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Freiheit und Fortschritt als Tradition

150 Jahre Dreikönigstreffen

Einführung

Freiheit und Fortschritt als Tradition

150 Jahre Dreikönigstreffen

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Seit dem 6. Januar 1866 versammeln sich Liberale am
Dreikönigstag in Stuttgart. Aus dem zunächst regionalen
Treffen demokratischer Volksvereine zur ersten Landesvertretertagung ist heute eine bundesweit beachtete politische
Großveranstaltung geworden, eine Kundgebung, die unter
den Parteien in Deutschland ihresgleichen sucht.
Freiheit und Fortschritt als Tradition – so könnte das Motto
seit diesen 150 Jahren lauten. Gekommen aus den Freiheitsbestrebungen Anfang des 19. Jahrhunderts, nachdem
die Aufklärung auch die Politik erreicht hatte, dann nach
dem Scheitern der 1848er Revolution zurückgeworfen, aber
wiedererstarkt, und Mitte des 19. Jahrhunderts sogar als
bestimmende Kraft, nutzten die Liberalen das Treffen zur
Verbreitung ihrer politischen Botschaften. Nach mehrjähriger
Unterbrechung unter dem Nazi-Regime wurde die Tradition
1946 wieder aufgenommen und weiterentwickelt. Noch
heute bestimmt das Dreikönigstreffen traditionell den
politischen Jahresauftakt in Deutschland.
Welche Themen bewegten die Liberalen in dieser Zeit?
Was waren ihre Forderungen? Was haben sie erreicht?
Und: Ist sich der Politische Liberalismus treu geblieben in
diesen 150 Jahren? Diese und andere Fragen möchten wir
mit dieser Publikation klären und gleichzeitig zeigen, wie
wichtig es war und immer noch ist, für die Freiheit die
Stimme zu erheben.

Dr. Wolfgang Gerhardt
Vorsitzender des Vorstandes
der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit

Kapitel 1

Freiheit und Fortschritt als Tradition

„Für einen auf Freiheit
gegründeten Bundesstaat“. –
der liberale Verfassungsstaat

150 Jahre Dreikönigstreffen

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S

eit dem frühen 19. Jahrhundert haben sich Liberale in
Deutschland und Europa für einen auf Freiheit gegründeten Verfassungsstaat eingesetzt. Bereits der Historiker und Politiker Friedrich Christoph Dahlmann, einer der berühmten „Göttinger Sieben“, hatte 1815 in einem Beitrag mit
dem schlichten Titel „Ein Wort über Verfassung“ proklamiert:
„Was dem Staate seinen Wert und seine Eigentümlichkeit
gibt, soll in der Verfassung vollständig zu Worte kommen.“
Kernforderungen waren für die Anhänger des deutschen
Frühliberalismus Freiheitsrechte für die „Untertanen“ zum
Schutz gegen staatliche, vor allem fürstliche Willkür.
Verfassungen waren im Vormärz das Ziel, Parlamente
das Forum der Liberalen. Hier kämpften sie für Bürgerrechte, gegen politische Unterdrückung und Pressezensur. Karl
von Rotteck, Carl Theodor Welcker, Ludolf Camphausen und
David Hansemann sind nur vier der Persönlichkeiten, die im
vormärzlichen Liberalismus ihre Grundüberzeugungen über
einen liberalen Verfassungsstaat darlegten und für eine Verfassung stritten, die es in Preußen bis 1848 nicht gab.

Friedrich Christoph Dahlmann

Kapitel 1
Karl von Rotteck

Karl Mayer, Julius Haußmann
und Ludwig Pfau

„Die Deutsche Volkspartei bekennt sich zu
den demokratischen
Prinzipien der Freiheit
und Gleichheit und
verlangt die gleichartige Mitwirkung aller
Staatsbürger bei Verfassung und Verwaltung“.

Freiheit und Fortschritt als Tradition

150 Jahre Dreikönigstreffen

Paulskirche
Erst durch die politische, publizistische und parlamentarische „Schule“ des Vormärz wird klar, wie hartnäckig die Deutsche Nationalversammlung 1848/49 in der Frankfurter Paulskirche ihre Ziele verfolgte. Mit ihrem liberalen Präsidenten,
dem darmstädtischen Abgeordneten Heinrich von Gagern an
der Spitze, verabschiedeten auch zahlreiche Delegierte aus
Württemberg und Baden einen ersten Grundrechtskatalog
und traten für eine deutliche Ausweitung des Wahlrechts auf
alle männlichen Staatsbürger ein. Selbst wenn das Werk von
1848/49 schließlich am Widerstand des preußischen Königs
scheiterte, so wirkten die liberalen Errungenschaften in der
Gesellschaft fort und setzten Maßstäbe bis in die Diskussion
der Verfassungen von 1919 und 1949.

schen Kurs der nächsten Jahre.“ (Dieter Langewiesche)
Gestärkt durch den Zusammenhalt im
Dreikönigstreffen, leisteten die Liberalen nach
1867/71 im Reichstag einen maßgeblichen Anteil zur inneren Reichsgründung. Die Vereinheitlichung der einzelstaatlichen Rechtssysteme, der
Ausbau des Verfassungsstaates und die Finanzpolitik trugen eine liberale Handschrift, so dass
für die 1870er Jahre sogar von einer „liberalen
Ära“ gesprochen werden kann. Auf der liberalen
Agenda im deutschen Kaiserreich standen aber
auch unverändert die in der Reichsverfassung
von 1871 nicht einmal erwähnten Grundrechte.

