Fundamentalliturgik

und

Geschichte der Liturgie im Rahmen der Kulturepochen

Skriptum für die Vorlesung Liturgiewissenschaft Heiligenkreuz 2003/04

von P. Dr. Pius Martin Maurer OCist.

Nur für den privaten Gebrauch bestimmt

Ad fontes: zu den Quellen. In dieser Vorlesung wird versucht, die Studenten mit vielen Quellentexten vertraut zu machen.

Aufgrund der schnellen Erstellung dieses Skriptums ist es leicht möglich, dass darin Fehler verschiedenster Art aufscheinen, die erst bei der nächsten Redaktion dieses Skriptums beseitigt werden. Für Korrekturhinweise ist der Autor dieses Skriptums dankbar.

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1. Einleitung mit fundamentalliturgischen Aspekten
- KKK 1066-1112. - CIC 834-839. - BALTHASAR, H. U. von, „Die Würde der Liturgie“, Communio 7 (1978) 481-487. - CATELLA, A., Theology of the Liturgy, in: CHUPUNGCO, A. J. (Hg.), Handbook for Liturgical Studies 2, Collegeville 1997, 3-28. - CLERCK, P. de (Hg.), La Liturgie, lieu théologique, Paris 1999. - KUNZLER, M., Die Liturgie der Kirche, AMATECA 10, Paderborn 1995. – MESSNER, R., Einführung in die Liturgiewissenschaft, Paderborn 2001. - MEYER, H. B., „Liturgie als Hauptfach“, ZKTh 88 (1966) 315-335. - RATZINGER, J., Der Geist der Liturgie, Freiburg 2000. 5 - SARTORE, D. – TRIACCA, A. M. (Hg.), Nuovo Dizionario di Liturgia, Cinisello Balsamo 1993. - STENZEL, A., Liturgie als theologischer Ort, in: Mysterium salutis 1, Einsiedeln 1965, 606-621. - TAGLIAFERRI, R., Prassi e scienza liturgica: acquisizioni e prospettive, in: Liturgia: Itinerari di ricerca. Scienza liturgica e discipline teologiche in dialogo, Studi di Liturgia. Nuova Serie 32, Bibliotheca „Ephemerides Liturgicae“. „Subsidia“ 91, Roma 1997, 67-111. - VAGAGGINI, C., Il senso teologico della liturgia. Saggio di liturgia teologica generale, Roma 1957. – VO·ICKY, B. J. M., Sakraltheologie 4. Fundamentalliturgik, Heiligenkreuz 2003.

1.1.

Liturgie als Hauptfach

1.1.1. Das Zweite Vatikanische Konzil Am 11. Oktober 1962 wurde das Zweite Vatikanische Konzil feierlich eröffnet. Als erstes Dokument wurde der Text über die Hl. Liturgie diskutiert. Das von der vorbereitenden Liturgischen Kommission entworfene Schreiben wurde mit einigen Änderungen am 4. Dezember 1963 (vor 40 Jahren!) angenommen. Die feierliche Schlussabstimmung ergab 2147 Ja-Stimmen gegen 4 Nein-Stimmen. Dieser erste Text des Zweiten Vatikanischen Konzils trägt den Namen Sacrosanctum Concilium. Gemäß diesem Dokument zählt die Liturgiewissenschaft ausdrücklich zu den „Hauptfächern“ (disciplina principalis) an den theologischen Fakultäten:
SC 16: Das Lehrfach Liturgiewissenschaft ist in den Seminarien und den Studienhäusern der Orden zu den notwendigen und wichtigen Fächern und an den Theologischen Fakultäten zu den Hauptfächern zu rechnen. Es ist sowohl unter theologischem und historischem wie auch unter geistlichem, seelsorglichem und rechtlichem Gesichtspunkt zu behandeln. Darüber hinaus mögen die Dozenten der übrigen Fächer, insbesondere die der dogmatischen Theologie, die der Heiligen Schrift, der Theologie des geistlichen Lebens und der Pastoraltheologie, von den inneren Erfordernissen je ihres eigenen Gegenstandes aus das Mysterium Christi und die Heilsgeschichte so herausarbeiten, dass von da aus der Zusammenhang mit der Liturgie und die Einheit der priesterlichen Ausbildung deutlich aufleuchtet. SC 2: In der Liturgie, besonders im heiligen Opfer der Eucharistie, vollzieht sich das Werk unserer Erlösung. SC 10: Die Liturgie ist der Höhepunkt, dem das Tun der Kirche zustrebt, und zugleich die Quelle, aus der all ihre Kraft strömt.

1.1.2. Die Grundordnung für die Ausbildung der Priester (1970 und 1985) In der Ratio fundamentalis institutionis sacerdotalis (Grundordnung für die Ausbildung der Priester. Ein Dokument der Kongregation für das katholische Bildungswesen) vom 6. 1. 1970 heißt es über die Liturgiewissenschaft:
Die Liturgie ist jetzt als Hauptdisziplin zu behandeln. Sie soll daher nicht unter rein juridischem, sondern vielmehr unter theologischem, historischem sowie spirituellem und pastoralem Aspekt in innerem Zusammenhang mit den anderen Disziplinen dargeboten werden. So sollen die Studenten vor allem begreifen, auf welche Weise die Heilsgeheimnisse in den liturgischen Handlungen gegenwärtig sind und wirken. Weiterhin soll durch die Erklärung von Texten und Riten der Kirche des Ostens und des Westens

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die heilige Liturgie als der vorzügliche theologische Ort aufscheinen, an dem der Glaube der Kirche und ihr geistliches Leben zeichenhaft dargestellt werden. (Ratio fundamentalis institutionis sacerdotalis 79, in: DEL I, 876f)

Unter Papst Johannes Paul II. veröffentlicht die Kongregation für das katholische Bildungswesen am 19. 3. 1985 eine Neuausgabe der Ratio fundamentalis institutionis sacerdotalis (Grundordnung für die Ausbildung der Priester), in der der Abschnitt über die Liturgie unverändert bleibt (vgl. Ratio fundamentalis institutionis sacerdotalis 79, in: DEL III, 384). 1.1.3. Die liturgische Ausbildung im Priesterseminar Unter Papst Johannes Paul II. entsteht die Instruktion De institutione liturgica in Seminariis (über die liturgische Ausbildung der Priesteramtskandidaten) vom 3. 6. 1979. Schon im Vorwort heißt es:
Die herausragende Bedeutung, die der heiligen Liturgie im Leben der Kirche zukommt, verlangt, dass die heutigen Priesteramtskandidaten durch längere Zeit genauestens in sie eingeübt und wissenschaftlich gründlich in sie eingeführt werden, um im pastoralen Dienst für die Aufgaben auf diesem Gebiet voll gerüstet zu sein. … Da aber die Liturgie, in der sich das Werk unserer Erlösung vollzieht, am meisten dazu beiträgt, dass das Leben der Gläubigen Ausdruck und Offenbarung des Mysteriums Christ und des eigentlichen Wesens der wahren Kirche wird, bewirkt ihre ständige Ausübung und ihr Studium bei den künftigen Priestern eine tiefere Erkenntnis und Stärkung des Glaubens und eine lebendige Erfahrung der Kirche. (De institutione liturgica in Seminariis, in: DEL II, 352)

1.1.4. Die liturgische Ausbildung in den Klöstern und Ordensinstituten Die Kongregation für die Institute des geweihten Lebens gibt am 2. 2. 1990 das Dokument Potissimum Institutioni (Richtlinien über die Ausbildung in den Ordensinstituten) heraus. Darin heißt es über die Liturgie u.a.:
Die Liturgie, vor allem die Feier der Eucharistie und das Stundengebet, nimmt in diesen Instituten einen erstrangigen Platz ein. Wenn die Alten das Klosterleben gern mit dem Leben der Engel verglichen, dann unter anderem deshalb, weil die Engel „Liturgen“ Gottes sind (vgl. Origenes, Peri Archon 1,8,1). Die Liturgie, in der sich Himmel und Erde vereinen und die darum gleichsam einen Vorgeschmack der himmlischen Liturgie vermittelt, ist der Höhepunkt, dem die ganze Kirche zustrebt, und zugleich die Quelle, aus der all ihre Kraft strömt. In ihr erschöpft sich nicht das ganze Tun der Kirche, aber sie ist für diejenigen, die sich „einzig und allein der Sache Gottes zuwenden“, der Ort und das bevorzugte Mittel, namens der Kirche in Anbetung, Freude und Danksagung das von Christus vollbrachte Heilswerk zu verherrlichen, an das uns der Ablauf des liturgischen Jahres immer wieder erinnert. Die Liturgie soll daher nicht nur sorgfältig nach den eigenen Traditionen und Riten der verschiedenen Instituten gefeiert, sondern auch im Hinblick auf ihre Geschichte, die Vielfalt ihrer Formen und ihre theologische Bedeutung studiert werden. (Potissimum Institutioni, in: DEL III, 800f)

1.2. Was ist Liturgie? 1.2.1. Liturgie – ein griechisches Wort Das Wort „Liturgie“ kommt von den griechischen Ausdrücken λαος (Volk) und εργον (Tun, Handeln). Das Wort λειτουργια bedeutet also „Handeln des Volkes (zur Ehre Gottes)“ oder „Handeln (Gottes) am Volk“. Im klassischen Griechisch hat das Wort leitourgía eigentlich keine speziell religiöse Bedeutung. Es bedeutet im klassischen Griechisch öffentlicher Dienst, Dienstleistung zugunsten des Volkes (politischer, wirtschaftlicher oder religiöser Art: zB. Errichtung einer Stadtmauer oder eines Marktplatzes).

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In der hellenistischen Zeit (Spätzeit griechischer Kultur) wird das Wort auch zur Bezeichnung des Kultes an den heidnischen Göttern verwendet. In der Septuaginta, der griechischen Bibelübersetzung, erhält das Wort leitourgía eine speziell religiöse Bedeutung. Es ist terminus tecnicus (Fachausdruck) für den Gottesdienst des levitischen Priestertums und damit für den in der Zeit des AT auf das Kommen Christi vorbereitenden Gottesdienst. In der hebräischen Bibel dagegen wird der Gottesdienst am Tempel mit den Wörtern sheret (Freundesdienst, Dienst) und abodah (Sklavendienst, Dienst) ausgedrückt, wobei beide hebräischen Wörter in profanem Kontext auch profane Bedeutung haben können.
zB.: Num 3,31: Sie hatten die Sorge für die Lade, den Tisch, den Leuchter, die Altäre, die heiligen Geräte, mit denen sie ihren Dienst (hebr. sheret; griech. leitourgía) versahen, … 1 Chr 9,13: … Sie waren tüchtige Männer in der Besorgung des Dienstes (hebr. abodah; griech. leitourgía) im Haus Gottes.

Im NT wird das Wort leitourgía unterschiedlich verwendet: a) im profanen Sinn: Röm 13,6; 15,27; Phil 2,25.30; 2 Kor 9,12; Heb 1,7.14 mit der Bedeutung: Dienstleistung, Dienst b) im Sinne des alttestamentlichen, levitischen Priesterdienstes: Lk 1,23 (Zacharias), Heb 9,21 c) im Sinne eines rein, spirituellen Dienstes: Röm 15,16; Phil 2,17 d) NUR EINMAL kommt es zur Bezeichnung eines christlichen Gottesdienstes vor: Apg 13,2 (Als sie zu Ehren des Herrn Gottesdienst feierten und fasteten, sprach der Heilige Geist: Wählt mir Barnabas und Saulus zu dem Werk aus, zu dem ich sie mir berufen habe.) Die Septuaginta und das NT kennen noch ein anderes Wort für Gottesdienst, nämlich latreia (λατρεια) (vgl. Röm 12,1). Dieses Wort meint die kultische Verehrung überhaupt, während das Wort leitourgia durch die Septuaginta als Bezeichnung für den priesterlichen Opferdienst im Tempel geprägt ist (vgl. STRATHMANN, H., λατρευω, λατρεια, in: ThWNT 4, Stuttgart 1942, 63). Wegen der Besonderheit des christlichen Gottesdienstes vermied man zunächst – schon um sich von der heidnischen und jüdischen Umwelt zu unterscheiden – einen generellen Begriff für den Gottesdienst (KUNZLER, Liturgie 36). Der Begriff leitourgia bürgerte sich in den ersten Jahrhunderten der Kirche in den Gegenden der griechisch sprechenden Christen immer mehr als Bezeichnung für die gottesdienstliche Feiern ein. Allmählich wurde der Begriff aber immer mehr nur zur Bezeichnung einer bestimmten gottesdienstlichen Feier verwendet: zur Feier der Eucharistie. Auch heute wird in der Ostkirche die Eucharistiefeier Göttliche Liturgie genannt. Als Dialog zwischen Gott und Mensch erreicht die Liturgie ihre höchste Dichte in der Eucharistiefeier (KUNZLER, Liturgie 36). In der lateinischen Kirche werden für die Bezeichnung des Gottesdienstes Termini wie officia divina, opus divinum und sacri ritus oder ecclesiae ritus verwendet. Erst im Zeitalter der Renaissance wird der Begriff Liturgia in latinisierter Form verbreitet (durch Renaissance-Schriftsteller wie G. Cassander, J. Pamelius und J. Bona). Unter Papst Gregor XVI. († 1846) erscheint das Wort Liturgia erstmals in einem päpstlichen Dokument (vgl. CHUPUNGCO, A. J., A Definition of Liturgy , in: CHUPUNGCO, A. J. (Hg.), Handbook for Liturgical Studies 1, Collegeville 1997, 4).

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1.2.2. Theologische Erklärungen der Liturgie a) Mediator Dei Papst Pius XII. veröffentlichte 1947 die Enzyklika Mediator Dei über die Hl. Liturgie. Diese Enzyklika war von großer Bedeutung für die liturgische Erneuerungsbewegung des 20. Jahrhunderts. In dieser Enzyklika wird der Liturgie eine theologische Erklärung gegeben:
Die heilige Liturgie bildet folglich den öffentlichen Kult, den unser Erlöser, das Haupt der Kirche, dem himmlischen Vater erweist und den die Gemeinschaft der Christgläubigen ihrem Gründer und durch ihn dem Ewigen Vater darbringt; um es zusammenfassend kurz auszudrücken: sie stellt den gesamten öffentlichen Gottesdienst des mystischen Leibes Jesu Christi dar, seines Hauptes nämlich und seiner Glieder. (Mediator Dei 20).

– Diese Definition der Liturgie hebt die Christozentrik des christlichen Gottesdienstes hervor. Sie betont das hohepriesterliche Tun Jesu Christi. Er ist als Hoherpriester Mittler zwischen Gott und Menschen (daher Mediator Dei = Mittler Gottes). – Sie setzt die Theologie vom mystischen Leib Christi voraus: Christus ist das Haupt und die Kirche ist der Leib. (vgl. Eph 1,22f: Alles hat er ihm zu Füßen gelegt und ihn, der als Haupt alles überragt, über die Kirche gesetzt. Sie ist sein Leib und wird von ihm erfüllt, der das All ganz und gar beherrscht). – Der Kult wird von Christus dargebracht: durch die Unterwerfung dem Ewigen Vater gegenüber (Mediator Dei 17), die durch Christi Wort: Ja, ich komme, um deinen Willen, Gott, zu tun (Hebr 10,7) klar ausgedrückt ist (Mediator Dei 17). Der Kult Christi und die Unterwerfung dem Willen Gottes gegenüber findet im blutigen Kreuzesopfer ihren Höhepunkt (Mediator Dei 17). – Der Gottesdienst Christi besteht auf Erden ununterbrochen durch das Tun der Kirche weiter (Mediator Dei 18). – Die Liturgie ist immer ein öffentliches Handeln, nie ein privates. Die Regelung der Liturgie steht alleinder kirchlichen Autorität zu. – Christus ist gegenwärtig im liturgischen Handeln der Kirche (Mediator Dei 20): - im Priester beim Opfer der Messe - unter den eucharistischen Gestalten - in den Sakramenten - im gemeinsamen Beten und Singen (vgl. Mt 18,20) b) Sacrosanctum Concilium Zur Theologie von SC 1-20: Die ersten zwanzig Kapitel von SC behandeln speziell theologische Themen der Liturgie. Sie sollen bei der Prüfung gut gekannt werden. SC 1: Das Ziel des Konzils. SC 2: Die Bedeutung der Liturgie für die Kirche und für die Welt. Ein wichtiger Satz: in der Liturgie, besonders im heiligen Opfer der Eucharistie, vollzieht sich das Werk unserer Erlösung : wir sind durch Christi Tod und Auferstehung erlöst worden. In der Liturgie, besonders bei der Feier der Eucharistie, wird durch sinnhafte Zeichen diese Erlösungstat vergegenwärtigt. SC 3: Beschränkung der praktischen Richtlinien auf den römischen Ritus SC 4: Die anderen rechtlich anerkannten Riten

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SC 5: Christus, der Mittler zwischen Gott und den Menschen (vgl. Mediator Dei 1; 1 Tim 2,5), der Erlöser, von dessen Seite die Kirche hervorgegangen ist. Wichtiger Ausdruck: Zeiten : die früheren Zeiten (Hebr 1,1) die Propheten göttlichen Machterweise am Volk des Alten Bundes – – – die Fülle der Zeit Christus Pascha-Mysterium

Wichtiger Ausdruck: Pascha-Mysterium: (österliches Geheimnis, Geheimnis vom Hinübergehen): Leiden, Kreuz, Auferstehung, Himmelfahrt Christi: Sieg über den Tod und Neuschöpfung eines neuen Lebens. SC 6: der Auftrag Christi an die Kirche: Verkündigung des Evangeliums und Vollziehung des Heilswerkes durch Opfer und Sakrament SC 7: Das Wesen der Liturgie Fünffache Gegenwart Christi in der Liturgie (vgl. Mediator Dei 20): - im Priester beim Opfer der Messe (Kraft Christi) - vor allem unter den eucharistischen Gestalten (der ganze Christus) - in den Sakramenten (mit seiner Kraft) (Kraft Christi) - in seinem Wort (Botschaft Christi) - im gemeinsamen Beten und Singen (vgl. Mt 18,20)(Liebe Christi zu Gott und dem Nächsten) In der Enzyklika Mysterium fidei über die Lehre und den Kult der Eucharistie von Papst Paul VI. (3. 9. 1965) wird die Gegenwart Christi nicht bloß in der Liturgie, sondern überhaupt in der Kirche, dazu noch umfassender und ausführlicher erklärt:
Aber ein anderer, ganz besonderer Grund ist es, warum Christus seiner Kirche gegenwärtig ist im Sakrament der Eucharistie und weswegen dieses Sakrament im Vergleich zu den anderen Sakramenten „inniger an Andacht, schöner in seinem Sinngehalt, heiliger in seinem Wesen ist“ (Aegidius Romanus, Theoremata de Corpore Christi, theor. 50): es enthält nämlich Christus selbst und ist „gewissermaßen die Vollendung des geistlichen Lebens und das Ziel aller Sakramente (Thomas, Summ. Theol., III, q. 73, Nr. 3c). Diese Gegenwart wird „wirklich“ genannt, nichrt im ausschließenden Sinn, als ob die anderen nicht „wirklich“ wären, sondern in einem hervorhebenden Sinn, weil sie wesentlich ist, wodurch der ganze und unversehrte Christus, Gott und Mensch, gegenwärtig wird. (DEL I, 230-232).

SC 7: Definition der Liturgie: Mit Recht gilt also die Liturgie als Vollzug des Priesteramtes Jesu Christi; durch sinnenfällige Zeichen wird in ihr die Heiligung des Menschen bezeichnet und in je eigener Weise bewirkt und vom mystischen Leib Jesu Christi, d. h. dem Haupt und den Gliedern, der gesamte öffentliche Kult vollzogen. Infolgedessen ist jede liturgische Feier als Werk Christi, des Priesters, und seines Leibes, der die Kirche ist, in vorzüglichem Sinn heilige Handlung, deren Wirksamkeit kein anderes Tun der Kirche an Rang und Maß erreicht. Ein wichtiger Satz: durch sinnenfällige Zeichen wird in ihr die Heiligung des Menschen bezeichnet und in je eigener Weise bewirkt und vom mystischen Leib

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Jesu Christi, d. h. dem Haupt und den Gliedern, der gesamte öffentliche Kult vollzogen. Hier wird das Wesen der Liturgie als Dialog zwischen Gott und Menschen ausgedrückt. In dieser Formulierung wird sowohl der göttliche Herabstieg (katabatische Aspekt: die Heiligung des Menschen) als auch der menschliche Aufstieg (anabatische Aspekt: Darbringung des öffentlichen Kultes) ausgedrückt. Diese Stelle kann in ihrer Bedeutung kaum hoch genug eingeschätzt werden. Gott wendet sich in der Liturgie dem Menschen zu in Wort und Sakrament und der begnadete Mensch antwortet Gott durch Lobpreis, im eucharistischen Opfer und Gebet. Beide Aspekte, der katabatische und der anabatische, sind nur zwei Sichtweisen der ein und derselben Wirklichkeit, nämlich der liturgischen Feier. Die Katabasis Gottes ermöglicht erst die Anabasis des Menschen. Gott bedarf schließlich auch nicht der Ehre durch den Menschen. Gott will den Menschen in die göttliche Lebensfülle einbeziehen (vgl. KUNZLER, Die Liturgie der Kirche 21f). Ein wichtiger Satz: Infolgedessen ist jede liturgische Feier als Werk Christi, des Priesters, und seines Leibes, der die Kirche ist, in vorzüglichem Sinn heilige Handlung, deren Wirksamkeit kein anderes Tun der Kirche an Rang und Maß erreicht. Auch hier sind beide Aspekte ausgedrückt: Werk Christi und seines Leibes. Kein anderes Tun der Kirche ist wirksamer als die liturgische Feier, weil sie vor allem zunächst Werk Christi, aber auch Tun seiner Kirche ist. SC 8: Vorauskosten der himmlischen Liturgie Beim Sanctus ist der Himmel offen und nehmen die Gläubigen am Chor des Himmels teil. SC 9: die drei Grundvollzüge der Kirche: (die drei Säulen der Welt: gemäß einem Apophthegma des Hohenpriesters Simeon des Gerechten [um 200 vChr.; vgl. Sir 50, 1-21; vgl. STANDAERT, B., Le tre colonne del mondo, Magnano 1992, 10]: die Welt ruht auf drei Säulen: auf dem Studium der Weisung Gottes, auf dem Gottesdienst und auf den Werken der Barmherzigkeit – Studium der Weisung Gottes: Die Welt ruht auf drei Säulen, aber die erste ist die Erkenntnis, das Wissen im Licht Gottes. Oft wird es heute vergessen, dass das zum Christ-Sein gehört: das Kennenlernen des Glaubens, das Weitergeben des Glaubenswissens; – Gottesdienst: Die Welt ruht auf drei Säulen, aber die edelste ist der Gottesdienst, der Höhepunkt im christlichen Leben. – Werke der Barmherzigkeit: Das christliche Leben muss sich im Alltag bewähren: die Kunst der Nächstenliebe) Simeon d. G.: Studium Bened. Axiom: lege (vgl. RB 60) (lies) Grundvollzüge: martyria (griech.) (Zeugendienst) Gottesdienst ora (bete) leitourgia (Gottesdienst) Werke der Barmherzigkeit labora (arbeite) diakonia (Liebesdienst)

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Grundvollzüge: munus docendi munus sanctificandi (lat.) (Verkündigungsdienst) (Heiligungsdienst) KKK: Glaubensbekenntnis Die Feier des des christlichen Mysteriums

munus reggendi (Leitungsdienst) Das Leben in Christus

SC 10: die Liturgie als Höhepunkt und Quelle (culmen et fons) In Mediator Dei 201 heißt es vom eucharistischen Opfer:
Das hochheilige Opfer der Altäre ist der hauptsächlichste Akt der Gottesverehrung. Es muß daher auch Quelle und gleichsam Mittelpunkt der christlichen Frömmigkeit sein. Glaubt niemals, eurem apostolischen Eifer Genüge getan zu haben, ehe ihr nicht eure Gläubigen in möglichst großer Zahl dem himmlischen Gastmahl zugeführt habt, das da ist das Sakrament der Frömmigkeit, das Zeichen der Einheit, das Band der Liebe.

Auch in der Konstitution des 2. Vatikanischen Konzils über die Kirche (Lumen Gentium) 11 wird die Eucharistie als Quelle und Höhepunkt genannt:
In der Teilnahme am eucharistischen Opfer, der Quelle und dem Höhepunkt des ganzen christlichen Lebens, bringen sie das göttliche Opferlamm Gott dar und sich selbst mit ihm.

Auch im Dekret über die Hirtenaufgabe der Bischöfe in der Kirche (Christus Dominus) 30,2 wird die Eucharistie als Quelle und Höhepunkt hervorgehoben:
Beim Vollzug des Werkes der Heiligung sollen die Pfarrer dafür sorgen, dass die Feier des eucharistischen Opfers Mitte und Höhepunkt des ganzen Lebens der christlichen Gemeinde ist.

Im Dekret über die Ausbildung der Priester (Optatam totius ) heißt es:
Die heilige Liturgie ist als erste und notwendige Quelle des wahrhaft christlichen Geistes zu betrachten … (Optatam totius 16).

SC 11: damit die Gläubigen bewusst, tätig und mit geistlichem Gewinn teilnehmen (ut fideles scienter, actuose et fructuose eandem participent). 22. 11. 1903: Papst Pius X. spricht im Motuproprio Tra le sollecitudini von der „actuosa participatio fidelium“, dh. von der tätigen Teilnahme der Gläubigen an den hll. Mysterien:
Die erste und unerlässliche Quelle aber, aus der dieser [wahrhaft christliche] Geist geschöpft wird, ist die aktive Teilnahme der Gläubigen an den heiligen Mysterien und an dem öffentlichen und feierlichen Gebete der Kirche. (vgl. ISERLOH, E., Die Liturgische Bewegung, in: JEDIN H. (Hg.), Handbuch der Kirchengeschichte 7, Freiburg 1979, 303f).

Das Motuproprio „Tra le sollecitudini“ behandelt eigentlich die Kirchenmusik (gegen Opernorchestermusik; und für klassische Polyphonie und vor allem für Gregorianik; Pius X. war nicht gegen nationale Überlieferungen und Kompositionen, solange diese einen religiösen und künstlerischen Charakter hatten). In SC 14-20 wird die actuosa participatio noch näher ausgeführt.

SC 12: privates Beten Das private Beten darf nicht fehlen. Das Gebet ohne Unterlass zeichnet den wahren Beter aus und entspricht klaren biblischen Mahnungen. SC 13: Andachtsübungen

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Die Andachtsübungen (Rosenkranz, Litaneien, Segensandachten) dürfen nicht abgeschafft werden, sondern werden sehr empfohlen, sofern sie den Regeln der Kirche entsprechen. SC 14: Liturgische Bildung Hier ist von der totius populi plena et actuosa participatio (volle und tätige Teilnahme des ganzen Volkes) die Rede. Darauf ergibt sich die Notwendigkeit zur liturgischen Katechese (Unterweisung). Zunächst müssen aber die Seelsorger selber vom Geist der Liturgie tief durchdrungen sein. Hier wird auch nochmals auf die Liturgie als Quelle hingewiesen. SC 15: Liturgische Ausbildung der Dozenten für Liturgiewissenschaft Gediegene Ausbildung SC 16: Liturgiewissenschaft Disciplina principale SC 17: Liturgische Formung (Priesteramtskandidaten) des geistlichen Lebens der Kleriker

SC 18: Liturgische Fortbildung der Priester SC 19: Liturgische Bildung der Gläubigen SC 20: Übertragung heiliger Handlungen durch Rundfunk und Fernsehen c) Der Katechismus der Katholischen Kirche Der KKK erklärt die Liturgie vor allem als Werk der Heiligsten Dreifaltigkeit (vgl. KKK1076-1112). KKK 1110: In der Liturgie der Kirche wird Gott der Vater gepriesen und angebetet als der Ursprung allen Segens der Schöpfung und des Heiles, mit dem er uns in seinem Sohn gesegnet hat, um uns den Geist der Annahme an Kindes Statt zu geben.
Die Gnade in der Liturgie kommt: (Herabsteigen der Gnade Gottes) Ja, du bist heilig, großer Gott, und alle deine Werke verkünden dein Lob. Denn durch deinen Sohn, unseren Herrn Jesus Christus, und in der Kraft des Heiligen Geistes erfüllst du die ganze Schöpfung mit Leben und Gnade. (vgl. Hochgebet III; MB 490) Durch ihn und mit ihm und in ihm ist dir, Gott, allmächtiger Vater, in der Einheit des Heiligen Geistes alle Herrlichkeit und Ehre jetzt und in Ewigkeit. Amen. (Schlussdoxologie zum Hochgebet

Der Kult wird dargebracht: (Hinaufsteigen des Menschen)

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1.3.

Die Liturgiewissenschaft

1.3.1. Die Liturgiewissenschaft als Glaubenswissenschaft Die Liturgiewissenschaft ist eine Teilwissenschaft der Theologie; sie ist eine Glaubenswissenschaft, und hat dieselben Postulate wie die Theologie: Sie setzt voraus, dass es Gott gibt, dass er sich in der Hl. Schrift und durch Christus offenbart hat, dass er die Kirche gestiftet hat und dass er durch den Heiligen Geist Tag für Tag wirkt. Das Thema der Liturgiewissenschaft ist der Glaube der Kirche in seiner gottesdienstlichen Gestalt. Die Liturgiewissenschaft reflektiert mit wissenschaftlichen Methoden den in Gebet und rituellen Handlungen gefeierten Glauben. (MESSNER, Einführung 26). M. Kunzler fragt, ob Liturgiewissenschaft auch von einem Ungläubigen betrieben werden könnte. Ist eine areligiöse Liturgiewissenschaft möglich? In ihr würde die ganze Art des christlichen Gottesdienstes als anthropologisches Phänomen untersucht und vom jeweiligen kulturellen und sozialen Kontext der Zeit betrachtet. Letztlich ist aber eine areligiöse Liturgiewissenschaft keine Teilwissenschaft der Theologie mehr, sondern muss in der Bereich der Religionswissenschaft angesiedelt werden. Liturgiewissenschaft wird vom gläubigen Christen angegangen. Fides quaerens intellectum. (Der Glaube sucht das Erkennen.) Der auf Gott vertrauende Christ will tiefer eindringen in die Kenntnis Gottes, den Glauben in seiner gottesdienstlichen Gestalt kennen. Gerade die Liturgiewissenschaft soll betend angegangen werden. Die Liturgie als Dialog zwischen Gott und Kirche hat letztlich die Vereinigung des Menschen mit Gott als Ziel. 1.3.2. Was Liturgiewissenschaft nicht ist: + Liturgiewissenschaft kann nicht mit Zeremonienkunde gleichgesetzt werden. Es geht bei der Liturgie nicht einfach nur um den äußeren und sinnfälligen Teil des Gottesdienstes oder bloß um die äußerlich würdige Feier der Zeremonien. Da wäre Liturgie letztlich nur Ästhetizismus. + Liturgiewissenschaft kann nicht mit Rubrikenkunde gleichgesetzt werden. Ein Rubrik (vom lateinischen rubrum = rot) ist eine (meist rotgeschriebene) Vorschrift in einem liturgischen Buch. Liturgie ist nicht bloß eine Sammlung von Gesetzen und Vorschriften, die von der kirchlichen Hierarchie erlassen sind, um die heiligen Riten recht zu erfüllen. Da wäre Liturgie bloße Rubrizistik. + Das Fach Liturgiewissenschaft ist kein Selbstverwirklichungsseminar. Es geht nicht um die Frage, wie verwirkliche ich mich als guter Priester im Gottesdienst, als Priester mit Erfolg. Der Priester und jeder, der die Liturgie mitfeiert, muss sich vor allem als Diener Christi und Diener der Kirche erkennen. + Das Fach Liturgiewissenschaft hat nichts mit Show und Theaterwissenschaft zu tun. Der Priester soll nicht versuchen, den Gottesdienst mit ausgefallenen „actions“ oder „shows“ auszustatten, sondern einfach gläubig Gottesdienst feiern: freilich mit pastoraler Klugheit und Rücksicht auf die Mitfeiernden, aber ohne von Gott abzulenken. Christus soll die Mitte und das Ziel des Gottesdienstes sein.

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1.3.3. Einteilung der Liturgiewissenschaft: 1.3.3.1. Historische Liturgiewissenschaft (historische Aspekte) Die Mutterdisziplin der Liturgiewissenschaft ist die Kirchengeschichte. (MESSNER, Einführung 19). Studien im Rahmen der Kirchengeschichte zur Liturgie haben das Forschen an liturgischen Texten eingeleitet und den systematischen und den praktischen Aspekt der Liturgiewissenschaft immer wieder befruchtet. Die historische Liturgiewissenschaft erschließt die gottesdienstlichen Quellen der Vergangenheit. Das Ziel der historischen Liturgiewissenschaft ist die Rekonstruktion des Gottesdienstes der Vergangenheit. Auf die historische Liturgiewissenschaft muss immer wieder zurückgegriffen werden, um die einzelnen liturgischen Wirklichkeiten heute zu verstehen. Wichtig: Die Liturgiewissenschaft soll allerdings nicht eine Teilwissenschaft der Geschichte werden. Sie ist vor allem ein theologisches Fach. 1.3.3.2. Systematische Liturgiewissenschaft (theologische Aspekte) Die systematische Liturgiewissenschaft hat die Aufgabe, zu zeigen, welche Bedeutung die einzelnen liturgischen Worte, Riten und Elemente haben. Welche Glaubensbotschaften verbergen sich in ihnen? Von der frühen Kirche bis ins Mittelalter, aber auch in der Neuzeit gibt es viele Mystagogische Katechesen bzw. Liturgie-Kommentare, in denen es um die Frage geht: Was bedeuten die liturgischen Handlungen? a) Einige Beispiele: + Gefaltete Hände: Sie gehen auf jenen alten germanischen Ritus zurück, bei dem ein Gefolgsmann seinem Herrn Gehorsam und Treue gelobte (germanisches Feudalrecht): der Gefolgsmann legte die Hände in die Hände des Herrn (wie bei der Priesterweihe). Sie drücken Treue und Gehorsam, aber gleichzeitig auch Vertrauen aus. Sie weisen in die Höhe, zum Herrn hin. Die gefalteten Hände mit verschränkten Fingern drücken Gesammeltheit und Ruhe aus. Die beiden Hände sind harmonisch zusammengeflochten. + Kniebeuge vor Gott: kommt vom hellenistisch-römischen Götter- und Kaiserkult; die Christen haben nur einen Gott; er wird mit einer Kniebeuge verehrt. Jesus, ich grüße dich, du aber segne mich oder Heiland, ich bete dich an oder Gelobt sei Jesus Christus. + Knien vor Gott (Circumflectio): Ausdruck der Ehrfurcht und Anbetung; Apg 20,36 (Paulus betet bei seinem Abschied in Milet kniend mit der Gemeinde); Nie ist der Mensch größer, als wenn er kniet (Sel. Papst Johannes XXIII.); ein Kunsthistoriker, der eine berühmte, wertvolle Christusstatue besichtigt, ist enttäuscht: sie machte auf ihn nicht den erhofften Eindruck. Da sagte ihm jemand: „Mein Herr! Sie müssen niederknien und das Christusbild von unten ansehen“. + Sichausstrecken auf dem Boden (Prostratio/Proskynesis): ein besonderer Ausdruck der Ehrfurcht und Anbetung; beim Sakrament der Weihe, bei der Profess, am Karfreitag: der Mensch macht sich ganz klein vor Gott; er ist ganz wehrlos: er ergibt sich vor Gott; er gibt sich Gott hin. Er betet den Herrn an. Ezechiel fällt bei der Erscheinung Gottes und des Thronwagens auf sein Gesicht; vgl. Ez 1,28 (als Zeichen des Erschreckens und der ehrfürchtigen Anbetung). + Verneigung vor Menschen und Gott (Inclinatio/Proskynesis): vor allem im Mittelalter in der römischen Liturgie sehr verbreitet; Ausdruck der Ehrfurcht (vgl. Gen 37,7: Traum des Josef). + Stehen vor Gott: Ausdruck der bereiten Aufmerksamkeit: 1 Kön 19,13 (Elija!); Evangelium 11

Ausdruck der Freude: vgl. die Fans beim Tor während eines Fußballspiels; Gloria (Jubel); Evangelium (Frohe Botschaft); Ausdruck des Bekenntnisses (wie die Apostel, die im Tempel stehen und lehren und die vor dem Hohen Rat stehen: Apg 5,25.27): Glaubensbekenntnis Ausdruck der Standhaftigkeit und Treue (wie der hl. Benedikt, der stehend stirbt) + Sitzen vor Gott: Haltung des Rastens und der Nahrungs-Aufnahme (vgl. Mt 14,19: Speisung der Menge) + Liturgische Kleidung: sie drückt aus, dass die liturgische Handlung nichts profanes, sondern ein göttlicher, heiliger Moment ist; die Liturgie ist das Werk Gottes; das Menschliche wird zugedeckt; die Kirche soll in ihrer Heiligkeit sichtbar werden. „Ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus als ein Gewand angezogen“ (Gal 3,27). (das liturgische Kleid als Hinweis auf die Erlösung) „Hiermit nehme ich deine Schuld von dir und bekleide dich mit festlichen Gewändern.“ (Sach 3,4). (das liturgische Kleid als Geschenk Gottes) + die Albe erinnert an die himmlische Liturgie (vgl. Offb 7,14f: Es sind die, die aus der großen Bedrängnis kommen; sie haben ihre Gewänder gewaschen und im Blut des Lammes weiß gemacht. Deshalb stehen sie vor dem Thron Gottes und dienen ihm bei Tag und Nacht in seinem Tempel). + Weiß: weist auf den strahlenden Sieg, auf die Reinheit Christi hin. Im Bericht über die Verklärung Christi heißt es: Seine Kleider wurden strahlend weiß, so weiß, wie sie auf Erden kein Bleicher machen kann. + Grün: als Farbe der Hoffnung auf dem Weg zu Gott + Rot: weist darauf hin, dass Christus sein Blut für die Seinen hingegeben hat (Palmsonntag, Karfreitag) und König der Märtyrer ist (Märtyrerfeste); dass das Feuer des Heiligen Geistes der Kirche geschenkt ist (Pfingsten). + Violett: als Farbe des Übergangs (Rot ist die Farbe des Blutes, des Fleisches, letztlich des Irdischen; Blau ist die Farbe des Himmels); der Advent erinnert an die Ankunft Christi (vom Himmel zur Erde); die Fastenzeit mahnt zur Umkehr (von der Erde zum Himmel). Auch bei einem Begräbnis wird Violett als Farbe der Transzendenz, des Übergangs gesehen (als vorösterliche Farbe). + Rosarot: als Farbe der Morgenröte; das Kommen des Weihnachtsfestes bzw. des Ostersonntags wird gleichsam wie mit einer Morgenröte durch den Sonntag „Gaudete“ (3. Adventsonntag) und Sonntag „Laetare“ (4. Fastensonntag) angekündigt. + Schwarz: die Farbe der Trauer, des Leides: der Schmerz wird nicht verdrängt, sondern ernst genommen. Durch die Liturgie geschieht dann der nächste Schritt: der Blick der Trauernden wird auf das Ewige gelenkt. + Gold / Silber: die Farben der Herrlichkeit, der Ewigkeit. + Literatur zur einfachen Ausdeutung von liturgischen Riten:
GSCHWIND, L., Die heilige Messe. Symbole, Farben, Handlungen, Augsburg 1997. 3 KAPELLARI, E., Heilige Zeichen, Graz 1989.

b) Das Axiom Lex orandi – lex credendi Hier kommt das berühmte Axiom (Ein Axiom ist eine unmittelbar einleuchtende Grundaussage) „lex orandi – lex credendi“, oder in der Originalfassung des Prosper von Aquitanien „ut legem credendi lex statuat supplicandi“ zu tragen. Die Glaubensinhalte der im Laufe von Traditionen überlieferten Gebete sind Richtschnur für den Glauben. Die erste Erwähnung dieses Leitsatzes findet sich beim Theologen und späteren Mönch Prosper von Aquitanien († 455). Zur Zeit von Prosper ging es um die Frage der Gnade im Zusammenhang mit den Semipelagianern („Sind Bitten an Gott mit der Erwartung auf Gnade sinnvoll?“). Dieser antwortete, dass man in 12

einer Glaubensfrage nicht nur die Bestimmungen des Apostolischen Stuhles anführen, sondern auch die „Sakramente der priesterlichen Gebete“ heranziehen solle, dh. die Liturgie berücksichtigen solle, „damit die Regel des Betens die Regel des Glaubens bestimme“ (Legem credendi lex statuat supplicandi). Also in Glaubenssachen sollen auch die liturgischen Texte als Quellen theologischer Feststellungen verwendet werden. In diesem konkreten Fall hat Prosper von Aquitanien damit zeigen können, dass die Tatsache, dass in der Kirche der Apostel um die Gnade gebetet wird, ein Beweis für die theologische Lehre von der Notwendigkeit der Gnade sei. Gerade das wurde ja von den Semipelagianern geleugnet. + Das theologische Fundament des Axioms „Lex Orandi – Lex Credendi“ ist die Überzeugung, dass in der betenden, die Liturgie feiernden Gemeinde Christus und der Heilige Geist (vgl. Röm 8,26f) am Werk sind. Der grundsätzliche apostolische Ursprung der Liturgie und ihre objektive Heiligkeit verleihen der Liturgie zusätzlich Autorität. Die Texte der Liturgie stellen außerdem im ganzen einen Widerhall der Hl. Schrift dar. Die Liturgie nimmt daher, ähnlich wie die Hl. Schrift, in der Theologie den Charakter eines „locus theologicus“ an, dh. einer Fund– und Beweisstelle für die Wahrheiten des Glaubens. + Das Wissen um diese theologisch–dogmatische Bedeutung der Liturgie blieb der abendländischen Theologie immer erhalten, auch wenn von diesem Wissen (im Gegensatz zur Theologie der orthodoxen Kirchen) bis hin ins Mittelalter im Westen nur wenig Gebrauch gemacht wurde. + Die Päpste des 20. Jh.s hoben dieses Axiom wieder neu hervor. Pius XI. nannte in diesem Zusammenhang die Liturgie „das wichtigste Organ des ordentlichen Lehramts“. Auch Papst Pius XII. beschäftigte sich mit diesem Axiom. Er erklärte es, legte aber auch Grenzen für seine Anwendung fest. Er drehte sogar den Ausdruck um und formulierte: Lex credendi – lex orandi). Durch das Gesetz des Glaubens solle das Gesetz des Betens bestimmt werden. + Diese beiden Axiome stehen allerdings nicht im Gegensatz zueinander, sondern ergänzen einander. Die lebendige Form des Betens und Feierns bietet der glaubenden Kirche Anlass, Lehrelemente zu entdecken. Dann prüft sie diese Lehrelemente nach ihrer Relevanz für den Lehrglauben und betätigt sich damit als Lex Credendi. + Dass Papst Pius XII. diese Umkehrung vornahm hängt aber auch damit zusammen, dass er die Gefahr und den Einfluss des Modernismus sah. Eine subjektive religiöse Erfahrung kann schnell eine in sich selbst stehende autonome Liturgie erzeugen, die dann Quelle eines von der Kirche unabhängigen Glaubens ist. Diesem Missverständnis begegnet das Axiom „Lex Credendi – Lex Orandi“. Indem man am erstgenannten Axiom von der „Lex Orandi – Lex Credendi“ unter der Bedingung und der Voraussetzung des zweiten Grundsatzes von der „Lex Credendi – Lex Orandi“ festhält, eröffnet man sich den Blick für die eigentliche Bedeutung der Liturgie unter dem Aspekt des durchbeteten Glaubens. Es gibt nicht wenige Beispiele dafür, dass Menschen nicht zuletzt durch das Mitfeiern der kirchlichen Liturgie zum Glauben kamen und im Glauben wachsen. + Ausführliche Literatur zum Axiom „Lex Orandi – Lex Credendi“:
CLERCK, P. de, „‘Lex orandi, lex credendi‘. Sens originel et avatars historiques d‘un adage équivoque“, in: Qestiones liturgiques 59 (1978) 193–212. SCHEFFCZYK, L., Lex Orandi – Lex Credendi. Die Liturgie als Norm des Glaubens, in: STEINSCHULTE, G. M. (Hg.), Musica Spiritus Sancti Numine Sacra. Beiträge zur Theologie der Musica Sacra aus den Publikationen der Consociatio Internationalis Musicae Sacrae, Città del Vaticano 2001 (Editrice Vaticana), 75–91. SCHULZ, H.–J., „Der Grundsatz ‚lex orandi – lex credendi‘ und die liturgische Dimension der ‚Hierarchie der Wahrheiten‘“, in: Liturgisches Jahrbuch 49 (1999) 171–181.

