Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1

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Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
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DER ANONYMUS D’OUTRE-TOMBE
(VALENTIN TOMBERG)
DIE GROSSEN ARCANA
DES TAROT
MEDITATIONEN
MIT EINER EINFÜHRUNG
VON
HANS URS VON BALTHASAR
HERDER BASEL
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
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VORWORT DES HERAUSGEBERS
Die Zeit für dieses Buch scheint gekommen zu sein. Man weiß nicht, worüber man
sich mehr wundern soll, über die Umwege, die diese 22 Briefe „von jenseits des
Grabes“ bis zu ihrem Erscheinen im Verlag Herder haben nehmen müssen, oder
über die traumwandlerische Sicherheit, mit der sie bereits seit Jahren ohne jede
öffentliche Werbung ihre Adressaten finden – jene „Unbekannten Freunde“, an die
sie gerichtet sind, Menschen aus vielen Ländern und Erdteilen, alte und junge,
Anhänger eines katholisch-dogmatischen Glaubensbekenntnisses, Anhänger eines
theosophischen oder anthroposophischen „freien Geisteslebens“ – beide auf der
Suche nach dem, was das alte Wort „Weisheit“ meint. Um die ebenso sanfte wie
unerbittliche Anziehung zu verstehen, die von diesen Meditationen ausgeht, muß
man sich für eine Zeitlang in die Schule dieses Lehrers begeben. Es handelt sich in
diesen Übungen, diesen „Exerzitien“ weder um Wissenschaft noch um Glauben. Es
wird weder methodisch argumentiert noch autoritativ verkündet; es wird keine
allgemeingültige, voraussetzungslos kontrollierbare Objektivität beansprucht, aber
ebensowenig bloß ein subjektives Erleben ohne Wahrheitsanspruch vorgeführt.
Eine bestimmte Art des Sehens wird eingeübt und in eine bestimmte Tradition des
Sehens wird eingeführt, eines Sehens, das in unserer Kultur oft auf eine
erschreckende Weise verkümmert ist. Es handelt sich um ein Sehen von
Urphänomenen und von wesentlichen Ähnlichkeiten. Dieses Sehen kann und soll
weder die Wissenschaft noch den christlichen Glauben ersetzen. Es liegt vielmehr
der Wissenschaft ebenso wie dem Glauben als deren gemeinsame Wurzel
zugrunde. Mit seiner Verkümmerung müssen beide degenerieren: die
Wissenschaft wird destruktiv und der Glaube blutleer. Das Sehen von
Ähnlichkeiten geht aller Wissenschaft voraus. Der Gebrauch von Begriffen ist nur
möglich, wenn wir Dinge und Ereignisse als ähnlich zu sehen imstande sind. jeder
sieht solche Ähnlichkeiten. Worauf es ankommt ist, wesentliche Ähnlichkeiten
sehen zu lernen. Wesentliche Ähnlichkeiten sehen heißt: Urphänomene sehen. Wo
z. B. das Phänomen des Lebendigen, der Pflanze, des Tieres oder wo die
Schönheit eines Kunstwerks nicht gesehen wird, da wird die wissenschaftliche
Erklärung die Phänomene am Ende einfach wegerklären oder als bloß subjektive,
unerhebliche „Ansichten“ beiseite tun. Die gegenwärtige Gestalt
wissenschaftlichen Denkens ist durch einen solchen Sehverlust und eine
entsprechende destruktive Tendenz gekennzeichnet. Die gegenwärtige Anämie
des Glaubens aber hängt mit dem gleichen Verlust zusammen. Der Glaube hat
heute weitgehend seinen kognitiven Anspruch aufgegeben, seinen Anspruch auf
eine ebenso wahre wie substantielle Deutung der Welt, des Lebens und der
Geschichte. Er läßt sich vielfach die inhaltliche Seite sogar der Heilsereignisse
durch eine Wissenschaft interpretieren, die doch für das Einmalige prinzipiell
unzuständig ist, und reduziert sich selbst auf eine bestimmte „Haltung“, eine
bestimmte Form moralischer Motivation. Glaubenserkenntnis, Gnosis lebt eben,
wie alle Erkenntnis, von einem ursprünglichen Sehen. „Kommt und seht!“
antwortet Christus, als die ersten Jünger ihn fragen: „Meister, wo wohnst du?“
(Jo 1, 38). „Wir haben seine Herrlichkeit gesehen“, damit beglaubigt das
Johannes-Evangelium seine Botschaft. Wissenschaftliche Erkenntnis lebt vom
Sehen horizontaler Ähnlichkeiten, das Sehen, das der Glaube voraussetzt, von
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vertikalen Analogien: „Was unten ist, ist wie das, was oben ist, und was oben
ist, ist wie das, was unten ist“ – die 22 Briefe sind allesamt eine Auslegung
dieses Satzes der Tabula Smaragdina. Nur wenn er wahr ist, bleibt die Rede von
Gott nicht eine leere, unverständliche und folgenlose Rede. „Denn Gott selbst hat
nie jemand gesehen“ (Jo 1, 18). Ein solches sehendes Denken beschränkt sich
nicht darauf, Gott als transzendentes Töpfchen auf dem i der Welt anzuerkennen
und im übrigen die geistige Welt der invisibilia auf den Restbestand schrumpfen
zu lassen, der sich ans einem anthropozentrischen Funktionalismus herleiten läßt.
Die Wirklichkeit des „Himmels, der himmlischen Mächte und der seligen
Seraphim“ erschließt sich nicht dem, der mit Occams Rasiermesser, d. h. mit
der Frage anfängt: „Können wir nicht vielleicht ohne die Annahme ihrer
Existenz auskommen?“ Diese Haltung, diese Reduktion des Reichtums der
Wirklichkeit auf das, „ohne das wir nicht auskommen können“, läßt uns
inzwischen auf der Erde Büffel und Elefanten und bis zum Jahre 2000 einige
weitere Zehntausend natürlicher Arten ausrotten. Der Reichtum der geistigen
Welt, in die uns der Verfasser dieser Meditationen Blicke tun läßt, ist zum Glück
unserem Zugriff entzogen. Aber reduzieren wir durch einen entsprechenden
theologischen Reduktionismus nicht vielleicht uns selbst?
Daß auch die Philosophie ohne ein solches Sehen von Transparenz und
Analogie der Phänomene zur bloßen Formalwissenschaft degeneriert, wußten
die großen Denker des Deutschen Idealismus, wenn sie – wie Schelling, Franz
von Baader, Hegel – mehr oder weniger ausdrücklich jene Traditionen
aufnahmen, in denen dieses „andere Denken“ überliefert wurde: hermetische,
gnostische, theosophische Traditionen. Diese erst ermöglichten es, die Inhalte
des christlichen Glaubensbekenntnisses mit dem, was wir sonst von der Welt
wissen, zu vermitteln. Der Verfasser der 22 Briefe steht in dieser europäischen
Weisheitstradition.
Aufgrund der erstaunlichen Gemeinsamkeit echter spiritueller Erfahrungen in
allen Zeiten und allen Kulturen integriert diese Tradition auch fernöstliche
Überlieferungen, während die heute modischen Asienimporte meist auf tiefer
Unkenntnis der abendländischen Geschichte meditativen Sehens beruhen und
gerade deshalb auch zu keinem tieferen Verständnis solcher Importe führen. Aber
diese Unkenntnis ist ja nicht zufällig. Sie hängt mit jenem Defizit, jenem Sehverlust
zusammen, von dem ich anfangs sprach. Ein Gefühl des zivilisatorischen und
religiösen Leerlaufs breitet sich aus und nagt die Seelen an. Diesem Gefühl wirken
die 22 Briefe entgegen mit jenem anderen, sehenden Denken, für das wir das Wort
„Weisheit“ haben.
Was den Verfasser dieser Übungen auszeichnet, ist die Rolle, die er der
hermetischen Weisheitsüberlieferung im Ganzen unseres geistigen Lebens anweist.
Er holt sie heraus aus der traditionellen Ketzerrolle eines sich über Wissenschaft
einerseits und Kirche andererseits erhebenden Sonderwissens. Hermetik begründet
für ihn weder eine neue Wissenschaft noch eine neue Kirche. Der Verfasser versteht
Hermetik als Dienst an Wissenschaft und Glaube, als Brücke zwischen beiden. Er
versteht sie als Ferment unserer geistigen Kultur. So konkurriert z.B. seine
überraschende platonische Deutung der Evolutionstheorie nicht mit diesem
wissenschaftlichen Paradigma, sondern erlaubt es, die Evolutionstheorie mit der
fundamentalen und evidenten Wahrheit zu versöhnen, daß das Vollkommenere nie
aus dem Unvollkommeneren ableitbar ist.
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Vor allem aber liegt dem Verfasser am Herzen, die eine Kirche, die Kirche der
Apostel, die Kirche des menschgewordenen Gottes allen Weisheitssuchern,
Hermetikern, Theosophen, Anthroposophen, als ihren wahren geistigen Lebensraum
zu erschließen, als die eigentliche geistige Heimat, von der sie – ob sie wollen oder
nicht – täglich leben und ohne deren Gebete und Sakramente die Wirklichkeiten, um
die es ihnen geht, aus unserer Welt vollständig verschwinden müßten. Seine
Dankbarkeit für diesen gottgeschenkten Raum ist von ergreifender Wärme und Tiefe.
Er erwartet von der katholischen Kirche keine entsprechende Dankbarkeit
gegenüber dem hermetischen Weisheitssucher und Eingeweihten, sondern nur die
Einräumung eines bescheidenen letzten Platzes für ihn, der aufgrund einer
besonderen Berufungen nicht anders kann, als auf dem Weg von Analogien und
Entsprechung den großen und einfachen Geheimnissen der Wirklichkeit
nachzuspüren und dabei erstaunliche Entdeckungen zu machen. Ob von diesem
letzten Platz, der ja nach dem Wort Christi in Wahrheit der privilegierte ist,
umgekehrt auch für die Kirche ein neuer Impuls ausgehen wird, ein Impuls der auch
sie zur Dankbarkeit verpflichten würde, steht nicht in menschlichem Belieben.
Aber die Anzeichen mehren sich, daß es so sein wird. Christen der Zukunft
werden jene „gnostischen, reifen, erleuchteten Christen sein müssen“, auf die
nach einem Wort des Mailänder Erzbischofs Carlo Kardinal Martini „die ganze
Verkündigung des Neuen Testaments abzielt“. Und wenn Papst Johannes Paul II.
der französischen Nation in Paris zurief: „Frankreich, bist du noch im Bund mit
der Weisheit?“ so hat er nicht von ungefähr dieses Wort und nicht etwa das Wort
„Glaube“ gewählt. Der Glaube ist nach christlicher Lehre eine Gabe, die niemand
sich selbst verdankt. Weisheit aber ist eine Disposition des Geistes, die durch
Übungen wie diejenigen dieser 22 Briefe erworben werden kann. In der
Ostkirche ruft der Diakon vor der Verlesung des Evangeliums: „Weisheit!
aufrecht!“ und vor dem Beginn der eigentlichen Mysterienfeier: „Laßt uns schön
stehen!“ Hinter diesen beiden Rufen steht das Wissen, daß bestimmte
Dispositionen des Geistes und des Körpers Bedingungen für das Hören und
Gegenwärtigwerden des göttlichen Logos sind. Es sind dieselben Bedingungen,
die eine Zivilisation vor dem Untergang retten.
Robert Spaemann
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EINFÜHRUNG
I.
Um eine Einführung zu diesem für die meisten Leser fernliegenden und
doch so bereichernden Buch gebeten, muß ich als erstes meine Inkompetenz
auf dem von ihm erforschten Gebiet bekennen; weder vermag ich jeden
seiner Gedankengänge billigend nachzuvollziehen noch erst recht alles
kritisch zu prüfen; aber des Erwägenswerten wird hier so viel geboten, daß
man daran nicht gleichgültig vorbeigehen darf.
Ein christlicher Denker und Beter von bezwingender Lauterkeit breitet
Symbole der christlichen Hermetik in ihren Stufen – Mystik, Gnosis und
Magie – unter Heranziehung des Kabbalismus und gewisser Elemente der
Alchimie und Astrologie vor uns aus, Symbole, die in den zweiundzwanzig
sogenannten „Großen Arcana“ des Tarot-Kartenspiels zusammengefaßt sind
und die er meditierend in die tiefere, weil allumgreifende Weisheit des
katholischen Mysteriums heimzuführen sucht.
Als erstes kann hierzu erinnert werden, daß ein solcher Versuch in der
Geschichte des katholischen, theologischen und philosophischen Denkens
keineswegs vereinzelt dasteht Wenn schon die Kirchenväter ganz
allgemein die im heidnischen Denken und Phantasieren entstandenen
Mythen als verhüllte Vorahnungen des in Jesus Christus voll entschleierten
Logos verstanden (was Schelling in seiner Spätphilosophie nochmals
großräumig zu zeigen unternahm), so hat insbesondere Origenes, die Linie
vollendend, als Christ nicht nur die philosophische Weisheit der Heiden zur
biblischen Offenbarung hin aufzuklären unternommen, sondern auch die
„Weisheit der Fürsten dieser Welt“ (1. Kor 2, 6), worunter er „etwa die
sogenannte Geheimnisphilosophie der Ägypter“ verstand (er dachte dabei
vor allem an die hermetischen Schriften, angeblich herstammend von
„Hermes Trismegistos“, dem ägyptischen Gott Thoth), „die Astrologie der
Chaldäer und Inder,... welche das Wissen von den überirdischen Dingen zu
lehren versprechen“, nicht anders als „die vielfältigen Lehren der Griechen
über das Göttliche“. Und er hält es für möglich, daß die Weltmächte diese
ihre Weisheit „den Menschen nicht beibringen, um sie zu schädigen,
sondern weil sie selbst diese Dinge für wahr halten“. Ähnliches wäre bei
Eusebius nachzuweisen („Praeparatio evangelica“).
Man weiß, wie vielfältig im Mittelalter, zum Teil unter arabischem
Einfluß, die Vorstellungen von Weltpotenzen oder „Intelligenzen“ (die teils
als Gedanken Gottes, teils als Engel aufgefaßt wurden) auf die christliche
Naturphilosophie eingewirkt haben, vor allem aber, wie in der Renaissance –
bei Fortführung dieser Spekulationen – auch die Rückübersetzung der
jüdischen magisch-mystischen Kabbala ins Christliche die besten Köpfe
beschäftigt hat. Schon eine große Zahl Kirchenväter hatten, so bemerkt man
jetzt, dem geheimnisvollen Hermes Trismegistos einen Ehrenplatz unter den
heidnischen Propheten und Weisen eingeräumte, hermetische Bücher hatten
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schon im frühen und hohen Mittelalter zirkuliert’, später feierte ihn die
Renaissance als den großen Zeitgenossen Moses und Urvater der
griechischen Weisheit (man erinnert sich an sein ehrwürdiges Bild, eingelegt
in den Fußboden von Sienas Kathedrale). Wenn Dichter, Künstler,
Theologen in ihm und in andern heidnischen Weisheitslehren enthusiastisch-
ehrfürchtig die verstreuten Strahlen göttlicher Einsicht in ihren christlichen
Brennpunkt zurückholen, so wird doch die andere Heimholung noch
wichtiger: die der Kabbala, deren mündliche Geheimtradition man
ebenfalls bis auf die Zeit des Moses zurückdatiert. Die ersten Diskussionen
für oder gegen die kabbalistischen Geheimlehren gehen auf die bekehrten
oder unbekehrten spanischen Juden des 12. Jahrhunderts zurück; dann
bemüht sich in Deutschland Reuchlin, in Italien Ficino und besonders Pico
della Mirandola um deren Verständnis, während der erstaunliche Kardinal
Ägidius von Viterbo (1469 - 1552) mit Hilfe der Kabbala die Heilige Schrift
„non peregrina sed domestica methodo – mit keiner fremden, sondern einer
arteigenen Methode“ erklären will. Auf Geheiß Clemens’ VII. verfaßt der
reformeifrige Kirchenfürst seine turbulente Abhandlung über die
„Schechina“, die Karl V. gewidmet ist. Neben diesen paar klingenden
Namen wären die einer Fülle von kleineren Vorläufern und Nachahmern zu
nennen; wichtig ist hier nur, daß dieses Eindringen in die heidnische und
jüdische Geheimwissenschaft zwar im Geist des Humanismus betrieben
wurde, der durch solche Sammlung verstreuter Offenbarungslichter die
erstarrte christliche Theologie zu beleben hoffte, daß man aber auch keinen
Augenblick zweifelte, alles Disparate im echten christlichen Glauben
sammeln zu können. Daß zumal Pico keinen Synkretismus anstrebt, hat er
selbst klar gesagt: „Ich trage an meiner Stirn den Namen Jesu Christi und
sterbe gern für den Glauben an ihn. Ich bin weder Magier noch Jude, noch
Ismaelit noch Häretiker; Jesus gilt mein Kult, sein Kreuz trage ich auf
meinem Leibe“. Auch unser Autor hätte diese Beteuerung unterschrieben.
Noch andere analoge „Heimholungen“ von hermetischer und
kabbalistischer Weisheit in biblisches und christliches Denken haben
Geschichte gemacht, so vor allem die Transpositionen auf einen modernen
Verstehenshorizont des von der Kabbala tiefgeprägten Chassidismus durch
Martin Buber, aber auch, an schöpferischer Umschmelzungskraft ihm nicht
nachstehend, die Einverleibung der Christosophie Jakob Böhmes in ein
katholisches Weltbild durch den Philosophen Franz von Baader. Auf eine
dritte, weniger eindeutige Übersetzung, die der alten Alchimie und Magie in
tiefenpsychologische Sphären durch C. G. Jung, wird noch kurz zu verweisen
sein. Die Meditationen unseres Autors liegen in der Linie der großen
Leistungen Picos und Baaders, obschon sie von diesen nicht abhängen. Die
mystischen, magischen, okkulten Zuströme, die den Fluß seiner
Überlegungen speisen, sind weit vielfältiger; dennoch vermischen sich ihre
Wasser bei ihm zu einer vielbewegten, innerlich einheitlichen christlichen
Kontemplation.
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II.
Eigentümlich ist, daß die „Meditationen“ die alten symbolischen Bilder
des Tarot-Kartenspiels zum Anlaß nehmen. Natürlich weiß der Autor um die
magisch-divinatorische Verwendung dieser Karten; aber wenn er keine
Hemmung verspürt, das vielschichtige Wort Magie zu verwenden, so
interessiert ihn doch in seinen Meditationen das praktische „Kartenschlagen“
in keiner Weise. Für ihn sind nur die von den Karten dargestellten Symbole
oder Inbegriffe – sowohl einzeln wie in ihrem Verweis aufeinander –
bedeutsam; da er des öfteren C. G. Jung anführt, dürfen wir sie (mit Vorsicht)
als Archetypen bezeichnen. Wir müssen uns aber hüten, sie als bloße
innerpsychologische Daten des Kollektiv-Unbewußten zu deuten – was ja
auch Jung nicht kategorisch tut –, sie können ebensowohl als Prinzipien des
objektiven Kosmos verstanden werden und rühren dann an die Sphäre dessen,
was in der Bibel die „Mächte und Gewalten“ genannt wird.
Die Ursprünge des Tarot und die geistesgeschichtlichen Zusammenhänge
seiner Symbole – deren Darstellung im Lauf der Zeit übrigens stark variiert hat –
liegen im dunkeln. Herleitungen aus ägyptischer oder chaldäischer Weisheit
bleiben phantastisch, dagegen kann Gebrauch und Verbreitung der Karten
durch die Zigeuner glaubhaft sein. Die ältesten erhaltenen Karten datieren
vom Ende des 14. Jahrhunderts. Die Zusammenhänge zwischen den
Tarotsymbolen und der Kabbala (erstmals vermutet vom Archäologen Court de
Gebelin [1728 bis 1784]), dem hebräischen Alphabet und der Astrologie werden
erst spät, am Ende des 18. Jahrhunderts, hergestellt. Wiederholt wurde
versucht, Kabbalismus und Tarot der katholischen Lehre anzugleichen, das
umfangreichste Unternehmen dieser Art war das von Eliphas Lévi
(Pseudonym von Abbé Alphonse-Louis Constant), dessen erstes Werk
„Dogme et Rituel de la Haute Magie“ 1854 erschien. Der Autor kennt es
gut und ersetzt dessen oft naive Ausführungen durch tiefere. Es gab
Gegenströmungen – wie die von Arthur Edward Waite vorn „Hermetic
Order of the Golden Dawn“, der 1910 „The Pictorial Key of the Tarot“
veröffentlichte –, teilweise um die christliche Verwertung der Symbole zu
verhindern. Aus den zahlreichen Deutungsversuchen sei noch der des
russischen Theosophen P. D. Ouspensky genannt, wie der anonym bleiben
wollende Autor Emigrant und einflußreicher Lehrer, vom Autor kritisch
erwähnt, der in seinem Werk „Ein neues Modell des Universums“ dem
Gesamtduktus seiner Weltsicht gemäß die Tarotspiele teils im Rahmen der
östlichen Religionen, teils in dem einer erotischen Tiefenpsychologie
auslegte. Unnötig weiterzufahren und die vielen okkulten, theosophischen
und anthroposophischen Autoren zu kennzeichnen, mit denen sich der Autor
auseinandersetzt, indem er sie entweder als unzureichend abweist oder aus
ihnen im Gegenteil einen wertvoll erscheinenden Gedanken aufgreift und
seiner Meditation einverleibt – sei es eine Deutung der kabbalistischen
Sephirot oder Gedanken von Böhme, Rudolf Steiner, von Jung, von
Péladan, Encausse (Papus), Philipp von Lyon oder wem immer.
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Oft verweist er auch auf große Philosophen und Theologen, wie Thomas
und Bonaventura, Leibniz, Kant, Kierkegaard, Nietzsche, Bergson,
Solowjew, Teilhard de Chardin, oder Dichter wie Shakespeare und
Goethe, De Coster, Cervantes, Baudelaire und viele andere.
Man erkennt die geistige Grundstruktur eines Autors auch daran, wer
aus der Tradition ihm nahe steht, auf wen er häufig und mit liebevoller
Verehrung verweist: immer wieder tauchen die Namen der Heiligen
Antonius, Albertus Magnus und Franziskus auf; ausführlich zitiert wird vor
allem aus den Werken des Johannes vom Kreuz und der Teresa von Avila.
Er versenkt sich ernsthaft-liebevoll in die ihm vorliegenden Symbole;
sie inspirieren ihn, er läßt sich frei von seiner in die Tiefen von Welt und
Seele blickenden Imagination treiben. Wenn ihm dabei zwanglos
Erinnerung an früher Erkanntes und Gelesenes zufällt, so liegt die
Stringenz seiner Schau doch weniger im Detail – vielfach überkreuzen sich
die Gedankenbahnen –, als, wie gesagt, in der unbeirrbaren Gewißheit, daß
in der Tiefe alles analogisch zusammenhängt und aufeinander verweist, die
abgelegensten Einzeleinsichten magnetisch von einer überlegenen
Einheitskraft in Bann gehalten und sich untergeordnet werden. Dieser Bann
ist für ihn gerade nicht die vulgäre, magische Herrschsucht des Menschen,
der mittels der Weltkräfte Wissen und Geschick dominieren will, sondern
etwas ganz anderes: etwas, das man „die Magie der Gnade“ nennen muß,
deren Zauber aus den zentralen Mysterien des katholischen Glaubens
hervorbricht. Da dieser Glaube selber weder magisch ist noch sein will,
weist der Zauber zurück auf seinen Inhalt; die Unterwerfung aller
kosmischen „Mächte und Gewalten“ unter die alleinige Herrschaft
Christi. Das Neue Testament schildert diese Unterwerfung der Mächte
unter Christus als einen Prozeß, der zwar grundsätzlich erfolgt ist, aber bis
ans Ende der Welt in Gang bleibt“, womit eine gefährliche Möglichkeit
aufscheint: der Versuch, sich mit den kosmischen Potenzen vorzeitig in
Neugier oder Machthunger abzugeben, statt sie von ihrem
Überwundensein in Christus her anzugehen, was sich bestenfalls nur der
wahrhaft christliche Weise zutrauen darf.
Zur rechten Einschätzung des vorliegenden, für manche sicher
verwirrenden Werkes ist es entscheidend wichtig, dies letztere einzusehen.
Der Verfasser kann nur deshalb so souverän auf alle Spielarten okkulter
Wissenschaft eingehen, weil sie für ihn zweitletzte Realitäten sind, die
lediglich dann wahrhaft erkannt werden, wenn sie sich auf das absolute
Mysterium der göttlichen Liebe in Christus beziehen lassen. Es ist
keinesfalls so, daß bei ihm das Christliche als eine der möglichen oder
wirklichen Ausprägungen der subjektiv-objektiven Archetypen aufgefaßt
wird; vielmehr bilden diese nur das kosmische Material, in das hinein das
Einmalig-Christliche sich abschließend inkarniert, oder auch – da die
Menschwerdung der göttlichen Liebe das Endziel alles Kosmischen ist –
den Reigen der Sinnfiguren und Schematismen, die „in Spiegel und Rätsel“
darauf vordeuten.
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Zur Erläuterung läßt sich auf ein paralleles, wenn auch geistig
verschieden gefärbtes Werk eines andern tiefsinnigen Christen verweisen,
der ebenfalls mit der Magie der Tarotkarten und ihrem religiösen
Überstieg gerungen hat, nämlich auf „The Greater Trumps“ (d. h. die Großen
Tarot-Arcana) von Charles Williams (1886-1945), dem. geheimnisvollen
und gelehrten Freund von T. S. Eliot, C. S. Lewis, Tolkien, Dorothy Sayers.
Wenn er in einem früheren Roman „The Place of the Lion“ (1933)
platonische Ideen plötzlich als Mächte in die Erscheinungswelt einbrechen
läßt, dann hängt alles davon ab, wie die Menschen darauf reagieren: der
eine mit toller Angst, der andere mit verzückter Anbetung, wieder einer
mit rasender Besitzgier, und von der Idee aus die Welt zu beherrschen,
ein letzter in der einzig angemessenen Haltung freier Hingabe an das –
bei aller kosmischen Übermacht der Potenzen – in ihnen zuinnerst
Gnadenhafte. „The Greater Trumps“ (1950) schildern die Tarot-
Weltprinzipien, die, einmal entfesselt, furchtbare weltzerstörende Kraft
besitzen, falls sich bloße Magie ihrer bedienen will, die aber zuletzt, wenn
völlig selbstlose Liebe sich ihnen stellt, gebannt und ihrem obersten Herrn
unterworfen werden.
Wir begegnen bei Williams wie bei unserem Autor in neuer Form der
alten christlichen Weisheit, die seit den ersten Jahrhunderten scharf
gegen alle Schicksalsgläubigkeit, zumal gegen die Astrologie im Namen der
Souveränität und Freiheit Gottes allen Kosmosmächten gegenüber gekämpft
hat, jedoch ohne die Existenz weltlicher Zweitursachen zu leugnen, deren
die Vorsehung sich bedient, um den Lauf der Dinge zu lenken“. Nochmals
ist an die paulinische Lehre zu erinnern, wo die „Weltelemente“ (von vielen
als Engelmächte verehrt), die „Gewalten“, „Herrschaften“, „Fürsten dieser
Welt“ in ihrer Realität und Wirkmächtigkeit anerkannt, aber vor dem
Triumphwagen Christi als Unterjochte mitgeführt werden (Kol 2, 15). Für
den Christen, der den Wirkbereich dieser Zweitursachen als einen Teil der
Weltwirklichkeit erforschen möchte, wird es, wie Williams drastisch zeigt,
nicht leicht sein, diese Art von Wissenschaft immer strikt innerhalb der
umgreifenden theologischen Klammer zu entfalten, wesentlich schwieriger
jedenfalls als bei rein begrifflichen Transpositionen vom Bereich der
außerchristlichen Philosophie in den der Theologie. Die Geschichte der
Astrologie in Byzanz und durch alle Jahrhunderte des Abendlands zeigt
dies deutlich genug. Viele, die hier den Zauberlehrling spielen, werden von
ihren dilettantischen Künsten in ein existentielles Gespinst verstrickt, das sie
der christlichen Freiheit zu Gott, um die es den Kirchenvätern vor allem
ging, beraubt. Der schwunghafte Handel der Boulevardpresse und
sonstigen Schundliteratur mit billigen, dem Einzelnen gänzlich
unangepaßten Horoskopen tut ein übriges, den wahren Glauben durch
wahnhaften Aberglauben zu ersetzen, dort wo nicht allein eine
fachmännische Ausbildung und ernste sittliche Verantwortung, vielmehr
darüber hinaus ein gewisser sechster Sinn und auch ein Gespür für die
Grenzen des Mitteilbaren, eine ehrfürchtige Zurückhaltung gegenüber dem
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Geheimnis des religiösen Weges der Einzelperson unbedingt erfordert
wären.
Das vorliegende Werk erhebt sich steil über die Sphäre der zahlreichen
Mißbräuche. Es ist als Ganzes nur „Meditation“ und enthält sich auch jeder
konkreten Anweisung, wie unter der Führung der christlichen Weisheit die
„okkulten“ Wissenschaften praktisch gehandhabt werden können.
Vermutlich wäre für den Verfasser eine solche allgemeine exoterische
Anweisung überhaupt nicht möglich. Ihm kommt es nur darauf an, etwas
Analoges zu vollbringen wie das, was Bonaventura mit seiner Abhandlung
„De reductione artium ad theologiam“ für alle Stufen weltlicher
theoretischer und praktischer Erkenntnis voll- bracht hatte, indem er zeigte,
daß sie allesamt auf die Inkarnation des göttlichen Logos und Urbildes
hindrängen und daran wie an einer Kette aufgehängt bleiben. Ein anderer
möglicher Vergleich wäre der mit dem großräumigen Weltbild der hl.
Hildegard, worin, wie vielleicht nirgends sonst, auch die kosmischen
Mächte (aus damaliger Sicht freilich) einbezogen sind in das große
christozentrische Drama zwischen Schöpfung und Erlösung, zwischen
Himmel und Erde, wahrlich als Weltbild, in dem „mehr Dinge Raum
haben, als eure Schulweisheit sich träumt, Horatio“.
Wieweit die christologische Synthese für die Zwischenbereiche möglich
oder unmitteilbar ist, dies im einzelnen zu diagnostizieren ginge weit über
den diesem Vorwort zustehenden Raum und seine Zuständigkeit hinaus.
Sicher sucht der Verfasser immer und mit großer religiöser
Gewissenhaftigkeit den Mittelweg christlicher Weisheit einzuhalten. Er mag
zuweilen von der Mitte weg einen Schritt zu weit nach links tun (wenn er
zum Beispiel die Lehre von der Reinkarnation als wenigstens christlich
erwägenswert hinstellt), oder einen Schritt zu weit nach rechts (wenn er oft
etwas „fundamentalistisch“ kurzschlüssig katholische religiöse Ansichten
oder Praktiken zu nah an das Dogma heranrückt oder unvermittelt bei den
evangelischen Räten, beim Rosenkranzgebet usf. anlangt). Die fast
erdrückende Fülle echter, fruchtbarer Einsichten aber, die er heimbringt,
rechtfertigt es sicher, diese Meditationen einem größeren Leserkreis nicht
vorzuenthalten.
Der Autor legte Wert auf Anonymität, weil das Werk ganz aus sich heraus
sprechen und jedes Dazwischentreten persönlicher Elemente vermieden
werden soll – Gründe, die wir respektieren.
Hans Urs von Balthasar
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DER VERFASSER ZU SEINEM WERK
Diese Meditationen über die Großen Arcana des Tarot sind Briefe an den
Unbekannten Freund. Sie sind für jeden bestimmt, der sie alle liest und der
dann, dank seiner Erfahrung beim meditativen Lesen, aus sicherer Kenntnis
weiß, worum es sich in der christlichen Hermetik handelt. Er weiß dann auch,
daß der Verfasser in diesen Briefen mehr von sich selbst gesagt hat, als er es auf
irgendeine andere Art hätte tun können. Er lernt den Verfasser durch diese
Briefe besser kennen als aus irgendeiner anderen Quelle.
Diese Briefe wurden auf französisch geschrieben, weil in Frankreich seit dem
18. Jahrhundert eine Literatur über den Tarot besteht, die bis in unsere Tage
reicht, d. h. bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts – ein Phänomen, das sich
sonst nirgendwo findet. Andererseits besteht in Frankreich – und erhält sich
beharrlich – eine fortlaufende Tradition der Hermetik, die in sich den Geist der
freien Forschung mit dem der Ehrfurcht vor der Tradition vereinigt. Der Inhalt
dieser Briefe kann sich daher in dieser Tradition „inkarnieren“, d. h. ihr
organischer Bestandteil werden und einen Beitrag zu ihr leisten.
Da diese Briefe allein dazu bestimmt sind, der hermetischen Tradition, die
sich in der geschichtlichen Ferne der legendär gewordenen Epoche des „Hermes
Trismegistos“ verliert, zu dienen und einen Beitrag zu ihr zu leisten, sind sie eine
konkrete Kundgebung dieses jahrtausendealten Stromes von Denken, Bemühen
und Offenbarung. Ihr Ziel ist nicht allein, die Tradition im 20. Jahrhundert neu zu
beleben, sondern auch – und vor allem – den Leser, oder vielmehr den
Unbekannten Freund, in diesen Strom hineintauchen zu lassen, sei es für einige
Zeit, sei es für immer. Darum gehen die zahlreichen Zitate alter und moderner
Autoren, die Sie in diesen Briefen finden, weder auf literarische Erwägungen
zurück noch auf eine Zurschaustellung von Gelehrsamkeit. Es sind
Beschwörungen der Meister der Tradition, damit diese mit ihren das Streben
weckenden Impulsen und mit ihrem Gedankenlicht gegenwärtig seien in dem
Strom des meditativen Denkens, den diese Briefe über die 22 Großen Arcana des
Tarot darstellen. Denn im Grunde sind es zweiundzwanzig geistige Übungen,
mittels deren Sie, lieber Unbekannter Freund, in den Strom der lebendigen
Tradition hineintauchen und damit in jene Gemeinschaft der Geister eintreten,
die ihr gedient haben und ihr dienen.
Die Zitate bezwecken nur, diese Gemeinschaft deutlicher hervortreten zu
lassen. Denn die Glieder der Kette der Tradition sind nicht allein Gedanken und
Bemühungen, sondern vor allem die lebenden Wesen, die diese Gedanken
gedacht und diese Anstrengungen unternommen haben. Das Wesen der
Tradition ist keine Lehre, sondern eine Gemeinschaft der Geister von Zeitalter
zu Zeitalter.
Es bleibt in diesem Vorwort nichts weiter zu sagen, weil jede weitere Frage,
die diese Meditationsbriefe über den Tarot betrifft, ihre Beantwortung in den
Briefen selbst finden wird.
Ihr Freund grüßt Sie, lieber Unbekannter Freund, von jenseits des Grabes.
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
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INHALT
Vorwort des Herausgebers ...........................................................................…… 3
Einführung ............................................................................................... 6
Der Verfasser zu seinem Werk ...................................................................... 12
Erster Brief
DER GAUKLER, Das Arcanum der Mystik ………………………..…… 20
Arcanum, Symbol, Mysterium – Einweihung – Christliche Hermetik als Dienerin des
Glaubens – Petrus und Johannes – Die Beziehung zwischen persönlicher Bemühung und
spiritueller Wirklichkeit – Konzentration ohne Anstrengung – Die Zone des
Schweigens – Arbeit in Spiel verwandeln – Das Joch leicht machen – Die Einheit der Welt
– Die Methode der Analogie – Symbole und Mythen – Archetypen – Synthese des
Bewußten und Unbewußten – Pflicht und Neigung – Genialität und Scharlatanerie.
Zweiter Brief
DIE PÄPSTIN, Das Arcanum der Gnosis .................................................. 46
Widerspiegelung der mystischen Erfahrung – Offenbarung und Tradition –
Wiedergeburt aus Wasser und Geist – Die Zweiheit – Einweihung vor und nach Christus
– Primat des Seins oder der Liebe? – Die Gabe der Tränen – Verzauberung durch
philosophische Systeme – Das männliche und das weibliche Prinzip – Geburt von
Traditionen – Der kontemplative Sinn – Horizontale und vertikale Erinnerung – Die
Schöpfung der Welt.
Dritter Brief
DIE KAISERIN, Das Arcanum der Magie .............................................. 69
Geheiligte, persönliche, böse Magie – Herrschaft des Feinen über das Dichte –
Wunderheilungen – Gefahren der falschen Magie – Der Heilige Gral – Das Mysterium
des Blutes – Besessenheit – Egregore und Dämonen – Erwecken des freien Willens –
Hiob – Befreiung von Zweifel, Furcht, Haß und Verzweiflung – Die Bibel als
Formelbuch der geheiligten Magie – Mühe, Leid und Tod: Mystik, Gnosis und Magie –
Der Baum des Lebens – „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“ – Wunder – Das
Ideal des großen Werkes und das Ideal der Wissenschaft – Das Agens des Wachstums –
Der Hüter des Gartens Eden – Die Dreiheit – Magie der Kunst – Schriftgelehrte und
Pharisäer – Glaube, Hoffnung, Liebe – Läuterung, Erleuchtung, Vereinigung – Die
Zeugung.
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
14
Vierter Brief
DER KAISER, Das Arcanum der hermetischen Philosophie und des Gehorsams …. 94
Autorität – Verzicht auf Bewegung, Handlung, intellektuelle Freiheit und persönliche
Mission – Der Wille zur Macht und die Macht des Kreuzes – Zum Theodizeeproblem –
Das Gleichnis vorn verlorenen Sohn – Göttliche Liebe und menschliche Freiheit – Die
Hierarchie der Engel – Tsimtsum, das „Sichzurückziehen Gottes“ – Existenz (Freiheit)
und Essenz (Liebesfunken) – Pantheismus und Materialismus – Das Amt des
europäischen Kaisers – Die Autorität des Eingeweihten – Der mystische Sinn des
Tastens, der gnostische des Hörens, der magische des Schauens, der philosophisch-
hermetische des Verstehens – Hermetische Philosophie und „okkulte Wissenschaften“
(Kabbala, Astrologie, Magie, Alchimie) – Zur Lehre der Wiederverkörperung – Der
metaphysische und der hermetische (einweihende) Sinn – Der Mensch als Ebenbild und
Gleichnis Gottes – Das Rosenkreuz. Die vier Wunden.
Fünfter Brief
DER PAPST, Das Arcanum der Transzendenz und der Armut …………. 118
Segnung – „Horizontale“ und „vertikale Atmung“ – Gebet und Gnade in Vernunft, Herz
und Wille – Liebe zur Natur, zum Nächsten und zu den hierarchischen Wesen –
Läuterung, Erleuchtung und Vereinigung – Die Nachtseite der Geschichte und des
individuellen Lebens – Die Ämter von Kaiser und Papst – Geozentrischer und
heliozentrischer Kosmos – Logik der Tatsachen und moralische Logik – Die fünfte
Wunde des Papstes – Der Fünfstern (das Pentagramm) – Dein Wille, mein Wille, unser
Wille geschehe – Macht oder Reinheit des Willens – Die Wünsche, groß zu sei n, zu
nehmen, festzuhalten, vorwärtszukommen und sich zu behaupten – Di e Gelübde des
Gehorsams (Kreuz), der Armut (Fünfstern) und der Keuschheit (Sechsstern) – Di e
„Lotosblumen“ – Wie das Gute das Böse überwindet – Stigmata – Fegefeuer,
Vorhimmel, Paradies – Zur Mission des Papstes – Die „Pforten der Hölle“ – Glaube,
Hoffnung, Liebe.
Sechster Brief
DER VERLIEBTE, Das Arcanum der Initiation und der Keuschheit … 144
Der Sechsstern: Die drei Versuchungen und die drei Gelübde – Mönche und Nonnen – Liebe
und Sein – Die Ausbreitung der Liebe – Enstase und Ekstase – Initiation – Die dreifache
Versuchung im Paradies – Zweifel und Experimente – Werke und Gnade – Die Natur ist
verletzt, aber nicht zerstört – Die Formel der Einweihung – Der „Dreifache Weg“
Bonaventuras – Egregore und Phantome – Der Antichrist – Die drei Versuchungen in
der Wüste.
Siebter Brief
DER WAGEN, Das Arcanum der Genesung ……………………. 170
Die vierte Versuchung: Größenwahn, Hypertrophie des Selbstbewußtseins, Stolz –
Verzicht und Lohn – Die Bewegungsweise der Engel – Heilige Stätten – Die sieben
urbildhaften Wunder und die sieben Ich-bin-Worte – Der Individuationsprozeß –
Archetypen – Bete und arbeite – Demut und die ihr zugrunde liegende Erfahrung – Die
Arcana des Tarot als Ideal und Warnung – „Herr der vier Elemente“ – Die
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
15
Kardinaltugenden – Die drei Formen mystischer Erfahrungen – Die beseligende Schau
– Das Bündnis des Überbewußten, Bewußten und Unbewußten – Das Gleichgewicht
der sieben Kräfte.
Achter Brief
DIE GERECHTIGKEIT, Das Arcanum des Gleichgewichts ………... 197
Mikro- und makrokosmisches Gleichgewicht – Das Gesetz – Wirklichkeit Gottes und
Abstraktionen von Gott – Das 1. Gebot – Intuition – Billigkeit – „Richtet nicht!“ –
Berechtigtes Urteilen und Entscheiden – Quantität und Qualität – Die ewige Hölle –
Die Inkarnation Christi – Griechen und Juden, Realisten und Nominalisten – Die drei
Motive des Strebens nach Wissen – Über die katholische Kirche – Hermetik und
Kirche – Hermetik und Wissenschaft – Jesus Christus und der Logos.
Neunter Brief
DER EREMIT, Das Arcanum des Gewissens ……………………. 225
Der dritte Vater – Die drei Erkenntnismethoden der Hermetik – Die drei
Antinomien: Idealismus und Realismus; Realismus und Nominalismus;
Glaube und empirische Wissenschaft – Das „Glaubensbekenntnis der Wis-
senschaft“ – Wissenschaft als Methode oder Weltanschauung – Synthese
von Religion und Wissenschaft – Die Gabe der vollkommenen Schwärze –
Die Klugheit – Einsamkeit und Schweigen – Der Eingeweihte – Friede –
Wissen und Wollen – Kontemplatives und aktives Leben – Das Wandern
des Eremiten – Lotosblumen – Die sieben Ich-bin-Worte.
Zehnter Brief
DAS SCHICKSALSRAD, Das Arcanum der gefallenen Natur ……… 261
Beziehungen zwischen Tierheit und Menschheit – Sündenfall und Degeneration – Die
Evolution – Verdammnis und Heil – Der Mythos vom geschlossenen Kreis der Schlange
– Die Idee der „ewigen Wiederkehr“ – Der kosmische Sündenfall – Einrollung und
Ausstrahlung – Das Gehirn – Taube und Schlange – Die Erlösung – Das „kollektive
Unbewußte“ – Schicksal, Wille und Vorsehung – Die Sphinx – Schweigen, wollen,
wagen, wissen – Die Geschichte des Tarot – Die Hermetik.
Elfter Brief
DIE KRAFT, Das Arcanum der Jungfrau …………………………… 298
Die „natürliche“ Religion – Wahrnehmung und Reaktion – Erleuchtung und Fanatismus –
Jungfrau und Schlange – Leben und Elektrizität – Jungfräulichkeit – Feinde in Freunde
verwandeln – Die Techniken der Versuchung: Zweifel, unfruchtbarer Genuß, Macht –
Sklerose – Arten zu schlafen und zu sterben – Ekstase – Ehre Vater und Mutter – Das
Agens des Wachstums – Tradition und Fortschritt – Die Zehn Gebote.
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
16
Zwölfter Brief
DER AUFGEHÄNGTE, Das Arcanum des Glaubens ……………… 335
Physikalische, seelische, geistige Gravitation – Der Sünden“fall“ – Fleisch, Seele, Geist –
Die Wüstenväter – Jesu Wandeln über dem Wasser – „Ich bin“ – Ekstase und Enstase –
Drei Arten der Levitation – Kundalini – Einrollung und Ausstrahlung – Die
Wahrnehmungsfähigkeit des Willens – Glaube und Gehorsam – Offenbarung und
Verstehen – Moralische Logik – Der Teil und das Ganze – Sonnenhaftes Denken,
tierkreishaftes Wollen, mondenhafte Vorstellungskraft – Zur Zahlensymbolik – Gewißheit
des Glaubens und Wahrscheinlichkeit des Beweises – Häresien und Sekten – Zur
Unfehlbarkeit des Papstes – Bildhafte Vision und intellektuelle Schau – Halluzination
und Illusion – Glaube und Wissen – Hiob.
Dreizehnter Brief
DER TOD, Das Arcanum des ewigen Lebens …………………………. 372
Vergessen, Schlaf und Tod – Erinnern, Erwachen und Geburt – Vier Ar- ten von
Gedächtnis – Die Auferweckung des Lazarus – Wunder und Freiheit – Tun und
Funktionieren – Die Schöpfung durch das Wort – Das nachtodliche Leben der Heiligen –
Schutzengel – Zwei Arten der Geburt – Kristallisation oder Ausstrahlung – Das Versprechen
der Schlange – Phantome und Gespenster – Zwei Arten der Unsterblichkeit –
Konzentration, Meditation, Kontemplation – Glaube, Hoffnung, Liebe – Läuterung,
Erleuchtung, Vereinigung – Erzengel Michael – Turmbau zu Babel und Herabkunft des
himmlischen Jerusalem – Zum Sinn des Todes.
Vierzehnter Brief
DIE MÄSSIGKEIT, Das Arcanum der Inspiration . ………………….. 409
Der Mensch als Gottes Ebenbild und Gleichnis – Die fünf Aufgaben des Schutzengels –
Die Genialität der Engel – Prophetische Engel – Die „Flügel“ der Engel – Beflügelte
Menschen – Das „Gebet ohne Unterlaß“ – Maria und Martha – Das rechte Maß
zwischen Ebenbild und Gleichnis – Die Gabe der Tränen – Zum Judentum – Vision,
Inspiration, Intuition – Demut als Vorbedingung der Inspiration – Bemühung und Gnade.
Fünfzehnter Brief
DER TEUFEL, Das Arcanum der Gegeninspiration …………………… 440
Das Erzeugen von Dämonen – Ihre Macht über den Erzeuger – Die chaotische Welt des
Bösen – Gefallene Engel und künstlich erzeugte Wesen – Individuell erzeugte Dämonen –
Kollektiv erzeugte Egregore – Komplexe – Der Kommunismus – Schweigen – Die vier
Stufen der Versuchung – Zur Unterscheidung der Geister – Gibt es „gute Egregore“? –
Heilige Stätten – Wie man Dämonen machtlos macht – Wie man gefallene Engel
überwindet – Hiob – Streiche des Mephistopheles – Heidnische Götter – Vier Arten des
Heidentums.
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
17
Sechzehnter Brief
DAS GOTTHAUS, Das Arcanum des Bauens . …………………… . . 470
Das menschliche Böse – Nicht im Fleisch, sondern in der Seele – Negative und positive
Askese – Der Sündenfall vor dem irdischen Leben der Menschheit – Die Ursünde –
Unwissenheit oder unerlaubte Erkenntnis? – Östliche und westliche Tradition –
Brudermord des Kain, Erzeugung der Riesen, Turmbau zu Babel – Der Blitz trifft den
Turm – Fegefeuer – Das Magnifikat – Selbsterhöhung – Spezialisierung – Bauen oder
Wachsen – Das Rosenkreuz – Keine hermetische Technik – Vermählung der Gegensätze –
Friede – Buße – Die Alchimie des Kreuzes – Konzentration, Meditation, Kontemplation –
Zur geistigen Bedeutung der Wochentage.
Siebzehnter Brief
DER STERN, Das Arcanum des Wachstums und der Mutter .............. 504
Der Lebenssaft – Vom Ideal zur Wirklichkeit – Das „magische Agens“ und das „Agens des
Wachstums“ – Erschaffen und Umbilden – Feuer und Wasser – Das Gift der Schlange
und die Träne der Jungfrau – Kontemplation und Aktion – Die Überwindung des
Dualismus – Hoffnung – Die Mutter-Mysterien – Evolution und Heil – Poesie –
Göttliche und persönliche Magie – Der geschlossene Kreis der persönlichen Magie und
der Wissenschaft – Die Spirale der göttlichen Magie – Wunder – Liebe zu Gott und
zum Nächsten – Die vier Elemente des göttlichen Namens – Die Vorbereitung der
Ankunft Christi – Gold, Weihrauch und Myrrhe – Hoffnung, Kreativität und
Tradition – Zu Hermes Trismegistos.
Achtzehnter Brief
DER MOND, Das Ar canum des I nt el l ekt s ……………………. . 537
Der Intellekt und die Intuition des Glaubens – Sonne, Mond und Sterne: schöpferisches,
widergespiegeltes und offenbartes Licht – Das Postulat der Wiederholung – Das Ganze
und der Teil – Frühling und Herbst – „Im Anfang war das Wort“ – Der Instinkt. – Der
Sephirot-Baum – Kopf, Herz und Wille – Die Umwandlung des Intellekts in Intuition
– Der Intellekt als Diener des Gewissens – Der Hüter der Schwelle – Das „sacrificium in-
tellectus“ – Rhythmus – Der Rosenkranz – Das „Besserwissen“ – Reduktion und
psychologische Projektion – Die vier Antinomien – Psychologisierer und Spiritualisierer
– Krebs oder Adler.
Neunzehnter Brief
DI E SONNE, Das Ar canum der I nt ui t i on ……………………. . 575
Zusammenarbeit und Kampf ums Dasein – Sympathie – Gespräch durch Kräfte und
durch Worte – Die Krippe – Auferstehung – Dem Stern folgen – Vereinigung von
Verstand und übermenschlicher Weisheit – Rufer in der Wüste – Scholastik: Taufe des
Verstandes – Skeptiker und Mystiker – Intuitive Erfahrung des transzendenten Selbst –
Intuitive Erfahrung der geistigen Welt – Maria-Sophia – Die „Leuchtende
Dreifaltigkeit“ – Vater und Mutter – Marienverehrung – Novene und Rosenkranz.
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
18
Zwanzigster Brief
DAS GERICHT, Das Arcanum der Auferstehung …………………….. . 606
Der „therapeutische“ Impuls der prophetischen Religionen – Die „fünfte Askese“ –
Auferweckung und Auferstehung – Vergessen, Schlaf, ‘Tod: Erinnern, Erwachen,
Geburt – Automatisches, logisches und moralisches Gedächtnis – Die dreifache Akasha-
Chronik – Das „Buch des Lebens“ – Die „beste aller Welten“ – „Die Weltgeschichte ist
das Weltgericht“ – Sinn für geschichtliche Verantwortlichkeit und
Unerschütterlichkeit des Glaubens – Die Posaune des Engels – Werke und Gnade –
Die Vereinigung von menschlichem und göttlichem Willen – Zum Vaterunser – Der
Auferstehungsleib – Vererbung Lind Individualität – Zur Unsterblichkeit von Geist,
Seele und Leib – Die Vorbereitung des Auferstehungsleibes – Mariä Himmelfahrt – Das
Jüngste Gericht.
Einundzwanzigster Brief
DER NARR, Das Arcanum der Liebe ................................................. 645
Don Quichote – Orpheus – Der ewige Jude – Don Juan – Till Eulenspiegel – Hamlet – Faust
– Die Verwandlung des persönlichen in das kosmische Bewußtsein – Zwei Arten des
sacrificium intellectus – Die Vereinigung menschlicher und göttlicher Weisheit – Juden,
Griechen, Christen – Der „Stein der Weisen“ – Die Erwartung des Kommenden – Glaube
an Gott: Glaube an den Menschen – Avatare – Die Christianisierung der Menschheit – Der
Bodhisattva – Mystische, gnostische, magische Gebete – Vereinigung von Gebet und
Meditation.
Zweiundzwanzigster Brief
DIE WELT, Das Arcanum der Freude .................................................... 685
Die Welt als Kunstwerk – Die Schöpfung – Magie und Kunst – Freude – Zum Selbstmord –
Trugbilder – Der „Lügengürtel“ oder die „Sphäre des falschen Heiligen Geistes“ –
Mischungen aus Wahrheit und Lüge – Falsche Propheten und Messiasse – Marxismus –
Nationalsozialismus – Keuschheit des Geistes – Kreuz, Gebet und Buße – Sakrale Kunst –
Intensität ist kein Wahrheitskriterium – Das Numinosum – Gefahren des Unbewußten – Die
vier heiligen Tiere – Die vier Temperamente – Die vier Elemente des göttlichen Namens – Zu
den Kleinen Arcana des Tarot – Der Eingeweihte – Läuterung, Erleuchtung, Vollendung.
Glossar ……………………...……………………………………………… 723
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
19
Erster Brief
DER GAUKLER
Das Arcanum der Mystik
Arcanum, Symbol, Mysterium – Einweihung – Christliche Hermetik als
Dienerin des Glaubens – Petrus und Johannes – Die Beziehung zwischen
persönlicher Bemühung und spiritueller Wirklichkeit – Konzentration ohne
Anstrengung – Die Zone des Schweigens – Arbeit in Spiel verwandeln – Das
Joch leicht machen – Die Einheit der Welt – Die Methode der Analogie –
Symbole und Mythen – Archetypen – Synthese des Bewußten und
Unbewußten – Pflicht und Neigung – Genialität und Scharlatanerie.
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
20
DER GAUKLER
Das Arcanum der Mystik
„Der Wind weht, wo er wil l,
und du hörst sein Sausen;
aber du weißt nicht, woher er kommt
noch wohin er geht.
So verhält es sich mit jedem,
der aus dem Geist geboren ist” (Jo 3, 8).
„In jener Nacht voll Glück,
Da sich kein Aug’ mir wandte,
Der Augen blöder Blick
Kein weisend Licht erkannte
Als das, so mir im Herzen brannte.“
Lieber Unbekannter Freund,
die Worte des Meisters, die oben angeführt sind, haben mir als Schlüssel
gedient, um die Tür zum Verständnis für das erste Große Arcanum des Tarot
„Der Gaukler“ zu öffnen, das seinerseits wiederum der Schlüssel für alle
anderen Großen Arcana ist. Darum habe ich sie als Leitspruch diesem Brief
vorangestellt. Und dann habe ich eine Strophe aus dem „Lied der Seele“ des
hl. Johannes vom Kreuz zitiert, weil sie die Kraft hat, die tiefen Schichten der
Seele zu erwecken, die man wachrufen muß, wenn es sich um das erste
Arcanum des Tarot und folglich um alle Großen Arcana des Tarot handelt.
Denn die Großen Arcana des Tarot sind echte Symbole, d. h., sie sind
„magische, mentale, psychische und moralische Operationen“, die neue
Begriffe, Ideen, Gefühle und Bestrebungen erwecken, was bedeutet, daß sie
eine tiefere Aktivität erfordern als das intellektuelle Studium und die
intellektuelle Erklärung. Man sollte sich ihnen daher im Zustand einer
tiefen – immer wachsenden – Sammlung nähern. Es sind die tiefsten und
innersten Schichten der Seele, welche regsam werden und Früchte tragen,
wenn man über die Arcana des Tarot meditiert. Daher bedarf es jener
„Nacht“, von der der hl. Johannes vom Kreuz spricht, in der, man sich im
Verborgenen hält und in die man jedesmal eintauchen muß, wenn man
über die Arcana des Tarot meditiert. Es ist eine Arbeit, die in Einsamkeit
zu leisten ist und die den Einsamen gemäß ist.
Die Großen Arcana des Tarot sind weder Allegorien noch Geheimnisse;
Allegorien sind nämlich nur bildliche Darstellungen eines abstrakten
Begriffes; Geheimnisse dagegen sind irgendwelche Tatsachen, Verfahren,
Methoden oder Lehren, die man aus persönlichen Gründen für sich behält,
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
21
obwohl sie von anderen verstanden und gebraucht werden könnten, denen
man sie aber nicht enthüllen will. Die Großen Arcana des Tarot sind echte
Symbole. Sie verbergen und enthüllen gleichzeitig ihren Sinn, je nach der
Tiefe der Sammlung des Meditierenden.
Was sie enthüllen, sind keine Geheimnisse, d. h. von Menschen willentlich
verborgene Dinge, sondern Arcana, was durchaus etwas anderes ist. Ein
Arcanum ist etwas, das man „wissen“ muß, um auf einem bestimmten Gebiet
des geistigen Lebens produktiv sein zu können. Es muß lebendig gegenwärtig
in unserem Bewußtsein sein – oder sogar in unserem Unterbewußtsein – um
uns zu befähigen, Entdeckungen zu machen, neue Ideen hervorzubringen,
neue künstlerische Themen zu konzipieren, mit einem Wort, um uns
fruchtbar zu machen in unseren schöpferischen Bestrebungen und dies auf
jedem beliebigen Gebiet des geistigen Lebens. Ein Arcanum ist ein
„Ferment“ oder ein „Enzym“, dessen Anwesenheit das geistige und
seelische Leben des Menschen anregt. Und Symbole sind die Träger dieser
„Fermente“ oder „Enzyme“, die sie vermitteln, wenn der Empfangende
geistig und moralisch dazu fähig ist, d. h., wenn er sich als „Bettler um
Geist“ fühlt und nicht an der ernstesten geistigen Krankheit leidet: der
Selbstzufriedenheit.
Wie das Arcanum dem Geheimnis übergeordnet ist, so steht das Mysterium
über dem Arcanum. Das Mysterium ist mehr als ein anregendes „Ferment“.
Es ist ein geistiges Ereignis, vergleichbar der Geburt oder dem physischen
Tod. Es ist die Änderung der ganzen geistigen und seelischen Motivation
oder der völlige Wechsel der Bewußtseinsebene. Die sieben Sakramente der
Kirche sind die prismatischen Farben des sich brechenden weißen Lichtes
eines einzigen Mysteriums oder Sakramentes, nämlich desjenigen der
zweiten Geburt, welche der Meister den Nikodemus lehrte in der nächtlichen
einweihenden Unterredung die er mit ihm hatte. Das versteht die christliche
Hermetik unter der „Großen Einweihung“.
Selbstredend weiht nicht ein Mensch den anderen ein, wenn man unter
„Einweihung“ das Mysterium der Zweiten Geburt oder das Große Sakrament
versteht. Die Einweihung wird von oben bewirkt, und sie hat den Wert und die
Dauer der Ewigkeit. Der Einweihende ist oben, und hier unten begegnet man
allein Mit-Schülern, und diese erkennen sich daran, daß sie sich untereinander
lieben. Es gibt auch keine Meister mehr, weil es nur einen einzigen Meister gibt,
den Initiator oben. Gewiß hat es immer Meister gegeben, die in ihren Lehren
unterwiesen, und auch Einweihende, die einige ihrer Geheimnisse an andere
weitergaben, welche so ihrerseits „Eingeweihte“ wurden; aber das alles hat
nichts zu tun mit dem Mysterium der Großen Einweihung.
Darum weiht die christliche Hermetik als menschliche Angelegenheit
niemanden ein. Unter den christlichen Hermetikern maßt sich niemand den
Titel und das Amt des Initiators oder des Meisters an. Denn alle sind Mit-
Schüler, und jeder ist Lehrer eines jeden in irgendeiner Hinsicht – wie jeder
Schüler eines jeden ist in anderer Hinsicht.
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
22
Wir können nichts Besseres tun, als dem Beispiel des hl. Antonius des Großen
zu folgen:
Er „unterwarf sich gerne den eifrigen Männern, die er besuchte, und suchte
für sich von jedem einen Vorteil im Tugendeifer und in der Askese zu lernen.
Bei dem einen beobachtete er die Freundlichkeit, bei dem anderen den
Gebetseifer; an diesem sah er seine Ruhe, an jenem Menschlichkeit; bei dem
einen merkte er auf das Wachen, bei dem anderen auf die Wißbegierde; den
bewunderte er wegen seiner Standhaftigkeit, jenen wegen des Fastens und des
Schlafens auf bloßer Erde; an dem einen beobachtete er die Sanftmut, an
dem anderen seine Hochherzigkeit; an allen zusammen aber fiel ihm auf die
fromme Verehrung für Christus und ihre wechselseitige Liebe; erfüllt von all
diesem kehrte er an seinen eigenen Asketensitz zurück. Was er von einem
jeden erhalten hatte, vereinigte er dann in sich und strebte danach, in sich die
Tugenden aller darzustellen.“
Dieses gleiche Verfahren sollte von den christlichen Hermetikern
hinsichtlich des Wissens und der Wissenschaften, und zwar ebenso der
Naturwissenschaften wie der historischen, philosophischen, philologischen,
theologischen, symbolischen und traditionellen Wissenschaften angewendet
werden, was darauf hinausläuft, die Kunst des Lernens zu erlernen.
Nun sind es die Arcana, die uns in der Kunst des Lernens anregen und
zugleich leiten. Die Großen Arcana des Tarot sind in diesem Sinne eine
vollständige, ganz unschätzbare Schule der Meditation, der Studien und der
geistigen Anstrengungen, d. h. eine mustergültige Schule der Kunst des
Lernens.
Lieber Unbekannter Freund, die christliche Hermetik maßt sich also nicht
an, mit der Religion oder mit den offiziellen Wissenschaften zu rivalisieren.
Wer in ihr „die wahre Religion“, „die wahre Philosophie“ oder „die wahre
Wissenschaft“ sucht, hat sich in der Adresse geirrt. Die christlichen
Hermetiker sind keine Meister, sondern Diener. Sie haben nicht den – ein
wenig kindischen – Anspruch, sich über den heiligen Glauben der Gläubigen
hinwegzusetzen, noch sich über die Früchte der bewundernswerten
Anstrengungen der Diener der Wissenschaft oder über die Schöpfungen des
künstlerischen Genies zu erheben. Die Hermetiker hüten nicht das
Geheimnis der zukünftigen wissenschaftlichen Entdeckungen. Sie kennen z.
B. nicht das wirksame Heilmittel gegen den Krebs, so wie alle Welt es
gegenwärtig nicht kennt. Sie wären im übrigen Ungeheuer, wenn sie das
Geheimnis des Heilmittels gegen diese Geißel der Menschheit hüteten, ohne
es mitzuteilen. Nein, sie kennen es nicht, und sie werden die ersten sein,
welche die Überlegenheit des zukünftigen Wohltäters der Menschheit über
sich anerkennen, der als Gelehrter dieses Mittel dereinst entdecken wird.
Ebenso anerkennen sie ohne Vorbehalt die Überlegenheit eines hl.
Franz von Assisi (und vieler anderer), der ein Mann des sogenannten
„exoterischen“ Glaubens war. Sie wissen auch, daß jeder aufrichtig Gläubige
potentiell ein Franz von Assisi ist. Die Leute des Glaubens, der
Wissenschaft und der Kunst sind ihnen in mehreren wesentlichen Punkten
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
23
überlegen. Das wissen die Hermetiker, und sie schmeicheln sich nicht,
besser zu sein, besser zu glauben, besser zu wissen oder besser zu können.
Sie wahren weder im Geheimen eine ihnen eigene Religion, welche die
bestehenden Religionen ersetzen soll, noch eine ihnen eigene Wissenschaft
anstelle der gegenwärtigen Wissenschaften, noch ihnen eigene Künste, um
die schönen Künste von heute oder morgen zu ersetzen. Was sie besitzen,
bringt weder spürbare Vorteile mit sich, noch eine objektive Überlegenheit
im Hinblick auf Religion, Wissenschaft und Kunst; was sie besitzen, ist nur
die gemeinsame Seele der Religion, der Wissenschaft und der Kunst.
Welches ist diese Mission, die gemeinsame Seele der Religion, der
Wissenschaft und der Kunst zu hüten? Ich möchte darauf mit einem Beispiel
antworten:
Sie wissen ohne Zweifel, lieber Unbekannter Freund, daß viele Menschen,
darunter mehrere Autoren in Frankreich, Deutschland, England und anderswo, die
Lehre von den sogenannten „zwei Kirchen“ predigen: der Kirche des Petrus
und der Kirche des Johannes; oder von zwei Zeitaltern: dem Zeitalter des
Petrus und dem Zeitalter des Johannes. Sie wissen auch, daß diese Lehre
das mehr oder weniger nahe Ende der Kirche Petri bzw. vor allem das des
Papsttums lehrt, das deren sichtbares Symbol ist, und daß der Geist des
Johannes, des vom Meister geliebten Schülers, der an seiner Brust lag und
dem Schlage seines Herzens lauschte, sie ablösen werde. So werde die
„exoterische“ Kirche des Petrus der „esoterischen“ Kirche des Johannes
weichen, in der dann die vollkommene Freiheit herrsche.
Nun wurde aber Johannes, der sich gern dem Petrus als dem Oberhaupt
oder Fürsten der Apostel untergeordnet hat, nach dessen Tode nicht sein
Nachfolger, obwohl er Petrus um viele Jahre überlebt hat. Der vielgeliebte
Jünger, der des Meisters Herz hatte schlagen hören, war und ist der
Stellvertreter und Hüter dieses Herzens, und er wird es immer sein. Als
solcher war er aber nicht das Oberhaupt oder Haupt der Kirche, er ist es auch
jetzt nicht und wird es niemals sein. Denn ebensowenig wie das Herz dazu
berufen ist, das Haupt zu ersetzen, ebensowenig ist Johannes zum
Nachfolger des Petrus berufen. Das Herz hütet zwar das Leben und die
Seele, aber das Haupt faßt die Entschlüsse, es hat die Leitung inne, und es
wählt die geeigneten Mittel zur Erfüllung der Aufgaben des ganzen
Organismus, d.h. von Haupt, Herz und Gliedern.
Die Sendung des Johannes besteht darin, das Leben und die Seele der Kirche
zu hüten – zu leben bis zur zweiten Ankunft des Herrn. Darum hat Johannes
niemals das Führeramt im Körper der Kirche beansprucht und wird es niemals
tun. Er belebt diesen Körper, aber er leitet nicht seine Handlungen.
So hütet die Hermetik die lebendige Tradition, die gemeinsame Seele
aller wahren Kultur. Ich möchte hinzufügen: Die Hermetiker lauschen auf –
und vernehmen bisweilen – den Herzschlag des geistigen Lebens der
Menschheit. Sie können nicht anders, denn als Wächter des Lebens und der
gemeinsamen Seele von Religion, Wissenschaft und Kunst zu leben.
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
24
Sie haben keinerlei Vorrecht auf irgendeinem dieser Gebiete; die Heiligen,
die wahren Gelehrten und die genialen Künstler sind ihnen überlegen. Sie
aber leben für das Mysterium des gemeinsamen Herzens, das im Innersten
aller Religionen, aller Philosophien, aller Künste und aller vergangenen,
gegenwärtigen und zukünftigen Wissenschaften schlägt. Und indem sie sich
vom Beispiel des Johannes, des vielgeliebten Jüngers, inspirieren lassen,
beanspruchen sie weder heute noch morgen in der Religion, in der
Wissenschaft, in der Kunst, im sozialen und politischen Leben eine
führende Rolle; aber sie wachen ständig, um keine Gelegenheit zu versäumen,
der Religion, der Philosophie, der Wissenschaft, der Kunst, dem sozialen und
politischen Leben der Menschheit zu dienen und um ihnen den Hauch des
Lebens der ihnen gemeinsamen Seele einzuflößen – analog dem Aus- teilen
des Sakramentes der heiligen Kommunion. Die Hermetik ist – und ist nur –
ein Stimulans, ein „Ferment“ oder ein „Enzym“ im Organismus des geistigen
Lebens der Menschheit. In diesem Sinne ist sie selbst ein Arcanum, d. h. der
Vorläufer des Mysteriums der Zweiten Geburt oder der Großen Initiation.
Das ist der Geist der Hermetik, und in diesem Geist wollen wir jetzt
zurückkehren zum ersten Großen Arcanum des Tarot.
Was zeigt dieses erste Kartenbild?
Ein junger Mann mit einem großen Hut in Form einer Lemniskate steht
aufrecht hinter einem kleinen Tisch, auf dem angeordnet sind: ein gelb
bemaltes Gefäß, drei kleine, gelbe, runde Scheiben, vier andere rote, runde
Scheiben (je zwei durch einen Strich voneinander getrennt), ein roter Becher
mit zwei Würfeln, ein aus seinem Futteral gezogenes Messer und endlich ein
gelber Sack, um diese verschiedenen Dinge aufzunehmen. Der junge Mann –
der Gaukler – hält, vom Betrachter aus gesehen, einen dünnen Stab in der
rechten und eine Kugel oder ein gelbes Geldstück in der linken Hand. Er hält
diese beiden Gegenstände mit einer vollkommenen Leichtigkeit, ohne sie
zu pressen und ohne sonstige Anzeichen von Spannung, Verwirrung, Hast
oder Anstrengung. Was er mit seinen Händen ausführt, geschieht mit völliger
Unbefangenheit; es ist ein leichtes Spiel und keine Arbeit. Er verfolgt die
Bewegung seiner Hände nicht einmal mit den Augen; sein Blick ist
anderswohin gerichtet. Soweit also die Karte.
Daß sich die Reihe der Symbole, d. h. der Enthüller der Arcana, die das
Tarotspiel ausmachen, mit einem Bild eröffnet, welches einen Gaukler
darstellt, der Kunststücke vorführt, ist wirklich erstaunlich! Wie soll man
dies erklären?
Das erste Arcanum, das allen anderen 21 Großen Arcana des Tarot
zugrundeliegende Prinzip, ist dasjenige der Beziehung zwischen persönlicher
Bemühung und spiritueller Wirklichkeit. Es nimmt den ersten Platz in der
Reihe ein, weil, wenn man es nicht verstanden, d. h. nicht in der Praxis von
Erkenntnis und Verwirklichung begriffen hat, man nicht weiß, was mit den
anderen Arcana anzufangen ist. Denn der Gaukler ist berufen, die praktische
Methode, die sich auf alle anderen Arcana bezieht, zu enthüllen. Er ist „das
Arcanum der Arcana“ in dem Sinne, daß er enthüllt, was man wissen und
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
25
können muß, um in die Schule der geistigen Übungen, welche das
Tarotspiel in seiner Gesamtheit darstellt, einzutreten, damit man daraus
einigen Nutzen ziehen kann.
In der Tat kann das erste und grundlegende Prinzip der Esoterik, d. h.
des Weges. der Erfahrung der Wirklichkeit des Geistes, wiedergegeben
werden durch die Formel:
„Lernt zuerst Konzentration ohne Anstrengung; wandelt die Arbeit um
in Spiel; sorgt dafür, daß jedes Joch, das ihr angenommen habt, sanft, und
jede Bürde, die ihr tragt, leicht sei!“
Dieser Rat oder dieses Gebot oder diese Warnung (wie Sie wollen) ist
sehr ernst und wird durch seine ursprüngliche Quelle bestätigt, nämlich
durch die Worte des Meisters:
„Denn mein Joch ist sanft, und meine Last leicht.“ (Mt 11, 30).
Prüfen wir nun nacheinander diese drei Teile der Formel, um in das Arcanum
der „aktiven Entspannung“ oder der „Anstrengung ohne Anstrengung“
eindringen zu können.
1. „Lernt zuerst Konzentration ohne Anstrengung.
Worin liegt der praktische und theoretische Sinn dieser Formel?
Konzentration als Fähigkeit, das Höchstmaß an Aufmerksamkeit auf ein
Mindestmaß an Raum festzulegen (Goethe sagt, wer etwas Treffliches leisten
will, „der sammle still und unerschlafft im kleinsten Punkt die größte Kraft“),
ist praktisch der Schlüssel für den Erfolg auf jedem Gebiet. Die moderne
Pädagogik und Psychotherapie, die Schulen des Gebets und der geistlichen
Übungen der Franziskaner, Karmeliter, Dominikaner und Jesuiten, die
okkultistischen Schulen aller Art und endlich der alte Yoga der Hindus – alle
Methoden stimmen darin überein.
Patanjali formuliert in seinem klassischen Buch über den Yoga im ersten
Satz das praktische und theoretische Wesen des Yoga – das „erste Arcanum“
oder den Schlüssel zum Yoga – wie folgt:
„Yoga citta vritti nirodha – Yoga ist die Unterdrückung der Eigenregungen
der Denksubstanz“‘ oder mit anderen Worten: die Kunst der Konzentration.
Denn die Eigenregungen (vritti) der mentalen Substanz (citta) finden
automatisch statt. Dieser Automatismus in den Bewegungen des Denkens und
der Vorstellung ist das Gegenteil von Konzentration. Nun ist die
Konzentration nur möglich um den Preis und unter der Bedingung der Ruhe
und des Schweigens des Automatismus im Denken und Vorstellen.
Das „Schweigen“ geht also dem „Wissen“, „Können“ und „Wagen“ voraus.
Darum schreibt die pythagoräische Schule den Anfängern oder „Zuhörern“
ein Schweigen von fünf Jahren vor. Man wagte erst zu sprechen, wenn man
wußte und konnte, nachdem man die Kunst des Schweigens gemeistert hatte, d.
h. die Kunst der Konzentration.
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
26
Das Vorrecht des „Sprechens“ gehörte denen, die nicht mehr automatisch
sprachen, bewegt durch das Spiel des Intellekts und der Vorstellung, sondern
die es unterdrücken konnten dank der Praxis des inneren und äußeren
Schweigens und die wußten, was sie sagten – ebenfalls dank derselben Praxis.
Das von den Trappistenmönchen praktizierte und während der Zeit der
„Exerzitien“ allgemein für alle Teilnehmer
vorgeschriebene „Silentium – Schweigen“ ist nur die Anwendung
derselben Wahrheitsregel: „Yoga ist die Unterdrückung der Eigenregungen
der Denksubstanz“, oder: „Konzentration ist das gewollte Schweigen des
intellektuellen und Vorstellungs-Automatismus.“
Es gilt indessen, zwei Arten von Konzentration zu unterscheiden, die
wesentlich verschieden sind. Die eine ist die uneigennützige (sachbezogene)
Konzentration und die andere die eigennützige (ichbezogene) Konzentration.
Die erste wird einem von unterjochenden Leidenschaften, Besessenheiten und
Bindungen freien Willen verdankt, während die andere dagegen gerade das
Ergebnis einer dominierenden Leidenschaft, Besessenheit oder
Gebundenheit ist. Ein Mönch in der Sammlung beim Gebet und ein rasender
Stier sind, einer wie der andere, konzentriert – aber der eine ist es im
Frieden der Sammlung, während der andere fortgerissen wird durch die Wut.
Auch starke Leidenschaften bringen also ein hohes Maß an Konzentration
hervor. So entwickeln die Gierigen, die Geizhälse, die Hochmütigen und
die Menschen mit Wahnvorstellungen manchmal eine bemerkenswerte
Konzentration. In Wahrheit ist es aber wohl kaum Konzentration, sondern
eher Besessenheit, um die es sich bei ihnen handelt.
Die wahre Konzentration ist eine freie Tat im Lichte und im Frieden. Sie
setzt einen uneigennützigen und leidenschaftslosen Willen voraus, denn
der Zustand des Willens ist der bestimmende und entscheidende Faktor bei
der Konzentration. Darum fordert z. B. der Yoga die Übung des Yama –
die fünf Regeln des moralischen Verhaltens – und des Niyama – die fünf
Regeln der Abtötung – vor der Vorbereitung des Körpers für die
Konzentration (Atmung und Stellungen) und der Übung der drei Stufen der
Konzentration selbst (dharana, dhyana und samadhi – Konzentration,
Meditation und Kontemplation).
