern — Vizep räsident Ch eney, Verteidigungsminister
R u m s f e l d , d e s s e n V i z e W o l f o wi t z , d i e d a m a l i g e S i c h e r h e i t s b e r a t e r i n u n d n a c h -
m a li g e Au ß en m i n i s t e ri n R i c e — u n ei n g e s c h rä n k t es t e S o li d a ri t ä t g er a d e h i n s i c h t -
l i c h d e s Ir a k -K u r s e s . A m 2 0 . F e b r u a r 2 0 0 3 e r s c h i e n d a n n i n d e r „ W a s h i n g t o n
P o s t " , d e m — n e b e n d e r „ N e w Y o r k T i m e s " — wi c h t i g s t en S p ra c h r o h r „ d e r O s t -
k ü s t e ", ei n v on An g e la M erk e l a l s „c h a i r m a n o f t h e C h r i s t i a n D em oc ra t i c Un i on
in German y and the CDU/CSU parliamentary group in the German Bundestag"
verfasster Artik el un ter d er Sch lagzeile „Sch röd er Does'nt Sp eak for All Ger-
m a n s " m i t s c h a r f e n A t t a c k e n a u f d e n K a n z l e r w e g e n d e s s e n K o n t r a z u m I r a k-
Kri eg. Da s s d i e fü h ren d e P er s on d er d eu t s c h en p a rla m en t ari s c h en Opp os i ti on di e
R egi erun g d es ei gen en La ndes in ein em au slän di sch en Organ d era rt h efti g an -
gri ff, und dann n och in ein er inn en - wi e auch außenp oliti sch h öch st di ffi zi len Fra -
ge, war bis dahin beispiellos.
Im M e rk e l -Art i k e l s t a n d : „Di e wi c h t i g s t e Le h r e a u s d er d eu t s c h en P o li t i k — n i e
wi e d er S on d e r we g — i s t v on e i n e r d eu t s c h en B u n d es r e gi e ru n g, d i e g en a u d i e s en
Sond erweg ein gesch lagen h at, aus wa h ltak tisch en M otiven mal ein fach so b ei -
s ei t e ge wi s c h t wo rd en . " („ Th e m os t i m p ort a nt les s on of Germ a n p oli t i c s — n ever
a g a i n s h ou l d Ge r m a n y g o i t a l o n e — i s s we p t a s i d e wi t h s e e m i n g e a s e b y a Ge r -
man fed eral government that has done precisely this, for the sake of electoral
tactics.") Zu allererst müsse beachtet werden, dass die Bedrohung durch den
Ira k k ei n Hi rn ges p in s t , s on d ern rea l s ei : „ Fi rs t , t h e d an ger f rom Ira q i s n ot fi ct i o -
u s b u t r e a l . " D i e d e u t s c h e u n d e u r o p ä i s c h e G e s c h i c h t e d e s 2 0 . J a h rh u n d e r t s l e h -
re u n s, d ass militärisch e Gewalt als letztes Mittel gegen üb er Diktatoren nicht
a u s g e s c h l o s s e n o d e r a u c h n u r , wi e d u r c h d i e d e u t s c h e B u n d e s r e g i e r u n g g e s c h e -
h en , in Fra g e g es t e l lt werd en d ü rfe. („ Th e h i s t or y o f Germ a n y a n d E u rop e in t h e
2 0t h C en tu ry i n p a rt i cu la r c ert a in ly t ea c h es u s , t ha t m i li t a ry f orc e m u s t n ever b e
r u l ed ou t , o r e v en m er e l y q u es t i on ed — a s h a s b e en d on e b y t h e Ge r m a n f ed e ra l
government — as the ultimate means of dealing with dictators.")
D e r B ei t ra g li e f a u s m i t e i n em B ek en n t n i s „d e r P a rt e i , d i e i c h fü h r e " zu r „ e n g en
Partnerschaft und Freundschaft mit den Vereinigt en Staaten" und zur „europäi -
s c h en In t e gra t i on ", wa s b ei de s u n a b d i n gb a r e r B es t a n d t ei l d eu t s c h e r S t a a t s r ä s on
sei: „For the party that I lead, our close partnership and friendship with the Uni-

90
Angela Merkel: "Selbst der Papst schließt
Krieg als letztes Mittel nicht aus"

CDU-Bundesvorsitzende Angela M erkel an 5.


Februa r 20 03 ist zu Gast im t acheles.02 LiveChat
von tagesschau.de und politik-digital.de im ARD-
Hauptstadtstudio.

Moderator: Herzlich willkommen im tacheles.02-


Chat. tacheles.02 ist ein For mat von tagesschau.d e
und politik-digital.de und wird unterstützt von tagesspiegel.de. Wir
haben eine Stunde Zeit, kann es losgehen, Frau Merkel?

Ira k- K r ieg
Powell: „Schandfleck meiner
Karriere"

0 9 . Sep tem b er 2 0 0 5 D er f rü he re a mer i ka n i sc he Au ße n mi ni st er


Collin Powell hat in einem Fernsehinterview seinen Auftritt im
UN-Sicherheitsrat im Februar 2003 im Vorfeld des Irak -Kriegs
bedauert.

US-Außenminister Powell und sogar den Papst ließ Merke! für ihre Unterstüt-
zung des Irak-Kriegsherrn Bush aufmarschieren. Tatsächlich wandte sich Johan-
nes Paul II. mit aller Kraft gegen den Irak-Krieg. Und Powell gestand später, für
seinen UNO-Auftritt mit Falschmaterial des Geheimdienstes „gefüttert" worden
zu sein.
91
ted S t a t es i s j u s t a s m u c h a fun d a m en t a l e l e m en t o f Ge r m a ny' s n a t i on a l p u rp os e
as European integration."

„Auslandseinsätze weltweit"
S c h r öd e r r et t et e s i c h 2 0 0 2 b ei d e r B u n d es t a gs wa h l m i t s ei n em „d eu t s c h en W e g "
di e Kan zlers cha ft vor d em Zugri ff d es gem ein sa m von C DU und C S U a ls Kandid at
au f d en Schild geh ob en en Ed mund Stoib er, d er u nter Merk els d emon strativem
Pro- Bush- Kurs zu leiden hatte. Evelyn R oll: „Der Wahlkampf lief gut, bis der Irak -
k ri eg k am. An gela M erk el posit i oni ert e sich gegen d i e St immun g i m La nd fü r
d en E inma rsch d er Am erik an er. " Rückb lick end s ch ri eb Gert Kei l in d en „Frank fu r -
t e r H e ft en " , S ep t em b e r 2 0 0 5 , d u rc h i h r e P r o- Kr i e gs -Ha lt u n g h a b e M erk e l „ ei n en
d em o s k op i s c h en N e ga t i v r ek o rd e r zi e lt , n ä m l i c h „b i n n en ei n es M on a t s u m ga n z e
2 0 ( !) P u n k t e i n d e n S y m p a t h i e w e r t e n a b z u s t ü r z e n , w a s n i c h t e i n m a l U w e B a r -
schel auf der Höhe seines Kieler Skandals geschafft hatte". Elisabeth Noelle
v o m A l l e n s b a c h e r In s t i t u t f ü r D e m o s k o p i e b e r i c h t e t e i n d e r „ F A Z " d e s 1 7 . N o -
v e m b e r 2 0 0 4 v o n e i n e m Z u sa m m e n b ru c h d e r M e r k e l ' s c h e n „ Gu t e -M e i n u n g - W e r-
te" von 2002 auf 2003 auf nur noch 30 %. Von diesem Rückschlag habe sich
ihre Beliebtheitskurve „nicht mehr erholt".
Geg en üb er Mü ller- Vogg b ekund et e An gela M erk el, es hab e si e 20 03 b ei ih rer
I r a k p o s i t i o n „ g e l e it e t " , d a s s a u c h a n d e r e p o l i t i s c h e W e i c h e n s t e l l u n g e n i n d e r
b u n d e s d eu t s c h en Ge s c h i c h t e g e g e n d i e M eh rh ei t d er B e v öl k e ru n g g et r o f f en wo r -
d en s ei en . Au f M ü l l e r- V o gg s V o rh a lt „ Ih r E i n t r et en fü r d i e V er e i n i gt en S t a a t en
i s t i n d i es e r E i n d eu t i gk ei t i n D e u t s c h la n d n i c h t m eh rh ei t s fä h i g " a n t wo rt et e M e r -
k el gleich mütig: „Das kann sch on sein ". Und sie fuh r fort, „dass es Prob leme
gibt, bei deren Lösung wahltaktische Überlegungen keine Rolle spielen dürfen".
B ei i h r er R ed e a u f d e r X L. M ü n c h n er S i c h erh ei t s k o n f e r en z, 7 . F eb ru a r 2 0 0 4 , ä u -
ß e r t e M e r k e l : „ Au c h ü b e r e i n m ö g l i c h e s E n g a g e m e n t d e r N A T O a u f W u n s c h e i -
n e r f r e i g e wä h l t e n R e g i e r u n g i m Ir a k i m R a h m e n e i n e r U N- R e s o l u t i on wi r d d i s -
k ut i ert . In ei n em solc h en Fa ll d a rf si ch Deut sch la nd der An ford eru n g n ic ht
verschli eßen." Verlaufs der Ansprache zitiert e die CDU -Chefin zustimmend folgen-
d e Au s s a g e d e r f r ü h e r e n U S- Au ß e n m i n i s t e r i n M a d e l e i n e A l b r i g h t a u s d e r e n Au-
t ob i og ra p h i e ( Ka p i t e l „ Im Du e l l m i t Di k t a t or en " ( : „ Di e z en t ra l e a u ß en p o li t i s c h e
Zielsetzun g lautet, Poli tik und Hand eln and erer Nation en so zu b eein flu ssen ,
d a s s d a m i t d e n In t e r e s s e n u n d W e r t e n d e r e i g e n e n N a t i o n g e d i e n t i s t . D i e z u r
V e r fü gu n g s t eh en d en M i t t e l re i c h en v on f r eu n d li c h en W o rt e n b i s zu M a rs c h f lu g-
k örp ern . " M erk els Kom m en t a r d a zu : „E s i s t ei n e De fi n i t i on, d i e au s m ei n er S i c ht
nicht nur für die amerikanische Außen- und Sicherheitspolitik Gültigkeit haben
92
muss, sondern auch Maßstab einer europäischen Außen - und Sicherheitspolitik
sein sollte, besser: sein muss."

Frau Merkel st ellte bei dieser Gelegenheit einen außenpolitischen Grundsatz-


beschluss des CDU -Bundesvorstandes vom 28. April 2003 heraus, in dem es
heißt: „Wenn das Recht auf Selbstverteidigung einschließlich Nothilfe und Inter -
ventionsverbot zur Sicherung von Frieden u nd Stabilität nicht mehr ausreichen,
muss das Völkerrecht behutsam weiterentwickelt werden." Schließlich prokla -
mierte Merkel bei ihrer Münchner Ansprache des 7. Februar 2004: „Wenn wir
unseren Interessen und Werten dienen wollen, müssen wir Außenpolitik a ls
Weltinnenpolitik verstehen." Nötig sei, dass „Deutschland als größtes (?) Land
Europas seinen außen- und sicherheitspolitischen Beitrag für eine Weltinnenpoli -
tik im umfassenden Sinne wirkungsvoll leisten" möge. Woraus u.a. folge: „Aus -
landseinsätze der Bundeswehr werden zunehmen. Die Verteidigung unserer Inte-
ressen und unserer Sicherheit muss im 21. Jahrhundert weltweit erfolgen."

Bleibt noch nachzutragen, dass Merkel die Bundeswehr für „unsere Interessen"
nicht nur „weltweit" einsetzen will, sondern sie auch schon seit längerem darauf
drängt, die Möglichkeiten zum Militäreinsatz gegen den „inneren Feind" aus -
zuweiten. Symptomatisch war ihre Rede im Bundestag vom 11. Oktober 2001, in
der sie ausführte, der 11. September (die Anschläge auf das World Trade Center
und das Pentagon) hätten „gezeigt, dass die Grenzen von innerer und äußerer Si -
cherheit zunehmend verschwimmen". Merkel weiter: „Niemand in dieser Bundes-
republik Deutschland, jedenfalls nicht in meiner Partei, wird in irgendeiner Weise
Polizei und Bundesgrenzschutz durch Kräfte der äußeren Sicherheit ersetzen wol -
len. Vielmehr geht es um die Frage, ob in bestimmten Bedrohungssituationen, er-
gänzend zu dem, was wir von Polizei und Bundesgrenzschutz brauchen, und er -
gänzen d zu d e m, wa s b erei ts h eu te d as Gru n d gesetz e rmö glicht, viellei cht
bestimmte Dinge zusätzlich angewandt werden sollten." Man müsse „über die -
sen und jenen Artikel des Grundgesetzes noch einmal nachdenken ... Ich lade
uns alle ein, dies ohne alle ideologischen Scheuklappen zu tun."

Israel als Staatsräson


Es gibt wohl nur ein einziges anderes Land, dem Angela Merkel ähnlich viel,
wenn nicht sogar noch mehr Aufmerksamkeiten angedeihen lässt wie den USA:
Israel. Lange rollte die Zuneigung auf der Einbahnstraße nach Nahost. Doch —
was lange währt, wird endlich gut — seit ca. Ende der 90er- Jahre erwidert man
die Sympathie. Man scheint in Israel aufrichtig erfreut zu sein, mit Angela Mer -
kel über eine besonders engagierte Sachwalterin eigener Interessen in Deutsch-
93
land zu verfügen, die „die Existenz Israels zum Kern der Staatsräson unseres
Landes und zur Räson unserer Partei" erklärt (Rede Angela Merkels bei der Berli-
ner Festveranstaltung „60 Jahre CDU", 16. Juni 2005).

Die Beziehung ist unterdessen so eng geworden, dass die Münchner „National -
Zeitung" in ihrer Ausgabe vom 30. September 2005 feststellte: „Studiert man die
Stellungnahmen von Medien in Israel sowie Berichte zionistischer Organe welt -
weit zur Bundestagswahl, gibt es keinen Zweifel: Jene Seite würde die Kanzler -
schaft Merkels begrüßen. Dort ist man guter Hoffnung, dass sie sich kräftig für
jüdische Belange, speziell für die Interessen Israels, einsetzen wird."

V ierzeh n Ta ge zu vo r, 1 6 . Sep te mb er 2 0 0 5 , h atte es in den in Tel Aviv au f


Deutsch erscheinenden, zionistisch ausgerichteten „Israel Nachrichten" zum bun-
desrepublikanischen Urnengang geheißen, dass „Jerusalem die Wahlen mit Auf -
merksamkeit beobachtet", dass „Merkel die Politik von Scharon unterstützt" und
dass sich die Bundesrepublik „im Falle von Merkels Wahl im Nahen Osten mehr
engagieren" werde — „einschließlich der finanziellen Seite", wie das Blatt beton-
te. Die „Israel Nachrichten" weiter:

„Scharon und sein deutscher Amtskollege Bundeskanzler Gerhard Schröder haben


sich lange nicht mehr getroffen, nachdem Schröder das israelische Ansuchen um
die Finanzierung von zwei zusätzlichen Dolphin- U-Booten beiseite stellte. Israel
hatte hierfür um Finanzhilfe von etwa einer Milliarde Dollar ersucht, nachdem
Deutschland zu Beginn der 90er- Jahre drei solche U- Boote geliefert hatte. Nach
ausländischen Berichten sind sie mit Atomgeschossen bestückt." Nachdem die
erste Lieferung der U- Boote an Israel aus deutscher Kasse bezahlt worden sei
(unter Kohl), habe SPD- Verteidigungsminister Peter Struck ein weiteres Milliar -
dending der Bundesrepublik hinsichtlich zusätzlicher Unterseeboote unterstützt.
Doch, so fuhren die „Israel Nachrichten" fort: „Schröder, der sich mit Deutsch -
lands schwersten sozioökonomischen Problemen seit dem Zweiten Weltkrieg kon-
frontiert sah, weigerte sich, darüber zu sprechen." Jetzt aber, mit der Aussicht
auf die Kanzlerin aus den Reihen der C- Parteien, stünden die Zeichen günstiger.
Eine Prognose, die sich inzwischen als wahr herausgestellt hat. Das neuerliche
U- Boot-Geschen k an Israel war sozusagen Merkels erste Amtshandlung als Kanz-
lerin. Durchgedrückt hatte sie es schon bei den Koalitionsverhandlungen.

