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André Jollen Einfache Formen

ANDRÉ JOLLES • EINFACHE FORMEN

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i ANDRE JOLLES EINFACHE FORMEN LEGENDE • SAGE • MYTHE RÄTSEL • SPRUCH • KASUS • MEMORABILE MÄRCHEN • WITZ Vierte. unveränderte Auflage I / MAX N I E M EYE R VERLAG TÜBINGEN 1968 .

Auflage 1965 © Max Niemeyer Verlag 1950 Alle Rechte vorbehalten. Auflage 1958 3. Printed in Germany Druck: Fotokop Darmstadt Einband von Heinr. Auflage 1930 2. Koch Tübingen .1.

und zwar nicht bloß. angetreten hat vom Forscher und Gründer zum kleinsten Kreis der Schüler und Freunde. soviel als immer möglich.GELEITWORT An André Jolles . damit e i n e r ersetze. Da diese Anstalten ihren Zweck indes nur erreichen können. so sind Einsamkeit und Freiheit die in ihrem Kreise vorwaltenden Prinzipien. aber ungezwungenes und absichtsloses Zusammenwirken hervorbringen und unterhalten . den es.. so muß die innere Organisation dieser Anstalten ein ununterbrochenes. der reinen Idee der Wissenschaft gegenübersteht. ursprüngliche. was-wirken dem andern mangelt. jedem Gedankengang. zu überzeugen und sie sind schwer zu studieren. in den einzelnen nur einzeln oder abgeleitet hervorstrahlende Kraft sichtbar werde. das erst zu völligem Durchschauen führen kann. nunmehr zum größten der wissen -schaftlien Öffentlichkeit. Da aber auch das geistige Wirken in der Menschheit nur als Zusammen gedeiht. sich immer selbst wieder belebendes. in ein . jeder Definition. Weg. aber auch von jedem Beispiel aus appelliert wird an das Weiterdenken. weil mit jedem Begriff. allmählich sich erweiternd. Wilhelm von Humboldt Aus Einsamkeit und Freiheit finden hier ein neues Denken über den Geist und eine neue Besinnung über das Reich der Litteratur den Weg in die Öffentlichkeit. die es gibt. und dieses Buch ist letzte Station und Weg zugleich. wenn jede. sondern damit die gelingende Tätigkeit des e i n e n den anderen begeistere und allen die allgemeine. Von den beiden Möglichkeiten. . zum größeren der akademischen Kollegien. Die „Einfachen Formen" sind leicht zu lesen in ihrer Art zu unterweisen..

der des geschlossenen S y s t e m s und der des demonstrierenden propädeutischen Sprechens . mit diesen Vorworten ein nochmaliges Fragen um Belehrtwerden und empfangen und geben das Ganze als Antwort und Lehre. das sich begründet. Somit meinen wir. Am 7. von denen aus die eigentliche Weiterarbeit im Einzelnen erst einzusetzen hat wie auch das sich Besprechen und Diskutieren mit andern Lagern und Schulen.GELEITWORT vi Neues einzuführen. als Vortrag und endgültige Abhandlung aAl' . August 1929 Dr. zu den bisher geübten und erprobten Methoden. die tangiert und geschnitten werden müssen. es zu Abhandlung und Buch weiterzuführen. Schließlich soll eines zu betonen nicht unterlassen sein: daß über jedem neuen wissenschaftlich ernsten Weg.aced ee ye xai zJLta Énn pavas. die das gesprochene Wort aufgezeichnet und geholfen haben. Er--dichtung gebnis. das über den Geist hinaus -reicht und das Gesinnung ist. . Elisabeth Kutzer. weil sich aber auch von der Reihe der gerundeten Einzelabhandlungen aus viel klarer eine Verbindung herstellen läßt zu all den Einzelproblemen. ist die letztere gewählt. aber ein Wägbares bleibt. Dr. weil sie lebendiger und weniger abgezogen ist. xai 'rotco ir4avov. die der Antwort vorausläuft.und nebeneinander stehen hier Denken und Bild. Frage. Ver und Beispiel. Otto Görner. So wird überall an die Punkte herangeführt. ein Irrationales immerhin. der nicht für immer bei den Einzelheiten stehen bleibt. In. und a7roßzpogvi wird pädagogisch und stilistisch Führerin und Figur.

Epischen. In einer etwas abgegriffenen Terminologie heißt das : sie besitzt eine ästhetische. ihremSinn und ihrerGestalt nachzudeuten. Ihre Vertreter haben mit Fleiß und Scharfinn die Gattungen des Lyrischen. eine historische und eine morphologische Aufgabe. eine Dreieinheit zu bilden. sie macht von Christian Wolff bis Kant in allen Gegenden Europas die Strömungen und Gegenströmungen mit. Anders gesagt : so sehr diese drei bestimmt sind. die die „Lehre von dem Schönen" in jener Epoche bewegen. Wollen wir uns deutlicher ausdrücken. Sehen wir von ihren allgemeinen Betrachtungen über das Wesen des S c h ö n e n selbst ab und beschränken wir uns auf das. als ob jede dieser Methoden zeitweise geneigt ist. Ein Teil der Litteraturwissenschaft des 18. Die Litteraturwissenschaft ist dreifach gerichtet. wenn wir die Geschichte der Litteraturwissenschaft überschauen. zusammen d i e litterarische Erscheinung in ihrer Totalität zu erfassen. Einfache Formen 1 . so haben uns die ästhetischen Schulen die Lehre von den Gatt.ungen beschert. so gilt doch auch hier der Spruch : getrennt marschieren und vereint schlagen. Obwohl nun diese drei bestimmt sind. Auch scheint es. oder da ein Plural hier am Platze scheint. so hat uns die ästlhetische Richtung.EINFÜHRUNG I. so sagen wir : die Litte versucht eine litterarische Erscheinung ihrer-ratuwisenchf Schönheit. so arbeitet doch jede nach einer eigenen Methode. was über dessen Erfindung. Dramatischen und Didaktischen auf ihre ästhetische Gesetzmäßigkeit und auf ihre J o l l e s. Beurteilung und Anordnung ausgesagt wurde. die Hegemonie an sich zu reißen. Jahrhunderts war hauptsächlich ästhetisch eingestellt .

indem sie auch „dichterisches Schaffen" als eine Modifikation des Denkens betrachteten und der „Vernunft" die höchste Richterstelle einräumten. bei Anhängern einer andern Methode unvermeidlich erscheint. was die Schotten und Engländer. Jahrhunderts ist in allen ihren Schulen fest überzeugt gewesen. Sulzer und viele andere. bleibe dahingestellt. Inwieweit solche Vorwürfe die Methode selbst treffen. und was in Deutschland Johann Adolf und Johann Elias Schlegel. Bei andern wird ihr „Aufklärertum" getadelt : sie hätten das Irrationale in der Kunst verkannt. Lehrgedicht und Epigramm et alia talia wiederum vom ästhetischen Standpunkt aus abzugrenzen und zu bestimmen versucht. gewisse Gattungsbegriffe zu bestimmen und zu der ästhetischen Bedeutung jener Gattungen selbst durchzudringen. An Vor gegen ihre Methode hat es nicht gefehlt. daß die Ästhetiker des 18. das bei Vertretern einer andern Richtung. hätte sie ihre Sätze rein spekulativ aufgestellt. der Denkart einer neuen Zeit anzupassen.-würfen sie wäre deduktiv vorgegangen : anstatt von den Kunstwerken selbst auszugehen und aus deren Betrachtung zur Einsicht in das Wesen der Kunst zu gelangen. Was Gottsched und die Schweizer. um sie erst später auf die Tatsachen anzuwenden. Epos und Roman. suchten.2 EINFÜHRUNG ästhetische Wirkung hin erforscht. was seit dem Altertum an Theorie der Kunst überliefert worden war. durch ihre Theorie einen tätigen Einfluß auf das Leben in casu auf die gleichzeitige Kunst ausüben zu können und zu müssen. jeder in seiner Weise. Denn noch Eines darf nicht vergessen werden : die ästhetische Litteraturwissenschaft des 18. nicht nur die Litteraturwissenschaft sondern auch die Litteratur einen Schritt weiter gebracht haben. inwieweit sie auf einem Mißverstehen beruhen. war letzten Endes immer wieder eine leistungsfähige . Mendelssohn. darauf hinzuweisen. indem sie sich bemühten. Hier heißt es. Jahrhunderts trotz gegenseitiger Polemik in ihrer Gesamtheit einen beachtenswerten Versuch gemacht haben. und daß sie. Fruchtbarer ist es. sie haben innerhalb dieser Hauptgattungen die Untergattungen von Elegie und Ode. Lessing. was Marmontel und die Enzyklopädisten in Frankreich. Lustspiel und Trauerspiel. das.

ebenNeben dieser pragmatischen Ästhetik finden wir falls schon im 18. nicht anders als wie die Welt ihren Sinn durch die Tat ihres Schöpfers erhält. Jahrhundert eine Litteraturwissenschaft. Gewiß die Ausarbeitung des intuitivschöpferisch Erzeugten erfordert Reflexion. Jahrhundert noch keineswegs aufgehört. Liegen auch die Anfänge dieser Richtung schon in der Renaissance. urwüchsige. Von England über Frankreich hat der Geniebegriff dann im 19. und diese Einwirkung hat auch im 20. wo wir in Deutschland geneigt sind zu glauben. Wir wollen aber. Es ist hier nicht der Ort. daß für das Schaffen des Genies nur der Ausdruck S c h ö p f e r im tiefsten Sinne adäquat erscheint. wie auch abgeleitet. aber das Erste. so kommt sie doch erst in der Frühromantik zur vollen Blüte. tatsächlich England das Land ist. da es für den Werdegang litteraturwissenschaftlicher Methodik nicht ohne Wichtigkeit ist. das Wesentliche ist und bleibt die Vollkommenheit der Geistesanlage. erwähnen. die den S i n n des Kunstwerks deutet. Übung. angeborene geistige Begabung. Dichtung heißt Schöpfung des Genies. jedenfalls für die Entwicklung der zeitgenössischen Nationalpoesie Gültigkeit beanspruchte. dieser Begriff habe in der mit Recht oder mit Unrecht so genannten Periode des „Sturm und Drang" seine stärkste Aus gefunden. „Dichter" ist der Inbegriff von Genie. das. ein bündiges System der Dichtkunst. die Entwicklung des Geniebegriffs zu verfolgen. daß. weder zu erlernen noch zu erwerben". Das Kunstwerk erhält seinen Sinn durch die Tat des Genies. und zwar auf einer Linie. Planmäßigkeit. die von Shaftesbury bis Shelley führt. oder der Poetik einen Poeten gegenüber. Genie ist „eine das Normale allerseits überragende. Jahrhundert auf die euro päische Geistesverfassung und damit auf die Litteraturwissenschaft eingewirkt. Sie stellt der ars poetica eine ars poetae. und zwar geht sie bei ihrer Deutung bekanntlich von dem Begriff G e n i e aus. Im Genie finden sich erfinderische Phantasie und originelle Gestaltungskraft in einer Weise und in einem Maße zusammen. in dem-prägun wir ihn in seiner einheitlichen und ununterbrochenen Entfaltung am besten beobachten können.EINFÜHRUNG 3 Poetik. Shelleys Behaup- .

dürfte bekannt sein. aber fügen wir hinzu. jener Schöpfer mit ihren Schöpfungen. Die Kurve. der Dichter sei „the happiest. hat länger vorgehalten als viele Behauptungen aus der Zeit des jungen Goethe. Wir verzichten darauf. die von Shaftesbury bis zum Sturm und Drang oder bis zu Shelley ansteigt. in denen die poetischen Leistungen wiederum historisch angeordnet sind. Der Gefahr einer Verflachung entging diese Methode durch ihren engen Zusammenhang mit den sich allerseits vertiefenden übrigen historischen und kulturhistorischen Disziplinen. zunächst die Reihe jener Menschen mit ihrer allerseits überragenden urwüchsigen Begabung mitsamt ihren einmaligen Leistungen. the wisest and the most illustrious of men". wie eine sich individualistisch gebärdende Zeit zugleich dem Individuum die wesentlichen Elemente seiner Individualität raubt und dieses Schauspiel können wir bei unserem „Dichter als Menschen" in vollem Umfang genießen. in diesem Zusammenhang aufgelockert. vor uns haben. das heißt der allein verantwortliche Schöpfer eines einmaligen Kunstwerks. die der alte Goethe selbst längst überholt hatte. zu beobachten. daß wir da eine Geschichte der Dichter und ihrer Dichtungen. Wie dem auch sei wenn wir aus dem Geniebegriff eine methodische Folgerung ziehen. Zugleich aber wurde ihre ursprüngliche Grundthese : der Dichter ist das Genie. Daß die Litteraturgeschichte des 19. Sagen wir. ein litterarisches Kunstwerk historisch.4 EINRÜHRUNG tung. ein historisches Nacheinander von Dichterbiographien. schlängelt sich von Shelley bis Hippolyte Taine in wunderlichen Windungen herunter. the best. daß der Weg dieser . historisch zu ordnen.itteraturwissenschaft die Aufgabe. um zu sehen. daß jene Zeit bestrebt war. Jahrhunderts diese Folgerung wirklich gezogen hat. Mehr und mehr wurde der historische Dichter ein Mensch unter Menschen und gerade die Frage nach dem Verhältnis des Menschen und seiner Verantwortung ist eines der meistbeängstigenden Probleme des Positivismus gewesen. Es ist ein merkwürdiges Schauspiel. ihre Schnörkel im einzelnen zu beschreiben. so ergibt sich für die I. soziologisch und psychologisch zu bestimmen. Wir brauchen nur ein beliebiges Handbuch der Litteraturgeschichte aufzuschlagen.

machte sich wieder geltend. darüber hinaus geistig noch etwas mehr und etwas anderes darstellen sollte. zu suchen. Die Philosophie des Geistes. als Enkel seiner Ahnen..EINFÜHRUNG 5 Bestimmung immer noch über den Urheber des Kunstwerks ging. eine große Dichtung. hervorgebracht durch ein Milieu. was er hervorbrachte. von Zeit und Abstammung. sondern wo vielmehr aus der geistigen Bedeutung der Dichtungen Person und Leben des Künstlers abgeleitet und erklärt wurden. Der Dichter war als Mensch ein Produkt von Rasse. Der Sinn dieser Kunstwerke selbst aber schien demnach zeitweise kein anderer zu sein. von den geistigen Werten und Zwecken sie machte sich auch bei der Betrachtung des Kunstwerkes bemerkbar. die Wissenschaft von den Prinzipien des Geisteslebens. Erklären wir so hieß es — den Menschen. Beobachtung des Kunstwerkes und seines Urhebers. die Dichtung als Ganzheit der Geistesgeschichte ein Auch diese Methode führte jedoch nicht zur getrennten-gefüt. wenn auch alles dieses. als Kind seiner Zeit. vom Wesen des Geistes und seiner Gebilde. zergliedern wir ihn obendrein psychologisch und beobachten wir. daß ein Kunstwerk. als daß sie einen durch hervorragende Begabung geschaffenen Ausdruck aller in eine Individualität zusammengeflossenen historischen und kulturhistorischen Bedingungen boten. modelten ihn um.. wie er in seiner krausen und bedingten Zusammensetzung auf äußeres Geschehen reagiert. Indessen. tausend Strömungen der Vergangenheit und der Gegenwart wirkten auf ihn ein. In gewissem Sinne ist hier das entgegengesetzte - 0 . bei der Leben und Person des Künstlers nicht länger zur Erklärung seiner Leistungen herangezogen. vom geistigen Schaffen. die Überzeugung. wohl aber zu jener eigentümlichen Umstellung. dessen Stimme nicht die eines Rufenden in der Wüste war. und in der allseitigen Bedingtheit seines menschlichen Wesens waren demzufolge die Bedingungen alles dessen. von Milieu. betrachten wir ihn als Sohn seiner Eltern. zersetzten ihn. so haben wir damit die Entstehung seiner Kunstwerke erklärt. „Phänomenologie des Geistes" hatte Einer gerufen. von ökonomischen und son-o stigen Umständen . Eine verständnisvolle Deutung der einzelnen Dichtung im Sinne eines geistigen Prozesses wurde versucht. dem Einfluß der Umstände ausgesetzt .

Auch für die Totalität aller litterarischen Erscheinungen gilt. abschließen und in ihrem fixierten Charakter erkennen. Mit Ausschaltung alles dessen. er nimmt an. ihre Vertreter haben. daß ein Zusammengehöriges festgestellt. was zeitlich bedingt oder individuell beweglich ist. form--tung begrenzenden Kräfte hier zu einem erkennbaren und unter Gebilde geführt haben. im Gegensatz zu den Ästhe tikern des 18. daß sie vom Anfang bis zum Ende insoweit sie nicht in Dilettantismus entartete „rein wissenschaftlich" blieb. daß dennoch eine methodische Umwandlung keineswegs einzutreten brauchte. Sei es. Der Gesamtheit aller Dichtung . können wir auch in der Dichtung im weitesten Sinne die Gestalt feststellen. sie betrachtet in beiden Fällen diese zusammengehörige Zweiheit als den „historischen" Gegenstand ihrer Forschung. „Der Deutsche hat für den Komplex des Daseins eines wirklichen Wesens das Wort G e s t a 1 t. Bei der einzelnen Dich können wir fragen. - Langsam wurde sich neben diesen zwei Richtungen die dritte ihrer Aufgabe bewußt und suchte sich ihre Methode zu erobern. die wirksame Potenz in allem Geschehen" sei." Diesen Satz Goethes können wir als Grundlage einer morphologischen Aufgabe auch in der Litteraturwissenschaft aufstellen. Jahrhunderts. sei es daß sie von dem Kunstwerk und seinem Künstler ausgeht. was im Geniebegriff vorgesehen war. die „typisch bestimmte morphologische Erscheinung der Dinge. erreicht. inwieweit sich eine Gestalt-scheidbarn hier bündig verwirklicht hat. Er abstrahiert bei diesem Ausdruck von dem Beweglichen. Einfluß auf die Entwicklung der leben ausüben zu können. daß die hervorzubringende Gestalt. abgeschlossen und in seinem Charakter fixiert sei.6 EINFÜHRUNG Endziel alles dessen. aber es wurde erreicht in einer Weise. inwieweit die gestaltbildenden. daß die sinndeutende Methode von dem Künstler und seinem Kunstwerk. Von der pragmatischen Ästhetik unterscheidet sie sich auch dadurch. bei aller Verschiedenheit der Auffassung nie geglaubt. sie haben derartiges auch nie-digenKust versucht.

. grundsätzlich angeordnetes. inwieweit die Summe aller erkannten und unterschiedenen Gestalten ein einheitliches. Formbestimmung. soll die Absicht der hier vorzutragenden Abhandlungen sein. innerlich zusammenhängendes und gegliedertes Ganzes ein System bildet.EINFÜ'RRUNG 7 gegenüber erheben wir die Frage. Diese Aufgabe für einen besonderen Teil der litterarischen Erscheinungen versuchsweise durchzuführen. Gestaltdeutung heißt für diese Richtung die Aufgabe.

Wir erfassen die „Dichtung" nicht in ihrer künstlerischen Verendgültigung. Gerade wo wir bestrebt sind. Selbstverständlich ! Wer sollte es einer „Lehre des Schönen" verübeln. „ P o e s i e ist die Muttersprache des menschlichen Ge- . sondern den Abschluß unserer Forschung. Wir haben schon erfahren. Andererseits ist bei einer „historischen" Richtung. wo diese im „Gedicht". das heißt in der S p r a c h e. im Poema. daß sie die Schönheit dort greift. daß auch der Versuch eines Aufbaus der Litteraturwissenschaft von der Sprache aus bereits im 18. sondern dort wo sie einsetzt. wo sie in höchster Ausprägung vorliegt. Jahrhundert erwogen wurde. „von der Beweglichkeit zu abstrahieren". um es noch einmal zu wiederholen. dieser Ausgangspunkt wiederum von vornherein gegeben. die Gestalt der litterarischen Erscheinung zu erkennen und zu erklären. einen einmaligen und endgültigen Abschluß bekommen hatte. bildet das vollendete Kunstwerk oder die einmalige und individuelle Schöpfung eines Dichters nicht den Anfang. daß sie „Dichtung" meist nur dort erkannten und anerkannten.II. wenn man sie nicht als „Kunst" begriffe. oder daß. liegt die Sache anders. Wollten wir die Geschichte einer gestaltdeutenden Methode geben. Bei einem Versuch jedoch. daß sowohl die ästhetische wie die sinndeutende Methode bei ihren Untersuchungen zunächst und in der Hauptsache von dem vollendeten litterarischen Kunstwerk als solchem ausgingen. und wie sollte man Einfluß auf das Leben der Litteratur gewinnen. Dichter und Dichtung oder Dichtung und Dichter ihre eigentlichen Forschungsobjekte bildeten. die ein litterarisches Erzeugnis stets in unmittelbarer Beziehung zu seinem Urheber betrachtet. Schon wenn wir den oft zitierten Satz Hamanns aus der Aesthetica in nute. so würden wir sehen.

wo und wie Sprache. Wir müssen. Wollen wir unsererseits die dort angefangene Arbeit folgerichtig fortführen. die. mit allen Mitteln. vermittels der Disziplinen Stilistjk. finden wir hierin den Anfang einer solchen Betrachtungsweise. wie eine selbe Erscheinung sich auf einer andern Stufe sich anreichernd wiederholt. in Einzelheiten den Weg festzustellen. noch einmal wiederholen. formbegrenzende Kraft. Zu bindender Formbestimmung ist es jedoch damals nicht gekommen. eine „Sammlung von Elementen der Poesie" bildet oder ein „Wörterbuch der Seele was zugleich Mythologie und eine wunderbare Epopee von den Handlungen und Reden aller Wesen ist". andernteils in seinen „Alten Volksliedern" die Beispiele einer Sprache vorführt. wann. ihrem Ursprung noch nahe. ausgehend von den Einheiten und Gliederungen der Sprache. um ein Beispiel zu nennen. jedesmal sich erhöhend. ohne aufzuhören Z e i c h e n zu sein. was innerhalb des großen Gebietes von Sprache und Litteratur von Stufe zu Stufe fest und immer fester sich vollzieht. die uns Sprachwissenschaft und Litteraturwissenschaft an die Hand geben. Methodisch ergeben sich daraus eine Reihe von Aufgaben. ausgehend von den sprachlich syntaktischen Gestalten der Weg zur künstlerischen Komposition finden. indem wir vergleichend beobachten. wo er sich einesteils in seiner berühmten Abhandlung mit dem Ursprung der Sprache als solcher beschäftigt. oder um es genauer und in der Ausdrucksweise der Theorie des objektiven Geistes zu sagen: zu beobachten. oder von der Wortbedeutung aus der Sinn der Trope bestimmen. das System als Ganzheit beherrscht. so muß es unsre erste Bemühung sein. der von Sprache zu Litteratur führt. Zweifellos gehört auch hierher die große Doppelarbeit aus Herders Frühzeit. Kämen wir so zur Erkenntnis dessen. wie sie in Grammatik.EINFÜHRUNG 9 s c h 1 e c h t s ". Syntax und Bedeutungslehre gegeben sind. wie eine gleiche gestaltbildende. bis es in einer letzten Voll- . zu gleicher Zeit G e b i l d e werden kann und wird. Schließlich liegt wir werden später darauf zurückkommen in Jacob Grimms Begriff N a t u r p o e s i e wiederum Ähnliches vor. Rhetorik und Poetik systematisch zu den höchsten Kunstwerken ansteigen. So ließe sich.

in der Sprache selbst ereignen. jenen Formen zuwenden. Spruch. die sich. so erklärt sich das daraus. kurz mit jenen Formen. Kasus. Mythe. obwohl sie zur Kunst gehören. daß diese Formen irgendwie im Kunstwerk vorhanden sein können. die ebenfalls aus der Sprache hervorgegangen sind. in diesem Buche. zuerst dieser zweiten Aufgabe zuwenden. so liegt es uns andrerseits ob. die weder von der Stilistik. die man als Legende. sich mit ihnen zu befassen.10 EINFÜHRUNG zogenheit als endgültige individuelle Einheit uns erscheint. Man überließ es der Volksk unde oder andern nicht ganz zur Litteraturwissenschaft gehörigen Disziplinen. Wir haben also etwas nachzuholen. diese Verfestigung aber zu entbehren scheinen. . auf die Dauer in einem andern Aggregatzustand befinden : mit jenen Formen. ohne auch eine Nibelungensage zu berühren. daß diese Formen sowohl von der ästhetischen wie von der historischen Richtung der Litteraturwissenschaft stiefmütterlich behandelt worden sind. ohne die erste zu vernachlässigen. nicht eigentlich zum Kunstwerk werden. dem ersten Kapitel unserer Litteraturwissenschaft. Memorabile. Wenn wir uns. noch von der Poetik. wenn auch Dichtung. die. und wäre es nur. um eine Lücke auszufüllen. Und wir wollen uns. vielleicht nicht einmal voll der „Schrift" erfaßt werden. den Sinn dieser Gestalten zu ergründen. die sich. Märchen oder Witz zu bezeichnen pflegt. die. Zwar spürte die Litteraturgeschichte. daß man konkret gesprochen nicht vom Nibelungenlied reden kann. Rätsel. so doch keine Gedichte darstellen. Sage. noch von der Rhetorik. trotzdem aber versäumte es ihre sinndeutende Methode. bildlich gesprochen. ja. uns mit jenen Formen zu beschäftigen. sozusagen ohne Zutun eines Dichters. aus der Sprache selbst erarbeiten.

Die Natur. wenn wir hier Bauer. den Hengst zur Stute und es wachsen Kalb und Fohlen. Deuten sind die Tätigkeiten. Indem er züchtet. der Schaffende. Handwerker. Handwerker. er pflanzt (lie Keimlinge des Waldes in feiner Baumschule und es wächst Oder Forst. daß er in der Natur Gegebenes ordnet in einer Weise. Schaffen.. daß die natürlichen Vorgänge unbehindert ihren Weg gehen. der Deutende. daß es sieh uni den Menschen als Mittelpunkt gruppiert. Erzeugen. wir keineswegs eiiie ethnologische Theorie. Der B a u e r erzeugt seine Arbeit besteht darin. Was wir mit diesen drei Figuren meinen. daß. ist. wie sie in der We 1 t als Arbeit und in der S p r a c h e als Arbeit sichtbar auftritt. die Teilung der Arbeit. wird aus Oder zeugenden Natur Zucht. das in sich Bleibende. Wie stellen wir uns Sprache als Arbeit vor? Sofort erhebt sich das Bild einer menschlichen Arbeitsgemeinschaft und damit das Bild derer. Er streut die Saat. die innerhalb dieser Gemeinschaft in verschiedener Art die Arbeit vollziehen : Bauer.III. Ich brauche wohl kaum darauf hinzuweisen. Priester der Erzeugende. wird in das Leben des Menschen aufgenommen und da Leben Erneuerung heißt. or(lnet die zuchtlose Natur sich ihm an. Priester sagen. er bringt den Stier zur Kuli. Es gehört zu . eine Einteilung der WirtschaftsforIneu im Sinne haben und daß wir ebensowenig die drei als Entwicklungsstufen in einem kulturhistorischen Nacheinander betrachten. aber so. Sehen wir sie in ihrer Tätigkeit an. in die geordneten Furchen und es wächst ein Getreide feld . wird auch die Natur in diesem Leben erneuert. die eine Gemeinschaft zu einer Arbeitsgemeinschaft zusammenschweißen. Indem der Bauer erzeugt.

gestört.12 FIN"URIING einem Bauernhof noch mehr als Kuhstall. die kleinen schlägt er aneinander. Brettern. Nahrung wird in Gärung versetzt und wird Rauschtrank. gesellen sich zu ihm. was er nicht gebrauchen kann: Schmarotzer. stellen sich in gewissem Sinne unter seine Zucht. sondern auch solche. er nimmt die großen Steine und türmt sie auf zu einer Mauer. Pflanzen und Metalle werden zerquetscht und ergeben Farbe. (laß er das in der Natur Gegebene umordnet in einer Weise. Die in der Baumschule gewachsenen Stämme werden gefällt. zerhackt. der Wagen. aufgeweicht. Das in der Natur räumlich Gebundene wird beweglich. Aber er geht über das Erzeugte hinaus. Bei dem gegenständlich in der Natur Gegebenen bleibt er nicht stehen. zersägt zu Balken. erhitzt. sondern auch die Katze.und Zierkräuter.Dolch und Pfeil oder Haarnadel. Die Tiere laufen dem Bauern zu. der Storch auf dem First. Die Getreidesamen werden nicht mehr dazu benutzt. die sich dem Erzeuger angeordnet. bis-einadr der Funken springt und das Feuer loht. Obst. Knochen und Fischgräte werden zu. Was er erneuert. sie werden zerstoßen. die sich um einen Erzeuger gruppiert hat. Der H a n d w e r k e r schafft seine Arbeit besteht darin. begleiten. Getreideacker. wird wahrhaft neu. zerrieben. Bäume und Stauden wandern von einem Weltteil zum andern und was wir Landschaft zu nennen pflegen. Forst. und aus dem Zeugungsunfähigen wird das Brot.oder Gemüsegarten. daß neues Getreide aus ihnen wachse. wo er hintritt. Die Pflanzensamen werden angeweht. ein Schafsdarm wird Bogensehne oder Saite. Weide. die Spinne haust auf dem Boden.oder Blashorn. Nicht nur der Hund. daß es aufhört natürlich zu sein. gehen von der Natur aus in das Leben ein. Sparren und es entsteht die Wohnung. aus einem Rinderhorn wird ein Trink. er erfaßt auch die unsicht- . Unkraut und Ungeziefer. wie Wegwarte und Wegerich. Schon das Erzeugte ergreift er. Die natürlichen Vorgänge werden von ihm dauernd unterbrochen. die sich scheinbar ziellos und nutzlos an den Menschen anklammern und ihn überall. Die Schwalbe nistet unter seinem überragenden Dachgiebel. Selbst das. nicht nur Heil. der in der Zucht vielleicht Bedeutung hat. nützen die neu erzeugten Verhältnisse aus. zermahlen. ist letzten Endes nichts anderes als Natur.

der sie bindend macht. werden Bewegung und Licht. den Besitz einer Familie umschließt von den Vätern bis zu den Enkeln? Und wiederum und noch einmal darüber hinaus : was bedeutet jenes Haus im weiteren Sinne dort. im Heim der Toten. ordnet sie um. Wir haben für die Begriffe . der auf dem First wohnt. Wie verbinde ich Balken und Steine so. die Arbeit käme. einen Wohnort. ein Haus? Aber darüber hinaus : was bedeutet ein Haus. Oder um bei unserer Terminologie zu bleiben : wenn nicht zur Arbeit.EINFÜHRUNG 13 baren Mächte. was geben sie. zerlegt sie. Handwerker die Natur und das Natürliche unterbrechen und Neues aus ihnen hervorbringen indem er sie deutet von ihren ersten Anfängen bis zu ihren äußersten und letzten Folgen im weitesten Sinne. kann der. daß sie Mich. und erst. die unter dem Dach 'des Hauses nistet. ein Heim. wenn nicht die dritte Arbeit des D e u t e n s sie unentwegt lenkte. das Meinige gegen die Natur schützen. was der Storch. im Tempel. kann der Bauer die Natur in ihrem natürlichen Vorgehen in sein Leben aufnehmen. die umordnet. von der Natur abschließen. wo es sich widerspiegelt in Heimen anderer Art: im Heime des Gottes. wenn das Erzeugte und das Geschaffene selbst gedeutet worden sind. die Meinigen. wird sie ganze Arbeit.vollständig" oder „ganz" im Althochdeutschen . wie etwas gezeugt und geschaffen wird. und nicht das Begreifen dieses Sinnes erst die Arbeit als solche zur Vollendung brächte. Nur indem der Priester die Arbeit deutet. Wie aber wäre diese ganze Arbeit des Erzeugens und Schaffens möglich. benutzt sie : Wasser und Luft müssen ihre Kraft hergeben. Es gesellt sich zu dem Bauern und dem Handwerker der P r i e s t e r. dann. die anordnet. 'im Grab? Oder will man die Vereinzelung was bedeutet die Schwalbe. was bringen sie den Bewohnern? Oder was sagen uns Rose.. das eine Familie. daß sie eine Gestalt bilden. die verordnet. Myrte und Lilie im Garten? Durch die deutende Arbeit des Priesters wird die Arbeit überhaupt erst vollständig. können wir die Gemeinschaft der Arbeit vollständig nennen. Erst wenn die Art und Weise. und Arbeit. das Leben einer Familie. wenn nicht jeder Arbeit ein Sinn innewohnte.

auf ihm ruht das Haus und alles was im Hause ge- schieht von der Ruhe der Bewohner bis zu der bei dem Familienvater beruhenden Autorität.14 EINFÜHRUNG ein Wort. Wenn das Haus geschaffen werden soll. durch Deutung geheiligt sein und kann von dieser Deutung aus jeden Augenblick von neuem heilig werden. Besser-ländische als durch dieses hei 1 läßt sich die Arbeit des Priesters nicht bezeichnen denn damit ist zugleich seine weitere Tätigkeit angegeben. tritt er vermittelnd von der Arbeitsgemeinschaft in eine andere über : er macht sie nicht nur heil. sollen die anderen gelegt werden. wir treiben hier keine Kulturgeschichte im Sinne von Entwicklungsgeschichte. Alles was Verordnung ist. die der Pflug durch Ödland zieht wie heil. macht er sie heil. jeder Kulturgegenstand Kuitgegenstand. gesund. danach geschaffen. Heilig ist der erste Tag des neuen Jahres. Alles was Bestand haben soll. so wie er fest ist. ganz. muß. alles was in ihr Gestalt annimmt oder Form ergreift. jede Kulturhandlung ist letzten Endes Kulthandlung. diese Handlung bedeutet und heiligt alle folgenden Handlungen. Heilig. heilig der erste Schultag. das heißt vollständig. er macht sie h e i 1 i g. Alles was in der Kultur tätig oder-volständigu gegenständlich ist. heilig und heilen. cultus und Kultur zusammen. das Wort hei 1. und wiederum wird damit ihre einstmalige Ganzheit bekundet und ' werden sie bis in ihre Ver gedeutet. wird der Grundstein gelegt. muß in seinen Anfängen heilig gedeutet werden. sie bedeutet die künftige Ernte. sanus. so hängen colere. Wir dürfen nicht sagen: erst hat der Mensch erzeugt. Aber indem er sie heil macht. das im Mittelhochdeutschen seine Bedeutung etwas geändert hat und nur im Niederdeutschen und im Nieder noch so gebraucht wird. sollen die anderen fest sein. Feierlich mit Festen oder mit Fasten werden solche Handlungen begangen. sie bedeutet die Fruchtbarkeit im Erzeugten. ist die erste Furche. Es ist klar aber ich muß es. endlich ge- . So wie er gelegt ist. um heil zu werden. da heutzutage Wissenschaften einander falsch zu verstehen pflegen. noch einmal wiederholen —. liegt in diesem Stein. dieser Grundstein faßt die ganze Bedeutung des Hauses in sich zusammen. Diese erste Furche bedeutet alle nachfolgenden in ihrer Gesamtheit. Indem er die Welt deutet.

Es war auch nötig dies noch einmal zu sagen. so ist es meist aus handwerklichen Gründen. befindet sich in der Landschaft verläßt er sie. Er hat nicht nur aus dem auf dem Acker gewachsenen Getreide Brot gemacht. er hat weit über das Erzeugte hinaus alles. Der Bauer gehört zur Scholle. der Handwerker durchstreift als Handwerksbursche die Welt. So sehen wir denn unsere drei Figuren vor uns so sehen wir sie in ihrer räumlichen Begrenzung. er deutet Sonne.EINFÜHRUNG 15 deutet. zu suchen. ob irgendwo in einer verstohlenen Erdecke ein Volk beim Erzeugen stehengeblieben ist. in seiner Bäuerlichkeit beharrt hat. worin wir ihn nicht als Bauer. die Arbeit zwar in ihren Einzel -bekant zu sehen. Wir sahen schon. wo alles umgeordnet. als Handwerker. wo die Landschaft aufhört. zur Gewerk- . aber sie in ihrer Gesamtheit zu verstehen -formen und in diesem Sinne gibt es nichts. alles der Natur entzogen ist und wo die natürlichen Vorgänge im Leben verändert sind er zieht in die Siedlung. nun wir die Kreise dieser drei noch einmal untereinander vergleichen wollen. als Priester erkennen. was ihm auch in der nicht erzeugten Natur erreichbar und brauchbar schien. was der Mensch sich erarbeitet hat. jedesmal erweitert sich ihre Peripherie. und dann läßt er sich dort nieder. das Erzeugte und das Geschaffene zu deuten. so hört er auf Bauer zu sein. in ihrer räumlichen Bewegung. kann es nicht geben. Mond und Sterne seine Deutungen gehen über das Sichtbare und Faßbare hinaus zum Unsichtbaren und Unfaßbaren. Sie sind konzentrisch. daß der Handwerker in größerem Umfange schafft als in den Erzeugnissen des Bauern gegeben war. in seine Arbeit einbezogen. in die Stadt. Es wäre sinnlos. Daß die Entwicklung der menschlichen Wirtschaft verschiedene Stufen durchläuft. der Handwerker vereinigt sich mit anderen Handwerkern zur Zunft. sondern seine Deutungsarbeit erstreckt sich auch auf alles was nicht erzeugt und nicht geschaffen ist oder werden kann. Und wiederum vergrößert sich der Kreis bei dem Priester : er begnügt sich keineswegs damit. Der Bauer bleibt in gewissem Sinne einsam mit seiner Familie tut er sich mit anderen zusammen. ist mir nicht un hier aber gilt es. So etwas gibt es nicht.

was Bauer. wo wir uns fürchten.und Ausgehen des Atems. In ihrer benennenden Arbeit ist die Sprache so unentwegt wie das Ein. Handwerker und Priester vollzieht. hat Ipsen in seiner „Erläuterung" zu den „Schallanalytischen Versuchen" (Heidelberg 1928) gezeigt. so allgegenwärtig wie die „Luft" von der wir redeten. und wie diese Töne die Namen der Dinge enthalten. Gedeutete von der Sprache benannt. von dem aus er sie überschauen kann er ist einsam. durch das Wort etwas Unerwünschtes erzeugt zu haben. wie beim Ausatmen der Atem tönend geworden ist. Geschaffene. etwas. die alles umfängt. insoweit er sich nicht mit seinesgleichen zusammentut. vollzieht sich nun in der Sprache noch einmal. in der alles eingebettet liegt. Zunft. der aufgehen kann. Die ganze Arbeit. die sich um ihn sammelt. Handwerker. Wir wissen das und spüren es ganz besonders nach der naiven und instinktiven Seite hin in Augenblicken.16 EINFT IIRUNG schaft. zergeht mit dem Leben. Und in den drei Ausdrücken Familie. wie der Mensch diese Luft einatmet und mit ihr alles einatmet. Der Priester endlich ist zugleich standhaft und beweg- lich er durchstreift die Welt nicht. Zweitens aber und hier greifen wir tiefer ist Sprache selbst ein Erzeugendes. sondern er sucht sich einen Punkt. Schaffendes. worin sich Anordnung. Alles. In doppelter Weise : Erstens wird alles Erzeugte. Gemeinde sehen wir noch einmal unsere Figuren deutlich und bedeutsam vor uns. Deutendes. Verordnung eigenst ereignen. „Unberufen" oder „Unbe- . wie es eine „Luft" gibt. Jedoch: nomen est omen! Aus der Sprache geht etwas hervor. Umordnung. einer Gemeinde. gehört zum Leben. Durch die Arbeit der Sprache aber bekommt es in der Sprache selbst eine neue Beständigkeit. sie ist ein Samen. Was B e n e n n e n heißt. was sie umgibt. die sich in Bauer. aber er bildet zugleich Mittelpunkt einer Menge. und als solcher ist sie e r z e u g e n d. Priester bisher an Arbeit geleistet haben. erneuert sich im Leben oder hat nur mit dem Leben Bestand. alles durchdringt.

Wir nennen es Aberglauben. Sprache schafft Gestalt. daß sie von der Sprache geschaffen wurden. steht ebenso fest da wie das. Was man mit einem vom Positivismus übel verstandenen und noch übler mißbrauchten Ausdruck Magie zu nennen gewohnt war darunter haben wir an dieser Stelle die erzeugende Arbeit der Sprache. Einfache Formen 2 . als daß man ganz zugeben würde. die Sprache als Erzeugerin zu verstehen. wir kennen diese Gestalten der Sprache besser als viele Menschen unserer persönlichen Umgebung. aber wir müssen uns darüber klar sein. Der Pakt. J o l l e s. Dann nenne ich Serenissi. )4yos aà e. Wir kennen Odysseus. Don Quijote. wie ein Wort in Erfüllung gehen kann. den Faust mit dem Teufel abgeschlossen hat. Diese Personen und Tatsachen mögen wieder zu sehr an bestimmte Dichter erinnern. untersuchen. aber sie in das Leben des Menschen eingehen läßt und aufnimmt. V e r sprechen ist noch viel mehr als die bindende Kundgebung einer Absicht. Was die Sprache geschaffen hat. daß in diesem sogenannten Aberglauben ein Wissen davon steckt. Herrn Pickwick. so kann es u m o r d n e n d Neues hervorbringen. die den natürlichen Lauf der Dinge nicht behindert. die aus der Basis * leubh abgeleitet werden können. daß ein Wort in Erfüllung gehen kann. glauben. Und wiederum ist hier Erzeugen eine Anordnung . wie sie auf die Möglichkeit hinweisen. durch Sprache sich etwas zu eigen zu machen oder zu erzeugen. daß etwas zustande kommt so wie man in gewissen Teilen Deutschlands einen Geist versprechen. so werden wir überall spüren. so s c h a f f t sie auch . wenn man sie bespricht. erlauben und allen jenen. yezo wir wissen. Wenn wir die Bedeutungsgeschichte von Worten wie loben. Es bedeutet : so sprechen. herauf kann. Wie nun die Sprache erzeugt. Genau so lassen sich durch die Sprache-beschwörn Feuer und Wasser binden. wie ein Wort Fleisch werden und unter uns wohnen kann. was im Bereiche des Lebens der Handwerker schuf. indem Sprache wir benützen das Wort in der eigentlichen Bedeutung d i c h t e t. geloben. ist von bekannten Juristen juristisch geprüft und auf seine Gültigkeit hin untersucht worden.EINFI`HRUNG 17 schrien" pflegen wir zu sagen und versuchen durch irgendeine Handlung die erzeugende Kraft des Wortes zu hemmen.

Damit haben wir einen Übergang gefunden. Erzählungen. pflegen wir zu sagen. Und so sind wir zu der dritten Arbeit der Sprache gekommen. denn nur durch Deutung läßt sich das Verhältnis von Mussolini I zu Mussolini II feststellen. die wohl manchen gegenwärtiger sind als selbst politisches Tagesgeschehen. Indogermanische Forschungen. zermahlen. Bd. 10. Irgendeine Vielheit von Erscheinungen liegt dem Menschen vor. und ich weise hin auf die Ereignisse beim Rathausbau der Schildbürger. deckt. erhitzt er ist gedichtet. er sucht in ihnen eine Gemeinsamkeit zu erkennen. inwieweit er sich mit dem „wirklichen" Mussolini. verändert und erneuert wird. der in seiner Zeit weithin sichtbar ist. Wir haben. Er sehnt sich danach. 11) hinweisen. gebrauchen wir die Worte Erkennen und Denken. aufgeweicht. von schmaler Sichel zur Scheibe sich rundend. wie durch die Sprache oder durch die Litteratur etwas ergriffen. den wir anfangs suchten. Nehmen wir ein Beispiel. was um ein kühnes Wort zu gebrauchen in der Natur gegeben war. Der Mensch beachtet die Phasen eines H i m m e 1 s k ö r p e r s. Da. wo Sprache dichtet. Und dann sehen wir zugleich. Wir kennen einen Mussolini aus Berichten. dem der deutenden Arbeit der Sprache. Und wir wissen. Indogermanisches Jahrbuch. Ein lebender Mensch. indem wir auf die Untersuchungen von Porzig (Bedeutungsgeschichtliche Studien. dem Mussolini in natura. 2) und Ipsen (Besinnung der Sprachwissenschaft. Dieser zweite verhält sich zu dem litterarischen Mussolini wie das Getreide zum Brot. der. daß Sprache als umordnende Arbeit hier unmittelbar zur Litteratur führt. der mit keiner Dichterfigur in Verbindung gebracht wird. . er ist von der Sprache zerstoßen. In diesem dritten Fall. entsprechend dem Zeugen und Schaffen vom Erfüllen und Dichten der Sprache gesprochen. auch wenn diese Litteratur nicht von einem bestimmten Dichter stammt oder in einem bestimmten Kunstwerk festgelegt ist. daß Litteratur entsteht. Anekdoten aber wir wissen nicht.18 EINFÜHRUNG mus. er entdeckt Ähnlichkeiten. ist im Grunde in doppelter Weise vorhanden. Bd. gedeutet zu werden. geschaffen.

deutet: als Dinge. das etymologisch den soeben erwähnten Worten fern . Er trägt in sich ein G e f ü h 1. deutend begreift sie alles dieses in einem Zeichen. von wo aus soll er das Gemeinsame in diesen Verschiedenheiten. Gedankliches zur Form abzurunden. wir wollen die Terminologie nicht abändern. wie es als Formans sehr Verschiedenes. der abgeleitete Zeitabschnitt m o n a t . beweglich wie die Erscheinungen und dennoch die ganze Zusammengehörigkeit der Erscheinungen in sich enthaltend. sondern wie es auch Weiterstehendes formal ergreift und in seinen Kreis zwingt. wie dieses * men nicht nur als Stamm bildet. Wir würden dann auch sehen. das lateinische um nur ein einziges Beispiel zu nennen s e m e n. die durch Formung mit Kraft erfüllt werden. das wir werden es später sehen auf eine bestimmte Geisteshaltung hinweist. so würden wir anzufangen mit dem lateinischen mens oder dem griechischen µaivo^uat.EINFÜHRUNG 19 ihm die Erfüllung einer Form zeigt. das gedankliche Streben meinen . Die unserem Beispiel zugrunde liegende Wurzel heißt -wir befinden uns hier im Kreise des indogermanischen Erkennens und Denkens * men. das Lebewesen mann oder m e n s c h heißen. das nach Vollendung drängt. aber das der zentralen Lagerung des Zeichens zu wenig gerecht wird. wie tief in der Sprache die deutende Tätigkeit liegt. Zugleich erkennt er. und dieses Zeichen.. von dem jene Erfüllung ausgeht und zu dem sie zurückkehrt. yávzts und M a e n a d e noch viel mehr finden. jedenfalls beweist uns W u r z e 1. Wollten wir andere indogermanische Sprachen heranziehen. einheitlich fassen? Hier setzt die Sprache ein. die ihm eine Welt der Entfaltung und Erfüllung bedeuten. wie er selbst als Lebewesen wiederum im Laufe dieses Lebens seine Kräfte entfaltet. wie auch die Zeit sich erfüllt. das Gefühl minne. sowohl Natürliches wie Geräte. und ein Streben . Und von dieser Verordnung aus muß der Himmelskörper m o n d . und die Erfüllung zur Form wird ihm Maßstab bei der Beobachtung. so daß . Wir nennen ein solches Zeichen eine Wurzel. Aber wie. wo es nicht unbedingt nötig ist. Immerhin. Wurzel ist ein Wort. wird nun der verordnende Mittelpunkt.

aber auch alles. in dem jede Handlung des Bauens. was dem Menschen Haus heißt. indem sie vollwerden. die. die Sprache sowohl strahlenförmig Gleichartiges andeutet als auch das. . wie von dem-o aus. und wir werden verstehen. nun durch die Endung mit zu den Sachen gedeutet wird.20 E. Ich erinnere an den Grundstein. wie Figuren auf dem Schachbrett und Truppen in einem Schlachtgelände in ein Feld eindeutet. sich runden und. ver rdnet ist und vorliegt. ihre Kraft entfalten.NFUHRUNG steht. was sich in anderer Weise zeigt. was wir Wurzel genannt haben. wie der Mond.

zu seinem Recht und zur Geltung. wo Gleiches sich zu Gleichem gesellt. Sie ist ihm. Wenn das so ist. so brauchen wir nur einen Augenblick nachzudenken. vereinigend faßt er das Zusammengehörige zusammen. vielmehr eine Wildnis und ein Wirrsal. als Ganzes genommen. was sich auf diesen Häuflein befindet. um einzusehen. das vor einen wüsten Haufen von Samen aller Art gestellt wird und nun die Aufgabe bekommt. zu sehr als eine Welt von Arbeitsprodukten. ist das Chaos Kosmos geworden. in ihrer verschwimmenden Verschiedenheit. verringernd. muß er die endlose Zahl ihrer Erscheinungen in irgendeiner Weise verringern. Handwerker und Priester befinden und in der die Sprache deren Arbeit noch einmal leistet. Um die Welt zu verstehen. als eine Welt der Einzelheiten. in der sich Bauer. Mensch und Welt erinnern an das Mädchen im Märchen. daß die Welt dem Menschen im allgemeinen nicht ' so vorkommt. wird es selbst. Vielleicht erscheint manchem das Bild der Welt. muß er sondernd in sie eingreifen. Die Unterschiede verbreitern sich. muß er sich in sie vertiefen. Die Arbeit geht an und indem aus dem unerkennbaren Haufen erkennbare Häuflein werden. das Viel2 . die er schaffend. Wir kennen den Verlauf dieser Geschichte : freundliche Vögel oder Kerbtiere kommen zu Hilfe. vertiefend. kommt auch das. sie in einer Nacht richtig zu sichten. in ihrer Brandung. gebackenem Brot.IV. trennt. gebauten Häusern. gemahlenem Ge-' treide. eine Welt von besäten Äckern. Der Mensch greift ein in das Wirrsal der Welt. zerlegt und sammelt auf die Häuflein das Wesentliche. deutend aufgebaut wird.-zeugnd. Wenn der Zauberer bei Sonnenaufgang erscheint. bekommt. in ihrem Getümmel. teilt. gelegten Grundsteinen. kurz als eine Welt von Gegenständen. Was nur verwirrter Teil einer großen Verwirrung war. erst seine Eigenheit.

. was hier geschieht. umordnend in eine solche Form eingreift. eine Fo r m ergeben eine Form. besitzt nicht in dem Sinne wie die verschiedenen Samen.22 EINFÜHRUNG deutige wird ausgeschieden oder es wird zur Eindeutigkeit bestimmt und zurückgebracht. sie von sich aus noch einmal gestaltet da können wir von litterarischen Formen sprechen. eigene Bündigkeit besitzt. deren Teile ineinander eindringen. die als solche gegenständlich erfaßt werden kann. was in dem Wirrsal der Welt gehäuft liegt. Auslegend und einengend dringt er zu den Grundformen durch. sondern eine Mannigfaltigkeit. ' nimmt erst. Indessen. aber es bildet hier keinen Haufen von Einzelheiten. sondern. eigene Gültigkeit . Und gerade dieser Vorgang ist es. und so eine Gestalt. eine Erbse oder eine Bohne. wo sie anordnend. Gleiches gesellt sich zu Gleichem. sich vereinigen. schon von vornherein eigene Form. Das. die. was hier unterscheidend geschieden wird. während es in der Zerlegung sich zusammenfindet. ist wie wir später sehen werden kein Märchen. den wir zu beobachten haben. verinnigen. wie wir sagen. Wo nun die Sprache bei der Bildung einer solchen F o r m beteiligt ist. eigene Form an.

wir dürfen nicht so ohne weiteres die mittelalterliche Legende als Paradigma hinnehmen und müssen uns hüten. An dieser Stelle beobachten wir sie zwar nicht in ihrer umfassendsten Gestaltmöglichkeit. nach der man sich bewegen konnte. an der sie wirklich zu sich gekommen. das Bild. allzuschnell begrifflich so auszuwerten. ich meine die christliche Legende. weil sie in einem bestimmten Abschnitt der abendländischen Kultur als abgeschlossenes Ganzes vor uns liegt.LEGENDE I. wo ihre Geltung nicht hinwegzudenken ist. daß wir meinten. wo sie eine der Himmelsrichtungen ist. wenn wir uns mit-keit einer besonderen Erscheinung zu sehr identifiziert haben. Freilich hat dieser Vorteil auch seine Gefahr. in die man sah. Ich habe als erste von diesen Formen die L e g e n d e gewählt. das heißt in unserem Fall. wenn wir eine Form an einer Stelle greifen können. ja vielleicht sogar die einzige. das wir von ihr gewinnen. wirklich sie selbst ist. wo sie mit einer gewissen Ausschließlichkeit gelesen wurde. Vergleichen wird schwer. . Es ist ein Vorteil. wir hätten die Legende damit in ihrer Gesamtmöglich umrissen. dafür aber in einer vollkommen ausgeprägten Besonderung. ihrer größten Verallgemeinerung. Aller ist die Gefahr in diesem Falle nicht allzu groß. denn-dings vieles in unserem eigenen und heutigen Leben trennt uns von der katholischen Legende und wir sehen sie gerade von uns aus in einer gewissen Entfernung. wie sie sich in der katholischen Kirche seit den ersten nachchristlichen Jahrhunderten herausgebildet und bis heute erhalten hat. wenn wir die Legende in dem Kreise und in der Zeit untersuchen.

sondern auch in starker Wirksamkeit auf bildende Kunst und Litteratur. Das Werk ist auch heute noch nicht vollendet. Wir nennen sie im allgemeinen Acta Sanctorum oder die Bollandisten. sowie einen starken Einfluß auf die italienische Novelle ausgeübt hat. und sie kommen hinzu. Die beiden von Bollandus bearbeiteten Bände für Januar sind 1643 erschienen. die Analecta Bollandiana. im 17. sind die Viten und Acta nach den Tagen des christlichen Jahres geordnet. und nach seinem Tode fortgesetzt von einem Ordensgenossen. Sie wurde angefangen von einem Jesuiten. Acta Martyrum oder Acta Sanctorum finden wir das ganze Mittelalter hindurch und nicht nur als Bücher. dessen Namen sie trägt. Im strengen Sinne kann es auch nicht vollendet werden. Pater Heribertus Rosweidus aus Flandern. dabei ist zu berücksichtigen. das ganze Unternehmen wird jetzt von einer Kommission ausgeführt. von Johannes Bollandus. Im ganzen enthält die Sammlung schätzungsweise 25 000 Heiligenleben. Da ist als ganz besonders maß oder Legenda aurea hier-gebndiLasctorum treffen wir das Wort Legende zum ersten Mal — des Bischofs Jacobus von Varazzo zu nennen. Da die Ver Heiligen mit dem Tagesritus der katholischen Kirche-ehrungd zusammenhängt. die man gelesen hat. Die eigentliche große Sammlung der Viten aller von der katholischen Kirche anerkannten Heiligen beginnt in einer Zeit. die auch seit 1882 eine Zeitschrift. Zusammenfassungen von Geschichten mit den Zeugnissen über Leben und Taten der Heiligen liegen uns in kleineren und größeren Sammlungen seit den ersten Jahrhunderten des Christentums vor. Jahrhundert. herausgibt. wie sie uns quellenmäßig faßbar ist. die auch sonst noch für die Begriffsbestimmung der Heiligen von Wichtigkeit 'ist.24 LEGENDE Wir betrachten die Welt der mittelalterlichen Legende zunächst oberflächlich. Jahrhunderts zusammengestellt wurde und jahrhundertelang einer besonderen Art kunstgemäßer Ausformung der Legende die Wege gewiesen. Seitdem sind noch mehrere hinzugekommen.denn die Zahl der Heiligen ist keineswegs historisch beschränkt : es können sozusagen jeden Tag neue hinzukommen. 1902 war die Originalausgabe bis auf 63 Bände gediehen. die um die Mitte des 13. daß in zahlreichen Fällen mehrere .

in der wir heil und heilig in unserer Einführung erwähnt haben. natürlich immer noch innerhalb der Kirche. von diesem Bereich her ist diesen Worten eine Bedeutung gegeben. abgeschlossener auch als die Bedeutung.LEGENDE 25 Viten desselben Heiligen überliefert sind. den Heiligen und seine Legende als Weltanschauung in sich trug. seine Viten gesammelt hatte und danach eine beginnende wissenschaftliche Besinnung es unternahm. ihn in seinem ganzen Umfang und seiner Vielfältigkeit. das. sagen wir vorläufig. Hei t i g e r und heilig liegen hier in einer Sonderwelt vor. zu kompilieren. die sämtlich von den Bollandisten ediert werden. die abgeschlossener ist als jene. . die wir gewöhnlich mit ihnen verbinden. Damit haben wir genügend Material beisammen nachdem zuerst das Mittelalter.

Diese Anerkennung vollzieht sich in einer historisch gewordenen und festgelegten Form. und so verwandelt sich die Frage : was ist der Heilige ?. was sind die Heiligen. wozu auch die Erwähnung in dem Gebete gehört. und wird eröffnet auf Veranlassung irgendwelcher Menschen. auf sich selbst stehen.II. bilden sie zusammen eine Gemeinschaft kraft einer inneren Zusammengehörigkeit. tieferstoßende. durch die der Heilige anerkannt wird. daß sie in ihrer Gesamtheit das Kirchenjahr vertreten. üblich ist. die von der Heiligkeit der betreffenden Person überzeugt sind. der Form der Heiligsprechung (canonisatio). zudem aber auch dadurch. Es geschieht durch die congregatio rituum. Betrachten wir das Verfahren der Heiligsprechung. die methodisch erste : wie wird man ein Heiliger? Damit ist die Frage gestellt nicht von der Person sondern von der Institution aus. in eine weitere. wie es seit Urban VIII. der Entstehungszeit der Acta Sanctorum) endgültig geregelt worden ist. Was ist der Heilige. deren Leben in den genannten Quellen in einer bestimmten Weise dargestellt ist? Obwohl sie als Personen für sich allein genommen werden können. Canonisatio heißt declaratio pro sancto eines „Seligen" (beatus) . weil sie nur von dieser Bindung aus zu beantworten ist. das der Priester im Meßkanon bei der Konsekration der Elemente des heiligen Abendmahls zu sprechen hat. (1623 1637. canonisare heißt : „in das Verzeichnis (canon) der Heiligen eintragen" und dem Heiligen den ihm gebührenden Kultus zuerkennen. die von dem Papst Urban VIII. Der Heilige ist also an die Institution Kirche gebunden. . in der einige Kardinäle und andere Würdenträger der Kirche Sitz haben.

" Hinzuzufügen ist noch. erneut wird das Verfahren eingeleitet. der. Auch det• Staatsanwalt ist bei der Congregatio rituum-brech . Sie werden von neuem geprüft." Es wird in den Abhandlungen. sanctum esse et sanctorum catalogo adscribendum ipsumque catalogo hujusmodi adscribimus statuentes ut ab universali ecclesia . Es muß zunächst und zwar durch Zeugen erwiesen werden. ausdrücklich auf die P r o z e ß f o r m des Verfahrens hingewiesen. Zeugen werden vernommen. Die Gründe der Seligsprechung und der Heiligsprechung. müssen ebenso streng behandelt werden wie in einem Kriminalverfahren. bis schließlich. Auch der Begriff Wunder. Ist diese Prüfung bestanden. die die beatificatio und die canonisatio besprechen. fortitudo. statt und wird danach von der Congregatio rituum geprüft. erstens heroische Tugen--fahren den bewährt und zweitens Wunder getan hat. der Papst ex cathedra den beatus für sanctus erklärt: „decernimus et definimus N. daß die der prozessualen Untersuchung unterworfenen Tugenden des beatus die theologischen: spes. prudentia. der zweite zu behandelnde Hauptpunkt. so kann zur Seligsprechung (beatificatio) geschritten werden. temperantia scholastischer Systematik und scholastischer Begriffgebung entsprechen. servus Dei heißt. heißt es. . Das Ver selbst hat die Form eines Prozesses und zwar eines Pro--fahren zesses in Instanzen. In der Regel soll zwischen dem Tode des designierten Heiligen und der Eröffnung des Verfahrens eine längere Zeit (50 Jahre) liegen. quae a Deo fiunt praeter causas nobis notas miracula dicuntur. fides. an dem der servus Dei gelebt hat. neue Wunder geschehen. wenn das alles durchgeführt ist. die Tatsachen ebenso genau bewiesen wie bei der Bestrafung eines Ver ns. caritas und die moralischen: justitia. . gilt gemäß der scholastischen Definition : „illa. daß der Betreffende.LEGENDE 27 meist vermittelt durch die Ortsgeistlichkeit. festum ipsius et officium devote et solenniter celebretur. Nach vollzogener beatificatio rückt die Angelegenheit vor eine höhere Instanz es müssen aber. Gegengründe vorgebracht. Die Untersuchung findet zuerst durch den Bischof des Ortes. sobald das Ver eröffnet ist. damit dies möglich ist.