Sowohl der hl. Johannes vom Kreuz als auch die hl. Teresa von Ávila
werden nicht müde zu wiederholen, daß die für das spirituelle Gebet
notwendige Konzentration die Frucht der moralischen Läuterung des
Willens ist.
Es ist also unnütz, sich Mühe zu geben, um sich zu konzentrieren, wenn
der Wille von etwas anderem eingenommen ist. Die „Eigenregungen der
Denksubstanz“ werden niemals zur Ruhe gebracht werden können, wenn der
Wille ihr nicht seine eigene Ruhe mitteilt. Der schweigende Wille ist es,
welcher das Schweigen des Denkens und Vorstellens in der Konzentration
bewirkt. Darum sind die großen Asketen auch die großen Meister der
Konzentration.
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
27
Das alles ist einleuchtend und selbstverständlich. Was uns indessen hier
beschäftigt, ist nicht allein die Konzentration im allgemeinen, sondern vor
allem und im besonderen die „Konzentration ohne Anstrengung“. Worin
besteht sie?
Betrachten Sie den Seiltänzer. Er ist augenscheinlich völlig konzentriert, denn
wenn er es nicht wäre, würde er zur Erde fallen. Sein Leben steht auf dem Spiel,
und nur die vollkommene Konzentration kann es bewahren.
Glauben Sie indessen, daß sein Denken und Vorstellen mit dem beschäftigt sind,
was er tut? Glauben Sie, daß er überlegt und daß er berechnet, daß er sich
vorstellt und daß er plant bei jedem Schritt, den er auf dem Seil tut? – Er würde
sofort herunterfallen! Er muß alle Tätigkeit des Intellekts und der
Vorstellungskraft ausschalten, um den Sturz zu verhüten. Er muß die
„Eigenregungen der Denksubstanz“ unterdrückt haben, um seinen Beruf ausüben
zu können. Die Intelligenz seines rhythmischen Systems – Atmung und Kreislauf –
ersetzt während seiner akrobatischen Übungen diejenige des Gehirns. Es handelt
sich vom Standpunkt des Intellekts und der Vorstellung aus in letzter
Konsequenz um ein Wunder, analog dem des hl. Dionysius, des Apostels von
Gallien und ersten Bischofs von Paris, den die Überlieferung mit dem hl.
Dionysius dem Areopagiten, dem Schüler des hl. Paulus, gleichsetzt. Ihm
wurde nämlich der Kopf mit einem Beil abgeschlagen vor dem Bild des Gottes
Merkur. Gleich darauf erhob sich aber der Heilige, nahm seinen Kopf in seine
Hände und ging unter der Führung eines Engels den langen Weg vom Hügel des
Montmartre bis zu dem Ort, wo nach seiner eigenen Wahl und der göttlichen
Vorsehung heute seine Gebeine ruhen. Nun hat auch der Seiltänzer seinen Kopf,
d. h. Intellekt und Vorstellung, abgeschnitten für die Zeit der Ausübung seines
Berufes; auch er geht von einem Punkt zum anderen, indem er seinen Kopf in
den Händen trägt, unter der Führung einer anderen Intelligenz als der des
Kopfes, welche durch das rhythmische System des Körpers handelt.
Für den Seiltänzer, den Jongleur, den „Gaukler“ sind Kunst und
Geschicklichkeit im Grunde genommen analog dem Wunder des hl.
Dionysius, weil es sich bei ihnen, wie beim hl. Dionysius, um die Verlegung des
leitenden Bewußtseinszentrums vom Kopf in die Brust, vom Gehirnsystem zum
rhythmischen System handelt.
Nun ist auch die Konzentration ohne Anstrengung die Verlegung des
leitenden Zentrums des Gehirns in das rhythmische System – von dem Bereich
des Mentalen und der Vorstellung in denjenigen der Moralität und des Willens.
Der große Hut in Form der Lemniskate, welcher den Kopf des Gauklers bedeckt,
zeigt ebenso wie seine Haltung der vollkommenen Leichtigkeit diese Verlegung
an. Denn die Lemniskate (die horizontale Acht ) ist nicht allein das Symbol
der Unendlichkeit, sondern auch das von Rhythmus, Atmung und Zirkulation; sie
ist das Symbol des ewigen Rhythmus, der Ewigkeit des Rhythmus.
Der „Gaukler“ repräsentiert also den Zustand der Konzentration ohne
Anstrengung, d. h. den Zustand des Bewußtseins, in dem das leitende Zentrum
des Willens „herabgestiegen“ ist (in Wirklichkeit hat es sich „erhoben“) vorn
Gehirn in das rhythmische System und in dem die „Eigenregungen der
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
28
Denksubstanz“, weil sie zum Schweigen und zur Ruhe gebracht sind, nicht
mehr die Konzentration hindern.
Die „Konzentration ohne Anstrengung“, d. h., wo es nichts zu unterdrücken
gibt und die Sammlung ebenso natürlich wird wie die Atmung und das
Schlagen des Herzens, ist der Zustand des Bewußtseins – des Denkens, der
Vorstellung, des Gefühls und des Willens – in vollkommener Ruhe, begleitet
von völliger Entspannung der Nerven und der Muskeln des Körpers. Sie ist
das tiefe Schweigen der Wünsche, der Sorgen, der Vorstellungen, der
Erinnerung und des diskursiven Denkens. Man könnte sagen, daß der ganze
Mensch wie die Oberfläche ruhiger Wasser geworden ist, welche die
Gegenwart des unermeßlichen Sternenhimmels und seine unaussprechliche
Harmonie spiegelt. Und die Wasser sind tief, wie tief sie sind! Und das
Schweigen wächst, wächst immer mehr, welch ein Schweigen! Sein
Anwachsen geschieht in regelmäßigen Wellen, welche eine nach der anderen
Ihr ganzes Wesen durchströmen: eine Welle des Schweigens, gefolgt von
einer anderen, tieferen Welle des Schweigens, dann eine noch tiefere Welle des
Schweigens ... Haben. Sie schon einmal das Schweigen getrunken? Wenn ja,
wissen Sie, was „Konzentration ohne Anstrengung“ ist. Im Anfang sind es
Augenblicke, dann Minuten, dann Viertelstunden, die das völlige Schweigen
oder die „Konzentration ohne Anstrengung“ währt. Im Laufe der Zeit wird
das Schweigen oder die „Konzentration ohne Anstrengung« zum immer
gegenwärtigen Grundelement im Leben der Seele. Es ist wie der
ununterbrochene Gottesdienst in der Kirche Sacre-Cœur von Montmartre,
währenddessen man in Paris arbeitet, Handel treibt, sich vergnügt, schläft,
stirbt ... So ist es, als ob ein ununterbrochener Dienst des Schweigens sich in
der Seele vollzieht und sich fortsetzt, selbst wenn man tätig ist, wenn man
arbeitet, und wenn man sich unterhält.
Wenn diese „Zone des Schweigens“ sich einmal hergestellt hat, können Sie
daraus schöpfen sowohl für die Ruhe wie für die Arbeit. Sie besitzen dann
nicht nur die „Konzentration ohne Anstrengung“, sondern auch die Tätigkeit
ohne Anstrengung, und das ist genau das, was der zweite Teil unserer Formel
sagen will:
2. „Wandelt die Arbeit um in Spiel.“
Die Veränderung der Arbeit, die von einer Fron zum Spiel wird, vollzieht
sich infolge der Anwesenheit der „Zone des Schweigens“, aus welcher man
durch eine Art intimer verborgener Atmung jene Lieblichkeit und Frische
schöpft, die der Arbeit eine Weihe gibt und sie in ein Spiel umwandelt. Denn
die „Zone des Schweigens“ bedeutet nicht allein, daß die Seele sich im
Innersten in einem Zustand des Wohlbehagens befindet, sondern auch und vor
allem, daß sie im Kontakt mit dem Himmel, d. h. der geistigen Welt, ist, die mit
ihr zusammenarbeitet. Derjenige, der das Schweigen in der Einsamkeit der
„Konzentration ohne Anstrengung“ findet, ist niemals allein. Er trägt niemals
allein die Lasten, die er zu tragen hat; die Kräfte des Himmels, die Kräfte
von oben nehmen fortan daran teil.
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
29
3. So wird die Wahrheit, die im dritten Teil der Formel ausgedrückt ist:
„Sorgt dafür, daß jedes Joch, das ihr angenommen habt, sanft und daß
alle Last, die ihr tragt, leicht sei“,
zur Erfahrung. Denn Schweigen ist das Zeichen eines wirklichen Kontaktes
mit der geistigen Welt, und dieser Kontakt erzeugt immer einen Zustrom von
Kräften. Dies ist die Grundlage aller Mystik, aller Gnosis, aller Magie und
aller praktischen Esoterik überhaupt.
Alle praktische Esoterik ist auf folgende Regel gegründet:
Man muß in sich selbst eins sein („Konzentration ohne Anstrengung“) und
zugleich einig sein mit der geistigen Welt (die Zone des Schweigens in
seiner Seele haben), damit eine offenbarende oder verwirklichende geistige
Erfahrung stattfinden kann. Mit anderen Worten: wenn man irgendeine
Form echter Esoterik praktizieren will, sei es Mystik, Gnosis oder Magie,
muß man „Gaukler“ sein: konzentriert ohne Anstrengung, mit einer
Leichtigkeit wirkend, als ob man spiele und handelnd mit vollkommener
Ruhe.
Das ist die praktische Unterweisung des ersten Arcanums des Tarot. Es ist
der erste Rat, das erste Gebot und die erste Warnung für die ganze
spirituelle Praxis; es ist das Alpha des „Alphabets” der praktischen Regeln
der Esoterik. Und so wie alle Zahlen nur Bruchteile der Einheit sind, ebenso
sind die übrigen praktischen Regeln, die durch die anderen Arcana des Tarot
gelehrt werden, nur Aspekte und Modalitäten dieser Grundregel.
Das ist die praktische Unterweisung des „Gauklers“.
Welches ist die theoretische Unterweisung?
Sie entspricht in jedem Punkt der praktischen Unterweisung, da die
theoretische Arbeit nur der mentale Aspekt der praktischen Arbeit ist. So wie
die letztere aus der „Konzentration ohne Anstrengung“ hervorgeht, d. h. die
Einheit in die Praxis umsetzt, ebenso besteht ihr theoretisches Gegenstück in
der Grundeinheit der natürlichen Welt, der menschlichen Welt und der
göttlichen Welt. Das Dogma von der Grundeinheit der Welt spielt dieselbe
wesentliche Rolle für alle Theorie, wie die Konzentration für alle Praxis. Wie
die Konzentration die Grundlage für allen praktischen Erfolg ist, so ist es das
Dogma von der Grundeinheit der Welt in Hinsicht auf alle Erkenntnis –
ohne sie ist keine Erkenntnis denkbar.
Das Dogma der Einheit des Wesens von allem, was existiert, geht jedem
Erkenntnisakt voraus, und jeder Erkenntnisakt setzt das Dogma von der
Einheit der Welt voraus. Das Ideal oder das letzte Ziel aller Philosophie
und aller Wissenschaft ist die Wahrheit. Aber „Wahrheit“ hat keinen
anderen Sinn als den der Reduktion der Vielheit der Erscheinungen auf die
wesensmäßige Einheit – von den Tatsachen zu den Gesetzen, von den
Gesetzen zu den Prinzipien, von den Prinzipien zum Wesen oder zum
Sein.
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
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Alles mystische, gnostische, philosophische und wissenschaftliche
Suchen und Forschen nach der Wahrheit postuliert die Existenz dieses
Dogmas, d. h. die Grundeinheit der Mannigfaltigkeit der Erscheinungen in
der Welt. Ohne diese Einheit wäre nichts erkennbar. Wie könnte man
fortschreiten vorn Bekannten zum Unbekannten – und genau das ist die
Methode des Fortschrittes in der Erkenntnis –, wenn das Unbekannte mit
dem Bekannten nichts zu tun hätte; wenn das Unbekannte mit dem Be-
kannten keinerlei Verwandtschaft hätte und wenn es ihm absolut und
essentiell fremd wäre? Wenn wir sagen, daß die Welt erkennbar ist, d. h.,
daß es Erkenntnis als solche gibt, erklären wir durch eben diese Tatsache das
Dogma von der essentiellen Einheit der Welt oder ihre Erkennbarkeit. Wir
erklären, daß die Welt kein Mosaik ist, in welchem eine Vielzahl von
Welten, die einander völlig wesensfremd sind, zusammengefügt ist, sondern
daß sie ein Organismus ist, bei dem alle Teile vom gleichen Prinzip
beherrscht werden, das sie offenbaren und auf das sie sich zurückführen
lassen. Die Verwandtschaft aller Dinge und aller Wesen ist die unbedingte
Voraussetzung, die „conditio sine qua non“, ihrer Erkennbarkeit.
Nun hat die uneingeschränkt anerkannte Verwandtschaft aller Dinge
und aller Wesen eine Erkenntnismethode hervorgebracht, die dem genau
entspricht. Sie ist allgemein bekannt als „Methode der Analogie“. Die
Analogie ist kein Dogma oder Postulat, wie es die essentielle Einheit der
Welt ist, sondern sie ist die erste und grundlegende Methode (das Alpha im
Alphabet der Methoden), deren Gebrauch es möglich macht, in der
Erkenntnis Fortschritte zu machen. Sie ist der erste aus dem Dogma der
universalen Einheit gezogene Schluß: weil auf dem Grunde der
Mannigfaltigkeit der Phänomene sich ihre Einheit auf solche Weise findet,
daß sie zugleich verschieden und eins sind, sind sie weder identisch noch
heterogen, sondern analog, insofern sie ihre Wesensverwandtschaft
bekunden.
Die traditionelle Formel, welche die Methode der Analogie zum
Ausdruck bringt, ist allgemein bekannt. Sie findet sich im ersten Vers der
„Tabula Smaragdina“ des Hermes Trismegistos:
„Quod est inferius, est sicut quod est superius, et quod est superius, est
sicut quod est inferius ad perpetranda miracula Rei Unius.”
„Was unten ist, ist wie das, was oben ist, und was oben ist, ist wie das,
was unten ist, um das Wunder der Einheit zu vollbringen.“
Dies ist die klassische Formel der Analogie für alles, was im Raum
existiert: oben und unten. Die Formel der Analogie, auf die Zeit angewandt,
würde lauten:
„Quod fuit est sicut quod erit et quod erit est sicut quod fuit, ad perpetranda
miracula aeternitatis“.
„Was war, ist wie das, was sein wird, und was sein wird, ist wie das, was
war, um die Wunder der Ewigkeit zu vollbringen.“
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
31
Die Formel der Analogie, auf den Raum angewandt, ist die Grundlage des
typologischen Symbolismus, d. h. der Symbole, welche die Entsprechungen
zwischen den Urbildern oben und ihren Manifestationen unten ausdrücken;
die Formel der Analogie, auf die Zeit angewandt, ist die Grundlage des
mythologischen Symbolismus, d. h. der Symbole, welche die Entsprechungen
zwischen den Archetypen in der Vergangenheit und ihren Manifestationen in
der Gegenwart ausdrücken: so ist der „Gaukler“ ein typologisches Symbol.
Es enthüllt uns das Urbild des Geistesmenschen. Adam und Eva, Kain und Abel
und, wenn Sie wollen, auch das „Schisme d’Irschou“ von Saint-Yves
d’Alveydre dagegen sind Mythen: sie enthüllen die Archetypen, die sich
immer wieder in der Geschichte und in jeder individuellen Biographie
offenbaren – sie sind mythologische Symbole, die dem Bereich der Zeit
angehören.
Diese beiden Kategorien des Symbolismus, gegründet auf die Analogie,
bilden durch ihre gegenseitige Beziehung ein Kreuz:
Hans Leisegang, Verfasser des klassischen Buches über die Gnosis, schreibt
über den Mythos, d. h. nach unserer Definition über den Symbolismus der Zeit
oder den historischen Symbolismus: „Jeder Mythos drückt in der Form der
Erzählung eines einzelnen Falles eine ewige Idee aus, die von dem, der die
Handlung mit durchlebt, hinter ihr intuitiv erkannt wird.“‘ Marc Haven sagt
über die typologischen Symbole im Kapitel über den Symbolismus in seinem
nachgelassenen Werk „Le Tarot“:
„Unsere Empfindungen, Symbole äußerer Bewegungen, gleichen ihnen (d. h.
den Phänomenen) nicht mehr, als die Wellen des Sandes in der Wüste dem Winde
gleichen, der ihn zu Hügelchen emporstaut, nicht mehr, als Flut und Ebbe
des Meeres den vereinten Bewegungen von Sonne und Mond gleichen. Sie
sind die Symbole davon ... Die Ansicht von Kant, Hamilton und Spencer, die
die inneren Bewegungen auf einfache Symbole einer verborgenen Realität
zurückführen, ist vernünftiger und wahrer (als der naive Realismus – Anm.
des Verfassers). Die Wissenschaft selbst muß sich damit begnügen, nur ein sich
seiner selbst bewußter Symbolismus zu sein ... Aber die Symbolik hat eine
ganz andere Bedeutung. Wissenschaft der Wissenschaften, wie sie die Alten
nannten (Decourcelle, Traité des Symboles, Paris 1806), universale und
göttliche Sprache, verkündigt und bezeugt sie die Hierarchie der Formen
von der Welt der Archetypen an bis zur materiellen Welt, die Beziehungen, die
sie vereinen; sie ist, mir einem Wort, der lebende und greifbare Beweis der
Solidarität der Wesen.“’
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
32
Das sind also zwei Definitionen der Symbole der Zeit oder der Mythen
und derjenigen des Raumes oder der Entsprechung der Welten „von der
Welt der Archetypen bis zur materiellen Welt“ – die eine formuliert von einem
deutschen Gelehrten in Leipzig im Jahre 1924, die andere von einem
französischen Hermetiker in Lyon im Jahre 1906 –, die genau die Ideen über
die beiden Arten der Symbolik – der mythologischen und der typologischen –
ausdrücken, welche wir soeben vorgebracht haben.
Die „Tabula Smaragdina“ bezieht sich nur auf den typologischen
Symbolismus oder den des Raumes, die Analogie zwischen dem, was
„oben“ und dem, was „unten“ ist. Darum muß man ihr zur Erweiterung die
korrespondierende Formel hinzufügen, die sich auf den mythologischen
Symbolismus oder den der Zeit bezieht, den wir z. B. im Buch Genesis finden.
Der Unterschied zwischen diesen beiden Formen der Symbolik ist nicht
ganz ohne praktische Bedeutung. Ihrer Verwechslung muß man mehrere
Irrtümer bei der Interpretation der alten Quellen zuschreiben, einschließlich
der Bibel. So betrachten z. B. verschiedene Schriftsteller die biblische
Erzählung von Kain und Abel als typologisches Symbol. Sie wollen darin
die Symbole der „zentrifugalen und zentripetalen Kräfte“ usw. sehen.
Indessen ist die Geschichte von Kain und Abel ein Mythos, d. h., sie drückt in
der Form der Erzählung eines besonderen Falles eine „ewige“ Idee aus und
bezieht sich infolgedessen auf die Zeit, die Geschichte, und nicht auf den
Raum und sein Gefüge.
Sie zeigt uns, wie Brüder Todfeinde werden können aufgrund der
Tatsache, daß sie denselben Gott auf die gleiche Art anbeten. Damit wird
der Ursprung der Religionskriege aufgedeckt: ihre Ursache ist weder eine
Verschiedenheit des Dogmas noch eine des Kultus oder Rituals, sondern
einzig und allein der Anspruch auf Gleichheit oder, wenn man so will, auf
Verneinung der Hierarchie. Es ist dies auch die allererste Revolte, die es in der
Welt gab, der Archetypus (das „Urphänomen“ Goethes) von allen späteren
Revolutionen, die stattgefunden haben und die in der Menschheitszukunft
stattfinden werden. Denn die eigentliche Ursache aller Kriege, aller Revolutionen
– kurz: jeglicher Gewalttätigkeit – ist immer die gleiche: die Verneinung der
Hierarchie. Diese Ursache findet sich bereits keimhaft auf einem so hohen Niveau
wie dem der gemeinsamen Anbetung desselben Gottes durch zwei Brüder, und
genau hierin liegt die erschütternde Offenbarung der Geschichte von Kain und
Abel. Da Morde, Kriege und Revolutionen weiter stattfinden, bleibt die Geschichte
von Kain und Abel weiter gültig und aktuell; und da sie im Verlauf der
Jahrhunderte immer gültig und aktuell bleibt, ist sie ein Mythos, und zwar ein
Mythos erster Ordnung.
Dasselbe gilt von den Erzählungen des Sündenfalles von Adam und Eva, von
der Sintflut und der Arche Noah, dem Turm zu Babel usw. Es sind Mythen, d. h.
in erster Linie historische Symbole, die sich auf die Zeit beziehen, und keine
Symbole, welche die Einheit der Welten im physischen, metaphysischen und
moralischen Raum ausdrücken. Der Sündenfall von Adam und Eva offenbart
kein entsprechendes Ereignis in der göttlichen Welt im Schoße der Trinität.
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
33
Er enthüllt auch nicht unmittelbar die metaphysische Struktur der archetypischen
Welt. Er ist ein besonderes Ereignis der Geschichte der Erdenmenschheit, dessen
Bedeutung erst aufhören wird mit dem Ende der menschlichen Geschichte. Mit
anderen Worten: er ist ein wahrer Mythos. Andererseits wäre es irrig, z. B. die
Vision Ezechiels, die Merkabah, als einen Mythos anzusehen. Die Vision des
himmlischen Wagens ist eine symbolische Offenbarung der archetypischen Welt.
Sie ist typologische Symbolik – was übrigens der Verfasser des Sohar sehr klar
gesehen hat, weswegen er die Vision des Ezechiel als zentrales Symbol der
kosmischen Erkenntnis betrachtete – gemäß der Regel der Analogie, daß, was oben
ist, wie dasjenige ist, was unten ist. Denn der Sohar kennt diese Regel gut. Er
macht davon nicht nur einen stillschweigenden Gebrauch, sondern erwähnt sie
auch ausdrücklich. So lesen wir im Sohar:
„Was oben ist, ist wie das, was unten ist: Wie die Tage des Oben erfüllt sind
von der Segnung des (himmlischen) Menschen, so sind die Tage hier unten
erfüllt von der Segnung durch die Vermittlung des Menschen (des Gerechten).“
Indien hat ebenfalls seine Version der hermetischen Maxime. So spricht die
Vishvasâra Tantra die Formel aus:
„Was hier ist, ist auch anderswo. Was hier nicht ist, ist nirgends.“
Der Gebrauch der Analogie beschränkt sich indessen nicht nur auf die
„verfemten Wissenschaften“ – Magie, Astrologie und Alchimie – und auf die
spekulative Mystik. Er ist in Wahrheit allgemein.
Denn weder Philosophie noch Theologie noch auch Naturwissenschaft
können ohne sie auskommen.
In der Logik, welche die Grundlage der Philosophie und der Wissenschaften
ist, spielt die Analogie folgende Rolle:
1. Das Verfahren der Klassifikation der Dinge aufgrund ihrer Ähnlichkeit ist
der erste Schritt auf dem Weg des Forschens mittels der induktiven Methode. Es
setzt die Analogie der Dinge, die zu klassifizieren sind, voraus.
2. Die Analogie (der Analogieschluß) kann die Grundlage von Hypothesen
bilden. So geht die berühmte Urnebelhypothese von Laplace auf die Analogie
zurück, welche er in der Richtung der kreisförmigen Bewegung der Planeten uni
die Sonne, der Bewegung der Trabanten um die Planeten und der Drehung der
Planeten um ihre Achse beobachtete. Er schloß also von der sich in diesen
Bewegungen äußernden Analogie auf ihren gemeinsamen Ursprung.
3. John Maynard Keynes sagt: „Die wissenschaftliche Methode strebt
hauptsächlich nach Mitteln, uni die bekannte Analogie so weit zu steigern,
daß wir die reine Induktion möglichst entbehren können.
Nun beruht die „reine Induktion“ auf einer einfachen Aufzählung; sie ist im
wesentlichen nur ein Schluß auf der Grundlage von statistisch erfaßten
empirischen Daten. Danach würde man z. B. sagen: Da Johann ein Mensch ist
und gestorben ist, da Peter ein Mensch ist und gestorben ist, da Michael ein
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
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Mensch ist und gestorben ist usw., ist der Mensch sterblich. Die Stärke dieses
Argumentes hängt ab von der Zahl oder Quantität der durch Erfahrung
bekannten Tatsachen. Die Methode der Analogie dagegen fügt der Quantität
das qualitative Element hinzu, das von inhaltlicher Tragweite ist.
Hier ein Beispiel für einen Analogieschluß: Andreas ist aus Materie, Energie
und Bewußtsein gebildet. Da die Materie nicht mit seinem Tode verschwindet,
sondern lediglich ihre Form wechselt; da die Energie nicht verschwindet,
sondern nur die Art ihrer Aktivität ändert, kann auch das Bewußtsein von
Andreas nicht einfach verschwinden, sondern es muß seine Form und seine Art
oder Ebene der Aktivität ändern. Also ist Andreas unsterblich.
Dieses Argument beruht auf der Formel des Hermes Trismegistos: Was
unten ist (Materie, Energie), ist wie das, was oben ist (Bewußtsein). Wenn es also
ein Gesetz von der Erhaltung der Materie und der Energie gibt (obwohl die
Materie sich in Energie umwandelt und umgekehrt), so muß notwendigerweise
auch ein Gesetz bestehen von der Erhaltung des Bewußtseins oder von der
Unsterblichkeit.
Nach Keynes ist es das Ideal der Wissenschaft, Mittel zu finden, um die
Tragweite von bekannten Analogien so weit zu treiben, bis man ohne die
hypothetische Methode der reinen Induktion auskommen kann, d. h., bis
man in der Lage ist, die wissenschaftliche Methode in reine Analogie
umzuwandeln, die auf reiner Erfahrung beruht ohne hypothetische Elemente,
wie sie der reinen Induktion immanent sind. Dank der Methode der
Analogie macht die Wissenschaft ihre Entdeckungen (indem sie vom
Bekannten zum Unbekannten fortschreitet), bildet sie ihre fruchtbaren
Hypothesen und verfolgt sie ein leitendes methodisches Ziel. Die Analogie ist
ihr Anfang und Ende, ihr Alpha und Omega.
In der spekulativen Philosophie und der Metaphysik kommt der Analogie
dieselbe Rolle zu. Alle Schlußfolgerungen von metaphysischer Tragweite
beruhen einzig und allein auf der Analogie, d.h. der Entsprechung von
Mensch, Natur und der intelligiblen oder metaphysischen Welt. So bedienen
sich die beiden Hauptautoritäten der methodischsten und diszipliniertesten
Philosophie – der mittelalterlichen Scholastik –, der hl. Thomas von Aquin
und der hl. Bonaventura (der eine Repräsentant des Aristotelismus und der
andere Vertreter des Platonismus in der christlichen Philosophie), nicht nur der
Analogie, sondern sie weisen ihr auch eine sehr wichtige theoretische Rolle
in ihren Lehren zu. Der hl. Thomas stellt die Lehre von der „Analogia entis –
der Analogie des Seins“ auf, die der Hauptschlüssel seiner Philosophie ist. Der
hl. Bonaventura interpretiert in seiner Lehre von der „Signatura rerum“ die
ganze sichtbare Welt als Symbol der unsichtbaren Welt. Für ihn ist die
sichtbare Welt nur eine andere Heilige Schrift, eine andere Offenbarung neben
derjenigen, die in der eigentlichen Heiligen Schrift enthalten ist:
„Et sic patet quod totus mundus est sicut unum speculum plenum luminibus
praesentantibus divinam sapientiam, et sicut carbo effundens lucem.
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
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„Und so ist offenbar, daß die ganze Welt wie ein einziger Spiegel ist, voll
von Lichtern, die die göttliche Weisheit darstellen, und wie eine
lichtsprühende Kohle.“
Nun sind der hl. Thomas und der hl. Bonaventura durch Sixtus V. im Jahre
1588 und von neuem 1879 durch Leo XIII. feierlich erklärt worden als:
„duae olivae et duae candelabra in domo Dei lucentia – zwei Ölbäume
und zwei strahlende Leuchter im Hause Gottes“.
Sie sehen also, lieber Unbekannter Freund, daß wir, Sie und ich, stolz
unseren Glauben an die Analogie bekennen und mit lauter Stimme die Formel
der von der Tradition geweihten „Tabula Smaragdina“ verkünden können,
ohne damit der Philosophie, der Wissenschaft und den öffentlichen Lehren der
Kirche gegenüber als untreu zu erscheinen. Wir können es mit gutem
Gewissen tun als Philosophen, als Gelehrte und als Katholiken. Es ist von
diesen drei Standpunkten aus nichts dagegen einzuwenden.
Die der Analogie erteilte Bestätigung kommt damit aber noch nicht an
ein Ende! Der Meister selbst hat sie ihr gegeben durch den Gebrauch, den
er von ihr gemacht hat. Sowohl die Gleichnisse als auch der Schluß „a
fortiori“, dessen er sich in seinem Zeugnis bediente, zeigen es. Die
Gleichnisse, welche „Symbole ad hoc“ sind, wären ohne Sinn und Nutzen,
wenn sie nicht Aussagen analoger Wahrheiten wären in der Sprache der
Analogie und wenn sie nicht an den Sinn der Analogie appellierten.
Was den Schluß „a fortiori – erst recht“ betrifft, so besteht seine ganze
Kraft in der Analogie, die seine Grundlage ist. Hier ein Beispiel für einen
Schluß „a fortiori“, das der Meister gebraucht:
„Wer von euch wird, wenn ihn sein Sohn um Brot bittet, ihm einen Stein
geben? Oder wenn er ihn um einen Fisch bittet, wird er ihm eine Schlange
geben? Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben zu geben
wißt, wieviel mehr wird euer Vater im Himmel denen Gutes geben, die ihn
bitten.“ (Mt 7, 9ff).
Hier haben wir die Analogie der menschlich-irdischen Elternschaft und
der himmlisch-göttlichen Elternschaft, auf der die Kraft des Schlusses „a
fortiori“ oder des „wieviel mehr“ beruht, den Schluß von der
unvollkommenen Erscheinung auf ihr ideales Urbild. Die Analogie des
irdischen Vaters und des himmlischen Vaters ist dabei das Wesentliche.
An diesem Punkt kann bei dem gewissenhaften Leser ein Gefühl des
Unbehagens auftauchen: es sind zwar viele Argumente und Autoritäten zur
Stütze der angeführten Methode der Analogie dargeboten, aber wie verhält es
sich mit den Argumenten gegen diese Methode, gegen ihre Schwächen und
Risiken?
Ohne Umschweife und in aller Offenheit muß zugegeben werden, daß
die Methode der Analogie viele negative Seiten, viele schwerwiegende
Gefahren, Irrtümer und Illusionen mit sich bringen kann. Das rührt daher,
daß sie ganz auf Erfahrung beruht und jede oberflächliche, unvollständige oder
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
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fehlerhafte Erfahrung zu genauso oberflächlichen, unvollständigen oder
fehlerhaften Analogieschlüssen führen muß. So hat man z. B., als man sich
zu schwacher Teleskope bediente, auf dem Mars „Kanäle“, gerade
fortlaufende Linien gesehen, und man hat mittels Analogie gefolgert, daß
diese „Kanäle“ künstlich sein müßten und daß folglich der Planet von
zivilisierten Wesen bewohnt wäre. Nun hat die spätere Vervollkommnung
der Teleskope und der exakten Beobachtung gezeigt, daß die „Kanäle“ gar
nicht fortlaufend sind, sondern daß sie Unterbrechungen aufweisen und daß
sie nicht geradlinig sind, wie es zunächst den Anschein hatte. Die Folgerung
mittels Analogie hatte also in diesem Fall keinen Wert wegen der
fehlerhaften Erfahrung, auf der sie basierte.
Hinsichtlich der okkulten Wissenschaften hat Gérard van Rijnberk eine
Tabelle der „astrologischen Entsprechungen des Tarot nach verschiedenen
Autoren“ veröffentlicht. Dort entspricht z. B. das siebte Kartenbild „Der
Wagen“ dem Zeichen der Zwillinge (nach Etteila), des Schützen (nach
Fomalhaut), der Zwillinge (nach Shoral), des Schützen (nach einem
anonymen Verfasser), dem Planeten Mars (nach Basilides), dem Planeten
Venus (nach Volguine), der Sonne (nach Ely Star), dem Zeichen Waage
(nach Snijders), dem Planeten Venus (nach Muchety), dem Zeichen Krebs
(nach Crowley) und dem Zeichen Zwillinge (nach Kurtzahn). Hier fällt
die Relativität der mit dem Mittel der Methode der Analogie gewonnenen
Entsprechungen besonders deutlich ins Auge.
Dagegen hat sich die durch dieselbe Methode festgestellte
Übereinstimmung der Entsprechungen zwischen den Metallen und den
Planeten bei den antiken, mittelalterlichen und modernen Autoren erhalten.
Die griechischen Astrologen des 4. Jahrhunderts v. Chr. nahmen, der
babylonischen Tradition folgend, wo das Gold der Sonne und dem Gott
Enl i l und das Si l ber dem Mond und dem Got t Anu, fol gende
Entsprechungen an: Gold-Sonne, Silber-Mond, Blei-Saturn, Zinn-Jupiter,
Eisen-Mars, Kupfer-Venus und Quecksilber-Merkur“. Diese
Entsprechungen, die auch von den Astrologen und Alchimisten des
Mittelalters angenommen wurden, sind noch heute von allen Autoren der
okkulten Wissenschaften und der Hermetik (einschließlich Rudolf Steiners
und der anderen anthroposophischen Autoren) anerkannt.
Ich erlaube mir, zur Frage der Allgemeingültigkeit dieser analogen
Entsprechungen zwischen Planeten und Metallen zu erklären, daß in den 44
Jahren meiner Studien und Erfahrungen auf diesem Gebiet auch ich durch
keine von ihnen dazu geführt wurde, das Bild besagter Entsprechungen in
irgendeiner Weise zu verändern; im Gegenteil haben sie zahlreiche – direkte
und indirekte – Beweise zur Bestätigung ihrer Wahrheit geliefert.
Man muß also folgern, daß die Methode der Analogie nicht unfehlbar ist,
daß sie aber zur Entdeckung wesentlicher Wahrheiten führen kann. Ihre
Brauchbarkeit und ihr Wert hängen von dem Umfang und der Exaktheit der
Erfahrung ab, auf welcher sie beruht.
Kehren wir nun zum Arcanum „Der Gaukler“ zurück.
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
37
Wie die Konzentration ohne Anstrengung ihren Ausdruck sowohl im
gesamten Bild wie in all seinen Einzelheiten findet und das praktische
Arcanum darstellt, findet sich dort auch die Methode der Analogie
ausgedrückt, welche das theoretische Arcanum darstellt. Denn auf der
intellektuellen Ebene betrachtet, entspricht die Praxis der Methode der
Analogie in allem der Praxis der Konzentration ohne Anstrengung. Sie
erscheint dort auch nicht als „Arbeit“, sondern vielmehr als „Spiel“.
Die Praxis der Analogie auf der intellektuellen Ebene erfordert in der Tat
keinerlei Anstrengung; entweder man bemerkt, „sieht“ die analogen
Entsprechungen, oder man bemerkt, „sieht“ sie nicht.
Wie der „Gaukler“ oder „Jongleur“ sich üben und lange arbeiten muß,
um die Fähigkeit der „Konzentration ohne Anstrengung“ zu erreichen, so muß
auch derjenige, der sich der Methode der Analogie auf der intellektuellen
Ebene bedient, viel gearbeitet, d. h. eine lange Erfahrung gesammelt und die
Lehren, die sie mit sich bringt, gezogen haben, bevor er die Fähigkeit der
unmittelbaren Wahrnehmung der analogen Entsprechungen besitzt, bevor er
ein „Gaukler“, ein „Jongleur“ wird, der sich der Analogie der Wesen und
der Dinge spielerisch und ohne Anstrengung bedient. Diese Fähigkeit bildet
einen wesentlichen Teil der Verwirklichung der Aufgabe, die der Meister
seinen Schülern eingeschärft hat: „Wahrlich, ich sage euch: Wer das Reich
Gottes nicht annimmt wie ein Kind, wird nicht hineingelangen.“ (Mk 10,
15).
Das kleine Kind „arbeitet“ nicht, es spielt. Aber wie ernsthaft ist es, wie
konzentriert, wenn es spielt! Seine Aufmerksamkeit ist noch ganz ungeteilt,
während sie bei demjenigen, der sich dem Reiche Gottes nähert, schon ganz
und ungeteilt wird. Darin liegt das Arcanum der intellektuellen Genialität: die
Schau der Einheit der Wesen und der Dinge durch die unmittelbare
Wahrnehmung ihrer Entsprechungen; durch ein Bewußtsein, das ohne
Anstrengung konzentriert ist.
Der Meister hat nicht gewollt, daß wir kindisch würden; was er wollte,
ist, daß wir jene Genialität von Herz und Verstand erreichen möchten, die
dem Verhalten des Kindes analog – nicht identisch – ist, eine Genialität,
die nur sanfte Lasten trägt und alle Joche leicht macht.
Der Gaukler stellt den Menschen dar, der die Harmonie und das
Gleichgewicht zwischen der Spontaneität des Unbewußten (in dem Sinne,
den ihm C. G. Jung gibt) und der gewollten Handlung des Bewußtseins (im
Sinne des bewußten „Ich“) erreicht hat.
Sein Bewußtseinszustand ist die Synthese des Bewußten und des
Unbewußten, der schöpferischen Spontaneität und der gewollten,
ausführenden Tätigkeit. Es ist der Bewußtseinszustand, den die
psychologische Schule von C. G. Jung „Individuation“ nennt oder „Synthese
des Bewußten und des Unbewußten“ (der beiden Elemente der
Persönlichkeit) oder ... „Synthese des Selbst“.
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
38
Diese Synthese ermöglicht die Konzentration ohne Anstrengung und die
intellektuelle Schau ohne Anstrengung, welche die praktischen und
theoretischen Aspekte jeglicher Fruchtbarkeit sowohl auf praktischem wie
intellektuellem Gebiet sind.
Friedrich Schiller scheint um dieses Arcanum gewußt zu haben, als er seine
Lehre von der Synthese zwischen dem intellektuellen Bewußtsein, das
schwere Lasten von Pflichten und Regeln auferlegt, und ... der instinktiven
Natur des Menschen im „Spieltrieb“ aufstellte. Das „Wahre“ und das
„Gewünschte“ sollen nach ihm ihre Synthese im „Schönen“ finden, denn nur
im „Schönen“ macht der „Spieltrieb“ die Last des „Wahren“ oder
„Gerechten“ leicht und erhebt gleichzeitig die Finsternis der instinktiven
Kräfte auf das Niveau des Bewußtseinslichtes. Mit anderen Worten,
derjenige, der die Schönheit dessen sieht, was er als wahr erkannt hat,
wird nicht verfehlen, es zu lieben – und indem er es liebt, verschwindet das
Element des Zwanges in der von dem Wahren vorgeschriebenen Pflicht:
Pflicht wird zur Neigung. So verwandelt sich Arbeit in Spiel, und die
Konzentration ohne Anstrengung wird möglich.
Indem das erste Arcanum, das Arcanum der praktischen und theoretischen
Fruchtbarkeit, aber die Wirksamkeit des ernsthaften. Spieles (was der ganze
Tarot ist) verkündet, enthält es zugleich eine ernste Warnung: es gibt Spiel
und Spiel; es gibt Gaukler und Gaukler. Wer darum fehlende Konzentration
mit „Konzentration ohne Anstrengung“ verwechselt und den Fluß von
einfachen gedanklichen Assoziationen mit der „Schau ohne Anstrengung“
von analogen Entsprechungen gleichsetzt, wird notwendigerweise ein
Scharlatan.
Das Arcanum des „Gauklers“ ist ein doppeltes; es hat zwei Aspekte: es
lädt uns ein auf den Pfad, der zur Genialität führt, und es warnt uns vor der
Gefahr des Pfades, der in die Scharlatanerie mündet.
Ich möchte hinzufügen, daß oft – ach, nur allzuoft! – die Lehrer des
Okkultismus beiden Pfaden zugleich folgen, und was sie lehren, enthält
Elemente des Genialen gemischt mit Elementen der Scharlatanerie. Möge
das erste Arcanum des Tarot uns daher immer als eine Art „Hüter der
Schwelle“ gegenwärtig sein; möge es uns einladen, die Schwelle der Arbeit und
Bemühung zu überschreiten, um in die Handlung ohne Anstrengung und in
die Erkenntnis ohne Anstrengung hineinzufinden; möge es uns aber
zugleich auch darauf hinweisen, daß, je mehr wir jenseits der Schwelle
vorangehen, um so mehr Arbeit, Bemühung und Erfahrung diesseits der
Schwelle unerläßlich sind, um die wirkliche Wahrheit zu erreichen. Möge
der „Gaukler“ uns sagen und es jeden Tag wiederholen:
„Wahrnehmen und wissen, versuchen und können sind verschiedene
Dinge. Es gibt Luftspiegelungen und Trugbilder oben, wie es
Luftspiegelungen und Trugbilder unten gibt; du weißt nur, was sich durch die
Übereinstimmung aller Formen der Erfahrung in ihrer Gesamtheit
bewahrheitet – Erfahrung der Sinne, moralische Erfahrung, psychische
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
39
Erfahrung, übereinstimmende Erfahrung mit anderen Suchern der
Wahrheit, Erfahrung endlich derjenigen, deren Wissen die Bezeichnung
Weisheit verdient hat und deren Wollen durch die Würde der Heiligkeit
gekrönt worden ist. Akademie und Kirche stellen die methodischen und
moralischen Bedingungen für denjenigen auf, der vorwärtskommen möchte.
Erfülle sie streng, vor und nach jedem Flug in die Region oberhalb des
Bereiches der Arbeit und der Bemühung. Wenn du das tust, wirst du zum
Weisen und Magier. Tust du es nicht, wirst du nur ein Scharlatan.“
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
40
ANHANG ZUM 1. BRIEF
Historische Anmerkung über die „Tabula Smaragdina“
Hier folgt der lateinische Text der „Tabula Smaragdina“, der seit dem hl.
Albert dem Großen bekannt ist:
Versio Tabulae Smaragdinae Hermetis
Qualis ea vulgo Latino Idiomate, e Phoenicio expressa circumferetur.
Verba. secretorum Hermetis Trismegisti
1. Verum, sine ihendacio, certum et verissimum.
2. Quod est inferius, est sicut (id) quod est superius, et quod est superius, est
sicut (id) quod est inferius, ad perpetranda miracula rei unius.
3. Et sicut omnes res fuerunt ab uno, meditationel
9
unius: sic omnes res natae
fuerunt ab hac una re, adaptatione
20
.
4. Pater eius est Sol, mater eius Luna; portavit illud vertus in ventre suo;
nutrix eius terra est.
5. Pater omnis thelesmi totius mundi est hic.
6. Vis (virtus) eius integra est, si versa fuerit in terram.
7. Separabis terram ab igue, subtile a spisso, suaviter cum magno ingenio.
8. Ascendit a terra in caelum, iterumque descendit in terrain, et recipit vim
superiorum et inferiorum. Sic habebis gloriam totius mundi. Ideo fugiat
(fugiet) a te omnis obscuritas.
9. Hic (Haec) est totius fortitudinis fortitudo fortin: quia vincet omnem rem
subtilem, omnemque solidam
21
penetrabit.
10. Sic mundus creatus est.
11. Hinc adaptationes erunt mirabiles, quarum modus est hic.
12. Itaque vocatus sum Hermes Trismegistos, habens tres partes Philosophiae
totius mundi.
13. Completum est quod dixi de operatione Solis.
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
41
1. Wahr, ohne Lüge, sicher und vollkommen wahrhaftig.
2. ‘Was unten ist, ist wie das, was oben ist, und was oben ist, ist wie das,
was unten ist, um die Wunder des Einen zu vollbringen.
3. Und wie alle Dinge aus Einem gewesen und gekommen sind durch
die Meditation des Einen, so sind alle Dinge von diesem Einen durch
Anpassung geboren.
4. Sein Vater ist die Sonne, seine Mutter ist der Mond; der Wind hat es
in seinem Schoß getragen; seine Ernährerin ist die Erde.
5. Der Vater von allem Grundwillen der ganzen Welt ist hier.
6. Seine Kraft ist vollständig, wenn sie in die Erde umgewandelt sein
wird.
7. Du wirst die Erde vom Feuer trennen, das Feine vom Groben, sanft,
mit großer Geschicklichkeit.
8. (Der Grundwille) steigt von der Erde auf zum Himmel, und er steigt
wieder herab zur Erde, und er empfängt die Kraft der oberen und unteren
Dinge. Auf diese Weise wirst du den Ruhm der ganzen Welt erlangen.
Darum wird alle Dunkelheit vor dir fliehen.
9. Dies ist die starke Kraft aller Kraft: denn sie wird alles Feine besiegen
und alles Feste durchdringen.
10. So ist die Welt erschaffen worden.
11. Daher wird es wunderbare Angleichungen geben, deren Art und Weise
sich hier findet.
12. Darum bin ich Hermes Trismegistos genannt worden, weil ich die drei
Teile der Philosophie der ganzen Welt besitze.
13. Erfüllt ist, was ich von dem Wirken der Sonne gesagt habe.
(Im Zusammenhang mit Interpretationen dieses Textes im Verlauf der
folgenden Meditationen finden sich verschiedene abweichende, aus dem
Französischen übertragene Übersetzungen des Autors.)
Da der obi ge Text i m West en erst sei t Al bert dem Großen
(1193/1206-1280) bekannt ist und da kein anderer Text oder ein Manuskript
früheren Datums durch die Jahrhunderte hindurch gefunden werden konnte,
waren die Historiker am Anfang dieses Jahrhunderts der Ansicht, daß
Albert der Große der Verfasser der „Tabula Smaragdina“ sei. Man hatte sie
vorher für eine Apokryphe gehalten, nicht allein hinsichtlich ihrer Echtheit
als ein Werk des Hermes Trismegistos, sondern auch vorn Standpunkt ihrer
inhaltlichen Echtheit als eine Schrift, die es verdient, in das „Corpus
Hermeticum“ aufgenommen zu werden – eine Sammlung apokrypher Texte
der ersten Jahrhunderte unserer Zeitrechnung, die einem unter dem Namen
(oder Pseudonym) Hermes Trismegistos bekannten Verfasser zugeschrieben
werden. Nun ist der Text der „Tabula Smaragdina“ nicht in der als am
vollständigsten betrachteten Ausgabe des „Corpus Hermeticum“ von Walter
Scottu enthalten. Scott schreibt folgendes:
„... es gibt eine Kategorie von Schriften, die über Astrologie, Magie,
Alchimie und ähnliche Formen der Pseudo-Wissenschaften handeln ... die
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
42
auch Hermes Trismegistos zugeschrieben werden ... eine Menge Schund.“
Das Kriterium, dessen Scott sich bedient, um festzustellen, ob eine dem
Hermes Trismegistos zugeschriebene Schrift in das „Corpus Hermeticum“
aufzunehmen ist oder nicht, besteht darin, ob sie religiöse und
philosophische Probleme behandelt oder solche der Natur („auf pseudo-
wissenschaftliche Art“). Anders gesagt, gehören die Schriften, welche
Probleme der Religion und der Philosophie behandeln, zum „Corpus
Hermeticum“, während die anderen nicht würdig sind, dort aufgenommen
zu werden. Indessen sagt Hermes selbst:
„Ich habe wohl im Auge, daß mehrere meiner Schriften an ihn (Ammon)
gerichtet sind, und auch daß mehrere meiner Abhandlungen über die Natur ...
an Thot gerichtet sind.“
Wie kann man sich erlauben, alle Schriften über die Natur
zurückzuweisen und allein die Kategorie „an Ammon gerichtet“ als
authentisch zu betrachten, wenn man von der Tatsache weiß, daß der
Verfasser einer Schrift („Asclepius“), die man als authentisch in das
„Corpus Hermeticum“ aufgenommen hat, ausdrücklich bekanntgegeben
hat, daß er der Verfasser einer anderen Kategorie von Schriften ist, nämlich
derjenigen, welche die Natur behandeln?
Was die „Tabula Smaragdina” betrifft, so fällt die Verwandtschaft der
Ideen mit dem besagten „Asclepius“ ins Auge. So sagt z. B. Hermes:
„Die Luft dringt in die Erde und in das Wasser ein, und das Feuer
dringt in die Luft ein. Nur was nach oben tendiert, gibt Leben, und was
nach unten tendiert, ist dem untergeordnet. Außerdem ist alles, was von
oben herabsteigt, zur Zeugung fähig, und was heraufsteigt und seinen
Ursprung unten hat, ist ernährend. Die Erde, die allein ihren eigenen Platz
beständig bewahrt, empfängt alles, was zeugt, und gibt alles zurück, was
sie erhalten hat.“
Warum sollen diese Ideen als „mehr religiös“ und „philosophisch“
betrachtet werden als die der „Tabula Smaragdina“? Auch diese spricht
von der Bewegung von unten nach oben und von der Zeugung durch den
Vater Sonne und die Mutter Mond, sowie von der ernährenden Aufgabe der
Erde!
Vielleicht kommt es daher, daß kein Text der „Tabula Smaragdina“ vor
dem 13. Jahrhundert gefunden wurde?
Nun veröffentlichen die „Heidelberger Akten der Von-Portheim-
Stiftung“, IV, ein Werk von Julius Ruska, Tabula Smaragdina.
Dieses Buch enthält G. Bergsträssers Beschreibung eines Manuskriptes in
arabischer Sprache. Es umfaßt 97 Blätter; 25 enthalten die Geschichte von
Joseph, 40 eine chemische Abhandlung, die als Zusammenfassung den Text
der „Tabula Smaragdina“ enthält (in Arabisch, wie das ganze
Manuskript), dann folgen 32 anderen Gegenständen gewidmete Blätter,
namentlich Berichte über den Kalender des Propheten Daniel. Die
chemische Abhandlung soll von einem Priester namens Sagijus von
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
43
Nabulus geschrieben sein, deren Inhalt von Meister Balinas dem Weisen
(welches der arabische Name für Apollonius von Tyana ist), herrühren soll,
der es selbst in einem unterirdischen Gemach entdeckt haben will. Hier die
Übersetzung des arabischen Textes der „Tabula Smaragdina“, wie sie sich
in dem Manuskript von G. Bergsträssern findet:
„Über das, was der Priester Sagijus aus Nabulus über sein (d. h. des
Balinas) Betreten der dunklen Kammer diktiert hat.
Als ich die Kammer betreten hatte, über welcher der Talisman angebracht
war, gelangte ich zu einem Greis, auf einem Thron von Gold sitzend, in
seiner Hand eine Tafel von Smaragd. Und siehe, es war Syrisch, in der
Ursprache, darauf geschrieben:
1. Darin (ist) eine wahre Erklärung, an der man nicht zweifeln kann.
2. Sie besagt: Das Oberste (kommt) vom Untersten, und das Unterste
vom Obersten, das Werk der Wunder von Einem.
3. Und es haben sich die Dinge aus diesem Grundstoff durch ein einziges
Verfahren (gebildet). Wie wunderbar ist doch sein Werk! Er ist das Haupt
(Prinzip) der Welt und ihr Erhalter.
4. Sein Vater ist die Sonne und seine Mutter der Mond; der Wind hat
ihn in seinem Leib getragen, und die Erde hat ihn ernährt.
5. (Er ist) der Vater der Talismane und Bewahrer der Wunder,
6. Dessen Kräfte vollkommen, dessen Lichter bestätigt sind (?),
7. Ein Feuer, das zu Erde wird. Nimm die Erde vom Feuer weg, so wird
dir das Feine anhaftender als das Grobe, mit Vorsicht und Weisheit.
8. Er steigt von der Erde zum Himmel auf, um die Lichter von der Höhe
an sich zu reißen, und kommt (wieder) herab zur Erde, in- dem in ihm die
Kraft des Obersten und des Untersten ist, weil mit ihm das Licht der
Lichter (ist), so daß vor ihm die Finsternis flieht.
9. (Er ist) die Kraft der Kräfte, die jedes feine Ding überwältigt und in
jedes grobe eindringt.
10. Gemäß dem Bau der großen Welt ist der Bau der kleinen Welt.
11. Und danach verfahren die Gelehrten.
12. Und darauf hat Hermes abgezielt, der dreifach mit Weisheit Begnadete.
13. Und dies ist sein letztes Buch, das er in der Kammer verbarg.“
Julius Ruska ist aber nicht der einzige, der den arabischen Text der
„Tabula Smaragdina“ entdeckt hat. Der Verfasser der „Alchimie“ gibt an, daß
er einen gekürzten Text der „Tabula Smaragdina“ in Arabisch gefunden hat.
Dieser Text gehört zu dem „Zweiten Buch über das Grundelement“ von Jabir
oder Geber (722-815). Vor dieser Entdeckung, die 1923 gemacht wurde,
kannte man nur den Text in mittelalterlichem Latein. Später wurde eine
andere Variante in Arabisch von Ruska in einem dem Apollonius
zugeschriebenen Buch entdeckt: „Das Geheimnis der Schöpfung“. Jabir oder
Geber erklärt selbst, indem er den Text der Tabula vorbringt, daß er
Apollonius zitiere. Nun hat Kraus nachgewiesen, daß „Das Geheimnis der
Schöpfung“ wenigstens in seiner Endausgabe während des Kaliphats von Al-
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
44
Ma’Mun (813-833) geschrieben wurde und daß es Parallelen aufweist mit
einem zur selben Zeit geschriebenen Buch von Job von Edessa; dieser war ein
Gelehrter, dessen Übersetzungen aus dem Syrischen in das Arabische das Lob
eines so strengen Kritikers wie Hunain Ibn Ishaq hervorriefen. Es ist also
wahrscheinlich, daß, selbst wenn Job nicht „Das Geheimnis der Schöpfung“
geschrieben hat, sowohl er als auch der Verfasser besagter Abhandlung aus
älteren und identischen Quellen geschöpft haben. Kraus hat nachgewiesen, daß
eine dieser Quellen die Schriften des Nemesius waren, eines Bischofs von
Emesa (Horns) in Syrien um die 2. Hälfte des 4. Jahrhunderts. Nemesius
schrieb in Griechisch, aber sein Buch „Über die Natur des Menschen“ enthält
die Tabula nicht.
Zusammenfassend kann man schließen, daß die älteste bekannte Form der
Tabula, nämlich die in Arabisch, wahrscheinlich eine Übersetzung aus dem
Syrischen war, daß sie aber auch ein griechisches Original als Grundlage
haben kann. Ob dieses Original bis auf die Zeit von Apollonius zurückgeht,
ist ein unlösbares Problem.
Der gegenwärtige Stand der historischen Forschung über die „Tabula
Smaragdina“ ist daher folgender: Sie war als Übersetzung aus dem Syrischen
in Arabien im Anfang des 9. Jahrhunderts bekannt; es existieren von ihr zwei
arabische Varianten; nichts spricht gegen die arabische Überlieferung, nach
welcher die „Tabula Smaragdina“ aus dem Syrischen übersetzt wurde, und
ebenso spricht auch nichts gegen die Überlieferung, daß sie von Apollonius
herrührt.
Man kann hinzufügen: Wenn nichts dagegen spricht, daß sie von
Apollonius herrührt, dann spricht auch nichts gegen die Überlieferung, daß
Apollonius seinerseits sie auf die von dem Priester Sagijus von Nabulus
beschriebene Art gefunden hat.
Wie dem auch sei, es ist zunächst gewiß, daß die Tabula bedeutend älteren
Ursprungs ist, als man bis 1923 geglaubt hatte, und folglich ist Grund
vorhanden, die Meinung nochmals zu überprüfen, nach der sie unwürdig sei, in
das „Corpus Hermeticum“ aufgenommen zu werden.
Was uns betrifft, so haben wir genügend Gründe – sowohl subjektive wie
objektive –, in foro interno sicher zu sein und nicht zu zweifeln, daß die
„Tabula Smaragdina“ das einzige absolut authentische Stück des ganzen
„Corpus Hermeticum“ ist, und dies in dem Sinne, daß ihr Verfasser weder der
„dritte“ Hermes noch der „zweite“ ist, sondern der erste, d. h. der Begründer
der hermetischen Tradition überhaupt, deren bedeutendste Glieder (nach
Ficinus 1471) Hermes Trismegistos – Orpheus – Pythagoras – Philolaus („Divi
Platonis nostri praeceptor“) – Platon – die Neopythagoräer (Apollonius) und die
Neuplatoniker (Plotin) sind.
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
45
Zweiter Brief
DIE PÄPSTIN
Das Arcanum der Gnosis
Widerspiegelung der mystischen Erfahrung – Offenbarung und Tradition –
Wiedergeburt aus Wasser und Geist – Die Zweiheit – Einweihung vor und
nach Christus – Primat des Seins oder der Liebe? – Die Gabe der Tränen –
Verzauberung durch philosophische Systeme – Das männliche und das
weibliche Prinzip – Geburt von Traditionen – Der kontemplative Sinn –
Horizontale und vertikale Erinnerung – Die Schöpfung der Welt.
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
46
DIE PÄPSTIN
Das Arcanum der Gnosis
„Die Weisheit hat ihr Haus gebaut,
hat ihre sieben Säulen aufgerichtet“ (Spr 9, 1).
Lieber Unbekannter Freund,
wie im vorhergehenden Brief dargelegt wurde, ist „Der Gaukler“ das
Arcanum der intellektuellen und Herzensgenialität – das Arcanum der wahren
Spontaneität. Die „Konzentration ohne Anstrengung“ und die „Wahrnehmung
der Entsprechungen“ im Einklang mit dem Gesetz der Analogie sind die
hauptsächlichen Implikationen dieses Arcanums der spirituellen Fruchtbarkeit,
des Arcanums des reinen Erkenntnisaktes.
Der reine Akt ist aber wie Feuer oder Wind: er erscheint und verschwindet,
und nachdem er sich erschöpft hat, macht er einem anderen Akt Platz.
„Der Wind weht, wo er will; und du hörst sein Sausen; aber du weißt nicht,
woher er kommt, noch wohin er geht. So verhält es sich mit jedem, der aus dein
Geist geboren ist“ (Jo 3, 8).
Der reine Akt ist in sich selbst ungreifbar; nur dessen Spiegelung macht ihn
wahrnehmbar, vergleichbar und verstehbar, oder mit anderen Worten: dank der
Spiegelung werden wir seiner bewußt. Die Spiegelung des reinen Aktes
erzeugt seine innere Vergegenwärtigung; diese wird im Gedächtnis
behalten; das Gedächtnis wird zur Quelle des Mitteilbaren durch das Mittel
des Wortes; und das mitteilbare Wort wird festgehalten durch das Mittel
der Schrift, indem es das „Buch“ hervorbringt.
Das zweite Arcanum „Die Päpstin“ ist das der Spiegelung des reinen Aktes
des ersten Arcanums, bis er „Buch“ wird. Es lehrt uns, wie Feuer und Wind zu
Wissenschaft und Buch werden oder, mit anderen Worten, „wie die Weisheit
ihr Haus baut“.
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
47
Wie wir soeben gezeigt haben, kommt man zum Bewußtsein des reinen
geistigen Aktes nur durch das Mittel seiner Spiegelung. Wir benötigen einen
inneren Spiegel, uni des reinen Aktes bewußt zu werden oder um zu wissen,
„woher er kommt und wohin er geht“. Das Wehen des Geistes – oder die reine
geistige Handlung – ist wohl ein Ereignis, aber es genügt nicht für sich allein,
damit wir seiner bewußt werden. Das Bewußtsein („conscience“) ist die
Resultante von zwei Prinzipien, des aktiv handelnden und des passiv
widerspiegelnden Prinzips. Um zu „wissen“, woher der Hauch kommt und
wohin er geht, bedarf es jenes Wassers, das ihn widerspiegelt. Darum nennt der
Meister in seiner Unterredung mit Nikodemus, auf die wir uns schon berufen
haben, die absolute Bedingung der bewußten Erfahrung des göttlichen Hauches
– oder des Reiches Gottes:
„Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wer nicht aus Wasser und Geist geboren
wird, kann nicht in das Reich Gottes eingehen“ (Jo 3,5).
„Wahrlich, wahrlich“ – der Meister wiederholt das Wort „wahrlich“ als
mantrische, d. h. magische Formel von der Wirklichkeit des Bewußtseins. Er
sagt durch diese Worte aus, daß das volle Bewußtsein der Wahrheit aus der
eingehauchten und der widergespiegelten Wahrheit resultiert. Das wieder in
seinen wahren Rang eingesetzte, reintegrierte Bewußtsein, welches das Reich
Gottes ist, setzt zwei Erneuerungen, die in ihrer Bedeutung einer Geburt
gleichkommen, in den beiden konstitutiven Elementen des Bewußtseins voraus
– im aktiven Geist und im reflektierenden Wasser. Der Geist soll göttlicher
Hauch werden anstelle der willkürlichen persönlichen Aktivität; und das
Wasser soll ein vollkommener Spiegel dieses göttlichen Hauches werden,
anstatt von der Wirrnis persönlicher Phantasien, von Leidenschaften und
Wünschen aufgerührt und getrübt zu sein. Das reintegrierte Bewußtsein muß
aus Wasser und Geist geboren werden, nachdem das Wasser wieder
jungfräulich und der Geist zum göttlichen Hauch oder Heiligen Geist geworden
ist. Das wieder in seinen wahren Rang eingesetzte Bewußtsein wird daher im
Innern der menschlichen Seele auf eine Art und Weise geboren, die der
Geburt oder der historischen Fleischwerdung des Wortes analog ist:
„Et incarnatus est de Spiritu Sancto ex Maria Virgine – Er hat Fleisch
angenommen durch den Heiligen Geist von der Jungfrau Maria und ist
Mensch geworden.“
Die Wiedergeburt aus Wasser und Geist, welche der Meister den
Nikodemus lehrt, ist die Wiederherstellung des Zustandes des nicht
gefallenen Bewußtseins, in welchem der Geist göttlicher Hauch war und
worin dieser Hauch gespiegelt wurde durch die jungfräuliche Natur. Dies ist
der christliche „Yoga“. Sein Ziel ist nicht die „radikale Befreiung“ (mukti),
d. h. der Bewußtseinszustand ohne Hauch und ohne Spiegelung, sondern
vielmehr derjenige der umfassenden und vollkommenen Reaktion auf das
göttliche Handeln – die Taufe mit Wasser und Geist. Diese beiden Arten der
Taufe bewirken die Reintegration der beiden konstitutiven Elemente des
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
48
Bewußtseins als solchem – des aktiven und des passiven Elementes. Es
gibt kein Bewußtsein ohne diese beiden Elemente, und die Unterdrückung
dieser Dualität mittels irgendeiner praktischen Methode, inspiriert durch das
Ideal der Einheit („Advaita” = Nicht-Dualität), muß notwendigerweise zur
Auslöschung zwar nicht des Seins, wohl aber des Bewußtseins führen. Das
wäre aber nicht eine „neue Geburt“ des Bewußtseins; vielmehr wäre es dessen
Rückkehr zum vorgeburtlichen, embryonalen kosmischen Zustand.
Dagegen sagt Plotin über die jeder Form und jedem Grad von Bewußtsein
zugrundeliegende Dualität, nämlich über das aktive Prinzip und seinen
Spiegel:
„So wie in derartigen Fällen nun bei Vorhandensein eines Spiegels das Abbild
zustande kommt, ist aber der Spiegel nicht vorhanden oder nicht im
richtigen Zustand, trotzdem doch das in Wirklichkeit vorhanden ist, von
dem jederzeit ein Abbild entstehen könnte – gleichermaßen treten beim
Menschen, wenn der seelische Bereich, an dem die Abbilder des Denkens
und des Geistes sichtbar werden, in ruhigem Zustand ist, diese Bilder an
ihm in Erscheinung und werden in gleichsam sinnlicher Wahrnehmung
erkannt, wobei die Erkenntnis vorangeht, daß es sich um Wirkungen des
Geistes und Denkens handelt. Wird dagegen dieser Seelenbereich
zerbrochen, weil das harmonische Gefüge des Leibes gestört wird, so denkt
der Gedanke und der Geist ohne solches Abbild, und dann verläuft das
Denken ohne Vorstellung.“
Dies ist die platonische Auffassung vom Bewußtsein; sie kann, wenn
man sie vertieft, als Einführung dienen in die nächtliche Unterhaltung des
Meisters mit Nikodemus über die Reintegration des Bewußtseins oder über
das Ziel des christlichen „Yoga“. Der christliche „Yoga“ strebt nicht ohne
weiteres nach der Einheit, sondern nach der Einheit der Zwei. Es ist sehr
wichtig, sich Rechenschaft abzulegen über die Einstellung, die man
gegenüber dem unendlich ernsten Problem der Einheit und der Zweiheit
eingenommen hat. Denn dieses Problem kann die Tür zu den wahrhaft
göttlichen Mysterien öffnen; es kann sie uns aber auch verschließen ...
vielleicht für immer, wer weiß? Alles hängt von seinem Verständnis ab. Wir
können uns für den Monismus entscheiden und uns sagen, daß es nur eine
einzige Substanz, ein einziges Sein gibt und geben kann, oder aber wir
können uns – angesichts der bedeutenden historischen und persönlichen
Erfahrung – für den Dualismus entscheiden und uns sagen, daß es zwei
Prinzipien in der Welt gibt – das Gute und das Böse, den Geist und die Materie
– und daß, wie unverständlich im Grunde diese Dualität auch sein mag, man
sie doch anerkennen muß als eine unbestreitbare Tatsache. Wir können uns
aber noch für einen dritten Standpunkt entscheiden, nämlich für die Liebe als
kosmisches Prinzip, welches die Dualität voraussetzt und deren nicht
substantielle, aber essentielle Einheit postuliert.
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
49
Diese drei Standpunkte bilden jeweils die Grundlage von:
Vedanta („Advaita“) und Spinozismus – Monismus;
Manichäismus und gewissen gnostischen Schulen – Dualismus;
judäisch-christlicher Strömung – Liebe.
Um diesem Problem mehr Klarheit und Präzision zu verleihen, sowie um
eine noch größere Tiefe zu erreichen, nehmen wir als Ausgangspunkt die
Ausführungen von Louis-Claude de Saint-Martin über die Zahl Zwei in seinem
Buch „Über die Zahlen“:
„Wir beginnen nun, um zu zeigen, wie sie (die Zahlen) im Grunde ihrer
Aktivität verbunden sind, den Lauf von der Einheit und der Zahl Zwei zu
betrachten. Wenn wir über eine wichtige Wahrheit nachsinnen wie etwa
über die Allmacht des Schöpfers, seine Majestät, seine Liebe, seine tiefen
Weisheitsschätze oder irgendein anderes seiner Attribute, bewegen wir uns
völlig in Richtung dieses höchsten Vorbildes aller Dinge; all unsere
Fähigkeiten neigen sich, um uns ganz mit ihm zu erfüllen, und wir machen
uns wirklich eins mit ihm. Das ist das aktive Bild der Einheit, und die Zahl
Eins ist in unseren Sprachen der Ausdruck dieser Einheit oder der unteilbaren
Vereinigung, die, innig zwischen allen Attributen dieser Einheit bestehend,
gleicherweise zwischen ihr und all ihren Geschöpfen bestehen sollte.
Wenn wir aber, nachdem wir all unsere Fähigkeiten der Kontemplation
zu dieser universalen Quelle emporgetragen haben, unsere Augen auf uns
selbst richten und uns mit unserer eigenen Kontemplation derart erfüllen,
daß wir uns als den Ursprung irgendeiner der Klarheiten oder der inneren
Befriedigungen betrachten, die diese Quelle uns verschafft hat, so stellen
wir von diesem Augenblick an zwei Zentren der Kontemplation auf, zwei
getrennte und gegnerische Prinzipien, zwei Grundlagen, die nicht verbunden
sind; kurzum, wir stellen zwei Einheiten auf, mit dem Unterschied, daß die
eine wirklich und die andere scheinbar ist.“
Dann fügt er hinzu:
„Denn das Sein durch die Mitte teilen heißt es in zwei Teile teilen, was
bedeutet, daß das Ganze zur Qualität der Hälfte oder des Halben gemacht
wird, und dies ist der wahre Ursprung der illegitimen Zweiheit ...“
„... Dieses Beispiel genügt, um uns die Geburt der Zahl Zwei, um uns den
Ursprung des Bösen zu zeigen ...“
Die Dualität bedeutet demnach die Aufstellung von zwei Zentren der
Kontemplation, von zwei getrennten und gegnerischen Prinzipien – das eine
wirklich und das andere scheinbar; und dort soll also der Ursprung des Bösen
liegen, welches nichts anderes ist als die illegitime Zweiheit.
Ist dies die einzig mögliche Interpretation der Dualität, der Zweiheit,
der Zahl Zwei? Gibt es nicht eine legitime Zweiheit? – Eine Zweiheit, die
keine Minderung der Einheit, sondern ihre qualitative Bereicherung
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
50
bedeutet?
Wenn wir auf die Vorstellung Saint-Martins von „zwei Zentren der
Kontemplation, die zwei getrennte und gegnerische Prinzipien“ sind,
zurückkommen, können wir uns fragen, ob sie denn notwendig getrennt
und gegnerisch sein müssen. Legt uns nicht schon der von Saint-Martin
gewählte Ausdruck „Kon-templation“ den Gedanken von zwei Zentren
nahe, die wie zwei vertikal übereinander angeordnete Augen die beiden
Aspekte der Wirklichkeit, den phänomenalen und den numenalen Aspekt,
gleichzeitig betrachten? Und daß dank dieser beiden Zentren oder „Augen“
wir Bewußtsein haben – oder haben können – „von dem, was oben ist, und
dem, was unten ist“? Könnte man zum Beispiel die Hauptformel der
„Tabula Smaragdina“ aussprechen, wenn man nur ein „Auge“ oder
Betrachtungszentrum hätte anstatt zwei?
Nun sagt das „Sepher Jetzirah – das Buch der Schöpfung“:
„Zwei, das ist der Hauch, der von dem Geist kommt: in ihm sind eingeprägt
und eingemeißelt die zweiundzwanzig Buchstaben, die indessen nur einen
einzigen Hauch bilden.“
Mit anderen Worten: Zwei, das ist der Hauch und seine Spiegelung, das ist der
Ursprung des „Buches der Offenbarung“, welches sowohl die Welt als auch
die Heilige Schrift ist. Zwei ist die Zahl des Bewußtseins vom Hauch und
seiner „eingeprägten und eingemeißelten“ Buchstaben. Es ist die Zahl der
Reintegration des Bewußtseins, welche der Meister den Ni kodemus lehrt,
durch das jungfräuliche Wasser und durch den Hauch des Heiligen Geistes.
Zwei ist all dies, und es ist noch mehr. Nicht nur ist die Zahl Zwei nicht
notwendigerweise die von Saint-Martin beschriebene „illegitime Zweiheit“,
sondern sie ist auch die Zahl der Liebe oder die grundlegende Bedingung
für die Liebe, die sie notwendigerweise voraussetzt und postuliert. Denn
Liebe ist unvorstellbar ohne den Liebenden und den Geliebten, ohne mich
und dich, ohne den einen und den anderen.
Wenn Gott nur Eins wäre und wenn er nicht die Welt geschaffen hätte,
würde er nicht der vom Meister geoffenbarte Gott sein, der Gott, von dem
der hl. Johannes sagt:
„Gott ist Liebe, und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott, und Gott
bleibt in ihm“ (1 Jo 4, 16).
Er würde es nicht sein, weil er niemanden lieben würde außer sich
selbst. Da dieses unmöglich ist unter dem Gesichtspunkt des Gottes der
Liebe, ist er dem menschlichen Bewußtsein offenbart als die ewige Trinität
des Hebenden, der lieht, des Geliebten, der liebt, und ihrer Liebe, die sie
liebt: Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Spüren Sie nicht auch, lieber Unbekannter Freund, jedesmal ein Gefühl
des Unbehagens, wenn Ihnen eine der Formeln begegnet, welche die
höchsten Attribute für die Personen der heiligen Dreifaltigkeit verkünden wie
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
51
„Macht, Weisheit, Liebe“ oder „Sein, Bewußtsein, Seligkeit“ (Sat-Chit-
Ananda)? Ich habe dieses Unbehagen immer empfunden, und erst später,
viele Jahre später, habe ich die Ursache dafür verstanden. Weil Gott Liebe
ist, läßt er keinen Vergleich zu, übertrifft er alles, sowohl die Macht als
auch die Weisheit und sogar das Sein. Man kann, wenn man will, von der
„Macht der Liebe“, der „Weisheit der Liebe“ und dem „Leben der Liebe“
sprechen, um eine Unterscheidung zwischen den drei Personen der heiligen
Dreifaltigkeit zu machen, aber man kann nicht auf derselben Ebene die
Liebe auf die eine Seite und Weisheit, Macht und Sein auf die andere Seite
setzen. Denn Gott ist Liebe, und die Liebe ist es, die Liebe allein, die durch
ihre Gegenwart der Macht, der Weisheit und dem Sein ihren Wert
zuerteilt. Denn Sein ohne Liebe ist ohne allen Wert. Sein ohne Liebe wäre
das entsetzlichste Leid – die Hölle selbst!
Die Liebe übersteigt also das Sein? – Wie kann man daran zweifeln nach der
Offenbarung dieser Wahrheit vor 19 Jahrhunderten durch das Mysterium
von Golgatha? „Was unten ist, ist wie das, was oben ist“ – Und das von
dem Fleisch gewordenen Gott aus Liebe dargebrachte Opfer seines Lebens
und seines irdischen Daseins, ist es nicht der Beweis für die Überlegenheit
der Liebe über das Sein? Und ist die Auferstehung nicht der Beweis für den
anderen Aspekt des Primats der Liebe über das Sein, d. h., daß die Liebe
nicht nur dem Sein übergeordnet ist, sondern es auch erzeugt und
wiederherstellt?
Das Problem des Primats des Seins oder der Liebe geht zurück bis ins
Altertum. Platon hat es aufgeworfen, als er sagte:
„Die Sonne, denke ich, wirst du sagen, verleihe dem Sichtbaren nicht nur
das Vermögen, gesehen zu werden, sondern auch das Werden und
Wachstum und Nahrung, unerachtet sie selbst nicht Werden ist.
Ebenso nun sage auch, daß dem Erkennbaren nicht nur das
Erkanntwerden von dem Guten komme, sondern auch das Sein und Wesen
habe es von ihm, obwohl das Gute selbst nicht das Sein ist, sondern noch
über das Sein an Würde und Kraft hinausragt.“
Und sieben Jahrhunderte später sagt Salustios (Salustius Secundus
Saturnius), der Freund des Kaisers Julian:
„Wenn die erste Ursache Seele wäre, würde alles beseelt sein; wenn sie
Intelligenz wäre, würde alles intelligent sein; wenn sie Sein wäre, würde
alles teilhaben am Sein. Da nun einige inne geworden sind, daß jedes Ding
am Sein teilhat, haben sie auch gedacht, daß das Sein die erste Ursache sei.
