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1 Rauhwind Autor: Walter Frank Copyright Ernst Hanisch

Prolog
Andrej Frank‘s rascher Schritt, an dem ihn jeder im Haus von weitem erkannte, verhallte im
hohen Krankenhausflur wie auf einer einsamen Straße. Er blieb kurz stehen und sah auf die Uhr
– es war genau 2Uhr14 an diesem 10. Oktober.
Kurz zuvor hatte der Chef der Frauenklinik bei ihm angerufen
„Tut mir leid, so mitten in der Nacht zu stören, aber ich habe hier eine Patientin bekommen, der
es sehr schlecht geht. Ist die Frau des Fußballmanagers, wenn sie wissen, was ich meine.“
„Nein, weiß ich nicht, ist mir auch egal, ich komme gleich.“
Was zum Teufel interessierte ihn Fußball? Oder ein Fußballmanager?
Das Läuten des Telefons und der kurze Wortwechsel genügten, ihn hellwach zu machen. Der
Rest war Ergebnis jahrelangen Trainings, auch zu den unmöglichsten Zeiten zu funktionieren.
Schnell stand er auf, trat ans Waschbecken. Kaltes Wasser lief in seine zur Schale geformten
Hände.In seinem Gesicht ließ es ihn für einen Moment tief durchatmen, dann zog er sich an.
Sein Appartement lag im Ärztehaus, gleich neben der Klinik. In die Außenwände hatte sich die
Schwärze des Revierstaubs Jahr um Jahr eingefressen. Wie in so viele Lungen der Bergleute, als
wollte sich die Erde dafür rächen, dass sie seit Jahrzehnten vergewaltigt wurde.
Andrej Frank hatte dieWohnung gemietet, solange er mit seiner Familie noch nicht umgezogen
war. Mittlerweile wohnte er schon über zwei Jahre in diesem Haus, da sich sein Umzug immer
wieder hinauszögerte. Trotzdem schätzte er es, zu jeder Zeit in wenigen Minuten in der Klinik zu
sein. Er liebte diese spartanische Unterkunft, die eher für einen Mönch eingerichtet war. Als er
sich mit Andrea hier zum ersten Mal traf, stellte sie spontan fest „Wie kann ein Mann nur hier
leben?“.
Andrej blickte sie damals nur verständnislos an und schwieg.
Das Haus „Ärztehaus“ zu nennen, war eine Übertreibung - hier lebten die unterschiedlichsten
Berufsgruppen: Pfleger, Schwestern, Verwaltungsangestellte. Direkt neben seiner Wohnung war
die Notarztwagenbesatzung untergebracht. Das garantierte zuverlässig, dass Andrej bei jedem
Alarm in der Nacht mit aufwachte. Einzig ein großes mit Tesafilm an der Wand befestigtes
Poster von Van Gogh versuchte, mit dem Sämann dem Raum die Farbe der Sonne
bekanntzumachen. Die Gemeinschaftstoiletten und die Gemeinschaftsküche waren vor
seinem Einzug kurzfristig renoviert worden – allein die Erzählung über ihren ehemaligen
Zustand musste jeden Zuhörer krank werden lassen.
Andrej verließ das Ärztehaus, die gläserne Haustüre fiel scheppernd ins Schloss. Ein böiger
Wind stürmte. Er begleitete ihn auf seinem Weg ins Krankenhaus, das sich mit seinen hohen
Gebäudetrakten hell erleuchtet vor dem Nachthimmel abhob. Für einige Sekunden wanderten
seine Augen die Fenster entlang, die ihn zu beobachten schienen. Nur wer hier arbeitete, wusste
um das Leben und Sterben, das tagtäglich hinter diesen Fassaden geschah.
Er schloss die Eingangstüre zum Haupthaus auf und ging das Treppenhaus hinauf in die
gynäkologische Ambulanz.

2 Rauhwind Autor: Walter Frank Copyright Ernst Hanisch

Als Andrej die Tür zum Untersuchungszimmer öffnete, schauten ihn fünf Personen an. Quer im
Raum, auf einer Untersuchungstrage liegend, eine Frau. An ihrem Kopfende ein Mann, in einer
Ecke im Halbdunkel ein weiterer Mann mit verschränkten Armen. Rechts neben der Tür der
gynäkologische Chefarzt, der ihn gerufen hatte. Bei der Patientin stand Frau Dr. Steffens, die
sofort anfing, ihm alles zu erklären. Offensichtlich war sie vor ihm gerufen worden, da sie
Nachtdienst hatte.
„Die Patientin hat einen eingeklemmten Leistenbruch. Ich habe versucht, ihn wieder
zurückzudrücken, aber die Patientin hat zu starke Schmerzen und wollte das nicht mehr.“
Um sich gegen Frau Dr. Steffens durchzusetzen, musste man schon einen starken Willen haben.
Oder die Schmerzen, die sie beim Zurückdrücken des Bruchs der Patientin zufügte, waren
tatsächlich so stark, dass sogar sie von der weiteren Verfolgung dieses Unterfangens abließ.
Er wandte sich der Patientin zu – und nur die Andrej gut kannten, hätten an seinen schmal
werdenden Lippen bemerkt, wie angespannt er plötzlich war. Er sah eine Frau, die auf dem Weg
zum Sterben war.
Sie zitterte am ganzen Körper und hielt sich krampfhaft mit beiden Händen am Rand der Liege
fest.
„Mein Name ist Frank, wie geht es ihnen?“
„Bitte, bitte untersuchen sie mich nicht mehr, es tut so weh.“
„Ich muss sie operieren, so können wir das nicht lassen.“
„Dann bringen wir das hinter uns. Ich mache alles mit, ich will nur keine Schmerzen mehr
haben.“
Ihre müden Augen sahen Andrej Frank an.
„Bitte, bitte helfen sie mir“, flüsterte mühsam die zierliche Frau
Blonde Haare fielen um ihr schmales Gesicht, dass Andrej signalisierte, wie wenig Zeit er hatte.
„Sie werden sehen, wir kriegen das schon wieder hin.“
Wie oft hatte er diesen Standartsatz gesagt, auch dann, wenn er sicher war, dass er nicht mehr
helfen konnte. Er lächelte sie an.
Sie sah ihn an und er meinte, eine Spur eines Lächelns zu sehen. Er erkannte, dass sie ihn
durchschaute. Sie wusste genau, wie gefährlich krank sie war.
„Also, wir bringen sie jetzt in den Op.“
Zu Frau Dr. Steffens gewandt
„Informieren sie Anästhesie und Op-Schwestern.“
„Soll ich ihnen assistieren“, fragte der Chefarzt der Gynäkologie.
„Nein, Frau Steffens macht das.“
Er ging in Richtung Op, ohne sich weiter um die beiden anderen Männer zu kümmern.
Im Umkleideraum des Zentral-Ops wechselte er seine Kleidung. Vor dem Spiegel, aus dem ihm
ein scharf geschnittenes Gesicht ansah, zog er Op-Haube und Mundschutz an. Seine Op-Schuhe