Regelung eines Vorgangs. des Tridentinums. der Anerkennung eines Heiligen seit Urban VIII. Zunächst können wir wieder Äußerliches aus ihr ableiten. So verhält es sich mit der Schaffung. Jahrhundert unter Einfluß der-ligen? Gegenreformation. und diese Formel ist so gefaßt. Was eine geistliche Behörde-schluß hier kraft ihres Amtes dekretiert. Die scharfe. feste und vielleicht äußerliche-schiet. er heißt zwar nicht offiziell aber doch allgemein -advocatus diaboli. des Jesuitenordens ge ist nur eine letzte. .28 LEGENDE vertreten. daß wir in ihr die Form noch erkennen und sie aus ihr ableiten können. der sich in der christlichen Kirche bis zur Reformation von innen heraus und von selbst vollzogen hat. juristisch angelegte Prozeßform ist der Ab eines Kulturprozesses. ist die Formel einer Form. Gab es aber vorher keine Hei Im Gegenteil: was im 17.

sondern qualitativ von jener der anderen verschieden. Erst wenn diese seine ß o**sheit" sich in einer bestimmten Handlung zeigt. Nur stoßen wir hier auf die Schwierigkeit. vorliegt. und wenn wir den Verbrecher bestrafen. der seinen Mitmenschen durch seine besondere Art auffällt. sagen wir t ä t i g w i r d. Wir . ein crimen. sondern ob ein Verbrechen. Seine Lebenshaltung. Im Verbrechen unterscheidet sich der Verbrecher q u a 1 i t a t i v von den anderen Bösen. Kehren wir nun die Sache um. daß die Würdigung eines Heiligen aus der Prozeßform heraus und durch sie geschieht. zu verstehen. und dennoch bietet sich dem Strafrecht nicht der geringste Anlaß. daß das Gegenteil von Verbrechen ausdrückt.III. so ge das. seine Lebensweise sind anders als die der andern. erhellt aus der Tatsache. aber seine Tugend ist nicht nur quantitativ. sich mit diesem Menschen und seiner „Bösheit" zu beschäftigen. und wir fangen schon hier an. sich in eine Tat umsetzt. was bestraft wird. nicht besitzen und daß wir auch die Definition st r a f b a r e s U n r e c h t nicht in ihr Gegenteil verwandeln können. Ein Mensch kann sehr viel böser sein als sein Nachbar. Wie das gemeint ist. den Vergleich mit dem Strafrecht. Das Verbrechen ist es. weil unsere Justiz ihn als Individuum mit seinem-schiet• crimen identifiziert. daß wir ein Wort. ob der Angeklagte böse ist. örtlich begrenzten Kreise lebt ein Mensch. die Bedeutung der Prozeßform. In einem kleinen. Der Strafprozeß hat demzufolge nicht zu untersuchen. dann haben wir den Kanonisationsprozeß. er ist tugendhafter als andere Menschen. dann erst wird er durch diese Handlung und in dieser Handlung strafbar : wir nennen diese Handlung V e r b r e c h e n und definieren im weiteren Sinne Verbrechen als : strafbares Unrecht.

die in gewissem Sinne zugleich Sachverständige sind. daß hier wirklich Wunder geschehen sind. Eine solche Lex kann es in der geistlichen Umkehrung ebenfalls nicht geben. inwieweit nach ihrer Überzeugung bei dem servus Dei tätige Tugend vorliegt. auch darüber auszusagen. Und wiederum sind es Zeugen. Die Tugend in ihrer tätigen Eigenheit wird von oben herab bestätigt sie wird bestätigt durch das Wunder. Das geschieht in doppelter Weise: Der Kanonisationsprozeß stützt sich erstens vergleichbar dem Strafprozeß auf Zeugen.30 LEGENDE müssen uns hier mit dem Ausdruck t ä t i g e Tu g e n d oder aktivierte Tugend begnügen. ob Heiligkeit vor steht dann allerdings wieder den geistlichen Richtern zu. müssen eine ganze Anzahl Jahre vom Tode des servus Dei bis zu seiner Beatifikation. ob Wunderkraft. an dem der Prozeß des beatus von einer zweiten Instanz als Kanonisationsprozeß wieder auf wird. dessen Tugend sich qualitativ von der seiner Mitmenschen unterscheidet als: tätige Tugend. durch das „quod a deo fit praeter causas nobis notas".-liegt. so wie in der Fortsetzung „nulla poena sine lege" das Gesetz Norm der Bestrafung wird. sondern die ihre Überzeugung kund tun müssen. und so muß hier eine andere Norm gesucht werden. Auch in dieser Zeit muß sich unabhängig von-genom . Wie wir schon gesagt haben. Die letzte Entscheidung. haben im Kanonisationsprozeß die Zeugen. Und wir definieren die Haltung des eingangs geschilderten Menschen. Damit haben wir den Prozeß des Heiligen in seinem ersten Abschnitt verfolgt: bis zur B e a t if i k a t i o n. Dazu kommt zweitens und das ist viel wichtiger eine höhere Norm. Nun gibt es aber in unserem Strafgesetz eine grundlegende Bestimmung „nulluur crimen sine lege" : das geschriebene Gesetz ist die Norm der zu bestrafenden Handlung. erst recht aber bis zu dem Termin verstrichen sein. die nicht nur über den Sachverhalt auszusagen haben. Während aber im Strafprozeß die Zeugen sich nur über Sachverhalte zu äußern haben und die Feststellung des Verbrechens dem Richterkollegium -wie dieses nun auch zusammengestellt sein mag vorbehalten bleibt.

Und was bedeuten sie? Es ist einmal mit einer gewissen Naivität gesagt worden. Die tätige Tugend hat sich vergegenständlicht. Wir lesen bei Petrus Damianus in seiner Vita des heiligen Romuald. durch Teile seines Körpers. wie unsere Strafgesetzgebung letzten Endes davon ausgeht. das Verbrechen ist gelöscht an dieser Stelle zeigt sich erneut. die er berührt oder die ihn berührt hatten. sondern losgelöst vom Leben überhaupt denkbar. sie ist nicht nur losgelöst vom lebendigen Menschen. und als das nicht gelang. durch sein Blut. So haben wir uns die Tugend des Heiligen nach seinem . durch Kleider. -mal Wie und wo geschehen diese p o s t h u m e n Wunder. Es hat aber andere Zeiten gegeben.LEGENDE 31 dem beatus als Individuum die göttliche Bestätigung noch ein offensichtlich. „ein echt katholisches Volk hält noch mehr auf tote als auf lebendige Heilige ". Mörder ausschickten. gelangt sie zu ihrer völligen Eigenkraft. wenigstens als Leiche bei sich behielten: „pro patrocinio terrae". erst wenn sie nach dem Tode des Menschen selbständig geworden ist. den sie lebend nicht zurückhalten konnten. selbst wenn der Verbrecher nicht mehr unter den Lebenden weilte. an dem Orte. Aus dieser und ähnlichen Geschichten geht die Bedeutung des posthumen Wunders hervor. über die auch dieses Mal Zeugen aus der nächsten Umgebung des beatus zu berichten haben? An seinem Grabe. da man die Leiche des Mörders. Unser Strafgesetz kennt eine Verjährungsfrist : nach einer bestimmten Zeit kann der Verbrecher für das Verbrechen nicht mehr bestraft werden. ihn zu töten. auf das Rad flocht wo das-grub Verbrechen fortlebte und bestraft werden konnte und mußte. Manche Erzählung aus dem Mittelalter bestätigt diesen Satz. die er getragen. damit sie den. der zeitlebens seiner Strafe entronnen war. durch Gegenstände. den sie schon zu seinen Lebzeiten als Heiligen betrachteten. Die tätige Tugend muß sich vollenden. wiederholen. wo er gewohnt hat. zu veranlassen suchten. daß die Bewohner Kataloniens den dort weilenden Italiener. Verbrechen und Verbrecher zu identifizieren. im Wunder. steht sie auch wirklich auf sich selbst. in ihrem Lande zu bleiben. aus und sie an den Galgen hing.

was schon bei den Römern in besonderer Weise Tu g e n d und K r a f t oder M a c h t heißt. und daß Tu g e n d mit t a u g e n verwandt ist. Dorthin kehrt seine Tugend. ist. seine M a c h t. Der servus Dei ist venerabilis. ist beatus geworden.32 LEGENDE Tode vorzustellen. wird sie bei einer neuen Instanz in einer anderen Weise an ihren ehedem persönlichen Träger wieder angeschlossen. Nach der Bestätigungsfrist. das Wunder zu bewirken. Beatus und tätige Tugend erfahren eine neue Prägung : Er wird Sanctus und sein Fest und sein Kultus sollen in der ganzen Kirche „devote et solenniter" gefeiert werden. nun aber noch einmal. die sich verselbständigt. sie wird erst recht bestätigt. Geschah es anfangs durch Gott. Diese Macht zeigt sich. so wie das Wunder von ihm zeugte. er hat seine himmlische Persönlichkeit erhalten. da seine Person ge- . War das Wunder zuerst Bestätigung der Tugend. zwar nicht ganz unabhängig. man kann ihn bitten. Man kann sich oder das Seine unter den Schutz des Heiligen stellen. vergegenständlicht hat. Marterwerkzeug -. um den Heiligen zu bezeichnen. Das Wunder nach seinem Tode knüpfte sich an einen Gegenstand. daß v i r t u s . nicht im Individuum. Ich erinnere daran. dieser Gewand. in der die tätige Tugend begann ihr Eigenleben anzutreten und während der der servus Dei und eben diese seine tätige Tugend voneinander getrennt waren. so wird es jetzt Zeichen der Macht. zu ihm zurück. aber doch losgelöst von der Person des Heiligen. nachdem er wieder mit ihr vereint wurde. Grab. man kann ihn anrufen. so geschieht es jetzt durch den Heiligen sozusagen im Auftrage und im Einverständnis mit Gott für jemanden oder für etwas anderes.zeugte von dem servus Dei. Der Verjährungsfrist unseres Strafgesetzbuches können wir die Ve r e w i g u n g s f r i s t des Kanonisationsprozesses gegenüber -steln. Dieser Gegenstand war unentbehrlich in der Zeit. im mittelalterlichen Latein ohne weiteres m i r a c u 1 u m bedeuten kann. er befindet sich im Jenseits unter den Seligen. sondern an sich. Sie besteht. Was aber seine Tu g e n d war. Diese Wiedervereinigung meint der Kanonisationsprozeß. meint die Heiligsprechung. sie lebt nun erst recht.

nachdem man ihn drittens in einer neu geprägten himmlischen Gestalt wieder mit seiner Tugend zusammengebracht und mit Macht begabt: alles das kann auch in einen Gegenstand hineingedeutet werden. wessen Tugend in einem beliebigen Kreise durch ein Wunder bestätigt wurde. J o 11 e s. Sie kann alles. was mit dem Heiligen und seiner Heiligkeit zusammenhing. was Gott Unbegreifliches tat. daß das. nachdem man ihn erstens in menschlicher Umgebung als Täter der Tugend gesehen und die Bestätigung seiner Tugend durch Wunder erlebt hatte. Stellen wir diesen Zusammenhang noch einmal klar heraus: Was dieser Heilige als Person bedeutete. sie kann selbst in gewissem Sinne heilig sein und Träger der Macht werden. Einfache Formen 3 . sich dennoch auf diese Person bezog? So wie die Reliquie nun aber den servus Dei in seiner Abwesenheit als Träger des Wunders vertrat. nachdem er als sanctus im Himmel weilt. Wie sollte man sonst erkennen.wir nennen ihn bekanntlich eine R e l i q u i e -. wie verstehen.LEGENDE 33 storben. in sich hineinziehen und es wieder ausstrahlen. das kann eine Reliquie von sich aus bedeuten.mußte ihn in seiner Abwesenheit vertreten. nachdem man zweitens nach seinem Hinscheiden die Tätigkeit seiner Tugend noch einmal selbständig erfahren und bestätigt gefunden. so kann sie ihn auch vertreten. Der Gegenstand -. aber seine tätige Tugend lebendig war.

Nicht. Wenn wir den Werdegang des Heiligen formelhaft im Kanonisationsprozeß und formgemäß auf der Erde und im Himmel beobachtet haben. Als Knabe. ist. wie ein Heiliger wir wollen sagen zustande kommt. Es gibt Heilige. als Mädchen. durch ihre guten Werke. Gegenstände Reliquien werden und in der wir von Wundern reden jene Weltform. die in dem kirchlichen Kanonisationsprozeß als hierarchische Parallele zu einem Lebensvorgang festgelegt worden ist? Was uns zunächst an der Weise auffällt. sie sieht ein strahlendes Licht oder eine ähnliche Erscheinung. daß er sich als Persönlichkeit passiv verhielte keineswegs ! Manchmal wird er vor seiner Geburt seiner Mutter verkündigt. seine Mitmenschen in dieser Weise zu sehen? Aus welchem Gedankengang. um predigend das Heidentum zu bekehren. Und sobald er ins Leben tritt. Es gibt fleißige Heilige. kommt noch einmal die Frage : was heißt das alles? Was veranlaßt den Menschen. und dennoch sind . ist sein Dasein auf Tun gestellt. die schon in der Wiege die Händchen zum Gebet falten. aus welcher Lebenshaltung. mit satanischen Feinden. aus welcher Geistesbeschäftigung wird jene Formenwelt geboren. daß er ich muß mich wieder vorsichtig ausdrücken selbst so wenig dabei beteiligt ist. unterscheiden sie sich von Kindern ihres Alters durch ihre Frömmigkeit. mit dem Teufel kämpfen oder einem heidnischen Tyrannen entgegentreten. Es gibt tapfere Heilige. sie handeln fortwährend. die freudig die ihnen auferlegten Martern ertragen und heroisch noch schwerere begehren.Iv. Und später offenbart sich immer erneut ihre aktive Kraft. die mit Versuchungen. die zahllose gottgefällige Bücher schreiben oder die ununterbrochen von Land zu Land ziehen. in der Personen Heilige. Tätig sind sie gewiß. Es gibt Heilige.

dem des Lebens und dem der Kanonisation. in diesen beiden Prozessen. er ist ihr ein Mittel. die den Heiligen bildet. was uns in die G e i s t e s b e s c h ä f t i g u n g. daß die Vergegenständlichung stattgefunden hat. Da liegt der Grund. weshalb jene Gemeinschaft nicht fragt. wenn er fromm ist. i n denen sich Gut und Böse in einer bestimmten Weise vergegenständlichen. wenn er zwischen den Seligen im Jenseits wandelt oder geschmückt mit seinen Attributen auf dem Altare steht. später für die ecclesia universalis.LEGENDE 35 sie bei dem Heiligungsprozeß. Tugend vergegenständlicht zu sehen. die sich dann wiederum von der kirchlichen Behörde beglaubigen lassen. in dem man ihn beobachtet. wie der Heilige sich fühlt. aber nicht gemessen werden. Er ist ihr nicht in diesem Sinne ein Mensch wie andere. durch Kontumacialverfahren abgeurteilt. vergegenständlicht bis in die höchste Potenz. Meßbar sind sie erst. im Verbrecher als strafbares Unrecht gestaltet haben. der sich erst im Leben vollzieht und danach in dem Verfahren der congregatio rituum spiegelt. greifbar wird. wir haben nicht die Empfindung. Erst wenn wir sie so in den Personen gesehen haben. Wir können sagen. Was ist damit gewonnen. sie werden. wenn sie sich im Heiligen als tätige Tugend. bis in die himmlische Macht. daß Tugend in dieser Weise meßbar. daß sie durch Wunder bestätigt worden ist Zeugen. können wir sie in ihrer meßbaren Selbständigkeit von ihren Trägern loslösen: Heilige und Verbrecher sind also Personen . Schärfer ausgedrückt. sondern daß er von der Gemeinschaft aus und für die Gemeinschaft da ist: erst in dem kleinen Kreis. Was aber bedeutet er der Gemeinschaft? Gut und Böse können wohl gewertet. selbst dann noch. unbeteiligt. Deshalb fehlt der Heilige in seinem Prozeß. wenn er leidet. deshalb sind es Zeugen und immer wieder Zeugen. die als Vertreter der Gemeinschaft ihre Überzeugung kundtun. daß ihre Überzeugung richtig war. was eben ist die bestimmte Weise. Wir . in der sie sich in dem Heiligen vergegenständlicht? Wir kommen hier zu dem. daß der Heilige von sich aus und für sich existiert. obwohl sie Hauptpersonen sind. einfuhrt. wenn er handelt.

Er ist als höchste Stufe der Tugend unerreichbar und liegt in seiner Gegenständlichkeit doch wieder in unserem Bereiche. die Tätigkeit der Tugend tatsächlich vollzieht. an der wir etwas. Erst wenn die Tugend meßbar. und er liefert zugleich den Beweis. daß man in etwas anderes eingeht. haben wir einen sicheren Maßstab : der Heilige bringt uns zum Bewußtsein. zu dem lateinischen. Ich werde nunmehr. was wir auf dem Wege der Tugend tun und erfahren und sein möchten. das heißt Worte. Hier greife ich. wahrnehmen. greifbar. da weder das deutsche f o 1 g e n noch n a c h a h m e n diese Richtung genügend treffen. die ihn in dieser Besonderung gebildet hat. Er stellt tatsächlich denjenigen dar. wie wir zu werten sind. dem wir nacheifern können. er selbst ist dieser Weg zur Tugend. was ich eine Form in diesem Fall die Form Legende nenne. suche gleichzukommen) und mit imago Abbild. in dem als Person die Tugend sich vergegenständlicht. um die G e i s t e s b e s c h ä f t i gun g zu kennzeichnen. Etymologisch hängt imitor zusammen mit a e m u 1 u s nacheifernd (aemulor. wir können ihm selbst folgen. erleben und erkennen und die uns zugleich die Möglichkeit der Betätigung veranschaulicht kurz. sondern die „andeuten". in der seine engere und seine weitere Umgebung die imitatio erfährt. ohne genau zu wissen. Von dem Heiligen aus.36 LEGENDE können Gutes und Böses tun. Er ist eine Gestalt. K e n n w o r t e einzuführen. Der Heilige. So hat das Mittelalter imitari eindeutend mit i m m u t a r e in Verbindung gebracht : sich so verwandeln. die nur eine Richtung geben. öffnet sich unser Blick auf die Welt. aus der das hervorgeht. den wir in seinem Werdegang so genau beobachtet haben. er ist im Sinne der Form ein i m it ab i 1 e. faßbar geworden ist. uneingeschränkt in dem Heiligen vor uns steht. im Mittelalter gebräuchlichen Ausdruck imitatio. genötigt sein. was uns allseitig erstrebenswert erscheint. erst wenn sie bedingungslos. indem wir ihn nachahmen. die nicht in vollem Umfange „bedeuten". daß sich. Wir schauen uns . Neben der Etymologie steht jedoch der Begriff Eindeutung. wie wir dabei gerichtet sind. ist eine Figur.

er wird oben in der Kirche. Er vereinigt sich. sie stehen im Zeichen der Nachahmung Christi: „und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und folget mir nach. er hilft das Kreuz tragen. und bei jeder einzelnen Station erlebt er jeweils die Verspottung. heißt es. zum Beispiel Heilung von einer Krankheit so geschieht das. er wird mitverspottet. durch die das Abendland gestaltet wurde. deren letztes Ziel die größte aller Reliquien ist. Die Ritter heften sich das Kreuz auf die Schulter und machen eine Pilgerfahrt großen. ohne daß damit ihre . Er erlebt sie nicht nur als Erinnerung an Geschehenes. die Geißelung. gegeißelt. Wenn-verstand. der ist meiner nicht wert". Jede Station bedeutet einen bestimmten Punkt aus der Leidensgeschichte Christi. weil der Pil eingeschränktem Sinne selbst der Heilige geworden ist. er wird zum aemulus Christi. Eine Pilgerfahrt zu einem Orte. die wiederum ein imago Christi ist. Da liegt auf einer steilen Anhöhe eine Kirche. Sie stehen zweifellos im Zusammenhang mit den großen germanischen Völkerverschiebungen. Tn dieser Weise können die höchsten Handlungen und Personen des Christentums begriffen werden. nach Spanien oder nach Palästina gerichtet sein. Sie mögen nach Ostland. wo ein Heiliger ruht oder wo er durch seine Reliquie vertreten wird. Aber sie unterscheiden sich von den vorhergehenden wie von den nachfolgenden durch ihren imitativen Charakter. in Christus aufgenommen. soweit es einem Menschen möglich ist. der sich sowohl in ihrem Ziel wie in ihren Mitteln kundgibt. er erlebt sie buchstäblich. sie sind ebenso sehr Völkerwanderungen wie die späteren Entdeckungsreisen.LEGENDE 37 im M i t t e l a l t e r um und finden auf allen Seiten das gleiche. kriegerischen Stils. er macht den Leidensweg mit. er begibt sich in sie hinein. zu Ende der Fahrt der Heilige das gewährt. mit dem Unnachahmbaren. das wiederum Christus selbst bedeutet. ist nichts anderes als eine tatsächliche Wiederholung des Weges zur Heiligkeit wohl soweit sie einem Nicht-Heiligen möglich ist. und der aufsteigende Pfad ist eingeteilt in vierzehn Stationen. die Kreurtragung.-gerin Diesen Sinn einer Pilgerfahrt haben auch die Kreuzzüge. Der Fromme folgt diesem Weg. was der Pilger von ihm durch seine Reise zu erreichen hoffte. das Grab Christi.

wollten wir in Einzelheiten nachweisen. der imagines. dessen aemuli ihrerseits wieder die anderen Heiligen sind. wie zum Exempel der Opfertod am Kreuze in Abrahams Opfer schon vorgebildet ist. der da spricht . daß man dieses Geschehen im Neuen Testament als Wiederholung eines Vorgangs im Alten Testament betrachtet. wenn man es. aber er ist auch der „höchste Heilige". Und wiederum kann das Geschehen im Leben Jesu selbst imitativ gefaßt werden. wenn man sagt : „und ist erfüllet. so wie es im Evangelium des Matthäus geschieht. daß sich in einer Person. wo überall die Geistesbeschäftigung der imitatio dem Leben des mittelalterlichen Menschen eingelagert ist. die sich keineswegs auf das religiöse Leben beschränkt. Maria und Jesus selbst. was in ihnen gegenständlich wird und was von dieser Gegenständlichkeit aus nun wieder anderen die Möglichkeit gibt.".. als Erfüllung eines früheren nimmt. das gesagt ist von dem Propheten Jeremias. diese Geistesbeschäftigung der aemuli. hineinzutreten und aufgenommen zu werden.38 LEGENDE religiöse Bedeutung ganz erschöpft wird. oder auch so. .. das Meßopfer. einer Handlung ein anderes vollzieht. Wir würden ein sehr beträchtliches Stück der Welt des Mittelalters vor uns sehen. Jesus bedeutet gewiß noch anderes. Und immer verhält es sich dabei so. einem Ding.

oberflächlich gesagt seine Geschichte eine Vita. und wir werden später zu sagen haben. mit der die kirchliche Behörde hier schon früh diesen ganzen Vorgang beobachtet und hierarchisch eine geschlossene Gestalt : sie gibt das Leben gedeutet hat sie ist des Heiligen. Es ist nicht damit getan. Wir haben den H e i 1 i g e n.. Diese Vita als sprachliche Form hat aber so zu verlaufen. wir haben die Sprache. eine Bewegung. diese Welt der imitatio. was im Leben der He"ige repräsentiert. sie muß selbst ein imitabile sein. Wenn die Vita das Leben eines Heiligen so auffaßte. daß sie in jeder Hinsicht dem Geschehen im Leben entspricht. was sie bezweckt. sondern sie muß diese in sich zu der F o r m werden lassen.V. was wir im Sinne der Form damit meinen das Leben eines Menschen als ein Kontinuum aufzufassen. wir haben seine L e gende. Deshalb sieht in dieser Vita das Leben eines Menschen anders aus als in dem. wir haben seine R e l i q u i e. sie verDie abendländisch-katholische Legende hat dankt das der Sicherheit. daß sie Ereignisse. nicht erreicht werden. verwirklicht sich wiederum in der Sprache. In allen dreien vollzieht sich diese Geistesbeschäftigung. Sie hat das Tätigwerden der Tugend zu realisieren. Sie muß für Hörer oder Leser genau das vertreten. sie hat zu zeigen. wir haben das Ding. würde gerade das. das heißt so. daß sich in ihr dieses Leben noch einmal vollzieht. Wir pflegen „historisch" gesprochen. Diese Form nun. die ununterbrochen von einem Anfang zu einem Ende läuft und bei der sich alles Folgende immer auf ein Vorhergehendes bezieht. die sich im Leben verwirklicht. wir haben die Person. wie . die sie von sich aus noch einmal v e r w i r k l i c h t.historische" Lebensbeschreibung nennen. was wir eine . Handlungen unparteiisch protokolliert.

die Möglichkeit der imitatio aufhört. Die Legende kennt das „Historische" in diesem Sinne überhaupt nicht. uns in sie hineinzubegeben. in denen das Gute sich vergegenständlicht. uns ganz in sich aufzunehmen. wo er nicht als imitabile gewertet werden kann. in der die Form Legende nicht mehr ganz lebendig war. Nicht der Zusammenhang des menschlichen Lebens ist ihr wichtig. natürlich nicht Wir besitzen Beispiele. daß. Ich oder verweise auf die Confessiones des heiligen Augustin ich müßte hier besser sagen. Historische" in seine Bestandteile. Wir können Ähnliches augenblicklich bei der Figur Friedrichs des Großen beobachten. nur die Augenblicke sind es. des Kirchenvaters Augustinus. sondern menschlich. in der sozusagen auch von kirchlicher Seite her an eine „Vita" historische Anforderungen gestellt wurden. Andererseits liegen uns Heiligenleben aus einer Zeit vor. Doch wenn die Lebensbeschreibung so verläuft. in die Acta Sanctorum gehören sie nicht. die Form zerbricht.. autobiographisch ihr eigenes Leben aufgeschrieben haben. die Legende überhaupt zerbricht das . kann ihn dort schlechterdings nicht fassen. Die Vita. aber keine Möglichkeit bietet. . die ihn als Heiligen vertritt.40 LEGENDE die Tätigkeit der Tugend durch ein Wunder bestätigt wird. daß wir geneigt sind. sie kennt und erkennt nur Tugend und Wunder. und man sieht zugleich. daß die historische Persönlichkeit nicht mehr ganz in sich geschlossen ist. daß Heilige im Bewußtsein ihrer Heiligkeit. wird sie Legende. An dieser Stelle kann man das Ringen zweier Formen beobachten. wenn sie sie so baut. daß in ihr die Person sie selbst bleibt und uns zwar ein Beispiel sein kann. sie erfüllt diese Bestandteile von sich aus mit dem Werte der Imitabilität und baut sie in einer von dieser bedingten Reihenfolge wieder auf. Tugend vergegenständlicht zu sehen. Es ist eben die Eigenart der historischen Lebensbeschreibung. Wo der Heilige kein Mittel ist. da ist er eben kein Heiliger und die sprachliche Form. Nirgends erinnern diese Bekenntnisse an eine Legende. sobald von historischer Einstellung her etwas gelockert wird.

. hier der Form Legende. nachdem wir den Prozeß der Heilig Leben und sprachlicher Form beobachtet haben. Ich werde nun. sondern sie bildet auch Heilige.LEGENDE 41 Sprache wäre keine Sprache und sprachliche Form keine sprachliche Form. das Leben eines Heiligen in einer entsprechenden Weise zu vertreten. So ist die sprachliche Form nicht nur in der Lage. wenn sich nicht in ihr selbständig vollziehen könnte. vermittelt durch ein Beispiel.-werdungi tiefer stoßen und. dieses Sprache werden und Sprachesein einer Form. was sich auch im Leben begibt. veranschaulichen.

Der Christ wird von den Heidenpriestern von neuem geschlagen und gemartert. einen Heiligen vor uns haben. nur dieser Mann tritt ihm entgegen. läßt ihn gefangennehmen und auf einem Rade mit scharfen Klingen martern. zeichnet sich im Kriege aus und steigt zu den höchsten militärischen Chargen empor. den du verkündigst". Der Kaiser entschließt sich zu den Christenverfolgungen. Jahrhunderts in einem östlichen Bezirk des römischen Reiches lebt. Der Märtyrer sagt: „wie wagst du es dann. Viele bekehren sich. Eine Stimme aus dem Himmel ruft dem Gemarterten zu : „Fürchte dich nicht. Er wird in den Apollotempel geführt und soll dem Gotte opfern. Wunder.VI. aus dem er hervor- . Darauf antwortet eine Stimme aus dem Götterbilde : „es gibt keinen Gott außer dem Gott. auch manche seiner Kriegs wird von neuem gemartert. und die Bilder zerspringen in Stücke. seine Umgebung stimmt ihm zu. schließlich auf Befehl des Kaisers enthauptet. er tritt in das römische Heer ein. ich bin mit dir". Wir stellen nun zunächst diesem Bericht der schematisch das. neue Wunder ge--kamerdn.E schehen." Dem Munde des Götzen entfährt ein wildes und jämmerliches Geheul. was wir mit geringen Abweichungen in mehreren Märtyrerakten finden. die zu Ende des 3. Wir lesen in alten Märtyrerakten ungefähr folgendes: Ein Mann stammt aus einer christlichen Familie. daß wir hier einen Bericht über tätige Tugend. in meiner Anwesenheit zu verweilen? Geh und bete den wahrhaftigen Gott an. wiedergibt eine kurze Übersicht des zeitgenössischen Geschehens. und eine himmlische Erscheinung in weißen Kleidern reicht ihm die Hand. Es ist nach dem Vorhergehenden deutlich. Der Kaiser. Aber er sagt : „Willst du von mir Opfer empfangen?" und macht dabei das Zeichen des Kreuzes. wutentbrannt.

viele bleiben treu. unter Galerius und Maximinus Daja. dessen Namen er verschweigt. in Wirklichkeit L e g e n d e heißen muß. Aber noch vor dem Tode des Diokletian.-theus Daß die Mutigen unter den Christen ihm entgegentreten. daß das. greift Konstantin ein. Folterungen. kirchliches Eigentum wird eingezogen. 325 ist das Konzil von Nicäa schon im Gange. in welcher besonderen Weise er diesem Geschehen. Hinrichtungen in allen Teilen des Reiches.LEGENDE 43 gegangen ist. auf einen gemeinsamen Nenner gebracht werden. gefangen. ist selbstverständlich. Kirchen werden niedergebrannt. wo die Verfolgung einsetzte. entschließt sich im Jahre 303. wir wissen. der sich durch alle Kreise und Stände ziehende Gegensatz zwischen der Vielheit der römischen Staats- . wie in Nikomedia. sie werden unter Diokletians Nachfolgern. gemartert werden. soll zusammenfassend gekennzeichnet und ausgedrückt. damit wir daraus ersehen. Das Christentum hat gesiegt. was wir mit einem neutralen Wort Bericht nannten. -er heißt: ein Rad mit scharfen K 1 i in g e n. an die Seite. Es folgen Gefangennahmen. Die vielfältige Erscheinung. sehr strenge Strafverordnungen gegen die Anhänger des Christentums zu erlassen. ein höherer Beamter. Der Kirchenhistoriker Eusebius erzählt. gedrängt von seiner-reichs Umgebung. das angeschlagene Edikt mit höhnischen Worten abriß. die römischen Staatsreligionen sind im Ver -schwinde. Diokletian. daß Christen verfolgt. im Jahre 313 kommt das Duldungsedikt von Mailand. fortgesetzt. diesen Tatsachen entspricht. der in der wachsenden Christengemeinde eine Gefahr für seine weitgreifende Reorganisation des Römer sieht. Wir befinden uns in der Zeit der diokletianischen Christenverfolgung. in welcher besonderen Weise unser Bericht aus diesem Geschehen hervorgegangen ist. Christen aber befinden sich in allen Kreisen. diesen Vorgängen. daß der Praepositus Cubiculi Doro und sein Genosse Gorgonius hingerichtet worden sind. auch unter den höchsten Beamten des Heeres und des Hofes. Beobachten wir weiter. und dem er in seiner Weise entspricht. Tausende fallen ab. der sich 305 von der Regierung zurückzieht.

Wieviel liegt nicht in einem Gott. nicht weiter teilbare Einheiten und schwängert diese Einheiten. was greift auswählend in das Geschehen hinein und legt dieses Geschehen in Begriffe fest? Es ist die Sprache . bei dem die zwei sprachlichen Funktionen : das Rufetwas . was auf einer . Ein Vorgang spielt sieh-liche ab. Es wird hier zum zweiten Male etwas geboren. Damit wiederholt sich auf einer zweiten Stufe ein Vorgang. wenn derChrist dieVerfolgung und die Folter übersteht. Ein plötzliches Zusammenkommen und ein vollkommenes Ineinanderaufgehen von M e i n e n und B e d e u t e n findet statt. dieses R a d mit scharfen Klingen. der zerspringt! Was aber geschieht in diesem Prozeß der Umsetzung? Was teilt hier Geschehen in irgendwie letzte. sprachliche Gebilde.hinweisen und das Etwas.. heißt es: eine himmlische Stimme ruft ihm zu oder: eine himmlische Erscheinung in weißem Gewande reicht ihm die Hand. sind sprach Bildungen. die Nutzlosigkeit der Verfolgungen und der Sieg des Christentums heißen : d i e Götzenbilder zerspringen. daß sie in einen Begriff eingehen. der Widerstand des Christen heißt: er redet die falschen Götter an. wie man einen Menschen damit martern soll. als sich die Sprache a n s i c h bildete. sie antworten und unterwerfen sich ihm. als ob gleichartige Erscheinungen zusammengewirbelt und in dem Wirbel umgriffen würden. dieser Gott. den Begriff sämtlicher seelischen und körperlichen Foltern besser zu fassen als durch ein Rad mit scharfen Klingen.. der zerspringt.so ist nicht ganz einzusehen. aber es ist unmöglich.darstellen miteinander vereinigt sind. einen Begriff darstellen. Hier erhartet die Sprache mit den Einheiten des Geschehens sich selbst in einer ersten litterarischen Form.44 LEGENDE religionen zu der einheitlichen neuen Religion heißt : d e r Märtyrer wird in den Tempel mit den vielen Götzenbildern geführt . der sich schon einmal vollzogen hat. Es ist als ob sich die Vielheit und Mannigfaltigkeit des Geschehens verdichte und gestalte. so. Wenn man sagt : Ein Rad mit scharfen Klingen -.

Nietzsche definiert das musikalische Motiv als „die einzelne Gebärde des musikalischen Affekts ". ihr tiefster Sinn. gebrauchen. Wir werden das Wort sprachliche Einzelgebärde. Aber das ist doch nicht ihr erster. nicht wiederholbaren Vorgang die Form in einem Kunstwerk. Bestimmungsgrund. e i n e e i n z e 1 n e G e b ä r d e der Sprache ist das. etwas. diese Dinge berührt. wo also unter Herrschaft einer Geistesbeschäftigung die Vielheit und Mannigfaltigkeit des Seins und des Geschehens sich verdichtet und gestaltet. die wir bis jetzt Einheiten des Geschehens genannt haben. . oder kurz S p r a c h g e b ä r d e. der es zuerst in dieser Bedeutung in seiner Poetik benutzte.LEGENDE 45 dritten Stufe wiederum geboren werden wird. und die von der Sprache erfaßt wurden. In einer verschwommenen Terminologie pflegt die Litteraturgeschichte da. wo sie. wenn durch einen einmaligen. sich noch einmal verdichtet und so endgültig erfüllt wird. wo dieses von der Sprache in seinen letzten. was ein anderes auslöst. Man ist auf diesen Ausdruck durch die Musik gekommen.. diese Gebilde nun. wo Motiv „das letzte charakteristische Glied" eines Kunstgebildes bezeichnet. ohne sie vollständig zu begreifen. Es ist nicht leicht. Motiv heißt doch wohl zunächst Beweggrund. Motiv ist ein gefährliches Wort. die geladenen Einheiten genannt haben. in einem Gebilde des Künstlers. in sprachlichen Gebilden wiederum Sein und Geschehen zugleich meint und bedeutet. was wir bis jetzt das in Begriffe gefaßte Geschehen. da reden wir von der Entstehung der E i n fa c h e n Form. Sie pflegt aber auch stoffgeschichtliche Gegeben heiten oder berèits dem Kunstwerk in irgendwelchem Komplex „präformierten" Stoff damit zu meinen. Unsere Gebilde lösen gewiß etwas aus. zu benennen. Aber auch so können wir es hier nicht nehmen. Und es war Scherer. insoweit das Geschehen durch sie von einer Geistesbeschäftigung aus vorstellbar wird. In der Tat. von „Motiven" zu reden. nicht teilbaren Einheiten ergriffen. In diesem letzten Sinne könnte man zur Not das Wort hier. weiterhin in diesem Sinne gebrauchen.

daß sie in ihrer Gesamtheit gegenwärtig werden in einer Einzelperson. daß das. so daß sie eine g e g e n w ä r t i g e Bedeutsamkeit erlangen. einen heiligen Märtyrer i m all g e m e i n e n. Was wir ausnahmsweise haben wir dafür ein eigenes Wort die Heiligen v i t a des heiligen Georg nennen. die angeredet werden. sondern der heilige Georg heraus. Wenn man sich einer scholastischen Terminologie bedient. das heißt. Das zeigt uns. zu denen sich das Geschehen zur Zeit der diokletianischen Christenverfolgungen verdichtete. Wir verdeutlichen das Verhältnis der beiden Weisen. sich dem Zeichen des Kreuzes unterwerfen. wenn wir sie einen Augenblick in das Leben übertragen: von einer gewissen Geistesbeschäftigung . was in der Legende p o t e n t i a lit e r vorliegt. Götterbilder. ist die Verwirklichung der in der Legende gegebenen und enthaltenen Möglichkeit. Götter. wie ein Schachproblem zu seiner Lösung. Sie sind nun aber dabei so gelagert. daß eine Form in doppelter Weise vorliegt.46 LEGENDE In unserem Beispiel sind die sprachlichen Einzelgebärden: Rad mit scharfen Klingen. nicht ein hei liger Märtyrer. sondern erst einmal irgendeinen frommen Christen zur Zeit einer Verfolgung. in denen wir die Form wahrnehmen können. Was wir L e g e n d e genannt haben. ist zunächst nichts anderes als die bestimmte Lagerung der Gebärden in einem Felde. so wie sie hier in ihrer Gesamtheit vorliegen. so kann man sagen. daß sie in ihrer Vergegenwärtigung einen besonderen Heiligen schaffen. und so sehen wir in einer Anzahl Märtyrerakten die gleichen sprachlichen Gebärden in der gleichen Weise wiederkehren. In dem Problem ist eine Möglichkeit gegeben und enthalten. himmlische Stimme. eine Erscheinung im weißen Kleide. in der Vita a c t u alit e r gegeben wird. In unserem Falle springt sozusagen aus den Gebärden. die hilfreich die Hand ausstreckt. wobei sich die eine zur anderen ungefähr so verhält. die Gebärden richten sich so. die zerspringen und so weiter. daß sie jeden Augenblick bestimmt gerichtet und gebunden werden können. Diese Sprachgebärden geben indessen. in der Lösung ist diese Möglichkeit durch ein bestimmtes Geschehen verwirklicht. noch keinen bestimmten Heiligen.

daß ich dort von einer E i n f a c h e n F o r m rede. Ich nenne die erste Einfache Form. ist sie eine A k t u e 11 e oder-wärtig Gegenwärtige Einfache Form. . eine Legende. die Vita des heiligen Georg. die zweite Aktuelle oder Gegen Form. bedeuten so gelagert sind. wo sprachliche Gebärden in denen sich einerseits Lebensvorgänge unter der Herrschaft einer Geistesbeschäftigung in einer bestimmten Weise verdichtet haben und die andererseits voll dieser Geistesbeschäftigung aus Lebensvorgänge erzeugen. wo sich diese Legende entweder mit einer entsprechenden Persönlichkeit im Leben verband. Wir werden auch bei den anderen Formen sehen. wie notwendig es ist. ist Gegenwärtige Einfache Form. daß sie jeden Augen blick besonders gerichtet und gegenwärtig bedeutsam werden können. da wurde sie die V i t a dieser besonderen Person. oder von sich aus eine solche Persönlichkeit schuf. In diesem Fall. schaffen. diese zwei Weisen zu unterscheiden. oder wie wir sagen. Legende ist Einfache Form. wo sie besonders gerichtet und gegen bedeutsam geworden ist.LEGENDE 47 aus m u ß t e aus dem Vorgehen Diokietians den Christen gegenüber L e g e n d e entstehen. Und ich wiederhole noch w ä r t i g e Einfache einmal.

in sie eintreten und aufgenommen werden konnte. die wir imitatio genannt haben. veranlaßt ihren Gemahl. Clotilde. diesem Hei 1 i g e n Georg . ob sie eine bestimmte Person aus dem Leben meinten. die dem imitativen Bedürfnis vollkommen entspricht. Dabei ist es gleichgültig. daß sie ein imitabile war. aktuell wurden. der Christenritter Sankt Georg. So tritt er seinen Weg von der Spätantike ins Abendland an. So entstand und so wuchs der Soldat als Christ. die entstand. ist dieser Heilige da. steht er vor uns. wo die beiden Begriffe Krieger und Christ. daß sie durch die Verbindung mit einer Persönlichkeit gegenwärtig. Überall. sich in irgendeiner Weise zusammen zeigen. die Pflicht der Tapferkeit und die Pflicht des Glaubens. zu. den christgewordenen Chlodwig. unnachahmbar kurz. Wenden wir uns nun diesem besonderen Einzelheiligen. über dessen „historische" Existenz nichts bekannt ist. daß man folgen. Von der Geistesbeschäftigung aus. seinen Kult einzuführen. oder ob durch sie eine bestimmte Person geschaffen wurde. daß die Person. Und als kaum zwei Jahrhunderte nach Diokletian in Frankreich Kampf und Katholizismus sich verbinden. nachahmenswert. die sich in einer solchen Lage befunden hatten. alle Menschen. als ob die Kirchen aus Palästina und Byzanz mit ihm herüberwandern. als eine Figur. In ihrer Gesamtheit waren sie so gerichtet. . da erscheint der streitbare Jüngling. der Christ als Soldat. Fest steht.VII. das heißt seine Reliquien werden aus dem Orient nach Paris überge "hrt nun ist er da und es ist. hatten sich die sprachlichen Gebärden aus den Lebensvorgängen heraus verdichtet : dabei war jede von ihnen so gelagert. Konstantin baut ihm als erster eine Kirche. meinte und bedeutete und daß diese Person die Möglichkeit gab. die katholische Burgunderin. Er kommt persönlich. ihr zu folgen.

sondern auch ein tätig befreiender Held. Der heilige Georg in der griechischen Überlieferung (München 1911). Das würde uns so reizvoll es an sich wäre zu weit führen. hier neben die Berichte der Märtyrerakten. wird ein Streiter. Und in diesem Joppe hatte nach griechischer Überlieferung der Heros Perseus ein menschenverschlingendes Meerungeheuer erlegt und die Jungfrau Andromeda befreit. Im Abendlande hat J o l l e s. er bekommt ein neues Gepräge. verändern sich seine Aufgaben. Einfache Formen 4 . Aus dem Krieger. St.-tigse Schon früh muß sich der heilige Märtyrer. der sich in der Zeit der Ver neu verwirklichte. Nicht weit von der Stadt Lydda (griechisch Diospolis in Judäa) mit der man schon früh Georgios in Verbindung gebracht hatte es heißt. Wir müßten. Unser Märtyrer scheint nun manches in der Überlieferung weist darauf hin mit vielem anderen auch den Charakter des Heros Perseus. wo es gilt. war zu gleicher Zeit Fortsetzer-folkunge und Vertreter aemulus und imago einer älteren Figur. er wird Drachentöter und Befreier der Jungfrau. die Feinde seines Glaubens tätlich angreift. der sich. Der heilige Georg. Als solcher war er nun nicht mehr ein standhaft leidender. der den Glauben verteidigt. nachdem er in Kappadokien geboren war. die übrige litterarische Überlieferung über den heiligen Georg stellen.LEGENDE 49 Langsam verändert sich zu Ende des Jahrtausends und zu Anfang des neuen seine Gestalt. daß er. der auf der Grenze des Altertums als miles christianus aus dem Geschehen der Zeit Diokletians hervorging. um dies ganz zu erklären. die aus der Antike von einer neuen Zeit in ihrer Weise übernommen wurden. Nur das Wich dieser merkwürdigen Erscheinung können wir andeuten. in sich aufgesogen zu haben. wie er sich in der Spätantike umgebildet hatte. dort von seiner Mutter erzogen wurde liegt an der Küste Joppe. verbunden haben mit Gestalten. zusammengestellt. sie besiegt. Krumbacher hat sie zuletzt in einer aus seinem Nachlaß herausgegebenen Abhandlung. Sie ist weitverbreitet und ausgedehnt. Georg ist nicht länger Märtyrer. als Bekenner aufzutreten. leidend dem Henker überliefert. Das Verhältnis der Pflicht des Soldaten zur Christenpflicht hat sich gewandelt. die wir schematisch darstellten.

und wo er mit Rad. einen einmaligen. jene ältere Figur zurück . Drache. wie sie Jacobus de Voragine gibt. Und dennoch ist er da. trägt ihre Fahne. in dem nunmehr die sprachliche Gebärde zum A t t r i b u t ver ist. überall in das Leben ein Sie braucht dazu kein Kunstwerk : nirgends hat durch-greift. in der Legende oder in der Vita. die uns konkret zum Bewußtsein bringt. wie die antiken Götter den Helden in der Schlacht erschienen sind. er zeigt. und er ist uns. 1350). nicht wiederholbaren Vorgang die Form sich noch einmal in dem Gebilde eines Künstlers verdichtet. So wird er im Hundertjährigen Kriege Landespatron des streitbaren Old England und der Kriegsruf heißt : England and St. wir besitzen kein Epos des heiligen Georg. Er erscheint Richard Löwenherz. wo es zum Streite geht. der Patron im heiligen Kriege . Erst als es ihn als Ritter. eine Person. erzeugend. er befreit die Jungfr au zwei sprachliche Gebärden. Benennend. erkennen wir ihn wieder. Die bekanntesten sind wohl der bayrische Georgsorden und der englische Hosenbandorden (Edward III. in ihm neu verwirklicht. Bald nach 1000 setzt diese Umprägung ein. die. Nicht weniger als dreizehn ritterliche Orden stellen sich in seine Obhut. schaffend. hat sie sich bereits vollzogen. Nun reitet er den Kreuzfahrern voran. von ihm vertreten. verrät er sein streitbares Vermögen. die sich aus neuem Geschehen zur Zeit der beginnendeD Kreuzzüge von neuem verdichten. wählen ihn als Vorgänger. als christlichen Kämpen braucht. aus dem Leben hervorgegangen. wir können ihn abbilden.50 LEGENDE er sozusagen von dieser tätig befreienden Fähigkeit lange keinen Gebrauch gemacht. und wenn wir sein Bildnis sehen. ein imitabile. George! Alles dies wollen wir zusammen noch einmal L e g e n d e nennen. ein litterarischer Vorgang. Er ist der Retter der Ritter. was wir in einem bestimmten Lebensvorgang erfahren möchten und zu tun haben. Fahne und-genstädlich Pferd dargestellt wird. soweit wir ihn brauchen. ruft man ihn an und er gewährt den Sieg. es kehrt. Es ist ein sprachlicher. wie auch diese Rittertugend in ihm tätig wird: er erlegt den Drachen. . deutend bildet die Sprache unter der Herrschaft einer Geistesbeschäftigung eine Gestalt.

und die uns sachlich als Maßstab die Möglichkeit gibt. wo sie in einer gewissen Verdünnung vorliegt. wie ein Verbrechen festgestellt-gestl wurde. und die Art. greifbar. . in der die Tugend meßbar. wie die Tugend fest wurde. wo sie weniger deutlich erkennbar ist. faßbar wird. . kam der Art. das strafbare Unrecht. Wir wenden uns jetzt der Legende in ihrer größeren Verallgemeinerung zu.VIII. faßbar wird und in denen sich das Böse. was wir nicht nachahmen dürfen. daß die tätige Tugend ein Begriff ist. die uns zum Bewußtsein bringt. ihr zu folgen. uns das konkrete Bewußtsein dessen gibt. der durch einen Gegenbegriff bedingt und ergänzt wird. was wir auf dem Wege der Tugend tun. in dem Kreise beobachtet. der wir unter keiner Bedingung folgen sollen. Dem Nachahmenswerten. Der Tugend entgegengesetzt ist das Verbrechen. Dem Heiligen muß ein Unheiliger. in derselben Weise vergegenständlicht. in denen das Verbrechen meßbar. möchte ich so etwas wie eine Gegen machen. in dem sie ganz zu sich gekommen. Wir müssen sie jetzt zur Vollständigkeit noch einmal an anderen Stellen beobachten. erfahren und sein möchten. haben wir gesehen. in dem sie weltbeherrschend ist. die sich aus der Geistesbeschäftigung imitatio ergibt und die wir Legende nennen. greifbar. Unnachahmbaren muß sich eine Figur gegenüberstellen lassen. gleich. Wir haben den Werdegang der Form. Ehe wir das aber tun. der Legende eine Antilegende gegenüber stehen. Wenn nun in der Geistesbeschäftigung der imitatio der Heilige eine Gestalt ist. die. so muß es andererseits in derselben Form Gestalten geben. -probe Als wir den Kanonisationsprozeß besprachen.

da Christus zum höchsten Heiligen.Geh!" Der Heiland erwidert: „Von nun an sollst du rastlos gehen. Christus trägt das Kreuz und will ermüdet vor der Tür eines Schusters ausruhen. ohne Ruhe. Der Lebensvorgang. der Jude spricht: G e h ! Daß hier das strafbare Unrecht tätig wird. Aber daneben stehen andere Figuren. für sein Unrecht in der Hölle hätte büßen müssen. daß es sich in diesem jüdischen Schuster vergegenständlicht. daß viele die neue Lehre annehmen konnten und sie dennoch abwiesen. wie wir es hier betrachtet haben. dort ist er gewesen. bekommt der Antichrist Züge des Unheiligen. Sie heißt : der vom Kreuze e r müdete Heiland will ruhen. daß der gewöhnliche Verbrecher hier nicht ausreicht. Kein Wunder wäre es gewesen. allerdings werden sie wenig aus -geprät. er ist ebensowenig ein Unheiliger. auch die Ruhe des Todes. verdichtet sich zu einer sprachlichen Gebärde. wird. wir müssen ihn vor uns sehen wie den-hafte heiligen Georg. die einer anderen Form angehört ." Lind es geschieht. zum endgültigen imitabile. ohne Aufhören. Wir haben hier in jeder Hinsicht ein Gegenstück zur Legende.52 LEGENDE Gibt es solche unheiligen Gegenfüßler? Es ist klar.. um mit dem Höchsten anzufangen. nicht als das NichtNachahmenswerte. er vertritt das Böse nicht in der Weise. Man könnte zunächst. wie sogar Judas selbst. daß er nicht stirbt. daß er ewig lebend. Wo er kommt. die requies aeterna. um die man Gott bittet. wie der im allgemeinen Sinne Tugend ein Heiliger ist. Von nun an wandert der Schuster von Land zu Land. wenn dieser Mann wie andere Sünder. verkündet er Unheil. ist ihm versagt. auf den Antichrist hinweisen. Wie im Kanonisationsprozeß wird dieses Wunder durch Zeugen erhärtet : hier hat man ihn gesehen. nicht als strafbares Unrecht. Nur in der Zeit. wird durch ein Wunder quid a deo fit praeter causas nobis notas bestätigt. jener von ihm gehört. Wie in dem Heiligen . Da stößt ihn der Schuster weg: . dieser Antichrist ist aber ursprünglich eine Gestalt. Wunder ist. dieser hat ihn gesprochen. allen sichtbar umherwandelt.

der Graf von Luxemburg usw. P a k t m i t d e m T e u f e 1. der-wisem Teufel. im Gegenteil. Wie der Heilige erst in einem kleinen Kreise auftritt. n i s. um die man ihn anruft. auch sie stehen vor uns wie der heilige Georg vor den Kreuzfahrern. alle sind sie bezeugt. Und so könnten wir einen Kalender der großen Unheiligen. von ihm los und doch wieder mit ihm verbunden werden. Dann ver--gelöst dichtet sich seine Gestalt. der fliegende Holländer. auch nachdem er als Individuum seine 4 . nur daß die imitatio hier in ihr Gegenteil umgewandelt ist. so wird in dem ewigen Juden das strafbare Unrecht unheilbringende Macht. der weitere umgekehrte Wunder verrichtet. Faust. Dieser Teufel ist zwar der Vertreter des Bösen. nicht er ist die Verwirklichung des nicht Nachzuahmenden. Die Haltung jener Gelehrten. Auch sie sind da. dann ergreift ihn die sprachliche Gebärde. Aber Faust ist der Anti-Heilige. auch das Unergründliche. jener Humanisten. zusammenstellen. Dafür ist er eben der Versucher. sondern den der Teufel eigenhändig holt. natürlich keine Macht. Krieg und Unheil. den Dutzende von Menschen gesehen und gesprochen haben. ver--würfigket dichtet sich zur Gestalt des Doktor Faust und aktualisiert sich mit der sprachlichen Gebärde: B ii n d. gehören. zu denen in früherer Zeit Simon Magus. da kommen Pest. bei allen sind die Gegen -wunder örtlich festgelegt. Ahasver. das Böse selbst. Und neben den Großen stehen die Kleinen. der Unheilbringer. so kann auch der Un einem kleinen Kreise auftreten und bleiben. später Robert der Teufel. und der schließlich nicht stirbt wie andere. wir geben ihm in ge Sinne recht.LEGENDE 53 die tätige Tugend heilbringende Macht wird. die er wie der Heilige gewährt. und die man in Verdacht hat. Don Juan. aber doch eine Macht: wo er erscheint. oder auch keine Macht. In-heilgn einem Verbrecher kann das Verbrechen von einem gewissen Punkte an als tätiges Unrecht vergegenständlicht. dann bleibt. von der christlichen Demut und der Unter unter Gottes Ratschlüsse abgewichen zu sein. die in gierigem Wissensdurst und überheblichem Wissensstolz alles zu ergründen suchen. dessen Zaubergeld sich in Dreck verwandelt. aber nicht er gibt uns die Vergegenständlichung des strafbaren Unrechts.

nachdem er hingerichtet worden ist. In der Welt der imitatio sind weder die Bestraften noch die Strafenden in diesem Sinne „Mensch" . daß es sich in einem Unheiligen vergegenständlicht hat. Es gibt nur wenige Stellen. in dem Bestraften hat sich Unrecht vergegenständlicht zu Verbrechen daß dies geschehen ist. immer mehr oder weniger sinnbildlicher Strafen oder Opferstrafen aus dem Mittelalter und auch die Menge. wird in der Strafe bestätigt. daß Unrecht tätig geworden ist. wo wir nicht jetzt noch die Spuren solcher Ortsunheiligen finden können. seine Zelle wird nach ihm genannt. das in ihm tätig gewordene Unrecht. . wie die Kirche nach dem Heiligen. Wir müssen das im Auge behalten.54 LEGENDE Strafe verbüßt. er bringt Unheil. was wir in einem-beschäftigun bestimmten Lebensvorgang nicht tun sollen. bringen sie uns von dieser Geistes aus das zum Bewußtsein. er ist örtlich gebunden an die Stelle seines Verbrechens. die Werkzeuge überhaupt. das Rad. Deshalb wird bei einer Hinrichtung nicht an erster Stelle der Verbrecher getroffen. Deswegen finden wir sie grausam. sind sie aus dieser Geistesbeschäftigung geboren. das es beging. losgelöst denkbar ist und gedacht wurde. das auch hier von dem Individuum. Er ist nicht mehr da. sondern das Verbrechen. und er ist doch da: er geht um. Rad und Richtschwert sind Bestätigungen. wie wir sagten: durch eine Umkehrung des Wunders. verstehen wollen. Strafe selbst ist in der Geistesbeschäftigung der umgekehrten imitatio in vieler Hinsicht ein umgekehrtes Wunder. die sich mit dem Begriff Todesstrafe beschäftigt. mit denen er hingerichtet worden ist. Für unser heutiges Empfinden treffen sie eine Person und werden als Handlungen von Menschen einem Menschen gegenüber gewertet. In einer Zeit. den Stein. Galgen. das Verbrechen. . Man vermeidet diese Orte eine regelrechte Umkehrung der Pilgerfahrt. mit dem er gerädert. er spukt . wenn wir eine Reihe grausamer. wo er gemordet hat.Sein Gefängnis. die bei ihrer Vollziehung zusah. nicht erfahren möchten. und immer und überall gehören sie zur Legende. in seiner Person lebendig. Er bekommt seine Reliquien. ist es nicht überflüssig darauf hinzuweisen.

die meist zu Legenden führte. daß ein Heiliger sein Leben als Unheiliger anfängt. daß Tugend durch Gottes Gnade tätig wird. da hat sie oft die Gestalten abgewandelt. das dem Kanonisationsprozeß entspräche. bedeutet das. Vielleicht stehen gerade solche Heilige dem gewöhnlichen Sterblichen am nächsten. Metho--wärtig disch. Und wo es doch eine Vita gab. wo sie gegen wird. . schon etwas von ihrer Wesenheit einbüßt. Das Gleiche kann auch geschehen. aber ein anderes Vorzeichen bekamen. sondern wo sie ganz sie selbst. sie möglichst dort zu fassen. Auch die Heiligenvita kennt solche Abwandlungen. daß die Einfache Form dort. Es ist keine Seltenheit. so daß sie wohl noch innerhalb der Geistesbeschäftigung imitatio blieben. bringt sie in etwas anderem Sinne manchmal eine ähnliche Wandlung hervor Rinaldo Rinaldini. Schinderhannes verlieren ihren unheilvollen Charakter und vergegenständlichen keineswegs mehr ein Verbrechen. sehr selten zu Viten. Die Unheiligsprechung vollzog sich unbehördlich in der Gemeinschaft durch die Sprache.LEGENDE 55 Die katholische Kirche hat weder für die großen noch für die kleinen Unheiligen ein Verfahren angeordnet. bei der Bestimmung litterarischer Formen. daß man erst Vater und Mutter ermorden oder in Blutschande leben und dennoch wie Gregorius seine Tage als Heiliger beschließen kann. Fra Diavolo. wo sie nicht schon in der Fixierung eine Richtung bekommen haben. wenn in einem Kunstwerk eine solche Figur noch einmal erfüllt wird: aus Faust wird Faust II. Wo die Vita eines Unheiligen auftritt. Das zeigt uns. Einfache Formen sind. ja es ist fast das deutlichste Zeichen.

da sie ihre allgemeine Gültigkeit verliert . und einen Stand besonderer Heroen der Tugend gibt es für ihn nicht. Wunder. dieser Zeitpunkt fällt mit dem Ende des Mittelalters zusammen. wie zögernder. Und in Luthers Meinung liegt die Meinung des ganzen Kreises. vorsichtiger ist. Leider ist das nun aber nicht immer möglich. beschlossen. daß auch die Haltung des Tridentiner Konzils den Heiligen gegenüber anders.d l)e. Das bedeutet. Wir wissen. daß damit die Geistesbeschäftigung der imitatio vollkommen beseitigt ist. gerade deshalb aber wird das Verfahren der Canonisatio in dieser wir gesehen haben Zeit formelhaft festgelegt. in der Heilige. Reliquie ihren Platz hatten. Es ist nicht gesagt. Der Grund dafür ist nicht in einer . daß in unserer eigenen Zeit die Geistesbeschäftigung. sie nicht mehr als Macht einzelner himmlischer Persönlichkeiten anerkennt.IX. sich ganz anders als im Mittelalter zeigt. beweist uns die Tatsa. die wir Reformationen und Reformation nennen. hat die Legende ihre Kraft eingebüßt. nur das Schwergewicht wird anderswohin verlegt. Die alleinige Mittlerschaft Christi und die im Glauben an Christus gewonnene Heilsgewißheit bedeuten das Schwinden jener Welt. Reformation gehören. daß er sich Tugend nicht mehr in dieser Weise in ihrer Tätigkeit vergegenständlicht vorstellt. aus der sich die Legende ergibt. daß die Welt der Legende nur einen sehr kleinen Teil unserer eigenen Welt bildet. In allen jenen Erscheinungen. nicht mehr im Wunder bestätigt sieht. In Luthers Schmalkaldischen Artikeln gehören die Heiligen zu den „antichristlichen Mißbräuchen". die nicht zur-geordnt. daß sie keineswegs allgemein herrscht. der wahre Christ ist für Luther ein Heiliger. den er vertritt. wird unter Daß dies auch für die Kreise gilt. eine andere Form ist mächtig geworden. Wir können sogar die Zeit angeben. Was maßgebend war.

der 1. öfter auf dem Wege vieler und verdünnter Vergegenwärtigungen zu den Einfachen Formen durchzudringen suchen. was in der Antike und in unserer eigenen Zeit Legende ist. die zum großen Teil aus reformatorischen Kreisen hervorgehen. . Aber dann fängt der Dichter plötzlich an. dem König von Syrakus. wie auch am Entstehen der vielen Antilegenden. sehen wir sowohl an der unentwegt fortdauernden Heiligenverehrung in anderen katholischen Kreisen. unterbricht sich Pindar und spricht von Tantalus. sondern auch im Katholizismus ist die Geistesbeschäftigung der imitatio weniger wirksam. So beginnt.LEGENDE 57 Angst vor der Kritik der Reformation zu suchen. In Zeiten. Danach kommt er auf Pelops zurück und berichtet. führen über in eine Götter. Daß aber dennoch die imitatio und ihr Widerspiel ihre Tätigkeit nicht einstellen. um das berühmteste Beispiel zu erwähnen. Bevor diese Geschichte ausgeführt wird. In der Regel nennt man diese eingeschobene Erzählung den Mythus. Die Zeit für eine vollständige Darstellung der Legende in allen Zeiten ist noch nicht gekommen. den errungenen Sieg. Olympische Siegesgesang. gehört. wie ihn die Götter bestraft haben. dem Vater des Pelops. der in dem Kanon der Pindarischen Gedichte allen anderen gleichsam als Vorbild vorangesetzt ist. müssen wir oft durch ein Kunstwerk. Das ist an dieser Stelle auch nicht meine Aufgabe. des Gründers von Olympia. Nur das. andere Formen werden herrschend. Er erzählt. soll noch an einigen Punkten untersucht werden. wo die imitatio nicht mehr in der Weise herrscht wie im Mittelalter. dem Sieg des Hieron. die Geschichte des Heroen Pelops zu erzählen.oder Heldenerzählung und kommen zuletzt wieder auf den Sieg zurück. mit einem Lob der Olympischen Spiele überhaupt und geht dann über zu dem eigentlichen Anlaß. der die Götter nicht geehrt und der ihre Geschenke mißbraucht hat. Sie setzen ein mit einem Hinweis auf den Anlaß. Die Siegeslieder Pindars sind alle nach dem gleichen Schema gebaut. das Hieron. wie ihm Poseidon geholfen hat bei seiner Wer wie er von dem Gott einen goldenen-bungmHipodae. dem Sieg des Rosses Pherenikos. den Poseidon liebte.

