Die drei Leben des russischen Pianisten Andrei Gawrilow Der russische Pianist Andrei Gawrilow hat drei

Leben. Zuerst wurde der "beste Pianist der Welt" 1979 bis 1984 vom Sowjet-Regime in die Isolation gezwungen, danach verschwand er 1993 bis 2001 freiwillig wie vom Erdboden. Auf der Flucht vor sich selbst kam Andrei Gawrilow über Palästina, Israel und die Fidschi-Inseln 2001 in die Schweiz und steht jetzt in seinem dritten Leben in frenetisch bejubelten Tourneen wieder auf der Bühne.
Gawrilow wurde in eine multinationale Künstlerfamilie geboren. Sein Vater Wladimir Gawrilow gehörte zu den führenden russischen Malern der Mitte des 20. Jahrhunderts, seine Mutter war die armenische Pianistin Assanetta Egeserian, die dem erst dreijährigen Andrei Klavierunterricht erteilte. "Mit fünf Jahren spielte ich schon Klavier, dirigierte und komponierte." Nur folgerichtig war deshalb sein phänomenaler Sieg beim Moskauer Tschaikowsky-Wettbewerb 1974, den er mit 21 Jahren als bis dahin jüngster Pianist gewann. Wenige Wochen später spielte Andrei Gawrilow bei den Salzburger Festspielen als Ersatz für den erkrankten Swjatoslaw Richter. Vor dem Konzert buhte ihn das verwöhnte Salzburger Publikum aus, danach feierten sie den jungen Russen mit stehenden Ovationen. "Es war ein geradezu olympischer Triumph", erinnert sich Gawrilow: "Bereits nach dem ersten Teil, also vor der Pause, musste ich fünf Zugaben spielen. Nach dem zweiten Teil umarmte mich die erste Reihe des Publikums, man trug mich auf Schultern zum Künstlerzimmer." Andrei Gawrilow wurde in den folgenden Jahren mehrmals zum "besten Pianisten der Welt" gewählt, gar als "Tastengigant seiner Generation" bezeichnet, dessen "Nonplusultra pianistischer Hexenkünste" die Musikwelt begeisterte. Die Kritiker bewunderten sein technisches Potenzial, seine schier unerschöpflichen physischen Reserven und seine musikalische Brillanz. Andrei Gawrilow gerät in den Schraubstock des Sowjet-Regimes In den 1970er Jahren war Andrei Gawrilow der wichtigste Pianist seiner Plattenfirma EMI, die den Sowjetbürger mit Privatjet und Rolls-Royce verwöhnte. Dieser Luxus und seine ungewöhnlich offenen Worte über das Sowjetregime, stachen dem Politbüro in die Nase, wie Gawrilow im Nachhinein erkannte: "Ich war zu gross, zu frei geworden." 1979 wurden ihm auf Anweisung des damaligen KGB-Chefs Juri Andropow und Parteichef Leonid Breschnew über Nacht der Pass und die Flugtickets entzogen.

Immer enger wurde danach der Schraubstock des Sowjet-Regimes gedreht: Zuerst wurde Gawrilow unter Hausarrest gestellt und seine Telefonleitung gekappt. Dann wurde er in psychiatrische Kliniken zwangseingewiesen. Später zeigten ihm Milizionäre eine offizielle Anweisung, dass ein tödlicher Autounfall Gawrilows den Behörden nicht unwillkommen wäre. Erst durch Michail Gorbatschows Vermittlung endete dieser Albtraum 1984 und Andrei Gawrilow erhielt als erster Sowjetbürger einen so genannten "freien Pass". Mit diesem konnte er wieder im Westen konzertieren und Tonaufnahmen machen, ohne politisches Asyl beantragen zu müssen. "Ich war der erste freie, neue russische Mensch. Darauf bin ich genauso stolz, wie auf meine künstlerischen Erfolge!" Gawrilow lebte in der Folge in Grossbritannien und Deutschland. Das zweite Leben von Andrei Gawrilow Ein zweites Mal wurde Andrei Gawrilow frenetisch gefeiert - bis er 1993 in ein emotionales Vakuum geriet. Wohl hatte er mit 39 Jahren alles erreicht, was man sich als Künstler auf dieser Erde vorstellen kann, "aber ich hatte seit meinem dritten Geburtstag keine Chance gehabt, mich normal zu entwickeln, erwachsen zu werden." Er war ein Teil der weltweiten Musikindustrie und wusste doch: "Die Musik darf keine Industrie sein, meine Konzerte und meine Aufnahmen in den Tonstudios können nicht wie Traktoren produziert werden." Mitten in einem live übertragenen Konzert in Wien ging Gawrilow einfach von der Bühne und liess alle Konzerte und Studioaufnahmen platzen. Über Nacht verschwand er, Andrei Gawrilow war wie vom Erdboden verschluckt. Neun Jahre lang suchte er die Zwiesprache mit Gott, trieb religiöse und philosophische Studien, beschäftigte sich mit den Intentionen der Komponisten in den Werken und überarbeitete seine Klaviertechnik grundlegend. Seine Stationen waren Palästina und Israel, ja sogar die Fidschi-Inseln im Südpazifik - bis er 2001 wieder auftauchte. Das dritte Leben von Andrei Gawrilow In der Schweiz fand er seine neue Heimat, wohnte zuerst in Luzern und begann in der Saison 2001/2 wieder zu konzertieren. Seit August 2008 lebt er mit seiner zweiten Frau, einer jungen japanischen Pianistin, und seinem Sohn im Kanton Zürich. Nach der politisch erzwungenen Isolation durch das Sowjet-Regime 1979 bis 1984 und nach dem freiwilligen Sabbatical von 1993 bis 2001 lebt Andrei Gawrilow nun sein drittes Leben. Wobei er selbst dies völlig anders sieht: "Die ersten beiden Phasen meines Lebens waren nur die Vorbereitung. Jetzt bin ich endlich mit mir selbst im Reinen und wirklich glücklich. Ich möchte den Menschen, die mir soviel Gutes getan haben, mit meiner Musik etwas zurückgeben."

Im Juli 2009 spielte Andrei Gawrilow die erste Studioaufnahmen seit 1993 ein. Ein erstes Set umfasst fünf DVD mit Werken von Chopin und Bach, darunter dessen legendäre Goldberg-Variationen, sowie drei DVD mit seinen Erklärungen dazu. Ein zweites solches DVD-Set mit Werken von Schumann und Prokofiew ist in Vorbereitung, ebenso ein Hollywood-Film über die dramatische Biographie von Gawrilow. Im September 2009 startete Andrei Gawrilow eine Aufsehen erregende Tournee durch die russischsprachigen Staaten, die in der sibirischen Stadt Tjumen begann und über Ekaterinburg am Ural nach Moskau und St. Petersburg führte. Im November spielte Gawrilow in der Ukraine um dann im Dezember über die sibirischen Städte Nowosibirsk und Krasnojarsk nach Moskau zurückzukehren, wo das Schlusskonzert seiner MegaTournee am 15. Dezember 2009 frenetisch gefeiert wurde. HONORARFREIER ABDRUCK Dieser Text ist lizenziert unter Creative Commons BY-NC-ND 2.5 Switzerland. Sie dürfen diesen Text mit Nennung des Autors und von maiak.info honorarfrei vervielfältigen, verbreiten und öffentlich zugänglich machen (aber nicht anderen Medien verkaufen!). Textkürzungen sind erlaubt, jedoch darf der Text in keiner anderen Weise verändert werden. Den Originalbeitrag und Fotos finden Sie hier: http://www.maiak.info/andrei-gawrilow-pianist-russland-schweiz