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1.3.3.3. Praktische Liturgiewissenschaft (pastorale Aspekte) Wie soll der Glaube der Kirche in der jeweiligen liturgischen Handlung bezeugt, vergegenwärtigt und verkündet werden, mit welchen konkreten Riten, Liedern und Worten? Es geht hier darum, in welchen konkreten Handlungen, Riten und Worten der Liturgie der Glaube der Kirche bezeugt, vergegenwärtigt und verkündet wird. Die Impulse der Liturgiereform drängen dazu, dass allen Teilnehmern am Gottesdienst eine participatio actuosa (tätige Teilhabe) ermöglicht wird. Dabei ist es natürlich einerseits wichtig, auf die Teilnehmer der Liturgie Rücksicht zu nehmen (Konventmesse, Schulgottesdienst; Familiengottesdienst; Gottesdienst einer Seniorengruppe; Künstler–Gottesdienst; spanischer Gottesdienst, afrikanischer Gottesdienst; ökumenischer Gottesdienst; etc.) Anderseits ist es aber sehr wichtig, die Glaubensinhalte der Liturgie nicht zu verkürzen oder zu verändern. Ausgangspunkt und Kern der Praktischen Liturgiewissenschaft bleibt letztlich immer die systematische Liturgiewissenschaft, in der die Übereinstimmung der liturgischen Elemente mit dem Glaubensgut der Kirche betrachtet wird (also die Frage nach dem Glaubensinhalt, nach dem „Was“, während die Praktische Liturgiewissenschaft nach dem „Wie“ fragt).
Wer mit der Gestaltung von Gottesdiensten zu tun hat, kann leicht der Versuchung unterliegen, irgendwelche bedeutungsvolle Gesten aus Rücksicht auf Spezialwünsche einzelner zu vernachlässigen. Ein Beispiel: Irgendjemand schlägt bei der Vorbereitung eines Gottesdienstes vor, dass statt statt der Lesung aus der Heiligen Schrift eine schöne Geschichte vorgelesen werden soll. Als Begründung: die Geschichte ist so lehrreich und schön und einfach zu verstehen, etc. ABER: das Fundament unseres Glaubens ist doch die Hl. Schrift, das Wort Gottes.

1.3.3.4. Liturgie und Kirchenrecht (juridische Aspekte) Im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts galt der juridische Aspekt der Liturgie als zentraler Bereich der Liturgiewissenschaft. Er ist auch heute noch wichtig. Durch Can. 838 §2 haben alle vom Apostolischen Stuhl herausgegebenen Bücher auch juridische Bedeutung: Sache des Apostolischen Stuhles ist es, die heilige Liturgie der ganzen Kirche zu ordnen, die liturgischen Bücher herauszugeben und ihre Übersetzungen in die Volkssprachen zu überprüfen sowie darüber zu wachen, dass die liturgischen Ordnungen überall getreu eingehalten werden. Allerdings darf der juridischen Zugang zur Liturgiewissenschaft nicht zu Rubrizismus (Erklärung der liturgischen Handlung allein mit Berufung auf das Kirchenrecht, ohne Hinweis auf theologische Bedeutungen) oder zu skrupulösen Ängsten (im Umgang mit liturgischen Gesetzen) führen. 1.3.3.5. Liturgie und Spiritualität (spirituelle Aspekte) B. Neunheuser spricht von einer liturgischen Spiritualität (vgl. NEUNHEUSER, B., Spiritualità liturgica, in: Nuovo Dizionario di Liturgia, Cinisello Balsamo 51993, 13251345). Sie ist die Haltung des Christen, der sein Leben bewusst auf die authentische Feier des Liturgie aufbaut. In einer liturgischen Spiritualität wird thematisiert, wie die Liturgie tatsächlich culmen et fons im Leben des Christen sein kann (vgl. SC 10).

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2. Geschichte der Liturgie im Rahmen der Kulturepochen
- ADAM, A., Grundriß Liturgie, Freiburg 1986. – KUNZLER, M., Die Liturgie der Kirche, Paderborn 1995. - MARTIMORT, A.-G. (Hg.), Handbuch der Liturgiewissenschaft 1-2, Freiburg 1963.1965 (Originalausgabe: frz.). – MESSNER, R., Einführung in die Liturgiewissenschaft, Paderborn 2001. – METZGER, M., Geschichte der Liturgie, Paderborn 1998 (Originalausgabe: frz.). 5 - SARTORE, D. – TRIACCA, A. M. (Hg.), Nuovo Dizionario di Liturgia, Cinisello Balsamo 1993. – VO·ICKY, B. J. M., Sakraltheologie IV. Fundamentalliturgik, Heiligenkreuz 2003. – WEGMAN, H. A. J., Liturgie in der Geschichte des Christentums, Regensburg 1994 (Originalausgabe: niederländisch).

Bestimmte Inhalte und äußere Elemente der Liturgie können nicht geändert werden. Es gibt bestimmte Bereiche der Liturgie, die im Rahmen der Heiligen Schrift bereits fixiert sind und weder von einem Papst, noch von einem Konzil, noch von einer Kirchenversammlung abgeändert werden können (zB. Glaube an den einen, dreifaltigen Gott und an die Erlösung durch Christus; Taufe mit Wasser; Feier der Eucharistie als Feier des Erlösungsopfers Christi). + Es gibt aber sehr viele Elemente der Liturgie, die im Laufe der Zeiten Veränderung erfahren haben: liturgische Kalender, Feier-Abläufe, liturgische Kleidung, liturgische Gebete, Riten; + Die Liturgie hat sich immer wieder in die jeweils zeitgenössischen Kulturepochen inkarniert. Immer wieder kam es zur Inkulturation der wesentlichen, unveränderlichen Bestandteile der Liturgie im Gewand der jeweiligen Kultur. + Es kam im Laufe der Geschichte zu Entfaltungen der vom Herrn vorgegebenen liturgischen Möglichkeiten, zu Reformen, aber auch zu Degenerationserscheinungen. Zuständige Autorität zur Regelung der Liturgie ist von Anfang an die hierarchisch verfasste Kirche. Christus sagte zu Petrus: was du auf Erden binden wirst, wird auch im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, das wird auch im Himmel gelöst sein. (Mt 16,19) und Christus hat zu den Aposteln gesagt: Alles, was ihr auf Erden binden werdet, das wird auch im Himmel gebunden sein, und alles, was ihr auf Erden lösen werdet, das wird auch im Himmel gelöst sein. (Mt 18,18). 2.1. Die Epoche des Neuen Testaments und die Zeit der Apostel 2.1.1. Christus als Fundament der Liturgie Das Fundament unserer Liturgie ist Christus selbst. - Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn (Gal 4,4). Das Leben Christi ist eine Quelle von endlos vielen Gnaden für die Menschen. Es umfasst eine Vielzahl von Gnadenmomenten für die Menschen. Aus seine Fülle haben wir alle empfangen: Gnade über Gnade. (Joh 1,16). - Zu diesen Gnadenmomenten zählen die Menschwerdung Christi, Geburt, die Heilungen, Verkündigung der Frohen Botschaft, die Berufung der Apostel, etc. Höhepunkt der Momente zum Heil der Menschen im irdischen Leben Christi bildet das Paschamysterium: das Leiden, Sterben und Auferstehen Christi, durch das die Menschen erlöst sind. - Die Liturgie seit den Anfängen der Liturgiegeschichte ermöglicht den Gläubigen die Begegnung mit Christus und seinen gesamten Heilsmomenten. Christus ist gegenwärtig: + vor allem in der Eucharistie (vgl. Mk 14,23: Das ist mein Leib und Mk 14,24: Das ist mein Blut ) 15

+ in den Aposteln (vgl. Joh 20,21: Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch und: vgl. Mt 10,40: Wer euch aufnimmt, der nimmt mich auf ). + in den einzelnen Sakramenten (vgl. 2.1.5.) + im Wort Christi + wenn zwei oder drei im Namen Jesu versammelt sind (vgl. Mt 18,20). - Papst Leo der Große († 461) sagt: Was an unserm Erlöser sichtbar war, ist in seine Mysterien übergegangen. (Sermo 73 de Ascensione Domini 2.4: PL 54.395f; vgl. KKK 1115). 2.1.2. Christus und der jüdische Kult VO·ICKY, Sakraltheologie IV, 21-22! – Jesus wuchs in einer frommen jüdischen Familie auf. Die Hl. Schrift zeigt deutlich, dass Maria und Josef tiefgläubig waren und auf Gott vertrauten. – Jesus und seine Jünger kamen aus einem Volk, das beten konnte. Während sich die hellenistische Welt in einer Krise des Gebetes befand, war im Judentum das Gebet dank einer festen Gebetsordnung und eines von Gott aufgetragenen Kults im Tempel unangefochten. – Zentrum des jüdischen Kults war der Tempel von Jerusalem. Bevor es den Tempel gab, wurde der Kult im Bundeszelt verrichtet. Der Kult geht auf die Begegnung des Mose mit Gott am Berg Sinai zurück. Sowohl im Bundeszelt als auch dann im Tempel gab es das Allerheiligste. In ihm wurde die Bundeslade aufbewahrt als Symbol für die Begegnung des Mose mit Gott am Berg Sinai. Der Tempel war sozusagen Symbol für den Berg Sinai. Die Bundeslade enthielt den „Vertrag“ zwischen Gott und Mose: die 10 Gebote. Sie war gleichzeitig ein Symbol für die Anwesenheit Gottes. Dieser jüdische Kult war von Anfang an sehr unvollkommen. Er wurde zwar von Gott angeordnet, aber von sündigen Menschen ausgeführt. Der Alte Bund litt gleichzeitig daran, dass die Menschen immer wieder Gott untreu wurden. Die babylonische Gefangenschaft und die Zerstörung des Tempels um 586 vChr sind eine erste Konsequenz davon. Damals ging die Bundeslade verloren. Laut 2 Makk 2,4-8 wurde sie vom Propheten Jeremia versteckt und nie mehr wieder aufgefunden. Der Tempel wurde unter Esra und Nehemia wieder aufgebaut, unter König Herodes noch vergrößert. Der Kult wurde wieder gemäß den Anordnungen des Mose verrichtet. Auch der neugeborene Jesus wurde in den Tempel gebracht, um dort als männlicher Erstgeborener Gott dargebracht und vorgestellt, durch ein Opfer aber ausgelöst zu werden (vgl. Lk 2,22ff). Christus betrachtet selbst den Tempel als Haus seines Vaters (vgl. Lk 2,49; Joh 2,16). Er weiß aber auch um die Hinfälligkeit des Tempels bescheid (vgl. Mt 24,1f). Im Moment der Kreuzigung Jesu geschieht etwas im Tempel, das das endgültige Ende des Tempelkultes und dessen Ablöse durch den wahren Kult einleitet: der Vorhang reißt (Mt 27,51): das Allerheiligste braucht nicht mehr durch einen Vorhang geschützt werden, denn Gott ist beim Tempelkult nicht mehr gegenwärtig. – In den Diaspora-Gemeinden, aber zur Zeit Jesu auch in Palästina war der Synagogengottesdienst sehr wichtig. Über den Synagogengottesdienst wissen wir nur aus jüngeren Quellen. Der Synagogengottesdienst begann wahrscheinlich mit dem Eingangsgebet, dann folgte das Schema, dann die Tephilla mit dem Priestersegen (Num 6,24-26). Auch die anschließenden beiden Schriftlesungen waren von Lobsprüchen umrahmt. Die Predigt schloss mit dem Qaddish. – Das jüdische Volk kennt eine Reihe von Festen, die das Jahr prägen. Besonders wichtig sind die drei Wallfahrtsfeste (wer in der Nähe von Jerusalem wohnt, macht eine Wallfahrt nach Jerusalem zum Tempel):

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+ Pesach (Ostern; vgl. Ex 12; vgl. Joh 2,23; Joh 13,1): Fest anlässlicher der Befreiung der Israeliten aus Ägypten: vom 15. bis 21. Abib (März / April). + Schavuot (griech. Pentekoste, Pfingsten; vgl. Dtn 16,9-11; vgl. Apg 2,1): ein Fest zum Abschluss des Paschafestes; an diesem Tag wird wegen Ex 19,1 die Übergabe der Tora gefeiert; 50 Tage nach dem Paschafest + Sukkot (Laubhüttenfest; vgl. Dtn 16,13ff; Lev 23,34; Joh 7,2): das große Erntedankfest; der letzte Tag des Laubhüttenfestes ist besonders festlich, an diesem Tag wird um Regen gebetet, nach dem Laubhüttenfest beginnt nämlich in Israel die Regenzeit; Jesus sagt an diesem Tag (vgl. Joh 7,37): Wer Durst hat, komme zu mir, und es trinke, wer an mich glaubt. Wie die Schrift sagt: Aus seinem Inneren werden Ströme von lebendigem Wasser fließen. (Joh 7,37f). Möglicherweise sprach auch Jesus auch das Wort von Joh 8,12 im Zusammenhang dieses Festes: Ich bin das Licht der Welt. Am letzten Tag des Laubhüttenfestes wurden nämlich im Vorhof des Tempels vier große Leuchter aufgestellt, die ihr Licht über ganz Jerusalem verbreiten sollten (vgl. Anm. zu Joh 7,53-8,11 in der Einheitsübersetzung); vom 15. – 22. Tischri (September / Oktober). – Hohe Feiertage zur Zeit Jesu: + Rosch haSchanah (Neujahrsfest; vgl. Lev 23,23ff): dieser Tag wird als Geburtstag der Schöpfung und als Tag des Gottesgerichts gefeiert; Hauptcharakteristikum des Festes ist das Blasen des Schofar (Widderhorn) (vgl. Lev 23,23); möglicherweise ist Joh 5,1.22-30 (Worte über das Gericht) an diesem Tag anzusiedeln; am 1. Tischri (im September). + Yom Kippur (Versöhnungstag; vgl. Lev 16; vgl. Hebr 9,7): das Fest zur Entsühnung Israels; der einzige Tag, an dem der Hohepriester in das Allerheiligste eintritt; am 10. Tischri (September / Oktober) + Chanukkah (vgl. 1 Makk 4,52ff; vgl. Joh 10,22): Fest anlässlich der Wiedereinweihung des Tempels in der Zeit der Makkabäer; vom 25. Kislew bis 3. Tewet (im Dezember). + Purim (vgl. Ester 9,20-32): ein karnevalähnliches Fest anlässlich der Rettung der Juden im Perserreich durch Ester; am 14. Adar (Februar/März) + Schabbat (vgl. Ex 20,8-11; Dtn 5,12-15): wöchentlicher Tag der Ruhe (Verbot des Feuermachens am Sabbat: Ex 35,3; Verbot des Lasttragens: Jer 17,19ff; aber Leben retten steht höher). Es gibt in der Synagoge einen speziellen Gottesdienst. In der Familie zündet die Hausfrau zwei Kerzen an (als Symbole für die beiden SabbatGebotstexte in Ex und Dtn); es gibt ein festliches Essen mit Gebeten und Segnungen, die der Hausvater leitet. – Allgemein wurde der Tag mit dem Aufblick zu Gott bei Sonnenaufgang begonnen und nach Sonnenuntergang beschlossen. Morgens und abends rezitierten die Jünglinge und die Männer des israelitischen Volkes das von Benediktionen (Lobpreisungen) eingerahmte Glaubensbekenntnis, das Schema (Dtn 6,4-9; 11,1321; Num 15,41) (Zizit=Quasten: ein Zeichen für die Treue zu allen Gesetzen gemäß Num 15,38f; vgl. auch Mt 9,20; Mt 14,36; Tallit=Gebetsmantel: wird beim Morgengebet erinnert; in der Bibel nicht erwähnt; er trägt die Zizit und erinnert mit seinen blauen Streifen an den Himmel; Tefillin=Gebetsriemen: sie dienen dazu, die Kästchen mit dem Schema an der Stirn und am linken Arm, also beim Herzen, anzubringen: gemäß Dtn 6,8; Mezuza=Türpfosten: sie ist ein Kästchen mit dem Schema, das am Türpfosten der Haustüre befestigt ist; der Gläubige berührt sie mit den Fingerspitzen, die er dann küsst; erstmals bezeugt bei Flavius Josephus);

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anschließend wurde, jedenfalls in pharasäischen Kreisen, die sogenannte Tephilla gebetet, das Gebet schlechthin. Von den Pharisäern wurde noch eine dritte Gebetszeit am Nachmittag eingehalten, zur Zeit des Abendopfers im Tempel. Zu diesen drei Gebetszeiten kamen die Tischgebete vor und nach jeder Mahlzeit. Vor dem Essen sprach man den Lobspruch Gepriesen seist du, Herr, unser Gott, König der Welt, der du Brot aus der Erde hervorgehen lässt. Nach dem Esssen wurde ein dreiteiliges Dankgebet gesprochen, das mit dem Dank für die Nahrung und für das Land die Bitte um Erbarmen für Israel verband. Besonders feierlich waren die Tischgebete am Sabbat und vor allem in der Paschanacht. Weiter kamen die Lobsprüche hinzu, die den ganzen Tagesablauf, jedes freudige und schmerzliche Ereignis in Familie oder Volk begleiteten; wir kennen solche Ausrufe z.B. aus den Benediktionen der Paulusbriefe. – Doch lauerten hinter der fest geordneten Gebetsfrömmigkeit des antiken Judentums auch gewisse Gefahren. Gott ist für die einfachen Leute in erster Linie der weltferne König, dem gehuldigt werden muss mit fixen Regeln. Deshalb steht das fixierte Gebet im Vordergrund. Das Formular herrscht, das Gebet wird Gewohnheit. Das Gebet wird mit dem Verdienstgedanken verrichtet: vgl. Lk 18,9-14 (der Pharisäer und der Zöllner im Tempel). 2.1.3. Christus als Lehrer des Betens VO·ICKY, Sakraltheologie IV, 22-25! – Jesus verbringt vor der Berufung der zwölf Apostel eine Nacht im Gebet (vgl. Lk 6,12) – Jesus betet in der Einsamkeit (vgl. Lk 9,18) – Jesus betet für Petrus (vgl. Lk 22,31f) – Gebete Jesu: + Dank über die Auserwählung der Unmündigen (vgl. Mt 11,25f): dieses Gebet spricht Jesus an einem Wendepunkt seiner Wirksamkeit; menschlich gesehen, war er damals gescheitert, weil die Pharisäer ihn damals bereits ablehnten (vgl. Mt 9,34). + Gebet bei der Auferweckung des Lazarus (vgl. Joh 11,41f) + Hohepriesterliches Gebet zu Beginn der „Stunde“ des Ganzopfers Jesu (Joh 17) + Gebet am Ölberg (vgl. Mt 26,39.42.44) + „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Mt 27,46; vgl. Ps 22) + „Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist.“ (Lk 23,46; vgl. Ps 31) – Wir dürfen davon ausgehen, dass es keinen Tag im Leben des erwachsenen Jesus gab, an dem er nicht die drei Gebetsstunden beachtet hätte, keine Mahlzeit, ohne dass er das Tischgebet vorher und nachher gesprochen hätte. – Gebetskatechese Jesu: + verborgenes Gebet (vgl. Mt 6,6) + Gebet ohne Plappern (vgl. Mt 6,7f) + demütiges Gebet (vgl. Lk 18,9-14) + „Vaterunser“ (vgl. Mt 6,9-13; Lk 11,2-4) + Vertrauen beim Bitten (vgl. Mt 7,7-11; Mk 11,24; Lk 11,9-13) + Zudringlichkeit beim Bitten (vgl. Lk 11,8; Lk 18,1-8) + Gebet für die Feinde (vgl. Mt 5,44; Lk 6,28) + Bitte im Namen Jesu (Joh 14,13f; 15,16; 16,23-26) + „Wacht und betet allezeit“ (Lk 21,36) 2.1.4. Das Vaterunser VO·ICKY, Sakraltheologie IV, 25-30! 18

– Jesus selbst hat nicht nur gesagt, wie die Christen beten sollen, sondern hat auch die Jünger ein Gebet gelehrt, das alle wichtigen Bitten enthält. Es ist in zwei Fassungen überliefert: in einer längeren bei Mt 6,9-13 und in einer kürzeren bei Lk 11,2-4. Bei Mt ist das Vaterunser der Mittelpunkt der Bergpredigt. Es ist in eine Gebetskatechese eingebetet, die das verborgene Gebet (Mt 6,5f) und das Vergeben (Mt 6,14f) verlangen. Auch bei Lk ist es mit einer Gebetskatechese verbunden. Jesus spricht vom bittenden Freund (Lk 11,5-8) und vom Vertrauen beim Gebet (Lk 11,913). – Das Vaterunser bei Lk besteht aus der kurzen Anrede „Abba“ (Vater), aus 2 kurzen Du-Bitten (Heiligung des Namens, Ankunft des Reiches), aus 2 Wir-Bitten (tägliche Brot, Vergebung der Sünden) und der Schlussbitte. Das Lk-Evangelium ist wohl vorwiegend für Heidenchristen verfasst. – Das Vaterunser bei Mt besteht aus einer längeren Anrede, aus 3 Du-Bitten (der Wille Gottes geschehe), aus 3 Wir-Bitten (Schutz vor der Versuchung) und der Schlussbitte. Das Mt-Evangelium ist wohl in erster Linie für Judenchristen verfasst. – Das Vaterunser wurde sehr oft gedeutet. Die ältesten berühmten VaterunserKommentare stammen von Tertullian († nach 220), Cyprian von Karthago († 258), Origenes († 253/54), Hieronymus († 419/420), Ambrosius († 397), Augustinus († 430). Auch in KKK 2759-2865 ist ein Kommentar zum Vaterunser. – Einige Gedanken zum Vaterunser: + Wir dürfen Gott „Vater“ nennen. Wir können Gott „Vater“ nur im Sohn nennen. Im Alten Testament hat sich Gott nicht als Vater offenbart. Jesus hat uns den Vater offenbart und wir sind in Christus an Kindes statt vom Vater angenommen. Es wird in Röm 8,15 und Gal 4,6 erklärt, dass wir durch den Heiligen Geist zu Gott „Abba“ sagen dürfen. + Gott ist der „Vater unser“, dh. wir alle, die wir ihn Vater nennen, sind seine Kinder. Ein Ausdruck gegen den Individualismus + Gott ist im „Himmel“. Der Himmel bezeichnet keinen Ort, sondern eine Daseinsweise, die Gegenwart Gottes. Wer das Vaterunser betet, begibt sich ganz bewusst in die Gegenwart Gottes. + Die erste und wichtigste Bitte ist die Heiligung von Gottes Namen. Die Heiligkeit ist der unzugängliche Brennpunkt seines ewigen Mysteriums. Die Menschen und alle Geschöpfe sind dazu berufen, Gottes Heiligkeit anzuerkennen und Gott zu preisen. + Das Reich Gottes soll kommen. Hier ist der urchristliche Ruf „Marána tha“ (Komm, Herr) verborgen. Es wird gebetet, dass das Reich Gottes auf dieser Erde immer stärker werde und letztlich durch die Wiederkunft Christi ganz ankomme. + „Dein Wille geschehe“ dieses Wort haben manche Menschen nur nach vielem Ringen sagen können. Selbst Christus hat sich nur mit Mühe am Ölberg dazu durchgerungen: Nicht mein, sondern dein Wille geschehe. (Lk 22,42). Der Beter ordnet sich ganz dem himmlischen Vater unter. Christus ist das große Vorbild: Ja, ich komme … deinen Willen, Gott, zu tun (Hebr 10,7). Und: Meine Speise ist es, den Willen dessen zu tun, der mich gesandt hat. (Joh 4,34). + die Bitte um das Brot umfasst alles, was wir zum Leben brauchen: alle materiellen und geistigen Güter, die wir brauchen. Eigentlich heißt die Bitte: gib uns heute unser über-wesentliches (griech.: epi-ousios) Brot. Das griechische Wort epi-ousios kann auch übersetzt werden mit existentiell, lebenswichtig, notwendig. Gerade die wörtliche Übersetzung über-wesentlich weist auf den Leib Christi hin. + Die Bitte um Vergebung kann sinnvollerweise nur dann gesprochen werden, wenn wir bereit sind, allen unseren Schuldnern aus ganzem Herzen zu vergeben und ihnen gegenüber den ersten Schritt zu wagen. 19

+ Die Bitte, dass Gott uns nicht in Versuchung führen solle, wirft immer wieder viele Probleme auf. Sie scheint im Gegensatz zu Jak 1,13 zu stehen, wo es heißt: Denn Gott kann nicht in Versuchung kommen, Böses zu tun, und er führt auch selbst niemand in Versuchung. Es gibt verschiedene Versuche, diese Bitte von Mt 6,13 frei zu übersetzen bzw. zu verstehen; zB.: Lass nicht zu, dass wir in Versuchung geführt werden. Hilf uns in der Versuchung. Lass nicht zu, dass wir der Versuchung anheim fallen. Eine mögliche Erklärung der wörtlichen Übersetzung dieser Bitte (von Mt 6,13) ist auch: Führe uns nicht in (die gerechte) Versuchung (Die Versuchungen stehen uns zu, weil wir gesündigt haben. Jede Sünde hinterlässt eine gewisse Neigung zum Sündigen). Der gerechte Gott führt den Sünder wieder in die Versuchung (als neue Entscheidungsmöglichkeit). Wir bitten jedoch darum, dass Gott in seiner Barmherzigkeit uns Sünder von der Versuchung befreit. + Die letzte Bitte, die Schlussbitte, ist der radikale Ruf des Hilfe Schreienden in einer Welt voll Ungerechtigkeit. Der Beter bittet ganz radikal um die Vernichtung von allem Bösen. Diese Schlusszeile ist ein weithin hallender Hilferuf. + Die Schlussdoxologie fehlt in den ältesten Manuskripten von Mt 6. Dazu muss man wissen, dass es im Judentum zwei Formen des Gebetsschlusses gab, den fixierten Schluss und den vom Beter frei formulierten Schluss (hatima = Siegel). Spätestens Ende des 1. Jh.s hat sich eine feste Form der Doxologie allgemein eingebürgert. 2.1.5. Die Grundlegung der sieben Sakramente VO·ICKY, Sakraltheologie IV, 13-18! Alle sieben Sakramente, die zwar im Laufe der Jahrhunderte verschiedene Entwicklungen durchgemacht haben, haben ihren Ursprung in Christus. Jedes Sakrament ist mit Momenten in Jesu irdischem Leben zu verbinden. Taufe: Darum geht zu allen Völkern, und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe. (Mt 28,18f). Firmung: Und ich werde den Vater bitten, und er wird euch einen anderen Beistand geben, der für immer bei euch bleiben soll. Es ist der Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann. (Joh 14,17; vgl. Apg 2). Eucharistie: Er sprach das Dankgebet, brach das Brot und sagte: Das ist mein Leib für euch. Tut dies zu meinem Gedächtnis! Ebenso nahm er nach dem Mahl den Kelch und sprach: Dieser Kelch ist der Neue bund in meinem Blut. Tut dies, sooft ihr daraus trinkt, zu meinem Gedächtnis. (1 Kor 11,24f) Das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch, (ich gebe es hin) für das Leben der Welt. (Joh 6,51b). Buße: Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert. (Joh 20,23) Krankensalbung: Jesus rief die Zwölf zu sich und sandte sie aus, jeweils zwei zusammen. Er gab ihnen die Vollmacht, die unreinen Geister auszutreiben, … Die Zwölf machten sich auf den Weg und riefen die Menschen zur Umkehr auf. Sie trieben viele Dämonen aus und salbten viele Kranke mit Öl und heilten sie. (Mk 6,7.12f). Weihe: Er sprach das Dankgebet, brach das Brot und sagte: Das ist mein Leib für euch. Tut dies zu meinem Gedächtnis! Ebenso nahm er nach dem Mahl den Kelch 20

und sprach: Dieser Kelch ist der Neue bund in meinem Blut. Tut dies, sooft ihr daraus trinkt, zu meinem Gedächtnis. (1 Kor 11,24f) Jesus sagte noch einmal zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sprach zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist. Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert. (Joh 20,21-23) Ehe: Habt ihr nicht gelesen, dass der Schöpfer die Menschen am Anfang als Mann und Frau geschaffen hat und dass er gesagt hat: Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen und sich an seine Frau binden, und die zwei werden ein Fleisch sein? Sie sind also nicht mehr zwei, sondern eins. Was aber Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen. (Mt 19,4b-6) Er (ein Engel) sagte zu mir: Komm, ich will dir die Braut zeigen, die Frau des Lammes. Da entrückte er mich in der Verzückung auf einen großen, hohen Berg und zeigte mir die heilige Stadt Jerusalem, wie sie von Gott her aus dem Himmel herabkam. (Offb 21,9f). Durch die Erlösungstat Christi am Kreuz wurde der Mensch mit Gott versöhnt und wurden alle Sakramente wirksam: Christus hat uns vom Fluch des Gesetzes freigekauft, indem er für uns zum fluch geworden ist; denn es steht in der Schrift: Verflucht ist jeder, der am Pfahl hängt. Jesus Christus hat uns freigekauft, damit den Heiden durch ihn der Segen Abrahams zuteilwird und wir so aufgrund des Glaubens den verheißenen Geist empfangen. (Gal 3,13f). Denn Gott wollte mit seiner ganzen Fülle in ihm wohnen, um durch ihn alles zu versöhnen. Alles im Himmel und auf Erden wollte er zu Christus führen, der Friede gestiftet hat am Kreuz durch sein Blut. (Kol 1,20). Gerecht gemacht aus Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch Jesus Christus, unseren Herrn. Durch ihn haben wir auch den Zugang zu der Gnade erhalten, in der wir stehen, und rühmen uns unserer Hoffnung auf die Herrlichkeit Gottes. … Christus ist schon zu der Zeit, da wir noch schwach und gottlos waren, für uns gestorben. (Röm 5,1-2.6) Beim Tod Christi zerreißt der Tempelvorhang (Mt 27,51): Dieses Geschehen bedeutet für die Apostel das Aufhören des Tempelkults und den Beginn von neuen kultischen Ausdrucksformen. Diese Ausdrucksformen stützen sich auf die genannten Anweisungen des Herrn. Der Karfreitag gilt als Geburtstag der Kirche (vgl. Joh 19,34; SC 5; KKK 766): wegen der Tilgung der Sünde des Menschen, wegen der Versöhnung zwischen Gott und dem Menschen Die anderen Geburtstage der Kirche sind Weihnachten (wegen der Geburt Christi) und Pfingsten (wegen der Sendung des Hl. Geistes).

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2.1.6. Die Liturgie zur Zeit der Apostel VO·ICKY, Sakraltheologie IV, 19-21! – In der Zeit der Apostel (2. Hälfte des 1. Jh.s) werden bereits die wichtigsten Bestandteile der Heiligen Messe sichtbar. Sie werden zB. aus Apg 2,42.46 und 20,7 deutlich: Lehre / Predigt, Gebet und Brotbrechen. + Lehre / Predigt: 1 Kor 14,26; Apg 20,7 aus den Büchern des Alten Testaments: 2 Petr 1,19-21 über das Leben Jesu: vgl. Lk 1,1-4; Apg 4,33 aus den Briefen der Apostel: vgl. 1 Kor 16,21ff; 1 Tim 4,13; 2 Petr 3,15f + Gebet: Psalmen und Hymnen: vgl. 1 Kor 14,26; Kol 13,16; Eph 5,19; hier gibt es also traditionelle jüdische Gebete und neue christliche Dichtungen (Loblied auf den Heilsplan Gottes: Eph 1,3-14; Loblied auf Christus und die Erlösung: Phil 2,5-11; Kol 1,12-20). Die Hymnen in Offb 5; 12 und 19 wurden wohl schon in urkirchlichen Gemeinden gesungen. + Hinter dem Ausdruck „Brotbrechen“ (Apg 2,46; 20,7; 1 Kor 10,16) und „Herrenmahl“ (1 Kor 11,20) verbirgt sich das eucharistische Opfer. Die Erlösung der Menschen wirkte Christus im Paschamysterium: Leiden, Kreuz und Auferstehung. Dieses Paschamysterium erhielt die kultische Form eines Mahles beim Letzten Abendmahl. Christus wollte, dass das Paschamysterium kultisch durch ein Mahl vergegenwärtigt werde, weil dadurch besonders deutlich wird, dass er sich ganz für die Seinen hingibt und sich den Seinen zur Speise gibt. Beim Letzten Abendmahl, „am Abend vor seinem Leiden“, feierte Christus bereits das im voraus, was er im Paschamysterium vollzog. Besonders die Worte „mein Leib, … der für euch hingegeben wird“ und „das Blut, … das für euch vergossen wird“ weisen darauf hin. Auch der hl. Paulus gibt an, dass durch die Eucharistie der Tod Christi verkündet wird (vgl. 1 Kor 11,26). Der Ausdruck „Brotbrechen“ stammt vom jüdischen Eingangsritual eines Mahles, das mehrere Lobpreisungen enthält. Es weist auf den Hausherrn hin. Der Hausherr bricht nach jüdischem Brauch das Brot und gibt es weiter. Bei den Christen deutet der Ausdruck „Brotbrechen“ auf Christus hin, den eigentlichen Gastgeber beim „Brotbrechen“. Dieser Ausdruck weist auch auf das Brot hin, denn es handelt sich hier um kein gewöhnliches Brot. Dieser Gedanke ist den Urchristen sehr wichtig: Christus ist es, der beim „Brotbrechen“ die Speise gibt und der sich selbst zur Speise gibt: Das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch, für das Leben der Welt. (Joh 6,51). Der Ausdruck „Herrenmahl“ deutet ebenfalls an, dass der Herr Gastgeber und Speise ist. + Einsetzungsbericht: Es gibt im NT vier Fassungen des Einsetzungsbericht, mit verschiedenen Akzenten. ° Mt 26: kurzes Wort über das Brot; erweitertes Wort über das Blut: das für viele ausgegossene zum Erlass von Sünden (hier wird von den vier Fassungen am deutlichsten der Sühne- und Opfer-Charakter ausgedrückt); das Wort Blut des Bundes erinnert an Ex 24,8. ° Mk 14: kurzes Wort über das Brot; erweitertes Wort über das Blut: das ausgegossene für viele; das Wort Blut des Bundes erinnert an Ex 24,8. ° Lk 22: erweitertes Wort über das Brot: der für euch gegeben wird (OpferCharakter); dies tut zu meinem Gedächtnis (Stiftungsauftrag zur Eucharistiefeier); erweitertes Wort über das Blut: das für euch vergossene. Der Kelch selbst repräsentiert den Bund, der im Blut Jesu geschlossen wird.

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° 1 Kor 11: erweitertes Wort über das Brot und den Wein: zwei Mal: dies tut zu meinem Gedächtnis (Stiftungsauftrag zur Eucharistiefeier); Ermahnung zur Unterscheidung von profanem Mahl und Herrenmahl; Ermahnung zum würdigen Empfang der Kommunion und Warnung vor unwürdigem Empfang ° In der heutigen approbierten Fassung des Einsetzungsbericht vieler Landessprachen über das Blut heißt es: … mein Blut, das für euch und für alle vergossen wird. Der Ausdruck für alle wird manchmal kritisiert. Aber er berücksichtigt vor allem Stellen wie Röm 5,18 (Wie es also durch die Übertretung eines einzigen für alle Menschen zur Verurteilung kam, so wird es auch durch die gerechte Tat eines einzigen für alle Menschen zur Gerechtsprechung kommen, die Leben gibt); 1 Tim 2,6 (der sich als Lösegeld hingegeben hat für alle ), Hebr 2,9 (… es war nämlich Gottes gnädiger Wille, dass er für alle den Tod erlitt); 1 Joh 2,2 (Er ist die Sühne für unsere Sünden, aber nicht n ur für unsere Sünden, sondern auch für die der ganzen Welt). ° Joh 6,22-59: Rede über das Himmelsbrot und über die Bedeutung der Kommunion: bes. Joh 6,51 (Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Wer von diesem Brot isst, wird in Ewigkeit leben. Das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch, für das Leben der Welt); Joh 6,56 (Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der bleibt in mir, und ich bleibe in ihm). ° Kurze Erklärung zur Bedeutung der Kommunion: 1 Kor 10,16 (Ist der Kelch des Segens, über den wir den Segen sprechen, nicht Teilhabe am Blut Christi? Ist das Brot, das wir brechen, nicht Teilhabe am Leib Christi?) – In der Zeit der Apostel ist die Taufe sehr wichtig: Mt 28,19 (Taufauftrag Jesu), Mk 16,16 (Verheißung der Rettung durch die Taufe); Kol 2,12-13 (Theologie der Taufe); berühmte Taufen: Taufe der 3000 am Pfingsttag (vgl. Apg 2,41); äthiopische Schatzmeister (vgl. Apg 8,26-40); Saulus (vgl. Apg 9,18); Kornelius und sein Haus (vgl. Apg 10,48); der Gefängniswärter von Philippi (vgl. Apg 16,33); Familie des Stephanas (vgl. 1 Kor 1,16). – In der Zeit der Apostel gibt es auch Andeutungen auf Firmung, Krankensalbung, Weihe und Ehe: + Geistsendung: Apg 2 (unmittelbare Geistsendung); Apg 8,14-17 (Auflegen der Hände durch Petrus und Johannes) + Krankensalbung: Gebete und Salbung (Jak 5,14f) + Weihe: Gebet und Auflegen der Hände über die sieben Diakone (Apg 6,6); Fasten, Gebet und Auflegen der Hände über Barnabas und Paulus (Apg 13,2f); Fasten, Gebet und Auflegen der Hände über Männer in Lystra, Ikonion und Antiochia (Apg 14,23); Auflegen der Hände über Timotheus (1 Tim 4,14) Es gibt Träger der Ordnungsvollmacht in der Urkirche: Apostel, Episkopen, Presbyter, Diakone; es gibt aber auch charismatisch Begabte: ihre Gaben, vor allem Lehrtätigkeit (Predigt, Offenbarung), Prophetie, Glossolalie (Zungenrede) und Heilkraft, verleiht unmittelbar der Hl. Geist (1 Kor 12,8-10; 14,26). + Ehe: Heiraten im Herrn (1 Kor 7,39); die Hochzeit war aber in der Antike sowohl bei den Heiden als auch bei den Juden ein durch und durch familiärer Ritus. Der Familienvater traute das Ehepaar bei sich zu Hause. (METZGER, Geschichte 66). – Der Gottesdienst ist an keinen bestimmten Ort gebunden. Die Anbetung Gottes geschieht jetzt „im Geist und in der Wahrheit“ (Joh 4,23). Der Tempel und die Synagoge haben für die Christen keine besondere Bedeutung; diese Orte sind für sie einfach Versammlungsräume. + In Jerusalem selbst versammeln sich die Jünger auch in einem Obergemach (vgl. Apg 1,13), das möglicherweise mit dem Abendmahlssaal (vgl. Lk 22,12) identisch ist.

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Das Haus der Maria, der Mutter des Johannes Markus (Evangelist), wird als Versammlungsort erwähnt (Apg 12,12). + Aus den Paulus-Briefen geht hervor, dass begüterte Gemeindemitglieder ihre Privathäuser für Gemeindegottesdienste zur Verfügung stellten (1 Kor 16,19: Aquila und Priska; Röm 16,4: Aquila und Priska; Kol 4,15: Nympha).

