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MZ Montag, 4. Januar 2010

KULTUR
jazz
FARBIG UND VIELSCHICHTIG Mit dem Altsaxofonisten Loren Stillman und seinem Quartett (Nate Radley, Gitarre, Gary Versace, Orgel, Ted Poor, Schlagzeug) meldet sich die junge, weltoffene Jazzmusiker-Generation, die sich auf erfrischende Art von der an Jazzschulen praktizierten Dogmatik distanziert. Statt der Improvisation über dem Akkordgerüst eines vorgegebenen Themas setzen Stillman & Co. auf die Melodie und ihre Variationen: Die Harmonik ergibt sich so aus dem verwobenen Geflecht der Instrumentalstimmen. Der Ansatz ist freilich nicht neu: Lennie Tristano, Lee Konitz unter anderen reaktivierten vor 60 Jahren die Praxis, wie zu Zeiten von Louis Armstrongs «Hot Five» aus dem Moment gespielt wurde. Und Stillmans überraschende Farbschichtungen sind das faszinierende Resultat einer in die Gegenwart hinein verlängerten neu-alten ImprovisaJÜRG SOMMER tionstradition.
Loren Stillman Quartett Winter Fruits, Pirouet / Musikvertrieb.

Die Helden des verfluchten Kaffs
Der Franzose Baru gehört zu den virtuosesten Comicmeistern überhaupt. Wie alle seine Werke bietet «Elende Helden» einen Einblick in menschliche Abgründe.
HANS KELLER

Sackbrutal und gleichzeitig optisch attraktiv aufbereitet ist er, dieser Comicroman um einen vermissten Waisenknaben. Mit virtuoser Feder hält Baru in «Elende Helden» die Stimmung eines heruntergekommenen nordfranzösischen Kaffs fest und setzt gleich zu Beginn eine ebenso abgewrackte Alkoholikerin mit rotem Zinken und expressiv zerknittertem Gesicht in Szene. Der Fusel stinkt förmlich aus der Buchseite, wenn die Alte ihren faulenzenden Sohn verflucht. Dieser macht sich schliesslich auf, Dutzende von Katzen in der Küche einer Bekannten zu füttern, was Baru wiederum so eindrücklich festhält, dass dem Leser auch hier der bestialische Geruch in die Nase zu steigen scheint. Atemberaubende Perspektivenwechsel, Sicht von unten und von oben bei manchmal fast kinderbuchartiger Kolorierung und Typisierung der Tunichtgute: Bildinszenierungen eines grossen Meisters. BARU ALIAS HERVÉ Barulea wurde 1947 als Sohn einer Bretonin und eines italienischen Einwanderers in Lothringen geboren und liess sich nach der Schule zum Sportlehrer ausbilden. Als autodidaktischer Comiczeichner erschienen seine ersten Arbeiten im Magazin «Pilote». Barus Thematik kreist vor allem um die Probleme der Einwanderer in Frankreich sowie um Gewalt und Rassismus. Ab 1991 begannen Manga-Verlage, europäische Comicschöpfer zur Inspiration für ihre Manga-Zeichner nach Japan einzuladen. Man gelangte auch an Baru und beauftragte ihn mit der Konzeption einer Fortsetzungsgeschichte für das Manga-Magazin «Morning». Entstanden ist dabei «Autoroute de Soleil», ein Meilen-

stein der Comicgeschichte. Baru arbeitete sein Road-Drama «Cours Camarade!» (1988) zu einem vierhundertdreissig Seiten umfassenden Monsterwerk um, das 1995 als Buch herauskam. In der Handlung hetzen der Frankoalgerier Karim Kemal und sein Freund Alexander Barbiéri durch Frankreich, auf der Flucht vor den Schlägern eines Rechtsextremen, dessen Frau sich Kemal angelacht hatte. Dynamische Zeichnung, vorbeisausende Zentralmassivlandschaften, Autobahnen, Bahnhöfe, Sozialbauten und