„Machen sie noch die Hautnaht und den Verband“. da er nichts so sehr hasste. Mit Genugtuung registrierte er das. Die Op-Mannschaft war schnell – es vergingen 15 Minuten und die Patientin war in Narkose vorbereitet. Seit langer Zeit träumte er wieder. meinte der Anästhesist. Op-Schwester Manuela richtete flink ihre Instrumente nach einer Ordnung. Ihre Haut schimmerte nahtlos wie Bronze. Und jetzt starb diese Frau fast an einem lächerlichen. . die nur Eingeweihte zu durchschauen wussten. unwillkürlich musste er an südliche Sommertage denken. für den Op. „Jetzt halten sie schon den Darm so hin. Routiniert führte er die Operation zu Ende. Die Schwellung in der rechten Leiste war faustgroß und steinhart. nachdem er von Manuela steril angezogen war. dass ich operieren kann“. Bisher war es am Tisch still gewesen. Als er sich hinlegte. „Tatsächlich keine gute Zeit“. Manuela reichte ihm wortlos das Messer. Er sah auf die Uhr – noch eineinhalb Stunden bis zur Frühbesprechung. Andrea Michaelsen. Dann – bis später!“ „Bis gleich“. Ohne dass er etwas sagen mußte. fuhr er seine Assistentin an. Wie harmlos und doch todbringend. Manuela war eine erfahrene Op-Schwester. Bald stieß er auf ein Gebilde. seine Op-Schuhe unter Dutzender anderer Schuhpaare heraussuchen zu müssen. öfters wurde er gefragt. „Guten Morgen. fluchte er still vor sich hin. „Hoffentlich heilt alles gut. ob er nicht Sänger sei. Professor!“ grüßten alle munter. das sanft über die Haut glitt und den Weg in die Tiefe des Körpers öffnete. fiel er sofort in einen Tiefschlaf. schnitt den abgestorbenen Dünndarm ab und warf den Klumpen angewidert auf einen Beistelltisch. gab er zurück und wusch. Der stürmische Nachtwind hatte sich nicht gelegt und begleitete ihn auf seinem Weg zurück in das Ärztehaus.3 Rauhwind Autor: Walter Frank Copyright Ernst Hanisch fand er ordnungsgemäß an ihrem Platz. Steffens. Es war immer wieder dasselbe. den Bauch der Patientin mit Desinfektionsmittel ab. „Guten Morgen!“ Seine sonore Stimme war wirklich nicht zu überhören.Bericht. Warum waren diese Leute so spät gekommen. der den Spitznamen Fürst der Finsternis mit Würde trug. das schwarz wie Kohle aussah – abgestorbener Dünndarm. bat er Frau Dr. rief man ihm nach. „Keine gute Zeit so früh am Morgen oder noch mitten in der Nacht“. In ihrer Nacktheit und den seitlich ausgebreiteten Armen wirkte die Patientin zerbrechlicher als vorher. Danach nähte Andrej gut durchbluteten Darm wieder aneinander und vernähte die Bruchlücke. eingeklemmten Leistenbruch. gab sie ihm die richtigen Instrumente in die offen hingehaltene Hand. Er trat vom Op-Tisch ab und notierte sich den Namen der Patientin.

Andrej dachte an ein sterbendes Tier. Nie mehr würde sie für ihn einen großen Drachen bauen und im Herbstwind auf den Wiesen vor dem Dorf steigen lassen. als er tränenüberströmt in das Nachbardorf fuhr. der seine Worte erbarmungslos verschluckte. gleich in der Nähe der Kirche. schlug mit ihren Händen immer und immer wieder vor ihr Gesicht. Auf das Klingeln hin hörte er als erstes den hinkenden Gang seines Großvaters. Seine Großeltern wohnten in einem kleinen Häuschen. Der November zeigte sich mit seinen ganzen Unbilden. Walter… Andrej sah von der Tür des Schlafzimmers aus seinen Vater mit eingefallenem Gesicht im Bett liegen. Immer und immer wieder – unterbrochen von Schluchzen und Weinen. quer über die rechte Wange verlief eine lange Narbe – Spuren des Krieges.“ „Gut. als schien ihn das Ganze nichts anzugehen. es konnte nicht schlimmer brüllen. “Papa ist tot. ihren Mann. Der Kopf lag einsam auf dem großen Kopfkissen wie auf einer Wolke und verschwand darin fast.“ Seine Mutter war jetzt still und saß zusammengesunken auf dem Bett.“ Wie ein Beobachter aus einer anderen Welt betrachtete Andrej seinen Vater. „Wir müssen Opa und Oma Bescheid sagen. Sie brüllte den Namen ihres Mannes hinaus – Walter. „Wieso stirbst du einfach so? Wieso machst du dich einfach davon?“ Andrej schrie gegen den Wind an. aber kraftlos. “Muttl. blies ihm ein kalter Wind ins Gesicht. Andrej schaute auf die Uhr – es war 2.“ Sein Opa fing an zu weinen. “Ich bin von einem Schnarchen wach geworden und hörte noch seinen Atem. Nie mehr würde sie treffsicher mit wenigen Hammerschlägen einen Nagel in den Balken hineintreiben.“ Die leeren Augen seiner Mutter wandten sich von Andrej ab und schauten wieder auf Walter. Verzweifelt und mit schweren Schritten ging seine Mutter vor dem Ehebett auf und ab. Er redete und stammelte weiter vor sich hin. Aber fahr vorsichtig. Noch nie hatte Andrej einen alten Mann weinen sehen.“ . Der Lichtkegel seiner Fahrradlampe verlor sich im Nichts der nachtschwarzen Landstraße. Eine Welt war zerbrochen.4 Rauhwind Autor: Walter Frank Copyright Ernst Hanisch Kapitel 1 Irgendjemand schrie laut den Namen seines Vaters. Tiefe Gräben durchfurchten sein kleines Gesicht. Andrej trat an das Bett und nahm die linke Hand seines Vaters – sie war warm. dass sein Vater mit 44 Jahren plötzlich tot war. Er lag ruhig da.14 am Morgen. “Papa ist tot. Er verstand es nicht. Dann war es still. Als Andrej mit dem Fahrrad losfuhr. Seine Mutter schrie andauernd den Namen seines Vaters. Windböen trieben Blätter vor sich her. Er sprang aus dem Bett und lief in das Erdgeschoß. Das Schreien kam aus dem Schlafzimmer seiner Eltern. dann fahr und sag es ihnen. Walter ist tot.

den geben sie dann dem Bestatter. “Ja.5 Rauhwind Autor: Walter Frank Copyright Ernst Hanisch Mehr brachte er nicht heraus. “Ist Papa ganz und gar tot?“ fragte der Jüngste. die ihren einmal eingeschlagenen Weg unbeirrbar ging. Von ihrem Temperament wussten alle. Andrejs Mutter reichte ihm ein frisches Handtuch. Kein tröstendes Wort kam über die Lippen des Hausarztes. So kunstvoll wie dieser Arzt sich die Hände wusch – besser konnte es auch Pilatus nicht gemacht haben. fiel Andrej spontan ein. Eine Dorfbewohnerin kam auf ihn zu. als er ging. verschwiegenen Erzählungen. dass sein Vater tot sei. musste das gleiche widerfahren sein. Andrej beobachtete den Doktor. Die Nachricht vom Tod seines Vaters hatte sich im Dorf nach dem Läuten der Totenglocken mit Windeseile verbreitet. seine Schultern zuckten hin und her. dass du nach Hause kommst“. Zu Hause fand Andrej ihren Hausarzt am Totenbett seines Vaters. wie er wortlos das ganze Ereignis begleitete. als er zum Bahnhof unterwegs war. “Ich gehe jetzt zur Schule. die lustlos ihre Hausaufgaben voneinander abschreiben. die mit ihr zu tun bekamen. Auch ihrer Tochter Ella. Mach du voran. Andrej hörte von geflüsterten. der auf ein Papier schrieb. “Hier ist der Leichenschauschein. Dicht gedrängt saßen die Pendler. „Guten Morgen“. erreichte er noch den Zug zur Schule. Stumm umarmte sie ihren Sohn kurz. stand im Nachthemd im Halbdunkel des Hausflurs – eine kleine. sagte aber weiter nichts und bedankte sich artig. dass bei der Flucht aus Schlesien am Ende des Zweiten Großen Krieges etwas Furchtbares mit Anna-Oma passiert sein musste. grüßte Andrej. Er wollte nur noch weg. Seine beiden Brüder standen plötzlich in der Tür des Schlafzimmers. einige lasen Zeitung. er war gerade mit der Leichenschau fertig geworden und wusch sich im Badezimmer die Hände.“ Maria Frank nahm das Papier ohne Regung entgegen. Zum ersten Mal in seinem Leben bemerkte Andrej. dass Großvater seine Frau „Muttl“ nannte. Es gelang ihm sogar. Instinktiv wollte er ablehnend reagieren. . Sie sprach ihm tränenreich ihr Beileid aus. Wenn er sich beeilte. Solange sich Andrej erinnern konnte – nie wunderte er sich. Den meisten war eine Müdigkeit in die Gesichter geschrieben.“ Seine Mutter sah ihn an. als er sie eiligen Schritts verließ. wie Menschen auf Kommando in Tränen ausbrechen konnten. wie Andrej sie nannte.“ Er hielt es in diesem Haus nicht länger aus. Andrej hasste diesen Menschen. drahtige Frau mit einer Willensstärke und Härte. damit er sich die Hände abtrocknen konnte. sein Kopf wackelte bedenklich. Der Arzt beachtete ihn nicht. einen Sitzplatz zu ergattern. Andrejs Tante. ein Lied zu singen. Gerade noch rechtzeitig erreichte er den Zug. sagte sie zu ihrem Enkel. „Wir fahren gleich mit den Fahrrädern los. Es wurde schon langsam hell. wie diese Menschen jemals richtig wach sein konnten. dass Andrej sich nicht vorstellen konnte. Muttl oder Anna-Oma. zwischen zwei Schülern.