Dornseiff hat in einem Vortrag : Litterarische Verwendungen des Beispiels (Vorträge der Bibliothek Warburg 1924/25). denen wir also folgen und die uns aufnehmen können. Dithyramben. Proshodien heißen". wie in dem täglichen Kult des Katholizismus der Heilige? Haben wir in Pelops und Tantalus nicht Heiligen und Antiheiligen und in diesem Hauptteil des Kultliedes nicht Legende und Anti 1 e g e n d e? Wenn das alles der Fall ist. auf den wir noch zurückkommen werden. oder umgekehrt? Vergegenständlicht sich in ihnen nicht etwas so. Was bedeuten nun dieser Tantalus. an die er die Würdigung des Wagensiegs Hierons anknüpft. in die er gehört. der den Göttern feind ist. Das führt ihn wieder auf die Olympischen Siege und ihre Bedeutung. daß sich weit darüber . so wollen wir lieber nicht mehr diesen Teil „Mythus" oder „mythische Erzählung" nennen. und jener Pelops. für alle Epinikien.58 LEGENDE Wagen und geflügelte Rosse erhielt und damit den Sieg und die Braut gewann. in die Welt der imitatio. er nennt diese Kultgedichte geradezu „eine Art Mischung von Kantate und Ballade". und sind nicht aí9^Qoc xevs€og und tri e o"cace dxá4uavvec iivitot — der goldene Wagen und die geflügelten Pferde die aus einer bestimmten Geistesbeschäftigung verdichteten sprachlichen Gebärden? Steht innerhalb des Kultfestes. daß alle „von Chören gesungenen Kultgedichte. die uns bei einem Lebensvorgang zum Bewußtsein bringen. daß es zur Macht wird und daß sie es ihrerseits gewähren? Meint und bedeutet nicht zugleich der Wagensieg des Pelops den Wagensieg selber und jeden folgenden Wagensieg. diesen Hauptteil mit Erzählung enthalten. Hymnen. daß sich dieser „Hauptteil" nicht auf griechische Kultgedichte beschränkt. dem die Götter helfen. gesagt. Parthenien. das dem Sieg folgte. was wir tun und unterlassen sollen. wie wir gesagt haben. Epinikien. mögen sie nun Paiane. Und darüber hinaus. die Gestalt des Pelops nicht in derselben Weise. Dornseiff hat erkannt. in diesem Zusammenhang? Sind sie nicht auch Personen. Dieser Aufbau gilt. was wir erfahren und nicht erfahren möchten. wir wollen ihn hineinsetzen in die Welt.

so sind Phol und Wodan hier Heilige und so ist ihre Geschichte Legende. der dazu dient. wie zuerst Phol und Wodan in den Wald reiten. wie der Gott Re von einer Schlange gebissen wurde. Inder. hören. und wie nun damit da liegt der Übergang in derselben Weise das beliebige Pferd jedes beliebigen Mannes geheilt werden kann. wie sich dann das Füllen des einen den Fuß verrenkt und danach verschiedene Göttinnen mit Wodan zusammen durch Zauberspruch das Pferd heilen. damit anfängt. so können wir auch hier durch eine ausgesprochene Kunstform hindurch noch Legende sehen. Mit Recht haben die Assyriologen solche Beschwörungsanfänge mit dem Namen B e g r ii n d u n g s l egende belegt. zu erzählen.LEGENDE 59 hinaus in Kuitgedichten der Ägypter. dann die Verbindung des trojanischen Helden mit römischem Geschehen dichtet und seine Einleitung mit „tantae molis erat romanam condere gentem" abschließt. Aber eine Geschichte der Legende muß noch geschrieben werden. ein lahmes Pferd zu heilen. wenn er einen Schlangenbiß zu heilen hat. der. Wenn Virgil sein Epos beginnt „arma virumque cano". Wenn wir im zweiten Merseburger Zauberspruch. der Germanen und vieler Naturvölker ähnliche Teile finden. . Babylonier. Das Gleiche gilt für den ägyptischen Arzt. so befinden wir uns zweifellos in der Welt der imitatio.

aber er wird das. selbst . daß einer.a performance or occurrence remarkable among. Schmeling. buch . others of the same kind" eine Definition. Records of the Past sind das. die wir R e k o r d nennen ein merkwürdiges Wort. und überlegen wir uns. Tunney. aber er bedeutet ein Wunder im Sinne einer Leistung. ist sie meist ein traditioneller Überrest aus anderen Zeiten.. Nicht Tugend vergegenständlicht sich in ihnen. Dempsey. Nurmi. Es ist natürlich möglich. Was bedeuten uns Rademacher und Peltzer. die bisher noch nicht da war. Und diese tätige Kraft wird wieder meßbar in einer Bestätigung. or going beyond. Suzanne Lenglen. nicht sehr lebendig . was uns aus der Vergangenheit bleibt und was uns die Vergangenheit zurück Unser R e k o r d aber ist nach dem Oxford-Wörter--bringt. die unerreichbar und unmöglich schien und die hier eine tätige Kraft bestätigt.X. wo wir die Legende sehen. Vierkötter. ich meine die Sieger im Sport. Tilden. wie wir die Sieger unserer Zeit sehen. Jahrhunderts zu dieser Bedeutung entwickelt hat. was uns erreichenswert und nachahmenswert erscheint. Und dennoch erinnern wir uns noch einmal an das griechische Siegesfest. Ederle . der vor einem tollen Stier wegläuft. Und wie steht es mit der Legende in unserer eigenen Zeit? Die Geistesbeschäftigung der imitatio ist bei uns gewiß nicht sehr tätig.? Persönlich sind sie uns gleichgültig. die uns aufnimmt . und das englische record ist etwas. die sich fast schon in der Richtung des Wunders bewegt. aber eine Kraft wird in ihnen tätig. das sich erst seit den achtziger Jahren des 19. aber sie vertreten etwas. sie sind imitabile. in die wir unsere eigene Kraft übertragen. was uns an etwas erinnert oder woran wir uns erinnern.. Recordari bedeutet sich erinnern. sämtliche 100 nm-Rekorde bricht. Rekord im Sport ist kein Wunder im mittelalterlichen Sinne..

Wenn 100 m in x Sekunden gelaufen werden. Nur der Sieger „hält" den Rekord. Reliquie. Dieser Gegenstand ist dem Verein. der abgegeben wird. . daß es gefährlich ist. und die Zeitung wird es nicht erwähnen. Und es ist auch. wo sie verschüttet sind. daß ein Engländer den Kanal schneller durchschwommen hat als ein Deutscher. und auch wer dem Sport fernsteht. ist ein wesentlicher Teil unserer Aufgabe. Der Rekord kann sich in einen Gegenstand umwandeln. Von Rekord reden wir erst dann. der Sieger schenkt seinem Vereine. Die sprachliche Gebärde sieht oft aus wie eine saloppe Sondersprache und dennoch knock out ist eine sprachliche Gebärde. aber im sportlichen Sinne wird diese Möglichkeit erst dann anerkannt. die nicht mehr ganz „litterarisch" aussehen. wo der Rekord liegt. Formen zu bestimmen. wenn wir uns mit einer Form in einer bestimmten Prägung allzusehr identifizieren. daß sie einer in x minus n Sekunden läuft. sobald ein anderer den letzten Rekord gebrochen hat. in einen Preis. Aber auch dort Formen aufzusuchen. Schließlich fehlt. nicht als Rekord betrachten. so steht theoretisch der Möglichkeit nichts im Wege. Eine eigentliche Vita besitzt der Sieger im Sport nicht. wenn er hört. wenn im Sieger die tätige Kraft Tatsache geworden ist. wenn sie ein Sieger in x minus n Sekunden gelaufen ist : wenn das Wunder geschehen ist. der ausschließlich der Sportberichterstattung gewidmet ist und der stets scharf von anderen Teilen det Zeitung getrennt wird. auch das Gewähren nicht. Wir haben am Anfang gesagt. wo sie nicht mehr in voller Kraft. daß die gleiche Geistesbeschäftigung unter dem Sportteil unserer Zeitung liegen kann.LEGENDE 61 wenn er bei der Gelegenheit zufällig nach der Uhr gesehen hat. seinem Lande den Sieg es ist keineswegs gleichgültig. empfindet etwas. nicht ganz leicht zu verstehen. wenn wir die Heiligenlegende des katholischen Abendlandes so deutlich und so scharf umrissen vor uns sehen. aber die Einfache Form der Legende liegt vor in jenem Teil der Zeitung. dem der Sieger angehört.

bedeutungslos. hat nur innerhalb dieser Form Gültigkeit. in sich bündig. wird im Mittelalter ein femininum singuralis mit Genitiv -ae : legenda. die historisch nicht beglaubigt ist. Was in diesem Bedeutungsübergang geschieht. schließlich unwahr. auch sie bedeuten vom Historischen aus . Ehe ich zur Einfachen Form Sage übergehe. ist klar. -glaubwürdi. Wir werden dasselbe bei den Formen Mythe und Märchen beobachten können. schiebe ich eine kurze Vorbemerkung über die Wortbedeutung ein. welche Welt wir damit meinen : in ihr wird alles. Sprechen wir hier einen Augenblick von der Welt der H i s t o r i e wir werden später sehen. was in einer anderen Form bedeutsam war. Die Welt einer Einfachen Form ist nur in sich gültig. verliert es diese Zugehörigkeit zu seinem bisherigen Kreise und wird ungültig. Das Wort erhielt in der Bedeutung einer Folge mehrerer Viten dazu etwas den Sinn von legere sammeln. Es weist auf eine halb rituelle Tätigkeit hin : die Vita des Heiligen wird bei bestimmten Gelegenheiten feierlich vorgelesen oder auch im allgemeinen als persönliche Erbauungslitteratur betrachtet wie sehr auch dieses Lesen im Sinne der imitatio ist. von der Form Historie aus nun auch un zweifelhaft. verstehen wir jetzt. was zur Legende gehört. Alles was zu einer bestimmten Geistesbeschäftigung und zu der ihr entsprechenden Form gehört. auslesen. ein neutrum pluralis. und dem Adjektiv legendarisch haftet diese Bedeutung sehr stark an . sobald wir etwas aus dieser Welt herausnehmen und in eine andere Welt herübertragen. L e g e n d a. was im historischen Sinne nicht wahr ist. Legende hat nun aber daneben die Bedeutung einer Geschichte bekommen. das „zu lesende Sachen" bedeutet. und so wird hier alles.SAGE I. es bezeichnet geradezu etwas.

im Sinne von Sprache Fähigkeit zu sprechen. Und zwar die Definition einer bestimmten . doch wird es auch ohne eine solche Modi Begriffes gebraucht"." Wir müssen nun zunächst bemerken. Stätten anknüpfte. wie es von Geschlecht zu Geschlecht-heit sich fortpflanzt. sondern eine Definition des B e g r if f e s Sage. Sage kann sich b) auf-fizerungds Vergangenes beziehen und heißt dann : „Kunde. Und in besonderem Maße gilt das von der S a g e. eine Prophezeiung usw. und schließlich : er „wird nachher ausgebildet als der naiver Geschichtserzählung und Überlieferung. was in diesem letzten Abschnitt gegeben wird. Kunde von etwas. die bei ihrer Wanderung von Geschlecht zu Geschlecht durch das dichterische Vermögen des Volksgemütes umgestaltet wurde. freier Schöpfung der Volksphantasie.SAGE 63 das Unbeglaubigte oder das Unwahre. eine strenge Scheidung gegen die Begriffe M y t h u s und M ä r c h e n ist dem Sprachgebrauche fremd. Unglaubwürdigen. und dann in besonderer Wendung eine Aussage vor Gericht. welche ihre Gebilde an bedeutsame Ereignisse. Und hier wird geteilt. Aussage usw. Sage kann sich a) auf „ungefähr" der Ausdruck stammt aus dem Wörterbuch Gleichzeitiges beziehen. Mitteilung. Bericht über Vergangenes und zwar besonders über weit in der Vergangen Zurückliegendes. ein urkundliches Zeugnis. Tätigkeit des Sprechens. Das was gesagt wird In allgemeiner Anwendung: Ausspruch. daß das. Zum dritten aber finden wir: auf mündlichem Wege verbreiteter Bericht über etwas. Personen. Aber dann fi) „mit der wachsenden Kraft der Kritik entwickelt sich der moderne Begriff von S a g e als Kunde von Ereignissen der Vergangenheit." Nun heißt es weiter : a) daß in der älteren Sprache die Vorstellung des Unhistorischen noch nicht unlösbar mit dem Begriff S a g e verknüpft sei. und der Bearbeiter (der Band ist im Seminar von Moritz Heyne redigiert worden) fügt hinzu : „Leicht verbindet sich mit Sage die Vorstellung des Unsicheren. keineswegs die Bedeutung des Wortes Sage ist. auch des Verleumderischen. Sage bedeutet nach dem Grimmschen Wörterbuch: 1. 2. welche einer historischen Beglaubigung entbehrt ".

der den Artikel nachschlägt. Das ist schlechterdings unrichtig. Es ist. was wir schon gesagt haben : die Form.64 SAGE Schule. das faßbar und abgerundet vor mir liegt. Es kann sein. den sie H i s t o r i e nennt. sie stellt ihr nach. um etwas zu bezeichnen. was „einer historischen Beglaubigung entbehrt". Die Tyrannei der „Historie" bringt es sogar fertig. meine ich keineswegs diejenige Darstellung der Ereignisse im Burgunderreiche. zusammengeworfen mit Worten wie Mythus und Märchen. Von dieser Historie aus deutet und begrenzt sie die Sage. sie existiere eigent nicht. die wir vorläufig „Historie" genannt haben. Wenn wir das Wort Sage gebrauchen. ich hätte bei Heynes Lapsus nicht so lange verweilt. die die Sage fast ausschließlich in ihrem Verhältnis zu einem anderen Begriff sieht. daß wir das Wort falsch nicht seiner ursprünglichen Bedeutung gemäß gebrauchen. daß der Begriff. recht gefährlich. was in der anderen Geistesbeschäftigung positiv war. daß ein Fremder. die . von der Sage zu behaupten. Indessen. hauptsächlich für den Mitarbeiter eines Wörterbuches. sondern sie bilde nur eine Art schüchterner Vor--lichgar stufe zur „Historie" selbst. wenn er uns nicht so deutlich bestätigte. wirkt als Feind der Sage. Definition und Bedeutung zu verwechseln. die der historischen Beglaubigung entbehrt. was Wahrheit war. etwas verschwommen ist aber dennoch bedeutet es für uns eine positive Form. auf den Gedanken kommen könnte. die an bedeutsame Ereignisse im Burgunderreiche anknüpft. Von der einen Geistesbeschäftigung aus wird das. Hier hat die Verwechslung die Folge gehabt. die verleumdet sie und verdreht ihr die Worte im Munde. das in sich bündig ist und Gültigkeit besitzt. das Wort Sage hätte in der deutschen Sprache eigentlich eine negative Bedeutung und wir gebrauchten es. es kann auch sein. negativ. sondern ich meine eben jenes Gebilde Burgundersage. den wir damit verbinden. wie das Grimmsche Wörterbuch behauptet. wird Lüge. sie bedroht sie. meinen wir sooft wir es nicht ausdrücklich in Gegensatz zur Geschichte setzen etwas durchaus Positives. oder auch nicht eine freie Schöpfung der Volksphantasie. So verliert im Sprachgebrauch das Wort Sage immer mehr von seiner Bedeutungskraft und wird schließlich. Wenn ich von der Burgundersage spreche.

ich betone es noch einmal ausdrücklich. Danach 1 b. das eben jene isländische litterarische Gattung meint. Eine Geschichte also. die sich einerseits von der authentischen Geschichte und anderer - seits von absichtlicher Erdichtung unterscheidet. das im allgemeinen dem entspricht. daß auch im Englischen das Wort L e g e n d e gebraucht wird für irgend etwas. Eine Umschreibung. Für Saga gibt das Oxford-Wörterbuch die folgenden Bedeutungen : 1. was nicht „wahr" ist —. die der deutschen Umschreibung nahe kommt. as distinguished both from authentic history and from intentional fiction. Zunächst weist also das englische Wort auf eine litterarische Gattung eines bestimmten Landes in einem bestimmten Zeitabschnitt hin. übertragen : a narrative having the (real or supposed) characteristics of the Icelandic Sagas. Jo11es. und das zweite s a g a. in incorrect uses (partly as the equivalent of the cognate Berman s a g e) : a story. das eine s a g n. so bekommen wir ein anderes Bild. ein ungenauer Gebrauch des Wortes. Von England werden wir nach Norden getrieben. daß sie wahr ist. und hier haben wir nun im Nordischen wirklich zwei Worte. and has been handed down by oral tradition. von der das Volk glaubt.. which has been developed by gradual accretions in the course of ages. historical or heroic legend. dies ist i n c o r r e c t u s e : ein fehlerhafter.65 SAGE auch von der . Binfache Formen 5 . wohl aber Saga. Dann aber folgt : 2. die sich im Laufe der Jahrhunderte allmählich entwickelt und vergrößert hat und die mündlich überliefert wurde : eine historische oder heroische „Legende" wir sehen beiläufig. Stellen wir dem deutschen Wörterbuch das englische gegenüber. Und dieser für das Englische fehlerhafte Gebrauch entspricht dem deutschen Wort S a g e. aber. any of the narrative compositions in prose that were written in Iceland or Norway during the middle ages. Das Englische kennt das Wort Sage nicht. was wir in dem letzten Abschnitt des Grimmschen Wörterbuches gesehen haben und was das Oxford-Wörterbuch incorrect use von Saga nennt.Historie" aus gesehen nur das Nicht -Historische bedeuten sollen.. popularly believed to be matter of fact.

bis 15. vorerst jene altnordische Gattung Saga genauer an. sie bilden eine namenlose Überlieferung. in sich geschlossene mündliche Erzählungen herausgebildet hatte. daß sich ihre Gestalt aus mündlichen Erzählungen gebildet hat. Endlich besitzen wir auch Nachrichten darüber. Drittens werden sie nicht als eigentliche litterarische Kunstwerke betrachtet. Jahrhunderts vorliegen. bis auf die Zeit. zu der die Besiedlung Islands abgeschlossen war. des sogenannten gelehrten Stils. was sich seit 930 im Laufe des 10. läßt sich aus Daten verschiedenster Art schließen. daß schon einige Jahrhunderte früher bei feierlichen und anderen Gelegenheiten wirklich in dieser Art „erzählt" wurde. und der folgenden Jahrhunderte durch festgefügte. daß die sQgur-Handschriften die Niederschrift dessen enthalten. keinem Dichter zuschreibt. Zweitens berufen sie sich selbst auf ihren Ursprung. läßt sich auf historischem Wege wie auch aus dem Inhalt der segur f eststellen. Daß diese Prosaerzählungen auf mündliche Überlieferung zurückgehen. . Wir finden uns demnach auf einen ähnlichen Weg gewiesen wie bei unserer Betrachtuig der Legende.. soweit man sie keinem bestimmten Verfasser. So wie wir diese zunächst in ihrer Besonderung in der Welt der mittelalterlichen Legende untersucht haben. Jahrhunderts. die uns in Handschriften des 13. da wir das Wesen der Sage bestimmen wollen. 11. sie zeigen keinerlei Beeinflussung des Lateinischen. Wie weit diese Überlieferung zurückreicht. Wir können also sagen. sehen wir uns jetzt. Wir kommen zurück bis auf das Ende des ersten Drittels des 10. die Wendung „es wird erzählt" oder ähnliche kommen oft vor. Zuerst unterscheiden sie sich stilistisch und syntaktisch von anderen Prosawerken.II. Es handelt sich um Prosaerzählungen in der Volkssprache.

SAGE

67

Betrachten wir diese Erzählungen von der stofflichen Seite,
auf ihren Inhalt hin, so lassen sichdrei Gruppen unterscheiden.
Eine erste Gruppe umfaßt Erzählungen über die isländischen
Siedler, über ihre Nachbarn und Zeitgenossen, ihre Abkunft,
ihr Verhältnis zueinander und über das, was ihnen Natürliches
und Übernatürliches begegnete. Es ist keineswegs die Geschichte der Besitznahme Islands durch die Norweger, sondern
jedesmal die Geschichte von Einzelpersonen, die als Einzelpersonen wieder zu einer Familie gehören. Da wird gesagt,
wo diese Familie das Haus, den Hof baute, wie der Familienbesitz zunahm, wie sie mit anderen Familien des gleichen
Distrikts in Berührung kam, sich zankte, sich verglich, in
Fehde oder Eintracht lebte, wieviel Söhne und Töchter sie
zählte, woher die Söhne ihre Frauen holten, wo die Töchter
einheirateten. Manchmal wird die Familie von einer Person,
ihrem Oberhaupt, aus gefaßt, manchmal tritt sie als Ganzes auf.
Diese Erzählungen schreiten rüstig vorwärts, sie bieten
nur Handlung; wenn ein Haus gebaut wird, gibt der Erzähler
gerade so viel, wie nötig ist, um die Tatsache des Hausbaues
als Ereignis zu zeigen, er verweilt nicht aus eigenem Antriebe
bei dem Hause selbst. Alles Gegenständliche ordnet sich der
Handlung unter ; nie werden Attribute zu schmückenden Beiwörtern, die einen Gegenstand als solchen aus der Handlung
herausheben und verendgültigen. Ebenso ordnet sich die Landschaft ein. Diese Prosaerzählungen machen meist auch Gebrauch von Versen und Gedichtreihen.
Eine zweite Gruppe behandelt nicht die Familiengeschichten
im engeren Sinne, sondern Königserzählungen. Aber diese
Königserzählungen sind weit entfernt von dem, was wir
historia politica nennen. Der König handelt eben wie ein nordgermanischer König, er ist Wikinger, er erobert, er kämpft;
aber alles, was wir zum Begriffe Staat rechnen, fehlt. Er
kämpft als Person, als Teil einer Familie; auf seiner anderen,
seiner königlichen Ebene steht er nicht anders, als das
Familienoberhaupt aus der ersten Gruppe auf seiner bäuerlichen Scholle. In Stil und - Syntax unterscheidet sich diese
zweite Gruppe nur insoweit von der ersten, als sie anderes und
andersartiges zu beschreiben hat.

68

SAGE

Die historische Grenze dieser beiden Gruppen darf nicht
über die Mitte des 11. Jahrhunderts hinausgeschoben werden.
Spätere Ereignisse finden wir in ihnen nicht. Ihr Schauplatz
umfaßt die Insel Island, die Küste Norwegens, Grönland, die
Färöer und jene Teile der Welt, die die nordischen Wikinger
auf ihren Zügen berührten. Nach der Einführung des-könige
Christentums hören sie auf.
Zu diesen Gruppen gesellt sich nun eine dritte, die weit
über das hinausgreift, was wir in der ersten und der zweiten
fanden. Erstens ist sie zeitlich und örtlich viel weniger gebunden, sie umfaßt und ergreift Stoffe, die weit vor der Besiedlung Islands liegen. Sie kennt Helden, die gewiß nicht
ursprünglich auf Island oder überhaupt bei den Nordgermanen
zu Hause sind. Und schließlich gehen diese Erzählungen auch
noch darüber hinaus und erzählen Dinge, die wir, ganz allgemein gesprochen, zu Gattungen rechnen, die überhaupt nicht
örtlich oder zeitlich bestimmbar sind, Gattungen, die bei uns
mit „vor langer, langer Zeit, weit, weit von hier" anfangen.
Aber -- und das ist für uns das Wichtige sie geben auch
diese Stoffe so, daß sie sich von den vorhergehenden nicht
trennen lassen, sie erzählen sie gewissermaßen, als ob die Personen die gleichen seien, die Ereignisse vergleichbar mit dem,
was sich in einer isländischen Siedlerfamilie abgespielt hat.
Auch in Stil und Syntax sind sie von den übrigen Gruppen nicht
zu trennen.
Wir nennen die erste Gruppe Islendinga segur (sQgur von
Isländern), die zweite Koninga sQgur (sQgur von Königen), die
dritte Fornaldar segur (sQgur aus der alten Zeit).
Es liegt auf der Hand, daß man sich von litterarhistoriseher
Seite aus schon früh bemüht hat, diese Gruppen in ein historisches Nacheinander zu ordnen. Und es liegt ebenso auf der
Hand, daß eine Zeit, die einesteils stoffgeschichtlich eingestellt,
andernteils im Evolutionismus befangen war, jene Gruppe, die
die ältesten Stoffe enthält, für die älteste halten mußte und
nun von dieser Gruppe aus eine Entwicklung zu den anderen,
also jüngeren zu konstatieren suchte. So glaubte man denn
sagen zu können, daß Stoffe, die schon im frühen und frühesten
Mittelalter bei den Germanen oder Iren vorhanden waren, von

SAGE

69

den Isländern im 10. Jahrhundert in ihren Fornaldar segur
nacherzählt wurden, und daß danach die Isländer die Geschichten ihrer Könige und ihrer Siedler in der gleichen Weise
erzählten.
Hier hat nun Andreas Heusler eingegriffen, und dieser
Eingriff ist einer der wichtigen Momente in der Geschichte der
morphologischen Methode. Heusler mit seinem starken Formgefühl brachte in einer Akademie-Abhandlung von 1913, Die
Anfänge der isländischen Saga (Berlin 1914), den wie mir
scheint unwiderlegbaren Nachweis, daß die Form der Islendinga
sggur den Ausgangspunkt für die anderen Gruppen bilden
mußte, und er gab damit mehr als diesen einzelnen Nachweis, er bewies, daß es zu Irrtümern führen muß, wenn man
Probleme wie diese auf dem Wege der stoffgeschichtlichen
Methode zu behandeln sucht. Irrtümer, die
ich übertreibe
nicht allzusehr
sich vergleichen lassen -mit solchen, die
entstehen würden, wenn man sagte, die Romane von Willibald
Alexis müßten vor dem Werther liegen, oder die Romane
Scotts vor Fielding, da bei Alexis und Scott mittelalterliche
Stoffe vorliegen, in Werther und Tom Jones dagegen zeit
-genösich.
Heusler, der in seinem „Lied und Epos" in der brennenden Frage
wie verhält sich die Kunstform .Epos zu anderen
Formen, wie „Lied"?
schon vieles klargestellt hatte, greift
hier auf einem kleineren Gebiet noch schärfer zu. Er weist
nach, daß die eigentliche Form Saga, so wie sie in Island in
einer bestimmten Periode sich ausgebildet hat, gerade jene
Form ist, die uns in den Familiengeschichten der ersten Gruppe
vorliegt ; daß sie dort zu sich gekommen ist, und daß sie erst,
nachdem sie so ihre Bündigkeit erlangt hatte, nach anderen
Stoffen übergegriffen hat; daß sie aber
mochte sie Saga
der Könige, mochte sie Fornaldar saga werden
immer
ihre erste Form bewahrte und von dieser Form aus ihr Gepräge den anderen Stoffen aufdrückte. Heusler zeigt weiter
was wir oben schon angedeutet haben
daß diese Form
mündlich zustande kam und daß sie sich in ihrer mündlichen
Überlieferung hier auf Island schon so weit gefestigt und abgerundet hatte, daß sie ohne Schwierigkeit und ohne große
5

70

SAGE

Abänderungen übergehen konnte in eine schriftliche Fixierung,
die ihrem Charakter entsprach.
Ich betone das alles um so mehr, als Heusler selbst später
andere Wege gewählt hat, die, ohne in die alte Stoffgeschichte
zurückzuverfallen, doch die morphologische Seite der Probleme
viel weniger berücksichtigen, und als gerade in letzter Zeit
von vielen Seiten das dringende Bedürfnis empfunden wird,
zu dem früheren Heusler zurückzukehren. „Auch hier scheint
es mir nötig," sagt de Boor in einer Besprechung von
Nibelungenstudien (Zeitschrift für Deutsche Philologie, 52),
„den allzu - eng auf deutsche Interessen eingeschränkten Blick
freizugeben und anzuerkennen, daß die Saga ihr eigenes Recht
#uf wissenschaftliche Fragestellung hat. Wir rechnen auch hier
dauernd an einer Gleichung mit zwei Unbekannten. Man
wende sich lieber der einfacheren Gleichung zu und stelle die
Formfrage der Saga, für deren Beantwortung positive Mittel
vorhanden sind."

III.
"r uns kommt es nun darauf an, den Vorgang, den Heusler
an dieser einen Stelle
in Island vom 10. bis 11. Jahrgenau beobachtet hat, als Ganzes und in seiner
hundert
vollen Tragweite zu begreifen.
Wir stellen .zunächst fest : was uns in den isländischen
Handschriften des 13. bis 15. Jahrhunderts vorliegt, ist natürlich an und für sich ebensowenig Einfache Form, wie die Viten,
die in den Acta Sanctorum gesammelt wurden. Auch hier
haben wir, was wir Vergegenwärtigung einer Einfachen Form
oder aktuelle Form genannt haben. Aber darüber hinaus ist
auch die gefestigte mündliche Überlieferung, die in den Handschriften schriftlich fixiert wurde, noch keine Einfache Form auch sie verhält sich, obwohl ungeschrieben, zu dem was wir
suchen wie Vita zu Legende ; auch sie ist g e g e n w ä r t i g und
damit in gewissem Sinne schon Kunstform. Um zu der Ein
durchzudringen, aus der sich die gegenwärtigen-fachenForm
erzählten und geschriebenen segur herausbildeten, müssen wir
wieder die Geistesbeschäftigung suchen, in deren Welt die
Form gültig ist.
Was liegt in der Islendinga saga vor? Ich habe es, als ich
die Gruppe im allgemeinen besprach, schon angedeutet, ich
muß es hier näher ausführen : man pflegt sie Familiengeschichte
zu nennen. Aber ist die Zusammenstellung Familien- Geschichte
nicht mißverständlich? Wir haben bereits festgestellt, daß der
Begriff Geschichte mehreren Einfachen Formen feindlich gegenübersteht: wir haben das Wort Geschichte mit Vorsicht
anzuwenden. Für den, dessen Vorstellungen sich in „historischen" Gedankengängen bewegen, kann es so aussehen, als
ob diese segur tatsächlich den historischen Bericht über eine
Familie geben dem, der sie unbefangen und ohne Vorurteil
zu verstehen sucht, erscheinen sie anders. Sie geben im Grunde.

72

SAGE

nicht die Geschichte einer Familie, sondern zeigen, wie Geschichte nur als Familiengeschehen existiert, wie Familie Geschichte macht. Aber ich will lieber das Wort Geschichte überhaupt vermeiden und sagen: der innere Bau der Islendinga saga
wird bedingt durch den Begriff : Familie.
Das, Verhältnis der Personen der Saga untereinander ist
an allererster Stelle das Verhältnis von Vater zu Sohn, von
Großvater zu Enkel, von Bruder zu Bruder, von Bruder zu
Schwester, von Ehemann zu Eheweib. Das Band des Blutes
ist das, was die Personen untereinander bindet; Stamm, Abstammung und das Angestammte stellen die Beziehungen her.
Kommt die Familie mit Außenstehenden in Berührung, so
werden diese wieder von dem Stamm aus begriffen und gewertet; die Fremden bilden entweder unter sich wieder eine
Familie, oder es sind einzelne, die in die Familie aufgenommen
oder von ihr zurückgewiesen werden können. Alles was
Untergebener heißt, wird in die Familie einbegriffen, gehört
zu ihrem Verantwortungsbereich.
Die Menschen der Islendinga sogur wie sie Heusler
umschrieben hat— sind keine Norweger, die ausgezogen sind
und sich in Island angesiedelt haben, eigentlich aber auch keine
Isländer, es sind Menschen, die hier auf diesem Hügel, dort an
jener Bucht wohnen. Sie bilden kein Reich, keine Nation,
keinen Staat, ihre Gesamtheit ist wie eine algebraische Summe,
in der sich die Summanden nicht zu einer einheitlichen Zahl
zusammenschließen lassen. Sie haben natürlich vieles gemeinsam, aber gemeinsam heißt hier nur das, was jeder einzelne aus
für sich besitzt. Auch da, wo mehrere zusammen--nahmslo
kommen, auf dem Thing, um sich gemeinsam zu besprechen,
gemeinsame Beschlüsse zu fassen, kommen sie als Familien
-häupter.
Ihre Gesetzgebung regelt an erster, fast an einziger Stelle
Eingriffe in die Rechte einer Familie, Zwistigkeiten in der
Familie; der Strafvollzug ist nicht Aufgabe einer bestimmten
Behörde, sondern wird der betroffenen Familie übertragen.
Eine der schwersten Strafen ist die Ächtung, das heißt hier
nicht Ausstoßung aus dem Staatsverband, sondern Ausstoßung

SAGE

73

aus sämtlichen Familienverbänden. Sooft die Ächtung von
einer anderen Familie nicht anerkannt und der Geächtete geschützt wird, gehört er nun wieder zu jener Familie. Besitz
befindet sich in buchstäblichem Sinne dort, wo die Familie
sitzt, er ist das, was sich in der Familie vererbt, was in der
Familie zurückgelassen wird.
In einer Sage „vie der von den Leuten vom Seetal folgen wir
einem Stamme durch sechs oder sieben Generationen. Die Erzählung ist jedoch so aufgebaut, daß der Ruhm und die Macht des
Stammes in einer Generation gipfeln und in dieser Generation
wieder von einer Person besonders vertreten werden. Ingimund,
der Mann, der von Norwegen nach Island übersiedelt und die
Stätte in Besitz nimmt, nach der die Sage benannt ist, bildet
diesen Glanzpunkt. Von den Personen aus gesehen könnte man
das Ganze die Sage Ingimunds, der Ingimundsahnen., der Nach
nennen. Je näher die vorhergehenden und-komenIgiuds
die folgenden Generationen diesem Vertreter des Stammes, in
dem sich der Stamm am mächtigsten zeigt, stehen, um so
schärfer umrissen zeichnet sie die Sage. Neben Ingimund ist
es sein Vater Thorstein, sind es seine drei Söhne, die wir am
deutlichsten sehen. Sein Großvater und seine Enkel sind nur
skizzenhaft angedeutet, seine Urenkel sind schattenhaft verwischt. Zwischen der 5. und 6. Generation verlegt sich die
Macht des Stammes auf eine Seitenlinie, ein Kebssohn tritt
in die Familie ein und vertritt nun die Familie. Er ist es, der
das Christentum annimmt, mit ihm tritt der Stamm in eine neue
Phase ein und endet das, was in Ingimund gipfelte. Beim Lesen
dieser ganzen Sage empfinden wir auf jeder Seite, wie Begriffe,
die wir in historischem Sinne vom Volke aus zu fassen gewohnt
sind, Begriffe wie Eroberung, Niederlage, Unterdrückung, Befreiung, sich hier keineswegs auf ein Volk beziehen, sondern
immer auf einen Stamm, eine Sippe, eine Familie. Nationales
Bewußtsein heißt. hier Familienzusammengehörigkeit, Recht
und Pflicht richten sich nicht nach der Gesellschaft, der
res publica, sondern nach dem Wohlergehen des Stammes,
nach dem, was Verwandschaft erfordert. Bürgerliches Zusammengehen heißt hier Band des Blutes. Blutsverwandtschaft,
Blutrache, Blutfehde, Ehe, Sippschaft, Gesamtheit der An-

wenn wir das Wort Sage gebrauchen. was Sammelwerke. entspricht nur zum kleinsten Teile dem. Erbschaft. in einer Gegenwärtigen Form vorgefunden haben. sondern ich meine den heroischen Vertreter eines bestimmtes' Stamm-es. was wir an einer zeitlich und örtlich bestimmbaren Stelle. der Bluts gedeutet wird. es gibt vieles. der mir historisch nicht ganz bekannt oder der historisch nicht beglaubigt ist. das wir gesucht haben. den erblichen Träger der großen Eigenschaften seines Geschlechts. und 11. wissenschaftliche und nichtwissenschaftliche Darstellungen gewohnt sind. Diese Welt. in der sie in ihrer Ganzheit nach dem Begriff des Stammes. daß der Sprachgebrauch. des Stammbaums. Was in Grimms Deutschen Sagen oder in Dähnhardts Natursagen zusammengetragen worden ist. Jahrhundert deutlich erkennbar. Diese Geistesbeschäftigung-verwandtschf und ihre Welt sind auch an anderen Stellen als in Island im 10. von dem aus. Erbe. in einer BeS a g e ist für uns die Einfache Form. was wir Sage nennen. die durch das dichterische Vermögen des Volksgemütes umgestaltet wurde. meine ich keineswegs die mündliche Überlieferung über einen Hergang.74 SAGE gehörigen. Erblichkeit bilden hier die Grund Grundriß. Wenn ich also von Heldensage rede. vielleicht nicht ihre geringste. mit ihrer-gabendr Formbestimmung und Formbesinnung einem gelockerten und nachlässigen Sprachgebrauch entgegenzutreten. daß dieser Gebrauch des Wortes Sage auf größere Schwierigkeiten stoßen wird als der des Wortes Legende. „Sage" zu nennen und was für uns als Sage ausscheidet. wie wir ihn aus den Bedeutungen und Definitionen der Wörterbücher kennengelernt haben. in der sich die Welt als Familie aufbaut. und ebensowenig eine historische Persönlichkeit. Wir haben gesehen. Ich weiß. nur diese Welt wollen wir von nun an mit Sage bezeichnen. so wie wirdort die Form gefaßt haben. die sonderung in der Islendinga saga erst mündlich. durchgedrungen zu dem allgemeinen. dann schrift- . anders vorgeht. und diese Welt meinen wir. -lage. Es gibt eine Geistesbeschäftigung. Aber es ist eine der Auf Morphologie.dn Damit sind wir.

Stamm.SAGE 75 lich gegenwärtig geworden ist und sich so stark ausgeprägt hat. ursprünglich nicht Zugehöriges von sich aus umzuprägen. Bei der Sage deuten wirdie Geistesbeschäftigung mit den Kennworten Familie. daß sie im Stande war. Aus dieser Vergegenwärtigung können wir die formgebende Geistesbeschäftigung und ihre Gedankengänge ablesen und erfassen. . Blutsverwandtschaft an.

die Beteiligten werden hingerichtet.. Ich möchte an dieser Stelle das. Zwei Herzöge leiten nacheinander die Regierung. Meuchelmord. Aufruhr und Verrat bekämpft haben. zwei Frauen läßt er hinrichten. Ein Beispiel: Heinrich Tudor vereinigt durch seine Ehe mit Elisabeth von York die Ansprüche der beiden Häuser Lancaster und York. Einer der bekanntesten Konflikte aus dem Leben dieser Fürstin ist der Streit mit der Enkelin ihrer Tante Margarete.. der letzte von diesen verheiratet seinen eigenen Sohn mit einer Enkelin der zweiten Tochter Heinrichs VII. ist zehn Jahre alt. und versucht. was wir G e i s t e s b e s c h a f t i g u n g genannt haben. als sein Vater stirbt. mit der sie in Feindschaft gelebt hat. und einen Sohn. Eduard VI.. Heinrich.IV. die sich seit mehreren Jahrzehnten als „rote und weiße Rose" mit Bürgerkrieg. genauer betrachten. Statt ihrer wird eine Tochter aus der ersten Ehe Heinrichs VIII. einmal mit einem französischen Iönig. Er hat zwei Töchter. Königin. und besteigt den englischen Thron. Zweimal wird seine Ehe geschieden. Margarete und Maria. wo uns in einem Geschehen Familie. Als diese ohne Kinder stirbt. ihrerseits dreimal verheiratet war. der sein Nachfolger wird. Dieser Nachfolger. die. Heinrich VIII. Dieser Sohn. verheiratet sich sechsmal. Maria Stuart. Form Sage. ihre Nachfolgerin: Elisabeth. Der Versuch mißlingt. Maria die Grausame. einmal mit einem Vetter und einmal mit . wird ihre Schwester aus zweiter Ehe. Familien Familienkatastrophen vorliegen. die letzte Frau überlebt ihn. eine Frau stirbt bei der Geburt des einzigen Sohnes. Nicht überall. dieses Ehepaar auf den Thron zu bringen. als König Eduard mit sechszehn Jahren gestorben ist. durch ihre Ehe mit dem schottischen König selbst Königin von Schottland. bildet sich die-verhältnis.

wie sie ver" schlungener nicht denkbar sind. durch das Fenster wieder hereinlassen. noch Eduard VI. wenn wir behaupteten. der Protestantin. weil es nicht eingreift und sich auf die Seite des einen oder des anderen stellt als Teilnehmer an einem Familienstreit. Jahrhundert in Erscheinung tritt.. weil bei der Entfernung zwischen Maria. die sich in der Form Sage verwirklicht. sondern weil vielmehr die beiden Frauen als Vertreterinnen zweier sich widerstrebender Religionen aufgefaßt werden. die wir aus der Tür unserer Litteraturwissenschaft hinausgewiesen haben. des Stammes Tudor betrachten. noch von den Zeitgenossen als Sage erlebt. Familienverhältnisse. Elisabeth läßt Maria hinrichten. Es ist ebensowenig Sage wie in dem Märchen „Aschenbrödel" die gute Tochter aus erster Ehe und die böse Stiefmutter mit ihren zwei hochmütigen Töchtern eine Sage bilden. die durch Bande der Verwandtschaft gebunden sein sollten. wird Marias Sohn ihr Nachfolger. die zwei Schwestern trennen. sondern weil es das alles von staatlichen oder religiösen Überzeugungen aus deutet. noch Maria noch Elisabeth an erster Stelle als Nachkommen Heinrichs VII. und Elisabeth. weil weder bei der Hinrichtung der Jane Grey noch bei der Hinrichtung der Maria Stuart das Gefühl. was im Geschehen im Hause Tudor in England im 16. Familienverwicklungen. sich die Form Sage in irgendeiner Weise verwirklichte. daß in dem. wo sich Geschehen zu Form verdichtet hat und in der Geistesbeschäftigung von Stamm und Blutsverwandtschaft Sprache . ist eine Sprachgebärde. eine zum Stamme Gehörige getötet wird.SAGE 77 einem dritten Mann. Weshalb nicht? Weil sich weder Heinrich VIII. als Angehörige der Familie. der den zweiten umgebracht hatte. nicht miterlebt. Es wird weder von den Beteiligten als Sage gelebt. der Katholikin. daß hier eine Blutsverwandte. Als sie kinderlos stirbt. Daß der T h r o n erb 1 i c h ist . Weil endlich wiederum das englische Volk dies alles nicht beobachtet. Fehlt sie ganz und gar? Gewiß nicht. Katholizismus und Protestantismus nicht als Dinge gedeutet werden. sie zeigt den Punkt. Es fehlt die Geistesbeschäftigung. herrschend ist. Nichtsdestoweniger würden wir die Stoffgeschichte.

ihre Mitglieder Brüder und Schwestern. Die christliche Kirche bindet ihre Bekenner zu einer Gemeinde. Wie das deutsche Wort Sage von einer anderen Einstellung her angegriffen. sie nennt ihren Priester pater. Was in der Sage. sondern das Haus Tudor gehört zum Thron. die nur Blut und Blutsverwandtschaft kennt.) ist das ganze Volk der (riechen zu einer wichtigen Versammlung zusammengetreten. Beschlüsse von größter Bedeutung sollen gefaßt werden. England zu regieren. ein Ding. Wir sehen. Tod.e land regiert und ihre Mitglieder erblich berechtigt sind. ob das Unternehmen gegen . sie bringt eine andere Verwandtschaft. in der Familie bedeutsam war. daß die Islendinga saga dort aufhört. Erbe. und obwohl die Familie Tudor Eng--land. in dem die Macht eines Stammes sich vergegenständlicht und das nun von sich aus mit der Macht der Familie geladen wäre : dieser Thron verhält sich nicht zur Form Sage wie die Reliquie zur Form Legende. das führt die Kirche jedesmal durch ein Sakrament in eine andere Geistesbeschäftigung über und entreißt es somit der Sage. Aber in unserm Falle ist zwar der Thron erblich. sie übernimmt dabei sogar die Sprache der Sage. die Verwandtschaft von Mensch zu Mensch. Der Thron ist hier nicht ein Gegenstand. verdünnt. Im 2. die in einer geistlichen Gemeinschaft Leben aber sie zerstört mit ihrem Analogon die eigent--denfrats liche Form der Sage. einsetzt. -beschäftigun So ist es kein Zufall. sie holt die Sprachgebärde der Sage zu sich heran. die Form Sage ist schwerer zu fassen als die Form Legende. so geschieht es auch mit der Form. Ein Staatsbegriff oder ein nationales Bewußtsein verdrängt hier eine nach der Geistes Familie aufgebaute Welt. vereitelt wurde. das Reich Eng Staat England. Diesem Beispiel stelle ich nun ein anderes gegenüber. Geburt. Buch der Ilias (Vers 100 ff. ist England dennoch weder in den Augen der Engländer noch für die Tudors Familienbesitz.78 SAGE geworden ist. aber er ist nicht das Erbe. Der Thron gehört nicht zum Hause Tudor. Dieser Thron hier bedeutet England. der das Ansehen und die Würde einer Familie vertritt. Ehe. besser gesagt die christliche Kirche. wo das Christentum. Es ist darüber zu entscheiden.

Rache die Sprach -gebärdnSa. Erstens liegt hier die Kunstform Epos vor. wie der heilige Georg auf dem Altar steht. oder durch Pferd und Lanze. Wir haben gesehen. trifft sie. Pelops übergab es dem Völkerhirten Atreus. mit denen er den Drachen bekämpft hat . und Atreus überließ es sterbend dem lämmerreichen Thyestes. In diesem Stamm bedeutet es Herrschermacht innerhalb und außerhalb des Stammes. das uxe7tfeoy. solange sie ihn als angehörig betrachtet. Fehde. Hephaestos hatte es mit Kunst gebildet und er übergab es Zeus Kronion. von Onkel zu Neffe. ob es durchgeführt werden soll. mit dem er gemartert wurde. von Bruder zu Bruder. Nun erhebt sich der oberste Heerführer Agamemnon er der den Herrscherstab hält. bleibt der Räuber ihr angehörig. gestützt auf ein Attribut. in seiner himmlischen Gestalt Attribut wurde. wie das. zu einem Stamm.SAGE 79 Troja aufgegeben. Agamemnon spricht in diesem Augenblicke zu den übrigen Griechen. was in seiner Legende sprachliche Gebärde war. So steht Familie gegen Familie und zwischen ihnen ist Frauenraub. wir sehen den Herrscher in einem entscheidenden Moment. Agamemnon steht hier als Herrscher. Dann ist es zu den Menschen gekommen. nichts anderes als Sage sei. teilt sie sein Schicksal. die Verantwortung für seine Taten. aber da sie Familie ist. was wir Ilias nennen. und in diesem Stamm ist es wieder gewandert von Vater zu Sohn. Die Familie des Räubers hat diese Tat nicht gutgeheißen. Zeus übergab es Hermes. die eigene Gesetzlichkeit besitzt. der Träger des Szepters ist. weil seiner Familie ein Unrecht angetan wurde : die Frau seines Bruders ist geraubt worden. Zweitens ist innerhalb dieses Epos die Geistesbeschäftigung . weil die Götter seiner Familie Herrschertum verliehen haben und weil er selbst innerhalb dieser Familie das Haupt. kennbar durch das Rad. Hier sehen wir Ähnliches. Wir dürfen nun wieder nicht sagen. daß jenes Ganze. und Hermes übergab es dem rossebezwingenden Pelops. Thyestes gab es Agamemnon und mit ihm viele Inseln und die Herrschaft über ganz Argos. Dieses Szepter ist von Göttern hergestellt und bei den Göttern von Hand zu Hand gegangen.

und wie dann der Vater einen Fluch über seinen Stamm ausspricht. zu denen sich Sage verdichtet. Jede Person ist hier der E r b e . daß dieser Knäuel einmal entwirrt werden muß. wie die Pelopssöhne Atreus und Thyestes mit Hilfe ihrer Mutter Hippodameia einen natürlichen. vielfach verknoteten Sagenknäuel finden. blutsverwandt . die Einheiten. was in der Ilias in ganz schlichter Weise gegeben wird. Da hören wir. die Bundesgenossen. sehen wir sie in der einfachsten Weise gegenwärtig werden. Ich kann das. Wollten wir nun das. der sich jedesmal wieder anders vergegenwärtigt. das was vom Vatet stammt. so würden wir einen äußerst verschlungenen. wie sie verknüpft ist mit dem Szepter. fangen an sich national zu färben. aber der in seinen zahllosen Erscheinungen fast alles enthält. was S a g e überhaupt umfassen kann. wo wir sie gefaßt haben. so sehr ich überzeugt bin. Ich will nur Einiges herausgreifen. sehen wir. die Ilias ahnt schon Hellas gegen Asien. Hier erscheinen die Sprachgebärden. von Westen gegen Osten. jedes Ding kann in seiner gegenständlichen Bedeutsamkeit d a s E r b e sein. das von den Göttern stammt und unter den Menschen von Geschlecht zu Geschlecht sich vererbt. das uns Sage veranschaulicht. überwiegt noch. hier nicht tun. die Sage von Atreus und den Atriden. und an vielen Stellen beherrscht sie den Gedankengang entscheidend. unebenbürtigen Sohn ihres Vaters ermorden und seinen Leichnam in einen Brunnen werfen. wie in dem Geschlecht des Pelops unter den Atriden sich im Stamme die Macht vererbt. Bastard.80 SAGE der Sage leicht abgewandelt wir finden hier schon etwas vom Volke . die Sage des Pelopsgeschlechtes. Noch einmal: diese neun Verse bilden für uns die G e g e n w ä r t i g e F o r m einer S a g e schlechthin und wir erkennen an ihr die Einfache Form als solche. Aber die Sage bleibt noch mächtig. der bis in die spätesten Geschlechter wirksam bleibt. es liegt in der Ilias bereits etwas von Griechen gegen Trojaner. die sich ursprünglich den Familien nur als Familien angeschlossen haben. Hier an der Stelle. weiter in der griechischen Welt in Einzelheiten verfolgen. Sie heißen einerseits u n e h e 1 i c h e s K i n d. Kegel. der Fremdkörper innerhalb der Familie.

die versucht haben. Später heißt es in einer Verdichtung. hier so. die sich jedesmal wandeln. das Zerstreute irgendwie zu einigen und in Zusammenhang zu bringen. vergleichbar mit den Wundern des Heiligen nach seinem Tode. über Frauen. ander=erseits F 1 u c h . Wir hören weiter. braucht uns hier nicht zu kümmern. die jedesmal ein Stück. Einfache Formen 6 .SAGE 81 ist und doch nicht zur Familie gehört. Und endlich zeugt Thyestes mit seiner eigenen Tochter einen Sohn. überall in Einzelheiten voneinander abweichen. die unsern Sammlern vergleichbar sind. aus Glossen und Scholien. worin sich Haß und Widerwillen gegen den eigenen Stamm vergegenständlichen. aus Schriftstellern. Wir lesen in der Ilias (II. Diese Beispiele bezwecken nur. E h e b r u h greift in die Familie ein. . der später den Sohn des Atreus mit Hilfe von dessen Gattin umbringen wird. den er selber durch einen Herold von seiner Flucht zurückgerufen hat. gesteigert zum Zwang. über Besitz. daß einer der Brüder e i n g o 1 d e n e s L a m m bekam. 106) von dem aoívaQvt Ovar dem schafreichen Thyestes. die Welt der Sage in ihrer äußersten Durchführung zu zeigen. dort etwas anders erscheinen? Zunächst aus kurzen Erwähnungen. B 1 u t s c h a n d e in der Familie unentwirrbare Verknotung des Stammnetzes. das. inwieweit wir mit diesen letzten wildesten Zügen in eine sehr späte oder in eine sehr frühe Verwirklichung der Sage hineingeraten sind. aus Randbemerkungen. die Familie sprengt. c Die Frage. als Speise VOL'. einen Ausschnitt ergreifen und dieses Stück an und für sich in einer Kunstform J o l l e s. über die Herrschaft. aber hier ein Erbe. Endlich aus Kunstwerken. Der andere Bruder verführt nun seine Schwägerin und stiehlt mit ihrer Hilfe das Lamm. mit dem die Herrschaft verbunden war. das sich selbst vererbt. Woher kennen wir diese Geschichten. daß die Brüder miteinander in Streit geraten. dann aus späteren Historikern. Weiter : Atreus ermordet aus Rache die Söhne des Thyestes und setzt sie dem Bruder Thyestes. Nach dem gräßlichen Mahle werden dem Vater die Hände und Füße gezeigt: Verwandtenmord. das was wiederum Macht hat in der Familie über das Leben der Person hinaus. sein eigenes Blut zu verschlingen.

nur als Einfache Form war sie unveränderlich.82 SAGE einmalig verwirklichen. Und eine Welt. daß sie überall bekannt war. von ihrer inneren Form aus blieb sie beständig. aber daß sie nirgends so wie auf Island im 11. Deshalb blieb sie vielgestaltig. Verwandtentreue und Verwandtenhaß. von Familienbesitz und Familienfehde. wie Besitz Eigentum des Einzelnen ist. erzählte man sie zu einer Zeit und an dem einen Orte anders als später oder anderswo. das die Schicksale der Nachkommen des Pelops im Zusammenhange darstellt. daß sie von Mund zu Mund in der griechischen Welt und wohl schon früher fortkroch. Nur von ihrem inneren Bau. Mut und Feigheit ebensowenig Eigenschaft des Einzelnen sind. eine Welt der Erblichkeit. Blutsverwandtschaft baute sie aus einem Stammbaum eine Welt. sondern wo alles nur von der Familie aus gilt. nur als Sage erhielt sie sich. von Blutrache und Blutschande.. daß sie ich bleibe in unserer Terminologie den Übergang von S a g e zu S a g a nicht fand. wo das Schicksal der Personen immer wieder auf den Stamm zurückfällt. wechselte ihre äußere Form von Fall zu Fall. in der Gut und Böse. . von Frauenraub und Ehebruch. von Vätern und Söhnen und Brüdern und Schwestern. Stamm. Hervorgegangen aus der Geistesbeschäftigung mit Familie. Was beweist das? Daß auch hier die Sage mündlich überliefert wurde. Nirgends aber ist das Ganze der Sage dieses Stammes als Einheit zutage getreten. Wir besitzen wiederum kein Epos. eine Welt von Ahnenstolz und Vaterfluch. deshalb ließ sie sich nicht in einer bestimmten Weise schriftlich fixieren. die sich in hundert schillernden Spielarten gleichblieb. Jahrhundert in festgefügter Erzählung gegenwärtig wurde.

Sie heißen nun nicht mehr Sage. daß diese Sagen im Gegensatze zur Sage von Atreus und Thyestes einmal ihre letzte. alles klar gestaltet. sämtliche anderen seien „spätere" Abwandlungen von dieser Einen. das heißt wenn wir aus den zahllosen „Varianten". so wäre es doch sehr gefährlich. wogend und auch in ihren Vergegenwärtigungen noch wandelbar und veränderlich gewesen ist. in denen sie jedesmal gegenwärtig geworden ist. vielgestaltig. sondern sie heißen Epos. wenn wir nach der Methode der Stoff Beschichte versuchten. was sich bei einem Teil der Germanen zugetragen hat. die durch eigene Mittel mit eigenen Gesetzen alles umreißt. endgültige Prägung bekommen haben. daß einmal die Sage als Einfache Form beweglich. in dieser Kunstform. Bei der Atridensage liegt diese Gefahr nicht vor. Und in diesem Epos. daß sie nicht ehedem eine einheitliche Geschichte war. daß wir uns bei unsrer Ergriffenheit von der neuen Form schlechterdings nicht vorstellen können. Wir glauben es ihr nicht. oder gar meinen. aber bei anderen griechischen Sagen und vor allem bei unsern deutschen Sagen hören die Versuche in dieser Richtung nicht auf. durch das. die bestimmte Vorgänge in einer bestimmten Weise darstellte. Wenn dies alles so ist. was auf Island im 10. Jahr- . In diesem Unglauben werden wir in Deutschland noch bestärkt durch das. und 11. als sie einmalig von einer Kunstform erfaßt wurden. eine einzige ableiten und sogar wieder herstellen wollten und dann behaupten. alles verendgültigt. zu einem sogenannten „Urtypus" der Atridensage durchzudringen. wir könnten in dieser Weise dieselbe „Erzählung" in ihren verschiedenen „Entwicklungsstufen" bes obachten.V. hat auch die Sage einen so sicheren Umriß bekommen. Das kommt daher.

mit unserer künstlichen Saga die Sage vergewaltigen und daß wir uns mit jedem dieser Gebäude den Weg zum Begriff verbauen. und wiederum. die verschwunden und nirgends zu finden ist. müssen wir auch wissen. wie S a g e im Epos wirksam wird. Dort hat sich S a g e in mündlicher Überlieferung stetig. Stamm. wie diese Sag a. müssen wir wissen. Wenn wir der Meinung sind. sondern was S a g e b e d e u t e t. so haben wir nicht an erster Stelle zu fragen. wird es auch bei den übrigen Germanen so gewesen sein. von unserem Unglauben andererseits aus fangen wir nun an der Sage wissenschaftlich ins Handwerk zu pfuschen. ja herstellen zu müssen. so schließen wir. welche Gegen welche S a g a nun wohl im Nib e l u n g e n Ii e d-wärtigeFom. ununterbrochen. aber die es nach unserer Überzeugung gegeben haben muß und die wir glauben in irgendeiner Weise wiederherstellen zu können. das heißt. Und von dieser Ergriffenheit im Epos einerseits. daß in Werken der Kunstform Epos manchmal die Einfache Form Sage wirksam ist. lückenlos zur S a g a herausgebildet: zur I s 1 e n d i n g a s a g a. die zwar fehlt. zu der eigengesetzlichen Kunstform verhält und wie . ehe das Epos von ihr Besitz ergriff. daß wir das Veränderliche in seinen Ver beobachten. um zu begreifen. die sich aus der Geistesbeschäftigung: Familie. in ihrer Gegenwärtigkeit ausgesehen haben kann. Blutsverwandtschaft ergibt. N i c h t w i e eine Saga ausgesehen haben kann.84 SAGE hundert geschehen ist. was in ihr beharrlich ist. von dem. Dort konnte sie mühelos schriftlich niedergelegt werden. Deshalb. indem wir selber sie durch eine Hypothese vergegenwärtigen. sondern daß wir aus dem Vergleich-änderug des Veränderlichen mit dem. die Bedeutung des Beharrlichen erschließen. Dort hat die Sage mit ihrer Form andere Stoffe ergriffen. daß wir mit unseren selbstgezimmerten-keit Gegenwärtigen Formen die Urform. Der Weg dazu ist nicht. indem wir von ihrer inneren Beschaffenheit. sondern wir haben zu allererst zu fragen. oder in der I 1 i a s zu finden ist. Ich sage noch einmal: darin liegt die große Gefahr die Wahrscheinlich ist sehr groß. schließen auf eine Gegenwärtige Form. was beharrt. wie sich die Einfache Form.

Wir können hier hinzufügen. sondern es sind wandernde Stämme. Sieg eines Volkes wird mit einer Sprachgebärde verdichtet zum Sieg des Familienhauptes. Viel von dem. was wir Vö 1 k e r w a n d e r u n g nennen. Und so wird hier alles Geschehen S a g e : Untergang eines Volkes heißt Untergang der Familie. schafft. Aber auch die Hunnen sind es. sie bilden Etzels Stamm. deutet. daß sich die Wandernden begegnen. die sich als ein als Familien fühlen und in denen die einzelnen Familien-zeln. Gibichungen. daß hier vieles gegenwärtig wird. sei es. In Etzel ist nichts von dem nationalen Feind der Germanen oder von dem flagellum Dei er ist Ehemann.Hr lungen. Wie in diesem Erleben Sprache erzeugt. wie im Nibelungen ist alles Familie. vollzieht sich im Sinne dieser Geistesbeschäftigung es ist keine durch imitatio im Ganzen und in jedem Einzelnen gerichtete Bewegung. er ist durch sein Eheweib an den Zwist einer andern Familie gebunden. Nirgends sind die Leidenschaften und die Schicksale einer Familie so unentwirrbar und so sprechend. und auch das Zusammenprallen zweier Völker. in dem 6 . daß ein anderer. Burgunden sind Familien. sie bilden kein feindliches Volk. Walisungen. gegenwärtige Prägung bekommt. Nibe--lied. daß sie mit Seßhaften zusammenstoßen. wie ein Teil der großen Bewegungen der abendländischen Völker sich selbst in der Geistesbeschäftigung der imitatio begreift. sondern als Sage erhalten. früherer Teil jener Bewegung in der gleichen Weise mit dem Begriff S a g e verknüpft ist. kann immer wieder nur in dieser Weise gedacht werden. er ist Familienhaupt. wiederum das sind. sei es nun. Diese bewegliche Vielfältigkeit ist im Epos wiedergekehrt so wie im Epos immer etwas früher Geschehenes wiederkehrt. aber sich als Gegenwärtiges in dem Getümmel und Gewimmel nicht so ausgestaltet.85 SAGE sie in dieser Kunstform ihre neue. oder er ist lüstern nach dem Schatz. Sie ist in ihm nicht als Saga. ist klar ebenso aber. wie das bei der gemächlichen Besiedlung Islands von Norwegen aus der Fall sein konnte. Wir haben bei der Legende gesehen. eigene. wie die Kreuzzüge im Zeichen der L e g e n d e stehen. was den Stamm zusammenhält. des Sagenhelden.

Und wiederum trifft hier alles zusammen. Blutrache.86 SAGE sich Familienbesitz vergegenständlicht. fast in das Komische. was zur Familie gehört : Besitz und Fehde. geschweige denn wiederherstelibaren germanischen Saga gewachsen. und so können wir es unterscheiden in seiner Geistesbeschäftigung von seinem romanischen Nebenbuhler. wo das alles fehlt. wo es sein muß. löst es sich. . So liegt das Nibelungenlied vor uns: viel mehr aus germanischer Sage als aus einer bestimmbaren. Eifersucht. wo es ersetzt ist von der Geistesbeschäftigung der Legende. aber auf einer anderen Geistesbeschäftigung gewachsen. Brudertreue. Verwandtenmord. Das Epos der Völkerwanderung neben dem Epos der Kreuzzüge als Kunstform ebenbürtig. vom Rolandslied. Frauen Beischlaf steigert es sich ins Ungeheure.-zank.

Erben und der Besitz ist das Erbe. die im Kanon des Alten Testamentes erhalten ist. Ich möchte. Eifersucht und alles. aus der sich die Patriarchen und ihre Nachkommen ergeben. daß er wie etwas Greifbares geraubt wird. Der Gott ist hier ein Gott der Väter. eine Geschichte der Sage zu geben. Ich verweise nur einerseits auf die Ereignisse aus der Sage der Erzväter. die einem Vater auferlegt werden kann. Auch hier sind alle Personen die. der Geistesbeschäftigung. was dazu gehört. in denen sich die Sage verdichtet hat. Wir finden wieder bei einer Vergleichbarkeit des Stoffes eine völlige Unvergleichbar Geisteseinstellung. und wo wiederum ein ganzes Volk als Familie begriffen wird und sich begreift. möchte ich nur kurz einen dritten Punkt anweisen. Und wiederum kehren Brudertreue und Bruderzwist. Isaak und Jakob. zugleich als Erleben der Personen. für den er nicht bestimmt war. Die schwerste Probe. ist das Opfer seines Sohnes und in ihm seiner Familie. Wir lesen in einer Überlieferung. ein Gott von Abraham. daß die Form. Hier . daß er sich auswirkt in dem Geschlechte dessen. wie die Israeliten sich als die nach Gottes Befehl sich schnell vermehrende Familie Abrahams darstellen und wie zwölf Stämme auf ebensoviele Brüder zurückgeführt werden. was sich in dem Hause Davids begibt und was im 2. Samuelis und 1. und wir-keitdr sehen. Könige erzählt wird. Der Segen des Vaters ist hier so gegenständlich. und als Sprachgebärden zurück. auf die israelitische Sage nicht weiter eingehen. so mit Macht geladen. Familienhader. der Helden. Nachdem wir die Sage bei den Germanen und den Griechen beobachtet haben. wo sich Sage in besonderer Weise verdichtet hat. in der Königssöhne zu Davids Zeit. der Patriarchen und andererseits auf das. lebten und erlebt wurden. da ich auch hier nicht beabsichtige.♦1. eine andere ist als die Form.

