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Edition Zweite Moderne

Herausgegeben von
Ulrich Beck
Redaktion: Raimund Fellinger

Ulrich Beck
Der kosmopolitische Blick
oder:
Krieg ist Frieden

Suhrkamp

Erste Auflage 2004
© Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2004
Originalausgabe
Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das des
öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung
durch R u n d f u n k und Fernsehen, auch einzelner Teile.
Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form
(durch Fotografie, Mik ro f il m oder andere Verfahren)
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oder unter Verwendung elektronischer Systeme
verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Satz: H ü m m e r G m b H , Waldbüttelbrunn
Druck: Pustet, Regensburg
Umschlag gestaltet nach einem Konzept
von Willy Fleckhaus: Werner Zegarzewski
Printed in Germany
I S B N 3-518-41608-1
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6 - 06 05

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Inhalt
Einleitung
Warum der kosmopolitische Blick »kosmopolitisch« ist

7

ERSTER
TEIL
Der kosmopolitische Realismus
Kapitel I
Weltsinn, Grenzenlosigkeitssinn: Zur Unterscheidung
von philosophischem und sozialwissenschaftlichem
Kosmopolitismus

29

Kapitel II
Die Wahrheit der Anderen: Vom kosmopolitischen Umgang
mit Andersartigkeit - Unterscheidungen, Mißverständnisse,
Paradoxien

76

Kapitel III
Die kosmopolitische Gesellschaft und ihre Gegner

112

ZWEITER
Konkretisierungen,

TEIL
Ausblicke

Kapitel IV
Die Politik der Politik: Zur Dialektik von Kosmopolitisierung und Anti-Kosmopolitisierung

151

Kapitel V
Krieg ist Frieden: Über den postnationalen Krieg

197

Kapitel VI
Kosmopolitisches Europa: Realität und Utopie

245

Literatur
Ausführliches Inhaltsverzeichnis

267
283

das heißt. dich zu deinen vielfältigen Identitäten zu bekennen: die aus Sprache. Nationalität oder Religion erwachsenen Lebensformen mit dem Bewußtsein zu verbinden. . dich deines kosmopolitischen Blicks zu bedienen.Was ist Aufklärung? Habe den Mut. daß in der radikalen Unsicherheit der Welt alle gleich sind und jeder anders ist. Hautfarbe.

sondern nur noch ein enger Deutscher sein will«.. Die einen wendeten. die nur der Vergangenheit angehören. Jahrhunderts... dem unsere großen Geister. nicht mehr Europäer. daß er nicht mehr Weltbürger. Die größten und fruchtbarsten Kontroversen der europäischen Aufklärung sind mit ihm verbunden . gegen jene allgemeine Menschen-Verbrüderung. aber das Resultat für dieses Leben ist innere Zerrissenheit. Die Idee ist eine ganz schöne Sache.« (1997: 710) Er kritisierte den Patriotismus des Deutschen. mit der Gestalt. gegen jenen Kosmopolitismus. und . was Deutschland hervorgebracht hat. beglückend. die eben das Herrlichste und Heiligste ist. aber er ist praktisch. daß es sich zusammenzieht wie Leder in der Kälte. Er geißelt »die schäbige. ungewaschene Opposition gegen eine Gesinnung. »daß sein Herz enger wird. nämlich gegen jene Humanität.: 131) Dagegen prophezeite zur gleichen Zeit Heinrich Heine. plumpe. nützlich. »daß dieses am Ende die allgemeine Gesinnung wird in Europa. diese sterblichen Menschen. der Gedanke ist schön. Lessing. daß er das Fremdländische haßt.« (1876: 88) Am Ende reduziert sich der Kosmopolitismus auf eine schöne Idee: »Über der Menschheit vergißt man jetzt gewöhnlich die Menschen und in dieser Zeit der Brände. der sich selbst als eine Verkörperung des Kosmopolitismus sah. den therapeutischen Wert des Vaterlandes gegen die angebliche Überforderung durch den Kosmopolitismus: »Der Patriotismus ist einseitig. für fast Alle zu groß und sie bleibt immer nur Idee. Kanonen und glühenden Reden ist es doch Erbärmlichkeit. aber für einen Menschen fast zu groß. wie Heinrich Laube in der Mitte des 19. beruhigend. groß. mehr Zukunft habe.und in Vergessenheit geraten. so ist sie so gut wie nicht da gewesen. als unsere deutschen Volkstümler.« (Ebd. klein.. Her- 7 . der darin bestehe. der Kosmopolitismus ist herrlich.Einleitung Warum der kosmopolitische Blick »kosmopolitisch« ist Was macht den kosmopolitischen Blick zu einem »kosmopolitischen«? Was meint »Kosmopolitismus«? Dieses Wort enthält die wundervollsten und zugleich grauenvollsten Geschichten. Vermengt sie sich nicht mit dem Individuum.

aus den philosophischen Luftschlössern aus. er ist. der Kosmopolitismus dagegen großartig. dem alle Gebildeten in Deutschland immer gehuldigt haben. Politikwissenschaft.und Interaktionsnetzwerke erhitzt die Gemüter. an dem simultan und massenmedial vermittelt die gesamte Menschheit Anteil nahm . dazu noch umstrittene Vernunftidee zu sein. Mehr noch: Er ist zur Signatur eines neuen Zeitalters geworden. Er dominiert bisher in der Soziologie und den anderen Sozialwissenschaften wie Geschichte. die Zitate sind alle. Dasselbe gilt für den Protest gegen den Irak-Krieg. der Kommunikations. ist schon länger beobachtbar.selbst wenn darüber die atlantische Gemeinschaft fast zerbrochen wäre. in der sich die nationalstaatlichen Grenzen und Unterscheidungen auflösen und im Sinne einer Politik der Politik neu verhandelt werden. Na8 .der. Erstmals wurde ein Krieg als ein weltinnenpolitisches Ereignis behandelt.auf die Wissenschaft übertragen .« (Ebd. Thielking 2000 entnommen. gerade gegen Globalisierung. um zu erfassen. ja. in welchen gesellschaftlichen und politischen Wirklichkeiten wir leben und handeln. Jean Paul. wie verzerrt auch immer. an dem von globalen Risiken erzeugten Schock entzünden sich immer aufs neue weltweite politische Öffentlichkeiten. Der kosmopolitische Blick ist also Resultat und Voraussetzung begrifflicher Restrukturierung der Wahrnehmung. des Rechts. aber praktikabel.: 379. brauchen wir nur das vorläufig letzte Exemplar in der Genealogie der globalen Risiken herauszugreifen: Auch die Terrorgefahr kennt keine Grenzen. des Zeitalters der reflexiven Moderne. Die Globalisierung der Politik. Gegen diese Umstrukturierung wendet sich der nationale Blick oder .und in die Wirklichkeit eingewandert. Deshalb benötigen wir für diese kosmopolitisch gewordene Welt dringend einen neuen Beobachterstandpunkt . Goethe. wie viele andere in dieser Einleitung. Um diese These zu veranschaulichen. aber kalt und unlebbar ist. eine bloße. ob der Patriotismus zu klein.der methodologische Nationalismus. Damit hat der Kosmopolitismus aufgehört.den kosmopolitischen Blick -. Heute steht zur Diskussion. Allgemeiner gesprochen: Das Paradoxon: Widerstand. erzeugt politische Globalisierung. der Wirtschaft. der Kulturen.) Heute ist nicht mehr darüber zu diskutieren. daß die Wirklichkeit selbst kosmopolitisch geworden ist. Schiller.

Damit legt er zugleich die Grenzen der »Soziologie« fest. Die Stalinisten sagten Kosmopoliten und meinten Juden. Adorno befand: Man kann nach Auschwitz kein Gedicht mehr schreiben. Das Vergessen. Insofern sind »Kosmopoliten« bis heute in vielen Ländern zwischen Entwurzelten. verteufeln. Was befähigt und ermächtigt den Begriff des Kosmopolitismus dazu? Paradoxerweise zwei sich widersprechende Tendenzen: daß er eine uralte. weit darüber hinaus. unerschlossene. vernichten kann oder sogar muß. Die Nazis sagten Juden und meinten Kosmopoliten. unerschöpfte Tradition und Schatzkammer ist . daß der Holocaust nicht direkt zum Thema gewählt sein muß. die man vertreiben. damit man auf den gebrochenen Ton aufmerksam wird. Im nationalen Blick gilt: Der Nationalstaat schafft und kontrolliert den »Behälter« der Gesellschaft. die ihre partikulare Gesellschaft in nationalstaatlichen Begriffen definieren. innere Kosmopolitisierung ihrer Lebenswelten und Institutionen. in dem er das Denken und Handeln gefangen hält. und dieses Todesurteil hat sich auf das Wort übertragen. Feinden und Insekten angesiedelt. der Welterfahrung. ja die totale Um. die Kraft schlummert und geweckt werden könnte. Sie haben die Gesellschaften als nationalstaatlich verfaßte analysiert. Alle Opfer des planmäßigen Massenmordes galten als »Kosmopoliten«. den selbstzentrierten Narzißmus des nationalen Blicks und das taube Unverständnis. Der in die Wirklichkeit immigrierte Kosmopolitismus ist ein vitales Thema der europäischen Zivilisation.tionalökonomie. »Kosmopolit« war im kollektiven Symbolsystem der Nazis ein anderes Wort für Todesurteil. des europäischen Bewußtseins und. wurde an diesem gleichsam mit vollstreckt. Folglich kam es zu einem System von Nationalstaaten und entsprechenden Soziologien. »Welcher Schriftsteller ist heute nicht ein Schriftsteller des Holocaust? Ich verstehe das so. aufzubrechen und die Menschen aufzuklären über die wirkliche.und Abwertung des Kosmopolitismus zum Feindbegriff ist seiner Zwangsverwandtschaft mit dem Holocaust und dem stalinistischen Gulag zuzuschreiben. Es gilt jedoch auch genau umgekehrt: Alle Gedichte schreiben oder schweigen von Auschwitz.und daß er durch die Hölle auf Erden gegangen ist. der die 9 . weil im kosmopolitischen Blick. methodologisch verfaßt.

das eigene Leben und Zusammenleben in kultureller Melange zu gestalten. denke ich vielleicht paradoxerweise eher über die Zukunft als über die Vergangenheit nach.. sehbar und einsehbar. an der der europäische Mensch nach zweitausend Jahren ethischer und moralischer Kultur angekommen ist .. Um dies zu verdeutlichen. 51. Was also meint »kosmopolitischer Blick«? Weltsinn. authentische Kunst.moderne Kunst Europas seit Jahrzehnten beherrscht. Er ist zugleich ein skeptischer. eine Schärfe und Hellsichtigkeit. illusionsloser.. das stahlharte Kategoriengehäuse des methodologischen Nationalismus aufzubrechen und das Wie und Inwieweit des Kosmopolitischwerdens der Weltwirklichkeit überprüfbar. Ein alltäglicher. 10 . so als sähe der Mensch nach einer Nacht von Alpträumen zerschlagen und ratlos in der Welt umher.. und das europäische Trauma entfällt seinem Flug. die Endstation des großen Abenteuers. Worte . verstehbar. ein dialogischer Blick für Ambivalenzen im Milieu verschwimmender Unterscheidungen und kultureller Widersprüche. die Grundfrage der Lebensfähigkeit und kreativen Kraft des heutigen Menschen. ja lebbar zu machen.nur die Schwingen zu öffnen. ein reflexiver Blick. das heißt.gelingt. 255) In diesem Sinne braucht das Substantiv »Kosmopolitismus« »Worte. selbstkritischer Blick. ist nichts so hilfreich wie einige Beispiele. ein historisch wacher.« Und Imre Kertesz hebt die traditionenbegründende Kraft dieser Negativerfahrung hervor: »Denn nach meiner Auffassung berühre ich. Das verleiht ihm eine illusionslose Ernsthaftigkeit und Leichtigkeit. sondern auch die Möglichkeiten auf.Substantive! Sie brauchen nur die Schwingen zu öffnen und die Jahrtausende entfallen ihrem Flug« (Gottfried Benn) . Grenzenlosigkeitssinn.« (2003: 2. Er zeigt nicht nur die »Zerrissenheit«. mit der es . wenn ich der traumatischen Wirkung von Auschwitz nachgehe. über Auschwitz nachdenkend. Ich gehe noch weiter: Ich kenne überhaupt keine wirklich gute. in der ich nicht einen solchen Bruch spüren würde. Ich habe im Holocaust die Situation des Menschen erkannt.vielleicht .

wie vorteilhaft die Europäische Union für seine wirtschaftlichen Unternehmungen sei. bleiben sowohl die neuen Identitäts. Vor einiger Zeit. wenn man deren Besonderheiten betrachtet. er sei Weltbürger - 11 . ob er denn mehr dänisch oder mehr europäisch fühle. auf einem Flug nach Helsinki. fragte ich ihn. Es sind introvertierte Nationalismen.Kosmopolitische Identitäten oder die Logik inklusiven Unterscheidens In der soziologischen Forschung ist jetzt viel die Rede von neuen Identitäten.also ohne kosmopolitischen Blick -. beantwortet sich. ein dänischer Geschäftsmann. antwortete er mit dem Unterton des Erstaunens. wie Globalität die Unterscheidungen aufhebt und neu mischt .und Erinnerungslandschaften als auch die möglicherweise darin wurzelnden introvertierten Nationalismen schlechterdings unverständlich. damit. nervte mich mein Sitznachbar. Jahrhundert hervorgebracht hat . mehr um auch mal zu Worte zu kommen. Zweitens: Ohne das Verständnis dafür. die sich gegen jeden und jedes wenden kann. Damit ist auch das erneute Auftrumpfen nationaler.meist bewußt . wie ihn das 20. Die Frage. um die sich verwischenden und sich neu mischenden Grenzen von innen und außen. Weder noch. daß hier . die sich gegen den »Einmarsch« der globalen Welt wehren. die man vielleicht etwas zu schnell als »neonationalistisch« etikettiert. was daran neu ist. ethnischer und lokaler Identitäten überall auf der Welt gemeint.gegen die Kosmopolitisierung der eigenen Lebenswelten Front gemacht wird. Denn in diesen Binnennationalismen entsteht sehr wohl eine gewaltbereite Intoleranz. die aberim Gegensatz zum Nationalismus mit faschistischer Sprengkraft. Es handelt sich um Identitäten. wobei »introvertiert« nicht mit ungefährlich verwechselt werden darf. einigeln.nicht auf ideologische und militärische Eroberungsfeldzüge jenseits der eigenen Grenzen zielen. abschirmen. Man greift zu einem strategischen Als-ob-Essentialismus der eigenen Ethnizität. Weniger aus Neugierde. die vermeintlich das lokale Leben der »Einheimischen« bedrohen. gegen die Globalisierung und Globalisierer. uns und denen zu fixieren. daß er ein übers andere Mal darlegte. Das »Neue« liegt darin. Das heißt zweierlei: erstens ist auch in diesem Fall die alltägliche Erfahrung der Globalität vorausgesetzt.

Daß dies nicht zwangsläufig mit einem kosmopolitischen Gutmenschentum gleichzusetzen ist. fügt sich gerade nicht zusammen. an Wahltagen Sozialdemokrat. Neulich habe er sich allerdings einer Bürgerinitiative angeschlossen. wem er trauen könne und mißtrauen müsse. die die Entweder-Oder-Logik durch die Sowohl-als-Auch-Logik inklusiven Unterscheidens ersetzt hat. in dem der naive Betrachter nach den Signaturen einer zusammenhängenden Landschaft oder Personengruppe forscht. das er wie eine zweite Muttersprache beherrsche. Zu Weihnachten sei er Christ. lebe in Dänemark. für Fremde. Überall stehe ein Hotelbett für ihn bereit. Er sei im übrigen als Däne aufgewachsen. das man im allgemeinen mit dem Etikett »Weltbürger« verbindet. Europäer . Seine Heimat seien alle Länder der Erde. fühle dänisch. daß für unseren »global manager« Politik eine Wahltagsangelegenheit ist. irgendwie kosmopolitischen und zugleich provinziellen Identität zu tun. weiß Gott. und in Indien französisch. In China speise er indisch. Er sei. Es handelt sich hier zweifellos um das Paradebeispiel einer Identitätsbestimmung. deren Zentralmerkmal lautet: Die alten Zurechnungen greifen nicht länger. bei denen er mit ortsunabhängiger Gleichartigkeit rechnen könne. fügte er ohne verlegenes Lächeln hinzu. Seine Geschäftspartner sähen die Dinge aus einem ähnlichen Blickwinkel wie er. die mit dem Brustton innerer Überzeugung vor dem Zuhörer entworfen wird. Er wähle die bekannten Hotelketten. das sich frei aus dem Märklin-Baukasten der Weltidentitäten bedient und das Selbstbild als fortschreitende Einschließlichkeit gestaltet. geht schon daraus hervor. er jedoch zugleich mobil macht gegen Immigranten. Wir haben es hier mit dem stolzen Behaupten einer bunt zusammengewürfelten. egal ob es um Business oder um Taxifahren gehe. Wo er hinkomme. spreche er Englisch. aber die Immigrantenwelle müsse gestoppt werden! Und so weiter und so fort. Nach einem kurzen Innehalten kam er auf meine Frage zurück: Nein.darüber habe er eigentlich noch gar nicht nachgedacht . obwohl das Werk mit Realitätszeichen sein 12 . Es wird ein Bild der eigenen Identität entworfen. Denn die beschworenen Zugehörigkeiten passen nicht in die fragmentarische Komposition. Es hat etwas von einem Gemälde Picassos oder Braques. Erfahren wie er sei. die eine restriktive Einwanderungspolitik fordere.»global Citizen«. wisse er. Was hier zusammengefügt wird.sei er nicht.

Familien .Ethnien. politologisch und logisch notwendiges Prinzip angesehen. Denn beispielsweise das Leiden der Menschen in anderen Zonen und Kulturen der Welt ist nicht länger der FreundFeind-Schematik unterworfen. biologisch. Gemeinschaft. Wer im naiven Glauben an die gute Sache diese »Logik« mißachtet. Wer in kosmopolitischer Perspektive fragt. auch in der Soziobiologie sowie den ethnologischen Aggressions.erzwingt. Sie ist im Kontext der sich territorial voneinander abgrenzenden Gesellschaften und Staaten der Ersten Moderne entstanden und universalisiert als methodologischer Nationalismus diese historische Erfahrung zur »Logik« des Sozialen und Politischen. Nationen. 13 . Diese unterstellt einen durch (mentale) Zäune befestigten Raum. Gesellschaft.und Konflikttheorien herrscht das Denken in Entweder-Oder-Kategorien vor. soziologisch. damit Identität.Spiel treibt. der Gesellschaft und der Politik ist empirisch falsch. Diese Meta-Theorie der Identität. Klassen. Dieser Vergleich ist insofern berechtigt. Kosmopolitische Empathie Nicht nur in der klassischen Soziologie. Man könnte sie die territoriale Entweder-Oder-Theorie der Identität nennen. Auf diese Weise hat sich bis in die Kernbereiche der Sozialwissenschaften hinein die Legende bis heute ihre blutige Kraft bewahrt. forciert Aggressionen . Demokratie möglich werden.die Abgrenzung zwischen Gruppen aller Art . weil sich unser dänischer Geschäftsweltbürger mit seinen fremdenfeindlichen Eruptionen aus dem historischen Scherbenhaufen der ehemals exklusiv gedachten und gelebten Identitätsformationen bedient wie der Kubismus oder Expressionismus aus den Ruinen des Realismus oder Klassizismus. stößt auf kosmopolitische Empathie: Die Demonstrationen wurden vorangetrieben durch etwas. das . Religionen.jenseits alles falschen Idealismus . Der Modus exklusiven Unterscheidens wird als anthropologisch. die besagt: Das Eigene muß sich gegen das Fremde abund eingrenzen. Politik.lautet das Argument. woraus sich der globale Protest gegen den Irak-Krieg in vielen Großstädten der Welt speiste. damit sich Selbstbewußtsein und soziale Integration herausbilden können.

schreibt Howard V. hineinzuversetzen. Die Tränen.oder Fernsehsesseln aus den Augenwinkeln wischen. globale Kooperation und globale Empathie. hat man verstanden.. Und wenn die Fernsehbilder der Kriegshandlungen und ihrer Opfer überall auf der Welt empfangen werden. daß das Töten und Sterben weitergeht.. daß der gleichzeitige Erfahrungsraum einer globalen Zivilisation entsteht. »Zum ersten Mal in der menschlichen Geschichte. so daß leicht unkontrollierbare militärische Kettenreaktionen entstehen. Das ändert jedoch nichts daran. Jahrhundert eine unglaubliche Perfektionierung der Waffensysteme beschert hat. Perlmutter. daß sie die Räume unserer emotionalen Imagination erweitert. »ist die Möglichkeit gegeben. lange nachdem die Friedensverträge unterzeichnet wurden. sind zweifellos gezielt hergestellt worden durch die Kunstfertigkeit Hollywoods oder die Inszenierung der Nachrichten. färbt die eine die andere. aber es bildet sich eine enorme Variation gegensätzlicher Lebenswelten heraus.was man die Globalisierung der Emotionen nennen kann: Man weiß. verändert. Palästina. ergänzt..« (1994: 103) Es wäre allerdings ein kapitaler Irrtum anzunehmen. Dieses Wissen geht einher mit der ebenfalls nicht zuletzt massenmedial erzeugten Fähigkeit und Bereitschaft. Aus diesem historischen Blickwinkel entsteht nicht so etwas wie eine einheitliche Menschenzivilisation. daß Gewalt in dem einen Winkel des Globus Gewaltbereitschaft in vielen anderen Winkeln des Globus wachruft. Wenn Zivilisten und Kinder in Israel. die kosmopolitische Empathie ersetze die nationale Empathie.und Erfahrungshorizontes der einen Welt entsteht. wie die Möglichkeit eines Wahrnehmungs. hervorgerufen durch grundlegende politische und technologische Transformationen«. transnationalisiert haben. im Irak oder in Afrika leiden und sterben und dieses Leiden in ergreifenden Bildern in den Massenmedien präsentiert wird. das zum Handeln nötigt. die wir verlegen in unseren Kino. in dem die Verschiedenheiten der Kulturen fortbestehen und die Interdependenzen wachsen . Es führte 14 . sich in die Lage der anderen. daß wir Augenzeugen sind.. Der Grund dafür ist. die für alle gleich und global in ihrer Reichweite ist. daß uns das 20. die charakterisiert ist durch tägliche globale Ereignisse. Man hat gelernt. dann entsteht ein kosmopolitisches Mitleiden. Vielmehr durchdringt. der Opfer.

Erwartungshorizonten. »heimatlos«. die den mononationalen Einheitsblick voraussetzen (Beck-Gernsheim 2004). Um dies zu erläutern. das die Erste Moderne national geordneter Einzelgesellschaften dominiert. die zwar in Berlin leben. Die Konsequenz: Kulturelle Bindungen. . Auch hier wird der nationale Rahmen nicht aufgehoben. die transnationale Fernsehkanäle wählen und Sendungen konsumieren. »desintegriert«. »zwischen den Stühlen der Kulturen« lebend . Dies ändert jedoch nichts daran. erforscht und entfaltet wird (Beck/ Bonß/Lau 2001. Loyalitäten und Identitäten übergreifen nationale Grenzen und Kontrollen. und zugleich sind alle Arten transnationaler Verbindungen und Konfrontationen entstanden. sondern auch in transnationalen Netzwerken. leben hier wie dort. wenn man dem Modus exklusiven Unterscheidens den Modus inklusiven Unterscheidens gegenüberstellt.werden mit Mangel. der in der Soziologie der Zweiten Moderne durchdacht.und Negativattributen gekennzeichnet. auch nicht in den weiten Räumen einer Nation. So erscheinen sie dann als »entwurzelt«. Vollständig außer Kraft setzen läßt sich das Gesellschaftsbild der gefrorenen. erst. Ambitionen. getrennten Welten und Identitäten. Tatsächlich müssen das Transnationale und das Kosmopolitische als Integral der Redefinition des Nationalen und Lokalen verstanden werden. wenn man einen falschen Gegensatz zwischen national und transnational konstruierte. Widersprüchen? Im methodologischen Nationalismus werden deutsch-türkische Sowohl-alsauch-Lebensformen entweder in dem einen oder dem anderen nationalen Bezugsrahmen verortet und analysiert und dadurch ihres Sowohl-als-auch-Charakters beraubt. aber eben nicht nur in Berlin.zu einer unendlichen Verkettung von Mißverständnissen. Man muß die Menschen nicht. gegeneinander abschließen und organisieren. Individuen und Gruppen. daß die territoriale Theorie der Identität ein blutiger Irrtum ist. 2004). Wie können Soziologen türkisch und deutsch sprechende Transmigranten beschreiben. den man den Gefängnis-Irrtum der Identität nennen kann. betrachte man die Entstehung transnationaler Lebensformen durch massenmediale Vermittlung (Robins/Aksoy 2001). Aber die Grundlagen der massenmedialen Industrien und Kulturen haben sich dramatisch verändert. damit sie sich ihrer selbst bewußt werden und politisch handeln können.

das heißt: lokale. aber auch empirisch-soziologisch verstehen. Provinzialismus ohne Kosmopolitismus ist blind. verbinden. nationale. das genügt ihm. Es gibt demnach kein Elend. »da alle Menschen ungefähr gleich denken und fühlen. allerdings im Blick auf das post-ständische. demokratische Amerika. neu-alte Grenzen und Mauern zu ziehen und zu fixieren. ethnische. In sein Mitleid mischt sich persönliches Erleben. zweitens das Prinzip der Anerkennung weltgesellschaftlicher Differenzen und der daraus folgende weltgesellschaftliche Konfliktcharakter sowie die (begrenzte) Neugierde für die Andersheit der Anderen. und es läßt ihn 16 . das heißt der durch globale Risiken und Krisen wahrgenommenen Interdependenz und der daraus resultierenden »zivilisatorischen Schicksalsgemeinschaft«. Man kann diese Prinzipien normativ-philosophisch. jeder sofort die Empfindungen aller anderen erschließen: Er wirft einen raschen Blick auf sich selbst. Gesellschaft und Politik lassen sich provisorisch fünf aufeinander verweisende Konstitutionsprinzipien des kosmopolitischen Blicks unterscheiden: Erstens das Prinzip der weltgesellschaftlichen Krisenerfahrung. auf ihre inneren Widersprüche hin durchleuchten und in ihren Konkretionen untersuchen. religiöse und kosmopolitische Kulturen und Traditionen durchdringen. Wir und den Anderen.Als Gegenbild zur territorialen Gefängnistheorie von Identität. viertens das Prinzip der Unlebbarkeit einer grenzenlosen Weltgesellschaft und der daraus entstehende Drang. In gewisser Weise hat bereits Alexis de Tocqueville damit begonnen. seine Sätze lassen sich aber übertragen auf die postnationale Empathie. fünftens das Melange-Prinzip. die die Grenzen von Innen und Außen. drittens das Prinzip der kosmopolitischen Empathie und des Perspektivenwechsels und damit der virtuellen Austauschbarkeit der Lagen (als Chance und als Bedrohung). National und International aufhebt. das er nicht mühelos verstünde und dessen Umfang ihm nicht der geheime Instinkt erschlösse. Im Zeitalter des kosmopolitischen Blicks kann. Ob es sich um Freunde oder Feinde handelt: Die Einbildungskraft versetzt ihn alsbald an deren Stelle. mischen sich: Kosmopolitismus ohne Provinzialismus ist leer.

nicht weiterführen. wo weder Staat noch Nation länger als Fetische der Epoche das Leben und Zusammenleben der Menschen ordnen und kontrollieren können. Beides: Mitgefühl und Haß. und wenn wir es nicht sind. Das imaginierte Mitleiden »spielte eine Schlüsselrolle in der Entstehung des westlichen Humanismus . Grenzen im Wissen um die prinzipielle Gleichartigkeit der Anderen definiert und fixiert werden. die Schmerzen und die Erniedrigung anderer zu erleichtern. Grenzenlosigkeitssinn und die Sehnsucht nach alt-neuen Grenzen machen deutlich . die meine eigene Welt geschützt haben. weil damit die Mauern institutionalisierter Ignoranz und Feindschaft. Diese unrevidierbare Gleichartigkeit öffnet einen Raum schwer eingrenzbarer Empathie und Aggression. sollten wir es sein.« (1998: 117-139) Die Welt des kosmopolitischen Blicks ist in gewisser Weise eine gläserne Welt. Wo die scheinbar ewigen Unterscheidungen und Dichotomien steril werden. sich in den Ruinen der Gewißheiten. reflexiver Blick. bleibt es den Menschen selbst überlassen. nach denen unzählbar viele Menschen glauben.der kosmopolitische Blick ist ein politisch ambivalenter.« (1994: 216) Natan Sznaider überträgt diese Gedanken auf die transnationale Welt. während man den Leib eines Mitmenschen zerreißt. weil der (nicht mehr andersartige) Andere im eigenen Gefühl. Eine Soziologie des öffentlichen Mitleidens muß die sozialen und kollektiven Verhaltensmuster identifizieren und erforschen. Gegensätze. Mitgefühl. Hier müssen die Unterschiede. Derartige Episoden menschlichen Verhaltens ereignen sich überall und zu allen Zeiten. sondern durchsichtig. daß es eine der wichtigsten Sachen der Welt ist.Selbstbeobachtung und Fremdbeobachtung schließen sich nicht länger aus. das Leiden. sich auflösen und mischen. Was aus beidem herrührt: Mitgefühl und Haß.. Haß. Unter demokratischen Umständen kann Mitleid sogar fast Repräsentation ersetzen. Die Grenzen zum Anderen sind nicht länger durch ontologische Andersartigkeit blockiert. Wir sind alle Mitleidende. Öffentliches Mitleiden ist nicht nur eine individuelle Äußerung menschlichen Verhaltens und der Sorge für andere.selbst leiden. soweit es nur irgend mit dem Zusam- 17 . zusammenbrechen. wo die Welt zu einem »babylonischen Narrenhaus« (Robert Musil) geworden ist. im eigenen (Er-)Leben präsent ist . verdunkelt..

für globalen 18 . schließt die Entstehung multipler Loyalitäten ebenso ein wie die Zunahme vielfältiger transnationaler Lebensformen. gesorgt. Globalismus vertritt die Idee des Weltmarkts. ist es sinnvoll. zwischen Globalisierung (bzw. indem er in den achtziger Jahren die »Deregulierung« der Märkte herbeigeführt habe.eine Macht. den Aufstieg nichtstaatlicher politischer Akteure (von Amnesty International bis zur Welthandelsorganisation). Globalismus habe für das wirtschaftliche Wachstum in den letzten zwei Jahrzehnten weltweit. was man »Globalismus« nennen kann (Beck 1997). insbesondere in den sogenannten Entwicklungsländern. die in der Ersten. Man streitet für die weltweite Anerkennung der Menschenrechte. als er die Macht des autonomen Nationalstaates voraussetzt. Kosmopolitisierung muß demgegenüber als multidimensionaler Prozeß entschlüsselt werden. der irreversibel die historische »Natur« sozialer Welten und den Stellenwert von Staaten in diesen Welten verändert hat. Eben das steht der Wirtschaft und großen Teilen der Öffentlichkeit auch vor Augen. betont und verteidigt . Zur Unterscheidung von Globalisierung und Kosmopolitisierung Um die Realitätsräume des kosmopolitischen Blicks begrifflich zu erschließen. Globalismus) und Kosmopolitisierung zu unterscheiden. wenn von »Globalisierung« die Rede ist. der Arbeitsrechte. Kosmopolitisierung. Produkte und Menschen weitgehend ungehindert über Grenzen hinweg zu bewegen. die Entstehung globaler Protestbewegungen gegen den (neoliberalen) Globalismus und für eine andere (kosmopolitische) Globalisierung. Es wird argumentiert. Kapital. Im öffentlichen Diskurs wird das politische Modewort »Globalisierung« weitgehend eindimensional als wirtschaftliche Globalisierung verstanden und in einem engen Zusammenhang gesehen zu dem.menleben verträglich ist. propagiert die Tugenden des neoliberalen Wachstums und den Nutzen. Selbst der Widerstand gegen Globalismus bleibt diesem insofern verhaftet. so verstanden. ihren Weg zu suchen und ihre Interessen und Bindungen neu zu definieren. nicht der Zweiten Moderne Bestand hatte.

Marx. Diese Erfahrung der Entgrenzung und Interdependenz hat sich inzwischen zu einem »banalen Kosmopolitismus« verdichtet und 19 . daß Staat und Gesellschaft in ihrer nationalen Homogenitätsverfassung das Nonplusultra der Weltgeschichte verkörpern. in ihren Alltag einschlagen. Ihre Beschäftigung mit langen historischen Entwicklungslinien ließ es ihnen unplausibel erscheinen. Wenn man fragt. aber auch auf die deutschen Klassiker . wird man einwenden. mehr noch für Marx.auf Kant. wird mit »Kosmopolitisierung« nicht doch letztlich einfach umgetauft. für den Abbau der Armut etc. wie die Zivilisationsrisiken. Insofern gibt es wie deformiert auch immer . Für Kant. Simmel. wird das so wahrgenommen. an dessen Verdichtung sie durch Produzieren und Konsumieren ebenso beteiligt sind. auf Adam Smith. Alexis de Tocqueville. als spreche er für die Menschheit als ganze. stößt man u. Humboldt. die daraus hervorgehen. Sie alle haben die Moderne als einen Übergang von frühen Konditionen relativ geschlossener Gemeinschaften zur »universellen Epoche« (Goethe) interdependenter Gesellschaften verstanden. Goethe. Nietzsche. wobei dieser Übergang wesentlich durch die Ausdehnung des Kommerzes und der Prinzipien des Republikanismus statt hat.Umweltschutz. Aber. aber in anderer Weise auch für Adam Smith und Georg Simmel war die Auflösung kleiner territorialer Gemeinschaften und die Verbreitung universalistischer sozialer und ökonomischer Interdependenz (noch nicht Riskanz!) das Merkmal. John Dewey. welche Denker haben diese innere Kosmopolitisierung nationaler Gesellschaften vorgedacht. a. ja Gesetz der Weltgeschichte. daß die Menschen zwischen Moskau und Paris. zum Beispiel paradoxerweise in Gestalt der Anti-Globalisierungsbewegungen oder des Internationalen Gerichtshofs und der Vereinten Nationen. was bisher »Globalisierung« hieß? Nein . Rio und Tokyo längst in einem realexistierenden Interdependenzzusammenhang leben.das ganze Buch gibt die Antwort auf diese Frage.Ansätze eines institutionalisierten Kosmopolitismus. soviel vorweg: Es wird genau umgekehrt die historisch irreversible Tatsache ins Zentrum gerückt. Herder. Wenn der Weltsicherheitsrat eine Resolution verabschiedet.

Kosmopolitisches München Ich lebe in München. So kam es.vergleichbar dem »banalen Nationalismus«. einschließlich der Exotik »indischer Gerichte«. daß man heute selbst in Indien. Thomas Mann schreibt: »München leuchtet. die dazu zwingen. Wer dem Markenzeichen »indisches Restaurant« zu entnehmen können glaubt. national und international durcheinander gewirbelt werden.Bayern München. Ein kleines Beispiel. der Ort . Das Kleine. Die Inder in Indien kennen in ihrer Tradition kein öffentliches Restaurant.eine Erfindung der in London lebenden Bengalen. daß die Unterscheidungen von Wir und den Anderen.wie der britische Soziologe Zuabaida berichtet . indisch speisen kann. Umgrenzte und Befestigte: das eigene Schneckenhaus wird zum Tummelplatz universeller Erfahrungen.veralltäglicht . Vertraute. die indische Küche stamme aus Indien. gemäß den Londoner Kompositionen indisch zu kochen.im Sinne des banalen Kosmopolitismus . mag das veranschaulichen: die moderne Odyssee der original indischen Küche. die nun weltweit als Botschafter indischer Traditionen zelebriert und konsumiert werden. Nachbarschaftliche. Auf dem Wege ihrer Globalisierung wurde das Restaurant und seine besondere Speisekarte schließlich auch nach Indien exportiert. Malmö oder München . Banaler Kosmopolitismus zeigt sich ganz konkret und alltäglich darin. dann muß sich das auch am Beispiel Münchens zeigen lassen: Was meint kosmopolitisches München? Zunächst . was am Ende die Privathaushalte in Indien dazu anregte.jedenfalls 20 .« Vielleicht darf man Thomas Mann trivialisieren: Bayern München leuchtet . der für die Erste Moderne charakteristisch ist (und sich beispielsweise im Schwenken nationaler Fähnchen äußert). Das »indische Restaurant« ist . das Verhältnis von Ort und Welt zu überdenken. Weltgefahren. das aber Bände spricht. daß der kosmopolitische Blick die kosmopolitischen Potenzen der Provinz aufdeckt.sei es Manhattan oder Masuren. Wenn es richtig ist. Durchdringungen oder auch eines beziehungslosen Nebeneinanders und Ineinanders von Weltmöglichkeiten. der irrt.wird zum Ort von Begegnungen. dem Ursprungsmythos folgend.

»mir san mir« ? Niemals! Ausgeschlossen! Wer schießt die Tore? Oft genug ein Brasilianer. zweitens den deutsch-jüdischen Kosmopolitismus (Lion Feuchtwanger) sowie drittens den katholischen Kosmopolitismus (Oskar Maria Graf). nämlich erstens einen nationalen Kosmopolitismus (Thomas Mann). dessen Ballzauber dem Münchner Fußball-Club Weltklasse verleiht. Lion Feuchtwanger und Oskar Maria Graf-. aber auch positive Bestimmungen: »Begegnungen«. nicht. daß »es beinahe . von national und international längst überwunden sind. also Bayern. Bayern München symbolisiert ein kosmopolitisches Bayern. sondern vielfältigen nationalen Ursprungs. eines Kosmopolitismus. nur gibt. Bayern München steht für ein profan-kosmopolitisches Wir. stehen DIE Bayern für Bayern? Ohne jeden Zweifel. Stehen DIE Bayern für »wir sind wir« oder . die Globalisierungsdebatte vorwegnehmend: »Grenzenlosigkeitssinn«.wie es auf Bayerisch heißt . in dem die Grenzen von innen und außen. »Durchdringungen«. wobei er sich der darin eingebauten Ambivalenzen sehr wohl bewußt ist. mehr noch: »Weltsinn« und dann sogar. Schriftsteller. Er verwirft die Alternative Nationalismus versus Internationalismus und formuliert die Position eines Nationalkosmopolitismus des geistigen Deutschland. repräsentieren in ihrer Person und in ihren Werken drei Traditionslinien eines »verwurzelten Kosmopolitismus«. der zugleich »Wurzeln« und »Flügel« hat. das es in Bayern offiziell weder geben darf noch geben kann. Worauf manche in Bayern so großen Wert legen: Mir san mir und die Anderen die Anderen. Mehr noch: Ohne diesen selbstverständlichen Kosmopolitismus gäbe es DIE Bayern. wenn die Fußball-Profis dieses weltberühmten Clubs schöne Tore schießen. In seinen unter dem Eindruck des Ersten Weltkrieges niedergeschriebenen Betrachtungen eines Unpolitischen ringt Thomas Mann mit der Frage: Was bedeutet Kosmopolitismus? Er findet Worte der Abgrenzung . Entsprechend betont er. nicht »pazifizierte Esperanto-Erde«.dann.Thomas Mann. sprechen mit vielen Zungen. gilt dort nicht. haben viele Pässe.»nicht polyglotte Geübtheit und mondäner Dilettantismus«. Steht Bayern München. Bayern-Spieler sind selbstverständlich ursprünglich weder Bayern noch Münchner. die unter anderem auch über München geschrieben haben und weit über München hinaus berühmt geworden sind . wo das Bayerische Herz schlägt.

« (1993: 505) Erfolg ist aus einem kosmopolitischen Blickwinkel heraus geschrieben. Initiator des Münchner Museums für Technik. Man bekriegte sich beispiels22 .« (Ebd. daß man seine Deutschheit möglicherweise verlieren muß. als sich hier eine harsche Kritik des in der Weimarer Republik wachsenden aggressiven Scheuklappen-Nationalismus findet: »Die Bevölkerung des Planeten zählte in jenen Jahren 1800 Millionen Menschen. das Sowohl-alsAuch von Kosmopolitismus und Nationalismus. ohne deutsch zu sein?« (Ebd. vorgestellt werden. zum einen. wenn er Philosophie mit deutscher Philosophie gleichsetzt: »Kann man Philosoph sein. ein Typ... um sie zu finden. Die Kultur der Weißhäutigen wurde für besser gehalten als die der anderen.zur deutschen Humanität gehört. wenn man ihn nur von der schwerfälligen Überschätzung seiner blöden Landhockerei abbrachte. daß ohne einen Zusatz von Fremden vielleicht kein höheres Deutschtum möglich« ist (Thomas Mann 1983: 71).. Dabei trifft er eine problematische Unterscheidung zwischen »deutschem Weltbürgertum« und »demokratischem Internationalismus«. Drei Jahre Geschichte einer Provinz (1930.: 152) Wie leicht dieser geistesbürgerliche National-Kosmopolitismus in Dünkel und Ignoranz umschlagen kann. Europa galt als der beste Teil der Erde . und ob solches Weltbürgertum sich nicht mit tiefer nationaler Gebundenheit sehr wohl verträgt..: 92) In seinem Roman Erfolg. und zwar beispielsweise in der Charakterisierung des Münchner Geheimrats Sebastian von Gruber. 1993) läßt Lion Feuchtwanger ein Stück bayerischen. als demokratischer Internationalismus. aus der Zukunftsperspektive des Erzählers. darunter etwa 700 Millionen Weißhäutige. zeigt sich. und selbst antideutsch aufzuführen. münchnerischen Kosmopolitismus aufleben. indem die Personen im Rückblick. von dem es heißt: »Er war Bayer und Weltbürger zugleich. Die Weißen hatten unter sich vielerlei Grenzen aufgerichtet. Sie redeten verschiedene Sprachen . sich undeutsch. zum anderen. sehr willkürliche. daß eine den Nationalsinn zersetzende Neigung zum Kosmopolitischen nach maßgeblichem Urteil vom Wesen der deutschen Nationalität untrennbar ist. Thomas Mann betont also das Melange-Prinzip. »Ob deutsches Weltbürgertum nicht etwas anderes ist. zu dem man gewiß den ganzen Schlag des Landes erziehen konnte.

daß man entweder Freund oder Feind ist. macht sie in einer rasch veränderlichen Zeit schnellsten Verkehrs denen überlegen. lebende Exil-Bayer Oskar Maria Graf einen in vielerlei Hinsicht merkwürdigen Zukunftsroman. erklärte es für eine Tugend. je nachdem auf welcher Seite man geboren wurde. administrative Grenze führt. konzipiert der damals in New York. wenn es der Befehl will. weil man an verschiedenen Punkten der Erdoberfläche geboren war. auf sie zu schießen.. Daß sie seit Jahrhunderten umgetrieben wurden. Schwächung. Beschränkung. sich mit den Nachbarn verbündet oder diese .. Noch während des Zweiten Weltkrieges. ist also letztlich anti-national. dieses oder jenes nationale Schicksal sich zu eigen macht und. Solche den Kindern von früh gelehrte und ähnliche Tugenden faßte man zusammen unter dem Begriff Patriotismus. trägt. Die Eroberung der Welt. daß sie sich immerzu neuen Menschen. das erweist sich plötzlich als ungeheurer Vorzug. das heißt deshalb. »Aus Verlorenheit und einem Grauen ohne gleichen kamen andere wandernde Scharen und begannen überall so . gleich Waben.weise aus nationalen Gründen.« (Ebd.. Hier wird die totale Katastrophe.erschießt. Langsam. zur Voraussetzung für eine kosmopolitische Weltordnung. Feuchtwanger verweist auf die Überlegenheit des Nomadendaseins. für minderwertig zu halten und in gewissen. zwischen 1942 und 1943. der zunächst verschiedene Titel. Man schaltete den Gruppenaffekt ein. der den schwerfälligen Bauern verdrängt. neuen Verhältnissen anpassen mußten.. Was früher den Juden von ihren Gegnern als ihre verächtliche Eigenschaft vorgeworfen wurde . Verarmung. Menschen. die außerhalb der eigenen von Behörden festgesetzten regionalen Grenzen geboren waren.. die sich nur auf ihrer Scholle bewegen können.« (Feuchtwanger 1984: 465) Umgekehrt gilt: National fanatische Abschließung führt zur Verödung. der jüdischen Diaspora gegenüber der Schollenbindung: »Überall ist heute der Nomade der wichtigere.als Heldentat! .. a. von der Regierung bestimmten Zeiten. dazu. lebensfähigere Typ geworden. in der zweiten Auflage dann den Titel Die Erben des Untergangs erhält. u. die Tabula rasa der Negativerfahrung..: 203) Wir haben hier noch einmal bilderbuchartig eine Kritik der nationalen Gefängnistheorie menschlicher Existenz: Eine völlig willkürliche. diese oder jene Sprache spricht. fügten sich die Millionen der Parias 23 .

dann wird sie menschlich.aller Länder in die unendlichen Flächen der Kontinente. das seine Identität aus der Diskontinuität seiner Geschichte schöpft. das betont Dogmatische verloren. genauer: mit lokalen ethnischen.: 362) In seinem Lieblingszitat aus Tolstois Traktat Christentum und Vaterlandsliebe spiegelt sich Oskar Maria Grafs eigene Haltung: »Wenn die Menschen es doch endlich begreifen würden. allein in München. die in München zusammenleben. Es ist kein Zufall.: 578) Es gibt also. sondern die Kinder Gottes sind!« Und an anderer Stelle heißt es: »Provinziell muß die Welt werden. religiösen und nationalen Traditionen sich mischende Kosmopolitismen. als München zur anti-kosmopolitischen »Hauptstadt der Bewegung« wurde.« (Ebd. die Bischöfe und Priester unmittelbar aus ihrer Mitte. das im Bruch mit seiner Vergangenheit lebt. der seit jeher allen Anfang birgt. Es ist das historisch bewußte München. München ausmachen. daß diese drei in München verwurzelten kosmopolitischen Schriftsteller zu Exil-Schriftstellern (gemacht) wurden: Der Grundstein des kosmopolitischen München ist nicht in München. Was also meint kosmopolitischer Blick? Nicht die Morgenröte 24 . zu einer Zeit. daß sie nicht Kinder irgendwelcher Vaterländer. begrüßt und feiert also den Reichtum der 180 Nationen. in der der staatlich organisierte Rassenwahn seinen Ausgang nahm. Das kosmopolitische München steht für die institutionalisierte Erinnerung daran.: 44f. sondern im Exil gelegt worden. Das kosmopolitische München steht in reflexiver Distanz zu sich selbst. leuchten lassen. langer Zeit einmal ein vielbelachter Mann gesagt? >Hunger und Hände und Erde sind da! Alle drei sind von Natur aus da!< Etwas Entscheidendes geschah: Zum Boden. visioniert einen zugleich demokratischen und kosmopolitischen Katholizismus: »Im Zerfall und Verlorensein hatte sich auch der Katholizismus tiefgreifend gewandelt und das eng Kirchliche. Wie hatte vor langer. nicht nur einen Kosmopolitismus.« (Ebd. der sich selbst als »religiösen Sozialisten« bezeichnet. gewinnt daraus seine Weltwachheit. sondern viele Kosmopolitismen. für den Perspektivenwechsel.) Graf. ein München. hatten die Geretteten zurückgefunden! Und Heimat war auf einmal die ganze Welt!« (Ebd. Im grundsätzlichen Gegensatz zur Vergangenheit wählten jetzt die Gläubigen den Papst.

und Kooperationszusammenhang . keine verordnete Fremdenliebe. national und international. das Nationalismus und Provinzialismus ersetzen soll. Die Volkswagen-Stiftung hat großzügig meine Arbeit an diesem Buch unterstützt . Schließlich hat dieses Buch viel davon profitiert. Ohne diesen grenzenübergreifenden Erfahrungs. nicht einen freischwebenden Weitblick. Dieses Buch ist im engsten Gesprächszusammenhang und Ideenaustausch mit Daniel Levy und Natan Sznaider entstanden. daß Elisabeth Beck-Gernsheim parallel zu unseremThema ihr Buch Wir und die Anderen geschrieben hat. deren zahlreiche Anregungen ich aufgenommen habe und die meine Entwürfe immer wieder hochanregend kommentiert haben. Kosmopolitischer Blick meint: In einer Welt globaler Krisen und zivilisatorisch erzeugter Gefahren verlieren die alten Unterscheidungen von innen und außen. So werden mit diesem Buch auch Ergebnisse unseres gemeinsamen Forschungsprojektes im (von der D F G finanzierten) Sonderforschungsbereich »Reflexive Modernisierung« vorgestellt (siehe auch Beck/Levy/Sznaider 2004). Stonybrook. nicht das Heraufdämmern der Weltrepublik. wird durch den Band »Entgrenzung und Entscheidung« (herausgegeben von mir und Christoph Lau) dokumentiert. wovon dieses Buch handelt: Daniel Levy lehrt Soziologie an der State University of New York.der allgemeinen Völkerverbrüderung. Dieses Forschungsprojekt ist selbst ein Exempel dafür. kosmopolitischen Realismus. 25 . sowie zahlreiche Kollegen der London School of Economics and Political Science einschließt . und es bedarf eines neuen. um zu überleben. Daß die vorliegende Schrift Moment einer größeren Forschungsunternehmung ist.wäre dieses Buch nicht möglich geworden. und zwar schon deswegen nicht. wofür ich herzlich danke. weil die Idee der Menschenrechte und der Demokratie einen nationalen Boden benötigen. Kosmopolitismus ist auch kein Supplement. Wir und die Anderen ihre Verbindlichkeit. Natan Sznaider an dem Academic College of Tel Aviv und ich in München und London. Soziologe und Editor in New York.der auch Michael Pollak. Boris Holzer und Angelika Poferl haben einzelne Kapitel sorgfältig und sehr anregend kommentiert.auch dafür sei herzlich gedankt. Auch Edgar Grande.

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ERSTER TEIL Der kosmopolitische Realismus .

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drittens epistemologische Wende. Was geschieht . die dieses Buch gibt. Schmitt 2001. ihrer inneren Notwendigkeit entkleidet.Kapitel I Weltsinn. nämlich die des »nationalen Blicks«. Was ist neu am kosmopolitischen Blick? Im Umgang mit dem Rätselwort »Globalisierung« in den Sozialwissenschaften lassen sich drei Phasen unterscheiden: erstens Leugnung. 1999. In dem Maße. Beisheim/Zürn u.so lautet die Fragestellung der epistemologisch gewendeten Globalisierungsforschung -.2003 und viele andere mehr). gelingt allerdings nur im Bezugsrahmen einer interpretativen Alternative. historisiert. (Gille/Riain 2002. wenn die Unterscheidungen von innen und außen. Brenner 2000. von Wir und den Anderen sich verwischen. kristallisierte sich drittens eine epistemologische Wende heraus: Es griff die Einsicht um sich. als Sozialwissenschaftler der verschiedensten Disziplinen sich zweitens an die Aufgabe machten. die diese Einheiten bestimmen. Sassen 2003 und viele mehr). von national und international. das heißt de-ontologisiert. Randeria 2001. 1999. Grenzenlosigkeitssinn: Z u r Unterscheidung von philosophischem und sozialwissenschaftlichem Kosmopolitismus 1. von lokal und global. lautet: Eine ganze Begriffswelt. wenn die Prämissen und Grenzen. Dies zu begründen und in seinen Folgen zu durchdenken. zerfallen? Die Antwort. in dem dies gelang. Held u. für historisch nicht neu. In einer ersten Reaktion leugnete der Mainstream die Realität oder Relevanz der (wirtschaftlichen) Globalisierung und erklärte alles.B. Globalisierungsphänomene begrifflich zu zerlegen und in den theoretischen und empirischen Themen der Sozialwissenschaften zu verorten (z. die Onto- 29 .a. Derartige Wegerklärungen verloren an Glaubwürdigkeit.a. zweitens begriffliche Präzisierung und empirische Erforschung. wird entzaubert. was an Phänomenen unter dem Stichwort »Globalisierung« auf die sozialwissenschaftliche Agenda geriet. Beck 1997. daß die Untersuchungseinheiten der jeweiligen sozialwissenschaftlichen Disziplin kontingent werden. Beck 2002.

das Theorieund Forschungsprogramm einer »kosmopolitischen Sozialwissenschaft« und entwickelt exemplarisch vier Themenbereiche. Darüber hinaus kann die denationalisierte Sozialwissenschaft einen neuen Blick auf globale (»glokale«) Un- 3° . und alle Versuche. In dieser Perspektive kann die Zunahme der Interdependenz sozialer Akteure über nationale Grenzen hinweg beobachtet werden. die für Harmonie über kulturelle und nationale Grenzen hinweg plädiert (»normativer Kosmopolitismus« oder »philosophischer Kosmopolitismus«). die sich freimacht von nationalen Kategorien (der »kosmopolitische Blick« oder »analytisch-empirischer Kosmopolitismus«). die mit transnationalen Konfliktfragen befaßt sind (»institutionalisierter Kosmopolitismus«). Der dritte Teil entwirft eine »neue Grammatik«. Auch erlaubt der kosmopolitische Blick. sie zu kontrollieren. führen zu globalen Konfliktarenen und Debatten. was ich einen »methodologischen Kosmopolitismus« nennen möchte. daß diese »Kosmopolitisierung« sich als ungewollte und ungesehene Nebenfolgen von Handlungen durchsetzt. Die Grundlagen für diese Perspektive sollen in diesem Kapitel in drei Schritten gelegt werden: Im ersten Teil unterscheide ich zwischen verschiedenen Arten von »Kosmopolitismus«: Am verbreitetsten ist die Interpretation. die nicht als »kosmopolitisch« im normativen Sinne intendiert sind (»real existierende Kosmopolitismen« oder die »Kosmopolitisierung der Wirklichkeit«). Im zweiten Teil konzentriere ich mich auf den wachsenden Widerspruch zwischen »methodologischem Nationalismus« und realer Kosmopolitisierung. die Vielfalt der Interdependenzen nicht nur zwischen Staaten. sondern auch zwischen anderen Akteuren auf verschiedenen Aggregationsebenen zu analysieren. auf die dieser Wechsel der Perspektiven hin zu einem »methodologischen Kosmopolitismus« sich konzentrieren soll: Die Risiken der modernen Gesellschaft sind ihrer inneren Logik nach transnational. wobei die Besonderheit darin liegt.die im Denken und im Handeln vorherrschende nationalstaatliche Ontologie und Imagination durch das.logie durch Methodologie ersetzt . Unter bestimmten Bedingungen führt der letzte Typ der »Kosmopolitisierung« zur Entstehung von globalen Foren der Diskussion. und es bilden sich globale Regime heraus. Dieses normative Verständnis ist zu unterscheiden von einer deskriptiv-analytischen Perspektive der Sozialwissenschaften.

sondern die Grammatik des Sozialen und des Politischen umzuschreiben: Das aufregend Unerledigte ist der neue Satzbau. unter welchen Bedingungen sie als solche bewußt werden. ja nicht einmal der Tatsache Rechnung tragen kann. für die Grausamkeit. Die Erfahrung der realen Entgrenzung. dies nur in kosmopolitischer Perspektive begriffen werden kann.gleichheiten werfen. setzt zu ihrer Analyse den kosmopolitischen Blick voraus. daß politisches. was in den in ihrem Eigensinn bedrohten Nationen unter dem Warum und Wohin zweifelt und kränkelt. wird ein neues Feld des Forschens und der Kontroversen erschlossen: der Wirklichkeitskosmopolitismus am Beginn des 21. ökonomisches und kulturelles Handeln samt seinen (gewußten und ungewußten) Folgen keine Grenzen kennen. der kosmopolitische Satzbau der Wirklichkeit. Dafür ist es erforderlich. München. der neonationalen Wiedereinmauerung auslöst. die nationale Grammatik wird falsch. verkennt. nicht nur neue Kategorien zu finden. Jahrhunderts. Kosmopolitischer Realismus schließt aber auch den Blick für die Unerbittlichkeit. nämlich auf den Nachweis der epistemologischen Notwendigkeit des kosmopolitischen Blicks für eine entgrenzte Welt.1 1. 18 ff. 2 Siehe dazu das hervorragende Buch von Sigrid Thielking (2000). 3 1 . Das. Schließlich lassen sich verschiedene Arten mehr oder weniger »banaler Kosmopolitisierung« unterscheiden und darauf hin befragen. die den Reflex der Wiedereinzäunung. im Zusammenhandeln beantwortet werden. daß selbst dort. Bösartigkeit.1 Zur Unterscheidung von philosophischem Kosmopolitismus und sozialwissenschaftlicher Kosmopolitisierung Mit der Konzentration auf den analytisch-empirischen Kosmopolitismus.2 Der nationale Blick. kann nur im Zusammenhang. Inhumanität 1 Zur Unterscheidung von Globalisierung und Kosmopo S. wo sich der Nationalismus an der Globalität wieder entzündet. Weltbürgertum: Kosmopolitische Ideen in Literatur und politischer Publizistik. Unheiterkeit. dem auch dieses Kapitel viel verdankt.

Religionen. nicht zu verhungern.ein. mein Körper. wieder andere investieren ihr Geld in Staaten. »Kosmopolitisierung« meint in diesem Sinne latente Kosmopolitismen. Gemäß der Unterscheidung zwischen Philosophie und Praxis unterscheide ich in diesem Buch zwischen Kosmopolitismus und realexistierender Kosmopolitisierung. 3 Die Zweite Moderne als »Zeitalter der Nebenfolge« zu begreifen. Der springende Punkt dieser Unterscheidung liegt darin. Oder Kosmopolitisierung passiert die Grenzen als blinder Passagier z. »Fremder« zu werden oder zu bleiben. erfolgt meist nicht freiwillig. ohne daß ich es weiß und ausdrücklich will. allein begriffen. die als Nebenfolgen des Welthandels oder globaler Gefahren (Klimakatastrophe. ein »Ausländer«. Terrorismus. Historien und globaler Interdependenzrisiken. Dieser Kopf-Herz-Dualismus wird in der Zweiten Moderne umgewertet. daß das Kosmopolitischwerden der Wirklichkeit sich auch oder sogar eher als eine erzwungene Wahl oder als Nebenfolge unbewußter Entscheidungen durchsetzt3: Die Wahl. der Kosmopolitismus sei eine bewußte und freiwillige (oft sogar elitäre) Wahl. wird ausgeführt in U. Der Alltag ist auf banale Weise kosmopolitisch geworden. ganz normaler Marktentscheidungen: Jemand begeistert sich für PopMusik oder ißt gerne »indische« Gerichte. 32 . Beck (1996). Finanzkrisen) die Wirklichkeit formen. die dem neoliberalen Idealbild weltmarktkonformer Politik gehorchen. nicht gelebt werden. In der nationalen Moderne konnte der Kosmopolitismus nur im Kopf regieren. Meine Existenz. andere versuchen.B. zurückzuweisen. mein »eigenes Leben« werden Teil einer anderen Welt. Der Nationalismus dagegen schlug im Herzen. fremder Kulturen. Beck/Bonß/Lau (2001). passive Kosmopolitismen. unbewußte Kosmopolitismen. Der Begriff »Kosmopolitisierung« soll darauf aufmerksam machen. der Flucht vor politischer Verfolgung oder des Versuchs. während in den Köpfen (selbst in den Theorien und Forschungsroutinen der avancierten Sozialwissenschaften) die Suggestivbegrifflichkeit des Nationalen fast ungebrochen ihr Spukunwesen treibt. Beck/Holzer/Kieserling (2001). die Behauptung. globalen Risiken durch Müllsortieren oder Speisezettel-Manöver auszuweichen. sondern ist die Konsequenz der Not. die mit dem Verschwimmen den Grenzen zwischen Wir und den Anderen auch zum Ausdruck und Ausbruch kommen.

vernachlässigenswert. Souveränitäten.und Minderheiten-Kosmopolitismen. einen blanken Widerspruch zu behaupten.« (Ebd. beruhen auf einer Palette von Optionen. ist normalerweise der Fall. Kosmopolitismen der globalisierten Produktion und des globalisierten Konsums. als ihnen ihre Herkunft vorgibt. daß unbewußte oder halbbewußte. Etwas. kann manchmal der Muße entstammen. ja. warum die Masse realer Kosmopolitismen kaum die Aufmerksamkeit akademischer Diskussionen über Kosmopolitismus erregen: Wer argumentiert. Derartige Zwänge erklären vielleicht teilweise. Im engeren Sinne durch den Markt vermittelte Entscheidungen ergeben sich meist aus dem Wunsch. obwohl national geflaggt ist. daß die Wahl des Kosmopolitismus in einem bestimmten Sinn selbstbetrügerisch ist und unter Nötigung erfolgt. kommt aber weitaus häufiger unter Bedingungen des Zwanges zustande. in einen politischen Raum aufzubrechen. wenn man annimmt.Ein in diesem Sinne »banaler« Kosmopolitismus vollzieht sich unter der Oberfläche. oder einfach dem Tod zu entkommen.so argumentiert Scott L.»trivial«. die meistens jenseits der Kontrolle des individuellen Konsumenten liegen. nationale Einstellungen.von Individuen getragen. die dem Konsum des Vergnügens dienen. nimmt ihm viel von seiner ethischen Attraktivität. Etikettierungen. Malcomson . Diese Latenz macht Kosmopolitisierung gemessen an den hohen Standards ethischer und akademischer Moral . nicht arm zu sein. realexistierende sind deformierte Kosmopolitismen. das als elitärer Anspruch durch die Weltgeschichte stolziert ist. um für etwas Größeres einzutreten. die sehr begrenzte Möglichkeiten haben. erzwungene Migrations. Entscheidungen. kann sich nicht durch die Hintertüre in die Wirklichkeit von Gesellschaft und Politik einschleichen. denke ich.: 240) Das heißt also: Kosmo- 33 . Das darf nicht wahr sein! Heißt es nicht. dubios. Identitäten und Bewußtseinsformen dominieren. »Die Entscheidung. der größer ist als der lokale. hinter den Fassaden fortexistierender nationaler Räume. der globalen Bewegungen und Zivilisationsrisiken die nationalstaatliche Welt von unten und innen unterwandern und verändern? Nein. Gerade das aber. Sie werden . dann ist er scheinbar kein geeigneter Gegenstand für Theoriebildung. Wenn Kosmopolitismus beides: unbestimmbar und unvermeidbar ist.

das Schicksal einer vom Aussterben bedrohten Spezies. wenn man sich jedoch in die Vereinigten Staaten begibt. ein erlittener. unfreiwilliger ist ein deformierter Kosmopolitismus. wie Fremde im eigenen Land. Kein Zweifel. sowie die Versuchung. daß die Macht in den Händen männlicher Weißer ruhe. Selbst Mehrheiten fühlen sich heimatvertrieben. angelsächsischen Protestanten. Daß die realexistierenden Kosmopolitismen nicht erkämpft. die Globalisierung für eine Geißel der Menschheit hält. in den Händen angelsächsischer Protestanten.mit einer eigenen Sprache und Symbolen der eigenen Kultur oder mit 34 . ist eine wesentliche Einstiegseinsicht des sozialwissenschaftlich gewendeten kosmopolitischen Realismus.« (Maalouf 2000: 109 f. in der Dunkelheit und Anonymität der Nebenfolge auf die Welt gekommen sind. Daraus nährt sich die Sicht. Es entsteht der paradoxe Eindruck: Alle erleiden scheinbar irgendwie ein Minderheitenschicksal. eine Aufgabe. von Paris aus gesehen. das uns geschieht. Und nachdem man alle diese Minderheiten besucht und tausendmal gehört hat. Ein nicht deformierter Kosmopolitismus entsteht demgegenüber aus dem Gefühl. gewählt. die ihrerseits überzeugt sind.als Opfer der USA. sich in einer Opferrolle einzurichten . profan. ist es Amerika.) Die Praxis dieser Verschwörungstheorie aber ist der Terrorismus. was sieht man? Minderheiten. nämlich die Welt zu ordnen. des Neoliberalismus usw. im Glänze moralischer Aufklärungsautorität. widerfährt. wird Oklahoma City plötzlich von einer ungeheuren Bombenexplosion erschüttert. »Denn alle Gemeinschaften und alle Kulturen haben den Eindruck. für etwas. des Kapitalismus.politismus im Sinne Kants meint ein Aktivum. die die ganze Vielfalt der Welt widerspiegeln und die alle das Bedürfnis bekunden. es mit übermächtigen Gegnern zu tun zu haben und ihr Erbe nicht unbeschadet bewahren zu können. der dominiert. Aus der Perspektive des Südens und Ostens ist es der Westen. ihre ursprüngliche Zugehörigkeit zu behaupten. weißen. des Westens. sondern deformiert. selbst ein Teil des zivilisatorischen Experiments Menschheit zu sein . als Edelfortschritt. daß sie die von allen am meisten vernachlässigte und verhöhnte Minderheit seien und daß mit der Globalisierung >ihrem Amerika< die Stunde geschlagen habe. Wer sind die Täter? Eben jene männlichen. Kosmopolitisierung dagegen öffnet den Blick für unkontrollierbare Passiva.

Von Anfang an forderte der sich entfaltende Weltmarkt die globale Vermischung und setzte sie notfalls gewaltsam durch. Sklavenhandel und Kolonisation.und Eroberungszüge. das Unwirklichwerden der nationalstaatlichen Welt überspielen. 54ff. sondern ihr Bemerken.in den Massenmedien.8. die sich universalistisch kostümiert. Neu ist also nicht die erzwungene Melange. auf denen die akademische Lehre und Forschung rollen. in den Nachrichten. sowie Kapitel II. im Gegenteil. ethnische Säuberungen. 1. die den »kosmopolitischen Blick« zum Schlüsselbegriff und -thema der reflexiven. in den globalen Sozialbewegungen der Schwarzen. Zweiten Moderne macht. Völkerwanderungen. Jahrhundert zeigt. ihr Selbstbewußtsein. Das Kapital reißt alle nationalen Grenzen nieder und wirbelt das »Eigene« und das »Fremde« durcheinander. in der Hochkonjunktur alter Begriffe wie »Diaspora« in den Kulturwissenschaften. die Regel: Raub.eigenen Taten zur Abwehr globaler Gefahren daran Anteil zu nehmen. Umsiedelungen und Vertreibungen. 2. im Kern jedoch läßt sie sich so beantworten: Die (erzwungene) Vermischung der Kulturen ist weltgeschichtlich nicht neu.2 Zur Unterscheidung von (latenterj Kosmopolitisierung und kosmopolitischem Blick Die Wirklichkeit wird in ihrem Kern kosmopolitisch. der Frauen. Eine Kritik jener Unwirklichkeitswissenschaft des Nationalen. ihre weltöffentliche Reflexion und Anerkennung . Es ist diese soziale und sozialwissenschaftliche Reflexivität. der Minderheiten. Weltkriege. während unsere Denk. setzt den kosmopolitischen Blick und seine methodologische Entfaltung voraus. aber ihre Herkunft aus dem nationalen Erfahrungshorizont weder leugnen noch abstreifen kann.4 4 Siehe dazu in diesem Kapitel S. also einen Beitrag zur Weltkultur zu leisten. politisches Auftrumpfen.und Bewußtseinsformen sowie die Autobahnen. die uns in diesem Buch verschiedentlich beschäftigen wird. Wie aber unterscheiden sich (latente) Kosmopolitisierung der Wirklichkeit und kosmopolitischer Blick ? Das ist eine diffizile Frage. 35 . wie die Öffnung Japans und Chinas im 19.

Mit der Wahrnehmung globaler Interdependenzrisiken wachsen die Konfliktzwänge. in der Wirtschaft. Aids usw. Dieser kategoriale Wandel in der Selbstwahrnehmung hat die Art. Irgendwann in der nicht weit zurückliegenden Vergangenheit hat sich ein qualitativer Wandel in der Wahrnehmung sozialer Ordnung ereignet.in der Politik. durch welche Akteure kommt es dennoch dazu. in eine globale Interdependenzkrise gestürzt.Klimawandel (»Risiko Sonne«). die politisch ganz verschiedenwertige Ausdrucksformen angenommen hat . daß bestimmte politische Prinzipien des Kosmopolitismus umgesetzt und auf Dauer gestellt werden? Paradigmatisch kann diese Frage im Rahmen der Theorie der Weltrisikogesellschaft bearbeitet und beantwortet werden. Diese wird nicht länger primär als ein Konflikt um die Produktion und Verteilung von »goods« verstanden. globale Armut. im Alltag. in der Wissenschaft. Möglichkeiten und Widerstände . in der moderne Gesellschaften ihre Institutionen und Funktionen organisieren.zum Beispiel in der Umweltpolitik und in der Menschenrechtspolitik -.3 Zur Unterscheidung von Kosmopolitisierung und institutionalisiertem Kosmopolitismus Schließlich ist nicht nur die Unterscheidung zwischen Kosmopolitisierung und kosmopolitischem Blick. BSE-Krise. transnationaler Terrorismus. vielmehr widersprechen die Produktion und Verteilung von »bads« dem Kontrollanspruch der etablierten nationalstaatlichen Institutionen. Das stürzt auch die Sozialwissenschaften und die politische Theorie in eine Krise. In der Weltrisikogesellschaft geht es dementsprechend auf allen Ebenen um die zwanghafte Vortäuschung von Kontrolle über das Unkontrollierbare . sondern auch die zwischen Kosmopolitisierung und institutionalisiertem Kosmopolitismus wichtig: Unter welchen Bedingungen. die in einer Kombination von Karl Marx und Max Weber moderne Gesellschaften als kapitalistisch und rationalistisch begreifen. massenmedial inszenierten Risikowahrnehmung.1. die den epochalen Unterschied ausmachen. Es ist diese Entgrenzung zivilisatorisch erzeugter und interdependenter Unsicherheiten und Gefahren und die daraus entstehende Dominanz der öffentlichen. in welchen Grenzen. Diese Interdependenzkrise nenne ich »Weltrisikogesellschaft«. zu kosmopolitischen Lösungen zu kommen. im Recht. 36 .

Insofern schärfen Zivilisationsrisiken potentiell ein globales Normenbewußtsein. die aus sich heraus eine globale Dynamik freisetzen. wie Regenwälder. ist schwer festzustellen. die zunächst individualisiert und nationalisiert werden. In der Weltrisikogesellschaft . die keine Rücksicht auf nationalstaatliche oder andere Grenzen nehmen: Klimawandel. da diese aus dem Zusammenwirken vieler Einzelner entsteht. während sie gleich- 37 . wenn darüber gestritten wird. dabei schwer zurechenbar und nationalstaatlich kaum kontrollierbar dar. Taten und Unsicherheiten verstanden werden. stiften Öffentlichkeit und ermöglichen einen kosmopolitischen Blick. Zivilisatorische Gefahren stellen sich daher als weitgehend deterritorialisiert. zweitens ökonomische Interdependenzrisiken. Bei allen Unterschieden haben ökologische. sowie drittens die Bedrohung durch terroristische Interdependenzrisiken. Analoges gilt für die zeitliche Entgrenzung: Die lange Latenzperiode von Problemen.so die These entzünden sich an der Frage nach den Ursachen und Verursachern globaler Gefährdung neue politische Konflikte. bei der Beseitigung nuklearen Abfalls oder den Auswirkungen genmanipulierter Nahrungsmittel. entzieht sich den gängigen Routinen des Umgangs mit industriellen Gefahren. wie z.B. daß Entwicklungsländer wichtige globale Ressourcen.In räumlicher Hinsicht sehen wir uns mit Risiken konfrontiert. Konflikte über Zivilisationsrisiken entstehen z. dann. schützen. sondern müssen als zivilisatorisch fabrizierte Folgen. ökonomische und terroristische Interdependenzrisiken ein wesentliches Merkmal gemeinsam: Sie können nicht als externe Risiken der Umwelt zugerechnet werden. die im Streit um Definitionen und Zuständigkeiten einen institutionalisierten Kosmopolitismus befördern. inwieweit die Industrieländer den Anspruch erheben können.B. In der sozialen Dimension schließlich wird die Zurechnung von Gefährdungspotentialen und damit die Haftungsfrage zum Problem: Wer in einem rechtlich relevanten Sinne Umweltverschmutzung (oder auch: eine Finanzkrise) »verursacht«. Es müssen mindestens drei verschiedene Konfliktachsen der Weltrisikogesellschaft unterschieden werden: erstens ökologische Interdependenzrisiken. Luftverschmutzung und Ozonloch betreffen alle (wenn auch nicht in gleicher Weise).

»Folgen-Öffentlichkeiten«. daß kosmopolitische Lösungen gefunden werden müssen. der.zur Handlungsdefinition überzugehen. von der Gefährdungs. wenn man ihr Potential auf neue und noch zu schaffende Institutionen erfolgreicher globaler Koordination beschränkt. Dauerkommunikation über Gefährdungen ist ein wichtiger Bestandteil informeller kosmopolitischer Normbildung. Man könnte daraus den Schluß ziehen. Die Vergesellschaftung der Weltrisikogesellschaft ist deshalb nicht zureichend begriffen.zeitig den Löwenanteil an Energieressourcen für sich selbst beanspruchen. Derartige Lösungsperspektiven sind ohne neue globale Institutionen und Regelwerke und damit ohne ein gewisses Maß an Konvergenz . führt. daß wir es eben nicht mit einer Form globaler Vergesellschaftung zu tun hätten. Er entsteht und besteht in der wahrgenommenen Not globaler Gefährdungslagen. Eine solche Sicht setzt Gesellschaft fälschlicherweise mit Konsens gleich. die man nicht hinnehmen zu können meint.kaum denkbar. Über alle nationalen Grenzen und Gräben hinweg wird mit der konstruierten und akzeptierten kosmopolitischen Gefährdungsdimension ein gemeinsamer Verantwortungsund Handlungsraum geschaffen. Dagegen haben bereits diese Konflikte selbst eine integrative Funktion. Der alltägliche Erfahrungsraum kosmopolitischer Interdependenz entsteht nicht als ein Liebesverhältnis aller mit allen. politisches Handeln zwischen Fremden stiften kann (nicht muß). Die Entstehung globaler Normen ist nicht unbedingt auf die bewuß- 38 . Die bisherigen Forschungen zur Entstehung entsprechender supra. indem sie deutlich machen. Bereits vor jeder kosmopolitischen Institutionalisierung bilden sich globale Normen aus der Empörung über Sachverhalte. Diese Risiken erzeugen einen unübersehbaren Kooperationsdruck. wenn die akzeptierte Gefährdungsdimension zu kosmopolitischen Normen und Absprachen. analog zum nationalen Raum. wie schwierig es ist. also zu einem institutionalisierten Kosmopolitismus. Dies ist dann der Fall.und transnationaler Organisationen und Regime haben jedoch gezeigt. An den grenzübergreifenden Langzeitfolgen und Erwartungen des Unerwarteten entzünden und etablieren sich somit transnationale Risikogemeinschaften. die zu einer unfreiwilligen Politisierung der Weltrisikogesellschaft führen.

sondern kann sich. B. daß auch dort.ten Anstrengungen »positiver« Normsetzung angewiesen.im Sinne einer cosmopolitan critical theory (Beck 2003).des Völkerrechts. Kritik des nationalen Blicks und des methodologischen Nationalismus Der kosmopolitische Blick stellt einen der machtvollsten Pfeiler der Vorstellung von Gesellschaft und Politik in Frage. die Konfliktlinien nicht einfach regional abgebildet werden können. Versinken der leitenden Dualismen von national und international drohen . 39 . der Kritik des nationalen Blicks) zu den Themen der kosmopolitischen Ethik und Politik? Wie werden kosmopolitische Demokratie. Diese umfaßt zwei Argumentationsschritte: Kritik des nationalen Blicks und Vorüberlegungen zur kosmopolitischen Grammatik des Sozialen und des Politischen. Vielmehr ergeben sich neue Konfliktlinien. S.5 Die analytisch-empirische Kosmopolitisierung grenzt sich also vom normativ-politischen Kosmopolitismus ab. 2. die geographische Unterscheidungen teilweise unterlaufen (z. Recht. Solidarität. 225 ff. Tatsächlich erlaubt sie erst die Frage: Wie verhalten sich die kategorialen Bestimmungen und Erkenntnisse des kosmopolitischen Blicks (bzw. Das zeigt sich bereits daran. Diese Unterscheidung ermöglicht nicht nur eine gleichsam »werturteilsfreie« Beschäftigung mit dem Alltag und der sozialwissenschaftlichen Epistemologie der Weltrisikogesellschaft. wo sich Konflikte entzünden. Dieser manifestiert sich in der Überzeugung. die mit dem Verblassen. zwischen Erster und Dritter Welt). Politik.1 sowie in Kapitel V. Gerechtigkeit.. nicht aber zur Vernachlässigung des normativen und politischen Kosmopolitismus in einer sich selbst gefährdenden Welt. der Wende zu neuen Kriegen. der internationalen Institutionen. gleichsam »negativ«. Staat usw. daß »moderne Gesellschaft« und 5 Die Dynamik des Risiko-Kosmopolitismus wird in Abschnitt 3. Sie zwingt zur Trennung. aus der Bewertung von globalen Krisen und Gefahren speisen. möglich? Der kosmopolitische Blickwechsel eröffnet die Möglichkeit einer nicht-nostalgischen Kritik des Nationalen . weiterentwickelt.