Auch der einflussreiche israelische Journalist Adar Primor, Sohn des einstigen
Botschafters in der Bundesrepublik Avi Primor, zeigte sich kurz vor der Bundes-
tagswahl davon überzeugt, dass Israel zusätzlichen Nutzen aus der Merkel'schen
Kanzlerschaft ziehen werde. Nach einer stundenlangen Einvernahme der CDU-
Chefin, deren Extrakte von der israelischen Tageszeitung „Haaretz" am 14. Sep-

94
temb er 2005 au ch in ih rer en glisch sp rach igen Au sgab e veröffen tlicht wu rd en ,
s c h ri eb e r, F r a u M e rk e l u n t ers t ü t z e „ rü c k h a lt l o s " ( „ wh o l eh e a rt ed l y" ) d i e P o li t i k
von Premier Scharon. Nicht zuletzt, so Primor weiter, sei in Bez ug auf das Ver -
l a n g e n n a c h w e i t e r e n U -B o o t e n z u e r w a r t e n , d a s s d i e C D U -V o r s i t z e n d e a l s R e -
gi erun gsch efin — im Gegen s at z zu S chröd er — „ Is ra els W ün sch e b erück sichti gen
will". Was ja voll eingetroffen ist.
Im Ges p rä c h m i t „Ha a ret z" -P r i m or ä u ß ert e F ra u M erk et „Di e B e zi eh u n gen m i t Is -
r a e l s i n d e i n k o s t b a r e r S c h a t z , d e n wi r h ü t e n m ü s s e n . W i r u n d d i e k o m m e n d e n
Gen eration en mü ssen un s unserer Geschichte b ewu sst sein und d er Verantwor -
t u n g, d i e s i e b ei n h a lt e t . Wi r m ü s s en ei n e k la r e ö f f en t li c h e P o s i t i on d a zu ei n n eh -
m e n u n d e n g e B e z i e h u n g e n m i t d e r j ü d i s c h e n Ge m e i n s c h a ft i n D e u t s c h l a n d p f l e -
g e n . U n d n a t ü r l i c h m ü s s e n wi r e n g e B e z i e h u n g e n z u Is r a e l p f l e g e n . " D i e s g e l t e
a u c h fü r d a s V e r h ä l t n i s z wi s c h e n Is r a e l u n d d e r E U , d a s e s z u i n t e n s i v i e r e n g e l -
te.
In e i n e m n o c h v o r d e r B u n d e s t a g s wa h l 2 0 0 5 v o n M e r k e l s F r a k t i o n s m i t a r b e i t e r
Gert Ola v Göh s (Fa chb ereich Au ß enp oli tik ) ent worfen en Papi er zu m d eut sch - i s ra e-
l i s c h en V e r h ä l t n i s h e i ß t e s : „ D i e S h o a h u n d d i e i m d e u t s c h e n N a m e n a n d e n J u -
d en b e ga n g en en V e rb r ec h en d e r n a t i on a ls o zi a li s t i s c h en Ge wa l t h e rr s c h a ft p rä g en
d i e d eu t s ch- i s ra eli s c h en B ezi eh u n gen . " Im „B e wu s s t s ei n der h i s t ori s c h en Vera n t -
w o r t u n g D e u t s c h l a n d s g e g e n ü b e r Is r a e l " s e i „ e i n i n t e n s i v e r u n d f r e u n d s c h a f t l i -
c h er d eu t s c h -i s ra eli s c h er Di a log" zu fü h ren . In s b es on d er e b ed ü rfe es d er E rk en n t -
nis, dass in Deutschland „die Bekämpfung von einseitigen anti - israelischen
E i n s t e l l u n g e n e i n e g e s a m t g e s e l l s c h a f t l i c h e Au f g a b e " s e i . H i e r m ü s s e a u c h a u f
di e M edi en ein gewi rkt werd en. Wei t er. „Di e P olit ik, di e Bund es regi erun g und d er
Bundestag haben ebenfalls eine große Verantwortung, auf die negative Stim-
m u n g i n d e r B e v ö l k e r u n g g e g e n Is r a e l z u r e a g i e r e n . " N i c h t m i n d e r s e i e n d i e In -
stitutionen der politischen Bildung entsprechend in die Pflicht zu nehmen.
B ei ih rem Vort ra g a m 7 . Dezem b er 2003 vor d em „5. Eu ropäi sch- Is ra eli sch en Dia -
l o g " h a t t e An g e l a M e r k e l i h r e G r u n d s a t z p o s i t i o n e n h i n s i c h t l i c h d e s d e u t s c h e n
V e r h ä l t n i s s e s z u m j ü d i s c h e n S t a a t wi e f o l g t u m r i s s e n : „ W i r h a b e n u n s e r e D e m o -
kratie auch auf den Lehren aus der Geschicht e aufgebaut. Dazu gehört unver-
r ü c k b a r d i e An e rk en n u n g d e r S i n gu la ri t ä t d es H o l oc a u s t . S i e wa r u n d i s t d i e V o -
raussetzung dafür, dass wir frei und souverän sein können. Aus diesem
Vers t ä n d ni s d er E i n zi ga rt i gk ei t d es Holoc a u s t er wä c h s t ei ne ga n z s p e zi e ll e B e zi e -
h u n g D e u t s c h l a n d s z u Is r a e l . . . D a ra u s f o l g t , d a s s wi r g r u n d s ä t z l i c h f ü r d i e An -
l i e g e n Is r a e l s e i n t r e t e n . . . D e u t s c h l a n d m u s s e i n e P o l i t i k m a c h e n , d i e i m Z w e i -
felsfa lle für die Belange Israels eintritt und keine Neutralitätsbetrachtungen
zulässt."
95
N a c h d e m s i e b e i i h r e m „ D i a l o g " - V o r t r a g d e n B u s h- Kr i e g g e g e n d e n Ir a k g e l o b t
h a t t e, we i l d e r W a f f en ga n g „ v ö l l i g n eu e B li c k wi n k e l u n d Op t i on en e r ö ffn et " h a -
b e, „die es mit Sadd am Hu ssein so n icht gab ", ließ sich M erk el zu ein em wei -
t er en La n d d es O ri en t s ei n , d a s sozu sa g en a u f d er Ab sc h u ssli st e st eh t : „Da ss
d er Ira n au s d em B lick wink el Is ra els ei n e B edrohun g d arst ellt , st eht nicht in fra ge.
W e n n wi r a n d e r S t e l l e Is r a e l s l e b e n wü r d e n , wü r d e n w i r g e n a u s o e m p f i n d e n . "
( Le b e n wi r a b e r n i c h t !) . D i e C D U- C h e f i n f o r d e r t e b e i d i e s e r Ge l e g e n h e i t , „ a u s
d e m Ir a k -K o n f l i k t z u l e r n e n " . D i e i h r e s E r a c h t e n s e n t s c h e i d e n d e F r a g e l a u t e t :
„Gehen wir wied er getrennte Wege, ist wi eder der eine für die Mora l verant -
wo r t li c h u n d d er a n d e r e fü r d i e m i li t ä ri s c h e D r oh u n g ? Od er s c h a f f en wi r es d i es -
mal in einer Art Amalgami erung, unsere militärischen und moralischen Kom -
p o n e n t e n b e i d e r s e i t s d e s At l a n t i k s g l e i c h g e r i c h t e t z u r Ge l t u n g z u b r i n g e n ? D e r
Iran ist ein Testfall."
Zur Erläuterung: Amalgamierung bedeutet Versch melzung von Metallen mit
Qu e c k s i lb e r. W e g en a k u t er Ve r g i ft u n gs g e fa h r i s t h öc h s t e V o r s i c h t g eb o t en . Al s
Erste Hilfe wird die Verabreichung eines Brechmittels empfohlen.

Mit Herzblut im „Inner Circle"


F r a u M e r k e l h a t s i c h a l s B u n d e s t a g s a b g e o r d n e t e i n d e r „ D e u t s c h - Is r a e l i s c h e n
P a rla m en t a ri ergru p p e" en ga gi ert . Di es e Ve rei n i gu n g rek ru t iert s i c h gem ä ß S elb s t -
a u s k u n ft a u s „a u s g es p r oc h en en F r eu n d en Is r a e l s , d i e Z ei c h e n d er S o li d a ri t ä t s et -
zen ". Rein h old Rob b e, ein er d er b etei ligten Bu n d estagsab geord n et en au s d en
R e ih en d er S PD, b ezeichn et di e in d er Deut sch - Is ra eli sch en P a rla m ent a ri ergrupp e
m it wi rk end en Volk s vert ret er a ls „Kollegi nn en und Kollege n aus a llen Frak ti on en,
b e i d e n e n H e r z b l u t a m T h e m a h ä n g t " ( In t e r v i e w m i t d e m „ D e u t s c h l a n d f u n k " ,
2 3 . Ok t ob e r 2 0 0 3 ). N eb en d er P a r la m en t a ri e r g ru p p e B u n d e s r ep u b li k- U S A i s t d i e
d eu t s c h - i s ra e li s c h e m i t s t et s m eh r a ls 1 0 0 M d B d i e s t ä rk s t e a l l e r s o lc h en Zu s a m -
menschlüsse des Bundestages.
Glei c h d rei d er en gs t en M erk el -Mit a rb eit er, Mit gli ed er ih res „ In n er C irc le", geh ö -
ren d er D eu t s c h -Is ra e li s c h en P a rla m en t a ri ergru p p e a n . E s si nd d i es di e M dB E ck -
a rt von Kla ed en , Hi ld ega rd M ü lle r u n d R on a ld P ofa lla . E v e l yn R ol l d efi n i ert d en
„ In n e r C i r c l e " a l s „ T r u p p e , d i e s i e T a g f ü r T a g u n m i t t e l b a r b e r ä t u n d s i c h v o n
Zeit zu Zeit ein paar Tage mit ihr in ein Strandhotel auf die Ostseehalbinsel
Fischland Darß zum Nachdenken und Redenschreiben zurückzieht".
Hi ld ega rd Mü ller st eht seit 2002 an d er Spit ze d er Deutsch - Isra eli sch en Pa r -
la m ent a ri ergrupp e und sit zt da rüb er h inaus im P rä sidiu m der Deut sch - Is ra eli sch en
Gesellschaft (DIG). Die DIG — „Ecki" von Klaeden gehört auch dazu — stellt sich
96
vor als „die Organisation der Freunde Israels". Sie will „praktische Solidarität mit
dem jüdischen Staat auf allen Ebenen durchsetzen", „in unserer gesamten Arbeit
für die Sache Israels werben" und „Einfluss nehmen vornehmlich auf die Regie-
rung und die politischen Parteien". Klassische Lobbyarbeit also.

Die so vielfältig für Israel engagierte Hildegard Müller, bis 2002 Chefin der Jun-
gen Union, ist die engste Vertraute Angela Merkels, ihre „verlässliche Stütze im
CDU-Präsidium" (Langguth). Die beiden verbindet auch eine Duzfreundschaft, was
bei Merkel nicht häufig vorkommt. Am 25. Mai 2004 berichtete der „stern" über
Müller, dass sie „mit einem besonders SMS- tauglichen Gerät im Präsidium pau-
senlos unter der Tischkante einschlägige Infos im Sinne der Vorsitzenden textet".

„Im Jahr des 40. Jubiläums der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen
Deutschland und Israel sind Hildegard Müller und ihre Parlamentariergruppe
gleich mehrmals zu Besuch in Tel Aviv und Jerusalem", berichtete das ZDF am
11. Mai 2005. Weiter: „Auch haben sich Mitglieder der Parlamentariergruppe mit
Vertretern der israelischen Botschaft, aber auch mit dem American Jewish Com-
mittee und anderen Nichtregierungsorganisationen getroffen. Auf diesen ver-
schiedenen Treffen seien Ideen entstanden, die Gesetzgebungsverfahren, Ver-
tragsverhandlungen und auch die praktische Außenpolitik der Bundesregierung
beeinflusst haben, erklärt Hildegard Müller."

„Das Band, das Deutschland und Israel verbindet, kann nicht stark genug sein",
rief Merkels gute Freundin anlässlich des 40. Jahrestages der Aufnahme diplo-
matischer Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und dem nahöstlichen jüdi -
schen Staat am 12. Mai 2005 aus. Kernsätze aus Hildegard Müllers Bundestags-
rede zum besagten Jahrestag: „Normal können die deutsch-israelischen
Beziehungen niemals sein. Die Beziehungen werden stets durch die Singularität
der Schoah gekennzeichnet sein ... Deutschlands Beziehungen zum jüdischen
Staat gründen auf unsere Verantwortung für die Schoah und deshalb sind unsere
Beziehungen durch unser unerschütterliches Eintreten für das Existenzrecht des
Staates Israel und die Sicherheit seiner Bürger bestimmt. Israel wird sich in die-
ser Hinsicht stets auf Deutschland als Freund und Partner verlassen können. Die
besondere Verantwortung, die wir für die Sicherheit Israels haben, werden wir
auch in der internationalen Staatengemeinschaft immer einsetzen."

Die Reise nach Jerusalem


2005 antwortete Angela Merkel auf die Frage des jüdischen Magazins „Tribüne",
welchem Land sie als Regierungschefin in Berlin den ersten Staatsbesuch abstat-
ten wolle: „Für einen deutschen Bundeskanzler ist generell Israel ein Land, das
97
e r a ls e i n es d e r E rs t en b e s u c h e n s o l lt e . " S c h on a ls f ri s c h g eb a c k en e B u n d es m i n i s -
t e ri n fü r F r a u en u n d J u g en d h a t t e s i e e s 1 9 9 1 ei li g, i n i s ra e l i s c h e Ge fi ld e zu p i l -
g e rn . B i o g ra p h La n g gu t h : „ E s wa r M e rk e l s p e rs ön li c h er W u n s c h , m ög li c h s t b a ld
n a c h Is r a e l z u r e i s e n . " S i e q u e n g e l t e b e i Ka n z l e r Ko h l . D i e O f f i z i e l l e n d e s j ü d i -
schen Staates aber hatten sicher nicht auf ihr Ersch einen gedrängt, wie es sich
a u c h e r wi es , a l s s i e t a t s ä c h li c h a n g e f l o g en k a m u n d m a n d ort u n t en ga r n i c h t s o
recht wusste, was mit ihr anzufangen sei.
Vom 7 . b i s 9 . Ap ri l 1 9 9 1 ging n u n a ls o M erk e ls s eh n li c h er Wu n s c h in E rfü llu n g.
Di e R ei s e n a c h J eru s a lem . D e r Is ra el - Au fen t h a lt wa r i h r z wei t er Au s la n d s b es u ch
a l s Kab in ett sm it gli ed , rechn et m an ein e kurze S tipp visi t e zu vor in Fra nkreich mit .
Jedenfalls war Israel ihre erste längere Auslandstour im Ministeramt.
Frau M erk el kam mit ein er Delegation in d en jüd isch en Staat, d er auch Staats -
m i n i st er Lu t z S t a ven h a gen an geh ört e. E i n Geh ei m n i s u m gib t d a s S ch i ck s a l d i es es
M a n n e s , d e r i n K o h l s K a n z l e r a m t f ü r d i e Au f g a b e n g e b i e t e „ R ü s t u n g s k o n t r o l l e
u n d G e h e i m d i e n s t e " z u s t ä n d i g w a r . B a l d n a c h S t a v e n h a g e n s Is r a e l - B e s u c h a l s
R ei s ek om p a gn on von An ge la M erk el f l og d er g es et z wi d ri ge P la n zu r B eli efe ru n g
d es jüd isch en Staates mit Pan zern au s Bestän d en d er DDR au f. Die Tank s d er
NV A wa r en von d eu t s ch en Geh ei m d i en s t lern a ls „ La n d m a sc h in en " get a rn t und in
H a m b u r g a u f S c h i f f e v e r l a d e n wo r d e n , d i e n a c h Na h o s t a u s l a u f e n s o l l t e n . D o c h
m a n h a t t e d i e R e c h n u n g oh n e d i e W a s s e r s c h u t z p o l i z e i g e m a c h t . D e r e n a u f m e r k -
s a m e, i n d i e d e li k a t en Hi n t erg rü n d e n i c h t ei n g e we i h t e B ea m t e n a h m en d i e k o l o s -
s a l e K o n t e r b a n d e h o p s . D e r S k a n d a l k a m a n d i e Ö f f e n t l i c h k e i t . Im D e z e m b e r
1 9 9 1 wu r d e S t a v e n h a g e n a u f g r u n d d e r A f f ä r e z u r D e m i s s i o n g e z w u n g e n . Ku r z
da rau f, im Mai 1992, nahm d er Mann sein reich es Wi ssen um di e auch sonst
r e g e g e n u t z t e d u b i o s e W a f f e n r o u t e D e u t s c h l a n d - Is r a e l m i t i n s G r a b . G ä n z l i c h
p l ö t z l i c h u n d u n e r wa r t e t s t a r b e r . M i t z w e i u n d f ü n f z i g . An L u n g e n e n t z ü n d u n g .
( D i e „ La n d m a s c h i n e n " -P a n z e r d e r E x- N V A ü b r i g e n s f a n d en d o c h n o c h — R e c h t
hin, Gesetz her — ihren Weg nach Israel.)
Neben Merkel und Stavenhagen war Bundesforschungsminister Heinz Riesen -
h u b e r d e r D r i t t e i m B u n d e a u s d e m Ko h l - Ka b i n e t t b e i m Is r a e l- B e s u c h i m Ap r i l
1 9 9 1 . E r s t a h l M e r k e l , d i e s i c h d o c h s o v i e l v o r g e n o m m e n h a t t e , g l e i c h a b An -
k u n ft a u f d e m F l u gh a f en T e l Av i v -Lo d d i e S c h a u . M ed i eng e wa n d t wi e s t et s u n d
w e i l e r f ü r d i e Ga s t g e b e r s c h o n a l l e i n we g e n s e i n e s R e s s o r t s , W i s s e n s c h a f t u n d
Forschun g, wesen tlich interessanter war als die Frau en - und Ju gend min isterin
a u s B on n (Deu t s ch la nd su b ven t i on i ert Is ra e ls Wi s s en s c h a ft t ra di t i on ell m i t erh eb -
l i c h en S u m m e n ) , z o g R i e s e n h u b e r f a s t a l l e Au f m e r k s a m k e i t a u f s i c h u n d g a b In -
t e r v i e w a u f In t e r v i e w . M e r k e l h i n g e g e n s t e l l t e s i c h z i e m l i c h v e r g e b e n s a u f d i e

98
Zehenspitzen. Ihr Kabinettskollege wurde überdies, so ihr beißender Eindruck,
vom deutschen Botschafter von der Gablentz mehr beachtet als sie.

Als Riesenhuber dann auch noch von den israelischen Offiziellen mehr Aufmerk -
samkeit geschenkt wurde als ihr, brannten Angela Merkel die Sicherungen durch.
Langguth beschreibt ihre Empfindungen dergestalt, dass sie, die sie nach Schil -
derung eines Augenzeu gen aus dem Pressetross „mit klopfendem Herzen in Isra-
el eintraf", sich gefühlt habe „wie bestellt und nicht abgeholt". Der Biograph
weiter: „In der Anspannung dieses für Merkel historischen Besuches kam in ihr
so etwas wie eine ,kalte Wut' hoch. Dies führte zu einem Tränenausbruch, den
auch begleitende Journalisten wahrnahmen. Berichtet wurde darüber nie." Der
Tränenfluss rührte das Herz des Israelis. Jedenfalls durfte Angela Merkel — sozu-
sagen als Trostbonbon — auf einen Sprung bei Außenminister Levy vorbeikom-
men.

„Auffallend bei der Programmgestaltung war, dass sie, obgleich Pfarrerstochter,


die christlichen Stätten mit wenig sichtbarer Bewegtheit besuchte und an keinen
Andachten teilnahm", notiert Langguth weiter über Merkels damaligen Israel -
Trip. „A ndere christdemokratische Politiker legten bei ihren Reisen nach Israel
Wert auf eine Teilnahme an einem christlichen Gottesdienst, einer Andacht oder
etwa einer Vesper mit Mönchen."

Frau Merkel habe ihre israelischen Gesprächspartner „offensichtlich sehr beein -


druckt", meint Langguth zur Visite des April 1991 abschließend. Die Frage, womit
denn eigentlich, lässt er freilich offen. Seither war Andrea Merkel mehrfach in
Israel. Und die letzten Jahre öffneten sich ihr auch die Türen aller Hochrangiger
dort unten — Scharon usw.