Sie sagte immer noch kein einziges Wort. als sei es das Selbstverständlichste auf der Welt.“ Wütend ließ Fritz ihn stehen und ging gewichtigen Schritts in Richtung Hauptgebäude. hast du sie hingebracht?“ „Nein. Zur ersten Unterrichtsstunde kam er immer gerade pünktlich an. mach was du willst. Ihre Hände waren ineinander . „Auch wenn du davon nichts hältst.“ „Dann muss sie zum Arzt. In der großen Pause fragte ihn Fritz. den er schon gefunden hatte. vom Bahnhof war das ein gutes Stück zu laufen. sein bester Freund: “Was ist los mit dir?“ Fritz war für seine Direktheit berühmt.“ Fritz sah direkt in das bleiche. „Möchtest du darüber reden?“ “Nein.“ Andrej schüttelte den Kopf.“ „Du bist wirklich ein sturer Hund. wie genau Fritz die Gefühlslage anderer Menschen einschätzen konnte.6 Rauhwind Autor: Walter Frank Copyright Ernst Hanisch Seine Schule lag unterhalb der mächtigen Burganlage. „Du bist ein sturer Hund. sein Vater war nicht mehr da.“ „Meiner Mutter geht es schlecht.“ „Kommt gar nicht in Frage.“ „Was?“ „Mein Vater ist heute früh gestorben. An diesem Vormittag folgte er dem Unterricht wie immer. „Dur redest wie ein Pfarrerr“. ich werde für dich und deine Familie beten und den Herrn bitten. Viele Menschen.“ „Und?“ „Er hat einen Leichenschauschein ausgefüllt. aber der zukünftige Franziskaner fing sich rasch. der Arzt ist zu uns gekommen. „Wir haben jetzt Deutsch. er ging keinem Streit aus dem Weg und brachte Probleme offen zur Sprache.“ Es kam nicht oft vor. meinte Andrej gereizt. sag mir. Dabei erstaunte es Andrej immer wieder. Andrej suchte nach seiner Oma Amalia. euch beizustehen. was los ist. er wusste um den furchtbaren Kampf um einen Gott. Er fand sie schweigsam in einer Ecke des Wohnzimmers sitzend. waren gekommen und redeten mit seiner Mutter. Und Andrej haderte jetzt erst recht mit seinem Gott. Verwandte und Bekannte aus dem Dorf.“ „Du solltest nach Hause zu deiner Mutter gehen und dir nicht den Unterricht dieses Phrasendreschers anhören. Er spielte damit bewußt auf den künftigenBeruf von Fritz an. dass es Fritz die Sprache verschlug. Am Ende des Schultages fuhr Andrej wieder nach Hause. unbewegte Gesicht von Andrej.

ohne dass ein Wort über ihre Lippen kam. bis die Beerdigung stattfinden konnte. hatte es sich im Übrigen nicht nehmen lassen zu überprüfen. Sie sah ihren Erstgeborenen an und nahm ihn plötzlich an die Hand wie ein kleines Kind. die den Toten mit Gebeten durch das Dorf zum Friedhof begleitete. “Ich war seine große Liebe“. Verloren standen sie alleine am Grab. Mit ihrem streng nach hinten gekämmtem. ob ihr Bruder tatsächlich obduziert worden war. nachdem er der Trauergemeinde mit bewegten Worten den Lebensweg des Verstorbenen erzählte. Sie kämpfte mit sich. Hinter dem Leichenwagen versammelte sich normalerweise die Trauergemeinde. mit dem der Tote ausgestopft war. Mit einem Surren wurden die Seile unter kundiger Assistenz des Totengräbers herausgezogen …. Der Tote wurde in der Leichenhalle offen aufgebahrt. Andrej konnte sich diese Spannung zwischen den beiden nicht erklären. aber das ließ sie auch jetzt nicht zu. obwohl er schon sechzehn Jahre alt war. flüsterte Andrejs Mutter. Jeder konnte noch einmal sein Gesicht sehen. Es folgte noch ein Vater unser und die Menschenmenge zerstreute sich. ich habe es deinem Vater versprochen“ – sie hielt kurz inne und fuhr fort „ich habe es deinem Vater Jan versprochen. ihm etwas zu sagen. Wie es üblich war in ihrem Bauerndorf. wenn der Verstorbene mit dem Leichenwagen am Dorfeingang ankam. die er bei jeder Beerdigung zu sagen pflegte. Fragend richtete sich der Blick Andrejs auf seine Mutter.7 Rauhwind Autor: Walter Frank Copyright Ernst Hanisch verschränkt und hielten einen Rosenkranz. eine kriegserfahrene Krankenschwester. dass es um seinen Vater ging und dass Amalia-Oma etwas wusste. Sein Vater war zur Obduktion in die nahe gelegene Universität gebracht worden. eingerahmt von Buchsbäumen.“ . nachdem sie kondoliert hatte. wurden die Kirchenglocken geläutet. der Schützenverein gab das letzte Geleit mit Fahnen und Salutschüssen. Danach wurde der Sarg mit Hilfe von Seilen in den schmalen Schacht des Grabes abgesenkt. dir von ihm zu erzählen. In ihrem Leben hätte sie so manches schon aus dem Gleichgewicht bringen können. das seine Mutter sehr beunruhigte. Schließlich sagte sie entschlossen “Es wird Zeit.und erbarme dich auch dessen. der als nächster dem Verstorbenen aus unserer Mitte folgen wird… betete die Gemeinde abschließend. aber bruchstückhaft bekam er mit. Es dauerte deshalb einige Tage. Interessiert berichtete sie von den Zellstofftüchern. Viele waren gekommen. seine beiden Brüder und seine Mutter. Auch das ständige Aufeinanderprallen mit ihrer Tochter änderte an dieser Haltung nichts. zu einem Zopf geflochtenem. schwarzen Haar. Der Geistliche Rat sprach am Grab erschöpft und angestrengt die üblichen Worte. Mehrfach setzte sie an. Andrejs Tante. Seinen Vater begleiteten nur vier Personen durch das Dorf zum Friedhof – Andrej. ihren hohen Wangenknochen und in ihrer schwarzen Tracht strömte sie eine beängstigende Ruhe aus.

Die Thaya. Ein Paradies auf Erden war es trotzdem nicht. ein kleiner Fluss. Motz sah sie besorgt an. wenn du von unserer Tochter träumst. die um das Jahr 1000 ins Land geschickt wurden. du musst auf Maria aufpassen!“ . „Hast du schlecht geträumt?“ Mali antwortete nicht. wachte an diesem Morgen aber noch früher auf als gewohnt. Mali zuckte durch die Berührung zusammen und wachte urplötzlich auf. erkoren wurde. zur March hin fliest. Aber bitte. wieder und wieder durchzogen Heere aus allen Himmelsrichtungen kommend das Land und prallten aufeinander. als sie das Mammut jagten. Die Narben des ersten Großen Krieges waren immer noch frisch und jeder Wetterwechsel ließ sie heftig schmerzen. Matthias Gregor war schon immer ein Frühaufsteher – Motz. drehte sich im Bett unruhig hin und her und wimmerte im Schlaf. Fleißig waren die Menschen an seinen Ufern – anfänglich Bayern und Franken.“ „Das weiß ich. wie der Hass sich in ihre Herzen schleichen konnte. Die Konfrontation der Volksgruppen war nicht mehr aufzuhalten. wie er von allen genannt wurde. „Mitzi. ich habe die Kinder immer im Auge. „Mali. Aber als Hitler den Sudetendeutschen Henlein im April 1939 zum Gauleiter des Protektorates Böhmen-Mähren ernannte. Die Nachdenklichen unter ihnen verstanden nicht richtig. Ängstlich griff sie nach den Händen ihres Mannes. seine Frau. Amalia.8 Rauhwind Autor: Walter Frank Copyright Ernst Hanisch Kapitel 2 Südmähren – das Land an der Thaya – schon die eiszeitlichen Menschen wussten die Gegend zu schätzen. Amalia wusste – Träume kündigten sich an. Zwar hielten einige tapfer dagegen. gab es kein Zurück mehr. Später dann waren es Tschechen. da schickten sich die Völker wieder an. Soviel war sicher – Amalia Gregor verspürte in jüngster Zeit häufig eine unvermittelte Bitterkeit im Mund. die sie kurzfristig am ganzen Körper zittern ließ. dass die Thaya zur Grenze zwischen rivalisierenden Machtzentren. vorbei an den Kreidefelsen der Pollauer Berge..“ „Das ist doch nicht schlimm. Einfacher wurde es auch dadurch nicht. wohin das letztendlich führen sollte.“ sie machte eine Pause. die das Land im Herzen Europas in einen Garten Eden verwandelten. Niemand ahnte. „Was ist mit Mitzi?“ „Ich habe von Mitzi geträumt. Zurück ließen sie Tod und Verwüstung. sich zu hassen. Auch dann. Kroaten und Juden. wenn die Menschen schon friedlich über Generationen hinweg miteinander gelebt hatten. der sich im Westen durch bewaldetes Bergland windet und ostwärts durch weites. gewelltes Land. Deutsche. bitte!“ „Was soll das Mali. was ist?“ Motz berührte sanft Amalias linke Schulter. Prag und Berlin im Norden und Wien im Süden.. Und neues Ungemach drohte. Motz. aber keiner bot ihm Einhalt. sei doch nicht böse. um es urbar zu machen.“ „Du musst auf sie aufpassen.