Baru gelang eine neue Synthese aus Manga-Drive und europäischen Inhalten
immer wieder die verzerrten Visagen der Verfolgten und Verfolger: Baru gelang damit eine neuartige Synthese aus optischem Manga-Drive und europäischen Inhalten. Ein «Dritter Comic-Weg» sozusagen. In Japan reagierten die Leser stark und heftig auf «Autoroute du Soleil», der Autor wusste schliesslich, was die Japaner verstanden hatten und was nicht. Baru: «Fremd ist ihnen angeblich der Rassismus. Viele Japaner glauben, dass dieser in ihrem Land nicht existiere. Da wird stark verdrängt.» DER DRITTE Comic-Weg, den neben Baru auch andere beschritten, hat sich mittlerweile im Sand verlaufen. Trotzdem wendet Baru bis heute dessen Errungenschaften auf seine Storys an, die oft in seinem heimatlichen Nordfrankreich angesiedelt sind. So auch die Comic-Adaption des Romans «Elende Helden» von Pierre Pelot. Die «Helden», die hier in und um ein desolates

★★★★★

ELENDE HELDEN Die schrecklichen Dinge geschehen auf dem Land. Kaff agieren, haben allesamt Dreck am Stecken, was im Dorf zwar bekannt ist, aber bis dato unter dem Deckel gehalten wurde. Der verschwundene Waisenknabe aus einer verrufenen Anstalt löst jedoch nicht nur eine Suchaktion aus, sondern fördert auch Aggressionen unter den Bewohnern zutage, was ein angereister hellhöriger Journalist registriert. Abgründe tun sich auf, die Geschichte mündet in einen blutigen Showdown. Die Ereignisse scheinen die Einschätzung Woody Allens zu zementieren, dass die

HO

schrecklichsten Dinge auf dem Land geschähen – von Baru als die «Schönheit des Grässlichen» eindrücklich festgehalten.
Baru/Pierre Pelot Elende Helden. Edition 52, 4-farbig. 80 Seiten, Fr. 32.90.

Tatort-Krimi ab Herbst auf SF Von deutschen Sendern
inspirierte Neuerungen
DIE VERHANDLUNGEN des Schweizer Fernsehens mit dem deutschen Sender ARD über einen Einstieg bei der Krimiserie «Tatort» stehen gemäss «NZZ am Sonntag» kurz vor dem Abschluss. Ab Herbst 2010 werde auch in der Schweiz am Sonntag ein «Tatort» ausgestrahlt. Unklar sei noch, wie viele Folgen die Schweizer selber beitragen. Als Schweizer Kommissar wird der Schauspieler Stefan Gubser zu sehen sein, der bereits in «Tatort»-Folgen aus Konstanz als Chef der Thurgauer Seepolizei mitspielte. Die Krimifolgen aus der Schweiz sollen in Dialekt abgedreht und für Zuschauer aus Deutschland und Österreich synchronisiert werden. Ein Erfolgsmodell schaut sich SF bei den deutschen Kollegen ab: 2008 strahlte ZDF die Serie «Die Deutschen» aus. Die Dokumentationen, die Persönlichkeiten der deutschen Geschichte vorstellten, waren ein Publikumserfolg. Nun will SF eine Serie mit dem Namen «Die Schweizer» abdrehen, wie Fernsehdirektor Ueli Haldimann der «NZZ am Sonntag» sagt. Dabei sollen sechs bis acht Figuren der Schweizer Geschichte präsentiert werden. Neu ist bei SF am Sonntagabend auch eine halbstündige Talkshow mit einem prominenten Gast geplant. Weiter baut SF die Ausland- Berichterstattung mit einem neuen Magazin aus. (AZ)