Beim „Aufstand der Anständigen"


auch dabei
Unmittelbar nach Bekanntwerden eines nächtlichen Brandanschlags auf die Syna -
goge von Düsseldorf, 3. Oktober 2000, setzte in Bundesdeutschlands Polit-Estab -
lishment ein regelrechter Run darauf ein, wer zuerst die tiefste Betroffenheit
über derlei brutalen Antisemitismus bekundet und den höchsten Alarm wegen
der rechtsradikalen Gefahr auslöst. Bevor auch nur die Spurensicherung vor Ort
ihre Arbeit abgeschlossen hatte, von der Entdeckung irgendwelcher konkreter
Hinweise auf die politische Natur der Täter ganz zu schweigen, war laut Medien
und Politikermund völlig klar: Es konnte sich bei den Feuerteufeln nur um rechts-
radikale deutsche Antisemiten handeln.
99
Den ersten Et app en sieg im Wettlau f erran g zweifellos Gerh ard Sch röd er. Der
Ka n z l er p r ok la m i e rt e i m g l ei ß en d en B li t z l i c h t g e wi t t e r d er M ed i en d i r ek t a m Ta t -
ort und n och am Nach mittag nach d er Tat d en „Au fstand d er Anständigen " ge-
g e n a l l e s , wa s „ r ec h t s ra d i k a l " s e i . B a ye r n s In n en m i n i s t e r Gü n t h er B e c k s t ei n v er-
s u c h t e h a s t i g, d en Ka n z l e r zu t op p en u n d d e r C S U d i e S i e gs p a l m e zu s i c h e rn . E r
ford ert e ri gor os d a s Verb ot der NP D ( we lc h es Ve rfa h ren d a n n j a au c h t at s ä ch li ch
i n Ga n g k a m , u m 2 0 0 3 v o r d e m B u n d e s v e r f a s s u n g s g e r i c h t z i e m l i c h k l ä g l i c h z u
s c h ei t ern ). An ge la M erk e l h i n ge gen , oh n eh i n ni ch t b eka nn t a ls b es on d er e S c h a rf-
macherin gegen die Rechten, hielt sich relativ zurück.
D o c h b ei d e r v o m B u n d es p rä s i d en t en R a u a n g e fü h rt en g r oß en „ S t a a t s d em on s t ra -
t i on g e g e n r e c h t s " a m 9 . N o ve m b e r 2 0 0 0 i n B e r l i n — J a h re s t a g d e r f u rc h t b a r e n
antisemitischen Gewaltausbrüche von 1938, der so genannten Kristallnacht —,
s u c h t e d i e C D U - C h e f i n i h r e C h a n c e , n u n a u c h b e i d e r a n t i r e c h t e n Ka m p a g n e e i-
nen Platz an der Mediensonne zu ergattern.
Ob e s a n ei n e r R e gi ea n wei s u n g S c h r öd er s g e l e g en h a t , wi e g e l e g e n t li c h b eh a u p-
tet wi rd, oder andere Hintergründe maßgeblich waren: Merkel erhielt bei der
Berlin er Manifestation d es 9. Novemb er 2000 auf der Prominentenbühne ein en
P l a t z n u r i n d er d ri t t en R e i h e h i n t en zu g ewi es en . B i o g ra p hi n R o l l s c h i ld ert , wi e
s ich di e C DU -Ch efin gesch ickt nach vorn e sch ob : Erst ein S tückch en zurü ck s ei ' s
g e g a n g en , d a n n ei n s c h n e l l e r S e i t en wec h s e l u n d s c h li eß li c h , za c k , en t s c h lo s s en
v o r a n g e s c h ri t t e n . R o l l w e i t e r „ J e t z t s t a n d An g e l a M e r k e l d a , g a n z v o r n e i n d e r
e r s t en R ei h e i m B li c k f e ld d e r Ka m e ra s , s c h ön a u s g e l eu c h t e t n eb en P a u l S p i e g e l,
dem Vorsitzenden d es Zentralrats der Juden in Deutschland." Doch genau dies
sei ihr Fehler gewesen.
In d e r T a t . D e n n s o m u s s t e s i c h M e r k e l s o z u s a g e n a l s a r m e S ü n d e r i n i m R a m -
p en licht und fü r j ed ermann offenba r vom jüd isch en Ch effunkti on ä r di e Levi t en le -
s e n l a s s e n . „ W a s s o l l d a s Ge r e d e u m d i e Le i t k u l t u r " , r i e f d e r Z e n t r a l r a t s v o r s t e -
h e r v o r T a u s e n d e n a u f d e m P l a t z , M i l l i o n e n v o r d e n B i l d s c h i r m e n a u s . „ Is t e s
et wa d eu t s c h e Le i t k u lt u r, F r e m d e zu j a g en , S yn a g og en a n z u zü n d en , Ob d a c h l os e
z u t öt en ? M ei n e Da m en u n d H e r r en P o li t i k e r. Üb e r l e g en S i e, wa s S i e s a g en , u n d
hören Sie auf, verbal zu zündeln."
S p i ege l s p i elt e a u f d en Au s d ru c k „d eu t s ch e Lei t k u lt u r" an , d en ei ni g e Z ei t zu vor
C DU/ C S U -Fra k t i on s c h ef Fri e d ri ch M erz i n d i e au s lä n d erp oli t i s c h e Deb a tt e ei n ge -
bracht hatte und der von links als „faschistisch" und vom Zentralrat als gefähr-
l i c h „ p op u l i s t i s c h " v e r wo r f e n wu r d e . W e n n S p i e g e l b e i s e i n e r B e r l i n e r At t a c k e
p u n k t g en a u M e r z, m i t d e m M e r k e l n oc h n i e gu t k on n t e, g e t r of f en h ä t t e , wä r e e s
für sie halb so schlimm gewesen. Doch infolge der Verarbeitung des Merz'schen
100
Spruches in den Medien wurde der Ausdruck „deutsche Leitkultur" mit der CDU
insgesamt verknüpft. Und so stand die Parteichefin der Christdemokraten bei der
Berliner Kundgebung durch Spiegels Worte wie abgewatscht da. Nichts gefruch-
tet hatte es, dass längst zuvor schon, wie Merkel -Biographin Boysen berichtet,
die CDU- Spitze dem Vorsitzenden des Zentralrats der Juden versichert hatte, auf
den Begriff der deutschen Leitkultur zu verzichten.

Wie dem auch sei. Paul Spiegel ist nun einmal ein Mann, dem man einfach nicht
böse sein kann bzw. darf. Erst recht nicht, wenn man führender Christdemokrat
ist. Und so gab es denn auch in der Folgezeit trotz des 9. November -Affronts
von Berlin nur Schmeichel- und Streicheleinheiten aus dem Konrad- Adenauer-
Haus für den Zentralratschef. Beispielsweise konnte die „Jüdische Allgemeine"
a m 1 1 . März 2 0 0 4 ver meld en : „Der P räsid en t des Zen tralrats der Juden in
Deutschland, Paul Spiegel, wird von der CDU als Wahlmann in die Bundesver-
sammlung entsandt. Die nordrhein -westfälischen Christdemokraten haben auf
Vorschlag ihres Landesvorsitzenden Jürgen Rüttgers diese Personalie vergangene
Woche einstimmig beschlossen ... Die Bundesversammlung wählt am 23. Mai -
den Nachfolger von Bundespräsident Johannes Rau."

Was nun aber den Brandanschlag auf die Synagoge von Düsseldorf angeht, der
die ganze Aufregung ausgelöst hatte, so stellte sich später heraus, dass deut-
sche Rechte damit nichts zu tun hatten. Die Tat war von jungen Migranten aus
dem Orient verübt worden, die als Motiv Rache für Israels grausames Vorgehen
gegen die Palästinenser angaben.

Interessanterweise war die im Jahre 2000 erfolgte Proklamation eines „Auf-


stands der Anständigen" als Antwort auf einen antijüdischen Anschlag kein No -
vum. Einen solchen Aufstand hatte schon 1969 der Chef der Jüdischen Gemeinde
Berlin, Heinz Galinski, ausgerufen. Und zwar, gleich nachdem eine im Jüdischen
Gemeindehaus, Fasanenstraße/Westberlin, deponierte Zeitzünderbombe entdeckt
worden war. Auch in diesem Falle stellte sich schließlich heraus, dass keines-
wegs deutsche Rechtsextremisten dahintersteckten. Bei dem Täter in Berlin han-
delte es sich um einen Drogenabhängigen aus der linksextremen Szene, dem ein
Mitarbeiter des bundesrepublikanischen Inlandsgeheimdienstes „Verfassungs-
schutz" die Höllenmaschine besorgt hatte. (Siehe: Wolfgang Kraushaar, „Die
Bombe im Jüdischen Gemeindehaus", Hamburg 2005).

Hohmann und das „Tätervolk"


Genau drei Jahre nach der Feuerteufelei am jüdischen Gotteshaus zu Düsseldorf
bekamen die Anständigen in Bundesrepublikanien erneut Gelegenheit zum Groß-
101
au fstand. Wied er h atte es mit d em Th ema Ju d en zu tun . Und ab ermals war An -
gela Merkel involviert. Nur unmittelbarer und heftiger als 2000.

A l l e s b e g a n n d a m i t , d a s s d e r C D U -B u n d e s t a g s a b g e o r d n e t e M a rt i n H oh m a n n a m
3. Oktober 2003 bei einer Veransta ltung in Neuhof (gelegen in s einem Fu lda er
W a h lk r ei s , d en e r 1 9 9 8 v om Al t m ei s t er d e r c h ri s t d em ok ra t i s c h en Kon s e r va t i v en
Alfred Dregger ü b ern ommen hatte) ein e Red e zum Nationalfeiertag un ter d em
Lei t wo rt „ Ger ec h t i gk ei t fü r Deu t s c h la nd " h i elt . Hoh m a nn bek la gt e d a b ei d a s d efi -
z i t är e d eu t s c h e Na t i on a lb e wu s s t s ei n u n d wi es d i e Ko l l e k t i v b e zi c h t i gu n g zu rü c k ,
die Deutschen seien wegen der zur Hitlerzeit verübten Massenverbrechen ein
„Tät ervolk ". Selbstverständlich könne man ja ebenso we nig von d en Juden als
„ T ä t e r v o l k " s p r e c h en , m ö g e n a u c h vi e l e V e r a n t wo r t l i c h e d e s b o l s c h e wi s t i s c h en
Terrors jüdischer Herkunft gewesen sein, äußerte der Volksvertreter.
Daraus, dass er d en Terminus „Tät ervolk" auch nur im Zusammenhang mit den
Juden erwähnt und dass er längere Passagen sein er Rede jenen Herku nftsjuden
in der Sowjetunion gewidmet hatte, die in die rot en Massenmorde verwickelt
waren , wollte man Hoh man n später ein en Strick d reh en. Strafrech tlich war in
d e r An s p r a c h e a l l e s u n a n f e c h t b a r . D i e v o m Z e n t r a l r a t d e r J u d e n e i n g e s c h a l t e t e
S t a a t s a n wa l t s c h a f t b e i m L a n d g e r i c h t F u l d a t e i l t e m i t B e s c h e i d v o m 5 . F e b r u a r
2 0 0 4 m i t , d a s s m a n g e ls E r fü ll u n g v on T a t b es t ä n d en k ei n V e r fa h r en e r ö ffn et we r -
de. Die Zentralratsbeschwerde dagegen wurde am 13. Mai 2004 von der Gene -
ralstaatsanwaltschaft Frankfurt/Main zurückgewiesen.
Z u n ä c h s t e i n m a l wa r n a c h d er R ed e H oh m a n n s d r ei W o c h en la n g n i c h t s p a s s i e rt .
O b w o h l d e r W o r t l a u t v o n d e r ö r t l i c h e n C D U i n s In t e r n e t g e s t e l l t w o r d e n w a r .
W i e d e r S t ei n d a n n i n s R o l l en k a m , s c h i ld e rt d a s j ü d i s c h e In t e rn et - Or ga n „h a ga -
lin „ Wi r b es c h l o s s en , a u f d i e s e R ed e a u fm e rk s a m z u m a c h en . D e r e rs t e Ar t i k e l
zu r R ed e ers c h i en a m 2 7. Ok tob er 2 0 0 3 i n h a ga li l. c om . Gl ei c h zei t i g i n form i ert en
wi r d e n F r a k t i o n s v o r s t a n d d er C D U , d e n B u n d e s t a g s p r ä s i d e n t e n , d i e P r e s s e u n d
ei n e M i t a rb ei t eri n d es Hes s i s c h en Ru nd fun k s. Der e rs t e T V- B eri c h t ers c h i en ku rz
d a ra u f i m H es s i s c h en R u n d fu n k . Am Ab en d d es 2 8 . Ok t obe r d a n n a u c h i n Ta g e s -
schau und Tagesthemen."

Nu n ga b es k ei n Ha lt en m eh r. Di e S c h la g zei l en ü b er d en „ An t i s em i t en Hoh m a n n "


gewitterten nur so und die Tiraden ste igerten sich bis hin zum Auswurf des
„ B i l d " -K o l u m n i s t e n F r a n z J o s e f W a g n e r a m 9 . N o v e m b e r 2 0 0 3 : „ D e r M a n n i s t
v e r r ü c k t . W i r m ü s s e n i h m p s yc h o t h e r a p e u t i s c h h e l f e n . " Z u n e h m e n d e n t f e r n t e n
s i c h d i e i n d e n M e d i e n v e r b r e i t e t e n „ Au s s a g e n " d e s A b g e o r d n e t e n v o m wa h r e n
T e x t s e i n e r 3 . -Ok t ob e r -R ed e . D e r T en o r d er At t a c k en g e ge n H oh m a n n la u t et e, e r
habe „die Juden als Tätervolk bezeichnet" bzw. „beschimpft", was die Tatsachen
102
völ li g a u f d en Kop f s t el lt e. D er Ab ge ord n et e gi n g j u ri s ti s ch m it E rfolg g eg en s ol-
c h e V e r d r e h u n g e n v o r ; d o c h m i t d e n M i t t e l n d e s P r e s s e r e c h t s ( W i d e r r u f/ Ge g e n -
d a rs t ellu n g) ei n e m ed i a l groß h in au s p os au nt e Lü ge wi ed er a u s d er W elt s c h a ffen
zu wollen, gleicht dem Versuch, Zahnpasta zurück in die Tube zu drücken.
An g e la M erk e l sc h i c k t e La u ren z M e yer fü rs e rst e St e llu n gn eh men a n d i e M e-
d i e n f r o n t . A m 3 0 . O k t o b e r 2 0 0 3 ä u ß e r t e d e r C D U -G e n e r a l s e k r e t ä r , H o h m a n n s
R e d e s e i „ u n e r t r ä g l i c h " ( Au s s a g e i n d e r „ t a g e s s c h a u " ) ; d i e P a r t e i f ü h ru n g s t e h e
„u n t er S c h oc k " , Hoh m an n , „s ol l s i c h en t sc hu ld i gen " („t a ges t h em en "). Am 3 . No -
v e m b e r s t a n d en Kon s eq u en z en a u f d e r Ta g e s ord n u n g v on P rä s i d i u m u n d B u n d es-
v o r s t a n d d e r C D U . M a n g l a u b t e , e s b e i e i n e r R ü g e b e we n d e n l a s s e n z u k ön n en ,
we n n H oh m a n n s i c h „ ei n s i c h t i g " z e i g e . Un d i n d e r Ta t ä u ß e rt e d e r Ab g e o rd n et e
i n d i e s e n T a g e n i m m e r wi e d e r , wi e s e h r e r e s b e d a u r e , d a s s e r m i t s e i n e r R e d e
b öses Blu t geschaffen h ab e, dass er um En tschu ld igun g bitte, dass er u m ein e
B e wä h r u n g s f r i s t n a c h s u c h e u . ä . A l l e s f ü r d i e K a t z . D i e M e d i e n k a m p a g n e l i e f
massiv weiter.
Am 9 . N o v e m b e r 2 0 0 3 v e r k ü n d e t e C S U- C h e f S t o i b e r , g e m ä ß Z i t a t t a g s d ra u f i n
der „Welt", Martin Hohmann befinde sich „außerhalb unseres Verfassungs -
b ogens" und hab e sich „schu ld i g an Op fern und Leb en den gema cht ". Zu glei ch
malten bund esd eutsch e M edien d ie Gefah r ein es Boyk otts d eutsch er Waren in
d e n U S A a n d i e W a n d ; s o l c h e B o yk o t t a u f r u f e s e i e n we g e n d e r Af f ä r e H o h m a n n
s c h on i m Um lau f. (Ta t s ä ch li ch sp i egelt e s i c h d er d eut s c h e Hoh m a nn t ru b el i n d en
US -M ed i en nu r geri n g wi d er; a ll erd i n gs h at t e di e „Ne w Y or k P os t " a m 9 . Novem-
ber tatsächlich eine Boykottdrohung gegen die deutsche Industrie ausgestoßen.)
Am 10. November kündigte Angela M erk el, die sich bis dahin eher zurückgeha lten
hatt e und es b ei ein em scharfen Rü ffel für d en „Tä t ervolk "- R edn er b ela ss en
wol lt e, d en Au s s c h lu s s Hoh m a n n s a u s d er Fra k t i on a n. Am 1 1 . Novem b er p ei t s c h t e
d a s R e v o l v erb la t t „B i ld " d i e S t i m m u n g we i t e r h oc h : „J ed em i n C D U u n d C S U
m u s s k la r s ei n : E s d a rf m i t d i e s e m P o li t i k er we d e r M i t l ei d n oc h fa ls c h e S o li d a ri-
t ä t geb en . " Am 1 2 . Nov em b er 2 0 03 erk lä rt e d er p a rla m en t ari s c h e Ges c h ä ft s fü h rer
der CDU/CSU- Bundestagsfraktion Eckart von Klaeden (Merkels „Ecki") im
„D eu t s c h lan d funk ": „ Fü r Hoh m a nn u nd fü r di e Fra k t i on i s t es d a s B es t e, wen n er
freiwillig geht. Aber wenn er nicht geht, muss er ausgeschlossen werden."
Am 14. November 2003 war es dann soweit. Auf Angela Merkels Antrag hin
wu rd e M a rt i n H oh m a n n m i t s o f o rt i g e r W i rk u n g a u s d e r F ra k t i on a u s g e s c h l os s en
(der Parteiausschluß trat am 20. Juni 2004 in Kraft). Er war der erste Bundes -
t a g s a b g e o r d n e t e d e r C D U / C S U , g e g e n d e n j e s o l c h e M a ß n a h m en e x e k u t i e r t wu r -
den. Ta gs nach der CDU/CSU -Fraktionssitzung, bei der Hohmanns politische Liqui-
dierun g b esch lossen word en war, zitierte die „Frank fu rter Allgemein e" ein en
103
Teilnehmer, der anonym bleiben wollte: „Merkel hat genau 29 Stimmen mehr be -
kommen, als sie brauchte. Die Hälfte derjenigen, die ihren Antrag unterstützten,
taten das gegen ihre innere Überzeugung. Die Stimmung war fast wie in einer
Dik tatur. Keiner wagte, sich anderen zu erkennen zu geben, wie er abstimmen
würde. Jeder misstraute jedem." Abschließend notierte die „FAZ" aufgrund ihrer
Quellen in der Fraktion, es sei dort der Eindruck entstanden, Merkel habe ihren
Meinungswechsel von der Rüge zum Rausschmiss „spontan und ohne eine Prü -
fung in der Partei gefasst und verkündet". Das beschäftige Partei und Fraktion,
„weil sie nicht wissen, auf wen der plötzliche Sinneswandel zurückzuführen ist
und wer Einfluss auf die Vorsitzende hat — heute in diesem, morgen eventuell in
einem anderen Fall. Vermutungen dazu sind schon im Umlauf."