Anders dagegen bei denjenigen. aber einen fremd klingenden Namen. Diskotheken bewegt. bestimmt er die wissenschaftliche Beobachterperspektive. die als Ganze von den Folgeproblemen ihrer zivilisatorischen Siege in ihren Grundlagen erschüttert wird. Gesellschaft die »natürlichen« sozialen und politischen Formen der modernen Welt sind. weil es keine logische Verbindung zwischen den beiden gibt. nach der Nation. Diese Unterscheidung zwischen der Perspektive des sozial Handelnden und der Beobachterperspektive der Sozialwissenschaft ist wichtig. dazu blaue Augen hat. Der Aufstieg der Soziologie fiel zusammen mit dem Aufstieg des Nationalstaates. kann weder im nationalen Blick (Akteur) noch im Bezugsrahmen des methodologischen Nationalismus (wissenschaftliche Beobachterperspektive) angemessen erfaßt und verstanden. selbstverständlich als Einheimischer gelten: Er . 2. Elisabeth Beck-Gernsheim schreibt: »Wer Michael Schmid oder Petra Paulhuber heißt. gezeigt werden. Gesellschaft wird gleichgesetzt mit nationaler. Sie werden. eine dunklere Hautfarbe. staatlich organisierter und begrenzter Gesellschaft. mag zunächst an einem Beispiel.sein klinischer Wirklichkeitsverlust -. erforscht und erklärt werden. des Systems internationaler Politik und des Nationalismus. der wird. in deutschen Geschäften.paßt ins Bild des Normaldeutschen. dem sogenannten Herkunftsdialog. Schulen. dann spreche ich von »nationalem Blick«.1 Prinzipien und Fehler des methodologischen Nationalismus Woran der nationale Blick krankt . nur eine historische. Wenn soziale Akteure diesem Glauben anhängen. wenn er sich auf öffentlichen Plätzen. weil sie vom standarddeut40 . die zwar einen deutschen Paß haben. Allein aus dieser historischen Eingebundenheit ergibt sich die Axiomatik des methodologischen Nationalismus.»moderne Politik« nur als nationalstaatlich organisierte existieren können.oder sie . territorialer. Staat. Die Welt. blond oder braunhaarig ist. dann spreche ich von »methodologischem Nationalismus«. etwas anders geschnittene Gesichtszüge.

. fühlen sich Fragende unangemessen zurückgewiesen. nach immer wieder ähnlichem Muster. ich meine ursprünglich?* . ausgegrenzt im wörtlichen Sinn. so unterschiedlich sind gleichzeitig die Wahrnehmungen der Interaktionspartner.!< >Ist das ein italienischer Name?< . regelmäßig mit der Frage konfrontiert: >Wo kommen Sie her?< Es beginnt dann.>Ich bin in Essen geboren. Dazu muß man intime Details der Familiengeschichte benennen.<« (2004: 171) Menschen mit fremd anmutendem Äußeren sehen sich immer wieder einem derartigen Kreuzverhör ausgesetzt. Zum Beispiel so: Woher kommst du?< . der weiße Brite) sieht jemand vor sich.< >Aber deine Eltern?*. Doch der ist oft peinlich berührt. ja fühlt sich diskriminiert. der seinem mononationalen. Er reagiert darauf mit Neugier. so immer wieder ähnlich solche Gesprächssituationen verlaufen. Darin ist stets ein Rechtfertigungszwang enthalten: Man muß begründen.>Mein Vater ist Italiener.. Darin drückt sich die territoriale Sozialontologie des nationalen Blicks aus.) Nicht zufällig nennt Battaglia den Herkunftsdialog ein >Verhandeln über die Verwurzelung<.schen Format abweichen.>Ich komme nicht aus Italien. Wenn die Befragten darauf eingehen.>Meine Mutter kommt auch aus Essen. mit Offenheit und Interesse am Gegenüber.. monokulturellen Erwartungsblick nicht entspricht. die ich oben Gefängnisirrtum der Identität genannt habe (S. was Santina Battaglia selbst eine mit ausländisch klingendem Namen . so oder so.. entsteht unvermeidlich eine Situation einseitiger Entblößung.den Herkunftsdialog nennt.< >Aber deine Eltern?< . der weiße US-Amerikaner.. Aber so absehbar. immer weiter ausholen.>Ja. wie er meint. (.< >Woher aus Italien kommst du denn?< . Derart bringt die Fragenkette den Befragten in eine >double-bind<-Situation. nur schlechte Alternativen anbieten: >Wenn Betroffene Grenzen setzen. weitere nachschieben. dem Anschein zum Trotz. wohin man gehört und inwiefern dies.< Aber dein Vater?< . Er verläuft in ritualisierten Bahnen.< >Aha . 15). in der sich. dennoch Deutschland sein könnte.. ja. Der >Einheimische< (der Normaldeutsche.>Aus Essen. Nach 41 .< >Nein.

ja eine Sehnsucht nach den griechischen Wurzeln empfinden. sondern noch einmal anders: nämlich als Weißer und Europäer. Welche Antwort gewählt. sie ist ihm angeboren und folgt dem Entweder-Oder der Nationen und der in sie eingebauten Stereotypen. Da spielen dann situative Bedingungen herein. und nicht zuletzt Phasen im Lebenslauf. seine Heimat. vielmehr auch im Recht und sogar in der Sozialwissenschaft: Das fundamentale Dual des nationalen Blicks Ausländer-Inländer .diesem Weltbild hat jeder Mensch eine.). erst recht politische. die mit statistischen Begriffen wie >Aus- 42 . und er oder sie wird so lange mit Fragen »gegrillt«. gerät die Sozialontologie in kognitive Dissonanzen. und diese kann er nicht wählen. Denn »auf die Frage >Wer bin ich? Wo gehöre ich hin?< gibt es demnach nicht mehr eine einzige und lebenslang gleichbleibende Antwort. Hautfarbe. sondern auch zu eklatantem Wirklichkeitsverlust. »Alle Untersuchungsmethoden. wird er wieder ein begeisterter Fan von 1860 München (. so wie eben verschiedene Zugehörigkeiten und Identitätsschichten existieren. der akzentfrei Deutsch spricht. am Arbeitsplatz ist er weder Grieche noch Bayer. Sprache und Herkunftsort wieder hergestellt erscheint. sondern Computer-Spezialist oder Teil der Siemens-Belegschaft. in den Massenmedien und in der Politik. und falls er einmal nach Schwarz-Afrika reist. denn im wachsenden Durcheinander der globalisierten Lebensverhältnisse führt die Vorstellungswelt von in sich abgeschlossenen kulturellen Totalitäten nicht nur in die Irre. wenn er nach München-Giesing zurückgekehrt ist. fühlt er sich erst recht nicht als Grieche oder als Deutscher. hängt von äußeren Umständen ab wie von den Wünschen und Neigungen der handelnden Person. Vielmehr bestehen verschiedene Antwortmöglichkeiten.. welche Identitätsschicht jeweils betont wird.« (Beck-Gernsheim 2004: 103 f. »Erscheint«. Trifft man etwa auf einen asiatisch aussehenden Menschen. mag bei den Sommerferien in Thessaloniki die Wärme der griechischen Sonne und der griechischen Großfamilie genießen. bis die Konsonanz mit der unterstellten nationalstaatlichen Einheit von Paß.) Und doch ist die territoriale Sozialontologie des nationalen Blicks nicht nur »beheimatet« im Partyalltag. Wer in München aufgewachsen ist als Kind griechischer Arbeitsmigranten..begreift die Wirklichkeit nicht mehr.

oben S. die mit solchen Untersuchungsmethoden produziert werden. setzen sie unbefragt die Glaubenssätze des methodologischen Na- 43 . die den methodologischen Nationalismus des Mainstream empirisch-methodisch wirkungsvoll in Frage stellen (siehe Kapitel III). 19 f. die durch mehrfache Zugehörigkeiten über Länder.). die über den methodologischen Nationalismus hinaus weisen (s. wie nämlich kosmopolitische Demokratie möglich wird. ja falsch. er zielt aber nicht auf eine Polemik gegen den politischen Kosmopolitismus (wie »Grandhotel-Kosmopolitismus«.: 106.das ist die These -. Statt dessen geht es schlicht um die Erkenntnis der gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse am Beginn des 21. Geographie usw. Jahrhunderts. siehe für entsprechende Belege das gesamte Buch. Auch steht (zunächst) nicht das normativ-politische Element im Zentrum. um eine Sowohl-als-Auch-Wirklichkeit zu erfassen.und im schlimmsten Fall irreführend. sind deshalb im besseren Fall irrelevant . Solange derartige Problemstellungen sich der sozialwissenschaftlichen Begrifflichkeit bedienen. sind nicht vorbereitet auf eine Lebenswirklichkeit. daß bestimmte oder alle Sozialwissenschaftler Nationalisten sind. Die Kritik des methodologischen Nationalismus durch den kosmopolitischen Blick betrifft die sozialwissenschaftliche Beobachterperspektive. die in vielen Bereichen den Prinzipien des inklusiven Unterscheidens folgt (Beck/Bonß/Lau 2004).« (Ebd. Ethnographie. Der Vorwurf des methodologischen Nationalismus behauptet nicht.und Nationalitätsschranken hinweg gekennzeichnet ist. so sind es vor allem gegenwärtig die in den vergangenen zehn Jahren aufblühenden Transnationalisierungsforschungen (weniger in der Soziologie als in den Cultural Studies. Die Daten. der Ethnologie. im Bezugsrahmen des methodologischen Nationalismus. die zunehmend transnational wird. »Business-Lounge-Kosmopolitismus« oder »Tölpelpatriotismus«). Findet man bereits bei den Klassikern Teilargumente.länder< und >Inländer< arbeiten.). wenn sie die sozialwissenschaftliche Grammatik zur Grundlage ihrer Problemstellungen machen. Auch NichtNationalisten oder Anti-Nationalisten denken und forschen .) Das Denken und Forschen in exklusiven Unterscheidungen ist ungeeignet. Der empirisch-analytische Kosmopolitismus hat den methodologischen Nationalismus im Visier.

der Staat verspricht Sicherheit. die er »als ein vollständiges und geschlossenes soziales System« betrachtet. 44 . Shaw 2000b. Gesellschaft und Staat zunehmend an 6 Zur Diskussion um den methodologischen Nationalismus siehe u.. D . Dieses »Container-Modell« gegeneinander abgegrenzter Nationalgesellschaften bestätigt und erneuert sich durch das Prinzip der reziproken Determination zwischen Staat und Gesellschaft: Der territoriale Nationalstaat ist beides.« Diese Vorstellung einer national geschlossenen Gesellschaft und Demokratie klammert all die Fragen theoretisch-axiomatisch aus. Smith 1996.tionalismus voraus. Sassen 2000. McNeill 1985. Martins 1974. weil es sich selbst genügt und Raum für alle wichtigen Lebenszwecke bietet. Er setzt ein territoriales Verständnis von Gesellschaft durch. die mit der Entkoppelung von Nation. C . um staatliche Handlungen zu beeinflussen und zu legitimieren.). Schöpfer und Garant der individuellen Bürgerrechte. A . Dieser formuliert seine Theorie der Gerechtigkeit im Blick auf denTypus einer »politischen Gesellschaft«. Beck 1999.H. J . Der methodologische Nationalismus impliziert den Plural von Gesellschaften. Zürn 2000. weil Geburt und Tod die einzigen Formen des Eintritts und Austritts sind . »Es ist vollständig. aber auch bei John Rawls (1988: n 1 f. sondern viele Gesellschaften. Gilroy 1993. Es ist geschlossen.. befestigt Grenzen. Genauer: Es gibt ebenso viele Nationalgesellschaften wie Nationalstaaten und Nationalsoziologien.. und die Bürger organisieren sich selbst mit Hilfe nationaler politischer Parteien.2000.Taylor 1995. Diese Axiomatik findet sich in Reinkultur beispielsweise in den Gesellschaftstheorien von Emile Durkheim und Talcott Parsons.a. Falk i995. Zunächst einmal lassen wir die Beziehungen zu anderen Gesellschaften vollständig außer acht . Welche Prinzipien des methodologischen Nationalismus lassen sich unterscheiden?6 Gesellschaft wird dem Staat untergeordnet Ein erstes Prinzip besagt: Der Nationalstaat definiert die Nationalgesellschaft und nicht umgekehrt. Scott 1998. Nicht die Gesellschaft wählt den Staat . die »Nationalgesellschaft« zu gestalten und zu kontrollieren. Daraus folgt: Es gibt nicht eine. Luard 1990. das auf staatlich konstruierten und kontrollierten Grenzen beruht. schafft Verwaltungsapparate.. die es erlauben.

der »soziale Fakten« sammelt: er folgt der Logik des nationalen Blicks. nämlich zum Beispiel die: Wie kann im Zeitalter der »liquid modernity« (Zygmunt Bauman). daß die avancierten soziologischen Theoretiker der modernen Gesellschaft sich eines methodologischen Universalismus bedienen. daß der methodologische Universalismus beispielsweise der Luhmannschen Systemtheorie in der EntwederOder-Logik des binären Codes und der Konstruktion von Systemgrenzen die Hintergrundannahmen des methodologischen Nationalismus teilt. Soziale Beziehungen und Symbole. die diese Zuordnung von Territorium und Staat unterlaufen oder quervernetzen. verhält sich wie derjenige. der flows und networks die Unterscheidung von Ausländern und Inländern. Das hat sicherlich damit zu tun. 7 Es stellt sich die Frage: Wie einflußreich ist der methodologische Nationalismus in der soziologischen Theorie? Auf den ersten Blick ist der ausdrückliche Bezug auf »Nationalgesellschaften« gar nicht so oft zu finden. der seinerseits immer fiktiver wird.mehr bei Niklas Luhmann. Wer sie sammelt. ja. daß die sozialen Grenzen zusammenfallen mit Staatsgrenzen und insofern auch die Forschungsgrenzen mit Staatsgrenzen gleichgesetzt werden können und müssen. von Bürgern und Nicht-Bürgern. der den methodologischen Nationalismus mehr oder weniger bis zur Unkenntlichkeit verinnerlicht und sublimiert hat . weniger bei Claus Offe (2000) und Pierre Bourdieu. fallen durch das Wahrnehmungsraster. wer nicht und auf welcher Grundlage ?) getroffen werden. Briefmarken werden von nationalen Institutionen ausgegeben. 45 . Man sortiert die Briefmarken und gesellschaftlichen Tatsachen nach Symbolen und Datierungen entlang der Unterscheidung zwischen intra-nationaler und inter-nationaler Kommunikation. in offenen Widerspruch gerät zu den sich universalisierenden und normalisierenden transnationalen Wirklichkeiten und Kausalitäten?7 Martin Shaw hat für die Forschungspraxis der dem Prinzip des methodologischen Nationalismus gehorchenden Sozialwissenschaften die Metapher des Briefmarken-Sammeins vorgeschlagen. wenn selbst das Verfassungsverständnis aufs engste mit dem Suggestivbegriff der Nation verwoben ist. Wie der Briefmarkensammler geht der Sozialwissenschaftler davon aus. Sie sind die Symbole des Staates und tragen seinen »Stempel«.Brisanz gewinnen. Es bleibt nachzuweisen. von Menschenrechten und Bürgerrechten in konkreten gesellschaftlichen Kontexten (Wer darf abstimmen.

Sie setzt also ihrerseits die nationalstaatlichen Einheiten voraus und damit all die Annahmen. sondern die moderne Gesellschaft schlechthin. Das Nationale setzt das Internationale voraus und umgekehrt. die den methodologi46 . daß man aus der Analyse dieser Gesellschaft Grundcharakteristika der universellen Gesellschaft erschließen kann. um allgemeine Aussagen über die moderne Gesellschaft zu treffen. der Demokratie usw. Eine Nationalgesellschaft ist ein Unbegriff. Wenn C. aber nicht hinreichend. Danach sind Einzelfallstudien zwar notwendig. die durch gegenseitige. Doch die Komparatistik wurde und wird als Vergleich nationaler Gesellschaften konzipiert und praktiziert. Weber universalisierte die Erfahrung der preußischen Bürokratie zu dem Rationalitätstypus der Moderne. Die im Inneren von Nationalstaaten geltenden Prinzipien des Rechts. eben internationale Anerkennung entstehen und bestehen. Es gibt nicht nur eine interne nationale. Dieser Fehlschluß von der nationalen auf die universelle Gesellschaft wurde früh kritisiert und korrigiert durch die Methode des internationalen Vergleichs. Woraus folgt. können folglich nicht ohne weiteres auf interstaatliche Beziehungen übertragen werden. dann kritisierte er nicht nur die amerikanische. Es können nur viele Nationalgesellschaften existieren. So entdeckte Marx in der britischen Gesellschaft den britischen Kapitalismus. sondern auch eine externe internationale Anerkennung von Gesellschaften und Staaten. den er zum Kapitalismus der modernen Gesellschaft verallgemeinerte.Das Weltbild der Sozialwissenschaften wird durch die Opposition von national und international bestimmt Für die sozialwissenschaftliche Theorie und Imagination ebenso wie für die sozialwissenschaftliche Forschungspraxis ist die Gegenüberstellung von national und international fundamental. Wright Mills die »Machteliten« kritisierte. Universalistischer Fehlschluß von der partikularen Nationalgesellschaft auf die universelle Gesellschaft Es besteht eine innere Verwandtschaft zwischen nationaler und universeller Perspektive: Die eigene Gesellschaft gilt als Abbild der Gesellschaft.

um die globale Homogenisierung nationaler Erfahrungs. entkoppelt oder als Ganzes verändert. Symbole und Begriffe. So verbleibt die Möglichkeit. Das territoriale Mißverständnis kultureller Pluralität: Entweder universelle Homogenisierung oder Unvergleichbarkeit der Perspektiven Der methodologische Nationalismus enthält und bestärkt ein territoriales (Miß-)Verständnis von Kultur und kultureller Pluralität.und Handlungsräume zu prognostizieren und zu erforschen.schen Nationalismus kennzeichnen. die das Verhältnis der Nationalstaaten im »Weltsystem« analysiert. letztlich eine allgemeine kulturelle Plastizität. Wenn Kultur territorial eingegrenzt begriffen wird. außerhalb des sozialwissenschaftlich Erwartbaren. Man bediene sich. Das Ergebnis ist eine Globalperspektive. Malerei. auch hier wird das National-International-Dual nicht aufgebrochen. Musik. manchmal satirisch. Aber genau betrachtet. werde diese vermeintliche Pluralität immer wieder zurechtgestutzt und zu einem Universalis- 47 . daß sich die Einheit von Staat und Nation auflöst. Viele Kritiker sehen die kosmopolitische Kultur entsprechend als natürlichen Nachfolger oder sogar als das Produkt der postmodernen Kultur. sondern dient als Folie. So geht etwa die Weltsystemtheorie von Immanuel Wallerstein von der Unterscheidung zwischen national und international aus. die aus älteren historischen Kulturen in Literatur. manchmal verspielt. Aus der Verbindung des Postmodernismus mit dem Postnationalismus entstünden vielfältige Bewegungen von kulturellem Eklektizismus und Ambivalenz. der verschiedenen Stile. dann führt die Frage nach der Pluralität in die Sackgasse einer falschen Alternative: entweder universelle Angleichung (»McDonaldisierung«) oder Unvergleichbarkeit der Perspektiven (Inkommensurabilität). muß das Globale als die maximale Steigerungsform des Nationalen denken. In einer anderen Variante des globalen Blicks untersuchen John Meyer und seine Autorengruppe die Diffusion globaler Normen. Architektur entnommen und für die Massenmedien aufbereitet wurden. Wer unbefragt die sich wechselseitig bestätigende Unterscheidung von national und international voraussetzt.

kein Verlangen danach. keine kollektive Amnestie.«8 Der kosmopolitische Blick träumt genau davon nicht. Smith 1996: 24. Dieser menschheitliche Universalismus behauptet die wachsende Angleichung. introvertierte Einheit begriffen. die getrennt sind nach ihren habituellen Gemeinschaften der Klasse. die im Entstehen begriffen ist. des Geschlechts. Die Zustimmung dazu läuft letztlich auf die Aufforderung zum kulturellen Selbstmord hinaus. D . zur Kritik siehe Levy/Sznaider 2001. ausmachen. Dieser flache Kulturkosmopolitismus des Zitats. könne sich nicht in der Geschichte verorten. um bestehende tiefe Kulturen durch eine kosmopolitische >flache< Kultur zu ersetzen. »Kurz. Aber er. den Grundtatbestand nicht aus der Welt schaffen. Wenn das kollektive Gedächtnis zentral ist für Identität. den einige Intellektuelle träumen. globale Kultur beantwortet keine lebendigen Bedürfnisse und enthält keine Erinnerungen. daß Kulturen und kulturelle Imagination historisch spezifisch und verwurzelt. als faktische Tendenz. das die Prämissen und Fehler des methodologischen Nationalismus wiederholt. der Zitatmontage könne zwar die Vergangenheit für die Zwecke seiner eigenen Erneuerung immer wieder ausbeuten und als modische Erfindungen um die Welt jagen. 48 . Für die überwältigende Masse der Menschen. so die verbreitete Meinung. Die letztere bleibt ein Traum.mus des ununterscheidbaren Durcheinanders von allem mit allem verschmolzen. eine zeitlose. so wird im methodologischen Nationalismus die territoriale Ontologie der Differenz erneuert.jenseits des Mißverständnisses von Territorialität und Homogenisierung. Wird also im menschheitlichen Universalismus die Differenz weguniversalisiert. dann können wir keine globale Identität. zwischen Kulturen herrscht im Extremfall das (bestenfalls rauschende) Schweigen der Unvergleichbarkeit 8 A . also territorial sind. der Region und der Religion und der Kultur schlägt das keine Funken. Smith bezieht sich auf das Feindbild des Kosmopolitismus. Das Ergebnis ist: Kultur wird im nationalen Blick als territorial abgegrenzte. also die Auslöschung der Pluralität. Kosmopolitismus dagegen meint genau umgekehrt die Anerkennung der Andersheit der Anderen .

in der 49 . Kulturkrieg (clash of civilizations). Es projiziert diese Grenzen auch auf die Geschichte. Der Glaube daran spricht frei von der Arbeit am Gespräch. er trennt kulturell und politisch. die vom Judentum und vom Christentum an sie herangetragen worden sind . ja sogar die neue Grenzenlosigkeitserfahrung der seßhaften Fernsehkonsumenten kann und darf es nicht geben.an den Höfen und in den Gelehrtenstuben von Bagdad.oft bis zur UnUnterscheidbarkeit -. Lebens-. Ohne Kenntnis dieser Kultur läßt sich nicht verstehen. auch das rabbinische Denken hat das antike Erbe zum großen Teil in der Prägung durch die islamische Kultur empfangen. Nicht viel anders steht es mit dem Judentum: Nicht nur das christliche Europa. daß sie nur im Zusammenhang studiert und dargestellt werden können.(Inkommensurabilität) der Perspektiven. weil diese die Sprach. Arbeits. im Entwurf von Vergangenheit und Zukunft. Die Literaturen und die Künste. sondern später der Islam auch auf das Judentum zurückgewirkt hat. die Küche und die religiösen Traditionen des arabisch geprägten Kulturraums sind historisch so eng miteinander verflochten .damit auch im geschichtlichen Selbstbild. die bis heute eine friedliche Lösung des Nahostkonflikts verhindern. führt mit einer gewissen Zwangsläufigkeit zu Imperialismus. werden auch die Antworten nicht verständlich. Kulturkampf. Ohne diese Fragen zu kennen. Demgemäß hat das nationalstaatliche Europa »nicht nur die politischen Grenzen im Nahen Osten gezogen.und Handlungsformen.und Gruppengrenzen zwischen den Kulturen verwischen und vermischen. Die Absurdität dieses Container-Modells der Pluralität springt ins Auge: Beispielsweise transnationale Netzwerke. In seiner Kulturund Wissenschaftspolitik trennt Europa jüdische und islamische Traditionen voneinander und befestigt damit ideologische Grenzlinien. So setzt sich die islamische Theologie zu einem beträchtlichen Teil aus Antworten auf Fragen zusammen. die Kunst und die Kultur des Orients. wie das Judentum nicht nur auf den Islam. Der nationale ist auch ein essentialistischer Blick. Kufa oder Cördoba. was historisch miteinander verwoben war In der Ersten Moderne regierte das Entweder-Oder im Denken und Handeln .

5° . der kosmopolitische schließt den nationalen Blick ein Auch die Sozialwissenschaften haben sich im vergangenen Jahrzehnt (unterschiedliche Fächer in unterschiedlichem Maße) für globale Transformationen und Kategorien geöffnet. und 19. mußten besondere Steuern zahlen und sich an bestimmte Kleidernormen halten.Theologie und noch deutlicher in der Mystik sowie in der Literatur. Zwar konnten sie in der Hierarchie aufsteigen. die nationale und ethnische Homogenität dagegen die Ausnahme. daß die national komponierten und dynastisch legitimierten Imperien eine angemessene analytische Folie für ein zu rekonstruierendes Europa und seine Identität darstellten. Christen und Juden. Jahrhundert von westlichen Gelehrten gewürdigt (Kohlhammer 2003). wurde der Status fremder Minderheiten zugewiesen. daß der Islam in seiner Geschichte auf eine frühe Periode der Koexistenz und Toleranz mit dem Anderen zurückblicken kann. Wie William McNeill (1985) argumentiert: Die Polyethnizität ist die Regel in der Weltgeschichte. Dieser Enthusiasmus übersieht allerdings leicht. wie nie in der Geschichte zuvor. So feierte Herder das arabische Andalusien als die »erste Aufklärung« Europas. wie dem Mord an Tausenden von Juden im Jahre 1066 in Granada oder der gewaltsamen Massenvertreibung von Christen im Jahre 1126. die ethnischen Grenzen zwischen den Kulturen aufgehoben und die Identitäten durchmischt haben. aber sie kommen ihrer ethnischen wie korporatistisch-institutionellen Vielfalt wegen einer europäischen Perspektive der Geschichte wohl näher als die ihnen nachfolgende Realität einer sich gegeneinander abgrenzenden und sich obendrein homogen verhärtenden nationalen Staatenvielfalt. aber sie blieben Bürger zweiter Klasse.« (Kermani/Lepenies 2003)9 Das Ideal ethnischer und nationaler Homogenität geht paradoxerweise auf die nationalen Imperien der Ersten Moderne zurück. daß die andalusische Regierung auf einem religiös begründeten Herrschaftsmodell beruhte. die. Und Dan Diner schreibt: »Nicht.« (2003: 14) Die bestimmte Ausschließlichkeit der Entgegensetzung: Der nationale Blick schließt den kosmopolitischen Blick aus. die die religiöse Herkunft in der Figur Abrahams mit dem Islam teilten. die Territorialbindung der Kulturen gewaltsam durchbrochen. wurde etwa am Beispiel des muslimischen Spanien bereits im 18. ihm zufolge waren die Araber die »Lehrer Europas«. ja das »Glo9 Die Tatsache. Auch kam es zu Gewaltausbrüchen.

eine kosmopolitische Methodologie für die Sozialwissenschaft zu kreieren.bale« ist zum Zentrum eines neuen. Selbst die Begriffe »Diaspora«. Woraus folgt: Der kosmopolitische Blick erschließt dieselbe nationale Wirklichkeit anders und andere.und Alternativbegrifflichkeit zu finden. selbstkritischen Diskurses geworden. daß die diskursive Verinnerlichung des Globalen die Substanz der sozialwissenschaftlichen Kategorien. die den methodologischen Nationalismus kritisieren. diese Herausforderungen der globalen Transformation zu unterlaufen. Manche versuchen. während der nationale Blick blind ist. im weiteren Sinne wird darauf verwiesen. eine Ausweich. transnationale Blick ist jedoch eine Variante des nationalen Blicks. ja sogar »Denationalisierung« und »Transnationalisierung« bleiben in einigen Punkten dem Horizont des methodologischen Nationalismus . Theorien. das Kulturelle und das Politische in Entweder-OderKategorien. Wobei mehr und mehr klar wird.gleichsam 5i . Der regionale bzw. zwischen methodologischem Nationalismus im engeren und weiteren Sinne zu unterscheiden. wie schwierig es ist. indem sie sich auf regionalen oder transnationalen Wandel im Gegensatz zum globalen Wandel konzentrieren. Der kosmopolitische Blick dagegen begreift den nationalen Blick als nationalen und überführt ihn der in ihm eingebauten Fehler. Der methodologische Nationalismus denkt und erforscht das Soziale. Methoden und Forschungsorganisation berührt. »Hybridisierung«. Im engeren Sinne zielt die Kritik des methodologischen Nationalismus auf die Kernbegrifflichkeit der Sozialwissenschaften. Zur Unterscheidung von methodologischem Nationalismus im engeren und weiteren Sinne Es gibt eine ganze Reihe von Stimmen. Vielleicht ist es gleichwohl hilfreich. blind macht für die Wirklichkeiten des kosmopolitischen Zeitalters. Der nationale Blick schließt den kosmopolitischen Blick aus. und sie alle tragen dazu bei. Der kosmopolitische Blick schließt also die Wirklichkeit des nationalen Blicks ein und deutet diese um. zusätzliche Wirklichkeiten neu. der methodologische Kosmopolitismus denkt und erforscht das Soziale und das Politische in Sowohl-als-Auch-Kategorien.

verrennt sich die Debatte beispielsweise um das neue transatlantische Verhältnis in die Sackgasse der falschen Alternative: Diesseits des Atlantiks.der guten. Asien). keine Regierung und keine Opposition. um die eigene Schrumpfsouveränität zu verteidigen. Es entsteht nicht nur ein kognitives. Der Analogieschluß vom Nationalen auf den entgrenzten post-internationalen Raum gelangt in die Leere. Man leugnet und verleumdet den kosmopolitischen Grenzenlosigkeitssinn und richtet sich protektionistisch in den Ruinen des methodologischen Nationalismus . »Nation«. Wapner/Ruiz 2000. Held/König/Archibugi 2003. »Grenze«. auch ein weltmachtpolitisches Vakuum. wenn das Dual von national und international zerbricht. Die darüber hinausweisende Frage lautet nämlich: Was heißt zum Beispiel »Entortung« von Souveränität? Oder allgemeiner: Was bedeutet es.ein. die Entstehung des »Westens« und des »Ostens«. Zur Unterscheidung von international und kosmopolitisch Auch der Kalte Krieg.verhaftet (Robins/Aksoy 2001). alten internationalen Weltordnung . Archibugi/Held/Köhler 1998). klammert man sich an die Ruinen der alten Ordnung . »Gerechtigkeit«. dann regiert das Nicht: keine bindende Entscheidung. andererseits sind keine neuen Stabilisatoren der Weltpolitik jenseits von national und international in Sicht. keine Demokratie. Legt man die Begriffsmaßstäbe der alten Ordnung an. »Risiko« in verschiedenen Regionen der Welt und der Weltpolitik? Einerseits verlieren die Stabilisatoren der national-internationalen Ordnung an Kraft. wobei dieses durch jenes verdeckt bleibt. »Staat«. in Europa (aber auch in Südamerika. Die Entstehung der 52 . Auf der US-Seite des Atlantiks dagegen wendet man den nationalen Blick global.das durch und durch nationalstaatlich codierte »Völkerrecht« -. nicht aber des Globalen gedacht und erforscht. Verhaftet im methodologischen Nationalismus. wurde und wird in den Kategorien des Nationalen und des Internationalen. was bedeutet »Ungleichheit«. »Sicherheit«. Afrika. um sich gegen die Machtlüsternheit der militärisch einzigen und einzigartigen Weltmacht USA zu versichern. Man reduzierte globale und kosmopolitische auf internationale Beziehungen (Shaw 2000 b. »Bürger«.negativ .

sich denationalisieren. aber der Horizont. Der kosmopolitische Blick erfasst die Veränderung der sozialen und politischen Grammatik. wie jene sich auf den Nationalstaat auswirken. Der kosmopolitische Blick schärft ja nicht nur das Verständnis von globalen Interdependenzen. Ob im Bezugsrahmen globaler Interdependenzen. ändert sich radikal (siehe dazu Kapitel III). Umgekehrt bleibt im kosmopolitischen Blick der Bezug auf den Nationalstaat erhalten. also beispielsweise die Integration durch reflexive Globalität. das der Unterscheidung von national und international zugrunde liegt. dieselbe Idee zu verfolgen. wird aufgehoben durch das sowohl Innen als auch Außen.Welthandelsorganisation und der Weltbank. International und kosmopolitisch lassen sich nicht gleichsetzen. indem sie Grenzen öffnen und neu ziehen. zugleich aber transformieren sie diese. verfestigen. Zweifellos setzen kosmopolitische Beziehungen unter anderem internationale Beziehungen voraus. Richtig und notwendig wird der kosmopolitische Blick auf den Nationalstaat und die in Fluß geratenen internationalen Verhältnisse. für die der internationale Blick blind ist. renationalisieren 53 . sondern auch dafür. Das entweder Innen oder Außen. zeitlichen und sachlichen Sowohl-als-Auch. wurden als Beispiele für den institutionalisierten Internationalismus. Der kosmopolitische Blick bestimmt vielfältige Wirklichkeiten des räumlichen. die Beziehungen von Wir und den Anderen aufheben oder umpolen und auf diese Weise nicht zuletzt das Verhältnis von Staat. Was also ist der Kernpunkt der Kritik am methodologischen Nationalismus? Die wesentliche Kritik richtet sich dagegen. der Nato usw. der die globale Welt jenseits von national und international zu gestalten und zu ordnen sucht. nicht jedoch als Beispiele für einen institutionalisierten Kosmopolitismus gedeutet. des Internationalen Währungsfonds. Falsch wird der Zirkel des methodologischen Nationalismus: Der nationale Blick analysiert den Nationalstaat auf der unbefragten Basis seiner eigenen Prämissen. Risiken und Krisen Nationalstaaten sich verflüssigen. in dem dieser verortet und analysiert wird. Politik und Nation kosmopolitisch umschreiben. Der Internationalismus und der Kosmopolitismus sind jedoch keineswegs zwei Wege. daß der Nationalstaat »als selbstverständlicher Ausgangspunkt gesehen wird« (Levy im persönlichen Gespräch).

und die Entfaltung des Neuen. (2) Interferenz der Nebenfolgen: Post-internationaler Politik.skizzenhaft .demonstriert werden an: (1) Risiko-Kosmopolitismus: Weltöffentlichkeit als Nebenfolge. methodische Transformation sozialwissenschaftlicher Kernthemen soll nun . Vorüberlegungen zu einer kosmopolitischen Sozialwissenschaft oder Die neue Grammatik des Sozialen und des Politischen Die epistemologische Wende. ungewollt und erzwungen. Konkret und sozialwissenschaftlich glaubhaft wird die Kritik des nationalen Blicks erst. des methodologischen Nationalismus. (4) wie der Alltag kosmopolitisch wird: banaler Kosmopolitismus. 3.zu einem kosmopolitischen Blick führt .1 Risiko-Kosmopolitismus: Weltöffentlichkeit als Nehenfolge Wir haben oben (Seite 31 ff. erzwungener 54 . 3. ob Nebenfolgen-Kosmopolitisierung bewußt wird . (3) die Unsichtbarkeit globaler Ungleichheit. also die etablierten Themenbereiche der Sozialwissenschaften umpolt und in ein neues Licht taucht.) unterschieden zwischen Kosmopolitisierung und kosmopolitischem Blick und damit die These verknüpft: Kosmopolitisierung vollzieht sich meist als Nebenfolge.oder sogar eine globale Öffentlichkeit stiftet. ist eine gänzlich andere Frage. an dem dieser Zusammenhang zwischen latenter. ist eine offene empirische Frage. begriffliche. des methodologischen Kosmopolitismus.oder transnationalisieren. wenn gezeigt wird. der empirisch-analytische Kosmopolitismus. daß und wie der kosmopolitische Blickwechsel die sozialwissenschaftliche Grammatik verändert. Die Theorie der Weltrisikogesellschaft (Beck 1986. Beck/Holzer 2004) bietet ein Modell von Interdependenzkrisen an. die in Abhängigkeit von verschiedenen Konstellationen verschieden beantwortet werden kann und muß. den dieses Buch entfaltet. 1999. Diese inhaltliche. hat also zwei Stoßrichtungen: die Kritik des Bestehenden.

nicht auflösbare Unsicherheiten verstrickt sind. in der es im Detail nachzeichnet. Juli 2003). die von genetisch manipulierten Nahrungsmitteln.Kosmopolitisierung und deren Bewußtwerdung durch weltöffentliche Skandalisierungen theoretisch und empirisch studiert werden kann. stellt die Öffentlichkeit für das Risiko her.an der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl ebenso wie an der AIDS-Krise. Mobiltelefonen und der alltäglichen Verwendung von Chemikalien ausgehen. um Arbeitslosigkeit abzubauen. ob sie real sind und wie der Konsument sich in einer konkreten Situation »rational« entscheiden kann. im besten Fall im Rahmen ihrer Wahrscheinlichkeitsrechnungen immer genauer bestimmen. Wissenschaftler können die potentiellen Gefahren. September 2001. in dem ein exzeptionelles Ausmaß an kosmopolitischer Interdependenz als Nebenfolge der Nebenfolge Weltöffentlichkeiten transnationale Konflikte und Gemeinsamkeiten in die Alltagspraktiken hineinträgt. Man kann es an den großen Risikokonflikten der letzten zwanzig Jahre ablesen . über längere Zeiträume hinweg sich sogar radikal ändern. aber das sagt nichts darüber aus. handlungslähmender Angst und Hysterie? Und wer entscheidet darüber? Die Wissenschaftler. was wir heute als »akzeptabel« geschluckt haben. zwei Jahre später im wissenschaftlichen Urteil als »krebserregend« gilt? Sollen wir den Politikern und den Massenmedien glauben . der BSE-Krise. so daß das. Wie besorgt muß man sein? Wo liegen die Grenzen zwischen angemessener Sorge. wie unentrinnbar die Menschen in der entwickelten Zivilisation in schwer entscheidbare Risiken und durch Wissenschaften erzeugte. Das Magazin sagt allerdings nichts darüber. immer gilt 55 . was es tut. die zum politischen (staatlichen) und subpolitischen (zivilgesellschaftlichen) Handeln nötigen. und was wesentlich zum Risiko dazugehört: Es stiftet das öffentliche Bewußtsein. die anderen propagieren die Riskanz des Risikos. Es ist ein System des »Risiko-Kosmopolitismus« im Entstehen begriffen. der Geburtsstunde des globalen Terrorrisikos. der Kontroverse um genetisch manipulierte »Frankenstein-Food« bis hin zum 11.die einen propagieren das Nullrisiko der neuen Technologie. deren Ergebnisse zu einem gegebenen Zeitpunkt sich oft widersprechen. Das Nachrichtenmagazin Time widmet eine Titelstory dem Thema »Leben mit Risiko« (28. um ihre Auflagen zu steigern? Über all dies berichtet Time in vielen Details.

sogar mehr als das. So paradox es erscheinen mag: daß die Weltrisikogesellschaft eine Epoche markiert. Konflikte.ambivalente . Nation und Fortschritt mehr oder weniger fragwürdig geworden sind.das. die immer wieder gegeben wurde. es handelt sich vielmehr um eine Theorie der Ambivalenz: Auf der einen Seite existiert eine sinistre Perspektive für die Welt nach dem 11. Gemeinsamkeiten. September geschah. was die Welt einen könnte. In einem Zeitalter. das Verhältnis der zwei Arten von Nebenfolgen-Kosmopolitisierung verweist zugleich darauf.ja. Diese zeichnet das Bild. Einbrüche von Märkten. Zuweisung von Verantwortung und Kosten. Alltagspraktiken. daß das unkontrollierbare Terrorrisiko nun in alle Vorgänge der Lebensführung in den entwickelten Gesellschaften eindringt und diese von innen her verändert. Beides: Die Nebenfolgen ersten und die Nebenfolgen zweiten Grades erzeugen und beschleunigen die Kosmopolitisierung durch Interdependenz . erzwungene Kosmopolitisierung in eine erzwungene Bewußtwerdung der RisikoKosmopolitisierung umschlagen kann (Beck 1999).Quelle für neue Gemeinsamkeiten und Handlungszusammenhänge darstellt.das Gesetz der doppelten Nebenfolge: Die sich selbst gefährdende Zivilisation erzeugt Nebenfolgen ersten Grades . Und tatsächlich passierte . September 2001. bürokratischen Routinen. Handlungszwänge schaffen.wenigstens für eine Zeitlang . was am 11. in der die erzwungene Risiko-Kosmopolitisierung umschlägt in eine nicht weniger erzwungene weltöffentliche Be56 . was man vorausgesagt hatte: Die zerstrittenen Lager in der internationalen und nationalen Politik schlossen sich zusammen gegen den gemeinsamen Feind.eher weniger als mehr berechenbare Risiken und Unsicherheiten die als Nebenfolge zweiten Grades grenzenübergreifende Öffentlichkeiten und entsprechende Entwertungen von Produkten. den globalen Terrorismus. ein Angriff von unserem »inneren Mars«. in dem das Vertrauen und der Glaube an Klasse. Man hat oft darüber nachgedacht. lautet: ein Angriff vom Mars. daß die globale Wahrnehmung des globalen Risikos vielleicht eine letzte . Doch es gibt auch eine andere Seite. In einem bestimmten Sinne war das. Und die Antwort. wie die latente. Die Theorie der Weltrisikogesellschaft darf also keineswegs verwechselt werden mit einer neuen Variante einer Theorie des bevorstehenden Untergangs des Abendlandes. hat sich gezeigt.

wußtwerdung der laufenden Risiko-Kosmopolitisierung.wie die konventionelle Politiktheorie unterstellt . sondern deren unabsehbaren Konsequenzen und Risiken bilden die Quelle des Öffentlichen und des Politischen (Dewey 1954). was sein soll. wo Öffentlichkeit verhindert 57 . Je größer die massenmediale Allpräsenz der Bedrohung. die »ungewollt« und »ungesehen« die Weltöffentlichkeit herstellen. So erzwingt das negative Kommunikationsmedium Risiko Kommunikation zwischen denjenigen. Das Gesetz der doppelten Nebenfolge enthält somit auch eine aufklärerische Funktion. Um diese Perspektive zu entfalten. ausgehandelt werden. die nicht miteinander kommunizieren wollen. An die Stelle von nationaler und universeller Werteintegration tritt mit der weltöffentlich reflektierten Globalität der Gefahren eine neuartige Dialektik von Konflikt und Kooperation über Grenzen hinweg. fast alle wollen sie verheimlichen. vertuschen. sondern katastrophale Zuspitzungen der Weltrisiken selbst. vielmehr um eine Gefahren.die Entscheidung selbst. ist in einem doppelten Sinne negativ bestimmt: Zum einen richtet er sich nicht auf das. Im Unterschied zu den positiven Kommunikationsmedien Geld. bietet auch Grund zur Hoffnung. Es handelt sich also nicht um eine Werteintegration (wie der methodologische Nationalismus unterstellt). Öffentlichkeit. deren Bindekraft mit dem Ausmaß der wahrgenommenen Gefahr wächst. Zum anderen sind es weniger oder jedenfalls nicht ausschließlich die sozialen Bewegungen oder gar revolutionäre Umstürze. was auf keinen Fall sein soll. Wahrheit und Macht stiften Risiken ungewollte Handlungszusammenhänge über nationale und Systemgrenzen hinweg. Selbstverständlich bleibt offen. Nur so können und müssen bei Strafe des Untergangs Konsensformeln für internationales Handeln und Institutionen erfunden.und Gefahrenabwehrintegration. In diesem Sinne können Risiken als negative Kommunikationsmedien verstanden werden. Der grenzenübergreifende Verantwortungszusammenhang des gemeinsamen Risikos. der auf diese Weise geschaffen wird. ist eine Verschiebung des Fokus wesentlich: nicht . ob dies gelingt. sondern auf das. desto grenzensprengender die politische Kraft der Risikoperzeption (Adam/Beck/van Loon 2000). Insbesondere an der gewußten Unvorstellbarkeit und Unausdenklichkeit der Folgen entzündet sich in einer risikosensiblen Weltöffentlichkeit die Machtfrage.

deutlich erkennbar wird: Sie zog trennscharfe Grenzen nicht nur zwischen Nationen und Staaten. Dieser Paradigmenwechsel folgt der Unterscheidung von Erster und Zweiter Moderne.und Praxisfeldern und schuf auf diese Weise (zumindest der Erwartung nach) eindeutige institutionelle Zuschreibungen von Kompetenz und Verantwortung.und Politiklogik zur Geltung. die diese ablehnen (und dabei oft sogar das geltende Recht auf ihrer Seite haben). Jene setzen staatliche Souveränität voraus. unbegrenzte Risiken und Unsicherheiten. Es weist Verpflichtungen und Kosten denjenigen zu. Das aber heißt: Es beginnt der Streit um Formen und Inhalte eines institutionalisierten Kosmopolitismus im Sinne dauerhafter Kooperation zwischen staatlichen 58 . also nach dem Ende des Kalten Krieges. Heute dagegen gilt: Weltöffentlich reflektierte Nebenfolgen radikalisierter Modernisierung stiften das Bewußtsein neuer Weltgefahren. 3. diese heben Souveränität auf. wo sie ausklingt. Prävention folgt dort der Abschreckungslogik. Dingen. hier (gewußtes) Nicht-Wissen (beziehungsweise nicht-gewußtes Nicht-Wissen) und Unberechenbarkeit. sondern ganz allgemein zwischen Menschen. dort (gewußtes) Wissen und Berechenbarkeit. Die klassische nationalstaatliche Hochmoderne brachte eine Ordnungs. Funktions. die erst jetzt. begrenzte Gefahren.2 Interferenz der Nebenfolgen: Post-internationale Politik Es vollzieht sich der Ubergang von der nationalstaatlich zentrierten internationalen Sicherheitspolitik zur nicht-nationalstaatlichzentrierten post-internationalen Risikopolitik. Mit anderen Worten: Risiken durchschlagen die Selbstbezüglichkeit der Systeme und der nationalen und internationalen Tagesordnungen der Politik. hier der Logik zwischenstaatlicher und post-staatlicher Kooperation. die sich ignorieren und bekämpfen.werden soll. stürzen deren Prioritäten um und stiften Handlungszusammenhänge zwischen Parteien und Lagern. Mit der Globalität und der (gewußten) Unberechenbarkeit dieser Zivilisationsgefahren erodieren Basisunterscheidungen und Grundinstitutionen der Ersten Moderne: dort identifizierbare. hier schwer identifizierbare.

»Das Neue der gegenwärtigen Lage ist. das jeweils nur wenige schützt. post-internationale Risikopolitik (Daase/ Feske/Peters 2002. politische Parteien und zivilgesellschaftliche Bewegungen . die ein Handeln nach Prioritäten ermöglichen. aber alle gefährdet«. daß uns die Probleme dieser Welt nicht mehr viel Zeit lassen. Beziehungen zwischen Staaten sind nach wie vor zentral. Richtig ist vielmehr genau umgekehrt das ist der springende Punkt der Theorie reflexiver Modernisierung (Beck/Bonß/Lau 2004) -. permanente Grenzpolitik. »Kirchen« usw. Koalitionen schmieden und Zukünfte einer gemeinsamen Welt imaginieren. Alle Handelnden . die sämtliche Akteure einschließende Verantwortung für die Erhaltung der Lebensbedingungen auf der übervölkerten Erde und das stetig wachsende militärische Potential. »Die längst bestehende ökonomische. woraus tiefgreifende Verwerfungen und Konflikte entstehen. um eine politische Weltordnung zu schaffen.und nicht-staatlichen Akteuren im globalen und lokalen Raum sowie zivilgesellschaftlichen Gruppen und Netzen. in der das Recht nicht nur ein formaler Titel. desto mehr provisorische Grenzkonstruktionen. daß Entgrenzung Entscheidung erzwingt. Zugleich ist es allerdings keineswegs so. desto mehr Entscheidungszwänge. ihrer real gegebenen Einheit eine politische Form zu geben und mit ihr Organisationen zu schaffen. U N . Gelingt es den Menschen nicht. Wege finden. machen den kosmopolitischen Blick notwendig. internationalen Organisationen. Held/Koenig-Archibugi 2003) Der Terminus »international« muß keineswegs aus dem Sprachschatz der Politik und Politikwissenschaft gestrichen werden. dürften auch die Tage der jetzigen Ordnungsmächte gezählt sein.« (Gerhardt 2003: 566) Was aber heißt das für den Begriff »international«. je mehr Entgrenzung.müssen sich in diesem transnationalen Kraftfeld neu situieren: Lasten und Kosten verteilen. nicht mehr monopolisierbar. Ziele definieren.Regierungen ebenso wie internationale Organisationen. der dem Fach »Internationale Beziehungen« die Richtung weist? (Wapner/Ruiz 2000. vor allem ver- 59 . soziale und technische Einheit der Welt. Pauly/Grande 2004). sondern selbst eine Macht im Leben der Völker ist. aber eben nicht mehr exklusiv. Das meint nicht-nationalstaatlich-zentrierte. Grenzkonflikte. daß sich alle Grenzen und Dualismen verwischen und vermischen. Konzernen.

sondern um Transformation. Kaldor 2003.weil das hochmobile Kapital die territorial fixierten Staaten zur Selbstentmachtung. . Wapner/Ruiz 2000). Gerade aber in dieser befürchteten Selbstnegation verkennt die internationale Perspektive die Dynamik und die Wirklichkeit der Kosmopolitisierung der internationalen Beziehungen. Migrationsbewegungen. Linklater 1998. nationalstaatliche Lagen und Reaktionen einzelner Länder und Ländergruppen. Die Theorie der internationalen Beziehungen ist blind für die Dynamiken der Globalität . dazu z. Sie enthält also internationale Politik ebenso wie umgekehrt gilt: Die internationale Politik wird zum Austragungsort trans-internationaler Politiken. Terrorakten. Krisen und Strategien.ändern sie ihre Grammatik: Auch die erzwungene und unbewußte Kosmopolitisierung der internationalen Beziehungen erfolgt nach dem Modell der Interferenz der Nebenfolgen . mehr oder weniger informeller inner-.weil Menschenrechte gegen Staaten gewendet und von Staaten gegen Staaten »verteidigt« werden.von Kapitalströmen.und substaatlicher Politik. Zugespitzt gesagt: Die Kosmopolitisierung der Wirklichkeit erscheint als Gegner der internationalen Theorie . zur Selbsttransformation zwingt. Shaw 2000. . B. außer-. Die Einheiten internationaler Beziehungen . das Politikmonopol des Nationalstaates und der internationalen Beziehungen abzuschaffen. Transinternationale Politik liegt quer zur internationalen Politik. globalen Risiken.w e i l in der Weltrisikogesellschaft nationale Probleme nicht mehr national gelöst werden können. Held 2003.es sei denn.die Faszinationsbegriffe »Staat« und »Nation« werden entkernt: . Trans-internationale Politik meint also eine Ebene organisierter. Rosenau 1998. ökologischen und ökonomischen Krisen. Antiglobalisierungsbewegungen. zwischen. Es geht gar nicht um Untergraben oder Überwinden.scheint diese doch die Denkautorität der Staatstheorie zu untergraben. Köhler 1998. Neudefinition 60 . die alle anderen Phänomene spiegelt: Weltwirtschaftliche Machtverhältnisse. Der kosmopolitische Beobachterblick erschließt also den »grammatikalischen« Wandel des »Internationalen« (vgl. weltöffentliche Interventionen und Terrorgefahren usw. Strömen kultureller Symbole. Globalität wird auf die räumlichen Beziehungen zwischen Staaten eingeengt.

54-69). daß das Nationalstaatsprinzip gemäß der Introvertiertheit des nationalen Blicks globale Ungleichheiten verdeckt. 3. Das Leistungsprinzip ermöglicht eine »positive« Legitimation inner-nationaler Ungleichheiten. Dieses gilt innerhalb von Nationalstaaten. gerade auch von den Betroffenen selbst.und Ergänzung von Politik. daß das Leistungsprinzip als reziproke und reflexive Legitimation erfahrener Ungleichheit fungiert. und zweitens die Frage nach der Transnationalisierung sozialer Ungleichheiten weder systematisch stellen und entfalten noch beantworten. betrifft also gesellschaftliche Binnenungleichheiten. Wobei der springende Punkt darin liegt. weil er sich nur auf binnen-nationale Ungleichheiten konzentriert. Wie werden globale Ungleichheiten legitimiert. unterschieden werden kann. aber finden im methodologischen Nationalismus der Ungleichheitssoziologie keine oder nur eine randständige Aufmerksamkeit. weil es 10 Das Folgende faßt mit leichten Akzentverschiebungen zusammen. Wie ist dies zu verstehen?10 Wer fragt. Das Nationalstaatsprinzip beruht auf einer »negativen« Legitimation globaler Ungleichheiten. Das Nationalstaatsprinzip dagegen muß als ein »negativer« Legitimationsmodus begriffen werden. erhält in der nationalstaatlich orientierten Soziologie die Standardantwort: durch das Leistungsprinzip. Der methodologische Nationalismus kann. 61 . mit dem wenigstens im Prinzip zwischen legitimer und illegitimer Reichtumsverteilung. Leistung (wie immer diese operationalisiert sein mag) ist der Maßstab.und Staatsformen und zwischenstaatlichen Beziehungen. wie sich soziale Ungleichheiten rechtfertigen lassen. erstens die Frage. Demgegenüber erschließt der kosmopolitische Blick das Nationalstaatsprinzip als Legitimation globaler Ungleichheiten. was ich ausführlich in meinem Buch Macht und Gegenmacht im globalen Zeitalter dargestellt habe (S. Akteuren und Dynamiken. Wade 2003). »Positive« Legitimation heißt.3 Die Unsichtbarkeit globaler Ungleichheit Wir stehen vor folgender Paradoxie: Die globalen Ungleichheiten wachsen dramatisch (Doyle 2000.

Umwälzungen zuzurechnen sind. Fragens und Forschens einerseits aufgedeckt. Vielmehr wird die NichtLegitimation durch die Introvertiertheit des nationalen Blicks unsichtbar gemacht und dadurch stabilisiert. Das motiviert und aktiviert soziale Bewegungen. sondern global bedingt sind. Welche Prinzipien liegen dieser institutionalisierten Invisibilität globaler Ungleichheiten (Stichweh 2000) zugrunde? Nationale Fragmentierung Wie die Weltgesellschaft im nationalen Blick in fragmentierte. Dem Leistungsvergleich nach innen entspricht die institutionalisierte Blindheit nach außen. Hier geraten nationale Wohlfahrtsstaaten nicht nur als Garanten individueller sozialer 62 . Daß nationale Ungleichheiten möglicherweise nicht national. die sich alle nach innen orientieren und nach außen abschotten.wird diese Einkäfigung des Denkens. die aber selten wirklich konsequenzenreich durchdacht und erforscht wird. Ungleichheitskonflikte und Ungleichheitsdynamiken fragmentiert in nationalstaatliche Ungleichheiten und erscheinen als globale Ungleichheiten gar nicht mehr im Wahrnehmungshorizont des nationalen Blicks und der nationalen Soziologien. territorial gebundene. die als Arme ausgeschlossen werden. Die Verantwortung für Ungleichheit wird teils den Individuen. Genauer betrachtet. staatlich organisierte Nationalgesellschaften zerfällt.globale Ungleichheiten ausblendet. werden soziale Ansprüche an eine staatliche Umverteilungspolitik artikuliert und eingeklagt. globalen Kapitalströmen. die ihre jeweilige Unterprivilegierung anprangern und kompensatorische Leistungen vom Staat fordern. so werden die globalen Ungleichheiten. Entsprechend wird Gerechtigkeit bestimmt. andererseits überwindbar. Erst im kosmopolitischen Blick . wie die Arbeiterbewegung oder die Frauenbewegung. teils dem Staat zugerechnet. bleibt eine Standardvermutung. legitimiert also das Nationalstaatsprinzip globale Ungleichheiten nicht. Dies schließt die Akzeptanz derjenigen aus. Im nationalen Rahmen werden soziale Ungleichheiten im Wechselverhältnis von Wohlfahrtssystemen und Individuum verortet. Krisen. gegeneinander abgegrenzte.auf die nationalen wie auf die globalen und transnationalen Ungleichheiten .

Institutionalisierte Unvergleichharkeit Damit globale Ungleichheiten zwischen verschiedenen nationalstaatlichen Räumen institutionell unsichtbar bleiben. aber politisch effektlos . nämlich Ungleichheiten zu vergleichen. Mit anderen Worten: Der nationalstaatliche Erfahrungsraum wird mehr und mehr zum Tummelplatz globaler Ungleichheiten. Gegensätze und Gerechtigkeitsfragen. wie und wie weit nationale Wohlfahrtsstaaten die Armutsrisiken auf andere Staaten und Länder abwälzen.im Sinne des urwestlichen Prinzips freier Marktwirtschaft .Zugänge zu westlichen Märkten zu öffnen.Sicherheit ins Blickfeld. teils in Form der Repräsentation der Gegensätze und Lebensstile in den Massenmedien -.und Mobilitätsströme. 63 . Vielmehr stellt sich die Frage. Wenn sich allerdings im nationalen Erfahrungsraum die internationalen und globalen Ungleichheiten tummeln . wird es auch schwieriger. wenn und soweit soziale Gleichheitsnormen (Bürgerrechte) gelten. auf der in selten gewordener transatlantischer Einmütigkeit eine amerikanisch-europäische »Koalition der Unwilligen« den westlichen Protektionismus in der Landwirtschaft verteidigte gegenüber Forderungen afrikanischer und lateinamerikanischer Staaten. Das vorläufig letzte Lehrbuchbeispiel hierfür lieferte eine Weltkonferenz im Sommer 2003. Was innerhalb von Nationalstaaten politisch notwendig ist. in dem die Unterscheidungen zwischen Bürger und Nicht-Bürger. Realistischerweise ist es nicht länger möglich. ist zwischen Staaten zwar nicht ausgeschlossen.teils in Form legaler und illegaler Migrations. nicht-nationale und nationale Ungleichheiten genau zu trennen. In dem Maße. die Grenze zwischen national und international auch in den Feldern sozialer Ungleichheiten politisch. aber eben auch soziologisch-begrifflich zu ziehen. Begrenzte Gleichheitsnormen Ungleichheiten werden als Ungleichheiten nur dann erkannt und anerkannt. Ausländer und Inländer. müssen sie unvergleichbar sein.genau das leistet die Introvertiertheit des nationalen Blicks. ihnen endlich . Menschenrechten und Staatsbürgerrechten unscharf werden.

scheinbar. Die Vermutung. Der kosmopolitische Blick. Nur so wird das Terrorrisiko . die zweitens mit den konventionellen Mitteln des Staat-gegen-Staat-Krieges niedergerungen werden können. verlieren die Prinzipien der nationalstaatlichen Blindheit gegenüber globalen Ungleichheiten an Verbindlichkeit. ist sie mit konventionellen 64 .staatlich kontrollierbar. die Gefahr zu leugnen oder sie auf jenes Normalmaß zurückzustutzen. Diese Staatsverdaulichkeit des unstaatlichen Terrorismus wird dadurch hergestellt. nämlich das Terrorrisiko. aber grenzenlos sind auch die Bedrohungen. Nur wenn die Terrorgefahr zur Kriegsgefahr zurückverwandelt wird. die darauf beruht. Der Krieg gegen den Terror als Krieg gegen Staaten ist nur dann zu rechtfertigen. terrorismushätschelnden Bösewicht-Staaten in Verbindung gebracht wird. Hier ergibt sich eine neue. Denn zu den Gefahren gesellt sich die Unfähigkeit. verdeckte transnationale Gemeinsamkeit. Schon an diesen wenigen. auf daß sie in die etablierten Antwortkategorien paßt. wenn der Artunterschied zwischen Terror und Krieg aufgehoben wird. der als Krieg gegen einen Staat geführt wurde. Die Folge ist: Das Ineinander von intranationalen. daß beide Seiten die Neuheit der Terrorgefahr leugnen. skizzenhaften Überlegungen wird deutlich: Wenn die festgefügte Welt nationalstaatlicher Unterscheidungen und Grenzen in Bewegung gerät. Der Irakkrieg war der erste Krieg gegen ein globales Risiko. Im Fall des Terrorrisikos heißt das: Krieg gegen Staaten. inter-nationalen und trans-nationalen Ungleichheiten wird politisch brisant. Im Aufeinandertreffen der transnationalen Gegensätze an Orten und innerhalb nationalstaatlicher Politik müssen sozusagen »unvergleichbare Vergleichbarkeiten« gelebt und kulturell-politisch verkraftet und soziologisch erforscht werden. ist schwer zu entkräften. der Grenzenlosigkeitssinn zeichnet eine hochambivalente Wirklichkeit und Zukunft: Grenzenlos sind die Chancen.verliert die institutionalisierte Unvergleichbarkeit ihre Kraft. daß grenzenlose Bedrohungen die grenzenlosen Chancen erdrosseln. daß der Terrorismus erstens mit den terrorismusduldenden. »staatsverdaulich«. Daher wächst mit der Gefahr die Unwiderstehlichkeit der Versuchung. diese Gefahren mit den vorhandenen Begriffen zu begreifen und mit den bestehenden Institutionen zu beantworten.

und insofern kann man sagen: Ein Paradebeispiel für die Nebenfolgen-Kosmopolitisierung ist der Konsum. des schwarzen Körpers. der exotischen Musik. Kosmopolitisierung vollzieht sich nicht nur ungesehen (z. »People see black people as trendsetters. Der Glanz kultureller Differenz verkauft sich gut. Kosmopolitismus ist auch selbst zur Ware geworden. inszeniert und konsumiert. muß sich sicherlich nicht mit der Kultur identifizieren. in entsprechenden Massenprodukten. Dann endlich gibt es keinen Grund mehr für die mächtigste Nation der Welt. aus der die Bilder und Sprüche entnommen sind. We ain't making no t-shirts«. daß national etikettierte Automarken wie VWoder Londoner Taxis nach dem transnationalen Bastei-Prinzip zusammengebaut werden). B. figuring it's gonna the next big thing. Stile und Kreativität an ein Publikum. They try to take things away from us every time. der exotischen Schönheit. der seine Entwürfe unter der Handelsmarke »Karl Kane« vermarktet. 3. dadurch. das keine Grenzen kennt. 65 . Slang we come up with ends up on t-shirts.11 Wer »Schwarzen-Musik« hört. Nebenfolge und Absicht schwer zu ziehen ist. Man trägt keine Symbole eines »banalen Nationalis11 Zitiert nach Paul Gilroy 2000: 241. Wir haben es hier wieder mit einer Art »banalem Kosmopolitismus« zu tun. Massenmärkten global ausgeschlachtet. Aber er macht sich zum Träger von Bildern und Botschaften. auf seinem T-Shirt Bilder oder Sprüche von Schwarzen trägt. die Grenzen überschreiten und ansonsten getrennte Erfahrungsräume durchdringen. they see what we're on and they wonna onto the same thing. schreibt der African-American Kleidungsdesigner Carl Williams. Entsprechend werden die Images des Dazwischen.Begriffen verstehbar und mit konventionellen Mitteln militärischer Überlegenheit kontrollierbar. Man verkauft schwarze Kultur. sich unsicher zu fühlen.4 Wie der Alltag kosmopolitisch wird: Banaler Kosmopolitismus Die Konsumgesellschaft ist die real existierende Weltgesellschaft. des exotischen Essens usw. bei dem die Grenzen zwischen Zwang und Entscheidung.

Globalisierung und Alltags-Kultur unter anderen auch Katz/Liebes 1993. Banaler Kosmopolitismus ist aufs engste mit allen Formen des Konsums verbunden. die von jungen Leuten gemacht wird. kann als eine neue Reflexivität entschlüsselt werden. Memphis. Von dem Land geht aber auch eine originelle Musik aus. Beisheim/Zürn 1999: 69-99.B. Restaurants und Menukarten illustrieren. zusammengefügt und neu verbunden. sondern zeigt (gewollt oder ungewollt) kosmopolitisch Flagge.. Die Frage.mus« zur Schau. Spanien. die aus vielen Ländern und Kulturen stammen. siehe zum Zusammenhang zwischen Konsum. Der Lebensweg dieser Menschen erinnert ein wenig an die sehr viel ältere und ausgedehntere Odyssee jener Afrikaner. Hier werden dauernd Elemente verglichen. die Musik z. inwieweit diese innere Kosmopolitisierung von Lebenswelten sich nur »objektiv« vollzieht oder auch institutio66 . die Stimmen aus Kamerun. zu singen .a. Argentinien. so viele unterschiedliche Arten von Musik zu hören. Ägypten. »Auch dort herrscht eine unüberschaubare Fülle.und Gehör zu finden. Zu Ende gedacht entsteht ein Geflecht alltäglicher Praktiken und Kompetenzen. Er läßt sich nicht nur durch das riesige. Brüssel oder Neapel. französischer oder kabylischer Sprache singen . zu musizieren. die in arabischer..« Auch das meint »banale« Kosmopolitisierung: »Nie zuvor verfügte die Menschheit über die technischen Mittel. Gebesmair 2000. mit einem hohen Grad an Interdependenz und Globalität umzugehen. Held u. das routinemäßig in fast jeder Stadt in allen Winkeln der Welt präsent ist. Er durchdringt auch andere Bereiche der Alltagskultur.« (Maalouf 2000: 99. Brasilien. Noch nie hatten so viele Menschen die Möglichkeit. Aus Algerien erreichen uns oft die schrecklichsten Nachrichten. Beck/Sznaider/Winter 2003) Was in postmoderner Perspektive als »Eklektizismus« oder »Inauthentizität« (und in kulturkritischer Perspektive als »Entwurzelung« und »Gedächtnislosigkeit«) erscheint. kunterbunte Gemisch von Speisen. die einst als Sklaven nach Amerika verschleppt wurden. 1999. von den Kapverden ebenso wie die aus Liverpool. Ihre von Louisiana sowie vom karibischen Raum ausgehende Musik hat sich mittlerweile über die ganze Welt verbreitet und ist Teil unseres musikalischen und affektiven Erbes. Nahrungsmitteln. zu komponieren. verworfen.

argumentiert er. weil die Moral der Lebenswelten gerade nicht mehr diesem Gegensatz gehorcht. die Angelegenheiten aller anderen Menschen mit zu bedenken. verweist nicht zuletzt auf die Rolle der Massenmedien (Appadurai 1995. Mike Featherstone faßt dieses Argument zusammen: »Die Ströme der Information. Aksoy/Robins 2003. Er sieht einen Kosmopolitismus im Entstehen begriffen. Die Zugänglichkeit anderer Kulturen und Erfahrungsräume. wie sich die Beziehungen zwischen Globalem und Lokalem transformiert haben (1999: 194-207). des Geldes. Die Entgegensetzung von lokal und kosmopolitisch wird falsch. Caglar 2002). die die Menschen gegeneinander isolierte und von der Notwendigkeit befreite. Die Menschen erfahren sich selbst als Teil einer fragmentierten. potenziert wird.1998. vollzieht sich eine Art Globalisierung der Emotionen und der Empathie. John Tomlinson redefiniert das Konzept des Kosmopolitischen in diesem Sinne.nalisiert »reflexiv« wird. der moralischen Ambitionen und Ambiguitäten sowohl in der Nähe als auch über Entfernungen hinweg Wirksamkeit verleiht. die mit der Verfügbarkeit von Kanälen und Programmen und der Möglichkeit. Schiller 1989. des Wissens. zwischen diesen zu wechseln. erodiert ist. Er versucht begrifflich zu fassen. Diese Verbindung von Lokalität und Kosmopolitismus erzwingt einen Blick auf die grenzenübergreifenden Moralvorstellungen und Aktivitäten innerhalb bestimmter lebensweltlicher Kontexte. daß die alltägliche kosmopolitische Interdependenz den Fernsehzuschauern allmählich bewußter wird . der Güter und der Menschen und Bilder haben sich in einem Maße intensiviert.allerdings ist dies eine empirische Frage (dazu später). kann durchaus dazu führen. Damit jedoch hat sich das Bild der Humanität grundlegend verändert. gefährdeten Zivilisation und Zivilgesellschaft. die durch die Gleichzeitigkeit von Ereignissen und das Wissen um diese Gleichzeitigkeit überall in der Welt gekennzeichnet ist. daß der Sinn räumlicher Distanz. Bronislaw Szerszynski und John Urry (2002: 470) haben für Forschungszwecke die folgenden kosmopolitischen Prädispositionen und Praktiken unterschieden: 67 .« (1993:169) Indem also der globale Alltag zum integralen Bestandteil von Medienwelten wird.

und wo die Menschen auch in einer signifikanten Zahl über die entsprechenden Mittel zu reisen verfügen. Naturen und Gesellschaften zu unterscheiden und diese zu beurteilen. und daß sie irreversibel eingebunden sind in einen Erfahrungsraum. was mit ihnen gemeint ist.und Güterströme sowie grenzenloser Risiken leben.« Die Forschungsergebnisse der Autoren verweisen in der Tat auf die weite Verbreitung .ein »Versickern« . einer 68 .»Extensive Mobilität. nationale und globale Einflüsse und Inhalte durchdringen. Plätzen und Umwelten zunehmen. geographisch und anthropologisch zu lokalisieren. und zu erkennen. und zwar im Sinne eines tatsächlich existierenden Lebensstils. daß sie in einem Zeitalter globaler Geld.eine Offenheit gegenüber anderen Menschen und Kulturen und eine Bereitschaft/Fähigkeit.semiotische Kunstfertigkeiten.eines allgemeinen Kosmopolitismus. Wie ein befragter Interviewpartner es formulierte: Kosmopolitisierung »ist greifbar geworden als Möglichkeit und als Wirklichkeit. ästhetisch zwischen verschiedenen Orten. . »Die meisten. .eine Neugierde für andere Orte. zu >reisen< . imaginär und virtuell. die es ermöglichen.die Fähigkeit. wenn sie ironisch gemeint sind. wenn nicht alle der Antwortenden brachten irgendeine Art eines aktiven und verpflichtenden Gemeinschaftsbildes zum Ausdruck. wie lokale Loyalität. in der Menschen über die Möglichkeit verfügen. eine einigermaßen angemessene >Landkarte< der eigenen Gesellschaft und ihrer Kultur in einem entsprechenden historisch-geographischen Wissen zu zeichnen. Menschen und Kulturen und wenigstens eine rudimentäre Fähigkeit.: 472) In den qualitativ gewonnenen Untersuchungsergebnissen wird deutlicher. daß die Interdependenzen mit anderen Menschen. . daß die Grenzen der Nationen. . Kulturen und Religionen sich verwischen und vermischen. Immer mehr Menschen. sowie die Fähigkeit. globale Offenheit und moralische Interdependenz aufeinander bezogen werden. solche Kulturen historisch. einzelne Bestandteile der Sprache und Kulturen der >Anderen< als Bereicherung zu empfinden..« (Ebd. in dem sich lokale. so zeigen diese Forschungen.und zwar real. die Selbstund Fremdbilder verschiedener Anderer zu interpretieren und zu verstehen. sind sich sehr wohl bewußt. . viele Plätze und Umwelten zu >konsumieren<.die Kapazität.

sendet und empfängt . und formulierten ihre gemeinschaftlichen Bindungen in Begriffen. sondern das Leben mit der Mailbox: Man ist da und nicht da. sondern auch im Zentrum des eigenen Lebens statt. zersplitterte Gemeinschaften. Arbeit. Studentenorganisationen. Das Symbol der im Inneren entgrenzten Biographie ist nicht mehr der »Flaneur«. die gegen den staatlichen Machtund Kontrollzugriff ihre grenzenübergreifende Ortspolygamie im alltäglichen Kampf immer wieder aufs neue sicherstellen müssen.: 474) Viele der Befragten waren sich sehr wohl der globalisierten Kultur bewußt. Interessanterweise wurde dieses Gemeinschaftsbild meistens gerade nicht mit einem begrenzten Territorium verschmolzen. Ist es. Legalität und Illegalität. Motorsport usw. Die befragten Individuen sahen sich selbst vielmehr eingebunden in weitergefaßte. die arm sind. Engagement für hilfsbedürftige Andere.zeitlich und örtlich versetzt Nachrichten. Grenzen immer durchlässiger werden.verlorenen Welt der Vergangenheit oder als ein Ideal für die Zukunft. 69 . die Scott Lash für die Zweite Moderne entstehen sieht und die gekennzeichnet sind durch die Gleichzeitigkeit von Wählbarkeit und Vorgegebenheit. das »ortsmonogame« Leben. daß für den. Mobilität und Migration. man antwortet nicht und doch automatisch. aber auf geteilten Interessen oder Emotionen beruhten und organisiert wurden durch Praktiken und Themen wie beispielsweise Fußball. von Verschweigen und Erinnerung (Lash 1999: 14). Derartige ortspolygame Lebensformen und Biographien entfalten sich allerdings quer zu Stand und Klasse. in der sie leben. Umwelt. dieselben Grenzen unüberwindlich sind? Kosmopolitisierung der Biographie heißt: Die Gegensätze der Welt finden in ungleich verteilter Weise nicht nur dort draußen.« (Ebd. das die nationalstaatliche Moderne kennzeichnet. während für die anderen. Es sind gerade die illegalen Migranten. der ein elitäres Leben führt.12 Gibt es auch so etwas wie eine (ungleiche) Kosmopolitisierung der Biographie? Zeigt diese sich nicht darin. idealtypisch gesprochen. die man technisch von allen Orten der Welt empfangen kann und gespeichert hat. so drückt sich die innere Globalisierung der Biographie in einer Art Ortspolygamie aus (Beck 1997). die nicht geographisch gebunden waren. 12 Zur qualitativen Erforschung der »banalen« Kosmopolitisierung siehe auch Kapitel III.