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2.2. Die Zeit des verborgenen Wachstums: Die Liturgie einer verfolgten Kirche 2.2.1. Die Verfolgungen Die erste große Christenverfolgung in Rom geschah unter Kaiser Nero. Bei dieser Christenverfolgung kamen auch Petrus und Paulus um das Leben. Die Christen wurden nach Nero zwar nur selten so radikal verfolgt, aus der Zeit des Kaiser Trajan ist aber überliefert, dass Christen jederzeit zum Tod verurteilt werden dürfen, wenn sie als Christen angezeigt werden. Es gab Kaiser, unter denen die Christen fast gar nicht verfolgt wurden, andere ließen einzelne Verfolgungen zu, andere verfolgten systematisch (Decius, Diokletian). Manche Verfolgungen waren lokal begrenzt. Manche Verfolgungen gingen wie ein Lauffeuer über das ganze Imperium. Die Christen müssen also im Verborgenen wirken, sie müssen vorsichtig sein. Sie feiern ihre Gottesdienste in Privathäusern. Innerhalb des römischen Reiches gab es eine erstaunlich rege Kommunikation. Dies ermöglichte ein breites Vorgehen gegen Christen im ganzen römischen Reich. Dies ermöglichte aber auch eine rege christliche Mission und eine relativ rasche Verbreitung der liturgischen Gebräuche unter den Christen.
Quellen: - RORDORF, W. – TUILIER, A. (Hg., Übers.), La doctrine des douze apôptres (Didachè), Sources chrétiennes 248, Paris 1978. - SCHÖLLGEN, G. (Hg., Übers.), Didache, Fontes Christiani 1, Freiburg 1992. - WENGST, K. (Hg.), Didache (Apostellehre), Barnabasbrief, Zweiter Klemensbrief, Schrift an Dignet, München 1984, Schriften des Urchristentums 2, 1-100. Literatur: 9 - ALTANER, B. – STUIBER, A., Patrologie. Leben, Schriften und Lehre der Kirchenväter, Freiburg 1980. - BETZ, J., „Die Eucharistie in der Didache“, Archiv für Liturgiewissenschaft 11 (1969) 10-39. - FRANK, K. S., Maleachi 1,10ff. in der frühen Väterdeutung. Ein Beitrag zu Opferterminologie und Opferverständnis in der alten Kirche, in: Theologie und Philosophie 53 (1978) 70-78. - GAMBER, K., „Die ‚Eucharistia’ der Didache“, Ephemerides liturgicae 101 (1987) 3-32. - KLAUSER, T., Taufet in lebendigem Wasser! Zum religions- und kulturgeschichtlichen Verständnis von Didache 7,1-3, in: KLAUSER, T., Gesammelte Arbeiten zur Liturgiegeschichte, Kirchengeschichte und christlichen Archäologie, Jahrbuch für Antike und Christentum. Ergänzungsband 3, Münster 1974, 177-183. - MAZZA, E., La „Dottrina dei dodici apostoli“, in: MAZZA, E., L’anafora eucaristica. Studi sulle origini, Bibliotheca „Ephemerides Liturgicae“ „Subsidia“ 62, Roma 1992, 19-50. - RORDORF, W., „Liturgie, foi et vie des premiers chrétiens“, Théologie historique 75, Paris 1986. - VÖÖBUS, A., Liturgical traditions in the Didache, Papers of the Estonian theological society in exile 16, Stockholm 1968. - VO·ICKY, B. J. M., Sakraltheologie 4. Fundamentalliturgik, Heiligenkreuz 2003 (bes. 32-35).

2.2.2. Didaché

– Eines der ältesten Dokumente, das liturgische Momente der frühen Kirche beschreibt, ist die Didaché. Sie gehört zur Gattung der Kirchenordnungen. Sie entstand wschl. um 100 nChr in Ägypten oder Syrien. Das Original ist zwar nicht erhalten, aber eine Abschrift aus dem 11. Jh. wurde 1875 in der Bibliothek des Klosters vom Heiligen Grab in Konstantinopel entdeckt, nämlich vom gelehrten orthodoxen Priester und späteren Metropoliten von Nikomedien Philotheos Bryennios. Die von Bryennios besorgte erste Ausgabe im Jahre 1883 erregte großes Aufsehen. – Das Wort „Didaché“ heißt „Lehre“. Das Werk trägt eigentlich den Namen „Lehre der 12 Apostel“. – Die Didaché enthält 16 Kapitel. Die ersten sechs Kapitel sind den beiden Wegen, dem Weg des Lebens und dem Weg des Todes, gewidmet. Dann folgen Anordnungen, in denen es auch um die Liturgie geht: um die Taufe (Didaché 7), das Fasten (Didaché 8,1), das Beten (Didaché 8,2-3), die Eucharistie (Didaché 9-10; 14), die geistlichen Amtsträger (Didaché 15,1-2). 25

– Zur Taufe:

+ NB: nachdem ihr das alles vorher mitgeteilt habt (7,1): einer der ältesten Hinweise auf eine Taufkatechese! + NB: Auseinandersetzungen in der christlichen Gemeinde über das Wasser; bei jüdischen Theologen gab es wichtige Bestimmungen über die rituelle Qualität des Wassers (verschiedene Arten von Wasser: aus Zisternen, Gräben und Erdhölen; lebendiges Wasser aus Quellen, Bächen, Flüssen, Meer); + NB: Normalfall: Untertauchen in „lebendigem Wasser“ (hier gar nicht beschrieben); + NB: Wenn du aber beides nicht hast (7,3): hier ist gemeint, dass weder genug Kaltnoch genug Warmwasser zum Untertauchen vorhanden ist: dann wird die Infusionstaufe (durch Übergießen) gestattet. Erste Bezeugung der Infusionstaufe! + NB: Tauffasten: spirituelle Vorbereitung auf die Taufe; älteste Beleg eines Tauffastens – Zum Fasten: 8,1. Eure Fasttage sollt ihr nicht gemeinsam mit den Heuchlern halten. Sie fasten nämlich am Montag und Donnerstag; ihr aber sollt am Mittwoch und Freitag fasten. + NB: Ablösungsprozess vom Judentum; – Zum Beten: Es wird das Vaterunser (in der Version von Mt 6) zitiert. Dann heißt es: Dreimal am Tag sollt ihr so beten. (Didaché 8,3); statt des Schema und der Amidah: das Vaterunser – Zu den Mahlgebeten: + Didache 9-10: vgl. VO·ICKY, Sakraltheologie IV, 33-35: Es handelt sich hier um die schwierigsten Passagen der Didaché, bei der die Forschung noch weit davon entfernt ist, verlässliche Ergebnisse vorweisen zu können. Es wird zwar hier das Wort „eucharistia“ verwendet, aber es ist unklar, ob es sich hier wirklich um eine echte Eucharistiefeier oder bloß um ein geistliches Mahl mit Dankgebeten (Agape: Mahl der Nächstenliebe) handelt. Es hat in der frühen Kirche ein geistliches Mahl (Agape) gegeben, bei dem gebetet wurde, aber Leib und Blut Christi nicht dargebracht wurden. Ein solches geistliches Mahl entstand aus dem jüdischen Familienmahl. Diese Gebete in Didaché 9-10 ähneln in erstaunlicher Weise den jüdischen Mahlgebeten. + Das Wort „eucharistia“ ist hier wahrscheinlich als „Danksagung“ aufzufassen, die bei jedem jüdischen Mahl vorgesehen war. Eine Danksagung für Speise und Trank und eine Danksagung für die Erlösung, für das Heilshandeln Gottes. Die Themen Schöpfung, Erkenntnis (Tora) und Erlösung (Jesus – Volk Israel) und Bitten für Jerusalem/Kirche waren gewöhnlich immer vorgesehen. + Wahrscheinlich sollen mit diesen Gebeten die Christen darauf hingewiesen werden, bei einem Mahl statt der jüdischen Lobpreisungen diese christlichen Gebete zu verwenden. + Warum ist hier keine Eucharistiefeier? ° kein Hinweis auf Einsetzungsbericht oder Passion ° Wort „Sättigung“ (in Didaché 10,1) ° Reihenfolge: zuerst der Kelch, dann das Brot + Auch wenn ein solches geistliches Mahl keine wirkliche Eucharistiefeier war, hatte sie doch sakralen Charakter. Ungläubige durften daran nicht teilnehmen (vgl. 26

7,1. Was die Taufe angeht, tauft folgendermaßen: Nachdem ihr das alles vorher mitgeteilt habt, tauft auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes in lebendigem Wasser. 7,2. Wenn du aber kein lebendiges Wasser hast, taufe in anderem Wasser; wenn du es nicht in kaltem Wasser kannst, dann in warmem. 7,3. Wenn du aber beides nicht hast, gieße über den Kopf dreimal Wasser aus auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. 7,4. Vor der Taufe sollen fasten der Täufer, der Täufling und andere, die können. Gebiete aber, dass der Täufling vorher ein oder zwei Tage fastet.

Didaché 9,5). Es kann aber auch sein, dass dieser Vers sich bereits auf Didaché 14,1 bezieht. – Zu den geistlichen Amtsträgern: es gibt Bischöfe, Diakone, Propheten und Lehrer (Didaché 15,1). – Zur Eucharistie: + Didaché 14,1-3: 1: Wenn ihr am Herrentag zusammenkommt, brecht das Brot und sagt Dank, nachdem
ihr zuvor eure Übertretungen bekannt habt, damit euer Opfer rein sei. 2. Keiner, der einen Streit mit seinem Nächsten hat, komme mit euch zusammen, bis sie sich wieder ausgesöhnt haben, damit euer Opfer nicht unrein wird. 3. Über dieses ist vom Herrn gesagt worden: „An jedem Ort und zu jeder Zeit ist mir ein reines Opfer darzubringen, denn ich bin ein großer König, spricht der Herr, und mein Name wird bei den Heiden bewundert.“ (Mal 1,11.14 in sehr freier Zitation).

Hier wird höchstwschl. von der Eucharistiefeier gesprochen, weil der Herrentag und das gegenseitige Schuldbekenntnis erwähnt werden. Es handelt sich hier offensichtlich um einen besonderen Gottesdienst, nicht bloß um eine Agape. Außerdem wird der Opfer-Charakter erwähnt. Freilich ist nicht ganz auszuschließen, dass hier einfach nur das geistliche Opfer, dh. das Gebet, gemeint ist. Das hier angesprochene Opfer wird als Erfüllung von der Prophezie in Mal 1,11.14 betrachtet. Es ist hier somit die älteste Stelle, in der die Eucharistiefeier höchstwschl. als Opfer bezeichnet wird. 2.2.3. Der hl. Justin († um 165)

Quellen: - HÄUSER, P. (Hg., Übers.), Dialog mit dem Juden Tryphon, Bibliothek der Kirchenväter 33, München 1917. - KASPAR, J. (Hg., Übers.), Frühchristliche Apologeten und Märtyrerakten, Bibliothek der Kirchenväter 12, Kempten 1913. - MARCOVICH, M. (Hg., Übers.), Iustini Martyris Apologiae pro christianis, Patristische Texte und Studien 38, Berlin 1994. - MARCOVICH, M. (Hg., Übers.), Iustini Martyris Dialogus cum Tryphone, Patristische Texte und Studien 47, Berlin 1997. Literatur: 9 - ALTANER, B. – STUIBER, A., Patrologie. Leben, Schriften und Lehre der Kirchenväter, Freiburg 1980. - CHAT, E., Die Opferlehre des Apologeten Justin, Bonn 1981. - JOURJON, M., Justin, in: RORDORF, W., L’eucharistie des premiers chrétiens, Point théologique 17, Paris 1976, 75-88. - KLEINER, J. R., „Mystagogische Elemente in den Schriften des Märtyrers Justinus“, Heiliger Dienst 48 (1994) 241-544. - RORDORF, W., Der Sonntag. Geschichte des Ruhe- und Gottesdiensttages im ältesten Christentum, Abhandlungen zur Theologie des Alten und Neuen Testaments 43, Zürich 1962. - SÁNCHEZ CARO, J. M., Eucaristía e historia de la salvación. Estudio sobre la plegaria eucarística oriental, Biblioteca de autores cristianos 439, Madrid 1983.

– Er stammt aus Palästina (Flavia Neapolis = Nablus = Sichem), aus einer heidnischgriechischen Familie. Als Jüngling war er lange ein Suchender, mit großem Wissensdurst. Er lernte die stoische, peripatetische und pythagoreische Philosphie kennen. Doch fühlte er sich immer wieder von diesen Philosophen bzw. Philosophien abgestoßen. Von einem zufällig, wschl. bei Ephesus bekannt gewordenen Greis, wird er auf das Christentum aufmerksam gemacht und darauf, dass nur anhaltendes Gebet den Weg zu Gott und Christus eröffne. Von nun an war sein Leben ausschließlich der Verteidigung des Glaubens, der „allein zuverlässigen und brauchbaren Philosophie“ (Dial. 8). Als Wanderlehrer zog er von nun an umher und gründete schließlich in Rom eine Schule. Er wurde um 165 mit 6 anderen Christen unter einem christenfeindlichen Stadtpräfekten von Rom enthauptet. Justin erlebte Zeiten, in denen die Christen nicht planmäßig verfolgt wurden. Die feindselige Haltung der heidnischen Bevölkerung konnte allerdings zu einzelnen Hinrichtungen von Christen führen. Justin schreibt eine Apologie an die höchste 27

Stelle, an Kaiser Antoninus Pius und an dessen Sohn Mark Aurel (unter Mark Aurel wurde Justin dann hingerichtet). – Die erste Apologie, um 155 geschrieben, enthält eine sehr wichtige Beschreibung von Taufe und Eucharistiefeier. Außerdem wird die Bedeutung des Sonntags für die Christen sichtbar. – Zur Taufe: JUSTIN, Apologia I, 61: Wir möchten nun erklären, wie wir uns, neu geschaffen durch Christus, Gott geweiht haben: Alle, welche die Glaubensüberzeugung gewonnen haben, dass unsere Lehre wahr ist, und die erklärt haben, nach ihr auch leben zu können, lehren wir zu beten und von Gott unter Fasten die Vergebung der früheren Sünden zu erbitten; dabei fasten und beten wir mit ihnen. Hierauf führen wir sie zu einem Wasser, und in derselben Form, in der wir wiedergeboren werden, werden auch sie wiedergeboren. Sie nehmen im Wasser das Bad auf den Namen des Vaters des Weltalls, unseres Herrn und Gottes, und unseres Erlösers Jesus Christus und des Heiligen Geistes. Denn Christus sagt: „Wenn jemand nicht aus Wasser und Geist geboren wird, kann er nicht in das Reich Gottes kommen.“ (Joh 3,5). Dabei ist allen klar, dass jemand, der einmal geboren wurde, unmöglich in den Schoß seiner Mutter zurückkehren kann. … Das Bad aber heißt „Erleuchtung“, weil jene, die all das erfahren, im Geist erleuchtet werden. (Monastisches Lektionar I/1, St. Ottilien 1981, 663f). + NB: Katechumenat (Lehren des Betens, Fastens; die Gemeinde betet und fastet mit ihnen) + NB: Taufe durch ein Bad + NB: durch die Taufe wird der Mensch wiedergeboren + NB: durch die Taufe wird der Mensch neu geschaffen + NB: durch die Taufe weiht sich der Mensch Gott (im Schutz- und Heiligkeitsbereich Gottes) + NB: ein wichtiger Name für die Taufe ist „Erleuchtung“ (photismós).

– Zum Wesen der Eucharistie: JUSTIN, Apologia I,66-67: An der Eucharistie darf nur teilnehmen, wer an die Wahrheit unserer Lehre glaubt, wer gewaschen ist in dem Bad der Sündenvergebung und Wiedergeburt und wer nach der Weisung Christi lebt. Denn nicht wie gewöhnliches Brot und gewöhnlichen Trank empfangen wir diese Gaben. Es verhält sich vielmehr so: Jesus Christus, unser Erlöser, ist durch das Wort Gottes Fleisch geworden und hat Fleisch und Blut zu unserem Heil angenommen. In gleicher Weise wird auch durch eine Gebetsrede, die von ihm kommt, diese Nahrung zur Eucharistie. Mit ihr werden unser Fleisch und Blut genährt und umgewandelt. Und diese Nahrung ist, so sind wir belehrt worden, Fleisch und Blut des fleischgewordenen Jesus. In ihren Erinnerungen, die man Evangelien nennt, haben die Apostel überliefert, Jesus habe ihnen diesen Auftrag gegeben: Er habe Brot genommen, Dank gesagt und dann gesprochen: Tut dies zu meinem Gedächtnis, das ist mein Leib. Auf gleiche Weise habe er den Kelch genommen, Dank gesagt und dann gesprochen: Das ist mein Blut, und ihnen allein hat er dann beides gegeben. (Monastisches Lektionar I/1, St. Ottilien 1981, 651). + NB: Nicht jeder darf an der Eucharistie teilnehmen; sie ist der wertvollste Schatz der Christen; welche Bedingungen müssen erfüllt sein? ° rechter Glaube (Eucharistie ist ein Geschenk an die Kirche; nur wer wirklich ganz zur Kirche gehört, darf die Eucharistie empfangen) ° wer getauft ist ° wer gemäß den Geboten lebt + NB: einem Ungläubigen wird hier die Wandlung erklärt und die Bedeutung des Leibes und Blutes Christi: eine sehr einfache, klare Erklärung. Diese Erklärung gehe auf die Evangelien zurück. Hier wird auch das Wort „Evangelium“ verwendet (vgl. Mk 1,1.15; 16,15); + NB: Jesus wird zur Nahrung; bei den Heiden herrschte das Gerücht, die Christen seien Menschenfresser. – Zum Wesen der Eucharistiefeier: JUSTIN, Dialog cum Tryphone
41,1-3: 1. Ihr Männer, das Opfer des Weizenmehles, das gemäß der Überlieferung für die vom Aussatz Gereinigten dargebracht wurde, war ein Vorbild des Brotes der Eucharistie, welches unser Herr Jesus Christus zum Gedächtnis seines Leidens, das er für jene Menschen litt, die ihre Seelen von aller Schlechtigkeit gereinigt haben, zu feiern aufgetragen hat, damit wir gemeinsam Gott Dank sagen dafür, dass er die Welt mit allem, was in ihr ist, um des Menschen willen geschaffen hat, und dafür, dass er uns von der Bosheit, in der wir geboren worden sind, befreit hat, und dass er

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die Mächte und Gewalten mit vollständiger Vernichtung geschlagen hat durch den, der nach seinem Willen leidensfähig geworden ist. 2. Daher spricht Gott, wie gesagt, durch Maleachi, einen der zwölf Propheten, über eure seinerzeit dargebrachten Opfer: „Mein Wohlgefallen ist nicht bei euch, spricht der Herr, und eure Opfer werde ich nicht annehmen aus euren Händen. Denn vom Aufgang der Sonne bis zum Untergang ist mein Name verherrlicht unter den Heiden, und an jedem Ort wird meinem Namen ein Rauchopfer dargebracht und ein reines Opfer; denn groß ist mein Name unter den Heiden, spricht der Herr, ihr aber entehrt ihn“ (Mal 1,10-12). 3. Er sagt das voraus von den ihm von uns, den Heiden, an jedem Ort dargebrachten Opfern, das ist vom Brot der Eucharistie und ebenso vom Kelch der Eucharistie, und er sagt, dass wir seinen Namen ehren, ihr aber entehrt ihn. (MEYER, H. B., Eucharistie, Handbuch der Liturgiewissenschaft 4, Regensburg 1989, 102).

+ NB: die Danksagung wird sehr klar erklärt: für die Schöpfung, für die Befreiung von der Bosheit, für den Sieg über die bösen Mächte (41,1) + NB: Mal 1,10-12 erfüllt sich durch das eucharistische Opfer, das jetzt unter allen Völkern gefeiert wird.

– Zum Ablauf der Eucharistiefeier: JUSTIN, Apologia I, 67,3-6: VO·ICKY, Sakraltheologie IV, 36 + NB: Wortgottesdienst mit den Denkwürdigkeiten der Apostel (Evangelium, Apostelgeschichte, Briefe) und Schriften der Propheten (AT) + NB: der Vorsteher predigt: jeder Gläubige darf/soll den Glauben verkündigen; Hochform der Glaubensverkündigung: die Homilie (Nachahmung des in den Texten erwähnten Guten) + NB: stehend Gebete darbringen (Fürbitten) + NB: Brot, Wein und Wasser zur Gabenbereitung + NB: Hochgebet erstmals ganz deutlich bezeugt: Gebete und Danksagungen emporsenden + NB: das „Amen“ aller wird sehr hervorgehoben. – Zum Wesen des Sonntags: JUSTIN, Apologia I, 67,7: VO·ICKY, Sakraltheologie IV, 36 (ACHTUNG! Druckfehler: „am Tag vor dem Saturnustag“);VO·ICKY, Sakraltheologie IV, 38-40 + Sonntag: bei den Heiden nach der Sonne benannt; aber auch die Christen verwenden gerne diesen Namen, weil dieser der erste Schöpfungstag ist und weil Christus die wahre Sonne, die „Sonne der Gerechtigkeit“ ist. + andere urkirchliche Namen für den Sonntag: ° „der erste Tag nach dem Sabbat“: 1 Kor 16,2; Apg 20,6-11; vgl. Mk 16,2; Mt 28,1; diese Bezeichnung verliert bereits in patristischer Zeit an Bedeutung ° „Herrentag“: Offb 1,10; Didache 14,1 (kuriakhv hJmera; dies dominica), IGNATIUS, Epistula ad Magnesios 9,2 ° „Achter Tag“: Barnabas 15,18f; JUSTIN, Dialogi 41,4 (auch II. Vatikanum: SC 106) ° „Tag der Auferstehung des Herrn“: TERTULLIAN, De or. 23 (im Russischen: woskresnje) + NB: Hinweis auf die Kreuzigung Jesu an einem Freitag und auf die Auferstehung Jesu an einem Sonntag + der Sonntag unterscheidet sich vom Sabbat. Am Sabbat darf nicht gearbeitet werden. Der Sonntag dagegen ist nicht primär ein Ruhetag. Am Sonntag wird vor allem die Auferstehung des Herrn gefeiert. + der Sonntag war in den ersten drei Jahrhunderten kein freier Tag, sondern ein Arbeitstag. Daher kam die Gemeinde am Abend (Apg 20,7) oder frühmorgens (Plinius d. J., Epistola 10,96,7) zur Eucharistiefeier zusammen. + Tertullian weist auf die Wichtigkeit hin, am Sonntag den Gottesdienst zu besuchen (TERTULLIAN, De fug. 14,1). Bei Tertullian wird auch das Bedürfnis der Christen erkennbar, am Herrentag doch die Arbeitsruhe einzuhalten. Tertullian schreibt, dass 29

die Christen am Herrentag „die Geschäfte aufschieben, um dem Teufel keinen Raum zu geben.“ (vgl. VOSICKY, Sakraltheologie II, 20; TERTULLIAN, De Oratione 23) + Kaiser Konstantin führt die Arbeitsruhe am Sonntag für die Richter, die Stadtbevölkerung und alle Erwerbstätigen ein. (AUF DER MAUR, Herrenfeste 43). Er setzte fest, dass die christlichen Soldaten am Herrentag Urlaub erhielten, um zum Gottesdienst zu gehen (EUSEBIUS, Vita Constantini 4,18,3). Allen nichtchristlichen Soldaten wurde befohlen, am selben Tag aufs freie Feld zu gehen, um gemeinsam Gebete zu ihrem Gott zu sprechen (EUSEBIUS, Vita Constantini 4,19-20) (AUF DER MAUR, Herrenfeste 41) + Der hl. Hieronymus erklärt den Namen „Sonntag“: Der Herrentag, der Tag der Auferstehung, das ist unser Tag. Darum wird er Herrentag genannt, weil der Herr an ihm als Sieger zum Vater emporgestiegen ist. Wenn er von den Heiden Tag des SOL (Sonne, Name des Sonnengott) genannt wird, so bekennen auch wir das gerne: denn heute ist das Licht der Welt aufgegangen, heute ist die Sonne der Gerechtigkeit aufgestiegen. (vgl. VOSICKY, Sakraltheologie II, 20) + Der hl. Ephräm († 373) ist der erste, von dem in Zusammenhang mit der Sonntagsruhe eine deutliche Anspielung auf das Sabbatgebot überliefert ist. (AUF DER MAUR, Herrenfeste 43). + Die Synoden vom 6. bis 12. Jh. fordern immer wieder die Pflicht ein, am Sonntag den Gottesdienst zu besuchen. (AUF DER MAUR, Herrenfeste 42; vgl. HOLLY, Sonntagsheiligung 48f). + In der Zeit der Scholastik gibt es mehrere Versuche, die Sonntagsruhe zu begründen, vor allem mit dem 3. Gebot. (AUF DER MAUR, Herrenfeste 42). Der hl. Thomas verlangt für die gewissenhafte Erfüllung des Sonntagsgebotes die Arbeitsruhe und die Beschäftigung mit göttlichen Dingen. (HOLLY, Sonntagsheiligung 50). 2.2.4. Abwehr des Gnostizismus (vgl. VO·ICKY, Sakraltheologie 4, 50-53). Der Gnostizismus ist keine Religion, sondern eine Geisteshaltung, die verschiedenen antiken Sekten (zB. Valentinian in Ägypten, Basilides in Syrien, Mani in Persien, Markion in Kleinasien und Rom) zu eigen war, aber auch moderne religiöse Bewegungen (zB. heute: New Age, Anthroposophie) und Geheimbünde (zB. heute: Freimaurer, Rosenkreuzer) in hohem Maß prägt. Die Merkmale des Gnostizismus sind: + Glaube an den Dualismus von Gut (Sophia/Weisheit = gute Gott) und Böse (Kosmos/Welt = böse Gott). + Weltverneinung (besonders in der Antike) + Skepsis/Ablehnung gegenüber den Institutionen in dieser Welt und der Kirche + Selbsterlösung durch ein geheimnisvolles Wissen (Gnosis) + die Erlösung ist einer Schar Auserwählter vorbehalten + Individualismus + Synkretismus (Vermischung einzelner Elemente verschiedener Religionen) Manche Gnostiker sahen Christus als einen Erlöser an, der den Menschen zum guten Gott zurückführen könne. Vor allem der Gnostiker Markion ist hier zu nennen. Er lehnte das AT ab und ließ nur jene Stellen des NTes gelten, die zu seinen gnostischen Lehren passten. Christus, der Sohn des guten Gottes, hätte nur einen Schein-Leib besessen, hätte aber den Menschen das geheime Wissen zur Selbsterlösung mitgeteilt. Markion baute eine Gegenkirche auf, die sehr viel Zulauf hatte. Die Feier von Taufe und Eucharistie übernimmt er und sieht sie als Hilfen zur 30

Absage von dieser Welt und als Hilfen zur geistigen Vereinigung mit dem guten Gott. Die Schöpfung ist bei ihm nicht viel wert. Markion wird von vielen christlichen Schriftstellern widerlegt und bekämpft. In der christlichen Liturgie werden als Reaktion gegen die Gnostiker der Schöpfer und die Schöpfung hervorgehoben. Auch die Eucharistie (Danksagung) geschieht nicht nur aufgrund der Erlösung, sondern auch aufgrund der Schöpfung. Irenäus von Lyon sagt:
Wir müssen Gott nämlich Dank abstatten und in allem dankbar gegen den Schöpfergott sein und ihm in reiner Gesinnung, ungeheucheltem Glauben, in fester Hoffnung und in glühender Liebe die Erstlinge seiner Schöpfung darbringen. Und dieses Opfer bringt ganz allein die Kirche dem Schöpfer rein dar, indem sie ihm unter Danksagung aus seiner Schöpfung opfert. (IRENÄUS, Adversus haereses 4,18,4, in: BROX, N., Irenäus von Lyon. Adversus haeres 4, FC 8/4, Freiburg 1997, 145).

Irdisches wird also bei der Eucharistiefeier verwendet, um es bei der Wandlung in göttliche Wirklichkeiten, dh. in den Leib Christi, zu verwandeln. Das eucharistische Opfer wird dem Schöpfer dargebracht. Die Kirche sieht sich gedrängt, gegenüber der Stoffverachtung der Gnosis die Würde der irdischen Schöpfung zu betonen, auch im Gottesdienst. Nicht mehr der Materialismus des heidnischen Opferwesens ist der gefährliche Gegner, sondern der Spiritualismus einer christliche verbrämten Geistlehre. Die himmlische Gabe der Eucharistie hat doch einen irdischen Anfang; es sind die „Erstlinge der Schöpfung“, aus denen sie hervorgeht. Die Gläubigen sollen daher selbst Gaben mitnehmen, die dann in das Opfer hineingenommen werden (vgl. JUNGAMANN, Missarum 2,1f). Seit dem Ende des 2. Jh.s ist auch der Opfergang bezeugt: Gläubige bringen Opfergaben zum Altar, also materielle Gaben, die gleichzeitig auch die täglichen Arbeitsmühen des Menschen repräsentieren (vgl. TERTULLIAN, De exhor. cast. 11; vgl. JUNGAMANN, Missarum 2,2).
Quellen: CCL 1-2. Literatur: 9 - ALTANER, B. – STUIBER, A., Patrologie. Leben, Schriften und Lehre der Kirchenväter, Freiburg 1980. – BAUS, K., Von der Urgemeinde zur frühchristlichen Großkirche, Handbuch der Kirchengeschichte 1, Freiburg 1962 (bes. 285-289.340-346.367-373). – MESSNER, R., Feiern der Umkehr und Versöhnung, Handbuch der Liturgiewissenschaft 7,2, Regensburg 1992 (bes. 86-91). – POSCHMANN, B., Paenitentia secunda. Die kirchlihce Buße im ältesten Christentum bis Cyprian und Origenes, Theophaneia 1, Bonn 1940. 2 – TAFT, R., The Liturgy of the Hours in East and West, Collegeville 1993 (bes. 17-19).

2.2.5. Tertullian

– Tertullian († nach 220) bringt die Terz, die Sext und die Non mit biblischen Ereignissen in Zusammenhang: Terz (Apg 2,1-15), Sext (Apg 10,9), Non (Apg 3,1):
Hinsichtlich der Zeiten aber dürfte die äußerliche Beobachtung gewisser Stunden nichts Überflüssiges sein, jener gemeinschaftlichen Stunden nämlich, welche die Hauptabschnitte des Tages bezeichnen, die dritte, sechste und neunte, welche man auch in der Hl. Schrift als die ausgezeichneteren genannt findet. Zum ersten Mal wurde der Hl. Geist auf die versammelten Jünger ausgegossen um die dritte Stunde (vgl. Apg 2,15). An dem Tag, als Petrus in jenem Geräte die Vision von der Gemeinsamkeit hatte, war er um die sechste Stunde in das obere Stockwerk hinaufgestiegen, um zu beten (vgl. Apg 10,9). Derselbe ging mit Johannes um die neunte Stunde nach dem Tempel, wo er dem Gelähmten seine Gesundheit wieder gab (vgl. Apg 3,1). (TERTULLIAN, De oratione 25, in: 2 KELLNER, H. [Hg., Übers.], Tertullians private und katechetische Schriften, München 1912, BKV 7, 269f)

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– Tertullian hebt das Kreuzzeichen hervor. Bei den Christen der frühen Kirche gibt es eine besonders ausgeprägte Kreuzzeichen-Frömmigkeit. Tertullian schreibt:
Bei jedem Ausgang und Fortgang, bei jdem Anfang und Ende, beim Kleideranlegen und Schuhanziehen, vor dem Bade, wenn wir zu Tisch gehen, wenn wir die Lichter anzünden, wenn wir uns auf das Ruhebett legen oder auf einen Stuhl setzen, bei jedem Tun der täglichen Beschäftigung bezeichnen wir die Stirne mit dem Zeichen des Kreuzes. (TERTULLIAN, De corona 3,4, in: BAUS, K., Von der Urgemeinde zur frühchristlichen Großkirche, Handbuch der Kirchengeschichte 1, Freiburg 1962, 345).

– Die steigenden Mitgliederzahlen in der 2. Hälfte des 2. Jh.s brachten auch häufigere Fälle eines Versagens. Es gibt verschiedene Ansichten über die Buße für schwere Sünder. Es gab zur Zeit des Tertullian bereits einen Ritus der öffentlichen Kirchenbuße, auch wenn es dazu sehr wenige Textzeugen gibt. Diese Buße ist nur einmal im Leben möglich. Tertullian ist der älteste Zeuge einer öffentlichen Kirchenbuße, wenn er in der Schrift De paenitentia von einer paenitentia secunda (zweiten Buße) spricht. Es kam aber auch vor, dass einige schwere Sünder die schwere Buße in einer Art Verzweiflung nicht auf sich nehmen wollten. Daher schreibt er:
Es sollte uns freilich schwer sein, zum zweitenmal zu sündigen, aber zum zweitenmal Buße zu tun, das sollte uns nicht verdrießen. (TERTULLIAN, De paenitentia 7,12, in: BAUS, Von der Urgemeinde zur frühchristlichen Großkirche, Handbuch der Kirchengeschichte 1, 368).

Später, als Sektierer ist Tertullian ein Gegner der öffentlichen Kirchenbuße. Er schreibt als überzeugter Montanist:
Es kann die Kirche Sünden vergeben, aber ich will es nicht tun, damit nicht auch andere sündigen. (TERTULLIAN, De pudicitia 21,7, in: MESSNER, R., Feiern der Umkehr und Versöhnung, Handbuch der Liturgiewissenschaft 7,2, Regensburg 1992, 64).

Quellen: Corpus Scriptorum Ecclesiasticorum Latinorum 3. Literatur: 9 - ALTANER, B. – STUIBER, A., Patrologie. Leben, Schriften und Lehre der Kirchenväter, Freiburg 1980. – BAUS, K., Von der Urgemeinde zur frühchristlichen Großkirche, Handbuch der Kirchengeschichte 1, Freiburg 1962 (bes. 289f.340-344.373-376). – MESSNER, R., Feiern der Umkehr und Versöhnung, Handbuch der Liturgiewissenschaft 7,2, Regensburg 1992 (86-91). – POSCHMANN, B., Paenitentia secunda. Die kirchlihce Buße im ältesten Christentum bis Cyprian und Origenes, Theophaneia 1, Bonn 1940.

2.2.6. Der hl. Cyprian von Karthago

Cyprian war besonders mit den Problemen um die öffentliche Kirchenbuße beschäftigt. Während der Decischen Verfolgung (249/250) fielen sehr viele Christen vom Glauben ab. Die Reuigen wendeten sich zunächst an die Konfessoren (Bekennern) in den Gefängnissen, denen eine vom Heiligen Geist direkt bewirkte Vergebungsvollmacht zugeschrieben wurde. Die Konfessoren stellten einen sogenannten „Friedensbrief“ aus, dessen Bedeutung allerdings verschieden betrachtet wurde. Bischof Cyprian, der zunächst eine sehr strenge Haltung gegenüber den Apostaten einnimmt, macht aufgrund der Vielzahl von reuigen Apostaten Zugeständnisse: er ordnet an, dass Apostaten, die einen Friedensbrief eines Konfessors haben, am Sterbebett wieder mit der Kirche versöhnt werden dürfen. Den Apostaten, die aufgrund von Folter abgefallen waren, gesteht er sogar die Rekonziliation bereits nach einer dreijährigen Bußzeit zu. (vgl. MESSNER, R., Feiern der Umkehr und Versöhnung, Handbuch der Liturgiewissenschaft 7,2, Regensburg 1992, 88). 32

Cyprian bezeugt auch einen Rekonziliationsritus. Er schreibt in einem Brief:
Durch die Handauflegung des Bischofs und des Klerus empfangen [die Sünder] das Recht auf [Kirchen]Gemeinschaft (CYPRIAN, Epistula 16,2, in: MESSNER, R., Feiern der Umkehr und Versöhnung, Handbuch der Liturgiewissenschaft 7,2, Regensburg 1992, 91).

Quellen: - GEERLINGS, W. (Hg., Übers.), Traditio apostolica, Fontes Christiani 1, Freiburg 1992. Literatur: - BOTTE, B., „Die Wendung ‚astare coram te et tibi ministrare’ im Eucharistischen Hochgebet II“, in: Bibel und Liturgie 49 (1976) 101-104. - BRADSHAW, P. F., Redating the Apostolic Tradition: Some Preliminary Steps, in: Rule of Prayer, Rule of Faith. Essays in Honor of Aidan Kavanagh, Collegeville 1996 - DASSMANN, E., „Die Bedeutung des Alten Testamentes für das Verständnis des kirchlichen Amtes in der frühpatristischen Theologie“, in: Bibel und Leben 10 (1970) 198-214. – KELLY, J. N. D., Altchristliche Glaubensbekenntnisse, Göttingen 1972. - KIRSTEN, H., Die Taufabsage. Eine Untersuchung zu Gestalt und Geschichte der Taufe nach den altkirchlichen Taufliturgien, Berlin 1960. - KÖTTING, B., „Die Stellung des Konfessors in der Alten Kirche“, in: Jahrbuch für Antike und Christentum 19 (1976) 7-23. - LANNE, E., La bénédiction de l’huile, in: TRIACCA, A. M. – PISTOIA, A. (Hg.), Les bénédictions et les sacramentaux dans la liturgie, Bibliotheca „Ephemerides liturgica“ Subsidia 44, Roma 1988, 165-180. - METZGER, M., “Nouvelles perspectives pour la prétendue ‘Tradition Apostolique’ “, Ecclesia Orans 5 (1988) 241-259. – RAMIS, G., La consagración de la mujer en las liturgias occidentales, Bibliotheca „Ephemerides liturgica“ Subsidia 52, Roma 1990.

2.2.7. Die Traditio apostolica (vgl. VO·ICKY, Sakraltheologie 4, 37-38.41-47).

Sie gehört zur Gattung der Kirchenordnungen. Sie ist auf lateinisch (Palimpsest von Verona aus dem 4. Jh.) und in vier orientalischen Sprachen (sahidisch, bohairisch, arabisch, äthiopisch: Synodus von Alexandrien) erhalten. Sie wird während des 20. Jh.s von den meisten Liturgiewissenschaftern dem hl. Hippolyt von Rom zugeschrieben. Es ist zwar bekannt, dass Hippolyt eine Kirchenordnung geschrieben hat, allerdings gibt es keinen fixen Hinweis, dass die Traditio apostolica gerade diese verloren gegangene Kirchenordnung des Hippolyt ist. Vor allem in den letzten Jahren wird daher die Autorenschaft des Hippolyt für die Traditio apostolica unter den Liturgiewissenschaftern allgemein sehr bezweifelt (BRADSHAW, Redating; METZGER, Nouvelles perspectives). Ebenso ist sehr unsicher, ob sie in Rom entstanden ist. Die liturgischen Riten weisen eher auf den Osten hin. Sie ist jedenfalls eine frühchristliche Schrift (3. Jh. oder spätestens Beginn des 4. Jh.s), die zu vielen liturgischen Fragen genau Stellung nimmt. Spätere Kirchenordnungen (Canones: um 340; Apostolische Konstitutionen: um 380) haben auf sie aufgebaut. Nach dem 2. Vatikanischen Konzil wurde die Traditio apostolica sehr hervorgehoben. Das heutige II. Hochgebet und das heutige Weihegebet bei der Bischofsweihe sind sehr an die Traditio apostolica angelehnt.
– Zum Katechumenat: Traditio apostolica 15: Diejenigen, die erstmals zum Hören des Wortes kommen, sollen, bevor das ganze Volk eintritt, zuerst vor die Lehrer geführt werden, damit man sie nach dem Grund frage, weshalb sie sich dem Glauben zugewandt haben. Jene, die sie herbeigeführt haben, sollen Zeugnis für sie ablegen, ob sie auch fähig sind, das Wort zu hören.

NB: Hier begegnet uns erstmals in der Kirchengeschichte eine Vorform des Taufpatens. Die Bewerber müssen Zeugen mitbringen, die über den Lebenswandel der Taufwilligen Auskunft geben können.

– Zum Katechumenat: Traditio apostolica 16: Man soll sich ferner danach erkundigen, welche Berufe und Tätigkeiten diejenigen ausüben, die man zum Unterricht bringt. Ist jemand Besitzer eines Bordells, soll er

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diese Tätigkeit aufgeben, oder man weise ihn zurück. Ist einer Bildhauer oder Maler, weise man ihn an, keine Götzenbilder zu machen; sie sollen davon ablassen, oder man weise sie zurück. Ist einer Schauspieler oder gibt er Vorstellungen im Theater, soll er damit aufhören oder zurückgewiesen werden. Wer Kinder unterrichtet, tut gut, wenn er davon ablässt; wenn er aber keinen anderen Beruf hat, sei es ihm gestattet. Ebenso soll der Wagenlenker, der Wettkämpfer und wer sonst am Wettkampf teilnimmt, diesen Beruf aufgeben oder abgewiesen werden. Wer Gladiator ist, Gladiatoren im Kampf unterrichtet, ein Tierkämpfer, ein Organisator von Gladiatorenspielen: sie sollen davon ablassen oder abgewiesen werden. Der Götzenpriester oder der Wächter von Götzenbildern soll davon ablassen oder zurückgewiesen werden. Der Soldat, der unter Befehl steht, soll keinen Menschen töten. Erhält er dazu den Befehl, soll er diesen nicht ausführen, auch soll er keinen Eid leisten. Ist er aber dazu nicht bereit, weise man ihn ab. Wer die Schwertgewalt hat oder Stadtmagistrat ist und den Purpur trägt, soll seine Stellung aufgeben oder abgewiesen werden. Der Katechumene, aber auch der Gläubige, der Soldat werden will, soll abgewiesen werden, weil er Gott missachtet hat. Die Dirne, der Homosexuelle, derjenige, der sich selbst verstümmelt, und jeder andere, der etwas tut, worüber man nicht spricht, sollen abgewiesen werden; sie sind nämlich unrein. Ein Magier werde nicht einmal zur Prüfung zugelassen. Zauberer, Sterndeuter, Wahrsager, Traumdeuter, Scharlatane und der Abschneider, der den Rand der Münzen abschneidet, sowie derjenige, der Amulette anfertigt: alle diese sollen ihre Tätigkeiten aufgeben oder abgewiesen werden. Die Konkubine eines Mannes soll, wenn sie seine Sklavin ist, seine Kinder aufzieht und ihm allein treu ist, das Wort hören dürfen. Andernfalls weise man sie ab. Ein Mann, der eine Konkubine hat, soll von ihr lassen und sich eine Frau nach dem Gesetz nehmen; will er aber nicht, weise man ihn ab. Wenn wir irgend etwas ausgelassen haben, werden die Tätigkeiten selbst es euch lehren. Denn wir alle haben den Geist Gottes.

