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Orkische Weisheiten

Kapitel I
Gnarr

Soviele Kriege, soviele Schlachten. Tausende Leichen unterlegener Feinde.


Abgehackte Köpfe, zerfleischte Gebeine, zerbrochene Knochen ...
Unzählige Todesstöße hat er vollführt. Jedes mal in einem neuen erfrischenden
Blutrausch. Die Brutalität eines Ork im Rausch kennt während einer Schlacht mit
erbitterten Feinden keine Grenzen. Seine eigene handgeschmiedene Berserker-Axt
wurde so oft in feindliches Blut getränkt und noch Stunden nach dem eigentlichen
Kampf roch sie nach der puren Angst der überrollten Gegnermassen.
All dies hat Gnarr, ein in die Jahre gekommener geplagter Ork miterlebt. Im Licht
des wärmenden Lagerfeuers ruhte er sich aus. Ruhe die seine zerklüftete und
zerrüttete Seele so dringend brauchte. All dieser Hass, all diese Wut, all dieser
Schmerz. Es wiederholte sich - Tag für Tag und Nacht für Nacht. Quälende Alpträume
verfolgten ihn schon seid mehr als einer Ewigkeit.
In menschlichen Jahren war er weit über sieben Dekaden schwer. Sein zu einem Zopf
geknotetes weißes Haar, hing sanft über seine Schulter hinweg auf dem vernarbten
und mit Kriegssymbolen tätowierten Rücken. Der Bart ist schon eine ganze Weile
weiß. Nicht einmal er selbst erinnert sich an die Zeit zurück, als dessen Farbe
noch anders war. Er vermutete, dass die schamanischen Zauber, die ihn im Kampf
entscheidende Vorteile brachten, sein Haar langsam grau färbten; das Alter tat
dann den Rest. Einen Hauer hatte er gegen einen mächtigen Dämonen im Kampf
eingebüßt, als dieser ihn einfach mit bloßer Gewalt rausgerissen hat. Dort wo nun
ein, nur leicht zugewachsenes Loch klaffte, spürte er immer noch Schmerzen, obwohl
ihm sein Verstand verzweifelt versuchte mitzuteilen, dass dieser Schmerz nicht zur
Realität gehörte. Sein anderer Hauer war nicht viel besser dran. Auf dem ehemals
glatten Stoßzahn waren lauter Kratzer, Risse und teilweise Löcher zu finden. Seine
Sorgen gruben sich im Laufe der Jahre tief in sein dunkelgrünes Gesicht und
schufen somit eine Landschaft, die rauer war als das Gebirge von Razorhill,
welches als das lebensfeindlichste unter allen Gebirgen gilt.
Ein alter zerissener Lendenschurz, eine kurze braune Hose, ein schwerer
Fellmantel, der auch schon bessere Zeiten gesehen hatte und sein Schamanenstock
blieben ihm noch nachdem er von seinem Stamm als Monster ausgestoßen wurde. Seine
ehemals mächtige Axt Blutdurst musste er auseinandernehmen, um den Griff noch als
Feuerholz zu verwenden, damit er nicht erfriert. Er wusste, dass sein Stock als
nächstes dran glauben würde, wenn er weiterhin in dieser kalten und kargen Region
überleben wollte. Die Nacht war, selbst für einen stattlichen Ork eine tödliche
Gegend, wenn man sich nicht warm halten konnte.
Alles in allem bot er selbst für einen Ork einen erbärmlichen Eindruck. Niemand
nahm ihn mehr wahr. Er fühlte sich verraten. So oft riskierte er seine grüne Haut,
um für das Wohl der gesamten Horde zu kämpfen. So oft musste er, trotz klaffender
Wunden bis fast zum bitteren Ende kämpfen. Jedes mal das gleiche Szenario. Er
hatte alles überlebt. Jede Schlacht hinterließ ihre Spuren und forderte ihren
Tribut. Wie eine Ahnentafel, konnte man seinen Körper als Zeitzeuge lesen und
staunen. Man schätzte ihn als Kämpfer und fürchtete ihn als Gegner. Alle hatten
Respekt und Ehrfurcht vor ihm ... damals.
Mehr als 25 Jahren sind seid dem letzten Krieg vergangen. Es war der härteste
Kampf, den die Horde je erlebt hatte. Wieviele Menschen und Orks damals ums Leben
kamen, konnte niemand genau bestimmen. Aber für beide Seiten waren es herbe
Verluste. Die menschliche Rasse hatte gelernt ihre Zauberer in höheren magischen
Kreisen auszubilden und neue Machtquellen anzuzapfen. Orks hingegen entdeckten den
Pfad des Ausgleichs im schamanischen Kult und trieben somit ihre Fähigkeiten in
die Höhe. Es war ein Aufeinanderprallen der mächtigsten Zauberformen, die diese
Welt je gesehen.
Nun saß er hier, allein. Was hatte er erreicht? Leider musste er sich eingestehen,
dass dies nicht viel war. Im Grunde: nichts! Als Kind hatte man ihm erzählt, dass
man als Krieger Anerkennung, Ruhm und Respekt ernten würde, jedoch konnte niemand
ahnen, dass der 5-jährige Krieg mit all seiner Schrecklichkeit womöglich der
letzte Krieg für die Horde sein würde. Gnarr wusste nicht, ob weitere Schlachten
in Zukunft geschlagen würden, jedoch war er sich sicher, dass seit 20 Jahren
niemand Verwendung hatte für alt gediente Krieger wie ihn. Beide Völker waren viel
zu sehr damit beschäftigt ihre zahlreich zerstörten Städte wiederaufzubauen. Nach
dem großen Zusammentreffen der beiden gebündelten Energiekugeln von Zauberern und
Schamanen und dem darauffolgendem Inferno veränderte sich die Landschaft
maßgeblich. Der Krater bildete eine natürliche territoriale Grenze, an die sich
beide Fraktionen hielten, um somit Zeit für ihren Wiederaufbau zu gewinnen. Die
Bilder im Feuer flackerten auf und verschwanden.
Er erkannte, dass seine letzten Feuerholzreste im Feuer brannten und ihm seine
zurückgebliebene physische Hülle wärmten. So sehr wollte er vergessen. So sehr ...
Mit der schwindenden Höhe des Feuerkegels beschloss er, den verbliebenen Rest des
ehemals ruhmreichsten, gefürchtetsten und brutalsten Kriegers aller Zeiten der
friedlichen Natur zu überlassen, um so endlich seelischen Frieden zu finden. Ein
letztes mal umschloss er mit seiner riesigen Pranke die aus Menschenzähnen
bestehende Kette um seinen Hals. Als er sie wieder losließ, schloss er die Augen
und sammelte sämtliche vorhanden schamanischen Kräfte, die er noch mobilisieren
konnte. Bevor er aus dieser Welt austreten wollte um seinen Ahnen zu begegnen,
strebte er einen Zustand der Trance an, damit er nicht mehr spüren musste, wie die
erbarmungslose Kälte seine letzten Lebenszeichen zu bitterkaltem Eis gefrieren
ließ.
Mit allerletzter Kraft bat er bei seinen Ahnen um Vergebung für seine Schwäche im
Willen weiterzuleben.
Nach wenigen Minuten war das Feuer erloschen. Gnarr's Seele bereitete sich auf die
letzte Reise vor. Eisiger Wind pfiff im durch das Haar, doch Gnarr spürte nichts
mehr - endlich.