Wenn also die seienden Wesen nur Seiende wären und wenn sie nicht gut
wären, könnte ihre Behauptung wahr sein ... Wenn aber die seienden
Wesen nur wegen des Guten existieren und wenn sie teilhaben am Guten,
wird es notwendig, daß das erste Prinzip dem Sein übergeordnet ist und
daß es gut durch sich selbst ist. Hier haben wir dafür den größten Beweis:
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
52
die großmütigen Seelen verachten in der Tat um des Guten willen die
Fortdauer im Dasein, wenn sie für ihr Vaterland, ihre Freunde und die
Tugend bereit sind, sich der Gefahr auszusetzen.“
Der Primat des Guten (wobei das „Gute“ der philosophisch abstrakte
Begriff für die Wirklichkeit der Liebe ist) vor dem Sein ist schon von
Plotin behandelt worden; ebenso von Proklus und Dionysius Areopagita.
Der hl. Bonaventura hat versucht, den platonischen Primat des Guten mit
dem mosaischen Primat des Seins: „Ego sum qui sum“ (Ex 3, 14), der
zuerst von Johannes Damascenus und dann von Thomas von Aquin
bestätigt worden ist, zu versöhnen. Dieser letztere erklärt, daß unter allen
göttlichen Namen einer hervorragend Gott zu eigen ist: der Seiende, gerade
weil er nichts anderes als das Sein selbst bedeutet. Etienne Gilson schreibt
übereinstimmend mit dem hl. Thomas, Johannes Damascenus und Moses,
„daß das Sein das Prinzip einer metaphysischen unerschöpflichen
Fruchtbarkeit“ ist:
„Es gibt nur einen Gott, und dieser Gott ist das Seiende; das ist der Eckstein der
ganzen christlichen Philosophie; nicht Platon, auch nicht Aristoteles, Moses
hat ihn gesetzt.”
Welche Bedeutung hat also die Entscheidung für den Primat des Seins
oder den des Guten oder – nach dem hl. Johannes – den der Liebe?
Der Begriff des Seins ist neutral hinsichtlich des moralischen Lebens. Es ist
nicht nötig, eine Erfahrung des Guten und des Schönen zu besitzen, um zu ihm
zu gelangen. Schon die Erfahrung des Mineralreiches allein würde genügen,
um zu dem moralisch neutralen Begriff des Seins zu kommen. Denn das
Mineralreich ist. Darum ist der Begriff des Seins objektiv, d. h., er fordert
letztlich die allen Dingen zugrunde liegende Sache, die bleibende Substanz
hinter allen Erscheinungen.
Ich möchte Sie dazu auffordern, lieber Unbekannter Freund, einmal die
Augen zu schließen und sich genau Rechenschaft abzulegen über das Bild,
von dem dieser Begriff in ihrer intellektuellen Vorstellung begleitet wird.
Stoßen Sie dort nicht auf das unbestimmte Bild einer farb- und formlosen
Substanz, sehr ähnlich dem Wasser des Meeres? Aber welche auch Ihre
subjektive Vergegenwärtigung des Seins sein mag, der Begriff des Seins ist
moralisch indifferent und folglich in seinem Wesen naturalistisch. Es ist
irgend etwas Passives, das er enthält, etwas Gegebenes oder eine
unabänderliche Tatsache. Wenn Sie dagegen an die Liebe im johanneischen
Sinne denken oder an die platonische Idee des Guten, finden Sie sich
essentieller Aktivität gegenübergestellt, die hinsichtlich des moralischen
Lebens keineswegs neutral, sondern dessen Herz ist. Das Bild, welches diesen
Begriff reinen Geschehens begleitet, ist das des Feuers oder der Sonne (Platon
vergleicht die Idee des Guten mit der Sonne und ihr Licht mit der Wahrheit)
anstelle des Bildes eines unbestimmt Flüssigen.
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
53
Thales und Heraklit haben diese beiden verschiedenen Auffassungen
vertreten. Der eine sah im Wasser das Wesen der Dinge, der andere sah es im
Feuer. Hier aber steht an erster Stelle, daß die Idee des Guten und ihr Gipfel, die
Liebe, der Auffassung der Welt als eines moralischen Prozesses verdankt wird,
während die Idee des Seins und ihr Gipfel, Gott der Seiende, sich aus der
Auffassung der Welt als einer natürlichen Tatsache ergibt. Die Idee des Guten
(und der Liebe) ist in ihrem Wesen subjektiv. Um fähig zu sein, sie zu
erfassen, muß man unbedingt die Erfahrung des psychischen und spirituellen
Lebens gemacht haben, während – wie wir schon sagten – die Idee des Seins, da
sie in ihrem Wesen objektiv ist, nur einen gewissen Grad an äußerer
Erfahrung, der des Mineralreichs zum Beispiel, voraussetzt.
Die Folge der Wahl zwischen diesen beiden, ich möchte nicht sagen
„Standpunkten“, sondern vielmehr „Einstellungen“ der Seele besteht vor
allem darin, daß der eigentliche Charakter der praktischen mystischen
Erfahrung verschieden ist, je nachdem, wie diese Wahl ausfällt.
Wer das Sein erwählt, wird nach dem wirklichen Sein streben; und wer
die Liebe erwählt, strebt nach der Liebe. Nun findet man nur, was man
sucht. Der Sucher des wahren Seins wird zu der Erfahrung der Ruhe im
Sein gelangen, und da nicht zwei wahre Sein existieren können (die
„illegitime Zweiheit” Saint-Martins) oder zwei gleich ewige getrennte
Substanzen, sondern nur ein Sein und eine Substanz, wird man das Zentrum
des „falschen Seins“ unterdrücken, die Ahamkâra oder die Illusion der
gesonderten Existenz einer für sich bestehenden Substanz des Ichs. Das
Charakteristische dieses mystischen Pfades ist, daß man die Fähigkeit verliert
zu weinen. Ein vorgerückter Schüler des Yoga und des Vedanta hat für immer
trockene Augen, während die Meister der Kabbala nach dem Sohar viel und
oft weinen. Die christliche Mystik spricht ebenfalls von der „Gabe der
Tränen“ als von einem köstlichen Geschenk der göttlichen Gnade. Der
Meister weinte vor dem Grab des Lazarus. So ist das äußerlich
Charakteristische derjenigen, die den anderen mystischen Weg wählen,
den des Gottes der Liebe, daß sie die „Gabe der Tränen“ haben. Dies ist
durch das Wesen ihrer mystischen Erfahrung selbst bedingt. Ihre
Vereinigung mit dem Göttlichen ist nicht das Aufgehen ihres Seins im
göttlichen Sein, sondern vielmehr die Erfahrung des Hauches der göttlichen
Liebe, der Erleuchtung durch die göttliche Liebe und der Glut der
göttlichen Liebe. Für die Seele des Empfangenden ist das ein solch
wunderbares Erlebnis, daß sie ... weint. In dieser mystischen Erfahrung
begegnet das Feuer dem Feuer. Nichts erlischt dadurch in der
menschlichen Persönlichkeit, sondern im Gegenteil, alles in ihr entflammt.
Das ist die Erfahrung der „legitimen Zweiheit“ oder der Vereinigung von
zwei getrennten Substanzen in der einen einzigen Essenz. Die Substanzen
bleiben getrennt, damit sie nicht dessen beraubt werden, was das Köstlichste
in jeder Existenz, in jedem Dasein ist: die freie Verbindung in der Liebe.
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
54
Ich sagte soeben „zwei Substanzen“ und „eine Essenz“. Man muß gut den
Sinn dieser beiden Ausdrücke erfassen. Substanz (substantia) und Essenz
(essentia), deren genaue Unterscheidung sich heute fast verwischt hat.
Trotzdem bezeichneten diese beiden Ausdrücke früher nicht nur zwei
unterschiedliche Ordnungen von Gedanken und Ideen, sondern auch zwei
verschiedene Arten der Existenz und sogar des Bewußtseins.
Platon stellt den Unterschied fest zwischen einai (είναι – sein) und usia
(ούσία – Wesen, Essenz). „Sein“ bedeutet bei ihm die Tatsache der Existenz
als solcher, während „Essenz“ die den Ideen verdankte Existenz bezeichnet.
„Alles, was Existenz hat, hat Essenz durch seine Teilhabe an den Ideen, die
die Essenzen selbst sind. Der Ausdruck Essenz bedeutet also für uns nicht
die abstrakte Existenz, sondern die Realität der Idee.”
Essenz (essentia, usia) bezeichnet den positiven Akt, durch den das Sein ist
(in der Kabbala würde man sagen: den Akt der Emanation der ersten Sephira
Kether – der der göttliche Name היחא [„Eyeh – Ich bin“] entspricht – den Akt
des En-Soph, des Unbegrenzten):
„... gerade wie wenn ‚esse’ das Partizip Präsens Aktiv ,essens’ zeugen könnte,
wovon sich dann „essentia“ ableiten würde.«
So kommt der Ausdruck essentia nur Gott allein zu, alles andere tritt
zurück in die Kategorie der Substanzen, wie der Kirchenvater Augustinus als
Platoniker sagt:
„... manifestum est Deum abusive substantiam vocari, ut nomine usitatiore
intelligetur essentia, quod vere ac proprie dicitur; ita ut fortasse solum Deum
dici oporteat essentiam.“
„Es ist daher klar, daß es ein Mißbrauch ist, Gott Substanz zu nennen. Man
will dabei nur ein gebräuchlicheres Wort verwenden zur Bezeichnung dessen,
was das Wort Essenz (Wesen) besagen will. Dieses kann man im wahren und
eigentlichen Sinn von Gott gebrauchen. Ja, vielleicht darf Gott allein. Essenz
(Wesen) genannt werden.“
Die Unterscheidung zwischen Substanz und Essenz, zwischen Realität und
Idealität, zwischen Sein und Liebe (oder der Idee des Guten) oder zwischen
Dem, der ist und En-Soph, ist auch der Schlüssel zum Evangelium des
Johannes:
„Gott hat niemand jemals gesehen. Der eingeborene Sohn, der an der Brust des
Vaters ruht, er hat Kunde gebracht“ (Jo 1, 18).
„Niemand hat Gott jemals gesehen“, d. h., niemand hat Gott je von Angesicht
zu Angesicht geschaut und dabei seine Persönlichkeit bewahrt. Denn „sehen“
bedeutet „wahrnehmen, indem man sich dem gegenüber befindet, das man
wahrnimmt“. Es gab zweifellos vor Jesus Christus zahlreiche Beispiele der
Gotteserfahrung, sei es im „Ergriffenwerden von Gott“ (Erfahrung der
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
55
Propheten), sei es im „Versenktsein in Gott“ (Erfahrung der alten Yogis
und Mystiker), sei es im „Schauen seiner Offenbarung in seinem Werk, der
Welt“ (Erfahrung der alten Weisen und Philosophen); aber niemand hat Gott
je gesehen; denn weder die Inspiration der Propheten noch die Versenkung
der Mystiker in Gott, noch das Betrachten Gottes im Spiegel der Schöpfung
durch die Weisen sind gleichwertig mit der neuen Erfahrung der „Schau“
(visio) Gottes – der „beseligenden Schau“ (visio beatifica) der christlichen
Theologie. Denn diese „Schau“ geschieht im Bereich der alle Substanz
transzendierenden Essenz; da ist keine Verschmelzung, sondern eine Begegnung
im Bereich der Essenz, in welcher die menschliche Persönlichkeit (das
Ichbewußtsein) nicht nur unversehrt und unbehindert bleibt, sondern darüber
hinaus „wird, was sie ist“, d. h. wahrhaft sie selbst wird – so wie der Gedanke
Gottes sie gedacht von Ewigkeit her. Wenn man das Wort des hl. Johannes in
dieser Weise auffaßt, wird auch das Wort des Meisters im selben Evangelium
verständlich:
„Alle, die vor mir gekommen sind, sind Diebe und Räuber“ (Jo 10, 8).
Es liegt ein tiefes Mysterium in diesem Wort. In der Tat, wie soll man es
verstehen neben den zahlreichen anderen Worten des Meisters, die sich auf
Moses, David und die Propheten beziehen, die alle vor ihm waren? Nun
handelt es sich in diesem Ausspruch nicht um Diebstahl und Raub im
wörtlichen Sinne, sondern um das Prinzip der Einweihung vor und nach Jesus
Christus.
Die Meister vor der Ankunft lehrten die Erfahrung Gottes auf Kosten der
Persönlichkeit, die herabgedämpft sein mußte, wenn sie von Gott „ergriffen“
oder in Gott „versenkt“ war. In diesem Sinne, im Sinne der Minderung oder
Steigerung des den Menschen anvertrauten „goldenen Talentes“ – der
Persönlichkeit, welche das „Ebenbild und Gleichnis Gottes“ ist (Goethe: „das
höchste Gut der Erdenkinder ist doch die Persönlichkeit“) – waren die
Meister vor Christus „Diebe und Räuber“. Sie zeugten wohl von Gott, aber
der praktische Weg, der sie zu Zeugen (Märtyrern) Gottes machte und den sie
lehrten, war derjenige der Entpersönlichung. Die Größe des Bhâgavan, des
Buddha, war der hohe Grad der Entpersönlichung, den er erreicht hatte. Die
Meister des Yoga sind Meister der Entpersönlichung. Die alten Philosophen,
die „als Philosophen“ lebten, praktizierten die Entpersönlichung, so vor allem
die Stoiker.
Darum können alle diejenigen, die den Weg der Entpersönlichung gewählt
haben, nicht weinen und haben für immer trockene Augen. Denn es ist die
Persönlichkeit, die weint und allein fähig ist , die „Gabe der Tränen“ zu
empfangen.
„Selig die Trauernden, denn sie werden getröstet werden“ (Mt 5, 4).
Soweit ein Aspekt (es gibt noch einen viel tieferen, aber ich weiß nicht ob
darüber in einem der folgenden Briefe geschrieben werden kann), unter dem
das mystische Wort von den „Dieben und Räubern“ eine Quelle strahlenden
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
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Lichtes werden kann: das Evangelium sagt damit, daß diejenigen, die vor Jesus
Christus gekommen sind (das Wort „vor“ bezeichnet nicht allein die Zeit,
sondern auch den Einweihungsgrad), Diebe und Räuber sind an der
Persönlichkeit, da sie die Entpersönlichung des menschlichen Wesens gelehrt
haben. Dagegen sagt der Meister auch:
„Ich bin gekommen, damit sie (die Schafe) Leben haben und es in Fülle
haben.“ (Jo 10, 10).
Mit anderen Worten: der Meister ist gekommen, um das Schaf, das ihm
teuer und das von Gefahren bedroht ist, noch lebensvoller zu machen,
nämlich das Schaf als Bild der Persönlichkeit! Das scheint unbegreiflich,
wenn man sich das Ideal der Persönlichkeit bei Nietzsche mit seinem
Übermenschen vergegenwärtigt oder an andere „große historische
Persönlichkeiten“ denkt, wie Alexander den Großen, Julius Cäsar,
Napoleon, oder an die modernen „großen Persönlichkeiten“!
Nein, lieber Unbekannter Freund, die Besessenheit durch den Willen zur
Macht oder den Willen zum Ruhm macht weder die Persönlichkeit noch
ihre Größe aus. Das „Schaf“ in der Sprache der Liebe des Meisters bedeutet
weder „große Persönlichkeit“ noch „kleine Persönlichkeit“, sondern einfach
die individuelle Seele, die lebt und für die er wünscht, daß sie ohne Gefahr
lebe und das Leben so intensiv habe, wie Gott es ihr bestimmt hat. Das
„Schaf“ ist die lebendige, von Gefahren umgebene Entität, der die
göttliche Sorge gilt. Genügt das nicht? Gibt das zuwenig Ansehen und
Ruhm? Ist das ein zu armseliges Bild, um daraus zum Beispiel einen Magier
hervorgehen zu lassen, der die guten und bösen Geister beschwört? – An
dieser Stelle soll auf nichts anderes hingewiesen werden als auf eine einzige
Tatsache: die Sprache des Meisters ist die der Liebe und nicht die der
Psychologie, der Philosophie und der Wissenschaft. Der „mächtige“
Magier, der „geniale“ Künstler, der „tiefe“ Denker, der „leuchtende“
Mystiker – sie verdienen wohl alle diese Bezeichnungen ihrer Eigenschaften
und vielleicht noch erhabenere, aber sie blenden nicht Gott. In den Augen
Gottes sind sie von ihm geliebte Schafe, von denen er wünscht, daß sie
sich niemals verirren und daß sie das Leben haben, wachsend ohne Unterlaß.
Vor Beendigung der Überlegungen über das Problem der Zahl zwei, das
Problem der rechtmäßigen und unrechtmäßigen Zweiheit, möchte ich Saint-
Yves d’Alveydre Anerkennung zollen, der sich dieses Problems mit seinem
leidenschaftlichen Denkvermögen angenommen hat. In seinem Werk rückt er den
Vergleich des vollständigen göttlichen Namens JOD-HE-WAW-HE mit dem
unvollständigen göttlichen Namen HE-WAW-HE in den Vordergrund. 1m
ersten Fall betrachtet man das JOD, die Essenz, als höchstes Prinzip der
Hierarchie, im zweiten Fall ist es HE, die Substanz, welcher man den Primat
zuschreibt. Von hier nehmen Spiritualismus und Naturalismus ihren Ausgang –
mit allen Konsequenzen, die sich auf religiösem, philosophischem,
wissenschaftlichem und sozialem Gebiet daraus ergeben.
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
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Das Problem ist also mit bewunderungswürdiger Richtigkeit und Präzision
auf eine Formel gebracht worden, und darauf möchte ich hier hinweisen, fühle
mich aber gleichzeitig verpflichtet zu erklären, daß, wie zutreffend und präzise
die formale Darstellung auch sei, der materiale Inhalt, den ihm Saint-Yves gibt,
viel zu wünschen übrigläßt. Er erklärt namentlich, daß das Prinzip der reinen
Intellektualität des JOD ist, und er schreibt dem HE-WAW-HE als
materialen Inhalt das Prinzip der Liebe und der Seele oder das
„leidenschaftliche Prinzip“ zu, indem er so den Primat der reinen Intellektualität
als dem spirituell-männlichen Prinzip zuteilt und ihm die Liebe als seelisch-
weibliches Prinzip unterordnet.
Nun lehrt der Meister aber den Vater, der Liebe ist!
Da die Intellektualität die Spiegelung – oder das Licht – des feurigen Prinzips der
Liebe ist, kann es nur das weibliche Prinzip sein, die Sophia oder Weisheit, die
nach dem Alten Testament dem Schöpfer bei der Schöpfung half. Auch die
gnostische Tradition betrachtet die Sophia als weibliches Prinzip. Reine
Intellektualität ist Liebe, die die handelnde Liebe spiegelt.
Die Tatsache, daß der Mann gewöhnlich intellektueller ist als die Frau,
bedeutet nicht, daß der Intellekt ein männliches Prinzip ist. Ganz im Gegenteil
ist der Mann physisch männlich, aber hinsichtlich der Seele weiblich, während
die Frau physisch weiblich, aber in ihrer Seele männlich-aktiv ist. So ist der
Intellekt die weibliche Seite der Seele, während die befruchtende
Vorstellungskraft darin das männliche Prinzip ist. Ein Intellekt, der nicht durch
die vom Herzen geleitete Vorstellungskraft befruchtet wird, ist steril. Er hängt
von den Impulsen ab, die er vom Herzen mittels der Vorstellungskraft
empfängt.
Was nun das dritte Prinzip, den Geist, angeht, so ist dieser weder Intellekt
noch Vorstellungskraft, sondern Liebe-Weisheit. Grundsätzlich müßte er
zweigeschlechtlich, androgyn sein, obwohl er es in der Praxis nicht immer ist.
Das ist nun alles, was mir über das Problem der Zweiheit und seine Tragweite
zu sagen nötig schien, weil die Lösung dieses Problems der Schlüssel zum
zweiten Arcanum „Die Päpstin“ ist. Denn dieses ist das Arcanum der dem
Bewußtsein zugrunde liegenden Zweiheit – der spontanen Aktivität und ihrer
Spiegelung; es ist das Arcanum der Umsetzung des reinen Aktes in seine
Vergegenwärtigung; der Vergegenwärtigung in das Gedächtnisbild, des
Gedächtnisbildes in das Wort, des Wortes in die geschriebenen Buchstaben oder
das Buch.
„Die Päpstin“ trägt eine Tiara mit drei Stufen, und sie hält ein geöffnetes Buch.
Die Tiara ist mit Edelsteinen besetzt, was den Gedanken nahelegt, daß die
Kristallisation des reinen Aktes in drei Stufen herabsteigt durch die drei höheren
und unsichtbaren Ebenen hindurch, bevor sie ihr Ziel auf der vierten Stufe
erreicht – das Buch. Nun sind die Probleme, die das Symbol in sich birgt:
Spiegelung, Gedächtnis, Wort und Schrift oder, mit anderen Worten,
Offenbarung und mündliche oder schriftliche Tradition – oder um es in einem
einzigen Wort auszudrücken: die Gnosis“.
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
58
Es handelt sich hier um die Gnosis und keineswegs um die Wissenschaft, weil
die Gnosis genau das ist, was das Kartenbild der „Päpstin“ sowohl als Ganzes
wie in seinen Einzelheiten zum Ausdruck bringt, nämlich den Herabstieg der
Offenbarung (der reine Akt oder die Essenz, welche durch die Substanz
widergespiegelt wird) bis zu ihrem Ziel, der letzten Stufe oder dein „Buch“. Die
Wissenschaft dagegen beginnt bei den Tatsachen (den „Schriftzeichen“ des
Buches der Natur), um dann von den Tatsachen zu den Gesetzen und von den
Gesetzen zu den Prinzipien aufzusteigen. Die Gnosis ist die Widerspiegelung
dessen, was oben ist; die Wissenschaft ist die Interpretation dessen, was unten
ist. Die letzte Stufe der Gnosis ist die Welt der Tatsachen, wo sie selbst zur
Tatsache wird, d. h., wo sie Buch wird; die erste Stufe der Wissenschaft ist die
Welt der Tatsachen, die sie „liest“, um zu den Gesetzen und Prinzipien zu
gelangen.
Da es die Gnosis oder die sich ihrer selbst bewußtgewordene Mystik ist, die
das Kartenbild symbolisiert, stellt es nicht das Bild eines Gelehrten oder eines
Doktors dar, sondern eine Hohepriesterin oder „Päpstin“ – die geheiligte Hüterin
des Buches der Offenbarung.
Da die „Päpstin“ die Stufen des Herabstiegs der Offenbarung vom obersten
kleinen Reif ihrer Tiara bis zum geöffneten Buch auf ihren Knien repräsentiert,
stimmt auch ihre Haltung damit überein: sie sitzt. Nun bedeutet Sitzen ein
Verhältnis zwischen der Vertikalen und der Horizontalen, welches der Aufgabe
der Projektion nach außen (Horizontale, Buch) der herabsteigenden Offenbarung
(Vertikale, Tiara) entspricht. Diese Stellung weist auf die praktische Methode
der Gnosis hin, so wie der aufrecht stehende „Gaukler“ auf die praktische
Methode der Mystik hindeutet. Der „Gaukler“ wagt – darum steht er. Die
„Päpstin“ weiß – darum sitzt sie. Die Umsetzung von Wagen in Wissen bringt den
Wechsel der Körperhaltung des „Gauklers“ in die der „Päpstin“ mit sich.
Das Wesen der reinen Mystik ist schöpferische Tätigkeit. Man wird Mystiker,
wenn man wagt, sich zu erheben – d. h. sich „aufrecht zu halten“, dann noch
aufrechter und immer aufrechter – über alle Kreatur bis zur Essenz des Seins,
dem göttlichen Schöpferfeuer. Die „Konzentration ohne Anstrengung“ ist das
Entflammen ohne Rauch und Prasseln. Ihr menschlicher Anteil ist der Akt, es
zu wagen, nach der höchsten Wirklichkeit zu streben, und diese Haltung ist nur
echt und wirksam, wenn sie mit heiterer Seele und völlig entspanntem Körper
stattfindet – ohne Rauch und Prasseln.
Das Wesen der reinen Gnosis ist widergespiegelte Mystik. In ihr wird, was sich
in der Mystik vollzieht, Wissen. Die Gnosis ist die ihrer selbst bewußtgewordene
Mystik, sie ist die mystische Erfahrung, umgesetzt in Wissen.. Nun findet diese
Umsetzung mystischer Erfahrung in Wissen stufenweise statt. Die erste Stufe ist
reine Widerspiegelung oder eine Art bildlicher Wiederholung der Erfahrung. Die
zweite Stufe ist ihr Eintritt in das Gedächtnis. Die dritte Stufe ist ihre Aufnahme
durch den Gedanken und das Gefühl, so daß sie eine „Botschaft“ oder ein
inneres Wort wird. Die vierte Stufe endlich ist erreicht, wenn sie mitteilbares
Symbol, „Schrift“ oder „Buch“ wird, d. h., wenn sie formuliert ist.
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
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Die reine Widerspiegelung der mystischen Erfahrung ist bild- und wortlos.
Sie ist reine Bewegung. Das Bewußtsein wird dabei bewegt durch den
unmittelbaren Kontakt mit dem, was es überragt, dem Transsubjektiven,
Überpersönlichen. Diese Erfahrung ist ebenso sicher wie die Erfahrung, die
der Tastsinn in der physischen Welt hervorruft, und sie ist gleichzeitig
genauso form-, farb- und tonlos wie jene. Darum kann man sie mit dem
Tastsinn vergleichen und sie als „geistiges Tasten“ oder „Intuition“
bezeichnen.
Diese Bezeichnung ist nicht völlig adäquat, aber sie hat wenigstens den
Vorzug, den Charakter des unmittelbaren Kontaktes auszudrücken, welcher der
ersten Stufe der Widerspiegelung des mystischen Aktes eigentümlich ist. Hier
sind mystische Erfahrung und Gnosis noch untrennbar – sie sind eins.
Wollen wir die Beziehung herstellen zwischen diesem Bewußtseinszustand
und den drei Zuständen, die ihm folgen, einerseits und dem heiligen Namen des
JOD-HE-WAW-HE, der die Zusammenfassung der jüdischen Gnosis oder
der vollständigen Kabbala ist, andererseits, so brauchen wir nichts anderes
zu tun, als diesen Bewußtseinszustand dem ersten Buchstaben – JOD –
zuzuweisen. Der Buchstabe JOD ist ein Punkt mit der Tendenz der
angedeuteten Projektion: was erstaunlich der Erfahrung des spirituellen
Tastens entspricht, die ebenfalls nichts anderes ist als ein Punkt, der im Keim
eine Welt von Entfaltungsmöglichkeiten in sich trägt.
Das „spirituelle Tasten“ (oder „Intuition“) erlaubt den Kontakt zwischen
unserem Bewußtsein und der Welt der reinen mystischen Erfahrung. Dank ihm
existiert in der Welt und in der Geschichte der Menschheit eine wirkliche
Beziehung zwischen der lebendigen Seele und dem lebendigen Gott – was
gelebte Religion ist. Die Mystik ist die Quelle und Wurzel aller Religion.
Ohne sie wäre die Religion und das ganze geistige Leben der Menschheit nichts
als ein Gesetzbuch, welches das menschliche Handeln und Denken regelt. Wenn
Gott für die Menschen mehr als einen abstrakten Begriff bedeutet, so ist es dank
des „spirituellen Tastens“ oder der Mystik. Sie ist der Keim des ganzen
religiösen Lebens mit seiner Theologie, seinen Riten und seinen Praktiken. Die
Mystik ist auch der Keim der Gnosis, welche die esoterische Theologie ist, wie
die Magie die esoterische Kunst und der Okkultismus oder die Hermetik die
esoterische Philosophie ist.
So ist die Mystik das JOD des „Tetragrammaton“, wie die Gnosis dessen
erstes HE, die Magie das WAW – oder „Kind“ der Mystik und Gnosis – und die
hermetische Philosophie sein zweites HE am Ende oder die Zusammenfassung des
Geoffenbarten ist. Das Schluß-HE oder die hermetische Philosophie ist das
„Buch“, das die „Päpstin“ auf ihren Knien hält, während die drei Stufen ihrer Tiara
die Grade des Abstiegs der Offenbarung Vom mystischen Plan auf den
gnostischen Plan, dann von diesem gnostischen Plan auf den magischen Plan und
endlich vorn magischen Plan auf den philosophischen Plan darstellen – auf die
Ebene des „Buches“ der „Lehre“.
Wie das „spirituelle Tasten“ der mystische Sinn ist, so gibt es auch einen
„gnostischen Sinn“, einen „magischen Sinn“ und einen besonderen
„philosophisch-hermetischen Sinn“. Das vollständige Bewußtsein vom heiligen
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
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Namen IVHV kann nur erreicht werden durch die vereinte Erfahrung der vier
Sinne und das Ausüben der vier verschiedenen Methoden. Denn der Grundsatz
der hermetischen Erkenntnislehre oder Gnoseologie ist, daß jedes
Erkenntnisobjekt seine eigene Erkenntnismethode verlangt. Diese These oder
Regel bedeutet, daß man niemals dieselbe Erkenntnismethode auf verschiedenen
Ebenen anwenden darf, sondern nur auf verschiedene Objekte derselben Ebene.
Ein schreiendes Beispiel für die Unkenntnis dieses Gesetzes ist die „kybernetische
Psychologie“, in welcher man den Menschen und sein psychisches Leben durch
mechanische, materielle Gesetze erklären will.
Jede bis zum Ende durchgeführte Methode der Erfahrung und Erkenntnis
wird zu einem „Sinn“ oder bringt einen besonderen Sinn hervor. Wer es wagt,
nach der Erfahrung der Essenz des Seins zu streben, wird den „mystischen Sinn“
oder den „spirituellen Tastsinn“ entwickeln. Will er nicht nur erleben, sondern
auch verstehen, was er erlebt, wird er den „gnostischen Sinn“ entwickeln, und
wenn er in die Praxis umsetzen will, was er von der mystischen Erfahrung
verstanden hat, wird er den „magischen Sinn“ entwickeln. Will er endlich, daß
alles, was er erlebt, verstanden und praktiziert hat, nicht auf ihn und seine Zeit
begrenzt bleibt, sondern mitteilbar werden möge für andere und weitergegeben
werden soll an zukünftige Generationen, so wird er den „philosophisch-
hermetischen Sinn“ entwickeln müssen, und indem er ihn praktiziert, wird er
„sein Buch“ schreiben.
Solcherart ist das Gesetz, das JOD-HE-WAW-HE über den Vorgang der
Umsetzung der mystischen Erfahrung in Tradition zum Ausdruck bringt;
solcherart ist das Gesetz der Geburt von Traditionen. Ihre Quelle ist die
mystische Erfahrung: man kann weder Gnostiker noch Magier noch
hermetischer Philosoph (oder „Okkultist“) sein, ohne Mystiker zu sein. Die
Tradition ist nur lebendig, wenn sie einen vollständigen Organismus bildet, d.h.,
wenn sie aus der Vereinigung von Mystik, Gnosis, Magie und hermetischer
Philosophie hervorgeht. Wenn das nicht so ist, zerfällt sie; sie stirbt. Der Tod
der Tradition zeigt sich in der Degeneration der sie konstituierenden, nun
voneinander getrennten Elemente. Dann wird die hermetische Philosophie,
getrennt von Magie, Gnosis und Mystik, zu einem parasitären „System“
„autonomen“ Denkens, das, um die Wahrheit zu sagen, ein echter
psychopathologischer „Komplex“ ist, denn es verzaubert und unterjocht das
menschliche Bewußtsein und beraubt es seiner Freiheit. Der Mensch, welcher
das Unglück hatte, der Verzauberung durch ein philosophisches System zum
Opfer zu fallen (und die Behexungen der Zauberer sind Bagatellen im
Vergleich zur unheilvollen Wirkung der „Verzauberung“ durch ein
„philosophisches System“!) kann weder die Welt noch die Menschen noch
die historischen Ereignisse so sehen, wie sie sind; er sieht sie alle nur durch
das deformierende Prisma des „Systems“, von dem er besessen ist. So ist ein
Marxist unserer Tage unfähig, etwas anderes in der Geschichte der Menschheit
zu sehen als den Klassenkampf. Er wird dasjenige, was ich soeben über die
Mystik, die Gnosis, die Magie und die Philosophie ausgeführt habe, nur für
eine weitere Hinterlist der bürgerlichen Klasse halten und darin die Absicht
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
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sehen, die Wirklichkeit der Ausbeutung des Proletariats durch die
Bourgeoisie mit einem „mystischen und idealistischen Nebel“ zu
verschleiern ... wo ich doch nichts von meinen Eltern geerbt habe und
keinen einzigen Tag gelebt habe, ohne meinen Unterhalt durch eine Arbeit
zu verdienen, die von den Marxisten als eine „legitime“ anerkannt wird! Ein
anderes zeitgenössisches Beispiel der Besessenheit von einem System ist der
Freudianismus. Ein Mensch, der von diesem System besessen ist, wird in allem,
was ich geschrieben habe, den Ausdruck der „verdrängten Libido“ sehen,
die auf diese Weise Ventile sucht und findet. Es wäre demnach sexuelles
Unbefriedigtsein, was mich dazu getrieben hätte, mich mit dem Tarot zu
befassen und darüber zu schreiben!
Sind noch andere Beispiele nötig? Muß man noch die Hegelianer zitieren
mit ihrer Verzerrung der Geschichte der Menschheit, die scholastischen
„Realisten“ des Mittelalters mit der Inquisition, die Rationalisten des 18.
Jahrhunderts, welche das Licht ihrer eigenen autonomen Vernunft blendete?
Ja, die vom lebendigen Körper der Tradition losgelösten „autonomen“
philosophischen Systeme sind parasitäre Bildungen, die das Denken, das
Gefühl und schließlich den Willen der Menschen in Beschlag nehmen und in
der Tat eine Rolle spielen, die mit den „psychopathologischen Komplexen“ der
Neurose oder anderen psychischen Obsessionskrankheiten vergleichbar ist.
Ihr physisches Analogon ist der Krebs.
Was die „autonome“ Magie betrifft, d.h. die Magie ohne Mystik und ohne
Gnosis, so degeneriert sie notwendigerweise zur Zauberei oder wenigstens
zu einem romantischen, pathologischen Ästhetizismus. Es gibt keine
„schwarze Magie“, wohl aber gibt es Magier, die im Finstern tappen. Und sie
tappen im Finstern, weil ihnen das Licht der Gnosis und der Mystik fehlt.
Eine Gnosis ohne mystische Erfahrung ist die Sterilität selbst. Sie ist ein
bloßes religiöses Gespenst ohne Leben und Bewegung. Sie ist der Kadaver
der Religion, intellektuell beseelt durch Brocken, die von der Tafel der
vergangenen Geschichte der Menschheit gefallen sind. „Eine gnostische,
universale Kirche!“ – Was soll man dazu sagen, was muß man dazu sagen,
wenn man auch nur ein wenig Kenntnis von den Gesetzen des spirituellen
Lebens hat, welche jede Tradition regieren?!
Wenden wir uns nun derjenigen Mystik zu, die keine Gnosis, Magie und
hermetische Philosophie hervorgebracht hat. Eine solche Mystik muß früher
oder später notwendigerweise zu „spirituellem Genuß“ oder „Rausch“
degenerieren. Der Mystiker, der nur die Erfahrung der mystischen Zustände
haben will, ohne sie zu verstehen, ohne daraus praktische Schlüsse für das
Leben zu ziehen und ohne anderen nützlich sein zu wollen, der alles und alle
vergißt, uni die mystische Erfahrung zu genießen, kann einem geistigen
Trunkenbold verglichen werden. –
Daher kann die Tradition – wie übrigens jeder lebendige Organismus –
nur leben, wenn sie ein vollständiger mystisch-gnostischer Organismus von
magischer Tragweite ist, der sich nach außen als hermetische Philosophie
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kundtut. Das will einfach besagen: Keine Tradition kann leben, wenn nicht
der ganze Mensch durch sie, in ihr und für sie lebt. Denn der ganze Mensch
ist zugleich Mystiker, Gnostiker, Magier und Philosoph, d. h., er ist religiös,
kontemplativ, künstlerisch und intelligent. Jeder glaubt an irgend etwas,
versteht etwas, kann etwas und denkt an etwas. Die menschliche Natur
bestimmt, ob eine Tradition lebt oder Vergeht; und die menschliche Natur
besitzt auch die Möglichkeit, die vollständige Tradition zu gebären und sie
lebendig zu erhalten. Denn die vier „Sinne“ – der mystische, gnostische,
magische und philosophische Sinn – existieren, sei es potentiell, sei es in ihrer
Verwirklichung, in jedem menschlichen Wesen.
Nun bezieht sich die praktische Anweisung des zweiten Arcanums „Die
Päpstin“ auf die Entwicklung des „gnostischen Sinnes“.
Was ist der „gnostische Sinn“?
Es ist der kontemplative Sinn: eine Kontemplation, der eine konzentrierte
Meditation vorausgeht, welche im selben Augenblick beginnt, in dem das
diskursive und logische Denken aussetzt. Das diskursive Denken ist
zufriedengestellt, sobald es zu einer gutbegründeten Schlußfolgerung kommt.
Nun ist dieser Schluß der Ausgangspunkt für die Kontemplation. Sie ergründet
die Tiefe der Schlußfolgerung, zu welcher das diskursive Denken gelangt ist.
Die Kontemplation entdeckt eine Welt im Innern dessen, was das diskursive
Denken einfach als „wahr“ feststellt. Der „gnostische Sinn“ beginnt zu
arbeiten, sobald es sich um eine neue Dimension im Akt der Erkenntnis
handelt, nämlich um die Tiefe. Er wird tätig, sobald es sich um etwas Tieferes
handelt als um die Frage: Ist dies wahr oder falsch? Er durchdringt zudem die
Tragweite der von dem diskursiven Denken enthüllten Wahrheit und auch,
„warum diese Wahrheit in sich selbst wahr ist“, d. h., er dringt bis zur
mystischen und wesentlichen Quelle dieser Wahrheit vor. Wie gelangt er
dorthin? – Im schweigenden Lauschen. Es ist, als wolle man sich einer
vergessenen Sache erinnern. Das Bewußtsein „horcht“ schweigend, so wie
man innerlich lauscht, um aus der Nacht des Vergessens eine Sache
hervorzurufen, die man früher gekannt hat. Doch es gibt einen wesentlichen
Unterschied zwischen dein „lauschenden Schweigen“ der Kontemplation und
dem Schweigen, das aus der Anstrengung des Sicherinnerns hervorgeht. Bei
diesem zweiten Umstand ist die Horizontale der Zeit – Vergangenheit und
Gegenwart – entscheidend, während das „lauschende Schweigen“ der
Kontemplation sich auf die Vertikale bezieht – auf das, was oben und das,
was unten ist. Wenn man sich erinnert, errichtet man in seinem Innern einen
Spiegel, um darin die Vergangenheit widerzuspiegeln; wenn man „im
Schweigen lauscht“ im Zustande der Kontemplation, macht man aus seinem
Bewußtsein ebenfalls einen Spiegel, aber dieser Spiegel hat die Aufgabe, das,
was oben ist, widerzuspiegeln. Es ist der Akt des Sicherinnerns in der
Vertikalen.
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
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Es gibt tatsächlich zwei Arten von Erinnerung: die „horizontale
Erinnerung“, die das Vergangene gegenwärtig macht, und die „vertikale
Erinnerung“, die das, was oben ist, unten gegenwärtig macht, oder – gemäß
unserer Unterscheidung zwischen den beiden Kategorien des Symbolismus, die
im ersten Brief definiert worden sind – das „mythologische“ und das
„typologische“ Gedächtnis.
Henri Bergson hat vollkommen recht, wenn er von der horizontalen oder
mythologischen Erinnerung schreibt:
„In Wahrheit besteht das Gedächtnis durchaus nicht in dem Zurückschreiten
der Gegenwart zur Vergangenheit, sondern im Gegenteil in einem
Fortschreiten der Vergangenheit zur Gegenwart.“
Und weiter:
„... die reine Erinnerung ist aber eine geistige Manifestation. Mit dein
Gedächtnis sind wir recht eigentlich in das Gebiet des Geistes eingetreten.“
Es ist also die Vergangenheit, die in der Erinnerung zu uns kommt, und
darum geht dem Akt des Erinnerns ein Zustand schweigsamer Leere
voraus, welche die Rolle des Spiegels spielt, worin die Vergangenheit sich
spiegeln kann, oder:
„Der Gehirnzustand setzt die Erinnerung fort; er gibt ihr Macht über die
Gegenwart durch die Materialität, die er ihr verleiht.“
Dasselbe gilt für das „vertikale” oder „typologische“ Gedächtnis. Platon
hat ebenfalls vollkommen recht, wenn er von dem Gedächtnis des
transzendenten Selbst, welches dem empirischen Selbst die Wiedererinnerung
gewähren kann, sagt:
„Weil nun die Seele unsterblich ist und oftmals geboren und, was hier ist und
in der Unterwelt, alles erblickt hat: so ist auch nichts, was sie nicht in
Erfahrung gebracht hätte ... Suchen und Lernen ist demnach ganz und gar
Erinnerung.“
Hier steigt gleicherweise dasjenige, was oben im Bereich des transzendenten
Selbst ist, herunter auf die Ebene des empirischen Selbst, wenn dieses in sich
die schweigende Leere erzeugt, welche der Offenbarung Von oben als
Spiegel dient.
Was ist also notwendig, um die Spiegelung dessen, was oben oder im
mystischen Bereich ist, hier im Bereich des Wachbewußtseins zu erhalten? –
Man muß „sich setzen“, d. h. einen aktiv-passiven Zustand herstellen, den
Zustand der Seele, die aufmerksam im Schweigen lauscht. Man muß „Frau“
sein, d. h. sich im Zustand schweigender Erwartung befinden und nicht in
dem der Aktivität, die „redet“.
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
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Man muß die Zwischenebenen zwischen der Ebene, deren Widerspiegelung
erwartet wird, und der Ebene des Wachzustandes, auf welcher sich diese
Spiegelung verwirklichen wird, „mit einem Schleier bedecken“. Man muß
das Haupt mit einer dreistufigen Tiara bedecken, d.h. sich mit einem
Problem beschäftigen, welches so ernst ist, daß es sich auf alle drei Welten
und darüber hinaus erstreckt. Man muß „die Augen auf das geöffnete Buch
auf den Knien“ gerichtet haben, d. h. die vollständige psychurgische
Operation unternehmen mit dem Ziel, ihr Ergebnis zu verobjektivieren, „das
Buch der Tradition fortzusetzen“, ihm etwas hinzuzufügen.
Nun finden sich alle diese praktischen Regeln der Gnosis auf der Karte
„Die Päpstin“ klar aufgezeigt: es ist eine Frau; sie sitzt; sie trägt eine
dreistufige Tiara; ein hinter und über ihrem Kopf aufgehängter Schleier
bedeckt die Zwischenebenen, die sie nicht wahrnehmen will; und sie
betrachtet ein geöffnetes Buch auf ihren Knien.
Der „gnostische Sinn“ ist also das „spi rituelle Gehör“, so wie der
„mystische Sinn“ das „spirituelle Tasten“ ist. Das soll nicht heißen, daß der
„gnostische Sinn“ Töne wahrnimmt, sondern nur, daß seine Wahrnehmungen
einer Bewußtseinshaltung verdankt werden, die dem Warten und der
Aufmerksamkeit beim Lauschen entspricht, und daß der Kontakt zwischen dem
Wahrnehmenden und dem Wahrgenommenen nicht so unmittelbar ist, wie bei
dem „spirituellen Tasten« oder der mystischen Erfahrung.
Es bleibt noch, die beiden anderen, weiter oben erwähnten „Sinne“ zu
charakterisieren, nämlich den „magischen Sinn“ und den „philosophisch-
hermetischen Sinn“.
Der „magische Sinn“ ist der Sinn der Projektion, während der
„philosophisch-hermetische Sinn“ derjenige der Synthese ist. „Projektion“
bedeutet Heraussetzung ins Äußere, begleitet von der Trennung des Selbst
von den Inhalten des inneren Lebens, eine Operation, welche auf der
seelischen Ebene im künstlerischen Schaffen und auf der physischen Ebene
in der Geburt stattfindet.
Das Talent des Künstlers besteht darin, daß er seine Ideen und Gefühle
objektiv wiedergeben oder aus sich projizieren kann, und zwar so, daß eine
tiefere Wirkung auf die anderen erzielt wird als beim Ausdrücken dieser
Ideen und Gefühle durch einen Nicht-Künstler. Das Kunstwerk ist mit
Eigenleben begabt. So wie eine Frau ein Kind gebiert, ein mit Eigenleben
begabtes Wesen, das sich von ihrem Organismus trennt, um eine
unabhängige Existenz zu beginnen. Der „magische Sinn“ besteht ebenfalls in
der Fähigkeit, die Inhalte des inneren Lebens nach außen zu projizieren, die
dann mit einem Eigenleben begabt bleiben. Magie, Kunst und Gebären sind in
ihrem Wesen analog, und sie gehören in die gleiche Kategorie der
„Projektion“ oder der Gestaltwerdung des inneren Lebens. Das Dogma der
Kirche von der Erschaffung der Welt „ex nihilo“, d. h. der Projektion „aus dem
Nichts“ sowohl der Formen als auch der Materie, wobei ihnen ein
Eigenleben verliehen wurde, bedeutet die göttliche und kosmische Krönung
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
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dieser Reihe der Analogien. Die Lehre von der „creatio ex nihilo – der
Erschaffung aus dem Nichts“ ist die Apotheose der Magie. Ihre wesentliche
Aussage ist in der Tat, daß die Welt ein magischer Akt ist.
Die pantheistischen, emanationistischen und demiurgischen Lehren
dagegen entziehen der Schöpfung ihren magischen Sinn. Der Pantheismus
verneint die unabhängige Existenz der Geschöpfe; diese leben nur als
Bruchstücke des göttlichen Lebens, und die Welt ist nur der Leib Gottes.
Die Emanationslehre schreibt den Geschöpfen der Welt nur eine
vorübergehende, mithin vergängliche Existenz zu. Der Demiurgismus
erklärt: „ex nihilo nihil – aus dem Nichts entsteht nichts“, und lehrt, daß es
eine gleich ewige Substanz wie Gott geben muß, die Gott als Material für
sein zu gestaltendes Werk benutzt. Gott ist also nicht der Schöpfer oder
magische Urheber der Welt, sondern nur ihr Gestalter. Er formt, gruppiert
um und vereinigt erneut die materiellen Elemente, die ihm gegeben sind.
Es handelt sich hier nicht darum, die Lehre Von der Schöpfung „ex nihilo“
als einzige Erklärung der Welt zu betrachten, die wir um, in und über uns finden.
Denn die Welt ist weit und groß; es gibt Raum, und es bestehen Ebenen für alle
Arten aufbauender Tätigkeit, die, im Ganzen genommen, die Welt unserer
Erfahrung so, wie sie ist, erklären. Worum handelt es sich also? Darum, mit
soviel Klarheit wie möglich die These zu bejahen, daß die Lehre von der
„creatio ex nihilo“ der höchstmögliche Ausdruck der Magie ist, nämlich der
göttlichen und kosmischen Magie.
Wenn Sie mich aber fragen, lieber Unbekannter Freund, ob ich glaube,
daß die Schöpfung der Welt nur ein magischer Akt sei, ohne daß ihm etwas
vorausging und ohne daß ihm etwas folgte, so antworte ich: Nein, das glaube
ich nicht. Ein mystischer und ein gnostischer Akt gehen in Ewigkeit dem Akt
der Schöpfung als magischem Akt voraus; und ihm folgt die Tätigkeit des
Gestaltens durch den Demiurgen oder die demiurgischen Hierarchien, die
sich mit der handwerklichen Ausformung befassen – ein Werk, das im
höchsten Maße das der ausführenden oder hermetisch-philosophischen
Intelligenz ist.
Die klassische Kabbala liefert uns ein wundervolles Beispiel für den
möglichen Frieden zwischen diesen scheinbar gegensätzlichen Lehren. In
ihrer Lehre der zehn Sephiroth lehrt sie uns zuerst das Mysterium von der
ewigen Mystik – En-Soph, dem Unbegrenzten. Dann legt sie die gnostische
Lehre dar von den ewigen Emanationen im Schoße der Gottheit, die, in ordine
cognoscendi, dem Schöpfungsakt vorausgehen. Sie sind die Ideen von Gott in
Gott, die der Schöpfung vorausgehen, da diese ein bewußter, kein
impulsiver oder instinktiver Akt ist. Dann spricht sie von der reinen
Schöpfung oder der Schöpfung „ex nihilo“ – dem Akt der magischen
Projektion der Ideen aus der Ebene der Schöpfung oder der Sephiroth. Diesem
magisch-schöpferischen Akt folgt – ebenfalls in ordine cognoscendi – die
Tätigkeit des Gestaltens, an der die Wesen der geistigen Hierarchien –
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
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einschließlich der Menschen – teilhaben.
Auf diese Weise geschieht es nach der Kabbala, daß die Welt zur Tatsache
wird und daß die Welt der Tatsachen oder Handlungen, die uns aus
Erfahrung bekannt sind, zu dem wird, was sie ist.
Nun geht der „’Olam ha’asiah – der Welt der Tatsachen“ die „’Olam ha
jetzirah – die Welt der Gestaltung“ oder die demiurgische Welt voraus; diese
wiederum ist das Resultat der „‘0lam ha beriah – der Welt der Schöpfung“ oder
der magischen Welt, die ihrerseits die Verwirklichung der „’Olam ha aziluth
– der Welt der Emanationen“ oder der gnostischen Welt ist, welche
ungetrennt und untrennbar ist von Gott, der in seinem eigentlichen Wesen das
Mysterium der höchsten Mystik ist: En-Soph, das Unbegrenzte.
Es ist also möglich – und für uns besteht hier kein Zweifel –, die
verschiedenen Lehren über die Schöpfung zu versöhnen: man muß jede an den
ihr zukommenden Platz stellen oder sie auf der Ebene verwenden, die ihr
eigen ist. Die Kabbala liefert uns mit ihrer Lehre der Sephiroth dafür einen
bewunderungswürdigen Beweis.
Der Pantheismus ist wahr für die „‘Olam ha aziluth – die Welt der
Emanationen“, in der es nur Ideen in Gott und untrennbar von ihm gibt;
aber der Theismus ist wahr, sobald man den Bereich der ungeschaffenen
Ewigkeit verläßt, um zur Schöpfung überzugehen, verstanden als
Erschaffung der „Urahnen“ oder „Archetypen“ jener Phänomene, die wir
aus der Erfahrung kennen. Der Demiurgismus ist wahr, wenn wir die Welt
oder die Ebene der Gestaltung betrachten – die Evolution der Wesen mit
ihrem Ziel, ihren geschaffenen Urbildern gleichförmig zu werden.
Man kann sich aber, abgesehen von den Welten oder Ebenen des Gestaltens,
der Schöpfung, der Emanation und des mystisch-göttlichen Wesens, auch
auf die alleinige Ebene der Tatsachen beschränken. Dann wird auch der
Naturalismus, für sich allein innerhalb der Grenzen dieser Ebene betrachtet,
wahr.
Die Aufstellung der hierarchischen Ordnung dieser scheinbar
gegensätzlichen Schöpfungslehren hat uns mitten in den Wirkungsbereich
des „philosophisch-hermetischen Sinnes“ oder des „Synthese-Sinnes“
geführt. Dieser Sinn, der dem zweiten HE des göttlichen Namens IHVH
entspricht, ist im wesentlichen die abschließende Zusammenfassung oder
die Schau des Ganzen. Er unterscheidet sich vom „gnostischen Sinn“,
welcher dem ersten HE des göttlichen Namens entspricht, dadurch, daß er
die Synthese des Ganzen in gegliederter Form zusammenfaßt bzw.
hervorbringt, während der „gnostische Sinn“ die Spiegelung des Ganzen im
Keimzustand ermöglicht.
Der „gnostische Sinn“ bringt die erste Synthese oder die Synthese vor der
Analyse hervor. Der „philosophisch-hermetische Sinn“ dagegen vollzieht
die zweite Synthese oder die Synthese nach der Analyse. Die Arbeit, die
mittels dieses Sinnes geleistet wird, ist nicht ganz und gar schöpferisch. Sie
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
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ist vielmehr „demiurgisch“ – eine handwerkliche Arbeit, wobei man an die
Gestaltung eines vorgegebenen Materials herangeht mit dem Ziel, ihm seine
endgültige Form zu geben.
Da man in der „Tabula Smaragdina“ die Formeln findet, welche die „drei Teile
der Philosophie der ganzen Welt“ („tres partes philosophiae totius mundi“)
zusammenfassen, und da diese gleichzeitig die Welten der magischen Erfahrung,
der gnostischen Offenbarung und der mystischen Erfahrung resümiert, haben
wir diesem Sinn den Namen „philosophisch-hermetischer Sinn“ gegeben, d.
h. Sinn der Synthese der drei Welten oder höheren Ebenen in einer vierten Welt
oder Ebene. Es ist der Sinn einer „hermetischen” Synthese, d. h. einer Synthese,
die in der Vertikalen der übereinander liegenden Ebenen wirkt. Denn die
Hermetik ist wesentlich die Philosophie, die, auf Magie, Gnosis und Mystik
beruhend, nach der Synthese der verschiedenen Ebenen des Makro- und
Mikrokosmos strebt. Wenn man die Tatsachen einer einzelnen Ebene
zusammenfaßt – zum Beispiel die der Biologie –, benutzt man den
„wissenschaftlichen Sinn“ und nicht den „philosophisch-hermetischen“. Der
wissenschaftliche Sinn, der allgemein bekannt und anerkannt ist, faßt die
Tatsachen der Erfahrung in einer einzigen Ebene, in der Horizontalen,
zusammen. Die Hermetik ist keine Wissenschaft und wird es niemals sein. Sie
kann sich der Wissenschaft und ihrer Ergebnisse bedienen, aber sie wird
dadurch nicht selbst zu einer Wissenschaft.
Die nicht-hermetische zeitgenössische Philosophie faßt die
Einzelwissenschaften zusammen mit dem Ziel, die Aufgabe der „Wissenschaft
der Wissenschaften“ zu erfüllen, und sie hat dies gemeinsam mit der
Hermetik. Gerade darin unterscheidet sie sich aber auch von der Hermetik,
die danach strebt, die Erfahrung auf allen Ebenen zusammenzufassen, und
die sich verschiedenartig gestaltet je nach der Ebene, auf welcher die
Erfahrung stattfindet. Das ist der Grund, warum wir den Ausdruck
„philosophisch-hermetisch“ gewählt haben, um damit den vierten Sinn oder
„Synthese-Sinn“ zu bezeichnen.
Selbstverständlich konnte die Charakterisierung der vier Sinne, deren
Zusammenarbeit nötig ist, damit eine Tradition lebt und nicht degeneriert,
hier nur auf sehr unvollkommene Weise skizziert werden. Die beiden
folgenden Arcana „Die Kaiserin“ und „Der Kaiser“ sind jedoch geeignet,
dem, was wir soeben über den „magischen Sinn“ und besonders den
„philosophisch-hermetischen Sinn“ gesagt haben, mehr Tiefe und Gehalt zu
verleihen.
Denn das dritte Arcanum des Tarot „Die Kaiserin“ ist das Arcanum der
Magie, und das vierte Arcanum „Der Kaiser“ ist das der hermetischen Philosophie.
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
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Dritter Brief
DIE KAISERIN
Das Arcanum der Magie
Geheiligte, persönliche, böse Magie – Herrschaft des Feinen über das
Dichte – Wunderheilungen – Gefahren der falschen Magie – Der Heilige Gral
– Das Mysterium des Blutes – Besessenheit – Egregore und Dämonen –
Erwecken des freien Willens – Hiob – Befreiung von Zweifel, Furcht, Haß
und Verzweiflung – Die Bibel als Formelbuch der geheiligten Magie – Mühe,
Leid und Tod: Mystik, Gnosis und Magie – Der Baum des Lebens – „Ich bin
der Weg, die Wahrheit und das Leben“ – Wunder – Das Ideal des großen
Werkes und das Ideal der Wissenschaft – Das Agens
des Wachstums – Der Hüter des Gartens Eden – Die Dreiheit – Magie der
Kunst – Schriftgelehrte und Pharisäer – Glaube, Hoffnung, Liebe –
Läuterung, Erleuchtung, Vereinigung – Die Zeugung.
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DIE KAISERIN
Das Arcanum der Magie
„Siehe, ich bin die Magd des Herrn; mir
geschehe nach deinem Wort“ (Lk 1, 38).
Lieber Unbekannter Freund,
das dritte Arcanum „Die Kaiserin“ ist das der geheiligten Magie. Nun gibt es
drei Arten von Magie:
Die Magie, in welcher der Magier das Werkzeug der göttlichen Macht ist –
das ist die geheiligte Magie.
Die Magie, in welcher der Magier selbst die Quelle der magischen Operation
ist – das ist die persönliche Magie.
Die Magie endlich, in welcher der Magier das Werkzeug elementarer oder
anderer Kräfte des Unbewußten ist – das ist die Hexerei.
Die Unterweisung des dritten Arcanums bezieht sich – in Anbetracht der
Anordnung des Kartenbildes und seines Platzes zwischen dem zweiten und dem
vierten Arcanum – auf die geheiligte oder göttliche Magie.
Alle Magie, einschließlich der Hexerei, besteht in der Anwendung der
Regel, daß das Feine über das Dichte herrscht: die Kraft über die Materie,
das Bewußtsein über die Kraft und das Überbewußte oder Göttliche über
das Bewußtsein. Diese letztere Herrschaft symbolisiert die „Kaiserin“. Ihre
Krone, ihr Zepter und ihr Schild sind die drei Werkzeuge der Ausübung
dieser Macht des Göttlichen über das Bewußtsein: der rechte Arm (vom
Betrachter aus gesehen), welcher das Zepter hält, das in der goldenen, vom
Kreuz überragten Weltkugel endigt, stellt die Macht des Bewußtseins über
die Kraft dar; der linke Arm, welcher den Schild mit dem Adler hält,
bedeutet die Macht der Energie über die Masse oder des Beflügelten über
das Schwere. Die Krone ist die göttliche Ermächtigung zur Magie. Nur die
von oben gekrönte Magie ist nicht eigenmächtig.
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Die Krone verleiht ihr Legitimität.
Das Zepter ist die magische Macht. Dank dem Zepter ist die Kaiserin nicht
machtlos. Der Schild, der den Adler trägt, ist das Ziel der magischen
Macht; er ist ihr Wappen und ihr Wahlspruch. Dieser lautet: „Befreiung
für den Aufstieg!“
Der feste Thronsessel, auf dem die „Kaiserin“ sitzt, symbolisiert den
unanfechtbaren und unveräußerlichen Platz, welcher der Magie im
geistigen, seelischen und natürlichen Leben zukommt dank der göttlichen
Ermächtigung oder der Krone, der Wirklichkeit ihrer Macht oder dem
Zepter und demjenigen, was sie zum Gegenstand hat oder dem Schild. Das
ist die Rolle der Magie in der Welt.
Vertiefen wir uns nun noch mehr in die Betrachtung von Krone, Zepter,
Wappenschild und Thronsessel der „Kaiserin“, in der wir die Symbole für
göttliche Legitimität, Macht, Gegenstand und Rolle der Magie sehen.
Die Krone der „Kaiserin“ unterscheidet sich von der Tiara der
„Päpstin“ des zweiten Arcanums zunächst dadurch, daß sie zwei Stufen
hat anstatt drei. Die Würde oder das Amt, das sie bedeutet bzw. –
verleiht, erstreckt sich also auf zwei Ebenen. Die Gnosis hat eine Tiara,
weil sie die Aufgabe hat, die Offenbarung durch die drei Ebenen bis zum
„Buch“ oder zur Tradition zu tragen. Die Magie ist gekrönt, weil ihre
Aufgabe die Vergeistigung der Natur ist, was der Wappenschild mit dem
fliegenden Adler anzeigt, den die „Kaiserin“ anstelle des Buches der
„Päpstin“ hält.
Joséphin Péladan hat die Magie als „Kunst der Vergeistigung des
Menschen“ („Part de la sublimation de l’homme“) bezeichnet. Genau dies ist der
Wappenschild oder das Ziel der Magie, wenn man unter „Vergeistigung
des Menschen“ diejenige der menschlichen Natur versteht. Péladan besaß ein
sehr tiefes Verständnis für das Wappen der Magie: den Schild mit dem
fliegenden Adler. Hiervon zeugen alle seine Werke. Sie stellen einen einzigen
herrlichen Höhenflug dar und richten sich als Ganzes und jedes für sich auf das
Ideal der Vergeistigung der menschlichen Natur. Das war möglich, weil
Peladan das Wappen der Magie trug: den fliegenden Adler. Heißt es nicht,
den Wappenschild der Magie vor Augen zu haben, wenn man den
Menschen auffordert, „die Adlerkräfte seiner Wünsche in die Wolken zu
werfen“, weil das Glück, „gesteigert bis zu einem Ideal, der Verneinung des
Menschen und der Dinge entgeht; und nur darin liegt der einzige Triumph
über diese Welt“?
Und es ist dasselbe Wappen – der Schild mit dem Adler –, das Papus vor
Augen hatte, als er die Magie beschrieb:
„Die Magie ist: Anwendung des erkrafteten menschlichen Willens auf die
schnell voranschreitende Evolution der lebendigen Kräfte der Natur“)
und als er dieser Definition die folgende:
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
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„Die Magie ist die Wissenschaft der Liebe“ vorangehen ließ?
Denn es ist genau die „schnell voranschreitende Evolution der
lebendigen Kräfte der Natur“, welche der Adler auf dem Schild der
„Kaiserin“ darstellt. Die „Wissenschaft“ der Liebe ist das Zepter der
„Kaiserin“, welches das Mittel darstellt, wodurch das Ziel der Magie erreicht
wird.
Wenn nun der Schild das „Was“ und das Zepter das „Wie“ der Magie
bedeutet, so repräsentiert die Krone das „Mit welchem Recht“. Obwohl die
Magie aus den heutigen Strafgesetzbüchern verschwunden ist, besteht doch
die Frage nach ihrer Legitimität weiter als moralische, theologische und
sogar medizinische Frage. Man fragt sich heute genauso wie in der
Vergangenheit, ob es moralisch gerechtfertigt ist, nach einer
außergewöhnlichen Macht zu streben oder sie sogar anzuwenden, welche uns
Gewalt verleiht über unseren Nächsten; man fragt sich, ob ein solches
Trachten nicht letztlich dem Hochmut entspringt und ob es mit der Rolle
vereinbar ist, die jeder aufrichtige, gläubige Christ der göttlichen Gnade
vorbehält, sei es in ihrer unmittelbaren Wirkung, sei es in ihrer Vermittlung
durch die heiligen Engel und die Heiligen Gottes. Es fragt sich schließlich,
ob ein solches Bestreben nicht ungesund ist und wider die menschliche
Natur, die Religion und die Metaphysik, weil es Grenzen gibt, wieweit man
ungestraft in Richtung auf das Unsichtbare vordringen kann.
Für alle diese Zweifel und Einwände gibt es gute Gründe. Es kann sich
hier also nicht darum handeln, sie zu widerlegen, sondern zu erfahren, ob es
eine Form von Magie gibt, die von diesen Zweifeln und Einwänden nicht
berührt wird; oder mit anderen Worten: ob es in moralischer, religiöser
und medizinischer Hinsicht eine legitime Magie gibt.
Als Ausgangspunkt sollen uns folgende Worte aus dem Neuen Testament
dienen:
„Es begab sich aber, daß Petrus überall umherzog und auch zu den
Heiligen kam, die in Lydda wohnten. Dort traf er einen Mann, Äneas, der
schon acht Jahre gelähmt zu Bett lag. Petrus sprach zu ihm: ,Äneas, Jesus
Christus macht dich gesund. Steh auf und richte selbst dein Bett her!’
Sofort erhob er sich“ (Apg 9, 32 ff).
Hier liegt eine spirituelle Heilungshandlung vor, deren Berechtigung
außer Zweifel steht: vom moralischen Standpunkt aus ist sie ein Akt reiner
Barmherzigkeit; vom Standpunkt der Religion aus ist sie im Namen Jesu
Christi gewirkt und nicht im Namen Petri; in medizinischer Hinsicht ist sie
eine perfekte Heilung, unbeschadet der leiblichen und seelischen
Gesundheit, auf welche sie beim Heilenden schließen läßt. Was die
unbestreitbare Legitimität der Heilung des Äneas begründet, ist erstens der
Zweck der Handlung des Petrus: dem Gelähmten, unbeweglich Gewordenen,
die Beweglichkeit wiederzugeben; zweitens ist es das Mittel, durch welches
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
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die Heilung erreicht wurde: das menschliche Wort, gegründet auf das
Wesen Jesu Christi; und drittens ist es die Quelle der Handlung: „Jesus
Christus macht dich gesund!“
Das sind die drei Elemente der geheiligten Magie, die ihr Legitimität
verleihen und in denen man leicht die drei Insignien der „Kaiserin“
wiedererkennen kann: Krone, Zepter und Schild. Denn dem unbeweglich
Gewordenen die Beweglichkeit zurückzugeben ist die befreiende Tat, welche
durch den Adler auf dem Schild versinnbildlicht wird; die Heilung allein
durch das Wort hervorzurufen bedeutet die Anwendung des vom Kreuz
überragten Zepters; und sie im Namen Jesu Christi zu vollziehen heißt, die
göttliche Krone auf dem Haupt zu tragen.
Aber, so könnte man einwenden, die Heilung des Äneas hat nichts mit
Magie zu tun. Sie ist ein Wunder, d. h. eine Handlung Gottes, und der
Mensch gilt dabei nichts.
Der Apostel Petrus hätte also damit nichts zu tun? – Wenn das wahr
wäre, warum hat er sich dann zu Äneas begeben? Warum wurde der
göttliche Heilungsakt nicht direkt vollzogen, ohne Vermittlung von Petrus?
Nein, Petrus hatte durchaus etwas damit zu tun. Seine Anwesenheit und
seine Stimme waren notwendig, damit die Heilung stattfinden konnte.
Warum? Dieses Problem verdient eine tiefe Meditation, denn es schließt das
zentrale Mysterium der christlichen Religion, das der Inkarnation, mit ein. In
der Tat, warum mußte der LOGOS, der Sohn des Vaters, sich inkarnieren,
Gott-Mensch werden, um das höchste Werk der göttlichen Magie zu
vollbringen, das Werk der Erlösung?
Um sich zu demütigen? – Aber da er Gott war, war er die Demut selbst.
Um am menschlichen Schicksal teilzunehmen – menschliche Geburt,
menschliches Leben, menschlicher Tod? – Aber Gott, der die Liebe ist, nahm
teil, nimmt teil und wird immer teilnehmen am menschlichen Schicksal. Er
friert mit all denen, die frieren; er leidet mit allen, die leiden; und er geht
durch die Todesqualen mit allen, die sterben. Wissen Sie, daß man in den
Klöstern des Nahen Ostens zu der Zeit, als die Herzen noch im
Gleichklang mit Gott, der gegenwärtig war, schlugen, als wunderbares
Hilfsmittel bei jeder Betrübnis und jedem Leiden die folgenden Worte
auszusprechen lehrte: „Gepriesen sei deine Langmut, Herr!“?
Nein, da das Werk der Erlösung das der Liebe ist, erfordert es die
vollkommene Vereinigung in der Liebe von zwei unterschiedlichen und
freien Willen, dem göttlichen und dem menschlichen Willen. Das Mysterium
des Gott-Menschen ist der Schlüssel zur göttlichen Magie: da es die
Grundbedingung für die Erlösung war, ist diese ein Werk der göttlichen
Magie, welches nur vergleichbar ist mit der Erschaffung der Welt.
Wunder erfordern also zwei vereinigte Willen! Sie sind keine
Manifestationen der befehlenden Allmacht, sondern sie werden einer neuen
Kraft verdankt, die jedesmal geboren. wird, wenn eine Einheit zwischen dem
göttlichen und dem menschlichen Willen besteht.
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
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Petrus hat also durchaus etwas zu tun mit der Heilung des Äneas in
Lydda. Der göttliche Wille hatte seinen Willen nötig zur Erzeugung der
Kraft, welche den gelähmten Äneas sein Bett verlassen ließ. Eine solche
gleichzeitige und übereinstimmende Handlung des göttlichen Willens mit
dem menschlichen Willen ist genau das, was wir unter „geheiligter“ oder
„göttlicher Magie“ verstehen.
Muß man von Magie sprechen, wenn es sich um ein Wunder handelt? –
Ja, denn es gibt einen Magier, und die Teilnahme seines Willens ist
wesentlich für das Zustandekommen des Wunders. Petrus hat sich zu Äneas
begeben, und er hat die Worte ausgesprochen, welche die Heilung bewirkt
haben. Die Teilnahme Petri ist nicht zu bestreiten; es gab also einen
menschlichen Magier. Daher ist der Gebrauch des Wortes „Magie“
berechtigt, wenn man unter „Magie“ die Macht des Unsichtbaren und
Spirituellen über das Sichtbare und Materielle versteht.
Es war aber keine „persönliche Magie“, sondern „göttliche Magie“, auf
die die Heilung des Äneas zurückging. Denn Petrus hätte nichts vermocht, wenn
sein Wille nicht mit dem göttlichen Willen vereint gewesen wäre. Er war sich
dessen völlig bewußt, und darum sagte er zu Äneas: „Jesus Christus macht dich
gesund.“ Was bedeutet: „Jesus Christus will dich gesund machen. Jesus
Christus hat mich zu dir geschickt, damit ich tue, was er mir gesagt hat.
Was mich betrifft, so bin ich doppelt glücklich, gleichzeitig meinem Meister
dienen zu können und dich gesund zu machen, mein lieber Bruder Äneas.“
Das ist der Sinn der zweistufigen Krone, welche die Kaiserin trägt. Sie
bedeutet das doppelte Glück, dienen zu können dem, was oben ist, und dem,
was unten ist. Denn die Krone repräsentiert ganz wie die Tiara die Macht
des Dienens. Der erwiesene Dienst an dem, was oben ist, und der erwiesene
Dienst an dein, was unten ist, verleihen der geheiligten Magie ihre
Legitimität. Der Magier spielt in der geheiligten Magie die Rolle des letzten
Kettengliedes der magischen Kette, die von oben herabsteigt, das heißt, er
dient auf Erden als Kontaktstelle und Knotenpunkt für die oben geplante,
gewollte und in die Tat gerufene magische Operation. Tatsächlich trägt man,
wenn man dieses letzte Kettenglied ist, die Krone der Berechtigung zur
Magie. Wiederholen wir es: jede nicht auf diese Art gekrönte Magie ist
unrechtmäßig.
Ist folglich die Ausübung der geheiligten Magie allein der Priesterschaft
vorbehalten? – Darauf antworte ich mit einer Gegenfrage: Ist die Liebe zu
Gott und zum Nächsten nur der Priesterschaft vorbehalten? – Die geheiligte
Magie ist die Macht der Liebe, geboren aus der Vereinigung des göttlichen
Willens mit dem menschlichen Willen in der Liebe. Nun war Philipp von
Lyon kein Priester und noch nicht einmal Arzt; aber er heilte Kranke durch
geistige Macht, von welcher er sagte, daß sie nicht die seine sei, sondern
die des „Freundes von oben“.
Di e Priesterschaft weist zahlreiche Wundertäter auf, wie den hl.
Gregorius, den hl. Nikolaus und den hl. Patrick, was genügt, um uns zu
überzeugen, daß die geheiligte Magie in der Priesterschaft ganz zu Hause
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
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ist. Wie könnte es auch anders sein, da das Spenden der heiligen
Sakramente, dieser Operationen der universalen geheiligten Magie, die
Hauptaufgabe der Geistlichkeit bildet und da die „oben beschlossenen“ und
bestimmten individuellen Operationen vor allem denen anvertraut sind, die
im Umgang mit den universalen heiligen Sakramenten leben? – Ist es nicht
nur natürlich, daß derjenige, der jeden Tag teilhat am Mysterium der
Transsubstantiation, an erster Stelle zur geheiligten Magi e berufen ist? –
Leben und Werk des hl. Pfarrers von Ars lassen daran keinen Zweifel. Sein
Leben und sein Werk zeigen uns die Erhabenheit und den Glanz der
individuellen geheiligten Magie, wie sie sich – neben dem Spenden der
universalen heiligen Sakramente – im Leben und Werk eines einfachen
Landpfarrers offenbaren können! Auf der anderen Seite zeigen uns aber
Leben und Werk des Philipp von Lyon die Erhabenheit und den Glanz der
individuellen geheiligten Magie, wie sie sich – ohne die heiligen Sakramente –
im Leben und Werk eines Laien, der auf dem Lande geboren und
aufgewachsen ist, offenbaren können!
Die Liebe wirkt überall, wo sie gegenwärtig ist. Sie ist die innere
Berufung eines jeden; sie ist niemandes Vorrecht.
Aus dem Vorhergehenden wird klar, daß die Gnosis, die der mystischen
Erfahrung verdankt wird, der geheiligten Magie vorangehen muß. Das ist
der Sinn der Krone, welche die „Kaiserin“ trägt. Die geheiligte Magie ist das
Kind von Mystik und Gnosis.
Wäre dem nicht so, dann wäre die Magie die praktische Anwendung
der okkulten Theorie. Diese geschieht aber nur in der persönlichen oder
widerrechtlichen Magie. Die geheiligte oder göttliche Magie ist die
praktische Umsetzung der mystischen Offenbarung in Praxis. Der Meister
hat Petrus offenbart, was er zu tun habe – innerlich und äußerlich –, um
Äneas in Lydda zu heilen. Darin besteht die Reihenfolge der Dinge in der
geheiligten Magie: zuerst die wirkliche Berührung mit dem Göttlichen
(Mystik), dann die Aufnahme dieses Kontaktes in das Bewußtsein (Gnosis)
und schließlich das Inswerksetzen oder die Ausführung dessen, was die
mystische Offenbarung als zu erfüllende Aufgabe und zu befolgende
Methode erkennen ließ.
Die persönliche oder unrechtmäßige Magie folgt dagegen einer ent-
gegengesetzten Ordnung. Hier studiert der Magier selbst die okkulte Theorie
und entscheidet, wann und wie sie in die Praxis umzusetzen ist. Auch wenn
er dabei dem Rate eines Meisters in der Magie folgt – jemandem, der in der
Magie erfahrener ist als er –, so bleibt es doch grundsätzlich der gleiche
Sachverhalt: immer ist es die menschliche Persönlichkeit, die über das
„Was“ und „Wie“ entscheidet. So sagt Papus:
„Was die Magie von der okkulten Wissenschaft im allgemeinen
unterscheidet, ist, daß erstere eine praktische Wissenschaft ist, während die
zweite vor allem theoretisch ist. Aber die Magie ausüben zu wollen, ohne
den Okkultismus zu kennen, heißt, eine Lokomotive führen zu wollen, ohne
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
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eine theoretische Spezialschulung durchgemacht zu haben. Das Ergebnis ist
absehbar.“
Und dann:
„Da die Magie eine praktische Wissenschaft ist, verlangt sie, wie alle
praktischen Wissenschaften, theoretische Vorkenntnisse.“
Und endlich:
„Die Magie, wenn man sie als angewandte Wissenschaft betrachtet,
beschränkt ihre Tätigkeit fast allein auf die Entwicklung der Beziehungen,
die zwischen dem Menschen und der Natur bestehen. Die Erforschung der
Beziehungen, die zwischen dem Menschen und der höheren, göttlichen
Ebene bestehen mit all ihren Modalitäten, bezieht sich mehr auf die
Theurgie als auf die Magie.“
Da haben wir eine charakteristische Definition, die nichts zu wünschen
übrigläßt in bezug auf das, was wir als „persönliche“ oder „willkürliche
Magie“ bezeichnet haben. Die Magie dieser Art schließt nicht die
übermenschliche, die göttliche Ebene ein. Der Mensch ist hier der einzige
Meister – wie er es übrigens bei allen angewandten Wissenschaften ist.