NB: Hier wird deutlich, dass Liturgie und Moral sehr eng miteinander verbunden sind: nur Leute, deren Beruf mit dem christlichen Leben vereinbar ist, können getauft werden. NB: Schauspieler werden deswegen abgewiesen, weil damals gewöhnlich Stücke mit heidnischen Inhalten bzw. heidnischen Botschaften aufgeführt wurden. Außerdem mussten Schauspieler den Göttern im Theater opfern. NB: Lehrer werden damals nicht gerne zur Taufe zugelassen, weil Lehrer damals Inhalte der heidnischen Mythologie und des Götterkultes weitergeben mussten. NB: Wagenlenker, Gladiatoren und Wettkämpfer mussten öffentlich den Göttern opfern. NB: eine sehr strenge Regelung: die Soldaten dürfen niemanden töten, auch auf Befehl nicht. Den Eid darf er wegen der heidnischen Eidesformel nicht ablegen. NB: Mit dem Homosexuellen sind jene gemeint, die homosexuellen Geschlechtsverkehr pflegen. Das war in der jüdischen und christlichen Welt immer unmoralisch. NB: ein Münz-Abschneider ist ein Geldfälscher. Die Münze bleibt gleich viel wert, auch wenn von ihr ein wenig Gold oder Silber abgeschnitten ist. NB: Männer dürfen sich keine Konkubinen halten.
– Zum Katechumenat: Traditio apostolica 17: Die Katechumenen sollen drei Jahre lang das Wort hören. Ist aber einer besonders eifrig und befleißigt er sich der Sache sehr, dann soll nicht die Zeitdauer, sondern allein die Lebensführung berücksichtigt werden.

NB: Das Katechumenat dauert gewöhnlich drei Jahre, kann aber wegen besonders guter Lebensführung verkürzt werden.

– Zum Katechumenat: Traditio apostolica 19: Nach dem Gebet legt der Lehrer den Katechumenen die Hand auf, betet und entlässt sie dann. Gleichgültig ob er Kleriker oder Laie ist, der Lehrer soll dies in jedem Fall tun. Wird ein Katechumene des Namens des Herrn wegen verhaftet, dann soll er nicht seines Zeugnisses wegen zweifeln. Wird ihm nämlich Gewalt angetan und wird er getötet, so wird er gerechtfertigt werden, auch wenn seine Sünden noch nicht nachgelassen sind. Denn er hat die Taufe in seinem Blut empfangen.

NB: Der Katechet betet immer nach der Katechese über die Katechumenen. NB: Die Katechumenen, die als Märtyrer sterben, empfangen die Bluttaufe.
– Zur Taufe: Traditio apostolica 21: Zur Zeit des Hahnenschreis soll man zunächst über das Wasser beten. Es soll Wasser sein, das aus einer Quelle fließt oder von oben herabfließt. So soll man es halten, wenn die Verhältnisse es nicht anders erzwingen. In einer andauernden und bedrückenden Zwangslage kann man sich jedoch des Wassers bedienen, das man gerade vorfindet. Die Täuflinge sollen ihre Kleider ablegen, und zuerst soll man die Kinder taufen. Alle, die für sich selbst sprechen können, sollen es tun. Für die jedoch, die nicht für sich sprechen können, sollen die Eltern sprechen oder ein anderes Familienmitglied. Danach soll man die

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Männer taufen, anschließend die Frauen, nachdem sie ihr Haar aufgelöst und ihren Gold- und Silberschmuck abgelegt haben. Niemand soll einen fremden Gegenstand mit ins Wasser nehmen. Zum festgesetzten Zeitpunkt der Taufe soll der Bischof das Danksagungsgebet über das Öl sprechen und es in ein Gefäß gießen. Es ist dies das Öl der Danksagung. Er soll auch anderes Öl nehmen und daürber den Exorzismus sprechen. Es ist dies das Öl des Exorzismus. Ein Diakon nimmt das Öl des Exorzismus und stellt sich zur Linken, ein anderer nimmt das Öl der Danksagung und stellt sich zur Rechten des Presbyters. Der Presbyter nimmt jeden einzelnen Täufling in Empfang und fordert ihn auf, mit folgenden Worten zu widersagen: ‚Ich widersage dir, Satan, all deinem Pomp und all deinen Werken.’ Nachdem jeder widersagt hat, salbt ihn der Presbyter mit dem Öl des Exorzismus unter folgenden Worten: ‚Jeder böse Geist weiche von dir’. Daraufhin übergibt er ihn unbekleidet dem Bischof oder dem Presbyter, der in der Nähe des Taufwassers steht. Ein Diakon soll danach mit ihm hinabsteigen. Sobald der Täufling ins Wasser hinabgestiegen ist, legt der Täufer ihm die Hand auf und fragt: ‚Glaubst du an Gott, den allmächtigen Vater?’ Und der Täufling soll antworten: ‚Ich glaube’. Und sogleich, während die Hand auf seinem Haupt liegt, tauft er ihn zum erstenmal. Und darauf fragt er: ‚Glaubst du an Christus Jesus, den Sohn Gottes, der geboren ist vom Heiligen Geist aus der Jungfrau Maria, der unter Pontius Pilatus gekreuzigt wurde, gestorben, am dritten Tage lebend von den Toten auferstanden und zum Himmel aufgestiegen ist, zur Rechten des Vaters sitzt, der kommen wird, zu richten die Lebenden und die Toten?’ Und wenn jener gesagt hat: ‚Ich glaube’, soll er ein zweites Mal getauft werden. Erneut fragt er: ‚Glaubst du an den Heiligen Geist, an die heilige Kirche und an die Auferstehung des Fleisches?’ Der Täufling soll sagen: ‚Ich glaube’. Und so soll er ein drittes Mal getauft werden. Wenn er dann wieder heraufgestiegen ist, soll er vom Presbyter unter folgenden Worten mit dem Öl der Danksagung gesalbt werden: ‚Ich salbe dich mit heiligem Öl im Namen Jesu Christi’. Ein jeder soll sich abtrocknen und wieder ankleiden. Dann sollen sie in die Kirche hineingehen. Der Bischof soll ihnen die Hand auflegen und anrufend beten: ‚Herr, Gott, du hast sie gewürdigt, durch das Bad der Wiedergeburt des Heiligen Geistes die Vergebung der Sünden zu erlangen, mache sie auch würdig, mit Heiligem Geist erfüllt zu werden. Sende in sie deine Gnade, damit sie dir nach deinem Willen dienen. Denn dein ist die Herrlichkeit, Vater und Sohn mit dem Heiligen Geist in der heiligen Kirche, jetzt und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.’ Dann gießt er Öl der Danksagung in seine Hand, legt sie dem Täufling aufs Haupt und spricht: ‚Ich salbe dich mit heiligem Öl in Gott, dem allmächtigen Vater, in Christus Jesus und im Heiligen Geist.’ Nachdem er die Täuflinge auf der Stirn bekreuzigt hat, soll er ihnen eine Kuss geben und sagen: ‚Der Herr sei mit dir.’ Und der Bezeichnete soll sagen: ‚Und mit deinem Geist.’ So soll er mit jedem einzelnen verfahren. Danach beten sie zusammen mit dem ganzen Volk. Denn sie dürfen erst dann zusammen mit den Gläubigen beten, wenn sie dies alles erhalten haben. Nach dem Gebet sollen sie einander den Friedenskuss geben. Dann soll dem Bischof von den Diakonen die Opfergabe gereicht werden. Er soll danksagen: über das Brot als Abbild des Leibes Christi; über den Kelch mit gemischtem Wein als Abbild des Blutes, das für alle vergossen wurde, die an ihn glauben; …

+ NB: die Taufe beginnt zur Zeit des Hahnenschreis. Wahrscheinlich ist hier die Feier einer Osternacht beschrieben. Nach einer Nacht mit Gebeten und Lesungen beginnt „zur Zeit des Hahnenschreis“ die Tauffeier. + NB: die Kindertaufe wird klar belegt; die Eltern als Vormunde bekennen statt den Kindern den Glauben. + NB: der Ablauf der Taufe kann ungefähr so beschrieben werden: Weihe der beiden Öle (Öl der Danksagung = Chrisam; Öl des Exorzismus = Katechumenenöl) durch den Bischof, Absage vom Satan, Salbung mit Katechumenenöl durch den Priester, dreiteiliges Glaubensbekenntnis und dreiteiliges Taufen, Salbung mit Chrisam durch den Priester, Ankleiden. + NB: unmittelbar auf die Taufe folgt der Ritus der postbaptismalen Salbung, der unserer heutigen Firmung entspricht, aber damals untrennbar mit der Taufe verbunden war: der Bischof legt dem Neugetauften die Hand auf, salbt ihn mit Chrisam, bezeichnet ihn mit einem Kreuz auf der Stirn, gibt ihm den Friedenskuss und sagt: ‚Der Herr sei mit dir’. Der Täufling antwortet: ‚Und mit deinem Geist’. + NB: nach der Tauffeier (Taufe und postbaptismale Salbung) folgt das Gebet mit der Gemeinde (Fürbitten). Erstmals können die Neugetauften mit der Gemeinde gemeinsam beten. Danach ist der Friedensgruß und die Feier der Eucharistie. + NB: die Feier dieser drei Sakramente unmittelbar aufeinander wird genannt: Feier der Initiation. Das Wort „Initiation“ bedeutet „Anfangen“, „Beginnen“ oder „Einführen“. Nach der Feier der christlichen Initiation ist ein Mensch als Christ initiiert, in das Christentum eingeführt, zum Christen gemacht. In der Ostkirche ist auch heute die Feier der christlichen Initiation in dieser Form üblich. Die Reihenfolge „TaufeSalbung-Eucharistie“ wird bei der Feier der christlichen Initiation immer eingehalten. 35

+ Die Taufe spendet der Bischof oder der Priester. Der Taufspender steigt aber nicht in das Becken hinein. Der Diakon begleitet den Täufling in das Taufbecken. Im 4. Jahrhundert werden auch Diakonissen bezeugt (durch die Didaskalia), deren Aufgabe es ist, die weiblichen Täuflinge in das Taufbecken zu begleiten und ihnen zu helfen. – Ämter und Dienste in der Gemeinde. Generell gilt diese Unterscheidung zwischen Ämter und Dienste: Kirchliche Ämter werden durch Ordination (Weihe) übernommen, kirchliche Dienste dagegen durch Beauftragung. – Die Traditio apostolica kennt folgende kirchlichen Ämter: + Bischofsamt (Trad. apost. 2-4: der Priester allein besitzt die Vollmacht, den Geist zu spenden: vgl. Trad. apost. 8), + Priesteramt (Trad. apost. 7; die Traditio apostolica erwähnt nicht, dass der Priester der Eucharistiefeier vorstehen kann; in Trad. apost. 4 wird die Konzelebration der Priester bezeugt); + Diakonat (Trad. apost. 8: der Diakon wird zum Dienst an den Bischof geweiht; er gehört nicht zum Presbyterium). Von einer Diakonissenweihe ist in der Didaskalia aber nichts überliefert. – Die Traditio apostolica kennt folgende kirchlichen Dienste: + Bekenner (Trad. apost. 9): sie haben den Rang der Priester + Witwen (Trad. apost.10): sie wird für das Gebet bestellt. + Lektor (Trad. apost. 11) + Jungfrau (Trad. apost. 12) + Subdiakon (Trad. apost. 13): er folgt dem Diakon + Heiler (Trad. apost. 14): er heilt Kranke
– Zum Kreuzzeichen: Traditio apostolica 42: Wenn du versucht wirst, bezeichne dir die Stirn mit Frömmigkeit. Dieses Zeichen des Leidens ist ein Zeichen gegen den Teufel, wenn du es gläubig tust, und nicht, um von den Menschen gesehen zu werden. Du sollst es überlegt darbieten wie einen Schild, und der Widersacher wird die Kraft sehen, die aus dem Herzen kommt. … Indem wir uns Stirn und Augen mit der Hand bezeichnen, vertreiben wir den, der versucht, uns zu vernichten.

+ Das Kreuzzeichen ist ein apotropäisches Zeichen, ein Teufel abwehrendes Zeichen. + Das Kreuzzeichen ist Ausdruck des Glaubens, vor dem der Widersacher eigentlich flieht. + Das Kreuzzeichen wird auf Stirn und Augen gemacht.
– Zur Ehrfurcht vor der Eucharistie (eucharistisches Fasten): Traditio apostolica 36: Jeder Gläubige soll bemüht sein, die Eucharistie zu empfangen, noch bevor er etwas anderes zu sich genommen hat. Empfängt er sie nämlich gläubig, dann wird ihm auch später gegebenes todbringendes Gift nicht schaden.

+ Hier wird das eucharistische Fasten verlangt. Das erste, was der Gläubige am Tag empfangen soll, sind Leib und Blut Christi. + Die Eucharistie, gläubig empfangen, schützt sogar gegen Gift, jedenfalls gegen geistliches Gift.

– Zur Ehrfurcht der Eucharistie (sorgfältiger Umgang mit der Eucharistie): Traditio apostolica 37: Jeder trage Sorge, dass kein Ungläubiger die Eucharistie genießt, auch keine Maus oder ein anderes Tier, noch dass etwas auf den Boden herunterfällt und dort verdirbt. Denn der Leib Christi darf nur von den Gläubigen gegessen und nicht missachtet werden.

+ Nur den Gläubigen ist die Teilnahme an der Eucharistie vorbehalten. + Mit der Eucharistie muss sehr sorgfältig umgegangen werden. Gewöhnliche Speise, die hinunterfällt, wird gemäß antikem Brauch den Tierchen überlassen. Eucharistie soll möglichst nicht hinunterfallen. 36

– Zur Eucharistie: Traditio apostolica 4: Nachdem nun jemand zum Bischof eingesetzt worden ist, sollen ihm alle den Friedenskuss geben und ihn begrüßen, denn er hat die Würde erlangt. Die Diakone sollen ihm die Opfergabe reichen. Er breitet die Hände über der Gabe aus, und dabei soll er zusammen mit dem gesamten Presbyterium das Dankgebet sprechen. – Diese Beschreibung der Eucharistiefeier erfolgt im Rahmen der Beschreibung von der Bischofsweihe. – Unmittelbar vor der Gabenbereitung ist der Friedenskuss (wie es dem ostkirchlichen Brauch heute noch entspricht). – Es ist die Aufgabe der Diakone, dem Bischof bei der Gabenbereitung die Opfergabe zu reichen. – Das Hochgebet spricht der Bischof nicht alleine, sondern mit ihm sprechen es auch die Priester: der älteste Hinweis auf eine Konzelebration. – Das eucharistische Hochgebet der Traditio apostolica zählt zu den ältesten erhaltenen eucharistischen Hochgebeten. 2.2.8. Die ältesten Anaphoren

Quellen: - GELSTON, A. (Hg., Übers.), The Eucharistic Prayer of Addai and Mari, Oxford 1992, 48-54. - HÄNGGI, A. – PAHL, I. (Hg.), Prex eucharistica. Textus e variis liturgiis antiquioribus selecti (Spicilegium Friburgense 12), Freiburg/Schweiz 1968. - KKK 1352-1377. Literatur: - BRADSHAW, P. F., Essays on Early Eastern Eucharistic Prayers, Collegeville1997. - GIRAUDO, C., La Struttura Letteraria della Preghiera Eucaristica, Analecta biblica 92, Roma 1981. 5 - JUNGMANN, J. A., Missarum Sollemnia. Eine genetische Erklärung der römischen Messe 1-2, Freiburg 1962. - MAZZA, E., L’anafora eucaristica. Studi sulle origini, Bibliotheca „Ephemerides Liturgicae“. Subsidia 62, Roma 1992. - MEYER, H. B., Eucharistie. Geschichte, Theologie, Pastoral, Handbuch der Liturgiewissenschaft 4, Regensburg 1989.

– Das eucharistische Hochgebet trägt auch den Namen „Anaphora“ („Hinauftragen“, „Opfer“, „Darbieten“). – Am Anfang war das Paschamysterium: Leiden, Kreuzesopfer, Auferstehung, Himmelfahrt Jesu Christi, letztlich aber das ganze Leben Christi, sein ganzes Sein und sein Heilshandeln auf Erden. – Damit die Jünger Jesu dieses Paschamysterium immer wieder dieses Paschamysterium, die Gegenwart Christi, feiern und erleben können, hat Jesus Christus beim Letzten Abendmahl die Eucharistiefeier gestiftet. Unter der äußeren Gestalt eines Mahles wird das Opfer, die Lebenshingabe Jesu gefeiert. Der Opfercharakter ist von Anfang an dadurch zentral gegeben, da Christus selbst die Nahrung bei diesem Mahl ist. – In den ersten Jahrhunderten wurden wohl bei der Feier der Eucharistie über Brot und Wein die Wandlungsworte gesprochen (vgl. 1 Kor 11) und nach jüdischer Mahlsitte Dank- und Bittgebe gesprochen. – Im Laufe der Jahrzehnte erhielten diese Gebete bei der Feier der Eucharistie eine Ausweitung, um bestimmte theologische Gedanken besonders hervorzuheben. So entstanden fixe Bestandteile (wenn auch oft in unterschiedlicher Reihenfolge), die bald in allen Anaphoren selbstverständlich werden, nämlich: Einleitungsdialog: durch ihn kommt besonders zum Ausdruck, dass der Gottesdienst ein göttliches Handeln (der Priester ruft durch göttliche Bevollmächtigung die Gemeinde auf) und ein Handeln der Gemeinde ist. 37

– „Der Herr sei mit euch“: + Dieser Gruß kommt schon in Rut 2,4 vor (Boas grüßt seine Schnitter mit diesem Gruß). + Dieser Gruß ist mehr als ein Gruß. Er ist ein Gebet und kennzeichnet die bedeutsamen Momente in der Liturgie. + Zu Beginn des Gebetes ist es angemessen zu beten, dass der Herr den Gläubigen nahe ist und ihr Gebet begleiten möge. – „und mit deinem Geist“: dieser Ausdruck ist am besten vom hl. Paulus her zu verstehen. Er grüßt in Gal 6,18; Phil 4,23; Phlm 25 „euren Geist“. Hier ist das Wort „Geist“ als Bezeichnung für den ganzen Menschen gemeint. Dabei wird der Mensch als Seelenwesen, als geistbegabt angedeutet (vgl. SCHWEIZER, E., πνευµα, in: Theologisches Wörterbuch zum Neuen Testament 6, Stuttgart 1959, 433). – „Erhebet die Herzen“: jeder fleischliche und weltliche Gedanke soll zurücktreten und der Sinn soll einzig auf den Herrn hingerichtet sein (JUNGMANN 134) – „Wir haben sie beim Herrn“: das frohe Bewusstsein der Gläubigen, den Sinn ganz auf den Herrn gerichtet zu haben, lässt den Priester weitersprechen. – „Lasst und danken dem Herrn“: Hier wird das Hochgebet als Dankgebet eröffnet. Gemäß Heinrich Suso ist in diesem Moment der Priester Vorsänger im Lob Gottes für alle Geschöpfe im Himmel und auf Erden (vgl. JUNGMANN 134). – „das ist würdig und recht“: die Gemeinde stimmt der Aufforderung zum Danken zu. Danksagung (Präfation) (für die Schöpfung und das Heilshandeln Gottes) Sanctus / Benedictus (ab dem 4. Jh. ist das Sanctus bezeugt; ab dem 6. Jh. ist das Benedictus bezeugt; Jes 6,3: der Himmel ist offen; die Gläubigen sind eingeladen, sich geistigerweise ganz mit dem Himmel zu vereinigen; die Worte des Sanctus gelten bei den Kirchenvätern als unsagbar, unaussprechlich; es wird mystisches Lied genannt; es heißt Siegeslied; es zeigt, dass die Gläubigen Mitbürger des Himmels sind; es stellt eine gemeinsame Festversammlung aus himmlischen und irdischen Geschöpfen dar; eine Freude, ein fröhlicher Chor ist beim Sanctus verwirklicht; auf die Erde wird das Himmelreich ausgeweitet; Mt 21,9: Christus kommt herab, um das Kreuzesopfer auf sich zu nehmen) Epiklese über die Gaben (sie ist notwendig zur Wandlung) Einsetzungsbericht (Christus wird gegenwärtig, nicht aufgrund von Magie, sondern aufgrund der Zusage Christi; das Wort Christi bewirkt die Wandlung: vgl. Jes 55,10f) Anamnese (der Einsetzungsbericht ist durch die Anamnese in das Hochgebet eingefügt; das Gedächtnis einer in der Gegenwart weiterwirkenden Handlung Christi wird durch die Eucharistiefeier begangen) Darbringungsgebet (durch dieses Gebet bringt die Kirche den Leib Christi bewusst Gott als Opfer dar) Epiklese über die (Gottesdienst-)Gemeinde (es wird für alle gebeten, die an der Eucharistiefeier teilnehmen, auf dass sie eins werden in Christus) Fürbitten (für die Papst, Bischof, die Stände der Kirche, alle Lebenden und die im Frieden Verstorbenen) Lobpreis an die Dreifaltigkeit (der Lobpreis an den dreifaltigen Gott) Amen (affermative, begeisterte Bestätigung durch die Gemeinde) 2.2.8.1. ∆ασ ευχηαριστισχηε Ηοχηγεβετ δερ Τραδιτιο αποστολιχα:
Das eucharistische Hochgebet: Traditio apostolica 4: 1 Der Herr sei mit euch. Und alle sollen antworten: Und mit deinem Geiste. 2 Empor die Herzen. Wir haben sie beim Herrn. 3 Lasst uns danksagen dem Herrn. Das ist würdig und recht.

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4 Und er soll so fortfahren: Wir sagen dir Dank, Gott, 5 durch deinen geliebten Knecht Jesus Christus, 6 den du uns in diesen letzten Zeiten als Retter, Erlöser und Boten deines Willens gesandt hast. 7 Er ist dein von dir untrennbares Wort, durch ihn hast du alles geschaffen zu deinem Wohlgefallen, 8 ihn hast du vom Himmel gesandt in den Schoß einer Jungfrau. Im Leib getragen, wurde er Mensch 9 und offenbarte sich als dein Sohn, geboren aus dem Heiligen Geist und der Jungfrau. 10 Der deinen Willen erfüllen und dir ein heiliges Volk erwerben wollte, 11 hat in seinem Leiden die Hände ausgebreitet, 12 um die von Leiden zu befreien, die an dich geglaubt haben. 13 Als er sich freiwillig dem Leiden auslieferte, um den Tod aufzuheben, 14 die Fesseln des Teufels zu zerreißen, die Unterwelt niederzutreten, 15 die Gerechten zu erleuchten, eine Grenze zu ziehen und die Auferstehung kundzutun, 16 nahm er Brot, sagte dir Dank und sprach: 17 „Nehmt, esst, dies ist mein Leib, der für euch zerbrochen wird“. 18 Ebenso nahm er auch den Kelch und sprach: 19 „Dies ist mein Blut, das für euch vergossen wird. Wenn ihr das tut, tut ihr es zu meinem Gedächtnis.“ 20 Seines Todes und seiner Auferstehung eingedenk 21 bringen wir dir das Brot und den Kelch dar. 22 Wir sagen dir Dank, dass du uns für würdig erachtet hast, 23 vor dir zu stehen und dir als Priester zu dienen. 24 Auch bitten wir dich, deinen Heiligen Geist auf die Gabe der heiligen Kirche herabzusenden. 25 Du versammelst sie zur Einheit, so gib allen Heiligen, die sie (dh. die Opfergabe) empfangen, 26 Erfüllung mit Heiligem Geist zur Stärkung des Glaubens in der Wahrheit, 27 dass wir dich loben und verherrlichen durch deinen Knecht Jesus Christus, 28 durch den Herrlichkeit und Ehre ist dem Vater und dem Sohn mit dem Heiligen Geist 29 in deiner heiligen Kirche jetzt und von Ewigkeit zu Ewigkeit. 30 Amen. (vgl. GEERLINGS, W., Traditio apostolica, FC 1, Freiburg 1992, 223-227).

– Einleitungsdialog: Z. 1-3 – Danksagung: Z. 4-12.22-23 (Die Danksagung ist zweigeteilt: in der Präfation wird besonders durch und für Jesus Christus und sein rettendes Heilshandeln gedankt; im Gebet nach dem Darbringungsgebet sagen alle Anwesenden Gott Dank: der Bischof und die Priester: weil sie als Priester dienen dürfen; die Gläubigen, weil sie vor Gott stehen dürfen) – kein Sanctus – Einsetzungsbericht: Z. 13-19 (er wird besonders mit dem Hingabe Christi am Kreuz in Verbindung gesetzt, so als ob er bei der Kreuzigung die Wandlungsworte gesprochen hätte) – Anamnese: Z. 20 (der Einsetzungsbericht ist durch die Anamnese in das Hochgebet eingeflochten; es handelt sich nicht um ein Gedächtnis einer in der Vergangenheit abgeschlossenen Handlung, sondern um das Gedächtnis einer in der Gegenwart weiterwirkenden Handlung Christi) – Darbringungsgebet: Z. 21 – Epiklese über die Gaben: Z. 24 (die Epiklese über die Gaben erfolgt erst nach dem Einsetzungsbericht; in den westlichen Hochgebeten ist das heute nicht üblich) – Epiklese über die (Gottesdienst-)Gemeinde: Z. 25-26 – Lobpreis an die Dreifaltigkeit: Z. 27-29 – keine Fürbitten – Amen: Z. 30 2.2.8.2. 2.2.8.2 Die Anaphora der heiligen Apostel Addai und Mari: : Zu den ältesten Anaphoren zählt die Anaphora der hll. Apostel Addai und Mari. Die hll. Addai und Mari waren nach der Legende unter den 72 Jüngern, die Jesus zu seinen Lebzeiten zur Predigt ausgesandt hat. Sie sollen nach Pfingsten in Syrien (Edessa) und Persien als Apostel gewirkt haben. Die Anaphora von Addai und Mari hat eine besonders große Nähe zu den jüdischen Mahlgebeten. Sie soll im 2. und 3. Jahrhundert entstanden sein, wobei das Sanctus 39

erst später eingefügt wurde. Diese Anaphora wird in der ostsyrischen Kirche häufig verwendet. Das besondere an dieser Anaphora ist, dass sie in ihrer ursprünglichen Form keinen Einsetzungsbericht aufweist. Sie enthält aber einen QuasiEinsetzungsbericht. Nachträglich wurde von den ostsyrischen Katholiken ein Einsetzungsbericht eingefügt. Die ostsyrisch-orthodoxen Christen verwenden diese Anaphora aber auch heute noch ohne Einsetzungsbericht.
1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 39 40 41 42 43 44 45 46 47 48 49 50 51 Die Gnade unseres Herrn. Amen. Erhebet euren Sinn! Er ist bei dir, Gott Das Opfer Gottes, des Herrn aller, werde dargebracht! Es ist würdig und recht. Würdig des Lobes all unserer Zungen und des Preises all unserer Sprachen ist der anbetungswürdige und lobenswerte Name des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, der die Welt in seiner Gnade erschaffen hat, und ihre Bewohner in seiner Güte, und der die Menschen in seiner Milde erlöst hat, und der den Sterblichen eine große Gnade geschenkt hat. Deine Größe, Herr, beten tausend Tausendschaften von höheren Wesen an und zehntausend Zehntausendschaften von Engeln, Scharen von geistlichen Wesen, Diener des Feuers und des Geistes; zusammen mit den Kerubim und den heiligen Seraphim loben sie deinen Namen: Heilig, heilig, heilig … Und mit diesen himmlischen Mächten bekennen auch wir, deine schwachen, leidenden und elenden Diener, dich, Herr, weil du uns eine große, unbezahlbare Gnade geschenkt hast: du hast unsere Menschennatur angezogen, um uns durch deine Gottheit lebendig zu machen; du hast unsere Unterdrückung beseitigt, du hast unseren Sündenfall aufgehoben, du hast unsere sterbliche Natur aufgeweckt, du hast unsere Sünden nachgelassen, du hast unsere von der Sünde geprägte Situation gerecht gemacht, du hast unseren Sinn erleuchtet, du, unser Herr und Gott, hast unsere Gegner besiegt, und du hast die Schwäche unserer leidenden Natur mit der von deiner Gnade überfließenden Barmherzigkeit aufstrahlen lassen. Gedenke, Herr, in deiner unaussprechlichen Barmherzigkeit aller anständigen und gerechten Väter, die vor dir beim Gedächtnis des Leibes und Blutes deines Sohnes Christus wohlgefällig waren, das wir dir auf deinem reinen und heiligen Altar darbringen wie du es uns gelehrt hast. Gewähre uns deine Ruhe und deinen Frieden für alle Tage der Welt, damit alle Bewohner der Erde erkennen, dass du Gott bist, der einzige Vater, und dass du unseren Herrn Jesus Christus, deinen geliebten Sohn, gesandt hast, und dass er selbst, unser Herr und Gott, uns mit seinem lebendigmachenden Evangelium die ganze Reinheit und Heiligkeit der Propheten und der Apostel, der Märtyrer und der Bekenner, der Bischöfe, Priester und Diakone und aller Kinder der heiligen katholischen Kirche, die mit dem lebendigen Zeichen der heiligen Taufe bezeichnet wurden, gelehrt hat. Und auch wir, Herr, deine schwachen, leidenden und elenden Diener, die wir in diesem Moment vor dir versammelt stehen, haben in der Überlieferung die Bildwirklichkeit, die von dir kommt, erhalten, damit wir uns freuen, damit wir loben, damit wir preisen, gedenken und feiern, damit wir dieses große und erzittern lassende Mysterium des Leidens, des Todes und der Auferstehung unseres Herrn Jesus Christus begehen. Es komme, Herr, dein Heiliger Geist und ruhe über diesem Opfer deiner Diener. Er segne es und heilige es, damit es für uns, Herr, zur Sühne der Schulden und zur Vergebung der Sünden sei, und damit es zur großen Hoffnung der Auferstehung der Toten sei und damit es zum ewigen Leben im Himmelreich sei mit allen, die vor dir wohlgefällig sind. Und aufgrund dein ganzes wunderbares Handeln zu uns preisen und loben wir dich unaufhörlich in deiner im wertvollen Blut deines Christus erlösten Kirche mit offem Mund und entblößtem Angesicht. Amen.

Einleitungsdialog: Z. 1-6 Danksagung (Präfation): Z. 7-15; Z. 17-26; Z. 48-50 Sanctus: Z. 16 Epiklese über die Gaben: Z. 43-44 Quasi-Einsetzungsbericht: Z. 37-39 40

Anamnese: Z. 40-42 Darbringungsgebet: Z. 29 Epiklese über die (Gottesdienst-)Gemeinde: Z. 44-47 Fürbitten: Z. 27-36 Lobpreis an die Dreifaltigkeit: Z. 7-8 Amen: Z. 51 2.2.8.3. 2.2.8. Der sogenannte Strasbourg- Papyrus 1928 wurde in der Nationalbibliothek der Universität Strasbourg jener Papyrus entdeckt, der aus dem 4. oder 5. Jahrhundert stammt und Fragmente einer archaischen Fassung der Anaphora des hl. Markus enthält. Die Anaphora des hl. Markus hat ihre Heimat in Ägypten. Diese Anaphora des Strasbourg-Papyrus überliefert die Anaphora, wie sie wohl im 3. Jh. in Ägypten üblich war. Die Anaphora des Strasbourg-Papyrus hat ebenfalls eine große Nähe zu den jüdischen Mahlgebeten. Sie ist aber nur unvollständig erhalten, wenn auch die Forscher untereinander uneins sind, in welchem Maß sie unvollständig ist.
IGNATIUS VON ANTIOCHIEN († um 110): Dieses Brot ist die Arznei der Unsterblichkeit, die Medizin, die den Tod verhindert, vielmehr ermöglicht, fort und fort in Jesus Christus zu leben. (IGNATIUS, Brief an die Epheser 20,2) IGNATIUS (vor seinem Martyrium): An vergänglicher Speise habe ich keine Freude, keine an den Ergötzungen dieses Lebens. Brot Gottes will ich, das ist Jesu Christi Fleisch, das aus Davids Samen stammt; Trank will ich, das sein Blut ist, die unvergängliche Liebe. (IGNATIUS, Brief an die Römer 7,3). IGNATIUS: Seid darauf bedacht, eine einzige Eucharistie zu feiern, denn nur eines ist das Fleisch unseres Herrn Jesus Christus, nur ein Kelch zur Einigung mit seinem Blut, einer ist der Opferaltar, wie nur einer Bischof ist, vereint mit dem Presbyterium und den Diakonen, meinen Mitknechten. (IGNATIUS, Brief an die Philadelphier 4). CYPRIAN VON KARTHAGO († 258): Und weil wir seines Leidens bei allen Opfern Erwähnung tun – denn das Leiden des Herrn ist ja das Opfer, das wir darbringen –, so dürfen wir nichts anderes tun als das, was er getan hat. Denn die Schrift sagt: Sooft wir den Kelch zum Gedächtnis des Herrn und seines Leidens darbringen, sollen wir das tun, was, wie bekannt ist, der Herr getan hat. (CYPRIAN, Epistula 63,17).

2.2.8.4. Zitate aus dem 2. und 3. Jahrhundert über die Eucharistie

2.2.9. Die Gebetsstätten der Christen im 3. Jh. (vgl. VO·ICKY, Sakraltheologie 4, 47-50). – BAUS, K., Von der Urgemeinde zur frühchristlichen Großkirche, Handbuch der Kirchengeschichte 1, Freiburg 1962 (bes. 325-327). – BIEGER, E., Schnittpunkt zwischen Himmel und Erde, Kevelaer 1998. – RUTGERS, L. v., Katakomben, in: LfTK 5, Freiburg 1996, 1291-1298. Die Christen trafen sich in den ersten beiden Jahrhunderten für den Gottesdienst in Privathäusern. Allerdings erschwerte die steigende Mitgliederzahl immer mehr die Feier des Gottesdienstes in Privathäusern. Im 2. und 3. Jh., also in Jahren, in denen es immer wieder lange Zeiten des Friedens für die Christen gab, entstanden bereits christliche Gotteshäuser. Um 205 zerstörte eine Überschwemmung im ostsyrischen Edessa auch den „Tempel der Christen“. (BAUS, Handbuch 1, 326). Es gibt Zeugnisse für christliche Gotteshäuser im 3. Jh. für Palästina und Sizilien. Die Archäologen haben nicht viele christliche Gotteshäuser aus der Zeit des 3. Jh.s gefunden. Ein sehr altes, durch archäologischen Befund bezeugtes, frühkirchliches Gotteshaus (um 232 errichtet) befand sich in Dura-Europos, also in einer römischen Grenzgarnison am Westufer des Euphrat. Im 3. Jh. kam die Kirche auch in den Besitz von unterirdischen Begräbnisstätten (Katakomben). Das Wort „Katakomben“ leitet sich vom griech. Ausdruck „kata kumbas“ (Flurnamen von der Gegend bei S. Sebastiano) ab, was soviel wie „bei der Schlucht, bei der Niederung“ bedeutet und erst ab dem 9. Jh. verwendet wurde (BAUS, Handbuch 1,326). Die Christen der Antike nannten die Katakomben 41

„Coemeterium“, das sich vom griech. κοιµητηριον / κοιµαω (schlafen, ruhen) ableitet. Die Christen nannten die Begräbnisstätten so, weil der christliche Glaube die Auferstehung der Toten betont: die Verstorbenen „schlafen“ gleichsam bloß und werden einst auferstehen. Die Begräbnisstätten mussten sich außerhalb der römischen Stadtmauern befinden, wegen des 12-Tage-Gesetzes der Römer aus 451 vChr (VOSICKY Sakraltheologie 47). Katakomben waren vor allem für arme Leute gelegene Begräbnisstätten: wegen der hohen Grundstückpreise waren überirdische Gräber sehr teuer. In der Umgebung von Rom konnte man im Tuffgestein leicht unterirdische Gänge und Grabkammern (cubicula) einrichten. Bisher wurden 60 Katakomben in Rom freigelegt, mit etwa 150 km Gängen und mit ca. 750.000 Gräbern. Auch in anderen Städten gab es Katakomben, bei weitem aber nicht so viele und umfangreiche wie in Rom. Die Katakomben wurden vor allem von den Christen gerne als Begräbnisstätten genutzt. Die Christen pflegten die Erdbestattung (nach dem Vorbild Jesu; „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein. Wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht“; vgl. Joh 12,24), während bei den Heiden auch die Einäscherung sehr verbreitet war. Bei Erdbestattung wird natürlich mehr Raum benötigt. Die christliche Gemeinde hatte auch viele Arme, für die sie auch Begräbnisstätten brauchte. Die Christen wollten beisammen bestattet sein: sie wollten vereint sein in der Hoffnung auf die Auferstehung; es entstanden also christliche Katakomben. Die älteste römische christliche Katakombe, der älteste offizielle christliche Gemeindefriedhof ist die Kallixtuskatakombe an der Via Appia. Die Katakombe ist nach Calixtus, einem Freigelassenen, dem ersten Verwalter dieser Katakombe und späteren Papst, benannt. Sie enthält auch eine sogenannte „Papstgruft“, dh. eine Grabkammer, in der die meisten Päpste des 3. Jh.s bestattet sind. Die Christen nutzten diese Coemeterien gewöhnlich vor allem als Begräbnisstätten. Es gab aber in den Grabkammern die Möglichkeit, rituelle Totenfeiern (refrigeria: Totenmähler) abzuhalten. Bei den heidnischen Römern war es üblich, dass die Sippe nach dem Tod eines Angehörigen an bestimmten Tagen bei der Grabstätte des Toten ein Totenmahl (refrigerium) abhielt. Das sollte die Verbindung der Sippe mit dem Verstorbenen stärken. In manchen heidnischen Grabkammern gab es sogar eine kleine Öffnung im Boden; ein Rohr führte hinunter zum Leichnam; durch dieses Rohr wurde ein Trunk hinabgeschüttet, der Anteil des Toten am Totenmahl. Der Tote wurde manchmal auch als Teilnehmer einbezogen, indem für ihn ein eigener Platz reserviert wurde. Die Christen reinigten dieses Totenritual. Sie kannten auch das Totenmahl beim Grab des Verstorbenen, es war aber mit christlichen Gebeten verbunden. Dieses Totenmahl wurde allerdings allmählich von der Feier der Eucharistie ersetzt. Wegen der Dunkelheit (nur Öllämpchen) und der schlechten Luft (Leichengeruch) war es wohl kaum möglich, größere Eucharistiefeiern in den Katakomben abzuhalten: höchstens Totenfeiern im kleinen Familienkreis. Aus demselben Grund dürften die Katakomben kaum Zufluchtsort in der Verfolgungszeit gewesen sein. Allerdings ist bekannt, dass Papst Xystus (Sixtus) II. (er wird im I. Hochgebet erwähnt) im Jahre 258 bei einem Gottesdienst in einer Katakombe mit seinen vier Diakonen von römischen Soldaten überrascht und enthauptet wurde. 2.2.10. Urchristliche Symbole
– BAUS, K., Von der Urgemeinde zur frühchristlichen Großkirche, Handbuch der Kirchengeschichte 1, Freiburg 1962 (bes. 325-327).

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– SCHMUCK, N., Katakombenmalerei, in: BÄUMER, R. – SCHEFFCZYK, L. (Hg.), Marienlexikon Ottilien1991, 523-526.

3, St.

