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ls SPIEGEL-Autor Christian Neef in der
vergangenen Woche die Absturzstelle
von Flug MH17 nahe dem ukrainischen
Dorf Hrabowe erreichte, stand er zwischen
den verbrannten Trümmern des Flugzeugs,
sah Gepäckstücke, Kinderspielzeug – aber
keine internationalen Ermittler, nicht wäh-
rend des ersten Besuchs und auch nicht
während der folgenden. „Es ist, als interes-
siere sich niemand mehr für den Unglücks-
ort, eine Aufklärung des Absturzes dürfte immer schwieriger werden“, glaubt
Neef. Welche Auswirkungen der Tod der 298 Passagiere auf die internationale
Politik hat, auf das deutsch-russische Verhältnis und auf die Menschen in den
Niederlanden, beschreibt Neef zusammen mit Kollegen aus Moskau, Hamburg,
Berlin und Brüssel im Titelkomplex dieser Ausgabe. Sie analysieren die Sanktio-
nen gegen Russland und ihre möglichen Folgen, begleiteten OSZE-Mitarbeiter
in der „Donezker Volksrepublik“ und erlebten in den Niederlanden, wie ein
Land um Fassung ringt. Seite 68
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ast 60 000 Kinder und Jugend -
liche sind seit Oktober vergange-
nen Jahres aus Staaten Mittelameri-
kas in die USA geflohen, in der Hoff-
nung, dort ein besseres Leben zu fin-
den. Die Redakteure Jens Glüsing
und Markus Feldenkirchen wollten
wissen, warum diese Kinder fliehen,
manche allein, andere mit ihrer Mut-
ter. Sie machten sich auf beiden Sei-
ten der Grenze auf die Suche nach
den Mitgliedern einer Familie; Fel-
denkirchen im Süden von Texas, Glüsing im Norden von Honduras. Sie fanden
Olga Arzu, verheiratet mit David Palacios, und ihren vierjährigen Sohn Daylan.
Was die Mutter mit ihrem Kind in die USA trieb, warum der Vater zurückblieb,
ist zu lesen ab Seite 82
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it dem britischen Königshaus und dem deutschen Sommer beschäftigen
sich in dieser Woche SPIEGEL GESCHICHTE und KulturSPIEGEL. Die neue
Ausgabe von SPIEGEL GESCHICHTE „Britanniens Krone – Von den Angelsachsen
bis zu Königin Elizabeth II.“ geht der Frage nach: Wie erklärt sich die Erfolgs-
geschichte dieser mehr als tausend Jahre alten Monarchie? Die Autoren zeichnen
den Weg berühmter Könige und Königinnen nach, beschreiben, wie Wilhelm
der Eroberer, Richard Löwenherz und die, die nach ihnen herrschten, ihr Land
prägten, wie sie Intrigen ersonnen, Herrschaftsstrategien – und wie sich die
Monarchie dabei wandelte. Der Kultur-
SPIEGEL analysiert in seiner Sommeraus -
gabe Aktivitäten, denen Menschen in
ihrer Freizeit draußen gern nachgehen;
unter anderem wird im Heft die Frage
gestellt, ob man im Freien nicht viel
besser kocht als in der Einbauküche.
SPIEGEL GESCHICHTE erscheint am Diens-
tag dieser Woche, der KulturSPIEGEL
liegt wie immer der Inlandsauflage bei.
3 DER SPIEGEL 31 / 2014
Betr.: Titel, Flüchtlinge, SPIEGEL GESCHICHTE, KulturSPIEGEL
Das deutsche Nachrichten-Magazin
Hausmitteilung
Das deutsche Nachrichten-Magazin
Neef in der Ukraine
Glüsing, Palacios in Honduras
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Pilgerboom auf
dem Jakobsweg
Einkehr Hunderttausende pil-
gern auf dem Jakobsweg, viele
auf den Spuren von Hape
Kerkelings Buch „Ich bin dann
mal weg“. Es könnten noch
mehr werden, denn nun wird das
Buch verfilmt. Der moderne
Pilger sucht Trost, Freiheit, den
Sinn des Lebens. Und er
fragt sich, ob er das alles findet,
wenn er auf Horden von
Gleichgesinnten trifft. Seite 50
Als ob es tausend
Stäbe gäbe
Ethik Wie sieht der Zoo der
Zukunft aus? Funktionieren
Tierparks als Archen für
bedrohte Arten? Im SPIEGEL-
Streitgespräch diskutieren der
Philosoph Jörg Luy und der
ehemalige Zoodirektor Gunther
Nogge über das schlechte
Gewissen beim Zoobesuch und
Menschenaffen in Gefangen-
schaft. Seite 94
Die wilden Kerle
Musik-Schwerpunkt Überall in Deutschland gibt es im Sommer
Pop- und Klassikfestivals. Den wilden Kerlen auf den Bühnen ist
der gesamte Kulturteil gewidmet. Es treten auf: HipHopper,
Pianisten, auch der Türsteher des berühmtesten deutschen Techno -
klubs. Motörhead-Sänger Lemmy Kilmister sagt im SPIEGEL-
Gespräch, Heavy Metal sei sein„teures Hobby“. Seiten 108 bis 120
Europa feilscht,
Putin wartet
Sanktionen Nach dem Ab-
schuss von MH17 wächst der
Druck auf die EU, Russland
zu isolieren und eine weitere
Eskalation zu verhindern.
Doch sind 298 Tote einen Wirt-
schaftskrieg und Verluste in
Milliardenhöhe wert? Während
die Niederländer trauern, wird
in der Ostukraine weiter -
geschossen. Seiten 68 bis 74
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4 DER SPIEGEL 31 / 2014
In diesem Heft
5 DER SPIEGEL 31 / 2014
Uli Hoeneß,
Ex-FC-Bayern-Manager,
wurde wegen eines Routine-
eingriffs aus der Haft in eine
Luxusklinik gebracht. Dort
wusste die CSU ihre Mächti-
gen und Freunde stets gut
und diskret betreut. Seite 34
Manuela Schwesig,
Bundesfamilienministerin,
bleibt hinter ihren Ansprüchen
zurück. Verbindliche
Standards für Kitas wird es
nicht geben. Dabei wären
die dringend nötig. Seite 16
Jürgen Trittin,
jahrelang eigentlicher Anfüh-
rer der Grünen, empfiehlt
seiner Partei im SPIEGEL-
Gespräch, es mit der Moral
nicht zu übertreiben, und
erklärt, warum Arroganz von
Vorteil sein kann. Seite 20
Titel
68 Sanktionen Europa macht
Ernst gegen Russland
71 Außenpolitik Interview
mit Minister Frank-Walter
Steinmeier
73 Niederlande Das Land mit
den meisten Opfern steht im
Zentrum des Konflikts
74 Ukraine Rund um den Ab-
sturzort von MH17 herrscht
Stillstand inmitten des Kriegs
Deutschland
10 Leitartikel Nach dem Ab-
schuss von Flug MH17
muss Europa Putin zum Ein-
lenken zwingen
12 Opposition stellt Bundes-
regierung Ultimatum für
Snowden-Anhörung / Peter
Gauweiler – Topverdiener im
Deutschen Bundestag /
Kolumne: Im Zweifel links
16 Erziehung Warum Manuela
Schwesigs neues Kita-
Qualitätsgesetz keines ist
20 Grüne Exfraktionschef
Jürgen Trittin im SPIEGEL-
Gespräch über Moral in der
Politik und eigene Macken
24 Proteste Woraus speist
sich der Antisemitismus auf
deutschen Straßen?
27 Berlin Einige linke Israelis
protestieren gegen die
Gaza-Offensive Netanjahus
28 Essay Der Berliner SPD-
Politiker Raed Saleh über In-
tegration als Mittel gegen Hass
30 Luftfahrt Nach der Flug-
zeugkatastrophe über der
Ukraine suchen die Airlines
nach neuen Sicherheitsregeln
32 Quote CDU-Ministerien
blockieren Frauenförderung
für öffentliche Unternehmen
33 Kommentar Deutschlands
verwehte Chance
34 Strafvollzug Die Privatkli-
nik, in der Uli Hoeneß behan-
delt wurde, bot schon anderen
CSU-Spezln ein Refugium
36 Gesundheit Patienten sind
in billigen Krankentrans -
portern Risiken ausgesetzt
38 Verteidigung Wie verdeckt
man als Soldat seine Tattoos
bei 40 Grad im Schatten?
40 Schule Ein Berufskolleg
bietet Jugendlichen die letzte
Chance auf einen Abschluss
45 Maut Verkehrsminister
Dobrindt stößt auf Wider-
stand bei den eigenen Leuten
46 Verbrechen Die wegen
Mordverdachts verhaftete
Münchner Hebamme fiel be-
reits in anderen Kliniken auf
47 Zeitgeschichte Im Kalten
Krieg ließ die Bundesregierung
Suizidfälle untersuchen,
sie vermutete Morde des KGB
Gesellschaft
48 Sechserpack: Kommunika-
tion ohne Computer / Marke-
ting: die Taufe von Produkten
49 Eine Meldung und ihre
Geschichte Ein britischer Auto-
mechaniker posierte als Leiche
50 Einkehr Die modernen Pil-
ger auf dem Jakobsweg
56 Ortstermin Wie der
Prominentenfriseur Udo Walz
seinen 70. Geburtstag erlebt
Wirtschaft
57 Manager-Streit bei VW /
Neue Spur in der „Euro-
fighter“-Affäre / EZB springt
Bundesbank bei
58 Konjunktur Deutschlands
Unternehmer investieren vor
allem im Ausland
61 Interview DIHK-Präsident
Eric Schweitzer kritisiert die
Politik der Großen Koalition
62 Arbeitsmarkt Eine neue
Bürgerbewegung in den USA
kämpft für höhere Mindest-
löhne
64 Onlinebetrug Ticketfälscher
prellen die Bahn um Millionen
Ausland
66 Kämpfe zwischen Drogen-
gangs und Polizei in Rio /
Die islamistische Terrormiliz
Boko Haram erobert
eine nigerianische Großstadt
77 Nahost Unter dem Krieg
zwischen der Hamas und Israel
leiden vor allem die Kinder
80 Brief aus Gaza Wie das
Teenagerpaar Ahmed
und Tamara den Krieg erlebt
82 Flüchtlinge Zehntausende
Kinder und Jugendliche
fliehen vor der Gewalt aus
Mittelamerika in die USA
86 Global Village Warum ein
junger Spanier in Berlin eine
Gewerkschaft gegründet hat
Sport
87 Bouldern – die reine Form
des Kletterns / Valentin
Markser, Facharzt für Psycho-
therapie, über den Um -
gang des Leistungssports mit
depressiven Athleten
88 Fußball Wie der FC Bayern
München zur globalen Marke
werden will
91 Affären Ein asiatisches
Wettsyndikat soll rund 350 Mil-
lionen Dollar auf Spiele
der Fußball-WM gesetzt haben
6 Briefe
111 Bestseller
128 Impressum, Leserservice
129 Nachrufe
132 Personalien
134 Hohlspiegel / Rückspiegel
Wegweiser für Informanten:
www.spiegel.de/briefkasten
Wissenschaft
92 Sexuelle Belästigung
unter Forschern / Selbstporträt
aus dem 3-D-Drucker
94 Ethik SPIEGEL-Streit -
gespräch zwischen dem Philo-
sophen Jörg Luy und dem
früheren Zoodirektor Gunther
Nogge über Zoos
98 Archäologie Schmuggler
verhökern syrische Kunst-
schätze aus dem Kriegsgebiet
101 Sucht Die australische
Anti-Tabak-Politik taugt
als Vorbild für andere Länder
102 Medizinrecht Im Prozess
um manipulierte Organtrans-
plantationen droht das Verfah-
ren dem Richter zu entgleiten
104 Tiere Gefährliche
Schnapp schildkröten
in Deutschlands Badeseen
Kultur
106 Der jüdische Comedian
Oliver Polak über Antisemi-
tismus in Deutschland / Film
über die Liebe des Dichters
Schiller zu zwei Schwestern /
Kolumne: Zur Lage der Welt
108 Pop Warum HipHop die
erfolgreichste Jugendkultur
Deutschlands ist
112 Legenden SPIEGEL-
Gespräch mit Lemmy Kilmister,
Gründer von Motörhead,
über Humor und Heavy Metal
gegen Altersschwäche
116 Nachtleben Die Auto -
biografie des berühmtesten
Türstehers Deutschlands
118 Pianisten Der Musiker
Chilly Gonzales fordert mit
einem Anleitungsbuch Klavier-
Abstinenzler zum Üben auf
120 Filmkritik Hollywood- Star
Clint Eastwood erzählt die
Geschichte einer Sixties-Band
Medien
121 Google braucht mehr Per -
sonal zum Löschen / FAZ plan-
te Interviews mit Karl Albrecht
122 Humor Elends-Comedians
erobern die Bühne
125 Essay Der israelische
Autor Meir Shalev beschreibt
die extreme Solidarität und
den blinden Hass in seinem
Land in Zeiten des Krieges
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Farbige Seitenzahlen markieren die Themen von der Titelseite.
Briefe
Wo bleibt die Einsicht?
Nr. 30/2014 „Ich war eine Provokation.“ –
Streitgespräch mit Ex-Bundespräsident Christian Wulff
Beiden Seiten – dem SPIEGEL und dem
Bundespräsidenten a. D. – ein großes Kom-
pliment! Fragen mit Substanz und im
richtigen Ton, ohne die im SPIEGEL sonst
häufige und oft ja auch amüsante, hier
aber unpassende „Rotzigkeit“ – und ernst-
hafte, kluge Antworten, selbstkritisch,
aber auch selbstbewusst und mit Blick für
die Relationen.
Dr. Stephan Kaut, Karlsruhe
Der Titel mit einem eitlen Ex-Politiker ist
in einer Zeit, in der die Welt brennt, eine
komplette Fehlleistung. Gerade der SPIE-
GEL hat seinerzeit die schier unglaubliche
Affäre klar und sauber auf den Punkt ge-
bracht. Und jetzt das. Schade!
Andreas Linke, Köln
Warum muss man immer wieder über
Herrn Wulff sprechen, schreiben und ihn
dann noch als Titelbild zeigen?
Norbert Weinert, Seevetal (Nieders.)
Herr Wulffs Suada ist unsäglich. Er hat nie
verstanden und wird wohl nie verstehen,
dass Integrität und Souveränität Voraus-
setzungen für das Amt des Bundespräsi-
denten sind und nicht Eigenschaften, die
er im Amt doch sicherlich noch erworben
hätte, wenn die böse Presse nicht gewesen
wäre. Mit diesem verschwurbelten Inter-
view sollte der SPIEGEL mit Herrn Wulff
den Abschluss finden, es ist genug.
Burkhardt Riekel, Guardamar del Segura (Spanien)
Das Interview könnte man auf zwei Aus-
sagen verkürzen: Ich habe nichts falsch
gemacht, höchstens ein bisschen, aber das
rechtfertigt keinen Rücktritt. Außerdem
wurde das Ganze eh nur hochgeschrieben,
weil man mir Böses will.
Stephan Maier, Schwalmstadt (Hessen)
Wann hört die Larmoyanz des Mannes
endlich auf? Er war kein Verfolgter, son-
dern hat sich selbst der Lächerlichkeit
preisgegeben.
Dorlis Brauer, Königstein im Taunus (Hessen)
Dieses Streitgespräch mit Christian Wulff
ist das beste, das ich je gelesen habe! Es
ist eine Lehrstunde im Ringen um Wahr-
heit und Wahrhaftigkeit. Das ist vor allem
Christian Wulff zu verdanken. Er ist offen.
Er ist ehrlich. Er ist stark. Ich bin vollstän-
dig der Meinung der fragenden Journalis-
ten, was Wulffs Verhalten in der Vergan-
genheit angeht. Was mich aber berührt,
ist die Offenheit, mit der er auf diese Jour-
nalisten deutet, die über andere urteilen.
Ein großartiges SPIEGEL-Gespräch.
Thomas Koschwitz, Berlin
Leider haben Sie es versäumt, Herrn Wulff
zu erläutern, dass zu einem Provokateur
immer auch Intellekt, Schlagfertigkeit,
Witz und Charme gehören.
Gerd Möller, Neustadt a. d. Weinstraße (Rhld.-Pf.)
Herr Wulff war keine Provokation, son-
dern eine glatte Fehlbesetzung. Er war in-
tellektuell nicht in der Lage, seine Aufgabe
zu erfüllen. Ich hätte von Ihnen erwartet,
dass Sie dies in dem Interview deutlich
herausstellen und sich nicht in Spitzfindig-
keiten über die Aufgaben und Pflichten
des Journalismus verlieren.
Klaus-Peter Möritz, Berlin
Welch eine unerträgliche Arroganz! Er war
keine Provokation. Er war eine Zumutung!
Hans Lander, Pleidelsheim (Bad.-Württ.)
Nach der Lektüre des Streitgesprächs er-
scheinen mir nun zwei Dinge entbehr -
lich: die Befassung mit Herrn Wulffs Buch
und die Befassung mit der Frage, ob er
nicht doch ein großer oder zumindest
zukunftsfähiger Bundespräsident hätte
werden können.
Olaf Glowatzki, Oranienburg (Brandenb.)
Wo bleibt die Einsicht in die Rolle des SPIE-
GEL als Teil der Meute, die den Bundes-
präsidenten mit kleinkarierten Vorwürfen
gehetzt hat? Hat nur er Fehler gemacht?
Hasko Neumann, Stuttgart
Die Berichterstattung des SPIEGEL während
des Rücktritts muss nicht nachträglich
korrigiert werden. Noch hat die Bild nicht
das Meinungsmonopol in unserem Land.
Auch das war ein Irrtum von Christian
Wulff.
Günter Weber, Filderstadt (Bad.-Württ.)
Es bleibt dabei: Wulff war, wie der SPIEGEL
schrieb, „der falsche Präsident“. Jedes wei-
tere Interview bestätigt, wie visionär und
mutig der SPIEGEL mit seinem damaligen
Titel war. Ich hoffe, das war’s jetzt mit dem
Wulff. Bitte hören Sie auf, einem eitlen
Ex-Politiker eine Bühne für sein verzerrtes
Selbstbild zu liefern.
Martin Weiß, Hamburg
6 DER SPIEGEL 31 / 2014
„Christian Wulff ist keine Provokation; und wenn, dann eine für die
Intelligenz der Leser. Die beständige und sorgfältige Arbeit unabhängiger
Medien hat dem Staat den bedeutenden Dienst erwiesen,
aus seiner Amtszeit als Bundespräsident eine Episode zu machen.“
Andreas Adan Baldauf, Jesteburg (Nieders.)
Überlistung der Natur
Nr. 29/2014 SPIEGEL-Redakteurin Nicola Abé über ihre
Entscheidung, Eizellen einfrieren zu lassen
Gratulation zu Ihrem Artikel! Frauen wie
Sie braucht diese Welt. Ihre offenen Worte
zu lesen hat mir Mut gemacht. Ich bin 31,
ebenfalls Journalistin, lebe in keiner Be-
ziehung und habe aktuell auch keinen Kin-
derwunsch. Die Möglichkeit, mich in ein
paar Jahren ebenfalls für das Einfrieren
von Eizellen entscheiden zu können, gibt
mir ein gutes Gefühl. Dafür möchte ich
mich bei Ihnen bedanken.
Nina Flori, Wien
Gut, dass es nicht viele solche Frauen gibt.
Dieser Egoismus der heutigen Generation
ist das große Übel unserer Gesellschaft.
Gunter Knauer, Meerbusch (NRW)
Ich wünsche Frau Abé, dass ihre Rechnung
aufgeht und dass sie mit der Überlistung
der Natur glücklich wird. Dennoch sollten
wir erst einmal 10, 20 Jahre ins Land gehen
lassen, um zu sehen, ob nicht doch ein
Rattenschwanz der Unannehmlichkeiten
die Heilsbotschaft revidiert.
Heiko Bredehöft, Buchholz i. d. Nordheide (Nieders.)
Als Vater, dessen Tochter in seinem ersten
Semester (1969) geboren wurde, und als
Hochschullehrer, der den Lebensweg vieler
BWL-Studentinnen beobachten konnte,
kann ich Frau Abé in allen Punkten zustim-
men. Nur: Ich wünsche mir eine Gesell-
schaft, in der es des Social Freezings zur
Lebensgestaltung der Frauen nicht bedarf.
Prof. Dr. Walter Habenicht, Kornwestheim (Bad.-Württ.)
Das Problem ist: Kinder, Fortpflanzung –
Zukunft! – Das ist eine elementare Aufga-
be der ganzen Gesellschaft. Social Freezing
ist ein Symptom dafür, dass Frauen mit
der Verantwortung alleingelassen werden.
Wo sind die zukünftigen Väter? Wo die
potenziellen Großeltern? Wir alle sind ver-
antwortlich dafür, dass wir Kinder haben.
Dorothee Rieger, Icking (Bayern)
Ich habe mich gefreut über den sehr klu-
gen Artikel einer Frau meines Alters, der
es gelingt, dieses von moralischen Urteilen
durchlöcherte Thema aus einer pragmati-
schen und selbstbewussten Sichtweise zu
schildern, wie viele unserer Generation sie
teilen. Es ist wichtig, den gestrigen Bewer-
tungsschablonen etwas entgegenzusetzen,
in diesem Fall die schlichte Realität.
Isabel von Schwarzenstein, Tanna (Thür.)
Briefe
8 DER SPIEGEL 31 / 2014
SPIEGEL TV WISSEN
MITTWOCH, 30. 7., 19.30 – 20.15 UHR | PAY TV
BEI ALLEN FÜHRENDEN KABELNETZBETREIBERN
Das Geomar und die
Meeresforscher
Die Rückseite des Mondes ist besser
erforscht als unsere Weltmeere. Die
Mitarbeiter des Geomar Helmholtz-
Zentrums für Ozeanforschung wol-
len das ändern: Mit Hightech und
Tauchrobotern messen, filmen und
fotografieren sie in bis zu 6000 Me-
ter Tiefe. Neben „Jago“, Deutsch-
lands einzigem bemanntem For-
schungstauchboot, gehört auch das
Tiefseefahrzeug „Abyss“ zur Flotte
des Geomar. Die Unterwasserboote
waren bereits an der erfolgreichen
Suche nach dem Wrack eines 2009
abgestürzten Airbus im Atlantik be-
teiligt und wurden im Frühjahr 2014
erneut angefordert, um die Bergung
der verschollenen Maschine der
Malaysia Airlines zu ermöglichen.
SPIEGEL GESCHICHTE
FREITAG, 1. 8., 21.00 – 22.40 UHR | SKY
Die tollkühnen Männer
in ihren fliegenden Autos
„Bitte setzen Sie sich hin, und schnal-
len Sie sich an. Ihr Auto hebt jetzt
ab.“ Der Traum vom fliegenden
Auto ist alt. Seit Jahrzehnten ver -
suchen Ingenieure und Tüftler, die
Unterschiede zwischen Auto und
Flugzeug zu überwinden. Modelle
wie der „Airphibian“ oder der
„Maverick“ sollen die dabei ent -
stehenden Probleme lösen. Doch
die potenzielle Kundschaft ist skep-
tisch, sie sorgt sich um die Sicher-
heit am Himmel. Werden neue Tech-
nologien sie überzeugen?
SPIEGEL TV MAGAZIN
SONNTAG, 3. 8., 22.10 – 23.15 UHR | RTL
Zu arm, um krank zu sein – Menschen
ohne Versicherung; Die Milch
macht’s – Hochleistungskühe als Ex-
portschlager; Tod nach SMS – Han -
dynutzung im Straßenverkehr und
die dramatischen Folgen.
Forschungstauchboot „Jago“ im Einsatz
Eiskalte Typen
Nr. 29/2014 SPIEGEL-Gespräch mit Fresenius-Chef Ulf
Schneider über Gewinnstreben und Patientenwohl
Wenn ein Krankenhaus Gewinn macht,
heißt das, dass von den Patienten, sprich
Krankenkassen, zu viel verlangt wurde.
Dass Fallpauschalen, noch dazu zur Ge-
winnmaximierung, aus Patientensicht völ-
liger Blödsinn sind, ist bekannt. Dass die
Auslagerung von Küche, Reinigung, Labor
zwar den Gewinn steigert, Qualität und
Flexibilität aber darunter leiden, genauso.
Also, was soll das? Geht Ulf Schneider als
Patient in eines seiner Krankenhäuser oder
lieber in eine Privatklinik?
Klaus Schmidt, Bruchsal (Bad.-Württ.)
Wir als Konzernbetriebsausschuss der
Helios Kliniken GmbH können die Äuße-
rungen Herrn Schneiders so nicht stehen
lassen. Personal wird zwischen Unterneh-
men hin- und hergeschoben. Hauptsache,
tariflos, billig und möglichst mitbestim-
mungsfrei. Selbst die Unternehmensmit-
bestimmung soll abgeschafft werden. Die
Personalmenge in der Pflege ergibt sich
Polemisches Sülzkotelett
Nr. 29/2014 SPIEGEL-Gespräch mit dem Putin-Vor -
denker Alexander Dugin über ein angeblich sterbendes
Europa und den Aufstieg Eurasiens
Erst vor einigen Wochen Marine Le Pen,
jetzt Alexander Dugin. Auch wenn es in
bester aufklärerischer Absicht geschieht:
Muss der SPIEGEL immer wieder Neofa-
schisten ein Forum für ihre Widerwärtig-
keiten und Absurditäten bieten?
Michael Gaertner, Kiel
In manchen Dingen hat Herr Dugin ja
recht. Werteuniversalismus ist säkularisier-
ter Monotheismus. Wo sollen die Werte
denn existieren: in einem platonischen
Wertehimmel?
Dr. Dietrich Unverzagt, Fulda
Als Leser leidet man ja schon hinreichend,
wie aber muss Ihr Redakteur Christian
Neef dabei gelitten haben, vor einem sol-
chen polemischen Sülzkotelett die Fassung
zu wahren! Immerhin wirft die Tatsache,
dass die Lomonossow-Universität 10000
Unterschriften gesammelt hat, um diesen
unreflektiert-hasserfüllten Typen aus dem
Lehrfach zu entlassen, ein positives Licht
auf diese russische Hochschule.
Lutz Meyer, Impruneta (Italien)
nur noch aus den Kosten, die für diese
Berufsgruppe anfallen dürfen. Folgen sind
unter anderem ein hoher Krankheitsaus-
fall, nicht gewährte Pausen und ständige
Überstunden. Bei den anderen Berufs -
gruppen in den Kliniken sieht es ähnlich
aus. Die Personaldecke ist unzumutbar
geschrumpft. Niedriglöhne sind neben den
klassischen Servicebereichen auch Thema
für andere, in eigene Töchter ausgelagerte
Beschäftigte. Diese Arbeitsbedingungen
tun dauerhaft weh.
Sabine Linke, Leipzig
Stellvertretende Vorsitzende des Konzernbetriebsrats
der Helios Kliniken GmbH
Wer stoppt eigentlich diese eiskalten Ty-
pen, die aus Krankheit und Leid von Men-
schen eine Rendite pressen? Krankenkas-
senbeiträge werden zur Behandlung kran-
ker Menschen wie eine zweckgebundene
Steuer erhoben; sie dürfen niemals zum
Spielball raffgieriger Manager werden.
Dr. Christoph Klumpp, Panketal (Brandenb.)
Warum lassen sich die Bürger gefallen,
dass aus dem Solidarpool zur Bezahlung
des Gesundheitswesens Dividenden aus-
geschüttet werden? Das Geld gehört den
Beitragszahlern und sonst niemandem.
Dr. med. Rudolf Jakob, Neusäß (Bayern)
Fahnen über den Köpfen
Nr. 29/2014 Hohlspiegel
Verehrte Kollegen, in den Hohlspiegel der
Ausgabe 29 gehört nicht der Stern wegen
des Begriffs „Gorilla-Diktatur“ in meiner
Kolumne – in den Hohlspiegel gehört der
SPIEGEL selbst, weil er diesen Begriff offen-
bar nicht kennt und ihn womöglich für eine
peinliche Verwechslung mit „Guerilla“ hält.
Tatsache ist aber: Wegen ihrer Brutalität
wurden die Regime Mittel- und Südameri-
kas damals „Gorilla-Diktaturen“ genannt.
Das ist vielfach nachzulesen, unter anderem
in den Schriften der Bewegung der Revolu-
tionären Linken Chiles (MIR). Aber ich räu-
me ein, dieses Nachlesen war Ihrer Redak-
tion vermutlich nicht möglich, weil – wie
der Titel jener Ausgabe ausweist – Deutsch-
landfahnen über den Köpfen hingen.
Hans-Ulrich Jörges, Mitglied d. Chefredaktion des Stern, Berlin
Die Redaktion behält sich vor, Leserbriefe
– bitte mit Anschrift und Telefonnummer –
gekürzt und auch elektronisch zu veröffent -
lichen. Die E-Mail-Anschrift lautet:
leserbriefe@spiegel.de
Korrektur
Heft 30/2014, Seite 92, „Gold für drei Euro“:
Der Stuhl im Konferenzzimmer des Krefelder Unternehmers Gerald Wagener ist nicht mit
Schlangenleder bezogen. Es handelt sich bei dem Überzug um ein Imitat aus Kunststoff.
D
ie Absturzstelle von Flug MH17 ist ein Albtraum, der
Europa heimsucht. Noch immer liegen Leichenteile
zwischen Sonnenblumen. 298 Unschuldige sind hier
ermordet worden, die Welt wurde Zeuge, als marodierende
Banditen in Uniform die Toten bestahlen, ihnen die Würde
nahmen.
Hier, in der ostukrainischen Einöde, hat sich Putins wahres
Gesicht gezeigt. Der russische Präsident steht enttarnt da,
nicht mehr als Staatsmann, sondern als Paria der Weltgemein-
schaft. Die Toten von Flug MH17 sind auch seine Toten, er
ist für den Abschuss mitverantwortlich, und es ist nun der
Moment gekommen, ihn zum Einlenken zu zwingen – und
zwar mit harten wirtschaftlichen Sanktionen.
Niemand im Westen zweifelt noch ernsthaft daran, dass
das Flugzeug mit einem Buk-Luftabwehrsystem abgeschossen
wurde, das die Separatisten
höchstwahrscheinlich aus Russ-
land erhalten haben. Einer ihrer
Anführer hat selbst zugegeben,
dass sie über ein solches System
verfügten, und die Indizienkette
ist eindeutig (siehe Seite 68).
Der Abschuss von MH17 mag
ein tragisches Versehen gewe-
sen sein. Wer die Rakete abfeu-
erte, wollte vermutlich kein Ver-
kehrsflugzeug treffen. Doch der
Abschuss ist die direkte Folge
davon, dass Russland die Sepa-
ratisten in den vergangenen Wo-
chen militärisch aufgerüstet hat.
Er ist ein Symbol für die Ruch-
losigkeit Putins – und für das
Versagen der bisherigen westli-
chen Politik. Die Trümmer von
MH17 sind auch die Trümmer
der Diplomatie.
Während der Westen zu-
nächst milde Sanktionen be-
schloss und „De-Eskalation“ forderte, eskalierte Putin den
Konflikt immer weiter und wusch seine Hände zugleich in
Unschuld: Stets bestritt er, hinter den Separatisten zu stehen.
Dieses Gespinst aus Lügen, Propaganda und Täuschung ist
nun aufgeflogen.
Die Verbindungen zwischen Putin und den Separatisten
liegen offen zutage. Zwar mag er die Männer in den Fanta-
sieuniformen nicht vollständig kontrollieren – das haben Stell-
vertreterkriege so an sich –, aber er bewaffnet sie, und er
kann ihnen Einhalt gebieten. Allen Forderungen, dies zu tun,
hat er sich bisher widersetzt. Selbst nach dem Mord an 298
Menschen kam von Putin kein Wort der Distanzierung, der
Entschuldigung.
Nach dem Abschuss von MH17 kann Europa nicht mehr
weitermachen wie bisher. Deshalb ist es richtig, dass sich die
Vertreter der 28 EU-Mitgliedsländer vergangene Woche grund-
sätzlich auf harte Sanktionen gegen Russland geeinigt haben.
Zu den Vorschlägen gehören ein Boykott russischer Banken
sowie ein Verbot der Exporte von Waffen und Energietech-
nologie. Entscheidend ist nun, dass die EU-Staaten die Maß-
nahmen diese Woche auch wirklich in vollem Umfang be-
schließen, um Russlands Wirtschaft zu treffen, und sie, wenn
es nötig sein sollte, noch ausweiten.
Wer harte Maßnahmen verlangt, um Russland zum Einlen-
ken zu bewegen, ist kein Kriegstreiber. Der Einzige, der seinen
Krieg in der Ukraine bisher ungehindert vorantreibt und seit
der Annexion der Krim den Frieden in Europa aufs Spiel setzt,
ist Russlands Präsident. Die europäischen Staaten müssen des-
halb alle nichtmilitärischen Druckmittel ausschöpfen, über die
sie verfügen. Es geht nicht um Eskalation, sondern um Ab-
schreckung – und damit diese wirkt, muss sie glaubwürdig sein.
Das gelingt nur, wenn Europa
vereint auftritt und auf nationale
Egoismen verzichtet. Solange
Frankreich den Russen weiter-
hin Kriegsschiffe liefern will und
die Briten von den Moskauer
Oligarchen profitieren wollen,
kann die EU Putin nicht beein-
drucken. Deshalb ist lobenswert,
dass nicht nur die Bundesregie-
rung, sondern auch maßgebliche
deutsche Wirtschaftsvertreter
nun einen harten Kurs unterstüt-
zen – obwohl er die deutschen
Exporte beeinträchtigen würde.
Europa kann die Folgen ein-
schneidender Sanktionen ver-
kraften, Russland kann es nicht.
Es ist wirtschaftlich verwundbar,
benötigt westliche Investitionen
und Technologie, insbesondere
für seinen Energiesektor.
Eine Garantie, dass Sanktio-
nen schnell zum gewünschten
Ergebnis führen, gibt es dennoch nicht. In einer ersten Reak-
tion könnte Putin um sich schlagen, einen überraschen-
den Gegenzug versuchen – aber die Wahrscheinlichkeit ist
sehr groß, dass er mittelfristig nachgeben müsste. Seine Herr-
schaft basiert bislang darauf, dass er die Eliten mit gut ge-
henden Geschäften ruhigstellt. Massivem Druck seitens rus-
sischer Unternehmer, Oligarchen und Liberaler könnte er
kaum standhalten. Eine weitere Abwertung des Rubels würde
auch die breite Bevölkerung treffen, die ihn bisher noch
unterstützt.
Für die Sanktionen wird Europa, werden auch wir Deut-
schen sicherlich einen Preis zahlen müssen – aber der Preis
wäre ungleich höher, wenn der Zyniker Putin seine völker-
rechtswidrige Politik ungehindert fortsetzen könnte: Der
Frieden und die Sicherheit in Europa wären dann in ernster
Gefahr.
10 DER SPIEGEL 31 / 2014
Ende der Feigheit
Europa muss Putin für den Abschuss von Flug MH17 zur Rechenschaft ziehen.
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Absturzstelle in der Ostukraine
Leitartikel
Das deutsche Nachrichten-Magazin
Abgeordnete
Gauweiler an der
Millionengrenze
Der Topverdiener im Deut-
schen Bundestag heißt Peter
Gauweiler. Als Rechtsanwalt
hat der CSU-Vizeparteichef
nach Berechnungen des
Politik-Portals abgeordneten-
watch.de mindestens 967500
Euro in den ersten neun Mo-
naten der Legislaturperiode
kassiert. Tatsächlich dürfte
die Summe von Gauweilers
Honoraren weitaus höher
liegen. Die Parlamentarier
müssen ihre Einkünfte nicht
in Euro und Cent genau ange-
ben, sondern in zehn Stufen
einordnen. Die höchste ist
mit „über 250000 Euro“ defi-
niert, Bezüge darüber hinaus
müssen nicht näher beziffert
werden. Nebenverdiener gibt
es in allen Fraktionen des
Bundestags. Jeder vierte Par-
lamentarier lässt sich einen
Zusatzjob bezahlen. Von den
CSU-Abgeordneten sind es
sogar 45 Prozent. Unter den
13 Topverdienern des Bundes-
tags mit 100000 Euro und
mehr finden sich elf Parla-
mentarier der Union, darun-
ter die Nürnberger CSU-Ab-
geordnete Dagmar Wöhrl so-
wie die CDU-Außenpolitiker
Norbert Röttgen und Philipp
Mißfelder. che, heb
tion im Bundestag, soll nach
Taubers Willen eine neue Ab-
teilung für Kommunikation
führen. Doch obwohl Berg-
mann schon im Juni ein Ge-
spräch bei CDU-Chefin An-
gela Merkel absolvierte und
Anfang Juli seinen Abschied
von der Fraktion gefeiert hat,
kann er den Posten nicht
antreten. Der Be-
triebsrat verwei-
gert dem Querein-
steiger seine Zu-
stimmung. Damit
ist Tauber mit ei-
nem zentralen Teil
seiner Reform -
pläne vorerst aus-
gebremst. ama
Asylbewerber
Anspruch auf
psychologische Hilfe
Die Bundesregierung will
minderjährigen und traumati-
sierten Asylsuchenden einen
Anspruch auf psychologische
Hilfe gewähren. Das geht aus
einer Antwort des Bundesso-
zialministeriums auf eine An-
frage der Grünen-Bundestags-
fraktion hervor. Die novellier-
te EU-Aufnahme-Richtlinie,
die bis Mitte 2015 in deut-
sches Recht umgesetzt wer-
den müsse, umfasse im Be-
darfsfall „auch eine geeignete
psychologische Betreuung“,
heißt es. Die Bundesregie-
rung werde die Umsetzung
„alsbald in Angriff nehmen“.
Luise Amtsberg, Flüchtlings-
expertin der Grünen-Frak -
tion, reicht das nicht. Ebenso
wie Ärzte und Sozialverbän-
de hält sie die medizinische
Versorgung von Flüchtlingen
grundsätzlich für unzurei-
chend. „Angesichts der zahl-
reichen Fälle schwerer Ge-
sundheitsschäden von Asylbe-
werbern verleugnet die Bun-
desregierung die strukturel-
len Defizite.“ Die Leistungen
für Asylbewerber sehen nur
eine Versorgung bei akuten
Erkrankungen vor. Chroni-
sche Krankheiten werden im
Regelfall nicht behandelt. cos
CDU
Betriebsrat bremst
Generalsekretär aus
Peter Tauber, 39, General -
sekretär der CDU, stößt mit
seinen Plänen für den Umbau
der Parteizentrale auf Wider-
stand. Sowohl der Betriebsrat
als auch Bundesgeschäftsfüh-
rer Klaus Schüler sind wenig
begeistert von seinen Ideen,
wie die Abteilungen des Kon-
rad-Adenauer-Hauses straffer
strukturiert wer-
den könnten. Der
Streit kulminiert
in der Blockade
einer für Tauber
wichtigen Perso -
nalie: Frank Berg-
mann, 47, langjäh-
riger Online-Chef
der Unionsfrak -
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Ein Impressum mit dem Verzeichnis der Namenskürzel aller Redakteure finden Sie unter www.spiegel.de/kuerzel
Pro-Snowden-Demonstration in Berlin
Linke und Grüne im NSA-Untersuchungs-
ausschuss haben die Bundesregierung
ultimativ aufgefordert, den Weg für eine
Zeugenbefragung Edward Snowdens in
Deutschland doch noch frei zu machen.
Andernfalls will die Opposition umgehend
vor das Bundesverfassungsgericht ziehen.
In einem gemeinsamen Antrag verlangen
Martina Renner (Linke) und Konstantin
von Notz (Grüne), dass die Ausschussmehr-
heit spätestens in der ersten Sitzung nach
der Sommerpause ihren Beschluss revi-
diert, Snowden nicht nach Deutschland zu
laden. Zugleich fordern sie die Bundesre-
gierung auf, „unverzüglich“ die Vorausset-
zungen für eine Vernehmung zu schaffen.
Insbesondere müsse Snowden ein „wirksa-
mer Auslieferungsschutz“ garantiert wer-
den. Linke und Grüne begründen ihren An-
trag damit, dass Snowdens Anwalt inzwi-
schen eine Videobefragung des Zeugen in
Moskau abgelehnt hat. Außerdem habe die
Spionageaffäre mit der Enttarnung eines
CIA-Maulwurfs im BND und einem weite-
ren Verdachtsfall im Verteidigungsministe-
rium eine neue Eskalationsstufe erreicht.
„Es gibt keinen juristischen, aber nach den
beiden vermuteten Spionagefällen auch
eindeutig keinen politischen Grund mehr
für die Bundesregierung, den Untersu-
chungsausschuss zu blockieren“, sagt die
Linken-Abgeordnete Renner. „Wir bauen
mit diesem Antrag der Bundesregierung
eine letzte Brücke zur Rechtsstaatlichkeit“,
so der Grünen-Abgeordnete Notz. Sollten
sich Union und SPD verweigern, „dann ist
eine Klärung der Frage vor dem Bundes-
verfassungsgericht unvermeidbar“. jös
NSA-Affäre
Ultimatum für Snowden-Anhörung
Tauber
Afghanistan
Bundesregierung
gegen Todesurteil
Die Bundesregierung will im
Fall der in Ostafghanistan
ermordeten deutschen Foto-
grafin Anja Niedringhaus ver-
hindern, dass die lokale Jus-
tiz eine Todesstrafe verhängt.
Bereits bei der erstinstanz -
lichen Verhandlung gegen
einen afghanischen Polizisten,
der die preisgekrönte Repor-
terin der Agentur Associated
Press am 4. April erschossen
und ihre Kollegin Kathy Gan-
non schwer verletzt haben
soll, drängte ein anwesender
Diplomat darauf, dass eine
mögliche Todesstrafe in eine
lange Gefängnisstrafe umge-
wandelt wird. Die Bundes -
republik engagiert sich grund-
sätzlich gegen Todesurteile,
das gilt vor allem in diesem
symbolischen Fall mit einem
deutschen Opfer. Am vergan-
genen Dienstag hatte ein Ka-
buler Gericht in nicht öffentli -
cher Sitzung rund zwei Stun-
den über den Fall des 23-jäh-
rigen Polizisten Naqibullah
verhandelt und ihn dann zum
Tode verurteilt. Die Strafe
muss noch durch ein über -
geordnetes Gericht bestätigt
und vom Präsidenten geneh-
migt werden. Die Motive des
Mannes sind weiter unklar.
Nach der Tat hatte der Poli-
zist aus einer finanziell soli-
den Familie in der Provinz
Parwan von einem Racheakt
an den beiden westlichen
Frauen gesprochen, da ein
Bombardement der Isaf-Trup-
pen im Januar 2014 in seinem
Dorf viele zivile Opfer gefor-
dert habe. Später berichtete
der Polizist, der 2012 in die
Afghan National Police einge-
treten und von US-Mentoren
in Masar-i-Scharif in einem
Schnellkurs ausgebildet
worden war, von einer psy-
chischen Störung. Er be-
schrieb eine Art epileptischen
Anfall, dies wird von deut-
schen Ermittlern allerdings
als Schutzbehauptung gewer-
tet. Bei umfangreichen Re-
cherchen, die eine Überprü-
fung aller Telefonanrufe des
Polizisten vor der Tat ein-
schlossen, wurden nach der
Tat zwar Hinweise auf eine
antiwestliche Haltung des
Mannes gefunden, deretwe-
gen er nach der Ausbildung
in die Provinz versetzt wor-
den war; Indizien für eine
Indoktrinierung durch die
Taliban aber gibt es nicht.
Die Deutsche Botschaft in
Kabul soll das weitere Ver -
fahren nun genau beobach-
ten. Bis zu einem rechtskräfti-
gen Urteil, das erst in einigen
Monaten erwartet wird, führt
der Generalbundesanwalt in
Karlsruhe weiter ein Ermitt-
lungsverfahren gegen den
afghanischen Polizisten. mgb
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Deutschland
Manchmal lässt sich die Wahr-
heit kurz zusammenfassen:
„Friedens-Demos, auf denen
Hass gegen Juden gepredigt
wird, sind Kriegsdemos.“ Petra
Pau hat diese Meldung neulich
über Twitter abgesetzt. Und
weil sie eine Politikerin der Lin-
ken ist, hat sie sicherheitshalber
hinzugefügt, solche Demon -
strationen seien „niemals links“.
So schauerlich es ist – solche Hinweise sind in Deutsch-
land wieder notwendig.
Der israelische Botschafter Yakov Hadas-Handelsman
entsetzt sich zu Recht über den Hass in aller Öffentlich-
keit. Und diese Öffentlichkeit reagiert selber erschrocken.
Aber gleichzeitig verfangen sich manche Kommentatoren
in der Falle des „Ja, aber ...“: Ja, wir verurteilen die anti-
semitischen Parolen auf deutschen Straßen. Aber wir soll-
ten nicht ihren Ursprung im maßlosen Krieg Israels gegen
Gaza vergessen. Diese Argumentation geht fehl.
Es ist ein historisches Paradox, dass sich das Vorurteil
der modernen Antisemiten mit dem Postulat so mancher
vorgeblicher Israel-Freunde deckt: Die Politik der israeli-
schen Regierung wird mit dem Staat Israel gleichgesetzt.
Und der Staat Israel mit dem Judentum. Aber das ist
falsch. Man kann Premier Benjamin Netanjahu kritisie-
ren, ohne Israel infrage zu stellen, und man kann über Is-
rael sprechen, ohne das Judentum zu meinen. Die logi-
sche Verknüpfung dieser drei Begriffe – Regierungspoli-
tik, Israel, Juden – ist unzulässig.
Der beste Beweis: Die klügsten Kritiker der israelischen
Regierungspolitik sitzen in Israel. Der Psychologe Carlo
Strenger, Leiter des Graduiertenprogramms für Klinische
Psychologie an der Universität Tel Aviv, der gute Gründe
nennen kann, warum es so vielen Israelis schwerfällt, Frie-
den mit ihren Nachbarn zu schließen. Oder der Schriftsteller
David Grossman, der seinen Sohn im Libanon-Krieg verlo-
ren hat und nicht hinnehmen will, dass Israel sich bereitwil-
lig der Verzweiflung des Krieges ergibt, und jede Hoffnung
auf Frieden hat fahren lassen. Und überall auf der Welt gibt
es Juden, die sich, wie die Philosophin Judith Butler es for-
muliert hat, auf „ein anderes Jüdischsein berufen als das, in
dessen Namen der israelische Staat zu sprechen behauptet“.
Nicht der Krieg in Gaza und nicht das Scheitern der is-
raelischen Besatzungs- und Siedlungspolitik sind Ursache
des Antisemitismus. Für ihren Hass gegen die Juden brau-
chen die Antisemiten keine Neuigkeiten aus Israel. Was
Adorno das „Gerücht über Juden“ nannte, nährt sich
selbst. Ganz gleich ob es sich um muslimische Einwande-
rer oder um einheimische Judenfeinde handelt: Im Anti-
semitismus fließen Menschenhass, Rassismus, Esoterik
und Verschwörungstheorien zusammen.
Wer es noch nicht gewusst hat, kann es jetzt lernen:
Weder die „Aufarbeitung“ der Nazi-Vergangenheit im
Westen noch die Tradition des „Antifaschismus“ im Os-
ten haben Deutschland immun gemacht gegen den Anti-
semitismus. Es gibt ihn. Wir müssen ihn bekämpfen.
An dieser Stelle schreiben drei Kolumnisten im Wechsel. Nächste Woche ist
Jan Fleischhauer an der Reihe, danach Juli Zeh.
Jakob Augstein Im Zweifel links
Historisches Paradox
Niedringhaus 2011
sinnvoll – fehlen Geld und
Personal. Ich habe noch kei-
ne Lösung in petto. Aber es
darf nicht sein, dass die Men-
schen weiter so unvernünftig
sind. Sie gefährden ja nicht
nur sich selbst, sondern auch
die Rettungsschwimmer.
SPIEGEL: Wie teuer könnte ein
Verstoß gegen die Vernunft
werden?
Jäger: Ein Bußgeld zwischen
50 und 1000 Euro halte ich
für realistisch. Letzteres zum
Beispiel, wenn jemand seine
Kinder trotz roter Flagge mit
ins Wasser nimmt. aar
Kunstwerken und Oldtimern
für ihren Mann betrogen ha-
ben soll, reichten die Anwäl-
te der Discounter-Dynastie
nun eine Zivilklage über 19,3
Millionen Euro ein. Darin
wird erstmals der Verdacht
geäußert, dass Achenbach bei
einem Paketkauf von Oldti-
mern getrickst haben könnte.
Den Albrecht-Anwälten zu-
folge hatte eine Achenbach-
Firma im August 2012 bei ei-
nem Händler in Süddeutsch-
land sieben Oldtimer für ins-
gesamt 16,8 Millionen Euro
eingekauft. Zwei der Fahrzeu-
ge, ein Ferrari 250 Berlinetta
und ein Ferrari 250 California
Spider, die Achenbach an
Albrecht weiterverkaufte, sol-
len mit überzogenen Preisen
einen besonders hohen An-
teil am Paket ausgemacht ha-
ben. Dagegen sollen fünf wei-
tere Fahrzeuge, die Achen-
Badeverbot
„Wir sind keine
Hilfssheriffs“
Armin Jäger, 73,
Jurist, Exinnen -
minister von
Mecklenburg-
Vorpommern und
Präsident des
DLRG-Landes -
verbands, über Bußgelder
für leichtsinnige Badegäste
SPIEGEL: Mehrere Menschen
sind in den vergangenen Ta-
gen in der Ostsee gestorben,
nun wird über ein Bußgeld
für leichtsinnige Schwimmer
diskutiert. Was halten Sie
von dem Vorschlag?
Jäger: Ich kann ihn gut nach-
vollziehen. Früher wollte ich
kein Bußgeld am Strand. Ich
dachte, es sei genug, an die
Vernunft der Badegäste zu
appellieren. Ich habe mich
geirrt.
SPIEGEL: Das heißt, am Strand
drohen uns bald Knöllchen?
Jäger: Nicht so schnell. Das
Bußgeld ist zwar eine gute
Idee, und aus juristischer
Sicht dürfen die Gemeinden
es auch verhängen. Aber in
der Praxis wird es kaum um-
setzbar sein. Das fängt schon
mit den Personalien an, es
trägt ja niemand seinen Aus-
weis in der Badehose. Und
wer soll die Ordnungswidrig-
keiten überhaupt ahnden?
Unseren Rettungsschwim-
mern will ich das nicht zu -
muten.
SPIEGEL: Inwiefern wäre das
eine Zumutung?
Jäger: „Sie haben mir gar nix
zu sagen!“ Das ist so ein typi-
scher Pöbelsatz, den unsere
überwiegend sehr jungen Ret-
tungsschwimmer am Strand
hören. Sie werden kaum als
Autoritäten wahrgenommen
und sind auch nicht für Kon-
fliktsituationen ausgebildet.
Wir holen Leute aus dem
Wasser, wir sind keine Hilfs-
sheriffs.
SPIEGEL: Wer soll Ihrer Mei-
nung nach dann am Strand
patrouillieren?
Jäger: Darum müssen sich die
Gemeinden kümmern. Aber
für regelmäßige Kontrollen –
und nur dann ist eine Strafe
Die Zulassung von Transportbehältern
(Castoren) für Brennelemente aus Siede-
wasserreaktoren verzögert sich weiter. Das
räumte die Bundesregierung gegenüber der
Grünen-Bundestagsabgeordneten Sylvia
Kotting-Uhl ein. Grund seien fehlende
Antragsunterlagen der Gesellschaft für Nu-
klear-Service (GNS), die den großen Strom-
konzernen gehört. Eigentlich sollte das Ver-
fahren seit Ende März abgeschlossen sein.
Die Castoren sind wichtig, um die im Zuge
der Energiewende stillgelegten Reaktoren
von Kernbrennstoff räumen zu können. In-
zwischen gehen manche Betreiber offenbar
davon aus, dass dies erst ab 2020 der Fall
sein wird. Ein GNS-Sprecher bestätigte die
Verzögerung, er rechne aber mit einer
Zulassung in den kommenden Wochen. mif
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Atomkraft
Ohne Castoren kein Rückbau
Wärmebild eines Atommüllbehälters
Affären
Betrug mit
Autopaket?
Der Düsseldorfer Kunst -
händler Helge Achenbach,
der nach Betrugsvorwürfen
in Untersuchungshaft sitzt,
sieht sich einem neuen Ver-
dacht ausgesetzt. Nachdem
Babette Albrecht, Witwe des
2012 verstorbenen Aldi-Er-
ben Berthold Albrecht, schon
im April Strafanzeige gegen
Achenbach erstattet hatte,
weil der beim Einkauf von
bach in seiner Firma State of
the Art behielt, umso billiger
berechnet worden sein. Zum
Beleg verweist die Albrecht-
Seite in ihrer Klage auf die
Mail eines Achenbach-Ver-
trauten an Achenbach und
dessen Buchhaltung. Darin
hieß es unter der Betreffzeile
„Fahrzeug-Bepreisung“ zu
den fünf Fahrzeugen für die
State of the Art, man habe
bei ihrem Preis das „Gerings-
te“ genommen, was irgend-
wie gehe. Daraufhin folgen
eine Liste mit Einzelpreisen
für diese fünf Typen und der
Satz: „Macht in Summe
974000 Euro – alles darunter
ist höchstverdächtig …“ Eine
Achenbach-Sprecherin wollte
dazu keine Stellung nehmen,
da man den Vorgang bisher
nicht kenne. Achenbach
selbst hat bisher sämtliche
Vorwürfe zurückgewiesen.
Insbesondere habe er nicht
hinter dem Rücken von
Berthold Albrecht versteckte
Gewinnmargen beim Einkauf
von Kunstwerken und Old -
timern kassiert. Mit einer
Haftbeschwerde waren seine
Anwälte vergangene Woche
gescheitert. amp, bas, gla, js
Achenbach
Der Augenzeuge
„Seit 3.40 Uhr weg“
Werner Schneider-Quindeau, 64, wagte als Pfar-
rer der evangelischen Stadtkirche in Frankfurt
am Main zusammen mit einem Künstler ein
Experiment: 54000 Ein-Cent-Münzen, die zu
Buchstaben aufgehäuft das Wort „Vertrauen“
bildeten, wurden vor einer Kirche ausgelegt.
Nach 15 Stunden war das Geld weg.
Das Projekt passte hervorragend zu einer Ausstellung
über „Geld und Macht“, die wir in der Katharinenkirche
in Frankfurt veranstalten. Der Künstler Ralf Kopp hat
dazu ein Geldkunstwerk entwickelt. Wir wollten wissen,
ob das Wort „Vertrauen“ vor einer Kirche so viel Respekt
einflößt, dass nichts oder nur wenig weggenommen wird.
Zur Eröffnung fragten wir, wie lange das Wort wohl zu
sehen sein wird. Etwa die Hälfte der Anwesenden meinte,
die Münzen würden 14 Tage lang bis zum Ende der Aus-
stellung liegen bleiben. Die anderen glaubten, dass nach
einer Nacht nicht mehr viel übrig sein werde. Die Pessi-
misten hatten leider recht. Dabei hatten am Anfang eini-
ge Passanten sogar noch Münzen dazugelegt. Ich bin
nachts um halb eins noch einmal mit dem Fahrrad vorbei-
gefahren, da wirkten die Buchstaben noch intakt. Später
änderte sich das aber schnell. Durch eine Kamera, die wir
am Dach angebracht hatten, konnte man sehen, wie nach
2 Uhr jemand mit einem Rucksack kam und ihn mit Mün-
zen füllte. Der holte sich kurz darauf sogar noch eine
zweite Ladung. Später rückten andere Leute mit Tüten
und Rucksäcken an und bedienten sich. Am nächsten
Morgen, kurz nach 9 Uhr, bekam ich eine Mail von Ralf
Kopp: „Guten Morgen lieber Werner, die Gier hat ge-
siegt“, schrieb er, „das Vertrauen ist seit 3.40 Uhr weg.“
Selbst die Kreideskizze, die als Schablone für die Buch-
staben diente, hatte die Straßenreinigung weggeputzt.
Trotzdem bin ich total zufrieden mit dem Experiment,
dem wir den Titel „Gier frisst Vertrauen“ gegeben haben.
Wir haben damit in der Stadt eine tolle Diskussion darüber
ausgelöst, was Vertrauen eigentlich ist und warum Geld-
wirtschaft ohne Vertrauen ebenso wenig funktioniert wie
Kirche. Und es gab auch eine sehr schöne Geschichte:
Als noch Münzen herumlagen, kam eine Gruppe Jugend-
licher vorbei und holte einen Obdachlosen dazu, der sie
vorher um eine Zigarette und Kleingeld gebeten hatte.
Dem haben die jungen Leute geholfen, die Münzen in
eine Tüte und in seine Jacke zu packen. Der Obdachlose
hat sich tausendmal bedankt und wollte das Geld mit sei-
nen Kollegen teilen. Ralf Kopp will jetzt in München und
Berlin „Freiheit“ und „Demokratie“ mit Cent-Münzen
legen. Mal sehen, wo sich die Wörter am längsten halten.
Aufgezeichnet von Matthias Bartsch
15 DER SPIEGEL 31 / 2014
Deutschland
Einsatzkosten der Polizei
Bundesligasaison 2013/14, in Millionen Euro
*
*
ohne Nebenkosten,
bei 60 € pro Stunde
Quelle: ZIS
gesamt
39 Mio. €
4,0
3,8
3,2
2,9
2,8
2,5
2,2
2,0
1,9
1,9
1,8
1,8
1,7
1,6
1,5
1,3
1,2
1,0
Eintracht Braunschweig
FC Schalke 04
Borussia Dortmund
SV Werder Bremen
Bayern München
Hannover 96
1. FSV Mainz 05
VfB Stuttgart
Hertha BSC
VfL Wolfsburg
Borussia Mönchengladbach
Eintracht Frankfurt
Hamburger SV
1. FC Nürnberg
SC Freiburg
FC Augsburg
Bayer 04 Leverkusen
TSG 1899 Hoffenheim
Polizei
Einsatz für Fußball
Die Absicht Bremens, die
Fußballbundesliga an den
Kosten der Polizeieinsätze bei
Spielen zu beteiligen, wird
bisher von den anderen Län-
dern nicht unterstützt. Dabei
zeigen unveröffentlichte Da-
ten der Zentralen Informa -
tionsstelle Sporteinsätze, wie
groß der personelle Einsatz
der Polizei ist. Demnach leis-
teten die Beamten der Länder
in der abgelaufenen Saison
mehr als 650000 Stunden für
Bundesligaspiele. Der größte
Aufwand wurde am 6. April
dieses Jahres betrieben: Beim
Spiel Braunschweig gegen
Hannover kümmerten sich
3181 Beamte um 23150 Sta -
dionbesucher. Zusätzlich zu
den Beamten der Länder sind
an den Spieltagen Bundespoli-
zisten unterwegs zur „Über-
wachung des Fanreisever-
kehrs“ an Bahnhöfen. In der
Saison 2012/13 waren dafür
pro Woche durchschnittlich
2140 Beamte nötig. Kosten:
27,8 Millionen Euro. Nicht be-
rücksichtigt sind in den Rech-
nungen erhebliche Ausgaben
für Transport und Übernach-
tung der Beamten. mif
Manager
Middelhoffs leere
Taschen
Nach Taschenpfändung und
Drohungen mit Erzwingungs-
haft hat der frühere Arcandor-
Chef Thomas Middelhoff am
vergangenen Freitag in Essen
eine Vermögensauskunft abge-
geben – im Volksmund auch
Offenbarungseid genannt. Mit
dem Schritt kam Middelhoff
der Forderung des Münchner
Unternehmensberaters Ro-
land Berger nach, der aus ei-
ner ehemaligen Geschäftspart-
nerschaft noch 6,8 Millionen
Euro von ihm fordert. Auch
Middelhoffs Exvermögens -
berater Josef Esch hat einen
Vollstreckungstitel über 2,5
Millionen Euro gegen ihn in
der Hand. Middelhoff hatte
die Vermögensauskunft im
letzten Moment mit einem
Antrag vor dem Landgericht
Bielefeld abwenden wollen.
Allerdings verlangte das Ge-
richt dafür Sicherheitsleistun-
gen in Höhe von knapp acht
Millionen Euro, die der Mana-
ger bis Freitag offenbar nicht
stellen konnte. Sein Anwalt
war für eine Stellungnahme
am vergangenen Freitag nicht
zu erreichen. amp, bas, gla, js
Deutschland
16 DER SPIEGEL 31 / 2014
Der Kita-Betrug
Erziehung Der Ausbau war rasant, auf der Strecke blieb die Qualität der Tagesstätten.
Experten fordern bundesweite Mindeststandards. Die wollte Familienministerin
Schwesig eigentlich auch, doch in ihrem neuen Qualitätsgesetz findet sich dazu nichts.
Kinder in der Kita Sonnenschein in Potsdam: An guten Tagen neun oder zehn Kleinkinder pro Erzieherin, an schlechten mehr F
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ergangenen Mittwoch war es wie-
der so weit, Constanze Friedrich
musste alles stehen und liegen las-
sen und in ihre Kita eilen. Eine ihrer Mit-
arbeiterinnen hatte sich krankgemeldet,
eine Erzieherin hätte auf 17 Kleinkinder
aufpassen müssen. Also sagte die Leiterin
der Potsdamer Kindertagesstätte Sonnen-
schein alle Termine ab und übernahm den
Dienst selbst. Sie kennt das schon: „Das
ist Alltag, dass wir uns das zurechtbiegen
müssen.“
Die Kita Sonnenschein gilt als Vorzeige -
projekt, sie wird vom Bundesfamilien -
ministerium zusätzlich gefördert, das den
Krippenausbau zu einer seiner wichtigsten
Aufgaben erklärt hat. Wer auf die Website
der Einrichtung geht, sieht viele fröhliche
Kindergesichter. Maximal sechs Kinder
unter drei Jahren teilen sich eine Erziehe-
rin, so schreibt es das Kita-Gesetz in Bran-
denburg vor, aber das ist nicht die Wirk-
lichkeit, auch nicht beim Sonnenschein:
An guten Tagen kommen neun bis zehn
Kinder auf jede Fachkraft, an schlechten
mehr.
Friedrich leidet unter der Situation. Sie
nimmt ihre Arbeit ernst und will, dass es
den ihr anvertrauten Kindern gut geht.
Aber auch die beste Erzieherin kann nicht
allen zuhören und zehn Kindern gleichzei-
tig aufs Töpfchen helfen. Friedrich, schwar-
zer Kajalstrich, auberginefarbenes Haar
und neun Ohrringe, vier rechts, fünf links,
schüttelt resigniert mit dem Kopf: „So haut
es hinten und vorne nicht hin.“
Seit einem Jahr gilt in Deutschland der
Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz
für Ein- und Zweijährige. Keine familien-
politische Aufgabe der vergangenen Jahre
ist von Politikern aller Parteien für ähnlich
wichtig befunden worden, keine andere
sollte gleichzeitig so viele Probleme lösen:
Mütter und Väter sollen endlich ohne
schlechtes Gewissen aus dem Haus gehen
können, Familie und Beruf sollen auch in
Deutschland zusammenpassen, sozial be-
nachteiligten Kindern der Bildungsaufstieg
erleichtert werden. So wurde in der Kita-
Welt gegründet, vergrößert und saniert,
um die ehrgeizigen Pläne zu erfüllen.
Was den Ausbau angeht, ist das Land
ein großes Stück vorangekommen. Vor an-
derthalb Wochen verkündete Bundesfami-
lienministerin Manuela Schwesig einen
neuen Rekord: 661965 unter Dreijährige
werden morgens zur Betreuung gegeben.
Das ist ungefähr ein Drittel aller Kinder
in dieser Altersgruppe. Und dabei wird
es nicht bleiben: Der Kita-Ausbau gehe
mit hohem Tempo voran, verkündete die
Ministerin stolz. Der Bedarf werde zwar
noch nicht ganz gedeckt, aber man sei auf
einem guten Weg.
Doch Kinder sind keine Möbel. Es reicht
nicht aus, sie in einen Raum zu setzen, es
muss auch jemand da sein, der sich um sie
ung verbessert werden müsse. Als eine
ihrer ersten Amtshandlungen versprach
Schwesig im Dezember ein „Kita-Quali-
tätsgesetz“, das endlich sicherstellen soll,
dass die Kinder, die von ihren Eltern in
Kindertagesbetreuung gegeben werden,
dort nicht nur verwahrt werden.
Bislang hängt die Betreuungsqualität
vom Zufall und der Haushaltslage der Bun-
desländer ab. Viele Experten mahnen seit
Längerem eine bundesweite Regelung an,
die zumindest sagt, für wie viele Kinder
ein Erzieher verantwortlich sein darf, wel-
che Qualifikationen das Personal braucht
und wie die Weiterbildung auszusehen hat.
Schwesig will bald ein Gesetz für den
Kita-Bereich vorlegen, an dem ihr Minis-
terium seit Monaten arbeitet. Im August
soll der Text zur Abstimmung ins Kabinett.
Das zehnseitige Papier trägt die Qualität
im Namen, doch wer auf Mindeststandards
hoffte, wird enttäuscht. Das „Gesetz zum
qualitativen Ausbau in der Kindertages -
betreuung“ legt lediglich fest, wie viel
Geld die Länder vom Bund bekommen,
wenn sie den Kita-Ausbau weiter voran-
treiben.
In dem Entwurf ist viel von „Neubau“,
„Ausbau“, „Umbau“, „Sanierung“ und
„Renovierung“ die Rede. Im Detail ist auf-
gelistet, wie man sich die Finanzierung vor-
stellt. Es wird zwischen „Gemeinschafts -
finanzierung“, „Zusatzfinanzierung“ und
„Eigenaufwendungen der Länder“ unter-
schieden. Auch Ganztagsangebote sollen
von den 550 Millionen Euro, die das Gesetz
an die Länder verteilt, gefördert werden.
Wer allerdings nach Qualitätsstandards
sucht, der sucht vergebens. In keinem Satz
wird ausgeführt, wie sich das Familien -
17 DER SPIEGEL 31 / 2014
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kümmert. Kinder brauchen Zuwendung
und Ansprache, je jünger sie sind, desto
mehr. Gerade bei den unter Dreijährigen
ist es nötig, dass die Erzieher die Entwick-
lungsschritte der Kleinen aufmerksam ver-
folgen können und dann entsprechend auf
sie eingehen. Genügend gute Pädagogen
sind der Schlüssel für den Erfolg früh -
kindlicher Bildung. Genau daran mangelt
es aber.
Wie schlecht die Situation in Wahrheit
ist, enthüllte am Freitag vergangener Wo-
che eine Studie der Bertelsmann-Stiftung.
Nur in zwei Bundesländern, nämlich Bre-
men und Baden-Württemberg, ist eine
quantitative Betreuung sichergestellt, wie
sie Erziehungswissenschaftler empfehlen.
Bei den Kleinen sollte ein Erzieher für
höchstens drei Kinder verantwortlich sein,
bei den Älteren wird ein Personalschlüssel
von eins zu siebeneinhalb empfohlen. Legt
man diese Anforderungen zugrunde, feh-
len dem Land 120000 Erzieher und Erzie-
herinnen. Rund fünf Milliarden Euro würde
das zusätzliche Personal kosten, pro Jahr.
Was die Studie noch nicht berücksichtigt
hat, ist die Zahl der Stellen, die in den kom-
menden Jahren neu besetzt werden müs-
sen, weil Fachkräfte in Rente gehen oder
einfach nicht mehr wollen. Bis zum Jahr
2025 sind das 200000, wie die Technische
Universität Dortmund berechnet hat.
Wie es in den Kitas wirklich aussieht,
weiß natürlich auch Manuela Schwesig.
Seit zehn Jahren macht die Sozialdemo-
kratin Familienpolitik, 2008 wurde sie Mi-
nisterin in Mecklenburg-Vorpommern, seit
Regierungsaufnahme von Schwarz-Rot ist
sie es im Bund. Immer wieder hat sie ge-
fordert, dass die Qualität bei der Betreu-
Sozialdemokratin Schwesig: Hinter die eigenen Erwartungen zurückgefallen
Deutschland
ministerium eine Betreuung vorstellt, die
diesen Namen auch verdient. Das Einzige,
was sich irgendwie unter dem Begriff Qua-
lität verorten lässt, sind „Ausstattungs -
investitionen“: Wenn Kitas beim Ausbau
auf Gesundheitsförderung oder die Bar-
rierefreiheit achten, werden sie zukünftig
gefördert. Besseres Mittagessen und mehr
Hilfen für Behinderte, mehr findet sich
nicht. Warum der Entwurf dennoch „Ge-
setz zum qualitativen Ausbau“ heißt,
begründet Staatssekretär Ralf Kleindiek
damit, dass diese Vorschriften die Qualität
in Deutschlands Kindertagesstätten ver-
bessern würden.
Ein Problem ist, dass Schwesig in den
Gesprächen mit dem Finanzminister
schlecht verhandelt hat. Sechs Milliarden
Euro hatte der Bund den Ländern als Ent-
lastung für den Bildungsbereich verspro-
chen – für Kitas, Schulen und Hochschulen.
So steht es im Koalitionsvertrag. Doch ob-
wohl die Landesfamilienminister davon
zwei Milliarden Euro für die Kitas forder-
ten, kam Schwesig Ende Mai nur mit 550
Millionen Euro aus den Verhandlungen zu-
rück. Für 2017 und 2018 sicherte sie noch
einmal 100 Millionen Euro Betriebskosten.
Für substanzielle Qualitätsverbesserungen
reicht das bei Weitem nicht, selbst hinter
der OECD-Empfehlung zur öffentlichen
Kinderbetreuung bleibt Deutschland damit
zurück. Um das OECD-Ziel von einem
Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu er-
reichen, müssten Bund und Länder Jahr
für Jahr ungefähr neun Milliarden Euro
drauflegen. Dagegen steht die Schulden-
bremse, die inzwischen in vielen Landes-
verfassungen verankert ist.
Immer mehr Eltern wollen oder müssen
ihre Kinder in die Obhut staatlicher oder
privater Betreuer geben. 41,7 Prozent der
Eltern wünschten sich im vergangenen
Jahr einen Kita-Platz, mehr als je zuvor.
Doch vielen ist unwohl bei dem Gedanken,
ihren Nachwuchs fremden Menschen zu
überlassen, wenn sie feststellen müssen,
dass für das Wohl der Kleinen nicht ange-
messen gesorgt werden kann.
Weil es keine verbindlichen Mindest-
standards gibt, kann sich auch niemand
darauf verlassen, dass immer ausreichend
ausgebildete Erzieherinnen vor Ort sind.
In jedem Land gibt es andere Regeln, wer
mit welcher Ausbildung in Kindertages-
stätten arbeiten darf. In Baden-Württem-
berg reichen bei bestimmten Berufen
25-tägige Schulungen, während die klas -
sische Erzieherausbildung im Durchschnitt
drei Jahre dauert. Kitas behelfen sich
außerdem mit Quereinsteigern und Prak-
tikanten.
Manche Eltern greifen zur Selbsthilfe,
um zu ersetzen, was in der Tagesstätte
fehlt. Björn Wendel steht Tag für Tag eine
Stunde früher auf, um seinen Zwillingen
Frühstück zu machen. Eigentlich bekamen
sie das in ihrer Elbkinder-Kita in Hamburg-
Harburg. Doch seit eine Praktikantin die
Frühschicht übernahm und nur noch ge-
langweilt neben seinen Mädchen saß, aßen
die Zwillinge nicht mehr richtig. Jeden
Morgen schnibbelt er Äpfel und Bananen,
rührt Joghurt an und schmiert Brote. Kin-
der brauchten einfach Bezugspersonen
und „nicht ständig wechselndes Personal“,
murrt Wendel.
Der Trend geht genau in die andere
Richtung. Weil die Personaldecke in vielen
Einrichtungen so dünn ist, dass jede Krank-
heit oder Schwangerschaft den Dienstplan
durcheinanderwirft, etabliert sich auch im
Kita-Sektor die Zeitarbeit. Lange waren
Kita-Leitungen skeptisch, weil sie das Per-
sonal nicht kannten. „Heute können die
sich so eine Haltung gar nicht mehr leis-
ten“, sagt Maike Gotthusen, die vier Jahre
als Zeitarbeiterin hinter sich hat.
Gotthusen wollte sich nicht so eng an
einen Träger binden. Immer wieder sah
sie, wie viel Verantwortung man den
jungen Leuten aus dem Freiwilligen Sozia-
len Jahr oder dem Bundesfreiwilligen-
dienst übertrug, „viel mehr als gut war“.
Wenn die Leitung ihre Bedenken nicht ver-
stand, wechselte sie lieber die Kita als
einfach danebenzustehen. „Im System ist
der Wurm drin“, sagt Gotthusen. Man
rackere sich ab, ohne die eigenen Quali-
tätsansprüche erfüllen zu können, das sei
sehr frustrierend.
Für Anfang November hat Schwesig ei-
nen Kita-Gipfel angekündigt. Dort wolle
sie mit Ländern, Kommunen, Gewerk-
schaften und Trägern in „einen regelmä-
ßigen Austausch zu Struktur- und Qua li -
tätsfragen“ treten, wie sie sagt. Mit kon-
kreten Maßnahmen sollten die Teilnehmer
allerdings nicht rechnen. Die Länder weh-
ren sich vehement gegen verbindliche
Standards, sie fürchten die Kosten. Und
Schwesig hat dem wenig entgegenzuset-
zen. Alles, was mehr Personal und bessere
Qualifizierung angehe, werde man „mit-
telfristig“ betrachten, heißt es aus ihrer
Ressortspitze, also eher in der nächsten
Legis laturperiode.
Zweifel an ihren Plänen hält Schwesig
jedoch für unangebracht. Sie spricht von
einem „wirksamen Paket für mehr und
bessere Qualität in der Kindertagesbetreu-
ung“. Außerdem, sagt sie, gehe sie davon
aus, „dass weitere Länder dem guten Bei-
spiel Niedersachsens folgen“.
Das gute Beispiel hat gerade der nieder-
sächsische Ministerpräsident Stephan Weil
geliefert: Das Geld, das er einspart, weil
der Bund ab nächstem Jahr die Bafög-
Kosten übernimmt, will er den Kitas geben.
Was Schwesig freut, hat Weil allerdings
einen bösen Brief von Bundesbildungs -
ministerin Johanna Wanka eingehandelt.
Darin ermahnt Wanka den Landeschef,
die frei werdenden Mittel gefälligst für
die Hochschulen einzusetzen, wie es ver-
abredet war.
Auch so kann man Politik betreiben:
Man holt aus einer Tasche heraus, was man
dann in die andere hineinsteckt.
Ann-Katrin Müller
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Bayern
Hessen
Niedersachsen
Nordrhein-Westfalen
Rheinland-Pfalz
Saarland
Schleswig-Holstein
ideales
Betreuungs-
verhältnis
Mecklenburg-
Vorpommern
Hamburg
Thüringen
Weniger ist mehr
Kinder unter 3 Jahren pro Erzieher*
Brandenburg
Sachsen
Sachsen-Anhalt
7
6
5
3
4
*Personalschlüssel ohne Leitungsstunden, mittlere
Betreuungsquote in öffentlich geförderter Tagesbetreuung
Stand: März 2013, Quelle: Bertelsmann Stiftung
Baden-Württemberg
Bremen
Kita-Leiterin Friedrich, Kollege René Klostermann
„Haut hinten und vorne nicht hin“
Deutschland
SPIEGEL: Herr Trittin, wir müssen zugeben,
wir vermissen Sie.
Trittin: Eine Selbstbezichtigung von SPIE-
GEL-Redakteuren ist schon einmal ein gu-
ter Anfang. Aber nun bin ich ja bei Ihnen.
SPIEGEL: Seit Sie weg sind, ist bei den Grü-
nen eine furchtbare Harmlosigkeit ausge-
brochen. Ihr Nachfolger Anton Hofreiter
ist wegen seiner Haarpracht im Gespräch,
von Katrin Göring-Eckardt weiß man vor
allem, dass sie nett ist. Den größten Erfolg
hatte in den vergangenen Wochen ein Vi-
deo, in dem sich die Europaabgeordneten
der Grünen wie Teenager begrüßen, die
gerade bei einer Party eingelaufen sind.
Trittin: Ich wusste, dass der Frieden mit Ih-
nen beiden schnell ein Ende haben würde.
Aber gut. Die heute Verantwortlichen in
meiner Partei sind in der schwierigen Si-
tuation, dass sie gegen eine Regierung Op-
position machen müssen, die ziemlich ge-
nau das umsetzt, was sie vor der Wahl an-
gekündigt hatte. Wir kennen das eigentlich
andersherum. Sowohl bei Merkel/Münte-
fering als auch bei Merkel/Westerwelle
kam nach der Wahl das Gegenteil von dem,
was vorher versprochen wurde. Da war es
natürlich leichter, auf die Tonne zu hauen.
SPIEGEL: Die Grünen sind offenbar in der
glücklichen Situation, über eine Anhän-
gerschaft zu verfügen, der es im Grunde
egal ist, wer die Partei anführt.
Trittin: Für Menschen, die links der Mitte
wählen, sind traditionell eher Programme
als Personen wichtig. Das ist für diejenigen,
die als Spitzenkandidaten vorne stehen,
keine schöne Botschaft, aber es ist so. Wir
machen jetzt in Baden-Württemberg ein
interessantes Experiment, indem wir dort
demnächst einen Wahlkampf führen, der
auf den grünen Ministerpräsidenten zuge-
schnitten ist. Das ist für uns ein Novum.
SPIEGEL: Die Grünen haben bei der vergan-
genen Bundestagswahl zwar nicht glän-
zend abgeschnitten, aber 8,4 Prozent wa-
ren immer noch das drittbeste Ergebnis
ihrer Geschichte. Im Nachhinein wundert
man sich über die tiefe Zerknirschung, die
Ihre Partei anschließend erfasst hat.
Trittin: Wir sind angetreten, um eine andere
Regierung zu bilden. Wenn sich dann ab-
zeichnet, dass es dazu nicht kommen wird,
erlahmt schlagartig das Interesse. Wir hat-
ten keine Machtoption, nirgends. Grüne
werden heute nicht mehr gewählt, weil sie
besonders gut Opposition können. Grüne
werden gewählt, damit sich real etwas än-
dert. Als es drauf ankam, Stefan Mappus
in Rente zu schicken, weil er unerträglich
geworden war, oder David McAllister und
die Hühnermafia in Niedersachsen abzu-
setzen, waren wir stark. Da gab es die reel-
le Chance auf Machtwechsel.
SPIEGEL: Im Wahlkampf konnte man von
führenden Grünen hören: Unsere Wähler
sind so weit, dass sie ein Programm mit-
tragen, dass sie finanziell belastet.
Trittin: Das war im Einzelnen richtig, aber
in der Summe falsch. Ich kann Ihnen auch
den Punkt sagen, wo es kippte. Ein höhe-
rer Spitzensteuersatz war für die meisten
noch okay. Das bleibt auch vernünftig,
denn damit entlasten wir 90 Prozent der
Steuerzahler. Aber die Abschaffung des
Ehegattensplittings, das wollten viele nicht
mehr mittragen. Das ging dann doch zu
sehr gegen das eigene Lebensmodell, auch
in der Göttinger Südstadt.
SPIEGEL: Man könnte auch sagen: Der Wahl-
kampf zeigte die ganze Arroganz der Grü-
nen, die glaubten, sie seien dem Gegner
moralisch überlegen.
Trittin: Überhaupt nicht. Was stimmt: Die
Motive für die Wahl der Grünen sind an-
dere als für die Wahl der FDP. Die Wer-
tung, was besser oder schlechter ist, über-
lasse ich Ihnen. Im FDP-Milieu gilt ein hö-
herer Verdienst als Ausweis einer höheren
Leistung. Wer weniger hat, wird der Min-
derleistung verdächtigt. Leute, die freiwil-
lig einer Reduzierung ihres Nettoeinkom-
mens zustimmen, gelten da als bescheuert.
Das ist eine andere Morallogik als die grü-
ner Wähler.
SPIEGEL: Viele Ihrer Parteifreunde verlan-
gen, die Grünen sollten das Erbe der Libe-
ralen antreten. Was halten Sie davon?
Trittin: Man muss bei solchen Diskussionen
höllisch aufpassen, welche Fragen man los-
tritt. Wenn ich sage, wir sind die neue libe -
rale Partei, überlegen sich die Leute: War
da nicht die FDP? Insofern freut sich Herr
Lindner jedes Mal, wenn er hört, dass sich
die Grünen als Nachfolger anbieten. Und
die zweite Frage der Wähler ist: Wieso
20 DER SPIEGEL 31 / 2014
„Arroganz hat auch Vorteile“
SPIEGEL-Gespräch Der Ökopolitiker Jürgen Trittin über die Moralisierung von Politik,
die Grünen als Verbotspartei und sein Image als eingebildeter Pinsel
„Was Liberalität
angeht, müssen wir
uns vor keiner Partei
in Deutschland
verstecken.“
neu? Ich dachte, ihr seid Bürgerrechtler,
stimmt das gar nicht? Was die Liberalität
angeht, müssen wir uns vor keiner Partei
in Deutschland verstecken. Mittlerweile
finden es alle gut, dass die Grünen für
mehr Freiheit und Durchzug in dieser Ge-
sellschaft gesorgt haben. Aber das ist in
einem langen Kulturkampf gegen rechts
durchgesetzt worden.
SPIEGEL: Wenn keine Partei mehr für die in-
dividuellen Freiheitsrechte in Deutschland
getan hat als die Grünen, wie Sie sagen:
Was ist passiert, dass auch bei Ihnen viele
Leute der Meinung sind, die Partei müsse
weg von ihrem Image als Verbotspartei?
Trittin: Der Fehler ist: Wir wollen etwas än-
dern, was wir als schädlich erkannt haben.
Aber anstatt die Produktion anzugehen,
versuchen wir es über den Konsum. Neh-
men Sie den berühmten Veggie-Day. Ei-
gentlich wäre es ganz einfach: Wir ändern
das Baurecht so, dass man bestimmte Stäl-
le nicht mehr bauen kann. Wir streichen
den Tierhaltern die Subventionen, wir sor-
gen dafür, dass der Arzt die Medikamente,
die er verschreibt, nicht selber verkaufen
darf. Drei Maßnahmen, die sofort zu einer
Einschränkung der klima- und gesund-
heitsschädlichen Fleischproduktion beitra-
gen würden. Das wäre viel besser, als auf
die Erzeuger einzuwirken, indem wir ih-
nen die Nachfrage wegnehmen.
SPIEGEL: Wer den Anspruch hat, die Gesell-
schaft in eine friedliche, ökologische Zu-
kunft zu führen, kann nicht darauf warten,
dass die Bürger irgendwann aus innerer
Einsicht handeln. Warum stehen Sie nicht
einfach zu dem Verbotsimage?
Trittin: Natürlich will man als Grüner in der
Regierung umsetzen, was man vorher ge-
fordert hat. Doch die subkutane Botschaft
an die Anhänger: „Wir wollen Vorbild sein
und die Welt durch unser Beispiel verbes-
sern“ – die nervt. Ich erinnere mich im
Zusammenhang mit der Debatte um den
Veggie-Day an ein T-Shirt mit der Auf-
schrift: „Wenn es kein Fleisch mehr gibt,
ess ich Vegetarier“. Ich fand das lustig.
SPIEGEL: Vielleicht haben Sie einfach zu vie-
le Lehrer und Sozialpädagogen in Ihrer
Partei.
Trittin: Ob ein Überhang an Juristen oder
Betriebswirten vorteilhafter ist, darüber
kann man streiten.
SPIEGEL: Christian Lindner hat auf Veran-
staltungen seine größten Erfolge, wenn er
einfach mal aufzählt, was Grüne gern ab-
schaffen würden, angefangen von den
Heizpilzen und dem Ponyreiten auf öffent-
lichen Festen.