Der Biss der Schwarzen Witwe


Im „Focus" hieß es am 17. November 2003: „Viele fragen sich, wie es ihnen er -
gehen würde, wenn sie einen Fehler machten, hat ein Fraktio nsvize registriert."
Der „stern" fragte am 21. September 2005 in seiner Reportage „Angela Merkel.
Der Aufstieg des Mädchens — rückblickend: „Könnte Merkel Hohmann deshalb
so fix abgehalftert haben, damit sich die konservativen Hinterbänkler in der Frak-
t i on k ü n ft i g v o r d e r ‚ S c h wa r z e n Wi t we ' i n Ac h t n e h me n ? " Ge mä ß d i e s e r
„stern" -Berichterstattung soll sich „Angie" über die Wirkung des Hohmann -Raus-
wurfs wie folgt amüsiert haben: „Jeder fragt sich jetzt, ob er der Nächste ist,
den die kalte Hundeschnauze Merkel absägt."

Noch am Abend direkt nach der Hohmann - Exekution hatte Merkel in der „tages-
schau" erklärt: „Das Signal, das wir politisch wollten, ist ganz eindeutig." Nicht
ohne Zynismus fuhr sie fort: „Der Eindruck, man darf seine Meinung nicht sagen,
ist natürlich vollkommen falsch. Jeder kann seine Meinung sagen. Nur: Nicht
jede Meinung passt in das Programm der CDU."

Apropos: Beim „Antisemitismus- Seminar" des Jüdischen Weltkongresses Ende


April 2004 in Berlin forderte Merkel: „Keine falsche Neutralität. Keine falsch ver-
standene Toleranz mit Antisemitismus." Wobei der Jüdische Weltkongress und
andere zionistisch dominierte Vereinigungen bekanntlich bereits Kritik an Israels
überhartem Vorgehen gegen die palästinensische Zivilbevölkerung als Antise -
mitismus werten. Weiter erhob Merkel bei der Weltkongress -Tagung die Forde-
rung nach einem „gemeinsamen klaren Rahmen" in der EU bei der „Bekämpfung
des Antisemitismus". Fraglich ist allerdings, dass es ihr gelingen kann, anderen
EU-Staaten, deren Strafrecht keine Delikte nach Art des deutschen Volksverhet-

104
zungsparagraphen 130 kennt, auf dem „europäischen" Umweg Einschränkungen
der Meinungsfreiheit aufzudrücken.

Der Biss der „Sch warzen Spinne" bzw. das Zuschnappen der „kalten Hunde-
schauze" im Falle Hohmann zeigte in der CDU tatsächlich tiefe Wirkung. Alle An-
dersdenkenden schienen in Schockstarre verfallen zu sein. So konnte das Zentral-
ratsb latt „Jüdisch e Allgeme in e" am 4 . Dezemb er 2003 berichten: „Der Fall
Hohmann hat die CDU auf dem Leipziger Bundesparteitag nicht lange aufgehal-
ten. In der Aussprache hat nur ein Delegierter ausführlich Partei für Hohmann er-
griffen, den wiederum zwei Stellvertretende Parteivorsitzende, Annette Schavan
und Jürgen Rüttgers, mit knappen Erwiderungen in die Schranken wiesen."

Nur ein einziger Aufmucker! Bei der Sitzung der Fraktion hatten noch 28 CDU -
Abgeordnete gegen den Ausschluss Hohmanns gestimmt, sechzehn sich enthal -
ten, vier Stimmen waren ungültig. Macht zusammen immerhin achtundvierzig
Parlamentarier, die noch vierzehn Tage vor dem Parteitag in dieser Frage der
Chefin die Gefolgschaft versagt hatten. Weiter aber im Text der „Jüdischen All -
gemeinen" vom 4. Dezember 2003: „Der einzige Opponent gegen das Vorgehen
der Vorsitzenden im Falle Hohmann argumentierte nicht inhaltlich, sondern for-
mal, nahm die grundgesetzliche Meinungsfreiheit und die christliche Barmherzig-
keit zu Hilfe und musste sich anschließend gleich von der stellvertretenden Vor -
sitzenden Schavan belehren lassen, dass auch die chri stliche Vergebung zunächst
Reue voraussetze, wovon Hohmann kein Anzeichen habe erkennen lassen."

„Merkels erstklassige Führungsleistung", begeisterte sich Jens Peter Paul vom


Hessischen Rundfunk in den „tagesthemen" des 14. November 2003 über den
Hohmann- Rauswurf. „Merkel wirft Hetzer raus" — „Starke Frau Merkel" lauteten
tags drauf die Jubelrufe der „Bild" -Zeitung. Das Blatt weidete sich an der Vor -
stellung: „Möglicherweise wird Hohmann im Bundestag ganz nach hinten ver -
bannt. Auf den Platz, wo bis zu seinem Tod FDP- Rebell Jürgen Möllemann saß."
Auch an der gnadenlosen Ausschaltung Möllemanns im Zuge seiner heftigen
Auseinandersetzung mit dem jüdischen Zentralrats- Vizechef Friedman hatten die
Springer- Medien maßgeblichen Anteil. Zu den Hintergründen solchen Engage -
ments gleich mehr.

Belangreich für die Bewertung des Falls Hohmann ist noch die Tatsache, dass
der Parlamentarier sich schon lange vor seiner „Tätervolk"- Rede bei Einflussrei-
chen verdächtig gemacht hatte. Beispielsweise indem er als jemals einziger Bun-
destagsabgeordneter im Hohen Haus an ein von den Etablierten streng gehütetes
Tabu rührte: Er thematisierte 2002, dass der staatliche deutsche Goldschatz
(110,8 Millionen Unzen Feingold, entspricht rund dreieinhalbtausend Tonnen) nur
105
zu ein em k lein en Bruch teil in Deu tsch land au fb ewah rt wird , wäh rend sich die
groß e Masse der Barren in den Händen des US - Superbankers Alan Greenspan
b e fi n d et u n d i n d en u n t eri rd i s c h en T r e s or en v on d es s en Fe d e ra l R es e r v e B a n k i n
N e w Y o r k - M a n h a t t a n l a g e r t . D e r S c h a t z wa r e i n s t „ we g e n d e r k o m m u n i s t i s c h en
Gefahr aus dem Ostblock" nach Amerika verlagert worden und ist dort trotz
Wegfalls d ieser Bed rohu n g geb lieb en. Die offizielle Au sred e lau tet, d er Rü ck -
transport sei „zu teuer".
2 0 0 0 b e r ei t s h a t t e H oh m a n n d en J ü d i s c h en W e l t k on g r es s i n R a g e v e r s et zt , d a e r
m i s s b rä u c h li c h e V e r wen d u n g d eu t s c h e r W i ed er gu t m a c h u ng d u rc h zi on i s t i s c h d o -
m i n i e r t e Ge l d v e r t e i l u n g s o r g a n i s a t i on e n , i n s b e s o n d e r e d i e J e wi s h C l a i m s C o n f e -
r e n c e , i m B u n d e s t a g a n g e s p ro c h e n h a t t e . D a s s e s b e i d e r W e i t e r l e i t u n g d e r v o n
D e u t s c h la n d we g e n d e r Un t a t e n i n Au s c h wi t z u s w. g e za h lt e n M i t t e l l ä n g s t n i c h t
i m m e r k o s c h e r z u g e h t , i s t i n d e r T a t e i n e r n s t e s P r o b l e m . M a n d en k e n u r a n d i e
Aufdeckungen des New Yorker Professors Norman Finke lstein, Jude auch er,
über die Machenschaften einer „Holocaust-Industrie".
Gi n g e e s b e i d e r i n t e r n e n j ü d i s c h e n V e r t e i l u n g d e r d e u t s c h e n M i l l i a r d e n l e i s t u n -
gen im Großen und Ganzen mit rechten Dingen zu, wäre auch eine Meldung
kaum zu erk lären, die am 22 . Ju li 2005 in der auf Deutsc h in Tel Avi v ersch ei -
n en d en zi oni s t i sc h en Ta ges ze i t un g „ Is ra el Na c h ri c ht en " s t an d . Da s B la t t b eri ch t e -
te, Collette Avital, israelische Parlamentsabgeordnete und Vorsitzend e d es zu -
s t ä n d i g e n Au s s c h u s s e s d e r Kn e s s e t , h a b e d a r ü b e r g e k l a g t , d a s s — s o wö r t l i c h —
„ e i n D ri t t e l d e r H o lo c a u s t -Üb e r l eb en d en i n Is r a e l u n t e r d e r Ar m u t s g r en z e l eb t ";
F r a u Av i t a l b e z e i c h n e t e d i e s e n M i s s s t a n d a l s „ e i n e S c h a n d e f ü r d i e g a n z e N a t i -
on".

Deckname „Shalom"
Bleibt noch die Fra ge, wer d ie geh eimnisvolle Macht gewes en sein mag, durch
welche die zaudernde Angela Merkel veranlasst wurd e, im Fall Hohmann das
Henkersb eil zu schwingen. Hier wird man wohl am zi elsichersten auf Fried e
S p ri n ger t i pp en mü s s en . E s lieg en s t a rk e In d i zi en d a fü r vor, d a s s di e M ed i enk on -
z e r n b a s s i n z u r p o l i t i s c h e n Li q u i d i e r u n g H oh m a n n s d en Da u m e n s e n k t e u n d M e r -
kel ihr gehorchte.
Fried e Sp rin ger, fün fte Gattin , Witwe und Erbin d es M edien zaren Axel Cäsar
S p ri n g e r, s t eh t a n d e r S p i t z e d es g r öß t e n Z ei t u n gs k on z e rns E u r op a s . W e rd en d i e
s ei t Herb s t 2 0 05 voll zu gs r ei f en S p ri n ger' s c h en P lä n e zu r Ü b ern a h m e von „P ro S i e -
b e n — S a t 1 - Ka b e l 1 - N 2 4 — N e u n Li v e " a u s d en H ä n d en d e s a m e r i k a n i s c h - i s-
r a e l i s c h e n F i n a n z a k r o b a t e n H a i m S a b a n wa h r , h e r r s c h t i h r H a u s a u c h ü b e r d a s
106
g r öß t e P ri va t f e rn s eh en -Kon s or t i u m d es Ko n t i n en t s . Ko n z er n i n t ern h a t t e m a n fü r
d e n M e g a- D e a l m i t S a b a n d en D e c k n a m e n „ P r o j e k t S h a l o m " a u s e r wä h l t . N eb e n
d e r i s r a e l i s c h e n An s p i e l u n g s o l l t e d e r C o d e a u c h f ü r d e n V o r n a m e n d e r C h e f i n
stehen.
Ap r o p o s Is r a e l : Al l e M i t a r b ei t e r d e s M e d i e n u n t e r n e h m e n s S p r i n g e r we r d e n v e r -
traglich verpflichtet, sich fü r den jüdischen Staat einzusetzen. Die Verlegerin,
s elb s t n i c h t jüd i s ch , i s t Trä ge ri n d es Leo -B a ec k- P r ei s es d e s Z en t ra lra t s d er J u d en
in Deut sch land (2000 ), d es Eh rend okt orhut es d er i sra eli schen B en - Gu ri on- Uni ver -
s i t ä t (2 0 0 2 ) u n d d e s „P r ei s e s fü r V e rs t ä n d i gu n g " d es J ü d i s c h en M u s eu m s i n B er -
l i n (2 0 0 3 ) . F r i e d e S p ri n g e r s 1 9 8 5 v e r s t o r b en e r Ge m a h l , d e r M e d i e n m o g u l Ax e l
Cä sa r Sp rin ger, p flegt e zu b eton en : „Der Herr h at da s jüd isch e Volk a ls s ein Volk
au s erwä h lt , u m ihm du rc h a lle Zei t en zu d i en en. " Di e Wei sun g, da ss sich a lle
M i t a rb ei t er s c h ri ft li c h zu m E n ga g em en t fü r Is r a e l v e rp f li c h t en m ü s s en , g eh t a u f
i hn zu rü ck . (E in e en t s p rec h end e US A - T reue -Kla u s el i s t n ac h d en An s c h lä gen d es
11. September 2001 in die Anstellungsverträge zusätzlich aufgenommen worden.)
Bi s 1945 wa r es a llerdin gs gar ni cht wei t h er m it Axel S p rin gers Phi los emiti smu s.
E r geh ört e n ach E rmitt lun gen d es M ed i en forsch ers Dr. P et er Köp f d em na ti ona ls o -
zialistisch en Reich sverband d er Deu tsch en Presse, d er nationalsozialistisch en
Reichsschrifttumskammer und auch dem Autom obilclub des Nationalsozialistischen
Kra ft fa h rerk orp s (NS KK) a n . Als R ed a k t eu r, s t ellv ert r et en d er Ha u pt s ch ri ft s t ell e r
u nd Ju n i orch ef h a tt e er wes en t li c h e B ed eu tu n g i m Verla gs h a u s s ei n es Va t ers Hi n -
rich (gen annt : „Hein o") And rea s Th eod or Sp rin ger und in d es s en M edi en : „Alt ona er
Nachrichten", „Hamburger Neueste Zeitung", Verlag „Hammerich & Lesser".
Di e NS- S p ri n ger- P ress e fr ön t e ei n em wi d er wä rt i g en An t i s em i t i s mu s , d a s s s ic h ei -
n e m d e r M a g e n b e i m Le s e n u m d r e h t . S i e h e t z t e g e g e n J u d e n a l s „ R a s s e " , d e r e n
An geh örige „d ie Brunn en in Deutsch land vergiften " („Altonaer Nach rich ten ",
8 . Ap r i l 1 9 3 3 ) , r i c h t e t e H a s s t i r a d e n a u f d en „J u d e n p öb e l " ( „ A l t o n a e r N a c h ri c h -
t en ", 11 . Ja nu a r 19 37 ), s et zt e d i e Ki n d er Is ra e l m i t „Va m pi ren " gl ei c h („Alt on a er
N a c h ri c h t en ", 9 . M ä r z 1 9 3 7 ) o d er b e g ei s t e rt e s i c h t i t e ls e i t i g ü b e r d i e E r ri c h t u n g
d e s W a r s c h a u e r Gh e t t o s u n t e r d e r S c h l a g z e i l e „ J u d e n f r a ge i m Go u v e r n e m e n t g e-
löst" mit den Wort en : „Zum erst enmal seit Jahrhundert wurde j etzt d er Jude zu
e i n e m g e o r d n e t e n L e b e n s wa n d e l g e z w u n g e n , d e r i n e r s t e r Li n i e d i e P f l i c h t z u r
Ar b e i t i n s i c h t r ä gt . . . Di e J u d en s i n d a l s F r e m d k ö rp e r i m G e n e r a l g o u v e r n e m e n t
gekennzeichnet." („Hamburger Neueste Zeitung", 2. August 1940).
Am D i e n s t i n d e r W e h r m a c h t k a m M i l l i o n ä r s s oh n Ax e l S p r i n g e r d u rc h e i n e ä r z t -
liche „Attest -Sa lve" unter Au sspielen von „B eziehungen" vorbei (so s ein Biograph
Clau s Jacobi). Den en glisch en Besat zern tischte Sp rin ger das Märch en au f, er
107
habe „getarnt" Widerstand gegen Hitler geleistet. Sie glaubten ihm vermutlich
k e i n W o r t , k o n n t en i n i h m a b e r e i n e n d e v o t e n Ge f o l g s m a n n d e s j e we i l i g e n Z e i t -
gei st es erk en n en u nd sta t t eten i h n m i t d er Li z en z fü r d i e He ra u sga b e von M e-
d i en zu r „Um er zi eh u n g" d er Deu t s c h en i m S i nn e d er S i eg er a u s . Als o b ega n n d er
n e u e Au f s t i e g d e s Ax e l C ä s a r S p r i n g e r . O b wo h l H i t l e r u n d d i e H i t l e r z e i t i n d en
Sp ri n ger- M ed i en von h eu t e i mmer n oc h u n d soga r g est e i gert „b e wä lt i gt " wer -
den, hat dort eine Bewältigung der eigenen NS-Belastung nie stattgefunden.
Der b em erk en s wert e Leb en s weg d e r Fri ed e S p ri n ger, g eb or en e E l fri ed e R i e wert s ,
von d er mittellosen Gärtn erstochter zu r Vorsteh erin von Eu ropas größtem M e -
d i en k on z e rn , b e ga n n 1 9 6 5 : S i e m e l d et e s i c h , d a m a ls 2 3 J a h r e a lt , a u f d i e An n on -
c e „ Vi l l en h a u s h a lt s u c h t Ki n d e rm ä d c h en " i n Ha m b u r g -B la n k en es e i m Ha u s e d e s
Axe l C ä s a r S p rin ger u n d wu rd e von d es s en d a ma li ger ( vi e rt en ) Ga t t i n ei n ges t ellt .
D a s Ki n d e r m ä d c h e n v e r wa n d e l t e s i c h i n d i e h e i m li c h e Ge l i e b t e d e s 3 0 J a h r e ä l -
t e r e n M e d i e n m o gu l s u n d n a c h d e s s e n n eu e r l i c h e r S c h e i d u n g 1 9 8 9 s c h l i e ß l i c h i n
s ei n e fü n ft e E h efra u . „ Ic h b i n s ei n Ges c h öp f", b ek en nt s i e. In d er v on In g e Klop -
fer verfa sst en Bi ographi e Fri ed e Sprin gers h eißt es, dass si e „st ändig in d er
An g s t g e l e b t " h a b e , „ i r g e n d e t wa s f a l s c h z u m a c h e n , wa s s e i n e n Un m u t h ä t t e e r -
r e g e n k ö n n e n , u n d d a n n wi e d e r v e r s t o ß e n z u we r d e n , wi e s o v i e l e v o r i h r " . W e i -
ter: „Sie lebte Springers Leben. Ein eigenes hatte sie nicht."
N a c h Ax e l S p ri n g e rs T od t ra t F r i e d e S p ri n g e r 1 9 8 5 d a s E rb e a n . Al s T e s t a m en t s -
v o l l s t r e c k e r wi r k t e E r n s t C ra m e r , d e r l a n g j ä h ri g e e n g e W e g g e f ä h r t e d e s v e r s t o r -
b en en Kon zernch efs. Cramer, in Au gsbu rg geb oren, als Jud e unter Hitler emi -
griert, war in der Nachkriegszeit in de r Uniform eines US- Offiziers für die
Ver ga b e v on P r es s e li z en z en i n d er a m eri k a n i s ch en B es a t zu n gs zon e D eu t s c h la nd s
z u s t ä n d i g. H o c h b e t a g t n o c h v e r f ü g t e r ü b e r m a ß g e b l i c h en E i n f l u s s i m S p ri n g e r -
V e r l a g . W e n n e r s i c h n i c h t a n s ei n en wei t e r en W oh n s i t z en — i n Is r a e l b z w. N e w
York ( er b eh i elt s ei n e US -S t a a t s bü rgers c h a ft b ei ) — a u fh ä lt , res i d i ert e r i n ei n em
Büro gleich vis-ä-vis mit jenem Friede Springers im Hauptquartier des Konzerns.