»deutschtolle Harlekinade«. läßt sich letztlich nicht davon trennen.daher die Rede vom »kosmopolitischen Blick«. Kosmopolitismus ist nicht länger ein Traum. sondern ist. wie verzerrt auch immer. zur sozialen Realität geworden. Man kann auch ein beiderseitiger Atheist sein: weder dem Nationalismus noch dem Kosmopolitismus Glauben schenken. als Illusion.« (Hans Magnus Enzensberger 1992 a: 192) 7° . was Kosmopolitismus sein sollte. die es zu entdecken gilt. »Patriotismus der Inhumanität« usw. sein Idealismus . von einem Jahr aufs andere. -. zunichte machen lassen. zwischen emanzipatorischem und despotischem Kosmopolitismus zu unterscheiden Was Kosmopolitismus ist. Das.4. so heißt das nicht. daß sie ausgeklammert werden könnte oder sollte. Obwohl der Idee der Nation objektiv nichts Handfestes mehr entspricht. Diese »Chance« hatte allerdings der Nationalismus. was dem Kosmopolitismus bislang angekreidet wurde. und er hat sie. wie die Vordenker des Kosmopolitismus vorhersahen . lebt sie subjektiv. Von der Notwendigkeit und der Schwierigkeit. zunächst zurückgestellt wurde. Wenn deshalb die normative Frage. kann sich auf dem Wege in die Realpolitik als paradoxe Gefahr erweisen: Die Ideenwelt des Kosmopolitismus hatte noch keine Chance. Vielmehr eröffnet die Beschäftigung mit der kosmopolitischen Erweiterung und begrifflichen Neufassung des sozialwissenschaftlichen Blicks auch neue Wege und Aussichten auf die Dilemmata und die normativen und politischen Gehalte eines globalen Kosmopolitismus (Cheah/Robbins 1998. äußerst zäh weiter. In diesem Buch steht diese neue analytisch-empirische Dimension des Kosmopolitismus im Zentrum . zur blutigen Selbstwiderlegung genutzt.»Sentimentalbrei« -. sich als Utopie zu verbrauchen.Vertorec/Cohen 2002. Der Zusammenbruch der Sowjetunion und der Staatenwelt des Ostblocks hat einmal mehr bewiesen. Natürlich macht uns dieser Vorgang nicht zu Kosmopoliten. er beweist damit die Hinfälligkeit des Prinzips Nationalität. »daß sich Nationen rein administrativ und von außen. Aber selbst durch die vernichtende Kritik des Nationalismus wird noch niemand zum Kosmopolit. was Kosmopolitismus sein sollte. Held/König/ Archibugi 2003). Wapner/Ruiz 2000.

muß zunächst danach fahnden. lineare. Es gibt keine direkte. für die Träume wie für die Albträume. Anders gesagt: Ein Optimist des kosmopolitischen Blicks kann sehr wohl ein Pessimist der kosmopolitischen Mission sein (Beck 2002 a.Nach einem Jahrhundert wie dem 20. in dem die Ideologien die Menschheit fast zugrunde gerichtet haben. für das Gutgemeinte wie für die absehbaren Katastrophen. Es gibt nur den »Umweg«. ist der Glaube an die Gutheit des Guten schlicht nicht gut genug. (1)Die altgriechische Philosophie der Stoa entwirft mit dem Doppelbegriff . muß sich für die Dilemmata öffnen. das jus cosmopolitica der Aufklärung (Immanuel Kant). Schluß-Kapitel). wenn er sich das Ehrenprädikat »realistisch« verdienen will. 4.vgl. Verbrechen gegen die Menschheit (Karl Jaspers. Der kosmopolitische Blick. Das kosmopolitische Dual die kosmische Polis und die Mitgliedschaft in mehr oder weniger abgegrenzten politischen Gemeinden .. wie notwendig und abschüssig die Unterscheidung zwischen emanzipatorischem und despotischem Kosmopolitismus ist. Hannah Arendt) . sondern auf dem Prinzip des Sowohl- 71 . seine fundamentalen Ambiguitäten und Mißbrauchsformen vorwegeilend aufzuspüren. auszuloten. Wer eine kosmopolitische Ethik und Politik begründen und entwerfen will. Es führt demnach kein Weg daran vorbei. keinen direkten Beweis seiner moralischen oder funktionalen oder pragmatischen Überlegenheit.»Kosmos« und »Polis« .1 Drei historische Momente des emanzipatorischen Kosmopolitismus In Konzentration auf die europäische Geistesgeschichte lassen sich (mindestens drei) historische Momente eines emanzipatorischen Kosmopolitismus unterscheiden: antiker Kosmopolitismus (Stoa). Fine/ Cohen 2002. ethische Begründung eines kosmopolitischen Projekts. welcher ideologische Machtmißbrauch der gutgesinnte Kosmopolitismus eröffnet: Selbstideologiekritik lautet das Gütekriterium des neuen Kosmopolitismus.beruht nicht auf der Negation des Entweder-Oder.die begriffslogische Architektur der kosmopolitischen Idee.

bzw. stärkt sich wechselseitig. wird zum einen zu einer gleichsam evolutionären Theorie der Weltbürgerlichkeit umgeformt.« (1977a: 154. die die Aufklärer bewegte. stabilisieren und individuell und kollektiv gelebt werden können. ob wir gleich zu kurzsichtig sind. und. »ein geheimer Grundtext der Gegenwart« ist. Insofern geht Kant in seinem Entwurf Zum Ewigen Frieden vom Staatsbürgerrecht und Völkerrecht aus und begründet daneben und dazwischen ein jus cosmopolitica. es scheint. Die Menschen-Polis und die Stadt. wie sie sich politisch ermöglichen. zit. wie Patrick Bahners treffend bemerkt. beides konkretisiert. demgegenüber die Besonderheiten der Gemeinde nachgeordnet erscheinen. wenigstens im Großen. nicht ohne Plan und Endabsicht verfahre. das die Aufmerksamkeit darauf richtet. wie der Weltlauf gehen müßte. Wenn man indessen annehmen darf: daß die Natur. In seiner Schrift Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht verbindet Kant zwei Absichten: Die Sehnsucht nach dem ewigen Frieden. den geheimen Mechanismus ihrer Veranstaltung zu durchschauen. selbst im Spiegel der menschlichen Freiheit.als-Auch. Es handelte sich allerdings um ein »hierarchisches Sowohl-als-Auch«: Die kosmische Polis (modern gesprochen: die Menschenrechte) verkörpert das »höhere« Prinzip. in einer solchen Absicht könne nur ein Roman zustande kommen. keines ist ohne das andere möglich. weil es die Anarchie der Staatenwelt und damit deren Tendenz zu kriegerischen Verwicklungen zur Grundlage nimmt. in welchen Spannungen diese Pole zueinander stehen. nach Sigrid Thielking) Kants geschichtsoptimistisches Argument ist realistisch. Wenn die staatsbürgerliche Verfassung in jedem Staat republikanisch ist und wenn das Völkerrecht freier Staaten födera- 7 2 . der. eine Geschichte abfassen zu wollen. Staats-Polis bilden ein inklusives Dual. so dürfte diese Idee uns doch zum Leitfaden dienen. (2) Der kosmopolitische Aufklärer Kant legt 1784 den Text vor. im Anscheinen nach ungereimter Anschlag. einen sonst planlosen Aggregat menschlicher Handlungen. als System darzustellen. nach einer Idee. in Frage stellen. Das heißt: das eine verweist auf das andere. zum anderen in die Prägnanz juristischer Kategorien gefaßt: »Es ist zwar ein befremdlicher und. so könnte diese Idee doch wohl brauchbar werden. wenn er gewissen vernünftigen Zwecken angemessen sein sollte.

dann wird die Idee der Vergebung verschwinden. andersherum gewendet. argumentiert sie. Gilt das allgemein. und zwar öffentlich. politischen und juristischen Fragen exemplarisch. Es ist die historisch neue Kategorie des »Verbrechens gegen die Menschheit«. zurückgewonnen werden kann. Während Jaspers von »metaphysischer Schuld« spricht. sie begründen vielmehr die Legitimität des kosmopolitischen Rechts unter den Voraussetzungen eines Aufklärungsoptimismus. heißt: erstens mangelt es bis heute an einer hinreichend komplexen politischen Theorie des Kosmo- 73 . einer sich zum republikanischen föderalistischen Prinzip hin entwickelnden Staatenwelt. Beide nehmen den »Zivilisationsbruch« des Holocaust zum Ausgangspunkt. Jedes Handeln. an der sich die Dilemmata eines politischen Kosmopolitismus als Antwort auf den Holocaust nachzeichnen lassen. Kants Argumente sind also weder transstaatlich noch transnational. die Menschen müssen den Menschen verzeihen. Vergebung von Schuld entfalten Karl Jaspers und Hannah Arendt in ihrem Briefwechsel (1985) die sich damit stellenden philosophischen. Karl Jaspers und Hannah Arendt sehen sich am Ende des Zweiten Weltkrieges und angesichts der staatlich organisierten Judenvernichtung mit bis dahin unvorstellbaren Steigerungsformen bestialischer Inhumanität konfrontiert. Diese cosmopolitan moments (deren Argumentationsreichtum hier fast unverantwortlich verkürzt wurde) weisen drei Schwächen auf: Sie verbleiben im Horizont des Normativen und des Rechts. das Unvergebbare zu vergeben. verstrickt sich in die Irreversibilität seiner Folgen. der seine Blutspur durch die Jahrhunderte zieht. wie Jacques Derrida argumentiert. Wenn Vergebung nur das Vergebbare vergibt. dann läßt sich ein drittes Recht. (3) Schon Kants Entwurf einer republikanischen Moderne in kosmopolitischer Absicht richtet sich gegen den Horror des Krieges und der Gewalt. die in authentischer Buße gesühnt werden sollte. der ohne »Authentizität« auskommen kann. was. so gilt es insbesondere angesichts der monströsen Verbrechen des Holocaust.listisch ist. betont Hannah Arendt den politischen Aspekt der Verantwortung. hinzufügen. Nicht nur Gott muß verzeihen. weiter zu handeln. weil nur so die Fähigkeit. Die wahre Vergebung besteht darin. das Recht auf Hospitalität. In der daran anschließenden Diskussion über politische Versöhnung.

Staaten. sondern auch ein Herrschaftsvakuum. zweitens tauchen in den bisherigen Debatten die Fragen eines empirisch-analytischen Kosmopolitismus gar nicht auf. Solange und weil keine Weltregierung existiert. die herrschenden Eliten werden ihrer Unangreifbarkeit und Machtprivilegien beraubt. also die Grammatik des Sozialen und Politischen umgeschrieben wird. sind es die Menschenrechte und die über ihre Einhaltung oder Verletzung urteilenden Instanzen.sowie die Basisregeln der Demokratie zu achten.2 Das Menschenrechtsregime zwischen Ewigem Frieden und Ewigem Krieg Das Menschenrechtsregime ist das Schlüsselbeispiel dafür. weil despotische Herrschaft ihr Unterdrückungssystem nicht mehr hinter den gesicherten souveränen Grenzen perfektionieren kann. Regionen der »legitimen« Gewaltintervention anderer Staaten preisgeben. Die Sprache der Menschenrechte verändert die Grundlagen der Weltpolitik. das heißt insbesondere auch.unter Strafe von deren (selbst militärischer) Durchsetzung durch andere .das ist die Kehrseite . die so oder so definierten Menschenrechte . Wird damit doch die Selbstverpflichtung globalisiert. und zwar überall. zusprechen oder entziehen und damit . Diktatoren können für ihre Taten zur Rechenschaft gezogen und verurteilt werden. weil sie alle Ebenen und Bereiche nationaler Politik 74 . 4. bevor es im Kapitel V systematisch aufgegriffen wird. Dieses letztere soll hier wenigstens in einer Gedankenskizze angedeutet werden. wie die Unterscheidung zwischen national und international aufgehoben und die innere Kosmopolitisierung der Nationalgesellschaften vorangetrieben. Gleichheit. zwar gestreift. Die globale Verinnerlichung der Menschenrechte destabilisiert die despotischen Regime von innen wie von außen. die mit der Kosmopolitisierung der Wirklichkeit aufbrechen. Reziprozität und Universalismus des Rechts berauben Staaten der Attribute ihrer Machtfülle und der unbegrenzten Selbstbestimmung. drittens werden die fundamentalen Ambiguitäten.politismus. die Legitimität stiften. aber nicht systematisch aufgedeckt und durchdacht. Länder. Menschenrechtsuniversalisierung erzeugt nicht nur ein nationales Legitimationsvakuum.

.so leicht in Entfriedung und Destabilisierung durch Ewige Kriege um. schlägt das Versprechen auf Befriedigung und Stabilität durch Menschenrechte . der die Welt mit einer feuerroten Lavamasse kriegerischer Konflikte überzieht. hebeln aus scheinbar ewigen Grenzen und erzwingen neue Grenzziehungen. sondern der Logik der Macht folgen. Menschenrechte heben auf. der die kosmopolitische Gutwilligkeit auf ihre emanzipatorische Leistung oder den Mißbrauch befragt.und Gesellschaft durchdringt. eröffnet die Kontroverse um die Ethik und Politik des Kosmopolitismus. Ehemals lokale Konflikte werden nun ebenso wie nationale Konflikte von innen her internationalisiert. die jedoch nicht der Logik des Rechts. Diese Einsicht ist wesentlich: Das Menschenrechtsregime wirkt zutiefst zweischneidig. für externe Beurteilungen. Es eröffnet auch »humanitären Interventionen« in andere Länder Tor und Tür. Seine Wirkung kann mit einem speienden Vulkan verglichen werden.der »Ewige Frieden«. den Kant vordachte . Es erlaubt nicht nur Konfliktregulierungen über Grenzen hinweg. Kontrollen und Interventionen öffnet: Von der lokalen über die nationale bis zur globalen Ebene werden die Konflikte und Konfliktregulierungen rekonzeptualisiert. Gerade weil die Durchsetzung der Menschenrechte nationale Widerstände überwindet und überwinden muß. Erst der advocatus diaholi. neue Selektivitäten. politisch globalisiert.

von ökologischen. Dabei wird »realistisch« (wie in der bisherigen Argumentation). Zurechnungen. Mißverständnisse. Selbstund Fremdbilder von Gruppen und Individuen.nämlich. die dieses Kapitel aufrollt und untersucht.Unterscheidungen. ökonomischen und terroristischen Risiken.Kapitel II Die Wahrheit der Anderen: Vom kosmopolitischen Umgang mit Andersartigkeit . Was aber unterscheidet den kosmopolitischen Blick von einem universalistischen. gleichgesetzt mit »sozialwissenschaftlich«: 76 . Hier liegen die Ansatz. Diese oft erzwungene. eines kosmopolitischen Realismus. die auf andere Ergebnisse gerichtet waren. Paradoxien Die Kosmopolitisierung der Wirklichkeit ist nicht . entsteht etwas historisch Neues: ein kosmopolitischer Blick. Jahrhunderts »realistisch« .im Unterschied zum kosmopolitischen Idealismus? Dies sind die Fragen. Verantwortlichkeiten.das Ergebnis einer listigen Verschwörung von Seiten der »globalen Kapitalisten« oder des »amerikanischen Griffs nach der Weltherrschaft«. sondern die ungesehene soziale Folge von Handlungen. In dem Maße.so wurde im vorangegangenen Kapitel argumentiert . relativistischen. meist ungesehene und ungewollte Nebenfolgen-Kosmopolitisierung durchkreuzt die Gleichsetzung von Nationalstaat mit Nationalstaatsgesellschaft und schafft transnationale Kommunikationsund Lebensformen. die im Netzwerk globaler Interdependenzrisiken agieren.und Ausgangspunkte eines realistischen Kosmopolitismus. multikulturellen Blick? Und was macht den kosmopolitischen Blick zu Beginn des 21. in dem diese historische Lage .weltöffentlich reflektiert wird. in dem sich die Menschen zugleich als Teil einer gefährdeten Welt und als Teil ihrer lokalen Geschichten und Lagen sehen. vereinfacht gesprochen. ausgeführt von Menschen. die die getrennten Welten unterentwickelter und entwickelter Nationen aneinander binden . daß der Nationalstaat zunehmend gleichsam von einer planetarischen Interdependenz belagert und durchdrungen wird.

die der kosmopolitische Blick mit dem universalistischen. Frauen nicht verkauft. Im Gegenteil: Die Besonderheit der Anderen wird der Unterstellung der universellen Gleichheit geopfert. So entsteht das Doppelgesicht des Universalismus: Respekt und Hegemonie. Ethnizismus. -. Transnationalismus usw.) widersprüchliche Impulse enthält: Der Universalismus verpflichtet dazu.bezogen werden. abgelöst von der philosophischen Vorgeschichte. Postmoderne . Es ist die besondere Kombination von Bedeutungselementen. Rationalität und Terror. Ähnlich entspringt die Betonung des Kontextes und der Relativität der Standpunkte dem Impuls.Erste Moderne. Multikulturalismus usw.darf nicht exklusiv. Relativismus. die auf keinen Fall verletzt werden dürfen: daß Kinder. die in prästabilisierte Ignoranz mündet. Dazu gehören inhaltliche Normen. relativistischen. Zweitens: Realistischer Kosmopolitismus . Nationalismus. sondern muß in einem bestimmten Sinne inklusiv zu Universalismus. Kosmopolitismus. verstanden. Der realistische Kosmopolitismus setzt ein universalistisches Minimum voraus.so lautet die Schlußfolgerung . die ihrerseits auf historische Gesellschaftsformationen . die Andersheit der Anderen anzuerkennen. präzisiert und praktiziert werden. verabsolutiert gedacht und praktiziert. Dabei soll unter anderem herausgearbeitet werden. 77 . nationalen Blick teilt und mit der er sich zugleich gegen diese abgrenzt. Zweite Moderne. schlägt dies jedoch um in die Behauptung der Unvergleichbarkeit der Perspektiven. den Anderen als prinzipiell gleich zu respektieren. auf ein Grundproblem der Zweiten Moderne bezogen werden: Wie gehen »Gesellschaften« in der globalen Interdependenzkrise mit »Andersartigkeit« und »Grenze« um? In der Beantwortung dieser Frage werden zwei Argumentationsschritte vorgestellt und entfaltet: Erstens werden verschiedene gesellschaftliche Modalitäten im Umgang mit Andersartigkeit unterschieden . die ihrerseits den eigenen Entstehungs.und Interessenzusammenhang verleugnet. enthält jedoch gerade deswegen keine Aufforderung.Der realistische Kosmopolitismus soll. daß beispielsweise die universalistische Praxis (aber ebenso der Relativismus usw.Universalismus. Nationalismus. die die Neugierde für die Andersheit der Anderen wachrufen würde. Kontextualismus.

daß die Mehrheit der Menschen dort. die eigenen Grundsätze die Freiheitsrechte zu schützen und die Andersartigkeit der Anderen zu gewährleisten . der die Anerkennung des Anderen zum Kern seiner Auffassung von Gesellschaft und Politik macht. die nur mit Gewalt niedergehalten werden können. um sie zu bewahren. wie die westliche Welt mit der Andersheit der Anderen umgeht.1 Das Doppelgesicht des Universalismus Wer die Diskussionen am Beginn des 21. bereit ist. Wo die nationalen Stabilisatoren im Umgang mit Differenz fehlen. Der kosmopolitische Realismus negiert Nationalismus nicht. daß ein Verstoß dagegen nicht auf kosmopolitische Toleranz stoßen darf. da es diese überhaupt erst ermöglichen. Jahrhunderts über die Frage. wo diese universalistischen Minimalia gelten. was er von Gott und seiner Regierung hält. ohne gefoltert und mit dem Tode bedroht zu werden. Gegner erzeugt. diese gegebenenfalls zu verteidigen. 1. anhand einflußreicher Texte wie dem Buch von Samuel Hun- 78 . wenn es gute Gründe gibt anzunehmen.notfalls zu brechen. sondern setzt ihn voraus und verwandelt ihn zu einem kosmopolitischen Nationalismus. Auf diese Weise muß sich der realistische Kosmopolitismus auch mit der bitteren Frage nach seinen eigenen Grenzen auseinandersetzen: Bezieht sich die Anerkennung der Freiheit der Anderen gleichermaßen auf Despoten wie auf Demokraten. Zum gesellschaftlichen Umgang mit Andersartigkeit 1. der dem Kosmopolitismus besonders fremd ist: daß er. Zum anderen schließt der realistische Kosmopolitismus universelle prozessurale Normen ein. woraus folgt: Man muß sich in den Widerspruch hineinbegeben. ist eine solche Selbstverständlichkeit.nicht versklavt werden dürfen und daß jedermann aussprechen darf. die sie jagen? Anders gesagt: Der realistische Kosmopolitismus muß sich mit einem Gedanken auseinandersetzen. den Umgang mit Andersheit grenzenübergreifend zu regulieren. Von einem »kosmopolitischen Common sense« kann dann die Rede sein. da droht der Kosmopolitismus ins philosophische Wolkenkuckucksheim abzuheben. auf antikosmopolitische Füchse wie auf die Hühner.

Auf diese Weise wird eine universelle Zivilisation entstehen. die früher politischen und militärischen Strategien untergeordnet waren. Wir erleben die Invasion der Kultur in die Politik. damals verkörpert durch den aristotelischen Philosophen Juan Ginés de Sepulveda und den dominikanischen Priester Bartolome de Las Casas: der Universalismus der Verschie- 79 . The End of History (1989). gibt es zur liberalen Marktwirtschaft à la Américain keine historische Alternative mehr.wo darüber gestritten wurde. aus einer historischen Perspektive betrachtet. in ihnen brechen zivilisatorische Wertgegensätze auf. und gemäß seiner inneren Logik wird diese Vision die ganze Welt durchdringen und umformen. Die demokratischen Werte des Westens und die vormodernen Werte der islamischen Welt stehen sich immer bedrohlicher.tington. mit der die Geschichte endet. bemerkt mit Erstaunen.den gegenwärtigen Kontroversen ähneln. feindlicher gegenüber. Die Huntington-These besagt: Die großen Konfliktlinien während des Kalten Krieges waren offen politisch und gewannen ihre Brisanz aus nationalen und internationalen Sicherheitsbelangen. Die Kultur. folgendermaßen: Nachdem das System des sowjetischen Kommunismus zusammengebrochen ist. The Clash of Civilizations and the Remaking of World Order (1996) und dem von Francis Fukuyama. bestimmen nun die Prioritäten der internationalen politischen Agenda. Fukuyama beantwortet die Frage. die Identität und der religiöse Glauben. holzschnittartig zusammengefaßt. bis zu welchem Ausmaß die Indianer verschieden von den Europäern und daher minderwertig seien . Diese zwei Modalitäten im Umgang mit Andersartigkeit standen sich schon vor mehr als vierhundert Jahren auf jener Konferenz von Valladolid gegenüber. und zwar sowohl innerhalb von Nationalstaaten als auch zwischen Weltregionen. die Konfliktlinien heute dagegen laufen entlang großer Kulturantagonismen. welche Zukunft das westliche Modell der liberalen Demokratie hat. Der »demokratische Kapitalismus« ist die einzig wahre Vision von Modernität. Zivilisatorische Trennungslinien verwandeln sich in Bedrohungen der internationalen Stabilität und der Weltordnung. kollidieren. wie sehr die Debatten auf der legendären Konferenz von Valladolid im Jahre 1 5 5 0 .

de Las Casas . daß man sie zu den wahren Werten des Christentums bzw. Ähnlich denkt Huntington heute das Verhältnis der westlichen Welt zu dem kulturell Anderen. was die doppelte Konsequenz hatte: Zum einen zeige sich. Entsprechend strich der Philosoph die Unterschiede zwischen den Spaniern und den Indianern heraus. Für ihn war Verschiedenheit gleichbedeutend mit Minderwertigkeit. während Huntingtons Schrekkensdiagnose eher mit einem apokalyptischen Unterton vorgetragen wird. Zum anderen leite sich daher die Unterwerfung und Ausbeutung als pädagogischer Auftrag ab. glichen den Europäern in überraschender Weise.denartigkeit und der Universalismus der Gleichartigkeit. daß die Gleichheit der Zivilisation für die Menschheit charakteristisch sei. Dabei fällt auf. so argumentierte er.ähnlich wie der Politiktheoretiker Huntington heute .sei es. sei es. den Gebrauch der Pferde und Esel nicht kannten und nichts vom Geld oder der christlichen Religion wußten. kulturell Andere als »Barbaren« zu bezeichnen und zu behandeln . Von hier ist es dann nur noch ein kleiner Schritt. weshalb sie hierarchisch untergeordnet werden und als minderwertig gelten. die von ihnen ausgeht. wenn wir uns nicht die Hände reichen und gemeinsam gegen die »islamische Gefahr« und für die Werte des Westens in die Schlacht ziehen. daß man sich gegen die Bedrohung. daß die Indianer nackt herumliefen. mit entsprechenden militärischen Mitteln zur Wehr setzen muß. welche keinen Unterschied in der Hautfarbe und 80 . Menschen opferten. wie der aristotelische Philosoph damals vor selbstgewisser Überlegenheit geradezu platzte. daß der Mensch des Menschen Gott sei. des demokratischen Kapitalismus bekehren. Sie.fand. der islamischen Zivilisation. blicke man vom zivilen Europa auf das barbarische Amerika. als eine vertikale Andersartigkeit.ähnlich wie der Politikwissenschaftler Fukuyama -. daß die Hierarchie der Werte. Sepülveda . Ein neuer »Untergang des Abendlandes« droht. Sie erfüllten die Ideale der christlichen Religion. Der dominikanische Priester de Las Casas verteidigte eloquent die Rechte der Indianer. die zwei Momente enthält: Den »Anderen« wird der Status der Gleichartigkeit und der Gleichwertigkeit abgesprochen. Der Philosoph gliederte die Gattung der Menschheit in gleichzeitig lebende Völker verschiedener Kulturstufen. Für ihn war ausschlaggebend.

Herkunft kennt. Der Umgang mit der Andersartigkeit der Anderen weist im Falle des Universalismus ein prinzipielles Doppelgesicht auf. Unter dem universalisierenden Blick werden alle Formen menschlichen Lebens innerhalb einer einzigen zivilisatorischen Ordnung angesiedelt .sei es als anthropologisches Faktum. Es tritt bereits in der Position des Dominikaners hervor: Nicht die Andersheit. Der Priesterverfocht einen christlichen Universalismus. das Chaos. sei es im Fortgang der Zivilisation (Modernisierung). und das heißt nicht selten. heißt. die alle Ethnizitäten. mit der Differenz in direkter Nachbarschaft zu leben. Selbstbespiegelung. Nationen und Religionen in sich beheimatet. in der »Huntington-Angst« zu leben. daß ethnische Unterschiede niemals überbrückt werden können und daß ohne nationale Assimilation. ohne die nationale Aufhebung der Differenz. das die Stimme des Anderen nur als Stimme des Gleichen zuläßt. Deshalb wendet er sich vehement gegen das Weltbild der hierarchischen Verschiedenartigkeit. Übertragen auf einen afrikanischen Universalismus hieße das: Der wahre Weiße hat eine schwarze Seele. das Wort Gottes zu hören und seine Wahrheit zu praktizieren. hervorbricht. als Selbstbestätigung. daß mit der Betonung der ethnischen Unterschiede der Untergang des Abendlandes droht. die Familienwerte. Selbst die amerikanische Nation. Insofern handelt es sich um ein hegemoniales Projekt.mit der Folge: Kulturelle Differenzen werden entweder aufgehoben oder ausgegrenzt. Gerade weil die ethnische Differenz ein integraler Bestandteil des amerikanischen Nationalbewußtseins ist. Ein Amerikaner zu sein. Die Indianer seien überaus freundlich und bescheiden. Das Gegenprinzip zur hierarchischen Unterordnung und Minderwertigkeit des Anderen behauptet die Auflösung der Unterschiede . das unter der Oberfläche wütet. achteten die Normen der Zwischenmenschlichkeit. Amerika sei ein Volk von Völkern. Selbstgespräch. hat ein ambivalentes Verhältnis zur Differenz. ihre Traditionen und seien insofern mehr als viele andere Nationen der Welt auf das Beste vorbereitet. sondern die Gleichartigkeit der Anderen bestimmt das Verhältnis von Wir und den Anderen. greift die Furcht. die nicht im »Schmelztiegel« amalgamiert werden können. immer wieder aufs neue um sich und fordert und fördert einen Zwang zu Gleichheit und Konfor81 .

die real existiert. also das Dual »Christen-Heiden« heraus: Seine Kraft bezieht er daraus.mismus. das Geschlecht. sondern daß wir alle letztlich gleiche Menschen sind und den Anspruch auf gleiche Rechte haben. daß es die Nebenfolgen globaler Interdependenzrisiken sind. die von der ethnischen Differenz ausgeht. also im Rückgriff auf den westlichen Universalismus. ebensowenig wird systematisch erwogen. hält niemand für möglich. Hier liegt die Dialektik von Differenz und Konformität begründet. Das Dual leugnet also die Asymmetrie. »Der Gegensatz zwischen allen Menschen einerseits. gilt es. mit der der Nationalismus sich gegen die Gefahr der ethnischen Auflösung zur Wehr setzt: Je größer die Vielfalt und je größer und unüberbrückbarer die ethnischen Differenzen inszeniert werden und erscheinen. und den getauften andererseits. die es setzt. einzuschränken. die Gefahr. die Klassenzugehörigkeit herausgelöst und als Gleiche vor Gott. 82 . besitzt in dieser Perspektive keinen Wert an sich. daß wir die Andersheit der Anderen anerkennen müssen. desto lauter wird der Ruf nach dem Konformismus der Gemeinschaft.1 Von Paulus über Kant und Popper bis zu Lyotard und Rorty lassen sich verschiedene Varianten derselben Dialektik unterscheiden. das Alter. also in der existentiellen Glaubensgemeinschaft der Christenheit. wie dies der Universalismus gleichsam natürlich für sich reklamiert. Um dies zu verdeutlichen. den Universalismus gegen die Partikularismen zu verteidigen. durch die Betonung einer allgemein verbindlichen Humanität für alle. daß alle Menschen aus den ihnen scheinbar unablösbaren Bindungen an die Hautfarbe. Die ethnische Vielfalt. wenn die ethnische Vielfalt die Universalwerte des Humanen in Frage stellt. aus denen das Konfliktpotential sich speist. das die zivilisationszerstörende Absicht einzig nicht-westlichen Gesellschaften und nicht-christlichen Glaubensgemeinschaften zuschreibt. der das nationale Ethos verkündet (Kommunitarismus). ist auch nicht mehr quantifizierbar wie die bisherigen Bezeich1 Insofern besteht ein enger Zusammenhang zwischen der Popularität und politischen Wirksamkeit kommunitaristischer Strömungen und dem Huntingtonschen Schlagwort vom Kampf der Kulturen in den USA. greifen wir noch einmal den christlichen Universalismus. Bejaht wird nicht die Forderung. Herkunft. die Nationalität. Dabei werden zwei Deutungen charakteristischerweise von vornherein ausgeschlossen: daß im Westen selber die Barbarei wieder aufbrechen könnte. angesprochen werden. Im Konfliktfall.

daß man weiß ist. In den von Weißen dominierten Ländern heißt Weißsein das Privileg. eben die zersetzende Kraft ethnischer Partikularismen wittern. das man selbst repräsentiert. Unordnung. Alle. sich diesem partikularen Gleichheitsanspruch zu beugen. wenn sie sich 83 . auf die Vermutung. Chinesen. Japaner und Frauen dann Schwarzer.wie er sich im Christentum und in der Aufklärung begründet . Zumutung hinaus: der wirkliche Schwarze ist der Nicht-Schwarze. Wer den Universalismus ablehnt.ihre eigene Ethnizität und erklärt ihre Norm zur allgemeinen Norm. Der postulierten abstrakten Gleichheit entspricht der Druck auf die ethnisch Anderen. Im selben Zug überhöht . vielmehr handelt es sich um eine Verdoppelung derselben Bezugsgruppe. Wenn sich Schwarze. Im nationalen Rahmen laufen alle Versuche. während die Verkünder der universellen Moral und Wahrheit immer dann. Dadurch wird das Partikulare.nungen. Chinese. wenn er nicht der ewigen Verdammnis anheim fallen will. sprich: die Position des Unterschieds aufzugeben. anti-moralischen Partikularen. den Universalismus und den Partikularismus zu verbinden. die diesen auszeichnet. oder die wirkliche Frau ist die nichtweibliche Frau. also nicht ethnisch human. die sich bis in die Befreiungsbewegungen der Sklaverei zurückverfolgen lassen. verkennt die höhere Moral.die Mehrheit . Jeder Mensch soll Christ werden. Chaos. nicht up-to-date. »Ethnisch korrekt«. strukturkonservativ und Gefangene eines »antiquierten« Selbstbildes. Japaner und Frau nennen.wird das Schwarzsein der Schwarzen.« (Koselleck 1989: 231) Der imperiale christliche Universalismus setzt auf diese Weise emanzipatorische Impulse frei. Jude. Feministische Bewegungen haben sich auf Paulus berufen. das Jüdischsein der Juden oder das Weiblichsein der Frauen zu einem »Partikularismus«. ist das Selbstverständnis der »Partikularen« nur dann. grenzt oder löscht die Andersheit der Anderen aus. nicht zu bemerken. dann sind sie theoretisch und philosophisch unautorisiert. wenn der Universalismus in Frage gestellt wird. Doch auch hier zeigt sich das Doppelgesicht: Erst im grenzennegierenden Universalismus . die etwas anderes als den Universalismus behaupten. der wirkliche Jude ist der Nicht-Jude. und verfällt damit selbst dem Verdikt des amoralischen. Wer die Gleichheit leugnet. universalistisch verklärt und verdrängt. grenzen sich selbst aus. Juden. der als moralisch minderwertig gilt.

Sowohl bei de Las Casas als auch bei Fukuyama wird dieses Verschwinden der Verschiedenartigkeit als Zivilisationsprozeß gedacht . Demokratie). Oder in der Terminologie der Mainstream-Modernisierungssoziologie formuliert: Die Andersheit der Anderen ist ein Relikt. Die Andersheit des Anderen zu respektieren.das »Ende der Geschichte« schon vor mehr als vierhundert Jahren. begann . Damals wie heute gilt: Alternative ausgeschlossen! Es gibt keinen anderen Weg als den des christlich-westlichen Universalismus. verlangt. zweitklassigen Menschheit betrachtet. der nichtweiblichen Frau beugen. Traditionen gegen »externe Übergriffe« abzuschirmen. Es können nicht auf der einen Seite globale Menschenrechte verkündet werden. wenn man nicht seine »eigenen« Werte verraten und seine »eigene« Sicherheit gefährden will? 84 . Menschenrecht bricht das Recht. und auf der anderen Seite gibt es eine muslimische. Daraus entstehen schwer auflösbare Dilemmata: Wer die globale Verantwortungsfrage aufwirft. christliche. daß nur er Prinzipien von Freiheit und Gleichheit global einfordert.von ihrer Ethnizität emanzipieren und dem offiziellen Modell des nicht-schwarzen Schwarzen. daß man ihn als Angehörigen derselben und nicht einer anderen. sieht sich damals wie heute mit den Verlockungen und Gefahren des »Kolonialismus« konfrontiert. Damals hieß Kolonialismus Kolonialismus. heute dagegen »humanitäre Intervention«.ironisch gesagt . Das Kernproblem lautet: Kann man in einer Welt globaler Interdependenzrisiken die Angelegenheiten der Anderen allein als Angelegenheiten der Anderen ansehen und auf diese abwälzen? Oder hat man gar keine andere Wahl. Die Achtung menschenrechtsverletzender Traditionen kommt einer Mißachtung ihrer Opfer gleich.dort durch die christliche Bekehrung und Taufe. als sich in die »inneren Angelegenheiten aller« einzumischen. Doch zum Doppelgesicht des westlichen Universalismus gehört auch. das mit fortschreitender Modernisierung zu einer letztlich irrelevanten Größe wird. hier durch die ansteckende Überlegenheit der westlichen Werte (Marktwirtschaft. asiatische Menschenrechtscharta. des nicht-jüdischen Juden. So betrachtet. jüdische. afrikanische. seine Geschichte zu achten.

erzwingt. 85 . gezogen werden. was der Universalismus bejaht: daß auch nur die Möglichkeit bestehen könnte. wo es nun wirklich nichts zu holen gibt außer einer blutigen Nase. Banditentum und einer Reihe verbrecherischer Regime zu leiden hatte. daß die »afrikanischen Barbaren«. Für die Bevölkerung Liberias. plädiert für den Relativismus . erlaubt. so zielt der Relativismus auf die Hervorhebung der Unterschiede. Man jubelt ein ordnungsstiftendes militärisches Engagement des Westens unter der Leitung der USA geradezu herbei. ohne angesichts der Welle kosmopolitischen Mitleidens als kaltherziger Ignorant dazustehen. Kulturalismus (kultureller Relativismus).Man kann dieses Dilemma am Beispiel des im Sommer 2003 diskutierten westlichen Militärengagements in Afrika. in immer mehr Teilen der Welt . mit wem sich der Relativismus verbündet: Nationalismus (nationaler Relativismus).das Zwitterwesen eines »Menschenrechts-Kolonialismus« in Gestalt von »UN-Protektoraten« zu praktizieren? 1. der sich zwar angesichts der Ölinteressen im Irak zur Eroberung desselben hinreißen ließ. veranschaulichen. der dazu zwingt.»an dieser Stelle verlassen wir Afrika. nun aber in Liberia. Kann man sich dem entziehen. die zwei Jahrzehnte lang unter Krieg. ihre selbstverschuldete Katastrophe ausbaden müssen? Oder ist es nicht letztlich gerade der Universalismus. kann eine solche Intervention gar nicht früh genug kommen. Kosovo und Mazedonien.2 Das Doppelgesicht des Relativismus Wer gegen den Universalismus votiert. um es nicht wieder zu erwähnen« . konstruiert der Relativismus neue Grenzen. hängt davon ab. der Doppelmoral überführt ist? Gilt Hegels Verdikt .zunächst Bosnien. .immer noch? Kann man wirklich immer noch davon ausgehen. Während der Universalismus die Grenzen zu den kulturell Anderen aufhebt. Wo und wie diese verlaufen bzw. die »da unten« ihr Spukunwesen treiben.so das Denken in Entweder-oder-Alternativen. Zielt der Universalismus auf die Aufhebung. der Einheit des Lokalen (lokaler Relativismus). genauer in Liberia. Entsprechend leugnet er mit Entschiedenheit das. dann Afghanistan und Irak und nun möglicherweise Liberia usw. allgemeine Normen zu entwickeln und anzuerkennen.

um den Blick für Andere ebenso zu verschließen wie den Blick der Anderen auf die »eigene« Kultur abzulehnen. Wenn alles relativ ist. Allerdings schlägt. daß sie einer essentialistischen Weltsicht zum Verwechseln ähnelt. Man will seine Ruhe haben und andere in Ruhe lassen und begründet dies damit. das Schicksal der Anderen ernst zu nehmen. aber den Vorteil. diese Aufmerksamkeit für den Anderen in das Gegenteil um: Der Perspektivenwechsel wird dadurch verweigert. Relativismus und kontextuelles Denken schärfen den Respekt vor der kulturellen Differenz und können den Perspektivwechsel mit den kulturell Anderen reizvoll und nötig machen. das Prinzip der Unvergleichbarkeit der Perspektiven. Hier herrscht der ewige (Nicht-)Frieden des ewigen Relativismus. daß man die Dinge nun einmal so hinnehmen muß. Mit dem Ergebnis: Alle sind.wie gesagt . wie sie sind. wie sie sind.den Nachteil. Das unfreiwillig Ironische der relativistischen Inkommensurabilitätsthese ist. Das mag . daß er schlicht und einfach für unmöglich erklärt wird. Verallgemeinerter Relativismus ist ein vornehmes Wort für Nichteinmischung. hat der Eroberer seinen Standpunkt und der Eroberte seinen. Es entsteht ein desorientierter Relativismus. als sei es sein eigenes Schicksal. dem die Nabelschau zur Weltschau wird. Das Instrument. Der Universalismus hat . Aber die Inkommensurabilitätsvermutung läuft auf einen Nicht86 . wenn Relativismus und Kontextualismus verabsolutiert werden. Universalismus und Hegemonie sind insofern in der Perspektive des Relativismus zwei Seiten derselben Medaille. Zwischen allen diesen klaffen mehr oder weniger unüberwindliche Abgründe. seinen Standpunkt anderen aufzudrängen. das beobachtende Publikum nimmt weitere Standpunkte ein. der mit dem eindeutigen gemeinsam hat. ist das Inkommensurabilitätsprinzip.Die Geltung solcher Normen setzt Nietzsches Wille zur Macht voraus.was die Motivzuschreibung betrifft . Der Relativismus weist wie der Universalismus ein Doppelgesicht auf. Das Doppelgesicht des Relativismus läßt sich komplementär begreifen: Auf der einen Seite kann eine Dosis Relativismus als Gegengift gegen die Hybris des Universalismus wirken. die Gräben zwischen den Kulturen seien unüberbrückbar.eine polemische und falsche Formulierung sein. Sie (ver-)führt zu einem postmodernen Quasiessentialismus.

die der Relativismus voraussetzt und verdinglicht. Die Gegenthese zur Inkommensurabilitätsvermutung lautet nicht. Ein strikter Relativismus ist überdies historisch-empirisch falsch. des Eingemischtwerdens. sich herauszuhalten. sondern daß sie fortwährend nach einer aktuellen. McGrane 1989. daß die Grenzziehungen zwischen den kulturellen Räumen. miteinander aneinander vorbeiredenden (Nicht-)Gespräches geworden. der in einer Welt. daß es sie nicht gibt. An die Stelle des Nichteinmischungspaktes wegen Unmöglichkeit tritt der kosmopolitische Realismus. Mit. heißt ja nicht. Denn genau dies meint: Wir leben in einer Ära der globalen Interdependenzkrise. ein europäisches Projekt und Produkt der ersten. kontextuellen Definition verlangt. Ein kontextueller Universalismus geht demgegenüber von dem Gegensachverhalt aus. sind von unfreiwilliger Komik. Wir können uns schon deswegen aus der afrikanischen Misere nicht heraushalten. zum anderen ist er blind dafür. sind grotesk. Dieser besagt: Die vorgetäuschten Glücke der Inkommensurabilität sind illusionäre Fluchtwege aus der Falle des interkulturellen Zwangsschicksals. in die Vorstellung getrennter Welten zu flüchten. Die Welt ist zur Karikatur eines unwiderruflichen. erscheint das Nichtgespräch. daß die kulturelle Durchdringung historisch real (der Normalfall) und Nichteinmischung unmöglich sind.und Gegenmischens zur Debatte. in der Nichteinmischung unmöglich. zu dem die sich selbst gefährdende Zivilisation geworden ist. Jahrhunderts ist (McNeill 1985. Einmischung immer schon gegeben ist. Alle Versuche. Und daß die Wahrheit nicht absolut. Entsprechend steht nicht das Ob. Es soll hier keine falsche Alternative beschworen werden. das Nichteinmischen idyllisch. Die Gegenthese ist: Es gibt keine getrennten Welten. 87 . Gilroy 2000). sondern relativ ist. sondern das Wie des Einmischens. es findet ein Gespräch statt.einmischungspakt zwischen den Kulturen hinaus. weil es das Afrika »da unten« jenseits der Sicherheit und Verantwortung des Westens nicht gibt. Er verkennt oder verfälscht zum einen die historischen Fakten der sich wechselseitig durchdringenden Historien. nationalstaatlichen Moderne des 19. leicht in Gewalt umschlägt. Said 1978. Angesichts des kunterbunt global zusammenhanglosen Zusammenhangs.

der mit nationalen Grenzen zusammenfällt.verstehen. Im Innern leugnet Nationalismus die Andersheit der Anderen. und der Relativismus ist ein territorialer Relativismus. daß der Gegensatz zwischen Wir und den Barbaren genutzt wird. nach außen behauptet. produziert und stabilisiert er sie. Universalismus der Gleichartigkeit und Relativismus . 88 . Diese Losungen einer ethnischen Territorialautonomie werden .hierarchische Andersartigkeit. das interessanterweise aus dem Arsenal des Antikolonialismus stammt: Südamerika den Südamerikanern. der Universalismus der Gleichartigkeit im Innenverhältnis. Es gibt zwar eine politisch effektvolle Solidarität mit Gleichen. Das Doppelgesicht des Nationalismus zeigt sich bekanntlich nicht nur darin.3 Das Doppelgesicht des Nationalismus Die Art. diese zu Barbaren zu stilisieren und damit selbst zu Barbaren zu werden. Afrika den Afrikanern.1. wie der Nationalismus den gesellschaftlichen Umgang mit Andersartigkeit strategisch handhabt. anderen Nationen die Gleichberechtigung zu verweigern.paradoxerweise . Algerien den Algeriern. um die nationale Gleichheit und Integration herzustellen. Bildungsmöglichkeiten und politische Partizipation.4 Das Doppelgesicht des Ethnizismus Zur Abwehr globaler Interdependenzen taucht neuerdings ein Argument auf. sondern auch im Verhältnis . Hierarchische Andersartigkeit gilt im Außenverhältnis. läßt sich als eine Kombination der bisher genannten Strategien . Steuern zu zahlen. Kuba den Kubanern. aber sie macht halt am nationalen Gartenzaun und kann sogar dazu dienen. 1. also die Pflicht. mobil zu machen.wie es im nationalen Blick heißt von »Mehrheit« zu »Minderheiten«. Andersartigkeit und Relativismus ist der typische Modus des Umgangs mit Andersartigkeit in der Ersten Moderne. »der Russen« usw. Dieser territorial begrenzte historische »Kompromiß« von Universalismus. Anrechte auf Sozialhilfeleistungen. um nach dem Motto »Europa den Europäern« gegen die bevorstehende Invasion »der Türken«.auch von den Europäern aufgegriffen.

der in der politischen Theorie und Philosophie als guter Citizen verstanden wird. weder mit dem Hinweis auf Gegengewalt rechtfertigen noch damit. selbst noch den nationalen Kompromiß. Diese Überschneidung von Freiheitsbewußtsein mit systematischer Verletzung der Würde ist die historische Geburtsstunde des ugly Citizen: Dieser ist in der Entstehungsgeschichte des Citizen. die er durch seine Taten aufkündigt. daß der autistische Ethnizismus. aus Nachbarn Fremde zu machen und diese mit dem Recht des geschichtlich erlittenen Unrechts gewaltsam zu vertreiben.auch in Rechnung stellen: Man habe es mit »armen Schweinen« zu tun. dann drehen die Ausgeschlossenen den Spieß um und schotten sich ihrerseits ab. absichtlich zerstört. die Betonung der Ethnizität setzt eine Gewaltdynamik frei. das die Moderne einschärft. nicht vorgesehen. Wenn sich eine palästinensische Frau in einem Cafe. strenggenommen. darf nicht mit der Toleranz rechnen. in die Luft sprengt. Wer glaubt. Wenn das Freiheitsbewußtsein. der Minderheitenrechte immerhin kennt und anerkennt.und Ausgrenzung. 89 . die sich in der Zivilisation ausnahmslos jedermann gefallen lassen muß.Allerdings ist das Doppelgesicht des neuen Ethnizismus nur allzu evident. dann müsse man . Immer mehr Gemeinsamkeiten werden aufgekündigt. zum Bestandteil des eigenen Selbstbildes geworden ist und mit radikaler Armut und Diskriminierung zusammentrifft. und von derart zutiefst in ihrer Würde verletzten Personen könne man schließlich nicht ohne weiteres die Einsicht erwarten. Die Ab. deren Taten ihre eigene Unterdrükkungsgeschichte widerspiegeln. in dem auch israelische Frauen mit ihren Kindern sitzen.hört man gelegentlich gewiß nicht entschuldigend. nicht statthaft ist. Hier droht in vielen Erdteilen die Gefahr. aber doch verstehend . daß das in die Luftsprengen von Kindern. aufgeladen durch das Freiheitsbewußtsein der Moderne. die aus diesen oder jenen Gründen plötzlich als Fremde ausgegrenzt werden. daß dies die Antwort auf die systematische Verletzung der eigenen Würde sei. das Menschenrecht zu haben. in der das zivilisatorische Minimum nichts mehr gilt. Man kann Gewalt gegen Nachbarn. Das gewaltlose Zusammenleben mit kulturell Anderen ist eine Zumutung.

ergibt sich zum einen aus der wechselseitigen Korrektur dieser Bedeutungselemente. Vom Standpunkt des kosmopolitischen Realismus aus betrachtet. Nationalismus. Relativismus.und Synthesebegriff von Universalismus. korrigieren. lautet: Die Debatten um Universalismus versus Relativismus.2. indem die verschiedenen Strategien im gesellschaftlichen Umgang mit Andersheit nach dem Sowohl-als-Auch-Prinzip neu durchdacht. im Kern die Anerkennung von Andersheit sowohl im Inneren als auch nach außen. Was das im einzelnen heißt.jeweils in einem bestimmten Sinne! . begrenzen und bewahren sich wechselseitig: ohne Universalismus und Relativismus und Nationalismus und Ethnizismus . daß die Verbindung mehr ist als die Teile. beruht der Kosmopolitismus auf dem Prinzip des Sowohl-als-Auch Kosmopolitismus meint. läßt sich dieses entweder Universalismus oder Relativismus. Was ist »realistisch« am realistischen Kosmopolitismus? Während Universalismus. entweder Verschiedenartigkeit oder Gleichartigkeit usw. Kulturelle Unterschiede werden weder in einer Hierarchie der Andersartigkeit geordnet. zum anderen daraus. sondern akzeptiert. Ethnizismus zu verstehen und zu entfalten. Anders gesagt: Auch Universalismus bleibt nicht Universalismus. sondern als Summen. nicht praktikabel. als Sackgassen-Debatte der falschen Alternativen aufdecken und überwinden. werden meist nach dem Entweder-Oder-Prinzip geführt. Gleichartigkeit versus Verschiedenartigkeit usw.ist ein realistischer Kosmopolitismus nicht denkbar. Das. Die verschiedenen Strategien im gesellschaftlichen Umgang mit Andersartigkeit schließen sich keineswegs aus (wie gemäß dem Selbstverständnis dieser Positionen zumeist unterstellt wird) . gegeneinander abgegrenzt und aufeinander bezogen werden. noch werden sie universalistisch aufgelöst. die den Zugang eröffnet. Die These. was am neuen Kosmopolitismus »realistisch« ist. 9° . Relativismus und Nationalismus auf dem Prinzip des Entweder-Oder basieren. wie gesagt. soll nun auf dem Hintergrund der zuvor unterschiedenen Modalitäten im gesellschaftlichen Umgang mit Andersheit präzisiert werden. Realistischer Kosmopolitismus ist nicht in Opposition zu.sie setzen sich voraus.

weil sie in seinen Augen fähig und bereit waren.vertreten durch den aristotelischen Philosophen . Doch im kosmopolitischen Blick sind die Gemeinsamkeiten beider Positionen nicht weniger interessant. der Christ. Oder im Sinne Fukuyamas argumentiert: Die nicht-westlichen Zivilisationen können »modernisiert« werden. Das Dual: hier alle Menschen. andererseits nach Wegen suchen. dort die durch Christus Befreiten. 2. in der exemplarisch das Entweder-Oder zwischen dem Universalismus der Verschiedenartigkeit . akzeptierte die Gleichheit der Indianer nur deshalb. wenn sie im und zum kosmopolitischen Realismus verschmolzen werden. kann der universellen Wahrheit des Christentums teilhaftig werden. Der Barbar kann getauft.dargelegt werden. Der Universalismus ist also für sich genommen ebenso ignorant wie unverzichtbar.hervortrat. in Überlegenheit und Unterlegenheit verwandelt. Kosmopolitismus meint. daß die Indianer beides: verschieden und gleich. ist nur überwindbar. um die Akzeptanz von Andersartigkeit universell erträglich zu machen. was in beiden Positionen ausgeschlossen wird: den Anderen als verschieden und gleich zu bejahen Da der Kosmopolitismus Andersheit anerkennt. Man hat oft die Fortschrittlichkeit des Dominikaners hervorgehoben und den frühen Rassismus des Aristotelikers kritisiert.Kontextualismus nicht Kontextualismus usw. sie verändern vielmehr ihre Bedeutung. und zwar in zweierlei Hinsicht: Keine der frühen Antithesen ließ zu. Auch der gute Mensch de Las Casas. Beide Positionen unterstellten ferner einen universellen Wertmaßstab. muß er sich einerseits gegen Universalismus und dessen totalisierenden Impulse abgrenzen. logisch zwingend. Dies soll nun . das heißt in der Taufe der 9i . die universelle Wahrheit des Christentums anzuerkennen.und dem Universalismus der Gleichartigkeit . wenn die Dichotomie nicht bestehen bleiben soll: Die Antithese zwischen Christ und Heide muß zeitlich aufhebbar gedacht und gemacht werden. Greifen wir zunächst noch einmal auf die Kontroverse von Valladolid zurück.vertreten durch den Dominikanerpater . der Unterschiede.zumindest skizzenhaft . sind. 1 Weder Huntington noch Fukuyama..

zu Ende gedacht. realistisch gewendet. Damit wird zugleich die Falschheit der Alternative zwischen hierarchischer Verschiedenartigkeit und universeller Gleichheit aufgedeckt. um nicht umgekehrt in die Falle des postmodernen Partikularismus zu geraten. relativistischer oder kontextueller Universalismus erfinden. dem die Quadratur des Kreises gelingt.droht in diese Art von postmoderner Multikulti-Beliebigkeit abzugleiten. universalistische Normen zu behaupten und diesen den imperialen Stachel zu ziehen? 92 . und zwar auf der Grundlage der Verabsolutierung von Andersartigkeit und ohne ein verbindendes Gerüst von Normen. Kosmopolitismus. die Unmöglichkeit von Ordnungskriterien. sich gegen bestimmte totalitäre Züge des Universalismus abzugrenzen. Grob vereinfacht könnte man dies den postmodernen Ansatz nennen: Kosmopolitismus ohne Universalismus . meint das.das läßt sich hier erkennen . Denn damit werden zwei Positionen überwunden. Kosmopolitisch heißt: scheinbar zeitlosem und damit zukunftsfähigem Rassismus die Zukunft streitig zu machen. er bedarf auch des Universalismus. Andersartigkeit zu tolerieren. Wie aber läßt sich ein begrenzter. 2. Dabei handelt es sich um eine Strategie. was in beiden Positionen ausgeschlossen wird: die Anderen als verschieden und gleich zu bejahen.2 Der postmoderne Partikularismus Der realistische Kosmopolitismus kann sich nicht damit begnügen. Das heißt aber auch: den ethnozentristischen Universalismus des Westens als einen überwindbaren Anachronismus darzustellen.Marktwirtschaft und der Demokratie das Heil des westlichen UniVersalismus erlangen. Dieser Ansatz kombiniert das Prinzip der Gleichartigkeit mit dem Relativismusprinzip der Inkommensurabilität der Perspektiven und behauptet damit. der Rassismus wie der apodiktische Universalismus.

Dieser besagt. die der realistische Kosmopolitismus diagnostiziert. Inwieweit stiftet diese Negativität eine grenzenübergreifende Gemeinsamkeit. es bedarf bestimmter Verfahren und Institutionen der Konfliktregulierung im transnationalen Raum. Daß dadurch Streitigkeiten bestenfalls besänftigt. sondern entsprechend handelt (wie dies im Kosovo-Krieg der Fall war)? Unter dem Dach dieses negativ definierten Kosmopolitismus haben dann die vielfältigsten Kosmopolitismen Platz . sondern negativ zu bestimmen. lautet die politische Kernfrage an Kosmopoliten: Sind sie überhaupt entscheidungsund handlungsfähig? Was sind ihre Taten? Wie also läßt sich die Anerkennung der Vielfalt mit dem Zwang zum Handeln verbinden? Die Antwort lautet: Der Realitäts-. ob es erlaubt ist.2. nicht für Konsens. Genozid. kosmopolitische Normen nicht positiv. alle akzeptieren eine zweite Grundnorm. eine zweite beruft sich auf einen prozeduralen Universalismus. Der Realismus des realistischen Kosmopolitismus drückt sich vielleicht gerade darin aus.vorausgesetzt. Verbrechen gegen die Menschheit. die zum Beispiel nicht fragt. Kosmopolitismus ist also ein anderes Wort für Konflikt. 93 . systematische Verletzung der Menschenwürde. sprich: Praxistest des Kosmopolitismus entsteht und besteht in der gemeinsamen Abwehr von Übeln. die des prozeduralen Universalismus. Man müßte in diesem Sinne auch die »ideale Sprechsituation« (Jürgen Habermas) realistisch wenden und eine Konflikttheorie der Wahrheit der Anderen in der sich selbst gefährdenden Zivilisation entwerfen. eine dritte schließlich lotet die Möglichkeiten und Ambivalenzen eines kontextuellen Universalismus aus. nie aber konsensuell aufgelöst werden können. sondern dadurch. einen souveränen Mitgliedstaat der U N O anzugreifen. was er will. Da der Kosmopolitismus Vielfalt respektiert.3 Der Realitätstest des Kosmopolitismus besteht in der gemeinsamen Abwehr von Übeln Eine Antwort auf diese Frage läuft darauf hinaus. verweist auf die Ambivalenzen und Dilemmata der Zweiten Moderne. weil er einen Vernichtungskrieg gegen die eigenen Minderheiten führt. daß man ihn nicht dadurch zu charakterisieren sucht. was er auf keinen Fall will: diktatorische Gleichschaltung.

inwieweit die Einhaltung von Menschenrechten Aufgabe von UN-Friedensmissionen sein kann usw. sind die Menschenrechte und ihr universalistischer Anspruch für nicht-westliche Kulturen weder fremd noch irrelevant. Auch im Debattenund Handlungsraum von Nichtregierungsorganisationen (NGOs) stehen sich oft nicht-westliche kulturelle Relativisten und westliche Universalisten gegenüber. mit der sich der Kontextualist in der falschen Idylle autonomer Relativwelten einmauert. Auf der Wiener Menschenrechtskonferenz im Jahre 1993 wurde diese Opposition exemplarisch durch »kontextuelle Universalisten« aufgebrochen und überwunden. Obwohl westlichen Ursprungs. um die es ging. Die Themen. Aus den Kontextualisierungen universellen Rechts entstehen neue national-kosmopolitische und lokal-kosmopolitische Identitäten. die der Universalismus propagiert.Diesseits des negativen und prozeduralen Universalismus offnen sich die Räume für vielfältige »kontextuelle Universalismen« (Beck 1997:141 ff. kosmopolitisch gewendet. Damit sind Beziehungen zwischen sich im gängigen Verständnis ausschließenden Oppositionen gemeint. waren überaus heikel: Gewalt gegen Frauen.im Gegensatz zu dem. einschließlich ehelicher Gewalt und Inzest. die Frage. ja. eine sich wechselseitig bewahrende und korrigierende Verbindung eingehen. die die NGO-Allianz zur 94 . lateinamerikanischer und asiatischer NGOs. was man einen pädagogischen Kosmopolitismus der Ungeduld nennen könnte. Auf diese Weise ist der Kontextualismus ein Gegengift gegen die Aufhebung der Andersheit. und zwar von einer Allianz afrikanischer. Recht kann als ein gutes Beispiel für kontextuellen Universalismus und die damit verbundenen Konflikte gelten. Das Verständnis des kontextuellen Universalismus führt dann vielleicht zu einem »Kosmopolitismus der Demut« (Scott L. Diese können.). und der Universalismus ein Gegengift gegen die Unvergleichbarkeit der Perspektiven. bei diesen Übersetzungen handelt es sich um Beispiele einer aktiven inneren Kosmopolitisierung des Nationalen und Lokalen. wie er dem Habitus des Westlers entspricht. Malcamson) und des Zuhörens . auf die eigenen kulturellen wie politischen Traditionen und Religionen bezogenen Auslegungen lokale und nationale Machtpositionen. Die Kontextualismus-Universalismus-Synthese. Vielmehr verbinden und behaupten lokale Gruppen mit kontextuellen.

erwähnt wurde. die das Kopftuchtragen gewählt und sich für eine konservative Theologie entschieden haben.ohne daß das zentrale Recht. bis schließlich jeder wahrgenommen hatte. indem er über das. Dann kamen sie an die Reihe. also offensichtlich selbst nicht daran glaubte. nicht an Hunger zu sterben? Die eingeflogenen amerikanischen Experten hatten dies kommen sehen. was er sagte. sogar solche Frauen. lachten. nicht an Hunger zu sterben. berichtet Scott L.. hielten Reden. die sich selbst als säkular beschreiben. Die Frauen der islamischen Welt verbanden das universelle Konzept des Menschenrechts. Die versammelten Senegalesen hörten freundlich zu. Vielleicht kann auf diese Weise verhindert werden. verteidigten andere Frauen. um über Fragen der Menschenrechte zu diskutieren. Malcamson. Die eingeflogenen Experten sprachen über Demokratie und das Recht auf freie Meinungsäußerung usw. fortwährend kicherte. Der Witz. säkular-demokratischen Jihad« (1998: 237) degeneriert. wo sich eine bunte Gruppe zusammengefunden hatte. mit dem Anspruch. daß das große Thema der Menschenrechte diskutiert wurde . Aber er unterminierte seine Darlegungen. >rationalistischen<. was da ablief. und dann brachen alle in Lachen aus. ist insofern bemerkenswert. die kontextuelle Varianten von Universalismen freisetzen können. war er zufälligerweise in der US-Botschaft. als sie sich gegen die westliche Überheblichkeit und gegen die Erwartungen der eigenen Regierungen wendete.Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen erarbeitete. Ein solcher Sowohl-als-Auch-Kosmopolitismus verdeutlicht die politisch-kulturell kreative Kraft. den sie plötzlich verstanden hatten. Viele. Aus 95 . An einem heißen Nachmittag in Dakar. aber sie hatten letzten Endes wenig dazu zu sagen außer: nein. Alle anderen. Der Rest der senegalesischen Redebeiträge konzentrierte sich auf eine simple Frage: Hat jeder Mensch ein Recht darauf. daß der neue Kosmopolitismus zu einem »eurozentrischen. Ein Mann in Militäruniform pries am Beginn seiner Ausführungen die wertvolle Einzigartigkeit senegalesischer Kultur am Beispiel der Polygamie. war selbstverständlich der. deren Aussagen voraussagbar waren. Und die Senegalesen fragten und fragten. daß sie an erster Stelle Muslime sind und auch in ihrem Denken und Handeln bleiben wollen. egal ob Männer oder Frauen. etwa des Menschenrechts auf westliche Erziehung.

ebd. Nationalismus setzt Kosmopolitismus voraus Schließlich ist es falsch. hat eine »kulturelle Selbstermächtigung des Marginalen und des Lokalen« stattgefunden.4 Ist ein ethnischer Kosmopolitismus möglich? Die Historisierung der Andersheit der Anderen Das. Wie Stuart Hall (1997:19) ausführt. ethnischer Kosmopolitismus wendet sich gegen die universalistische Auflösung der Andersheit. da dieser den besten und verläßlichsten Mechanismus zur institutionalisierten Erzeugung und Stabilisierung kollektiver Andersartigkeit darstellt. ein Mangel. aber auch gegen die ontologische Betonung der Ethnizität und erlaubt die Anerkennung der Andersheit der Anderen auf historisch-kontextuelle Weise.5 Realistischer Kosmopolitismus setzt Nationalismus. 2. Wo solche Stabilisatoren von 96 . sondern historisiert. Die Senegalesen griffen die amerikanischen Experten nicht an. die nur als »kosmopolitisch« beschrieben werden können (vgl. Marginalisierte Gruppen haben ihre verborgenen und verdrängten Geschichten wiederentdeckt. für den man den westlichen Stamm bedauern muß. 2. der die ethnische Gruppe der Weißen kennzeichnet. Eine in diesem Sinne weltbürgerliche Ethnizität bzw. kann durchaus auch eine Verbindung eingehen. was sich ebenfalls auszuschließen scheint: Kosmopolitismus und Ethnizität.: 242). Sie bemühten sich um sie mit Großzügigkeit und Humor. Kosmopolitischer Realismus beruht also auf einer doppelten Verneinung: Er verneint sowohl die universalistische Verneinung als auch die essentialistische Betonung der Differenz. auch das Gegenteil ist richtig: »Der Kosmopolitismus benötigt auch ein gewisses Maß an Nationalismus. nur den Gegensatz zwischen Kosmopolitismus und Nationalismus hervorzuheben. Dabei wird die Andersheit der Anderen nicht länger entweder als ontologisch gegeben behauptet oder weguniversalisiert.senegalesischer Perspektive kam darin ein unglückseliger Mangel zum Ausdruck.

seine Überzeugungs. Der Kosmopolitismus erlangt seinen Realismus und seine historische Besonderheit. daß ihre kosmopolitischen Impulse gestärkt und ihre anti-kosmopolitischen Impulse geschwächt und begrenzt werden. sich nach außen. und gefordert. Die neue Bedeutung der Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft kann nicht mit der Rückkehr zu früheren Zuständen zureichend verstanden.Differenz fehlen. angesichts der Interdependenz nationale Probleme zu lösen. daß das Sehen sich selbst nicht sehen kann. nationalen) Gruppenzugehörigkeit? 97 . was aber hier nicht geschehen kann. kann der im nationalen Blick stets drohende Umschlag in die Barbarisierung des Anderen überwunden werden. Entsprechend gilt: Wenn dem nationalen Blick ein »kosmopolitisches Auge« eingesetzt wird. die zugleich transnational und verwurzelt.2 2 Neben Nationalität bedarf vor allem das Verhältnis von Religiosität und Kosmopolitismus der Klärung. in der die verschiedenen Modalitäten des gesellschaftlichen Umgangs mit Andersartigkeit einander durchdringen und so miteinander verschmolzen werden. aber auch nach innen. ohne die Andersheit der Anderen als »vormodernes Vorurteil« abzutun.« (Grande 2003: 5) Johann Gottlieb Fichte hat darauf hingewiesen. gegenüber den Minderheiten. damit es reflexiv wird. ist? Hieße Kosmopolitisierung der Religionen dann. um die ethnischen Gewaltpotentiale einzudämmen.und Verführungskraft aus der Art. daß dem Sehen »ein Auge« eingesetzt werde. Besteht eine der herausragenden Leistungen des Nationalismus nicht darin. als eine bloße Reaktion abgetan werden. die Bindekraft der Religiosität zu entkoppeln von der historisch entstandenen (ethnischen. für jedes Problem eher einen Schuldigen zu finden als eine Lösung? Nur ein kosmopolitisch veränderter Nationalismus kann die zwischenstaatlichen kooperativen Potenzen der Politik nutzen und auf diese Weise seine Fähigkeit zurückgewinnen. nämlich im partikularen Universalismus der »Kirche«. die durch die Globalisierung von außen und von innen freigesetzt werden. da droht der Kosmopolitismus in substantiellen Universalismus abzugleiten. einer Bindung. gegenüber dem national Anderen öffnen. Vielleicht finden sich darin auch Antworten auf die postnationale Konstellation? Vielleicht geht es um den Versuch einer Synthese. Die Verschmelzung nationaler und kosmopolitischer Strategien ist notwendig.

Transnational sind ko-nationale (und insofern a-nationale) Lebens-. deren Grenzen und Souveränität nicht von anderen Nationen anerkannt werden. USA. Eine einzelne Nation. Australien. ist demnach ebenso ausgeschlossen wie ein Weltvolk. Die Anthropologin Louisa Schein hat eine ethnographische Studie über ein »Hmong-Symposium« in St. wie sich »Transnationalität« dazu verhält. dann stellt sich die Frage. daß sich die Strategie des Nationalismus und die Strategie des Kosmopolitismus im Umgang mit der Andersheit der Anderen nicht nur widersprechen. Kanada . Besteht zwischen der Ordnungsschematik national-international und der Ordnungsschematik transnational-kosmopolitisch ein Widerspruch? Das Prinzip der Nation setzt. Weltstaat. Vietnam. Frankreich.die durch die Mauern der Staaten hindurchgehen. welche das nationale Entweder-Oder durch ein ko-nationales Sowohl-als-Auch ersetzen. Transnationalität meint Lebens. Das Feld beider Begriffe .fünf auf der anderen Seite: Argentinien.konstituiert eine exklusive.und Handlungsformen . Ökonomie und der Bildung«. Nationen gibt es nur im Plural. China. wie dargelegt. welche ihre transnationale Einheit über viele Länder der Welt herstellen und bewahren wollen. und entsprechend schmückten diesen Kongreß vier Fahnen auf der einen Seite: USA. die Möglichkeiten transnationaler Identitätsstiftung im Kraftfeld der internationalen Rivalität zwischen den USA und China zu analysieren. Es gibt schätzungsweise 25 Millionen Hmong.Nationalität und Internationalität .und Handlungsformen.2. Paul.6 Die Kategorie der »Transnationalität« ist der Gegenbegriff zu allen Begriffen der sozialen Ordnung. verteilt über diverse Länder der Welt. und darin liegt ihre politische. Minnesota. sondern sich auch wechselseitig ergänzen und korrigieren. mit dem Ziel unternommen. Denk. Internationalität ermöglicht Nationalität. das Prinzip der Internationalität voraus. Eines von zahllosen Beispielen dafür sind die Hmong. totale Einheit. Diese national-internationale Ausschließlichkeitsordnung steht im Gegensatz zu der Begriffsordnung transnational und kosmopolitisch. 98 . aber auch ihre analytische Provokation Wenn es richtig ist. Das Motto lautete: »Auf der Suche nach einer gemeinsamen Zukunft in Fragen der Kultur. Thailand und Laos.

wie also der Begriff des Staates geöffnet werden kann für die globale Interdependenz und ihre Krisen. politischen und öffentlichen Räumen zugleich nationalisiert. transnationalisiert und kosmopolitisch geöffnet wird. can these debates not work towards imagining nation-state and transnational as interlocked. und wie lassen sich derartige Konzepte eines »Transnationalstaates« oder »kosmopolitischen Staates« systematisch entwickeln? (Beck 2002 a) Daß in der Transnationalisierung Impulse liegen. die klare Unterscheidung zwischen Wir und den Anderen aufzuweichen. daß der vermutete Gegensatz zwischen national und transnational sich nicht nur nicht bestätigt. »I want to draw attention to a pernicious zero-sum logic that portraits nationalism and the nation-state as mutually exclusive and as locked in competition for pragmatic primaricy.und damit verschwimmt der Begriff »Amerika« .durchaus in Übereinstimmung mit der ihnen unterstellten US-Amerikanisierung zur Festigung ihrer Einflußsphäre im globalen Raum. aufzuheben und die staatlichen Handlungsräume selbst zu transnationalisieren. instead. und zwar in einem doppelten Sinne: zum einen . was »Staatlichkeit« ausmacht. vielmehr die USA und China die Transnationalität dieser asiatischen Diasporakultur zur Redefinition ihrer Nationalität nutzen. sich exklusiv definierenden nationalen. inneshed. mutually constituting?« (1998: 169 f. Zum anderen wirft die Entkoppelung von Staat und Nation die Frage auf. während die USA ihre innere Globalisierung feiern.) Wenn man diese Gedanken weiterverfolgt. Welche Alternativen zu der Mystifikation des »Nationalstaates« zeigt der kosmopolitische Realismus auf. zeigt die Untersuchung: Sowohl China als auch die USA unterstützten den Kongreß mit erheblichen finanziellen Mitteln. entsteht Raum für zwei Entwicklungen: zum einen die Vorstellungswelt eines transnationalen Nationalismus.wird der Traum der amerikanischen Nation zugleich transnationalisiert und 99 . betrachten ihn die chinesischen Offiziellen als Teil ihrer Strategie der Öffnung für den Weltmarkt. Why. in dem (wenn es gutgeht) historisierte ethnische Identität in der Teilhabe an mehreren. Obwohl es hier wie dort Schwierigkeiten gibt.Das überraschende Ergebnis dieser Studie ist. zum anderen .

Many of the boys in the troop have grown up with Power Rangers. denationalisiert? Es bilden sich Interdependenz. Parents of the American troop want to know what the Hmong secret is. Hinter der Fassade der fortbestehenden Nationalität finden überall Transnationalisierungen statt. die sich anscheinend widersprechen. daß US-Amerikaner mit lateinamerikanischer Abstammung inzwischen einen weit größeren Bevölkerungsanteil in den Staaten ausmachen als die Farbigen). für welche die Entweder-Oder-Logik des Nationalen keine Namen kennt.: 183 f. wenn man von der Amerikanisierung Asiens.»asiatisiert«. Michael Jordan. Mischformen. The last thing I have learned about Hmong scouting is that you must teach Hmong traditions. die Sowohl-als-Auch-Logik des Transnationalen und Kosmopolitischen bislang aber begrifflich zu wenig entwickelt ist.. Ein Redner hebt die exotischen Fähigkeiten dieser Hmong Boys hervor: »I work with a Hmong troop and an American troop. listen to adults. sich zugleich vielfältig ergänzen und miteinander verschmelzen. Michael Jackson. They want to know how to race such children.und Amalgam-Kategorien heraus. We invite their fathers now to teach about music and stories. be serious of school.. welche eine Umdefinition der nationalen Kerne hinter den Fassaden der nationalstaatlichen 100 .. Das Beispiel von Louisa Schein macht deutlich.« (Ebd. how to get them to work hard. Und es ist gerade die Machterweiterung ins Transnationale. They want to learn about Hmong traditions. Man kann das sehr schön an dem Beispiel der Hmong Boy Scouts zeigen.. Es wäre ein großer Fehler. die Unterscheidung national-transnational gemäß der Entweder-Oder-Logik zu denken..) Wer importiert hier was von wem? Muß man (stellt man darüber hinaus in Rechnung. We have changed from teaching refugee kids about America to teaching American kids about Hmong tradition. Hmong scouting builds on what parents teach. angelsächsischen US-Amerikas bereits im Kern destabilisiert. nicht auch von der Asiatisierung und Latinisierung USAmerikas sprechen? Hat vielleicht ein »transnationales Asien« und »transnationales Lateinamerika« die national-territoriale Selbstdefinition eines weißen. daß die beiden Ordnungsparadigmen von Nationalität und Transnationalität. Europas und Lateinamerikas spricht. be so polite .

vollzieht sich gleichzeitig mit der nationalstaatlichen Abschottung der politischen Partizipation und der massenmedialen Öffentlichkeit. Es ist diese Dosierung. für die der kosmopolitische Realismus den Blick schärft. um die »ausländischen Inländer« zu Investitionen in Indien zu animieren. Singapur. sondern ein. einschließlich der nationalen Einbindung transnationaler Netzwerke. 101 . Die transnationale Öffnung der Wirtschaft. Beispielsweise Indien ebenso wie Singapur versuchen »ihre« Transnationalen an das nationalstaatliche Projekt rückzubinden. von Transnationalisierung. Die oft gestellte Frage. die Gleichzeitigkeit von Inklusion und Exklusion. indem sie Staatsbürgerschaft und territoriale Präsenz immer mehr entkoppeln. Denationalisierung und Renationalisierung. Denn das Positivsummenspiel der national-transnationalen Öffnung setzt mit seinen Erfolgen Widersprüche frei: Wenn der Staatsbürgerstatus wenigstens teilweise von der territorialen Zugehörigkeit entkoppelt wird. daß gleichzeitig die Politik der neonationalen Schließung umgesetzt und verkündet wird. Dies alles erfolgt themenspezifisch selektiv und schließt nicht aus. unterstellt eine falsche Alternative. Allerdings geht dies gleichzeitig einher mit Strategien der politischen Schließung und Renationalisierung. Reisefreiheiten geknüpft. pluralen Nationalismen zur Existenzvoraussetzung hat.Kontinuität ermöglicht. Steuervorteile. Die indische Diaspora erstreckt sich von Sydney bis Silicon Valley und ist in die politisch-religiösen Auseinandersetzungen sowohl der jeweiligen Gesellschaften als auch des indischen Nationalstaates eingebunden. Die mit der Transnationalisierung verbundene Machterweiterung ermöglicht De.und Re-Nationalisierungen. So ist beispielsweise in Singapur die Finanzierung lokaler NGOs durch internationale N G O s und andere Organisationen ebenso verboten wie die ausländische Beteiligung an nationalen Massenmedien. inwieweit die deterritorialisierte Ethnizität zu einem entgrenzten Nationalismus führt. Die indische Regierung hat die Rechtskategorie des »nicht in Indien lebenden Inders« . Transnationalisierung bedeutet einen Balanceakt der politischen Loyalitäten. diese Selektivität der Transnationalisierung. welcher die Mehrfachzugehörigkeit.erfunden und daran Eigentumsrechte.sozusagen des »ausländischen Inländers« . Ähnliches gilt für Mexiko. Malaysia usw.

Zugleich wird die nationale Rahmung durch eine transnationale ersetzt. daß ihr Gegensatz auf eine ungleiche Weise konträr ist. Diese sind dadurch gekennzeichnet. zu den zweiten. in dem die verschiedenen Nationalstaatsprojekte sich überlagern. Untermenschen . Die Kategorie des Transnationalen gewinnt ihr Irritationspotential daraus.Barbaren. aber auch analytische Provokation.auf der nationalstaatlichen Ebene ebenso wie auf der Ebene der kulturellen Identitäten.Barbaren.jeweils negiert wird.China) herausbildet. und sie sind es in bestimmten Hinsichten (manchmal aus der eigenen Perspektive. Gegenbegriffe wie Griechen . 102 . transnationale Identitäten und Loyalitäten im widersprüchlichen Verhältnis von selektiven Öffnungen und Schließungen. Salih 2000. Verallgemeinert gesagt: Die Kategorie der Transnationalität ist der Gegenbegriff (oder Querbegriff) zu allen Begriffen der sozialen Ordnung. Vor diesem Hintergrund läßt sich die Kategorie des Transnationalen genauer bestimmen: Sie entzieht sich eben diesen dualen Begriffen. B. Aksoy/Robins 2001. daß sie die Entweder-Oder-Logik jeglicher Art von Ordnungsbegriffen negiert. Wie läßt sich dies theoretisch genauer begreifen? Reinhard Koselleck schlägt vor. Christen . Das schließt eine wesentliche Konsequenz keineswegs aus: Transnationale oder kosmopolitische Erfahrungsräume unterminieren die »Natürlichkeit« der ethnischen Absolutismen . Transnationale sind gerade nicht der Gegenbegriff zum Begriff der Einheimischen.Heiden. Schiller 1997. Soysal 2002). Zu den ersten zählt er allgemeine Gegenüberstellungen wie Freund und Feind. wie die Gegenposition . manchmal aus der Fremdperspektive der Einheimischen) auch wiederum nicht. im Feld des politischen Handelns und der politischen Geschichte zwischen symmetrischen und asymmetrischen Gegensätzen zu unterscheiden. Heiden. Dementsprechend entsteht ein neuer Konfliktraum. und darin liegt seine politische.Untermenschen. durch die sich ein wechselseitiges Verhältnis zwischen rivalisierenden Staaten (z. asymmetrischen. USA . De-Nationalisierungen und Re-Nationalisierungen sich herausbilden und behaupten müssen (Schiller 1989. Man kann und muß hier danach fragen. Riccio 2000. Transnationale sind Einheimische (Nachbarn). Übermenschen .untergräbt der Staat das Prinzip der territorialen Souveränität.

Kritik des Multikulturalismus. möchte ich nicht Mitglied sein.In diesem Sinne hebt die Kategorie des Transnationalen die Unterscheidung von Ausländern und Inländern. weder um Einheimische noch um Ausländer. der so werden will oder werden soll wie ich oder wir. und dieses wirkt beängstigend und verlockend. Freunden und Feinden. Zugleich wird dadurch der nationale Raum für eine Einwanderungspolitik geöffnet. sowohl Ausländer als auch Inländer. die nicht länger auf der Integrationsmaxime: entweder ganz oder gar nicht festgelegt ist. muß sich jedenfalls der aktuellen Gleichsetzung. es waren die Marx-Brothers. Jahrhunderts? Seine Reflexivität! (2. Zweitens: Der Kosmopolitismus ist ein Uraltbegriff und die Phänomene der (erzwungenen) Melange der Grenzen sind ein uraltes Phänomen. der mich aufnimmt. weil erstere der etablierten Ordnung der Eigen. Die Transnationalität ist eine Form der Integration des Fremden in das Eigene. und es handelt sich zugleich um sowohl Einheimische als auch Fremde.es fehlt ihm der kosmopolitische Realismus: 2. daß die Welt auch anders sein könnte.und Fremdstereotypen gehorchen. Was macht den kosmopolitischen Realismus »neu« am Beginn des 21. Insofern verweist die Kategorie des Transnationalen auf das »Dritte«. Durch den Widerspruch zur etablierten Ordnung. aufklären will. Fremden und Einheimischen auf. Wir und den Anderen verborgen bleibt. eine kosmopolitische Einwanderungspolitik müßte der Devise folgen: Einen Ausländer.) 103 .8. daß das multikulturelle Projekt scheitert . Gleichschaltung von Transnationalen mit Ausländern verweigern und dementsprechend den Erwartungen von »Assimilation« und »Integration« sowie den darin enthaltenen Abwertungen. die gesagt haben: In einem Klub. zugespitzt gesagt. Man könnte ironisch formulieren. Wer die Kategorie des »Transnationalen« klären.7. Ich glaube. Aus den in diesem Kapitel entfalteten Überlegungen lassen sich zwei Konsequenzen ziehen: Vor der dargelegten Komplexität und Ambivalenz versagt der Multikulturalismus. Selbst Feinde sind. schieben wir ab. den sie verkörpern. Es handelt sich weder um Fremde noch um Feinde. in gewisser Hinsicht weniger bedrohlich als Transnationale. beweisen sie immer wieder aufs neue. das in der Unterscheidung von Inländern und Ausländern. Es ist kein Wunder.