In den Katakomben befinden sich viele Darstellungen frühchristlicher Kunst. Biblische Szenen werden immer wieder dargestellt: Daniel zwischen zwei Löwen, Noe in der Arche, Jonas im Bauch des Fisches, Erweckung des Lazarus: Rettung aus Todesnot, Andeutung der Auferstehung. Auch die Mutter Gottes wird bereits manchmal dargestellt: Maria mit einer Prophetengestalt (Hinweis auf Jes 7,14), Verkündigungsszene, Maria mit Kind und – besonders häufig – die Huldigung der Magier. In den Katakomben, aber auch auf christlichen Sarkophagen („Fleischfresser“) befinden sich immer wieder Symbole. + XP: Christus-Monogramm in griechischen Buchstaben + XP: Staurogramm: tau (Kreuz) und rho ergeben das Kreuz + Schiff: Hinweis auf die Lebensreise, die im Hafen Gottes endet + Fisch: Hinweis auf Christus, der sich für uns hingegeben hat ( jIhsou~" Cristo;" qeou~~ uJio;" soth~~r) (Jesus Christus, der Sohn Gottes und Retter) = ijcquv" (Fisch) + A W: Hinweis auf die Ewigkeit Christi, der Anfang und Ende in seiner Hand hat + Kreuz: Zeichen unserer Erlösung (zunächst ohne Gekreuzigten dargestellt, wegen der Abscheu der Römer gegenüber die Hinrichtungsart der Kreuzigung) + Blumen, Bäume, Lebensbaum, Früchte: Hinweis auf das Paradies + Hirte, Hirtenstab: Hinweis auf Christus, den guten Hirten + Schafe: Hinweis auf die Herde Christi + Stadt auf einem Berg: Hinweis auf das himmlische Jerusalem + Tür, die einen Spalt offen steht: Hinweis auf das ewige Leben, das durch Christus den Menschen offen steht + Brote: Hinweis auf die Eucharistie und dadurch auf Christus und das himmlische Hochzeitsmahl + Siegeskranz: Hinweis auf den Sieg über Sünde und Tod + Taube (mit Olivenzweig): Hinweis auf das Land, das der Herr für die Seinen nach der Zeit der Bedrängnis bestimmt hat (vgl. Gen 8,11). 2.2.11. Die Verehrung der Märtyrer (vgl. VO·ICKY, Sakraltheologie 4, 68-70). Schon das AT kennt eine besondere Wertschätzung von Märtyrern: Das Martyrium der sieben Brüder und ihrer Mutter (2 Makk 7; besonders genau geschildert im apokryphen 4 Makk) In Offb 7,13-17 heißt es: Da fragte mich einer der Ältesten: Wer sind diese, die weiße Gewänder tragen, und woher sind sie gekommen? Ich erwiderte ihm: Mein Herr, das musst du wissen. Und er sagte zu mir: Es sind die, die aus der großen Bedrängnis kommen; sie haben ihre Gewänder gewaschen und im Blut des Lammes weiß gemacht. Deshalb stehen sie vor dem Thron Gottes und dienen ihm bei Tag und Nacht in seinem Tempel; und der, der auf dem Thron sitzt, wird sein Zelt über ihnen aufschlagen. Sie werden keinen Hunger und keinen Durst mehr leiden, und weder Sonnenglut noch irgendeine sengende Hitze wird auf ihnen lasten. Denn das Lamm in der Mitte vor dem Thron wird sie weiden und zu den Quellen führen, aus denen das Wasser des Lebens strömt, und Gott wird alle Tränen von ihren Augen abwischen. IGNATIUS (über das Martyrium): Ich suche den, der für uns starb, ich trachte nach dem, der für uns auferstand. Die Geburt steht mir bevor. (IGNATIUS, Brief an die Römer 6,1). 43

– Der Todestag eines Märtyrers wird in der frühen Kirche „natale“ (Geburtstag) genannt. Es handelt sich um den Geburtstag für den Himmel. Vor allem in Rom bereitete der heidnische Brauch des Totenmahls (refrigerium) an der Grabstätte des Toten die jährliche Feier eines Heiligen vor. Es wurde schließlich beim Grab des Märtyrers die Eucharistie gefeiert im Bewusstsein, dass sein Opfer Anteil hat am Opfer Christi. – Bald entstand der Wunsch der Christen, in der Nähe von Märtyrern bestattet zu sein. Dadurch wurden die christlichen Katakomben immer mehr erweitert. – Der Märtyrer ist ein besonderer Zeuge für den christlichen Glauben, weil er diesen Glauben mit seiner Treue bis zum Tod bezeugt hat. Das Martyrium wird als „zweite Taufe“ betrachtet. Alle Sünden, die er nach der Taufe begangen hat, werden durch das Martyrium getilgt (vgl. ORIGENES, ExhortMart 28.39; vgl. AUF DER MAUR, Feiern 105). – Das früheste Zeugnis eines Märtyrer-Gedächtnistages ist der Martyriumsbericht über den hl. Polykarp, das um 160 verfasst wurde. Es heißt dort:
Wir haben seine (des Polykarp) Gebeine erhalten, die kostbarer als die teuersten Edelsteine und wertvoller als Gold sind, und sie an einem geziemenden Ort bestattet. Dort werden wir uns mit der Gnade Gottes nach Möglichkeit in Jubel und Freude versammeln und das Jahresgedächtnis seines Martyriums feiern. (Martyrium Polycarpi 18,2f; vgl. AUF DER MAUR, Feiern 93).

– Zusammen mit der Verehrung des Märtyrers entwickelt sich auch der Reliquienkult. Die Heiligenreliquien werden als wertvoll erachtet, weil sie ° Tempel des hl. Geistes waren (vgl. 1 Kor 6,19) ° bei der Auferstehung des Fleisches wieder mit Geist erfüllt werden und leben werden (vgl. Ez 37,14) ° sie die Gegenwart des Heiligen versinnbildlichen.
– BRADSHAW, P. F. – HOFFMAN, L. A. (Hg.), Passover and Easter. The Symbolic Structuring of Sacred Seasons, Notre Dame (Indiana) 1999 (University of Notre Dame Press) – CANTALAMESSA, R. – SPOERRI, A., (Hg., Übers.), Ostern in der Alten Kirche, Bern 1981 (Verlag Peter Lang). 2 – TALLEY, T. J., The Origins of the Liturgical Year Collegeville (Liturgical Press) 1991 . – VELKOVSKA, E. V., The Liturgical Year in the East, in: CHUPUNGCO, A. J. (Hg.), Handbook for Liturgical Studies 5, Collegeville 2000 (Pueblo Book) 157-176.

2.2.12. Die Feier von Ostern (vgl. VO·ICKY, Sakraltheologie 4, 40-41).

– Von der Urkirche sind zwar keine klaren Belege einer jährlichen Pascha-Feier vorhanden. Es kann aber ziemlich sicher angenommen werden, dass Ostern gefeiert wurde: + weil die jährliche Pascha-Feier für Juden-Christen selbstverständliche war (Paulus feiert jedenfalls Pfingsten: vgl. 1 Kor 16,8) + weil die Evangelisten beschreiben, dass das letzte Abendmahl und der Tod Jesu in die Paschazeit fielen (vgl. auch 1 Kor 5,7!) – die ältesten Textzeugen einer jährlichen Osterfeier stammen aus dem 2. Jh.
– Einer der ältesten Belege für die jährliche Osterfeier: Epistula Apostolorum 15 (um 170, vermutlich aus Kleinasien): Nach meinem Heimgang zum Vater gedenket meines Todes. Wenn nun das Passa stattfinden wird, dann wird einer von euch ins Gefängnis geworfen sein um meines Namens willen, und er wird in Trauer und Sorge sein, dass ihr das Passa feiert, während er sich im Gefängnis befindet und fern von euch ist; denn er wird trauern, dass er das Passa nicht mit euch feiert. Ich werde nämlich meine Kraft in der Gestalt des Engel Gabriel schicken, und die Tore des Gefängnisses werden sich öffnen. Er wird herausgehen und zu euch kommen, er wird eine Nachtwache mit euch verbringen und bei euch bleiben, bis der Hahn kräht. Wenn ihr das Gedächtnis vollendet habt, das in Bezug auf mich stattfindet, und die Agape, so wird er wiederum ins Gefängnis geworfen werden zum Zeugnis, bis dass er von dort herauskommt und das predigt, was ich euch befohlen habe. (vgl. Epistula Apostolorum 15, in: CANTALAMESSA, Ostern 14f).

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– Die ältest erhaltene Osterpredigt (außerhalb der Heiligen Schrift): MELITO VON SARDES (2. Jh.), Über Ostern 1-4: Der Bericht der Schrift vom Auszug der Hebräer wurde verlesen, und die Worte des Mysteriums wurden verkündet, wie das Lamm geschlachtet wird und wie das Volk gerettet wird. Nun begreifet also, Geliebte, wie neu und wie alt, wie ewig und augenblickshaft, wie vergänglich und unvergänglich, wie sterblich und unsterblich es ist, das Mysterium des Passa. Alt nach dem Gesetz, neu nach dem Logos, augenblickshaft nach dem Vorbild, ewig nach der Gnade; vergänglich durch die Schlachtung des Schafes, unvergänglich durch das Leben des Herrn; sterblich durch das Grab in der Erde, unsterblich durch die Auferstehung von den Toten. Alt ist das Gesetz, neu der Logos, augenblickshaft das Vorbild, ewig die Gnade; vergänglich das Schaf, unvergänglich der Herr, der, wie das Lamm, nicht gebrochen wurde, sondern auferstand als Gott. „Er wurde wie ein Schaf zur Schlachtung geführt“, aber ein Schaf war er nicht; und wie ein stummes Lamm, aber er war auch kein Lamm. Denn das geschah als Vorbild, die Wahrheit ist (jetzt) gefunden. (vgl. MELITO VON SARDES, De Passa 1-4, in: CANTALAMESSA, Ostern 37-39).

Ein Zeuge des Osterfestes im 2. Jh. ist der Kirchenhistoriker Eusebius von Caesarea († 339). – Der Kirchenhistoriker Eusebius von Caesarea berichtet über den Osterfeststreit, der im 2. Jh. zwischen den Christen Roms und Kleinasiens ausgebrochen ist. Während in Rom Ostern an einem Sonntag gefeiert wird, feiern die Christen Kleinasiens das Osterfest am Pascha-Fest (14. Nisan). Wegen dieser ihrer Praxis werden die damaligen Christen Kleinasiens auch Quartodezimaner (14. = quartus decimus) genannt. Vor allem Papst Victor († 198) wendet sich gegen die Quartodezimaner. Die Bischöfe von Kleinasien versuchen, sich zu rechtfertigen. + Eusebius von Cäsarea schreibt, dass beim Osterfeststreit gegen Ende des 2. Jh.s auch darüber Uneinigkeit herrschte, wie lange vor dem Osterfest gefastet werden soll: einen oder zwei oder mehrere Tage (EUSEBIUS, historia ecclesiastica 5,24,12; vgl. Seminararbeit von P. P. zur Fastenzeit) + Als Papst Victor die Quartodezimaner aus der Kirche ausschließt, setzen sich viele Bischöfe für eine mildere Vorgangsweise an. Der hl. Bischof Irenäus bittet beim Papst um Geduld für die Quartodezimaner. + Im 3. Jh. setzt sich immer mehr das sonntägliche Osterdatum durch. Beim Konzil von Nicäa wird der quartodezimanische Termin der Osterfeier endgültig verboten. + Beim Konzil von Nizäa (325) wurde der Sonntag nach dem ersten Frühlingsvollmond endgültig als Datum des Osterfestes fixiert. Der Bischof von Alexandrien erhielt den Auftrag, den jährlichen Ostertermin genau zu berechnen, da es infolge der jüdischen Mondmonatsberechnungen ( = ein Jahr besteht aus 12 Mondmonaten und einem Schaltmonat) immer wieder zu Unklarheiten kam. Der jeweilige Ostertermin wurde dann am Epiphaniefest den christlichen Gemeinden (im Mittelmeerraum) in einem Osterfestbrief bekannt gegeben. (VOSICKY, Sakraltheologie II,41) – Der hl. Athanasius bezeugt in seinem Osterfestbrief von 334 erstmals die Existenz eines 40tägigen Fastens vor Ostern. – Im 3. und 4. Jh. wurde die Osternacht wohl folgendermaßen gefeiert: Beim Dunkelwerden begann die Feier mit dem Anzünden des Lichtes. Christus, das wahre Licht, das Leben, die Auferstehung, leuchtet. Ein Funke des Lichtes Christi springt auf alle über und verscheucht die Finsternis, die Sünde, den Unglauben, den Tod. Auch die Taufkandidaten werden vom Glaubenslicht Christi entzündet und ab der Taufe in der Osternacht als „Erleuchtete“ (photismoi) bezeichnet. Es ist die Nacht, die strahlend hell wird wie der Tag. (VOSICKY, Sakraltheologie II,41). – Im Christentum werden die fünfzig Tage bis Pfingsten als „laetissimum spatium“, als Osterzeit gefeiert. Der hl. Ambrosius sagt: Die fünfzig Tage sind wie das Pascha zu feiern, und sie sind alle wie ein einziger Sonntag (AMBROSIUS, Exp. Luc. 8,25)

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– Diese 50 Tage sind in der frühen Kirche betont Tage der Freude, ohne Buße, Fasten und Knien. 2.3. Die Liturgie im Römischen Reich nach der Aussöhnung mit der Kirche
BAUS, K., Von der Urgemeinde zur frühchristlichen Großkirche, Handbuch der Kirchengeschichte 1, Freiburg 1962 (bes. 450-471). BERGER, R., Liturgische Gewänder und Insignien, Gottesdienst der Kirche. Handbuch der Liturgiewissenschaft 3, Regensburg 1987, 309-346 BERGER, R., Bischöfliche Insignien, in: LfTK 2, Freiburg 1994, 492. EWIG, E., Die Kirche von Nikaia bis Chalkedon, in: Handbuch der Kirchengeschichte 2/1, Freiburg 1973 FELBECKER, S., Prozession. Liturgisch, in: LfTK 8, Freiburg 1999, 679f. JOUNEL, P., Luoghi della celebrazione, in: SARTORE, D. – TRIACCA, A. M. (Hg.), Nuovo Dizionario di Liturgia, 5 Cinisello Balsamo 1993, 730-745. KRÜGER, J., Ostung. Christentum, in: LfTK 7, Freiburg 1998, 1212f. PFEIFER, M., Weihrauch, in: LfTK 10, Freiburg 2001, 1024f.

2.3.1. Das Zeitalter Konstantins (vgl. VO·ICKY, Sakraltheologie 4, 55-68).

Konstantin wurde im Jahre 306 von den Soldaten im Norden des Römischen Reiches (Gallien) zum Kaiser ausgerufen, während der römische Senat diese Würde schon Maxentius zugesprochen hatte. Es kam am 28. Oktober 312 zu einem Entscheidungskampf an der Milvischen Brücke im Norden Roms. Konstantin hatte nur ein Drittel von den Soldaten des Maxentius. Auf eine Vision hin ließ Konstantin das Christusmonogramm auf den Feldstandarten seines Heeres anbringen. Konstantin siegte bei der Schlacht. Er schrieb seinen Sieg Christus zu, den er von da an als seinen Schutzgott verehrte. Im Jahre 313 vereinbarte er mit seinem Mitkaiser Licinius in Mailand, dass auch die Christen das Recht auf freie Religionsausübung haben. Außerdem wird dabei vereinbart, dass den Christen ihre Kirchen und Friedhöfe zurückzugeben sind. Kaiser Konstantin blieb zwar weiterhin heidnischer „Pontifex maximus“ und ließ sich erst am Sterbebett taufen. Es bleibt daher fraglich, wie sehr sich Konstantin persönlich wirklich zum Christentum hin bekehrte, aber seine christenfreundlichen Maßnahmen sind auch auf liturgischem Bereich unübersehbar: – der Kult der Christen wird in manchen Schreiben des Konstantin ausdrücklich als Kult zum Wohl des Staates anerkannt (BAUS, Handbuch 1, 462) – manche heidnische Tempel werden geschlossen und sogar zerstört (vor allem die Aphroditenheiligtümer galten in den Augen der Christen als sehr anstößig). Selbstverständlich wurde der Aphroditentempel an der Stelle des Grabes Christi in Jerusalem beseitigt (EWIG, Handbuch 2, 9). – Konstantin lässt prächtige christliche Bauten errichten: + die Basilika wird der gebräuchliche Bau-Typus für Kirchenbauten. Basilika heißt eigentlich „Königshalle“, dh. „Halle nach Art des Königs“. Eine typische römische Basilika enthält ein hohes Hauptschiff und einige niedrigere Seitenschiffe. Durch die Obergaden des Hauptschiffes dringt viel Licht ein. Die Schiffe sind untereinander durch Säulenreihen abgegrenzt. Basiliken wurden sehr vielfältig verwendet: als Amtssitz eines hohen Beamten, als Thronsaal des Kaisers (in der Apsis steht der Thron), als Markthalle (wie in einem orientalischen Bazar, mit einer Aufsichtsbehörede in der Apsis), als Bankgebäude, als Gerichtssaal, als öffentliche Wandelhalle (in Schulen). Die Basilika ist im 4. und 5. Jh. ein sehr verbreiteter BauTypus. Sie wird zum Haupt-Bautypus der frühen Kirchen. Freilich passt die Basilika auch aus ideellen Gründen als christlicher Gottesdienstraum. Wird doch in der Apsis das Kommen des Königs, Christi, gefeiert. Zudem findet sich in der Apsis der christlichen Basilika meistens ein prächtiges Christus-Mosaik: Christus als Pantokrator (Weltenherr, Weltenrichter). 46

Die Basilika besteht aus: Hauptschiff und mehreren Seitenschiffen. An sie können angebaut sein: Atrium (Vorhof), Narthex (Vorraum) und Pastophorien (Räume, in denen der Leib Christi aufbewahrt wird [nördlich des Presbyteriums] bzw. die Bücher aufgehoben werden [südlich des Presbyteriums]; + Die Kathedra : sie ist Symbol bischöflicher Lehrautorität und des apokalyptischen Thrones (EWIG, Handbuch 295f). Sie symbolisiert den himmlischen Thron (vgl. Offb 4,2). Sie befindet sich zusammen mit der Priesterbank im Presbyterium (die Priesterbank erinnert an den Platz der 24 Ältesten: vgl. Offb 4,4). + Der Altar ist lange Zeit ein tragbarer Holzaltar (als Unterscheidung von den heidnischen Altären, zum Schutz des Altares vor Entweihung in der Verfolgungszeit). Allmählich werden im 4. Jh. Stein-Altäre üblich. Der Altar ist zunächst notwendig für das Darbringen des eucharistischen Opfers. Der Altar ist Symbol für Golgota (daher auch aus Stein). Der Altar ist Symbol für Christus (1 Kor 10,4: dieser Fels war Christus). Bei der Errichtung des Altars wird in der frühen Kirche auch an Offb 8,3 gedacht: Und ein anderer Engel kam und trat mit einer goldenen Räucherpfanne an den Altar; ihm wurde viel Weihrauch gegeben, den er auf dem goldenen Altar vor dem Thron verbrennen sollte, um so die Gebete aller Heiligen vor Gott zu bringen. + Der Ambo: Das Wort „Ambo“ kommt vom griechischen „anabainein“ (Hinaufsteigen). Die Heilige Schrift soll von einem erhöhten Platz gelesen werden. Das Evangelium wird nicht einfach vorgelesen, sondern gefeiert (vgl. weiter unten zur Evangelium-Prozession). + Das Presbyterium: Der Ambo ist oft eingebaut in die Chorschranken (sie umgeben das Presbyterium, die Bema). Von dem auf den Chorschranken aufgebauten Ambo wird das Wort Gottes verkündigt. Das lateinische Wort für Chorschranken ist „cancelli“. Daraus entsteht später die Kanzel. Weil das Ambo auf den Chorschranken auch „lectionarium“ genannt wird, entsteht später für die Chorschranken der Name „Lettner“. (vgl. JUNGMANN, Missarum 1,508). + Das Baptisterium: Ort der Taufe; es ist manchmal rund gebaut und erinnert dann an die altrömischen Grabbauten (zB. an der Via appia). Bei der Taufe wird das Sterben und Auferstehen des Täuflings gefeiert. Manche Baptisterien sind als Oktogon gestaltet. Dieses erinnert an den 8. Tag (= der Tag der Vollendung und der Tag der Ewigkeit). Auch in 1 Petr 3,20f wird die Zahl acht in Verbindung mit der Taufe genannt: Diese (dh. die Geister) waren einst ungehorsam, als Gott in den Tagen Noachs geduldig wartete, während die Arche gebaut wurde; in ihr wurden nur wenige, nämlich acht Menschen, durch das Wasser gerettet. Dem entspricht die Taufe, die jetzt euch rettet. + Der Brunnen im Vorhof: er dient für das Waschen der Hände. In der Antike war Handkommunion üblich. Die Laien mussten aber, wenn sie zur Kommunion gehen wollten, die Hände waschen. (JUNGMANN, Missarum 461f). + In den Basiliken hat der Osten eine besondere Bedeutung. Der Bischof bzw. Priester und die Gemeinde sprechen die Gebete, während sie nach Osten gewandt sind. Der Osten wird deshalb so hervorgehoben, weil im Osten die Sonne aufgeht. Der Osten ist Symbol für den Himmel, weil von dort täglich die Sonne – sie ist Symbol für Christus – kommt. Das Paradies war im Osten (vgl. Gen 2,8). Der Engel Gottes kommt „vom Sonnenaufgang her“ (vgl. Offb 7,2). Christus ist der „oriens ex alto“ („das aufstrahlende Morgen-Licht aus der Höhe“; Lk 1,78f). (vgl. auch BAUS, Handbuch 1,344f). Es gab beim Bau der Kirchen zwei Formen von Ostung (vgl. KRÜGER, Ostung 1212f): ° die Portal-Ostung: der Eingang ist im Osten, der Altar ist im Westen, eine sozusagen „gewestete Kirche“; der Zelebrant stand im Westen (in der Apsis) und 47

wandte sich beim Gebet in Richtung Osten; die Gemeinde im Kirchenschiff drehte sich bei den Gebeten in Richtung Osten (zum Eingang) – mit Rücken zum Zelebranten. Die Portal-Ostung scheint unter Kaiser Konstantin bevorzugt gewesen zu sein: St. Peter in Rom, Golgotha-Basilika in Jerusalem, Lateranbasilika ° die Altar-Ostung: der Altar ist im Osten, der Eingang ist im Westen; eine sozusagen „geostete Kirche“; der Zelebrant drehte sich beim Gebet in Richtung Osten (in Richtung Fenster der Apsis) – mit Rücken zu der Gemeinde. Bei beiden Ostungen kam vor allem das Bild des pilgernden Gottesvolkes klar zum Ausdruck. Zelebrant und Gemeinde wenden sich beim Gebet in dieselbe Richtung. Sie haben dasselbe Ziel, den Herrn. + Im Heiligen Land, das wohl schon vor Konstantin begonnen hat, ein beliebtes Wallfahrtsziel der Christen zu werden, lässt Konstantin einige Basiliken errichten. In Jerusalem ließ er die Grotte des Hl. Grabes freilegen, neu gestalten und dann eine Basilika errichten. Der Bericht über die Kreuzauffindung durch die Kaiserin-Mutter Helena löst eine große Verehrung des heiligen Kreuzes aus. Der älteste Bericht über die Kreuzauffindung stammt vom hl. Ambrosius:
Helena kam denn und begann die heiligen Orte zu besuchen. Da gab ihr der Geist ein, das Kreuzesholz aufzusuchen. Sie begab sich auf Golgotha und sprach: „Sieh, der Ort des Kampfes! Wo ist der Sieg? Ich suche das Banner des Kreuzes, aber ich finde es nicht. Ich auf dem Throne, und das Kreuz des Herrn im Staube? Ich in Gold, und Christi Triumph im Schutt? Dieser Triumph ist noch begraben und vergraben ist die Siegespalme des ewigen Lebens? Wie soll ich an meine Erlösung glauben, wenn die Erlösung selbst sich dem Auge entzieht? …“ Sie lässt nun den Boden aufgraben, das Erdreich wegnehmen: da stößt sie auf drei durcheinanderliegende Marterhölzer, die der Schutt bedeckt, der Feind versteckt hatte. Doch Christi Triumph konnte nicht in Nacht vergraben bleiben. Sie ist ratlos, verlegen – verlegen nach Frauenart. Doch der Heilige Geist gibt ihr einen sicheren Fingerzeig durch die Eingebung, dass zwei Schächer mit dem Herrn gekreuzigt wurden. Sie sucht nun nach dem mittleren Kreuzesholz. Doch möglicherweise hatte die Verschüttung die Kreuze durcheinander geworfen, der Zufall sie durcheinander gebracht. Wieder liest sie den Bericht des Evangeliums. Sie findet, dass das mittlere Kreuz die Aufschrift an der Stirne trug: „Jesus von Nazareth, König der Juden“. Hieraus konnte der wahre Sachverhalt erschlossen werden: aus der Aufschrift wurde das Kreuz des Heils offenbar. (AMBROSIUS, De obitu Theodosii 43.45, in: Des heiligen Kirchenlehrers Ambrosius von Mailand ausgewählte Schriften 3, Bibliothek der Kirchenväter 32, Kempten 1917, 415-417)

Das Kreuz Christi wurde noch zur Zeit Konstantins in drei große Teile aufgeteilt: einen für Jerusalem (mit Titulus), einen für Rom und einen für Konstantinopel. In Bethlehem ließ Konstantin den Adonistempel niederreißen und über die Geburtsgrotte eine Basilika errichten. Eusebius von Cæsarea schreibt über Bethlehem:

Auch die gottesfürchtige Kaiserin [Helena] zeichnete den Ort, wo die Gottesgebärerin ihren Sohn geboren hat, mit wunderbaren Denkmalen aus, indem sie auf mannigfache Weise die dortige heilige Grotte ausschmückte, und der Kaiser ehrte bald darauf ebenfalls diese Stätte mit kaiserlichen Weihegeschenken, um mit silbernen und goldenen Kleinodien und buntgewirkten Teppichen die herrlichen Gaben seiner Mutter zu vermehren.(EUSEBIUS, Vita Constantini 3,43,1, in: Bibliothek der Kirchenväter 9,121).

+ In Rom, der alten Reichshauptstadt und dem Sitz des damals schon sehr einflussreichen Papstes, lässt Konstantin einige wichtige Kirchen erbauen. ° Zu Ehren des hl. Apostels Petrus ließ Konstantin ein gewaltiges Unternehmen auf dem Vatikanischen Hügel durchführen. Über dem Grab des hl. Petrus, wo seit etwa 160 eine besondere Gedächtnis-Stelle stand, wurde unter großem Aufwand eine Basilika so gebaut, dass das Grab des hl. Petrus im Zentrum der Basilika lag. Dazu mussten Mausoläen zugeschüttet und der Vatikanische Hügel zu einem Teil abgetragen werden. ° Kaiser Konstantin macht der römischen Gemeinde mit dem Grundstück des Lateran ein persönliches Geschenk und ließ dort eine Erlöserkirche mit benachbartem Baptisterium erbauen (omnium ecclesiarum urbis et orbis mater et caput).

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° In der Nähe des Laterans wurde eine Kirche gebaut, in der wertvolle Reliquien der Passion zur Aufbewahrung gebracht wurden. Heute trägt sie den Namen „Santa Croce in Gerusalemme“. + Kaiser Konstantin legte beim Dorf Byzantion den Grundstein einer neuen Stadt: Konstantinopel. Es sollte von Anfang an eine christliche Stadt sein: ohne heidnische Tempel. Mehrere christliche Basiliken gehörten dagegen von Anfang zum Bauprogramm. Die berühmteste Kirchen wurde die Apostelkirche (mit Grabdenkmälern zu Ehren der 12 Apostel und mit den Reliquien des hl. Andreas). – Einfluss des Kaiserkultes: + Auszeichnung der Bischöfe und besonders des Papstes durch Elemente des Majestätskultes. Schließlich erhielt der Bischof damals die Vollmacht in Fällen, in denen Christen involviert waren, Recht zu sprechen. Er bekam also auch hohe, zivilrechtliche Bedeutung. Bei manchen Bischöfen wurden damals üblich: Thron (besonders reich gestaltete Kathedra), besondere Fußbekleidung, Pallium, Ehrung durch Licht und Weihrauch (vgl. BERGER, Insignien 492). + Weihrauch: getrocknetes Harz des Weihrauch-Baums, der vor allem in Äthiopien, Oman, Jemen und Indien heimisch ist. Beim Verbrennen wird aromatischer Duft frei. Dem Weihrauch wird beruhigende Wirkung zugeschrieben. In Ägypten wurde schon im 3. Jahrtausend vChr Weihrauch beim Kult verwendet. Auch im Tempelkult von Jerusalem wurde Weihrauch verwendet (Lev 2,1f; 24,7; Ex 30). Im Herrscherkult war Weihrauch seit Alexander dem Großen und dann auch bei den römischen Kaisern üblich. Von den Christen wurde Weihrauch zunächst abgelehnt, wegen dessen Bedeutung im Herrscherkult. Im 4. Jh. wird dann auch im christlichen Gottesdienst Weihrauch verwendet. (PFEIFER, Weihrauch 1024f). + Prozessionen: In der Antike gab es bei den Heiden große, prächtige Prozessionen (pompae). Bei den Christen bis zum 3. Jh. sind Prozessionen nur in Verbindung mit Beerdigungen bekannt. Ab dem 4. Jh. entwickeln sich allerdings in der christlichen Liturgie mehrere Prozessionen: ° Einzugsprozession: sie war in den großen römischen Basiliken mit der Sakristei in der Nähe des Eingangs besonders ausgestaltet; Leuchter, Weihrauch, Kreuz wurden mitgetragen; viele Kleriker zogen ein; der Bischof wird als Christi Stellvertreter begrüßt; die Schola singt den Introitus, also Psalmverse (vgl. JUNGMANN, Missarum 1, . ° Evangelien-Prozession: der Diakon küsst die Füße des Papstes, der über ihn die Worte spricht: „Dominus sit in corde tuo et in labiis tuis“; der Diakon tritt zum Altar, wo das Evangeliar liegt, küsst es und nimmt es in seine Hände; dann geht der Diakon zusammen mit zwei Akolythen und zwei Subdiakonen zum Ambo (vgl. JUNGMANN, Missarum 1,548f). Währenddessen wird das Halleluja gesungen (vgl. JUNGMANN, Missarum 1,521). Die Evangelien-Prozession gilt dem Evangelium, als dem Wort Gottes. ° Gabenprozession: sie ergibt sich aus einer Ausgestaltung des schon seit dem 2. Jh. üblichen Gabengangs. Besonders in östlichen Kirchen, wie bei Ps.-Dionysius erkennbar wird, erfährt die Gabenprozession eine reiche Ausgestaltung. Sie trägt dort den Namen „Großer Einzug“. Mit Akolythen und Thurifer ziehen Diakon und Priester ein, um die Gaben durch das Kirchenschiff zum Altar zu bringen (JUNGMANN, Missarum 2,5). Die Gaben symbolisieren den mystischen Leib Christi. ° Nach der Taufe gibt es die Prozession der Neugetauften vom Baptisterium in die Kirche. ° Im 4. Jh. ist erstmals die Palmprozession in Jerusalem bezeugt (vom Ölberg zur Auferstehungskirche).

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° Im römischen Einflussbereich lösen christliche Flur- und Stadtumgänge in gereinigter Weise heidnische Prozessionen ab (vgl. FELBECKER, Prozession 679). – Gewänder und Amtsinsignien, die damals üblich wurden: + Albe: fußlanges, liturgisches Untergewand, das aus der Tunika (römisches Untergewand) entstanden ist. + Dalmatik: liturgisches Unter- bzw. Obergewand, das aus der Tunika (römisches Untergewand) entstanden ist. Es wurde von den Vornehmen Roms ab dem 2. Jh. verwendet und ist wohl aus Dalmatien übernommen. Es war ursprünglich ein langes weißes Gewand mit langen, weiten Ärmeln. Ihr einziger Schmuck waren zwei schmale, senkrechte Purpurstreifen. Seit dem 4. Jh. ist die Dalmatik das offizielle Gewand der Bischöfe und Diakone in Rom. Als Untergewand des Bischofs heißt sie „Tunicella“. Dalmatik und Tunicella haben heute meistens kurze Ärmel. + Pænula : liturgisches Obergewand, das aus der Toga (römisches Obergewand) entstanden ist. Sie war ursprünglich in der ganzen griech.-röm. Welt für alle Stände üblich, nahm im 3. Jh. aber Festcharakter an und wurde im 4. Jh. zur Amtstracht der Kleriker. Seit dem 7. Jh. heißt sie „casula“ (heute: Kasel, Messgewand). Bei den Diakonen wurde sie früh von der Dalmatik ersetzt. Die antike Pænula war wohl ein Überwurf, der vorne und hinten beim Ausbreiten der Hände einen Halbkreis ergab (Glocken-Kasel). Die antike Pænula reichte wohl bis zu den Füßen. + Pallium (im Osten: „Omophorion“): ursprünglich ein mantelartiger Überwurf, der später als eine Art Halstuch um die Schultern gelegt wurde. Im 4. Jh. war es Zeichen für hohe kaiserliche Beamten bei hoheitlichen Tätigkeiten. Dieses Hoheitszeichen wurde vom Kaiser dem Papst verliehen, der es an hervorragende Bischöfe weiterverlieh. Es wurde im Osten aber auch von Nicht-Bischöfen verwendet. Später (seit dem 9. Jh.) wurde es Insignie der Metropoliten bzw. nach einem eigenen Entwicklungsprozess unter dem Namen „Stola“ („Festkleid“) zur Insignie der Diakone, Priester und Bischöfe. + Mapula: das antike Taschentuch, das als Hoheitszeichen von hohen Beamten getragen wurde, war seit der Antike in der Liturgie als Manipel bei Bischof und Priester in Verwendung. + Campagus: dunkelfarbiger Lederschuh: er war ein besonderes Amtsvorrecht der Bischöfe und Diakone ebenso von hochgestellten Laien, während ansonsten sandalenartige Fußbekleidung im Mittelmeerraum üblich war. + Camelaucum: es ist eine beutelförmig verlängerte Mütze, die die römischen Vornehmen in der Spätantike trugen, aber auch der Papst. Es dient allerdings nur für den außerliturgischen Gebrauch. Es ist Vorläufer der Mitra, die aber erst für die Liturgie des 11. Jh. erstmals bezeugt ist (vgl. BERGER, Liturgische Gewänder nach heutigem Recht und Gebrauch, Handbuch der Liturgiewissenschaft 3, 341). – Römische Sitten: + Altarkuss: Im heidnischen Tempelkult war das Küssen verehrungswürdiger Gegenstände etwas Selbstverständliches. Der Kuss für den Tisch war aber auch im privaten Leben üblich (vor und nach dem Mahl). Die Christen küssen den Altar, weil er die „mensa Domini“ ist, weil sich Christus selbst von ihm aus zur Speise gibt. Später bedeutet der Altarkuss auch, den Herrn selbst mit einem Kuss zu verehren. (JUNGMANN, Missarum 1,390). + „Ite, missa est“: dieser mit dem „Schullatein“ schwer zu übersetzende Ausdruck bedeutet: „Geht, es ist das Ende der Zusammenkunft“. Das Wort „missa“ bedeutet hier also „Ende der Zusammenkunft“ („missa“ = „dimissio“; ähnlich wschl. in RB 35,14). Ähnliche Formeln wurden bei den Römern gerne beim Abschließen öffentlicher Zusammenkünfte verwendet. Dieser Ruf bedeutet ursprünglich nicht – so 50

schon es auch wäre –: „Geht, ihr seid gesendet“ oder „Geht, die Kirche ist gesendet“. (vgl. JUNGMANN, Missarum 2,525). – Sonntag: Kaiser Konstantin führte im Jahr 321 mit einem Gesetz die Arbeitsruhe am Sonntag für die Richter, die Stadtbevölkerung und alle Erwerbstätigen ein. (AUF DER MAUR, Herrenfeste 43). Er setzte fest, dass die christlichen Soldaten am Herrentag Urlaub erhielten, um zum Gottesdienst zu gehen (EUSEBIUS, Vita Constantini 4,18). Allen nichtchristlichen Soldaten wurde befohlen, am selben Tag aufs freie Feld zu gehen, um gemeinsam Gebete zu ihrem Gott zu sprechen (EUSEBIUS, Vita Constantini 4,19-20) (AUF DER MAUR, Herrenfeste 41):
Eusebius, der Zeitgenosse Kaiser Konstantins, schreibt über die Einführung des Sonntags: Er (dh. Kaiser Konstantin) lehrte sodann sein ganzes Heer, den Erlösungstag, der, wie es sich trifft, auch nach dem Licht und nach der Sonne benannt ist, mit Eifer zu ehren: den Soldaten, die Anhänger des göttlichen Glaubens waren, gab er Urlaub, ungehindert und regelmäßig zur Kirche Gottes zu gehen, solange, bis sie ihre Gebete verrichtet hätten, wobei ihnen niemand im Wege sein durfte; den Soldaten, die noch nicht Teilhaber des göttlichen Wortes waren, befahl er in einem zweiten Gesetz, an den Herrentagen vor die Stadt auf ein freies Feld zu gehen und dort auf ein verabredetes Zeichen hin alle gemeinsam ein eingeübtes Gebet an Gott zu richten. Sie sollten nämlich ihre Hoffnung nicht auf Speere, Waffenrüstung, Körperstärke setzen müssen, sondern den über allen (Seienden) Gott kennen, den Geber alles Guten und selbst des Sieges, ihm auch die geziemend vorgeschriebenen Gebete darbringen, und dabei die Hände empor zum Himmel erheben, zu höchst hinauf zum himmlischen König die Augen ihres Geistes richten und ihn anrufen im Gebet, den Spender des Sieges, den Retter, den Wächter und Helfer.(EUSEBIUS, Vita Constantini 4,18-20, in: WEILER, R. (Hg.), Der Tag des Herrn. Kulturgeschichte des Sonntags, Wien 1998, 46)

– Verchristlichung („Reinigung“) einiger Festtermine: + 22. 2.: Im heidnischen Rom wurde der ganze Februar mit besonderem Gedenken an die Verstorbenen begangen. Vom 13. Februar an feierte man neun Tage lang das Fest der Parentalia, ein Familienfest zu Ehren der verstorbenen Verwandten. Am letzten Tag der Parentalia, am 22. Februar, fand eine häusliche Mahlfeier mit Familienzusammenkunft und Totengedächtnis statt. Man hielt ein Mahl (charistia oder cara cognatio) ab, bei dem besonders der Verstorbenen gedacht wurde. Es wurde ein Stuhl aufgestellt für jenen göttlich verehrten Verstorbenen, dem sich die Familie besonders anvertraute. Dieses Fest wurde von den Christen Roms im 4. Jh. umgedeutet. An diesem Tag wurde ein Stuhl zu Ehren des hl. Petrus aufgestellt und dessen Amtsbeginn als Bischof (von Rom oder von Antiochien?) gefeiert.
(AUF DER MAUR, Feste und Gedenktag der Heiligen, in: Gottesdienst der Kirche. Handbuch für Liturgiewissenschaft 6/1, 82).

+ Quatember:
- AUF DER MAUR, H., Feiern im Rhythmus der Zeit I, Herrenfeste in Woche und Jahr, Gottesdienst der Kirche. Handbuch der Liturgiewissenschaft 5, Regensburg 1983 (Pustet) (bes. 54f). – KUNZLER, M., Die Liturgie der Kirche, AMATECA 10, Paderborn 1995 (Bonifatius), (bes. 574f).

° Im heidnischen Rom gab es jedes Jahr drei Erntefeste: Getreideernte im 4. Monat (Juni), Weinlese im 7. Monat (September), Olivenernte im 10. Monat (Dezember). Aus diesen heidnischen Erntefesten entwickeln sich im Christentum besondere Gebetszeiten zu Ehren des wahren Schöpfers und Erhalters der Erde. Später kam zu den drei Zeiten noch eine vierte hinzu (entsprechend den Jahreszeiten). ° Die Quatember bezeichnen jene Tage, die ungefähr mit den Anfängen der vier Jahreszeiten zusammenfallen. In der Quatemberwoche werden Mittwoch, Freitag und die Vigil von Samstag auf Sonntag besonders begangen: mit Fasten und besonderen Gottesdiensten. ° Die Quatember sind in Rom entstanden und durch die Verbreitung der röm. Liturgie im 8. Jh. auch in anderen Ländern angenommen worden. Erstes sicheres Zeugnis 51

für die Quatember ist in den Predigten Leos I. (440-461; Sermones 12-20.78-81.8694) zu finden. ° Die Gebete der Quatember beziehen sich vor allem auf Fasten und Buße, aber auch auf die Jahreszeiten, auf Aussaat und Ernte. Seit dem 5. Jh. wurde der Samstag in der Quatemberwoche als Tag für Diakonenund Priesterweihe bevorzugt. ° Die liturgische Kommission des dt. Sprachraums hat die Quatembertage auf die 1. Woche der Fastenzeit (Frühling), auf die Woche vor Pfingsten (Sommer), die erste Woche im Oktober (Herbst) und die erste Woche im Advent (Winter) festgelegt. 2.3.2. Der Einfluss der christologischen Kämpfe auf die Liturgie
(vgl. VO·ICKY, Sakraltheologie 4, 70-72).

Durch die Erlangung der Freiheit kann sich die Kirche ab dem 4. Jh. der Klärung wichtiger theologischer Fragen widmen. Auch wenn dieser Prozess der Bildung von theologischen Dogmen mitunter mit starken Grobheiten und Unmenschlichkeiten verbunden war, konnte sich die Kirche im 4. und 5. Jahrhundert zu wichtigen Lehrentscheidungen durchringen. 2.3.2.1. Die Konzilien von Nizäa und Konstantinopel 325 findet im kaiserlichen Palast von Nizäa das erste ökumenische Konzil statt, in dessen Anschluss das 20-Jahr-Jubiläum (Vicennalien) von Kaiser Konstantin auch mit christlichen Liturgien gefeiert wird; die Lehre des Aríus († 336), der die göttliche Natur Jesu Christi leugnete, wurde beim Konzil von Nizäa verurteilt. Hauptgegner des Arius war der junge Athanasius von Alexandrien († 373), damals noch Diakon, aber bald darauf schon Bischof. Die entscheidende Feststellung des Konzils von Nizäa war, dass Christus wesensgleich (οµοουσιος/consubstantialis) mit dem Vater ist. Nach dem Konzil wurde die bisher häufig verwendete kleine Doxologie von den Arianern gerne zu ihren Gunsten gedeutet: Gloria Patri per Filium in Spiritu Sancto. Die Arianer hoben hervor, dass Christus dem Vater untergeordnet ist (Subordianismus). Die Katholiken ziehen ab dieser Zeit die kleine Doxologie in einer anderen, ebenso alten Version vor: Gloria Patri et Filio et Spiritui Sancto. (vgl. Mt 28,19).
Der hl. Basilius tritt für die Ehrung des dreifaltigen Gottes ein: Unseren Vätern erschien es schicklich, die Gnade des abendlichen Lichtes nicht schweigend in Empfang zu nehmen, sondern, sobald es aufscheint, Dank zu sagen. Wer der Urheber dieser Worte der Danksagung beim Aufscheinen des Lichtes ist, wissen wir nicht. Das Volk jedoch bedient sich der alten Formel, und nie ist es jemandem als Frevel erschienen, wenn man betete: „Wir loben den Vater und den Sohn und den Heiligen Geist Gottes.“ (BASILIUS, De Spiritu Sancto 29, 73, in: SIEBEN, H. J. (Hg., Übers.), Basilius von Cäsarea. De Spiritu Sancto, FC 12, Freiburg 1993, 301-303).

Basilius († 379) bezieht sich hier auf eine abendliche Lichtfeier, wie sie zur Zeit der Vesper vor allem im Osten gerne gehalten wurde. Er deutet einen alten Hymnus an, der in seinem Wortlaut ebenfalls bekannt und sehr berühmt ist, nämlich den Hymnus φως ιλαρον: ιλαρον
Heiteres Licht vom heiligen Glanz des unsterblichen himmlischen Vaters, des heiligen, seligen: Jesus Christus! Gelangt zum Sonnenuntergang, schauend das Licht des Abends, lobpreisen wir Vater und Sohn und Heiligen Geist.