Trittin: Und dann klatschen sie bei der FDP
in die Hände und fliegen anschließend aus
dem Bundestag raus. Dieser Diskurs hat
in der grünen Klientel außerordentlich be-
scheidene Wirkung erzielt. Was auf der ei-
nen Seite die Leute in Aufregung versetzt,
kann auf der anderen völlig verpuffen.
SPIEGEL: Die Moralisierung von Politik war
immer ein Markenzeichen der Grünen. Mit
jedem neuen Fahrradweg steht gleich das
Weltklima zur Diskussion. Das wollen Sie
jetzt ändern?
Trittin: Es gibt kein politisches Engagement,
das nicht mit der Feststellung eines Miss-
standes beginnt. Der Klimawandel ist eine
unglaubliche Ungerechtigkeit gegenüber
ärmeren Ländern. Und natürlich ist es
nicht hinnehmbar, wenn einige Menschen
ungeheuer reich werden und ganz viele
von weniger als zwei Dollar am Tag leben
müssen. Der politische Kampf zielt auf
die Etablierung neuer Normen – Normen
sind, wenn man so will, kodifizierte ge-
sellschaftliche Moral. Die Frage ist nur, ob
ich diejenigen, die sich nicht dran halten,
dann auch noch moralisch verdammen
muss.
SPIEGEL: Die extreme moralische Aufladung
der Politik, wie sie die Grünen gerade in
ihren Anfangsjahren betrieben haben, ist
Ihrer Meinung nach ein Fehler?
Trittin: Nein, die war zu einem bestimmten
Zeitpunkt, als wir gegen alle anderen Par-
teien standen, unerlässlich. Die anderen
waren der Meinung, dass man 49 Atom-
kraftwerke in Deutschland bauen sollte.
Alle anderen waren auch der Auffassung,
dass es kompletter Blödsinn ist, wenn
Frauen an politischen Entscheidungen ge-
nauso beteiligt werden wie Männer. Wenn
Sie gegen einen solch breiten Konsens an-
laufen, dann müssen Sie schon sehr tief-
reichende Werte haben.
SPIEGEL: Während die Deutschen am Ende
ihren Frieden mit Joschka Fischer gemacht
hatten, sind Sie Ihr Image als kluger, aber
arroganter Pinsel nie losgeworden. Hat
Ihnen dieses Image im Nachhinein eher
geschadet oder genutzt?
Trittin: Ich glaube, alles in allem hat es eher
genutzt. Wenn es um die Durchsetzung
von Inhalten geht, wird von einem erwar-
tet, dass man jemand ist, der sich nicht
verbiegen lässt. So gesehen hat die einem
zugeschriebene Arroganz auch Vorteile.
SPIEGEL: Gab es auch einen Nachteil?
Trittin: Ich musste mich daran gewöhnen,
für bestimmte Dinge mehr abzukriegen
als andere. Das ist dann aber die logische
Konsequenz.
SPIEGEL: Katrin Göring-Eckardt hat mal
über Sie gesagt: „Außen warst du Darth
Vader, innen aber Mutter Teresa.“ Also of-
fenbar gibt es eine zweite Seite.
Trittin: Die gibt es doch immer. Sie bekom-
men als Umweltminister nicht 190 Staaten
dahin, ein Klimaprotokoll zu unterschreiben,
indem Sie Leute ständig vor den Kopf sto-
ßen. Da bedarf es noch anderer Fähigkeiten.
SPIEGEL: Sie haben immer etwas genervt
reagiert, wenn Sie auf Ihre Vergangenheit
als Mitglied des Kommunistischen Bundes
angesprochen wurden. Aber sagt es nicht
etwas über einen Politiker aus, wenn er in
seinem Leben Mitglied einer Sekte war?
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„Ich musste mich
daran gewöhnen,
mehr abzukriegen
als andere.“
Deutschland
Trittin: Ich finde nicht, dass ich auf Nach-
fragen besonders genervt reagiert hätte.
Ich fand nur bemerkenswert, dass der Um-
stand, dass ich für einige Jahre Mitglied
beim KB war, immer eine weitaus größere
Rolle gespielt hat als die Tatsache, dass ich
als Student ein bekennender Rechtsbre-
cher war. Ich habe mich in Göttingen poli-
zeibekannt an Hausbesetzungen beteiligt.
SPIEGEL: Das ist für einen Grünen kein
wirkliches Alleinstellungsmerkmal. Die
Frage ist eher, ob man nicht aus seinem
Engagement bei einer marxistischen Split-
tergruppe eine bestimmte Weltsicht mit-
nimmt?
Trittin: Natürlich nehmen Sie aus allem eine
bestimmte Weltsicht mit, aber Sie können
diese auch korrigieren, manchmal müssen
Sie das sogar. Wir haben beim KB damals
ernsthaft geglaubt, dass sich das Land im-
mer weiter autoritär zuspitzen werde, wir
nannten das die Faschisierung von Staat
und Gesellschaft. Interessanterweise ist das
Gegenteil eingetreten, da haben wir also
grausam unrecht gehabt. Dass wir Grünen
diese Gesellschaft freier, offener und tole-
ranter gemacht haben, ist das Dementi die-
ser Theorie durch die eigene Praxis.
SPIEGEL: Möglicherweise ist Ihr großer
Traum, Vizekanzler zu werden, daran ge-
scheitert, dass Sie im Herzen immer noch
ein bisschen KBler sind. Wer in seiner
Jugend überzeugt war, dass Deutschland
sich unter Führung der CDU in Richtung
Faschismus entwickelt, kann dem Bösen
nicht plötzlich die Hand reichen.
Trittin: Die CDU ist schwarz, aber nicht
böse. Ich kann Ihnen versichern, wir haben
sehr ernsthaft sondiert. Die Gespräche sind
gescheitert, weil es bei der Energiepolitik
nie ein ernsthaftes Angebot gab. Alles, was
von uns gefordert wurde, hat Sigmar Ga-
briel unterboten. In diesem Discountwett-
bewerb konnten wir nicht mithalten. Und
es ist gescheitert, weil am Ende Herr
Schäuble verkündete, für Investitionen
gebe es insgesamt zwölf Milliarden, und
davon seien schon zweimal sechs für die
Mütterrente weg. Mit anderen Worten: Es
gab weder Geld für Klimaschutz, noch gab
es Geld für Bildung.
SPIEGEL: Es heißt, Sie hätten Schwarz-Grün
von Anfang an nicht gewollt.
Trittin: Dann wäre ich nicht hingegangen.
Ich gehe in Sondierungen, um dort ernst-
haft zu verhandeln, alles andere wäre
schlechter Stil. Regieren ist aber kein
Selbstzweck. Es ist einfach falsch, wenn
die CDU nachträglich behauptet, die Ge-
spräche seien an den Grünen gescheitert.
Wer mit den Grünen koalieren will und
parallel im Auftrag von BMW und Daimler
den Klimaschutz im Verkehrsbereich killt,
der setzt ein klares Signal. Angela Merkel
wollte nicht, Punkt.
SPIEGEL: Wäre Ihre Partei schon weit genug
für ein Bündnis mit der Union gewesen?
Trittin: Es geht einzig und allein um den
politischen Preis. Wenn unsere Kernfor-
derungen erfüllt worden wären, dann hätte
die Partei springen müssen, und sie wäre
auch gesprungen.
SPIEGEL: Würden Sie sich noch einmal an
einer Regierung beteiligen wollen?
Trittin: Ich habe letzten Herbst für mich die
Entscheidung getroffen, dass ich für 2017
nicht noch einmal als Spitzenkandidat an-
trete, ansonsten mache ich hier erst einmal
meinen Job im Bundestag.
SPIEGEL: Sie sind am Freitag 60 Jahre alt
geworden. Wie sehr geht einem eigentlich
irgendwann der Protestkitsch auf die
Nerven?
Trittin: Man schmunzelt über manche Dinge
wie Boykott-Aufkleber, die einen ja auch
selber geprägt haben. Auf der anderen Sei-
te weiß ich, dass politische Bewegungen
* Jan Fleischhauer und René Pfister im SPIEGEL-Haupt-
stadtbüro.
anders nicht entstehen können. Es braucht
dazu Menschen, die in tiefer Überzeugung,
und manchmal auch mit Irrtümern behaf-
tet, auf die Straße gehen. Das wird immer
so bleiben.
SPIEGEL: Als Sie 2001 als Umweltminister
für die Castor-Transporte nach Gorleben
verantwortlich waren, schrieben Sie den
Demonstranten im Wendland: „Nur weil
jemand seinen Hintern auf die Straße
setzt, finden wir das noch nicht richtig.“
Ein wunderbarer Satz.
Trittin: Trotzdem war dieser Brief falsch.
Weil man als Minister an Bürgerinitiativen
keine Briefe schreibt, als würde man noch
im Asta sitzen. Deswegen hängt mir dieses
Zitat bis heute nach.
SPIEGEL: Manche glauben jetzt, dass sich die
Welt schon ändert, wenn man anders über
sie spricht. Neben Glühbirnen-Verbot und
dem Ende der Atomkraft ist ein unbe -
streitbarer Erfolg der Grünen, dass wir an
der Uni von Studierenden statt Studenten
reden.
Trittin: Es bilden sich in jeder Partei be-
stimmte Kulturen heraus, die man re -
spektieren sollte. Ich habe in meinem
Wahlkreis 30000 Studierende, da spricht
man die Menschen so an, wie sie ange -
sprochen werden möchten. Die For -
mulierung „Studentinnen und Studenten“
ist noch umständlicher. Außerdem haben
wir in unserem Gespräch ja festgestellt,
dass es das Richtige und das Falsche nicht
gibt.
SPIEGEL: Herr Trittin, wir danken Ihnen für
dieses Gespräch.
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Trittin, SPIEGEL-Redakteure*
„Eine Selbstbezichtigung ist ein guter Anfang“
„Man schmunzelt
über manche Dinge
wie Boykott-Aufkleber,
die einen selber
geprägt haben.“
N
eulich im Kinderfernsehen: Eine
Biene namens Nahul hat es sich in
einem Sessel bequem gemacht und
telefoniert mit einem kleinen Jungen. Stoff-
tiere und knallbunte Kulissen sorgen für eine
Atmosphäre wie bei einer Geburtstagsfeier.
„Sag, mein Freund: Sind Juden
in deiner Nähe?“
„Nein, im Moment nicht.“
„Wenn sie kommen: schlag sie.
Mach ihr Gesicht rot wie eine
Tomate.“
Dann wendet sich die Person
im knuffig schwarz-gelben Bie-
nenkostüm einer jungen Mode-
ratorin und einem etwa fünfjäh-
rigen Kind im Studio zu, das Poli-
zist werden will wie sein Onkel.
„Was macht ein Polizist?“,
fragt die Moderatorin.
„Er fängt Diebe“, erklärt
Nahul, die Biene.
„Und er erschießt Juden.
Willst du wie er sein?“, sagt die
Moderatorin.
„Ja“, antwortet das Mädchen,
„damit ich Juden erschießen
kann.“
„Gut.“
Die arabischsprachige Sen-
dung war überall in Deutschland
mit einer Satellitenschüssel zu
empfangen, dazu im Internet,
produziert von Al-Aqsa-TV, dem
Fernsehsender der Hamas mit
seinem antiisraelischen Angebot
für alle Altersgruppen, anzuse-
hen von Gaza bis Gelsenkirchen.
Solche Programme tragen
zweifellos zur Radikalisierung
im Nahen Osten bei. Aber wel-
chen Effekt haben sie auf Men-
schen, die weit entfernt vom Kri-
sengebiet in den Migrantenvier-
teln europäischer Städte leben?
Aus welchen Quellen speist sich
der neue, lautstarke Antisemitis-
mus auf deutschen Straßen? Wie
weit verbreitet sind anti jüdische
Ressentiments in den arabisch-
und türkischstämmigen Bevölke-
rungsgruppen?
Erst viele Tage nach Beginn
der israelischen Bodenoffensive
im Gaza-Streifen startet hierzu-
lande die Aufarbeitung eines aus
dem Nahostkrieg abgeleiteten
Konflikts. Erschrocken und irri-
tiert suchen viele Deutsche – mit
und ohne Migrationshintergrund – nach
den tieferen Gründen für die aggressive
Stimmung, wie sie auf der Frankfurter Zeil
zu erleben war („Stop the Holocaust“).
Oder im Stadtzentrum von Gelsenkirchen
(„Hamas! Hamas! Juden ins Gas!“). Oder
am Brandenburger Tor in Berlin („Schlach-
tet die Juden ab!“). Oder in Aachen, Bre-
men, Kassel, Leipzig, Stuttgart und vielen
anderen Städten.
Die Parolen schockieren eine Gesell-
schaft, die eigentlich den Antisemitismus
bekämpfen will und sich damit
rühmt, bei der Integration von
Einwanderern zuletzt Fortschrit-
te gemacht zu haben. Nun sieht
es so aus, als rissen alte Gräben
wieder auf. Eines der schwie -
rigsten Themen der deutschen
Geschichte gewinnt neue Aktua -
lität, und das gefährdet den Zu-
sammenhalt vor allem in vielen
Großstädten, wo fast die Hälfte
aller Grundschüler aus Migran-
tenfamilien stammt.
Die Verunsicherung ist groß,
auf allen Seiten. In den jüdi-
schen Gemeinden, die als Erste
Alarm schlugen und sich allein-
gelassen fühlten. Bei der Polizei,
die sich schwertat, eine angemes-
sene Antwort auf die menschen-
verachtenden Parolen zu finden.
Beim obersten Repräsentanten
des Staates, Bundespräsident
Joachim Gauck, der die Aus-
schreitungen scharf verurteilte.
Und natürlich bei zahlreichen
Migranten, die nicht als juden-
feindlich gelten wollen, nur weil
sie gegen das Leid der Menschen
in Gaza demonstrieren.
Zwei Aufgaben sind nun zu
lösen. Kurzfristig geht es darum,
die antijüdischen Parolen und
Aktionen in den Fußgängerzo-
nen zu unterbinden. Es gilt, da-
für zu sorgen, dass vermeintlich
jüdisch geführte Imbissketten
nicht gestürmt werden, wie es
in Nürnberg geschah. Es muss
verhindert werden, dass auch
hierzulande israelische Fußball-
mannschaften – wie in Öster-
reich – attackiert werden. Wer
Hass schürt, muss zur Verant-
wortung gezogen werden.
Und dann steht, auf längere
Sicht, eine Auseinandersetzung
mit den tieferen Ursachen der
neuen Antisemitismus-Welle an.
Für manche Demonstranten
„lässt sich die Hoffnungslosigkeit
der eigenen Situation in der Aus-
weglosigkeit der ewigen Ge-
24 DER SPIEGEL 31 / 2014
Deutschland
„Wir löschen das Feuer“
Proteste Nach mehr als hundert Demonstrationen beginnt die Aufarbeitung der Hasswelle auf
deutschen Straßen. Aus welchen Quellen speist sich der neue Antisemitismus?
Arabischsprachige Kindersendung: Von Gaza bis Gelsenkirchen
waltspirale in Nahost gut spiegeln“,
schreibt Raed Saleh, ein gebürtiger Paläs-
tinenser, der im Berliner Abgeordneten-
haus die SPD-Fraktion führt (siehe Seite
28).
Offenbar war kaum jemand auf das Aus-
maß und die Schärfe der antiisraelischen
Proteste vorbereitet. Am vergangenen
Dienstag, anderthalb Wochen nach Beginn
der Demonstrationen, warnte das Bundes-
innenministerium dann vor möglichen
Konsequenzen: „Aufgrund der eingetrete-
nen Eskalation ist temporär von einer Ge-
fährdungserhöhung von israelischen Ein-
richtungen und Interessen in Deutschland
auszugehen“, hieß es in einer internen
Lagebewertung.
Die größte Sorge der Sicherheitsbehör-
den gilt potenziellen Einzeltätern oder
kleineren Gruppierungen, die, aufgesta-
chelt von der Hasspropaganda auf der
Straße oder im Internet, ein Fanal setzen
könnten. Aus diesem Grund wurde der
ohnehin weitreichende Schutz israelischer
Einrichtungen in Deutschland in der ver-
gangenen Woche noch einmal verstärkt.
Immerhin: Anzeichen für eine soge-
nannte Querfront, also eine strategische
Allianz verschiedener Verfassungsfeinde,
sehen die Behörden derzeit nicht – auch
wenn vereinzelt Rechtsextremisten im
selben Pulk wie Linksautonome oder mili -
tante Muslime gegen Israel marschierten.
Umdenken musste vor allem die Polizei,
nachdem bei mehreren Protestzügen die
Lage außer Kontrolle geraten war. Zum
Beispiel in Essen, wo im Anschluss an eine
vom Jugendverband der Linken organisier-
ten Demonstration mit mehr als tausend
Teilnehmern Parolen wie „Tod den Juden“
skandiert wurden.
Warum griffen die Beamten nicht ein?
Weil sie es nicht gehört hätten, sagt Arnold
Plickert, der Landesvorsitzende der Ge-
werkschaft der Polizei in Nordrhein-West-
falen: „Die Kollegen tragen Helme, da
läuft Funkverkehr. Sie haben nichts mit-
bekommen. Das ist bedauerlich, aber lässt
sich nicht vermeiden.“
Zahlreiche Polizisten hätten überdies
Probleme mit der rechtlichen Bewertung
von Protestaktionen, sagt Plickert: „Kein
Mensch versteht, warum das Verbrennen
einer deutschen Flagge eine Straftat ist,
das Abfackeln einer israelischen Fahne
aber nicht, es sei denn, sie hängt am Fah-
nenmast vor einem offiziellen Gebäude.“
Schwierig ist es für die Beamten außer-
dem, bei jeder Parole abzuschätzen, ob es
sich um Volksverhetzung, Beleidigung
oder eine freie Meinungsäußerung handelt.
Einfach ist es bei Rufen wie „Juden ins
Gas“: Das ist als Volksverhetzung strafbar
und erfordert das Eingreifen. Lediglich als
Beleidigung dagegen verstand beispiels-
weise die Berliner Polizei bis vor Kurzem
den Spruch „Jude, Jude, feiges Schwein,
komm heraus und kämpf allein“. In diesem
Fall muss erst ein Betroffener einen Straf-
antrag stellen, bevor die Ordnungshüter
aktiv werden. „Kindermörder Israel“ wie-
derum geht häufig als zulässige Meinungs-
äußerung durch.
Zwar kann die Polizei bei antisemiti-
schen Parolen auch außerhalb des Straf-
rechts eingreifen, doch offenbar fehlte da-
für zunächst das Gespür.
Tagelang berieten Staatsanwälte und
Einsatzleiter über neue Regeln – und setz-
ten diese dann im Demonstrationsalltag
um. So etwa bei einem Protestzug von
350 Israel-Kritikern am vorigen Dienstag
im Zentrum von Berlin, wo die Versamm-
lungsleiterin zu Beginn laut ins Mikrofon
rief, welche Sprüche ab sofort behördlich
verboten seien: „Untersagt ist insbeson -
dere das Rufen der Parolen ,Tod Israel‘ be-
ziehungsweise ,Tod den Israelis‘.“ Auch
die „Schweine“-Parole, trug die Anführe-
rin vor, sei nicht mehr erlaubt.
Die Demonstrationsteilnehmer, vorwie-
gend Frauen und Kinder palästinensischer
Herkunft, hielten sich an die Auflagen –
und wählten einfach andere Schlachtrufe:
„Zionisten sind Faschisten, töten Kinder
und Zivilisten.“
Desinteressiert, verstört oder sprachlos,
so reagierten deutsche Politiker zunächst
auf die anschwellende Protestwelle. „Mehr
Solidarität aus der deutschen, nichtjüdi-
schen Gesellschaft wäre natürlich sehr
schön und mehr als angebracht“, schrieb
der Präsident des Zentralrats der Juden,
Dieter Graumann, am vorigen Montag er-
nüchtert an seine Gemeinden: „Lassen wir
uns nicht beirren und nicht entmutigen.“
Es war ein Weckruf: Erst danach meldeten
sich der Bundespräsident und die Kanzle-
rin zu Wort.
Keine Äußerung zum Thema gab es
dagegen von Aydan Özoguz (SPD). Dabei
wäre die Integrationsbeauftragte der Bun-
desregierung durch ihr Amt und ihre Her-
kunft prädestiniert, in die Migranten-Com-
munity mäßigend hineinzuwirken. Zu-
gleich könnte sie in der Öffentlichkeit um
Verständnis für die Sorgen und die Wut
vieler Zuwanderer angesichts der Boden-
offensive in Gaza zu werben.
Doch die Staatsministerin befand sich
im Urlaub. Stattdessen meldete sich am
25 DER SPIEGEL 31 / 2014
„Mehr Solidarität aus der deutschen, nichtjüdischen
Gesellschaft wäre natürlich sehr schön.“
schem Vater und deutscher Mutter ist Vor-
standsmitglied in der Kreuzberger Initia-
tive gegen Antisemitismus. Seit zehn Jah-
ren setzt sich der Verein dafür ein, Vorur-
teile über Israel und die Juden abzubauen.
Kassar und ihre Kollegen haben Schulen
besucht und sind mit Berliner Jugendgrup-
pen nach Israel gereist. Zeitweise arbeite-
ten acht Leute in dem Verein. Doch Ende
vergangenen Jahres liefen die Mittel des
Bundesfamilienministeriums für zwei
Großprojekte aus. Seitdem musste der
Vorstand alle Festangestellten entlassen.
Am Donnerstag streifte Kassar, 33,
durch ihre leeren Büros in der Berliner
Oranienstraße, vorbei an Auszeichnungen
und Kartons mit Infobroschüren, die nicht
mehr verschickt werden können. „Hier“,
sagte die Islamwissen-
schaftlerin und zog eine
Schublade auf: „Das sind
die Unterlagen für ein
Planspiel zur Gründung
des Staates Israel.“ Dane-
ben lagen Lehrmaterialien
über den Nahostkonflikt
und das jüdische Leben in
Berlin-Kreuzberg. Aus ih-
rer Sicht führt grade die
mangelnde Bildung zum
verzerrten Bild des Nah-
ostkonflikts unter vielen
Jugendlichen. „Es ist trau-
rig, dass die Sachen jetzt
in den Schränken liegen
bleiben“, sagte Yasmin
Kassar, „hier ist kein Le-
ben mehr.“
Zurzeit sind Schulferien
in Berlin. Andernfalls stün-
de das Telefon in dem Ver-
ein nicht mehr still, meint Kassar. Jedes
Mal, wenn sich die Lage im Nahen Osten
zuspitze, riefen verzweifelte Lehrer an,
die nicht wüssten, wie sie mit antisemiti-
schen Sprüchen in ihrer Klasse umgehen
sollten. Die Mitarbeiter der Initiative fuh-
ren dann zu den Schulen und redeten mit
den Jugendlichen. „Bei uns sagten wir
dann immer: Wir löschen das Feuer.“
Kassar hat mittlerweile einen anderen
Job angenommen, sie arbeitet als Sozial-
pädagogin an einer Kreuzberger Schule.
Noch hat sie Hoffnung, dass ihr Verein
wieder auflebt. Ab 2015 stellt der Bund
frisches Geld für Initiativen gegen Extre-
mismus zur Verfügung. Vor wenigen Tagen
hat der Vorstand beschlossen, sich erneut
zu bewerben. „Wir können doch nicht auf-
geben“, sagt Yasmin Kassar.
Sven Becker, Dietmar Hipp, Frank Hornig,
Jörg Schindler, Barbara Schmid
vergangenen Mittwoch ihr Bruder Yavuz
Özoguz, der mit seinem Bruder Gürhan
eine islamistische Plattform betreibt, mit
einem offenen Brief an Bundesinnenmi-
nister Thomas de Maizière (CDU) zu
Wort. „Abschließend drücke ich Ihnen
meine Verachtung auch dafür aus, dass Sie
in der Arroganz der Macht offensichtlich
jedes Mitgefühl für Menschen verloren ha-
ben“, schrieb er an den Minister.
Muslime wagten kaum noch öffentliche
Kritik an Israel, agitierte Yavuz Özoguz,
„weil Machthaber wie Sie die Meinungs-
freiheit in diesem Land im Sinn eines
radikal-zionistischen Gedankenguts ein-
schränken“.
Die Staatsministerin habe sich wieder-
holt öffentlich von der Arbeit und Mei-
nung ihrer Brüder distan-
ziert, sagte ihre Sprecherin
am Freitag und lieferte auf
Nachfrage eine Stellung-
nahme der Integrationsbe-
auftragten nach: „Antise-
mitismus hat in Deutsch-
land keinen Platz. Klar ist,
dass sich der Israel-Gaza-
Konflikt nicht mit Gewalt
lösen lässt.“
Wieso aber führt der
Nahostkrieg zu teils volks-
verhetzenden Protestmär-
schen?
An allzu großer Präsenz
der Judenfeinde im Alltag
kann es nicht liegen. Die
Hamas zum Beispiel ver-
füge über 300 Anhänger,
„die allerdings selten of-
fen auftreten“, heißt es im
Bericht „Antisemitismus
in Deutschland“, den das Bundesinnen-
ministerium im Jahr 2011 veröffentlicht
hatte.
Trotzdem gelingt es den Islamisten of-
fenkundig mit großem Erfolg, ihre Propa-
ganda auch in Deutschland zu verbreiten.
24 Stunden am Tag liefern insbesondere
Al-Manar, die TV-Station der libanesi-
schen Hisbollah, und das Hamas-Pro-
gramm Al-Aqsa Dauerberichte über den
israelisch-palästinensischen Konflikt.
„Die einschlägigen Programminhalte
sorgen dafür, dass selbst in der zweiten
und dritten Einwanderergeneration anti-
semitische Einstellungen befördert werden
und sich ein ,Feindbild von Israel‘ verfes-
tigt“, heißt es im Antisemitismus-Bericht
des Bundesinnenministeriums, der von ei-
nem unabhängigen Expertenrat verfasst
wurde.
Immer wieder gehören auch Kleinkin-
der zur Zielgruppe. 2007 rief etwa eine
Micky-Maus-ähnliche Figur in der Serie
„Ruwwad al-ghad“ („Pioniere von mor-
gen“) blutrünstige Slogans aus: „Wir wer-
den die Juden vernichten.“ Die Maus starb
wenig später zwar selbst einen frühen Se-
rientod als „Märtyrer“. Inzwischen setzt
Nahul, die Biene, ihren Kampf gegen Israel
fort.
Junge Berliner, Hamburger oder Frank-
furter mit Migrationshintergrund erleben
damit regelmäßig zwei Wirklichkeiten,
zwei grundverschiedene Sichtweisen auf
den Dauerkonflikt im Nahen Osten:
Freunde und Verwandte, die selbst aus
Palästina geflohen sind, schildern die Lage
in der Heimat in düsteren Bildern. Dazu
kommen die Fernsehsender und Videos im
Internet, Diskussionen in sozialen Netz-
werken – und auf der anderen Seite die
Sichtweise in deutschen Medien. Wer die
vermeintlich höhere Glaubwürdigkeit be-
sitzt, ist mitunter schnell entschieden. „Wie
viel Prozent Wahrheit steckt in den Me-
dien?“, fragte vor wenigen Tagen der
Interviewer eines YouTube-Kanals einen
Gaza-Demonstranten in Hannover. „Null
Prozent. Nee, sagen wir mal ein Prozent“,
lautete die Antwort des jungen Mannes.
Zu den Bildern aus Gaza gesellt sich
gerade bei manchen Einwanderern das
Gefühl, in Deutschland ebenfalls ein Opfer
zu sein: „Sie solidarisieren sich mit dem
Schicksal der Palästinenser, die sie aus-
schließlich als Opfer israelischer Politik
wahrnehmen“, heißt es in der Studie des
Innenministeriums.
Gut hundert Demonstrationen wurden
in Deutschland seit Beginn des jüngsten
Konflikts gezählt. Weitere werden folgen.
Doch wenn die TV-Nachrichten über die
Gaza-Offensive seltener werden, wenn ein
Waffenstillstand die Lage in Israel beruhigt,
dürften auch die Proteste in der Bundesre-
publik abflauen. Und dann? Was kann die
Gesellschaft langfristig gegen antisemiti-
sche Ressentiments tun?
Yasmin Kassar kann darauf kluge Ant-
worten geben. Die Berlinerin mit syri-
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Video: Antisemitismus auf
deutschen Straßen
spiegel.de/app312014israel
oder in der App DER SPIEGEL
Anti-Israel-Protest in Frankfurt am Main: Erfolgreiche Propaganda
Deutschland
O
fri Ilany war gerade auf dem Heim-
weg zu seiner Wohnung in Berlin-
Kreuzberg, da vibrierte das Smartphone
des Israeli: eine Warnung vor Hamas-
Raketen auf Tel Aviv. Auf Facebook las
er, dass seine Freunde in Luftschutz -
bunker flüchteten. Dann hörte der 35-
Jäh rige einen Knall, dann noch einen.
Es dauerte einen Moment, bis er begriff,
dass nicht Hamas-Raketen den Lärm
verursachten, sondern Böller deutscher
Fußballfans. Deutschland hatte bei der
Weltmeisterschaft gerade das 5:0 gegen
Brasilien geschossen.
Wie Ilany kamen in
den vergangenen Jahren
Tausende junge Israelis
ins hippe Berlin: Wissen-
schaftler und Studenten,
Künstler und Musiker, IT-
Entwickler und Unter -
nehmer. Ihre Großeltern
hatten deutsche Konzen-
trationslager überlebt und
boykottierten deutsche
Produkte.
Sie, die Nachgebore-
nen, sahen die Kunstsze-
ne, die Start-ups, die
günstigen Mieten. Und in
Berlin schien ein Leben
möglich, das in Tel Aviv
niemand führen kann:
ohne heulende Sirenen,
ohne bewaffnete Sicher-
heitsleute, ohne Panik
beim Anblick herrenlo-
sen Gepäcks. Ein Leben, das nicht stän-
dig von Angst begleitet ist.
Doch mit jeder Eskalation in Nahost
wird klar: Die Krise holt die Menschen
ein, die Konflikte der Heimat sind mit-
gezogen. Das zeigt sich in der Sorge um
die Freunde und Familien in Israel, aber
auch bei den Gaza-Demonstrationen in
deutschen Städten, auf denen Protestler
antisemitische Slogans brüllen.
Die meisten im Ausland lebenden Is-
raelis diskutieren nicht gern über Politik,
viele sind ja gerade weggegangen, um
nicht jeden Tag zu erleben, wie politi-
sche Fragen den Alltag bestimmen. Die
Ansichten der Berliner Israelis sind so
vielfältig wie ihr Hintergrund, trotzdem
steht eine Mehrheit hinter der Regierung,
auch in der Kriegsfrage. In Israel unter-
stützen laut Umfragen sogar zwischen
80 und 90 Prozent der Bevölkerung die
Operation „Fels in der Brandung“.
Ofri Ilany gehört zu jenen, die ein
Ende des Einsatzes im Gaza-Streifen
fordern. Am 16. Juli hat der Historiker
an einer Gaza-Solidaritätsdemonstration
in Berlin-Mitte teilgenommen. In der
Facebook-Gruppe der Israelis in Berlin
löste die Ankündigung, dass Landsleute
eine Gaza-Solidaritätsdemo mitorgani-
sieren, einen Schlagabtausch aus. Nicht
wenige Nutzer legten den Organisatoren
nahe, doch „gleich in den Gaza-Streifen
zu gehen“.
Ilany demonstrierte trotzdem. Er und
seine Mitstreiter trugen Transparente,
auf denen stand: „Nicht in meinem Na-
men“ und „Wir weigern uns, Feinde zu
sein“. Am Hackeschen Markt hielten alle
Demonstranten Blätter mit Namen ge-
töteter Palästinenser hoch.
Solche Proteste wären in Israel im Mo-
ment kaum vorstellbar, sagt Ilany. Das
erzählten ihm jedenfalls seine Freunde.
In Haifa und selbst im liberalen Tel Aviv
haben regierungsnahe rechte Schläger
linke Demonstranten angegriffen. Regie-
rungskritiker würden in Israel im Mo-
ment bedroht und geschmäht. In Berlin,
sagt Ilany, gebe es für ihn und andere ei-
nen sicheren Raum für Kritik, der in sei-
ner Heimat zunehmend verloren gehe.
Er sagt, er fühle sich von rechter Gewalt
in Israel mehr bedroht als von muslimi-
schem Antisemitismus in Europa – vor-
gehen müsse man gegen beides.
Ilany hat über Bibelforschung in der
deutschen Aufklärung promoviert und
ist seit einem Jahr Postdoktorand an der
Humboldt-Universität. Wenn sein Ver-
trag ausläuft, kehrt er wohl zurück, auch
wenn seine Berliner Freunde davon ab-
raten. „Die witzeln dann: ,Zurück nach
Israel? Das ist doch Hardcore.‘“ Trotz
der politischen Lage vermisst Ilany seine
Heimat. „Ja, ich kritisiere viele Aspekte
der israelischen Kultur“, sagt er, „aber
ich bin immer noch mit ihr verbunden.
Ich bin ein Produkt Israels.“
Wie viele Israelis geht Ilany gern zu
einem Imbiss in der Neuköllner Sonnen-
allee. Im „Azzam“ wird Hummus ser-
viert, fast wie zu Hause. Der Besitzer
ist Palästinenser, sein Lokal war noch
nie frei von Politik, aber jetzt drehen
sich die Gespräche nur um die Raketen,
den von der Hamas verschleppten
Soldaten, die Tunnel. Die Stimmung
habe sich verändert, sagt
Ilany.
Dana Rothschild, Stu-
dentin der jüdischen Re-
ligionsphilosophie in Pots-
dam, kommt noch immer
gern ins Azzam. Die 35-
jährige Israelin, die vor
zwei Jahren nach Neu-
kölln zog, war eine der
Organisatorinnen der So-
lidaritätsdemo für Gaza.
Sie sagt: „Ich bin gegen
die Angriffe auf Gaza
und auch gegen die Ha-
mas. Das ist eine terroris-
tische Organisation.“ Die
israelische Regierung wol-
le mit den militärischen
Aktionen von innenpoli-
tischen Problemen ablen-
ken. Sie habe Tel Aviv
verlassen, weil sie sich
das Leben dort trotz Vollzeitjob nicht
mehr leisten konnte. Mieten und Immo-
bilienpreise sind in den letzten Jahren
explodiert. Die Siedlungspolitik der Re-
gierung sei für die Misere der israelischen
Mittelschicht verantwortlich, glaubt Roth-
schild. Die Steuern gingen in die besetz-
ten Gebiete, der Rest des Landes leide.
Auch Etay Naor, 33, demonstrierte in
Berlin-Mitte. In Israel hatte sich der Wer-
betexter für Hadasch engagiert, ein lin-
kes jüdisch-arabisches Bündnis mit vier
Sitzen in der Knesset. Heute lebt Naor
in Neukölln und fordert eine entschlos-
sene Bekämpfung jeglichen Antisemitis-
mus. Er sagt aber auch, dass er in Israel
für seine Haltung „schon mal mit Eiern
beworfen und angespuckt wurde“, die
Gewalt gegen Leute mit seiner Einstel-
lung habe seitdem noch zugenommen.
Israel könne „sehr deprimierend sein,
wenn man ein Linker ist“, sagt Naor.
Vor vier Jahren zog er nach Berlin,
um eine Pause von Israel zu machen. Er
will noch bleiben. Pavel Lokshin
Ein Freiraum für Kritik
Eine linke Minderheit Berliner Israelis spricht sich offen gegen Netanjahus Gaza-Offensive aus.
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Regierungskritiker Ilany: „Ich bin ein Produkt Israels“
Deutschland
Saleh, 37, ist seit 2011 Fraktionschef der SPD im Berliner Ab-
geordnetenhaus. Er wurde 1977 im Westjordanland geboren,
als Fünfjähriger zog er mit seiner Familie nach Berlin.
D
ieser Sommer erweist sich als neuer Test dafür, wie
wir Deutschen uns sehen, wer zu uns gehört und
was wir lieber ausblenden würden. Vor zwei Wochen
wurden wir Fußballweltmeister – und feierten auch uns
selbst: das weltoffene, tolerante, erfolgreiche Deutschland, das alle
einlädt, Teil davon zu sein. Vielleicht waren manche auf Jérôme
Boateng und Mesut Özil sogar besonders stolz – als Vorbilder für
gelungene Integration. Die hässlichen Szenen auf den Gaza-Demon -
strationen würden wir dagegen gern verdrängen, als ob es sich dabei
nur um Ausläufer eines weit entfernten Konflikts handelte und dieser
Antisemitismus nichts mit der deutschen Gesellschaft zu tun hätte.
Ich glaube, diese Tage beweisen, wie wichtig die Integrations-
frage für unsere Republik geworden ist. Wie unter einem Brenn-
glas zeigen sich jetzt Konsequenzen einer über Jahrzehnte falsch
verstandenen Integrationspolitik. Viel zu lange war das Weg-
schauen eine eingeübte Reaktion. Für die politische Linke durfte
es keine Integrationsprobleme geben, weil die Idee einer multi-
kulturellen Gesellschaft das nicht zuließ. Die Konservativen
schauten weg, weil Deutschland kein Einwanderungsland sein
sollte. Diese wegschauende und damit ungewollt auch beschwich-
tigende Haltung müssen wir überwinden.
Gerade Politiker sollten in überladenen Konflikten abgewogen
argumentieren. Bundespräsident Joachim Gauck zum Beispiel
sprach im Zusammenhang mit den judenfeindlichen Aussagen
von einem Antisemitismus, der „aus ausländischen Gesellschaften
importiert wird“. Das klang ein wenig danach, als könnte man
die Hetzparolen durch bessere Zollbestimmungen irgendwie fern-
halten. Dabei wird schon in wenigen Jahren die Mehrzahl der
Erstklässler in Berlin einen Migrationshintergrund haben. Diese
Kinder sind in deutschen Krankenhäusern geboren.
Wir müssen die offensichtliche Frage stellen: Wie kommt es, dass
aus einigen stolzen Neuköllner Jungs wegen eines weit entfernten
Konflikts plötzlich Hassprediger im Kleinformat werden? Warum
schwenken dieselben Jugendlichen, die noch vor zwei Wochen
Deutschlandfahnen in der Hand hielten, jetzt palästinensische Fah-
nen? Schließlich ist bei manchen der Demonstranten der Großvater
aus der Fremde gekommen – oft nicht einmal aus dem Krisengebiet.
Versetzen wir uns mal hinein in einen Jungen aus einem unse-
rer Problemkieze in irgendeiner deutschen Großstadt. Mir fällt
das nicht ganz so schwer, denn ich bin als eines von neun Ge-
schwistern in der Heerstraße Nord aufgewachsen, einer Hoch-
haussiedlung am Berliner Stadtrand. Es ist einer dieser Orte, wo
sich die Hipster und die Berlintouristen nicht blicken lassen, noch
immer viele Jugendliche keinen Schulabschluss haben und als
Perspektive „Hartzer“ nennen. Ich hatte das Glück, in einer
Familie ohne mentales Rückflugticket aufzuwachsen. Es in
Deutschland zu schaffen, hier akzeptiert zu werden war der
Traum meines Vaters, der in einer Fabrik arbeitete.
Trotzdem saß er 1993 mit uns allen vor dem Fernseher,
als das erste Friedensabkommen zwischen Israelis und
Palästinensern unterzeichnet wurde. Auf dem Bildschirm
ga ben sich drei Männer die Hand, die deshalb später
Nobelpreisträger wurden, und mein Vater sagte: „Jetzt
kommt endlich Frieden.“ Seine Hoffnungen für seine frühere
Heimat haben sich nicht erfüllt. Umso wichtiger war es für
ihn, dass die Integration in Deutschland funktionierte.
Heute springen nicht alle, aber manche der jungen Leute,
deren Vorfahren aus muslimischen Ländern kommen, bei jeder
neuen Eskalation der Gewalt auf die Fernsehbilder aus Nahost
an. Denn die Hoffnungslosigkeit der eigenen Situation lässt sich
in der Ausweglosigkeit der ewigen Gewaltspirale gut spiegeln.
Plötzlich scheint die eigene soziale Lage nicht mehr ein Problem
von Chancen, Motivation und guter Bildung zu sein. Sich als
Opfer der Umstände zu fühlen wirkt sogar entlastend.
Die Emotionalisierung der jungen Menschen beginnt bei den
schrecklichen Bildern, die das Leid auf beiden Seiten zeigen. Sie
setzt sich fort in den sozialen Medien, wo Schlagfertigkeit und klare
Kante mehr zählen als Differenzierung und Argumentation. Und
dann passiert das Schlimmste: Die differenzierten, die friedlieben-
den, die ausgleichenden Vertreter ziehen sich zurück, um nicht mit
antisemitischer Hetze in Verbindung gebracht zu werden. Wenn
ausgleichende Stimmen verstummen, fallen die Hemmschwellen.
Manche Menschen mit arabischem Hintergrund hält der Antisemi-
tismus, der sich auf diesen Kundgebungen radikal zeigt, davon ab,
ihr Demonstrationsrecht wahrzunehmen – um nicht mit den Schrei-
hälsen in einen Topf geworfen zu werden. Was halten wir eigentlich
davon, wenn auf diese Weise Grundrechte ausgehöhlt werden?
W
eltweit dient Israel vielen Gruppen als Feindbild. Für
manche reicht es nicht aus, die Politik Israels zu kriti-
sieren. Damit der Konflikt in Nahost global instrumen-
talisiert werden kann, brauchen radikale Ideologen den Antise-
mitismus. Die perfide Idee der jüdischen Weltverschwörung hat
der islamistische Judenhass direkt aus dem europäischen Antise-
mitismus übernommen.
Deshalb sage ich: Dieser Antisemitismus ist genauso zu be-
werten wie der Antisemitismus der Rechtsextremen. Die Gewalt
der Worte schafft die Grundlage für physische Gewalt. Wir Deut-
sche wissen, wohin das führen kann.
Wir können im Kampf gegen den Antisemitismus auf eine
breite demokratische Mehrheit bauen. Nach einer Studie der
Friedrich Ebert Stiftung von 2012 sind judenfeindliche Einstel-
lungen bei etwa 17 Prozent der Muslime in Deutschland verbrei-
tet, im Vergleich zu rund 12 Prozent bei der Gesamtbevölkerung.
Eine der größten Gefahren ist auch deshalb die Gleichgültigkeit
der Mehrheit. Und damit sind wir abermals bei jener wegschau-
enden Haltung, die noch immer auf der Integrationspolitik in
Deutschland lastet.
Neuköllns Bürgermeister Heinz Buschkowsky hat damit seine
Erfahrungen gemacht. Jahrelang hat er Missstände angeprangert –
28 DER SPIEGEL 31 / 2014
Hausaufgaben statt Hass
Essay Warum wir Antisemitismus nur mit aktiver Integrationspolitik bekämpfen können
Von Raed Saleh
Wenn wir es nicht schaffen, den sozialen Aufstieg junger Leute zu organisieren,
werden sozialer Frieden und Wohlstand unseres Landes bedroht sein.
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und wurde reflexhaft als Populist verschrien. Dabei ging es den
Gutmeinenden darum, möglichst niemandem wehzutun. Andere
wollten ihr fortwährendes Nichthandeln legitimieren, indem man
den Überbringer der Botschaft kritisierte.
Was eine wegschauende Integrationspolitik bewirkt, zeigte
sich in diesem Sommer in Kreuzberg. Zunächst schien es für
viele so, als ob die auf dem Oranienplatz kampierenden Flücht-
linge irgendwie zum „coolen Berlin“ gehörten. Aber faktisch
wurden die Flüchtlinge in ihrer Perspektivlosigkeit genauso allein -
gelassen wie die Anwohner. Weil sich die Verantwortlichen der
Stadt über eine Räumung des Camps zerstritten, wurde die Polizei
zum Spielball der Politik. Am Ende fehlte der Mut, sich am
Rechtsstaat zu orientieren – und damit auch den Flüchtlingen zu
helfen. Statt einer wegschauenden brauchen wir eine hinschau-
ende Integrationspolitik, die sich gegen Verhaltensweisen wendet,
die in unserer Demokratie nichts verloren haben.
Die Politik steht für die nächsten Jahrzehnte vor einer Herkules-
aufgabe. Wenn wir es nicht schaffen, den sozialen Aufstieg der jun-
gen Leute mit fremden Wurzeln zu organisieren, dann werden der
soziale Frieden und der Wohlstand unseres Landes bedroht sein.
Wir müssen es schaffen, dass die jungen Leute sich nicht mehr
als Türken oder Araber oder Russen fühlen – sondern als gleich-
berechtigte Deutsche, die sich zwar ihrer Herkunft bewusst sind,
aber auch stolz sind auf ihre deutsche Heimat. Als Allensbach
im Jahr 2012 junge Erwachsene befragte, glaubten nur 19 Prozent
der unteren sozialen Schichten daran, dass sie aus eigener An-
strengung den Aufstieg schaffen können. Diesen Glauben müssen
wir neu stiften. Dann interessieren sich die Jungen auch weniger
für den Nahostkonflikt und mehr für ihre Hausaufgaben.
Für diese hinschauende Integrationspolitik brauchen wir einen
starken Staat – der sich auch durchsetzt, wenn Recht gebrochen
wird. Das fängt beim Schulschwänzen an und reicht bis zu An-
griffen auf Polizisten, die wir nicht dulden dürfen: Der Staat muss
konsequent sein. Denn gerade in einer komplizierter und vielfäl-
tiger werdenden Gesellschaft sind Regeln wichtig. Deshalb muss
ein Rechtsbruch spürbare Konsequenzen für alle haben, die sich
nicht an Regeln halten. Rechtsfreie Räume dulden wir nicht.
Wir müssen auch bessere Chancen schaffen. Das ist die andere
Seite der Medaille. Wir müssen den Kita-Besuch zum Normalfall
machen, das hilft gerade Kindern aus schwierigen sozialen Ver-
hältnissen. Und wir brauchen mehr Sozialarbeiter und Sprach-
mittler in Problemkiezen; deshalb haben wir ein Programm für
Brennpunktschulen geschaffen.
Hinschauende Integrationspolitik heißt auch, deutsche Identität
und Geschichte für die junge Generation zu öffnen. Damit habe
ich erstaunliche und hoffnungsvolle Erfahrungen gemacht. Im
April 2013 begleitete ich eine Jugendgruppe aus einem sozial
schwachen Spandauer Kiez in das ehemalige Vernichtungslager
Auschwitz. Etwa zwei Drittel hatten einen Migrationshintergrund
– und auch die Großeltern der Jugendlichen ohne Migrations-
hintergrund waren oft erst nach dem Krieg geboren.
Sie alle haben das gesehen, was Generationen vor ihnen be-
sichtigt haben: die leeren Koffer der ermordeten Juden, die Tau-
senden kleinen Kinderschuhe, die monströsen Ausmaße von Bir-
kenau. Und sie waren genauso geschockt wie die Generationen
zuvor. Faszinierend für mich war ein junger Mann, dessen Eltern
aus dem Libanon kamen. Er sagte: „Unter den Nazis wären auch
wir hier gelandet.“ Er zog einen Bogen von seiner eigenen Er-
fahrung, sich in der Gesellschaft ausgegrenzt zu fühlen, zu der
massiven Ausgrenzung der Juden. Er erkannte, dass Antisemi-
tismus mit Rassismus verschwistert ist und der Hass sich leicht
auch gegen sie selbst richten kann.
Diese Schlüsselmomente, in denen deutsche Geschichte im
Schlimmen wie im Guten für jene bunte, neue Generation er-
fahrbar wird, lassen sich bewusst organisieren. Hinschauende In-
tegrationspolitik heißt, allen etwas abzuverlangen, es sich nicht
leicht zu machen. Wir dürfen auch von jungen Deutschen, die
ihre Wurzeln in aller Welt haben, fordern, dass sie sich deutscher
Geschichte stellen – sie werden es uns danken.
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Fußballfans beim Empfang der Nationalmannschaft in Berlin: Deutsche Identität für die junge Generation öffnen
Lesen Sie weiter zum Thema
Seite 77: Die zivilen Opfer im Gaza-Konflikt
Seite 125: Der israelische Autor Meir Shalev über sein Land in
Zeiten des Krieges
B
ei der Personalversammlung in der
Lufthansa-Kantine am Frankfurter
Flughafen sah zunächst alles nach
Routine aus. Mehrere Hundert Flugbeglei-
ter waren am Dienstagnachmittag vergan-
gener Woche in die ehemalige Simulator-
halle gekommen, um vom Vorstand De-
tails zum geplanten Sparprogramm des
Konzerns zu erfahren.
Das Thema bewegt die Beschäftigten seit
Wochen, doch nun bedrängten sie ihre Chefs
auch noch mit ganz anderen Fragen. Einer
der Teilnehmer wollte wissen, warum die
Lufthansa, anders als andere Airlines, bis
zuletzt über die Ostukraine flog, wo am
Donnerstag vorvergangener Woche Malay-
sia-Airlines-Flug MH17 mit 298 Menschen
an Bord abgeschossen worden war. Ein an-
derer Mitarbeiter hatte per SMS erfahren,
dass nahe dem Flughafen Tel Aviv eine Bom-
be aus dem umkämpften Gaza-Streifen ein-
geschlagen war. Er fragte, ob der Konzern
den Airport Ben Gurion denn trotzdem wei-
terhin ansteuern wolle. Alles unter Kontrolle,
signalisierte Flugbetriebschef Werner Knorr,
man halte sich streng an die Vorschriften
und fliege auch weiterhin nach Israel.
Die Aussage galt nur ein paar Stunden.
Am Abend verkündete die Lufthansa, dass
sie Tel Aviv vorerst nicht mehr bedient.
Als am Freitag vergangener Woche Luft-
hansa ankündigte, die Strecke wieder auf-
nehmen zu wollen, protestierte die Piloten -
vereinigung Cockpit sofort – zu gefährlich
seien diese Flüge. Andere Airlines wie Aero -
flot oder British Airways stellten den Ver-
kehr dagegen überhaupt nicht ein, wieder
andere nahmen die Verbindungen schon
wenig später wieder auf.
Das Hin und Her um den zentralen israeli -
schen Verkehrsflughafen zeigt, wie tief einer
der größten anzunehmenden Unfälle in der
jüngeren Geschichte der Zivilluftfahrt Air-
lines in aller Welt verunsichert hat. Welche
Risiken kann man noch akzeptieren, fragen
sich besorgte Manager. Und: Wie viel Si-
cherheit kann man sich leisten, wenn die
Konkurrenz einfach weiterfliegt?
Die Antworten stehen noch aus. Klar ist
jedoch: Die Gefahr, dass ein Jet von einer
Boden-Luft-Rakete getroffen werden könn-
te, wurde offenbar sträflich unterschätzt.
Jahrzehntelang galt es in der Branche
als ausgeschlossen, dass derartige Waffen
im Besitz von Aufständischen Passagier-
flugzeugen etwas anhaben könnten. Die
Reichweite der Geschosse galt als zu ge-
ring. Zudem waren Flugverbote Sache der
Staaten, die sich darüber mit der Uno-
Sicherheitsagentur ICAO oder Behörden
wie Eurocontrol abstimmten.
Doch solche Einschränkungen wurden
offenbar zu selten verhängt, weil manche
Staaten auf Einnahmen aus der Nutzung
ihrer Luftstraßen durch Fluggesellschaften
anderer Länder nicht verzichten wollten.
Seit sich abzeichnet, dass es wahrschein-
lich russische Separatisten waren, die in der
Ukraine die Malaysia-Airlines-Maschine
mit einer Boden-Luft-Rakete vom Himmel
geholt haben, ist in der Branche nichts mehr,
wie es einmal war. „Die Spielregeln haben
sich geändert“, konstatiert der Chef der ara-
bischen Fluggesellschaft Emirates, Tim Clark.
Bislang hatte sich die Öffentlichkeit
kaum dafür interessiert, ob als Kollateral-
schaden des Gaza-Konflikts etwa Raketen-
schrapnelle in die Flügel startender oder
landender Jets einschlagen könnten. Nun
werden die Risiken auf einmal extrem sen-
sibel wahrgenommen. Emirates-Chef Clark
forderte sogar, möglichst rasch ein Krisen-
treffen unter Federführung der zuständi-
gen internationalen Dachverbände anzu-
beraumen. Es soll bereits am Dienstag
dieser Woche stattfinden. „Nichts zu tun
ist keine Option“, sagt er.
Ein solcher Sicherheitsgipfel der Airline-
Branche ist überfällig. Aber offenbar
brauchte es ein Fanal wie den Abschuss in
der Ukraine, um der Welt eindrücklich vor
Augen zu führen, wie verwundbar die
zivile Luftfahrt ist. „Die Zahl der Konflikte
hat zugenommen“, warnt Clark, „und
auch deren Tragweite.“ Allein im Nahen
und Mittleren Osten werden zurzeit rund
ein halbes Dutzend bewaffnete Konflikte
ausgetragen, etwa in Syrien, dem Irak oder
dem Gaza-Streifen (siehe Grafik). Trotz-
30 DER SPIEGEL 31 / 2014
Schrapnelle im Flügel
Luftfahrt Der Abschuss eines malaysischen Passagierjets über der Ukraine schockiert Airline-Manager
in der ganzen Welt. Einige fordern nun mehr Abstimmung unter Fluggesellschaften und Behörden.
Quellen: Arbeits-
gemeinschaft
Kriegsursachen-
forschung,
flightaware,
flightradar24
Stand: 23. Juli
Ukraine
Russland
Burma
Thailand
Sudan
Südsudan
Jemen
Somalia
Indien
Pakistan
Afghanistan
Irak
Syrien
Israel
Q Länder mit Krieg
oder bewaffneten
Konflikten
Dubai
Nordkaukasus
Gaza-
Streifen
Kaschmir
Peking
Amsterdam
Paris
Amman
Tunis
Kairo
Rom
London
Frankfurt
Neu-Delhi
Peschawar
Bangkok
Singapur
Riskante Routen
Wichtige Flugverbindungen
von Lufthansa Q
von Emirates Q
dem düsen noch immer Jets in großer
Höhe über diese Gebiete hinweg, mit we-
nigen Ausnahmen.
Die Lufthansa umfliegt schon seit 2012
den syrischen Luftraum, obwohl die zu-
ständigen Behörden das bislang nicht vor-
schreiben. Die Airline stuft die Lage in
dem Land als zu gefährlich ein – und hielt
das in ihrem tagesaktuellen „Risk Map-
ping“ fest, in dem mögliche Gefahren für
jede Flugroute und jedes Ziel festgehalten
sind. Die Analysen führten unter anderem
dazu, dass die Fluglinie die jemenitische
Hauptstadt Sanaa oder die libysche Me-
tropole Tripolis nicht mehr bediente und
auch die Krim frühzeitig mied.
Über Afghanistan oder den Irak dürfen
die Lufthansa-Jets danach allerdings noch
fliegen. Die entsprechenden Flugkorridore
gelten nach Darstellung eines Sprechers
derzeit als sicher und werden beispielswei-
se auch von Emirates nach wie vor genutzt.
Doch die Unsicherheit wächst. Gleich
mehrere Beispiele aus der jüngsten Ver-
gangenheit zeigen, dass Flugzeuge zuneh-
mend zum Ziel terroristischer Anschläge
und kriegerischer Attacken werden.
Immer wieder griffen Unbekannte den
internationalen Flughafen in Tripolis an und
setzten dabei Flugzeuge in Brand. Seit Mitte
Juli wird der Airport hart umkämpft. Dabei
gab es mehrfach Tote und Schwerverletzte.
Zuvor hatten Taliban-Kämpfer in der af-
ghanischen Hauptstadt Kabul den Flugha-
fen mit Maschinengewehren und Handgra-
naten attackiert. Dabei wurde der Dienst-
hubschrauber des Präsidenten zerstört.
Dramatisch ist auch die Situation in Pa-
kistan, das von der Lufthansa schon seit
Längerem nicht mehr angeflogen wird.
Erst vor einem Monat beschossen Terro-
risten dort einen Jet von Pakistan Interna-
tional Airlines im Landeanflug, der aus
der saudi-arabischen Hauptstadt Riad kam.
Zehn Kugeln durchsiebten die Hülle der
Maschine vom Typ Airbus A310. Eine Frau,
die direkt am Fenster saß, wurde getötet.
Es war bereits der zweite Anschlag in-
nerhalb eines Monats. Schon Anfang Juni
hatten sich Taliban-Extremisten und Si-
cherheitskräfte bei einer versuchten Flug-
zeugentführung auf dem Airport eine stun-
denlange Schießerei geliefert. Insgesamt
kamen dabei 28 Menschen ums Leben.
Auch ein Emirates-Jet wurde beschädigt.
Die arabische Fluglinie stornierte darauf-
hin alle Verbindungen nach Peschawar,
fliegt die Stadt seit Donnerstag vergangener
Woche allerdings wieder an, und das sogar
fünfmal pro Woche. Die Sicherheitsmaß-
nahmen seien inzwischen eingehend über-
prüft worden, sagt ein Unternehmensspre-
cher, im Übrigen habe die Unversehrtheit
der Passagiere und Crews absolute Priorität.
Dass nun ausgerechnet Emirates eine in-
ternationale Sicherheitskonferenz einbe-
rufen will, hat gute Gründe. Die größte
arabische Airline besitzt 50 Großraumflug-
zeuge vom Typ A380 mit rund 500 Sitzen
und hat weitere 89 Exemplare bestellt. Die
Vorstellung, dass einem seiner Jets womög-
lich ein ähnliches Schicksal widerfahren
könnte wie Malaysia Airlines MH17, muss
Airline-Chef Clark den Angstschweiß auf
die Stirn treiben. In so einem Fall wären
inklusive Crew deutlich mehr Tote zu be-
klagen als kürzlich in der Ukraine.
Malaysia Airlines bekommt die Folgen
der zweiten unverschuldeten Katastrophe
innerhalb von knapp fünf Monaten nach
dem Verschwinden von MH370 im März
schon schmerzhaft zu spüren. Der Kurs
* Vor einer Tafel mit den abgesagten Flügen am 22. Juli.
der Aktie dümpelt schon seit Jahren auf
Ramschniveau dahin. Pro Tag drohen der
Fluggesellschaft Verluste von bis zu zwei
Millionen Dollar, schätzen Experten. Selbst
ein Bankrott scheint möglich.
Als Ausweg aus der Krise fordern Fach-
leute nun eine „kreative Zerstörung“ der
Fluggesellschaft. „Malaysia Airlines muss
geschlossen werden“, fordert Shukor Yusof
von der malaysischen Denkfabrik Endau
Analytics. „Und dann muss sie neu aufgebaut
werden, mit einem völlig neuen Image.“
Die Lufthansa hat bereits signalisiert,
dass sie Clarks Vorstoß für eine interna-
tionale Sicherheitskonferenz begrüßt. In
der Branche werden drastische Maßnah-
men debattiert. Ein erster Schritt könnte
sein, Langstreckenjets künftig mit noch
ausgefeilteren Transpondern auszustatten,
die sie gegenüber den Radarsystemen po-
tenzieller Angreifer automatisch als zivile
Objekte ausweisen. Manche Airline-Mana-
ger empfehlen gar, die Flieger mit Störsen-
dern sowie Raketenabwehrgeräten zu be-
stücken. Auch der Informationsaustausch
zwischen den Airlines über sicherheitsre-
levante Vorkommnisse könnte verbessert
werden. Und einige Experten fordern, dass
sich die Geheimdienste künftig stärker als
bisher um den Schutz der zivilen Luftfahrt
kümmern sollten.
Auch die Sicherheit mancher Regie-
rungsflüge könnte noch verbessert werden.
Nach Gerüchten in Pilotenkreisen soll
selbst die Kanzlerin mit ihrem staatseige-
nen Airbus-Jet vom Typ A340 schon über
das Krisengebiet in der Ostukraine geflo-
gen sein. Eine Sprecherin der Bundesregie-
rung dementiert – zumindest in den letz-
ten drei Monaten habe es keine entspre-
chenden Flüge gegeben.
Dinah Deckstein, Martin U. Müller, Wieland Wagner
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Passagiere am Flughafen Tel Aviv*
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ie Kanzlerin kann auch Frauen -
politik, jedenfalls im Prinzip. An-
fang April kündigte Angela Merkel
in ihrer Regierungserklärung an, die Große
Koalition werde alles daransetzen, „dass
Frauen in Führungspositio-
nen besser vertreten sein
müssen“. Notfalls werde
man die Industrie per ge-
setzlicher Quote zu mehr
Gleichstellung zwingen.
Drei Monate später sieht
die Situation so aus: Es gibt
einen Gesetzentwurf, um
mehr Frauen in die Auf-
sichtsräte und ins Top -
management zu befördern.
Doch nun kommt Wider-
stand aus den eigenen Rei-
hen. Ausgerechnet in von
CDU und CSU geführten
Ministerien sitzen die ärgs-
ten Quertreiber.
Ihnen geht es nicht um
die Freiheit des Unterneh-
mertums und das Recht der
Firmen, sich ihre Mitarbei-
ter selbst auszusuchen.
Vielmehr stören sich etwa
das Gesundheitsministe -
rium von Hermann Gröhe
und das Verkehrsministe -
rium von Alexander Dob-
rindt an den Quotenregeln
für den Staat. Sogar das Verteidigungsmi-
nisterium von Ursula von der Leyen, der
schärfsten Quotenkämpferin der CDU,
kritisiert Details des Entwurfs. Dieser
schreibt nämlich auch Bundesbehörden
und Unternehmen im öffentlichen Eigen-
tum vor, dass sie mehr Frauen in Posi -
tionen mit Macht und Einfluss bringen
sollen.
So kritisch fielen die Stellungnahmen
vieler Ressorts aus, dass Ralf Kleindiek,
Staatssekretär im Frauenministerium, sich
vergangene Woche gezwungen sah, seine
Amtskollegen zum Krisentreffen zu laden.
Er sei „erstaunt“ über die „generelle Ab-
lehnung“ der Quotenvorgaben für den
Staat, sagte Kleindiek den Kollegen. „Hier
hätte ich mir ein früheres Signal ge-
wünscht.“ Letztlich lenkte er aber ein und
versprach Korrekturen. Triumphierend pro-
tokollierte ein Unionsteil-
nehmer, Kleindieks Ressort
nehme „Zeitdruck aus dem
Verfahren und ändert seine
Vorgehensweise“. Im Klar-
text: So schnell kommt der
Entwurf nicht ins Kabinett.
Das wichtigste Argu-
ment der Gegner lautet:
So steht es nicht im Koali -
tionsvertrag. Tatsächlich
enthält der Entwurf einige
für die Union überraschen-
de Ideen. Künftig sollen
alle Unternehmen im
mehrheitlichen Besitz des
Bundes auf einen Frauen-
anteil von 50 Prozent für
ihre Führung positionen
hinwirken.
Auch in die von der öf-
fentlichen Hand zu beset-
zenden Aufsichtsräte soll
der Staat bald möglichst
gleich viele Frauen und
Männer entsenden – in
manchen Gremien sitzt
aber ohnehin nur ein
Staatsvertreter. Was die F
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CDU-Ministerien als besonders krassen
Eingriff empfinden: Für alle Personalien,
die das Bundeskabinett absegnet, müssen
sie sich künftig mit dem Frauenministe -
rium auf Kandidatinnen einigen.
Für Ärger sorgt auch die Forderung nach
mehr Gleichstellungsbeauftragten. Das
Verteidigungsministerium hat ausgerech-
net, dass es dafür die Stellen von 100 auf
200 verdoppeln müsste. Der Staats betrieb
Deutsche Bahn kalkuliert für die Tochter-
firmen mit mindestens 960 neuen Stellen.
Dabei hat der Staat dringenden Nach-
holbedarf beim Thema Frauenförderung.
Im Topmanagement der größten Bundes-
unternehmen haben Frauen nur etwa 14
Prozent der Jobs inne. Bei den Aufsichts-
räten sieht es kaum besser aus. Sie sind
nur zu gut einem Fünftel weiblich besetzt,
wie eine Untersuchung der Initiative
„Frauen in die Aufsichtsräte“ ergab. Be-
sonders schlecht schneidet die Deutsche
Bahn ab. In ihrem Kontrollgremium sitzen
2 Frauen – neben 16 Männern.
Die verantwortlichen SPD-Minister Hei-
ko Maas, Justiz, und Manuela Schwesig,
Frauen, hatten sich zwar auf Widerstand
aus der Wirtschaft eingestellt. Dass auch
Regierungskollegen sich querlegen, trifft
sie unerwartet. Dem Kanzleramt lag der
Entwurf plangemäß im Juni vor und wurde
anstandslos abgesegnet.
Die Querelen lassen die Wirtschaft froh-
locken. „Es ist schön, dass der Öffentliche
Dienst sich vergegenwärtigt, wie schwierig
es sein kann, den Frauenanteil in der Mit-
arbeiterschaft zu erhöhen“, sagt Holger
Lösch, Mitglied der Hauptgeschäftsfüh-
rung des Bundesverbands der Deutschen
Industrie, süffisant. „Die Industrie würde
sich wünschen, dass die Bundesregierung
so nachsichtig mit der Privatwirtschaft um-
geht, wie mit sich selbst.“
Auch Martin Wansleben, Hauptgeschäfts-
führer des Deutschen Industrie- und Han-
delskammertags, kann sich Spott nicht ver-
kneifen: „Eine gesetzliche Frauenquote ist
der falsche Weg und verfassungsrechtlich
äußerst fragwürdig. Wenn sie aber kommt,
dürfen öffentliche gegenüber privaten Un-
ternehmen nicht privilegiert werden.“
In den nächsten zwei Wochen will Staats-
sekretär Kleindiek nun einen neuen Ent-
wurf vorlegen. Es gilt als ausgemacht, dass
die Pläne für mehr Gleichstellungsbeauf-
tragte kassiert werden. Aber an den Quo-
ten wollen Schwesig und Maas nicht rütteln.
Die beiden gehen mit gutem Beispiel
voran. Maas hat soeben eine Frau, Beate
Kienemund, zur Abteilungsleiterin beför-
dert – die zweite in Folge. Seine Kabinetts-
kollegin Schwesig setzte Claudia Buch als
Vizepräsidentin der Deutschen Bundes-
bank durch und machte sich für Kirsten
Lühmann als Aufsichtsrätin der Deutschen
Bahn stark.
Melanie Amann, Horand Knaup, Ann-Katrin Müller
BUND
21%
LÄNDER
22%
KOMMUNEN
Landeshauptstädte
30%
Weibliche Führung
Frauen in Aufsichtsgremien
öffentlicher Unternehmen
*
im Topmanagement..................... 14%
Vorstand, Geschäftsführung
frauenfreie Führungsetagen.... 22%
* Durchschnitt der größten Unternehmen
in Deutschland mit mehrheitlich öffentlicher
Beteiligung; Quelle: Public WoB-Index
Staat ohne
Frauen
Quote Die Regierung setzt der
Industrie ehrgeizige Ziele
für Frauen in Toppositionen.
Mit Staatsbetrieben will die
CDU weniger hart umspringen.
33 DER SPIEGEL 31 / 2014
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eltmeister werden macht müde; satt und schläfrig liegt das
Land. Die Wirtschaft läuft blendend, die Stimmung ist bestens.
Man sorgt sich ein wenig um den Nahen Osten und die
Ukraine, aber Deutschland ist eine feste Burg. Die Sonne scheint.
Von jenseits der Grenzen wird das Land umso heftiger bestaunt. Die
Franzosen haben „la mannschaft“ für weit mehr als nur den Fußball in
ihren Wortschatz aufgenommen; das US-Magazin Newsweek ruft das
„deutsche Jahrhundert“ aus. Es wird geschwärmt oder geneidet, auf
jeden Fall aber genau verfolgt, was die Deutschen mit ihrem goldenen
Moment anfangen wollen. Doch er scheint ungenutzt zu verstreichen.
Die Kanzlerin investiert viel in das Einhegen internationaler Krisen
und die fürsorgliche Begleitung ihrer Koalition. Ihre Macht und ihre
Möglichkeiten dabei beschreibt sie stets mit großer Zurückhaltung.
Doch in diesem Sommer klaffen Gelegenheit und Ehrgeiz selbst für
Merkels Maßstäbe erschreckend weit auseinander. Dabei passen dieser
Moment und das, was man daraus machen könnte, viel besser in ihr
Denken und Handeln, als sie zugibt.
Denn diese Kanzlerin hat ihre Politik oft in große Stimmungsströme
der Bürger eingefügt. So erklärt sich, dass sie der Atomkraft abrupt
den Rücken kehrte oder die Große Koalition die Früchte des Auf-
schwungs freigebig verteilt. Zugleich reizt die Kanzlerin das Denken
in großen Zusammenhängen durchaus. Wenn sie in ferne Länder reist,
kommt das funkelnd zum Vorschein. Daheim hält sie das kleine Karo
für angemessen. Aber im Ausland, wie zuletzt in China, sagt sie, das
Gegenteil sei nötig, um in der Welt ernst genommen zu werden.
Auf den WM-Fanmeilen waren in den vergangenen Wochen viele
Junge unterwegs. Sie erwarteten auf angenehm entspannte Art Großes
von ihrer Mannschaft. Von der Politik erwarten sie wenig. Das müsste
jede Regierung alarmieren, da müsste Angela Merkel
an setzen.
Vor gut zehn Jahren hatte Deutschland in Europa
die rote Laterne. Dann kamen die Reformen in Gang
und erbrachten nach einiger Zeit überzeugende Er-
folge, weshalb viele andere Staaten längst versuchen,
davon zu lernen. In Deutschland hingegen ging das
Wort „Reform“ vor die Hunde, wenige politische Be-
griffe sind so verfemt wie dieser. Das ist eine schwere
Hypothek, wenn man nicht warten will, bis erst wie-
der eine tiefe Krise Reformen erzwingt.
Mehr noch: Die Deutschen halten ihre Gesellschaft
für viel ungerechter, als es der Realität entspricht.
Sie halten den Anteil jener, die im unteren Siebtel der Einkommens-
verteilung zurechtkommen müssen, für deutlich höher und die Mittel-
schicht für viel kleiner, als sie ist. Auch dieses Zerrbild ist alarmierend.
Reformen und Gerechtigkeit – beide Felder wären wie geschaffen
für eine Kanzlerin, der mehr Menschen dauerhaft zu vertrauen scheinen
als je einem ihrer Vorgänger. Dieses Kapital könnte sie investieren,
statt nur von den Zinsen zu leben. Es geht um die Verfasstheit einer
Gesellschaft, die zu bemerkenswerten Leistungen fähig, aber an wich-
tigen Punkten nicht mit sich im Reinen ist: Man zeigt sich stolz auf das
Erreichte, hofft aber zugleich, der Rest der Welt möge fortan bitte still-
stehen und den Deutschen ihre Nische nicht streitig machen. Die Bun-
desregierung soll Südeuropa Beine machen, aber das eigene Land in
Ruhe lassen. Diese Widersprüche jetzt, unter denkbar günstigen Um-
ständen, anzugehen läge – anders als viele meinen – in der Natur dieser
Kanzlerin. Was hält sie bloß davon ab? Es ist ein Jammer.
Nikolaus Blome
Kommentar
Die verwehte Chance
Das Welt wartet
gespannt, was
die Deutschen aus
ihrem goldenen
Moment machen.
Vermutlich kann
sie lange warten.
Deutschland
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usgesucht hat sich Uli Hoeneß das
Krankenhaus angeblich nicht. Nein,
glaubt man Vertrauten, dann han-
delte es sich um eine Art Zwangsein -
weisung durch die Landsberger Gefängnis-
leitung. Die suchte einen Ort, an dem
„Abschottung und Überwachung“ gewähr-
leistet seien.
Gut wenn sich das Nützliche mit dem
Angenehmen verbindet. Hoeneß, 62, der
seit dem 2. Juni wegen Steuerhinterziehung
in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Lands-
berg in einer Einzelzelle sitzt, hätte es
schlechter erwischen können. Er durfte ver-
gangenen Montag einen Raum in der luxu-
riösen Schön-Klinik in Kempfenhausen am
Ostufer des Starnberger Sees beziehen und
sein karges Lager in der Haft gegen ein Zim-
mer mit allen Annehmlichkeiten tauschen.
Allerdings kürzer als gedacht. Nach ei-
nem Routineeingriff am Herzen sollte der
Expräsident des FC Bayern München bis
mindestens Anfang dieser Woche das wei-
che Krankenlager hüten. So lautete der
„Heilungsplan“, verrieten Freunde. Am
vergangenen Mittwochabend kam es zur
wundersamen Wende. Nachdem öffentlich
geworden war, wie exklusiv der Steuer-
sünder logierte, witterte die Justiz offenbar
Ärger und ließ den frisch Operierten schon
etwa eine Stunde nach dem Aufwachen
aus der Narkose, noch „leicht schwan-
kend“, wie Vertraute sagen, zurück nach
Landsberg bringen.
Keine Sonderbehandlung für Prominen-
te, lautete die Botschaft. Sie kam zu spät.
In der schicken Privatklinik am See tei-
len sich die Patienten hinter hohen Hecken
nicht nur einen herrschaftlichen Prachtbau,
sondern 12000 Quadratmeter Parkgrund-
stück in einer der teuersten Lagen Deutsch-
lands. Die medizinische Versorgung gilt
als diskret und erstklassig, das Essen als
ausgesucht gut und der Blick übers Wasser
als unbezahlbar.
Um Hoeneß, der an Übergewicht und
Bluthochdruck leidet, kümmerte sich der
international renommierte Kardiologe und
Chefarzt Jürgen Pache. Wer beim bayeri-
schen Justizministerium nachfragt, ob je-
der Gefangene im Krankheitsfall eine der-
art komfortable und teure Versorgung er-
fahre, bekommt keine Antwort. Man äu-
ßere sich nicht zu Vollstreckungsfragen ei-
ner Einzelperson, so die Auskunft.
Aus Hoeneß’ Umfeld wurde beruhigt,
der Patient habe keine Notoperation benö-
tigt. Es habe sich vielmehr um einen lange
geplanten Eingriff gehandelt, für den es in
der Krankenstation der JVA weder die rich-
tigen Ärzte noch die richtigen Räume gebe.
Auf die Frage, ob der Eingriff nicht in
den 80 Tagen zwischen Verurteilung und
Haftantritt erledigt werden konnte, rea-
giert ein enger Vertrauter des früheren FC-
Bayern-Managers ungehalten. „Es ist voll-
kommen widerwärtig, dass Uli seine
Krankheit überhaupt erklären muss. Was
geht das die Menschen an? Das ist doch
seine Privatsache!“
Immerhin befand sich CSU-Freund Hoe-
neß nicht nur in besten Händen, sondern
auch auf für die bayerische Regierungspar-
tei historischem Boden. Jahrzehntelang
vertrauten die CSU-Vorsitzenden und Mi-
nisterpräsidenten Franz Josef Strauß und
Edmund Stoiber dem medizinischen Fach-
wissen und den freundschaftlichen Rat-
schlägen von Klinikgründer Valentin Ar-
girov. Und schickten ihm Parteifreunde
und Spezln, die eine gut betreute Auszeit
am See nehmen wollten. Argirov handelte
diskret; wer wann und warum in seinem
Haus weilte, sickerte fast nie nach draußen.
In der christsozialen Führungsriege kur-
sierte der Spruch: „Hast du mit der Leber
Zoff, geh zu Doktor Argirov.“
Argirov, gebürtiger Bulgare, machte
1980 am idyllischen Ostufer eine kleine
Klinik auf. Die Nähe zur Macht verschaffte
ihm prominente und zahlungskräftige Pa-
tienten. Zugleich flossen viele Millionen
staatliche Zuschüsse, die das Haus Argirov
zwar nicht zu Unrecht kassierte, die ande-
re Kliniken jedoch mit Neid verfolgten.
Die Diagnosegeräte waren auf moderns-
tem Stand. Immerhin wurden in der Klinik
damit auch Kassenpatienten behandelt.
Den Mächtigen stand der Arzt, bis er
2003 seine Kliniken an die Schön-Gruppe
verkaufte, selbstlos zur Verfügung. Stoiber
ließ sich schon mal kurz vor Mitternacht
nach Kempfenhausen chauffieren, um ei-
nen Gesundheitscheck vorzunehmen zu
lassen. Sein Terminplan hatte einen Arzt-
besuch tagsüber nicht erlaubt. Damit seine
Personenschützer den Ministerpräsidenten
gebührend bewachen konnten, wurde eine
Patientin geweckt, sie musste ein anderes
Zimmer beziehen.
Arzt und Patient trafen sich auch privat.
Im bayerischen Landtag kam Stoiber 1999
in Erklärungsnot, als bekannt wurde, dass
er in Argirovs Anwesen in Südfrankreich
seinen Urlaub verbracht hatte.
Ebenso rührend wie um die Regierungs-
chefs kümmerte man sich in der Klinik um
enge Vertraute der CSU: etwa um Franz F
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Visite am See
Strafvollzug Die Privatklinik, in
der Uli Hoeneß behandelt wur-
de, war Rückzugsgebiet für CSU-
Spezln. Ein Gefangener ist dort
sogar spurlos verschwunden.
Schön-Klinik Kempfenhausen: „Abschottung und Überwachung gewährleistet“
34 DER SPIEGEL 31 / 2014
Steuersünder Hoeneß
„Alles andere als ein Traumleben“
Dannecker, den früheren Justiziar der Par-
tei. Strauß empfahl Dannecker wegen ei-
ner bedrohlichen Herzerkrankung seinen
bulgarischen Leibarzt.
Der Justiziar stand in dem Ruf, jahrelang
diskret Parteispenden entgegengenommen
und so zwischengelagert zu haben, dass
nur er vom Verbleib wusste. Danneckers
Weggefährten erzählten später, Strauß sei
wie wild durch den argirovschen Park ge-
rannt, in der Angst, der Rechtsanwalt könn-
te versterben und das Wissen um die Spen-
den mit ins Grab nehmen. Dannecker über-
lebte noch einige Jahre dank der Therapie
am Starnberger See.
Gut aufgehoben durfte sich auch ein
CSU- und CDU-Spendensammler in Kemp-
fenhausen fühlen. Der Geschäftsmann war
bis zum Jahr 2000 ebenso wie heute Hoe-
neß Insasse der JVA Landsberg. Das Land-
gericht München I hatte ihn zu dreieinhalb
Jahren Haft verurteilt. Die Richter waren
überzeugt, dass er Spenden für sich selbst
abgezweigt hatte.
Doch die bayerische Justiz ging scho-
nend mit ihm um. Nach einem Jahr Ge-
fängnis wurde der Mann Freigänger, im
Jahr darauf verlegte man ihn in die Klinik
Argirov. Seine Leiden waren vielfältig:
eine Beinverletzung, Rückenschmerzen,
Folgen zweier Herzinfarkte und eines
Schlaganfalls, Angina pectoris.
Doch der Patient blieb agil, tagsüber
kurbelte er seine Geschäfte an. Justizbe-
amte sahen zunächst in Kempfenhausen
nach ihm oder ließen sich seine Anwesen-
heit vom Personal am Telefon bestätigen.
Eines Tages fiel auf: Der Mann war weg.
Wie lange schon, wollte niemand sagen.
Gefunden wurde er auch nicht. Monate
nach seinem Verschwinden setzte die Jus-
tiz seine Strafe zur Bewährung aus.
Dass sich ein derart lockerer Vollzug bei
Hoeneß wiederholen könnte, weist ein
Vertrauter zurück. Er genieße keinesfalls
Sonderrechte, heißt es, auch nicht in der
JVA. „Ich kann jedem die Sorge nehmen,
der glaubt, dass Uli ein Traumleben hat.
Das, was er in Landsberg mitmacht, mit
Kinderschändern und anderen Kriminel-
len, ist alles andere.“
Beleg dafür ist laut Hoeneß’ Umfeld
auch ein weiterer Erpressungsversuch. Die
Polizei, heißt es, habe ihn nicht besonders
ernst genommen. Trotzdem sei er ein Hin-
weis auf Hoeneß’ anhaltende Bedrohung.
Bei einem ersten Erpressungsversuch hatte
man ihm mitgeteilt, gegen die Zahlung ei-
ner sechsstelligen Summe könne Einfluss
auf seinen Haftverlauf genommen werden.
Der Erpresser wurde festgenommen.
Rafael Buschmann, Conny Neumann
35 DER SPIEGEL 31 / 2014
Video:
Die Hoeneß-Klinik
spiegel.de/app312014hoeness
oder in der App DER SPIEGEL
A
ls die Sanitäter zu dem Transporter
eilten, der vor der Notaufnahme des
Köpenicker Krankenhauses vorge-
fahren war, konnten sie schon die Schmer-
zensschreie hören. Im Laderaum saß Inge-
borg L. in einem Rollstuhl, der am Boden
festgezurrt war. Die betagte Dame sollte
nur aus dem Pflegeheim zur Dialyse ge-
bracht werden. Nun berichtete sie den bei-
den Helfern, der Fahrer des Wagens habe
abrupt gebremst, dabei sei sie aus dem Roll-
stuhl gerutscht. Der Fahrer behauptete je-
doch, sie sei angeschnallt gewesen.
Später stellten die Ärzte des Klinikums
fest, dass Frau L. sich bei dem Unfall beide
Beine gebrochen hatte. Sie starb nicht lange
danach, im November 2011, vermutlich an
den Folgen der schweren Verletzungen. Die
beiden Sanitäter bezeugten den Fall danach
vor Ermittlern. Doch ein Sprecher der
Staatsanwaltschaft Berlin sagt, die Strafver-
folger hätten nicht nachweisen können,
dass der Fahrer vergessen habe, Frau L. an-
zuschnallen. Es sei ja auch möglich, dass
sie sich während der Fahrt selbst abge-
schnallt habe und deshalb bei der Brem-
sung auf dem Boden gelandet sei. Ihr Tod
blieb ohne strafrechtliche Konsequenzen.
Wenn Kranke von ihrer Wohnung zur
Dialyse oder von einer Operation zurück
ins Pflegeheim gebracht werden, geschieht
dies häufig nicht in klassischen Kranken-
wagen, sondern in umgebauten Transpor-
tern. Von außen sehen die sogenannten
Mietliegewagen oder Tragestuhlwagen oft
aus wie die Fahrzeuge eines Umzugsun-
ternehmens, und doch sind im Laderaum
eine Liege oder spezielle Sitze eingebaut.
Die Fahrer brauchen, anders als jene
von Krankenwagen, keine Ausbildung
zum Sanitäter. Sie sollen Patienten chauf-
fieren, die zu gebrechlich oder krank für
ein Taxi sind, jedoch zu gesund für einen
Krankenwagen. Eine Fahrt im Transporter
kostet die Krankenkassen oft nur halb so
viel wie eine im Krankenwagen.
Die Kassen haben durch ihre Aufträge
dazu beigetragen, dass sich eine Branche
etabliert hat, in der mitunter Wildwest -
methoden herrschen. Manche Unterneh-
mer und Fahrer haben kaum Vorkenntnis-
se im Umgang mit Kranken. Fuhrbetriebe
nutzen Krankentransporte als schnelle Ein-
nahmequelle. Leidtragende sind die Patien-
ten, die in den Wagen einem erhöhten In-
fektions- und Unfallrisiko ausgesetzt sind.
* Observationsfoto von Privatdetektiv Klaus-Dietmar
Nehring.
Ein krankes
Geschäft
Gesundheit Weil es billiger ist,
werden Patienten statt in Kran-
kenwagen oft in Mietliegewagen
transportiert – und sind dort
erhöhten Gefahren ausgesetzt.
Die AOK Nordost hat 2013 für Berlin,
Brandenburg und Mecklenburg-Vorpom-
mern etwa 400000 Fahrten in klassischen
Krankenwagen abgerechnet, aber rund
1,8 Millionen in Mietwagen. Darin dürfen
nur Patienten gefahren werden, die keine
medizinische Überwachung benötigen.