Der Rauswurf und das „Welcome"


J ü d i s c h -i s ra e l i s c h e Kr e i s e j e d e n f a l l s h a b e n R u n d -u m- d i e -U h r- Ge h ö r b e i F r i e d e
S p r i n g e r u n d F r i e d e S p r i n g e r i h r e r s e i t s h a t R u n d - u m-d i e - U h r- Ge h ö r b e i An g e l a
M e r k e l . U n d d a v o n m a c h t e s i e a u c h i n S a c h en H o h m a n n G e b r a u c h . M e r k e l -B i o -
graph La n gguth : „Der ei gen t lich e Gru nd fü r di e Veränd erung d er P os iti on M erk els
im Falle Hohmann dürfte gewesen sein, dass sie den öffentlichen wie nicht-
öff en t li c h en Druc k un t ers c h ätzt h a tt e. Ni ch t zu let zt dü rft e i n d i es er Fra ge Fri ed e
Springer, Mehrheitsaktionärin des Axel Springer Verlages, einen großen Einfluss
108
auf Angela Merkel ausgeübt haben. Zwischen beiden Frauen gibt es einen
freundschaftlichen Kontakt."
Weitere Einzelh eiten lasen sich im „Handelsblatt" am 8. Mai 2005 wie folgt:
„ Al s d i e C DU -C h e fi n i m N ov e m b e r 2 0 0 3 z ö g e rt , M a rt i n H oh m a n n we g en d es s en
w e i t h i n a l s a n t i s e m i t i s c h e m p f u n d e n e n Äu ß e r u n g e n a u s d e r F r a k t i o n z u s c h m e i -
ß en , lä s s t F ri ed e S p ri n g er s i c h zu i h r e r Du z f r eu n d i n d u rc h s t e l l e n u n d d r oh t Kon -
sequen zen an. Eingeschüchtert sich ert M erk el zu, Hohmann zu entfern en." Am
1 . D e z e m b er 2 0 0 4 h a t t e es i n e i n em Hi n t e r gru n d b e ri c h t d er e va n g e li s c h en Na c h-
r i c h t e n a g e n t u r „ i d e a -s p e k t r u m " g e h e i ß e n : „ D o c h d e r Z e n t r a l r a t d e r J u d e n l ä s s t
n i ch t loc k er. E b en s o a l len vo ra n d i e S p ri n ger- P r es s e. Hoh m a nn : , F ri ed e S p ri n ger
r i e f b ei An g e la M e rk e l a n u n d d roh t e, we n n i c h n i c h t ra u s f l i e g e, we rd e d i e Ka m -
p a gn e i n Welt u n d B i ld woc h en la n g la u fen . ' An ge la M erk e l k n i ck t ei n , a uc h n a ch
m a s s i vem Dru c k du rc h d en CS U -C h ef E d m un d S t oib er. E s k om m t zu ein em P a rt ei -
ausschlussverfahren."
„M i t ei n em an d eren P a rt ei m i tgli ed gi n g d i e C DU a nd ers u m ", s c h ri eb „i d ea -s p ek-
t ru m " i n s ei n em Hoh m a nn -B eri c h t wei t er. „D er Vi z ep rä s i den t d es Z en t ra lra t s d er
Jud en Mich el Fried man wu rd e im Ju li 2 003 wegen illegalen Kok ainb esitzes in
z e h n F ä l l e n b e s t r a f t . D a ss e r s i c h P r o s t i t u i e r t e v o n e i n e r M e n s c h e n s c h m u g g l e r -
bande besorgt hatte und damit in den Dunstkreis der organisierten Kriminalität
geriet, spielte juristisch keine Rolle. Noch bevor der Prozess gegen die ukrai-
n i s c h e B a n d e b e g a n n , g a b e s s c h o n we n i g e W o c h e n n a c h d e m Au f d e c k e n s e i n e r
k r i m i n e l l e n T a t e i n e s o g e n a n n t e W e l c o m e - B a c k- P a r t y . M i t d a b e i w a r A n g e l a
Merkel."
F r i e d m a n wa r a l s Ku n d e i m e i n s c h l ä g i g e n M i l i e u ( Z u h ä l t e r , D e a l e r ) u n t e r d e m
Dec k n a m en „P a olo P i n k el " b e k a nn t. Neb en s ei n em Am t a ls Vi ze P a u l S p i eg els i m
Zen tralrat b ek leid ete er zu r Tatzeit n och meh rere and ere h oh e Fu nktion en. So
wi r k t e e r a u c h a l s P r ä s i d e n t d e s E u r o p ä i s c h en J ü d i s c h en Ko n g r e s s e s . D a s k a u m
zu fassende niedri ge Stra fma ß gegen ihn b elief s ich auf 150 Tagessätze j e 116
E u r o. In s g e s a m t m u s s t e P i n k el / F ri ed m a n 1 7 4 0 0 E u r o a n S t r a f e fü r s ei n e Kok a i n -
d eli k t e za h len . Hi erb ei wu rd e von ei n em m on at li c h en Net toei n k om m en d es Deli n -
quenten in Höhe von 3480 Euro ausgegangen.
A u s A n l a s s d e r b e r e i t s e r w ä h n t e n R ü c k k e h r- F e t e , v e r a n s t a l t e t n u r k u r z e Z e i t
nach der Verurteilung per Strafb efeh l, äußerte Friedman gemäß „Berlin er M or-
gen p os t " vom 1 . Ok t ob er 2 003 , er wol l e d u rc h s ein C om eba c k „ei n en k lei n en B ei -
t ra g d a zu l ei s t en , d a s s d i e p o l i t i s c h e Ku lt u r i n D eu t s c h la n d a u s d em d e r z ei t i g en
S t i l ls t a n d , d e r La n g e wei l e u n d V e rf l a c h u n g a u s b ri c h t ". S p r i n g e r s „ W e l t " wi e d er-
um brachte an jenem 1. Oktober 2003 folgende Notiz: „Die Berliner Filmproduzen-

109
t i n R e gi n a Z i e g l er h a t t e M on t a ga b en d zu r W e l c o m e -B a c k - P a rt y fü r M i c h e l F r i ed-
m a n , d en eh e m a li g en Vi z ep rä s i d en t en d es Z en t ra l ra t s d er J u d en i n D eu t s c h la n d ,
i n i h re Zeh l en d orfer Vi lla ei n ge la d en . B ei Zi egl er u n d Eh em a nn Wol f Grem m t ra -
f e n s i c h u . a . C D U -C h e f i n An g e l a M e r k e l , d e r R e g i e r e n d e B ü r g e r m e i s t e r Kl a u s
Wowerei t , Fi lmp rodu zent Artu r B raun er und Ba yern s In n enm ini st er Günth er B eck-
s t ei n . Fri ed m a n ha tt e ei n en S t ra fb efeh l weg en Kok a i nb es i tzes a k z ep t i ert u nd s ic h
öffentlich bei seiner Lebensgefährtin Bärbel Schäfer entschuldigt."
S i n n i g e r we i s e h a t t e di e B e r li n e r Z i e g l er -F i lm Gm b H i m J a h r e 2 0 0 3 S t r ei f en wi e
„R ot li c h t IV — Im Di c k i ch t der Gr oß s t a dt ", „E n d li ch S ex" u nd „All es v ers p i elt —
Die Geschichte einer Sucht" im Produktionsprogramm. Und dpa meldete am
2 7 . M a i 2 0 0 5 : „ D i e B e r l i n e r F i l m p r o d u z e n t i n R e g i na Z i e g l e r wi l l d e n e r s t e n R o -
m a n v on M i c h e l F r i ed m a n „ Ka d d i s h i m M or g en g ra u en ' v e rf i lm en . Di e F i lm r ec h t e
seien schon verkauft, die Verträge unterschrieben."

„Die Deutschen humanisieren"


Im Novemb er 20 03 war Fried man erstmals nach Au ffliegen sein es Hu ren- und
Kok a i n- S ka nd a ls wi ed e r a u f d em B i ld s c hi rm b ei ei n er Ta l k s h ow a u fget a u c h t. Di e
m i t M e r k e l b e f r e u n d e t e S a b i n e C h r i s t i a n s e n ( T V 2 1 Gm b H ) h a t t e e s m ö g l i c h g e -
macht. Am 3. Novemb er 2003 meld ete die „Berlin er Zeitung": „Die TV- Firma AVE
h a t d i e F r i e d m a n -T a l k s p r od u z i e r t u n d s t e h t a u c h f ü r d e s s e n C o m e b a c k b e r e i t . "
B ei m Ch ef d er AVE Fi lm- u n d Fern s eh p rod u k ti on , ein er T oc h t er d er Holt zb ri n c k -
Gr u p p e, h a n d e lt e s s i c h u m W a l i d N a k s c h b a n d i . D er F r ied m a n - S p e zi i s t a u s d e m
O ri en t n a c h D eu t s c h l a n d g ek o m m en . W e lc h e Ge d a n k en d en i n Af gh a n i s t a n g eb o-
renen Nakschbandi beflügeln, wird in seinem am 19. September 2000 von der
„ S ü d d eu t s c h en Z e i t u n g " v e röf f en t li c h t en Ar t i k e l m i t d em T i t e l „ W e l t m ei s t e r d er
Au g en wi s c h e r ei — Wi e d i e Au s lä n d e r d i e d eu t s c h e Ge s e l l s c h a ft v e rä n d e rn " d eu t-
lich. Darin schrieb der Friedman-Fan an die Adresse der Deutschen gerichtet:
„Fra gwü rdi g, du mm und läch erli ch- gefäh rlich i st es , wa s Ih r von Euch gebt, wenn
M en s c h en g es c h la g en , e rn i edr i gt u n d e rm ord et we rd en . Ih r s ei d W e lt m ei s t e r d er
Au gen wisch erei und d es Vertu sch en s und k önnt au f jed e M elodie ,Nie wied er'
s i n g e n . D o c h i n E u r e n H e r z e n u n d i n d e n Kö p f e n i s t o f f e n s i c h t l i c h d a s , Im m e r
wi e d e r ' u n d , Im m e r m e h r ' e i n g e b r a n n t . La n g e , e i n e E wig k e i t l a n g , h a b e n wi r g e -
d a ch t , E u er hi lflos er V ers u c h , d i e Des a vou i eru n g un d Dem ü t i gu n g von M en s c h en
an d erer Herkun ft mit ein em Betrieb sun fall gleich zu setzen , sei zutreffend und
k l u g . W i r h a b e n g e g l a u b t , B e t r i e b s u n f ä l l e s e i e n Au s n a h m en u n d v o r a l l e m r e p a -
r a b e l. M a s c h i n en k ön n en n u n m a l a u c h i n d eu t s c h en F a b r i k en v e rs a g en , d a c h t en
w i r . N u n a b e r i s t g e w i s s , d a s s Ih r a l s M e n s c h e n v e r s a g t h a b t . E s i s t Z e i t , d e r
110
Wahrheit ins Gesicht zu sehen. Schaut Euch ins Gesicht! Findet endlich — 55
Jah r e n ach d em Zwei t en Weltk ri eg — h erau s, wer Ih r s eid u n d wa ru m Ih r s o
s e i d . B ek en n t E u c h zu E u r en N e on a z i s , zu E u r en R e c h t s ra d i k a l en . . . W i r k en n en
E u r en i n n e r en Zu s t a n d . Da fü r h a b en wi r ei n en B li c k u n d d i e n öt i g e S en s i b i li t ä t .
Un d d a wi r E u c h k en n en , we r d en wi r u n s a u f E u c h n i c h t m e h r v e r la s s en . W i r g e-
hen unseren Weg und der ist schmerzlich und voller Dornen, aber am Ende er-
f o l g r ei c h . Ih r k ön n t u n s h er a b s et z en , b e l e i d i g en , d e m ü t i g en od er v e r l et z en , a b e r
Ih r w e r d e t u n s n i c h t l o s . Ih r h a b t n u r d i e C h a n c e , m i t u n s z u l e b e n . E i n L e b e n
ohn e u ns wird es fü r Eu ch nicht meh r geb en. Die lb rahims, Stefan os, M arios,
L a y l a s u n d S o r a y a s s i n d d e u t s c h e R e a l i t ä t . Ih r w e r d e t e s n i c h t v e r h i n d e r n k ö n -
n e n , d a s s b a l d e i n t ü r ki s c h s t ä m m i g e r R i c h t e r ü b e r E u c h d a s U r t e i l f ä l l t , e i n p a -
k i s t a n i s c h er Ar z t E u r e Kra n k h ei t en h e i lt , e i n Ta m i l e i m P a r la m en t E u r e Ge s e t z e
m it verabsch i ed et und ein Bu lga re d er Bi ll Ga t es Eurer New E c on om y wi rd . Nicht
Ih r werd et di e Ges ells c ha ft int ern ati ona lisi eren, m od erni sieren und hum ani si eren,
s on d e rn wi r we r d en es t u n — f ü r E u c h . Ih r s ei d b ei d i es em l e i d v o l l en P ro z e s s l e-
diglich Zaungäst e, lästige Gaffer. Wi r werd en die deutsc he Ges ellschaft in Ost
und West verändern. Wir Ausländer."
D i e P u b li zi s t i n S i lke B u rm e s t e r wi ed e ru m b es c h ä ft i gt e s i c h i n d e r „t a z " v om 1 3 .
M ä r z 2 0 0 4 m i t d e r M o r a l d e r a r t b e s o n d e r s M o r a l r e i c h e r : „ S ys t e m a t i s c h wi r d u n -
t e r d e n T i s c h g e k e h r t , d a s s F r i e d m a n s i c h wi e d e r h o l t o r g a n i s i e r t e r , k r i m i n e l l e r
S t ru k tu ren b ed i ent e, u m s ei ner S exu a li t ä t m i tt els Z wa n gs p ros t i t u i ert er zu fr ön en .
D a s s e r , d e r a l s L e b e n s m a x i m e s e i n e S e l b s t b e s t i m m u n g n i m m t , s e i n e Ge s p i e l i n -
n en b ei ein em M en sch en b est ellt e, d er p rofessi on ell Fra u en i ns La nd sch leu st
u n d d i e s e d u r c h V e r g e wa l t i g u n g, M i s s h a n d lu n g u n d D r o h u n g e n g e g e n d e r e n F a-
m i l i e , g e f ü g i g ' m a c h t . D e r M a n n , d e r s i c h l a u t e i n e r 3 8 7 5 a b g e h ö r t e An r u f e u m-
f a s s e n d e n L i s t e d e r B e r l i n e r S t a a t s a n wa l t s c h a f t , u k r a i n i s c h e N y m p h e n ' o r d e r t e
( e i n e i n B Z- An n on c e n b e n u t z t e C o d i e r u n g fü r j u n g e , u n er f a h r e n e N e u z u g ä n g e ) ,
i st k ein Schnü rs enk elverkäu fer. Mich el Fri edm an i st Dr. jur. " Fri edman hab e „m it
k e i n e m W o r t e i n g e s t a n d e n , a b h ä n g i g e , s i c h i n N o t b e f i n d l i c h e F r a u e n b e- u n d
a u s gen u t zt und m i t Sk la ven h alt ern g es c h ä ft li c h verk eh rt zu h a b en ". B u rm es t er a n
d i e Ad r e s s e v o n An g e l a M e r k e l , S a b i n e C h r i s t i a n s e n u n d R e g i n a Z i e g l e r . „ V i e l -
l e i c h t s o l lt en d i es e ei n f lu s s re i c h en F ra u en s i c h m a l Ged a n k en u m d i e Op f e r v on
ihrem Freund Michel Friedman machen statt um seine Karriere."
B e r e i t s u n m i t t e l b a r n a c h Au f f l i e g e n d e s S k a n d a l s h a t t e s i c h M e r k e ! m i l d e ü b e r
F r i e d m a n g e ä u ß e r t . S e i n e An k ü n d i g u n g e i n e s R ü c k z u g e s v o n a l l e n ö f f e n t l i c h e n
Äm t e rn , b ei a ll erd i n gs gl ei c h zei t i ge r V erh ei ß u n g ei n es C om eb a c k s („z wei t e C h a n-
ce"), kommentierte die CDU-Chefin laut „Bild" vom 9. Juli 2003 mit den Worten:

111
„Herr Friedman hat sich zu seinen Fehlern bekannt und daraus seine Konsequen -
zen gezogen. Seine Entscheidung verdient unseren Respekt.”

Die nähere Bekanntschaft zwischen Angela Merkel und Michel Friedman rührt
her von gemeinsamen Zeiten i m CDU- Bundesvorstand. Während sie als stellver-
tretende Parteivorsitzende amtierte, gehörte der jüdische Funktionär von 1994 bis
1996 diesem Führungsgremien der Christdemokraten an. Im September 1995 wur-
de Friedman Mitglied des Bundesausschusses Medienpol itik der CDU, 1997 Mit-
glied des CDU -Bundesfachausschusses für Kultur. 1999, inzwischen fungierte
Merkel als Generalsekretärin der Partei, machte ihr Intimus Peter Müller, christ -
demokratischer Ministerpräsident an der Saar, Friedman zum Chef seiner Stabs -
stelle für Kultur und Europafragen.

Am 1. November 2004 brachte die „Frankfurter Rundschau" einen Bericht über


Friedman, den Zweitchanceler, in dem es hieß: „Er pafft heftig an der Zigarre.
Rauch kräuselt sich. Er bleibt in der CDU, weil er ihr nicht den Triumph gönnen
möchte, sie zu verlassen. ,Heute würde ich nicht mehr in eine Partei eintreten.'
Obwohl es ihm doch Respekt abnötigte, als die CDU- Chefin Merkel und der
bayerische Innenminister Beckstein bei Friedmans großer ,Welcome back!' -Party
in Berlin auftauchten."

Die Macht der „Elite-Netzwerke"


Bei Zieglers Berliner „Welcome Back" für Friedman zugegen war übrigens auch
Kai Diekmann, Chefredakteur der „Bild"- Zeitung aus dem Hause Springer. Womit
sich der Kreis schließt.