Die Sage wurde von den Dorern aus umgedeutet. Nur. der Sage feindlich ist. Andererseits haben wir gesehen. Wohl aber möchte ich wiederum wie bei der Legende die Frage berühren. die das Christentum bildete. hat Knut Liestel nachgewiesen (Norske Aettesogor. daß hier die Verdichtung geringer ist. hing sie mit einer Völker zusammen. sich aus der Geistes beschäftigung Familie zu bilden. daß die Sprache hier weniger mächtig eingreifen konnte. die Königsfrage vom Staate Israel aus gedeutet. Es muß die Zeit der dorischen Wanderung gewesen sein. Kristiania 1922). daß etwas. in der die Atridensage sich bildete ja es scheint sogar. da in ihm alle Menschen Brüder wurden. das älter war als die Wanderer selbst und das von den Wanderern in bestimmter Weise aufgenommen wurde. die gelebt wird werden nicht auch bei ihnen Besitz und Handeln und Recht und Geschehen nach den Begriffen Familie. Und in größerem Umfange? An einem Punkte hatte das Christentum. bei denen-bewgun wir sie fanden. Daß im Norden die Saga nicht aufgehört hat. daß alles abgeblaßt ist und daß die große Gebärde hier in doppeltem Sinne fehlt. Wo wir sie bis jetzt gefaßt haben. so wie das. verschlechtert. in der Litteratur liegt sie noch heute in der Bauernerzählung vor. die Legende ausschaltete. wird diese Sage kennen . ob und wie weit die Sage jetzt noch wirksam ist. Aber ist es bei unseren Bauern nicht auch noch Sage. Sehen wir uns in unserer eigenen Umgebung um. Stamm. so sehr es.88 SAGE wird die Familiengeschichte. Es waren wandernde Semiten. und wandernde oder übersiedelnde Germanen. die Sage in ihrem Wesen bekämpfte. doch wiederum Sage in sich aufnehmen müssen in dem Begriff der Erbsünde. als ob die griechische Sage hier etwas faßt. auf Böses zurückgeführt wir haben einen ähnlichen Vorgang wie bei der Bildung der Antilegende vor uns. Blutsverwandtschaft begriffen und gewertet? Wer mit dem Lande vertraut ist. vererbte . In der großen Gemeinschaft. was ich sehr im allgemeinen einmal Staatenbildung oder Stáatsbegriff nennen will. was wir ebenfalls sehr allgemein Reformation nannten.

band. und so sehr man später versuchte. Damit wurde die Natur Sage wurde alles Lebende zu Stammbäumen. unmittelbar in Verbindung bringen mit dem Begriff der Erblichkeit. Es ist die Großerzählung in Prosa. in erblicher Belastung. Erblichkeit wurde die Grundlage eines natürlichen Systems. richtig gesehen. Deszendenzlehre und es war wie ein Opfer. und was nur in bestimmtem Sinne dadurch aufgehoben wurde. dargestellt hat und für die Wissenschaft ein Ausgangspunkt verschiedenartigster Untersuchungen wurde. auf seine Verwandtschaft hin untersucht. in denen sich die Form verdichtet hatte und in denen sie sich erhielt. Wiederum zeigte sich die Folge dieser Geistesbeschäftigung in Kunstformen. So sehr eine andere Geistesbeschäftigung sich bemühte. und sowohl in der vererbten Sünde selbst. das diese Wissenschaft sich selber brachte. nicht zur Familie Gehörigen.SAGE 89 sich doch wieder Etwas Etwas was in den ersten Eltern. wurde nach seiner Verwandtschaft gedeutet in der Sprache der Verwandtschaftsbegriffe. wie der Vaterfluch in einem Stamm. daß des Menschen nächster Verwandter der Affe sei. wie in dem erlösenden Gottessohn lagen Sprachgebärden. Naturlehre wurde Abstammungs-. die von dieser Sage Besitz ergreift. Jahrhundert in Erblichkeit von Eigenschaften. so wie er sich im 19. kurz in allem. als sie in voller Hingegebenheit an diese Grundlage die Schlußfolgerung zog. zu einem Stammbaum zurückgebracht. wenn wir diesen Begriff der Erbsünde. entstanden war. Erblichkeit von Krankheiten aller Art. das man nach einem hervorragenden Vertreter Darwinismus zu nennen gewohnt ist. Wie sehr hat man sich bemüht. daß die Gottheit selbst sich wie in einer Sage spaltete in Vater und Sohn. glaube ich. daß Zola seinen . Es ist. die Einheit dieses Paares durchzuführen. indem sie sie in einem Dritten. was wir Heredität nennen. was sich vergegenständlicht hatte. die diese Begriffe von Erblichkeit und Abstammung erfaßt. diese Erblichkeit in allen Einzelheiten zu beobachten und selbst zu berechnen. in den ältesten Ahnen. Ich erinnere nur daran. was von Geschlecht zu Geschlecht Macht besaß. wie es jüngst in einer Doktorarbeit geschehen ist. die Mutter auszuschalten es blieb in diesem Verhältnis die Sage wirksam.

aber in dem. Als du hereinkamst. wenn ihr Unglück droht oder in den segur die Fylgjen.mit wenigen Ausnahmen meistens weniger sicher. Nun glaube ich. du aber warst zu rasch und stolpertest über ihn. weil. solche P e rs o n e n sind außer dem Stammeshelden und seinen Anverwandten auch noch die gespenstige Ahnfrau. Immerhin. daß sie deshalb schwerer festzulegen ist. . ihre Ausdrucksweise leichter disqualifiziert. Und weil sie im Wesen schüchterner so ist. bei ihrer Vergegenwärtigung --. führt im Grunde jede Person der Sage bei sich. der Schatz der Familie. die das Erbe bedeuten. was du nicht sahest. wo sich sein eigener Großvater befindet er stolpert und der Großvater lacht und sagt : ich sah. wird. der sie tingesehen begleitet. in einer anderen Familie erzogen. Ein Knabe wird ausgesetzt. Unbekannt tritt er in ein Zimmer. um es noch einmal zu sagen. wie wir gesehen haben. . weil sie sich enger in ihrer Geistesbeschäftigung verschließt. weniger ausgeprägt ist als die Legende. und in ihren Gegenständen. sowohl in ihrer sprachlichen Form wie in ihren Personen. dieser die Zugehörigkeit zum Stamme erkennt. Andere Beispiele anzuführen erübrigt sich. die hier Erben. und daß Galsworthy bei seinem Zyklus dem englischen Sprachgebrauch gemäß und keineswegs in „incorrect use" auf die Islendinga saga zurückgegriffen hat und sein Werk F o r s y t e. klar und leuchtend. Solche G e g e n s t ä n d e sind der Hof des Geschlechts. daß du nicht der Sohn Krumms bist. Ich bin mit der Sage zu Ende. sondern edleren Geschlechts. aber als er mich sah. das Verhältnis von Sage zu Saga nicht in jeder Hinsicht dem Verhältnis von Legende zu Vita ent Auch ihre Sprachgebärde ist weniger verdichtet. das Schwert des Vaters. als Einfache Form steht sie vor uns.M a c q u a r t: Histoire naturelle et sociale d'une famille sous le second Empire nennt. lief ein judger Eisbär vor dir her.S a g a nennt. Eine solche Fylgja. Wir haben gesehen. sobald sich ein Verwandter naht.90 SAGE Romanzyklus Les R o u g o n. nicht-spricht. blieb er stehen. einen jungen Eisbären. die die ganze Familie vertritt und sich zeigt.

In dem philosophischen Wörterbuch wird nun der Mythus noch von . aber auch eine eigenartige Logik enthält. liegt die primitive Weltanschauung. die auch den M-Band des Grimmschen Wörterbuches bearbeiteten. p-u og umgebildet. Demgegenüber finden wir in der 2. daß die Verhältnisse hier noch verwickelter sind als bei der S a g e.. so sehen wir. geändert. auf-denRligo „personifizierender Apperzeption" und „Introjektion" (s. der ein Produkt der Phantasie ist. anthropomorphe. Sie schreiben: „Mythe .) beruhende Lebens. f. Rede. Im Mythus. zum Teil aber im Gegensatz des erstarkenden begriff Denkens hervorragender Persönlichkeiten zur phantasie--lichen voll .und Naturauffassung. das geschlecht nach sage. Auflage von Eislers Handwörterbuch der Philosophie folgendes: „Mythus (u.. erzählung u. aus dem griech.anthropomorphen Auffassung desselben. gleichsam die „Protophilosophie" vor . phantasiemäßige.MYTHE I.9os. Die Seminarschüler. ähnl. d." Dann ein magerer Beleg aus Uhland das ist alles. unbeglaubigte Erzählung. haben sich Wissenschaft und Philosophie entwickelt . fabel. Auf der einen Seite wird in dem Grimmschen Wörterbuch durch die einfache Gleichung: Mythe = Sage -= unbeglaubigte Erzählung Mythe vom Historischen aus entwertet. geschichte. einen Bestandteil der auf bestimmter Entwicklungsstufe stehen bildende. Sage. vermutlich Eile nach Hause zu kommen." Vergleichen wir die zwei miteinander. Naturdeutung. überlieferte Erzählung) ist die. hatten. aus dem Mythus. als sie endlich bei „my" angelangt waren.

Wir werden Gelegenheit haben. Indessen möchte ich und wäre es nur. Ohne solche mythische Unterlage läßt sich die Sage nicht fassen. sondern zur Vorstufe der Philosophie. über unsere Formen gesagt wird. unberührten Grund haben. unentwickelt. Jedenfalls aber wird M y t h u s von diesem „primitiv" aus wiederum zur Vorstufe gemacht. der sich in neuerer Zeit mit einer der Quellen. wie er von Volk zu Volk in unendlicher Abstufung wurzelt: ein viel allgemeineres. unstäteres Element als das Historische. so heißt es in dem ersten Satz. Dann heißt es im zweiten Satz. der sie zu einer Vorstufe. die auch Grimm benutzt mit Saxo Grammaticus eingehend beschäftigt hat. aber an Umfang gewinnend was ihm an Festigkeit abgeht. diesen Gegner kennenzulernen. dieses Mal nicht zur Vorstufe der Historie. aber auch ihren gesonderten. die zugleich erste Einleitung ist. „Sage und Geschichte sind jedwedes eine eigne Macht. darf ich.92 MYTHE einer anderen Seite angegriffen und wiederum in -seiner Selbständigkeit nicht ganz anerkannt. Mythus . was in Wörterbüchern gesagt werden kann. einfach. So besitzt M y t h e außer „Historie" noch einen zweiten Feind. eine Naturdeutung. h. was es nach Eislers Handwörterbuch (siehe unter primitiv) doch alles bedeuten kann. 1835 widmete Jacob Grimm seine D e u t s c h e M y t h o I o g i e dem Historiker Friédrich Christoph Dahimann. d. zu einem frühen Glied in einer auf Höheres gerichteten Entwicklung macht. dem ersten. ist eine Lebens. um uns von den Wörterbüchern zu erholen noch ein drittes Zitat hinzufügen.und Naturauffassung. als Ganzes nicht vorenthalten. ob „primitiv" hier ursprünglich. oder niedrig stehend heißen soll. Was in dieser Widmung. daß im M y t h u s eine „primitive" Weltanschauung vorliege wobei nicht gesagt wird. Alle r Sage Grund ist nun Mythus. Aber Mythus bildet nur einen Bestandteil der Religion auf einer bestimmten Entwicklungsstufe und kann nur als solche verstanden werden. deren Gebiete auf der Grenze in einander sich verlaufen. da es tiefer geht als das. Götterglaube. zur „Protophilosophie" allerdings sollen sich Wissenschaft und Philosophie aus ihm „entwickelt" haben. so wenig . der ihr Eigenheit abspricht.

sondern ist überall neu und frisch. Treffend gesagt haben Sie : [gemeint ist Dahlmann in der betreffenden Abhandlung] so sehr unterliegt die Geschichte. wo der Mythus geschwächt ist und zerrinnen will. die besagen. wie die verfälschte Geschichte weichen muß einer weit größeren Macht der wahren . in der Art. deren Trug vor dem Auge der Critik nicht zuletzt schwände. oder falls die Sage sich ihrer bemächtigt zwar erhalten. als ein Duft. Denn zubereitet nennen dürfen wir nicht was durch eine stillthätige. und sich vermählen. der dazwischen glänzt. Es gibt doch nur wenig ersonnene Sagen. keine. die sie nicht allen Völkern erweist. der Gefahr im Gedächtnisse der Menschen ganz zu verschwinden. Die Verwandlung.. daß Sage wie ein Schein . da wird ihm die Geschichte zur Stütze. aber zugleich in dem Grade verwandelt zu werden. von seinem Stil. der sich an sie setzt. welche kein Fleiß der Gleichzeitigen aufzeichnet. wie die härteste Frucht in die weichste.. Niemals wiederholt sich die Geschichte. den Übergang räume ich ein. Festes Schrittes ani irdischen Boden wandelt die Geschichte.MYTHE 93 als ohne geschehne Dinge die Geschichte. schwebt über ihnen die Sage als ein Schein. von seiner Anschauungsweise. die geflügelte Sage erhebt sich und senkt sich : ihr weilendes Niederlassen ist eine Gunst. die herbeste in die süßeste durch Kunst der Zubereitung fast willkürlich übergeht. Wo ferne Ereignisse verloren gegangen wären im Dunkel der Zeit. nicht die Zubereitung. dann schlägt das Epos ein Gerüste auf und webt seine Faden. wie jede einzeln auftritt und sich hervortut." Wie weit sind wir in diesem Abschnitt von der verflachten Sprache der Wörterbücher entfernt ! Er ist ein vortreffliches Beispiel von Jacob Grimms Sprache. Wir sehen sie vor uns: S a g e und G e s c h i c h t e in ihrem verschiedenen Charakter. unbewust wirksame Kraft umgesetzt und verändert wurde. was nun eigentlich S a g e heißt und wie sie sich genau zur G e s c h i c h t e verhält? Haben wir aus diesen schönen Bildern. Während die Geschichte durch Thaten der Menschen hervorgebracht wird.. unaufhörlich wiedergeboren wird die Sage. Und dennoch ist es recht klar geworden. da bindet sich die Sage mit ihnen und weiß einen Theil davon zu hegen. Wenn aber Mythus und Geschichte inniger zusammen treffen.

seinen „ g e s o n d e r t e n . daß es mir in irgendeiner Weise an Ehrfurcht vor den Gedanken Jacob Grimms mangelt. Ich habe gerade diesen Abschnitt gezeigt. um zu beweisen. ich verspüre eine brennende Neugierde nach der Zusammensetzung dieses Webstuhls : ich muß wissen. Ich weiß auch. Braut und Bräutigam sehr viel näher kennenzulernen." Dürfen wir nun schließen. Sind nun Mythus und Sage hier nicht mehr begrifflich unterscheidbar? Ist Mythus gleich Sage? Mythus und Geschichte vermählen sich. daß nun Mythus der Geschichte zur Stütze wird. Einzelheiten zu bestimmen.94 MYTHE glänzt und sich wie ein Duft an etwas setzt. Geschichte und Epos sollten hier nicht ganz und nicht scharf getrennt werden. Bleiben wir bei den Bildern ich habe meinerseits hier das dringende Bedürfnis. wie er selbst sagt. in der man die Elemente nur ahnte. was je in der Volksseele geschehen war oder geschehen konnte und daß es ihm hier in diesem Vorwort nicht so sehr darauf ankam. sondern daß er eine Gesamtheit geben wollte. wie sehr dem Zögling des deutschen Idealismus Sprache und Dich ein großes gemeinsames Geschehen in der Volksseele be--tung deuteten. und wo sie sich vermählen. wie das nun vor sich geht? Oder wie sich Sage mit fernen Ereignissen bindet? Und weiter verstehen wir. die . sei es von der Philosophie aus. ehe ich ihnen zu ihrer Ehe gratuliere . plötzlich das Wort M y t h u s eingesetzt und gesagt. was Mythus hier bedeutet? Mythus ist a 11 e r Sage Grund. sei es nun von der Historie. begriffen. unbewußt wirksamen Kraft". wo wir das Wort S a g e erwarten würden. schlägt Epos ein Gerüste auf und webt. wie er von Volk zu Volk in unendlicher Abstufung wurzelt. daß Mythus immer Götterglauben bedeute? Und weiterhin wird an einer Stelle. unberührten Grund " hat. daß bei ihm jeder Begriff eine eigene Macht und. ja das Größte. bei ihm nicht vorliegt. Mythus. daß jeder Götterglaube Mythus sei oder auch nur. und Mythus heißt selber : „Götterglaube. Man glaube nur eins nicht : man glaube nicht. Sage. daß eine dünkelhafte Verschiebung der Bedeutung. sie sollten zusammen Vertreter und Vertreterinnen sein jener „stilltätigen. wie Schuß und Kette hier beschaffen sind.

ist kein Grund. Daß ich aber das alles weiß. was Jacob Grimm bildhaft andeutete. die Sonderung durchzuführen. Im Gegenteil wenn wir wirklich überzeugt sind. 95 gerade für Jacob Grimm „himmelweit etwas anderes als die Kraft eines späten Dichters. dabei stehen zu bleiben. unberührten Grund" haben. Trotzdem es muß auch hier möglich sein. . verhehle ich mir nicht. so ist es unsere Aufgabe. daß jene Begriffe ihren „gesonderten. es muß möglich sein. dem Wesen nach genau zu bestimmen.MYTHE . die Gründe abzustecken. und wäre er der stärkste" bedeutete. das. bis zur Form durchzudringen. Wir haben das bei der Legende und bei der Sage versucht daß es bei der Mythe schwieriger sein wird.

Und sie sollen dienen als Leuchten an der Veste des Himmels. und 11. unsre Untersuchung dort anzusetzen. und die kleine Leuchte. die M y t h e oder den M y t h o s so deutlich und so vereinzelt herausfühlen. Jahr uns gaben das fehlt uns bei der Mythe. Ich wähle dazu einige Sätze aus Genesis. Heroengeschichten. Und Gott setzte sie an die Veste des Himmels. „Da sprach Gott : Es sollen Leuchten entstehen an der Veste des Himmels. um die Erde zu beleuchten. keine Erzählung oder . Und Gott sah. Was die katholische Legende des abendländischen Mittelalters und was die isländische Saga des 10. was man als M y t ho l o g i e zusammenzufassen gewohnt ist. Da machte Gott die beiden großen Leuchten: die große Leuchte. um den Tag und die Nacht voneinander zu trennen. damit sie bei Nacht die Herrschaft führe. Und es geschah so. und sie sollen dienen zu Merkzeichen und (zur Bestimmung von) Zeiträumen und Tagen und Jahren. wo wir aus dem Gewirr von Götterlehre." Was haben wir hier vor uns? Schon in der Übersetzung hören wir. damit sie bei Tage die Herrschaft führe. dazu die Sterne. daß wir sozusagen gezwungen werden. Jenseits.und Weltuntergangsvorstellungen kurz aus alledem.II. und Wir gehen von einem verworrenen Gesamtbild aus müssen versuchen zu sichten. daß hier keine reine Aussage. Wir reden-hunderts von griechischer und von germanischer Mythologie. von Verwandlungen. daß es gut war. Schöpfungserzählungen. Deshalb möchte ich hier gleich mit einem Beispiel beginnen. damit sie die Erde beleuchteten und über den Tag und über die Nacht herrschten und das Licht und die Finsternis voneinander trennten. von Mythen der Inder und von Mythen der Naturvölker aber mir ist kein Punkt bekannt.

daß er suchend und tastend in sie hineindringen. daß er sie schüchtern und zögernd beobachtet. werden meine Bundesgenossen mir treu sein? -oder: wie steht. seine Mittel ergiebiger.-getilwar? Diese Antwort ist so. Und er bekommt A n t w o r t . ehe die Welt von ihnen beleuchtet wurde. klingt etwas wie ein Zwiegespräch. ihr Wort tritt ihm entgegen. wie auch fordern bedeutet. Schauen wurde Staunen. Es ist etwas-gestz vorangegangen. diese Antwort ist entscheidend. meine Freunde zu bestechen? Hoffnungen. so. Er kann sich die Frage nach altert Seiten überlegen: genügen meine Streitkräfte. .10 I I p s. man könnte sagen : beruhigenden Art. daß keine weitere Frage gestellt werden kann. die Welt dem Menschen gegenüber und er f r a g t. Die Welt und ihre Erscheinungen geben sich ihm bekannt. reichen meine Geldmittel aus. man hat gesehen. daß er sie von sich aus erkennen will der Mensch steht der Welt. wie am Tage die Sonne. das heißt. der irn Zweifel ist. daß im Augenblicke. waren viele Fragen.diWl Sonne und Mond. es um meinen Gegner. Ich erinnere daran. die Frage erlischt . wie-stehn. und ihren Erscheinungen. Aber das heißt nicht. Bedenken. Fint. sie ist bündig. ehe Tag und Nacht getrennt. Man hat den festen Himmel geschaut. Staunen Fragen. Der Mensch will die Welt ver als Ganzes und in ihren Erscheinungen. er bekommt ihr Widerwort. Was heißen diese Lichter des Tages und der Nacht? Was bedeuten sie uns in der Zeit und den Zeiträumen? Wer hat sie dahin gestellt? Wie war es. ob er einen Krieg anfangen soll. daß f r a g e n von der germanischen Wurzel fré11 sowohl b e g e ll r e n. in der Nacht der Mond ihn stätig wiederkehrend beleuchten. die wir M y t h e nennen wollen. In der erhaben bekräftigenden. ehe die Zeit ein Und nun geht dem Fragenden eine Antwort zu. Stellen wir uns einen König vor. sind nicht seine Streitkräfte größer. . wie forschen .trii ►• Formei. Der Mensch fordert von der Welt. wie die Perioden hin sind. daß sie sich ihm bekannt geben sollen. und dieses Etwas war eine Frage. da sie gegeben wird. Wo sich nun in dieser Weise aus F r a g e und A il t w o r t die Welt dem Menschen erschafft da setzt die Form ein.MYTHE 97 einfache Schilderung vorliegt. wird es ihm nicht ge lingen. Wer fragt? Der Mensch.

etwas mehr erfahren oder besser erkennen könnte als anderswo. durch eine Frage die Zukunft zu. sich selbst bekanntzugeben. sie gehören zur gleichen Geistesbeschäftigung. oder mehr noch. Und wenn wir in dieser Weise Mythe und Orakel in dem Ausdruck w a h r. wo man. was wir im Anfang des Buches Genesis über Sonne und Mond finden.98 MYTHE Befürchtungen jagen sich.s a g e n zusammen- . und daß in dieser Welt demzufolge Vergangenheit und Zukunft nicht geschieden sind. sich zu sich selbst bekennt. bereit wäre. daß man an jener Stelle mit außergewöhnlichen Mitteln. wie sie uns Herodot von dem Krieg zwischen dem Lyderkönig Kroesos und dem Perserkönig Kyros oder von Themistokles erzählt. wo sich die Welt hier die Welt als Geschehen selbst bekannt gibt. Aber wir müssen auch das w ah r und w a h r s a g e n hier tiefer nehmen. Mythe und Orakel gehören zusammen. zu gewissen Bedingungen über diese Lage Auskunft zu erteilen sondern wir haben das Orakel so zu verstehen. Das Wort w a h r s a g e n richtet sich wie auch das Wort w e i s s a g e n für uns auf das Zukünftige. sei es nun durch den Willen der Gottheit. daß in Frage und Antwort Zukünftiges sich selbst erschafft. an das Orakel von Delphi. wo also auf die Frage: was wird geschehen? die Antwort da ist. von vornherein festgelegt wäre und daß es nun zu Delphi eine Stelle gäbe. Nehmen wir die Sache möglichst allgemein: es liegt auch bei dem Orakel von Delphi nicht so. Beide s a g e n w a h' r. daß aus Frage und Antwort sich das Gegenständliche selbst erschafft. zwingen. indem sie von sich wahr sagt: w ä h r t. daß sich eine Frage in einer Antwort selbst löst. an Geschichten. sondern so. deshalb sind wir eher geneigt.. daß es an einer heiligen Stelle die Möglichkeit gibt. sei es durch irgendeine Weltordnung. daß zukünftiges Geschehen. daß w a h r mit w ä h r e n verwandt ist daß die Welt die sich uns gewährt. auf besonderem Wege von der zukünftigen Lage der Dinge unterrichtet. es für die Geschichte des Lyderkönigs zu gebrauchen als für das. die dem gewöhnlichen Sterblichen nicht zugänglich sind. Wir nennen dies 0 r a k e 1 und wir denken sofort an das griechische Orakel. wir müssen daran denken. Nicht in der Weise. Aber nun gibt es eine Stelle.

die „orakel" bedeuten. Da entstand das Verlangen. Will dieser Satz. 9/10 ausgedrückt wird. besagen. wie es im 1. Beachten wir die Form : es ist hier wiederum nicht so. Dieser Satz besagt. Noch einmal: Sonne und Mond.. wurden sie auch dieses Wort möchte ich in der tieferen Bedeutung geben : w a h r. jeden Tag erschien die Sonne und erhellte den Tag. es bezog sich auf Sonne und Mond selber. daß Gott an der Güte seiner Schöpfung gezweifelt habe ? Selbstverständlich nicht. indem sie wahr sagten. und die Wißbegierde äußerte sich in einer Frage. konnte der Mond erscheinen und sein Licht spenden in ihrem an sich wieder stätig währenden Wechsel vollzog sich die Zeit in Tagen und Jahren. Was Gott gesprochen hat. dürfen wir daran erinnern. auch er sieht sie sieht: „daß sie gut sind". Oft versteht sie darunter ein unmittelbares Tun Gottes in dem Sinne. sprach er nicht zu den Menschen. Der „redende Gott". wurden zunächst als Erscheinungen beobachtet. wahrsagen.h t r u n g. daß die Gottheit in gewissem Sinne ausgeschaltet wird. wenn sie unterging. Sie sind so sehr-gabe.g e n o m m e n. daß die Gottheit sich von sich aus den Menschen zeigt. sagten sie wahr.. der wie ein Kehrreim in jenem prolog zum Buche Genesis wiederkehrt. die in f r a g e n liegt. 2. auch Gott steht ihnen gegenüber. daß die Wurzel. Danach ist es geschehen: Gott hat sie aufgestellt nun erfüllen sie ihre Auf sind sie ganz sie selbst geworden. und in frihtrian. Kor. es ist von der Theologie zu verschiedenen Zeiten in sehr verschiedener Weise gebraucht worden. In dieser Weise ist Offenbarung weder Mythe noch Orakel. daß jedes- . sie. der sich des menschlichen Redens und Denkens bedient und von sich aussagt. damit sie Tag und Nacht voneinander trennen".MYTH 99 gebracht haben. daß die Gottheit von sich aus mitteilt: „ich habe die Leuchten dahin gestellt. wie wir sie in Genesis . Sie antworteten. im Angelsächsischen erkennbar ist in I r i h t und f r i . Aber Offenbarung ist ein gefährliches Wort. und indem sie antworteten. zu verstehen. damit wir ihn im Geiste erkennen. Noch ein anderes Wort könnte man hier gebrauchen: 0 f f e n b a r u n g.sehen.nu sie selbst. gehört nicht in diesen Ge -dankeg.

Gerade nun das größere Stück. denn die Welt ist hier in ihre Erscheinungen zerlegt.. Sonne und Mond antworten. aber beide Worte sind mißverständlich. man könnte sie anders fassen.gut" bekannt gibt. Aber gerade das geschieht hier nicht. Mythus als Form ist hier in sich vollkommen abgeschlossen. indem ich Mythe und Mythus trenne : M y t h e heißt die sich aus unserer Geistesbeschäftigung ergebende Einfache Form. bündig geworden. demnach selbständig ist. daß nicht andere Erscheinungen sich in der gleichen Weise in Mythen gleicher Art bekannt geben können. er ist darüber hinaus eine letzte Antwort. Himmel und Erde. die-buch Einleitung. Nur e i n e Erscheinung gibt sich in dem Mythus vollständig bekannt und trennt sich in ihrer Selbständigkeit von allen anderen Erscheinungen. durch die die Schöpfung geteilt. in der sie vereinzelt jedes mal gegenwärtig vor uns liegt. 1. eine erhabene Wahr-sage der Schöpfung selbst. Sonne und Mond. Es ließe sich über die Gottheit. die die Leuchten an der Veste des Himmels entstehen läßt. bilden vielmehr eine Trennung. Man nennt es als Ganzes „Weltschöpfung" oder „Schöpfungsgeschichte ".. Nach Sonne und Mond wird gefragt. 1 bis 2. einen Unterschied mache zwischen der Einfachen Form als solcher und ihrer Vergegenwärtigung. die sich ihrem Schöpfer als . zeigt uns deutlich eine Anzahl solcher vereinzelter aber gleichartiger Mythen. dagegen ist die Form. Trocknes und Gewässer. Ich tue das. natürlich noch vieles andere sagen.rede Erscheinung hat ihren eigenen Mythus — pie werden ab er . ist. die die Exegeten mit Priesterkodex) bezeichnen und aus dem wir den Mythus von Sonne und Mond genommen haben. M y t h u s oder e i n M y t li u s. so wie bei Legende und Sage. daß ich auch hier. die Sonne und Mond aufgestellt hat. Sonne und Mond sind von der Gottheit aufgestellt. als eine chronologische Reihenfolge. und die Tage. und die Gottheit ist hier keine andere als diejenige.100 MYTHE mal in der Schöpfung und durch die Schöpfung Alles : Licht und Finsternis. Damit ist aber nicht gesagt. . das denn ersten Bibel vorangestellt ist ich meine Genesis 1. sie mit andern Attributen ausstatten. Ich muß wieder hervorheben.

Indessen sind wir mit dem Begriff S c h ö p f u n g schon über die einzelnen Mythenhinausgekommen. ffenheit. Mythe ist Schöpfung. daß sich in der Mythe aus Frage und Antwort der Gegenstand erschafft wir können das auch so aus Mythe wird ein Gegenstand von-drücken:i seiner 13 SC ha. und die auch in dem Suffix .101 MYTHE dadurch zusammengehalten. die sowohl in schöpfen als in schaffen steckt. Ich nehme das Wort wieder in seiner tieferen Bedeutung und erinnere an die germanische Basis * s k a p. daß sich jedesmal dieser Mythus mit der gleichen Gebärde vollzieht. Wir haben schon gesagt. aus Schöpfung. 7 .s c h a ft ihre Bedeutung noch bewährt.

Nur einige wenige Beispiele aus Homer mögen verdeutlichen. Aber auch dies gehört zu den Dingen. den Feind der Mythe nannten. er ist es. Aber bald erfährt Penelope durch den Herold Medon. könnten wir übersetzen oder besser noch: „nur eine weiß das Wort. Wir würden diesen Gegensatz von Mythe und E r k e n n t n i s schon aus einem genauen Vergleich der Worte .uf31os heißt und wie es sich zu unserer Form M y t h e verhält. wie sich die Sache wirklich verhält ".um zu gewinnen jener Vorgang. Er läßt sich von der Wirtschafterin Eurykleia Wein und Mehl aus dem Vorratshaus zurechtlegen (339 ff. wieder das Wort. das wahr sagt ".III. enthält. bei dem nicht Gegenstände sich schaffen. die Welt von sich aus aktiv zu verarbeiten. der Wille.) . und was sie erfährt ist wieder if xeo::. Erkennen und Erkenntnis als Vorgang.). und die Freier beschließen. die wir uns versagen müssen. als ich aus einem philosophischen Lexikon die Begriffsbestimmung zitierte. ihm au fzulauern und ihn zu töten (663 ff. das die. Die Mutter und die anderen Sklavinnen wissen nichts : µia d'o't' itV3lovv äzovicev „nur eine weiß. abends begibt er sich zu seinem Schiffe und befiehlt seinen Gesellen die Vorräte zu holen (410 if. sondern bei dem sie erzeugt werden.uJOos und ? o'yoc im Griechischen ablesen können.). was wir. Nun kehrt Telemachos (Odyssee IV) von seiner Reise nach Pylos und Sparta zurück. „ . das Hinein selbst Einsicht in ihre Beschaffenheit-dringe Wlt. Wahrheit. Telemachos rüstet sich (Odyssee II) zum heimlichen Aufbruch. was . (675/76). wander Mythe gegenübersteht : das. was die Freier beabsichtigen. der mit der Mythe in unaufhörlicher Fehde lebt. Damit beobachteinwir aber zugleich.

die zum Mythus führt. ein Kennwort zit tinden. den UV. Da wandeln sich die Verhältnisse : Odysseus hat deli Bogen gespannt . ist den späteren Griechen Spruch — viel schon so in der Odyssee. Dummheit. daß die Götter das Wort kennen. rpbezeeoí eiaev er solle den Göttern. kann. die innere. die eigentliche Beschaffenheit des Bettlers verkannt : den Mythos. heißt es hier. Dann wirft er ihm einen Kuhfuß au i den Kopf. den Göttern überlassen. weiterhin aber. daß er ihn dieser Erkenntnis gemäß als Bettler behandelt hat. Ktesippos hat. 1fIV. daß Erkenntnis eitel ist. Wie dem auch sei. und findet die Freier. - Mythe ist. Da tötet nun auch der Rinderhirt Philoitios den Ktesippos.9ov É1(tre ttfat Ioic. von der Erkenntnis ausgehend. sonde rn er solle 'eo^ncv pD»ov tzeÉ^pac. ein übermütiger Knabe. daß der Mythus göttlich und daß göttliches Wissen.MYTHE 103 Endlich (Odyssee XX) ist Odysseus unbekannt nach Hause zurückgekehrt. wäre wirklich ein Bettler. da sie mächtiger sind .).. Mythos ist. daß dieser Bettler kein Bettler. ihn von sich aus als Bettler erkennet ► zu können.. Übermut. daß Ktesippos gemeint hat. Unter ihnen befindet sich auch Ktesippos aus Same. oder sonst jemanden seinerseits damit beschenken kann. der sich zwischen den Freiern befand. Es ist. Nur indem er ausweicht. . Einer nach dem andern fällt. die an seinem Tische schlemmen.oc überlassen. entgeht Odysseus der Schmach (292 ff . nicht leicht. in die Welt hineinzudringen und sie von sich aus zu ver jeden Augenblick auf Fehlschlüsse und Irrtümer aus -stehn. das die Dinge aus den Dingen heraus versteht. und er sagt ihm (285 ff. sondern Odysseus war. sondern sie bedeutet. das die Geistes- . er solle nicht mehr töricht und unbesonnen reden. Dieser verhöhnt den fremden Bettler. damit er die Mägde.-leichtwars jedenfalls bedeutet diese Redensart keineswegs. der den Göttern bekannt war. daß er schon zur Genüge bekommen habe. die ihn baden. sagt ihm. daß man die Frage. das wahr sagt. der Bettler. das Wort. daß jeder Versuch des Menschen.). daß er gemeint hat. nicht stellen solle.-laufen das wahr sagt. ÉT eI i¡ 7co9. aber daß er iliiii noch ein Ehrengeschenk darbringen wolle. er steht mit seinen Freunden den verängstigten Freiern gegenüber (Odyssee XXII).

Wir könnten Wissen. streng Notwendige. aber wir müssen dabei fest im Auge behalten. und selbst nicht jenes von vornherein Gewisse. das sich nur ergibt. aus der sich die Einfache Foriii Mythe ergibt. auf das sich Erkenntnis letzten Endes richtet. das Erfahrung und Erkenntnis bedingt und begründet und das jeder Erkenntnis vorangeht. allgemein Gültige. wenn in Frage und Antwort ein Gegenstand sich selbst erschafft und sich durch das Wort. andeutet. . sondern daß wir es hier mit jenem unbedingten Wissen zu tun haben.104 MYTHE beschäftigung. W i s s e in s c h a f t wählen. bekannt gibt und bewährt. daß nicht jenes Wissen gemeint ist. durch die W a Ii r s a g e.

Nur Feinde des Göttlichen erschrecken bei dem Sang der Musen. Hier setzt die Frage ein hier wird sie in einer Antwort gelöst.Iv. Ich wähle dies Beispiel wieder aus Pindar. Aber der Berg ist nicht wie andere Berge. Aber dann: weshalb sprüht aus diesem Berge Feuer? und da heißt es: unter ihm und von ihm festgehalten liegt der götterfeind hundertköpfige Riese. Mit einem Lob der goldenen Phormix. Aber schon hier-liche . der hier die Legende enthält. setzt das Lied ein. er schläfert den Adler auf dem Götterszepter ein. Bei Pindar in doppelter Weise. während des größeren Teils des Jahres mit Eis und Schnee bedeckte Gipfel. Und nun folgt die ausführliche Beschreibung jenes Riesen Typhon und seiner Strafe. die hochwirbelnden. Vor uns liegt der Berg mit seinen drei Zonen : unten die Reben. oben der kahle. Es sind wieder wie in Genesis. nicht aus dem Teil. des Gesanges. in einer Sprachgebärde begriffen. Erstens. der Kulthandlung festgelegt wird. aus dem Anfang des 1. zwei Mythen. Ich möchte dem Mythus aus Genesis als zweites Beispiel einen griechischen Mythus an die Seite stellen. der Erzfeind. aber hier weniger scharf getrennt. dort liegt der Berg Aetna mit seinem eisigen Schnee wie eine himmlische Säule auf seiner Brust. Pythischen Epinikioiis. wenn man davon hört. ein Wunder schon. auch den Blitz des Zeus. er speit Feuer. Sein gewaltiger Körper liegt ausgestreckt von Kyme auf der italienischen Küste bis hinab nach Sizilien. was ist ein Berg überhaupt? Die Antwort. purpurnen Flammen empor. in dem der Ort des Festes. lautet: S ä i11 e des H i m m e Is. Ein Wunder zu sehen. den Krieg. er bezaubert selbst Ares. und nun speit er aus des Abgrunds Tiefen bei Tag und bei Nacht das Feuer. Alles beruhigt der Gesang. in der Mitte die Wälder. sondern aus dem vorhergehenden. so auch der hundertköpfige Götterfeind Typhon.

begreifen.Abwenden von der Form und ein Versuch. Es ist keineswegs Natur in unserem Sinne. Von jenem Mythus aus erfolgt nun in dem Epinikion ein Gebet ami diese Gottheit. Hier wurde das Epinikion gesungen. von sich aus an die Erscheinung heranzukommen. ist wiederum S it z d e r G o t t lt e it. Er hatte sie mit Bewohnern von Syrakus und Katana bevölkert. zweimal erschafft sie sich. Sobald er mit seinem Bergmythus zu Ende ist. der Sieger. hieß. von sich aus denn Gegenstand aus seinen Bedingungen zu erzeugen. der von dem Mythus „Aetna" von dem Bekenntnis des Berges zur Erkenntnis geologischer Erscheinungen führte. knüpft er an diese Stadt an. verdichtet und dichtet sie sich in Sprachgebärden. Aber diese Bekehrung heißt Übergang vom M y t h o s zum L o g o s. Statte.106 MYTHE interpretieren vii• etwas zu weit der Berg. die Form als Form. die Griechen waren zu jenen Zeiten allzu ungenügend über Berge.. oder wollten wir von einer auf „personifizierenderApperzeption" beruhenden „Naturdeutung" sprechen. man könnte sagen. was hier gedeutet wird. Dies war der Ort. Und es gibt. Ein Berg. fand auch zu Ehren dieses Sohnes die Siegesfeier statt. Noch einmal stellt sich der Mythus ein. der F e i li d. bezwungene von einer Frage. den Pindar festzulegen hatte. und so ist Aetna zugleich Himmelsstütze. die ebenfalls Aetna. der Himmels pfeiler. eine Bekehrung: ein Sich . zu sich selbst. die von seinem Sohne Deinomenes verwaltet wurde. zweimal bekennt sie sich. den Pindar besingt. i s t selbst wiederum von oben bis unten der R i e s e. wo sie waltet. ihr Frieden . die Gründung des Hieron zu schützen. hatte am südlichen Abhang des Berges eine Stadt gegründet oder neu gegründet. Hierop. eine Säule des Himmels. wollten wir sagen. auch keinen unmittelbaren Weg. Zweimal antwortet diese Erscheinung. Die Stütze des Himmels wird zum feuerspeienden Götterfeind. In dieser Stadt. Wie wenig würden wir den Vorgang. von sich aus über sie ein Urteil zu bilden. Götterfeind und überdies Stätte des waltenden Zeus. Wohl aber gibt es eine geistige Umstellung. Feuerspeiende Berge sind in der Welt unserer Geistes keine Natur damals nicht und auch heute-beschäftigun nicht. Himmel oder vulkanische Erscheinungen orientiert.

kann verglichen werden. Aber gerade hier spüren wir die Umstellung. was Pindar hier macht.^¡i^^t-setzungdi und yiv3o? oyia enthalten. 107 und Wohlgedeihen zu gewähreng.uYTLI . wollte ich es aber -dennoch gebrauchen. so würde My t h o l o g i e das andeuten. wenn wir in dieser Weise Mythos und Logos nebeneinander sehen. Damit aber stellt er nicht mehr unbedingt. aber indem er anknüpft. er erkennt einen Zusammenhang aber damit ist eben kein Hieronmythus geschaffen. In doppeltem Sinne leitet er den Mythus ab. von der wir soeben gesprochen haben : Pindar knüpft an den Mythus an. . die sich in einer Antwort lösen kann. verläßt er den reinen Mythus. urilu7. Ich möchte das Wort „Mythologie" and liebsten aus der Reihe unserer Begriffe streichen.ú. kann gegenseitig aufeinander bezogen. die Frage. was er nur andeutet. - . aus müssen wir sagen : Was zwischen Hieron und-sprechn.« ^1 o^a j ^^v^. Dann wendet siele das Lied zu den Siegern. wie sie „das Widrige zusammengießen".o seinen Gegnern geschieht und was zwischen Zeus und Typhon geschah.. er bezieht sie sogar auf den Mythus. er vergleicht sie mit der Typhonfesselung. was für eine seltsame Zusammen griechischen Wörter . Ohne daß es ausdrücklich gesagt wird. als ob wir in den Siegen des-gehnd sikelischen Tyrannen über Etrurien und Karthago ein Echo hören von Zeus' Sieg über den feuerspeienden Riesenn. Überlegen wir uns. Wenn wir. Pindar beurteilt von sich aus die Taten des Hieron. Hier schleicht sich Erkenntnis ein. und es ist. werdeii die Kriegstaten des heron in Verbindung mit dein Vorher gebracht.

Schon . Die wenig ertragreiche Notiz über Mythe im Grimmschen Wörterbuch hat uns zum mindesten gezeigt. auf sie zu beziehen. ihm angeähnelt ist. daß Worte anderen Worten äußerlich angepaßt. Zu den Formen. irgend etwas. und die sich danach vergegenwärtigen. daß es auch in der Sprachwissenschaft Ähnliches gibt. in der sich unsere Formen scheinbar hervortun. Wir haben gefunden. Fabel usw. daß ese sich in dieser Hinsicht jenen Worten anähnelte. . Wir haben in diesem Sinne Mythe und Mythus unterschieden. auf die wir später zurück wir wissen alle. Wir müssen hier.V. neben Sage Saga gibt. daß es möglich ist. daß es neben Legende Vita. nachgestaltet werden können. Bisher haben wir sie als reine Einfache Form und als deren Vergegenwärtigungen gesehen. eine d r i t t e W e i s e erklären. daß es sogenannte K u n s t m ä r c ii e n-komen: gibt. Es ist bekannt. damit auch dieser Vorgang verständlich wird. Geschichte. dennoch von außen her. kommt nun diese dritte Weise hinzu. daß das griechische Maskulinum yvtfoc bei seiner Verdeutschung zu Mythe das Geschlecht von Sage. wo etwas nicht unmittelbar zur Geistesbeschäftigung Gehöriges dennoch die Gestalt jener Formen annimmt: zu der Einfachen Form und der Gegen gesellt sich das A n ar 1 o g o n. die in ihrer äußeren Gestalt absichtlich an das Mär angelehnt. Darunter verstehen wir im allgemeinen irgendeine Erzählung. Nun beobachten wir aber. aber die wir von innen heraus-chen dennoch nicht zum Märchen zählen. die unmittelbar aus einer Geistesbeschäftigung hervorgehen. von der äußerenGestalt ans. annahm und unter dein Einfluß dieser Wortreihe ein Femininum wurde. die Bezogene-wärtigenFom Form. was nicht eigentlich zur Geistesbeschäftigung gehört. Und ich erinnere an eine andere Form.Jacob Grimm redete von einer „ersonnenen Sage".

eine von ihm beobachtete Erscheinung.MYTHE 109 Nehmen wir für die Mythe ein re ch t deutliches Beispiel. Da erschrickt sie vor dem Wasser. was wir ein Analogon. schwarzem Zwirn genäht. Und dennoch spüren wir. sondern es wird ein Mythus herangezogen. der nicht eigentlich wahr-sagt. verbrennt den Strohhalm und plumpst zischend und erlöschend in die Feuchtigkeit. tut er. Die Bohne bekennt. Glücklicherweise kommt ein Schneider des Weges. Die Frage wird nicht von innen heraus gelöst. es ergibt. daß hier auch ab gesehen vom Format die Sache anders liegt als in Genesis und bei dem Aetnamythus. und der Strohhalm legt sich dienstbereit darüber. bis ihr der Rücken platzt. daß sich eine Erscheinung dem Menschen auf seine Frage bekannt gibt. nicht ausreichen. bleibt stehen. Die Bohne kommt glücklich auf die andere Seite. einen Bezogenen Mythus nennen: ein Mythus. nach der Art der Mythe. Die Geschichte der geplatzten und genähten Bohne bedeutet nicht. daß hier nicht alles mit rechten Dingen zugeht. Allerdings nimmt der Fragende dabei die Haltung an. Aber man merkt die Absicht. unddadurch nur wahr -scheinlich ist. Warum hat die Bohne eine schwarze Naht? Iii der Antwort wird sogar die Frage endgültig gelöst : sie war geplatzt . Wir spüren. als ob die Bohne antwortete. aber leider war der Faden dunkel. sondern der abgeleitet. der Nadel und Faden bei sich trägt . während er selbst antwortet. und seitdem haben alle Bohnen hinten eine schwarze Naht. sondern sie stammt von einem Menschen.vergegen- . sie ist mit. Die Feuerkohle kommt bis zur Mitte. Feuerkohle. die seine Neugierde geweckt hat. Sie haben einen Bach zu überschreiten. der bestrebt ist. sich hier keine Mythe. zu deren Erklärung jedoch seine Kennt. er näht die Bohne. als ob die Antwort nicht von ihm stammte. Strohhalm und Bohne gehen zusammen auf Reisen. Überall wo sich aus einer Geistesbeschäftigung eine Ein fache Form zwingend und bündig ergibt und sich . Wir haben auch hier Frage und Antwort. in der Form-nise eines Mythus zu erläutern. daß sie zu lachen anfängt sie lacht. Und eben das ist es. Die Bohne findet das so komisch. sich nicht von sich aus zu ihrem Merkmal: sondern der neugierig Fragende bringt selbst eine Antwort an die Bohne heran.

die Dinge und ihre Zusammenhänge eigenst erschaffen. darüber hinaus aber gibt es uns eine leise Ahnung von dem ungeheuren Kampf. hauptsächlich dann nicht. wenn die Geistesbeschäftigung. da sie zu der Mythe in einem besonderen Verhältnis stehen. zu bestehen hat. Erkenntnis ist gegen gerichtet. von „Kunstmärchen". Neben Erkenntnis steht die Form. Neben dem Urteil. sondern daß sie uns nur vorgespiegelt.110 MYTHE wärtigt. daß sie ihren Gegenstand aus seinen Bedingungen erzeugt. in der sich aus dem Wort. Das kleine Spiel von Bohne. wenn er in seinem Epinikion von der Mythe zur Mythologie schreitet. sie will eine Bestimmung des Seins und des Soseins der Objekte und ihrer Beziehungen. uns aus irgendeinem Grunde fernergerückt ist. das Allgemeingültigkeit beansprucht. das wahr sagt. Wir drücken damit aus. Aber neben dem Willen zur Erkenntnis steht die Geistes sich aus Befragtwerden-wollen und aus-beschäftigun. So besteht die eigentliche Leistung der Erkenntnis darin. auf diese Analogien einzugehen. steht die Mythe. wo sich Pindar befindet.. Erkenntnis faßt sich in Urteilen. aus Antwort-heischen und Antwort -bereitschaft die Welt ergibt. aus der sich eine Einfache Form ergibt. daß hier nicht die Geistesbeschäftigung als solche vorliegt. pflegen wir ich habe schon darauf hingewiesen immer das Präfix „Kunst" voranzustellen. den der Mensch seit dem Augenblicke.dr Fragen. daß wir eingesehen haben. Nicht immer sind sie leicht von den eigentlichen Vergegenwärtigungen Einfacher Formen zu unterscheiden. sie sind zum größten Teile für uns von geringer Bedeutung. Der Wille zur Erkenntnis geht auf die Erfassung des Seins und der Beschaffenheit der Dinge. da er zu denken anfing. die Bündigkeit bese . vorgespielt wird. Feuerkohle und Strohhalm zeigt uns. Jedes Urteil soll Allgemeingültigkeit besitzen. finden wir daneben die Bezogenen Formen. Wo sie unser Formgewissen unterscheidet. sie sucht Einsicht in den Zusammenhang-ständlich der Dinge. hier aber müssen wir sie erwähnen. „Kunsträtseln" zu reden. Wir werden nicht immer Gelegenheit haben.

sich selber in einem Bezogenen Mythus zu vollenden. getrennt durch ein Wasser. da in dem P r o t a g o r a s fast leichtsinnig.dort. andererseits greift sie auch das konnten wir beobachten -. und immer und überall sind sie. ernstesten Dialoge sehen wir immerfort. so wird es uns klar. Wohl aber gehen hinüber und herüber Sehnsucht und wir haben es schon geWiderspruch. und können nicht „beisammen kommen ". Mythe ihrerseits strebt dort. wie die Form Mythe in Plato überhaupt wirksam ist. wie die Königskinder im Liede. Von dem Augenblick an. wie hier eine der schwierigsten Aufgaben unserer Morphologie vor uns liegt. Wenn wir von unserer Litteraturgeschichte aus die Geschichte der Philosophie betrachten und das Schauspiel des Abstoßens und Anziehens von Mythe und Erkenntnis beobachten. leicht zum Analogon und versucht. daß Unzufriedenheit mit dem Einen mählich zum Andern führt. sich auf dem Wege der Erkenntnis zu stützen und neu zu beleben. Wir finden da nicht nur die vergegenwärtigten Mythen aus Platons Werken zusammengestellt und verglichen. daß zeitlich das Eine dem Andern vorangeht. wie wenig wir bisher dieser Aufgabe gewachsen sind. bis in die spätesten. ob Tugend ein zu Lernendes sei. oft danach. aber zugleich.MYTHE 111 Noch einmal: es ist nicht so. daß Entwicklung das Eine als unzulänglich auszuschalten vermag. wie . fast im Scherze den Zuhörern die Wahl gelassen wird. Erkentnis versucht einerseits die Form Mythe herabzusetzen und zu sehen leugnen. wo sie ihre bindende Kraft einbüßt. Vor nicht langer Zeit erschien von dem klassischen Philologen Karl Reinhardt ein treffliches Buch über Platons M y t h e u. um dem Andern Raum zu schaffen sondern überall und immer stehen sie nebeneinander. das viel zu tief ist. wo sie sich ihrer Grenzen bewußt wird. ob sie die Frage. Erkenntnis mit der Maske der Mythe und die Mythe in der Larve der Erkenntnis sind sozusagen gern gesehene Erscheinungen bei dem Mummenschanz des menschlichen Denkens. zur Erkenntnis hinüber zu lenken. sondern weit darüber hinaus können wir beobachten. auf dem Wege des Mythus oder auf dem des Logos beantwortet haben wollen.

so würden wir erfahren. Und schließlich. gegen den Willen zur aufklärenden Erkenntnis ringt. über diese Einzelkämpfe hinaus was ist die Figur des Sokrates. aus. durch das die befragte Welt gezwingeil wird. wollen wir uns hüten. die wir suchen. die imstande ist. so wie sie sich in dem platonischen Opus. was ist sie anderes als der platonische Mythus selber. anderes als die litterarische Form. aus der sich die Foriii ergibt. . bündig zu sein.wo wir schon auf eine Geschichte der L e g e n d e und der S a g e verzichten mußten. wiederum über diese Einzelmythen. an dig-„antilla theologiae". Frage und Antwort Gegenstände zu erschaffen. an die Scholastik. Indessen -. in den Dichtungen des Plato erschaffen hat. herantretenl. mit der unendlich schwieriger zu schreibenden Ge -schitedr Mythe hier auch nur den Anfang zu machen. wie auch dort die Form Mythe dem Willen zur Erkenntnis gegenüber steht.112 MYTHE die Geistesbeschäftigung. indem sie von sich selbst wahr sagt! Wollten wir an die Philosophie des Mittelalters. aber wie auch dort ein nicht zu Ende gedachter Gedanke oft die Flucht in den Bezogenen Mythus ergreift. das Orakel.

das verwandte astslawische-fahren". heißt es in unserm •Tolles. unabweisbaren Geschehen: es springt. das mittelhochdeutsche s c h ë lt e n haben noch die Bedeutung von „schnell einher „dahin eilen". diese Welt Schöpfung wird. Wohl können wir uns fragen : wie arbeitet unsere Form? Wie faßt in der Geistesbeschäftigung des Wissens Mythe die Welt? Sowohl bei Sonne und Mond.VI. einem eiligen Sich-Ereignen. Einfache N'nnnen 3 . Feuer zu speien. Gerade das. die feindliche Macht. So ist die Sonne in Genesis keine Sonne. was allgemein. wie bei dem Berg und dem feuerspeienden Berg haben wir gesehen. da findet. sondern sie ist jene Leuchte an der Veste des Himmels. aber auch ausbleiben kann. Wo nun in einer Antwort die Frage getilgt wird. wie wir auch schon gesehen haben. die Befestigung sucht. das in seiner Festigkeit den Himmel stützt.-derblich stätig innewohnt. die zugleich vielfach und stätig sind und die sich dadurch von der beweglichen Ver Alltäglichen abheben. sondern er ist der Berg. daß sie. es entspringt. wenn wir hier von G e s c ii e ii e n reden. eine feste Welt. zutage. mit einem plötzlich eintretenden. faßt die Mythe mit. in der etwas kommen. sie ist eine Welt. der manchmal Feuer speit. die jedesmal wieder den Tag von der Nacht. Die Welt der Mythe-schiednt ist keine Welt. sich immer ein G e s c h e lt e in. Das althochdeutsche s c ë h a Ti . s k o k ú heißt „Sprung". aber im Vielfachen stätig ist. Auch der Vulkan ist nicht ein Berg. in der es heute so und morgen anders zugeht. Diese Bedeutung müssen wir uns vor Augen halten. „ I1 n d s o g e s c h a h e s ". sich richtete nach allgemeinem Erscheinungen. wo. trennt und durch die die Stätigkeit der Zeiträume bestimmt wird. daß die Frage an erster Stelle herausgefordert wurde von. „rennen". dein eine ver Fähigkeit. die heute scheint und morgen von Wolken getrübt ist. So ist auch der Berg das Feste.

was in der beweglichen Verschiedenheit der sichtbaren Erscheinungen zugleich vielfach und stätig war. wir können uns hier doch nicht verhehlen. wenn die große Leuchte ver und wiederkehrt. dazu die Sterne. die kleine Leuchte. Und es gibt viele Berge. die S p r a e hgebärde der Mythe. aber seine dauernde feindliche. daß er einmal aufgebaut ist. daß er einmal hingesetzt ist. beobachteten wir. wie sie in ihrer Verdichtung von der Sprache zusammengewirbelt und als Gestalt umgriffen wurden. an eich . „da machte Gott die beiden großen Leuchten: die große Leuchte. ist sie nicht neu. richtete sich auf das. weil sie in diesem einmaligen G e s c h e h e n bestätigt. Freilich hebt auch die Geistesbeschäftigung des Wissens aus Feiner Mannigfaltigkeit Gleichartiges hervor : die Form Mythe. sagt er. Aber so gefährlich es wäre. wie Berg oder Vulkan. auf das Bleibende. damit sie bei Nacht die Herrschaft führe. unveränderliche Schöpfung geworden ist. womit sich der Geist. wie sich unter der Herrschaft einer bestimmten Geistesbeschäftigung aus der Mannigfaltigkeit des Geschehens gleichartige Erscheinungen verdichteten. wie Sonne und Mond. eine hierarchische Rangordnung der Einfachen Formen begründen zu wollen. aber wo ein Berg von sich selber aussagt. es gibt nicht viele Sonnen. in der Mythe beschäftigt.114 MYTHE Genesismythus. um den Himmel zu stützen. damit sie bei Tage die Herrschaft führe. Mond und Sterne sind in diesem Geschehen aus dem Vielfachen zur Einheit zurückgebracht. viele verschiedene Berge . zerstörende Macht ist in einem einmaligen Geschehen. wie wir sie bisher kennengelernt haben. es ist immer die-schwindet gleiche Sonne. sie sind in ihrer Vielheit von dem Punkte ihres Anfangs zur Einheit zurückgeführt. begründet. der Versenkung des hundert -köpfigen Ungeheuers. Geschehen in diesem Sinne bestimmt. So gibt es viele Sterne. nennt er sich Pfeiler des Himmels . daß das. aber sie sind in ihrer Vielheit stätig. auf das sich gleichmäßig Wiederholende. So gibt es für die Griechen nur einen Aetna. Bei der Mythe liegt die Sache etwas anders." Sonne. damit sich die Gottheit auf ihn niederlassen soll. Als wir von der Legende sprachen. das heißt. oder Sitz der Götter.

was er an dieser Stelle eigentlich parodiert. und daß demzufolge auch der Sprach Mythe eine andere Festigkeit. hindurchgezogen und empfängt in diesem Geschehen die Deutung sein-er Vielheit und Stätigkeit. worauf sich die Geistesbeschäftigung des Wissens richtet. eine andere Gültig--gebärd keit und eine andere Machtvollkommenheit wollten wir Fremdwörter gebrauchen. Warum haben die vielenBohnen immer wieder eine Naht? Auch hier soll die Antwort ein Geschehen sein sogar ein furchtbares Geschehen! Aber. Das. daß sich in letzteren Bewegliches gestaltet. daß die Sprachgebärde der Mythe gleichartige Erscheinungen zusammenwirbelt und als Gestalt umgreift. Wollten wir den Gegensatz der Form Mythe zur Legende und Sage etwas zuspitzen. so fällt uns auf. was in der Welt stätig und vielfach ist. Alles. womit sich der Geist in Legende oder Sage beschäftigt. durch das einmalige Geschehen-gerisn. Deshalb möchte ich nicht sagen. so könnten wir sagen. Die Frage geht nach dem Wesen und der Beschaffenheit alles dessen aus. was wir Frage und Antwort genannt haben. als den Sprachgebärden von Legende und Sage. wird in der Form Mythe durch die Sprachgebärde zusammen zusammengepreßt. läßt sich genauer umschreiben. eine andere Würde. Fassen wir noch einmal zusammen. wie in der Erzählung von Bohne. alles. in einen) Geschehen. eine andere Selbständigkeit besitzt als das. Halm und Feuerkohle gerade das G e s c h e h e il das ist. noch einmal. so würden wir sagen: eine andere dignitas und eine andere auctoritas zustehen. ja. wie dieses Geschehen von außen her heran- . Wollen wir auch die Bezogene Form noch einmal betrachten. daß in der Mythe dagegen Gestalten in einem Geschehen beweglich werden. Die Sprachgebärde der Mythe ist zwingender : sie ist wie ein Nadelöhr. das in seiner unbedingten Einmaligkeit die Vielheit und Stätigkeit zur Einheit zurück "hrt und sie als solche zugleich fest und beweglich gestaltet. Die Antwort greift alles dieses in dem Geschehen zusammen. was der Bezogene Mythus nachzuahmen sucht. was wir in der Welt als stätig und vielfach beobachten. das zum Geschick und zum Schicksal wird.MYTHE 115 eine andere Dichtigkeit. wir spüren.

wollen wir ein großes Wort benutzen: Erkenntnisurteile.116 MYTHE gebracht wird. Eine Naht hat. und so werden auch noch der Spaziergang. ge wird. platzen tut man vor Lachen. was geplatzt war. . Aber diese Erkenntnisurteile suchen sich voel außen her einmalig in einem Geschehen zu befestigen und zu gestalten. was genäht worden ist.-näht Alles das sind. der Bach und der Schneider mit dem schwarzen Zwirn zur Katastrophe herangezogen.

Schon unser Handwörterbuch der Philosophie redete von „Naturdeutung". Es ist. von ihrer Beschaffenheit aus Schöpfung wird. sich zunächst auf jene vielfachen und stätigen Erscheinungen richten. An erster Stelle ist es die Natur. sich in einer dauernden Vergegenwärtigung bestätigt. die ein vom menschlichen unabhängiges. die in der Einfachen Form Mythe und in ihren Vergegenwärtigungen. Es versteht sich. und ich brauche wohl nicht daran zu erinnern. diese beiden zu trennen und zu unterscheiden. die in Frage und Antwort wahrsagt. daß die Geistesbeschäftigung des Wissens und die Form. als wir die örterten. Astralmythologen haben sich in dieser Hinsicht. was sie unter dem Begriff Mythe zusammenfaßt. ohne 8 . erBegriffe Frage und Antwort Wir haben. Religionshistorikern und Volkskundlern gab und gibt.wort in ihrer Wahrsage auf einen Einzelfall. dagegen richten sie sich. Wie wir die Form M y t h e hier zu verstehen gesucht haber. daß es eine Schule von Philologen. möglich. wie wir festgestellt haben. daß die Wahrsage der Form Mythe. Bei dem Orakel beziehen sich Frage und Ant. bei der Mythe auf das Stätige. den Mythen. nun wir die Wirksamkeit der Form genauer kennengelernt haben. während die Wahrsage des Orakels. von einer Sprachgebärde gefaßt. Bisher war bei unseren Beispielen hauptsächlich von sichtbaren Erscheinungen die Rede. in Beziehung bringt und irgendwie zurückführt auf Natur ja sogar auf eine einzige Naturerscheinung.VII. Die-erschinug. Ethnologen. die alles. beschränkt sich aber ihre Geistesbeschäftigung keines -wegs auf die Natur. eigenes Dasein zu führen scheinen. auf die Zusammengehörigkeit von Mythe und Orakel hingewiesen. Darin liegt der Grund. eine gewisse Berühmtheit erworben.

da kann der Mensch fragend und fordernd dem Wesen dieses Geschehens gegenüberstehen. so wird sofort im zweiten Teil die Frage: und was geschieht. Aber der Schuß kann nicht mißlingen: das Unmögliche. das sinnlose Ziel. tuit der Erledigung des Einzelfalles erlischt. ist der kleine runde Gegenstand. Lautete die Frage in dem ersten Teil des Mythus: was ist es. der sich kaum vom Haupte des Knaben abhebt. da kann ihm ein Widerwort entgegentreten und da kann die Sprachgebärde die Summe des Stätigen und Vielfachen in diesem Geschehen in einem gesteigerten Geschehen umreißen. Da heißt es: der Wüterich zwingt einen Vater. einen Apfel von dem Haupte seines Sohnes zu schießen. Der-same Vater steht seinem Sohne mit der tödlichen Waffe gegenüber. wenn ein Volk in diese Unterdrückung geraten ist? beantwortet. die grau Forderung des Unmöglichen heißt A p f e 1 s c h u ß. was . wo er Unmögliches fordert. den Einzelnen mit sinnloser Grausamkeit quält.118 MYTHE eine allgemeine Form zu ergreifein. das er sich selbst nicht gesetzt hat. Rechte und Sonderrechte des Volkes verschmäht. wenn ein Tyrann willkürlich ein freies Volk unterdrückt? und kam die Antwort: da wird ein Vater gezwungen. die sich in einem Geschehen voll und vollendet. Aber unmittelbar schließt sich dieser ersten Wahrsage eine zweite an. und es heißt: ob der Schuß gelingt oder mißlingt. Dennoch beweist das Orakel. einen Apfel von seines Sohnes Haupt zu schießen. wird in das Verhältnis Va t e r u n d K i n d (die hier keine Sage bilden) eingepreßt . die staatliche und persönliche Sicherheit ver bis alles im Leben nur von seiner augenblicklichen-nichte. der nächste P f e ii muß das Herz des Tyrannen spalten. Die Form. daß Frage und Antwort sich auf anderes als auf Naturerscheinungen richten können. Wo ein Tyrann über seine Mitmenschen herrscht und sie unterdrückt. da der P f e i 1 den A p f e 1 zerspaltet. kann sich auf ein Geschehen im allgemeinen-zieht Sinne richten. was Menschen verbindet. jede Mißachtung dessen. hebt ein neues Geschehen alles Vorhergehende auf: in dem Augenblick. Willkür abhängig scheint. zerbricht die Welt des Ungerechten und bricht die Freiheit hervor. Alle Einzeltaten der Willkür.

bewähren sie sich als Bedeutungsträger. sondern auch die Erinnerung an Überstandenes kann in dieser Form eine Vergangenheit schaffen und deuten. Wir könnten uns daran erinnern. Ein Wandern im Sinne eines ziellosen Umherirrens. wenn keine Möglichkeit vorhanden scheint. zerschmettert es die Gewaltherrschaft. einen Mythus. das heißt so ergriffen. da es geschieht. daß die Sprachgebärde das Stätige. der schon früher oder anderswo Antwort auf eine Frage bedeutet hat. von Feinden umringt. sich in höchster Not befinden. Trotzdem aber läßt sich hier einiges sagen. hat die Verpflichtung. y. einen Aus- . daß es auch an einem anderen Ort zu einer anderen Zeit noch als gültiger und bündiger Zusammenschluß von Frage und Antwort empfunden wird. und daß zweitens ähnliche Erzählungen anderweitig zu finden sind. von Toko und dessen Sohn ähnliches erwähnt. Zum zweiten : Wenn wir eine Vergegenwärtigung finden. Ein genaueres Eingehen auf das Verhältnis dieser Vergegenwärtigungeii würde uns von unseren allgemeinen Betrachtungen zu weit auf die Einzeluntersuchung führen. Noch einmal ein Beispiel. Vielleicht könnte man hier einen Einwurf machen. .. Zum ersten : Es ist nicht unbedingt nötig. geschieht. das sich immer gleicherweise Wiederholende richtig ergriffen hat. sich in einem Mythus vergegenwärtigt. sein Anführer. Wo immer eine Form oder ihre Vergegenwärtigungen sich zeigen.r. Wer von einem W a n d e r m y t h u s redet. daß das Geschehen im Augenblicke.sich von dem Begriff Wandern Rechenschaft zu geben. daß wir einen Egilschuß kennen. eines aus nicht zu erklärenden Gründen einmal hier dann wieder dort Auftauchens ist sowohl in sprachlicher wie in litterarischer Hinsicht undenkbar. Wir wollen das vermeiden. mit den Ereignissen.H E 119 die Willkür gefordert hat. von-recht allen Seiten in die Enge getrieben. daß er erst später erscheint. daß Saxo Grammaticus von Harald Blauzahn. Wenn ein Volk und sein ge Herrscher. daß erstens der Mythus des Tellschusses in der Schweizer Geschichte keineswegs gleichzeitig ist mit dein Geschehen. und indem es geschieht. sich durch Mythe deutet. so beweist das. auf die er sich beziehen soll.