Seit 2004 haben die Krankenkassen das
Recht, Fahrten vorab zu genehmigen.
Muss ein Patient auf Kassenkosten regel-
mäßig in eine Klinik gefahren werden,
braucht er die „Verordnung einer Kranken-
beförderung“ vom Arzt. Die Kasse darf
die Verordnung ändern, wenn sie diese für
nicht gerechtfertigt hält.
Dem SPIEGEL liegen Dokumente vor, die
belegen, dass Kassen Fahrten im Kranken-
wagen ablehnen, selbst wenn Ärzte sie ver-
schrieben hatten. Dann kann der Mediziner
zwar verordnen, dass ein Patient überwacht
werden muss. Genehmigt der Mitarbeiter
der Kasse nur den einfachen Krankentrans-
port, hilft das in der Praxis meist nichts.
Die AOK Nordost teilt mit, sie sei „ge-
halten, auf eine wirtschaftliche Verwen-
dung der Versicherungsgelder zu achten“.
Die Knappschaft, eine Krankenkasse mit
mehr als 1,4 Millionen Mitgliedern, be-
hauptet, sie übe keinen Druck aus, son-
dern versuche nur, die niedergelassenen
Ärzte zu informieren. Immer wieder
befördern Transportfirmen auch ernsthaft
erkrankte Patienten, wie Unternehmer
berichten. Es wird gefährlich, wenn diese
Kranken auf überforderte Fahrer treffen.
In Bochum rammten die Mitarbeiter
einer Beförderungs firma den Kopf einer
Deutschland
36 DER SPIEGEL 31 / 2014
Privater Krankentransport*: Hilflose Patienten wie Pakete behandelt
Deutschland
Patientin beim Einladen gegen die Ober-
kante des Mietliegewagens. Die Frau ist
seitdem teilweise querschnittsgelähmt. Das
Oberlandesgericht Hamm verurteilte das
Krankenhaus, das die Firma beauftragt hat-
te, vor einigen Jahren zu 20000 Euro
Schmerzensgeld.
In Lüdenscheid vergaßen 2007 ein Fah-
rer und sein Kollege einen Patienten im
Fahrgastraum und machten Feierabend.
Der 71-jährige Bewohner eines Senioren-
heims, der nur wegen einer Platzwunde
im Krankenhaus gewesen war, stand unter
starken Medikamenten, er konnte sich
nicht bemerkbar machen und wurde erst
am nächsten Morgen in der kalten Garage
gefunden. Vorher hatten Mitarbeiter des
Heims ergebnislos nach ihm gesucht.
Dass hilflose Patienten manchmal wie
Pakete behandelt werden, weiß Christian
Molina Ribas aus eigener Erfahrung. Der
45-jährige Berliner arbeitet seit acht Jahren
als Fahrer von Krankentransportern. Ge-
gen seinen ehemaligen Arbeitgeber laufen
Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts
auf Krankenkassenbetrug und Hehlerei.
„Je weniger Aufwand und je mehr Geld
pro Fahrt, desto besser, das war das Motto,
und das ist es bei vielen in der Branche
immer noch“, sagt Molina Ribas.
Seine Schichten hätten üblicherweise
zehn bis elf Stunden gedauert. In dieser
Zeit habe er bis zu 30 Fahrten gemacht,
für 6,25 Euro netto die Stunde. Er habe
oft mehrere Patienten gleichzeitig mitneh-
men müssen. „Der Druck war enorm“,
sagt der gelernte Maler, dem das Arbeits-
amt den Job vermittelt hatte. „Ich war froh,
überhaupt eine Anstellung be-
kommen zu haben.“ Manchmal
sei ihm monatelang kein Gehalt
gezahlt worden, niemand habe
Hygienevorschriften beachtet,
etwa den Patientenstuhl nach
jeder Fahrt zu desin fizieren.
„Trotzdem beschwert sich nie-
mand“, sagt Molina Ribas, zu
groß sei die Angst, wieder beim
Arbeitsamt zu landen.
In vielen Bundesländern sind die Behör-
den mit der Kontrolle zwielichtiger Firmen
überfordert. In Berlin ist eine einzige
Mitarbeiterin des Landesamts für Bürger-
und Ordnungsangelegenheiten für die Kon -
trolle von knapp 10000 Taxis, Kranken-
transportern und Krankenwagen zuständig.
Molina Ribas hat bei seiner alten Firma
schließlich gekündigt. Er arbeitet immer
noch als Fahrer von Krankentransporten,
aber bei einem Unternehmen, das besser
mit Patienten und Fahrern umgehe.
Weil der Markt kontinuierlich wächst
und auch fragwürdige Firmen hervor-
bringt, haben einige Unternehmen die
Kontrolle selbst in die Hand genommen
und einen Privatdetektiv engagiert. Klaus-
Dietmar Nehring, ein Mann mit grauem
Haar und grauem Pullover, überwacht seit
vier Monaten dreimal pro Woche Berliner
Krankentransporte. Dann steht er vor den
Notaufnahmestationen der Krankenhäuser,
flüstert Beobachtungen in sein Aufnahme-
gerät und schießt mit einer kleinen Ka -
mera Beweisbilder. Etwa von einer alten
Dame, die ein Fahrer unangeschnallt in
einen Transporter setzt.
Seine Ermittlungsergebnisse hat Nehring
in einem dicken Ordner zusammengefasst.
Darin dokumentiert er, wie der Rollstuhl
eines geschwächten Dialysepatienten auf
der Ladefläche notdürftig mit Seilen ge -
sichert wurde. Andere Kranke wurden in
Fahrzeuge bugsiert, in denen kurz zuvor
Zementsäcke oder Möbel transportiert wor-
den waren. Mehrmals erlebte Nehring, dass
die Fahrer abends nach allen Patientenfahr-
ten schaufelweise von Fahrgästen hinterlas-
senen Müll aus dem Fahrzeug räumten.
Die Krankentransporter unterliegen
dem Personenbeförderungsgesetz. Für sie
gelten laschere Hygienevorschriften als für
klassische Krankenwagen, deren Betrieb
im Rettungsdienstgesetz geregelt ist. Des-
halb dürfen in den meisten Bundesländern
keine Patienten in Krankentransportern
befördert werden, die multiresistente Kei-
me (MRSA) in sich tragen.
Doch als Wissenschaftler der Univer -
sitätskliniken Gießen und Frankfurt am
Main vor drei Jahren die Wagen untersuch-
ten, fanden sie die gefährlichen Keime in
jedem vierten untersuchten Krankentrans-
porter. Ein Grund dafür dürfte sein, dass
Patienten in Krankentransportern gefahren
werden, selbst wenn Ärzte Infektionskrank-
heiten auf ihren Transportver-
ordnungen notiert haben.
Der laxe Umgang mit MRSA-
Patienten sei „haarsträubend“,
sagt Christian Kühn, Sicherheits-
ingenieur für Krankenwagen
aus Schleswig-Holstein. Einige
der Wagen sind so groß, dass
neben den Tragestühlen auch
mehrere Reihen normale Sitze
installiert sind. „In diesen Multi -
funktionswagen werden morgens MRSA-
Patienten transportiert, dann holen sie
eine Schulklasse vom Schwimmunterricht
ab, und abends fahren sie noch mal eine
Gruppe Rentner“, sagt Kühn. Das sei per-
fekt für die Ver breitung der krankmachen-
den Keime. Zudem müssten sich die Fah-
rer kaum an Hygienevorschriften halten,
gingen aber täglich in den Krankenzim-
mern ein und aus. Niemand dürfe sich
wundern, wenn Fahrer auf diese Weise die
Keime verbreiteten.
Privatdetektiv Nehring sagt, er habe
bis zum diesem Auftrag keine Angst vor
dem Alter gehabt. Das habe sich geändert,
seitdem er wisse, wie es in der Kranken-
transportbranche zugehe.
Sebastian Kempkens
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s ist der vergangene Donnerstag, als
wenige Meter von Ursula von der
Leyen entfernt der Regelverstoß
geschieht. Der Hauptfeldwebel sitzt auf
einer Bank im Innenhof des Hauptquar-
tiers der Afghanistan-Schutztruppe in
Kabul, das Thermometer steigt unaufhalt-
sam gen 40 Grad Celsius. Die Ärmel sei-
ner Uniform sind zweifach umgekrempelt,
Im Namen der
Sandmücke
Verteidigung Trotz Hitze in Ein-
satzgebieten sollen Bundeswehr-
soldaten ihre Tätowierungen
abdecken. Nun regt sich in der
Truppe Protest gegen die Regel.
Fahrer Molina Ribas
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darunter scheint ein schwarzes Tribal-Tat-
too hervor.
Es ist deutlich zu erkennen, und genau
da liegt das Problem. Denn seit Februar gilt
in der Bundeswehr der neue Haar- und Bart-
erlass. Er regelt nun nicht nur die zulässige
Bartstoppellänge („gepflegt und gestutzt“),
wie es seit Langem Brauch ist. Nach Mona-
ten akribischer Arbeit hat Generalinspek-
teur Volker Wieker jetzt festgelegt, dass die
Soldaten ihren Körperschmuck im Dienst
abnehmen sollen. Was sich nicht abnehmen
lässt, muss wenigstens „in geeigneter und
dezenter Weise“ abgedeckt werden.
Als die Regelung im Winter in Kraft trat,
waren viele Soldaten irritiert. Jetzt ist Som-
mer, und mit den Temperaturen steigt auch
das Unverständnis über das Paragrafenwerk.
38 Eingaben haben den Bundestags-Wehr-
beauftragten Hellmut Königshaus schon er-
reicht. Der Ton ist stets ähnlich: Warum
schreibt mir die Bundeswehr vor, was ich
von meiner Haut zeigen darf? „Die Neu-
fassung des Haar- und Barterlasses sorgt in
der Bundeswehr für große Verunsicherung“,
sagt Königshaus, er stellt sich auf einen
heißen Sommer ein. Für von der Leyen
kommt das Thema höchst ungelegen. Sie
will aus der Bundeswehr ja einen attrakti-
ven Arbeitgeber machen, seit Wochen tin-
gelt sie von Kaserne zu Kaserne. Die Mi-
nisterin verspricht neue Fernseher und
eine rasche Sanierung der Stuben; Haupt-
sache, die Jugend begeistert sich wieder
in ausreichender Zahl für die seit dem
Ende der Wehrpflicht dezimierte Truppe.
Und nun das. „Wenn die Bundeswehr
in Zukunft etwa jeden siebten deutschen
Staatsbürger eines Jahrgangs davon über-
zeugen möchte, sich bei ihr zu bewerben“,
sagt der Wehrbeauftragte Königshaus,
„sollte klug abgewogen werden, wie rigide
das äußere Erscheinungsbild junger Sol-
datinnen und Soldaten geregelt wird.“
Warum in den neuen Afrika-Einsätzen
zwischen Mali und Somalia bei sengender
Hitze lange Kleidung angelegt werden
muss, ist nicht leicht zu erklären. Tattoos
sind unter jungen Menschen Mode, das gilt
erst recht bei der Bundeswehr, wo die in
die Haut gestochenen Bilder und Symbole
oft eine Erinnerung an einschneidende Er-
lebnisse im Kampfeinsatz sind.
Am härtesten trifft es die knapp 2000
Soldaten, die momentan in Afghanistan
stationiert sind. Beim Besuch von der Ley-
ens in Masar-i-Scharif einen Tag vor dem
Abstecher nach Kabul standen die anwe-
senden Soldaten brav mit langem Hem-
denarm vor der Ministerin. Der im Norden
verantwortliche Bundeswehrgeneral Bernd
Schütt hatte mit persönlichem Appell an
die Soldaten dafür gesorgt, dass keiner
auch nur einen Zipfel Tattoo aus der Klei-
dung herausblicken ließ.
Not macht erfinderisch, das gilt auch für
argumentative Zwangslagen. Als Begrün-
dung für lange Ärmel wird von Schütt und
anderen nun die Leishmaniose herangezo-
gen. Der Erreger der Infektionskrankheit
wird von einer fiesen Sandmücke übertra-
gen, einzelne Fälle gab es auch bei Solda-
ten in Afghanistan. Dagegen helfen natür-
lich am besten: lange Ärmel.
Mit mehr Stoff am Körper sind freilich
nicht alle Probleme gelöst. Bei Frauen ist
Lippenstift nur „natürlich wirkend“ er-
laubt; langes Haar muss „komplett ge-
zopft“ sein, und aufgeklebter Schmuck auf
den Fingernägeln ist ebenfalls tabu. Die
wenigen Bewerberinnen, die eine Karriere
in der Bundeswehr in Erwägung ziehen,
dürften sich bei der Lektüre der Vorschrif-
ten noch einmal überlegen, ob sich nicht
eine Alternative zur Truppe finden lässt.
Im Bundesverteidigungsministerium
schwant den Verantwortlichen bereits,
dass die Regeln ein wenig übertrieben
sind. Aus Solidarität mit ihrem General-
inspekteur Volker Wieker hat von der
Leyen dazu bislang nichts gesagt. Der hat-
te monatelang mit seinen Generälen um
jeden Unterpunkt feilschen müssen. Mo-
mentan sei keine Änderung geplant, heißt
es auf Nachfrage im Wehrressort.
Immerhin darf jeder Vorgesetzte selbst
entscheiden, wie streng er darauf achtet,
ob die Untergebenen sich an die Vorgaben
halten. Von der Leyen besteht jedenfalls
nicht auf langen Arm. Im Ministerium läuft
mancher Offizier mit kurzem Hemd he-
rum, darunter ein sichtbares Tattoo.
Wie sehr die Leitung mit der eigenen
Regel fremdelt, beweist ein Blick auf die
neue Broschüre zur Attraktivitätsoffensive.
Unter dem Schriftzug „Aktiv. Attraktiv.
Anders“ ist eine junge Soldatin zu sehen.
In ihrem Ohr blinken zwei Stecker dem
Betrachter entgegen.
Auch das ist gemäß dem neuen Haar- und
Barterlass ein Regelverstoß. Stecker sind als
Ohrschmuck zwar prinzipiell erlaubt. Aller-
dings nur einer pro Ohr. Gordon Repinski
Soldaten im Einsatz: Warum schreibt man mir vor, was ich von meiner Haut zeigen darf?
W
enn Rolf Wohlgemuth morgens
den Dienst antritt, in seinem
Arbeitszimmer mit brauner
Schrankwand und meterlangem Schreib-
tisch, sind all die drängenden Probleme
Deutschlands auch schon da. Migration
und Integration, Fachkräftemangel und Ar-
beitslosigkeit, Zukunftsängste, Chancen-
ungerechtigkeit, Bildungsferne.
Der hochgewachsene Mann ist promo-
vierter Philosoph und Germanist, Sozial-
pädagoge außerdem; jahrelang betreute er
Schwerstabhängige in der stationären Dro-
gentherapie. Die Erfahrung jenseits übli-
cher Regeln helfe ihm nun sehr, sagt er.
Seit einem Jahr leitet er ein Berufskolleg
in Köln – und obwohl allein in dieser Stadt
mehr als 40000 Schüler, etwa ein Drittel
aller, eine solche Schule besuchen, trifft
der Rektor überwiegend auf Menschen,
die sich kaum etwas darunter vorstellen
können.
Sie wissen nicht, dass sich hier offenbart,
woran es vielen schon seit dem Kleinkind -
alter mangelt. Von den Chancen, die hier
jedem offenstehen, ahnen sie ebenfalls
nichts. Dabei sind Schulen wie das Erich-
Gutenberg-Berufskolleg ein Lehrstück
über Bildung. Und alle, die in diesem Land
darüber nachdenken, müssten eigentlich
bei Rektor Wohlgemuth hospitieren.
Zwei Schluck Tee, dann klickt er durch
die morgendlichen E-Mails; wie jeden Tag
gekleidet mit Hemd und Krawatte, als
sende er ein Signal des Pflichtbewusst-
seins. Ein Schüler kündigt eine Klage ge-
gen seine vorgesehene Entlassung an. Eine
Lehrerin erwägt zivilrechtliche Schritte
gegen einen Schüler. Zwölf Krankmeldun-
gen aus dem Kollegium, ein städtischer
Angestellter stellt Fragen zum Schulbud-
get. Zügig tippt der Rektor Antworten,
anschließend versieht er den großen
Flach bildschirm an der Wand im Lehrer-
zimmer mit Terminen und Neuigkeiten.
Er muss mehr als hundert Pädagogen zu-
sammenhalten, die sich in großer Zahl un-
ter ihrer Aufgabe einmal etwas anderes
vorgestellt hatten als das, was sie auch an
diesem Tag erwartet.
Fast 2500 Schüler, Unterricht tagsüber
und am Abend, 17 unterschiedliche Bil-
dungsgänge, zwölf Arten von Abschlüssen.
Traditionell sind dies in einer Berufsschule
Berufsabschlüsse. Im Erich-Gutenberg-Kol-
leg, das auf Wirtschaft und Verwaltung
spezialisiert ist, bringen viele den theore-
tischen Teil ihrer Ausbildung als Steuer-
fachangestellte, Bürokaufleute, IT-System-
kaufleute, Betriebswirte oder Informatik-
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Eine für alle
Schule Berufskollegs bieten vielen Jugendlichen die letzte Chance auf einen Abschluss – und offenbaren
doch grundsätzliche Missstände im Bildungssystem. Eine Nahaufnahme. Von Katja Thimm
Lehrer Pannes mit Handelsschülerin im Deutschunterricht
Deutschland
kaufleute hinter sich. Einige erwerben
gleichzeitig das Fachabitur oder den Ba-
chelor of Arts. Es sei, so urteilt das Kolle-
gium, eine eher zielstrebige, eher unpro-
blematische Schülerschaft.
Doch die Schule, und davon handelt die-
ser Text, ist wie Hunderte ihrer Art auch
eine Zuflucht. Wer andernorts im Bildungs-
system verloren ging, kann sich hier an
Haupt- und Realschulabschluss, Fachhoch-
schulreife und Abitur versuchen. Jeden
Tag, ein, zwei oder drei Jahre lang, in ei-
nem sogenannten Vollzeitbildungsgang.
Beinahe die Hälfte aller Zeugnisse, die
heute eine mittlere Reife bescheinigen,
stammt von Berufsschulen.
Der Rektor blickt auf. Vor seinem Fens-
ter ziehen die Schüler vorüber wie ein trä-
ger Strom, der Eingang des Kollegs liegt
gleich um die Ecke; es ist ein Fluss aus ro-
ten, grünen, blauen Chucks, aus Kapuzen-
pullovern, Kopftüchern, trainierten Ober-
körpern und Sonnenbrillen.
Emre, der schon zweimal die mittlere
Reife verpasst hat. Salvatore aus einer Klas-
se für Jugendliche ohne Ausbildungsver-
hältnis, Florin, der auf eine Lehrstelle als
Fachlagerist hofft. Stanislav, der Rechtsan-
waltsgehilfe werden will, Jacquelina, Olga,
Mehmet. Zwei Drittel der Schüler stam-
men aus einer Familie mit Migrationshin-
tergrund; ein Großteil wohnt gleich hier
im strukturschwachen Stadtteil Mülheim,
wo Baracken geschlossener Großmärkte
brach liegen und die Lehrer in der weit-
läufigen Anlage des Kollegs Rollkoffer mit
Unterrichtsmaterial hinter sich herziehen,
als verreisten sie in karges Terrain.
Von einer zweiten, dritten und vierten
Chance spricht Wohlgemuth und vom gro-
ßen Glück mancher Schüler. Aber er sagt
auch, dass die Vielzahl möglicher Umwege
einige der jungen Leute überhaupt nicht
weiterführe.
D
er Gong erklingt, vier Töne eines
Akkords, in Raum 2020 sammeln
sich die Handelsschüler bei Sigrid
Kurz zum Politikunterricht. Die Ukraine
soll Thema dieser Stunde sein, die Gespal-
tenheit des Landes. „Erst einzeln, dann in
Gruppen“, ruft Frau Kurz und verteilt
Arbeitsblätter.
Minuten später hebt eine Schülerin die
Stimme: „Ich hab vergessen, was Opposi-
tion ist.“
„Vielleicht kann jemand helfen?“, fragt
Frau Kurz.
Stille.
„Versuchen wir es anders“, sagt die Pä-
dagogin. „Wer stellt in Deutschland zurzeit
die Regierung?“
„Die Frau Merkel.“
„Und wer noch?“
„Der Bundespräsident.“
„Denken Sie an den Bundestag: An wel-
che Parteien erinnern Sie sich?“
Achselzucken. „Die Grünen“, sagt
schließ lich eine Schülerin.
In einem Jahr wollen die Jugendlichen
das Berufskolleg mit dem mittleren Schul-
abschluss verlassen. Viele sollten jetzt
schon so weit sein, alle sind mindestens
volljährig. Aber es mangle an Durchhalte-
vermögen, sagt Sigrid Kurz. Zwölf Schüler,
fast die Hälfte in der Klasse, fehlen auch
an diesem Tag. Das zurückliegende drei-
wöchige Pflichtpraktikum brachten zwei
zu Ende.
In manchen Halbjahren stehen in einem
Klassenbuch bis zu 1700 Fehlstunden ver-
zeichnet – das sind pro Schüler durch-
schnittlich 68 und, wie es der Beratungs-
lehrer Armin Wambach formuliert, 1700
Störungen bei dem Versuch, Bildung zu
verbreiten. Der Stapel aus Entschuldi-
gungszetteln, die ihn in den vergangenen
Monaten erreichten, ist umfänglich wie ein
Bildband. „Und außerdem: die Unpünkt-
lichkeit!“; Wambach schüttelt den Kopf.
Selten nur, sagt er, schafften es die anwe-
senden Schüler, bei Unterrichtsbeginn auf
ihrem Platz zu sitzen. Doch obwohl viele
jeder Form von Schule längst überdrüssig
sind, halten sie am Berufskolleg fest. In
manchen Fällen reizt sie das Kindergeld.
Aber vor allem ist es die Angst, die sie in
die Klassenzimmer zieht. Der Welt da
draußen, ihren Erwartungen und ihrer Un-
überschaubarkeit, fühlen sie sich noch we-
niger gewachsen.
20 Prozent aller 15-Jährigen seien ge-
fährdet, an einfachen Alltagsaufgaben zu
scheitern und am Ende ohne Schulab-
schluss zu bleiben, heißt es an diesem Tag
in den Nachrichten. Im Mülheimer Kol -
legium wird dieses neueste Ergebnis der
Pisa-Studie mit Kopfnicken quittiert. Er
komme da sofort auf zehn Namen, meint
ein Lehrer. Leider.
Wieder ertönt der Gong. Bei Jörg Pan-
nes beginnt der Deutschunterricht im „Be-
rufsgrundschuljahr“. Es soll, wie es im „Bil-
dungsportal“ des nordrhein-westfälischen
Schulministeriums heißt, jungen Menschen
eine berufliche Grundbildung vermitteln
und sie schulisch weiterqualifizieren. Von
den 18 Schülern, 16, 17 oder 18 Jahre alt,
haben zum Schuljahresende in diesem
Sommer 9 die angestrebte mittlere Reife
erreicht. Das seien außergewöhnlich viele,
urteilt der Lehrer.
Jörg Pannes strahlt freundliche Be-
stimmtheit aus. Ob jemand schon mal et-
was vom Passiv gehört habe, fragt er; die
Verbform gehört zum Stoff der Unterstufe.
„Bei BWL machen wir das“, erhält er
zur Antwort. „Bei Bilanz, da haben wir
links aktiv und rechts passiv.“
„Passiv ist, wenn man was macht, so eher
zurückhaltend“, mischt sich der Nächste
ein. „Wie im Fußball.“
Hhm, erwidert der Lehrer, so ähnlich
sei das auch in der Sprache. Dann erklärt
er, bildet Beispielsätze, schließlich greift
er nach der Kreide. ,Legen Sie beide Hän-
de über den Kopf‘, schreibt er an die Tafel
und legt beide Hände über den Kopf. „Ist
das Aktiv oder Passiv?“
„Ich bin für Aktiv“, schreit eine Schüle-
rin. „Ich für Passiv“, schmettert ein nächs-
ter. „Nicht raten!“, ruft Pannes in gespiel-
ter Verzweiflung. Aber es ist ihm ernst.
Lernen funktioniere nun einmal durch
Anschluss – und leider sei da häufig zu
wenig, woran sich anschließen lasse, sagt
er nach der Stunde. Eine seiner Kollegin-
nen ließ Geschäftsbriefe aufsetzen und
fand Betreffzeilen wie „Beschwerde um
Hereinkommen meiner Mietwohnung
ohne mein Einverständnis“ oder Wörter
wie „Elkaweh“, gemeint waren Lastkraft-
wagen. Manchmal zweifelt der Deutsch-
lehrer, ob sich diesen erwachsenen Schü-
lern überhaupt noch etwas beibringen
lässt, das zu einem messbaren Lernzu-
wachs führt. Sie hätten in ihrem Alter ja
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Schulleiter Wohlgemuth: Gelbe Karte, Rote Karte
Deutschland
doch schon recht viele Verhaltensweisen
verinnerlicht.
Schwierigkeiten bei der Bewältigung
von Konflikten gehören dazu, manchmal
Mobbing. Viel ausgeprägter aber ist unbe-
darftes Verhalten. Schülerinnen schneiden
Haarspitzen, Schüler zupfen Augenbrauen,
während Lehrer binomische Formeln er-
klären; weit verbreitet ist auch der Einsatz
von Handcreme. Fordern die Lehrer auf,
Schere, Pinzette und Creme wegzupacken,
folgen Diskussionen. Das störe ja wohl nie-
manden! Das sei ja wohl leise!
Kaum einer meine das böse. Aber die
wenigsten seien in der Lage, Anweisungen
kommentarlos zu folgen, lautet, zusam-
mengefasst, das Urteil im Kollegium. Wer
eine Woche lang den Unterricht in ver-
schiedenen Klassen beobachtet, gewinnt
einen ähnlichen Eindruck. Gängige Sank-
tionen, selbst der zwölfte Eintrag ins Klas-
senbuch, schrecken nur eine Minderheit.
Die Lehrer führen zahlreiche Einzelgesprä-
che; vor einigen Wochen saß im Zimmer
des Rektors ein junger Mann auf dem Weg
zur Fachhochschulreife. Er hatte eine Leh-
rerin in einer WhatsApp-Gruppe als Nazi-
Hure beschimpft.
Dieser junge Mann, berichtet Rolf Wohl-
gemuth, habe weder die historische Di-
mension seiner Worte erfassen noch eine
angemessene Entschuldigung äußern kön-
nen. Symptomatisch sei dieser Fall, nicht
nur für Jugendliche mit Migrationshinter-
grund. Auch die deutschen beherrschen in
vielen Fällen bloß eine Alltagssprache zum
Austausch von Informationen. Ein Ver-
ständnis für komplexe Situationen oder
den richtigen Ton bleibt vielen unerschlos-
sen – unter anderem wohl deswegen, weil
solche Fertigkeiten als Anstrengung emp-
funden werden. Umfasst eine Lektüre in
der höheren Handelsschule mehr als eine
DIN-A4-Seite, schwindet im Klassenraum
die Konzentration. Die Sprache einfacher
Verwaltungsvorgänge erschließt sich zahl-
reichen Schülern selbst dann nicht, wenn
es sie betrifft. Ist zum Beispiel ihr Fehlver-
halten Thema einer Lehrerkonferenz, hal-
ten viele bereits den ersten schriftlichen
Verweis für den endgültigen Ausschluss
aus der Schule. Der Rektor bemüht dann,
in seinem Berufskolleg mit dem Schwer-
punkt Verwaltung, den Fußball. Gelbe Kar-
te, Rote Karte.
Und gleichzeitig ist alles ganz anders.
Severin, der ehemalige Hauptschüler, ar-
beitet hart, weil er bei der Bundeswehr un-
bedingt mit mittlerer Reife antreten will.
Ulrike hat sich nach 35 schwierigen Lebens-
jahren nun erfolgreich als Abiturientin in
die Sommerferien verabschiedet. Dennis,
22 Jahre alt, hat früher auf dem Bau gear-
beitet und jetzt ein Studium vor Augen;
der 19-jährige Serdar, der einmal Realschü-
ler war, will Betriebswirt werden. Und die
Schüler aus der „Internationalen Förder-
klasse“ hoffen auf Asyl in Deutschland und
begreifen alles, was sie lernen, als Eintritts-
karte in ein besseres Dasein. Ohne die Um-
wege, die ein Berufskolleg offenhält, wür-
den Hunderte in diesem Kölner Stadtteil
nicht so weit nach vorn blicken.
Vor allem in den Bildungsgängen „Wirt-
schaftsgymnasium“ und „Fachoberschule“
sammeln sich Hoffnungsträger; die Pokale
im gläsernen Schaukasten zeugen von
Mathematikwettbewerben und Fremd -
sprachenexperimenten, von Ehrgeiz, Ein-
satz, Sieg. In den Stunden der Abiturfächer
herrscht trotz linearer Algebra und epi-
schen Lehrtheaters straffe Ruhe. Vielfach
ist das Kolleg, dank europäischer Struktur-
förderung und eines amerikanischen Soft-
ware-Unternehmens, auch besser ausge-
stattet als andere. Im Selbstlernzentrum
sind 40 Tablets verfügbar; Berufsbörsen,
Selbstmanagement und ein Training für Be-
werbungsgespräche gehören ebenfalls zum
Angebot: Wie steht man selbstbewusst im
Raum? Wie hoch muss der Ausschnitt einer
Bluse sitzen? Zwei Sozialpädagoginnen
sind bei Problemen ansprechbar; und um
möglichst vielen gerecht zu werden, unter-
richten in manchen Schulstunden zwei
Lehrer gleichzeitig. Sie vermitteln während
der Klassenfahrten neben Skifahren auch
Tischmanieren, sie posten Lernhinweise
auf Facebook, sie sind per E-Mail zu errei-
chen. Und viele mögen ihre Schüler.
An diesem Berufskolleg, so lässt es sich
wohl zusammenfassen, ist vieles verwirk-
licht, was Lernforscher als Ideal annehmen.
Warum nur liegt dann so viel im Argen?
E
mre hat sich bereit erklärt zu er -
zählen. Der Handelsschüler aus der
Politikklasse von Frau Kurz verlässt
in diesem Sommer mit der mittleren Reife
das Berufskolleg. Es ist der dritte Anlauf.
Emres Geschichte klingt typisch für die-
sen Stadtteil; es spielen darin eine beengte
Wohnung, falsche Freunde, körperliche
Auseinandersetzungen, holprige Deutsch-
kenntnisse, mehrere Schulwechsel und das
Gefühl von Heimatlosigkeit ihre Rollen.
Der Stiefvater führt einen türkischen Su-
permarkt, der leibliche Vater einen Hoch-
zeitssalon, in dem er die großen Feierlich-
keiten türkischer Familien ausrichtet. Es
ist eine Geschichte über die mangelnde
Durchlässigkeit der deutschen Gesellschaft,
in der Erfolg vor allem von sozialer Her-
kunft abhängt. Mit der bürgerlichen Welt,
in der sich Emre einmal behaupten soll,
hat sie wenig gemein.
Er habe einfach zu oft gechillt, sagt er,
irgendwo mit Freunden eine Suppe getrun-
ken, oder er sei nach Berlin gefahren, mor-
gens hin, abends zurück, zum Einkaufen.
Gern, sehr gern würde er noch einmal alles
neu und anständig machen. Doch auch in
diesem Jahr hat Emre im Unterricht 60
Stunden gefehlt. Knapp 30 gelten als un-
entschuldigt; die Bilanz hat ihn Mühe ge-
kostet. Obwohl der 20. Geburtstag längst
hinter ihm liegt, wirkt Emre kindlich, ein
Junge mit dünnem Bart und schmalem Ge-
sicht. Einmal, vor ein paar Jahren schon,
haben ihn Polizisten zu Hause aufgesucht
und in die Schule beordert. Fast zwei Wo-
chen lang war er nicht im Unterricht er-
schienen. Meist schicken die Sachbearbei-
ter im Ordnungsamt in solchen Fällen
außer der Polizei auch einen Bußgeldbe-
scheid. Bis zu 1000 Euro kann das Verge -
hen kosten. „Aber ehrlich!“, sagt Emre, und
er ist stolz darauf, „das war nur einmal.“
Bringen Bewerber die formalen Voraus-
setzungen mit, müssen sie am Berufskolleg
aufgenommen werden. Wie Emre fehlt vie-
len allerdings ein Masterplan. Die altge-
dienten Lehrer in Köln blicken wehmütig,
sie erinnern sich an eine Zeit, in der in ih-
ren Klassen überwiegend die kaufmän-
nisch und mathematisch Interessierten ei-
nes Jahrgangs saßen. Heute entscheiden
sich viele Heranwachsende allein aus Al-
ternativlosigkeit für die Vollzeitbildungs-
gänge einer Berufsschule. Vor allem die
höhere Handelsschule, lange eine prestige -
trächtige Station künftiger Bankangestell-
ter, zieht in großer Zahl jene Jugendlichen
an, die nach der zehnten Klasse ohne Aus-
bildungsplatz geblieben sind. Allerdings
erreichen dort in der Regel höchstens zwei
Drittel der Schüler den Abschluss. Dass
ein Drittel scheitert, ist typisch für alle
Vollzeitbildungsgänge – halten 70 Prozent
der Jugendlichen durch, gilt das im Erich-
Gutenberg-Kolleg bereits als gutes Ergeb-
nis. Neue Bildungspläne in Nordrhein-
Westfalen sollen dazu beitragen, die Quote
in den Berufsschulen zu steigern – mehr
Kompetenzen statt abstrakten Wissens,
mehr individuelle Förderung.
Alles schön und gut, heißt es im Lehrer-
zimmer. Aber das eigentliche Drama sei
das Hohelied des Abiturs – die gesellschaft-
liche Übereinkunft, dass ein erfolgreiches
Leben ohne Hochschulreife im Grunde un-
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Schüler Emre im Computerkurs
„Manchmal im Kopf erst zwölf Jahre alt“
denkbar sei. Bildungsforscher beschreiben
es ähnlich: Weil jeder heute nach dem best-
möglichen Abschluss strebe, würden zahl-
reiche Jugendliche am Rand ihrer kogniti-
ven Fähigkeiten beschult. Es ist eine Ga-
rantie für Frustration und Scheitern.
Mehr als die Hälfte der Schüler mancher
Klassen des Erich-Gutenberg-Kollegs fin-
det im Anschluss an die Schule keine Lehr-
stelle. Ein Großteil sei einfach nicht gut
genug, urteilen viele Lehrer. Zeugnisse
seien oft irreführend, häufig brächten die
Schüler bereits geschönte Noten mit. Und
so sammeln sich in Berufsschulklassen
Mängel und Versäumnisse vergangener
Jahre, die sich kaum aufholen lassen.
Am Erich-Gutenberg-Berufskolleg ver-
geben Pädagogen zuweilen ebenfalls bes-
sere Noten, als die Leistung es verdient.
Mitleid treibt sie; und alle kennen sie Ehe -
malige, die irgendwann doch noch ihren
Weg gefunden haben. Zugleich reagieren
Schüler auf schlechte Beurteilungen zu-
nehmend mit Einspruch oder Klage. Auch
die Bezirksregierung schrecken hohe
Durchfallquoten. Es ist vorgekommen,
dass ein Lehrer zum Gespräch geladen
wurde, nachdem weniger Jugendliche ei-
nen Abschluss erreicht hatten als statis-
tisch erwartet.
Das Geflecht ist verworren: Nimmt ein
Pädagoge seinen Beruf ernst, mag er No-
ten nicht verschenken. Den noch will er
niemandem die Zukunft verbauen, sie
strahlt in Köln-Mülheim ohnehin nicht
hell. Und gleichzeitig behindern freundli-
che Zeugnisnoten manche Schüler auch.
Der unfreundliche Wettbewerb auf dem
Arbeitsmarkt trifft sie dann umso härter.
Emre kennt das Gefühl, er hat es so lan-
ge wie möglich gescheut. Wie die meisten
seiner Mitschüler plant er ein Leben, das
er als normal bezeichnet. Mit Glück ge-
sund, verheiratet, ein Kind, eine einkömm-
liche Arbeit. Er wolle nicht übertreiben,
sagt er, mit 2500 Euro netto monatlich
wäre er zufrieden. Außerdem ein Auto,
natürlich. Gebraucht kostet sein Wunsch-
modell etwa 80000 Euro, aber so weit
rechnet Emre nicht. Als Einzelhandels -
kaufmann möchte er seine Ziele einmal
erreichen. Und er hofft, dass sich nun, die
mittlere Reife in der Tasche, doch alles ir-
gendwie schon fügen wird.
Vorerst aber wird der junge Mann in ei-
ner Supermarktfiliale als Hilfskraft an der
Kasse sitzen und Tiefkühlerbsen in das Ge-
frierfach sortieren. Weder bei Netto noch
bei Lidl, Penny, Aldi oder Rewe haben ihn
die Personalbeauftragten als Lehrling an-
genommen. Er hat sich allerdings auch viel
zu spät darum beworben.
„Manchmal“, sagt Emre, „denke ich
wirklich, dass ich im Kopf erst zwölf Jahre
bin. Ich schaffe es einfach nicht, mich so
zu verhalten, wie man sich in meinem Al-
ter verhalten muss.“
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iotee steht auf dem runden Tisch.
Auch Salvatore hat sich bereit erklärt
zu erzählen; wie jeden Mittwochvor-
mittag findet er sich im Raum der Sozial-
pädagoginnen ein. Svenja Kreuzer und Gü-
ler Almering helfen bei Problemen mit
Schulden, ungewollter Schwangerschaft
oder Gewalt im Elternhaus. Vor allem aber
unterstützen sie die Schüler bei Bewerbun-
gen um Lehrstellen und Praktikumsplätze.
Salvatore ist ein kräftiger Junge mit
dunklem Kraushaar, an diesem Tag trägt
er Schwarz; Jacke, Hemd, Hose. Wie alle
Schüler in der ABV-Klasse, der Klasse für
Jugendliche ohne Ausbildungsverhältnis,
besucht er das Berufskolleg, weil er als
Minderjähriger ohne Lehrstelle gesetzlich
dazu verpflichtet ist. Klassen wie seine ste-
hen in der Hierarchie einer Berufsschule
an unterster Stelle. Mit ihrem oft schlech-
ten Hauptschulabschluss sind die meisten
Schüler dieses Bildungsgangs auf dem re-
gulären Ausbildungsmarkt von vornherein
beinahe chancenlos. Einen weiterführen-
den Abschluss können sie nur erwerben,
wenn ein Lehrer sie ausdrücklich emp-
fiehlt. Die Trostlosigkeit ist groß. Von den
55 Mitschülern Salvatores erschienen in
den zurückliegenden Monaten selten mehr
als 8 zum Unterricht.
Salvatore kam regelmäßig. Seine Eltern
stammen aus Sizilien; sie könnten ihm
nicht weiterhelfen, meint er, aber irgend-
wie müsse es ja vorangehen. Weitgehend
eigenständig hatte er nach der Hauptschule
entschieden, einen kaufmännischen Beruf
zu erlernen. Seine Note in Mathematik
aber war mangelhaft, und sein Weg führte
ihn in die ABV-Klasse.
Die Tests zur Berufsfindung bei Svenja
Kreuzer wiesen auf eher handfeste Bega-
bungen hin. Salvatore absolvierte Praktika,
wie vorgeschrieben jeweils nur einen Tag
lang. Den ersten Betrieb, eine Glaserei,
empfand er als unfreundlich, die spätere
Arbeit eines Dachdeckers als anstrengend.
Beim dreiwöchigen Praktikum im Hotel
gefiel es ihm besser. In der Küche und in
den Zimmern sei er gewesen, erzählt er,
auch bei den Beratungen, er meint die Re-
zeption. Warum er sich nicht dort um eine
Lehrstelle bemüht? Das Geld, antwortet
Salvatore. Er habe gehört, dass sich im Ho-
tel nicht mehr als 1800 Euro brutto verdie-
nen lasse. Zu wenig für ein Haus, ein Auto
und eine Familie.
Erst einmal anfangen, das schreckt ihn
ab. Dass ein schlechter Hauptschulab-
schluss und sein Anspruch schlecht mitein -
ander vereinbar sind, daran mag er nicht
denken. Findet er bis zum Ende der Som-
merferien keine Lehrstelle, bleibt er für
ein weiteres Jahr in der ABV-Klasse. „Ich
hab’s mir halt einfach vorgestellt“, sagt er.
„Schule, weitermachen, und irgendetwas
wird schon dabei rauskommen.“
Vielleicht eine Maßnahme, sagt Frau
Kreuzer. Während einer Maßnahme sollen
Sozialverbände wie das Kolpingwerk Ju-
gendliche außerhalb der Schulzeit darin
unterstützen, Perspektiven zu finden. Die
Verbände erhalten dafür Geld von der
Ar beitsagentur. Es ist auch ein Versuch, Ju-
gendarbeitslosigkeit vorübergehend un-
sichtbar zu halten. Oder eine Einstiegs -
qualifizierung, sagt Frau Kreuzer. Während
einer Einstiegs qualifizierung arbeiten Ju-
gendliche bis zu zwölf Monate lang staatlich
bezuschusst, bis der Arbeitgeber entschei-
det, ob er sie als Auszubildende übernimmt.
Manche Firmen rund um Köln bieten 60
Qualifizierungsplätze, anschließend aber
nur 30 Lehrstellen an. Allein das Wissen um
43 DER SPIEGEL 31 / 2014
Eingangstor des Kölner Erich-Gutenberg-Berufskollegs: 17 Bildungsgänge, 12 Abschlüsse
derartige Konkurrenz entziehe jungen Er-
wachsenen wie Salvatore die Energie, sagt
Svenja Kreuzer. „Im Zweifel fangen sie ja
doch wieder bei null an. Nur sind sie in der
Zwischenzeit noch ein Jahr älter geworden.“
G
roße Pause. Smartphones kreisen.
Sie sind bestückt mit amerikani-
schen Fernsehserien und digitalen
Lesezeichen für Automarken, Kleidung
und High-End-Technik. Im Unterricht, es
ist ein ungeschriebenes Gesetz, werden sie
eingesammelt.
Die Mutlosigkeit, die Resignation vieler
Schüler speise sich auch aus den immer
verfügbaren Bildern von Wohlstand und
Glamour – selbst die Internetfreunde im
Kollegium sind davon überzeugt. Dass zu
einem guten Leben ein langer Atem gehö-
re, Anstrengung und Ausdauer, gehe im
Rausch der Bilder leider unter, sagen sie.
Gleichzeitig aber führe jeder Tag vor, wie
weit das eigene Leben von der Serienwirk-
lichkeit entfernt sei. Natürlich verunsichere
das, meinen die Pädagogen. Wie solle da
ein stimmiges Selbstbild entstehen?
Um sich dem glamourösen Lebensstil
wenigstens zu nähern, arbeiten zahlreiche
Schüler als Aushilfen. Die Zeit, manchmal
mehr als 20 Stunden in der Woche, fehlt
bei der Suche nach langfristigen Perspek-
tiven. Doch auch weil sie oft weitaus mehr
verdienen als ein Lehrlingslohn hergeben
könnte, erscheint manchen ein Ausbil-
dungsplatz am Ende nicht mehr so wichtig.
Urlaub, ein vorzeigbares Auto, Klamotten
– um die 700 Euro brauche man schon im
schen einer Leistungsgesellschaft und den
Möglichkeiten mancher, die in ihr heran-
wachsen, ist grausam. In Nordrhein-West-
falen soll nun „Kaoa“ Abhilfe schaffen.
„Kein Abschluss ohne Anschluss“, ein Pro-
gramm des Arbeitsministers, wird mit bis
zu 60 Millionen Euro vom Bund gefördert
und soll die Strukturen für den Übergang
zwischen Schule und Beruf vereinfachen
und dabei keinen Jugendlichen „zurück-
lassen“.
Im Kölner Kollegium gilt lange schon
der Grundsatz, niemanden verloren zu ge-
ben. Doch der Grat ist schmal: Wo liegt
die Grenze? Wann wird aus Unterstützung
eine Erziehung zur Unselbstständigkeit?
In fast jeder Pause schwirrt die Diskussion
im Lehrerzimmer.
Manchmal fragt der Rektor sich, ob
Schule nicht längst auch ganz andere Fä-
higkeiten vermitteln müsse. Einer seiner
Kollegen im Ruhrgebiet bietet für Jungen
und Mädchen der zehnten Klasse nur Un-
terricht in Lebensbewältigung an: Wie lässt
sich billig und gesundheitsbewusst im Su-
permarkt einkaufen? Wie streckt man eine
Hartz-IV-Rate über einen Monat?
„Eine Wahrheit“, sagt Rektor Wohlge-
muth, „eine Wahrheit ist doch auch, dass
es in unserer computergestützten Dienst-
leistungsgesellschaft für zahlreiche junge
Menschen kaum mehr Berufe gibt, denen
sie gewachsen wären.“
Das, sagt der Schulleiter, ahnten diese
jungen Leute. Und sie könnten sich schon
als Teenager nicht vorstellen, wie sie je-
mals dagegen ankommen sollten.
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Monat, berichten zwei Wirtschaftsgymna-
siasten. Mit Bafög und Kindergeld allein
lasse sich das Leben doch nicht genießen.
Die beiden haben Glück; ihre Eltern dul-
den den Nebenerwerb nur, solange die No-
ten stimmen. Ein Großteil der Väter und
Mütter aber zeigt wenig Interesse am
Schulalltag. Zugleich legen viele Wert da-
rauf, dass ihr Nachwuchs ein Kolleg für
Wirtschaft und Verwaltung besucht.
„Vor allem Eltern mit Migrationshinter-
grund wollen vermeiden, dass ihr Kind ein-
mal ähnlich dreckige Arbeit verrichten
muss wie sie“, sagt die Pädagogin Güler
Almering, die selbst ein Kind türkischer
Einwanderer ist. „Sie denken an Jura oder
BWL. Sie formulieren Zielbiografien, die
mit den Fähigkeiten ihrer Kinder oft nichts
zu tun haben – und manchmal auch mit
ihren eigenen Wertvorstellungen nicht.“
Eine muslimisch erzogene Schülerin der
höheren Handelsschule darf kein Prak -
tikum im Einzelhandel antreten, weil sie
alkoholhaltige Getränke in die Regale räu-
men müsste. Andere Familien untersagen
ihren Töchtern, einen Pflegeberuf zu er-
lernen; der hätte Zukunft, aber die Töchter
kämen mit unbekleideten Männern in Kon-
takt. Die nächsten Jugendlichen schließlich
wagen selbst nicht den Sprung. Frau Al-
mering hat schon Schüler auf Einstellungs-
gespräche vorbereitet, die den Ausbil-
dungsplatz am Ende ausschlugen, weil er
auf der anderen Rheinseite und damit in
einer ihnen fremden Welt lag.
Es sind Beschränkungen, die eine Schu-
le kaum auffangen kann. Die Kluft zwi-
Wirtschaftsgymnasiastin im Unterricht: Trotz linearer Algebra straffe Ruhe
Z
ur Sicherheit hatten die Verschwörer
ihrer Telefonkonferenz einen unver-
fänglichen „Betreff“ gegeben. Zum
Thema „Dringende Mitgliederangelegen-
heit“ schaltete sich der geschäftsführende
Landesvorstand der CDU Nordrhein-West-
falen am vergangenen Dienstag zusammen.
Die Angelegenheit war in der Tat dringend,
doch mit Mitgliedern hatte sie wenig zu tun.
Die CDU-Politiker, darunter Landeschef
Armin Laschet, Bundesgesundheitsminister
Hermann Gröhe und Bundestagspräsident
Norbert Lammert, besprachen eine Strate-
gie, wie man das Maut-Konzept von CSU-
Verkehrsminister Alexander Dobrindt zu
Fall bringen könnte.
„In der Bewertung dieses unseligen Pa-
piers waren wir einer Meinung“, sagt ein
Teilnehmer. „Die Frage war nur: Gehen
wir gleich in die Vollen oder machen wir
es nach der Methode ,Steter Tropfen‘.“
Man entschied sich für den steten Tropfen.
Seit Wochen prasselt Kritik auf den Ver-
kehrsminister herab, der nach langem Brü-
ten das ihm von seinem Ministerpräsiden-
ten aufgegebene Maut-Konzept vorlegte:
eine Infrastrukturabgabe für alle deut-
schen Straßen, von der Autobahn bis zur
Dorfstraße.
Einen Tag nach der Telefonkonferenz
ging Laschet an die Öffentlichkeit. Im In-
terview mit der Rheinischen Post brand-
markte er die Maut als „schädliches“ Ein-
trittsgeld für Ausländer und betonte: „Das
ist so nicht im Koalitionsvertrag verabre-
det.“ Die CDU-Landesgruppe NRW im
Bundestag verschickte über ihren Verteiler
Mails zum „aktuellen Stand der Mautdis-
kussion“. Zu anderen strittigen Themen
hatte man sich diesen Aufwand gespart.
Und das ist erst der Anfang: In den
nächsten Wochen wollen die NRWler ver-
suchen, die Gewerkschaften gegen die
Maut zu mobilisieren – zum Wohle der
Pendler und der Arbeitnehmer kleiner
Betriebe selbstverständlich, die wegen der
Maut Kundschaft verlieren könnten. Der
CDU-Abgeordnete Oliver Wittke, früher
Verkehrsminister von Nordrhein-West -
falen, soll dem Vernehmen nach den Wi-
derstand in die Bundestagsfraktion tragen
und vor allem unter CSU-Kollegen Stim-
mung gegen Dobrindts Pläne schüren.
Diese Idee ist aussichtsreich, denn in der
CSU-Landesgruppe sitzen viele, denen
Dobrindts Papier suspekt ist. Sie trauen
sich nur nicht aus der Deckung. „Ich kann
mich nicht erinnern, im Bayernplan für
eine Maut gestimmt zu haben, die landauf,
landab bis in den letzten Winkel gelten
soll“, schimpft ein Mitglied der Landes-
gruppe, dessen Wahlkreis an die österrei-
chische Grenze stößt. Die Maut-Gegner in
der CSU schicken nun Stoßgebete an eine
Instanz, die sie normalerweise verteufeln:
„Hoffentlich räumt die EU das ab.“
Nicht einmal auf die CSU-Landtagsfrak-
tion in München, wo Ministerpräsident
Horst Seehofer das Sagen hat, kann sich
Dobrindt noch verlassen. „Wir haben im-
mer Ja zur Maut gesagt, aber nie Ja zu ei-
ner Maut überall“, grantelt ein Mitglied
der Fraktionsführung. Die Kritiker fühlen
sich ermutigt durch Bayerns Verkehrs -
minister Joachim Herrmann. Ausgerechnet
er, den Dobrindt früh in sein Konzept ein-
geweiht hatte, brachte Ausnahmen für
Grenzregionen ins Spiel. Seither ist der
Strom der Bürgermeister, Landräte und
Hinterbänkler aus dem Landtag vor den
Kameras kaum zu bremsen. Zuletzt be-
schloss der bayerische Landkreistag ein-
stimmig eine Resolution, die „radikales
Umdenken“ bei der Maut fordert.
Da hilft es wenig, wenn Bayerns Wirt-
schaftsministerin Ilse Aigner beteuert:
„Ganz Bayern profitiert davon, wenn wir
ein modernes, gut ausgebautes Straßennetz
haben.“ CSU-Generalsekretär An dreas
Scheuer sieht sich gezwungen, die CDU-
Kollegen an ihre Koalitionstreue zu erin-
nern: „Alle müssen jetzt an einem Strang
ziehen. Wir lassen uns die Maut nicht zer-
reden.“ Dass sein eigener Wahlkreis Pas-
sau an die Grenze zu Österreich reicht,
ficht Scheuer nicht an: „Für einen neuen
Polo kostet die Jahresvignette 24 Euro, das
ist verkraftbar.“ Doch ein Maut-kritischer
Fraktionskollege ist sich sicher: „Der Andi
kommt auch noch zur Vernunft.“
Melanie Amann
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Motto „Steter
Tropfen“
Maut Verkehrsminister Dobrindt
ärgert mit seinem Konzept die
eigenen Leute. Die CDU setzt auf
organisierten Widerstand. Und
die Heimatfront Bayern bröckelt.
Minister Dobrindt
„Radikales Umdenken“
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ier Frauen sind es, denen die mo-
derne Geburtshilfe im Münchner
Universitätsklinikum Großhadern
zum Mutterglück verholfen hat. Frauen,
von denen einige nicht gewusst hatten, ob
sie jemals ein Kind würden austragen kön-
nen, da ihr Blut nicht so rasch gerinnt wie
bei gesunden Menschen.
Die Gynäkologen an der Uni-Klinik
konnten helfen. Mit Medikamenten und
häufiger Kontrolle schafften es alle vier
bis zur Entbindung in diesem Frühjahr,
eine Frau war mit Zwillingen schwanger.
Die Mütter kamen in den Kreißsaal, wegen
der Risikoschwangerschaften war bei allen
ein Kaiserschnitt nötig.
Doch dort sollen sie, so behauptet es
die Münchner Staatsanwaltschaft, jener
Frau begegnet sein, die sie ermorden
wollte. Vor dem Kaiserschnitt soll die
33-jährige Hebamme Regina K. heimlich
den Gerinnungshemmer Heparin in eine
Infusionsflasche der Patientinnen gespritzt
haben, in einem Fall 25000 Einheiten.
Als die Ärzte ihren Schnitt setzten und
das neue Leben ans Licht holten, floss
das Blut in Strömen und hörte nicht mehr
auf.
Dass alle vier Mütter überlebten, dass
ihre Kinder inzwischen gesund und mun-
ter zu Hause sind, ist dem raschen Handeln
der Mediziner zu verdanken.
Stimmen die Erkenntnisse von Klinik
und Staatsanwaltschaft, dann handelte die
Täterin auf seltene Weise kaltblütig und
perfide. Sie hätte in dem Moment zuge-
schlagen, in dem die Frauen ihr am meis-
ten vertrauten und ihr wehrlos ausgeliefert
waren. Regina K. wurde vorvergangenen
Freitag verhaftet. Sie bestritt die Vorwürfe,
später teilte sie auf Anraten ihrer Anwältin
mit, sie werde sich nicht mehr äußern.
Die Ergebnisse der bisherigen Untersu-
chungen deuten darauf hin, dass zwei Müt-
ter mit Blutplättchenmangel und zwei
Frauen, deren Plazenta vor den Mutter-
mund gewachsen war, von April bis Ende
Juni Opfer von gefährlichen Heparingaben
wurden. Bei ihnen soll der Stoff, den eini-
ge Schwangere als Thromboseprophylaxe
bekommen, so starke Blutungen verur-
sacht haben, dass bei einer Patientin über
Nacht ein Tuch in der Bauchwunde plat-
ziert wurde, um das Blut aufzusaugen.
Zwei Mütter konnten nur durch zahlreiche
Transfusionen überleben.
Am 20. Juni war der Anästhesist Lorenz
Frey misstrauisch geworden. Bei der drit-
ten Patientin innerhalb weniger Wochen
wollten sich Blutungen kaum stoppen las-
sen. Frey nutzte das Wochenende, um
nachzuforschen, und ließ Blutproben der
Mutter untersuchen. Die Werte nährten
den Verdacht, dass ihr jemand Heparin
verabreicht hatte.
In der Datenbank des Perinatalzentrums
stießen Frey und der Leiter der Geburts-
hilfe, Uwe Hasbargen, auf zwei weitere
Kaiserschnittpatientinnen, bei denen die
Blutgerinnung ebenfalls lebensgefährlich
gestört war. Sie verglichen die Dienstpläne
und sahen, dass nur eine Person bei allen
drei Operationen im Kreißsaal war: die
Hebamme Regina K. Noch bevor die Ärzte
ihren Verdacht erhärten konnten, ereigne-
te sich der nächste Fall.
Am 25. Juni wäre eine Gebärende bei
einem Kaiserschnitt erneut fast verblutet.
Wieder war Hebamme K. im Kreißsaal da-
bei. Hasbargen ließ alle Schläuche, Infu -
sionsflaschen und Proben sichern.
Kurz darauf befassten sich Rechtsmedi-
ziner mit den Beweismitteln. Da war Regi-
na K. bereits in den Urlaub gereist. Ein
Speziallabor in Frankfurt am Main lieferte
schließlich den Beweis für die Manipulation
mit dem Gerinnungshemmer. Heparin war
einem Antibiotikum beigemischt worden.
Die Klinik erstattete Strafanzeige gegen
Regina K. Die Staatsanwaltschaft prüft der-
zeit, ob der Vorwurf des vierfachen ver-
suchten Mordes auf neun Fälle erweitert
werden muss. Denn dass die Neugebore-
nen durch die Manipulationen ebenfalls in
Lebensgefahr gerieten, ist nicht ausge-
schlossen. Normalerweise verhindert eine
Schranke im Mutterkuchen, dass Heparin
vom Blutkreislauf der Mutter auf den
Kreislauf des Kindes übergeht. Die Babys
hätten jedoch durch einen Blutungsschock
der Mutter sterben können.
Im Klinikum Großhadern, einer der
größten Geburtskliniken Deutschlands mit
rund 4500 Entbindungen jährlich, stehen
Ärzte, Hebammen und Pfleger unter
Schock. Denn obwohl die verantwortli-
chen Mediziner das Verbrechen durch kri-
minalistische Kleinarbeit selbst aufdeckten
und zusammen mit Polizei und Staatsan-
wälten die Ermittlungen vorantrieben, gibt
es massive Kritik an der Klinik.
Denn Regina K., die 2012 nach München
kam, war bereits an ihrer früheren Arbeits-
stelle einer unzulässigen Medikamenten-
gabe an Gebärende beschuldigt worden.
Damals, sagt Hasbargen, habe es sich aber
um eine „andere Substanzklasse“ gehan-
delt. Das Medikament sei ohne Indikation
eingesetzt worden. Wäre die Wirkung
„nicht korrigiert“ worden, hätte auch dort
Gefahr für das Leben von Mutter und Kind
bestanden.
Die Vorgesetzten von Regina K. an jener
Klinik untersuchten den Vorfall damals.
Es gab ein internes Verfahren, der Hebam-
me konnte jedoch keine Verfehlung nach-
gewiesen werden.
K. legte in München ein „perfektes
Zeugnis“ vor, wie die Uni-Klinik behaup-
tet. Dennoch, die Vorgeschichte wurde vor
eineinhalb Jahren in Großhadern bekannt.
Die Leiter der Geburtsabteilung baten K.
daraufhin zum Personalgespräch. Dabei,
so der Direktor der Frauenklinik Klaus
Friese, habe sie alle Bedenken ausräumen
können. K. habe argumentiert, dass sie ja
wohl kaum ein derart gutes Zeugnis be-
kommen hätte, wenn die Vorwürfe ge-
stimmt hätten. Das überzeugte offenbar
die Vorgesetzten in Großhadern.
Ob sie bei früheren Arbeitgebern, unter
anderem Kliniken in Bad Soden und in
Kiel, nachgehakt haben, wollen die Münch-
ner Ärzte nicht sagen. Das macht nun die
Staatsanwaltschaft.
Conny Neumann, Antje Windmann
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Perfektes
Zeugnis
Verbrechen Eine Hebamme
in München soll versucht haben,
vier Mütter zu töten. Dass
sie schon früher auffällig war,
nahm niemand ernst genug.
Frauenklinik-Direktor Friese (r.): Nachforschungen misstrauischer Ärzte
D
er Tod dreier hoher Beamter inner-
halb von wenigen Monaten machte
die Regierung misstrauisch: Flot -
tillenadmiral Hermann Lüdke lag tot in ei-
nem Forst beim Eifeldorf Immerath, neben
ihm ein Gewehr. Das Leben des Regie-
rungshauptsekretärs Anton S. endete im
Erdgeschoss des Bundesministeriums für
Verteidigung. S. war aus dem fünften
Stock ins Treppenhaus gestürzt. Legations-
rat Bernhard von T. starb auf den Bahn-
gleisen Niederdollendorfs bei Königswin-
ter, überrollt von einem Zug.
Die Todesserie der Staatsdiener im Jahr
1968 löste in der Regierung Kiesinger
Spekulationen aus. Vor allem das Ableben
Lüdkes schien mysteriös. Der Admiral hat-
te zuletzt im Nato-Hauptquartier Dienst
getan und dort „geheim“ gestempelte Pa-
piere mitgehen lassen. Er galt eigentlich
als Sonnyboy, doch vor seinem Tod hatte
ihn die Polizei verdächtigt, Spion zu sein.
Im Kabinett kam ein Verdacht auf. Ermor-
dete ein östlicher Geheimdienst, etwa das
KGB, heimlich deutsche Beamte, um deren
Aussagen zu verhindern? Oder nahmen
sich Spione aus Furcht vor Enttarnung das
Leben?
Noch herrschte Kalter Krieg, und so be-
schlossen die Regierenden der ersten Gro-
ßen Koalition mit Kanzler Kurt Georg Kie-
singer (CDU), Außenminister Willy Brandt
(SPD) und Finanzminister Franz Josef
Strauß (CSU) die „zentrale Erfassung aller
Selbstmordfälle von Bundesbediensteten“.
Aus Gründen „der äußeren und inneren
Sicherheit“.
Eine makabre Geheimoperation begann,
deren Akten jetzt im Bundesarchiv in
Koblenz zugänglich sind. Jahrelang recher-
chierte der Verfassungsschutz im Auftrag
der Regierung Selbstmordtragödien in Fa-
milien deutscher Staatsdiener. Die Staats-
schützer besorgten sich Ermittlungsergeb-
nisse der Polizei, sammelten Abschieds-
briefe und schnüffelten Informationen aus
Zeitungsartikeln hinterher.
Das Innenministerium hatte zuvor die
„obersten Bundesbehörden, Bundesober-
behörden, Bundesmittelbehörden, Bundes-
behörden mit erhöhtem Sicherheits risiko“
angewiesen, in Suizidfällen Informationen
Deutschland
an den Verfassungsschutz zu liefern. Die
Ergebnisse wurden vom Inlandsgeheim-
dienst in einer Checkliste festgehalten
(„Fehlen Unterlagen aus dem Arbeitsbe-
reich?“).
Schon bald untersuchten die Staatsschüt-
zer 1969 den Tod der jungen Kriminal -
beamtin Susi K., von dem das Innenminis-
terium aus der Bild-Zeitung erfuhr („Noch
einmal geschminkt – und dann vor den
Zug“). Die Geheimen versuchten, K.s Mo-
tive ebenso zu ergründen wie ein Jahr spä-
ter den Fall eines deutschen Nato-Offiziers,
der im belgischen Casteau verblutete.
Der Verfassungsschutz prüfte mehr als
tausend Fälle von Selbstmorden und Selbst -
mordversuchen, bei hohen Diplomaten
ebenso wie bei kleinen Verwaltungsange-
stellten, Fallschirmjägern oder Ar chivaren
der Bundeswehr. Auch das Verschwinden
eines Ingenieurs des Landwirtschaftsminis-
teriums erregte die Aufmerksamkeit der
Geheimen; der Mann war vor der Küste
Grönlands von Bord eines Fischereifor-
schungsschiffs verschwunden.
Doch so intensiv die Verfassungsschüt-
zer auch recherchierten: Nirgends fanden
sie Hinweise auf einen Mord, kein KGB-
Killer weit und breit. Stattdessen doku-
mentieren die Unterlagen seitenweise
tragische Schicksale aus den Amtsstuben:
Liebeskummer, finanzielle Nöte, Depres-
sionen oder beruflicher Misserfolg trieben
die Menschen in den Suizid.
Immerhin war einigen Staatsdienern
von Anfang an unwohl dabei, das Leben
und Sterben unbescholtener Bürger derart
auszuforschen. Als Siegfried Fröhlich, Ab-
* Mit Bundespräsident Heinrich Lübke in Kiel 1963.
teilungsleiter im federführenden Innen -
ministerium, die Kollegen in anderen Be-
hörden am 9. Januar 1969 aufforderte,
Selbstmorde von Bundesbediensteten „ab
sofort unverzüglich“ dem Inlandsgeheim-
dienst mitzuteilen, wandte ein leitender
Beamter vom Bundespresseamt ein, er hal-
te dies „für einen zu starken Eingriff in
die Privatsphäre“.
Und im Bundesfinanzministerium wei-
gerte sich ein Dr. Jürgens zunächst sogar,
Informationen über Suizide weiterzuleiten.
Die Personalreferate des Ministe riums wür-
den offiziell nicht über Todesursachen un-
terrichtet. Offenbar erfuhr man von diesen
Fällen über den Flurfunk. Es sei „nicht un-
bedenklich“, argumentierte Jürgens, sol-
che inoffiziellen Erkenntnisse an den Ver-
fassungsschutz weiterzuleiten.
Der Mann hatte recht: „Die Angehöri-
gen von Beamten waren natürlich nicht
verpflichtet, detaillierte Informationen
über das Ableben ihrer Verwandten zu
geben“, sagt der Berliner Rechtsprofessor
Ulrich Battis. „Ich sehe hierfür keine
Rechtsgrundlage.“
Es dauerte bis 1976, ehe die Bundes -
regierung die Schnüffeleien einstellte. In-
zwischen regierten in Bonn Helmut
Schmidt und Hans-Dietrich Genscher.
Doch es waren nicht die Skrupel der Re-
gierenden, die zum Ende der Operation
führten, sondern das Gejammer der Ver-
fassungsschützer. Die Zahl der untersuch-
ten Selbstmorde und Selbstmordversuche
war auf 1029 angewachsen. Die Erfassung
der Suizide sei „für die Abwehrtätigkeit
ohne Bedeutung“, beschwerten sich die
Spionageexperten – und viel zu „arbeits-
intensiv“. Felix Bohr, Klaus Wiegrefe
47 DER SPIEGEL 31 / 2014
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Der Tod
der Beamten
Zeitgeschichte Während des
Kalten Krieges ließ die Bundes -
regierung mehr als tausend
Suizid fälle unter suchen – sie ver-
mutete dahinter Morde des KGB.
Marineoffizier Lüdke (r.)*: Im Forst gefunden, neben ihm ein Gewehr
Marketing
Warum hat mein
Grill einen Namen,
Frau Kircher?
Sybille Kircher, 49, Geschäfts-
führerin der Namenfindungs-
agentur Nomen Deutschland,
über die Taufe von Produkten
SPIEGEL: Frau Kircher, ein
beliebter Grill heißt „Vene-
zuela“. Was hat das Land
Venezuela mit meinen Grill-
würstchen zu tun?
Kircher: Ich denke, grund -
sätzlich sind geografische
Namen ein Problem, weil
man nie weiß, wie sich die
Politik in einem Land ent -
wickelt. Aber Produktnamen
helfen auf jeden Fall, sich
von Konkurrenzprodukten
abzuheben.
SPIEGEL: Also macht es einen
Unterschied, ob eine Gießkan -
ne Theo oder Annette heißt?
Kircher: Das sind jetzt zwei
Vornamen – und Vornamen
sind heikel, weil sie oft mit
konkreten Personen asso -
ziiert werden. Bei Produk -
ten, die international ver-
marktet werden, ist es außer-
dem kaum ersichtlich, ob die
Namen positiv belegt sind.
SPIEGEL: Sind Nachnamen
besser? Wodka Gorbatschow
verkauft sich doch ganz gut.
Kircher: Schon. Aber einen
Wodka Putin kann ich mir
nur schwer vorstellen.
SPIEGEL: Wie findet man den
perfekten Produktnamen?
Kircher: Es ist weniger wichtig,
dass der Name das Produkt be -
schreibt. Wichtiger ist, dass er
Assoziationen auslöst. Manch-
mal geht das über den Klang,
manchmal über die Bedeu-
tung. Es gibt Wörter, die be-
sonders weich klingen, andere
klingen besonders dynamisch.
Wichtig ist auch, dass der
Name Gefühle transportiert.
SPIEGEL: Ihr Unternehmen
hat den Namen „Froop“ für
einen Joghurt entwickelt.
Welche Gefühle soll das denn
transportieren?
Kircher: Es geht um die Asso-
ziation mit „Frucht“. Das
merkt man auch, wenn man
den Namen ausspricht. Es ist
ein Joghurt, bei dem die
Frucht oben liegt. Mit einem
Loop, einer Drehung, kann
man die Frucht mit dem Jo-
ghurt mischen. Daher kommt
der Name.
SPIEGEL: In der FDP wurde
kürzlich darüber nachge-
dacht, den eigenen Namen
auszutauschen.
Kircher: Ich würde ihr davon
abraten. Der Name hat
sich über so viele Jahre ein -
geprägt. Es ist ja nicht der
Name schlecht, sondern die
Politik, die gemacht wurde.
Ein guter Name kann nicht
über schlech te Qualität hin-
wegtäuschen. Das gilt für
Unternehmen ebenso wie für
Parteien. pfa
48 DER SPIEGEL 31 / 2014
Sechserpack Zur Schreibmaschine (2) wolle er zurückkehren, sagt der Chef des NSA-Untersuchungsausschusses, weil das sicherer
sei. Ob Geheimtinte (3) oder Flaschenpost (5), ob Brieftaube (1), Meldehund (4), Pony-Express (6) – die Geschichte kennt viele er-
probte Kommunikationsformen, die zu prüfen wären. Noch meldet der Brieftaubenzüchterverband keine erhöhte Nachfrage. Noch?
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Kircher
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an Thompson, der aus England stammt, hat im Laufe
seines Lebens eine eigene Form von Freiheit entwickelt.
Sie besteht darin, seinen Einfällen nachzugeben, auch
wenn sie nicht immer sinnvoll sind, im klassischen Sinne: Als
Kind baute er beispielsweise sein Fahrrad manchmal ausein -
ander, er wartete eine halbe Stunde lang und baute es wieder
zusammen. Es ging darum, das zu tun, wozu er Lust hatte.
Er hatte somit schon früh einen Weg gefunden, sich selbst zu
unterhalten. Seine Eltern arbeiteten viel, sein Vater als Professor
für Altphilologie, seine Mutter als Ärztin, und so wuchs Thomp-
son in diesem Haus in Notting-
ham auf, und alles, was er tat,
tat er mit einer ausgesproche-
nen Leichtigkeit: Er bastelte,
tüftelte, machte Scherze.
Er macht das immer noch.
Und vergisst die Scherze
manchmal auch schnell wieder,
so wie den, der ihm kürzlich
die Polizei ins Haus brachte.
Thompson hat Technik in
Aberdeen studiert, im Osten
Schottlands, weil ihn, sagt er,
sonst niemand genommen hät-
te. Er eröffnete eine Autowerk-
statt in Leith, dem Hafenvier-
tel Edinburghs, mit 28 Jahren
und einem Gefühl der Zufrie-
denheit.
Er war ein eitler Mann, groß
und blond. Seine Autowerk-
statt nannte er nicht „Thomp-
son“, wie er hieß, sondern
„Tomson“ nach seinem Auto-
kennzeichen: „TOM 50N“.
Der Name „Tomson“ aber
war die Pest. Thompson muss
ihn jedem erklären, den Behör-
den, der Telefongesellschaft.
Seit 36 Jahren geht das so. Er findet das immer noch lustig,
seine Kunden nicht so richtig. Trotzdem wurden es gute Jahre.
Er heiratete, hat zwei Kinder. Der Laden lief, Thompson kaufte
erst drei Hallen, später noch zwei. Sie liegen in der Giles Street,
die u-förmig verläuft. Im Sommer vor zwei Jahren kam dort
das Google-Auto entlang.
An einem Dienstag in diesem Sommer sitzt Thompson, mitt-
lerweile 64, in einem orangefarbenen Arbeitsanzug vor diesen
Hallen, den Hausnummern 79 bis 81, in seinem Wagen, um das
Gespräch zu führen. Seine Werkstatt besitzt keine Küche, kein
Büro, also keinen Stuhl. Sie hat keine Heizung. Thompsons Mit-
arbeiter, vier junge Männer, sind eher robuste Typen.
Sie halten sich bei Laune, indem sie ihre Arbeit als ein Spiel
verstehen, bei dem sie gewinnen wollen. Sie wollen präziser ar-
beiten als andere Werkstätten. Sie sehen das Lustige an den
Dingen, sie geben Kunden Namen. „Moany Tony“ für den jam-
mernden Tony, „Scary Clairey“ für die exzentrische Claire.
Thompson lächelt beinahe ununterbrochen. Er spricht deutlich,
wie ein englischer Butler. Er sieht über das Lenkrad auf die
Straße vor sich, den Tatort sozusagen: bunte Blumen vor brau-
nen Häusern, Möwen auf Schornsteinen, Kopfsteinpflaster.
Es war also im Sommer vor zwei Jahren, als er auf dem Rück-
weg zur Werkstatt war. Kurz vor dem Einbiegen in die Giles
Street entdeckte er das Auto von Google Street View. Er sah,
wie es ebenfalls in die Giles Street einbog, aber an anderer
Stelle. Thompson wusste, wenn er jetzt Gas geben würde, könn-
te er vor dem Google-Auto an der Werkstatt sein. Er hätte
30 Sekunden Vorsprung. Das musste reichen.
Dan Thompson hat gar nichts gegen Google, auch nichts ge-
gen moderne Entwicklungen, er ist eher der Typ, der für etwas
ist und nicht gegen etwas. Er nutzt Google Street View selbst,
wenn er eine seiner Wohnungen an Studenten vermietet und
wissen will, aus welchem Elternhaus sie stammen. Und trotzdem,
sagt er, habe er in diesem Moment dem Impuls folgen müssen.
Er war rechtzeitig an der Werkstatt, sah Gary, einen seiner
Mitarbeiter, er rief: „Schnapp dir den Knüppel, komm raus und
tu so, als wenn du mir auf die Fresse haust.“
Gary tat, was der Chef ihm
sagte. Als er draußen auf der
Straße stand, lag Thompson
bereits am Boden, zwischen
zwei parkenden Autos, mit
dem Kopf auf dem Asphalt,
beide Arme reglos von sich ge-
streckt, bewegungslos.
Alle zehn Meter macht so
ein Street-View-Auto ein Foto.
Es besitzt neun Kameras. Die
Bilder zeigen Straßen und
Häuser, auch Menschen, die
über Straßen spazieren. Sie be-
schreiben das normale Leben,
einen Mann mit Gummipuppe,
Japaner mit Taubenmaske
oder zwei Samuraikämpfer in
Pittsburgh, Pennsylvania.
Morde zeigen diese Bilder
selten, Späße nicht häufig. In
Norwegen verfolgten Taucher
den Google-Wagen, im Anzug,
mit Flossen und Harpune.
Auch das zeigte die Seite.
Es dauert dann meist ein
paar Monate, bis die Bilder,
die das Google-Street-View-
Auto aufnimmt, im Internet
landen, und so kam es, dass Thompson nicht gleich an Google
dachte, als die Polizisten in seiner Werkstatt standen. Sie hatten
Bilder dabei. Jemand hatte nach der kleinen Giles Street, in
Leith/Edinburgh, gesucht und einen brutalen Mord entdeckt.
Thompson erinnerte sich dann wieder, und auch daran, dass
gute Einfälle zu Ärger führen können. Er hat mittlerweile aber
gelernt, sich aus der Enge zu quatschen. Das muss einer wohl
können, der denkt, dass das Leben ein Witz ist und regelmäßig
belacht werden will.
Nachdem das Google-Auto damals vorbeigefahren war, hatten
er und Gary noch lange Spaß. Sie hatten aus einem normalen
Tag einen guten Tag gemacht. Sie hatten das Gesicht des
Google-Fahrers gesehen. Auch er lachte. Der Mensch lachte
über die Maschine.
Dan Thompson brachte es fertig, dass auch die beiden Poli-
zisten, als sie gingen, bester Laune waren. Barbara Hardinghaus
49 DER SPIEGEL 31 / 2014
Gesellschaft
Auf die Fresse
Eine Meldung und ihre Geschichte Wie sich
ein Automechaniker aus Schottland
bei Google Street View unsterblich machte
Thompson, Mitarbeiter
Von der Website Heise online
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Gesellschaft
Regionen des kriselnden Spaniens? Tau-
send Jahre Tradition, die im Getrampel un-
tergehen?
Dies ist der Versuch, Antworten zu fin-
den. Ein Suche unter Suchenden.
Saint-Jean-Pied-de-Port, 769 Kilometer
bis Santiago de Compostela
Pilger haben arm zu sein, diese Vorgabe
wirkt bis heute nach. Vor allem im Kopf
der Pilger. Nicht bei allen; Spanier, Ame-
rikaner, Franzosen neigen weniger dazu.
Die Deutschen umso mehr. Diese Pilger
verstehen ihre Reise als Ballastabwurf. Vor
allem als geistigen, aber auch als materiel-
len. Sie verwandeln sich in Wanderasketen,
die entschlossen sind, den „camino“ nicht
zuletzt als Bescheidenheitswettkampf zu
verstehen. Sieben, acht Kilogramm tragen
sie und ein Lächeln für die Beladenen, die
Ich bin dann mal hier
Einkehr Im Jahr neun nach dem Buch Kerkeling ziehen Hunderttausende den Jakobsweg
entlang. Es können noch mehr werden: Nun wird das Buch verfilmt. Lässt sich der Sinn
des Lebens suchen, wenn Menschenmassen dasselbe tun? Eine Pilgerreise. Von Juan Moreno
I
m Mittelalter war Pilgern nicht Sinn -
suche, nicht Einkehr, nicht Event; die
Menschen hatten richtige Sorgen. Pil-
gern war ein Deal. Auf der einen Seite die
Lauf- und Leidensbereitschaft des Gläu-
bigen, auf der anderen Gottes Erlösungs-
kompetenz. Einer läuft, der andere heilt,
vergibt, bewirkt. Ein Geschäft auf Gegen-
seitigkeit. Ähnlich wie Bettelmönche trugen
Pilger alles, was sie besaßen, an ihrem Kör-
per. Ein Wanderstock, ein Beutel, ein Trink -
kürbis und ein Mensch, erfüllt von Gotter-
gebenheit und nicht selten Abenteuerlust.
Seit gut tausend Jahren wird das Grab
des Heiligen Jakobus in Santiago de Com-
postela von Pilgern besucht. In ruhigen Jah-
ren und Jahrhunderten waren es ein Dut-
zend Menschen, in anderen ein paar Tau-
send. Ruhige Jahre gibt es nun nicht mehr.
Mehr als 200000 Pilger nahmen den Ja-
kobsweg im vergangenen Jahr, und in die-
sem greift eine Nachricht um sich, die Ju-
bel auslöst bei denen, die daran verdienen:
Das Buch wird endlich verfilmt. Hape Ker-
kelings „Ich bin dann mal weg. Meine Rei-
se auf dem Jakobsweg“. Das Erleuchtungs-
epos, vier Millionen Mal verkauft, über
einen sinnsuchenden Komödianten aus
Recklinghausen, der sich zum Jakobusgrab
quält. Der „efecto Kerkeling“ greift: Seit
diesem Buch, das nun im neunten Jahr auf
dem Markt ist, stellen die Deutschen die
größte Ausländergruppe. Im vergangenen
Jahr kamen laut Kirchenstatistik 16000
Deutsche in Santiago an, ein neuer Spit-
zenwert. Und nun dreht die ARD, im
August.
Noch mehr Menschen? Was passiert mit
dem Weg, wenn ihn Horden gehen? Ein
Wanderzirkus mit Globetrotter-Flair? Eine
spirituelle Versehrtenkarawane? Ein Kon-
junkturprogramm für eine der ärmsten
50 DER SPIEGEL 31 / 2014
mehr brauchen. Wasser wird vom
Dorfbrunnen genommen, wohl
wissend, dass „no potable“ nicht
trinkbar bedeutet. Im Smartphone
wird auf Camino-Blogs geschaut, wo
das billigste Weißbrot zu haben ist.
„Ich habe Pilger erlebt, die gute Jobs
hatten und sich zu viert ein Sandwich ge-
teilt haben“, sagt Wim Koelemeijer, ein
freundlicher Holländer, der im Pilgerbüro
von Saint-Jean-Pied-de-Port arbeitet.
Saint-Jean ist der Startpunkt vieler für die
meistbegangene Variante, der sogenannte
„camino francés“, der in Frankreich startet
und 769 Kilometer lang ist.
Koelemeijers Büro liegt im Zentrum des
Orts und wird von praktisch allen Pilgern
angesteuert, weil sie dort den Pilgeraus-
weis bekommen, der Zutritt zu den Her-
bergen ermöglicht. Koelemeijer pilgert seit
über zehn Jahren. Er ist 74.
„Man kann immer sparen. Beim
Essen, beim Kaffee, bei der Über-
nachtung“, sagt Koelemeijer.
Was kostet eine Herbergsüber-
nachtung auf dem Camino?
„Vier Euro.“
Es ist nicht der Geiz, der sie treibt, es
ist das Prinzip. Armut wird mit Authenti-
zität gleichgesetzt. Pilger sind arm, und es
gibt nach Meinung vieler ein „richtiges“
und ein „falsches“ Pilgern. Der richtige
Pilger startet nördlich der Pyrenäen, ist zu
Fuß unterwegs und geht den Weg in einem
Rutsch, nicht in Etappen, die Jahr für Jahr
bis nach Santiago fortgesetzt werden. Er
läuft vier Wochen lang durch Nordspanien
und gibt keine 1000 Euro aus.
Und die „erfahrenen richtigen“ Pilger,
die vor Kerkeling gegangen sind, ärgern
sich über die Schwemme. Als noch eine
Handvoll unterwegs war, luden Bauern die
Fremden ein. Es gab Wurst, Wein und Ein-
blick in eine verborgene Welt. Frühe Pilger
berichten von herzerwärmender Gast-
freundschaft. Damals konnte man für prak-
tisch nichts bis nach Santiago kommen.
Auch weil die Bauern, so ziemlich die ärms-
ten in Spanien, so großzügig waren. Jetzt
eröffnen sie Pensionen mit Sat-TV.
Für viele Altpilger ist der Camino tot.
Es gibt Souvenirläden in Dörfern mit 20
Einwohnern, in denen Jakobsweg-T-Shirts,
Jakobsweg-Halstücher, Jakobsweg-Kondo-
me verkauft werden. Cola-Automaten ste-
hen am Wegesrand, Santiagos Kathedrale
knallrot leuchtend darauf. Die Bauern von
früher haben ihre Enkel gerufen, die Spa-
niens Wirtschaftskrise arbeitslos gemacht
hat, und ermuntern den Nachwuchs, eine
Pension zu eröffnen. Für viele Altpilger
hat Kerkeling keinen Boom ausgelöst, es
war eine Pandemie.
Pilger in der Provinz Lugo
51 DER SPIEGEL 31 / 2014
Ein richtiger Pilger kann durchaus
Carbon-Trekkingstöcke für 190 Euro, einen
Ultralight-Schlafsack für 500 Euro, Gore-
Tex-Schuhe für 250 oder auch ein „Geo-
coaching“-GPS-Gerät für 400 Euro besit-
zen. Dafür verzichtet er verärgert auf den
„café con leche“, wenn der 2,20 Euro kos-
tet. Camino-Nepp ist beliebter Pilger-
tratsch.
Die Gesamttagesausgaben pro Pilger auf
dem Jakobsweg lagen 2013 im Schnitt bei
gut 30 Euro, 200 Millionen Euro wurden
umgesetzt. Der Berliner Hauptstadttouris-
mus braucht dafür eine Woche. Allerdings
wachsen die Umsätze auf dem Jakobsweg.
Das liegt an den falschen Pilgern.