Reichsgründung
Parallel zu den preußischen Liberalen, die
1861 in Berlin die Deutsche Fortschrittspartei gründeten und im Verfassungskonflikt
den Ministerpräsidenten Otto von Bismarck
attackierten, gründeten die liberalen Publizisten Karl Mayer, Julius Haußmann und Ludwig
Pfau 1864 in Stuttgart die Württembergische Volkspartei.
In dieser Folge fand nur zwei Jahre später, 1866, das erste Dreikönigstreffen in Stuttgart statt. Hier wurde verkündet,
was dann im ersten Programm der Süddeutschen Volkspartei im Jahr 1868 unmissverständlich niedergelegt wurde:
„Die Deutsche Volkspartei bekennt sich zu den demokratischen Prinzipien der Freiheit und Gleichheit und verlangt die
gleichartige Mitwirkung aller Staatsbürger bei Verfassung
und Verwaltung“. Die dort aufgestellten Forderungen, „verantwortliche Ministerien und parlamentarische Regierung“,
allgemeines direktes Wahlrecht, Vereins- sowie Glaubensund Gewissensfreiheit stellten die Grundüberzeugungen der
Liberalen schon damals dar. Der Dreikönigstag „wurde zu einem Ort, an dem sich Demokraten aus allen Regionen Württembergs trafen und persönlich kennenlernten, sich über die
politische Lage in ihren Gemeinden austauschten, die Aktivitäten ihrer Parteigruppen erörterten und über das Geschehen
in den Parlamenten Württembergs und des Reichs von ihren
Abgeordneten informiert wurde. Sie diskutierten über Erfolge und Misserfolge, besprachen und beschlossen den politi-

Weimar
Der bedeutendste Befürworter von grundlegenden politischen Reformen war der Berliner
Staatsrechtler Hugo Preuß (1860 – 1925), der
sich bereits vor 1914 für kommunale Selbstverwaltung und parlamentarische Mitbestimmung
ausgesprochen hatte. Dem im Juli 1917 gegründeten Interfraktionellen Ausschuss, der die allmähliche Parlamentarisierung des Reiches einleitete, gehörten neben Preuß die württembergischen Liberalen Friedrich
von Payer und Conrad Haußmann an. Im November 1918
wurde Preuß zum Staatssekretär berufen, amtierte kurzzeitig sogar als Reichsinnenminister und entwarf als Reichskommissar die Grundlinien der Weimarer Reichsverfassung.
Im Dezember 1918 war er, neben dem liberalen Parteiführer
Friedrich Naumann und dem Heidelberger Soziologieprofessor und Nationalökonomen Max Weber, Mitgründer der
Deutschen Demokratischen Partei (DDP). Preuß, Naumann
und Weber stellten zu Beginn der Weimarer Republik die Führungsfiguren des Linksliberalismus dar, die nachdrücklich für
eine demokratisch-republikanische Verfassung warben. Umso tragischer für die junge Republik war es, dass alle drei viel
zu früh verstarben: Naumann 1919, Weber 1920 und Preuß
1925. Ihre Nachfolge traten einige entschlossene Verteidiger der liberalen Demokratie an wie der Hochschuldozent
Theodor Heuss und der an das Vorbild westlicher Demokratien appellierende Nationalökonom Moritz Julius Bonn.

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Ein liberales Standardwerk
von Hugo Preuß

Friedrich von Payer

Kapitel 1

Freiheit und Fortschritt als Tradition

Max Weber, Soziologe und
Mitbegründer der DDP

Theodor Heuss

Aufruf der DVP
zu Dreikönig 1946

Die Ära des Grundgesetzes
Politische Praktiker wie Theodor Heuss (1884 – 1963) und
Ideengeber à la Bonn sorgten nach dem Ende der nationalsozialistischen Diktatur 1945 für eine Renaissance des politischen Liberalismus. Dabei war sich Heuss auf dem ersten
Dreikönigstreffen nach dem Krieg 1946 gar nicht sicher, ob
man, angesichts der ruhmvollen Geschichte des Liberalismus im 19. Jahrhundert und dessen mutloser Niederlage
1933, das Wort „liberal“ überhaupt noch verwenden solle. Die
liberalen Prinzipien und Werte hat der erste FDP-Bundesvorsitzende als Mitglied des Parlamentarischen Rates bei den
Beratungen des Grundgesetzes engagiert eingebracht und
vehement durchgesetzt. Heuss stellte sich als einer der Verfassungsväter damit in die liberale Tradition von Dahlmann
und Preuß.
Auch nach 1945 blieb es trotz der Umsetzung liberaler
Positionen im Grundgesetz der Bundesrepublik ein wichtiger
Auftrag der Freien Demokraten, die Beibehaltung der Bürgerrechte sicherzustellen, auf ihre Einhaltung zu achten und
für ihren Ausbau zu sorgen. Deshalb finden sich in den Reden zum Dreikönigstreffen immer wieder Bemerkungen zum
Thema „Verfassungsstaat“. Denn eine Verfassung – das war
und ist liberale Überzeugung – muss von Demokraten mit Leben erfüllt und verteidigt werden. Deshalb gehören Appelle,