Merkels devote Haltung gegenüber Friede Springer, wie sie in der Sache Hoh -
mann zum Ausdruck kam, dürfte folgenden Hintergrund haben: Ohne die massive
propagandistische Schützenhilfe des Springer- Konzerns wäre sie kaum kanzlera-
bel geworden. Organe des Hauses wie „Bild" und „Welt" haben sie regelrecht
hochgeschrieben — bis hin zum mächtigen Merkel-Titelseitenbild in der „Bild" mit
der Mega- Schlagzeile „Miss Germany" am letzten Tag des Schröder'schen Wi-
derstandes gegen sie als Kanzlerin nach der Bundestagswahl 2005. Immer wenn
Merkel demoskopisch tief hinunter ins Souterrain gerutscht war, beispielsweise
infolge ihrer Befürwortung einer deutschen Beteiligung am Bush-Krieg gegen den
Irak, betätigten sich die Springer- Medien als hilfreiche Keller-Geister. So geschah
es auch unmit telbar vor dem Urnengang am 18. September 2005, als sich „Miss
German ys" Umfragewerte im Sinkflug befanden und die Springer- Meinungs -
macher eine Bruchlandung ihrer Wunschkandidatin nur unter Aufbietung aller
Schikanen von Volksaufklärung und Propaganda verhindern konnten.
112
Neb en F ri ed e S p ri n ger h a t m it E li s a b eth („ Li z" ) M oh n vom B ert els m a n n -Kon ze rn
e i n e w e i t e r e „ M e d i e n z a r i n " ' e n t s c h e i d e n d z u m Au f s t i e g An g e l a M e r k e l s a n d i e
o b e r s t e P o l i t s p i t z e D e u t s c h la n d s b e i g e t r a g e n . E i n e b yz a n t in i s t i s c h e H ym n e a u f
An g e l a M erk e l, d i e F ra u M oh n 2 0 0 4 von s i c h ga b u n d i n d e n i h r h öri g en M ed i en
v e rb r ei t en li eß , wi rk t e wi e d e r Au ft a k t ei n e s ga n z en S t a k k a t os a n H os i a n n a s fü r
di e Füh rerin d er Ch ri std em ok ra t en in Pres s e, Fu nk un d Fern s eh en. Wenn m an
n i ch t s o wei t g eh en wi l l zu s a gen , d i e Ka n z le ri n M erk el s ei Fri ed e S p ri n gers u n d
M o h n s „ Ge s c h ö p f " , s o b e s t eh t d oc h z u m i n d e s t d a r a n k e i n Z we i f e l , d a s s d i e v o n
den beiden Medienhäusern gesponserte Propaganda der CDU-Chefin jenes
Qu ä n t c h en a n V or s p ru n g v o r S c h r öd er g es i c h ert h a t , d a s l et zt li c h k ri e gs en t s c h ei -
dend war.
J a h r z eh n t e la n g h a t d er B e rt e ls m a n n- Ko n z ern v o r l a u t er B ewä l t i gu n g d e r N S - V e r-
gangenheiten anderer Kreise und des d eutschen Volkes ganz „vergessen", dass
m a n m i t s i c h s e lb s t zu er s t i n s R ei n e k om m en s o l lt e. D en n a l l d i e S t o r ys d e s V e r -
l a g e s , m a n s e i i m D r i t t en R ei c h wi d e r s p e n s t i g, we n n n i c h t wi d e r s t ä n d l e r i s c h g e -
wesen, waren Märchen. Bertelsmann unter der Verlegerfamilie Mohn war im
D r i t t en R e i c h ob e n a u f u n d u m s a t z s t a rk , v o r a l l e m m i t Kr i e g s l i t e r a t u r u n d F e l d -
ausgaben für die Wehrmacht.
M e r k e l- F ö r d e r i n L i z M o h n g e b . B e c k m a n n w i e d e r u m h a t a u f e i n e d e m L e b e n s -
weg der Friede Springer nicht unähnliche Weise reüssieren können: Als Sieb -
zeh n j ä h ri ge wu rd e s i e, ei g en t li c h Za h n a rzt h elferi n , 1 9 58 Tel ef on i s t in b ei B ert els-
mann und bald darauf Geliebte des zwei Jahrzehnte älteren, verheirateten
Ko n z e rn c h e fs R ei n h a rd M oh n . E r b ra c h t e s i e i n ei n er „ P a rk - E h e" m i t ei n em V e r-
lagsangestellten unter. Erst 1982 schloss der Bertelsmannboss offiziell die Ehe
mit ihr. Mohn legte die Führung des Unternehmens nominell nach und nach in
ihre Hände.
In s b es on d er e ü b er d i e B ert els m a nn -S t i ftu n g, d i e 57 P rozen t d er Ak t i en a m Gru n d -
k a p i t a l d e r B ert e l s m a n n AG h ä lt , d em fü n f t g r öß t en M ed i en k on z e rn d e r W e lt , ü b t
d a s a u s Güt e r s l o h i n W e s t f a l e n s t a m m e n d e U n t e r n e h m e n e i n e g e r a d e z u u n h e i m -
li c h e Hi n t ergru n d m ac ht i n Deu t s ch la nd a u s. Di e B ert e ls m a n n -S t i ft un g wi rk e „a u f
u nd u rch s ic ht i ge Wei s e a n fa s t a ll en b ed eu t s a m en s ozi a l- u n d bi ld un gs p oli t i s ch en
R e f o r m e n u n d s i c h e r h e i t s p o l i t i s c hen E n t s c h e i d u n g e n m i t " , a n a l ys i e r e n d i e J o u r -
n a li s t en Fra n k B öc k elm a n n un d Hers c h Fi s c h ler i n i h rem 2 0 04 ers c h i en en en B u ch
„B ert e ls m a n n — Hin t er d er F a s s a d e d es M edi en i mp eri u m s ". In d en m aß geb li c h en
Gr e m i en g eh e „n i c h t s m eh r oh n e B e rt e l s m a n n " . „ Hi e r en t s c h ei d en E li t e- N et z we r-
k e a u s P a rt e i e n u n d Ko n z e r n e n d a rü b e r , we l c h e P r o b l e m e v o r d r i n g l i c h u n d we l -
c h e Lösu n gen a k zep t a b el si n d . Di e R ep rä sen t a n t en d es st a a t li ch p rot egi ert en
Bertelsmann-Konzerns sind als Akteure der Wirtschaft dabei." In den „Elite-Netz-
113
werken", für die die Bertelsmann- Stiftung typisch und unter denen sie das abso-
lute Schwergewicht sei, werde ein „Vorab- Konsens" geschaffen. Der politische
Streit der etablierten Parteien reduziere sich dann „nur noch auf Nuancen". „Das
Wahlvolk soll möglichst von allen historisch wichtigen Entscheidungen entlastet
werden. Wichtige Fragen sind heute gerade dadurch gekennzeichnet, dass über
sie nicht abgestimmt wird."

Böckelmann weiter: „Die politische Klasse stimmt sich in den Elite-Net zwerken
erst einmal über das Mögliche und Durchsetzbare ab, bevor das Ringen um öf-
fentliche Zustimmung beginnt. Der Bevölkerung soll ja die Logik der globalen
Ökonomie beigebracht werden, aber zu dieser selbstlosen Lernleistung ist sie nur
bis zu einem bestimmten Grad imstande. Die Schritte der Anpassung an die glo-
bale Wettbewerbslogik werden immer unpopulärer, sind kaum noch zu ,vermit-
teln'. Die Parteien haben enorme Selbstdarstellungsprobleme. Und in dieser Lage
bewähren sich solche Einrichtungen wie die Bertelsmann-Stiftung." Sie überneh-
me die „Rolle einer übergeordneten nationalen Vormundschaft". Böckelmann
fährt fort: „Die Politiker, die hier eingebunden werden, haben der Bertelsmann-
Stiftung viel zu verdanken." Es komme eine Entwicklung im „Prozess der Globali-
sierung" zum Ausdruck, bei der „internationale Elite- Netzwerke, deren Tätigkeit
nicht im klassischen Sinne politisch legitimiert ist, immer mehr an Einfluss ge-
winnen".

Jeder Bundesbürger über 15 Jahre verbringe durchschnittlich pro Tag eine Stun-
de mit der Nutzung von Bertelsmann-Produkten, in allen bedeutsamen sozial- ,
bildungs- und sicherheitspolitischen Gremien würden die Gutachter der Bertels-
mann- Stiftung sitzen, wobei „die meisten ein schlägigen Entscheidungen ihre
Handschrift erkennen lassen". Man gelange zu dem Schluss, dass Bertelsmann
„eine deutsche und europäische Großmacht" sei. Wer nicht mitmache, den treffe
die Keule des „Populismus"- Vorwurfs. Doch das Unbehagen wachse. Böckelmann:
„Die Leute spüren, dass fast alles, was sie bei Sabine Christiansen hören und
auf den Meinungsseiten der großen Blätter lesen, in gewisser Weise vorsortiert
und au feinand er ab gestimmt ist und im gemein samen Kielwasser kreist. Es
kommt einem alles unendlich bekannt vor. Und daraus erwachsen Politikmüdig-
keit und Parteienverdrossenheit. Die an den Elite- Netzwerken beteiligten Konzer-
ne und Parteien werden als monolithischer Block wahrgenommen. Das erhöht die
Chancen von Protestparteien linker und rechter Couleur und außerparlamentari-
scher Oppositionen neuen Stils". Es sei ja eben kennzeichnend beispielsweise
für die „Rechtsaußen", dass sie zu den „Nichteingebundenen" gehören.

Evelyn Hol's Systemkritik ähnelt der Böckelmann'schen. Die Merkel- Biographin


schreibt: „Mit der parlamentarischen, repräsentativen Demokratie des deutschen
114
Gr u n d g e s e t z e s v o n 1 9 4 9 h a t d a s , wa s h e u t e i n d e r B u n d e s r e p u b l i k D e u t s c h l a n d
g e b o t e n wi r d , n i c h t m e h r v i e l z u t u n . . . . Ga r n i c h t s m e h r wi r d i m d e u t s c h en P a r -
lament, im Plenarsaal und in den Gremien, alles vorh er in außerparlamentari -
s c h en Ko m m i s s i on en u n d R ä t e n v e rh a n d e lt od e r g l ei c h p er D e k r e t i m In t e r vi e w,
b e i S a b i n e C h r i s t i a n s e n , i m i n s z e n i e r t e n P o l i t e r e i g n i s u n d i n s ym b o l i s c h e n B i l -
dern, die das politische Han deln mehr und mehr ersetzen ... Die Pervertierung
d e s p a r l a m e n t a r i s c h - r e p r ä s e n t a t i v e n S y s t e m s z u m m e d i a l- p r ä s e n t a t i v e n S y s t e m
d er E rei gn i s d em ok ra t i e, d er Üb erga n g d er P a rt ei en d em ok ra t i e zu r Tel ek ra t i e, ha t
s i c h s c h l e i c h e n d v o l l z o g e n . " U n d d a v o n h a t n i e m a n d m eh r p r o f i t i e r t a l s An g e l a
M e rk e l. M eh r a u c h n o c h a ls Ge r h a rd S c h r öd e r, d e r „, B i ld ' u n d ‚ Gl ot z e — fa s t zu m
A und 0 der Macht und des Machterhalts erklärt hat.

„Ich will Deutschland dienen"


In d er B u nd es rep u b li k Deu t s ch la n d red en et a b li ert e P o li t i ker i n Wa h lk ä m p fen t ra -
d i t i on e l l r e c h t e r a l s s i e r e g i e r e n . D e r k l a s s i s c h e F a l l wa r d e r W a h l k a m p f 1 9 7 2 ,
a ls Wi ll y B ra n d t, d a ma ls d i e Ik on e va t er la n d s los er Li n k s fort s c h ri t t ler, fü r s ei n e
f u l m i n a n t e r f o l g r e i c h e Ka m p a g n e d i e R e p u b l i k m i t M i l l i o n e n s e i n e r K o n t e r f e i s
und d em fast sch on nach NPD k lin gend en Sp ruch „Deutsch e, wir k önn en stolz
sein auf unser Land" überzi ehen li eß. Ein gut es Jahrzehnt später si egt e Helmut
Ko h l m i t s ei n en W en d es p rü c h e n , d i e m ei s t en d a v on r ec h t s ( z u m B ei s p i e l d i e An -
k ü n d i gu n g d ra s t i s c h e r V e rr i n g e ru n g d e r Au s lä n d e r za h l) . D a s R e s u lt a t a l l e rd i n g s
war au s rech ter Sicht ernüchternd. Am 5 . Dezemb er 2004 h ieß es in d er „Welt
a m S on n t a g" ü b er Koh ls B i la n z: „Ni e wa r d i e B u n d es rep u bli k li b era l er, h ed on i s t i -
s ch er und mu ltiku ltureller a ls in d en Jah ren s ein er Kan zlersch aft. " („Li b era l"? Na -
j a . ) Wob ei m a n ergä n zen k ön n t e, da s s An ge la M erk el a ls M in i s t eri n un d Vi zec h e -
fin der CDU zumindest rein an Jahren beinahe die Hälfte der Verkohlung
mitzuverantworten hat.
D i e M e r k e l - C D U f ü h r t e d e n B u n d e s t a g s w a h l k a m p f 2 00 5 s t r e c k e n w e i s e s o , a l s
wä r e s i e d e m „ D eu t s c h la n d p a k t " a u s D VU u n d N P D b ei g e t r e t en . Am 1 8 . S ep t e m -
b e r 2 0 0 5 s c h ri e b d i e „ B e r l i n e r M o r g e n p o s t " : „ T a p f e r h a t An g e l a M e r k e l i n d e n
l e t z t e n M o n a t e n f a s t j e d e n T a g m e h r m a l s d i e N a t i on a l h ym n e g e s u n g e n , t ra d i t i o -
n e l l a m E n d e j e d e r W a h l k a m p f v e r a n s t a l t u n g , o b e n a u f d e r B ü h n e , i m Kr e i s d e r
ört lichen Hon oratioren, überall in der Bundesrepublik. ,Vora n mit Deutschland, vo -
r a n m i t u n s e r e m V a t e r l a n d !' h a t s i e j e d e s M a l z u m Ab s c h i e d g e s a g t . S i e s a h s o
aus, als ob sie das verdammt ernst meinte."
Ka u m z u r Ka n z l e r k a n d i d a t i n e r h o b e n , h a t t e An g e l a M e r k e l a m 3 0 . M a i 2 0 0 5 i n
Berlin ganz auf Vaterländisch ausgerufen: „Wir wollen, dass es Deutschland wie-
115
Merkel: "Ich will Deutschland
dienen"
Gekürt: CDU- Chefin ist Kanzlerkandidatin. Sie
plant eine große Steuerreform.
Hamburg - Es war eine historische
Entscheidung, und sie wu rde von d er
Partei mit begeisterter Zustimmung
a u f g e n o m m e n . Als erst e Frau in d er
bundesdeutschen Geschichte ist Angela M e r k e l
gestern von CDU und CSU zur
Kanzlerkandidatin gekürt worden.

Einstimmig benannten die Präsidien der b e i d e n


Eine gelöste Angela Merkel gestern Schwesterparteien die 50 Jahre alte
mit Edmund Stoiber in Berlin: Der
CSU-Chef schlug sie als Politikerin a u s Ostdeutschland zur

Kanzlerkandidatur
"Ich will Deutschland dienen"
CDU-Chefin Angela Merkel ist offiziell die Kanzlerkandidatin der Union
bei der vorgezogenen Bundestagswahl im Herbst. CSU-Chef Stoiber
sicherte ihr volle Unterstützung zu: "Sie werden mich immer an Ihrer
Seite haben." Die 50-Jährige ist die erste Frau, die für das Amt kandidieren
wird.
D e r C S U-V o r s i t z e n d e E d m u n d S t o i b e r g a b d i e
Nom ini erun g von An gelika M erk el in B erlin
nach ein er gemein samen Präsidiu mssitzun g
d er b eid en Sch westerp arteien b ekan nt.

Die Entscheidung sei „einmütig und


einstimmig" gewesen, sagte Stoiber unter
l a n g a n h a lt e n d e m B e i fa l l v o n M i t a r b ei t e r n d e r
Parteizentrale und Mitgliedern der
Stoiber an ihrer Seite - das soll Unionsfraktion im Bundestag.
immer so bleiben, erklärte der
CSU-Chef nach der Nominierung S t o i b e r s a g t e we i t e r , d i e S e r i e v o n _
Merkels. .