Die falschen Pilger schlafen in Pensio-
nen und Hotels, bestellen nicht das Drei-
Gänge-Pilger-Menü, das es inklusive Wein
auf dem gesamten Weg für neun bis zwölf
Euro gibt. Die falschen Pilger meiden die
Herbergen mit ihren riesigen Schlafsälen
für 100 Pilger. Das Gepäck lassen sie
Etappe für Etappe bis nach Santiago von
Taxifahrern vorfahren. Richtige Pilger
ärgert das, am meisten, dass ein lächer -
licher 100-Kilometer-Spaziergang, das ist
die Mindestdistanz, zur selben Urkunde
berechtigt wie ein Pilgerabenteuer über
Hunderte Kilometer, das in Saint-Jean
oder gar in München oder Berlin
begann. Die Anlieger auf dem Ja-
kobsweg, die Basken, Kastilier,
Galicier meinen: Kann es den ei-
nen Pilgern nicht egal sein, wie die ande-
ren ihr Gepäck nach Santiago schaffen?
Und überhaupt: Sind Gott arbeitslose
Taxifahrer lieber?
Pamplona, 700,5 Kilometer
bis Santiago de Compostela
Sechs Paradiesvögel in knallengen bunten
Stretchhosen streifen sich an einem Kreis-
verkehr Radfahrertrikots über den Bauch.
Es sind Italiener aus Rom, die einen wei-
ßen Transporter als Versorgungswagen da-
beihaben. Sie sind im Schnitt 50, 60 Jahre
alt und wollen nach Santiago; auch Rad-
fahren gilt als Pilgern, ab 200 Kilometer
Strecke. Pietro, der Chef der Gruppe, be-
fragt nach den Motiven für die Reise,
nimmt Haltung an. Wie zur Untermalung
bringt eine Böe eine Italien-Flagge im Hin-
tergrund zum Flattern. Man sei wirklich
traurig, nur so wenig Zeit zu haben für das
Grab des Heiligen Jakob. Eine Woche nur.
Und dann, als wäre es eine spontane Ein-
gebung, kündigt er an, dass sich das ändern
werde. Man müsse auch mal langsam ma-
chen. Aufhören, Getriebener zu sein. Zeit
haben zum Nachdenken. Piano, pianino.
„Nächstes Mal starten wir in Rom.“
Nach Santiago?
„Nein, nach Auschwitz“, sagt
Pietro.
Auf dem Jakobsweg ist Kirchen-
tagskundschaft eine Minderheit.
Leute wie Pietro sind es eher nicht. Auf
dem Camino trifft man mittlerweile alle.
Christen, Muslime, Buddhisten, Sportler,
Junge, Alte, Dicke, Freaks. Alleinerziehen-
de Manager mit Kind, Babys im Kinderwa-
gen, Bibelkreise auf Mieteseln. Menschen,
die den Weg barfuß gehen; Menschen, die
barfuß und rückwärts gehen; Menschen,
die mit Beatmungsgerät und im Rollstuhl
starten; andere, überraschend viele, die
wissen, dass sie auf der Reise sterben wer-
den – ihre Kreuze säumen den Weg.
215000 holten sich im vorigen Jahr in
Santiago die von der Kirche herausgege-
bene Bestätigungsurkunde ihrer Pilgerrei-
se, die „compostela“, ab. Vermutlich wa-
ren es mehr, weil nicht alle Lust hatten,
sich in die lange Schlange vor dem Pilger-
büro unweit der Kathedrale anzustellen.
215000 ist der Rekord für ein „nichtheili-
ges“ Jahr. Fällt der 25. Juli, Namenstag des
Heiligen Jakobus, auf einen Sonntag, wird
ein Heiliges Compostelanisches Jahr aus-
gerufen. Das letzte war 2010. 270000 Pilger
kamen. Das nächste wird 2021 sein. Die
spanische Politik hat schon anfragen lassen,
ob man nicht eins „dazwischenschieben“
könne.
Wie viele Pilger waren es 1978? Antwort:
13.
Und alle suchen. Trost, Ruhe, Freiheit.
Zeit. Ein paar Tage auf dem Jakobsweg,
und man ist überzeugt, dass weite Teile
der Menschheit ihre normale Existenz als
52 DER SPIEGEL 31 / 2014
Wanderer an Erfrischungsstation im galicischen Dorf Ventas de Narón: Gott hat Humor
permanenten Diebstahl ihrer persönlichen
Zeit empfinden.
Weinbrunnen von Irache, 649 Kilo -
meter bis Santiago de Compostela
Die Hoffnung ist, am Ende vergessen zu
haben, warum man am Anfang losmar-
schiert ist. Die tägliche Pilgerroutine hilft.
Unruhige Nacht in der Pilgerherberge, weil
immer, wirklich immer, mindestens ein
Pressluftschnarcher anwesend ist, überra-
schend oft eine Schnarcherin, die am Mor-
gen vehementer leugnen wird als jeder
Mann. Aufstehen gegen sechs, Rucksack
packen, im Dunklen loslaufen, manchmal
hat bereits ein Café geöffnet, manchmal
muss man erst vier, fünf Kilometer gehen.
Der Anfang ist mühsam, nach einigen Wo-
chen fallen die Etappen körperlich immer
leichter. Nach 20, 30 Kilometern am frühen
Nachmittag Ankunft am Etap-
penziel. Herbergsplatz sichern,
Blasenversorgung, Dusche, Wä-
sche waschen, ausruhen, Dorf-
oder Stadtbesichtigung, oft Be-
such einer Messe, am Abend
Schwatz mit Pilgern, die man
während des Tages getroffen
hat, frühes Abendessen. Dann:
waschen, Schlafsaal. Um 22 Uhr
muss man in den Herbergen im
Bett liegen.
Das Leben verliert Komplexi-
tät. Das nennt man dann Er -
holung, es macht gelassen, es
macht den Blick frei. Zum Bei-
spiel für gut aussehende Mitpil-
gerinnen und Mitpilger.
Hunderte Bücher, Berichte,
und doch hat sich noch kaum
herumgesprochen, dass ein nicht
zu unterschätzender Reiz des Ja-
kobswegs darin liegt, dass er der
perfekte Ort zur Partnersuche
ist. Viele Geschiedene, Allein-
stehende, Enttäuschte sind un-
terwegs. Im Sommer die Jünge-
ren, im Frühling und Herbst die Älteren.
Das Ganze hat etwas vom InterRail-Spirit
der Achtziger. Gelöste Atmosphäre, ge-
meinsame Aufgabe, offensichtlich ähnliche
Interessen. Das führt zu ähnlichen Ge-
sprächsverläufen. Erst ein: Woher kommst
du? Später, nach einigem Rioja, das Ent-
scheidende: Sag, warum tust du das?
Auf dem Camino schaffen es nicht mal
die größten Misanthropen, Kontakt zu ver-
hindern. Ernste, tiefe Gespräche sind die
Regel, selbst wenn sie mit der Frage nach
dem bevorzugten Hirschtalg gegen Blasen
begannen. Der Camino strengt an, macht
somit schwach, verletzlich und in der Kon-
sequenz sympathisch. Pheromone, massi-
ver Gewichtsverlust samt neuem Körper-
gefühl und Triebstau erledigen den Rest.
Erfolg ist zwar nicht garantiert, aber das
Schönste am Seitensprung ist der Anlauf,
heißt es. Auf dem Jakobsweg ist er 769 Ki-
lometer lang.
Prototypisch in diesem Zusammenhang:
Gibrael Rowshanzamir aus Schweden und
Monika Szabo aus Ungarn.
Er, blendend aussehend, gerade 30 ge-
worden, läuft nicht nur auf Santiago, son-
dern auf ein Problem zu. Das liegt an Mo-
nika, wunderschöne 29 Jahre alt, schlank,
Schlapphut, mit einem Lächeln, mit dem
sie Eisen zum Schmelzen bringen könnte.
Die beiden pilgern seit einigen Tagen
gemeinsam, erzählen sie, „weil das Tempo
so gut passt“.
Gerade haben sie den berühmtem Wein-
brunnen von Irache erreicht. Die Großkel-
lerei liegt direkt am Jakobsweg in Ayegui,
Provinz Navarra, und hat 1991 aus Qua-
dersteinen einen großen Brunnen direkt
an den Weg bauen lassen. Die Inschrift be-
sagt sinngemäß: „Wir laden dich ein, an
diesem Brunnen zu trinken, ohne zu sau-
fen; um den Wein mitzunehmen, musst du
ihn kaufen.“ Angeblicher Konsum der Pil-
ger: 70 Liter täglich. Kleine Souvenirgläser
gibt es am Automaten gegenüber dem
Brunnen für einen Euro.
Tolles Wetter, schöne Ungarin, kosten-
loser Wein. Das Problem? Er will Priester
werden. Studiert Theologie. War bereits
in Deutschland im Kloster und nutzt den
Camino „zur endgültigen Klärung“.
Die schöne Ungarin trinkt von dem
Wein, der kein Fusel ist, nur zu warm, und
rollt ihre Bambi-Augen. Sie hat sich gerade
von ihrem Freund getrennt. „Willst du
mich betrunken machen?“, fragt sie lä-
chelnd. Er stützt seinen Kopf auf dem Wan-
derstock. Vielleicht fragt er sich, warum
ihm eine hinreißende Ungarin gesandt
wurde, es gibt doch auch massenweise di-
cke Italiener auf dem Weg. Eines scheint
klar, falls Gott existiert, er hat Sinn für
Humor. Die Ungarin scheint entschlossen,
den Kampf um Gibrael gegen die gesam-
melte römisch-katholische Kirche aufneh-
men zu wollen. Und Gott hat ihr alles mit-
gegeben, was es dafür braucht.
Rabanal del camino, 229,5 Kilometer
bis Santiago de Compostela
Erste Kommerzregel auf dem Jakobsweg:
Wer Geld verdienen will – und bei Gott,
man kann sehr viel verdienen –, muss auf
dem Weg sein. Nicht in der Nähe, nicht
um die Ecke, nein, direkt dran. Pilger has-
sen Umwege. Nur weil jemand bereit ist,
vier Wochen durch Nordspanien zu mar-
schieren, heißt das nicht, dass er einen
Schritt mehr als nötig gehen
wird, um eine Postkarte zu kau-
fen. Lage ist alles. Der innigste
Wunsch des Pilgers: „Lass die
Herberge am Dorfanfang sein.“
Das idyllische, besenreine
Bergdorf Rabanal del camino
trägt den Jakobsweg im Namen.
Vermutlich aus Dankbarkeit.
Die Lage könnte nicht besser
sein. 1000 Meter über dem Meer,
inmitten einer bewaldeten Ein-
öde, so unfruchtbar und rau wie
letztlich schön.
„Jeder einzelne Euro, der
hier verdient wird, kommt von
den Pilgern“, sagt Pater Javier,
ein freundlicher, humorvoller
Mann, mit der sanften Stimme
eines Berlin-Mitte-Therapeuten.
Er ist Missionsbenediktiner, ge-
sandt von der Erzabtei Sankt
Ottilien unweit von München.
Er kümmert sich um die Pilger-
seelsorge in Rabanal.
Als der Jakobsweg-Boom in
Spanien Mitte der Neunzigerjah-
re begann, beschlossen die Benediktiner,
hier ein Kloster zu errichten. Pater Javier
und ein Ordensbruder, Pater Pius, ein
Oberbayer aus dem Chiemgau, nehmen
regelmäßig Reisende auf. Pater Javier ist,
mit kurzen Unterbrechungen, seit Kloster-
gründung hier. Er kennt die Anfänge, als
noch eine Familie hier lebte, das Dorf nicht
genug Wasser hatte, keinen verlässlichen
Strom.
Der Camino, sagt Pater Javier, hat Raba-
nal nicht nur verändert, er hat es gerettet.
„Ich glaube nicht, dass Rabanal noch be-
wohnt wäre ohne den Jakobsweg. Erst mit
den Pilgern kam die erste Herberge, später
die Restaurants, die Läden.“
Rabanal hat heute 33 Einwohner, und
es kommen viele nur zum Arbeiten dort-
hin. Es gibt mehrere Herbergen, ein rusti- F
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Freunde Skeesuck, Gray: „Die beste Zeit unseres Lebens“
53 DER SPIEGEL 31 / 2014
Gesellschaft
kales Hotel, fünf Geschäfte, mehrere Res-
taurants, darunter ein italienisches. 400
Leute finden hier ein Bett.
„Es gibt Leute im Dorf, die konnten sich
früher jedes Jahr einen Audi kaufen“, sagt
Pater Javier.
Heute nicht mehr?
„Zwar kommt der junge Spanier nicht
mehr, den hat die Krise verschluckt, dafür
aber die Ausländer. Weniger verdient man,
weil es jetzt einfach ein größeres Angebot
gibt. Man muss sich die Einnahmen teilen.
Jetzt dauert es zwei Jahre bis zum nächs-
ten Audi.“
Pater Javier macht aber nicht der Kom-
merz Sorgen. Selbst bei 400 Pilgern am
Tag kann man nicht wirklich von einem
überfüllten Camino sprechen. Später, auf
den letzten 100 Kilometern, wenn die fal-
schen Pilger kommen, ist das anders. Aber
auf dem Großteil der Strecke verläuft sich
das. Was sind 400 Pilger auf 30 Kilometern
Fußmarsch?
Pater Javier stört etwas anderes. Gerade
die Jungen, die schreckt nicht der Gedanke,
noch zwei Wochen zu laufen, sie schreckt
der Gedanke, der Handyempfang könnte
nachlassen. Grundlose Furcht. „Vor 15 Jah-
ren stand an den Herbergswänden: Hier
Warmwasser. Heute: Free WLAN. Jeder
weiß: Kein Netz, keine Pilger.“
Pater Javier ist 44 Jahre alt, iPhone-Be-
sitzer und kein Dogmatiker. Außer: Kein
WLAN in seinem Kloster. Viele schreckt
das mehr, als die tägliche lateinische Ves-
per mitzusingen.
Vermutlich war er zu oft Zeuge der ty-
pischsten aller Pilgerszenen. Pausenbeginn,
Passhöhe erreicht, erster Griff: Smart -
phone. E-Mails, Facebook, News checken.
Es kann sich die atemberaubende Pracht
der kastilischen Meseta vor einem erstre-
cken, wichtiger scheint, warum der Toni
Kroos Bayern Richtung Madrid verlässt.
Das Internet hat das Pilgern verändert.
Mehr als jeder Souvenirladen. Abtauchen
aus der realen Welt verlangt Mut, es auch
gleichzeitig aus der virtuellen zu tun, über-
fordert viele. Viele merken gar nicht, wie
viel Zeit sie auf dem Jakobsweg damit ver-
bringen, nach Hause zu mailen. Hatte man
sich nicht darauf geeinigt: Ich bin dann
mal weg?
Palas de Rei, noch 62 Kilometer
bis Santiago de Compostela
Amerikaner erzählen immer die besten
Geschichten. Auch auf diesem Camino.
Justin Skeesuck und Patrick Gray sind von
Kindheit an Freunde. Beide aus Idaho, bei-
de Trauzeuge des jeweils anderen, beide
binnen eines Tages auf die Welt gekom-
men, was Skeesuck das Recht gab, sich
bei den Mädchen als der Ältere und
Weisere vorzustellen.
Mit 16 erlitt Skeesuck, ein lusti-
ger Kerl, einen Verkehrsunfall, der
ihn fast getötet hätte. Er musste al-
les neu erlernen. Aufstehen, anziehen,
schreiben, zeichnen. Er gab nicht auf, wur-
de Grafiker, heiratete. Die Krankheit je-
doch, die gab auch nicht auf.
Jahre später erklärten Ärzte Skeesuck,
dass der Unfall eine seltene Krankheit aus-
gelöst haben müsse, eine extrem langsam
voranschreitende Autoim munerkrankung,
die sich nach und nach durch seinen Kör-
per frisst und immer mehr Bereiche lahm-
legt. An Zeichnen war irgendwann nicht
mehr zu denken, an Gehen natürlich auch
nicht. Skeesuck kann mit Mühe seine
verkrampfte Hand etwas heben. Er wird
ohne Frage daran sterben. Eher früher als
später.
Im Frühling 2012, damals konnte er noch
die Fernbedienung halten, zappte er
durchs Fernsehprogramm und blieb bei ei-
nem Beitrag über den Jakobsweg hängen.
Der Sprecher sagte darin, dass viele Pilger
behaupteten, der Camino habe sie gerufen,
was stimmt.
Justin Skeesuck rief Patrick an. Sie sind
Nachbarn. Patrick hörte sich die Fakten an.
Nordspanien, über die Pyrenäen, sehr hü-
gelig, 500 Meilen, wenig Asphalt, nur zu
Fuß, richtige Pilger also. Seine Antwort wird
der Titel des Films sein, den ein Kamera-
team gerade mit ihnen über ihre Reise dreht.
„I’ll push you.“
Es ist nicht leicht, sich mit Skeesuck und
Gray auf dem Camino zu sehen und nicht
in Tränen auszubrechen. Skeesuck, ein
wunderbarer, ruhiger Erzähler, hängt wie
ein Sack Kartoffeln auf dem schweren Alu-
Rollstuhl. Gray, ein kräftiger Mann mit
kurzen ergrauten Haaren, schiebt 250
Pfund. So viel wiegen der Geländerollstuhl
aus Aluminium und sein Freund.
Immer wieder versank der Rollstuhl
während des Dauerregens, der früher oder
später jeden Pilger trifft, handtief im
Matsch. Gray schulterte seinen Freund und
schob den leeren Wagen. Durch die seit
gut vier Wochen nach vorn gebückte Hal-
tung hat er chronische Wadenkrämpfe.
Sein Brustkorb hat Muskeln an den un-
möglichsten Stellen ausgebildet.
„Die beste Zeit unseres Lebens“, sagen
beide. In zwei Tagen werden sie in Santia-
go die Kathedrale erreichen. Ihre Frauen
werden da sein. Vermutlich auch einige Pil-
ger, die sie auf dem Weg getroffen haben.
„Kurz vor der letzten heftigen Steigung
vor Galicien warteten 17 Pilger aus zehn
Ländern auf uns. Sie wussten, dass ich das
ohne ihre Hilfe nicht geschafft hätte“, er-
zählt Justin, der immer wieder sagt, wie
unglaublich er das findet.
Natürlich wiederholen beide, was der
mitreisende Regisseur ihnen vorbetet:
Eine Geschichte über Freundschaft
sei das. Die Botschaft, Grenzen
nicht zu akzeptieren, sondern
herauszufordern.
Aber je mehr Zeit man mit ihnen
verbringt, desto mehr ist man davon
überzeugt, dass sie wirklich überrascht
sind, dass sie das geschafft haben. Dass sie
aufrichtig stolz auf sich sind und bis heute
nicht verstehen, warum Pilger ihre Zeit-
pläne über den Haufen werfen, damit Jus-
tin Skeesuck, der Krüppel, Santiago er-
reicht. Beide sind mittlerweile davon über-
zeugt, dass der Camino sie gerufen hat.
Santiago de Compostela
Was ist das Geheimnis: Warum wiederho-
len so viele diese Reise? Warum schimpfen
alle über den Kommerz, und trotzdem wür-
den die meisten gleich weiterlaufen? Sie
finden einen Weg vor, den die katholische
Kirche mit ihrer 2000 Jahre alten Missio-
nierungskompetenz spirituell klug besetzt
hat. Menschen, die suchen, die sich gerade
den großen Fragen widmen, freuen sich
über niederschwellige Angebote in präch-
tigen Kathedralen, über mehrsprachige Got-
tesdienste, die immer kurz sind, über be-
wegende gregorianische Gesänge in roma-
nischen Kapellen aus dem 12. Jahrhundert.
Matthias Müller, Ingenieur bei BMW in
München, daheim gestartet und nach exakt
100 Tagen am Ziel, bezweifelt, dass es der
Camino ist. „Es ist die Zeit, die man sich
nimmt. Das verändert sogar Typen wie F
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54 DER SPIEGEL 31 / 2014
Zielort Kathedrale von Santiago: Welchen Hirschtalg nimmst du? Warum machst du das alles?
Gesellschaft
mich.“ Er meint unruhige Typen, die ihren
Job wichtiger als alles andere nehmen, be-
reitwillige Opfer des Zeitdiebstahls. „Ganz
ehrlich? Ich hätte auch nach Moskau laufen
können.“ Er tat es nicht, weil der Camino
eine perfekte Infrastruktur bietet. Man
kann die Herbergen nicht reservieren, man
muss sich daran gewöhnen, dass es irgend-
wie schon klappen wird. War nicht leicht
für Müller. Er hat die Excel-Tabellen mit
den genau getimten Übernachtungsorten,
den Nummern, den Kontaktpersonen,
Wegbeschreibungen, den ganzen Infos ir-
gendwann hinter der spanischen Grenze
weggeworfen. Eine seiner Camino-Erkennt-
nisse: Das wird schon, auch ohne Excel-
Liste. Sogar ohne Smartphone.
Müller sitzt hundert Meter Luftlinie ent-
fernt in der Hotelbar des Paradors de San-
tiago de Compostela, dem so ziemlich teu-
ersten Ort, an dem man in Santiago eine
Flasche Rioja trinken kann. Es ist kurz
nach elf am Abend, Müller ist müde. So
lange war er in den vergangenen drei
Wochen nicht wach. Er trägt eine blaue
Fleecejacke, dennoch ist ihm kalt, weil er
kaum noch ein Gramm Fett am Körper
hat. Die Reise hat ihn verändert, sagt er.
Am liebsten würde er weiterlaufen. Leute,
die das erlebt haben, nennen das Pilgertod.
Das Ende der Reise und die Erkenntnis,
dass sie viel wichtiger war, als man am
Anfang gedacht hatte.
Es passiert wohl jedem. Es ist kaum mög-
lich, jemanden zu finden, der sagt: „Hätte
ich mir sparen können.“
Den Kommerz auf dem Weg hat Müller
natürlich bemerkt, gerade auf den letzten
hundert Kilometern. Allerdings war er wie
die meisten anderen schon zu aufgeregt,
um sich daran zu stören. Er wollte ankom-
men und fühlte gleichzeitig eine gewisse
Sorge. Der Gedanke, 150 E-Mails am Tag
zu bekommen, macht ihm Angst. Er hat
auf der Reise gelernt, dass Dinge fast nie
so wichtig sind, wie sie tun. Schon gar nicht,
wenn sie per E-Mail geschickt werden.
Müller ist davon überzeugt, dass die
wachsende Zahl der Pilger den Camino
nicht zerstören wird. Und zwar aus dem-
selben Grund, aus dem der Kommerz das
Skifahren nicht zerstört hat. Das Produkt
ist zu gut.
Solange es eine Welt gibt, die keine
Rücksicht mehr nimmt auf die angemesse-
ne Geschwindigkeit des Menschen: das Ge-
hen; und auf die angemessene Kommuni-
kation: Auge in Auge; so lange wird der
Camino seinen Reiz nicht verlieren. Diese
neue Welt schafft Sehnsucht. Hape Kerke-
ling hat Konsumenten zu Pilgern gemacht.
Der Camino macht aus Pilgern Jünger.
55 DER SPIEGEL 31 / 2014
Videoreportage:
Auf dem Jakobsweg
spiegel.de/app312014jakobsweg
oder in der App DER SPIEGEL
E
s geschieht stets nach demselben Muster. Sie gucken,
gehen weiter, als wäre nichts gewesen, drehen sich um,
vergewissern sich, kommen zurück. Und bevor sie noch
fragen können, hat Udo Walz die Antwort parat. Ja, ich bin es.
Ja, Sie dürfen (ein Handyfoto machen). Ja, Sie können (einen
Termin im Salon bekommen).
Udo Walz sitzt an einem verschnörkelten Tisch vor seinem
Salon am Berliner Ku’damm, schwarz gewandet, den Bauch in
die Sonne gereckt. Er hatte frech behauptet, 98 Prozent der
Passanten würden ihn kennen, dies soll ein Test sein, in seiner
Mittagspause.
Männer in Weltmeistertrikots eilen vorbei, Touristen, Mäd-
chen in kreischenden Grüppchen. Jeder erkennt ihn. „Sind Sie
nicht der aus dem TV, der mit der Merkel, mit den Promis?“
Viele wollen ein Foto mit ihm. Walz will auch. Er hört gar
nicht auf zu wollen, scherzt, tätschelt Wangen, triumphiert.
Udo Walz fürchtet die Unauffälligkeit wie Rapunzel den
Haarausfall, er ist Deutschlands beliebtester Friseur, hat sieben
Salons in Berlin, zwei auf Mallorca, 90 Mitarbeiter. Laut Google
ist er der drittbekannteste Udo der Republik (nach Lindenberg
und Jürgens).
Auf der Preisliste am Eingang seines Stammsalons an der
Charlottenburger Uhlandstraße, in dem er seit 18 Jahren jeden
Morgen ab Viertel nach neun seiner Arbeit nachgeht, steht
„Udo Walz Coiffeur“. Vor labyrinthischen Spiegeln sitzt die
feine Gesellschaft. Aber auch die Nachbarin in Jogginghose,
die Geschäftsfrau mit beginnender Stirnglatze, die 90-Jährige
mit flottem Grauhaarbob. Sein Salon ist so etwas wie eine
Schnittstelle der Nation. Die Menschen kommen und sehnen
sich nach seiner Aufmerksamkeit. Seine Berühmtheit soll ab-
färben, ein bisschen wenigstens.
Der Meister rauscht herein, sagt „Schatzilein“, haucht auf
Handrücken, ruft „Ich brauche einen Stuhl!“ und „Die Musik
ist schrecklich!“, bis ein Stuhl herangerollt ist und Mozart er-
klingt. Dann wird Walz überraschend schweigsam und schnei-
det, in sich versunken; quatschen bei der Arbeit hasst er. Zu
guter Letzt wuschelt Walz mit beiden Händen durch sein Werk,
„et voilà“.
Dann schaut Schauspieler Mathieu Carrière herein, und Bar-
bara Becker blättert durch die druckfrische Ausgabe der Bunten.
Ob er drin ist? Ist er, spitze Schreie des Entzückens. Eine Home-
story, Walz und Klatschreporter Paul Sahner, als Platon und
Sokrates gewandet. „Siehst aus wie der junge Ustinov“, sagt
Carrière. „Wie Hemingway ohne Depressionen“, sagt Walz.
Jedenfalls philosophieren die beiden in der Bunten über das
Leben.
Walz’ Leben wirkt wie ein deutsches Sittengemälde. In den
Sechzigern flüchtete er aus der schwäbischen Provinz mit Um-
weg über St. Moritz, wo er Marlene Dietrich frisierte, vor dem
Wehrdienst nach Berlin. Anfang der Siebziger verhalf er Ulrike
Meinhof, ohne es zu ahnen, zum Gang in den Untergrund, in-
dem er ihr die Haare blond färbte. 25 Jahre später versicherte
er eidesstattlich, dass Kanzler Schröder seine Haa-
re nicht färbe. Walz ist ein verlässlicher Handwer-
ker auf den Häuptern der Republik. Er erfand Mer-
kels Helmfrisur. Die Kanzlerin komme alle vier
Wochen zum Schneiden. Überhaupt gehöre zum
Regieren auch das Frisieren, sagt Walz, das hätten
vor allem deutsche Politikerinnen begriffen, die
ihre Eleganz endlich nicht mehr versteckten. Was
er an Frauen liebe? „Ihre Allüren!“
„Der Preis, den einer wie Udo dafür zahlt, ge-
sellschaftlich akut zu bleiben, ist allabendliche
Rastlosigkeit.“ Diesen Satz schrieb SPIEGEL-Auto-
rin Marie-Luise Scherer über Walz vor 38 Jahren.
Der Satz ist von zeitloser Schönheit, aber er
stimmt so nicht mehr. Heute muss sich Walz nicht
mehr auf jeder Party blicken lassen. „Paris Bar
geht immer, aber zu viele Menschen auf einem
Platz, das schaff ich nicht mehr.“
Udo Walz ist fünf Jahre älter als die BRD, und
er ähnelt ihr durchaus: diszipliniert und fleißig,
ein bisschen selbstverliebt, feiern kann er auch.
Er habe „schwäbische Wurstfinger“, sagt er. Seine
Schwiegermutter sitzt hinter der Kasse im Salon.
Er ist mehr West als Ost, eine treue Seele, etwas
zu dick und immer auf Diät; CDU-Mitglied und
Fan der Kanzlerin und klingt in seiner Verehrung für sie manch-
mal, als müsste sein 26 Jahre jüngerer Ehemann sich Sorgen
machen; aber das klingt wohl nur so.
Er hatte mal angekündigt, er werde aufhören mit 70, aber
das nimmt er jetzt zurück. In der Bar jeder Vernunft wird er
jetzt am Montag seinen 70. feiern. Es werde eine Party mit 150
Freunden geben, sagt er, auch welchen aus Hollywood. Er
wünscht sich, dass sie deutsche Schlager für ihn singen. Für
Deutschland wünscht er, „dass alles so bleibt, wie es ist“. Er
wird sich keinen Kater antrinken. Am nächsten Morgen muss
er früh raus, muss arbeiten, wie immer.
„Ich bin Friseur, ich mache Haare“, sagt Walz, „sonst nichts.“
Seine Schere heißt „Seduction 55“. Nur er selbst darf mit
ihr schneiden, er tut es mit links, den kleinen Finger einen
Hauch abgespreizt. Fiona Ehlers
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Stylist Walz: „Et voilà“
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Schatzilein
Ortstermin Warum Udo Walz auch
mit 70 Jahren Deutschlands bekanntester
Friseur sein will und muss
Löhne
EZB auf Kurs
der Bundesbank
Die EZB unterstützt die For-
derung der Bundesbank nach
höheren Löhnen in Deutsch-
land. In manchen Krisenlän-
dern der Eurozone mit hoher
Arbeitslosigkeit seien aktuell
eher „niedrige Lohnabschlüs-
se erforderlich, um Wett -
bewerbsfähigkeit zurück -
zugewinnen“, sagt EZB-
Chefvolkswirt Peter Praet. In
Staaten wie Deutschland da-
gegen, in denen „die Infla -
tionsrate niedrig und der
Arbeitsmarkt in guter Verfas-
sung ist“, seien höhere Ver-
dienststeigerungen angemes-
sen. Beides trage dazu bei,
die Handels- und Kapitalströ-
me in der Währungsunion
auszugleichen und „die
durchschnittliche Lohnent-
wicklung im Euroraum mit
dem Inflationsziel der EZB
von annährend zwei Prozent
in Einklang zu bringen“, sagt
das EZB-Direktoriumsmit-
glied. Vertreter der Bundes-
bank hatten jüngst bei Ge-
sprächen mit Gewerkschafts-
funktionären angeregt, den
gesamtwirtschaftlichen
Verteilungsspielraum bei
künftigen Tarifabschlüssen
möglichst auszuschöpfen
(SPIEGEL 30/2014). msa
Affären
Geldspur zur KfW
In der Korruptionsaffäre um
den Verkauf von 15 „Euro-
fightern“ nach Österreich
Anfang der Nullerjahre führt
eine Spur zur staat lichen För-
derbank KfW. Seit mehr als
eineinhalb Jahren recherchie-
ren Staatsanwälte in Mün-
chen und Wien den Verbleib
von gut 70 Millionen Euro,
die von der „Eurofighter“-
Mutter EADS ab Ende 2004
an die Londoner Briefkasten-
firma Vector Aerospace über-
wiesen wurden. Das geschah
angeblich, um Gegengeschäf-
te in Milliardenhöhe im Zuge
des Kampfjet-Geschäfts zu
organisieren. Von Vector
flossen Millionen in ein meh-
rere Dutzend Briefkastenfir-
men umfassendes Netzwerk
auf den British Virgin Is-
lands, den Bahamas, der Isle
of Man und in Asien. Geld
ging unter anderem an eine
Orient China Investment mit
Sitz in Hongkong. Die über-
wies am 22. April 2010 je-
weils 3,75 Millionen Euro auf
die Liechtensteiner Konten
zweier auf den British Virgin
Islands registrierter Firmen
namens Goldberg Corporate
Limited und Harris Corpo -
rate Limited. Laut eines
Rechtshilfeersuchens der
österreichischen Ermittler an
Liechtenstein gehören die
inzwischen gelöschten Fir-
men dem mongolischen
Staatsbürger Achitsaikhan B.
Auf der Website der KfW
wird der Doktor der Politik-
wissenschaften als „Lokaler
Experte“ der Bank in ihrem
Büro in der Mongolei ge-
führt. B.s Name taucht zu-
dem, zusammen mit dem ei-
nes Hamburger Geschäfts-
mannes, in weiteren Briefkas-
tenfirmen auf, die über Vec -
tor fragwürdige Zahlungen
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VW
Streit der Töchter
Zwischen den einzelnen Marken des VW-Konzerns
wächst der Streit um das geplante Sparprogramm,
mit dem VW-Chef Martin Winterkorn die Kosten
um fünf Milliarden Euro senken will. Die Töchter
Audi und Porsche, die hochprofitabel sind, wollen
ihre Investitionen nicht kürzen. Die Marke Volks-
wagen müsse ihre Kosten endlich senken, fordern
Audi- und Porsche-Manager. VW leide unter Miss-
management. So habe die Marke weit über eine
Milliarde Dollar in das Werk Chattanooga inves-
tiert, das jetzt nicht ausgelastet sei, weil die richti-
gen Modelle für den US-Markt fehlten. Die Fabrik
soll hohe Verluste einfahren. Die Kosten bei Volks-
wagen seien auch deshalb so hoch, weil im Werk
Wolfsburg für mehrere Hundert Millionen Euro
neue Produktionsanlagen installiert wurden, die
jetzt nur mangelhaft funktionierten. Wegen dieser
beiden Probleme müssen Produktionsvorstand Mi-
chael Macht und Vertriebschef Christian Klingler
wohl um ihre Posten fürchten. Manager von Audi
und Porsche kritisieren auch ein Lieblingsprojekt
von VW-Chef Winterkorn: die Entwicklung eines
sogenannten Low-Budget-Car, das für rund 7000
Euro angeboten werden soll. Das Projekt werde
nur wenig Gewinn abwerfen – und so die Konzern-
rendite weiter senken. haw
Winterkorn
von EADS erhalten haben.
Münchner Fahnder vermu-
ten, dass dieses Geflecht wo-
möglich zur Bildung schwar-
zer Kassen gedient haben
könnte. Die KfW erklärt, B.
sei kein fest angestellter Mit-
arbeiter der KfW, sondern
Berater des Büros in Ulan
Bator. B.s Geschäfte über
Goldberg und Harris seien
der Bank nicht bekannt. Es
gebe zu den Firmen „keiner-
lei Geschäftsverbindung“. B.
war für eine Stellungnahme
nicht zu erreichen. EADS
wollte sich mit Blick auf die
lau fenden Ermittlungen nicht
äußern. Intern räumt man
jedoch ein: „Wir haben
keinen blassen Schimmer,
was für eine Beratung hinter
den Zahlungen an die beiden
Firmen stand.“ mhs, js
„Eurofighter“
S
o viel lässt sich jetzt schon sagen:
Deutschland erlebt einen Sommer,
an den sich die Bürger noch lange
erinnern werden. Das liegt nicht nur am
WM-Sieg, der selbst dem Nationaltorwart
Manuel Neuer nach eigener Auskunft nun
jeden Morgen ein Grinsen ins Gesicht zau-
bert. Es liegt auch nicht allein an der tage-
lang ersehnten Nachricht, dass Joachim
Löw bis 2016 Bundestrainer bleiben will.
Die Deutschen haben ohnehin allen
Grund, endlich einmal zu lächeln.
Sie können entspannt in den Urlaub
fahren, ihr Arbeitsplatz ist sicherer denn
je. Die meisten verdienen endlich wieder
etwas mehr, und sie geben das Geld sogar
aus. Der Konjunkturmotor läuft rund, und
mit ihren erfolgreichen Industrien weckt
die Volkswirtschaft den Neid der Nach-
barn.
Das US-Magazin Newsweek hat schon
jetzt „das deutsche Jahrhundert“ ausgeru-
fen, die Erfolgsformel laute ganz nüchtern
„Probleme erkennen, sie analysieren und
lösen“. Das könnte auch aus einer Regie-
rungserklärung der Kanzlerin stammen
und klingt in etwa so dröge wie „System-
analyse und Programmentwicklung“, der
ursprüngliche Name von SAP. Aber aus
dem badischen Softwarehaus ist ja auch
etwas geworden.
Selten zuvor fühlte sich die Wirtschafts-
nation so stark, ja beinahe unbezwingbar.
Doch mitten in das kollektive Wohlgefühl
platzt nun eine Studie des Deutschen In-
dustrie- und Handelskammertages (DIHK),
die es in sich hat. In ihrem zehnseitigen Pa-
pier zeichnen die Autoren das Bild einer
Ökonomie, um die es ganz anders bestellt
ist, als es nach außen scheint: Die Fassade
glänzt, aber die Fundamente bröckeln.
Es geht um die zentrale Qualitätsgröße
einer Volkswirtschaft, die Summe der In-
vestitionen. Sie entscheidet darüber, wie
innovativ die Unternehmen sind und ob
sie Wachstum und Arbeitsplätze schaffen.
In Deutschland wird laut der Untersu-
chung inzwischen viel zu wenig investiert,
weit weniger jedenfalls, als dies Staat und
Unternehmen in anderen Industrieländern
tun. Diese Entwicklung, heißt es in der
Studie, „gibt Anlass zur Sorge“.
Die gefährliche Lücke beträgt nach
DIHK-Rechnung rund drei Prozent des
58 DER SPIEGEL 31 / 2014
Risse im
Fundament
Konjunktur Noch schwelgt Deutschland im Wir-sind-Weltmeister-
Gefühl, doch die Unternehmen schlagen Alarm. Enttäuscht von
der Politik der Großen Koalition fahren sie ihre Investitionen zurück.
Eine neue Studie zeigt: Die Basis des Wohlstands ist bedroht.
Bruttoinlandsprodukts, in Zahlen aus -
gedrückt rund 80 Milliarden Euro. Das
Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung
(DIW) in Berlin ist kürzlich zu einem ähn-
lichen Ergebnis gekommen (SPIEGEL
27/2014). Die Stimmung in Deutschland,
so sagt DIHK-Präsident Eric Schweitzer,
erinnere ihn an die „Titanic“: „Überall ist
Party, aber niemand sieht die Gefahr des
Eisbergs, der plötzlich auftauchen kann“
(siehe Interview Seite 61).
Die Investitionsschwäche könnte sich
zur Bedrohung für den Wohlstand aus-
wachsen. Schweitzer vertritt rund 3,6 Mil-
lionen Unternehmen in Deutschland, mehr
als tausend von ihnen hat seine Organisa-
tion nach den Gründen für deren Zurück-
haltung gefragt.
Das Ergebnis: Jedes zweite Unterneh-
men zögert demnach aus Gründen, für die
in erster Linie die Politik verantwortlich
ist. Vor allem Chemie- und Pharmafirmen
ziehen sich zurück und engagieren sich
eher im Ausland. „Die Umfrage ist ein
ernstes Signal“, warnt Schweitzer. Die Ent-
scheidungen der Großen Koalition würden
„zur Gefahr für den Standort“.
Es sind Töne, wie man sie so deutlich
und scharf schon lange nicht mehr aus dem
Unternehmerlager gehört hat. Erstmals
seit Jahren positionieren sich die Arbeit-
geber wieder unmissverständlich gegen
eine Bundesregierung. Ihre Klage gilt nicht
nur bekannten Kritikpunkten wie der Ren-
te mit 63, dem Mindestlohn oder der Miet-
preisbremse. Die Unternehmen vermissen
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BASF-Chemieanlage in den USA
Wunschdestination deutscher Unternehmen
Wirtschaft
vor allem einen Plan, wie das noch immer
viertgrößte Industrieland der Welt seine
Zukunft sichern kann. „Ich sehe die Ge-
fahr, dass die Lage für die Unternehmen
in Deutschland schlechter wird“, klagt
Reinhold Festge, Präsident des Maschinen-
bauverbandes VDMA.
Dabei hatte vor elf Jahren Gerhard
Schröder mit seiner Agenda 2010 die Wei-
chen neu gestellt. Das Programm war auch
eine Reaktion auf die Standortdebatte, die
Mitte der Neunzigerjahre das Land beweg-
te. Nach dem Fall der Mauer traf die be-
schleunigte Globalisierung die deutsche In-
dustrie mit voller Wucht. Die Unterneh-
men verlagerten Produktion ins Ausland;
Deutschland mit seinen relativ hohen Löh-
nen und Sozialkosten war nur bedingt
wettbewerbsfähig und als „kranker Mann
Europas“ verschrien.
Inzwischen hat der Patient diese Malaise
überwunden, dafür diagnostizieren die Un-
ternehmen neue Schwächen. Dass sie über
hohe Steuern und Abgaben (fast 80 Prozent)
oder ein starres Arbeits- und Tarifrecht
(mehr als 70 Prozent) klagen, klingt dabei
noch wie das übliche Lobby-Lamento. Alar-
mierender sind jene Punkte, die nun hin-
zugekommen sind. Sie haben das Zeug,
eine neue Standortdebatte auszulösen.
So spielt mittlerweile der Fachkräfteman-
gel eine wesentliche Rolle bei Investitions-
entscheidungen – und die Bundesregierung
tut alles dafür, das Problem sogar noch zu
verschärfen. Schließlich könnte die Rente
mit 63 allein in diesem Jahr voraussichtlich
rund 240000 ältere Erwerbstätige in den
vorzeitigen Ruhestand locken.
Für die Unternehmen besonders bitter:
Vor allem die erfahrenen Facharbeiter in
der Metall- und Chemiebranche dürften
die nötigen 45 Beitragsjahre gesammelt ha-
ben und können sich aus dem Berufsleben
verabschieden. Die Rente mit 63 sei „ein
Flop, eine gigantische Fehlentscheidung“,
schimpft VDMA-Präsident Festge. „Man
nimmt uns damit aktiv die Fachkräfte
weg.“
Ein weiterer Punkt, der früher wenig
Beachtung fand: Fast drei Viertel der be-
fragten Unternehmen betrachten die ge-
stiegenen Energiekosten mittlerweile als
Investitionsbremse erster Güte. Gerade
jene Branchen, die viel Strom oder Brenn-
stoffe benötigen, die Baustoffindustrie bei-
spielsweise, die Metallverarbeitung oder
Chemieunternehmen, wagen es deshalb
kaum noch, Geld in deutsche Standorte
zu stecken. Sie wachsen. Aber sie wachsen
inzwischen anderswo.
Vor allem die USA haben sich zur
Wunschdestination deutscher Unterneh-
men entwickelt, seit der Fracking-Boom
die Energiepreise jenseits des Atlantiks pur-
Deutsche Lethargie
Anteil der Investitionen
an der Wirtschaftsleistung
in Prozent
Zum Vergleich:
Durchschnitt anderer Länder, gewichtet *
Deutschland
*Australien, Belgien, Kanada, Tschechien, Dänemark,
Finnland, Frankreich, Griechenland, Großbritannien,
Island, Italien, Mexiko, Niederlande, Österreich, Slowakei,
Schweden, USA
Quellen: DIHK, OECD
2013 u. 2014 geschätzt
2010
17,7
2012
17,5
2014
17,6
2014
20,8
2012
21,4
2010
19,4
zeln ließ. So prüft etwa der Chemiekon-
zern BASF die bislang größte Einzelinves-
tition in seiner Geschichte nicht etwa am
Heimatstandort Ludwigshafen, sondern an
der amerikanischen Golfküste.
Rund eine Milliarde Euro will das Un-
ternehmen in eine neue Großanlage ste-
cken, die Propylen herstellen soll, eine
Grundchemikalie, die in Lacken oder
Kunststoffen verwendet wird. Schließlich
koste Erdgas in den USA nur rund ein Drit-
tel so viel wie in Europa, hatte Vorstands-
chef Kurt Bock auf der Hauptversammlung
im Mai erklärt.
Der Technologiekonzern Siemens wie-
derum wagt den radikalen Schnitt und will
künftig gleich sein Energiegeschäft von
den USA aus steuern. Eigens dafür hat Sie-
mens die ehemalige Shell-Managerin Lisa
Davis abgeworben, die nun Kunden in der
amerikanischen Öl- und Gasindustrie auf-
tun soll.
Auch andere Unternehmen konzentrie-
ren zunehmend Aktivitäten jenseits der
Grenzen. So hat der Industriegasespezia-
list Linde angekündigt, seine Synthesegas-
anlage in Texas zur weltgrößten Produk -
tionsstätte auszubauen. Autobauer wie
BMW und Daimler weiten ihre Herstel-
lung vor allem in Nordamerika und China
aus. Und in der vergangenen Woche erst
hat der Chemiekonzern Evonik angekün-
digt, eine Anlage für spezielle Kieselsäuren
in Brasilien zu errichten.
Oft stehen strategische Beweggründe
hinter diesen Entscheidungen: der Wunsch,
neue Absatzmärkte zu erschließen, am
Wachstum aufstrebender Wirtschaftsnatio-
nen teilzuhaben oder näher am Kunden
zu produzieren. Doch die DIHK-Umfrage
offenbart, dass Unternehmen auch aus
Kostengründen wieder im Ausland inves-
tieren.
Dieses Motiv hatte in den Befragungen
seit 2003 kontinuierlich an Wichtigkeit ver-
loren. Nun nimmt seine Bedeutung wieder
zu. Der „erlahmte Reformwille der politi-
schen Akteure hinterlässt hier seine Spu-
ren“, schlussfolgern die Verfasser der Stu-
die. Es sei ziemlich mühsam geworden,
deutsche Unternehmen oder gar internatio -
nale Konzerne zum Investieren zu bewe-
gen, sagt Christof Günther.
Der Mann sollte es wissen. Günther ist
Geschäftsführer des Industrieparks Infra-
leuna, der flächenmäßig größten Ansamm-
lung von Chemiebetrieben in Deutschland.
Am Standort in Sachsen-Anhalt tummeln
sich Konzerne wie BASF, Linde oder Total,
mit insgesamt 9000 Beschäftigten gehören
die Unternehmen zu den größten Arbeit-
gebern in der Region. Und Günther hofft,
dass das auch so bleiben wird.
„Wir beobachten, dass unsere Kunden
hohe Investitionen tätigen – aber leider
nicht hier“, sagt Günther. „Wir sind schon
froh, wenn sie hier ihren Anlagebestand
pflegen.“ Viele Gespräche hat der 45-Jäh-
rige mit der Chemiebranche geführt, um
neue Produktionsstätten nach Leuna zu
locken. Sie waren vergebens. „Am Ende
entschieden sich viele Interessenten dann
doch für die USA oder China.“
Es seien nicht nur die vergleichsweise
hohen Energiekosten, die globale Konzer-
ne abhielten, sich in Deutschland anzusie-
deln, sagt Günther. Einem ausländischen
Unternehmen das verworrene System
deutscher Energiepreise mit seinen Um -
lagen, Abgaben und Ausnahmen nahezu-
bringen sei inzwischen fast unmöglich ge-
worden.
Vor allem aber schrecke die Manager
die Unsicherheit ab: „Bei all dem Hin und
Her weiß doch kein Mensch, wie die deut-
sche Energiepolitik in fünf Jahren aus-
sieht“, schimpft der Geschäftsführer. Und
wo keine Sicherheit, da auch keine Inves-
titionen.
Der Rückstand hat mittlerweile besorg-
niserregende Größenordnungen erreicht.
Deutschland investiert deutlich weniger
als der Durchschnitt der Industrieländer,
heißt es in dem DIHK-Papier (siehe Gra-
fik). Und wenn herausgerechnet wird, was
allein für den Erhalt des Kapitalstocks nö-
tig ist, fällt der Abstand noch größer aus.
In der Bundesrepublik werden danach nur
drei Prozent der Wirtschaftsleistung für
neue Fabriken und Produktionsanlagen
ausgegeben. In Schweden und Finnland
sind es doppelt, in Österreich sogar drei-
mal so viel.
Dabei fällt die Investitionsschwäche in
eine Zeit, in der ohnehin bereits Warn -
signale für die Konjunktur auftauchen.
Von April bis Juni dieses Jahres ist die
Wirtschaft offenbar nicht vom Fleck ge-
kommen, die Volkswirte der Bundesbank
rechnen für das zweite Quartal mit einer
Stagnation. Das Münchner Ifo-Institut re-
gistriert, dass der Geschäftsklimaindex
zum dritten Mal in Folge gesunken ist. Die
Unternehmen zögerten, neue Mitarbeiter
einzustellen.
Die weltpolitischen Krisen dieser Tage
verschlechtern die Perspektiven zusätzlich.
Viele Unternehmen treibt die Angst vor
den Folgen um, wenn der Westen die Sank-
tionen gegenüber Russland weiter ver-
schärft (siehe Seite 68). Gleichzeitig erin-
nern die Turbulenzen um die portugiesi-
sche Bank Espírito Santo daran, dass die
Schuldenkrise in Europa keinesfalls ausge-
standen ist, auch wenn die Problemstaaten
zwischenzeitlich wieder an den Kapital-
markt zurückgekehrt sind.
Nichts deutet jedenfalls darauf hin, dass
Mario Draghi, Präsident der Europäischen
Zentralbank, schon bald die Liquiditätsflut
wieder eindämmen wird. Je länger aber
die Niedrigzinsphase anhalte, „desto mehr
werden sich die Schuldner an das billige
Geld gewöhnen“, argumentiert der Kölner
Vermögensverwalter Bert Flossbach. Um -
so schmerzhafter werde dann der Weg zu-
rück zur Normalität.
So lauern verschiedene große Risiken für
Konjunktur und Wohlstand. Die Basis des
deutschen Wohlstands erodiert, das Produk-
tivkapital der Unternehmen genauso wie
die staatliche Infrastruktur. Schon um das
heute bestehende Netz an Brücken, Straßen
und Schienen instand zu halten, müsste der
Staat jährlich rund 60 Milliarden Euro in-
vestieren, heißt es in der Studie. Tatsächlich
gäben Bund, Länder und Gemeinden dafür
aber nur 42 Milliarden Euro aus. Dabei sei
der finanzielle Spielraum für einen Ausbau
vorhanden, immerhin flössen die Steuer-
einnahmen üppig.
Dazu bedarf es allerdings erst einmal
der Einsicht in Berlin, dass überhaupt
mehr Engagement nötig ist – was schwer-
fallen mag, wenn überall versichert wird,
wie fantastisch alles läuft. DIW-Präsident
Marcel Fratzscher beobachtet mit Sorge
„eine gewisse Überheblichkeit“, so der
Ökonom. „Die Stimmung ist besser als die
Lage.“
Tatsächlich weise die Volkswirtschaft
„fundamentale Schwächen“ auf, lautet
Fratzschers Diagnose. „Deutschland“,
warnt der Wissenschaftler, „lebt von der
Substanz.“ Alexander Jung, Cornelia Schmergal
60 DER SPIEGEL 31 / 2014
UMFRAGE Investitionsklima
„ Würde eine Verbesserung bei folgenden Standortfaktoren in
Ihrem Unternehmen zu mehr Investitionen im Inland führen?“
0
Antworten „mehr Investitionen“ und „deutlich mehr Investitionen“ in Prozent
Unternehmer wurden gefragt:
20 40 60 80
Steuern und Abgaben
Flexibilität des Arbeits- und Tarifrechts
Energiekosten
Planungs- und Genehmigungsverfahren
Verfügbarkeit geeigneter Fachkräfte
Quelle: DIHK
61 DER SPIEGEL 31 / 2014
Wirtschaft
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SPIEGEL: Herr Schweitzer, die Konjunktur
brummt, die Zinsen sind auf ein Rekord-
tief gefallen – wie kommt es, dass die
Unternehmen trotzdem nur so wenig in
Deutschland investieren?
Schweitzer: Die Unternehmen müssen in
ihren Standort Vertrauen haben – das
ist die Grundlage für Investitionen und
damit für Beschäftigung und Wohlstand.
Derzeit meint die Bundesregierung aber,
sie könne die Betriebe mit Maßnah-
men wie der Rente mit 63, dem Min-
destlohn oder mit steigenden Energie-
kosten weiter belasten. Deshalb glauben
viele Unternehmen nicht mehr daran,
dass es sich lohnt, hierzulande zu inves-
tieren, zumal die Unsicherheit bei der
Erbschaftsteuer hinzukommt. Wir ver-
frühstücken die Basis unseres Wohl-
stands.
SPIEGEL: Eine Umfrage des DIHK zeigt,
dass es deutsche Unternehmen verstärkt
ins Ausland zieht. Drohen Sie der Politik
mit Abwanderung?
Schweitzer: Wir drohen nicht. Die Um-
frage ist ein ernstes Signal dafür, dass
der Standort Deutschland an Attrakti-
vität verliert. Zum ersten Mal seit Jahren
wächst die Zahl der Unternehmen, die
aus Kostengründen in anderen Ländern
investieren – und nicht etwa, weil sie
dort neue Märkte erobern wollen. Wenn
wir an der Wurzel eines Baumes sägen,
wird er irgendwann umkippen.
SPIEGEL: Viele Betriebe verdienen doch
prächtig, die Börse ist in Hochstimmung.
Sie jammern auf sehr hohem Niveau.
Schweitzer: Es stimmt, noch läuft die
Konjunktur, noch geht es uns in
Deutschland gut. Aber zurzeit agiert die
Regierung innenpolitisch, als gäbe es
kein Morgen. Es ist ja fast wie auf der
„Titanic“: Überall ist Party, aber nie-
mand sieht die Gefahr des Eisbergs,
der plötzlich auftauchen kann. Die
Agenda 2010 brauchte einige Jahre, um
ihre positive Wirkung zu entfalten. Aber
nun dreht die Bundesregierung entschei-
dende Reformen zurück – und davor
warnen wir.
SPIEGEL: Die Wirtschaft hat applaudiert,
als die Große Koalition gebildet wurde.
Haben Sie sich so getäuscht?
Schweitzer: In einer Demokratie muss die
Wirtschaft jedes Wahlergebnis respek-
tieren. Inzwischen sehen wir aber, dass
die Entscheidungen der Großen Koali -
tion zur Gefahr für den Standort wer-
den. Jetzt muss Schluss sein mit dem
Geldverteilen.
SPIEGEL: Die Große Koalition tut nur das,
was sie vor der Wahl versprochen hat.
Wollen Sie eine Regierung schelten, weil
sie zu ihren Ankündigungen steht?
Schweitzer: Normalerweise gewinnt nach
einer Wahl der Realismus die Oberhand.
Von der Großen Koalition kann man das
nicht behaupten. Die Rente mit 63 hat
die SPD nur deshalb bekommen, weil die
Union unbedingt ihre Mütterrente durch-
setzen wollte. Dabei hatte die SPD als
zentrales Wahlkampfversprechen doch
vor allem auf den Mindestlohn gesetzt.
Und schon der ist gefährlich genug und
wird Arbeitsplätze kosten, vor allem un-
ter jungen Menschen und im Osten. Die
Deutschen sind eines der reichsten Völ-
ker der Welt; aber das ist nicht gottgege -
ben, das steht auch nicht im Grundge-
setz. Dafür müssen wir weiter hart arbeiten.
SPIEGEL: So ähnlich sagt das auch die
Kanzlerin.
Schweitzer: Dann sollte sie auch so han-
deln. Es ist gut, dass die Bundesregie-
rung bis 2017 neun Milliarden Euro mehr
in Bildung und Forschung investieren
will. Davon abgesehen gibt die Regie-
rung aber zu viel Geld für Konsum aus
und schwächt damit die Wettbewerbs -
fähigkeit.
SPIEGEL: Die FDP ist seit der letzten Wahl
nicht mehr im Parlament vertreten, und
die Union orientiert sich stark an der
SPD. Haben Sie überhaupt noch einen
Ansprechpartner in der Regierung?
Schweitzer: In der Tat gibt es derzeit nie-
manden, der sich als wirtschaftspoliti-
sches Gewissen der Union in der Regie-
rung profiliert. Finanzminister Wolfgang
Schäuble hat die Euro-Krise gut bewäl -
tigt. Aber die Haushaltskonsolidierung ist
überwiegend eine Folge sprudelnder Steu -
ereinnahmen und niedriger Zinsen. Für
die Union dürfte es irgendwann zum Pro-
blem werden, dass sie im Kabinett keinen
originären Wirtschaftspolitiker mehr hat.
SPIEGEL: Dafür gibt es mit SPD-Chef Sig-
mar Gabriel einen Wirtschaftsminister,
der die Investitionen zu seinem Thema
machen will.
Schweitzer: Ich habe Sigmar Gabriel –
wie übrigens auch die Kanzlerin – als
verlässlichen Gesprächspartner kennen-
gelernt. Bei der Energiewende hat er die
Baustelle mit Brüssel so geschlossen,
dass die Wirtschaft damit insgesamt le-
ben kann. Und von Steuererhöhungen
ist auch keine Rede mehr. Das sind Si -
gnale, die wir sehr wohl registrieren.
Interview: Michael Sauga, Cornelia Schmergal
„Auf der ,Titanic‘“
Interview Eric Schweitzer, 49, Präsident des DIHK, über die trügerische Sicherheit des Wohlstands
Unternehmer Schweitzer
Wirtschaft
Amerika könne nur dann wieder auf die
Beine kommen, wenn die breite Masse
konsumiere. „Wir Geschäftsleute wollen,
dass unsere Kunden Geld haben, unsere
Beschäftigten aber möglichst wenig ver-
dienen. Das ist ein Widerspruch.“
Wie ungleich die Einkommensentwick-
lung seit der Reagan-Ära tatsächlich ist,
zeigte vielen Amerikanern zuletzt der
Dokumentarfilm „Inequality for all“ („Un-
gleichheit für alle“), in dem auch Hanauer
auftritt: 1978 bezog demnach das oberste
eine Prozent der Gesellschaft ein Jahres-
einkommen von durchschnittlich 394000
Dollar, 2010 waren es 1,1 Millionen. Im
gleichen Zeitraum sank das Einkommen
eines durchschnittlichen männlichen Ar-
beiters dagegen kaufkraftbereinigt von
48000 auf 34000 Dollar.
Nun könnte man Hanauer als Spinner
abtun, das Wirtschaftsmagazin Forbes hat
62 DER SPIEGEL 31 / 2014
Angriff der Heugabeln
Arbeitsmarkt In den USA formiert sich eine neue Bürgerbewegung, die gegen die soziale Spaltung und
für einen Mindestlohn von 15 Dollar kämpft. Ihr Anführer ist ein Superreicher mit schwäbischen Wurzeln.
W
as ihn einst reich machte, hat
Nick Hanauer ständig im Blick,
an der Wand seines Büros,
schwarz gerahmt und hinter Glas. Es ist
die Amazon-Aktie Nummer 0007. Ha -
nauer war der erste Amazon-Investor, der
nicht zur Familie des Firmengründers Jeff
Bezos gehörte. 45000 Dollar hat er vor
fast 20 Jahren in das Online-Warenhaus in-
vestiert und später seine Anteile für mehr
als hundert Millionen Dollar verkauft.
„Nicht schlecht, oder?“, sagt er.
Hanauer steht an einer Fensterfront im
28. Stock seiner Investmentfirma „Second
Avenue Partners“. Von hier aus hat er ei-
nen großartigen Blick auf den Hafen von
Seattle und die olympischen Berge hinter
der Bucht. Seattle ist eine weltoffene, boo-
mende Großstadt im äußersten Nordwes-
ten der USA; Heimat so weltbekannter Fir-
men wie Boeing, Starbucks und Amazon.
Hanauer hat diese Aussicht jeden Tag,
aber wenn Besuch da ist, zeigt er sich noch
immer begeistert. So wie er sich für seinen
Amazon-Deal begeistert. Oder für den
noch größeren Deal mit Microsoft: Im Jahr
2007 verkaufte er seine Firma Aquantive
für 6,4 Milliarden Dollar an den Software-
riesen. Seitdem, das gibt der 55-Jährige zu,
schwimmt er im Geld und hat sich all die
Spielzeuge zugelegt, die Reiche in den Ver-
einigten Staaten gern zeigen: Jacht, Flug-
zeug, mehrere Villen. Er sei ein stolzer Ka-
pitalist und schäme sich nicht für seinen
Wohlstand, sagt er.
Gleichzeitig denkt Hanauer aber auch
ganz anders als die meisten Vertreter sei-
ner Klasse. In der aktuellen Ausgabe der
Zeitschrift Politico richtete er einen offe-
nen Brief an seine Millionärsfreunde, über
den nun halb Amerika diskutiert. „Die
Heugabeln kommen – zu uns Plutokraten“,
warnt Hanauer.
Der Text wurde inzwischen bei Face-
book fast 300000-mal empfohlen und bei
Twitter mehr als 12000-mal retweetet. Das
ist, selbst für US-Verhältnisse, eine Wucht.
Hanauer, dessen begeisterte Art zu erzäh-
len ebenso an Bill Clinton erinnert wie sei-
ne Knollennase, war Gast in mehreren TV-
Shows und am 15. Juli bei Radiolegende
Diane Rehm im National Public Radio
(NPR).
Hanauer sieht die USA in einem vor -
revolutionären Zustand. Die soziale Un-
gleichheit habe ein solches Ausmaß ange-
nommen, dass das Land langsam zu einem
feudalen Staat verkomme, sagt er. Die Mil-
liardäre hätten durch ihre Spenden gefähr-
lich viel politischen Einfluss und könnten
ihre Interessen durchsetzen. Wer, wie er,
zu den obersten 0,1 Prozent der Gesell-
schaft gehöre, werde immer noch reicher.
Die Mittelklasse rutsche dagegen in die Ar-
mut, und das alles erinnere ihn an die Zeit
vor der Französischen Revolution, als die
Besitzenden sich ebenfalls prächtig amü-
sierten und die gegen sie gerichteten „Heu-
gabeln“ nicht kommen sahen.
„Idiotisch“ und „selbstzerstörerisch“
nennt Hanauer vor allem die Wirtschafts-
politik des „trickle down“: Seit Reagan sei-
en die neoklassischen Ökonomen davon
ausgegangen, dass der Wohlstand irgend-
wann nach unten durchsickere, wenn die
Vermögenden nur immer reicher würden.
Hanauer aber sagt: „Ich kann jedes Jahr
auch nur zehn Hosen oder ein Auto kau-
fen.“ Das kurble die Wirtschaft nicht an.
das auch gemacht – aber das ficht ihn nicht
an. Er weiß, dass er gegen die herrschende
ökonomische Lehre argumentiert, aber er
spürt auch, wie groß die Aufmerksamkeit
ist, die ihm neuerdings zuteilwird. Nicht
nur, dass er die neue Debatte über Min-
destlöhne prägt wie kein anderer. Auch in
Washington, D. C., lauschten ihm vor Kur-
zem zwei Dutzend demokratische Sena-
toren einen Abend lang. Die Mappe auf
seinem Schreibtisch sei voller zustimmen-
der Briefe von Kongressabgeordneten und
Senatoren, sagt Hanauer.
Einer seiner Anhänger ist Robert Reich,
Arbeitsminister unter Bill Clinton und
eine Ikone der US-Linken. Reich hat sich
auf die Seite von Hanauer geschlagen und
eine eigene Petition initiiert für die
Erhöhung des landesweiten Mindestlohns
von derzeit 7,25 auf 15 Dollar pro Stunde.
Produktivität und Inflation seien in den
vergangenen Jahren so sehr gestiegen,
dass 15 Dollar nun angemessen wären,
schreibt Reich in seiner Petition. „Überall
in Amerika wächst die Zahl der Men-
schen, die arm sind, obwohl sie einen Job
haben.“
Was Reich mit Worten fördert, unter-
stützt Hanauer mit Geld: Im vorigen Jahr
hat er eine Kampagne für den 15-Dollar-
Mindestlohn in der Kleinstadt SeaTac
mitfinanziert. Hier arbeiten die Beschäf-
tigten des Flughafens meist zu Dumping -
löhnen. Es kam zu einer Volksabstimmung,
in der die Anhänger des 15-Dollar-Lohns
mit 77 Stimmen Vorsprung hauchdünn
siegten.
Doch das Votum von SeaTac war nicht
das Ende, es war der Anfang einer neuen
Bewegung, die erst die Großstadt Seattle
erfasste – und seither das ganze Land.
Als Ende vergangenen Jahres in Seattle
ein neuer Bürgermeister gewählt wurde,
drehte sich der Wahlkampf so sehr um den
15-Dollar-Mindestlohn, dass beide Kandi-
daten sich für ihn aussprachen. Gewonnen
hat der Demokrat Ed Murray, ein schwuler
Katholik, der sofort eine Kommission be-
auftragte, Pläne für die Umsetzung des
Mindestlohns auszuarbeiten.
Die noch größere Überraschung war je-
doch, dass in Seattle bei der gleichzeitigen
Wahl zum Stadtparlament eine Sozialistin
gewählt wurde, deren Wahlkampf eben-
falls nur ein Thema kannte: den Mindest-
lohn. Mit Kshama Sawant hat Seattle nun
zum ersten Mal seit 1916 wieder eine so-
zialistische Abgeordnete.
Nicht nur der Geheimdienstenthüller
Glenn Greenwald ist ein begeisterter An-
hänger der gebürtigen Inderin. Mittlerwei-
le hat die 41-jährige Sozialistin ihr Büro
im Rathaus von Seattle bezogen, nebenan
hat sich derzeit für einige Wochen die deut-
sche Linken-Politikerin Lucy Redler, 34,
einquartiert, um von Seattle zu lernen.
Fragt man Sawant, wie es dazu kam,
dass die Stadt nun den höchsten Mindest-
lohn der USA habe, spielt sie die Rolle
Hanauers etwas herunter und erklärt, es
sei ein Erfolg der Beschäftigten in den Fast-
Food-Restaurants gewesen, die stets wie-
der dafür gestreikt hätten. „Seit der Occu-
py-Bewegung stellen die Menschen immer
mehr Fragen zur sozialen Ungleichheit“,
so Sawant.
In diesem Punkt gibt Erzkapitalist Ha -
nauer der Sozialistin recht: Nicht Ökono-
men wie Joseph Stiglitz, Paul Krugman
oder Thomas Piketty hätten die Stimmung
im Land gedreht, sondern die Occupy-Be-
wegung. Sawant verweist auf Meinungs-
umfragen, die dem politischen Establish-
ment gezeigt hätten, dass 70 Prozent der
Bevölkerung für einen höheren Mindest-
lohn seien.
Neben Hanauer und Sawant berieten
auch Gewerkschafter, lokale Geschäftsleu-
te und Vertreter der Handelskammer den
Bürgermeister. Sie einigten sich im Mai da-
rauf, dass der Mindestlohn in Schritten
steigt: Firmen mit mehr als 500 Beschäf-
tigten müssen von April 2015 an 11 Dollar,
später 13 Dollar und 2017 dann 15 Dollar
zahlen. Firmen mit weniger als 500 Mitar-
beitern haben bis 2019 Zeit. Leisten kleine
Firmen Zuschüsse zur Krankenversiche-
rung, verlängert sich ihre Frist bis 2021.
Bis 2025 klettert der einheitliche Min-
destlohn für alle dann auf 18,13 Dollar pro
Stunde – ohne Ausnahmen.
Widerstand? Ist in Seattle kaum zu
entdecken. Zwar gibt es mit „Forward
63 DER SPIEGEL 31 / 2014
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Treppe der Hoffnung
Wie der gesetzliche
Mindestlohn in Seattle
steigen soll
15
13
11
9,32
in Dollar,
je Arbeitsstunde
2014 April
2015
Jan.
2016
Jan.
2017
Multimillionär Hanauer
„Seit der Occupy-Bewegung stellen die Menschen immer
mehr Fragen zur sozialen Ungleichheit.“
Kshama Sawant, erste sozialistische Abgeordnete in Seattle seit 1916
Wirtschaft
Seattle“, eine Gruppe von Geschäftsleuten,
die einen niedrigeren Mindestlohn von
12,50 Dollar anregen, doch die Initiative
fand so wenig Unterstützer, dass der Vor-
schlag nicht mal zur Abstimmung bei der
nächsten Wahl zugelassen ist.
Eine der Arbeiterinnen, die bald mehr
verdienen wird, ist Crystal Thompson. Die
33-jährige Mutter von zwei Söhnen arbei-
tet bei der Fast-Food-Kette Domino’s Piz-
za. Sie nimmt Bestellungen entgegen,
kocht, serviert, kassiert und räumt auf. An
manchen Tagen ist sie allein verantwort-
lich. Thompson arbeitet meist 32 Stunden
die Woche und kommt auf 1250 Dollar mo-
natlich. Aber das reiche hinten und vorn
nicht, sagt die alleinerziehende Mutter.
Sie wohnt in einem Vorort von Seattle.
Keine gute Gegend, sagt sie, viele Drogen
und Kriminalität, einmal sei jemand vor
ihrem Haus erschossen worden. Die Miete
von 800 Dollar teilt sie sich mit einer Mit-
bewohnerin. Ihr 8-jähriger Sohn schläft auf
der Wohnzimmercouch. Für den 15-Jähri-
gen ist kein Platz mehr, er wohnt bei seiner
Tante in der Stadt.
Wann sie zuletzt ein Geschenk für die
Kinder gekauft habe? Thompson blickt be-
schämt zur Seite. Nein, sagt sie, für so was
habe sie kein Geld. Sie bezieht staatliche
Lebensmittelmarken, ab und zu könne sie
etwas Pizza mit nach Hause nehmen. Dass
sie in zweieinhalb Jahren 60 Prozent mehr
als heute verdienen soll, kann sie kaum
fassen. „Ich wäre auch mit 12 Dol lar zu-
frieden, aber 15 sind wirklich toll.“
Die sozialistische Abgeordnete Sawant
weitet derweil die Bewegung von Seattle
aufs ganze Land aus. Sie hat die Website
15now.org ins Leben gerufen, die den
Kampf für den Mindestlohn koordiniert.
Inzwischen gibt es landesweit 20 Aktions-
gruppen, die für die 15 Dollar kämpfen,
unter anderem in New Orleans, Chicago,
Philadelphia und New York City, dessen
neu gewählter linker Bürgermeister Bill de
Blasio ebenfalls mit der Kampagne sym-
pathisiert. In Los Angeles sollen Hotelan-
gestellte bald 15 Dollar bekommen, San
Francisco stimmt im November ab, der
Bürgermeister unterstützt das Vorhaben.
Hanauer versucht unterdessen Konser-
vative mit dem Argument zu überzeugen,
dass ein höherer Mindestlohn die Staats-
ausgaben senke. Walmart zum Beispiel ist
mit 1,3 Millionen Beschäftigten der größte
Arbeitgeber in den USA. Der Konzern be-
zahlt seine Mitarbeiter aber so schlecht,
dass viele auf die staatliche Krankenversi-
cherung Medicaid und auf Lebensmittel-
marken angewiesen sind. Gleichzeitig
machte Walmart zuletzt 27 Milliarden Dol-
lar Gewinn vor Steuern im Jahr.
Hanauer sagt: „Wenn Walmart einer Mil-
lion Mitarbeiter, die am wenigsten verdie-
nen, 10000 Dollar im Jahr mehr bezahlt,
macht das Unternehmen immer noch 17
Milliarden Dollar Gewinn, die Beschäftig-
ten wären dann aber nicht mehr auf staat-
liche Hilfen angewiesen.“ Würden alle Un-
ternehmen ihre Mitarbeiter anständig be-
zahlen, würde Walmart vermutlich gar
keinen Gewinnrückgang erleiden, weil die
Menschen dann in der Lage wären, sehr
viel mehr einzukaufen – auch bei Walmart.
US-Präsident Barack Obama hat bereits
vorgeschlagen, den nationalen Mindest-
lohn von 7,25 Dollar auf 10,10 Dollar zu
erhöhen. Doch die Republikaner im Kapi-
tol lehnten das unter Verweis auf eine Stel-
lungnahme des Kongress-Haushaltsbüros
ab, wonach ein höherer Mindestlohn
500000 Jobs vernichten könnte.
Wie zutreffend diese Berechnungen
sind, ist umstritten. Tatsächlich gibt es eine
Reihe neuer Untersuchungen, die zeigen,
dass ein höherer Mindestlohn keine Ar-
beitsplätze vernichtet. So haben die Wirt-
schaftswissenschaftler David Card und
Alan Krueger in den Nachbarstaaten New
Jersey und Pennsylvania die Beschäfti-
gungssituation untersucht, nachdem 1992
der Mindestlohn in New Jersey um fast 20
Prozent erhöht wurde, der in Pennsylvania
aber nicht. Das Ergebnis war, dass die Be-
schäftigung in New Jersey trotz Erhöhung
des Mindestlohns nicht zurückging, son-
dern sogar leicht anstieg.
Auch Seattle und San Francisco, die
schon heute Mindestlöhne weit über dem
US-Durchschnitt zahlen, verzeichnen mehr
Wirtschaftswachstum und geringere Ar-
beitslosigkeit als der Rest der USA.
Hanauers Vater besaß einst in der Nähe
von Stuttgart eine Kissenfabrik, musste
aber vor den Nazis fliehen und übernahm
in Seattle die Pacific Coast Feather Com-
pany. In den USA hergestellte Kissen kön-
nen Menschen aber nicht kaufen, die nur
7,25 Dollar verdienen, sagt Hanauer.
Das ist nach seiner Ansicht der Grund-
fehler der Linken: Sie hätten immer nur
über eine Erhöhung des Mindestlohns von
50 Cent sprechen und ihn aus Mitleid er-
höhen wollen. „Die Amerikaner wählen
aber nicht jemanden, der ihnen Mitleid
verspricht“, sagt Hanauer, „sondern Wirt-
schaftswachstum.“ Markus Grill
H
amburg, Anfang Juli: Maskierte
Beamte der Bundespolizei durch-
suchen neun Wohnungen in der
Hansestadt, im niedersächsischen Seevetal
und in Gadebusch in Mecklenburg-Vor-
pommern. Mehr als 200 Beamte sind im
Einsatz. Sie beschlagnahmen Mobiltelefo-
ne, Computer, EC-Karten und Dokumente.
Vier Verdächtige zwischen 18 und 26 Jah-
ren werden festgenommen.
Nur ein paar Tage zuvor ein ähnlicher
Einsatz in Berlin: 111 Beamte stürmen sechs
Wohnungen und mehrere Geschäftsräume,
nehmen Rechner und Aktenordner mit. Sie
stoßen auf verdeckte Briefkästen, mit deren
Hilfe die mutmaßlichen Täter kommuni-
zierten. Zwei Personen sitzen seither wegen
Verdunklungsgefahr in Untersuchungshaft.
Bei den Einsätzen ging es allerdings
nicht um Rockerbanden, islamistische Ter-
rorzellen oder Drogenhändlerringe. Es be-
stand auch keine Gefahr für Leib, Leben
oder gar den Rechtsstaat. Die Ermittler
suchten nach etwas eher Profanem: Zug-
fahrkarten.
Seit Wochen ermitteln Staatsanwälte in
Hamburg und Berlin wegen des Verdachts
auf „banden- und gewerbsmäßigen Com-
puterbetrug zum Nachteil der Deutschen
Bahn“. Die Täter sollen einen Schaden
von einigen Hunderttausend Euro ver -
ursacht haben. Allein der Berliner Bande
werfen die Ermittler vor, in über 600 Fällen
mit falschen Kreditkartendaten über das
Onlineportal der Bahn Fahrscheine ge-
bucht und diese dann an ahnungslose Kun-
den weiterverkauft zu haben.
Und das sind keine Einzelfälle. Insge-
samt hat die Bahn seit 2011 mehr als
100000 Fälle von Ticketbetrug registriert.
Der Schaden lag allein im vergangenen
Jahr bei sieben Millionen Euro, Tendenz
steigend.
Das Prinzip funktioniert, weil es Bahn-
fahrkarten nicht nur auf der offiziellen In-
ternetseite der Bahn zu kaufen gibt, son-
dern auch über Plattformen wie Ebay oder
über die Seiten von Mitfahrzentralen – zu
sehr verlockenden Preisen. Hier werden
Billigtickets etwa als „Sonderkontingente
der Bahn“ angeboten. Als Kunde muss
man dem Verkäufer meist Name, Geburts-
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Gier frisst
Hirn
Onlinebetrug Im Internet tauchen
zunehmend gefälschte Bahn -
tickets zu Schnäppchen preisen
auf. Der Schaden für den
Konzern geht in die Millionen.
Fast-Food-Beschäftigte Thompson, Sohn
„15 Dollar sind wirklich toll“
datum und seine Kreditkartennummer be-
ziehungsweise Kontonummer oder die
letzten vier Ziffern seiner Personalausweis-
nummer zur Identifizierung übermitteln.
Die Tickets erhält man dann per Mail zum
Ausdrucken. So boten Betrüger vor Kur-
zem etwa die Strecke Hamburg–München
für sagenhafte 44,90 Euro an – normaler-
weise kostet der Fahrschein 142 Euro,
selbst im bahneigenen Sparangebot ist die
Strecke selten unter 95 Euro zu kriegen.
Dass der Preis gar zu günstig sein könn-
te, scheint den Kunden dabei nicht aufzu-
stoßen – Gier frisst Hirn. Und sie denken
auch nicht darüber nach, dass der Kauf ge-
fälschter Tickets Konsequenzen haben
kann: Die Karten sind ungültig, wer er-
wischt wird, muss zusätzlich zu einem neu-
en Fahrschein Strafe für das Schwarzfah-
ren zahlen – und auch sonst für den ent-
standenen Schaden aufkommen.
Der tausendfache Verkauf gehackter Ti-
ckets ist längst nicht nur für die Bahn ein
Problem. Auch Fluggesellschaften, Kon-
zertveranstalter oder Mobilfunkanbieter
sind davon betroffen. Und immer sind ge-
stohlene Kreditkartendaten der Ausgangs-
punkt der Betrügereien: Für ein paar Euro
pro Datensatz werden diese eigentlich
hochsensiblen Informationen im weltwei-
ten Netz gehandelt.
Der Schaden jedoch, den Kriminelle da-
mit anrichten, geht in die Milliarden. Al-
lein 2012 sollen es weltweit rund 1,3 Mil -
liarden Euro gewesen sein, 15 Prozent
mehr als noch im Jahr davor. Für Konzer-
ne wie Verbraucher ist der Kreditkarten-
betrug damit nicht nur ein lästiges, son-
dern auch ein teures Thema.
Doch zumindest Fluggesellschaften
schlugen Mitte April dieses Jahres zurück.
Bei einer gemeinsamen Aktion mit
Europol und Kreditkartenanbietern wie
American Express, Mastercard und Visa
gingen den Fahndern 183 Menschen ins
Netz, die mit illegal gekauften Tickets un-
terwegs waren.
Auch die Bahn kann inzwischen Erfolge
melden. Im April wurde in Stuttgart ein
23-jähriger Informatikstudent zu drei Jah-
ren und neun Monaten Haft verurteilt,
weil er Kreditkartendaten auf dem Inter-
netschwarzmarkt gekauft und mithilfe der
Daten gefälschte Bahnfahrscheine auf ei-
ner Internetplattform angeboten hatte. Es
ging um mehr als 800 Tickets, Schaden für
die Bahn: 120000 Euro.
In Berlin wurde im vergangenen Jahr
ein Duo zu drei Jahren und drei Monaten
verurteilt, das gehackte Tickets im Wert
von 400000 Euro verkauft hatte. Die bei-
den Täter hatten sich über eine Internet-
plattform kennengelernt, auf der sich an-
gehende Betrüger austauschen.
Trotzdem ist die Bahn angesichts der
steigenden Fallzahlen alarmiert. „Die Ge-
fahr, dass Kriminelle die Anonymität des
Netzes für ihre illegalen Geschäfte ausnut-
zen, ist erheblich größer geworden“, sagt
Sicherheits chef Gerd Neubeck. Das gilt
auch für die Bahn.
Mehr als 25 Millionen Onlinetickets hat
die Bahn im vergangenen Jahr verkauft,
schon heute wird jede zweite Zugfahrkarte
im Fernverkehr online ausgestellt.
Dass die neuen Vertriebswege zu Miss-
brauch führen, liegt aber auch an der Bahn:
Der Konzern selbst bietet immer wieder
günstige Fahrscheinkontingente an, etwa
über große Lebensmittelketten oder über
Partner wie L’Tur oder Opodo. Außerdem
will die Bahn künftig Portale von Dritt -
anbietern wie beispielsweise dem Reise-
portal HRS nutzen. Wie aber soll der Kun-
de da wissen, ob das Schnäppchen im Netz
von der Bahn oder von Kriminellen ein -
gestellt wurde?
„Grundsätzlich gilt: Der Preis, der auf
dem Ticket steht, ist auch der richtige“,
sagt Kai Brandes, Leiter Zahlungsverfah-
ren der DB Vertrieb. Würden Fahrkarten
zu einem anderen Preis angeboten, sei
Vorsicht geboten. Er empfiehlt, einfach die
Hände wegzulassen von Angeboten, die
mit Begriffen wie „Sonderaktionen“,
„Bahn-Mitarbeiter-Vergünstigungen“ oder
„Bonusprogrammen“ werben. Diese sind
auf Ebay und anderen Verkaufsplattfor-
men zu sehen.
Seit Anfang Juli versucht die Bahn zu-
dem, den Ticketbetrügern auch technisch
etwas entgegenzusetzen: Künftig kann
beim Onlinekauf über Kreditkarte auch
nach einem Passwort gefragt werden, ei-
ner sogenannten 3-D-Secure. Das soll den
Fahrscheinkauf mit geklauten Kreditkar-
ten erschweren, denn die Kombination
legt der Karteninhaber über seine Bank
fest. Kriminelle Datenklauer sollen an ihn
nicht herankommen können. Der neue
Code wird allerdings nicht bei jeder Bu-
chung abgefragt, sondern nur, wenn der
Bahnrechner von einer Hacker-Anfrage
ausgeht.
Auch in der Sicherheitsabteilung des
Schienenkonzerns weiß man allerdings,
dass das allein nicht reichen wird, um den
Betrug mit den Onlinetickets einzudäm-
men. Auch den Bahn-Oberen ist klar, dass
die Betrüger sofort nachziehen und neue
Wege finden werden. „Es ist und bleibt“,
seufzt ein Konzernermittler, „ein Katz-
und-Maus-Spiel.“ Jörg Schmitt
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Nigeria
Stadt der Terroristen
Zum ersten Mal hat die isla-
mistische Terrormiliz Boko
Haram offenbar eine Groß-
stadt unter ihre Kontrolle
bringen können: Damboa im
Nordosten des Landes. Zu-
letzt wurde die Stadt nur
noch von einer Bürgerwehr
aus zumeist Jugendlichen
verteidigt – bis am Ende die
Munition ausging. Über den
Dächern der Stadt im Bun-
desstaat Borno wehen seit
Anfang voriger Woche die
schwarzen Fahnen der
Gotteskrieger. Zigtausende
Bewohner flüchteten in
Nachbarorte. „Die Stadt ist
menschenleer“, sagt Yusuf
Mahmud, einer der letzten
Verteidiger, der sich ins 90
Kilometer nordöstlich gelege-
ne Maiduguri retten konnte.
Die Stadt Damboa ist von be-
sonderer strategischer Bedeu-
tung: Sie ist ein Handelszen-
trum der Region und liegt am
Rande des riesigen und un-
durchdringlichen Sambisa-
Waldes – der Hochburg von
Boko Haram. Noch demen-
tiert die Armee die vollstän-
dige Einnahme. „Wir werden
Boko Haram keinen einzigen
Teil des Landes überlassen“,
sagte ein Armeesprecher.