Am langen Küchentisch saßen schon dicht gedrängt die Taglöhner. Männer und Frauen. Dafür war keine Zeit.eine Grundvoraussetzung. Maria und Ernst weiter tschechisch lernen zu lassen. als wäre es das Natürlichste von der Welt. Er sah seinem Vater immer ähnlicher . weil sie ihre Sprache benutzte. die lebhaft durcheinander plauderten und lachten. Jeder kannte den Appetit seines Sohnes. Beide waren ein gutes Gespann und konnten von früh bis spät hart arbeiten . als es darum ging. sie hatten soviel Arbeit. . um das große Hofgut bewirtschaften zu können. Darauf war Amalia stolz – dass sie als Deutsche bei den Tschechen hohes Ansehen genoss. Wenn sie sich ranhielten.und Marillenbäume. voller Blut.“ Mit keinem weiteren Wort ging Motz auf den Traum seiner Frau ein. Deutsche und Tschechen saßen hier zusammen.9 Rauhwind Autor: Walter Frank Copyright Ernst Hanisch Matthias Gregor merkte plötzlich. „Ich kann es nicht genau wiedergeben. mit Blick zur Thaya.“ Mit seinen 15 Jahren überragte Ernst seine gleichaltrigen Mitschüler um Haupteslänge. es ist Zeit zum Aufstehen. Außerdem habe ich Hunger. Matthias Gregor ging nach draußen auf den großen Innenhof – prüfend blickte er zum Himmel – er war sich sicher. „Guten Morgen!“ Motz drehte sich um. „Was hast du geträumt?“ Mali sah Motz direkt an. Gurken. Kürbisse und Melonen an. „Komm jetzt. „Was machst du denn schon so früh auf den Beinen?“ „Ich habe dich die Treppe hinuntergehen hören und dachte. dass es wieder einen heißen Sommertag geben würde. die meisten beherrschten fließend deutsch und tschechisch. Denn neben dem Weizen bauten sie noch Zuckerrüben. Im weitläufigen Obstgarten.“ „Das ist doch bloß ein verdammt blöder Traum!“ Motz stand mit einem Ruck auf. wie ernst es Amalia war. Wenn sie ihre Tochter Maria statt Mitzi nannte. musste etwas passiert sein. wo zuerst anpacken – für Traumdeutereien war da kein Platz. der sich gleich hinter dem Hof anschloss. Sie konnte sich auch gegen Motz durchsetzen. das Meiste war verschwommen. Der ganze Stolz von Matthias Gregor war jedoch sein Weinberg. Wir haben eine Menge Arbeit vor uns. würde der Weizen in wenigen Tagen fertig gedroschen sein. standen Äpfel. Lächelnd erwiderte er seinem Sohn Ernst den Gruß. Die ersten Taglöhner sind auf und wollen sicher schon frühstücken. Hier in der Küche von Amalia Gregor wurden beide Sprachen zwanglos benutzt. Mais. Die meisten werden schon beim Frühstücken sein.breitschultrig und athletisch gebaut. dass sie nicht wussten. der nicht weit entfernt an den Hängen der Pollauer Berge lag.“ Motz lachte. „Dann laß uns in die Küche gehen. aber ich habe Mitzi am Boden liegen sehen.

Heute Nachmittag wird es gewittrig. Fleisch. dass Schani mit seinen Wetterprognosen immer Recht behielt. das er ihr vor Kurzem zum Geburtstag geschenkt hatte. Schließlich entdeckte er Maria. ein stummer Blick zu Mali signalisierte seine Entschuldigung. die Pferde einzuspannen. deren goldfarbenen Ähren am Gewicht der Körner schwer trugen. zur Erntezeit gute Tagelöhner zu bekommen. Wir fangen mit dem Aufladen der Garben an. „Du hast wahrscheinlich die Gicht. Es war Zeit. Das Kopftuch rutschte ihr dabei in den Nacken und ein Schwall ungebändigter blonder Locken fiel ihr ins Gesicht. Käse und saure Gurken dazu. geh zu Mali.“ Maria hüpfte wie ein Ball über das Feld zu ihrem Bruder. meinte Schani.10 Rauhwind Autor: Walter Frank Copyright Ernst Hanisch Mali stellte laufend dampfenden Malzkaffee in großen Kannen auf den Tisch. Sie strahlte. Ganze Brotlaibe verschwanden mit unglaublicher Geschwindigkeit in den hungrigen Mägen der Menschen. Erni“. die im Schatten einer Baumgruppe grasten. wir müssen den Weizen trocken reinbringen. so dass die Garbenbinderinnen kaum mit ihrer Arbeit nachkamen. Ich hoffe. Und – Mali wärmte die von ihr am Vortag gebackenen Buchteln im großen Backofen auf. Ernst rief zu ihr hinüber: „Hilf mir. der Vorarbeiter zu ihr.“ Da er aber wusste. Die Sonne überschritt bereits ihren Zenit und die versetzte Reihe der Schnitter ging im Rhythmus ihrer schwingenden Sensen unaufhaltsam voran. dass er Unrecht hatte – auch jetzt. Schani. die können die Gespanne führen. Ihre Kochkünste waren berühmt. sagt mir mein rechter großer Zeh. Suchend glitt sein Blick über das Stoppelfeld. Motz wusste instinktiv. den sie zu einem Kranz hochgesteckt hatte. Sie trug das rote Kopftuch.“ Motz lachte laut. Ernst wischte sich den Schweiß von der Stirn. Sie war wütend – er hatte sie nicht ernst genommen. ihre dichten schwarzen Haare zu einem Zopf geflochten. Bei den mit Marillenmarmelade gefüllten Buchteln kamen alle ins Schwärmen. auf dem die Garben zu kleinen Pyramiden zusammengestellt waren. „Also. „Lass mich die Pferde anschirren. den Weizen nach Hause zu bringen. wer bei dir verhungert. . Nehmt Mitzi und Ernst mit. Sie stand mitten in der Küche. Natürlich gab es auch jede Menge Wurst. Ein leichter Wind bauschte ihr Sommerkleid und ließ bereits die Konturen einer jungen Frau erahnen. meinte er nur noch: „Dann haltet euch ran. das Wetter hält. fielen in nicht endend wollenden Bahnen zu Boden. Schani wandte sich an Motz: „Bauer. wir fahren jetzt mit den zwei Gespannen los. nicht umsonst hatte Motz keine Probleme. Die durch die Fenster hereinfallende Sonne verlieh ihrem Gesicht einen bronzefarbenen Schimmer und ihre hellblauen Augen funkelten zu Motz hinüber. Die Weizenhalme. die hat sicher ein Kraut dagegen. ist selber schuld!“. schulterte die Sense und ging in Richtung der Pferde.

