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JÜDISCHE WELT

ÖSTERREICH

Stephan Templ tritt Haftstrafe an
Restitutionsexperte in der Justizanstalt Simmering eingetroffen.
Kritik an Wiener Justiz im In- und Ausland
07.10.2015

Der Journalist und Restitutionsexperte Stephan Templ hat am Montag eine einjährige Haftstrafe
in der Justizanstalt Wien-Simmering angetreten. Einige Freunde und Unterstützer, darunter sein
Anwalt Robert Amsterdam, begleiteten ihn bis zum Gefängnistor.
Der heute 55-jährige Templ war im April 2013 vom Wiener Landesgericht für Strafsachen wegen
»schweren Betruges« zu einer dreijährigen Freiheitsstrafe verurteilt worden. Die Republik
Österreich, hieß es in der Begründung, sehe sich durch ihn geschädigt. Das Oberlandesgericht
reduzierte die Strafe später auf ein Jahr Haft und zwei Jahre Bewährung.
HINTERGRUND Im Rahmen eines Restitutionsverfahrens hatte Templ falsche Angaben
gemacht. Es ging dabei um die Rückgabe eines Teils des ehemaligen Sanatoriums Fürth in der
Wiener Josefstadt, das nach 1938 »arisiert« worden war. Templ, der als Verfasser kritischer
Bücher zum österreichischen Umgang mit der Rückgabe jüdischen Besitzes nach 1945 bekannt
ist, hatte 2006 Ansprüche seiner Mutter angemeldet. Dabei versäumte er es, auch den Namen
seiner Tante anzugeben, die ebenfalls Ansprüche gehabt hätte.
Das harte Urteil gegen den Journalisten rief in vielen Ländern Sorge und Proteste hervor: Templ,
Nachkomme von Schoa-Opfern und scharfer Kritiker der österreichischen Restitutionspraxis,
werde von der Wiener Justiz als eine Art Nutznießer der NS-Zeit hingestellt und bestraft, hieß es.
RACHEFELDZUG Viele Beobachter im In- und Ausland vermuten hinter dem harten Urteil
gegen Templ einen Rachefeldzug, weil der Journalist seine Heimat Österreich in den vergangenen
Jahren in Sachen Aufarbeitung der NS-Zeit immer wieder kritisiert hat. In einem Interview mit
der Frankfurter Allgemeinen Zeitung sagte Templ 2014: »Ich fühle mich in Österreich
mittlerweile nicht mehr wie in einem europäischen Rechtsstaat, sondern wie in Putins Russland.«

© Jüdische Allgemeine - Wochenzeitung für Politik, Kultur und Jüdisches Leben
http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/23460
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Anfang September hatte Österreichs Bundespräsident Heinz Fischer ein Gnadengesuch der
Anti-Defamation League (ADL) für Templ abgelehnt. Der Verurteilte habe alle Rechtsmittel
ausgeschöpft, heißt es in dem Brief: »Das Urteil ist deshalb endgültig.« ja

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