Wirklich helfen kann wohl
nur ein konzertiertes Vorge-
hen mit den Nachbarlän-
dern – denn die Islamisten
operieren auch von der ka-
merunischen Seite der Gren-
ze aus. Zum ersten Mal ha-
ben die Regierungen von
Nigeria und Kamerun nun
direkte Gespräche aufgenom-
men. Es geht dabei auch um
gemeinsame Grenztruppen
und grenzübergreifende Ak-
tionen bei der Verfolgung der
Terroristen. mer
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Slum mit Aussicht
Noch können diese Bewohner des wohl höchsten Slums der Welt die Aussicht auf Caracas
genießen. Bis zu 3000 Menschen halten seit 2007 den Rohbau des 45 Stockwerke hohen
„Torre de David“ besetzt. Er war als Bürozentrum geplant und wurde zum Symbol für die ge-
scheiterte Politik des inzwischen verstorbenen Hugo Chávez. Nun veranlasst die Regierung Ve-
nezuelas die Räumung, in den letzten Tagen wurden die ersten 160 Familien umgesiedelt. mer
NIGER
KAMERUN
TSCHAD
BENIN
Landesteil mit
Scharia-Gesetzgebung
Abuja
N I G E R I A
AFRI KA
Borno
Maiduguri
Damboa
300 km
Spanien
Lieferservice für
Marihuana
In Katalonien, Madrid und
im Baskenland florieren pri-
vate Klubs zum Konsum und
Anbau von Marihuana. Al-
lein in Barcelona sind seit
2011 bis zu 300 solcher Verei-
ne entstanden, etwa die Hälf-
te mit Genehmigung der Be-
hörden. Die Mitglieder von
Cannabis-Klubs müssen voll-
jährig sein und monatliche
Beiträge zahlen, dann kön-
nen sie zum Eigengebrauch
legal die Pflanzen anbauen
und deren getrocknete Blät-
ter und Blüten konsumieren.
Weil die gemeinnützigen Ver-
eine bisher kaum kontrolliert
wurden, machen einige Mil-
lionengeschäfte auch als Lie-
ferservice für Kiffer: Sie re-
krutieren im Internet Mitglie-
der für einen Tag und liefern
die Ware ins Haus. Unlängst
wurden der Präsident des
11000 Mitglieder zählenden
Vereins Airam und drei Hel-
fer in Barcelona verhaftet: In
Wahrheit, so die Ermittler,
habe der Klubpräsident Dro-
genhandel betrieben. Nun ha-
ben die Regierungen von Ka-
talonien und dem Basken-
land angekündigt, noch in
diesem Jahr eine neue gesetz-
liche Regelung für die Kiffer-
klubs zu finden. hzu
Brasilien
Ende des Friedens
Nach dem Ende der Fußball-
weltmeisterschaft versuchen
Drogengangs in Rio de
Janeiro, die Elendsviertel
von der Polizei zurückzuer-
obern. Die Sicherheitskräfte
hatten in den vergangenen
Jahren über 300 Favelas be-
setzt. Die Mordrate ging da-
raufhin drastisch zurück, eine
sogenannte Friedenspolizei
sollte für die Sicherheit der
Bewohner sorgen – und nicht
zuletzt für Ruhe während der
Fußballweltmeisterschaft.
Nun kehren die alten Bilder
von Blut und Gewalt zurück.
Im Complexo do Alemāo, ei-
nem riesigen Slum im Nor-
den von Rio de Janeiro,
kommt es beinahe täglich zu
Schießereien zwischen
Rauschgiftgangs und Polizei.
Zuletzt feuerten Drogen-
gangster auf eine Polizei -
wache und zündeten mehrere
Streifenwagen an, es gab ei-
nen Toten. Viele Geschäfte
blieben geschlossen, in den
Schulen der Region fiel der
Unterricht aus. In diesem
Viertel hatte das Comando
Vermelho, die größte Verbre-
cherorganisation von Rio,
früher ihr Hauptquartier.
Nach Ansicht von Experten
wird sich hier deshalb auch
entscheiden, ob das Sicher-
heitskonzept der Behörden
aufgeht oder ob die Stadt er-
neut in einen Strudel der Ge-
walt gezogen wird. jgl
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Ausland
Fußnote
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kommunale Einrichtungen
und öffentliche Betriebe
Griechenlands weigern
sich hartnäckig, die Zahl
ihrer Beschäftigten und
die Höhe der Gehaltszah-
lungen amtlich erfassen
zu lassen – aus Angst vor
Spar- und Reformmaßnah-
men. Die Regierung in
Athen versucht seit drei
Jahren vergebens, die Da-
ten einzusammeln, um
die von der Troika gefor-
derten Reformen in der
aufgeblähten Verwaltung
umsetzen zu können. mer
Polizeieinsatz in Favela in Rio
Kiffer in Madrid
Konvoi von Leichen-
wagen am Flughafen
von Eindhoven
Spätes
Erwachen
Sanktionen Es musste eine Boeing mit
fast 300 Menschen an Bord abgeschossen
werden, ehe die EU-Staaten zu ersten
echten Wirtschaftssanktionen gegen
Russland fanden. Ob das Wladimir Putin
beeindruckt, ist offen. Die Amerikaner
wollen in jedem Fall mehr.
E
s waren die Bilder. Tumb tätowierte
prorussische Kämpfer, Zigarette im
Mund, Kalaschnikow unter dem Arm,
stapfen im Leichen- und Trümmerfeld der
Absturzstelle herum, als gingen sie die to-
ten Kinder aus der abgeschossenen Boeing
nichts an. Experten halten sich die Nase zu,
als sie einen Eisenbahn waggon voller toter
Körper öffnen. Die schier endlose Kolonne
von Leichenwagen verlässt den Flughafen
Eindhoven. Wladimir Putin, der russische
Präsident, verzieht keine Miene.
Es sind meistens die Bilder.
Zum mitunter zynischen Geschäft poli-
tischer Experten gehört, eine solche Tra-
gödie, die endlos im TV wiederholten Auf-
nahmen des Leides Unschuldiger, einen
„game changer“ zu nennen. Jenen Mo-
ment, der den Lauf einer Krise in „vorher“
und „nachher“ teilt, weil Öffentlichkeit
und Politik gemeinsam den Atem anhalten
und sich neu besinnen. Doch zu den Be-
sonderheiten der Europäischen Union ge-
hört, dass sie sich im Nachher oft noch
eine Zeit lang so verhält wie im Vorher.
Wer das nicht geglaubt hat, musste am ver-
gangenen Dienstag, fast eine Woche nach
dem Abschuss der malaysischen Boeing,
Flug MH17, nur diesem Dialog zuhören:
„Machen wir doch wenigstens ein Waf-
fenembargo“, sagte der britische Außen-
minister Philip Hammond.
„Nein, ihr könnt ja nicht einmal Finanz-
sanktionen“, antwortete der Franzose Lau-
rent Fabius im Verhandlungssaal des Brüs-
seler Ratsgebäudes.
Vor den Türen hatten sich die Außen-
minister tief betroffen gezeigt. Dahinter
ging es offenbar nicht so sehr darum, wie
man Putin nun endlich zum Einlenken be-
wegen könnte, sondern vor allem darum,
wie man die jeweils eigene heimische Wirt-
schaft am besten schonen könnte. Es schrie
zum Himmel.
Ranghohe Vertreter osteuropäischer
Mitgliedstaaten zweifelten in den Tagen
danach an ihren satten Vettern aus dem
Westen der EU. Es sei „einfach lächerlich“
gewesen, sagte einer von ihnen.
„Seid nicht feige, lasst mich hinter den
Baum“, hätten die Minister sich zurufen
müssen. Wären sie denn ehrlich gewesen.
Doch am Ende der vergangenen Woche
kam Europa im Nachher an. Der „game
changer“ hatte gewirkt. Wie man jetzt so
gut wie sicher weiß, wurde Flug MH17 mit
Raketen aus russischen Beständen abge-
schossen, die ohne Billigung Putins wohl
kaum in die Ukraine gelangt wären. Die
28 EU-Botschafter einigten sich im Prinzip
auf erste harte Wirtschaftssanktionen ge-
gen Russland, am Dienstag wollen sie ab-
schließen. EU-Ratspräsident Herman Van
Rompuy forderte die Regierungschefs in
einem Brief auf: „Ich würde Sie bitten,
Ihren Botschafter so anzuweisen, dass wir
am Dienstag eine Einigung hinbekom-
men.“ Verlässt sie nicht doch wieder die
Entschlossenheit, „dann kann man jetzt
Russland und Putin sehr kontrolliert den
Hahn zudrehen“, heißt es in Berlin.
Ende dieser Woche werden vermutlich
die Staats- und Regierungschefs selbst die
neuen Sanktionen gegen russische Banken,
Konzerne und Privatpersonen offiziell
beschließen. Die Bundesregierung hofft
trotz Sommerpause auf einen Sondergipfel
in Brüssel. Offenbar will man Putin auf
großer Bühne den Handschuh hinwerfen.
Es geht auch um Symbole, ja, um Bilder,
die vor jenen der Boeing-Trümmer poli-
tisch bestehen können.
Praktisch dreht sich alles um Öl, Gas,
Waffen, Hightech und sehr viel Geld. Wä-
ren nicht jeden Tag Tote in der Ostukraine
in einem echten Krieg zu beklagen, man
müsste von einem möglichen „Wirtschafts-
krieg“ sprechen.
Ist Wladimir Putin so zu stoppen? Was
wird seine Antwort sein?
Die EU fordert, dass Russlands Präsident
umgehend die Grenze zur Ukraine für den
Nachschub der Separatisten schließt; sie
entwaffnet; die ukrainische Führung aner-
kennt und den OSZE-Beobachtern Bewe-
gungsfreiheit verschafft. Das deutsche Au-
ßenministerium wünscht sich noch mehr:
eine zeitlich und in der Sache klar begrenz-
te Uno-Polizeimission zur Aufklärung des
Absturzes von Flug MH17. „Dazu finden
bereits Gespräche mit unseren holländi-
schen und australischen Partnern statt“,
heißt es im Auswärtigen Amt. Ein Be-
schluss im Uno-Sicherheitsrat ist dafür nö-
tig, also auch das Ja Putins.
Es wäre ein erster Test, ob der neue Mut
der Europäer den Präsidenten beeindruckt.
Wie zu Zeiten der Kreml-Astrologie im
Kalten Krieg versucht der Bundesnachrich-
tendienst (BND), der Meinungsbildung in
Putins Umfeld auf die Spur zu kommen.
Man sieht Anzeichen dafür, dass im Kreml
Hardliner und Wirtschaftsführer heftig um
Einfluss bei Putin kämpfen. Anders als
westliche Geheimdienste noch zu Beginn
der Ukraine-Krise dachten, scheinen sich
Brüche in Putins Machtblock zu zeigen.
Das jedenfalls berichtete der Chef des
BND, Gerhard Schindler, jüngst in einer
Sitzung des Auswärtigen Ausschusses im
Bundestag. Ähnliches soll er kurz darauf
auch im Kanzleramt, bei der wöchentli-
chen „Nachrichtendienstlichen Lage“, mit-
geteilt haben. Aus Sicht des BND ist es
durchaus möglich, dass einige der Oligar-
chen bald schon wirtschaftliche über poli-
tische Interessen stellen und Putin zu brem-
sen versuchen.
Einer der einflussreichsten Hardliner,
die das Gegenteil wollen, ist Sergej Glas-
jew, 53, Berater Putins. Im Kreml ist Glas-
jew zuständig für die Beziehungen zur
Ukraine und die Eurasische Wirtschafts-
gemeinschaft.
Den ukrainischen Präsidenten Petro Po-
roschenko nennt Glasjew einen „Nazi“,
und er fordert Luftangriffe gegen die ukrai-
nische Armee. Er hält Europa für degene-
riert, die USA für einen Feind, der heim-
lich so viel Geld drucken lässt, dass er
Russland damit wahlweise aufkaufen oder
ruinieren könne. Sein Land will Glasjew
deshalb abschotten und auf wichtigen Fel-
dern autark machen. Und bei dieser Ab-
kehr von der westlichen Welt kommen Pu-
tin-Vertrauten wie Glasjew die EU-Sank-
tionen sogar zupass. Ginge es nach ihm,
würde Moskau seine Devisenreserven von
472 Milliarden Dollar ohnehin nicht länger
in US-Währung oder Euro halten, würden
„Eurasische Kreditkarten“ Visa- und Mas-
tercard ersetzen und China Europa als
Russlands wichtigsten Partner.
Bereits jetzt dürfen russische Beamte
und Politiker keine Konten, Firmen oder
Häuser mehr im Ausland besitzen, vier
Millionen Polizisten, Militärs und Geheim-
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Präsident Putin: Keine Miene verzogen
Titel
Titel
Großer Nachbar, kleiner Markt
Anteil des Russlandhandels
am Außenhandel der EU-Staaten
Deutsche Ausfuhrgüter
nach Russland, in Milliarden Euro 2013
Maschinen
Kraftwagen, Kfz-Teile
Chemische Erzeugnisse
Datenverarbeitungsgeräte,
elektrische und optische Erzeugnisse
Elektrische Ausrüstungen
Pharmaprodukte u. ä.
Nahrungs- und Futtermittel
Metallerzeugnisse
Gesamtvolumen
GROSSBRITANNIEN 1,4
Quelle: Eurostat nach SITC, Destatis
2013, in Prozent
DÄNEMARK 1,6
IRLAND 0,6
FINNLAND 13,9
UNGARN 5,7
RUMÄNIEN 3,6
ÖSTERREICH 2,8
ESTLAND 8,7
LETTLAND 11,7
LITAUEN 24,8
DEUTSCHLAND
TSCHECHIEN 4,4
SLOWAKEI 6,8
KROATIEN 5,7
SLOWENIEN 3,3
BULGARIEN 0,8
PORTUGAL 1,2
SPANIEN 2,2
POLEN 8,7
3,7
FRANKREICH 1,9
ITALIEN 4,1
SCHWEDEN 3,3
8,1
7,6
3,2
2,5
2,5
2,1
36,1
Milliarden Euro
1,3
1,4
GRIECHENLAND 9,4
MALTA 0,6 ZYPERN 0,2
NIEDERLANDE 3,9
BELGIEN 2,2
LUX. 0,5
dienstler nicht mehr im Westen Urlaub
machen. Und alle russischen Beamten
sollen in Zukunft nur noch in der Heimat
gebaute Dienstwagen fahren.
So entsteht eine Welt, wie Putin sie heu-
te sieht. Eine Welt, in der das vermeintlich
vom Westen gedemütigte Russland alte
Größe wiederfindet – und sei es nur, weil
außer eurasischen Satelliten nicht mehr
viel anderes zu dieser Welt gehört.
Der Moskauer Politologe Stanislaw Bel-
kowski erinnert an Putins Interview-Bio-
grafie „Aus erster Hand“ aus dem Jahr
2000. Der heutige Präsident sagt darin:
„Eine Ratte darf man nie in die Ecke trei-
ben.“ Und da man keinen Druck auf Putin
ausüben dürfe, weil er kein flexibler
Mensch sei, „kann man von ihm jetzt alle
möglichen aggressiven Entscheidungen er-
warten“, so Belkowski.
Bislang hat der Präsident eine direkte
militärische Einmischung in der Ukraine
vermieden. Nach westlichen Erkenntnis-
sen ließ er schweres Militärgerät über jene
drei Grenzübergänge rollen, die die Re-
bellen einnahmen, als die ukrainische Zen-
tralregierung vor Kurzem eine mehrtägige
Waffenruhe ausrief. Und mit den Luft -
abwehrraketen haben die Separatisten den
militärisch wichtigsten Vorteil der ukrai-
nischen Armee ausgeglichen, die Luftüber-
legenheit. Mehr als ein Dutzend Maschi-
nen wurde abgeschossen.
Mit seinen teils verstiegenen, teils ver-
logenen Reaktionen auf den Tod der fast
300 Flugpassagiere hat Putin zugleich allen
politischen Kredit in Europa und den USA
verspielt. Vieles kann ihm deshalb egal
sein, härtere Sanktionen gehören vermut-
lich dazu.
Auch der Vorsitzende des Ost-Ausschus-
ses der Deutschen Wirtschaft, Eckhard
Cordes, warnt: „Zu viel Druck von außen
kann in der jetzigen Situation das Gegen-
teil von dem bewirken, was erwünscht ist.
Es ist niemandem geholfen, wenn wir Pu-
tin völlig in die Ecke drängen.“ Diese Aus-
sicht alarmiert nicht wenige in der russi-
schen Wirtschaft. Den Oligarchen mag es
dabei auch um die eigenen Milliarden und
ihre Villen auf Zypern, an der Côte d’Azur
oder in London gehen. Sie wissen aber zu-
gleich, dass Russlands Wirtschaft ohne Ma-
schinen und Know-how aus dem Westen
zum Abstieg verurteilt ist.
Das öffentlich zu sagen trauen sich ganz
wenige, einer von ihnen ist Exfinanz -
minister Alexej Kudrin, 53, ein Liberaler.
Aufrüstung, militärische Einmischung in
der Ostukraine und Sanktionen könnten
Russland binnen weniger Jahre bis zu 20
Prozent der Wirtschaftskraft kosten, so
rechnete er vor. Noch deutlicher wurde
der ehemalige russische Ministerpräsident
Michail Kassjanow: „Wenn es Sanktionen
gegen den gesamten russischen Finanz -
sektor gäbe, würde unsere Wirtschaft in
sechs Wochen zusammenbrechen.“
So weit wird die Europäische Union die-
se Woche nicht gehen. Kanzlerin Angela
Merkel und Außenminister Frank-Walter
Steinmeier wollen auf keinen Fall den Zu-
sammenhalt der 28 EU-Staaten gefährden.
Außerdem soll der deutsche Draht nach
Moskau nicht abreißen (siehe Interview
Seite 71). Und natürlich gilt jener Vorbe-
halt weiter, den einer im Berliner Regie-
rungsviertel so formuliert: „Es soll bei de-
nen weh tun, aber nicht bei uns.“
Sicher ist deshalb vorerst nur, dass 15 Per-
sonen neu auf die schwarze Liste kommen,
72 standen zuvor schon drauf. Die Vermö-
genswerte der Betroffenen werden in der
EU eingefroren, für sie gelten Einreise -
beschränkungen. Dazu kommen noch ein-
einhalb Dutzend Firmen und Organisatio-
nen, vor allem aus der Ostukraine. Groß
schrecken wird das den Kreml nicht. Einer
der Betroffenen ist ein Wein- und Sekt -
hersteller von der Krim.
Wichtige Gefolgsleute Putins fehlen da-
gegen auf der Liste. Beim Londoner Fuß-
ballklub FC Chelsea darf Roman Abramo-
witsch weiter Hof halten, der seinen Reich-
tum den guten Verbindungen zu Putin ver-
dankt. Auch Gazprom-Chef Alexej Miller
bleibt verschont. Sein Unternehmen ver-
sorgt weite Teile Europas mit Gas. „Ver-
Nur wenn Russland von den internationalen Finanzmärkten
abgeschnitten wird, trifft es Putin wirklich.
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SPIEGEL: Die EU will die Sanktionen
Schritt um Schritt verschärfen. Was lässt
Sie hoffen, dass die Fortsetzung einer
Politik, die seit mehreren Monaten nicht
das gewünschte Ergebnis gebracht hat,
nun doch zum Erfolg führt?
Steinmeier: Garantien gibt es in der Di-
plomatie nicht, schon gar nicht in Kri-
senlagen. Dass eine nachhaltige Deeska-
lation noch nicht gelungen ist, beweist
doch nicht, dass ein anderer Kurs er-
folgreicher gewesen wäre. Ob Russland
unser Partner oder unser Gegner sein
will, weiß ich nicht. Das werden wir
sehen. Europas Nachbar wird es aber
sicher bleiben. Und mit Nachbarn muss
man reden können. Deshalb ist unser
Kurs richtig: Wir verstärken den Druck,
stehen aber weiter für Verhandlungen
mit Russland zur Entschärfung des Kon-
flikts bereit. Nach der Tragödie von
MH17, dem Tod von fast 300 Unbetei-
ligten und völlig Unschuldigen und dem
unwürdigen Treiben von marodieren-
den Separatisten an der Absturzstelle
waren wir alle überzeugt, dass neue,
substanzielle Maßnahmen die richtige
Antwort auf die mangelnde Bereitschaft
Russlands sind, die Grenze zur Ukraine
ab zudichten und auf die Separatisten
einzuwirken.
SPIEGEL: Die EU-Staaten auf einem ge-
meinsamen Nenner zusammenzuhalten
bedeutet praktisch, die Sanktionen im-
mer nur im Gleichschritt verschärfen zu
können. Ist das auch nach dem Abschuss
der Boeing und bei unvermindertem
Fortgang der militärischen Auseinander-
setzungen noch die richtige Strategie?
Steinmeier: Wir sind doch längst weiter.
Wir haben im Kreis der Außenminister
die Marschroute vorgegeben und in gro-
ßer Geschlossenheit entschieden, den
Druck zu erhöhen. Bereits am Freitag
sind die Sanktionslisten erweitert wor-
den, erstmals auch um Unternehmen
und staatliche Institutionen. In wenigen
Tagen haben wir auch die förmliche
Grundlage für Sanktionen gegen Strip-
penzieher und Unterstützer. Zu den
wirtschaftlichen Maßnahmen liegen die
Vorschläge auf dem Tisch. Wir wollen
die Lasten fair verteilen und zielgerich-
tete Regeln, die schnell nachgeschärft,
aber auch schnell wieder zurückgeführt
werden können, wenn Russland sich
bewegt. Wir wollen dazu schon in den
kommenden Tagen Entscheidungen tref-
fen können.
SPIEGEL: Warum will die Bundesregie-
rung nicht auf eigene Faust die Sanktio-
nen verschärfen?
Steinmeier: Nur wenn alle 28 an einem
Strang ziehen, ist das für Moskau die
notwendige klare Botschaft. Bei Rüs-
tungsgeschäften sind wir in Deutschland
übrigens schon vor Monaten in Vorlage
getreten.
SPIEGEL: Drängt die deutsche Wirtschaft
die Bundesregierung, bei den Sanktio-
nen maßzuhalten?
Steinmeier: Das Primat der Politik steht
außer Frage. Die Wirtschaft trägt unsere
Linie zu hundert Prozent mit, hat Eck-
hard Cordes, der Chef des Ost-Ausschus-
ses der Deutschen Wirtschaft, jüngst ge-
sagt. Aber natürlich tauschen wir uns mit
der Wirtschaft aus und nehmen ihre Sor-
gen bei unseren Entscheidungen ernst.
SPIEGEL: Gefällt sich die Bundesregierung
in der Rolle der letzten Brücke zu Wla-
dimir Putin auch deshalb, weil das als
Grund gelten kann, bei der EU-internen
Debatte über die Verschärfung zurück-
haltender aufzutreten als viele osteuro-
päische Staaten?
Steinmeier: Wer unter dem Joch der Sow-
jetunion leben musste, hat einen ande-
ren Blick auf Russland als unsere west-
europäischen Partner mit Atlantikküste.
Wir stehen mit unserer eigenen Ge-
schichte als geteiltes Land dazwischen
und gehen mit dieser Rolle verantwor-
tungsvoll um. Wir haben immer Kon-
takte nach Moskau gehalten und halten
daran fest, weil wir sie brauchen. Ich
werde nicht müde zu betonen, dass un-
sere europäische Friedensordnung auf
dem Spiel steht. Dieser Konflikt kann
für ganz Europa unabsehbare Folgen
haben.
SPIEGEL: Gibt es aus Ihrer Sicht einen
Punkt, an dem verschärfte EU-Sanktio-
nen die russische Seite zu einer militäri-
schen Reaktion animieren könnten?
Steinmeier: Was wir von der russischen
Führung erwarten, ist weder neu noch
zu viel verlangt, nämlich die Souveräni-
tät der Ukraine zu respektieren und ihre
territoriale Integrität nicht zu untergra-
ben. Was wir brauchen, sind eine wirk-
same Kontrolle der Grenze zur Ukraine,
um das Einsickern von Kämpfern und
Waffen zu unterbinden, und ein nach-
haltiger Waffenstillstand, der Verhand-
lungen über eine politische Lösung
möglich macht. Ich bin sicher: Wenn die
Unterstützung von außen mit Geld,
Kämpfern und Waffen gestoppt wird,
dann wird der Widerstand der Separa-
tisten in sich zusammenbrechen. Noch
sicherer bin ich, dass die Bevölkerung
der Ost ukraine erkennt, dass diese Sol-
dateska nicht ihre Interessen vertritt.
SPIEGEL: Warum greifen die Amerikaner
zu schärferen Sanktionen als die Euro-
päer?
Steinmeier: Aufgrund einer anderen
Rechtskultur ist Präsident Obama freier
in seinen Entscheidungen. Bei uns reicht
nicht die Einigung zu 28. Unsere Be-
schlüsse müssen einer rechtsstaatlichen
Überprüfung bis hin zum EuGH stand-
halten. Dass die politischen, wirtschaft-
lichen und gesellschaftlichen Verknüp-
fungen Europas mit unserem russischen
Nachbarn ungleich enger sind, kommt
noch hinzu. Interview: Nikolaus Blome
„Wir nehmen die Sorgen der Wirtschaft ernst“
Interview Außenminister Frank-Walter Steinmeier, 58, über die Wucht der neuen
Sanktionen gegen Moskau
Minister Steinmeier
Keine Garantien
stehen Sie doch“, sagt einer aus der Re-
gierungsmannschaft am Telefon. „So ein-
fach ist das alles nicht.“
Es gibt noch viele, viele Fragen oder Ein-
schränkungen, die gleichsam als Fußnoten
nationaler Eigeninteressen unter der Eini-
gung stehen: Mit Rücksicht auf den Verkauf
zweier französischer Hubschrau ber träger
an Russland gilt das Waffen embargo nur
für künftige Geschäfte. Wie weit genau die
Einschränkungen bei Hightech-Lieferun-
gen an die für Russland enorm wichtige
Ölindustrie reichen, ist offen. Ebenso, was
auf die Liste mit verbotenen Gütern
kommt, die zivil und militärisch zu nutzen
sind. Hier hat auch die deutsche Wirtschaft
Interessen. Es geht um Spezialmaterialien,
bestimmte Werkzeugmaschinen und Hoch-
leistungscomputer. Alles in allem, so
schätzt die EU-Kommission, stehen jährlich
vier bis fünf Milliarden Euro an Handels-
volumen auf dem Spiel.
„Vor allem müssen wir die Oligarchen
treffen“, sagt Wirtschaftsminister Sigmar
Gabriel. „Das muss uns kommende Woche
gelingen.“ Auf deren Schultern stehe die
russische Politik, so Gabriel. „Wir müssen
ihre Konten in den europäischen Haupt-
städten einfrieren und ihre Einreiseerlaub-
nisse widerrufen.“ Die deutsche und die
europäische Wirtschaft würden die Folgen
von Sanktionen spüren, räumt er ein.
„Aber welche Folgen hätte es, wenn
Europa aus Angst vor wirtschaftlichen Ein-
bußen dem Bürgerkrieg und dem Tod von
Unschuldigen tatenlos zusehen würde?“
Auch andere SPD-Politiker verlieren
die Geduld – und nebenbei sogar die mit
Gerhard Schröder. Im Lichte der jüngsten
Ereignisse sei der Exkanzler gut beraten,
seine Auftritte und sein Engagement beim
Gazprom-Konzern zu überdenken, sagt
der stellvertretende Fraktionsvorsitzende
Rolf Mützenich. Auch Schröder müsse
wissen, wie sensibel etwa Balten und
Polen die Putin-Schröder-Allianz beobach-
teten. Noch deutlicher wird der außen -
politische Experte Dietmar Nietan: „Ich
habe dem ehemaligen Bundeskanzler
nichts zu raten. Aber ich würde mich freu-
en, wenn er in Moskau in klaren Worten
deutlich macht, dass eine rote Linie über-
schritten ist.“
Die Deutschen sehen es ähnlich. Nach
einer Umfrage für den SPIEGEL sind 52 Pro-
zent der Deutschen für härtere Sanktionen,
selbst wenn das „viele Arbeitsplätze“ in
Deutschland kosten würde. 39 Prozent
sind dagegen. Für einen Alleingang der
Bundesregierung sind immerhin noch 40
Prozent, 54 Prozent lehnen das ab.
Auch die Wirtschaft hat begriffen.
Obwohl die ersten Sanktionsstufen
kaum direkte Folgen für sie bedeuteten,
hatten viele Manager davor gewarnt – und
sich damit nicht nur bei der Kanzlerin
ziemlich unbeliebt gemacht. Jetzt schwen-
ken sie um, und Ost-Ausschuss-Chef Cor-
des sagt: „Die Sanktionspolitik der EU ist
bislang verantwortungsvoll. Für die deut-
sche Wirtschaft gilt der Primat der Politik:
Wenn Wirtschaftssanktionen beschlossen
werden, werden wir diese mittragen.“
Ähnlich denkt der Mittelstand. „Für mich
ist es furchtbar, aber die Politik muss han-
deln“, sagt ein Familienunternehmer, der
viele Geschäfte in Russland macht.
Beim Umdenken hat vermutlich ein
Blick auf die eigentlichen Zusammenhän-
ge geholfen. „Deutsche Firmen exportie-
ren vor allem deshalb immer weniger nach
Russland, weil dort die Wirtschaft in die
Rezession rutscht“, sagt Klaus Mangold,
Aufsichtsratschef der Bank Rothschild.
Wegen der unsicheren Aussichten
scheuen sich russische Unternehmen, deut-
sche Maschinen, Ausrüstungsgüter und
Bau stoffe zu bestellen. In den ersten fünf
Monaten 2014 sanken die deutschen Aus-
fuhren nach Russland um knapp 15 Pro-
zent. Im Juni verschlechterte sich die Lage
massiv weiter. Aber die Geschäfte mit
Russland machen nur knapp vier Prozent
des deutschen Außenhandels aus. Auch
die europäische Wirtschaft insgesamt hatte
unter den bisherigen EU-Sanktionen kaum
zu leiden. Lediglich einige Banken ver -
loren den einen oder anderen russischen
Kunden, der sein Geld auf ausländischen
Konten gebunkert hatte.
Das würde sich freilich ändern, wollte
man Russland bei der Finanzierung des
Staates und der Industrie treffen. „Geld
ist der Nerv des Krieges“, sagte einst Julius
Caesar, ein sehr früher Europäer.
„Die Einschränkung der Rüstungsexpor-
te wird den Russen wenig anhaben, das
schütteln sie ab“, schätzt Bankier Mangold.
Vor allem die amerikanischen Sanktionen
gegen die Gazprom-Bank und die Ent-
wicklungsbank VEB „werden Russland äu-
ßerst empfindlich treffen“, so Mangold.
Die Gazprom-Bank ist das drittgrößte Fi-
nanzinstitut Russlands und gehört zu 36
Prozent dem gleichnamigen Energiekon-
zern. Die VEB spielt in dem Land eine
ähnlich bedeutende Rolle wie die KfW, die
staatliche deutsche Förderbank. Insgesamt
vier Institute sind nun vom Geldzufluss
amerikanischer Investoren abgeschnitten.
Für die russische Wirtschaft ist das drama-
tisch. Bis zu insgesamt 150 Milliarden Dol-
lar sollen russische Unternehmen in den
nächsten 30 Monaten neu an den Finanz-
märkten aufnehmen müssen, um ihre Ver-
bindlichkeiten regelmäßig zu begleichen,
rund ein Drittel davon brauchen vier von
US-Sanktionen betroffene russische Ban-
ken. Die europäischen Banken hätten ei-
nen noch größeren Hebel – natürlich auch
ein größeres Risiko. Russische Schuldner
stehen mit rund 155 Milliarden Dollar an
Krediten bei ihnen in der Kreide. Allein
französische Institute haben 47 Milliarden
Dollar an russische Kunden ausgeliehen.
Deutsche Kreditinstitute haben rund
17 Milliarden Dollar in Russland ausstehen.
„Wenn die EU-Staaten mit ähnlichen Maß-
nahmen wie die USA nachziehen, wird es
für viele russische Firmen sehr eng“, sagt
Mangold.
Wenn sie es tun.
Nach ersten Beschränkungen der Kre-
ditvergabe der Europäischen Investitions-
bank und der Osteuropabank erreichten
die EU-Botschafter jedoch nur die Grund-
satzeinigung, russischen Unternehmen, die
mehrheitlich dem Staat gehören, den Zu-
gang zum europäischen Kapitalmarkt zu
verwehren. Was die EU noch weiter trei-
ben könnte, ist der Druck von Präsident
Barack Obama, der zusehends die Geduld
verliert: mit Putin, aber auch mit Europa.
Heather Conley, Europachefin der ein-
flussreichen Denkfabrik Center for Stra-
tegic & International Studies (CSIS) in Wa-
shington, sagt: „Wenn die Europäer bei
Sanktionen nicht Schritt halten, könnten
sie durch die Hintertür dazu gezwungen
werden, weil US-Behörden sonst Straf-
maßnahmen verhängen könnten, sollten
EU-Firmen weiter mit geächteten russi-
schen Finanzinstituten zusammenarbeiten.
Das würde neue Spannungen zwischen
den USA und Europa garantieren.“
Schon jetzt wirkt der im Juli verschärfte
US-Druck auch auf europäische Banken.
Weil sie Strafzahlungen in Amerika fürch-
ten müssen, wenn sie sich nicht an US-
Sanktionen halten, fahren sie ihre Russ-
landkredite zurück. „Das Geschäft mit den
russischen Banken auf der US-Liste kommt
praktisch zum Erliegen“, sagt ein deut-
scher Bankvorstand.
Das ist kein Wunder. Jüngst haben US-
Behörden eine Neun-Milliarden-Dollar-Stra-
fe gegen die französische Großbank BNP
Paribas verhängt. Sie hatte US-Sanktionen
gegen Iran, Kuba und Sudan verletzt.
Diese Form von „soft power“ wendeten
die USA inzwischen häufig an, sagt ein
wichtiger deutscher Bankchef. Sie ersetz-
ten damit militärische Einsätze, also „hard
power“, zu denen die kriegsmüde Super-
macht nicht mehr in der Lage sei. Heißt:
Die Amerikaner haben von den Europäern
gelernt. Jetzt müssen es die Europäer nur
noch den Amerikanern nachmachen.
Benjamin Bidder, Nikolaus Blome, Martin Hesse,
Horand Knaup, Christian Neef, Christoph Pauly,
Michael Sauga, Jörg Schindler, Gregor Peter Schmitz
72 DER SPIEGEL 31 / 2014
Die Amerikaner verlieren zusehends die Geduld:
mit Wladimir Putin, aber auch mit den Europäern.
Titel
V
or dem Backsteinhaus der Familie
Smallenburg in Hilversum hält ein
schwarzer Volvo. Ein alter Mann
mit weißem Haar und Hornbrille steigt
aus und geht auf das offene Gartenzaun -
törchen zu. Mit beiden Armen umklam-
mert er einen Plastikkübel voller Blumen.
Er will sie zu den anderen legen, zu all den
Sträußen, Kränzen, Kerzen und Plüsch -
tieren, die vor dem Haus seines Sohnes,
seiner Schwiegertochter und seiner beiden
einzigen Enkel liegen.
Die Familie Smallenburg ist tot, ausge-
löscht auf einen Schlag: Vater Charles, 55
Jahre alt, Mutter Therese, 50, ihre Tochter
Carlijn, 15, die Leichtathletik liebte, und
ihr Sohn Werther, 12, das Fußballtalent.
Am vorvergangenen Donnerstag wollten
sie in den Sommerurlaub fliegen; wie
294 andere Menschen waren sie in der Un-
glücksmaschine MH17.
Von den 193 niederländischen Opfern
kamen 13 aus Hilversum: neben der Fami-
lie Smallenburg das Ehepaar van Heijnin-
gen-Mastenbroek mit Sohn Zeger, die fünf-
köpfige Familie Allen und der Student
Quinn Schansman. Außer Amsterdam hat
kein anderer Ort in den Niederlanden so
viele Tote zu beklagen wie diese Klein-
stadt mit 86000 Einwohnern. Und ausge-
rechnet hier, in Hilversum, soll das Un-
glück aufgearbeitet werden, sollen alle Lei-
chen untersucht werden.
Der Großvater bückt sich mit Mühe und
legt seine Blumen nieder. Dann steht er da
und blickt auf das Blumenmeer, als wüsste
er nicht, was das alles bedeutet. Eine Woche
nach ihrem Tod sieht das Haus der Smal-
lenburgs noch immer aus, als wären sie nur
verreist. Die Rollläden sind halb herunter-
gezogen, die Sträucher im Garten ordent-
lich gestutzt. Nur die Be wohner fehlen. Es
ist nicht einmal klar, wo ihre Leichen sind.
„Wenn jemand stirbt, plant man norma-
lerweise die Beerdigung und tut Dinge wie
einen Sarg aussuchen“, sagt Herman Lam,
der Onkel von Charles Smallenburg, der
den Großvater begleitet. Seine Familie füh-
le sich ohnmächtig, sagt Lam. Unerträglich
sei diese Ungewissheit, das unwürdige Ge-
rangel um die Toten.
Es ist Mittwoch vergangener Woche, die
Regierung in Den Haag hat einen Tag der
nationalen Trauer ausgerufen. Das zeigt,
wie tief dieser Flugzeugabsturz, der die
Niederlande ins Zentrum eines geopoliti-
schen Machtspiels katapultiert hat, die
Menschen trifft. Ministerpräsident Mark
Rutte bezeichnete ihn als „die größte Ka-
tastrophe seit dem Zweiten Weltkrieg“.
Wie tröstet man Menschen, die alles ver-
loren haben? Wie heilt man ein traumati-
siertes Land?
„Wir werden nicht ruhen, bis alle Fakten
bekannt sind und für Gerechtigkeit gesorgt
ist“, versprach Außenminister Frans Tim-
mermans in einer bewegenden Rede vor dem
Uno-Sicherheitsrat. Er beschwor die Welt,
sich vorzustellen, was die Familien der Opfer
durchmachten: „Zuerst erfahren Sie, dass Ihr
Ehemann getötet wurde, und zwei, drei Tage
später sehen Sie Bilder von irgendeinem
Gangster, der ihm den Ehering vom Finger
stiehlt. Das könnte Ihr Ehepartner sein!“
Timmermans traf das Gefühl seiner
Landsleute. Mit jedem Tag, an dem die To-
ten bei über 30 Grad auf ukrainischen Fel-
dern lagen, während Rebellen den Zugang
zu ihnen behinderten und seelenruhig ihre
Habseligkeiten durchwühlten, wuchs in den
Niederlanden die Wut. Doch der Außen-
minister achtete darauf, allzu konkrete
Schuldzuweisungen zu vermeiden.
Die Regierung bleibe in den bilateralen
Beziehungen mit Russland diplomatisch,
sagt Ko Colijn, Direktor des Clingendael-
Instituts für Internationale Beziehungen
in Den Haag. Sie überlasse es den großen
Mächten in der Europäischen Union, den
Ton zu verschärfen. Spätestens seit dem
Gezerre um die Leichen sei jedoch die nie-
derländische Illusion zerstört, eine beson-
dere Beziehung zu Russland zu haben. „Es
ist ein Weckruf“, sagt Colijn. „Manche von
uns dachten, wir lebten wie in der Schweiz,
abgeschirmt von der Welt und den Patho-
logien internationaler Politik.“
Ausgerechnet in den Niederlanden
zeigt sich nun das Dilemma der Europäer
in besonderer Schärfe: Außer Deutschland
hat kein anderes europäisches Land so
enge wirtschaftliche Beziehungen mit
Russland. Die Niederlande sind nach Chi-
na Putins wichtigster Handelspartner und
einer der größten Finanzplätze. Zu den
Großkunden niederländischer Banken ge-
hören staat liche Konzerne wie Gazprom
und Rosneft. Außerdem importieren die
Niederlande massenhaft russisches Öl und
verkaufen das meiste davon an andere
Europäer. 57 Milliarden Euro Handels -
volumen stehen gegen die Leben von
193 Staatsbürgern.
Als das erste der beiden Militärflugzeu-
ge am Mittwoch um 15.48 Uhr in Eind -
73 DER SPIEGEL 31 / 2014
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Leere Häuser
Niederlande Das Land ist unter
Schock, viele fordern nun ein
scharfes Vorgehen gegen Russland.
57 Milliarden Euro Handels -
volumen stehen gegen 193 Tote.
Trauernde in Hilversum: Unwürdiges Gerangel um die Toten
Titel
hoven landet, sitzt die Familie Gatenburg
in Hilversum vor dem Fernseher in ihrem
Wohnzimmer. Anouschka, die 15-jährige
Tochter, geht in dieselbe Schule, die auch
Carlijn Smallenburg besuchte. Wie die
meisten Bewohner von Hilversum fühlen
sich die Gatenburgs betroffen. Sie seien
froh, sagen sie, dass die Regierung sich so
vorsichtig und diplomatisch verhalte. „Das
Wichtigste ist jetzt, dass wir unsere Toten
zurückbekommen“, sagt Simonet Gaten-
burg, die Mutter.
Das Fernsehen zeigt König Willem-
Alex ander, Premierminister Rutte und an-
dere Würdenträger, die mit versteinerter
Miene am Rollfeld sitzen. Es gibt eine
Schweigeminute. Dann stimmt ein Hornist
„Re veille“ an, eine Melodie, die in den
Niederlanden bei militärischen Gedenk-
feiern gespielt wird. Die Gatenburgs er-
heben sich vor ihrem Fernseher. Millionen
von Niederländern tun es ihnen in diesem
Moment gleich. Eisenbahnen und Busse,
Autos und Lastwagen halten an, in Cafés
und Geschäften wird die Musik ausge-
schaltet. In Freibädern steigen die Men-
schen aus dem Wasser. Selbst die Wind-
mühlen stehen still. Es ist ein tröstlicher
Moment.
Drei Stunden später haben sich Hunderte
Menschen vor der „Korporaal van Oud-
heusdenkazerne“ in Hilversum versammelt.
Auch Floris Voorink ist da, der Zweite Bür-
germeister, er will mit seinen Mitarbeitern
Spalier stehen, wenn die Leichenwagen ein-
treffen. „Das Einzige, was wir tun können,
ist da sein und zuhören“, sagt er.
Die ersten 40 Leichen werden an diesem
Abend erwartet, alle übrigen sollen bald
folgen. 200 Forensiker werden in den kom-
menden Wochen und Monaten in der Ka-
serne von Hilversum die Leichen unter -
suchen und identifizieren. In den ersten
Tagen nach dem Unglück fuhren bereits
150 Mitarbeiter des Nationalen Forensi-
schen Teams durch die Niederlande, um
DNA-Proben, Fingerabdrücke und Infor-
mationen über besondere Merkmale der
Opfer zu sammeln.
Die Kaserne liegt in einem Wald am
südlichen Rand der Stadt, direkt gegen-
über befindet sich ein Campingplatz. Ur-
lauber sitzen vor Wohnmobilen, das
lauteste Geräusch ist Vogelgezwitscher.
Hinter der Kaserne grasen Pferde. Die
Umgebung, in der sich die Forensiker auf
ihre grausame Aufgabe vorbereiten, könn-
te zauberhafter nicht sein.
Und dann kommen sie. Eine Prozession
von 40 schwarzen Leichenwagen, einer
nach dem anderen, sie biegen vorsichtig
um die Kurve und verschwinden durch
das Kasernentor. Die Zuschauer klatschen
spontan, und sie hören nicht mehr auf,
bis schließlich der letzte Leichenwagen
vorbeifährt. Danach klatschen sie noch
lauter. Samiha Shafy
A
lexander Hug sollte jetzt nicht hier
sein, nicht an diesem Tag, an die-
sem Ort. Seine Familie ist für einen
Kurzurlaub nach Kiew gekommen. Schon
mehrere Wochen lang hat er seine Frau
und die drei Kinder nicht gesehen, drei
und vier Jahre sind sie alt, das jüngste ist
erst neun Monate. Stattdessen steht er nun
auf dieser Straße, 650 Kilometer von Kiew
entfernt im Osten der Ukraine, zwischen
Weizen- und Sonnenblumenfeldern. Das
nächste Dorf ist knapp einen Kilometer
entfernt, Hrabowe heißt es. 
Es ist der Ort, über dem vor anderthalb
Wochen die Passagiermaschine mit der
Flugnummer MH17 auseinanderbrach, ge-
troffen wohl von einer Rakete. 
„Ich war in den Balkankriegen und in
Nahost, aber das hier ist schon ziemlich
außergewöhnlich“, sagt der 42-Jährige mit
dem Understatement eines Schweizers.
Aber dann kann er sich doch nicht beherr-
schen. „Das hier ist eine unglaubliche Tra-
gödie immensen Ausmaßes“, sagt er. „Ein
Flugzeug stürzt über einem Kriegsgebiet
ab, völlig unbeteiligte Urlauber fallen vom
Himmel, und dann wird auch noch der Zu-
gang zum Katastrophenort behindert.“
Der Schweizer Alexander Hug ist Vize-
chef der OSZE-Mission in der Ukraine, er
beobachtet seit Monaten, was am öst -
lichen Rand Europas passiert, in den von
prorussischen Separatisten ausgerufenen
„Volksrepubliken“ Donezk und Luhansk.
Die 57 Mitgliedstaaten der Organisation
für Sicherheit und Zusammenarbeit in
Europa erwarten von Hug ein objektives
Bild. 
Aber welches Bild bietet sich ihm hier,
am Rand von Hrabowe, wo es mitten im
Rebellengebiet zu einer Katastrophe ge-
kommen ist, wie sie bisher unvorstellbar
erschien? Und was lässt sich aus dem
schließen, was am 17. Juli gegen 16.20 Uhr
Ortszeit an dieser Stelle geschah?
Hug war 24 Stunden nach dem Absturz
der Boeing 777 zum ersten Mal an diesem
Ort. Seitdem fährt er jeden Tag aus dem
60 Kilometer entfernten Donezk nach Hra-
bowe. Heute begleitet er drei Experten der
Malaysia Airlines; es sind die ersten Ex-
perten, die sich ins Kriegsgebiet getraut
74 DER SPIEGEL 31 / 2014
Europas Ground Zero
Ukraine An der Absturzstelle von Flug MH17 herrscht eine
bizarre Ruhe. Doch rundherum wird wieder
gekämpft, geschossen und gelogen. Von Christian Neef
haben, das nur mit Zustimmung der Re-
bellen betreten werden darf. 
Der Abschuss der Boeing ist an diesem
Dienstag vergangener Woche bereits fünf
Tage her. Die Überreste aller 298 Toten
sind eingesammelt worden, behaupten die
Rebellen. Doch der Leichengeruch scheint
das Gegenteil zu beweisen. Er steht weiter
über dem Absturzort: da, wo die verbrann-
ten Reste der Triebwerke und des Fahr-
werks liegen; da, wo das Heckteil nieder-
gegangen ist; und da, wo die linke Tragflä-
che im Kornfeld liegt. Alexander Hug sagt,
er habe „überall noch menschliche Fetzen
und Körperteile“ gesehen. 
Wer genau genug hinschaut, bekommt
ein Gespür für die Tragödie, die hier statt-
gefunden hat: Der Reiseführer über Bali
liegt noch da, auch das Kinderspielzeug,
das man bereits im Fernsehen gesehen hat.
Und die Mappe mit den Entwürfen für ein
neues Haus, „Vrijstaande Woning in
Hoofddorp“, der zum Greifen nahe Traum
einer jungen Familie aus den Niederlan-
den. Der hier zerschellte.
Hrabowe ist Europas Ground Zero, es ist
ein Verbrechen, das aufgeklärt werden muss.
Denn davon hängt ab, wie Europa künftig
mit einem Russland umgehen wird, das ei-
nen Krieg selbst ernannter Separatisten in
der Ostukraine schürt, bezahlt und ausstat-
tet. Aber niemanden hier scheint das so rich-
tig zu kümmern, bis auf Hug, den Zweime -
ter mann mit dem blaukarierten Hemd, der
schusssicheren Weste und der weißen OSZE-
Binde am Arm, der jetzt die Journalisten-
meute dirigiert. Und bis auf die drei schweig-
samen Malaysier, die mit Rucksack und
Fotoapparat durch die Felder streifen. 
Abgesehen von Hug und den Malay-
siern liegt die Absturzstelle da wie seit Ta-
gen schon: keine Bewacher, keine Unter-
suchungsteams, der Zugang für jeden frei,
für Trümmertouristen und Plünderer. Die
Rebellen haben Flugzeugteile wegge-
schleppt und an kilometerweit entfernten
Checkpoints aufgestellt wie Trophäen.  
Die Welt draußen, außerhalb der Ost -
ukraine, mag von dieser Katastrophe er-
schüttert sein. Der Uno-Sicherheitsrat hat
in seltener Einmütigkeit eine internationa-
le Untersuchung gefordert.  Doch hier ist
davon wenig zu sehen. Bisher gibt es we-
nig Aufklärung, sondern gegenseitige Ver-
dächtigungen, Unterstellungen, Schuldzu-
weisungen. Der Tod von 298 Menschen
hat eine neue Runde in der Schlacht um
die Ukraine ausgelöst. Jede Seite fühlt sich
nun in ihrer Position bestätigt. 
Man spürt das bereits zehn Kilometer
von Hrabowe entfernt, dort, wo die ersten
Rumpfteile und Gepäckcontainer liegen.
Dorfbewohner haben an der Landstraße
Plakate aufgestellt: „Schluss mit dem Völ-
kermord im Donbass“, steht auf ihnen.
Oder: „Rettet unsere Kinder vor der ukrai-
nischen Armee!“ 
Und auf der Straße vor Hrabowe taucht
zwischen den Feldern plötzlich eine Frau
im Sommerkleid und mit High Heels auf,
sie hält einen Geschosssplitter in der Hand.
Dann sagt sie zu den Medienvertretern aus
aller Welt, sie komme aus der Kreisstadt
Schachtarsk, die die ukrainische Armee ge-
rade mit solchen Geschossen bombardiert
habe, das bitte solle man aufklären, das sei
viel wichtiger. Wie sie aus dem 20 Kilome-
ter entfernten Schachtarsk hierhergelangt
ist, und dann noch genau ausgerechnet in
diesem Moment, bleibt ungeklärt. 
Dann marschiert ein exotisch unifor-
mierter „Presseoffizier“ der Rebellen die
Straße entlang und spricht von den Ver-
brechen der westlichen Welt. „Die übliche
rhetorische Polemik“, sagt der Schweizer
Alexander Hug. 
Zur gleichen Zeit tagt in Moskau der
russische Sicherheitsrat, der sich ebenfalls
mit dem Absturz von MH17 befasst. Und
Putin wiederholt den Vorwurf, in Kiew
hätten „neofaschistische, fundamentalisti-
sche Kräfte bewaffnet die Macht ergriffen“.
Die Separatisten dagegen seien „Teil der
Bevölkerung“, die nicht mit der Entwick-
lung der Ukraine einverstanden sei. 
Der unzufriedene Teil der ukrainischen
Bevölkerung, von dem Putin spricht, wird
vor Hrabowe von der Dame im Sommer-
kleid vertreten und von zehn schwer bewaff-
neten Männern der „Volksrepublik“, die die
OSZE-Leute schützen, vor allem aber wohl
kontrollieren sollen. Die Bewaffneten tragen
nagelneue Tarnuniformen mit Aufnähern,
auf denen „Heldenstadt Sewastopol“ steht
und „Frühling auf der Krim“. Einer von ih-
nen, ein junger Mann mit Stirnband und
langem Haar, mit Ka laschnikow in der Hand
und Pistole am Koppel, erzählt einem Team
des russischen Fernsehens, dass auch er aus
Moskau sei. Woher genau? Aus dem Tscher-
jomuschki-Stadtbezirk, sagt er. Was er dort
so mache? Er singe im Kirchenchor, sagt der
junge Mann, er meint es ernst, er hat auch
die Stimme und das Aussehen dafür. „Ich
bin freiwillig hier“, fügt er hinzu. 
Er ist so wenig Ukrainer wie der eben-
falls aus Moskau stammende Russe Alex -
ander Borodai, der sich „Premierminister“
der „Donezker Volksrepublik“ nennt und
den die Malaysier bei der Übergabe der
Flugschreiber vorsichtshalber „Seine Ex-
zellenz“ nannten. Borodai hat sich selbst
vorige Woche als „Teil der Hilfe des russi-
schen Volkes für den Donbass“ bezeichnet.
Das Sagen in den Separatistenrepubliken
haben längst nicht mehr örtliche Kräfte,
sondern Führungsleute aus Moskau.  Das
wird weder von Putin noch von russischen
Medien thematisiert. Im Gegenteil: Die öf-
fentliche Diffamierung der Ukraine hat
nach dem Absturz von MH17 einen neuen
Höhepunkt erreicht. 
Auch in Hrabowe ist das zu spüren. Der
Korrespondent des russischen Fernseh -
senders Erster Kanal spricht am Rande des
Trümmerfelds einen Aufsager für die
Abendnachrichten. Er sagt, die Regierung
in Kiew habe alles getan, damit keine in-
ternationalen Experten an die Absturzstel-
le gelangen konnten. Eine russische Agen-
tur meldet, auch die malaysischen Luft-
fahrtexperten und ihre OSZE-Begleitung
seien auf dem Weg zum Wrack von ukrai-
nischen Kampfjets beschossen worden.
Weder das eine noch das andere stimmt. 
Es stimmt so wenig wie das meiste, was
aus den russischen Fernsehsendern jeden
75 DER SPIEGEL 31 / 2014
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Bei den Separatisten haben längst nicht mehr örtliche
Kräfte das Sagen, sondern Führungsleute aus Moskau.
Absturzstelle von Flug MH17 bei Hrabowe
„Überall menschliche Fetzen und Körperteile“
Tag in die Separatistenrepubliken zurück-
gesendet wird. Zum Beispiel, dass die Flug-
kontrolle im 270 Kilometer entfernten
Dnipropetrowsk unter dem Einfluss des
dortigen Kiew-freundlichen Gouverneurs
stehe und den Flug MH17 umgelenkt habe,
damit er von ukrainischen Fliegern leichter
abgeschossen werden könne. Die europäi-
sche Flugsicherung hat das längst demen-
tiert, das Flugzeug war auf seinem geplan-
ten Kurs. Aber das will zwischen Moskau
und Donezk kaum jemand hören. Selbst
die größten Absurditäten, wie etwa die
Behauptung, dass an Bord nur Leichen ge-
wesen seien, werden geglaubt. In fast je-
der Sendung wird dieses Märchen wieder-
holt.
Die Separatisten und natürlich auch
Moskau haben empört zurückgewiesen,
dass eine Rakete aus einem Buk-Luftab-
wehrsystem MH17 vom Himmel geholt
habe, und erst recht, dass sich diese im Be-
sitz der Rebellen befunden haben könnte.
Beweise in Form von Fotos und Gesprächs-
mitschnitten der Ukrainer und Amerika-
ner seien gefälscht.
Aber dann sagt am Mittwoch Alexander
Chodakowski, einer der Rebellenführer
von Donezk und Chef des berüchtigten
„Wostok“-Bataillons, der Nachrichtenagen-
tur Reuters, dass die Rebellen Buk-Rake-
ten gehabt hätten und sie aus Russland ge-
liefert worden sein könnten. Chodakowski
* Vor einem Kühlzug mit den Überresten der Opfer.
dementiert das später, aber die Aufzeich-
nung des Interviews beweist: Er hat es tat-
sächlich genau so gesagt.
Alexander Hug, der Schweizer OSZE-
Mann, hat fast jeden Tag mit den Rebellen
zu tun. Zweimal hat er seit April west -
liche Geiseln aus ihrer Hand befreien
müssen.
Er sagt, er rede nur noch mit Boro-
dai oder seinem Stellvertreter, deren Wort
gelte meist, „zu einem gewissen Grade“.
Denn, sagt er, „wir wissen seit Langem,
dass es Streitereien unter den Rebellen gibt
und Unterschiede zwischen der politischen
Ebene und ihren Streitkräften“. Das sei ein
„großes Dickicht von Verbänden“, und vie-
le handelten auf eigene Faust. 
In diesem Moment beginnt heftiger Be-
schuss, etwa 20 Kilometer von Hrabowe
entfernt bei Snischne, von dort sollen die
Rebellen das Flugzeug abgeschossen ha-
ben. Vom Trümmerfeld aus kann man die
Einschläge der Raketen sehen. Der Krieg
geht weiter. 
Bereits einen Tag später werden die Re-
bellen in der Nähe erneut zwei Kampfjets
vom Typ Su-25 der ukrainischen Luftwaffe
abschießen. 14 Flugzeuge haben sie damit
in den vergangenen Wochen schon vom
Himmel geholt. Die Last der Indizien ist
erdrückend, dass sie ebenfalls für den
Boeing-Abschuss verantwortlich sind. 
Das alles hat zu einer politischen Radi-
kalisierung auch in der Ukraine geführt.
Präsident Petro Poroschenko ordnet zum
dritten Mal eine Teilmobilmachung an, er
braucht 60000 Männer für die Ostukrai-
ne. Gleichzeitig erhält er die Gelegenheit
zu Neuwahlen: Die Parteien, die ihn un-
terstützen, kündigten die Regierungskoali-
tion auf. Nun werden wohl auch die letz-
ten Abgeordneten der Partei von Wiktor
Janukowytsch abgewählt. Die Kommunis-
tische Partei, in den Separatistengebieten
noch immer stark, soll per Gericht verbo-
ten werden.
In Moskau, hinter den Kreml-Kulissen
und jenseits der offiziellen Fernsehpropa-
ganda, breitet sich derweil offenbar Un -
sicherheit aus. Bei seinen Fernsehauftritten
wirkt Putin nun fahrig und nervös.
Auch in Russland werden die Stimmen
lauter, die die russische Einmischung in der
Ostukraine für ein Desaster und den Ab-
schuss von MH17 für einen Wendepunkt
halten. Von einem „russischen Lo cker bie“
spricht die Kolumnistin Julija Latynina.
Der Herausgeber der Nesawissimaja gaseta
prognostiziert Putins Abstieg zum poli ti -
schen „Paria“, weil Putin die ost ukrai ni -
schen Rebellen aufgerüstet habe.
Eine Sendung des halbwegs unabhängi-
gen Radiosenders Echo Moskwy kommt
vorige Woche zu dem Schluss, dass Putin
von der Situation überfahren worden sei.
Bis zum Abschuss von Flug MH17 habe
der Präsident ziemlich optimistisch ge-
wirkt, meint der Politologe Stanislaw Bel-
kowski: Die Separatisten hätten die Armee
südlich von Donezk eingekesselt, und Pu-
tin habe geglaubt, er könne nun den Wes-
ten zu Verhandlungen über das Schicksal
der Ukraine zwingen. Das sei, so Bel-
kowski, von Anfang an das Ziel seiner Ein-
mischung in der Ukraine gewesen. Der Ab-
schuss habe die Lage geändert, nun habe
Moskaus Unterstützung für die Rebellen
298 unschuldige Menschen das Leben ge-
kostet. „Damit ist endgültig klar geworden,
dass Putin sich von den Separatisten nicht
mehr lösen kann.“ 
Alexander Hug steht noch immer an der
Absturzstelle, das Wrack im Blick, und
will sich zu alldem nicht äußern. „Die
OSZE hat keine politische Agenda, das er-
möglicht es uns, im Kampfgebiet der Re-
bellen zu sein.“ Seine wichtigste Mission
sei es, sagt er, der Welt endlich den Zugang
nach Hrabowe zu ermöglichen.
Die Unterstützer der Separatisten leben
derweil in ihrer eigenen Wirklichkeit. Auf
dem Weg zurück nach Donezk, das bereits
unter Raketenfeuer der ukrainischen Ar-
mee liegt, freut sich ein junger Mann
schon: Er sei sich ganz sicher – noch diese
Woche werde Putin mit seinen Truppen
„hier einmarschieren. Endlich“.
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Video: Reporter Christian Neef
an der Absturzstelle von MH17
spiegel.de/app312014ukraine
oder in der App DER SPIEGEL
OSZE-Beobachter Hug (M.) in Tores*: „Tragödie immensen Ausmaßes“
14 Flugzeuge haben die Separatisten davor schon vom
Himmel geholt. Die Last der Indizien ist erdrückend.
Titel
77 DER SPIEGEL 31 / 2014
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hmed hat Hunger, er umklammert
die Brust seiner Mutter und trinkt,
die Augen geschlossen, nichts stört
ihn dabei. Nicht das Rattern des Ventila-
tors, der bedrohlich schief hängt, nicht die
dumpfen Schläge, die die Wände zittern
und Marwat al-Asasma, 18, die Mutter, zu-
sammenzucken lassen. Manchmal bebt
sein Körper, und die kleinen Hände ballen
sich zu einer Faust.
Etwas über drei Kilogramm wiege ihr
Sohn jetzt, sagt Marwat al-Asasma; er sei
gesund, er nehme sogar zu. Sie klingt, als
könne sie es kaum glauben. 15 Tage ist Ah-
med alt, geboren in der Nacht, als die Is-
raelis ihre ersten Panzer an die Grenze des
Gaza-Streifens schickten. Ahmed ist ein
Kind des Krieges und eines seiner Opfer.
Zehn Tage nach seiner Geburt hat er seinen
Vater, seine Großeltern und seine Heimat
verloren. Wie viel vom Haus der Familie
noch übrig ist, weiß seine Mutter nicht. Sie
erinnert sich nur an Rauch und Staub, aber
eigentlich will sie sich gar nicht erinnern.
Gemeinsam mit ihren Geschwistern lebte
sie in Schadschaija, einem Vorort im Osten
von Gaza-Stadt. 
Dort lebt jetzt niemand mehr, Schad-
schaija liegt in Ruinen, ganze Straßenzüge
wurden dem Erdboden gleichgemacht. Die
israelische Armee nannte Schadschaija
eine Hochburg der Hamas, ein Zentrum
des Widerstands; sie schickte Panzer und
Kampfeinheiten. Mindestens hundert Pa-
lästinenser sind bei diesem bisher blutigs-
ten israelischen Angriff am Sonntag vor
einer Woche ums Leben gekommen. Die
genauen Opferzahlen sind unbekannt; das
Rote Kreuz rechnet mit wesentlich mehr
Toten, verbrannt, zerquetscht und begra-
ben unter dem Schutt der eingestürzten
Häuser, von denen einige noch Tage später
schwelen. Es ist schwierig, die Leichen zu
bergen, denn es wird noch immer ge-
kämpft. 
Schadschaija ist zum Symbol geworden
für die Menschen in Gaza: für die Brutali-
tät und Unerbittlichkeit dieses jüngsten
Krieges, dem sie nicht entrinnen können.
Denn es gibt in Gaza, in diesem abgerie-
gelten Streifen, keinen Ort mehr, der
Schutz bietet, an dem der Wahnsinn von
Tod und Elend nicht spürbar ist. 
Bevor Schadschaija von der Armee un-
ter Beschuss genommen wurde, hatten
sich dorthin Tausende Menschen geflüch-
tet, die noch näher an der Grenze gelebt
hatten, um Schutz zu suchen vor den an -
Bergung einer Leiche im Viertel Schadschaija: Es gibt in Gaza keinen Ort mehr, der Schutz bietet
Kinder des Krieges
Nahost Mit Israels Einmarsch in Gaza hat ein blutiger Krieg begonnen. Die Bilder der Toten
gehen um die Welt, brutal und ungefiltert. Wird der Druck einen Waffenstillstand erzwingen?
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Ausland
Video: Julia Amalia Heyer
über den Krieg in Gaza
spiegel.de/app312014gaza
oder in der App DER SPIEGEL
rückenden Panzern. Jetzt sind diejenigen,
die sich retten konnten, noch weiter von
der Grenze geflohen, nach Gaza-Stadt
hinein, in dieses dichte Gewirr von Gassen
und Hochhäusern. Die Zahl der Menschen,
die sich hier aufhalten, hat sich laut Uno
fast verdoppelt, statt 600000 sind es jetzt
mehr als eine Million. Schätzungsweise
100000 Menschen haben ihr Zuhause ver-
loren, manche nur vorübergehend, andere
für immer. Sie leben jetzt in Hausein -
gängen, auf Parkplätzen, in Schulen. Und
nicht mal hier sind sie sicher, wie der
Tod der deutsch-palästinensischen Familie
Kilani zeigt, die nach einer israelischen
Warnung aus dem Norden in eine Woh-
nung in Gaza-Stadt gezogen war. Wenig
später wurde das Haus von einer Bombe
zerstört.
An jenem Sonntag, als die Geschosse
zuerst die Nachbarn und dann ihr Haus
trafen, konnte Marwat al-Asasma kaum
gehen, sie war noch zu schwach von der
Geburt. Ihre Schwester Nura steckte Ah-
med, den Säugling, in einen Rucksack; ihre
Schwester und ihre eigene Tochter setzte
sie in einen Leiterwagen. Den zog sie zwei
Kilometer weit durch die Trümmer, bis zu
einer Kirche.
Dort sitzen die beiden Schwestern jetzt
in einem weiß getünchten, fensterlosen
Gewölbe auf dem Steinboden, 30 Quadrat-
meter, die sie sich mit  20 Frauen und Kin-
dern teilen. Die Jüngsten schlafen in Papp-
kartons, es gibt nicht genügend Matratzen
für alle. Als eine Bombe den Friedhof ne-
benan traf, haben sie überlegt, ob sie wei-
terziehen sollten. „Aber wohin?“, fragt
Nura al-Asasma. „Nirgendwo ist es sicher.“
Ein kleiner Junge lutscht an seinem Zeh,
er imitiert den Widerhall der Einschläge.
Presst die Lippen aufeinander, lässt sie aus-
einanderschnalzen. Nura al-Asasma hat so-
gar Angst, ihre fünfjährige Tochter Mariam
zur Toilette in den Hof zu bringen. Angst,
auf dem Weg dorthin getötet zu werden.
Die Frauen aus Schadschaija, die sich
mit ihren Kindern in diese Kirche geflüch-
tet haben, wünschen sich nichts sehnlicher
als einen Waffenstillstand. Beide Seiten
müssten das Töten stoppen, sagt Nura al-
Asasma. „Wir sind keine Pufferzone, wir
sind Menschen.“  Für die Hamas hat sie
nur Verachtung übrig. „Wenn Ismail Hanija
und Chalid Maschaal so leben würden wie
wir, würden sie sich zweimal überlegen,
ob sie diesen Krieg weiterführen.“ Statt-
dessen sitze der ehemalige Regierungschef
jetzt gut geschützt in einem Bunker, und
Maschaal, der Anführer, sitze im reichen
Katar im sicheren Exil.
Es ist nicht lange her, ein paar Wochen
erst, da hofften die Schwestern noch auf
bessere Zeiten. Darauf, dass die Einheits-
regierung, die Fatah und Hamas beschlos-
sen hatten, auch die Situation in Gaza ver-
bessern würde. Aber es kam anders, und
die Schwestern glauben, Israel habe diesen
Krieg begonnen, um ein erträglicheres Da-
sein der Palästinenser zu verhindern.
Auf beiden Seiten steigt die Zahl der
Toten, bis vergangenen Freitag starben 35
Israelis, davon 3 Zivilisten. Und in Gaza
kamen fast 900 Palästinenser ums Leben,
laut Uno sind davon drei Viertel Unbetei-
ligte. Die israelische Armee brüstete sich
am Donnerstag mit „170 getöteten Terro-
risten“, doch es starben in diesem Krieg
auch 200 palästinensische Kinder. 
Während der drei Wochen, die dieser
Krieg andauert, haben die Frauen gelernt,
die Bedrohung einzuordnen: Sie erkennen
das donnernde Grollen der F-16-Kampf-
flugzeuge, und sie unterscheiden die hal-
lende Detonation einer aus der Luft abge-
worfenen Bombe vom dumpfen Schlag ei-
nes Panzergeschosses. Die Schiffe vor der
Küste feuerten immer im Dreiklang mit
gespenstischem Echo. Ist es ruhig in Gaza-
Stadt, surren die Drohnen in der heißen
Luft wie nervöse Insekten. Aber es ist sel-
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Flüchtling Marwat al-Asasma in der Kirche in Gaza-Stadt: Ahmed wurde geboren, als der Krieg begann, zehn Tage später verlor er seinen Vater
Die israelische Armee brüstete sich mit „170 getöteten
Terroristen“, doch es starben auch 200 Kinder.
Grenzübergang
Tunnel, die von der Hamas genutzt
und deshalb zerstört wurden
palästinensischer Angriffsversuch
über das Meer
israelische Luftangriffe
israelische Bodenoffensive
von der israelischen Armee ein-
gerichtete Pufferzone
Schadschaija
ÄGYPTEN ISRAEL
Gaza-Streifen
Rafah
Rafah
Chan Junis
Nussierat
Gaza-Stadt
Erez
Dschabalija
Beit Lahija
Beit
Hanun
ten ruhig, jede vereinbarte Waffenruhe
wird so gut wie sofort wieder gebrochen.
Bisher vergebens bemühen sich US-Au-
ßenminister John Kerry und Uno-General-
sekretär Ban Ki Moon seit Tagen um ein
Ende der Kämpfe. Ihr Ziel ist eine mehrere
Tage dauernde humanitäre Feuerpause,
während der ein Abkommen ausgehandelt
werden soll, das einen dauerhaften Waf-
fenstillstand garantiert. Die Hamas soll
sich darin verpflichten, ihre Angriffe auf
Israel einzustellen. Israel soll seine Armee
ein Stück weit zurückziehen. Und die
Ägypter sollen den Grenzübergang von
Rafah zum Sinai öffnen, damit Bewohner
und Waren wieder passieren können.
Doch am Freitagabend lehnte die israe-
lische Regierung den Vorschlag für eine
längere Feuerpause vorläufig ab. Die Mehr-
heit der Minister forderte eine Fortsetzung
und sogar die Verstärkung der Angriffe.
Am Wochenende sollte zudem eine hoch-
rangige Nahostkonferenz in Paris stattfin-
den, an der auch Kerry teilnehmen wollte.
Beide Konfliktparteien scheinen an der
Fortsetzung dieses Krieges ein Interesse
zu haben: Die Hamas setzt ohne Rücksicht
auf Verluste alles auf die Karte Wider-
stand – und jedes tote Kind treibt den Preis
für Verhandlungen noch höher; jeder Tag,
an dem der Ben-Gurion-Flughafen nicht
angeflogen wird oder das Leben in Tel
Aviv stillsteht, ist für sie ein kleiner Sieg.
Israel hingegen ist mit der Bodenoffensive
so weit gegangen, dass sich mittlerweile
auch moderatere Regierungsmitglieder wie
Justizministerin Zipi Livni einen „vernich-
tenden Schlag gegen den Terror“ wün-
schen. Obwohl das Land seit dem Liba-
nonkrieg 2006 nicht mehr so viele Gefalle-
ne zu beklagen hatte, ist der Rückhalt in
der Bevölkerung ungebrochen. 
Im Gegensatz zum Rest der westlichen
Welt, die ihrem Entsetzen über den Tod so
vieler Unschuldiger, so vieler Kinder, Aus-
druck in den sozialen Netzwerken verleiht.
Denn längst ist dieser Krieg auch zu einem
Duell der Bilder geworden – und anders
als auf dem Schlachtfeld befindet sich die
palästinensische Seite hier im traurigen Vor-
teil. Da mögen die Regierenden von Wa-
shington bis Berlin noch so oft ihr Verständ-
nis für das Recht Israels auf Selbstverteidi-
gung beteuern – die Öffentlichkeit bildet
sich inzwischen eine eigene Meinung. Wer
will, sieht auf Twitter und Face book ver-
störende Fotos von toten Kindern und liest
unter #GazaUnderAttack Augenzeugen -
berichte aus dem Kampfgebiet. Premier
Benjamin Netanjahu hat ja recht, wenn er
von den „telegenen toten Palästinensern“
spricht. Er weiß, dass Israel diesen Krieg
der Bilder nicht gewinnen kann. Zum ers-
ten Mal sehen viele Menschen in den USA
und Europa die Realität in Gaza derart un-
gefiltert; nicht in geschnittenen und mode-
rierten Beiträgen von Journalisten, in de-
nen zu krasse Bilder aussortiert werden,
sondern unmittelbar gefilmt und fotogra-
fiert, vielfach von den Opfern selbst.
Fast zwei Millionen Mal wurde allein
ein Video auf YouTube angesehen, aufge-
nommen mit einer Handykamera. Es zeigt
einen jungen Mann in einem türkisfarbe-
nen T-Shirt, der in den Trümmern von
Schadschaija nach seinen Angehörigen
sucht und dabei von einem israelischen
Scharfschützen erschossen wird. 
Der Schmerz über den Verlust eines Kin-
des ist der Gleiche, egal ob in Tel Aviv
oder in Beit Hanun. Doch das Leiden an
diesem Krieg ist nicht das Gleiche, dafür
muss man nicht einmal die Opferzahlen
vergleichen. Es gibt in Gaza keinen Alltag
mehr, anders als in Israel, wo die meisten
trotz Raketenalarm zur Arbeit und an den
Strand gehen. Es leidet vor allem die Be-
völkerung, die der Gewalt schutzlos aus-
geliefert ist. Die Straßen sind menschen-
leer, das Leben konzentriert sich auf kleine
Inseln, allesamt Trugbilder der Sicherheit,
auf Krankenhäuser, Schulen, internationa-
le Einrichtungen. Am vorigen Donnerstag
kamen bei einem israelischen Angriff auf
eine Uno-Schule, in die sich viele Familien
geflüchtet hatten, 16 Menschen ums Leben,
mehr als 200 wurden verletzt.
„Es ist völlig inakzeptabel, was hier pas-
siert“, sagt die Kanadierin Pernille Iron -
side, 40, die das Büro von Unicef in Gaza
leitet. Die israelische Armee zerstöre die
zivile Infrastruktur – und nicht nur die
Tunnel und Waffenlager der Hamas. Sie
sitzt vor einem Kleiderständer voller
schusssicherer Westen in Uno-Blau und
rauft sich die Haare. Sie hat davor im Ost-
kongo und im Jemen gearbeitet, aber:
„Gaza ist schlimmer.“ Sie schätzt, dass
etwa 120000 Kinder direkt von diesem
Krieg betroffen sind, viele von ihnen
schwer traumatisiert. Sie unterstützt den
Uno-Menschenrechtsrat in seinem Anlie-
gen, eine Kommission mögliche Kriegsver-
brechen der israelischen Armee im Gaza-
Streifen untersuchen zu lassen.
Vergangene Woche warnte die Armee
sogar vor einem Luftschlag auf das Schifa-
Krankenhaus. Israel rechtfertigt selbst An-
griffe auf Krankenhäuser und Schulen da-
mit, dass sie von der Hamas als Waffenla-
ger missbraucht würden. Seit Jahren gibt
es das Gerücht, unter dem Schifa-Kran-
kenhaus befände sich eine geheime Kom-
mandozentrale der Hamas, doch Belege
gibt es dafür nicht. Allerdings schießen die
Extremisten in Gaza tatsächlich Raketen
aus bewohntem Gebiet ab, und auch viele
der von ihr für Anschläge auf Israel ange-
legten Tunnel beginnen in Privathäusern.
Hamas benutze die Bevölkerung als
menschliche Schutzschilde, sagt daher Ne -
tanjahu, er bezichtigt die Islamisten eines
Kriegsverbrechens, da das Völkerrecht sol-
che Taktiken verbietet. Aber im Umkehr-
schluss heißt das wiederum nicht, dass der
Angriff ziviler Einrichtungen erlaubt ist,
weil man dort den Feind vermutet.
„Man darf keine Krankenhäuser bom-
bardieren“, sagt auch Mads Gilbert, 67,
Professor für Notfallmedizin, der im tür-
Ausland
Arzt Gilbert: Von Tromsø in den Krieg
kisfarbenen OP-Kittel in der Einfahrt des
Schifa-Krankenhauses steht, seine Stimme
schneidet durch Sirenen, Durchsagen und
die Schreie von Verwundeten. Der Geruch
von Desinfektionsmitteln wird fast völlig
überlagert von den Ausdünstungen Hun-
derter Menschen. Es ist heiß, und es stinkt,
doch es gibt kaum Wasser zum Waschen.
Vor knapp drei Wochen ist Gilbert aus
dem norwegischen Tromsø nach Gaza
gereist, seither arbeitet er hier in der Not-
aufnahme, manchmal anderthalb Tage am
Stück.
In Gaza werde jeder fast zwangsläufig
zum Schutzschild, sagt Gilbert. Das müsse
die Hamas nicht einmal planen. Es gebe
einfach zu viele Menschen und zu wenig
Platz. Aber genau aus diesem Grund dürfe
man weder Kliniken noch Schulen bom-
bardieren, von denen die israelische Ar-
mee ja genau wisse, dass Zivilisten in die-
sen Gebäuden Schutz suchten.
Auch während der beiden vorherigen
Kriege im Winter 2008/2009 und 2012 hat
der Arzt in Gaza gearbeitet, doch so
schlimm wie jetzt sei es noch nie gewesen.
Diesmal, sagt er, gebe es vor allem viele
schwer verletzte Kinder. Nach dem Angriff
auf Schadschaija haben die Ambulanzen
ganze Wagenladungen von Toten und Ver-
letzten gebracht. „Wir haben sie nur he-
rausgezogen und auf den Boden gelegt, ir-
gendwo, wo gerade Platz war.“ 
Es gibt keinen Platz mehr im Schifa-
Krankenhaus, nicht auf den Stationen und
auch nicht im Garten oder auf den Park-
plätzen. Hier haben heimatlos gewordene
Familien Kartons ausgelegt und Teppiche,
sie wohnen jetzt hier. „Wo sollen wir denn
hin?“, fragt eine Frau, die sich nur Um
Abulata nennt, die Mutter von Abulata.
Auch sie ist aus Schadschaija geflohen, erst
zu ihrem Großvater, und als dessen Haus
bombardiert wurde, zu ihrer Tante. Drei-
mal ist sie umgezogen in den vergangenen
vier Tagen, jetzt lebt sie auf einem Stück
Schaumstoffmatratze unter der Treppe im
Seitenflügel des Krankenhauses. Sie hofft,
dass sie hier nun wenigstens sicher ist.
Abgesehen davon, dass sie hofft, der
Krieg möge aufhören, hat Um Abulata ei-
gentlich nur einen Wunsch: dass sie sich
nicht mehr jeden Morgen im Meer wa-
schen muss, sondern irgendwann wieder
in einem Haus mit fließend Wasser woh-
nen kann. Das allerdings könnte dauern,
denn mittlerweile sind 70 Prozent der Ein-
wohner von Gaza von der Trinkwasser-
versorgung abgeschnitten. Die Hauptwas-
serleitungen sind durch das Bombarde-
ment zerstört.
Es wäre eigentlich Mahir Salims Aufga-
be, sie zu reparieren, aber die Schäden sei-
en irreparabel, sagt der Ingenieur mit dem
sauberen weißen Hemd unter der orange-
farbenen Leuchtweste. Salim, 48, ist ver-
antwortlich für die Wasserversorgung in
Gaza-Stadt; er hat in Hannover studiert.
Jetzt sitzt er in seinem Büro vor einem Re-
gal voller gelber Leitz-Ordner, gleich muss
er wieder los. „Um ehrlich zu sein, wir
wissen nicht mehr, was wir tun sollen“,
sagt er. Von den sechs Brunnen, die den
Gaza-Streifen mit Trinkwasser versorgen,
sind vier nicht mehr zugänglich, weil sie
im umkämpften Grenzgebiet liegen. Drei
seiner Männer hat er im Dienst verloren,
getötet bei israelischen Angriffen.
Die Armee, sagt Salim, hätte die Rohr-
teile, die sie auswechseln wollten, wohl
mit Raketen verwechselt. Er ist ein höf -
licher Mann, deshalb verpackt er seine Kri-
tik in eine Frage: „Warum machen sie alles
kaputt, sodass wir hier nicht mehr leben
können?“ Gaza sei schon vorher alles an-
dere als paradiesisch gewesen, aber jetzt
sei es die Hölle. „Wir sind doch keine Geg-
ner für die, wir kommen hier ja nicht raus.“
Zweimal hat Israel das einzige Elektri-
zitätswerk des Küstenstreifens angegriffen,
jetzt gibt es höchstens drei Stunden Strom
am Tag. Doch ohne Strom funktionieren
auch die Kläranlagen nicht. „Die Israelis
sagen, sie jagen Terroristen. Warum treffen
sie dann vor allem die Zivilisten?“ Es wer-
de grausamer, von Krieg zu Krieg, sagt Sa-
lim. Bereits im vergangenen Jahr warnte
die Uno, Gaza sei auf dem besten Weg,
unbewohnbar zu werden.
Salim fürchtet, dass die Menschen in
Gaza bald um Wasser kämpfen könnten.
„Stellen Sie sich vor, ein Baby überlebt den
Krieg und stirbt danach an Durchfall, weil
es kein sauberes Wasser mehr gibt.“ Wenn
die Kämpfe vorbei seien, sagt er, dann fan-
ge das langsame Sterben erst an.
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Ahmed, Tamara
Brief aus Gaza
„Dieses Mal fallen die Bomben überallhin“
Das Ehepaar Ahmed, 16, und Tamara, 15, lebt mit Ahmeds Familie im Norden von
Gaza-Stadt, in Beit Lahija. Im Juni veröffentlichte der SPIEGEL Briefe des Paares
und erzählte seine Geschichte (Nr. 24/2014). Wie sie den Gaza-Krieg erleben, haben
die beiden aufgeschrieben und den Text mit der Hilfe einer palästinensischen
Journalistin an die Redaktion übermittelt.
Ahmed: „Wir haben unser Haus wieder
verlassen. Wir sind wieder in der Schule
von Dschabalija, da waren wir auch das
letzte Mal. Wir hören immer Bomben. Es
sind mehr Bomben, als wir das kennen,
und dieses Mal fallen sie überallhin,
nicht nur an eine Stelle. Wir sind zusam-
men, noch ist uns nichts passiert, aber
wir fühlen uns nicht sicher, obwohl wir
in der Schule sind. Und meine Mutter ist
an der Hand verletzt von einer Rakete.
Meine Schwestern weinen die ganze Zeit.
Nachts schlafen wir nicht wegen der
Explosionen. Tagsüber sind die Männer
draußen, auf dem Schulhof. Tamara und
die anderen Frauen bleiben in den
Klassenräumen, das ist sicherer. Ich habe
eigentlich immer Hunger. Wir haben
nicht genügend Wasser zum Trinken,
und wir können nicht duschen.“
Tamara: „Wir sind gesund, aber was
sollen wir machen? Sie wollen uns töten.
Fast alle unsere Nachbarn sind mit in die
Schule gekommen. Zwar habe ich noch
keine israelischen Soldaten gesehen,
aber ich höre sie, ihre Bomben. Ich habe
immer Angst. Am Tag koche ich für die
anderen in der Schule und mache sauber,
zusammen mit der Frau von Ahmeds
Bruder. Das lenkt mich ab. Ich bin auch
immer noch nicht schwanger, aber ich
wäre es so gern. Ich weiß nicht genau,
wie es Ahmed oder den anderen geht.
Wir reden hier nicht viel, meistens
flüstern wir nur. Wir wollen überleben.“
Lesen Sie weiter zum Thema
Seite 125 Der Schriftsteller Meir Shalev
über Mitgefühl und Hass in Israel
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as Schlimmste am Paradies ist die
teuflische Kälte. Olga Arzu hat die
Arme vor der Brust verschränkt,
sie reibt sich die Haut mit den Händen.
Sie zittert. Sie hatte sich gefreut auf die
Ankunft im neuen Leben, das ein besseres
sein sollte. Aber jetzt ist da nur die Kälte
der Klimaanlagen. Und die Kälte des Sys-
tems. Willkommen im kalten Paradies.
Arzus Sohn Daylan umklammert ihr
Bein, er trägt einen Kapuzenpulli, auch er
zittert. In ihrer Heimat, der hondurani-
schen Hafenstadt La Ceiba, mag ihr Leben
mühsam und bedroht gewesen sein. Aber
wenigstens gab es keine Klimaanlagen.
Vor drei Tagen sind Olga Arzu, 28, und
Daylan, 4, auf einem Floß über den Rio
Grande in die USA getrieben – am Ende
einer Reise durch Mittelamerika und Me-
xiko, 20 oder 30 Tage lang, so genau weiß
sie das nicht mehr. Irgendwann hat sie das
Gespür verloren für hell und dunkel, für
Tage und Wochen. Am anderen Ufer liefen
sie US-Grenzbeamten in die Arme. Man
sperrte sie in eine kleine Zelle, zusammen
mit Dutzenden anderen Frauen und Kin-
dern, drei Tage lang, ohne Bett, ohne Ma -
tratze, ohne Decke oder Handtuch. Am
Körper die Kleider der langen Flucht.