“ Am Horizont stand weit und breit keine einzige Wolke. Du führst das Gespann entlang der aufgestellten Garben und Schani und ich laden auf. Kein Lüftchen regte sich. Er war sichtlich erleichtert. „Im Westen stehen Gewitter. das Gespann sicher in die Scheune zu fahren. ihn Erni zu nennen. sonst kommen wir ins Unwetter. um vom Feld auf den Fahrweg zu gelangen. mach dich schon mal auf den Weg nach Hause“ meinte Ernst. „Dann los.11 Rauhwind Autor: Walter Frank Copyright Ernst Hanisch Ernst grinste. Mitzi war nicht darauf gefasst – beide Pferde brachen wiehernd. es gab nur einen Menschen.“ Sie schnalzte mit der Peitsche und griff die Zügel straffer. Keiner kam auf die Idee. „Dann bis gleich. In Sichtweite des Hofes begann das Unwetter. langsam setzten sich die Pferde in Bewegung. Ich helfe dir. Ihr Vater kam aus dem Laubengang heran gerannt und half. im Westen stand mittlerweile eine schwarze Wolkenfront. lass uns die beiden ausschirren und trocken reiben. Schlagartig begann ein sintflutartiger Regen. dass wenigsten seine Tochter vor dem Unwetter sicher war. und das war seine Schwester. „Die anderen werden nass bis auf die Haut.“ Mitzi führte beide Pferde am Halfter zum Stall. als sie durch das hohe Hoftor fuhr. wir beladen noch das zweite Fuhrweg. die direkt aus der Hölle zu kommen schienen. seine Vorboten zu schicken – Windböen und vereinzelte dicke Regentropfen. mit angstgeblähten Nüstern aus und schleuderten sie zu Boden.“ Schani war inzwischen hinzugekommen und machte ein besorgtes Gesicht. als das Gewitter seinen Höhepunkt erreichte – eine Serie von Blitzen erleuchtete den schwarzen Himmel gefolgt von Donnerschlägen. Ernst und Schani beluden schließlich den Wagen so hoch. „Mitzi. Mitzi spürte mit einem Male eine Kühle. dem er ungestraft erlaubte. sie müsse in einem anderen Leben ein Pferd gewesen sein. der sich unmittelbar an die Scheune anschloss. ihn Erni zu nennen. Schanis Worte in Zweifel zu ziehen. zu legendär war sein Ruf als Wetterfrosch. um die lästigen Bremsen zu verjagen. Schani hatte Recht behalten. Mitzi trieb das Gespann zur Eile an. Einer der Hufschläge traf ihren rechten Unterschenkel – das Krachen . aber es war vorauszusehen. dass ihr Vater manchmal launisch anmerkte. dass die beiden Kaltblüter alle Kraft aufwenden mussten. Sie lenkte jetzt entspannt das Gespann entlang der Weizenbündel. „Das war knapp“ bemerkte er nur. mit allen anderen fing er sofort ein heftiges Wortgefecht an. Ihre Flanken zitterten vor Anstrengung und die Schwänze flogen hin und her. Wir müssen uns sputen. Mitzi konnte mit Pferden von jeher so gut umgehen. das sonst den Innenhof gleich einem Burgtor hermetisch zur Straße hin verschloss. zwar noch weit entfernt. wenn sie es wagten. nur ein silbriger Schleier war aufgezogen und die Schwüle noch drückender geworden.“ „Sie werden es überleben. dass sie rasch vorankam.

„Robert ist mit seinen Freunden nach der Schule sicher noch zum Fußballspielen gegangen. Sie bereitete das Haus für den Sabbat vor und Robert war noch nicht zurück. gesunder Menschenverstand und Herzensweisheit verbanden sich bei ihm mit einer Zärtlichkeit und Ruhe. um was es ging.“ Er war ernst geworden. Auf dem Piaristengymnasium lernt man eben Anstand und Respekt vor den Anderen. wenn es darum ging. ja!“ Plötzlich mussten beide herzlich lachen. ihr könntet eure Zeit mit gottesfürchtigeren Dingen verbringen.“ „Ihr mit eurem Fußballspielen. Jan war ein weit über seine Jahre gereifter junger Mann. Moritz Stern sah auf die Hauptgasse hinunter. „Hat dein Vater wieder eine Predigt gegen das Fußballspielen gehalten?“ „Rosa. Bisher ist doch noch nie etwas passiert. seine Frau. die jeden Sturm ausglich. der erleichtert seinen Erstgeborenen ansah. „Jan. Der Freitagnachmittag brach an. ich mache mir Sorgen. Heftig waren die Diskussionen mit seinem Vater. Gott zu ergründen. Lass dem Jungen doch seine Freude. Robert ist noch nicht da!“ „Vater. Robert müsste schon längst zu Hause sein. Darin glich er sehr seinem rebellischem Onkel Eduard. getrieben von einer schier unerschöpflichen Neugier. du weißt doch wie das ist.“ .“ „Und im Winter spielen wir dann auch noch Eishockey!“ „Ja. Er erhob sich aus seinem behaglichen Lehnstuhl und ging im Studierzimmer auf und ab. wie sehr sich die Zeiten geändert haben. auf den jeder Vater nur stolz sein konnte – Entschlossenheit und Feingefühl. Rosa kam hinzu und fragte fröhlich: „Was streitet ihr?“ Sie wusste natürlich. klapperte mit Geschirr in der Küche. konnte Robert jedoch im geschäftigen Treiben der Leute nicht entdecken. Rabbi Moritz Stern konnte sich beim Lesen eines Talmudkommentars von Maimonides nicht richtig konzentrieren.12 Rauhwind Autor: Walter Frank Copyright Ernst Hanisch des berstenden Knochens konnte Mitzi aber nicht mehr hören. Rosa. „Jan!“ Die Tür zum Studierzimmer öffnete sich und Jan blickte fragend auf seinen Vater. Keine Anmaßung und Überheblichkeit steckte in ihm. denn sie war bereits vorher in eine tiefe Bewusstlosigkeit gefallen. beim Fußballspielen vergisst Robert alle Zeit und mir geht es auch nicht anders. Du weißt. der seiner zionistischen Überzeugungen wegen vor kurzem nach Palästina ausgewandert war. weiß Gott.

Es war zwecklos. in der sie sich befanden. An ihrem unteren Ende erweiterte sie sich zu einem Platz. Sie wirkte wie ausgestorben – der Sabbat hatte begonnen.“ Jan ging die Hauptgasse hinunter vorbei an der Synagoge und dann in Richtung Neustiftgasse.13 Rauhwind Autor: Walter Frank Copyright Ernst Hanisch Moritz seufzte. nahm sie fest in die Arme und drehte sich mit ihr um seine eigene Achse.“ „Mache ich. ich hole noch meinen Ranzen. die dem Platz den Namen gaben. Auf dieser Wiese standen mehrere Birnbäume. Mutter.“ Robert wusste sofort. Immer häufiger trieben die Mitglieder des Sudetendeutschen Freikorps ihr Unwesen. da sind wahrscheinlich noch mehr von denen. als Jan und Robert in die Hauptgasse einbogen. Keinem. meistens wurde aber auf der Neustiftgasse gespielt. warum. Lauf nicht nach Hause. Leise sagte er zu Robert: „Du rennst auf mein Kommando los. Rosa davon zu überzeugen. „Also gut. was machst du hier?“ „Du sollst nach Hause kommen. Mutter!“ Jan war seit jeher für seinen herzhaften Appetit bekannt. Oft genug hatte er mit seinem Vater schon über die Entwicklung der politischen Lage gesprochen.“ Jan lachte seine Mutter an. „Gut. Vater. es wäre trotzdem gut. „Hallo. schau. In Höhe der Synagoge stellten sich ihnen plötzlich mehrere junge Männer entgegen. die Birnzipf. verborgen bleiben.“ . dass sich nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich sich die Lage der Juden auch in Nikolsburg dramatisch verändert hatte. „Was wollt ihr?“ fragte Jan. Ich denke. der mit offenen Augen durch die Welt ging. Robert schoss gerade den Ball am Tor vorbei und ärgerte sich. „Ich freue mich aufs Abendessen. Jan.“ „Ich bin schon unterwegs. „Es gibt dein Leibgericht – Wiener Backhendl und als Nachtisch Marillenstrudel.“ Er umarmte schnell seine Mutter. wenn Jan sich nach seinem Bruder umschauen würde.“ „Bis Montag dann Robert. dass du dich bei den Patres verstecken kannst. der den Juden entgegengebracht wurde. konnte der zunehmende Haß. Es wurde langsam dunkel. eigentlich mehr eine Wiese. Schon von weitem hörte Jan die lärmenden Jungen aus dem Piaristengymnasium. Er war sich der Gefahr sofort bewusst. Die Bäume bildeten ideale Torstangen. Geh schon und suche deinen Bruder. „Hör auf mit diesen Dummheiten.“ riefen ihm seine Klassenkameraden noch nach.