Er akzeptiert die Unterscheidung national-international. der Tendenz zu essentialistischen Identitätsdefinitionen. Daraus ergibt sich zum einen der Widerspruch. Multikulturalismus unterstellt. Noch stellt er sich den Gewaltpotentialen. Die Strategie des Multikulturalismus setzt kollektive Kategorien der Andersheit 104 . wenn auch stark abgemildert. Maus und Hund aus demselben Napf fressen. die aus der gegensätzlichen Beurteilung globaler Gefahren Terrorismus. eine essentialistische Identität und Rivalität der Kulturen. weshalb die Kontingenzen und Ambivalenzen im gesellschaftlichen Umgang mit Differenz jenseits nationaler Assimilation und Integration nicht ins Blickfeld geraten. und zwar ausnahmslos. globale Armut . Kurz gesagt: Der Multikulturalismus zelebriert und euphorisiert den gesellschaftlichen Umgang mit Vielfalt. aber auch mit transnationalen Konflikten um die Auslegung internationaler Rechtsnormen um? Was besagt ein nationalstaatlich orientierter Multikulturalismus für die Konflikte. Minderheitenrechte zu verteidigen. daß Katze. es fehlt ihm aber an kosmopolitischem Realismus. daß eine nationale Homogenität vorausgesetzt und zugleich theoretisch wie politisch bekämpft wird (Hedetoft 2003: 159 ff.2. jedoch leicht in die Falle des Essentialismus läuft. zivilisatorische Minima einzuhalten und zu gewähren? Wie geht man mit der Transnationalisierung von Erfahrungszusammenhängen. In der Tat.7 Kritik des Multikulturalismus Beim Multikulturalismus handelt es sich um eine Strategie des gesellschaftlichen Umgangs mit der Andersheit. die national und global aus der neuen Grenzenlosigkeitserfahrung resultieren.dem Denken in Entweder-Oder-Kategorien. Klimakatastrophe. bei dem Ziel. auf dem alle. Irgend jemand hat gesagt. Zum anderen bleibt der Multikulturalismus in der Epistemologie des nationalen Blicks befangen .).resultieren? Es gehört zu der besonders pikanten Paradoxie des Multikulturalismus. Multikulturalismus bedeutet die schöngeistige Auffassung. und den damit aufbrechenden Fragen: Wer garantiert wie. daß der Globus ein bewohnbarer Ort bleibt oder wird. daß er den nationalen Homogenitätsessentialismus entschieden verwirft. die die Respektierung kultureller Unterschiede im nationalen Raum theoretisch und politisch ansiedelt. notfalls mit dem Einsatz von Gewaltmitteln dazu verpflichtet werden.

droht der Multikulturalismus zu scheitern. 105 . wie eine nationale Homogenität durch multinationale Homogenitäten ersetzt werden soll. Vor den Gewaltpotentialen. also einen widersprüchlichen nationalen Multinationalismus behauptet. Auch der gutwillige Multikulturalist verbindet und verbündet sich leicht mit den kulturellen Relativisten und trägt so dazu bei. in jedem Fall aber gegeneinander abgegrenzt gedacht werden und die Individuen einbinden. daß Despoten. weil es zum Brückenschlag als Überlebenskunst gezwungen ist. verschließt die Bergpredigt des Multikulturalismus die Augen. die dann »über ihre Grenzen hinweg« in einen »Dialog« miteinander treten. Die soziale Prädetermination des Individuums. ist er ein Gegner der Individualisierung.voraus. kann seinerseits militärische Gewaltkonflikte heraufbeschwören. die sich auf das Recht auf Differenz berufen. Insofern führt eine Linie von der Dualität: Europa hier und seine barbarischen Anderen dort. Weil der Multikulturalismus gleichsam den Nationalismus nach innen vervielfacht. ethnisch-politischen Einheiten gedacht. das verschiedenste Menschengruppen über Grenzen hinweg im negativen Konsens .radikal ungleiche Ressourcen. Die unterschiedlichen Ansprüche verschiedener Identitäten determinieren das Individuum nicht. das massenmedial geweckte Mitleiden. die auch die klassische Soziologie bis heute prägt. Nicht nur an dem Widerspruch. über Imperialismus. Kolonialismus. ungeschoren davonkommen.ohne Zweifel . Es ist ein bloßes Epiphänomen seiner Kultur. Wenn man dem Multikulturalismus glaubt. Gerade die kosmopolitische Empathie. eurozentristischen Universalismus bis hin zum Multikulturalismus und dem »globalen Dialog«: Der einzelne wird in diesen Überlegungen als Mitglied von territorial-hierarchischen. die in der Entfesselung ethnischer Identitäten längst nicht mehr verborgen liegen. wird vom kosmopolitischen Blick aufgebrochen und aufgehoben. Dafür gibt es . sondern setzen es konfliktvoll frei. die als verschiedenartig oder gleichartig. orientiert sich mehr oder weniger an homogenen Gruppen. gibt es das Individuum gar nicht.das darf nicht sein! verbindet.

) Die Wirklichkeit wird kosmopolitisch .zugespitzt gesagt . Er kann die anderen Modernitätsprinzipien nicht einfach ablösen. gibt es .2. sondern die Regel (McNeill 1985. sich gegen 106 . wenn er dauerhaft wirksam werden will. Wie aber wird die Kosmopolitisierung der Wirklichkeit bewußt? Welche Bedingungen behindern oder begünstigen eine derartige kollektive Bewußtwerdung der real existierenden Kosmopolitismen.lautet das historische Faktum. das dürfte eine der Schlüsselfragen sein. er muß sie anerkennen und bewahren. er muß gleichzeitig auch unterschiedliche Modalitäten und Prinzipien des Umgangs mit Andersartigkeit integrieren und ausbalancieren. die der territoriale Nationalismus und Ethnizismus behauptet. Jeder Einheimische hat als Fremder angefangen und andere Einheimische verdrängt. das dieses Buch zu belegen. Kosmopolitismus muß mithin also die Meta-Integration von Modernitätsprinzipien leisten. Ob und unter welchen Bedingungen dies gelingen kann. ist die folgende Einsicht zentral: Die aufgezeigte Melange der Grenzen und Kulturen ist. Ich möchte deshalb behaupten. Gruen 2002). zu erhellen und zu durchdenken versucht. nationalistischer und kosmopolitischer Normen in der Zweiten Moderne geregelt werden muß.« (Grande 2003: 5 f.keine Einheimischen. Reflexiver Kosmopolitismus wäre damit auch nicht zuletzt das »regulative Prinzips mit dessen Hilfe das Zusammenwirken universalistischer. Die getrennten Welten und Räume. nicht die Ausnahme. weltgeschichtlich betrachtet. argumentiert Edgar Grande. und inwieweit verstehen sich dieses Buch und sein Autor als ein Moment in diesem Prozeß? Um diese Frage angemessen diskutieren zu können. daß der Kosmopolitismus reflexiv werden und die Bedingungen seiner eigenen Möglichkeiten mit bedenken muß. Wenn man die Völkerwanderungen und Mobilitätsströme lange genug zurückverfolgt.8 Von der Kosmopolitisierung zum kosmopolitischen Blick: Wie wird die Bewußtwerdung des real existierenden Kosmopolitismus möglich? »Es zeigt sich also«. »daß der Kosmopolitismus nicht nur unterschiedliche inhaltliche Normen und Prinzipien integrieren muß. sind historisch irreal. bevor er oder sie selbst das Recht des Einheimischen. Dies möchte ich als reflexiven Kosmopolitismus bezeichnen.

während die Ausnahme von der Regel . »Nie wieder Auschwitz!«ist nicht nur zu einem moralischen Grundsatz des neuen Europa geworden. essentialistische »Kulturen« und »Religionen« schwer unterscheidbar war.) ist zu verstehen als eine nun wahrlich ungewollte Nebenfolge Hitlers. Wenn bereits in der Antike die wechselseitige Durchdringung von arabischer. Jahrhunderts sich eine Abkehr von der ewigen Wahrheit der nationalen Orthodoxie ereignete? Was begünstigt also die Bewußtwerdung der sich größtenteils unbewußt und unbemerkt vollziehenden Kosmopolitisierung der Wirklichkeit? Die erste Frage richtet sich an die Geschichte und Geschichtsschreibung des Nationalismus. die daraus hervorgingen. des nationalen Blicks in kosmopolitischer Absicht (die also den Zirkel des methodologischen Nationalismus der Nationalgeschichtsschreibung aufbricht). Nato. 107 . einen wesentlichen politischen Impuls. als sein Naturrecht beansprucht hat. christlicher Kultur und Religion die Regel war. in der Ausrichtung auf die Unverzichtbarkeit der Menschenrechte. Auschwitz ist kein isolierbares Ereignis. Weltbank. Die zweite Frage dagegen richtet sich auf die Unterscheidung zwischen Erster und Zweiter Moderne. Europäische Union.zur ewigen Wahrheit er. also das.fremde Eindringlinge zu wehren. politischer und physischer Natur. dann dreht sich die Perspektive um. und es stellen sich die komplementären Fragen: (1) Wie war es möglich. (1) Der Aufschwung eines realistischen. das kann und soll hier nicht weiter verfolgt werden. daß in der zweiten Hälfte des 20. der Verwüstungen moralischer. des deutschen Rassenreinheitswahns. daß die weltgeschichtliche Regel der Durchdringung und Durchmischung der Kulturen zur Ausnahme verfälscht oder gänzlich aus dem Bewußtsein verdrängt wurde. und diese soll hier abschließend kurz aufgegriffen werden.und verklärt wurde? (2) Welche Bedingungen trugen dazu bei.nämlich das Ideal nationaler Homogenität . jüdischer. es bildet auch. O E C D usw. was im Rückblick der Nationalepoche als abgrenzbare. sondern eine der traumatischsten Erfahrungen der westlichen Zivilisation. politisch effektvollen Kosmopolitismus (ablesbar an einer ganzen Serie von Schlüsselinstitutionen wie Vereinte Nationen. Internationaler Gerichtshof.

Edward W. sondern geboten ist. nach dem es nicht nur erlaubt.der an der nationalen und europäischen Innenpolitik und Weltinnenpolitik ablesbar ist (Beck/Levy/Sznaider 2004. ungewollte. lautet: Ist es nicht notwendig. Paul Gilroy. erzwungene Kosmopolitisierung westlicher Gesellschaften und Metropolen in der zweiten Hälfte des 20. beschwören die Erinnerung an den Nazi-Horror herauf. daß die innere. die sich danach für alle Minderheiten stellt. Homi Bhabha u. a. wie sie in positives Tun verwandelt wird: Es bildet sich ein kosmopolitischer Common sense heraus. weil Genozide nun keine inneren Angelegenheiten anderer Staaten. (2) Zum kosmopolitischen Momentum im letzten Drittel des 20. multidimensionale Zeiten. die doppelte Inskription kolonialer und metropolitaner Zeiten. das Ideal ethnischer Einheit innerhalb existierender Staaten zu propagieren und zu praktizieren. das die Kontaktzonen der >kolonialisierten< Cities charakterisierte. Said. Jahrhunderts ein historisches Novum sei. Auch die Idee der Assimilation ethnischer Minderheiten ist danach ein für alle Mal politisch fragwürdig.). die in den Gaskammern systematisch ermordet wurden. die zu beenden oder zu verhindern zu der Verantwortung der gerade deswegen nicht mehr nur nationalen Staaten gehört. die im übrigen nie einfach zum Außen. Waren es doch gerade auch die sich als Deutsche verstehenden Juden. Synkretismus. Jahrhunderts gehört auch das post-colonial moment (Stuart Hall. mit dem heiligen Prinzip nationalstaatlicher Souveränität zu brechen. In der Folge sind drei Schlüsselideen der nationalstaatlichen Axiomatik in Mißkredit geraten: Alle Versuche. Die Frage. Zunächst wird die Vorstellung. als Legende zurückgewiesen. dazu das Kapitel »Kosmopolitisches Europa« im vorliegenden Buch). sondern Verbrechen gegen die Menschheit sind. die Differenz der Differenz zu behaupten und nach innen und nach außen in Form transnationaler Netzwerke und Identitäten auszubauen? Schließlich zeigt sich die politische Reflexivität der Negativerfahrung des Holocaust auch darin. lange bevor diese auch zu charakteristischen Merkmalen der Cities der >Kolonialisieren108 . »Hybridität. Die Erfahrung der Kolonialisierten ist die der erzwungenen Transkulturation. sondern zum Innen der sich zu gleicher Zeit kolonialisierenden und nationalisierenden Staaten und Gesellschaften Europas gehört. das Hin und Her des kulturellen Verkehrs.

»kulturelle Melange«. originären »Ursprungsgeschichten« abgeschnitten. Damit ist jeder Weg zurück zu ethnisch geschlossenen und zentrierten. »Hybridität«. des DazwischenLebens.. ohne die signifikanten und/ oder ausgeschlossenen Anderen in ihr Selbstverständnis einzubeziehen. Das Fragezeichen ist zu einer positiv konnotierten Existenzform geworden . weder »wir« noch »die« in ihrer vorgestellten Autonomie und Gleichgültigkeit.. die Rede von Ambivalenz und Mehrdeutigkeit. daß das nationale zu einem kosmopolitischen Europa geöffnet und erweitert werden kann. der Verlust des Weltvertrauens. daß er oder sie versteht. ja. kann sich entwickeln. wie die kulturellen Praktiken beschaffen sind noch nicht einmal innerhalb eines gegebenen Ortes. die schon immer im kolonialen Diskurs verhandelt wurden . die die >kolonialen Verhältnisse< von ihrem frühesten Stadium an gekennzeichnet haben. sprechen die Sprache der kolonialen Aporias und deren Verdoppelungen. Keine Seite. die von einem positiv bewerteten Grundzustand des Menschen spricht. die Nicht-Anerkennung und das Dazwischen. Diese tauchen aus dem Dunkel der Abwertung auf und verbreiten sich wie eine ansteckende Wahrheit. selbst das klagende Wort der »Heimatlosigkeit« hat viel von seiner apokalyptischen Bedeutung verloren. was die Mehrheit der seßhaften Bevölke109 . trägt wesentlich dazu bei. das Hier-wie-Dort.sicher nicht. die gesellschaftliche Isolation und die existentielle Verbannung. die Form der Übersetzung und der Transkulturation. Wenn das »europäische Selbst« derart mit den »exkludierten Anderen« der kolonialisierten Welt verwoben ist. Dies spiegelt sich in den Verläufen und Effekten der verschiedensten transnationalen politischen Bewegungen wider.den< wurden. dann verändert der postkoloniale Diskurs das europäische Selbstverständnis. Zu Ende gedacht kann damit niemand mehr für sich das Recht beanspruchen. in denen sogenannte »marginalisierte Minoritäten« ihr politisches und kulturelles Eigenleben und Selbstverständnis entdeckt und entwickelt haben.« (Hall 1996: 251) Der Diskurs des Postkolonialismus hat dieses Vergessen kulturell und politisch wirkungsvoll durchbrochen. (3) Es vollzieht sich eine Umwertung der Werte und Worte symbolisiert durch eine wahre Flut von Worten wie »Diaspora«. Die Erfahrung der Fremdheit.

mit einem Wissen. Denn der Begriff »Diaspora« enthält gesellschaftliche Umgangsformen mit Andersheit. beweist nicht nur die analytische Unschärfe dieses Begriffes. sondern IIO . aber im Raum der identitätsstiftenden.rungen betrifft. wenn ein strategischer Universalismus der Menschenrechte den Globus überall (jenseits von Heimat oder Nicht-Heimat) zu einem bewohnbaren Ort macht. die Auflösung des nationalen Idioms zeigt sich nicht zuletzt in der Entzauberung des Wir: Welches Wir meinen wir. die sich der Entgegensetzung des Entweder-Oder verweigern. die Partikularität zu bewahren. Ja. und pflegt ein wohlbehütetes Unbehagen gegenüber den unreflektiert und rücksichtslos überintegrierten Begriffen von Kultur und Gesellschaft. global und weltöffentlich viel von seiner Selbstverständlichkeit eingebüßt. »entfremdet« gilt. das mystische und bedrohliche »Wir«. also nicht die kulturellen Unterschiede innerhalb einer »entorteten« Gruppe unterdrücken oder verheimlichen müssen. aber auch innerhalb des kulturellen Selbstverständnisses von Minoritäten und ihren Aktivitäten überall auf der Welt nicht nur die (vielfach vermutete) analytische Entleerung dieses Begriffes an. kollektiven Symbole. die mehr oder weniger authentisch sein können. was im nationalen Entweder-Oder als »entwurzelt«. um die Unterschiede zwischen einer »essentialisierten« Gemeinschaft und ihren Anderen zu maximieren. Daß die Vielfalt der Bedeutung und Verwendungsarten von Wörtern wie »Diaspora« buchstäblich explodiert. es verweist auch darauf. Der Diaspora-Begriff liebäugelt mit dem. daß dies nur dann gelingt. wenn wir über Wir reden? Diese Umwertung. Der Begriff »Diaspora« zeigt. Auch hat das beliebteste Personalpronomen. Verkehrung der in der nationalen Axiomatik selbstverständlichen Wir-Aussage in eine überall immer offensichtlicher unbeantwortbare Wir-Frage zeigt an. wie fundamental die Wirheit des Wir offen geworden ist. So betrachtet zeigt der inflationäre Gebrauch des Wortes »Diaspora« innerhalb der Kulturwissenschaft. Hier paart sich ein diffuses Interesse. es aber dennoch Antworten gibt. man kann sagen. daß die Frage »wer bin ich« unwiderruflich vom Rückgriff auf Ursprung und Wesen abgeschnitten ist. was dieses Wortbild zu einem alternativen Verständnis von »Gleichheit« und »Solidarität« beiträgt.

wie sehr im Selbstverständnis von Bewegungen. Individuen und Öffentlichkeiten ein quasi-kollektives Bewußtsein des Sowohl-als-Auch im Entstehen begriffen ist. . Gruppen.

aber auch an die rastlosen Metropolen der modernen Zeit . beschleunigt durch die Dynamik von Kapital und Konsum. Dieses Vagantentum des Geistes ist ein besonders fruchtbares Lebenselement für das so- 112 . wo Menschen denken. Kunst. Musik. angeregt durch die Weltöffentlichkeit transnationaler sozialer Bewegungen. Und wenn es noch eines Beweises bedurft hätte. das Kriterium. Damit ist es an der Zeit. sondern den sie geprägt hat. nicht zuletzt Politik. wenn nicht gar Körper und Seele. Die weltöffentliche Wahrnehmung und Debatte über die globale ökologische Bedrohung oder auch technisch-ökonomische Globalrisiken haben über die kosmopolitische Bedeutung der Angst aufgeklärt. Ein Mensch. Ob wir an Athen oder Alexandria. das typisch für jede Stadtkultur ist. wie sehr er auch an der Heimatstadt hängen mag. ermächtigt durch den die Staatsgrenzen unterhöhlenden Weltmarkt. September 2001 und dem Krieg gegen den Irak im Jahre 2003 vor. methodologisch einzulösen. große Erde. zu Hause war. ein wirklicher Städter also. in denen Weltoffenheit. Seine Phantasie. Mode. »Seit uralten Zeiten waren es immer die Städte.Kapitel III Die kosmopolitische Gesellschaft und ihre Gegner Der kosmopolitische Blick öffnet und schärft sich mit der eingelebten Melange der Kulturen und Identitäten. geleitet und ermutigt durch die Evidenz grenzenloser Kommunikation (oft ein anderes Wort für Mißverstehen) in zentralen Themenfeldern wie Wissenschaft. der Sinn für andere Weisen des Denkens und Tuns. Berger für das soziologische Denken (neben der »Kunst des Mißtrauens« und der Faszination für die weniger »feinen« Seiten der Gesellschaft) hervorhebt. Recht. der nicht nur zufällig in der Stadt wohnt. das Peter L. sind überall zu Hause. nämlich das »Motiv des Kosmopolitismus«.immer stoßen wir auf ein gewisses kosmopolitisches Flair. daß auch Terror und Krieg ein kosmopolitisches Gesicht angenommen haben. reist im Geiste um die ganze. so liegt er mit dem n. an das mittelalterliche Paris oder das Florenz der Renaissance denken.

Diese Irreversibilität und das Bewußtsein für sie werden auch hervorgerufen . die den Nationalstaat transzendiert und in das Innerste unserer Gedanken und Gefühle. das heißt einer sich selbst gefährdenden zivilisatorischen Zweitwirklichkeit. die uns in diesem Kapitel beschäftigen wird) die Entstehung einer zunehmend »kosmopolitischen Interdependenz«. Die erfahrbare globale Interdependenz und die Risiken verändern die gesellschaftliche und politische Qualität der Nationalstaatsgesellschaften. in dem das Universelle und das Kontextuelle. Anders gesagt: Zu beobachten ist (»wie«. aber auch . Insofern führen sie überall auf der Welt zu enormen Konflikten. während der enge Kirchturmhorizont immer Gefahr für die Soziologie bedeutet. Was also heißt »Kosmopolitisierung«? Kosmopolitisierung ist ein nichtlinearer. Auf diese Weise werden die Grundlagen des Alltagsbewußtseins und der Identitäten entscheidend verändert. Themen von globaler Bedeutung werden integraler Teil der Alltagserfahrungen und der »moralischen Lebenswelten« der Menschen. das Globale und das Lokale nicht als kulturelle Polaritäten. Darin sind drei Thesen enthalten: Erstens meint Kosmopolitisierung: Die Wirklichkeit selbst die »Sozialstrukturen« . an dessen Verdichtung die Menschen durch Konsum und Arbeit beteiligt sind und der sich durch nichts so anschaulich bestätigt wie durch die globale Kritik an ihm.wie ge- 3 . Zweitens: Diese Kosmopolitisierung der Nationalgesellschaften ist ein langfristiger und letztlich wohl irreversibler Prozeß. Erfahrungen und Erwartungen hineinreicht.) Es gilt. dialektischer Prozeß. den nationalen Kirchturmhorizont der Soziologie durch einen methodologischen Kosmopolitismus aufzubrechen und zu erweitern. Und sie stellen die nationalen Bewußtseinsformen und Institutionen in Frage.ziologische Bewußtsein. das Gleichartige und das Verschiedenartige.« (1977: 6zi.wie deformiert auch immer eine des Selbst und des nationalen Bewußtseins. das ist die Frage. sondern als zusammenhängende und sich gegenseitig durchdringende Prinzipien zu entschlüsseln sind. Für diese Irreversibilitätsthese spricht nicht nur der reale Zusammenhang der Welt.werden kosmopolitisch. Genau das macht die Besonderheit der Kosmopolitisierung aus: Sie ist eine innere und verinnerlichte aus dem Inneren der Nationalgesellschaften oder der lokalen Kulturen heraus.

In diesem Sinne hat zuletzt der 11. Er hat aber auch gezeigt: Gegner der Kosmopolitisierung können blutige »Erfolge« vorweisen. September 2001. daß Frieden und Sicherheit des Westens nicht länger vereinbar sind mit der Existenz von Krisenherden in anderen Teilen der Welt. wie beim Anschlag am 11. Wenn ich von Kosmopolitisierung und Anti-Kosmopolitisierung als zwei konkurrierenden und sich widersprechenden Bewegungen spreche. Das Wissen. Jahrhunderts sind wir konfrontiert mit der fundamentalen Ambivalenz und im Ausgang offenen Dialektik: Es entsteht und verschärft sich der Widerspruch zwischen der Kosmopolitisierung der Wirklichkeit und den nationalstaatlich normierten Kategorien des Wirklichkeitsverständnisses. Die Prognose liegt nahe: Das Jahrhundert der Selbstgefährdung des Globus wird wie nie zuvor das Jahrhundert der »Einen Welt« sein. Die Vorstellungswelt gegeneinander abgegrenzter. Aber wie ist dies möglich. dann verstehe ich beide als Konsequenz der fortschreitenden inneren Kosmopolitisierung der Wirklichkeit.zeigt werden soll . wenn Kosmopolitisierung ein unaufhaltsamer Prozeß ist? Die Antwort gibt die dritte These: Am Beginn des 21. nationalstaatlichen Ordnungsmetaphysik oder. Die wahrgenommene Kosmopolitisierung kann sehr wohl den Verriegelungseffekt des nationalstaatlichen Denkens auslösen. läßt einen kosmopolitischen Erfahrungs. Globale Gefahren stellen das Überleben der Menschheit in Frage und eröffnen dadurch globale Handlungschancen. September 2001 öffentlich sichtbar gemacht (und zwar zum ersten Mal in den letzten 50 Jahren). Es 114 . daß die Tragödien unserer Zeit in Herkunft und Reichweite alle global sind.und Erwartungshorizont entstehen. die Kosmopolitisierung anti-kosmopolitisch zu wenden. Die verschiedenen Gegenbewegungen versuchen.im Dienste der alten. aus dem niemand sich herausstehlen kann. Sie wenden die technologischen Instrumente der Globalisierung und die Begriffe der kulturellen Vielfalt gegen sich selbst .durch die neue Dialektik globaler Gefahren. also die nationalen Zwecke und Kategorien zu restaurieren und kosmopolitisch zu legitimieren. nationaler Sozialstrukturen wird durch die Erfahrung globaler Interdependenzkrisen falsifiziert. Die Einsicht wächst: Wir leben in einem globalen Verantwortungszusammenhang. der Ethnisierung und religiösen Fundamentalisierung der postnationalen Welt.

also den »soziologischen Blick« für die Kosmopolitisierung der Wirklichkeit zu öffnen. Das Grundargument lautet also: Die Kosmopolitisierung der Wirklichkeit ist irreversibel . wie kann er dann überwunden werden? Erforderlich ist es. Die globalisierte Ökonomie läßt sich nur global in geregelte Bahnen lenken . schreitet die Kosmopolitisierung der Wirklichkeit voran. der zweite im Kapitel IV): (1) Methodologischer Kosmopolitismus: Wenn der methodologische Nationalismus alles.allein wer global dafür kämpft. In welchen Formen und Formationen bricht der Widerspruch zwischen nationalstaatlich-universellen Kategorien und realer Kosmopolitisierung bzw.gibt keine notwendige Beziehung zwischen der inneren Kosmopolitisierung von Nationalgesellschaften und der Entstehung eines kosmopolitischen Bewußtseins. die die ursprüngliche soziologische Neugierde. Alle »Globalisierungsgegner« beispielsweise teilen mit ihren »Gegnern« die globalen Kommunikationsmedien (deren Anwendungsmöglichkeiten für die Zwecke transnationaler Protestbewegungen und ihrer Organisierbarkeit sie damit erweitern). die unaufhaltsam. Um die Problemautobahnen akademischer Sozialwissenschaft in neue Gegenden zu leiten.Bewußtsein und Politik sind gerade deshalb fundamental ambivalent. (2) Pluralisierung und Politisierung der Grenzkonstruktionen: Die Unterscheidung zwischen einer Kosmopolitisierung. Dieses Ineinander und Gegeneinander von Kosmopolitisierung und AntiKosmopolitisierung soll in zwei Schritten entfaltet werden (der erste in diesem Kapitel. leitet zu dem zweiten Argument (Kapitel IV) über: Kosmopolitisierung schließt Politisierung der Horizonte ein. Subjekts oder Akteurs . Anti-Kosmopolitisierung hervor.wenngleich einige Kulturtheoretiker offenbar davon überzeugt sind. was wir in den Sozialwissenschaften tun. und wie bestimmt er Bewußtsein und Handeln im nationalen und transnationalen Raum. eine Beobachterperspektive zu kreieren. Politische Kosmopolitisie- "S . das soziologische Denken des Konkreten wiederbelebt. hat überhaupt eine Chance auf Erfolg usw. bleibt nichts anderes übrig als der Entwurf eines Gegenbegriffsrahmens und die Erzeugung neuer empirischer Daten. die heiß umstritten ist. Aber es gilt auch umgekehrt: Weil Bewußtsein und Politik fundamental ambivalent sind. durchdrungen hat und bestimmt. Das ist gewiß leichter gesagt als getan. und einer.

die die falschen Gewißheiten der etablierten Sozialwissenschaften durchlässig macht für die Kosmopolitisierung der Wirklichkeit. die in der Lage sind. das Gebäude der überkommenen nationalstaatlichen Metaphysik zum Einsturz zu bringen. der akademisch selbstreferentiell konstituiert wird. die Probleme der Kosmopolitisierung zu lösen. solange die kosmopolitischen »Anschauungsformen« nicht entfaltet sind. daß »die Wirklichkeit« kosmopolitisch geworden ist. dann ist das selbstverständlich nicht naiv realistisch. Es braucht neue Denker außerhalb der Zünfte. Also: Die institutionelle Architektur der kosmopolitischen Moderne ist und bleibt unterentwickelt. wie neue politische Formen geschaffen werden können.weg von den reinen Theorien um ihrer selbst Willen .rung. mit der die Soziologie (aber auch andere Sozialwissenschaften) sich thematisch. aber auch eine kosmopolitische Revolte in der sozialwissenschaftlichen Zunft. sondern eine historische Angelegenheit. Dafür ist die Unterscheidung wesentlich zwischen einem gelehrten Gegenstand. Mit guten Gründen erlaubt ii 6 . Die sozialwissenschaftliche Neugierde muß eine bohrende Qualität gewinnen. methodologisch und organisatorisch eben für die Möglichkeit einer kosmopolitischen Wirklichkeit öffnen muß. zu Ende gedacht. 1. zielt auch darauf. Diese muß den Ruf »zurück zu den Sachen selbst . anders gesagt: es für die Kosmopolitisierung der Wirklichkeit zu öffnen und komplett umzubauen? Das ist keine akademische.weg von den Büchern!« auf ihre Fahnen schreiben. daß die nationalstaatliche Metaphysik die institutionelle Phantasie total lähmt. Dies verweist auf die prinzipielle Schwierigkeit. sondern als anti-konstruktivistische Provokation gemeint. Die scheinbare Naivität des Wortes »Wirklichkeit«. der Kosmopolitisierung der Wirklichkeit. soll die Radikalität anzeigen. und einer gedachten Sache-. Wenn ich sage. Methodologischer Kosmopolitismus Wie ist es möglich. das in den konstruktivistischen Sozialwissenschaften in den Mund zu nehmen einem Eklat gleichkommt. Die Fragen des politischen Kosmopolitismus können also erst in einem anderen Bezugsrahmen systematisch aufgeworfen werden.

7 . die ihre weltöffentliche Bewußtwerdung hervorrufen.wie es die Idee des »methodologischen Kosmopolitismus« versucht (siehe Kapitel I. Einheimischen und Fremden selbstkritisch mitreflektiert. 3. das sich von heute auf morgen vollzieht. ob. ist dann allerdings weniger eine Frage der angemessenen Widerspiegelung »der Wirklichkeit«. die der methodologische Kosmopolitismus jetzt beantworten muß. wie anfangen? Wie können wir die Fragen nach der Kosmopolitisierung der Wirklichkeit so stellen. Sicher. Dadurch könnte jene »bohrende Qualität« erzeugt werden. ist nichts. bis die großen Fragen über die moderne Gesellschaft überhaupt gestellt wurden. wann und warum sich ein kosmopolitischer Blick durchsetzt. Insofern muß das Verhältnis von sozialer Wirklichkeit. den methodologischen Nationalismus zu überwinden und ihn durch einen methodologischen Kosmopolitismus zu ersetzen.die Soziologie einen privilegierten Standpunkt. um den kosmopolitischen Blick sozial verbindlich als notwendig zu definieren? Wie im Kapitel I. Sozialwissenschaft ist das kollektive Unternehmen einer weltweiten Forschergemeinschaft. Es hat Jahrzehnte gedauert. die notwendig sind. enthalten und entfalten die strukturellen Interdependenzrisiken und -krisen Potentiale. soll damit keineswegs bestritten werden. die der einfachen Datenpräsentation abgeht. das nur über lange Zeiträume hinweg verändert werden kann. dazu ist parallel das Buch von Beck-Gernsheim verfaßt worden und erschienen. lautet: Wo anfangen. gezeigt wurde. schon das ist viel.1999): Wer verfügt über den Zugang und die Art der Ressourcen. das gleichsam im Sinne eines methodologischen Kosmopolitismus von unten gelesen werden kann. alltäglicher Interpretation und wissenschaftlicher Beobachtung klar herausgearbeitet werden . Und die Frage. der einen direkten Zugriff auf »die Wirklichkeit« behauptet. das heißt einer Soziologie der Soziologie. Daß erst die Kombination mit einer selbstkritischen Soziologie der Soziologie dem methodologischen Kosmopolitismus zum Durchbruch verhelfen könnte. sondern vielmehr eine Frage nach den »Definitionsverhältnissen« (Beck 1988. Diese sozialwissenschaftliche Weltsicht ist eine kollektive Weltsicht und infolgedessen etwas. Die Frage. daß ihre methodische Beantwortung möglich wird?1 1 Elisabeth Beck-Gernsheim (2004) kombiniert in ihrem Buch als Antwort auf die gleiche Frage empirische Daten und Datenanalysen mit einer reflexiven Soziologie. II und IV). Dennoch werden wir hier zunächst nur diese empirische Methodik des kosmopolitischen Realismus konzeptionell entwickeln. die ihre eigene Stellung im Verhältnis von Wir und den Anderen.

daß nicht-jüdische Israelis. daß im kosmopolitischen Erfahrungsraum diese analytischen Trennungen wiederum zeitlich und räumlich vermischt werden. trans-nationale. Ja.Die Kosmopolitisierungsanalyse kann und muß in zwei Dimensionen angelegt werden: der Raumdimension und der Zeitdimension (Cox 1997. daß sich Identitäten und Loyalitäten national pluralisieren und plural-loyal zu verschiedenen Nationalstaaten verhalten. Wie läßt sich . Wie Natan Sznaider (2000) zeigt. hierzu Levy/Sznaider 2001. Aber Israeli sein bedeutet ebenso.zunächst in der Raumdimension . ins russische Theater geht und sich russische Rock-Musik anhört. »Black Atlantic«. Autonomie für sich innerhalb Israels fordern. Wer bewohnt den transnationalen Raum? Nicht nur Kapital. Mato (1997). bedeutet Israeli sein beispielsweise. Jonas 1994). Beck/ Levy/Sznaider 2004). Jessop 1999. Kosmopolitisierung bedeutet demgegenüber. So wichtig es ist. die Integration der modernen Gesellschaft ermöglicht und gewährleistet. der Geschichte und der Erinnerung bislang weitgehend ausgeklammert worden sind (vgl. national-globale und globalglobale Beziehungsmuster. daß man russische Zeitungen liest. die die patriotische Identität als die wahre und einzig legitime betrachten. Israeli sein bedeutet schließlich auch. daß man seine jüdischorientalische Identität ernst nimmt und daß man paradoxerweise. russisches Fernsehen sieht. Altmodische Modernisten glauben (positiv oder negativ).die Kosmopolitisierung der Gesellschaft präzisieren? Anknüpfend an D. zusammengehalten durch Sprache. alles Westliche ablehnt.und Wissenseliten. Die erste ist ausgearbeitet. auch der durchschnittliche Migrant. solche Unterscheidungen zu treffen. 118 . daß nur ein allumfassendes. Bremer (2000) und Smith (2001) kann man die Grundthese reformulieren: Mit der Kosmopolitisierung treten an die Stelle von national-nationalen Beziehungen translokale. advokatorische Bewegungen. beeinflußt durch westlichen Multikulturalismus. so richtig ist es auch zu erkennen. Für die Bewohner der nationalstaatlichen Moderne. Militärdienst und Patriotismus. da die Kosmopolitisierung der Zeit. die zweite unterbelichtet. nationales Projekt. lokal-globale. muslimische Europäer usw. man kann den Raum-Primat des Globalisierungsdiskurses kritisieren. die Palästinenser mit israelischem Paß.

Jeder einzelne erbringt dabei eine besondere Leistung. Sie ist vielmehr just jene Individualität. Die Spannungen innerhalb nationaler Öffentlichkeiten werden durch den kosmopolitischen Blick zugleich abgepuffert und durch transnationale Identitäten und Netzwerke relativiert. die in der kosmopolitischen Gesellschaft Identität und Integration bestimmt. Optionen und Perspektivenwechsel. sondern auch zur Einbindung und Eindämmung nationaler Spaltungen und Konflikte in ii 9 . in jenem sich ausweitenden Zwischenraum. Die Folge ist: Im kosmopolitischen Erfahrungsraum wird der geschlossene Raum des Nationalstaates instrumentell-optional kombinierbar.sind solche »ethnischen« Konflikte nicht mehr als eine primitive Stammesfehde. weil und insofern die nationalen Gesellschaften gespalten. ist kein Zeichen des Integrationsversagens. Der kosmopolitische Blick hat seinen Wohnsitz im Erstaunen. Grenzen und Unterscheidungen sich verwischen und vermischen. »desintegriert« werden. Aus der Perspektive transnationaler Erfahrungs. Man wählt und gewichtet verschiedene sich überschneidende Identitäten und lebt sozusagen im Zwischenraum der Kombination und der in sie eingebauten Widersprüche. Kategorien über den Haufen zu werfen. die durch Grenzen ausgeklammert werden. So entsteht Individualität durch Überschneidungen und Konflikte mit anderen Identitäten. Scheiterns. Kosmopolitische Gesellschaft entsteht. in dem die scheinbar ewigen Gewißheiten. Die Mischung. die dabei herauskommt.nicht nur zum Nutzen der Wirtschaft und zur Entfaltung der Wissenschaft. Konflikt ist die treibende Integrationskraft. Die Bewohner der kosmopolitischen Moderne dagegen sind ständig damit beschäftigt. Die verschiedenen Gruppen halten ständig Verbindung über die staatlichen Grenzen hinweg . obwohl er als solcher gerade nicht mehr existiert. zu erproben und zu kombinieren. die durch die Modernisierung in einem alles umfassenden Staat aufgelöst werden wird.und Handlungsräume wird es möglich. Das kosmopolitische Projekt enthält das nationale Projekt und erweitert es zugleich. in denen Spaltungen durch Konflikte überwunden werden können und in denen bestimmte Arten von Gleichgültigkeit und sozialer Distanz einen positiven Beitrag zur Integration der Gesellschaft leisten. Die nationalen Öffentlichkeiten werden zu Räumen.

quer dazu liegenden transnationalen Lebensformen und Loyalitäten. turbulenten. Zukunft verteilt? Inwieweit determinieren zum Beispiel technologiepolitische Entscheidungen der Gegenwart die Lebensbedingungen und Folgen. die Geschichts. trans-nationalen und global-globalen Beziehungsmustern die im Bewußtsein und in der Forschung vorherrschenden national-nationalen Beziehungen aufbrechen oder verstärken.welche Akteure und Institutionen . Verpflichtungen und Rechten gedacht. Die Frage ist also entscheidend.und Erinnerungsdimension der Kosmopolitisierung zu unterscheiden. und wie werden sie politisch verarbeitet? Wie bricht sich die Globalität historisch in der Ungleichzeitigkeit gleichzeitiger kultureller Lagen und Selbstdefinitionen? Wie wird die soziale und politische Verantwortung historisch . Und: inwieweit die Zunahme an translokalen. für wen . katastrophalen Gegenwart (Cwerner 2000: 335).2003. die die zukünftigen Generationen auszubaden haben? Die Gegenwart kolonialisiert die Zukunft und die Vergangenheit. aber auch normativen Fragen. Davon ist die Zeitlichkeit. die aus der Kosmopolitisierung von Gesellschaft und Politik. Der historisch blinde. Geschichte und Erinnerung in der Zeitdimension hervorgehen: Welche »Realität« gewinnt die Globalisierung von Risiken und Krisen auf dem Hintergrund verschiedener historischer Erfahrungszusammenhänge. Raumdimension ohne Zeitdimension verleitet zu einem flachen Realkosmopolitismus. Die nur in der Raumdimension erweiterte Polis wird als die Expansion von Loyalitäten. Darauf beschränkt bleibt der kosmopolitische Blick eingeschlossen in die Metaphysik der ewigen. Der vertiefte Realkosmopolitismus öffnet demgegenüber den Blick für die empirisch-analytischen. Gegenwart.die verschiedenen Beziehungsformen der Kosmopolitisierung zutreffen. Cwerner 2000). unerschöpflichen Konfliktquellen. zu der Verdinglichung einer a-historisch globalen Gegenwart (Adam 1998. Identitäten. lokal-globalen.Vergangenheit. Doch wie läßt sich die Kosmopolitisierung der Gesellschaft in der Zeitdimension begrifflich fassen? 120 . entwirklichen oder erneuern? Diese Beziehungsformen betreffen im wesentlichen das Verhältnis von Raum und Gesellschaft. nur räumlich-kosmopolitische Blick erschöpft sich in der Konzentration auf die Pluralisierung und Durchdringung von Identitäten und Grenzkonstruktionen sowie den daraus entstehenden.

und aus der Imagination der transnational geteilten Vergangenheit. daß das für alle Menschen unter allen Bedingungen gilt. 121 . die sich in der Dialektik von Erinnerung und Vergebung konkretisiert.zu untersuchen (Levy/Sznaider 2001). Insofern gilt es. Für eine Politik der kollektiv geteilten und bedrohten Zukunft existieren bislang nur spärliche Handlungsinstitutionen.zum Beispiel Fortschritt versus Ungewißheit . ein verändertes Verständnis von Vergangenheit . Die Mehrzahl der Handlungsformen. Auch hier muß zwischen Bewußtsein und Handeln unterschieden werden: Das globale Bewußtsein von der kollektiv geteilten Zukunft ist ein Bewußtsein ohne etablierte Handlungsformen. zeichnen sich zwei Antworten ab: durch die Konstruktion gegenwärtig erfahrener Zukunftsbedrohungen infolge zivilisatorischer Selbstgefährdungen (siehe oben Kapitel I. Welche Zukunft wird heute wie erzeugt? Auf die Frage. Wichtiger ist jedoch. insbesondere in den Bereichen Politik und Recht (weniger in den Bereichen Wissenschaft und Wirtschaft) sind nationalstaatsfixiert und damit vergangenheitsorientiert .Die Erfahrung globaler Risiken und Krisen heißt: Auf der ganzen Welt denken Menschen über eine kollektiv geteilte und zugleich bedrohte Gegenwart und Zukunft nach.2 Es gibt kein globales Gedächtnis der globalen Vergangenheit.für Gegentendenzen sprechen allerdings die internationale Rechtsprechung und die Errichtung des Internationalen Gerichtshofes. 5 4 ff. geht es im methodologischen Kosmopolitismus um die gegenwärtigen Implikationen einer global geteilten Zukunft.zum Beispiel post-heroisch versus heroisch . Selbstverständlich gilt die Unterscheidung von Vergangenheit und Zukunft sowohl für die Erste wie für die Zweite Moderne. 1.9 und 3. wie die Integration der kosmopolitischen Gesellschaft zeitlich möglich wird. Zu den Bedingungen der Bewußtwerdung siehe S. daß zwischen dem jetztzeitlichen 2 Selbstverständlich soll und kann damit nicht behauptet werden.und Zukunft . die aus der Krisenerfahrung der Konfrontation der kosmopolitischen Gesellschaft mit sich selbst entsteht und mit der nationalstaatlichen Schematik von Gedächtnis und Geschichte im Widerspruch steht.1). Doch während beim methodologischen Nationalismus die zukünftigen Implikationen einer national geteilten Vergangenheit im Vordergrund stehen.

das der kosmopolitische Blick als Perspektivenwechsel praktiziert und perfektioniert. daß das Individuum aufgefordert sei. Vergleich. den Blick der anderen verinnerlicht. die aus der Gleichzeitigkeit konkurrierender Lebenswege innerhalb der individuellen Erfahrung sowie der Notwendigkeit entstehen. 122 . daß sich die verschiedenen Weltkulturen gegenseitig zu durchdringen begannen. wird diese Weltsicht zur Imagination alternativer Wege innerhalb und zwischen verschiedenen Kulturen und Modernen (siehe Kapitel II). Er sah voraus. Er meinte damit nicht nur.Bewußtsein einer global bedrohten und geteilten Zukunft ohne angemessene Formen institutionellen Handelns und einem vergangenheitsorientierten nationalen Gedächtnis ohne eine global kollektiv geteilte Zukunft ein offener Widerspruch herrscht. zwischen konkurrierenden Traditionsbeständen zu wählen und diese in seinem eigenen Lebenszusammenhang zu kombinieren. 2.und Ausgrenzung der Anderen und Fremden hervorgebracht und institutionalisiert hat. Die drei Konzepte der sozialwissenschaftlichen Globalisierungsforschung Während die Nationalstaatsepoche eine monologische Imagination der Ab. Friedrich Nietzsche sprach in diesem Zusammenhang vom »Zeitalter der Vergleichung«. die Anderen respektiert. Noch wichtiger war ihm. in allen Handlungsbereichen Antworten auf die Probleme gefunden werden. daß dieser Prozeß sich fortsetzen werde. indem er sich für die Welt der Anderen öffnet. Widerspruch und Konkurrenz an allen Orten und zu allen Zeiten Seite an Seite präsent sein würden. beruht die kosmopolitische Epoche auf einer dialogischen Imagination des internalisierten Anderen. Der kosmopolitische Blick bricht demgegenüber mit dieser Versuchung des insulären Nationalbewußtseins. Es müssen im Alltag wie in der Politik. bis schließlich die Ideen sämtlicher Kulturen in Kombination. In diesem Spiel mit Grenzen. Die Dämonie des nationalen Blicks liegt nicht zuletzt darin. zu reflektieren. zu verstehen und zu verbinden. widersprüchliche Gewißheiten zu vergleichen. daß er sich selbst zum Maßstab der Welt überhöht. zu kritisieren.

1999). sie verfehlt den springenden Punkt der neuen Bedeutung von »Interdependenz« in der Weltrisikogesellschaft: Auch die Mächtigen. wenden ein. Sind es doch diese. Dependenztheoretiker.) gefährdet. die die Abhängigkeit der Dritten von der Ersten Welt betonen. als die zunehmende Verwobenheit und Interdependenz nationalstaatlicher Räume begrifflich erschlossen und empirisch durchleuchtet wird.die Gruppe um David Held in Großbritannien und die Gruppe um Michael Zürn in Deutschland .bzw. die Dependenzen schaffen. Damit liegen vorzügliche empirisch-qualitative Studien vor. als es immer noch von der Grundannahme territorialer Staatseinheiten und Nationalgesellschaften ausgeht. Terror usw. Es bleibt jedoch dem methodologischen Nationalismus zugleich insofern verhaftet. die angesichts wachsender Ungleichheiten leicht zu einem semantischen Euphemismus gerate. So berechtigt diese Kritik sein mag. empirische Forschung zu betreiben. Beisheim/Zürn u. daß die Rede von »Interdependenz« eine Wechselseitigkeit der Abhängigkeiten vortäusche. Vielmehr muß auch der sozialwissenschaftliche Begriffsrahmen neu definiert werden. Migration. Wenn man dies in der Absicht tut.1 Interconnectedness Dieses Konzept haben Pioniere der sozialwissenschaftlichen Globalisierungsforschung . dann lassen sich dabei verschiedene Konzepte der empirischen Globalisierungs. die (ähnlich wie Gerhards/Russel 1999 und Gerhards 2003) die Reflexion über Kosmopolitisierung fundieren. 123 . Reichen. Kosmopolitisierungsforschung unterscheiden. an denen zur Zeit gearbeitet wird: 2. Das Konzept der »interconnectedness« bricht mit dem methodologischen Nationalismus insofern.und das Problem des Vergleiches lösen. a. sind nun (im Gegensatz zu früheren Formen der Ausbeutung) durch nicht-kontrollierbare Risiken (Umwelt.Ein methodologischer Kosmopolitismus muß nicht nur das Problem des Ausgangspunktes . die zunehmend verbunden und vernetzt sind. 1999. operationalisiert und mit den dadurch gewonnenen empirischen Daten in seiner Nützlichkeit und Fruchtbarkeit erwiesen (David Held u.der Untersuchungseinheit . a.begrifflich ausgefeilt.

2 Die neue Metapher der »Liquidität« Weder Grenzen noch Beziehungen markieren den Unterschied zwischen dem einen Ort und dem anderen. im Auge zu behalten. dabei ersetzt die begriffliche Entfaltung der Kategorie Mobilität das geheiligte Konzept der »Struktur« und »Gemeinschaft«. Technologien und Menschen fortwährend in Bewegung und zueinander in Beziehung setzen. Gütern und besonderen Zeichen oder kulturellen Symbolen. Ähnlich argumentiert Appadurai (1990). Statt dessen verwischen sich Grenzen. Medien. die begrifflich und empirisch ihre Aufmerksamkeit ganz konsequent auf »Mobilitäten« richtet. ja die Handlungsmöglichkeiten der Akteure selbst definieren. Informationen. Nationale Räume und ihre institutionellen Verfestigungen und Manifestationen bilden nach wie vor ein strukturierendes Machtzentrum. wird ausgeklammert. In diesem Sinne argumentieren auch Lash und Urry (1994). nämlich die Gegenbewegung der Anti-Kosmopolitisierung. den ambivalenten Charakter der Kosmopolitisierung. inwieweit diese Prozesse durch die Handlungsfähigkeit oder Ohnmacht bestimmter Akteursgruppen forciert oder gebremst werden. inwieweit diese Strukturen und Grenzen unterminierenden »Ströme« die Verbindung zu Handelnden. Ideologien. Auch gilt es. die Manuel Castells (1997) zum Schlüsselbegriff erklärt hat) derart unabhängig von nationalen. daß die Strukturen des Sozialen sich auflösen und in »Ströme« verwandeln . transnationalen und politisch-ökonomischen Strukturen sein können. aber es entstehen auch neue. während die Beziehungsmuster sich unaufhörlich selbst verändern. ergibt sich die Frage. das Soziale jenseits des methodologischen Nationalismus als das Transnationale begrifflich zu bestim124 .2. Wieder andere versuchen.und jenen zuwendet. Darüber hinaus thematisiert die Metapher der »Ströme« nicht. ob »Ströme« (oder »Netzwerke«. die Kapital. daß die neuen Einheiten. die Analyse von Machtbeziehungen zu vernachlässigen. Insofern verleitet die Strom-Metapher dazu. Da die Metapher des »Stromes« und des »Fließens« so eingängig ist.von Menschen. Hier liegt der Ausgangspunkt für eine »Soziologie jenseits der Gesellschaft« (Urry 2000). »Sozioscapes« sind. Indem man von »Strömen« redet. die um die Welt »fließen«. daß der sozialwissenschaftliche Blick sich von diesen ab.

G. Texte. 2. Skiair 2001. (b) die Entgegensetzung von national oder »Ströme«. »Netzwerke«. Schiller. Manchmal wird Transnationalismus begrenzt auf Kosmopolitisierung von unten. die das Überbrücken von Grenzen durch Menschen. sozialen Bewegungen und Gruppen. Schiller.3 Kosmopolitisierung und methodologischer Kosmopolitismus Von den bisherigen Ansätzen zur empirischen Globalisierungsforschung unterscheidet sich der Kosmopolitisierungsansatz grundsätzlich dadurch. politischer Eliten meint. auf Aktivitäten von Migranten. Duerrschmidt 2000. Deltson 2000. N. Hiebert 2002. Ong 1997. 2002. Salih 2000. wobei »Globalismus« eine Globalisierung von oben und im Interesse des Managements multinationaler Konzerne und mit ihnen vernetzter. Randeria 1999. Czeh/Espinoz 2002. 1989.) und (c) nach der Kongruenz bzw. Diskurse und Repräsentationen auf Dauer stellen. daß hier nur sehr selektiv auf wenige hingewiesen werden kann: Aksoy/Robins 2003. Caglar 2001. Kyle 2000.6). Katz/Liebes 1993. Hier ist in den vergangenen Jahrzehnten eine solche Fülle hochanregender und methodisch aufschlußreicher Studien entstanden.men und empirisch zu untersuchen (siehe oben Kapitel II. Kline 1995. Soysal 2002. Für Schiller (1997) analysieren transnationale Untersuchungen die verschiedenen Wege. die Netzwerke und Lebensformen über Grenzen hinweg aufbauen und mit Leben füllen. Hannerz 1987.Trojanow 2003. Albrow 1997. Appadurai 1985. 2001. Tomlinson i999. Pieterse 1998. translokal. 2. daß er (a) systematisch zwischen sozialer Akteursperspektive und sozialwissenschaftlicher Beobachterperspektive unterscheidet.1999. Das Transnationale wird oft als Antithese zum Globalismus verstanden. 1997. Caglat 2001. Pries 1987. Eade 1997. H. global-national usw. »Scapes« ersetzt durch eine Typologie des Sowohlals-Auch (transnational. 2002. a. Inkongruenz von Akteursund Beobachterperspektive fragt und auf diese Weise diskrepante Optionsräume für gesellschaftliche und politische Akteure und Institutionen einerseits und sozialwissenschaftliche Zugänge und Perspektiven andererseits aufzeigt und (im Hinblick auf das so125 . Burawoy u. global-lokal.

national-global. Herrschaft. die Beziehungsmuster transnational. transnationale Kommunikationsformen und -häufigkeiten in den USA.2000.) entfaltet werden muß (zur »politics of scale« . Deutsch-Türken. Maßstäbe. die transnationale Lebensformen zwischen Berlin und Istanbul entwickelt haben. globale Kooperation und Konflikte innerhalb der Welthandelsorganisation. Rahmungen. Dann tritt hervor.und Familienformen in verschiedenen Ländern. translokal. der die nationalstaatlichen Rahmungen der Türkei und Deutschlands systematisch zueinander in Beziehung setzt . Zugänge. globalglobal können sozialwissenschaftlich: .zialwissenschaftliche Begriffs.und Theorieverständnis z. Burawoy u. die Auswirkungen des BSE-Risikos in einer landwirtschaftlich geprägten Gemeinde in Schottland) konzeptionell erschlossen und thematisiert werden.Tsing 2000. Rußland. Pässe und Sprachen von Kindern bei der Einschulung in verschiedenen Ländern usw. Konflikte zwischen nationalen und kommunalen Regierungen bei Fragen der Geburtenregelung. B.im 3 Siehe dazu in diesem Buch Kapitel I. China.). Armutsbekämpfung in Neu Delhi.B. sowie den 3.der Aushandlung der Hierarchie und der Legitimität verschiedener »scales« sozialer Interaktion siehe Brenner 1999. global-national.3 (a) Die Unterscheidung von Akteursperspektive (Gesellschaft und Politik) und Beobachterperspektive (Sozialwissenschaft) erweist ihre Brisanz erst dann. 3. Jonas 1994. der amerikanischen Regierung oder der NGOs.i n einem transnationalen (bzw.B.B. translokalen) Fokus (z.in einem lokalen Fokus (z. werden sowohl in Berlin als auch in Istanbul untersucht. Ungleichheit. Das heißt. von Konflikt und Integration. daß Kosmopolitisierung in der Handlungsperspektive wie in der Beobachterperspektive als eine neue Politik der Perspektiven (der Ausgangspunkte. Abschnitt dieses Kapitels. oder . .i n einem nationalen Fokus (z. Nordkorea und Südafrika. 126 . wenn die durch die Kosmopolitisierung eröffneten Optionserweiterungen in beiden Perspektiven betrachtet werden. und zwar in einem methodischen Perspektivwechsel. global-lokal. transnationale Ehe.a. 2000). Vordergründe und Hintergründe usw. transnationale Lebensformen von Türken in London. Staat) durchdenkt..

Der methodologische Kosmopolitismus ist also nicht monoperspektivisch. thematischtheoretischen.sowohl lokal als auch national als auch transnational als auch translokal als auch global analysiert werden kann.theoretisch.und Außenverhältnis nationaler und internationaler Soziologien methodologisch bewältigt werden? Ist damit ein Abstieg. daß die Sozialwissenschaften ihren Erkenntnisanspruch thematisch. eine Subjektivierung der Sozialwissenschaften verbunden.in einem globalen Fokus (wie weit ist die innere und äußere Kosmopolitisierung nationalstaatlicher Erfahrungsräume in einzelnen Ländern fortgeschritten.können daraus gezogen werden?). und welche Konsequenzen hat dies wiederum für die Stellung der Sozialwissenschaft (Finanzierung. ein kultureller Relativismus. empirisch und politisch . genauer: Er kann und muß die grenzenübergreifende. geschweige denn gelöst werden können. die transnationale Risiko. methodologisch und politisch jenseits von Staat und Nation weltöffentlichkeitswirksam neu zur Geltung bringen ? Wann und wie wird das eine oder das andere möglich.und Konfliktdynamik der BSE-Krise sowie die kulturellen Wahrnehmungen und Wertungen werden in einem europäischen Ländervergleich untersucht). Wie ist diese Optionalität und damit Politik der Perspektiven in ihren epistemologischen Folgen durchsichtig und methodologisch handhabbar zu machen? Welche inhaltlichen. zwischennationalen und internationalen Feldern? Wie kann die sich damit auf tuende Komplexität und Kontingenz im Binnen. grenzenmischende Multiperspektivität sozial und politisch Handelnder durch ganz verschiedene »Linsen« betrachten und untersuchen. Daraus ergibt sich eine Fülle methodologischer Probleme.. welche Konsequenzen sind damit verbunden und welche Schlußfolgerungen . wahrscheinlich oder ausgeschlossen? 127 . die die Transnationalisierung bedingen. behindern.Hinblick auf Werte. ermöglichen. administrative Regelungen. vielleicht auch muß. oder ist vielleicht genau das Gegenteil zu erwarten. . öffentliche Präsenz und Legitimation. sondern multiperspektivisch. kulturelle Stereotypen usw. aber auch welche gesellschaftlichen und politischen Folgen sind mit den jeweiligen »Linsen« verbunden. die hier nicht im einzelnen erörtert. Verwendungszusammenhänge) in den nationalen. nämlich. Wobei dasselbe Phänomen zum Beispiel Transnationalität .

1 Arten und Ursachen von Konflikten Im methodologischen Kosmopolitismus ist zu untersuchen.Die Beziehungen von Kapital und Staat: Weltwirtschaftliche Akteure sind keineswegs mächtiger als Staaten. sind diese national-transnationalen Konfliktformen eine schier unerschöpfliche Quelle nationaler und transnationaler Auseinandersetzungen: . Mit anderen Worten: Die Logik sozialer Beziehungen und die auf diesen aufbauenden Bedeutungen sozialwissenschaftlicher Grundbegriffe (Typologien und Theorien) verändern sich. Mehr über die Politik der Perspektiven Eine Politik der Perspektive muß nicht nur auf das Verhältnis von Akteursperspektive und Beobachterperspektive angewandt werden. inwieweit bestimmte Konfliktformen und ihr sozialwissenschaftliches Verständnis innerhalb nationalstaatlicher Kategorien verbleiben und wie sich die Konfliktkonstellation sowie das sozialwissenschaftliche Instrumentarium verändern. Die bisherige monoperspektivische Logik sozialer Konflikte wird dann aufgebrochen. die andere realiter oder scheinbar nicht (siehe Kapitel I.und Beobachterperspektiven ins Zentrum gerückt wird. Da damit zugleich die (in Gesetzen gefaßte) nationale Solidarität aufgekündigt wird. wenn die Inkongruenz zwischen verschiedenen Akteursperspektiven sowie Akteurs. Es entsteht eine neue »Meta-Ungleichheit« zwischen den Konfliktparteien. wenn mindestens eine der Konfliktparteien sich die neuen Sowohl-als-Auch-Formen zu eigen macht. sondern auch auf das Verhältnis zwischen unterschiedlichen Akteursperspektiven.3). Dies soll (1) anhand von Arten und Ursachen von Konflikten und (2) Arten und Ursachen von Integration (skizzenhaft) erläutert werden.3. 3. 3. Dann nämlich wird der nationale Rahmen als von allen geteilte Arena der Konfliktaustragung aufgekündigt. Eine der Konfliktparteien verfügt über die Möglichkeit transnationalen Handelns. aber sie haben sich früher aus den Bornierungen der nationalen Orthodoxie gelöst und verfügen über eine hocheffektive Form der globalen Macht: 128 .

das heißt. Das mobile Kapital kann die Politik der Perspektiven ausschöpfen und ausspielen. in fremde Staaten zu intervenieren.in das Zwielicht illegitimer (Il-)Legalität . Arbeit (Gewerkschaften) bleibt national. sollten Staaten leicht ersetzbar und voll austauschbar sein. und auch hier gilt: Diejenigen Regierungen und Länder. die den transnationalen und globalen Machtraum (auf der Grundlage von Menschenrechten. gerät dabei aber .Ihr Zwangsmittel ist nicht Einmarsch. . sich das Recht herausnehmen. die auf der Grundlage des nationalstaatlich geprägten Völkerrechts die Prämissen der national-internationalen Ordnung verteidigen.während die in ihren sozialstaatlichen Absicherungen territorial und national gebundenen Berufsgruppen sowie die nationalstaatlich organisierten Gewerkschaften zu protektionistischen Verfechtern des Status quo der nationalstaatlichen Solidarität und Gesetze werden. sich in Konkurrenz mit einer möglichst großen Zahl gleichartiger Staaten befinden und das neoliberale Weltmarktregime verinnerlicht haben (Beck 2002: 193 ff.). . Aus der Perspektive der Weltwirtschaft betrachtet. die sie durch die globale Subpolitik der Kapitalströme zu einer »Selbsttransformation« bewegen kann .Staat-Staat-Beziehungen: Auch in den Beziehungen zwischen Staaten trifft die alte Monoperspektivität (national-international) auf die neue Politik der Perspektiven.Die Beziehung von Arbeit und Kapital: Kapital wird transnational und global. Da die Weltwirtschaft nicht politisch handeln kann. IWF) manifestiert sich der Bruch 129 . geraten in das Zwielicht von Illegitimität und Illegalität ihrer Handlungen. indem einzelne Staaten ihren Handlungsraum transnational oder global-national festlegen. sondern die Drohung mit dem Ausmarsch. auch hier treffen die »staatlichen Pioniere«. auf den Widerstand der Staaten.Die Beziehung von Staat zu Nichtregierungsorganisationen und internationalen Organisationen: Auch im Verhältnis zwischen national und territorial gebundenen staatlichen Akteuren und transnational agierenden NGOs und internationalen Organisationen (Welthandelsorganisation.in der nationalstaatlichen Perspektive . ist sie dennoch auf Staaten angewiesen.ohne demokratisches Mandat und im offenen Bruch mit der nationalstaatlichen Solidarität. Kapitalströmen und globaler Risikoprävention) erobern. . die die völkerrechtlich gefaßte Solidarität aufkündigen.

»des« Staates vor. subversiv.4 3.Beziehung Mehrheit-Minderheit: In der nationalen Mehrheitsgesellschaft gibt die Mehrheitsgruppe das kulturelle Verständnis »der« Gesellschaft. Dies gilt allerdings nur für das Selbstverständnis der Mehrheit. Entsprechend herrscht in der Politik wie in der Wissenschaft das Vorurteil. wurzellos. transnationale Identitäten und Institutionen zersetzten nationale Bindungen. illoyal. während es hier umgekehrt ethnische Minderheiten und Migranten sind. ohne demokratische Legitimation und ohne Mandat in nationalstaatlich verfaßte Mehroder-weniger-Demokratien zu intervenieren. die sich national verstehen und organisieren. deren Perspektivität zum Maßstab wird.2 Arten und Ursachen von Integration Auch bei Integrationsproblemen verkennt der nationale Blick des sozialwissenschaftlichen Beobachters die Realitäten. indische Afrikaner) treffen auf das Unverständnis und die Blockadehaltung von Staaten und Gesellschaften. britische Türken. die an der Grenze der Illegalität und Illegitimität die Grauzonen-Handlungsräume des Transnationalen für sich erschließen. Das ist nicht ausgeschlossen.zwischen nationalen Ordnungsprämissen und transnationaler Politik der Perspektiven. und auch hier sehen sich die Abenteurer des Transnationalen und Globalen. Tatsächlich je4 Diese Punkte und Argumente werden in Kapitel IV wieder aufgegriffen. wobei das National-partikulare als das Universelle dargestellt wird. auch hier gilt: Transnationalität wird in der Perspektive der nationalstaatlichen Seßhaftigkeit als desintegrierend. an dem nationale und transnationale Minderheitenlebensformen abgewertet und ausgeschlossen werden. 130 . »fragmentierend«.Beziehung transnationaler Gruppen zu Staaten: Die Transnationalität und Translokalität der Lebenszusammenhänge (US-Chinesen. Amnesty International. kriminell verdächtigt. . sprich: Greenpeace. leicht dem Verdacht ausgesetzt. . In stillschweigender Übereinkunft zwischen den national-nationalen Akteuren und den national-nationalen Beobachtern erscheint der Aufbruch ins Transnationale als »desintegrierend«.

das Zürn (1998) und Sassen (2003) vorschlagen.dazu beitragen. so daß national nicht mehr national. und es entstehen eine neue Pluralität von Raum und Zeit. Nationale Räume werden denationalisiert. neue Koordinaten des Sozialen und des Politischen. .doch können transnationale Identitäten. nämlich den der Zweiten Moderne und ihres kosmopolitischen Blicks. daß das Konzept der »De-Nationalisierung«. . die einen neuen Epochenbegriff rechtfertigt.schließlich können transnationale Netzwerke transnationale Konflikte innerhalb und zwischen nationalen Öffentlichkeiten organisieren und auf diese Weise die transnational-öffentliche Selbstreflexivität herstellen. wie gesagt: eine neue Gestalt der Welt.den »Weltsinn«.durch transnationale Brückenschläge. Damit sollte zumindest folgendes klar sein. Im Zuge der Transnationalisierung wird der Machtbehälter des Nationalstaates zugleich von innen und außen aufgebrochen. als Teil der Kosmopolitisierung verstanden werden kann. . Wenn an die Stelle des methodologischen Nationalismus der methodologische Kosmopolitismus tritt. daß in Zeiten globaler Risiken und Krisen transnationale und globale Kooperation und Integration ermöglicht und verbessert werden. Insofern ist klar. international nicht mehr international ist. »Grenzenlosigkeitssinn« im nationalen Erfahrungsraum schärfen und auf diese Weise aktuelle und potentielle Konfliktquellen entschärfen. Im Horizont des Transnationalen wird plötzlich klar. die eine Voraussetzung der Politik des Transnationalen ist. entsteht eine neue Sicht der Welt.transnationale Konflikte im nationalen und im transnationalen Raum entschärfen. noch daß sich auf diese Weise homogene Einheiten gegeneinander abgrenzen lassen. Loyalitäten und Lebensformen . Durchdringungen und Verbindungen die Introvertiertheit des nationalen Blicks überwinden . daß weder das Nationale von dem Internationalen klar zu unterscheiden ist. .

Im Strafrecht hat der Nationalstaat sein Monopol bislang weitgehend verteidigen können. Dieses Beispiel läßt sich verallgemeinern: Euroamerikanische Produkte werden im Zuge ihrer aktiven Aneignungen in unterschiedlichen kulturellen Kontexten nicht selten bis zur Unkenntlichkeit verwandelt (Lash/Urry 2003). Qualitative Forschung: Das Globale kann lokal erforscht werden . Wie sehr diese Gleichsetzung die komplexen Zusammenhänge verkürzt. weniger banales Beispiel realexistierender Kosmopolitismen bilden die Transnationalisierung des Rechts und der legale Pluralismus. aber er ist in einem unübersichtlichen Sowohl-als-Auch zu einer mächtigen Instanz unter 132 . Kosmopolitisierung geht einher mit Fragmentierung. Amerikaner. Dallas nicht gleich Dallas ist.). Das umfaßt ein breites Spektrum von Akteuren. dem IMF. dann stellt sich sofort die Assoziation der »Amerikanisierung« und »McDonaldisierung« ein. was sich gemäß dem methodologischen Nationalismus auszuschließen scheint. Kontextualisierung und Pluralisierung des Rechts. transnationalen Konzernen. russische Israelis. aber auch in anderen Kernbereichen wirtschaftlichen Handelns greift inzwischen ein staatlich-nichtstaatliches öffentlich-privates Sowohl-als-Auch um sich. Japaner usw. der WTO. haben unter anderen Elihu Katz und Tamar Liebes (1993) aufgedeckt. ob arabische Israelis. Nimmt man Entertainment als einen exemplarischen Bereich realexistierender. reicht. Ein anderes. Die Autoren zeigen am Beispiel der weltweit konsumierten amerikanischen Fernsehserie Dallas. diese Fernsehserie sehen. daß auf der Baustelle Weltpolitik nicht zuletzt Formen des staatlichen und nichtstaatlichen Rechts jenseits der klaren Unterscheidung von national und international nebeneinander entstehen und bestehen. das von NGOs. bis zu internationalen Rechtskomitees. privaten law firms. Auch in Fragen des Rechts ist der Nationalstaat also keineswegs entmachtet oder gar irrelevant.4. daß je nachdem. 65 ff. banaler Kosmopolitismen heraus. In Fragen des Patentrechts. der Weltbank usw.Die Analyse der banalen Kosmopolitisierung Der banale Nationalismus der Ersten Moderne wird von einem banalen Kosmopolitismus der Zweiten Moderne unterlaufen (siehe S. Der kosmopolitische Realismus besagt hier.

Konzerne. im Süden der Welt noch deutlicher als im Norden. Was methodologisch zur Folge hat: Die banale Kosmopolitisierung des Rechts kann weder lokal noch national. in ihrem Innersten denationalisiert wurde. die geradezu als Verkörperung des Allerheiligsten des Nationalen galt. in multi-lokalen und multi-nationalen Perspektiven und Fallstudien analysiert werden (Marcus 1998/ Beck 2002). denen doch zugleich alles dienen soll. also nur in der Selbstaufhebung nationaler militärischer Souveränität und Sicherheit möglich. Die höheren Befehlszentralen sind selbst vom multikulturellen Virus befallen und zersetzt worden. In ihnen mischen sich und kooperieren .wird zur Floskel. Militärische Sicherheit und Macht sind heute auf internationale Kooperation angewiesen.für das Vaterland oder die Sicherheitsinteressen Deutschlands .und Transportflugzeuge. Ich meine das Militär. Informationssysteme usw. Und am Ende stellt sich dann die keineswegs banale Frage: Wofür sterben beispielsweise deutsche Soldaten in Afghanistan? Die StandardAntwort der Nationalepochen . nicht aber den Wirklichkeitsverlust zu überspielen vermag. ja zu kosmopolitischen Miniaturgesellschaften geworden. sie muß in ihren neuen Mischformen. An diesem Beispiel läßt sich zugleich erneut zeigen. Besonders aufregend ist die Transnationalisierung der Waffenproduktion .anderen geworden. Grenzkonstruktionen.übrigens wie in multinationalen Konzernen . Dieser »banale« Kosmopolitismus läßt sich überraschenderweise auch an einem weniger banalen Akteur exemplarisch zeigen. Längst wurde so stillschweigend die einst grundlegende Prämisse der nationalen Autarkie aufgehoben und in ihr Gegenteil verkehrt. Innerhalb Europas. daß die nationale Doktrin kultureller Homogenität die historische Ausnahme 133 . neuer Kampf.Offiziere und Mannschaften aus allen Mitgliedsländern. aber auch im Verhältnis zu den USA hat das Militärmanagement die kuriosen Umstände geschaffen. unter denen die Institution. Große Militärübungen werden zu transnationalen Unternehmen und dienen der Einübung von Transnationalität. Ambivalenzen und deren machtstrategischen Instrumentalisierungen durch Regierungen. insbesondere die Nato.der Panzer. die vorübergehend die Verlegenheit einer nationalstaatlichen Verfassungskonformität. N G O s usw. dessen zur Zeit sich vollziehende »kosmopolitische Erneuerung« mit Mißtrauen beäugt wird.

das heißt ethnisch homogen. die seine Siege erst ermöglichten. Koselleck.ist. 1989. Volk und Staat. nämlich die Identität von Raum. daß Heere national. sondern für einen immer größeren Kreis möglicher Rekruten zu öffnen. Die Vorstellung. zusammengesetzt sein sollen. konnten sich die früheren Imperien und Imperatoren gar nicht leisten. während das Wissen in der Axiomatik des Nationalen befangen bleibt. Aus diesen Beispielen einer banalen Kosmopolitisierung läßt sich eine zentrale Konsequenz ziehen: Daß der Erfahrungsraum und der Erwartungshorizont nationaler Gesellschaften5 gegeneinander abgegrenzt und durch eine einheitliche Sprache. Vergangene Zukunft. die Bürgerrechte nicht ethnisch einzugrenzen. Nur indem man neue Soldaten jenseits der Grenzen des eigenen Stadtstaates zog und band. Dabei ist es absehbar. Die großen Welteroberungen von Cäsar bis zu Napoleon waren selbstverständlich nur auf der Grundlage multiethnischer Heere möglich. Es war nicht zuletzt die Bereitschaft Roms. Für eine kosmopolitische Soziologie bleibt noch das Problem zu lösen: Wie erforscht man das Globale? Ist das total Globale nicht ein wenig zu global? Und muß eine Soziologie des Globalen die Soziologie nicht zwangsläufig zurückentwickeln in eine Zweigstelle der Metaphysik ohne einen systematischen Bezug zur empirischen Falsifikation ihrer Hypothesen? Wie also wird eine empirische Soziologie des Globalen ermöglicht? 5 Zwischen Erfahrungsraum und Erwartungshorizont unterscheidet systematisch R. Dadurch wird das Verhältnis zwischen unserem Wissen von der Welt und den sozialen Strukturen paradox: Soziale Strukturen und Prozesse werden kosmopolitisch. ist in seiner Essenz mehr und mehr transnational oder kosmopolitisch. nicht mehr gegeben . konnte ein Imperium errichtet und gesichert werden. die nur für die im weltgeschichtlichen Maßstab kurze Phase der nationalen Ersten Moderne gilt (McNeill 1985). Was als national gilt und ausgezeichnet wird. daß sich diese Paradoxie von Wissen und Realität im Zuge der wirtschaftlichen und kulturellen Globalisierung eher verstärkt als abschwächt. Identität und Politik gekennzeichnet sind. wird mehr und mehr zu einer Legende.auch wenn sich neue Organisationsformen des (Kosmo)Politischen noch nicht klar abzeichnen. Frankfurt/M. So gesehen sind die gesellschaftlichen Voraussetzungen für den Nationalstaat. 134 .