150 Jahre Dreikönigstreffen

die Verfassung nicht nur zu beachten, sondern sie mit Leben
zu füllen, zu den stets wiederholten Wendungen in den Stuttgarter Dreikönigsreden.
Der Tübinger Rechtsprofessor Walter Erbe, wenig später einer der Mitgründer und erster Vorsitzender der Friedrich-Naumann-Stiftung, mahnte am Dreikönigstag 1956: „Demokratie ist eben nicht schon von Natur freiheitsfreundlich;
Freiheit ist vielmehr in keiner Demokratie selbstverständlich
und deshalb niemals ungefährdet. Der Liberalismus hat deshalb eine unvergängliche Sendung.“ Folgerichtig bezogen
sich auch die Freiburger Thesen von 1971 auf die angloamerikanische und deutsche Verfassungstradition seit dem späten 18. Jahrhundert, die Freiheits- und Menschenrechte verheißen habe. Und Karl-Hermann Flach verkündete am Dreikönigstag 1972 unbeirrbar die liberale Botschaft: „Wir stehen
für die Freiheit in diesem Land. Die Zukunft der Freiheit ruht
aber auf der Reformkraft des Systems.“
Die Liberalen verstehen sich bis heute als Verfassungsund Rechtsstaatspartei schlechthin. Die Verfassung zu sichern, erwies sich in der Bundesrepublik als Daueraufgabe.
Angriffe auf die Verfassung gab es aus beiden großen Parteien, vor allem aber von Verfassungsgegnern bei den politischen Extremisten. Als Schützer der Verfassung traten stets
die liberalen Innen- und Justizminister von Hans-Dietrich
Genscher bis Sabine Leutheusser-Schnarrenberger auf – sei
es gegen Sicherheitsfanatiker, sei es gegen Terroristen. In
den 1970er Jahren stellte Werner Maihofer völlig zu Recht die
Freiheit über die Sicherheit. Gerhart Rudolf Baum bewahrte
in der politischen Verarbeitung des „deutschen Herbstes“
nach 1977 die Grundrechte vor zu umfangreichen Einschränkungen. In den 1990er Jahren strengten er und Burkhard
Hirsch Verfassungsklagen gegen den Ausbau der staatlichen Überwachung an.
Für Freiheit und freiheitlich-liberale Politik – selbst „in schlechten Zeiten für Liberale“ – warb der FDP-Vordenker und langjährige Vorstandsvorsitzende der Friedrich-Naumann-Stiftung, Ralf Dahrendorf
(1929 – 2009), auf dem Dreikönigstreffen
1983. Nur wenige Wochen, nachdem die FDP
die Koalition im Bund gewechselt hatte, forderte er: „Der Liberalismus ist die Politik der Selbstbewussten, derer, die eine

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Walter Erbe

„Wir stehen für die
Freiheit in diesem
Land. Die Zukunft der
Freiheit ruht aber auf
der Reformkraft des
Systems.“

Werner Maihofer, Gerhart Baum
und Burkhard Hirsch

Kapitel 1
Ralf Dahrendorf

Freiheit und Fortschritt als Tradition

150 Jahre Dreikönigstreffen

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bessere Zukunft für sich und für andere wollen und die Kraft
in sich spüren, diese auch zu schaffen. Jedenfalls gilt das für
den aktiven, fortschrittlichen Liberalismus, dem ich hier das
Wort rede. […].“
In der Tradition von Dahrendorf, Baum, Hirsch und Maihofer steht heute die frühere Bundesjustizministerin Sabine
Leutheusser-Schnarrenberger. Bei den Debatten über den
„Großen Lauschangriff“ trat sie in den 1990er Jahren mit
dem Ziel an, den „massiven Abbau konstitutiver freiheitlich-rechtsstaatlicher Garantien“ zu verhindern und damit
einen Kernbestand der Verfassung zu schützen. Ganz ähnlich argumentiert sie heute als Vorstandsmitglied der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit in der aktuellen Diskussion um die Vorratsdatenspeicherung: „Vermeintliche
Bedrohungen der inneren Sicherheit dürfen nicht zur Aushöhlung von Grundrechten führen.“
Diese Aussagen führen eine liberale Tradition fort und
setzen zugleich ein Zeichen: Seit mehr als 150 Jahren treten
Liberale für den Erhalt des freiheitlich-demokratischen Verfassungsstaates ein – ohne Wenn und Aber, heute und in der
Zukunft und immer für alle sichtbar an Dreikönig.

Damals wie heute:
Ein festlicher Rahmen
für Dreikönig
Sabine LeutheusserSchnarrenberger

Kapitel 2

Freiheit und Fortschritt als Tradition

Für einen Friedens- und
Freiheitsbund der Völker –
liberale Außenpolitik seit
dem 19. Jahrhundert

150 Jahre Dreikönigstreffen

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„Die Volkspartei ist eine Partei des
Friedens (…) und wird daher alle
Bestrebungen unterstützen, welche
auf friedliche Ausgleichung der
zwischen den einzelnen Völkern
entstehenden Streitigkeiten abzielen.“

D

iese Aussage war insofern bemerkenswert, als damit
ein zentrales Ziel der Partei, nämlich der „auf Freiheit
gegründete Bundesstaat sämtlicher deutschen Stämme“ nur im Einklang mit den Nachbarnationen, nicht aber gegen sie realisiert werden sollte.
Diese Auffassung teilten längst nicht alle Liberalen, als um
die Mitte des 19. Jahrhunderts die Gründung eines deutschen
Nationalstaats anstand. Der
Weg zur Einigung der Nation unter der Führung Bismarcks war alles andere als
friedlich. Es waren vor allem zwei württembergische
Parlamentarier, die noch vor
dem großen Weltbrand 1914
die Initiative zu Verständigung mit Frankreich ergriffen. Conrad Haußmann und
Friedrich Naumann waren
Friedrich Naumann
die prominentesten Mitglieder einer Reichstagsdelegation, die Pfingsten 1914 in
Basel mit französischen Kollegen die Möglichkeiten einer
Entspannung zwischen den
„Erbfeinden“ ausloteten –
Conrad Haußmann
leider vergeblich. Wenige
Wochen später brach der bis
dahin blutigste Krieg in der