Postnatale Depressionen
Edward St. Aubyn beschreibt in «Muttermilch» die Traumata eines alkoholkranken Familienvaters mit Mutterkomplex.
POSTNATALE DEPRESSIONEN bekommen eigentlich Mütter nach der Geburt. Bei Edward St. Aubyn ist es Patrick, ein alkoholkranker Familienvater mit schwelendem Mutterkomplex, der die Traumata seiner Kindheit nie überwunden hat und sich nun in den Nachwehen einer lebenslangen, quasi nachgeburtlichen Depression windet. Bekannt geworden ist der Brite Edward St. Aubyn mit Jahrgang 1960 durch seine zynischen Familienromane aus der englischen Upper Class, die Trilogie über die Abgründe der Familie Melrose sucht ihresgleichen in der Gegenwartsliteratur. Denn Edward St. Aubyn schickt sie alle zur Hölle: Die windigen Väter, die egoistischen Mütter, die gestörten Kinder – und das mit einer aberwitzigen Komik und einer stilistischen Brillanz, die einem beim Lesen kalte Schauer über den Rücken jagen. Dreh- und Angelpunkt in «Muttermilch» ist der französische Landsitz der Familie Melrose, den Patricks Mutter Eleanor einem selbst ernannten irischen Guru vermachen will. Jeden Kindheitssommer verbrachte unser Patrick hier. Die Erinnerungen sind zwar getrübt von den dunklen Schatten einer schlechten Mutter-Sohn-Beziehung, dennoch steht das Anwesen für Beständigkeit und Geborgenheit in Patricks Leben. Vor allem jetzt, wo er selbst Vater ist. So ganz anfreunden kann er sich mit dieser Rolle aber nicht, zumal seine Frau Mary krampfhaft die perfekte Mutter mimt. Die beiden Söhne sind ihr Lebensinhalt, Mary verschmilzt mit deren Existenz und Patrick spielt in der Familie nur noch marginal eine Rolle. Patrick hingegen kämpft an mehreren Fronten: Gegen seine Alkoholsucht, gegen seine Mutter, gegen seine Söhne und letztlich gegen sich selbst. Verschafft ihm der Alkohol keine Linderung, sucht er Trost in der Affäre mit seiner ExFreundin. Doch das verstärkt Patricks Abscheu vor sich selbst nur noch. Als Patricks Mutter nach einem Schlaganfall gelähmt ist, bittet sie um Sterbehilfe und erteilt ihrem Sohn damit die Befugnis, das zu tun, was er schon immer wollte – sich an ihr zu rächen. ST. AUBYNS ROMAN IST EIN Parforceritt durch die Untiefen der Familienbande, der Autor jagt uns über verschlungene Wege durch kaputte Beziehungen und treibt die Frage nach der wahren Elternliebe ad absurdum. Schliesslich geht es um die Macht, die Eltern bewusst oder unbewusst auf ihre Kinder ausüben, sie übertragen eigene Defizite, Verletzungen und Konflikte quasi per Muttermilch auf ihre Kinder, die dieses Erbe danach zwangsläufig an ihre Nachkommen weitergeben.
(AP)

SEXY, GESCHEIT UND KOMPLIZIERT Das spannende New Yorker Label «Pi Recordings» ist Partner der hiesigen Marke Intakt und deshalb neu bei uns erhältlich. Eine der ersten CDs, die davon profitieren, ist «Travail, Transformation, and Flow» des Altsaxofonisten Steve Lehman. Eine attraktive Frau muss «sexy, gescheit und kompliziert» sein. Bei Lehman muss «sexy» als musikalische Kategorie durch «schön» ersetzt werden. Denn seine Musik ist genau das: Schön, gescheit und kompliziert. Die Schönheit erschliesst sich aber nur jener genauen Zuhörerschaft, die bereit ist, Ungewohntes an sich herankommen zu lassen, keine Angst vor gescheiter Musik hat und Lust verspürt, komplizierte Konzepte zu entschlüsseln. Denn da hat einer spürbar über seinen Partituren gebrütet, und was Lehman seinen acht Leuten, fünf Bläsern, je einem Vibrafonisten, Bassisten und Schlagzeuger aufs Pult gelegt hat, ist ganz schön schwierig zu spielen. Keine leichte Kost. Aber seine austarierten Klänge, vertrackten Rhythmen und strengen Dramaturgien und Improvisationen der Musiker entwickeln eine Sinnlichkeit, die, – ja doch, vielleicht sexy zu BEAT BLASER nennen wären.
Steve Lehman Octet Travail, Transformation, and Flow. Pi Recordings/RecRec. ★★★★✩

REICHER, FARBIGER, INTERESSANTER Mit seinem Trio hat der Jazzpianist Tord Gustavsen die norwegischen Charts gestürmt, jetzt hat er sein Erfolgsrezept auf ein Ensemble mit dem Saxer Tore Brunborg (klingt wie Garbarek) und der sanft angerauten Stimme von Kristin Asbjörnsen übertragen. Die Interpretation bleibt zärtlich, sparsam, subtil, schön, die Melodien einfach. Die Musik aber ist reicher, farbiger und inteSTEFAN KÜNZLI ressanter.
Tord Gustavsen Restored,Returned. ★★★★✩ ECM/Phonag.

Edward St. Aubyn Muttermilch. Dumont-Verlag, Köln 2009. 320 Seiten.

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