Man glaube es mir oder nicht. Aus diesem Blickwinkel betrachtet. Kyle 2000. Die Stadt ist einer der Räume des Globalen und steht mit dem Globalen direkt in Verbindung. Im Globalisierungsdiskurs trifft man häufig auf die Annahme. 1999. die jedoch von gängigen Bildern und Mißverständnissen über Globalisierung verdeckt wird. oft unter Umgehung des Nationalen (siehe auch Duerrschmidt 2000. Die erste Paradoxie besagt. von den Paradoxien der Globalisierung. wenn wir ein zweites Mißverständnis über Globalisierung aufgreifen. Deshalb kann die Soziologie das Globale lokal erforschen. Eade 1997. Darüber hinaus kann dieser Typ von globalisierter Stadt nicht in einer einfachen Hierarchie verortet werden. Für die Sozialwissenschaften bedeutet das. Roland Robertson (1992. Eine der wichtigen Voraussetzungen und Folgen des Kosmopolitisierungstheorems ist die Wiederentdeckung und Neudefinition des Lokalen. Bei Globalisierung geht es auch um Verortung. wird klar. daß die Kosmopolitisierung nicht dort draußen passiert. sondern hier drinnen. Globalisierung verändere nur die Beziehung zwischen den Nationalstaaten und Gesellschaften. dem Globalen. wenn er von »Glokalisierung« spricht (daran hat sich eine breite Debatte angeschlossen: Ong 1996. Das Nationale muß als das verinnerlichte Globale wie- 35 . Lokalisierung. Man kann nicht einmal über Globalisierung nachdenken. Miller/Slater 2000. verinnerlichte Globalisierung. Das ist nicht wahr. Miller 1995). dem Regionalen unterordnet. daß es bei Globalisierung um Globalisierung geht. die sie dem Nationalen. Robertson/Khondker 1998) hat genau diese Global-lokal-Dialektik vor Augen. 2003) in ihrer Arbeit zeigt. bleibt das Nationale nicht länger das Nationale. Cox 1997. für mich gibt es eine einfache Antwort auf diese Frage. ergeben sich daraus wichtige Auswirkungen auf die Analyse von Städten: Sie bilden keine umgrenzten territorialen Einheiten. aber nicht die innere Qualität des Gesellschaftlichen und Politischen. demzufolge Globalisierung als additiver und nicht als substitutiver Aspekt der Nationalstaatsgesellschaft und der soziologischen Imagination angesehen wird. Isin 2000. Espinoza 1999). Doch Globalisierung meint Globalisierung von innen. ohne sich auf spezielle Orte und Plätze zu beziehen. Wie Saskia Sassen (2000. sondern sind ein Knotenpunkt in einem Netz grenzüberschreitender Prozesse. Wie das funktioniert.

in der es zur Notwendigkeit geworden ist. that the national and the non-national are mutually exclusive. zu kritisieren und auf diese Weise sich selbst und andere als verschieden und deshalb gleichwertig zu behaupten und anzuerkennen. Was kennzeichnet einen Erfahrungsraum oder Erwartungshorizont als »kosmopolitisch« im Unterschied zu einem nationalen? Mein Vorschlag lautet: Kosmopolitische Sensibilität und Kompetenz entsteht aus dem clash of cultures within one's own life.« (Sassen 2000. Die kosmo136 . in a foreign country or digital spaces. historisch sensiblen Empirismus der ambivalenten Folgen der Globalisierung in grenzüberschreitenden und multilokalen Forschungsnetzwerken entwickeln . which happens within a territory of sovereign State does not necessarily mean. capital. Gemeint ist eine Welt. Kosmopolitischer Blick und kosmopolitische Sensibilität eröffnen einen Raum der dialogischen Imagination .) Die methodologische Schlußfolgerung lautet: Es ist nicht notwendig.derentdeckt werden. das Globale total global zu erforschen. Conversely. undermined a key-duality running through many of the methods and conceptual frameworks prevalent in social sciences. Die kosmopolitische Konstellation als Erfahrungsraum und Erwartungshorizont bezeichnet die internalisierte Andersheit der Anderen. that it is a national process. culture) may increasingly be located outside the national territory. Um mit Saskia Sassen zu sprechen: »Of particular interest here is the implied correspondence of national territory to the national. contradictory certainties im individuellen und sozialen Erfahrungsraum. or of the non-national. the national (such as firms. in national territories. Ko-Existenz rivalisierender Lebensstile. zweckmäßigen. Wir können einen neuen.eine Fortsetzung der Gemeindestudien der Chicagoer Schule in kosmopolitischer Absicht und Erneuerung.« Sassen argumentiert.als Praxis im Alltag wie in den diesbezüglichen Wissenschaften. »that one of the features of the current face of globalisation is the fact that a process. This localisation of the global. We are now seeing their partial unbundling. and of the national outside national territories. die Ko-Gegenwart. zu reflektieren. die Andersheit der Anderen zu verstehen. for instance.145 f. and the associated implication that the national and the non-national are two mutually exclusive conditions.

ist eine gänzlich offene empirische Frage. Die Rede von Kosmopolitisierung hat eine offensichtliche Schwäche: Sie legt nahe. wir würden allesamt zu Kosmopoliten. auch national verortet. wie dieses überhaupt ermöglicht werden könnte. sich selbst aus der Perspektive der kulturell Anderen zu sehen. Spätestens an diesem Punkt ist es notwendig. Aber die innere Kosmopolitisierung nationalstaatlich organisierter und gedachter Gesellschaften erhöht auch die Wahrscheinlichkeit eines nationalen Fehlschlusses. Die Frage. und dies in dem eigenen Erfahrungsraum durch grenzenübergreifende Imagination zu praktizieren. daß der Erfahrungsraum der Menschen sich durch die Öffnung zur Kosmopolitisierung auf subtile Weise ändert.und Sozialwissenschaften erstellt werden (Beck-Gernsheim 2004). die von nationalstaatlich orientierten Wirtschafts. Wie gesagt: Kosmopolitisierung und Anti-Kosmopolitisierung greifen ineinander.und Koexistenzgeographien . auf die ich bislang so gut wie keine angemessene Antwort kenne. geschweige denn erforscht. darf nicht zur Annahme verleiten.fördert nicht notwendigerweise ein Gefühl der kosmopolitischen Verantwortung. das Lokale als »Fußabdruck« des Globa- 137 . zum anderen die Fähigkeit. einem kosmopolitischen Mythos. Das schließt zweierlei ein: zum einen die eigene Lebensform im Horizont anderer Möglichkeiten zu verorten und zu relativieren. es ist sogar wichtig. Ja.veralltäglicht und verwissenschaftlicht zwingt zur Kunst des Übersetzens und Überbrückens. Die grundlegende Tatsache. daß. wurde bislang kaum je wirklich gestellt. Es ist dies der Glaube.eine Entgrenzung der kulturellen Horizonte und eine wachsende Sensibilität gegenüber anderen. verstanden und erklärt werden könne. Dieser »nationale oder territoriale Fehlschluß« trifft nicht zuletzt auf einen Großteil der Statistiken zu. Wieweit und in welchen Konstellationen dies gelingt. was sich im Container dieses oder jenes Nationalstaates abspielt. Auch die positivste denkmögliche Entwicklung . einem kosmopolitischen Fehlschluß frühzeitig entgegenzutreten: Leben zwischen Grenzen oder in der Diaspora wohnt kein Automatismus zu mehr Weltoffenheit inne.politische Kompetenz . nicht vertrauten Lebens. vor einem möglichen kosmopolitischen Fehlschluß zu warnen.

Papadakis 2000). sondern es wird gemacht. inwieweit also die Mischung der Grenzen eine Politik des Lokalen ermöglicht. gestaltet wird. die Ethnomethodologie. wie die Verbindung und Durchdringung von global und lokal hergestellt. sowie deren empirisch-methodologisches Know-how müssen in die Debatte und Erforschung der Kosmopolitisierung eingeführt werden. die Verbindungen. und fordern auf diese Weise die vorhandenen Definitio138 . Durchdringung und Neukonstruktion von Grenzen und Skalen selbst zum Gegenstand sozialwissenschaftlicher Forschung und Rekonstruktion gemacht werden können. Auf diese Weise wird die genaue Analyse ausgeklammert. Pragmatismus. translokaler und transnationaler Verbindungen? Welche sozialen Akteure wirken gegen welche Widerstände mit an der Konstruktion »globaler Imaginationen«. destabilisiert werden? Inwieweit ermöglicht diese Destabilisierung des nationalen Kosmos die Herstellung neuer. daß die sozialräumlichen Hierarchien. und zwar in Glokalisierungs-Praktiken und -Projekten. siehe auch Kyle 2000. erzwingt oder vielleicht sogar ein Ergebnis desselben ist? Ist das Lokale vielleicht nicht nur die »Kreuzung« der globalen Ströme. »die damit befaßt sind. die auf den Nationalstaat zentriert sind. Vorteile daraus zu ziehen. die konkrete transnationale Akteure in konkreten Situationen verfolgen? Wer entwickelt die Perspektiven. lauten beispielsweise: Inwieweit sind lokale Akteure in der Lage. die hier im Rahmen ethnographischer Methodensophistikation entfaltet und untersucht werden können. die das Lokale von innen her verwandeln? Mit anderen Worten: Auch der sozialwissenschaftliche Interaktionismus. daß die allgemein vorausgesetzte Hierarchie der Kongruenz von Akteursperspektiven und Analyseeinheiten in der Beobachtersprache hinfällig wird und zum anderen die Erweiterung. In diesem Sinne »ist« das Lokale oder das Glokale nicht. Riccio 2000. nicht nur der »Exekutionsort« des Globalen? Muß das Gesicht der Lokalität vielleicht genau umgekehrt als Produkt von Strategien entschlüsselt werden. Skalen. Ethnographie usw. die den Charakter des Ortes verändern. Netzwerke und Scales. Die Fragen. Der methodologischstrategische Vorteil dieser globalen Ethnographie des Lokalen liegt zum einen darin. Grenzen sowie den Charakter besonderer Plätze und besonderer sozialer Ordnungen zu redefinieren« (Gille/Riain 2002: 277.len zu verstehen.

nen des Lokalen, Nationalen und Globalen sowie die damit eingebauten Grenzziehungen heraus ?
Etwas genauer läßt sich dann auch untersuchen (Lin 1998; Lopez
2000; Gille 2000; Soto 2000; Goldman 2001): Wer öffnet wie warum und gegen welche Widerstände globalen Akteuren lokal die
Türen? Wie werden globale wirtschaftliche und kulturelle und politische Unternehmungen im Ort verwurzelt oder eben gerade nicht?
Kommt es zu einer Assimilation oder verwandelt das globale das
lokale Kolorit? Wie also läßt sich die »Durchdringung«, die relative
Öffnung und Schließung im einzelnen rekonstruieren und bestimmen? Wie wird mit dem Prototyp des »Migranten« - transnationalen Konzernen, Nichtregierungsorganisationen, Touristen und
Flüchtlingen - umgegangen? Werden die »Transnationalen« nur
oder vornehmlich in den Gehegen der Freizeitkultur (Buntheit von
Restaurants und Stadtteilen) »geduldet«, oder werden sie auch zur
politischen Partizipation, zur Übernahme von Verantwortung in
Schulen, Polizei- und Sozialdiensten ermutigt? Entsteht ein öffentlicher Raum, in dem die scheinbar klaren Gegensätze zwischen
»Wir und den Anderen« sich verwischen und eine Konflikt-Kooperationskultur zur transnationalen Öffnung und Redefinition
des Lokalen entsteht? Werden vielleicht sogar im Lokalen und
im Nationalen gegensätzliche Visionen des Lokalen entworfen und
vertreten, die konfliktvoll aufeinandertreffen? Ist es möglich, daß
eine Stadt sich selbstbewußt weltoffen erfindet, aber dabei auf den
Widerstand der Gesetze und Interventionen trifft, die die Landesund Bundesregierung diktieren ? Existiert vielleicht sogar eine mehr
oder weniger reflektierte Verbindung zwischen der Weltoffenheit
einer Stadt (bzw. einer Nationalgesellschaft) und ihrer weltwirtschaftlichen Einbindung und ihrer Prosperität? Ist vielleicht sogar
die Vision eines global-lokal vernetzten Lebenszusammenhanges
mit offenen Grenzen nach innen und außen eine Eintrittskarte in
die globale Öffentlichkeit und damit auch eine Markt- und Werbestrategie für einzelne Orte, die dadurch kollidieren können mit
der nationalstaatlichen Schließungspolitik?
Kann man in diesem Sinne vielleicht sogar sagen, daß die Erweiterung der lokalen Politik durch transnationale Subpolitik, insbesondere die Kooperation mit Nichtregierungsorganisationen eine
Bereicherung der Stadtpolitik mit sich bringt, weil auf diese Weise

139

beides: globale Verbindungen und weltöffentlichkeitswirksame
Werbung, verwirklicht werden? Woraus entstehen die Widerstände
gegen diese aktive Kosmopolitisierung des Lokalen? Wer schmiedet die protektionistischen Koalitionen, und inwieweit sind diese
bevorteilt durch die existierenden Institutionen (des Rechts, der
Parteienorganisation, der Gewerkschaften usw.)? Inwieweit spaltet
lokale Kosmopolitik die existierenden politischen Organisationsformen? Wird das Ressentiment gegen Fremde, die die Kosmopolitisierung erzeugt, zu einer wesentlichen Quelle der Wählerzustimmung?
Alles dies und vieles andere mehr kann in qualitativen Feldstudien erschlossen und erarbeitet werden. Auf diese Weise wird der
Bann durchbrochen, der die Frage nach der Analyseeinheit - das
»Lokale« - konfundiert mit der Frage nach der Wirklichkeit der
Kosmopolitisierung und wie sie auf der Ebene des Lokalen manifestiert und erforscht werden kann. Das Partikulare ist nicht das
Partikulare, sondern zugleich das Globale, ebenso wie das Globale nicht das Globale, sondern das Partikulare, das Lokale ist.
Insofern kann und muß man in der Tat die Analyseeinheiten klar
unterscheiden von den translokalen, transnationalen Verflechtungen und Durchdringungen, die auf dieser Ebene (aber eben auch
auf der nationalen oder transnationalen Ebene) in ihren Herstellungsprozessen und Ausdrucksformen untersucht werden können.

5. Quantitative Forschung: Indikatoren der
Kosmopolitisierung
Der empirisch-analytische kosmopolitische Blick kann auf zweierlei Weise in empirische Forschung umgesetzt werden: zum einen wie soeben gezeigt - durch qualitative Forschung, die die aktive und
passive Kosmopolitisierung der Wirklichkeit aufdeckt, rekonstruiert und durchleuchtet; zum anderen durch quantitative Analysen,
die die folgenden empirischen Indikatoren der Kosmopolitisierung
verwenden. In beiden Fällen muß der sozialwissenschaftliche Fokus, die Analyseeinheit, bestimmt werden. Schärfer gefaßt und als
Einwand formuliert: Verfängt sich der methodologische Kosmo140

politismus nicht dann, wenn er empirische Forschungen anleiten
will, in einem offenen Widerspruch, nämlich dem, daß er die nationalen (oder lokalen) Analyseeinheiten, die er angeblich aufhebt,
selbst zum Bezugsrahmen wählt?
Nein, lautet die Antwort: zum einen weil die Inkongruenz
von Akteursperspektive und sozialwissenschaftlicher Beobachterperspektive die methodische Leitidee ist. Im lokalen oder nationalen Fokus wird nach transnationalen, translokalen, glokalen,
global-nationalen Beziehungsmustern und Strukturbildungen gefahndet. Das heißt: Der nationale Fokus ist nicht mehr der nationale Fokus (des methodologischen Nationalismus), da die alten
Unterscheidungen von national und nicht-national aufgehoben
werden, aber deren Sowohl-als-Auch (in Erscheinungsformen,
Grenzen, Widersprüchen, Widerständen) erforscht wird. Der methodisch gewählte nationale (oder lokale) Fokus zwingt also zur
konzeptionellen Selbsttranszendierung, empirischen Selbstkorrektur; er ist nicht mehr und nicht weniger als ein Ausgangspunkt,
um mit einer postnationalen Begrifflichkeit das Ausmaß und die
Formen der Trans-, De- und Re-Nationalisierung empirisch zu ermitteln.
Zum anderen ist der nationale Fokus nur einer unter vielen, der
es vor allem erlaubt, in einem ersten Schritt die innere Kosmopolitisierung nationalstaatlicher Handlungs- und Erfahrungsräume über nationale Grenzen hinweg begrifflich-methodisch zu
analysieren. Weitere methodologische Schritte können und müssen
folgen. Wie gesagt: Transnationale Interdependenzen und Ströme
müssen auch »transnational«, im systematischen Wechsel der Perspektiven zwischen nationalstaatlichen Rahmungen erfaßt und
erforscht werden; auch können Transnationalisierungen in globalglobaler Perspektive erfragt und erforscht werden usw. Die nationale Optik ist also gerade nicht die des methodologischen Nationalismus, weil sie erstens mit einer kosmopolitischen Begrifflichkeit
arbeitet, zweitens die Durchdringung, Vermischung und Neudefinition der Grenzen untersucht und drittens einen Einstieg darstellt,
der durch Methoden einer transnationalen Komparatistik ergänzt
und vervollständigt werden muß.
Nach diesen Einschränkungen sollen nun exemplarisch (ohne
Anspruch auf Vollständigkeit und systematische Entfaltung) einige
141

quantitative Indikatoren der Kosmopolitisierung angeführt werden:
- Indikator: Kulturelle Güter, das heißt Im- und Export von
kulturellen Gütern: Transnationalisierung des Buchwesens, Entwicklung der Im- und Exporte von Zeitschriften, der Anzahl und
Anteile in- bzw. ausländischer Filme im Kino; Entwicklung des
Anteils in- bzw. ausländischer Produktionen im Fernsehen, entsprechender Radiosendungen usw.
- Indikator: Doppelte Staatsbürgerschaft; Rechtsgrundlagen
und behördliche Praxis im Umgang mit Migranten, Asylbewerbern; wie werden »Fremde« statistisch definiert, in der Öffentlichkeit und im Alltag (der Verwaltung) behandelt?
- Indikator: Politische Intensitäten; inwieweit sind verschiedene
ethnische Gruppen in den Zentren der nationalen Macht - Parteien,
Parlamenten, Regierungen, Gewerkschaften - vertreten und präsent?
- Indikator: Sprache; wer spricht wie viele Sprachen? (So ging
beispielsweise vor kurzem die Nachricht durch die Medien, daß in
einer bayerischen Kleinstadt - Landshut - inzwischen von 30 Kindern in einer Hauptschulklasse mehr als 15 Sprachen gesprochen
werden.)
- Indikator: Mobilität; permanente Zuwanderung, Entwicklung
der Einwanderung, der Arbeitsemigration; temporäre Zuwanderung, Entwicklung der Flüchtlingszahlen, der Zahl ausländischer
Studierender;
- Indikator: Kommunikationsströme; das heißt Entwicklung
der internationalen und nationalen Briefsendungen, der internationalen und nationalen Telefongespräche, des entsprechenden Datenverkehrs über das Internet usw.
- Indikator: Reisen; das heißt Entwicklung des internationalen
Personenflugverkehrs, des internationalen Tourismus, der Zahl
und Anteile der Auslandsreisen;
- Indikator: Aktivität in transnationalen Initiativen und Organisationen; das heißt: vorübergehende oder dauerhafte Teilhabe an
Aktionen von Greenpeace, Amnesty International usw., Partizipation an internationalen Unterschriftenaktionen, Käuferboykotts
usw.;
- Indikator: Kriminalität; Entwicklung der internationalen (or142

ganisierten) Kriminalität, der politisch motivierten Anschläge
bzw. Gewalttaten von Ausländern bzw. von ausländischen Gruppierungen;
- Indikator: Transnationale Lebensformen; Diasporagemeinden
und ihre grenzenüberschreitenden privaten und öffentlichen Netzwerke und Entscheidungsstrukturen, Zahl und Art transnationaler Ehen, Geburten transnationaler Kinder usw.;
- Indikator: Transnationale Berichterstattung; beispielsweise
über Kriege im Fernsehen; inwieweit findet hier ein Wechsel der
Perspektiven statt?
- Indikator: Nationale Identitäten; wie verhalten sich Zahl und
Art nationaler Identitäten zur Staatsbürgeridentität? Hebt Kosmopolitisierung die nationale Identität auf? Oder gibt es so etwas wie
eine »kosmopolitische Nation«, und was heißt das?
- Indikator: Ökologische Krise; Entwicklung der stratosphärischen Ozonschicht, des Weltklimas, der weltweiten Fischressourcen, der grenzenüberschreitenden Luft- und Wasserverschmutzung, die Entwicklung der Einstellungen zu lokalen, nationalen
und globalen Weltkrisen, Umweltgesetze, Umweltgerichtsbarkeit,
Umweltmärkte, Umweltarbeitsplätze usw.
Die quantitative Entwicklung dieser Indikatoren ist sicherlich
schon aufgrund der Datenlage und der immensen Probleme ihrer
Vergleichbarkeit schwer zu beurteilen. Und doch zeigen die ersten
systematischen Analysen (Held u.a. 1999; Beisheim/Zürn 1999;
Gerhards/Rössel 2003), daß Kosmopolitisierung auch empirisch
als ein vielfach gebrochener Prozeß verstanden und dargestellt werden kann, der je nach Land und Dimension erheblich variiert.
Allerdings nimmt spätestens seit den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts Kosmopolitisierung in ihrer Breite und Intensität tatsächlich eine neue Qualität an, und diese übertrifft bei weitem das,
was zu Beginn dieses Jahrhunderts zu beobachten war. Parallel zur
Kosmopolitisierung auf der Mikro-Ebene in den Lebenswelten,
Lebensformen und Alltagsinstitutionen der Gesellschaft (wie
Schule, Gemeinde) findet auch eine Kosmopolitisierung auf der
Makro-Ebene statt, und zwar nicht nur durch Abhängigkeiten auf
dem Weltmarkt, sondern auch im inter- und supranationalen Institutionengeflecht.

143

Also: »Objektive« und »reflexive« Kosmopolitisierung überlappen sich. was sie nicht ist.das. in dem die Zusammenhänge zwischen kosmopolitischen Veränderungen und Bewegungen einerseits und dadurch ausgelösten Widerständen und Blockaden andererseits analysiert werden. was eine kosmopolitische Gesellschaft ist. in der Bildung. Das wiederum heißt: Der kosmopolitische Blick muß den nationalen umgreifen und kritisieren. aber zugleich (aktiv) verdeckt wird vom dominierenden nationalen Blick . Daraus folgt: Von Kosmopolitisierung kann sinnvoll erst dann die Rede sein.1 Reflexive Kosmopolitisierung Damit ist immer noch nicht geklärt. durch eine entsprechende Migrationspolitik). in der Regierung. Der empirisch-analytische kosmopolitische Blick legt Entwicklungen offen. ein Relationsbegriff. sondern das Wechselverhältnis von De. Ähnlich argumentiert Armin Nassehi. kommentiert und am Ende dann institutionalisiert wird (z. in der Polizei. mit anderen Worten. wenn diese öffentlich reflektiert.5. der das Bewußtwerden und Bewußtsein des kosmopolitischen Projekts . den politischen Parteien.in den Kommunen. sind empirisch nicht scharf zu trennen. B. Kosmopolitisierung bedeutet also keineswegs »eine« kosmopolitische Gesellschaft. Leichter ist es wohl zu sagen. von einer kosmopolitischen Gesellschaft zu sprechen. in der Öffentlichkeit. Es war wohl Roland Robertson. die als »Kosmopolitisierung« gelten können.zum Indikator der Kosmopolitisierung gemacht hat (Robertson 1992). erweitern. sondern auch im Unten und in der Mitte einer entstehenden Weltbürgergesellschaft (Nassehi 1998).und Re-Nationalisierung. wobei »Globalität« das alltägliche Bewußtsein derselben einschließt. De144 . Keiner der beiden Aspekte kann ohne den anderen angemessen verstanden werden. verändern. er ist. Entsprechend unterscheidet auch Albrow (1998) zwischen Globalisierung und »Globalität«. Es ist sicher nicht sinnvoll. in der Wissenschaft usw. wenn er Kosmopolitisierung an das Thomas-Theorem bindet und damit an die Selbstdefinition und öffentliche Reflexivität transnationaler Lebensformen und Lebenslagen nicht nur im Oben. wenn Kosmopolitisierung ausschließlich auf objektiver Ebene fortschreitet. was ich den kosmopolitischen Blick nenne .

eine Vorstellungswelt.wird ersetzt durch das der »Salatschüssel«. aber auf diese Weise in ein dorniges Gestrüpp von Widersprüchen gerät (Beck-Gernsheim 2000. löst diese aus ihrer Verklammerung mit der nationalstaatlichen Gleichsetzung von Raum. Entsprechend muß der Versuchung widerstanden werden. mit empirischen Kategorien zu beschreibender Prozeß. verschiedene politische Reaktionsformen auf die Kosmopolitisierung zu unterscheiden. also der methodische Versuch.und Re-Lokalisierung in Gesellschaft und Politik. eine Prozeßreduktion durch statische Konzepte zu vermeiden. andere sich hinter ihrer regionalen Identität verschanzen. entfaltet (und erfunden!). und der »Klassenanalyse«. wie sie hier vorgeschlagen wird. Auch gilt es. Denn die Kosmopolitisierung ist nicht länger nur ein objektiver.das Integrationsmodell der Ersten Moderne . und es werden vielfältige. In diesem öffentlich ausgetragenen Konflikt zerbricht das nationale Gedächtnismonopol. 2004). die Elemente eines entterritorialisierten Gesellschaftsverständnisses vorwegnimmt.2 Klassenanalyse und Kosmopolitisierungsanalyse Es gibt eine gewisse Parallele zwischen der »Kosmopolitisierungsanalyse«. De. Zeit und Sozietät. grenzenübergreifende Erinnerungsschichten freigelegt. 5. Um dieses zu erfassen und zu erforschen. Das Symbol des »Schmelztiegels« . lose verknüpfte. sondern ein politischer Machtkampf. wie sie Marx (immer nur unvollständig) entworfen hat: Eben6 Zur Funktion des Gedächtnisses im kosmopolitischen Zeitalter s. Da ist zunächst die Minderheiten-Revolution in der Mehrheitsdominanz. bietet sich eine prozeßorientierte Soziologie an.und Re-Ethnisierung. Kosmopolitisierung als ein Phasenmodell zu entwickeln. ist es zum Scheitern verurteilt. 145 .6 Eine solche Kritik des kollektiven Gedächtnisses schärft den Blick der verschiedenen Minderheiten für ihre Unterdrückungsgeschichte. Levy/Sznaider (2001). Wird dies einlinear entworfen. in dem Gruppen in revolteähnlicher Form aus ihrer nationalstaatlichen Identitätshörigkeit ausbrechen.

Kosmopolitisierung »an sich« wäre dasselbe wie innere Kosmopolitisierung.irreversibel ist. Migration) das Potential eines kosmopolitischen Bewußtseins zu erkennen . in den strukturellen Interdependenzen (Risiko. Die Annahme lautet hier: Eine kosmopolitische Demokratie ist möglich. Und ebenso wie Marx die Unterscheidung zwischen Klasse »an sich« und Klasse »für sich« getroffen hat. daß die Differenz zwischen der Klasse an sich .und zu nutzen. internationalen Organisationen und so weiter sich darbieten. könnte man hier eine Unterscheidung zwischen Kosmopolitisierung »an sich« und Kosmopolitisierung »für sich« treffen. Kosmopolitisierung »für sich« dagegen könnte zu einem Begriffsschlüssel gemacht werden. die es erlauben. aber auch zivilgesellschaftlichen Bewegungen. Dem entspräche eine Architektur transnationaler Macht und Herrschaft. Technologie. Noch einschneidender dürfte aber dieser Gegensatz sein: Nicht die Ökonomie bestimmt das Bewußtsein. sondern der nationale Blick verriegelt die Options.erzeugt durch die wachsende Interdependenz der Arbeitsteilung und der Märkte . versucht die Kosmopolitisierungsanalyse den Kernkonflikt der Zweiten Moderne aufzudecken.macht das Herz der marxistischen Analyse aus.und Klassenanalyse ließe sich auch noch durch einen weiteren Punkt ergänzen: Auch Marx ging davon aus. die auf die Transnationalisierung des Kapitals und der zivilisatorischen Risiken antwortet.und Handlungsräume. 146 . Kosmopolitisierung von innen (banale Kosmopolitisierung). Es gibt keinen wie auch immer verklausulierten Optimismus eines anschwellenden Bewußt.so wie die Klassenanalyse den Kernkonflikt der Ersten Moderne. Die Parallele zwischen Kosmopolitisierungs. die staatlichen Akteuren in Kooperation mit anderen Staaten. daß die »kosmopolitische Interdependenz« politisch bewußt und gestaltet wird . um die verriegelten Tore zu den neuen kosmopolitischen Konfliktlandschaften und ihnen möglicherweise in Zukunft entsprechenden konfliktregulierenden Institutionen aufzuschließen. Es gilt. Da endet allerdings auch schon die Parallele: Zum einen hat die Kosmopolitisierungsanalyse jeglichen Geschichtsoptimismus abgestreift und ihm abgeschworen. und die Klasse für sich die politischen Institutionen.und Politischwerdens der Kosmopolitisierung.

.Die kosmopolitische Gesellschaft meint die Steigerungsform der offenen. gilt es nun weiter zu klären. Was dies methodologisch. nämlich die weltoffene Gesellschaft. aber auch politisch heißt.

.

Ausblicke .ZWEITER TEIL Konkretisierungen.

.

Souverän ist. in der das. über das der souveräne politische Staat verfügt. Politische Macht wird primär durch Nationen ausgeübt. wenn der Einheit einer Gesellschaft als Ganzes ein Monopol der Entscheidungsgewalt zukommt. weil er blind ist und blind 5 1 . Nassehi/Schroer 2003).selbst zum Objekt der Veränderung durch Politik geworden. teils umzubauen. Jahrhunderts sind die Grenzen. die alles Denken und Handeln beherrscht. Carl Schmitt und Mao? Schlicht formuliert: Was meint die Kategorie des Politischen? Die Antwort. wer über den Ausnahmezustand bestimmt. Grundunterscheidungen und Grundlagen. und warum hat sie eine so enorme philosophische Aufmerksamkeit erfahren von Plato und Aristoteles zu Machiavelli und Hannah Arendt. sagt Carl Schmitt. Wir haben es kategorial und historisch mit einer Politik der Politik zu tun . auch verschiedenartig machtvolle globale Akteure (also nicht nur global engagierte Hegemonialstaaten) wie das globale Kapital und NGOs durch ihre Interventionen darauf. auf denen die Ineinssetzung von Nation und Politik beruht . In diesem Verständnis verschmelzen Politik und Nation.mit einer MetaPolitik -.Kapitel IV Die Politik der Politik: Z u r Dialektik v o n Kosmopolitisierung und Anti-Kosmopolitisierung Worin liegt die Besonderheit der politischen Dimension des Zusammenlebens von Menschen. und jede Nation muß als politische Einheit verstanden und organisiert werden. was eine unauflösbare Einheit zu bilden schien: Politik und Nation.anders gesagt: die Regelsysteme der Macht nationaler und internationaler Politik . ist die Antwort des methodologischen Nationalismus: Von »Politik« kann dann und nur dann sinnvoll die Rede sein. versteht die Welt nicht mehr. Im historischen Kontext einer sich (aufgrund ihrer Erfolge!) selbst gefährdenden Zivilisation zielen verschiedenartige. Das heißt: Der in die Kategorie der Politik eingebaute nationale Blick wird historisch falsch. das System nationaler Souveränität teils aufzubrechen. Zu Beginn des 21. Politik und Staat politisch entkoppelt und umgestaltet wird (Beck 2002.

2 Habermas 1998. die das Nationalstaats-Paradigma aushöhlt. weil er Weltgesellschaft postuliert. Dilemmata und fundamentalen Ambivalenzen. Es handelt sich zugleich um eine Theorie des weltweit falschen Bewußtseins: Wir spielen zwar noch Demokratie. hochinterdependenten Weltgesellschaft ohne Regression«. die gerade deswegen zum Absterben verurteilt ist. Umgekehrt ist die Erarbeitung eines kosmopolitischen Beobachterstandpunktes die notwendige Bedingung dafür. 152 . das andere Mal (bei Habermas) als erweiterte nationale Politik. Diese Frage wird beispielsweise weder von Niklas Luhmann noch von Jürgen Habermas beantwortet. Von Luhmann nicht. aber als epochaler Phantomschmerz und unter Vorspiegelung falscher Tatsachen. ob kosmopolitische oder anti-kosmopolitische Bewegungen die Zukunft bestimmen. und zwar als nachpolitische Weltgesellschaft. um zu verstehen. welche durch die Theorie funktionaler Differenzierung im Weltmaßstab (nicht) ausgefüllt wird. entsteht eine Leerstelle. Wo Politik im nationalstaatlichen Paradigma ihren Ort hatte. eine historische Nummer größer (europäische Demokra1 Luhmann 1975: 51-63. ohne das politisch-kulturelle Selbstverständnis der Weltbürger im Verhältnis zu den Nationalbürgern zu bestimmen. der nicht wirklich sterben kann. entspricht eine nationalstaatliche Politik. die mit der Politik der Politik hervorbrechen.1 Politik wird bei Luhmann im Jahrtausendgegensatz begriffen und verabschiedet: Der Weltgesellschaft. Jürgen Habermas dagegen untersucht.Politik wird zum lebenden Toten. und zwar ganz unabhängig davon. Genauer: Niklas Luhmann formuliert die Zombie-Theorie nationalstaatlicher Politik in der Weltgesellschaft . Er sucht »nach Möglichkeiten einer politischen Schließung einer global vernetzten.2 Letztlich meint er damit ein »europäisches Volk« als Subjekt einer postnationalen Demokratie.macht für die Fragen. Konflikte. wie Politik und Demokratie in der postnationalen Konstellation möglich werden. Realitäten. Politik wird hier wie dort nach dem Modell des Nationalstaates gedacht: das eine Mal (bei Luhmann) als Zombie-Politik oder als Restpolitik. warum die Welt zu einem babylonischen Narrenhaus geworden ist.

der über Machtressourcen und -Strategien. Die Machtchancen der globalen Akteure. zweitens den Abschied vom staatsmonopolistischen Politikbegriff. europäischer Nationalstaat. nicht-staatliche. die darüber hinwegtäuscht. globale Akteure in die Themen und Machtstrategien der Politik der Politik einzubeziehen. die Manager?.einzelne Unternehmen?. konkurrierend mit denen des »Staates« und der »globalen Zivilgesellschaft«. die hier gegeben wird. kooperative Akteure angesprochen? Gehören die sogenannten Handlungsstrategien von Kapital. sie werden durch die Meta-Politik als globale Akteure konstituiert. wie hier geschehen. ihre Ressourcen. kollektive Akteure. die sich quer zu der Unterscheidung von national und international sowie innernationalen Gegensätzen entfaltet (da ich dem ersten Punkt ein Buch gewidmet habe. die Notwendigkeit also. die Infragestellung nationalstaatlicher Politik. Es ist. die Aktionäre? Sind damit individuelle Akteure. lautet: Die globalen Akteure der Politik der Politik sind nicht. verfügt? Oder stellt das eine Vereinfachung von Akteursfiktionen dar. noch einmal anders gesagt. die einerseits neuen globalen Akteuren Machtchancen eröffnet. daß es so etwas wie »das Kapital« nicht gibt und nicht geben kann: Wer ist damit gemeint .tie. sollen im folgenden nur die letzten beiden Punkte erläutert werden). Globale Akteure der Meta-Politik Kann man in der Tat. die »Klasse«?. drittens die Dialektik von Kosmopolitisierung und Anti-Kosmopolitisierung. der die Spielregeln der Weltpolitik verändert (siehe dazu Beck 2002 a). Die Politik der Politik ist durch drei Grundmerkmale charakterisierbar: erstens durch einen »Meta-Machtkampf«. europäischer Sozialstaat usw. andererseits die Politik der Politik vorantreibt. ihr Sta- iS3 . Staat und globaler Zivilgesellschaft nicht jeweils völlig andersartigen soziologischen Aggregaten und Aggregatszuständen an? Die Antwort. Sie müssen sich in der Politik der Politik als deren Akteure herauskristallisieren. davon sprechen.): Habermas verfängt sich dabei letztlich in den Widersprüchen einer Theorie der post-nationalen Nation Europa. daß das »mobile Kapital« ein globaler Akteur ist. ihr Handlungsraum.

sich vollzieht. vorbei an Bewußt- 54 . Die Herstellung der politischen Gegenmacht ist außerordentlich voraussetzungsvoll. und gerade das steigert die Macht weltwirtschaftlicher Akteure. deren Ergebnisse . Kosmopolitisierung dagegen auf der Ebene der Praxis angesiedelt ist bzw.und Gegenspieler sind von >feindlichen Übernahmen< und Globalisierungsrisiken selbst bedroht oder betroffen. daß Kosmopolitismus auf der Ebene der Philosophie. daß sie sich nicht als Gesamtkapitalist organisieren muß. Organisierung zustande. Das gilt für die Globalisierung der Zivilgesellschaft wie für die Transnationalisierung der Staaten. seine immanenten Mit. gewinnen (oder verlieren) im Gegeneinander ihre Identität und ihre Handlungsmacht.im Sinne einer Politik als Nebenfolge . Mobilisierung. die Akteure kommen überhaupt erst durch ihre »Spielzüge«. >Das< Kapital braucht also gar nicht als Handlungseinheit zu existieren. Finanzströmen. Es ist äußerst heterogen. Dieser Platz am weltpolitischen Metaspieltisch kann mit >niemand< besetzt sein. Staat. aufgrund ihrer Selbstinterpretation. supranationalen Organisationen (WTO. Aber aufgrund der Politik als Nebenfolge überspielen sie gleichwohl Staaten. um seine Macht zur Geltung zu bringen. >Das Kapital< ist ein Summenausdruck für unkoordinierte Handlungen von Einzelunternehmen.« (Beck 2002 a: 39) Kosmopolitisierung und Anti-Kosmopolitisierung Wir haben oben (siehe Kapitel I) die Unterscheidung zwischen Kosmopolitismus und Kosmopolitisierung mit dem Argument eingeführt. Aus der Logik der Meta-Politik folgt eine spezifische »Machtasymmetrie der Strategiefähigkeit von Kapital. Kosmopolitisierung meint einen »erzwungenen« Kosmopolitismus. Es macht genau umgekehrt die besondere Stärke der Kapitalseite aus.tus sind nicht nur prinzipiell aufeinander bezogen. muß nicht am Spieltisch Platz nehmen. globaler Zivilgesellschaft. der oft unfreiwillig.). um dennoch ihre Macht gegenüber Staaten auszuspielen.mehr oder weniger ungesehen oder ungewollt Staaten unter Druck setzen und somit die Auflösung des alten DameSpiels >Nationalstaat< vorantreiben. IWF usw. Artikulation.

erscheint sie unwirklich. die Produktion auslagert) zu verteidigen. der gerne indisch-exotisch speist. Genau daran entzünden sich politische Konflikte. die Latenz der Kosmopolitisierung gilt bis zu einem gewissen Grade auch für den Gegenbegriff der Anti-Kosmopolitisierung. Es ist also die Konfliktdialektik von Kosmopolitisierung und Anti. aber diese doch vorantreibt. Was ist noch national? 55 . sieht sich selbst kaum als Anti-Kosmopolit. parlamentarischen Wahlen und öffentlichen Kontroversen. aber die Nebenfolge seines Tuns bestärkt Prozesse der Anti-Kosmopolitisierung. Musikhören oder den globalen Risiken. um seine nationalen Arbeitsrechte gegen das »national-illoyale« Management (das. Wer beispielsweise als Gewerkschaftler auf die Straße geht. der im nationalstaatlichen Paradigma ganz selbstverständlich globale Ungleichheiten ausklammert.Kosmopolitisierung. nicht als Agent des Anti-Kosmopolitismus. gleichsam als Nebenfolge von Migrationsströmen. sich nicht als Akteur der Kosmopolitisierung sieht. seine Überlegenheit? Die Antwort auf diese Frage lautet: Kosmopolitisierung vollzieht sich (a) latent und provoziert (b) analytisch und politisch die nationalstaatliche Ordnung. vollzieht sich insbesondere im Zwielicht von illoyaler und illegitimer Legalität. und zwar dann. Da sich die Kosmopolitisierung im Sichtschatten alter Kategorien vollzieht. die nationalstaatlichen Erfahrungsräume von innen verändert. sieht sich der Soziologe. die das Alltagsleben tyrannisieren. Ebenso wie derjenige. wenn die Kosmopolitisierung Basisselbstverständlichkeiten. im Sinne einer bewußt gewählten politischen Option und Ideologie. Auch hier ist die Unterscheidung zwischen Anti-Kosmopolitismus. aber seine Forschungsergebnisse verheimlichen doch beides: daß die Wirklichkeit kosmopolitisch und daß die nationalstaatliche Axiomatik unwirklich wird. um Lohnkosten zu sparen. an der sich die Bewußtwerdung der Kosmopolitisierung entzünden kann. Konsumentenentscheidungen.sein. Basisinstitutionen der in Fleisch und Blut übergegangenen nationalstaatlichen Gesellschaft und Politik (potentiell) zum Einsturz bringt. Essen. Was aber verleiht dem Widerstand gegen die Kosmopolitisierung seine Macht. Sicher. und Anti-Kosmopolitisierung als Nebenfolge des Weiterso nationaler Praktiken aufschlußreich.

wie jedes Lerndiktat . Zum einen breitet sich die Existenzform der Mobilität auch bei den Immobilen aus. Doch dieser ist nicht der einzige und sicher nicht der wichtigste Typus. In die Schule der Kosmopolitisierung will die nationale Welt auf Teufel komm raus nicht gehen. Was ist es nicht mehr? Die Wirklichkeit! Kosmopolitisierung ist ein Zwangserziehungsprogramm zu Weltoffenheit.mit störrischem Nun-erst-rechtNationalismus beantwortet werden kann und oft wird. der »Mobilität« jenseits der fixierten Nationalstaatsexistenz verkörpert. autorisierter. kann und muß ihn nicht wahrnehmen. mandatsloser Kosmopolitismus von unten.und daraus entsteht beides: ihr im wahrsten Sinne ungeheuerliches Politisierungspotential. Der Durchschnittliche Migrant: Translegaler. die »ihr Recht« . Zum anderen begründet es die Übermacht derjenigen. autorisierter. das bis in die Kapillaren des Alltags in den letzten Winkeln der Weltgesellschaft eindringt.gegen die »Illoyalen« und »Gesetzesbrecher« verteidigen. weil er ein so übermächtiger Lehrmeister ist. fragiler. vollziehen sich. Der Ort als Urbild der verwurzelten Existenz 156 . Man will den Lehrmeister Kosmopolitisierung nicht.Das Denken. nichtanerkannter Kosmopolitismus von unten.) advokatorischen Bewegungen der globalen Zivilgesellschaft: Hochlegitimer.) Klasse und Macht: Illoyale (Trans)Legalität. nichtanerkannter Kosmopolitismus von unten Wenn von »Kosmopolitismus« die Rede ist.die nationalstaatliche Ordnung . weil sie mit der nationalstaatlichen Ordnung brechen. die Menschen aufrührt und anstachelt zu existentiellöffentlichen Entscheidungen und Protestmärschen. 3. der die Lebensform des »Stromes«. im Zwielicht illegitimer Legalität oder illegaler Legitimität .) dem Durchschnittlichen Migranten: Translegaler. 2. des »Netzwerkes«. die sich an der Kosmopolitisierung entzünden egal auf welcher Ebene sie stattfinden und ob ihre Akteure mächtig oder ohnmächtig sind -. 1. gegen den der kollektive Aufstand allgemein gerechtfertigt erscheint. Dies soll nun (skizzenhaft) gezeigt werden an 1. das allerdings . Alle Konflikte. wird meistens damit der Vielflieger-Globalismus der Manager assoziiert.

dann ist der Durchschnittliche Migrant die Verkörperung der sich vermischenden Grenzen zwischen Nationen. Dies läßt die Abwesenden potentiell immer und überall anwesend sein. ein Artist der Grenze werden (des Unterlaufens der Grenze. um zu überleben. Ort. die zwischen Legalität und Illegalität vielfältige Überschneidungen. Espinoza 1999. keine credit cards usw. Islin 2000). Es gibt also so etwas wie eine innere Kosmopolitisierung der Immobilen. Neben den globalen Managern gibt es die transnationale Klasse der Kleinhändler (Malcomson 1998). Zwischenformen und widersprüchliche Verbindungen aufweist (Gzesh/Espinoza 2002. daß sich in der Zweiten Moderne die Grenzen verwischen und vermischen. um ihrem Geschäft nachgehen zu können. Staaten. die isoliert von ihren Nachbarn an einem Ort leben. aber sie haben die Wechselkurse. Der Durchschnittliche Migrant muß.Menschen.« Je selbstverständlicher das Fernsehen. aber auch die Mobiltelefone und das Internet zur Innenausstattung des eigenen Lebens gehören. daß . ist weitgehend unerforscht. grenzenübergreifend legalillegal handeln. Hamilton/Stoltz 2001. globalisiert. Zwischenmenschliche Kontakte sind nicht mehr allein an geographische Nähe gebunden. des Nutzens der Grenze. Wenn es richtig ist. gleichzeitig in dichte. der oder die nur seine oder ihre Arbeitskraft zu verkaufen hat. Raum. Diese Paradoxie kommt in dem Satz zum Ausdruck: »Unsere Wurzeln sind unsere Antennen. aber Koffer und Fahrräder. in gewisser Weise sogar kosmopolitisiert. Denn die häusliche informationstechnologische Innenausstattung hebt partiell die Grenzen von Zeit. Nähe und Ferne auf. die Preise und Gewinnspannen alle im Kopf. Sie dürften im allgemeinen nicht die Financial Times lesen. kontinenteübergreifende soziale Netze eingebunden sind. weil es in die Prozesse der inneren Globalisierung einbezogen wird. des Setzens der 157 ..wie neuere Studien bereits zeigen . So wird es möglich. Was das heißt. transnationalisiert. und zwar in der Grauzone. Sie tragen keine Schlipse und haben keine Business-Lounge-Tickets. gesetzlichen Ordnungen und deren Widersprüchen. und sie müssen mehrsprachig. desto mehr wird das Schneckenhaus der Privatheit zum Schein.wird in seinem inneren Kern sozusagen mobil. Daneben oder darunter (das ist schwer zu sagen) ist der Mobilitätstypus des Durchschnittlichen Migranten angesiedelt. mit deren Hilfe sie ihre Waren transportieren.

Grenze. Doch in welchem Sinne ist hier von »Kosmopolitismus« die Rede? Welche Grundprämissen der nationalstaatlichen Existenz werden in dem Weder-Noch und Sowohl-als-Auch der Migranten158 . Das könnte zu der paradoxen Entdeckung führen. in dem ein Minimum an Perspektivwechsel. Rio de Janeiro. und er oder sie kann abstürzen vom Hochseil des Grenznutzens. Pförtner. Berlin usw. Ebenso kommt es gar nicht in den Sinn. ethnischen Minderheiten und Frauen in den eigentlich hochsegmentierten Arbeitsmärkten des Zentrums stillschweigend dulden oder sogar fördern. auf dem er oder sie balanciert. die potentiell kriminellen Migranten als Avantgarde einer transnationalen Mobilität zu sehen. die in aller Munde ist.). zu niedrigen Löhnen und in ungeschützten Verträgen (soweit es diese überhaupt gibt) zu arbeiten. daß diese Bevölkerung eine kosmopolitische Existenzform erprobt. steht also eine sehr restriktive Transnationalisierung billiger Arbeit gegenüber. Leben im Widerspruch heißt auch: die bestenfalls geduldeten. Denn die extrafunktionalen Qualifikationen. da sie die Assimilation verweigert. welche die Abwanderung aus der Peripherie fördern und den Einsatz von Migranten. die meist gar nicht erkannt und anerkannt wird als das. des Überbrückens der Grenze usw. kombinieren soziale Kompetenzen mit der Bereitschaft. Wie Saskia Sassen (2000) zeigt. Der Transnationalisierung des Kapitals. um Transportarbeiter. selbst wenn sie im nationalen Blick als illegitim oder illegal erscheinen. oft kriminalisierten Migranten sind hochfunktional. die sich erfolgreich in mehr Sprachen verständigen können als die Absolventen deutscher oder französischer Gymnasien oder amerikanischer Colleges. Putzfrauen und Putzmänner zu finden. sie erscheint vielmehr widerspenstig. die Migranten anbieten. dialogischer Imagination und erfinderischem Umgang mit Widersprüchen zur Voraussetzung des Überlebens wird. die für bestimmte Segmente geringqualifizierter Teilarbeitsmärkte hochfunktional sind. was sie ist: das Modell eines experimentellen Kosmopolitismus der Ohnmacht. nicht lange suchen. Im nationalen Blick ist es ausgeschlossen. gibt es widersprüchliche Strategien. London. daß ausgerechnet das Leben in transnationaler Anomie eine Quelle des sozialen Kapitals und transnationaler Öffentlichkeit werden könnte. Man muß in den globalen Metropolen wie New York.

politische Rechte. widersprüchlicher. Den Möglichkeitsraum hierfür bietet . Die Komponenten. daß diese Existenzform die lebende Widerlegung der nationalstaatlich propagierten und institutionalisierten Notwendigkeit ist. Die Teilhabe an einer post-souveränen Gesellschaftsordnung setzt eine gewisse Bereitschaft.insbesondere die Global City. die dabei hervortreten -Aufenthaltsrechte. zwischen »Bürgern« und »Ausländern« unterscheiden zu müssen. deren Sozialkompetenzen nicht nur unverzichtbar sind. ihren Unternehmungen. 59 . die Grenzen der moralischen Solidarität zu erweitern. Orientierung und Fähigkeit. die Personen als solchen zukommen. um Außenseitern im Inneren und Äußeren Partizipationschancen zu eröffnen. die nur den offiziellen Mitgliedern eines Staates zukommen. Die Unterscheidung von Bürgerrechten. Sie opponieren mit ihrer Existenz.und Miteinander der sich scheinbar ausschließenden Welten und Gewißheiten bilden. werden herauspräpariert und neu kombiniert. »autorisiert. was im nationalen Entweder-oder-Denken analytisch ausgeschlossen ist: Ihr Status ist zugleich funktional. und Menschenrechten. Arbeitsrechte. konfliktvoller und reicher machen. Allgemein gewendet: Die Besonderheiten einer national-kosmopolitischen Gesellschaft beruhen darauf. aber nicht anerkannt« (Saskia Sassen). legitim und illegal. die vielmehr auch das kulturelle und das öffentliche Leben bunter. wird in ihren Handlungen und Ansprüchen aufgehoben und neu verbunden. weil hier transnationale und lokale Netzwerke und Öffentlichkeiten ein zugleich widerspruchsvolles und nicht kontrollierbares Gegen. Migranten sind das. Migranten verkörpern die verschiedenen Schattierungen des Sowohl-als-Auch: Sie sind inländische Ausländer oder ausländische Mitbürger. nicht zuletzt auch Selbstorganisation voraus: denn nur so können »Einheimische« und »Fremde« in kosmopolitisch erweiterten Grenzen nationaler Räume zusammenwirken als gleiche Mitglieder einer transnationalen Zivilgesellschaft. Beteiligungsrechte -. immer und überall klar zwischen »Wir« und den »Anderen«. ihren Partizipationsbemühungen im öffentlichen Raum gegen das nationalstaatliche Verständnis der Bürgerrechte und definieren diese zugleich um.existenz aufgebrochen und neu verbunden? Der Kosmopolitismus des Durchschnittlichen Migranten liegt in der Provokation begründet.wie Saskia Sassen zeigt .

Staaten und globales Kapital . nicht nur kategorial vorgedacht. die zugleich hochlegitim und fragil im transnationalen Machtraum agieren. fragiler. Auch advokatorische Bewegungen bilden dementsprechend (il)legale. der Armut. Staaten. das globale Risiko). die in der Nationalepoche das »Gemeinwohl« verkörperten. als diese öffentlich ausgetragenen Debatten gerade die Problematik der Nation. insofern nämlich. So wird einmal mehr deutlich. Advokatorische Bewegungen der globalen Zivilgesellschaft: Hochlegitimer. ist mit dem unvergleichbar. sondern die permanente diskursive Auseinandersetzung mit dieser. der Frauenrechte. Aber das wäre eine unzulässige Verkürzung. auf das ihre Konkurrenten . 2. über das sie verfügen. der Gerechtigkeit usw. Mit anderen Worten: Es ist nicht nur die Veränderung selbst (die Immigration. mandatsloser Kosmopolitismus von unten Auch für die Akteure der globalen Zivilgesellschaft gilt. die gleichsam ungesehen und ungewollt die Kosmopolitisierung vorantreibt. Das außerordentliche Legitimationskapital. der Menschenrechte. die verkennt. ihrer Grenzen. der Unterscheidung von Inländern und Ausländern.Nun kann man einwenden: Gerade an den Immigrationsfragen entzünden sich die nationalistischen Gegenbewegungen. wie das Kosmopolitische sich aus den Konflikten um die Immigration herausschält. was für alle anderen Modelle des Mehr-oder-weniger-Kosmopolitismus in statu nascendi zutrifft: Die Asymmetrie zwischen nationaler Illegitimität und transnationaler Legitimation angesichts transnationaler Handlungsoptionen.im nationalen und im globalen Rahmen. sondern auch praktisch auf die Tagesordnung der Politik gesetzt haben . Sie sind es. die die globalen Fragen der drohenden Klimakatastrophe. von Bürgerrechten und Menschenrechten vor aller Augen ausbreiten. wie auch dem antikosmopolitischen Konflikt ein Moment der »kosmopolitischen Integration« innewohnt.sich berufen können. (il)legitime Zwitterwesen. wurden so zu »Egoisten« des globalen Kosmopoli160 . sind die advokatorischen Bewegungen der globalen Zivilgesellschaft doch die Entrepreneures des globalen Gemeinwohls.

z. handeln a-demokratisch (was ihre eigene Organisation betrifft oft antidemokratisch). kann verhängnisvoll sein für alle und damit auch für diese Nation und diesen Konzern. Was gut ist für eine Nation. Die advokatorischen Bewegungen schärfen also mit den Erfolgen ihrer Aktionen einen Gegensatz ein. bereit und fähig. Auf diese Weise verschmilzt. für ein Wirtschaftsunternehmen. dann sind advokatorische globale Bewegungen notorische Völkerrechtsbrecher. Wenn man das Recht der Staaten und Regierungen. das Recht des Einzelnen gegenüber seinem Staat. nicht anerkennen: das Prinzip der nationalstaatlichen Souveränität. Um welche Art von »Kosmopolitismus« handelt es sich dabei? Dieses Kosmopolitismusmodell ist wertorientiert. der im nationalstaatlichen Horizont gänzlich undenkbar ist. wird im kosmopolitischen Erwartungshorizont. Gleichzeitig erkennen sie in ihrem Handeln oft das nicht an. ganze Ländergruppen in den Strudel globaler Finanzrisiken reißen kann. um auf diese Weise einen sich selbst erfüllenden kosmopolitischen Erwartungshorizont zu kreieren. als Gewinnegoismus erkennbar und rechtfertigungspflichtig. Auch der »Gewinnegoismus« des mobilen Kapitals. B. selbsternannte Öffentlichkeitshersteller und Interventionisten in fremde Rechtsräume und Lebenszusammenhänge. wie die Asien-Krise zeigt. ohne Mandat. das im Völkerrecht verbindlich niedergelegt ist. stärken oder die Menschenrechte gegenüber den Bürgerrechten. Also: hochlegitim. Kosmopolitismus andererseits. Doch was legitimiert diese Legitimationsmonopolisten? Sie verfügen über kein Mandat. was früher getrennten Welten zugehörte: globale Legitimation und globale Absatzchancen. wertschaf161 .tismus. an und in dem die advokatorischen Bewegungen arbeiten. sind von niemandem gewählt. mit ihren Bürgern tun und lassen zu können. die sich die Menschenrechte auf ihre Fahnen geschrieben haben. als ein Grundrecht souveräner Staaten ansieht. was auch hegemoniale Staaten. das anti-nationalstaatliche Prinzip der Nicht-Souveränität gegen den Widerstand der Staaten auf der Grundlage eines Völkerrechtsbruchs durchzusetzen. das entgrenzt und nebenfolgenblind die Umwelt zerstört und. nämlich den zwischen nationalem Universalismus oder ökonomischem Universalismus einerseits. was sie wollen. Sie mischen sich ein über Grenzen hinweg und wollen kosmopolitische Werte.

in der die Verletzung der Menschenrechte. weil das verabsolutierte Sowohl-als-Auch letztlich die Entscheidungsfähigkeit blockiert. besser: Die Grenzen zwischen Kosmopolitismus. informationsgeschärft. die Zerstörung der Natur aufgedeckt und zu einem weltöffentlichen Skandal gemacht werden. über die das globalisierte Kapital zur Veränderung der Machtregeln in der Politik der Politik verfügt. Ob es die Schmerzensbiographien der Gefolterten sind oder die erinnerte Geschichte von Genoziden und Vertreibungen. Aber dieser Weltöffentlichkeitskosmopolitismus erzeugt.und im Gegensatz zu den Staaten . der hier erprobt wird. auf die mehr oder weniger freiwillige Kooperation von Staaten und Wirtschaftsunternehmen angewiesen. nationalistisch. Doch daraus ergeben sich auch Fragilität und Grenzen der advokatorischen Legitimationsmacht: diese zerfällt bei Mißinformation und bleibt. religiös. Dieses advokatorische Kosmopolitismusmodell mag . noch auf der ökonomischen Macht. zum anderen auf die Aufdeckung und Abwendung zivilisatorischer Gefahren. eröffnet die globale Kontroverse.fend. was die tätige Abwendung von Übeln betrifft. der hier tätig umgesetzt wird. Der Kosmopolitismus.und Minoritätenkosmopolitismus) im globalen Raum angesiedelt. immer wird über alle Grenzen hinweg das Weltgewissen wachgerüttelt 162 .sind die nicht-staatlichen Subpolitik-Akteure in den transnationalen Machtraum aufgebrochen. biographisch-verwurzelter Kosmopolitismus des Mitleidens und des Gedächtnisses. gewerkschaftlich usw. feministisch. ethnisch.wie das der Migranten . menschenrechtlich. kann sich zum einen auf die Macht der wahrhaftigen Information berufen. sondern nur eine babylonische Verwirrung der gleichsam vielen Konfliktsprachen: ökologisch. die Staaten verkörpern. ist (anders als der Migranten. Er gewinnt seine Konturen in Konkurrenz zu den parteiischen Universalismusstrategien der Staaten und des Kapitals. Mit anderen Worten: Es existiert keine kosmopolitische Sprache des Konflikts. die das physische und moralische Leben aller bedrohen. Multikulturalismus und Pluralismusverwischen sich. Auch gibt es keine klare Sprache des Konflikts. die Gewalt gegen Andere. Es ist zugleich ein historisch kontextueller.aus der Ohnmacht entstehen und ein Schneckentempo-Kosmopolitismus sein. Der advokatorische Kosmopolitismus. Aber wie das Kapital . beruht also weder auf der Macht.

gemessen am nationalen Konsens .die Kommunikation. Die »Dritte-Welle-Technologie« .geraten unter den Einfluß 163 . Die eigentliche Herausforderung liegt in der internen Konkurrenz zwischen den verschiedenen Weltfraktionen der nichtwestlichen kulturellen Relativisten und den westlichen Universalisten (siehe dazu oben Kapitel II. politischer Macht und Territorialität unterstellt. an denen die kosmopolitisch so wichtige Differenz zwischen illegitimer Gewalt (Genozid) und legitimer Gewalt (die Beendigung von Genoziden) eingeübt werden kann. Großkonzerne wie Siemens und BMW erwirtschaften inzwischen zwei Drittel oder drei Viertel ihres Umsatzes im Ausland .ökonomisch betrachtet . . schlecht für die Arbeitsplätze im Inland.oft illoyal und illegitim.speziell solcher lokaler oder nationaler Unternehmen .und Wirtschaftsweise. Die Kernfrage dieses NGO-Kosmopolitismus resultiert jedoch nicht nur aus der Konkurrenz.und das Gedächtnis an vergangene. Es ist aber .1 und 1. damit zugleich die kulturellen Formen einer »national-loyalen« Produktions. ist zunächst .2).höhlt die historische Territorialität der Produktion aus. sozialen Klassen.und Konfliktdynamik mit seinen externen Gegenmitspielern »Staat« und »Kapital«. soweit durch die Gesetze nicht verboten. sondern auch bestimmte Maßstäbe von Solidarität und Legitimität. die durch »rationales« und »funktionales«. Hier wird deutlich. legal. schlecht für die Steuern im Inland. Klasse und Macht: Illoyale (Trans)Legalität Was die Betriebe und Unternehmen im Rahmen des neuen transnationalen Produktionsparadigmas tun. gut für die Profite. daß der methodologische Nationalismus nicht nur eine spezifische Wechselbeziehung zwischen Produktion. 3. 1. die Computerisierung usw.rational oder funktional und. ökonomisches Handeln gebrochen werden können. Auch hier haben wir es mit einer Art Kosmopolitisierung wider Willen zu tun: Ökonomische Entscheidungen .gut für die Arbeitsplätze im Ausland. aber fortwirkende Greueltaten und damit Maßstäbe wachgehalten.

Man muß sich nur einen Augenblick vor Augen halten. Die Globalisierer spielen .mit nationalstaatlichen Grenzen und Horizonten. während ihre Gegenspieler in den in Rechtsformen kristallisierten Selbstverständlichkeiten nationalstaatlicher Gewißheiten handeln und ihre Rechte verteidigen. müssen sie Handlungskosmopoliten der Nebenfolge werden. wenn Marx mit seinem Argument recht behalten hätte. nicht zuletzt weil sich innerhalb sämtlicher Abteilungen und Bereiche nationalstaatlicher Institutionen sowie politischer und körperschaftlicher Organisationen neue Arten von Konflikten auftun zwischen aktiven Globalisierern. Konkurrenz. Dann hätte eine transnationale Arbeiterbewegung durch eine Politik der aktuellen oder potentiellen transnationalen Streikmobilität das territoriale Kapital vor sich hergetrieben.zumindest .globaler Möglichkeiten und globalen Wettbewerbs.doppeltem Bezugsrahmen. Absatz usw. zerbricht die nationale Loyalitätskongruenz. daß die Arbeiter keine Nation kennen. die. während das Kapital national verwurzelt geblieben ist. und denjenigen. was geschehen wäre. um die Bedingungen ökonomischer 164 . Da der Markt (nicht nur die Firmen) transnational geworden ist. indem sie die Kosmopolitisierung von Produktion. Es entsteht eine neuartige Inkongruenz der Loyalitätserwartungen und -perspektiven zwischen Arbeit und Kapital. die eine nationale Gegenposition einnehmen und sich auf den nationalen Rahmen beschränken. die transnational und national handeln. um ihre Eigeninteressen zu wahren. bei aller Konflikthaftigkeit. den Gegensatz von Arbeit und Kapital national geprägt und zusammengehalten hat. Dieser Bruch zwischen Erster und Zweiter Moderne ändert auch den Bedeutungshorizont von geläufigen sozialwissenschaftlichen Schlüsselkonzepten wie Klasse und Macht. das schließlich. Das wird aus einer Vielzahl von Gründen zunehmend irreal. Selbst wenn sie Gesinnungsnationalisten bleiben. Unternehmen der verschiedensten Größenordnungen müssen sich grenzenübergreifenden Einflüssen stellen und selbst grenzenübergreifend denken und handeln. »Klasse« oder »Sozialschichten« sind immer noch im Nationalstaatsparadigma verortet und werden innerhalb dieses erforscht und organisiert. vorantreiben. Der denationale und transnationale »Klassenkampf« ist also ein Machtspiel mit .ähnlich wie die Migranten und die NGOs .

in die überbevölkerten Regionen der Welt (kombiniert mit entsprechenden Ausbildungsangeboten). Jobs werden dahin exportiert. können transnationale Unternehmen die Rolle eines kosmopolitischen Vermittlers und Ausbalancierers übernehmen. Doch ist es auch nicht ausgeschlossen. Dies könnte dann geschehen. Da die staatliche Handlungsfähigkeit zerfällt. in dem deutlich wird. die sich auf eine globale Verteilung von Arbeit und Reichtum bezöge. Drei Szenarien lassen sich unterscheiden: (1) Globale Migration: Die Migrationsprozesse der Zukunft werden von zwei antagonistischen Alterspyramiden geprägt sein. Handelt es sich bei dem globalisierten Kapital vielleicht um ein Modell des »Wirtschaftskosmopolitismus«? Hier wird die Unterscheidung zwischen Globalismus und Kosmopolitismus wichtig. wenn an die Stelle der Solidarität mit Gleichen eine Solidarität mit Fremden träte. » seinen« Staat zu Hilfe hätte rufen müssen.Rationalität zu retten. die im Klassenkonzept des methodologischen Nationalismus nicht vorkommt. Der Ausstieg aus dem nationalen Paradigma unter den Fahnen der Ökonomie ist keineswegs gleichbedeutend mit einem globalen Gemeingut-Kosmopolitismus. Den alternden Gesellschaften in den westlichen Staaten stehen extrem junge Gesellschaften in vielen Ländern der Semiperipherie oder Peripherie gegenüber. um es gegen die Unbill einer globalisierten Arbeiterbewegung zu schützen! Doch realiter entsteht eine Asymmetrie zwischen nationalen und nichtnationalen. daß der »national unsolidarische« Neoliberalismus (Globalismus) eine kosmopolitische Wende nimmt.Gestalt annehmen könnte. so oder so wird Migrationspolitik zum politischen Schlüsselthema und zur Überlebensfrage eines weltoffenen Europas werden. die Arbeitsplätze wandern. wie ihn die advokatorischen zivilgesellschaftlichen Bewegungen artikulieren. (2) Migration der Arbeit: Nicht die Menschen. Auch dies ist ein Szenario. territorialisierten und entterritorialisierten »Klassen«.auch gegen nationalstaatliche Widerstände! . Daraus entsteht einerseits ein Einwanderungsdruck von außen. wie die Unterscheidung zwischen Globalismus und wirtschaftlichem Kosmopolitismus . 165 . andererseits eine Einwanderungsnotwendigkeit im Inneren. wo die Armen und Arbeitslosen hungern und verhungern.

Das erste Szenario gilt im nationalen Blick als Horrorszenario. Innen und Außen. National und International beruht. sondern im Gegenteil: sie sehen ihre Welt untergehen. mühsam zurechtgefun166 . die nationale Politik vorgaukelt. gleichzeitig werden die höhere Qualifikationen erfordernden Arbeitsplätze in bevölkerungsarmen. Angenommen. ein weltoffenes Deutschland kann beides: den rapiden Alterungsprozeß und den Verlust an weltwirtschaftlicher Kreativität sowie die daraus entstehende staatliche und öffentliche Armut in das Gegenteil wenden. So könnte langfristig durch die Vernichtung der Entfernung. denn nur ein weltoffenes Europa.läßt dann der Druck zur Immigration nach ? Enthält also der wirtschaftliche Kosmopolitismus ein Modell zur Entkrampfung der Weltlage. abgebaut wird? Oder heißt das genau umgekehrt. Diejenigen. die eine Verteilung von Lebenschancen einschließt . auf anderen Kontinenten sein Glück zu suchen. die auf klaren Gegenüberstellungen zwischen Wir und den Anderen. Aber das wird von der Mehrzahl der Menschen nicht als Befreiung erlebt. die sich in den Labyrinthen einer geschlossenen Gesellschaft. daß mit der Migrationsnotwendigkeit die Zwänge zur kosmopolitischen Öffnung der Gesellschaft entfallen? 4. eine kosmopolitische Verteilung von Arbeit und Reichtum erreicht werden. kann man sagen: Kosmopolitisierung bedeutet das endgültige Verschwinden der geschlossenen Gesellschaft. Der Anti-Kosmopolitismus und seine Widersprüche Wenn man die Argumente dieses Buches zusammenfassen will. die die informationstechnologische Produktionsweise ermöglicht. in der gering qualifizierte Jobs aus den reichen in die armen Länder exportiert werden. weil die Notwendigkeit. Allerdings sind die »Notwendigkeiten«.ohne Migration. selbstdestruktiv. aber hochqualifizierten Ländern angesiedelt. Arbeit und Reichtum über die Grenzen und Kontinente hinweg zu teilen .(3) Transnationales Job-Sharing zwischen armen und reichen Ländern: Es entstehen neue Arten. es entstehen tatsächlich kosmopolitische Öffentlichkeiten und Gemeinschaften auf der Grundlage einer entsprechenden Arbeitsteilung.

weil man sich mit Herausforderungen und Ambivalenzen konfrontiert sieht. Aber was bedeutet das für die symbolische und integrative Geschlossenheit des Mischgebildes. Die Wirklichkeit hat sich gegen die eigenen Begriffe verschworen. unbestrittene Vorrechte und Privilegien. sondern darum. Was soll das für eine Welt sein. nach Identität und Integration. seine Unersättlichkeit und oft auch seine Verachtung zur Wehr zu setzen: Wird das im Zuge der Kosmopolitisierung nun alles hinfällig? Wird das Rad der Geschichte zurückgedreht? Ist Kosmopolitisierung nur ein schönes Wort für Kolonialisierung ? Der Begriff des Fremden gewinnt eine übermächtige Kraft. Milliarden von ratlosen Menschen die Wahl zwischen einem übertriebenen Beharren auf ihrer Identität und dem Verlieren jeglicher Identität. »Klasse«.den haben. Wir können uns nicht damit zufriedengeben. sich dem Westen anzupassen und sich gleichzeitig gegen seinen Expansionsdrang. gegen Konkurrenten zu verteidigen. Er ist überflüssig und absurd gewor167 . die einen selbst zum Fremden machen. ja. sondern sie sogar zu Fremden im eigenen Land machen. die auf die erlösenden und bindenden Wörter »Nation«. Es ist die Existenzangst des überflüssigen Nationalismus und Nationalisten. Im besonderen Maße gilt das für die post-koloniale Welt: Der Nationalismus hat diese Länder in die Unabhängigkeit geführt. die nun plötzlich in Frage stehen. nicht zuletzt. die ihnen nicht nur unverständlich. stehen nun plötzlich den Widersprüchen einer weltoffenen Gesellschaft und Freiheit gegenüber. daß Grenzen nicht mehr entlang nationaler Kriterien allein gezogen werden. ja unlebbar erscheinen. daß man die Welt nicht mehr versteht und sich in ihr nicht mehr zu verorten weiß. »Entweder Wir oder Die« nicht mehr hört? Dabei geht es nicht allein darum. Heißt Kosmopolitisierung nicht: Man betreibt den Ausverkauf seines Landes. spielt es Fremden in die Hände. »Volk«. vielmehr und vor allem darum. das an ihre Stelle tritt? Es geht nicht um Grenzenlosigkeit. zu lassen. keineswegs. Damit aber entfällt ja nicht das Bedürfnis der Menschen nach Geschlossenheit. die den Haß auf alles Fremde schürt: Der Fremdenhasser ist sich selbst ein Fremder geworden. Fremde üben bereits die Macht aus? Anders gesagt: Die Nation verläßt den Container. zwischen Fundamentalismus und Traditionsverlust. Er ermöglichte es.

den. in der Staat und Nation entkoppelt werden. Meistens reden wir von politischen Revolutionen . Die Grenzen zwischen Kosmopolitisierung und Anti-Kosmopolitisierung verlaufen vielleicht nicht so sehr zwischen Nationen. das damit ausgelöst und auf Dauer gestellt wird. 4. Soll man auch noch nicht nur Carepakete. ethnischen Gruppen und Religionen als vielmehr zwischen Weltoffenheit und Weltgeschlossenheit. Das Erdbeben. einen Blankoscheck für Verpflichtungen zu unterschreiben. Der Anti-Kosmopolitismus gewinnt seine Macht aus beidem: daß Kosmopolitisierung einerseits schwer identifizierbar. den man sowieso niemals einlösen kann? Schon im eigenen Haus ist die Weltordnung außer Rand und Band geraten. Daß eine schleichende Revolution der eingefleischten Begriffe des Politischen sich lautlos und unbemerkt. Soll man beispielsweise in einer Zeit. Gesetzesbruch im Zwielicht zwischen ( I l l e g a lität und (Il-)Legitimität zu Worte meldet und durchsetzt. die viel zu geräumig ist. AIDS zu bekämpfen und die Anklage der sterbensmüden Kinderaugen-Bilder aus der Tagesschau zu verbannen. In der weltoffenen Gesellschaft fühlt man sich verloren. um gleichzeitig Terroristennester auszuräuchern. Neugierde und Fanatismus. sondern Soldaten. Widersprüche zu ertragen und zu bejahen oder deren Existenz zu verdrängen und zu verteufeln. Heißt Kosmopolitismus nicht. Mediziner und Sozialarbeiter in die verschiedensten Winkel der Welt entsenden. zwischen Toleranz und Hysterie. Man fühlt sich durch eine Freiheit befremdet und entfremdet. Dies soll in acht Thesen näher ausgeführt werden. aber am Ende sogar folgenreicher ereignet. jenen renommierten Nationaljuristen und Völkerrechtlern 168 . der Fähigkeit. die dadurch in ihren Grundlagen und in ihrem Selbstverständnis herausgefordert ist? Diese Frage bricht mit der Kosmopolitisierung überall hervor. andererseits schwer reversibel ist und daß diese Weltveränderung sich als Ordnungsbruch. liegt gänzlich außerhalb des Horizontes.1 Die Kosmopolitisierung ist selbst die Quelle des Widerstandes gegen sie Wie reagiere ich auf die unwiderrufliche Offenheit der Gesellschaft. das Begriffsbeben.und zwar in der Vergangenheitsform. ist beängstigend.

. Das jedenfalls ist die Hoffnung.aber auch aufgrund seiner eigenen Geschichte unermeßliches Leid. die. auch das Wort Kosmopolitismus ist Quelle des Widerspruchs. weil diese sich sowieso auf das beste im Gefängnis ihrer eigenen Annahmen eingerichtet haben? Die Kosmopolitisierung selbst macht den Widerstand dagegen nicht schwer: Wohin man schaut. Es ist das totalisierte Opferwort der Nazis und nicht nur der Nazis . er ringt mit ihr. falsche Begriffe. Widerstands. die Empörung gegen sich hat. unermeßliches Wissen und damit eine unermeßliche moralische Reserve. die in dem Wort Kosmopolitismus aufbewahrt ist. den man schon deswegen nicht exekutieren könnte.ja. falsche Koordinaten. Latenzen. für Vernichtung. Bedarf es da noch einer Erklärung des Anti-Kosmopolitismus? Nicht nur die Wirklichkeit.glauben. Der Holocaust ist ein Wert. in dessen Verlauf der Holocaust zunächst verdrängt und dann dokumentiert worden ist. Die gute ist die schlechte Nachricht: Die Entfernung gilt nicht mehr. das dürfen wir nie vergessen! »Kann der Holocaust Werte schaffen?« fragt Imre Kertesz. weil er über unermeßliches Leid zu unermeßlichem Wissen geführt hat und damit eine unermeßliche moralische Reserve birgt. 169 . Das Chaos auf der anderen Seite der Welt schlägt auch in die Wohlstandszentren durch. nur eine Praxis. Und über allem schwebt die »befreiende« Botschaft: Eine neue Weltordnung ist nirgendwo in Sicht. alles ungewollt und ungesehen . Für Haß und Hatz auf Menschen.« (2003: 88) Auch das Wort Kosmopolitismus birgt aufgrund seiner Zwangsverwandtschaft . für staatlich organisierte Genozide gibt es in Europa bis auf weiteres keine legitimierende Sprache mehr. Leben am Rande des Chaos: Das ist wahrscheinlich noch eine westliche Perspektive.die Wort und Tat gewordene Entwürdigung -. die den »Mord« und »Totschlag« ihrer nationalstaatlichen Rechtslogik beklagen und infolgedessen die Wirklichkeit verhaften? Oder soll man umgekehrt einen Haftbefehl wegen vorsätzlicher Verkennung der Wirklichkeit gegen die Starjuristen erlassen. wer weiß denn dann überhaupt davon? Die alte Weltordnung funktioniert oder existiert nicht mehr (heißt es).. sobald sie zur Sprache gebracht wird. zur Zeit eben bei dieser Frage angelangt. »Meiner Meinung nach ist der seit Jahrzehnten vor sich gehende Prozeß.

was der Soziologe zu verantworten hat. Der Widerstand gegen Globalisierung und Kosmopolitisierung am Beginn des 21. Wie das globalisierte Kapital oder die Netzwerke der zivilgesellschaftlichen Advokaten »schwimmt« der Anti-Kosmopolitismus in den »Strömen« und »Scapes« der »liquid modernity«. Umsiedlungen .selbst die jüngste Gewaltgeschichte Europas trägt diese Signatur. 4.aber Anti-Kosmopolitismus setzt sich durch. ist die Erfassung und Interpretation der Wirklichkeit. Die Zombie-Wissenschaft des nationalen Blicks wird zur Unwirklichkeitswissenschaft einer »Nationalsozialwissenschaft«.und eine offene Frage. hat seinen Job verfehlt. Vertreibung und Exil. die 170 . Wie ist das zu verstehen? Alles. sprachgläubig und ohne jeden Sinn für wissenschaftliche Begriffsbildung erscheint. Sklavenhandel und Verschleppung. Es gilt gerade umgekehrt: Die Regel sind Bevölkerungsbewegungen. der Sozialwissenschaftler kann das nicht Kosmopolitisierung ist zwar irreversibel . Wer das verfehlt. und das heißt heute: die Kosmopolitisierung der Wirklichkeit. mehr oder weniger freiwillige Wanderungen. Und gegenwärtig setzt die große Wanderung. globalisierten Welt auf und ist doch ein originäres Produkt der dunklen Seite der Kosmopolitisierung der Wirklichkeit. daß Gruppenegoismus und Fremdenhaß anthropologische Konstanten sind. macht sich selbst überflüssig. Eine Sozialwissenschaft. nominalistisch.2 Vielleicht können alle die Augen vor der Kosmopolitisierung der Wirklichkeit verschließen. die diese Aufgabe verfehlt. die jeder Begründung vorausgehen.Diese Wortwahl ist ein Realexperiment .so oder so. daß es die Sprache ist. Diese Medien und Ausdrucksformen eines makabren post-nationalen Anti-Kosmopolitismus gilt es begrifflich. Ihre angeblich universelle Geltung ist ein Konstrukt des nationalen Blicks. Es stimmt einfach nicht. aus der das Tun erwächst . und daß die totale Negativität des Holocaust durchaus geschichtsbildend zu wirken vermag. Wem das widersinnig. hat nicht begriffen. Jahrhunderts ist etwas Neues: Der Anti-Kosmopolitismus tritt als Negation der modernen. empirisch und politisch zu erschließen.