Kapitel 2
Walther Rathenau

Gustav Stresemann

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150 Jahre Dreikönigstreffen

Menschheitsgeschichte aus. Doch mit der Initiative war eine
Saat ausgelegt, die langfristige Folgen hatte. Haußmann und
Naumann gehörten bald darauf zu den eifrigsten Verfechtern
eines Verständigungsfriedens, für den im Juli 1917 auch der
Reichstag mehrheitlich votierte, allerdings ohne damit durchzudringen.

nung mit den Nachbarn. Bereits auf dem Dreikönigstreffen
1946 sprach Theodor Heuss nicht nur von „Schwaben“ als
dem „Modell deutscher Möglichkeiten“, sondern auch davon,
„dass das deutsche Vaterland in uns und durch uns lebendig
bleibt“.

Rapallo und Locarno
Nach dem Kriegsende und vor allem nach dem Friedensschluss von Versailles schienen zunächst alle Ansätze einer
Verständigungspolitik versandet. Wiederum war es ein Liberaler, der die Idee – unter schwierigen Bedingungen – erneut
aufgriff: Walther Rathenau begann eine kluge wie mutige Verständigungspolitik, mit der er Deutschland wieder einen Platz
in der internationalen Gemeinschaft verschaffen wollte. Für
seine mutige Politik musste der Außenminister Rathenau mit
seinem Leben bezahlen. Im Juni 1922 wurde er von Rechtsextremisten ermordet. Kurz zuvor hatte er noch in anderer
Hinsicht neue Perspektiven aufgezeigt: Sein Name stand unter dem deutsch-russischen Vertrag von Rapallo, mit dem
Russland die Rückkehr in die Welt der internationalen diplomatischen Beziehungen eröffnet wurde.
Rathenaus Ansätze wurden bald danach von einem
Mann fortgeführt, der anders als dieser, als Haußmann und
Naumann, gerade nicht in einer linksliberalen, volksparteilichen Tradition stand, sondern zunächst den Nationalliberalen angehörte. Gustav Stresemann machte ab 1923 die
deutsch-französische Verständigung zu seinem Markenzeichen. Mit dem Vertrag von Locarno gelang ihm 1925 ein
erster Schritt zu einem gemeinsamen Wiederaufbau des
kriegsgeschundenen Europa. Zusammen mit seinem französischen Amtskollegen Aristide Briand wurde er dafür 1926
mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Doch auch diese
vielversprechenden Ansätze einer liberalen Verständigungspolitik waren vergebens, die ideologische Verblendung vieler Deutscher stürzte die Welt in einen noch blutigeren Weltkrieg und in die Schrecken von NS-Terror und Holocaust. An
dessen Ende schien sogar der große liberale Traum des 19.
Jahrhunderts, die geeinte Nation, verspielt. Seit 1945 bewegte sich die außenpolitische Konzeption der Liberalen gewissermaßen wieder auf den 1868 von der Volkspartei vorgegebenen Bahnen: Wiedergewinnung der Einheit und Aussöh-

Wiederaufbau
Zwei Jahre später erntete Reinhold Maier an gleicher Stelle
stürmischen Applaus für seinen Aufruf an die Parteifreunde:
„Erneut ziehen wir hinaus, um Deutschland zu suchen und in
ihm Einigkeit und Recht und Freiheit. Möge ein guter Gott uns
helfen, dass wir unser Vaterland wiederfinden!“ Maier förderte als Ministerpräsident trotz heftiger Widerstände von konservativer Seite auch seinen Landsmann Karl-Georg Pfleiderer, der als liberaler Bundestagsabgeordneter bereits Anfang
der 1950er Jahre ein System kollektiver Sicherheit unter Einschluss der Sowjetunion konzipiert hatte.
Noch allerdings hatte auch für die Freien Demokraten die
Aussöhnung mit dem Westen Vorrang. Ihr Hauptaugenmerk
galt dabei, Westintegration und Wiedervereinigung in Einklang zu bringen. Die Zukunft des Saarlandes führte schließlich sogar zum Bruch mit dem Bonner Koalitionspartner
CDU / CSU, der aus Rücksicht auf Frankreich eine Europäisierung dieser Region anstrebte. Den Widerstand dagegen hatte
der FDP-Vorsitzende Thomas Dehler beim Dreikönigstreffen
1955 verkündet, indem er beschwor, nicht nur die Deutschen,

„Erneut ziehen wir
hinaus, um Deutschland zu suchen und
in ihm Einigkeit und
Recht und Freiheit.
Möge ein guter Gott
uns helfen, dass wir
unser Vaterland wiederfinden!“

Reinhold Maier

Karl-Georg Pfleiderer

Kapitel 2

„So sehr unsere Ostpolitik auf der politischen Integration und
engen freundschaftlichen Beziehung zu
unseren westlichen
Nachbarn beruht, so
sehr hängt eben jene
politische Vereinigung
Westeuropas von der
Beseitigung unserer
Spannungsquellen mit
Osteuropa ab.“