Anton Ulrich.“ . Schwer keuchend und Blut hustend ging er zu Boden. Er dachte an die Knochenbrüche. Wir bringen dich jetzt ins Spital. „Jan. Ja – deswegen nahmen die Leute Strapazen und Schmerzen auf sich. lass dir auf den Zweispänner helfen. „Was ist passiert?“ „Das ist Jan Stern. der Spitaldirektor. nur um von ihm behandelt zu werden. schon gut“ ab. als er die beiden Patres mit einem verletzten jungen Mann sah. dass er noch nicht kannte. seine zweite große Leidenschaft. die ihm den Spitznamen Habicht eingebracht hatte. doch in seinem Innern stieg ein dumpfes Gefühl auf. sein beschwingter Schritt ließ die gleiche Kraft und Ausdauer wie am frühen Morgen vermuten. „Also. sich eine Zigarre anzuzünden. Das Atmen fiel ihm zunehmend schwerer. verließ das Spital wie jeden Tag spät am Abend. dass es dir danach besser geht. Nach Luft ringend fragte Jan: „Was ist mit Robert?“ „Er ist in Sicherheit. du wirst sehen. die ihm seine Patienten entgegenbrachten wehrte er stets mit einem knurrenden „Schon gut.“ Der Direktor erfasste die Situation mit einem Blick.14 Rauhwind Autor: Walter Frank Copyright Ernst Hanisch Nach außen wirkte Jan ruhig wie immer. bevor er in eine erlösende Traumwelt fiel. Er verabschiedete sich vom Pförtner und trat vor das Hauptportal.Mehrere Männer haben ihn in der Judenstadt zusammengeschlagen. die Verehrung. dachte Jan. In diesem Moment rannte Robert wie der Blitz los und verschwand im Wirrwarr der Gassen des jüdischen Viertels. Schweißperlen standen plötzlich auf seiner Stirn. Mit einem „Ihr verdammten Saujuden“ gingen die Männer auf Jan los. Jan war ein durchtrainierter Leichtathlet. Nicht. Im Gegenteil. „Jan. Komm. dass er sich darauf etwas einbildete. Obwohl ein anstrengender Tag hinter ihm lag. die er heute eingerichtet hatte. war sein Bruder – wenigsten hatten sie den nicht in ihre Gewalt bekommen. Die Stiefeltritte gegen seinen Brustkorb nahm er nur noch wie durch einen Nebel wahr. der Jan durch den Kopf schoss. wir bringen dich jetzt in den OP. „Das war ein gutes Tagwerk“ murmelte er zufrieden vor sich hin. neben Knochenbrüchen einzurichten. In Gedanken war er schon im Wochenende – er würde in der Piaristenkirche Orgel spielen. in seinem Sportverein Makkabi gehörte er zu den Besten – gegen die Überzahl der Angreifer hatte er jedoch keine Chance. Seine Gedanken wurden jäh unterbrochen.“ Dr. kannst du mich hören?“ Jan nickte mühsam mit dem Kopf. Genüsslich sog er den Rauch der Zigarre durch seine Hakennase. machte er keineswegs einen müden Eindruck. Endlich war Zeit. mach die Augen auf!“ Jan erkannte Pater Jakobus und Pater Thomas vom Piaristenkloster. Angst – ja. einer unserer Schüler. Der einzige Gedanke. das ist Angst.

Die Zukunft wird schwer genug.“ Ernst neckte seine Schwester und trällerte „Streberin. Er ging gerne in die Winzerschule nach Nikolsburg. wie leicht und begierig sie lernte. dessen Anblick sich in Ernsts Gedächtnis eingegraben hatte. Du hast gesagt. Schuldgefühle drückten ihn täglich mehr zu Boden. die er bis vor Kurzem besuchte. Mitzi empfing ihn strahlend. Hat mich beinahe erdrückt. Die Stille war bedrückend. „Ich bin schuld. Ganz im Gegensatz zur Bürgerschule. Der Direktor hat es heute den Eltern gesagt. die Zukunft wird schwer genug? Hast du wieder geträumt?“ Mali erstarrte. ich darf nach Hause. ich weiß. Wurde auch Zeit.“ „Was passiert ist. ich soll aufpassen. unsere Liebe wird es schaffen“ Ihre Augen schimmerten dunkel. abgrundtief. Der Knochenbruch ist gut verheilt. Mali haderte mit ihrem Mann. auf dem Heimweg bei seiner Schwester im Spital vorbei zu schauen. dass die Situation so zu nichts führen konnte und ergriff die Initiative. „Was meinst du damit. die Träume kamen immer häufiger. wir. Streberin. Mali erkannte. Wir brauchen dazu alle unsere Kraft. und Motz war ein anderer Mensch geworden. Motz. kann nicht mehr geändert werden. als sie ihn auf den Mund küsste.“ Mali machte eine Pause. natürlich träumte sie. als er hörte. . Mali und Motz sprachen seit Wochen nur das Notwendigste.15 Rauhwind Autor: Walter Frank Copyright Ernst Hanisch Sie saßen nach dem Nachtessen noch alleine zusammen in der großen Küche.“ Mali nahm ihren Mann in den Arm und strich mit einer Hand sanft durch seine Haare. „Motz. „Wir werden es schaffen. wann sie nach Hause kann.“ Mitzi war nicht wieder zu erkennen. Jetzt freute er sich darauf.“ Erbost warf sie ein Kissen nach ihm. Dann werden wir vielleicht erfahren.. Motz fiel ihr in‘s Wort.“ Mali schaute ihren Mann lange ruhig an. Ernst schwang sich auf sein Fahrrad. Der Unterricht war zu Ende. blutverschmierten Körper erinnern. der ihre Warnung in den Wind geschlagen hatte. temperamentvolles Mädchen. „Morgen fahren wir ins Spital nach Nikolsburg Mitzi besuchen. Lassen wir jetzt die Vorwürfe. Wir vermissen dich zu Hause. „Dann hast du es hier ja bald geschafft. Insgeheim bewunderte Ernst natürlich.“ „Vater ist fast wie früher. Sie war in den vielen Monaten ihrer Spitalzeit das geworden. als sie weitersprechen wollte. „Stell dir vor. was sie einmal war – ein wunderschönes. Nichts ließ mehr an den hingeschmetterten.. ich werde in ein paar Tagen entlassen.. Und dann kann ich auch in die Schule gehen. Mitzi wird jetzt bald aus dem Spital nach Hause gelassen.

Jan hatte tief geschlafen und geträumt.“ „Es muß ihm schon besser gehen. Stoisch hielt er still und biß die Zähne aufeinander. Mitzi erkannte in diesem Augenblick ihre Mutter in ihm – Mut. Schlaftrunken sah er in das strenge Gesicht der Schwester. wer das Kommando führte.“ „Das weiß ich. Schwester Margaretes Stimme ließ keinen Zweifel aufkommen. Willst du zu Jan?“ „Ja. Alle Mädchen in meiner Klasse schwärmen für ihn. Etwas Geduld musst du schon haben. aber Margarete rief ihr zu: „Sei nicht so zaghaft.“ „Und du natürlich auch!“ „Klar.“ „Du machst dir nicht unbedingt Freunde mit dieser Meinung. Standhaftigkeit und ein ausgesprochener Sinn für Gerechtigkeit kennzeichneten beide. Er freut sich sicher.“ . wenn du vorbeischaust. Jan! Wir müssen die Verbände neu machen“. langsam erkennt man dich wieder.“ Lachend entwischte Ernst seiner fauchenden Schwester. Jeder schätzte sie wegen ihrer medizinischen Kompetenz. komm rein und mach die Tür zu. Mitzi. er hat mehrere Rippen gebrochen und Blutergüsse am ganzen Körper. wollte sie erschrocken die Tür schließen. „Aufwachen. Gerade jetzt. Als sie Margarete sah.“ „Siehst du Jan. „Wußt ich’s doch – Mitzi ist verliebt. Mitzi ist seit sechs Monaten hier bei uns im Spital. Er kann gut Fußball spielen. „Wann kann ich nach Hause?“ „Immer die gleiche Frage. der Sohn des Rabbi ist vor ein paar Tagen zusammengeschlagen worden. Jan zu besuchen. der dir etwas über Geduld erzählen kann. Jan interessiert sich nur für Mädchen seinesgleichen. aber ich glaube. „Fahr nach Hause. Diese Schläger waren sicher ein paar Idioten vom Sudetendeutschen Freikorps. Mit Vater liege ich bei dieser Angelegenheit sowieso über Kreuz. Der ist hart im Nehmen.“ „Woher weißt du das?“ „Er spielt in der Fußballmannschaft unserer Schule.“ Ernst schien richtig in Fahrt zu geraten.“ „Dann geh ihn doch mal besuchen.16 Rauhwind Autor: Walter Frank Copyright Ernst Hanisch „Hast du schon gehört – Jan. hier ist jemand. Mitzi steckte den Kopf herein. Aber in ein paar Tagen hat sie es geschafft.“ Die Tür zum Krankenzimmer öffnete sich leise. wo die Stimmung gegen die Juden immer mehr angeheizt wird.“ Mitzi lief rot an. Er wurde von Piaristenpatres hier ins Spital gebracht. ist verliebt. „Dein Gesicht ist auch schön abgeschwollen. Du kommst sonst in die Dunkelheit. Trotz ihres Feldwebeltons war sie herzensgut.“ „Vergiß nicht. als sein Brustkorb mit mehreren breiten Bandagen zur Ruhigstellung der Rippenbrüche umwickelt wurde.“ Margarete war sichtlich zufrieden mit ihrem Werk.