Einmal fragte Olga einen Polizisten, ob
man die Klimaanlage ein wenig wärmer
schalten könne. Dann würde es auch in ih-
ren Büros wärmer, antwortete der Polizist.
Und das hätten die Kollegen nicht so gern.
Sie schliefen auf dem Steinboden und
dachten, sie würden sterben. An der Kälte
der Klimaanlage oder der Kühle des Grenz-
regimes. „Mama, lass uns weggehen von
hier“, sagte Daylan. Er weinte die ganzen
drei Tage lang. Bis sie entlassen wurden.
Das ist nun zwei Stunden her.
„Gebt mir eure Müden, eure Armen,
eure geknechteten Massen, die frei zu at-
men begehren“, so steht es auf dem Sockel
der Freiheitsstatue. Das Gedicht von
Emma Lazarus beschreibt den Gründungs-
mythos der USA, die Idee eines Landes,
das es ohne seine Einwanderer nicht gäbe.
Es sieht nicht so aus, als sei der Satz von
Emma Lazarus noch aktuell.
Das Problem sind nicht die illegalen Ein-
wanderer an sich – die Zahl der an der
Grenze Aufgegriffenen war zuletzt so nied-
rig wie lange nicht. Doch nie zuvor kamen
so viele Kinder und Jugendliche in die
USA, allein 60000 überquerten die Grenze
seit vergangenem Oktober ohne Beglei-
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Im kalten Paradies
Flüchtlinge Zehntausende Kinder und Jugendliche fliehen aus Mittelamerika in die Vereinigten
Staaten, aus Angst vor Gewalt. Sie kommen mit ihren Müttern oder allein – und treffen
auf ein überfordertes, verunsichertes Amerika. Von Markus Feldenkirchen und Jens Glüsing
Ausland
tung eines Erwachsenen. Die meisten aber
reisen wie Daylan mit ihrer Mutter. Sie
kommen aus Mexiko, vor allem aber aus
Honduras, El Salvador und Guatemala, aus
Ländern, in denen der Staat die Kontrolle
an brutale Gangs verloren hat.
Diese Kinderwanderung aus Mittelame-
rika scheint die Vereinigten Staaten zu
überfordern. Es gibt zu wenig Personal,
um den Ansturm an der Grenze zu stop-
pen, zu wenige Einrichtungen, um sie zu
versorgen. Was aber vor allem fehlt, ist
eine Antwort auf die Frage, ob die USA
noch immer Einwanderungsland sein wol-
len. Oder ob sie längst zum Abschiebungs-
land geworden sind.
Der Streit beginnt beim Namen: Handelt
es sich bei den Menschen um Im mi granten
oder Flüchtlinge? Immigranten, sagen die
Republikaner. Sie wollen das Problem lö-
sen, indem sie die Grenze undurchdring-
lich machen: mehr Polizisten, höhere Zäu-
ne; und wer trotzdem durchschlüpft, soll
gleich wieder abgeschoben werden.
Die Republikaner werfen Präsident Ba-
rack Obama vor, den Anreiz für die Flucht
erhöht zu haben. Tatsächlich weist ein Ge-
setz aus seiner Amtszeit an, Kinderflücht-
linge weniger streng zu behandeln – und
sie, wenn möglich, mit ihrer Familie im
Land zusammenzuführen. Schlepperban-
den griffen das auf und verbreiteten das
Gerücht, die USA würden die Kinder Mit-
telamerikas willkommen heißen.
Der Präsident geisterte lange wie ein
Unbeteiligter durch die Krise. Seine Regie-
rung wirkt überrascht von dem Andrang,
obwohl es in der Vergangenheit genügend
Hinweise gab, dass die Lage eskalieren
werde. Sinnbild für Obamas Umgang da-
mit war seine Texas-Reise vor zwei Wo-
chen, bei der er zwar an Spendengalas teil-
nahm, aber einen Bogen um die Grenz -
region machte. Erst langsam scheint er zu
merken, dass die Krise ein größeres Enga-
gement erfordert.
„Ich danke Gott, dass es vorbei ist“, sagt
Olga Arzu über die Tage im Gefängnis.
Sie steht in der Turnhalle der Sacred- Heart-
Kirche von McAllen, Texas, nahe der Gren-
ze zu Mexiko und hält sich Hosen zur An-
probe vor den Bauch. Freiwillige Helfer
haben spontan ein Lager errichtet, in dem
sich Mütter und Kinder von Flucht und
Gefängnis erholen können. Sie haben alte
Kleidung gesammelt, Zelte auf dem Park-
platz errichtet, Duschen aufgestellt. Stän-
dig kommen neue Mütter mit ihren Kin-
dern, an manchen Tagen sind es mehr als
200 Menschen.
Ende der Anprobe. Olga entscheidet
sich für eine schlabbrige Stoffhose, dazu
eine pinkfarbene Bluse und eine hellblaue
Cordjacke. Sie nimmt an einem der Tische
neben den Kleiderbergen Platz.
Was also sucht sie in den USA? Ohne
eigene Kleider? Ohne ihre Familie, ohne
ihren Mann David, den Vater von Daylan?
Wo sie herkomme, sagt Arzu, wüte die
Armut. Es gebe zwar auch Reiche, die kor-
rupten Politiker, die Geschäftsleute und
die Bosse der Gangs, aber die meisten sei-
en arm wie sie. Und für arme Leute sei
das Leben in Honduras teuer. Einen Job
konnte sie nicht finden. Ihre Eltern sind
an Aids gestorben. Das Schlimmste aber
sei die Gewalt. Früher hätten die Gangs
nur die Reichen bedroht, heute bedrohten
sie auch die Armen. Sie sagten ihr: „Wenn
du uns keine Kriegssteuer bezahlst, töten
wir deinen Bruder und deine Nichte.“ Ei-
nes Tages, fürchtete Arzu, würden sie auch
ihren Sohn umbringen.
Daylan ist auf den Schoß seiner Mutter
geklettert. Die Kirchenfrauen reichen ihm
ein Malbuch mit Elmo, dem Monster aus
der Sesamstraße. Daylan lacht. Es ist sein
erstes Lachen seit vielen Tagen.
2500 Kilometer südlich von Texas sitzt
ein Mann im Trikot der honduranischen
Nationalmannschaft und sagt, dass er seine
Frau und seinen Sohn vermisse. Seine Au-
gen sind schmal, sein Blick wirkt traurig
und leer. Vor sechs Jahren hätten Olga und
er geheiratet, erzählt David Palacios in ei-
nem kleinen Internetcafé der Hafenstadt
La Ceiba. „Seit sie in den USA ist, haben
wir keinen Kontakt mehr.“
Er wäre seiner Frau gern gefolgt, aber
ihm fehlte das Geld. Ein Schlepper, der
ihn in die USA bringen könne, verlange
7000 Dollar. David Palacios arbeitet in ei-
nem Sägewerk am Stadtrand, zwölf Stun-
den am Tag, für zehn Dollar Lohn. Für
Frauen und Kinder ist die Reise billiger.
Olga Arzu zahlte 3600 Dollar an ihren
„Coyoten“, wie die Schlepper heißen. Ei-
nen Teil des Geldes lieh ihr eine Schwester,
die schon vor Jahren in die USA geflohen
war, den Rest erhielt sie von einem Ver-
mittler. Sie muss es zurückzahlen, sobald
sie in Amerika Arbeit gefunden hat.
„Wenn nicht, wird der Coyote das Geld
bei uns eintreiben“, sagt ihr Mann.
David Palacios redet langsam, er wirkt
eingeschüchtert, als hätte er Angst vor un-
sichtbaren Mächten. Das Internetcafé, in
dem er sitzt, wird von den Schwestern sei-
ner Frau geführt, es liegt in Colonia Mira-
mar, einem der Viertel, in denen der Staat
vor den Gangs kapituliert hat.
Olga Arzus Schwester Carla Isabel, 25,
zeigt mit dem Finger aus dem Fenster, es
folgt eine kleine Geschichte des Viertels,
die eine Geschichte der Gewalt ist. Den
Jungen mit dem neuen Samsung-Handy
knallten sie drüben an der Ecke ab, weil er
es nicht hergeben wollte. Mehrere Kugeln
durchlöcherten sein Gesicht. Die Alte vom
Kiosk in der Straße nebenan wurde ermor-
det, weil sie kein Schutzgeld zahlen wollte.
Die zehnjährige Enkelin des Schnapsladen-
besitzers musste sterben, weil ihr Großva-
ter die „Kriegssteuer“ nicht abgeführt hatte.
„Wir haben Angst, dass wir die Nächsten
sind“, sagt Carla Isabel Arzu. Deshalb ver-
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Flüchtlinge Arzu, Daylan
„Lass uns weggehen“
Festgenommene an der
mexikanisch-texanischen Grenze
Ausland
zichtet sie auf Werbung für ihr Internet -
café, nur ein kleines Schild weist auf den
Laden hin. „Wir wollen nicht auffallen“,
sagt sie. „Die Mareros können jeden Tag
hier aufkreuzen.“
Mareros heißen die Mitglieder der Ma-
ras, der gefürchteten Jugendgangs des Lan-
des. Sie entstanden Anfang der Neunzi-
gerjahre in den Gettos von Los Angeles
und Chicago. Als dort die Gewalt eskalier-
te, schoben die USA die Gangmitglieder
ab, nach El Salvador, von da aus eroberten
sie Mittelamerika. Heute beherrschen sie
die Gefängnisse und kontrollieren den Dro-
genhandel, seit einigen Jahren machen sie
ihr Geld auch mit Erpressung.
Carla Isabel Arzu lebt mit drei Geschwis-
tern und ihrem Schwager David Palacios
im Haus neben dem Internetcafé, bis zu ih-
rer Flucht wohnten auch Olga und Daylan
hier. Die Arzus sind in der Colonia Mira-
mar aufgewachsen; sie gehören zur afro-
honduranischen Minderheit, daher finden
sie noch schwerer einen Job. Früher war
die Colonia Miramar keine schlechte Adres-
se. La Ceiba lebte vom Export der Bananen
und Ananas, die der US-Konzern Dole im
Hinterland anbaut. Der verfallene Palast
der Zollbehörde und der prachtvolle Haupt-
platz erinnern an diese Zeit. Heute stehen
viele Häuser zum Verkauf oder verfallen,
ihre Bewohner sind in die USA geflüchtet.
Abwasser stinkt in Pfützen und Gräben.
Vor den Fenstern der Häuser sind Gitter,
auf den Mauern liegt Stacheldraht. Selbst
die katholische Kirche ist mit Brettern ver-
rammelt. Aus Furcht vor den Gangstern.
„Viele sehen auf den ersten Blick aus
wie normale Jugendliche“, sagt Carla Isa-
bel Arzu. Früher erkannte man die Mare-
ros an ihren Tätowierungen, mittlerweile
lassen sich die Gangster die Erkennungs-
zeichen auf die Innenseite der Unterlippe
brennen. In der Colonia Miramar operie-
ren sie von einem Gelände aus, auf das
sich selbst die Polizei nicht mehr wagt.
„Die Mareros sind besser bewaffnet“, sagt
Carla Isabel Arzu.
Die Rauschgiftkartelle rüsten die Maras
mit modernen Pistolen und Gewehren aus.
Das Kokain kommt mit Schnellbooten aus
Kolumbien und Venezuela, in Honduras
schmuggeln oft 13-jährige Drogenkuriere
den Stoff über die Grenzen. Das Land ist
die wichtigste Drehscheibe für den Kokain-
handel auf dem Kontinent. Seit dem
Putsch gegen den linkspopulistischen Prä-
sidenten Manuel Zelaya vor fünf Jahren
habe sich die Situation drastisch ver-
schlechtert, sagt Carla Isabel Arzu. Die
Stadt San Pedro Sula, drei Autostunden
von La Ceiba entfernt, hat die weltweit
höchste Mordrate. Jeden Tag sterben mehr
Menschen als in so manchem Krieg, 2013
gab es 1400 Morde.
Wenn es dunkel wird in Colonia Miramar,
sind die Straßen wie ausgestorben, die
Rushhour der Gewalt beginnt. Dann verbar-
rikadiert sich Familie Arzu im Haus, gerade
hat sie ein neues Gitter vor die Tür setzen
lassen. Aber die Schüsse, die nachts durch
die Straßen peitschen, hören sie trotzdem.
„Wenn ich genügend Geld zusammen-
habe, gehe ich auch“, sagt Carla Isabel
Arzu. Der jüngste Bruder Henry, 22,
träumt ebenfalls von der Flucht in die USA:
„Hier haben wir keine Zukunft.“
Doch ob ihre Schwester Olga eine Zu-
kunft in den USA haben wird, ist ungewiss.
Am Tag nach ihrer Entlassung stehen Olga
Arzu und der kleine Daylan zwischen Dut-
zenden Landsleuten am Busbahnhof von
McAllen. In der Hand hält sie eine Bus-
fahrkarte nach New York, wo eine weitere
Schwester lebt. Ausgestellt hat das Ticket
die Einwanderungsbehörde. Wer wie Olga
nachweisen kann, dass er Verwandte hat,
die in den USA leben, darf vorerst bei ih-
nen wohnen. Die Behörden sind überfor-
dert damit, sich um all die Flüchtlinge zu
kümmern und sie unterzubringen.
Das Tal des Rio Grande im Süden von
Texas ist dieser Tage im Ausnahmezustand.
In den Anzaluas-Park, vier Meilen von
McAllen entfernt, kamen die Amerikaner
bislang, um seltene Vögel zu beobachten.
Es gibt Spielplätze, Grillplätze, Picknick-
wiesen, doch die einzigen Besucher sind
Grenzpolizisten. Über ihnen kreisen Hub-
schrauber. Wo früher der American Way
of Life zelebriert wurde, sieht man nun
den American Way of Angst.
Hier in der Nähe ist auch Olga Arzu mit
Daylan auf dem Floß über die Grenze ge-
langt und wenige Tage vor ihnen ein Mäd-
chen aus ihrer Nachbarschaft in La Ceiba.
Die 14-jährige Jacqueline Ramírez lebte in
einer der Hütten am Strand, sie teilte sich
ein Zimmer mit fünf Geschwistern. Wie
Olga hat auch sie keine Eltern mehr, die
sind vor Jahren an Diabetes gestorben. Ei-
nes Tages lauerte dem Mädchen ein Mare-
ro auf, er hielt ihm eine Pistole an die Stirn
und forderte Geld. „Sie bringen jeden um,
der sich weigert“, sagt Jacqueline Ramírez.
Sie gab ihm, was sie hatte. Es war wenig,
doch für sie war es viel.
Danach fasste sie den Entschluss zu
flüchten, ohne Schlepper, ganz allein.
Nicht mal ihre Schwestern weihte sie ein.
Als sie am 5. Mai ihren Rucksack packte,
träumte sie von einem Job. „Putzfrau, Wä-
scherin, ich würde alles machen.“ Eine
Freundin hatte ihr vom Leben in Amerika
vorgeschwärmt.
Sie nahm den Bus nach San Pedro Sula,
von dort fuhr sie nach Guatemala, dann
weiter als blinde Passagierin auf einer Fäh-
re nach Mexiko. Dort kletterte sie auf ei-
nen Frachtzug Richtung Norden und klam-
merte sich auf dem Dach fest. Sie wurde
von der Polizei festgenommen, freigelas-
sen, wartete, fuhr weiter mit dem Zug bis
an die Grenze zu Texas. „Überall auf den
Waggons saßen Kinder und Jugendliche
aus Honduras. Wir haben uns gegenseitig
geholfen.“
Als sie kurz vor dem Paradies vom Zug
kletterte, blickte sie in die Mündung einer
Waffe. Die Kidnapper sperrten sie und an-
dere Kinder in ein Lagerhaus, verprügelten
84 DER SPIEGEL 31 / 2014
Kinder auf der Flucht
An der US-Grenze aufgegriffene Minderjährige
ohne Begleitung, nach Heimatland,
2009 bis 2014
*
* Fiskaljahre: 1. Okt. – 30. Sept.; 2014 bis 30. Juni
Quelle: U. S. Customs and Border Protection
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16546
Honduras El Salvador Guatemala
Arzu-Schwester Carla Isabel
„Wir haben Angst“
sie und verlangten nach Telefonnummern
von Verwandten in den USA, um von de-
nen Lösegeld zu erpressen. Aber Jacque -
line hatte keine Nummer dabei, sie kennt
niemanden in den Vereinigten Staaten. Das
war ihr Glück, man ließ sie gehen. „Viele
Mädchen wurden vergewaltigt“, sagt sie.
Bevor sie den Rio Grande überquerte,
warf Jacqueline ihren Rucksack fort. Das
Wasser reichte ihr bis zum Hals. Dann war
sie drüben, wie all die anderen Kinder und
Jugendlichen, die seit vergangenem Okto-
ber allein die Grenze überquert haben. Sie
sind es vor allem, die das routinierte Ein-
wanderungssystem der USA in diesen Wo-
chen hilflos erscheinen lassen. Überall im
Land protestieren Bürger gegen die Errich-
tung von Auffanglagern in ihrer Nachbar-
schaft. Verzweifelt suchen die Behörden
nach Betreuern, um den Zustrom zu be-
wältigen. Denn anders als Kinder, die wie
Daylan mit ihrer Mutter flüchten, dürfen
die Unbegleiteten nicht aus der Betreuung
des Staates entlassen werden.
Im Industriegebiet von McAllen wurde
gerade ein weiteres Lager für tausend Kin-
der und Jugendliche eröffnet. Ihr neues
Zuhause ist eine verlassene Lagerhalle.
Die Grenzpolizei hat einen Sichtschutz
und Drahtzäune um das Gelände errichtet,
Dutzende Streifenwagen sichern den Ein-
gang und die angrenzenden Straßen. Es
sieht aus, als bewachten sie einen Todes-
trakt. Die ersten Bilder, die heimlich ins
Internet gelangten, erinnern an die Zustän-
de in afrikanischen Flüchtlingslagern. In
der Nachbarschaft stehen Verkehrsschilder
mit der Aufschrift: „We love our children.
Please slow down“.
Zwei Wochen verbrachte Jacqueline Ra-
mírez in einem solchen Lager. Nun war es
ihr Pech, dass sie keine Verwandten in den
USA hatte. Denn wer zu seiner Familie
reist, wird selten deportiert. Jacqueline
aber war allein, man schob sie ab in ein
Lager in Mexiko. 20 Tage war sie dort, sie
weinte viel. Dann fesselte man sie an Hän-
den und Füßen und setzte sie in einen Rei-
sebus zurück nach Honduras.
Kurz nach der Ankunft in San Pedro
Sula sitzt sie in der Nähe des Busbahnhofs
in einem Imbiss und erzählt ihre Geschich-
te. Plötzlich wird ihr schlecht. Der Ham-
burger. Es ist ihr peinlich, sie entschuldigt
sich. Seit drei Wochen lebe sie von Müll
und Dreck. Etwas anderes sei ihr Magen
wohl nicht mehr gewohnt.
Am Busbahnhof von McAllen warten
Olga Arzu und Daylan noch immer auf
die Abfahrt Richtung Bronx. Es ist offen,
wo ihre Odyssee durch Amerika enden
wird und ob und wo sie ihren Mann David
eines Tages wiedersehen wird.
Binnen zweier Wochen muss sie vor ei-
nem Einwanderungsgericht in New York
erscheinen und Gründe für einen Aufent-
halt in den USA vorbringen. Versäumt
sie dies, können sie und ihr Sohn ausge-
wiesen werden. Wenn sie aber den Regeln
folgt, wenn sie hingeht, wird sie den Rich-
ter überzeugen müssen, dass sie und ihr
Sohn Anspruch auf Asyl haben. Doch die
Gewalt von Gangs ist als Asylgrund bis-
lang nicht vorgesehen. Und einen Anwalt
wird Olga Arzu vermutlich auch nicht ha-
ben. Die meisten Flüchtlinge müssen sich
allein vor dem Richter verteidigen – und
scheitern.
In Olgas Gepäck steckt ein Lunchpaket
für die fast 24-stündige Reise, das Schwes-
ter Norma von der Sacred-Heart-Kirche
organisiert hat. Die alte Dame hat schon
viele Flüchtlinge durch ihre Kleinstadt zie-
hen sehen. Früher seien die Menschen vor
der staatlichen Gewalt oder wegen der
wirtschaftlichen Lage geflohen. Diesmal,
sagt sie, sei alles anders. Diesmal gehe es
um die Gewalt der Gangs. Und es kämen
mehr Kinder als je zuvor. Mit ihren Müt-
tern. Oder ganz allein.
„Die Gerichte müssen das Asylrecht end-
lich neu definieren“, sagt Schwester Nor-
ma. Und dann müsse ihre Regierung sich
endlich mit den Verantwortlichen in den
Herkunftsländern zusammensetzen. Man
brauche eine gemeinsame, eine große
Lösung. „Wir sind doch alle Amerikaner!
In ganz Amerika müssen die Menschen si-
cher leben können. Nicht nur in den USA“,
sagt die Nonne. „Und wenn wir uns sicher
fühlen, können wir alle zu Hause bleiben.“
Es ist ein einfacher, wahrer Satz. I
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Arzu-Ehemann Palacios bei der Arbeit in La Ceiba: „Seit Olga in den USA ist, haben wir keinen Kontakt mehr“
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iguel Sanz Alcántara sagt, er habe kein Heimweh.
Doch in der Kneipe in Kreuzberg mit den andalusi-
schen Kacheln und Plakaten fühlt er sich wie zu Hause.
Das Dekor erinnert ihn an Jerez de la Frontera, seinen Ge-
burtsort – berühmt für Sherry und Flamenco, aber auch dafür,
dass viele junge Menschen dort keinen festen Job haben.
Auch Miguel Sanz hat seinen verloren, im Jahr 2011, er
leitete als Umwelttechniker fünf Jahre lang ökologische Pro-
jekte. Dann brach die Baubranche ein, sein Arbeitgeber musste
Personal entlassen. Danach zog Sanz mit seiner deutschen
Freundin zunächst nach London und vor einem Jahr nach Ber-
lin, wie viele junge Spanier. Die deutsche Hauptstadt ist für
sie zum Sehnsuchtsziel geworden, seit die Finanz- und Wirt-
schaftskrise in Südeuropa die Hoffnung einer ganzen Genera-
tion zerstört hat, in ihrer Heimat Karriere machen zu können.
Berlin ist jung, es ist international und bekannt für niedrige
Lebenshaltungskosten. Dorthin kamen seit 2012 mehr als 6000
Spanier; Ende 2013 waren hier insgesamt 13231 Spanier ge-
meldet. Und mit den Arbeitsuchenden hält nun auch der Ar-
beitskampf Einzug. Sanz, der sich schon in seiner Heimat ge-
werkschaftlich engagiert hat, will mit seiner Erfahrung den
Landsleuten und anderen Einwanderern helfen – daher hat er
eine „Gewerkschaftliche Aktionsgruppe“ gegründet.
Sanz ist 34 Jahre alt, ein blasser, schlanker Mann mit Brille.
Er hat in Berlin schon vieles gemacht, um Geld zu verdienen:
Er hat in Restaurants zwölf Stunden am Tag Teller gewaschen,
Pizza gebacken und in Bars gekellnert. Im Moment hält er sich
mit einem Minijob als Grafiker, mit dem er alle zwei Monate
500 Euro verdient, über Wasser, außerdem bekommt er Hartz
IV. Er sagt, das habe er sich anders vorgestellt.
Als er in den Norden aufbrach, hatte er bereits die Idee, in
Berlin „eine Gewerkschaft für uns erzwungene Emigranten
aufzuziehen“, erzählt er. Sanz ist erfahren im Arbeitskampf.
Seine Eltern standen während der Franco-Diktatur der ver -
botenen Kommunistischen Partei nahe. Er ist Mitglied einer
kleinen Gewerkschaft, die aus der andalusischen Landarbeiter -
bewegung hervorgegangen ist. Für sie koordinierte er die
Ortsgruppe in Sevilla. Vor zwei Jahren hat er dort auch die
Protestmärsche gegen die Sparpolitik der Regierung mitorga-
nisiert, die mit Besetzungen von Fincas und Banken weltweit
Aufsehen erregten.
Nun hilft er den Neuankömmlingen in Berlin: Es sind viele
Spanier, aber auch Griechen, Portugiesen oder Italiener, die
mit großen Erwartungen angekommen sind, aber schnell mer-
ken müssen, dass einige Arbeitgeber versuchen, sie auszunut-
zen. Sanz und seine freiwilligen Mitarbeiter beraten, wie man
eine Wohngemeinschaft findet, sie erklären, was die Schufa
ist und wo man Wohngeld und Unterhaltszuschüsse beantragen
kann. Und er ermutigt die Einwanderer, sich gemeinsam gegen
allzu dreiste Arbeitgeber zu wehren.
Denn im vermeintlichen Jobparadies Deutschland werden
Ausländer oft diskriminiert. Da hat etwa ein spanischer Koch
einen Vertrag über 22 Wochenstunden unterschrieben, muss
aber doppelt so lange am Herd stehen. Da wurde ein Zimmer-
mädchen entlassen unter dem Vorwand, Schuhe eines Gastes
weggeworfen zu haben – und soll dafür obendrein noch Scha-
densersatz leisten. In einem Bürohaus im Osten Berlins hört
sich ein deutsch-spanischer Anwalt an einem Nachmittag pro
Woche solche Fälle an. Er hilft dem Koch, Überstunden einzu-
klagen, und übernimmt die Vertretung des Zimmermädchens.
Sanz kann von vielen Fällen erzählen: von spanischen Pfle-
gekräften, die in ihrer Heimat mit großen Versprechungen
angeworben wurden – und in Deutschland in Zwölf-Stunden-
Schichten, mindestens eine Woche am Stück, Schwerkranke
betreuen sollen. Dazu müssen sie oft putzen, Kinder hüten
oder den Hund ausführen. Obwohl das nicht ihrer Hochschul-
ausbildung entspricht. Dafür bekommen sie 9,50 Euro Stun-
denlohn, während Deutsche bis zu 15 Euro verdienen. Wer
vor Ablauf der vertraglich festgelegten zwei Jahre abbrechen
will, muss bis zu 6600 Euro zahlen. Angeblich für einen sechs-
monatigen Sprachkurs. Der Deutschunterricht aber sei bis
Jahres beginn vom Europäischen Sozialfonds finanziert worden,
erzählt Sanz. Er hat jetzt seine deutschen Kollegen von der
Gewerkschaft Ver.di eingeschaltet.
Miguel Sanz ist stolz auf das, was seine Minigewerkschaft in
den ersten fünf Monaten erreicht hat. In vier Unternehmen
„haben wir den Arbeitskonflikt eröffnet“, sagt er, in zwei wei-
teren Betrieben seien jeweils 50 ausländische Arbeiter ebenfalls
dabei, sich zu organisieren.
Es fällt ihm nicht schwer, Gleichgesinnte zu finden unter
den jungen Spaniern in Berlin. Sie haben in die neue Heimat
ihre Empörung und ihren Kampfgeist mitgebracht: „Los Indi-
gnados“, die Empörten, hatten sich seit Mai 2011 in Massen -
demonstrationen gegen die Kürzungen von Sozialleistungen
erhoben. Viele junge Arbeitslose haben so einen Sinn für
Solidarität entwickelt. „Politisches Erdbeben“ nennt das Sanz.
Ein klein wenig erschüttert es nun vielleicht auch Berlin.
Er will nicht undankbar erscheinen, vor allem angesichts von
fast zwei Millionen Familien ohne jedes Einkommen in Spanien,
deshalb betont er: „Wir fühlen uns im Großen und Ganzen gut
aufgenommen.“ Aber man könne sich nicht alles gefallen lassen.
Schließlich schadeten sich die Deutschen selbst. Wenn verzwei-
felte Zuwanderer bereit seien, sich zu Dumping löhnen zu ver-
dingen, würden sich in der Folge die Bedingungen für die Ein-
heimischen ebenfalls verschlechtern. Vielleicht hat seine Ge-
werkschaft bald auch deutsche Mitglieder. Helene Zuber
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Ausland
Die Empörten
Global Village Warum ein Spanier in Berlin
eine Gewerkschaft gegründet hat
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Gewerkschaftsgründer Sanz
„Politisches Erdbeben“
Klettern
Kreative
Geckos
Bouldern war früher bloß
eine Trainingsform für Sport-
kletterer. Inzwischen hat sich
daraus eine eigene Disziplin
entwickelt, die Hobby- und
Leistungssportler anzieht.
Bouldern ist Klettern an gro-
ßen Felsblöcken oder künst -
lichen Wänden, an denen
Griffe und Tritte aus Kunst-
harz angebracht sind. Ge -
klettert wird ohne Seil und
Sicherung, die Wand ist
rund fünf Meter hoch, wer
abstürzt, landet auf einer
Weichbodenmatte. Das Ver-
letzungsrisiko ist gering,
deswegen eignet sich Boul-
dern auch für Freizeitsport-
ler. Es gilt als Alternative
zum Fitnessstudio, weil der
ganze Körper beansprucht
wird. Vor rund zehn Jahren
entstanden in Deutschland
die ersten Boulder-Hallen,
mittlerweile gibt es davon
mehr als 50. Im bayerischen
Beilngries wird in einer ehe-
maligen Brauerei geklettert,
in Weiden in der Oberpfalz
in einem alten Gewächshaus.
Der Deutsche Alpenverein
geht von rund 200000 Boul-
derern hierzulande aus. Die
Besten treten in spektakulä-
ren Wettkämpfen an. Dabei
bewegen sie sich wie Geckos
an der Wand, halten sich mit
einem Finger an Überhängen
fest oder überwinden schwie-
rige Abschnitte mit einem
Sprung. Ende August findet
in München die Weltmeister-
schaft statt, über 200 Klette-
rer aus 35 Ländern werden
starten. Favorit ist der Köl-
ner Jan Hojer, 22, der kürz-
lich den Weltcup gewann.
„Beim Bouldern geht es nicht
nur um Maximalkraft, son-
dern auch darum, für ein
Problem die richtige Lösung
zu finden, kreativ zu sein“,
sagt Hojer. Für Profis wie ihn
ist Bouldern die Quintessenz
des Kletterns: Es gibt keinen
Steinschlag, keinen Wetter-
umschwung, die Bewegung
steht im Mittelpunkt. Hojer
nennt es „die Reduk tion aufs
Wesentliche“. le
Enke hat noch wenige Tage
vor seinem Selbstmord eine
Weltklasseleistung gegen den
Hamburger SV gezeigt.
SPIEGEL: Hat sich seit Enkes
Tod etwas verändert?
Markser: Nach der anfängli-
chen allgemeinen Betroffen-
heit und Trauer wenig. Das
ist ein langfristiger Prozess.
SPIEGEL: Was wäre nötig?
Markser: Wir brauchen eine
medizinische Erweiterung,
neben Sportmedizinern,
Sportpsychologen und Phy-
siotherapeuten auch gut aus-
gebildete Sportpsychiater.
Über 60 Prozent der Men-
schen mit Depressionen kla-
gen zunächst über körper -
liche Probleme wie Rücken-
oder Kopfschmerzen. Im
Leistungssport ist das noch
ausgeprägter. Sportpsychiater
können diese Frühsymptome
am ehesten erkennen. rab
SPIEGEL: Der ehemalige FC-
St.-Pauli-Profi Andreas Bier-
mann hat sich am 18. Juli mit
33 Jahren das Leben genom-
men. 2009 hatte er publik ge-
macht, unter Depressionen
zu leiden. Sie betreuen viele
depressive Spitzensportler:
Haben Sie je einem empfoh-
len, sich öffentlich zu seiner
Krankheit zu bekennen?
Markser: Niemandem. Und
das werde ich auch weiterhin
nicht tun.
SPIEGEL: Warum?
Markser: Psychische Krank-
heiten werden in der Ge -
sellschaft nach wie vor stig-
matisiert. Jeder, der seine
psychischen Belastungen prä-
ventiv zu behandeln ver-
sucht, gilt unweigerlich als
Problempatient. Eine solche
Klassifizierung führt dazu,
dass es kaum möglich ist,
eine private Berufsunfähig-
Psyche
„Das ist verheerend“
Der Kölner Facharzt für Psycho-
therapie Valentin Markser, 61,
bis zu dessen Tod Betreuer von
Fußballtorwart Robert Enke,
über den Umgang des Leistungs-
sports mit depressiven Athleten
keits- oder Lebensversiche-
rung abzuschließen. Für den
Patienten heißt das: Durch
Vorsorge droht mir ein wirt-
schaftlicher Schaden. Das ist
verheerend.
SPIEGEL: Biermann sagte, er
habe keinen Profivertrag
mehr bekommen, nachdem
er seine Krankheit publik ge-
macht hatte. Grenzt der Spit-
zensport Athleten mit psy-
chischen Erkrankungen aus?
Markser: Natürlich. Das wird
auch so lange passieren, wie
wir diese Erkrankungen
nicht anerkennen. Ein Spit-
zensportler wird außerdem
häufig über seine mentalen
Stärken definiert, obwohl
das gefährlich ist. Ich kenne
viele Sportler, die am Wett-
kampftag ihre Leistungen re-
gelmäßig abrufen und sich
trotzdem seit Jahren in Be-
handlung befinden. Robert
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Sport
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Boulder-Profi Hojer
D
er Ort, von dem aus die Bayern die
Neue Welt erobern möchten, ist
120 Quadratmeter groß und liegt
in einem Wolkenkratzer in der Lexington
Avenue in New York City, Midtown Man-
hattan. Das Büro befindet sich im 21. Stock-
werk, direkt unter der US-Vertretung der
BayernLB. Vier Angestellte arbeiten für
den Fußballklub in Übersee, die Büro -
möbel sind in Rot und Weiß gehalten.
Rudolf Vidal, 43, ist der Managing Di-
rector, er sitzt hinter einem massiven
Schreibtisch und blickt auf seinen Com-
puterbildschirm. An diesem Morgen ist die
neue Internetpräsenz des Klubs online
gegangen, eine englischsprachige Bayern-
Website, „mit Content, der auf die Bay-
ern-Fans in den USA zugeschnitten ist“,
sagt Vidal, „das ist einzigartig“.
Auf der Seite liest man ein Porträt des
Bayern-Profis Julian Green, der für das
amerikanische Nationalteam spielt. Es gibt
Bilder vom Testspiel der Bayern in
Memmingen und die FC Bayern News
mit einem amerikanischen Moderator, der
die Nachrichten eher schreit als spricht.
„Die Website schlägt voll ein“, sagt Vidal,
„in der ersten Stunde wurde sie in den
sozialen Medien über tausendmal emp-
fohlen.“
Vidal wurde in Colorado geboren, hat
aber auch einen deutschen Pass. Er war
Torwart in der Bayern-Jugend, später ar-
beitete er als Manager für Puma und die
Deutsche Telekom. Seit April leitet er das
Bayern-Büro in New York.
Er sei seitdem nie allein essen gewesen,
sagt Vidal. Es gehe darum, Kontakte zu
knüpfen, Entscheider zu treffen, auf Kon-
ferenzen zu sprechen, allen davon zu er-
zählen, dass der FC Bayern jetzt in Ame-
rika angekommen sei.
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Rakete auf der Rampe
Fußball In dieser Woche reist die Mannschaft des FC Bayern München in die USA.
Hinter dem Trip steckt der Plan, den Klub zur Weltmarke
aufzubauen. Doch andere europäische Vereine sind schon weiter.
Kabine des FC Bayern im April
Sport
Zum ersten Mal hat ein deutscher Fuß-
ballverein eine Vertretung im Ausland er-
öffnet. Der FC Bayern will einsteigen in
den globalen Wettstreit der großen Ver -
eine um Fans und Trikotverkäufe, um
Sponsoren, Fernsehrechte und Markt -
anteile. Das erste Ziel sind die USA, der
meistumkämpfte Sportmarkt der Welt.
Die Bayern möchten zur großen Nummer
werden in einem Land, in dem Fußball
nicht Football heißt, sondern Soccer;
einem Land, in dem sich Sportfans viel
mehr für Touchdowns und Homeruns
begeistern als für Tore.
Kann das funktionieren? Lässt sich
Amerika vom FC Bayern bekehren?
„Wann, wenn nicht jetzt?“, fragt Vidal
und zieht die Augenbrauen hoch. In
den USA habe sich das Interesse am
Fußball rasant entwickelt. „Barack Obama
hat WM-Spiele in der Air Force One
geschaut, nach dem Finale erstrahlte das
Empire State Building in Schwarz-Rot-
Gold. Wenn ich hier in Sportbars gehe,
dann sitzen dort neuerdings Leute mit
Trikots aus aller Welt, und es läuft Fuß-
ball.“
Auf Vidals Schreibtisch liegt ein Blatt
Papier, das aussieht wie der Stundenplan
eines Grundschülers. Die Felder sind ge-
füllt mit Terminen: Empfänge, Pressekon-
ferenzen, Interviews. Es ist der Ablaufplan
der Mannschaftsreise.
In dieser Woche kommt das Team für
neun Tage in die USA, zwei Freundschafts-
spiele stehen auf dem Programm. Die Bay-
ern werden in New Jersey gegen den
mexikanischen Traditionsklub Deportivo
Guadalajara spielen, später treten sie in
Portland gegen das Allstar-Team der Major
League Soccer (MLS) an. Dieses Spiel wird
in 130 Länder übertragen.
Der FC Bayern gehört zu den florieren-
den Fußballklubs, mit über 430 Millionen
Euro Jahresumsatz hat er kürzlich Man-
chester United überholt. Nur Real Madrid
und der FC Barcelona nehmen noch mehr
ein. Voriges Jahr verkauften die Münchner
schon über eine Million Trikots weltweit,
dennoch ist ihre Sehnsucht nach Wachs-
tum groß.
Der Chef der neuen Marketingoffensive
heißt Jörg Wacker, 46, ein Mann mit run-
dem Gesicht und nach hinten gegeltem
Haar. Früher arbeitete er für einen Sport-
wettenanbieter, seit 2013 ist er Vorstand
für Internationalisierung beim FC Bayern.
Wacker hat sein Büro in der Geschäftsstel-
le an der Säbener Straße in München, er
hat in einem Ledersessel Platz genommen
und sagt: „Nokia!“
Nokia?
Wacker rutscht nach vorn: „Das war mal
der größte Handyhersteller der Welt. Dann
stand er plötzlich vor dem Aus. Sowohl in
der Wirtschaft als auch im Fußball darf
man sich nicht auf seinen Lorbeeren und
Erfolgen ausruhen. Der FCBayern ist zwar
derzeit in einer Top-Position, trotzdem
müssen wir uns weiterentwickeln, wir dür-
fen nicht sagen: Das reicht doch. Sonst lau-
fen wir Gefahr, wirtschaftlich und sportlich
ins Stottern zu geraten. Das kann nicht un-
ser Anspruch sein.“
300 Millionen Sympathisanten habe der
Klub weltweit, sagt Wacker, das habe die
neueste Marktforschung ergeben. „Wir
wollen, dass diese Sympathisanten echte
Bayern-Fans werden. Und wir haben bei
unserer Internationalisierungsstrategie na-
türlich auch monetäre Ziele.“
Was Wacker damit meint: Aus Sympa-
thisanten sollen zunächst Fans werden,
dann Kunden. Nicht nur in den USA, bald
will er ein Büro in China eröffnen, auch
über Südamerika und Russland wird in
München bereits nachgedacht.
Um sein Konzept zu erklären, nimmt
Wacker ein Blatt Papier zur Hand. Er malt
mit einem Stift eine Pyramide auf, unter-
teilt sie in drei horizontale Abschnitte. Die
Basis seiner Pyramide nennt Wacker „das
Grundrauschen“, er möchte die amerika-
nischen Sportfans unter Dauerfeuer setzen,
mit Neuigkeiten, Interviews, Trainingsbil-
dern aus dem Bayern-Kosmos.
Neben der US-Website haben seine
Mitarbeiter eine App entwickelt, es gibt
einen eigenen YouTube-Kanal und einen
US-Online-Store mit über hundert Fan -
artikeln und eigener Logistik, damit die
Lieferung nicht mehr von Deutschland aus
verschickt werden muss.
Der zweite Schritt: Public Viewings bei
allen Bayern-Spielen, Fußballcamps für
Kinder, ein Besuch des Frauenteams. Dann
tippt Wacker mit dem Finger auf die Spitze
seiner Pyramide. Das „Ober-Highlight“,
wie er es nennt, sei der anstehende Trip
der Mannschaft.
Sechs Bayern-Profis haben mit dem Na-
tionalteam die WM in Brasilien gewonnen,
die Partie in Portland wird ihr erster Auf-
tritt danach sein. „Mit dem WM-Titel ist
der FC Bayern so attraktiv wie noch nie
in seiner Geschichte“, sagt Wacker. Mit
den Sponsoren lässt er sich gerade Marke-
tingaktionen einfallen, um Spieler wie Bas-
tian Schweinsteiger und Manuel Neuer in
den USA besonders in Szene zu setzen.
„Die Fans sollen merken: Wir sind für
sie da, wir betreuen sie“, sagt Wacker, und
manchmal schlägt seine Begeisterung in
Hybris um. „Jeder wird ständig mit Push-
up-Nachrichten, E-Mails und Werbung zu-
geschüttet. In der Flut von Informationen
brauchen die Menschen Orientierung, zum
Beispiel durch eine vertraute Marke wie
den FC Bayern. Dann sehen die Leute un-
ser Logo und sagen: Ja, das kenne ich, das
finde ich gut.“
Dass Fußballklubs ihr Geschäft im Aus-
land ankurbeln, ist kein Trend mehr – es
ist Standard. In den Gesamteinnahmen der
Klubs machen Stadiontickets und TV-Rech-
te einen immer kleineren Anteil aus. Das
größte Wachstumspotenzial sehen die Ver-
eine in der Fremde, in noch fußballarmen
Regionen. Wer konkurrenzfähig bleiben
89 DER SPIEGEL 31 / 2014
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Fußballfans in den USA
„Wann, wenn nicht jetzt?“
will, muss nach Omnipräsenz streben,
muss zur Weltmarke werden.
„Die Gehälter für die Profis schießen in
die Höhe. Das setzt Fußballklubs unter
enormen Druck, neue Einnahmequellen zu
finden“, sagt Wes Harris, Wirtschaftsanalyst
aus Chicago und Chefredakteur der Web -
site Business of Soccer. Die Vereine würden
regelrecht „zur Globalisierung gezwungen“.
Manchester United, der Klub aus der
englischen Premier League, gilt als Krösus
der Auslandsvermarktung. Seit den Neun-
zigerjahren schickt der Verein seine Mann-
schaft zu Testspielen nach Südafrika, Chi-
na, Thailand, Singapur und in die USA.
Es geht nicht nur darum, auf der ande-
ren Seite der Welt Trikots zu verkaufen.
Richtig lukrativ wird das Engagement
durch Deals mit regionalen Sponsoren.
Manchester United hat einen
Pool von knapp 40 Werbepart-
nern weltweit. Darunter Fir-
men wie Kansai Paint, Japans
größten Farbenhersteller, und
den US-Autokonzern Chevro-
let, der knapp eine halbe Mil-
liarde Euro über sieben Jahre
bezahlt.
Die Premier League erlöst
jährlich 560 Millionen Euro im
Ausland, die Deutsche Fußball
Liga (DFL) kommt gerade mal
auf 70 Millionen. Deswegen
wollen die DFL-Ver markter
aus den Bundesligisten Globe-
trotter machen. Klubs, die in
China, Russland oder den
USA Gastspiele organisieren,
bekommen bis zu 300000 Euro
Unterstützung von der Liga.
Allein in diesem Jahr zieht es
zwölf Erstligisten ins Ausland –
ein neuer Reiserekord.
Derweil steigt bei Fernseh-
sendern das Interesse an deut-
schem Fußball. Ab 2015 strahlt
der amerikanische TV-Konzern
21st Century Fox die Top-Spie-
le der Bundesliga live in 90 Mil-
lionen US-Haushalte aus.
Besonders in den USA
herrscht Goldgräberstim-
mung, dabei entzog sich
Nordamerika lange der All-
macht des Fußballs. Firmen,
Medien und Sportfans schie-
nen immun gegen das Spiel.
Fußball galt als Mannschafts-
sport light, er taugte den Amis
zum Zeitvertreib in Parks,
aber nicht als ernst zu neh-
mender Profisport.
Experten wie der Sport -
soziologe Rich Luker glauben
jedoch, dass Fußball in den
USA „eine Rakete auf der
Startrampe“ sei. Luker führt
seit 1994 Fanbefragungen
durch, demnach ist Fußball un-
ter den 12- bis 24-Jährigen be-
reits der zweitpopulärste Sport
hinter American Football.
Der FC Barcelona hat in
den USA schon mehr Face-
book-Fans als in Spanien.
2013 zählte Lionel Messi zu
den zehn beliebtesten Sport-
stars der US-Fans, als erster
Fußballer überhaupt. Bei der
Weltmeisterschaft in Brasilien
kauften US-Amerikaner die
meisten Tickets nach den Brasilianern, und
zu den MLS-Partien kommen im Schnitt
19000 Zuschauer.
Den Wachstumsmarkt haben vor den
Bayern allerdings auch viele andere für
sich entdeckt. Der frühere
Fußballprofi David Beckham
will in Miami ein neues Team
aufbauen, samt neuer Arena.
Arsenal London hat ein Fan -
netzwerk in den USA, mit
über 50 Zweigstellen. Der FC
Chelsea reiste zuletzt regel-
mäßig nach Amerika, Real
Madrid bereits 16-mal. Gerade
tritt der Champions-League-
Sieger in den USA beim In-
ternational Champions Cup
an, einem Turnier mit acht
Mannschaften, das in 13 Me-
tropolen ausgetragen wird.
„Der FC Bayern ist spät
dran“, sagt Jack Bell, Fußball-
reporter bei der New York
Times, „viele Klubs aus dem
Ausland machen hier Lärm.
Es reicht nicht mehr aus, ein-
mal im Jahr zu kommen, mit
dem Ufo zu landen, ein biss-
chen Fußball zu spielen und
Autogramme zu schreiben.“
Das einzige Team aus
Übersee, das den US-Markt
„richtig anpackt“, sagt Bell,
sei Manchester City. Der Ver-
ein aus England hat sich für
100 Millionen Dollar mit einer
Mannschaft in die MLS ein-
gekauft. Der neu gegründete
Klub namens New York City
FC wird ab 2015 in der Liga
mitmischen. Die Heimspiele
trägt das Team im Baseball-
stadion der Yankees aus.
„Der Verein ist ein Trichter,
in den neue Fans von Man-
chester City fallen werden“,
glaubt Bell. Der FC Bayern
hat ein Büro in der Stadt –
Manchester City hat bereits
einen eigenen Klub dort. Da-
ran erkenne man den Ab-
stand, sagt Bell.
Andrew Zimbalist, Sport-
ökonom aus Massachusetts, ist
ebenfalls skeptisch. „Es gibt
in den USA kein spezielles
Interesse an deutschem Fuß-
ball“, sagt er. „Alles, was hier
über ihn bekannt ist, sind die
relativ niedrigen Gehälter, die
Superstars wie Messi, Ronal-
do und Suárez davon abhal-
ten, in die Bundesliga zu
wechseln.“
Englische und spanische
Klubs hätten einen „kulturel-
len Vorteil“, sagt er. Premier-League-Spie-
le müssten für den US-Markt nicht erst
übersetzt werden, und spanischsprachige
Einwanderer würden sich eher für die Pri-
mera División interessieren. Demografen
gehen davon aus, dass sich die Zahl der
Hispanics in den USA bis 2050 verdoppeln
wird. „Es wird schwierig für den FC Bay-
ern, hier eine Nische zu finden“, sagt Zim-
balist.
In seinem Büro in München lehnt sich
Bayern-Vorstand Wacker in seinem Sessel
zurück und lächelt. Ständig werde er ge-
fragt, was sein Klub in den USA wolle,
sagt er. Doch Wacker hat gelernt, Zweifel
auszuräumen und mit Verve davon zu
sprechen, dass es auf der anderen Seite
der Welt Menschen gebe, die auf den
FC Bayern warten würden.
„Grundlage für unser Handeln sind be-
stimmte Werte, die für uns enorm wichtig
sind. Wir wollen damit den Leuten ver-
mitteln, für was der FC Bayern steht. Zum
Beispiel für Erfolg, Familiensinn, Tradi -
tion, Heimatverbundenheit, Innovation
und gesundes ökonomisches Handeln. Mit
diesen Werten erreichen wir die Menschen
in den verschiedenen Regionen auf der
ganzen Welt“, sagt Wacker.
Chinesen würden Zuverlässigkeit schät-
zen, US-Amerikaner eher Trachten und
das Oktoberfest. Wer Wacker reden hört,
könnte meinen, seine Werte ließen sich
so leicht verkaufen wie Autos oder
Smartphones. Dabei ist der FC Bayern
kein Industriekonzern, sondern ein Sport-
verein, der sich über Siege, Titel und Po-
kale definiert.
Ohne Erfolge auf dem Rasen wird Wa-
ckers Mission scheitern. Zum Finale der
Champions League im Mai wollte der Mar-
ketingstratege ein Public Viewing ver -
anstalten, im Paulaner-Brauhaus in New
York. Paul Breitner sollte eingeflogen wer-
den, als Markenbotschafter.
Dann warf Real Madrid die Bayern im
Halbfinale aus dem Wettbewerb.
Lukas Eberle
90 DER SPIEGEL 31 / 2014
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Bayern-Vorstand Wacker
518,9
119,0
188,3
211,6
482,6
117,6
188,2
176,8
431,2
87,1
107,0
237,1
423,8
127,3
118,6
177,9
FC Barcelona
Bayern
München
Real Madrid
Manchester
United
Ticketverkäufe
Übertragungsrechte
Sponsoring und
Merchandising
Kommerz-
Weltmeister
Jahresumsätze der
europäischen Top-Klubs
in Mio. Euro, 2012/13
Quelle:
Deloitte
Animation: So verdient
der FC Bayern sein Geld
spiegel.de/app312014fcbayern
oder in der App DER SPIEGEL
Sport
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as Caesars Palace in Las Vegas ist
ein Luxusresort, das seinen Besu-
chern kaum einen Gefallen ver-
wehrt. Die Wunschliste der acht Asiaten,
die Anfang Juni dort auftauchten, machte
die Hoteldirektion allerdings stutzig – die
Gäste verlangten, dass ihre drei reservier-
ten Villen mit Laptops, Computern, Bild-
schirmen, zusätzlichen Fernsehgeräten
und DSL-Leitungen ausgestattet würden.
Das Equipment wurde wie gewünscht
geliefert und installiert. Doch die Sicher-
heitsabteilung des Caesars Palace, in dem
auch eines der glamourösesten Kasinos der
Welt untergebracht ist, informierte um -
gehend die Überwachungsbehörde des
Staates Nevada für Glücksspiel. Der vage
Anfangsverdacht: illegales Glücksspiel.
Fortan observierten FBI-Agenten die
Häuser, die für mehrere Wochen angemie-
tet waren, ein Fahnder verschaffte sich als
vermeintliche Hilfskraft des Hotels un -
erkannt Zugang. Am 9. Juli rückten die
Ermittler zu einer Durchsuchung an – und
stellten jede Menge Beweismaterial sicher.
Was den Strafverfolgern bei der Razzia
in die Hände fiel, verschafft ihnen einen
spektakulären Einblick in die Praktiken
asiatischer Wettsyndikate. Die acht Ver-
dächtigen aus Hongkong, China und Ma-
laysia hatten sich im Caesars Palace offen-
bar ihr Hauptquartier eingerichtet, um in
großem Stil illegal auf Spiele der Fußball-
WM in Brasilien zu setzen – „Hunderte
von Millionen von Dollar“, wie es in dem
Ermittlungsbericht heißt.
Verfasst hat dieses Dokument ein FBI-
Mann, der seit 15 Jahren zu einer Sonder-
einheit zur Bekämpfung organisierter Kri-
minalität gehört. Demnach ergab die Aus-
wertung beschlagnahmter Chatprotokolle,
Mails und SMS-Nachrichten, dass die Zo-
cker-Gang aus Asien bis zum 5. Juli – dem
Tag, an dem die Viertelfinal-Partien in Bra-
silien gespielt waren – mehr als 2,7 Mil -
liarden Hongkong-Dollar platziert hatte.
Rund 350 Millionen US-Dollar.
Erst vier Tage nach der Razzia, am Tag
des WM-Finales, wurden die Glücksspieler
in einer Hotellobby festgenommen: wegen
Fluchtgefahr. Der Boss ist Wei Seng Phua,
50, Spitzname Paul, ein schmächtiger
Mann mit Brille und kahl rasiertem Kopf.
Phua, der aus Malaysia stammt, gilt in der
Poker- und Glücksspielszene als sogenann-
ter high roller – als einer, der am ganz gro-
ßen Rad dreht. Seine Geschäftsbeteiligun-
gen an Kasinos und Wettbüros in Südost-
asien, die milliardenschwer sein sollen,
sind so undurchsichtig wie seine politi-
schen Verbindungen: Phua besitzt einen
Diplomatenpass der Republik San Marino,
die er als Botschafter in Montenegro ver-
tritt. Das FBI hält Phua, so steht es in dem
Report, für ein „hochrangiges Mitglied“
der 14K Triade, einer berüchtigten Gang
der chinesischen Unterwelt.
Wenige Tage nach Beginn der Fußball-
WM war Phua in seinem Privatflieger von
den USA aus noch zu einem Kurztrip nach
Macau gejettet, einer westlich von Hong-
kong gelegenen Sonderverwaltungszone
Chinas. Sein Ziel: ein Kasino. Bereits dort
war Phua, wie es in den FBI-Akten heißt,
„wegen illegaler Sportwetten auf Spiele
der Fußball-WM festgenommen worden“.
Keine zwei Tage später allerdings befand
der Gambler sich wieder auf freiem Fuß –
und flog in seiner GulfstreamG550 zurück
in die Vereinigten Staaten. Am 23. Juni
landete Phua auf dem McCarran Interna-
tional Airport von Las Vegas, „um mit sei-
nen Komplizen im Caesars Palace ohne
Einverständnis des Kasinos weiter illegal
auf Spiele der Fußball-WM zu wetten“.
Platziert hatten die Zocker ihr Geld in
Asien, laut den Ermittlungen vornehmlich
bei den Anbietern SBO und IBC in Manila,
der Hauptstadt der Philippinen. Die zwei
Wettanbieter gehören zu den umsatz-
stärksten der Welt, und anders als auf dem
Wettmarkt in Europa ist es dort möglich,
Millionensummen auf Spielergebnisse
oder -ereignisse zu setzen.
Weil die Seiten der beiden Wettfirmen
im US-Bundesstaat Nevada nicht zugelas-
sen sind, hatten Phua und seine Komplizen
im Caesars Palace technisch aufgerüstet.
Wie aus den Ermittlungsakten hervorgeht,
benutzten sie Programme, mit denen sie
von Las Vegas aus Zugriff auf Computer
hatten, „die auf den Philippinen stationiert
sind“.
Es gibt keinen Hinweis darauf, dass Spie-
le in Brasilien, auf die Phua und seine
Komplizen setzten, manipuliert waren.
Das Kalkül war ein anderes: Weil eine Fuß-
ball-WM im tippverrückten Asien das
Wettereignis schlechthin ist und die Um-
sätze boomen, konnten Profizocker wie
Phua auch Millionenbeträge setzen, ohne
dass die Quoten dadurch sofort in den Kel-
ler rauschten.
Es sollen vornehmlich Live-Wetten ge-
wesen sein, auf die Phua und seine Leute
spekulierten, Wetten wie diese: Wer sieht
die nächste Gelbe Karte? Wer schießt den
nächsten Freistoß? Wer den nächsten Eck-
ball? Wer das nächste Tor? Sie setzten auch
auf Halbzeitresultate oder auf die Anzahl
erzielter Tore, Over/Under Wetten.
Auch in jenem Moment, in dem die Er-
mittler am 9. Juli mit der Aufforderung
„Hände hoch!“ die Zockerhöhlen im Cae-
sars Palace stürmten, lief gerade ein Spiel
auf den Bildschirmen: das Halbfinale Ar-
gentinien gegen Holland.
Phua bestreitet den Vorwurf des illega-
len Glücksspiels ebenso wie den, einer kri-
minellen Vereinigung anzugehören. Das
Gericht entließ ihn aus der Haft, nachdem
Phua zwei Millionen Dollar Kaution hin-
terlegt und sein 48 Millionen Dollar teures
Flugzeug als Sicherheit hinterlassen hatte.
Er gab sich einverstanden, unter Hausar-
rest gestellt zu werden, eine elektronische
Fußfessel zu tragen, kein Internet zu be-
nutzen und sich täglich bei den Behörden
zu melden. Als Verteidiger hat Phua sich
den Staranwalt David Chesnoff aus Las
Vegas genommen, der die Unschuld seines
Mandanten betont: „Phua ist ein sehr kul-
tivierter Mann, der sich verteidigen will.“
Am Montag kommender Woche ist
Phua zu einer Anhörung geladen. Er wird
dem Richter auch erklären müssen, warum
er für sich und seine Komplizen im Ceasars
Palace exklusiv einen Spielsalon angemie-
tet hatte. Zwischen dem 9. Mai und dem
27. Juni waren auf den eigens dafür einge-
richteten Kasino-Konten der Gang in sie-
ben Tranchen knapp 21 Millionen Dollar
eingegangen.
Das Geld kam von Bankkonten der Zo-
cker in China. Die FBI-Ermittler sind über-
zeugt, dass es sich dabei um „Schwarzgeld
aus illegalen Wettgeschäften handelt, das
gewaschen werden soll“.
Rafael Buschmann, Michael Wulzinger
In der
Zockerhöhle
Affären FBI-Agenten haben ein
Syndikat ausgehoben, das in
Asien auf Spiele der Fußball-WM
gewettet hatte. Der Einsatz:
rund 350 Millionen Dollar.
Wettpate Phua
Technisch aufgerüstet
92 DER SPIEGEL 31 / 2014
Wissenschaft+Technik
Vollhardt: Zugegeben, der Sa-
tellit ist dümmer als ein Toas-
ter. Er hat nicht mal einen
Bordcomputer. Aber zumin-
dest das Magnetometer an
Bord ist noch intakt, mit dem
sich das Magnetfeld der Erde
messen lässt. Derzeit sind wir
aber vor allem damit beschäf-
tigt, den Kurs zu korrigieren.
SPIEGEL: Wo soll’s hingehen?
Vollhardt: Wir wollen die An-
ziehungskraft des Mondes
ausnutzen, um den Satelliten
in eine Erdumlaufbahn zu
bringen. Dazu müssen wir
den Mond in nur 50 Kilome-
ter Höhe überfliegen. Am
Sonntag, dem 10. August,
wird es sich entscheiden:
Fliegen wir dichter vorbei als
geplant oder höher? Oder
macht es einfach peng?
SPIEGEL: Der Satellit könnte
am Mond zerschellen?
Vollhardt: Möglich wäre es.
Wir müssen exakt planen,
wann und für wie lange wir
das Treibstoffventil öffnen.
Leider haken die Triebwerke.
SPIEGEL: Warum überhaupt
diese Mühe?
Vollhardt: Warum besteigt
man einen Berg? Weil er da
ist. Im All gibt es viele alte
Satelliten, für die kein Geld
übrig ist, die aber noch sen-
den. Es wäre schade, wenn
wir es uns nicht mehr leisten
könnten zuzuhören. lh
der so nah, dass man ihn
anfunken konnte. Aber die
Nasa entschied, ihn aus
Kostengründen ziehen zu
lassen. Erst unsere Kollegen
in den USA konnten die
Agentur überreden, statt -
dessen uns den Satelliten zu
überlassen.
SPIEGEL: Wie gelang Ihnen der
Kontakt?
Vollhardt: Man muss die Spra-
che der Sonde kennen, in
der die Kommandos formu-
liert werden. Glücklicher -
weise hatte der damalige Mis -
sionsleiter noch eine Menge
Dokumente in seinem Keller.
SPIEGEL: Was lässt sich von
der Sonde nach 36 Jahren im
All noch erfahren?
Fußnote
64%
von über 600 befragten
Wissenschaftlern haben bei
der Feldforschung schon
einmal sexuelle Belästigung
erlebt. Das ist das Ergebnis
einer Untersuchung, die
jetzt im Fachjournal Plos
One erschienen ist. Teil -
genommen hatten vor allem
Anthropologen und Archäo-
logen. Frauen waren mit
71 Prozent stärker betroffen
als Männer (41 Prozent),
auch fühlten sie sich häu -
figer als Opfer tätlicher
Übergriffe (26 Prozent; Män-
ner: 6 Prozent).
Weltraum
„Dümmer als ein
Toaster“
Achim Vollhardt,
38, ist Physiker
an der Universi-
tät Zürich und
Mitglied der
deutschen Ama-
teurfunksatelli-
ten-Vereinigung (Amsat-DL). Ge-
meinsam mit amerikanischen
Kollegen hat die Gruppe einen
alten Satelliten im All gekapert.
SPIEGEL: Sie versuchen derzeit,
eine ausrangierte Nasa-Sonde
zu steuern. Wie kam es dazu?
Vollhardt: Diesen Sommer
kam „ISEE-3“ der Erde wie-
Satellit „ISEE-3“ (Illustration)
Medizin
Länger schlafen in
der Steinzeit
Unsere Vorfahren waren
wohl Langschläfer. Zu diesem
Ergebnis kommt eine Studie
von Forschern der Universi-
tät Freiburg, die jetzt im Jour-
nal of Clinical Sleep Medi -
cine erschienen ist. Drei Frau-
en und zwei Männer haben
acht Wochen lang gelebt wie
im Neolithikum: Sie schliefen
in einem Pfahlbau auf Betten
aus Reisig und Fell. Ihre Nah-
rung mussten sie auf einem
Feld ernten, fließendes Was-
ser gab es nicht, und vor al-
lem: keinen Strom. Ohne
künstliche Beleuchtung, Com-
puter, Handys (und Wecker)
gingen die Steinzeit-Laien-
spieler rund zwei Stunden
früher ins Bett, wachten aber
nur geringfügig früher auf.
Ihre Schlafzeit erhöhte sich
im Schnitt um anderthalb
Stunden pro Nacht, von 5,7
Stunden auf 7,2 Stunden.
Zwar sind fünf Probanden
nicht gerade viel, wie die For-
scher einräumen; anderer-
seits dürfte es schwerfallen,
wesentlich mehr Leute zu
rekrutieren, die sich auf eine
so umfassende Lebensverän-
derung einlassen. Doch die
Freiburger Ergebnisse bestäti-
gen andere Studien, zum Bei-
spiel ein amerikanisches Ex-
periment, für das Probanden
wochenlang in den Rocky
Mountains zelteten. Schon
lange nehmen Wissenschaft-
ler an, dass die Industrialisie-
rung und künstliches Licht
den Schlafrhythmus des Men-
schen durcheinandergebracht
haben. Schlafmangel, mah-
nen die Freiburger Forscher,
ist auf Dauer ungesund. Er
könnte Fettleibigkeit und De-
pressionen begünstigen. lh
Probanden bei Urzeit-Simulation
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Selfies in 3-D
Hier hat sich jemand seine eigenen Püppchendoubles
erschaffen: 115 Sensoren haben dafür den Körper
des Mannes in weniger als einer Viertelstunde von
allen Seiten vermessen, ein 3-D-Drucker erzeugte
die Kopien – so exakt, dass sogar die Hemdfalten
zu erkennen sind. Der Scanner steht in Prag; er ge-
hört der Firma „3D gang“.
D
ie britische Regierung hat vergangene Woche ihre Emp-
fehlung für ein neues reproduktionsmedizinisches Verfah-
ren ausgesprochen. Bei der „Drei-Personen-IVF“, die nach
Abstimmung des Parlaments im Herbst erlaubt werden soll,
wird der Kern einer gespendeten Eizelle entnommen und
durch den Kern der mütterlichen Eizelle ersetzt. „IVF“ steht
für „In-vitro-Fertilisation“, so heißt die Befruchtung im Labor.
Dieser Austausch kann vor oder nach der Befruchtung mit
dem Spermium des Vaters geschehen.
Von dem Eingriff profitieren Paare, die aufgrund von Schädi-
gungen in den Mitochondrien der mütterlichen Eizelle bislang
das Risiko eingingen, schwerstbehinderte Kinder zu zeugen.
Die Mitochondrien – nicht Teil des Zellkerns, aber Träger eines
Erbguts von 37 Genen – werden von der gesunden Spenderin
bereitgestellt und schalten damit das Risiko einer Krankheits-
übertragung durch die Mutter aus. Die „Drei-Personen-IVF“
könnte in Großbritannien fortan rund hundert Paaren pro Jahr
ein tragisches Schicksal ersparen. Erkauft wird diese Vorsorge
aber mit einem scharfen Eingriff in die Entstehung von Leben.
Denn die unbefruchteten oder bereits befruchteten Eizellen der
Spenderin sind in diesem Verfahren nichts als ausschlachtbare
Ersatzteillager; sie werden, trotz ihrer genetischen Restinforma-
tion, als bloße Hülle für den neuen Kern menschlichen Lebens
genutzt. Zudem würde es zu einer Manipulation der Keimbahn
kommen. Unliebsames Erbgut wird mithilfe der Mitochondrien
Dritter ausgemerzt – der eugenische Traum vom perfektionier-
ten Menschen aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wird
wahr. Nur dass heute kein totalitärer Staat mehr notwendig ist,
um diese Eingriffe zu veranlassen. Sie geschehen in aller Frei-
willigkeit, im Namen von Sicherheit und Gesundheit.
Bernard, 44, ist Kulturwissenschaftler an der Leuphana Universität in Lüneburg und
Autor des Buches „Kinder machen. Neue Reproduktionstechnologien und die Ordnung
der Familie“.
Kommentar
Drei Eltern und ein Baby
Von Andreas Bernard
„Raubtiere brauchen Fleisch“
SPIEGEL-Streitgespräch Der Philosoph Jörg Luy und der ehemalige Zoodirektor Gunther Nogge
reden über das schlechte Gewissen beim Zoobesuch, Tierparks als Archen für
bedrohte Arten sowie ein Verbot, Menschenaffen und Delfine in Gefangenschaft zu halten.
Giraffenverfütterung im Zoo Kopenhagen
Delfinarium in Nürnberg
Wissenschaft
SPIEGEL: Herr Nogge, in Ihren ersten Jahren
als Zoodirektor in Köln wären Sie beinahe
von einem Schimpansen namens Peter-
mann getötet worden. Was denken Sie heu-
te über diesen Unfall?
Nogge: Ich habe den Petermann damals
verstanden und verstehe ihn bis heute. Er
hat nur getan, was Schimpansen nun ein-
mal tun. Menschenaffen kennen die Men-
schen, die sie täglich sehen, und ordnen
sie in ihre Vorstellung von Rangfolge ein.
Als Zoodirektor rangiert man da sehr weit
oben. Damals hatte ein Tierpfleger ver -
sehentlich die Gehegetür aufgelassen…
SPIEGEL: Und was geschah dann?
Nogge: Petermann und das mit ihm ver-
bandelte Weibchen Susi sahen mich. Sofort
ergriffen sie die Gelegenheit, mir meinen
Rang streitig zu machen. Die Affen stürz-
ten sich auf mich und bissen zu. So ein
Angriff ist heftig, weil uns Schimpansen
kräftemäßig weit überlegen sind. Als sie
von mir abließen, konnte sie ein vertrauter
Tierpfleger, der als gleichrangig angesehen
wurde, wegführen.
SPIEGEL: Petermann und Susi wurden spä-
ter erschossen.
Nogge: Ja, auf der Flucht. Die beiden hat-
ten sich wieder losgerissen, und meine Mit-
arbeiter haben sie leider nicht mehr lebend
zu fassen gekriegt. Ich war nicht mehr ein-
satzfähig, lag blutüberströmt da. Im Kran-
kenhaus haben mich die Ärzte in einer
acht Stunden dauernden Operation wieder
zusammengeflickt.
SPIEGEL: Herr Luy, was denken Sie, wenn
Sie so eine Geschichte hören?
Luy: Der Zoo hat korrekt und, wie ich den-
ke, ethisch angemessen gehandelt. Ein frei
umherlaufender Schimpanse stellt eine Ge-
fahr dar. Allerdings finde ich es schwierig,
überhaupt Menschenaffen zu halten.
SPIEGEL: Was spricht dagegen?
Luy: Zwischen Schimpansen und Menschen
besteht in Bezug auf die Psyche kein kate-
gorialer Unterschied. Die Tiere sind kogni-
tiv so hoch entwickelt, dass eine artgemä-
ße, ethisch unproblematische Zoohaltung
kaum realisierbar wäre.
Nogge: Aber die Haltung von Menschen -
affen hat sich während der letzten Jahr-
zehnte doch enorm verbessert. Es gibt in-
zwischen großartige Gorillagehege wie
zum Beispiel das im Affenzoo Apeldoorn
in den Niederlanden. Dort geht es den
Gorillas sicher besser als in Afrika, wo sie
gejagt werden und ihr Lebensraum immer
weiter eingeengt wird.
SPIEGEL: Was fasziniert den Menschen da-
ran, in einen Zoo zu gehen?
Nogge: Es entspricht einem menschlichen
Urbedürfnis, Tieren zu begegnen. Deswe-
gen umgeben wir uns mit Hunden oder
Katzen, die wir ja nicht essen oder sonst
Das Gespräch moderierten die Redakteure Philip Bethge
und Simone Salden.
nutzen, sondern die uns nur Freude ma-
chen. Aus dem gleichen Grund gehen
mehr als 60 Millionen Besucher jedes Jahr
in Zoos und Wildparks.
Luy: Ich denke, Bewunderung spielt eine
große Rolle. Wir bewundern Tiere für ihre
Eigenschaften, die wir nicht besitzen, ins-
besondere wenn wir sie bei uns selbst ver-
missen. In vielen Kulturen hat man sich das
Fell des Tieres, die Federn oder die Krallen
umgehängt und gehofft, damit eigene Defi-
zite kompensieren zu können. Andererseits
haben wir auch ein perfides Bedürfnis, un-
sere eigene Überlegenheit zu spüren und
uns als das rationalere Wesen zu fühlen.
SPIEGEL: Viele Zoogänger haben dennoch
ein schlechtes Gewissen. Warum tun wir
uns so schwer damit, Tiere einzusperren?
Luy: Unser Gerechtigkeitsempfinden ist an
spontan entstehendes Mitgefühl gekoppelt.
Sehen wir, wie im Zoo, von Menschen ver-
ursachtes oder in Kauf genommenes Lei-
den, ist das für uns schwer zu ertragen. Da
gelten für manche Arten sogar fast die glei-
chen Maßstäbe wie für Menschen. Aller-
dings werden die Tiere in der ganzen Zoo-
debatte nicht differenziert genug betrach-
tet. Die einen finden Zoos gut, die anderen
fordern ihre Abschaffung. Das ist die fal-
sche Alternative. Wir müssen uns vielmehr
fragen: Welche Aufgaben hat ein Zoo, und
welche Tiere lassen sich dort ethisch kor-
rekt halten?
SPIEGEL: Sie haben sich sehr kritisch über
den rechtlichen Rahmen von Tierhaltung
geäußert: „Ginge es hier um die Lebens-
und Arbeitsbedingungen von Menschen,
würde man wohl von ,Sklaverei‘ reden.“
Gilt das ohne Ausnahme?
Luy: Bei freiwillig im Zoo siedelnden Tier-
arten sehe ich keine Probleme. Nehmen
Sie etwa die Sittiche, die im Rheintal wild
in den Zoos leben. Bei diesen Tieren ist
klar: Wenn es ihnen im Zoo nicht mehr
gefällt, sind sie weg. Von der ethischen Sei-
te her ist das ideal. Eine zweite Gruppe
sind Tiere, bei denen es weder tierärztliche
noch ethologische Anzeichen für ein ein-
geschränktes Wohlbefinden in Gefangen-
schaft gibt. Dann gibt es aber auf der an-
deren Seite eingesperrte Tiere, die im Zoo
Verhaltensstörungen zeigen, die apathisch
sind oder Fortpflanzungsschwierigkeiten
haben. Für deren Haltung im Zoo braucht
es eine besondere Rechtfertigung.
SPIEGEL: Wie rechtfertigen Sie die Haltung
von Zootieren, Herr Nogge?
Nogge: Zoos dienen der Bildung und Erho-
lung, der Forschung und dem Artenschutz.
Zoos schaffen ein Bewusstsein für Natur-
und Artenschutz. Wenn dies gelingt, ist
auch die Tierhaltung gerechtfertigt.
Luy: Das überzeugt mich nicht. Die Erho-
lung des Menschen rechtfertigt kein Tier-
leid. Und schließlich gibt es heute viel bes-
sere Bildungsangebote, etwa sensationell
gemachte Tierfilme, aber auch zoologische
Museen wie das Forschungsmuseum Ale-
xander Koenig in Bonn mit großartigen
Tierpräparaten in naturgemäß nachemp-
fundener Umgebung.
Nogge: Natürlich sollen Tiere im Zoo nicht
leiden. Aber es macht doch einen Riesen-
unterschied, ob Sie einen Tierfilm sehen
oder hautnah eine zwölfköpfige Gorilla-
gruppe erleben, die auf der Wiese nach
Nahrung sucht. Die persönliche Begegnung
erlaubt ein unvergleichbares Erlebnis.
SPIEGEL: Würden Sie denn die Haltung von
Tieren im Zoo für richtig halten, wenn dies
hilft, vom Aussterben bedrohte Arten zu
schützen, Herr Luy?
Luy: Zoos werben ja gern damit, als Archen
für bedrohte Arten zu dienen. In der Tat
wäre das eine ethisch akzeptable Begrün-
dung. Die Frage ist nur, auf wie viele Zoo-
tiere das wirklich zutrifft.
Nogge: Bei einer Reihe von Artenschutz-
projekten sind wir doch sehr erfolgreich.
Nur weil wir in Köln und in anderen Zoos
unsere Nachzuchten zur Verfügung gestellt
haben, lebt heute das Przewalski-Pferd
wieder in der Mongolei und die Weiße
Oryx-Antilope in Arabien. Wenn es uns
nicht gelungen wäre, im Laufe der letzten
30 Jahre durch Zucht wieder sich selbst er-
haltende Populationen vieler bedrohter
Arten aufzubauen, wären diese Tiere für
immer vom Planeten verschwunden. Für
viele Arten existieren in den Zoos heute
Reservepopulationen, die für Wiederaus-
wilderungsprojekte zur Verfügung stehen.
Luy: Das stimmt. Andererseits gibt es im-
mer noch viel zu viele Tiere in den Zoos,
die gar nicht vom Aussterben bedroht sind
und nur gehalten werden, weil sie ver-
meintlich Zuschauer anlocken. Der gemei-
ne Löwe beispielsweise gehört einfach
nicht in den Zoo. Mein Anspruch wäre,
dass sich Zoos auf Tierarten beschränken,
die wirklich bedroht oder ethisch unpro-
blematisch zu halten sind.
SPIEGEL: Das Bundeslandwirtschaftsminis-
terium hat Anfang Mai ein neues Gutach-
ten über die Mindestanforderungen bei
der Haltung von Säugetieren vorgelegt.
Geht das in die richtige Richtung?
Luy: Der Geburtsfehler dieses Gutachtens
besteht darin, dass es eben nicht diskutiert,
95 DER SPIEGEL 31 / 2014
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Gunther Nogge, 72, ist Zoologe und leitete
25 Jahre lang den Kölner Zoo. Der Tierarzt und
Philosoph Jörg Luy, 47, war bis September
2013 Chef des Instituts für Tierschutz und
Tierverhalten an der FU Berlin und berät heute
Politik und Wirtschaft in Fragen der Tierethik.
mit welcher Begründung die Tiere im Zoo
gehalten werden dürfen, sondern nur, wie
die Tiere gehalten werden sollen.
Nogge: Ich hielte es aber auch für falsch,
wenn der Staat den Zoos vorschreiben
würde, welche Tiere sie halten dürfen und
welche nicht.
Luy: Vorschreiben vielleicht nicht. Aber
das Tierschutzgesetz legt fest, dass wir das
in jedem Einzelfall rechtfertigen müssen.
Ich wünsche mir bei der Zootierhaltung
eine ähnliche Abwägung wie bei Tierver-
suchen. Für Tiere, die ich nur halte, weil
ich glaube, dass sie mir viele Besucher brin-
gen, gelten andere Maßstäbe als für Tiere,
die wirklich vom Aussterben bedroht sind.
SPIEGEL: Welche Tiere würden Sie in Zoos
verbieten?
Luy: Grundsätzlich keine. Aber bei Men-
schenaffen und Delfinen beispielsweise
kann ich die aktuelle Haltung aus ethischer
Sicht nicht gutheißen. Die Zoos sind bis-
lang den Beweis schuldig geblieben, dass
diese Tiere sich bei ihnen wohlfühlen.
Nogge: In Lagunen, wie es sie seit wenigen
Jahren zum Beispiel in Nürnberg gibt, geht
es den Delfinen gut. Das sind ja nicht mehr
trostlose Becken in irgendeiner Halle; viel-
mehr handelt es sich um eine strukturierte
Landschaft mit Flachwasserzonen, Inseln
und tiefen Becken. Die Tiere pflanzen sich
fort, sodass der Import von Wildfängen
nicht mehr nötig ist.
Luy: Aus Menschensicht ist das ganz nett,
aber sehen das die Tiere auch so? Wir
wissen es nicht. Für manche Spezies sind
Zoogehege immer zu klein. In solchen
Tiergruppen ergeben sich fast automatisch
soziale Spannungen. Rangniedere Tiere
haben in Gehegen gar keine Chance,
irgend wohin auszuweichen. Außerdem
sind gerade kognitiv anspruchsvolle Tiere
schnell unterfordert.
SPIEGEL: Es gibt Experten, die als artgerech-
tes Beschäftigungsprogramm empfehlen,
den Tieren die ungehinderte Fortpflanzung
zu erlauben.
Nogge: Ganz so einfach ist das nicht. Eine
Löwin zum Beispiel zieht in der Natur in
ihrem Leben zwei Junge groß; damit bleibt
die Population im Wesentlichen stabil. Im
Zoo dagegen kann die Löwin, wenn man
sie lässt, 30 bis 40 Nachkommen haben.
Populationsbegrenzende Selektionsfakto-
ren wie Krankheit, Nahrungsmangel, In-
fantizid, Beutegreifer gibt es im Zoo nicht.
Also müssen wir diese ersetzen, denn was
sollen wir mit den ganzen Löwen machen?
Im Frühjahr hat ja schon das Töten einer
Giraffe im Zoo in Kopenhagen große Pro-
teste hierzulande ausgelöst.
SPIEGEL: Warum war die Empörung über
die Giraffenschlachtung so groß?
Nogge: Ich glaube, weil die Giraffe perso-
nifiziert war, einen Namen hatte. Das
macht einen großen Unterschied. Wenn
Sie eine Impala-Gruppe mit 30 Antilopen
haben und da werden am Ende der Saison
5 geschlachtet, nimmt niemand Notiz da-
von. Bei der Giraffe Marius war das anders.
Der Tierarzt im weißen Kittel hat ihn se-
ziert und den Besuchern gezeigt, warum
das Herz so groß sein muss und derglei-
chen mehr. Hierzulande gab es einen Auf-
schrei. Aber bezeichnenderweise wurde
der Zoodirektor in Dänemark gerade zum
„Kopenhagener des Jahres“ gewählt.
SPIEGEL: Welche Tiere dürfen im Zoo getö-
tet werden, Herr Luy?
Luy: Das hängt sehr von den Umständen
ab. Mich hat der Fall Marius weit weniger
beschäftigt als die Tötung von Löwen we-
nige Wochen später …
SPIEGEL: … der Kopenhagener Zoo schlä-
ferte Löwen ein, weil sie der Bildung eines
neuen Rudels im Wege standen.
Luy: Ja, es wurden zwei Alttiere und da -
rüber hinaus auch noch zwei zehn Monate
alte Jungtiere getötet. Das war nicht ge-
rechtfertigt. Die Jungtiere hätte es nämlich
gar nicht erst geben müssen. Der Zoo -
direktor hat die Tiere instrumentalisiert.
Erst hat er sie zur Welt kommen lassen,
dann als Publikumsmagnet genutzt – und
schließlich entsorgt. Das ist etwas, was die
Leute nicht mögen und das Gerechtigkeits-
empfinden verletzt.
SPIEGEL: Im Magdeburger Zoo wurden 2008
drei Tiger mit der Begründung getötet,
sie seien nicht reinerbig und deshalb nicht
für das Europäische Erhaltungszuchtpro-
gramm verwendbar. Vier Zoomitarbeiter
sind wegen des Verstoßes gegen das Tier-
schutzgesetz verurteilt worden, das ein
Töten von Wirbeltieren „ohne vernünfti-
gen Grund“ verbietet.
Nogge: Ich finde das Urteil bedenklich.
Denn daraus folgt, dass Artenschutz kein
vernünftiger Grund ist, Tiere zu töten.
Wenn wir aber eine stark gefährdete Un-
terart wie den Sibirischen Tiger bewahren
wollen, sollte der beschränkte Platz im
Zoo denjenigen Tieren vorbehalten sein,
die für die Zucht infrage kommen.
SPIEGEL: Herr Luy, kann Artenschutz es
rechtfertigen, Tiere zu töten?
Luy: Durchaus. Beim Magdeburger Tiger-
urteil lag der Fall aber ein wenig anders.
Das Gericht hat nicht bemängelt, dass die
Tiere überhaupt getötet, sondern dass sie
zu früh getötet wurden. Offenbar wäre es
möglich gewesen, die Tiger noch eine gan-
ze Weile im Zoo unterzubringen. Akute
Platznot gab es nicht. Wären die Tiere am
Leben geblieben, hätten sich später noch
Alternativen zur Tötung ergeben können.
SPIEGEL: Herr Nogge, was geschieht nor-
malerweise mit Tieren, die ein Zoo nicht
mehr benötigt? Werden sie verfüttert wie
die Giraffe in Kopenhagen?
Nogge: Eine Giraffe habe ich selber noch
nicht verfüttert, aber bei anderen überzäh-
ligen Huftieren ist das gang und gäbe. Und
das ist auch legitim. Raubtiere brauchen
Fleisch, daran müssen wir erboste Zoo -
besucher immer wieder erinnern. Und die
gleichen Leute essen dann abends Schwei-
nekotelett aus der Massentierhaltung. Da
wird mit zweierlei Maß gemessen.
Luy: Wir hatten in Berlin den Fall der Hals-
bandpekaris, die Wildschweinen ähneln.
Sie sollten geschlachtet und verfüttert wer-
den, weil sich für sie kein Platz mehr fand.
Doch die Besucher, Tierschutzorganisatio-
nen und Medien machten einen Riesenauf-
stand. Dabei ist es doch nur logisch, dass
Zoos, die Beutegreifer halten, eine be-
stimmte Menge Fleisch monatlich brau-
chen. Und mir ist es allemal lieber, wenn
diese Pekaris, von denen ich weiß, dass
sie – ganz anders als Schweine aus der
Mastanlage – im Zoo ein für sie herrliches
Leben hatten, an Löwen verfüttert werden.
SPIEGEL: Warum machen die Leute den Un-
terschied zwischen Schweinen im Schlacht-
hof und Schweinen im Zoo?