Wenn der Zweck erreicht. Und nun geht es vorwärts. und es kann schließlich abwechselnd Züge dieser Drei tragen. Gesang der Ilias. ist verwundet.. Als Attribut besitzt es ein G e s p a n n P f e r d e . Es heißt Ushas und ist wiederum kein Mann und keine Frau. es ist keine Frau. 733 ff.). sie selbst besteigt den Wagen. Achse und Deichsel fest unddauerhaft gefügte „Gerät" ziehen. sie legt den Panzer an. geht zugrunde. Dieses Wesen hebt den bedrängten Führer auf den Wagen. aber es kann in dieser Beschaffenheit verschieden gefaßt werden : es kann eine Jungfrau. . die beide nicht als „Frau" betrachtet werden. 835 if. Ares schreit wie neuntausend Männer und jammert vor Zeus aber die Griechen sind gerettet aus der Bedrängnis. setzt den Helm auf. so erscheint ein r e t t e n d e s We s e n. Das schwarze Gewand hat die Göttin abgedeckt. Fürst und Volk errettet sind. die jenes aus Rädern. der die Schlacht führte. Da kommt Athena. zum Olymp zurück. sie hat das bunte Frauenkleid. ergreift die Zügel und führt den Helden unversehrt und siegreich durch die umringende Schar der Feinde. verschwindet es. V. Es ist kein Mann. quer durch die Feinde. sondern hier eine göttliche Hetäre: „Aufgeblitzt ist sie mit Schminke im Türrahmen des Himmels.120 MYTHE weg zu finden. Wir finden diesen Vorgang im 5. Ares und Hektor treiben die weichenden Griechen zu den Schiffen. es kann eine Hetäre sein. von besonderer Art. die Troer dringen ungestüm vorwärts. aber sie wendet den Speer des Ares ab . Diomedes. Sie faßt den Wagenlenker Sthenelos bei der Hand und treibt ihn weg. Aufweckend kommt mit rötlichen Rossen TTshas auf wohlgeschirrtem Wagen" (R. i. Dieses selbe rettende Wesen finden wir in Indien im Rigveda. und Athena kehrt. Nun spricht sie zu dem ermüdeten Helden. das wir W a g e n nennen. Sie kämpft nicht selbst. abgestreift. ermutigt ihn. das sie sich selber gemacht hat. nachdem sie den Verderber gehemmt hat. ergreift die Lanze sie ist MannFrau geworden (V. es kann durch die Pferde selbst zu Tode geschleift werden. Diomedes verwundet den Gott. es kann aber auch eine Art androgyne Gottheit sein. dessen Achse aus Buchenholz ächzt (V. Dieses Wesen ist von höherer. Die Griechen sind bedrängt .).

2). Denn auch sie hat einen Wagen und ein Gespann : „Mit dem schön bemalten. Fügen wir aus der Zahl der Vergegenwärtigungen Athena und Ushas noch zwei weitere hinzu. Der Unterschied zwischen dem rettenden Wesen der Ilias und dent hilfreichen Wesen des Rigveda liegt darin. Wollen wir hier an eine Übertragung denken? Wollen wir versuchen. so lesen wir bei Herodot (I. 14). Ushas. daß er beiden Erscheinungen. Wir übersetzen U s h a s mit T a g e s a n b r u c h oder M o r g e n r ö t e . den euch die Ribhus gemacht haben. Tochter des Himmels" (R. die einem allerseits von Gegnern bedrängten Volk und seinem Anführer durch die Schar der Feinde hindurch den Ausweg zeigt. wie das frühe Licht. der schneller als das Manas ist. wie sich in einer Einfachen Form aus Frage und Antwort eine Welt in einer Wahrsage erschafft. was die Sprachgebärde in U s h a s gegriffen hat. das durch die feindlich umringende Finsternis stößt und siegreich sich Bahn bricht. er- . ihr Ashwinen. glückbringenden Wagen. Weise Ushas in Athena. Pisistratus mit Megakles geeinigt und dessen Tochter geheiratet hatte. wesensverwandt ist mit der Retterin. dieser aus der Natur. Als sich. in Griechenland Dioskuren heißen : „Kommt herbei mit einem Wagen. 49. das Problem so zu liegen. daß er erfaßt. V. 1. -daß der Antwort fordernde Mensch hier einen tiefen Zusammenhang durchschaut. 39. die ihrerseits wieder zu Pferden in Beziehung stehen und in Indien Ashwinen. daß das. Wir wissen außerdem. mit dem hilf heute dem ruhmreichen Volke.MYTHE 121 92. hier aus einer Naturerscheinung hergeleitet ist. V. daß ihre rettende Macht dort aus einem Geschehen. sich immer gleichmäßig wiederholende Erscheinen des sieg -reichn Morgens meint und bedeutet. wenn wir die Geistes Wissens richtig verstanden und gesehen-beschäftigund haben. mit der gleichen Frage entgegentritt und daß sie mit dem gleichen Widerwort sich ihm bekanntgeben. auf dem du stehst. die er in ihrer Stätigkeit beobachtet hat. 12). 60). und es ist nicht zweifelhaft. in irgendeiner. das stätige. bei dessen Schirrung die Tochter des Himmels geboren wird" (R. daß sie verwandt ist mit den Zwillingen. 10. jener aus dem Geschehen. oder Athena in Ushas überzuführen? Mir scheint.

Sie ist Tochter Gottes. was dieses Pferd gekostet hat. stellten sie auf einen Wagen und brachten ihr die schöne Haltung. und Zeugen sagen aus. Pisistratus. um den vertriebenen Tyrannen zurückzuführen. beteten sie an und nahmen Pisistratus auf. Endlich : im Mai des Jahres 1429. sie wird Mannfrau und das erste. So fuhr Pisistratus mit ihr zur Stadt. eine List. verkündeten es die Herolde. ihre Umgebung nennt sie „filie de Dieu". Sie lenkt Schlachten und Belagerungen. und alsbald verbreitete sich in den Deinen das Gerücht.wappneten sie mit voller Rüstung. überzeugt. Sie entfernt die Männer. Ein schöngewachsenes. Sie ist weder Mann noch Frau. sie legt Männerkleider. Herodot findet das Ganze albern verlacht den Aberglauben. was sie verlangt. Sie legt die Frauenkleider ab.122 MYTHE sannen sie. hier zu seinem eigenen Vorteil im Leben zugleich v e r w i r k I i c h t und b e z i e h t wir verstehen auch das Volk. großes Weib aus dem paeanischen Demos sie maß vier Ellen weniger drei Finger. daß Athena Pisistratus heimführte. Wir die wir die Mythe erkennen. und hieß Phya -." Wo immer sie kamen. daß das Weib die Göttin sei. das diesen Mythus trotz seiner Bezogenheit erlebt. als die englischen Heere überall in Frankreich stehen. bei. sie führt ihn selbst. als das französische Volk und sein ungekrönter Dauphin sich in äußerster Not. den Athena selbst am meisten unter den Menschen ehrt und den sie in ihre Burg zurückführt. daß sie keinen „weiblichen" Eindruck macht. den Panzer an. wie Athena und Ushas. die der große Verehrer Homers. ist ein Pferd. aber ohne selbst Blut zu vergießen. nehmt wohlgesinnt Pisistratus auf. sagen wir. in größter Bedrängnis befinden und kein Ausweg möglich scheint. eine sachverständige Kommission hat es später festgestellt. Nun reitet sie zwischen zwei Männern wiederum kennen wir die Namen ihrer Dioskuren ungesehen von den Gegnern zu dem bedrängten König. sie ist „Pucelle" . Herolde sandten sie vor sich her. als der englische König schon zum König von Frankreich ausgerufen ist. rufend : „Athener. Sie . die bisher seine Wagenlenker waren. wir wissen sogar. keine fleischlichen Begierden weckt. fast zwei Meter. kommt aus Lothringen ein rettendes Wesen. in der sie sich zeigen sollte. Die in der Stadt.

Was hier im Leben selbst geschieht. Und als sie ihr Ziel erreicht hat. liegt hier anders als in dem Tellschuß -. Johanna liegt in unserem eigenen Kreis : „An das Mädchen von Domremy". Lagen Athena und Ushas in Kreisen. so können wir sagen: dort. wie man zu sagen pflegt. verschwindet sie. „wo G e schehen Notwendigkeit als Freiheit bedeutet". vergeht uns hier. dort. zu denen wir nur mit einiger intellektueller Anstrengung durchdringen konnten. Die Grenze. geht sie zugrunde. auf dem Boden der Geschichte. führt sich als Ganzes und in allen Einzelheiten aus einer Vielfältigkeit zur letzten Einheit zurück. oder wie es ein Denker ausgedrückt hat. wird sie vom Pferd gezogen.MYTHE 123 begleitet den König quer durch die Schar der Feinde . an Übertragungen zu denken. bezog sich Pisistratus auf Homer. . wo lebendiges Geschehen alles in sich aufnimmt und sozusagen restlos in sich selber aufgeht. in der sich das Geschehen vergegenwärtigt. „glauben wir" Zwischen dem Geschehen und der Form. die man notgedrungen und zur besseren Erklärung zwischen einem „wirklichen" Geschehen und dem „gesteigerten" Geschehen der Mythe machen könnte. und dennoch erkennen wir während wir uns davon überzeugen. das wir in der Ilias und im Rigveda fanden. Wollen wir auch dies verallgemeinernd zusammenfassen. es erzeugt Form und wird Form.kein Zeitabschnitt. dia. daß hier keine Legende. Wir haben es hier weder mit einem homerischen Epos noch mit vedischen Hymnen zu tun. ist hier völlig aufgehoben. wird Geschehen Mythe. wir stehen. sondern Mythe vorliegt das hilfreiche Wesen wieder.. so hat es ein Historiker der Neuzeit ungefähr ausgedrückt. Die Lust. sie befreit das Volk.

das Viel zu seiner letzten Einheit zurückführt. hier bei der Mythe ist die Stelle. wo in der Mythe Gegenstände von ihrer Beschaffenheit aus Schöpfung werden. An erster Stelle kann die Frage gestellt werden. so wie sie sich in der Mythe erschaffen. denken wir an die Apokalypse. wählen: Einen solchen Gegen- . Ich habe nur noch wenig hinzuzufügen. nach dem Untergang voll Sonne. von Welt und Leben. auch bei der Mythe einen solchen Gegenstand nachweisen. geladen ist. wie sich hier die Frage nach den letzten Dingen. dieselben Gegenstände durch die gleiche Geistes ihrer Beschaffenheit aus aufhören können-beschäftigunvo Schöpfung zu sein. Ich möchte hier ein vielgebrauchtes und oft mißbrauucht. daß wir den Antichrist nicht eigentlich als Un -heiligen betrachten können. in einer Sprachgebärde beantwortet. das diese Einheit in die chaotische Vielfältigkeit des Nichts zurückwirft. Das Geschehen. da wir bei Legende und Sage gesehen haben. zugrunde gehen? Sie können es. ja. die vernichtet. wie die Einfache Form ihre Macht auf einen Gegenstand übertragen kann. so kann der Mythus wiederum aus dem Chaos eine ne t t' Welt bauen. Aber so wie der Unheilige sich zum Heiligen umwandeln kann. und wie dann dieser Gegenstand seinerseits snit dieser Macht. Ich sagte damals.VIII. Oder wenn wir die Frage anders formulieren : Können Sonne und Mond. die baut. kann die Welt. kann der Berg. sie können es sogar nur durch die Mythe.. kann aufgehoben-fältiges werden von einem Geschehen. sie können es in der Mythe. so finden wir neben der Mythe. eine Mythe. so begreifen wir. ob. Denken wir an Ragnarök. So wie der Legende eine Antilegende zur Seite steht.es Wort. wo wir die Vergegenwärtigung des Erzvernichters unterzubringen haben. Weiter müssen wir. Neben Weltschöpfung steht Weltuntergang. Mond und Sternen.

sobald es als Fahne die gegenständliche Antwort gibt auf die Frage: was ist." Dann nimmt er den Stein. fürchtet er sich und spricht : „Wie schauerlich ist diese Stätte ! Ja. die Kleider. sondern so wie wir beobachteten. er ist auch nicht nur ein Gegenstand. In Genesis 28 wird Jacob die Zukunft seines Volkes offenbart. So wie wir aber eine Reliquie durchaus nicht als Sinnbild aufgefaßt haben. was ist das Vaterland. Von der Sprachgebärde der Mythe ergriffen. sondern ein Gegenstand. heißt diese: „eine reit er ist auf die Erde gestellt. bei dem durch Frage und Antwort Zukünftiges sich erschafft. deren oberes Ende bis zum Himmel reicht. Ich erinnere daran. in sich hineinziehen und es wieder ausstrahlen konnten. was mit ihm und seiner Heiligkeit zu--zeugds samnienhing. der tatsächlich mit Mythe geladen. wie die _Körperteile. nicht an einer.MYTHE 125 stand IieiliI(311 wir S y in 1) u I. beliebigen Stelle zustande kommt. nun selbständiger Träger der Macht der Mythe ist. was ist die Gilde. als etwas Anschauliches. Dieser Stein nun ist kein Denkmal. in den die Macht der Mythe gebannt ist. an den die Macht der Wahrsage tatsächlich gebunden ist und dem sie innewohnt. den er zu seinem Haupte gelegt hatte. von dem diese Macht selbständig getragen wird und aus dem sie jäh als tatsächliches Geschehen hervorbricht. und die Engel Gottes steigen auf ihr hinauf und herab. sondern er ist ein Gegenstand. die Partei. so wie sie selbst „heilig" werden und Träger der Macht des Heiligen. das ist der Wohnsitz Gottes und die Pforte des Himmels. das die Verheißung vertritt. daß auch ein Orakel. in dem der Sinn der Mythe ausgedrückt liegt. . sondern daß es eines geheiligten Ortes bedarf." Sein Gott redet zu ihm. das einem Sinn vertritt. so ist auch nach meiner Auffassung das Symbol kein Sinnbild. stellt ihn aufrecht und salbt ihn. das Vergangenes in Erinnerung bringt. eines Ortes. die Marterwerk Heiligen alles. und kein Anschauliches. So kann auch ein farbiges Tuch Symbol sein. was ist das Regiment. Als er ain andern Morgen erwacht.

Auch die Vergleichenden Rätsel das Haupt-forschunge(F. Ich weise weiter hin auf den Aufsatz von Wolfgang Schultz (Pauly-Wissowa. in denen es auch in unserem Leben eine Rolle spielt. möchte ich hier nennen. W. die Volkskunde hat sich mit dem Rätsel eingehend beschäftigt. Was Rätsel und was Rätselraten heißt. vgl. Schultz. „Das Deutsche Volksrätsel" hat Robert Petsch (Straßburg 1917) behandelt. den Richard Wossidlo 1897 (Wismar) publizierte. von uns Besitz ergreifen kann -. wissen wir allerdings wissen wir es meistens aus den Bezogenen Formen. mit welcher Inbrunst sich vor wenigen Jahren Amerika und Europa auf das Kreuz -wortäsel gestürzt haben. I der Mecklenburgischen Volksüberlieferungen).ist der Band R ä t s e l (Bd. v. Realenzyklopädie •s.RÄTSEL I. Eine mustergültige Veröffentlichung auf diesem Gebiete wo sonst so viel gesündigt wurde --. Noch eine zweite Form erfüllt sich in Frage und Antwort: das Rätsel. In- . Rätsel aus dem hellenischen Kulturkreis 1912). Sammlungen wie die von Wossidlo und Aarne bilden den Ausgangspunkt für unsere Untersuchungen so wie wir bei der Legende von den Acta Sanctorum ausgegangen sind. wir kennen sie aus den kindlichen Aufgaben.7819/0)inder der finnischen Schule Antti Aarne ein gewaltiges Material zusammengebracht hat. Rätsel. Wir wissen auch. Auch die Wissenschaft. wie sehr das Rätsel als Betätigung unsre Gedanken beschäftigen.C26.ich erinnere nur daran. der die antiken Rätsel vortrefflich gesammelt und in ihrer Vielgestaltigkeit bearbeitet hat. aus den Rätselecken unserer Zeitungen.

und die Wandlungen zu beobachten. Hier wird nicht von einem Gesamt einer bestimmten Gegend ausgegangen. sind ganz ohne Vorurteil und mit. den diese Typen durch Zeiten und Völker genommen.. historisch und geographisch den Punkt zu bestimmen. die sich jenem Typus anschließen oder anzuschließen scheinen. sind selbstverständlich Gegen Formen. aufzutreiben sind. wenn dieser Kreis vermieden wird. Jahrhunderts sachlich vor uns. Vergegenwärtigungen.vergleichend" vorgegangen. Mit diesem sehr großen Material wird der Versuch unternommen. im Umlauf befanden. liegt etwas anderes vor. sondern von-bestandi gewissen Typen. wo ein solcher Typus .entstanden sein kann. wird . da die Sammlung stattfand in einem bestimmten Gebiet wo gesammelt wurde . Da sich das rein historisch meist nicht genau feststellen läßt. ist groß: man schließt aus historisch-geographischen Daten auf eine Urform.-wärtige wie sie Wossidlo herausgibt. die Wandlungen dieser hypothetischen Urform werden dann wieder durch die gléichen historisch-geographischen Daten erklärt. wo Gegenwärtige Formen. man kann wohl sagen.-schiedr Was uns in Sammlungen vorliegt. die allen Varianten desselben Typus zugrunde liegen muß.RÄTSEL 127 dessen müssen wir hier wieder auf den methodischen Unter Volkskunde und der Litteraturgeschichte hinweisen. In einer Sammlung. Weiter ver wieder historisch-geographisch. Wir haben also hier den Rätselbestand in Mecklenburg zu Anfang des 20. folgen. das heißt man schließt aus einer Anzahl Varianten desselben Datums auf die Urgestalt. Aber auch. bleibt die aus zahllosen Vergegenwärtigungen abgeleitete Urform selbst immer noch im besten Falle eine Gegenwärtige Form. wie sie Aarne versuchte. In einer Sammlung. den Weg zu ver--suchtman. die sie auf ihrem Wege von Kultur zu Kultur durchgemacht haben. die sich zu einer Zeit -genwärtiu der Zeit. absoluter Vollständigkeit alle Ver zusammengetragen. und nicht von einem bestimmten Gebiet und einer bestimmten Zeit. wie schon aus dem Ausdruck „vergleichende Forschungen" hervorgeht. im un eine Bezogene Form oder eine Kunstform und-ginste . sondern von sämtlichen Gebieten und sämtlichen Zeiten. Die Gefahr. sich hier in einem Kreis zu bewegen.

jene Typen. aus der sie hervorgegangen ist. So wertvoll also-zudringe derartige Sammlungen für die litterarhistorisch-morphologische Methode bei ihrer Arbeit sind. Gelingt ihr das. bliebe es immer noch unsre Auf ihnen aus zu der eigentlichen Einfachen Form durch -gabe. nun ihrerseits mit den „historisehen" zu vergleichen. . jene historisch gegebenen Vergegenwärtigungeti. so zieht sie es doch vor.von und deren Bedeutung zu ergründen. auch hier zu versuchen. das Wesen der Einfachen Form und die Geistesbeschäftigung. zu bestimmen.. so wird es ihr möglich sein. die sich aus der Geistesbeschäftigung immer wieder ergeben.128 RÄTSEt4 auch wenn wir eine ziemlich vollständige Sammlung dieser sogenannten Urformen besäßen. zu unterscheiden und einzuordnen und darüber hinaus auch die neuen Vergegenwärtigungen.

den er durch die Frage veranlaßt. daß er aus dieser Form die Überzeugung gewinnt : er selbst kan n die Lösung finden. Einer ist im Besitze des Wissens. gleichfalls in den J o 1 l e e. der Wei s e. Hier stellt ein Mensch. Wie die Mythe also auch die Frage enthält. daß die Lösung einem anderen bekannt ist oder gewesen ist. in einer Wahrsage bekannt. die eine Antwort heischt. ihm steht ein zweiter gegenüber.II. daß es dem Ratenden unmöglich ist zu raten. er ist als Person der Wissende. Rinfache Formen 9 . ja die richtige Lösung eines Rätsels kann verloren gegangen sein und dennoch hat der Ratende das Bewußtsein. daß der Ratende weiß. daß. und die Welt gab sich ihm in ihrem Widerwort. Aber es ist ein anderes Wissen und eine andere Wißbegierde. seine Kraft und sein Leben daran zu setzen. Bei dem Rätsel besteht kein Verhältnis von Mensch zu Welt. Rätsel ist eine Frage. daß es jemanden gibt oder gegeben haben muß. sie ist auch so. anderen Menschen eine Frage aber er stellt jene Frage so. einem. Mehr noch die Form des Rätsels ist nicht nur so. Mythe ist eine Antwort. Ein Rätsel kann so gestellt sein. Bei der Mythe fragte der Mensch die Welt und ihre Erscheinungen nach ihrer Beschaffenheit. der weiß. in der eine Frage enthalten war. so wie die Form M y t h e die A n t w o r t wiedergibt. daß sie den anderen zum Wissen zwingt. Auch hier können wir die Geistesbeschäftigung mit dem Kennwort W i s s e n andeuten. die Form R ä t s e l uns die F r a g e zeigt. Diese Überzeugung aber setzt sich sofort um in jene andere : er m u ß sie finden. fällt uns zunächst rein äußerlich auf. Wenn wir Frage und Antwort im R ä t s e 1 mit Frage und Antwort in der M y t h e vergleichen. ebenso ist im Rätsel und durch das Rätsel die Antwort vorhanden. der die Lösung kennt oder gekannt hat ein unlösbares Rätsel ist eben kein Rätsel.

übersehen haben. daß wir antworten müssen. im Augenblick da die Frage gestellt wird.130 RÄTSEL Besitz des Wissens zu kommen und sich ihn als Weiser zu zeigen. das der Verfasser bezeichnenderweise ini Untertitel „Grundzüge einer Mythengeschichte" genannt hat (Berlin 1889). als gerade die. wie in der Mythe. aus Frage und Antwort erst errungen. bei dem Rätsel eine Enträtselung. Rätsel eine Beklemmung. Aber bei der Mythe ist dieses Zusammenkommen eine Wahrsage. -das Finstere. . Es ist kein Zufall. schon vorhanden. Ich betone den Unterschied der Formen uni so schärfer. Das Wissen selbst ist. wo sich die Frage in einer Antwort löst. so auch Ludwig Laistner in dem merkwürdigen Buche „Das Rätsel der Sphinx". es wird nicht. wo Frage und Antwort zusammen kommen. daß ein althochdeutsches Wort für Rätsel tunk a 1. deshalb bedeutet Mythe ein Aufatmen. So Wolfgang Schultz in den Studien. Deshalb steht Mythe im Zeichen der Freiheit Rätsel im Zeichen der Gebundenheit. lautet. Der Bedeutungsknoten liegt sowohl bei der Mythe wie bei dem Rätsel dort. Rätsel Leiden. aber das. die ich zu Anfang genannt habe. deshalb ist Mythe Tätigkeit. die sich and eingehendsten mit dem Rätsel beschäftigten. was die Formen trennt. und zwar so gefragt. die Beziehung zur Mythe zwar gespürt. In der Form Mythe sind wir selbst die Fragenden in tier Form Rätsel werden wir gefragt.

eine Frage. in dem das Rätsel als Form spürbar ist: die Gerichtssitzung. beziehungsweise „durchzufallen". Außer dem Examen und das hat Laistner Übersehen gibt es im Leben einen anderen Zustand. der weiß. daß dieser Weise zugleich ein Ungeheuer ist.-gleichn so fühlen wir den Unterschied noch stärker. woraus sich die Weisheit ergibt. der zuerst auf etwas hingewiesen hat. In der Tat. auf den Begriff E x a m e n. das uns mit Angst erfüllt. der . zu wissen. dämonisch gedacht werden kann. Und an dieser Stelle fassen wir sie nicht. der sich dem Rätsel ver läßt. Hier handelt es sich aber nicht um eine sokratische Frage. so ergibt sich aus diesen Antworten nicht die Weisheit selbst. vom Verfahren her. sondern eine Frage. Die Gesprächs ist bei Plato das. wenn der Gefragte richtig antwortet. die Frage zu beantworten oder zugrunde zu gehen. Trotzdem ist es gerade Laistner gewesen. die schon von Wissen bedingt ist und Wissen zur Bedingung stellt. ein Zustand. wo tätige Tugend. sondern das Wissen des Kandidaten. um festzustellen. wie in der Legende.-gleichn stellt. die Antworten sind aber dem Fragenden von vornherein bekannt . Der Gemütszustand im Examen kann es klarmachen. daß sich in der Antwort eine Welt erschafft. Ver wir einen platonischen Dialog mit einem Katechismus. sondern wiederum als Verhältnis von Personen. strafbares Unrecht vorliegen. der die Frage.III. wenn auch in anderem Format und auf einer anderen Ebene. Bei dieser Gerichtssitzung ist es der Richter. daß die fragende Person. ein anderes Geschehen. was uns im eigenen Leben die Form Rätsel klar zu machen imstande ist. uns würgt. ein Dialog . die das Wissen besitzt und die wir den Weisen nannten. der den anderen zwingt. die so gestellt wäre. uns bedrückt. Ein-form Katechismus ist auch ein Gespräch. das Examen ist. Auch da ist jemand.

Eine der Erklärungen ist: „En mäten hett'n kind ümbröcht patt . Dem steht eine andere Gruppe gegenüber. Die wenigen bekannten Fälle. der die geistigen Fähigkeiten des Pfäffleins. das Wissen des anderen zu ergründen. prüfen will. rat't. auf Ilo bin ich hübsch und fein. vier-. nu is dat jo früher so wäst. da sich das Rätsel erweitert. dat lüd'. mit bösen Mächten in Verbindung stehende Prinzessin sein oder ein König. meine herren. Ich habe kein Dorf gefunden. Hier examiniert ein mehr oder weniger grausames Wesen. der w e i ß. zeigen ganz scharf. Lebensnotwendigkeit des einen. in welchem es nicht irgendeinem der Bewohner bekannt war. Die Beispiele sind bekannt. Auch hier ist es Lebenspflicht. der Angeklagte." In seiner gewöhnlichen Fassung lautet es: Auf Ilo geh ich. öfter fand ich es in Einem Dorfe in drei-. ja fünffacher Gestalt. wie hier wirklich Rätsel als Einfache Form vor uns liegt. Der Angeklagte gibt hier das Rätsel auf.132 RÄTSEL w i s s e n m u ß. Aber in allen Fällen heißt es : rate oder stirb ! In allen Fällen ist es im tiefsten Sinne eine Examens -frage. Am harmlosesten ist der Kaiser. Andersens Reisekamerad mit den zahllosen Varianten. die man gewöhnlich nach einer häufig vorkommenden Vergegenwärtigung Ilorätsel nennt. auf Ilo steh ich. dessen Schmerbauch drei Männer nicht umspannen. was soll das sein. Kaiser und Abt. wie in diesen Verhältnissen die Geistesbeschäftigung des Rätsels gegeben ist. Es kann auch eine verzauberte. de to'n dod' ver- . es gehören dazu die Sphinxgeschichte selber. da es eine Erzählung wird und in dieser Erzählung gewissermaßen einen Kommentar zu sich selbst liefert. so hört er jedenfalls hic et nunc auf. Da ist einerseits eine Gruppe. Richter zu sein. Turandot. Wossidlo schreibt: „Dieses Rätselmärchen" wir wollen lieber nur R ä t s e 1 sagen „ist über das ganze Land verbreitet. die wir mit den Typologen als Sphinxrätselgruppe bezeichnen wollen. gelingt es dem Richter nicht es zu raten.

wenn es ans Rätselraten geht: „Unser Einsatz sind unsre Knochen. 9 . Gerade weil Tod und Leben hier von der Lösung des Rätsels abhängen. ähnlicher Erklärung aufgegeben und erzählt werden : „Zweibein saß auf Dreibein ". „Ungeboren" usw. ge zu werden. Es ist die Frage des ingeklagten. die mit." (Wossidlo.wo das Rätsel seine tiefste Bedeutung erreicht.RÄTSEL 133 urteilt wäst rund. Rätsel zu lösen. die sich weigern. das keiner rät.srätse1 genannt. Freiheit und Leben bringt. und hier heißt es : gib ein Rätsel auf und lebe! Es ist. als kämen diese zwei Gruppen von den beiden äußersten Grenzen der Geistesbeschäftigung aufeinander zu. sünd se erlööst wäst. Hier wird also ein Rätsel aufgegeben. Ilomnm Kett dat mäten ehr hund heeten. nur wiederholen. de richters hebben 'il rätsel upgäben künnt.) Außer dem Ilorätsel im engeren Sinne gehören zu dieser Gruppe zahllose andere Rätsel. heißt Leben.•aten (lie ein Rätsel nicht lösten. wenn es nicht geraten wird. von den'n sien fell hett se sik 'n poor schoh maakt. in die Kochgrube geworfen und ihre Knochen als Siegestrophäen aufbewahrt wurden." Aber eigentlich können wir das Überall. insoweit sie den Zwang in sich tragen.. Es heißt. heißt Untergang ein Rätsel aufgeben. 191. Ob Examensrätsel. wenn de dat nich lööst hebben. Ein aufgegebenes Rätsel nicht lösen können. Und deshalb `ages andere. ob Gerichts rätsel -. das. geht es an das Leben : sind unsre K iioehen unser Einsal z. hat man diese Gruppen H a l s r ä t s e l oder Ha1s1osung. wo wir diese Einfache Form finden. weil ihre Ahnen in dieser Weise zugrunde gegangen sind hier reiben sich Sage und Rätsel. As nu de dash rarikümmt. S. Dat hebben se nich raden könnt:: dor i se fri kamen.-r. Tm Grunde aber sind alle Rätsel Halsrätsel. Deshalb soll es Familien geben. daß auf Hawai ehemals diejenigen. treckt se cie schob an un geit hen na de richters un bädt ehr dat rätsel vör.

Und mit diesem Verrätseln können wir die Tätigkeit dessen bezeichnen. Was aber ist die Absicht. der es raten mußte. Andererseits zeigt der Ratende. weshalb er prüft und zwingt. daß die Lösung an sich nicht der eigentliche und einzige Zweck des Rätsels ist. der das Rätsel aufgibt. Ich brauche auch hier nur an den Begriff Examen zu erinnern. sich ebenbürtig zu zeigen. da es uns in seiner Form als Frage gegeben ist. Die beiden Gruppen des Sphinxrätsels und des Ilorätsels wiesen uns auf die Bedeutung dessen hin. Wir waren dazu berechtigt. wie auch ein Zwang für den Ratenden. daß er gleichfalls weiß. Darüber hinaus aber enthält-suchngeir die Frage einen Zwang. eine Unter Ebenbürtigkeit. Um jedoch enträtselt werden zu können. und da uns diese Frage eigentlich jedesmal gestellt wird. der geraten hat. versteht sich von selbst: der Aufgebende muß einen Grund haben. daß der Aufgebende sich im Besitze des Wissens befindet. der Gefragte. An erster Stelle ist also das Aufgeben des Rätsels eine Prüfung des Ratenden. Daß nun diese Prüfung und dieser Zwang nicht mit einer beliebigen Person bei einer gleichgültigen Gelegenheit vorgenommen werden. Die Tätigkeit des Ratenden haben wir mit dem Wort e n t r ä t s e l n angedeutet. Wir haben zu Anfang das Rätsel hauptsächlich von der Seite dessen aus. Hieraus ergibt sich. der Zweck dieser Verrätselung? Wir haben gesehen. des Fragestellers. daß er weiß. sondern das .IV. weshalb er sich der Unter -suchng und dem Zwang unterwirft. daß er dem Aufgebenden ebenbürtig ist. betrachtet. In seiner Gesamtheit ist also das Rätsel seitens des Aufgebenden sowohl eine Prüfung der Ebgnbürtigkeit des Ratenden. muß das zu Enträtselnde zunächst v e r r ä t s e 1 t sein. der das Rätsel aufgibt.

daß der Ratende bei der Enträtselung seine Würde. Im Gegensatz zur Mythe enthält das Rätsel eine Frage. bei der Verrätselung dafür zu sorgen. sie ihm zu geben. daß er dazu reif ist. oder auch eine Gruppe. liefert sie den Beweis. sie zu geben. eine Weisheit vertritt. die gestellt wird. Nicht wie in den vergegenwärtigten Rätselerzählungen. sie noch einmal zu erhalten. Wir können hier sagen. dér um Einlaß bittet. wie für den. das Zugang zu etwas Abgeschlossenem verleiht. es kommt ihm darauf an. und wenn diese Frage beantwortet wird. die durch Wissen gebunden ist. kann man lesen.. nicht wie bei dem Sphinxrätsel steht hier der Aufgebende dem Befragten als würgendes Ungeheuer gegenüber und dennoch spüren wir auch hier den Zwang : der Zugang zu jenem Abgeschlossenen ist Lebensfrage. In den tieferen Schichten. sowohl für den. Die Antwort war dem Aufgebenden bekannt es kommt ihm deshalb nicht darauf an. in jene Gruppe aufgenommen sein will und der durch seine Antwort beweist. Selbst in sehr oberflächlichen Begriffsbestimmungen des Rätsels. so wären hier viele Antworten-bunde . um zu untersuchen. welcher Art eine solche durch Weisheit ge Gruppe sein kann. Fragt man. wo wir unsere Einfachen Formen zu suchen haben. daß er nicht selbständig ist. daß der Gefragte imstande ist. daß das jetzige Rätsel ein Mittel sei. den Gefragten zu veranlassen. sondern es kommt ihm darauf an. daß der Befragte würdig ist. ob der Befragte eine gewisse Würde besitztt. Die L ö s u n g ist also eine Parole. So wird von zwei Seiten das Rätsel bestimmt: der Aufgebende hat. daß der Aufgebende den Weisen haben wir ihn genannt nicht allein steht. ein Losungswort. seine Ebenbürtigkeit zeigt. den Scharfsinn des Ratenden zu prüfen. der zu jenem Wissen zugelassen. Der Ratende dagegen ist nicht Einer. der Einlaß gewährt. die meist für Bezogene Formen gelten. der die Frage eines anderen beantwortet. sondern Einer. ist der Zweck viel weniger unbestimmt. sondern daß er ein Wissen. Noch einmal weise ich auf den wesentlichen Unterschied zur Mythe hin. Bei der Mythe liegt die Bedeutung der Antwort ausschließlich in der Antwort selbst.RÄTSEL 135 L ö s e n.

Haben wir das Rätsel ein Losungswort genannt. daß der Zugang. um in sie aufgenommen zu werden. möglich. eine Weihe nötig ist. den man nur auf dem Wege der Weisheit erreichen kann. so können wir hinzufügen. jener zur geschlossenen Weihe ist. daß sie aus Eingeweihten bestehen und (laß.136 RÄTSEL. zur Weihe zugelassen zu werden. insoweit dies als Ort aufgefaßt wird. Wir können sie zusammenfassen : jene Gruppen sind derart. daß dieses Losungswort zur Einweihung führt. Sie erstrecken sich also von dem Geheimbund in seiner einfachen Gestalt bis zum Reiche der Seligen. den es verschafft.. Zweck und Aufgabe des Rätsels ist aber seitens des Aufgebenden: zu prüfen. . und ihm zugleich den Zugang zum Abgeschlossenen zu ermöglichen. die Weihe zu (empfangen. ob der Gefragte reif ist. seitens des Gefragten: seine Würde zu zeigen.

daß die Möglichkeit keineswegs ausgeschlossen ist.e : \Va. Damit ist aber keineswegs gesagt. daß sich unter all dem. daß eine Bezogene Form gelegentlich den Weg zum Volksmund findet und in Umlauf gerät und daß so die Zahl der Verrätselungen auch im Volksrätsel erweitert wird. von deli Rätsel Rätselzeitungen. Wossidlos Sammlung beweist auch.d Anschein. während die zweiten „sich im Volksmunde be--gesn finden". daß die . Aber das ist nur scheinbar. . in denen eine bestimmte Weise der Verrätselung auf beliebige Sachen angewandt wird. wie sie die Volkskunde sammelt und die sie „wirkliche Rätsel" (Petsch) oder Volksrätsel nennt. Die Beispiele bei Wossidlo zeigen. wieder ver werden. beruht wohl darauf. Es ist aber deutlich. Damit stehen wir vor unsrer zweiten Fra. daß die ersten einmal geraten und wenn die Zeitungsnummer mit der L ö s u n g erschienen. immer als Gegenwärtige Form aufgefaßt werden darf. „im Umlauf" sind. die Einfache Form verwirklicht oder einmal verwirklicht hat. so hat es den-eckn. daß wir hier Bezogene Formen vor uns haben. für das \ Tas im tieferen Sinne sind sie in keiner Weise maßgebend. Die Zahl der Gegenstände. als ob schlechterdings alles verrätselt werden könnte. als Form.V.s wird v(„z ratse t? - Gehen wir von denn zahllosen Rätseln aus. Solche Analogien können uns im besten Falle über Glas Wie der Verrätselung etwas lehren. Der Unterschied zwischen den Rätseln einer Rätselecke und den Rätseln. in der sich die Geistesbeschäftigung. ist hier unbeschränkt. keine Bezogene Form befindet oder daß das. was im Volksmunde lebt. das heißt immer wieder aufgegeben werden. den Rätselbüchlein. ovas in solchen Sammlungen zusammengetragen ist. die in sehr verschiedener Weise zum Rätsel umgebildet werden. die täglich von Erwachsenen und Kindern aufgegeben werden.

Die Geistesbeschäftigungen bleiben . In diesem Falle wird auch das Rätsel. das was in dem Bunde zugleich heimisch und heimlich ist. Mit anderen Worten. Aber ich betone hier Mythus . deren bindender Sinn Mythe ist und deren Handlungen wir Ritus nennen. die Heimlichkeit des Bundes auf der gemeinsam erhaltenen Wahrsage. Und selbst bei scheinbarem Unterschied zeigt sich hier. denn nicht die Einfache Form. Was verrätselt wird. die verrätselt wird. F. und daß die Tätigkeit des Bundes in Handlungen besteht. wir können sogar von diesem Worte aus ----. Schaf.oder ähnlichen Gegenstände immer wiederkehren.von der Heimtücke des hämischen Rätsels reden. Ziege. Ja.138 RÄTSEL Zahl der verrätselten Gegenstände. nicht unbeschränkt und nicht willkürlich sein können. daß die Fragen. C. Es ist möglich und es geschieht sehr oft. Noch einmal müssen wir die Mythe berühren. auf der Offenbarung. wenti man sie überschaut. so müssen wir uns sagen. wir haben eine Gemeinschaft vor uns. Hase sämtlich zurückzuführen sind auf einen „Typus ". daß eine Anzahl Rätsel aus den verschiedensten Gegenden mit den Lösungen : Katze. Verrätselt kann nur werden. was die Weihe umschließt das Geheimnis des Bundes. Kamel. Schwein. sondern die Vergegenwärtigung ist es. sehr zusammenschrumpft daß bei einer bestimmten Weise der Verrätselung die gleichen . die der Eingeweihte dem Einzuweihenden aufgibt. der Rind oder Kuli verrätselt. auf die Mythe Beziehung haben es wird hier ein Mythus verrätselt werden. das diese Gemeinschaft aufgibt. bei der Einfachen Form ein. in denen die Bedeutung dieser Offenbarung jedesmal von neuem ausgedrückt und wiederholt wird. die eigentlich Gegenwärtigen Rätsel. So hat Antti Aarne (F. wird also von dem Sinn des Abgeschlossenen bestimmt. Gehen wir nun unsererseits wieder den umgekehrten Weg und setzen bei der Geistesbeschäftigung. daß sich die Gruppen zusammendrängen und auf einen noch erkennbaren Ausgangspunkt hinweisen. daß der Sinn des Bundes auf einem Fragen nach der Schöpfung und der Beschaffenheit der Welt und ihrer Erscheinungen beruht. 27) richtig nachgewiesen. Hund. Pferd. in denen sich die Geistesbeschäftigung verwirklicht.

Andererseits zeigt sich Themistokles (Her. zu dieser Mythe in Beziehung steht. dieses Erschaffene zu kennen? Von vornherein steht das nicht fest. Ziel des Bundes ist jedesmal wieder. die uns Herodot erzählt. daß der Aufgebende sich im Besitze des Wissens befindet und daß er die Gruppe. was verrätselt wird. auch wenn das. aber diese Wahr ist Heimlichkeit des Bundes. Das Orakel als Mythe enthält die bündige. wie wir gesehen haben. schiebt sich notwendig die Form des Rätsels in seiner Mehrdeutigkeit. Mag es sich nun aber dabei um eine Mythe oder um etwas anderes handeln -. das Rätsel. es muß geprüft. der das Orakel sozusagen „benutzt ". würdig. Wissen als Besitz. heißt.erzeugen. Es erschafft sich dort. Zwischen das Orakel und-sage den fremden Fragesteller. den Bund vertritt. bestanden. eindeutige Antwort. indem er das Rätsel des rei o et. die Antwort ist nie eine Wahrsage. ohne sich je zu vermischen.iisois löst und damit den Sinn des künftigen Geschehens erfaßt. Und wie wird es geprüft? Indem das Orakel seine Wahrsage selbst verrätselt. wir können es auch so sagen: der Sinn des Bundes und das. in Frage und Antwort die Welt zu . es muß bewiesen werden. Sehr nahe können diese beiden nebeneinander liegen.fest steht. 141 íf. Ich erinnere noch einmal an das Orakel. VII.RÄTSEL 139 vollkommen getrennt. und die wir bei der Mythe schon erwähnten.'9). immer eine Enträtselung. Ist nun aber derjenige. dann gehört ihm das Orakel: enträtselt er es nicht und hat er die Prüfung zur Weihe nicht. nur eine Prüfung des Gefragten seitens des Aufgebenden. Dieses aber ereignet sich im Orakel selbst.) als Eingeweihter. Ziel des Rätsels bleibt. als Einfache Form aus Frage und Antwort zukünftiges Geschehen. was dem Uneingeweihten verrätselt wird. . dann hat er damit seine Würde bewiesen. L ö s t Kroisos in der Geschichte. dann ist er zum Abgeschlossenen durchgedrungen. die Wahrsage. den Uneingeweihten. dann wir haben hier wie immer ein Halsrätsel vor uns ist es um ihn geschehen.

diese nicht allein schlecht Wasser ist. Katechismus das Wort stammt von dem griechischen w. . Auch durch den Katechismus wird der Eintritt zu einer Gemeinschaft ermöglicht. Wenn wir hören: x . wenn von Taufe die Rede ist. aber die Fragen werden nicht aus sich heraus gelöst die Antwort wird von dem Katechumenen erlernt. ob der Fremde die Sprache (des Eingeweihten versteht. ist dem Rätsel verwandt. es kann auch erlernt werden. haben wir gesehen. Ähnliches finden wir nun sehr viel stärker im Rätsel. daß. von dem Sinn des Abgeschlossenen. sondern das Wasser in Gottes (gebot gefasset und mit Gottes Wort verbunden . Auch die Rätselerzählungen sagen Ähnliches.-zieht. so muß es vor allem in der Sprache des Bundes abgefaßt sein man könnte also sagen : die Prüfung besteht an erster Stelle darin. von der Heimlichkeit des Bundes bedingt und bestimmt wird.Vl. . zu ergründen. Erinnern wir uns noch einmal an den Begriff Katechismus. Wenn das. In der Erzählung vom Dankbaren Toten erfährt der Ratende jedesmal die Lösung durch einen Anderen: er erlernt sie. So kommen wir zur dritten Frage : wie wird verrätselt? Und das führt uns auf die eigentliche Form des Rätsels. daß hier die Spontaneität des Rätsels fehlt. die Weihe erlangt. Indessen zeigt uns schon der Katechismus. Wissen als Besitz aber kann nicht nur verrätselt. was verrätselt wird. erklinge oder lasse erklingen unterscheidet sich aber dadurch. daß zur Weihe ein bestimmtes Wort in einer gewissen Bedeutung genommen sein will.. Wiederum sehen wir hier Wissen als Besitz. Wie sich Wissen in der Mythe voll wie es in der Erkenntnis erzeugt wird.

der innerhalb dieser Gemeinschaft den Sinn der Welt bedeutet. Monate) B r ü d e r heißt. die von Sammlern aus dem Munde-genwärtiu. in jedem Neste sieben Jungen. Die Bedeutung. daß diese Bedeutungen nicht dadurch zustande kommen. daß diese Gleichheit. aus einem Sinn hervorgeht. auf Körperliches beschränkt sein kann. Jungen. Mond. Mittag und Abend nicht unbedingt Tageszeiten meinen. doch sämtlich sind sie ohne Zungen so wissen wir von vornherein. je besser wir es als Losungswort. daß in diesen Rätseln Bewegliches (Sonne. Jahr. daß Morgen. Abend hier aufeinander bezogene Sachverhalte. der zweiundfünfzig Nester hält.RÄTSEL 141 Ein Baum steht in der ganzen Welt. oder Morgen. daß Baum. Andererseits fühlen wir aber auch. am Mittag auf zwei. Oder wenn wir das Sphinxrätsel nehmen : Wer geht am Morgen auf vier. Porzig (Germanica. des Volkes aufgezeichnet sind. unter sich in ihrem Bau grundlegend von andern sprach--scheidt lichen Bedeutungen : während sprachliche Bedeutungen sonst nur e i n e n Sachverhalt meinen. von der ich sprach. bezeichnen Worte wie Baum. Erscheinungen in der Luft (Sonne. Gleichgeordnetes (Tage. das die Weihe zu einer bestimmten Gemeinschaft umschließt. 1925. am Abend auf drei Beinen so wissen wir auch hier. und B e i n e nicht. Fuß) R ad o d e r W a g e n ist. Festgabe Sievers. sondern daß wir sie anders fassen müssen. Je näher wir an das Rätsel als Einfache Form herankommen. woraus ein anderes hervorgeht (Wolken. Jungen hier nicht in der gewöhnlichen Bedeutung genommen werden. Nun sind diese angeführten Beispiele frei schwebende Ver Rätsel. Nest. Funken. Nest. um so deutlicher können wir beobachten. etwas. . Blitz) : sind V ö g e 1 . die hier die betreffenden Worte haben. begreifen. Halle) hat das Rätsel an einer Stelle zu greifen. wo es als Einum Rätsel des Rigveda im fache Form noch lebendig ist Zusammenhang untersucht und festgestellt. Mittag. daß für irgendein verrätseltes Ding ein anderer Name als der übliche eingesetzt wird.

wer es wohl weiß. Unteres heißt immer F u 13. Die Welt der Sondersprache dagegen zeigt das Gerüst ihres Baus als allererstes. „Sondersprache wie Gemeinsprache konstituieren eine Welt. die ni i t." Porzig hat dann weiter das Wesen dieser Sprache ein behandelt und damit einen Beitrag zum Kapitel-gehnd Sondersprache gegeben. sich in Gestalt hüllend haben sie mit dem Fuße Wasser getrunken. sie wird viel früher gewußt als sie in den Besitz ihrer Gemeinschaft übergeht. oder den Wolken. die durch die Wolken scheint. Denn jene Sprache. Feuer) ist K u h . heißt es: „Hier soll sagen.142 RÄTSEL. die verborgene Spur dieses lieben Vogels. . Die Strukturlinien des Weltbilds der Gemeinsprache sind erst eingehender Untersuchung zugänglich. Auf den großen Hauptlinien liegt so viel Gewicht. nennen wir S o n d e r s p r a c h e. verrätselt wird. Aber während die Gemeinsprache die Dinge unmittelbar als solche hinstellt. wie in den rigvedisehen Rätseln von der Morgenröte.Schon bei der Beschreibung des Charakters der Sondersprache ist deutlich geworden. . Wenn also die Sonne. gibt die Sondersprache den Sinn der Dinge. darum absolut und im strengen Sinne eindeutig ist. darum wird sie so vieldeutig. Morgenröte. d e m Fu ß e Wasser trinken. ihre innere Verflochtenheit und tiefere Bedeutung wieder.. . Und wenn . aber sie kennen sie nicht. daß darüber die Einzeldinge verblassen . Aus seinem Haupte melken die Kühe Milch." Porzig zeigt dann die entgegengesetzten Richtungen der Gemeinsprache und der Sondersprache an einem Beispiel aus dem Gebiet der Bedeutungen. oberes Haupt. die eigentliche Welt der betreffenden Sprachgemeinschaft. Wenn wir vom Fuß des Berges . vom Fuß einer Lampe sprechen. wie die Welt von innen angesehen immer ist. so hat das Wort Fuß eine Bedeutung derselben Art. deren Kenntnis Zugehörigkeit zu einem abgeschlossenen Kreise ver und in der Heimlichkeit dieses Kreises den Sinn der-schaft Welt bedeutet. die Sprechenden haben eine Welt. daß sondersprachliche Bedeutungen sich innerhalb jeder gegebenen Sprache finden. die die Sonne mit dem Fuß trägt.

F u ß in der Sondersprache bedeutet etwas. . die nebeneinander lägen und einander ausschlössen.RÄTSEL 143 wir jede Erscheinung bis zu ihrem . was wir Sprachgebärde genannt haben. was die Sondersprache meint. die man als .bildlichen Ausdruck' zu bezeichnen pflegt. . als . genauer zubestimmen: die sprachliche Gebärde des Rätsels stammt ausnahmslos aus der S o n d e r s p r a c h e. F u ß in der Gemeinsprache meint einen in bestimmter Weise gestalteten Körperteil als vorhandenes Ding. In Wirklichkeit handelt es sich um eine andere Art von Sprache mit andersartigen Bedeutungen. daß es dasselbe ist. dessen ganzes Wesen darin besteht.Bedeutung. daß es bei dieser Form mög- )ich ist. die sich übereinander lagern . nur mit ver Gemeinsprache und Sondersprache-ändertBugsa. Es sind dies die Vorgänge beim Bedeutungswandel. daß alle Ausdrücke der Rätselsprache ebenso auch Ausdrücke der Gemeinsprache sind.Ursprung` zurückverfolgen." Ich verweise für das Weitere auf den Aufsatz selbst diese Ausführungen. Beide Bedeutungen liegen im heutigen Neuhochdeutschen ungestört nebeneinander und auch für den Rigveda wissen wir. sondern nach seiner E r s c h e i li u n g gemeint. Wenn wir auf das We s e n des menschlichen Fußes reflektieren. sondern sie sind Schichten derselben Sprache. so finden wir allerdings. sind von unbedingter Wichtigkeit für den Begriff des Rätsels. . das. Aus dem Zitat sehen wir aber schon zur Genüge. sind also nicht zwei Sprachgebiete. zu stützen und zu tragen. so hat dieses Wort ausgesprochene Sondersprachen. auch über Syntax. Aber in der Gemeinsprache wird der F u ß eben nicht nach seinem Wesen.Übertragung`.

so ist das Sondersprache. so hat der Ratende.sie tut dies. Die sprachliche Gebärde des Rätsels ist Sondersprache. Wir besitzen im Griechischen zwei Worte für Rätsel. wo sich Gemeinsprache und Sondersprache durchdringen. erwähnen. das eigentlich Netz bedeutet ein . Irre ich mich nicht.VII. Sobald das Rätsel der Sphinx geraten ist. Wenn wir aber sagen. die Heimlichkeit des Bundes nicht mehr. daß das Rätsel die Sondersprache einer Gruppe im allgemeinen enthält. der die Lösung fand. In den Rätselerzählungen kommt das dadurch zum Ausdruck. ist dabei gleichgültig. aber Sondersprache braucht nicht die Form des Rätsels anzunehmen -. mit dem zugehörigen aivcyua und ypitpoc. mit anderen-übervon Worten. aber kein Rätsel. um ein naheliegendes Beispiel zu wählen. Auch dies aber bedingt die Form des Rätsels: es ist nicht nur eine Verrätselung der Heimlichkeit des Bundes. die Abgeschlossenheit durchbrochen. so liegt in dem ersten mehr die Tatsache der Verrätselung. nach dem das Verhältnis des Aufgebenden und des Ratenden zu beurteilen ist. und hierin liegt das. stirbt sie. so ist damit seine Form noch keineswegs bestimmt. Ob er nun die Absicht hat. Tatsächlich besteht in dem Augenblick. zu geben: wenn ich vom Fuße des Berges rede. Oder um ein Beispiel aus der gegebenen wirklichen Sprache. es ist auch eine Abwehr. ob der Ratende würdig war aufgenommen zu werden. nicht.t einen Fuß und kann doch nicht gehen? Wir müssen hier noch ein neues Moment. in der Gruppe selbst. was ich schon die Heimtücke des Rätsels genannt habe. ein Rätsel wird es. War der Zweck des Aufgebenden. wenn ich frage: Wer ha. die sich ihrer bedient. festzustellen. da er die Lösung ausspricht. aivo. daß hier das Leben des Aufgebenden auf dem Spiele steht. in dem zweiten dagegen. ob er sich von nun an als Eingeweihten betrachten und betragen wird. seinerseits anderen gegen dieser Abschließung Gebrauch zu machen.

der. ist so. die die Form Rätsel sozusagen absichtlich herauskehrt. wenn wir Sondersprache im engeren Sinne. unverständlich sein zu können. mit dem er sich fortbewegt und indem es vom Vieldeutigen ins Eindeutige überführt. es ist auch so abgefaßt. Setzen die Bedeutungen der Sonder voraus. wie das Rätsel verrätselt. Sondersprache einer Gruppe wir sehen es deutlich. Zwischen Frage und Antwort liegt Streit. ist es. Die Form Rätsel eröffnet.d Aber wiederum ist es die Sondersprache. daß es diese Sondersprache dem tTneingeweihten unverständlich erscheinen läßt. die Art. Verbrecher nehmen ist Fernerstehenden unverständlich. wenn wir von dem F u ß d e s B e r g e s redeten. Es steht sozusagen Weihe neben Weihe. die auch die Heimtücke ermöglicht. Einfache Formen 10 . dem Körperteil. daß ein Begriff vom Ganzen der Welt bewußt-sprache vorhanden ist. In diesen Wettkämpfen muß nicht nur derjenige büßen. in der Regel damit enden. das uns fängt. daß es ein System der Vieldeutigkeit gibt. Wir nannten es Sondersprache. Jägersprache. -wiren—. wenn wir sagen : Wer hat einen Fuß und k a n n doch nicht gehen ? Was tut nun hier das Rätsel? Es führt von der Sondersprache wieder in die Gemeinsprache über. ein Eingeweihter einem Eingeweihten gegenüber. der das Rätsel nicht raten kanji. Rätsel. so sind diese Bedeutungen dem Fremden nicht ohne weiteres begreiflich. worin alles tatsächlich Eindeutige sich einordnen muß. Wit' wissen. vieles stützen und tragen kann. etwas enthält und vorenthält. von dem Fuß. vieldeutig. Wir finden das ausgedrückt in den Rätselwettkämpfen. macht es von der Gemeinsprache aus die Sondersprache unverständlich. an denen sich sogar die Gottheit beteiligt. Es ist nicht nur in der Sondersprache der Gruppe abgefaßt. Diese-sprache Eigenschaft des Vieldeutigen. sondern auch derjenige.RITSEL 145 Netz. aber verschließt zugleich. daß der Jotles. zu dem eindeutigen Fuße des Menschen. daß es zugleich etwas birgt und verbirgt. dessen Rätsel geraten wird. die an gewissen Stellen noch stattfinden oder die zum Beispiel aus dem Norden litterarisch überliefert worden sind. daß solche Wettkämpfe. in dessen Verknotun$en wir uns ver Heimtücke der Verrätselung ausgedrückt. Sphinxrätsel und Ilorätsel fallen hier zusammen.

aber dann doch wieder eine sehr harmlose Lösung zulassen. was zugleich vorenthalten bleibt. die die Ethnographie als Männerbund zu bezeichnen pflegt. die die Welt der tatsächlichen Eindeutigkeit ausschaltet. Der Aufgebende. in Herrengesellschaft eine weniger-geslchaft harmlose Lösung besitzen. Aber wenn wir hier Herrengesell schaft sagen. Ich erinnere an das Rätsel: Wie heißt Kaiser Karls Hund ?. der verrätselt. In der Damenlösung liegt wiederum etwas enthalten. In Wossidlos Sammlung sieht man. Wenn aber der Ratende durch sein Erraten die Abgeschlossenheit durchbrochen hat. die durch die Frage entstanden ist. Die Antwort schließt die Lücke. daß in jeder Vergegenwärtigung die Lösung irgendwie umschlossen liegt. In einem Teil unserer „Gesellschaftsrätsel" wird diese doppelte Lösung zum Spiel. wieder zu : auch diese Antwort ist Sondersprache. wie alt und weitverbreitet die Sondersprache des Geschlecht lichen ist. Es gibt Rätsel. wie häufig diese Rätsel sind sie erinnern uns daran. sondern auch die Lösung selbst. die in Damen eine harmlose. die Öffnung. . deren Heimtücke darin besteht. erlaubt auch das in das Rätsel ein neues Rätsel ein. daß die „eigentlichen" Rätsel iin Gegensatz zu den Bezogenen Formen derJetztz°eit keine eindeutige Lösungbesitzen.146 RÄTSEL Mächtigere ein Rätsel aufgibt. Jede Vergegenwärtigung birgt nicht nur die Möglichkeit der Lösung in sich. das zur allerhöchsten Weihe gehört. so hat ihm der Aufgebende durch das Rätsel dazu die Möglichkeit gegeben. bei dem die Lösung W i e heißt. auch sie gibt das Tiefste nicht preis. sie ist mehrdeutig. Dem stehen auch als Spiel solche Rätsel gegenüber. und auch durch dieses Geheimnis hat der Gott unser Leben in seiner Hand. Die erste Lösung birgt und verbirgt eine zweite. Odins Rätsel rät kein Sterblicher. Das ist die Erklärung der oft beobachteten Tatsache. verrät andererseits in seinem Rätsel. als was sie in Wirklichkeit verschließen. daß sie etwas anderes zu eröffnen scheinen. Wiederum schiebt sich hier und die Art der Sondersprache. so liegt darin schon eine Beziehung zu jenen Organisationen. die zu einer nicht harmlosen Lösung zu verführen scheinen. Diese Form ist nur ein deutliches Beispiel für die allgemeine Tatsache.

In der Welt. aber die doch keineswegs mehr in Beziehung zu ihrem ursprünglichen Ziel gesetzt wurden. schwerer erkennbar werden. Für unsere eigene Zeit haben-schlingue wir gesehen. mußten wir schon zu dem Rätsel des Rigveda greifen in unserer eigenen Zeit sind sowohl das sogenannte „Kunsträtsel" wie das sogenannte Volksrätsel Spiel. die zwar auf die einstmalige Bedeutung hinweisen. wie zu bestimmten Zeiten unter gewissen Umständen eine Geistesbeschäftigung zurückgedrängt. und aus denen man die Einfache Form noch erkennen und ableiten konnte. Die Form des Rätsels habe ich somit in ihren vielen Ver zu zeigen versucht. daß das Rätsel einerseits fortlebt in Bezogenen Formen." Wissen als Allgemeinbesitz. und andererseits in Rätseln aus dem Volksmunde. die sich von der Einfachen Form als solcher fast ganz losgelöst haben. Woher kommt das? Wir haben schon bei Sage und Legende gesehen. Bei dem Rätsel liegt Ähnliches vor. weniger wirksam wird und wie dann auch ihre Vergegenwärtigungen sich verdünnen. des 19.VIII.abstraktesten` wissenschaftlichen Begriffen verlangen wir. Daß wissenschaftliche Termini etwas anderes sein könnten oder gar sollten als Namen für Tatsächlichkeiten. Jahrhunderts . der Begriff Sondersprache in tieferer Bedeutung ist aus unserer Sprache weitgehend ausgeschaltet. hat verrätseltes Wissen. Wissen als Macht verdrängt. wird von maßgebenden wissenschaftlichen Richtungen lebhaft bestritten: so stark ist innerhalb der abendländischen Kultur gegenwärtig noch die Strömung gegen die Sondersprache. als ein möglichst allseitig zu Erwerbendes. Auch darüber findet sich Einiges bei Porzig." sagt er. Um die lebendige Verwirklichung der Einfachen Form beobachten zu können. Die Begriffe Bund und Heimlichkeit des Bundes sind aus unserer Gesellschaft. „daß sie einen Sachverhalt eindeutig bezeichnen. „Auch von unsern .

und M a u r e r gibt hier ein gutes Beispiel der Sondersprache. und wie das Mittel dazu war. aus dem Auge verloren hätten. da treffen wir das eigentliche Rätsel wieder an. aber in der Verrätselung wiederum selbst die Möglichkeit einer Entdeckung eröffnet. wo der ferner Stehende den Bund in seinem Sinn und in seiner Abgeschlossenheit nicht anerkennt. Auch der Verbrecher hat sich mit seinem Verbrechen und seinem Geheimnis eingeschlossen : er und die Seinen sind die allein Eingeweihten. und den Aufdeckenden. Vielleicht gibt es noch mehr solche Stellen. mit der ein Angeklagter sein Leben rettet. Boas. Die Heimlichkeit des Verbrechers.deren bindender Sinn Mythe sein soll. der beste Kenner der nordamerikanischen Völker teilt mit. In der Tat liegt es hier etwas anders es ist eine Umkehrung. in dem sich Welt als T e m p e 1 bekannt gibt : Hier sehen wir.148 RÄTSEL war für Rätsel kein Platz. als Figuren . Auch hier kommt es darauf an. von einem Bunde. Überall nun. der sich und sein Verbrechen verrätselt. Noch eins zeigt uns der Kampf gegen die Freimaurerei: den Zusammenhang zwischen der Heimlichkeit des Bundes und der Heimlichkeit des Verbrechens. Es ist gerade in letzter Zeit häufig von einer Gemeinschaft die Rede gewesen. die Abgeschlossenheit dieses Bundes zu sprengen. aber eine Umkehrung. Rätsel zu fehlen scheint. daß man sein Rätsel verrät. die in derselben Weise erklärt werden kann. wie auch dieser Bund sich im Rätsel eröffnet und verschließt. wie man von außen her bestrebt ist. daß in Nordostsibirien und in Amerika das-kunde. Wir haben hier den Verbrecher.. die. das Rätsel des Verbrechens hat sich in der Neuzeit von einer Kurzform zu einar Großerzählung erweitert. als ob wir die zweite Verrätselung. auch hier ist mit der Lösung ein Zugang zum Abgeschlossenen gegeben. der Detektiverzählung. so wie es jetzt mit der Freimaurerei geschieht. Wo aber und sei es nur als Restbestand der Bund mit seiner Heimlichkeit sich noch findet. der das Rätsel löst und die Abgeschlossenheit durchbricht. Zugleich haben wir hier beobachten können. macht er von sich aus diese Umkehrung: er beschuldigt ihn des Verbrechens. Es könnte scheinen. zu ihm durchzudringen.

ist einer genaueren Untersuchung durchaus wert. das sie uns vorenthalten. Bei der Sage entspricht das Gegenständliche. die in der jetzigen Litteratur eine der vielen ist. möchte ich Rune nennen und dabei an A 1 r au n e erinnern. in die sich die Macht des Rätsels hineingelagert hat. Ebenso gibt es in der Welt des Rätsels Gegenstände. der von seiner Heimlichkeit raunt.-tren. der Reliquie der Legende. Diese Erzählungsform. die mit der Macht der Form geladen. ist auch eine unserer vielen Altfgaben. Die alte Bedeutung des gotischen r u n a und des angelsächsischen r u n ist bekannt. die etwas eröffnen und verschließen. die mit Rätsel geladen sind Gegenstände. wie es in der Welt der Legende Gegenstände gibt. Zum Schlusse : wir haben gesehen. in denen sich die Kunstform Roman auflöst. die wie die Herberge einer Lösung sind. Die Bedeutung dieses Gegenstandes und seiner weittragenden Beziehungen auch zur Schrift im Zusammenhang mit der G eistesbeschäftigung des Rätsels festzustellen.RÄTSEL 149 vor uns. das wir dort das E r b e nannten. in ihrer Gegenständlichkeit die Form als Ganzes ver wir nannten einen solchen Gegenstand dort R e 1 i q u i e. die etwas enthalten. die sie doch wieder verbergen. io . Bei der Mythe sprachen wir von S y m b o 1. Einen solchen Gegenstand.