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Würdig bist du zu jeder Zeit, gepriesen zu werden mit heiligem Ruf, Sohn Gottes, der du das Leben gabst, dich preiset darum die Welt. (vgl. SIEBEN, H. J. (Hg., Übers.), Basilius von Cäsarea. De Spiritu Sancto, FC 12, Freiburg 1993, 302, Anm. 29). (vgl. Vesper-Hymnus am Donnerstag der 2. und 4. Woche im Stundenbuch „Im Jahreskreis“).

Dabei wird die Diskussion über die Gottheit des Heiligen Geistes immer deutlicher. Beim Konzil von Konstantinopel 381 wird klar formuliert, dass der Heilige Geist mit Vater und Sohn zugleich angebet und verherrlicht wird (vgl. EWIG, Kirchengeschichte 2/1, 75). 2.3.2.2. Das Konzil von Ephesus Der Bischof Nestorius von Konstantinopel († 451 ?) wendet sich gegen den Ausdruck „Gottesgebärerin“ (θεοτοκος). Die göttliche und die menschliche Natur Christi sind für ihn so sehr getrennt, dass Maria nicht Gottesgebärerin genannt werden könne. Ein Hauptgegner dieser nestorianischen Lehre ist der hl. Bischof Cyrill von Alexandrien († 444). Der Kaiser berief ein Konzil nach Ephesus ein, bei dem über diese Frage beraten wird. Ephesus gilt als der Ort, an dem der hl. Apostel und Evangelist Johannes („und das Wort ist Fleisch geworden“) und die Mutter Gottes ihren Lebensabend verbracht haben. Man kommt zu dem Ergebnis, dass Maria Gottesgebärerin genannt werden kann. Die göttliche und menschliche Natur sind in Christus hypostatisch (in der Einheit der Person) miteinander verbunden. Auch wenn diese Frage um die Gottesmutter vor allem nur die Auswirkung der tiefer liegenden christologischen Frage liegt (wie sehr sind die göttliche und die menschliche Natur Christi miteinander verbunden?), wächst infolge dieses Konzil die Verehrung der Gottesmutter Maria. – Damals wurden manche Kirchen zu Ehren Mariens der Gottesgebärerin errichtet. + In Jerusalem entstand damals eine Kirche zu Ehren Mariens, der Theotokos, mit einem eigenen Fest am 15. August. Wschl. ist diese Kirche die Marienkirche von Gethsemani, in der ab der 2. Hälfte des 5. Jh.s Mariens Heimgang (Koimesis) gefeiert wurde (AUF DER MAUR, Feste 125). + In Jerusalem wurde im 5. oder 6. Jh. an jener Stelle eine Kirche gebaut, wo man Mariens Geburt vermutete (beim Bethesdateich; heute: S. Anna). Der Kirchweihetag jener Kirche ist der Tag des Festes „Maria Geburt“ (8. September). + In Rom gab es schon seit dem 4. Jh. eine Marienkirche. Sie wurde von Papst Xystus III. 435 der Mutter Gottes geweiht: zur Erinnerung an das Konzil von Ephesus (431), auf dem der Titel „Gottesgebärerin“ für Maria ausdrücklich bestätigt wurde. In S. Maria Maggiore werden der Überlieferung nach Stücke von der Krippe Jesu aufbewahrt. Dadurch gilt die Kirche S. Maria Maggiore als eine Art „Bethlehem“ in Rom. Am 5. August feiert die Kirche den Weihetag der Basilika S. Maria Maggiore als nicht-gebotenen Gedenktag.
Die Gründungslegende (allerdings nicht vor dem Jahr 1000 nachweisbar) zur Basilika Santa Maria Maggiore erzählt von einem römischen Patrizier Johannes und dessen Gattin, die, weil sie kinderlos waren, ihre Güter der hl. Mutter Gottes zudachten. In der Nacht zum 5. August 363 erschien dem Patrizier und seiner Frau im Traum die Mutter Gottes und teilte ihnen ihren Wunsch mit: es solle dort, wo in derselben Nacht Schnee gefallen sei, eine ihre geweihte Kirche gestiftet werden. Papst Liberius hatte zur selben Zeit dieselbe Erscheinung Mariens. Indessen war in Rom allgemein bekannt geworden, dass auf einer Kuppe des Esquilin (einer der 7 Hügel Roms) in der Nacht Schnee gefallen sei. Der Papst bezeichnete im Schnee den Umriss der künftigen Basilika (vgl. BUCHOWIECKI, Handbuch der Kirchen Roms I, Wien 1974, 237-276).

2.3.2.3. Das Konzil von Chalzedon Eutyches, ein einflussreicher Abt in Konstantinopel, lehrt, dass Christus nur eine Natur hat, nämlich die göttliche. Es kommt zu großen Auseinandersetzungen. Hauptwortführer gegen Eutyches sind Theodoret von Kyros und Papst Leo I. d. Gr. 53

Beim Konzil von Chalkedon (in der Basilika der hl. Märtyrerin Euphemia) wird feierlich erklärt, dass Christus „in zwei Naturen unvermischt, unverwandelt, ungeteilt und ungetrennt besteht“. Papst Leos d. Gr. hebt den Zusammenhang zwischen Weihnachtsfest und ZweiNaturen-Lehre auf:
Papst Leo I. zum Weihnachtsfest: Indem also die Eigenart beider Wesenheiten gewahrt bleibt und sich zu ein und derselben Person verbindet, bekleidet sich die Majestät mit Niedrigkeit, die Stärke mit Schwachheit, die Ewigkeit mit Sterblichkeit. Und um die Schuld unseres Sündenzustandes zu tilgen, hat sich die unversehrbare Natur mit der leidensfähigen vereint, sind wahrer Gott und wahrer Mensch zur Einheit des Herrn verbunden. (LEO I., Predigt 21, in: Texte der Kirchenväter 2, München 1963, 167).

Nach dem Konzil von Chalzedon verbreitete sich das Zwei-Finger-Kreuzzeichen: Es symbolisiert die zwei Naturen Christi (Zeige- und Mittelfinger sind ausgestreckt), die Dreifaltigkeit (Daumen, Ringfinger und kleiner Finger berühren einander) und die Einheit der Person Christi (durch die eine Hand). (vgl. VO·ICKY, Sakraltheologie 4, 31). Im Mittelalter wird dieses Kreuz in den Kirchen des byzantinischen Ritus vom DreiFinger-Kreuzzeichen abgelöst, das letztlich dieselben Bedeutungen ausdrückt. (vgl.
VO·ICKY, Sakraltheologie 4, 32).

Beim Konzil von Chalzedon wurde auch (gegen den Protest des Papstes) beschlossen, dass Konstantinopel von nun an nach Rom den höchsten Rang unter den Patriarchalstädten habe. 2.3.3. Die Entstehung wichtiger Liturgiezentren 2.3.3.1. Liturgische Zentren im Abendland des 4. und 5. Jahrhunderts – Rom als Ort der Gräber der Apostel Petrus und Paulus und als Sitz des Papstes hatte in der frühen Kirche unbestreitbar den ersten Rang unter den Kirchen der damaligen Christenheit inne. Doch Rom hatte im 4. und 5. Jh. aufgrund der Völkerwanderung viel zu leiden. Aus Rom selbst gibt es für diese Jahrhunderte nur wenige Zeugnisse über die Liturgie, nur einen wichtigen Kalender („Depositio martyrum“ und einige Hinweise in Briefen [bes. von Papst Innozenz I. † 417] und Predigten [bes. von Papst Leo I. † 461]. Viel zahlreichere Informationen stammen aus anderen Städten des Abendlandes, vor allem aus Mailand, wo der hl. Bischof Ambrosius wirkte und aus Hippo. Wo der hl. Bischof Augustinus tätig war. – Besonders zu erwähnen ist zunächst der hl. Ambrosius († 397), der in Mailand als Bischof wirkte. Von ihm sind zwei katechetische Werke über die christliche Initiationsfeier erhalten („De sacramentis“: Mitschrift von Taufkatechese; „De mysteriis“: literarische Taufkatechese). Es war eine bevorzugte Aufgabe des Bischofs, den Taufbewerbern Katechesen zu halten, bzw. den Neophyten („Neugeborenen“, Neugetauften) noch weitere „Mystagogische Katechesen“ (Katechesen, um in die hl. Mysterien einzuführen) zu halten. + Der hl. Ambrosius hebt in seinen Katechesen hervor, dass die Kirche in Mailand die Ordnung der Kirche von Rom befolgt (vgl. AMBROSIUS, De sacramentis 3,5). + Der hl. Ambrosius hebt die Verwandlung der Gaben bei der Konsekration hervor. Diese Worte des hl. Ambrosius sind von höchster Bedeutung für die ganze nachfolgende christliche Tradition.
Ambrosius über die Eucharistie: Sobald die Konsekration erfolgt ist, wird aus dem Brot das Fleisch Christi. Wir wollen nun durch Beweise stützen, wie das, was Brot ist, der Leib Christi sein kann. Durch welche Worte geschieht denn die Konsekration, und wessen Worte sind es? Die des Herrn Jesus. Denn alles andere, was vorher gesagt wird, wird vom Bischof gesprochen: Gott wird Lobpreis dargebracht, es wird ein Gebet verrichtet, es werden Bitten für das Volk, für die Herrscher und für die übrigen vorgetragen. Sobald der Augenblick naht, das

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verehrungswürdige Sakrament zu vollziehen, verwendet der Bischof nicht mehr seine eigenen Worte, sondern verwendet Worte Christi. Also bewirkt das Wort Christi dieses Sakrament. (AMBROSIUS, De sacramentis 4,14, in: FC 3, 143).

Der hl. Ambrosius ist der erste Zeuge des römischen Messkanons, wenn er auch nur Teile davon zitiert, allerdings die zentralen Teile.
Ambrosius über das Eucharistische Hochgebet (ältester Hinweis auf den Römischen Kanon!): 1 Willst du wissen, wie durch die himmlischen Worte die Konsekration bewirkt wird? 2 Höre, welche Worte es sind! Der Bischof spricht: 3 „Mache uns dieses Opfer zu einem festgeschriebenen, geistigen und wohlgefälligen, 4 das die Bild(wirklichkeit) des Leibes und Blutes unseres Herrn Jesus Christus ist. 5 Am Tag vor seinem Leiden nahm er das Brot in seine heiligen Hände, 6 blickte zum Himmel, zu dir, heiliger Vater, allmächtiger, ewiger Gott, 7 segnete es, indem er die Danksagung sprach, 8 brach es und reichte das Gebrochene seinen Aposteln und Jüngern mit den Worten: 9 Nehmt und esst alle davon; denn das ist mein Leib, der für viele zerbrochen wird.“ 10 Gib acht! 11 „Ebenso nahm er am Tag vor seinem Leiden nach dem Mahl den Kelch, 12 blickte zum Himmel, zu dir, heiliger Vater, allmächtiger, ewiger Gott, 13 segnete ihn, indem er die Danksagung sprach, 14 und reichte ihn seinen Aposteln und Jüngern mit den Worten: 15 nehmt und trinkt alle daraus; denn das ist mein Blut.“ … 16 Erkenne ferner, welch große Bedeutung dieses Sakrament besitzt! Betrachte, was er sagt: 17 „Sooft ihr dies tut, gedenkt meiner, bis ich wiederkomme“ (vgl. 1 Kor 11,25f). 18 und der Bischof spricht: 19 „Daher begehen wir denn das Gedächtnis seines glorreichen Leidens, 20 seiner Auferstehung von den Toten und seiner Himmelfahrt 21 und bringen dir diese makellose Opfergabe, diese geistige Opfergabe, diese unblutige Opfergabe, 22 dieses heilige Brot und den Kelch des ewigen Lebens dar. 23 Wir bitten und flehen: 24 Nimm das Opfer durch die Hände deiner Engel auf deinen himmlischen Altar empor, 25 wie du die Gaben deines gerechten Dieners Abel, das Opfer unseres Patriarchen Abraham 26 und das Opfer, das dein Hoherpriester Melchisedek dir dargebracht hat, gnädig angenommen hast.“ (AMBROSIUS, De sacramentis 4,21f.26f, in: FC 3, 149.153).

– Einleitungsdialog: nicht zitiert – Danksagung: nicht zitiert – Sanctus: nicht zitiert – Epiklese über die Gaben: Z. 3-4 – Einsetzungsbericht: Z. 5-9 und Z. 11-15 (der Einsetzungsbericht wird mit speziellen Elementen der Ehrfurcht formuliert) – Anamnese: Z. 19-20 – Darbringungsgebet: Z. 21-22 – Bitte um die Annahme des Opfers (ein Spezifikum des römischen Messkanons): Z. 23-26 – Epiklese über die (Gottesdienst-)Gemeinde: nicht zitiert – Lobpreis an die Dreifaltigkeit: nicht zitiert – Fürbitten: nicht zitiert – Amen: nicht zitiert Aus den Katechesen des hl. Ambrosius wird der Ablauf des Katechumenats und der Initiationsfeier erkennbar: a) Katechumenat – Nomendatio (nomen dare): ein Begriff aus der Militärsprache: Anmeldung zum Kriegsdienst; Anmeldung zum Katechumenat: zwischen Epiphanie und Beginn der Fastenzeit – Sündenbekenntnis: bald nach der Anmeldung

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– Buße: während der Fastenzeit, mit Gebet und Fasten (an fünf Tagen pro Woche nur einmal, nämlich abends essen) – Katechese über Glaubens- und Sittenlehre (vor allem über die Erlösung durch das Kreuzesopfer Jesu) – Skrutinien: mit Prüfungsexorzismen – Traditio symboli: Übergabe des Glaubensbekenntnis: am Sonntag vor Ostern – Redditio symboli: Prüfung des Glaubensbekenntnisses: wenige Tage vor Ostern b) Initiationsfeier in der Osternacht – Effata-Ritus (bei Ambrosius erstmals erwähnt) – Taufwasserweihe – Präbaptismale Salbung (des ganzen Körpers; zum Kampf gegen den Satan) – Absage vom Satan – Taufe durch dreimaliges Untertauchen und nach dreifachem Bekenntnis – Durchzug der Getauften durch den Taufbrunnen: Erinnerung an den Durchzug durch das Schilfmeer – Salbung des Hauptes: symbolisiert die Beschenkung mit Gnade – Lesung aus Joh 13 – Fußwaschung – Überreichung des weißen Kleides – Besiegelung durch den Hl. Geist – Eucharistie Aus der Zeit des hl. Ambrosius ist ein berühmter Vorfall um eine öffentliche Kirchenbuße bekannt: Eine durch Zirkusleidenschaft erregte Menge in Thessalonike ermordeten im Jahre 390 einen unbeliebten kaiserlichen Militärbefehlshaber. Kaiser Theodosius († 395), der praktizierender Christ war und oft in Mailand residierte, befahl im Zorn, die Bevölkerung von Thessalonike in das Stadion zu locken und niederzumetzeln. Der Kaiser nahm diese Anordnung bald zurück, aber die Gegenorder kam zu spät. Es kam zu einem furchtbaren Blutbad. Für dieses schwere Vergehen verlangte Bischof Ambrosius die öffentliche Kirchenbuße. Er verließ Mailand und erklärte Theodosius brieflich, er werde seiner Bischofsstadt solange fernbleiben, bis Theodosius die Buße annehme. Theodosius sah sein Unrecht ein und erschien eine Zeitlang ohne kaiserliche Insignien als Büßer in der Kirche, ehe er nach dem öffentlichen Schuldbekenntnis vor der Gemeinde (wahrscheinlich zu Weihnachten 390) wieder mit der Kirche versöhnt und zum Empfang der Sakramente zugelassen wurde. (vgl. EWIG, Kirchengeschichte 2/1, 90). Auch von Augustinus gibt es viele Hinweise auf die Liturgie. (vgl. MAZZA, E., La mistagogia. Le catechesi liturgiche della fine del quarto secolo e il loro metodo, Bibliotheca „Ephemerides Liturgicae“. „Subsidia“ 46, Roma 21996, 171-192). 2.3.3.2. Alexandrien Alexandrien war in der Antike eine der wichtigsten Städte (bedeutende Stätte der Gelehrsamkeit, Bibliothek von Alexandrien, blühende Handelsstadt, der Leuchtturm = Pharon = eines der 7 Weltwunder). Der Bischof von Alexandrien war Metropolit der Christen Ägyptens, Äthiopiens, Numidiens. Er musste immer besonders gebildet sein, in der führenden Stadt der Gelehrsamkeit. Die bedeutendsten Bischöfe 56

Alexandriens der Spätantike sind zweifellos der hl. Athanasius († 373) und der hl. Cyrill von Alexandrien († 444). Die wichtigste Anaphora in Ägypten ist die Anaphora des hl. Markus, benannt nach dem – gemäß der Überlieferung – ersten Bischof von Alexandrien, dem hl. Evangelisten und Petrus-Schüler Markus. Sie ist erstmals im Strasbourg Papyrus bezeugt und entwickelt sich im Laufe der Jahrhunderte zu einem sehr langen Hochgebet, mit einem besonders umfangreichen, feierlichen Lobpreis Gottes (Präfation). Der hl. Markus wird in dieser Anaphora eigens erwähnt. Eine sehr wichtige Gebetssammlung ist in Ägypten aus dem 4. Jh. enthalten, nämlich die griechisch abgefasste Gebetssammlung des hl. Bischofs Serapion von Thmuis. Sie enthält die Gebetstexte zu Taufe, Salbung, Anaphora, Diakon-, Priester und Bischofsweihe und Begräbnis. 2.3.3.3. Antiochien Auch Antiochien galt in der Antike als eine der bedeutendsten Städte. Es war Handels- und kulturelles Zentrum. Als Hauptstadt Syriens war es von besonderer politischer Bedeutung und Brücke zwischen Westen (Kleinasien, Europa) zum Osten (Syrien, Arabien, Persien, Indien). Für die Christen war Antiochien von besonderer Bedeutung, weil dort nannte man die Jünger Jesu erstmals „Christen“ (Apg 11,26). Der erste Bischof von Antiochien soll (wegen Gal 2,11-14 und dann der Überlieferung nach) der hl. Petrus selbst gewesen sein. Die berühmteste kirchliche Persönlichkeit von Antiochien ist im 4. Jh. der hl. Johannes Chrysostomus. Als Priester war er beauftragt, an der Bischofskirche viele Predigten zu halten. Sie sind rhetorisch bestens ausgefeilt, sehr mitreißend und lebensnah. In ihnen werden immer wieder auch liturgische Themen angeschnitten. Vor allem kommt er immer wieder auf das heilige Beben / Schaudern (φρικη) zu sprechen.
Kardinal Daniélou schreibt über die Homilien des hl. Johannes Chrysostomus: Die Gesamtheit der Homilien ist durchdrungen von diesem Sinn für das Geheimnisvolle, von diesem “heiligen Schauder” (φρικη), der gewissermaßen das Klima der Liturgie ist (DANIÉLOU, J., Le Kairós de la messe d‘après les Homélies sur l‘Incompréhensible de saint Jean Chrysostome, in: ARNOLD, F. X. – FISCHER, B. (Hg.), Die Messe in der Glaubensverkündigung. Kerygmatische Fragen, Freiburg 1950, 74). Johannes Chrysostomus über die Eucharistie: Wenn euch der Kaiser zu einem Gastmahl ladet, seid ihr bei Tisch voll Furcht erfüllt und nehmt von den aufgetragenen Speisen nur schüchtern und schweigend. Hier aber ruft euch Gott, an das Mahl von ihm selbst und bringt selbst seinen Sohn dar. Heerscharen von Engeln stehen dabei, mit Furcht und Beben. Die Kerubim verhüllen ihre Gesichter. Mit Beben rufen die Seraphim: “Heilig, heilig, heilig ist der Herr” [vgl. Jes 6,3]. Und du, sag es mir, schreist und lärmst bei diesem geistlichen Gastmahl! Weißt du nicht, dass bei jener Feier die Seele voll Stille sein soll? (JOHANNES CHRYSOSTOMUS, In diem natalem 7, in: PG 49,361) Johannes Chrysostomus über die Ehrfurcht in der Hl. Messe: So müssen auch wir dastehen, während wir ihm diesen Lobpreis darbringen, in Furcht und bebend, und dass wir ihn mit Augen des Geistes schauen. Denn er ist hier völlig anwesend, und nirgends kann er umschrieben werden, und er schreibt sich die Stimmen aller auf. So wollen wir also mit zerbrochenem und zerschlagenem Herzen das Lob emporsenden, wir wollen es wohlgefällig verrichten und wie ein wohlriechendes Räucherwerk zum Himmel emporsenden. (JOHANNES CHRYSOSTOMUS, Vidi Dominum 1,3 [Z. 72-81], in: DUMORTIER, J. (Hg., Übers.), Jean Chrysostome. Homélies sur Ozias (In illud, Vidi Dominum) (Sources Chretienne 277), Paris 1981).

Hervorzuheben sind auch die Taufkatechesen, die der hl. Johannes Chrysostomus gehalten hat: KACZYNSKI, R. (Hg., Übers.), Catecheses Baptismales, FC 6/1-2, Freiburg 1992. 57

Der hl. Johannes Chrysostomus wurde 398 gegen seinen Willen zum Patriarchen von Konstantinopel gemacht. Nach nur fünfjähriger segensreicher Amtszeit wurde er dort schließlich aufgrund der Wut der Kaiserin und anderer Kritiker wegen haltloser Beschuldigungen abgesetzt. Es war ihm bereits verboten, die Osternachtfeier in der Kathedrale zu feiern. Daher feierte er mit seinen Priester das Osterfest 404 in den Konstantinsthermen. Die Osternachtfeier samt Taufe wurde von den Soldaten zersprengt und endete mit einem Blutbad. Kurz darauf musste Chrysostomus Konstantinopel verlassen und in die Verbannung gehen. Er starb auf seiner Reise in die Verbannung in Komana, am 14. 9. 407. Wenige Jahre später wurde sein Leichnam im Triumph nach Konstantinopel zurückgebracht und feierlich bestattet. Er wurde in den Heiligenkanon aufgenommen und gilt seither als größter Heiliger der byzantinischen Kirche. Eine Anaphora, die er wschl. aus Antiochien nach Konstantinopel mitgebracht hat, wurde nach ihm benannt: Anaphora des hl. Johannes Chrysostomus. Sie ist die noch heute gängigste Anaphora in der byzantinischen Kirche. 2.3.3.4. Jerusalem Wegen seiner Zerstörung war Jerusalem lange Zeit für Christen ohne große Bedeutung. Erst im 4. Jh. rückt es wieder in das Interesse der Christen, vor allem durch den Einsatz Kaiser Konstantins. Durch den Bau mehrer Kirchen in Jerusalem und an anderen Stätten des Hl. Landes wird Palästina innerhalb von wenigen Jahrzehnten ein für Christen attraktives Pilgerziel. Vor allem durch Egeria, die um 380 nach Jerusalem pilgerte, wissen wir einiges über die Liturgie an jenen Stätten im 4. Jh. Sie lebte etwa drei Jahre in Jerusalem und machte von dort aus Besuche zu wichtigen biblischen Stätten in Palästina, am Sinai und in Ägypten. Für die Liturgiegeschichte ist vor allem ihre Beschreibung der Jerusalemer Liturgie, speziell zur Kar- und Osterwoche wertvoll. Über die Mystagogischen Katechesen (das sind Katechesen für die Neugetauften) in der Osteroktav schreibt sie:
Egeria über die Mystagogischen Katechesen in Jerusalem: Nachdem aber die Ostertage gekommen sind, geht man an acht Tagen, nämlich von Ostern bis zum achten Tag, nach der Entlassung aus der Kirche mit Hymnen zur Anastasis. Dort spricht man ein Gebet, und die Gläubigen werden gesegnet. Dann steht der Bischof an das innere Gitter gelehnt, das sich an der Grotte in der Anastasis befindet, und erläutert alles, was bei der Taufe geschieht. Zu dieser Stunde hat nämlich kein Katechumene Zugang zur Anastasis; nur die Neugetauften und die Gläubigen, die die Mysterien hören wollen, betreten die Anastasis. Es werden aber die Türen verschlossen, damit kein Katechumene dazukommt. Während der Bischof alles einzeln deutet und berichtet, sind die Stimmen der lobenden Zuhörer so laut, dass ihre Stimmen sogar weit draußen vor der Kirche zu hören sind. Er enthüllt ihnen nämlich wahrhaftig alle Mysterien so, dass keiner von dem unberührt bleiben kann, was er derart erklärt hört (vgl. EGERIA, Itinerarium 47,1f, in: FRANCESCHINI, E. – WEBER, R. (Hg.), Itinerarium Egeriae, in: Itineraria et alia geographica, Turnhout 1965 (CCL 175) 88f; nachgedr. in: RÖWEKAMP, G. (Hg., Übers.), Egeria. Itinerarium. Reisebericht (FC 20), Freiburg 1995, 300-302).

Fünf mystagogische Katechesen aus Jerusalem sind uns in ihrem Wortlaut überliefert. Sie stammen von Cyrill oder von Johannes von Jerusalem und beschreiben und deuten in sehr berührender Weise die Riten der Initiation (Taufe, Salbung, Eucharistie).
Cyrill von Jerusalem über den Friedenskuss: Dann ruft der Diakon: „Nehmt einander an, und lasst uns einander den Friedenskuss geben!“ Denke nicht, dieser Kuss sei der gleiche wie der, den sich gewöhnliche Freunde auf dem Markt geben! So ist es nicht! Dieser Kuss verbindet die Seelen miteinander und versichert ihnen, dass nichts mehr nachgetragen wird. So ist der Kuss ein Zeichen für das Verbundenwerden der Seelen und das Verbannen allen Nachtragens. Deswegen sagte Christus: „Wenn du deine Gabe zum Altar bringst und dir dort einfällt, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, so lass deine Gabe dort vor dem Altar

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(liegen); geh und versöhne dich zuerst mit deinem Bruder, dann komm und opfere deine Gabe“ (Mt 5,23f). Der Kuss ist also eine Versöhnung und deshalb heilig. So sagte irgendwo der selige Paulus: „Grüßt einander mit heiligem Kuss“ (Röm 16,16; 1 Kor 16,20). Und Petrus: „Grüßt einander mit dem Kuss der Liebe“ (1 Petr 5,14). CYRILL VON JERUSALEM, Mystagogicae Catecheses 5,3, in: RÖWEKAMP, G. (Hg., Übers.), Cyrill von Jerusalem. Mystagogicae Catecheses. Mystagogische Katechesen (FC 7), Freiburg 1992, 147-149. Cyrill von Jerusalem über das Gedenken der Verstorbenen bei der Eucharistie: Dann beten wir auch für die entschlafenen heiligen Väter und Bischöfe und überhaupt alle vor uns Entschlafenen, denn wir glauben, dass das Gebet den Seelen, für die wir beten, dann den größten Nutzen bringt, wenn das heilige, unheimliche Opfer vorliegt. CYRILL VON JERUSALEM, Mystagogicae Catecheses 5,9, in: RÖWEKAMP, G. (Hg., Übers.), Cyrill von Jerusalem. Mystagogicae Catecheses. Mystagogische Katechesen (FC 7), Freiburg 1992, 153. Cyrill von Jerusalem über die Kommunion: Wenn du dann hingehst, komm nicht mit vorgestreckten Handflächen oder gespreizten Fingern. Mache die Linke zum Thron für die Rechte, die den König empfangen soll. Mache die Hand hohl, empfange so den Leib Christi und sage „Amen“ dazu. Nimm es vorsichtig, heilige die Augen durch die Berührung mit dem heiligen Leib – und pass auf, dass du nichts davon verlierst. Denn wenn du etwas verlierst, so ist das, als littest du an den eigenen Gliedern Schaden. Sag mir: Wenn dir jemand Goldstaub gäbe, würdest du ihn dann nicht mit großer Vorsicht festhalten und aufpassen, dass du nichts davon verlierst und Schaden leidest? Wirst du also nicht noch viel sorgfältiger auf das achten, was wertvoller ist als Gold und Edelsteine, um keine Stücke davon fallen zu lassen? CYRILL VON JERUSALEM, Mystagogicae Catecheses 5,21, in: RÖWEKAMP, G. (Hg., Übers.), Cyrill von Jerusalem. Mystagogicae Catecheses. Mystagogische Katechesen (FC 7), Freiburg 1992, 163.

Auch in Jerusalem entsteht eine eigene Anaphora, mit dem Namen „Anaphora des hl. Jakobus“. Sie ist benannt nach dem hl. Apostel Jakobus den Jüngeren, der in den Jahren 44 bis 62 die Kirche von Jerusalem geleitet haben soll. Er wird in Apg 15,13 und Gal 2,9 erwähnt. Die Anaphora stammt wohl nicht direkt vom hl. Apostel Jakobus, ist aber sehr alt (vgl. GIRAUDO, Eucaristia 414-430). 2.3.4. Die Entstehung des Weihnachtsfestkreises (VO·ICKY, Sakraltheologie 4, 73-76) – AUF DER MAUR, H., Feiern im Rhythmus der Zeit I. Herrenfeste in Woche und Jahr, Gottesdienst der Kirche. Handbuch der Liturgiewissenschaft 5, Regensburg 1983 (Pustet) (bes. 16-25). – AUGÉ, M., The Liturgical Year in the First Four Centuries, in: CHUPUNGCO, A. J. (Hg.), Handbook for Liturgical Studies 5, Collegeville 2000 (Pueblo Book), 135-155. 6 – BIERITZ, K.-H., Das Kirchenjahr, München 2001 (C.H.Beck) (bes. 187-233). 2 – TALLEY, T. J., The Origins of the Liturgical Year Collegeville (Liturgical Press) 1991 . – VO·ICKY, B. J. M., Sakraltheologie 4. Fundamentalliturgik, Heiligenkreuz 2003. 2.3.4.1. Weihnachten in Bethlehem Schon im 2. Jh. ist bezeugt, dass Jesus Christus in einer Höhle (nahe von Bethlehem) geboren worden ist.
Justin, der Märtyrer († um 165) schreibt: … Josef nahm, da er in jenem Dorf nirgends Unterkunft finden konnte, in einer Höhle in der Nähe des Dorfes (Bethlehem) Quartier. Als sie sich dort aufhielten, hatte Maria den Christus geboren und in eine Krippe gelegt. Hier haben ihn die Magier aus Arabien gefunden. (HÄUSER, P. (Hg., Übers.), Dialog mit dem Juden Tryphon, Bibliothek der Kirchenväter 33, München 1917, 128).

Origenes bezeugt, dass in Bethlehem die Geburtshöhle Christi gezeigt wird:
Wer aber für die Tatsache der Geburt Jesu in Bethlehem außer der Prophezeiung des Micha und dem Bericht seiner Jünger in den Evangelien noch andere Beweise will, der möge erwägen, dass man, in Übereinstimmung mit dem Bericht über seine Geburt in dem Evangelium die Höhle in Bethlehem zeigt, wo er geboren wurde, und in dieser Höhle die Krippe, in die er, in Windeln gewickelt, gelegt wurde. Und was dort gezeigt wird, ist in diesen Gegenden auch bei den Heiden eine bekannte Sache, so dass sie wissen, in dieser Höhle sei der von den Christen angebetete und bewunderte Jesus geboren (ORIGENES, Contra Celsum 1,51, in: BKV 52,70)

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Kurze Zeit danach, um 250 erlebte diese Höhle eine gewaltsame Profanierung. In einem Brief des Hieronymus steht:
Ein heiliger Hain des Tammuz, auch Adonis genannt, umschattete unser Bethlehem, den erhabensten Ort in der ganzen Welt, von dem der Psalmist schreibt: „Die Wahrheit spross aus der Erde hervor (Ps 84,12). In der Höhle, in der einst Christus als Kindlein wimmerte, wurde der Liebhaber der Venus beweint. 2 (HIERONUMS, Epistula 58,3, in: BKV 16,175).

Mit Kaiser Konstantin wurde aber im 4. Jh. mit diesen heidnischen Kulten in Bethlehem Schluss gemacht und eine Basilika über die Geburtsgrotte gebaut. Im 5. und 6. Jh. wird in Bethlehem die Geburt Jesu Christi folgendermaßen gefeiert: Am 5. Jänner versammelt man sich gegen 16 Uhr auf den Hirtenfeldern östlich von Bethlehem und feiert einen Wortgottesdienst, der mit dem Evangelium von den Hirten beginnt (Lk 2,8-20). Bei der Vigil in der Geburtskirche werden elf Prophetenlesungen vorgetragen. Darauf folgt eine Epistellesung und das Weihnachtsevangelium (Mt 2,1-12). Nach der Eucharistiefeier in der Geburtskirche zieht man unter Gesang von Ps 118 mit dem Kehrvers „Gesegnet sei, der kommt im Namen des Herrn“ nach Jerusalem (vgl. RÖWEKAMP, Einleitung zu Egeria. Itinerarium, FC 20, Freiburg 22000, 85).
Egeria schreibt über das Weihnachtsfest am 6. Jänner und über die anschließende Weihnachtsoktav: Es ist überflüssig zu beschreiben, wie an diesem Tag der Schmuck der Anastasis, am Kreuz und auch der Kirche in Bethlehem ist. Dort ist nichts als Gold, Edelsteine und Seide zu sehen. Schaut man auf die Vorhänge, sind sie mit Goldstreifen und Seide verziert, sieht man sich die Decken an, sind sie genauso mit Seide und Goldstreifen geschmückt. An diesem Tag werden mit Gold und Edelsteinen verzierte Geräte jeder Art benutzt. Die Anzahl oder das Gewicht der Leuchter, Lampen und Lämpchen oder der verschiedenen Geräte – wie könnte man das schätzen oder beschreiben? … In Bethlehem aber herrscht die ganzen acht Tage hindurch täglich dieser Glanz, und von den Priestern, vom gesamten Klerus des Ortes und von den Mönchen, die zu jenem Ort gehören, wird das gleiche Freudenfest gefeiert. Von jener Stunde an, wo in der Nacht alle mit dem Bischof nach Jerusalem zurückkehren, wachen alle Mönche dieses Ortes bis zum Morgengrauen in der Kirche in Bethlehem und rezitieren Hymnen und Antiphonen, weil der Bischof an diesen Tagen immer in Jerusalem bleiben muss. Zu diesem Hochfest aber und zu diesem Freudentag kommen unzählige Scharen von überall her nach Jerusalem, nicht nur Mönche, sondern auch Laien, Männer und Frauen. (EGERIA, Itinerarium 25,8.12, in: FC 20,239.243).

Auch heute pilgern noch viele Menschen jährlich nach Bethlehem zur Geburtsgrotte, und zur Christmette in Bethlehem. Der Lateinische Patriarch von Jerusalem kommt jährlich, um der Vigilfeier, der Hl. Messe und der Prozession zur Geburtsgrotte vorzustehen. 2.3.4.2. Die Entstehung des Weihnachtsfestes am 6. Jänner – eine Wurzel dieses Festes ist wschl. das Geburtsfest des heidnischen Gottes Aion; in der Nacht vom 5./6. Januar wurde in Alexandrien dessen Geburt gefeiert. – Eine christlich-gnostische Gemeinschaft, die Basilidianer, feierten im 2./3. Jh. am 6. Jänner die Taufe Jesu. Nach gnostischer Ansicht ist die Taufe Jesu jener Moment, in dem Jesus als Christus inthronisiert wird, sozusagen als Christus geboren wird. – Im 3. Jh. wird der 6. Januar in Ägypten zum Fest der Erscheinung, Geburt Jesu. Das Wort „epiphania“ drückt das mächtige Erscheinen eines Herrschers oder einer Gottheit aus (zB. bei einer Thronbesteigung). – Im 4. Jh. wird in Alexandrien, Jerusalem, Antiochien und Konstantinopel am 6. Januar die Geburt Christi gefeiert. Nachdem sich gegen Ende des 4. Jh.s allmählich durchsetzt, am 25. Dezember die Geburt Christi zu feiern, wird der 6. Januar zum Fest der Taufe Jesu (vor allem im Osten) bzw. zum Fest der Anbetung der Magier (vor allem im Osten) (AUF DER MAUR, Herrenfeste 158). In der röm.-kath. Kirche 60

wird das Fest der Taufe Jesu seit der Reform des liturgischen Kalenders 1969/70 am Sonntag nach Epiphanie gefeiert. 2.3.4.3. Die Entstehung des Weihnachtsfestes am 25. Dezember Das genaue Datum der Geburt Jesu Christi ist zwar unbekannt. Im Laufe des 4. Jahrhunderts setzt sich die Verbreitung des Weihnachtsfestes am 25. Dezember durch. – In einem Kalender aus der Zeit um 335 in Rom, im sogenannten „Chronograph“ heißt es: „VIII kal. jan. natus est Christus in Bethlehem Judaeae“. Diese Stelle ist der älteste Hinweis auf Weihnachten am 25. Dezember. Derselbe „Chronograph“ enthält auch einen staatlich-bürgerlichen Kalender, in dem der 25. Dezember als „Natalis (Solis) Invicti“ bezeichnet wird. Hier wird deutlich, dass Weihnachten als das Fest zu Ehren des wahren unbesiegbaren Sonnengottes (dieses heidnische Fest war 274 von Kaiser Aurelian eingeführt worden), nämlich Christi das heidnische Fest ersetzt (religionsgeschichtliche Hypothese zu Weihnachten). – Im Traktat „In diem natalem Domini Nostri Jesu Christi“ versucht der hl. Johannes Chrysostomus zu erklären, warum das Weihnachtsfest für den 25. Dezember kürzlich auch in Antiochien eingeführt worden ist. Es gibt in diesem Werk aus der Zeit um 386 eine Theorie (Berechnungshypothese zu Weihnachten) zum Weihnachtsfest, die davon ausgeht, dass Zacharias Ende September, also zur Zeit der großen jüdischen Wallfahrtsfeste (Laubhüttenfest, Neujahr, Versöhnungstag) im Tempel Dienst hatte (allerdings gibt es in der Hl. Schrift keinen Hinweis, dass Zacharias tatsächlich Hoherpriester war):
Einmal im Jahr ging der Hohepriester und zwar er allein, in das Allerheiligste. Wann geschah das? Im Monat September. Zu dieser Zeit also ging Zacharias in das Allerheiligste, und da wurde ihm auch die frohe Botschaft betrefflich des Johannes gebracht. Nachdem er nun von dort zurückgekehrt war, begann die Zeit der Schwangerschaft Elisabeths. Im sechsten Monat ihrer Schwangerschaft, also im sechsten Monat nach dem September, das heißt im März, hat dann Maria empfangen. Zählen wir nun vom April an bis zum neunten Monat nachher, so kommen wir auf den gegenwärtigen Monat, in dem unser Herr Jesus Christus geboren ist. (JOHANNES CHRYSOSTOMUS, In diem natalem 6, in: SCHMITZ, M. (Hg., Übers.), Johannes Chrysostomus, Bibliothek der Kirchenväter 3, Kempten 1879, 47)

– Verbreitung des Weihnachtsfestes am 25. 12.: Zuerst ist es in Rom bezeugt (1. Hälfe des 4. Jh.s), bald auch in Afrika und Norditalien. Ab Ende des 4. Jh.s wird es auch im Osten langsam eingeführt. – Die 10 Weihnachtspredigten von Papst Leo I. und andere frühchristliche Schriften sind reich an theologischen Gedanken. + das liturgische Heute: Lasst uns froh sein. Heute ist unser Retter geboren. Traurigkeit hat keinen Raum am Geburtstag des Lebens. (LEO I., Predigt 21, in: Texte der Kirchenväter 2, München 1963, 166)

In der Liturgie wird Christus vergegenwärtigt, und mit Ihm Sein ewiges HEUTE. Alles, was Christus an Heil gestiftet und gewirkt hat, ist von der Ewigkeit her betrachtet nicht vergangen, sondern ewige Gegenwart. Bei der Liturgie werden durch die Gegenwart Christi die vergangenen Heilstaten vergegenwärtigt. Die Geburt Christi geschah wohl historisch gesehen vor 2000 Jahren, aber in der Liturgie (im besonderen bei der Eucharistie) wird dieses Heilsereignis durch die Gegenwart Christi gegenwärtig, sodass wir zu Weihnachten sagen können: „Heute ist Christus geboren“. In den Magnificat-Antiphonen oder in Predigten über ein Heilsfest wird das liturgische „Heute“ besonders hervorgehoben. + ein Fest der Freude: Niemand wird von der Teilnahme an dieser Jubelfeier ausgeschlossen, alle haben

den gleichen Grund, in festlicher Stimmung zu sein. Denn da unser Herr, der die Sünde und den Tod vernichtet hat, niemand findet, der ohne Schuld ist, so kommt er, um alle zu befreien. Es jauchze der Heilige,

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weil er sich der Siegespalme naht; es frohlocke der Sünder, weil ihm Verzeihung winkt, und neuer Mut belebe den Heiden, weil ihn das Leben ruft! (LEO I., Predigt 21, in: Texte der Kirchenväter 2, München 1963, 166)

+ Betrachtung der Jungfrauengeburt: Eine königliche Jungfrau aus dem Stamme Davids wird dazu
auserwählt, die heilige Frucht in sich aufzunehmen und Gottes und der Menschen Sohn zunächst im Geiste und dann in ihrem Schoße zu empfangen. (LEO I., Predigt 21, in: Texte der Kirchenväter 2, München 1963, 167) Groß ist das Wunder, das auf unserer Erde geschah: dass der Herr des Alls auf sie herabstieg, Gott Mensch ward, der Alte ein Kind ward. Der Herr machte sich den Knechten gleich, … Das allerhöchste Wesen erniedrigte sich und ward in unserer Natur geboren; und was seiner Natur fremd war, nahm es auf sich um unser aller willen. (EPHRÄM, Hymnus auf die Geburt Christi 1, in: Texte der Kirchenväter 2, München 1963, 170).