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sondern auch die westlichen Nachbarn hätten „die deutsche
Wiedervereinigung als Verpflichtung“ anerkannt.
Mit dem überraschenden Ausgang der Volksabstimmung
an der Saar setzten sich die Liberalen durch und waren mit
der Umwandlung des Saarlandes zum zehnten Bundesland
ihrer „Pflicht … aus dem deutschen Volk wieder eine Nation zu
machen“ – wie Reinhold Maier bei seiner Wahl zum FDP-Vorsitzenden erklärte – ein gutes Stück nachgekommen. Zugleich lieferten sie mit der „kleinen Wiedervereinigung“ von
1957 einen wichtigen Beweis dafür, dass die liberale Utopie
eines in Freiheit geeinten Deutschlands mit der europäischen
Stabilität vereinbar war, denn unmittelbar danach begann der
von den Freien Demokraten unterstützte erfolgreiche Prozess zur institutionellen Integration (West-)Europas.
Entspannung
Doch die Liberalen verloren darüber nicht den Osten aus dem
Blick. So setzten sie, als sie ab 1961 wieder mitregierten, dem
Berliner Mauerbau mit den Passierscheinregelungen neue
Wege bei der Wiederannäherung der Deutschen in Ost und
West entgegen. Wirklicher Schwung zu einer neuen Deutschland- und Ostpolitik kam aber erst auf, als die Freien Demokraten ab 1969 mit Walter Scheel den Außenminister stellten.
Jetzt konnten wirkliche Fortschritte im Sinne der alten Konzeption von Pfleiderer entwickelt werden. Schon im ersten
Jahr der neuen sozialliberalen Regierung wurden die wegweisenden Verträge zwischen der Bundesrepublik und der Sowjetunion, respektive Polen, abgeschlossen. Auf dem Dreikönigstreffen 1971 verteidigte sie Walter Scheel gegen harsche Kritik von rechts als gesamteuropäischen Fortschritt:
„So sehr unsere Ostpolitik auf der politischen Integration
und engen freundschaftlichen Beziehung zu unseren westlichen Nachbarn beruht, so sehr hängt eben jene politische
Vereinigung Westeuropas von der Beseitigung unserer Spannungsquellen mit Osteuropa ab.“ Die ganze Dimension dieser
Veränderung wurde aber erst allmählich sichtbar. Ein wichtiger Schritt war 1975 der Abschluss der KSZE-Akte. Als treibende Kraft bei Zustandekommen und Durchführung der
„Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa“
galt Scheels Nachfolger als FDP-Vorsitzender und Außenminister, Hans-Dietrich Genscher. Er war einer der wenigen, die
die Dynamik in den KSZE-Vereinbarungen erkannten. Denn

Hans-Dietrich Genscher auf
dem Dreikönigstreffen

diese öffneten „das Tor für grundlegende Veränderungen in
Europa, auch für ein neues Verhältnis zwischen West und
Ost“, wie sich Genscher später erinnerte. Vor allem erhofften
er und die Liberalen sich davon „nicht zuletzt eine Verbesserung der Lage der Menschen im geteilten Deutschland“, wie
Genscher auf dem Dreikönigstreffen 1977 erklärte.
Unter seiner Führung haben die Liberalen an den zentralen Ideen der KSZE festgehalten, auch wenn der Nato-Doppelbeschluss von 1979 hierzu umgesetzt werden musste.
Beständigkeit und Berechenbarkeit wurden unter Hans-Dietrich Genscher zum dauerhaften Markenzeichen deutscher
Außenpolitik, ungeachtet des Koalitions- und Kanzlerwechsels von 1982 und von Krisen im West-Ost-Verhältnis wie der
Afghanistan- oder der Stationierung von Mittelstreckenwaffen im Rahmen des Nato-Doppelbeschlusses.
Diese Ausdauer zahlte sich in einer für viele überraschenden Weise aus, auch weil Hans-Dietrich Genscher ein großes Gespür für die sich bietenden Chancen hatte. Eine solche stellte für ihn von Anfang an Michael Gorbatschow dar,
dessen Reformpolitik in der Sowjetunion er seit Anfang 1987
„ernst zu nehmen“ nachdrücklich forderte. 1989 warnte Genscher beim Dreikönigstreffen in Anlehnung an den berühmten
russischen Dissidenten Andrej Sacharow: „Der Westen muss
ein Scheitern Gorbatschows mehr fürchten als seinen Erfolg.“
Freiheit und Einheit im europäischen Kontext
Was folgte, gilt als große „Sternstunde der Diplomatie“ und
Zeitenwende in Europa. Innerhalb von zwei Jahren gewannen auch die Menschen in Ost-Europa ihre Freiheit. Der liberale Außenminister war maßgeblich daran beteiligt, dass die
deutsche Nation wiedervereinigt werden konnte, ohne ihre

„Der Westen muss
ein Scheitern
Gorbatschows mehr
fürchten als seinen
Erfolg.“

Kapitel 2

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Ein großer Moment liberaler Politik:
Die Unterzeichnung des
Zwei-plus-Vier-Vertrages am
12. September 1990 in Moskau

Kapitel 2
Klaus Kinkel

Guido Westerwelle

„Deutsche Außenpolitik ist Friedenspolitik,
sie ist interessengeleitet, aber sie ist ausdrücklich auch wertorientiert.“