„In der Regel ist das leitende Prinzip in jeder Handlung der menschliche
Wille; das Mittel der Handlung, das benutzte Handwerkszeug, ist das
menschliche oder natürliche astrale Fluidum; und das zu erreichende Ziel
ist die Verwirklichung (gewöhnlich auf dem physischen Plan) der
unternommenen Operation.“
Aber:
„Was zeremonielle Magie und Beschwörung der Naturkräfte anbelangt,
so können wir sie nur verurteilen, sowohl wegen ihrer Überflüssigkeit als
auch wegen der furchtbaren Gefahren, die sie mitbringen, und wegen des
Seelenzustands, den sie zur Voraussetzung haben... Unter dieser letzteren
Bezeichnung (zeremonielle Magie) versteht man in Wirklichkeit die
Operation, bei der der menschliche Wille und der menschliche Intellekt allein
in Ausübung sind, sogar ohne die Mitwirkung des Göttlichen.“
Die „erheblichen Gefahren“ der persönlichen oder willkürlichen Magie
sind von jenen beschrieben worden, die darin direkte oder indirekte Erfahrung
hatten. Heinrich Cornelius Agrippa von Nettesheim“, Eliphas Levi und Papus
haben genügend Beweismaterial dafür beigebracht, daß die persönliche oder
willkürliche Magie äußerst gefährlich ist.
Bei der geheiligten oder göttlichen Magie läuft man höchstens Gefahr,
daß sie infolge eines Irrtums unwirksam ist, was betrüben kann, aber
ungefährlich ist.
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Bevor ich die Betrachtung über die Gefahren der falschen Magie
abschließe, möchte ich noch auf diejenigen hinweisen, welche Jean Herbert
aufzählt, indem er den Leser vor der Versuchung warnt, die Ausübung der
tantrischen Methode zu probieren und die „Schlangenkraft“ oder
„Kundalini“ zu erwecken, um sie zum Haupt aufsteigen zu lassen, dem
Zentrum Sahasrâra:
„Wer sich auf ein solches Abenteuer einläßt, ohne von einem authentischen
Meister geführt zu werden – was im Westen fast sicher unmöglich ist –,
befindet sich in einer Lage, die analog der eines Kindes ist, das man mit all
den Drogen spielen läßt, mit denen eine Apotheke ausgestattet ist, oder das
man mit einer Pechfackel in einem Munitionslager herumlaufen läßt.
Unheilbare Herzschäden, langsame Zerstörung des Rückenmarks, sexuelle
Störungen und Wahnsinn erwarten diejenigen, die sich in eine solche Gefahr
begeben ...“
Das ist der Strauß der „Blumen des Bösen“, welcher dem Anfänger ohne
Guru oder mit einem nichtauthentischen Guru geboten wird!
Kehren wir nun zur geheiligten Magie zurück. Nachdem wir ihre
„Krone“ oder göttliche Legitimation charakterisiert haben, müssen wir jetzt
ihr „Zepter“ oder ihre Macht betrachten. Das Zepter der „Kaiserin“ setzt
sich aus drei Teilen zusammen:
einem Kreuz, einer Weltkugel und einem Stab, der in einer kleinen
Kugel oder in einer Eichel endigt. Der Stab ist unten an der Stelle, wo die
„Kaiserin“ ihn hält, schmaler als oben, wo er die vorn Kreuz überragte
Weltkugel trägt. Der Globus ist durch einen Gürtel oder eine
„Äquatorialzone“ in zwei Hälften geteilt. So kann man sagen, daß er aus
zwei Schalen gebildet ist; die eine umgekehrte, das Kreuz tragende, ist
nach unten geöffnet; die andere nach oben gewandte und vorn Stab
gestützte ist nach oben geöffnet. Nun ist die Vereinigung der einen, vom
Kreuz überragten Schale mit der anderen, vorn Stab getragenen, die
zusammen das Zepter der „Kaiserin“ bilden, der symbolische Ausdruck der
Methode der Verwirklichung der durch die Krone repräsentierten
Wirkungsmöglichkeit. Die Vereinigung von zwei potentiellen Willen in
der Krone ist im Zepter wirklich geworden. Die vorn Kreuz überragte und
nach unten gerichtete Schale ist der göttliche Wille, während die vom Stab
gestützte und nach oben geöffnete Schale der menschliche Wille ist. Ihre
aktive Verbindung ist das Zepter oder die Macht der geheiligten Magie.
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
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Diese Macht rührt vom Einfluß des Kreuzes her, der von der oberen in die
untere leere Schale fließt und von dort in den Stab herabsteigt, um sich an
dessen Ende wie in einer Eichel oder in einem Tropfen zu konzentrieren,
oder anders ausgedrückt: das heilige Blut von oben konzentriert sich und
wird durch das menschliche Wort und die Menschliche Handlung ein
menschlicher „Blutstropfen“.
Sie werden jetzt vielleicht sagen: Wovon Sie sprechen, ist der Heilige Gral, ist
die mystische Eucharistie!
Ja, worum es sich handelt, ist genau der Heilige Gral oder die mystische
Eucharistie. Denn dort, und nur dort, hat die Macht der geheiligten Magie
ihren Sitz. Diese Macht ist letztlich die der zweifachen Aufrichtigkeit – der
göttlichen und der menschlichen – vereint im menschlichen Wort oder
der menschlichen Handlung. Denn kein Wort und keine Handlung sind
wahrhaft aufrichtig, wenn sie nur an das Gehirn gebunden und nicht zu
Lebensblut geworden sind. Je mehr Aufrichtigkeit im Wort und in der
menschlichen Handlung ist, desto mehr ist darin von der lebendigen Essenz
des Blutes enthalten. Immer wenn es geschieht – und die Engel knien in
Anbetung nieder, wenn es geschieht –, daß das menschliche Wollen in
Übereinstimmung ist mit dem göttlichen Wollen, vereinigt sich alsbald das
heilige Blut mit der lebendigen Essenz des menschlichen Blutes, und das
Mysterium des Gott-Menschen wiederholt sich, wie auch die wunderwirkende
Macht des Gott-Menschen sich erneuert. Das ist die Macht der geheiligten
Magie – oder ihr Zepter.
Lieber Unbekannter Freund, glauben Sie nicht, daß ich diese Dinge auf
intellektuelle Weise zusammengestellt habe nach der Lektüre von Büchern
über den Heiligen Gral und von Abhandlungen der mystischen Theologie
über das Sakrament der Eucharistie! – Nein, ich hätte niemals über das
Mysterium des Blutes als Quelle der geheiligten Magie geschrieben – selbst
wenn ich diese Dinge „wüßte“ –, wenn ich nicht zu wiederholten Malen die
Kapelle des Heiligen Blutes in Brügge besucht hätte. Dort habe ich die
erschütternde Erfahrung von der Wirklichkeit des heiligen Blutes des
Gott-Menschen gemacht. Diese Erfahrung von der seelenverjüngenden
Wirkung – was sage ich! – nicht allein die Seele verjüngend, sondern sie
auch wieder aufrichtend im Sinne der vom hl. Petrus bewirkten Heilung des
Äneas: „Stehe auf und richte selbst dein Bett her!“ – diese Erfahrung, sage
ich, hat mir das Mysterium des heiligen Blutes und der Quelle der Macht der
geheiligten Magie geoffenbart.
Stoßen Sie sich nicht an dem persönlichen Charakter dieser Mitteilung.
Ich bin ein anonymer Autor, und ich bleibe es, um freier und aufrichtiger
sein zu können, als es sonst einem Verfasser möglich ist.
Der Zweck der geheiligten Magie wird, wie wir bereits sagten, durch den
Schild dargestellt, den die „Kaiserin“ trägt anstelle des Buches, das die
„Päpstin“ hält. Die geheiligte Gnosis hat den mittelbaren Ausdruck (oder das
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
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Buch) der mystischen Offenbarung zum Zweck, während das Ziel der
geheiligten Magie die befreiende Handlung oder die Wiederherstellung der
Freiheit für die Wesen ist, welche sie teilweise oder völlig verloren haben.
Der im Fluge dargestellte Adler auf dem Schild versinnbildlicht diesen
Wahlspruch der geheiligten Magie, den man auch folgendermaßen
formulieren könnte: Jedwedem Sklaven die Freiheit zurückgeben!“ Er
umfaßt alle bei Lukas erwähnten Werke:
„In jener Stunde heilte er viele von Krankheiten und Qualen und bösen
Geistern, und vielen Blinden schenkte er das Augenlicht. Da antwortete er
ihnen: ,Geht hin und berichtet dem Johannes, was ihr gesehen und gehört
habt: Blinde sehen, Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören,
Tote stehen auf, Armen wird frohe Botschaft Verkündet.“ (Lk 7, 21 f).
Das ist das Ziel der geheiligten Magie; sie hat kein anderes als die
Wiederherstellung der Freiheit, zu sehen, zu hören, zu gehen, zu leben,
nach dem Ideal zu streben und wahrhaft man selbst zu sein – das heißt den
Blinden das Augenlicht wieder zu geben, den Tauben das Gehör, den
Lahmen das rechte Gehen, den Toten das Leben, den Armen die frohe
Botschaft oder das Ideal und denen, die besessen sind von bösen Geistern,
den freien Willen. Sie beeinträchtigt niemals die Freiheit, deren
Wiederherstellung ihr einziges Ziel ist.
Das Bestreben der geheiligten Magie richtet sich nicht einfach auf bloße
Heilung, sondern es zielt auf die Wiederherstellung der Freiheit, auch auf
Befreiung von den Fesseln des Zweifels, der Furcht, des Hasses, der Apathie
und der Verzweiflung.
Die „bösen Geister“, die den Menschen seiner Freiheit berauben, sind
keineswegs Wesenheiten der sogenannten Hierarchien des Bösen oder der
„gefallenen“ Hierarchien. Weder Satan noch Belial, noch Luzifer, noch
Mephistopheles haben jemals irgend jemanden, wer immer es sei, seiner
Freiheit beraubt. Ihre einzige Waffe ist die Versuchung, und diese setzt die
Freiheit desjenigen voraus, der versucht wird. Die Besessenheit durch einen
„bösen Geist“ hat nichts mit Versuchung zu tun. Es ist stets der gleiche
Sachverhalt wie mit Frankensteins Ungeheuer: man erzeugt ein Elementarwesen
und wird dann Sklave seiner eigenen Schöpfung. Die „Dämonen“ und „bösen
Geister“ des Neuen Testaments heißen heute in der Psychotherapie
„Zwangsneurosen“, „Angstneurosen“, „fixe Ideen“ usw. Sie sind von den
zeitgenössischen Psychiatern entdeckt und als Realitäten anerkannt
worden, d. h. als „parasitäre psychische Organismen“, die unabhängig vom
bewußten menschlichen Willen sind und die Neigung haben, diesen zu
unterwerfen. Der Teufel hat damit nichts zu tun, wenigstens nicht im Sinne einer
direkten Beteiligung. Er gehorcht dem Gesetz, das die menschliche Freiheit
schützt und welches das unverletzliche Abkommen ist zwischen den
Hierarchien zur „Rechten“ und zur „Linken“. Er übertritt es niemals, wie es
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
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zum Beispiel aus der Geschichte von Hiob hervorgeht. Man fürchte daher nicht
den Teufel, vielmehr fürchte man die perversen Neigungen in sich selbst!
Denn diese perversen menschlichen Neigungen sind es, die uns unserer
Freiheit berauben und uns knechten können. Schlimmer noch: sie können
sich unserer Vorstellungskraft oder unserer Erfindungsgabe bemächtigen
und uns zu Schöpfungen veranlassen, die zur Geißel der Menschheit werden.
Die Atombomben und die Wasserstoffbomben sind schlagende Beweise
dafür.
Der Mensch mit der möglichen Perversität seiner fehlgeleiteten
Vorstellungskraft ist viel gefährlicher als der Teufel und seine Legionen.
Denn der Mensch ist nicht an die Abmachung zwischen Himmel und Hölle
gebunden; er kann sich über die Schranken des Gesetzes hinwegsetzen und
willkürlich üble Kräfte erzeugen, deren Natur und Wirksamkeit außerhalb
des Rahmens des Gesetzes sind. Solcherart waren die Moloche und andere
„Götter“ von Kanaan, Phönizien, Karthago, dem alten Mexiko und anderen
Ländern, die Menschenopfer forderten. Man muß sich hüten, zu Unrecht
die Wesen der Hierarchien des Bösen anzuklagen, die Rolle der Moloche
gespielt zu haben, da diese nur Geschöpfe der perversen kollektiven
Vorstellungskraft und des fehlgeleiteten kollektiven Willens der Menschen
waren. Sie sind Egregore der kollektiven Perversität, so wie es „Dämonen“
oder „böse Geister“ gibt, die von einzelnen Menschen erzeugt werden.
Doch genug von Dämonen; das Problem der „bösen Geister“ wird
eingehender und tiefer im 15. Brief behandelt werden, welcher dem
fünfzehnten Arcanum „Der Teufel“ gewidmet ist.
Der Thronsessel, auf welchem die „Kaiserin“ sitzt, stellt, wie wir bereits
sagten, die Rolle der geheiligten Magie in der Welt dar. Er ist ihr Platz in
der Welt und in der Weltgeschichte – ihr Fundament. Mit anderen Worten: er
ist das sie Erwartende und Ersehnende, immer bereit, sie zu empfangen.
Was aber ist dies?
Im Hinblick auf die befreiende Wirkung der geheiligten Magie ist es
alles, was der Freiheit entbehrt und dem Zwang der Notwendigkeit
unterworfen ist. Es handelt sich um das, wovon der hl. Paulus sagt:
„Denn die ganze Schöpfung wartet sehnsüchtig auf das Offenbarwerden
der Söhne Gottes. Die Schöpfung ist der Vergänglichkeit unterworfen, nicht
aus eigenem Willen, sondern durch den, der sie unterworfen hat; aber
zugleich gab er ihr Hoffnung: Auch die Schöpfung soll von der Sklaverei
und Verlorenheit befreit werden zur Freiheit und Herrlichkeit der Kinder
Gottes. Denn wir wissen, daß die gesamte Schöpfung bis zum heutigen
Tag seufzt und in Geburtswehen liegt. Aber auch wir, obwohl wir als
Erstlingsgabe den Geist haben, seufzen in unserem Herzen und warten
darauf, daß wir mit der Erlösung unseres Leibes als Söhne offenbar werden“
(Röm 8, 19-23).
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
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Das Mineral-, Pflanzen-, Tier- und Menschenreich der Natur – mit einem
Wort: die ganze Natur – bildet also den Bereich der geheiligten Magie. Die
Ursache ihres Daseins rührt her vom Sündenfall in seinem ganzen Umfang
mit der gefallenen Natur, dem gefallenen Menschen und den gefallenen
Hierarchien. Alle Wesen gehören ihr an, die mit „ungeduldiger Sehnsucht“
darauf hoffen, befreit zu werden „von der Knechtschaft der Vergänglichkeit“,
um wieder integriert zu werden in die „Freiheit und Herrlichkeit der Kinder
Gottes“.
Wie handelt die geheiligte Magie, um dieses Ziel zu erreichen?
Wie befreit sie zum Beispiel den Menschen?
Der Thronsessel der „Kaiserin“ hat eine Lehne. Diese erinnert sehr an zwei
Flügel, so daß einige Interpreten des Tarot bei der „Kaiserin“ auch Flügel
erkennen wollten. Andere hingegen haben nur eine Lehne gesehen. Wenn man
das Kartenbild in seinem Zusammenhang sieht – die Bedeutung des Schildes mit
dem Adler, des vom Kreuz überragten Zepters und der zweistufigen Krone –,
könnte man dann nicht in der Lehne zwei versteinerte, unbeweglich gewordene
Flügel sehen, die früher einmal wirkliche Flügel waren und es heute noch
potentiell sind?
Wenn diese Auslegung akzeptiert würde, brächte sie nicht nur die beiden
scheinbar entgegengesetzten Auffassungen in Einklang, sondern sie stimmte auch
mit allem überein, was die Karte über das Gebiet, das Ziel, die Macht und die
Legitimität der geheiligten Magie lehrt: den versteinerten Flügeln die
Beweglichkeit zurückzugeben. Würde das nicht mit der befreienden Aufgabe
der geheiligten Magie und mit den Worten des hl. Paulus übereinstimmen?
Wie dem auch sei, diese Auslegung enthält jedenfalls die Antwort auf die
Frage nach der konkreten Art und Weise der befreienden Wirkung der
geheiligten Magie. Sie ist in allen Punkten der zwingenden Wirkung der
falschen oder persönlichen Magie entgegengesetzt. Sie stellt der Hypnose das
Erwecken des freien Willens gegenüber; der Suggestion die Befreiung von
fixen Ideen und psychopathologischen Komplexen; der Beschwörung des
Nekromanten das Sicherheben zum Verstorbenen durch die Kraft der Liebe; den
Zwangsmitteln, welche von der zeremoniellen Magie hinsichtlich der
Elementarwesen (Gnomen, Undinen, Sylphen und Salamander) angewandt
werden, das Gewinnen ihres Vertrauens und ihrer Freundschaft durch
entsprechende Handlungen; den Methoden der praktischen Kabbala, welche die
Unterjochung der „bösen Geister“ (der Wesen der gefallenen Hierarchien) zum
Ziel haben, ihre Umwandlung zu freiwilligen Dienern durch Standhaftigkeit
gegenüber den verschiedenen Versuchungen eines jeden von ihnen. Denn auch sie
warten darauf, daß „die Kinder Gottes offenbar werden“, und diese
Offenbarwerdung bedeutet für sie vor allem Unzugänglichkeit gegenüber ihren
Versuchungen.
Widersteht dem Teufel, und der Teufel wird euer Freund werden!
Ein Teufel ist kein Atheist; er zweifelt nicht an Gott. Der Glaube, der ihm
fehlt, ist der Glaube an den Menschen. Und die Tat der geheiligten Magie im
Hinblick auf einen solchen Teufel ist die Wiederherstellung seines Glaubens
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
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an den Menschen. Der Zweck der Prüfungen Hiobs war nicht etwa, die
Zweifel Gottes zu zerstreuen, sondern vielmehr diejenigen des Teufels. Wer
war es, der, nachdem diese Zweifel erst einmal zerstreut waren, alles dafür tat,
daß Hiob zurückbekam, was er verloren hatte, wenn nicht dasselbe Wesen,
das ihn vorher beraubt hatte? Der Feind Hiobs wurde aus freiem Antrieb zu
seinem Diener, und „Diener aus freiem Antrieb“ heißt Freund.
Schließlich setzt die geheiligte Magie der Praxis des Magnetismus
(Übertragung von fluidischen Kräften) die Bereitschaft entgegen, die
Krankheiten und Gebrechen des anderen auf sich zu nehmen, entsprechend
der Vorschrift des hl. Paulus:
„Einer trage des anderen Last und erfülle so das Gesetz Christi“ (Gal 6,
2).
So praktizierten die Heiligen die geheiligte Magie. Sie übertrugen nicht
ihre Kräfte, ihre Vitalität oder ihr Fluidum auf den anderen, sondern nahmen
im Gegenteil auf sich, was ihn krank machte. Die hl. Lidwina zum Beispiel,
die während langer Jahre niemals ihr Bett und ihr Zimmer verließ, roch eines
Tages stark nach Alkohol. Zur gleichen Zeit Vollzog sich die Heilung eines
Alkoholikers in der Stadt Schiedem.
Ich habe diese Liste der Gegensätze nicht vorgebracht, um Hypnose,
Suggestion, alle Arten von Beschwörungen, die zeremonielle Magie, welche
sich auf die Natur richtet, die praktische Kabbala, welche die Unterwerfung
der „bösen Geister“ erstrebt, und den Magnetismus zu kritisieren und erst
recht nicht, um sie zu Verurteilen. Mein einziges Ziel war hervorzuheben,
worin sich die geheiligte Magie von diesen Praktiken unterscheidet. Auch
sie können dem Guten dienen, aber die geheiligte Magie kann nicht anders,
als nur dem Guten zu dienen.
Gibt es „Zauberbücher“ der geheiligten Magie? – Ja, wenn man unter
„Zauberbüchern“ ein Arsenal von Waffen oder Handwerkszeug versteht,
dessen man sich dort bedient. Dieses Arsenal wird durch Formeln, Gesten und
durch von den Gesten wiedergegebene Figuren gebildet. Man darf sie
allerdings nicht willkürlich wählen. Die Wahl soll entweder aufgrund der
durch Offenbarung bekräftigten tiefen Wissenschaft getroffen werden oder
aber direkt der Offenbarung vorbehalten bleiben, welche später durch die auf
Erfahrung beruhende Wissenschaft bestätigt wird.
Was das Arsenal der Formeln anbelangt, so ist es beinahe ganz für
jedermann zugänglich. Denn das Hauptformelbuch der geheiligten Magie ist
die Heilige Schrift – die das Alte und Neue Testament umfassende Bibel. Das
Evangelium nach Johannes nimmt darin einen hervorragenden Platz ein,
denn es ist fast ganz aus magischen Formeln gebildet. Dann kommen die
drei anderen Evangelien und die Apokalypse. Auch in den Episteln und in
der Apostelgeschichte findet man magische Formeln.
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
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Im Alten Testament befinden sie sich vor allem in den Psalmen, im Buch
Genesis (Bereshith), bei Ezechiel und den anderen Propheten. Im
liturgischen Ritual der Kirche und in der geschriebenen oder mündlichen
Überlieferung, welche auf die Heiligen und die großen Mystiker zurückgehen,
gibt es ebenfalls magische Formeln. Der Text der „Tabula Smaragdina“ gehört
gleicherweise zum Arsenal der Formeln der geheiligten Magie. Was den
„stummen Teil“ der geheiligten Magie betrifft, d. h. die Gesten und die
durch die Gesten wiedergegebenen Figuren, so soll ihre Wahl ebenfalls
entweder aufgrund der Offenbarung erfolgen oder durch sie bestätigt
werden. Sie bestehen in der Regel in den im Ritus der traditionellen Kirche
(der römischen oder der griechisch-orthodoxen) gebrauchten Gesten und in
denjenigen Gesten, welche eine begrenzte Anzahl geometrischer Figuren
wiedergeben. So muß man manchmal knien, manchmal stehen, manchmal
sich niederwerfen; manchmal muß man die Geste der Segnung, manchmal
die des Schutzes, manchmal die der Befreiung vollziehen usw. Diese
Formeln und Gesten sind nicht geheim, aber man darf sie nicht verraten.
Verraten bedeutet nicht, sie zu verbreiten, sie andere wissen zu lassen; man
verrät nicht eine magische Formel, die fast aller Welt bekannt ist, durch die
Tatsache, sie anderen zur Kenntnis zu bringen. Man verrät sie aber, wenn
man sie aus ihrem geheiligten Eigenbereich und dem geheiligten
Zusammenhang der magischen Operation, deren Teil sie ist, herausreißt und
sie auf eine niedrigere Ebene herunterzieht, d. h. sie mißbraucht. Es ist
genau wie bei den Formeln, durch welche sich die Konsekration in der
Messe vollzieht. Alle Welt kennt sie, aber sie wirken nur, wenn sie im
geheiligten Zusammenhang der Messe durch eine Person ausgesprochen
werden, die allein berechtigt und bevollmächtigt ist, sie anzuwenden. Es ist
nicht ihre Geheimhaltung, die sie wirksam macht; es ist der Zusammenhang
und das Niveau der Operation ebenso wie die Legitimation des
Ausführenden oder Zelebranten.
Man verrät also nicht die Formeln der Konsekration, wenn man sie in den
Meßbüchern druckt; aber man würde sie wohl verraten, wenn man sich ihrer
als Laie in einer willkürlich improvisierten oder erfundenen „Messe“
bediente. Das Mysterium ist auf andere Art geschützt als das Geheimnis. Sein
Schutz ist das Licht, während der Schutz des Geheimgehaltenen die
Dunkelheit ist. Das Arcanum nun, welches die Zwischenstufe zwischen dem
Mysterium und dem Geheimnis darstellt, wird vom Licht der Dämmerung
geschützt. Denn es offenbart sich und verbirgt sich gleichzeitig durch das
Mittel des Symbolismus. Der Symbolismus ist das Zwielicht der Arcana. So
sind die Arcana des Tarot sichtbar gewordene und jedermann zugängliche
Formeln. Sie dienten in der Vergangenheit Tausenden von Personen zur
Unterhaltung; Hunderte bedienten sich ihrer, um wahrzusagen; einige
erfuhren ihre offenbarende Wirkung. Court de Gébelin war über sie erstaunt;
Eliphas Lévi wurde davon ergriffen; Papus wurde von ihnen inspiriert.
Andere folgten ihnen und erfuhren die seltsame und fast unwiderstehliche
Anziehungskraft des Tarot. Sie studierten, meditierten, kommentierten und
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
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interpretierten ihn, weil sie angeregt, inspiriert und erleuchtet wurden durch
„irgend etwas“ im Tarot, das sich zugleich offenbart und verbirgt im
Zwielicht seiner Symbole. Und wir? Wie ergeht es uns mit dem Tarot? – Wir
werden es aus sicherer Kenntnis wissen nach dem 22. Brief, der den Kleinen
Arcana des Tarot gewidmet ist. –
Der Thronsessel, auf dem die „Kaiserin“ sitzt, repräsentiert das zweite
HE des „Tetragrammaton“ der geheiligten Magie, das heißt ihre manifest
gewordene Gesamtheit; ihre Krone entspricht dem JOD, das Zepter dem
ersten HE und der Schild dem WAW des Tetragrammaton.
Darum haben wir den Thronsessel als „Rolle der geheiligten Magie in der
Welt und in der Geschichte“ definiert. Man könnte ebensogut sagen, daß es
das Phänomen der gesamten geheiligten Magie ist, wie es sich in der
Menschheitsgeschichte geäußert hat, äußert und äußern wird. Es ist ihr
historischer Leib, der ihre Seele und ihren Geist offenbart. Unter „Leib“
verstehe ich, was die direkte Tätigkeit in der Welt der Tatsachen möglich
macht. So ist das „Arsenal“ oder Depot der magischen Formeln und Gesten,
deren man sich bei der praktischen Ausübung der geheiligten Magie bedient,
Teil ihres „Leibes“. Das Ritual ihrer universalen Operationen, welche dazu
bestimmt sind, der ganzen Menschheit zu dienen, und die über Raum und
Zeit erhaben sind, d. h. die sieben heiligen Sakramente der universalen Kirche,
bilden, insofern sie Ritual sind, gleicherweise einen Bestandteil ihres
„Leibes“. Auch die Persönlichkeiten, die den Auftrag oder die Gabe haben,
für den Fortbestand der Tradition der geheiligten Magie Sorge zu tragen,
gehören dazu. Dieser Leib ist wie ein Baum, der eine bestimmte Anzahl von
Ästen hat, die viele Blätter tragen, und dessen Wurzeln im Himmel sind,
während sein Wipfel nach unten ragt. Er hat nur einen Stamm und einen
Saft, der alle seine Äste mit ihren unzähligen Blättern ernährt und belebt.
Ist es der „Baum der Sephiroth“ der Kabbala? – Oder der „Baum der
Erkenntnis des Guten und des Bösen?“ – Oder der „Baum des Lebens“?
Die Frucht des Baumes der Erkenntnis des Guten und des Bösen hatte
eine dreifache Wirkung: Mühe, Leid und Tod. Die Mühe oder Arbeit nahm
den Platz der mystischen Vereinigung mit Gott ein; dieselbe Vereinigung ohne
Mühe und Anstrengung ist die Unterweisung des ersten Arcanums des Tarot
„Der Gaukler“. Das Leiden ersetzte die direkt gespiegelte Offenbarung oder
Gnosis; deren direkte Offenbarung ist die Unterweisung des zweiten Arcanums
des Tarot „Die Päpstin“. Der Tod trat in den Bereich des Lebens oder der
schöpferischen geheiligten Magie ein, welche die Unterweisung des dritten
Arcanums des Tarot „Die Kaiserin“ ist. Nun ist die geheiligte Magie das
Leben, wie es vor dem
Sündenfall war. Die Gnosis des zweiten Arcanums ist das Bewußtsein,
wie es vor dem Fall war. Die mystische Unmittelbarkeit bzw. Spontaneität
des ersten Arcanums ist die Beziehung zwischen Mensch und Gott, wie sie
vor dem Fall war. Diese ursprüngliche Spontaneität gab der Evolution oder
der Entwicklung des menschlichen Wesens Anstoß und Richtung. Nicht der
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
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Kampf ums Dasein, wie ihn Charles Darwin vor einem Jahrhundert
beschrieben hat, war der richtunggebende Grundimpuls zum Ideal oder zum
Ziel der Evolution vor dein Sündenfall, sondern jener Zustand des Seins, den
wir heute mit dein Ausdruck „mystische Vereinigung“ bezeichnen. Das
Prinzip des Kampfes oder der Mühe wurde erst nach dem Fall ins Spiel
gebracht. Ebenso spielte das Leiden vor dem Fall nicht die
bewußtseinerweckende Rolle; diese Rolle war damals der direkt gespiegelten
Offenbarung oder der Gnosis vorbehalten. Der Tod spielte damals noch
nicht die Rolle der Befreiung des Bewußtseins durch die Zerstörung der
Formen, die es einsperren, welche er seit dem Sündenfall spielt. Anstelle der
Zerstörung der Formen fand ihre ständige Umwandlung statt. Dies wurde
bewirkt durch die andauernde Tätigkeit des Lebens, das die Metamorphose
der Formen ausführte gemäß dem Wechsel des Bewußtseins, das sich ihrer
bediente. Diese dauernde befreiende und aufbauende Tätigkeit des Lebens
war – und ist es noch immer – die Aufgabe und Wirkung der geheiligten oder
göttlichen Magie. Diese umwandelnde Tätigkeit – im Gegensatz zur
zerstörerischen Wirkung des Todes – bezeichnet die Genesis des Moses durch
das Symbol: „Baum des Lebens“.
Nun hatte der Sündenfall das Schicksal der Menschheit insoweit
verändert, als die mystische Vereinigung durch den Kampf oder die Mühe
ersetzt wurde, die Gnosis durch das Leiden und die geheiligte Magie durch
den Tod. Darum hat die Formel, welche die frohe Botschaft verkündet, daß die
Auswirkungen des Sündenfalles überwunden werden können, daß nämlich
der Weg der menschlichen Evolution wieder derjenige der mystischen
Vereinigung werden kann anstelle des Kampfes; daß die unmittelbar
gespiegelte Offenbarung oder die Gnosis wieder das Lehren der Wahrheit
durch das Leid ersetzen kann und daß die geheiligte Magie oder das
umwandelnde Leben den Platz des zerstörerischen Todes einnehmen kann –
aus diesem Grund, sage ich, hat diese Formel den Wortlaut:
„Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben“ (Jo 14, 6).
Diese Formel ist gleichzeitig die Zusammenfassung der drei ersten
Arcana des Tarot, das heißt des Arcanums des wahren Weges oder der
mystischen Unmittelbarkeit bzw. Spontaneität, des Arcanums der offenbarten
Wahrheit oder der Gnosis und des Arcanums des umwandelnden Lebens oder
der geheiligten Magie.
Die geheiligte Magie ist also der Lebensbaum, der unerreichbar ist für
willkürliche Vermessenheit, der sich aber in der gesamten menschlichen
Geschichte offenbart durch Vermittlung derjenigen, die zu sagen wissen:
„Ecce ancilla Domini, mihi fiat secundum verbum tuum – Siehe, ich bin die
Magd des Herrn; mir geschehe nach deinem Wort“,
oder auch: „Ecce servus Domini, faciam secundum verbum tuum – Siehe ich
bin der Knecht des Herrn; mir geschehe nach deinem Wort.“
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
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Sie offenbart sich durch das Wunder der menschlichen Geschichte, daß das
überbiologische menschliche Leben sich fortsetzt von Jahrhundert zu
Jahrhundert, von Jahrtausend zu Jahrtausend und daß seine Quelle nicht
versiegt; daß das geheiligte Feuer auf den Altären der Herzen und den Altären
von Stein nicht erlischt von Jahrhundert zu Jahrhundert, von Jahrtausend zu
Jahrtausend; daß Güte, Wahrheit und Schönheit ihre Anziehungskraft nicht
verlieren von Jahrhundert zu Jahrhundert; daß es Glaube, Hoffnung und
barmherzige Liebe in der Welt gibt; daß es Heilige, Weise, Genies, Wohltäter
und Heiler gibt; daß das reine Denken, die Poesie, die Musik, das Gebet nicht
verschlungen werden vom Nichts; daß es dieses alles umfassende Wunder der
menschlichen Geschichte gibt und daß das Wunderbare existiert. Ja, das
Wunderbare existiert; denn das Leben ist eine einzige Reihe von Wundern,
wenn wir unter „Wunder“ nicht die Abwesenheit einer Ursache verstehen (d.h.,
daß es von niemandem und nichts verursacht ist – was eher die Auffassung vom
„reinen Zufall“ sein würde), sondern die sichtbare Wirkung einer unsichtbaren
Ursache oder die Wirkung auf niedrigerer Ebene einer Ursache auf höherer
Ebene. Unbegreiflichkeit ist durchaus nicht die entscheidende Eigenschaft des
Wunders. Im Gegenteil: das Wunder ist oft wesentlich begreiflicher als ein
sogenanntes „natürliches“ oder „erklärtes“ Phänomen. Es ist zum Beispiel
begreiflicher, daß Therese Neumann in Konnersreuth (Bayern) durch Jahrzehnte
hindurch von keiner anderen Nahrung lebte als der Hostie – wenn man die
Tatsache bedenkt, daß Materie nur verdichtete Energie und Energie nur
verdichtetes Bewußtsein ist – als es die gut „erklärte“ Tatsache ist, daß eine
einzige Zelle, welche sich durch Teilung vermehrt, die völlig verschiedenen
Zellen des Gehirns, der Muskeln, der Knochen, der Haare usw. hervorbringt,
die sich derart anordnen, daß daraus der ganze menschliche oder tierische
Organismus hervorgeht. Wenn man mir erklärt, daß dies alles auf Vererbung
zurückzuführen ist, daß die „Gene“, die schon in der ersten Zelle vorhanden
sind, so beschaffen sind, daß ein solcher Organismus daraus folgen muß, so
verneige ich mich zwar, bin aber bloß geblendet.
Der Baum des Lebens ist die Quelle der Wunder der Zeugung, der
Umwandlung, der Verjüngung, der Heilung und der Befreiung. Bewußte
Teilhabe an ihm „ad perpetranda miracula rei unius – um die Wunder des
Einen zu vollbringen“, wie die „Tabula Smaragdina“ sagt, ist das „Große
Werk“ der geheiligten Magie. –
Man kann das Ideal des Großen Werkes verstehen, wenn man es mit dem
Ideal der modernen exakten Wissenschaften vergleicht. Nun ist das Ideal der
Wissenschaft die Macht – die praktisch-technische Macht und die intellektuell-
technische Macht. Der intellektuelle Aspekt des Wissenschaftsideals ist, die
Mannigfaltigkeit der Phänomene auf eine begrenzte Anzahl von Gesetzen
zurückzuführen und sie sodann auf eine einzige einfache Formel zu bringen. Es
handelt sich letztlich darum, den Intellekt auf solche Art zu mechanisieren, daß er
die Welt berechnet, anstatt sie zu verstehen; auf diese Weise erreicht man
technisch-intellektuelle Macht.
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
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Der praktische Aspekt des Wissenschaftsideals offenbart sich im Fortschritt
der modernen Wissenschaft seit dem 17. Jahrhundert bis in unsere Zeit. Seine
wesentlichen Etappen waren die nacheinander erfolgende Entdeckung der
Dampfkraft, der Elektrizität und der Atomkraft im Dienst des Menschen. So
verschieden diese Entdeckungen aber auch zu sein scheinen, sie sind doch nur
auf ein einziges Prinzip gegründet, nämlich auf die Zertrümmerung der Materie,
durch welche die Energie befreit wird, um vom Menschen erneut eingefangen
und in seinen Dienst gestellt zu werden. Kleine regulierte Explosionen des
Treibstoffes sind es, welche die Energie erzeugen, die ein Auto fahren läßt. Die
Atomzertrümmerung mittels technisch gesteuerten elektronischen Beschusses
erzeugt die Atomenergie. Ob es sich um Kohle, Benzin oder um
Wasserstoffatome handelt, immer geschieht die Erzeugung von Energie als
Folge der Zerstörung von Materie. So ist der praktische Aspekt des Ideals der
Naturwissenschaft die Beherrschung der Natur durch die Anwendung des
Prinzips der Zerstörung oder des Todes.
Stellen Sie sich nun, lieber Unbekannter Freund, Bemühungen und
Entdeckungen in entgegengesetzter Richtung vor – in der Richtung des Aufbaus
oder des Lebens. Stellen Sie sich nicht die Explosion, sondern das Aufblühen
einer konstruktiven „Atombombe“ vor. Dies ist nicht allzu schwierig, denn jede
kleine Eichel ist eine solche „konstruktive Bombe“, und die Eiche ist nur das
sichtbare Ergebnis einer solchen langsamen „Explosion“ – oder des Aufblühens
– dieser „Bombe“. Stellen Sie es sich vor, und Sie werden das Ideal des Großen
Werkes oder die Idee des Baumes des Lebens vor sich haben. Die bloße
Vorstellung „Baum“ bringt schon die Verneinung des technischen und
mechanischen Elements mit sich. Der Baum ist die lebendige Synthese des
himmlischen Lichtes und der Elemente der Erde. Und er ist die Synthese von
Himmel und Erde, er verbindet und synthetisiert auch ständig, was von oben
herab- und von unten heraufsteigt, zu einer neuen Einheit.
So steht das Ideal der Hermetik im Gegensatz zu dem der Wissenschaft.
Anstatt nach der Macht über die Kräfte der Natur durch Zerstörung der Materie
zu trachten, strebt die Hermetik nach der bewußten Teilhabe an den aufbauenden
Kräften der Welt auf der Grundlage einer
Verbindung und innigen Vereinigung mit ihnen. Die Naturwissenschaft
will die Natur zum Gehorsam gegenüber dem Willen des Menschen, so wie er
ist, zwingen; die Hermetik (die Philosophie der geheiligten Magie) dagegen
möchte den menschlichen Willen und das Wesen des Menschen so reinigen,
erleuchten und verändern, daß sie sich der „natura naturans“ angleichen und
daß sie dadurch für die aus freien Stücken gewährte Offenbarung der Natur
aufnahmefähig werden.
Das Große Werk als Ideal ist also der Zustand des menschlichen Wesens,
das in Frieden, Eintracht, Harmonie und Zusammenarbeit mit dem Leben
ist. Darin besteht die „Frucht vom ‚Baume des Lebens’“.
Doch sagt nicht die Bibel, daß die Annäherung an den „Baum des Lebens“
verboten ist und daß Gott „an den Osten des Gartens Eden den Cherub mit
dem flammenden Schwert gesetzt hat, um den Weg zum Baume des Lebens
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
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zu bewachen“?
Ja, sie ist verboten, aber das Verbot ist nicht absolut und allgemein; es ist
spezifiziert. Lesen wir, was die Bibel darüber sagt:
„Dann sprach Jahwe Gott: ,Siehe, der Mensch ist geworden wie einer von
uns, so daß er Gutes und Böses erkennt. Daß er nun aber nicht seine Hand
ausstrecke und auch von dem ,Baum des Lebens’ nehme und esse und ewig
lebe!“ (Gen 3, 22).
Es handelt sich also bei dem Verbot um das Ausstrecken der Hand und das
Nehmen vom ‚Baume des Lebens’. Das und nur das verhindert das flammende
Schwert des Hüters vom Garten Eden.
„Die Hand ausstrecken und nehmen“, das ist der Beweggrund, die
Methode und das Ideal der Naturwissenschaft. Es ist der dem
naturwissenschaftlichen Verhalten zugrunde liegende Wille zur Macht, der
durch das flammende Schwert des Hüters vom Garten Eden daran gehindert
wird, die am Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen begangene Tat zu
wiederholen. Beweggrund, Methode und Ideal der Hermetik aber sind
denen der Naturwissenschaft entgegengesetzt. Der Wille zum Dienen liegt der
hermetischen Einstellung zugrunde.
Statt die Hand zum Nehmen auszustrecken, öffnet der Mensch Intellekt,
Herz und Willen zum Empfangen dessen, was ihm durch Gnade frei gewährt
wird. Inspiration, Erleuchtung und Intuition, die er sucht, sind nicht von
seinem Willen errungene Eroberungen, sondern vielmehr Gaben von oben,
denen Bemühungen des menschlichen Willens, ihrer würdig zu werden,
vorausgehen.
Das flammende Schwert des Hüters vom Garten Eden ist eine Waffe der
göttlichen Magie. Das bedeutet: sie ist im höchsten Maße ein „Ja“ und kein
„Nein“. Sie ist in ihrem Wesen aufbauend und nicht zerstörend. Mit anderen
Worten, sie lädt ein, ermutigt und führt alle diejenigen, die würdig sind, und
alles, was im Innern eines jeden würdig ist, zu den Segnungen des Baumes des
Lebens und weist ab, entmutigt und vertreibt alle diejenigen, die ihrer
unwürdig sind, ebenso wie alles, was im Innern eines jeden unwürdig ist. Das
flammende Schwert ist die Segnung derjenigen, die den Baum der Ewigen
Liebe suchen, welcher der Baum des Lebens ist, und es ist zugleich durch die
Tatsache, daß es segnet, die flammende Kraft des Verbotes für die, welche den
Baum des Lebens suchen, um sich seiner Früchte zu bemächtigen. Das
Schwert des heiligen Hüters des Gartens Eden ist im geistigen Leben der
Menschheit immer wirksam. Es ruft die Sucher und stößt die Diebe zurück.
Ihm ist es zu verdanken, daß die Hermetik, die jahrtausendealte Tradition des
ununterbrochenen Verfolgens des Ideals des Großen Werkes, besteht – trotz
aller Hirngespinste, aller Illusionen und aller Formen bewußter und
unbewußter Scharlatanerie, die diesen Weg begleiten.
Das Schwert des heiligen Hüters des Gartens Eden bewirkt ohne jedes
Ansehen der Person die magische Offenbarung des Baumes des Lebens. Es
ist das flammende magische Wort, das in den menschlichen Seelen den
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
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glühenden Wunsch nach dem Großen Werk, nach dem wundertätigen Leben
erweckt. Es wird „das geknickte Rohr... nicht zerbrechen und den
glimmenden Docht nicht auslöschen“, denn seine Aufgabe ist eine göttliche,
und es ist dem Göttlichen eigen, nicht allein jedes Tröpfchen Aufrichtigkeit
und jedes Fünkchen Liebe schonend zu behandeln, sondern auch es wachsen
und sich ausbreiten zu lassen. Denn trotz aller Verderbnis, die die
geschichtliche Erfahrung zutage fördert, gibt es nichts ganz und gar
Korrumpiertes. Die Lehre der traditionellen Kirche: die „Natur ist verwundet,
aber nicht zerstört – natura vulnerata, non deleta“, ist absolut wahr.
Der Baum des Lebens ist die Einheit oder Synthese von Bewußtsein,
Kraft und Materie. Seine Zahl ist drei, denn er spiegelt die Einheit der
heiligen Dreifaltigkeit. Er ist zugleich die Einheit von Mystik, Gnosis und
Magie. Darum soll man diese nicht trennen. Die „Kaiserin“ als Symbol der
geheiligten Magie enthält in sich die Gnosis und die Mystik – „Päpstin“ und
„Gaukler“. Diese Arcana sind nicht verständlich, wenn man sie getrennt
nimmt. Ganz allgemein gilt, daß die Arcana des Tarot nur in ihrer
Gesamtheit verständlich sind.
Doch es geschieht oft, daß man im menschlichen Bewußtsein das Untrennbare
trennt, indem man die Einheit vergißt. Man nimmt einen Ast vorn Baume des
Lebens und pflegt ihn, als ob er ohne Stamm bestehen könnte. Der Ast kann
ein langes Leben haben, aber er degeneriert. So geschah es, daß man Gnosis
und Mystik vergaß und die Magie für sich allein nahm, die, ein vom Stamm
getrennter Ast, aufhörte, geheiligte Magie zu sein, und zur willkürlichen oder
persönlichen Magie wurde. Diese mechanisierte sich bis zu einem
bestimmten Grade und wurde das, was man unter „zeremonieller Magie“
versteht, die ihre Blütezeit von der Renaissance bis zum 17. Jahrhundert
hatte. Sie war die Magie der Humanisten im wahrsten Sinne des Wortes, d.
h., sie war nicht mehr göttliche, sondern menschliche Magie. Sie diente nicht
mehr Gott, sondern dem Menschen. Ihr Ideal wurde die menschliche Macht über
die unsichtbare und sichtbare Natur. Später vergaß man auch noch die
unsichtbare Natur. Man konzentrierte sich ganz allein auf die sichtbare Natur
mit der Absicht, sie dem menschlichen Willen zu unterwerfen. So nahm die
technische und industrielle Wissenschaft ihren Anfang. Sie ist die Fortsetzung
der zeremoniellen Magie der Humanisten, ihres okkulten Elementes beraubt,
ganz wie die erstere die Fortsetzung der geheiligten Magie ist, aber ihres
gnostischen und mystischen Elementes beraubt.
Was ich soeben sagte, ist völlig im Einklang mit dem, was Papus denkt
(wie übrigens auch Eliphas Lévi), dem man nicht nachsagen kann, daß er ohne
Sachkenntnis davon spricht. So sagt er:
„Die zeremonielle Magie ist ein Vorhaben, durch das der Mensch eben mit
dem Spiel der Naturkräfte die unsichtbaren Gewalten der verschiedenen
Kategorien zu zwingen sucht, so zu handeln, wie er es von ihnen heischt. Zu
diesem Zweck packt, überrumpelt er sie sozusagen, wobei er durch die Wirkung
der Korrespondenzen., die die Einheit der Schöpfung voraussetzt, Kräfte
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
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projiziert, deren er zwar nicht Meister ist, denen er aber außergewöhnliche
Bahnen öffnen kann ...
Die zeremonielle Magie gehört in genau die gleiche Gruppe wie unsere
technische Wissenschaft. Unsere Gewalt ist nahezu Null vor der des Dampfes,
der Elektrizität, des Dynamits, und doch konzentrieren wir sie, indem wir
ihnen durch geeignete Kombinationen gleich mächtige Naturkräfte
entgegenstellen. Wir speichern sie auf, wir zwingen sie, Massen, vor denen wir
ein Nichts sind, vom Fleck zu bewegen oder zu zerschmettern ...“
Was kann man dem noch hinzufügen? – Vielleicht einen anderen Ausspruch von
Papus, der die Beziehung zwischen dein „wissenschaftlichen Magier“ oder
Okkultisten und dem Zauberer definiert, nämlich:
„Der Zauberer verhält sich zum Okkultisten wie der Arbeiter zum Ingenieur.“
Der Zauberer ist also nur ein Amateur-Okkultist.
Wie die zeitgenössische technische Wissenschaft die direkte Fortführung der
zeremoniellen Magie ist, so ist die zeitgenössische profane Kunst nur die
Fortführung von Gnosis und Magie, welche die Mystik aus dem Auge verloren
haben und von ihr getrennt wurden. Die Kunst sucht zu offenbaren und bemüht
sich, es auf magische Weise zu tun.
Die Mysterien des Altertums waren nichts anderes als geheiligte Kunst,
welche als bewußten Hintergrund Mystik und Gnosis hatte. Doch nach dem
Vergessen dieses Hintergrundes oder nachdem sozusagen dieser Hintergrund
historisch zu weit zurück lag, blieb eine Gnosis (oder ein „Revelationismus“)
übrig, die ihrer Grundlage, der mystischen Zucht und Erfahrung, beraubt
war. Das war der Anfang der „schöpferischen Kunst“, und die Mysterien
wurden Theater, die offenbarenden Mantren Verse, die Hymnen Lieder und
die offenbarenden Gebärden-Spiele Tänze, während die kosmischen Mythen
ihren Platz der Belletristik abtraten.
Wenn die Kunst erst einmal vom lebendigen Organismus der Einheit des
Tetragrammaton abgetrennt ist, entfernt sie sich notwendigerweise sowohl
von der Gnosis als auch von der geheiligten Magie, aus denen sie
hervorgegangen ist und denen sie ihre Substanz und ihren Lebenssaft verdankt.
Die reine Offenbarung der Gnosis wird mehr und mehr Spiel der
Einbildungskraft, und die magische Kraft degeneriert mehr und mehr zur
Ästhetik. Das hatte Richard Wagner verstanden, und dem wollte er
abhelfen. Das Werk Wagners verfolgt das Ziel der Reintegration der Kunst,
indem er sie mit der Gnosis und der Mystik wiedervereinigt, damit die Kunst
wieder geheiligte Magie werde.
Josephin Péladan bemühte sich, dasselbe in Frankreich zu tun. Er hatte
damit sogar erstaunlichen Erfolg, aber nur für kurze Zeit – aus Gründen, die
er später gut begriff. Stille ist die unentbehrliche Atmosphäre für jede
Offenbarung; Lärm macht sie absolut unmöglich.
Das religiöse Leben ist bekanntlich nicht gegen Verfall gefeit, wenn es
nicht mehr in der Mystik, verwurzelt, von der Gnosis erleuchtet und von der
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
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geheiligten Magie bewegt ist. Ohne das Feuer der Mystik erkaltet es, ohne
das Licht der Gnosis verdunkelt es sich und ohne die Macht der geheiligten
Magie wird es kraftlos. Es bleibt ihm schließlich nur noch ein theologischer
Legalismus, der von einem moralischen Legalismus unterstützt wird. Hier
liegt die Wurzel für die Religion der Schriftgelehrten und Pharisäer zur Zeit
des Neuen Testaments. Das ist die Abenddämmerung, die ihrer Nacht
vorausgeht – ihrem Tod.
Der Glaube ist die Erfahrung des göttlichen Hauches; die Hoffnung ist
die Erfahrung des göttlichen Lichtes; und die Liebe ist die Erfahrung des
göttlichen Feuers. Es gibt kein echtes und aufrichtiges religiöses Leben ohne
Glaube, Hoffnung und Liebe; aber es gibt weder Glaube, Hoffnung noch
Liebe ohne mystische Erfahrung oder, was dasselbe ist, ohne Gnade. Kein
intellektuelles Argument kann Glauben erwecken; es kann höchstens
Hindernisse, Mißverständnisse und Vorurteile beseitigen und dadurch
helfen, den Zustand inneren Schweigens herbeizuführen, die
Grundbedingung für die Erfahrung des göttlichen Hauches. Der Glaube
selbst ist dieser göttliche Hauch, dessen Ursprung sich weder in der
logischen Überlegung noch in der ästhetischen Impression noch in der
menschlichen moralischen Handlung findet.
Das flammende göttliche Wort leuchtet in die Welt des Schweigens der
Seele und bewegt sie. Diese Bewegung ist der lebendige Glaube, also der
wirkliche und echte Glaube, und dieses Licht ist die Hoffnung oder
Erleuchtung, während alles dem göttlichen Feuer entstammt, das die Liebe
oder die Vereinigung mit Gott ist. Die drei „Wege“ oder traditionellen
mystischen Stufen – Läuterung, Erleuchtung, Vereinigung – sind diejenigen der
Erfahrung des göttlichen Hauches oder des Glaubens, des göttlichen
Lichtes oder der Hoffnung und des göttlichen Feuers oder der Liebe. Diese
drei Grunderfahrungen der Offenbarung des Göttlichen bilden das Dreieck
des Lebens; denn kein Geist, keine Seele und nicht einmal ein Leib könnten
leben, wenn sie völlig aller Liebe, aller Hoffnung und allen Glaubens beraubt
wären. Sie wären dann bar jeden Lebenselans. Denn der Lebenselan, von
Henri Bergson als allgemeiner Antrieb der Evolution bezeichnet, was ist er
anderes als Liebe, Hoffnung und Glaube, die in irgendeiner Form im
Innersten des ganzen Lebens wirksam sind? Nur dadurch, daß im Anfang
das WORT war und alle Dinge ihm ihre Existenz verdanken (Jo 1), und
dadurch, daß das ursprüngliche WORT noch immer in allem, was lebt,
schwingt, kommt es, daß die Welt noch lebt und daß es einen
Lebensschwung gibt, welcher nichts anderes ist als die Liebe, die Hoffnung
und der Glaube, die einstmals vom Schöpferwort eingehaucht wurden.
In diesem Sinne hatte Browning recht, wenn er sagte: „Die Natur ist
übernatürlich.“
Denn ihr übernatürlicher Ursprung bekundet sich noch immer in ihrem
Lebensschwung. Der Wille zu leben! Oh, welch ein Bekenntnis des
Glaubens, welche Bekundung der Hoffnung, welche Glut der Liebe!
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
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Liebe, Hoffnung und Glaube sind zugleich die Essenz der Mystik, der
Gnosis und der geheiligten Magie. Der Glaube ist die Quelle der magischen
Macht, und ihm werden alle Wunder, von denen das Evangelium berichtet,
zugeschrieben.
Die Offenbarung – alle Offenbarungen der Gnosis haben nur ein Ziel:
Hoffnung zu geben, zu bewahren und zu mehren. Das Buch, das die
„Päpstin“ auf den Knien hält, wird geschrieben, damit die Hoffnung nicht
aufhöre. Denn jede Offenbarung, die nicht Hoffnung gibt, ist unnütz und
überflüssig. Die Mystik ist Feuer ohne Widerschein; sie ist die Vereinigung mit
dem Göttlichen in der Liebe. Sie ist der Urquell allen Lebens, einschließlich
des religiösen, künstlerischen und intellektuellen Lebens. Ohne sie wird alles
bloße Technik. Die Religion wird zu einem System von Techniken, dessen
Ingenieure die Schriftgelehrten und Pharisäer sind. Sie wird legalistisch. Die
Kunst wird zu einer Ansammlung von Techniken, seien sie traditionell oder
neu – ein Feld der Nachahmung oder der Versuche. Die Naturwissenschaft
wird zu einem System von Techniken der Macht über die Natur.
Das Arcanum der geheiligten Magie „Die Kaiserin“ aber ruft uns auf einen
anderen Weg. Es ruft uns auf den Weg der Regeneration anstelle der
Degeneration. Es fordert uns auf, alles zu entmechanisieren, was bloß
technisch, intellektuell, ästhetisch oder moralisch geworden ist. Man muß
sich entmechanisieren, um Magier zu werden. Denn die geheiligte Magie ist
ganz und gar Leben – Leben, wie es sich im Mysterium des Blutes offenbart.
Daß doch jedes unserer Probleme ein Schrei des Blutes werde, daß doch
unsere Worte vom Blute getragen und unsere Taten Hingabe unseres Blutes
sein mögen! Dann wird man Magier. Man wird es, indem man wesentlich
wird, wie es das Blut ist.
Eliphas Levi setzte unter das dein dritten Arcanum des Tarot gewidmete
Kapitel seines Werkes den Titel „Plenitudo vocis“.
Seine Wahl ist mehr als glücklich, sie ist genial! In der Tat: „Fülle der
Stimme“ könnte man das Wesen der geheiligten Magie besser beschreiben?
Ja, die Fülle der Stimme ist es, um die es sich in der geheiligten Magie
handelt; es ist die blutvolle Stimme; es ist das Blut, das Stimme wird. Es ist
das Sein, in dem es nichts Mechanisches gibt und das ganz und gar lebendig
ist.
Da das dritte Arcanum des Tarot das Arcanum der geheiligten Magie ist,
ist es schon durch diese Tatsache das Arcanum der Zeugung. Denn die
Zeugung ist nichts anderes als ein Aspekt der geheiligten Magie. Wie die
geheiligte Magie die Vereinigung von zwei Willen – dem menschlichen und
dem göttlichen Willen – ist, aus der das Wunder hervorgeht, so setzt auch die
Zeugung die Dreiheit des Erzeugers, der Erzeugenden und des Erzeugten
voraus. Nun ist das Erzeugte das Wunder, das aus der Vereinigung des
Erzeugers und der Erzeugenden hervorgeht. Es macht keinen Unterschied,
ob es sich um eine neue Idee, um ein Kunstwerk oder um die Geburt eines
Kindes handelt. Immer waltet dasselbe Gesetz der Zeugung, immer ist es
dasselbe Arcanum der Fruchtbarkeit, das im Spiel ist, und immer ist es dasselbe
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
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Mysterium der Inkarnation des WORTES, das dabei das göttliche Urbild ist.
Wir haben weiter oben gesagt: „Die geheiligte Magie ist das Leben, wie
es vor dem Sündenfall war.“ Da das Leben immer erzeugend ist, ist das
Arcanum der geheiligten Magie gleichzeitig das der Zeugung vor dem
Sündenfall der vertikalen Zeugung von der höheren Ebene aus auf die tiefere,
anstatt der horizontalen Zeugung, die sich nur auf einer Ebene vollzieht.
Die Formel für dieses Mysterium ist wohlbekannt:
„Et incarnatus est de Spiritu Sancto ex Maria Virgine – Er hat Fleisch
angenommen durch den Heiligen Geist von der Jungfrau Maria.“
Sie enthält die Dreifaltigkeit des Erzeugers oben, der Erzeugenden unten
und des Erzeugten – oder: Heiliger Geist, Heilige Jungfrau und Gott-
Mensch. Sie ist gleichzeitig die Formel der geheiligten Magie überhaupt,
weil sie das Mysterium der Vereinigung des göttlichen Willens mit dem
menschlichen Willen im Element des Blutes ausdrückt. Das Blut – in seinem
dreifachen Sinne, dem mystischen, gnostischen und magischen – ist das
„Zepter“ oder die Macht der geheiligten Magie.
An diesem Punkt ziehe ich mich zurück, lieber Unbekannter Freund, und
lasse Sie allein mit Ihrem Engel. Es ziemt sich nicht, daß meine menschliche
Stimme sich das Recht anmaßt, die Dinge auszusprechen, die die tiefere
Fortsetzung dessen sind, was im Vorhergehenden skizziert wurde.
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
93
Vierter Brief
DER KAISER
Das Arcanum der hermetischen Philosophie und des Gehorsams
Autorität – Verzicht auf Bewegung, Handlung, intellektuelle Freiheit und
persönliche Mission – Der Wille zur Macht und die Macht des Kreuzes – Zum
Theodizeeproblem – Das Gleichnis vorn verlorenen Sohn – Göttliche Liebe
und menschliche Freiheit – Die Hierarchie der Engel – Tsimtsum, das
„Sichzurückziehen Gottes“ – Existenz (Freiheit) und Essenz (Liebesfunken) –
Pantheismus und Materialismus – Das Amt des europäischen Kaisers – Die
Autorität des Eingeweihten – Der mystische Sinn des Tastens, der gnostische
des Hörens, der magische des Schauens, der philosophisch-hermetische des
Verstehens – Hermetische Philosophie und „okkulte Wissenschaften“
(Kabbala, Astrologie, Magie, Alchimie) – Zur Lehre der Wiederverkörperung
– Der metaphysische und der hermetische (einweihende) Sinn – Der Mensch
als Ebenbild und Gleichnis Gottes – Das Rosenkreuz. Die vier Wunden.
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
94
DER KAISER
Das Arcanum der hermetischen Philosophie und des Gehorsams
„Benedictus qui venit
in nomine Domini –
Hochgelobt sei, der da kommt
im Namen des Herrn.”
Lieber Unbekannter Freund,
ein Mensch hat soviel Autorität, wie er Tiefe besitzt, wie er weiß und wie er
kann. Etwas sein, etwas wissen und etwas können. verleiht einem Menschen
Autorität. Man kann auch sagen: Ein Mensch hat Autorität in dem Maße, wie
er die Tiefe der Mystik, die unmittelbare Weisheit der Gnosis und die
ausführende Macht der Magie in sich vereint. Wer diese in einem gewissen
Grade besitzt, macht Schule. Wer sie in höherem Maße besitzt, wird
maßgebend.
Autorität allein ist die wahre und einzige Macht des Gesetzes. Zwang ist
nur ein Notbehelf, zu dem man Zuflucht nimmt, um dem Mangel an Autorität
abzuhelfen. Dort, wo es Autorität gibt, d. h., wo der Hauch der geheiligten
Magie gegenwärtig ist, erfüllt von den Strahlen des Lichts der Gnosis, das aus
dem tiefen Feuer der Mystik hervorgeht, dort ist Zwang überflüssig.
„Der Kaiser” des vierten Arcanums des Tarot hat kein Schwert oder
irgendwelche anderen Waffen. Er regiert durch das Zepter, und durch das
Zepter allein. Darum ist der erste Gedanke, den das Kartenbild
natürlicherweise wachruft, der an die dem Gesetz zugrunde liegende Autorität.
Die These, welche aus den Meditationen über die drei vorangehenden Arcana
hervorgeht, ist, daß alle Autorität ihren Ursprung in dem unaussprechlichen
göttlichen Namen JHVH hat und daß jedes Gesetz sich daraus ableitet. Diese
These impliziert, daß der menschliche Träger echter Autorität nicht die
göttliche Autorität ersetzt, sondern ihr im Gegenteil seinen Platz abtritt. Dafür
muß er auf etwas verzichten.
Nun lehrt uns die Karte zuallererst, daß der „Kaiser“ auf Zwang und
Gewalt verzichtet hat. Er hat keine Waffen. Seine rechte Hand hält das
Zepter, auf dem sein Blick ruht, und seine linke Hand hält den
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
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zusammengeschnürten Gürtel. Er steht nicht, und er sitzt nicht. Er lehnt sich
einfach an einen schmalen Thron und setzt nur einen Fuß auf die Erde. Seine
Beine sind gekreuzt. Der Schild mit dem Adler bleibt ihm zur Seite auf der
Erde. Er trägt eine massive, schwere Krone.
Das Bild drückt in allen seinen Einzelheiten aus, daß die Entsagungen über
den Verzicht auf Zwang hinausgehen. Der „Kaiser“ hat auf Ruhe verzichtet, da
er nicht sitzt. Er hat auf Gehen verzichtet, da er sich anlehnt und die Beine
gekreuzt hat. Er darf weder vorwärts gehen zum Angriff noch weichen zum
Rückzug. Er hat Posten bezogen auf seinem Thron und neben seinem
Wappenschild. Er steht auf der Wacht, und daher hat er keine
Bewegungsfreiheit. Er ist ein an sein Amt gebundener Hüter.
Was er behütet, ist im Grunde das Zepter. Nun ist das Zepter kein Werkzeug,
mit dem man irgend etwas machen könnte. Es ist ein Symbol, das unter
praktischen Gesichtspunkten zu nichts dient. Der „Kaiser“ hat also auf jede
Handlung verzichtet, indem er seine rechte Hand ganz an das Zepter
hingegeben hat, das er vor sich hält, während seine Linke den fest
zusammengeschnürten Gürtel hält. Sie ist also ebenfalls nicht frei. Ihre
Aufgabe ist es, die impulsive und instinktive Natur des „Kaisers“ in Schach zu
halten, damit diese sich nicht einmischt und ihn von seiner Pflicht als Hüter
ablenkt.
Der „Kaiser“ hat also auf die Bewegung mittels der Beine und auf die
Handlung mittels der Hände verzichtet. Gleichzeitig trägt er eine massive,
schwere Krone. Jede Krone – und wir haben über die Bedeutung der Krone
bereits bei der „Kaiserin“ meditiert – hat einen doppelten Sinn. Sie ist
einerseits das Zeichen für die Legitimität, aber sie ist auch das Zeichen für
eine Aufgabe oder Mission, mit welcher der Gekrönte von oben betraut ist. So
ist jede Krone im wesentlichen eine Dornenkrone. Nicht nur weil sie schwer
ist, sondern auch weil sie eine schmerzhafte Beschränkung des freien und
willkürlichen Denkens und Vorstellens der Persönlichkeit mit sich bringt. Sie
sendet wohl Strahlen nach außen, aber diese Strahlen werden für die
Persönlichkeit Dornen im Innern. Sie spielen dort die Rolle der Nägel, die jeden
persönlichen Gedanken oder jedes persönliche Vorstellungsbild durchbohren und
kreuzigen. Der wahre Gedanke erfährt dabei Bestätigung und letztlich
Erleuchtung; der falsche oder unzutreffende Gedanke wird dadurch gefesselt
und zur Ohnmacht verurteilt. Die Krone des „Kaisers“ bedeutet den Verzicht
auf die intellektuelle Bewegungsfreiheit, ganz wie seine Arme und Beine den
Verzicht auf die Freiheit des Handelns und der Bewegung anzeigen. Die drei
sogenannten „natürlichen“ Freiheiten des Menschen – der persönlichen
Meinung, des Wortes und der Freizügigkeit – sind ihm versagt. Autorität
verpflichtet.
Doch ist dies nicht alles. Der Schild mit dem Adler bleibt auf der Erde an
seiner Seite. Der „Kaiser“ hält ihn nicht in der Hand, wie es die »Kaiserin“
tut. Der Schild ist wohl da, aber er gehört mehr zum Thron als zur Person des
„Kaisers“. Das bedeutet, daß der Zweck, zu dem der „Kaiser“ Wache steht,
nicht in ihm, sondern im Thron liegt. Der „Kaiser“ hat keine persönliche
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
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Mission; er hat auf sie zugunsten des Thrones verzichtet oder, esoterisch
ausgedrückt, er hat keinen Namen, er ist anonym; denn der Name – die
Mission – gehört dem Thron. Er ist nicht in seinem eigenen Namen da,
sondern im Namen des Thrones. Das ist der vierte Verzicht des „Kaisers“ – der
Verzicht auf eine persönliche Mission oder auf den Namen im esoterischen
Sinne des Wortes.
Man sagt, die Natur habe „Schrecken vor der Leere“ (horror vacui). Die
spirituelle Gegenwahrheit dazu ist, daß der Geist „Schrecken vor dem Vollen“
hat. Man muß eine natürliche Leere schaffen – und das leistet der Verzicht –,
damit sich das Spirituelle manifestieren kann. Die Seligpreisungen der
Bergpredigt (Mt 5, 1-12) drücken diese Grundwahrheit aus. Die
Seligpreisung:
„Selig die Armen im Geiste, denn ihrer ist das Himmelreich“
will sagen, daß diejenigen, die reich an Geist sind, die erfüllt sind von dem
„geistigen Königreich des Menschen“, keinen Platz haben für das Königreich der
Himmel. Die Offenbarung setzt Leere voraus – einen Raum, der ihr zur
Verfügung steht – um sich zu manifestieren. Darum muß man auf persönliche
Meinung verzichten, um die Offenbarung der Wahrheit zu empfangen; auf
persönliches Handeln, um Vertreter der geheiligten Magie zu werden; auf den
Weg (oder die Methode) der persönlichen Entwicklung, um sich führen zu
lassen von dem Meister der Wege; auf eine persönlich gewählte Aufgabe, um
mit einer Mission von oben betraut zu werden.
Der „Kaiser“ hat in sich diese vierfache Leere hergestellt. Darum ist er
„Kaiser“, darum ist er Autorität. Er hat in sich Platz gemacht für den
göttlichen Namen JHVH, welcher die Quelle der Autorität ist. Er hat auf die
persönliche intellektuelle Initiative verzichtet, und die daraus entstandene
Leere erfüllt sich mit göttlicher Initiative oder dem JOD des geheiligten
Namens. Er hat auf Handeln und Bewegung verzichtet, und die Leere, die
daraufhin entsteht, füllt sich mit der offenbarenden Handlung und der magischen
Bewegung von oben, d.h. mit dem HE und WAW des göttlichen Namens. Und
er hat auf seine persönliche Mission verzichtet, er ist anonym geworden – und die
daraus entstehende Leere erfüllt sich mit der Autorität (oder dem zweiten HE)
des göttlichen Namens, d. h., sie wird zur Quelle des Gesetzes und der Ordnung.
Lao Tse enthüllt in seinem „Tao te king“ das Arcanum der Autorität. Er
sagt:
„Dreißig zusammenlaufende Speichen, in der Mitte vereint, bilden ein Rad;
aber das Loch in seiner Mitte erlaubt die Benutzung des Wagens. Die Gefäße
sind aus Ton gebildet; aber dank ihrer Leere kann man sich ihrer bedienen. Ein
Haus ist Von Türen und Fenstern durchbrochen; und seine Leere macht es
bewohnbar. So bringt das Sein das Nützliche hervor; aber das Nicht-Sein macht
es brauchbar“ (XI).
und weiter:
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
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„Das Unvollständige wird vervollständigt, das Gebogene gerichtet, das Leere
gefüllt, das Gebrauchte erneuert, das Ungenügende vermehrt, das Übermaß
zerstreut. Darum ist der Heilige, der die Einheit liebend umfängt, das Muster für
die Welt. Weil er sich nicht hervorhebt, glänzt er; weil er nicht persönlich
ist, gebietet er Ehrfurcht; weil er sich nicht rühmt, hat er Verdienst; weil er
nicht stolz ist, hört er nicht auf zu wachsen; weil er nicht kämpft, kann
niemand in der Welt sich ihm widersetzen ...“ (XXII).
Denn er hat Autorität.
Gott regiert die Welt durch Autorität und nicht durch Gewalt. Wenn es
nicht so wäre, gäbe es weder Freiheit noch Gesetz in der Welt, und die drei
ersten Bitten des Vaterunsers:
„Sanctificetur Nomen tuum. Adveniat Regnum tuum. Et fiat Voluntas tua
sicut in coelo et in terra – Geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme. Dein
Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden“
hätten keinen Sinn. Wer diese Bitten ausspricht, tut es einzig mit dem Ziel, die
göttliche Autorität, nicht aber die göttliche Macht zu bestätigen und zu vermehren.
Gott, der allmächtig ist, und zwar nicht potentiell, sondern der Wirklichkeit
nach, hat gar nicht nötig, darum gebeten zu werden, daß sein Reich komme
und sein Wille geschehe. Der Sinn dieser Bitte ist, daß Gott nur insoweit
Macht hat, wie seine Autorität frei anerkannt und angenommen wird. Das
Gebet ist die Tat einer solchen Anerkennung und Annahme. Man ist frei,
gläubig oder ungläubig zu sein. Nichts und niemand kann uns zum
Glauben zwingen – keine wissenschaftliche Entdeckung, kein logisches
Argument, keine physische Marter können uns zum Glauben zwingen, d. h.
dazu, frei die Autorität anzuerkennen und anzunehmen. Andererseits aber,
wenn diese Autorität einmal anerkannt und angenommen ist, wird der
Machtlose mächtig. Die göttliche Macht kann sich dann offenbaren – und
darum heißt es, daß ein Körnchen Glaube genügt, um Berge zu versetzen.
Nun ist das Problem der Autorität von zugleich mystischer, gnostischer,
magischer und hermetischer Tragweite. Es umfaßt das Mysterium der
christlichen Kreuzigung wie das Mysterium des „Sichzurückziehens – Sod
ha tsimtsum“ der lurianischen Kabbala. Folgende Betrachtungen können
uns vielleicht zu einer vertieften Meditation über dieses Mysterium
verhelfen.
Die christliche Welt verehrt das Kruzifix, d. h. das Bild, welches das
Paradox des allmächtigen Gottes ausdrückt, der der äußersten
Machtlosigkeit ausgesetzt ist. Genau in diesem Paradox sieht man die
höchste Offenbarung des Göttlichen in der ganzen Geschichte der
Menschheit. Man sieht darin die vollkommene Offenbarung Gottes, der
Liebe ist.
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„Crucifixus etiam pro nobis sub Pontio Pilato, passus et sepultus est – Er
wurde für uns gekreuzigt unter Pontius Pilatus, hat gelitten und ist begraben
worden.“
So sagt das christliche Glaubensbekenntnis. Der einige Sohn des
ewigen Vaters, für uns ans Kreuz geschlagen – das ist, was jede
empfängliche Seele zutiefst rührt, einschließlich der des gekreuzigten
Räubers zu seiner Rechten. Der Eindruck dieser Rührung ist unvergeßlich
und unaussprechlich. Er ist der unmittelbare Hauch des Göttlichen, der
Tausende von Märtyrern, Bekennern, Jungfrauen und Eremiten begeistert
hat und noch immer begeistert.
Es ist jedoch nicht so, daß sich jedes menschliche Wesen angesichts des
Gekreuzigten so göttlich ergriffen fühlt. Es gibt auch Menschen, die auf
eine entgegengesetzte Art reagieren. So war es zur Zeit von Golgatha, so
ist es noch heute.
„Die Vorübergehenden aber lästerten ihn, schüttelten ihre Köpfe und
sagten: ,Rette dich selbst, wenn du der Sohn Gottes bist, und steig herab
vom Kreuz.’ Ähnlich spotteten auch die Hohenpriester zusammen mit den
Schriftgelehrten und Ältesten und sagten: ,Anderen hat er geholfen, sich
selbst kann er nicht helfen. Er ist der König von Israel? Da steige er jetzt
herab vom Kreuz, dann wollen wir an ihn glauben! Er hat auf Gott
vertraut, der soll ihn jetzt retten, wenn er Wohlgefallen an ihm hat.“ (Mt
27, 39-43).
Das ist die andere Reaktion. Wir begegnen ihr ganz genauso z. B. im
sowjetischen Rundfunk in Moskau. Das Argument Moskaus ist immer das
gleiche: „Wenn Gott existiert, muß er wissen, daß wir, die Kommunisten,
ihn entthronen. Warum gibt er kein sichtbares Zeichen, wenn nicht seiner
Macht, so doch wenigstens seiner Existenz? Warum verteidigt er nicht seine
eigenen Interessen?“ – Das ist mit etwas anderen Worten das alte Argument:
„Steig herab vom Kreuz, und wir werden an dich glauben.“
Ich zitiere diese wohlbekannten Dinge, weil sie ein gewisses, ihnen
zugrunde liegendes Dogma aufdecken. Es ist das Dogma oder das
philosophische Prinzip, das aussagt: Wahrheit und Macht seien identisch;
was mächtig sei, sei wahr; was machtlos sei, sei falsch. Nach diesem Dogma
oder philosophischen Prinzip (welches das der modernen technologischen
Wissenschaft geworden ist) ist die Macht sowohl das absolute Kriterium als
auch das höchste Ideal der Wahrheit. Göttlich sei allein, was mächtig ist.