Damit ist nicht gesagt.als Gegenbegriff zu dem des Kosmopolitismus konzipiert.und Machtchancen transnationaler Netzwerke nutzt. daß ihre Annahmen über die angebliche Unverzichtbarkeit von Grenzen und Zugehörigkeiten die Ausnahme in der Weltgeschichte sind. das überhaupt erst auf der Grundlage der inneren Kosmopolitisierung der Gesellschaften möglich wurde und diese höchst geschickt . Im Begriff »Anti-Kosmopolitismus« ist das Wort »Kosmopolitismus« also auch adjektivisch gemeint: kosmopolitischer Anti-Kosmopolitismus. Anti-Amerikanismus und Anti-Moderne wer- 171 . Dieses Terrornetzwerk kann.gegen sich selbst zu wenden weiß (Beck 1993: Kapitel 4). der Vormoderne gedacht würde und nicht als Produkt der Zweiten Moderne. militärisch und ideologisch . An dieser Negation wäre wenig Überraschendes. zu denen gehört. AntiKosmopolitismus. die nun allerdings sehr leicht zu widerlegen ist. Anders als der Typus des nationalstaatlichen Terrorismus (für den beispielsweise die ETA in Spanien oder die IRA in Irland stehen).und gewinnen nicht zuletzt daraus ihre Gefährlichkeit Der Begriff »Anti-Kosmopolitismus« ist . wenn der Widerspruch als die Wiederkehr des Alten. er sei immer schon dagewesen . als ihr integraler Bastard.neue Völkerwanderung. Wer aus seinem Hiersein Rechte als »Einheimischer« ableitet. behaupten. beim Wort genommen.3 Die Verkünder des Anti-Kosmopolitismus sind gezwungen. Entfaltungs. Insofern setzt eine ordentliche Nationalgeschichtswissenschaft und Nationalsoziologie die hochentwickelte Fähigkeit voraus zu vergessen. ist Al Qaida transnational orientiert und organisiert in ihren Aktivitäten. daß Al Qaidas strategische Ziele im Kern global sind. die Fremden auszuschließen. auf dem Boden der Kosmopolitisierung selbst zu agieren .wie das Wort schon sagt . müßte.organisatorisch.eine These. Völkervermischung durch Kommunikationsmedien ein. 4. in jedem Teil der Welt zuschlagen. weil es die Unzugänglichkeit. Das besagt: Es handelt sich beispielsweise bei dem islamischen Terrorismus der Al Qaida um etwas.

das wir im Bereich der Wirtschaft einen »Multinationalen«.und Aktionsgewebe. daß die Mitglieder über Satellitentelefone.Anleihen bei Nietzsche und den Bolsche172 . in der islamische und europäische Momente . der gleichzeitig als örtlich begrenzte Katastrophe und als globales Medienereignis inszeniert wurde. Die Botschaft. Anders als die Terroristen der siebziger und achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts entzieht sich Al Qaida dem territorialen Zugriff. Überdies weiß Al Qaida um die unaufhebbare Verwundbarkeit der Zivilgesellschaft. im Bereich der Zivilgesellschaft eine »NGO« nennen. die hier sowohl lokal als auch transnational bekämpft werden soll. innere Amerikanisierung der arabischen Welt. Die Zweitmodernität Al Qaidas läßt sich an Vielem nachweisen: Dafür spricht nicht nur die Tatsache.den in eins gesetzt und auf die arabische Welt.mit erbarmungsloser Amoralität militärisch gegen diese selbst wendet. die sie wie die Verwandlung von Passagierflugzeugen in Raketen demonstriert . Dies zeigt sich exemplarisch in dem Angriff auf die Zwillingstürme von New York. war sowohl an die Amerikaner als auch an den arabischen Widerstand adressiert. daß die Grundlage ihres Handelns eine Art »militanter Bastelideologie« ist. Laptops und Websites miteinander verbunden sind. ihre Arme von Lateinamerika nach Japan und in alle anderen Kontinente dazwischen auszustrecken. die einzige Weltmacht USA im Zenit ihrer absoluten militärischen Überlegenheit ist im Mark ihrer inneren Sicherheit verwundbar. daß islamische Gruppen die Chancen nutzen.« (Guranatna 2002: 11) Der zweitmoderne Charakter des Al Qaida-Terrorismus zeigt sich vor allem aber auch darin. In diesem Sinne sind beides: Ziele und Mittel. indem sie dauernd neue Stützpunkte und neue Ziele weltweit suchen. Al Qaida ist »die erste multinationale Terrororganisation. die in der Lage ist. daß sie gegen die Globalisierung Widerstand leisten. konzentriert und im Kampf gegen die US-amerikanische Mega-Macht zugespitzt. Weit gefehlt.ihre Dramaturgie der Unterstützung ebenso wie ihre Operationen sind global. lokal und transnational. die Globalisierung bietet. entsteht ihre Macht gerade dadurch. Es handelt sich auch der Organisationsform nach um ein transnationales Kommunikations. Es ist ausdrücklich die innere Kosmopolitisierung. insbesondere Saudi Arabien.

Die Konflikte im Gefolge massenhafter Migration haben sich erst dann verschärft. je besser Vollbeschäftigung und Prosperität gesichert erscheinen.« (John Gray 2003: 79) Europa ist die Quelle der Aufklärung und der Gegenaufklärung. die von Nietzsche stammen. im europäischen Recht (Europäischer Gerichtshof). die wahrscheinlich nie wiederkehren. in der einheitlichen Währung des »Euro« (der die geheiligten nationalen Währungen ersetzt hat). Auf der anderen Seite sind nicht zuletzt aufgrund des im Weltvergleich hohen Wohlstandsniveaus die Hürden für einen europäischen. Nirgendwo auf der Welt ist die Transnationalisierung. zeigt. je größer die Angst vor der Arbeitslosigkeit und vor der Erosion des Wohlstands ist. »Al Qaidas Ideologie ist eine hochgradig synchretische Konstruktion.synthetisiert werden mit radikal-islamischen Traditionen. nationalstaatlichen Grenzen aufgehoben haben) usw. wur- 73 . Sein Angriff auf den Rationalismus enthält Echos. Moderne westliche Einflüsse werden in islamische Themen eingewoben. usf. In Zeiten der Vollbeschäftigung. Der kosmopolitische Realismus lehrt: Das Schwanken zwischen weltoffener und weltverschlossener Gesellschaft.ein Begriff. »Azzam.wisten . die Kosmopolitisierung so weit verwirklicht worden. der eher aus der bolschewistischen Ideologie adaptiert wurde denn aus irgendeiner islamischen Quelle. nahm von Qutb die Idee einer revolutionären Avantgarde . kosmopolitischen Common sense jedenfalls in Zeiten der wirtschaftlichen Flaute und hohen Arbeitslosigkeit so hoch wie sonst nirgendwo. der moderne Anti-Kosmopolitismus gehört zur europäischen Tradition Die europäische Situation ist trotz allem eine spezielle. zwischen kosmopolitischem und nationalem Blick hängt wesentlich von den ökonomischen Bedingungen ab: Die Fremden werden um so weniger als fremd erfahren. an europäischen Grenzen (die die Souveränität symbolisierenden. als die Arbeitslosigkeit in den Aufnahmeländern chronisch wurde. und die Fremden werden um so fremder. Man muß von einem »institutionalisierten Kosmopolitismus« sprechen.« Einer ihrer geistigen Väter. der sich in der EU beispielsweise im Europäischen Rat.

die sich unter den Bedingungen der fortschreitenden Kosmopolitisierung neu erfindet und neu organisiert. sondern auch Beitragszahler. Für das Verständnis dieses modernen AntiKosmopolitismus hat Isaiah Berlin (1976) in Auseinandersetzung mit Gottfried Herder drei kardinale Ideen vorgeschlagen: Populismus. Was als Schutz gedacht war. die der kosmopolitische Blick eröffnet. des sinkenden Wirtschaftswachstums) durch transnationale Öffnung und Kooperation (Migrationspolitik) einer Lösung näher zu bringen. Die Besonderheit der europäischen Situation ergibt sich allerdings auch daraus: Europa ist von Anfang an die Quelle der Aufklärung und der Gegenaufklärung. nämlich die scheinbar nationalen Probleme (der alternden Gesellschaft. schlägt. Der moderne Anti-Kosmopolitismus gehört zur europäischen Tradition. können die Ankömmlinge in vielen europäischen Staaten wenigstens minimale Sicherungen wie Arbeitslosengeld.3 3 Diese Ideen werden im folgenden für die Zwecke der Analyse der Zweiten Moderne reinterpretiert. Auch hier gilt: »Inländer« verwandeln sich zurück in »Ausländer«. wo kein Neuankömmling erwarten kann. in Exklusion um. angeworben. wenn es um die knappen Mittel der Sozialhilfe geht. Zweitens: Je mehr man sich gegen »Fremde« abgrenzt und einmauert. Deutschland usw. desto weniger hat man am Ende zu verteidigen und zu verteilen. Wie wenig (ökonomisch) rational diese »Verausländerung von Inländern« ist. daß mit dem Alterungsprozeß der Gesellschaft nicht das gesamte soziale Sicherungssystem zusammenbricht. daß ihn ein soziales Netz auffängt. Frankreich. Expressionismus und Pluralismus (vgl. Krankenversorgung und Sozialhilfe beanspruchen. wenn es gefährdet ist. Man beraubt sich selbst der Chance. machen zwei Überlegungen deutlich: Erstens sind Neuankömmlinge ja nicht nur Nutznießer von Sozialsystemen.den Millionen von Arbeitsmigranten von den USA. Im Unterschied zu Amerika. 74 . Holmes 2000). infolgedessen eine wichtige Voraussetzung dafür.

aber auch »den« Wallisern oder »den« Kosovaren. was die kulturelle und politische Identität der Gruppe »wirklich« ausmacht . Auf diese Weise wird ein postmoderner Relativismus .heißt es.und Klassenbedingungen verwandelte. »den« Italienern.wonach die besondere Unterdrückungsgeschichte nur denjenigen zugänglich ist. andererseits auf die Postmoderne. daß nur die Mitglieder der Minorität die »Wahrheit« über diese Gruppe kennen. Dabei wird einerseits auf das Erbe der »reinen« Ethnizität zurückgegriffen. der das Individuum zu einem subjektiven Faktor der Produktions. aber auch Mehrheiten und anderen Minderheiten. von denen man sich »unterdrückt« oder »gefährdet« sieht. Exilanten besteht. Einschluß setzt Ausschluß voraus. gibt (wobei die scheinbar ursprünglichen und unauflösbaren Gruppenbande schwer zu definieren sind). .Essentialistischer Populismus Hier wird im Sinne des Universalismus der Verschiedenartigkeit (siehe S. der die Absicht verfolgt. Insbesondere in Europa ist dementsprechend so etwas wie eine postmoderne Romantik im Umgang mit ethnischen Ideen und Ideologien zu bemerken.) davon ausgegangen. die sie erlitten 175 . Was macht das »Postmoderne« dieser Identitätskonstruktion aus? Es entsteht eine Symbiose zwischen Relativismus und Fundamentalismus. 78 ff. (a) daß es essentialistische Unterschiede zwischen »den« Deutschen. Homosexuelle. Allein die Gruppenangehörigen haben. und (b) daß die Mitglieder nicht zuletzt durch den Glauben an den hohen Wert ihrer Zugehörigkeit zu dieser Kultur zusammengehalten werden. Serben usw. entsteht ein neuer Kollektivismus. also über die erlittene Unterdrückung Bescheid wissen. Hispanics usw. Immer mehr Bevölkerungsgruppen pochen auf ihre »kulturelle Identität« (was immer man sich darunter vorzustellen hat). und zwar (der Legende nach) »logisch«. Insofern ist der essentialistische Populismus die eine Seite. dessen andere Seite in der Ausgrenzung und Abwertung von Fremden. Der Ursprung dafür liegt in der von vielen Minderheiten in den USA Schwarze. dank ihrer Herkunft. Zugang zu dem. das Individuum auf seine Existenz als Mitglied einer Minderheitenkultur zu reduzieren. Frauen. So geht man beispielsweise von der Annahme aus. Nach dem Ende des Marxismus.verfolgten »Identitätspolitik«.

verschmolzen mit einem Fundamentalismus. sondern kann auch die »Expressivität« in allen Sphären des menschlichen Lebens (von der Ernährung bis zur Kunst) dazu nutzen. sie sind keine Objekte. zu bestimmen und abzugrenzen: »Expressionismus beansprucht. die islamische Bevölkerung des Landes bilde eine eigene politische Einheit.« (Berlin 1976: 153. Expressionismus Diese zweitmoderne Neuerfindung des Tribalismus muß nicht in einem naiven Essentialismus befangen bleiben.). zit. aber zugleich unabhängig von jedem Staat sein will (Holmes 2000: 21 f.. daß nämlich jede Form menschlicher Selbstexpression in irgendeinem Sinne artistisch ist und daß Selbstexpression Teil der Essenz des menschlichen Wesens ist. die sich als Bestandteil der Europäischen Union versteht.haben . die man von ihren Machern ablösen kann. In Norditalien ficht die Movimento Friuli für eine »friulanische Nation«.. Dies wird verbunden mit einem weiteren Begriff. wie die zwischen integralen und getrennten oder sich verpflichtet fühlenden und sich nicht verpflichtet fühlenden Lebensformen. die Menschen hervorbringen. um das »Wir« in seinen Ausdrucksformen zu erneuern. Interessanterweise können diese Relativismus-Fundamentalismus-Symbiosen sich einerseits gegen den Nationalstaat richten. Apartheid als Menschenrecht. aus dem militante Wortführer ihre separatistischen Forderungen ableiten. daß alle Werke. mehr ausdrücken als ihre Stimmen. nach Holmes 2000) 176 . daraus wiederum gehen umgekehrt Unterscheidungen hervor. sie sind vielmehr Teil des lebendigen Prozesses der Kommunikation zwischen Personen und insofern nicht unabhängig existierende Entitäten . zu feiern. So haben in Großbritannien pakistanische Fundamentalisten ein »muslimisches« Parlament gegründet mit der Begründung. andererseits demokratische Rechte beanspruchen und zugleich Bündnisse mit der Europäischen Union schließen. Es handelt sich dabei um eine perverse Verknüpfung von Ideen: Apartheid und Menschenrecht. Die Rede von »Identität« und »Autonomie« mündet in das Prinzip Ghettobildung: Man will zugleich antistaatlich und europäisch werden.

Das Perverse dieses anti-kosmopolitischen Verständnisses von der »Anerkennung« der Andersheit der Anderen liegt darin.mit der Ideologie der kollektiven Identität. 1. Übergreifende Verpflichtungen. Dies geht einher . insbesondere zu den diversen Formen der »Fabrikation von Kultur«. Man spricht hier die Sprache der Anerkennung der Differenz. des Essentialismus. 177 .im Radikalfall . gerade weil es jede Art transnationaler Realität und Verständigung leugnet und zerstört. So werden zwei einander sich scheinbar ausschließende Ideologien miteinander verbunden: die Ideologie des Individualismus . Angeknüpft wird an den »kulturellen Relativismus«. nämlich in eine aggressive Intoleranz gegenüber Anderen.Mit dieser expressionistischen Wende des Wir-Seins. andererseits die postmoderne Inkommensurabilität der Perspektiven zwischen essentialistisch verstandenen Gruppenzugehörigkeiten behauptet (siehe oben Kapitel II.dein Leben ist ein Kunstwerk. in einer Welt unscharfer Grenzen neue Grenzen scharf zu ziehen. Rechtskonstruktionen usw.mit der Ablehnung jedes Universalismus.2). der sich einerseits auf den Respekt vor der Andersheit der Anderen beruft. auf einer Spannbreite von regionaler Cuisine bis zu Religion. erfinde dich neu! . daß das Prinzip der Toleranz in sein Gegenteil. als »falscher Idealismus«. vollzieht damit jedoch anti-kosmopolitisch die Ausgrenzung der Anderen auf der Grundlage eines wechselseitigen Nichteinmischungspaktes in die inneren Angelegenheiten Anderer. Solidaritäten. müssen diesem essentialistischen (Anti-)Pluralismus als »unwahr« erscheinen und als »irreal«. die sich angesichts verfließender Grenzen in den sich selbst bestätigenden Kreativitätszirkeln neu erfindet und gegen Andere abgrenzt. Das Prinzip der Inkommensurabilität erlaubt es. »menschheitliche Verblendung« abgewertet und bekämpft werden. das verschwimmende Grenzen neu setzt und befestigt. werden vielfältige Verknüpfungen möglich. Pluralismus Dabei handelt es sich um ein zugleich modern anti-kosmopolitisches Verständnis von Vielfalt. gewendet wird.

(Imre Kertesz berichtet. »Expressivität« und »Pluralität« beruft. Man pflegt eine Selbstbemitleidung angesichts geschichtlicher Traumata und Frustrationen als »Nationalbewußtsein«. mancherorts in Form von aktuellen oder potentiellen Genoziden freigesetzt. Organisationen und Parteiungen ein und führt zu Amalgambildungen einer antimodernen und anti-kosmopolitischen Moderne.) Es ist nicht zu verkennen. des Ressentiments. daß dieser leise oder auftrumpfende. Alle möglichen Organisationen . militante Vorhut des AntiKosmopolitismus. ist die »Amalgambildung« ein Euphemismus. Gentechnologie und waffentechnologischem Gigantismus. gewerkschaftliche oder kirchliche Anti-Kosmopolitismus im strengen Sinne anti-national handelt. er habe sich nach dem nazistischen. Abtreibungsverbot mit der Mystifizierung von »High-Tech«. In manchen Regionen.der technologische und ökonomische Wettlauf auf Weltmärkte . rechte oder linke. Tatsächlich sickert dieser Anti-Kosmopolitismus jedoch in alle möglichen politischen Lager. Modernisierungsprozesse werden gleichzeitig forciert .Gewerkschaften und die alte Linke. aber auch die Kirchen igeln sich ein gegen die neue Schwerkraft der Kosmopolitisierung und nutzen dafür das. des Wiederaufreißens uralter ethnischer Wunden. So hat in vielen osteuropäischen Bevölkerungskreisen nach dem Erlangen der Freiheit nicht der Geist der Erneuerung um sich gegriffen. spricht hinter den Fassaden des aufrechten Demokraten ganz offen die Sprache des ethnischen Hasses und des Antisemitismus. weil man sie nicht wahrhaben will Die Al Qaida-Terroristen. So kommt es zur Koexistenz von Wiedereinführung der Todesstrafe. was in der Luft liegt: den neuen Anti-Kosmopolitismus.4. Skinheads. der sich auf »Populismus«. natürlich konservative Parteien. dem stalinistischen auch noch an einen demokratischen Antisemitismus gewöhnen müssen.5 Der Anti-Kosmopolitismus leidet an einem klinischen Wirklichkeitsverlust: Kosmopolitisierung verschwindet nicht.und zurückgeschraubt. obligatorischem Schulgebet. sondern es wurde der Geist der schlechten Vergangenheit. weil er einem 178 . Rechtspopulisten und Neonationalisten bilden die selbsternannte. auch Europas.

Das heißt allerdings: Selbst der radikalste Anti-Kosmopolitismus kann die alten Grenzen nur im Kopf. Das Spannungsverhältnis von Minderheiten zu Mehrheiten wird durch ethnische Exklusion nicht aufgelöst.6 Die Anti-Kosmopolitisierungsbewegungen die Kosmopolitisierung voran treiben Diejenigen. wer gehört dazu.klinischen Wirklichkeitsverlust gleichkommt und insofern die nationalen Interessen im globalen Zeitalter verrät. Daraus folgt. Die globalen Risiken der Finanzmärkte. daß man den Winter haßt. müssen die Gegenaktionen der Polizei ihrerseits transnationalisiert werden. wer nicht.nach dem Motto: Globalisierung? Ich bin dagegen! Auch das Fallen der Blätter im Herbst läßt sich durch Wegschauen nicht aufhalten. weil man die Wirklichkeit nicht mag und nicht wahrhaben will . Weil die Globalisierungsgegner ihre Gipfelproteste transnational organisieren. die Widersprüche der Globalisierung (wirtschaftlich. müssen ihren Protest globalisieren. Nationale Polizeien müssen also über ihren nationalen Schatten springen und sich selbst denationalisieren. und die damit aufbrechenden Fragen. muß sich angesichts drohender humanitärer Intervention und drohenden ökonomischen Ausmarsches der Investoren weltöffentlich rechtfertigen. Die Grenze zwischen Menschenrecht und Bürgerrecht ist unter den Bedingungen der Kosmopolitisierung überall fließend geworden. des Terrorismus machen nicht halt an den neuen Möchtegern-Grenzen des ethnischen Populismus und Pluralismus. um ihre nationale Aufgabe angesichts transnationaler Anti-Globalisierungsbewegungen zu erfüllen. essentialistische Vorgegebenheit« beantwortet werden. 4. der Umwelt. die gegen Globalisierung sind. Die Herausforderung. kulturell. »Inkommensurabilität«. daß die Spirale der Nebenfolgen die Kosmopolitisierung immer weiter vorantreibt: 179 . können nicht länger mit dem Hinweis auf eine »natürliche. politisch) lassen sich nicht aus der Welt schaffen. nicht aber in der Realität wiederherstellen. sondern entflammt. ebensowenig dadurch. um überhaupt eine Erfolgschance zu haben. als Politik der »ethnischen Entmischung« praktiziert.

wenn man ihre Motive ins Zentrum rückt. den Widerstand gegen Globalisierung nur unter der Zielsetzung einer anderen. sondern auch die Ziele. Frauenrechte usw. irgendwann eins im Konsens werden sollten und daß sich daran Erfolg oder Mißerfolg des Kosmopolitismus bemißt.Der transnationale Protest erfordert transnationale Polizei. belegt einmal mehr. ideologischen Fronten verwirren sich dauernd. plädiert aber im gleichen Zuge für die Universalisierung der Menschenrechte. Offenbar existiert ein eigentümlicher Zwang.oder Weltkonsensmodell. Ähnliches läßt sich sogar am Beispiel der USA demonstrieren. Gerade daß sie die Weltmeinung gegen sich aufbrachten. daß die USA. wahren Globalisierung praktizieren und rechtfertigen zu können. transnationale Rechtsordnungen usw. die als »Globalisierungsgegner« gelten. Sie agieren in Koalitionen und Anti-Koalitionen. Doch es sind nicht nur die Nebenfolgen. die Israelis. die über alle Gegensätze hinweg die politische Globalisierung vorantreiben.teils als Nebenfolge. sind. Wer erwartet. Was 180 . Die demokratische Mission der Bush-Regierung setzt. die Europäer.im Frühjahr 2003 in den Irak einmarschierten. daß Kosmopolitisierung im allgemeinen beklagt und oft sogar ausdrücklich bekämpft wird.und Durcheinander vorangetrieben wird. Man kämpft gegen die rein ökonomische Globalisierung (»Globalismus«). ein originäres Projekt der liberalen Linken fort. irrt. die Afrikaner usw. nämlich der guten.als »militärische Wüstlinge« verurteilt . Auch die eingespielten. daß entschiedene militärische Alleingänge auch das Gegenteil dessen in Gang setzen. was sie beabsichtigen: die Schaffung und Alarmierung einer bohrend nachfragenden Weltöffentlichkeit. Kosmopolitismus ist kein Weltintegrations. die die Anti-Globalisierungsbewegungen zum Motor der Kosmopolitisierung machen. die Südamerikaner. Es kommt also zu dem merkwürdigen Phänomen.in dem ganzen Gegen-. obschon mit paradoxen militärischen Mitteln. Mit. Dasselbe gilt übrigens für andere globale Akteure . Arbeitsrechte. teils von komplementären Zielsetzungen her gedacht . jedoch .beispielsweise die Staaten und das globale Kapital. ein entsprechendes transnationales Informationssystem. die Araber. als diese gegen die überwältigende Mehrheit der Weltmeinung . zugleich »Globalisierungsbefürworter«. Diejenigen.

insbesondere in der realistischen Denkschule der politischen Theorie. inwieweit dem nationalen Blick die Bedeutung der gegenwärtigen Änderungen verborgen bleibt: das Verhältnis von Völkerrecht und Menschenrecht.alles dies ändert nichts an dem völkerrechtlichen Prinzip der Nichtintervention in die »inneren Angelegenheiten« fremder Staaten. das . und das zugleich deutlich macht. wofür die vielen sich mischenden Länder und Kulturen im einzelnen stehen. kämpfen: gegen Verhältnisse. in diesem Kapitel. daß der Ubergang vom nationalen zum kosmopolitischen Blick von der Empirie gefordert ist. ja Ökologisierung der Außenpolitik und damit einhergehend die Verwischung der klassischen Grenze zwischen Innen.den Kosmopolitismus zusammenhält. die Größenordnung von Problemen. welche die Staaten nur noch kooperativ lösen können. die Autorität supranationaler Organisationen. und nun soll dasselbe Argument im Kontext der Internationalen Beziehungen (skizzenhaft) erprobt werden. Im Feld der internationalen Beziehungen. bleibt. die Entstehung transnationaler Regime und Verfahrensregeln zur Legitimation von Entscheidungen. die der Politik untersucht. Die Kosmopolitisierung Internationaler Beziehungen Wir haben zunächst die Kosmopolitisierung der Gesellschaft (Kapitel III).spätestens beginnend mit dem Kosovo-Krieg. Hier existiert ein exzellentes Beispiel.und Außenpolitik . 5. der Logik des nationalen Blicks folgend. um darzustellen. Und nun zwingt 181 [ . sich fortsetzend in den Feldzügen gegen Afghanistan und den Irak und bisher endend mit der Intervention der EU im Kongo . als vielmehr in dem. die Ökonomisierung.eine völlig neue Bewertung erfährt. Das heißt. dann. in denen die Würde des Menschen systematisch verletzt wird. wogegen sie in jedem Fall votieren. liegt weniger in dem. die »interconnectedness« einer immer komplexer werdenden Weltgesellschaft der mit dem Westfälischen Frieden von 1648 entstandenen Souveränitätsordnung unabhängiger Staaten untergeordnet. gegen die neue Pest genozider und terroristischer Gewalt.

die das faschistische Deutschland über Europa gebracht hat. um die Welt vor dem Verderben zu retten? Was kann überhaupt . kann das Völkerrecht brechen und ohne das Mandat des UN-Sicherheitsrates erfolgen und dennoch von westlichen Regierungen.) die Unterscheidung auf. daß das hohe Gewicht. Dieses Auseinanderdriften von Legalität und Legitimität flößt seinerseits Furcht ein. daß der Einsatz militärischer Gewalt über Grenzen hinweg als »legitim« erscheint.den Ausschlag geben. das die Legalität auf die Waagschale bringt. dann der Irak-Krieg (wie schon die Aktionen advokatorischer Bewegungen oder des globalen Kapitals . von dem Max Weber in seinem nationalstaatlichen Denken noch nicht einmal gealbträumt hätte. Wir haben es hier soziologisch mit dem Zwitterwesen eines illegal legitimen Krieges zu tun. Wie ist es überhaupt möglich. den man »humanitäre Intervention« nennt.nämlich die zwischen Legalität und Legitimität.nicht moralisch. 5. und 3.uns zunächst der Kosovo-Krieg.gerade vor dem Hintergrund der staatlich organisierten Barbarei. in die Tat umgesetzt werden. 182 . in dem hochmilitarisierte Mächte über Underdog-Staaten mit der Parole »nie wieder Auschwitz!« oder »nie wieder 11. Hier bricht ein Gegensatz von Legalität und Legitimität auf.siehe oben Kapitel IV. sondern soziologisch verstanden . obwohl er das Völkerrecht bricht? Man kann sich dies an der Umkehrung verdeutlichen: Ein nur legales Handeln. Was ist das für ein Weltzustand. 2. kann als unmoralisch und verantwortungslos verurteilt werden . September!« herfallen. mit hohem moralischen Anspruch .»nie wieder Auschwitz« -. die die Weltordnung des Völkerrechts ins Wanken bringt .1 Die Legitimitätsfrage Der Kosovo-Krieg lehrt: Die Verteidigung der Menschenrechte auf fremdem Territorium durch den Einsatz militärischer Gewalt. das sich an die Buchstaben des geltenden Rechts hält. durch »Legitimität« übertrumpft wird? Eine Antwort könnte lauten: eine nachträgliche Rechtfertigung des zum Zeitpunkt der Entscheidung illegalen Krieges durch dazu berufene Instanzen .im Falle des Kosovo-Krieges: des UN-Sicherheitsrates und des Bundesverfassungsgerichts.

gutgesinnte Täterstaaten könnten sich in der Vorwegnahme einer späteren Zustimmung einen Freibrief ausstellen. eine Versammlung von überwiegend nichtdemokratischen Staaten darstellt. über den Regimewechsel in Bagdad? Wer trifft dieses geschichtliche Urteil? Die dann demokratisch gewählte Regierung des Irak? Oder die arabischen »Bruderstaaten«. ob die Domino-Theorie der Demokratisierung Arabiens gescheitert ist? Führt der Weg zum Frieden im Nahen Osten. die Demokratisierung des Irak und schließlich der arabischen Welt. der Regimewechsel. Insbesondere hilft in der Entscheidungssituation selbst dieses Kriterium nicht weiter.im Wertkonflikt zwischen der Souveränität eines Staates und dem Schutz der Menschenrechte . deren Herrschaftsordnung bereits durch eine irakische Minimaldemokratisierung bedroht wäre? Oder die siegreichen USA? Oder die abseitsstehenden Europäer? Oder der UN-Sicherheitsrat.westliche Regierungen unter der Führung der Vereinigten Staaten dazu entschlossen. die sie mit dem Irak-Krieg verfolgt. Wer entscheidet wann darüber. den Völkermord an den Kosovaren höher zu bewerten als die völkerrechtlichen Verfahrensregeln der U N Charta. einschließlich der fast undenkbar erscheinenden Entschärfung des israelisch-palästinensischen Urkonfliktes.Aber dieses Kriterium einer Post-hoc-Legalisierung des Illegalen verschärft die Dilemmata. in dem Legalität und Legitimität extrem auseinanderklaffen. bei Lichte betrachtet. was sie im Scheinwerferlicht der Weltöffentlichkeit zu schützen sich rühmen: die Menschenrechte? Hier zeigt sich: In der Übergangszeit zur Zweiten Moderne ereignen sich so tiefgreifende Verwerfungen. erst recht alle klassischen Mittel der Politik davor versagen. der. Die Bush-Regierung hat bekanntlich mit Zielen nicht gegeizt. daß alle vertrauten Instrumente der Theorie. dazu gehören die Abrüstung von Massenvernichtungswaffen. die zu Hause mit Füßen treten. übermächtige. Im Fall des Kosovo-Krieges4 haben sich . Ja. dem Irak-Krieg. 183 . alle überlieferten Zukunftserwartungen. Die Grundlage dafür bietet eine doppelte Kritik an dem 4 Zu den neuen Formen von Krieg im kosmopolitischen Zeitalter siehe auch Kapitel V. Greifen wir das letzte Ziel heraus. Liefe das nicht letzten Endes darauf hinaus: Gewalt schafft Legalität? Diese Art von Fragen stellt sich natürlich auch in dem Fall. die Entmachtung Saddam Husseins.

Rechtssystem, das die Staaten untereinander vereinbart und in der
U N O institutionalisiert haben: Das Völkerrecht enthält zwar Regeln für internationale Gewaltanwendung und unterscheidet zwischen Erlaubtem und Verbotenem. Dieses tut es jedoch in völlig
unzureichender Weise, weil nicht geprüft wird, ob die Staatsgewalten selber überhaupt zu Recht bestehen; genauer: ob sie der
Charta der Menschenrechte und den sich daraus ergebenden Anforderungen genügen. Dem immer schon spannungsreichen Verhältnis von Volkssouveränität und Menschenrechten wird damit
eine äußerst folgenreiche Wende gegeben. Es kommt im Übergang
von einer nationalstaatlichen zu einer kosmopolitischen Weltordnung zu einem höchst folgenreichen Prioritätenwechsel zwischen
Völkerrecht und Menschenrecht. An die Stelle des in der nationalstaatlichen Ersten Moderne geltenden Grundsatzes Völkerrecht
bricht Menschenrecht tritt der in seinen Folgen noch undurchdachte, weltgesellschaftliche Grundsatz der Zweiten Moderne:
Menschenrecht bricht Völkerrecht. Man weiß nicht genau, was gefährlicher ist: die untergehende Welt souveräner Völkerrechtssubjekte, die ihre Unschuld längst verloren haben, oder die unklare
Gemengelage supranationaler Einrichtungen und Organisationen,
welche global handeln, aber nach wie vor auf den guten Willen
mächtiger Staaten und Allianzen angewiesen sind, oder die Selbstermächtigung einer hegemonialen Macht, die unter den Fahnen
eines »militärischen Humanismus« die Menschenrechte auf fremdem Territorium »verteidigt«. Wie immer man diesen hochambivalenten Sachverhalt beurteilt und bewertet, in diesem Durcheinander zwischen der alten Völkerrechtsordnung - der der nationale
Blick zugrunde liegt - und der neuen Menschenrechtsordnung - die
sich überhaupt erst dem kosmopolitischen Blick zeigt - läßt sich
wie in einem Brennglas die Epochenunterscheidung zwischen Erster und Zweiter Moderne präzisieren.
Der Grundsatz: Völkerrecht bricht Menschenrecht beruht auf
den Prinzipien von Kollektivität, Territorialität und Grenze. Das
Völkerrecht dient seiner Entstehung und Idee nach der Friedenssicherung. Es regelt das Verhältnis zwischen Staaten, also Kollektivsubjekten, nicht zwischen Individuen. So sah es Hugo Grotius,
so sehen es noch heute die Paragraphen der UN-Charta und der
OSZE-Schlußakte. Den hohen Worten, daß »die Schaffung einer
184

Welt«, wie die Präambel der Menschenrechtskonvention von 1948
proklamiert, »frei von Furcht und N o t . . . als das höchste Bestreben
der Menschheit« gilt, konnten daher aus völkerrechtlichen Gründen keine Taten gegen den Willen der betroffenen Staaten folgen.
Nicht zuletzt hier stellt sich die Frage, ob die UN die Kraft aufbringt, sich aufgrund dieser Entwicklungen und Erfahrungen neu
zu erfinden.
Der Grundsatz: Menschenrecht bricht Völkerrecht verweist
demgegenüber auf die zwischenstaatlichen Beziehungen im kosmopolitischen Paradigma der Zweiten Moderne. An die Stelle
der kategorienbildenden Prinzipien der Ersten Moderne - Kollektivität, Territorialität, Grenze - tritt ein Koordinatensystem, in
dem Individualisierung und Globalisierung direkt aufeinander bezogen werden und den Begriffsrahmen für die neu zu definierenden Begriffe von Staat, Recht, Politik und Individuen bilden. Die
Träger der Menschenrechte sind Individuen (und nicht Kollektiv-Subjekte wie »Volk« und »Staat«), Menschenrechte sind also
wesentliche subjektive Rechte. Zugleich müssen sie globalisiert gedacht werden, sind sie doch ohne einen universalistischen Geltungsanspruch, welcher diese Rechte allen Individuen jenseits
von Stand, Klasse, Geschlecht, Nationalität, Religion zuspricht,
undenkbar.
Wenn im Verhältnis der Staaten zueinander sich Normen und
Rechtsauffassungen herausbilden, nach denen die Menschenrechte
nicht mehr zu den »Angelegenheiten« zählen, »die ihrem Wesen
nach zur inneren Zuständigkeit eines Staates gehören«, dann ist
dies revolutionärer, als es eine Neuinterpretation des einschlägigen Artikels 2 der UN-Charta wäre. Dann darf man nicht nur,
dann muß man sich einmischen. Das läuft auf einen Paradigmawechsel von Nationalstaatsgesellschaften zur kosmopolitischen
Gesellschaft hinaus. Denn damit wendet sich das Völkerrecht über
die Staaten hinweg direkt an die einzelnen und postuliert eine
rechtsverbindliche Weltgesellschaft der Individuen.
Werden die nationalen Souveränitäten aufgeweicht, kommen
dem herkömmlichen Völkerrecht seine klassischen Subjekte abhanden - und damit verliert der nationale Blick seine empirische
Basis, und die darauf beruhende Sozialwissenschaft arbeitet mit
den falschen Kategorien. Der kosmopolitische Blick der Zweiten
185

Moderne eröffnet unter anderen die Perspektive:5 Das nach denationalem Blick konzipierte Völkerrecht wird sich - wenn auch
erst in ferner Zukunft - in die Verfassung einer Weltinnenpolitik
fortentwickeln. Subjektive Menschenrechte sind von innenpolitischen Rechtsansprüchen nicht zu unterscheiden. Sie postieren
keine Grenzschutzbeamten zwischen Individuen, wie das alte Völkerrecht, sie entlassen sie. Dementsprechend fordert Jürgen Habermas ein Weltbürgerrecht - damit der Einsatz für verfolgte Menschen und Völker nicht nur eine Sache der Moral bleibt.
»Denn die angestrebte Etablierung eines weltbürgerlichen Zustandes würde bedeuten, daß Verstöße gegen die Menschenrechte
nicht unmittelbar unter moralischen Gesichtspunkten beurteilt
und bekämpft, sondern wie kriminelle Handlungen innerhalb einer
staatlichen Rechtsordnung verfolgt werden. Eine durchgreifende
Verrechtlichung internationaler Beziehungen ist nicht ohne etablierte Verfahren der Konfliktlösung möglich. Gerade für die Institutionalisierung dieser Verfahren wird der juristisch gezähmte
Umgang mit Menschenrechtsverletzungen vor einer moralischen
Entdifferenzierung des Rechts schützen und eine unvermittelt
durchschlagende Diskriminierung von >Feinden< verhindern. Ein
solcher Zustand ist auch ohne das Gewaltmonopol eines Weltstaates und ohne Weltregierung zu erreichen. Aber nötig ist wenigstens
ein funktionierender Sicherheitsrat, die bindende Rechtsprechung
eines internationalen Strafgerichtshofes und die Ergänzung der
Generalversammlung von Regierungsvertretern durch die zweite
Ebene einer Repräsentation der Weltbürger. Da diese Reform der
Vereinten Nationen noch nicht in greifbarer Nähe ist, bleibt der
Hinweis auf die Differenz zwischen Verrechtlichung und Moralisierung zwar eine richtige, aber zweischneidige Entgegnung. Denn
solange die Menschenrechte auf globaler Ebene vergleichsweise
schwach institutionalisiert sind, kann die Grenze zwischen Recht
und Moral wie im vorliegenden Fall verwischen. Weil der Sicherheitsrat blockiert ist, kann sich die Nato nur auf die moralische
Geltung des Völkerrechts berufen - auf Normen, für die keine
effektiven, von der Völkergemeinschaft anerkannten Instanzen der
Rechtsanwendung und -durchsetzung bestehen.« (1999: 6f.)
5 Andere, auch schwarze Zukunftsszenarien werden im Kapitel V diskutiert.
186

Doch wie stellen die Staaten des Westens sich auf eine Kritik ein
nach der es im wesentlichen deren Interpretation von Menschenrechten ist, welche sich die Nato auf ihre Fahnen geschrieben hat
und der sie im Bruch mit dem geltenden Völkerrecht mit militärischen Mitteln Geltung verschaffen will? Vor allem von afrikanischen, asiatischen, chinesischen Wissenschaftlern, Intellektuellen
und Politikern wird der individualistische Charakter der Menschenrechte mit drei Argumenten kritisiert: Es gelte, (1) gegenüber
dem prinzipiellen Vorrang von Berechtigungen die Pflichten zu betonen; dies zwinge dazu (2), eine kommunitaristische Rangordnung der Menschenrechte vorzusehen, um auf diese Weise (3) der
Priorität des Gemeinwohls und der gemeinschaftlichen Werte gegenüber einer primär negativen, individualistischen Menschenrechtsordnung Geltung zu verschaffen. Was geschieht, wenn eines
Tages das Militärbündnis einer anderen Region - sagen wir in
Asien - eine bewaffnete Menschenrechtspolitik betreibt, die sich
auf eine Interpretation von kommunitaristisch geprägten Menschenrechten beruft?
Damit entsteht allerdings eine gefährlich-heilige Verwirrung: Die
zwei Bilder der Weltgesellschaft, die eine, die dem nationalen Blick
gehorcht, und die andere, die dem kosmopolitischen Blick gehorcht - nämlich zum einen Weltgesellschaft als nationalstaatlicher
Fleckerlteppich (also die Summe der souveränen Nationalstaatsgesellschaften), zum anderen die eine, zugleich individualisierte und
globalisierte Weltgesellschaft als kosmopolitische Menschenrechtsordnung -, treffen aufeinander. Aber- und dieser Gedanke ist nicht
weniger zentral - wir haben es in beiden Fällen zugleich mit einer
bestimmten Weltmachtordnung zu tun. Das heißt, der Grundsatz,
Menschenrecht bricht Völkerrecht, muß nicht nur als Werteordnung, sondern auch als Machtordnung begriffen werden. Wer diesem Grundsatz Geltung verschaffen will, setzt nämlich zweierlei
voraus: erstens das Ende des Kalten Krieges, also der bipolaren
Weltordnung, und zweitens die militärisch-politische Hegemonie
der USA.

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2

Der Neonationalismus des Internationalen

Die Legitimationsfrage hat es in sich. Sie schwelt auch, wie der IrakKrieg lehrt, nach einem militärischen Sieg weiter. Wie kaum ein
zweites Ereignis hat das Zwitterwesen des illegal-legitimen Krieges
die Weltöffentlichkeit zugleich alarmiert und individualisiert: Jeder
einzelne sah sich gleichsam vor die existentielle Entscheidung zwischen Krieg und Frieden gestellt und geriet so in die Strudel der
moralischen und politischen Dilemmata oder konnte auf die verfügbaren Pauschalangebote zurückgreifen, um so oder so die neue
Eindeutigkeit des Dafür oder des Dagegen zu behaupten.
Aber die umstrittene Legalität hält die Legitimitätsfrage auch
nach dem erklärten militärischen Sieg offen, heizt sie immer wieder aufs neue an. Der amerikanisch-britische Alleingang war unter
anderem mit der Abwendung der aktuellen Gefahr begründet worden, daß der irakische Diktator Hussein über schnell zu aktivierende Massenvernichtungswaffen verfüge. Der Zusammenbruch
dieser Legitimation hat deutlich werden lassen, daß die Illegalitätsvermutung, auch nach dem offiziellen Ende des Krieges, die Legitimitätsfrage explosiv auflädt; und dies gilt national ebenso wie
international, »innenpolitisch« wie »außenpolitisch« (wobei diese
Teilweltöffentlichkeiten schwer gegeneinander abzudichten sind).
Anders gesagt: Der fehlende globale oder wenigstens westliche
Rechts- und Verfahrenskonsens im Irak-Krieg verwandelt die illegale Legitimität in ein Open-end-Thema, in dem »Niederlagen«
(Tag für Tag US-Pressemeldungen über in Scharmützeln getötete US-Soldaten) und »Erfolge« (Schneckenfortschritte in der
Demokratisierung) die Explosivität der Frage nach der Legitimität
des Krieges auch an den empfindlichen, sprich: wählerwirksamen
Nahtstellen der Innenpolitik erhöhen. Auch hier wird wiederum
erkennbar, wie US-militärische Alleingänge eine unerwünschte,
ungewollte Nebenfolgen-Kosmopolitisierung in Gang setzen und
halten.
Die Welt ringt um neue Regeln der Weltinnenpolitik. Das Gründungsprinzip der Vereinten Nationen war die unverletzliche Souveränität der Nationalstaaten. Doch in der Einen Welt, deren Bestand durch transnationalen Terrorismus, die Klimakatastrophe,
globale Armut und entgrenzte kriegerische Gewalt gefährdet ist,

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garantiert dieses Prinzip nicht mehr den Frieden, also die innere
und äußere Sicherheit der Staaten und Gesellschaften. Es schützt
weder die Bürger vor der tyrannischen Verletzung ihrer Rechte
noch die Welt vor der terroristischen Gewalt.
Die Ambivalenzen im Übergang zur Zweiten Moderne, die
mit der Völkerrechtsordnung bricht, machen widersprüchliche
Stellungnahmen zum Irak-Krieg in soziologischer Perspektive »erwartbar«: Wo eine ganze Weltordnung ins Zwielicht gerät, werden die unbeantwortbaren Fragen, die unentscheidbaren Entscheidungen auf die Individuen zurückverlagert; und das Ergebnis ist
eine innerindividuelle Zerrissenheit, wie sie die modernen, hochindividualisierten und expressiven Gesellschaften am Beispiel des
Irak-Krieges erfahren haben.
Gerade deswegen ist entscheidend, wie das Verhältnis zwischen
Recht und Gewalt in den internationalen Beziehungen kurzfristig
und langfristig geregelt werden soll und wird. Um den globalen
Gefahren entgegenzutreten, muß das internationale Recht gestärkt
und für die Herausforderungen einer kosmopolitisch werdenden
Welt geöffnet, nicht jedoch auf den Müllhaufen des Kalten Krieges
geworfen werden. Mit und nach dem Irak-Krieg ist ein historischer
»moment of decision« entstanden, der sich bereits mit dem Fall
der Berliner Mauer und dem Ende des Kalten Krieges angekündigt
hatte und der seit den Terroranschlägen des 11. September 2001 am
Horizont schimmert. Die Entscheidungen über Reformen, die in
den kommenden Jahren getroffen werden, formen die weltpolitische Geographie für Jahrzehnte. Wir erleben die entscheidenden
Augenblicke, in denen die Nationen die Wahl haben zwischen einem kosmopolitischen Regime, das die Werte der Modernität so
auslegt, daß den neuen Bedrohungen wirksam begegnet werden
kann -, und der Rückkehr zu einem Hobbesschen Kampf aller gegen alle, wobei die militärische Gewalt globales Recht ersetzen
würde.
Die USA haben im Herbst 2002 eine neue »nationale« Sicherheitsstrategie verkündet, die nichts anderes ist als das Handbuch
der amerikanischen Weltinnenpolitik, der Pax Americana, an das
sich von nun an Feinde wie Freunde Amerikas zu halten haben.
Dokumentierte das Kommunistische Manifest des 19. Jahrhunderts
eine Revolution von unten, so kommt das national-kosmopoliti189

sche Manifest des Global America am Beginn des 21. Jahrhunderts
einer regierungsamtlichen Revolution von oben nahe. Dieses in
die Zukunft weisende Dokument, das mit unglaublicher Selbstverständlichkeit innere und globale Sicherheit gleichsetzt, kann gelesen werden als die Magna Charta eines amerikanischen antikosmopolitischen Kosmopolitismus.
Die Alternative zwischen Isolationismus und Multilateralismus,
die bislang die Pendelschläge der US-amerikanischen Außenpolitik
bestimmte, wird verworfen. Auslöser dafür war die Schockerfahrung des 11. September. Diese besagt: Aus Gründen der inneren
Sicherheit müssen die USA sich als globale Ordnungsmacht etablieren. Es ist eine Vorwärtsverteidigung gegen die terroristische
Gefahr erforderlich. Der amerikanische Nationalkosmopolitismus
besagt, daß sich die amerikanische Demokratie nur als universale
Demokratie bewahren läßt, wenn diese sich also langfristig auf dem
ganzen Globus ausbreitet.
Das kosmopolitische Amerika (das dokumentiert auch der Text
der global-nationalen Sicherheitsstrategie) besitzt eine Wahlverwandtschaft zu Amnesty International: Die amerikanische MegaMacht wirft ihr Gewicht in die Schale für die globale Durchsetzung
von Menschenrechten und Demokratie. Allerdings ist dieser Kosmopolitismus amerikanisch halbiert. Die Anerkennung des Anderen meint nicht die Anerkennung der Andersheit des Anderen, sondern der Gleichheit des Anderen. Diese absolutistische Variante des
amerikanischen Universalismus läuft letztlich auf die Vermutung
hinaus: Der wirkliche Moslem ist der amerikanische Moslem. Wenn
sich Moslems, Afrikaner, Araber, Chinesen und Frauen un-amerikanisch oder gar anti-amerikanisch verhalten, dann sind sie unautorisiert, befangen in ihren »anti-amerikanischen Vorurteilen«, latent »rassistisch« und in jedem Fall Gefangene eines »antiquierten«
Selbstbildes.
Dasselbe Muster eines halbierten (Anti-)Kosmopolitismus zeigt
sich auch daran, wie die US-Regierung das zweitmoderne Problem
überlappender und miteinander verwobener Souveränität »löst«:
Es wird das Bild einer Welt entworfen und danach gehandelt, in der
eine Nation eine Super-Souveränität hat (man rate, welche), während allen anderen Nationen nur bedingte Souveränität zugewiesen
wird. Daß die Grenze zwischen national und international zerfällt,
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wird im Sinne eines »amerikanischen Neonationalismus des Internationalen« aufgelöst. Das anti-kosmopolitische Moment liegt also
darin, daß die US-Regierung sich in absolutistischer Manier über
die Gesetze stellt, deren Befolgung sie von allen anderen Ländern
und Regierungen notfalls mit Gewalt einfordert. Damit gefährdet
sie jedoch nicht nur die Legitimität, sondern auch die Effektivität
ihrer Interventionen. Beispielsweise weil die USA es strikt ablehnen, sich selbst den Abrüstungsnormen zu unterwerfen, an deren
globaler Einhaltung sie ihr (militärisches) Engagement orientieren,
zerstören sie die vertragliche Sicherheitsarchitektur, die auch für
amerikanische Bürger letztlich den einzigen Schutzschild darstellt.
Auch wird der Widerspruch, sich für die Sache der Demokratie notfalls militärisch weltweit zu engagieren, dabei jedoch die demokratische Mitbestimmung und Absprache mit den Verbündeten in den
Wind zu schlagen, sich innenpolitisch auf die Dauer nicht verheimlichen lassen. Kollidiert dieser hegemoniale Unilateralismus doch
mit Amerikas Selbstbild einer anti-kolonialen Nation.

Zwei Optionen: Krieg oder Vertrag
Die Bekämpfung des staatlich genährten Terrorismus mitsamt den
Gefahren, die von chemischen, biologischen und atomaren Waffen ausgehen, kann immer mittels zweier aufeinander angewiesener
Wege erfolgen: der Kriegsoption und der Vertragsoption, das heißt
der Eindämmung und rechtlichen Einhegung der explosiven Konflikte, die die internationale Stabilität und damit auch die Sicherheit
der westlichen Wohlfahrtsländer bedrohen.
Die Positionen Amerikas und Europas, die scheinbar völlig unvereinbar sind, ergänzen einander näher betrachtet dadurch, daß
sie sich wechselseitig kritisch beleuchten. Die europäische Option
»make law not war« kann nämlich umgekehrt zu einer sozialromantischen Lebenslüge werden, wenn die militärisch-sicherheitspolitische Komponente ausgeklammert wird. Genau diesen Mangel
deckten die Balkankriege auf: Schon Gewaltkonflikten auf ihrem
eigenen Kontinent stehen die Europäer hilflos gegenüber.
Die Überwindung der kriegerischen Blutgeschichte Europas
kann zu dem Fehlschluß verleiten, allein eine pazifistisch gewen191

Diese Nicht-Existenz Europas hat einen schlichten Grund: Es gibt keine europäische Eingreiftruppe . Sie wird eine Antwort auf die Gretchenfrage nach der Autorität gemeinsamer Institutionen verlangen. nicht aber als Militärmacht gegründet wurde. ausgerechnet vom US-Militär erobert wird: Das Pentagon hat die Legitimationskraft der Weltprobleme entdeckt und versucht nun. Mit und in der Weltrisikogesellschaft ist eine autonome Quelle der weltpolitischen Legitimation von Herrschaft entstanden. die Weltprobleme lösen zu können. und zwar im kollektiven Verzicht auf Gewaltmittel. sondern stärkt. Darüber täuscht Europa sich gerne hinweg: Ohne die militärische Hegemonie der USA wäre die Sozialromantik der europäischen Versöhnungspolitik schnell ausgeträumt. vielleicht kommt sie in Kürze. wird eine Außenpolitik der Europäischen Union möglich. Globale Akteure . Daß globale Gefahren transnationale Gemeinsamkeiten stiften können. geschweige denn andere vor den Gefahren des massenmörderischen Terrorismus schützen können. daß Kompetenzen nach Brüssel abzugeben sie nicht schwächt. nicht zuletzt auch Konzerne können sich darauf berufen. daß der Anspruch.Staaten genauso wie advokatorische Bewegungen. solche Gefahr abzuwenden. Mit den Wahnsinnsbildern von New York am 11. ist auf diesem Weg ein notwendiger Antrieb. Die Militärweltmacht 192 . Und auch mit einer solchen militärischen Komponente wird die Europäische Union sich niemals selbst. wenn die Hauptstädte erkennen.und erleben es jetzt als irritierend.jedenfalls noch nicht. Die Übermacht der USA hat auch ihre innereuropäische Ursache.dete Polit-Ökonomie führe zu Versöhnung und Frieden. Eine europäische Außenpolitik wird es nur dann geben können. Umwelt. Selbstgefährdungen der Menschheit abzuwehren oder doch diesen entgegenzuwirken. Erst dann. daraus Nutzen zu ziehen. die diesen Namen verdient. die als Wirtschafts-. September 2001 sah sich die militärisch und wirtschaftlich mächtigste Nation der Welt von der Mehrheit der Menschen schockartig. weil diese politische Wendung den Einfluß aller EU-Staaten in der Welt vergrößert.und Friedensaktivisten zehren davon in besonderer Weise . gleichsam per Akklamation ermächtigt. Deshalb demontieren militärische Konflikte die Europäische Union. wenn dieser Mangel eingesehen und behoben wird.

Das ist letztlich der einzige Weg. gibt es kein Recht. die Saddam Hussein keine andere Chance ließ.3 Militärischer Humanismus oder das Paradox der Drohung mit Krieg Der weltweite Konflikt. Wir haben es mit einer Quadratur des Kreises zu tun: Wie können Recht. der jahrelang die UNO-Waffeninspektoren an der Nase herumgeführt hatte. daß mit der Perfektionierung der Kriegsdrohung verbunden werden kann. Diese Alternative beruht auf der gefährlich abschüssigen Unterscheidung zwischen Krieg und Kriegsdrohung und auf der nicht weniger abenteuerlichen Dialektik. Warum? Es ist die überwältigende US-Militärmacht. legitimiert durch die Repräsentanz des globalen Rechts. was sich ausschließt: ein despotisches Regime zu stürzen und den Krieg zu vermeiden. 5. Hier leuchtet eine Alternative auf zu entweder Krieg oder Status quo. Wenn kosmopolitisches Recht nicht durchgesetzt werden kann. unter Mißachtung weltöffentlicher Legitimitätserwartungen erfolgt. hat sich vor dem Einmarsch der Amerikaner vom Saulus zum Paulus verwandelt und den Inspektoren die zuvor verschlossenen Türen geöffnet. aussehen sollte. Auch eine kosmopolitische Weltordnung wird auf Gewaltmittel nicht verzichten können. und über diese Alternative wurde bislang nicht systematisch nachgedacht: eine Politik der militärischen Bedrohung. Gewalt und Frieden in einer Zeit globaler Gefahren aufeinanderabgestimmt werden? Der Despot Saddam Hussein.USA erschließt sich im terroristischen Risiko eine Quelle für einen globalen Populismus der Gefahrenabwehr. die friedlich die Welt verändert. um die Dilemmata der illegal-legitimen Kriege zu mildern. Das kann man vielleicht als »militärische Aufklärung« begreifen: Nur das bedingungslose Ausspielen einer multi- 93 . wo die Anwendung postsouveräner Gewalt nur national. wie eine Weltordnung. Es existiert allerdings auch dort kein Recht. wird zwei Prinzipien neu aufeinanderabzustimmen haben: Die Idee der nationalen wird zur Idee der kosmopolitischen Demokratie erweitert und umformuliert werden müssen. die dem Irak-Krieg folgt.

ihre mögliche »Friedlichkeit« beruht auf der Überzeugungskraft des drohenden Krieges. eines Tyrannen oder Despoten. kann .das ist die zentrale Paradoxie . Nach innen würde das Regime als despotisch bloßgestellt und nach außen. die das despotische Regime fürchten muß wie der Teufel das Weihwasser. von ihrer Drohgewalt abbringen läßt.den Einsatz militärischer Gewalt überflüssig machen. in der Weltöffentlichkeit würde die militärische Bedrohung legitimiert. Denn es gilt die Paradoxie: Die militärische Eroberung 194 . kann den friedlichen Regimewechsel herbeiführen. desto aussichtsloser ist jeder Versuch eines Diktators. wenngleich noch nicht freundschaftlichen. Je erbarmungsloser die Militärmacht auftrumpft. Wer beides will . nach innen und außen aufzuwerfen. auch nicht durch ihre Zwischenerfolge. Allerdings fallen die sogenannten »friedlichen Mittel« von Anfang an zusammen mit der unaufhaltsamen Vorbereitung eines Krieges. Einerseits also den militärischen Druck beibehalten. Ja. Dann ginge es nicht nur um Waffeninspektoren. Die Widersprüche dieser »militärischen Aufklärung« liegen auf der Hand. auch Amnesty International müßte Zugang zu den Gefängnissen verschafft werden. wenn es also zu spät ist. die den Menschen absolut verlogen erscheint. gelingt. Nur eine Kriegsrhetorik und Kriegsstrategie. also mit friedlichen Mitteln. daß dies allein mit der Androhung militärischer Gewalt. muß in Wort und Tat die Sprache der kriegerischen Weltverbesserung sprechen. desto wahrscheinlicher also ist. um die Legitimitätsfrage. Erst im nachhinein. die keinen Rivalen kennt. Die Kantsche Vernunftidee einer »friedlichen.die Welt zu einem besseren Ort umgestalten und den Krieg verhindern -. die sich durch nichts. andererseits den UNO-Auftrag erweitern auf schwerwiegende Menschenrechtsverletzungen. sich mit militärischen Mitteln gegen seine Entwaffnung zur Wehr zu setzen. wird durch die Renaissance der mittelalterlichen Doktrin vom »gerechten Krieg« unglaubwürdig gemacht. jedes Wenn und Aber verhindert bei Diktaturen die Einsicht in die Ausweglosigkeit. könnten sie sich als »friedliche Mittel« erweisen.nationalen Militärmacht. die untereinander in wirksame Verhältnisse kommen können«. jegliche Kompromißbereitschaft. Denn jedes Einlenken. durchgängigen Gemeinschaft aller Völker auf Erden.

Die Hoffnung. internen Zweifel und Spaltungen des Westens sich selbst sabotiert und damit in den Augen des Despoten ihren Biß. Das heißt.ist eine solche Drohpolitik schon deshalb zum Scheitern verurteilt.) Der Erfolg dieser Drohpolitik hängt erstens davon ab. ihre Effektivität verliert. Zweitens steht und fällt diese Strategie mit der weltpolitischen Isolation des jeweiligen Despoten. daß die jeweiligen Diktatoren. eine ausgeklügelte Begleitdiplomatie ist notwendig.das ist glasklar . schwache Diktatoren sind. den Übelhaupttätern und den Übelmittätern den Schlupfweg des Exils oder der Amnestie zu eröffnen. daß der Moment. für diese Drohpolitik gewonnen werden. kann sich allerdings als gefährliche Illusion erweisen.eines von einem Despoten tyrannisierten Landes kann in dem Maße verhindert werden. Mitbestimmung.mindestens latenten . sich im entscheidenden Moment offen gegen den Herrscher zu stellen. Deshalb müssen die Nachbarstaaten. die absolute Politik der Bedrohung und die Einsicht der Despoten in die absolute Aussichtslosigkeit jeglicher Gegenwehr voraus. Im Alleingang . Dann. sich also in einer . (Taktisch mag es nützlich sein. weil sie durch die weltöffentlich ausgetragenen. die auf das despotische Regime nach wie vor Einfluß ausüben können. je mehr das despotische Regime bereits in sich morsch ist. die prinzipielle Möglichkeit. Er benötigt auch transnationale Kooperation. gegen die sie sich richtet. Drittens ist die Wirkung der Daumenschrauben der Kriegsdrohung um so erfolgversprechender. der Moment ist. Dieser natürlich höchst fragwürdige »militärische Humanismus« setzt insofern nicht nur die absolute Übermacht. um das despotische Regime von jeglicher Koalitionsmöglichkeit zur Gegenwehr abzuschneiden. in dem der Krieg endet. in dem die militärische Eroberung so sicher wie das Amen in der Kirche ist. können die Waffen in der Entscheidungssituation leicht die Hände und die Fronten wechseln. zu einem verfahrenstechnischen Rechtskonsens zu kommen. in dem der Krieg beginnt.revolutionären Situation befindet. das über Atomwaffen verfügt. Nur ein Multi- 195 . ebenso wie gegen China. wenn die Macht der Despotie nur noch am seidenen Faden der verzweifelten Gleichgültigkeit der mehr oder weniger leidenden Bevölkerung hängt. So könnten die internen Eliten dazu ermutigt werden. Sie verbietet sich beispielsweise gegen Nordkorea.

ist moralisch und politisch problematisch. wenn sie sich gegen das Weltrecht stellt. und umgekehrt das unkriegerische Europa auch zur Militärmacht würde. Wenn dagegen das kriegerische Amerika einsähe. könnte das die atlantische Allianz neu begründen. ist in der Lage. daß auch die überlegenste Militärmacht nichts nützt. funktioniert nicht. wonach in einem Kriegspoker die Amerikaner den kriegslüsternen Sheriff spielen.und übersieht dabei beflissentlich die Schuld. die Europäer dagegen die friedensverliebten Richter. nach dem Krieg auch den Frieden zu gewinnen. der die nationalstaatliche Souveränität heiligt. Zwei Lehren erteilt der Irak-Krieg: Erstens. wie schwer es ist. die Arbeitsteilung der Weltpolitik. die Dosierung von (gespielter) Ungeduld und (verknappter) Geduld. Der europäische Protektionismus. bedarf sorgfältiger Abwägung und Abstimmung. die man dadurch auf sich lädt. Auch die Zeitpolitik. . daran wird deutlich. Zweitens. Die Gegenposition der nur Friedfertigen (Europäer) hat einen doppelten Pferdefuß: Sie schützt die Tyrannen und torpediert die friedliche Demokratisierung der Welt mit der Politik militärischer Drohung. daß die Erfolgschancen mehr wachsen als die Risiken. den Druck so zu steigern und zu steuern.lateralismus. der auf die kooperative Kraft der Staaten und des Rechts setzt. wenn der Krieg das Kainsmal illegaler (Il-)Legitimität trägt. Man wäscht fast obsessiv seine Hände öffentlich in Unschuld . also auch eine kosmopolitisch eingestimmte Diplomatie. wir erleben die Paradoxien der Politik einer militärischen Bedrohung zur Entwicklung und Befriedung der Welt.

sich dabei jedoch jede Art von Mitsprache anderer Länder und Regierungen verbietet? Auf der anderen Seite erwächst die Gefährlichkeit des globalen Doppeldenk aus 197 .Kapitel V Krieg ist Frieden: Ü b e r den postnationalen Krieg In George Orwells Roman 1984 bedient sich das Regime des Großen Bruders der drei Slogans »Krieg bedeutet Frieden. das heißt eine schizophrene Denkweise. auf die Zweite Moderne übertragen: Kategorien und Institutionen einer postnationalen. Wer stört sich noch daran. kosmopolitischen Ordnung zu kreieren. Unwissenheit ist Stärke« (Orwell 1950: 7). daß sich durch das Doppeldenk die etablierten Gegensätze transzendieren ließen . Freiheit ist Sklaverei. Das Doppeldenk hat dadurch eine gänzlich neue Dimension gewonnen.) des Wahrheitsministeriums gemeißelt. Diese Wahlsprüche der alles dominierenden Partei sind »in schönen Lettern in die weiße Front« (ebd. die das Doppeldenk aufschließt. in der Worte wie »Frieden« oder »Demokratie« zwei einander ausschließende Bedeutungen haben können. wie weit es inzwischen in »Ozeanien« fest institutionalisiert und ins Selbstverständnis der Politik und des Alltags abgesunken ist. sie symbolisieren das »Doppeldenk« als Grundlage allen Handelns.also. daß die »Verteidigungsministerien« des Westens Kriege führen oder die »Justizministerien« ihre vordringliche Aufgabe darin sehen. Diese Ambivalenz einer Art »Meta-Doppeldenk« liegt diesem Kapitel zugrunde. zugleich scheint ihn fasziniert zu haben. daß es sich nun im globalen Rahmen und Raum entfaltet. die Menschenrechte systematisch abzubauen? Oder daß die amerikanische Regierung die Werte der Demokratie mit Feuer und Schwert verbreitet. Jenes gewinnt erst durch dieses seine wirklich beängstigende Bedrohlichkeit: die Gefahr der grenzenlosen Manipulation des menschlichen Daseins durch die Einsicht in die Notwendigkeit neuer Kategorien für eine entgrenzte Welt. Auf der einen Seite ist es erschreckend. Orwell war zutiefst abgestoßen von den manipulativen Herrschaftsräumen.

ob der Ideenschatz des normativen Kosmopolitismus politische Antworten auf die sich selbst gefährdende Zivilisation enthält (siehe Einführung und Erster Teil). um klar zu trennen zwischen der Frage. die Verantwortung. daß die erfolgreiche Institutionalisierung des kosmopolitischen Regimes. trotz seiner militärischen Niederlage im Zweiten Weltkrieg. durchaus nicht verschwunden ist. das dem Ziel dient. um das Zusammenleben in der interdependenten und sich selbst gefährdenden Zivilisation zu gewährleisten und zu regeln. warum die Wirklichkeit kosmopolitisch geworden ist. Südamerikaner rein indianischer Abstammung. Damit stellt sich die Frage dieses Kapitels: Inwieweit ist es die kosmopolitische Verantwortung. wenn diese dystopische Hölle der Zweiten Moderne nicht aus dem Zukunftsszenario ausgeschlossen. den Weltfrieden zu sichern. Schwarze. und der Frage. daß die kosmopolitische Gesellschaft neuer Institutionen bedarf. das Völkerrecht in seinen Grundlagen zu revidieren.fruchtbar.dieses Doppeldenk möge der Menschheit erspart bleiben. So ist es die Notwendigkeit. ausbaufähig. Ein 198 . nämlich der Paradoxie. offen für klärende Kontroversen. die dem Doppeldenk »Krieg ist Frieden«. Auch Rassendiskriminierung gibt es jenseits von Krieg und Frieden im Empire des Großen Bruders nicht mehr. sondern von einem neuen Orwell ausgemalt wird. Orwell begriff schon 1948. die neuartige kriegerische Verwicklungen heraufbeschwört? Dieses Buch führt eine Unterscheidung ein zwischen politischem und analytischem Kosmopolitismus oder zwischen philosophischem Kosmopolitismus und kosmopolitischem Blick.so hoffe ich gezeigt zu haben . daß Faschismus. die an nationalen Grenzen nicht endet. Dies kommt in der hellsichtigen literarischen Konstruktion zum Ausdruck. Vielleicht vermag dazu beizutragen. In den höchsten Rängen der Partei finden sich Juden.der Einsicht. Der normativ-politische Kosmopolitismus dagegen muß sich gleich zu Beginn einer unbequemen Wahrheit stellen. Der Begriff des empirisch-analytischen Kosmopolitismus ist . »Diktatur ist Demokratie« alle Grenzen öffnet. nach der das Regime des Großen Bruders ein »post-rassistisches« ist. diskutabel. genau das Gegenteil heraufbeschwört: die Legitimierung und Legalisierung des Krieges. Faschismus ist Demokratie .

daß mit dem Ende von Kriegen zwischen Staaten auch der Krieg zu Ende gehe und ein Zeitalter des Friedens anbräche. Welthegemonie oder Weltrecht Die Hoffnung. Nicht das Monster Krieg ist besiegt worden.selbstkritischer Kosmopolitismus muß sich also mit der perversen Vermutung auseinandersetzen. Dann werden zwei Schlüsselmerkmale des postnationalen Kriegs drittens die Ambiguität von »Menschenrechtskriegen«. daß mit dem Segen des Rechts Kriege »gerecht« und wahrscheinlicher werden.»Pax Americana« und »globale Kosmopolis« einander gegenübergestellt. Pax Americana oder globale Kosmopolis. Beck 2002 a. Schlußkapitel). viertens die Ambiguität von »Kriegen gegen den Terrorismus«. Zweitens wird die Unterscheidung von nationalem Staatenkrieg und postnationalem Krieg präzisiert. Diese negative »Begründung« des normativ und politisch gewendeten Kosmopolitismus. Aus dem Verschwimmen der Unterscheidungen folgt: 199 . Militär und Polizei . »Neue Kriege« (Kaldor 2000. In einem fünften Argumentationsschritt werden die nationale. die Rechte der Anderen anzuerkennen und zu schützen. die dazu führen soll. Feind und Freund.entfaltet. es hat seine Fratze verändert. trägt dazu bei. 1. internationale und kosmopolitische Perspektive auf die Modelle der neuen Weltordnung in ihren Konsequenzen durchdacht und miteinander verglichen.Krieg und Frieden. die nicht weniger geworden sind. neue hinzu. soll hier in fünf Schritten dargelegt werden: Erstens werden zwei Weltordnungsmodelle . Beck/Lau 2004): Die Grenzen zwischen den scheinbar anthropologisch gesicherten Dualen . hat sich als Illusion erwiesen. Wurden die alten zwischenstaatlichen Kriege irgendwann durch den Sieg einer Seite beendet. Krieg und Verbrechen.verwischen sich. die da lautet: Die Rechtsordnung. Zivilgesellschaft und Militär. die den scheinbaren Umweg der Selbstund Ideologiekritik wählt (vgl. und sie fügen den Grausamkeiten. so sind die Kriege neuen Typs räumlich und zeitlich entgrenzt. Münkler 2002) wurden und werden geführt. Auch hier gilt das Gesetz reflexiver Modernisierung (Beck/Bonß/Lau 2001.

daß Staaten sich zusammenschließen. in welchen nicht die »Sonne« eines Weltstaates regiert.vor. so herrscht hier das Prinzip der Gleichheit . was die zwischenstaatlichen Beziehungen betrifft. auf der einen Seite. zum anderen aus der Globalität der Gefahren und des Menschenrechtsbewußtseins. »humanitäre Interventionen« zu ermöglichen. nationalstaatliche Souveränitätsordnung aufzuheben mit dem Ziel. die häufig verdeckt bleiben. Beruhte der klassische Krieg der Ersten Moderne auf dem Gewaltmonopol des Staates. daß es gravierende Ungleichheiten zwischen Staaten gibt . durch Wort und Tat die alte völkerrechtliche.der Kooperation . um Menschenrechtsverletzungen in anderen Staaten zu verhindern oder zu beenden. Vorweg sei bemerkt: Bei allen Gegensätzen sollte man die Gemeinsamkeiten. föderales System von Staaten.durch Terroristen. letzteres meint ein planetarisches. dort das Prinzip der Hierarchie. Afrika. also nicht zuletzt daraus. entsprechend plädieren sie dafür. Zwei konkurrierende Modelle der globalen Sicherheitspolitik im Zeitalter zivilisatorischer Gefahren zeichnen sich ab. auf der anderen Seite verfallende Staaten. das alternative Modell kann man als globale Kosmopolis bezeichnen. Im System der Pax Americana wird davon ausgegangen.»Wir«. Nordamerika) »Kristallisationspunkte« bilden. Das eine Weltordnungsmodell firmiert unter dem Namen Pax Americana. die eine Zentralisierung der Macht ermöglichen und ausbalancieren. Die Unterschiede zwischen Pax Americana und globaler Kosmopolis beruhen auf zwei sich ausschließenden Ordnungsmodellen: Herrscht. kooperative Staatenbündnisse (Europa. Diktaturen. nicht übersehen und nicht unterschätzen: Beide Weltordnungsmodelle variieren das Prinzip globaler Verantwortung.Der »postnationale Krieg« (Beck 2000) ist unberechenbar geworden. die Freiheit und Demokratie repräsentiert. der Kooperation mit 200 . begründen und legitimieren neue Formen des Krieges. sondern regional-kontinentale. Wir haben es mit einer schwarzen Variante der Zauberlehrlings-Paradoxie zu tun: Die Mittel. die Frieden stiften sollen. die westliche Staatengemeinschaft. Warlords -. Asien. so resultiert die Entgrenzung des Krieges zum einen aus der Entmonopolisierung und Privatisierung organisierter Gewalt . Südamerika.

höchstens primus inter pares. Um diese zu bekämpfen. Die Vereinigten Staaten sind prinzipiell »gleich«. aber immer interdependenter und gefährlicher wird. müssen sie sich von alten und neuen Fesseln befreien. Hier wird das Modell der bürgerlichen Gesellschaft. Damit die USA diese Rolle innerhalb einer radikal ungleichen Staatenwelt übernehmen und ausfüllen können. Denn die einzige Macht. daß die Vereinigten Staaten die Vereinten Nationen ersetzen. in dem die Idee der Gleichheit herrscht. sind die Bedrohungen des Friedens diffus und unübersichtlich geworden. Die von Tocqueville allen Amerikanern bescheinigte Gleichheit wird auf das Verhältnis der Länder und Staaten projiziert. Das Prinzip der Kooperation. Zu diesen 201 . zugespitzt gesagt. insbesondere die militärischen Kräfte der Welt zu bündeln und sie auf die neuen Gefahren auszurichten. In diesem Sinne erklärt US-Präsident George W.Terroristen verdächtige »Schurkenstaaten«. weil die globale atomare Bedrohung nicht länger existiert. zur »bürgerlichen Weltgesellschaft« nach außen und ins Globale gewendet. militärisch und moralisch dem Rest der Welt überlegen. ist der Welthegemon USA (Speck/Sznaider 2003). Damit eröffnet sich für die USA die historisch einmalige Chance. ein internationales System des Friedens und der Fairneß zu schaffen. besagt: Amerika mag zwar die mächtigste Nation der Welt sein. das der globalen Kosmopolis zugrunde liegt. In einer Welt. Entsprechend läuft die Pax Americana (wenigstens mittelfristig). Die hier aufleuchtende Unterscheidung zwischen dem »Realismus« der Amerikaner und dem »Idealismus« der Europäer spielt im amerikanischen Selbstverständnis sowohl in der Politik als auch in der Politikwissenschaft eine Schlüsselrolle (Robert Kagan 2003). aber das ist nur ein quantitativer Unterschied. die nicht länger durch den ideologischen Gegensatz von Kommunismus und Kapitalismus gespalten ist. darauf hinaus. das auf den amerikanischen Werten der Freiheit und Demokratie beruht. »einzigartige« Weltmacht. die diese neue Weltordnung durchsetzen und garantieren kann. Angesichts dieser Weltlage ist das Postulat der Gleichheit aller Staaten aus amerikanischer Sicht schlechterdings unrealistisches Wunschdenken. Eine Prämisse lautet: Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion hat eine neue Ära begonnen. ist es notwendig. Amerika ist qualitativ anders. Bush die USA zur Hoffnung der Welt.

daß die USA niemals erlauben dürfen. Dementsprechend heißt es in der »Nationalen Sicherheitsstrategie der Vereinigten Staaten«.ist es notwendig.beansprucht die »einzigartige« Weltmacht ein VetoRecht. das Verbot von Präventivkriegen zu brechen. die notwendig ist. die das internationale Rechtssystem mit dem Ziel erarbeitet hat. Zugleich wird argumentiert . Mit der einzigartigen Aufgabe wird gerechtfertigt. Seine Geltung reicht zurück zum Völkerbund. zweitens das Prinzip der präventiven Kriegführung. liegt der Charta der Vereinten 1 Dieser Pakt wurde 1928 zwischen den USA und anderen Mächten geschlossen 202 . angesichts der diffusen Gefahren des Terrorismus. oder. auch im Internationalen Gerichtshof . to make the world a better place. das Herunterspielen des Sicherheitsrates. ihr Paroli zu bieten.einer konsequenten Fortsetzung des amerikanischen Kosmopolitismus nach dem Zweiten Weltkrieg . dazu gehören das Abkommen über die Nichtweiterverbreitung von chemischen und biologischen Massenvernichtungswaffen. dem Kellogg-Briand-Pakt 1 . In der Konsequenz dieser hegemonialen Rolle liegt es. daß die militärische Macht der USA stark genug sein muß. die den Welthegemon rechtlich fesseln und die Mitsprache anderer Staaten verlangen. präventiv militärisch zu intervenieren. eine Basisregel. daß zwei weltweit äußerst umstrittene Prinzipien verfochten werden: erstens das Prinzip der präventiven Verhinderung von Rivalen. Wenn die einzige Hoffnung der Welt eine auf Dauer gestellte Pax Americana ist. um potentielle Rivalen davon abzuhalten. daß ihrer Übermacht die Stirn geboten wird. bewaffnete Konflikte einzudämmen. daß sie für sich das Recht beansprucht. dann schließt dies ein. der auf seine ursprüngliche Funktion einer globalen Mutter Teresa zurückgestutzt werden soll. Die neue Entschlossenheit der US-Administration zeigt sich also nicht zuletzt darin. in der Sprache Wilsons: the world must be safe for democracy. Diese Selbstbefreiung Gullivers von den Fesseln internationaler Verträge und Institutionen wird als Ausdruck der Entschlossenheit gefeiert. daß die USA zentralen internationalen Verträgen die Unterschrift und die Unterstützung verweigern.gehört das Prinzip der Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten souveräner Staaten sowie alle internationalen Verträge und Institutionen.

nach den Prinzipien eines kosmopolitischen Regimes. der Staaten und internationalen Organisationen. ausgestattet mit einer ständigen militärischen Friedenstruppe und fähig. er wurde auch in den Nürnberger Prozessen zur Anklage gegen die Elite von Nazi-Deutschland verwendet.auch gegenüber dem Welthegemon USA. Das territoriale Selbstverständnis der Nato. wie gesagt. Norden und Süden speisen. ihre Bindung an einen Angriff auf die europäischen Staaten. darauf wäre ein Weltrecht abzustimmen. das auf der Anerkennung der Andersheit Anderer. Die widersprüchlichen Prinzipien von Vertikalität und Horizontalität spiegeln sich in der Tat in den Gegensätzen zwischen Pax und ächtet den Angriffskrieg. Das schließt beispielsweise so etwas wie eine vetofreie U N O ein. religiöser Intoleranz. die als globales Parlament fungieren könnte. eine weltweite Abrüstung durchzusetzen. Die Nato-Staaten sollen umrüsten und »fit« gemacht werden. dem Chaos zerfallender Staaten und aus der Privatisierung der Gewalt entstehen. die das Zusammentreffen von Armut. auf dem Gleichheitsprinzip der Staaten und betont entsprechend die Bedeutung des Welt(bürger)rechts . entgegentreten zu können. ebenso gerüstet zu sein wie für Gewaltausbrüche und Terrorismus. Eine solche militärische Definition der Weltlage schließt ein.Nationen zugrunde. das verfahrenstechnisch Mitbestimmungsmöglichkeiten der kontinentalen Machtbündnisse ebenso vorsieht wie ihre Verpflichtung auf ein gemeinsames Handeln. daß die Rollen der Akteure. beispielsweise der Nato und der Europäischen Union. Das alternative Weltordnungsmodell der globalen Kosmopolis beruht demgegenüber. neu ausgehandelt und ausgerichtet werden müssen. die aus der internationalen Anarchie. Die globale Kosmopolis soll schrittweise verwirklicht werden durch eine entsprechende Reform des Völkerrechts und der internationalen Organisationen. die sich aus den ökonomischen Disparitäten zwischen Zentrum und Peripherie. Rassenhaß und Amerikafeindlichkeit sowie ethnischen Staaten und Bürgerkriegen auslöst. wurde wiederholt von der UN-Vollversammlung bestätigt. insbesondere multipler Modernen beruht. 203 . Diese Verbotsnorm macht die von den USA für sich beanspruchte »präventive Selbstverteidigung« illegal. um für die Weltturbulenzen. um den wachsenden Gefahren. insbesondere der Vereinten Nationen. muß aufgehoben werden.

um sie zu ändern« (Kermani 2003: 3). in der globalen Kosmopolis dagegen die Politik.Americana und globaler Kosmopolis: globaler amerikanischer Unilateralismus auf der einen Seite. Schwächung widerspricht Stärkung der Vereinten Nationen usw. der im Inneren wie im Äußeren die Werte. Multilateralismus auf der anderen Seite. Was im Sommer 2003 beispielsweise die Situation des Iran betrifft. könnte Europa die Vereinigten Staaten »für eine gemeinsame. welche die Realitäten des Iran zur Kenntnis nimmt. Allgemein gesagt. Daß zwischen diesen Visionen einer neuen Weltordnung ein unerbittliches Entweder-Oder herrscht. Wie weit die Gegensätze reichen und wo die Gemeinsamkeiten beginnen. hängen die Gemeinsamkeiten der zwei Weltordnungsmodelle davon ab. der mit militärischen Mitteln die Globalisierung der Demokratie verspricht und verficht. für die sich auch manche Politiker der Regierung Bush einsetzen: eine Politik. der alles andere als erhaltenswert ist. Zum anderen erhebt sich die Frage. sich den erbarmungslosen Fakten einer am Rande des Abgrunds balancierenden Welt zu stellen. hängt gewiß auch davon ab. die er verkündet Demokratie und Freiheit -. Was das Verhältnis der zwei Weltordnungsmodelle zueinander so kompliziert und damit auch zu einer unerschöpflichen (und unerquicklichen) Quelle transnationaler Mißverständnisse macht. Damit sind die wechselseitigen Diskriminierungen vorgezeichnet: Diejenigen . In den Augen der anderen droht die Hegemonialmacht USA zum »Kriegsverbrecher« zu werden.sagen wir ruhig Europäer-. Die einen wollen »Politik« zum Grundsatz der neuen Weltordnung machen. Die US-Regierung dagegen trifft autonom die Unterscheidung zwischen Freund und Feind. kann sicherlich ausgeschlossen werden. wie »realistisch« die Euro204 . verrät. sind zum einen die Schwächen beider Modelle: In der Pax Americana verschwindet die »civil society«. entpuppt sich als »Weltrevolutionär«. ihnen fehlt die Bereitschaft. lassen die notwendige Entschlossenheit vermissen. die anderen die »Gesellschaft der Gleichen«. realistische Iran-Politik gewinnen. Abbau versus Ausbau des Weltrechts. die eine erstarkte U N O wollen. wie prinzipiell oder wie pragmatisch die Positionen verfochten werden. Europa als Verfechter des globalen Kosmopolitismus steht (ungewollt?) als Hüter eines Status quo da. ob beide Modelle sich tatsächlich ausschließen.

als eine neue heterogene »globale Klasse« (Skiair 2001) (bestehend aus europäischen und außereuropäischen Regierungen. Dies gilt um so mehr.) damit beschäftigt ist. einer offenen kosmopolitischen Gesellschaft. Über den postnationalen Krieg Die postnationalen Kriegsformen der Zweiten Moderne bedeuten nicht. 2. Staatenkriegen und postnationalen »kriegerischen Interventionen« für humanitäre Zwecke oder als Prävention gegen terroristische Attacken klar zu unterscheiden. den Militärs und der US-Administration. im Gegenteil notwendige Bedingungen einer globalen Liberalität. der als solcher anerkannt wird: Der Feind ist Feind und nicht Verbrecher. Feind und Verbrecher. Vielmehr entstehen neue. In der alltäglichen (Welt-)Politik konkurrieren verschiedene Fraktionen der »globalen Klasse« darum. neben den fortbestehenden »alten« Kriegen zwischen Staaten. nämlich postnationale Kriege zusätzlich. Im übrigen: Gegensätze sind kein Verbrechen. den sich selbst gefährdenden Globus neu zu ordnen. daß der klassische Krieg zwischen Staaten abgeschafft ist. ohne Opposition abläuft. was früher die Eliten für den Nationalstaat leisteten: eine wohlgeordnete Gesellschaft zu schaffen.päer und wie »idealistisch« die Amerikaner bereit sind zu werden. analytisch zwischen alten und neuen Kriegen. Im205 . wie für die Weltgesellschaft das erreicht werden kann. Das klassische Kriegsrecht legt die Unterscheidungen zwischen Krieg und Frieden. Der Krieg ist demnach eine Angelegenheit zwischen Staaten. aber auch Akteuren der globalen NGOs. Soldat und Zivilist fest und definiert auf diese Weise den Typus des Staatenkrieges der nationalstaatlichen Ersten Moderne. drückt sich darin auch der Respekt vor dem Feind aus. Für die Zwecke der historischen Klassifikation ist es allerdings erforderlich. daß postnationale zu nationalen Kriegen und damit sogar zu neuen Formen von Weltkriegen kulminieren. wäre eine Horrorvorstellung. der von staatlich organisierten Armeen geführt und beendet wird. Daß dies ohne Alternative. Wie Carl Schmitt (1963) betont. transnationalen Experten internationaler Organisationen usw. Es kann sogar nicht ausgeschlossen werden.