Die nationalpatriotischen Gelöbnisse der Kanzlerkandidatin fanden in Medien


großes Echo.
116
117
d er b esser geh t. Dab ei geht es n icht u m Parteien, es geht n icht um Karrieren,
u m E r od e r Ic h , E r od er S i e o d er wi e a u c h i m m e r d a s i n di e s en Ta g en fo rm u li e rt
wird. Es geht um et was An deres: Wi r wollen Deutsch land dienen. Ich wi ll
D e u t s c h l a n d d i e n e n . D e u t s c h l a n d k a n n e s s c h a f f e n u n d g e m e i n s a m w e r d e n wi r
es s c h a ffen . " Mi t d er An k ün di gu n g „Wi r wol len d i e , Ic h -AGs ' d u rc h d i e , Wi r -Ge -
s e l l s c h a f t e r s e t z e n " k a m e i n e z u s ä t z l i c h e W ü r z e a n V o l k s g e m e i n s c h a ft i n d i e s e
Ka n z le rk a n di da ti n an t ri t t s red e h i n ein . Und m an c h er n at i ona lges i n n t e E U -Kri t i k er
wi r d v o n g u t e r H o f f n u n g e r fü l l t wo r d e n s e i n , a l s e r i n F r a u M e r k e l s An s p ra c h e
d es 3 0 . M a i 2 0 0 5 F o l g en d e s v e rn a h m : „ Di e P o li t i k b ra u c h t ei n e n eu e Ku lt u r d es
Z u h ör en s . Wi r s o l lt en zu m B e i s p i e l a u c h d a s N ei n d er F ra n z os en zu r E U -V e r fa s -
sung zum Anlass nehmen zu zeigen: Wir haben verstanden."
T a g s d r a u f v e r ö f f e n t l i c h t e d i e „ B i l d " e i n In t e r v i e w m i t M e r k e l , wo r i n d i e Ka n z -
l e r i n i n s p e b e k u n d e t e : „ E s wä r e v i e l e r r e i c h t , we n n d i e D e u t s c h e n e i n e s T a g e s
wi ed er s t o l z a u f i h re Lei s t u ngen u n d au f i h r La n d s in d . " E rh eb li c h es M ed i en ec h o
e r z i e lt e d i e Ka n d i d a t i n a u c h m i t d en r e c h t en P a r o l en i n i hr e r F e s t r ed e „6 0 J a h r e
CDU" am 16. Juni 2005 in Berlin. Kostproben aus ihrem Text:
„ Wi r s i n d n i ch t ei n er Id eo logi e verp f li c h t et . Wi r s i n d n i ch t d er p oli t i s c h e Arm ei -
n e r Kl a s s e, ei n e r Gru p p e od er e i n e s E i n z e l - In t e r e s s e s . . . La s s en S i e e s m i c h a u f
d en P u nk t b rin gen : Un s er e M ot i va t i on h ei ß t Deu t s c h lan d ... , E in i gk ei t u nd R ech t
u n d F r e i h e i t s i n d d e s Gl ü c k e s U n t e r p fa n d ' , h e i ß t e s i m D e u t s c h l a n d l i e d . Di e s e r
G e d a n k e i s t u n s e r e An t r i e b s fe d e r . E r i s t R i c h t s c h n u r u n s er e s H a n d e l n s . . . Au c h
h eu t e st eh t un ser La n d wi ed er a n ei n er en t sc h ei d en d en Weg ga b e lu n g. La ss en
Si e un s h eut e ab er nich t zu erst mi t d en Sch wi eri gk eit en un seres La nd es b egin -
n en . La ss en Si e u n s a n d ers b egi n n en . M it d em Kla n g d i es es La n d es. M i t d en
Verh eißungen, die dieser Klang bei jed em von uns auslöst. Deutschland — das
v e rh e i ß t Zu s a m m en h a lt . E i n La n d , i n d em j ed e r fü r s i c h u n d a n d e r e gi b t , wa s er
k a n n , u n d k e i n e r f a l l e n g e l a s s e n wi r d , w e i l e r n i c h t m e h r k a n n . . . W i r C h r i s t d e -
m o k r a t e n wo l l e n d i e S p a l t u n g e n i n u n s e r e r G e s e l l s c h a f t h e i l e n . W i r we r d e n s i e
a b e r n u r h ei l en k ön n en , we n n d i e B ü rg e r u n s e r La n d a l s S c h i c k s a ls g e m ei n s c h a ft
— a l s ei n e Na t i on — b eg r ei fe n . W i r s i n d e i n e S c h i c k s a ls ge m e i n s c h a ft . Wi r b ra u -
chen ein erneuertes Bewusstsein dafür."
Zu Beginn der letzt en und heißesten Phase des Wahlkampfes äußerte Angela
M e r k e l i m In t e r v i e w m i t d e m M a g a z i n „ C i c e r o " ( S e p t e m b e r 2 0 0 5 ) : „ N u r m i t e i -
n e m B ek e n n t n i s z u m e i g e n e n La n d — z u u n s e r e r Ge s c h i c h t e , z u u n s e r e r Ku l t u r
u nd Sp ra c h e u nd zu d en M en sc h en mi t i h ren Lei s t u n gen — k ön n en wi r d i e Krä ft e
und den Zusammenhalt entwickeln, mit denen sich positiv Z ukunft gestalten
lä s s t . E rs t d i e gem ei n s a m e M ot i va t i on , da s ei gen e La n d vora n zu b ri n gen , s ch a fft
d i e V o r a u s s e t zu n g fü r d e n O p t i m i s m u s , d e n D eu t s c h la n d j e t z t b r a u c h t . D e s h a lb
118
will ich mein en Beitrag d azu leisten, dass die Deutsch en i n Deutsch land stolz
auf ihr Land sein können."

In „ C i c e r o " h a t t e A n g e l a M e r k e l i m M a i 2 0 0 4 s o z u s a g e n a u c h d e n S t a r t s c h u s s
für ihre Vaterlandskampagne abgegeb en. Sie bekundete in dem Kulturmagazin :
„ Ic h bin k on s ervat i v, wa s Pa tri oti s mus und Hei mat li eb e anb e lan gt. Ic h hab e ein en
St olz a uf da s ei gen e La n d. " M erk el a n an d erer St elle (zi t . na ch Sch ley): „Da s
Made in Germany muss wieder zu unserem Markenzeichen werden."

Gel egen t li ch ab er schi en en die Gä u le mit ih r durch zu geh en (b zw. ih re Gh ost writ er
h a tt en ih r d es Gu t en zu vi el ei n geflü s t ert ). S o b ek u nd et e An gela M erk el i n ei n em
„s t ern " -In t e rvi e w, 1 8 . Novem b er 2 00 4 : „Wi r wol l en a nk nüp fen a n di e groß en Zei -
t en un seres La n d es, in d em da s Au t o, d er C ompu t er und d as Asp i rin erfund en
wu rd e. " Au t o u n d As p i r i n , d a s m a g j a n oc h a n g eh en : s i e wu rd en i m k a i s e r li c h en
D e u t s c h l a n d u n t e r W i l h e l m I I. e n t wi c k e l t . Ab e r C o m p u t e r u n d „ g r o ß e Z e i t u n s e -
r e s La n d e s " , a n d i e „ wi r a n k n ü p f e n wo l l e n " ? V a t e r d e s C o m p u t e r s wa r b e k a n n t -
li c h P rof. Kon ra d Zu s e. M i t „Z 3 " s c h u f er d en we lt wei t er s t en ec h t en C om p ut er.
Das war 1941. In der Hauptstadt des Großdeutschen Reiches, Berlin ...
Au c h d i e g ä n g i g e n M e rk e l - B i o g r a p h e n h a b e n „ d i e r e c h t e An g i e " r e g i s t r i e r t u n d
a n a lys i ert . J a c q u eli n e B o ys en : „S i e b e s c h wö rt ei n en Na t i on a ls t olz, wi e er we i t en
T e i l e n d e r w e s t d e u t s c h e n B e v ö l k e r u n g l a n g e f r e m d wa r u n d p l ä d i e r t d a f ü r , e i n
n a ti on a les S elb s t ve rs t ä n dn i s zu en t wi c k eln . " Ni c ole S c h le y s c h rei b t : „, Wi r a rb ei -
t e n f ü r d e u t s c h e In t e r e s s e n , f ü r u n s e r e A r b e i t n e h m e r i n u n s e r e m L a n d . ' , D a s
d e u t s c h e In t e r e s s e m u s s v o n n u n a n d a s e n t s c h e i d e n d e Kr i t e r i u m d eu t s c h e r P o l i -
t i k s ei n . ' S o k li n gt d i e n eu e An g e l a M e rk e l. Da s d eu t s c h e In t e r es s e s t eh t i m V or -
d ergrund ... Auch au ß enp olitisch sollen d eutsch e Belan ge in d en Vord ergrund
gerückt werden."
„Welch e Bilan z wü rd en Sie d en Deu tsch en b ei d er Bundestagswah l 2009 gern
p rä s enti eren ?", fra gt e Hu go Mü ller -Vogg di e C DU -Kan zlerkandid at 2005. M erk els
An t wort : „Das s a lle — vom Pförtn er b is zum p ot en zi ellen Nob elp reist rä ger — da s
Gefü h l hab en , es lohnt sich , in di esem La nd und fü r di eses La n d zu a rb eit en .
Dass die Menschen wieder stolz sind auf Deutschland, das ist mein Ziel."
W i e a b er s o l l s i c h d a s a l l e s ve r t ra g en b ei s p i e ls we i s e m i t d e r M erk e l ' s c h en Ab s a -
g e a n e i g e n e d e u t s c h e W e g e i n d e r Au ß e n p o l i t i k , m i t i h r e n B e k en n t n i s s en z u e i -
n e m „ E u r op a ", i n d e m D e u t s c h l a n d v ö l l i g e i n g e s c h m o l z e n wi r d , e s k e i n e S o u v e -
ränität mehr hat, wie mit ihrem ständigen Sühnen und Büßen für die Hitlerzeit?

119
Was kommt von Herzen?
Im „D eu t s c h la nd rad i o" k om men t i ert e d er J ou rn a li s t E c kh a rd Fu h r, Feu i ll et on c h ef
d e r „ W e l t " , a m 7 . J u n i 2 0 0 5 M e r k e l s „ Ic h w i l l D e u t s c h l a n d d i e n e n " - T ö n e : E s
handele sich „fast schon um ein Gelübde", meinte er, und gehe „jed enfalls rhe-
t o r i s c h ü b e r d a s h i n a u s , w a s i n d i e s e m L a n d s e i t e i n i g e r Z e i t d e r p a t r i o t i sc h e
T o n i s t " . E s d rä n g e s i c h d e r E i n d ru c k a u f , h i e r b ek u n d e e i n e F r a u , s i e wo l l e „ i h-
r e m L a n d d i e n e n wi e d i e H e i l i g e J o h a n n a " . F u h r w e i t e r . „ F e s t s t e l l e n l ä s s t s i c h
zumindest, dass solch e Redeweise heute niemanden mehr verschreckt und dass
sie auch nicht mehr als hoffnungslos veraltet gilt."
„ Ko m m t M e rk e ls , P a t ri ot i s m u s ' v on H e r z en ?" , f ra gt P r o f. La n g gu t h . M a n c h e s i s t
vom U S -Wa h lk a m p f a b gek up fert . „ Als An g ela M e rk el a m 3 0 . M ai d i e ers t e Ka n z -
lerkandidatin der Bundesrepublik wurde, stand sie mit einem Stapel B lättern
l e i c h t v e r l o r en v o r ei n e m W a l d a u s M i k r of on en . Ih r e W o rt e k l a n g en d eu t li c h a b -
g e l e s e n e r — a b e r g e n a u s o p a t r i o t i s c h wi e d i e d e s Kr i e g s h e l d e n Ke r r y : , Ic h wi l l
Deutschland dienen'." („Cicero", online, 24. August 2005).
Au ch mit ih rer Ankü nd i gun g ein es Wid erstand es gegen di e Vollm it gli ed scha ft d er
Tü rk ei i n d er E u rop ä i s ch en Un i on ha t An gela M e rk el b ei r ec h t en Deu t s c h en (un d
we i t d a rü b er h i n a u s ) s o zu s a ge n p u n k t en k ön n en . „ Ic h b i n b ek a n n t er m a ß en g e g en
e i n e M i t g l i e d s c h a f t d e r T ü r k e n i n d e r E U . . . E i n e M i t g l i e d s c h a ft wü r d e d i e E U
a u f a b s e h b a r e Z e i t ü b e r f o r d e r n . " S o l i eß s i e s i c h i m Ge s p r ä c h m i t M ü l l e r- V o g g
2005 ein . B oys en : „An gela Merk el b egibt sich hi er in Oppos iti on zu r P ositi on d er
US A; di e inn enp oliti sch e Wi rkun g ih rer Au ss a ge zäh lt in di esem Fa ll m eh r a ls di e
sonst viel beschworene Bündnistreue."
An d e r e r s e i t s s i t z t a u f B e t r e i b e n M e r k e l s s e i t E n d e 2 0 0 4 E m i n e D e m i r b ü k e n i m
C D U- B u n d e s v o r s t a n d . S i e i s t t ü r k i s c h -d e u t s c h e D o p p e l s t a a t s b ü r g e r i n m u s l i -
m is ch en Glaub en s. Di e „t a z" s ch la gzei lt e zu ih re r Wah l in di e Füh run g d er Christ-
d em ok ra t en : „Un i on i n s t a l li er t M u lt i k u lt i . " In d e r „B Z " la u t et e d i e S c h l a g z e i l e :
„ M u l t i -Ku l t i -M e r k e l " U n d i m In t e r n e t e r wä r m t e s i c h d i e „t u rk i s h g a y & l e s b i a n
c ommun it y" fü r Demi rbük en m it d en Wort en : „Si e wi rb t offen fü r den E U - B eit ritt
d e r T ü r k e i u n d wa n d t e s i c h e n t s c h i e d e n g e g e n d i e i n d e r U n i o n d i s k u t i e r t e U n -
t ers c h ri ft en a kt i on gegen d en B ei t ri t t. Au ß erd em s et zt s i e s i c h fü r Is la m u n t erri c h t
i n d e u t s c h e r S p ra c h e e i n . S i e i s t g l ä u b i g e M u s l i m i n u n d m i t d e m e v a n g e l i s c h e n
C D U -B a u s t a d t r a t M i c h a e l W e g n e r v e r h e i r a t e t . D i e T o c h t e r S e r a f i n a wo l l e n d i e
Eheleute nach eigenen Angaben in beiden Religionen erziehen."
„ Fü r m i c h i s t di e d opp elt e S t a a t sb ü rgers c h a ft ei n e S elb s t vers t ä n d li ch k ei t ", b et on te
die CDU-Türkin am 21. November 1997 in einem Interview mit der „Zeit". Am
120
9 . Sept emb er 2 001 wa rb Demi rbük en im EKD- B la tt „Chri smon " zu sa mmen mit
P a u l S p i e g e l v om Z e n t ra lra t d e r J u d en fü r n oc h m eh r M u lt i k u lt i i n D eu t s c h la n d .
S i e b e k u n d e t e : „ Ic h w e r d e o f t m i t d e r An g s t k o n f r o n t i e r t , e s g ä b e z u v i e l e Au s-
länder. In Berlin gibt es 13,1 Prozent Menschen ausländischer Herkunft. Das
h ei ß t : 8 7 P r o z en t s i n d D eu t s c h e. Wi e k ön n en 8 7 P r o z en t b e h a u p t en , d a s s 1 3 P r o -
zen t zu vi el sind ?" Im „Ch ri sm on"- Ges p räch en t wick elt e Merk els Tü rkin auch ein e
Z u k u n f t s v i s i o n : „ Ic h wü n s c h e m i r , d a s s i m S o z i a l a m t M u t t e r M e i e r d u r c h e i n e
Afri kan erin ih re S ozia lhi lfeleis tun g b ezi eh t od er ein Tü rk e i m Baua mt in h öchst er
P o s i t i on s i t zt . . . W a ru m k a n n e i n e Ta g es s c h a u - S p r ec h eri n n i c h t t ü rk i s c h s t ä m m i g
sein? Das wäre der Alltag, den ich mir für die Zukunft wünsche."
E m i n e D e m i rb ü k en wu rd e 1 96 1 i n Ki li s / Tü rk ei g eb or en . Ih r V a t er k a m E n d e d e r
60er- Jahre a ls Gastarb eit er h er und holt e di e Fa mili e nac h. Von 1977 bis 1979
b es u c h t e s i e e i n Gym n a s i u m i n Is t a n b u l. N a c h S t u d i en z ei t a n d e r T U B er li n wu r -
d e s i e An fa n g d er 8 0 er -J a h re a ls S ozi a la rb ei t eri n i n B erli n t ä t i g u nd k a m zei t wei s e
als Mitarbeiterin des Senders Freies B erlin unter. Sie ist die dienstälteste
Au s lä n d e rb e a u ft ra gt e B er l i n s ( s ei t 1 9 8 8 i n S c h ön eb e r g, s ei t 2 0 0 1 fü r T e m p e lh o f -
Sch ön eb erg zu ständ ig(. Seit 19 92 hat sie d en Dopp elp ass. Von 1990 b is 1999
wa r D em i rb ü k en S p r e c h e ri n d es Tü rk i s c h en B u n d e s i n B er l i n - B ra n d en b u r g e. V. ,
von 1995 b is 1997 Pressesprech erin d er Tü rkisch en Gemeind e in Deutsch land
e . V . , 1 9 9 7 / 9 8 V o r s t a n d s m i t g l i e d d e r T ü r k i s c h en Ge m e i n d e i n D e u t s c h l a n d e . V .
1994 wu rd e sie Vorstand smitglied und Pressesp rech erin d es „Bü ros gegen eth-
n i s c h e Di s k ri m i n i eru n g en i n B e r li n -B ra n d en b u r g ". S ei t 2 0 0 0 g eh ört s i e d e m Vo r -
s t a nd d es „B u nd es geg en et h ni s c h e Di sk ri m in i eru n g i n Deu t s c h lan d e. V. " a n . Der
C DU h a t s i e s i c h 1 9 9 5 a n g e s c h l os s en . S ei t 2 0 0 2 i s t s i e La n d es v o rs t a n d s m i t g li ed
d er B er li n er C h ri s t d em ok ra t en . Au f d em B u n d es p a rt ei ta g i m De z em b er 2 0 0 4 ka m
sie dann als Wunschkandidatin Merkels in den CDU-Bundesvorstand.
An g e l a M e rk e l i m Ge s p rä c h m i t M ü l l e r -V o gg ü b e r d i e Tü r k en i n D eu t s c h la n d a l s
„ z u s ä t z li c h es Wä h l e r p ot en zi a l " : „ In d e r Ta t k ön n en wi r i n g r oß en T e i l en d e r t ü r -
k i s c h s t ä m m i g e n B e v ö l k e r u n g e i n e T e n d e n z f e s t s t e l l e n , S P D o d e r Gr ü n e z u wä h -
l e n . D a g i b t e s a b e r a u c h e i n e n r e c h t r e g e n M i t t e l s t a n d . H i e r wi e d e r u m h a t e i n e
P a rt e i m i t k on s e r va t i v en Wu rz e l n d u rc h a u s gu t e An s a t zp u n k t e . . . J ed en fa l ls s o l l -
t en wi r u n s u m d i e In t e gra t i on d er t ü rk i s c h s t ä m m i g en B e vö l k eru n g k ü m m e rn . E s
wü r d e d e r C D U a u c h g u t a n s t e h e n , w e n n e s g e l ä n g e , e i n e n V e r t r e t e r d i e s e r B e -
völkerungsgruppe aus unseren Reihen in den Bundestag zu bringen."
Au c h „ d a s C " s o l l e „ u n s n i c h t a b h a l t e n , G e m e i n s a m k e i t e n z u e n t d e c k e n " , f ä h r t
Merkel fort. Si e nennt ein Beispiel: „Wir st ehen im Gespräch mit türkischen
G r u p p i e r u n g e n wi e d e r m o s l e m i s c h -k o n s e r v a t i v e n P a r t e i A K P d e s M i n i s t e r p r ä -
sidenten Erdogan. Er möchte auf alle Fälle Mitglied der Europäischen Volkspartei
121
we r d en . In e i n em e r s t en S c h ri t t h a t d i e AKP d en B e ob a c h t e r s t a t u s i n d e r E V P e r -
ha lt en. " Zu r E rläu t erun g: E VP , Eu ropäi sch e Volk spa rt ei, is t d er Zus am m ens ch lu ss
hauptsächlich christdemokratischer Parteien auf europäischer Eben e, der auch
die CDU angehört. Di e AKP d er Türkei wurzelt in der islam istisch -fundamentalisti-
s c h e n V o l k s b e w e g u n g . W e g e n d e s l a i z i s t i s c h -k e m a l i s t i s c h g e p r ä g t e n M i l i t ä r s
muss sie sich zusammenreißen. Sonst zögen die Generäle blank. Bevor er sich
weg en d er Bajon ette d er Militärs „wand elte", h atte d er heu tige AKP - Ch ef und
t ü rk i s c h e M i n i s t e rp rä s i d en t E rd og a n a l s B ü r g e rm ei s t e r vo n Is t a n b u l d en M a s s en
bei einer Kundgebung das Wort des türkischen Nationaldichters Zi ya Gökalp
(1876 - 1924 ) zu geru fen : „Di e Mina rett e sind un s ere B aj on ett e, di e Kupp eln uns ere
Helme, die Moscheen unsere Kasernen, die Gläubigen unsere Soldaten."
„5 1 P rozen t d er Deu t s c h en n eh m en an , d a s s m i t Fra u M erkel a ls B u n d es k an zleri n
d e r Zu zu g v on Au s lä n d e rn s t ä rk er a ls b i s h e r b e g r en zt we r d en wü rd e. " ( E li s a b et h
Noelle, In s titut für Dem osk opi e Allen s bach , „FAZ", 17 . Novem b er 2004 ). Wi ed er -
h o l t h a t M e r k e l a l s Ka n z l e r k a n d i d a t i n d i e s e n G l a u b en g e n ä h r t . In d e m z u r B u n -
d estagswah l 2005 erschien en en au tobiographisch en Buch „M ein Weg" äuß erte
sie: „Wenn wir die Auswirkungen der Zuwanderung nach Deutschland in den
l e t z t e n f ü n f z i g o d e r v i e r z i g J a h r e n b e t r a c h t en , d a n n f ä l l t d i e B i l a n z , we n n m a n
die Sozialhilfe und alles hinzurechnet, negativ für Deutschland aus."
Wie man Wahlkämpfe gewinnt, indem man die Sorgen und Nöte der Bevölke -
r u n g we g e n Ü b e r f r e m d u n g a u f g r e i f t u n d Ab h i l f e v e r s p r i c h t , k on n t e An g e l a M e r -
k e l, g er a d e f r i s c h g eb a c k en e Ge n e ra l s ek r et ä ri n , i m F e b ru a r 1 9 9 9 i n H es s en b e ob -
a c h t e n . D o r t g e l a n g e s i h r e m P a r t e i f r e u n d R o l a n d Ko c h m i t e i n e r e i n P l e b i s z i t
i m i t i e r en d en Un t er s c h ri ft en - Ka m p a gn e g e g en d i e d op p e lt e S t a a t s b ü r g er s c h a ft ei -
nen fulminanten Wah lsi eg zu erringen und die jahrzehntelang vorh errsch enden
S ozia ld em ok rat en ab zu lös en . Der Koc h' sch e Triumph wa r üb ri gen s d er Au ftak t zu
e i n e r ga n z en S e ri e v on C D U - W a h l e r f o l g en , d u rc h d i e s i c h M erk e l a l s Gen e ra ls e-
kretärin das „Image" eines „Siegertyps" verschaffen konnte.
Auch in der Zuwandererfra ge aber ergibt sich bei der Chefin der deutschen
C h ri s t d e m o k ra t en e i n Gl a u b wü r d i g k e i t s p r o b l e m : W i e k a n n m a n e i n e r s e i t s e i n e n
i m In n e r e n g r e n z e n l o s e n , w e i t n a c h O s t e u r o p a h i n e i n a u s g e d e h n t e n , a b 2 0 0 7
auch noch um Bulgarien und Rumäni en aufgeplusterten EU- Staat anstreben, in
dem Abermillionen Fremde wegen der Freizügigkeit ohne Schranken nach
Deutschland kommen dürfen, und andererseits Ausländerbegrenzung fordern?