Nun gibt es öffentliche und geheime Anbeter des Götzen der Macht – denn
sie ist ein Götze und die Quelle aller Götzenanbetung – auch im christlichen
Lager und im religiösen und spiritualistischen Lager ganz allgemein. Ich
spreche nicht etwa von christlichen oder spiritualistischen Fürsten und
Politikern, die machtlüstern waren, sondern ich spreche von den Anhängern
der Lehren, die den Primat der Macht behaupten. Es gibt davon zwei Arten:
solche, die das Ideal des „Übermenschen“ anstreben, und solche, die an
einen in jedem Augenblick allmächtigen, also für alles, was geschieht,
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
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verantwortlichen Gott glauben. Viele unter den Esoterikern, Okkultisten und
Magiern streben, sei es offen oder insgeheim, das Ideal des „Übermenschen“
an. Unterdessen geben sie sich oft als Meister oder Hohepriester auf
Kredit und Würde des künftigen Übermenschen aus. Sie sind sich gleichzeitig
seltsam einig darin, daß sie Gott weit, sehr weit in die Höhen des Absolut-
Abstrakten versetzen, damit er sie nicht durch seine zu konkrete Gegenwart
störe und damit sie einen Platz für sich haben, wo sie ihre eigene Größe
entfalten können, ohne daß die Rivalität der göttlichen Größe sie beunruhigt.
Sie bauen individuelle „Türme zu Babel“, die unter das Gesetz aller „Türme
zu Babel“ fallen, und sie erleiden früher oder später einen heilsamen Sturz,
wie es das sechzehnte Kartenbild des Tarot lehrt. Sie stürzen nicht von einer
wirklichen Höhe in einen wirklichen Abgrund; es handelt sich lediglich um
eine imaginäre Höhe, von der sie fallen, und sie fallen nur auf die Erde, d. h.,
sie lernen nur die Lektion die wir Menschen alle entweder schon gelernt
oder noch zu lernen haben.
Die Anbetung des Götzen der Macht, aufgefaßt als „Übermensch“, ist
vor allem, wenn man sich mit ihm identifiziert, verhältnismäßig harmlos, da
sie im Grunde kindisch ist. Dem ist aber nicht so bei der anderen Kategorie
der Anbeter der Macht, nämlich bei denen, die dieses Ideal auf Gott selbst
übertragen. Ihr Glaube hängt einzig und allein an der Macht Gottes; wenn
Gott machtlos wäre, glaubten sie nicht an ihn. Sie sind es, die lehren, daß
Gott Seelen geschaffen habe, die für die ewige Verdammnis, und andere,
die für das Heil vorherbestimmt seien; sie sind es, die Gott verantwortlich
machen für die ganze Geschichte des Menschengeschlechtes, einschließlich
all ihrer Abscheulichkeiten. Gott, sagen sie, „züchtigt“ seine
ungehorsamen Kinder durch Kriege, Revolutionen, Tyranneien und
dergleichen. Wie sollte es anders sein? Gott ist ja allmächtig, also kann alles,
was geschieht, nur durch sein Handeln oder mit seiner Einwilligung
geschehen.
Der Götze der Macht hat einen solchen Einfluß auf das menschliche
Bewußtsein, daß dieses einen Gott, der eine Mischung von Gut und Böse
ist, wenn er nur mächtig ist, dem Gott der Liebe vorzieht, der nur durch die
innere Autorität des Göttlichen herrscht, d. h. durch Wahrheit, Schönheit und
Güte. Anders gesagt, man zieht den seine Allmacht tatsächlich ausübenden
„allmächtigen“ Gott dem gekreuzigten Gott vor.
Indessen hat der Vater im Gleichnis vom Verlorenen Sohn weder seinen
Sohn vom väterlichen Hause fortgeschickt, damit er ein Leben in der
Ausschweifung führe, noch hat er ihn gehindert, das Haus zu verlassen, und
ihn gezwungen, ein Leben zu führen, das ihm wohlgefällig gewesen wäre. Er
tat nichts, als daß er seine Rückkehr erwartete und ihm entgegenging, als der
verlorene Sohn sich dem väterlichen Hause näherte. Alles, was sich in der
Geschichte des Verlorenen Sohnes begibt außer seiner Rückkehr zum Vater,
war genau das Gegenteil von dem, was der Vater wollte.
Nun ist die Geschichte des Menschengeschlechtes nach dem Sündenfall
diejenige des verlorenen Sohnes. Sie ist nicht das „Gesetz der Involution und
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
100
der Evolution gemäß dem göttlichen Plan“ der modernen Theosophen,
sondern es handelt sich um einen Mißbrauch der Freiheit, ähnlich wie beim
verlorenen Sohn. Und die Schlüssel-Formel der Geschichte der Menschheit
findet sich weder im Fortschritt der Zivilisation noch im Vorgang der
Evolution oder in irgendeinem anderen „Prozeß“, sondern vielmehr in den
Worten des verlorenen Sohnes:
„Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir. Ich bin
nicht mehr wert, dein Sohn zu heißen; halte mich wie einen von deinen
Tagelöhnern“ (Lk 15, 18, 19).
Die Menschheit ist also allein verantwortlich für ihre Geschichte? –
Zweifellos – denn Gott hat sie nicht so gewollt. Gott ist in ihr gekreuzigt.
Das versteht man, wenn man sich Rechenschaft ablegt über die Bedeutung
der Tatsache der menschlichen Freiheit, wie auch die der Freiheit der
Wesen der geistigen Hierarchien, der Engel, Erzengel, Fürstentümer, Mächte,
Kräfte, Herrschaften, Throne, Cherubim und Seraphim. Alle diese Wesen –
einschließlich der Menschen, der „Ischim“ – haben entweder eine wirkliche
oder eine illusorische Existenz. Wenn sie eine wirkliche Existenz haben, wenn
sie keine Phantasiegebilde sind, dann sind sie unabhängige Wesenheiten,
begabt nicht allein mit einer phänomenalen, sondern auch mit einer numenalen
Unabhängigkeit. Nun ist die numenale Unabhängigkeit das, was wir unter
Freiheit Verstehen. Freiheit ist tatsächlich nichts anderes als die wirkliche
und vollständige Existenz eines von Gott geschaffenen Wesens. Frei sein und
existieren sind Synonyme unter moralischem und geistigem Gesichtspunkt.
So existiert auch die Moral nicht ohne Freiheit, und so könnte eine spirituelle
Wesenheit – Seele oder Geist –, die unfrei ist, nicht existieren, sondern sie
wäre Teil einer anderen geistigen Wesenheit, die frei ist, d. h., die wirklich
existiert. Freiheit ist die geistige Existenz der Wesen.
Wenn wir nun in der Schrift lesen, daß Gott alle Wesen geschaffen hat, so
liegt der wesentliche Sinn darin, daß Gott allen Wesen die Freiheit oder die
Existenz gegeben hat. Eine einmal gegebene Freiheit aber nimmt Gott nicht
wieder zurück. Darum sind die Wesen der zehn obengenannten
Hierarchien unsterblich. Der Tod – nicht die Trennung vom Körper, sondern
der wirkliche Tod – würde die absolute Beraubung der Freiheit sein, d. h. der
völlige Verlust der von Gott gegebenen Existenz. Wer oder was aber kann
einem Wesen die göttliche Gabe der Freiheit, das göttliche Geschenk der
Existenz nehmen? – Freiheit, Existenz ist unveräußerlich, und die Wesen der
zehn Hierarchien sind unsterblich. Die Aussage: Freiheit oder Existenz ist
unveräußerlich, kann entweder als höchste Gabe verstanden werden, als
größter vorstellbarer Wert – dies würde der Vorgeschmack des Paradieses sein –
oder als Verdammung zu „immerwährender Existenz“ – und dies wäre der
Vorgeschmack der Hölle. Denn niemand „schickt“ uns irgendwohin, da die
Freiheit wirklich und keine Theaterfreiheit ist. Wir selbst treffen die Wahl.
Lieben Sie die Existenz, und Sie haben den Himmel gewählt, hassen Sie sie,
und Sie haben die Hölle gewählt.
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
101
Nun ist Gott im Hinblick auf die freien Wesen entweder der herrschende
König (im Sinne der Autorität, wie sie das vierte Arcanum des Tarot lehrt) oder
der Gekreuzigte. Er ist König für alle diejenigen seiner Wesen, die aus freiem
Willen seine Autorität annehmen (die „glauben“);er ist Gekreuzigter im
Hinblick auf diejenigen, die ihre Freiheit mißbrauchen und „Götzen anbeten“,
d. h. seine göttliche Autorität durch ein Surrogat ersetzen.
König und Gekreuzigter zugleich – das ist das Mysterium der Inschrift des
Pilatus über dem Kreuz auf dem Kalvarienberg:
„Jesus Nazarenus, Rex Iudaeorum – Jesus der Nazoräer, der König der
Juden.“ (Jo 19, 19).
Allmächtig und machtlos zugleich – darum konnten sich die Wunder der
Heilung in der menschlichen Geschichte durch die Heiligen vollziehen,
während blutige Kriege und Katastrophen um sie herum wüteten!
Die Freiheit ist der wahrhaftige Thron Gottes und zugleich sein Kreuz. Die
Freiheit ist der Schlüssel zum Verständnis der Rolle Gottes in der Geschichte –
zum Verständnis des Gottes der Liebe und des Gott-Königs, ohne den Frevel,
einen Tyrannen aus ihm zu machen, und ohne die Gotteslästerung des
Zweifels an seiner Macht oder sogar an seiner Existenz ... Gott ist allmächtig
in der Geschichte, soweit es Glauben gibt, und er ist gekreuzigt, soweit man
sich von ihm abwendet.
So rührt die Kreuzigung Gottes von der Tatsache der Freiheit oder der
wirklichen Existenz der Wesen der zehn Hierarchien her, da es sich nun
einmal um eine Welt handelt, die von der göttlichen Autorität regiert wird und
nicht durch Zwang.
Wenden wir uns nun der Idee des Tsimtsum zu, des „Sichzurückziehens
Gottes“ der Kabbala aus der Schule von Luria. Die Lehre des Tsimtsum
enthüllt eines der „drei Mysterien” der Kabbala: „Sod hajichud – das
Mysterium der Vereinigung“; „Sod hatsimtsum – das Mysterium der
Konzentration oder des göttlichen Rückzuges“; „Sod ha gilgul – das Mysterium
des Kreislaufes der Seelen oder der Wiederverkörperung“. Die beiden anderen
„Mysterien“ – das der Vereinigung und das des Kreislaufes der Seelen –
werden weiter unten behandelt werden (in anderen Briefen, z. B. dem zehnten
Brief). Was das Mysterium des göttlichen Sichzurückziehens (oder der
Konzentration) betrifft, das uns hier interessiert, so handelt es sich um die
These, daß die Existenz des Universums möglich geworden ist durch die Tat
der Zusammenziehung Gottes in sich selbst. Gott räumt einen „Platz“ für die
Welt ein, indem er auf eine Region im Innern seiner selbst verzichtet.
„Der erste aller Akte des unendlichen Wesens, des En-Soph, war also ...
nicht ein Schritt nach außen, sondern ein Schritt nach innen, ein Wandern in sich
selbst hinein, eine, wenn ich den kühnen Ausdruck gebrauchen darf,
Selbstverschränkung Gottes ,aus sich selbst in sich selbst’. Statt also eine erste
Emanation seines Wesens oder seiner Kraft aus sich hervorzubringen, steigt
En-Soph im Gegenteil in sein Selbst hinab, konzentriert sein Selbst in sein
Selbst ...“
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
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„Der erste aller Akte ist also kein Akt der Offenbarung, sondern ein Akt
der Verhüllung und Einschränkung. Erst im zweiten Akt tritt nun Gott mit
einem Strahl seiner Wesenheit aus sich hinaus und beginnt seine
Offenbarung oder seine Entfaltung als Schöpfergott in jenem Urraum, den
er in sich selbst geschaffen.
Ja, nicht nur dies, vielmehr findet auch vor jedem weiteren Akt der
Emanation und Manifestation Gottes ein neuer Akt der Konzentration und
Verhüllung statt.“
Mit anderen Worten: Um di e Welt aus dem Nichts zu schaffen, mußte
Gott vorher dieses Nichts erscheinen lassen. Er mußte sich zurückziehen, um
einen mystischen Raum zu schaffen, wo es seine Gegenwart nicht gab – das
Nichts.
Im Denken dieses Gedankens nehmen wir teil an der Geburt der
Freiheit. Denn wie Berdjajew es formuliert hat:
„Freiheit ist nicht durch Gott-Schöpfer determiniert; sie entstammt
dem Nichts, aus dem Gott-Schöpfer die Welt geschaffen hat.
Das Nichts – der mystische Raum, aus dem Gott sich zurückgezogen hat
durch seine Tat des Tsimtsum – ist der Ort des Ursprunges der Freiheit,
d.h. des Ursprunges der Existenz der Wesen, welche die absolute, in keiner
Weise determinierte Potentialität ist. Alle Wesen der zehn geschaffenen
Hierarchien sind Kinder Gottes und der Freiheit, der göttlichen Fülle und
des Nichts; sie tragen i n sich einen „Tropfen“ des Nichts und einen
„Funken“ Gottes. Ihre Existenz, ihre Freiheit ist das Nichts in ihnen. Ihre
Essenz, ihr Liebesfunken ist das göttliche „Blut“ in ihnen. Sie sind
unsterblich; denn das Nichts ist unzerstörbar, und die Monade, welche aus
Gott hervorgeht, ist ebenfalls unzerstörbar. Noch dazu sind diese beiden
unzerstörbaren Elemente – das meontische Element (μή όν = Nichts) und
das pleromische Element (πλήρωμα = Fülle) unauflöslich eins mit dem
anderen verbunden.
Nun stimmt die Idee des Tsimtsum, des Rückzuges Gottes, um die
Freiheit zu erschaffen, mit derjenigen der göttlichen Kreuzigung um der
Freiheit willen in allem überein. Denn der Rückzug Gottes, um für di e
Freiheit Platz zu schaffen, und sein Verzicht auf den Gebrauch der
Macht gegen den Mißbrauch der Freiheit (innerhalb bestimmter Grenzen)
sind nur zwei Gesichtspunkte derselben Idee.
Es versteht sich von selbst, daß die Idee des Tsimtsum und der göttlichen
Kreuzigung keinerlei Anwendung finden kann, wenn Gott im Sinne des
Pantheismus aufgefaßt wird. Der Pantheismus schließt, wie der
Materialismus, die wirkliche Existenz individueller Wesen, also eine nicht
nur scheinbare Freiheit aus. Für den Pantheismus wie für den
Materialismus ist nicht die Rede von einer göttlichen Zurückziehung und
einer göttlichen Kreuzigung und kann es nicht sein. Andererseits ist die
kabbalistische Lehre des Tsimtsum die einzige mir bekannte
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
103
ernstzunehmende Erklärung für die Erschaffung der Welt aus dem Nichts,
die ein wirksames Gegengewicht zum reinen Pantheismus darstellt.
Außerdem stellt sie eine tiefe Beziehung her zwischen dem Alten und dem
Neuen Testament, indem sie die kosmische Bedeutung der Idee des Opfers
ins Licht rückt.
Nun findet sich der Widerschein der Idee des göttlichen Rückzugs und
der göttlichen Kreuzigung, wie wir gesehen haben, im vierten Arcanum des
Tarot „Der Kaiser“ angedeutet. Der „Kaiser“ herrscht durch reine
Autorität; er herrscht über die freien Wesen, d. h. nicht mittels des
Schwertes, sondern mittels des Zepters. Das Zepter trägt eine Kugel mit
einem Kreuz darüber. Es drückt also so klar wie nur möglich die zentrale
Idee des Arcanums aus: wie die Welt (die Kugel) durch das Kreuz regiert
wird, so ist die Macht des „Kaisers“ auf dem Erdkreis dem Zeichen des
Kreuzes unterworfen. Die Macht des „Kaisers“ spiegelt die göttliche Macht
wider. Und wie dieses sich durch göttliche Zusammenziehung, das
Tsimtsum, und durch freiwillige göttliche Machtlosigkeit, die Kreuzigung,
verwirklicht, ebenso verwirklicht sich die Macht des „Kaisers“ durch die
Zusammenziehung seiner persönlichen Kräfte (der enggeschnürte Gürtel
des „Kaisers“) und durch freiwillige Unbeweglichkeit (die gekreuzten Beine
des „Kaisers“) in seinem Amt (dem Sitz oder Thron).
Das Amt des „Kaisers“... Welche Fülle an Ideen über das Amt des
Kaisers der Christenheit, seine historische Mission, seine Obliegenheiten im
Lichte des Naturrechts und seine Rolle im Lichte des göttlichen Rechts findet
man bei den mittelalterlichen Schriftstellern:
„Wie aber die Gründung einer Stadt oder eines Reiches in angemessener
Weise nach der Erschaffung der Welt bestimmt werden kann, so ist auch der
Grundsatz ihrer Regierung von der Art, in der die Welt regiert wird,
abzuleiten.“
So lautet die Grundthese über diesen Gegenstand, die wir bei Thomas
von Aquin finden. Darum konnten sich die Schriftsteller des Mittelalters
keine Christenheit ohne Kaiser vorstellen, ebensowenig wie sie sich die
universale Kirche ohne Papst vorstellen konnten. Denn wenn die Welt
hierarchisch regiert wird, kann es in der Christenheit oder im Sanctum
Imperium nicht anders sein. Die Hierarchie ist eine Pyramide, die nur
existiert, wenn sie vollständig ist. Es ist der Kaiser, der an ihrer Spitze steht.
Dann kommen die Könige, die Herzöge, der Adel, die Bürger und die
Bauern. Es ist die Krone des Kaisers, die den königlichen Kronen die
Königswürde verleiht, von denen die herzoglichen und alle anderen Kronen
ihrerseits ihre Autorität herleiten.
Das Amt des Kaisers ist indessen nicht nur die letzte (oder vielmehr die
erste) Instanz der Legitimität. Es war zugleich magisch, wenn wir unter
Magie die Wirkung der Entsprechungen zwischen dem, was unten ist, und
dem, was oben ist, verstehen. Es war das Prinzip der Autorität, von der alle
kleineren Autoritäten nicht allein ihre Legitimität, sondern auch ihren
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
104
Einfluß auf das Bewußtsein der Menschen herleiteten. Darum verloren die
königlichen Kronen eine nach der anderen ihren Glanz und verschwanden,
nachdem die kaiserliche Krone verschwunden war. Die Monarchien können
nicht längere Zeit ohne die Monarchie existieren; die Könige können nicht
unter sich Krone und Zepter des Kaisers teilen und sich als Kaiser in ihren
verschiedenen Ländern gebärden, denn der Schatten des abwesenden
Kaisers ist immer gegenwärtig; und wenn es früher der Kaiser war, der den
königlichen Kronen Glanz verlieh, so war es später der Schatten des
Kaisers, der die Kronen verdunkelte – die königlichen und dann auch alle
anderen Kronen: die herzoglichen, fürstlichen, gräflichen usw. Die Pyramide
ist nicht vollständig ohne ihre Spitze; die Hierarchie existiert nicht, wenn
sie unvollständig ist. Wenn es keinen Kaiser gibt, wird es früher oder später
auch keine Könige mehr geben. Wenn es keine Könige mehr gibt, wird es
früher oder später keinen Adel mehr geben. Wenn es keinen Adel mehr
gibt, wird es früher oder später auch keine Bürger und keine Bauern mehr
geben. Auf diese Weise gelangt man schließlich zur Diktatur des Proletariats
– jener Klasse, die dem hierarchischen Prinzip feindlich gesinnt ist, das die
Spiegelung der göttlichen Ordnung ist. Darum bekennt sich das Proletariat
zum Atheismus.
Europa wird vom Schatten des Kaisers heimgesucht. Man fühlt seine
Abwesenheit so lebhaft, wie man früher seine Gegenwart fühlte. Denn die
Leere der Wunde spricht. Was uns fehlt, weiß sich uns fühlbar zu machen.
Napoleon, Augenzeuge der Französischen Revolution, verstand die
Richtung, die Europa genommen hatte: die Richtung auf die völlige
Zerstörung der Hierarchie. Und er fühlte den Schatten des Kaisers. Er wußte,
daß man in Europa nicht den königlichen Thron Frankreichs
wiederherstellen mußte – denn die Könige können nicht lange ohne Kaiser
bestehen –, sondern den europäischen Kaiserthron. So entschloß er sich,
die Lücke selbst zu schließen. Er machte sich zum Kaiser und seine Brüder
zu Königen. Er vertraute auf das Schwert. Statt durch das Zepter zu
herrschen – die Kugel, die das Kreuz trägt –, ergriff er die Partei derer, die
durch das Schwert herrschen. Doch:
„... alle, die zum Schwerte greifen, werden durch das Schwert
umkommen.“ (Mt 26, 52)
Auch Hitler Verfiel dem wahnwitzigen Wunsch, den leeren Platz des
Kaisers einzunehmen. Er glaubte, mit Hilfe des Schwertes das
„tausendjährige Reich“ der Tyrannei herbeiführen zu können. Doch auch
da galt:
„... alle, die zum Schwerte greifen, werden durch das Schwert
umkommen.“
Nein, das Amt des Kaisers gehört weder denen, die es begehren, noch
unterliegt es der Wahl der Völker. Der Wahl des Himmels allein ist es
vorbehalten. Es ist okkult geworden, und Krone, Zepter, Thron und Schild
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
105
des Kaisers finden sich „in den Katakomben“. „In den Katakomben“
bedeutet: unter absolutem Schutz.
Nun ist der „Kaiser“ auf der vierten Karte ganz allein, ohne Hof noch
Gefolge. Sein Thron befindet sich nicht in einem Saal des kaiserlichen
Palastes, sondern ganz unter freiem Himmel. Im Freien auf unbebautem Feld
– nicht auf dem Platz in einer Stadt. Ein armseliges Grasbüschel neben
seinem Fuß steht da statt des ganzen kaiserlichen Hofes, statt aller Zeugen
seiner kaiserlichen Größe. Über ihm breitet sich der klare Himmel aus. Der
„Kaiser“ ist eine Silhouette vor dem Hintergrund des Himmels. Allein in
der Gegenwart des Himmels – das ist der „Kaiser“.
Man kann sich fragen: Warum ist die erstaunliche Tatsache, daß der
„Kaiser“ mitsamt seinem Throne sich draußen unter freiem Himmel
befindet, von so vielen Autoren über den Tarot außer acht gelassen
worden? Warum hat man versäumt, darauf aufmerksam zu machen, daß
der „Kaiser“ allein ist, ohne Hof und Gefolge? – Ich denke, weil es selten
vorkommt, daß man das Symbol, die Abbildung des Symbols als solche,
alles sagen läßt, was es durch seinen inneren Zusammenhang auszusagen
hat. Man begnügt sich damit, es ein wenig sagen zu lassen – und interessiert
sich sogleich mehr für seine eigenen Gedanken, d. h. für das, was man
selbst sagen möchte, als für das, was das Symbol zu sagen hat.
Indessen ist das Kartenbild deutlich: Der „Kaiser“ ist allein; er ist unter freiem
Himmel auf einem unbebauten Feld und mit einem Grasbüschel als einziger
Gesellschaft – außer Himmel und Erde. Das Bild lehrt uns das Arcanum der
Autorität des „Kaisers“, auch wenn diese nicht anerkannt, sondern okkult,
unbekannt und verkannt ist. Es handelt sich dabei um Krone, Zepter, Thron
und Schild, die – ohne andere Zeugen als Himmel und Erde – gehütet
werden durch einen einsamen Menschen, der sich an den Thron lehnt, die
Beine kreuzt, die Krone trägt, das Zepter hält und seinen Gürtel im Griff
hat. Es ist die Autorität als solche, und es ist das Amt der Autorität als
solches, um das es hier geht. Nun ist die Autorität die Magie der spirituellen
Tiefe voller Weisheit oder, anders gesagt, Autorität ist das Ergebnis der
Magie, welche sich auf die Gnosis stützt, die der mystischen Erfahrung
verdankt wird. Die Autorität ist das zweite HE des göttlichen Namens JHVH.
Auf keinen Fall ist sie aber das zweite HE, für sich genommen; sie ist es erst,
wenn der ganze göttliche Name sich bekundet. Darum ist es richtiger zu
sagen, daß die Autorität der voll zum Ausdruck gebrachte göttliche Name
ist. Der voll zum Ausdruck gebrachte göttliche Name bedeutet zugleich ein
Amt, das Amt des „Kaisers“, oder den Bewußtseinszustand der völligen
Synthese von Mystik, Gnosis und geheiligter Magie. Dieser
Bewußtseinszustand der vollkommenen Synthese ist die Einweihung.
Einweihung weder verstanden im Sinne des Rituals oder des Besitzes von
geheimgehaltener Information, sondern im Sinne des Bewußtseinszustandes,
in welchem Ewigkeit und Augenblick eins sind. Es ist die gleichzeitige Schau
des Zeitlichen und des Ewigen, dessen, was unten ist, und dessen, was oben ist.
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
106
Die Formel der Einweihung bleibt immer dieselbe:
„Verum, sine mendacio, certum et verissimum: Quod est inferius, est sicut
quod est superius, et quod est superius, est sicut quod est inferius ad perpetranda
miracula rei unius.“
„Wahr, ohne Lüge, sicher und vollkommen wahrhaftig: Was unten ist,
ist wie das, was oben ist, und was oben ist, ist wie das, was unten ist, um die
Wunder des Einen zu vollbringen.“
Wenn diese Einheit gelebt, kontemplativ erfaßt, in Anwendung gebracht
und voll verstanden wird, so ist das die Einweihung oder die „Heiligung
des göttlichen Namens im Menschen“; und das ist auch der tiefe Sinn der
ersten Bitte des Vaterunsers:
„SANCTIFICETUR NOMEN TUUM – geheiligt werde dein Name.“
Es bedeutet somit der „Kaiser“ die Autorität der Einweihung oder des
Eingeweihten. Sie wird nach kabbalistischer Sicht dem vollständigen
göttlichen Namen verdankt, nach magischer Sicht „dem großen magischen
Arcanum“ und nach alchimistischer Sicht dem „Stein der Weisen“. Sie ist, mit
anderen Worten, die Einheit und Synthese von Mystik, Gnosis und geheiligter
Magie. Diese Einheit oder Synthese haben wir im zweiten Brief als
„hermetische Philosophie“ bezeichnet, verbunden mit dem „philosophisch-
hermetischen Sinn“. Diese „hermetische Philosophie“ bedeutet nicht – man
muß es wiederholen – eine Philosophie, die hergeleitet oder herausgelöst ist
aus dem einheitlichen Organismus aus Mystik, Gnosis und Magie. Sie ist
selbst diese Einheit in ihrer Offenbarwerdung. Die hermetische Philosophie
ist ebenso untrennbar von der Einheit Mystik-Gnosis-Magie, wie das zweite
HE vom göttlichen Namen. Sie ist die Autorität oder die Manifestation der
Einheit Mystik- Gnosis-Magie.
Die hermetische Philosophie entspricht der Stufe des „verissimum“ dessen, was
„verum sine mendacio et certum“ in der „erkenntnistheoretischen“ Formel der
„Tabula Smaragdina“ ist. Denn sie ist es, die alle mystische Erfahrung,
gnostische Offenbarung und magische Praxis zusammenfaßt. Die unmittelbare
mystische Erfahrung, die in der Gnosis „wahr“ – oder im Bewußtsein
widergespiegelt – und dann durch ihre magische Realisation „gewiß“ wird,
spiegelt sich ein zweites Mal (als zweites HE oder „zweite Gnosis“ des
göttlichen Namens) im Bereich des reinen Denkens, welches auf die reine
Erfahrung gestützt ist, wird dort geprüft und schließlich zusammengefaßt und
wird so „vollkommen wahrhaftig“.
Die Formel: „Verum, sine mendacio, certum et verissimum – Wahr, ohne
Lüge, sicher und vollkommen wahrhaftig“ drückt also das Prinzip der
Erkenntnislehre (oder der Gnoseologie) der hermetischen Philosophie aus mit
ihrem dreifachen Prüfstein. Dieses Prinzip kann auf verschiedene Weise
formuliert werden. Eine davon ist: „Was völlig subjektiv ist (die reine mystische
Erfahrung), muß sich im Bewußtsein objektivieren und hier als wahr anerkannt
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
107
werden (gnostische Offenbarung), dann sich als gewiß erweisen durch seine
objektiven Früchte (die geheiligte Magie) und schließlich sich als vollkommen
wahrhaftig erweisen im Lichte des reinen Denkens, gegründet auf reine subjektive
und objektive Erfahrung (hermetische Philosophie).“
Es handelt sich also um den Zusammenklang vier verschiedener „Sinne“:
des mystischen Sinnes oder des geistigen Tastens, des gnostischen Sinnes oder
des geistigen Hörens, des magischen Sinnes oder des geistigen Schauens und
endlich des philosophisch-hermetischen Sinnes oder des geistigen Verstehens.
Der dreifache Prüfstein der hermetischen Philosophie ist also der innere Wert
einer Offenbarung (verum, sine mendacio), ihre konstruktive Fruchtbarkeit
(certum) und ihre Übereinstimmung mit früheren Offenbarungen, mit den
Gesetzen des Denkens und mit jeder verfügbaren Erfahrung (verissimum). In der
hermetischen Philosophie ist also etwas nur dann absolut wahr, wenn es göttlichen
Ursprungs ist, wenn es Früchte trägt, die mit seinem Ursprung übereinstimmen,
und wenn es in Einklang ist mit den kategorialen Anforderungen des Denkens und
der Erfahrung.
Der Hermetiker ist also ein Mensch, der zugleich Mystiker, Gnostiker,
Magier und realistisch-idealistischer Philosoph ist. Er ist realistisch-
idealistischer Philosoph, weil er sich ebenso auf die Erfahrung wie auf das
spekulative Denken stützt, ebenso auf die Tatsachen wie auf die Ideen. Denn
Tatsachen und Ideen sind für ihn nur zwei Aspekte derselben Realität-Idealität,
d. h. derselben Wahrheit.
Da die hermetische Philosophie die Zusammenfassung und Synthese ist von
Mystik, Gnosis und geheiligter Magie, ist sie nicht eine Philosophie unter
anderen Philosophien oder ein besonderes philosophisches System unter anderen
besonderen philosophischen Systemen.
Ebenso wie die katholische Kirche, da sie katholisch oder universal ist,
sich nicht als besondere Kirche neben anderen Kirchen betrachten und ihre
Dogmen nicht als religiöse Meinungen unter anderen religiösen Meinungen
oder „Konfessionen“ ansehen kann, ebenso kann die hermetische Philosophie,
da sie die Synthese ist von allem, was im geistigen Leben der Menschheit
wesentlich ist, sich nicht als eine Philosophie unter mehreren betrachten.
Anmaßung? – Es wäre ohne Zweifel eine ungeheure Anmaßung, wenn es sich
um menschliche Erfindung statt um Offenbarung von oben handelte. In der Tat,
wenn Sie eine von oben offenbarte Wahrheit haben, wenn die Annahme dieser
Wahrheit Wunder der Heilung, des Friedens, der Belebung mit sich bringt, wenn
sie Ihnen tausend ungeklärte und ohne sie unerklärbare Dinge erklärt – können
Sie sie dann als Meinung unter anderen Meinungen betrachten?
Dogmatismus? – Ja, wenn man unter „Dogma“ die Gewißheit versteht,
welche aus einer Offenbarung von göttlichem Wert herrührt, aus ihrer
konstruktiven Fruchtbarkeit und aus der Bestätigung, die sie von der
vereinigten Vernunft und Erfahrung erhalten hat. Wenn man die Gewißheit
hat, die auf der Übereinstimmung des sich offenbarenden Göttlichen, des
wirkenden Göttlich-Menschlichen und des verstehenden Menschlichen beruht,
wie kann man dann handeln, als ob man sie nicht hätte? – Soll man sie wirklich
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
108
dreimal verleugnen bis zum Hahnenschrei, damit man akzeptiert werde in
der guten Gesellschaft der „freien“ und „undogmatischen“ Geister, um sich mit
ihnen am Feuer der relativen Dinge zu wärmen, der Gebilde allein von
Menschenhand?
Häresie? – Ja, wenn man unter Häresie den Vorrang der universalen
Offenbarung, der Werke des Guten, die allgemein als solche anerkannt werden,
und des Ideals der Universalität in der Philosophie versteht.
Die hermetische Philosophie ist also keine besondere Philosophie unter anderen
bestehenden Philosophien. Sie ist es schon deswegen nicht, weil sie nicht mit
eindeutigen Begriffen und ihnen entsprechenden Definitionen arbeitet, wie es die
Philosophen tun, sondern mit Arcana und ihren symbolischen Ausdrücken.
Vergleichen Sie die „Tabula Smaragdina“ mit der „Kritik der reinen Vernunft“
von Kant, und Sie werden den Unterschied sehen. Die „Tabula Smaragdina“
bringt die grundlegenden Arcana des mystisch-gnostisch-magisch-
philosophischen Werkes zum Ausdruck; die „Kritik der reinen Vernunft“
arbeitet ein Gebäude aus, das sich aus eindeutigen Begriffen zusammensetzt
(wie den Kategorien der Quantität, der Qualität, der Relation und der
Modalität) und das in seiner Gesamtheit die transzendentale Methode Kants
klarmacht, d. h. die Methode zu „denken über den Akt des Denkens“ oder die
Reflexion der Reflexion. Diese Methode ist allerdings, wie wir sehen werden, ein
Aspekt des achtzehnten Arcanums des Tarot („Der Mond“), und dieses
symbolisch auf der Karte „Der Mond“ dargestellte Arcanum lehrt in
hermetischer Art und Weise das Wesentliche von dem, was Kant in
philosophischer Art und Weise über die transzendentale Methode lehrte.
Ist also die hermetische Philosophie nur bloßer Symbolismus, und hat sie
nichts zu tun mit den Methoden der philosophischen und
naturwissenschaftlichen Schlußfolgerung?
Ja und nein. Ja, insofern die hermetische Philosophie esoterischer Art ist,
d. h., soweit sie aus Arcana besteht, die am Mysterium orientiert sind und in
Symbolen ausgedrückt werden. Nein, insofern sie eine anregende Wirkung auf
die philosophische und naturwissenschaftliche Urteilskraft ihrer Verfechter
ausübt. Sie ist sozusagen von einem intellektuellen philosophischen und
naturwissenschaftlichen Halbschatten umgeben, den sie der Aktivität ihrer
Verfechter verdankt, welche das Ziel verfolgen, die Arcana und Symbole der
hermetischen Philosophie – soweit man es kann – in eindeutige Begriffe und
verbale Definitionen zu übersetzen. Das ist ein Kristallisationsprozeß; denn
die Übersetzung der vieldeutigen Begriffe oder Arcana in eindeutige
Begriffe ist dem Übergang aus dem Zustand des organischen Lebens in den
des Minerals vergleichbar. Auf diese Weise gehen die „okkulten
Wissenschaften“, wie die Kabbala, die Astrologie und die Alchimie, aus der
hermetischen Philosophie hervor. Diese Wissenschaften können ihre eigenen
Geheimnisse besitzen, aber die Arcana, die sich in diesen Wissenschaften
spiegeln, gehören dem Bereich der hermetischen Philosophie an. Insofern die
Intellektualisierung der hermetischen Philosophie eine Art Auslegung und
Folgeerscheinung darstellt, ist sie gerechtfertigt und sogar unentbehrlich.
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
109
Denn in diesem Fall übersetzt man jedes Arcanum in mehrere eindeutige
Begriffe, z. B. drei, und durch eben diese Tatsache verhilft man dem Intellekt
dazu, sich daran zu gewöhnen, hermetisch zu denken, d. h. in
mehrdeutigen Begriffen oder Arcana. Wenn aber die Intellektualisierung der
hermetischen Philosophie das Ziel der Erstellung eines autonomen Systems von
eindeutigen Begriffen verfolgte, die sich formal nicht widersprechen,
bedeutete dies einen Mißbrauch. Denn anstatt der menschlichen Vernunft
zu helfen, sich über sich selbst zu erheben, würde sie ihr ein weiteres
Hindernis in den Weg legen. Sie würde sie fesseln statt befreien.
Die „okkulten Wissenschaften“ sind also von der hermetischen Philosophie
abgeleitet auf dem Wege der Intellektualisierung. Darum sollte man die Symbole,
z. B. die großen Arcana des Tarot, nicht als allegorische Ausdrücke der
Theorien oder Begriffe dieser Wissenschaften betrachten. Denn das Gegenteil
ist wahr: Es sind die Lehren der okkulten Wissenschaften, die von Symbolen –
des Tarot oder auch anderen Symbolen – hergeleitet sind, und diese sollte man
als intellektuelle „allegorische“ Ausdrücke der Symbole und Arcana der
hermetischen Esoterik betrachten. So sollte man nicht sagen: „Das vierte
Kartenbild ,Der Kaiser’ ist das ‚Symbol’ der astrologischen Lehre über den
Jupiter.“ Vielmehr sollte man sagen: „Das Arcanum des vierten Bildes, der
Kaiser enthüllt sich auch in der astrologischen Lehre über den Jupiter.“ Die
Entsprechung als solche bleibt unberührt; aber es liegt eine Welt von
Unterschieden zwischen diesen beiden Aussagen. Denn bei der ersten
Aussage bleibt man „Astrologe“ und nichts als Astrologe, während man bei
der zweiten Aussage hermetisch denkt und gleichzeitig Astrologe bleibt,
wenn man es ist.
Die hermetische Philosophie setzt sich nicht aus Kabbala, Astrologie, Magie
und Alchimie zusammen. Diese vier aus einem Stamm hervorgewachsenen
Zweige bilden nicht den Stamm, obwohl sie durch den Stamm leben. Der
Stamm ist die sichtbar gewordene Einheit von Mystik, Gnosis und
geheiligter Magie. Es gibt dort keine Theorien, es gibt nur Erfahrung, die
intellektuelle Erfahrung der Arcana und Symbole inbegriffen. Die mystische
Erfahrung ist ihre Wurzel, die gnostische Erfahrung der Offenbarung ist der
Saft, und die Erfahrung oder Praxis der geheiligten Magie ist das Holz.
Darum besteht die Lehre der hermetischen Philosophie – oder der „Leib“ ihrer
Tradition – in spirituellen Übungen, und alle Arcana (darin einbegriffen die
Arcana des Tarot) sind geistig-praktische Übungen, deren Ziel es ist, immer
tiefere Schichten des Bewußtseins zu erwecken. Die notwendigen
Auslegungen und Schlußfolgerungen, welche diese Praxis begleiten, bilden
die „Rinde“ des Stammes. So findet sich der „Schlüssel“ zur Apokalypse des
hl. Johannes nirgends. Denn es handelt sich gar nicht darum, sie zu
interpretieren im Hinblick darauf, daraus ein philosophisch-
metaphysisches oder historisches System zu entwickeln. Der Schlüssel zur
Apokalypse ist, sie anzuwenden, d. h., sie als ein Buch geistiger Übungen zu
gebrauchen, die immer tiefere Schichten des Bewußtseins erwecken. Die
sieben Briefe an die Gemeinden, die sieben Siegel des versiegelten Buches, die
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
110
sieben Posaunenstöße und die sieben Zornesschalen bedeuten alle zusammen
einen „Lehrgang“ geistiger Übungen, der aus 28 Einzelübungen besteht.
Denn da die Apokalypse eine aufgeschriebene Offenbarung ist, muß man, um
sie zu verstehen, in sich einen Bewußtseinszustand herstellen, der geeignet
ist, Offenbarungen zu empfangen. Es ist der Zustand der Konzentration ohne
Anstrengung (wie ihn das erste Arcanum lehrt), gefolgt durch ein wachsames
inneres Schweigen (welches das zweite Arcanum lehrt), das zur inspirierten
Tätigkeit von Vorstellungskraft und Denken wird, wo das bewußte ich mit
dem Überbewußten zusammenwirkt (Lehre des dritten Arcanums); und
schließlich stellt das bewußte Ich seine schöpferische Aktivität ein und
verharrt in Betrachtung, indem es alles, was vorherging, an sich vorüberziehen
läßt, um es zusammenzufassen (die praktische Unterweisung des vierten
Arcanums). Die Beherrschung dieser vier psychurgischen Operationen, welche
durch den „Gaukler“, die „Päpstin“, die „Kaiserin“ und den „Kaiser“
symbolisiert werden, bildet den Schlüssel zur Apokalypse. Vergebens würde
man einen anderen suchen.
Die Evangelien sind ebenfalls spirituelle Exerzitien, d. h., daß man sie nicht
nur lesen und wiederlesen, sondern ganz in ihr Element eintauchen, ihre Luft
atmen und gewissermaßen als Augenzeuge an den dort beschriebenen
Ereignissen teilnehmen soll – und all dies nicht als Forscher, sondern als
Bewunderer mit stetig wachsender Bewunderung.
Das Alte Testament enthält ebenfalls Teile, welche spirituelle Übungen
sind. Die jüdischen Kabbalisten – der oder die Verfasser des Sohar zum
Beispiel – haben einen solchen Gebrauch davon gemacht, und daraus hat die
Kabbala ihren Ursprung genommen, und daraus lebt sie. Der Unterschied
zwischen den Kabbalisten und den anderen Gläubigen liegt nur in der
Tatsache, daß die ersteren aus der Schrift geistige Übungen schöpften,
während die letzteren sie studierten und daran glaubten.
Das Ziel der geistigen Übungen ist Tiefe. Man muß tiefgründig werden,
um die Erfahrung und Kenntnis tiefer Dinge erreichen zu können. Es ist der
Symbolismus, welcher die Sprache der Tiefe ist, ebenso wie es die durch
Symbole ausgedrückten Arcana sind, welche sowohl Mittel wie Ziel der
geistigen Übungen darstellen, aus denen die lebendige Tradition der
hermetischen „Philosophie“ besteht.
Die gemeinsamen geistigen Übungen bilden das gemeinsame Band, das
die Hermetiker vereint. Nicht das gemeinsame Wissen vereint sie, sondern die
geistigen Übungen und die Erfahrungen, die diese mit sich bringen. Wenn
drei Personen aus verschiedenen Ländern, die das Buch der Genesis des
Moses, die Vision des Ezechiel und das Evangelium des hl. Johannes
während mehrerer Jahre zum Gegenstand geistiger Übungen gemacht haben,
sich begegneten, würden sie es als Brüder tun, obwohl der eine vielleicht um
die Geschichte der Menschheit weiß, der andere das Wissen der Heilung
besitzt, und der dritte ein tiefer Kabbalist ist. Was man weiß, ist das Ergebnis
der persönlichen Erfahrung und Orientierung, während die Tiefe und das
Niveau, welches man erreicht hat – ohne Rücksicht auf die Blickrichtung und
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
111
das Ausmaß des gewonnenen Wissens – das ist, was man gemeinsam hat. Die
Hermetik, die hermetische Tradition, ist zuallererst und vor allem ein
bestimmter Grad an Tiefe, ein gewisses Niveau des Bewußtseins, und die
geistigen Übungen sind es, die es sichern.
Was das Wissen der einzelnen Hermetiker betrifft – und das bezieht sich
auch auf die Eingeweihten –, so hängt es von der individuellen Berufung eines
jeden von ihnen ab. Die Aufgabe, die man verfolgt, bestimmt Natur und
Umfang nicht allein des Wissens, sondern auch der persönlichen Erfahrung,
auf welche sich dieses Wissen gründet. Man macht die Erfahrung und
gewinnt die Kenntnis dessen, was notwendig ist zur Erfüllung der Aufgabe,
die sich aus der individuellen Berufung ergibt. Mit anderen Worten: man
weiß, was notwendig ist, um informiert zu sein und um sich orientieren zu
können in dem Bereich, der sich auf die individuelle Berufung bezieht. So
wird ein Hermetiker, dessen Berufung das Heilen ist, etwas über die
Zusammenhänge zwischen dem Bewußtsein, dem System der „Lotosblumen“
(Chakras), dem Nervensystem und dem System der endokrinen Drüsen wissen,
während ein anderer Hermetiker, dessen Berufung die Geistesgeschichte der
Menschheit ist, darüber nichts weiß. Der letztere kennt seinerseits jedoch die
Tatsachen der Vergangenheit und Gegenwart hinsichtlich der Beziehungen
zwischen den geistigen Hierarchien und der Menschheit – zwischen dem, was
oben stattfand oder stattfindet, und dem, was unten stattfand oder stattfindet,
von dem wiederum der Heiler nichts weiß.
Dieses Wissen, soweit es sich nicht um Arcana handelt, besteht in Tatsachen –
obwohl oft von rein spiritueller Natur – und nicht in Theorien. So ist zum
Beispiel die „Reinkarnation“ keineswegs eine Theorie, die man zu glauben oder
nicht zu glauben hat. In der Hermetik beabsichtigt niemand, die Leute von der
Wahrheit der „Wiederverkörperungstheorie“ zu überzeugen oder sie davon
abzubringen. Für den Hermetiker ist sie eine Tatsache, die entweder aus
Erfahrung bekannt oder unbekannt ist. Ebenso wie man keine Propaganda
macht für oder gegen die Tatsache, daß wir nachts schlafen und am Morgen von
neuem aufwachen – denn es ist eine Angelegenheit der Erfahrung –, ebenso ist
die Tatsache, daß wir sterben und von neuem geboren werden, eine Angelegenheit
der Erfahrung, d. h., man hat entweder Gewißheit darüber, oder aber man hat
sie nicht. Diejenigen, welche darüber Gewißheit haben, sollten erkennen, daß
das Nichtwissen um die Wiederverkörperung oft sehr tiefe und sogar erhabene
Gründe hat in bezug auf die Aufgabe der betreffenden Person. Wenn z. B.
jemand eine Aufgabe hat, die ein Höchstmaß an Konzentration in der Gegenwart
verlangt, kann er auf jede geistige Erinnerung der Vergangenheit verzichten.
Denn die erweckte Erinnerung ist nicht immer ein Segen; sie ist oft sogar eine
Last. Sie ist es vor allem, wenn es sich um eine Aufgabe handelt, die eine von
jedem Vorurteil freie Einstellung erfordert, wie es bei der Berufung zum
Priester, Arzt und Richter der Fall ist. Der Priester, der Arzt und der Richter
müssen sich so auf die Aufgabe der Gegenwart konzentrieren, daß sie nicht
abgelenkt sein dürfen durch die Erinnerung an frühere Existenzen.
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
112
Man kann Wunder tun ohne die Erinnerung an frühere Leben, wie es beim
hl. Pfarrer von Ars der Fall war, und man kann auch Wunder tun, wenn man im
vollen Besitz dieser Erinnerung ist, wie es der Fall war bei Philipp von Lyon.
Denn die Wiederverkörperung ist weder ein Dogma, d. h. eine für das Heil
notwendige Wahrheit, noch eine Häresie, d.h. im Widerspruch zu einer für das
Heil notwendigen Wahrheit. Sie ist lediglich eine Erfahrungstatsache, ganz wie
der Schlaf und die Vererbung. Als solche ist sie neutral. Alles hängt von ihrer
Interpretation ab.
Man kann sie so auffassen, daß daraus ein Hymnus zum Ruhme Gottes
wird, und man kann sie so verstehen, daß daraus eine Gotteslästerung wird.
Wenn man sagt: Verzeihen ist das Gewähren der Chance, wieder neu
anzufangen, oder: Gott verzeiht mehr als siebenmal siebzigmal, um uns immer
von neuem Chancen zu gewähren – welch unendliche Güte Gottes! Das ist
die Interpretation zum Ruhme Gottes.
Wenn man sagt: Es gibt einen Mechanismus der unendlichen Evolution,
und man ist darin moralisch durch frühere Leben vorherbestimmt; es gibt
keine Gnade, es gibt nur das Gesetz von Ursache und Wirkung – dann ist das
eine gotteslästerliche Interpretation. Sie reduziert Gott auf die Tätigkeit des
Ingenieurs einer moralischen Maschine.
Daß man die Reinkarnation auf zwei Arten deuten kann, ist keine
Besonderheit. Gleiches gilt vielmehr für jede derartige Tatsache. So kann zum
Beispiel die Erblichkeit im Sinne eines vollständigen Determinismus
interpretiert werden, der die Freiheit, also auch die Moral ausschließt, oder
aber sie kann als eine Möglichkeit schrittweiser Läuterung des Organismus
gedeutet werden, welche das Ziel hat, aus ihm ein vollkommeneres Instrument
für die Aufgaben der Nachkommenschaft zu machen. Hat Abraham nicht das
Versprechen erhalten, daß der Messias aus seinem Stamme kommen würde?
Und wurde nicht David das gleiche Versprechen gegeben?
Wie auch immer die persönliche Deutung einer Tatsache ausfällt,
Tatsache bleibt Tatsache, und man muß sie kennen, wenn man sich in dem
Bereich orientieren will, dem sie angehört. So haben die Hermetiker
Kenntnis von verschiedenen Tatsachen, gemäß ihrer persönlichen Berufung;
die hermetische Philosophie jedoch bildet nicht die Summe, die sich aus den
von den einzelnen Individualitäten erworbenen Kenntnissen zusammensetzt.
Sie ist ein Organismus von in Symbolen ausgedrückten Arcana, welche
gleichzeitig sowohl geistige Übungen sind als auch Fähigkeiten, die aus
ihnen hervorgehen. Ein Arcanum, das während eines genügenden Zeitraums
als geistige Übung praktiziert wurde, entwickelt sich zur Fähigkeit. Es gibt
dem Schüler nicht das Wissen um neue Tatsachen, sondern macht ihn fähig,
solches Wissen zu erwerben, wenn er es braucht. Einweihung ist die
Fähigkeit, sich in jedem Bereich zu orientieren und die Kenntnis der zur
Sache gehörigen Tatsachen – der „Schlüssel-Tatsachen“ – zu erwerben.
Eingeweihter ist derjenige, der weiß, wie das Wissen zu erlangen ist, d. h. der
zu fragen, die Antwort zu suchen und die richtigen Mittel anzuwenden weiß, um
dorthin zu kommen. Die geistigen Übungen allein haben es ihn gelehrt – keine
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
113
einzige Theorie oder Lehre, so lichtvoll sie auch sei, hätte ihn fähig gemacht
zum „Wissen um das Wissen“. Denn die geistigen Übungen haben ihm den
praktischen Sinn beigebracht (und in der hermetischen „Philosophie“ gibt es
keinen anderen Sinn als den praktischen) und ihn die unfehlbare Wirksamkeit des
Arcanums der drei vereinten Bemühungen gelehrt, das die Grundlage bildet für
jede geistige Übung und für jedes Arcanum:
„Bittet, und es wird euch gegeben werden,
Suchet, und ihr werdet finden,
Klopfet an, und es wird euch aufgetan werden“ (Lk 11, 9).
Daher lehrt die hermetische Philosophie nicht, was von Gott, dem
Menschen und der Natur zu glauben ist, wohl aber lehrt sie, wie zu bitten, zu
suchen und anzuklopfen ist, um zur mystischen Erfahrung, zu gnostischen
Eingebungen und zur magischen Wirkung dessen zu kommen, was man von
Gott, dem Menschen und der Natur zu wissen sucht. Und nachdem man
gebeten, gesucht und angeklopft hat, und nachdem man empfangen,
gefunden und Zugang gewonnen hat, weiß man. Diese Art des Wissens – die
Gewißheit des synthetischen Verstehens von mystischer Erfahrung,
gnostischer Offenbarung und magischer Wirkung – das symbolisiert „Der
Kaiser“, das ist die praktische Belehrung der vierten Karte des Tarot.
Es handelt sich dabei um die Entwicklung und den Gebrauch des
„vierten geistigen Sinnes“, der auf die Entwicklung und den Gebrauch der
drei vorhergehenden Sinne (des mystischen, gnostischen und magischen)
folgt: des „philosophisch-hermetischen Sinnes“. Die Fähigkeit zu „wissen,
wie zu wissen ist“, ist der wesentliche charakteristische Zug dieses Sinnes.
Wir haben ihn weiter oben (im zweiten Brief) als „Synthese-Sinn“ definiert.
Jetzt können wir weitergehen, und zwar auf eine vertieftere Weise, indem
wir ihn als „einweihenden Sinn“ definieren oder als Sinn der Orientierung und
des Erwerbs der Erkenntnis der wesentlichen Tatsachen auf jeglichem Gebiet.
Wie arbeitet dieser Sinn? – Es besteht Grund, von vornherein darauf
hinzuweisen, daß er nicht identisch ist mit dem, was man als „metaphysischen
Sinn“ zu bezeichnen gewohnt ist. Denn der „metaphysische Sinn“, der Sinn
der Metaphysiker, ist die Vorliebe und Fähigkeit, in abstrakten Theorien zu
leben, der Hang zum Abstrakten also, während im Gegensatz dazu der
„philosophisch-hermetische Sinn“ aus der Hinwendung zum konkret
Spirituellen, Seelischen und Physischen hin folgt. Während der „metaphysische
Sinn“ mit dem „Gottesbegriff“ arbeitet, richtet sich der „philosophisch-
hermetische Sinn“ auf den lebendigen Gott, auf die konkrete spirituelle
Tatsache, daß es Gott gibt. Der himmlische Vater der Christen und der Alte
der Tage der Kabbalisten ist keine abstrakte Vorstellung. Er ist kein
Begriff, sondern ein Wesen.
Der „metaphysische Sinn“ arbeitet so, daß er auf dem Wege der
Abstraktion von den Tatsachen die Gesetze herleitet und von den Gesetzen
die Prinzipien. Der einweihende oder der „philosophisch-hermetische“ Sinn
dagegen nimmt durch die Tatsachen hindurch die Wesenheiten der geistigen
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
114
Hierarchien wahr und durch diese hindurch – den lebendigen Gott. Für den
einweihenden Sinn ist der Raum zwischen dem „höchsten Prinzip“ und dem
Bereich der Tatsachen nicht von „Gesetzen“ und „Prinzipien“ bevölkert,
sondern von lebenden geistigen Wesenheiten, die mit Miene, Blick, Stimme
und Sprache begabt sind und die einen Namen haben. Für den einweihenden
Sinn ist der Erzengel Michael kein „Gesetz“ oder „Prinzip“. Er ist ein
lebendes Wesen, dessen Antlitz unsichtbar ist, weil es dem Antlitz Gottes
seinen Platz überlassen hat. Aus diesem Grunde hat es den Namen MI-CHA-
EL, d. h. Wer (MI) ist wie (CHA) Gott (EL). Niemand könnte den Anblick des
Antlitzes Michaels ertragen, weil es „CHA EL.“, d. h. wie dasjenige Gottes
ist.
Der einweihende oder „philosophisch-hermetische“ Sinn ist derjenige der
konkreten geistigen Realitäten. Der Hermetiker „erklärt“ die Tatsachen
weder durch „Gesetze“, die durch Abstraktion, noch durch „Prinzipien“,
die durch noch weitergehende Abstraktion gewonnen sind, sondern er
schreitet von den „abstrakten Tatsachen“ vor zu den konkreteren Wesen, um
schließlich bei dem anzukommen, was das Konkreteste ist, das einzige
absolut Konkrete, das es gibt: Gott. Denn für den einweihenden Sinn ist Gott
das Wirklichste, also das Konkreteste – in der Tat das einzige absolut Wirkliche
und Konkrete – von allem Existierenden, während die Wesen nur relativ
wirklich und konkret sind, und das, was wir als „konkrete Tatsache“
bezeichnen, ist in Wirklichkeit nur eine Abstraktion von der göttlichen
Wirklichkeit.
Das soll nicht heißen, daß der Hermetiker unfähig zur Abstraktion ist und
daß er notwendigerweise die Gesetze und Prinzipien vernachlässigt. Er ist ein
menschliches Wesen und als solches besitzt darum auch er den
„metaphysischen Sinn“. Da er ihn besitzt, macht er Gebrauch von ihm wie
jedermann. Was ihn jedoch zum Hermetiker macht – im Sinne des „Kaisers“
des Tarot –, ist der „philosophisch-hermetische Sinn“. Er ist insoweit
Hermetiker, wie er mit dem „philosophisch-hermetischen Sinn“ begabt ist
und wie er sich seiner bedient, während der „metaphysische Sinn“ allein
niemals einen Hermetiker im eigentlichen Sinne des Wortes aus ihm machen
würde.
Ist es nicht die Tragödie von René Guénon, daß er, der mit einem
entwickelten „metaphysischen Sinn“ begabt war, aber des „philosophisch-
hermetischen Sinnes“ entbehrte, immer und überall das konkrete Geistige
suchte? Und endlich, der Welt der Abstraktionen überdrüssig, die Befreiung
vom Intellektualismus zu finden hoffte, indem er eintauchte in das Element
der Inbrunst der in der Moschee von Kairo betenden moslemischen Menge?
Letzte Hoffnung einer nach mystischer Erfahrung dürstenden Seele, die in
der Gefangenschaft des Intellekts verschmachtete? – Wenn es so ist, möge
die göttliche Barmherzigkeit ihm gewähren, was er so sehr gesucht hat.
Hier ist zu bemerken, daß die letzte Hinwendung von Réne Guénon zu
dem Glauben des einfachsten Volkes mit der einfachsten Religion nicht
unbegründet ist. Denn der „philosophisch-hermetische Sinn“ hat mehr
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
115
Gemeinsames mit dem einfachen und aufrichtigen Glauben des einfachen
Volkes als der abstrakte Metaphysizismus. Für den Gläubigen im Volke lebt
Gott ebenso wie für den Hermetiker. Der Gläubige wendet sich an die
Heiligen und an die Engel; für den Hermetiker sind sie wirklich. Der
Gläubige glaubt an Wunder; der Hermetiker lebt in der Gegenwart des
Wunders. Der Gläubige betet für die Lebenden und die Toten; der
Hermetiker weiht alle seine Anstrengungen in dem Bereich der geheiligten
Magie dem Wohl der Lebenden und der Toten. Der Gläubige bringt allem
Traditionellen seine Achtung entgegen; der Hermetiker ebenfalls. Was soll
man noch mehr sagen? Vielleicht, daß der „Kaiser“ seine Autorität nicht
seiner sichtbaren oder unsichtbaren Macht über die Menschen verdankt,
sondern der Tatsache, daß er die Menschen dem Himmel gegenüber vertritt.
Er hat Autorität, nicht, weil er übermenschlich ist, sondern gerade weil er
sehr menschlich ist, weil er alles, was menschlich ist, repräsentiert. König
David war menschlicher als alle Menschen seiner Zeit. Darum eben wurde er
auf göttliches Geheiß durch den Propheten Samuel gesalbt, und darum hat
ihm der ewige Gott das feierliche Versprechen gegeben, daß sein Thron für
immer und ewig begründet sei. Der Thron, das Amt des Repräsentanten
der Menschheit, wird also niemals zugrunde gehen. Und das ist das Amt des
„Kaisers“, das ist die wahre Autorität.
Auch die hermetische Philosophie hat ein menschliches Ideal vor Augen,
das sie anstrebt. Ihre geistigen Übungen, ihre Arcana, verfolgen das
praktische Ziel der Verwirklichung des Menschen der Autorität, des Vater-
Menschen. Das ist jener Mensch, der menschlicher ist als die anderen, ein
Mensch, der des „Thrones Davids“ würdig ist.
Der Idealtypus der praktischen Hermetik ist daher weder der Übermensch
Nietzsches noch der in der Kontemplation der Ewigkeit versunkene
Übermensch Indiens, noch der Übermensch-Hierophant von Gurdjieff,
noch der Übermensch-Philosoph der stoischen und vedantischen
Philosophien. Nein, ihr Ideal ist ein Mensch, welcher so sehr Mensch ist,
daß er alles Menschliche in sich birgt und trägt; daß er der Hüter des Thrones
Davids ist.
Und das Göttliche?– Wie steht es um die Manifestation des Göttlichen?
Die praktische Hermetik ist die Alchimie. Das Ideal der Hermetik ist
wesentlich und von Grund auf das alchimistische Ideal. Das bedeutet: Je mehr
man wahrhaft Mensch wird, um so mehr manifestiert sich das Göttliche, das
der menschlichen Natur zugrunde liegt und welches das „Ebenbild und
Gleichnis Gottes“ ist. Das Ideal der Abstraktion hingegen führt die Menschen
dazu, sich ihrer menschlichen Natur zu begeben, d. h., sich zu
entmenschlichen.
Das Ideal der alchimistischen Umwandlung in der Hermetik hingegen eröffnet
den Menschen den Weg zur Verwirklichung der wahren menschlichen
Natur, die das „Ebenbild und Gleichnis Gottes“ ist. Die Hermetik ist demnach
die Rehumanisierung aller Elemente der menschlichen Natur; sie bedeutet
deren Rückkehr zu ihrem wirklichen Wesen. Ebenso wie alles unedle Metall
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
116
umgewandelt werden kann in Silber oder Gold, so sind gleicherweise alle
Fähigkeiten der menschlichen Natur empfänglich für die Umwandlung in
„Silber“ und „Gold“, d. h. in das, was sie sind, wenn sie zum Ebenbild und
Gleichnis Gottes gehören.
Um aber das wieder zu werden, was sie in ihrem eigentlichen Wesen sind,
müssen sie der Operation der Sublimierung unterzogen werden.
Nun bedeutet diese Operation die „Kreuzigung“ des Niedrigen in diesen
Kräften und zugleich das Aufblühen dessen, was ihr wahres Wesen ist. Das
Kreuz und die Rose, das Rosenkreuz ist das Symbol dieser Operation der
Verwirklichung des Menschen, der wahrhaft menschlich ist. So kann man
sagen, daß der „Kaiser“ des Tarot, auf vier dem Belieben anheimgegebene
Freiheiten der menschlichen Natur verzichtet hat. Er ist in diesem Sinne
„gekreuzigt“. Und da das wirkliche Symbol der Leere, die sich infolge des
Verzichts einstellt, die Wunde ist, kann man auch sagen, daß der „Kaiser“
derjenige ist, der vier Wunden hat.
Durch diese vier Wunden erfüllt sich in ihm die Manifestation des
göttlichen Ebenbildes und Gleichnisses der menschlichen Natur.
Das Göttliche der menschlichen Natur ... und das GÖTTLICHE, das
diese Natur übersteigt? –
Um es offenbaren zu können, muß man eine Wunde mehr haben, muß
man fünf Wunden haben. Nun lehrt uns die folgende Karte „Der Papst“ das
Arcanum der Manifestation des die menschliche Natur transzendierenden
Göttlichen mittels der fünf Wunden.
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
117
Fünfter Brief
DER PAPST
Das Arcanum der Transzendenz und der Armut
Segnung – „Horizontale“ und „vertikale Atmung“ – Gebet und Gnade in
Vernunft, Herz und Wille – Liebe zur Natur, zum Nächsten und zu den
hierarchischen Wesen – Läuterung, Erleuchtung und Vereinigung – Die
Nachtseite der Geschichte und des individuellen Lebens – Die Ämter von
Kaiser und Papst – Geozentrischer und heliozentrischer Kosmos – Logik der
Tatsachen und moralische Logik – Die fünfte Wunde des Papstes – Der
Fünfstern (das Pentagramm) – Dein Wille, mein Wille, unser Wille geschehe
– Macht oder Reinheit des Willens – Die Wünsche, groß zu sein, zu
nehmen, festzuhalten, vorwärtszukommen und sich zu behaupten – Die
Gelübde des Gehorsams (Kreuz), der Armut (Fünfstern) und der
Keuschheit (Sechsstern) – Die „Lotosblumen“ – Wie das Gute das Böse
überwindet – Stigmata – Fegefeuer, Vorhimmel, Paradies – Zur Mission des
Papstes – Die „Pforten der Hölle“ – Glaube, Hoffnung, Liebe.
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
118
DER PAPST
Das Arcanum der Transzendenz und der Armut
„Melchisedek aber,
der König von Salem,
brachte Brot und Wein heraus,
er war nämlich ein Priester
des höchsten Gottes.
Er segnete ihn und sprach:
Gesegnet sei Abram
von dem höchsten Got t . . .
Und gesegnet sei der höchst e Gott ...” (Gen 14, 18).
„Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben:
Niemand kommt zum Vater außer durch mich“ (Jo 14, 6).
„Künftig möge mir niemand lästig fallen:
denn ich trage die Malzeichen Jesu an meinem Leibe“
(Gal 6, 17).
Lieber Unbekannter Freund,
das Kartenbild „Der Papst“ vergegenwärtigt uns den Akt des Segnens. Es
ist unerläßlich, dies vor Augen zu haben, wenn man sich an die Interpretation
sowohl des Aufbaus des ganzen Bildes als auch jedes seiner einzelnen
Elemente begibt. Wer auch immer der „Papst“ sein mag, wer die bei ihm
knienden Meßdiener sind, was die beiden Säulen hinter dem „Papst“
bedeuten, was seine ‘Tiara und das dreifache Kreuz auch symbolisieren
mögen – man sollte niemals aus den Augen verlieren, daß es sich in erster
Linie um die Segnung handelt und um die mit ihr verbundenen Probleme.
Was ist Segnung? Welches ist ihr Ursprung und ihre Wirkung? Wer besitzt
die Autorität zum Segnen? Welche Rolle spielt sie im geistigen Leben der
Menschheit?
Nun, die Segnung ist mehr, als daß man dem anderen einfach etwas
Gutes wünscht: sie ist auch mehr, als daß ihm auf magischem Wege der
Stempel eines persönlichen Denkens und Wollens aufgedrückt wird; sie ist
die Betätigung der göttlichen Macht, die das individuelle Denken und Wollen
übersteigt – sowohl beim Segnenden als auch beim Gesegneten. Mit anderen
Worten: sie ist eine im höchsten Grade priesterliche Handlung.
Die Kabbala vergleicht die Rolle des Gebets und der Segnung mit einer
doppelten, aufsteigenden und absteigenden Bewegung, ähnlich dem
Blutkreislauf. Die Gebete der Menschheit steigen zu Gott empor, und nachdem
sie dort göttlich „oxydiert“ worden sind, wandeln sie sich um in Segnungen,
die von oben nach unten herabsteigen. Darum hat einer der beiden „Meßdiener“
auf der Karte seine linke Hand erhoben und der andere seine rechte Hand
gesenkt. Die beiden blauen Säulen hinter dem „Papst“ symbolisieren in erster
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
119
Linie diesen doppelten aufsteigenden und niedersteigenden Strom der Gebete
und Segnungen. Zu gleicher Zeit hält der „Papst“ das dreifache Kreuz an der
Seite der „Säule des Gebets“ und des betenden Meßdieners hoch, während
seine rechte Hand an der Seite der „Säule der Segnung“ und. des Meßdieners, der
die Segnung empfängt (oder „einatmet“), die Geste der Segnung ausführt.
Die beiden „Seiten“ der Kabbala – die „rechte“ und die „linke“ Seite – und
die beiden „Säulen“ des Sephiroth-Baumes, die Säule der Barmherzigkeit und die
Säule der Strenge, ebenso wie die beiden Säulen im Salomonischen Tempel,
Jakin und Boas, entsprechen in allem den Säulen des Gebets und der Segnung des
Kartenbildes. Denn die Strenge spornt an zum Gebet, und das Erbarmen segnet.
Das „blaue“ venöse Blut von Boas steigt herauf, und das „rote“ arterielle, mit
Sauerstoff durchsetzte von Jakin steigt herab. Das „rote“ Blut trägt die
belebende Segnung des Sauerstoffs; das „blaue“ Blut befreit den Organismus
von der Strenge der Kohlensäure. Genauso ist es im geistigen Leben. Geistige
Erstickung droht dem, der nicht in irgendeiner Form das Gebet praktiziert; wer
es hingegen übt, empfängt in irgendeiner Form die belebende Segnung. Die
beiden „Säulen“ haben also eine im höchsten Maße praktische Bedeutung, d.
h., sie sind in spiritueller Hinsicht von gleicher praktischer Wichtigkeit, wie es
die Atmung für das Leben des Organismus ist.
Nun bezieht sich die erste praktische Unterweisung des fünften Arcanums –
denn die großen Arcana des Tarot sind geistige Exerzitien – auf die geistige
Atmung.
Es gibt zwei Arten von Atmung: die horizontale Atmung, die zwischen
„draußen“ und „drinnen“ stattfindet, und die vertikale Atmung, die sich
zwischen „oben“ und „unten“ vollzieht. Der „Stachel des To- des“ oder die
Grundkrisis der Agonie in der Todesstunde ist der plötzliche Übergang von
der horizontalen in die vertikale Atmung.
Wer jedoch bei Lebzeiten die vertikale Atmung gelernt hat, ist von
diesem „Stachel des Todes“ frei. Bei ihm ist der Übergang von einer Weise
der Atmung in die andere nicht der Art eines rechten Winkels, sondern
vielmehr der eines Kreisausschnittes: der Übergang geschieht nicht
plötzlich, sondern graduell und in Form einer Kurve anstelle einer
geknickten Linie.
Nun ist das Wesen der vertikalen Atmung das Abwechseln von Gebet
und Segnung oder Gnade. Diese beiden Elemente der vertikalen Atmung
bekunden sich in allen Bereichen des inneren Lebens – in der Vernunft, dem
Herzen und dein Wollen. So ist eine zum Bereich der Vernunft gehörende
Fragestellung, welche nicht der Neugierde oder dem intellektuellen
Sammeltrieb entspringt, sondern dem Durst nach Wahrheit, im Grunde
genommen ein Gebet, und die Erleuchtung, die dann eintreten kann, ist die
Segnung oder die entsprechende Gnade. Wirkliches Leiden ist ebenfalls im
Grunde immer ein Gebet, und Trost, Frieden und Freude, die ihm folgen
können, sind die ihm entsprechenden Auswirkungen der Segnung oder
Gnade.
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
120
Die wirkliche Anstrengung des Willens, d. h. die hundertprozentige
Bemühung, die wahre Arbeit, ist auch ein Gebet. Wenn es sich um eine
intellektuelle Arbeit handelt, so lautet das Gebet: „Dein Name werde
geheiligt.“ Handelt es sich um eine schöpferische Anstrengung, so lautet
das Gebet: „Dein Reich komme.“ Ist es eine Arbeit zur Befriedigung der
materiellen Lebensbedürfnisse, so lautet das Gebet: „Unser tägliches
Brot gib uns heute.“ Und alle diese Formen des Gebets in der Sprache der
Arbeit haben ihre entsprechenden Segnungen oder Gnaden.
Das Gesetz der Entsprechung zwischen der Säule des Gebets (oder der
Fragen, Leiden und Bemühungen) und jener der Segnung (der Erleuchtung,
des Trosts, der Früchte) findet sich in den Seligpreisungen der Bergpredigt
des Meisters ausgedrückt. Die neun Seligpreisungen (denn es sind neun und
nicht acht) können daher als Formel des vertikalen Atmens verstanden
werden. Diese Atmung lehrt sie uns.
Die Atmung ist der Zustand der Seele, den der Apostel Paulus als
„Freiheit in Gott“ bezeichnet. Dies ist eine neue Art zu atmen. Man atmet
frei den göttlichen Hauch, welcher die Freiheit ist.
„Der Herr ist der Geist: wo aber der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit“
(2 Kor 3, 17).
Das geistige Gegenstück zu der horizontalen Atmung ist der Wechsel
zwischen „Extraversion“ und „Introversion“ oder zwischen der
Aufmerksamkeit auf das äußere objektive Leben und auf das innere
subjektive Leben. Das Gesetz der horizontalen Atmung lautet:
„Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ (Mk 12, 31).
Darin besteht das Gleichgewicht zwischen diesen beiden Richtungen der
Aufmerksamkeit. Was die vertikale Atmung betrifft, so ist ihr Gesetz:
... „du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben aus deinem ganzen Herzen
und aus deiner ganzen Seele und aus deinem ganzen Denken und aus deiner
ganzen Kraft“ (Mk 12, 30).
Darin besteht der Zusammenhang zwischen dem Gebet und der Segnung
oder Gnade.
Es gibt drei Ebenen der horizontalen Atmung, wie es drei Stufen der
vertikalen Atmung gibt. Die drei Ebenen der horizontalen Atmung sind:
Liebe zur Natur.
Liebe zum Nächsten.
Liebe zu den geistigen hierarchischen Wesen (Engel usw.)
Die drei Stufen der vertikalen Atmung sind:
Läuterung (durch den göttlichen Hauch).
Erleuchtung (durch das göttliche Licht).
Mystische Vereinigung (im göttlichen Feuer).
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
121
Darum hält der „Papst“ das dreifache Kreuz hoch. Das dreifache Kreuz
hat drei Querbalken, welche die vertikale Linie in drei Teile teilen. Es ist
das Kreuz der vollständigen und vollkommenen geistigen Atmung, horizontal
und vertikal. Es ist das Kreuz der dreifachen Liebe zum Nächsten (zum
untergeordneten Nächsten – der Natur; zum gleichgeordneten Nächsten –
dem Mitmenschen; zum übergeordneten Nächsten – dem hierarchischen
Wesen) und der dreifachen Liebe zu Gott (Hauch oder Glaube; Licht oder
Hoffnung; Feuer oder Liebe).
Das Kreuz ist das „Zepter“ der Autorität des „Papstes“ auf der Karte,
so wie die aus dem doppelten Kelch gebildete und vom Kreuz überragte
Kugel das Zepter des „Kaisers“ ist. Wie der „Kaiser“, der Hüter des
„Thrones Davids“, das Menschliche, d. h. das Ebenbild und Gleichnis Gottes
im Menschen, gegenüber dem Himmel vertritt, ebenso repräsentiert der
„Papst“, der Hüter der Pforte zu den Säulen der Segnung und des Gebets,
das transzendente Göttliche gegenüber der Menschheit. Die beiden Ämter,
das des „Kaisers“ und das des „Papstes“, sind zwei geistige Realitäten.
Sie sind so wirklich wie „Kopf“ und „Herz“ es sind im Leben des
Individuums. Das Herz ist das Zentrum der Atmung und des
Blutkreislaufs; der Kopf ist das Zentrum des Nervensystems und der Sitz
des Denkens. Und ebenso wie kein Parlament die geistige Realität des Amtes
des „Kaisers“ zu ersetzen vermag, da der „Thron Davids“ sich nicht durch
ein Kollektiv ersetzen läßt, ebensowenig vermag ein ökumenisches Konzil
die geistige Realität des Amtes des „Papstes“ zu ersetzen oder „den Thron
des Melchisedek, des Königs der Fülle (Salem)“. Ob der in den „esoterischen
Kreisen des Westens“ vorausgesagte Kanonenschuß abgefeuert wird oder
nicht, ob der päpstliche Thron sichtbar bleibt oder ob er in den
Katakomben aufgestellt wird, er wird, auch wenn es den Propheten seiner
Zerstörung mißfallen sollte, in der zukünftigen Geschichte der Menschheit
immer gegenwärtig bleiben.
Denn die Geschichte – wie übrigens auch das Leben des Individuums –
hat einen Rhythmus von Tag und Nacht. Sie hat einen Tagesaspekt und
einen Nachtaspekt. Der eine ist exoterisch, der andere esoterisch. Das
Schweigen und die Dunkelheit der Nacht – und alles, was „unbewußt“ oder
„überbewußt“ ist im menschlichen Wesen, gehört zum Bereich der Nacht –
ist immer trächtig von sich vorbereitenden Ereignissen. Das ist die magische
Seite der Geschichte, die Seite der magischen Tatsachen und Werke, welche
hinter der Fassade der „Tagesgeschichte“ wirkt. So geschah es, daß, als das
Evangelium am hellichten Tage in den Ländern rings um das Mittelmeer
gepredigt wurde, die nächtlichen Strahlen des Evangeliums eine tiefe
Wandlung des Buddhismus bewirkten. Da trat an die Stelle des Ideals der
individuellen Befreiung durch den Eintritt in den Zustand des Nirwana das
Ideal des Verzichtes auf das Nirwana aus Erbarmen mit der leidenden
Menschheit. Das Ideal des Mahayana, des Großen Fahrzeuges, erlebte
damals seinen strahlenden Aufgang am Himmel der moralischen Werte
Asiens.