+ Betrachtung der Demut Gottes:

+ Weihnachten als Geburtstag der Kirche: Indem wir die Menschwerdung unseres Erlösers anbeten, feiern wir offenbar den Beginn unseres eigenen Lebens. Ist doch das Erscheinen Christi der Ursprung des christlichen Volkes und der Geburtstag des Hauptes, zugleich auch der Geburtstag des Leibes. (LEO I., Predigt 26,2, in: Texte der Kirchenväter 2, München 1963, 176) + Weihnachten als Fest der Ankunft Gottes:
Das ist unser Fest, das feiern wir heute: das Kommen Gottes zu den Menschen, damit wir zu Gott kommen oder, besser gesagt, zu ihm zurückkehren. (GREGOR VON NAZIANZ, Über die Geburt Christi 4, in: Texte der Kirchenväter 2, München 1963, 177)

+ Johannes Chrysostomus sagt: Weihnachten ist das „ehrwürdigste und ergreifendste aller Feste“. Es ist ein „erschütterndes und wunderbares Schauspiel“, am Weihnachtstag mit den Augen des Glaubens Christus auf dem Altar gleichsam in der Krippe liegen zu sehen. (vgl. De beato Philog. Hom. 6,3, in: PG 48,752f). – Zu Weihnachten gibt es drei Messformulare, die auf die Zeit bis Papst Gregor d. Gr. (6. Jh.) zurückgehen. In der Papstliturgie waren zu Weihnachten hll. Messen vorgesehen: um Mitternacht (in nocte; „Christmette“) in S. Maria Maggiore, bei Tagesanbruch (in aurora; „Hirtenamt“) in S. Anastasia und am Tag (in die; „Hochamt“) in S. Pietro. Die Priester können bis heute zu Weihnachten drei Hl. Messen zelebrieren. – Zu Weihnachten hat sich ein „wunderbarer Tausch“ (commercia gloriosa) vollzogen: Präfation von Weihnachten III, siehe auch: Gabengebet von Weihnachten in der Nacht, Gabengebet vom 5. Tag der Weihnachtsoktav 2.3.4.4. Advent – Eine dem hl. Hilarius († 367) zugeschriebene Schrift überliefert ein ältestes Zeugnis für eine „weihnachtliche Fastenzeit“ (AUF DER MAUR, Feiern 180). – Im Jahre 380 verlangt das Konzil von Zaragoza von den Gläubigen, zwischen 17. Dezember und Epiphanie eifrig die Kirche zu besuchen. (AUF DER MAUR, Feiern 180). – Vom 5. bis 8. Jh. gab es in Gallien eine „Quadragesima S. Martini“, die vom 11. November bis zum Fest Epiphanie dauerte: genau 40 Tage, wenn die Samstage und Sonntage als fastenfreie Tage abgezogen werden. Diese Fastenzeit des hl. Martin entspricht der Fastenzeit vor Ostern. – In Rom gibt es ab ca. 6. Jahrhundert eine liturgisch gestaltete Adventszeit (mit 6 bzw. 4 Adventsonntagen). Im Sacramentarium Gregorianum (nach Papst Gregor d. Gr. Benannt) gibt es 4 Adventsonntage. Der altrömische Advent nimmt Bezug auf die Ankunft des Herrn im Fleisch und auf die endzeitliche Rückkehr des Herrn. – Im Commentarius in annum liturgicum instauratum, S. 61, des Calendarium Romanum von 1969 heißt es: 62

Während Oster- und Fastenzeit, Weihnachten und Epiphanie allen Riten gemeinsam sind, ist der Advent eine Eigenheit des Westens. Er wurde dazu eingeführt, damit die Gläubigen auf die Feier von Weihnachten vorbereitet werden; aber binnen kurzem erhielt er auch einen eschatologischen Sinn: denn er erinnert an eine doppelte Ankunft des Herrn, nämlich an die Ankunft bei den Menschen und an die Ankunft zum Ende der Zeiten. Mit der liturgischen Erneuerung bleibt der Zeitraum des Advents bestehen, nämlich vier Wochen; aber er wird nicht mehr wie eine Bußzeit gehalten, vielmehr als eine Zeit der frohen Erwartung. Wenn aber an den Sonntagen dieser Zeit kein „Gloria“ gebetet wird, sei das nicht aus demselben Grund wie zur Fastenzeit, sondern damit der Hymnus der Engel in der Weihnachtsnacht gleichsam als etwas Neues ertönt. Zur Ordnung dieser Zeit: Obwohl die liturgischen Texte des Advents Einheit aufweisen, die sich vor allem aus der fast täglichen Lesung des Propheten Jesaja zeigt, kann der Advent dennoch gut in zwei Teile geteilt werden, von denen jeder sein besonderes Moment hat, das nun am besten von den beiden neuen Präfationen ausgedrückt wird. Vom ersten Adventsonntag bis zum 16. Dezember drückt die Liturgie den eschatologischen Aspekt des Advents aus, indem sie die Herzen auffordert, die zweite Ankunft Christi zu erwarten. Vom 17. bis 24. Dezember gibt es sowohl in der Messe als auch im Officium für jeden Tag eigene Formulare, damit die Herzen direkter auf das Feiern von der Geburt des Herrn vorbereitet werden. Der vierte Adventsonntag aber erscheint aus den Lesungen der Messe gleichsam als Sonntag der Väter des AT und der Seligen Jungfrau Maria, in Erwartung auf die Geburt des Herrn.

– Zwei Abschnitte des Advents: + der erste Abschnitt des Advents beschäftigt sich vor allem mit dem messianischen Reich und mit den Hinweisen auf den Messias durch die Propheten bis zu Johannes dem Täufer. + der zweite Abschnitt des Advents behandelt die historische Vorbereitung der Geburt Jesu in den Evangelien und die Würdenamen des Messias im AT – Einige schöne Bräuche zum Advent: + Adventkranz: seine Herkunft ist nicht geklärt; es handelt sich um eine Parallele zum Christbaum; der Adventkranz ist wohl in den Kreisen der evangelischen Jugendbewegung zwischen den zwei Weltkriegen entstanden. Die einzelnen Kerzen sind Vorboten für das wahre Licht, das zu Weihnachten kommt. Der Kranz versinnbildlich den Jahreskreis des Kirchenjahres, den „Jahreskranz der Güte Gottes“ (J. TYCIAK). Die Farbe Grün bedeutet Hoffnung. Der Adventkranz kann gesegnet werden, am besten zu Beginn der hl. Messe des 1. Adventsonntags. + „Rorate“: Jes 45,8! Das Bild vom Tau, gleich dem der Messias und das messianische Reich kommen sollen; Der Ursprung der Rorate-Messe liegt wohl im 15. Jh. in den Alpenländern. Anfänglich war die Rorate-Messe eine Votivmesse zu Ehren der Gottesmutter Maria und wurde vorwiegend an den Samstagen derAdventszeit gefeiert. Man nannte sie auch „Engelamt“ (weil das Evangelium aus Lk 1,26-38 gelesen wurde). Bei den Rorate-Messen ist das besondere, dass sie bei Kerzenlicht gefeiert werden; man kann an den Werktagen der Adventszeit einmal oder mehrmals eine solche Rorate-Messe feiern. Wichtig ist dabei, dass sie eine gewisse Feierlichkeit aufweist, bei Kerzenlicht stattfindet und dass man als Eröffnungsgesang das „Rorate, caeli“ singt. Das „Messbuch“ enthält ein eigenes Formular für Rorate-Messen, und zwar als Marien-Votivmesse im Advent (MB 890892). + Die O-Antiphonen. Höhepunkt der Adventswochen sind die Tage vom 17. bis 24. Dezember. Sie sind unmittelbar auf die Vorbereitung von Weihnachten hingeordnet. In einer Art „Weihnachtsnovene“ führen die Texte der Messfeier und des Stundengebets gleichsam „stufenförmig“ zur Feier des Weihnachtsgeheimnisses hin. Was diese Tage besonders auszeichnet, sind die sieben Magnificat-Antiphonen, die in der erneuerten Liturgie auch in den Halleluja-Versen anklingen. Sie beginnen alle 63

mit „O“ und verbinden die Messiasanrufung mit der Bitte um sein Kommen und lehnen sich an alttestamentliche Schriftstellen an (vor allem an Jes). Sie sind schon für das 7./8. Jh. bezeugt und gelten als literarische Kunstwerke. Sie stammen aus einer Zeit politischer Bedrängnis (732 waren muslimische Eroberer in Poitiers, also unweit von Paris; Papst Leo III. wurde 799 in Rom überfallen und geprügelt. Er konnte zu Karl d. Gr. ins Frankenreich fliehen; 846 wurde ein Teil Roms von den Sarazenen besetzt und geplündert). Die 0-Antiphonen sind voll von intensiver Parusie-Erwartung. Sie sind nach einer Art „chronologischen“ Reihenfolge geordnet: 17. Dezember: Weisheit (sapientia), die alles durchwaltet: Sir 24,1-11; es wird der Anfang der Schöpfung angedeutet; der Messias war als Weisheit beim Schöpfungswerk dabei 18. Dezember: Herr (adonai), Führer des Hauses Israel: Ex 6,2f.6-8 (Adonai mündlich; eigentlich: JHWH); (Buch Exodus); hier wird die Befreiung Israels aus der ägyptischen Sklaverei angedeutet 19. Dezember: Spross aus Isais Wurzel (Radix Jesse): Jes 11,1 (Buch Jesaja); zur Zeit König Sauls wurde ein neuer König für Israel gesucht; Samuel erhielt die Botschaft, dass der neue König Israels ein Sohn des Isai sei, nämlich David 20. Dezember: Schlüssel Davids (Clavis David): Jes 22,22 (Eljakim ist der Sohn vom Hohenpriester Hilkija; vgl. 2 Kön 23,4); hier wird daran erinnert, wie das Haus David in Juda dem Ende entgegengeht; Hilkija ist Hoherpriester in einer Zeit, in der Juda ständig bedroht und bald darauf auch von Nebukadnezzar eingenommen wird (586 v.Chr). Die Schlüssel Davids gibt der Herr vom Königshaus dem Hohenpriester. 21. Dezember: Morgenstern (Oriens): Sach 3,8-9Vulgata; der Morgenstern ist ein Symbol der nahen, freudigen Erwartung; der Morgenstern bringt Licht und Freude: Lk 1,78. 22. Dezember: König der Völker (rex gentium): Ps 2,6-8; Christus kommt als König der Völker (vgl. Lk 1,46-56; bes. 48) 23. Dezember: Immanuel: Jes 7,14; jetzt ist es gewiss: Gott ist mit uns. 2.3.5. Die Einteilung des Kirchenjahres Das Kirchenjahr wird seit 1970 in folgende Zeiten eingeteilt: a) Weihnachtsfestkreis – Advent: von der Ersten Vesper des 1. Adventsonntags bis zum 24. Dezember – Weihnachtszeit: von der Ersten Vesper von Weihnachten (25. Dezember) bis zum Fest „Taufe des Herrn“ b) Osterfestkreis – Österliche Bußzeit: von Aschermittwoch bis zu Beginn der Hl. Messe vom Letzten Abendmahl am Gründonnerstag – Sacrum Triduum Paschale: von der Hl. Messe vom Letzten Abendmahl am Gründonnerstag bis zum ersten Sonntag der Osterzeit – Osterzeit: von der Feier der Osternacht bis Pfingsten (Achtung: Überschneidung mit dem Sacrum Triduum Paschale von der Feier der Osternacht bis zum ersten Sonntag der Osterzeit) c) Die Zeit „Im Jahreskreis“ – Vom Fest „Taufe des Herrn“ bis zum Dienstag vor dem Aschermittwoch (Achtung: Überschneidung mit dem Weihnachtsfestkreis am Fest „Taufe des Herrn“) – Vom Montag nach Pfingsten bis zum Samstag vor dem ersten Adventsonntag
Das Kirchenjahr war bis 1969 nicht in Festkreise eingeteilt, sondern gliederte sich in mehrere aneinander gereihte Zeitabschnitte:

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Advent, Weihnachten, Epiphanie (mit bis zu sechs Sonntagen „post Epiphaniam“), Vorfastenzeit (Septuagesima, Sexagesima, Quinquagesima), Fastenzeit (Quadragesima; bis zum Karsamstag), Osterzeit (ab der Feier der Ostervigil bis zum Mittwoch vor Christi Himmelfahrt), Christi Himmelfahrt (mit Oktav), Pfingsten (mit 24 Sonntagen „post Pentecosten“).

2.4. Die Verzweigung der Riten Ιn den ersten Jahrhunderten der Kirche wurde die Liturgie noch nicht von einem zentralen Ort geordnet und festgelegt. Der Zelebrant musste die Gebete oft selbst formulieren oder auf Gebetssammlungen von einem Vorgänger oder einer Nachbarkirche zurückgreifen. Es gab mehrere besonders bedeutende Bischofssitze, von denen aus die Liturgie für eine Region allmählich immer mehr fixiert wurde und von denen aus ein großer liturgischer Einfluss auf weiter entfernt liegende Gebiete ausging. Freilich gab es viele Übereinstimmungen zwischen den Liturgien der verschiedenen Regionen (vor allem in den wesentlichen Elementen), aber auch einige Unterschiede. Diese Unterschiede bewirkten, dass ab dem 4. Jh. verschiedene Riten in den unterschiedlichen Regionen erkennbar sind. 2.4.1. Die verschiedenen Riten im Abendland (VO·ICKY, Sakraltheologie 4, 96-101) 2.4.1.1. Die römische Liturgie
Literatur: - CHUPUNGCO, A. J., History of the Roman Liturgy Until the Fifteenth Century, in: CHUPUNGCO, A. J. (Hg.), Introduction to the Liturgy, Handbook for Liturgical Studies 1, Collegeville 1997, 131-152. - HEINZ, A., Liturgien, in: LfTK 6, Freiburg 1997, 981f. - JUNGMANN, J. A., Missarum Sollemnia. Eine genetische Erklärung der römischen Messe 1-2, Freiburg 51962. - LECHNER, J., Liturgik des römischen Ritus, Freiburg 1953.

+ Historische Daten zum römischen Ritus Als bedeutendster Ritus sollte sich im Laufe der Kirchengeschichte schließlich der römische Ritus durchsetzen. Aufgrund der Apostelgräber und aufgrund der Autorität des Papstes war Rom von Anfang an ein Liturgiezentrum, auch wenn es in den ersten Jahrhunderten keineswegs das einzige Liturgiezentrum war und in den Zeiten der Völkerwanderung (4. – 6. Jh.) durch große politische Schwierigkeiten zeitweise ganz darnieder lag. Die ältesten liturgischen Texte, die für den römischen Ritus so typisch wurden (Römischer Messkanon, Tagesgebete) sind zwischen dem 4. und 6. Jh. entstanden, manche wohl auch früher. Vor allem unter Papst Leo dem Großen (440-461) und Papst Gregor dem Großen (590-604) wurden liturgische Texte in Büchern gesammelt und dadurch für die Verbreitung vorbereitet. Es entstehen im frühen Mittelalter die Sakramentarien (eine Art Messbücher, die aber auch Gebete für andere Sakramente enthalten; für die Hl. Messe enthalten sie Tages-, Gaben-, Schlussgebete und Präfationen), die Lektionarien (sie enthalten die Lesungen), die Ordines (sie enthalten die Rubriken zu den verschiedenen liturgischen Handlungen). Im Laufe der Jahrhunderte verdrängte der römische Ritus alle anderen abendländischen Riten, nicht aber den mailändischen Ritus; auch einige monastische Riten konnten neben dem römischen Ritus bestehen. Vor allem die Bewunderung für den römischen Ritus bewirkte, dass die anderen Riten meistens verschwanden. Im Hochmittelalter, unter Papst Gregor VII. (1073-1085), war dann die liturgische Vereinheitlichung für den ganzen Westen erreicht. Durch das Konzil von Trient wurde

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der römische Ritus weiterhin an Bedeutung gestärkt. Durch die Missionare kam der römische Ritus in die überseeischen Gebiete. + Die Liturgiesprachen des römischen Ritus Während in Rom die ersten beiden Jahrhunderte das Griechische als Liturgiesprache galt, setzte sich ab dem 3. Jh. Latein immer mehr als Sprache in der Liturgie durch. Die einzige Liturgiesprache des römischen Ritus war viele Jahrhunderte das Latein.
Im 9. Jh. wurde den Missionaren Cyrill und Method durch Papst Johannes VIII. (872-882) auch gewährt, für den römischen Ritus auch die altslawische Sprache (= Glagolismus) zu verwenden. So gab es in Mähren und später auch in Kroatien liturgische Feiern im römischen Ritus in altslawischer Sprache (vgl. KLUGE, E., Slawen. Kirchensprache, in: LfTK 9, Freiburg 2000, 664f).

Seit dem 2. Vatikanischen Konzil werden die liturgischen Texte des römischen Ritus unter der Autorität und Kontrolle des Hl. Stuhls in vielen Sprachen übersetzt. + Die Hl. Messe im römischen Ritus
um 700 Schweigende Prostratio vor dem Altar, Altarkuss und Liturgische Begrüßung der Gemeinde Kyrie (Gloria) Tagesgebet 1. Lesung Antwortgesang (2. Lesung) Halleluja Evangelium (Homilie) Missale 1570 Kniebeuge, Kreuzzeichen und Stufengebet (mit Schuldbekenntnis), Liturgische Begrüßung der Gemeinde und Altarkuss Kyrie (Gloria) Tagesgebet Lesung Antwortgesang Halleluja Evangelium (Homilie) (Credo) Offertorium Gabengebet Eucharistisches Hochgebet Vaterunser Embolismus Friedenskuss Agnus Dei Kommunion Schlussgebet (Segensgebet) Ite missa est bzw. Benedicamus domino, Altarkuss, Segen, Schlussevangelium: Joh 1,1-14 Missale 1970 Kniebeuge, Altarkuss, Kreuzzeichen und Liturgische Begrüßung der Gemeinde Bußakt (mit Kyrie und evtl. mit Schuldbekenntnis) (Gloria) Tagesgebet 1. Lesung Antwortgesang (2. Lesung) Halleluja Evangelium (Homilie) (Credo) Fürbitten Offertorium Gabengebet Eucharistisches Hochgebet Vaterunser Embolismus Friedenskuss Agnus Dei Kommunion Schlussgebet (Segensgebet) Segen, Ite missa est, Altarkuss

Offertorium Gabengebet Eucharistisches Hochgebet Vaterunser Embolismus Friedenskuss Agnus Dei Kommunion Schlussgebet (Segensgebet), Segen, Ite missa est, Altarkuss

In SC 4 hebt das 2. Vatikanische Konzil die Bedeutung anderer Riten hervor: Treu der Überlieferung erklärt das Heilige Konzil schließlich, dass die heilige Mutter Kirche allen rechtlich anerkannten Riten gleiches Recht und gleiche Ehre zuerkennt. Es ist ihr Wille, dass diese Riten in Zukunft erhalten und in jeder Weise gefördert werden, und es ist ihr Wunsch, dass sie, soweit es not tut, in ihrem 66

ganzen Umfang gemäß dem Geist gesunder Überlieferung überprüft und im Hinblick auf die Verhältnisse und Notwendigkeiten der Gegenwart mit neuer Kraft ausgestattet werden. (2.4.1.2. Die afrikanische Liturgie)
Literatur: - CASATI, G., La liturgia della messa al tempo di S. Agostino, in: Augustinianum 9 (1969) 484-514. - GAMBER, K., Ordo Missae Africanae. Der nordafrikanische Messritus zur Zeit des hl. Augustinus, in: Römische Quartalschrift 64 (1969) 153-193. - OPFERMANN, B., Die alte afrikanische Liturgie, in: Bibel und Liturgie 21 (1953-1954) 348-350.

+ Historische Daten zur afrikanischen Liturgie Hier ist jene Liturgie gemeint, die in Nordafrika zur Zeit des hl. Augustinus (4./5. Jh.) gefeiert wurde. Bezeugt wird diese Liturgie vor allem durch die Schriften des hl. Augustinus, aber auch durch andere nordafrikanische Kirchenschriftsteller (Fulgentius von Ruspe, Victor von Vita). Sie ist durch die Invasion der arianischen Vandalen im 5. Jh. und dann durch die Islamisierung um 700 völlig verschwunden. + Liturgiesprache der afrikanischen Liturgie: Latein + Merkmale der afrikanischen Liturgie: Ein typisches Element der afrikanischen Liturgie war es, dass nach dem Evangelium das Halleluja gesungen wurde und eine Lesung aus den Märtyrerakten eines Märtyrers gelesen wurde (laut der 3. Synode von Karthago, c. 23, aus dem Jahre 397). 2.4.1.3. Die ambrosianische Liturgie

Literatur: - CATTANEO, E., La Chiesa di Ambrogio. Studi di storia e di liturgia, Milano 1984. - HEINZ, A., Liturgien, in: LfTK 6, Freiburg 1997, 983. - MEYER, H. B., Eucharistie, Gottesdienst der Kirche. Handbuch der Liturgiewissenschaft 4, Regensburg 1989, 161-164. - PINELL, J., History of the Liturgies in the Non-Roman West, in: CHUPUNGCO, A. J. (Hg.), Introduction to the Liturgy, Handbook for Liturgical Studies 1, Collegeville 1997, 182-184. - SCHMITZ, J., Gottesdienst im altchristlichen Mailand, Köln – Bonn 1975. - TRIACCA, A. M., La liturgia ambrosiana, in: La Liturgia. Panorama storico generale, Anàmnesis 2, Genova 1978, 88-110. - TRIACCA, A. M., Ambrosiana, Liturgia, in: SARTORE, D. – TRIACCA, A. M. (Hg.), Nuovo Dizionario di Liturgia, 5 Cinisello Balsamo 1993, 15-48.

+ Historische Daten zur ambrosianischen Liturgie Es gibt die Legende, dass der hl. Apostel Barnabas die Kirche von Mailand gegründet habe. Mailand ist zweifellos ein sehr alter Bischofssitz. Vor dem hl. Ambrosius († 397) gab es mindestens schon 10 Bischöfe von Mailand. Mailand erlebte in der Zeit der Antike liturgische Entwicklungen, die zwar den römischen ähnlich, aber dann oft auch ganz eigen waren. Mailand, das zeitweise im 4. Jh. Hauptstadt des römischen Imperiums war, erlebte Einflüsse auch aus dem Osten, aus Nordafrika, aus Spanien und aus den nördlichen Keltengebieten. Aufgrund der Bedeutung des hl. Ambrosius nannte man schließlich die mailandische Eigenliturgie „ambrosianische Liturgie“. Trotz der verschiedenen Vereinheitlichungsbestrebungen im Bereich der Liturgie (karolingische Reform: 9. Jh.; tridentinische Reform: 16./17. Jh.) konnte die ambrosianische Liturgie bis heute erhalten werden. Dazu mag wohl auch das Ansehen des hl. Bischofs Ambrosius und des hl. Bischofs Karl Kardinal Borromäus († 1584) mit beigetragen haben. Kardinal Karl Borromäus selbst förderte die Erneuerung des ambrosianischen Ritus in seiner Diözese. Auch unter dem sel. 67

Erzbischof Ildefons Kardinal Schuster († 1954) und unter Erzbischof Giovanni Battista Kardinal Montini (1963 Papst Paul VI., † 1978) wurde die ambrosianische Liturgie gefördert. Nach dem 2. Vatikanischen Konzil wurde von der Erzdiözese Mailand eine Reform der liturgischen Bücher des ambrosianischen Ritus unternommen, nach dem Motto „rinnovare pur conservando“. 1976 wurde das neue Missale Ambrosianum veröffentlicht (auf italienisch), erst 1981 auf lateinisch. Es entstanden allmählich auch Bücher für andere liturgische Feiern im ambrosianischen Ritus (Stundenbuch, Begräbnis), aber noch immer nicht für alle liturgischen Feiern. + Liturgiesprache der ambrosianischen Liturgie: Latein; seit der Liturgiereform nach dem 2. Vatikanischen Konzil auch Italienisch + Merkmale der ambrosianischen Liturgie: ° der Advent beginnt am Sonntag, der dem 12. November folgt (6 Adventsonntage!) ° die Fastenzeit beginnt nicht mit dem Aschermittwoch, sondern mit dem 1. Fastensonntag. Am Montag nach dem 1. Fastensonntag wird das Aschenkreuz ausgeteilt. ° An den Freitagen der Fastenzeit wird keine Eucharistiefeier gefeiert. ° für die Hl. Messe gibt es eigene euchologische Texte (Tagesgebet, Gebet am Ende des Wortgottesdienstes, Gabengebet, Präfation, Schlussgebet). Es gibt fast für jeden Tag eine eigene Präfation. ° an großen Heiligenfesten wird als erste Lesung über das Leben des Heiligen vorgelesen (wie im ambrosianischen Lektionar angegeben). ° es gibt zwei eigene eucharistische Hochgebete für den ambrosianischen Ritus; aber auch die vier römischen Hochgebeten können verwendet werden. ° der Friedenskuss kann schon vor dem Offertorium gegeben werden. ° das Credo wird nach dem Offertorium gebetet. (2.4.1.4. Die Liturgie von Aquileja)
Literatur: - HEINZ, A., Liturgien, in: LfTK 6, Freiburg 1997, 983. - TRIACCA, A. M., Ambrosiana, Liturgia, in: SARTORE, D. – TRIACCA, A. M. (Hg.), Nuovo Dizionario di Liturgia, 5 Cinisello Balsamo 1993, 16f.

Ähnlich wie in Mailand entstand in der Antike auch in Aquileja, aber auch in anderen bedeutenden Ortskirchen Italiens (wie Ravenna, Benevent, etc.) eine Eigenliturgie. Aquileja ist nach der Legende nach vom hl. Evangelisten Markus gegründet worden. Im 4. Jh. erlebte der Bischofssitz durch bedeutende Vertreter wie Chromatius († 408) und Rufinus († 411) eine große Blüte. Seit dem 5. Jh. war Aquileja Metropolitansitz für ganz Venetien und Istrien. Seit dem 6. Jh. ist der Patriarchentitel für Aquileja bezeugt. Aus einem Schisma bei der Wahl des Patriarchen von Auqileja kam es im 7. Jh. zu zwei Patriarchaten, das von Aquileja und das von Grado (bzw. später von Venedig). Während das Patriarchat von Venedig in der Neuzeit an Bedeutung gewann, verfiel das Patriarchat Aquileja immer mehr der Bedeutungslosigkeit, bis es schließlich 1751 aufgehoben wurde. Die Liturgie von Aquileja ist seit dem 7. Jh. bezeugt und wurde 1596 aufgegeben. (2.4.1.5. Die altgalli[kani]sche Liturgie)
Literatur: - GAMBER, K., Die Messfeier nach altgallikanischem Ritus, Regensburg 1984. - HEINZ, A., Liturgien, in: LfTK 6, Freiburg 1997, 984. - MEYER, H. B., Eucharistie, Gottesdienst der Kirche. Handbuch der Liturgiewissenschaft 4, Regensburg 1989, 154-157.

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- PINELL, J., La liturgia gallicana, in: La Liturgia. Panorama storico generale, Anàmnesis 2, Genova 1978, 62-70. - PINELL, J., History of the Liturgies in the Non-Roman West, in: CHUPUNGCO, A. J. (Hg.), Introduction to the Liturgy, Handbook for Liturgical Studies 1, Collegeville 1997, 184-186. - PORTER, W. S., The Gallican Rite, London 1958.

+ Historische Daten zur altgallischen Liturgie Unter der altgallischen Liturgie versteht man jene Liturgie, die etwa im 6. Jh. in Südgallien greifbar wird und bis zur Zeit Karl des Großen (Ende des 8. Jh.) in ganz Gallien Verbreitung findet. So wie die ambrosianische Liturgie kennt sie eigene Entwicklungen unter Einflüssen aus dem Osten, aus Nordafrika, aus Spanien und aus den nördlichen Keltengebieten. Der berühmteste Bischof, der den altgallischen Ritus verwendete und bezeugte, ist der hl. Caesarius von Arles († 542). Es sind manche alte Messbücher, Lektionare und Sakramentare zur altgallischen Liturgie erhalten (Missale Gothicum, Bobbio Missale). Im Zuge der karolingischen Einigungsbestrebungen Ende des 8. Jh.s wird sie schließlich ausgelöscht. + Liturgiesprache der altgallischen Liturgie: Latein + Merkmale der altgallischen Liturgie: ° In der Eucharistiefeier werden zu Beginn das Trishagion und das Benedictus (Canticum des Zacharias) gebetet. ° Vor dem Evangelium wird der Lobgesang der drei Jünglinge im Feuerofen aus dem Buch Daniel gebetet. ° Nach der Homilie folgen die Fürbitten. ° Der Friedenskuss ist zwischen der Gabenbereitung und der Präfation. 2.4.1.6. Die altspanische Liturgie
Literatur: - ALDAZÁBAL, J., El „nuevo“ Ordo Missae de la liturgia hispánica, in: Phase 26 (1986) 83-91. - HEINZ, A., Liturgien, in: LfTK 6, Freiburg 1997, 982f. - MEYER, H. B., Eucharistie, Gottesdienst der Kirche. Handbuch der Liturgiewissenschaft 4, Regensburg 1989, 157-159. - PINELL, J., La liturgia ispanica, in: La Liturgia. Panorama storico generale, Anàmnesis 2, Genova 1978, 70-88. - PINELL, J., History of the Liturgies in the Non-Roman West, in: CHUPUNGCO, A. J. (Hg.), Introduction to the Liturgy, Handbook for Liturgical Studies 1, Collegeville 1997, 187-193.

+ Historische Daten zur altspanischen Liturgie Die altspanische Liturgie trägt drei Namen. Sie heißt auch westgotische und mozarabische Liturgie. Alle drei Namen bezeichnen eine Geschichtsepoche, in der diese Liturgie sich entwickelte. Der Beginn der altspanischen Liturgie fällt in die Zeit der Antike, als die iberische Halbinsel unter dem Namen „hispania“ Teil des römischen Imperiums war. Ab dem 6. Jh. sind die Westgoten (589 beim 3. Konzil von Toledo gab der König der Westgoten, Rekkared, seine Konversion zum katholischen Glauben bekannt) Beherrscher der iberischen Halbinsel. Die Hauptstadt des westgotischen Reiches war Toledo. Der hl. Isidor von Sevilla († 636) bezeugt manche Details des altspanischen Ritus zur Zeit der Westgoten. Durch die Invasion der islamischen Mauren 711 wurde aber einnerhalb kürzester Zeit fast die ganze iberische Halbinsel unter islamische Herrschaft gebracht. Die Christen wurden – abgesehen von einigen Benachteiligungen und von manchen Verfolgungswellen – geduldet und konnten ihre Gottesdienste weiterhin feiern. Die Mauren nannten die Christen im arabischen Teil Spaniens „Mozaraber“. Das Wort „Mozaraber“ kommt wschl. vom arabischen Wort „mohaides“, das soviel wie Tributzahler heißt. Daher erhielt die altspanische Liturgie den Namen „mozarabische Liturgie“. Die christlich gebliebenen Teile Spaniens (Asturien im Norden), von denen aus im Laufe von einigen Jahrhunderten das Land für die Christen zurückerobert 69

wurde (Reconquista), verwendeten die altspanische, schätzten aber immer mehr auch die römische Liturgie. Als auf Druck Papst Gregors VII. eine Synode in Burgos 1080 den altspanischen Ritus zwecks der Vereinheitlichung der Liturgie verbot, blieb nur mehr in manchen islamischen Teilen Spaniens der altspanische Ritus gebräuchlich. Nach der Rückeroberung Toledos 1185 durch die Christen gewährte König Alfons VI. von Kastillien einigen Pfarren von Toledo, trotz der Synode von Burgos das Privileg, den altspanischen Ritus weiter zu verwenden. Ein besonderer Förderer des altspanischen Ritus war im 16. Jh. Erzbischof Jiménez Kardinal Cisneros von Toledo († 1517). Er besorgte eine Edition eines Missale und eines Breviers im altspanischen Ritus. Außerdem stiftete er in Toledo ein Priesterkollegium, das in einer Kapelle der Kathedrale von Toledo bis heute täglich die altspanische Liturgie (Hl. Messe und Offizium) feiert. Nach dem 2. Vatikanischen Konzil erfolgte 1991 die Neuausgabe des revidierten Missale. Außerhalb von Toledo kann der erneuerte Ritus bei außerordentlichen Anlässen auch andernorts in Spanien verwendet werden und seine Verwendung ad personam gewährt werden. + Liturgiesprache der altspanischen Liturgie: Latein. + Merkmale der altspanischen Liturgie: ° In der Eucharistiefeier werden an Festen zu Beginn das Gloria und das Trishagion gebetet. ° Nach der Gabenbereitung folgen die Fürbitten. ° Der Friedenskuss ist zwischen den Fürbitten und der Präfation und wird mit einem eigenen variablen Friedensgebet eingeleitet. ° Das Credo wird nach dem Eucharistischen Hochgebet gebetet. (2.4.1.7. Die keltische Liturgie)
Literatur: - HEINZ, A., Liturgien, in: LfTK 6, Freiburg 1997, 984. - MEYER, H. B., Eucharistie, Gottesdienst der Kirche. Handbuch der Liturgiewissenschaft 4, Regensburg 1989, 160f. - PINELL, J., La liturgia celtica, in: La Liturgia. Panorama storico generale, Anàmnesis 2, Genova 1978, 67-70.

+ Historische Daten zur keltischen Liturgie Unter der keltischen Liturgie versteht man die Liturgie vom 4. bis 12. Jh. in den Keltengebieten Englands, Schottlands, Irlands und der Bretagne. Diese Liturgie war den altgallischen Riten nahe verwandt und von der altspanischen Liturgie beeinflusst. In England wurde sie schon im 7. Jh. durch das Wirken der mit Rom besonders verbundenen Benediktiner von der römischen Liturgie verdrängt. Ein wertvoller Textzeuge der keltischen Liturgie ist das Stowe-Missale aus dem 8. Jh. In Irland hielt sich die keltische Liturgie bis in das 12. Jahrhundert, verschwand aber auch dann dort. 2.4.2. Die Riten der Liturgiefamilie von Antiochien
Literatur: - GELSI, D., Orientali, Liturgie, in: SARTORE, D. – TRIACCA, A. M. (Hg.), Nuovo Dizionario di Liturgia, Cinisello 5 Balsamo 1993, 916-939. - NYSSEN, W. – SCHULZ, H.-J. – WIERTZ, P. (Hg.), Handbuch der Ostkirchenkunde 1-2, Düsseldorf 1984.1989. - WINKLER, D. W. – AUGUSTIN, K., Die Ostkirchen. Ein Leitfaden, Graz 1997.

Antiochien war im 4. Jh. ein bedeutsames liturgisches Zentrum, das vor allem die Liturgie in Syrien und Kleinasien beeinflusste. Als sich im 5. Jh. verschiedene christliche Gruppen aus theologischen und politischen Gründen von der einen 70

katholisch-orthodoxen Kirche abspalteten, kam es zu Konfessionen mit sehr eigenständigen liturgischen Entwicklungen. Grundlage dieser neuen Liturgien war die Antiochenische Liturgie, die in den verschiedenen Konfessionen unterschiedliche Entwicklungen erfuhr. 2.4.2.1. Der byzantinische Ritus Auch wenn sich die byzantinischen Liturgie nicht in Antiochien, sondern in Byzanz (= Konstantinopel, Istanbul) entfaltete, hat sie ihre Wurzeln doch vor allem in Antiochien. Mehrere Patriarchen von Konstantinopel stammten aus Antiochien. Der berühmteste unter ihnen ist der hl. Johannes Chrysostomus († 407). Aber auch aus einfachen geographischen Gründen lag Byzanz lange Zeit im Einflussbereich des Liturgiezentrums Antiochien. Der byzantinische Ritus entwickelte sich im Laufe der Kirchengeschichte zum meist verwendeten Ritus, vom römischen Ritus abgesehen. a) Liturgische Merkmale des byzantinischen Ritus - Der Eingang zur Kirche liegt an der Westseite. Den östlichen Teil bildet der Altarraum oder das Heiligtum, der vom Raum, wo sich die Gläubigen aufhalten, durch die Bilderwand (Ikonostase) getrennt ist. Diese ist eine Scheidewand mit drei Türen, an dem Bilder angebracht sind. Die mittlere, größte Pforte nennt man die Königliche oder Heilige Pforte. Der Raum zwischen dieser Türe und dem Altar darf nur von Geistlichen (vom Diakon aufwärts) betreten werden. Südlich (rechts) von der Königlichen Pforte befindet sich gewöhnlich ein Bild des Heilands, nördlich (links) ein Bild der Gottesmutter. Hinter der Königlichen Pforte befindet sich ein Vorhang, ähnlich wie auch im Tempel zu Jerusalem das Allerheiligste durch einen Vorhang von dem übrigen Tempelraum abgesondert war, um das unerforschliche Geheimnis Gottes, der in unnahbarem Licht wohnt, anzudeuten. Im Laufe des Gottesdienstes versinnbildlicht der Altarraum das himmlische Reich. In der Mitte des Altarraumes steht der Thron (= Hochaltar). Auf dem Thron liegt während der Liturgie ein besonderes Tuch mit einem Bild von der Bestattung Christi und mit Reliquien, außerdem ein Kreuz und das Evangelienbuch. Auf dem Thron befindet sich auch der Schrein zum Aufbewahren der heiligen Gaben für Kranke. - Die Eucharistiefeier wird „Göttliche Liturgie“ genannt. - Sie besteht aus drei Teilen: i: Proskomidie (Zubereitung der Opfergaben; Ankleiden der Liturgen, Bereitung von Brot und Wein, Gebeten und Beweihräucherung der ganzen Kirche): Die Proskomidie findet bei geschlossener königlicher Türe und zugezogenem Vorhang statt – in Erinnerung an die ersten Lebensjahre Christi. ii: Liturgie der Katechumenen (Gebete, kleiner Einzug mit Evangelium, Trishagion, Lesungen, Gebete): die Liturgie der Katechumenen bereitet durch Gebete und Lesungen die Gläubigen auf die eigentliche Opferhandlung vor. Im Altertum durften die Katechumenen nur diesem Teil der hl. Messe beiwohnen. Vor Beginn der Liturgie der Gläubigen wurden sie entlassen. – Dieser Teil erinnert an die Predigt Christi. iii: Liturgie der Gläubigen (Gebete, großer Einzug mit Gabenprozession und unter dem Gesang des Cherubimhymnus, Credo, Anaphora, Vaterunser, Kommunion, Dankgebete, Predigt, Segen, Austeilung des Antidoron): die Liturgie der Gläubigen enthält die Darbringung der Opfergaben und ihre Verwandlung in Leib und Blut Christi. Dieser Teil erinnert α) an das Schreiten Christi zu Leiden und Tod (großer Einzug) β) an die Kreuzigung und den Tod des Herrn (Anaphora) 71

- Das Trishagion: Heiliger Gott, Heiliger Starker, Heiliger Unsterblicher, erbarme dich unser! - Am häufigsten wird die Anaphora des hl. Johannes Chrysostomus bei der Feier der Göttlichen Liturgie verwendet. - Das byzantinische Kirchenjahr beginnt am 1. September, weil auch im byzantinischen Reich das zivile Jahr am 1. September begann. Dadurch ist das erste große Fest des Kirchenjahres ein Marienfest (8. September: Mariä Geburt) und das letzte große Fest des Kirchenjahres ein Marienfest (15. August: Mariä Aufnahme in den Himmel). - Im byzantinischen Kirchenjahr gibt es keinen Advent. An den beiden Sonntagen vor Weihnachten wird aber speziell der Vorfahren Jesu Christi gedacht. Von 15. bis 24. Dezember gibt es ein Weihnachtsfasten. - Während der österlichen Fastenzeit wird die Göttliche Liturgie nur am Samstag und am Sonntag gefeiert. Am Mittwoch und am Freitag in der Fastenzeit wird in einer eigenen Liturgie die Kommunion empfangen. Dennoch sind die einzelnen Tage der Fastenzeit keine a-liturgischen Tage, sondern durch die Stundenliturgie geheiligt. - Vor dem 5. Fastensonntag ist der „Samstag des Hymnus Akathistos“. An diesem Samstag wird in der Liturgie die Gottesmutter mit dem Hymnus Akathistos gefeiert. - Der 5. Fastensonntag heißt „Sonntag der hl. Maria von Ägypten“. Maria von Ägypten soll im 6. Jh. als Büßerin in der Wüste am Jordan gelebt haben. Der letzte Patriarch von Jerusalem Sophronius († 637), der Jerusalem den Muslimen übergeben musste, soll der Autor dieses berühmten Werkes sein:
„Das Leben der Maria von Ägypten, die eine Dirne war und in der Wüste am Jorden zu einer entsagenden Lebensweise fand“ (vgl. SARTORY, G., Maria von Ägypten. Allmacht der Busse, Herderbücherei Band 977, Freiburg im Breisgau 1982).