Luy: Ich befürchte, es findet eine Tabuisie-
rung statt. Die Leute denken das einfach
nicht zu Ende. Sie sagen: „Augenblick, das
kann doch nicht sein, der Zoo ist doch der
Tierfreund, da kann er doch nicht einfach
die Tiere töten.“ Zoos haben ja auspro-
biert, wie Besucher reagieren, wenn plötz-
lich ein geschlachtetes Gnu im Raubtier-
gehege liegt. Das geht nur gut aus, wenn
sie die Leute rechtzeitig informieren und
aufklären.
SPIEGEL: Herr Nogge, Herr Luy, wir danken
Ihnen für dieses Gespräch.
96 DER SPIEGEL 31/ 2014
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Die Stars der Zoos Haltungen in Deutschland*
48
Pinguine
65
Zebras
64
Braunbären
50
Tiger
46
Löwen
31
Elefanten
Schim-
pansen
*Zahl der Einrichtungen inkl. Wild-, Safari- oder Freitzeitparks und Aquarien; Quelle: Zootierliste
Wissenschaft
Przewalski-Pferde in der Mongolei
C
heikhmous Ali schiebt eine Schach-
tel mit Kugelschreibern quer über
den Tisch. Sein Freund Ahmad
zieht sie zu sich heran, stutzt, dann lacht
er laut. Der beleibte Syrer steckt sich einen
der Stifte an die Brusttasche seines blauen
Shirts. „Und du meinst, das funktioniert?“,
fragt Ahmad.
Ali, ein zierlicher Mann mit Brille, nickt.
„Und ob“, sagt er. Der Archäologe ist stolz
auf das, was er sich da ausgedacht hat: In
den Kugelschreibern stecken Mini-Digital-
kameras. „Die Qualität ist nicht super“,
sagt Ali. „Aber für unsere Zwecke okay.“
Die beiden Syrer sitzen an diesem hei-
ßen Sommertag auf der Restaurantterrasse
im ersten Stock eines Einkaufszentrums
in der südtürkischen Stadt Gaziantep. Un-
ter ihnen ist eine Media-Markt-Filiale, ne-
ben ihnen eine vierspurige Hauptstraße
und 60 Kilometer weiter der syrische Bür-
gerkrieg.
In wenigen Tagen wird Ahmad, ausge-
rüstet mit seinem James-Bond-Kugelschrei-
ber-Set, in Richtung Idlib im Nordwesten
Syriens fahren. „Eine normale Kamera
wäre zu riskant“, erklärt Ali, der die Foto-
Kugelschreiber vor ein paar Tagen in ei-
nem Elektromarkt im französischen Straß-
burg besorgt hat, seinem Exil.
Wer in Syrien filmt oder fotografiert, er-
weckt Misstrauen – sowohl bei den Solda-
ten der Regierungsarmee als auch bei den
Rebellen.
Ahmads Mission ist lebensgefährlich. Er
könnte als vermeintlicher Spion entführt,
gefoltert oder erschossen werden. Trotz-
dem wird er für Ali dokumentieren, was
in Syrien gerade geschieht: mit den alt -
ehrwürdigen Moscheen, den Kreuzfah -
rerburgen und den Museen, in denen
Kunstschätze aus der vorchristlichen Ge-
98 DER SPIEGEL 31 / 2014
Historischer Basar in Aleppo 2007 und 2013, Innenhof der Umajjaden-Moschee Aleppos 2009 und 2013: Von Bomben pulverisiert
Die Hüter des Schatzes
Archäologie Der Krieg in Syrien ist nicht nur eine humanitäre Katastrophe, die Kämpfe zerstören
auch das Kulturerbe des Landes. Forscher versuchen jetzt zu retten, was zu retten ist.
Wissenschaft
schichte, den Zeiten der Byzantiner und
der Römer liegen. Auch die Schmuggler
will er filmen.
Ali, 35, ist nicht vom Schlage eines In-
diana Jones. Er ist auf Leute wie Ahmad
angewiesen, die Informationen für ihn he-
ranschaffen. Nur so kann er Rettungspläne
für antike Stätten, Museen und Moscheen
entwerfen und ein Archiv anlegen, um Res-
taurierungsarbeiten zu erleichtern für die
Zeit nach dem Krieg.
Association for the protection of Syrian
Archaeology (Apsa) heißt die Organisa -
tion, die Ali nach Ausbruch des Krieges
gegründet hat und zu der mittlerweile zwei
Dutzend Forscher und Journalisten wie
Ahmad gehören. Einige von ihnen leben
noch immer in Syrien, andere in Frank-
reich, manche pendeln zwischen der Tür-
kei und Syrien. Dreh- und Angelpunkt für
sie alle ist Gaziantep.
Je mehr historische Stätten von Bomben
pulverisiert werden, je mehr Mosaiken von
den Wänden bröckeln, desto mehr ver-
blasst die Geschichte und Identität Syriens.
„Wir verkraften nicht auch noch das“, sagt
Ali, der Syrien schon 2003 verließ, um sei-
ne Doktorarbeit über Architekturdarstel-
lungen in der Steinschneidekunst im Vor-
deren Orient der Antike an der Université
de Strasbourg zu schreiben.
Seit 2011, als der Aufstand gegen Macht-
haber Baschar al-Assad ausbrach, wagt
sich Ali nicht mehr in sein Land.
Mehr als 160000 Menschen sind in den
vergangenen drei Jahren im Bürgerkrieg
gestorben. Städte wie Homs und Aleppo
haben sich in apokalyptische Landschaften
verwandelt. Und während fast drei Millio-
nen Menschen in libanesischen, türkischen
oder jordanischen Flüchtlingslagern auf
ein besseres Leben warten, zerfallen ihre
Heimatstädte und -dörfer bis zur Unkennt-
lichkeit – ein Verlust nicht nur für das sy-
rische Volk, sondern auch für Archäologen
und Historiker weltweit.
Die Gegend gilt als die Wiege der Zivi-
lisation. In Tell Brak und Uruk fanden Wis-
senschaftler Überreste der ältesten Sied-
lungen der Menschheitsgeschichte. Die
Spuren reichen bis ins 8. vorchristliche
Jahrtausend zurück.
Wie gut diese Funde, Juwelen der For-
schung, noch erhalten sind, ist in vielen
Regionen unklar. Die Unesco hat mittler-
weile alle sechs Weltkulturerbestätten
Syriens als gefährdet eingestuft, darunter
die Kreuzfahrerburg Krak des Chevaliers
aus dem 12. Jahrhundert, die antike
Oasenstadt Palmyra und die Innenstadt
Aleppos.
Am Tag des Treffens mit Ahmad bahnt
sich Cheikhmous Ali seinen Weg durch
das Basargewimmel Gazianteps. Seinen
Rucksack hat er wie ein Schuljunge ge-
schultert. Kupferpfannen und Töpfe sta-
peln sich vor den Ladeneingängen. Män-
nerstimmen vermischen sich mit Kinder-
geschrei und dem Klopfen von Schmiede-
hämmern auf Metall.
„Gegen Aleppo ist das hier nichts“, sagt
Ali. „Der Basar dort war Jahrhunderte äl-
ter, schöner, und er war wichtiger.“ Von
dem historischen Souk in Aleppo ist nur
noch Schutt geblieben.
Die Marktgeschäfte mit ihren schmu-
cken Holztüren sind 2012 in Flammen auf-
gegangen, als sich die Regierungsarmee
eine Schlacht mit den Rebellen lieferte.
Auch vor dem steinernen Dachgewölbe
des Basars hat die Zerstörungswut des
Krieges nicht haltgemacht. Aleppo gehört
noch immer zu den umkämpften Städten.
„Mein Sohn wird nie die Chance haben,
Syrien so zu sehen, wie ich es gesehen
habe“, sagt Ali. Er ist mit einer Französin
verheiratet; sein Kind ist erst ein paar Mo-
nate alt.
Aufgewachsen ist Ali in einem kleinen
syrischen Ort etwa 40 Kilometer von der
Türkei entfernt. Vor zwei Jahren ist er, so
nahe es ging, an die syrische Grenze he-
rangefahren. „Ich habe von da aus sogar
die Lichter meiner Stadt gesehen“, erzählt
der Archäologe. Damals habe er geweint.
Nach Hause gegangen ist er trotzdem
nicht. „Zu gefährlich“, sagt er.
Dutzende Ausgrabungsorte liegen der-
zeit verlassen und ungeschützt in der Son-
ne der nördlichen Levante. Tell Brak zum
Beispiel. Ein 40 Meter hoher und einen
Kilo meter langer Hügel, nicht weit von
Alis Heimatdorf. Vor 6000 Jahren haben
sich dort erstmals Menschen niedergelas-
sen. Tell Brak war eine der ersten Städte
der Welt.
„Ich bin mit so viel beeindruckender Ge-
schichte vor der Haustür aufgewachsen“,
sagt Ali. „Ich hätte gar nicht anders ge-
konnt, als Archäologe zu werden.“
In Tell Brak arbeitete bis zum Ausbruch
der Kämpfe ein britisches Archäologen-
team. Nach Angaben der syrischen Antiken -
behörde ist das Camp längst ausgeraubt,
das Werkzeug und die Keramiken, die dort
lagerten, fielen Plünderern in die Hände.
Wo einst Wissenschaftler mit Pinseln
Scherben und Münzen vom Staub der Jahr-
tausende befreiten, sind nun Leute mit gro-
bem Gerät und großer Gier unterwegs.
Entdeckt hat die Überreste der antiken
Siedlung der Archäologe Max Mallowan.
Er leitete ab 1937 die ersten Ausgrabungen,
seine Frau, die Krimiautorin Agatha Chris-
tie, half ihm dabei. Sie säuberte die Fund-
stücke und fotografierte sie. Das Ehepaar
entdeckte auch die berühmten Augenidole
in den Fundamenten eines Tempels. Sie
sollen mehr als 5000 Jahre alt sein.
Lange waren die Skulpturen ein High-
light im Nationalmuseum von Aleppo. Wie
viele der drolligen Alabasterfiguren mit
ihrem trapezförmigen Körper und den
überdimensionierten Augen noch dort
sind, ist unklar. Der internationale Mu-
seenrat hat sie deshalb auf die Rote Liste
der bedrohten Kulturobjekte Syriens ge-
setzt. Genauso wie Relieffiguren aus Pal-
myra, eine Bronzelampe aus der Region
um Damaskus oder Goldschmuck aus
Aleppo.
Die Museumsexperten hoffen, dass
Polizeipatrouillen in der Türkei, in Jor -
danien oder im Libanon über diese Rote
Liste eine Vorstellung davon bekommen,
was Schmuggler derzeit über die Grenzen
schleppen.
Vieles von dem, was Flüchtlinge und
Schwarzhändler versuchen, zu Geld zu ma-
chen, landet bei Händlern in Gaziantep,
Urfa oder Mardin, die es wiederum nach
Europa oder in die USA verkaufen.
„Die Motivation der Schmuggler ist ganz
unterschiedlich“, sagt Ali. Manche mach-
ten es aus Not, um überhaupt Geld für Es-
sen zu haben, andere aus reiner Habsucht.
Viele der Erlöse – manche der Antiken
sind Hunderttausende Euro wert – fließen
direkt in den Kauf von Waffen und Muni-
tion. Beständig füllt die Islamistenmiliz IS
ihre Kriegskasse durch den Handel mit An-
tiquitäten.
Schmuggelgut, das die türkische Polizei
aufgreift, landet meistens in gesicherten
Depots. Erst wenn der Bürgerkrieg vorbei
ist, will die türkische Regierung die Antiken
zurück nach Syrien schicken. Die Türken
kooperieren eng mit der syrischen Oppo-
sition, also den Gegnern Assads.
Die Oppositionellen haben ihren Exil-
Regierungssitz in einem weißgetünchten
Wohnhaus in Gaziantep eingerichtet. Ali
ist dort häufig zu Besuch, um sich im zwei-
ten Stock mit dem Kulturminister zu be-
sprechen. Etwa wenn es darum geht, ob
es sich bei Schmuggelgut um authentische
Objekte handelt oder um Fälschungen.
Anfang des Jahres hat die türkische
Polizei wieder einmal eine ganze Ladung
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IRAK
JORDANIEN
SYRI EN
LIBANON
TÜRKEI
Damaskus
Bosra
Palmyra
Homs
Idlib
Gaziantep
Urfa
Mardin
Tell Brak
Krak des
Chevaliers
Mittel-
meer
Aleppo
Tote Städte
100 km
Stätten des Weltkulturerbes,
die von Zerstörung und Plünderung bedroht sind
Wissenschaft
syrischer Kulturobjekte konfisziert. Ein
Schmuggler hatte in der Nähe Mardins ver-
sucht, mit dem Auto mehr als 300 Siegel
und Schmuckstücke über die Grenze zu
bringen. Das Diebesgut lagert nun im Mu-
seum in Mardin – zum Ärger des Assad-
Regimes, das die Rückgabe aller Artefakte
fordert.
Archäologie in Syrien hat dieser Tage
immer auch mit Politik zu tun.
Länder wie der Libanon halten sich an
die Forderungen der Assad-Leute. Im ver-
gangenen Sommer etwa übergab das
libanesische Direktorat für Antiquitäten
den syrischen Behörden 18 Mosaiken, die
der Zoll bei einer Routinekontrolle ent-
deckt hatte. Die Beamten hatten einen
Reisebus gestoppt, in dessen Gepäckfach
zusammengerollte Stoffbahnen
lagen – darin mehr oder weni-
ger gut erhaltene Kunstwerke.
Nach Einschätzung von Exper-
ten stammen sie aus Nord -
syrien und bilden unter ande-
rem Szenen aus Homers „Odys-
see“ ab.
Der libanesischen Tageszei-
tung al-Akhbar zufolge sind die
Diebe professionell vorgegan-
gen: Zunächst bedeckten sie
die Mosaiken im Fußboden mit
speziellen Stoffbahnen, deren
linke Seite eine ähnliche Be-
schaffenheit hat wie klebrige
Fliegenfänger, die in Kuhställen
von der Decke hängen. Dann
haben sie auf die Steinchen ge-
hämmert, bis diese sich aus ih-
rem uralten Kitt lösten und an
dem Material haften blieben.
Die Teilchen, die nicht am
Stück zu lösen waren, haben
die Schmuggler zusammenge-
kratzt und dazugeworfen.
„Das Schlimme ist also nicht
nur, dass diese Kriminellen die
Werke klauen, sie machen sie
auch noch kaputt“, schimpft
Ali. Und manchmal verfälsch-
ten sie die Mosaiken zu allem
Übel noch, indem sie fehlende
Steine durch neue ersetzten.
Der Archäologe wartet vor
dem Starbucks in Gaziantep
auf zwei Kontaktmänner aus
Aleppo, die mit ihm kooperie-
ren wollen. Die beiden gehören
einer ähnlichen Gruppe wie
Alis Apsa an. Allerdings ver-
halten deren Mitglieder, zehn
an der Zahl, sich bei ihren Mis-
sionen weniger vorsichtig als
die Apsa-Leute. „Die Jungs ge-
hen wirklich in den Kugel -
hagel“, erzählt Ali. Einer von
ihnen sei im vergangenen Jahr
umgekommen, als er in der
Innen stadt Aleppos für seine Organisation
unterwegs war.
Ward Furati, 26, und sein Kumpel haben
alle bisherigen Aktionen ihrer Gruppe un-
verletzt überstanden. Bevor sie mit Ali
über weitere Einsätze sprechen wollen, be-
stellen sie sich Kaffee und einen American
Cheesecake. Wie die beiden da so sitzen,
sehen sie wie Studenten aus, die Pause
zwischen zwei Vorlesungen machen.
„Wenn ich mit einem Sandsack auf dem
Rücken über einen Platz renne, obwohl
da Scharfschützen stehen“, sagt Furati,
„frage ich mich schon manchmal selber:
Bist du dumm oder was?“
Und dann mache er trotzdem weiter,
Sandsack für Sandsack, bis die alte Son-
nenuhr vor Schüssen geschützt ist. „An-
sonsten wird von Syrien nichts mehr übrig
sein“, sagt er. „Wer sind wir dann noch?“
Während er erzählt, schiebt er das kinn-
lange Haar mit seiner schwarz umrandeten
Brille zurück. Er trägt Jeans und ein Hemd,
manchmal checkt er nebenbei auf dem
Smartphone seinen Facebook-Account.
Furati hat einmal Architektur an der
Universität von Aleppo studiert. Als er
während des Arabischen Frühlings gegen
Assad demonstrierte, landete er im Ge-
fängnis; das war 2011. Nach seiner Frei -
lassung war von Aleppo nicht mehr viel
übrig – und auch von seiner Uni nicht.
Seitdem verbringt er seine Zeit wochen-
weise bei Bekannten in Gaziantep oder in
Aleppo. Viele Wohnhäuser stehen leer.
„Man findet leicht einen Schlafplatz“, sagt
Furati. Diesen Namen hat er
sich selbst nach dem Arabi-
schen Frühling gegeben. Klar-
namen benutzt keiner der Ak-
tivisten mehr.
Gemeinsam mit seinen Mit-
streitern hat Furati den Minbar,
also die Kanzel, der Umajjaden-
Moschee abgebaut und „an ei-
nen sicheren Ort“ gebracht. Sie
retteten Bücher aus der alten
Bibliothek eines belgischen
Diplomaten und vermauerten
eine hölzerne Nische mit Koran -
versen aus dem 13. Jahrhun-
dert, um sie vor Einschuss -
löchern zu bewahren.
Fast zwei Stunden lang disku-
tieren Ali und Furati, wie eine
Zusammenarbeit der beiden Or-
ganisationen aussehen könnte.
Als Gemeinschaftsprojekt wol-
len sie dokumentieren, wie es
etwa um die „Toten Städte“ im
nordsyrischen Kalksteinmassiv
bestellt ist. Es sind Hunderte
Ruinen. „Wenn wir darüber ei-
nen guten Überblick haben,
können wir die nächsten Schrit-
te machen“, sagt Ali. Schutzvor-
richtungen bauen zum Bei-
spiel – oder irgendwann sogar
einige der Stätten restaurieren.
Ali schreibt Zahlen in sein
Notizbuch, auch Furati rechnet.
Um das Projekt zu starten,
brauchten sie 180000 Euro,
schätzt der Archäologe. Sie
müssten die Aktivisten bezah-
len, benötigten Fahrzeuge und
Material. „Dann könnten wir
wirklich etwas bewegen“, sagt
der Wissenschaftler. Besonders
optimistisch wirkt er nicht.
Ali weiß, wie schwer es ist,
Geld für solche Zwecke zu sam-
meln. Wer interessiert sich
schon für alte Steine, wenn Men-
schen sterben? Katrin Elger
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Augenidole aus dem Nationalmuseum Aleppo: Mehr als 5000 Jahre alt
Archäologe Ali in Gaziantep: Nicht vom Schlage eines Indiana Jones
*ab 14 Jahren
Quelle: AIHW
Täglicher
Konsum
Anteil der
Raucher in
Australien
*
1993
12,8%
2013
25%
A
lle drei Jahre erforscht Australiens
Regierung des Volkes dunklere Sei-
ten. Dann bekommen Zehntausen-
de Bürger Fragebogen nach Hause ge-
schickt, auf denen sie sich anonym, frank
und frei zu ihren Sünden bekennen kön-
nen: wie oft sie Kokain schniefen, ob sie
Ecstasy schlucken, wie viel sie wirklich
rauchen und trinken.
Jetzt hat Australien die Ergebnisse der
Drogenbeichte von 2013 veröffentlicht –
und manche davon sind so sensationell,
dass sie weltweit Folgen haben könnten.
Der Anteil der regelmäßigen Raucher an
der Bevölkerung ist zuletzt so stark gesun-
ken wie seit 20 Jahren nicht, von 15,1 Pro-
zent im Jahr 2010 auf nunmehr noch 12,8
Prozent – aus Sicht der Tabakkontrolleure
ein sehr beachtlicher Erfolg.
Der Rückgang ist bemerkenswert, denn
Australien ist seit Ende 2012 Schauplatz
eines gewagten Experiments. Seither dür-
fen dort Zigaretten nur in Einheitsverpa-
ckungen verkauft werden. Ob Marlboro
oder Camel, die Schachtel sieht immer
gleich aus und immer unappetitlich:
schlammschwarz, der Markenname in
schlichter Standardschrift. Ins Auge sprin-
gen nur wechselnde Schockbilder, hier ein
Zungenkarzinom, da „Bryan, 34“, eine
Schreckensgestalt kurz vor dem Krebstod.
Die Einheitspackung scheint zu wirken.
Von den jungen Australiern zwischen 18
und 24, der wichtigsten Zielgruppe der Ta-
bakkonzerne, haben mehr als drei Viertel
noch nie geraucht, ein Rekord. Die Jugend-
lichen, die es doch tun, sind bei der ersten
Kippe immerhin fast 16 Jahre alt und damit
älter als zuvor – 1995 lag das Einstiegsalter
der Teenager noch bei 14 Jahren. Die ver-
bliebenen Raucher konsumieren jetzt we-
niger Zigaretten, was teils an den absto-
ßenden Packungen liegen mag, teils aber
auch daran, dass eine Schachtel Marlboro
umgerechnet 14 Euro kostet.
Bisher hatten die Tabakkonzerne stets
behauptet, dass Einheitsschachteln keine
Auswirkung hätten auf ihre Kunden und
die Maßnahme daher überzogen sei. Doch
das Gegenteil ist der Fall.
Forscher der australischen University of
Newcastle haben Raucher vor und nach
der Einführung der neutralen Schachteln
intensiv befragt. Ihre Ergebnisse, jetzt
erschienen im Journal Health Education
Research, künden von einer nahenden
Katastrophe für die Tabakkonzerne. Rau-
cher empfinden ihre neu gewandeten Ziga -
retten demnach als nicht mehr so reizvoll
wie zuvor. Viele schwören, dass die Tabak -
qualität ihrer Lieblingsmarke gelitten habe,
und andere urteilen, dass Zigaretten jetzt
irgendwie alle gleich schmeckten.
Der Gestaltungshoheit beraubt, können
Australiens Tabakkonzerne den Zauber ih-
rer Marken nicht mehr entfalten. Zigarette
ist gleich Zigarette – keine ist eleganter,
keine cooler, keine interessanter. In das
Image ihrer Marken haben die Tabakkon-
zerne aber Milliarden investiert. Daher
wehren sie sich mit allen Mitteln gegen die
Einheitsschachtel, die ihrer Meinung nach
einer Enteignung gleichkommt.
Australien muss sich in mehreren inter-
nationalen Verfahren und vor Institutionen
wie der Welthandelsorganisation WTO
verteidigen. Der Ausgang dieser Prozesse
ist offen, und womöglich muss
das Land die Industrie mit Mil-
liardensummen entschädigen.
Unterdessen macht jedoch das
australische Exempel Furore.
Neuseeland hat sich vorge-
nommen, bis 2025 rauchfrei zu
werden. Bis dahin soll der An-
teil der Raucher auf unter fünf
Prozent sinken, und die Ein-
heitspackung soll dabei helfen.
Die Regierung in Wellington
will sie einführen, sobald Austra -
lien die juristischen Auseinan-
dersetzungen überstanden hat.
Irland war der erste Staat der
Welt, der 2004 das Rauchen am
Arbeitsplatz verboten hat. Jetzt
orientieren die Iren sich am
australischen Vorbild: Das Ge-
setz zur Einheitspackung ist be-
reits vom Kabinett gebilligt, im Augenblick
liegt es dem Parlament vor.
Der zuständige Minister James Reilly,
ein Mediziner, hat Vater und Bruder an
den Folgen der Nikotinsucht sterben sehen.
Die neutrale Schachtel, so Reilly, werde
Leben retten, denn sie nehme der Tabak-
industrie die letzte Möglichkeit, ihr töd -
liches Produkt zu bewerben.
Großbritannien berät ebenfalls ein ent-
sprechendes Gesetz. Eigentlich wollte die
konservativ-liberale Regierung das nicht,
doch dann führten Experten überzeugende
Belege dafür an, dass gerade Kinder be-
sonders empfänglich sind für jene Werbe-
botschaften, die von Zigarettenpackungen
ausgehen. Analysten der Citigroup neh-
men die australischen Erfolge zum Anlass
für die Prophezeiung, dass es auf den In-
seln ab 2017 keine erkennbaren Zigaret-
tenmarken mehr geben werde.
Sogar Frankreich erwägt nun ein Ver-
bot – das Land, dessen Popkultur von Ni-
kotinromantikern wie Serge Gainsbourg
geprägt ist. Und Deutschland?
Hier, wo jeder Vierte regel -
mäßig raucht und jährlich mehr
als 110000 Menschen an den
Folgen sterben, droht den Ta-
bakkonzernen keine Gefahr.
Die Bundesdrogenbeauftragte
Marlene Mortler (CSU) will an
die Einheitsschachtel nicht ran,
denn diese werde von der Bun-
desregierung nicht nur rechtlich
„als höchst problematisch“ ge-
sehen. Sie will sich aber dafür
einsetzen, die allgegenwärtige
Zigarettenwerbung auf Plaka-
ten zu verbieten. Australien hat
dies schon vor über 20 Jahren
getan.
Alles in allem, so lobte Mortler
kürzlich, sei Deutschland in der
Drogen- und Suchtpolitik „rich-
tig aufgestellt“. Marco Evers
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Alle gleich
eklig
Sucht In Australien dürfen Zi -
garetten nur in abstoßenden
Einheitspackungen verkauft wer-
den. Weil das wirkt, findet die
Idee jetzt Nachahmer in Europa.
Tabakregal in Australien: Keine ist eleganter, keine cooler, keine interessanter
Wissenschaft
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ten Totschlags in elf Fällen und Körperver-
letzung mit Todesfolge in drei Fällen. Die
Staatsanwaltschaft wirft Aiman O. vor, in
der Uni-Klinik Göttingen Angaben seiner
Patienten manipuliert zu haben. O. bestrei-
tet das.
Es ist das erste Mal, dass einem Arzt ein
Tötungsdelikt vorgeworfen wird, weil er
Patientendaten gefälscht haben soll. Ober-
staatsanwältin Hildegard Wolff beschreitet
mit ihrer Anklage juristisches Neuland. Im
Prozess tritt sie kampfeswillig auf, auch
die Anwälte von O. setzen in ihrer Vertei-
digungsstrategie auf Härte.
Der Vorsitzende Richter Ralf Günther
scheint bei diesem aggressiv geführten Ver-
fahren bisweilen den Überblick zu verlie-
ren. Er bringt oft seine Sätze nicht zu Ende,
er hat Mühe, die Konflikte zu schlichten,
und bei der Affäre, die Rentner Krume
das Schöffenamt kostete, machte Günther
eine unglückliche Figur.
Die Posse um den Schöffen begann, als
der im Oktober 2013 im Gericht stolperte,
rücklings die Treppe herunterfiel und mit
einer zersplitterten Speiche des rechten
Unterarms ins Krankenhaus eingeliefert
wurde. Drei Operationen folgten, fortan
saß der Rentner mit Gips am Richtertisch.
Drei Finger sind noch immer taub.
Ende April traf Krume in einer Verhand-
lungspause im Fahrstuhl auf den Angeklag-
ten. O. gibt sich im Gerichtsgebäude stets
freundlich, er erkundigte sich nach Krumes
Gesundheit. Der Schöffe antwortete, seine
Hand schmerze, es gehe ihm „beschissen“.
O. bot an, die Adresse eines Handchirur-
gen zu vermitteln.
Krume war fast fünf Jahre lang Schöffe,
seine Frau war zuvor acht Jahre Beisitzerin
bei Gericht. Er wusste um die Brisanz des
Angebots. Deshalb, so sagt er, habe er
Richter Günther gefragt, ob er auf das
Angebot eingehen dürfe. Der Vorsitzende
habe geantwortet, so versichert Krume,
das sei „kein Problem“. Daraufhin habe
er O. einige Tage später angerufen und
von ihm den Namen eines Experten in
Hannover erhalten.
Irgendwann erzählte jemand dem
Richter, wie der Angeklagte dem Schöffen
Krume geholfen hatte. Günther rief darauf-
hin Krume an. „Ich sollte ihm eine E-Mail
über den Vorgang schreiben“, erinnert sich
der Rentner. Er habe ihm auch gesagt, so
erzählt Krume, „ich solle darin nicht er-
wähnen, dass er selbst sein Okay gegeben
habe“. Der Richter leitete Krumes E-Mail
an die Oberstaatsanwältin weiter, die einen
Befangenheitsantrag gegen den Schöffen
stellte. Wie könne jemand unbefangen
über die ärztliche Kompetenz des Ange-
klagten richten, wenn er sich medizini-
schen Rat bei ihm einhole?
Wenige Tage später teilte Richter Gün-
ther dem Schöffen Krume mit, er brauche
nicht mehr im Prozess zu erscheinen. Der
ehemalige Handelsvertreter war sich kei-
ner Schuld bewusst, weil er glaubte, die
Rückendeckung des Richters für seinen
Anruf bei O. gehabt zu haben. Erbost rief
er die Oberstaatsanwältin an. Sie bat ihn,
ihr den Vorgang schriftlich mitzuteilen. Als
sie Krumes E-Mail las, stellte sie einen
zweiten Antrag wegen Besorgnis der Be-
fangenheit, diesmal gegen den vorsitzen-
den Richter – was ein Strafverfolger äu-
ßerst selten tut.
Der Befangenheitsantrag passt zu einem
Prozess, der während der mehr als 40 Ver-
handlungstage eskaliert ist. Das Verfahren
zieht sich viel länger hin als geplant. Die
Staatsanwaltschaft ermittelt gegen mehre-
re Zeugen wegen des Verdachts der Falsch-
aussage. O.s Anwälte haben zudem Verant -
wortliche der Bundesärztekammer wegen
des Verdachts des Totschlags angezeigt –
weil deren Richtlinien, die im Prozess eine
Rolle spielen, Alkoholkranke von Organ-
transplantationen zum Teil ausschlössen.
Einer von O.s Anwälten verlangt von
der Staatsanwältin eine strafbewehrte
Unter lassungserklärung samt Kostener -
stattung in vierstelliger Höhe, weil sie im
Prozess kritisiert hatte, dass er einen Zeu-
gen vor dessen Gerichtsaussagen angeru-
fen haben soll. Die Staatsanwältin nahm
nichts zurück und zahlte nicht.
Nun drohte das gesamte Verfahren
wegen der Folgen von Krumes Sturz zum
Stillstand zu kommen. Es stehen zwar Er-
satzschöffen und ein Ersatzrichter bereit,
doch die müssten sich erst in die kompli-
zierte Materie einarbeiten.
Richter Günther setzte eine dienstliche
Erklärung auf, in der er dem Schöffen
widersprach: Er habe Krume weder gesagt,
es sei kein Problem, O. anzurufen, noch
habe er Krume am Telefon gebeten, eine
Stellungnahme wegzulassen. Krume habe
ihm zwar vom Angebot des Angeklagten
erzählt, er sei aber zunächst davon ausge-
gangen, dass er darauf nicht reagiert habe.
Die Kollegen aus Günthers Kammer
wischten wenig später den Befangen -
heitsantrag gegen ihn vom Tisch, weil der
Antrag der Oberstaatsanwältin „nicht un -
verzüglich“ gestellt worden sei, wie es in
der 22-seitigen Begründung heißt.
Krume hatte der Anklägerin seine
Version am 3. Juni am Telefon erzählt.
Am nächsten Tag wiederholte er in einer
E-Mail seine Angaben. Am darauffolgen-
den Tag brachte die Oberstaatsanwältin
ihren Antrag um 14.13 Uhr bei Gericht ein.
Zu spät, meinten die Richter, und so durfte
Günther ihr Vorsitzender bleiben.
Nach den Befangenheitsanträgen sind
die Emotionen weiter hochgekocht. Am
vergangenen Freitag ging die Schlacht vor
Gericht weiter. Es wurden vier neue Be-
weisanträge gestellt. Der Prozess wird
nicht vor Herbst enden.
Udo Ludwig, Antje Windmann
Rat mit Folgen
Medizinrecht Im Göttinger
Prozess um manipulierte Organ -
trans plantationen wirkt der
Richter überfordert – auch wegen
des Rauswurfs eines Schöffen.
Richter Günther
H
ans-Jürgen Krume, 71, hat es idyl-
lisch in seinem Garten. Tisch und
Stühle für den Nachmittagskaffee
stehen im Schatten eines Apfelbaums. In
einem Gewächshaus sprießen Orchideen.
Krume hat wieder Zeit für sein Hobby:
„Seit sie mich aus dem Prozess geschmis-
sen haben, habe ich ja nichts anderes zu
tun.“
Bis vor zwei Monaten war der Rentner
Schöffe in einem aufsehenerregenden
Strafprozess. Er gehörte zur Strafkammer
des Göttinger Landgerichts, vor der sich
Professor Aiman O. verantworten muss.
Der Chirurg ist angeklagt wegen versuch-
Ehemaliger Schöffe Krume
D
ie entscheidende Sichtung gelang
laut Polizeiprotokoll in der Abend-
dämmerung des 6. Juli. Ein Ehe-
paar war zu später Stunde an einem Karp-
fenteich am Stadtrand von Erlangen spa-
zieren gegangen, als es eine gewaltige
Schildkröte mit dicken Hornschuppen und
einem Papageienschnabel erblickte. Reglos
saß das dunkelköpfige Wesen am Ufer,
mindestens zehn Kilogramm schwer.
Während der Gatte losrannte, um die
Ordnungshüter zu alarmieren, harrte seine
Frau vor Ort aus. Zwar verschwand das
Ungetüm kurz vor Eintreffen der Exeku -
tive gluckernd im Morast. Der Ermittlungs-
bericht stuft die Schilderung der Augen-
zeugen, die selbst Reptilien besitzen, je-
doch als „absolut glaubwürdig“ ein.
Seitdem herrscht in Erlangen Echsen-
alarm. Bereits am Tag darauf wurden
Warnschilder aufgestellt mit der Bitte,
„umgehend die Feuerwehr“ zu informie-
ren, falls das Panzerwesen je wieder aus
dem Weiher lugen sollte.
Das ist bislang nicht geschehen. Der Un-
hold Suarez – getauft auf den Namen des
beißfreudigen uruguayischen Fußballspie-
lers – macht sich rar. Die Behörden be-
schlossen, spezielle reusenartige Lebend-
fallen zu bauen. Die Drahtkörbe werden
in dieser Woche aufgestellt.
Doch noch ist der Störenfried frei und
das Unbehagen groß. Chelydra serpentina
stammt ursprünglich aus Nordamerika; das
Tier kann leicht Finger durchtrennen.
Meist sitzt der Lauerjäger in schlammigen
Verstecken. Nähert sich ein Frosch oder
ein Blässhuhn, schlägt er zu. Auch Aas
wird vertilgt.
Bereits im vorigen Jahr brachte es ein
Vertreter dieser Tierfamilie zu Berühmt-
heit: Lotti aus dem bayerischen Irsee
schaffte es bis ins neuseeländische Fern -
sehen, weil sie einem achtjährigen Jungen
beim Baden die Achillessehne durchtrennt
hatte. Das Kind musste im Krankenhaus
notoperiert werden.
Ob sich solche Szenen bald wiederho-
len? Obwohl Deutschland als einziger
Staat der Erde die Haltung von Schnapp-
schildkröten verbietet, drohen die Viecher
ausgerechnet hierzulande zur Plage zu
werden.
Der Grund: Ausgestattet mit dem Ruch
des Illegalen, werden zwei-Euro-Stück-gro-
ße Jungtiere bei Züchtern nachgefragt und
unterm Ladentisch verkauft. Haben die
possierlichen Minis die Größe von Brat-
pfannen erreicht, vergeht den Terrarien-
freunden meist der Spaß. Anstatt die Exo-
ten in offiziellen Sammelstellen abzuge-
ben, entlassen sie die lästige Brut heimlich
in die freie Wildbahn – ihnen drohen Stra-
fen von bis zu 50000 Euro. Ein Musterbei-
spiel für überkandidelte Gesetzgebung.
Kein Wunder also, dass sich die Sichtun-
gen mehren. Vorvergangene Woche wurde
eine Schnappschildkröte in einem Garten
in Kossenblatt (südöstlich von Berlin) mit
einem Kescher gefasst. Kurz zuvor ging
den Behörden im Raum Friedrichshafen
ein Sechs-Kilo-Exemplar ins Netz.
Der Wittsee an der niederländischen
Grenze hat sich sogar zum veritablen
Schnappi-Paradies entwickelt. Dort lebt
offenbar eine eigenständige Population. In
den vergangenen Wochen gelang es, ins-
gesamt zwölf der tellergroßen Beißer ein-
zufangen.
Auch die Reptilienauffangstation Mün-
chen meldet Zustrom. Nach Auskunft des
Veterinärmediziners Thomas Türbl befin-
den sich in dem Pflegeheim rund ein Dut-
zend jener Panzertiere, alle frisch einge-
liefert.
Der dickste Koloss dort heißt Bernhard
und ist eine Geierschildkröte, eng ver-
wandt mit der Schnappvariante, nur noch
größer und mit Kiefern, kräftig wie
Schraubzwingen. Das Tier gehörte vor-
mals einem Rentner in Berlin, der den
zentnerschweren Burschen nicht mehr he-
ben konnte.
Derlei Ungetüme zu streicheln emp-
fiehlt sich nicht. Bei Worms biss jüngst
eine angeblich 20 bis 30 Kilogramm schwe-
re Schnappschildkröte in den Stock eines
Wanderers. Zu allem Übel sondern die Tie-
re bei Panik ein stinkendes Sekret ab.
Zwar verharmlosen feinfühlige Kriech-
tierversteher gern die Gefahr. Chelydra
serpentina, heißt es, würde nie unprovo-
ziert Menschen angreifen. Doch das beru-
higt wenig. Die Schnapper liegen gern
stundenlang reglos und gut getarnt im
Schlick. Versehentlich auf sie zu treten,
werten sie durchweg als Belästigung. Ein
Zeh oder Fleischteil aus dem Fuß ist da
schnell verloren.
Wegen ihrer Liebe zum Verborgenen
lassen sich die Lauerjäger nur schwer fas-
sen. Die berüchtigte Lotti wurde über Wo-
chen hin mit Nachtsichtgeräten und von
Spürhunden gesucht, eine ganze Kescher-
Armee durchkämmte das Gelände, man
versprach 1000 Euro Kopfgeld und pumpte
zuletzt den gesamten Weiher ab. Ohne Er-
gebnis.
Stattdessen kehrt nun der Schrecken zu-
rück. Ende Juni meldete sich eine Frau mit
einer neuen Spur. Demnach hält sich das
Phantom jetzt im ehemaligen Klosterteich
im Dorfzentrum auf. Die Augenzeugin will
gesehen haben, wie das verhornte Untier
eine Ente in die Tiefe zog. Bürgermeister
Andreas Lieb hat daraufhin erneut eine
mit leckeren Ködern gespickte Lebendfalle
aufstellen lassen.
Sie ist bis heute leer. Matthias Schulz
104 DER SPIEGEL 31 / 2014
Lauerjäger
im Badesee
Tiere Sie beißen Achillessehnen
durch und zerfetzen Fische:
Schnappschildkröten machen
sich in deutschen Weihern breit.
Nun werden Fallen aufgestellt.
Eingefangene Schnappschildkröte: Das Ungetüm zu streicheln empfiehlt sich nicht
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Video: Eine Schnappschild-
kröte beißt zu
spiegel.de/app312014schnappschildkröte
oder in der App DER SPIEGEL
Kino in Kürze
Erotisches Manifest
Diese Liebe braucht viele
Worte. Doch es ist ein Ver-
gnügen, den Figuren des
Films „Die geliebten Schwes-
tern“ zuzuhören, wie sie ihre
manchmal verworrenen
und dann wieder schmerzhaft
klar empfundenen Gefühle
auf den Begriff zu bringen
versuchen. Der Regisseur Do-
minik Graf erzählt von
dem Dichter Friedrich Schiller
(Florian Stetter), der im
Sommer 1788 die Schwestern
Caroline von Beulwitz (Han-
nah Herzsprung) und Char -
lotte von Lengefeld (Henriette
Confurius) kennenlernt.
Es ist die Utopie einer Liebe
zu dritt, die sie gegen den
Willen ihrer Eltern, den Rat
ihrer Freunde und die Kon-
ventionen der Gesellschaft zu
leben versuchen. In einem
ausgedehnten Briefwechsel
entwickeln die drei ein eroti-
sches Manifest. Wer das Ra-
scheln des Papiers und das
Kratzen des Federkiels nicht
als sinnlich empfinden kann,
ist in diesem Film verloren.
Die lichten Bilder des unbe-
schwerten Anfangs trüben
sich ein, die Weite der Land-
schaft weicht der Enge der
Innenräume, als das neue Lie-
besmodell an der Realität
zu zerbrechen droht. Und so
handelt Grafs Film auch von
der Schönheit einer Idee,
die auf dem Weg vom Kopf
ins Herz schwer in Mitleiden-
schaft gezogen wird. lob F
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Confurius, Stetter, Herzsprung
in „Die geliebten Schwestern“
106 DER SPIEGEL 31 / 2014
Oliver Polak, 38, jüdischer
Stand-up-Comedian, dessen
Pointen auch vor dem Holo-
caust nicht haltmachen,
über die antisemitischen Aus-
schreitungen in Deutschland
SPIEGEL: Herr Polak, fühlen Sie
sich angegriffen, wenn auf an-
tiisraelischen Kundgebungen
Demonstranten „Jude, Jude,
feiges Schwein“ brüllen, wie
in den vergangenen Tagen?
Polak: Wie würden Sie sich füh -
len, wenn man Sie als SPIEGEL-
Redaktion als feige Schweine
beschimpfen würde? Ich bin
Deutscher jüdischen Glaubens.
Klar, mich verstören diese
Ausschreitungen. Der kom-
plette Slogan lautet übrigens:
„Jude, Jude, feiges Schwein,
komm heraus und kämpf al-
lein“. So entsetzlich ich das
finde, kommen mir als Come-
dian dabei auch absurde und
durchaus witzige Gedanken.
SPIEGEL: Welche?
Polak: Die passen hier nicht
so richtig hin.
SPIEGEL: Können Sie auf so
etwas noch mit Humor rea-
gieren?
Polak: Schwierig. Ein Freund
aus England, mit dem ich
dort auf ein jüdisch-orthodo-
xes Internat gegangen bin,
hat mich schon gefragt, was
los ist bei uns in Deutschland.
SPIEGEL: Deutschland lässt
also Antisemitismus zu?
Polak: Deutschland war im-
mer vorsichtig. Aber es sind
jetzt ja nicht nur die paar
Hundert Demonstranten. Da
könnte man vielleicht noch
sagen, dass das eine ziemlich
geniale Trottelmischung ist.
Das sind nicht unbedingt die
Hellsten, die dieses Land zu
bieten hat. Aber es geht da-
rüber hinaus: Da sind zum
Beispiel deutsche Rapper,
die auf ihren Social-Media-
Seiten Kommentare wie
„Juden + Gas = perfekt“ zu-
lassen, ohne sich davon zu
distanzieren.
SPIEGEL: In anderen Ländern
sind die Ausschreitungen
noch heftiger. Sind sie
in Deutschland trotzdem be-
sonders ernst zu nehmen?
Polak: Mein Vater, der heute
88 Jahre alt ist, war als jun-
ger Mensch in mehreren Kon-
zentrationslagern. 70 Jahre
lang hört er dieses Land mah-
nen: Wehret den Anfängen!
Jetzt sollte man reagieren.
Deutsch land, wie sieht es
aus? Gauck hat sich distan-
ziert, Merkel auch. Fein.
Aber was machen wir jetzt?
Entschlossen handeln ohne
Kompromisse wäre ein erster
Schritt. Wenn es so abgeht
wie gerade, grenzt das für
mich an eine Art Emo tions-
Holocaust.
SPIEGEL: Dürfen wir Deut-
schen die Politik Israels ge-
nauso kritisieren wie die an-
derer Nationen?
Polak: Sie können an der ak-
tuellen Politik Israels so viel
kritisieren, wie Sie wollen.
Aber Sie sollten sich fragen:
Wieso fällt es offenbar vielen
Deutschen immer noch
schwer, in der Bewertung is-
raelischer Politik ein objek -
tives Maß zu halten? Was
muss da noch abgearbeitet
werden? Vielleicht sollten
sich alle mehr mit der eige-
nen Identität und persönli-
chen Geschichte auseinander-
setzen. Von den Facebook-
Hobby-Nahostexperten wün-
sche ich mir, dass sie sich wie-
der auf ihre Kernkompetenz
besinnen: Essen fotografieren
und Lanz kritisieren. oeh
DE B AT T E N
„Emotions-Holocaust“
Verlage
„Totaler Irrsinn“
Hans Barlach ist den Streit
satt, aber er kämpft weiter.
„Ich kann mich doch nicht
auspeitschen und bestehlen
lassen“, sagt er. Er habe
keine Wut, behauptet er,
aber „Lebensqualität“ sei
etwas anderes.
Es ist eine Geschichte, die
nicht aufhören will. Die Be-
teiligten sind erschöpft, die
Beobachter ermüdet, die
Standpunkte seit Jahren be-
kannt. „Der totale Irrsinn“,
findet selbst Barlach. Es geht
um Geld, viele Millionen,
vielleicht auch um die Ehre.
Und nebenbei geht es um ei-
nen der wichtigsten literari-
schen Verlage in Deutschland,
um Suhrkamp, um dessen Zu-
kunft, ja Existenz. Es ist ein
Machtkampf zwischen Bar-
lach, Minderheitsgesellschaf-
ter bei Suhrkamp, und der
Verlegerin Ulla Unseld-Berké-
wicz und ihrer Familienstif-
tung. In diesen Kampf sind
inzwischen diverse Gerichte
mit durchaus unterschiedli-
chen Ansichten involviert.
Nun die neueste Entwicklung:
Der Bundesgerichtshof (BGH)
hat, von Barlachs Medienhol-
ding angerufen, das Land -
gericht Berlin gerügt, weil es
eine Beschwerde Barlachs ver-
worfen hatte. Sie richtete sich
gegen die gerichtliche Abseg-
nung eines Insolvenzplans,
mit dem Suhrkamp in eine Ak-
tiengesellschaft um gewandelt
werden soll. Dabei geht es
auch um die Frage, ob Barlach
dadurch schlechter gestellt
würde. Ohne diese Umwand-
lung (die im Sinne von Unseld-
Berkéwicz wäre), so stellte der
BGH am Rande fest, hätten
bei einer „Veräußerung des
Unternehmens“ doch alle Sei-
ten „entsprechend ihrer Be -
teiligung an dem erzielten Ver-
kaufserlös partizipiert“.
An Berliner Gerichten ste-
hen darüber hinaus zwei
weitere Entscheidungen an.
Am 20. August geht es um
eventuelle Schadensersatz -
ansprüche Barlachs. Sechs
Tage später soll in zweiter In-
stanz über die von Barlach
geforderte Abberufung der
Suhrkamp-Geschäftsführung
entschieden werden. Barlach
träumt bisweilen, als wäre
er nicht Kämpfer und Kläger,
von einem Happy End.
Am liebsten würde er seiner
Widersacherin Unseld-Ber -
kéwicz sagen: „Statt den Nie-
dergang des Verlags zu ris -
kieren, könnten wir uns an
der Hand fassen und ge -
meinsam feststellen, dass wir
schlecht beraten worden
sind.“ vha
107 DER SPIEGEL 31 / 2014
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Kultur
Was mich nachdenklich macht, ist
mein Selbstmitleid im Angesicht ex -
tremen Leids. Ich muss dazu eine
Geschichte aus der S1 erzählen. Mit
dieser S-Bahn fahre ich morgens in die
Redaktion und abends nach Hause
in den Südwesten von Berlin. Wir von
der S1 sind es gewohnt, dass andere
Fahrgäste Geld von uns wollen. Es
kommen Musikanten, es kommen Män-
ner und Frauen, die Obdachlosenzeitungen verkaufen.
Wenn ich das richtig beobachte, sind wir von der S1 nicht
besonders großzügig, aber auch nicht brutal geizig. Ich
gebe nie etwas bei lauter Musik.
Es gibt einen Fahrgast, der uns extrem auf die Probe
stellt, und wir versagen alle. Ich sollte das persönlicher
sagen: Ich versage.
Er kommt in einem Rollstuhl. Seine Haare sind lang
und verfilzt, seine Kleidung hat eine undefinierbare
Farbe, sie wirkt starr vor Schmutz. Es ist schwer, den
Geruch dieses Mannes zu benennen, ohne seine Würde
zu verletzen, aber wenn ich sagen soll, wie es ist, dann
kann ich nur sagen: Es ist ein höllischer Geruch, ein
Geruch nach Exkrementen, wie ich ihn noch nie ge -
rochen habe.
Der Mann bewegt sich langsam in seinem Rollstuhl
durch den Gang der S1. Manchmal bleibt er stehen und
schaut einen Fahrgast bittend an. Seine Hand öffnet sich.
Alle schauen weg, ich schaue weg. Alle halten den
Atem an, ich halte den Atem an. Er bekommt nichts, er
zieht weiter. Der Geruch bleibt noch für eine Weile.
Einige Leute stöhnen oder murren, wenn er weg ist.
Ich bin nicht religiös, aber selbst mir ist schon der Ge-
danke gekommen, es könnte Jesus sein. Sein schmales
Gesicht, seine langen Haare, er sieht ein bisschen so aus.
Will er uns auf die Probe stellen? Ich verwarf den Gedan-
ken, da ich nicht an Jesus glaube. Aber eine Probe ist es.
Ich frage mich, was da passiert mit mir, mit uns von der
S1. Müsste nicht der Elendste das meiste bekommen?
Zu unserer Erleichterung können wir den Verdacht
haben, dass das Elend nicht so elend ist, wie es aussieht.
Wir wissen, dass Leid fingiert, dass Bettelei organisiert
sein kann. Aber wer würde dieses Kostüm wählen, sich
diesen Geruch aneignen? Wohl niemand (außer Jesus).
Damit kann ich mich nicht rausreden.
Als er kürzlich bei mir hielt, mich anschaute, hatte ich,
ehrlich gesagt, einen Anflug von Selbstmitleid, obwohl
er der Leidende ist. Dass er mich mit seinem Geruch ein-
hüllt, dass er mir etwas antut. Vielleicht gebe ich deshalb
nichts.
Ich glaube aber eher an diese Erklärung: Die Struktur
des Mitleids ist so, dass wir denen geben, die uns am
ähnlichsten sind, die in einem Leben wie dem unseren
scheiterten, sich dann aber ganz gut halten, wie wir
das von uns selbst erwarten. Es sind Spenden an unser
eigenes Prinzip.
Und nun? Ich kann dazu nur das klassische Wort der
Verlogenheit sagen: beim nächsten Mal.
An dieser Stelle schreiben drei Kolumnisten im Wechsel. Nächste Woche ist
Claudia Voigt an der Reihe, danach Elke Schmitter.
Dirk Kurbjuweit Zur Lage der Welt
Gibt es Jesus doch?
Barlach
Sänger Cro in Straubing
Allerneueste
deutsche Welle
Pop HipHop ist die gegenwärtig erfolgreichste
Jugendkultur des Landes. Niemand trifft
das Lebensgefühl der Generation Selfie besser
als die Rapper, die vor Kurzem noch
die Schmuddelkinder der Nation waren.
Kultur Schwerpunkt: Musik
S
o viele Mädchen. Es ist Donnerstag-
abend im bayerischen Straubing, und
auf dem Konzertgelände am Rand
der Innenstadt sieht es aus, als bestünde
dieser Ort nur aus Mädchen. Es sind meh-
rere Tausend, sie tragen T-Shirts, die einen
stilisierten Panda zeigen, und eigenartige
schwarz-weiße Masken, manche haben
Stoffbären dabei.
Sie warten auf Cro, den gerade erfolg-
reichsten deutschen Rapper. Im Juni ist
sein Album „Melodie“ erschienen, es war
in Deutschland, der Schweiz und Öster-
reich auf Platz eins der Charts. Sein Mar-
kenzeichen ist eine Pandabärenmaske, die
er fast immer trägt – auf der Bühne und
im echten Leben.
Cro sieht aus wie eine Zeichentrickfigur
mit der Maske über dem Gesicht, den dün-
nen Beinen, die in engen Hipsterhosen ste-
cken, dem schmalen Oberkörper im weiten
T-Shirt und den langen Armen. Lustig und
irgendwie süß. Der Rapper hat einen Body-
guard, der vor allem dazu da ist, ihn zu
warnen, wenn ein Fotograf in einem Mo-
ment auftaucht, wo er die Maske nicht
trägt. Und Fotograf ist heute fast jeder, ein
Handy genügt. Dann hält Cro sich
ein Handtuch vors Gesicht.
Das Konzert ist seit Wochen aus-
verkauft, es findet in einem großen
Festzelt statt, auf das den ganzen
Tag die Sonne geschienen hat.
Kaum hat Cro die Bühne betreten,
läuft ihm schon der Schweiß unter
der Maske hervor. Ordner schütten
Wasser über die Mädchen. Die sin-
gen jedes Lied mit.
Es ist etwas passiert in Deutsch-
land. Wer pubertierende Kinder
hat, weiß es: Kein Genre im deut-
schen Pop boomt gerade so wie HipHop.
Falls es dafür eines Beweises bedürfte, die-
ser Abend wäre einer. Wenn diese Musik
in Straubing funktioniert, südöstlich von
Regensburg, 45000 Einwohner, dann funk-
tioniert sie überall in Deutschland.
Zehn Nummer-eins-Alben aus dem
deutschsprachigen HipHop gab es 2013 in
den hiesigen Charts, in diesem Jahr sind
es bereits sechs. HipHop boomt, und ein
Ende ist nicht abzusehen. Ausgerechnet
diese Musik, um die es Mitte der Neun -
ziger noch großen Streit gab, weil es un-
klar schien, ob sich auf Deutsch überhaupt
rappen lässt, und die dann lange als Un-
terschichtsvergnügen verschrien war, ist
zur größten deutschen Jugendkultur ge-
worden.
Mit allem, was dazugehört. Einem Star-
system, das für die verschiedensten Män-
nermodelle Platz hat. Von einem Spaß -
vogel wie Cro und einem Emo-Poeten wie
Casper bis zum Ex-Porno-Rapper Prinz Pi.
Von dem mittlerweile verfeindeten Gangs-
ta-Rap-Freundespaar Bushido und Kay
One über den Anarcho-Rapper Favorite
bis zu den Frankfurter Quasselköpfen Celo
& Abdi und dem Offenbacher Getto-Dich-
ter Haftbefehl.
Und sie haben die Hits. Da gibt es „Kids
(2 Finger an den Kopf)“ des Berliners Mar-
teria, einen Song über die Langeweile, die
das Leben junger Erwachsener ergreifen
kann, wenn die Kumpels auf einmal keine
Zeit zum Kiffen mehr haben. Es gibt Cros
„Meine Gang (Bang Bang)“ und „Bad
Chick“ – das erste ein sommerleichtes Lied
auf die Freundschaft, das zweite eines auf
ein Mädchen, das seinen eigenen Willen
hat. Der Düsseldorfer Angeber-Rapper
Farid Bang glänzt in „Lutsch“ mit Zeilen
wie „Du siehst meinen Rücken und hältst
mich für ’nen V-Mann“.
Dann ist da noch Kollegah, ebenfalls aus
Düsseldorf. Vor Jahren galt er als body-
buildinggestählter Erfinder des sogenann-
ten Zuhälter-Rap. Mittlerweile handeln sei-
ne Stücke nur noch von ihm selbst, tragen
Titel wie „Alpha“, „King“ oder „Du bist
Boss“ und drehen sich im Wesentlichen
darum, dass Kollegah der Größte ist.
Schönste Zeile: „Alte Homies bit-
ten mich, ihnen anstandshalber
Geld zu leihen / Doch alles, was ich
pumpe, sind die Langhanteln aus
Elfenbein.“ Sein bestes Lied hat
er bloß als Internetvideo veröf -
fentlicht. Die großartig-bekloppte
16-Jährigen-Hymne „Von Salat
schrumpft der Bizeps“ dürfte ein
Klassiker des Karnevalliedguts wer-
den, ein Wiesn-Hit.
HipHop ist die neue Volksmusik,
man traut es sich kaum hinzuschrei-
ben. Was ist da passiert?
„Die Künstler sind immer besser gewor-
den“, sagt Elvir Omerbegović, 35, Musikma-
nager mit dem schönen Titel „President of
Rap“ beim Branchenführer Universal. „Und
wir haben gelernt, das Internet zu nutzen.“
Omerbegović ist Kind jugoslawischer
Einwanderer und ein ehemaliger Basket-
baller aus Düsseldorf, wo er auch lebt. Er
hat „Selfmade“ auf das rechte Handgelenk
tätowiert, was der Name der Plattenfirma
ist, die er groß gemacht hat, unter anderem
mit Kollegah, und die nun einen profita -
blen Deal mit Universal hat. Zum Spaß
rast Omerbegović am Wochenende mit sei-
nem Renn-Porsche über Formel-1-Strecken.
Selfmade Records sitzen in einem un-
spektakulären Büro in der Düsseldorfer
Innenstadt, nah am Rhein, hier könnte
auch eine Versicherung residieren oder
eine Importfirma für Toaster. Nur die Gol-
denen Schallplatten an der Wand erinnern
daran, dass hier Hits gemacht werden.
„Im Internet fressen nicht die Großen
die Kleinen, sondern die Schnellen die
Video:
So klingt
deutscher
HipHop
spiegel.de/app
312014HipHop
oder in der App
DER SPIEGEL
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Langsamen“, sagt Omerbegović und skiz-
ziert, wie seine Firma die Künstler zu Stars
macht. Selfmade arbeitet mit dem Strea-
mingdienst Spotify zusammen, viele der
jungen Hörer nutzen ihn. Es gibt immer
noch das Radio und die Liveauftritte der
Künstler. Und, am wichtigsten, die so -
zialen Netzwerke. Selfmade hat einen ei-
genen YouTube-Kanal mit 750000 Abon-
nenten und rund drei Millionen Likes bei
Face book, wenn man die Label- und die
Künstlerseiten zusammenzählt.
„Wir erzählen Geschichten“, sagt Omer-
begović.
Kollegah etwa hat fast ein Jahr vor der
Veröffentlichung seines neuesten Albums
angefangen, seine Fans darauf vorzube-
reiten. Er hat täglich Filme bei YouTube
eingestellt, sein Leben über Monate do-
kumentiert, als Reality-Comedy-Show.
Als „King“ dann erschien, reichten schon
die Vorbestellungen für die Nummer eins.
Was früher die „Promophase“ war, die
Phase für die Werbung, ist heute Teil der
Show.
„HipHop zu machen ist egolastig, rau
und anstrengend“, sagt Omerbegović.
„Und du kannst es nicht faken. Das merkt
ein Fan sofort.“
Ein interessanter Gedanke. Tatsächlich
ist die Grundgeste dieser Musik ja: Nimm
mich wahr! Schau mich an! So war es vom
ersten Augenblick an, als ein paar schwar-
ze Kids im New York der Siebziger die
Beats alter Schallplatten neu zusammen-
mixten und dazu rappten. Ich bin schwarz,
ich habe keine Arbeit, und ich habe kein
Geld. Aber ich bin da, es gibt mich! Ihr
könnt nicht so tun, als würdet ihr mich
nicht sehen!
So fing es an.
HipHop war damals die erste postindus-
trielle Musik. Die Rapper kamen nicht
mehr aus einer rebellischen Arbeiterklasse,
so wie die Rock-’n’-Roll-Bands. HipHop
war der Sound der innerstädtischen Min-
derheiten, die vom neuen Dienstleistungs-
kapitalismus nicht mehr gebraucht wurden,
die sich abgekoppelt fühlten von der ge-
sellschaftlichen Entwicklung.
Und jetzt, rund 40 Jahre später, in einer
ganz anderen Ecke der Welt, taugt ausge-
rechnet diese Geste wie keine andere für
die Bedürfnisse der Generation Selfie und
die Mechanismen der neuen Aufmerksam-
keitsökonomie. Für Jugendliche, die mit
den sozialen Netzwerken aufwachsen und
einen beträchtlichen Teil ihres Tages damit
zubringen, ihr Leben in die virtuellen Wel-
ten von Twitter, Instagram und Facebook
einzuspeisen, gibt es keine Parole, die so
attraktiv wäre wie: Nimm mich wahr!
Wer damit zu spielen weiß, hat gewon-
nen.
Auch Cro oder Carlo Waibel, wie der
24-Jährige mit bürgerlichem Namen heißt,
ist auf einem ungewöhnlichen Weg zum
Rap-Star geworden. Zunächst verschenkte
seine Plattenfirma seinen ersten Hit
„Easy“. „Easy“, eine lustige Variante des
Welthits „Sunny“, wurde einer der größ-
ten deutschen Pop-Erfolge der vergange-
nen Jahre – das Video auf YouTube hat
mittlerweile über 40 Millionen Klicks, eine
irre Zahl, in dieser Größenordnung bewe-
gen sich sonst die US-Superstars, und die
bespielen die Welt, nicht nur den deutsch-
sprachigen Raum.
Waibel entwarf T-Shirts, bevor er zum
Rap-Star wurde. Das macht er auch immer
noch.
Die sozialen Netzwerke bespielt er mit
Geschick: Auf dem Höhepunkt des Kon-
zerts hält er die Musik an und lässt sich
mit dem Publikum fotografieren. Das Bild
stellt er nach dem Konzert auf seine Face-
book-Seite. Kurze Zeit später hat es über
7000 Likes, fast doppelt so viele wie Besu-
cher, die in Straubing da waren.
Es ist gar nicht so einfach, sich mit Cro
zu unterhalten. Vor allem, wenn ein Kla-
vier in der Nähe ist. In dem Theater beim
Konzertgelände, wo er und seine Band un-
tergebracht sind, steht ein Flügel. Er setzt
sich an die Tasten und spielt vor sich hin.
Im Gespräch daddelt er dann auf seinem
Telefon herum. Einmal wird er munter: bei
der Frage, wie er seine Hits schreibt.
Erst komme die Musik, dann der Beat,
dann die Gesangsmelodie. Dann die Wör-
ter. „Es gibt vier Themen, und die erzählt
man jedes Mal: Mädchen, Geld, Alltag und
Spaß.“
Mehr nicht? Keine Politik, kein Protest?
„Das interessiert die Menschen nicht. Ich
schreibe über einfache Sachen. Alle Trot-
tel, die versuchen, etwas Komplexes im
Pop zu machen, fallen auf die Schnauze.“
„Raop“ hat Cro seinen Stil einmal ge-
nannt, eine Mischung aus Rap und Pop.
Tatsächlich gibt es wenige, die mit ähnlich
leichter Hand Bilder für die Alltagsdramen
deutscher Teenager zeichnet.
Dafür hat Cro einigen Spott anderer
Rapper einstecken müssen – doch dass
nicht mehr nur über dicke Autos und
willige Frauen gerappt wird, dürfte eher
ein kultureller Fortschritt als ein Rück-
schritt sein.
HipHop in Deutschland hat eine eigen-
tümliche Geschichte. In den Achtzigern
war er vor allem die Musik der migranti-
schen Unterschichten und die letzte Be-
satzermusik – dort, wo die amerikanische
Armee ihre Basen hatte, entstanden die
ersten Szenen. Zum ersten Mal in die
Charts kam HipHop allerdings als Main-
stream-Popmusik, die Fantastischen Vier
waren es, die deutschsprachigen Rap An-
fang der Neunziger massenkompatibel
machten.
Natürlich gab es auch in den Neunzigern
Migrantenkids, die rappten: Die großen
Plattenfirmen wollten aber nichts von ih-
nen wissen und nahmen lieber deutsch-
stämmige Abiturienten unter Vertrag.
Ganz ähnlich wie im Fußball spiegelt sich
110 DER SPIEGEL 31 / 2014
Kultur Schwerpunkt: Musik
Rapper Kollegah, Marteria: Platz für alle deutschen Männlichkeitsmodelle
auch im HipHop die schwierige Geschichte
der Integration in Deutschland. Erst wur-
den die Migrantenkinder ignoriert. Als sie
schließlich nicht mehr zu überhören waren,
wurden sie zu Schmuddelkindern abge-
stempelt. Anfang der Nullerjahre war das,
als der Bürgerkinder-HipHop vom lauten
Berliner Gangsta-Rap an die Seite ge-
drückt wurde.
Interessanterweise sind es dann aber
die Migrantenkinder, die dieser Musik ihre
gefestigte deutsche Identität geben. Sie
machen Schluss mit dem Gefühl ängst -
licher Unterlegenheit, das viele Bürger-
kinder gegenüber den amerikanischen
Vorbildern haben – auch, weil sie oft nicht
gut genug Englisch können, um die US-
Rapper zu verstehen. Die Straßen -Rapper
wollen über das Leben und die Träume in
den deutschen Städten erzählen. Dass heu-
te ein Exdrogendealer wie Haftbefehl ein
Stück mit Cro macht, wäre vor einigen
Jahren noch undenkbar gewesen. Aber
HipHop ist am Ende eine Kultur, in der
Erfolg die härteste Währung ist. So finden
Söhne der Mittelschicht und der Unter-
schicht zusammen. In den Charts.
Die langsame, aber sichere Eindeut-
schung des HipHop hat dabei fast surreale
Nebeneffekte. Die Songs von Prinz Pi
etwa haben längst mehr mit deutscher Lie-
dermacherei der Siebzigerjahre zu tun als
mit Snoop Dogg, einem der amerika -
nischen HipHop-Gründerhelden. Der Ber-
liner Sido kommt daher wie ein Wieder-
gänger von Harald Juhnke. Ein paar der
neuen HipHop-Stars klingen also, als
gäbe es im Unterhaltungsgeschäft natio-
nale Arche typen – zusammengenommen
bildet sich dann aber ein neues Deutsch-
land ab, das mit dem Deutschrock-Elend
vergangener Jahrzehnte nichts mehr zu
tun hat.
Marten Laciny alias Marteria, 31, war
einmal Fußballer. Ein ziemlich guter sogar,
er war Kapitän der Jugendmannschaften
von Hansa Rostock, spielte in der Jugend-
nationalmannschaft. Dann modelte er eine
Weile, lebte in New York und fing an,
Musik zu machen. Sein letztes Album,
„Zum Glück in die Zukunft II“, kam im
Februar auf Platz eins der deutschen
Charts.
Die heutige Stärke von HipHop in
Deutschland, sagt Laciny, sei Ergebnis
seiner alten Schwäche. Wer sich immer in
eine Ecke gestellt fühle, entwickle irgend-
wann ein trotziges Selbstbewusstsein. Und
in einer Gesellschaft, die immer besser
vernetzt sei, in der aber genau deshalb
viele aus Angst vor einem Shitstorm die
eigene Meinung zurückhielten – da seien
Rapper die idealen Popstars. Die, die sich
nichts gefallen lassen. Die, die sagen, was
sie denken.
Die, die den Streit zum Sport gemacht
haben. Superhelden. Tobias Rapp
111 DER SPIEGEL 31 / 2014
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Sachbuch Belletristik
1 (1) Kerstin Gier
Silber – Das zweite Buch der Träume
Fischer JB; 19,99 Euro
2 (–) Diana Gabaldon
Ein Schatten von
Verrat und Liebe
Blanvalet; 24,99 Euro
3 (2) Jan Weiler
Das Pubertier Kindler; 12 Euro
4 (3) Donna Tartt
Der Distelfink Goldmann; 24,99 Euro
5 (5) Kerstin Gier
Silber – Das erste Buch der Träume
Fischer JB; 18,99 Euro
6 (6) Marc Elsberg
ZERO – Sie wissen, was du tust
Blanvalet; 19,99 Euro
7 (9) Jonas Jonasson
Die Analphabetin, die rechnen konnte
Carl’s Books; 19,99 Euro
8 (4) Donna Leon
Das goldene Ei Diogenes; 22,90 Euro
9 (7) John Williams
Stoner dtv; 19,90 Euro
10 (10) Hanns-Josef Ortheil
Die Berlinreise Luchterhand; 16,99 Euro
11 (8) Frank Schätzing
Breaking News
Kiepenheuer & Witsch; 26,99 Euro
12 (11) Graeme Simsion
Das Rosie-Projekt
Fischer Krüger; 18,99 Euro
13 (13) Veronica Roth
Die Bestimmung –
Letzte Entscheidung cbt; 17,99 Euro
14 (12) Simon Beckett
Der Hof Wunderlich; 19,95 Euro
15 (14) Timur Vermes
Er ist wieder da Eichborn; 19,33 Euro
16 (15) IldikÓ von Kürthy
Sternschanze Wunderlich; 17,95 Euro
17 (16) Horst Evers
Vom Mentalen her quasi
Weltmeister Rowohlt Berlin; 18,95 Euro
18 (–) David Safier
28 Tage lang Kindler; 16,95 Euro
19 (17) Martin Walker
Reiner Wein Diogenes; 22,90 Euro
20 (18) Romain Puértolas
Die unglaubliche Reise des Fakirs,
der in einem Ikea-Schrank
feststeckte S. Fischer; 16,99 Euro
1 (1) Wilhelm Schmid
Gelassenheit – Was wir gewinnen,
wenn wir älter werden Insel; 8 Euro
2 (3) Susanne Fröhlich/ Constanze Kleis
Diese schrecklich schönen Jahre
Gräfe und Unzer; 17,99 Euro
3 (2) Roger Willemsen
Das Hohe Haus S. Fischer; 19,99 Euro
4 (5) Volker Weidermann Ostende –
1936, Sommer der Freundschaft
Kiepenheuer & Witsch; 17,99 Euro
5 (4) Matthias Weik/ Marc Friedrich
Der Crash ist die Lösung
Eichborn; 19,99 Euro
6 (6) Frank Schirrmacher
Ego – Das Spiel des Lebens
Blessing; 19,99 Euro
7 (10) Dieter Hildebrandt
Letzte Zugabe Blessing; 19,99 Euro
8 (9) Guido Maria Kretschmer
Anziehungskraft Edel Books; 17,95 Euro
9 (7) Christian Wulff
Ganz oben Ganz unten
C. H. Beck; 19,95 Euro
10 (8) Christopher Clark
Die Schlafwandler DVA; 39,99 Euro
11 (12) Peter Hahne
Rettet das Zigeuner-Schnitzel!
Quadriga; 10 Euro
12 (14) Florian Illies
1913 – Der Sommer des
Jahrhunderts S. Fischer; 19,99 Euro
13 (16) Glenn Greenwald
Die globale Überwachung
Droemer; 19,99 Euro
14 (11) Axel Hacke
Fußballgefühle Kunstmann; 16 Euro
15 (–) Konstantin Wecker
Mönch und Krieger
Gütersloher Verlagshaus;
19,99 Euro
16 (13) Hillary Rodham Clinton
Entscheidungen Droemer; 28 Euro
17 (15) Peter Sloterdijk
Die schrecklichen Kinder der Neuzeit
Suhrkamp; 26,95 Euro
18 (–) Joachim Fuchsberger
Zielgerade
Gütersloher Verlagshaus; 19,99 Euro
19 (19) Christine Westermann
Da geht noch was
Kiepenheuer & Witsch; 17,99 Euro
20 (–) Lukas Podolski
Dranbleiben! Gabriel; 19,99 Euro
Im achten Teil der Highland-
Saga steht die
entscheidende Schlacht
des amerikanischen
Unabhängigkeitskrieges bevor
Der Musiker schwört auf
die Kraft der Utopie
und wettert gegen eine un -
inspirierte Realpolitik
Im Auftrag des SPIEGEL wöchentlich ermittelt vom Fachmagazin buchreport; nähere
Informationen und Auswahl kriterien finden Sie online unter: www.spiegel.de/bestseller
„Ohrstöpsel sind unfair“
SPIEGEL-Gespräch Lemmy Kilmister, Chef der Heavy-Metal-Band Motörhead, über das
Festival in Wacken, die Beatles und die Frage, warum ihn keine Krankenkasse will
Schwerpunkt: Musik Kultur
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rei Uhr nachmittags ist eigentlich
viel zu früh für Lemmy Kilmister,
den Chef von Motörhead. Er hat
die Band vor 39 Jahren gegründet, er ist
der Einzige von damals, der noch dabei
ist. Kilmister lässt warten, eine halbe, eine
Dreiviertelstunde lang, bis man in eine
hübsch klimatisierte Suite des Berliner Lu-
xushotels Esplanade geführt wird. Wieder
warten, dann steht er in der Tür, angezo-
gen wie der Direktor eines Wanderzirkus
aus dem 19. Jahrhundert: eine Art Zylinder
mit Goldstern, schwarze Uniformjacke mit
Goldbeschlägen auf den Schultern, schwe-
re Gürtelschnalle aus Silber, sehr enge
Jeans, rote Wildlederschuhe.
Kilmister ist 68 Jahre alt. Andere Men-
schen in diesem Lebensabschnitt lassen es
ruhiger angehen, vor allem, wenn sie eine
ähnliche Krankenakte haben. Aber der
Chef von Motörhead geht auf Tournee, mit
neuem Herzschrittmacher. Am 1. August
wird er beim größten Heavy- Metal-
Fes tival der Welt im schleswig-holstei -
nischen Wacken auftreten. Im Herbst er-
scheint „Aftershock“, ein neues Album.
Kilmister ist so etwas wie der Pate des
Heavy Metal, eine Gründungsfigur der
Szene, die wegen ihres Talents, ihrer Kom-
promisslosigkeit und ihres Humors auch
von wesentlich jüngeren und gesünderen
Kollegen verehrt wird. Es ist fast vier Uhr,
als das Interview beginnen könnte. Aber
etwas fehlt noch. Eiswürfel fallen ins Glas,
Kilmister trinkt Wodka-Orange. Er blickt
mit der Melancholie eines britischen Mop-
ses unter seinem schwarzen Hut hervor.
Es ist eben ein sehr früher Morgen für ihn.
SPIEGEL: Mr Kilmister, am Wochenende
werden Sie in Wacken auftreten beim größ-
ten Heavy-Metal-Festival der Welt. Haben
Sie sich mit nun 68 Jahren das Recht er-
worben, Ohrstöpsel tragen zu dürfen?
Kilmister: Das wird nie passieren.
SPIEGEL: Ihre Band Motörhead gilt als eine
der lautesten Bands überhaupt.
Kilmister: Wenn man sich entscheidet, diese
Art Lärm zu machen, hat man eine gewis-
se Verantwortung. Nur andere Menschen
zuzudröhnen und sich selbst fein rauszu-
halten gilt nicht. Ohrstöpsel sind unfair.
SPIEGEL: Wacken ist ein Dorf mit 1800 Ein-
wohnern in Schleswig-Holstein. Warum
wird Heavy Metal vor allem auf dem Land
und in kleinen Städten gehört?
Kilmister: Unsere Musik wird überall ge-
hört, vor allem aber von jungen Menschen,
die mit lauten Maschinen arbeiten. Das
Einzige, was diese Dinger übertönt, ist
Motörhead.
SPIEGEL: Ihr Publikum besteht überwiegend
aus Männern?
Kilmister: Mädchen tanzen nun mal gern.
Zu unserer Musik geht das nicht. Da kann
man nur den Kopf schütteln. Also ja, über-
wiegend Männer. Auch wenn ich in letzter
Zeit 15- oder 16-jährige Mädchen im Publi -
kum entdeckt habe.
SPIEGEL: In den vergangenen Jahren ist
Motörhead geradezu schick geworden.
Sogar große Modeketten wie H&M ver-
kauften auf einmal T-Shirts mit dem Motör -
head-Logo. Fühlen Sie sich geehrt?
Kilmister: Ich finde das etwas lächerlich.
Weißes T-Shirt mit schwarzem Schriftzug,
ich bitte Sie. Das ist nicht richtig.
Schwarz muss das Hemd sein, die
Schrift in Silber.
SPIEGEL: Richtig reich sind Sie trotz
H&M nicht geworden.
Kilmister: Motörhead ist ein teures
Hobby. Wenn wir auf Tournee ge-
hen, haben wir 25 Angestellte, das
kostet.
SPIEGEL: Jahrzehntelang wollten Sie
nicht aus Ihrer Wohnung wegzie-
hen, zwei Zimmer, mietpreisgebun-
den, 900 Dollar pro Monat, in Los
Angeles am Sunset Strip. Konnten
Sie sich keine größere leisten?
Kilmister: Ich habe mich nun doch über -
reden lassen, eine Wohnung mit drei Zim-
mern zu kaufen. Hat mich eine Million ge-
kostet. Aber die alte Wohnung habe ich
behalten. So was gibt man nicht auf. Ich
lagere dort die Dinge, die ich während mei-
ner Karriere angehäuft habe.
SPIEGEL: Die aktuelle Tournee Ihrer Band
ist die erste, seit Ihnen im vergangenen
Jahr ein Herzschrittmacher eingesetzt wur-
de. Wie lebt es sich mit so einem Gerät
bei 140 Dezibel um die Ohren?
Kilmister: Das Problem sind meine Beine,
da bei mir vor 14 Jahren Diabetes diagnos-
tiziert wurde. Aber meine Stimme, mein
Bass, das läuft. Den Schrittmacher vergesse
ich die meiste Zeit, nur an Flughäfen fängt
es an zu klingeln, wenn ich in die Nähe
der Sicherheitskontrolle komme.
SPIEGEL: Es gab lange das Gerücht, Sie hät-
ten keine Krankenversicherung. Haben Sie
inzwischen eine?
Kilmister: Die Krankenversicherung, die
mich nehmen würde, muss noch erfunden
werden.
SPIEGEL: Haben Sie den Herzschrittmacher
cash bezahlt?
Kilmister: Mein Manager hat sich darum ge-
kümmert, ich habe keine Ahnung, was das
Ding gekostet hat. Was soll’s, Geld ist auch
nur Material …
SPIEGEL: … das Sie Ihrem Manager über-
lassen?
Kilmister: Meine Frage an ihn lautet seit
über 30 Jahren: „Sind wir jetzt bankrott?“
Seine Antwort ist immer dieselbe: „Nein,
sieht okay aus – okay, für die nächste
Zeit.“
SPIEGEL: Hat Sie die Sache mit dem Herzen
in Angst versetzt?
Kilmister: Der Tod ist eine unvermeidbare
Tatsache. Das Leben kann zu Ende gehen,
schneller als eine Kerze brennt.
SPIEGEL: Was war Ihre konkrete Erfahrung
nach der Herzoperation?
Kilmister: Du wachst im Krankenhaus auf
und denkst, Gott sei Dank, es ist nicht das
Gefängnis.
SPIEGEL: In Ihrer Musik lugt der Tod immer
um die Ecke. „Killed by Death“, „Over-
kill“, „Better off Dead“. Sie selbst weigern
sich, über ihn auch nur nachzudenken?
Kilmister: Vieles an meiner Musik
ist ironisch gemeint. Man braucht
eine Menge Humor im Leben.
Sonst bringt einen der Tod noch
schneller um, als er es normalerwei-
se mit einem Menschen tut.
SPIEGEL: Motörhead-Songs erkennt
man sofort. Warum?
Kilmister: Es ist einfach extrem
schneller Rock ’n’ Roll plus meine
Stimme und die Tatsache, dass ich
den Bass wie eine Gitarre spiele.
Unsere letzte Platte weist zu den
anderen nur einen kleinen Unter-
schied auf: Meine Beine waren so
kaputt, dass ich mich beim Singen hinset-
zen musste. Ich bin stolz, dass man von
diesem Missgeschick null hört.
SPIEGEL: Sie lieben die Beatles. Wie passt
das zu Motörhead?
Kilmister: Ich kann Heavy Metal eigentlich
nicht leiden. Die Beatles sind die beste
Band, die es je gegeben hat und die es je
geben wird. Lennon und McCartney konn-
ten an Gitarre und Klavier Songs schrei-
ben, und sie hatten mit Ringo Starr einen
der besten Drummer. Es gibt Menschen in
unserem Geschäft, die behaupten, er sei
eine Flasche am Schlagzeug. Blödsinn,
sage ich, Ringo ist exzellent. Sie waren die
Ersten in Großbritannien, die als Band auf-
traten, nicht als Sänger mit ein paar Be-
gleitmusikern. Sie waren die Ersten, die
ihre eigenen Songs kreierten und nicht ein-
fach die Amerikaner kopierten. Außerdem
hatten sie Humor.
SPIEGEL: Haben Sie die Beatles noch live
gesehen?
Kilmister: Als sie aus Hamburg zurückkamen,
bin ich dreimal nach Liverpool getrampt, wo
ich sie im Cavern sah. Die Beatles waren
toughe Jungs. Das ist ja einer der großen
Irrtümer der Popgeschichte – die Stones als
die harten Burschen und die Beatles als die
Weichlinge. Es war genau andersherum. Die
Stones wurden in den Vorstädten von Lon-
don verhätschelt, die Beatles boxten sich in
Liverpool durch. Glauben Sie mir, es war
kein Spaß, dort aufzuwachsen.
SPIEGEL: Gitarrist Keith Richards von den
Rolling Stones hat über die frühen Jahre
des Pop einmal gesagt, die Welt sei von
Schwarz-Weiß auf Farbe umgesprungen.
Können Sie diese Wahrnehmung nachvoll-
ziehen?
Kilmister: Keith ist ein smarter Junge. Die
Welt gehörte den anderen, dann kam Pop,
und sie gehörte uns.
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Video:
Tobias Rapp
über Lemmy
Kilmister und
seine Musik
spiegel.de/app
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kilmister oder
in der App
DER SPIEGEL
„Meine Freundin ist schwarz,
ich spiele Rock ’n’ Roll, ich wäre der
schlechteste Nazi aller Zeiten.“
Schwerpunkt: Musik Kultur
SPIEGEL: Sie haben damals Mitte der Sech-
ziger mit einer Band namens Rockin’ Vi-
ckers im Norden Englands gespielt. Was
war das Besondere an den Jungs?
Kilmister: Wir haben mehrere Jahre lang
nicht einen Penny Steuern gezahlt. Als der
Typ von der Steuerbehörde kam, musste
er an zwei Jaguar-Limousinen und einem
Speedboot vorbeigehen, weil diese in der
Einfahrt standen. Wir lagen mit einigen
Mädchen auf den Sofas. „Ich habe euch
Jahr für Jahr einen Steuerbescheid zuge-
schickt. Was habt ihr damit gemacht?“,
fragte der Typ. „Wir haben das Zeug ins
Feuer geworfen“, war unsere Antwort.
„Schrecklich, was ihr da getan habt“,
schimpfte er. Wir haben ihn dann auf ein
paar Drinks eingeladen. Er blieb die halbe
Nacht, verließ unser Haus völlig betrunken
und wurde am nächsten Tag gefeuert. Ich
denke, wir haben ihm einen Gefallen ge-
tan. Ein menschenunwürdiger Job ist das,
Steuereintreiber.
SPIEGEL: Warum haben Sie den Job bei den
Rockin’ Vickers trotzdem aufgegeben und
stattdessen in London als Gitarrenträger
von Jimi Hendrix angeheuert?
Kilmister: Hendrix war ein zuvorkommen-
der und vernünftiger Mensch. Ich war auch
für die Drogenbeschaffung bei ihm zustän-
dig. Wenn ich zehn LSD-Trips beschaffte,
gab er mir drei davon als Provision.
SPIEGEL: Worüber spricht man mit Jimi
Hendrix auf LSD?
Kilmister: Na ja, so Drogengerede. Die Welt
sieht anders aus, wenn man auf LSD ist.
Also sagt man: Guck mal da, wie krass das
aussieht.
SPIEGEL: Sie sollen Bäume gestreichelt und
mit einem Fernseher gesprochen haben,
den Sie unterm Arm durch London trugen.