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
122
„Der Tag gibt weiter das Wort einem andern Tag (דמא –‘Omer)
die Nacht zeigt einer anderen Nacht die Einsicht ( תצד- – Da’ath)“ (Psalm 19
der hebräischen Bibel).
„Dies diei eructat verbum et nox nocti indicat scientiam“ (Psalm 18 der
Vulgata).
Dies ist die Formel der doppelten Unterweisung durch das Wort des
Tages und durch die Einsicht der Nacht; der doppelten Tradition durch
mündliche Belehrung und durch direkte Inspiration; der doppelten Magie
durch das ausgesprochene Wort und durch die schweigende Ausstrahlung;
der doppelten Geschichte endlich – der „sichtbaren“ täglichen Geschichte
und der „unsichtbaren“ nächtlichen Geschichte.
Nun sind die Ämter des „Kaisers“ und des „Papstes“ Realitäten sowohl
diesseits wie jenseits der Schwelle, welche „Tag“ und „Nacht“ trennt. Und
der „Papst“ der fünften Karte ist der Hüter dieser Schwelle. Er hat
seinen Sitz zwischen den beiden Säulen – der Säule des Tages oder des
Gebets und der Säule der Nacht oder der Segnung.
Der „Kaiser“ der vierten Karte ist der Gebieter des Tages und der Hüter des
Blutes oder der Quintessenz der Nachtseite des. Tages. Der „Papst“ ist der
Hüter der Atmung oder der Realität der Beziehung zwischen Tag und Nacht. Er
hütet das Gleichgewicht zwischen Tag und Nacht, zwischen menschlicher
Bemühung und göttlicher Gnade. Sein Amt gründet sich auf uranfängliche
kosmische Gegebenheiten.
„Gott schied zwischen dem Licht und der Finsternis. Gott nannte das Licht
Tag, und die Finsternis nannte er Nacht“ (Gen 1, 4 5).
So sagt das erste Buch Moses. lind der Akt der Trennung des Intelligiblen
vom Mysterium bedeutet gleichzeitig die Einsetzung der kosmischen Atmung,
welche die Analogie ist des „Geistes Gottes, der über den Wassern schwebt“.
Denn der göttliche Hauch (ruah ‘elohim) über der Tiefe des Friedens (den
„Wassern“ – das ist die sowohl kosmische wie psychologische Realität des
Nirwana) ist das göttliche Urbild der Atmung. Demnach erhebt sich das
„Große Fahrzeug“ des „Mahayana“ des Buddhismus zum göttlichen Hauch –
dem Erbarmen, welches über den Wassern des vorkosmischen Friedens des
Nirwana schwebt, während das „Kleine Fahrzeug“, das „Hinayana“, nach dem
Ende der Atmung strebt; sein Ziel ist, unterzutauchen in den Wassern des
Friedens – einzutreten in das Nirwana, wo es weder Bewegung noch Wechsel
noch Atmung gibt.
Der göttliche Hauch (ruab ‘elohim) ist über dem Ozean des nirwanischen
Friedens; er bewegt ihn. Und verzichten auf das Nirwana, nachdem man seine
Schwelle erreicht hat, heißt sich erheben über das Nirwana und teilhaben am
göttlichen Hauch, der es transzendiert.
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
123
Nun ist das ursprüngliche, vom göttlichen Hauch durchdrungene Urwasser
die Essenz des Blutes; der vom Wasser widergespiegelte Hauch ist das Licht;
der rhythmische Wechsel zwischen Aufnahme des Hauches durch das Wasser
und seiner Widerspiegelung durch das Wasser ist die Atmung. Das Licht ist der
Tag, das Blut ist die Nacht, und die Atmung ist die Fülle (Salem).
Melchisedek, König von Salem, Priester des Höchsten Gottes – (kohen
le’el `elyon) ist also über die Fülle gesetzt, über die Atmung, während der
Gesalbte König, der „Hüter des Thrones Davids“ oder der „Kaiser“, über den Tag
gesetzt ist. Obwohl er über den Tag gesetzt ist, ist er durch die Nacht gesalbt, und
er verdankt seine Autorität der Nacht. Er ist der Hüter der geheimnisvollen
Gegenwart der Nacht – dem Blut – am Tage.
Lieber Unbekannter Freund, wahrscheinlich fragen Sie, ob es noch ein
drittes Amt gibt, das Amt desjenigen, der über die Nacht gesetzt ist.
Ja, das Amt des Meisters der Nacht (er heißt auch „Herr der Nacht“)
existiert. Wir werden uns den Gedankengängen, die mit diesem Amt
zusammenhängen, im neunten Brief nähern, der dem neunten Arcanum
des Tarot gewidmet ist. Hier genügt es, darauf hinzuweisen, daß es in
Israel drei höchste Ämter gab: das Amt des Königs, das des Hohenpriesters
und das des Propheten. Es ist noch zu bemerken, daß es sich um .Ämter
und nicht um Personen handelt. Eine einzige Person kann manchmal zwei
oder sogar drei Ämter innehaben.
Kehren wir nun zum Amt des „Papstes“ zurück, und damit zum fünften
Arcanum des Tarot. Dieses Amt bezieht sich, wie wir gesehen haben, auf
die geistige Atmung. Darum repräsentiert der Papst eine andere Ordnung
der Wahrheit und ein anderes Wahrheitskriterium als die
naturwissenschaftliche Wahrheit und ihr Kriterium. „Wahr“ ist für ihn, was
die harmonische Atmung gestattet; „falsch“ ist, was die Harmonie der
geistigen Atmung in Unordnung bringt. So ist das heliozentrische System der
modernen astronomischen Wissenschaft „wahr“ unter dem Gesichtspunkt
der Wissenschaft der Phänomene; aber es ist zugleich grund“falsch” unter
dem Gesichtspunkt der geistigen Atmung. Das von Christus auf die Erde
vergossene Blut ist derart kostbar, daß es der Erde die zentrale Stellung im
Raume der numenalen Werte gegeben hat. Der geozentrische Kosmos ist also
wahr unter dem Gesichtspunkt der Atmung, d. h. unter dem Aspekt des
Lebens von Gebet und Segnung. Und der heliozentrische Kosmos, obwohl ihn
alle Tatsachen der Welt der Erscheinungen stützen, ist falsch, weil er
verkennt, was wirklich zentral ist – die Inkarnation des WORTES –und es
durch ein Zentrum ersetzt, das mehr an der Peripherie des zentralen Wertes
liegt. Es ist nur ein Zentrum des phänomenalen Raumes, und man begeht
die Sünde des Götzendienstes, wenn man ihm die zentrale Rolle zuschreibt,
welche der Erde gehört, die geheiligt, also zentral geworden ist durch die
Inkarnation des WORTES.
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
124
Nehmen wir ein anderes Beispiel, diesmal aus dem Bereich der
esoterischen Erfahrung: Wie wir gezeigt haben, ist die Wiederverkörperung
– die aufeinanderfolgenden Leben derselben menschlichen Individualität –
eine Tatsache der Erfahrung, ganz wie die aufeinanderfolgenden Zeiten des
Wachens am Tage unterbrochen werden vom Schlaf in der Nacht.
Buddha anerkannte diese Tatsache als solche, aber er fand sie bedauerlich.
Darum ist das Ziel des achtgliedrigen Pfades, den er lehrte, der
Wiederverkörperung ein Ende zu setzen. Denn Nirwana ist das Ende der
aufeinanderfolgenden Erdenleben.
So erkennt und verneint Buddha zugleich die Tatsache der
Wiederverkörperung. Er anerkennt sie als Tatsache, und er verneint sie als
Ideal. Denn die Tatsachen sind vorübergehend; sie kommen und gehen. Es
gab eine Zeit ohne Wiederverkörperung, und es wird eine Zeit kommen, wo
es keine mehr geben wird. Die Reinkarnation (Wiederverkörperung) hat
erst nach dem Sündenfall begonnen, und sie wird mit der Reintegration
(Wiedervereinigung) aufhören. Folglich ist sie nicht ewig und daher kein Ideal.
Es gibt also zwei Wahrheiten: eine ist aktuell oder zeitlich, die andere ist
ideal oder ewig. Die erste gründet sich auf die Logik der Tatsachen, die
andere auf die moralische Logik. Nun bezeichnet der 84. Psalm (der 85. der
hebräischen Bibel) die aktuelle Wahrheit (emeth) als Wahrheit (veritas) und die
auf der moralischen Logik gründende Wahrheit (hesed) als Barmherzigkeit
(misericordia). Der Psalm sagt:
„Begegnen werden sich Erbarmen (hesed) und Wahrheit (emeth).
Gerechtigkeit (tsedek) und Friede (schalom) werden sich küssen. Aus der
Erde (eretz) sprießet die Wahrheit (emeth), Gerechtigkeit (tsedek) blickt
hernieder vom Himmel (mischamaim)“ (Ps 85 [84], 11, 12).
Da haben wir das ganze Problem der „doppelten Wahrheit“ – und zugleich
auch die ergreifende Prophezeiung, daß beide ‘Wahrheiten, die faktische und
die moralische, sich einmal begegnen und ihre Offenbarungen im Menschen
– Gerechtigkeit (tsedek) und Frieden (schalom) – sich umarmen werden.
Aber sie gehen nur langsam aufeinander zu, und beim gegebenen Stand der
Dinge widersprechen sie sich noch oft, wenigstens dem Anschein nach.
Darum mußte Paulus sagen:
„Ist doch die Weisheit dieser Welt Torheit bei Gott“ (1 Kor 3, 19).
Und darum ist auch die göttliche Weisheit oft eine Torheit vor dieser
Welt ...
Nun ist der „Papst“, da er der Hüter der geistigen Atmung ist (und der
Buchstaben, HE, der fünfte Buchstabe des hebräischen Alphabetes, ist das
ursprüngliche Wortzeichen für den Atem!) der Repräsentant der
moralischen Logik.
Segnung und Gebet sind die beiden Säulen, zwischen denen er sitzt. Für
ihn ist nur das wahr, was dem Ideal entspricht. Aus diesem Grunde ist für ihn
die Ehe unauflöslich, auch wenn es Tausende von Ehekatastrophen gibt; aus
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
125
diesem Grunde löschen Schuldbekenntnis und Reue jegliche Sünde aus,
wenngleich Tausende Gerichtshöfe die Schuldigen bestrafen, gleichgültig ob
sie bereuen oder nicht; aus diesem Grunde ist die Kirche vom Heiligen
Geist geführt, obwohl sie die Praxis der Inquisition durch Jahrhunderte
hindurch geübt und geduldet hat; und aus diesem Grunde genügt ein einziges
Erdenleben für das ewige Heil, auch wenn die Seelen sich wiederverkörpern.
So befindet sich der „Papst“ immer inmitten eines Konfliktes zwischen
idealer und aktueller Wahrheit, zwischen Barmherzigkeit (hesed) und
Wahrheit (emeth). Und dieser Konflikt ist eine Wunde – nämlich die fünfte
Wunde, die Wunde des Herzens. Denn während der „Kaiser“ vier Wunden
hat, hat der „Papst“ fünf.
Wenn Sie, lieber Unbekannter Freund, mit der Symbolik der Kabbala
vertraut sind, wird es Ihnen deutlich sein, daß die Wunde, um die es hier
geht, durch die Gegensätzlichkeit zwischen der vierten Sephirah Hesed
(Barmherzigkeit) und der fünften Sephirah Geburah (Strenge) verursacht
wird. Und ebenfalls, daß diese Wunde sich auf die sechste Sephirah des
Sephiroth-Baumes: Tiphereth (Schönheit oder Harmonie) bezieht, welche die
Synthese der beiden vorhergehenden Sephiroth ist.
Falls Sie sich außerdem mit der christlichen Esoterik beschäftigen,
werden Sie verstehen, daß diese Wunde die des heiligen Herzens ist,
äußerlich verursacht von:
„... einer von den Soldaten stieß ihm seine Lanze in die Seite, und sofort
kamen Blut und Wasser heraus“ (Jo 19, 34).
Und Sie werden auch verstehen, daß es die Barmherzigkeit und die
Wahrheit (hesed und emeth) waren, die als Blut und Wasser heraustraten.
Darum unterstreicht der Evangelist die symbolische Wirklichkeit oder den
wirklichen Symbolismus der Tatsache, daß Blut und Wasser, welche aus der
Wunde flossen, nicht vermischt waren, und daß sich in eben dieser Tatsache
die geistige Bedeutung der Wunde ausgedrückt findet. Die Wunde wird
geistig verursacht durch den Konflikt zwischen Barmherzigkeit und
Wahrheit, zwischen der idealen und der tatsächlichen Wahrheit, die sich nicht
vereinigt haben ...
Und der Evangelist sagt darüber:
„Und der es gesehen hat, hat es bezeugt, und sein Zeugnis ist wahr; und
er weiß, daß er die Wahrheit sagt, damit auch ihr glaubet“ (Jo 19, 35).
Er hat also die Tatsache gesehen, und er weiß, was sie als Symbol für die
geistige Realität der Wunde bedeutet.
Nun befinden wir uns schon inmitten der Esoterik der fünf Wunden, des
flammenden Sternes, des Pentagramms, der Fünfheit oder der Zahl fünf ...
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
126
Louis-Claude de Saint-Martin sagt:
„Soweit die Zahlen mit der Dekade vereinigt oder verbunden sind, gibt
es unter ihnen keine, die das Bild der Verderbnis oder der Mißgestalt
darstellt. Nur wenn man sie trennt, manifestieren sich diese Zeichen. Unter
diesen so vereinzelten Zahlen sind einige absolut böse, wie 2 und 5. Diese
sind sogar die einzigen, die die Zehnheit teilen.“
Nach Saint-Martin ist also die Fünfheit, (bezüglich der Zweiheit
verweisen wir auf den zweiten Brief, wo Sie eine Richtigstellung der
Aussage Saint-Martins über die böse Natur der Zahl Zwei finden)
absolut böse, wenn sie nicht vereinigt und verbunden ist mit der Dekade.
Daher, so sagt er,
„... muß die Form der Tiere auch so sein, daß sie als Schlupfwinkel
dient bei den Verfolgungen durch die Fünfheiten, Verfolgungen, die wir
selbst gegen sie ausüben in Nachahmung dieser Fünfheiten.“
Dagegen sagt Eliphas Lévi:
„Das Pentagramm drückt die Beherrschung der (4) Elemente durch den
Geist aus, und mittels dieses Zeichens fesselt man Dämonen der Luft,
Feuer- und Wassergeister, den Spuk der Erde.
Ausgerüstet mit diesem Zeichen und in günstiger Stimmung kann man
mittels jener Fähigkeit, sozusagen dem Auge der Seele, die Unendlichkeit
sehen; man kann über Legionen von Engeln und Scharen von Dämonen
gebieten.“
Weiter:
„Die Herrschaft des Willens über das Astrallicht, die physische Seele der
vier Elemente, wird in der Magie durch das Pentagramm versinnbildlicht,
dessen Bild wir unserem Kapitel voransetzten.“
Und weiter:
„Es war am 24. Juli 1854, als der Verfasser dieses Buches, Eliphas Lévi
in London, den Versuch einer Beschwörung durch das Pentagramm machte,
nachdem er sich durch alle im Ritual (Kap. 13) angegebenen Zeremonien
darauf vorbereitet hatte.“
Und endlich:
„Wir wollen noch bemerken, daß die Anwendung des Pentagramms sehr
gefährlich für den Ausführenden sein kann, der nicht im Besitz der
vollkommensten Kenntnis über dessen Gebrauch ist. Die Richtung der
Strahlen des Sternes ist nicht willkürlich und vermag den Charakter der
ganzen Ausführung zu verändern, wie wir im Ritual erklären werden.»
Im „Ritual“ finden wir die Zusammenfassung der Lehre von Eliphas Lévi
über das Pentagramm wie folgt:
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
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„Das Pentagramm, das man in den gnostischen Schulen den flammenden
Stern nennt, ist das Zeichen der Allmacht und der geistigen. Selbstherrschaft.“
Später sagt Eliphas Lévi:
„Die Fünf ist die religiöse Zahl, denn sie ist die Zahl Gottes, vereinigt mit
jener der Frau.“
Noch später, in seinem postumen Werk, schreibt Eliphas Lévi:
„Die alten Riten haben ihre Wirksamkeit verloren, seit das Christentum in
der Welt erschienen ist. Die christliche und katholische Religion ist in der Tat
die legitime Tochter von Jesus, dem König der Magier ... Ein einfaches
Skapulier mit dem Bild eines Heiligen, von einer wirklich christlichen
Persönlichkeit getragen, ist ein viel unüberwindlicherer Talisman als der Ring
und das Pentakel des Salomo …
Die Messe ist die gewaltigste der Beschwörungen. Die Geisterbeschwörer
rufen die Verstorbenen wach, der Zauberer beschwört den Teufel und erzittert,
aber der katholische Priester zittert nicht, wenn er den lebendigen Gott
beschwört! Die Katholiken allein haben Priester, weil sie allein Altar und
Opfer haben, d. h. die ganze Religion.
Die hohe Magie ausüben heißt dem katholischen Priester Konkurrenz
machen, heißt ein abgefallener Priester sein. Rom ist das große Theben der
neuen Einweihung. ... Es hat als Krypten seine Katakomben, als Talismane
seine Rosenkränze und seine Medaillen, als magische Kette seine
Kongregationen, als magnetischen Brennpunkt seine Klöster, als Zentren der
Anziehung seine Beichtstühle, als Mittel der Ausbreitung seine Kanzeln und die
Hirtenbriefe seiner Bischöfe; endlich hat es seinen Papst, den sichtbar
gemachten Gott-Menschen.”
Schließen wir mit einem Zitat von Joséphin Peladan, der im Einklang mit
dem Vorangehenden erklärt:
„Die Eucharistie ist das ganze Christentum; und durch sie ist das
Christentum lebendige Magie geworden.
Seit Jesus gibt es noch Zauberer, aber keine Magier mehr.“
Wo stehen wir nun nach all diesen Zitaten? – Wir sind bei einem sehr ernsten
Problem angelangt, nämlich dem des Pentagramms der bösen Fünfheit und des
Pentagramms der guten Fünfheit.
Nach Saint-Martin – dessen klare Darstellung des Problems sich besser als alle
anderen als Ausgangspunkt eignet – ist die Fünfheit gut, solange sie mit der
Dekade vereinigt und verbunden ist; und sie ist „absolut böse“, wenn sie von ihr
getrennt und abgesondert ist. Mit anderen Worten: Das Pentagramm als Zeichen
der intellektuellen Autorität, d.h. der mündig gewordenen menschlichen
Persönlichkeit, ist gut, wenn es Ausdruck der Persönlichkeit ist, deren Wille
vereint und verbunden ist mit der Fülle der Manifestation der Einheit, d.h. mit
der Dekade; und es ist böse, wenn es den von dieser Einheit getrennten Willen der
Persönlichkeit ausdrückt. Oder mit noch anderen Worten:
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
128
Das Zeichen ist gut, wenn es die Formel ausdrückt:
„Fiat voluntas tua – dein Wille geschehe.“
Es ist böse, wenn die Formel des zugrunde liegenden Willens ist:
„Fiat voluntas mea – mein Wille geschehe.“
Das ist der moralische und praktische Sinn der Aussage Saint-Martins.
Die Aussagen von Eliphas Lévi und Joséphin Péladan, die wir soeben
zitierten, fügen dem die Überzeugung hinzu, daß die universale oder
katholische Kirche für die Menschheit die Dekade oder die Fülle der
sichtbar gewordenen Einheit repräsentiert. Für sie drückt sich der mit dem
Wesen der Kirche vereinte und verbundene Wille durch das gute
Pentagramm aus, verstanden im Sinne von Saint-Martin, und der bloß
persönliche Wille durch das böse Pentagramm. Das ist der Grund, weshalb
Madame Blavatsky den Eliphas Lévi einer jesuitischen Politik beschuldigte
und warum die alten okkultistischen Freunde von Joséphin Péladan seinen
„Rückfall in das römische Sektierertum“ bedauerten.
Stellen wir uns jetzt die Frage: Worum geht es? – Hierbei handelt es sich
nicht um Parteinahme im „Krieg der zwei Rosen“, weder um Anschuldigung
noch um Bedauern; denn worum es geht, ist einerseits das Problem der
persönlichen oder willkürlichen Magie (der von der Dekade getrennten
Fünfheit) und andererseits die persönliche geheiligte Magie (der mit der
Dekade vereinten und verbundenen Fünfheit). Und hier die These, die ich
im Hinblick auf dieses Problem aufstelle als Frucht von 43 Jahren
Erfahrung im esoterischen Bereich:
Nur das Pentagramm der fünf Wunden ist das wirksame Zeichen der
persönlichen geheiligten Magie, während das Pentagramm der fünf Ströme
des persönlichen Willens, gleichgültig, wohin die Spitzen dieses Pentagramms
gerichtet sind, nur das wirksame Zeichen ist für die Auferlegung des
persönlichen Willens des die Handlung Vollziehenden auf schwächere Wesen
als er – es ist immer ein von Grund auf tyrannischer Akt.
So die These, die wir begründen müssen. Ein magischer Akt setzt eine
Wirkung voraus, welche die normale Macht des magisch Handelnden
überschreitet. Dieser Überschuß an Macht wird entweder durch Kräfte
bereitgestellt, die dem magisch Handelnden gehorchen, oder durch Kräfte,
die er entliehen hat, oder aber durch Kräfte, die durch ihn wirken und
denen er gehorcht.
Im Falle von Kräften, die sich der Operierende dienstbar macht, um seine
eigenen Kräfte zu ergänzen, handelt es sich um eine Operation der Magie, die
wir (im dritten Brief) als „persönliche oder willkürliche“ bezeichnet haben, d.
h. eine Operation, deren Handlungsursprung, Mittel und Ziel sich
ausschließlich im Wollen und Wissen der Persönlichkeit des magisch
Handelnden finden. Eine solche Operation kann sich nur solcher Kräfte
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
129
bedienen, die auf niedrigerer Stufe stehen als der Operierende. Denn Engeln
befiehlt man nicht. Der Operierende ist dabei allein und handelt als
magischer Techniker unter eigener Verantwortung und auf eigenes Risiko
und eigene Gefahr. Man könnte diese Art Magie auch als „faustisch“
bezeichnen.
Im Falle der vom Operierenden entliehenen Kräfte handelt es sich um
einen Akt kollektiver Magie. Die „magische Kette“ macht den magisch
Handelnden mächtiger; sie „leiht“ ihm die Kräfte, deren er sich bei der
Operation bedient. In diesem Falle wird dem Operierenden durch Kräfte
geholfen, die ihm gleich sind, also nicht mehr niedriger, wie es bei der
„faustischen Magie“ der Fall ist. Macht und Wirkung hängen dabei von der
Anzahl der zur „Kette“ gehörenden Personen ab. Man könnte diese Art
Magie auch als „kollektive“ bezeichnen.
Im Falle schließlich der Kräfte, die durch die Vermittlung des
Operierenden wirksam werden und denen er gehorcht, handelt es sich
ebenso um eine „Kette“, aber um eine vertikale und qualitative
(hierarchische) Kette statt einer horizontalen und quantitativen wie bei der
„kollektiven Magie“. Der Operierende ist dabei in der Horizontalen allein,
nicht aber in der Vertikalen: Über ihm handeln höhere Wesen als er mit ihm
und durch ihn. Diese Art der Magie setzt die Tatsache voraus, daß man in
bewußter Verbindung steht mit höheren geistigen Wesenheiten, d. h.
vorausgehende mystische und gnostische Erfahrung hat. Wir haben diese
Art der Magie im dritten Brief als „geheiligte Magie“ bezeichnet, denn die
handelnden Kräfte bei ihren Operationen sind dem Operierenden
übergeordnet. Ihre historische Bezeichnung ist „Theurgie“.
Die Formeln, welche die dem persönlichen Willen zugrunde liegende
Haltung ausdrücken und den drei oben geschilderten Arten der Magie
entsprechen, wären demnach:
Fiat voluntas mea – mein Wille geschehe (faustische Magie).
Fiat voluntas nostra – unser Wille geschehe (kollektive Magie).
Fiat voluntas tua – dein Wille geschehe (geheiligte Magie).
Die beiden ersten Formen der Magie – die faustische und die kollektive –
bedienen sich derjenigen Methode, deren Zeichen das Pentagramm der fünf
Ströme des persönlichen und des kollektiven Willens ist. Sie stützen sich auf
das Prinzip, daß das Starke über das Schwache herrscht. Es handelt sich
dabei um die Macht des Zwanges.
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
130
Die dritte Form der Magie hingegen, die geheiligte Magie, bedient sich
in ihrer Methode nicht der Macht des Willens, sondern seiner Reinheit. Da aber
der Wille als solcher niemals völlig rein ist – denn nicht das Fleisch trägt die
Stigmata der Erbsünde noch das Denken als solches, sondern vielmehr der
Wille –, müssen die dem menschlichen Willen anhaftenden fünf dunklen
Strömungen, d. h. die Wünsche, groß zu sein, zu nehmen, festzuhalten, auf
Kosten anderer vorwärtszukommen und sich zu behaupten, gelähmt oder
„angenagelt“ werden.
Die fünf Wunden sind also die fünffache Leere, die sich in den fünf
Willensströmungen einstellt, und diese fünffache Leere füllt sich mit dem
Willen von oben, d. h. mit dem völlig reinen Willen. Das ist das Prinzip der
Magie des Pentagramms der fünf Wunden.
Bevor wir an die Frage herangehen, auf welche Art und Weise sich die fünf
Wunden des Willens bilden und welches die konkrete praktische Methode der
Magie des Pentagramms der fünf Wunden ist, müssen wir uns über den
Begriff der „Wunde“ gründlich klarwerden.
Die „Wunde“ ist ein Tor, durch welches die äußere objektive Welt in das
Innere des geschlossenen Systems der inneren subjektiven Welt eindringt.
Biologisch gesprochen, ist sie eine Bresche in den Mauern der Festung des
Organismus, durch welche die Kräfte von außerhalb des Organismus in sein
Inneres eindringen. Eine einfache Verletzung der Haut z. B. bedeutet eine
solche Bresche. Sie gewährt während einer gewissen Zeit der Luft und allem,
was diese mit sich führt, Zutritt zu einem inneren Bereich des Organismus,
der ihr verwehrt wäre bei unversehrter Haut.
Nun ist das Gesichtsorgan, das Auge, im Vergleich mit der von Haut
bedeckten Oberfläche des menschlichen Körpers eine Wunde, die durch die
bewegliche Haut, die Lider, bedeckt werden kann. Durch diese Wunde
dringt die äußere objektive Welt in unser inneres Leben mit soviel größerer
Intensität ein, wie das Sehen mehr von der äußeren Welt offenbart als das
Tasten. Sind die Augenlider geschlossen, so vermittelt die Körperstelle, wo
jene Welterfahrung stattgefunden hat, die wir als „Sehen“ bezeichnen,
wieder nur jene herabgeminderte Welterfahrung – normal für die Oberfläche
des ganzen Körpers – die wir als „Tasten“ bezeichnen.
Die Augen sind offene Wunden, die derart sensibel sind, daß sie leiden
(d. h. reagieren) bei jedem feinen Unterschied des Lichts, bei jeder Farbe.
Entsprechend ist es bei den anderen Sinnesorganen. Sie sind Wunden, d. h.,
sie sind es, die uns die objektive Wirklichkeit der äußeren Welt aufzwingen.
Wo ich schöne Blumen erblicken möchte, läßt mich mein Auge einen
Misthaufen sehen. Ich bin gezwungen zu sehen, was die objektive Welt mir
auf dem Weg über meine Augen zeigt. Es ist, als ob ein Nagel von außen
meinen Willen festnagelt.
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
131
Die Sinne – vorausgesetzt, sie sind gesund und funktionieren normal –
sind also Wunden, durch welche die objektive Welt sich uns ohne Rücksicht
auf unseren Willen aufdrängt.
Die Sinne sind Organe der Wahrnehmung, nicht der Handlung. Stellen
Sie sich nun vor, die fünf Organe der Handlung – die Glieder einschließlich
des Kopfes in seiner Funktion als Glied – hätten analoge Wunden. Das heißt
die fünf Willensströmungen, die sie ausdrücken, würden einem objektiven
Willen Zutritt geben, der für die persönlichen Wünsche das wäre, was die
Sinneswahrnehmungen für das Spiel der Phantasie sind.
Das ist die esoterische Vorstellung von der Wunde. Diese Vorstellung kann
Wirklichkeit werden, geistig, seelisch und schließlich bei einzelnen sogar
physisch. Die Stigmatisierten – vom hl. Franz von Assisi bis in unsere Zeit zu
Pater Pio in Italien und Therese Neumann in Deutschland – sind
Persönlichkeiten, bei denen die Realität der fünf Wunden den physischen Plan
erreicht hat. Es sind künftige Willensorgane, die in Bildung begriffen sind –
Organe der Handlung, deren Gesamtheit das geheiligte Pentagramm als Zeichen
hat, die mit der Fülle der Dekade vereinte und verbundene Fünfheit, nach
Saint-Martin.
Es muß noch genauer ausgeführt werden, daß die fünf Wunden, welche den
fünf dunklen Strömungen des Willens entsprechen – dem Wunsch nach
persönlicher Größe, den Wünschen, zu nehmen, festzuhalten,
vorwärtszukommen und sich auf Kosten anderer zu behaupten –, die ihrerseits
den fünf Gliedern entsprechen (darunter auch der Kopf, insofern er Glied ist),
sich nicht alle an den entsprechenden Gliedern befinden. Wohl ist der Wunsch,
zu nehmen oder sich einer Sache zu bemächtigen, wirklich an die rechte Hand
genagelt und ebenso das Begehren, zu bewahren oder festzuhalten, an die linke
Hand; genauso verhält es sich mit den Wünschen, auf Kosten anderer
vorwärtszukommen und sich zu behaupten, welche dem rechten bzw. linken Fuß
entsprechen; aber dies ist nicht so im Falle des Wunsches nach persönlicher Größe
und des Kopfes. Der Kopf ist nämlich nicht der Träger der fünften Wunde, und
dies aus zwei Gründen:
Der erste Grund dafür ist, daß der Kopf die „Dornenkrone“ trägt (die wir
im vierten Brief zu erklären versuchten), welche, im Grunde genommen, von jedem
Menschen getragen wird, der eines objektiven Denkens fähig ist, da die
Dornenkrone seit Anfang der Menschheitsgeschichte dem Menschenwesen
gegeben ist. Sie ist das subtile Organ, das man bei uns im Westen als
„achtblättrige Lotosblume“ bezeichnet und in Indien als „tausendblättrige
Lotosblume“ oder Sahasrâra (Kronenzentrum). Diese Krone ist ein sozusagen
natürliches Geschenk an jedes menschliche Wesen, und jeder normale Mensch
besitzt sie. Die „Dornen“ dieser Krone funktionieren wie „Nägel“ der
Objektivität, die das Gewissen des Denkens bilden. Ihnen ist es zu verdanken,
daß das Denken sich nicht völlig emanzipiert hat und genauso eigenmächtig
wurde wie z. B. die Vorstellungskraft. Das Denken als solches ist trotz allem das
Organ der Wahrheit und nicht der Illusion.
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
132
Es ist also nicht das Denken an sich, welches das Verlangen nach persönlicher
Größe oder die Neigung zum Größenwahn mit sich bringt, sondern vielmehr der
Wille, der sich des Kopfes bedient und der sich des Denkens bemächtigen und es
zu seinem Instrument machen kann.
Dies ist der zweite Grund, warum die fünfte Wunde – diejenige der
organischen Demut, welche den Strom des Verlangens nach Größe ersetzt –
sich nicht am Kopfe befindet, sondern am Herzen (d.h., sie berührt das Herz von
der rechten Seite). Denn dort entspringt das Verlangen nach Größe, und von
dort aus bemächtigt es sich des Kopfes und macht ihn zu seinem Instrument.
Aus diesem Grunde wollen manche Denker und Gelehrte „ohne Herz“ denken,
um objektiv zu sein – was eine Illusion ist, denn man kann gar nicht denken
ohne Herz, weil das Herz das bewegende Prinzip des Denkens ist; man kann
nur entweder mit einem demütigen und warmen Herzen oder aber mit einem
anmaßenden und kalten Herzen denken.
So ist die fünfte Wunde (die erste, was ihre Wichtigkeit anbelangt) diejenige
des Herzens anstelle des Kopfes, da der Kopf hinsichtlich des aktiven Willens
ein Werkzeug oder „Glied“ des Herzens ist.
Wenden wir uns nun der Frage nach dem Ursprung der fünf Wunden zu, d. h.
danach, wie sie sich bilden, und fragen wir uns zugleich nach der konkreten
praktischen Methode der Magie des geheiligten Pentagramms der fünf
Wunden.
Wie erwirbt man die fünf Wunden?
Es gibt nur eine einzige Methode, nur ein einziges Mittel, um dahin zu
gelangen. Jeder Esoteriker, jeder Mystiker, jeder Idealist, jeder Spiritualist, jeder
Mensch guten Willens in Europa wie in Asien benützt sie heute wie vor zwanzig
Jahrhunderten – sei es in voller Kenntnis der Sache, sei es instinktiv. Diese
universale Methode aller Zeitalter und aller hohen Kulturen ist nichts anderes als
die Praxis der drei traditionellen Gelübde, nämlich des Gehorsams, der Armut
und der Keuschheit.
Der Gehorsam nagelt das Verlangen des Herzens nach Größe fest.
Die Armut nagelt die Begierden zu nehmen und festzuhalten der rech- ten und
der linken Hand fest.
Die Keuschheit nagelt die Wünsche des nimrodischen Jägers,
vorwärtszukommen und sich auf Kosten anderer zu behaupten – oder, mit anderen
Worten, das Wild zu jagen und zu fangen –, des rechten und des linken Fußes
fest.
Das Gelübde des Gehorsams ist die Übung des Schweigens der persönlichen
Wünsche, Emotionen und Vorstellungen gegenüber Gewissen und Vernunft;
es ist der Vorrang des Ideals vor der Erscheinung, der Nation vor dem
Persönlichen, der Menschheit vor der Nation, Gottes vor der Menschheit; es ist
das Leben nach der hierarchisch-kosmisch-menschlichen Ordnung; es ist Sinn
und Rechtfertigung der Tatsache, daß es Seraphim, Cherubim, Throne –
Herrschaften, Kräfte, Mächte – Fürstentümer, Erzengel und Engel – Priester,
Ritter und Handarbeiter gibt. Gehorsam ist Ordnung, ist internationales Gesetz,
ist Staat, Kirche der universale Friede.
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
133
Wahrer Gehorsam ist das Gegenteil von Tyrannei und Versklavung, da seine
Wurzel Liebe ist, von der Glaube und Vertrauen ausgehen. Was oben ist, dient
dem, was unten ist, und was unten ist, gehorcht dem, was oben ist. Gehorsam ist
die praktische Schlußfolgerung aus der Tatsache, daß man die Existenz von etwas
einem selbst Übergeordneten anerkennt. Wer Gott anerkennt, gehorcht.
Der Gehorsam, wie er in den katholischen religiösen Orden und Ritterorden
geübt wird, ist eine (übrigens sehr wirksame) Form der Willenserziehung
mit dem Ziel, den Willen zur Größe anzunageln. Der Gehorsam, den der Chela
dem Guru (der Schüler dem spirituellen Meister) in Indien und in Tibet
schuldet, verfolgt im Prinzip das gleiche Ziel. Dies gilt auch für den
absoluten Gehorsam, den die Chassidim ihren Tzadekin in den jüdischen
chassidischen Gemeinschaften schulden; ebenso ist es mit dem vorbehaltlosen
Gehorsam seitens der Schüler der Starezen (der spirituellen Meister) im
orthodoxen, vorbolschewistischen Rußland.
Die universale Formel des Gehorsams lautet:
„Fiat voluntas tua – dein Wille geschehe.“
Das Gelübde der Armut ist die Übung der inneren Leere, die sich als Folge
des Schweigens der persönlichen Wünsche, Emotionen und Vorstellungen
einstellt, damit die Seele fähig wird, die Offenbarung des Wortes, des Lebens
und des Lichts von oben zu empfangen. Armut ist ständiges aktives Wachen
und Erwarten angesichts der ewigen Quellen des Schöpferischen; es ist die
Seele, die für das Neue und Unerwartete bereit ist; es ist die Fähigkeit, immer
und überall zu lernen; es ist die unbedingte Voraussetzung, die „conditio sine
qua non“, aller Erleuchtung, aller Offenbarung und aller Einweihung.
Aus einer kleinen Erzählung geht wunderbar der praktische geistige Sinn
der Armut hervor:
Vier Brüder machten sich einmal auf den Weg, um den größten Schatz
zu suchen. Nach einer Reisewoche kamen sie an einen Eisenberg. „Ein
ganzer Berg aus Eisen!“ rief einer der vier. „Nun haben wir den Schatz
gefunden!“ Aber die drei anderen sagten: „Das ist nicht der größte Schatz!“,
und setzten ihren Weg fort, während ihr Bruder bei dem Berg aus Eisen
blieb. Jetzt war er reich, und die anderen so arm wie vorher. Einen Monat
später kamen sie an ein Feld, übersät mit grünlichen und gelbbraunen
Steinen. „Das ist Kupfer!“ rief einer der drei Brüder, „das ist der Schatz, den
wir suchen!“ Aber die beiden anderen Brüder waren nicht seiner Meinung.
So blieb er da, wurde reicher Eigentümer einer Kupfermine, während die
beiden anderen ihren Weg fortsetzten, arm wie sie waren. Nach einem Jahr
kamen sie an ein Tal voll von Steinen, die ein weißliches Licht ausstrahlten.
„Silber!“ rief einer der beiden Brüder. „Endlich der Schatz, den wir suchen!“
Aber der vierte Bruder schüttelte den Kopf und setzte seinen Weg fort,
während sein Bruder dort blieb als reicher Eigentümer einer Silbermine.
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
134
Sieben Jahre später kam er an einen steinigen Platz in einer ausgedörrten
Wüste. Er setzte sich, halbtot vor Erschöpfung. Da bemerkte er, daß die
Kiesel zu seinen Füßen glänzten. Es war Gold. –
Das Gelübde der Keuschheit bedeutet die Ausführung des Entschlusses,
nach dem Sonnengesetz zu leben, ohne Begierde und ohne Gleichgültigkeit. Denn
Tugend ist langweilig und Laster abstoßend. Weder langweilig noch
abstoßend ist aber, was vom Grunde des Herzens kommt. Der Grund des
Herzens ist Liebe. Das Herz lebt nur, wenn es liebt. Es gleicht dann der
Sonne. Keuschheit ist der Zustand des menschlichen Wesens, bei dem das
sonnenhaft gewordene Herz das Zentrum der Schwerkraft ist.
Mit anderen Worten, Keuschheit ist der Zustand des menschlichen
Wesens, wo das Zentrum erwacht ist, das in der westlichen Esoterik „der
zwölfblättrige Lotos“ genannt wird (Anahata in Indien), und zur Sonne des
mikrokosmischen „Planetensystems“ geworden ist. Die drei unterhalb von
ihm gelegenen Lotosblumen, die zehnblättrige, sechsblättrige und
vierblättrige, beginnen dann im Einklang mit dem Leben des Herzens (der
zwölfblättrigen Lotosblume) zu arbeiten, d. h. „nach dem Sonnengesetz“.
Wenn sie es tun, ist die Persönlichkeit keusch, gleichgültig, ob sie
alleinstehend oder verheiratet ist. So gibt es Jungfrauen, die verheiratet und
Mütter von Kindern sind, und es gibt physische Jungfrauen, die es in
Wirklichkeit nicht sind. Das Ideal der Jungfrau-Mutter, das die traditionelle
Kirche, die katholische und die orthodoxe, hinstellt, ist wirklich
anbetungswürdig. Das Ideal der Keuschheit triumphiert über
Unfruchtbarkeit und Gleichgültigkeit.
Die Übung der Keuschheit betrifft nicht den Bereich des Geschlechtlichen
allein. Sie bezieht sich gleicherweise auf alle anderen Bereiche, wo es die
Wahl zwischen dem Sonnengesetz und allen Arten von
bewußtseinstrübendem Rausch gibt. So verstößt z.B. aller Fanatismus gegen
die Keuschheit, denn man wird dabei mitgerissen von einem finsteren Strom.
Die Französische Revolution war eine Orgie perversen, kollektiven Rausches,
ganz wie die Revolution in Rußland. Der Nationalismus – wie in Deutschland
unter Hitler – ist ebenfalls eine Form von Rausch, welcher das Gewissen des
Herzens überschwemmt und daher unvereinbar ist mit dem Ideal der
Keuschheit.
Es gibt auch Formen des praktischen Okkultismus, die sich zum Streben
nach einem ungesunden Rausch hergeben. So gesteht Joséphin Péladan:
„Ich verheimliche es nicht: Wir sind alle zunächst verleitet worden
durch das Ästhetische des Okkulten; und begeistert vom Malerischen und
Fremden hat man dem Zeitvertreib einer nervenschwachen Frau zugestimmt;
man hat das Gruseln gesucht – den Schauder des Unsichtbaren und des
Jenseits – man hat nach einer Sensation am Unkörperlichen verlangt.“
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
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Die Übung der Keuschheit bindet die Jagdleidenschaft im menschlichen Wesen,
dessen männliche Seite dazu neigt, das Wild zu verfolgen, und dessen weibliche
Seite sucht, ihm Fallen zu stellen. Die Übung der Armut bindet die Anlage
zum Diebe im menschlichen Wesen, dessen männliche Seite geneigt ist zu
ergreifen, und dessen weibliche Seite, unbegrenzt zu behalten, anstatt auf ein
freimütiges Geschenk oder die verdiente Frucht der Arbeit zu warten. Die
Übung des Gehorsams bindet den Willen nach Größe oder den Hang zum
Usurpator in der menschlichen Natur, deren männliche Seite geneigt ist, sich
selbst groß einzuschätzen, und deren weibliche Seite, sich von anderen so
einschätzen zu lassen.
Diese drei „Gelübde“ stellen daher die einzige bekannte und
unentbehrliche Methode dar, die zu den „fünf Wunden“ führt, d. h. zum
wirksamen Pentagramm der geheiligten Magie. Man muß allerdings
verdeutlichen, daß es sich dabei nicht um die voll verwirklichten Tugenden
der Demut, Armut und Keuschheit handelt – denn kein Mensch im Fleische
kann diese Tugenden vollständig besitzen –, sondern um ihre Übung, d. h. um
aufrichtige Bemühungen, welche auf ihre Verwirklichung zielen. Die
Bemühungen sind es, die zählen.
Das ist die Antwort auf die Frage: Wie erwirkt man die fünf Wunden? Nun
noch die Antwort auf die andere Frage: Wie operiert die Magie des geheiligten
Pentagramms der fünf Wunden?
Wie wir weiter oben angedeutet haben, ist es die Reinheit des Willens und
nicht seine Kraft, welche die Grundlage der Magie des geheiligten
Pentagramms der fünf Wunden bildet. Darin stimmt sie mit der göttlichen
Magie überein, die nicht zwingt, sondern die Freiheit der Wahl durch die
Gegenwart des Wahren, des Schönen und des Guten herstellt (bzw.
wiederherstellt). Nun handelt es sich bei der Magie des geheiligten
Pentagramms der fünf Wunden darum, die lebendige Gegenwart des Guten
neben dem Bewußtsein des Ausführenden der Operation zu verwirklichen.
Denn das Gute bekämpft nicht das Böse. Es kämpft nicht dagegen – es ist nur
gegenwärtig, oder aber es ist abwesend. Sein Sieg besteht darin, daß es ihm
gelingt, gegenwärtig zu sein, seine Niederlage darin, daß es gezwungen ist,
abwesend zu sein. Die fünf Wunden sichern die Gegenwart des Guten – d.
h. des reinen. Willens von oben.
Eine kleine Episode, die in den „Betrachtungen über die Stigmata des hl.
Franz“ (5. Betrachtung) aufgezeichnet ist, eignet sich gut als Schlüssel für
das Problem, das uns beschäftigt:
Ein Franziskanerbruder betete nach dem Tode des hl. Franziskus acht Jahre
lang, daß ihm die geheimen Worte, die der Seraph zum hl. Franziskus
sprach, als er ihm die Stigmata beibrachte, offenbart werden möchten. Nun
erschien ihm und sieben anderen Brüdern eines Tages der hl. Franziskus
und sagte, indem er sich an diesen Bruder wendete: „Wisse, mein sehr
geliebter Bruder, daß, als ich auf dem Berg Alverno war, ganz vertieft in das
Gedenken der Passion Christi, ich bei jener Erscheinung des Seraphs durch
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
136
Christus so an meinem Körper stigmatisiert wurde und daß Christus zu mir
sprach: ,Weißt du, was ich dir getan habe? Ich habe dir die Abdrücke meiner
Passion gegeben, damit du mein Bannerträger seiest. Und wie ich am Tage
meines Todes zu den Vorhimmeln herabstieg und alle Seelen, die ich dort
fand, herauszog kraft meiner Stigmata und sie ins Paradies führte, so
bewillige ich dir von heute an, damit du mir im Tode gleich seiest, wie du es
im Leben warst, daß du, nachdem du dieses Leben verlassen hast, jedes Jahr an
deinem Todestag zum Purgatorium gehst und alle Seelen deiner drei Orden, d.
h. der Minderbrüder, der Schwestern und der Enthaltsamen, und darüber hinaus
deiner Anhänger, die du dort finden wirst, daraus herausziehen mögest kraft der
Stigmata, die ich dir gewährt habe, und sie ins Paradies führen mögest.’ Und
diese Worte habe ich niemals ausgesprochen, solange ich in der Welt lebte.“
Als er dies gesagt hatte, verschwand der hl. Franziskus plötzlich.
Zahlreiche Brüder hörten darauf den Bericht aus dem Munde der acht Brüder,
die bei dieser Erscheinung und diesen Worten des hl. Franziskus anwesend
waren. Und: „Frater Jacobus Blancus lector Romanus praedicavit hoc et dixit
se audisse ab uno fratre de supradictis octo“ (Bruder Jacobus Blancus, der
römische Vorleser, hat dies verkündet und gesagt, er habe es von einem der
obengenannten acht Brüder gehört“), fügt das Manuskript des hl. Isidor,
beschrieben von Paul Sabatier, am Ende des Berichts hinzu.
Untersuchen wir jetzt diesen Bericht unter dem Gesichtspunkt der Magie
des geheiligten Pentagramms der fünf Wunden.
Es ist zunächst festzuhalten, daß die dem hl. Franziskus beigebrachten
Stigmata sowohl körperlicher wie geistiger Natur sind, denn ihre Wirksamkeit
(d. h. ihre magische Macht) setzt sich nach seinem Tode fort. Sodann besteht
Anlaß, darauf hinzuweisen, daß die Kraft der Stigmata sowohl bei Christus
selbst als auch beim hl. Franziskus sich darin offenbart, daß sie Seelen aus dem
Vorhimmel und dem Purgatorium herausziehen und sie ins Paradies führen
kann. Weisen wir schließlich darauf hin, daß der Bericht sehr ausdrücklich sagt,
daß nur durch die Wirksamkeit seiner Stigmata Jesus Christus vor seiner
Auferstehung die Seelen aus dem Vorhimmel herauszog und sie ins Paradies
führte und daß ebenso nur durch die Wirksamkeit seiner Stigmata auch der hl.
Franziskus jedes Jahr an seinem Todestag alle Seelen, die durch ein geistiges
Band mit ihm verbunden sind, aus dem „Purgatorium – Fegefeuer“ herauszieht,
und sie ins Paradies führt.
Nehmen Sie jetzt die Bezeichnungen „Vorhimmel“, „Purgatorium“ und
„Paradies“ in ihrem analog erweiterten Sinn, und Sie haben die klare und
präzise Formel für die Operation der Magie des geheiligten Pentagramms der
fünf Wunden. Sie bewirkt den Wechsel aus dem natürlichen Zustand
(„Vorhimmel“) und dem menschlichen Zustand des Leidens („Purgatorium –
Fegefeuer“) in denjenigen der Seligkeit des göttlichen Zustandes („Paradies“).
Die Operation der Magie des geheiligten Pentagramms der fünf Wunden
besteht also im Umformen des natürlichen Zustandes in den menschlichen und
dieses letzteren in den göttlichen Zustand. Das ist das Werk der spirituellen
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
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Alchimie der Umwandlung oder Transmutation des Natürlichen („Vorhimmel“)
und Menschlichen („Purgatorium“) in das Göttliche („Paradies“), gemäß der
traditionellen trinitarischen Teilung: Natur, Mensch und Gott.
Betrachten wir jetzt näher die praktische Bedeutung der Bezeichnungen
„Vorhimmel“, „Fegefeuer“ und „Paradies“ als Stationen des Werkes der
Transmutation oder Befreiung der Magie des geheiligten Pentagramms der fünf
Wunden.
Ihre praktische Bedeutung ist nicht eine räumliche – von „Orten” –, sondern
die des Zustandes der körperlichen, seelischen und geistigen menschlichen
Wesenheit. Wenn wir es so verstehen, werden wir leicht entdecken, daß die drei
Zustände uns aus der Erfahrung bekannt sind und daß diese Erfahrung uns die
Analogieschlüssel liefert, um die Ideen des „Vorhimmels“, „Purgatoriums“ und
„Paradieses“ als solche verstehen zu können, d. h. auf allen Ebenen und auf allen
psychologischen, metaphysischen und theologischen Stufen ihrer Anwendung.
Jeder von uns kennt aus Erfahrung den harmonischen Zustand einer guten
Gesundheit, begleitet von Unbekümmertheit der Seele und Ruhe des Geistes.
Man nennt ihn schlicht und einfach „Lebensfreude“. Gäbe es nicht allerhand
Unwohlsein, Kümmernisse und schwere Probleme, so würde dies unser dauernder
natürlicher Zustand sein. Die Natur bietet ihn uns dar, soweit sie jungfräulich
und nicht gefallen ist, und wir könnten uns ständig seiner erfreuen, wenn es nicht
auch gefallene Elemente in der Natur gäbe, Krankheiten und Sünden,
Kümmernisse, Ängste und Gewissensbisse in uns selbst – und wenn vor allem
das ganze Leben nicht das Feld wäre, auf dem der Tod unaufhörlich erntet.
Trotzdem kennen wir aber dann und wann Momente, Stunden, vielleicht sogar
ganze Tage natürlicher Lebensfreude ohne Kummer und Sorgen. Diese Erfahrung
liefert uns den Analogieschlüssel, um die Bedeutung des „Vorhimmels“ zu
verstehen. Der Vorhimmel ist der natürliche Zustand physischer und seelischer
Gesundheit, den uns die Natur selbst – außerhalb und innerhalb unser – darbieten
kann ohne Mitwirkung der übernatürlichen oder göttlichen Gnade. Der
Vorhimmel ist der jungfräuliche Teil der Natur – der äußeren und der menschlichen
– entsprechend der traditionellen Lehre: „Natura vulnerata non deleta – Die Natur
ist verwundet, aber nicht zerstört.”
Diejenigen, die die Bhagavadgita kennen oder sich ganz allgemein mit der
hinduistischen Tradition beschäftigt haben, werden leicht in dem als
„Vorhimmel“ bezeichneten Zustand denjenigen Zustand oder „guna” der Natur
(prakriti) wiedererkennen, den man in Indien sattva nennt, während die beiden
anderen Zustände tamas bzw. rajas heißen.
Die Erfahrung des „Fegefeuers“ andererseits kommt durch jedes läuternde
Leiden – physischer, seelischer und geistiger Natur – zustande.
Es ist das körperliche, moralische und intellektuelle Leiden, das in uns
den Übergangszustand bildet zwischen der Erfahrung der natürlichen
Unschuld des Vorhimmels und den Augenblicken himmlischer Freude, in
welchen uns die Strahlen des Paradieses erreichen.
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
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Wir haben hier unten bereits den Vorgeschmack von Fegefeuer und
Paradies. Wir leiden, und Tröstungen des Himmels werden uns gewährt.
Die unschuldige und natürliche Freude – das ist das menschliche Leben; und
ihr Verlust kommt durch die Sünde; was darauf folgt, ist das Leiden und
die Strahlen der Segnung des Himmels, die uns trösten. So ist unser Leben.
Es besteht aus dem Erproben der Wirklichkeit von Vorhimmel, Fegefeuer und
Paradies.
Nun „zieht“ die Magie des geheiligten Pentagramms der fünf Wunden
„die Seelen aus dem Vorhimmel und dem Fegefeuer und führt sie in das
Paradies“. Das bedeutet, sie macht den Himmel gegenwärtig in Vorhimmel und
Fegefeuer, sie bringt ihn herab in den Bereich der unschuldigen und der
leidenden Natur. Was wiederum bedeutet, daß sie das Übernatürliche in das
Natürliche einführt, die Krankheiten heilt, das Bewußtsein erleuchtet und es
am geistigen Leben teilhaben läßt. Das „Purgatorium“ umfaßt jede
Krankheit und jedes Leiden. „Daraus herausziehen“ bedeutet davon befreien,
d. h. heilen, erleuchten, vereinigen.
Die Magie der fünf Wunden operiert durch die Gegenwart der
Wirklichkeit der übermenschlichen geistigen Welt mittels der Wunden und
vollzieht die Transmutation der Zustände des „Vorhimmels“ und des
„Purgatoriums“ in den Zustand der Vereinigung mit dem Göttlichen oder
des „Paradieses“.
Was die rituelle oder „technische“ Seite der Magie des geheiligten
Pentagrammes der fünf Wunden betrifft, so findet sie sich im dritten Brief
über das Arcanum „Die Kaiserin“ skizziert.
Die „mit der Dekade vereinte und verbundene“ Fünfheit, von welcher
Saint-Martin spricht, ist also die Fünfheit oder das Pentagramm der fünf
Wunden. Die andere Fünfheit, die Saint-Martin als „absolut böse“ ansieht, ist
getrennt von der Dekade, d.h. von den fünf Strömungen (oder „Gliedern“)
des menschlichen Willens, versehen mit den fünf Wunden des göttlichen
Willens (oder den Buchstaben des Namens הושהי – Ihschuh, Jesus – wie es
symbolisch angenommen wird von Kunrath, Kircher, Saint-Martin und
anderen, obwohl sich im Hebräischen der Name Jesus: צושוהי schreibt).
Aber ich würde nicht so radikal wie Louis-Claude de Saint-Martin sagen,
daß die von der Dekade getrennte Fünfheit absolut böse ist. Sie ist vielmehr
willkürlich und ist nur insoweit böse, wie die vom Göttlichen und
Natürlichen emanzipierte menschliche Persönlichkeit böse ist.
Jedenfalls ist das andere Pentagramm als das der fünf Wunden nicht das
Zeichen der „schwarzen Magie“, wohl aber der willkürlichen oder „grauen“
Magie, wenn Sie so wollen.
Denn es ist das Zeichen der Macht der Persönlichkeit als solcher, die
unvermeidlich eine Mischung von Gut und Böse ist, selbst wenn sie mit den
allerbesten Absichten handelt.
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
139
Oswald Wirth sagt zu diesem Gegenstand:
»
Die gewöhnliche Magie täuscht sich über die Macht dieses Zeichens, das
aus sich selbst keine Kraft verleiht. Der individuelle Wille ist nur in dem Maße
mächtig, wie er übereinstimmt mit einer allgemeineren Kraft ... Suchen wir
nicht, den Willen künstlich zu entwickeln und aus uns Willensathleten zu
machen …“
Die beiden Formen des Pentagramms – Spitze nach oben oder Spitze nach
unten – entsprechen durchaus nicht der Teilung in „schwarze“ und „weiße“
Magie (obwohl die traditionellen Magier, wie z. B. Eliphas Lévi, es lehren).
Sie können wohl einen Bockskopf in das „umgekehrte Pentagramm“
hineinzeichnen (wie Eliphas Lévi), es wird dadurch doch nicht zum Zeichen der
„schwarzen“ Magie. Die beiden Formen des Pentagramms haben Bezug zur
menschlichen Elektrizität (d. h. der Elektrizität des menschlichen Organismus,
welche die Bewegungen des Willens begleitet) des Kopfes oder der Beine, die
nichts mit Hörnern zu tun haben. In beiden Fällen ist es dieselbe Elektrizität mit
dem einzigen Unterschied, daß bei dem Pentagramm mit nach oben gerichteter
Spitze es der Wille des Intellekts ist, der die elektrischen Ströme bewegt,
während bei dem Pentagramm mit nach ‘unten gerichteter Spitze der Intellekt des
Willens diese Ströme in Bewegung versetzt. Die beiden Pole des Willens können
gleicherweise dem Guten wie dem Bösen dienen, obwohl tatsächlich beide eine
Mischung der zwei Prinzipien darstellen. Trotzdem ist es wahr, daß bei dem
Pentagramm mit nach oben gerichteter Spitze mehr Chance besteht für Vernunft
und Gewissen, sich bei der Operation zur Geltung zu bringen, als beim
umgekehrten Pentagramm; aber alles hängt hier vom geistigen und moralischen
Zustand des Operierenden ab. Ein perverser Intellekt wird sicherlich einen
schlimmeren Gebrauch von dem aufrechten Pentagramm machen, als ein
gesunder, von guten Absichten bewegter Wille vom umgekehrten
Pentagramm. Fürchten wir uns also nicht vor dem umgekehrten Pentagramm,
und zählen wir nicht zu sehr auf das aufrecht stehende Pentagramm.
Kehren wir zur Fünfheit zurück, die mit der Dekade verbunden und vereint
ist, d h. zu dem geheiligten Pentagramm der fünf Wunden. Betrachten wir es jetzt
nicht als eine individuelle Angelegenheit, sondern als die der ganzen
Menschheit.
Nun ist die Menschheitsgeschichte, von ihrer „nächtlichen“ Seite aus
betrachtet, im Grunde die Operation einer begrenzten Anzahl von magischen
Formeln und Zeichen. Was auch immer Sie tun mögen, sie ordnen sich dem
Schutz einer solchen Formel oder eines solchen Zeichens unter. Kreuz,
Pentagramm und Hexagramm sind Zeichen und Formeln, die in der Geschichte
der Menschheit wirken. Das Kreuz ist das Gelöbnis und die Tugend des
Gehorsams, d. h. das Zeichen und die Formel für den Glauben als
miteinander vereinte horizontale menschliche und vertikale göttliche
Atmung.
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
140
Das Pentagramm ist Initiative, Anstrengung und Arbeit, d. h. das Gelöbnis
und die Tugend der Armut oder das Zeichen und die Formel für die
Hoffnung als Auswirkung der Gegenwart des göttlichen Lichtes hier unten.
Das Hexagramm ist das Gelöbnis und die Tugend der Keuschheit, d. h.
das Zeichen und die Formel für die Liebe als Einheit von Vater, Sohn und
Heiligem Geist und von Mutter, Tochter und heiliger Seele.
Die geistliche Geschichte der Menschheit ist ihr Weg vom Kreuz zum
Pentagramm und vom Pentagramm zum Hexagramm, d. h., sie ist die Schule
des Gehorsams, der Armut und der Keuschheit; und sie ist gleichzeitig die
göttlich-magische Operation, in der die Liebe erreicht wird durch den
Glauben mit Hilfe der Hoffnung.
Das Mittelalter hat über Europas Nationen, Gesellschaften, Bestrebungen
und Gedanken das Kreuz aufgerichtet. Es war die Epoche des Gehorsams
und des Glaubens – begleitet von allen erdenklichen menschlichen
Irrtümern. Ihr folgte eine Epoche, in der die Morgenröte der Hoffnung sich
fühlbar machte. Der Humanismus mit seiner Blüte der wiederauflebenden
Kunst, Philosophie und Wissenschaft wurde unter dem Zeichen der Hoffnung
geboren. Das Zeichen des Pentagramms begann seinen Aufstieg. Damals
nahm der Gegensatz des geheiligten Pentagramms der fünf Wunden und des
Pentagramms der emanzipierten Persönlichkeit seinen Anfang. Rein
humanistische Kunst, Wissenschaft und Magie begannen ihre Entwicklung
unter dem Zeichen des Pentagramms der Hoffnung auf den Menschen, dem
gegenübergestellt war das Zeichen der Hoffnung auf Gott, das geheiligte
Pentagramm der fünf Wunden, unter welchem Zeichen sich die Entwicklung
der christlichen Esoterik – Mystik, Gnosis, geheiligte Magie und Hermetik –
vollzog.
Der Impuls zur Freiheit – die Hoffnung auf den emanzipierten Menschen –
hat vieles zustande gebracht und vieles zerstört. Er hat eine materielle
Zivilisation ohnegleichen geschaffen; aber er hat zu gleicher Zeit die
hierarchische Ordnung zerstört, die Ordnung des geistigen Gehorsams. Eine
Reihe von religiösen, politischen und sozialen Revolutionen war die Folge.
Die hierarchische Ordnung jedoch ist ewig und der Gehorsam unerläßlich.
Nun begibt man sich daran, neue hierarchische Ordnungen zu errichten und
den Gehorsam durch Zwangsherrschaften und Diktaturen zu ersetzen.
„Wind säen sie, Sturm sollen sie ernten“ (Hosea 8, 7).
Dies ist eine Wahrheit, die wir heute unter soviel Leiden erlernen. Das
Pentagramm der Hoffnung auf den emanzipierten Menschen hatte früher den
Wind gesät, und wir heutigen Menschen ernten jetzt den Sturm.
Nun ist das Amt des „Papstes“ in der geistlichen Geschichte der
Menschheit das des Hüters des geheiligten Pentagramms der fünf Wunden,
welches der einzig legitime Weg des Überganges vom Kreuz zum
Pentagramm und vom Pentagramm zum Hexagramm ist.
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
141
Die Aufgabe des geistlichen Amtes des „Papstes“ ist, darüber zu wachen,
daß erst nach der Annahme des Kreuzes das Pentagramm aufsteigt und daß
erst nach der Annahme des geheiligten Pentagramms der fünf Wunden der
Aufgang des Hexagramms stattfindet. Die Mission des Papstamtes ist,
darüber zu wachen, daß die freien, heiligen Gelübde, geistiger Gehorsam,
geistige Armut und geistige Keuschheit nicht aus der Welt verschwinden und
daß es in der Welt immer Menschen geben wird, die sie erwählen und
vertreten.
Denn die Praxis dieser drei Gelübde bildet die vorbereitende Bedingung
für den lebendigen Glauben, die leuchtende Hoffnung und die glühende
Liebe, d. h. für die spirituelle Atmung der Menschheit. Die Menschheit würde
geistig ersticken ohne Glaube, Hoffnung und Liebe oder Barmherzigkeit, und
sie würde ihrer beraubt, wenn die freien und heiligen Gelübde des geistigen
Gehorsams, der geistigen Armut und der geistigen Keuschheit nicht mehr
gelebt würden.
Das Amt des Papstes oder der Heilige Stuhl ist eine Formel der göttlichen
Magie in der Geschichte der Menschheit, ganz wie es auch das Amt des
Kaisers ist. Das will der esoterische Ausdruck „Petrus – Fels“ sagen. Der
„Fels“ bezeichnet im Alten und im Neuen Testament die unwandelbare
göttliche Satzung oder Formel der göttlichen Magie. Darum wurde das
Amt des Papstes eingesetzt in seiner Eigenschaft als „Petrus“, d. h. „Fels“:
„Und ich sage dir: Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine
Kirche bauen, und die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen“ (Mt
16, 18).
Die fünf „Pforten der Hölle“ – der Wille nach Größe, die Wünsche zu
nehmen und zu behalten, die Wünsche, auf Kosten anderer vorwärtszukommen
und sich zu behaupten – als Gegenformel werden den Sieg nicht davontragen
über die Formel der fünf Wunden, und diese Wunden sind „die Schlüssel
zum Reiche der Himmel“.
Die göttlich-magische Macht dieser Schlüssel ist derart, daß, was durch
ihre Wirksamkeit auf Erden gebunden wird, in den Himmeln gebunden sein
wird, und was durch ihre Wirksamkeit auf Erden gelöst wird, in den
Himmeln gelöst sein wird. Denn was oben ist, ist wie das, was unten ist, und
was unten ist, ist wie das, was oben ist.
Wenn dies nicht mehr so ist, wenn Ungehorsam, Habgier und Unkeuschheit
auf Erden die Oberhand gewinnen, dann wird die Kraft der Schlüssel oder der
geheiligten Wunden die Einheit wiederherstellen können von dem, was oben,
und dem, was unten ist, d. h. sie wird „binden“ und „lösen“ durch einen Akt, der
in Worten ausgedrückt etwa so lauten könnte:
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
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Was oben ist, sei wie das, was unten ist,
und was unten ist, sei wie das, was oben ist!
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
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Sechster Brief
DER VERLIEBTE
Das Arcanum der Initiation und der Keuschheit
Der Sechsstern: Die drei Versuchungen und die drei Gelübde – Mönche und
Nonnen – Liebe und Sein – Die Ausbreitung der Liebe – Enstase und Ekstase
– Initiation – Die dreifache Versuchung im Paradies – Zweifel und
Experimente – Werke und Gnade – Die Natur ist verletzt, aber nicht zerstört
– Die Formel der Einweihung – Der „Dreifache Weg“ Bonaventuras –
Egregore und Phantome – Der Antichrist – Die drei Versuchungen in der
Wüste.
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
144
DER VERLIEBTE
Das Arcanum der Initiation und der Keuschheit
„Da hielt sie ihn fest,
und schon hatte sie ihn geküßt
und sagte zu ihm mit frechem Gesicht:
,Ich war noch Opfer schuldig,
habe heute mein Gelübde erfüllt.
Deshalb gi ng ich aus, um dir zu begegnen,
um dich zu treffen; nun habe ich dich gefunden`”
(Spr. 7, 13 ff).
„Ich, die Weisheit , habe die Kl ugheit inne;
auch Erkenntnis guter Pläne findet sich bei mir ...
Die mich lieben, die liebe ich wieder;
wer mich sucht, findet mich“ (Spr 8, 12 u. 17).
„Tue mich wie ein Siegel auf dein Herz,
wie ein Siegel an deinen Arm!
Ja, stark wie der Tod ist die Liebe ...
Ihre Pfeile sind Feuerpfeile,
sind Flammen Jahwes“ (Hld 8, 6).
Lieber Unbekannter Freund,
in den vorangestellten Zitaten finden Sie die ganze Komposition des sechsten
Kartenbildes, übersetzt aus der sichtbaren Sprache des Tarot in die Sprache der
Poesie Salomos. Denn auf diesem Kartenbild ergreift eine schwarzhaarige Frau
in rotem Gewand mit frecher Miene einen Jüngling an der Schulter, während
eine andere Frau, blond und in blauem Mantel, sich mit einer züchtigen
Gebärde ihrer linken Hand an sein Herz wendet; gleichzeitig ist über ihnen ein
geflügelter kindlicher Bogenschütze, der sich vom Hintergrund einer weißen
Kugel mit hervorzüngelnden roten, gelben und blauen Flammen abhebt, im
Begriff, einen Pfeil auf die andere Schulter des Jünglings abzuschießen. Hört
man nicht, wenn man das sechste Kartenbild kontemplativ betrachtet, eine
Stimme sagen: „Ich habe dich gefunden“, und eine andere, die spricht: „Wer
mich sucht, der findet mich“? Erkennt man nicht die Stimme der
Sinnlichkeit und die Stimme des Herzens ebenso wie den Feuerpfeil von
oben, von dem König Salomo spricht?
Das zentrale Thema des sechsten Arcanums ist also die Erfüllung des
Gelübdes der Keuschheit, wie das fünfte Arcanum die Armut und das vierte
den Gehorsam zum grundlegenden Thema hatte. Das sechste Arcanum ist
zugleich die Zusammenfassung der beiden vorhergehenden Arcana, da
Keuschheit die Frucht von Gehorsam und Armut ist. Es faßt die drei
„Gelübde“ oder Methoden der spirituellen Erziehung zusammen, indem es
ihnen die diesen Gelübden entgegengesetzten Prüfungen oder Versuchungen
gegenüberstellt. Die Wahl, vor die sich der Jüngling des sechsten
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
145
Arcanums gestellt sieht, ist von größerer Tragweite als die zwischen Laster
und Tugend. Es handelt sich hier um die Wahl zwischen dem Weg des
Gehorsams, der Armut und der Keuschheit einerseits und dem Weg der
Macht, des Reichtums und der Unkeuschheit andererseits. Die praktische
Unterweisung des Arcanums „Der Verliebte“ erstreckt sich auf die drei
Gelübde und die drei entsprechenden Versuchungen. Denn dies ist die
praktische Lehre des Hexagramms oder Sechssterns.
Die drei Gelübde sind ihrem Wesen nach Erinnerungen an das Paradies,
wo der Mensch mit Gott vereinigt war (Gehorsam), wo er alles zugleich besaß
(Armut), und wo seine Gefährtin zugleich seine Frau, seine Freundin, seine
Schwester und seine Mutter war (Keuschheit). Denn die wirkliche
Gegenwart Gottes zieht notwendig nach sich, daß man sich anbetend
niederwirft vor dem Angesicht dessen, „der mehr ich ist als ich selbst“ –
und dort liegen die Wurzel und der Ursprung für das Gelübde des
Gehorsams; die Schau der Kräfte, Substanzen und Essenzen der Welt als
Garten der göttlichen Symbole oder Garten Eden bedeutet den Besitz des
Ganzen, ohne daß man eine besondere, vom Ganzen abgetrennte Sache
erwählt, ergreift und sich aneignet – und dort liegen Wurzel und Quelle für
das Gelübde der Armut; die völlige Vereinigung endlich zwischen dem
Einzigen und der Einzigen, welche die ganze Stufenleiter möglicher
Beziehungen von Geist, Seele und Leib zwischen zwei polaren Wesen
umfaßt, bringt notwendigerweise die absolute uneingeschränkte Ganzheit
des geistigen, seelischen und körperlichen Seins in der Liebe mit sich – und
dort liegen Wurzel und Ursprung für das Gelübde der Keuschheit.
Man ist nur keusch, wenn man mit der Gesamtheit seines Wesens liebt.
Keuschheit ist nicht Ganzheit des Seins in Gleichgültigkeit, sondern
vielmehr in Liebe, die „stark ist wie der Tod und deren Pfeile Feuerpfeile
sind, Flammen des Ewigen“. Sie ist gelebte Einheit. Sie ist drei – Geist, Seele
und Leib –, die eins sind, und eine zweite drei – Geist, Seele und Leib –, die
eins sind; und drei und drei ergibt sechs, und sechs ist zwei, und zwei ist eins.
Das ist die Formel der Keuschheit in der Liebe. Es ist die Formel Von
ADAM-EVA, und diese Formel ist das Prinzip der Keuschheit, der
lebendigen Erinnerung an das Paradies.
Und das Zölibat des Mönches und der Nonne? Wie verhält sich dazu
die Formel der Keuschheit ADAM-EVA?
Die Liebe ist stark wie der Tod, d. h., der Tod zerstört sie nicht. Er kann
weder bewirken, daß man vergißt, noch daß man zu hoffen aufhört.
Diejenigen unter uns Menschenseelen, die in sich die Flamme der
paradiesischen Erinnerung tragen, können sie weder vergessen noch
aufhören, auf sie zu hoffen. Und wenn sie auf die Welt kommen mit dem
Abdruck dieser paradiesischen Erinnerung und noch dazu mit dem Abdruck
des Wissens, daß in diesem Leben hier unten die Begegnung mit dem
anderen für sie nicht stattfinden wird, dann werden sie dieses Leben hier als
Witwen leben, soweit sie sich erinnern, und als Verlobte, soweit sie hoffen.
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
146
Nun sind alle wahren Mönche Witwer und Bräutigame und alle wahren
Nonnen Witwen und Bräute im Grunde ihres Herzens. Das wahre Zölibat
legt Zeugnis ab für die Ewigkeit der Liebe, ganz wie das Wunder der wahren
Ehe für ihre Wirklichkeit.
Ja, lieber Unbekannter Freund, das Leben ist tief; und die Tiefe darin
ist wie ein bodenloser Abgrund. Nietzsche hat es gefühlt und wußte es
auszudrücken in seinem „Nachtlied“ („Also sprach Zarathustra“):
„O Mensch, gib acht,
was spricht die tiefe Mitternacht –
Ich schlief, ich schlief –
aus tiefen Traum bin ich erwacht –
Die Welt ist tief,
noch tiefer als der Tag gedacht
;
tief ist ihr Weh,
Lust, tiefer noch als Herzeleid –
Weh spricht – vergeh,
doch alle Lust will Ewigkeit,
will tiefe, tiefe Ewigkeit.”
Es ist der gleiche Pfeil – „der feurige Pfeil der Flamme des Ewigen“ –,
der ebenso die wahre Ehe wie die wahre Ehelosigkeit verursacht. Von ihm ist
das Herz des Mönches durchbohrt – darum ist er Mönch geworden – und
ebensosehr das Herz des Bräutigams am Vorabend der Hochzeit. Wo ist
mehr Wahrheit oder mehr Schönheit? – Wer vermag es zu sagen?
Und die Barmherzigkeit, die Liebe zum Nächsten? Welcherart ist da die
Beziehung zu der Liebe, deren Urbild in der Formel ADAM-EVA gegeben
ist?
Wir sind umgeben von unzähligen lebenden und bewußten Wesen, sichtbaren und
unsichtbaren. Obwohl wir aber wissen, daß sie wirklich existieren und so
lebendig sind wie wir selbst, scheint es uns trotzdem so, als ob sie weniger
wirklich existierten und als ob sie weniger lebendig wären als wir selbst. Wir
sind für uns lebendig nach dem Maß der Intensität der Wirklichkeit, während
die anderen Wesen uns im Vergleich mit uns selbst weniger wirklich zu sein
scheinen und ihr Dasein mehr die Natur eines Schattens hat als die völliger
Wirklichkeit. Unser Denken will uns zwar einreden, daß das Einbildung ist,
daß die Wesen außer uns genauso wirklich sind und genauso intensiv leben
wie wir selbst, aber es hat gut reden – wir empfinden uns dennoch im
Mittelpunkt und die anderen Wesen von diesem Mittelpunkt entfernt. Ob
man diese Einbildung als „Egozentrik“, als „Egoismus“, als
„Ahamkara“ (Täuschung des Ich) oder als „Auswirkung des Sündenfalls“
bezeichnet, spielt keine Rolle; sie hört deswegen nicht auf zu bewirken, daß
wir uns selbst für wirklicher halten als die anderen.
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
147
Nun – etwas als wirklich im Sinn seiner vollen Realität empfinden heißt
lieben. Es ist die Liebe, die uns aufwachen läßt für unsere eigene
Wirklichkeit, für die Wirklichkeit des anderen, für die Wirklichkeit der
Welt und für die Wirklichkeit Gottes. Wir lieben also uns selbst, indem wir
uns als wirklich empfinden. Und die anderen Wesen, die uns weniger
„wirklich“ zu sein scheinen, lieben wir nicht – oder doch nicht so sehr wie
uns selbst.