als sie das Zimmer verließ. „Ich glaube nicht wirklich daran.“ Jan wich der Frage aus. „Beruhige dich. wie die Stimmlage von Jan sich beim Namen von Maria veränderte. wie kommst du darauf?“ „Vielleicht habe ich von dir geträumt?“ Mitzi wurde schon wieder rot und ärgerte sich darüber. „Halb so schlimm“ versuchte er zu scherzen. „Dann bis später. Einen Augenblick meinte sie. dass Jan mittlerweile auf dem Weg der Besserung war. nicht wahr?“ Jan‘s Lächeln misslang. Jan freute sich. in ein paar Tagen sieht alles ganz anders aus.“ konnte sie vor Aufregung noch sagen.“ Mitzi spürte ihr Herz bis zum Hals schlagen. als dass sie nicht merkte. als sie ein einfaches „Ja“ hervorbrachte. seine Augen drückten eine Verwunderung aus. die in seinen Worten mitschwang. dessen freundliche Augen sie kurz streiften. an seiner Seite eine schlicht gekleidete Frau. „Maria. „Ich habe Maria zum Purimfest eingeladen. seine Eltern zu sehen. dann sagte Mitzi leise: „Wie geht es dir Jan?“ Jan sagte immer noch nichts. „Du wirst sehen. „Ich hoffe. Gleichwohl waren sie froh. sein Brustkorb schmerzte heftig.“ Mitzi erschrak über die Ernsthaftigkeit. zudem wurde er plötzlich von einem Hustenanfall geschüttelt. „Wer war denn die junge Frau eben?“ fragte seine Mutter arglos.“ Jan schüttelte den Kopf. Beim Hinausgehen begegnete sie einem Mann. aber Jan fuhr schon fort: „Kommst du uns zum Purimfest besuchen? Mutter organisiert jedes Mal ein Fest mit vielen Freunden. Jan und Mitzi schauten sich stumm an. Sie kannte ihren Sohn zu gut. gute Zeit. Der Schrecken steckte ihnen noch in den Gliedern. „Das ist ein sehr hübsches Mädchen“.“ . „Warst du vorhin schon mal da?“ „Nein. du hast etwas Schönes von mir geträumt. „Dann kannst du ja bald in die Schule gehen. „Als Rabbi solltest du das aber nicht unbedingt bemerken“ scherzte Rosa und blickte ihren Mann herausfordernd an. Sie ist wegen eines Knochenbruchs hier im Spital – und das seit über einem halben Jahr!“ Rosa hörte aufmerksam zu. die Mitzi verwirrte.17 Rauhwind Autor: Walter Frank Copyright Ernst Hanisch Sprachs und schon schob sie den Verbandswagen zum nächsten Patienten. ich kenne sie vom Gymnasium her. eine tiefe Traurigkeit zu erkennen. ich meinte doch nur…“ wiegelte Moritz ab.

du wirst es sehen.“ Sein Vater wollte gerade anfangen. mit seinem Sohn die Notwendigkeit dieser Einladung zu diskutieren. auf die sie zufuhren. hat mir davon erzählt. Mutter.“ „Was kümmern uns jüdische Sitten“ unterbrach sie Motz. was ist ein Purimfest?“ Überraschender hätte diese Frage von Mitzi nicht kommen können. Mali sah ihre Tochter nachdenklich an. Das errätst du nie. Mitzi genoß die Fahrt im offenen Landauer. „Woher kennst du das Purimfest?“ „Jan. „Es liegt dir sehr viel daran?“ „Ja. „Wir feiern unsere Feste. dann soll es so sein. Jeder bleibt unter sich. Mitzis Neugierde zu wecken. und die beiden Schwarzen trabten an. sie feiern ihre Feste. „Mutter. Der Perserkönig Haman wollte die Juden ausrotten. Mali schaute ihre Tochter mit einem scharfen Blick an. und das ist auch gut so!“ Motz war sehr bestimmt. was ist es?“ „Geduld.“ „Wir haben ein Geschenk für dich vorbereitet. Mutter. ich habe ihn kurz im Spital getroffen. „Woher weißt du so genau über das Purimfest Bescheid. Mutter?“ Mali schwieg. weil er zusammengeschlagen worden ist.“ Mali hörte aufmerksam zu. Ernst ist auf die Idee gekommen. die Königin Ester konnte sich aber erfolgreich für ihr Volk einsetzen und es retten. Er liegt dort.“ Mali sah. Motz schnalzte mit der Zunge. sie lehnte sich zurück und schloss die Augen. der Sohn des Rabbi. Geduld. Nach einer Weile antwortete Mali: . es liegt mir sehr viel daran.18 Rauhwind Autor: Walter Frank Copyright Ernst Hanisch Moritz und Rosa schauten Jan überrascht an. „Sag schon. Motz sah verbissen geradeaus in Richtung der Pollauer Berge.“ Moritz konnte nur noch gottergeben mit dem Kopf nicken. „Wie schmeckt die Sonne und der Wind?“ „Einfach gut.“ Mehr ließ sich Mali nicht entlocken. dass ihre Absicht gelang. Auf diesen Tag hatten beide lange gewartet – sie holten Mitzi aus dem Spital ab. nachdem sie die letzten Häuser von Nikolsburg passierten. als Rosa einfach feststellte: „Wenn dir soviel daran liegt. Schließlich sagte sie: „Das Purimfest erinnert an eine glückliche Errettung des jüdischen Volkes im Perserreich.

“ „Meine Geige nehme ich aber mit.“ Mitzi nahm die Geige aus dem Geigenkasten wie einen Säugling aus der Wiege und drückte sie sanft gegen ihre Brust. „Komm.“ Motz polterte los. dass er sie hasst. „Jude bleibt Jude. ihre Tochter glücklich zu sehen.“ Mali schmunzelte. du bist ziemlich müde. Unterricht wirst du von Prof. Ob er nun katholisch wird oder nicht. Motz war sichtlich gerührt und sagte gar nichts. Die fröhliche Stimmung war mit einem Mal wie verflogen.19 Rauhwind Autor: Walter Frank Copyright Ernst Hanisch „Mein Vater. Hawlitschek in Nikolsburg bekommen. „Das ist für dich. Mitzi. „Mutter. „Gute Nacht.“ Mali wandte sich zu ihrer Tochter.“ „So wie der Perserkönig?“ „So wie der Perserkönig!“ . denn Charlotte und er hätten sonst nicht heiraten können. der ihm etwas Böses getan hat. Motz und Mali waren hereingekommen und sahen. Die ganze Nachbarschaft war versammelt und begrüßte sie mit großem Hallo. bis sie durch das weit offene Hoftor hindurch fuhren. dass eine lustige Gesellschaft die Gelegenheit beim Schopfe ergriff. Für Ende Februar war das Wetter geradezu frühlingshaft mild. „Natürlich…“ Mitzi umarmte nacheinander ihren Vater und Ernst. hat mir davon erzählt. Auf dem Tisch stand ein kunstvoll mit Schleifen verschnürtes Paket. Feiert noch schön. Der wusste es wiederum von seinem Vater. Mein Urgroßvater Carl war Jude. Kind. so als wolle sie ein Kind hin und her wiegen. „Eine Geige. Mitzi hielt noch immer ihre Geige in den Armen.“ Gespannt beobachtete er. wie ihre Tochter mit dem Instrument verschmolz. Ihre Eltern sprachen kein Wort mehr. Ich gehe noch mit dir auf deine Stube. „Dein Vater und Ernst sind extra nach Wien gefahren und haben die Geige bei einem berühmten Geigenbauer gekauft. Ich bin tatsächlich müde. der zum katholischen Glauben übertrat. Wein und Malis Apfelstrudel sorgten rasch dafür. Es hatte sich herumgesprochen. Er tat es seiner großen Liebe wegen. Manchmal glaube ich sogar. wie Mitzi es öffnete.“ So heftig hatte Mitzi ihre Eltern noch nicht streiten gesehen. Es gibt keinen Juden. ich glaube. dass Mitzi nach Hause kommt. dass ich jüdische Vorfahren habe.“ Mali begleitete ihre Tochter hinauf in ihr Zimmer. Ernst nahm seine Schwester an die Hand und führte sie in die Wohnstube. Ernst hatte deshalb zusammen mit den Knechten Tische und Bänke im Hof aufgestellt. „Dein Vater hört es nicht gerne. bis in den Abend hinein zu feiern. was hat Vater gegen Juden?“ „Ich weiß es nicht. Frederic Eck. Carl Eck.“ Mali spürte ein Gefühl der Harmonie..