Freiheit und Fortschritt als Tradition

150 Jahre Dreikönigstreffen

Bindungen an den Westen aufgeben zu müssen. Im Gegenteil, diese intensivierten sich danach erheblich, indem fast
gleichzeitig ein Fahrplan für eine „Europäische Wirtschaftsund Währungsunion“ verabschiedet wurde. Mit dem 3. Oktober 1990 war der alte liberale Traum von einer in Freiheit
geeinten und im Einklang mit Europa stehenden deutschen
Nation endlich wahr geworden. Die Richtigkeit der liberalen
Verständigungspolitik hatte sich glänzend bestätigt.
Die Zeitenwende der Jahre 1989/90 schuf neue Herausforderungen an eine liberale Außenpolitik. Auch hier waren
Freiheit und Verständigung die Leitlinien der Hans-Dietrich
Genscher im Außenministerium nachfolgenden Liberalen
Klaus Kinkel und Guido Westerwelle. Allerdings war die Welt
seit dem Ende des Kalten Krieges mit innereuropäischen
Konflikten wie den Folgen des Verfalls Jugoslawiens sowie
immer stärkeren Unruhen in den vom Islam geprägten Regionen sehr viel „unübersichtlicher“ geworden. Klaus Kinkel
setzte vor diesem Hintergrund als Außenminister auf „eine
präventive Politik“, wie er beim Dreikönigstreffen 1995 erklärte. Damit verband sich für ihn einerseits der Dialog mit wichtigen Ländern wie dem Iran und der Volksrepublik China, auch
wenn sie in Sachen Demokratie und Menschenrechte große
Defizite aufwiesen. An gleicher Stelle verteidigte Kinkel diesen Kurs, weil nur so eine Welt entstehe, „die sich öffnet und
nicht verschließt“. Gleichzeitig unterstützte er „friedenserhaltende und friedensschaffende UN-Missionen“ etwa auf dem
Balkan mit deutschen Kräften. Zu Kinkels Zeit im Auswärtigen Amt wurden für Europa wichtige Fortschritte durch eine
doppelte Weichenstellung erzielt: Die Osterweiterung der Europäischen Gemeinschaft wurde vorbereitet, die dann 2004
in Kraft trat. Erst seitdem kann man von einer wirklich europäischen Gemeinschaft sprechen. Parallel dazu wurden die
Beziehungen vor allem zwischen den klassischen Mitgliedsstaaten in West- und Mitteleuropa vertieft, was seinen Ausdruck in der Einführung einer gemeinsamen Währung fand.
Als neuer Außenminister stellte sich Guido Westerwelle
beim Dreikönigstreffen 2010 ganz und gar in die Kontinuität
seiner drei freidemokratischen Vorgänger und gab die Maxime aus, in der das Gründungsprogramm der Süddeutschen
Volkspartei anklang: „Deutsche Außenpolitik ist Friedenspolitik, sie ist interessengeleitet, aber sie ist ausdrücklich auch
wertorientiert.“ Entsprechend umsichtig verhielt sich Wester-

welle gegenüber militärischen Interventionen, etwa in Libyen.
Die spätere Entwicklung dort sollte seine Zurückhaltung trotz
zunächst heftiger Kritik bestätigen. Dagegen unterstützte
der liberale Außenminister überall Ansätze zu mehr Demokratie und Freiheit, sei es im Zuge der „Arabellion“, die viele
Staaten südlich und östlich von Europa erfasste, sei es in der
Ukraine. Er ließ es sich nicht nehmen, vor Ort seine Sympathie mit den demokratischen Bewegungen in diesen Ländern
demonstrativ zu bekunden. Und er setzte der um sich greifenden Europa-Skepsis in der Tradition seiner liberalen Amtsvorgänger eine betont „pro-europäische“ Position entgegen.
Am Ende von Westerwelles Amtszeit 2013 schien der von
der Volkspartei 1868 beschworene „Friedens- und Freiheitsbund der Völker“ kein nur auf Europa und Nordamerika beschränktes Phänomen mehr zu sein. An dieser Entwicklung
hatten die liberalen Außenpolitiker seit der Kaiserzeit, vor allem durch das Werk der freidemokratischen Außenminister
seit 1969 einen maßgeblichen Anteil.

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Kapitel 3

Freiheit und Fortschritt als Tradition

„Für das Wagnis des Wandels“ –
Das liberale Fortschrittsversprechen

150 Jahre Dreikönigstreffen

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A

ls sich vor 150 Jahren die Liberalen in Württemberg
zum ersten Mal am Dreikönigstag trafen, strebte die
Krise zwischen den Großmächten Preußen und Österreich gerade dem Höhepunkt entgegen; im Sommer kam es
zum deutsch-deutschen Bruderkrieg. Bekanntlich kurbeln bevorstehende Kriege die Rüstungsproduktion an. Aber weit
über die Rüstung hinaus befand sich das in den folgenden
Jahren entstehende Deutsche Reich zu großen Teilen ein
noch zusammenwachsender Wirtschaftsraum bis 1873 in
einer Phase der Hochkonjunktur. Das Wirtschaftsprogramm
der Liberalen lautete: Wachstum durch Freihandel, Gewerbefreiheit und Industrialisierung. Deutschland wandelte sich in
den Jahrzehnten nach 1870 von einem Agrar- zu einem Industriestaat.
Die Liberalen im Reichstag und in den Landtagen haben während des gesamten 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts den Fortschritt ermöglicht. Die erste Partei in
Deutschland war eine liberale und hieß nicht zufällig „Deutsche Fortschrittspartei“. Und im Programm der Süddeutschen Volkspartei hieß es 1895 im allerersten Satz wörtlich:
„Die Deutsche Volkspartei ist eine Partei des politischen Fortschritts.“ Liberale haben das Wachstum in der Wirtschaft
und die Weiterentwicklung in Forschung und Technik stets
einhellig erkannt und gutgeheißen. In vieler Hinsicht betätigten sich Liberale auch selbst als Motoren der beginnenden
Moderne: als Unternehmer, als Bankiers oder als selbstständige Handwerker. Sie plädierten vehement für den Freihandel
und die Abschaffung von Zöllen. Der Aufbau und Ausbau des
Deutschen Zollvereins nach dessen Gründung 1834 wurde
insbesondere von den Liberalen gefordert und gefördert.
Das änderte sich erst unter Bismarcks Kanzlerschaft und
angesichts der abflauenden Konjunktur. Nun spalteten sich
die Nationalliberalen, die sich in dieser Frage uneins waren,
in einen schutzzöllnerischen und einen freihändlerischen Flügel, der mit der Fortschrittspartei zum Freisinn verschmolz.
Dieser führte die liberale Tradition des Freihändlertums fort.
So lautete eine Kernpassagen im Wahlaufruf der Freisinnigen