München 1922) erschienen ist. in der „Deutschen Sprichwörterkunde" von Friedrich Seiler. daß Luther sich zu eigenem Gebrauch eine Sprichwörtersammlung angelegt hat. Der Kurzform Rätsel stelle ich eine andere Kurzform au s die Seite. von dem ich bei unseren Betrachtungen ausgehen werde.SPRUCH Y. die Rede ist. So günstig aber Seilers Vorarbeit ist. die Sprichwörter--ständige sammlungen und Lexika der Neuzeit zu nennen. Und zwar setzen diese Sammlungen schon früh ein viel früher als von einem Wissenschaftszweig. Wir finden darüber Näheres in dem vortrefflichen Buche. an Sebastian Franck. Ich erinnere nur an Erasmus." . Die ersten wissenschaftlichen Sammlungen dieser Art des späten Abendlandes fallen mit dem Humanismus zusammen und sind in einem bestimmten Sinne philologisch . Unter dem Namen S p r i c h w o r t ist hauptsächlich das gesammelt. muß sich im Laufe der Untersuchung herausstellen. Seilers Bestimmung des Sprichwortes lautet: „Im Volksmund umlaufende. in sich geschlossene Sprüche von lehrhafter Tendenz und gehobener Form. die wir gewöhnlich Sprichwort nennen. das in der Reihe der Handbücher des deutschen Unterrichts an höheren Schulen (Beck'sche Verlagsbuchhandlung. an Agricola. der sich Volkskunde nennt. an Heinrich Bebel und auch daran.pädagogisch. Ein Hinweis auf diese in jeder Hinsicht voll Arbeit enthebt mich der Mühe. brauchen. und inwieweit wir von ihr aus auf eine Einfache Form werden schließen können. was wir anders fassen müssen. auch mit ganz anderen Zielen. so gibt es doch auch hier wieder manches. was wir an erster Stelle für die Untersuchung. Inwieweit damit eine besondere Vergegenwärtigung gemeint ist.

daß es eine „gehobene" Form zeigt. daß es ein „Spruch" ist. Auch die geistige und sittliche Bildung bewirkt einen Unterschied im Gebrauch der Sprichwörter. die mehr in den niederen Schichten eines Volkes zu Hause sind. daß jedts Sprichwort im ganzen Volke gangbar sein müsse. Es gibt Sprichwörter. Daß der Ausdruck „Volk" hier heikel ist. die mehr inl den höheren. hat Seiler wiederum selbst gefühlt. Hinzu ist in der zweiten Definition das „in sich Ge--gekomn schlossene". aber gleich darauf heißt es : „Damit. daß ein Sprichwort „im Volksmunde umläuft". hatte Seiler in einem kleineren Buche eine Definition gegeben. Handwerker-. wie später dieses Hauptmerkmal genannt wird. Die ersten nähern sich der Grenze. daß das Sprichwort ein wirkliches Volkswort sein muß. und es werden deshalb Sätze wie : In der Liebe haben alle Frauen Geist. Zwar wird erst gesagt : „der Gedanke muß faßlich und nicht allzu hoch sein." Und wieder etwas weiter heißt es : „Manche Sprichwörter sind ferner aus bestimmten Berufskreisen hervor Soldaten-. daß der lehrhafte „Charakter" durch eine lehrhafte „Tendenz". Viele Sprichwörter sind nur in einzelnen Orten. oder Alles Irdische ist vergänglich. Bei „lehrhaft" scheint sich Seiler also etwas unsicher gefühlt zu haben. die etwas anders lautete: „Sprichwörter sind im Volksmund umlaufende Sprüche von lehrhaftem Charakter und einer über die gewöhnliche Rede gehobenen Form. Studentensprich--gean: wörter." Wenn jemand eine Begriffsabgrenzung ändert. daß seine Gedanken an der betreffenden Stelle geschwankt haben. etwas näher an. Sehen wir uns dieses „Umlaufen im Volksmund" oder die Volkläufigkeit. Den beiden Definitionen gemeinsam ist : 1. wo das Sprichwort aufhört und der Denkspruch anfängt. Bauern-. ersetzt worden ist. Hier finden wir. das weiter ausgreifende Wort von einem vorsichtigeren. ist aber durchaus nicht gesagt. die Worte allgemein bekannt und dem Volke vertraut "." .SPRUCH 151 Kurz ehe die große „Sprichwörterkunde" erschien. 3. 2. vom Sprichwort abgetrennt. und solche. oder Volksstämmen heimisch und erscheinen dann häufig im Dialekt. so bedeutet das. Landschaften.

zum höheren. Wie aber diese Schichten nun in dem Gesamt gelagert sind.152 SPRUCH Wir hätten uns demnach eigentlich drei Schichten vor niedere. vom höheren zum Denkspruch zu denken-wort ist.und Ausdrucksweise noch einheitlich und nicht nach Ständen und Gesellschaftsklassen geschieden war." Schon das höhere Sprichwort fällt also mit der Schriftsprache zusammen. in der das geistige Leben des Volkes." Aber jedenfalls gehören dieser Mittelklasse „nicht nur die verbreitetsten. Teil aus einer Zeit. In den-zusteln:di beiden ersten befindet sich das Sprichwort." Es scheint mir nicht ganz leicht. sich jene Zeit ohne Trennung nach Klassen. eine breite Mittelschicht von solchen Sprichwörtern. erfahren wir nicht. wie sie sich zueinander ver -komplex„V" und wie demzufolge das Verhältnis vorn niederen Sprich -halten. Nun wird aber diese Trennung zwischen höherem und niederem Sprichwort gleich wieder aufgehoben oder doch jedenfalls nicht als maßgebend betrachtet." Ein genaues Bild dessen. Ständen usw. denn dazwischen befindet sich wiederum etwas anderes: „Zwischen beiden Klassen liegt nun aber. beide an Zahl übertreffend. diese Denksprüche seien Produkte der Litteratur. Zum Teil stammen aber auch die Sprichwörter der Mittelklasse aus einer anderen Zeit: „sie sind aus der oberen Schicht in die untere hinuntergesickert. oder wie diese zusammen sich wiederum verhalten zu den früher erwähnten Sprichwörtern aus Berufskreisen. denn gleich darauf wird gesagt : „diese Trennung zwischen höheren und niederen Sprichwörtern pflegt dann einzutreten." Es wird sogar gesagt. so ist auch dies nicht ganz richtig. Meint man. . wenn sich von der Volkssprache eine Schriftsprache loslöst. seine Empfindungs. deren sich alle Schichten des Volkes ohne Unterschied bedienen. sprachlich oder soziologisch vorzustellen. die Möglichkeit eines solchen kulturhistorischen Idylls zu bezweifeln. sondern auch die meisten Sprichwörter an. die höhere und die allerhöchste. in der letzten der Denkspruch. Ich wage es sogar. was hier mit Vo 1 k gemeint ist. wann diese Mittelschicht entstanden ist: „Diese stammen zum.

will Seiler sich in seiner Sprichwörterkunde ausschließlich mit den aus dem Volke selbst hervor gegangenen beschäftigen.gelangen. die es hörten. Die Litteratur scheint also eigentlich nicht zum „Volke" zu gehören. bis es eine allen bequeme Ge stalt bekommen hatte und so zum allgemein bekannten Sprich wort wurde. kann. Irgendwo und irgendwann muß jedes Sprichwort einmal zuerst ausgesprochen worden sein. das Volksmärchen." Da von den litterarischen in einem besonderen Buche gesprochen werden soll. Es sind zugleich die verbreitetsten und gehaltvollsten. „Lange Zeit hat die Ansicht geherrscht. neueren Forschungen nicht standhalten : auch die populären Sprichwörter sind keines auf eine geheimnisvolle Weise aus der Tiefe der Volks--wegs seele erwachsen. Jedes Sprichwort ^011 ein geflügeltes Wort gewesen sein." Diese Ansicht. Entdeckung rührt immer von einer Einzelpersönlichkeit her. sagt Seiler „sind weit zahlreicher. Die litterarischen Sprichwörter. die schon bei Aristoteles zu finden sein soll und unabhängig von Aristoteles später von Rousseau und Herder zu allgemeiner Geltung gebracht ist. -lager. es wurde wohl auch noch umgemodelt und zurechtgestutzt.SPRICH 153 oder wo in diesem V o 1 k e das Sprichwort entsteht und ge ist. die Volkssage seinen geheimnisvollen Ursprung in den Tiefen der Volksseele. Hier werden die Sprichwörter ihrem Ursprunge nach in zwei Klassen geteilt : die litterarischen und die aus dem Volke hervorgegangenen. bekommen wir jedenfalls in dieser Weise nicht.. das von der Entstehung des Sprichwortes handelt und wo wir über das Wie orientiert werden sollen. Jede Schöpfung. Zunächst aber muß eine „romantisierende Ansicht" beseitigt werden.t Es gibt aber mit diesem Begriffe „Volk" noch wieder andere Schwierigkeiten." Auch dieser Prozeß ist nicht ganz klar. als man gewöhnlich annimmt. daß .Das Volk' als Ganzes kann überhaupt nichts schaffen.. so gaben sie es als geflügeltes Wort weiter. Wenn es dann denen. . heißt es. Erfindung. das Volkssprichwort habe ebenso wie das Volkslied. gefiel. sobald wir zu dem Kapitel es ist das zweite -. Das Volk als Ganzes kann nichts schaffen aber es scheint wohl etwas N orhandenes so „ummodeln" und „zurechtstutzen" zu können.

scheint in allen Schichten des Volkes. die allgemeine Gültigkeit besitzt. Was ich mit dieser Auseinandersetzung zeigen will. bekommen hat usw. aus denen sich dieses Volk zusammensetzt. Gelehrten. . Bauern.154 SPRUCH es eine Gestalt bekommt. als daß wir methodisch mit diesem Begriff Yo 1 k nicht mehr anfangen können. den mittleren. wenn es in dieser Weise vom Volke die allgemein gültige Gestalt. Es ist hier nicht meine Absicht. gegen Seilers Buch zu polemisieren. vorhanden zu sein. als daß wir sagen: was wir Sprichwort nennen. den höheren. ist nichts anderes. und in allen Klassen und Ständen. Handwerkern. Sprichwort aber wird ein geflügeltes Wort nur dann. den niederen.

sondern weil die Augenblicke in ihrer vereinzelten Eigenheit nicht imstande sind. zu- . jeweilig d i e E r f a Ii r u n g. Wir wenden uns also dem zweiten begründenden Merkmal zu: das Sprichwort ist ein Spruch. Damit ist nach unserer Auffassung gesagt. reihenweise erfaßt und zusammenfaßt. Ob sie sich in diesem Falle noch anders vergegenwärtigen kann. Damit ist im allgemeinen gesagt. Jede Erfahrung wird jedesmal selbständig begriffen. sondern auch in der Antike Sprichwörter immer und überall vorhanden sind. aber auch die Summe dieser Erfahrungen bleibt. daß ein Sprichwort selbst kein Grundbegriff ist. sondern ihnen täglich und stündlich begegnen. davon wird später die Rede sein. von Einzelheiten. an dem sie sich in ausgeprägter Besonderung befände. von Einzelwahrnehmungen und Einzelerlebnissen. da wir sie nicht wie das eigentliche Rätsel zu suchen oder wie Sage und Legende zu verdolmetschen haben. daß es eine Einfache Form gibt. Wenn wir die Welt begreifen als eine Mannigfaltigkeit. wo es keine Erfahrung mehr gibt -zu einer Ewigkeit zusammenschließen. eine Mannigfaltigkeit. ohne einen historischen Punkt zu behandeln.! versuchen. können wir von dieser Bekanntschaft aus unmittelbar die Geistesbeschäftigung zu bestimme. und daß sich diese Einfache Form vergegenwärtigt in einem S p r i c h w o r t. aus der sich die Einfache Form S p r u c h und ihre Vergegenwärtigung Sprichwort ergibt. Es ist eine zeitlose Welt. ein Erfahrungsschluß ist in dieser Weise und in dieser Welt nur in sich selbst und aus sich selbst bindend und wertbar. ergeben zwar diese Wahrnehmungen und Erlebnisse. nicht weil sich in ihr die Augenblicke wie in der Welt. Da nun nicht nur im westlichen Abendlande.II. die wir S p r u e h nennen. sondern auf einen Grundbegriff zurückgeführt werden muß.

in den Bezogenheiten bleibt das Nebeneinander. aber nicht zu multiplizieren versteht. Es ist eine Welt. in den Ordnungen die Sonderung der Glieder bestehen. die eine Erfahrung abschließt. sich diese Welt begrifflich durchzudenken. eine Welt. Apophthegmata in ihrer jeweiligen Eigenart hierher gehören. aber in den Bindungen überwiegt die Trennung. In diese Welt aber können wir uns aus anderen Welten zurückziehen. wogegen diese Welt sich stemmt. ist die Form. ein Gliedern und Ordnen. ohne sie durch ihre Bündigkeit der Empirie zu entheben. eine asymptotische Welt. eine Welt des Isolierten. beschränken. und sooft wir uns in ihr befinden. die wir-hänged M a x im e oder lieber auch wenn wir wissen. bei denen wir die Weisen der Vergegenwärtigung weniger genau unterscheiden konnten. daß wir damit das Wort im Sprachgebrauch einschränken S p r u c h nennen. feststellen. Zwar gibt es auch hier ein Trennen und Verbinden. die zwar zu addieren. Im Sprichwort vergegenwärtigt sich diese Form aber wir können im Gegensatze zu anderen Formen. sie ist Sonderung. Es ist unmöglich. . und was seinerseits diese Welt zerstört. daß hier andere Vergegenwärtigungen erkennbar sind. sie ist Empirie. die sich dann aus unserer Geistesbeschäftigung und dem mit ihr zusammen Gedankengang ergibt.156 SPRUCI sammen als Zeit zu verlaufen. Sie bindet diese Welt in sich. in ihr verläuft ein Teil unseres Daseins. die (las Wesen der Form zur Genüge erklärt. Wir werden uns indessen hauptsächlich auf die Vergegenwärtigung Sprichwort . Einzelheit in der Welt des Gesonderten zu sein. ohne daß diese damit aufhört. Geflügelte Worte. denn gerade das begriffliche Denken ist es. ein Vergleichen und Beziehen. Kurz. daß Sittensprüche. sprichwörtliche Redensarten. Sentenzen. die Einfache Form. diese Welt ist nicht Kosmos. in der die vierte Dimension fehlt. Spruch heißt in dieser Morphologie also die litterarische Form.

. die etwa lauten könnte : „wenn ich anders gehandelt hätte. Handwerker. aber in einem ganz anderen Tone: man muß Glück haben. Wenn dagegen etwas gelungen ist. der schriftstellerische Spruch . den Erfahrungen einzelner Klassen und Stände teilt und daß diese Erfahrungen sich in Sonderwelten zusammenschließen.III. wir reihen ihn sozusagen auf der Schnur der Erfahrung auf. daß wir die Situation keineswegs kritisch beurteilen oder daß wir in eine Erörterung eintreten. wie die Erfahrung lehrt. aber es ist deutlich. wäre vielleicht . Studenten. gerade in der gesellschaftlichen und handwerklichen Besonderung gesammelt. Sehen wir aber erst den Spruch als solchen noch einmal an. nicht gelungen ist und wir schreiben das Mißlingen einem uns aus der Erfahrung bekannten und mit unserem Wesen zusammenhängenden Mangel an Möglichkeiten des Gelingens zu. daß wir die Kreise. so sagen wir trübselig: man muß Glück haben.. so sagen wir wiederum. die lauter solche einzelne Perlen durchzieht. sich je nach den Interessen. Bauern. schließen sich am leichtesten zu Sprüchen oder Maximen zusammen. Soldaten. daß diese Welt. Wir reden von einer Welt der Erfahrung." Wir sondern die - Tatsache oder den Sachverhalt ab. den Beschäftigungen. der humanistische. So tritt der Spruch jedesmal im Leben und in der Kunst auf. der. zum Ziele führt. Wenn etwas. Daneben steht der Spruch anderer Schichten. wenn eine Erfahrung in der oben besprochenen Weise gefaßt wird. So ist es zu erklären. und wir schreiben das Gelingen einem gewissen Wagemute zu. im Spruche gesondert erkennen. was nicht zu gelingen brauchte. von denen Seiler redet. gerade weil sie empirisch ist. was gelingen konnte. Die Erfahrungen. usw. Es ist aber schon in diesen Fällen klar.

ist ein Schluß. Der Spruch ist nicht lehrhaft. wenn jemand beim Trauen ver gessen hat. ein Gebot gegeben wird. So wird. die den Schluß veranlaßt hat. Magd. zu schauen wem. schau. das auf etwas aufgedrückt wird und womit es seine Prägung als Erfahrung erhält. die Erfahrung nicht als etwas aufgefaßt wird. das man dir tu'. in der zweiten Definition selbst schon eingeschränkt hat und das nach meiner Meinung überhaupt zu streichen ist. daß wir nicht aus der Erfahrung lernen können. das füge keinem andern zu" oder in „Schuster. wie wir gesehen haben. als Erfahrung des Schmiedes heißen: „man soll das Eisen schmieden. Die ersten Imperative man kann sie kategorische Imperative nennen zielen in die Zukunft. bleib bei deinem Leisten ". er hat keinen lehrhaften Charakter.du sollst den Tag . von der wir reden. Wir sehen das am deutlichsten dort. in dem die Erfahrungen vieler Einzelner zusammenkommen. Damit ist nicht gesagt. Der Imperativ in: „Üb immer Treu und Redlichkeit" oder in „Du sollst nicht begehren Deines Nächsten Weib. wohl aber. ihr Charakter ist resignierend. worauf weiter gebaut werden soll die Erfahrung in der Form. um nur ein einziges Beispiel zu nennen. eine Gegenzeichnung. Auch das Sprichwort ist kein Anfang. etwas. in den zweiten überwiegt eine Vergangenheit. Vieh usw. was Seiler Mittelklasse nennt. als Erfahrung des Liebhabers : „wenn uns die Gelegenheit anlacht. er hat selbst keine lehrhafte Tendenz. Dasselbe gilt von ihrer Vergegenwärtigung. wem". ein sichtbares Siegel. daß in der Welt. wenn es heiß ist". so muß man sie küssen" und beide können in dem. aus dem wir lernen sollen." ist ein anderer als der Imperativ in „was du nicht willst. sondern nur dann. sondern ein Schluß. bei dem Wort „lehrhaft". Wir sagen auch nicht aus heiterem Himmel: „Trau. das Seiler. Knecht. in der eine L e h r e. Damit sind wir aber bei einem Worte angekommen. wo die sprachliche Form des Sprichwortes mit der Redeform. übereinstimmt. in der sie der Spruch faßt.158 SPRUCH und auch der Spruch jener großen Mittelklasse.. Ihre Tendenz ist rückschauend. wir sagen. als Spruch eine Erfahrung absondern und einreihen. . die Erfahrung. Alles Lehrhafte ist ein Anfang. daß man die Gelegenheit benutzen soll.

das schon geschehen ist.. In Klugrede liegt aber auch etwas von dem. und auch das gehört zu den nach und nachträglichen Eigenschaften des Sprichworts. sagten die Römer.ein kurtze weise Klugred" nennt. „Das echte volksrnäßige Sprichwort". Auch hier fügen wir etwas. das Glück des Tages.-tragend . das leider aus der Sprache verschwunden ist.. die Fortuna hujusce diei. wenn das Kind ertrunken ist.die Summ eines gantzen Handels". sondern in ihm bricht eine längst emp--samer fundene Wahrheit blitzartig hervor und findet den höheren Aus -druckvon selbst." Auch Sebastian Franck spielt auf diesen Schlußcharakter an. wenn er das Sprichwort . In jedem Sprichwort deckt man den Brunnen zu aber erst. „enthält keine absichtliche Lehre. Der Mangel an Moral. das erfahrungsgemäß Unglück bringt. sagt Wilhelm Grimm. durch einen Schluß anderen gleichartigen Geschehnissen empirisch hinzu. .SPRUCH 159 nicht vor dem Abend loben". 'der oft in Sprichwörtern bemerkt und bemängelt wird. Es ist nicht der Ertrag ein Betrachtung. wenn durch unvorsichtiges Loben. K l u g r e d e ist ein schönes Wort für den Spruch und seine Vergegenwärtigung. daß in der Welt der Empirie der Begriff Moral fehlt. erklärt sich daraus. schon ins Schwanken geraten ist. was wir im Niederdeutschen k 1 u g s c h n a c k e n nennen.

Wir besitzen in der Tat Vergegenwärtigte-zeugn Sprüche. die Seiler und andere zu dieser Über brachte. Dieser Ausdruck. von einer Einzelpersönlichkeit her. die sogenannten G e f l ü g e lt e ri Worte. „Wer das Glück hat. dem ist die ganze Welt Vetter" . „Wer das Glück zur Mutter hat. „andeuten" hinaus . Er beschreibt selbst diese Persönlichkeit genauer. Wie jede Schöpfung. Erfindung so rühre auch das Sprichwort. die wir als „man muß Glück haben" zusammenfaßten. führt die Braut heim". wie wird aus der Geistes beschäftigung. Und hier kommt wieder unsre übliche Frage : wie geschieht diese Vergegenwärtigung. daß die Vergegenwärtigung den Weg durch eine Persönlichkeit nimmt. die Gegenwärtige Form? Oder in der Praxis. die von nennbaren und erkennbaren Persönlichkeiten herstammen.IV. wie ich schon sagte. Wir sind damit schon bei den Vergegenwärtigungen angelangt.. die ich in der Einführung besprach. so vor. mit gutem Mutterwitz ausgestatteten Geist. es sind. in der Litteraturgeschichte überall von einem Dichter als formender und gestaltender Kraft auszugehen. Entdeckung. die Sache. wie wird aus der Erfahrung im Leben. wie wir gesehen haben. die wir mit dem Kennwort E m p i r i e oder E r f a h r u n g angedeutet haben und eigentlich ging es hier schon über ." Abgesehen von der Neigung. wie wir gehört haben. „De't-wort: Glück will. das Sprich „Wer das Glück hat. wenn wir dieses Wie zunächst etwas allgemeiner nehmen. de kalwt de Osse". oder umgekehrt: „Wer Unglück hat. er nennt sie „einen hellen. der wärmt sich ohne Feuer und mahlt ohne Wind". kann sich den Daumen in der Westentasche brechen"? Seiler stellt sich. ist es eine besondere Tatsache. dem zugleich die Gabe des treffen -den Wortes verliehen ist. der bekanntlich - .

Buchmann hat für das. Wir haben hier wirklich Vergegenwärtigungen des Spruches vor uns. Wer weiß. sie stammen von einer Person. die von Persönlichkeiten stammen zweifelsohne auch von Persönlichkeiten mit Mutterwitz. will aber darauf hinweisen. daß sie zwar n a c h w e i s b a r. allen Sprichwörtern ergangen sein. was wir hier einmal „landläufige" oder „mundläufige" Sprichwörter nennen wollen. der unbekannt geworden ist und er schreckt nicht vor der Konsequenz zurück. daß sein litterarischer Ursprung oder sein historischer Urheber nachweisbar ist. denen die Gabe des treffenden Wortes verliehen war. wurde von Georg Büchmann neugeprägt. daß dieses Wort von Schleiermacher stammt und auf eine besondere Persönlichkeit gemünzt war? Wer ahnt. daß der erste Band von Wanders Deutschem Sprichwörter -Lexikon zirka 45 000 deutsche Sprichwörter enthält. wenn er von einem Anderen sagt: „er schweigt in sieben Sprachen". und daß das ganze Werk fünf Bände J o l l e s. Und es ist mit diesen Persönlichkeiten auch so. wenn er sagt : „muß es gleich sein ?". Ich kenne ihre Zahl nicht annähernd. Die Erfordernisse eines Geflügelten Wortes sind nach Buchmann: 1. Einfache Formen 11 . nirgends einen Verfasser nachgewiesen. daß dieses Wort aus einem Couplet von Nestroy umgemodelt wurde? So muß es. daß Gebrauch und Anwendung nicht nur zeitweilige. der 1864 zuerst eine Sammlung solcher Sprüche zusammenstellte und beleuchtete er ist vielleicht nicht ganz glücklich gewählt. wobei natürlich „Dauer" nicht „Ewigkeit" heißen soll. 3.SPRUCH 161 aus Homer stammt. einem Dichter. sondern auch in den Gebrauch der deutschen Sprache überging und allgemein gebraucht oder angewendet wird. aber damit keineswegs allgemein b e k a n n t waren. Demgegenüber können wir nun folgendes feststellen. daß es nicht nur allgemein bekannt ist. aber er hat sich eingebürgert. und wir wollen ihn deshalb beibehalten. meint Seiler. alle Sprichwörter ursprünglich Geflügelte Worte zu nennen. sondern dauernde sind. 2.

-schiedn so bleiben immer noch ein paar mal hunderttausend übrig ein merkwürdiger Zufall. ist zum Beispiel „ein Sturm im-genwärtiu Glase Wasser das angeblich zuerst bei Montesquieu auftaucht. die ihrerseits auf antike zurückzuführen sind. Und warum nicht? Weil er sehr genau wußte. daß ein Geflügeltes Wort kein Sprichwort ist . Buchmann weist aber nach. Eine solche Redewendung. Weiter Buchmann hat aber auch nicht versucht. die auf ältere Ver zurückgeht. wurde als schaffende Kraft die Persönlichkeit mit Mutterwitz eingesetzt. daß er es mit einer anderen Weise der Vergegenwärtigung zu tun hatte. Da das „Volk" als schaffende Kraft nicht anerkannt wer konnte und die „Volksseele" zum Gerümpel romantisierender-den Begriffe geworfen werden mußte. (laß wir methodisch mit Seilers Begriff „Persönlichkeit" ebensowenig anfangen können. und vor allem mußte. Wenn nun darin auch Wiederholungen und ver Schattierungen desselben Sprichwortes vorkommen. allgemeinere Vergegenwärtigungen zurückgingen aber diese Fälle waren in einer ganz geringen Minderzahl. Wo und wie das geschah. weil er begriff. Bei der sehr großen Mehrzahl waren Sprichwort und Geflügeltes Wort nicht zu verwechseln. die von dort aus wieder allgemein benutzt oder angewendet wurden. daß Montesquieu es humanistischen Redensarten entnommen hat. weil er sie auf den ersten Blick unterscheiden konnte. um zu zeigen. daß es hier einer anderen Gattung galt. die bei einer besonderen Gelegenheit oder in einer bestimmten Situation gebraucht worden waren. die Verfasser dieser „landläufigen" Sprichwörter zu finden. blieb unbekannt. daß bei allen diesen die Persönlichkeit verloren gegangen ist. um Gesamtbesitz werden zu können. Dann und wann waren die Grenzen fließend. es gab Redewendungen.162 SPRUCH umfaßt. Aber nun mußte diese Persönlichkeit wieder vergessen. .. ihr Eigentum mußte Gesamtbesitz werden. Ich bin hier auf Einzelheiten eingegangen. dieses Eigentum wieder „umgemodelt" und . wie wir es mit seinem Begriffe „Volk" konnten.zurechtgestutzt" werden. Wenn man den Satz ausspricht: „Irgendwo und irgendwann muß jedes Sprichwort einmal zuerst ausgesprochen ". die man also als Geflügelte Worte betrachten konnte und die dennoch auf ältere.

sie dort zu beobachten. wo wir aus dieser Geistesbeschäftigung die Form hervorgehen sehen. daß ein Ver -faser da war. daß es möglich ist. daß sie zur gleichen Geistesbeschäftigung gehören. Kunstformen so oft geschieht vergessen werden. unbedingten Weise auf einen Sachverhalt wir nennen deshalb diese Art im Gegensatz zur d u r c h - . Man kann hinzufügen : irgendwo und irgendwann muß jedes Wort zuerst ausgesprochen worden sein. aussagend. Ich leugne nicht. in denen sich die Form in Frage und Antwort vollzieht und deren Art wir deshalb g e s p r ä c h i g oder d i a l o g is c h genannt haben. von Urteil zu Urteil. weil es uns hier auf falsche Wege geführt hat. so kann man natürlich auch sagen: irgendwo und irgendwann muß jedes umgemodelte Sprichwort einmal zuerst ausgesprochen worden sein. Und gerade hier hat nun wieder Seiler unschätzbare Vorarbeit geleistet. Das persönlich Geprägte kann seine Beziehung zu der Einzel geprägt hat. aber nicht sein Gepräge-person. daß es einen Kreislauf von Persönlichkeit und Volk gibt ich bezweifle auch nicht. Die Aussage schreitet aber im Spruch nicht verknüpfend oder schließend von Vorstellung zu Vorstellung.SPRUCE 163 worden sein". Es bleibt die Aufgabe. den Sinn dieser Vorgänge an einigen Beispielen zu erläutern. wo sie sich verwirklicht und wo wir ihre Vergegenwärtigung beobachten können: in der Sprache. Ein Sprichwort ist kein Geflügeltes Wort und ein Geflügeltes Wort kein Sprichwort. ich leugne das auch deshalb. Ich leugne aber. Gemeinsam haben Sprichwort und Geflügeltes Wort. Darin liegt ein Gegensatz zur Mythe und zum Rätsel. indem er die Sprachvorgänge im Sprichwort erschöpfend dargestellt hat. sondern sie bezieht sich in einer einmaligen. Wenn wir Übereinstimmung und Unterschied feststellen wollen. aus diesem Kreislauf das Wesen und den Sinn einer Form zu bestimmen. wie ein Spruch einen Sachverhalt meint. so bleibt uns auch hier nur die Methode. daß diesem Kreislauf Bedeutung für die Litteraturwissenschaft zukommt. aber erhalten bleibt das unterscheidende Bewußtsein. Im allgemeinen ist die Art. verlieren.di der Name des Verfassers kann wie das auch bei selbst. Und so weiter ad infinitum.

164

SPRUCH

laufenden oder diskursiven: behauptend oder
a p o d i k t i s c h. Es ist klar, daß diese behauptende Art die
einzige ist, in der das, was wir Erfahrung genannt haben, zum
Ausdruck kommen kann.
Sehen wir uns die Sprache des Vergegenwärtigten
Spruches im Sprichwort nun weiter an.
Zunächst das Wort und die Wortart. Wir nehmen ein
Beispiel: Ehrlich währt am längsten. Was ist hier
das Wort : e h r l i c h ? Ein Substantiv? Gewiß nicht. Ein
Adjektiv? Doch wohl auch nicht. Ein substantiviertes Adjektiv? Das stimmt auch nicht ganz. In der Weise, wie es hier
auftritt, läßt es sich nicht auf die üblichen grammatischen
Kategorien zurückführen. Es enthält von beiden Arten etwas,
aber es hat hier eine Eigenart, die es von der allgemeinen Bestimmung entfernt. Man kann sagen, daß es sich hier an dieser
Stelle wehrt gegen die Verallgemeinerung des Begriffs, daß es,
mit einer leichten Übertreibung, nur hier und an dieser Stelle
so gebraucht werden kann.
Von Wort und Wortart kommen wir zur Syntax. Wir
brauchen auch hier nur ein Beispiel herauszugreifen : J e
näher der Kirche, je weiter von Gott. Wir kennen
dieses Schema aus vielen Sprichwörtern, wir wissen außerdem,

daß es auch noch bei einer Art der Spruchdichtung im
Schnadahüpfel beliebt ist. Man kann es eine Periode in einer
streng ausgeglichenen Parataxe nennen aber jedenfalls
haben die Teile der Verbindung - weder Subjekt, noch Objekt,
noch Prädikat in gewöhnlichem Sinne. Auf die Gefahr hin,
ein Wortspiel zu machen, könnte man hier eher von Satzgegenteilen als von Satzteilen reden. Dieses ganze Schema
vertritt statt einer Syntax des Einheitlichen eine Syntax des
Mannigfaltigen, wo aus den selbständigen Gegensätzen die Bedeutung sprunghaft hervorgeht das, was Wilhelm Grimm
meinte, als er von einer Wahrheit sprach, die blitzartig hervorbrechend den höheren Ausdruck von selbst findet.
Ebensowenig wie wir dieses Schema mit je ... je ..
als eine Verbindung von Relativ- und Demonstrativsatz auf
können, ebensowenig gelingt es uns, in der gleichfalls-fasen
allgemein bekannten Sprichwort -Periode, die mit W e r

SPRUCH 165

anfängt, ein Gefüge von Hauptsatz und Relativsatz zu erkennen.
Wer keine Hand hat, kann keine Faust machen,
ist wiederum keine Hypotaxe. Es ist ein scharfes Nebeneinander, in dem von Überordnung und Unterordnung nicht die
Rede sein kann, und wo „wer keine Hand hat" gleiche Funktion
hat wie „ehrlich" in dem Sprichwort: E h r 1 i c h w ä h r t a m
l ä n g s t e n. Die geringste Änderung, die auf Verallgemeinerung
zielt, bricht hier den Wert der Vergegenwärtigten Form. Wir
bemerken sofort, daß das Sprichwort seine Kraft einbüßt, wenn
wir sagen: Einer, der keine Hand hat usw. oder: Wer
keine Hand hat, der kann usw.
Noch einmal dasselbe sehen wir, wenn wir nach den Stil
Periode fragen. Man könnte vielleicht H e u t e r o t,-mitelndr
m o r g e n t o t ein Asyndeton nennen. Aber wir fühlen sogleich,
daß wir hier hinausgehen über das, was wir sonst unter diesem
Stilmittel verstehen. Das Asyndeton, das die Bindung zwischen
den Gliedern der Rede aufhebt, hört dort auf, wo man von vorn
einer Bindung nicht sprechen kann. Im Sprichwort-herinvo
ist alles asyndetisch, und deshalb verliert hier der Begriff seinen
Sinn. Äußerlich scheint Jedermanns Freund, jederm a n n s N a r r eine Anapher. Betrachten wir es aber genauer,
so sehen wir, daß j e d e r m a n n hier nicht wie bei der Anapher
als Mittelpunkt aufgefaßt werden kann, um den die Glieder der
Rede sich gruppieren, sondern daß trotz der Wiederholung die
anderen Worte ihm gegenüber die gleiche Freiheit bewahren.
Wiederum Ähnliches zeigt sich in der klanglichen Bewegung des Sprichwortes. Wir sahen schon, wie ein Perioden schema verschiedenen Sprichwörtern gemeinsam sein kann.
Ebenso kann man von einem rhythmischen Schema reden, und
Seiler hat auch dies genau untersucht. Wenn man sagt, A 11 z u
klug ist dumm; Selber ist der Mann; Wie mans
m a c h t, i st s f a 1 s c h, so sind die drei sehr verschiedenen
Sprichwörter nach einem gleichen metrischen Schema
(_ „ _ _) gebaut. Ebenso nach einem komplizierteren Schema:
Wer den Heller nicht ehrt, ist des Talers nicht
wert und Wenn die Hoffnung nicht wär', ei so
lebt' ich nicht mehr.
Aber
während ein rhythmisches Bewegungsschema in Kunstformen

166

SPRUCH

die Aufgabe hat, Sprachgebilde bindend weiterzutragen, haben
diese Bewegungsschemata offenbar die Aufgabe, die Form
bindend abzuschließen. Hebung und Senkungsteigern hier die
Vereinzelung, die wir in der Syntax schon beobachteten,
Metrum und Reim sind an dieser Stelle keine auf- und niederwogenden Wellen sie muten uns viel eher an wie Latten in
einem Zaun.
Endlich das „Bild ", die Trope. Lügen haben kurz e
13 e i n e. Über die Wortart von Lügen sind wir uns hier einig,
es ist ein Substantiv; auch haben wir hier Subjekt, Objekt und
Prädikat. Was geschieht hier aber mit dem Substantiv? Es
wird etwas von ihm ausgesagt, das nicht unbedingt zu ihm gehört, das auf einer anderen Ebene liegt. Lügen sind nichts
Körperliches, Beine wohl. Nun erinnere ich an das, was ich
beim Rätsel von der Sondersprache gesagt habe, wo wir von
dem Wort „Fuß" ausgingen. Haben hier B e i n e die Bedeutungsart, die wir für „Fuß" in der Sprache des Rätsels
fanden? Sind es Sachverhalte gleicher Art, die in der Vieldeutigkeit eines Wortes sich zusammenfinden? Keineswegs!
Letzten Endes und streng genommen wird nicht einmal gesagt,
daß Lügen B e i n e haben es wird nur gesagt, daß sie
k u r z e B e i n e haben. Es ist nicht gemeint, daß, so wie in
der Sondersprache „Fuß" etwas bedeutet, dessen ganzes Wesen
darin besteht, zu stützen und zu tragen, B e i n e hier etwas
bedeutet, dessen Wesen in einem Sichfortbewegen, einem
Weglaufen besteht; zwei nicht zusammengehörige Dinge
Lügen und kurze Beine werden e i n m a l unvermittelt in
einer Weise zueinander gestellt, daß sich daraus die Bedeutung
des einen Lugen ergibt, aber daß dieses damit zugleich
aus der Allgemeinheit hinweggerissen wird und nur als Erfahrung Bestand hat. Von einem Plural, der abstrakt scheinen
könnte: Lügen, sagen wir etwas damit unvereinbares Körper
aus wir heben damit die Möglichkeit der Abstraktion-liches
auf, wir entfernen das Wort aus dem Begrifflichen und werfen
es unter die endlichen Dinge.
Und wenn das ganze Sprichwort selbst ein Bild scheint.
wenn wir, statt: man muß die Gelegenheit benützen, sagen:
man muß das Eisen schmieden, wenn es heiß

SPRUCH 167

i s t, so tun wir wiederum das gleiche. Wir vergleichen keines
Gelegenheit mit Eisen, benutzen mit schmie--wegs
d e n , wir setzen nicht einen Begriff für einen anderen ein,
sondern aus einer ich wiederhole die Worte von Wilhelm
Grimm längst bekannten Wahrheit bricht im Augenblicke,
da sie wieder einmal Erfahrung wird, blitzartig die Form hervor, die sie der Allgemeinheit entreißt, ihr die Möglichkeit,
abstrakt zu werden, nimmt sie in die Empirie zurückweist.
Fassen wir, was wir in den Sprachvorgängen des Sprichwortes beobachtet haben, noch einmal zusammen, so können
wir es folgendermaßen umschreiben: die Sprache des Sprich
ist so, daß alle seine Teile einzeln, in ihrer Bedeutung,-wortes
in ihren syntaktischen und stilistischen Bindungen, in ihrer
klanglichen Bewegung in Abwehr gegen jede Verallgemeinerung
und jede Abstraktion stehen.
In Einzelheiten und im Ganzen entspricht die Sprache des
Sprichwortes der Geistesbeschäftigung, die zum Spruch führt.
In jener Welt, wo die Mannigfaltigkeit der Erlebnisse und
Wahrnehmungen sich zwar zu Erfahrungen zusammenreiht.
aber die Summe der Erfahrungen dennoch eine Mannigfaltigkeit von Einzelheiten bleibt, haben auch die Worte in ihrer
Bedeutung und in ihrem Zusammenhang nur empirischen Wert.
In den Bindungen überwiegt die Trennung, in den Bezogen
bleibt das Nebeneinander, in den Ordnungen die Sonde--heitn
rung der Glieder bestehen. Jedes Wort, jeder Satzteil, jedes
Glied der Rede ist neben anderen immer und ausschließlich
ein hic et nunc. Wie in dieser Welt die Sachverhalte wie
einzelne Perlen auf eine Schnur gezogen werden, so und nicht
anders macht es hier die Sprachgebärde.
Wir haben zu Anfang gesagt, daß wir einen Teil unseres
Daseins in dieser Welt verbringen, daß sie unserm täglichen
Leben geläufiger ist als die Welt von Sage oder Legende, vor
allem auch als die eigentliche Welt des Rätsels. Es ist auch
begreiflich, weshalb wir sie brauchen: wir wehren in ihr alle
jene ermüdenden Folgen und Folgerungen ab, zu denen uns
die Erfahrung überall dort zwingt, wo sie zum begrifflichen
Denken veranlaßt, zur Erkenntnis werden will: wir ruhen in

168

SPRUCH

ihr aus, wenn uns der Zusammenhang einer sittlichen Weltordnung langweilt, sie ist uns eine Welt der Nüchternheit.
Und diese Welt beschwört jedesmal das Sprichwort im
Leben herauf. Wir haben auch darauf schon öfter beiläufig
hingewiesen, daß diese Formen nicht nur aus der Geistes
ableitbar sind, sondern daß sie auch selbst--beschäftigun
verständlich, wo sie in den Vergegenwärtigungen auftreten, in
die Geistesbeschäftigung hineinführen. Die Form Sage ergibt
sich aus der Geistesbeschäftigung mit der Welt als Stamm und
Blutsverwandtschaft aber sobald wir eine Saga lesen,
können wir unsrerseits die Welt nicht anders begreifen. In
der Form Mythe liegt die höchste Freiheit der Welt, sich
selber Schöpfung zu sein aber auch, wenn wir einen Mythus
lesen, der nicht unser ist, atmen wir auf. Bei dem lebendigen
Sprichwort empfinden wir das sehr stark wir gebrauchen
es in buchstäblichem Sinne, sooft wir eine Erfahrung, ohne sie
in sich selbst aufzuheben, sozusagen ad acta legen aber
auch, wenn es von anderen ausgesprochen wird, fühlen wir uns
jedesmal der Mühe enthoben, Erlebnisse und Wahrnehmungen
zu erarbeiten: Ende gut, alles gut !
Daß wir, wie ich schon sagte, außer dem Sprichwort
so viele andere Weisen der Vergegenwärtigung des Spruches
kennen, liegt wiederum in der Fähigkeit dieser Geistes beschäftigung, abzusondern und zu vereinzeln; sie gehören in
der Einfachen Form zusammen, trennen sich aber in der Vergegenwärtigung voneinander und werden sogar einzeln benannt.
Wir wollen sie hier nicht näher betrachten ; da ich aber
das Geflügelte Wort nun einmal erwähnt habe, möchte ich darüber noch einiges sagen. Wenn wir das bei Buchmann Gesammelte im großen und ganzen einteilen, so gelangen wir zu
zwei Kategorien: erstens Geflügelte Worte aus Schriftstellern,
also Z it a te , die zu Geflügelten Worten geworden sind; und
zweitens Geflügelte Worte, die von irgendeiner Person in einer
besonderen Situation ausgesprochen worden sind; er nennt sie
h i s t o r i s c h e Geflügelte Worte, besser wäre hier vielleicht
das griechische A p o p h t h e g m a t a. Beide Formen gehören
zur Geistesbeschäftigung des Spruches. In dem Geflügelten
Wort: Ich warne Neugierige, ist nicht ein Verbot

dann kommen wir zu dem Geflügelten Wort. dessen Verfasser unbekannt geworden ist. E m b l e m a nannten die Alten „einen kleinen Gegenstand. eine in den Schuh eingelegte Sohle sind Emblemata. unterscheidet. hier sind die Einzelheiten nicht verschieden. Sooft nun ein Emblema nicht nur auf die Zusammen eines Ganzen aus einer Mannigfaltigkeit von Einzel--setzung . und dennoch weist jedes Steinchen darauf hin. aus einer Mannigfaltigkeit von verschiedenen Einzelheiten besteht. liegt das Gleiche vor. Auch im Kunstwerk entstehen bestimmte Situationen. er fällt heraus und bleibt liegen. Endlich sind auch die toreutischen Bildwerke. in das sie „hineingeworfen" worden sind. Jeder von diesen kleinen Gegenständen kann darauf hinweisen. daß das Ganze. So kann der Spruch das Kunstwerk verlassen. die sich von dem einheitlichen Kunstwerk. Oft ist das gerade bei einem Kapitelschluß der Fall. gerade weil die Erfahrung Spruch geworden ist. Emblemata.SPRUCH 169 gemeint. Das dem wilden Obstbaum aufgepfropfte Edelreis. denn wiederum zeigen sie. der Holzpflock. sie wird erfahrungsmäßig vereinzelt. Emblemata sind aber auch die einzelnen eingesetzten Steinchen des Mosaikbildes . wie im Sprichwort die Worte des Satzes ihre syntaktische Bindung aufgeben. ist sie vereinzelbar. sondern die gleichen. Bei den Geflügelten Worten. sondern eine bestimmte Situation wird im Spruch völlig isoliert. Wenn wir diesen Vorgang so fassen. auch dieser Spruch vereinzelt sich wieder. Auch diese in bestimmten Situationen entstandenen Erfahrungen werden in der Empirie durch den Spruch gefaßt. in das sie hineingefügt. die spruchartig gefaßt werden müssen. die aus einem litterarischen Kunstwerk stammen. der an einem größeren meistens aus verschiedenem Material angebracht war". daß sich das Ganze aus gesonderten Einheiten zusammenfügt. die auf dem Boden einer Trinkschale befestigt werden. welcher die eiserne Spitze des römischen pilum am Schaft festhielt. er steht für sich. daß hier eine Zweiheit von Kunstwerk und Gebrauchsgegenstand vorliegt. die sozusagen ein litterarisches Kunstwerk fallen läßt. das die Schale durch die Vollendung ihrer Form werden kann.

sondern so. daß der Sinn eines Ganzen nur als Zusammensetzung gesonderter Einheiten verstanden werden kann. Nach unserer Auffassung ist es erstens kein Bild. die allgemeine Bedeutung von S i n n b i l d bekommen. wie Symbol. haben wir in ihm den Gegenstand. sondern ein Gegenstand. Zweitens aber vertritt es keineswegs den Sinn eines Ganzen so. Emblem hat. daß aus ihm hervorgeht. daß die Bedeutung dieses Ganzen als Ganzes in ihm vertreten wäre. . sondern von sich aus die Mannigfaltigkeit in ihrer gesonderten Zusammensetzung auch b e d e u t e t. sie in der Welt der Gegenstände vertritt.170 SPRUCH heiten h i n w e i s t. der. wiederum mit der Geistesbeschäftigung geladen.

Wesen und Sinn der einzelnen Formen zu erfassen. zu trennen. die in unsere Reihe hineingehören? Wenn wir von einer Reihe sprechen. die wir ebenfalls dem Namen nach kennen. wir wußten nicht genau. genauer zu ergründen. was nicht zusammengehört. eine abgeschlossene Reihe. Ehe ich zu diesen letzten uns bekannten Formen übergehe. Spruch eingehend besprochen und bestimmt. Ich habe bisher Legende. mit denen wir. jenen Teil der Litteraturwissenschaft umfassen. diese Einfachen Formen die Grundlage der Litteraturwissenschaft bilden. Von allen diesen Formen sind uns wenigstens Name und Existenz bekannt gewesen. was uns dunkel vorschwebte. Sollen. das. Wir verbanden bisher mit diesen Namen keine eng umschriebenen Begriffe. praktisch gesprochen. so ist klar. daß wir damit ein System im Sinne haben. daß also der Begriff der Einfachen Form er ist so geartet. Mythe. was eine Sage ist und was eine Legende aber daß es diese Dinge gibt. Rätsel. zwar nur verschwommen. Es bleiben noch zwei Formen. Sage. die Begriffe zu bestimmen. die Formen Märchen und Witz. der zwischen . kurz. muß ich die Frage stellen : ist mit jenen uns bekannten Namen auch die Zahl der Formen erschöpft? Oder kennen wir nicht noch andere Bezeichnungen. aber die eigentlich Formen meinen. daß in jeder der Einfachen Formen sich die Welt in einer bestimmten Weise verwirklichen kann nur eine begrenzte Zahl von Möglichkeiten zuläßt. einen Begriff verbinden. haben wir nicht bezweifelt.KASUS I. Und von diesen Namen und dieser Überzeugung aus haben wir versucht.

will ich in den nächsten Kapiteln beweisen. als solche sondern unmittelbar zeigen. die sie verwirklichen. auf der Stufe der Kunstformen. Daß es sich mit diesen Formen genau so verhält wie mit allen anderen Einfachen Formen. die wir in der Welt beobachten. in demselben Aggregat zustand befinden wie Legende oder Spruch und deshalb soll unser System vollständig sein in unsere Reihe aufgenommen werden müssen. Ich möchte auch hier nicht rein theoretisch vorgehen. so müssen sie v o 11 s t ä n d i g sein. mutatis mutandis. verfolgen. kurz. so daß wir sie gewissermaßen neu zu benennen haben. deren Wirkung wir auf der dritten Stufe. so müssen sie in ihrer Gesamtheit jene Welt. sich. deren Geistesbeschäftigung wir erkennen. Es gibt zwei solche Formen. erschöpfen ebenso wie die grammatischen und syntaktischen Kategorien in ihrer Gesamtheit die Welt ausmachen. die dem geschlossenen System unsrer Einfachen Formen ohne Zweifel angehören. in denen sich als Kunstform etwas letztmalig und endgültig verwirklicht. wie und wo diese Einfachen Formen wirksam nicht allgemein anerkannten sind.172 KASUS Sprache als solcher und jenen Gebilden liegt. - . die wir bei einer genauen Untersuchung unterscheiden können. und für die wir dennoch eigentlich keine geläufigen Namen besitzen. Deshalb gehe ich von einem möglichst naheliegenden Beispiel aus. daß sie unter der Herrschaft einer Geistesbeschäftigung sich im Leben und in der Sprache verwirklichen. wie sie sich in der Sprache als solcher verwirklicht.

ich hatte in der Brieftasche nur einen Hundertmarkschein. Fälle gesammelt. In Nr." Was geschieht hier? Beschränken wir unsere Betrachtungen zunächst auf den ersten der beiden Teile. nicht an den gewechseltem Scheinen." § 259: „Wer seines Vorteils wegen Sachen. wird als Hehler mit Gefängnis bestraft. Werden beide gefaßt. dieselbe sich rechtswidrig zuzueignen. zum Pfande nimmt oder sonst an sich nimmt oder zu deren Absatze bei anderen mitwirkt. Angenommen. .II. § 242 lautet : „Wer eine fremde bewegliche Sache einem anderen in der Absicht wegnimmt.. teilt er seine Beute. von denen er weiß oder den Umständen nach annehmen muß. den der Verfasser er nennt sich Balder „Groteske und Tragik im Strafrecht" betitelt. so wird die Geliebte als Hehlerin bestraft." Dieser Fall bezieht sich auf zwei Paragraphen unseres Strafgesetzbuches... daß sie mittels einer strafbaren Handlung erlangt sind. 3 des Jahrganges 1928 der „Berliner Illustrirten Zeitung" findet sich ein kleiner populärer Aufsatz. Der Dieb läßt das Geld wechseln und gibt dann erst der Frau fünfzig Mark. verheimlicht. so ist sie straffrei. Denn Hehlerei ist nur an den unmittelbar durch die strafbare Handlung erlangten Sachen möglich. Ich greife gleich den ersten heraus: „Ein Taschendieb stiehlt mir im Gedränge der Großstadt meine Brieftasche. in die diese kleine Geschichte deutlich zerfällt. wird wegen Diebstahls mit Gefängnis bestraft . in der hundert Mark in kleinen Scheinen waren. der er von dem glücklichen Fang erzählt.. ankauft. Es werden hier in Verbindung mit dein Strafgesetz Fälle erzählt. Mit seiner Geliebten.

wie eine Regel. aus der sich die Form Legende ergab. Ich habe aber schon damals auf die grundlegende Bestimmung unseres Strafgesetzes hingewiesen : nullum crimen sine lege. daß das Verbrechen zweierlei und zwar ganz Verschiedenes bedeuten kann. und ich möchte an dieser Stelle und bei dieser Gelegenheit zeigen. inwieweit sie alles das verletzen. etwas Selbständiges. im juristischen Sinne. daß das Gesetz in diesem Sinne sowohl Norm der zu bestrafenden Handlung wie Norm der Bestrafung wird. wie in der A n t i l e g e n d e . sondern wir sehen in seinem Handeln ein tätiges Unrecht. ein . das nicht von einer Norm bedingt ist. was in dem 13. wie in der Geistesbeschäftigung. in Geschehen übergeht. durch sie nicht zu fassen ist. Seine Handlungen werden keineswegs danach beurteilt. wurde. Teiles unseres Strafgesetzbuches. Ebenso ist Ahasver nicht ein Mensch. ein c r i m e n . wie in einem Lebensvorgang im gleichen Lebenskreis Einfache Formen zueinander gelagert sind. Schließlich hat man auch. ein Gesetzesparagraph. das von Verbrechen und Vergehen wider die Sittlichkeit handelt. zu finden ist. ohne sich zu ver -mischen. in der Geistesbeschäftigung der im i t a t i o. insoweit dort das Böse sich vergegenständlichte. Betrachten wir den Vorgang noch etwas genauer: wir haben es mit Verbrechen zu tun. der gegen das Gebot: Liebe deinen Nächsten. den Pakt Fausts mit dem Teufel auf seine juristische Gültigkeit hin untersucht. daß es von der Sprache ergriffen wird.174 KASUS Wir sehen. als Verstoß gegen eine Regel. Geschehen wird und dadurch. verstößt. wie wir erwähnt haben. nulla poena sine lege. Abschnitt des 2. Wir erinnern uns. das absolute Unrecht. als Geschehen Gestalt bekommt. selbständig gegenständlich oder. Der Begriff Verbrechen hat schon bei unserer Untersuchung der Form Legende und Antilegende eine Rolle gespielt . sondern auch in ihm vergegenständlicht sich jenes Unrecht. als gesetzwidrige Handlung erfassen. Verbrechen strafbares Unrecht genannt werden konnte. und gesagt. etwas unbedingt Strafbares. aber wir spüren . was von Paragraphen unabhängig. Ich erinnere noch einmal an die Figur des Don Juan. Wir sehen nun aber. je nachdem wir es.

selbst gewogen. es gab keine Norm. in dieser letzten Geistes q u a n t it a t i v gemessen. sobald etwas auf die andere Schale gelegt wird. Man kann hier das Bild einer W a g e gebrauchen: W a g e hängt mit W a g e n. In der Geistesbeschäftigung der Legende wird qualitativ . daß auch die Gültigkeit dieses Pakts nicht nach Regeln eines Über Kontrahenten beurteilt werden kann. das die gegenständlich gewordene Tugend a b s o l u t bestätigte. daß damit die Form Antilegende gelöst wird. Tätig und gegenständlich werden hier nicht Tugend und Unrecht. mit b e w e g e n zusammen. liegt keine Legende oder Antilegende vor. sondern Verbrechen oder Vergehen werden bezogen auf eine Vorschrift.KASUS 175 sofort. es gab nur Zeugen und Überzeugung. und damit kommen wir auf unseren Fall zurück. Es gab in ihr keine lex. . deren Gültigkeit und deren Ausdehnung in einem bestimmten Kreise nicht bezweifelt werden kann und nicht bezweifelt werden darf. Verbrechen oder Vergehen bedeuten dann eine Verletzung der Vorschrift. einen Verstoß gegen die Norm.-beschäftigun gewogen. In der Geistesbeschäftigung. zwischen dem Antiheiligen und dem gewöhnlichen Verbrecher andererseits ein qualitativer Unter besteht. in der wir uns-schied jetzt befinden. Noch deutlicher sahen wir das in der Legende selbst. sondern tätig und gegenständlich werden in diesem Falle G e s e t z und Norm . Hier aber. die durch die größere Entfernung. oder sagen wir lieber. indem es sich bewegt. die größere Annäherung von und zu der Norm bedingt sind. bewegt dieses sich nach oben oder unten und wird. daß in der Geistesbeschäftigung der Legende und Antilegende zwischen dem Heiligen und dem guten Menschen einerseits. auf die Handlungen aller Art bezogen werden und von denen aus sich das Urteil über deren Beschaffenheit als strafbar oder straflos bildet. auf die die tätige Tugend bezogen werden konnte. son--einkomszwr dern daß auch hier die Bündigkeit an sich gegenständlich ist. Auf der einen Schale ruht ein Gesetz. Wir haben gesagt. herrschen nur quantitative Unterschiede. es gab nur das Wunder.

Wesentlich sind hier vier Punkte: 1. 3. obwohl sie die Herkunft kannten. mit dem alle derartigen Handlungen gewogen werden. daß die betreffende Sache mittels einer strafbaren Handlung erlangt worden ist. nach einer Norm gewertet werden. nach einem Gesetz gewogen. sich selbst zu veranschaulichen. in denen sich die Norm verwirklicht. 2. sondern im B e w u ß t s e i n gibt: ein Dieb und ein Hehler in der Sprache.176 KASUS Wir sehen nun aber. er teilt diese Tatsache einer dritten Person mit. in ihre Hölle gebracht. In unserem Falle entspringen dieser Norm: ein neuer Dieb. die. Wenn wir nun diese vier Daten in der Ausdrucksweise der Norm Gesetzesparagraph zusammensetzen. daß nicht nur Handlungen aller Art. die die Norm vertreten. daß diese Norm die Fähigkeit besitzt. In einer juristischen Norm ist das Strafbaredieser Handlung festgelegt. sie haben es in ihre Halle. strafbaren Handlung erlangt ist. die. indem wir sagen: Jemand nimmt mit der Absicht. Mitheifer haben das mittels einer strafbaren Handlung Erlangte an sich genommen. die es nicht mehr im S e i n. sie haben es verhüllt: sie sind Hehler. aus ihrer Allgemeinheit herauszutreten. . obwohl sie weiß. in ihre Höhle. sie sich rechtswidrig zuzueignen. seien es böse. in einer Sprachgebärde sich in bestimmter Weise zu verwirklichen. dieselbe sich rechtswidrig zuzueignen. 4. Diebe haben sich an dem Eigentum anderer vergriffen. ein neuer Hehler. einem anderen eine teilbare Geldsumme weg. daß diese letzte Person ihres Vorteils wegen diese Sache an sich bringt. di e N o r m G e s e t z e sp a r a g r a p h ist von nun an das Gewicht. geteilt werden kann. Das ist im ersten Teil unserer Geschichte geschehen. daß diese Sache mittels einer. daß ein Mensch eine fremde bewegliche Sache einem anderen in der Absicht wegnimmt. so wie sie ist. seien es gute. wir sehen außerdem. daß diese fremde bewegliche Sache hier aus einer Geldsorte besteht. daß dieser Mensch einem anderen Menschen von seiner Handlung erzählt und daß diesem zweiten Menschen dadurch bekannt wird. kurz.

die er „Groteske und Tragik im Strafrecht" nennt. aufgenommen? Für sich betrachtet könnte dieser Teil als E x e m p e l oder als B e i s p i e l aufgefaßt werden. aber daß in dieser Einmaligkeit das Gewicht des Gesetzes. die n i c h t Einfache Formen sind. Was ich mit Exempel oder Beispiel meine ich gehe bei dieser Gelegenheit auf Dinge ein. Indessen. dadurch zur H e h l e r i n macht. die Ausdehnung und die Gültigkeit der Vorschrift. aus diesem Zusammenhang ergeben sich das Bestehen.die Paragraphen so. seiner G e l i e b t e n davon erzählt und mit ihr teilt und sie 4. Es ist. die jene Handlungen bezeichnen. Einfache Formen 12 . so köpnten wir mit Recht fragen : weshalb hat ihn der Verfasser in eine Sammlung. die wertende Kraft der Norm vollkommen ausgedrückt und gedeutet wird. ein Dieb. die sie veranschaulichen. 1. 3. um zu zeigen. sie bilden im Sinne der Form. die sich auch im Grimmschen Wörterbuch zitiert findet: J o 11 e s . die wir untersuchen.KASUS 177 einen Teil dieser Summe an sich bringt so haben wir zwar ein sehr schönes Juristendeutsch. aber keineswegs eine Form vor uns. daß der Fall zwar einmalig erscheint. Wir haben uns bisher auf den ersten Teil des Falles beschränkt und dabei um genau beobachten zu können. eine mehrere Scheine enthaltende B r i e f t a s c h e stiehlt. Besäßen wir nur jenen ersten Teil. wogegen wir diese abzugrenzen haben erklärt am besten die Definition Kants. der 2. ein Ganzes. In diesem Zusammenhang ist alles nach der betreffenden Norm gewertet. die beiden Teile gehören zusammen. w i e in ihm die Norm anschaulich wurde und sich verwirklichte den zweiten Teil vorläufig außer Acht gelassen. Stellen sich dagegen jedesmal die Worte ein. das heißt werden die nicht weiter teilbaren Einheiten der Norm zu Sprachgebärden. so vergegenwärtigen sich im ersten Teil unseres Falles -.