Nun gibt es zwei Wege, zwei sehr verschiedene Methoden, die uns von der
Illusion „Ich lebendig – Du schattenhaft“ befreien können, und wir haben
die Wahl. Der eine Weg besteht darin, die Liebe zu sich selbst
auszulöschen und selbst ein „Schatten unter Schatten“ zu werden. Das ist die
Gleichheit der Gleichgültigkeit. Indien bietet uns diese Methode der
Befreiung vom Ahamkara, der Täuschung des Ich. Diese Täuschung wird
zerstört, wenn man die Gleichgültigkeit, die man für die anderen hat, auf sich
selbst ausdehnt. Man reduziert sich dabei auf den Zustand eines Schattens
gleich den anderen Schatten, die einen umgeben. Maya, die große Illusion,
bedeutet zu glauben, die individuellen Wesen, ich und du, seien mehr als
Schatten, als äußerer Schein ohne Wirklichkeit. Die zu realisierende Formel
ist also: „Ich Schatten – Du Schatten“.
Der andere Weg oder die andere Methode ist, die Liebe, welche man für
sich selbst hat, auf die anderen auszudehnen, damit man zur Verwirklichung der
Formel gelangt: „Ich lebendig – Du lebendig“.
Da handelt es sich darum, die anderen ebenso wirklich werden zu lassen wie
sich selbst, d. h., sie zu lieben wie sich selbst. Um das erreichen zu können,
muß man zuerst den Nächsten. lieben wie sich selbst. Denn Liebe ist kein
abstraktes Programm, sondern Substanz und Intensität. Sie muß sich als
solche an einem individuellen Wesen entzünden, um dann in alle
Richtungen ausstrahlen zu können. „Um Gold zu machen, muß man Gold
haben“, sagen die Alchimisten. Das geistige Gegenstück zu dieser Maxime
ist, daß man, um alle lieben zu können, zuerst einen geliebt haben muß.
Dieser eine ist der Nächste.
Wer ist der Nächste im hermetischen, d. h. im zugleich mystischen,
gnostischen, magischen und metaphysischen Sinn? – Es ist das nächste Wesen
seit Urbeginn; die Schwesterseele von Ewigkeit her, die Zwillingsseele, mit
welcher zusammen meine Seele die Morgenröte der Menschheit geschaut
hat.
Die Bibel beschreibt die Morgenröte der Menschheit als Paradies. In
diesem Stadium des Seins sagte Gott:
„Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei“ (Gen 2, 18).
Sein bedeutet lieben. Alleinsein heißt sich selbst lieben. Nun besagt „es
ist nicht gut, daß der Mensch allein sei“: Es ist nicht gut, daß der Mensch nur
sich selbst liebt. Darum sagte JHVH Elohim:
„Ich will ihm eine Hilfe machen, die ihm entspricht (‘ezer kenegedo – ihm
entsprechende Gehilfin)“ (Gen 2, 18).
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
148
Da Eva ein Teil von ihm selbst war, liebte Adam sie wie sich selbst. Eva
wurde also der „Nächste“, das nächste Wesen für Adam („Bein von
meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch” Gen 2, 23).
Das ist der Ursprung der Liebe, und er gilt ebenso für die Liebe, die
Mann und Frau vereint, wie für die Liebe zum Nächsten. Im Anfang war
nur eine Liebe, und ihre Quelle war eine, wie ihr Prinzip eines war.
Alle Formen der Liebe – Barmherzigkeit, Freundschaft, Vaterliebe,
Mutterliebe, Kindesliebe und Geschwisterliebe – stammen aus derselben
einzigen, ursprünglichen Wurzel der Tatsache des Paares Adam-Eva. Denn
damals Sproß die Liebe – die Wirklichkeit des anderen – hervor und konnte
sich dann verzweigen und verschiedenartig werden. Die Glut der Liebe des
ersten Paares (und es ist gleichgültig, ob es nur ein einziges Paar gab oder
deren Tausende – es handelt sich um die qualitative Tatsache des ersten
Hervorsprießens der Liebe und nicht um die Quantität gleichzeitiger oder
aufeinanderfolgender Fälle dieses Hervorsprießens) spiegelt sich in der Liebe
der Eltern zu ihren Kindern, ihrerseits gespiegelt in der Liebe der Kinder zu
ihren Eltern, weitergespiegelt in der Liebe der Kinder untereinander und
schließlich gespiegelt in der Liebe der ganzen Familie der Menschheit und
über die unmittelbare Verwandtschaft hinaus – durch Analogie – zu allem,
was lebt und atmet ... Wenn die Liebe einmal geboren ist als Substanz und
Intensität, strebt sie dahin, sich auszubreiten, indem sie sich verzweigt und
verschiedenartig wird, je nach Art der menschlichen Beziehung, in welche sie
eintritt. Es ist ein Strom in Kaskaden, der dahin tendiert, alles auszufüllen
und zu überfluten. Darum werden die Kinder, wenn wirkliche Liebe
zwischen den Eltern waltet, in Analogie die Eltern lieben und sich
untereinander lieben. Sie werden – in Analogie – ebenso, wie sie ihre Brüder
und Schwestern lieben, durch psychologische „Adoption“ ihre Freunde in
der Schule und in der Nachbarschaft lieben; sie werden – immer in Analogie
– ihre Meister, Erzieher, Priester usw. lieben mit dem Abglanz der Liebe,
welche sie für ihre Eltern haben; und später einmal werden sie ihre Gatten
und Gattinnen lieben, wie ihre Eltern vormals geliebt haben.
Alles dies ist unverkennbar das Gegenteil der pansexuellen Lehre von
Sigmund Freud. Denn bei Freud ist es die „Libido“ oder der Sexualtrieb,
der die Grundlage aller menschlichen psychologischen Aktivität ist, und
der in dieser die treibende Kraft ist, welche sodann – durch den Prozeß
der „Sublimierung“ oder indem er durch andere Kanäle als denen der
Befriedigung des Sexualtriebes gelenkt wird – zur schöpferischen,
sozialen, künstlerischen, wissenschaftlichen und religiösen Kraft wird.
Indessen verhält sich die ganze Liebe, aufgefaßt im Sinne der Formel
ADAM-EVA, zum Sexualtrieb, wie das weiße Licht, das die sieben Farben
enthält, sich zur Farbe Rot verhält. Die Liebe ADAM-EVA umfaßt die
ganze Skala der nicht differenzierten Farben, während die Freudsche
„Libido“ nur eine einzige isolierte und von allein getrennte Farbe ist.
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
149
Diese Trennung vom Ganzen – und das Ganze ist das Prinzip der
Keuschheit – ist die genaue Umkehrung der Keuschheit, ist das Prinzip der
Unkeuschheit selbst. Denn Unkeuschheit ist nichts anderes als das
Vorherrschen des fleischlichen Begehrens, so daß die Ganzheit des
geistigen, seelischen und leiblichen menschlichen Wesens zugrunde
gerichtet wird. Das sexuelle Begehren ist nur ein Aspekt der Liebe – jener
Aspekt, der durch denjenigen Teil des physischen und psychischen
Organismus gespiegelt wird, welcher der besondere Bereich des
„vierblättrigen Lotos“ ist und der nur den siebenten Teil des psycho-
physischen menschlichen Organismus bildet. Es gibt also sechs Aspekte mehr
von nicht geringerer Wichtigkeit, deren . Existenz die Freudsche Lehre nicht
kennt oder leugnet.
Wie Karl Marx, beeindruckt von der auf ihre einfache Grundlage
zurückgeführten Teilwahrheit, daß man zunächst essen muß, um denken zu
können, das ökonomische Interesse zum Prinzip des Menschen und der
menschlichen Geschichte erhoben hat, so hat Sigmund Freud, beeindruckt
von der Teilwahrheit, daß man zuerst geboren werden muß, um essen und
denken zu können, und daß zum Geborenwerden das sexuelle Begehren
nötig ist, dies letztere zum Prinzip des Menschen und aller menschlichen
Kultur erhoben. Wie Marx die Grundlage für den „homo sapiens“ im
„homo oeconomicus“ sah, erblickte Freud die Grundlage für den „homo
sapiens“ im „homo sexualis“, im sexuellen Menschen.
Alfred Adler konnte seinem Lehrer nicht darin folgen, den absoluten Vorrang
dem Sexus zuzuschreiben, da die Erfahrung des öfteren dieser Lehre widersprach.
So wurde dieser Begründer einer anderen Schule der Tiefenpsychologie zu der
Entdeckung geführt, daß es der Wille zur Macht sei, welcher die entscheidende
Rolle in den Tiefen des menschlichen Wesens spielt. Adler stellte also die Lehre
vorn „homo potestatis“ auf – Vom Menschen, der vom Willen zur Macht bewegt
wird, statt des „homo sapiens“ der Wissenschaft des 18. Jahrhunderts, des „homo
oeconomicus“ von Marx und des „homo sexualis“ von Freud.
Carl Gustav Jung jedoch, der die Teilwahrheiten der Lehren von Freud und
Adler voll und ganz zugab, wurde durch klinische Erfahrung zur Entdeckung
einer tieferen psychologischen Schicht geführt als die von Freud und Adler
untersuchten Schichten. Er mußte die Tatsache einer religiösen Schicht
zugeben, die tiefer liegt als die Schichten des Sexus und des Willens zur
Macht. So steht es dank der Arbeit von Jung fest, daß der Mensch im Grunde
ein „homo religiosus“, ein religiöses Wesen ist, obwohl er auch eine
ökonomische, sexuelle und nach Macht strebende Wesenheit ist.
So hat Carl Gustav Jung das Prinzip der Keuschheit in der Psychologie
wiederhergestellt, während die anderen erwähnten psychologischen Schulen
im Widerspruch zur Keuschheit stehen, weil sie die Einheit des spirituellen,
seelischen und leiblichen Elements des menschlichen Wesens zerstören. Er
hat den göttlichen Hauch in der Tiefe des menschlichen Wesens entdeckt.
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
150
Zugleich enthält Jungs Werk die Inauguration einer neuen Methode in der
Psychologie. Es ist die Methode der sukzessiven Erforschung der psychischen
Schichten, entsprechend den Schichten der Archäologie, der Paläontologie und
der Geologie. Und wie die Archäologie, die Paläontologie und die Geologie
die Schichten, mit denen sie zu tun haben, als Archive der Vergangenheit
betrachten, als zum Raum gewordene Zeit, so behandelt die Tiefenpsychologie
der Jungschen Schule die psychischen Schichten als lebendige Vergangenheit
der Seele, die so weit zurückliegt, wie die in Frage stehende Schicht tief ist.
Das. Maß der Tiefe ist dabei zugleich das der Geschichte der Vergangenheit der
Seele, die bis jenseits der Schwelle der Geburt reicht. Man kann wohl darüber
diskutieren, ob diese Schichten kollektiv oder individuell sind, ob ihr Überleben
der Vererbung oder der Wiederverkörperung verdankt wird; aber man kann
nicht mehr die Realität dieser Schichten noch ihre Bedeutung als Schlüssel zur
„psychischen Geschichte“ des Menschen und der Menschheit leugnen. Mehr
als das: man kann auch die Tatsache nicht mehr abstreiten, daß im Reiche der
Psyche nichts stirbt und daß die ganze Vergangenheit gegenwärtig lebt in den
verschiedenen Schichten des Tiefenbewußtseins – des „Unbewußten“ oder des
Unterbewußtseins – der Seele. Denn die paläontologischen und geologischen
Schichten enthalten nur Abdrücke und Fossilien der jetzt toten
Vergangenheit; die psychischen Schichten aber bilden im Gegensatz dazu
ein lebendiges Zeugnis der gelebten Vergangenheit. Sie sind die
Vergangenheit, welche fortfährt zu leben. Sie sind die Erinnerung – nicht die
intellektuelle, sondern die psychisch substantielle – der gelebten
Vergangenheit. Darum vergeht und verliert sich nichts im Reiche der Psyche –
die eigentliche Geschichte, d. h. die wirklichen Freuden und Leiden, die
wirklichen Religionen und Offenbarungen der Vergangenheit fahren fort, in
uns zu leben, und in uns selbst findet sich der Schlüssel zur eigentlichen
Geschichte der Menschheit.
Daher findet sich in uns auch die „paradiesische“ Schicht oder die
Geschichte vorn Garten Eden und vom Sündenfall, welche im Buch Genesis
von Moses berichtet wird. Zweifeln Sie an der essentiellen Wahrheit dieser
Erzählung? – Steigen Sie in die Tiefen Ihrer eigenen Seele hinab, steigen Sie
hinab bis zu den Wurzeln, bis zum Ursprung des Gefühls, des Willens und
der Intelligenz, und Sie werden wissen. Sie werden wissen, d. h., Sie werden
die Gewißheit haben, daß die biblische Erzählung wahr ist im tiefsten und
echtesten Sinne des Wortes – in dem Sinne, daß Sie sich selbst verleugnen,
das Zeugnis der inneren Struktur Ihrer eigenen Seele verneinen müßten, um
an der inneren Wahrheit der Erzählung des Moses zweifeln zu können. Der
Abstieg in die Tiefen Ihrer eigenen Seele beim Meditieren der
Paradiesesgeschichte in der Genesis wird Sie unfähig machen zu zweifeln.
Solcherart ist die Natur der Gewißheit, die man daraus schöpfen kann, aber
wohlgemerkt: es handelt sich dabei nicht um Gewißheit in bezug auf den
Garten, seine Bäume, die Schlange, den Apfel oder eine andere verbotene
Frucht, sondern vielmehr in bezug auf die grundlegenden psychischen und
geistigen Wirklichkeiten, welche diese Bilder oder Symbole enthüllen.
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
151
Nicht die symbolische Sprache des Berichts gibt die Gewißheit seiner
Wahrheit, sondern was er zum Ausdruck bringt.
Er drückt in symbolischer Sprache die erste Schicht – „erste“ im Sinne
von „ Wurzel von allem, was menschlich in der menschlichen Natur ist“ –
im menschlichen Seelenleben aus oder ihren „Anfang“. Nun ist die
Kenntnis des Anfangs, initium auf lateinisch, das Wesen der Initiation.
Initiation ist die bewußte Erfahrung des mikrokosmischen Anfangszustandes
(hermetische Initiation) und des makrokosmischen Anfangszustandes
(pythagoräische Initiation).
Die erstere ist ein bewußtes Hinuntersteigen in die Tiefen des
menschlichen Wesens bis zu ihrer Anfangsschicht. Ihre Methode ist die
Enstase, d. h. die Erfahrung der Grundtiefen im Innern des Selbst. Man wird
dabei tiefer und tiefer, bis man in sich die Anfangsschicht oder das
„Ebenbild und Gleichnis Gottes“ erweckt, und dies ist das Ziel der Enstase.
Diese Erfahrung der Enstase verwirklicht sich vor allem durch den „geistigen
Tastsinn“. Man kann sie mit der chemischen Erfahrung vergleichen,
gewonnen auf seelischer und geistiger Ebene.
Die zweite Initiationserfahrung, die wir unter historischem Gesichtspunkt als
„pythagoräische“ bezeichnet haben, gründet sich vor allem auf den
„geistigen Hörsinn“ oder den Sinn des Lauschens. Sie ist wesentlich
musikalisch, so wie die erstere substantiell oder chemisch ist. Die
makrokosmischen „Schichten“ („Sphären” oder „Himmel“) offenbaren sich
dem Bewußtsein durch Ekstase, d. h. durch Entrückung oder Herausgehen
aus sich selbst. Die „Sphärenmusik“ des Pythagoras war diese Erfahrung,
und sie wurde zur Quelle der pythagoräischen Lehre über die musikalische
und mathematische Struktur des Makrokosmos. Denn die Töne, Zahlen und
geometrischen Formen waren die drei Stufen der intellektuellen
Sichtbarmachung der Erfahrung der unaussprechlichen „Sphärenmusik“.
Nur unter historischem Betracht haben wir die makrokosmische Initiation
anhand der „pythagoräischen“ Ekstase erläutert. Denn sie ist durchaus kein
Vorrecht der vorchristlichen Zeit. So spricht der Apostel Paulus von
seiner eigenen Erfahrung der „Sphären“ oder der „Himmel“ in der
Ekstase:
„Ich kenne einen Menschen in Christus, der vor vierzehn Jahren – ob im
Leibe, das weiß ich nicht, oder außer dem Leibe, das weiß ich nicht, Gott
weiß es – bis zum dritten Himmel entrückt wurde.
Und ich weiß, daß der betreffende Mensch – ob im Leibe, das weiß ich
nicht, oder außer dem Leibe, das weiß ich nicht, Gott weiß es – ins Paradies
entrückt wurde und unsagbare Worte vernahm, die einem Menschen
auszusprechen versagt sind. (Et audivit arcana verba, quae non licet homini
loqui – kai ēkousen arrēta rēmata, ha uk exon anthrōpō lalēsai)“ (2 Kor 12,
2 ff).
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
152
Der hl. Paulus wurde also bis in den dritten Himmel oder die dritte
makrokosmische Sphäre entrückt, und dann wurde er in das Paradies erhoben,
wo er unaussprechliche Worte hörte ... Seine makrokosmische Einweihung
durch Ekstase fand also in der Sphäre des Paradieses statt, dessen bewußte
Erfahrung – „er hörte unaussprechliche Worte“ – das Ziel ist, ganz wie sie
auch das Ziel der Einweihung durch Enstase ist, wo sie den Charakter der
Erfahrung der Ursprungs-Schicht in der Tiefe des menschlichen Wesens,
des Mikrokosmos, hat. Die makrokosmische Sphäre des Paradieses und die
mikrokosmische Schicht des Gartens Eden sind die „initia – die Anfänge“,
in welche man sowohl in der makrokosmischen als auch in der
mikrokosmischen Initiation eingeweiht wird. Die Ekstase zu den Höhen
außerhalb seiner selbst und die Enstase in die Tiefen im Innern seiner selbst
führen zur Erkenntnis derselben grundlegenden Wahrheit.
Die christliche Esoterik vereinigt diese beiden Einweihungsmethoden.
Der Meister hat zwei Gruppen von Schülern – die „Schüler des Tages“ und die
„Schüler der Nacht“ –, von denen die ersteren Schüler des Weges der Enstase
und die letzteren die des Weges der Ekstase sind. Er hat auch noch eine
dritte Gruppe von Schülern „des Tages und der Nacht“, die also die Schlüssel
zu beiden Toren zugleich besitzen, zu dem Tore der Ekstase und zu dem der
Enstase. So war der Apostel Johannes, der Verfasser des Evangeliums des vom
Fleisch gewordenen Wortes zugleich derjenige, der dem Herzen des Meisters
lauschte. Er hatte die doppelte makrokosmische und mikrokosmische Erfahrung
– des kosmischen WORTES und des heiligsten Herzens, von dem die Litanei
sagt:
„Cor Jesu, rex et centrum omnium cordium – Herz Jesu, König und Mitte
aller Herzen.“
Dank dieser doppelten Erfahrung ist das Evangelium, das er geschrieben
hat, gleichzeitig kosmisch und menschlich intim – so hoch und so tief
zugleich. Dort sind die makrokosmische Sonnensphäre und die
mikrokosmische Sonnenschicht vereinigt, was die einzigartige Magie dieses
Evangeliums erklärt.
Denn die Realität des Paradieses ist die Einheit der makrokosmischen
Sonnensphäre und der mikrokosmischen Sonnenschicht – der Sphäre des
kosmischen Herzens und des sonnenhaften Grundes des menschlichen Herzens.
Christliche Einweihung ist die bewußte Erfahrung des Herzens der Welt und der
sonnenhaften Natur des Menschen. Der Gott-Mensch ist dabei der „Initiator“,
es gibt keinen anderen.
Was wir unter dem Ausdruck „Initiator“ verstehen, verstanden die alten
Christen unter dem Wort „Kyrios“, „Dominus“ oder „Herr“. Darum schließt sich
die christliche Esoterik oder die christliche Hermetik – heute wie in der
Vergangenheit – in völliger Aufrichtigkeit mit ihrer Stimme an, wenn die Worte
des Credo in der Kirche ertönen:
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
153
„Et in unum Dominum Jesum Christum,
Filium Dei unigenitum,
Et ex Patre natum ante onmia saecula,
Deum de Deo, lumen de lumine, Deum verum de Deo vero.
Genitum, non factum, consubstantialem Patri:
Per quem omnia facta sunt.
Qui propter nos homines, et propter nostram salutem
Descendit de Coelis.
Et incarnatus est de Spiritu Sancto
Ex Maria Virgine:
Et homo factus est.“
„Und an den einen Herrn Jesus Christus,
Gottes eingeborenen Sohn,
aus dem Vater geboren vor aller Zeit:
Gott von Gott, Licht vom Licht,
wahrer Gott vom wahren Gott,
gezeugt, nicht geschaffen,
eines Wesens mit dem Vater;
durch ihn ist alles geschaffen.
Für uns Menschen und zu unserem Heil
ist er vom Himmel gekommen,
hat Fleisch angenommen
durch den Heiligen Geist
von der Jungfrau Maria
und ist Mensch geworden.”
Wir neigen uns i n Ehrfurcht und Dankbarkeit vor allen großen
menschlichen Seelen der Vergangenheit und Gegenwart – den Weisen,
Gerechten, Propheten, den Heiligen aller Kontinente und aller Epochen der
ganzen menschlichen Geschichte – und wir sind bereit, von ihnen alles, was
sie lehren wollten und konnten, zu lernen; aber wir haben nur einen Initiator
oder Herrn. Gewißheit verpflichtet.
Kehren wir zurück zum Thema des Paradieses. Das „Paradies“ ist, wie
wir sagten, zugleich sowohl die unterste und tiefste Schicht unserer Seele
als auch eine kosmische Sphäre. Man findet sie genauso in der Enstase wie
in der Ekstase. Es ist die Region des Anfanges, also der Prinzipien. In ihr
haben wir oben die Prinzipien der drei Gelübde des Gehorsams, der Armut,
und der Keuschheit gefunden. Da das Paradies der Bereich des Anfanges oder
der Prinzipien ist, ist es zugleich der des Anfanges des „Sündenfalls“ oder
des Prinzips der Versuchung, d.h. des Prinzips des Überganges von Gehorsam
zu Ungehorsam, von Armut zu Habsucht und von Keuschheit zu
Unkeuschheit.
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
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Die Versuchung im Paradies ist dreifach, ganz wie es die Versuchung
Jesu Christi in der Wüste ist. Die wesentlichen Elemente der dreifachen
Versuchung im Paradies, wie sie in der Erzählung vom Sündenfall im Buch
Genesis beschrieben ist, sind:
1. Eva hörte auf die Stimme der Schlange.
2. Sie sah, daß der Baum „gut zu essen wäre und lieblich anzusehen“.
3. Sie nahm von seiner Frucht, „aß und gab davon auch ihrem Manne, der
bei ihr war, und er aß“ (Gen 3,6).
Di e Stimme der Schlange ist di e Stimme desjenigen Lebewesens („Tieres“),
dessen Intelligenz die fortgeschrittenste („listigste“) ist von all den
Lebewesen („Tieren“), deren Bewußtsein auf die Horizontale gerichtet ist
(„Tiere des Feldes“). Nun war die Intelligenz von ADAM-EVA vor dem
Fall vertikal, ihre Augen waren noch nicht „aufgegangen“, und sie „waren
nackt ... Aber sie schämten sich nicht voreinander“ (Gen 2, 24), d. h., sie
waren sich der Dinge im vertikalen Sinne bewußt – von oben nach unten,
oder anders gesagt: in Gott, durch Gott und für Gott. Sie waren unwissend
über „nackte“ Dinge, d. h. Dinge, die von Gott getrennt sind. Die Formel,
welche ihre Wahrnehmung, ihre Schau der Dinge, ausdrückte, lautete:
„Was oben ist, ist wie das, was unten ist,
und was unten ist, ist wie das, was oben ist.“
Darum „schämten sie sich nicht, obwohl sie nackt waren.“ Denn sie sahen
die göttliche Idealität, die sich in der Welt der Erscheinungen ausdrückt. Es
war das vertikale Bewußtsein („con-science“: das „Zusammen-wissen“ von
Ideal und Wirklichkeit), dessen Ursprünge sich in der „Tabula
Smaragdina” formuliert finden. Die Formel des horizontalen Bewußtseins
der Schlange (nahasch) wäre demnach die des bloßen und einfachen
Realismus:
„Was in mir ist, ist wie das, was außer mir ist,
und was außer mir ist, ist wie das, was in mir ist.“
Das ist das horizontale Bewußtsein („con-science“: das „Zusammen-wissen“
des Subjektiven und des Objektiven), das die Dinge nicht in Gott sieht,
sondern getrennt von ihm oder „nackt“, in sich selbst, durch sich selbst
und für sich selbst. Und weil das „Ich“ dabei Gott ersetzt (da das
horizontale Bewußtsein dasjenige der Gegensätzlichkeit von Subjekt und
Objekt ist), sagt die Schlange, daß am Tage, an dem ADAM-EVA von der
Frucht des Baumes in der Mitte des Gartens essen werden, ihnen die
Augen aufgehen und sie wie Götter sein werden – d. h. ihr „Ich” wird die
Funktion erfüllen, welche vordem von Gott erfüllt wurde –, erkennend Gutes
und Böses. Sahen sie die Dinge bisher im göttlichen Licht, so werden sie
diese nun in ihrem eigenen Lichte sehen, d. h., die Wirkungsweise des
Lichtes wird nun ihnen gehören, so wie sie einmal zu Gott gehörte.
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
155
Die Quelle des Lichtes wird von Gott auf den Menschen übergehen.
Dies ist die Versuchung, die durch die Stimme der Schlange zu Eva
sprach. Das Wesen dieser Versuchung ist das Machtprinzip – die Autonomie
des Bewußtseinslichtes.
Und Eva „hörte auf die Stimme der Schlange“. Diese Stimme war für sie
genauso hörbar wie die andere Stimme, die Stimme von oben, welche das
einzige Gebot aussprach:
„Von allen Bäumen des Gartens darfst du essen. Von dem Baum der
Erkenntnis des Guten und Bösen aber darfst du nicht essen. Denn am Tage,
da du davon issest, mußt du sicher sterben“ (Gen 2, 16 f).
Sie hörte also zwei Stimmen, zwei Inspirationen, die von gegensätzlichen
Quellen ausgingen. Hier liegen Anfang und Ursprung des Zweifels. Zweifel ist
doppelte Inspiration; Glaube ist einfache Inspiration; Gewißheit ist besiegter
Zweifel, wiedergewonnener Glaube.
Der Gehorsam, das Prinzip des Gehorsams, ist rückhaltlose Hingabe an
die eine einzige Stimme von oben. Und genau die Tatsache, daß Eva auf eine
andere Stimme hörte als die von oben, daß sie die beiden verglich, d. h. sie
betrachtete, als ob sie zur gleichen Ebene gehörten, daß sie also zweifelte –
diese Tatsache war ein Akt des geistigen Ungehorsams, war Wurzel und
Anfang des Sündenfalls.
Daraufhin betrachtete sie den Baum und sah, daß er „gut zu essen wäre
und lieblich anzusehen“. Das ist die zweite Phase der Versuchung und das
zweite Stadium des Sündenfalles. Denn erst nachdem sie auf die Stimme der
Schlange gehorcht hatte, betrachtete sie den Baum. Sie betrachtete ihn auf
neue Art: nicht mehr so wie früher, als noch allein die Stimme von oben in
ihrem Wesen klang, d. h., als sie nicht die geringste Anziehung des Baumes
empfand, sondern jetzt mit dem in ihrem Wesen vibrierenden Wort der
Schlange, mit einem fragenden, vergleichenden, zweifelnden Blick, d. h.
bereit, ein Experiment zu wagen. Denn um aus dem Zweifel
herauszukommen, greift man zum Experiment. Der Zweifel treibt zum
Experiment, wenn man ihn nicht überwindet, indem man sich auf eine höhere
Ebene erhebt.
Als sie den Baum auf diese neue Art betrachtete, erschien er ihr „gut zu
essen und lieblich anzusehen.“ Sich dazu treiben zu lassen, Experimente zu
machen – das ist der Anfang und das Prinzip der Habsucht, das der Armut
entgegengesetzte Prinzip.
Nachdem sie den Baum auf die neue Art betrachtet hatte, streckte Eva die
Hand aus, und sie „nahm von seiner Frucht und aß und gab davon auch
ihrem Manne, der bei ihr war, und er aß“. Das ist die dritte Phase der
Versuchung und das dritte Stadium des Sündenfalles: herauszukommen aus
dem Zweifel, indem man sich in das Experiment stürzt und den andern
veranlaßt, daran teilzunehmen.
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
156
Das ist Beginn und Prinzip der Unkeuschheit, entgegengesetzt dem Prinzip
der Keuschheit. Denn Experimente auf der Grundlage des Zweifels machen ist
das eigentliche Wesen der fleischlichen, seelischen und geistigen
Unkeuschheit.
Darum macht man keine Experimente in der christlichen Esoterik oder
Hermetik. Niemals nimmt man hier zu Experimenten Zuflucht, um aus dem
Zweifel herauszukommen. Man hat Erfahrung, aber man macht keine
Experimente. Denn es wäre im Widerspruch zum heiligen Gelübde der
Keuschheit, die Hand auszustrecken und zu nehmen vom Baum der
Erkenntnis. Die geistige Welt duldet keine Experimentierer. Man sucht, man
bittet, man klopft an ihre Pforte, aber man öffnet sie nicht mit Gewalt. Man
wartet, daß sie geöffnet werde.
Die christliche Erfahrung und Lehre von der Gnade drücken das
eigentliche Wesen der Keuschheit aus, ganz so wie sie auch die Prinzipien
der Armut und des Gehorsams enthalten. Es ist die Lehre von den keuschen
Beziehungen zwischen dem, was unten ist, und dem, was oben ist. Gott ist
kein Objekt – auch kein Objekt der Erkenntnis. Er ist die Quelle der
erleuchtenden und offenbarenden Gnade. Er kann nicht erkannt werden –
wohl aber kann er sich offenbaren.
Das sind Keuschheit, Armut und Gehorsam auf der Grundlage der
christlichen Lehre und Erfahrung der Gnade. So ist alle christliche Esoterik
oder Hermetik, einschließlich des Gesamt seiner Mystik, Gnosis und Magie,
gegründet auf die Erfahrung und Lehre von der Gnade, deren eine Wirkung
die Einweihung ist. Einweihung ist ein Akt der Gnade von oben. Man gewinnt
sie nicht, noch erzeugt man sie durch irgendwelche äußeren oder inneren
technischen Prozeduren. Man weiht sich nicht ein; man wird eingeweiht.
Gnade ..., sind wir nicht müde von der jahrhundertelangen Wiederholung
dieses Themas in den Sonntagspredigten der Kirchen, den theologischen
Abhandlungen, den mystischen Schriften, den pompösen Aufzählungen
endlich der „sehr christlichen“, „katholischen“, „orthodoxen“ Monarchen
und „Verteidiger des Glaubens“? Haben wir es nicht immer und überall bis
zum Überdruß gehört und gelesen, wo Weihrauchduft aufstieg und geistige
Gesänge ertönten? Kurzum, ist ein Schüler der modernen Hermetik nicht
berechtigt zu bitten, daß man ihm die Predigten über diesen weich
stimmenden und eintönigen Gegenstand erspart – ihm, der im Begriff ist, das
gewaltige Abenteuer der Suche nach dem Großen Arcanum zu wagen? Traut
man seinem Charakter nicht zuwenig zu, wenn man ihn auffordert, auf die
herrliche magische Vierheit „Wagen, Wollen, Schweigen, Wissen“ zu
verzichten, um eines weinerlichen „Kyrie eleison“ willen? –
Es gibt nichts Alltäglicheres als den Aufgang der Sonne, der sich von Tag
zu Tag wiederholt während unzähliger Jahrtausende ... Indessen verdanken
wir diesem alltäglichen Phänomen, daß unsere Augen – diese Organe des
Sonnenlichtes – alle neuen Dinge des Lebens sehen. Und so wie das Licht der
Sonne uns hinsichtlich der Dinge der physischen Welt sehend macht, so macht
uns das Licht der geistigen Sonne – die Gnade – sehend hinsichtlich der
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
157
Bedingungen der geistigen Welt. Man braucht Licht um zu sehen, sowohl
hier wie dort.
Ebenso braucht man Luft zum Atmen und zum Leben. Ist die Luft, die
uns umgibt, nicht eine vollkommene Analogie der „gratia gratis data“, der
frei gewährten Gnade? Denn um im Geist zu leben, bedarf es des
lebendigmachenden Geistes, der die Luft des geistigen Atmens ist.
Kann man künstlich eine intellektuelle, moralische oder künstlerische
Inspiration erzeugen? Können die Lungen die Luft erzeugen, die sie für die
Atmung brauchen? – Das Prinzip der Gnade liegt dem Leben zugrunde –
sowohl dem irdischen wie dem geistigen; und das Leben wird voll und ganz –
unten und oben – beherrscht durch die Gesetze von Gehorsam, Armut und
Keuschheit. Die Lungen wissen, daß man einatmen muß, und sie gehorchen. Die
Lungen wissen sich arm – und atmen ein. Sie lieben die Reinheit – und sie atmen
aus. Selbst der Prozeß der Atmung lehrt die Gesetze von Gehorsam, Armut und
Keuschheit, d. h. die Lektion der Analogie der Gnade. Die der Wirklichkeit der
Gnade bewußte Atmung ist der christliche „Hatha-Yoga“. Der christliche „Hatha-
Yoga“ ist die vertikale Atmung des Gebetes und der Segnung. Mit anderen
Worten: man öffnet sich der Gnade, und man empfängt sie.
Was die herrliche Vierheit der traditionellen Magie anbelangt – „Wagen,
Wollen, Schweigen, Wissen“ –, so ist sie – mutatis mutandis – vom Meister
folgendermaßen formuliert:
„Bittet, und es wird euch gegeben werden.
Suchet, und ihr werdet finden.
Klopfet an, und es wird euch aufgetan werden.
Denn jeder, der bittet, empfängt,
und wer sucht, findet,
und wer anklopft, dem wird aufgetan werden“ (Mt 7, 7f).
Es geht also darum, daß man zu bitten wagt, suchen will, schweigt, um
anzuklopfen und zu wissen, wann man ihnen geöffnet hat. Denn Wissen
wird nicht gemacht; dies offenbart sich, wenn sich die Tür öffnet.
Das ist die Formel der Synthese von Bemühung und Gnade, vom Prinzip
der Arbeit und dem der Empfänglichkeit, von Verdienst und Geschenk.
Diese Synthese drückt das unbedingte Gesetz allen geistigen Fortschritts aus
und folglich aller geistigen Disziplin, sei sie geübt von einem einzelnen
christlichen Hermetiker, Von einer Gemeinschaft in Kloster oder Konvent,
einem religiösen oder mystischen Orden oder von irgendeiner christlich-
esoterischen oder hermetischen Bruderschaft. Sie ist das Gesetz, dem jeder
christliche Schüler aus jeder christlichen spirituellen Schule gehorcht; und die
christliche Hermetik, d. h. die Gesamtheit der traditionellen Mystik, Gnosis,
Magie und okkulten Philosophie, hindurchgegangen durch die Taufe und
verklärt durch Feuer, Licht und Leben des Christentums, macht darin keine
Ausnahme. Hermetik ohne Gnade ist steriler, gelehrter Historismus;
Hermetik ohne Bemühung ist oberflächlicher, sentimentaler Ästhetizismus.
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
158
Doch gibt es auch das „Werk“ in der Hermetik, und dieses Werk ist das Kind
der Gnade und der Bemühung.
Lieber Unbekannter Freund, wenn Sie sich in der Theologie auskennen,
werden Sie hier die klare und einfache Lehre der katholischen Kirche über die
Beziehung zwischen Werken und Gnade wiedererkennen. Sie werden hier die
Verwerfung des Pelagianismus wiederfinden, dem zufolge nur die Werke
(oder die Bemühungen) zählen, und ebenso die Verwerfung des
Protestantismus von Luther, nach dem nur die Gnade zählt. Sie werden hier
auch implizit die Lehre der katholischen Kirche wiederfinden von der „natura
vulnerata, non deleta“, d. h., daß die Natur infolge des Sündenfalls nicht
völlig verdorben ist, sondern ein jungfräuliches Element bewahrt hat, welches
folglich auch in der menschlichen Natur vorhanden ist, die daher fähig ist zu
Bemühungen und Werken, die zählen.
Macht also die christliche Hermetik nichts anderes, als daß sie bei der
katholischen Theologie die grundlegenden Prinzipien ihrer philosophisch-
hermetischen Lehre entlehnt?
Man darf nicht vergessen, daß die christliche Hermetik keine eigene
Religion, keine eigene Kirche und noch nicht einmal eine eigene Wissenschaft
ist, mit denen sie der Religion, der Kirche und der Wissenschaft Konkurrenz
machen würde. Sie ist der Bindestrich zwischen Mystik, Gnosis und Magie,
durch Symbole ausgedrückt, weil die Symbolik das Ausdrucksmittel ist für
die Dimensionen der Tiefe und der Höhe (also der Enstase und der Ekstase)
von allem, was universal ist (oder was der Dimension der Breite entspricht)
und was traditionell ist (also entsprechend der Dimension der Länge). Weil
die Hermetik christlich ist, nimmt sie das Kreuz der Universalität, der
Tradition, der Tiefe und der Höhe des Christentums an im Sinne des
Apostels Paulus, wenn er sagt:
„ .. daß ihr in Liebe festgewurzelt und festgegründet seid, damit ihr
imstande seid, mit allen Heiligen zu erfassen, welches die Breite und
Länge, die Höhe und Tiefe ist, und die Liebe Christi zu erkennen, die die
Erkenntnis übersteigt, auf daß ihr erfüllt werdet zur ganzen Fülle Gottes
hin“ (Eph 3, 17 ff).
Das ist die vollständige Formel der Einweihung.
Da nun die Hermetik nach der Erfahrung und Erkenntnis der Tiefe und
der Höhe des universalen Christentums strebt, d. h. des katholischen und
traditionellen, d. h. der Kirche, entlehnt sie nichts von der. Kirche und kann
ihr nichts entlehnen, weil sie nichts anderes ist und nichts anderes sein kann
als ein Aspekt der Kirche selbst, nämlich der Aspekt ihrer Dimensionen der
Tiefe und Höhe. Sie ist also Fleisch von ihrem Fleisch und Blut von ihrem
Blut; sie entlehnt nichts von der Kirche, weil sie ein Teil ist von ihr. Sie ist der
unsichtbare Aspekt der Universalität im Raum und der Traditionalität in der
Zeit, welche beide in der Kirche sichtbar werden. Denn die Kirche ist nicht nur
universal und traditionell, sondern darüber hinaus tief und erhaben.
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
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So ist die christliche Hermetik nur der vertikale Aspekt der Kirche, d. h.
derjenige ihrer Tiefe und Höhe. Das soll keineswegs besagen, daß die
einzelnen Hermetiker im Besitz von allem seien, was tief und erhaben – oder
esoterisch – in der Kirche ist; das besagt einzig, daß man nur insoweit
christlicher Hermetiker ist, wie man um die Tiefe und die Höhe der
universalen Tradition des Christentums weiß, und daß jede Person, die davon
Erfahrung und Wissen hat, die christliche Hermetik repräsentiert. Sind also
alle Kirchenlehrer, die außer der theologischen Theorie den Weg der
spirituellen Erfahrungen lehrten, und alle Heiligen und Mystiker der
Kirche, die diese Erfahrungen gemacht haben, zugleich Hermetiker? –Ja,
sie sind es, insoweit sie Zeugen und Repräsentanten der Tiefe und
Erhabenheit des Christentums sind. Sie alle haben dem modernen Hermetiker
viel zu sagen, und dieser hat viel von ihnen zu lernen.
Nehmen Sie zum Beispiel den „Dreifachen Weg“ des hl. Bonaventura. Dort
lesen Sie:
„Beachte endlich: die Wahrheit soll sein
1. in der Ersten Hierarchie:
aufgerufen durch das Seufzen des Gebets: Werk der Engel;
abgelauscht beim Studium und bei der Lektüre: Werk der Erzengel;
angekündigt durch Beispiel und Predigt: Werk der Fürstentümer;
2. in der Zweiten Hierarchie:
erreicht als Zuflucht und Ort der Hingabe: Werk der Mächte;
erfaßt durch Eifer und Strebsamkeit: Werk der Kräfte;
verbunden in der Verachtung und Demütigung seiner selbst: Werk der
Herrschaften;
3. in der Dritten Hierarchie:
angebetet durch Opfer und Lobpreis: Werk der Throne;
bewundert im Herausgehen aus sich selbst und in der Kontemplation: Werk
der Cherubime;
umarmt im Kuß der Liebe (amplectenda per osculum et dilectionem): Werk
der Seraphime.
Beachte das, was ich soeben sagte, sorgfältig, weil darin ein Brunnen des Lebens
ist.“
Diese kleine Seite liefert Meditationsstoff für Jahre.
Kann man es sich als Hermetiker erlauben, solche Zeugnisse (und es gibt
deren Hunderte) für die geistige Welt und für ihre authentische Erfahrung zu
ignorieren? Fabre d’Olivet, Eliphas Lévi, Saint-Yves d’Alveydre, Guaita,
Papus und Péladan verdienen wohl, studiert zu werden, ebenso wie manche
anderen Autoren der okkultistischen und hermetischen Bewegung; aber ihr
Studium allein genügt nicht. Sind sie die einzigen glaubwürdigen Zeugen,
und sind ihre Werke die einzigen Quellen aus erster Hand über die
Wirklichkeit der geistigen Welt und ihrer Erfahrung?
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
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Hören wir also auf alle diejenigen, welche aus Erfahrung wissen, und suchen
wir zuerst die Echtheit der Erfahrung statt Gelehrsamkeit und theoretischer
Spekulation!
Kehren wir zum Thema der Versuchung zurück. Sie ist dreifach, wie wir
gesehen haben. Wir können also von drei grundlegenden Versuchungen
sprechen, welche Bezug haben zu den drei grundlegenden Bedingungen des
Zustandes der Gnade des Paradieses oder zu den drei Gelübden als Basis
jeglicher spirituellen Kultur nach dem Sündenfall: Gehorsam, Armut und
Keuschheit. Das ist die praktische Bedeutung des Hexagramms oder des
Salomonischen Siegels:
Dieses Siegel ist das der Erinnerung an das Paradies und an den Sündenfall,
d. h. des Gesetzes oder der „Torah“. Denn das Gesetz ist das Kind des
Paradieses und der Versuchung.
Da der Neue Bund die Erfüllung des Alten Bundes ist, begann die Erlösung
mit der Wiederholung der drei Urversuchungen. Doch diesmal war es der
„Menschensohn“, der versucht wurde, und die Versuchung fand nicht im
Garten Eden statt, sondern in der irdischen Wüste. Und diesmal war nicht die
Schlange („listiger als alle Tiere des Feldes“) der Versucher, sondern der Fürst
dieser Welt, d. h. der neue Mensch, der „Übermensch“ oder der andere
„Menschensohn“, der die Verwirklichung des von der Schlange gemachten
Versprechens der Freiheit sein würde, wenn er inkarniert wäre. Der Antichrist,
das Ideal der biologischen und historischen Evolution ohne Gnade, ist keine
von Gott geschaffene Individualität oder Wesenheit, sondern der Egregor oder
das Phantom, welches durch die biologische und historische Evolution
hervorgebracht wird, die von der Schlange begonnen wurde, die der Urheber
und Meister der biologischen und historischen Evolution ist, die die Wissenschaft
erforscht und lehrt. Der Antichrist ist das äußerste Produkt dieser gnadenlosen
Evolution und keine von Gott geschaffene Wesenheit, da der Akt der göttlichen
Schöpfring immer und ohne Ausnahme ein Akt der Gnade ist. Er ist also ein
Egregor oder ein künstliches Wesen, das sein Dasein der kollektiven Zeugung
von unten verdankt.
Verweilen wir noch bei dem Begriff des Egregors, um besser verstehen zu
können, was der Antichrist ist, diese wichtige und rätselhafte Gestalt der
christlichen Esoterik oder der christlichen Hermetik, die zugleich Quelle der
Versuchung in der Wüste ist.
Hören wir zu Beginn, was Robert Ambelain dazu sagt:
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
161
„Man bezeichnet mit dem Namen Egregor entweder eine Kraft, die durch
eine mächtige geistige Strömung erzeugt und dann in regelmäßigen Abständen
gespeist wird gemäß einem Rhythmus in Harmonie mit dem universalen
Leben des Kosmos, oder eine Vereinigung von Wesenheiten, die durch ein
gemeinsames Kennzeichen miteinander verbunden sind.“
Das ist eine Definition, die nichts zu wünschen übrigläßt.
Unglücklicherweise ist sie vernebelt durch den unmittelbar folgenden
Paragraphen:
„Im Unsichtbaren außerhalb der physischen Wahrnehmung des Menschen
existieren künstliche, durch Hingebung, Enthusiasmus und Fanatismus
erzeugte Wesen, die man Egregore nennt. Es sind die Seelen der großen, guten
und schlechten geistigen Strömungen. Die mystische Kirche, das himmlische
Jerusalem, der Leib Christi und all solche sinnverwandte Namen sind
Bezeichnungen, die man gemeinhin dem Egregor des Katholizismus gibt.
Die Freimaurerei, der Protestantismus, der Islam und der Buddhismus sind
Egregore. Die großen politischen Ideologien sind andere.“
Hier haben wir eine seltsame Mischung von Wahrem und Falschem. Wahr
ist, daß unsichtbare, kollektiv erzeugte künstliche Wesen existieren, d. h., daß
es wirklich Egregore gibt; falsch aber ist das Durcheinanderbringen von
Dingen, die ganz verschiedener Natur sind („Der Leib Christi“ und
„politische Ideologien“!), ohne in der Materie zu unterscheiden. Denn wenn
man die mystische Kirche und den Leib Christi, die Freimaurerei und den
Buddhismus als „Egregore“ klassifiziert, d. h. als „durch Hingebung,
Enthusiasmus und Fanatismus erzeugte künstliche Wesen“, warum sollte
man da nicht auch Gott als Egregor betrachten?
Nein, es gibt übermenschliche geistige Wesenheiten, die nicht künstlich erzeugt
sind, sondern die sich offenbaren und enthüllen. Die Verwechslung zwischen
dem, was von oben herabsteigt, und dem, was von unten erzeugt wird, ist
übrigens sehr verbreitet unter den materialistischen Gelehrten wie unter den
Okkultisten. So betrachten etliche Biologen die Einheit des Bewußtseins – oder
die menschliche Seele – als Epiphänomen oder als Endsumme von Millionen von
Bewußtseinspunkten der Zellen des Nervensystems im Organismus. Für sie
ist die Seele nur ein Egregor, kollektiv erzeugt durch Millionen individueller
Zellen. So ist es aber nicht. Der Egregor der Zellen besteht wohl – es ist das
Phantom elektromagnetischer Natur, welches der Auflösung nach dem Tode
für einige Zeit widersteht, und das sich zum Beispiel in Häusern manifestieren
kann, in denen es spukt; aber dieses Phantom hat weder etwas mit der
wirklichen Seele zu tun noch mit den feinen Leibern (dem ätherischen oder
Lebensleib und dem astralischen oder Seelenleib), mit welchen die Seele
außer dem physischen Leibe noch bekleidet ist. Zu sagen, daß zum Beispiel
die mystische Kirche oder der Leib Christi ein Egregor sei, hieße die These
aufstellen, daß sie ein Phantom sei, erzeugt von Millionen von Gläubigen, so
wie die Phantome der Gespenster erzeugt sind durch Millionen von Zellen.
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
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Die Verwechslung von Seele und Phantom ist ein recht schwerer Irrtum. Nicht
minder schwer ist der Irrtum im Falle der Verwechslung von Offenbarung
und Erfindung, von geistigen Wesenheiten, welche sich von oben offenbaren,
und Egregoren, die künstlich von unten erzeugt sind. Denn so mächtig die
Egregore auch sein mögen, sie haben doch nur eine vergängliche Existenz,
deren Dauer ganz von der galvanisierenden Speisung von seiten ihrer
Erzeuger abhängt, während es die menschliche Gemeinschaften gründenden,
inspirierenden und leitenden Seelen und Geister von oben sind, die ihrerseits
die menschlichen Seelen speisen und belehren – so wie zum Beispiel die
Erzengel (welche Volksgeister sind), die Fürstentümer (Archai oder
„Zeitgeister“), die geistige Wesenheit, die hinter dem lamaistischen
Buddhismus steht, ganz zu schweigen von Christus, dessen Fleisch und Blut
jeden Tag die Kirche oder seinen mystischen Leib belebt und vereint.
Die ersteren werden also von den Menschen ernährt, während die
letzteren die Menschen ernähren.
Allerdings obwohl Gott, Christus, die Heilige Jungfrau, die himmlischen
Hierarchien, die Heiligen, die mystische Kirche oder der Leib Christi
wirkliche Wesenheiten sind, existiert nichtsdestoweniger auch ein Phantom
oder Egregor der Kirche, der ihr Doppelgänger ist, ebenso wie jeder Mensch,
jedes Volk, jede Religion usw. ihre Doppelgänger haben. Doch ebenso wie
derjenige, der in Rußland z. B. nur den Bären, in Frankreich nur den Hahn, in
Deutschland nur den Wolf sieht, ungerecht ist gegenüber dem Land des
Herzens, dem Land des Verstandes und dem Land der Initiative – ebenso ist
er der katholischen Kirche gegenüber ungerecht, wenn er in ihr statt des
mystischen Leibes Christi nur ihr historisches Phantom sieht – den Fuchs.
Um richtig sehen zu können, muß man richtig hinsehen, und richtig
hinsehen heißt versuchen, durch den Nebel der Phantome hindurchzusehen.
Das ist eine der wesentlichen praktischen Vorschriften der christlichen
Hermetik. Dank der Bemühungen, durch die Phantome hindurchzusehen,
erreicht man das Wissen um die Tiefe und Höhe, von denen der Apostel
Paulus spricht und die das Wesentliche der Hermetik sind.
Was nun den Antichrist angeht, so ist er das Phantom der ganzen Menschheit,
das während der gesamten historischen Evolution der Menschheit erzeugte
Wesen. Er ist der „Übermensch“, der im Bewußtsein all derer spukt, die sich
aus eigener Bemühung, ohne Gnade, zu erhöhen versuchen. Er erschien auch
Friedrich Nietzsche und zeigte ihm „in einem Augenblick alle Reiche der
Erde“, die existierten, existieren und existieren werden im Kreise der ewigen
Wiederkehr; er forderte ihn auf, sich in das Gebiet „jenseits von Gut und
Böse“ zu stürzen und das Evangelium der Evolution zu erwählen und zu
verkünden – das Evangelium des Willens zur Macht, daß es dieser Wille
ist, er allein („Gott ist tot ...“), der den Stein, die anorganische Materie, in
Brot, in organische Materie, umwandelt, die organische Materie in das Tier,
das Tier in den Menschen und den Menschen in den „Übermenschen“, der
jenseits von Gut und Böse ist und der nur seinem eigenen Willen gehorcht
(„O mein Wille, meine Notwendigkeit, du bist mein Gesetz …“).
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
163
Er erschien Karl Marx und zeigte ihm „in einem Augenblick alle Reiche der
Erde“, wo alle Sklaven der Vergangenheit in souveräne Herren umgewandelt
sind, die weder Gott gehorchen, den sie entthront haben, noch der Natur, die
sie unterworfen haben, und ihr Brot essen, das sie nur ihrer eigenen
Wissenschaft und ihrer eigenen Bemühung verdanken, indem sie Steine in
Brot verwandeln.
Und vielen anderen ist das Phantom der Menschheit erschienen.
Es erschien auch dem Menschensohn in der Wüste.
Es war die Begegnung des göttlichen Gesetzes, das Fleisch geworden war,
mit dem Gesetz der Schlange, der biologischen und historischen Evolution,
das Seele geworden war.
Nun ist das göttliche Gesetz die herabsteigende Wirkung der heiligen Trinität
oder Gnade, offenbart vierzig Tage vor der Versuchung in der Wüste bei der
Taufe Jesu im Jordan, die von Johannes dem Täufer voll- zogen wurde. Das
Gesetz der Schlange aber ist die Wirkung des tastenden Willens, der sich in
Schlangenlinien vorwärts bewegt durch die Perioden und Schichten der
biologischen Evolution und von Form zu Form schreitet; es ist die Triade des
Willens zur Macht, des tastenden Versuches und der Umbildung dessen, was
grob ist, in das, was fein ist.
Die vertikale trinitarische Gnade und der triadische Geist der horizontalen
Evolution begegneten sich also im Bewußtsein des „Menschensohnes“ vierzig
Tage nach der Jordantaufe. Damals fanden die drei Versuchungen des
„Menschensohnes“ statt. Und ebenso wie die Jordantaufe das Urbild für das
heilige Sakrament der Taufe wurde, ebenso wurde die Begegnung der bei der
Jordantaufe empfangenen Gnade mit der Quintessenz des evolutionären
Antriebs, der auf den Sündenfall folgte, das Urbild des heiligen Sakramentes
der Firmung. Damals nämlich hat die Gnade von oben sich als fest und wahr
erwiesen gegenüber dem Gesetz von unten. Damals wich die Evolution vor
der Gnade.
Die drei Versuchungen des „Menschensohnes“ in der Wüste waren seine
Erfahrung der richtunggebenden Impulse der Evolution, nämlich des Willens
zur Macht, des tastenden Versuchs und der Umbildung von Grobem in Feines.
Sie bedeuteten gleichzeitig die Erprobung der drei Gelübde – der Gelübde des
Gehorsams, der Keuschheit und der Armut.
Mit der letzten Prüfung beginnt die Erzählung der Versuchung Jesu Christi
bei Matthäus (Kap. 4). Denn die himmlische Fülle (pleroma), welche zur
Zeit der Jordantaufe herabgestiegen war, brachte die entsprechende irdische
Leere (kenoma) mit sich, die in der Erzählung des Evangeliums durch
Einsamkeit, Wüste und Fasten ausgedrückt ist.
„Danach wurde Jesus vom Geiste in die Wüste geführt, um vom Teufel
versucht zu werden. Und er fastete vierzig Tage und vierzig Nächte, dann
hungerte ihn“ (Mt 4, 1 f).
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
164
Nun ist Hunger des Geistes, der Seele und des Leibes die Erfahrung der
Leere oder der Armut. Das Gelübde der Armut wurde also auf die Probe
gestellt, als der Versucher
„an ihn heran(trat) und sagte: ,Wenn du Gottes Sohn bist, befiehl, daß diese
Steine Brote werden’“ (Mt 4, 3).
„Befiehl, daß diese Steine Brote werden ...“ – das ist genau das Wesen des
Strebens der Menschheit in der naturwissenschaftlichen Epoche nach dem
Sieg über die Armut. Synthetische Harze, synthetischer Kautschuk,
synthetische Fasern, synthetische Vitamine, synthetische Proteine und
schließlich
.
... synthetisches Brot? Wann? Vielleicht schon bald, wer weiß?
„Befiehl, daß diese Steine Brot werden ...“ – das ist die Formel für die
Sinnesart der Gelehrten der Evolution mit ihrem „Transformismus“, die
zeigen, daß das Pflanzenreich, d. h. das Brot, nur eine Umformung des
Mineralreiches, d. h. „dieser Steine“, ist und daß die organische Materie – das
Brot – nur Ergebnis der physischen und chemischen Umgruppierung von
kleinen Molekülen in „Makromoleküle“, in riesige Moleküle im Prozeß der
Polymerisation ist. Die „Polymerisation“ wird also heute von zahlreichen
Gelehrten als mögliches – sogar wahrscheinliches – Äquivalent betrachtet für
die vom Versucher in der Wüste Vorgeschlagene Operation der Umformung
von Steinen in Brot.
Die vom Versucher vorgeschlagene Operation ist zugleich das
Grundmotiv der Lehren, welche die heutige Welt überschwemmen und die
das Wirtschaftsleben als primär ansehen und das geistige Leben als sein
Epiphänomen oder als „ideologischen Überbau“ über der ökonomischen Basis.
Was unten ist, ist das Primäre, und was oben ist, das Sekundäre, weil es die
Materie ist, welche den Geist hervorbringt – das ist das gemeinsame Dogma,
das dem Ökonomismus, dem Transformismus bzw. der
Abstammungslehre und der Aussage des Versuchers des
„Menschensohnes“ zugrunde liegt. Seine Antwort auf dieses Dogma lautet:
„Nicht vom Brot allein lebt der Mensch, sondern von jedem Worte, das
aus dem Munde Gottes kommt“ (Mt 4, 4).
Verweilen wir bei dieser Formel.
Sie drückt zunächst das Wesen des Gelübdes der Armut aus. Denn das
Gelübde der Armut heißt ebensosehr vom Worte, das aus dem Munde
Gottes hervorgeht, wie vom Brot, das in den Mund des Menschen eingeht,
leben.
Sodann fügt sie dem Gesetz der biologischen Ernährung, wonach die
niederen Reiche dem Menschen als Nahrung dienen, das neue Gesetz der
Gnade hinzu, wonach das dem Menschen übergeordnete Reich, das Reich der
Himmel, ihn ernährt. Das bedeutet, daß nicht allein Geist und Seele des
Menschen leben, d. h. Impulse, Kräfte und Substanzen von oben empfangen
können, sondern auch sein Körper. Die belebende geistige Wirkung der
göttlichen Magie oder der Gnade auf das geistige und seelische Leben ist
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
165
eine den aufrichtigen Christen gemeinsame jahrtausendealte Erfahrung; aber
es ist weniger bekannt, daß es Fälle gab und gibt, wo der Körper sich
während genügend langer Zeiträume jeglicher Nahrung zu enthalten
vermochte, um hundertmal den biologischen Hungertod hervorzurufen. So
lebte Therese Neumann in Konnersreuth (Bayern) jahrzehntelang nur von der
heiligen Kommunion; die hl. Katharina von Siena lebte neun Jahre lang allein
von der heiligen Kommunion; die hl. Lidwina von Schiedam (Holland) lebte
ebenfalls mehrere Jahre lang ausschließlich von der heiligen Kommunion – um
nur gut beglaubigte Fälle zu zitieren.
Das ist die Tragweite der Worte: „Nicht vom Brot allein lebt der
Mensch, sondern von jedem Worte, das aus dem Munde Gottes kommt.“
Ihre wichtigste Implikation ist: Da das Gesetz der Evolution, das Gesetz der
Schlange, den Kampf ums Dasein mit sich bringt, und da das „Brot“ oder die
Nahrung der Hauptfaktor des Kampfes ums Dasein ist, bedeutet die Tatsache
des Eintritts der Gnade in die menschliche Geschichte seit Jesus Christus
zugleich die Möglichkeit der stufenweise Aufhebung des Kampfes ums
Dasein. Das Gelübde der Armut also wird ihn überwinden.
„Darauf nahm ihn der Teufel mit in die heilige Stadt, stellte ihn auf die
Zinne des Tempels und sagte zu ihm: ,Wenn du Gottes Sohn bist, dann stürze
dich hinab. Denn es steht geschrieben: Seinen Engeln wird er dich
anbefehlen, und sie werden dich auf Händen tragen, damit du deinen Fuß an
keinen Stein stoßest.’ Jesus sprach zu ihm: ,Es steht auch geschrieben: Du
sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen“ (Mt 4, 5ff).
Diesmal spricht das Prinzip des tastenden Versuches, auf das die natürliche
Evolution zurückgeht. Die Methode der als „natürlich“ be- zeichneten
Evolution ersetzt seit dem Sündenfall die von Gott geschaffene Welt oder
das „Paradies“. Denn die Evolution schreitet tastend vor, von Form zu
Form; sie versucht und verwirft und versucht wieder aufs neue. Die Welt der
Entwicklung von den Protozoen zu den Wirbeltieren und von den einfachen
Wirbeltieren zu den Säugetieren, dann zu den Affen und zum
Pithecanthropus ist weder das Werk der absoluten Weisheit noch der
absoluten Güte. Es ist vielmehr das Werk einer sehr weitreichenden
Intelligenz und eines sehr entschlossenen Willens, die ein klar umrissenes
Ziel verfolgen mit der Methode von „Versuch und Irrtum“. Man könnte
sagen, daß es sich eher um einen großen wissenschaftlichen Intellekt und um
einen Experimentierwillen handelt, die sich in der natürlichen Evolution
offenbaren (welche man nicht mehr leugnen kann), als um göttliche Weisheit
und göttliche Güte. Das Bild der Evolution, das die Naturwissenschaften –
vor allem die Biologie – als Ergebnis ihrer gewaltigen Arbeit schließlich
gewonnen haben, offenbart uns ohne jeden Zweifel das Werk einer sehr
subtilen, aber unvollkommenen Intelligenz und eines sehr entschlossenen, aber
unvollkommenen Willens. Die Schlange also, das „listigste Tier des Feldes“,
wird uns von der biologischen Welt der Evolution offenbart, nicht aber Gott.
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
166
Die Schlange ist der „Fürst dieser Welt“, sie ist der Urheber und Lenker der
rein biologischen Evolution nach dem Sündenfall. Lesen Sie „Der Mensch im
Kosmos“ von Pierre Teilhard de Chardin, der eine Zusammenfassung und die
beste Interpretation der natürlichen Evolution gibt, die ich kenne; studieren
Sie dieses Buch, und Sie können zu keinem anderen Ergebnis kommen, als
daß die Welt der Evolution das Werk der Schlange des Paradieses ist und daß
erst seit den prophetischen Religionen (es gab deren mehrere) und dem
Christentum die frohe Botschaft (Euangelion) eines anderen Weges als des der
Evolution der Schlange existiert.
Nun schlug der Versucher dem Menschensohn die Methode vor, der er
selbst seine Existenz verdankte – den Versuch: „Stürze dich hinab, und man
wird sehen, ob du wirklich Sohn Gottes bist und nicht wie ich Sohn der
Evolution, Sohn der Schlange“. Das war die Versuchung der Keuschheit.
Denn, wie wir weiter oben auseinandersetzten, der Geist der Keuschheit
schließt jeden Versuch aus. Der Versuch ist das eigentliche Wesen dessen, was
die Bibel als „Unzucht und Hurerei“ bezeichnet. Die Unzucht – wie übrigens
jedes andere Laster und auch jede Tugend – ist dreifach: geistig, seelisch und
leiblich. Ihre Wurzel ist geistig: der Bereich ihrer Entfaltung und ihres
Wachstums ist seelisch, und das Fleisch ist lediglich der Bereich, wo sie
Frucht bringt. So wird der geistige Irrtum zum Laster, und das Laster zur
Krankheit.
Darum brandmarkten die Propheten Israels die geistige Hurerei des Volkes
des Alten Bundes jedesmal, wenn es sich verführen ließ durch die Kulte der
„fremden Götter“ Bel, Moloch und Astarte. Diese Götter waren bloße
Egregore, Geschöpfe der kollektiven menschlichen Einbildung und des
kollektiven menschlichen Willens, während der „Heilige Israels“ der
geoffenbarte Gott war – unvorstellbar, wie er war und ohne andere Beziehung
zu dem menschlichen Willen, als daß er diesem das Gesetz auferlegte. Die
„fremden Götter“ hatten eine seltsame Anziehungskraft für die Israeliten,
weil sie Götter „dieser Welt“ waren und nicht der jenseitige Gott der
Offenbarung mit dem Gehorsam, den man ihm schuldete und der darauf
hinauslief, in einem geistigen Kloster zu leben gegenüber „dieser Welt und
ihren Göttern“. Sie waren immer versucht, sich von der Höhe und Isolierung
der Zinne des Tempels hinunterzustürzen in die Schichten der kollektiven
Instinktivität und zu erfahren, ob dort nicht „Engel wären, die sie auf Händen
trügen, damit ihre Füße an keinen Stein stießen“, d. h. zu versuchen, in den
nahen und dichten Kräften der natürlichen Evolution die richtunggebenden
und schützenden Kräfte mit weniger Aufwand zu finden als in der Höhe
und in der dünnen Luft der Zinne des Tempels des geoffenbarten Gottes.
Das Prinzip der geistigen Unzucht ist also das Vorziehen des Unterbewußten
vor dem Bewußten und Überbewußten, des Instinkts vor dem Gesetz, der
Welt der Schlange vor der Welt des WORTES.
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
167
Wie sich die beiden ersten Versuchungen auf die Gelübde der heiligen
Armut und der heiligen Keuschheit bezogen, so bezieht sich die letzte
Versuchung („letzte” nach dem Matthäusevangelium) auf das Gelübde des
heiligen Gehorsams. Diesmal ist es der Machtwille (der Nietzschesche
Willen zur Macht), der wirkt:
„Wiederum nahm ihn der Teufel mit auf einen sehr hohen Berg und
zeigte ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit und sagte zu ihm: ,Das
alles werde ich dir geben, wenn du niederfällst und mir huldigst.’ Da sprach
Jesus zu ihm: ,Hinweg, Satan! Denn es steht geschrieben: Dem Herrn,
deinem Gott, sollst du huldigen und ihm allein dienen“ (Mt 4, 8 ff).
Halten wir die Elemente dieser Versuchung fest: der sehr hohe Berg, alle
Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit, Anbetung dessen, der die Macht
dazu hat, auf den Gipfel des Berges zu erheben und dort alle Dinge der
Reiche seiner Welt in Besitz zu geben.
Es handelt sich also um die Annahme des Ideals des Übermenschen
(„falle mir zu Füßen und bete mich an“), welcher der Gipfel der Evolution
ist („er nahm ihn mit sich auf einen sehr hohen Berg“) und der, nachdem er
Stein-, Pflanzen-, Tier- und Menschenreich durchschritten hatte, um sie
seiner Macht zu unterwerfen, deren Herr ist, d. h. ihre Zweckursache oder
ihr Ziel und Ideal, ihr Repräsentant oder ihr konzentrierter kollektiver Wille,
und ihr Meister, der ihre spätere Evolution in seine Hände genommen hat.
Nun, man muß wählen zwischen dem Ideal des Übermenschen, der „wie
Gott“ ist und Gott selbst.
Der heilige Gehorsam ist also die Treue zu dem lebendigen Gott; der
Aufruhr oder Ungehorsam ist die Parteinahme für das Ideal des Willens zur
Macht – den Übermenschen.
Obwohl das sechste Arcanum des Tarot „Der Verliebte” nur die
Versuchung der Keuschheit hervorhebt, ruft es die ganze Ideenordnung der
drei Versuchungen und der drei Gelübde wach, da die drei Versuchungen
im Paradies und diejenigen in der Wüste in Wirklichkeit untrennbar sind – so
wie es auch die drei Gelübde sind. Denn man kann nicht „keusch“ sein,
ohne arm und gehorsam zu sein, ebenso wie man nicht auf das göttliche Ideal
zugunsten des Ideals des Übermenschen verzichten kann, ohne gleichzeitig in
den Bereich des Experimentierens zu fallen, wo es keine unmittelbare Gewißheit
gibt, und in den Bereich des Gesetzes der Schlange, das folgendermaßen
formuliert ist:
„Auf deinem Bauche sollst du kriechen und Staub fressen alle Tage deines
Lebens“ (Gen 3, 14),
d. h. in dem Bereich, wo es keine Gnade gibt.
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
168
Doch welches ist die unmittelbare Konsequenz der zurückgewiesenen
Versuchung? Die Erzählung des Evangeliums gibt darauf die Antwort:
„Da ließ ihn der Teufel, und siehe, Engel traten herzu und dienten ihm“ (Mt
4, 11).
Diese Antwort gehört zur Ideenordnung und den Tatsachen des siebenten
Arcanums des Tarot „Der Wagen“, dessen Karte einen Mann von vorn zeigt,
aufrecht auf einem Triumphwagen, der von zwei Pferden gezogen wird.
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
169
Siebter Brief
DER WAGEN
Das Arcanum der Genesung
Die vierte Versuchung: Größenwahn, Hypertrophie des Selbstbewußtseins,
Stolz – Verzicht und Lohn – Die Bewegungsweise der Engel – Heilige
Stätten – Die sieben urbildhaften Wunder und die sieben Ich-bin-Worte –
Der Individuationsprozeß – Archetypen – Bete und arbeite – Demut und
die ihr zugrunde liegende Erfahrung – Die Arcana des Tarot als Ideal und
Warnung – „Herr der vier Elemente“ – Die Kardinaltugenden – Die drei
Formen mystischer Erfahrungen – Die beseligende Schau – Das Bündnis
des Überbewußten, Bewußten und Unbewußten – Das Gleichgewicht der
sieben Kräfte.
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
170
DER WAGEN
Das Arcanum der Genesung
„Da ließ ihn der Teufel, und siehe,
Engel traten herzu und dienten ihm” (Mt 4, 11).
„Wenn der unreine Geist von dem Menschen ausgefahren ist,
schweift er durch wasserlose Gegenden und sucht ei nen Ruhepl at z.
Und wei l er kei nen fi ndet , sagt er: Ich will in mein Haus zurückkehr en,
das i ch ver l assen habe.
Und er kommt und findet es ausgefegt und geschmückt.
Dann geht er hin und nimmt si eben ander e Gei st er mi t ,
di e noch schlimmer sind als er, und sie ziehen ein und wohnen darin.
Und die letzten Dinge jenes Menschen werden ärger sein als die ersten“
(Lk 11, 24 ff).
„Ich bin im Namen meines Vaters gekommen,
und i hr nehmt mich nicht an.
Wenn ei n anderer i n sei nem, ei genen Namen käme,
den würdet i hr annehmen“ (Jo 5,43).
Lieber Unbekannter Freund,
das Arcanum „Der Wagen“ hat einen doppelten Aspekt, ebenso wie die
vorhergehenden Arcana. Es stellt einerseits den dar, der die drei Versuchungen
gemeistert hat und den Gelübden des Gehorsams, der Armut und der
Keuschheit treu geblieben ist: und es vergegenwärtigt andererseits die Gefahr
einer vierten Versuchung, welche die feinste und intimste der Versuchungen
und deren unsichtbare Synthese ist: die geistige Versuchung des Siegers durch
seinen Sieg. Es ist die Versuchung, „in seinem eigenen Namen zu handeln“, d. h.
als Meister zu agieren anstatt als Diener.
Das siebente Arcanum ist also das der Meisterschaft sowohl im Sinne der
Vollendung als auch im Sinne der Versuchung. Die drei Zitate aus dem
Evangelium, die sich am Kopf dieses Briefes befinden, zeichnen den
Gedankengang vor.
Paul Marteau sagt, der allgemeine und abstrakte Sinn der siebenten Karte
liege darin, daß sie
„... das Inbewegungsetzen in die sieben Zustände darstellt, d. h. auf allen
Gebieten.“
Genau das haben wir soeben als Meisterschaft bezeichnet. Denn
Meisterschaft bedeutet nicht den Zustand, in welchem man bewegt wird,
sondern denjenigen, in welchem man selbst in Bewegung setzt.
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
171
Der Menschensohn widerstand dem Bewegtwerden durch die drei
Versuchungen in der Wüste; das hatte zur Folge, daß nun er Kräfte in Bewegung
setzte, die ihm dienten. „Da ließ ihn der Teufel, und siehe, Engel traten herzu
und dienten ihm.“
Darin liegt ein weiteres Grundgesetz der geheiligten Magie. Man könnte es
auf folgende Weise formulieren: Da das, was oben ist, so ist wie das, was unten
ist, setzt der unten geleistete Verzicht oben Kräfte der Erfüllung in Bewegung;
ebenso setzt der Verzicht auf etwas, was oben ist, unten Kräfte der Erfüllung in
Bewegung.
Welches ist der praktische Sinn dieses Gesetzes?
Wenn Sie hier unten einer Versuchung widerstehen oder auf eine begehrte
Sache verzichten, setzen Sie durch diese Tat Kräfte der Verwirklichung dessen
in Bewegung, was oben dem entspricht, auf das Sie soeben unten verzichtet
haben. Das ist, was der Meister mit dein Wort „Lohn“ andeutet, wenn er zum
Beispiel sagt, daß man sich hüten soll, seine Gerechtigkeit vor den Menschen
auszuüben, um von ihnen beachtet zu werden, denn:
„... sonst habt ihr keinen Lohn bei eurem Vater, der im Himmel ist“ (Mt 6,
1).
Lohn ist also die Handlung, die man oben in Bewegung setzt durch den
Verzicht auf Wünsche nach Dingen hier unten. Es ist das „Ja“ von oben,
welches dem „Nein“ von unten entspricht, und diese Entsprechung bildet eine
Grundlage der magischen Realisation und ein Grundgesetz der Esoterik und
christlichen Hermetik.
Hüten wir uns, dies leicht zu nehmen, denn hier ist uns einer der
Hauptschlüssel der geheiligten Magie gegeben. Nicht der Wunsch bringt die
magische Verwirklichung, sondern gerade der Verzicht auf den Wunsch – den
Sie vorher gehegt haben, wohlgemerkt. Denn Verzicht aus Gleichgültigkeit hat
keinen moralischen, daher auch keinen magischen Wert.
Wünschen Sie und dann – verzichten Sie! Das ist die praktische magische
Bedeutung des „Gesetzes“ des „Lohnes“. Zu sagen, daß man verzichten soll
auf das, was man begehrt, läuft darauf hinaus zu sagen, daß man die drei
heiligen Gelübde – Gehorsam, Armut und Keuschheit – üben soll. Denn der
Verzicht muß aufrichtig sein, damit er oben Kräfte der Verwirklichung in
Bewegung setzt, und er kann es nicht sein, wenn ihm Luft, Licht und Wärme
der heiligen Gelübde fehlen. Man muß sich also ein für allemal im klaren
darüber sein, daß es keine wahre heilige Magie, Mystik, Gnosis oder
Hermetik geben kann außerhalb der drei heiligen Gelübde und daß das wahre
Sich-Üben in Magie im wesentlichen nur die Erfüllung der drei Gelübde ist.
Ist das hart? – Nein, es ist sanft, denn hierin liegt die „Konzentration ohne
Anstrengung“, von der im ersten Brief die Rede war.
Verweilen wir jetzt etwas länger bei dem Text der Erzählung des
Evangeliums, der sich auf das bezieht, was unmittelbar nach den drei
Versuchungen geschah. „Da ließ ihn der Teufel“ (τοτε άφίησιν αυτον ο διάβολος),
sagt das Evangelium nach Matthäus, aber das Evangelium nach Lukas fügt
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
172
hinzu: „für eine gewisse Zeit“. Nun geben diese hinzugefügten Worte Anlaß zu
der Vermutung, daß noch eine Prüfung oder Versuchung – die vierte, die viel
subtiler und intimer ist – herankommen soll. Und diese nun gehört zu der
Unterweisung des siebten Arcanums, das den gekrönten Menschen vorführt,
welcher aufrecht auf einem Triumphwagen steht, der von zwei Pferden
gezogen wird.
„Und siehe, Engel traten herzu ...“ (καί ίδου άγγελοι προσήλθον) d. h., daß
sie sich jetzt nähern konnten, da der „Raum“, den sie für ihren Abstieg
benötigten, jetzt frei war. Warum und wie?
Die Engel (griechisch άγγελοι) sind Wesenheiten, die sich vertikal
bewegen, d. h. von oben nach unten und von unten nach oben. „Sich bewegen“
bedeutet für sie: „den Atem wechseln“, und „Entfernung“ läuft für sie auf die
Zahl des veränderten Ein- und Ausatmens hinaus und auf die Intensität der
damit verbundenen Anstrengung. So würde zum Beispiel, wo wir sagen: „eine
Entfernung von 300 km von der Erde“, der Engel sagen: „drei
aufeinanderfolgende Veränderungen der normalen Atmung in der Sphäre der
Engel“. „Sich nähern“ bedeutet für einen Engel Atemwechsel; „sich nicht
nähern können“ bedeutet, daß die „Atmosphäre“ der Sphäre, welcher er sich
nähern will, so ist, daß er nicht mehr atmen kann und daß er „ohnmächtig“
würde, wenn er in diese Sphäre einträte.