Kilmister: Die Sache mit dem Fernseher hat-
te mit LSD nichts zu tun. Schuld daran
war eine Überdosis an echtem Gift. Ich
hatte ein Rezept vom Arzt für Amphe -
taminsulfat zum Apotheker gebracht, der
uns anscheinend mit Atropinsulfat ein-
deckte. Er konnte wohl die Schrift des Arz-
tes nicht lesen. Jeder von uns nahm also
einen Teelöffel voll. Wir tanzten mit Bäu-
men, und dann fielen wir um. Die Ärzte
im Krankenhaus sagten uns, dass schon
eine viel geringere Dosis hätte tödlich sein
können. Sie behielten uns zwei Wochen.
Es war die schlimmste Drogenerfahrung
meines Lebens – und ich habe fast alles
genommen bis auf Heroin und Morphium.
SPIEGEL: Viel Einsicht scheinen Sie aus dem
Missgeschick nicht gewonnen zu haben.
Ihre eigene Band nannten Sie später Mo-
törhead, ein Synonym für Speedkonsu-
menten, weil die sich mit der Droge so füh-
len, als würde in ihnen ein Motor laufen.
Kilmister: Die Gruppe musste ja schließlich
irgendeinen Namen bekommen. Meine ers-
te Wahl war Bastard. Keine gute Idee, sag-
te unser Manager. Wenn wir auf Bastard
bestehen würden, sollten wir uns einen an-
deren Menschen suchen, der sich um un-
sere Geschäfte kümmert.
SPIEGEL: Warum eigentlich diese Vorliebe
für Speed? Galt das nicht als Nazi-Droge?
Kilmister: Ich weiß, dass sich die Bomberpi-
loten im Zweiten Weltkrieg mit Benze drin
in Laune brachten. Ich bekam Speed in
den Sechzigern von meinem Hausarzt ver-
schrieben. Es galt als Antidepressivum für
Hausfrauen und dicke Menschen. Als die
Behörden herausfanden, dass ein ganz an-
deres Milieu anfing, diese Droge zu genie-
ßen, war es bald vorbei mit den Rezepten.
SPIEGEL: Was hat Ihnen daran so gefallen,
der Euphorieschub, das Gefühl, stark zu
sein, unbesiegbar?
Kilmister: Kann alles sein. Vor allem aber
ist es die richtige Droge, wenn man mit
der Band unterwegs ist, 48 Stunden nicht
geschlafen hat und nicht die geringste Ah-
nung, wie man nun auf die Bühne steigen
und ein Konzert durchstehen soll.
SPIEGEL: In Ihrer Wohnung in Los Angeles
sollen Sie eine ansehnliche Sammlung von
Memorabilia aus dem „Dritten Reich“ bun-
kern. Wozu braucht ein Mensch ein Schwert
aus Damaszener-Stahl mit einem Haken-
kreuz drauf?
Kilmister: Mir gefällt so etwas. Vor allem,
wenn es noch so eine mysteriöse Geschich-
te dazu gibt wie zu meinem Damaszener-
Stahl-Schwert. Es war auf dem Weg zu ei-
nem deutschen General in Breslau, als die
Russen es abfingen.
SPIEGEL: Wozu braucht ein Mensch die
Haarbürste von Eva Braun, der Geliebten
Adolf Hitlers?
Kilmister: Ich besitze neben der Haarbürste
auch ein Feuerzeug mit ihren Initialen EB
und einen Reiseaschenbecher von ihr. Was
seltsam ist, Hitler hasste Raucher.
SPIEGEL: Haben Sie in Los Angeles nicht
auch ein paar Freunde, die sagen: Lemmy,
wir wissen, du bist ein britischer Exzentri-
ker, aber dieser ganze Nazi-Kitsch in dei-
ner Wohnung, das ist zu viel, das ist über-
geschnappt?
Kilmister: Das Zeug ist ein Vermögen wert.
Ein einfaches Jagdmesser von Göring bei-
spielsweise bringt auf Auktionen inzwi-
schen 100000 Dollar.
SPIEGEL: Sehen Sie die Sammlung als
Alters sicherung, eine Art Schweizer Bank-
konto?
* Tobias Rapp und Thomas Hüetlin in Berlin.
Kilmister: In diese Richtung geht es, ja. Nur
ist meine Sammlung eine ehrlichere Geld-
anlage als ein Konto in der Schweiz.
SPIEGEL: Stört es Sie, dass es trotzdem Men-
schen gibt, die Sie für einen seltsamen
Nazi-Reliquien-Fetischisten halten?
Kilmister: Meine Freundin ist schwarz, ich
spiele Rock ’n’ Roll. Ich wäre der schlech-
teste Nazi aller Zeiten.
SPIEGEL: Ihre neue Wohnung durfte nur
einen Block von ihrer Stammkneipe The
Rainbow entfernt liegen. Warum war
Ihnen das wichtig?
Kilmister: Alles ist alte Schule dort. Ich habe
da meine Ecke, auch wenn sie den einarmi-
gen Banditen abmontiert haben und man
jetzt beim Spielen auf einen Bildschirm drü-
cken muss. Frauen kommen vorbei, auch
wenn ich jetzt im Alter weniger angespro-
chen werde. In L. A. existiert ein Lokal
durchschnittlich drei Jahre. Das Rainbow
gibt es seit 1972, und es ist noch niemand
auf die Idee gekommen, einen Comedy
Store oder so was daraus zu machen.
SPIEGEL: Sie sind selbst erstaunlich zäh. Von
den Ramones, einer Punkband, mit der
Sie befreundet waren, sind inzwischen alle
vier Gründungsmitglieder tot.
Kilmister: Es steht nirgends geschrieben, dass
man eine Garantie hat zu leben, bis man
achtzig ist. Joey, der Sänger und der Ramo-
ne, mit dem ich am besten befreundet war,
bekam Lymphdrüsenkrebs und starb mit
fünfzig. Was kann man da machen? Wenig.
SPIEGEL: Hat Sie diese Machtlosigkeit ge-
troffen?
Kilmister: Ich war traurig, aber es gibt we-
nig, was mich schockiert. Ich bin ein eher
bodenständiger Typ, und das ist selten in
Los Angeles. Die meisten Leute hier haben
keine Ahnung, wer sie sind.
SPIEGEL: Ist es nicht eher so, dass der Rock
’n’ Roll Ihnen geholfen hat, eine Identität
zu erfinden?
Kilmister: Meine Identität war immer da.
Es gab früher nur noch nicht die richtigen
Klamotten dafür.
SPIEGEL: Sind Sie religiös?
Kilmister: Dünne Geschichte, die christliche
Religion. Jungfrau wird schwanger von ei-
nem Geist, bleibt aber Jungfrau. Sagt zu
ihrem Mann, ich bin schwanger, Darling,
aber mach dir keine Sorgen, ich bin ja im-
mer noch Jungfrau. Menschen, die sich so
benehmen, verdienen es, in einem Stall
übernachten zu müssen.
SPIEGEL: Wie lange wollen Sie dieses
Musiker leben noch führen?
Kilmister: In meinem Beruf gibt es nicht
den Zeitpunkt, an dem man in den Ruhe-
stand geschickt wird mit ein paar freund -
lichen Worten und einer goldenen Uhr. Se-
hen Sie diese Uhr. Hat mich zehn Dollar
gekostet. Ich schätze, sie muss noch ein
paar Jahre laufen.
SPIEGEL: Mr Kilmister, wir danken Ihnen
für dieses Gespräch.
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Kilmister, SPIEGEL-Redakteure*
„Ich kann Heavy Metal eigentlich nicht leiden“
E
s ist schwer, Sven Marquardt wäh-
rend des Gesprächs nicht die ganze
Zeit in sein Gesicht zu starren.
Da ist das Stacheldraht-Dornen-Tattoo,
das sich wie eine Rosenranke über Mar-
quardts linke Gesichtshälfte zieht, mit ro-
ten Linien mittendrin, die aussehen wie
Striemen. Auf die linke Stirnseite hat er
sich außerdem mehrere Nachtfalter ste-
chen lassen, dazu am rechten Auge eine
blaue Träne und unter den Haaransatz die
Satanistenzahl 666. Zwei große Ringe zie-
hen sich durch die Unterlippe, eine Art
gebogener Stab geht durch die Nasen -
scheidewand. Im Mund hat er einige Gold-
zähne, in die kleine fünfzackige Sterne
geritzt sind. In den Ohrläppchen hängt
noch mehr schwerer Schmuck. Die Toten-
kopfringe an seinen Fingern klappern leise,
wenn er seine Hände bewegt.
Sven Marquardt, 52, ist Fotograf und
Türsteher. Der gegenwärtig wahrscheinlich
berühmteste Türsteher Deutschlands, er
wacht Wochenende für Wochenende am
Eingang des Berliner Technoklubs Berg-
hain. Natürlich sind die Tätowierungen
Teil seiner Berufsuniform. Die Autorität,
die man an der Berghain-Tür ausstrahlt,
muss etwas Bedrohliches haben, sonst
würden die Abgewiesenen ihr Schicksal
nicht akzeptieren.
Er ist außerdem ein Symbol dafür, wie
der radikale Lebenswandel einiger weniger
Bewohner die deutsche Hauptstadt für viele
andere Menschen aus aller Welt attraktiv
und interessant gemacht hat. Sven Mar-
quardt ist ein Berliner Wahrzeichen. Als
Klaus Wowereit neulich über eine Mode-
messe lief und Marquardt sah, scherzte er:
„Na, Sven? Hast du dich in der Tür geirrt?“
Was ziemlich lustig ist, aber auch ziemlich
schräg – Wowereit ist immerhin der Regie-
rende Bürgermeister, und es sei, erzählt
Marquardt, ihre erste Begegnung gewesen.
Aber die Tätowierungen und die Ringe
sind auch das, was Marquardt morgens als
Erstes sieht, wenn er am Waschbecken
steht und in den Spiegel schaut. Sein Ge-
sicht. Warum also der Stacheldraht?
Wir sitzen vor einem Straßencafé in
Prenzlauer Berg, die Sommersonne
scheint, und Marquardt sagt: „Stacheldraht
an sich hat eine tolle Ästhetik. Aber in
meinem Gesicht hat er auch mit Schmerz
zu tun. Das ist nicht in einer Sitzung ent-
standen und war dann fertig. Das dauerte.
Da kam ein Stück und dann noch eins.
Wie ein Tagebuch. Es hat damit zu tun,
Dinge erlebt zu haben.“
Über einige dieser Dinge hat er nun ein
Buch geschrieben. Kommende Woche er-
scheint „Die Nacht ist Leben“, seine Auto -
biografie, die er zusammen mit der Jour-
nalistin Judka Strittmatter verfasst hat, der
Enkeltochter des DDR-Schriftstellers Er-
win Strittmatter*. Ein überraschendes und
anrührendes Buch – das Berghain kommt
nur auf den letzten Seiten vor, und auch
die Tätowierungen nehmen keinen über-
mäßig großen Raum ein. Im Grunde ist es
ein Künstlerroman. Marquardt ist auch
Fotokünstler. Aber sein größtes Kunstwerk
ist eben er selbst.
Aufgewachsen ist er in Pankow und
Prenzlauer Berg, sein Vater war Autobahn-
bauer, seine Mutter medizinisch-techni-
sche Assistentin. Sie trennten sich, als Sven
in der ersten Klasse war. Zusammen mit
Freunden fing er an herumzustromern.
Marquardt beschreibt das Ostberlin sei-
ner Jugend, den heruntergekommenen
Prenzlauer Berg der späten Siebziger und
frühen Achtziger, als einen eigenartigen
Kontinent. Menschenleere Straßenzüge,
verlassene Wohnungen, Trümmergrund-
stücke. Mittendrin er, ein schwuler Punk
im spätsozialistischen Osten, davon gab es
nicht allzu viele.
* Sven Marquardt mit Judka Strittmatter: „Die Nacht ist
Leben“. Verlag Ullstein extra, Berlin; 224 Seiten; 14,99
Euro.
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Künstler Marquardt
Werden, wer man wirklich ist
Das Gesicht der Wahrheit
Nachtleben Sven Marquardt, Türsteher des
Berliner Technoklubs Berghain, hat eine berührende
Autobiografie geschrieben.
Er machte eine Ausbildung zum Foto-
grafen und gehörte Ende der Achtziger für
einen kurzen historischen Augenblick zu
einer Gruppe, die als Hoffnung der ost-
deutschen Fotografie galt, 1988 wurde er
sogar in den Verband Bildender Künstler
aufgenommen. Seine Bildästhetik war da-
mals schon ganz ähnlich wie heute: eine
eigentümliche Mischung aus Verfall und
Schönheit, aus Einsamkeit, Schmerz und
abweisenden Blicken. Wilde Männer auf
Friedhöfen und vor Wänden, von denen
der Putz herunterbröckelt.
Dann fiel die Mauer. Im Westen in -
teressierte sich fast niemand für seine Fo-
tos, und Marquardt verlor bald auch selbst
das Interesse. „Die Westmagazine wollten
Bilder von frustrierten Menschen vor
Schrankwänden. Die hatte ich nicht“, sagt
er. Ihn habe manchmal das Gefühl beschli-
chen, seine träumerischen Bilder seien
möglicherweise nur Fantasien gewesen,
die er im Osten nicht habe ausleben kön-
nen. Er legte die Kamera weg, packte sein
Archiv ein und stürzte sich ins Nachtleben
der wiedervereinigten Stadt: Er wollte die
Fantasien jetzt ausleben.
Es ist ja bemerkenswert, wie sehr das
Bild der sogenannten Prenzlauer-Berg-
Szene bis heute von den Dichtern und
Bürger rechtlern der Achtzigerjahre be-
herrscht wird. Auf der einen Seite kein
Wunder: Sie haben nicht nur die großen
Geschichten von Widerstand und Verrat.
Sie haben vor allem eine erprobte Spra-
che, die Mittel des Widerstands in der
DDR gewesen ist, aber eben auch das
Medium, in dem die, die es konnten, nach
dem Ende der DDR ihre Geschichten
weitererzählten.
Es gab aber noch eine andere Künstler-
gruppe in Prenzlauer Berg, eine, die we-
niger an die Sprache glaubte, für die auch
die direkte Opposition gegen den Staat
weniger wichtig war als das Leben in einer
eigenen Welt – da gab es etwa die Band
Feeling B, von der einige Musiker mit
Rammstein weltberühmt wurden. „Mit
den Dichtern hatten wir ja nicht so viel
zu tun“, sagt Marquardt. „Wir haben über
die gekichert. Und die fanden uns natür-
lich doof, mit unseren Hinterhofmoden-
schauen. Ich dachte immer nur:
Was nehmt ihr euch eigentlich so
wichtig?“
Viele der Ostpunks landeten
nach der Wende in der Techno -
szene – hier wurde die neue Frei-
heit gefeiert. Marquardt arbeitete
erst als Schuhverkäufer, fing dann
in einem Tätowierstudio an. Zum
Türsteher wurde er eher zufällig,
sein Bruder war DJ und fragte
ihn, ob er nicht den Einlass in
einem Klub machen könne. So
landete er schließlich vor dem
Eingang des Snax, eines Sexklubs für
Männer. Aus den Snax-Partys entstand
der Klub Ostgut, aus dem schließlich das
Berghain wurde.
Dort fing er wieder an zu fotografieren.
Seine Kollegen an der Tür, einige Gäste,
die DJs. Mittlerweile fotografiert er auch
für eine Modemarke wie Hugo Boss.
Und er steht immer noch jedes Wochen-
ende an der Tür des Berghain. Seit bald
zehn Jahren. Es werde ihm nicht lang -
weilig, sagt er. Auch wenn ein wenig feiner
Spott mitschwingt, wenn er über die
„Berghainis“ spricht, all die jungen Leute,
deren Vater Marquardt sein könnte, die
sich da nachts vor ihm drängeln und
hineingelassen werden wollen in den
bekanntesten Technoklub der Welt.
Berlin ist eine eigenartige Stadt. Sie
zieht die europäische Jugend an wie
keine andere und lockt, anders als London
oder Paris, eben nicht mit der großen
Karriere, sondern mit dem Versprechen,
nur hier könne man werden, wer man
wirklich ist.
Doch dann steht man vor Sven Mar-
quardt. Und muss der Wahrheit ins Gesicht
blicken. Nicht nur der Wahrheit über die
eigene Coolness, der Frage, ob man
hinein kommt oder nicht. Du? Ja.
Du? Auch. Du? Nicht.
Auch der Wahrheit über das
eigene Leben. Folge ich wirklich
meinen Wünschen? Oder beuge ich
mich den Konventionen? Will ich
das, was ich habe? Oder etwas ganz
anderes? Der Glaube, Berlin habe
Antworten auf diese Fragen, treibt
die jungen Leute in die Stadt.
Marquardt sieht aus, als hätte er
sie für sich gefunden. Deshalb grüßt
ihn auch der Bürgermeister.
Es gibt eine Stelle in „Die Nacht ist
Leben“, da schreibt Marquardt über sein
erstes Hals-Tattoo und die Entscheidung,
damit zukünftig auf einen „seriösen Job“
zu verzichten. Die Tätowiererin setzt an,
es schmerzt, die Buchstaben SM sollen es
werden, Marquardts Initialen. Als sie fertig
ist, schmerzt es noch mehr, weil er schutz-
los in die Sonne geht. Andere Tätowierun-
gen folgen, auch im Gesicht. Mit der Zeit
werde die „schöne Seite des Schmerzes“
allerdings blasser. Vielleicht, „weil man mit
den Jahre dünnhäutiger wird“.
So wirkt er gar nicht, Sven Marquardt,
„der Eisenmann“, wie er auch genannt
wird. Aber so ist es vielleicht, wenn man
seine Haut zur Leinwand seiner Träume
gemacht hat. Tobias Rapp
Schwerpunkt: Musik Kultur
Video:
Sven
Marquardts
Fotografie
spiegel.de/app
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berghain
oder in der App
DER SPIEGEL
In Chillys Schoko-Fabrik
Pianisten Der Musiker Chilly Gonzales hat 24 Etüden für all jene komponiert, die dem
Klavier untreu geworden sind. Wird man mit diesen Übungen
so perfekt wie der Meister selbst? Ein Selbstversuch. Von Martin Doerry
Bühnenkünstler Gonzales
Redakteur Doerry
beim Klavierspiel
118 DER SPIEGEL 31 / 2014
Schwerpunkt: Musik Kultur
G
roß und einschüchternd steht sie
da, die schwarze Kiste mit den 88
Tasten.
Das edle Teil will endlich wieder be-
spielt werden. Aber es geht nicht, seit Mo-
naten schon. Der schöne Bösendorfer mit
dem weichen Wiener Klang bleibt stumm.
Auch die Noten verstauben im Regal.
Chopin und Bach, Mendelssohn und Mo-
zart, Satie und Debussy – sie alle spielen
in meinem Leben keine Rolle mehr.
Ich mag nicht einmal an sie erinnert wer-
den. Erst neulich schepperte ein Klassikhit
von Eric Satie aus dem Handy eines Kolle-
gen. Als Klingelton! Welch Frevel! Aber
wann eigentlich hatte ich das kleine Stück
zum letzten Mal gespielt?
Solche melancholischen Stimmungen
können jahre-, jahrzehntelang anhalten.
Mangelnde Übung macht alles nur schlim-
mer. Wer kaum noch spielt, weil er tat-
sächlich (oder vermeintlich) schlecht spielt,
spielt bald noch schlechter – und am Ende
gar nicht mehr.
Die hier beschriebene Krankheit ist ver-
breitet, die Therapie allerdings umstritten.
Soll man wirklich von vorn anfangen, mit
den langweiligen Übungsstücken von Czer-
ny, Clementi oder gar Hanon, dem Schre-
cken aller Klavierschüler? Ja, helfen würde
das schon, sagen die einen.
Nein, sagt der Pianist Chilly Gonzales,
wer es mit diesen „unspaßigen Notenbü-
chern“ probiere, höre doch meist schnell
wieder auf. Gonzales, 42, ein begnadeter
Musik-Entertainer mit legendären Live-
Shows, hat deshalb ein anderes, ein unter-
haltsames Übungsbuch für Wieder-An -
fänger komponiert, die „Re-Introduction
Etudes“, und er verspricht Unglaubliches:
Kunst ohne Quälerei, Spaß ohne Arbeit.
Die ersten Besprechungen des neuen
Lehrbuchs fielen hymnisch aus. „Hier ist
etwas Wunderbares passiert“, jubelte die
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung,
„ein Klavierlehrer erobert die Welt.“ Und
die Süddeutsche Zeitung wagte sogar die
kühne Prognose: „Spätestens in ein paar
Jahren wird eine ganze Generation von
Klavier-Anfängern völlig selbstverständ-
lich mit diesem Notenband unterrichtet
werden.“
Aber hat einer der Rezensenten dieses
Buch mal selbst durchgespielt? Oder sind
sie alle nur dem Charme und Witz des gro-
ßen Meisters erlegen, der sein Notenbuch
vor ein paar Wochen in Berlin in einer Per-
formance vorgestellt hatte?
Zu den Konzerten des in Köln lebenden
Kanadiers mit dem bürgerlichen Namen
Jason Charles Beck strömen Tausende.
Seine beiden Soloalben finden sich längst
in den MP3-Archiven des gehobenen Bür-
gertums. Seine minimalistische, zwischen
Klassik und Jazz irrlichternde Musik klingt
eingängig und schön – nur Hardcore-Klas-
sikfans verspotten ihn als Satie für Arme.
Aber Satie lebt bekanntlich nicht mehr,
also besser Gonzales als gar nichts.
Bei seinen Auftritten trägt er gern Bade-
mantel und Pantoffeln. Zuweilen holt er
Amateurpianisten aus dem Publikum, um
sie auf der Bühne zu unterrichten und auch
ein wenig zu demütigen. Sein Klaviersche-
mel ist so niedrig wie einst der von Glenn
Gould. Seine Handhaltung (so flach wie
eine Flunder) würde jeden wirklichen Kla-
vierlehrer verzweifeln lassen. Kein Zweifel
also, Chilly Gonzales ist ein Genie.
Ein paar dahingeperlte Klänge – und
schon bringt er das Publikum um den Ver-
stand. Seine Mischung aus musikalischem
Understatement und gepflegter Arroganz
erinnert sogar an den großen Zyniker
Frank Zappa. Dessen Weisheit, „Jazz ist
nicht tot, er riecht nur schon ein bisschen“,
könnte auch von dem über alle
Genre-Grenzen hinwegspielenden
Gonzales stammen. Ohne Jazz
aber hätte es Zappas Musik nie ge-
geben. Und die von Gonzales eben
auch nicht.
Wer also wollte nicht so cool wie
Chilly sein?
Nun aber ran ans schwarze Mons-
ter. Die ersten Töne gehen fast wie
von selbst, die Finger stolpern nur
etwas wacklig über die Tasten, doch
der weiche Klang wärmt das Herz.
Die Kiste klingt.
Gonzales hat das Eröffnungsstück seinem
Helden Johannes Brahms gewidmet, ein ho-
her Anspruch – den er definitiv nicht erfüllt.
Das macht aber nichts. Bis auf ein paar läs-
tige Gegentakte in der linken Hand lässt
sich das Stück mühelos herunterklimpern.
Die zweite Etüde ist schon etwas span-
nender, offenbar aus Dankbarkeit wurde
sie Steve Jobs gewidmet; Apple hatte mal
eine Dreitonmelodie von Gonzales zu Wer-
bezwecken gekauft und millionenfach un-
ter die Leute gebracht.
Aber dann. Ein echter Chilly: „Pleading
the Fifth“, ein Stück aus lauter Quinten,
acht Takte Melodie, danach etwas Ge-
schwurbel, und noch einmal dieselbe Me-
lodie, nur in einer anderen Tonart. Ganz
einfach, wie immer bei Chilly Gonzales,
ganz einfach und doch schön.
Nun werde ich den Vorgaben meines
Lehrers untreu. Man solle sich beim Ler-
nen „amüsieren“, hat er im Vorspann ver-
sprochen. Ab sofort werden die langweili-
gen Stücke aussortiert. Übrig bleibt etwa
jedes zweite, immerhin.
„Dressed in Green“ zum Beispiel hat al-
les, was ein Ohrwurm braucht. Ein paar
schräge Akkorde, eine wunderbare Melo-
die. Chilly Gonzales führt hier seinen Lieb-
lingseffekt, die sogenannte Green Note,
vor. Das klingt so schön ökologisch, doch
in Wahrheit handelt es sich nur um einen
schlichten Ganztonschritt (im Unterschied
zum Halbtonschritt bei der Blue Note).
„Dressed in Green“ wurde, warum auch
immer, dem großen Paddy McAloon, dem
Mastermind von Prefab Sprout, zugeeig-
net. Gonzales ist damit nicht nur der Meis-
ter des schönen Klangs, sondern auch der
des prätentiösen Namedroppings: Er wid-
met jedes seiner kleinen Kunst-Stücke ei-
nem Star, seiner Freundin Feist zum Bei-
spiel oder Nina Simone, Thelonious Monk,
Maria Callas sowie der Band Daft Punk,
und macht damit auch eher Unbedeuten-
des erst richtig bedeutend. Wer möchte
nicht von so einem geistreichen Künstler-
Himmel beschirmt werden?
Je länger man sich durch das Übungs-
buch spielt, desto schöner wird es. Man ist
plötzlich sogar von sich selbst beeindruckt.
Etwa beim impressionistischen „Early
Bird“ und dann vor allem bei „Lefties“,
einem genialen Stückchen Angebe-
rei, das heißt: viel Sound mit wenig
Aufwand – die einzige Etüde übri-
gens, in dem meine (wie bei den
meisten Pianisten) eher schwache
linke Hand ein bisschen gefordert
wird. Der Meister hat es dem Links-
händer Barack Obama gewidmet.
Als Ganzes konsumiert, in einer
knappen Stunde durchgespielt, er-
innert sein Album dann allerdings
an den Besuch in einer Schokola-
denfabrik: Bei so viel Süßem kann
einem schlecht werden.
Zumal die Anstrengungen eher gering
ausfallen: Alles, was Klavierschüler ver-
schrecken könnte, rhythmische Finessen
oder virtuose Läufe zum Beispiel, fällt Gon-
zales’ Minimalismus zum Opfer. Wer in sei-
nem früheren Leben mal ernsthaft Klavier
gespielt hat, wird hier auch nach längerer
Abstinenz nicht vor größere Herausforde-
rungen gestellt. Und ebendas dürfte auch
die – verzeihliche – Schwäche dieses Al-
bums sein. Gonzales vermittelt kaum tech-
nische Fähigkeiten. In einem Interview mit
dem Magazin der Süddeutschen Zeitung
hat er verraten, dass er „etwa eine Drei-
viertelstunde Technik am Tag“ übe. Seinen
Schülern erspart er das. Nicht eine seiner
Übungen versetzt den klavierentwöhnten
Musikfreund wieder in die Lage, ein Prä-
ludium von Bach oder gar eine Sonate von
Beethoven zu spielen.
Auch seine fröhlichen Erläuterungstexte
für die einzelnen Stücke sind wenig hilf-
reich. Im Grunde erklärt er nämlich nur die
kompositorischen Tricks, mit denen er ar-
beitet. Jede seiner Etüden enthält ein oder
zwei von diesen Kunstgriffen, in seinen für
die große Bühne komponierten Stücken
hingegen brennt er ganze Feuerwerke ab.
Mit seinen Etüden wird man das Klavier -
spielen also nicht wirklich neu erlernen.
Dass man sich überhaupt wieder an die
große schwarze Kiste setzt – das allerdings
ist schon ein Gewinn.
Danke, Chilly. I
119 DER SPIEGEL 31 / 2014
Video:
Martin Doerry
spielt Chilly
Gonzales
spiegel.de/app
312014klavier
oder in der App
DER SPIEGEL
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lint Eastwood wurde zu einem der männlichsten Kino-
stars, obwohl er ein großes Handicap hatte: seine Stim-
me. Sie klingt fragil, heiser, sie flüstert oft nur, als würde
ihre Kraft zum Reden nicht ganz reichen. Diese Stimme ließ
durchklingen, dass sich hinter all den markigen Helden, die er
so gern spielte, noch ein ganz anderer Mann verbarg.
Nun hat Eastwood einen Film über einen Mann gedreht, der
seine Stimme in ungeahnte Höhen schraubte: Frankie Valli.
Mit seiner Band The Four Seasons sang der aus New Jersey
stammende Sänger in den Sechzigerjahren Hits wie „Sherry“,
„Big Girls Don’t Cry“ oder „Walk Like a Man“. Von manchen
Männern wurde er als Mädchen beschimpft. Doch das konnte
ihm egal sein. Millionen Mädchen hingen an seinen Lippen.
Der Film „Jersey Boys“ beruht auf einem Broadway-Musical
und rekapituliert die Geschichte der Four Seasons – einer der
erfolgreichsten Gruppen vor den Beatles – von ihrer Gründung
in den frühen Fünfzigern bis zu ihrer Aufnahme in die Rock &
Roll Hall of Fame im Jahr 1990. Es geht um vier Männer, die
mit ihrer Musik möglichst gute Laune verbreiten wollen. Nicht
unbedingt ein Eastwood-Stoff, so scheint es.
Doch der heute 84-jährige Schauspieler und Regisseur ist
seit je ein großer Musikliebhaber. Der Western und der Jazz
seien die einzigen originären Kunstformen der USA,
hat er mal gesagt. In sehr vielen seiner Filme gibt es
eine Szene, in der Eastwood mit einem Bier in der Hand
in einem Saloon, einer Bar oder einem Nachtklub sitzt
und Musik hört.
Es sind die Momente, in denen der Held zur Ruhe
kommt von den vielen Kämpfen und Schießereien, zu
denen die Plots seiner Filme ihn zwingen. In manchen
dieser Szenen setzt sich Eastwood sogar selbst ans
Klavier und spielt ein paar Takte. Der Zuschauer hat
dabei immer das Gefühl, einem Mann dabei zuzusehen,
wie er in der Musik zu sich selbst findet. Bis er mit dem
Schießen weitermacht.
Glaubt man Eastwood, geht es beim Jazz wie beim Western
um Leben und Tod.
Als Eastwood in „Bird“ (1988) das Leben des Jazzsaxo -
fonisten Charlie Parker verfilmte, zeigte er einen Musiker,
der seinen Lebensatem aus sich heraus in sein Instrument
pumpt, der am ganzen Leib zittert und vibriert wie ein
Mann in den letzten Zuckungen. Parker starb im Alter von
34 Jahren.
Wenn Eastwood also in seinen Filmen am Tresen hängt und
Musik hört, sitzt da ein Mann, der weiß, wie hart es ist, etwas
herzustellen, was andere Menschen entspannt. Aus diesem
Grund ist „Jersey Boys“ kein fröhliches Musical über vier
Jungs, die einen Hit nach dem anderen erfinden und ständig
Groupies verführen. Es ist ein erstaunlich düsterer Film über
Pop als Knochenjob.
„Aus diesem Viertel kommst du auf drei Arten raus“, sagt
einer der Helden zu Beginn. „Du gehst zur Armee, arbeitest
für die Mafia oder wirst berühmt.“ Der Zuschauer fühlt sich
zunächst fast wie im falschen Film, wie in einem Gangsterepos
von Martin Scorsese, in dem die Jungs so breitbeinig wie mög-
lich über die Straße gehen, weil sie keinen Zweifel daran
haben, dass sie ihnen gehört.
Eastwood zeigt, wie Frankie (John Lloyd Young) und
Tommy (Vincent Piazza), beide Gründungsmitglieder der
Band, nachts versuchen, ei-
nen Tresor zu klauen. Sie stel-
len sich dabei allerdings so
ungeschickt an, dass daraus
eine Slapstickszene wird. Bis
plötzlich ein Polizist auf-
taucht. Frankie, der Wache
steht und ihn sieht, fängt zur
Warnung an zu singen.
Es ist ein wunderbar ir -
realer Musical-Moment. Die
Häuser sind deutlich als
Kulissen zu erkennen, der
Polizist tapert durch die Sze-
nerie wie das Klischee eines
guten Cops aus der Nach -
barschaft. Ja, böse Menschen
singen keine Lieder, und wer richtig gut singt, kann sogar ein
Star werden, statt im Knast zu enden.
Die Jungs finden einen Produzenten, landen ihren ersten
Hit, und auf einmal sind sie im Fernsehen, in der „Ed Sullivan
Show“, die jede Woche von vielen Millionen Amerikanern
gesehen wird. Das Musical scheint das Sozialdrama und den
Gangsterfilm hinter sich gelassen zu haben. Doch bei Eastwood
ist der Glanz dazu da, den Zuschauer zu blenden. Der Triumph
währt nur kurz.
Tommy hat mit der Mafia Geschäfte gemacht und schuldet
ihr ein Vermögen. Die Band muss tingeln und jeden noch so
kleinen Gig spielen, um das Geld zusammenzubekommen.
Doch Eastwood erzählt dies nicht als Chronik eines Nie-
dergangs. Für ihn bemisst sich die Bedeutung einer Band
nicht nach der Größe der Halle, die sie füllt. Er weiß,
welche Intimität zwischen Musikern und Publikum ge-
rade in Bars und Klubs entstehen kann.
Der Zuschauer folgt den Helden gern auf ihrem Weg
durch die Jahrzehnte, bei dem sie ihre Vergangenheit
bis ins hohe Alter mit sich tragen. Wer gute Musik ma-
chen will, muss dafür viel geben, vielleicht sogar alles.
Was er dafür kriegt, ist ungewiss. Eastwood erzählt dies
sehr abgeklärt und zugleich voller Bewunderung. Ein
großer Meister, der anderen Künstlern gebannt wie ein
kleiner Junge bei der Arbeit zuschaut. Lars-Olav Beier
120 DER SPIEGEL 31 / 2014
Kultur Schwerpunkt: Musik
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Szene aus „Jersey Boys“: Singen wie ein Mädchen, gehen wie ein Mann
Video:
Ausschnitte
aus „Jersey
Boys“
spiegel.de/app
312014film
oder in der App
DER SPIEGEL
In höchsten Tönen
Filmkritik Clint Eastwood zeigt in
seinem neuen Film „Jersey Boys“, wie hart es
ist, Gute-Laune-Musik zu machen.
Kinostart: 31. Juli
Satire
Zehn Milliarden
Dollar für CNN
Jon Stewart hat nie einen
Hehl daraus gemacht, dass
er den US-Nachrichtensen-
der CNN scheußlich findet.
Stewart, 51, ist einer der be-
kanntesten Enter tainer der
amerikanischen TV-Land-
schaft, seine Late-Night-
Sendung „The Daily Show“
persifliert gern und oft auch
das CNN-Programm. Seit
vergangener Woche nun wa-
bert seine Kampagne durchs
Netz: Unter der Adresse
letsbuycnn.com findet sich
ein Crowdfunding-Aufruf –
zehn Milliarden Dollar
sollen zusammengetragen
werden, um CNN zu kaufen.
Die im Layout der Finan -
zierungsplattform Kickstar-
ter gehaltene Kampagne ist
ein Fake, der Hintergrund
aber durchaus ernst.
Multimil liardär Rupert
Murdoch schickt sich an, die
CNN-Mutter Time Warner
zu kaufen. Der Deal schei-
terte zwar vorerst, doch end-
gültig vom Tisch ist der Plan
noch nicht. Der Wert des
Senders wird auf zehn Mil -
liarden Dollar geschätzt.
Allerdings würde der Nach-
richtenkanal kaum in Mur-
dochs Reich passen – dessen
eigener Nachrichtensender
Fox News gilt mit seiner
kon servativen Ausrichtung
als Feindbild des bei Demo -
kraten beliebten Senders
CNN. mum
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Presse
Albrecht wollte sich erklären
Aldi-Mitgründer Karl Albrecht, der vor -
vergangene Woche im Alter von 94 Jahren
starb, hatte sich vor seinem Tod zu einer
Gesprächsreihe in der Frankfurter Allgemei-
nen (FAZ) bereit erklärt. Es wäre das erste
Interview des notorisch pressescheuen Mil -
liardärs gewesen. FAZ-Digital-Chefredakteur
Mathias Müller von Blumencron hatte sich
mit ihm bereits zu einem langen Vorgespräch
getroffen und Albrechts Einverständnis er -
halten. In einem Text für die FAZ zum Tode
Albrechts hatte Blumencron bereits einige
Details aus diesem Gespräch berichtet. bra
Stewart
Internet
Teures Löschen
Die Entscheidung des Euro-
päischen Gerichtshofs, dass
Suchmaschinen Treffer lö-
schen müssen, wenn Bürger
sich dadurch geschädigt se-
hen, wird für Google teuer.
Mehr als hundert neue Mit -
arbeiter wurden rekrutiert,
hauptsächlich am Standort
Dublin in Irland. Die meisten
von ihnen sind sogenannte
Paralegals, juristische Hilfs-
kräfte, die Anträge prüfen sol-
len. Über 100000 Löschgesu-
che sollen bisher bei Google
europaweit eingegangen sein,
die meisten aus Frankreich.
Deutschland belegt den zwei-
ten Platz, Mitte Juli waren es
hierzulande rund 16500 An-
träge. Rund ein Drittel lehnt
Google nach eigenen Anga-
ben direkt ab, in mehr als der
Hälfte der Fälle wird gelöscht.
Bei Microsoft werden Lösch-
gesuche für die Suchmaschine
Bing derzeit nur gesammelt,
über die Regeln für die Be -
arbeitung, heißt es dort, sei
noch nicht entschieden. Mi-
crosoft will die Zahl der ein-
gegangenen Anträge nicht
nennen, doch es handele sich
um erheblich weniger als bei
Google. Vergangene Woche
traf sich eine Arbeitsgruppe
aus Datenschützern und
Suchmaschinenbetreibern in
Brüssel, bis September sollen
verbindliche Regeln für die
Umsetzung des „Rechts auf
Vergessenwerden“ stehen.
„Wichtig ist, dass wir einen
einheitlichen Standard erar-
beiten und nicht jedes EU-
Land den gleichen Sachver-
halt anders bewertet“, sagt
Johannes Caspar, hamburgi-
scher Datenschutzbeauftrag-
ter und zuständig für Google
Deutschland. Strittig sind vor
allem zwei Punkte: Tilgt
Google einen Suchtreffer bei
seinen europäischen Able-
gern, ist das Ergebnis nach
wie vor außerhalb der EU ab-
rufbar, etwa bei google.com.
Datenschützer plädieren da-
für, den Treffer auch dort zu
entfernen. Strittig ist auch, in-
wieweit ein Suchmaschinen-
anbieter den Betreiber einer
Web site darüber informieren
kann, dass eine von ihm er-
stellte Seite bei der Eingabe
von bestimmten, im Text ent-
haltenen Namen nicht mehr
als Suchergebnis ausgewiesen
wird. Google informiert der-
zeit die Betreiber, ohne den
Namen des Antragstellers zu
nennen. mum
Comedy-Figur Tod
Große Depression
Humor Comedians und Kabarettisten brechen in ihren Shows die letzten Tabus.
Ihre Späße über psychische Erkrankungen und körperliche Behinderung sollen
nicht verletzen, sondern Ängste abbauen. Sogar der Tod macht Bühnenkarriere.
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ypisch Tod, kommt wie immer im
Leben zu früh. Im Treppenhaus steht
er plötzlich vor einem. Er trägt eine
schwarze Kutte und hat eine Sense dabei.
Seine Hand ist warm, der Händedruck
weich. „Ich habe Kaffee gekocht“, sagt er
mit hoher Stimme und bittet ins Büro sei-
nes Agenten.
Überhaupt ist der Tod ein prima Kerl,
zuvorkommend und empfindsam. Das
könnte daran liegen, dass er noch in der
Ausbildung ist. Denn der Tod ist eigentlich
ein Familienunternehmen, so erklärt er es,
und er, der Junior, soll allmählich ins Ge-
schäft hineinwachsen.
Wie es ihm dabei ergeht, erfährt man
bei seinen Bühnenshows und im Buch
„Mein Leben als Tod“. Auf seinem You -
Tube-Kanal treibt er mit seiner Praktikan-
tin Exitussi sein Unwesen, die Serie heißt
„Todis Welt“.
Seinen Job definiert er so: „Einer muss
es ja machen, sonst würde die Erde vor
Überbevölkerung explodieren. Immerhin
hat man mit Menschen zu tun und kommt
viel rum.“ Wer mit ihm die letzte Reise
antritt, kann wählen zwischen Floß und
Tunnel. Zuvor wird die „Best-of-your-life-
Rückfilmschau“ abgespult.
Man möchte dem Tod gern ins Gesicht
lachen, aber er zeigt es an diesem Nach-
mittag nicht. Während der anderthalb
Stunden, die das Gespräch mit ihm dauert,
legt er die Kutte nicht ab und auch nicht
die Strumpfmaske mit den Sehschlitzen,
wie sie die Bankräuber bei „Aktenzeichen
XY… ungelöst“ tragen.
Das Treffen in Berlin findet statt unter
der Maßgabe, dass der Name des Come-
dians, der sich unter dem Kostüm verbirgt,
nicht öffentlich wird. Von wegen Mythos
und so. Bekannt werden darf: Er ist um die
dreißig, den Tod spielte er erstmals 2011.
So lange dauerte es, bis sich ein deut-
scher Comedian anschickte, in dieser Rolle
Karriere zu machen. Zwar gehört der Tod
zu den ältesten Erfahrungen des Menschen.
Aber in westlichen Gesellschaften wird er
noch immer verdrängt.
Nun endlich darf der Tod lustig werden,
der Weg ist frei, denn eine Reihe radikaler
Komiker hat in den vergangenen Jahren die
Humorgrenzen der Deutschen gesprengt.
Sozialer Stand, Religion, Herkunft –
nichts scheint mehr unantastbar. Cindy aus
Marzahn brachte die Unterschicht auf die
Bühne, der jüdische Komiker Oliver Polak
machte sich über den Umgang mit dem
Holocaust lustig, Migranten-Comedians
kübelten ihren Zuschauern die Vorurteile
vor die Füße, mit denen sie sich täglich
konfrontiert sehen.
Zu den verbliebenen Tabus gehörten
Krankheit, Behinderung und Depression.
Nun werden auch sie zum abendfüllenden
Spaß, und mit ihnen der Tod, der ja nach-
weislich das Allerletzte ist. Der Comedian,
der ihn spielt, setzt sich auch ernsthaft mit
ihm auseinander. Besonders fasziniert ihn
die mexikanische Tradition, für die Ver-
storbenen ein ausgelassenes dreitägiges
Volksfest zu feiern, aus Dankbarkeit für
die gemeinsam verbrachte Zeit. Seine Dar-
stellung des Todes sieht er als Imagekam-
pagne. Manchmal spielt er auch auf Be-
triebsfeiern von Bestattungsunternehmern.
Die Idee, aus dem Tod eine Comedy-Fi-
gur zu erschaffen, war ihm vor drei Jahren
in einer Kinderkrebsklinik gekommen, als
er die Tochter einer Bekannten besuchte.
„Die Kinder malten Bilder vom Tod. Eines
stellte ihn sich als goldenen Drachen vor.
Ein anderes zeichnete ein Prinzessinnen-
schloss, so sah für sie das Paradies aus.“
Außerdem wollte er allen Regisseuren,
mit denen er gearbeitet hatte, zeigen, dass
sie falschlagen. Die Mimik sei das Wich-
tigste, hatten sie immer gepredigt. Er woll-
te beweisen, dass es auch ohne geht.
Seiner Medienkarriere steht das aller-
dings im Weg. Talkshows wissen wenig
mit ihm anzufangen. Die Redaktionen von
Markus Lanz und Bettina Böttinger hatten
sich zwar für ihn interessiert. Doch kam
es nie zu einem Auftritt, weil der Tod sich
weigert, ohne Maske aufzutreten.
Sein Manager, der auch Sarah Kuttner
und Klaas Heufer-Umlauf betreut, fragt
alle paar Monate bei ihm nach, ob er sich
nicht doch mal ohne Verkleidung ins Fern-
sehen wagen wolle. Er sagt, er wolle das
möglichst lange durchhalten; ähnlich wie
der Sänger Cro, der bis heute nur als Pan-
da maskiert auf die Bühne geht.
Zu seinen eindrücklichsten Erlebnissen
zählt der Tod seine Auftritte in Hospizen.
Er sagt, die Stimmung unter den Sterbens-
kranken sei jedes Mal gelöst. „Sie sind
froh, wenn sie ihre letzten Tage auch fröh-
lich verbringen können.“
Eine ähnliche Erfahrung hat Nico Sems-
rott gemacht. Wenn er nach seinen Auf-
tritten mit Zuschauern spricht, verab -
schieden manche sich schon mal mit dem
Hinweis, sie müssten zurück auf ihre psy-
chiatrische Station. Vor einigen Wochen
hat er zum ersten Mal auf Einladung einer
psychiatrischen Klinik gespielt, im hessi-
schen Eltville.
Semsrott, 28, macht Depressions-Come-
dy. Der Hamburger steht dann einen
Abend lang wie geprügelt auf der Bühne,
die Augen traurig, die Stimme monoton,
und sagt Sätze wie: „Freude ist nur ein
Mangel an Information.“ Oder: „Die Hoff-
nung stirbt zuletzt. Aber sie stirbt.“
Manchmal erreichen ihn auch empörte
Zuschriften. Witze über psychische Leiden
seien unanständig, heißt es darin. Einer
schrieb, er könne darüber gar nicht lachen:
Er kenne jemanden, der sich umgebracht
habe. Depressive allerdings beschwerten
sich selten, sagt Semsrott. Sie empfänden
seinen Humor als befreiend.
„Darf man über Depression Witze ma-
chen?“, fragt er in seinem Bühnenpro-
gramm. Und antwortet: „Nein, man darf
nicht. Man muss.“ Psychische Leiden seien
schlimm. „Das Schlimmste ist aber, wenn
man depressiv ist und keinen Humor hat.“
Entstanden ist seine Show in einer Zeit,
als er selbst unter Depressionen litt. „Ich
lag nur im Bett und wusste nicht, was ich
mit meinem Leben anfangen sollte. Ich
fühlte mich schwach, einsam und unge-
liebt.“
Für einen Poetry-Slam, einen Dichter-
wettstreit auf offener Bühne, packte er alle
Schwermut seines Lebens in einen Text.
Auch Selbstmordgedanken kamen darin
vor. Anfangs deklamierte er mit großem
Ernst. Weil sich das so schrecklich anhörte,
gab er dem Ganzen nach den ersten Auf-
tritten einen lustigen Drall. Plötzlich war
er Comedian, wurde in die ZDF-Satire-
show „Neues aus der Anstalt“ eingeladen
und zu Stefan Raab. Eine eigene YouTube-
Serie hat er in Vorbereitung.
Die Kapuze, die Semsrott bei jedem Auf-
tritt trägt, war zunächst ein Schutz gegen
seine große Unsicherheit. „Am Anfang
war ich mit dieser ängstlichen Figur iden-
tisch. Heute bin ich privat glücklicherweise
weit von ihr entfernt.“
Auch die Chronologie seines Scheiterns
hat ein Ende gefunden. „Früher habe ich
immer alles gleich abgebrochen“, sagt er.
Sein Studium der Geschichte und Soziolo-
gie beendete er nach sechs Wochen. Prak-
tika bei Zeit online, SPIEGEL ONLINE und
der NDR-Satiresendung „Extra 3“ zog er
durch, innerlich hatte er aber bereits nach
wenigen Tagen gekündigt.
Seine Komik versteht er als System -
kritik. Ebenso die ihr zugrunde liegende
Krankheit. „Wenn man in dem kapitalisti-
schen Betrieb vereinsamt, ist Depression
die einzige Möglichkeit, sich zu wehren.“
Ein neues Geschäftsmodell hat er im
Kapitalismus dennoch entdeckt: Der Trüb-
salbläser verkauft jetzt Unglückskekse.
Auf Zettelchen finden sich darin Weishei-
ten wie „Das Leben ist eine Krankheit,
die per Sex übertragen wird und in jedem
Fall tödlich endet.“ Oder: „Das Licht am
Ende des Tunnels kann auch ein Zug
sein.“
Rainer Schmidt hingegen ist schon von
Berufs wegen Optimist. Er ist evangeli-
scher Pfarrer, leitete früher eine eigene
Gemeinde. Seit 2010 arbeitet er am Päda-
gogisch-Theologischen Institut in Bonn, wo
er Vorträge über die Teilhabe Behinderter
am Gemeindeleben anbietet.
Schmidt, 49, kam ohne Unterarme zur
Welt und blickt auf eine erfolgreiche
Laufbahn als Sportler zurück. Bei den Pa-
ralympics gewann er viermal Gold im
Tischtennis. Inzwischen ist er auch Kaba-
rettist. Entstanden sind die Nummern aus
seinen Vorträgen über das Zusammenle-
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ben mit Behinderten, die er derart launig
gestaltet hatte, dass Zuhörer sich danach
für das „tolle Kabarett“ bedankten. Da-
raus entwickelte er ein abendfüllendes
Programm.
Der Titel: „Däumchen drehen“. Schmidt
hat keine Finger. Nur einen Daumen, links.
Gläser und Flaschen trägt er mit den Arm -
stümpfen, so schreibt er auch. Sein Handy
holt er mit dem Mund aus der Tasche.
Zu Beginn seiner Auftritte lässt er Zu-
schauer raten, was er ohne Hilfe nicht
kann. Ruft jemand vorsichtig: „Kämmen?“,
zieht er einen Kamm heraus und frisiert
sich. Bei „Allein anziehen?“ kramt er ei-
nen Metallstab hervor mit zwei Krallen,
die einen Reißverschluss öffnen können.
Bisweilen sind die Leute davon so er-
mutigt, dass sie rufen: „Den Hintern abwi-
schen?“ Schmidt versichert dann, auch da-
für gebe es eine Hilfskonstruktion, auf die
Vorführung bitte er zu verzichten.
Schmidts Programm besteht aus fiktiven
Geschichten aus seinem Leben. Über seine
Geburt sagt er: „Wenn du keine Arme hast,
geht das wie der Korken aus der Sektfla-
sche.“ Seine Oma habe ausgerufen: „Hand-
werker wird der mal nicht!“
Um Menschen die Angst im Umgang
mit Behinderten zu nehmen, spielt er den
Verschmitzten, der seine Defizite ausnutzt:
„Früher habe ich mich manchmal mit dem
Hut auf die Straße gesetzt. Nach einer Vier-
telstunde hatte ich so viel zusammen, dass
ich alle meine Freunde zum Pizza-Essen
einladen konnte.“
Schmidt, der Theologe, sagt, Tabus seien
eigentlich etwas Heiliges. Die verbotene
Stadt. Der Harem des Sultans. „Absolute
Tabus gibt es heute nicht mehr. Aber si-
tuative Tabus.“ Wenn ihm Zuschauer nach
seiner Show einen Behindertenwitz erzähl-
ten, sei das okay. Wenn sich jemand ein-
fach so über einen Behinderten lustig ma-
che, natürlich nicht.
Vielleicht sind Schmidt und Kollegen ja
ein Zeichen dafür, dass Deutschland im
Umgang mit menschlichem Leid Fortschrit-
te macht. Späße über Tod, Depression und
Behinderung sollen ja nicht ausgrenzen.
Sie machen nicht Personen lächerlich, son-
dern die Umstände, unter denen sie leben.
Es gilt der Satz des Entertainers Thomas
Hermanns: „Je größer ein Tabu, desto bes-
ser muss der Witz sein.“
Ein Kabinettstückchen von Rainer
Schmidt geht so, dass er sich auf der Bühne
Handschuhe über die Armstümpfe streift.
„Diese Möglichkeit habe ich erst im letzten
Winter entdeckt“, sagt er dazu. Seit er die
Hände falten könne, würden auch beinahe
all seine Gebete erhört. Alexander Kühn
Video: „Der Tod"
im Interview
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oder in der App DER SPIEGEL
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ls ich vor vielen Jahren als junger Soldat im Militär diente,
war in meiner Einheit ein Freund, dessen Eltern im Aus-
land lebten. Er hatte eine Großmutter in Tel Aviv, doch
wenn wir an den Wochenenden nach Hause fuhren, kam er oft
mit mir nach Jerusalem. Heute nennt man jemanden wie ihn auf
Hebräisch „einsamer Soldat“. Hinter dieser melancholisch-poe-
tischen Bezeichnung verbergen sich in der Regel Soldaten, die
ohne Familie nach Israel eingewandert sind. Die Armee kümmert
sich um sie, außerdem werden sie von israelischen Familien
„adoptiert“, in Kibbuzim beherbergt und von speziellen Organi-
sationen betreut. Wenn ein solcher Soldat ums Leben kommt,
kümmert sich die Armee um die Formalitäten und bringt die El-
tern nach Israel. Auch bei der jetzigen Operation „Fels in der
Brandung“ sind vorige Woche einige dieser „einsamen Soldaten“
gefallen – doch diesmal ist etwas geschehen, was bislang ohne
Beispiel war. Ein paar gute Menschen haben, aus der Befürchtung
heraus, diese Soldaten könnten auch einsam zu Grabe getragen
werden, die sozialen Netzwerke in Bewegung gesetzt. Das führte
dazu, dass Zehntausende den Begräbnissen der „einsamen Sol-
daten“ beiwohnten, mehr als bei jeder anderen Beerdigung. Da-
bei kannte kaum jemand von ihnen die Gefallenen persönlich.
Ich erzähle das nicht, um uns auf die kollektive israelische
Schulter zu klopfen, sondern als Beispiel dafür, was wir derzeit
erleben: Alles ist diesmal größer, intensiver, umfassender, emo-
tionaler als sonst. Bürger bekochen die Soldaten auf dem Weg
zur Front, sie kaufen ihnen Unterwäsche und Socken, nehmen
ihnen die schmutzige Wäsche ab und bringen sie sauber und
wohlduftend zum Schlachtfeld zurück. Das ist ein sehr israelisches
Verhalten, auf das wir mit Recht stolz sein können. Aber auch
unsere hässliche Seite tritt in diesem Krieg deutlicher zutage.
Die Demonstrationen der Rechten sind gewalttätiger, und Ag-
gressionen gegen Andersdenkende sind stärker verbreitet; der
Zorn ist explosiver, die Fäuste sind geballter und die Leserkom-
mentare im Internet widerwärtiger. Eine besonders abstoßende
Art der israelischen Rechten macht sich breit, die mit ihrer zwei-
felhaften Vaterlandsliebe eine Vorstufe zu einem unglaublichen
und unerhörten jüdischen Neonazismus aufscheinen lässt. Der
Mord an dem arabischen Jungen Mohammed Abu Chideir, als
Reaktion auf die Ermordung von drei jüdischen Jugendlichen,
war der Startschuss. Inzwischen werden arabische Arbeitnehmer
gefeuert, weil sie weder Freude über den Krieg noch Solidarität
geäußert hatten. Linke werden verprügelt, und wer auf Facebook
etwas schreibt, was nicht genehm ist, wird von der rechten In-
quisition zur Ordnung gerufen.
Nachdem Orna Banai, eine unserer beliebtesten und begab-
testen Komikerinnen, ihre Kritik an den tödlichen Schüssen auf
palästinensische Kinder am Strand von Gaza geäußert hatte, wur-
de sie ein Opfer von Hetze, Drohungen und Beschimpfungen.
Und weil eben alles extremer ist, findet man auf der anderen
Seite des politischen Spektrums auch Linke, die in der Hamas
eine Art Facebook-Gruppe von Mutter Teresa sehen und in jedem
israelischen Soldaten einen Nachfolger der SS-Schergen.
Seit dem Mord an Premierminister Jitzchak Rabin war der
Graben durch unsere Gesellschaft nie so tief. Ich kann mich nicht
erinnern, dass man sich gegenseitig derart mit Schmutz beworfen
hat, dass die Nerven derart blank lagen. Doch die Mehrheit der
Israelis befindet sich zwischen diesen beiden Polen, und sie sind
sich weitgehend einig. In gewisser Hinsicht gehöre auch ich zu
Wankender Fels
Essay Solidarität und Hass zwischen Israelis sind so groß wie nie. Wie passt das zusammen?
Von Meir Shalev
Beerdigung eines Soldaten, Schaulustige auf einem Hügel nahe Gaza: Alles ist diesmal größer, intensiver, umfassender, emotionaler
Medien
dieser Mehrheit, auch ich bin wie die meisten der Meinung, dass
man den seit Jahren anhaltenden Beschuss mit Raketen und die
Gefahr durch die Tunnel vom Gaza-Streifen in umliegende Ge-
meinden unmöglich hinnehmen kann. Auch ich denke, dass man
handeln muss. Aber was genau soll dieses Handeln sein? Für die
einen bedeutet „Handeln“, Gaza dem Erdboden gleichzumachen.
Für die anderen bedeutet „Handeln“, lediglich unterirdische Gän-
ge und Raketenlager zu zerstören. Wiederum andere, und dazu
gehöre ich, vertreten die Meinung, man müsse auch politisch
handeln, denn sonst gibt es jedes halbe Jahr eine solche Opera-
tion. Mit immer neuen, schönen Bildern gegenseitiger Solidarität
und weniger schönen Bildern von toten Kindern und ausge-
bombten Flüchtlingen. Jedes halbe Jahr eine Operation, die der
vorherigen gleichen wird, nur mit einem anderen Namen.
Übrigens, wir haben sehr kreative Bezeichnungen für diese
Operationen. Vor „Fels in der Brandung“ hatten wir „Früchte
des Zorns“, „Frühling der Jugend“, „Schutzwall“, „Tage der
Buße“, „Erster Regen“, „Wolkensäule“ und „Regenbogen“. Diese
Namen sind der Natur, der Literatur und der jüdischen Religion
entnommen. Früher hieß es, die Computer der Armee generierten
solche Namen zufällig, aber dann müsste es Namen geben wie
„Hängender Bauch“, „Plattfuß“ und „Verlorene Beherrschung“.
Andererseits könnte es ja sein, dass die Rechten auch den Com-
puter so mit Schlägen traktiert haben, dass er ebenfalls eine stram-
me Haltung angenommen hat und nun patriotisch rechnet.
Eine der Einheiten, die an dieser Militäroperation teilnehmen,
ist die Givati-Brigade. Vor Beginn der Bodenoffensive verfasste
der Brigadekommandeur für seine Soldaten eine „Kampfbot-
schaft“, die einen Sturm der Entrüstung auslöste, weil sie religiöse
Bezüge enthielt. Es hieß darin, die Hamas sei eine „Schmähung,
Lästerung und Beschimpfung des Gottes des Heeres Israels“, und
die Operation richte sich gegen einen „gotteslästernden Feind“.
Die Worte „Gott des Heeres Israels“ stammen aus der Bibel, ge-
nauer aus einer Rede Davids zu seinem Widersacher Goliath:
„Ich aber komme zu dir im Namen des Herrn Zebaoth, des Gottes
des Heeres Israels.“
Doch wir spielen heute nicht mehr die Rolle Davids, sondern
sind Goliath ähnlicher als dem Jungen mit der Schleuder. Darüber
hinaus sagt diese Kampfbotschaft des Brigadekommandeurs, dass
Gotteslästerung einen Casus Belli darstellt. Mit anderen Worten:
Der Kommandeur der Givati-Brigade schickt seine Soldaten in
einen kleinen Dschihad nach Gaza. Für diese Sichtweise finden
sich dort zweifellos manche Gesinnungsgenossen.
R
eligion, Heiligkeit, Tradition und Geschichte waren schon
immer Teil der Kriege in unserer Region. Christen, Juden
und Muslime kämpften hier in Gottes Namen, mit Gottes
Hilfe und für Gott. Auch heute gibt es für alles, was passiert, eine
antike Parallele. Völlig unbeabsichtigt, so hoffe ich zumindest,
findet die derzeitige Operation „Fels in der Brandung“ in der his-
torischen Zeitperiode des jüdischen Kalenders statt, die wir auf
Hebräisch „Tage der Bedrängnis“ nennen. Es sind die Tage zwi-
schen der Eroberung Jerusalems durch die Römer und der Zerstö-
rung des Zweiten Tempels. Es ist eine Zeit, in der auch säkulare
Juden wie ich innehalten und in sich gehen. Bei mir ist das mit Ge-
danken über die Eiferer und Extremisten der damaligen Zeit ver-
bunden, die einen entscheidenden Beitrag zum Untergang des jü-
dischen Staates und zum Gang ins Exil geleistet haben. Ich habe
über diese Parallele etwas für die Zeitung Jediot Achronot geschrie-
ben. Oft erhalte ich negative Reaktionen auf meine Artikel, aber
diesmal hatten die Anfeindungen eine neue Qualität: Es waren
wüste Beschimpfungen, geschrieben mit Schaum vor dem Mund.
Doch wie gesagt, diese Anfeindungen an sich sind nicht neu,
ich wurde auch schon mal bei einer Demonstration von einer
Frau angespuckt. Aber dieses Mal spüre ich, dass die Nerven
blank liegen, vielleicht weil die Ängste in unserer Gesellschaft
mit jedem Gewaltausbruch an die Oberfläche gelangen. Trotz to-
taler Überlegenheit auf dem Schlachtfeld, trotz der unglaublichen
Erfolge der „Eisernen Kuppel“ verbergen sich unter all diesen
Schichten tiefe jüdische Existenzängste. Während es dem Staat
Israel gelungen ist, die Juden aus dem Exil zu befreien, blieb ihr
Geist im Exil gefangen. Doch diese Ängste sind nicht nur auf un-
sere von Pogromen und Verfolgung geprägte Geschichte zurück-
zuführen. Sie sind auch ein unrühmliches Resultat der Politik,
besonders in der Amtszeit von Premier Benjamin Netanjahu. Er
zielt mit seiner Politik konsequent darauf, die Ängste der Bürger
zu schüren. Sowohl in der Frage einer iranischen Atombombe,
gegenüber den Palästinensern und auch, indem er überall Anti-
semitismus wittert. Dieses Gefühl der Verfolgung schürt der Staat
auch mit der übertriebenen Verwendung der Schoa bei jeder poli -
tischen Debatte und durch die unaufhörlichen Reisen zu den Ver-
nichtungslagern in Europa. Alle fahren nach Auschwitz. Politiker,
Polizisten, Soldaten, vor allem Schüler der Oberstufe, bevor sie
zum Militär gehen, um dann an
einer weiteren glanzvollen Ope-
ration teilzunehmen.
Wie soll das enden? Für Ne -
tanjahu spielt das keine Rolle. Er
leidet an einer Kurzsichtigkeit,
für die es keine medizinische De-
finition gibt: Sein Blick reicht
nicht weiter als eine Woche.
Doch für die israelische Gesell-
schaft spielt es sehr wohl eine
Rolle. Man sollte ihre Stärke
nicht geringschätzen, aber diese
Stärke beruht eben nicht auf den Ängsten, die ihre Anführer zu
schüren versuchen. Ihre Überlegenheit entstammt nicht der Ag-
gressivität, sondern der gegenseitigen Hilfe, des Humors, der Zwei-
fel und des Erfindergeists. Und wenn ich die Sirene heulen höre
und sehe, wie die Menschen am Boden in Deckung gehen und
die „Eiserne Kuppel“ eine weitere Salve von Raketen aus dem
Gaza-Streifen abfängt, bin ich froh, dass hier die Menschen nicht
„Allahu akbar“ brüllen, sondern ihre Smartphones hervorholen
und Selfies mit der kleinen Wolke aufnehmen, die die von der
„Eisernen Kuppel“ abgefangene Rakete am Himmel hinterlässt. 
Es gibt im Hebräischen einen schönen Ausdruck, der so beginnt:
„Jung war ich, nun bin ich alt, und damals sah ich nicht, dass …“
Hier fügt man dann das Thema ein, über das man sprechen will.
Da ich diese Woche 66 Jahre alt werde, fühle ich mich berechtigt,
diesen Spruch zu verwenden. Also, der Junge in mir möchte an
dieser Operation irgendwie teilnehmen. Das ist eine Art israeli-
scher pawlowscher Reflex. Doch der alte Mann in mir hat dafür
nur Spott übrig, er ist weit weniger konformistisch als der Junge,
der er war, und in mancherlei Hinsicht neugieriger, skeptischer
und freidenkender. Also, jung war ich, und nun bin ich alt, und
noch habe ich keinen israelischen Anführer erlebt, der es versteht,
seine Bürger in die Zukunft zu führen, die sie sich wünschen.
Jung war ich, und nun bin ich alt und weiß, dass die Operation
„Fels in der Brandung“ zu Ende gehen wird. Beide Seiten werden
ihren Sieg erklären, und dann werden wir uns auf die nächste
Operation vorbereiten. Sie wird „Harter Fels“, „Stahlsäule“ oder
„Eisenbeton“ heißen, was auch immer die Armee rechner sich
dann ausdenken werden.
Aus dem Hebräischen von David Ajchenrand
Shalev, 65, ist einer der bekanntesten israe-
lischen Schriftsteller und Kolumnist bei der
Zeitung Jediot Achronot. Er wurde 1948, im
Gründungsjahr Israels, in einer zionistischen
Gemeinde im Norden des Landes geboren. In
seinem Roman „Meine russische Großmutter
und ihr amerikanischer Staubsauger“ be-
schreibt er seine Familiengeschichte.
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Beide Seiten
werden ihren Sieg
erklären, und
dann bereiten wir
uns auf die nächste
Operation vor.
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IRING FETSCHER, 92
In einer Zeit, in der Karl Marx den Zorn der Konservati-
ven oder die Begeisterung linker Studenten weckte, war er
einer der wenigen, die den Marxismus nüchtern analysier-
ten. So entstanden Werke wie „Von Marx zur Sowjetideo-
logie“ (1957) und „Karl Marx und der Marxismus“ (1967).
Der Politikwissenschaftler wollte die Ideologie durchdrin-
gen und dennoch Distanz zu ihr wahren. Dabei half ihm
wohl seine eigene Vergangenheit als Offiziersanwärter, die
er später selbst kaum nachvollziehen konnte. In seinem Be-
richt „Neugier und Furcht. Versuch, mein Leben zu verste-
hen“ arbeitete er dies 1995 auf. Geboren in Marbach am
Neckar als Sohn eines Mediziners, war Fetscher als 18-Jäh-
riger zur Wehrmacht gegangen. Nach seiner Entlassung aus
britischer Kriegsgefangenschaft studierte er in Tübingen
und an der Pariser Sorbonne Philosophie, Germanistik und
Romanistik, wobei er sich auf politische Theorie und Ideen-
geschichte spezialisierte. Von 1963 bis 1987 lehrte Fetscher
als Professor für Politikwissenschaft an der Universität
Frankfurt am Main. Er war überzeugter Sozialdemokrat,
saß in der Grundwertekommission der SPD und beriet die
beiden Bundeskanzler Willy Brandt und Helmut Schmidt.
Iring Fetscher starb am 19. Juli in Frankfurt am Main. lot
JAMES GARNER, 86
Auf den ersten Blick wirkte
er wie ein gewaltiger Nuss-
knacker, groß, eckig und ein
wenig steif. James Garner
schien wie geschaffen, Män-
ner zu spielen, die aus dem
rechten Holz geschnitzt sind,
Westernhelden zum Beispiel.
Als Pokerspieler, der von Sa-
loon zu Saloon zieht, wurde
er in der Fernsehserie „Mave -
rick“ Ende der Fünfzigerjahre
zum Star. Doch Garner liebte
Figuren, die ihre Probleme
nicht mit Kraft oder Gewalt,
sondern mit Witz und Raffi-
nesse lösen – wie etwa den le-
gendären Detektiv Rockford,
den er zwischen 1974 und
1980 in der gleichnamigen TV-
Serie spielte. Garner war ein
überaus selbstironischer Dar-
steller, auch im hohen Alter
konnte er noch so verschmitzt
grinsen wie ein Lausbube.
Wenn er in einem Kinofilm
auftauchte, etwa in Blake Ed-
wards’ „Victor/Victoria“ (1982)
oder Clint Eastwoods „Space
Cowboys“ (2000), dann breite-
te sich um diesen mächtigen
Mann eine wunderbare Leich-
tigkeit aus. James Garner
starb am 19. Juli in Los Ange-
les. lob
HANS-PETER KAUL, 70
Er war der erste deutsche
Richter am 2002 geschaffenen
Internationalen Strafgerichts-
hof (IStGH) in Den Haag –
und dass es den Gerichtshof
in dieser Form überhaupt gibt,
ist ganz wesentlich sein Ver-
dienst. Dabei trat der Diplo-
mat Kaul sogar gelegentlich
undiplomatisch auf: Dort, wo
andere bei Widerstand gern
mal einlenkten, blieb er hart-
näckig und sogar lästig – oft
mit Erfolg. So war es vor al-
lem seinem Insistieren als Ver-
treter Deutschlands zu ver-
danken, dass der Uno-Sicher-
heitsrat bereits 1995 das von
Serben verübte Massaker von
Srebrenica verurteilte. Unbe-
queme Wahrheiten sprach er
auch im eigenen Haus offen
aus, selbst wenn das seiner
Karriere im Auswärtigen Amt
nicht immer guttat. Sein Meis-
terstück waren indes die Ver-
handlungen zur Gründung
des IStGH. Als die USA am
vorletzten Tag ein Konzept
präsentierten, das den Ge-
richtshof geschwächt hätte,
schaffte es Kaul als deutscher
Verhandlungsleiter buchstäb-
lich über Nacht, einen Gegen -
entwurf zu fertigen – und
diesen weitgehend durchzu-
setzen. Hans-Peter Kaul
starb am 21. Juli in Berlin. hip
KLAUS SCHMIDT, 60
Er hütete die, wie er selbst
behauptete, „ältesten Tempel
der Welt“. Fast 20 Jahre leite-
te der Prähistoriker die Arbei-
ten am Göbekli Tepe im Süd-
osten der Türkei. Dabei liefer-
te er völlig neue Erkenntnisse
über die „neolithische Revolu-
tion“ und die Ursprünge des
Häuslebaus. Als Schmidt das
rätselhafte Urheiligtum 1998
im SPIEGEL einer breiten Öf-
fentlichkeit vorstellte, moch-
ten es viele kaum glauben.
Die Steinpfeiler und Tierre-
liefs dort sind über 11000 Jah-
re alt. Noch vor der Sesshaft-
werdung hatten Steinzeitjäger
in der Heimstatt Adams und
Evas gleichsam einen grandio-
sen Sakralbau errichtet.
Dass dieser Mann, mitten im
Entschleiern und Enträtseln
der Urtempel, beim Baden
im Meer ums Leben kam,
bedeutet einen schweren Ver-
lust auch für die Archäologie.
Klaus Schmidt starb am
20. Juli auf Usedom. slz
129 DER SPIEGEL 31 / 2014
MANFRED SEXAUER, 83
„Hallo Twen“, begrüßte
Sexauer seine Hörer
und spielte dann die
Beatles oder The Who.
Welche Entrüstung das
Mitte der Sechziger bei
den Eltern seiner jun-
gen Fans auslöste, ist
heute kaum noch vor-
stellbar. Selbst an den
SPIEGEL schrieben sie,
Sexauers Sendung füh-
re zu einer Verrohung der Jugend. Diese wiederum verehrte
den lockeren Moderator, der sie von den öden Schlagern
im Radio, von Freddy Quinn und Peter Alexander, erlöst
hatte. Bedenken seiner Chefs beim Saarländischen Rund-
funk ob der negativen Zuschriften konnte er mit Wäschekör-
ben voller Fanpost entkräften. 1972 holte ihn Radio Bremen
zum Fernsehen, wo er, zunächst mit Uschi Nerke, zwölf
Jahre lang den psychedelischen „Musikladen“ moderierte.
Dort ließ er nicht nur die glatten Helden jener Zeit auftre-
ten, sondern lud auch die Metal-Band Motörhead oder die
Punkrocker von den New York Dolls ein. Sexauer nahm
auch selbst auf: Lange vor den Deutsch-Rap-Pionieren der
Neunziger spielte er 1980 den wohl ersten deutschsprachigen
HipHop-Song ein, eine Version von „Rapper’s Delight“ –
zusammen mit einem blutjungen Thomas Gottschalk.
Manfred Sexauer starb am 20. Juli in Saarbrücken. lot F
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Peer Steinbrück, 67, ehemaliger SPD-Kanzlerkandidat,
der wegen gut bezahlter Vorträge unter Druck geriet,
macht auf der Suche nach neuen Einnahmequellen
auch vor dem einstigen politischen Gegner nicht halt:
Er hat bei der Unternehmensberatung des Landshuter
CSU-Politikers Wolfgang Götzer angeheuert. Steinbrück
kassiert dafür im Jahr 2014 nach Angaben der Bun-
destags-Homepage bis zu 30000 Euro. Götzer war bis
zum vergangenen Herbst Justiziar der Unionsfraktion
im Bundestag. Weder Steinbrück noch Götzer wollten
nähere Auskunft zu ihrer Partnerschaft geben. sve
Der innere Affe
Er hat einen der wohl selt-
samsten Jobs in Hollywood:
Terry Notary, 46, ehemaliger
Artist beim Cirque du Soleil,
bringt Menschen bei, sich
wie Affen zu bewegen. Schon
für die Neuverfilmung von
„Planet der Affen“, die 2001
Premiere hatte, hat er die
Hauptdarsteller trainiert. Die
Affensaga beruht auf einem
Science-Fiction-Roman von
Pierre Boulle. Notary mischte
nun auch bei „Planet der
Affen – Revolution“ mit, der
am 7. August in die deut-
schen Kinos kommt. Die tieri-
schen Hauptdarsteller des
Films sind computergeneriert.
Filmaufnahmen von Men-
schen dienen als Grundlage
zur Animation der Affen -
figuren. Die Technik heißt
Motion-Capture. Die Akteure,
hier Stuntmen, bekamen
von Notary prothesenartige
Armverlängerungen, sodass
sie affengleich durchs Bild
toben konnten. Notary über-
legt, ob er die Teile jetzt
als Fitnessgerät vermarkten
soll. Das Training damit
sei nämlich „richtig großar-
tig“ und anspruchsvoll.
Die Männer, die im Film als
Affenhorde erscheinen,
mussten nicht nur sportlich
sein. Notary verlangte
auch Einfühlungs vermögen:
Jeder sollte „seinen inneren
Affen“ finden. Dazu emp-
fiehlt der Trainer Atemtech-
nik und Entspannung. ks
Gut gelaunt im Job
Kürzertreten sieht anders aus: Im Juni belegen
die Eintragungen im offiziellen Hofkalender
des britischen Königshauses an 26 Tagen Akti-
vitäten von Elizabeth II., 88; meistens absol -
vierte die älteste amtierende Königin der bri-
tischen Geschichte mehrere Termine an einem
Tag. Auch im Juli sind bis jetzt viele Empfänge,
Besichtigungen und Einweihungen dokumen-
tiert, darunter die Eröffnung des erneuerten
Bahnhofs von Reading, an dem jahrelang
gebaut worden war. Die Queen erschien, tauf-
te einen Zug, besichtigte das Gelände und
traf „einige Mitarbeiter“, wie es im Kalender
auf der Website „The British Monarchy“
heißt. Das Foto von der offenbar gut gelaun-
ten Monarchin inmitten nicht minder gut
gelaunter Bauarbeiter zeigt: Elizabeth genießt
ihren Job königlich. ks
Heimlich berühmt
Mit dem Song „La bestia“
kommt der lange Zeit weithin
unbekannte US-amerikani-
sche Sänger Eddie Ganz jetzt
groß heraus: Sogar CNN hat
ihn interviewt. Der Titel des
Liedes ist mit dem Spitzna-
men des Güterzugs identisch,
auf dem mittelamerikanische
Migranten Mexiko durchque-
ren, wenn sie in die USA wol-
len. Sänger Ganz beschwört
darin die Gefährlichkeit der
Reise: „An den Waggons die-
ser eisernen Bestie hängend,
fahren die Migranten wie
Vieh zum Schlachthof.“ Auf
seinem Facebook-Profil zeigt
sich Ganz, der sein Geld mit
Auftritten bei Hochzeiten
verdient, begeistert über die
Resonanz. Allerdings ver-
schweigt er, dass das Stück
im Auftrag der Grenzschutz-
behörde U. S. Customs and
Border Protection (CBP) ent-
standen ist, die Migranten
vom illegalen Grenzübertritt
abhalten will. Die CBP steht
vor allem für eine schikanöse
Behandlung illegaler Einwan-
derer. Dass sein Ruhm von
der Diskussion um die Vor -
gehensweise der Behörde ver-
dunkelt wird, kann Ganz
nicht verstehen, schließlich
gehe es ja um eine „humani-
täre Botschaft“. red
132 DER SPIEGEL 31 / 2014
Alison Jackson, 44, britische Fotokünstlerin, arbeitet
an einer Operninszenierung. In „La Trashiata“ werden
David und Victoria Beckham, aber auch Lady Gaga und
Madonna auftreten – wie bei Jackson üblich, durch
Doppelgänger dargestellt. Jackson will ihre Arbeiten
kritisch verstanden wissen. Sie zeigte schon ein
Double von Prinzessin Diana mit ausgestrecktem Mit-
telfinger und einen George-W.-Bush-Darsteller bei
Schießübungen auf Plakate mit Wladimir Putins Ge-
sicht. Ein Doppelgänger Putins wird wohl „La Trashiata“
eröffnen: zu Klängen von Wagners „Walkürenritt“. ks
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133 DER SPIEGEL 31 / 2014
Personalien
Stephen Crabb, 41, Minister für Wales im umbesetz -
ten Kabinett Großbritanniens, ist der erste halbwegs
vollbärtige Minister einer Tory-Regierung seit fast
hundert Jahren. Der letzte Konservative mit Bart und
Regierungsverantwortung war laut Sunday Telegraph
1905 der 4. Earl of Onslow. Experten meinen, die
Mode mit dem Vollbart sei durch George Clooney aus-
gelöst worden, aber mittlerweile nicht mehr en
vogue. Deutschen Regierungsmitgliedern können sol-
che Erwägungen egal sein: In Angela Merkels Kabi-
nett sitzt kein einziger Mann mit behaartem Kinn. red
Barack Obama, 52, US-Präsident, und seine Ehefrau
Michelle sind damit beschäftigt, ein Anwesen in Kali-
fornien zu kaufen, das berichtete die Los Angeles
Times. Ein Sprecher des First Couple dementierte. Tat-
sächlich benötigen die Obamas ab 2016, für die Zeit
nach dem Weißen Haus, ein neues Domizil. Das angeb-
liche Wunschobjekt befindet sich in einem Gebiet,
das als „Spielplatz der Präsidenten“ bekannt ist. Hier
hat schon Gerald Ford gelebt und Sport getrieben.
Für Mr Obama gäbe es auf dem Grundstück ein Putting
Green, ein Areal zum Golfüben. red
Ikone in Stolperfalle
Allein durch ihre Präsenz hat Marina
Abramović, 67, viele Menschen zum Weinen
gebracht. Bei ihrer legendären Performance
„The Artist Is Present“ im New Yorker Mu-
seum of Modern Art 2010 saßen 1565 Besu-
cher ihr gegenüber, ergriffen bis zur Erschüt-
terung von der Intensität und Ernsthaftig-
keit, mit der die serbische Künstlerin ihnen
ihre schweigende Aufmerksamkeit widmete.
Nun gibt es neue Gründe, erschüttert oder,
je nach Veranlagung, auch amüsiert zu sein:
Nachdem Abramović in den vergangenen
Jahren ihr neues Leben als Kunst-Celebrity
meist in der Begleitung von James Franco,
Lady Gaga oder Jay Z genoss, hat sie nun
für die Sportmarke Adidas anlässlich der
WM in Brasilien eine Performance von 1978
reinszeniert. Thema des dreiminütigen
Videofilmchens: die Schönheit und Effizienz
der Kooperation. Die Darsteller hat sie mit
Adidas-Schuhen ausgestattet, Adidas ist aber
für seine zweifelhaften Arbeitsbedingungen
berüchtigt, weshalb Abramović im Netz mas -
sive Proteste erntet. Die enttäuschten Fans
liefern auf der Website marfalovesyou.com
einen Vorschlag für die passende Antwort
der gestürzten Ikone: „Götter entschuldigen
sich nicht.“ es
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Hohlspiegel Rückspiegel
Der Kölner Express über einen Unfall:
„,Der Mann musste vor Ort
intubiert und beamtet werden‘, berichtet
ein Polizeisprecher.“
Aus der Neuen Juristischen Wochen-
schrift: „Horst Seehofer plädierte
dafür, Saisonarbeiter und Rentner auszu-
nehmen, Ilse Aigner wollte zusätzlich
auch Schüler und Studenten nicht in den
Mindestlohn einbeziehen.“
Das Stuttgarter Wochenblatt Sonntag
Aktuell über den Verband Deutscher
Haushüter-Agenturen: „Er vermittelt
Rentner, die sich um den Garten kümmern,
Haustiere und den Briefkasten leeren.“
Aus der Rheinischen Post: „In den
Norden geht es auch für Stadtdirektor
Manfred Abrahams: ,Wir machen
eine Nordseetour. Erst eine Woche Sylt,
dann eine Woche Rügen.‘“
Zitate
Das „Hamburger Abendblatt“ zum SPIEGEL-
Bericht „Ende der Bescheidenheit“ über
Forderungen der Bundesbank nach kräf -
tigen Lohnsteigerungen (Nr. 30/2014):
Das darf man mal eine überraschende
Nachricht nennen aus der Kategorie
„Mann beißt Hund“ oder „Priester pre-
digt Lasterleben“ oder „HSV gewinnt
Titel“. Im aktuellen SPIEGEL plädiert Jens
Ulbrich, Chefvolkswirt der Bundes-
bank, für einen ordentlichen Schluck
aus der Pulle.
Der „Kölner Stadt-Anzeiger“ zum SPIEGEL-
Bericht „Handys bleiben draußen“ über
Maßnahmen gegen Abhörpraktiken von
Geheimdiensten (Nr. 30/2014):
Mehrere Ministerien lassen laut SPIEGEL
ihre internen Kommunikationsnetze
überprüfen. Interne Handy-Funkmasten
für die Ministerien habe die Regierung
bereits aufstellen lassen… Die Beamten
des Innenministeriums haben ihrem
Minister laut SPIEGEL außerdem noch eine
weitere Maßnahme vorgeschlagen:
Botschaften und Konsulate auch befreun-
deter Staaten sollten künftig gezielt be-
obachtet werden.
Der „Tagesspiegel“ zum SPIEGEL-Gespräch
„Meine Grundtechnik ist: Zerschlagen“
mit Regisseur Frank Castorf (Nr. 30/2014):
Es ist schon eine echte Traumtheaterpaa-
rung: Frank Castorf und die Bayreuther
Festspiele. Beinahe wäre das einem wieder
entfallen, dabei hatte sich der Volks -
bühnen-Chef zur Premiere seiner „Ring“-
Inszenierung im vergangenen Sommer
herzhaft ins Zeug gelegt. Castorf verglich
die Bayreuther Produktionsbedingungen
mit denen einer Daily Soap und die Atmo-
sphäre in Wagners Festspielhaus mit
der DDR… Was sich dennoch niemand
vorzustellen vermochte: wie Castorf
in den folgenden Sommern immer wieder
nach Franken fahren und artig Weißbier
trinkend weiter an seinem „Ring“ feilen
würde, in der legendären „Werkstatt Bay-
reuth“. Der Sommer kam, und es wurde
so ruhig um den „Ring des Nibelungen“,
dass man der Fassade des Festspielhauses
beim Rieseln zuhören konnte. Gespens-
tisch! Zum Glück hat Castorf sich auf
den letzten Drücker doch noch gemeldet
vom Grünen Hügel, mit einem langen
Interview im SPIEGEL. Und ist umfassend
erzürnt. Bereits vier Wochen hatte er
geprobt, als er erfuhr, dass Martin Wink-
ler, der Sänger seines Alberich, durch
die Festspielleitung ausgetauscht wurde.
„Die Stürme haben sich gelegt, die
Langeweile hat gesiegt“, ätzt Castorf.
134 DER SPIEGEL 31 / 2014
Straßenschilder im saarländischen
St. Ingbert
Aus der Münsterschen Zeitung
Schild im Supermarkt auf einem
Campingplatz im kroatischen Baška
Aus der Nürnberger Zeitung