Der Zweite Weltkrieg war gleichzeitig beides. Der Krieg gegen die Juden und andere Minderheiten im Osten markiert schon die Auflösung des alten Staatenkrieges. es gibt politische Ziele.mer wieder wurde kritisiert. Bei aller Brutalität und organisierten Unmenschlichkeit beruht der durch das Kriegsrecht »gehegte« Staatenkrieg eben auf der wechselseitigen Anerkennung der leitenden Unterscheidungen: Infolgedessen werden die Optionen der enthemmten Brutalität. um ein Genozid in Jugoslawien zu verhindern? Handelte es sich um einen »Krieg« im Sinne eines Staatenkrieges? Um einen »Friedenskrieg«. Auch die Bombardierung der Zivilbevölkerung und die Debatte darüber in der Gegenwart gehörten hierher. bei dem die Nato (ohne UN-Mandat. wenigstens versuchsweise eingeschränkt. aber mit Zustimmung der Mehrheit der europäischen und amerikanischen Bevölkerung und Regierungen) Bombenangriffe flog. ob die für Staatenkriege geltenden Unterscheidungen und elementaren Rechte geachtet oder mißachtet wurden. sowohl Polizei als auch Militär. die den nationalen Staatenkrieg konstituieren. die den Krieg besiegeln: Die Büchse der Pandora klemmt. und es gibt Friedensverhandlungen. 206 . die die Moderne bereitgestellt hat. Es gibt einen Anfang und ein Ende. es gibt Grenzen dessen. sowohl Zivilist als auch Soldat. An die Stelle des EntwederOder tritt ein Sowohl-als-Auch . sowohl Verbrechen als auch Krieg. der formalisierte. Insbesondere an zwei Phänomenen tritt gegenwärtig diese grenzenübergreifende und grenzenmischende Postnationalität des »Krieges« hervor: der Verteidigung der Menschenrechte auf fremdem Boden sowie dem Versuch. der ein Verbrechen gegen die 2 Der Krieg Nazi-Deutschlands im Osten trug bereits die Merkmale des Vernichtungskrieges. weil das geregelte Abmetzeln feindlicher Soldaten nicht dadurch besser oder geläutert würde. der Enthemmung. was erlaubt ist.sowohl Krieg als auch Frieden. geregelte Krieg sei eine besondere Scheußlichkeit.2 Was kennzeichnet demgegenüber postnationale Kriege? Das Verflüssigen und Verflüchtigen der Basisunterscheidung. Wie läßt sich der Kosovo-»Konflikt« einordnen. daß es bestimmten Regeln gehorcht. kann nicht ohne weiteres sperrangelweit aufgerissen werden. Entsprechend gewinnt die kosmopolitische Erinnerung an den Holocaust (Levy/Sznaider 2001) eine paradigmatische Bedeutung. das globale Terrorrisiko mit militärischen Mitteln zu minimieren und staatlich zu kontrollieren. es hing von der Front und dem Feind ab.

So hat am 26. weil er weder im nationalen Interesse . deren Rechte von überstaatlichen Instanzen gegen »souveräne« Staaten geschützt werden müssen. Alles. Postnational ist dieser Krieg . Juni 2003 der Bundesgerichtshof in Karlsruhe eine Klage von vier Geschwistern abgewiesen. verunmöglicht die Durchsetzung des Menschenrechts. sondern Individuen. weil die Nato als Weltpolizist Ordnung stiftete ? Handelte es sich um einen »AntiKrieg«. auch innerhalb einzelner Staaten und möglicherweise gegen deren Widerstand. nämlich die unbegrenzte Souveränität souveräner Staaten. gegen einen Teil derselben hinter den Mauern der Souveränität und mit dem Anspruch auf Nichteinmischung anderer Staaten führte? Tatsächlich kommt der postnationale Krieg mit dieser Implosion klassischer Unterscheidungen auf die Welt.»die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln« .Menschheit stoppen. wo Bürgerkrieg wütete? Handelte es sich um einen »Polizeikrieg«. postnationalen Sowohl-Kriege-als-auchnicht-Kriege brechen mit der nationalstaatlichen Staat-gegen-StaatKriegsordnung der Ersten Moderne. Was klassische Staatenkriege ermöglichte. der den Vernichtungskrieg beendete. der seine Bürger schützen soll. Die daraus entstehenden »Post-Kriege«. Die nationalstaatliche Logik wird natürlich nicht automatisch außer Kraft gesetzt.ausgetragen wird noch aus alten Rivalitäten mehr oder weniger verfeindeter Nationalstaaten heraus verstanden werden kann. deren Eltern im Juni 1944 in Distomo in Griechenland von SS-Soldaten erschossen wurden. Insgesamt erschoß die SS dort im Juni 1944 218 207 . kann dem Menschenrecht gegen das von der Regierung gebrochene Staatsbürgerrecht Geltung verschafft werden. die die totale Verpflichtung von Staaten innerhalb nationaler Räume und die totale Entpflichtung jenseits nationaler Grenzen aufhebt. kann leicht zur Normalisierung einer neuen Art des Krieges werden.und damit nicht mehr in der Clausewitzschen Begrifflichkeit zu fassen -. Menschenrechte müssen über nationale Souveränitätsgrenzen hinweg garantiert und durchgesetzt werden. Es ist vielmehr die kosmopolitische Verantwortung. also Frieden stiften sollte. die postnationale Kriege ermöglicht. was die Nato-Angriffe auf Jugoslawien so verwirrend (il-)legitim macht. Nur wenn das Prinzip der staatlichen Souveränität eingeschränkt wird. Das Rechtssubjekt des kosmopolitischen Rechts sind nicht länger nur Staaten. den ein Staat.

um im Pulverfaß des Balkans oder der arabischen Welt uramerikanische wirtschafts.oder poststaatliche Kriege speisen sich nicht etwa. daß nach dem seinerzeit geltenden Völkerrecht nur Staaten. ansehen. verkennt nicht nur die Lage. Es entsteht eine neuartige. Derartige prä. der politikwissenschaftliche Neorealismus versagt. wie sehr die Menschenrechtspolitik (ähnlich wie die Durchsetzung der »freien Marktwirtschaft«) zur Zivilreligion. postnationale Politik des militärischen Humanismus.3 Anhand dieses Urteils stellt sich auch die Frage. genauer: des staatlichen Gewaltmittelmonopols. Die Verteidigung der Menschenrechte auf fremdem Boden kann sehr wohl mit geostrategischen. wissenschaftlich gewendet. weltgesellschaftliche Machtspiel nicht begreifen kann. die angesichts der Gefahr. Anspruch auf Reparationen wegen Kriegsverbrechen haben. in ihrem Gefolge Erhard Eppler (2002). zum Glauben der Vereinigten Staaten an sich selbst geworden ist. die von transnationalen Terrornetzwerken ausgeht.Männer.eine wesentliche Unterscheidung. Die Abweisung der Klage der Geschwister wurde damit begründet.und geopolitische Machtinteressen zu verfolgen. wirtschaftspolitischen und hegemonialen Interessen verquickt werden. Juni 2003. er übersieht auch. der Weltpolizist Nato oder USA täusche seine Rolle nur vor. wie meist unterstellt wird. Frauen und Kinder als Rache für einen Angriff von Partisanen. leicht verwischt werden kann. ist Gewalt nie staatlich monopolisiert oder privatisiert worden. mit denen wir uns parallel konfrontiert sehen. Mary Kaldor (2000). Das B G H beurteilte den Fall nach der 1944 geltenden Völkerrechtsprechung. Herfried Münkler (2002) und viele andere analysieren in diesem Zusammenhang die Privatisierung der Gewalt. Der Typus des postnationalen Krieges muß auch unterschieden werden von anderen Kriegsgründen. Wer glaubt. weil er das neue. und nicht Privatpersonen. aus uralten ethnischen Rivalitäten. wo Kriegshandlungen enden und Folter von Zivilisten beginnt . Der nationale Blick oder. Wo Staaten im europäischen Sinne nie entstanden sind oder zerfallen. sondern aus ei3 Aktenzeichen: III ZR 245/98 vom 26. Im übrigen gilt: Das eine schließt das andere nicht aus. 208 . Diese kann man als eine radikalisierte Neoliberalisierung des Staates.

was zu geschehen hat. (Paul Collier 2003) Es handelt sich also bei dem. die »Weltpolizei-Kriege« vom Zaun brechen.auch wenn diese Differenz im konkreten Fall sich oft verwischt. damit der Zustand frei fluktuierender Gewalt und daraus entstehender Kriegsgefahren überwunden werden kann. wie er von dem ägyptischen Denker Sayvid Outh vertreten wird. Vielleicht sind der radikale Islam. kann die Leitidee der Staatsbildung als Vorbild dafür dienen. steht die Vorstellung. um durchaus verschiedenartige Krisen staatlicher Gewaltorganisation und -anwendung. Im Falle postnationaler Kriege sind es dagegen die Siege hochentwickelter Staatlichkeit und die Siege der kosmopolitischen Empathie und des Menschenrechtsregimes. noch ist der transnationale Terrorismus notwendigerweise auf den radikalen Islam beschränkt. Sie folgt aber nicht dem Gewinnprinzip oder dem Marktprinzip. nicht jedoch auf hochentwickelte westliche Staaten. Weder ist der Islam als solcher terroristisch. und diese Pest greift auf andere Weltreligionen und Weltregionen über. die Abhilfe verspricht. was hier »postnationaler Krieg« genannt wird und was als »Vom Gewaltmonopol zum Gewaltmarkt« (so der Titel von Erhard Eppler 2002) analysiert wird. die moderne west209 . wie sie von Outh vorgetragen wird. das diese Ideenwelt umsetzt. Dies gilt auch für den »Krieg« gegen den Terrorismus. Es besteht ein kategorialer Unterschied zwischen dem nationalen Terrorismus der Ersten Moderne und dem transnationalen globalen Terrorismus der Zweiten Moderne . und das Al-Qaida-Netzwerk. Die terroristische Gewalt ist zwar eine Extremform der Privatisierung der Gewalt. Hier ist es also die Rezeptur der Ersten Moderne. Dort. Die These des Gewaltmarktes trifft wesentlich auf Weltzonen zu.nem »Bürgerkriegs-Markt«. auf dem die Preise und Gewinne für den Kauf und den Einsatz privatisierter Gewalt festgelegt bzw. Im Zentrum radikal-islamischer Kritik des Westens. ausgehandelt werden. so sehr letzteres das Motiv der Attentäter und die Antriebskraft für ihre Taten ist. wo die staatliche Ordnungsmacht (aus welchem Grund auch immer) nicht (mehr) besteht. in denen staatliche Strukturen noch nicht oder nicht mehr existieren. sie dient nicht der persönlichen Bereicherung der Terroristen oder der Befriedigung ihrer privaten Haßgelüste. nur der Ursprung.

Auch das macht sie unfaßbar. wie mit der Attacke auf das World Trade Center die Massenmedien zur Weltbühne des Terrors gemacht wurden . national oder ethnisch motiviert. Die Tätergruppen und ihre »Hintermänner« sind weder territorial noch staatlich fixiert und motiviert. Gleichzeitig werden in dieser Kritik des Westens Anleihen bei westlichen Ideen. gemacht. Dieser Terrorismus kann nicht mehr-wie der Gewaltmarkt in den Ruinen der Staatlichkeit . das World Trade Center. richtet. Dieses Alles-oder-nichts-Spiel. Terror-Eliten von heute sind möglicherweise die Regierungschefs und Minister von morgen. ist dagegen auf die Gründung eines eigenen nationalen oder ethnischen Staates gerichtet (so ist sein Erfolg definiert). daß die USA. eine der religiösesten Gesellschaften der Welt sind. sondern um eine moderne Anti-Moderne .man denke nur daran. von der Verfügung über die terroristische Gewalt zur Verfügung über das staatliche Gewaltmittelmonopol ist Teil der alten. Gerade aus der bewußten Verbindung von Moderne und Anti-Moderne . Es handelt sich also . der sich gegen die Grundlagen der modernen Gesellschaft und Staatlichkeit. sie kämpfen nicht für einen eigenen Staat. nationalen terroristischen Motivation und Ideologie. Ironischerweise wird dabei übersehen. 210 . ist ein diffuser politischer Terrorismus. September 2001 die Menschheit erschüttert.speisen sich das Erfolgsrezept und die Neuartigkeit der Verbindung der Terrorwaffe mit dem radikalen Islam und der Transnationalität (im Unterschied etwa zum Terrorismus der nordirischen IRA). Vielmehr wird die Leitidee des Staates als Garant der Sicherheit wirkungsvoll in Frage gestellt.ohne daß dies hier in die Einzelheiten hineinverfolgt werden kann (siehe dazu Gray 2003) keineswegs um eine Revolte der Tradition gegen die Moderne. diese Karriere aus der Illegalität in die Legalität.durch den Aufbau eines Staates aus der Welt geschafft werden. Nationaler Terrorismus. symbolisiert durch die USA und die Kathedrale der Weltwirtschaft.liche Gesellschaft sei durch eine spirituelle Leere gekennzeichnet. insbesondere dem europäischen Anarchismus. Das. was seit dem 11.sowohl was die Ideen als auch die Wahl der Terrormittel betrifft. die als Gipfel des teuflischen Westens gilt. Alles dies trifft auf den transnationalen Terrorismus à la AI Qaida nur bedingt zu.

Es handelte sich auch nicht um den Angriff eines Staates auf einen anderen. Eine Antwort auf postnationale Kriege läuft darauf hinaus. Erst als aus dem Munde des Präsidenten das Wort »Krieg« fiel . das US-Militär.wie in Pearl Harbor . die sie kennzeichnen. Je mehr jedoch der »Krieg« gegen den Terror zum militärischen Krieg.keine Militärbasis bombardiert. haben keine Adresse. Bush im wahrsten Sinne des Wortes sprachlos. ist auch nicht. die letztlich mit der Todesdrohung und Todesfurcht spielt. wurde der schwer faßbare Terror zum globalen Terrorismus weltpolitisch aufgewertet. daß zu Beginn die Rede vom »Krieg« gegen den Terror noch metaphorisch gemeint war (wie der »Krieg gegen Armut« oder gegen »Drogen«). gegen die sie sich richten.Einerseits gewinnen die Terrorattentate aus den Merkmalen.auch wenn Amerika bis heute diesen »Feind« nicht als Feind (im Sinne des Kriegsrechts). also staatsfrei. wurde aus der Terrorattacke erstens ein politischer Terrorismus und zweitens ein globaler Terrorismus . die. wie der Staat. mit einem solchen verwurzelt.»Amerika ist der Krieg erklärt worden« -. Dieser Terrorist jedoch verfügt gerade über kein Territorium. ihre Bedeutung. die Zwillingstürme des World Trade Centers in Flammen aufgehen ließen. die Nato? Es wurde . Die Akteure trugen keine Uniform. also überall und nirgends präsent . zum Staatenkrieg verengt wurde. die Drahtzieher sind ungewiß. von Selbstmördern in menschliche Raketen verwandelt. andererseits aus den Merkmalen der hegemonialen Staatsmacht. Gleichwohl versagen die Kontrollmittel des Welthegemons trotz der einzigartigen militärischen Überlegenheit angesichts dieser terroristischen Bedrohung. Beruht die Macht des Staates nach innen wie nach außen doch auf der Logik der Abschreckung. Diese Art von Terroristen aber kann man nicht abschrecken: Soll man Selbstmördern mit dem Tode drohen? Der Einsatz staatlicher Machtmittel setzt die Verfügung über ein Territorium oder die Eroberung eines solchen voraus. sondern als rechtlose Verbrecher gegen die Menschheit verfolgt. Angesichts der massenmedialen Schreckensbilder der beiden Zivilflugzeuge. diese 211 . Handelte es sich um ein Verbrechen? Um ein zweites Pearl Harbor? Wer ist zuständig.ein schlechter Ansatzpunkt für militärische Abschreckung und Interventionen. die Polizei. Mag sein. war der amerikanische Präsident George W.

3. spurloses Verschwinden.ungefähr die Hälfte der Weltbevölkerung . wenn nicht Staaten. weil Flüchtlingsströme. Mord an Behinderten. Krieg ist Frieden: Menschenrechtskriege Menschenrechte bilden eine europäische Quelle von Konflikten. illegale Behandlung von Flüchtlingen. ist allerdings schon deswegen schwer möglich. Mauern zu errichten und sich in den Fiktionen einer nationalen Weltordnung protektionistisch einzurichten. elementare Menschenrechte weltweit gegen eklatante Verletzungen zu schützen? Mehr als drei Milliarden Menschen . illegale Gefangenschaft.kennen keinen Schutz ihrer Rechte.wie klassische Staatenkriege zu behandeln und anzunehmen. gewaltsamer Organraub und -handel. Menschenhandel. so doch QuasiStaaten repräsentieren. politischer Mord. ja noch nicht einmal den Anspruch darauf. ein Mensch zu sein? Und ist es nicht dringender denn je. daß die kriegerischen Fraktionen. ethnische Säuberungen. um auf diese Weise zum einen die Überlegenheit der militärischen Gewaltmittel zur Geltung zu bringen. entsprechend sind alle Arten von Verletzungen an der Tagesordnung. dem sich niemand entziehen kann: Wer wollte denn leugnen. und nicht zuletzt das massenhafte Ster- . Die Alternative dazu ist. Sklaverei. Ausbeutung von Prostitution. also wegzusehen. Asylsuchenden und Migranten. Genozide. die Diaspora-Gruppen im eigenen Land und nicht zuletzt der transnationale Terrorismus diese Wunschgrenzen längst aufgehoben haben. Gewalt gegen Kinder. zum anderen eine Verhandlungslösung »von oben« herbeizuführen. transnationale Kriminalität. das ethnische Gemetzel innerhalb »souveräner Staaten« zu ignorieren. Vergewaltigung. In der Berufung auf die Menschheit und ihre Rechte liegt ein Anspruch. Beispiele dafür sind die Abkommen von Dayton (in dem Bosnien-Hercegovina »befriedet« wurde) und von Oslo (mit dem der Frieden zwischen Israelis und Palästinensern eingeleitet werden sollte). Massenexekutionen. Und doch ist ein überzeugender Widerspruch oder Widerstand gegen die moralische und politische Leuchtkraft des Menschenrechtsregimes schwer vorstellbar. Nur zuzuschauen. Dazu gehören Folter.

oder Geschlechtsunterschiede . der erlaubt. daß nämlich ein doppelter Freibrief im Wechselverhältnis der Staaten ausgestellt wird: Jeder kann seine heimischen Feinde als »Terroristen« mit dem Segen der Staatengemeinschaft bekämpfen. Die Terrorgefahr verdrängt die Aufmerksamkeit für Menschenrechtsverletzungen der politischen Verbündeten. werden nicht weniger. das auf dem Teufelskreis aus Armut. weder Citoyen noch Bourgeois. Was macht das Menschenrechtsregime so machtvoll? Was sind seine ungewollten. Religions. weder von farbiger noch von weißer Hautfarbe.werden aufgehoben in der Gleichheit der Grundrechte aller Menschen. weder Beschnittener noch Unbeschnittener. Alle Analysen bestätigen diesen Befund: Die Verletzung fundamentaler Rechte nimmt zu.ben. Klassen-. Hunger und Krankheiten beruht. der die gespaltene Welt in ihrer Vielfalt bejaht und dadurch neue Hoffnung und Handlungsmöglichkeiten eröffnet Im Glauben an die irdische Religion der Menschenrechte ist man weder Deutscher noch Franzose. 213 . Religionen.1 Das Menschenrechtsregime wird zu einem Gegenbegriff. humanen Weltordnung: Alle Bevölkerungen. und die Menschenrechtsverletzungen von Verbündeten werden mit Diskretion übergangen und dadurch ermöglicht. weder Christ noch Moslem. Es beginnt sogar eine neue Tauschlogik zu gelten: Augen zu angesichts von Menschenrechtsverletzungen. Auch die Staaten. aber gleichwohl revolutionären »Nebenwirkungen« ? 3. Staaten. Die Menschenrechte träumen den Traum einer neuen. Kasten-. Letztlich handelt es sich dabei um ein uraltes. was noch vor kurzem ausgeschlossen schien. sondern mehr. Alle Positionen der Negation der Individuen der ethnischen. auf die Philosophie der Stoiker zurückgehendes Prinzip. das bereits im Zeitalter des römischen Empires zur Politik oder wenigstens zur politischen Ideologie wurde. ethnischen Gruppen können vereint leben unter dem Gesetz gewordenen Menschenrecht. weder Mann noch Frau. Im Banne der Terrorgefahr hat sich ein rechtsfreier Raum gebildet. in denen Menschenrechtsverletzungen an der Tagesordnung sind.

geistig oder ideologisch gegliedert und gespalten haben.ist. sondern das Recht bestimmt. so könnte das Menschen.2 Die Logik des Rechts und der Verträge hat im Felde der Weltinnenpolitik ein fundamentales Doppelgesicht: sie zivilisiert Staaten und entbändigt sie zugleich von den nationalen Fesseln der Macht und Gewalt Das Menschenrechtsregime führt ein neues Dual ein. was den Frieden konstituiert. wie im Rahmen des Nationalstaates die Kombination von Gewaltmittelmonopol und Rechtsstaat Bürgerkriege. Es entsteht der reflexive Mensch. Norden und Süden. und solchen. Der Gegensatz zwischen Menschenrechten und Men214 . Demokratien und Diktaturen. ja zu ihrer symmetrischen Bejahung. christlichen und muslimischen Ländern. Auf diese Weise durchdringt der Menschenrechtsdiskurs die ganze Welt.In diesem Sinne moduliert der normativ gewendete kosmopolitische Blick alle Dualismen. Es kommt zur Anverwandlung der Gegensätze und Unterschiede. wenn auch nicht ausschließen. Zugleich kann dies jedoch zur Zunahme kriegerischer Auseinandersetzungen führen. in denen es nicht. keinen Kompromiß: Entweder man bricht sie. Die Differenz zwischen den ontologisch Verschiedenen und den im Menschenrecht anerkannten Anderen wird aufgehoben. Diese Weltenunterscheidung erzeugt permanente Spannungen zwischen Zentrum und Peripherie. derjenige. Am Ende wurde kriegerische Weltpolitik durch Weltrecht ersetzt. oder man bricht sie nicht. zeitlich. der die Vielfalt menschlicher Existenzformen genießen kann. 3. daß nicht mehr die Macht eines oder mehrerer Staaten. die die Menschheit physisch. nämlich die Unterscheidung zwischen Gruppen und Regionen. räumlich.oder seien wir vorsichtiger: die Absicht . in denen das Menschenrecht gilt. Die Konsequenz . daß auch die Menschenrechte einen moralisch-totalitären Zug tragen: Letztlich gibt es kein Pardon. weil er sich seines Menschenrechts gewiß ist.und Weltbürgerrecht die zwischennationalen Weltbürgerkriege einhegen. noch nicht (oder nicht mehr) gilt. Gemäß dem stoischen Modell des Kosmopolitismus kommt es zur Zweipersonenlehre von Mensch und (Staats-)Bürger. Dabei sollte man berücksichtigen.

und zwar von innen. in andere Staaten zu intervenieren. sich von nationalen zu kosmopolitischen Staaten zu wandeln. Die verinnerlichten Wertmaßstäbe destabilisieren potentiell und aktuell die despotischen Regime. kann also re-territorialisiert werden in Form von Anforderung an Staaten. wie weit die dem entgegenstehenden Begriffe der Ersten Moderne entessentialisiert werden. aber eben auch von außen. Zum Gradmesser dieser inneren Kosmopolitisierung der Staatenwelt wird es. die Menschenrechte als höchstes Gut zu achten. weil die Legitimität und Legalität der Gewaltanwendung unter den Vorbehalt gestellt werden. 215 . was heute noch als ausgeschlossen angesehen wird. je nach Lage. nicht dagegen die Verfolgung von Menschengruppen und Staaten. die Menschenrechte mit Füßen treten. So wird der Nationalist zum Neo-Nationalist. möglicher »humanitärer Interventionen«. der sich gegen die entessentialistische Zumutung der Menschenrechte abschottet oder zur Wehr setzt. Diese neue Asymmetrie erlaubt. Auch der Nicht-Menschenrechtler ist in die Menschenrechtsordnung eingebunden. Es entsteht eine Asymmetrie der Gegensätze: Nicht die Ablehnung der Menschenrechte. Die Verfolgung von Staaten und Gruppen. nämlich ihre vornehmste Aufgabe darin zu sehen.schengruppen bezieht sich auf Räume. »MenschenrechtsKreuzzüge«: Das »Jüngste Gericht« wird menschenrechtlich säkularisiert. ist gerecht. Durch einen Vorgriff auf die globale Geltung der Menschenrechte wird das in Gang gesetzt. sondern nur ihre vorbehaltlose Anerkennung und Verwirklichung legitimiert Staaten. und zwar in der Form allgegenwärtiger. die die Menschenrechte gegen andere durchsetzen. die Menschenrechte sowie die Basisregeln der Demokratie zu achten. Auf diese Weise wird die Fremdverpflichtung zur globalen Selbstverpflichtung. nach innen die Menschenrechte und den Reichtum der kulturellen Vielfalt zu schützen und zu pflegen und nach außen zur Garantie der Menschenrechte in anderen Ländern beizutragen. Letztlich besitzen jedoch alle Staaten nicht länger das legitime Gewaltmittelmonopol.

wobei im Außenverhältnis andere Kriterien gelten als im Innenverhältnis. Aber selbst angesichts dieser neuen Hierarchie von moralisch und militärisch hochgerüsteten Kreuzritter-Staaten und den Underdog-Staaten fällt es schwer. weil wir weder an den Entscheidungsprozessen des Sicherheitsrates. aber ergänzend spielen im Verhältnis zwischen den Staaten Menschenrechte eine zunehmende Rolle. die eine neue Machtgeographie begründet. nicht nur. politischer und wirtschaftlicher Interven216 .was oft genug auch stimmt. »Wir werden weiterhin gegen jede Untergrabung unserer Souveränität auf der Hut bleiben. die alten Freiräume sollten für die Drangsalierung der eigenen Bevölkerung verteidigt werden . Das Menschenrechtsregime erzeugt eine Menschenrechtsgeographie. nur nationale Legitimation ausgeschlossen und ein neues Sowohl-als-Auch eingeführt: Staatliches Handeln gewinnt seine Legitimität erst in der inneren (nationalen) und äußeren (zwischenstaatlichen) Zustimmung. Löst doch der Widerstand dagegen den Verdacht aus. zwischen Staaten ermächtigt dieses Regime mächtige Staaten. Das Menschenrechtsregime hebt die Grenze von innen und außen auf und fragt nach der Legitimität staatlichen Handelns sowohl im Inneren als auch im Außenverhältnis der Staaten zueinander.3 Das Menschenrecht ermächtigt Ohnmächtige innerhalb von Staaten und setzt ohnmächtige Staaten dem militärischen Zugriff mächtiger Staaten aus Max Weber hatte die Legitimität politischen Handelns nur auf den Binnenbereich des Staates bezogen. noch an der Kontrolle ihrer Umsetzung beteiligt sind«. Letztlich wird eine nur innerstaatliche. weil die Souveränität unsere letzte Verteidigungslinie gegen die Regeln einer ungerechten Weltordnung darstellt. sondern auch. erklärt der algerische Präsident Bouteflika und verweist auf die großen Fragen. sich der moralischen Schwerkraft des Menschenrechtsregimes zu entziehen. die unbeantwortet bleiben: »Wann hört die Hilfe auf und fängt die Einmischung an? Wo ist die Grenze zwischen humanitärer. und zwar wiederum innerhalb von Staaten und zwischen Staaten: Innerhalb von Staaten ermächtigt es ohnmächtige Gruppen und drangsalierte Minderheiten und Personen. jenseits der territorialen Souveränitätsordnung zu intervenieren.3.

Nicht zu intervenieren. die es in der ersten. rechtliche. Die Crux ist eine doppelte: Auf der einen Seite verliert das Souveränitätsprinzip die uneingeschränkte Geltung. .den reichen und mächtigen Staaten einen Blankoscheck auf »legitime Intervention« ausstellen. »Eindämmung von Konflikten«. kosmopolitischen Verantwortung . »Verhinderung von Genoziden und staatlicher Gewalt gegen Minderheiten« usw. Diese fundamentale Ambiguität tritt um so deutlicher hervor. damit zugleich darauf. Auf der anderen Seite läuft die Behauptung der neuen Grenzenlosigkeit von Verantwortung darauf hinaus. Die kulturelle. daß die von solchen Interventionen betroffenen Länder politisch entmündigt werden.eröffnen die Möglichkeit. »Schutz der Menschenrechte«. nach Deen 2000) In der Tat verweist der Begriff der »humanitären Intervention« auf eine Grauzone.»Hilfe«. Die Leitbegriffe einer transnationalen.und Gewaltmonopols des Westens. Die kosmopolitische Verantwortung impliziert also keine generelle Abschaffung von Souveränität. je stärker die Umsetzung des Menschenrechtsregimes voranschreitet. die der algerische Präsident Bouteflika aufwirft: Wie können angesichts der neuen Grenzenlosigkeit von Verantwortung die Grenzen zwischen Hilfe und Einmischung. kann den Vorwurf der Ignoranz. begründet und international garantiert werden? Allerdings steht jede dieser Entscheidungen vor einem Dilemma: Intervention wie Nicht-Intervention erzeugen Widerstand und Delegitimierung. der Doppelmoral und der Selektivität nach sich ziehen.tion? Unterliegen nur schwache und geschwächte Staaten der Einmischung oder gilt das Prinzip unterschiedslos für alle?« (zit.wenn sie die allgemeine Geltung der Menschenrechte bejahen . moralische Grenzenlosigkeit begünstigt die Entstehung eines kosmopolitischen Moral-. In der Tat stellt sich die Schlüsselfrage der Zweiten Moderne. daß die schwachen und armen Staaten . Staaten selektiv ihrer Souveränität zu berauben. sondern deren Umverteilung. Umgekehrt löst die Durchsetzung des kosmopolitischen Rechts 217 . nationalstaatlichen Moderne selbstverständlich besaß. Recht. zwischen Verantwortung und Entmachtung neu gezogen. unter dem Deckmantel einer kosmopolitischen Mission eigene nationale oder hegemoniale Ziele effektiv und legitim zu verfolgen. »Sicherung des Friedens«. Dazu kommt.

Insofern wird in einer Welt. das Menschenrecht gebietet die Intervention in andere Länder. Diese wird offenkundig. 3. Unterstellen wir einmal das best-case-Szenario: Die Kosten des humanitären Krieg-Friedens behindern oder verhindern de facto Interventionen. die die Existenz postnationaler Kriege leugnen. Es gibt nun allerdings auch eine theoretische Doppelmoral. inwieweit das Menschenrechtsregime die Außenpolitik der jeweiligen Staaten bestimmt. wird auf der einen Seite durch Gleichgültigkeit oder Ignoranz gefährdet. nach der das Gewaltverbot (Artikel 2. nach Abhilfe schreiende Menschenrechtsverletzung charakterisiert ist.4 Die Ökonomie des Krieg-Friedens oder Warum die Welt noch nicht zu einem kriegerischen Feuerball geworden ist Die politische Doppelmoral der interventionistischen Menschenrechtspolitik liegt auf der Hand: Interventionen sind für die Länder und Regierungen. kostspielig und riskant. auf der anderen Seite durch die Selbstermächtigung der starken Militärmächte. die klassische Rechtsposition. internationale Beziehungen zu verrechtlichen und so die kriegerischen Atavismen der Ersten Moderne zu überwinden. die aber zugleich durch ständige. wenn Autoren. die sie durchführen wollen oder sollen.gegen Widerstände (nicht nur innerhalb des betroffenen Landes. die Durchsetzung von Menschenrechten immer nur selektiv erfolgen. Nehmen wir ferner an. In dieser Situation bricht immer wieder der Schlüsselwiderspruch hervor: Das Völkerrecht verbietet. Ziffer 4 218 . Das Ziel. den »clash of civilizations« zu forcieren. Gewiß verhindert die »Ökonomie des Krieges« (Münkler) einen All-Interventionismus. Der neue Kosmopolitismus balanciert auf einem schmalen Grat. Und ob es zu Interventionen kommt. sondern auch der internationalen Gemeinschaft) eine Standardlawine von Imperialismusvorwürfen aus und schürt den Verdacht. in der die Garantie der Menschenrechte als Hoffnung verinnerlicht und institutionalisiert wird. die sich öffnende Schere zwischen InterventionsVerpflichtung und Nicht-Intervention als Beleg für die (relative) Irrelevanz des Phänomens ins Felde führen. hängt auch davon ab. den guten und daher ewigen Krieg zu führen.

Viele mögen das für Wortgeklingel halten. schon heute permanent mit der Interventionsmöglichkeit konfrontiert. Solche Regime lösen wahrscheinlich auch eher Unruhe aus. im Kosovo und im Kongo.trotz Kosten und Risiken . Doch nicht erst die Bush-Regierung. indem sie Minderheiten verfolgen. die Risiken und Kosten eines Krieges zu tragen? Oder umgekehrt: Wodurch entsteht der Druck . in Ost-Timor. in Angola.so die US-Außenministerin Albright der Clinton-Regierung (M. Sie ist unerläßlich für unsere Sicherheit und für unser Wohlergehen. das politische Rechte unterdrückte. In diesem Jahrhundert wurde praktisch jeder größere Akt internationaler Aggression von einem Regime ausgeführt. die dieser Position widerspricht. daß die supranationalen Organisationen nicht nur die wirtschaftliche Globalisierung regulieren.der UN-Charta) humanitäre Interventionen ausschließt. So wird in dem von den Vereinten Nationen herausgegebenen Report of the Commission on Global Governance die Absicht festgehalten. denn Regierungen. sondern vor allem eine neue Ethik globaler Demokratie und Menschenrechte durchsetzen sollen. daß das Menschenrechtsregime die Außenpolitik mächtiger Staaten. Drogen schmuggeln oder im Geheimen Massenvernichtungswaffen bauen« . die weltpolitischen Machtverhältnisse. in Liberia oder in Ruanda keine Interventionen zur Folge hatten? 219 . werden wahrscheinlich nicht die Rechte eines anderen respektieren. aber auch Europas. Terroristen Unterschlupf gewähren. Selbst dann ändert dies nichts daran. Albright 1998). hat Priorität gegenüber der Praxis des Sicherheitsrates in den neunziger Jahren. Das macht die Frage nach der Ökonomie des Krieg-Friedens allerdings nicht weniger wichtig: Wie lange ist die Supermacht bereit. Zweitens gilt. tiefgreifend verändert hat. während die nicht minder brutalen Gewaltexzesse etwa im Sudan. insbesondere der USA. die die Rechte ihrer eigenen Bürger mißachten. Außenpolitik und Menschenrechtspolitik eng verschmelzen zu wollen: »Die Unterstützung von Menschenrechten ist nicht nur eine Art von internationaler Sozialarbeit.zu intervenieren? Warum also kam es zu »humanitären Gewaltanwendungen« in Somalia. auch bereits die ClintonRegierung hat erklärt. daß erstens das globalisierte Menschenrechtsregime insbesondere militärisch schwache Staaten. die die Menschenrechte eklatant verletzen.

. daß und wie Idealismus und Realismus sich ergänzen. Früher oder später werden lokale 220 . nach unten. Die Durchsetzung des Menschenrechtsregimes setzt voraus und verstärkt die Asymmetrie der militärischen Macht der Staaten. ist ebenso idealistisch wie unwahrscheinlich. geostrategische Vorteile usw. Diese Voraussetzung war erfüllt im KosovoKrieg. Dort. verschmelzen. die allein auf moralischen Argumenten beruht. sprich: national rentieren müßte (durch Ol. wo sich der Idealismus der Menschenrechte mit dem Realismus der Erweiterung staatlicher Handlungsräume verbindet.).Das Prinzip des egoistischen Altruismus: Wodurch wird in global engagierten Staaten die Aufmerksamkeit und die Bereitschaft ausgelöst. desto wahrscheinlicher ein Angriff auf sie. Entsprechend wächst die Bereitschaft einzugreifen.Asymmetrie der Macht: Je unterlegener die »Schurkenstaaten«. die Aufrechterhaltung oder Maximierung der weltpolitischen Asymmetrie die Voraussetzung dafür. daß ihre kosmopolitische Mission für Menschenrechte und gegen Terrorgefahren sich nicht auch »lohnen«. die Interventionen auslösen.Idealismus-Realismus-Synthese: Eine Intervention. Zerfallen die Staaten.Die Faktoren. verwischen sich die Grenzen zur organisierten Kriminalität und zum Terrorismus. . umgekehrt argumentiert.und damit auch ihre Bereitschaft zu »postheroischen Siegen« . im Afghanistan-Krieg und im Irak-Krieg. wächst die Interventionswahrscheinlichkeit. wenn das Bürgerkriegs-Risiko für die Nachbarstaaten und die Nachbarn der Nachbarstaaten steigt. verstärken.aufrechterhalten können. daß mächtige Staaten ihre Überlegenheit . Man tritt. Insofern ist. wenn Menschenrechtsverletzungen die abendliche Tagesschau dominieren und Flüchtlingsströme drohen. So lammfromm und menschenrechtsmoralisch sind global handelnde Nationalstaaten wohl kaum. Mit anderen Worten: In der interdependenten Welt kann ein hemmungsloser Bürgerkrieg leicht zum unkontrollierbaren Bürgerkriegs-Risiko für alle werden. sind in der Forschung untersucht worden und haben zu einer Reihe von Hypothesen geführt: . Das heißt: Die Menschenrechtspolitik ist ein Musterbeispiel dafür. die Risiken und Kosten einer Intervention auf sich zu nehmen? Die Alarmsirenen schrillen. (Zangl 2002) Ethnische Gewalt ist ein ansteckender Virus. auch hier.

Umgekehrt gelten Menschenrechtsverletzungen gegenüber Terroristen (Folter. dies »kosmopolitisch« zu regeln? . Beides: Die Anlässe und die Kosten der Intervention wachsen. -Perspektivenwechsel: Der kosmopolitische Blick wirft die Frage nach der Perspektive derjenigen auf.die Regierung. der organisierten Kriminalität Vorschub. Das heißt. die Legitimitätsfrage setzt einen Perspektivenwechsel voraus: Die Sicht der Intervenierenden und die Sicht der von der Intervention Betroffenen muß unabhängig voneinander Geltung erlangen: Wie kann die Meinung der von der Intervention Betroffenen in die Weltöffentlichkeit gelangen? Wer repräsentiert diese . die Exilanten? Wem wird Vertrauen geschenkt? Wer entscheidet.Krisen durch weltwirtschaftliche Folgen: Flüchtlingsströme. daß das 21. in deren Land interveniert wird. zeitlich unbegrenzte Gefangennahme ohne Gerichtsverhandlung usw. Das Anliegen der transnational operierenden Terroristen ist nicht verhandelbar. Jahrhundert ein kriegerisches wird.nicht zu vergessen: entsprechende massenmediale Alarmierungen . womit weder die Wahrscheinlichkeit abnimmt. Damit wird die Trennung zwischen Krieg und Frieden räumlich und zeitlich aufgehoben. 4. die Bürgergruppen. leistet deren Zerfall und damit Bürgerkriegen. daß durch die kriegerischen Interventionen eine friedliche Weltordnung gestiftet wird. Krieg ist Frieden: Anti-Terrorkrieg Auch der Anti-Terrorkrieg ist ein Krieg-Frieden: Es gibt keinen erklärten Anfang und kein erklärtes Ende des »Krieges« gegen den Terror. Die Schere zwischen wachsender Ordnungslosigkeit und den Möglichkeiten globaler Ordnungspolitik öffnet sich immer weiter.Globalisierungszirkel: Wirtschaftliche Globalisierung schwächt schwache Staaten. die Opposition.) 221 .zu Weltproblemen. der Gewaltprivatisierung. Dem steht eine begrenzte Bereitschaft zu militärischen Interventionen gegenüber. begünstigt Terrorismus. noch die Wahrscheinlichkeit. wem Vertrauen geschenkt wird? Zu welchem Zeitpunkt werden sie befragt? Vorher? Bei der Festlegung der Interventionsziele? Nachher? Wie können Verfahren entwickelt werden. drohende Terrorattentate .

weil sie historisch die ersten Kriege gegen ein globales Zivilisationsrisiko waren Eine der Kernfragen der Zweiten Moderne lautet: Was begründet die Legitimität der Gewalt in den Zeiten neuer Gefahren? Mit dem transnationalen Terrorismus ist kriegerische Gefahr . Aufmarsch der Truppen. Öffentlichkeiten. Die moralische Enthemmung. sozusagen dinglich präsent und sinnlich identifizierbar . die Physis der Waffen und ihrer Zerstörungsgewalt -.« (Zanetti 2002)4 Die Kernfrage der Zweiten Moderne lautet also 4 Die Parallele zu der Unterscheidung zwischen den technologischen und den Umweltgefahren der Ersten und Zweiten Moderne liegt auf der Hand: Wie die 222 . die in ihren Attentaten zum Ausbruch kommt. Deshalb reagieren fast alle Akteure . ermächtigt Staaten.ihrer Sichtbarkeit beraubt. anonym geworden und bezieht nicht zuletzt aus dieser Anonymität ihre Schlagkraft. 4. die absolute Inhumanität. Regierungen.der Sicherheitsrat.solange sie sich nicht in Anschlägen manifestiert . Bürgerbewegungen. War die Kriegsgefahr der Ersten Moderne »unmittelbar«. »Angesichts der Privatisierung der internationalen Gewalt wird die Anwendung des Völkerrechts problematisch. Journalisten . Die globalisierte Terrorgefahr widerspricht insofern den völkerrechtlichen Definitionsmerkmalen der »Unmittelbarkeit« und »Gegenwärtigkeit« der Kriegsgefahr.auf der Grundlage des unbeholfenen. Transnational organisierte Selbstmord-Terrornetzwerke setzen einen Dezivilisierungs-Zirkel in Gang. Verbindliche Grenzziehungen zwischen Verbrecher.oft nicht als illegal. so treffen alle diese Merkmale auf den Terror nicht mehr zu.1 Der Afghanistan-Krieg und der Irak-Krieg waren ein Novum. die den Staatenkrieg der Ersten Moderne vor Augen haben. Feind und Terrorist fehlen.Uniformen. wird leicht mit einer rechtlichen Enthemmung und Dezivilisierung staatlicher Gewalt beantwortet. gegenüber den neuen Gefahren historisch blinden Völkerrechts. Das Etikett »Terrorismus« rechtfertigt. da dieses immer noch auf räumlich und zeitlich konturierbare Konflikte mit staatlichen Akteuren zugeschnitten ist. sich aus den sowieso dünnen und dehnbaren Fesseln des Kriegsrechts zu befreien.

Beides trifft im Fall des Irak-Krieges nicht zu. das zu tun. daß Europa zum Zeugen genozider Greueltaten in Europa wurde. 1988). was Frankreich. Warum wurde im Kosovo-Krieg der Legalitätsbruch von der Mehrzahl der westlichen Staaten und Bevölkerungen als »legitim« erachtet. diese Frage im Vergleich zwischen KosovoKrieg und Irak-Krieg zu diskutieren. 223 . also im Konsens vollzogen. zeitlich und sozial begrenzt und zurechenbar. September dagegen ist dies leichtsinnig und verantwortungslos. Die Europäer sahen sich demnach mit dem Dilemma konfrontiert. Was hier die USA und Europa unterscheidet. räumlich. September 2001 hat sich die globale Terrorgefahr in die amerikanische Weltsicht eingebrannt. wenn die Legalität auf diese Gefahren nicht zugeschnitten ist? Es bietet sich an. während diese »Unmittelbarkeit«. Der Afghanistan. China usw. weil bereits eine einprozentige WahrKriegsgefahr waren auch die Gefahren und Effekte. die sichtbare Präsenz der Gefahr auf die Zweite Moderne gerade nicht mehr zutrifft (exemplarisch dafür war die atomare Verseuchung weiter Teile Ost. Beck 1986. die von der Industrieproduktion der Ersten Moderne ausgingen und ausgehen (z. Nach dem Urteil Amerikas hätte es in der Welt vor dem 11.präziser: Was begründet die Legitimität der Gewalt in Zeiten neuer Gefahren.und Irak-Krieg sind die ersten Kriege gegen ein globales Risiko. die . die sich der sinnlichen Wahrnehmung entzog. Mit den Schreckensbildern des n. In der Welt nach dem 11. Deutschland. Giftstoffe in Gewässern und in der Luft) sinnlich wahrnehmbar. September 2001 grundstürzend verändert hat. entweder das Völkerrecht oder das Menschenrecht zu brechen. Es ist die neue Menschheitsgefahr des nuklearen Terrorismus. die Nato und die Europäische Union in eine Existenzkrise gestürzt hat? Der westliche Konsens im Kosovo-Krieg (der gleichwohl bis heute angefeindet wird) beruhte sicher auch darauf. sind eklatante Gegensätze in der Gefahrenwahrnehmung.und Mitteleuropas nach der Katastrophe von Tschernobyl. während der Bruch des Völkerrechts im Fall des Irak-Krieges die westlichen Regierungen und Bevölkerungen gespalten.B. also so oder so schuldig zu werden vor der europäischen Tradition. während die Europäer diese neue Menschheitsgefahr eher für eine amerikanische Hysterie halten. forderten: Saddam Hussein Schritt für Schritt zu entwaffnen.in den Augen der Amerikaner die Sicherheitslage vor und nach dem 11. September ausgereicht. Rußland.

für die Europäer der Horror des Krieges. ohne die apokalyptische Vision des Ewigen Krieges heraufzubeschwören. In der Tat ist es nicht nachvollziehbar. biologische oder nukleare Waffen an Selbstmordattentäter weitergeben. mit friedlichen Mitteln aus der Atomkraft auszusteigen. Für die Amerikaner zeichnet sich der Horror des Terrors ab. Dennoch haben beide Anti-Gefahrenbewegungen eines gemeinsam: In den Augen von Greenpeace. daß »böse« Diktatoren wie Saddam Hussein (oder zerfallende Staaten) chemische. wechselnde Feindbilder zu konstruieren und potentiell überall ihre »innere 224 . wie man den Horror des Terrors mit dem Horror des Krieges auszutreiben sucht. die Menschheit vor der Gefahr des ABC-Waffen-Terrorismus zu bewahren. Wohingegen derselbe Präventionsgedanke im Falle der Terrorgefahr zum militärischen Einmarsch in fremde Länder verleitet. Bei den transatlantischen Gegensätzen ist eine Parallele allerdings bemerkenswert: Ebenso wie die Atomkraftgegner bereits die einprozentige Gefahr eines atomaren Gaus für völlig unverantwortbar halten und daher die friedliche Nutzung der Atomenergie prinzipiell ablehnen. in dem die Existenz der Menschheit durch zu allem entschlossene Selbstmordattentäter auf dem Spiel steht. halten viele Amerikaner bereits die einprozentige Wahrscheinlichkeit einer terroristischen Nutzung von Massenvernichtungswaffen für absolut unverantwortlich und marschieren daher im Irak ein (mit bestem Gewissen).in einer solchen Perspektive ein entstaatlichtes. geradezu also sozial atomisiertes Atomzeitalter. Wer befreit uns von dem Glitzern in den Augen dieser amerikanischen Welterlöser? Stellt der Terrorismusverdacht doch der mächtigsten Nation der Welt einen Freibrief aus. Ähnlich wie Atomkraftgegner sich auf den »höheren Notstand« berufen. zum militärischen Handeln zwingt. aber eben auch der Bush-Regierung rechtfertigt die Abwendung der Menschheitsgefahr den Bruch internationalen und nationalen Rechts. Selbstverständlich sind die Unterschiede eklatant: Im Falle der Anti-Atomkraftbewegung führt der Präventionsgedanke dazu. um den Sicherheitsrat zu umgehen und das Völkerrecht zu brechen. um Gesetze zu brechen (beispielsweise um den Abtransport atomaren Mülls zu blockieren).scheinlichkeit. unakzeptabel ist. Es droht . beruft sich die US-Regierung auf den »höheren Notstand«.

Ohne die brutale Evidenz der Katastrophe bleibt die Gefahr immer nur mehr oder weniger wahrscheinlich. So absolut sicher sich viele Amerikaner der »Wirklichkeit« der ABC-Waffen-Terrorgefahr sind.Sicherheit« mit Militärgewalt auf dem Boden fremder Länder zu verteidigen. lebt in einer anderen Welt als der. pathologisch. so felsenfest überzeugt sind viele Europäer von den Menschheitsgefahren. wurzelt zumindest auch in der Leugnung bzw. die dem einen existentiell. Die Amerikaner und die Europäer leben zwar nicht. wissenschaftsfeindlich usw. So hat beispielsweise eine Expertenkommission Präsident Bush wenige Wochen vor den Terroranschlägen in New York und Washington diese vorhergesagt und in ihren Folgen ausgemalt. Diese »Objektivität« muß sich im Fall der Atomkraftgefahr ebenso wie im Fall der Atomterrorgefahr im weltöffentlichen Diskurs »erweisen«. erscheinen. 225 . der drohenden Klimakatastrophe. Der Spaltpilz im westlichen Bündnis. also völlig unglaubwürdig. an dem die Nato zu scheitern droht und der die Europäische Union in ihren Grundlagen verändert. Schärfer: Es gibt letztlich keine »Objektivität« der Gefahren unabhängig von ihrer kulturellen Wahrnehmung und Bewertung. Diese Warnung wurde als »zu hypothetisch«. Gefahren. dem anderen hirnrissig. 4. auf dem Mars und auf der Venus. Die »Objektivität« einer Gefahr besteht und entsteht wesentlich aus dem Glauben an sie. Aber sie leben gleichwohl in anderen Welten. weil sie »in the eye of the beholder« existieren. der diesen Glauben nicht teilt. Anerkennung von Gefahren. Wirklichkeit und Wahrnehmung der Gefahr sind schwer zu trennen. das lehrt ihre sozialwissenschaftliche Erforschung. Wer an eine bestimmte Gefahr glaubt. des gentechnisch manipulierten »Frankenstein-Food« usw.2 In der Wechselwirkung von Katastrophe und Gefahr entfaltet der Terrorismus seine politische Kraft Der Terrorismus operiert mit einer Unterscheidung zwischen Gefahr und Katastrophe. sind und werden real. wie Robert Kagan (2003) behauptet. und sie muß durch globale Informationen und Symbole in die Köpfe und Herzen der Menschen eingebrannt werden.

Dabei ist doch evident: Die Terroristen sind gar nicht in der Lage. entnehmen sie dem Gefahrenpotential. niederschlägt. zeitlich und sozial unbegrenzt. Dies gilt jedoch nicht für die sich abzeichnenden Technologie-Sprünge: Nanotechnologien und Gentechnologien sowie deren Verschmelzung. Die alten.in den Wind geschlagen. Dies alles gilt für die Gefahr nicht. konventionellen Massenvernichtungswaffen . so daß eine eigenständige Produktion durch nicht-staatliche Terrornetzwerke praktisch ausgeschlossen werden kann. das latent oder gezielt in der entfalteten Zivilisation allpräsent ist oder sich abzeichnet.sind in dem Wissen und in den Ressourcen. Die Katastrophe ist örtlich. lokalisierbar und insofern staatlich kontrollierbar. Amerika zu zerstören oder zu erobern. In diesem Sinne entsichern.atomare und chemische Sprengköpfe . der Verletzten. die ihre Herstellung und Anwendung voraussetzen. Diese entfaltet ihre Wirkung räumlich. sondern auch eine weltweite Wirkung der Gefahr. Die Gefahr reicht so weit. die sich in der Zahl der Toten. entfachen die Terroristen die zivilisatorische Gefahrenphantasie. die (wie die Folgen des 11. also das menschliche Drama. September zeigen) die Welt verändert. wie die Massenmedien die drohende Gefahr transportieren und inszenieren. noch nicht eingetretene Terrorakte. daß Praktiker und Nutzer funktional äquiva226 . plötzlich allpräsent. Das Spielmaterial. das heißt die wahrgenommene Bedrohung durch vermutete. wie die geglaubte Gefahr reicht. zeitlich und sozial fixiert. mit dem sie real und imaginär die Atmosphäre vergiften. wie der Kampf gegen den globalen Terrorismus geführt wird. sie hat einen klaren Anfang und ein klares Ende. Erst in der Wechselwirkung von Katastrophe und Gefahr entfaltet also der transnationale Terrorismus seine politische Kraft. Dies wiederum hängt wesentlich davon ab. das Ausmaß der physischen Zerstörung. Das ist ihr Weg zum Sieg. Die Risikowahrnehmung und ihre Folgen jedoch entscheiden darüber.wie die Pioniere dieser technischen Neuerungen öffentlich warnend bekennen -. der Höhe der Versicherungsschäden usw. Hier ist es möglich . monopolisierbar. Entscheidend ist diese mit der Unterscheidung von Katastrophe und Gefahr verbundene Einsicht: Es gibt nicht nur die Wirkung der Katastrophe. Nach dem nationalen und globalen Schock sind allerdings die Wirkungen der Terrorgefahr.

Die Bereitschaft. daß vielmehr Gewaltanwendung Macht. sondern auf Macht beruht die überlegene Handlungsfähigkeit von Staaten. Mit der Zerstörung des Urvertrauens in die Sicherheit des Unsichtbaren werden Angst und Schrecken verbreitet. Diese Einsicht gewinnt hier eine neue Bedeutung: Nicht auf Gewalt. wenn er oder sie die Bereitschaft mitbringt. 4. ihre Ziele mit der Waffe des eigenen Lebens zu verfolgen. daß die Todesdrohung ein probates Mittel ist. Jeder. Verstärkt wird diese Entmächtigungs-ErmächtigungsDialektik dadurch. der Krieg individualisiert. trotz ihrer unendlichen Überlegenheit. daß Macht nicht aus Gewalt entsteht. sein eigenes Leben als Waffe einzusetzen. jede kann. Konsens. voraussetzt.lente »Bomben« und pestähnliche Krankheitsviren erzeugen und in Umlauf setzen oder zumindest damit drohen können. muß zwei Fragen zueinander in Beziehung setzen: Erstens: Aufgrund welcher Bedingungen und vor welchen kulturellen Hintergründen entsteht der Selbstmordterrorismus? Zweitens: Was ist der Resonanzboden.3 Die neue Herr-Knecht-Dialektik von Staat und Terror: Zur politischen Konstruktion der Terrorgefahr Wer in soziologischer und politikwissenschaftlicher Perspektive den Terrorismus verstehen und erforschen will. und ermächtigt die Terroristen. sprich: Zustimmung. Staaten den Krieg erklären. Stützt sich deren Macht doch letztlich darauf. aus dem heraus die tödliche Terrorwaffe als »menschheitliche Gefahr« wahrgenommen wird. Entsprechend wird das Kriegsmonopol der Staaten aufgehoben. läßt sich staatliche Gewalt in staatliche Macht verwandeln. Die Zivilgesellschaft wird im Glanze ihrer Freiheit zur Geisel des Terrors. entschärft die Gewaltmittel des Staates gegenüber Terroristen. sondern auf die universelle Verwundbarkeit der letztlich unschützbaren Zivilgesellschaft. Nur wenn die Überlegenheit militärischer Gewalt zusammentrifft mit der Todesfurcht. Ich beschäftige mich hier vor allem 227 . um mögliche Täter von ihren Taten abzuschrecken. daß Terroristen nicht auf die überlegene Militärmacht zielen. Hannah Arendt hat die Unterscheidung zwischen Gewalt und Macht vorgeschlagen und daran die These geknüpft.

in lebende Raketen verwandelte Passagierflugzeuge in Flammen aufgegangen: Wäre dann ein »Krieg gegen den Terrorismus« ausgerufen worden? Hätte dann die Nato den Bündnisfall erklärt? Wären dann die USA und ihre Alliierten in Afghanistan einmarschiert. der Terrorismus auf die Gefahr. sondern ein europäisches Problem geblieben. Man stelle sich vor. Der Machtaufstieg . ob dann überhaupt die Terrorattentate systematisch Staaten zugerechnet worden wären. im europäischen Kontext beibehalten 228 . genauer gesagt: Die Macht des Terrorismus wird nicht zuletzt durch die Macht des Staates bestimmt. Die Terrorattentate beziehen sich auf die Katastrophe.vom Terror zum Terrorismus zum globalen Terrorismus . das Britische Parlament und der Kreml wären durch gekidnappte. Um sie zu beantworten. die den Terrorismus zu einem globalen gemacht haben . nicht die neue Sozialkategorie des mit westlichen Mitteln operierenden Selbstmordterroristen. zum anderen zwischen Terrorismus und Staat. nicht sein Haß und nicht sein religiöser Fundamentalismus. sondern der Eiffelturm. Handelt es sich bei dieser Kausalzurechnung doch um eine Aufwertung des Terrors zum globalen Terrorismus.seine Inhumanität. September 2001 die politische Konstruktion des Terrors weltpolitisch entschärft hatte. ist es sinnvoll. die bis vor dem 11. gegen den er sich richtet.ist allerdings wesentlich bedingt durch die globale MegaMacht des Staates. Terrorismus und Staat verweisen aufeinander. Wenn man dieses Nein akzeptiert. um bin Laden zu fangen? Wäre es zum zweiten Irak-Krieg gekommen.mit der zweiten Frage. nicht das World Trade Center und das Pentagon. daß die entpolitisierende Zurechnung auf Individuen. liegt die Schlußfolgerung nahe: Dann wäre der Terror nicht zum Terrorismus und zum globalen Terrorismus aufgestiegen. so ließe sich weiter spekulieren. das Brandenburger Tor. um den Terroristen den Zugriff auf Massenvernichtungswaffen abzuschneiden? Die Antwort auf diese Fragen ist zwangsläufig spekulativ. Zweifellos sind es nur die Terrortaten und Terrornetzwerke. An einem einfachen Gedankenexperiment mag diese These verdeutlicht werden. Aber vieles spricht für ein Nein. Durchaus fraglich ist. die auf die soziale und politische Konstruktion der Terrorgefahr zielt. gegen den er sich richtet. weiter zu unterscheiden: zum einen zwischen Terrorattentaten und Terrorismus. Viele Gründe sprechen dafür.

Wohingegen die Staat-Terrorismus-Dialektik sich in einer wechselseitigen Ermächtigung durch Entmächtigung entfaltet.worden wäre. die die transnational operierenden Terroristen zu einer Art irregulärem Gegenhegemon befördert haben? Attentaten. staatliche und nicht-staatliche. in Rußland. zu Ende gedacht. Ebenso wie Betriebe translokal produzieren. Beide stellen einander existentiell in Frage und erweitern dadurch wechselseitig ihre Machträume. Die Unterscheidung zwischen Feind und Feindbild ist hierbei wesentlich. interpretationsoffen. die nicht länger von der physischen Faßbarkeit staatlicher Feinde eingeschränkt wird. Die Verschmelzung der Begriffe »Feind« und »Terrorismus« hat neue strategische Optionen eröffnet. territoriale und nicht-territoriale Immer-und-überall-Feinde . Mit ihrer Hilfe lassen sich die klassischen Feindbilder des Staatenkrieges zugleich flexibilisieren und radikalisieren. Die Herr-Knecht-Dialektik führt. insbesondere den Terrorakten in Europa. wer der (nächste) Feind ist und mit militärischen Interventionen rechnen muß. Nicht die Kriegserklärung des Feindstaates. in Israel. zur Umpolung der Herrschaftsverhältnisse: Der Knecht herrscht über den Herrn.im Inneren wie im Äußeren. sie sind. zum Umsturz. Als europäisches Problem wäre der Terrorismus wohl auch in der europäischen Tradition des Terrors und seines Nihilismus interpretiert und politisch beantwortet worden. Das läßt sich zunächst vom Blickpunkt des Staates aus zeigen. sondern die eigenmächtige Erklärung des »bedrohten« Staates bestimmt. Es gibt jedoch einen wesentlichen Unterschied zwischen der Hegelschen Herr-Knecht-Dialektik und der Dialektik von Staat und Terrorismus. in einem Wort. fehlt dieser kulturelle. die die Geschichte zuvor gesehen und durchlitten hat. Sind es nicht der Angriff auf den Welthegemon sowie die Tatsache. militärische und politische Resonanzboden. Die Unfaßbarkeit des Terrorismus erzwingt und ermöglicht Feindbild-Konstruktionen. Terroristische Feinde sind zugleich zivile und militärische. daß die supermächtige Militärmacht USA sich in ihrem Urvertrauen in sich selbst getroffen sieht.und staatsunabhängig wechselnde Feindbilder produzieren. Diese Flexibilisierung des Feindbegriffs und seine Radikalisierung zum terroristischen Feind ermöglicht mächtigen Staaten also 229 . können Staaten militärisch orts.

die dadurch entstehen.zweitens versetzte »Selbstverteidigungskriege« gegenüber Staaten. die mit ihrer absoluten Überlegenheit alle Staaten der Welt in Schach zu halten weiß.erstens den universellen Einsatz von Waffengewalt zur Selbstverteidigung.viertens die Entrechtlichung nicht nur der internationalen Beziehungen. Selbstmordterroristen setzen in diesem Sinne eine Dialektik von Ohnmacht und Allmacht in Bewegung: Ihre Taten repräsentieren die Macht der Ohnmächtigen. Aber die Einzäunung des unbegrenzten Terrorismusverdachts bleibt abhängig davon. Selbst die mächtigste Militärmacht der Welt. daß keine Terrorattentate im eigenen. sowohl was die Opfer als auch was die Zuschauer betrifft.und Erwartungsraum einschlagen. Die geglaubte Terrorgefahr verwandelt sich in eine ökonomische Gefahr. Diese haben mit der Wahl ihrer Opfer-Staaten.. Opfer-Zivilgesellschaften ihr Machtpotential noch 230 . ohne von diesen angegriffen worden zu sein. Terror als lokale oder nationale Tat wird zum Terrorismus entgrenzt.drittens die Institutionalisierung des Ausnahmezustandes im Inneren und im Äußeren. ist gegenüber möglichen Anschlägen von Selbstmordterroristen in gewisser Weise ohnmächtig. . die durch Terrorattentate verursacht werden. ist zwar richtig. daß also neue Begrenzungen der entgrenzten Terrorgefahr möglich sind (beispielsweise dadurch. nationalen Erfahrungs. sondern auch des eigenen sowie fremder Rechtsstaaten. sich nicht mit den Opfern identifizieren müssen. heißt: Die möglichen Terrortaten richten sich (potentiell) gegen alle. daß die Opfer renationalisiert werden Amerikaner oder Israelis: sind sie nicht selbst Schuld?). die wechselseitige Feinddefinition wird durch eine einseitige ersetzt. . Man kann sogar sagen: Die Entgrenzung der Betroffenheit liegt in den Händen der Terroristen. und alle werden aktuell oder potentiell zu Zuschauern des Grauens. Es ist nicht nur die katastrophale Tat. die den Terror zum Terrorismus steigert und ermächtigt. Die Kosten. Daß Fernsehzuschauer nicht Opfer sind. können bei weitem die Kosten übertreffen. daß die Konsumenten das Vertrauen verlieren. Der Terrorismus kennt keine Grenzen. . sondern die massenmedial transportierte Gefahr. aber sie zeigen umgekehrt der Allmacht ihre Grenzen auf.

wüchsen aus den drängenden Fragen von morgen. Tourismus. wie gesagt. den Terrorismus zu unterstützen. Wie die USA Richter.nicht ausgeschöpft. nicht aus den Blöcken und Institutionen von gestern. der Selbstdrosselung der Freiheit. Versicherungen). Nicht die physische Zerstörung bestimmter Infrastrukturen oder militärischer Ressourcen allein ist ihr Erfolgsmittel. klar zwischen Terror und Terrorismus. heißt es.4 Die Terrorgefahr und ihre Folgen: Die Zertrümmerung sozialer Strukturen Fünfzehn mit Teppichmessern bewaffnete Selbstmordterroristen genügten. entgrenzten Gefahrenwahrnehmung unterschieden werden: Wirtschaftszweige leiden oder brechen zusammen (Flugzeugbranche. und damit in das Fadenkreuz möglicher militärischer Interventionen (»Achse des Bösen«). Allianzen zerbrechen. Polizist und Henker in einem zu sein beanspruchen. Urzivile Gesellschaften verwandeln sich in Angstkulturen. Aktienkurse. Es ist die Perfektionierung der »Judo-Politik« im Weltmaßstab. lokalen Taten und globalen Wirkungen der geglaubten. Hat die Nato sich überlebt? Wird das Bündnis in die Rolle des Weltpolizisten schlüpfen müssen. Neue müssen geschmiedet werden. Dabei muß. um sich zu erneuern? Nationale und globale Sicherheitspolitik werden zugleich 231 . Das Völkerrecht veraltet. um den Welthegemon zu einem Selbstverständnis als Opfer zu drängen. 4. so sollen sie auch zum Selbstbezwinger ihrer Werte und Freiheiten gemacht werden. die mit den Methoden des Terrors praktiziert wird. Katastrophe und Gefahr. sondern die Verallgemeinerung des Schreckens. Der Terrorismus hat die Grundlagen der internationalen Politik verflüssigt: Die Allianzen der Zukunft. in denen die Grenze zwischen berechtigter Furcht und Paranoia nicht mehr klar zu ziehen ist. der seinerseits einen Selbstlauf der Selbstschädigung der Wirtschaft. Summa summarum: Nicht die physische Zerstörung. sondern die politische Explosivität der zum globalen Terrorismus avancierten Attentate zertrümmert die sozialen Strukturen und schmilzt diese um. Länder und Regierungen geraten in den Verdacht. der Selbstgefangennahme der Zivilgesellschaft auslöst.

und dem neuen Typus des postnationalen Krieges. Der Nationalismus hat im Horror des 20. die das Grundgesetz vor. Jahrhunderts die Fratzen des Monsters gezeigt. also die Sorge. die die Orwellsche Dystopia eines manipulativen »Krieg-Friedens« globalisiert? Was bedeutet die Formel von der »Übergangszeit« zwischen Erster und Zweiter Moderne für die Zukunft der Nationen? Die Hoffnung. Sollte dies. sondern die offene. die mit der Anerkennung der Andersheit der Anderen das moralische und politische Katastrophenpotential des Nationalismus durch ein kosmopolitisches Regime zu zügeln und zu zivilisieren verspricht? Ist es vielleicht sogar gerade die kosmopolitische Verantwortung. Polizei und Militär. in abgewandelter Form. Anders gesagt: Die Terrorismusgefahr schreibt weltweit die Geographie der Macht um. 5. Ratlose Utopien: Die neue Weltordnung im Gegensatz der Perspektiven Die Unterscheidung. entgrenzte. der wenigstens im Prinzip auf klaren Abgrenzungen zwischen Krieg und Frieden. die ich in diesem Kapitel eingeführt habe. molekulare Gewalt bildet zum Be232 . enthält eine unbequeme Wahrheit: Die Begriffe eines emanzipatorischen und eines politischen Kosmopolitismus sind verwoben mit dem Begriff eines despotischen Kosmopolitismus.und festschreibt. nun auch für die Epoche der Zweiten Moderne gelten. Die deutsche Bundeswehr beispielsweise wird von der »Landesverteidigung«. der diese Abgrenzungen aufhebt und ein Orwellsches Sowohl-als-Auch . in das die nationalstaatliche Moderne die Menschen zu verwandeln vermag. zwischen konventionellem Staatenkrieg. umgerüstet und umorientiert für globale Einsätze zur kooperativen Terrorbekämpfung oder zur Fortsetzung globaler Sozialarbeit mit militärischen Mitteln. Militär und Zivilgesellschaft beruht.Krieg ist Frieden . nach dem Ende der bipolaren Ordnung entstünde ein kosmopolitisches Weltidyll und die Nationen würden sich unter dem Baldachin internationalen Rechts die Hand zum friedlichen Miteinander reichen. ist zerfallen.schafft.entgrenzt und verschmolzen. Nicht der Frieden des Rechts. die über nationale Grenzen hinweggreift.

Die erste und die zweite Position meinen die Fraktion der selbstbewußten Realpolitiker . Was wird im Scheinwerfer dieser drei Einstellungen jeweils wie ausgeblendet und ausgeleuchtet? Welche kurzfristigen und langfristigen Kritikmöglichkeiten eröffnen sich? Wie wird das Spannungsverhältnis von Menschenrecht und Sicherheit. dann mußt du den neuen »Krieg-Frieden« des »militärischen Humanismus« gutheißen. Menschenrechtskriege getreten.und Rechtsprinzipien ausschließt? Die These dieses Abschnitts ist: Es ist entscheidend. den wir ahnen? Was ist die Alternative zu einer Pax Americana? Eine globale Kosmopolis? Wie sähe diese aus. (3) dem kosmopolitischen Blick andererseits. globaler und nationaler Macht und Gewalt jeweils ausbalanciert? Welche Zukunftsperspektiven für eine neue Wert.einmal mit nationaler. von welchem Standpunkt aus diese Fragen beurteilt werden . despotische Instrumentalisierung kosmopolitischer Wert. An die Stelle des Kalten Krieges sind Terror und Krieg gegen den Terror. für Verbrechen gegen die Menschheit. und wie kann verhindert werden.ginn des dritten Jahrtausends die Signatur der entstehenden Zweiten Moderne. wenn du jedoch gegen ethnische Säuberungen und Verbrechen gegen die Menschheit bist. andererseits realistisch die imperiale. einmal mit globaler Perspektive. die einerseits die Quellen der Gewalt austrocknet.(1) dem nationalen Blick und (2) dem global-nationalen Blick einerseits. und dem sich abzeichnenden Horror postnationaler Kriege. Gibt es einen alternativen Weg zwischen dem Horror nationaler Staatenkriege. den wir kennen. Die dritte steht für die Gegenposition der selbstkritischen Kosmopolitiker. dann bist du für ethnische Säuberungen. Es hat sich eine Falle der doppelten Erpressung aufgetan: Wenn du gegen humanitäre Interventionen bist. daß die neue Weltordnung einer globalen Kosmopolis die Normalisierung des Krieges mit anderen Mitteln betreibt? Droht ein permanenter Krieg für permanenten Frieden? Dann lautet die Schlüsselfrage: Wie müßte eine Weltordnung aussehen.und Weltordnung für die gespaltene eine Welt werden dadurch jeweils eröffnet? 2 33 .

Diese Erwartung des immer gleichen Wandels läßt sich zuspitzen zu dem Prinzip der Vorher-Nachher-Indifferenz von historischen Ereignissen: Die weltpolitische Lage wird auch nach dem historischen Ereignis X so bleiben. die sich in der zweiten Hälfte des 20. aber bleibt letztlich doch so. wie es ist und war. Für das Ereignis X kann man den 11. mit denen sich die internationale Politik zu Beginn des 21. Doch für den methodologischen Nationalismus schmilzt die Vorher-Nachher-Differenz gegen Null. so diese Einstellung. September 2001 einsetzen. Jahrhunderts konfrontiert sieht. Jahrhunderts ereignet haben. Und diese Immunität ist Konsens innerhalb eines breiten Spektrums von soziologischen und politikwissenschaftlichen Theorien. Alles ändert sich zwar dauernd und radikal. aber auch alle Aufbrüche.Der nationale Blick und die präventive Irrelevanz der neuen Weltordnung Der nationale Blick entstammt der und verteidigt die Denkwelt der Ersten Moderne. alle Umstürze und Zusammenbrüche. Es lassen sich zwei Varianten. alle Katastrophen. wie sie vorher war. mühelos in die Axiomatik von national und international integrierbar. Kontroversen und empirischen Forschungen. Demokratie und Wir-Gemeinschaft sind gegen historischen MetaWandel (als einen Wandel der Prämissen des Wandels) immun. Die Logik der Unterscheidung von national und international und mit ihr alle Prämissen von Staat und Politik. Die in Europa dominierende Position beruht auf der Unfähigkeit oder Unwilligkeit. eine globalisierte US-amerikanische (dazu später) und eine europäische unterscheiden. aber ebenso den Zusammenbruch des Warschauer Paktes. Alle Erschütterungen. Die »Überlegenheit«. die die Axiomatik des nationalstaatlichen Blicks voraussetzen und daher einen MetaWandel analytisch ausschließen (siehe Kapitel I). ebenso die Qualität von Interdependenzen und Gefahren. zwischen Wandel und Meta-Wandel zu unterscheiden (Beck/Bonß/ Lau 2001). betrachtet und bewertet die mit dem Menschenrechts-Interventionismus und den Gefahren des globalen Terrorismus auf die Tagesordnung der Weltpolitik gelangten Dilemmata aus dem ungebrochenen Glauben an die »Denknotwendigkeit« der nationalstaatlichen Axiomatik von Gesellschaft und Politik. die diese Position intellektuell und poli2 34 . sind.