Ihre Handlung und ihre Haltung sind die gleichen geblieben. sondern auf eine Lücke des Gesetzes hin. was im ersten gegeben war. wird im zweiten auf ihrer Gesamtheit weisen diese beiden Teile nicht-gehobn. die zwei als ein Ganzes. obwohl sie wußte. sofern diese Tunlichkeit oder Untunlichkeit einer Handlung vorstellt. Mittei 1 u n g. aufgefaßt werden. die Geliebte sowohl als besonderer Fall von der praktischen Regel. daß die Möglichkeit. so sehen wir. sie ist nicht mehr als solche teilbar.beziehungsweise Hehlereiparagraphen niedergelegt finden. aufhört. fassen wir. es sind keine Schein e mehr. Brieftasche. Das Exempel ist ein besonderer Fall von einer praktischen Regel. Aber durch die Weise. Bringen wir aber jenen ersten Teil wieder mit dem zugehörigen zweiten zusammen. sondern die negative Seite des § 259. von Exempel oder Beispiel zu reden. die wir in dem Diebstahls. die der Dieb gestohlen hat. in der dieser Gesetzesparagraph abgefaßt wurde. Nur die fremde bewegliche Sache. Hingegen ein Beispiel ist nur das Besondere als unter dem Allgemeinen nach Begriffen enthalten vorgestellt und bloß theoretische Darstellung des Begriffes. daß es mittels einer strafbaren Handlung erlangt war.I auf ein Gesetz. wie auch als theoretische Darstellung der Begriffe Diebstahl und Hehlerei gelten. kann ihre Handlung nicht mehr wie im ersten Teile gewertet werden." Ich wiederhole: für sich betrachtet könnten in jenem ersten Teil der Dieb. In diesem zweiten Teile hat sich nur wenig geändert. G e 1 i e b t e. Diebstahl. ist im Gegensatz zum ersten Teile nicht die positive. die sich der Dieb rechtswidrig zueignete. wie beabsichtigt ist. es ist ein Schein. Was sich in diesem zweiten Teile zeigt. ist nach dem Buchstaben des Gesetzes nicht mehr die Sache selbst.178 KASUS „Beispiel ist mit Exempel nicht von einerlei Bedeutung. hat sich gewandelt. Das. was sie an sich gebracht hat. die Brieftasche mit Geld. Aber dadurch ist nun sofort die Geliebte nicht mehr Hehlerin sie ist nicht mehr strafbar. . Gleichgeblieben sind Dieb. Woran ein Exempel nehmen und zur Verständlichkeit eines Ausdrucks ein Beispiel anführen sind ganz verschiedne Begriffe.

besitzt : ich möchte sie Kasus oder Fall nennen. daß hier ein Gewicht nicht richtig wägt. der Zusammeilllang des ersten und zweiten Teiles. so liegt letzten-stab. die sich die Welt als ein nach Normen Beurteilbares und Wertbares vorstellt. Praktisch gesprochen. beabsichtigt zu zeigen. Wäre es bei dem ersten Teile unseres Kasus geblieben. und diese Gewichte werden gegeneinander gewogen. so hätte sich darin nur der besondere Fall einer praktischen Regel oder die theoretische Darstellung eines Begriffs veranschaulicht. Veranschaulichung aber führt nicht zur Form Form heißt. daß der Maß Gesetzes hier ein ungenügender Wertmesser ist -stabde aus dieser Absicht entspringt die Form. Endes auf jeder Schale ein Gewicht. was in diesem Ganzen der widersprechenden Teile vor uns liegt. den sie in ihren Vergegenwärtigungen. Damit haben wir auch den Kasus scharf von Beispiel und Exempel getrennt. In dieser Gesamtheit wird also nicht mehr die Geliebte nach einer Norm gewertet. Für eine solche Form möchte ich den Namen wählen. Verwirklichung. gewogen nach der Norm unseres moralischen und rechtlichen Bewußtseins. Wo sich aus dieser Geistesbeschäftigung eine Einfache Form ergibt. sondern jene Norm selbst wird nach einer anderen Norm gewertet. Deshalb war im ersten . werden nicht nur Handlungen an Normen gemessen. Das.KASUS 179 Was sich in dieser Gesamtheit verwirklicht. sondern darüber hinaus wird Norm gegen Norm steigend gewertet. und zwar folgender Geliebte ist nach § 259 nicht mehr s t r a f b a r. ein Maßstab nicht richtig mißt. Indem sich die Unzulänglichkeit des § 259 verwirklicht. das Ganze. Sie ist schuldig. in der Jurisprudenz. wenn man sie wägt nach jener höheren Norm. aus der die unzulängliche Norm hervorgegangen sein muß: an ihrer Schuld möchten wir auch jetzt ihre Strafbarkeit gemessen sehen. zu leicht befunden ist. zeigt den eigentlichen Sinn des Kasus : in der Geistesbeschäftigung. verwirklicht sich eine höhere Norm. Zugleich aber geschieht noch etwas anderes. der Morallehre und auch noch anderswo.-maßen:di aber sie ist dennoch s c h u 1 d i g. ist die Tatsache. daß § 259. da verwirklicht sich ein Messen von Maßstab an Maß Bleiben wir bei dem Bilde der Wage.

180 KASUS Teil schon alles darauf gerichtet. sich zueinander verhalten. noch andere Fälle heranziehe. daß sich aus seinem Zusammenhang mit dem zweiten Teil. aus der Ganzheit. um bei dieser Gelegenheit zu zeigen. können wir als Divergenz oder. und was sich verwirklichte. was ein Kasus bedeutet. wie wir lieber sagen wollen. als Streuung der Normen bezeichnen. Ehe ich zur Verdeutlichung dessen. etwas verwirklichen konnte. komme ich noch einmal auf den vorliegenden zurück. Vergegenwärtigte Einfache Form und Kunstform. beim Kasus wie bei den Einfachen Formen überhaupt. wie Einfache Form. .

Wir können statt „im Gedränge der Großstadt stiehlt mir ein Taschendieb" zum Beispiel sagen . ohne daß der Kasus sich dadurch ändert. Noch ein zweites kann man von diesen H i n z u f ü g u n g e n ausagen : sie sind auswechselbar. dieselbe sich rechtswidrig zuzueignen" vergegenwärtigen. besser gesagt.". Dagegen ergibt sich ein Bestandteil wie „im Gedränge der Großstadt" nicht unbedingt aus der Form. was die Form zu geben hat. wird nur in anderer Weise erhöht. Wir hörten. läßt sich das in der Norm Begriffene. es war nicht eine Brieftasche.ein Taschendieb stiehlt einem schlafenden Herrn. seine Brieftasche . Sie haben aber einen erkennbaren Zweck : das Gewicht des Gesetzes sollte in einer Einmaligkeit gedeutet werden diese an sich unwesentlichen Hinzufügungen steigern das Empfinden der Einmaligkeit. So wie der Aufsatz „Groteske und Tragik im Strafrecht" den ersten Fall gibt. er ist bis zu 12 . erhöhen die Eindringlichkeit des Falles. Für das. enthält er einiges. Was wir die Eindringlichkeit genannt haben. mit dem er sich im gleichen Eisenbahnabteil befindet. . Wodurch unterscheiden sich nun in litterarischer Hinsicht diese Hinzufügungen von den eigentlichen Bestandteilen des Kasus? Ein Bestandteil wie Dieb muß sich unbedingt aus der Form selbst ergeben nur durch dieses Wort.III. sondern „meine" Brieftasche. er bleibt bis zu einer gewissen Höhe frei. .. das „wer eine fremde bewegliche Sache einem anderen in der Absicht wegnimmt. diese Sprachgebärde. was über die die Norm veranschaulichenden vier Daten hinausgeht. daß die Handlung „im Gedränge der Großstadt" stattfand. sie liegen nicht im Wesen der Sache. sind diese Hinzufügungen äußerlich und nebensächlich.

Wir verstehen unter K u n s t f o r m e n solche litterarische Formen. wie Seiler gesagt hat. was auswechselbar ist. die seine Eindringlichkeit steigern. der Weg zu einer Kunstform offenliegt. die wir Kunstformen nennen.d Sprichwort ist. Der Dieb und die Hehlerin. nichts auswechseln. durch persönliches Eingreifen bedingt sind. „in sich geschlossen". ja. Denn etwas. seine Geliebte und der Diebstahl. wem" nichts hinzu fügen. schau. sondern um seiner selbst willen: einer Kunstform. der Geistes zum Spruch führt. die Norm oder den Gesetzesparatgraphen . haben durch diese leichten Hinzufügungen schon ein so persönliches Ansehen bekommen. Wir können bei „trau. die gerade durch persönliches Wählen. Praktisch gesprochen steht dieser Kasus durch die Hinzufügungen. ohne daß es aufhörte.182 KASUS einem gewissen Grade der persönlichen Wahl anheimgestellt. obwohl er an sich Einfache Form ist. Sprichwort zu sein. was der-gezichnt persönlichen Wahl anheimgestellt bleiben kann. weil sie Kunstform ist. zu entsprechen. um sich selbst auszudrücken. „es findet" nach Wilhelm Grimm „den höheren Ausdruck von selbst". Auswechselbare Bestandteile sind im Sprichwort nicht vorhanden. sondern wo in einer nicht wiederholbaren künstlerischen Betätigung die höchste Bündigkeit erreicht wird. fast aufhört. daß in dem Kasus. es selbst. die als Einfache Form der Norm entsprungen sind. Denn was hier geschieht oder geschehen kann. die wir N o v e 11 e nennen. wo sich nicht mehr etwas in der Sprache selbst verdichtet und dichtet. Wir befinden uns hier an einer Grenze der Welt der Einfachen Formen. die eine letztmalige Verendgültigung in der Sprache voraussetzen. bedeutet. die ihrerseits ein eindringliches Ereignis in seiner Einmaligkeit zeigt. kann zu jenen Formen führen. daß das. Das-beschäftigun. ohne daß es aufhörte. er kann. Dieses In-sich-Geschlossensein in der Art des Sprichworts fehlt dem Kasus. bis zu einer gewissen Höhe vor ist. Hilfe von außen annehmen. die Norm verwirklichen. die es nun aber gerade. über die Vergegenwärtigte Einfache Form hinaus. was sich dort abspielt. schon auf der Grenze jener Kunstform. was persönliches Eingreifen ermöglicht. nicht mehr als Kasus meint.

daß Brieftasche. Hundert k s c h e i n. .KASUS 183 zu vertreten. Die Sprachgebärden in unserem Kasus erscheinen blaß. zu den Bestandteilen zurück. man bemerkt. Wir werden zu untersuchen haben. verglichen mit denen der Legende. und dennoch ist hier die Sprachgebärde nicht so zwingend. die Brieftasche könnte eine Geldtasche mit kleinem Silbergeld sein usw. dieses Wesen mög--mar lichst scharf zu bezeichnen. die nicht im Wesen der Sache liegen. ein Bruder. Im selben Sinne auswechselbar wie die Hinzufügungen sind diese Bestandteile nicht das Wesen der Sache liegt in ihnen ausgedrückt. so finden wir. ein Freund des Diebes. Es bedürfte nur noch geringer Hinzufügungen. daß auch diesen trotz ihrer Notwendigkeit keine unbedingte Festigkeit eigen ist. odermitdenender Mythe: der Berg als f e u e r s p e i e n d e r Riese. aber die Hehlerin braucht nicht „Geliebte" zu sein. die den ersten Teil und den zweiten Teil unseres Kasus ver ihm völlig seinen Charakter als Einfache Form zu-binde. ob es nicht doch Kasus gibt. Kehren wir von diesen auswechselbaren Hinzufügungen. sie greift nicht mit so unbedingter Sicherheit zu. es brauchen nicht „hundert" zu sein. wie sie es bei den anderen Einfachen Formen tut.um nehmen. deren Notwendigkeit feststeht. Der Dieb muß als solcher Dieb bleiben. weil sie zusammen als Einfache Form den vier Gegebenheiten der Gesetzesparagraphen entsprechen. es könnte sich auch um fünfzig Mark handeln. es könnte auch ein Hehler sein. Götter die zerspringen. in denen Geschehen unwiderstehlich zusammengewirbelt wurde: das R a d m it s c h a r f e n Klingen. G e 1 i e b t e bestrebt sind. bei denen die Sprachgebärde straffer gezogen ist.

Sind mildernde Umstände vorhanden. und ich gebe. ob „an einem untauglichen Gegenstand oder . durch Handlungen. die gar nicht schwanger ist. I. einen völlig harmlosen Kräutertee nimmt. wird mit Zuchthaus bis zu fünf Jahren bestraft. aber der Versuch eines Verbrechens oder Vergehens (StGB. Teil. II. ist. Wir kehren zunächst zur Geistesbeschäftigung des Kasus zurück.. § 43: „Wer den Entschluß. Teil. um die Frucht. ein Verbrechen oder Vergehen zu verüben." Es handelt sich. . Abschnitt 2). so ist sie der ver -suchten Abtreibung schuldig zu sprechen.. welche ihre Frucht vorsätzlich abtreibt oder im Mutterleibe tötet. so tritt Gefängnis -strafe nicht unter sechs Monaten ein ... die nur in ihrer Einbildung existiert." Hier liegt nun das Verbrechen oder Vergehen nicht vor. wegen Versuches-gehn zu bestrafen . wenn das beabsichtigte Verbrechen oder Ver nicht zur Vollendung gekommen ist.Strafbar ist heute noch der Versuch am untauglichen Objekt mit untauglichen Mitteln : wenn eine Frau. zu beseitigen. also mit § 218: „Eine Schwangere. schwanger zu sein.Iv. Abschnitt 16).. sich aber einbildet. damit wir die Verschiedenheit der Lagerung der Maßstäbe noch besser beobachten können. zwei weitere Fälle aus dem Aufsatz „Groteske und Tragik im Strafrecht". wie auch von dem Verfasser des Aufsatzes erwähnt wird. betätigt hat. welche einen Anfang der Ausführung dieses Verbrechens oder Vergehens enthalten. um die in juristischen Kreisen lebhaft umstrittene Frage." Wir haben es hier erstens zu tun mit einem Verbrechen oder Vergehen wider das Leben und zwar gegen das „keimende Leben" (StGB.

daß. Man kommt da auf sehr-gebun schwer zu begrenzende Begriffe. war die Vorschrift so abgefaßt. in dem letzten zeigt er. Aber wiederum wird hier eine Norm an einer anderen gemessen. sie dennoch nach einer höheren Norm. Das ist natürlich gerade für die praktische Gesetz eine äußerst heikle Frage. wie § 242 einen Taschendieb bildete. um das Verbrechen tatsächlich gewußt hatte. Man könnte das Schwergewicht auf die „Gefährlichkeit". Vergiftungsversuch mit einer ungenügenden Dosis). obwohl die Handlung der eingebildeten Schwangeren nicht nur keine Folgen hatte. Bei dem Beschluß des Reichsgerichts liegt die Sache so : daß. Aus dieser zur Norm gewordenen Auffassung springt nun wieder ein Kasus heraus: er bildet eine eingebildete Schwangere. die das Geld tatsächlich bekommen. wie die bestehende Vorschrift in diesem Falle die im Reichsgerichtsbeschluß vorliegende Wertung des Begriffs „Versuch" nach dem Begriff „Absicht" — Gültigkeit und Ausdehnung bekommt auch dort. dem zweiten Teil des ersten zeigte der Kasus.KASUS 185 mit einem untauglichen Mittel" ein verbrecherischer Versuch möglich sei. daß AusIn dehnung und Gültigkeit der bestehenden Vorschrift in diesem Falle § 259 . das Reichsgericht hat aber in einem Plenarbeschluß (24. das heißt auf die Möglichkeit des Erfolgeintritts der Handlung legen . ja. In beiden Fällen verwirklicht sich das Wägen im Kasus. auch keine tat- sächliche Handlung im eigentlichen Sinne war. wo alles Tatsächliche aufzuhören scheint. Man kann hier nicht von einer Lücke des Gesetzes sprechen. unzulänglich waren. Im Gegenteil ! Bei der Geliebten. Vergiftungsversuch mit Zuckerwasser) oder „relativ untauglich" (Mordversuch mit einer Stickschere. obwohl das Bewußtsein ihrer Schuld allgemein vorhanden war. . sie dennoch dem Paragraphen nach nicht als Hehlerin betrachtet werden demgemäß nicht bestraft werden konnte. das heißt nach der Absicht gewertet werden demgemäß auch bestraft werden mußte. gemessen an der Norm Schuld. wie „absolut untauglich" (Mordversuch an einer Leiche. Mai 1880) den Nachdruck auf die verbrecherische Absicht gelegt und den „Versuch mit untauglichen Mitteln am untauglichen Gegenstand" für strafbar erklärt.

durch die mit Vorsatz und Überlegung jemand auf das Gefährlichste geschädigt wird. Bei der Hehlerin wurde durch den Buchstaben dieser Geist gelähmt . ist allgemein und dennoch ist die Handlung nicht strafbar. die in aller Eile für den kommenden Abend eine neue Rolle einstudieren muß. uns den Kasus erklärt: „Fälle bodenloser Gemeinheit und Niedertracht bleiben unter Umständen ungesühnt.186 K SUS Ich gebe noch einen dritten Kasus aus diesem Aufsatz: „Eine Schauspielerin besucht mit liebenswürdigstem Lächeln ihre Kollegin. Schuld vorliegt. erlebt einen glänzenden Durchfall und verliert ihr Engagement. bei der eingebildeten Schwangeren erlangte durch den Geist der Buchstabe eine unvorhergesehene Wirkung. Mit Findigkeit benützt sie einen Augenblick. der sozusagen einen Kommentar gibt. der Kampf dessen. kann nach den in dem Strafgesetzbuch enthaltenen Normen nicht als solche gefaßt werden. Das Bewußtsein. im zweiten Teil des ersten und im zweiten Kasus verwirklichte sich der Kampf zweier Normen im Gesetze. nicht studieren. als sie allein im Zimmer ist. daß hier. da sie kein Strafgesetz verletzen. um das Rollenmanuskript hinter den Kleiderschrank zu praktizieren. wie Ausdehnung und Gültigkeit des Gesetzes überhaupt unzulänglich sind: eine Handlung. was wir den Geist und den Buchstaben des Gesetzes nennen. auch im Sinne des Gesetzbuches. Hier endlich zeigt sich. . heute und künftig. die sie trotz rastlosen Suchens nicht mehr findet." Der Verfasser leitet diesen Fall mit folgendem Satz ein. Gegen ein Strafgesetz hat sich die tückische Rivalin nicht vergangen." Dieser Fall geht noch um einiges über die vorhergehenden hinaus. Die Kollegin kann ihre Rolle. Im ersten Teil des ersten Kasus verwirklichte sich die Norm selbst.

den man zur Not auch auf den ganzen „Ozean" anwenden kann. die in ihrer Zusammengehörigkeit das bilden. zu einem großen Haufen angesammelt hatten. In der zweiten Hälfte des 11. eigenen Zeit abgeleitet haben. aus Beispielen unserer-beschäftigun. die sich im Schatzhause. Nachdem wir die Einfache Form Kasus und die Geistes aus der sie hervorgeht. eine große Anzahl Erzählungen. wo sie sich häuft. daß in den Früchten unschätzbare Juwelen verborgen waren. Dekamerone.V. die wir aus-fasung anderen Zeiten und anderen Gegenden kennen: mit den Gesta Romanorum. Jahrhunderts faßte ein Inder. nachdem eine Affe eine dieser Früchte zum Spielen genommen hatte. Als der König den Bettler fragte. was wir eine Rahmenerzählung nennen ein Begriff. halten wir weitere Umschau. den Ozean der Ströme der Erzählungen. Auf die Gaben und die Bitten des Bettlers hin muß . ob und wo wir sie sonst treffen. Tausendundeine Nacht. die in Kaschmir und anderswo in Umlauf waren. Innerhalb dieses „Ozeans" finden wir nun wieder zusammengehörige Erzählungen. durch dessen Fenster sie der Schatzmeister immer zu werfen pflegte. die fünfundzwanzig Erzählungen des Vetäla. Somadeva. Diese Zusammen läßt sich vergleichen mit Sammlungen. von neuem zusammen und nannte die von ihm bearbeitete Sammlung „Kathäsaritságara". erzählte ihm dieser unter vier Augen. weshalb er ihm so verschwenderisch huldigte. Ich greife zunächst zu einem Beispiel aus der indischen Litteratur. Eine dieser eingeschalteten Rahmenerzählungen heißt: Vetälapañcavimgätika. Nach zehn Jahren entdeckte der König. Zu dem berühmten König Trivikramasena war täglich ein Bettler gekommen und hatte ihm als Huldigung jedesmal eine Frucht geschenkt. daß er die Beihilfe eines Helden der König im indischen Sinne i s t Held zur Vollbringung eines Zaubers brauche.

wenn er gebeten wird. weil er ihn aber nicht entscheiden kann. wenn er ein Urteil wisse. an dem die Leiche eines Mannes hängt. er wolle ihm eine Geschichte erzählen. und wird von dem Bettler zu einem weit entfernten Feigenbaum geschickt. Der König geht hin und schneidet den Leichnam ab. bis ihm der Geist in der vierundzwanzigsten Erzählung einen Fall vorlegt. kläglich zu schreien anfängt. er muß in Streitigkeiten das Urteil fällen. hing sie plötzlich wieder aufrecht am Baume. da lacht die Leiche gellend auf und der König erkennt. Er erzählt. Zuerst glaubt Trivikramasena. wenn man ihm huldigt —.188 KASUS der König seine Beihilfe zusagen der König im indischen Sinne muß helfen. seine Meinung zu sagen. Als er sie aber unerschrocken anredete. die Verdoppelung eines Zwanges. bewohnt ist. der. daß diese Geschichte eine Frage enthält sie ist ein Kasus : es handelt sich darum. . ver er durch sein Schweigen die Pflicht nicht. es aber verschweige. wer schuld war am Tode zweier Menschen. einen Lebenden vor sich zu haben. Der König erscheint an der verabredeten Stelle auf dem Leichenplatz. indem er ihm mit einem Fluche droht: sein Kopf solle zerspringen. So geht es dreiundzwanzigmal. daß sie von einem Vetála. und es zeigt sich. stieg wiederum auf den Baum. als er auf die Erde fällt. Zu Ende der Erzählung fordert der Vetala den König auf. Dieser Fluch ist die Bestätigung einer Pflicht. daß er zu schweigen hatte. einem Unhold. und der Bettler bittet ihn. Damit aber hat er das ihm auferlegte Schweigen gebrochen und die Leiche hängt wieder am Feigenbaum. er muß die Frage des Vetäla entscheiden. Da sagte plötzlich der Vetäla zu ihm. Dieser Pflicht kommt der König nach. Der Vetsla ist-letz nun so überzeugt von dem Mut und der Weisheit des Königs. den er nicht entscheiden kann. und beginnt ihn zu reiben. schnitt den Leichnam wieder ab. der voll ist von lodernden Scheiterhaufen und greulichen Gespenstern. diese Leiche soll er dem Bettler bringen. Da verstand der König. festzustellen. abends in der Zeit des abnehmenden Mondes auf den Begräbnisplatz zu kommen. lud ihn auf seine Schulter und ging schweigend mit ihm von dannen. unter dem der König als König steht : der König im indischen Sinne ist Weiser. um ihm den Weg zu kürzen.

Plötzlich erkrankt sie und stirbt. das uns den Kasus zeigt. Dieser dritte kommt eines Abends zu einer Brahmanenfamilie . wo es verbrennt. Der Wunsch des Königs ist zum Teil in Erfüllung gegangen : eine Anzahl dieser Kasus ist in der ganzen Welt bekannt geworden. aber zwischen dem früheren Streit. den Bettler. Der zweite sammelt ihre Knochen und trägt sie zum heiligen Strome. er holt ein Zauberbuch. Der Vater fürchtet seinerseits. wenn er sie dem einen gibt. Der dritte durchwandert die Welt als Pilger. genau wie vorher. Nun streiten die drei Freier von neuem. die anderen zu beleidigen. zu töten und damit selbst die Herrschaft über die Geister des Himmels zu gewinnen. Kaum ist sie erwachsen. und der erste Liebhaber baut sich über ihrer Asche eine Hütte. Die Mutter wird böse und schleudert es ins Feuer. Er kommt nach Hause und erweckt die Jungfrau wieder zum Leben. und so bleibt die Schöne eine Zeitlang unvermählt. Da sie durch das Feuer gegangen ist." sagt „entscheide du ihren Streit. Großes Entsetzen seitens des Pilgers! Aber der Vater beruhigt ihn. wo auch nur ein Teil dieser Erzählungen gelesen oder gehört werde.KASUS 189 daß er ihm den Rat gibt. so kommen drei Freier. was er glaubte. ein Kind ist bei Tische unartig und schreit. Ich gebe ein Beispiel. böse Geister sollten keinen Zutritt haben. zum Ganges. Jeder von ihnen will lieber sterben. in der er von nun an lebt." der VetMla . daß der König sich wünscht. und dem jetzigen liegt etwas. liegt eine Handlung: jeder hat nach einer bestimmten Norm getan. spricht die Formel. um die Herrschaft über die Geister zu erlangen. Sie wird eingeäschert. gleich an Geburt und an Trefflichkeit. In der Nacht stiehlt nun der dritte Liebhaber das Buch. ist sie noch viel schöner als vorher. und das Kind sitzt wieder da. wo alle gleich waren. König. als sie einem der zwei anderen vermählt sehen. und daß der Vetála ihm zusagt. und die Rahmenerzählung schließt damit. der ihn opfern wollte. Ein Brahmane hat eine schöne Tochter. So geschieht es . als Liebhaber und Brahmane tun zu müssen. wer sie bekommen soll. Jetzt wird es möglich sein zu bestimmen. „Und nun. und wähle dazu die zweite Erzählung. die Erzählungen des Vetala sollten überall berühmt werden.

was wir aber dort nicht so deutlich beobachten konnten : auch im Kasus steckt wiederum ein Verhältnis zur Frage. der ihre Knochen zum Ganges trug. Sobald sich in Italien die Novelle regt. Verblaßt und abgeschwächt erkennen wir ihn in Uhlands . Die Wandlungen dieses Kasus sind zusammengestellt in einem Aufsatz von W. Der König hat gesprochen die Leiche hängt wieder am Feigenbaume alles kann von Neuem beginnen ein neuer Kasus. Gültigkeit und Ausdehnung verschiedener Normen werden erwogen. er deutet sie. der Erzählung auf ihren Wandlungen durch die Litteraturgeschichte zu folgen. nach welcher Norm ist zu werten? Diese Frage wird in dem Kasus der „Nebenbuhler" regel gestellt. der bei ihr blieb. Farnham „The Contending Lovers" (Publications of the Modern Language Association of Amerika.190 KASUS Was muß der König tun? Er wägt die Handlungen gegeneinander ab. Uns kommt es nicht darauf an. Bestehen. ist ihr Vater. er ist also ihr Sohn . Der sie zum Leben erweckte. In der Mythe gibt sich in Frage und Antwort die Welt in ihren Erscheinungen bekannt. XXXV. was nach indischer Sitte Kinder für die Eltern zu tun haben. was zwar auch in unserer Sammlung von Rechtsfällen vorlag. In dem Rätsel wird in Frage und Antwort die Zugehörigkeit zur Weihe geprüft und kundgegeben. Die Pflicht der Entscheidung wird in der gegen--recht . Und so gibt es auch von dem eben geschilderten Kasus zahlreiche frühere und spätere Fassungen in Indien.Es zogen drei Burschen wohl über den Rhein". 1920). Er fehlt auch in Europa nicht. bei ihr ruhte. sehen wir ihn erscheinen. aber diese Erwägung enthält die Frage: wo liegt das Gewicht. H. endlich der Mann. In dem Kasus ergibt sich die Form aus einem Maßstab bei der Bewertung von Handlungen. treu bei ihr harrte.. wird sie von ihrer Beschaffenheit aus Schöpfung. daß Somadeva in seiner Sammlung ältere Geschichten bearbeitet hat. tat. Erstens zeigt uns dieser Kasus etwas. Ich habe schon darauf hingewiesen. sondern sie in ihrem Charakter als Kasus zu verstehen. aber in der Verwirklichung liegt die Frage nach dem Werte der Norm. der ist ihr Gatte.

In dem Kasus liegen die Reize und die-gewicht Schwierigkeiten des Balancierens vor uns wollen wir deutsche Wörter. aus der sie gewachsen war. Wir haben daher das Verbum balancieren übernommen. Und so ist es dann auch die Eigentümlichkeit des Kasus.Erzählungen geschehen. aber nicht das Resultat des Wägens.KASUS 191 wärtigen Erzählung dem Weisen. auch mit der Bedeutung : versuchen das Gleich zu finden. auferlegt. Auch in unserem ersten Rechtsfall spüren wir diese Pflicht der Entscheidung. woraus die romanischen Bezeichnungen für Wage. Dies ist das zweite. hervorgehen.-gestzlichkd Die Entscheidung war gefallendamit hörte der Kasus auf. ist das Wägen. auch die Geschichte von der Geliebten. dem vom Diebe und der Hehlerin. soll der Geist des Gesetzes gelten? Das Eigentümliche der Form Kasus liegt nun aber darin. festgestellt. Das ist in den Vetäla. soll unser Strafgesetzbuch so bleiben oder soll es geändert werden? Soll der Buchstabe. balance. aber die Entscheidung selbst nicht enthält was sich in ihr verwirklicht. ganz er selbst zu sein. Das Gerät mit den zwei Schalen heißt auf lateinisch bilanx. soll sie nicht bestraft. aber sie liegt in dem Kasus als solchem zugleich tiefer und allgemeiner. daß sie zwar die Frage stellt. und wie es im Leben in tier Welt der Normen zu geschehen . Damit zerstörte aber die Kunstform in ihrer Eigen Einfache Form. dem König. Novelle zu werden. die keine Hehlerin und doch Hehlerin war. daß sich in dieser Form das Schwanken und Schwingen der wägenden und erwägenden Geistesbeschäftigung verwirklicht. daß sie uns die Pflicht der Entscheidung auferlegt. wo durch eine positive Entscheidung die Pflicht der Entscheidung aufgehoben wird. bilancia. zu Erwägungen : Wie nun? soll sie bestraft. daß er dort aufhört. daß der Kasus eine Neigung besitzt. aber die Antwort nicht geben kann. so können wir sagen. Wir haben im Anschluß an den ersten Kasus. sich zur Kunstform zu erweitern wir fügten hinzu. Kasus zu sein. Nun aber schreitet die Rahmenerzählung fort. brachte uns. obwohl die Frage als solche nicht gestellt wurde. was wir in den Geschichten des Vetala beobachten können und was in der Erzählung als Ganzes zum Ausdruck kommt.

192 KASUS pflegt. so geht es hier beträchtlich weiter. während er arbeitet denn Diebstahl ist seine Arbeit . Nichtantworten das Gebot zu schweigen einhalten und schließlich schneidet er jedesmal die Leiche ab. wann wir uns in der Welt der Wage befinden. ja. wo eine Form sich so in allen Einzelheiten verwirklicht. ist Kasus. Mehr als andere Völker hat der Inder das Bedürfnis. kaum ist der eine Kasus entschieden. Nirgends ist der Begriff „Leitfaden" im Sinne einer Sammlung von Regeln so lebendig als in Indien. wie ein Einbrecher einen Einbruchsdiebstahl ausführt. denn auch die Handlungen des Königs im Rahmen werden von dieser Form aus bestimmt : ob er dem Vetala antwortet oder nicht antwortet. In einem bekannten indischen Drama Mrcchakatika sehen wir auf der Bühne. Dieser Einbrecher bricht ein nach den Regeln eines „Leitfaden für Diebe" er zitiert. So schritt er in tiefem Schweigen weiter. denn Antworten heißt seine Königspflicht erfüllen. so erscheint schon wieder ein anderer. sogar das Verschwinden des Einen verursacht das Erscheinen des Anderen was in der Erzählung heißt: die Leiche hängt wieder am Feigenbaume. und überall und immer wird in diesen Sutras und gästras nach Normen gewertet. es gibt Lehrbücher für noch ganz andere Dinge. Könnten wir nun in unserer eigenen Umgebung bestimmen. nach Normen zu leben. er fand keine Antwort. So kann dann das Ganze nur damit enden. wo der König nicht entscheiden kann.Erzählungen : wo wir den Kasus zu suchen haben. daß ein Kasus Kasus bleibt und nicht entschieden wird." Hier banlanciert alles wir kennen wenig • Beispiele aus der Litteraturgeschichte. Da heißt es dann : „Der König erwog die Frage des Vetäla immer und immer wieder. Noch ein drittes zeigen uns die Vetäla. Es gibt nicht nur Lehrbücher zur Erreichung und Verknüpfung der drei großen Lebensziele. Mit erstaunlicher Feinheit ist hier die Welt des Kasus gegriffen. nach welchen Paragraphen des Gesetzbuches dieser Mensch sich strafbar macht. weil er wiederum eine Pflicht dem Bettler gegenüber übernommen hat. aber nun auch eigentlich nicht zur Novelle wird und das geschieht in der vierundzwanzigsten Erzählung. der König muß wieder von neuem anfangen.

dürfen wir bezweifeln. Wir besitzen dieses rechtswidrige Handbuch leider nicht mehr ob es wirklich existiert hat. indischen Ursprungs.KASUS 193 die einzelnen Paragraphen dieses „Gesetzbuches ". er folgt der Regel. Aber aus einer solchen Welt. Tatsächlich sind eine große Anzahl der Kasus. Jolies. die sich im Umlauf befinden und trotz ihrer Abgeschlossenheit zum Teil noch erkennbar sind. er arbeitet nach der Vorschrift. in der sich das Leben als ein nach Normen Wertbares und Beurteilbares vollzieht. Einfache Formen 13 . muß der Kasus überall hervorgehen.

wo schwer gewertet werden kann und wo man doch nach Normen verlangt. auf Grund unsres Vertrages.VI. Die Frau sagt: Ich muß mein Kind in jedem Falle er wenn ich die Wahrheit sagte. sei es. gemäß meiner Aussage. Die Mutter sagt nun: du gibst mir mein Kind nicht wieder. oder an die Geschichte von den Feinschmeckern. Auch aus den Normen der Logik tritt schon im Altertum der Kasus hervor. Ein Krokodil hat ein Kind geraubt und der Mutter versprochen. als das Faß zur Neige geht. So verwirklicht sich in ihm der tragische Trugschluß. wenn das von mir Behauptete nicht zutrifft.-halten. das beim Keltern hineingefallen sein muß. den wir die C r o c o d i 1 i n a nennen. wenn sie ihm darüber die Wahrheit sagen würde. Die Varianten ergeben sich hier von selber. Ich erinnere an die Prinzessin auf der Erbse. der andere einen ebenso leichten Ledergeschmack fest : tatsächlich findet man. Es gibt einige. Das Krokodil antwortet: nun erhältst du das Kind keinesfalls. des Gefühls und des Geschmacks. kraft unseres Vertrages. . sei es. das Gebiet der Sinneswahrnehmungen. Im Abendlande vollzieht sich unser Leben in etwas anderer Art aber auch hier finden wir die Form Kasus jedesmal. wenn du die Wahrheit nicht sagtest. der einestellt einen leichten Eisengeschmack. wenn in dieser Weise gewogen wird. oder aber. die außerordentlich verbreitet sind. auf dem Boden ein winziges Schlusselchen mit einem Lederstreifchen. es ihr zurückzugeben. Diese beiden Fälle mit ihren zahllosen Varianten zeigen uns ein Gebiet. wenn du wahr sprachst auf Grund deines Ausspruches. Die Geschichte des Kasus und der Wanderungen und Wandlungen einzelner Kasus. die die Qualität eines Fasses uralten Weines beurteilen sollen. wäre eine schöne Aufgabe. auf die ich hier verzichte.

Wir haben sie in ihren ersten Anfängen. der Gesetzeskodex der Minne mit seinen Paragraphen. aus der ich zitiere. Die Spannung der Minne wird klingend im Liede. oder die Geliebte zu sehen? Wir sehen dann. an die Geliebte zu denken. wie die Frage allmählich zur Form wird : ein Mädchen wird von zwei jungen Männern geliebt. ihr Wägen und Erwägen. lieben oder die Frau. Die Brüder schenken dem Liebhaber das Leben unter der Bedingung. heißt sie: mit wem von beiden soll er das erste Jahr verbringen? Oder: Ein Mädchen wird von zwei jungen Männern geliebt. wo über Vergehen gegen die Minne geurteilt wird. da fast alle Handlungen mit dieser Liebe in Zusammenhang gebracht werden. von der Liebe aus ihre Wichtigkeit. der Kasus rundet sich: Ein junger Mann liebt ein Mädchen. wo sie noch theoretische Fragen sind wie : soll ein Mann die Frau. So sind dann in verschiedenartiger Überlieferung die Kasus der Minne auf uns gekommen. Durch die Hilfe einer alten häßlichen Kupplerin kommt es zu einer Zusammenkunft. aber sie werden dabei von den Brüdern des Mädchens überrascht. wenn möglich entschieden werden. da eine gewisse Art der Liebe das Leben gestaltet. sie nimmt den Kranz des Einen und setzt ihn sich selber auf. da ergeben sich die Normen der Minne. die Zeit. die Weise der Minne veranschaulicht sich im Beispiel und Exempel. Wem hat sie den größten Beweis ihrer Huld gegeben? Allmählich prägt sich die Form immer deutlicher aus. wie in der Kultur des Abendlandes sich der Kasus in bestimmten Zeiten häuft. Man erwartet die Frage: wird er das Leben annehmen? in der Quelle jedoch. aber auch ein Jahr lang mit der Kupplerin leben soll. die Wertung der Minne.KASUS 195 Noch auf anderen Gebieten sehen wir. verwirklicht sich im Kasus. wie die Kasus wie Pilze aus dem Boden schießen. . die in dieser Hinsicht unter ihm steht? Oder: was ist dem Minnenden größerer Genuß. daß er ein Jahr lang mit dem Mädchen. da finden wir den Minnehof. die in Stand und Reichtum über ihm steht. wo die Fragen der Minne erwogen. Ich denke an die Zeit der großen Minnekultur. Wo die Minne wertet. die Regeln der Minne. während sie ihren eigenen Kranz dem Anderen schenkt. ihre Wucht bekommen.

Dienst . vielmehr der Theologie. die uns da auf Schritt und Tritt begegnen.erst später von dem Zweikampf gehört hat. der zweite aber. Sie ist nicht ganz die gleiche wie im Rätsel. die wir im besonderen-hebt. Wir sprechen von „Minnehof ". von „Vergehen gegen die Minne". Mustern wir weiter die Ausdrücke der Minne sehen wir. daß sie durch ihre Bedeutung auch noch-sprache. der Kasus auf die Novelle zustrebt. wie die gleiche Ausdrucksweise Domänen vereinigt. für sie zu streiten. der Normen und Maßstäbe einstellt. den Kasus auf Tatsächlich ist die Kunstform. wie auch hier. tritt als Gegner auf und läßt sich besiegen. Lohn . des Wägens und Erwägens. sondern wir haben hier die S o n d e r s p r a c h e der wertenden Welt vor uns. indem sie die Entscheidung bringen muß. aber wir erkennen sie doch in ihrer Vieldeutigkeit. wie in beiden einem König oder einer Königin als höchstem . von „Urteil". wie in unseren ersten Rechtsfällen. hier Bezogene Formen vor uns zu haben es ist indessen schwer. sich eine Lebens wie die Minne in allen ihren Folgen und ihren-gestalun Normen durchzudenken. Worte wie Gnade . Wer hat den größten Beweis seiner Liebe gegeben? Ein Teil dieser Minnekasus ist so verzwickt und gekünstelt. toscanische Novelle nennen. auf denen sich jedesmal die Geistesbeschäftigung des Wertens. die sich hier auf die wertende Liebe beziehen. wenn ein Ritter mit den Waffen ihre Unschuld beweist. Jedenfalls sehen wir aus den letzten Fällen. Es sind dies wiederum keine Übertragungen oder bildliche Ausdrücke. aber wie auch hier die Novelle. zum guten Teil aus dem Minnehof und dem Minnekasus hervorgegangen. Wir sehen. Aber das gehört nicht hierher.o ein anderes Gebiet als das der Liebe und Gerechtigkeit in sich hineinbeziehen kann: das der Religion. der. die aber andererseits auch Begriffe aus der wertenden Gerechtigkeit bezeichnen. kommen auch in der Sprache der Theologie vor auch dort haben sie eine wertende Bedeutung. Wie sich einerseits Gerichtshof und Minnehof zusammenstellen lassen.196 KASUS sie wird durch unglückliche Umstände zum Scheiterhaufen verurteilt und kann nur erlöst werden. der erste Jüngling ist bereit. Es sind das alles Ausdrücke. daß wir glauben könnten.

wo man es im allgemeinen benutzt. die sie umfassen. wie Reliquie zur Legende. Gotteslohn verhalten sich als Gegenstand zum Kasus. Wir müssen aus diesen Ausdrücken. wie sie sich in der katholischen Kirche hauptsächlich seit dem Ende des 16. Damit sind wir aber auf ein Gebiet gekommen. Die Kasuistik gilt als Wertmesser der katholischen Moral überhaupt. Liebeslohn. Belohnung. das Wort K a s u i s t i k bedeutet. geladen sein. 13 . Hier sind nun Kasus in Hülle und Fülle gesammelt.KASUS 197 Richter die Pflicht der Entscheidung obliegt. im besonderen der Moraltheologie. die sich mit ihr auseinanderzusetzen hatten. Die Bücher. so kann' man andererseits Minnedienst und Gottesdienst nebeneinander stellen. Lohn kann Gegenstand sein. in sich zusammenzieht. der Lehre von den Pflichten. mit Vorliebe von dieser Kasuistik als Waffe Gebrauch zu machen. L o h n in diesem Sinne kann sowohl das Schwingen und Schwanken im Kasus. daß wir in ihr auch die Sprache der Gerechtigkeit und die Sprache der Theologie mitklingen hören. was der Kasus bedeutet. und seit Pascal pflegten diejenigen innerhalb und außerhalb der Kirche. Verglichen mit der Musik gibt die Gemeinsprache Töne. . Ja. Und zugleich: es ist der Reiz der Sprache der Minne. Jahr entfaltet hat. meinen wir reservatio mentalis oder Jesuitismus im bösen Sinne. die Sondersprache Akkorde ein solches Zusammenstimmen haben wir im Minnesang. wie die Entscheidung vertreten. wo nach Normen gewertet wird. und gegenständlich kann er wiederum mit der Macht des Kasus. bilden eine Bibliothek. wie Symbol zur Mythe. wo der Kasus in Leben und Litteratur des Abendlandes eine sehr beträchtliclie Rolle gespielt hat auf das Gebiet der Theologie. Ich fasse zusammen : es ist die Eigentümlichkeit der kasuistischen Sondersprache. Diese Kasuistik hat oft in sehr-hunderts schlechtem Ruf gestanden. daß sie die Gebiete. aus diesen Sprach gebärden des Kasus noch eine hervorheben : L o h n. mit allem. meistens die moraltheologische Tätigkeit. wenn wir Kasuistik sagen.

Minne die Form Kasus verwirklicht. haben wir hier eine Moral. Jahrhundert (Nördlingen 1889). Im Gegensatz zu einer Moral. p r o b a b i l i t a s i n t r i no e c a. die die freie sittliche Triebkraft des Glaubens vertritt. gegenüber behütete und den Weg zum Himmel erleichterte. scheint mir deutlich und ebenso. wie sich hier — wie vorher in der . daß es nicht nur das Beichtkind gegen individuelle Auffassungen und Launen des Beichtvaters schützte. die Autorität von solchen. keine c e r t a . „In manchen Fällen". die Tugenden und Laster möglichst gegenständlich zu fassen suchte. eine ich benutze das Wort durchaus in ernstem Sinne balancierende Moral. jede nur p r o b a b i 1 i s ist. oder die eine hat mehr Gründe für sich als die andere. Ich greife aus den vielen Begriffen.198 x us Ich kann auf diese Kasuistik als solche natürlich nicht eingehen. Der Gegensatz dieser Moral zu einer Scholastik. h. die andere minus probabilis. Eine sehr genaue Übersicht über diese Kontroversen findet sich in dem Buch von I. die verschiedene Normen gegeneinander wägt. oder auf äußere. die andere t e n u it e r probabilis. die eine Ist probabilior. zu unserem Zwecke nur einen heraus. den des Probabilismus. Indessen mußte die Kasuistik ihrer Art nach zu vielen Streitigkeiten führen. von denen jede sich auf Gründe stützt. d. der Todsünde. die für . Erlaubtheit oder Unerlaubtheit-heit zu erlangen . heißt es. a e q u e p r o b a b i 1 e s sein. Döllinger. wie sie in den Geboten als absoluten Normen gegeben ist. eine Moral mit beweglichen Wertungen. daß dieses Werten durchaus human gemeint war. ist die eine p r ob ab i 1 i s sim a. Nur ganz in kurzem möchte ich zeigen. „ist keine volle Gewiß über die Pflichtmäßigkeit. den wichtigsten. und zu einer Moral. v. mit denen gearbeitet wurde. es stehen sich dann zwei Ansichten gegenüber. wenn das Gewicht der Gründe für die eine bedeutend größer ist als für die andere. Geschichte der Moralstreitigkeiten in der römisch-katholischen Kirche seit dem 16. Die Probabilität kann sich entweder auf innere Gründe stützen. In diesem Falle können nun entweder beide gleich viele Gründe für sich haben. sondern es auch vor Verzweiflung der absoluten.

Aus dieser Geistes muß im Leben und in der Litteratur der Kasus-beschäftigun als solcher hervorgehen. Die Kasus. auch in der Litteratur in ihrer Gesamtheit auswirkte. die sich aus den Moralstreitigkeiten ergeben haben. das Wägen und Messen der Beweggründe einer Handlung nach inneren und äußeren Normen. Und so weiter noch einmal.KASUS 199 Sachverständige gehalten werden. in einem kleinen Kreis geblieben. was sich in der katholischen Kirche auf dem begrenzten Gebiet der Moraltheorie zeigte. kann sich nur in dieser Form verwirklichen. . was wir in der katholischen Kasuistik vor uns sehen. die moralische Welt. um uns die Geistesbeschäftigung. Jahrhunderts P s y c h o l o g i e zu nennen gewohnt sind. noch einmal auf einem bestimmten Gebiet in vollem Umfange und in aller Deutlichkeit zu zeigen. insoweit sie nicht von Gegnern benutzt oder ausgenutzt wurden. scheint mir eine große Verwandtschaft zu besitzen mit dem. Wir brauchen kaum etwas hinzuzufügen. Was wir in der Litteratur des 18. von der wir ausgegangen sind. sind. daß sich das. dieses bewegliche Kriterium der Beurteilung der Charaktere im Kunstwerk und des Kunstwerkes als solchem. die hier vor uns liegt. und 19. p r o b a b i 1 i t a s e x t r i n -s e c a " (I. daß ihre Wirkung auf die Litteratur im allgemeinen von Wichtigkeit gewesen ist. 3). wir wollen die praktischen Konsequenzen dieser Anschauungsweise hier nicht verfolgen. Und dennoch scheint mir. das Zitat genügt. Oder vielleicht müssen wir sagen. Aber auch dies gehört nicht in eine Morphologie der Einfachen Formen.

zur Ausführung benutzt. 2. in welchem Alter er sich befand. Frau Nielsen benachrichtigte dann als Erste Arzt und Polizei. Der Knall des Revolvers wurde von A s t a N i e 1 s e n gehört. ist in pekuniären Schwierigkeiten zu suchen. zu erklären. wo Heinrich S. erschoß. 3. Zum Dritten gehören die Mitteilungen. Auf meinem Schreibtisch liegt eine alte Zeitung. sie hat ich glätte sie und lese: dazu gedient ein Buch einzuschlagen „Der Freitod des Kommerzienrats S. Zum Zweiten gehören die „pekuniären Schwierigkeiten ". der aus Turkestan stammt. in die Reihe unserer Einfachen Formen aufnehmen. S. weshalb ein betagter." Diese Mitteilung dient offenbar dazu : 1.. Der 62jährige hatte schon vor längerer Zeit Selbstmord geäußert und den gestrigen Abend. Um das Erste zu erreichen. ableiten. der sich gestern abend in seiner Wohnung. Das Motiv für den Selbstmord des Kommerzienrates Heinrich S. was wir täglich beobachten. wo er wohnte. die „geäußerten Selbstmordabsichten ". an dem seine-absichten Frau sich im Konzert befand. angesehener Mann freiwillig in den Tod gegangen ist.. wird mitgeteilt. geboren war. die die daneben gelegene Wohnung innehat. Auch diese möchte ich unmittelbar aus dem.MEMORABILE IP Noch eine andere Form müssen wir. Kaiserallee 203. einen kurzen Lebensabriß zu geben. wie ich glaube. womit er sein Vermögen erworben hatte. besaß früher eine Wodka Fabrik. . von dem verstorbenen Kommerzienrat S. über die Art des Selbstmords Auskunft zu erteilen. die er jedoch bereits vor längerer Zeit verkauft hatte.

da seine Frau abwesend war. Unsere Mitteilung sieht jedoch anders aus sie enthält mehr. da seine Frau abwesend war. sie war i m K o n z e r t. hätte ebensogut einen Trauerbesuch bei Verwandten abstatten oder einer Einladung von Bekannten Folge leisten können. Freude. S. und weil die Frau im Konzertsaal. die Polizei benachrichtigte. Aber Frau S. der vor dem schweren Entschluß steht. wie wir es bei unserm ersten Rechtsfall im Kasus gesehen haben. Kunstgenuß. besaß früher eine Wodka-Fabrik und hatte sie vor längerer Zeit verkauft. weil diese Freude einen Gegensatz bedeutet zu dem einsamen Manne zu Hause. Und dennoch wird die historische Tatsache des K o n z e r t e s hier ausdrücklich herangezogen. Er befand sich in pekuniären Schwierigkeiten und hatte schon oft Selbstmordabsichten geäußert. der Mann einsam zu Hause zusammen das. Diese Tatsache steht mit dem. daß ein Nachbar. worauf es ankommt S e l b s t m o r d in einer bestimmten Weise herausheben. Auch diese Einzelheiten sind nicht gedanklich. Er wählte zur Ausführung seines Planes einen Abend. daß er dazu den Abend auswählte. Frau S. da seine Frau abwesend war. erschossen. nicht in unmittelbarem Zusammenhang. Er war in Turkestan geboren. Weshalb? Weil in Konzert hier etwas liegt wie Unterhaltung. sie sind historisch. Als Bericht gefaßt könnte nun diese Mitteilung lauten: Der 62 jährige Kommerzienrat Heinrich S. Durch den Knall des Revolvers aufmerksam geworden. war nicht nur abwesend. durch den Knall des Revolvers aufmerksam geworden. . sie sind von dem Aufsteller des Berichts nicht in dem Sinne frei gewählt.und Geschmacksgründen zu seinem Selbstmord-lichen einen Augenblick wählen. benachrichtigte eine Nachbarin die Polizei 'und den Arzt. sie enthält andere Einzelheiten. sie sind dem konkreten Gang des Geschehens entnommen. hat sich gestern abend in seiner Wohnung. Und zwar sind diese Einzelheiten keineswegs litterarischer Art.MEMORABILR 201 daß er sich erschossen hat. was im Berichte mitgeteilt werden soll. Betrachten wir diese Einzelheiten genauer. wollte nur aus begreif Gefühls. Kaiserallee 203.

die Augen aufgerissen. dennoch einander beigeordnet werden. Wie oft hat unsere vortreffliche Filmdiva im Spiel einen Selbstmord miterlebt oder sogar einen dargestellt. und mit seinem Freitod in Zusammenhang stand. daß sie sich zwar aufeinander bezogen. Sehen wir nun weiter. sondern sie werden einander beigeordnet. daß diese Nachbarin Asta Nielsen war. Y. stehen weder in ursächlichem noch in begründendem Zusammenhang. inwieweit es Frau Nielsen angenehm war. was mit werden sollte. um in ihrs r Gegensätzlichkeit die übergordnete Tatsache zur Geltung zu bringen. sie so zu gestalten. Die historischen Tatsachen waren so geordnet. daß sie sich uns als selbständig einprägt. In dem Zeitungsausschnitt dagegen wurden Tatsachen herangezogen. oder Z. um die übergeordnete Tatsache Selbstmord im Laufe des Geschehens selbständig zur Geltung zu bringen. so wie wir ihn uns aus dem. sich in „Großaufnahme" gezeigt. obwohl ebenso sehr historisch wie die im Bericht gegebenen.202 MEMORABILE Diese beiden historischen Tatsachen: die Frau im Konzert. der Mann zu Hause. wie zwei Tatsachen : der Knall des Revolvers und die Filmschauspielerin. auch bei dieser Gelegenheit ihren Namen in der Zeitung zu finden. würde er wohl ebenfalls die Polizei und den Arzt benachrichtigt haben. Wir fragen: was geschieht in unsrer Mitteilung? und da sehen wir wiederum. und seinem Freitod nicht in unmittelbarem Zusammenhang standen — sie wurden aber einander und dem Ganzen in einer Weise . die in einem Geschehen nicht in ursächlichem oder begründendem Zusammenhang stehen. es enthielt nichts. aber daß aus ihrer Bezogenheit der Sinn dessen. gewesen wäre. die. Aber es wird wiederum ausdrücklich hervorgehoben. wurde ein Geschehen-getil als solches gegeben. die Haare gerauft. Wenn der Nachbar ein beliebiger Junggeselle oder Frau X. was nicht unmittelbar mit dem Kommerzienrat S. was ihnen in ihrer Gesamtheit übergeordnet war. In dem B e r i c h t . Aber nun : Wand an Wand die Wirklichkeit ! Es ist klar wir fragen hier nicht. nicht hervorging. doch mit dem Kommerzienrat S. wie oft hat sie bei dem Knall des Revolvers sich die Ohren zugehalten. zusammenstellten.

geht nicht hervor aus den Tatsachen. daß dadurch das Übergeordnete eine selbständige Gültigkeit bekam. das als Ganzes den Sinn dieses Geschehens bedeutet. daß er allein ist und daß die Frau sich im Konzert befindet. vergleichend und gegenüberstellend den Sinn des Geschehens hervorheben. erörternd. daß sie einzeln. in diesem Ganzen sind die Einzelheiten in einer Weise angeordnet. aus dem allgemeinen Geschehen etwas einmalig herauszuheben. . daß er Kaiserallee 203 wohnt wohl aus Umständen wie. eines Mannes. Fassen wir zusammen: der Ausschnitt ist bestrebt. Letzten Endes versucht die Form noch einen weiteren Sinn zu geben: Selbstmord eines Kommerzienrats. Was Selbstmord bedeutet. die das alles oft genug gespielt hat. Selbstmord sollte es heißen. daß jemand in Turkestan geboren ist. in ihrer Gesamtheit erklärend. das sich heraushebt.MEMORABILE 203 beigeordnet. oder eine Wodka -Fabrik besessen hat auch aber nicht aus der Tatsache. So ist die Zeit! In diesem einmaligen Geschehen. aber nun durch den Knall des Revolvers in ein wirkliches Geschehen hineingezogen wird. daß der Sinn des Ganzen heraussprang. oder daß nebenan eine Künstlerin wohnt. zeichnet sie sich. in ihren Beziehungen. der früher reich war und der sich jetzt nicht mehr aus pekuniären Schwierigkeiten retten kann.

hatte den Plan seit mehreren Jahren vorbereitet. als-tiker sich das Schwergewicht des Aufstandes immer stärker nach Norden verlegt hatte und die Tätigkeit des Alexander Farnese im Süden der spanischen Herrschaft aufs Neue Vorschub leistete. schlossen sich auf Oraniens Veranlassung die nördlichen Provinzen zu Utrecht zusammen. er wurde rechtlos. Wilhelms I. erzogen worden. Der Prinz wurde nur ziemlich-anschlg.der schwer an der Backe verwundet. Unserem Zeitungsausschnitt möchte ich nun einen Ausschnitt aus der Geschichte an die Seite stellen. Im Mai 1584 wußte er sich Zugang zu dem kalvinistischen Hofprediger des . Ich wähle ein Ereignis aus der niederländischen Geschichte und zwar die Ermordung des Prinzen von Oranien. Er wurde zum Statthalter von Holland. Alsbald folgte. Zu Ende der 70er Jahre. Utrecht ernannt und Mitglied des Staatsrats in Brüssel. Allmählich kommt es zu Streitigkeiten der Abfall der Niederlande bereitet sich in den 60er Jahren vor. ein gewisser Gérard. empfahl. vom Jahre 1568 an gilt er als Aufstand. welche hervorragende Rolle Wilhelm als Poli und Feldherr dabei spielte. seinem Mörder wurden Verzeihung seiner Verbrechen. 1580 in die Acht erklärt. des Schweigers. Zeeland. Den Lauf der Geschehnisse brauche ich nur kurz in Erinnerung zu bringen. Der Mörder. Im Jahre 1584 gelang die Tat. der ihn bei seiner Abdankung seinem Sohne Philipp II. 1582. er war von verschiedenen Seiten dazu ermuntert worden. und damit war der Grund zu einer Republik der Vereinigten Niederlande gelegt. der erste Mord jedoch mißlang. erholte sich aber wieder. war in der Umgebung Karls V. Wilhelm wurde von Philipp II. Wilhelm von Oranien war 1533 auf dem Schlosse Dillenburg geboren. Er war ein Günstling des Kaisers. Es ist bekannt. der Adel falls er ihn noch nicht besaß und 25 000 Goldkronen versprochen.II.

sind ausschließlich historische Tatsachen. erklärte er ." Was wir hier lesen. dem Bürgermeister Ulenburgh aus Leeuwarden. J. Villiers. Nach der Mahlzeit. Er kaufte damit von einem Soldaten der Leibwache Pistole und Kugeln und begab sich am Dienstag Mittag. um sich besser auszustatten. verließ der Prinz im stattlichen Talar mit den Seinen langsam und sinnend das Speisezimmer. Geschichte der Niederlande (Gotha 1907. Die Wunde war tödlich. um zwei Uhr.MEMORABILE 205 Prinzen. über ein kleines Vestibül nach der aufwärts führenden Treppe. ayez pitié de ce pauvre peuple". aus dem zwei Kugeln den Prinzen in der Lungen. ob er seine Seele nicht in Christi Hände befehle. der gerade mit den Seinen ins Eßzimmer ging. von dem . um einen Paß bat. er wurde mit einer kleinen Mission zu dem Gesandten der Generalstaaten in Frankreich geschickt und kam wiederum mit einer Nachricht an den Prinzen selbst in die Niederlande zurück. dem 10. aber ihr Gemahl achtete wenig darauf und befahl. indem er sich als Opfer der katholischen Verfolgung ausgab. Bd. Der Prinz rief aus: „Mon Dieu. dunkeln Bogen hervor. der nach einem engen Korridor führte. wo er den Prinzen. Als er zum ersten Male zu dem Prinzen zugelassen wurde. Mon Dieu. war er unbewaffnet.. antwortete noch mit einem schwachen Ja auf die Frage. Juli erschien er [Gérard] am Prinzenhofe zu Delft. Als er entdeckt wurde. nach dem Hof. die Mitteilungen stammen von Augenzeugen. Die Prinzessin war sehr beunruhigt über das ungünstige Äußere des Mannes. III. Die Darstellung der weiteren Ereignisse zitiere ich aus P. Von dem hiervon in Kenntnis gesetzten Prinzen empfing er eine Summe Geldes. die Ausgänge zu erspähen und die Gelegenheit zum Entfliehen sich zu merken. sein Ver hier mit seiner Scheu.und Magengegend in die Brust trafen. ayez pitié de mone ame. Juli. wo er mit seinem Gast. Blok. in seinem schäbigen Anzug die-weiln Oraniens Wohnung gegenüberliegende Kirche zu besuchen. Plötzlich sprang der Mörder unter einem kleinen. 356) : „Am B. sich lebhaft über die friesischen Angelegenheiten unterhalten hatte. S. zu verschaffen. und schoß sein Pistol ab. ihm das Gewünschte verabfolgen zu lassen. und gab nach wenigen Augenblicken den Geist auf ..

in einer bestimmten Weise heraushebt. Daneben finden wir nun aber Einzelheiten. daß wir keinen einfachen Bericht. wird die Angst ihm wohl die Notlüge eingegeben haben. Der Mildtätigkeit des Fürsten wird die Ruchlosigkeit des Mörders gegenüber sich nicht scheut. weil sie wiederum das Hauptgeschehen. sei es. den Mord. Waren diese weniger empfindlich in punkto Schelmengesichter oder meinten sie. der Prinz hatte Gérard schon öfters gesehen. an erster Stelle dessen guter Freund. obwohl er sein Unternehmen seit langer Zeit vorbereitet hatte.206 MEMORABILE Mörder selbst. aus den Prozeßakten. wie er selbst im Verhör aussagte. „sei es. so würde er sich in anderer Weise Waffen verschafft haben. ja. daß man den Menschen nicht nach seinem Äußeren beurteilen soll? Wir wissen es nicht. den Prinzen zu ermorden. oder auch wenn er von der Mahlzeit zurückkehrte. der Hofprediger Villiers. Aber wir sehen wieder. Die Prinzessin war beunruhigt über das ungünstige Äußere des Mannes. Sie bildet hier das. kein Protokoll vor uns haben. da tatsächlich durch sie die Mordwaffe erstanden wurde. fest entschlossen.dr anzunehmen. die mit dem Mord selbst keineswegs in Zusammenhang stehen. Lüge und Mordanschlag stehen hier in ursächlichem Zusammenhang aber darüber hinaus bringt dieses Heranziehen der Lüge auch noch die Tatsache des Mordes in anderer Weise zur Geltung. wenn dieser zur Predigt ging. denn er war. Gérard konnte. daß diese übrigens beglaubigte historische Tatsache hier eingeordnet wird." Trotzdem muß diese Lüge hier erwähnt werden. Als er am 8. Sicher ist aber. ebenso viele aus der Umgebung des Prinzen. was wir in einer Kunstform eine Retardierung nennen würden: wir zögern einen Augenblick sollte dieses Urteil oder Vorurteil der Prinzessin vielleicht die drohende Gefahr noch haben abwenden können ? . Juli die Ausgänge erspähte und dabei entdeckt wurde. für dieses Geld die Waffe kauft. wenn er sich zur Mahlzeit herunter begab. dennoch nicht nach einem in allen Einzelheiten entworfenen Plane handeln er war von Umständen abhängig. Geld von seinem Schlachtopfer-gestl. Hätte er in dieser Weise kein Geld bekommen.

was wir hier geben. zwischen Heiterkeit und Meuchelmord. würde weniger zu dem Charakter des Schweigers gepaßt haben es ist auch eben nicht historisch. Man denke sich : der Prinz. wir bringen sie in-geschäft Zusammenhang mit dem plötzlichen Tod des Großen. An sich sind diese historischen Einzelheiten ohne Wichtigkeit. Wir sehen den Prinzen in diesem Augenblick. dem Bürgermeister Ulenburgh aus Leeuwarden. wo er mit seiner jungen Frau Louise de Coligny gescherzt hat und nun wird er plötzlich meuchlings erschossen. Gewiß. Auch dies alles ist von Augenzeugen. . sie sind so wenig maßgebend. mit einem kurzen farbigen Wams bekleidet. anders das Eßzimmer verlassen. wenn der Prinz anders gekleidet gewesen wäre. mit dem. den sinnenden Schritt. aber hier haben wir den ursächlichen oder begründenden Verband vollends verlassen. wie die eingeordneten und nebengeordneten Einzelheiten in derselben Weise sich gegenseitig durchdringen. dennoch erfüllen sie in dem Zusammenhang ihre Aufgabe denn wiederum erklären und erörtern sie das Ereignis. Hätte Gérard von seinem Vorhaben Abstand genommen. verläßt leichten Schrittes den Speisesaal. Wir sehen wiederum den Prinzen aber wir fühlen jetzt den Gegensatz zwischen beweglichem Leben und einem plötzlichen Tod. was hier vorgeht. wo er mit seinem Gast. Wir können sogar viel weiter gehen wir können sagen. heben sie durch Vergleich und Gegenüberstellung das Übergeordnete hervor. Das Bild ist anders. es ist eine Bezogene Form. wir bringen die strenge Kleidung. um das Übergeordnete zur Geltung zu bringen. sich lebhaft über die friesischen Angelegenheiten unterhalten hatte.MEMORABILE 207 Endlich : der Prinz verließ im stattlichen Talar mit den Seinen langsam und sinnend das Speisezimmer. daß sie an sich ganz anders. des Unentbehrlichen. von den Personen selbst ausgesagt. die wir ad hoc herstellen. sogar in ihr Gegenteil verwandelt sein könnten. das Gespräch über Staats miteinander in Zusammenhang. über anderes mit dem friesischen Bürgermeister geredet hätte? Und dennoch werden diese Tatsachen herangezogen. aber wir denken es in der gleichen Weise. Aber auch in der Bezogenen Form sehen wir.