Darum konnten die Engel sich nicht dem Menschensohn nähern während
der Zeit, in welcher die konzentrierten Kräfte der irdischen Evolution – die
Kräfte des Sohnes der Schlange – tätig waren. Sie „besetzten“ sozusagen den
Raum rings um den Menschensohn derart, daß die Engel dort nicht atmen,
also nicht dort eintreten konnten, ohne ohnmächtig zu werden. Sobald aber
„der Teufel ihn ließ“ (Lk) und die Atmosphäre sich änderte, konnten sie sich
nähern, und sie taten es.
Man kann als Folgesatz hinzufügen, daß das oben angedeutete „Gesetz
der Anwesenheit“ uns einen triftigen Grund liefert, die Notwendigkeit von
Kirchen, Tempeln und ganz allgemein von heiligen oder geweihten Orten
anzuerkennen. Es gibt noch andere Gründe, aber dieser würde genügen,
selbst wenn es keine anderen gäbe, daß wir uns für den Schutz aller heiligen
Orte einsetzen. Schützen wir also durch unsere Gedanken, Worte und
Handlungen jede Kirche, jede Kapelle, jeden Tempel, wo man betet,
verehrt, meditiert und Gott und seine Diener feiert!
„... Und sie dienten ihm“ (καί διηκονουν αυτω). Die Mehrzahl „sie“
weist uns darauf hin, daß hier von drei Engeln die Rede ist. Jeder
bestandenen Versuchung entsprach ein Engel, der mit der besonderen
Aufgabe des Lohnes betraut war und einen besonderen Dienst erwies.
Welches aber waren diese Dienste?
Er hatte sich geweigert, er, der hungrig war, zu befehlen, daß Steine
zu Brot würden. Da war es das Brot gewordene „Wort, das aus dem Munde
Gottes kommt“, das der Engel der Armut ihm als Speise darbrachte.
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
173
Er hatte sich geweigert, sich von der Zinne des Tempels zu stürzen. Da
war es der Hauch von der Höhe des Thrones Gottes, den der Engel der
Keuschheit ihm brachte.
Er hatte sich geweigert, die Rolle des Übermenschen und des Fürsten
dieser Welt zu akzeptieren um den Preis der Anbetung des Ideals der Welt
der Schlange. Da war es die königliche Krone der Welt Gottes, welche der
Engel des Gehorsams ihm darbot.
Ebenso wie die drei Magier dem neugeborenen Kinde Gold, Weihrauch
und Myrrhe als Geschenk darbrachten, ebenso boten die drei Engel dem
Meister nach seiner Taufe im Jordan und seiner Firmung in der Wüste die
Krone von Gold, den Hauch des Weihrauchs um den Thron Gottes und
das Nahrung gewordene göttliche Wort als Geschenk dar.
Dies geschah unmittelbar nach den drei Versuchungen in der Wüste. Es
war die Reaktion von oben auf den dreifachen Verzicht des Menschensohnes
unten. Welches aber war die Auswirkung der überwundenen Versuchungen
nicht nur für den Überwinder allein und nicht nur unmittelbar danach,
sondern auch für die äußere Welt der „vier Elemente“ und in der Folge der
Zeit?
Die Auswirkung davon war die Meisterung bzw. Beherrschung der Welt
der Elemente, und was sich im Nachfolgenden ereignete, waren die sieben
urbildhaften Wunder, welche das Johannesevangelium beschreibt, d. h. das
Wunder der Hochzeit zu Kana, das Wunder der Heilung des Sohnes des
königlichen Beamten, das Wunder der Heilung des Gelähmten am Teiche
Bethesda, das Wunder der Brotvermehrung, das Wunder des Wandelns
auf dem See, das Wunder der Heilung des Blindgeborenen und das Wunder
der Auferweckung des Lazarus in Bethanien. Der Offenbarwerdung der
sieben Aspekte der Meisterschaft oder „Herrlichkeit“ entsprach die
siebenfache Offenbarung des Namens des Meisters: „Ich bin der wahre
Weinstock“; „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“; „Ich bin die
Tür“; „Ich bin das Brot des Lebens“; „Ich bin der gute Hirte“; „Ich bin das
Licht der Welt“ und „Ich bin die Auferstehung und das Leben“. Dies ist der
siebenfarbige Regenbogen der Offenbarung der „Herrlichkeit“ oder der
Meisterschaft und die Oktave der sieben Töne der Offenbarung des
„Namens“ oder der Mission des Siegers über die drei Versuchungen. Und
dieser Regenbogen leuchtete rings um den leeren und dunklen Ort in der
Wüste auf, wo die drei Versuchungen stattgefunden hatten.
Die sieben Wunder des Johannesevangeliums sind in ihrer Gesamtheit die
„Herrlichkeit“ (doxa) oder der Glanz des Sieges der drei heiligen Gelübde
über die drei Versuchungen. Zugleich haben wir hier ein gutes Beispiel für
die qualitative Mathematik: dreifach Gutes erzeugt, wenn es den Sieg
davonträgt über dreifach Böses, siebenfach Gutes, während dreifach Böses,
das über dreifach Gutes siegt, nur dreifach Böses erzeugt. Denn das Gute ist
qualitativ, und wenn es sich manifestieren kann, manifestiert es sich ganz in
seiner unteilbaren Fülle. Das ist, was die Zahl sieben. eigentlich bedeutet –
die Fülle (pleroma) oder, wenn sie sich manifestiert, die Herrlichkeit (doxa),
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
174
von der der hl. Johannes sagt:
„... und wir haben seine Herrlichkeit geschaut“ (Jo 1, 14)
und:
„... aus seiner Fülle haben wir alle empfangen und (zwar) Gnade um
Gnade“ (Jo 1, 16).
Und das erste der Wunder, das der Hochzeit zu Kana, war der An- fang
der Bekundung der Fülle oder Herrlichkeit:
„Diesen Anfang der Zeichen machte Jesus in Kana zu Galiläa und
offenbarte seine Herrlichkeit (doxa), und seine Jünger glaubten an ihn“ (Jo
2, 11).
„Seine Jünger glaubten an ihn“ bedeutet, daß sie an seinen Namen oder
seine Sendung glaubten, offenbart in sieben Aspekten durch die sieben „Ich
bin“-Worte, welche oben aus dem Johannesevangelium zitiert wurden.
So war das Ergebnis der Versuchung in der Wüste die Offenbarung der
sieben Aspekte der Meisterschaft oder der „Herrlichkeit“ (die sieben
Wunder) und die Enthüllung der Sendung oder des „Namens“ des Meisters.
Und alles das war allein die Offenbarung der Herrlichkeit des Vaters durch
den Sohn und die Offenbarung des Namens des Vaters durch den Namen des
Sohnes.
Die Möglichkeit der anderen „Herrlichkeit“ existiert gleichfalls: die
Offenbarung der Meisterschaft im eigenen Namen. Die Worte des
Meisters am Kopf dieses Briefes:
„Ich hin im Namen meines Vaters gekommen, und ihr nehmt mich
nicht an. Wenn ein anderer in seinem eigenen Namen käme, den würdet ihr
annehmen“ Jo 5, 43)
drücken es klar aus, und die Erfahrung im Bereich der okkultistischen,
esoterischen, hermetischen, kabbalistischen, gnostischen, magischen,
martinistischen, theosophischen, anthroposophischen, rosenkreuzerischen,
templerischen, freimaurerischen, sufistischen, yogaistischen und anderen
zeitgenössischen geistigen Bewegungen liefert uns reichlich Beweise, daß
diese Worte des Meisters noch nichts an Aktualität verloren haben – nicht
einmal für die Wissenschaft und die scheinwissenschaftlichen sozialen
und nationalen Bewegungen. Denn aus welchem anderen Grund geben z.
B. die Theosophen den Mahatmas aus dem Himalaya (deren Astralleiber
durch Verdoppelung über eine große Entfernung hinweg erschienen oder
die mit Blau- oder Rotstift geschriebene Briefe herabwarfen) den Vorzug
vor dem Meister, der niemals aufgehört hat, unter uns zu lehren, zu
inspirieren, zu erleuchten und zu heilen, in unserer nächsten Nähe – in
Frankreich, in Italien, in Deutschland, in Spanien, um nur die Länder zu
nennen, in denen es festgestellte Fälle der Begegnung mit ihm gegeben hat
–, und der gesagt hat:
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
175
„... ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt“ (Mt 28, 20)?
Aus welchem anderen Grund sucht man einen „Guru“ unter den
hinduistischen Yogis oder den tibetischen Lamas, ohne sich auch nur halb
soviel Mühe zu geben, einen durch spirituelle Erfahrung erleuchteten
Seelenführer in unseren Klöstern, geistlichen Orden oder unter den
Laienbrüdern und -schwestern zu suchen, welche die Lehre des Meisters
vielleicht ganz nahe bei uns praktizieren?
Und warum betrachten die Mitglieder der Geheimgesellschaften und
Geheimbruderschaften der freimaurerischen Richtung das Sakrament des
Fleisches und Blutes des Herrn als ungenügend für das Werk der Bildung
des Neuen Menschen, und warum suchen sie nach besonderen Ritualen, um
es zu ergänzen oder sogar um es zu ersetzen?
Ja, alle diese Fragen fallen unter die Überschrift der Worte des Meisters:
„Ich bin im Namen meines Vaters gekommen, und ihr nehmt mich nicht
an; wenn ein anderer in seinem eigenen Namen käme, den würdet ihr
annehmen.“ Warum? – Weil der Übermensch für gewisse Menschen mehr
Anziehungskraft hat als der Menschensohn und er ihnen eine Karriere mit
wachsender Macht verspricht, während der Menschensohn nur die
Karriere der Fußwaschung anbietet ...
Lieber Unbekannter Freund, legen Sie das, was ich soeben gesagt habe,
nicht so aus, als stünde ich den erwähnten Gesellschaften, Bruderschaften,
spiritualistischen und einweihenden Bewegungen ablehnend oder gar
feindlich gegenüber, und verstehen Sie mich auch nicht so, als ob ich sie
einer antichristlichen Haltung beschuldigte. Legen Sie mir auch nicht
Mangel an Ehrfurcht vor den indischen Mahatmas und Gurus zur Last. Es
handelt sich hier um die rein psychologische Tendenz (die ich fast überall
beobachten konnte), welche das Ideal des Übermenschen dem Ideal des
Menschensohnes vorzieht. Um den erwähnten Gesellschaften und
Bruderschaften gerecht zu werden, sollte man hinzufügen, daß, wenn diese
Tendenz sich im Schoße dieser Gesellschaften und Bruderschaften des
öfteren abzeichnet, sie auch fast überall auf mehr oder minder wirksame Art
bekämpft wird. Es gibt immer eine Opposition zu dieser Tendenz, auch
wenn diese Opposition manchmal nur in der Minderheit ist.
Wie dem auch sei, der Sieger des Arcanums »Der Wagen“ ist Sieger über
die Prüfungen, d. h. über die Versuchungen, und wenn er Meister ist, so
ist er es aus sich selbst. Er steht allein aufrecht in seinem Wagen; niemand
ist anwesend, um ihm Beifall zu spenden oder ihm zu huldigen; er hat
keine Waffen – das Zepter, das er hält, ist keine Waffe. Wenn er Meister ist,
wurde seine Meisterschaft in der Einsamkeit erworben, und er verdankt sie
allein den Prüfungen und nicht irgendeinem Umstande oder irgendwem von
außen.
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
176
Der in der Einsamkeit errungene Sieg ... Welche Herrlichkeit und
welche Gefahr enthält er zugleich! Er ist die einzige wirkliche Herrlichkeit,
denn er hängt nicht von der Gunst oder von dem Urteil der Menschen ab; er
ist innerlicher Ruhm – das wirkliche Ausstrahlen der leuchtend gewordenen
Aura. Er ist jedoch gleichzeitig die realste und größte geistige Gefahr, die es
gibt. „Hybris“ und „Stolz“, jene traditionellen Namen, die man dieser
Gefahr gibt, reichen nicht aus, um sie treffend zu bezeichnen. Sie ist mehr
als das. Sie ist eher eine Art mystischer Größenwahn, wo man den
bestimmenden Mittelpunkt seines eigenen Wesens, sein Ego, vergöttert, wo
man nur in sich selbst Göttliches sieht und wo man blind wird für das
Göttliche oberhalb und außerhalb seiner selbst. Man erfährt dann sein
„höheres Selbst“ als das höchste und einzige Selbst der Welt, obwohl es nur
dem gewöhnlichen empirischen Ich überlegen und weit davon entfernt ist,
das Höchste und Einzige zu sein ... weit davon entfernt, Gott zu sein, mit
anderen Worten ...
Es ist hier der Ort, um bei dem Problem der Identifizierung des Ich mit
dem Selbst und des Selbstes mit Gott zu verweilen.
Nachdem C. G. Jung die „Freudsche“ oder sexuelle Schicht und die
„Adlersche“ des Willens zur Macht im Unbewußten (d. h. im latenten oder
okkulten Bewußtsein) des Menschenwesens untersucht hatte, fand er sich
im Verlauf seiner klinischen Erfahrungen als Psychotherapeut einer
spirituellen (mystischen, gnostischen und magischen) Schicht gegenüber.
Anstatt ihr auszuweichen oder sich mit einer zersetzenden „Erklärung“
von ihr zu befreien, hatte er den Mut und die Rechtschaffenheit, sich an
das mühselige Studium der Phänomenologie dieser Schicht des Unbewußten
zu begeben. Diese Arbeit erwies sich als fruchtbar. Jung entdeckte dabei
nicht nur die Ursachen bestimmter psychischer Störungen, sondern auch
jenen tiefen und intimen Vorgang, den er als „Prozeß der Individuation“
bezeichnete und der nichts anderes ist als die schrittweise Geburt eines
anderen Ich (Jung nennt es das „Selbst“), das dem gewöhnlichen Ich oder
Ego übergeordnet ist. Die Entdeckung des Prozesses der „zweiten Geburt“
führte ihn dazu, die Skala seiner Forschungsarbeit beträchtlich zu erweitern,
namentlich auf den Symbolismus, die Rituale der Mysterien und das
vergleichende Studium der zeitgenössischen und der alten Religionen.
Diese Erweiterung seines Forschungsbereiches erwies sich ebenfalls als
fruchtbar. Denn die Entdeckung C. G. Jungs (die ihn zunächst peinigte und
ihn fünfzehn Jahre daran gehindert hat, zu irgendeiner Menschenseele
darüber zu sprechen) hatte ihre Begleiterscheinungen, darunter die
Erkenntnis. und Beschreibung einiger Gefahren oder Versuchungen, welche
der Weg der Einweihung und der Individuationsprozeß, der ihm entspricht,
mit sich bringen. Eine dieser Gefahren – die zugleich Prüfungen oder
Versuchungen sind – ist diejenige, die Jung mit dem Ausdruck „Inflation“
bezeichnet, die den Zustand des bis zur Überspanntheit aufgeblähten
Ichbewußtseins bedeutet und die in seiner äußersten Erscheinungsform in
der Psychiatrie unter dem Ausdruck „Größenwahn“ bekannt ist.
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
177
Wir haben es hier also mit einer Stufenfolge psychischer Phänomene zu
tun, deren Beginn sich durch relativ harmlose Formen ankündigt, wie eine
hohe, nicht ganz gerechtfertigte Meinung von sich selbst oder den etwas
übertriebenen Wunsch, alles nach seinem eigenen Kopf zu machen, die
geradezu gefährlich werden, wenn sie sich als abwertende, negative
Einstellung aller Welt gegenüber bekunden und man dabei die Fähigkeit zur
Anerkennung, Dankbarkeit und Verehrung allein auf sich selbst anwendet,
und die schließlich eine kaum heilbare Katastrophe bedeuten, wenn sie
sich als Besessensein von leicht als solche zu durchschauenden Illusionen
enthüllen – oder schlicht und einfach als Größenwahn.
Die wesentlichen Stufen der „Inflation“ sind also: übertriebenes
Wichtignehmen der eigenen Person, der Komplex der Überlegenheit mit
Neigung zu Zwangsvorstellungen, endlich der Größenwahn.
Die erste Stufe bedeutet eine praktische Aufgabe für die Arbeit an sich
selbst; die zweite Stufe ist eine ernste Prüfung, während die dritte die
Katastrophe ist.
Worum handelt es sich bei dem Prozeß der „Inflation“? – Sehen wir zuerst,
was Jung selbst darüber sagt:
„Die ,übergeordnete Persönlichkeit’ ist der totale Mensch, nämlich so,
wie einer wirklich ist, und nicht nur so, wie er sich vorkommt. Zur
Ganzheit gehört auch die unbewußte Seele, welche ihre Forderungen und
Lebensnotwendigkeiten hat wie das Bewußtsein (...) Ich bezeichne die
,übergeordnete Persönlichkeit’ gewöhnlich als ,Selbst`, womit ich eine
scharfe Trennung mache zwischen dem Ich, das bekanntlich nur so weit wie
das Bewußtsein reicht, und dem Ganzen der Persönlichkeit, in welches
neben dem bewußten Anteil auch der unbewußte einbezogen ist. Das Ich
steht also dem ,Selbst` wie ein Teil dem Ganzen gegenüber. Insofern ist das
Selbst übergeordnet. Das Selbst wird auch empirisch nicht als Subjekt,
sondern als Objekt empfunden, und zwar vermöge seines unbewußten
Anteils, der nur indirekt, nämlich via Projektion, zur Bewußtheit gelangen
kann.“
Nun ist dieser „Weg der Projektion“ der lebendige Symbolismus,
sowohl der traditionelle als auch der, welcher sich in Träumen, in der
„aktiven Vorstellung“ und in Visionen kundtut. Wenn man über eine Serie
von Träumen Betrachtungen anstellt, indem man Hunderte von ihnen
zusammenstellt, zeigen die Träume, daß sie einer Art Plan gehorchen. Sie
scheinen sich einer dem anderen anzuschließen und in einem tieferen Sinne
einem gemeinsamen Ziel unterworfen zu sein,
„... so daß eine lange Traumserie nicht mehr als ein sinnloses
Aneinanderreihen inkohärenter und einmaliger Geschehnisse erscheint,
sondern als ein wie in planvollen Stufen verlaufener Entwicklungs- oder
Ordnungsprozeß. Ich habe diesen in der Symbolik langer Traumserien sich
spontan ausdrückenden unbewußten Vorgang als Individuationsprozeß
bezeichnet.“
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
178
Der Individuationsprozeß ist „die spontane Verwirklichung des ganzen
Menschen“. Denn die von nun an gültige Formel für den Seelenbegriff ist:
„Psyche = Ich-Bewußtsein + Unbewußtes“. Was die Rolle des Unbewußten
in dieser Formulierung betrifft, so muß man vor allem der Tatsache
Rechnung tragen,
„daß bei jedem Kinde das Bewußtsein im Verlaufe einiger Jahre aus
dem Unbewußten herauswächst, sodann daß das Bewußtsein jeweils nur
ein temporärer Zustand ist, der auf einer physiologischen Höchstleistung
beruht und daher regelmäßig durch Phasen des Unbewußtseins, d. h. des
Schlafes, unterbrochen wird, und daß schließlich der unbewußten Psyche
nicht nur die längere Lebensdauer, sondern auch die Kontinuität des
Vorhandenseins zukommt.“
Nun ist der Individuationsprozeß der Vorgang der Harmonisierung des
Ichbewußtseins und des Unbewußten der Psyche. Aber
„Bewußtsein und Unbewußtes ergeben kein Ganzes, wenn das eine
durch das andere unterdrückt und geschädigt wird.“
Es handelt sich um eine Harmonisierung, die nur realisierbar ist auf dem
Wege der Umzentrierung der Persönlichkeit, d. h. der Geburt eines neuen
Zentrums der Persönlichkeit, das sowohl an der Natur des Ichbewußtseins
wie an der des Unbewußten teilhat, eines Zentrums, mit anderen Worten,
in dem ständig eine Umsetzung des Unbewußten in Bewußtsein stattfindet.
Das ist das Ziel des Prozesses der „Individuation“, der zugleich eine Stufe
der Einweihung ist.
Der „Individuations“prozeß geht, wie wir gesagt haben, durch die
Herstellung einer Zusammenarbeit zwischen dem Unbewußten und dem
Bewußtsein vonstatten – und es ist der Bereich der Symbole, wo eine solche
Zusammenarbeit gegeben ist, und wo sie infolgedessen beginnen kann. Im
Prozeß der „Individuation“ begegnet man – vielmehr erweckt man –
Symbolkräfte, die Jung im Hinblick auf ihren urbildlichen Charakter mit dem
Namen „Archetypen“ bezeichnet.
„Der Archetypus nämlich – was man nie vergessen sollte – ist ein seelisches
Organ, das sich bei jedem findet. Eine schlechte Erklärung bedeutet eine
entsprechend schlechte Einstellung zu diesem Organ, wodurch dieses
beschädigt wird. Der schließlich Leidtragende ist aber der schlechte Erklärer.
Die ‚Erklärung’ sollte daher immer so ausfallen, daß der funktionale Sinn
des Archetypus erhalten bleibt, d. h., daß eine genügende und
sinnentsprechende Verbindung des Bewußtseins mit dem Archetypus
gewährleistet ist. Letzterer nämlich ist ein psychisches Strukturelement und
daher ein vital nötiger Bestandteil des seelischen Haushaltes ... Für den
Archetypus gibt es keinen ‚vernünftigen’ Ersatz, so wenig als für das
Kleinhirn oder die Nieren.“
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
179
Man soll also die Archetypen nicht leichtnehmen. Sie sind ungeheure
psychische Kräfte, welche das Bewußtsein überwuchern, überfluten und
verschlingen können. Das geschieht im Falle der Identifikation des
Bewußtseins mit dem Archetypus. Dann bildet sich meistens eine
Identifikation mit der Rolle des Helden (oder – wenn es sich um den
sogenannten Archetypus „der weise Greis“ oder „die große Mutter“ handelt –
eine Identifikation mit einer kosmischen Gestalt) heraus, eine aus
verschiedenen Gründen sehr anziehende Identifikation.
„Diese Identität ist öfters sehr hartnäckig und für das seelische Gleichgewicht
bedenklich. Gelingt die Auflösung der Identität, so kann sich die Gestalt des
Helden, unter Reduktion des Bewußtseins auf menschliches Maß,
allmählich bis zum Symbol des Selbstes differenzieren.“
Fügen wir hinzu, wenn sie nicht gelingt, nimmt die Gestalt des Helden
Besitz vom Bewußtsein. Dann findet die „zweite Identifikation“ oder die
Epiphanie des Heros statt.
„Die Epiphanie des Heros (zweite Identifikation) zeigt sich in einer
entsprechenden Inflation: der unverhältnismäßige Anspruch wird zur
Überzeugung, daß man etwas Besonderes sei; oder die Unerfüllbarkeit des
Anspruches beweist die eigene Minderwertigkeit, was die Rolle des
heldenhaften Dulders (eine negative Inflation) begünstigt. Trotz ihrer
Gegensätzlichkeit sind beide Formen identisch, weil bewußtem Größenwahn
unbewußte, kompensierende Minderwertigkeit, und bewußte
Minderwertigkeit unbewußtem Größenwahn entspricht. (Man findet nie
das eine ohne das andere.) Wird die Klippe der zweiten Identifikation
glücklich umschifft, so kann das bewußte Geschehen vom unbewußten
reinlich getrennt, und das unbewußte Geschehen objektiv beobachtet
werden. Daraus ergibt sich die Möglichkeit der Auseinandersetzung mit dem
Unbewußten und damit die der Synthese der bewußten und unbewußten
Elemente des Erkennens und Handelns. Daraus wiederum entsteht die
Verschiebung des Persönlichkeitszentrums aus dem Ich in das Selbst.“
Das ist das Ziel des Individuationsprozesses.
Nun ist die Inflation die Hauptgefahr, welche jeder läuft, der die
Erfahrung der Tiefe sucht, die Erfahrung dessen, was okkult ist und was
hinter der Fassade der Phänomene des gewöhnlichen Bewußtseins lebt und
wirkt. Die Inflation bildet also die hauptsächliche Gefahr und Prüfung für
die Okkultisten, Esoteriker, Magier, Gnostiker und Mystiker. Die Klöster
und die geistlichen Orden wußten dies immer in Anbetracht des großen
Schatzes an jahrtausendealter Erfahrung im Bereich des Tiefenlebens, den sie
angesammelt haben. Darum ist ihre ganze geistige Praxis auf die Pflege
der Demut gegründet, und zwar durch Mittel wie geübten geistigen
Gehorsam, Gewissenserforschung, Beichte und brüderliche gegenseitige
Hilfe der Mitglieder der Gemeinschaft.
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
180
Wäre zum Beispiel Sabbatai Zwi (1625-1676) Mitglied eines geistigen
Ordens gewesen, der eine ähnliche Schulung wie die geistlichen Orden und
christlichen Klöster gehabt hätte, so würde ihn seine Erleuchtung niemals
dazu geführt haben, sich (1648) einer Gruppe von Schülern als der
erwartete Messias auszugeben. Er hätte sich auch nicht zum Türken machen
müssen, um sein Leben zu retten und um seine Mission fortzusetzen („Gott
hat aus mir einen ismaelischen Türken gemacht; er hat befohlen und ich
habe gehorcht. Am neunten Tage nach meiner zweiten Geburt ...!“ schrieb
er an seine Getreuen nach Smyrna). Denn die positive Inflation wäre ihm erspart
geblieben, ganz wie es auch die negative Inflation geblieben wäre, worüber
uns sein Jünger Samuel Gandur folgende Beschreibung hinterlassen hat:
„Man sagt von Sabbatai Zwi, daß er seit fünfzehn Jahren von Leiden
folgender Art niedergedrückt wird: es verfolgt ihn eine Depression, die ihm
keine Ruhe läßt und ihm nicht einmal zu lesen erlaubt, ohne daß er zu sagen
vermochte, welcher Art dieser Angstzustand eigentlich sei, der über ihn
gekommen ist …“
Die Geschichte des erleuchteten Kabbalisten Sahbatai Zwi ist nur ein
extremer Fall der allgemeinen Gefahr oder Prüfung, der sich alle ausübenden
Esoteriker stellen müssen. Was Hargrave Jennings über die Rosenkreuzer
sagt, drückt in der Tat auf glückliche Weise diese Gefahr oder Prüfung aus:
„Sie sprechen von der ganzen Menschheit als unendlich tief unter ihnen
stehend; ihr Stolz geht über alle Vorstellung, obschon sie in ihrem Äußeren
sehr bescheiden und demütig sind. Sie rühmen sich der Armut und erklären, daß
es der für sie bestimmte Stand sei, und dabei brüsten sie sich damit, die
Universalreichen zu sein. Sie weisen alle menschlichen Leidenschaften ab oder
unterwerfen ihnen als ratsame Ausflucht nur den Schein reizender
Verpflichtungen, die als zusagender Wechsel angenommen werden, oder als
Paß in einer Welt, die aus ihnen oder ihrem Trugbilde zusammengesetzt ist.
Sie mengen sich recht anmutig unter die Gesellschaft der Frauen, jedoch mit
Herzen, die in dieser Richtung zur Weichheit gänzlich unfähig sind; dabei
kritisieren sie sie mitleidig oder verächtlich in ihrem eignen Innern als eine
von den Männern völlig verschiedene Gattung von Wesen. Sie sind in ihrem
Äußern sehr einfach und nachgiebig, und doch hört der Eigenwert, der ihre
Herzen füllt, mit seiner selbstverherrlichenden Ausbreitung erst an den
endlosen Himmeln auf ... Im Vergleich zu den hermetischen Adepten sind
Monarchen arm, und ihre größten Anhäufungen von Schätzen sind verächtlich.
Neben ihren Weisen sind die gelehrtesten Leute reine Tölpel und
Dummköpfe... So sind sie gegen die Menschheit negativ; gegen alle Dinge
sonst positiv, im Selbst enthalten, selbst-erleuchtet, selbst alles; aber immer
bereit (da es zur Pflicht gemacht), Gutes zu tun, wo immer es möglich oder
recht ist.
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
181
Welchen Maßstab oder welche Würdigung kann man an diese ihre
unmeßbare Erhebung ihres Ichs anlegen? Gewöhnliche Schätzungen versagen bei
der Vorstellung davon. Entweder ist der Stand dieser okkulten Philosophen der
Gipfel der Erhabenheit, oder er ist der Gipfel der Absurdität.“
Sagen wir: sowohl Erhabenheit als auch Absurdität, denn die Inflation
ist immer zugleich erhaben und absurd. Eliphas Lévi sagt darüber:
„Es gibt eine Wissenschaft, die den Menschen scheinbar übermenschliche
Vorrechte verleiht. So fand ich sie in einem hebräischen Manuskript aus
dem XVI. Jahrhundert aufgezählt: ...
א Aleph. – Er sieht Gott von Angesicht zu Angesicht, ohne zu sterben,
und spricht vertraulich mit den sieben Genien, die die ganze himmlische
Heerschar befehligen.
ב Beth. – Er steht über aller Bekümmernis und Furcht.
ג Ghimmel. – Er herrscht mit dem ganzen Himmel, und die ganze Hölle
dient ihm.
ד Daleth. – Er verfügt über Gesundheit und Leben bei sich und anderen.
ה He. – Durch kein Mißgeschick wird er überrascht, durch kein Unglück
niedergedrückt, durch keinen Feind besiegt.
ו Vau. – Er kennt den Sinn von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.
ז Dzain.. – Er kennt das Geheimnis der Auferstehung von den Toten und
besitzt den Schlüssel zur Unsterblichkeit.“
Handelt es sich hier um ein Programm oder um eine gelebte Erfahrung?
Wenn es Erfahrung ist, ist es die der sehr weit vorangetriebenen Inflation.
Wenn es ein Programm ist, wird derjenige, welcher es ernsthaft zu
verwirklichen sucht, unweigerlich entweder der positiven Inflation
(Überlegenheitskomplex) oder aber der negativen Inflation
(Minderwertigkeitskomplex) zum Opfer fallen.
Wie dem auch sei, die Erfahrung oder das Programm des hebräischen
Manuskripts des 16. Jahrhunderts, das Eliphas Lévi zitiert, verrät eine
bemerkenswerte Ähnlichkeit mit der Erfahrung von John Custance, die dieser
in seinem Werk beschreibt. Dort heißt es:
„Ich fühle mich Gott so nahe, so inspiriert durch seinen Geist, daß ich in
einem gewissen Sinne Gott bin. Ich sehe die Zukunft, ich mache den Plan
des Universums, ich rette die Menschheit; ich bin absolut und völlig
unsterblich; ich bin zugleich männlich und weiblich. Das ganze Universum,
das belebte und unbelebte, das Vergangene, gegenwärtige und zukünftige,
ist in mir. Die ganze Natur und das ganze Leben, alle Geister wirken mit
mir zusammen und sind mir verbunden; alle Dinge sind möglich. Ich bin in
einem gewissen Sinne identisch mit allen Geistern von Gott bis Satan. Ich
bringe das Gute und das Böse in Einklang, und ich schaffe das Licht, die
Finsternis, die Welten, die Universen.“
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
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Der von John Custance beschriebene Zustand ist charakteristisch für die akute
Manie, und der Autor selbst leugnet es keineswegs. Würde er ihn aber weiterhin
so betrachten, so kann man sich fragen, wenn er wüßte, daß seine Erfahrung
sich in der Brhadāranyaka Upanishad genau beschrieben findet, wo es heißt:
„Wer das Selbst gefunden hat und sich dessen bewußt geworden ist und in
diese unerforschliche Wohnung eingetreten ist, ist der Schöpfer von allem, der
Schöpfer der ganzen Welt; er ist die ganze Welt.“
Kann man indessen mit Gewißheit sagen, daß der angeführte Text der
Upanishaden auf eine Erfahrung gegründet ist, die von der des John Custance
völlig verschieden ist?
Ich habe vor 38 Jahren einen ruhigen Menschen reifen Alters gekannt, der
an der YMCA in der Hauptstadt eines baltischen Landes Englisch
unterrichtete. Er enthüllte mir eines Tages, daß er den geistigen Zustand
erreicht habe, der sich durch den „ewigen Blick“ offenbart und welcher derjenige
des Bewußtseins von der Identität des Selbst mit der ewigen Wirklichkeit der
Welt ist. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, gesehen vom Pfad der
Ewigkeit aus, wo sein Bewußtsein beheimatet war, erschienen ihm wie ein
offenes Buch. Er hatte keine Probleme mehr, nicht weil er sie gelöst hätte,
sondern weil er den Zustand des Bewußtseins erreicht hatte, wo sie
verschwinden, weil sie ohne Bedeutung geworden sind. Denn Probleme gehören
in den Bereich der Bewegung in Zeit und Raum; wer sie transzendiert und im
Bereich der Ewigkeit und Unendlichkeit ankommt, wo es weder Bewegung
noch Veränderung gibt, ist frei von Problemen.
Als er mir von diesen Dingen sprach, strahlten seine schönen, blauen Augen
Lauterkeit und Gewißheit aus. Doch dieses Licht wich einer finsteren und
unwilligen Miene, sobald ich die Frage gestellt hatte nach. dem Wert des
„subjektiven Gefühls der Ewigkeit“, ohne objektiv etwas darüber hinaus zu
wissen noch tun zu können, um der Menschheit zu helfen, sei es in ihrem
geistigen oder sonstigen Fortschritt, sei es in ihrem geistigen, seelischen oder
körperlichen Leiden. Er hat mir diese Frage nicht verziehen, und sein mir
zugewandter Rücken war sein letzter Eindruck von ihm in dieser Welt ... (Er
begab sich nach Indien, wo er bald darauf als Opfer einer Epidemie starb).
Ich erzähle diese Episode aus meinem Leben nur, lieber Unbekannter
Freund, damit Sie wissen, wann und wie mir das sehr ernste Problem der
Formen und Gefahren des spirituellen Größenwahns aufging und daß ich der
objektiven Erfahrung den Beginn der Arbeit über dieses Problem verdanke,
von der ich hier einige Ergebnisse darlege.
Der spirituelle Größenwahn ist so alt wie die Welt. Sein Ursprung findet sich,
gemäß der jahrtausendealten Tradition über den gefallenen Luzifer, oberhalb der
irdischen Welt. Der Prophet Ezechiel gibt darüber die erschütterndste
Beschreibung:
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
183
„Du warst ein Muster der Vollendung,
Voll der Weisheit und vollendet schön.
In Eden, dem Göttergarten, warst du,
Edelsteine aller Art bedeckten dich,
Karneol, Topas, Jaspis, Chrysolith, Onyx,
Bergyll, Saphir, Karfunkel, Smaragd.
Von Gold waren gearbeitet deine Tamburine und deine Flöten,
am Tage deiner Erschaffung wurden sie bereitet.
Zu einem schirmenden Kerub stelle ich dich,
auf dem heiligen Gottesberge warst du,
inmitten feuriger Steine gingst du einher ...
Hochmütig war dein Sinnen geworden ob deiner Schönheit;
du richtetest deine Weisheit zugrunde um deiner Schönheit willen.
Um deiner vielen Schulden willen warf ich dich zur Erde
hinab, machte dich zur Augenweide für Könige” (Ez 28, 12 ff 17).
Das ist der Ursprung der Inflation, des Überlegenheitskomplexes und des
Größenwahns oben. Und da „was unten ist, wie das ist, was oben ist“,
wiederholt es sich unten im menschlichen irdischen Leben von Jahrhundert zu
Jahrhundert, von Generation zu Generation.
Es wiederholt sich vor allem im Leben solcher Menschen, die sich losreißen
vom gewöhnlichen, irdischen Milieu und vom Bewußtseinszustand, der zu
diesem gehört, und die beides transzendieren, sei es im Sinne der Höhe, der
Breite oder der Tiefe. Wer nach einer höheren Ebene trachtet als der des
irdischen Milieus, läuft Gefahr, hochmütig zu werden; wer die Breite jenseits
der Grenzen des normalen Umkreises seiner irdischen Pflichten und Freuden
sucht, läuft Gefahr, sich selbst für immer wichtiger anzusehen; wer auf der
Suche nach der Tiefe ist, welche der Oberfläche der Erscheinungen des
irdischen Lebens zugrunde liegt, läuft die größte Gefahr: die der Inflation, von
der C. G. Jung spricht.
Der abstrakte Metaphysiker, der die Welten ordnet nach einer selbstgewählten
Ordnung, kann jedes Interesse für das Besondere und Individuelle verlieren, so
daß er dazu kommt, die Menschen für fast ebenso unbedeutend anzusehen wie
die Insekten. Er betrachtet sie nur von oben herab. Von seiner metaphysischen
Höhe aus gesehen, verlieren sie an Proportion und werden für ihn klein bis zur
Bedeutungslosigkeit – während er, der Metaphysiker, groß ist, da er an den
großen Dingen der Metaphysik teilhat, die ihn mit Größe umkleiden.
Der Reformator, der die Menschheit verbessern oder retten will, fällt leicht der
Versuchung zum Opfer, sich selbst als aktives Zentrum des passiven Umkreises
der Menschheit zu betrachten. Er fühlt sich als Träger einer Mission von
universaler Tragweite, weshalb er sich für immer wichtiger hält.
Der praktische Okkultist, Esoteriker oder Hermetiker (wenn er nicht
praktizierend ist, ist er nur Metaphysiker oder Reformator) experimentiert mit
höheren Kräften, die jenseits seines Bewußtseins wirken und die in dieses
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
184
eintreten. Um welchen Preis? – Um den Preis der Anbetung auf den Knien – oder
aber um den Preis der Identifikation seiner selbst mit diesen Kräften, was in den
Größenwahn mündet.
Man spricht viel von den Gefahren des Okkultismus. Die schwarze Magie
gilt gewöhnlich als größte Gefahr, vor welcher der Anfänger durch die
„Meister“ gewarnt wird. Andere (vor allem Menschen, die sich mehr oder
weniger in der Medizin auskennen) sehen sie in Störungen des Nervensystems.
Die Erfahrung von 43 Jahren praktiziertem Okkultismus (oder praktizierter
Esoterik) hat mich jedoch gelehrt, daß die Gefahr des Okkultismus weder in der
schwarzen Magie noch in Nervenstörungen liegt – wenigstens begegnet man
diesen Gefahren nicht häufiger unter Okkultisten als unter Politikern, Künstlern,
Psychologen, Gläubigen und Agnostikern. Ich bin nicht imstande, irgendeinen
schwarzen Magier unter den Okkultisten, die ich kenne, mit Namen zu nennen,
während es mir nicht allzu schwerfallen würde, zum Beispiel einige Politiker
zu nennen, die mit Okkultismus nichts zu tun hatten – die ihm sogar feindlich
gegenüberstanden – und deren Einfluß und Wirkung voll und ganz mit dem
Konzept des „klassischen Schwarzmagiers“ übereinstimmen. In der Tat, ist es
denn schwierig, Politiker zu nennen, die einen unheilvollen, suggestiven Einfluß
auf die Volksmassen ausübten, indem sie sie verblendeten und sie zu Taten von
Grausamkeit, Ungerechtigkeit und Gewalt anstachelten, zu denen jeder einzelne,
für sich genommen, unfähig gewesen wäre? Die durch ihren gleichsam
magischen Einfluß die Menschen ihrer Freiheit beraubten und sie besessen
machten? Und ist eine Handlung, die andere Menschen ihrer moralischen
Freiheit beraubt und sie besessen macht, nicht das Ziel und das eigentliche
Wesen der schwarzen Magie?
Nein, lieber Unbekannter Freund, die Okkultisten – einschließlich
derjenigen, welche die zeremonielle Magie praktizieren – sind weder Meister
noch Schüler der schwarzen Magie. Um die Wahrheit zu sagen, sie sind
diejenigen, die am allerwenigsten mit ihr gemein haben. Es ist wahr, daß sie –
vor allem die Adepten der zeremoniellen Magie – oft Illusionen zum Opfer fallen
und sich und andere täuschen, aber ist das schwarze Magie? Übrigens, wo kann
man eine Gruppe von Menschen finden, die sich niemals täuscht? Selbst
Doktor Faust, der einen Pakt mit dem Teufel schloß (und das betrifft alle
derartigen „Paktierer“, die alten und die modernen), wurde nur das naive Opfer
eines Schelmenstreiches von seiten des Mephistopheles (welcher der große
Schalk ist, wohlbekannt unter denen, die sich in der „okkulten Welt“
auskennen); denn wie können Sie irgend etwas „verkaufen“, das Ihnen
überhaupt nicht gehört? Seine Seele hätte den Doktor Faust verkaufen können,
aber niemals der Doktor Faust seine Seele, wie feierlich auch der Pakt
geschlossen wurde, und gleichgültig, ob er mit Blut oder mit gewöhnlicher
Tinte geschrieben und unterzeichnet wurde.
Das ist die Art des Mephistopheles, denen eine Lektion zu erteilen, die
Übermenschen sein wollen: er bringt das kindische Wesen ihrer Prätentionen ans
Tageslicht. Mag man auch die Naivität des armen Dr. Faust beklagen, so
wird man doch dahin geführt, die „Methode des Schelmenstreichs“ des
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
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Mephistopheles als letztlich heilsam anzusehen. Denn was Mephistopheles tut
(und andere Beispiele seiner Methode jüngeren Datums könnten zitiert
werden), ist, daß er das Lächerliche und Absurde der besagten
„übermenschlichen“ Bestrebungen und Anmaßungen aufzeigt.
„Von allen Geistern, die verneinen,
ist mir der Schalk am wenigsten zur Last“,
sagt Gott von Mephisto in Goethes Faust.
Verurteilen also auch wir nicht den Schalk der geistigen Welt und vor allem,
haben wir keine Angst vor ihm. Verurteilen wir auch nicht den Doktor Faust,
unseren Bruder, indem wir ihn der schwarzen Magie bezichtigen – wenn man
schon anklagen muß, könnte man ihm höchstens kindliche Leichtgläubigkeit
anlasten. Auf jeden Fall war er hundertfach unschuldiger der Menschheit
gegenüber als unsere Zeitgenossen, welche die Atombombe erfunden haben – als
gute Bürger und Wissenschaftler.
Nein, weder schwarze Magie noch Nervenstörungen bilden die besonderen
Gefahren des Okkultismus. Seine Hauptgefahr, die jedoch nicht sein Monopol
ist, wird mit den drei Hauptbegriffen definiert: Überlegenheitskomplex, Inflation,
Größenwahn.
In der Tat gibt es selten einen fortgeschrittenen Okkultisten, der nicht von
diesem moralischen Übel ergriffen ist oder es einmal in der Vergangenheit
durchgemacht hat. Die Tendenz zum Größenwahn zeigt sich des öfteren bei den
Okkultisten. Das haben mich sowohl die Lektüre der okkultistischen Literatur als
auch Jahrzehnte persönlicher Beziehungen gelehrt. Es gibt viele Abstufungen
dieses moralischen Gebrechens. Es zeigt sich zunächst in einer angemaßten
Sicherheit im Auftreten und in einer gewissen Lässigkeit, mit der man von
höheren und heiligen Dingen spricht. Dann verrät es sich als „Besserwissen“ und
„Alles-wissen“, d. h. in der Haltung des Meisters gegenüber jedermann.
Endlich bekundet es sich als stillschweigende oder auch nicht stillschweigende
Unfehlbarkeit.
Ich will keine Stellen der okkultistischen Literatur zitieren noch Namen
nennen, noch biographische Tatsachen bekannter Okkultisten erwähnen, um
diese Diagnose zu beweisen oder zu illustrieren. Es wird ihnen nicht
schwerfallen, lieber Unbekannter Freund, solche selbst im Überfluß zu
finden. Meine Absicht ist einerseits, falsche Beschuldigungen gegenüber
dem Okkultismus zurückzuweisen und andererseits die wirkliche Gefahr, die
der Okkultismus mit sich bringt, herauszustellen, damit man sich vor ihr
hüte.
Was kann man gegen diese Gefahr tun, um seine moralische Gesundheit
zu bewahren?
Der alte Spruch: „Ora et labora – bete und arbeite“ enthält die einzige
Antwort, die ich habe finden können. Anbetung und Arbeit bilden das
einzige Hilfsmittel, das ich kenne, das sowohl vorbeugend wie heilend wirkt
gegen Anwandlungen von Größenwahn. Man muß anbeten, was über uns
ist, und teilnehmen am allmenschlichen Bemühen im Bereich der objektiven
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Tatsachen, um die Illusionen in Schach zu halten über das, was man ist und
was man kann. Denn wer sein Gebet und seine Meditation auf das Niveau
der reinen Anbetung erheben kann, wird sich immer des Abstandes bewußt
sein, der den Anbetenden von dem Angebeteten trennt (und zugleich mit
ihm vereint). Er kommt also nicht in Versuchung, sich selbst zu verehren,
was in letzter Analyse die Wurzel des Größenwahns ist. Er wird immer den
Unterschied zwischen sich und dem Angebeteten im Auge behalten. Er wird
nicht, was er ist, verwechseln mit dem, was das angebetete Wesen ist.
Andererseits fällt derjenige, der arbeitet, d. h., der teilnimmt am
allmenschlichen Bemühen, welches auf objektive und nachprüfbare
Ergebnisse hinzielt, nicht leicht der Illusion anheim bezüglich dessen, was er
kann. So lernt zum Beispiel ein praktizierender Mediziner, der seine Macht
zu heilen überschätzt, bald die wirkliche Grenze seines Könnens durch das
Erleben seiner Mißerfolge kennen.
Jakob Böhme war Schuster und Erleuchteter. Er, der die Erfahrung der
Erleuchtung gehabt hatte (,,... ist mir die Pforte eröffnet worden, daß ich in
einer Viertelstunde mehr gesehen und gewußt habe, als wenn ich wäre viel
Jahre auf hohen Schulen gewesen ...“, schrieb er in einem Brief an den
Zollbeamten Lindner, „denn ich sah und erkannte das Wesen aller Wesen,
den Grund und Ungrund ...“), schloß daraus keineswegs, daß er als
Schuster hinfort mehr könne als seine Zunftgenossen oder mehr, als er vor
seiner Erleuchtung gekonnt hatte. Andererseits hatte ihn seine Erleuchtung
die Größe Gottes und der Welt gelehrt:
„... dessen ich mich so hoch verwunderte, wußte nicht, wie mir
geschah, und darüber mein Herz ins Lob Gottes wendete ...“,
was ihn mit Anbetung erfüllte („darüber mein Herz ins Lob Gottes wendete
... “).
Die handwerkliche Arbeit und die Anbetung Gottes hatten also die
moralische Gesundheit von Jakob Böhme geschützt, und ich erlaube mir
hinzuzufügen, daß meine Erfahrung im Bereich der Esoterik mich gelehrt hat,
daß das, was im Falle Jakob Böhmes heilsam war, auch ausnahmslos für alle
diejenigen heilsam ist, die nach übersinnlichen Erfahrungen streben.
Anbetung und Arbeit – „Ora et labora“ – bilden also die bedingungslose
Voraussetzung, die „conditio sine qua non“, der praktischen Esoterik, um die
Neigung zum Größenwahn in Schach zu halten. Wohlgemerkt: um sie in
Schach zu halten! Denn um gegen diese moralische Krankheit immun zu
werden, ist mehr vonnöten! Es bedarf der wirklichen Erfahrung einer
konkreten Begegnung mit einem Wesen, welches höher ist als Sie. Ich
verstehe unter „konkreter Begegnung“ weder das Gefühl des „höheren
Selbst“ noch das mehr oder weniger undeutliche Gefühl der „Gegenwart
eines übergeordneten Wesens“, noch die Erfahrung des Stromes „der
Inspiration“, der Sie mit Leben und Licht erfüllt. – Nein, was ich unter
„konkreter Begegnung“ verstehe, ist nichts anderes als eine wirkliche und
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wahrhaft konkrete Begegnung, d. h. von Angesicht zu Angesicht. Sie kann
geistig sein – von Angesicht zu Angesicht in einer Vision – oder auch konkret
physisch.
So begegnete die hl. Teresa von Avila (um nur ein Beispiel von mehreren
bekannten zu nennen) dem Meister, sprach mit ihm, erbat und empfing
Ratschläge und Hinweise von ihm in Dingen, die auf der Ebene objektiver
Geistigkeit liegen (ja, die Spiritualität ist nicht ausschließlich subjektiv, sie
kann auch objektiv sein). Andererseits begegneten Papus und die Gruppe
seiner okkultistischen Freunde Philipp von Lyon auf dem physischen Plan.
Hier haben wir zwei Beispiele der konkreten Begegnung, wie ich sie verstehe.
Nun wird derjenige, welcher die Erfahrung der konkreten Begegnung mit
einem höheren Wesen gehabt hat (einem Gerechten, einem Heiligen, einem
Engel oder anderen hierarchischen Wesen, der Heiligen Jungfrau, dem
Meister ...), durch diese Tatsache selbst immunisiert gegen die Tendenz zum
Größenwahn. Die Erfahrung, dem Großen von Angesicht zu Angesicht
gegenübergestanden zu haben, bringt notwendig völlige Heilung und
Immunität in bezug auf jede Tendenz zum Größenwahn mit sich. Niemals
kann ein menschliches Wesen, welches gesehen und gehört hat, sich selbst
zum Idol machen. Mehr als das: das wahre und letzte Kriterium für die
Wirklichkeit einer sogenannten „visionären Erfahrung“, d. h. bezüglich ihrer
Echtheit oder Falschheit, ist in der moralischen Wirkung dieser Erfahrung
gegeben, nämlich ob sie den Visionär demütiger oder anmaßender macht.
Ihre Begegnungen mit dem Meister machten die hl. Teresa immer demütiger.
Die irdische Erfahrung der Begegnung mit Philipp von Lyon machte Papus
und seine okkultistischen Freunde demütiger. So waren diese beiden
Erfahrungen, so verschieden sie nach ihrem Subjekt und ihrem Objekt auch
waren, echt. Weder Papus hatte sich also über die geistige Größe desjenigen
getäuscht, den er als seinen „geistigen Meister“ anerkannte, noch hatte sich
die hl. Teresa getäuscht in der Wirklichkeit des Meisters, den sie sah und
sprechen hörte.
Lesen Sie die Bibel, lieber Unbekannter Freund, und Sie werden eine
große Anzahl anderer Beispiele für das folgende Gesetz finden: Echte
Erfahrung des Göttlichen macht demütig; wer nicht demütig ist, hat keine echte
Erfahrung des Göttlichen gehabt. Nehmen Sie die Apostel, die den Meister
„gesehen und gehört“ haben, und die Propheten, die den Heiligen Israels
„gesehen und gehört“ haben. Sie werden bei ihnen keinen Zug zur Tendenz
der „Hybris“ finden, den Sie wohl bei so manchem gnostischen Gelehrten
finden werden, der (folglich) nicht „gesehen und gehört“ hat.
Wenn es jedoch wahr ist, daß man „gesehen und gehört“ haben muß, um
die Lektion der Demut von Grund auf zu lernen, was soll man dann von den
Menschen sagen, die „natürlicherweise“ demütig sind, und die nicht
„gesehen und gehört“ haben?
Unbeschadet anderer auch gültiger Antworten scheint mir die Antwort
richtig, daß alle, die demütig sind, irgendwann und irgendwo gesehen und
gehört haben, gleichgültig, ob sie sich daran erinnern oder nicht.
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
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Demut kann entweder die wirkliche (nicht intellektuelle) Erinnerung
der Seele an eine geistige Erfahrung vor der Geburt sein, oder die Erinnerung
einer nächtlichen Erfahrung während des Schlafes, die im Bereich des
Unbewußten bleibt, oder auch die Wirkung einer gegenwärtigen, bewußten
oder unbewußten Erfahrung, die man weder sich noch anderen eingesteht.
Denn Demut ist – ganz wie die Barmherzigkeit – keine natürliche
Eigenschaft der menschlichen Natur. Ihr Ursprung kann nicht im Bereich
der natürlichen Evolution gefunden werden, d. h.,. daß es nicht möglich ist, sie
als Frucht des Kampfes ums Dasein, der natürlichen Auslese oder des
Überlebens des Stärkeren auf Kosten des Schwächeren zu empfangen; denn
die Schule des Kampfes ums Dasein erzeugt keine Demütigen; sie erzeugt
nur Kämpfer, Krieger aller Art. Demut ist eine Eigenschaft, die man dem
Wirken der Gnade zu verdanken hat, d. h., sie muß eine Gabe von oben sein.
Nun sind die „konkreten Begegnungen von Angesicht zu Angesicht“, von
denen hier die Rede ist, immer und ohne Ausnahme Geschenke der Gnade,
da sie Begegnungen sind, in denen das höhere Wesen sich aus eigenem
Antrieb dem niederen Wesen nähert. Die Begegnung, die aus Saulus, dem
Pharisäer, Paulus, den Apostel, machte, war nicht die Frucht seiner
Bemühungen: sie war eine Tat desjenigen, dem er begegnete. So ist es mit
allen Begegnungen „von Angesicht zu Angesicht“ mit höheren Wesen. Unser
Anteil dabei ist nur zu „suchen“, „anzuklopfen“ und zu „bitten“; die
entscheidende Tat aber kommt von oben.
Kehren wir nun zum Arcanum „Der Wagen“ zurück, dessen traditionelle
Bedeutung „Sieg, Triumph und Erfolg“ ist.
„Diese Bedeutung ergibt sich ganz natürlich aus dein Verhalten der
Person, und das stellt keinerlei Schwierigkeit dar”, sagt J. Maxwell.
Nun gibt es gleichwohl eine Schwierigkeit, nämlich die Beantwortung der
Frage: Bedeutet das Kartenbild eine Warnung oder ein Ideal, oder beides
zugleich?
Ich bin geneigt, in allen Arcana des Tarot gleichzeitig Warnungen und
zu erreichende Ziele zu sehen – wenigstens haben die vierzig Jahre Studium
und Meditation des Tarot mich dies gelehrt.
So ist „Der Gaukler“ die Warnung vor dem intellektuellen Jonglieren des
sich nicht um Erfahrung kümmernden Metaphysikers und vor der
Scharlatanerie in allen Schattierungen. Gleichzeitig lehrt er die
„Konzentration ohne Anstrengung“ und den Gebrauch der Methode der
Analogie.
„Die Päpstin“ warnt uns vor den Gefahren des Gnostizismus, indem sie
uns die Disziplin der wahren Gnosis lehrt.
„Die Kaiserin“ zeigt uns die Gefahren des Mediumismus und des Magismus,
indem sie die Mysterien der geheiligten Magie enthüllt.
„Der Kaiser“ warnt uns vor dem Willen zur Macht und lehrt uns die
Macht des Kreuzes.
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„Der Papst“ warnt uns vor dem humanistischen Personalismus und dem
magischen Pentagramm, in dem er kulminiert, indem er ihm den heiligen
Gehorsam und die Magie der fünf Wunden gegenüberstellt.
„Der Verliebte“ warnt uns vor den drei Versuchungen und lehrt uns die
drei heiligen Gelübde.
„Der Wagen“ endlich warnt uns vor der Gefahr des Größenwahns und
belehrt uns über den wahren Sieg, den das Selbst erringt. Der vom Selbst
errungene Sieg – das bedeutet das Gelingen des „Individuationsprozesses“
nach C. G. Jung, oder das Gelingen des Werkes der wahren Freiheit, das die
Frucht der Katharsis oder Reinigung ist, die dem Photismos oder der
Erleuchtung vorangeht, auf die dann die Henosis oder Vereinigung folgt,
gemäß der westlichen Einweihungstradition. Der „Triumphator“ des
Siegeswagens kann also entweder einen an Größenwahn leidenden Kranken
bedeuten oder aber einen Menschen, der die Katharsis oder Läuterung, die
erste der drei Stufen auf dem Einweihungswege, durchschritten hat.
Die These, die ich hier aufstelle, ist, daß auch die Karte des siebten Arcanums
– wie alle anderen Karten der Arcana des Tarot – zwei Bedeutungen hat. Die
Person des siebten Kartenbildes bedeutet zugleich den „Triumphator“ und
den Triumphator, d. h. den Größenwahnsinnigen und den geläuterten
Menschen, der Herr seiner selbst ist. Wer ist dieser Mensch, Herr seiner
selbst, Sieger in den Prüfungen? – Es ist der Mensch, der die vier
Versuchungen in Schach hält – die drei in den Evangelien beschriebenen
„Versuchungen in der Wüste“ ebenso wie die sie zusammenfassende vierte
Versuchung der Hybris, das Zentrum des Dreiecks der Versuchungen – und
der darum der Herr der vier Elemente ist, die das Fahrzeug seines Wesens
bilden: Feuer, Luft, Wasser und Erde. „Herr der vier Elemente“ sein heißt
schöpferisch sein im klaren, flüssigen und präzisen Denken; denn Kreativität,
Klarheit, Flüssigkeit und Präzision sind die Offenbarungen der vier Elemente
im Bereich des Denkens. Das heißt weiter, daß man ein warmes, weites, zartes
und treues Herz hat, da Wärme, Weite, Sensibilität und Treue die
Offenbarungen der vier Elemente im Bereich des Gefühls sind. Das heißt
endlich, daß man Eifer („homme de désir“), Weite, Geschmeidigkeit und
Beständigkeit des Willens besitzt, denn dort offenbaren sich die vier
Elemente als Intensität, Weite, Anpassungsfähigkeit und Festigkeit.
Zusammenfassend kann man sagen, daß der Herr der vier Elemente ein
Mensch der Initiative ist, heiter, beweglich und fest. Er repräsentiert die vier
natürlichen Tugenden der katholischen Theologie: Klugheit (prudentia),
Stärke. (fortitudo), Mäßigkeit (temperantia) und Gerechtigkeit (iustitia) oder
die vier Kardinaltugenden Platons: Weisheit, Mut, Mäßigkeit und
Gerechtigkeit oder auch die vier Qualitäten des Sankarachaŷa: Viveka
(Unterscheidungsvermögen), Vairagya (Gelassenheit), die „sechs
Kleinodien“ des rechten Verhaltens und das Verlangen nach Befreiung. Wie
man auch die in Betracht kommenden vier Tugenden bezeichnen mag, immer
handelt es sich um die vier Elemente oder die Projektionen des Heiligen
Namens: הדהי; des Tetragrammaton, in der menschlichen Natur.
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
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Die vier Säulen, die den Baldachin auf dem von zwei Pferden gezogenen
Wagen der Karte des siebten Arcanums tragen, bedeuten also die vier
Elemente, im vertikalen Sinn genommen, d. h. in ihrer analogen Bedeutung
durch die drei Welten hindurch, die geistige, seelische und physische.
Und der Baldachin selbst, den die vier Säulen tragen, was bedeutet er?
Es ist die Funktion des Baldachins, sofern man ihn als materiellen
Gegenstand nimmt, die Person, die sich unter ihm befindet, zu schützen. Er dient
also als Überdachung. In seinem geistigen Sinn genommen, zu dem man auf dem
Wege der Analogie gelangt, drückt der Baldachin über einem Menschen,
welcher eine gelbe Königskrone trägt, zwei gegensätzliche Dinge aus:
entweder, daß der gekrönte Mensch ein Größenwahnsinniger ist, der sich im
Zustand der „splendid isolation“ befindet und der getrennt ist vom Himmel
durch den Baldachin, oder aber, daß der gekrönte Mensch ein in das
Mysterium geistiger Gesundheit Eingeweihter ist und daß er sich nicht mit dem
Himmel identifiziert, da er sich des Unterschieds bewußt ist, der zwischen
seinem Ich und dem, was oberhalb seiner ist, besteht. Mit anderen Worten, der
Baldachin weist auf die Tatsachen und Wahrheiten hin, die ebenso dem
Größenwahn wie der Demut zugrunde liegen. Da die Demut das Gesetz der
geistigen Gesundheit ist, schließt sie das Bewußtsein von Unterschied und
Abstand zwischen dem Zentrum des menschlichen Bewußtseins und dem
Zentrum des göttlichen Bewußtseins mit ein. Es gibt eine „Haut“ – oder einen
Baldachin, wenn Sie so wollen – im Bewußtsein des Menschen, welche – ganz
wie die Haut des menschlichen Körpers – das Menschliche vom Göttlichen
trennt, indem sie diese gleichzeitig vereint. Diese „geistige Haut“ behütet die
geistige Gesundheit des Menschen, indem sie ihm nicht erlaubt, sich
ontologisch mit Gott zu identifizieren oder zu sagen: „Ich bin Gott – aham
brahmāsmi“, aber ihm gleichzeitig die Beziehung der Atmung gestattet, die
Annäherungen und Entfernungen (die niemals Entfremdungen sind!), die
zusammen das Leben der Liebe bilden. Das Leben der Liebe besteht aus
Annäherungen und Entfernungen in dem immer gegenwärtigen Bewußtsein
der Nicht-Identität: sie ist analog dem Prozeß der Atmung, der aus Einatmen
und Ausatmen besteht. Findet sich dies nicht in unvergleichlicher Art in dem
Auszug des 42. Psalmes ausgedrückt, der der 6. Satz der Messe ist:
„Emitte lucem tuam et veritatem tuam: ipsa me deduxerunt et adduxerunt
in montem sanctum tuum, et in tabernacula tua – Send mir dein Licht und
deine Wahrheit, daß sie zu deinem heiligen Berg mich leiten und mich
führen zu deinen Hütten“?
Ja, das „Licht deiner Gegenwart (Annäherung) und die Wahrheit“, die ich
davon in mir empfange durch Reflexion (Entfernung) – führen uns „zu
deinen Hütten.“
Deine Hütten ... sind das nicht Zelte, Baldachine, Altarhimmel, unter
denen das Menschliche sich in Liebe vereint mit dem Göttlichen, ohne sich
mit ihm zu identifizieren noch von ihm absorbiert zu werden? Sind diese
Hütten nicht aus der „Haut der Demut“ gebildet, die einzige, die uns
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
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schützt vor der Gefahr, die Liebe durch ontologische Identifikation zu
töten, d. h. Identifikation des menschlichen Wesens mit dem göttlichen
Wesen („diese Seele ist Gott – ayam ātmā brahma“; „das Bewußtsein ist
Gott – pragnanam brahma“) ebenso wie vor der Gefahr des geistigen
Größenwahns, der sich anmaßt, das Wesen Gottes anstatt sein Ebenbild zu
sein.
Es gibt drei Formen mystischer Erfahrung – die Erfahrung der Vereinigung
mit der Natur, die der Vereinigung mit dem transzendenten menschlichen
Selbst und die der Vereinigung mit Gott. Die erste Art der Erfahrung ist die
Verwischung des Unterschieds zwischen dem individuellen seelischen
Leben und der umgebenden Natur. Lévy-Brühl nannte es „Participation
mystique – mystische Teilhabe“, ein Begriff, den er beim Studium der
Psychologie der Primitiven geprägt hat. Dieser Begriff bezeichnet den
Zustand des Bewußtseins, wo die Trennung zwischen dem bewußten Subjekt
und dem Objekt der äußeren Welt verschwindet und wo Subjekt und Objekt
eins werden. Diese Art der Erfahrung liegt nicht allein dem Schamanismus
und dem Totemismus der Primitiven zugrunde, sondern auch dem sogenannten
„mythogenen“ Bewußtsein, das die Quelle der natürlichen Mythen ist,
ebenso wie jedem glühenden Wunsch von Dichtern und Philosophen nach
Vereinigung mit der Natur (siehe Empedokles, der sich in den Krater des Ätna
stürzte, um sich mit den Elementen der Natur zu vereinigen). Die Wirkung
von Pyotl, Mescalin, Haschisch, Alkohol usw. kann manchmal (aber nicht
immer und nicht bei jedem!) der „mystischen Teilhabe“ analoge
Bewußtseinszustände hervorrufen.
Der charakteristische Zug dieser Art Erfahrung ist der Rausch, d. h. die
zeitweilige Verschmelzung des Ich mit Kräften außerhalb des
Ichbewußtseins. Die dionysischen Orgien der Antike beruhten auf der
Erfahrung des „geheiligten Rausches“, der durch die Aufhebung der
Unterscheidung zwischen Ich und Nicht-Ich hervorgerufen wurde.
Die zweite Form der mystischen Erfahrung ist diejenige des
transzendenten Ich oder des Selbst. Sie besteht in der Trennung des
gewöhnlichen empirischen Ich von einem höheren Ich, das oberhalb ist von
allein, was sich bewegt, und von allem, was zum Bereich von Raum und Zeit
gehört. Das höhere Ich wird also als unsterblich und frei erfahren.
Wenn die „Naturmystik“ durch Rausch gekennzeichnet ist, so ist im
Gegensatz dazu der charakteristische Zug der Mystik des Selbst die
fortschreitende Ernüchterung mit dem Ziel völliger Nüchternheit. Die auf die
mystische Erfahrung des Selbst gegründete Philosophie, die dies in reinster
Art darstellt und es am wenigsten durch Hinzufügung von gewagten
intellektuellen Spekulationen entstellt, ist die der indischen Schule von
Samkhya. Dort wird das individuelle purusha in seiner Trennung von prakriti
(d. h. dein Zusammenspiel von Bewegung, Raum und Zeit) als unsterblich
und frei erfahren. Obwohl dieselbe Erfahrung sich im Kern des Vedanta
findet, begnügen sich die Vedantisten nicht mit dieser unmittelbaren
Erfahrung, die nicht weniger und nicht mehr lehrt, als daß das wahre Ich des
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
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Menschen unsterblich und frei ist, sondern sie fügen das Postulat hinzu, daß
dieses höhere Ich Gott ist („ayam ātmā brahma – diese individuelle Seele ist
das Absolute“). Samkhya dagegen bleibt in den Grenzen der Erfahrung des
höheren Ich als solchem und verneint keineswegs die Vielheit der purushas
(d. h. die Vielheit der höheren unsterblichen und freien Iche), noch erhebt es
das individuelle purusha in die Würde des Absoluten – was ihm eingebracht
hat, als atheistisch betrachtet zu werden. Es ist atheistisch, wenn man
darunter das freie Eingeständnis versteht: „Ich habe keine Erfahrung gehabt
von irgend etwas Höherem als das unsterbliche und freie Ich; wenn ich mich
an die Erfahrung halte, was kann ich in Aufrichtigkeit darüber sagen?“
Samkhya ist keine Religion und verdient also nicht, als atheistisch eingeordnet
zu werden, ebensowenig wie es z. B. die Schule der modernen Psychologie
von Jung verdient. Andererseits: kann man es denn als Beweis für den
Glauben an Gott betrachten, wenn dem höheren Ich des Menschen die
Würde des Absoluten zugeschrieben wird?
Die dritte Art mystischer Erfahrung (der hier gebrauchte Ausdruck
„mystisch“ umfaßt die eigentliche mystische und die gnostische Erfahrung
als Einheit) ist die des lebendigen Gottes, des Gottes Abrahams, Isaaks und
Jakobs der jüdisch-christlichen Tradition, des Gottes des hl. Augustinus,
des hl. Franziskus, der hl. Teresa, des hl. Johannes vom Kreuz der
christlichen Tradition und des Gottes der Bhagavadgita, des Ramanuja, des
Madhva und des Caitanya der hinduistischen Tradition. Dort handelt es sich
um die Vereinigung mit Gott in der Liebe, welche die substantielle Dualität
impliziert, die sich in essentieller Übereinstimmung befindet.
Diese Erfahrung hat als charakteristischen Hauptzug die Synthese von
Rausch der Naturmystik und Nüchternheit der Mystik des höheren Ich. Der
von der Tradition geprägte Ausdruck für den Zustand, in dem sich der
glühende Enthusiasmus und der tiefe Friede gleichzeitig manifestieren, ist
jener der „Glückseligkeit“ (beatitudo) oder der „beseligenden Schau“(visio
beatifica). Die beseligende Schau impliziert die Zweiheit des Schauenden und
des Geschauten auf der einen Seite und ihre Einheit oder ihre innerliche
Übereinstimmung in der Liebe auf der anderen Seite. Darum drückt dieser
Begriff auf bewundernswert klare und präzise Weise das Wesen der
mystisch-theistischen Erfahrung aus: die Begegnung der Seele mit Gott von
Angesicht zu Angesicht in der Liebe. Diese Erfahrung ist um so erhabener,
je vollständiger die Unterscheidung und je vollkommener die Vereinigung
ist. Darum stellt die heilige Kabbala in den Mittelpunkt der geistigen
Erfahrung das heilige Antlitz (Arich Anphin) des Alten der Tage, und darum
auch lehrt sie, daß die höchste Erfahrung des menschlichen Wesens – ebenso
wie die erhabenste Form des Todes eines Sterblichen – erreicht wird, wenn
Gott die menschliche Seele umarmt.
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
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„Als unser Vater Abraham es verstanden hatte und als er all das
betrachtete, prüfte, vertiefte, verstand, bildete, eingravierte und
zusammenstellte, offenbarte sich ihm der Meister des Universums (‘adon
hakol) – gesegnet sei sein Name –, nahm ihn auf seinen Schoß, umarmte sein
Haupt und nannte ihn seinen Freund ...“
sagt darüber das Sepher Yetzirah. Und Johannes vom Kreuz spricht von
seinen Erfahrungen der göttlichen Gegenwart in den Zelten der Liebe nur
in der Sprache der Liebe.
Die drei Formen mystischer Erfahrung haben ihre Gesetze der Hygiene
oder ihre „Zelte“ oder „Häute“. Sie fallen unter das Gesetz der Mäßigkeit
oder des Maßes. Andernfalls bedrohen die Raserei der Akuten Manie, der
Größenwahn und die völlige Entfremdung von der Welt (ίδιωτεία) ihre
jeweiligen Anhänger.
Harnisch, Baldachin und Krone sind die drei Symbole des heilsamen Maßes
in den Erfahrungsbereichen der Natur-Mystik, der menschlichen Mystik und
der göttlichen Mystik.
Nun trägt „Der Triumphator“ des siebten Arcanums einen Harnisch, er
befindet sich unter einem Baldachin und er ist gekrönt. Dies ist der Fall,
damit er sich nicht verliert in der Natur, damit er Gott nicht verliert im Erleben
seines höheren Ich und damit er die Welt nicht verliert in der Erfahrung der
Liebe Gottes. Er hält die Gefahren der Raserei, des Größenwahns und der
Überspanntheit in Schach. Er ist gesund.
„Der Triumphator“ des siebten Arcanums ist der wahre Adept der
Hermetik, d. h. Schüler der zugleich göttlichen, menschlichen und natürlichen
Mystik, Gnosis und Magie.
Er läuft nicht; er steht aufrecht. Er sitzt nicht, versunken in Meditation; er
hält ein Zepter, das ihm dazu dient, die beiden Pferde, das rote und das
blaue, zu zügeln, die seinen Wagen ziehen. Er ist nicht abwesend,
eingetaucht in exaltierte Ekstase; er ist auf dem Wege und im Fortschreiten,
indem er stehend auf seinem Fahrzeug verharrt. Die beiden Pferde, das blaue
und das rote, haben die Anstrengung des Gehens übernommen. Die
instinktiven Kräfte des „Ja“ und des „Nein“, der Anziehung und der
Abstoßung, des arteriellen und des venösen Blutes, des Vertrauens und des
Mißtrauens, des Glaubens und des Zweifels, des Lebens und des Todes, der
„Rechten“ und der „Linken“ endlich, symbolisiert durch die Säulen Jakin und
Boas, sind in ihm zu bewegenden Kräften geworden, die seinem Zepter
gehorchen. Daß sie ihm aus eigenem Antrieb dienen, macht ihn zu ihrem
wahren Herrn. Er vertraut sich ihnen an und sie sich ihm – das ist
Beherrschung gemäß der Hermetik. In der Hermetik bedeutet nämlich
Beherrschung nicht Unterjochung des Niederen durch das Höhere, sondern
Bündnis des Überbewußten, des Bewußten und des Unterbewußten oder
Instinktiven. Das ist das hermetische Ideal des Friedens im Mikrokosmos –
das Urbild des Friedens in der in Rassen, Nationen, Klassen und
Glaubensgemeinschaften getrennten Menschheit.
Valentin Tomberg – Die großen Arcana des Tarot – BAND-1
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Dieser Friede ist das Gleichgewicht oder die Gerechtigkeit, wo jede einzelne
Kraft, die teilhat am Leben des Mikrokosmos, ihren rechten Platz im Leben
des gesamten seelischen und physischen Organismus zugewiesen bekommen
hat.
Nun, das Gleichgewicht oder die Gerechtigkeit ist Gegenstand des
folgenden, des achten Arcanums „Die Gerechtigkeit“, das das Thema des
nächsten Briefes sein wird.
Wenn man die praktische Lehre – es ist immer der praktische Aspekt, der
uns vor allem beschäftigt – des siebten Arcanums des Tarot zusammenfaßt,
kann man sagen: Der ,;Triumphator“ ist der „Genesende“, – d. h., der
„Triumphator“ hat triumphiert über die Krankheit oder die Störung des
geistigen, seelischen und körperlichen Gleichgewichts, was besagt, daß er zu
gleicher Zeit der „Gerechte“ ist oder derjenige, der über die vier Versuchungen
triumphiert, indem er den drei heiligen Gelübden treu geblieben ist, ebenso wie
ihrer Wurzel und ihrer Synthese – der Demut. Das wiederum bedeutet, daß er
„der freie Mensch“ oder „Herr“ ist. Er ist frei von den Einflüssen der
astrologischen „Planeten“, die in unserer Zeit von C. G. Jung in Gestalt des
„kollektiven Unbewußten“ mit seinen (sieben!) seelischen Hauptkräften oder
„Archetypen“ wiederentdeckt worden sind. Er ist Herr der „Archetypen“ (oder
„astrologischen Planeten“ bzw. der „Archonten“ der alten Gnostiker), des
„Schattens“, der „Persona“, des „Animus“ und der „Anima“, des „weisen Greises“
oder „Vaters“, der „Mutter“ und sogar des „Selbst“, oberhalb dessen das „Selbst
der Selbste“ oder Gott ist. Mit anderen Worten, er hält die Einflüsse in Schach,
insofern sie unheilvoll sind, von Mond, Merkur, Mars, Venus, Jupiter, Saturn und
sogar der Sonne, von der er weiß, daß über ihr die „Sonne der Sonnen“ oder
Gott existiert. Er ist nicht ohne Planeten, Archetypen oder Archonten – ganz
wie er nicht ohne Erde, Wasser, Luft und Feuer ist, denn diese bilden zusammen
dasjenige, was man im Okkultismus den „Astralleib“ oder Seelenleib nennt. Der
Seelenleib ist insofern ein Leib, als er aus den kollektiven unbewußten oder
„planetarischen“ seelischen Kräften zusammengesetzt ist. Die astrologischen
Planeten und die Archetypen von Jung bilden den Stoff des seelischen oder
astralischen Leibes. „Der Triumphator“ des siebten Arcanums ist also der Herr
des Astralleibes.
Herr des Astralleibes. Herr der sieben Kräfte, die ihn bilden, indem er sie
im Gleichgewicht hält.
Welches ist nun die achte Kraft, die die sieben Kräfte des Astralleibes im
Gleichgewicht hält?
Das achte Arcanum des Tarot „Die Gerechtigkeit“ gibt uns Antwort auf
diese Frage.