Das wird eine Weile dauern. wenn du das meinst. zog sich Moritz in sein Studierzimmer zurück. bevor diese Schläger kamen. Beide verstanden sich wortlos.“ Jan machte eine Pause. Sie sieht genauso aus. rief gemischte Gefühle bei ihm hervor.“ Die Augen von Mutter und Tochter trafen sich. Ohne Umschweife fing Jan an. Rosa war in ihrem Element. ausgelassene Fest. „Im Spital träumte ich von einer jungen Frau mit einer Geige. ich bin klar bei Verstand.“ Moritz nickte. Ich konnte ihre Musik tatsächlich auf der Zunge schmecken. Seine Worte versuchten. sich Rosas energischem Kommando in der Küche unterzuordnen. Mutter und Robert mit. „Ein paar Tage. die ihm angetan wurde. aber eine Königin Esther war weit und breit nicht in Sicht. die durch das Fenster hereinbrachen. Jan war ein begabter Geschichtenerzähler. Vor allem aber waren sie bereit. Nichts erinnerte mehr an die Gewalt. die ihn davon abbringen kann?“ „Schlaf jetzt. . die gespannt an seinen Lippen hingen. Jan trat ein. das häufig in einem Trinkgelage endete. Zwei Freundinnen waren gekommen. ihn scheinbar gedankenverloren. stand Maria da. wenigstens war ihm vorher noch nie aufgefallen. Du wirst sehen – die Zeit heilt Wunden. Etwas Entscheidendes musste mit Jan jedoch passiert sein. Rosas Mutter. Und träume etwas Schönes von Jan. dass sein Vater so reagieren würde.“ „Vater. gelang es nicht. Grete. Jan?“ „Ich möchte dir eine Geschichte erzählen. Gerne beobachtete er seinen Sohn inmitten einer Schar von Kindern. er war ernsthaft besorgt. Er hatte befürchtet. den richtigen Weg zu zeigen. „Du hast die Geschichte noch nicht verarbeitet. fast stoisch bei den gemeinsamen Mahlzeiten erlebt zu haben. wie die Frau in meinem Traum. wie Drangsalierungen.“ Jan kam sofort auf den Punkt. ähnlich dem Perserkönig Haman. Die Tür zum Studierzimmer öffnete sich. deckte indes die Tafel in der Wohnstube ein. sie spielte eine wunderbare Melodie. Die aktuellen politischen Entwicklungen zeigten deutlich. Als ich aufwachte. träumte ich genau davon. um ihr zu helfen. Um den ganzen Trubel zu entgehen. die ich schmecken konnte. Jan fuhr fort. Im Rabbinerhaus liefen die Vorbereitungen für das Purimfest auf Hochtouren. „Was gibt es.“ Moritz legte seine Pfeife zur Seite. Dieses heitere. Es sollte ein großes Festmahl geben. sich einen Weg durch die tabakschwere Luft des Studierzimmers zu seinem Vater zu bahnen. Neugierig musterte Moritz seinen Sohn. Ein großer Judenhasser regierte die Zeit. Danach hatte ich noch einen dritten Traum – es kamen Männer in unser Haus und nahmen dich. Maria. Schikanen und Unterdrückung der Juden stetig heftiger wurden.20 Rauhwind Autor: Walter Frank Copyright Ernst Hanisch „Vielleicht gibt es eine Königin. Aber auch den Sonnenstrahlen.

Kusan? Das ist doch der Nervenarzt. denen Gewalt angetan wird. wie schlimm das Leben in Wien für uns geworden ist“. zitterte etwas. aber wir haben uns entschieden – wir werden in Kürze in die Vereinigten Staaten auswandern. Seine Frau Lotte nahm tröstend seine Hand. Laßt uns anstoßen – Glück und der Segen Gottes für uns alle!“ . jetzt wird erstmal gegessen. Ihre Augen wanderten dabei ängstlich unruhig hin und her. Onkel Julius. die überhaupt keinen Sinn ergaben. der von seinen Schülern heiß und innig verehrt wurde. es ist ganz normal. Rosa hatte sich selbst übertroffen – das Lob für das vorzügliche Essen wollte kein Ende nehmen. Sie summte eine Melodie und sprach stellenweise undeutlich mit sich selber. aber einmal muß es ja gesagt werden. Alle warteten gespannt. ein leidenschaftlicher Lehrer. Das Haus füllte sich langsam mit Gästen. weiter zu fragen. und das ist nur ein Bruchteil von dem. der Übles im Schilde führt. stehen unter einer ungeheuren psychischen Belastung. der Großmutter behandelt!“ Jan drehte sich um und verließ wortlos das Zimmer. des Öfteren sagte sie eben Dinge. Das war nichts Neues. was meinst du da?“ Die alte Dame kicherte und lächelte still vergnügt vor sich hin. Jan begrüßte seinen Onkel Julius und seine Tante Lotte.“ „Maria wird schon noch kommen“ brummte Jan vor sich hin.21 Rauhwind Autor: Walter Frank Copyright Ernst Hanisch „Menschen.“ Jan blieb wie angewurzelt stehen. als er sagte: „Alle jüdischen Lehrer wurden entlassen. Ich mache dir einen Vorschlag – ich spreche mit Dr. Es war zwecklos. Die lebhafte. dein Gast fehlt noch. Kusan. kämpfte mit sich selber. „Schlaf mein Kindchen und träume süß. Unterwegs traf er seine Großmutter. „Großmutter. Seine Hand. Träume sind nicht süß. sie schmecken bitter. Nicht wahr. er kann dir sicher helfen. Ihr wisst. er sollte ihnen doch eine spannende Geschichte erzählen. wenn es am schönsten ist. laute Unterhaltung verstummte mit einem Mal. „Jan. Abschied soll man dann nehmen. Sein Gesicht versteinerte. Als der letzte Gang serviert wurde – es gab duftende. als würde jeden Augenblick Jemand aus dem Nichts auftauchen. „Kommt nicht in Frage.“ Rosa ließ keinen Widerspruch zu. Dennoch war sie auf Grund ihrer stets guten Laune allseits beliebt und respektiert. was uns tagtäglich angetan wird. Auch die Verwandtschaft aus Wien traf inzwischen ein. „Ein wunderbares Fest – ich will euch die Festtagsstimmung nicht verderben. die das Glas Rotwein hielt. Jan. dass ihre Wahrnehmungen und Träume sich unter diesem Eindruck verändern.“ „Dr. Er atmete schwer. Es ist uns sehr schwer gefallen. unsere Kinder dürfen ihre Schulen nicht mehr besuchen. warme Dukatenbuchterln mit Vanillesauce – stand Onkel Julius auf. mehrmals setzte er zu sprechen an. Ihre vier Kinder hingen schon an ihm wie Kletten und bettelten.

„Ihr werdet es schaffen. Ich komme gerade vom Unterricht. Jan war ebenfalls nach draußen gegangen. als er Maria am Ende der Gasse entdeckte.22 Rauhwind Autor: Walter Frank Copyright Ernst Hanisch Auch wenn die Gedanken der Tischrunde schwer wurden. Rosas Zuversicht war einfach nicht unterzukriegen. nur draußen auf der Hauptgasse lärmten die Kinder. diese schwere Zeit durchzustehen“. ich habe deine Einladung vergessen. Sie schob ein Fahrrad neben sich her. wir werden es schaffen. Mit leichtem Schritt kam sie auf Jan zu und lachte ihn spitzbübisch an.“ „Überhaupt nicht“ stotterte Jan. sie prosteten sich gegenseitig zu. in Gedanken noch bei der Rede seines Onkels.Wohlige Ruhe breitete sich aus.“ . „Du dachtest sicher. Das viele Essen und Trinken ermattete die Festtagsgesellschaft sichtlich. Um irgendetwas zu sagen fragte er: „Was steckt da in deinem Rucksack?“ „Meine Geige.