USA. sich mit den Dilemmata um Macht. Vielleicht noch wichtiger ist jedoch. das heißt: Es gibt einen mehr oder weniger austauschbaren Wechselrahmen der Ideologien und ein immer gleiches Bild mehr oder weniger imperialer. Ist. nationalen Blicks ist also eine präventive Abwehr der unbeantwortbaren Fragen. ist eine Art ideologische Petersilie. gegenüber den »Aufgeregtheiten des Zeitgeistes« kühl und abgesichert mit der intellektuellen Raffinesse eines für alle Eventualitäten geltenden Paradigmas. nicht existiert. Die Verteidigung des analytisch gewendeten. die sich ansonsten unerbittlich stellen . Theoretisierenden davor. der die Grundlagen der national-internationalen Weltpolitik verflüssigt. Moral und Politik in der Zweiten Moderne auseinandersetzen zu müssen.und Wird-sein-Diagnose des methodologischen Nationalismus und Internationalismus »bewahrt« die politisch Handelnden und politikwissenschaftlich Forschenden. humanitäre Interventio2 35 . insbesondere die einzige Weltmacht. die die Kontroverse um eine neue Weltordnung aufwerfen. Da letztlich nichts Neues unter der Sonne geschieht. nach denen die Legalität und Legitimität internationaler Aktionen und Organisationen beurteilt werden können und müssen. Da ein globaler Terrorismus. ist die Verquickung von Außen-. das potentiell Begriffssprengende historischer Ein. Entsprechend argumentiert der nationale Blick auf der Grundlage zweier Prämissen. ihre national-imperialen. das Argument der Wiederkehr des Gleichen immer aufs neue auszuspielen. Die War-. muß man sich nur mit dessen Ideologie auseinandersetzen. wie es auf der Grundlage der nationalstaatlichen Axiomatik gelingt.unbeantwortbar schon deshalb.und Militärpolitik irreal. also (a) globale Durchsetzung des Menschenrechtsregimes und (b) der Kampf gegen den globalen Terrorismus. Menschenrechts. nationaler Interessen. geostrategischen Strategien »garnieren«. mit der mächtige Staaten. Erstens: Das realexistierende Völkerrecht gibt die Maßstäbe vor. weil das nationalstaatliche Paradigma die Existenz dieser Fragen logisch ausschließt. liegt auf der Hand. mehr noch: geschehen kann.tisch anbietet.und Umbrüche zu normalisieren und dadurch die moralischen und politischen Dilemmata zu entsorgen. Zweitens: Das Ringen um eine neue Weltordnung. Für die weltweiten Auseinandersetzungen um Menschenrechtsverletzungen. Man vermag.

die der methodologische Nationalismus anbietet. ihre Wertvorstellungen aufzwingen) (Speck/ Sznaider 2003). mit dem Gestus überlegener Ideologiekritik beiseite zu wischen. um die »nackte Brutalität« dessen hervortreten zu lassen. wird umgedeutet in eine US-imperiale Strategie des globalen Ausnahmezustandes. geht der Kriegspropaganda der kriegslüsternen Bush-Regierung auf den Leim. um ihre Außenpolitik zu legitimieren. die angebliche »ideologische Schaumschlägerei«. Innen und Außen. macht sich selbst zu deren Vehikel. Terrorkrieg gibt es eine einfache. Es ist der gute alte »Kaiser Wilhelm« der nationalstaatlichen Souveränität. Man kann in dieser Hinsicht sagen. wie die Zukunft. daß die Regierung der Vereinigten Staaten dem ganzen Planeten den Status eines permanenten Ausnahmezustandes aufzuzwingen versucht. wird als grenzenlose Naivität abgetan. ist nostalgisch. Die Diagnose dagegen. der gegen den Dammbruch der Wirklichkeit verteidigt werden soll. die so oder so das nationale Kalkül ausreizt. Wir und die Anderen verschwimmen. Schlicht gesagt: Der nationale Blick versteht die Welt nicht mehr. Die Konsequenzen sind klar: In der Logik des nationalen Blicks werden die USA zum »Kriegsverbrecher« (weil sie das Völkerrecht brechen) oder zum »Empire« (weil sie anderen Staaten und Kulturen ihren Willen. die er heraufbeschwört.nen. Da die Wirklichkeit dem Schulbuchwissen 236 . »Die Vereinigten Staaten bedienen sich derzeit des Ausnahmezustandes nicht nur als eines Instrumentes der Innenpolitik. Wer daran glaubt.« (Agamben 2003) Zur Begründung dieser These wird also genau die nach außen projizierte Prämisse des methodologischen Nationalismus angegeben. neunmalkluge Zweibuchstaben-Antwort: Öl! Die »Kritik« des nationalen Blicks liegt also darin. Die Vorstellung dagegen. die Vergangenheit ist. der als die zwingende Antwort auf eine Art Weltbürgerkrieg zwischen Staat und Terrorismus dargestellt wird. sondern auch und vor allem. was die Welt im Innersten immer schon bewegt hat und in Zukunft bewegen wird: die Expansion imperialer Macht. Die Kritik. die sich in der Aufregung über Menschenrechte und Terrorgefahren austobt. daß die USA tatsächlich die Menschenrechte verteidigen oder auch die Menschheit vor der Atomterrorgefahr schützen wollen. daß die vorgegebenen Grenzen und Unterscheidungen von Krieg und Frieden.

z.der kosmopolitische Blick diese national-internationale Axiomatik auf. Das setzt voraus: Die Präventivintervention muß ebenso akzeptiert werden wie die Entschlossenheit. 5.B. die die Freiheit aller wirksam zu schützen vermag.und Sozialstaat . hebt . Rechts. Weil Amerika den Weltgeist repräsentiert und mit militärischen Mitteln verficht. egal welche Hautfarbe er hat. Während beide: globaler Amerikanismus und Internationalismus.im Sinne einer Weltinnenpolitik universalisiert. zwischen zwei oppositionellen Varianten des national-globalen Blicks zu unterscheiden: einmal globaler Amerikanismus. Die USA sind die wirksamen UN . Danach muß jeder vernünftige Mensch auf Erden. also eine »einzigartige« Weltmacht ist.the American way of life . Die Welt ist falsch.längst davongelaufen ist. Demokratie.2 Neue Weltordnung im national-globalen Blick: Amerikanismus versus Internationalismus Es ist notwendig. staatliches Gewaltmonopol. In der realpolitischen Perspektive des globalen Amerikanismus oder der Pax Americana (siehe oben) gibt es zur global durchgesetzten amerikanischen Moderne in der Einheit von Kapitalismus und Demokratie keine Alternative.und brauchen diese daher nicht. gegebenenfalls auch ohne und gegen das internatio2 37 . hier wird ein partikulares Modell . zum anderen Internationalismus. Amerikaner zu werden (wenn er es nicht bereits ist). muß seine Rolle als neuer Hegemon allseits akzeptiert werden. nicht aber die Begriffe von ihr.universalisiert. was sich den Status-quo-Kategorien verweigert. welcher Religionsgemeinschaft er angehört oder wo er geboren wurde. daß es in seinem wohlverstandenen Eigeninteresse liegt. Beide Varianten eines gleichsam großgeschriebenen nationalen Blicks lassen sich ihrerseits wiederum unterscheiden vom kosmopolitischen Blick (der im nächsten Abschnitt behandelt werden soll). hier werden die Errungenschaften der Innenpolitik . wird moralisch verketzert. Insofern verschmelzen in der amerikanischen Vision partikulare nationale mit globalen Interessen.wie gesagt . die Axiomatik des National-Internationalen voraussetzen und im Rahmen dieser Prämissen argumentieren (und forschen). einsehen.

nale Recht und den Weltsicherheitsrat die Sache von Demokratie
und Kapitalismus weltweit voranzutreiben.
Im Gegensatz zur europäischen schließt die amerikanische
Perspektive selektiven Meta-Wandel und selektive Reformen ein.
Wenn es etwa im Mittleren Osten gelänge, Freihandelszonen einzurichten, um nach dem Modell des Nachkriegs-Europa Wohlstand
und Demokratie zu fördern, wäre das ein wichtiger Schritt in Richtung auf eine dauerhafte Friedensordnung in dieser Region. Alles
andere allerdings: der Traum von der rechtlichen Gleichstellung der
Staaten, ein Weltrecht, vor allem die Hoffnung auf ein supranationales Gewaltmonopol, ist demnach obsolet. Das national-globale
Bekenntnis lautet: Es gibt nur eine One-way-Moderne, und die ist
amerikanisch. Die Vorstellung der Anerkennung anderer alternativer, multipler Modernen ist ketzerisch, die Auflehnung gegen die
amerikanische Logik der Geschichte ist nicht nur aussichtslos, sondern verwerflich.
Ganz anders dagegen die Perspektive der Internationalisten, die
sich nur graduell von der kosmopolitischen Perspektive unterscheiden (die im nächsten Abschnitt ergänzend dargestellt wird).
Die Logik, die hier zur Anwendung kommt, läßt sich als innenpolitische Analogie kennzeichnen: Die inter-nationale Politiksphäre
wird nach dem Modell der inner-nationalen Politik gedacht. Man
fragt also: Wie läßt sich auf globaler Ebene ein Pendant zum nationalstaatlichen Gewaltmonopol erreichen?Und führt der Weg dahin
nicht zwangsläufig nur über die Entmachtung, Entwaffnung der
Nationalstaaten, ebenso wie im 19. Jahrhundert die Entwaffnung
der lokalen Mächte die Voraussetzung dafür war, daß das nationalstaatliche Gewaltmonopol möglich und wirklich wurde? Ähnliche
Fragen lassen sich im Hinblick auf alle Schlüsselmerkmale der nationalstaatlichen Axiomatik stellen: Wird die Demokratie im globalen Maßstab nicht nur dann möglich, wenn man ein - nach welchen
Prinzipien auch immer zusammengesetztes - »globales Parlament«
schafft?
Die Zukunft der Weltpolitik nach der innenpolitischen Analogie
zu denken, kann durchaus ambivalenten Absichten folgen. Man
kann aufzeigen, wie dieses und jenes, ins Globale projiziert - der
Aufstieg vom Staat zum Weltstaat, vom nationalen zum globalen
Recht, von der nationalen zur internationalen Organisation und
238

Gemeinschaft, von der nationalen Verfassung zum kosmopolitischen Recht usw.
dem politischen Denken und Handeln neue
Weltmöglichkeiten eröffnet; zugleich können die Zukunftsbilder,
die auf diese Weise an die Wand gemalt werden, als Folien dafür
dienen, alle Ausbruchsversuche aus dem nationalen Denkkäfig ad
absurdum zu führen.
Die nach den Maximen des Internationalismus gedachte neue
Weltordnung ersetzt nicht, sondern erweitert die nationalstaatliche Ordnung. Anders gesagt: Der methodologische Nationalismus enthält zwei Unterabteilungen, eine, die für die nationale, die
andere, die für die internationale Ordnung zuständig ist. Das Verhältnis beider zueinander wird nach dem »Stockwerk-Modell«
von »Unterbau« und »Überbau« konzipiert, wobei die Priorität
eindeutig im nationalstaatlichen Unterbau angesiedelt ist. Dieses
wechselseitige Verhältnis einer sich einschließenden Priorität zeigt
sich an zwei Merkmalen:
(1) Die politische (und politiktheoretische) Architektur des
Überbaus, der global-nationalen Ordnungsvorstellungen, ist die
großgeschriebene nationale Ordnung. Danach ist beispielsweise
eine globale Demokratie nur möglich, wenn es eine Art »globales
Volk« gibt.
(2) Die Legitimation des Überbaus der globalen Ordnung ist
eine geliehene Legitimation, die ausschließlich auf der Legitimation
der nationalstaatlichen Unterbau-Ordnung beruht. Die Legitimation der globalen Ordnung und ihrer Akteure und Organisationen
bleibt also an das nationalstaatliche Legitimationsmonopol gebunden. Die internationale Ordnung wird also »aufgestockt«. Es werden ein Stockwerk und ein weiteres Stockwerk und vielleicht noch
eines aufgesetzt; alle folgen letztlich derselben politischen Architektur; sie enthalten dieselben Baukastenelemente der nationalen
Axiomatik. Aber dieser internationale »Turmbau zu Babel« setzt
die nationale Legitimität und die nationalen Interessen voraus. Der
internationale Überbau verändert nicht, sondern erweitert den nationalen Unterbau. Woraus folgt: Der internationale Überbau kann,
wenn es den nationalen Mächten opportun erscheint, wieder abgeschafft, abgestreift werden, ohne daß der nationale Unterbau sich
selbst zerstört.
Auf diese Weise kann man die Hobbessche Vertragstheorie auf

239

die Beziehung zwischen Staaten anwenden. Danach kann die Anarchie der Staatenwelt, die den Staatenkrieg möglich macht, überwunden werden, wenn man die Prinzipien der Staatenbildung auf
die Weltstaatsbildung überträgt. Die Staaten müssen einen Vertrag
schließen, der die Regeln enthält, nach denen ihre Konflikte (gemäß
einem vereinbarten prozeduralen Universalismus) auf friedlichem
Weg gelöst werden. Diese internationale Rechtsordnung setzt allerdings voraus, daß das Rechtsmonopol und das Gewaltmonopol des
Nationalstaates relativiert oder aufgehoben wird und ein weltstaatliches Rechts- und Gewaltmonopol entsteht. Die Staaten, die diese
Weltordnung tragen und bejahen, müssen, um den Begriff Immanuel Kants zu verwenden, »Republiken« sein oder werden; also
möglichst demokratisch legitimierte Staaten, die sich durch ihre
Verfassung dazu verpflichtet sehen, die Freiheiten und Rechte ihrer
Bürger zu garantieren. Die Frage, ob dieser internationale Leviathan nicht doch aufgrund seiner Machtkonzentration notwendigerweise despotisch werden müßte, wird dahingehend beantwortet, daß diese Zentralisation von Gewalt und Recht ergänzt und
legitimiert werden müßte durch eine entsprechende internationale
Demokratie. Diese wiederum sollte darauf ausgerichtet sein, die
Menschenrechte jenseits der Grenzen individueller Staaten zu
garantieren und deren Ansprüche auf absolute Souveränität kleinzuschreiben. Auf diese Weise könnte ein Zusammenspiel von Prinzipien und Institutionen, mit deren Hilfe es gelungen ist, das
friedliche Nebeneinander der Gegensätze innerhalb von Nationalstaaten durchzusetzen, nämlich Recht, Demokratie und Gewaltmittelmonopol, dazu führen, daß die internationale Ordnung
institutionell pazifiziert wird.
Die Einwände gegen diesen Internationalismus sind oft vorgetragen worden und werden insbesondere dann nachvollziehbar,
wenn man sie auf den gegenwärtigen Entwicklungsstand der Vereinten Nationen bezieht. Die Vereinten Nationen müßten als Embryo einer Weltrepublik, Weltdemokratie auf der Grundlage eines
Weltrechts fortentwickelt werden. Dem widerspricht allerdings die
hegemoniale Rolle, die die USA für sich beanspruchen. Am Himmel der planetarischen Ordnung leuchtet nur ein Stern, der überhaupt in der Lage wäre, eine globale Ordnung zu stiften und zu
garantieren: die einzige Weltmacht USA.
240

Eine wichtige Frage lautet demnach: Ist oder wird der Sicherheitsrat ein Legalisierungsautomat für die US-Kriege gegen Terror
und zur Demokratisierung der Welt - oder wird er es nicht? Können also der institutionalisierte Pazifismus und Internationalismus
eine eigene Autorität entwickeln und entfalten, die sich nicht darin
erschöpft, die Legitimierung der US-Amerikanisierung der Welt
nachzuvollziehen? Wie kann die staatliche Fragmentierung der kosmopolitischen Machtpraxis überwunden werden, ohne einen allmächtigen Weltstaat zu propagieren? Der zweite Golf-Krieg gewinnt unter diesem Blickwinkel insofern Bedeutung, als den USA
der legale Segen verweigert wurde - durch den organisierten Widerstand einer heterogenen Staatenfraktion, bestehend aus Frankreich,
Deutschland, Rußland, China (in der sich allerdings auffällig kosmopolitische Absichten mit national-imperialer Gegenmachtpolitik mischen).

5.3 Selbstkritischer Kosmopolitismus oder die Angst
vor der Utopie
Der kosmopolitische Blick deckt die Wirklichkeitsuntauglichkeit
des nationalen Blicks und des methodologischen Nationalismus auf
und eröffnet auf diese Weise der Kritik neue Grundlagen und Ausblicke. Dies gelingt durch Selbstkritik: Die lineare Amerikanisierung der Welt verkennt das Faktum der Pluralisierung der Modernen; ja, sie täuscht sich darüber hinweg, daß eine globale Diktatur
des American way nicht nur diesem selbst offen widerspricht,
sondern ihrerseits eine wesentliche Ursache für den Terror in der
Welt ist. Die Amerikaner exportieren nicht länger amerikanischen
Optimismus, sondern amerikanischen Pessimismus, indem sie alle
anderen mit ihrer Terrorphobie infizieren. Notwendig ist eine
westliche Selbstdemystifizierung. Den Realitätssinn, den Weltsinn
dafür schärft die Theorie der Zweiten Moderne. In der westlichen
Alltagssprache (und entsprechend auch im Handeln) geistert eine
ganze Reihe »perverser Begriffe« herum: »Entwaffnung von Staaten« ist ebenso wenig ein Friedensbegriff wie die Vorstellung,
»Abrüstungskriege« zu führen. Auch der Begriff »gerechter Krieg«
ist ein verkappter Krieg-Krieg, Friedens-Krieg, ein Aufruf zum
241

Krieg, um den Krieg abzuschaffen. Ebenso gleicht der Begriff »humanitäre Intervention« einer verbalen Beruhigungspille, die denjenigen, der diese schluckt, darüber hinwegtäuschen soll, daß hier der
Krieg-Frieden eingeläutet werden soll. Wer zwischen Polizei und
Weltpolizei unterscheidet, glaubt schon aus dem Schneider zu sein,
weil der Begriff des »Polizisten« die Sicherung des inneren Friedens
mit Hilfe des Rechts und der dosierten Gewaltanwendung garantiert. Aber die »Weltinnenpolitik« hat es mit anderen Akteuren zu
tun als die Innenpolitik. Die Rolle des »Weltpolizisten« wird von
einer Staaten-Allianz ausgeübt, die das, was Staaten schon immer
getan haben, nämlich Krieg gegen Staaten führen, nun als »polizeiliche« Funktion wahrnimmt.
Die Antinomie von Recht und Krieg trägt nicht. Denn das Recht,
den Krieg zu bannen, muß mit den Mitteln des Krieges durchgesetzt werden. Viele stellen die Forderung auf, die Abrüstung müßte
nicht erst bei den Staaten, sondern bereits bei der Waffenindustrie
beginnen. Ein vorzüglicher Gedanke! Aber wer setzt ihn wie durch
und kontrolliert, daß die Rüstungsindustrie abgerüstet, also verboten, also die Waffenproduktion als krimineller Akt verurteilt werden kann? Man fordert, daß Staaten entwaffnet werden müssen.
Aber müssen Staaten und internationale Organisationen nicht aufrüsten und sich bewaffnen, um Staaten zu entwaffnen? Sind »Polizei-Interventionen« zur Entwaffnung von Staaten nicht Kriege,
die überdies noch mit dem Segen des kosmopolitischen Rechts zu
»gerechten Kriegen« werden? Zwingt die Rede von der »Entwaffnung« nicht dazu, daß das plurale Gewaltmonopol der Staaten (mit
Gewaltmitteln) aufgehoben und ersetzt wird durch ein global-zentrales Gewaltmonopol, das überdies unter Umständen auch über
die Legalität und Legitimität einer zur »Weltpolizei« verharmlosten
Globalarmee verfügt, gegen die Widerstand ausgeschlossen ist? Was
als Aufruf zum Kosmopolitismus begann, wechselt die Farbe und
Fronten und wird zu einer Einladung zum Anti-Kosmopolitismus,
in dem Sinne nämlich, daß die wohlverstandenen Interessen der
Anderen notfalls gegen diese selbst wahrgenommen werden können und müssen.
Diese Art von Selbsteinwänden scheint den Einwänden recht zu
geben, die die universalistisch auftrumpfenden Nationaltheorien
der Politik und des Staates gegen die Idee einer globalen Kosmo242

Genau das aber meint und tut der flache Kosmopolitismus. nun seinerseits daraufhin befragt und erforscht wird. Politisch gewendet. als Überbau eines invariant gesetzten staatlichen Unterbaus erschlossen und verwirklicht werden. daß die Staatenwelt weitgehend invariant gesetzt wurde. erhärtet er die These. Die Unterscheidung zwischen Kosmopolitismus und kosmopolitischem Blick. führt hier weiter. Daß der kosmopolitische Gedanke bislang nur flach und oberflächlich ausgearbeitet wurde. mit deren Verzweigungen wir es in den Gebieten der politischen (und normativen) Philosophie und Theorie zu tun haben. Das Ideenreservoir des politischen und normativen Kosmopolitismus kann niemals nur additiv. um die hereinflutenden neuen Wirklichkeiten ebenso abzuwehren wie die Fragen. die sie unerbittlich stellen? Nein.zweitens. Eng damit verbunden ist ein zweiter Mangel. der sozialen Ungleichheiten. daß wir es bislang nur mit einem deformierten. nämlich der.erstens die Theorie der Kosmopolitik im wesentlichen als Moralphilosophie und Rechtstheorie. Postmoderne. bedeutet . halbherzigen Kosmopolitismus zu tun haben. woraus sich die Medizin ergibt: mehr kosmopolitischer Wirklichkeitssinn. daß . der Ausblick (nicht Ausweg). Zynismus oder bestenfalls Ironie.polis vorbringen. inwieweit in der Wirklichkeit selbst die Axiomatik von national und international aufbricht und eine innere Kosmopolitisierung der internationalen Politik. der Ge- 243 . Die vorgeschlagenen Modelle einer kosmopolitischen Weltordnung sind deformiert und halbiert. geht darüber hinaus. die Radikalisierung des Kosmopolitismus. daß das. Die Krisendiagnose lautet: zu wenig kosmopolitischer Blick. Die Vertiefung aber. hat damit zu tun. die in diesem Buch zunächst an Einzelthemen skizziert wurde. demgegenüber eröffnet dieses Buch die Perspektive eines vertieften Kosmopolitismus. Indifferenz. die ich im Einleitungskapitel getroffen habe. den der kosmopolitische Blick bietet. was im flachen Kosmopolitismus invariant gesetzt wurde. Bleiben also am Ende doch nur Protektionismus und Nostalgie. nicht jedoch als politische Theorie formuliert wurde. weil sie einen flachen Kosmopolitismus behaupten und entfalten. Der Umweg über den Wirklichkeitskosmopolitismus ist keiner.

von dem Machtmonopol des Zentrums zu den zu entwaffnenden Staaten gedacht wird. Auch der Gedanke des Staates und der Souveränität muß kosmopolitisch erweitert und umdefiniert werden. der Vorstellungen von sozialer Ungleichheit und Gerechtigkeit sich vollzieht -. zu nutzen. ihrer Regierungen und Bevölkerungen. die globale Zivilgesellschaft und ihre Akteure institutionell anzuerkennen. Hier vernetzen und durchdringen sich Nationalstaaten und Nationalgesellschaften jenseits der Unterscheidung von national und international. die Möglichkeiten. die eine kosmopolitische Ordnungsidee bieten. Entscheidend ist also die Frage.. Anders gesagt: Der kosmopolitische Zuckerguß. der Biographien.sellschaft und des Staates in all ihren Themen und Fragen empirisch und theoretisch aufgedeckt und nachgewiesen werden kann. dessen Durchsetzung von oben nach unten. so muß der »tiefe« als horizontaler Kosmopolitismus gedacht werden. inwieweit und wie eine Selbsttransformation der Staatenwelt von Nationalstaaten zu kosmopolitischen Staaten möglich (gemacht wird) und wirklich. beobachtbar ist. der über eine invariant gesetzte Staaten. Der Gedanke von Staatlichkeit und Souveränität ist nicht überflüssig geworden. führt in die Sackgasse falscher Alternativen. Entscheidend sind nicht die Schwächen der UN-Charta oder die Geburtsfehler des Sicherheitsrates usw. . um ihre Konflikte friedlich zu regeln. Es reicht nicht. eröffnet die Kosmopolitik realistische Handlungschancen. der halbierte zugleich ein vertikaler Kosmopolitismus. Ist der »flache«.und Gesellschaftswelt gegossen wird.also eine Kosmopolitisierung der Erinnerungen. Erst wenn die Wirklichkeit selbst kosmopolitisch und dieses öffentlich bewußt und reflektiert wird . entscheidend ist die Unfähigkeit und Unwilligkeit der Staaten.

Meine Seele wurde berührt und verändert durch die mögliche Schönheit und Eleganz des Lebens. indem er sich für Politik. Niemals saß ich still. im allgemeinen. Die Sätze. in denen Dubois seine Erfahrungen in Europa beschreibt. Dubois den Atlantik in Richtung Europa. Farbe und Worte brachten neue Kombinatio- 245 . Früher war ich. Ich wollte eine Welt. seine Studien in Berlin fortzusetzen. mein Respekt für einen Lebensstil wurde geweckt. das es ihm erlaubte. für uneiliges Nachdenken und langsame Kontemplation. und ich hatte keine Zeit für abgerundete Ecken und Verzierungen. sprechen nicht nur für viele andere schwarze Amerikaner. wie er sie mit unerschütterlichem Vertrauen in der deutschen Tradition vermutete. namens W. eine Lehre in Emanzipation vom Rassismus erteilt zu bekommen. 24 Jahre alt. sie wekken auch die Erinnerung an ein kosmopolitisches Europa: »Europa hat ganz wesentlich meine Haltung gegenüber dem Leben und meine Gedanken und Gefühle für es verändert. die hart. in blinder Eile. Ich verlor mich in den Farben Rembrandts und Tizians. Sein Schiff fuhr in entgegengesetzter Richtung als das Höllenschiff. ein hochangesehenes Stipendium in der Hand.Kapitel VI Kosmopolitisches Europa: Realität und Utopie Vor etwas mehr als einhundert Jahren überquerte ein junger schwarzer Amerikaner. hatte dieser Sprößling von Sklaven wie von Sklavenhaltern. ein Harvard-Student der Geschichte und der Philosophie. aber insbesondere auch für soziologische Studien einschrieb.B. glatt und schnell ist. das seine versklavten Vorfahren im Dienste des Menschenhandels nach Amerika gebracht hatte. Vier Jahrhunderte nachdem Columbus dem blühenden transatlantischen Sklavenhandel die Tore geöffnet hatte.E. An der dortigen Universität suchte er seinen Blick zu erweitern. Doch dann machte ich Bekanntschaft mit Beethovens Symphonien und Wagners Ring. Ich sah die Erz und Stein und Kirchturm gewordene Geschichte und das Ringen der Menschen und auch ihren Geschmack und ihre Expression. Form. auf diese Weise erhoffte er.

die den Titel »Europa« verdient. Gewaltenteilung. daß es im Westen Europas an diesem Wendepunkt seiner Geschichte kaum eine oder keine große intellektuelle Stimme gibt. Freiheit. Wie ist es möglich. manchmal haßvoller Ablehnung ausreichen. das britische Imperium. die Sowjetunion oder heute die USA? Warum sollte ausgerechnet im Fall der Europäi246 .vom Reich Karls V. die keiner kritischen Befragung standhält? Verbirgt sich hinter dem appellatorischen Europabegriff vielleicht sogar das Gegenteil all dessen. im Äußeren durch die Turbulenzen einer sich selbst gefährdenden Zivilisation herausgefordert sieht.nen und Bedeutungen hervor.« (Dubois 1986: 587. bei der Mehrheit der Menschen in ganz verschiedenen Ländern zwischen Pflichtjubel und Feindbild oszilliert? Wie konnte die europäische Selbstkritik. über die napoleonische Herrschaft. das sich im Inneren durch die Erweiterung nach Osten. denen das Projekt der europäischen Transformation an der historischen Wende der Osterweiterung sich selbst aussetzt? Schärfer gefragt: Gibt es überhaupt eine Wirklichkeit. nämlich der Abschied von Demokratie. die die Osterweiterung Europas gegen die kleinmütige nationalstaatliche Bedenkenträgerei vehement verteidigt? Wie ist es möglich. was mit ihm gemeint ist. um Europa aus dem Banne seiner kriegerischen Geschichte zu befreien. zit. in institutionalisierter Phantasielosigkeit enden? Wird das Spektrum von wohlwollender Gleichgültigkeit bis zu offener. die ins Leben gerufen wurde. stellt auch ganz aktuell eine Erwartung an das europäische Selbstverständnis dar. um die absehbaren Brüche und Zusammenbrüche aufzufangen. Konrad Adenauer beflügelt hat. die nach dem Entsetzen über den Zweiten Weltkrieg und die Menschheitsverbrechen des NaziRegimes konservative Politiker wie Winston Churchill. nach Gilroy 1996: 17) Dieses intellektuelle Liebesverhältnis eines schwarzen Amerikaners zu einem Europa. die Donaumonarchie. Transparenz und Zurechenbarkeit politischer Entscheidungen? Ist das Experiment des europäischen Staatenbundes nicht ebenso zum Scheitern verurteilt wie alle vorangegangenen Imperien mit ähnlichen Ambitionen . Charles de Gaulies. oder ist er nur ein Wunschbegriff für eine Unwirklichkeit. das für ihn die Emanzipation vom Rassismus versinnbildlicht. daß das Bild der EU.

gehört zu »uns«. und diese kann er nicht wählen. Die Europäische Union ist kein Christen-Club. Die anderen sind die ausgeschlossenen Anderen Europas. Dagegen entwickele ich hier in vier Thesen die Konzeption eines kosmopolitischen Europa. während die von Terror und Krisen gepeinigte Welt um sie herum in Stücke zerfliegt? Nein.schen Union etwas gelingen. prozedural bestimmtes. Das zeigt sich an der Frage: Wie hältst du es mit der Türkei?. daß im Zeitalter der Globalisierung die Europäische Union sich vordringlich mit sich selbst beschäftigt und sich eine politische Verfassung zu geben versucht. indem ich den Spieß umdrehe: Der nationale Realismus wird falsch. Er verfängt sich in den Widersprüchen des nationalen Selbstmißverständnisses. Der Anti-Europäismus geht von einem falschen Europa-Bild aus. also politisch-pragmatisches Menschen. radikal offenes. Plötzlich ist ein europäischer Abstammungsdiskurs allgegenwärtig. Wer die Türken draußen halten will. das Europa bis heute gefangenhält. seine Heimat. der das Denken. Nur wer an dieser »abendländischen Schicksalsgemeinschaft« immer schon teilhat. die zur Gretchenfrage des politischen Europa geworden ist. entdeckt die Verwurzelung Europas im christlichen Abendland. antiontologisches. und abermals nein! Das Gegenteil ist richtig: Die Kritiker verkennen die Realität Europas. An ihr scheiden sich die Geister und entzünden sich die Gegensätze des alten nationalen und eines neuen kosmopolitischen Europa. Trifft man etwa auf einen exotisch aussehenden Men- 247 .und Kulturbild verdient das Etikett »europäisch«. Handeln und Forschen in und über Europa in die Sackgasse geführt hat (vgl. wird zum nationalen Irrealismus. sie ist ihm angeboren und folgt der Geographie der Nationen und der in ihnen herrschenden Stereotypen. Nach diesem Weltbild hat jeder Mensch eine. keine transzendentale Abstammungsgemeinschaft Nur ein nichtanthropologisches. Beck/Grande 2004). für das die Weltgeschichte ansonsten nur das Urteil »gescheitert« bereithält? Ist es nicht ein bemerkenswertes Zeichen für Nostalgie und Introvertiertheit. 1.

Wohnort und Herkunftsort wiederhergestellt erscheint. but where originallyl< >Oh<. der Irisch oder Oxford-Englisch spricht. Wo bleibt dann »Londistan« .um fürsorgliche Ausgrenzung. said Millat. >You are meaning where from am I originally. beinahe eine Rasse und stellt das Vorhaben der europäischen Aufklärung auf den Kopf. die eigenen Wurzeln nicht zu leugnen und die türkische Identität nicht aufzugeben«. sein Denken in Freund-FeindKategorien.< >Whitechapel<. if you don't mind me asking?< >Willesden.the Empire writes back.Where are you from. die zweite und dritte Generation der muslimischen Einwanderer in allen westlichen Ländern und so weiter? Es handelt sich . und er oder sie wird so lange mit Fragen »gegrillt«. Wer das christliche Abendland neu erfindet.< said Irie and Mollat simultaneously. sondern um sich selbst bewahrheitende politische Prophezeiung.natürlich . yes. Yes. falsche. Sprache. In der einschlägigen Literatur . muß die kulturell Anderen ausgrenzen.wird dies inzwischen selbstbewußt ironisch als »where-are-you-fromoriginally-dialogue« persifliert: »>Well<. Wer die eigene Kulturidentität bewahren will. macht aus Europa eine Religion. said Millat. werden auf diese Weise 248 .< Joyce looked confused. Denn es muß. >you look very exotic.schen. die orientalischen Christen. die israelischen Araber. of course. putting on what he called a bud-bud-ding-ding accent. gefährliche territoriale Verständnis von Kulturen herum: als existierte »der« Islam und »der« Westen in exklusiven Räumen. pulling out a fag. said Joyce released. die nun endlich das Gespräch miteinander suchen müssen. >Yes. Da es im politischen Raum nicht um kulturwissenschaftliche Hermeneutik geht. bis die Konsonanz mit der unterstellten Einheit von Paß.<« (Smith 2000: 319) Selbst in dem gutgemeinten Wort vom »Dialog der Kulturen« geistert dieses schlimme. >Via the Royal London Hospital and the 207 bus.die Metropole des Islam außerhalb der islamischen Welt? Wo die westlichen Muslime. um Europa abzugrenzen. wie der ehemalige CDU-Parteivorsitzende Wolfgang Schäuble formuliert. originally. gerät diese territoriale Sozialontologie in Turbulenzen. das arabische Bürgertum. »im Interesse der Türken selbst liegen. So schleicht sich in die Debatte um europäische Identität die politische Theorie Carl Schmitts ein. Hautfarbe.

Er besitzt zunächst eine empirische Signifikanz. in denen wir leben: daß nämlich die Türken. längst drinnen sind. transnationale Lebensformen . Und große Teile der Türkei sind europäisiert. Nato. öffnet er doch die Augen für die »entangeled modernities« (Randeria). Wer ein christlich-abendländisches Abstammungsprinzip aus den Massengräbern Europas auferstehen läßt. So wäre auch die Geschichte der schwarzen Europäer und ihres Beitrags für die kulturelle Dynamik und das moralische Selbstbewußtsein eines kosmopolitischen Europas erst noch zu schreiben (Gilroy 2000: 339). Angesichts der wachsenden transnationalen Verflechtungen und Verpflichtungen wird Europa zum offenen Netzwerk mit fließenden Grenzen. der Zustand der Europäischen Union bedarf der 249 . die man draußen halten will. erträumen. die dieses ethnisch-kulturelle Erbe des »Europäischseins« nicht für sich in Anspruch nehmen können.die der Vergangenheit entlehnten Stereotypen der ethnisch-religiösen Zugehörigkeit für die Zukunft zementiert. atlantischer Gemeinschaft und Nato ausblenden. wie sich ihn romantische Historiker. sind die Gewohnheiten und Wertvorstellungen eines anatolischen Dorfbewohners nicht weniger fremd als dem Pariser oder Berliner Mittelschichtangehörigen. Den Menschen in den Metropolen der islamischen Welt.die Türkei ist längst in Europa angekommen. Jahrhunderts gibt es keinen geschlossenen Raum des christlichen Abendlandes mehr. Hans-Ulrich Wehler. Zweifellos. Der Begriff »kosmopolitisches Europa« kann als die genaue Negation dieser territorialen Sozialontologie. verkennt also die innere Kosmopolitisierung Europas: Man leugnet die Wirklichkeit der rund 17 Millionen in der EU lebenden Menschen. In der Welt des 21.B. Beirut oder Teheran leben. etwa weil sie Muslime oder Farbige sind. verstanden werden. in denen das Außen immer schon innen ist. Handelspartnerschaft. die der Mittelschicht angehören und in Istanbul. z. Auch muß man der EU das Monopol auf Europäischsein zusprechen und die überlappenden Identitätsräume von Europa. Verkannt wird auch der weltgesellschaftliche Mikrokosmos Europa. sich aber kulturell und politisch als Europäer verstehen und organisieren. man könne klare Grenzen zwischen der europäischen und der muslimischen Welt ziehen. um sich der Illusion hinzugeben. die die Zukunft vernagelt.

Es hat alle bedeutungsschweren Begriffe des Menschen. Eine europäische Zivilgesellschaft entsteht überhaupt erst dann. Paradoxerweise entsteht der Haß auf den Westen nicht allein 250 . Gerade weil die europäischen Werte säkular sind. Die Kritik lautet: Vieles am Zustand der EU ist uneuropäisch. Europäischsein heißt demgegenüber: Man kann in einer Existenz verbinden.gegen die falsche Normativität des Nationalen. Der westliche nationale Blick ist in diesem Sinne ein fundamentalistischer Blick. und die Therapie: mehr Europa . daß man »wirklich« Demokrat ist.Kritik. nämlich kosmopolitisch! Das gilt im Innen.wie im Außenverhältnis. Zuwenig Europa . Niemand würde behaupten: Diese Person ist katholisch und stammt aus Bayern. wenn christliche und muslimische. So ist es gänzlich uneuropäisch. die bayerische Landschaft und Lebensart lieben und sich einer fremdenfeindlichen Initiative anschließen. Die radikale Offenheit ist ein Wesensmerkmal des Europäischen Projektes und sein eigentliches Erfolgsgeheimnis. was sich in der ethnischen Kleingeisterei logisch auszuschließen scheint: man kann Moslem sein und Demokrat.so die Krisendiagnose. die mächtigen und naiven Unterstellungen einer moralisierenden Metaphysik abgestreift. das europäische Menschenbild ist kein Gutmenschenbild. Daher lahmt Europa. Die politische Union muß als kosmopolitische Union Europa begriffen werden .richtig verstanden. also ist sie oder er kein Demokrat. anti-essentialistisch. sozusagen radikal europäische Kritik der EU-Wirklichkeit. die Muslime auf den Islam zu reduzieren. nichtnationale. also ein uneuropäisches Europa. Ja. die ausschließt. Sozialist und Kleinunternehmer. schwarze und weiße Demokraten usw. aus dem Wehklagen über den Verlust der nationalen Souveränität? Nein. Aber woher die Maßstäbe der Kritik nehmen? Aus dem nationalen Selbstbild. ist im strengen Sinne a-human. sind sie an keine bestimmte Religion oder Herkunft gebunden. Europa ohne muslimische Demokraten wäre ein christliches. Der Begriff des kosmopolitischen Europa ermöglicht eine nichtnostalgische. der sich paradoxerweise mit dem antimodernen Fundamentalismus eines Osama bin Laden trifft und wechselseitig gefährlich bestätigt. um die politische Realität Europas ringen. Dagegen ist Muslimischsein im Blick vieler nationalistischer Europäer immer noch eine totalitäre Determinante.

Wer vom Haß der islamischen Massen auf den Westen schwafelt. korrupte Regime oder den Terror einer Staatsgewalt deckt. 251 . die Basisnormen des kommunikativen Handelns. resultiert vielmehr genau umgekehrt daraus. die immer noch nicht vollzogen ist. Viele Intellektuelle und Bürger in der islamischen Welt sind darüber bestürzt oder resigniert. Es ist das halbierte Europa. die kosmopolitischen Erfahrungen und Normen ein größeres Gewicht 1 Habermas: Die universelle Sprachgemeinschaft. weil sie die Konsequenzen des Handelns für die kulturell Anderen. die national Anderen ausschließen. daß es notwendig ist. wenn er Diktaturen. daß die nationalstaatlichen Grundlagen moderner Gesellschaften fragwürdig sind. die nach dem Koran leben wollen. daß Europa im Umgang mit diesen kulturell Anderen seine eigenen Werte vergißt und verneint. lautet. Wie immer es ausgemalt wird. die zugleich individualisiert und globalisiert ist und in der die Individuen als Weltbürger und Nationalbürger zu Ko-Gesetzgebern geworden sind. möge zur Probe in den genannten Städten Visa feilbieten: wäre der Westen dort wirklich so unbeliebt. die Taliban oder Saddam Hussein über einige extremistische Kreise hinaus. indem er behauptete. das die Enttäuschung sät. Von diesem Ziel sind wir weit entfernt. Kant sah Übergänge und Zwischenformen.« (Kermani 2003) Letzten Endes nahm Kant Elemente einer kopernikanischen Wende der politischen Theorie. warum der Westen diese politischen Monster so viele Jahre unterstützt hat. die einem zwischen Rabat.und/oder primär daraus. würde speziell die Jugend wohl kaum lieber heute als morgen dorthin auswandern. Dieser Haß. daß Muslime.1 Er entwirft das Bild einer universellen Weltgemeinschaft. vorweg. wie wenig Demokratie und Menschenrechte in ihrem Lebensraum gelten. der sich bei den von den Europäern ausgegrenzten kulturell Anderen herausbildet. geben politische Ziele für die »postnationale Konstellation« vor. Sie werfen dem Westen nicht seine Standards vor. aus der der Haß erwächst. Kant sah also. Menschenrechte und Demokratie ablehnen. sondern daß er sie nicht anwendet. Teheran und Jakarta weit häufiger begegnet. aber die verzweifelte Frage. die Beziehungen zwischen Staat und Bürger im Raum einer kosmopolitischen Ethik und Gemeinschaft zu reformulieren und zu reformieren. Navid Kermani schreibt: »Gewiß geht die Sympathie für Osama bin Laden.

zu handeln. daß totalitäre Regime sich immer auf eine Idee des »wahren Menschen« gestützt haben. daß es nicht verschleppt. getötet wird? Genau hier werden die Quellen des öffentlichen Protestes und Widerstandes wichtig. Denn in ih252 . nämlich die bittere Einsicht. um so jene Menschen. Den Ausgangspunkt bildet demgemäß gerade nicht der Humanismus. nicht mehr die humane Substanz ist. was es ist. bitte schön. die über die nationalen Gräben und Massengräber hinweg im Rückgriff auf die europäische Geistesgeschichte Europa neu erfunden haben. auszuschließen. den Wohlstand und den Ruhm seiner 400 Millionen Menschen.was gilt es dann zu bewahren? Wer kann garantieren. auszusondern.gegenüber nationalen Erfahrungen und Identifikationen einräumen. sondern der AntiHumanismus. was es will und was an ihm überhaupt noch unantastbar ist . »als ob« dies möglich sei.. dabei insbesondere die Personen und Gruppierungen des aktiven Widerstandes. wenn wir es mit einem dezentrierten QuasiSubjekt zu tun haben. von dem man nicht mehr sagen kann. Dies zu konstatieren ist wichtig. Das kosmopolitische Europa vollzieht den Abschied von der Postmoderne. Das kosmopolitische Europa ist ein Projekt des Widerstandes. Wenn es aber. 2. Vereinfacht gesprochen: nationalistisches Europa. weil darin zweierlei zusammentrifft: Zum einen entzündet sich der Widerstand an der erfahrenen Pervertierbarkeit der europäischen Werte. die es zu retten gilt.« Es sind die charismatischen Staatsmänner der westlichen Demokratien. Postmoderne.. Und für ihn bestand der Kosmopolitische Realismus darin. kosmopolitisches Europa Das kosmopolitische Europa ist nach dem Zweiten Weltkrieg politisch bewußt als Antithese zum nationalistischen Europa und seiner moralischen und physischen Verwüstung aus der Taufe gehoben worden. . So schwärmte der britische Kriegspremier Winston Churchill 1946 inmitten der Trümmer des zerstörten Kontinents: »Wenn Europa dereinst geeint wäre. dann würde es keine Begrenzung geben für das Glück. die sich diesem Ideal nicht fügen wollten. gefoltert. umzumodellieren oder zu vernichten.

der Wirtschaft. die es erlaubten. das Churchill erahnte. Bemerkenswert ist. daß es die Schaffung von Rechtskategorien sowie ein Gerichtsprozeß jenseits nationalstaatlicher Souveränität waren. in welchen Dokumenten und Verhandlungen dieser Ursprung studiert und dokumentiert werden kann. auf deren Grundlage die Naziverbrechen und -Verbrecher verurteilt wurden.»crimes against peace«. Interessanterweise setzen »crimes against peace« und »war crimes« nationalstaatliche Souveränität voraus. die historische Ungeheuerlichkeit der systematisch staatlich organisierten Judenvernichtung überhaupt in rechtliche Begriffe und gerichtliche Verfahren zu gießen. in der sich die Dilemmata eines institutionalisierten Kosmopolitismus zeigen. Er war der erste internationale Gerichtshof. begrenzt durch die Kritik des Ethnonationalismus. Es ist insbesondere die Erinnerung an den Holocaust. der Wissenschaft. die als eine zentrale Quelle des neuen europäischen Kosmopolitismus entschlüsselt werden können und müssen.nen spiegeln sich die Prinzipien der im erfahrenen Mitleiden verteidigten menschlichen Würde. auf den Nürnberger Prozeß gegen die Verantwortlichen des deutschen Naziterrors. politisch. das moralisch. dann stößt man u. der für die Anerkennung der kulturellen Differenz und Diversität streitet. a. Das politisches Handeln stiftende Bewußtsein globaler Normen entsteht gleichsam post hoc als Nebenfolge der Verletzung dieser Normen. Wenn man fragt. Das kosmopolitische Europa ist das Europa. der Kultur verwirklicht werden. während »crimes against humanity« im Widerspruch dazu die nationale Souveränität aufheben und den kosmopolitischen 2 53 . Im Artikel 6 der Charter of the International Military Tribunal finden sich drei Verbrechensarten . Es soll ganz profan als Kreation von Interdependenzen in den Politikfeldern der Sicherheit. »war crimes« und »crimes against humanity« -. grundlagenlose Versöhnung weniger idealistisch gepredigt als materialistisch verwirklicht: Das »Glück ohne Grenzen«. gehorchen also dem nationalen Blick. historisch um Versöhnung ringt. ökonomisch. heißt zunächst Markt ohne Grenzen. Von Anfang an wird diese gleichsam grundlose. In einem entschiedenen Bruch mit der Vergangenheit sollen 1500 Jahre europäische Kriegsgeschichte definitiv beendet werden. Das Adjektiv »kosmopolitisch« steht für diese Offenheit.

Der kosmopolitische Rechtsgrundsatz schützt die Zivilbevölkerung nicht nur vor der Gewalt anderer. der ihm dient. mit der Anklage und der Verurteilung seiner Taten vor einem internationalen Gerichtshof rechnen. Damit stellen sich Fragen. Wird hier doch nicht nur ein neues Gesetz oder ein neues Prinzip. enslavement. Schließlich wird hier im Sinne einer kosmopolitischen Rechtsmoral die Priorität vom Kopf auf die Füße gestellt: Die Grundsätze des kosmopolitischen Rechts brechen das nationale Recht.Blick in Rechtskategorien zu fassen suchen. Damit wird eine Verantwortlichkeit der einzelnen Täter außerhalb des nationalen Rechts. vor der Menschheit geschaffen. sondern viel weitgehender und provokativer vor den willkürlichen Gewalttaten. deportation and other inhumane acts committed against any civilian population. extermination. nach dem die Verpflichtung innerhalb einer Grenze total und die Entpflichtung jenseits der Grenze ebenso total ist. die mit der bisherigen nationalstaatlichen Logik des Völkerrechts bricht. die souveräne Staaten gegen ihre eigenen Bürger begehen. wether or not in violation of domestic law of the country were perpetrated. Die Formulierung »any civilian population« hebt das nationale Prinzip auf. Verbrechen gegen die Menschheit können weder mit nationalstaatlichem Recht legitimiert noch nationalstaatlich verhandelt und abgeurteilt werden. or persecutions on political. murder. und zwar vor der Gemeinschaft der Nationen. Ich zitiere den Artikel 6c: »Crimes against humanity. before or during the war. muß der einzelne. namely. und ersetzt dieses durch das Rechtsprinzip der kosmopolitischen Verantwortung. feindlicher Staaten (das ist bereits enthalten in dem Begriff der »Kriegsverbrechen«). und es ist wohl kein Zufall. daß die Staatsanwälte und Richter des Nürnberger Tribunals mit der historisch neuen Kategorie »crimes against humanity« wenig anfangen konnten. sondern eine neue Logik des Rechts eingeführt. Zusammengenommen hebt das historische Novum »crimes against humanity« die Prinzipien der nationalstaatlichen Rechtssetzung und Rechtsprechung auf. racial or religious grounds in execution of or in connection with any crime within the Jurisdiction of the Tribunal.« In der Formulierung »before or during the war« werden die Verbrechen gegen die Menschheit klar getrennt von Kriegsverbrechen. Wenn der Staat zum Verbrecherstaat wird. die sich einer schnellen Beantwortung 2 54 .

Diese Kausalitätsvermutung von Modernität und Barbarei wirkt auch in Zygmunt Baumans Buch Modernity and the Holocaust fort. daß und wie mit der Europäischen Union ein Ringen um Institutionen mit dem Ziel beginnt. Die Sieger hätten die verantwortliche Elite des Naziterrors auch einfach standrechtlich erschießen können. 255 . aus denen der kolonialistische. europäisch. Ja. Die sozialwissenschaftliche Reflexion des Holocaust hat mit guten Gründen einen Verzweiflungsdiskurs hervorgebracht. wie Stalin und Churchill es zuerst forderten. alle also? Einschließlich der Täter? Wie kann ein Verbrechen gegen die »humanity« verübt werden. er ist sogar blind dafür. keine Ideologie des Tragischen. nationalistische und genozide Horror entstammt. so sind es auch die Wertmaßstäbe und Rechtskategorien. rechtlich und politisch kommt im kosmopolitischen Europa insofern ein genuin europäischer Selbstwiderspruch zur Sprache. die das moralische. an denen gemessen diese Taten als Verbrechen der Menschheit weltöffentlich verhandelt werden. Darin drückt sich die historische Erfindung der national und staatlich entgleisten Moderne aus. Aber dieser verzweifelte Abschied von der Moderne muß nicht das letzte Wort sein. Nach Horkheimer und Adorno ist es die Aufklärung selbst. deren Dialektik die Perversion hervortreibt. wenn »humanity« ein wesenloser Begriff ist? Muß nicht. unter dem Titel der »Menschenrechte« die Rechte eines Toten verteidigen? Moralisch. Sind die Traditionen. Die Negativität der Moderne und ihres europäischen Bewußtseins ist keine bloße Attitüde. dem europäischen Horror mit europäischen Werten und Mitteln zu begegnen: Die Alte Welt erfindet sich neu.entziehen: Wer sind bei den »crimes against humanity« die Opfer die Juden oder die Menschheit. wer den Tod des Menschen verkündet hat. Aber es wurden die europäische Tradition der Anerkennung des Anderen und das darauf aufbauende Recht gegen die ethnische Perversion des Rechts mobilisiert. Die Erinnerung an den Holocaust wird in diesem Sinne zu einem Mahnmal an die allgegenwärtige Modernisierung der Barbarei (Levy/Sznaider 2001). Oder man hätte sie vor nationale Richter stellen und nach nationalem Recht aburteilen können (wie dies im Eichmann-Prozeß in Jerusalem oder den Auschwitz-Prozessen in Deutschland geschah).

Sie kann Europa dazu bringen . die genau dieses verkennt. Die nationale ebenso wie die Postmoderne macht europablind. ökonomische und technologische Katastrophenpotential wie im Schreckensbilderbuch des Reallabors ohne Erbarmen und Rücksicht auf Selbstzerstörung entfaltet hat. der stalinistischen Lager und der Völkermorde. Davon zeugen die Massengräber des 20. Aber es existiert auch eine undurchschaute und ungebrochene Verbindung zwischen dem europäischen Pessimismus. Es gibt. das das selbstkritische Europa so attraktiv macht im Wettstreit um die Definition der Zukunft und der Modernität in der einen Welt? Das kosmopolitische ist das in seiner Geschichte verwurzelte. seine Kontinuität im Bruch zu finden. eine paradoxe Koalition zwischen dem nationalen und dem postmodernen Europa. der Kritik der Moderne und der Postmoderne. Europäisierung heißt Ringen um institutionelle Antworten auf die Barbarei der europäischen Moderne . mit seiner Geschichte brechende und die Kraft dafür aus seiner Geschichte gewinnende selbstkritische Experimentaleuropa. der Atombomben von Hiroshima und Nagasaki.politische. unabschließbar. in dem die Grundlagen.und damit Abschied von der Postmoderne. Grenzen und Leitideen der nationalstaatlichen Politik und Gesellschaft zur Disposition stehen. weil die Theoretiker der Postmoderne die Möglichkeit und die Wirklichkeit leugnen. er hat mit der Folge: Aufklärung. Es ist damit das Europa der reflexiven Modernisierung. In der Erinnerung an den Holocaust gewinnt der Bruch mit der Vergangenheit Macht für die 256 .der Weltkriege. Vielleicht unterscheidet diese radikale Selbstkritik die EU von den USA oder muslimischen Gesellschaften? Und ist sie das Erfolgsgeheimnis. anders gesagt. kosmopolitische Moderne erst angefangen.darin ist Jürgen Habermas recht zu geben. des Holocaust. dem radikalisierten kosmopolitischen Europa zu bekämpfen. Postmoderne. Dieser Prozeß ist unabgeschlossen. den Horror der europäischen Geschichte mit mehr Europa. Jahrhunderts . Wie Daniel Levy und Natan Sznaider argumentieren: Die radikal selbstkritische europäische Erinnerung an den Holocaust zerstört nicht. Das kosmopolitische Europa ist die institutionalisierte Kritik des europäischen Weges an sich selbst. die die Verzweiflung auf Dauer stellt .paradox formuliert -. Ja. sondern konstituiert die Identität Europas.

Entweder wir oder die.setzt die Entmachtung. Es geht darum. der Nanotechnologien usw. die Musealisierung der europäischen Nationen voraus. Großbritannien beispielsweise hat bekanntlich gar keine Verfassung und spricht doch (hin und wieder) mit einer ureuropäischen. Der nationale Blick verkennt nicht nur die Wirklichkeit und Zukunft Europas. dann gibt es kein Europa (Intergouvernementalismus).und Staatsbegriffe gewonnen werden. also radikaler Selbstkritik der gängigen Politik. dann gibt es keine nationalen Mitgliedstaaten. oder die nationalen Mitgliedstaaten bleiben die Herren Europas. Normativ und politisch verstanden.und Staatsbegriffe: Die Realität des kosmopolitischen Europa kann nur in Negation.und Gründungsmythen zukunftsweisende Erinnerungsformen einer kosmopolitischen Selbstkritik Europas zu etablieren. Das heißt: Wer eine Verfas- 257 . Er kennt zwei und nur zwei Lesarten der europäischen Politik und Integration entweder den Bundesstaat (Föderalismus) oder den Staatenbund (Intergouvernementalismus). gewinnen die. kosmopolitischen Stimme. Ein nationales Großeuropa .ein Superbundesstaat . verneinen sie gerade das. Was wir abgeben. Er (re)produziert auch die Selbstblockaden. Übrigens auch im Sinne des Postkolonialismus und der sich abzeichnenden revolutionären Folgen der Erfolge der Humangenetik. während im Staatenbund die Nationalstaaten eifersüchtig ihre nationalstaatliche Souveränität gegen die europäische Machterweiterung verteidigen. In der nationalen Perspektive muß die europäische Integration letztlich als Internalisierung des Kolonialismus gedacht werden. verkennt nicht nur die Wirklichkeit und Zukunft Europas. 3. die zum Kennzeichen des politischen Handelns in Europa geworden sind Dies zeigt sich schon am Kanon der etablierten Politik. urdemokratischen. Wer Europa national denkt. gegen nationale Kriegs. Entweder es gibt einen Staat Europa (Föderalismus).Zukunft. Dasselbe gilt für die gegenwärtige Verfassungsdiskussion. um was es in der Wirklichkeit und in der Zukunft geht: das Europa der Differenz. Beide Modelle sind empirisch falsch.

im Gegenteil: Es geht darum. Selbstbestimmung zu negieren oder gar zu verdammen . nationalen. Wählt man dagegen die Option keine europäische Verfassung. weltoffenen Provinzialitäten.und Politikkulturen fortbestehen und zugleich in eine europäische Rechtskultur eingeschmolzen werden.kosmopolitisches Europa. Es geht nicht darum. religiösen und politischen Identitäten und Kulturen durch das Prinzip der konstitutionellen Toleranz gewährleisten. der die Realität Europas widerspiegelt. was (mindestens in Ansätzen) längst da ist und das es gegen die Bornierungen des nationalen Blicks zu bejahen und zu radikalisieren gilt: das Europa der Differenz. läßt sich der Begriff des kosmopolitischen Staates entwickeln. Ähnlich wie der areligiöse Staat die Ausübung verschiedener Religionen ermöglicht. schafft Europa ab. Doch dieser Wirklichkeitsaufruhr hat einen Namen. einen Begriff . Kosmopolitismus heißt »logic of inclusive oppositions«: Das macht ihn so interessant für die politische und die Gesellschaftstheorie.sung Europas anstrebt. entkernt Europa. Das kosmopolitische Europa öffnet also die Augen für das. Europa lehrt: Die politische 258 . Die zum größten Teil tief im methodologischen Nationalismus befangene Politikwissenschaft verfährt nach dem Motto: Der Aufruhr der europäischen Wirklichkeit gegen ihre königlichen Begriffe muß mit allen Mitteln der empirischen Forschung niedergeknebelt werden.das ist die Leithypothese des kosmopolitischen Staatenbundes Europa . Dies läßt sich an der Rechts Wirklichkeit der EU zeigen. müßte das kosmopolitische Europa das grenzenüberschreitende Nebeneinander der ethnischen.und Staatsbegriffe überträgt. Die nationalen Welt(bürger)kriege können . Wenn man dies auf die Politik. entsteht banalerweise ebenfalls kein Europa. in dem nationale Rechts. sie aus der nationalen Einäugigkeit zu befreien und mit der Hinwendung zu den Belangen der Welt zu verbinden. Bringt doch Europäisierung ein neuartiges Sowohl-als-Auch hervor.oder kein Europa! Anders gesagt: Europas Wirklichkeit ist nur im Widerspruch zum etablierten Begriffsangebot entstanden und zu begreifen. beraubt es seiner liebenswerten.mit einer Trennung von Staat und Nation beantwortet werden. Gefangen in den falschen Alternativen des nationalen Blicks haben wir also die Wahl zwischen entweder kein Europa .

Aber es gibt empirisch diese staatlich orga259 . Amerika.Evolution der Staatenwelt und Staatsbegriffe. die den Menschen im Alltag auf den Nägeln brennen. Das gilt auch für Asien. transnationalen Terrorismus und der politischen Folgen der Klimakatastrophe eröffnen. Angesichts der sich bedrohlich bündelnden Weltprobleme. Die Franzosen denken. Das gemeinsame Haus Europa nach der national-internationalen Logik zu bauen. Wer nicht mitspielt . als gäbe es nach wie vor Großbritannien. Der erste Grundsatz des kosmopolitischen Realismus besagt: Europa wird niemals als Projekt nationaler Homogenität möglich. Afrika. die sich nationalstaatlichen Lösungen verweigern. in zwischenstaatlichen Kooperationsformen und Kooperationsstrategien mittlerer. aber die Vielfalt des Nationalen als Wesensmerkmal Europas zelebriert) -. aber eben in besonderem Maße für das Experiment der EU. den bestraft das Leben (Beck 2002 a). weil plural-national. Europäisierung heißt: Meta-Machtspiel. Darum geht es exemplarisch im kosmopolitischen Europa: im Zeitalter globalisierter Probleme. kann Politik nur im Quantensprung vom nationalen zum kosmopolitischen Staat Glaubwürdigkeit zurückgewinnen. Staatstheorien ist nicht abgeschlossen. Oder zu einem Verlust-Verlust-Spiel.wie hatte Gorbatschow gesagt? -. Die andere Seite des Verfalls der nationalstaatlichen Ordnung sind die Gestaltungschancen. Das alte nationalstaatliche Spiel ist nicht länger möglich. ist weder realistisch noch wünschenswert. Nur ein kosmopolitisches Europa. es gäbe Deutschland. indem es sie anerkennt (also ein großnationales Europa ausschließt. es gäbe Frankreich usw. die sich einem europäisch-kosmopolitischen Staatsgebilde angesichts wirtschaftlicher Globalisierung.überwindet. Die nationale Realpolitik wird irreal. ist sowohl europäisch (im Sinne von nicht-national) als auch national. also europäisch. im Gegenteil kontraproduktiv. Die Briten tun so. also regionaler Reichweite und entsprechenden Politiktheorien mittlerer Reichweite politische wie politikwissenschaftliche Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen. Es hat längst ein Machtspiel um die Veränderung der scheinbar ewigen Regeln der national-internationalen Machtordnung begonnen. das (wie seine Gründungsväter wollten) seine nationale Tradition zugleich überwindet und anerkennt . Die Deutschen glauben.

heißt also: Es bilden sich Strategien der reflexiven Selbstbeschränkung der Mitgliedstaaten im nationalen Eigeninteresse heraus. 260 . der unechte Kosmopolitismus. Aus Nationalstaaten werden Transnationalstaaten. Jede Mitgliedsregierung muß antizipieren. je europäischer. die die kooperierenden Nationalstaaten letztlich unberührt läßt .ersetzt werden durch die Maxime kosmopolitischer Realpolitik: Unsere Politik ist national um so erfolgreicher. Europäisierung ergreift und verwandelt vielmehr die beteiligte Staatsgewalt und nationale Souveränität in ihrem Kern.nisierten. Im kosmopolitischen Europa zeichnet sich eine neue Realpolitik politischen Handelns ab: Am Beginn des dritten Jahrtausends muß die zirkuläre Maxime nationaler Realpolitik . nationalen »Container« schon längst nicht mehr.wie die intergouvernementale Perspektive unterstellt. eine Option aller Staaten.wenn es gutgeht . Woraus folgt. so doch europäisch zu »zähmen«? Wie entstehen europäische Eigeninteressen der Nationen? Wie kann verhindert werden. Die europäische Frage. daß nationale Interessen europäisiert und als europäische verfolgt und maximiert werden können. die die Europäisierung auf Dauer stellt. die Verflechtungspolitik.nationale Interessen müssen national verfolgt werden . je kosmopolitischer sie ist. daß die anderen Mitgliedstaaten möglicherweise genauso handeln. lautet demgemäß: Wie kann der »Teufelskreis« des nationalen Nullsummen-Spiels durch den »Engelskreis« eines europäischen PositivsummenSpiels ersetzt werden? Wie wird es möglich. und zwar in einem doppelten Sinne: einerseits kommt es zu einer Verschmelzung von nationalen und europäischen Interessen derart. Europäisierung . Andererseits ist die Instrumentalisierung Europas. wie gewinnt ein kosmopolitisches Europa an Schwung und Durchsetzungsmacht. Die Schaffung von Interdependenzen in allen Politikfeldern. daß die Europäische Union durch nationale Egoismen ausgebeutet wird? Auch hier erweist der Begriff der kosmopolitischen Realpolitik seine Fruchtbarkeit. Diese machen aus pragmatischen Gründen von ihrer latenten Souveränität nicht Gebrauch. daß die Instrumentalisierung des europäischen Gemeinwohls als drohende Minderung der eigenen »national-europäischen« Interessen allgegenwärtig ist. die nationalen Egoismen wenn schon nicht zu überwinden. die Frage. ist gerade nicht eine einmalige Kooperation.

»kosmopolitisiert« worden. synthetisieren. aber auch schon vorher. mit dem Fall der zwischennationalen Grenzen. die beharrliche und befremdliche Naivität.und völkerrechtliche Realität. sondern in der Europäischen Union getroffen. Dieser intellektuelle Protektionismus. Wo das. kombinieren. 261 . in der die Verängstigten und Ratlosen Zuflucht und Zukunft suchen.quer zur Rechts-Links-Unterscheidung . alten Wahrheiten um so militanter herausgeputzt. absorbieren. Aber in Europa ist er spätestens mit der Schaffung eines gemeinsamen Währungsraums. »europäisiert«. So ist es kein Wunder. kein Zweifel. werden die guten. die unseren Alltag prägen. in Bewegung gerät. kultiviertesten Kreisen. Was Europa allerdings lähmt. Es gibt ihn noch.auch in den gebildetsten. und zwar als staats. Sie regiert . regiert die nationale Imagination mehr denn je in den Köpfen. mit der man für ewig oder natürlich hält. Während sich die europäischen Nationalstaaten verflechten. Zwar ist der Nationalstaat nicht im Grab der Geschichte versunken. daß zwischen den Erfolgen der Europäisierung und dem Aufkommen des Neonationalismus und Rechtspopulismus in Europa geradezu eine kausale Beziehung besteht. diese nostalgische Lebenslüge herrscht nicht nur in der rechtspopulistischen Schmuddelecke Europas. was ewig und sicher schien. ist die nationale Lebenslüge seiner intellektuellen Eliten. Diese beklagen die gesichtslose Europabürokratie oder den Abschied von der Demokratie und gehen dabei stillschweigend von der völlig irrealen Annahme aus. um ihre nationalen Eigeninteressen dauerhaft zu maximieren. selbst die reflektiertesten politischen Theorien klammern sich an diesen Nationalstaatsmythos. es gäbe ein Zurück zur nationalstaatlichen Idylle. die von den europäischen Institutionen ausgegeben werden. Mehr als fünfzig Prozent aller Entscheidungen. so daß es in den als »national« etikettierten Gesellschaften keinen europafreien Winkel mehr gibt. zu einer rhetorischen Gewohnheit. Es herrscht die Verblendung des Nationalstaatsglaubens gegenüber seiner eigenen Geschichtlichkeit. was vor zwei oder drei Jahrhunderten noch als unnatürlich und absurd galt.halten sich an die europäischen Spielregeln. wird zu einem sentimentalen Gespenst. mit dem Wirksamwerden des europäischen Rechts verwandelt. werden nicht innerhalb nationaler Räume.

kann dieser Schritt zwischen Staaten mit differenten Kulturen nur als revolutionär bezeichnet werden. Er bringt die Erfahrung der westlichen Allianz und der Europäischen Union auf den Begriff und baut diese für das Zeitalter der globalen Gefahren aus Dieser atlantische Realismus.mit der Folge: Ein Krieg zwischen Mitgliedern wird zu einer undenkbaren Option. einschließlich zweier Europa verwüstender Weltkriege. läßt sich an dem größten denkbaren Erfolg einer entschiedenen. 500 000 russische Soldaten sind aus Mitteleuropa friedlich abgezogen.4. Zum ersten Mal in der Geschichte haben Staaten gelernt.sich ein atomares Militärbündnis zwischen Staaten fast lautlos aufgelöst.ohne daß auch nur ein Schuß fiel! . Diese Staaten begreifen sich selbst als eine allmählich expandie262 . sogar das schier unlösbare Weltproblem der atomaren Militärbedrohung zu lösen in der Lage ist? In welchem Sinn ist die EU ein Empire? Die Staaten Europas haben fünf Jahrhunderte des Krieges. die Ideologie des Marxismus-Leninismus mit ihrem globalen und totalen Machtanspruch ist auf der Müllhalde der Geschichte gelandet. daß nur beides zusammen: militärische Macht und die Macht des legitimitätsstiftenden Rechts und Konsenses. Historisch betrachtet. die ihre Währung teilt sowie den Wunsch. den die Weltgeschichte kennt: dem Zusammenbruch des Warschauer Paktes. das Sowjet-Empire hat sich friedlich von der Bühne der Weltgeschichte verabschiedet. Hier hat . definitiv beendet. militärisch gestützten Abrüstungspolitik begreifen und veranschaulichen. sie müssen Menschenrechte und zivile Freiheiten verteidigen . um eine neue Union zu bilden. Alle Staaten müssen einen inneren Prozeß der Selbstdemokratisierung vollziehen.alles dies. so wurde der Weg frei für die Osterweiterung der Nato und der EU . sondern erweitert wird. daß ihre Macht durch die Preisgabe nationaler Souveränität nicht geschmälert.und Sicherheitspolitik zu finden. sondern eine Realität. Der kosmopolitische Realismus ist keine Utopie. der in Vergessenheit zu geraten droht. ohne daß ein einziger Schuß fiel! Kann es einen überzeugenderen Beweis dafür geben. die innere Demokratisierung voranzutreiben und eine breite Gemeinsamkeit in der Außen. wohlgemerkt.

in einem »neuen Land« national verwurzelt. 263 . Weltethnien. also gerade nicht auf militärischer Macht und Eroberung . Die Weltkulturen. Versinnbildlichen die USA nicht die »kosmopolitische Nation« schlechthin .7. also de-territorialisierte Gruppen. Auf diese Weise entwickelt die Europäische Union eine neuartige Kraft und Ausstrahlung in der Welt. das auf Freiwilligkeit und prozeduralem Konsens beruht. Um dies zu verstehen. 2. In den USA wurde von Anfang an nicht um ein kosmopolitisches Amerika der nationalen Differenz gerungen. national verschmolzen ? Ja. Weltreligionen. Es ist das erste Mal in der Geschichte. Nationalitäten und regionale Identitäten. Das amerikanische Experiment lautet: Wie können Einwanderer. wo das Bekenntnis zur nationalen Einheit des Staates beginnt. ist die Unterscheidung zwischen Multikulturalismus und Kosmopolitismus wesentlich. Überdies beruht das bemerkenswert erfolgreiche Experiment der multikulturellen Nation Amerika auf den Bedingungen des Einwanderungslandes. »aufgelöst« werden. alle Weltkulturen und alle Weltreligionen beheimatet. aber Amerika ist im strengen Sinne des Begriffs eine »multikulturelle Nation«. die Amerika beheimatet. daß wir Zeugen der Entstehung eines Empires sind. die in einer Welt der nationalen und ethnischen Territorialstaaten einzigartig ist.die Differenz zum kriegerischen Europa könnte kaum größer sein. deren Gegensätze mit der Blutsprache der Gewalt tief in die Erinnerung der Menschen eingeschrieben sind. so füreinander geöffnet und miteinander verwoben werden. daß aus ihnen eine kosmopolitische Staatenkooperative entsteht? Die Europäische Union ist gerade 2 Siehe dazu Kapitel II. zu einer Nation verschmolzen werden? Das europäische Experiment lautet: Wie können historisch tief verwurzelte territoriale Ethnizitäten.rende Staatenkooperative. re-territorialisiert. vielmehr um ein nationales Amerika der Aufhebung der Differenz. sollen im Pathos der Nation aufgehen . die immer neue aktuelle und potentielle Mitgliedstaaten in ihren Bann zieht.sind in ihr doch alle Ethnizitäten.eben »verschmolzen«.2 Für den nationalen Multikulturalismus Amerikas hat man sehr zutreffend die Metapher des »Schmelztiegels« erfunden: Das Bekenntnis zur Andersheit der Anderen endet.

der durch die kooperative Verschmelzung der Nationalstaaten entsteht und dadurch die nationalen Staaten nicht entmächtigt. einer Geschichte light auf. Dem Verantwortungszusammenhang der Weltrisikogesellschaft kann sich niemand entziehen. Die USA kennen keine geschichtlichen Institutionen im europäischen Sinne: weder die katholische Kirche. nicht den Holocaust. Solange wir Europäer uns nur mit uns selbst beschäftigen. weder die Religionskriege noch den frühkapitalistischen Klassengegensatz von Arbeit und Kapital sowie die bis heute darauf aufbauenden politischen Massenparteien. nicht den Stalinismus und auch nicht den Wohlfahrtsstaat. kein multiethnischer Großnationalstaat. Europa wird also nur als kosmopolitische Einheit der Anerkennung und Versöhnung vieler nationaler und regionaler Geschichten möglich werden oder gar nicht. wachsen die aktuellen globalen Risiken auch für Europa.kein Einwanderungsland. Der amerikanisch-nationale Multikulturalismus setzt .auf einer Tabula-rasa-Geschichte. Wenn alle Regierungen und Bevölkerungen sich weiter national abschotten.zugespitzt . nicht den Faschismus. Der amerikanische Weg des nationalen Multikulturalismus ist in Europa nicht nur aus historischen vielmehr geradezu aus logischen Gründen ausgeschlossen. ähnlich wie der Westfälische Frieden keine Auslöschung oder Auflösung der Religionen bedeutete. Der Siegeszug des kosmopolitischen Europa spricht völlig unzweideutig die Sprache des politischen Mehrwerts. kein »Schmelztiegel«. daß die Prinzipien der nationalen und kulturellen und ethnischen und religiösen Toleranz institutionell gefaßt. der auf seine Weise auch eine Antwort auf die Fragen darstellt. noch die feudale Herrschaftsordnung. dann ist Europa die Heimat der langen Geschichte. bewahrt und garantiert werden. und zwar weil die historische Realität vieler Nationen nicht durch eine große Nation ersetzt werden kann. Ist Amerika die Heimat der kurzen Geschichte. nicht den Nationalsozialismus. und es ist nur eine Frage der Zeit. Kosmopolitisches Europa meint nicht die Auslöschung oder Auflösung der Nationen. die diese europäische Wahnsinnsgeschichte aufwirft. Im Gegenteil: Es meint. bis aufgrund der globalen Abhängigkeiten auch die reichen 264 . dann versinken immer mehr Länder und Kulturen in Chaos und Verfall.

haben ein prinzipielles Doppelgesicht: Sie heben die Grenzen zwischen national und international auf. aber auch für das Zeitalter der globalen Gefahren und Krisen öffnet und umformuliert. empirisch und politisch). Selbst die mächtigste Nation der Welt ist ohnmächtig angesichts dieser Bedrohungen: Alleingänge sind ineffektiv oder kontraproduktiv. einen kosmopolitischen Realismus zu erschließen und zu entfalten (begrifflich. daß es im Zeitalter globaler Interdependenzen und Gefahren nur einen. Also: Nicht in der Nabelschau. müssen sie zusammenarbeiten. Für diese Zwecke ist es erforderlich. Ihr Egoismus des Überlebens und der Machterweiterung zwingt sie zum Zusammenschluß und zur Selbsttransformation: Nicht Rivalität.und mächtigen Nationen gefährdet sind. Mit anderen Worten: Weil Staaten überleben wollen. und letzterer ist der national und staatlich verinnerlichte Kosmopolitismus. Dauerhafte Kooperation jedoch verändert die Selbstdefinition von Staaten in ihrem Kern. so wird hier noch einmal deutlich. Man muß unterscheiden zwischen einem selbstdestruktiven (Autarkie) und einem machtmaximierenden Weg. in der kosmopolitischen Öffnung Europas liegt die Lösung der Probleme. Nicht nur die Gefahr. Doch wir könnten das Gewissen entlasten. Die Gefahren. wenn sich die Welt gemeinschaftlich dieser Aufgabe annähme. Der kosmopolitische Blick. nicht Idealismus. meint nicht Altruismus. (b) internationale Regeln aushandeln und entsprechende internationale Institutionen gründen. die vom Irak und Nordkorea ausgeht. müssen die Staaten (a) kooperieren. nämlich den kosmopolitischen Weg gibt. nationale Interessen zu verfechten. weil er verkennt. sondern Kooperation maximiert die nationalen Interessen. um nationale Interessen zu verfolgen und zu maximieren. Der Anti-Kosmopolitismus ist zugleich anti-national. die heute und morgen den Staaten drohen. Dieses kann wiederum als ein Beispiel für die innere Kosmopoliti265 . Um ihre Macht zu bewahren und zu mehren. auch beispielsweise der Zustand Afrikas lastet schwer auf dem Gewissen der Welt. relativieren zugleich aber auch die Machtasymmetrie der Staaten. sondern Realismus. der den nationalen Realismus mit seiner berechtigten Skepsis aufnimmt. in diesem Fall: reflektiertes Eigeninteresse von Transnationalstaaten.

den dieses Buch vorlegt. der Elternschaft. verstärkt und öffentlich bewußt (gemacht) werden? Aber dies ist wieder eine andere Frage. Die Frage nach einem politischen Kosmopolitismus mündet daher in die Frage ein: Wie kann die horizontale Kosmopolitisierung der Orte.sierung des nationalen Erfahrungs. der Freizeit. des Konsums. hinausweist (Beck/Grande 2004). die über den Versuch. der Politik usw. der Wirtschaft. den kosmopolitischen Blick zu begreifen. der Familien.und Erwartungsraumes gelesen werden. . beobachtet. der Biographien. der Arbeit. der Ausbildung.

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