Üb ri g en s we i s t E v e l yn R o l l d a ra u f h i n , d a s s d i e C D U u n t er M erk e l l ä n g s t s c h on
v o n P o s i t i o n e n a b g e r ü c k t i s t , v o n d e n e n v i e l e W ä h l e r m e i n e n , d a s s s i e n oc h a u f -
rechterhalten werden. Die Merkel-Biographin schreibt über die Pressekonferenz

122
d e r C D U - C h e fi n m i t i h r em Z u wa n d e ru n gs b ea u ft ra gt en P et e r M ü l l e r, M i n i s t e rp rä -
sident des Saarlandes, am 6. November 2000: „Merkel und Müller gaben be -
kannt, dass die Position der CDU in Zukunft sei: Deutschland ist ein Einwan -
d eru n gsland . Wäh rend Parteielite und Öffentlichk eit also mit d er Balgerei u m
d i e s e n b e s c h e u e r t e n B e g r i f f , L e i t k u l t u r ' a b g e l e n k t wa r e n , wu r d e n i n d e r p r a k t i -
sch en Politik au f sen sation elle Art und Weise ,un verrückb are' Position en au s
d em i d e o l o gi s c h en Z e i t a lt er g e r ä u m t . " Fü n f M on a t e s p ä t er d a n n d e r n ä c h s t e „ E r -
f o l g " i n d i e s e r R i c h t u n g . R o ll : „ Al s E n d e Ap r i l d e s J a h r es 2 0 0 1 s c h l i eß l i c h d a s
g e m e i n s a m e T h e s e n p a p i e r v o n C D U u n d C S U v e r a b s c h i e d e t wi r d , k o m m t d a s s o
h ei ß un d glü h en d u mk ä mp ft e Wo rt Lei t k u lt u r d a rin n ic ht m eh r v or. Da s fä l lt a b er
k a u m n oc h j e m a n d e m a u f. W a s a u f fi e l i s t : O f f e n b a r h a t An g e l a M e r k e l j e t zt s o -
gar St oibers CSU dazu gebracht anzuerkennen, dass Deutschland ein Einwan -
derungsland ist."

Nachfrage befriedigen ...


Woru m es in d er Haup tsach e wirk lich geht, wenn d eutsch e Etab lierte in Wah l -
k ä m p f en „r e c h t e T ön e " a n s c h l a g en , d ü r ft e fo l g en d e r Au s zu g a u s d en Ge s p rä c h en
von Hugo Müller-Vogg mit Angela Merkel deutlich machen:
M.- V.: „Franz Josef Strauß hat immer gesagt, rechts von der Union dürfe es kei -
n en Platz für ein e d emok ratisch e Partei geb en." A. M : „Rech t hat er gehab t."
M. - V: „Nun sind NPD und DVU angetreten, genau diesen Platz zu besetzen.
Wi rd hi er vi ellei cht ein e Nachfra ge b efri edi gt, wei l di e C DU d en Nat i ona l -Kons er -
vativen k ein en tsprech end es An geb ot macht?" A. M.: „Die Wah lerfolge dieser
P a r t e i e n h a b e n i n e r s t e r Li n i e m i t d e n w i r t s c h a ft l i c h e n S c h wi e r i g k e i t e n z u t u n .
D a v e r f a n g e n s c h e i n b a r e i n fa c h e An t wo r t e n . D a h a t d i e C D U e i n e wi c h t i g e Au f -
g a b e , n ä m l i c h a r g u m e n t a t i v e t wa s e n t g e g e n z u s e t z e n . D a m ü s s e n wi r d a n n d e u t -
lich machen, dass wir — zum Beispiel beim Th ema EU-E rweiterung — deutsche In-
teressen vertreten ... Als deutsche Parteien sind wir von deutschen Bürgern
g e wä h l t — u n d z wa r m i t d e m Au f t r a g , i m i n t e r n a t i o n a l e n W e t t b e w e r b d a s B e s t e
fü r Deu t s c h la nd h era u s zu h olen . Da s k om m t ma nc h ma l n i cht d eut li c h genu g rü b er.
Auch deshalb haben Rechtsradikale bisweilen Zulauf."

123
124
Personenverzeichnis
Ackermann, Josef 84 Adenauer, D a s c h i t s c h e w , W j a t s c h e s- He ise nbe rg, Werne r 39
Konrad 79 Ahlrichs, Reinhard law 56 Henkys, Reinhard 26
45 Alb ri ght , M ade le i ne De mirb üke n, Emine 120 f. He n n i g, M a rga re t he 1 9
92 f. Ates, Seyran 13 Der, Ralf 64 Hintze, Peter 73
Avital, Collette 105 Dibelius, Otto 25 Hitler, Adolf 18, 20, 61, 67,

Backfisch, Michael 85 Diekmann, Kai 112 107f., 119

Balk, Hermann 11 Dönitz, Karl 10 Hoffmann, Dieter 27


Hohmann, Martin 4, 102-
Barschel, Uwe 92 Döpfner, Mathias 84
106
Bärtels, Gabriele 15, 38 Drange, Emil 10f.
Honecker, Erich 20, 22, 34
Baumann, Beate 4 Dregger, Alfred 102
Honecker, Margot 29 Hoover,
Beauvoir, Simone de 70f.
Einstein, Albert 39 Eppe l ma nn, Edgar 61
Beckmann, Reinhold 16 Beckstein,
Ra ine r 24, 64 Erdogan, Tayyip Hunzinger, Moritz 55
Günther 100, 112 Be rgma nn-
121 f.
Po hl, Sab ine 68 Birthler,
Jacobi, Claus 107
Marianne 27 Böckelmann, Frank Finke lste in, Nor ma n 1 05
Jentzsch, Emilie 7, 45
113f. Bonhoeffer, Dietrich 20, Fischler, Hersch 113 Fried ma n,
Jentzsch, Gertrud 7, 9
27 Boysen, Jacqueline 4f., 8, Mic he l 109-112 Friedrich
Johannes Paul II. 89, 91
17, 19, 25, 30, 36, 40, II. der Große 11 Frisch, Max

43ff., 50, 56, 61, 64, 75, 41 Kant, Immanuel 14

101, 120 Fuchs, Michael 83 Ka nt he r, Ma n fre d 7 5, 7 8

Brandt, Willy 115 Fuhr, Eckhard 120 Kas ner, Herlind 7, 9f., 14 f.,
23, 29, 33f.
Bra u n, We rnhe r vo n 4 9 Gab le nt z, O t to vo n de r 9 9
Kas ne r, Ho rst 5, 7, 1 4 f., 1 8,
Brauner, Artur 110 Bronner, Galinski, Heinz 101
21 ff., 24 ff., 29 f., 32 f., 37,
Oscar 84 G a uc k , J o ac hi m 2 7 , 6 4
46, 64
Buchholz, Karl Gottfried 18f. Gedmin, Jeffrey 86f
Kasner, Irene 15
Burda, Hubert 84 Gehler, Matthias 66
Kas ne r, Ma rc us 14, 2 9, 3 6,
Burmester, Silke 111 Geisler, Hans 77
39
Burt, Richard 55 Bush, Göhs, Gert Olav 95
Keil, Gert 92
G e o r g e H . 4 8 Bush, George Gökalp, Ziya 122
Kerry, John 120
W. 82, 88f., Gorbatsc how, Mic ha il 5 6
Kiep, Walther Leisler 73,
112, 117 Graw, Ansgar 117 G ree nsp a n, 76, 81 f.
Ala n 50, 10 5 Gremm, Wolf Kirchner, Martin 66 Kirschbaum,
Cheney, Richard 90
110 Erik 54 Kissinger, Henry 50, 84
Chirac, Jacques 82
trüber, Heinrich 21 f. Klaeden, Eckart von 4, 81,
Christiansen, Eva 4
Günt her, Rolf-Dieter 25 96, 103
Christiansen, Sabine 86,
Gysi, Gregor 28 Kleinfeld, Klaus 84
110 ff., 114f. Klopfer, Inge 108
Gysi, Klaus 27
Cramer, Ernst 107 Klotz, Clemens 67
H a b e r ma s , J ü r g e n 6 2 , 7 8 Koch, Roland 78, 122
Hagler, Arnold T. 47 Haselsteiner, Köhler, Horst 79
Hans Peter 84
125
Koelbl, Herlinde 6, 47, 50, Mitterrand, Frangois 67 Robbe, Reinhold 96
53, 70f., 77 Mohn, Liz 113f. Rockefeller, David 81 f., 84
Kohl, Helmut 30, 48, 55, 59, Mohn, Reinhard 113 Roll, Evelyn 4, 6, 15ff., 21,
65f., 68, 70, 72-80, 86, 96, Möllemann, Jürgen 105 31, 34, 36, 41, 43, 59,
115 Morgenstern, Christian 37 62ff., 66ff., 70f., 74f.,
Köpf, Peter 107 Morgenthau, Henry 86 77, 78, 80, 86, 96, 122f.
Kopper, Hilmar 84 Müller, Hanfried 24f., 26-29 Ronson, John 84
Krauel, Torsten 83 Müller, Hildegard 96f. Roosevelt, Franklin D. 39,
Krause, Günther 5, 66 -70, Müller, Peter 112, 123 Müller- 86
77 Enbergs, Helmut 27 Müller- Rückert, Sabine 76
Kraushaar, Wolfgang 101 Streisand, Rosemarie Rumsfeld, Donald 84, 90,
Krauß, Matthias 4f., 6, 26-29 117
17, 30, 32, 45f. Müller -Vogg, Hugo 6, 14, Rüttgers, Jürgen 101, 105,
Kwasniewski, Aleksander 13 33, 37, 39ff., 52, 59f., 67,
72, 79, 89, 92, 120f., 123 Saban, Haim 106f.
Lafontaine, Oskar 57f. Saddam Hussein 89f., 95
Lambeck, Martin S. 16 Nakschbandi, Walid 110 Sauer, Joachim 5f., 45-50,
Lammert, Norbert 88 Nass, Matthias 84 52-60
Langguth, Gerd 4, 6ff., 9, Neubert, Ehrhart 20, 25ff., Schabowski, Günther 57
15, 21ff., 24f., 36, 38, 64 Schäfer, Bärbel 110
40, 43f., 47, 49, 54, Niemöller, Martin 86 Schaff, Adam 58
56f., 63, 71 f., 74f., 77, Noelle, Elisabeth 40, 63, 92 Scharon, Ariel 94, 99
79, 88, 96, 99, 108, 126 Schäuble, Wolfgang 53,
Ledeen, Michael A. 84 Oppenheimer, J. Robert 39 72, 75, 78f.
Lengsfeld, Vera 64 Osten, Hans-Jörg 43 Schavan, Annette 105
Leßnerkraus, Patricia 5f., 9, Schily, Otto 84
34, 36, 46f., 49, 52, 55, Paul, Jens Peter 105 Schley, Nicole 4, 6, 9, 33f.,
64 Perle, Richard 4, 52, 84ff., 36f., 40, 50, 54, 61, 72,
Levy, David 99 87, 117 75f., 79, 87, 119
Pfahls, Holger 74, 78 Schnaas, Dieter 5
Maaß, Hans-Christian 77 Pflüger, Friedbert 14, Schnabel, Ulrich 40
Maizière, Clemens de 24f. 74, 81, 84, 90 Schneider, Frank 44
Maizière, Lothar de 24, 50, Pofalla, Ronald 79, 96 Schnur, Wolfgang 65f., 77
55, 64, 66, 70, 77 Poppe, Gerd 64 Schoeneich, Ulrich 21
Marcks, Gerhard 10 Powell, Colin 89, 91 Scholten, Rudolf 84
Martern, Hermann 38 Primor, Adar 52, 94f. Schönherr, Albrecht 15, 20,
Marx, Karl 40 Primo, Avi 52, 94 25f.
Matzky, Gerhard 18 Putin, Wladimir 14 Schramm, Hans-Georg 38
Mayer, Hans 55 Schreiber, Karlheinz 74
Meisner, Joachim 53 Rau, Johannes 101 Schreiner, Ottmar 55
Merkel, Ulrich 46f., 56 Reimann, Max 31 Schrempp, Jürgen E. 84
Merz, Friedrich 5, 100f. R ei n h a r d t , M a x 5 5 Schröder, Gerhard 3, 14, 16,
Meyer, Laurenz 103 Rice, Condoleezza 90 23, 60, 62, 81 f., 84,
Mielke, Erich 65 Riesenhuber, Heinz 96f. 86ff., 94, 100, 102, 115,
Mißfelder, Philipp 5 117
-1126
26-
Schulz, Ekkehard D. 84 Strauß, Franz Josef 81, 123 Weizsäcker, Richard von 12,
Schwarzer, Alice 71 Struck, Peter 94 17f., 55
Schweitzer, Eva 117 Stürmer, Michael 86 Weizsäcker, Viktor von 18
Slonina, Henryk 13 Süssmuth, Rita 71 Westerwelle, Guido 54
Smith, Gary 86 Sutherland, Peter 83 Wichern, Johann Hinrich 21
Spiegel, Paul 100f., 109, Wielgohs, Jan 27
121 Thadden, Adolf von 31 Wilhelm II., Deutscher Kai-
Springer, Axel C. 76, 106f. Thatcher, Margaret 40 ser 119
Springer, Friede 82, 84, Töpfer, Klaus 72 Wissmann, Matthias 84
106-109, 112f. Tusk, Donald 14 Wolfensohn, James 81, 84
Springer, Hinrich 107 Wölber, Hans-Otto 7
Stafford, Lee 3 Wolfowitz, Paul 52, 84, 86,
Ulbricht, Klaus 63
Stalin, Josef 12 90
Ulbricht, Walter 21, 29 Wowereit, Klaus 110
Stappenbeck, Christian 27
Stavenhagen, Lutz 96
Wachs, Emma 11
Stimson, Henry L. 86 Zahradnik, Rudolf 47
Wagner, Franz Josef 102
Stock, Wolfgang 6, 9, 33, Zaimoglu, Feridun 13
36, 39, 41, 52f., 55, 80, 88 Warburg, Eric M. 82 Ziegler, Regina 110ff.
Stoiber, Edmund 54, 87f., Warburg, Max M. 82 Zimmermann, Markus 82
91, 103, 109, 116, 123 Weizsäcker, Carl Friedrich Zülicke, Lutz 45
Stolpe, Manfred 37, 65 von 18, 39 Zumwinkel, Klaus 84
Weizsäcker, Ernst von 18 Zuse, Konrad119

127
Dass Frau Merkel ausgezeichnet Pflaumenkuchen
backen kann und sich von Star-Friseur Udo Walz die
Haare machen lässt, gehört zu den sensationellen
Enthüllungen, die man allgemeinen Medien entneh-
men kann. Dieses Buch widmet sich vorrangig an-
deren Feldern: Merkel regiert Deutschland – doch
wer regiert Merkel? Wer hat im innersten Kreis um
sie herum, ihrem „Inner Circle", das Sagen? Was
verkündet sie als ihre Ziele in Insiderkreisen, zu wel-
cher Politik hat sie sich da verpflichtet? Wer hat ihre
steile Karriere gefördert, ihr den Sprung ins Kanz-
leramt ermöglicht? Und ihre DDR-Zeit: Wie tief war
ihr Vater, Pfarrer Kasner, kirchenintern: „der rote
Kasner", in das DDR-System verstrickt? Wie ver-
hält es sich mit Merkels marxistisch-leninistischer
Grundsatzarbeit „Was ist sozialistische Lebenswei-
se?", die angeblich spurlos verschwunden ist? Wie
steht es um ihre Vergangenheit als FD J-Aktivistin
– womöglich sogar als „Sekretärin für Agitation und
Propaganda"? Wer mit dem Blick auf die Kulissen
zufrieden ist, der benötigt dieses Druckwerk nicht.
Wer aber mehr wissen möchte, dem öffnet das
Buch einen Spalt zum Blick hinter die Kulissen.