Kapitel 3

„Wir wollen durch eine
Fortführung der Politik
der Handelsverträge
unsere friedlichen
Beziehungen zum
Auslande befestigen
und dem gesamten
wirtschaftlichen Leben
durch Erschließung
neuer Märkte einen
neuen Aufschwung
geben. Wir wollen dem
neidischen und kleinlichen Geist polizeilicher
Bevormundung entgegentreten, der mit
unberechtigtem Misstrauen dem Handel und
Wandel enge Fesseln
anzulegen sucht.“

DDP Wahlplakat

Freiheit und Fortschritt als Tradition

150 Jahre Dreikönigstreffen

Vereinigung von 1893: „Wir wollen durch eine Fortführung der
Politik der Handelsverträge unsere friedlichen Beziehungen
zum Auslande befestigen und dem gesamten wirtschaftlichen Leben durch Erschließung neuer Märkte einen neuen
Aufschwung geben. Wir wollen dem neidischen und kleinlichen Geist polizeilicher Bevormundung entgegentreten, der
mit unberechtigtem Misstrauen dem Handel und Wandel enge Fesseln anzulegen sucht.“

schen Volkspartei: „Die Wirtschafts-, Handels- und Zollpolitik muss auf die Lebensnotwendigkeiten und die gesunde
Entwicklung der Industrie sorgfältige Rücksicht nehmen.“
Dass zu einer friedlichen Koexistenz der internationale Wirtschafts- und Handelsraum gehörte, war indes für Liberale jeder Couleur in der Weimarer Zeit unstrittig. So sah es auch
der liberale Nationalökonom Moritz Julius Bonn. Von Frieden,
Freihandel und internationaler Koexistenz war unter der Herrschaft des NS-Unrechtregimes keine Rede mehr. Für 13 Jahre
wurde die Tradition des liberalen Dreikönigstreffens nach
dem 6. Januar 1933 unterbrochen, bevor man
sich 1946 erstmals wieder versammeln konnte.
Die liberalen Parteien schlossen sich 1948 in
Heppenheim zur FDP zusammen. Unter ihrem
ersten Vorsitzenden Theodor Heuss entstand
1948 mit der Heppenheimer Proklamation eine
erste Programmatik der FDP: „Selbstverantwortung und Achtung vor der Menschenwürde aller
sollen die Lebensordnung für Volk und Welt bestimmen. Dies ist der Weg zu Freiheit, Frieden
und Sicherheit für Deutschland in einem geeinten Europa“, heißt es darin. Und: „Der Außenhandel [muss] von allen bürokratischen Fesseln
befreit“ werden. Ein Jahr später wurde Theodor
Heuss zum ersten Bundespräsidenten der Bundesrepublik Deutschland gewählt. Er verkörperte die freiheitlich-demokratischen Traditionen Deutschlands und prägte damit das höchste Amt der noch jungen Republik – mit großem
Erfolg auf internationaler Ebene, in einer Zeit, in
der Deutschland um Vertrauen warb und seinen
Platz in der Staatengemeinschaft suchte. Der
Weg zurück in die freie Welt war eine wesentliche Voraussetzung dafür, dass die Soziale Marktwirtschaft beginnen und
gelingen konnte.

Wachsende Städte
Auch der Liberalismus in den Städten und Gemeinden, der
sogenannte Kommunalliberalismus, zeigte eine überaus positive Haltung zum städtischen Wachstum und zur Bewältigung der damit einhergehenden Probleme zur Sicherung
des Gemeinwohls. Wohlstand nach innen bedeutete für viele
im Kommunaldienst aktive Liberale, in den Städten und Gemeinden für die sogenannten Daseinsvorsorge einzutreten.
Die in vielen Kommunalvertretungen deutscher Groß- und
Mittelstädte dominierenden liberalen Parteien und Bürokratien bewältigten das Städtewachstum durch Infrastrukturmaßnahmen vielfältigster Art: Ausbau des Bildungswesens,
Aufbau eines Verkehrsnetzes, Elektrifizierung, Kanalisierung,
Gesundheits- und Sozialfürsorge. Hier vor Ort bewährte sich
nunmehr die von den Liberalen stets geforderte kommunale
Selbstverwaltung, welche die subsidiär vom Staat abgetretenen Arbeitsgebiete übernahm und praktikable Lösungen entwickelte. Das Programm der Süddeutschen Volkspartei von
1868 setzte mit der Förderung von Genossenschaften und
Handwerkervereinigungen zudem auf bürgerschaftliches Engagement, statt nach staatlichen Lösungen zu rufen.
Internationale Koexistenz
In der Tradition von Freihandelspolitik sowie kommunalem
und gesellschaftlichem Krisenmanagement standen auch
viele liberale Forderungen und Maßnahmen in der Zeit der
Weimarer Republik. Fortschritt im Sinne allgemeiner „Volkswohlfahrt“ – so lautete die allgemeine Formel bei beiden liberalen Parteien – bedeute einen gerechten Interessenausgleich. Freie Selbstverantwortlichkeit, so war im Programm
der Deutschen Demokratischen Partei zu lesen, müsse gefördert, aber auch da begrenzt werden, wo sie zu Missbrauch
führe. Deutlich weniger eingeschränkt klang es bei der Deut-

Fortschritt durch Vernunft
1971 haben die Freiburger Thesen die liberale Politik insgesamt, aber auch das liberale Fortschrittsversprechen um
eine qualitative Dimension ergänzt. Die „These 2: Liberalismus nimmt Partei für Fortschritt durch Vernunft“ beschreibt,
dass ein voraussetzungsloser Fortschritt nicht denkbar ist.