γ) an seine Auferstehung (Kommunion)

- Am Karfreitag wird besonders das Bekenntnis des guten Schächers am Kreuz hervorgehoben. Es gilt in den liturgischen Texten gleichsam als Bekenntnis der ganzen Kirche, der ganzen erlösten Kirche. Der gute Schächer am Kreuz wird in den liturgischen Texten der byzantinischen Liturgie „Weggefährte des Herrn“ genannt. - Ostern wird groß gefeiert. Das österliche Geheimnis ist zentrales Geheimnis in der byzantinischen Liturgie.

b) Die orthodoxen Kirchen des byzantinischen Ritus Nachdem der Patriarchensitz von Konstantinopel beim Konzil von Konstantinopel (381) und dem Konzil von Chalzedon (451) über die anderen Kirchen des Ostens gehoben wurde, wuchs seine Bedeutung weiterhin; aber auch, weil er in der Hauptstadt des byzantinischen ( = oströmischen) Reiches lag. Ab dem 6. Jh. heißt der Patriarch von Konstantinopel „Ökumenischer Patriarch“ (Ökumenisch = allumfassend, weltumspannend). Kaiser Justinian († 565) erbaute die Hagia Sophia, die über Jahrhunderte religiöses Zentrum der byzantinischen Kirche war. Die byzantinische Kirche war im byzantinischen Reich Staatsreligion und hatte weitere bedeutende Bischofssitze in Alexandrien, Antiochien und Jerusalem. Als allerdings der Osten im 7. Jh. vom Islam eingenommen wurde, wurde das Leben für die orthodoxen Christen des byzantinischen Ritus in Syrien, Palästina und Ägypten schwer. Viele Christen konvertierten zum Islam. Zeitweise gab es keinen orthodoxen Patriarchen des byzantinischen Ritus in den bedeutenden Städten des Ostens. Orthodoxe Christen des byzantinischen Ritus konnten zeitweise nur im Untergrund überleben, weil sie von den muslimischen Herrschern häufig für Kollaborateure des byzantinischen Reiches gehalten wurden. Die orthodoxen Christen des byzantinischen Ritus in den islamischen Ländern erhielten den Namen „Melkiten“, weil sie sich zur Staatsreligion des byzantinischen Kaisers (arab. / hebr.: malik, melek = König, Kaiser) bekannten. 72

Die orthodoxe Kirche des byzantinischen Ritus stand bis in das Hochmittelalter in Gemeinschaft mit Rom, allerdings verschlechterte sich ihre Beziehung durch politisches und kulturelles Auseinanderleben: Im Jahr 800 krönte Papst Leo III. den fränkischen König Karl d. Gr. zum römischen Kaiser. Das wurde im bzyantinischen Reich sehr schlecht aufgenommen. 1014 wurde auf Drängen Kaiser Heinrichs II. in Rom das „filioque“ offiziell durch Papst Benedikt VIII. in das Nizäno-Konstantinopolitanische Glaubensbekenntnis eingefügt. Das lehnten die byzantinischen Theologen vehement ab. Als Mitte des 11. Jh.s die cluniazensische Reformbewegung aufblühte und auch die byzantinischen Kirchengemeinden Süditaliens in die Reform einbezogen wurden, ließ der Patriarch von Konstantinopel, Michael Kerullarios, ein selbstbewusster Mann von heftigem Charakter, die lateinischen Kirchen in Konstantinopel schließen. Als päpstlicher Legat wurde Kardinal Humbert da Silva Candida, ebenso ein selbstbewusster Mann mit heftigem Charakter, gesandt. Im Jahr 1054 kam es dann zum Schisma, als der Patriarch und der päpstliche Legat einander exkommunizierten. Diese gegenseitige Exkommunikation war zwar nur gegen einzelne Personen, nicht gegen die Kirchen gerichtet, hatte aber große symbolische Bedeutung. Ein endgültiges Auseinanderbrechen zwischen Rom und Konstantinopel brachte der 4. Kreuzzug, als 1204 die röm.-kath. Kreuzritter die Kaiserstadt Konstantinopel vorübergehend eroberten, plünderten und die „vom Glauben abgefallenen“ Christen des Ostens mit Gewalt wieder an Rom binden wollten. Dieses Ereignis ist bis heute ein sehr schwieriges Problem auf dem Weg zur Versöhnung mit Rom. Von Konstantinopel erfolgte die Missionierung mancher slawischer Völker, auch die Missionierung Russlands. Es heißt, dass Fürst Vladimir von Kiew (9561015) Delegationen aussandte, die jeweils vor Ort die Gottesdienste der verschiedenen Religionen studieren sollten. Zurückgekehrt berichteten die Gesandten von den jüdischen, islamischen und lateinischen Gottesdiensten. Besonders fasziniert erzählten sie aber von ihren Erlebnissen in Konstantinopel: Und so kamen wir zu den Griechen, und sie führten uns dahin, wo sie ihrem Gott dienen, und wir wissen nicht, waren wir im Himmel oder auf der Erde; denn auf Erden gibt es einen solchen Anblick nicht oder eine solche Schönheit; und wir vermögen es nicht zu beschreiben. Nur das wissen wir, dass dort Gott bei den Menschen weilt. Und ihr Gottesdienst ist besser als der aller … Länder. Wir aber können jene Schönheit nicht vergessen; denn jeder Mensch, wenn er von Süßem gekostet hat, nimmt danach Bitteres nicht an (Nestorchronik des 12. Jh.; vgl. WINKLER, D. W. – AUGUSTIN, K., Die Ostkirchen. Ein Leitfaden, Graz 1997, 37). 1453 eroberten die Türken die Stadt Konstantinopel. Der Patriarch und die Christen konnten dort bleiben, wenn sie auch steuerlich und politisch benachteiligt waren. Der ökumenische Patriarch von Konstantinopel hat bis heute den Ehrenvorrang unter allen orthodoxen Kirchen des byzantinischen Ritus inne. Ihm direkt unterstellt sind die Christen der Türkei, einige Diözesen in Griechenland, der Berg Athos, einige Diözesen in den USA, Australien, Südkorea, Argentinien und Westeuropa. Ein wichtiger Schritt zur Versöhung zwischen Rom und der Orthodoxie des byzantinischen Ritus geschah am 7. Dezember 1965, als Papst Paul VI. und Patriarch Athenagoras I. jene Exkommunikation aus dem Jahr 1054 „dem Vergessen anheimgaben“.

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Im Laufe der Kirchengeschichte entstanden folgende unabhängige (autokephale) Kirchen des byzantinischen Ritus, die es mit Unterbrechungen bis heute gibt. Hier ist jeweils die traditionelle Kirchensprache der jeweiligen autokephalen Kirche angegeben, wenn auch im Zuge der letzten Jahrzehnte mitunter weitere Landessprachen in die Liturgie eingeführt wurden: Patriarchat von Konstantinopel (seit 381): Griechisch (3,5 Mio. Gläubige) Patriarchat von Alexandrien (seit 325): Griechisch und Arabisch (350.000 Gl.) Patriarchat von Antiochien (seit 325): Griechisch und Arabisch (750.000 Gl.) Patriarchat von Jerusalem (seit 451): Griechisch und Arabisch (260.000 Gl.) Patriarchat von Moskau (seit 1589): Altslawisch (ca. 80 Mio. Gl.) Patriarchat von Serbien (seit 1346): Altslawisch (8 Mio. Gl.) Patriarchat von Rumänien (seit 1855): (Alt-)Rumänisch (19,8 Mio. Gl.) Patriarchat von Bulgarien (seit 927): Altslawisch (8 Mio. Gl.) Patriarchat von Georgien (seit 1917): (Alt-)Georgisch (3 Mio. Gl.) Kirche von Zypern (seit 431): Griechisch (442.000 Gl.) Kirche von Griechenland (seit 1850): Griechisch (9 Mio. Gl.) Kirche von Polen (seit 1924): Altslawisch (1 Mio. Gl.) Kirche von Albanien (seit 1937): Griechisch (160.000 Gl.) Kirche von Finnland (seit 1921): Altslawisch (60.000 Gl.) Kirche von Tschechien und der Slowakei (seit 1951): Altslawisch (55.000 Gl.) Kirche von Estland (seit 1923): Altslawisch (50.000 Gl.) In den verschiedenen autokephalen Kirchen des byzantinischen Ritus gibt es oft große liturgische Unterschiede. Manche Kirchen feiern die Feste auch nach dem gregorianischen Kalender, die Mehrzahl aber nach dem julianischen Kalender. b) Die katholischen Kirchen des byzantinischen Ritus Im Laufe der Kirchengeschichte gab es immer wieder Bestrebungen von Rom aus, die orthodoxen Christen für die Gemeinschaft (Union) mit Rom zu gewinnen. Manche Gruppen von orthodoxen Christen nahmen die Gemeinschaft mit Rom an. Daraus entstand dann eine (mit Rom) unierte Kirche, die den Papst als obersten Hirten der Kirche auf Erden anerkennt. Heute gibt es folgende unierten Kirchen des byzantinischen Ritus: Melkitische Griechisch-Katholische Kirche (seit 1729) (Oberhaupt: Patriarch von Antiochien und dem Ganzen Orient, von Alexandrien und Jerusalem; Sitz: Damaskus; 1,1 Mio. Gläubige) Ukrainisch-Katholische Kirche (seit 1596) (Oberhaupt: Großerzbischof von Lviv/Lemberg und Metropolit von Kiew, Halyc und der Ganzen Rus; Sitz: Lviv/Lemberg; 5,8 Mio. Gläubige) Ruthenisch-Katholische Kirche (seit 1646) (Oberhaupt: Bischof von Mukacevo in der Ukraine; 520.000 Gläubige) Slawisch-Katholische Kirche (seit 1611) (Oberhaupt: Bischof von Krizevci; Sitz: Zagreb; 49.000 Gläubige) Rumänisch-Katholische Kirche (seit 1700) (Oberhaupt: Metropolit von Fagaras und Alba Julia; Sitz: Blaj; 1,5 Mio. Gläubige) Bulgarisch-Katholische Kirche (seit 1861) (Oberhaupt: Apostolischer Exarch der Katholiken des bulgarischen Ritus in Bulgarien; Sitz: Sofia; 20.000 Gläubige) Griechisch-Katholische Kirche (seit 1911) (Oberhaupt: Exarch der griechisch-katholischen Christen; Sitz: Athen; 2.300 Gläubige) 74

Slowakisch-Katholische Kirche (seit 1937) (Oberhaupt: Bischof von Presov; 245.000 Gläubige) Ungarisch-Katholische Kirche (seit 1923) (Oberhaupt: Bischof von Hajdúdorog und apostolischer Administrator von Miskolc; Sitz: Nyiregyháza; 280.000 Gläubige) 2.4.2.2. Der maronitische Ritus c) Die Syrisch-Maronitische Kirche Definition: Die Maroniten sind die katholischen Christen der syrisch-libanesischen Tradition. Geschichte: 451 wurde in Syrien ein Kloster gegründet, das nach dem hl. Mönch Maron (Ende 4. Jh. / Anfang 5. Jh.) benannt wurde. Dieses Kloster Maron galt lange Zeit als Hort der Rechtgläubigkeit. Die Mönche des Klosters Maron wandten sich allerdings gegen das 3. Konzil von Konstantinopel (680/681; also gegen die Lehre, dass Christen einen menschlichen und einen göttlichen Willen hat) und gründeten eine eigene Kirche mit eigenem „Patriarchen von Antiochien“. In der Folgezeit wanderten viele Maroniten von Syrien in den Libanon aus. In der Kreuzfahrerzeit verbanden sich die Maroniten mit den röm.-kath. Kreuzfahrern und wurden 1182 zu einer mit Rom unierten Kirche. Zeitweise wurden die Maroniten von den Moslems verfolgt, konnten aber auch lange Blütezeiten erleben. Ein Massaker, dem 1860 tausende Maroniten zum Opfer fielen, führte zum Eingreifen Frankreichs. Nach dem 1. Weltkrieg kamen Syrien und der Libanon unter französische Kontrolle. 1944 entließ Frankreich den Libanon in die Unabhängigkeit, hinterließ aber eine Verfassung, die vorschreibt, dass der Präsident immer ein Maronit sein muss. Verbreitung: Weltweit gibt es 3,3 Mio. Maroniten. Ein Drittel der Bevölkerung des Libanon (ca. 1 Mio) sind Maroniten. Liturgiesprache: Arabisch Sitz des Patriarchen: Bkerke bei Beirut (Libanon)

d) Liturgische Merkmale des maronitischen Ritus Aufgrund der engen Kontakte zwischen Maroniten und Lateinern in der Neuzeit haben die Maroniten sich sehr dem römischen Ritus angepasst. Bei der Feier der Eucharistie und der Sakramente gibt es im Vergleich zum römischen Ritus mehr Beräucherungszeremonien, Kreuzzeichen und – gegebenenfalls – mehr Salbungen. Der maronitische Ritus enthält aber auch viele syrische Elemente. Die Anaphora „Sharar“ (benannt nach dem Anfangswort dieser Anaphora) ist der ostsyrischen Anaphora der hll. Apostel Addai und Mari sehr ähnlich. Es gibt heute eine große Bestrebung, die syrischen Quellen der maronitischen Kirche wiederzuentdecken. 1992 wurde in diesem Sinn ein neues Messbuch des maronitischen Ritus veröffentlicht. 2.4.2.3. Der ostsyrische Ritus Die Christen in Mesopotamien und Persien führen ihre Missionierung auf den hl. Apostel Thomas (einen der 12) und auf die hll. Apostel Addai und Mari (zwei von den 72) zurück. Sie werden Ostsyrer genannt, weil sie im östlichen Teil des einstmals ausgedehnten assyrischen Reiches (mit den Hauptstädten Assur und Ninive) lebten. 75

e) Liturgische Merkmale des ostsyrischen Ritus - Die vorweihnachtliche Zeit heißt „Subbara“ („Verkündigung“). An ihren vier Sonntagen werden jene Stellen aus den Evangelien (Lk 1; Mt 1) gelesen, die die Vorbereitung der Geburt Jesu beschreiben. - Es gibt im Laufe des Kirchenjahres 4 Fastenzeiten (im Frühjahr und Sommer), die jeweils 7 Wochen dauern. - Von Gründonnerstag bis Karfreitag gibt es die ganze Nacht eine Vigil. Die liturgischen Texte dieser Vigil heben Christus als den Guten Hirten hervor, der sein Leben für die Seinen gibt. - Am frühen Morgen des Ostersonntags gibt es besondere österliche Riten. Einer davon ist der „Dialog zwischen dem Kerub und dem guten Schächer“. Dieser Ritus in Form eines liturgischen Drammas stellt das Gespräch dar, das der gute Schächer mit dem Wächter am Eingang des Paradieses führt. Der Kerub möchte den guten Schächer wegen dessen vieler Sünden nicht in das Paradies hineinlassen. Der gute Schächer kann auf nichts anderes als auf Christi Wort und Christi Heilsmysterium hinweisen. Der gute Schächer wird schließlich in das Paradies hineingelassen. - Die ostsyrische Eucharistiefeier besteht aus zwei Teilen: Liturgie der Katechumenen (Eröffnung, Trishagion, Wortgottesdienst, Verabschiedung der Katechumenen, Gabenbereitung); Liturgie der Gläubigen (Credo, Anaphora, Vaterunser, Kommunion). - Die gebräuchlichste Anaphora des ostsyrischen Ritus ist die Anaphora von Addai und Mari (bei den unierten Ostsyrern ist der Einsetzungsbericht eingefügt). f) Die Assyrisch-Orthodoxe Kirche Geschichte: Die Christen, die in Persien (Ostsyrien) lebten, lösten sich bereits 424 aus politischen Gründen von der katholisch-orthodoxen Kirche, um nicht als Kollaborateure der Byzantiner zu gelten, und hatten dann ihre eigene persische (ostsyrische) Kirche. Das Perserreich, das die Religion des Zarathustra als Staatsreligion hatte, stand dem christlichen byzantinischen Reich nämlich mehrere Jahrhunderte feindlich gegenüber. Den persischen (ostsyrischen) Christen, die sich von Byzanz bewusst lossagten, standen sie dagegen etwas freundlicher gegenüber. Als 431 beim Konzil von Ephesus (431) die Lehre des aus Antiochien stammenden und in Konstantinopel als Bischof wirkenden Nestorius verurteilt wurde, flohen viele Anhänger des Nestorius in das Perserreich. Nestorius hatte den Titel „Gottesmutter“ für Maria abgelehnt, weil er meinte, dass die göttliche und die menschliche Natur in Christus nicht zu eng miteinander verbunden gesehen werden dürften. Die Anhänger des Nestorius wurden im Perserreich freundlich aufgenommen und konnten ihre Lehre in der persischen (ostsyrischen) Kirche schnell verbreiten, sodass die persische (ostsyrische) Kirche eine nestorianische Kirche wurde. Als die Araber im 7. Jh. dem Perserreich ein Ende bereiteten und den Islam in Syrien, Mesopotamien und Persien verbreiteten, war die ostsyrische Kirche meistens geachtet. Freilich mussten Zoroastrier, Juden und Christen zwischen einer höheren Steuer oder dem Übertritt zum Islam wählen. Die persischen (ostsyrischen) Christen erlebten im 13. Jh. eine große Blütezeit. Ostsyrische Missionare kamen bis nach Tibet, Mongolei, China und Malabar (südwestliche Küste Indiens) und gründeten ihre Kirchen. Viele Millionen Gläubige gehörten damals zur ostsyrischen Kirche, die dem Katholikos von Bagdad anvertraut waren. Im 14. und 15. Jh. wurden allerdings die ostsyrischen Christen der Mongolei und Chinas blutig verfolgt und stark dezimiert. 1552 vereinigte sich ein großer Teil 76

der ostsyrischen Christen mit Rom und gründeten die „chaldäisch-katholische Kirche“ (siehe c). Besonders verfolgt wurden die ostsyrischen Christen während des Ersten Weltkriegs, als die Christen für Kollaborateure der Briten gehalten wurden. Ein Katholikos wurde 1918 ermordert, sein Nachfolger starb 1920 in einem Flüchtlingslager. Als die Briten 1933 den Irak verließen, kam es wieder zu Massakern gegen die Christen. Viele verließen den Irak. Der assyrische Katholikos wurde verbannt und hat seither seinen Amtssitz in den USA. Am 20. 7. 2001 hat der Päpstliche Rat zur Förderung der Einheit der Christen die Eucharistie der assyrischorthodoxen Kirche anerkannt und vereinbart, dass die chaldäisch-katholische Kirche und die assyrisch-orthodoxe Kirche (im Fall der Unerreichbarkeit des Seelsorgers der eigenen Konfession) einander zur Eucharistie zulassen. Wegen CIC 844 § 2 gilt, dass auch die röm.-kath. Christen (bei Unerreichbarkeit einer kath. Eucharistiefeier) bei einer assyrisch-orthodoxen Eucharistiefeier kommunizieren dürften. Auch der Titel „Mutter Gottes“ wird inzwischen von der assyrisch-orthodoxen Kirche anerkannt
(Erklärung von Papst Johannes Paul II. und Katholikos-Patriarch Mar Dinkha IV. am 11. 11. 1994; vgl. http://www.vatican.va/roman_curia/pontifical_councils/chrstuni/documents/rc_pc_chstuni_doc_11111994_assyria n-church_en.html).

Liturgiesprache: Syrisch (dem Aramäischen, also der Sprache Jesu, sehr ähnlich; von Ephräm dem Syrer stammen viele Hymnen in syrischer Sprache), Arabisch (für Lesungen). Sakramente: Die assyrisch-orthodoxe Kirche kennt 9 Sakramente: Taufe, Eucharistie, Beichte, Krankensalbung, Auflegung der Hände (= Weihesakrament), Ehe, Mönchsweihe, Altarweihe, Begräbnis. Verbreitung: ca. 400.000; Iran, Irak, Indien, Syrien, Libanon, Nordamerika, Australien. Sitz des Katholikos: Morton Grove (Illinois, USA) g) Die Chaldäisch-Katholische Kirche Geschichte: Diese Kirche ist entstanden, als sich 1552 einige assyrisch-orthodoxe Christen von ihrer eigenen Kirche abspalteten und mit Rom vereinigten. Yuhannan Sulaqa, ein beliebter und reformfreudiger Priester der assyrisch-orthodoxen Kirche wurde von Papst Julius III. zum ersten Patriarch der Chaldäer ordiniert. Yuhannan Sulaqa selbst wurde zwar nach seiner Rückkehr in Mesopotamien hingerichtet, die unierte Kirche bestand aber trotz aller Schwierigkeiten weiter. Im 1. Weltkrieg wurden sie ebenso wie die assyrisch-orthodoxen Christen von den Türken und Kurden der Kollobration mit den Briten verdächtigt. Etwa 70.000 chaldäisch-katholische Christen fanden damals den Tod. Seit 1950 ist der Patriarchensitz in Bagdad. Diese Kirche feiert ihre Liturgie im ostsyrischen Ritus. Sie feiert sie ganz katholisch, das heißt, jeder gläubige Katholik darf an dieser Liturgie ohne Hindernisse teilnehmen. Der Papst ist das Oberhaupt dieser Kirche. Ihm untergeordnet ist der „Patriarch von Babylon und der Chaldäer“ mit Sitz in Bagdad. Die Ausdrücke „Babylon“ und „Chaldäer“ weisen auf das mächtige chaldäische Reich mit der Hauptstadt Babylon hin, das im 6. Jh. vChr. unter König Nebukadnezzar Judäa und Jerusalem eingenommen hat und sein Kernland im heutigen Irak hatte. Liturgiesprache: Syrisch, Arabisch. Verbreitung: ca. 600.000; Irak, Iran, Naher Osten, Frankreich, USA. Sitz des Patriarchen: Bagdad h) Die Syro-Malabarisch-Katholische Kirche Geschichte: Durch assyrisch-orthodoxe Missionare (siehe b) gab es seit dem Mittelalter in Malabar (Südwest-Küste Indiens) viele assyrisch-orthodoxe Christen. 77

Als 1498 die Portugiesen an der Malabar-Küste landeten und versuchten, die dortigen Christen in die röm.-kath. Kirche einzugliedern, kam es im 16. und 17. Jh. zu einem schmerzhaften Prozess der Latinisierung (mit Hilfe der Inquisition). Manche assyrisch-orthodoxen Christen schlossen sich dem syrisch-orthodoxen Patriarchat von Antiochien an, die anderen wurden röm.-kath. Erst unter Papst Pius XI. († 1939) wurde die ostsyrische Tradition der Katholiken von Malabar wieder von Rom stark gefördert. Seit damals wird versucht, die ursprüngliche Form der ostsyrischen Liturgie in Malabar wieder einzuführen. Seit 1962 ist diese Liturgie offiziell wieder eingeführt. Während des 20. Jh.s wehrten sich viele Katholiken (auch Bischöfe) in Malabar gegen die Verwendung des ostsyrischen Ritus. Im Februar 1986 führte Papst Johannes Paul II. persönlich die wiederhergestellte ostsyrische Liturgie in Kottayam ein. Liturgiesprache: Syrisch und Malayalam Verbreitung: ca. 3 Millionen; Indien. Sitz des Großerzbischofs: Ernakulam (Indien) Das Malabar-Gebet: es ist ein Gebet, das nach der Kommunion in der Liturgie der syro-malabarisch-katholischen Kirche heute gebetet wird. Es geht bis auf die Malabar-Christen des 5. Jh.s zurück:
Verleih uns, o Herr; Dass die Ohren, die deinen Lobpreis gehört haben, verschlossen sein mögen für die Stimme des Streites und des Unfriedens; dass die Augen, die deine große Liebe gesehen haben, auch deine selige Hoffnung schauen mögen; dass die Zungen, die dein Lob gesungen haben, hinfort die Wahrheit bezeugen mögen; dass die Füße, die in deinen Vorhöfen gestanden haben, hinfort wandeln mögen in den Wegen des Lichts; und dass die Leiber, die an deinem lebendigen Leibe Anteil gehabt haben, in einem neuen Leben wandeln mögen. Dir sei Dank für deine unaussprechliche Gabe. (vgl. SCHULZ, F., „Das Malabar-Gebet“, in: Jahrbuch für Liturgik und Hymnologie 21 (1977) 88-98; nachgedr. in: SCHULZ, F., Mit Singen und mit Beten. Forschungen zur christlichen Gebetsliteratur und zum Kirchengesang, Hannover 1995, Lutherisches Verlagshaus, 53-67).

2.4.2.4. Der westsyrische Ritus Diese Liturgie hat ihr Stammland im westlichen Teil des einstigen vorchristlichen großsyrischen Reiches: es handelt sich um die Umgebung von Antiochien, das heutige Syrien. In Antiochien nannte man die Jünger Jesu erstmals Christen. (Apg 11,26). Der erste Bischof soll der hl. Petrus gewesen sein (wegen Gal 2,11-14) i) Kennzeichen des westsyrischen Ritus - Die vorweihnachtliche Zeit heißt „Subbara“ („Verkündigung“). An ihren sechs (!) Sonntagen werden jene Stellen aus den Evangelien (Lk 1; Mt 1) gelesen, die die Vorbereitung der Geburt Jesu beschreiben. - Es gibt im Laufe des Kirchenjahres 5 Fastenzeiten: Fasten vor Weihnachten (etwa zwei Wochen); Fasten der Bewohner von Ninive (drei Tage absolutes Fasten; als Vorbereitung auf die Fastenzeit); Quadragesima (40 Tage; als Vorbereitung auf Ostern); Fasten der Apostel (etwa zwei Wochen; als Vorbereitung auf das Fest des hl. Petrus); Fasten von Mariä Aufnahme (etwa zwei Wochen; als Vorbereitung auf das Fest Mariä Aufnahme in den Himmel) - Beim Fest Epiphanie des Herrn am 6. Jänner wird nicht das Kommen der Magier, sondern die Taufe Jesu gefeiert.

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- Die Osteroktav wird „Weiße Woche“ genannt, weil in früheren Zeiten in dieser Woche die Neugetauften mit weißen Kleidern umhergehen durften. Am Freitag innerhalb der Osterwoche wird das Fest „Allerheiligen“ gefeiert. - Die westsyrische Eucharistiefeier besteht aus zwei Teilen: Liturgie der Katechumenen (Eröffnung, Gabenbereitung, Trishagion, Wortgottesdienst, Verabschiedung der Katechumenen); Liturgie der Gläubigen (feierlicher Einzug, Credo, Anaphora, Vaterunse, Kommunion). - In der westsyrischen Kirche gibt es etwa 70 verschiedene Anaphoren. f) Die Syrisch-Orthodoxe Kirche Geschichte: Als 451 beim Konzil von Chalzedon die monophysitische Lehrmeinung, Christus sei nur von göttlicher Natur, verurteilt wurde, gab es in Syrien dennoch viele Monophysiten. Mit Severus von Antiochien (512-518) war ein selbstbewusster Chalzedon-Gegner Patriarch von Antiochien. Der byzantinische Kaiser setzte ihn schließlich ab und bestimmte einen neuen, einen orthodoxen Patriarchen von Antiochien. Severus von Antiochien floh in die Wüste und begann, seine monophysitischen Christen von seinem Versteck aus zu leiten. Seit 518 gibt es also zwei Patriarchen von Antiochien, einen orthodoxen und einen monophysitischen. Ein sehr bedeutsamer monophysitischer Bischof war Jakob Baradäus. Er zog wandernd umher und weihte im Untergrund viele monophysitische Priester und Bischöfe. Nach ihm werden die Mitglieder der syrisch-orthodoxen Kirche auch Jakobiten genannt. Erst als die islamischen Araber Syrien eroberten, konnte sich die syrisch-orthodoxe Kirchen (als Feind des byzantinischen Kaisers) entfalten. Blütezeit der syrisch-orthodoxen Kirche war im 13. Jh. Während der Jahrhunderte wurden aber auch die syrisch-orthodoxen Christen zeitweise politisch verfolgt, am meisten im 20. Jh. An der Südwestküste Indiens gibt es auch syrisch-orthodoxe Christen, die sich dem syrisch-orthodoxen Patriarchat von Antiochien im 16. Jh. angeschlossen hatten, nachdem die Portugiesen die assyrisch-orthodoxen Christen (des ostsyrischen Ritus) im Malabar mit Gewalt latinisieren wollten. Liturgiesprache: Syrisch; Malayalam Verbreitung: 200.000 in Syrien, Libanon und der Türkei; 1 Mio. in Indien Sitz des Patriarchen: Damaskus (Syrien). g) Die Syrisch-Katholische Kirche Geschichte: Seit 1781 ein zum katholischen Glauben konvertierter, syrischorthodoxer Erzbischof von Aleppo vom Papst zum Patriarchen der syrischkatholischen Kirche ernannt wurde, gibt es eine syrisch-katholische Kirche. Sie ist also aus der syrisch-orthodoxen Kirche entstanden, indem sich einige syrischorthodoxe Christen mit Rom uniert haben. Liturgiesprache: Syrisch, Malayalam Verbreitung: 1 Mio. in Syrien, Irak und Libanon Sitz des Patriarchen: Beirut (Libanon). h) Die Malankara-Orthodox-Syrische Kirche Geschichte: Von der syrisch-orthodoxen Kirche hat sich 1912 ein Teil der Christen an der Westküste Indiens abgespalten und eine eigene autokephale Kirche gegründet. Diese Kirche nennt sich nach dem alten Namen für Malabar Malankaraorthodox-syrische Kirche. Liturgiesprache: Syrisch, Malayalam Verbreitung: 1 Mio. in Indien 79

Sitz des Katholikos: Kottayam (Kerala, Indien). i) Die Syro-Malankara- Katholische Kirche Geschichte: Von der syrisch-orthodoxen Kirche hat sich 1930 ein Teil der Christen an der Westküste Indiens abgespalten und eine mit Rom unierte Kirche gegründet. Diese Kirche nennt sich Syro-Malankara-katholische Kirche. Liturgiesprache: Syrisch, Malayalam Verbreitung: 280.000 in Indien Sitz des Metropoliten: Trivandrum (Kerala, Indien). 2.4.2.5. Der armenische Ritus Bereits im 1. Jh. soll das Evangelium durch die Apostel Judas Thaddäus und Bartholomäus in Armenien verkündet worden sein. Der armenische König Tiridates III. macht im Jahre 301 das Christentum sogar zur Staatsreligion. Armenien ist dadurch der erste christliche Staat der Welt. Der bedeutendste Missionar damals war der hl. Gregor der Erleuchter. Der Mönch Mesrop schuf im Jahre 406 ein eigenes Alphabet und legte damit einen wichtigen Baustein für eine eigene armenische Literatur und Kultur. j) Kennzeichen des armenischen Ritus - Der armenische Ritus schöpft aus einem großen Reichtum von alten armenischen Hymnen mit wunderbaren Melodien. - Die Eucharistiefeier im armenischen Ritus ähnelt sehr jener des byzantinischen Ritus: es gibt einen „Kleinen Einzug“ , ein Trishagion, einen „Großen Einzug“. - Der armenische Ritus hat auch viele Elemente aus dem römischen Ritus (wohl zur Kreuzfahrerzeit) übernommen: Schuldbekenntnis zu Beginn der Eucharistiefeier, Glaubensbekenntnis nach dem Evangelium, Elevationsritus bei der Wandlung, Johannesprolog am Schluss der Eucharistiefeier. - Im armenischen Ritus werden am Sonntag, am Mittwoch und Freitag keine Heiligenfeste gefeiert. Sonntag ist der Feier der Auferstehung gewidmet. Mittwoch und Freitag sind Fasttage. Weil an diesen Tagen keine Heiligen gefeiert werden, verschieben sich die Heiligenfeste mitunter sehr. - Im armenischen Ritus werden viele armenische Nationalheilige gefeiert, aber auch Heilige der ganzen Christenheit. - Der armenische Ritus kennt neben den anderen allgemein verbreiteten Marienfesten auch ein Marienfest am 9. Dezember: Empfängnis von der hl. Anna (das entspricht dem katholischen Hochfest vom 8. Dezember). k) Die Armenisch-Apostolische Kirche Geschichte: Im Jahre 428 eroberten die Perser das armenische Reich. Damit begann eine lang andauernde blutige Verfolgungszeit für die Christen. Beim Konzil von Chalzedon 451 durften die armenischen Bischöfe aufgrund eines persischen Verbotes nicht teilnehmen. Der Monophysitismus, den syrische Mönche in Armenien verbreiteten, wurde von den Persern begünstigt und so wurde die armenische Kirche eine monophysitische. Auf der Synode von Dvin 506 verwarf die armenische Kirche nachträglich das Konzil von Chalzedon. Seither ist die armenische Kirche von der einen katholisch-orthodoxen Kirche getrennt. Auf die Perserherrschaft folgte im 7. Jh. die Herrschaft der Araber. Am Beginn des 11. Jh.s fielen die Seldschuken in Armenien ein. Im 13. Jh. okkupierten die 80

Mongolen Armenien. Diese Machtwechsel waren immer wieder mit Kriegen und Zerstörungen verbunden. Viele Armenier emigrierten. Im Hochmittelalter gab es zur Kreuzfahrerzeit mit Unterstützung des Papstes in Kilikien ein eigenes armenisches Reich, in dem die armenische Kultur aufblühte. Damals war die armenische Kirche auch zeitweise mit Rom uniert. Im 14. Jh. wurde das armenische Reich von den ägyptischen Mameluken zerstört und dem islamischen Großstadt eingegliedert. Nach dem Verlust der politischen Unabhängigkeit stellte die Kirche das einzige Bindeglied für das armenische Volk dar. Im Zuge der Befreiung der Balkanländer im 19. Jh. hofften auch die Armenier auf Autonomie vom türkischen Reich. Die Folge war eine Reihe von blutiger Pogrome: 1894-1896 ließ der türkische Sultan 300.000 Armenier ermorden. Zwischen 1914 und 1922 töteten die Türken mehr als 1 Mio. Armenier. Die Pogrome führten auch dazu, dass viele armenischen Christen emigrierten und heute auf der ganzen Welt verstreut sind. Liturgiesprache: Armenisch Verbreitung: 6 Mio. in Armenien, Libanon, Syrien und in der ganzen Welt Sitz des Katholikos: Etschmiatzin (Armenien). l) Die Armenisch-Katholische Kirche Seit der Kreuzfahrerzeit gab es Bemühungen von Rom, die armenischen Christen an sich zu binden. Es gab zeitweise eine Union, die aber von vielen Armeniern nicht akzeptiert und nach der Kreuzfahrerzeit wieder gelöst wurde. Es gab immer wieder Versuche einer neuen Union, die aber nie standhielten. Günstig für die Entstehung einer armenisch-katholischen Kirche wirkte sich das Wirken des zum katholischen Glauben konvertierten Armenier Mechitar von Sebaste († 1749) aus, der 1701 in Konstantinopel einen armenischen Orden, den Mechitaristenorden, gründete. Dieser Orden machte sich die Pflege der armenischen Literatur und Kultur zur Aufgabe. Die Hauptklöster des Mechitaristenordens sind heute in San Lazzaro (bei Venedig) und in Wien. 1742 bestätigte Papst Benedikt XIV. einen ehemaligen armenisch-apostolischen Bischof als armenisch-katholischen Patriarchen und bestätigte damit eine eigene armenisch-katholische Kirche. Den Armenier-Pogromen durch die Türken 1914-1922 fielen auch viele armenisch-katholische Christen zum Opfer. In Armenien selbst gibt es heute kaum Mitglieder der armenisch-katholischen Kirche. Liturgiesprache: Armenisch Verbreitung: 140.000 im Libanon, Syrien und in der ganzen Welt Sitz des Patriarchen: Beirut (Libanon).

2.4.3. Die orientalischen Riten der Liturgiefamilie von Alexandrien
Literatur: vgl. 2.4.2.

Das Liturgiezentrum Alexandrien beeinflusste über Jahrhunderte die christlichen Gemeinden Nordafrikas. Durch den Monophysitismus kam es im Anschluss an das Konzil von Chalzedon (451) zu einer doppelten Hierarchie am Patriarchensitz von Alexandrien: Ab dem Jahre 537 gab es einen monophysitischen Patriarchen und einen orthodoxen Patriarchen von Alexandrien. Während der orthodoxe Patriarch

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von Alexandrien immer mehr den byzantinischen Ritus verwendete, blieb der monophysitische Patriarch von Alexandrien der ägyptischen Tradition verbunden. 2.4.3.1. Der koptische Ritus Das Wort „koptisch“ leitet sich vom Wort „Ägypten“ ab. Die koptische Sprache ist sehr verwandt mit der antiken ägyptischen Sprache (zur Zeit der Pharaone). Die koptische Schrift ist nach dem Vorbild der griechischen Schrift entstanden. Der monophysitische Patriarch von Alexandrien, der gewöhnlich der ägyptischen Bevölkerung entstammte, wurde im Laufe der Jahrhunderte immer mehr zu einem Sprecher der ägyptischen Christen und Verteidiger der ägyptischen Kultur. m) Merkmale des koptischen Ritus - Die Eucharistiefeier ist sehr nüchtern. Sie dauert nur deswegen zwei bis drei Stunden, weil in ihr viele langsame Melodien gesungen werden und es viele Wiederholungen gibt. - Die Eucharistiefeier beginnt mit einer Prozession mit den Opfergaben um den Altar, nachdem der Priester unter drei Broten dasjenige ausgewählt hat, das er konsekrieren will. - Der Wortgottesdienst (Liturgie der Katechumenen) bei der Eucharistiefeier enthält vier Lesungen aus dem NT. - Heute wird die Anaphora des hl. Markus kaum mehr verwendet, weil sie so schwer zu singen ist. Am häufigsten wird die Anaphora des hl. Basilius verwendet, nach deren Vorbild das IV. römische Hochgebet geschrieben wurde. - Die Kommunion wird unter beiderlei Gestalten gereicht. - Das Stundengebet ist sehr umfangreich. Für jede Hore sind 12 Psalmen neben anderen Elementen vorgesehen. - Das Kirchenjahr richtet sich nach dem altägyptischen Kalender, der drei Jahreszeiten (mit Rücksicht auf die Bedeutung des Nil) kennt: die Zeit des Hochwassers, die Zeit der Aussaat und die Zeit der Ernte. - Das koptische Kirchenjahr kennt 32 Marienfeste. n) Die Koptisch-Orthodoxe Kirche Als 642 Ägypten von den islamischen Arabern erobert wurde, mussten sich die mit Byzanz verbundenen Christen in den Untergrund zurückziehen. Der monophysitische Patriarch von Alexandrien wurde dagegen auch von den Arabern als Autorität geachtet. Freilich gab und gibt es bis heute Benachteiligungen für die Christen (Sondersteuern, Reiseeinschränkungen, Kleiderkennzeichnung). Die Christen wurden im Laufe von Jahrhunderten zu einer Minderheit in Ägypten und machen heute 12 % der Bevölkerung aus (auch aufgrund des schnelleren Wachstums der muslimischen Bevölkerung und der Emigration der Christen). Im 20. Jh. verbesserte sich die Beziehung zwischen Staat und Kirche. Die koptische Kirche erlebte ermutigende Zeichen: Klöster wurden revitalisiert, das geistliche und das pastorale Leben wurden erneuert. Papst Shenouda III. (seit 1971) förderte vor allem die Bildung von Klerus und Laien, das monastische Leben und die Ökumene. Sorge bereiten den koptischen Christen die Übergriffe fundamentalistischer Muslime. Liturgiesprache: Griechisch, Koptisch, Arabisch Verbreitung: 8-10 Mio. in Ägypten und in der ganzen Welt Sitz des Papstes und Patriarchen: Kairo (Ägypten).

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o) Die Koptisch-Katholische Kirche Seit dem 17. Jh. gibt es durch das Wirken katholischer Missionare in Ägypten koptische Gemeinden, die mit Rom uniert sind. Papst Leo XIII. errichtete 1895 ein koptisch-katholisches Patriarchat, das allerdings erst in der 2. Hälfte des 20. Jh. seine Anfangsschwierigkeiten überwunden hatte. Liturgiesprache: Griechisch, Koptisch, Arabisch Verbreitung: 180.000 in Ägypten Sitz des Patriarchen: Kairo (Ägypten). 2.4.3.2. Der äthiopische Ritus Äthiopien ist von Ägypten aus missioniert worden. Die äthiopische Kirche war dann Jahrhunderte lang bis in die jüngste Vergangenheit der koptisch-orthodoxen Kirche völlig unterstellt. Der äthiopische Ritus ist dem koptischen Ritus sehr ähnlich. Dennoch gibt es einiges an äthiopischem Eigengut. p) Die Merkmale des äthiopischen Ritus - Der äthiopische Ritus hat einen großen Schatz eigener Hymnen. - Den Mittelpunkt der Kirche bildet das Allerheiligste, häufig in der Form eines Rundbaues nach dem Vorbild des Felsendoms, der mit dem Tempel gleichgesetzt wurde, und nach dem Vorbild des heiligen Grabes von Jerusalem. Auf dem Altar des Allerheiligsten steht die Arche in Nachahmung der Bundeslade. Es wird behauptet, dass die Bundeslade in der Kathedrale von Axum aufbewahrt werde. - Auch das äthiopische Kirchenjahr kennt zahlreiche Marienfeste. Es gibt sogar zwei marianische Anaphoren. Im täglichen Stundengebet gibt es lange Hymnen zu Ehren Mariens. q) Die Äthiopisch-Orthodoxe Kirche Schon Mitte des 4. Jh. war das Christentum Staatsreligion Äthiopiens. Ab dem 7. Jh. war Äthiopien von islamischen Ländern umgeben und von der Gesamtkirche ziemlich isoliert. Die äthiopischen Patriarchen kamen aber Jahrhunderte aus Ägypten. Unter Kaiser Haile Selassie wurde nach zähem Ringen die äthiopische Kirche unabhängig. Bis zur marxistischen Militärrevolte 1974 war der äthiopisch-orthodoxe Glaube die Staatsreligion. In der Zeit des kommunistischen Regimes (bis 1991) wurde die äthiopisch-orthodoxe Kirche zeitweise sehr verfolgt. Liturgiesprache: Ge’ez Verbreitung: 18 Mio. in Äthiopien Sitz des Patriarchen: Addis Abeba (Äthiopien). r) Die Eriträisch-Orthodoxe Kirche Seit der Unabhängigkeitserklärung Eritreas von Äthiopien 1993 streben die Christen von Eritrea nach Unabhängigkeit vom äthiopischen Patriarchen. Der Papst von Alexandrien, Shenouda III., bestätigte 1994 gegen den Protest des Patriarchs der Äthiopisch-Orthodoxen Kirche die Autokephalie der Eriträisch-Orthodoxen Kirche mit einem eigenen Patriarchen. Liturgiesprache: Ge’ez Verbreitung: 1,7 Mio. in Eritrea s) Die Äthiopisch-Katholische Kirche Im Laufe der Kirchengeschichte gab es mehrmals Versuche, die äthiopischen Christen für eine Union mit Rom zu gewinnen. Unter dem Einfluss der Jesuiten 83

gelang es sogar, den äthiopischen König Susneos (1607-1632) zum Katholizismus des römischen Ritus zu führen und den röm.-kath. Glauben zur Staatsreligion Äthiopiens zu machen. Nach den Protesten der Bevölkerung musste der betreffende König abdanken und die Katholiken wurden des Landes verwiesen. Erst im 19. Jh. konnten dann wieder kath. Missionare in Äthiopien wirken. Seit 1930 gibt es eine eigene äthiopisch-katholische Hierarchie. Liturgiesprache: Ge’ez Verbreitung: 120.000 in Äthiopien und Eritrea Sitz des Erzbischofs: Addis Abeba (Äthiopien).

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