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ANGELA POINTNER

Phie und die Hadeswurzel­

Seifert Verlag

Für Nina
Ein besonderer Dank an
Alex, Max, Paula, Lilith und Julia

sich öffnen
einsicht gewähren
heißt der eigenen stärke
die größte last zu nehmen

Prolog

D

as kleine Ruderboot glitt lautlos über das Wasser
dahin. Mond und Wolken spiegelten sich auf der
Seeoberfläche, die mitten in der Nacht wie ein
zerknittertes Laken im schwachen Wind ruhig auf und ab
wogte. ­Sophie steuerte das Boot mit wenigen konzentrierten
Schlägen auf ihr Ziel zu: eine kleine sandige Bucht, die sich
am Rande eines mächtigen Felsens in das dichte Gebüsch
der Insel duckte. Von Kletterpflanzen überwucherte Äste bogen sich würdevoll zum Wasser hin. Wenn die Löwenklippe
nicht so markant über jener Stelle thronte, die sie anvisieren wollte, dann hätte ­Sophie den Strand mühsam absuchen
müssen, um sie zu finden. Silbergraue Weiden, stachelige
Brombeer- und Himbeerstauden, Eschen und mächtige
Buchen bildeten einen fast uneinnehmbaren Wall um jenes
Reich, das sie nun fast jede Nacht besuchte.
Mit einem scharfen Ruck fuhr das Ruderboot auf die
Sandbank auf. ­Sophie sprang ans Ufer und zog das Gefährt 
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ins Trockene. Es spritzte unter ihren Füßen auf, als sie im
seichten Wasser landete, doch weder ihre Schuhe noch ihre
Hose waren nass, wie sie ein um das andere Mal erstaunt
feststellen musste. Es lag eine geheimnisvolle Stimmung
über ihrer Insel: Der Nebel, der über der Wasseroberfläche
schwebte, verband sich fast nahtlos mit den dicken grauen
Wolken, die das gegenüberliegende Ufer bis zum Himmel
verdeckten. Für einen kurzen Moment leuchtete ein Berggipfel in der Ferne auf. Der Mond hatte eine kleine Lücke genutzt und ließ Schnee und Felsen in einem gelblich-weißen
Licht erscheinen. Und wie in jeder Nacht, hatte sie genau
in diesem Moment, als sie der Bucht den Rücken zukehrte,
das Gefühl, beobachtet zu werden. Als würde im Dunkel des
Dickichts etwas oder jemand lauern und jeden ihrer Schritte
verfolgen. Eine Gegenwart, die sich nicht fassen ließ, stets
unsichtbar blieb, auch wenn sie sich noch so schnell umdrehte. Ihr Magen verkrampfte sich, und die Angst ließ sie
regelrecht zusammenschrumpfen. S­ ophie duckte sich zum
Löwenfelsen, so als könnte er sie beschützen, und kletterte
so schnell wie sie vermochte durch einen kleinen Spalt, der
sich zwischen Stein und Gebüsch auftat.
Ein schmaler Pfad schlängelte sich durch das dichte Unterholz, und je weiter sie in den Wald hineinlief, desto heller
und freundlicher nahm er sie auf. Die hohen Laubbäume gaben zwar kaum den Blick zum Himmel frei, doch unter ihrem
Dach hatten sich moosige Lichtungen gebildet. Das struppige Gebüsch des Uferstreifens war weichen Farnen gewichen,
zwischen denen ein kleiner Bach hervorsprudelte. Von Moos
und Flechten überwachsene Felsbrocken ließen den Wald
mystisch und geheimnisvoll erscheinen, mit Efeu umrankte
Baumstümpfe und knorrige Wurzelstöcke verstärkten diesen
Eindruck noch. ­Sophie liebte diesen Teil des Waldes, der am
Fuß eines Hügels lag und sich fast bis zu dessen höchster
Stelle erstreckte. Sie kannte ihn inzwischen fast so gut wie
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ihre Westentasche, jede Lichtung, jeden Felsvorsprung hatte
sie begutachtet, aber nur ein Ort konnte ihre Sehnsucht, die
sie Nacht für Nacht auf die Insel trieb, stillen. Sie lief den
Pfad, auf dem sie gekommen war, weiter, und schon bald
führte er den Hügel empor. In sanften Serpentinen stieg
­Sophie immer höher, bis sie die Waldgrenze erreicht hatte
und der grasige Gipfel vor ihrem erwartungsvollen Blick aufragte. Genau am höchsten Punkt war ein mächtiger bohnenförmiger Felsen in das hohe Gras gebettet, als hätte ihn ein
Riese an die Spitze seiner Sandburg gesetzt. Die Oberfläche
des Steines war rau, aber dennoch nicht abweisend, er fühlte sich warm an, so als hätte er das Sonnenlicht des ganzen
Tages in sich gespeichert. S­ ophie liebte es, sich in die Kuhle
ganz oben hineinzukuscheln, von diesem Punkt aus konnte
sie fast die ganze Insel überblicken. Während der See und
das andere Ufer noch immer im Wolkenmeer versteckt lagen, wurde ihr Reich vom Mond in ein betörendes Licht
getaucht und schimmerte in den verschiedensten Grau- und
Silbertönen. Fasziniert genoss S­ ophie das Glitzerspiel, doch
tief in ihrem Inneren spürte sie eine immer stärker werdende
Sehnsucht: die nach Farben im Sonnenlicht. Farben standen
für sie für das pralle Leben. Jede Stimmung, jeder Moment
hatte eine eigene Tönung, und S­ ophie wäre so gerne der tiefschwarzen Realität entflohen. 

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