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Plakat zum
Zusammenschluss zur FDP

Kapitel 3

Freiheit und Fortschritt als Tradition

Otto Graf Lambsdorff

„In der Tat verdanken
wir der Freihandelsbewegung des 19.
Jahrhunderts wohl
überhaupt die ersten
moralischen Zweifel
am Imperialismus.“

Denn Fortschritt, das ist nicht nur etwas Abstrakt-Technologisches. Es ist auch etwas sehr Persönliches, etwas Individuelles: Das liberale Fortschrittsversprechen. Für den Einzelnen
liegt hier das Potential für die Verwirklichung von Chancen.
Ohne Befähigung aber bleibt das Fortschrittsversprechen eine bloße Möglichkeit.
Offenheit, Fortschritt, das Wagnis des Wandels wagen –
dazu bekennt sich der Politische Liberalismus seit den Anfängen und bis heute. Die Freidemokraten wollen bewegen:
Ideen, Menschen, Waren, Dienstleistungen – in Deutschland,
in Europa und weltweit – auf Straßen, in Datenleitungen oder
Wireless – in fairen und funktionierenden Ordnungssystemen.
Besonders der liberale Wirtschaftsminister Otto Graf
Lambsdorff setzte sich für den Freihandel ein und betonte
dessen moralische Dimension. In seiner Rede auf dem Berlin-Meeting der Friedrich-Naumann-Stiftung wies er 1995
auf den Zusammenhang von Imperialismus und Protektionismus hin: „In der Tat verdanken wir der Freihandelsbewegung des 19. Jahrhunderts wohl überhaupt die ersten moralischen Zweifel am Imperialismus.“ Zur moralischen Verurteilung des Imperialismus gehört die Vernichtung seiner Basis
durch Freihandel.
Freihandel aus Überzeugung
Wenn heute der Abschluss moderner Freihandelsabkommen
in Rede steht, können sich die Freidemokraten auf ihre lange
Tradition besinnen. Freidemokraten fällt es leicht, für den Ab-

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150 Jahre Dreikönigstreffen

schluss der Transatlantischen Handels- und Investitionspartnerschaft (TTIP) zu werben: Mit konstruktiven Vorschlägen,
auf der Höhe der Zeit und mit Blick in die Zukunft. Auf dem
Dreikönigstreffen 2015 formulierte Christian Lindner: „Viele
Debatten offenbaren für mich eine Art Sinnkrise des Westens.
Auch die Diskussion über den transatlantischen Freihandel.
AfD und Linke sagen ‚Nein‘, die Regierung ringt sich zu einem
‚Ja, aber‘ durch. Was für eine Kurzsichtigkeit angesichts der
Verschiebung der Gewichte der Weltwirtschaft in den asiatischen Raum. Wie kurzsichtig, da wir Europäer heute bald nur
noch fünf Prozent der Weltbevölkerung ausmachen. Deshalb
ein klares ‚Ja‘ zum Freihandel mit Nordamerika, weil er neue
Wachstumschancen eröffnet, weil er die Möglichkeit bietet,
weltweit beachtete Sozial- und Umweltstandards zu definieren – es macht sonst China.“
Die „Welt 4.0“, die digitale Zukunft von Gesellschaft,
Wirtschaft und Arbeit bietet das perfekte Spielfeld für eine
Neuinterpretation des liberalen Fortschrittsversprechens: eine Gesellschaft, die sich ganz selbstverständlich zur Community vernetzt; Arbeit, die für viele unabhängig von Ort und
Zeit erbracht werden kann.

Christian Lindner

150 Jahre Dreikönigstreffen zeigen eine klare programmatische Linie liberaler Politik: Mit Offenheit
und Optimismus die technologischen Chancen
und den Fortschritt nutzten und dem Menschen in
seiner Verantwortung stärken und vertrauen.

Bildquellen:
Seite 4: Brüder Grimm-Gesellschaft, Kassel, Seite 5: ADL, Seite 6: ADL (Rotteck, Mayer), Stadtarchiv Stuttgart
(Haußmann, Pfau), Seite 7: ADL (Buchtitel), Stadtarchiv Stuttgart (Payer), Seite 8: ADL (Weber), Seite 9: ADL, S.10:
J. H. Darchinger, Nutzungsrecht FNF (Dahrendorf), FNF (Leutheusser-Schnarrenberger), Seite 11: HStA Stuttgart,
Seite 12: J.H. Darchinger, Nutzungsrecht FNS, Seite 13: ADL  (Naumann), HStA Stuttgart (Haußmann), Seite 14: ADL,
Seite 15: ADL, Seite 17: ADL, Seite 18: J.H. Darchinger, Nutzungsrecht FNF, Seite 20: ADL (Kinkel), FDP (Westerwelle),
Seite 22: ADL, Seite 24: ADL, Seite 25: ADL, Seite 26: J.H. Darchinger, Nutzungsrecht FNF, Seite 27: FDP (Lindner),
Seite 28: HStA Stuttgart

Kapitel 3

Freiheit und Fortschritt als Tradition

Dreikönigstreffen 1928

www.freiheit.org