In dem entscheidenden Augenblick.III. und unsre historische Aufgabe bleibt es ebenso selbstverständlich ! dieses weitere Geschehen. trennt sich etwas aus ihm ab. daß wir sie ihm-selbtändigu zurechnen. löst sich zu Ende des 16. wird eigenmächtig. in so hohem Maße beteiligt. da die Geschichte ohne sie weitergehen muß. Diese Persönlichkeit stirbt. da die Person die Geschichte verläßt. erhebt sich die Person. wird übergeordnet. Jahrhunderts von den Habsburgern zusammengehalten wird und der unter Karl V. da diese Person aus der Geschichte ausscheidet. es stapft von Stufe zu Stufe. aber das Geschehen wird in diesem Augenblick anders erfaßt. An diesem Geschehen ist eine Persönlichkeit. weiter zu beobachten. sie von seinen Handlungen aus beurteilen : wir erkennen ihn im Geschehen und das Geschehen in ihm. Das Geschehen staffelt sich. der wir das Geschehen zurechnen. ein nationales Bewußtsein erwacht in ihm und so weiter. Wilhelm von Oranien. wird auf Veranlassung seiner Gegner ermordet. Aus dem Geschehen: Abfall der Niederlande. wird aber auch ihr wiederum etwas übergeordnet: der Mo r d. . seine größte Bedeutung und seinen größten Umfang hat. Überschauen wir den Vorgang noch einmal. In dem Augenblicke aber. sie wird dem Geschehen übergeordnet. da er sich in staatlicher und religiöser Hinsicht nicht mehr zugehörig fühlt. Selbstverständlich gehen Geschehen und Geschichte weiter. Wir haben ein Geschehen. der seit dem Ende des 15. hebt sich etwas aus dem Geschehen empor. das wir kurz so zusammenfassen können : Aus einem Länderkomplex. daß wir diese ganze Ver mit ihm in Verbindung bringen. wir sehen den Abfall in ihr. Jahrhunderts ein Teil ab. Der Zusammenhang mit der Geschichte wird nicht unterbrochen. die Loslösung der Niederlande aus dem spanisch-habsburgischen Komplex.

was wir mit der Schere aus einem Zeitungsblatt trennen. und wie es dort. wenden sich hier plötzlich anderswohin. ermordet im Augenblicke. wo es erhärtet. Wir sehen weiter noch einmal: nicht geschichtsphilosophisch. Wir wollen die Geschichte des Abfalls der Niederlande erkennen --. In derselben Weise nannten J o l l e n. wie diese Form sich durch S t a f f e l u n g ergibt. wie das unentwegt und un--literaschn aufhaltbar fortschreitende Geschehen sich an bestimmten Stellen verdichtet. wir beobachten einen sprachlich Vorgang. die doch zum Geschehen gehören. da dieser aus der Geschichte ausscheidet. vergleichend und gegenüberstellend dieses Übergeordnete hervor. die im Stehen den Sinn des fortschreitenden Geschehens trägt. Indem die beigeordneten Einzelheiten das Übergeordnete erfüllen. fortrinnen müssen. erörternd. sondern sprachlich . da dieser sich im Kreise seiner Angehörigen ernsthaft mit seiner Lebensaufgabe beschäftigt. richten sich auf etwas. der einen ihm unbekannten Menschen. lostrennt und in der Zeitung selbständig wird. wo es geronnen ist. wir sehen einen durch Fanatismus und Geldgier aufgestachelten Mörder. wir verfolgen die Geschichte in Wilhelm von Oranien und im Augenblicke. Form annimmt. Wir haben bei dem Freitod des Kommerzienrats S. von der Sprache ergriffen wird. wie das rinnende Geschehen an solchen Stellen gerinnt. Alle Einzelheiten des Geschehens. vertritt Mo r d den Sinn des Ganzen. Wir meinen damit eigentlich nicht etwas. Auf jeder Stufe verlegt sich der Sinn des Geschehens. Wir treiben hier weder Geschichtswissenschaft noch Geschichtsphilosophie . der ihm wohlgetan hat.MEMO"1BILE 209 der politische Meuchelmord.und Wilhelm von Oranien wird Träger des Sinns. wird das Ganze eine Form. Einfache Formen 14 . in ihrer Beiordnung heben sie einzeln und in ihrer Gesamtheit erklärend. was sich selbst aus dem Zeitgeschehen ausschneidet. von einem „Zeitungsausschnitt" gesprochen. wir sehen. litterarische Form bekommt. was ihnen übergeordnet ist und was steht . sondern etwas. mit dem Geschehen fortlaufen. aber ihrerseits von ihm erfüllt werden.litterarisch —. erhärtet.

Wir gehen unsererseits umgekehrt von der Form aus. in dem es F o r in angenommen hatte. ziemlich nahe zu kommen. sich emporheben. sich hervorheben zu lassen. Ebenso nennen die christlichen Apologeten des 2. schrieb der damals in Korinth weilen-de Xenophon seine Apomnemoneumata. etwas. was die Griechen unter einem Apomnemoneuma verstanden. Indessen kam es Xenophon auf die Persönlichkeit des Sokrates. Jahrhunderts die Aufzeichnungen der Evangelisten im Gegensatz zu den lügnerischen Erzählungen der Heiden Apomnemoneumata. Auch hier schien esp als ob wir aus einer Gesamtdarstellung etwas herausschnitten in Wirklichkeit aber griffen wir etwas. Auch für sie scheint die Weise. . was sich selbst aus der Geschichte herausgeschnitten hatte.210 MEMOR. eine Persönlichkeit zu geben. wie es die beiden Gegner versuchten. fortschreitendem Geschehen sich erhärten. Sein Ziel dabei war. sich überordnen läßt. Das. wir versuchen zu erklären. Ich habe diese Form M e m o r a b i 1 e genannt die lateinische tYbersetzung eines griechischen Wortes. in dem geschichtliches Geschehen hart geworden. die ich hier meine. wie es sich seiner Erinnerung eingeprägt hatte. herauswachsen. den Evangelisten nach der Auffassung der Apologeten auf die Person Jesu an. die Persönlichkeit Sokrates' nicht nach einer persönlichen Auffassung. zu geben. die zu sein. er war vielleicht der erste. das etwas umständlich im Gebrauch ist : dnsoµvr^µovef5ya. in welcher Weise in dieser Form Fließendes gerinnt. sonderii sie aus dem Geschehen. geronnen war. der dieses Wort als Titel eines Buches benutzte.ABILE wir die Ermordung des Prinzen von Oranien einen „Geschichtsausschnitt". daß man sie aus wirklichem. Als nach dem Tode des Sokrates der Streit zwischen Plato und Antisthenes über Sokrates' Persönlichkeit ausgebrochen war. scheint mir der Form.

das diese Geistesbeschäftigung andeutet. die Tatsache E r m o r d u n g zur Geltung zu bringen. aber zugleich hob sich in ihnen aus der Reihe nebengeordneter Tatsachen eine übergeordnete Tatsächlichkeit heraus. ist mit dem Gesagten schon nahezu umschrieben. so können wir sie die Geistesbeschäftigung mit dem Tat s ä e h 1 i c h e n nennen. das lateinische Verbum c o n c r e s c o. Die Geistesbeschäftigung. Erinnern wir uns — um bei unserem letzten Memorabile zu bleiben noch einmal an den statt 1 i c h e n Talar. Sie dienten dazu. an den g e m e s s e n e n S c h r i t t des Prinzen. was einzeln im Wachsen begriffen ist. wie wir gesehen haben. Und zwar wird in ihm nicht nur die übergeordnete Tatsächlichkeit. In diesem Sinne können wir sagen. in der sich für uns allerseits das K o n k r e t e ergibt.ranien nahmen nichts in sich auf. nicht wichtigen Tatsachen . auf die sich die gesonderten Tatsachen sinnreich beziehen. an einer Stelle zusammenwächst und wir es nun an dieser Stelle sowohl in den Einzelheiten als in dem Zusammenschluß beobachten. daß das Memorabile die Form ist. kurz: konkret. wie das der Ermordung des Prinzen von O. Wenn vieles. sondern auch alles Einzelne in seiner Beziehung und durch seine Bezogenheit. auf die nun einmalig alle Einzelheiten sinnreich bezogen wurden aus freien Tatsachen verwirklichte sich eine gebundene Tatsächlichkeit. durch sie wurde die Mordtat herausgehoben. wie sie hier von dem Übergeordneten sind. um diesen Vorgang zu beschreiben. Sowohl das Memorabile des Freitodes des Kommerzienrats S. einer gesonderten Betrachtung zugänglich. konkret. so benutzen wir. aus der sich das Memorabile ergibt.IV. Suchen wir ein Wort. kommen diese einzelnen an sich. Aber erfüllt. was nicht im Geschehen Tatsache war.

sondern wir sehen ihn als Menschen. Der Prinz war jeden Tag bekleidet. haben wir sie nicht beobachtet. Ich muß. des Abfalls der Niederlande. noch eines erwähnen : der Talar selbst. was den Talar angeht. wie er geht und steht. uns Person und Vorgang in stärkster Konkretheit zu vergegenwärtigen sie sind D o k u m e n t e des Geschehens da. wie er gekleidet ist und seine Kleider selbst. wo das Geschehen gerinnt. — in Delft im „Prinzenhof" ist die Stelle noch sichtbar. die der Prinz am Tage seiner Ermordung trug. er bewegte sich immer in einer bestimmten Weise : im Flusse des Geschehens.sehen wir den Prinzen nicht mehr als Vertreter des Geschehens. seine Geschichte Wäre eine Legende.212 IIEXORABTLE nun selbst zur Geltung. das wir in ihm erkannten. die mit der Macht der Form geladen sind. sehen ihn konkret. wir sehen ihn als Persönlichkeit in ganzem Umfange. so wären diese Gegenstände Reliquien. . befinden sich in einem Museum im Haag. wo es zu äußerster Tatsächlichkeit zusammengewachsen ist. Die ganze Tätigkeit auch dieser Form kann also in einen Gegenstand hineingedeutet werden. wo alle Einzeltatsachen die übergeordnete Tatsächlichkeit erfüllen und von ihr erfüllt werden. das Loch in der Wand erblicken.-ständliche der Prinz von Oranien ein imitabile. konnten sich diese Tatsachen nicht bemerkbar machen. sowie die ganze Kleidung. erst in dieser Form. Erst hier. So wie wir diese Kleider. sind sie uns Mittel. wo die Kugel. wir sehen. die Wand getroffen hat. Wiederum haben wir hier einen Gegenstand und Gegen vor uns. die ihn durchbohrt hatte.

die Grimm in seinen Deutschen Sagen zusammengestellt hat. wie in einer sprachlichen Periode sich aus einem Geschehen die Form Memorabile aus eigenem Antriebe ergibt. Nach andern stand Athaulf im Stalle und betrachtete seine Pferde. 373. Unter-fachenForm den Erzählungen." Diese Erzählung enthält zwei Arten der Überlieferung zwei Memorabilien. nicht unserer Ein S a g e entsprechen. Das zweite Memorabile wollen wir unbesprochen lassen.V. ermordete. Dieser hatte früher bei einem andern von Athaulf aus dem Wege geräumten Gothenkönig in Dienst gestanden. das zeigt. So rächte Dobbius seinen ersten Herrn an dem zweiten. in der wir das Memorabile zu suchen haben. Dieses Beispiel führt uns zugleich in die Richtung. und war hernach in Athaulfs Hausgesinde aufgenommen worden. eosque deliberans a Vandalorum incursibus 14 . Ich greife eine von diesen Erzählungen heraus (Nr. einer seiner Hausleute. als ihn Dobbius. die sich auf dasselbe Geschehen beziehen. über dessen lächerliche Gestalt der König gespottet hatte. die zu Anfang des 1818 erschienenen zweiten Teiles stehen. Daß ein Teil der Erzählungen. Nach einigen nämlich soll ihn Wernulf. haben wir festgestellt. Mommsen 1882. das erste Memorabile gebe ich noch einmal in der Quelle. mit dem Schwert erstochen haben. erkennen wir eine ganze Anzahl als Memorabilien. der Grimm es entnahm: Jordans Getica (ed. erzählt die Sage verschieden. XXXI. der mit seinen Westgóthen Spanien eingenommen hatte. Athaulfs Tod) : „Den Tod König Athaulfs. Wir haben bis jetzt gesonderte Memorabilien besprochen -ich möchte nunmehr noch ein Beispiel geben. 163) : „Confirmato ergo Gothus regno in Gallis Spanorum casu coepit dolere.

dennoch sinnreich sowohl auf ein Übergeordnetes wie aufeinander bezogen werden. Wir sehen. aber aus denen die Person und die Ermordung des Königs heraus. den Westgotenzügen. wie das Historische sich staffelt und gerinnt. die den Sinn des Geschehens trägt und in deren Zusammenschluß das Ganze und die Einzelheiten konkret werden. Nun wird auch die Art des Sterbens aus den Einzelheiten konkret : Ewerwuif ist klein. postquam Gallias Spaniasque domuisset." Das Ganze bildet einen Satz oder vielmehr eine Periode. das ist die Art. In dem ersten Teile ist das Geschehen im Flusse. er wird seiner untersetzten Gestalt wegen verlacht. und in derselben Periode tauchen mit einem Male jene einzelnen Tatsachen auf. nicht unmittelbar in Verbindung stehen. in der wir das Geschehen beobachten.214 MEMORABILE eripere. er zerspaltet nicht wie im Kampfe Atawulf den Schädel. die Persönlichkeit. interiores Spanias introibit. benutzt Barcelona als militärischen Stützpunkt und dringt. einen Menschen seiner kleinen Gestalt wegen zu verhöhnen. daß wir ein sehr beträchtliches Stück der Welt des Mittelalters vor uns sehen 'würden. occubuit gladio ilia perforata Euervulfi. ubi saepe cum Vandalis decertans tertio anno. sondern er stößt ihm unerwartet das Schwert i n den Unter 1 e i b. Das ist Mord. wie es eine Form ergreift. tiefer in das Land hinein. und auch dieser Mensch. wie er sich rächt . de cuius solitus erat ridere statura. in unaufhörlichen Kämpfen mit den Vandalen. Nun aber wird er ermordet. die mit dem Geschehen. Wir sagten früher.und zusammenwachsen. der Gote Athaulf. eine Form. greift nun nach Spanien herüber. in der alle tatsächlichen Einzelheiten. ist seinerseits nur im Geschehen sichtbar : er hat mit seinen Westgoten sich in Gallien festgesetzt. auch wo sie nicht unmittelbar zu dem Geschehen in Beziehung stehen. suas opes Barcilona cum certis fidelibus derelictas plebeque inbelle. wie Atawulf g e w o h n t w a r. wie ein Kleiner einen Großen umbringt aber es ist zugleich die Art. wenn wir in . der von sich aus nicht in das Geschehen eingreift und doch durch seine Tat das Geschehen beeinflußt. tritt persönlich hervor: es ist Ewerwulf durch das Schwert dieses Ewerwulf ist Atawulf gefallen. aber diese Kleinheit wird bestimmend für die Art.

wenn in einer nach einem Wertgesichtspunkt geordneten Zeitreihe das Geschehnis den Charakter des Ereignisses erhält ". Damit sind wir bei dem Bedeutungsvorgang an€ekommen. Jedenfalls ist der Neuzeit keine Form so geläufig wie das Memorabile: wo iman die Welt als eine Ansammlung oder auch als ein System von Tatsächlichkeiten erfaßt hat. daß wir ein beträchtliches Stück der neuzeitlichen Welt vor uns haben würden. In ähnlicher Weise können wir hier feststellen. die Form schlechthin. zu unterscheiden und konkret werden zu lassen. diese ununterschiedliche Welt zu scheiden. Geschehen anders als im Memorabile oder in Memorabilien zu fassen. sie in die Reihe der anderen Formen aufzunehmen. weil diese Form einer Zeit so durchaus vertraut und geläufig war. zweckgemäße Fiktionen sehen will. wird. die Form xa' ¿ox v. Wir haben damals das Wort „Historie" benutzt. wird es g 1 a u b w ü r d i g. so hört man auf.MEKORABILE 215 Einzelheiten nachwiesen. Wenn eine Geschichtsphilosophie bereit ist zu erklären : „Geschichte wird erst dann. Kunstgriffe des Geistes. ihrerseits die Grenze zum Memorabile überschritten. die in allgemeinen Begriffen bequeme Denkmittel. ist diese Zeit vielleicht am wenigsten geneigt gewesen. die man in der Welt des Tatsächlichen mit dem Memorabile zu verbinden pflegt: indem das Tatsächliche konkret wird. so führt sie damit den Begriff Geschichte unmittelbar in die Einfache Form Memorabile über. Gerade aber. In der Einfachen Form Memorabile liegt . Andrerseits hat eine Philosophie. wo überall die Geistesbeschäftigung mit dem Tatsächlichen dem Leben des neuzeitlichen Menschen eingelagert ist. da ist das Memorabile das Mittel gewesen. sie als Form anzuerkennen. Jedenfalls erklärt sich aus dem Überhandnehmen dieser Form die Eigenschaft. Werkzeuge. sie mit anderen Formen zu vergleichen. von der Welt d e r H i s t o r i e geredet und die Bestimmung dieser Welt auf später verschoben. So schien und scheint es zeitweise unmöglich. wenn es uns gelänge nachzuweisen. den ich in der Einleitung zur Sage erwähnt habe. wo überall die Geistesbeschäftigung der ¡mitatio dem Leben des mittelalterlichen Menschen eingelagert ist. Wenn sich eine Form an die Spitze der anderen Formen stellt.

sie hält nur das. wo nicht Ge- . aus einem Unfall an einem schönen Sommermorgen wieder der Gegensatz. wieder-mal. daß Kunstformen. was sie von sich aus als glaubwürdig und beglaubigt erkennt und anerkennt. In der Geistesbeschäftigung mit dem Tatsächlichen und im Sprachgebrauche der Form Memorabile wird also die Form Sage zur „Vorstufe ". verliert das Wort Sage seine Bedeutungskraft und soll das Nicht oder das Nichtbeglaubigte bezeichnen. um es noch einmal zu wiederholen. geschieht in dem Verhältnis zu anderen-herscnd Formen etwas. vorherrschend. -glaubenswürdi der Vielleicht müssen wir obwohl wir damit das Gebiet Einfachen Form verlassen doch auch noch darauf hinweisen. was die Geistesbeschäftigung Historie zu nennen gewohnt ist. aus irgendeinem Grunde ein Ausgedachtes einer Tatsächlichkeit entsprechend. über -beschäftigun. wo die Geistes -biteun wir reden. Legende oder Mythe nur bezogen auf das. sehen.216 MEMORABILE nun diese Welt vor uns. Wir haben gesehen -. er sich unserem Gedächtnis einprägt. was die Form Memorabile annimmt. und in dieser Staffelung erscheinen Sage. Wir nannten das die Tyrannei der „Historie" wir können an dieser Stelle der Historie und ihrer Muse Ab und uns genauer ausdrücken : dort. was im Memorabile selbst geschieht es kommt zu einer Art Staffelung. kommt es auf Glaubwürdigkeit an aber sie findet Glaubwürdigkeit nur in ihrer eigenen Form. aus Ernst vor dem Unfall die Ahnung des Unheils sich ergibt. sofern sie bestrebt sind. wie aus Heiterkeit vor einem Unfall der Gegensatz Glück--Unglück. was sie in ihrer Form konkret gemacht hat. aus einem in einer stürmischen Winternacht die Übereinstimmung hervorgehen kann und wie. also konkret und glaubwürdig. in und aus allem zusammen jedesmal der Unfall konkret wird. was sich vergleichen läßt mit dem. oft zu den Mitteln des Memorabile greifen.darzustellen.vodr wird. in der das Tatsächliche konkret wird. wie alle tatsächlichen Einzel sinnreich aufeinander und auf das Übergeordnete be--heitn zogen werden. Wir haben schon bei der Kleidung des Prinzen von Oranien gesehen.und wir werden es jedes wenn Geschehen die Form Memorabile annimmt. Der Geistesbeschäftigung. Dort aber. wir an ihn glauben. für „beglaubigt".

. daß wir wie es in der Litteratur der Neuzeit oft der Fall ist den Unterschied zw Bezogenen Form Memorabile und der Kunstform Novelle kaum mehr spüren. wo nicht von einem tatsächlichen Unfall die Rede ist. daß dieser Unfall. in derselben V. Und das kann so weit gehen.Teise dargestellt wird. daß man ihn auch dort umgibt mit ähnlichen Einzelangaben. da sehen wir. der konkret werden soll. sondern von einem der Einbildungskraft entsprungenen Unfall. wie er sich im Memorabile ergibt.MEMORABILE 217 schehen im Memorabile zusammenwächst. um glaubwürdig zu sein. die alle in derselben Weise sinnreich auf ihn und aufeinander eingestellt werden.

seitdem die Gebrüder Grimm ihre Sammlung Kinder. Wieland. selbst das Niederländische.vo Kinder und Nichtkinder. auch für solche Erzählungen. Der Gebrauch des Wortes M ä r c h e n als Bezeichnung für eine litterarische Form ist eigentümlich beschränkt. M ä r c h e n hat seine Bedeutung als Name für eine bestimmte litterarische Form eigentlich erst.MÄRCHEN I. das schon lange im Gebrauch gewesen war. Tieck. aber im wesentlichen doch übereinstimmenden Weise und dennoch sind es die Gebrüder Grimm gewesen. Novalis benutzen das Wort in einer jedesmal anders schattierenden. Musäus gibt seine Volksmärchen d e r D e u t s c h e n heraus. Goethe. Märchen und Anekdoten. Sie benutzten dabei allerdings ein Wort. von Zauber. das Wort M ä r c h e n in dieser Bedeutung gibt es nur im Hochdeutschen. das Englische hat fairy-tale. Jahrhunderts und so wie die eigentliche Märchen- . das sonst in den Bezeichnungen der Formen mit dem Hochdeutschen im allgemeinen gleichläuft. Man redet bereits im 18. wie sie sie sammelten. hat hier einen anderen Namen: s p r o o k j e. Sprichwort sind in mehreren germanischen Sprachen zu finden. Das Französische benutzt eine Besonderung von conte. so wie denn ihre Sammlung als solche grundlegend wurde für alle späteren Sammlungen des 19. die das viele Vorhergehende durch ihre Sammlung zu einem einheitlichen Begriff zusammengebracht haben.und Hausmärchen nannten.und Geister Märchen und Erzählungen für-märchen. von Sagen. Jahrhundert von Feenmärchen. Erzählung : c o n t e d e s f é e s . Die Worte Sage. Rätsel.

. Die Kinder. Erzählung. zunächst allgemein von der Gattung Grimm sprechen..MRCHEN 219 forschung bei sehr verschiedener wissenschaftlicher Anschauung immer noch in der Art verfährt. „bekannt. mit Arnims und Brentanos . ehe wir den Begriff Märchen von uns aus bestimmen. was in den Grimmschen Kinder. Sie stehen.Märe ". ja Verkörperung in Herder fanden. wie sie die Gebrüder Grimm in ihren Kinder. allerdings auf die Gefahr hin.. berühmt". Für uns kommt eine Form in Betracht. wenn es — allgemein ausgedrückt — mehr oder weniger übereinstimmt mit dem. aber bei uns ihre Vertretung. den Lebensströmungen der Romantik. Man könnte beinahe sagen.und Hausmärchen zusammengestellt haben. Überlieferung ist und demnach eine kleine Erzählung bedeutet oder auch nur ein weiter unbestimmtes Gerücht. eine Kreisdefinition zu geben : ein Märchen ist eine Erzählung oder eine Geschichte in der Art. in der die Gebrüder Grimm begonnen haben. ohne Fortsetzung zu sein im engsten Zusammen mit einer anderen Sammlung. daß das Substantiv „Märchen" eine verschlechternde Verkleinerung zu . die von „Hunger und Durst nach der lebendigen Kraft und inneren Schönheit heimischen Volkstums" zeugten. Die Grimmschen Märchen sind mit ihrem Erscheinen. die in verschiedenen Sprachen sehr verschiedene Namen trägt.und Hausmärchen erschienen 1812. bei dem man im Unklaren-getrans bleibt. aber deren Wesen allgemeiner Anerkennung gemäß in der Grimmschen Sammlung zum Ausdruck gebracht ist. ebensowenig darauf. ein Maßstab bei der Beurteilung ähnlicher Erscheinungen geworden. die weit über Deutschland hinausgingen. nicht nur in Deutschland sondern allerwärts. Beim Märchen kommt es also auf die Grundbedeutung des althochdeutschen mári und des gotischen mêrs.Des Knaben Wunderhorn". nicht mehr an. Und so wollen auch wir. Bericht. die einige Jahre früher er--hang schienen war. So wie nun Arnim und Brentano die im Volkstum lebende Lyrik und Musik sammelten. ob es zutrifft. Man pflegt ein litterarisches Gebilde dann als Märchen anzuerkennen. das seinerseits den Strömungen des vergangenen Jahrhunderts folgt.und Hausmärchen zu finden ist.

zu dessen Bestimmung jeder Gegensatz in der Art. daß wir auf ihn eingehen müssen. führen muß. die Volkserzählung in ihren vielfältigen Erscheinungsformen niederzuschreiben. der in der Romantik aktuell war. wie er zwischen Arnim und Grimm vorlag. die zu einer grundlegenden Auseinandersetzung über S p r a c h e und D i c h t u n g führt und die Abschluß. was sie aufzeichneten.zwischen Achim von Arnim einerseits und Jacob Grimm andererseits ein sehr beträchtlicher Gegensatz in der Art. Dieser Gegensatz ist auch für unsere Formbetrachtung und die Grundlagen unserer Formbestimmung so wichtig.220 MÄRCHEN machten sich Jacob und Wilhelm Grimm ihrerseits daran. Gerade das Märchen verlangt eine Voruntersuchung. Wir bestimmen von diesem Gegensatz aus. dachten. wie sie grundsätzlich von dem. Und doch bestand und hier müssen wir die Dioskurenpaare auflösen -. von Dichtung überhaupt. aber zugleich Einleitung aller Einfachen Formen bedeutet. . unsererseits das Verhältnis von Sprache und Dichtung.

existiert für Arnim nicht. weiß keine zu nennen. durchaus und allgemein ableugne. — die Volkspoesie tritt aus dem Gemüth des Ganzen hervor. die wir Kunstformen nennen." Demgegenüber stellt Jacob Grimm in seiner Antwort fest : „Die Poesie ist das was rein aus dem Gemüth ins Wort kommt. daß Jacob Grimm auch Formen. wie das. aber ist doch nicht geheimnisvoller. daß es einen Homer oder einen Verfasser der Nibelungen gegeben habe" (S. „Nach dieser meiner Überzeugung". wie sie die Philosophie unsrer Tage zu schaffen beliebt hat. aus dem des Ein Darum nennt die neue Poesie ihre Dichter. was ich unter Kunstpoesie meine. Darauf kommt es jedoch hier nicht an. bleibt unerklärlich. um nun miteinander zu fließen. also auch kein Gegensatz zwischen Volkspoesie und Meistergesang . sondern eine Summe des Ganzen. DerGegensatz dieser Begriffe. jener „Lieblingsunterschied" Jacob Grimms. . Mir ist undenkbar. schreibt Arnim (S.oder Naturpoesie hineinbezieht. daß ich sowohl in der Poesie wie in der Historie und im Leben überhaupt alle G e g e n s ä t z e. 116). 110). wie sich das zusammengefügt und aufgebracht hat. wie sie sich aus diesem Gegensatz ergibt. „wirst Du es in mir begreiflich finden. sie ist durchaus nicht von einem oder zweien oder dreien gemacht worden.. die alte-zeln. in die Volks. für uns ist die Einstellung der beiden wichtig.II. wie ich schon gesagt habe. Ich erwähne beiläufig. den wir kurz darstellen müssen und der um die Stichworte Naturpoesie und Kunstpoesie geht.. entspringt also immerfort aus natürlichem Trieb und angeborenen Vermögen diesen zu fassen. Bearbeitet von Reinhold Steig) spielt um 1811 ein Meinungskampf hin und her. daß sich die Wasser in einen Fluß zusammenthun. In dem Briefwechsel zwischen Arnim und Jacob Grimm (Achim von Arnim und Jacob und Wilhelm Grimm.

deshalb darf an der „alten Dichtung". ohne es aussprechen zu können . aber da . Ungleichartiges zu vermischen. das ein Volk ergriffe. der sich weigert. deshalb sind Übersetzungen. ist ein Volksdichter . sondern einen überzeugten Denker. . vom Übel. 135) „Ich würde es als einen Segen des Herren achten. der an seinem Text und den Buchstaben seines Textes klebt. die „neue Dichtung" ist etwas von der „alten Dichtung grundsätzlich Verschiedenes ". daß die Religion von einer göttlichen Offenbarung ausgegangen ist. gehen verloren. es gibt nur D i c h t e r . daß die Sprache einen ebenso wundervollen Ursprung hat und nicht durch Menschenerfindung zuwege gebracht worden ist. wenn auch nur wenige Menschen in meinen Arbeiten etwas gefunden. denn er weiß. . was er dichtet. auch kein Tüttelchen oder kein Jota geändert werden. wie in „Des Knaben Wunderhorn" manches Tüttelchen geändert und vieles hinzugefügt worden ist." (S. „je weniger ein Volk erlebt hat. deshalb sind alle Umgestaltungen. bleibt auch ihm anheimgestellt. zu welchem Zwecke sie auch vorgenommen werden. aus dem Volke heraus zu dichten oder das. ich bin mit meiner Lebensthátigkeit zufrieden. auch die Umschreibung in Worten der Neuzeit völlig wertlos ! Wir haben hier keinen ängstlichen Philologen vor uns. wo wir sie finden. Selbstverständlich ist es Aufgabe des Dichters. 118).. gesucht haben. Naturpoesie „ein Sichvonselbstmachen" (S. 134). jeder Dichter. wenn ich gewürdigt würde." Dem setzt sich Grimm entgegen und antwortet umgehend: „Glaubst Du mit mir. Für Jacob Grimm ist Kunstpoesie eine „Z u b e r e i t u n g".. Aber auch er ist seiner Sache sicher : Volksdichtung im Sinne Grimms gibt es nicht. ein Lied durch meinen Kopf in die Welt zu führen. so mußt Du schon darum glauben . der als solcher anerkannt wird. was auch sie geahndet. desto gleichförmiger ist es in Gesichtszügen und Gedanken. Verfassernamen werden vergessen.222 MÄRCHEN Aus dieser Einstellung heraus entwickeln sich im Verlaufe ihrer brieflichen Auseinandersetzung deutlich eine Anzahl Begriffsgegensätze. Demgegenüber Arnim er fühlt sich persönlich etwas getroffen. das keineswegs zur „alten Poesie" gerechnet werden kann. dem Volke nahe zu bringen: (S.

was sich aus ihnen ergibt. als romantisierend hätte bezeichnet werden können soweit ihr Vertreter der unverdächtige Romantiker Arnim ist. und nichts anderes mehr mögen: das ist die gute reine . wie auch die andere Ansicht.. 1812 beginnt.. daß die alte Poesie und ihre Formen. treu ge Erzählung die seine jedesmal gewißlich beschämen"-samelt (S. Arnim besuchte mit seines jungen Frau Bettina 1811 die Brüder Grimm in Kassel. Jacob Grimm ist erfreut. 219). ihren „geheimnisvollen Ursprung in den Tiefen der Volksseele" haben sollen.MÄRCHEN 223 und fühlen. das ich für unerfindlich halte. Dort bekam er die neue Sammlung zu sehen und war begeistert.und Hausmärchen widmete. Von unsern Sammlungen gefielen ihm diese Märchen am besten . und ich könnte vielleicht einseitig werden. daß Seiler in seiner Sprichwörterkunde von einer „romantisierenden Ansicht" spricht..und Hausmärchen besser gefallen als die Märchenbearbeitungen von Brentano: „Daß Dir Clemens Verarbeitung nicht recht ist. er mag das alles stellen und zieren. Ich erinnere daran. er übernahm später in Berlin die Verhandlungen mit dem Verleger. 139). Volksmärchen usw." Indessen die Gegensätze waren nicht überbrückt. die Quelle des Reims und der Alliteration ebenso in einem Ganzen aus ist. Dieser Briefwechsel zeigt. Als Wilhelm Grimm nach Arnims Tode Bettina die Kinder. Eine Weile ruhte der Federstreit. steigt täglich höher. ausgehend von den Märchen. von neuem der Streit über die alte und neue Dichtkunst. sind romantisch gefaßte Begriffe des Gegensatzes. er drängte auf möglichst schnelle Veröffentlichung. die den Dichter als schöpferische Kraft hinstellt. Nun läßt er sich aber zu einem Angriff verführen: . der hier vorliegt und der Tieferliegendes bedeutet. so wird unsere einfache... und gar keine Werkstätten oder Überlegungen-gean einzelner Dichter in Betracht kommen können" (S.Meine Ehrfurcht vor dem Epischen. zur Herausgabe an getriebenhatte . der uns . (laß Arnim die Kinder... freut mich sehr und ich bedauere nur seinen darauf verwendeten Fleiß und Geist. nach der Volkslied. Er berichtete darüber an Brentano. schrieb er: „Er war es. „Kunstpoesie" und „Naturpoesie" und alles.

ja ihr könnt sie nicht einmal ganz rein auftragen . von dem aus er auch „Des Knaben Wunderhorn" zusammenstellte. ihren Kindern irgend einen Umstand. obwohl er dessen Fehler sehr gut kennt. Ganz scharf wird betont: „Fixierte Märchen würden endlich der Tod der gesammten Märchenwelt sein" (S. In dieser Anregung zur E r f i n d s a m k e i t liegt für Arnim die Bedeutung des Märchens. auch durch das Alte. Er faßt Arnims Meinung in seinen Worten zusammen und sagt: „Eine Geschichte der Poesie gebe es also . sondern ein Buch. sondern sie blos untereinander mischen. ist sehr verständlich. es ist das Wesentliche. wie wir erzählen müssen. sondern in dem. das Volkstümliche. das im Kinderkreise gelebt ohne weitere Verdauung unmittelbar zu den Kindern übergehen kann. daß er sie nicht gelesen hätte. Brentanos Märchen sind nicht „etwas. ihr neuen Dichter könnt mit aller Gewalt keine neue Farbe aufbringen." Das läßt sich Arnim nicht gefallen. Dann nimmt er. die recht gebildeten etwa ausgenommen. So arbeitet der neue Dichter zeitlos fort an dem. dessen Reiz sich ihnen entdeckt hat. daß er die neuen Dichter nicht k e n n e. daß es das Neue anregt und weiterführt „die Poesie ist weder jung noch alt und hat überhaupt keine Geschichte. Erst hier kommt Arnims Standpunkt vollkommen klar heraus. uns nicht zeigt. in einer längeren Erzählung zu einer dauernden Unterhaltung zu machen" (S.. und steht s o ganz von selbst da . jener Standpunkt.224 MARCHEN Unschuld. im Nothfalle zeigt. verliert das alte Märchen seinen Wert und seinen Reiz. Daß Grimm nun seinerseits sich getroffen fühlt. Nicht in dem Sinne. was der alte gedichtet hat. 223). Clemens Brentano in Schutz. weiter vervollkommnet werden auch durch die Tradition. Wenn es uns nicht anregt. die jede Mutter. daß er sie nicht verstehe. Der Wert des Alten bestehe überhaupt darin. sondern nur eben zu diesem Zweck. Nicht um seiner selbst willen wird Altes gesammelt.. 225). es soll mit allen Mitteln angeregt. 223). Das Neue ist da. wir können nur etwa von ihren Äußerlichkeiten gewisse Folgen von Beziehungen angeben" (S. das in den Altern die Art der Erfindsamkeit anregt. er wirft in seiner Antwort Jacob Grimm vor.

wiewohl jeder noch ein kleines Paradies trägt in seinem Herzen . es ist die Frage nach D i c h t u n g und Sprache..MRCS 226 nicht. 234).. das mit den Worten : „ich glaube" im tiefsten Ernst anfängt und dessen erster Satz lautet : „Wie das Paradies verloren wurde. ist Dichterarbeit : „Den Gelehrten wird das Letzte. ist der Versuch.und Kunstpoesie sei ein Spaß . Arnim erwidert — er bleibt bei seinem Dichter.. Unterschied zwischen Natur. die vor mehr als einem Jahrhundert die beiden Romantiker Arnim und Jacob Grimm beschäftigt hat. die uns auf das Märchen zurückbringt." (S. durch eine Morphologie die Begriffe. wie Ihr sie empfangen habt. 235).. die Frage. Einfache Foripen 15 . ja. zu lernen uhd zu zeigen. zu bestimmen und damit das Problem seiner Lösung näherzubringen. was er geschichtlich erreichen kann. epische Poesie über die Erde hin gelebt und gewaltet hat. versteht nur allein diese Vergegenwärtigung eines Allgemeinen. Ich möchte Dich nicht ver mit einer Behauptung und doch kann ich sie nicht-wunde(r) vermeiden: ich glaube es Euch nimmermehr. beruht darauf. das fühle ich.. ist auch für unsre Zeit von höchster Wichtigkeit. all meine Arbeit. oder nicht einmal ganz so. die damals Naturpoesie und Kunstpoesie hießen und die sich für uns als Einfache Formen und Kunstf ormen darstellen. eine neue Fassung dieser beiden Gegensätze zu finden. daß die Kiridermärchen von Euch s o aufgeschrieben sind. Es kommt nun in dem Briefwechsel zu einer eigentümlichen Feststellung. Was ich mit diesen Formbestimmungen beabsichtige. nur befriedigen : der eigentliche Zuhörer des Dichters. er dreht gewissermaßen den Spieß um —: was die Gebrüder Grimm bei ihrem Märchensammeln getan haben. Ich wiederhole : dieser Streit ist identisch mit unserer eigenen begrifflichen Scheidung. Und nun folgt das Grimmsche poetische Glaubensbekenntnis in sechs Absätzen.. der ungelehrte Zeitgenosse. so ist auch der Garten alter Poesie verschlossen worden. Damit greifst Du mir in mein Liebstes . der bildende f o r t schaffende Jollen. wie eine große. sondern wie sie immer noch davon zehren" (S. nach und nach von den Menschen vergessen und verthan worden ist. selbst wenn Ihr es glaubt.

wenn es auch letzten Endes weder seine eigentliche Absicht noch seine tiefste Anschauung berührte. ohne daß nicht Eierweiß an den Schalen kleben bliebe .226 MÄRCHEN Trieb ist im Menschen gegen alle Vorsätze siegend und schlechterdings unaustilgbar. Was jene unmögliche angeht. Du kannst nichts vollkommen angemessen erzählen. das ist die Folge alles menschlichen und die Facon. daß darin etwas Wahres steckte. so würde ein anderer und wir selbst großentheils mit andern Worten nochmals erzählt haben und doch nicht minder treu. daß ich den Dotter nicht zerbräche. arbeitet an der Fortsetzung seines Werks. Wir halten fest und betonen. in der Sache ist durchaus nichts zugesetzt oder anders gewendet" (S. das fühlen wir und. sein Ebenbild. das ich aus diesem Briefwechsel geben möchte • „Wir kommen hier auf die Treue. denn Jacob Grimm war ein viel zu ernster Philologe und ein zu aufrichtiger Mensch. Die rechte Treue wäre mir nach diesem Bild.. so wenig Du ein Ei ausschlagen kannst. denn daß Treue etwas wahres ist.. Der Faden wird nie abgeschnitten. die immer anders wird. Ehe wir nun von uns aus diese „Sache" als Einfache Form Märchen fassen und die Geistesbeschäftigung bestimmen. die ihr zugrunde liegt. wollen wir Umschau halten. Bezweifelst Du die Treue unseres Märchenbuches. kein Schein. allein das thut nichts. . darum steht ihr auch eine Untreue wirklich entgegen. aber es kommt nothwendig immer eine andre Sorte Flachs zum Vorschein . strengsten Geschichte nicht vorhanden. Gott schafft und der Mensch. um nicht einzusehen. denn sie ist da. so darfst Du die letztere nicht bezweifeln. Er antwortet es ist das letzte Zitat. daß Jacob Grimm im Märchen eine „Sache" erkannt hat. wo die . die vollkommen sie selbst bleiben kann.248).. Und damit hatte Arnim getroffen.Gattung Grimm" sonst noch in der Welt des Abendlandes zu finden ist. auch wenn sie von anderen mit anderen Worten erzählt wird.255)." (S. Eine mathematische ist vollends unmöglich und selbst in der wahrsten.

da besitzen wir für das Märchen genügend Daten. sie erfahren gewisse Abänderungen.Sammlung und als vereinzelte Novelle. Ausgangspunkt dieser Form scheint Toscana zu sein. Von Toscana aus verbreitet sich nun die Rahmenerzählung wie die Einzelerzählung über alle Länder des litterarischen Abendlandes. hier wo es um die Form geht. Als Novellensammlung hat sie meistens die Form des großen Vorgängers. wo. bei welcher Gelegenheit und von wem diese Novellen erzählt worden sind. brauche ich nicht zu erwähnen. wie sie zuerst im Dekamerone des Boccaccio auftritt. Der tiefere Grund dieser Geschichte aber liegt in dem Zusammengehen von Einfacher Form Märchen und Kunstform. sie münden . um wenigstens einen Teil seiner Geschichte beobachten zu können. des Dekamerone : die einzelnen Erzählungen werden durch einen Rahmen zusammengehalten.III. Landessprache der Humanisten bedeutet. Seit dem 14. Daß diese Form der Rahmenerzählung älter ist als die toscanische Novelle. Ich habe es an anderer Stelle unternommen. die wir gewohnt sind Kunstform N o v e 11 e zu nennen. Einfache Form -Kunstform führen. Wir finden sie als Novellen . daß Latein die. der außer vielem anderen auch zum Ausdruck bringt. können wir uns mit einem Auszug begnügen. jedenfalls ist die Weise. Das wird uns diesmal von einer anderen Seite her wieder zu unserem Gegensatz Sprache Dichtung. die Ge Märchens in der abendländischen Litteratur in-schited ihrer Gesamtheit darzustellen. Jahrhundert setzt in Europa eine Form der Kurzerzählung in Prosa ein. Sie wird in der jeweiligen Landessprache geschrieben in bezug auf die wenigen lateinischen Beispiele können wir mit gutem Gewissen behaupten. Wir haben sie deshalb die t o s c a n i s c h e N o v e 11 e genannt. Wo bei anderen Einfachen Formen von einer Geschichte noch nicht die Rede sein kann. für die Geschichte der Novelle maßgebend. Alsbald ergeben sich zwei Abarten der Novelle.

sie sind aber als solche immer deutlich zu erkennen. Erzählungen die keineswegs den Eindruck eines tatsächlichen Geschehens machen. Jahrhunderts wiederholt sich aber dasselbe noch einmal. daß uns dieses Ereignis selbst wichtiger erscheint als die Personen. daß auch der Rahmen nicht den Eindruck eines tatsächlichen Geschehens macht. Jahrhundert etwas anderes. sondern Erzählungen. das die tos versucht. die wir in den Kinder.und Hausmärchen oder anderen Sammlungen späterer Zeit wieder antreffen. Zu Anfang des 17. die uns den Eindruck eines tatsächlichen Geschehens gibt und zwar so. später unter dem Namen Pentamerone bekannt. Wiederum schließt sich der Verfasser eng dem Dekamerone an. an das Dekamerone des Boccaccio. anschließt. r . wie : Der gestiefelte Kater. die dankbaren Tiere. daß dieses Andere sich in der Gesamtform eng an das erste Beispiel der toscanischen Novelle. Wir finden hier sogar eine Anzahl Stoffe. eine Begebenheit oder ein Ereignis-canisheNovl von eindringlicher Bedeutung in einer Weise zu erzählen. 1634/36 erscheint eine nach Rahmenerzählung in neapolitanischem Dialekt von-gelasn Giambattista Basile Cunto de li Gunti. daß ein Teil der Erzählungen keine Novellen sind in dem soeben umschriebenen Sinne. wie wir sie aus Grimms Sammlung kennen.Piacevoli-öfentlich150 notti — die sich in Hinsicht auf den Rahmen durchaus an das Vorbild hält. Ein Unterschied ist nur. Der Meisterdieb usw. Auch hier finden wir Damen und Herren. sondern der Grimmschen Gattung angehört. die es erleben. Es hat den An- - . möchte ich hier im allgemeinen sagen. und daß hier sämtliche Einzelerzählungen gleichfalls zu dieser Gattung gerechnet werden müssen.228 MÄRCHEN hier und da in andere Kunstformen. die besondere Umstände zusammengeführt haben und die sich mit Erzählen die Zeit im sehr buchstäblichen Sinne vertreiben. Giovanni Francesco Straparola ver Venedig eine Rahmenerzählung -. Innerhalb des Stromes der toscanischen Novelle finden wir schon im 16. Ohne auf alle Einzelheiten einzugehen. Diese Erscheinung bleibt vereinzelt die Novelle verfolgt ihren Weg. Der Unterschied zu der toscanischen Rahmenerzählung besteht darin. Es ist notwendig zu betonen.

Dornröschen. und kommen zu Perraults Contes de ma mère 1'Oie. wie : Aschenbrödel.MÄRCHEN 229 schein. und wir finden auch dort wieder Geschichten wie Rotkäppchen. als ob die Erzählungen von einer alten Amme seinem Sohne erzählt worden wären und er selbst sie wieder von seinem Sohne gehört hätte. daß Basile der erste Märchensammler gewesen sei.und Hausmärchen. der in seiner Histoire de Psyché etwas aus dem Altertum in einer neuen Gestalt gegeben hatte. In der äußeren Gestalt schlossen sich diese Verserzählungen an die berüchtigten Contes von Lafontaine an. Wir können hinzufügen. Jedenfalls gehören die Contes du temps passé zu den Erzählungen der Kinder. Ehe diese Prosaerzählungen erschienen waren. das mit den Erzählungen der Kinder. wie im dritten Band der Kinder.und Hausmärchen bekannt sind.und Hausmärchen gesagt wird.und Hausmärchen vergleichbar ist. hatte Perrault zwischen 1691 und 1694 drei Verserzählungen geschrieben : Griselidis. Für die Gebrüder Grimm beginnen. finden wir in der „Eselshaut" nun wieder jene Grimmsche Gattung. Eigentlich ist das Büchlein keine Rahmenerzählung mehr. Danach erscheinen 1697 die Erzählungen von Mutter Gans mit dem Haupttitel Histoires ou Contes du temps passé avec des Moralités. Frau Holle. Peau d'áne und Les trois souhaits ridicules. möglichst viele Ausdrücke aus dem Volksmunde aufzuzeichnen und Volksgebräuche zu beschreiben. aber etwas von einem alten Rahmen schimmert noch durch : Perrault stellt es so dar. Jahrhunderts lesen. Dornröschen. Während aber Lafontaines Contes Umdichtungen von Novellen zum größten Teil aus der toscanischen Schule waren. Jahrhunderts mit Charles Perrault. der in seinem Rahmen Boccaccio parodiert. die „eigentlichen Märchensammlungen" in Frankreich zu Ende des 17. Sehr bald nach dem Erscheinen von Perraults Contes platzt nun ein Gewitter von ähnlichen Erzählungen über Frank15 . Die sieben Raben. absichtlich diese Art der Erzählung der veralteten toseanischen Novelle gegenüberstellt und so kann man bei Märchenforschern des 19. die uns aus den Kinder. als ob der Verfasser. Wir überschlagen also Lafontaine. daß sich auch bei ihm Erzählungen finden. aber dabei bestrebt ist.

230

MARCHEN

reich und Europa los. Man kann ruhig sagen, daß zu Anfang
des 18. Jahrhunderts die Litteratur von dieser Gattung beherrscht wird : sie ersetzt einerseits die Großerzählung des
17. Jahrhunderts, den Roman, andrerseits alles, was noch von
der toscanischen Novelle übrig war. Die Zahl dieser Erzählungen
ist kaum abzuschätzen. Dazu kommt 1704 bis 1708 nun auch
die orientalische Erzählungdurch die erste Übersetzung der
Tausendundeinen Nacht von Galland, und so ist die ganze
Litteratur des 18. Jahrhunderts mit Erzählungen dieser Art
durchsetzt. Man braucht nur Wielands Werke daraufhin nach
sich ein Bild zu machen, wie bedeutend und-zuschlagen,m
vielseitig die Gattung wirkte.
Und gerade Wieland gibt uns in den vielen Äußerungen,
die wir von ihm über diese Gattung besitzen, ein deutliches
Bild von der Art, wie das 18. Jahrhundert sie auffaßte : das
Märchen auch er benutzt das Wort ist eine Kunstform und zwar eine Kunstform, in der sich zwei entgegengesetzte Neigungen der menschlichen Natur, die Neigung zum
Wunderbaren und die Liebe zum Wahren und Natürlichen,
vereinigen und als solche gemeinsam befriedigt werden können.
Da nun sowohl die Neigung zum Wunderbaren wie auch die
Liebe zum Wahren der Menschheit von Anbeginn eingeboren
sind, gibt es überall Märchen, gibt es sehr alte Märchen.
Aber alles ' kommt in dieser Kunstform darauf an, diese beiden
in ein richtiges Verhältnis zueinander zu bringen ; fehlt dieses,
so verliert das Märchen seinen Reiz und seinen Wert und
dieses Verhältnis herzustellen, ist Sache des Geschmacks,
Sache des Künstlers. Wieland drückt sich scharf aus : ,,Producte dieser Art müssen Werke des Geschmackes sein, oder
sie sind nichts. Ammenmärchen, im Ammenton erzählt, mögen
sich durch mündliche Überlieferung fortpflanzen, aber gedruckt
müssen sie nicht werden."
Wir könnten nun noch bis in die Romantik gehen. Daß für
Novalis diese GattungAnderes, Höheres bedeutet als für Wieland,
brauche ich nicht zu erwähnen; aber so verschieden ihre Ansicht
ist und so sehr Dichtung und Dichter bei Novalis einen tieferen
Sinn bekommen: Märchen ist auch für ihn eine Kunstform und
„der echte Märchendichter ist ein Seher in die Zukunft".

Iv.
"r uns spitzt sich nun nach diesem kurzen Überblick die
Frage zu : ist das Märchen eine Einfache Form?
Wir besitzen auf der einen Seite eine Form, von der wir
gesagt haben, daß sie bestrebt ist, eine Begebenheit oder ein
Ereignis von eindringlicher Bedeutung zu erzählen in einer
Weise, daß sie uns den Eindruck eines tatsächlichen Ge
gibt, und zwar so, daß uns das Ereignis selbst wich -schen
-tiger
erscheint als die Personen, die es erleben.
Wir sehen, wie sich dem in einem litterarischen Geschichtsablauf erst schüchtern, aber dann immer bestimmter eine
andere Form gegenüberstellt. Diesezweite Form hat, obwohl
sie sich zunächst in Äußerlichkeiten der ersten anschließt,
doch von vornherein eine andere Tendenz. Sie ist, wenn wir
uns zunächst negativ ausdrücken, erstens nicht mehr bestrebt,
ein Ereignis von eindringlicher Bedeutung zu geben, denn sie
gibt von Ereignis zu Ereignis springend ein ganzes Geschehen,
das sich erst zuletzt in einer bestimmten Weise zusammenschließt ; und sie ist zweitens nicht mehr bestrebt, dieses Geschehen so darzustellen, daß es uns den Eindruck eines tatsächlichen Geschehens macht, sondern sie arbeitet unausgesetzt
mit dem Wunderbaren.
Wir nennen die erste Form N o v e 11 e und rechnen sie
zu den Kunstformen; wir nennen die zweite M ä r c h e n und
behaupten von ihr, daß sie eine Einfache Form ist. Oder um
die Terminologie Jacob Grimms noch einmal zu benutzen: wir
sagen von der ersten Form, daß sie Kunstpoesie und „eine Zubereitung", von der zweiten, daß sie Naturpoesie und „ein
Sichvonselbstmachen" ist.
Daß aus der Art, wie die beiden Formen in der litterarhistorischen Situation des Abendlandes seit dem 16. Jahrhundert vor uns liegen, dieser Unterschied nicht festzustellen

232

MÄRCHEN

ist, ist klar. Sowohl die Novelle wie das Märchen sind mit Verfassernamen verbunden, die Novelle mit Namen wie Boccaccio,
Sacchetti, Bandello, das Märchen mit Namen wie Straparola,
Basile, Perrault, Madame d'Aulnoy, Wieland.
Ebensowenig dürfen wir sagen, der Unterschied beruhe
darauf, daß die Märchen nachgewiesenermaßen im Volke im
Umlauf wären und erst aus dem Volksmunde in die Litteratur
übergingen, während die Novellen von ihren Verfassern frei
erdacht wären. Wir wissen, daß, um bei Boccaccio zu bleiben,
mindestens neunzig von seinen hundert Novellen schon in
anderen litterarischen Werken niedergeschrieben waren; wir
wissen darüber hinaus, daß er diese wieder zum größten Teil
nicht in jenen indischen, arabischen, lateinischen Quellen gelesen hatte, sondern daß sie ihm mündlich zugetragen worden
Waren, daß er sie vom „Hörensagen" kannte.
Wollen wir dennoch nicht mit Wieland annehmen, daß sowohl die eine wie die andere eine litterarische Kunstform sei
und daß in der Novelle bloß eine menschliche Neigung, die
zum Natürlichen und Wahren zum Ausdruck komme, während
sich im Märchen zwei menschliche Neigungen, die zum Natürlichen und Wahren und die zum Wunderbaren entsprechend
mischen sondern wollen wir bei unserer Behauptung bleiben,

daß hier ein grundsätzlicher Formunterschied vorliegt, so muß
sich dieser Unterschied aus der Form selbst, unabhängig von
der litterarhistorischen Situation, nachweisen lassen.
Überschauen wir das Gebiet der Novelle, so sehen wir
eine unendliche Verschiedenheit von Begebenheiten ver
sie zusammenhält, ist die Weise, in-schiedntrA;wa
der sie dargestellt sind. Wir sehen weiter, wie andere Begebenheiten, wofern sie den Anforderungen entsprechen, eine
gewisse Eindringlichkeit besitzen, immer wieder in dieser
Weise dargestellt werden können, um in dieser Weise Novelle
zu werden. Boccaccio entnahm Begebenheiten und Ereignisse
dieser Art einer litterarischen Überlieferung -wir wissen aber,
daß es ebensogut möglich ist, frei zu wählen: unsere Form
der Novelle an einen Teil der Welt heranzubringen, und daß
sich, sooft wir das tun, jedesmal dieser Teil als Novelle darstellt. Noch weiter: wir wissen, daß unsere Wahlfreiheit so

MÄRCREN

233

groß ist, daß wir vermöge unsrer Einbildungskraft ein litterarisches Gebilde herstellen können, das freistehend diesen Teil
der Welt in dieser Form selbständig vertritt.
Überschauen wir das Gebiet des Märchens, so erkennen
wir auch hier eine Fülle von Begebenheiten verschiedener Art,
die wiederum von einer bestimmten Darstellungsweise zusammengehalten zu werden scheinen. Versuchen wir nun aber,
diese Form in derselben Weise an die Welt heranzubringen,
so spüren wir sofort, daß das unmöglich ist nicht weil im
Märchen die Begebenheiten wunderbar sein müssen, während
sie es in der Welt nicht sind, sondern weil Begebenheiten, so
wie wir sie im Märchen finden, überhaupt nur im Märchen
selbst denkbar sind. Kurz gesagt : wir können wohl die Welt
an das Märchen heranbringen, aber nicht das Märchen an
die Welt.
Betrachten wir die Tätigkeit der Novelle, so sehen wir,
wie sie gestaltend in die Welt eingreift, einen Teil dieser Welt
festlegt, ihn bindet in einer Weise, daß nun durch diese Form
dieser Teil endgültig und schlechterdings vertreten wird.
Reden wir von der Tätigkeit des Märchens, so sehen wir,
daß es an erster Stelle sich selbst gestaltet und nun bereit ist,
in dieser Gestalt die Welt in sich aufzunehmen.
Wir können das so zusammenfassen: Sowohl Novelle wie
Märchen ist Form — die formende Gesetzlichkeit der Novelle
ist jedoch so, daß wir durch sie sämtliche Ereignisse, überlieferte, tatsächliche oder erfundene, sofern sie das gemeinsame
Kennzeichen der Eindringlichkeit besitzen, bündig gestalten
können; die formende Gesetzlichkeit des Märchens dagegen
ist so, daß, wo immer wir es in die Welt hineinsetzen, die
Welt sich nach dem nur in dieser Form obwaltenden
und nur für diese Form bestimmenden Prinzip
umwandelt.

Was wir hier aber für Märchen und Novelle sagen, läßt
sich verallgemeinern : es ist der Unterschied zwischen Einfacher Form und Kunstform überhaupt. Es ist auch der Unterschied, den Jacob Grimm meinte. Wo wir mit einer Form an
die Welt herangehen, gestaltend in sie hineingreifen, einen
Teil von ihr, der durch ein gemeinsames Kennzeichen zusammen
erscheint, bündig machen, da redet er von Z u --gehöri
b e r e i t e n ; wo wir dagegen die Welt in eine Form eingehen
lassen, die sich nach einem nur in dieser Form obwaltenden und
für diese Form bestimmenden Prinzip gebildet hat, und wo sich
die Welt nun gemäß dieser Form umwandelt, da nennt er
es ein Siehvonselbstmachen. Wir erkennen mit ihm
den grundsätzlichen Unterschied der formenden Gesetzlichkeiten an andrer Meinung sind wir darin, daß wir nicht zugeben, daß die eine Form einer Vergangenheit, die andere
einer Gegenwart angehören sollte. Wäre das der Fall, so
könnte man die eine beobachten, die andre jedoch nur sammeln.
Grimm hat auch diese Konsequenz gezogen. Unserer Meinung
nach sind sie beide unentwegt und allseitig wirksam, und es
gehört zu den ersten Aufgaben der Litteraturwissenschaft, sie
in ihrer Unterschiedlichkeit, aber auch in ihren Beziehungen
zu beobachten.
Wenn wir nun noch einen Augenblick über die Richtungen
reden, in denen sich Novelle und Märchen bewegen, so stellen
wir folgendes fest: der Novelle, die einen Teil der Welt. abschließt, kommt es darauf an, alles in diesem bündigen Abschluß fest, besonders, einmalig zu gestalten; in dem
Märchen dagegen, das sich der Welt offen gegenüberstellt und
die Welt in sich aufnimmt, behält die Welt auch in ihrer Umwandlung ihre Beweglichkeit, ihre Allgemeinheit
und das, was ich ihre J e d e s m a ii g k e it nennen möchte.
Wiederum dürfen wir sagen, daß dieser Satz nicht nur
für Novelle und Märchen, sondern für Kunstform und Einfache

besondere. Sehen wir uns zunächst die S p r a c h e an. fest. in denen sich die Einfache Form verwirklicht. so kann man sagen. in denen sich die Form einmal endgültig vollzieht.MARCHEN 235 Form überhaupt gilt. eine Sage. die Form jedesmal ihre Gültigkeit verlieren würde. daß in der Kunstform die Sprache so sehr bestrebt ist. Wir pflegen zu sagen. und können dabei an das erinnern. haben wir bei Spruch und Sprichwort und auch im Rätsel gesehen. abänderten oder wegließen. Sage und Märchen ist es doch wohl so. jedesmalig. als nicht als letzte vollziehende Kraft ein Einzelner die Form einmalig zur Verwirk bringt und ihr obendrein seine persönliche Prägung-lichung verleiht. einmalige Prägung seiner Pers ö nlichkeit verleiht. eines Einzelnen. Dagegen bleibt auch in der Einfachen Form die Sprache beweglich. der durch eine ausgesprochene Begabung in der Lage ist. bei der Kunstform jedoch meinen wir die eigenen Worte des Dichters. bei der Einfachen Form die eigenen Worte der Form selbst. was wir S p r a c h g e b ä r d e genannt haben. in der sie sich jedesmal von neuem in derselben Weise vollziehen kann. daß die vollziehende Kraft hier die Sprache ist. besonders. allgemein. daß man ein Märchen. Auch bei Legende. sondern als vollziehende Kraft gemeint ist. was wir über das Verhältnis von Kasus und Kunstform gesagt haben. als es jedenfalls nicht die Worte eines Einzelnen sind. einmalig zu sein. Daß diesen „eigenen Worten" unter Umständen äußerst enge Grenzen gezogen sind. eine Legende „mit seinen eigenen Worten" wiedererzählen kann. Und 'dennoch liegt in dem Erzählen mit eigenen Worten insoweit etwas Wahres. in der sich die Form jedesmalig verwirklichen lassen kann. und der diesem Abschluß obendrein die feste. sondern. daß wir sie uns letzten Endes nur als die Sprache eines Einzelnen vorstellen können. Sowohl bei der Kunstform wie bei der Einfachen Form können wir von „eigenen Worten" reden. . daß die Kunstform sich endgültig letzthin nur durch einen D i c h t e r verwirklichen kann wobei selbstverständlich Dichter nicht als schöpferische. Wir drücken das so aus. in einem endgültigen Abschluß die höchste Bündigkeit nur hier und nur so zu erreichen. daß. wenn wir das.

Mit diesem letzten sind wir nun aber auf die litterarhistorische Situation zurückgekommen. fest. einmalig zu gestalten. es genügt. daß dahingegen die Vergegenwärtigung einer Einfachen Form immer wieder auf das Bewegliche. läßt sich auf alles.236 MÄRCHEN Was wir hier an der Sprache gezeigt haben. die durch das Erscheinen des Märchens in der abendländischen Litteratur ent und die wir so umschreiben können : eine sich-standewr seit Jahrhunderten mit Kunstformen beschäftigende Zunft von Dichtern und Schriftstellern glaubt eine Einfache Form in derselben Weise vergegenwärtigen zu müssen und zu können. An dieser Stelle können wir nur sagen. wie sie ihre Kunstformen vergegenwärtigt . Was im allgemeinen geschehen kann. und was jeweilig geschieht. dies festzustellen ist eine Untersuchung von größter litterarwissenschaftlicher Bedeutung. Aber wir sehen dann wieder. es persönlich zu prägen. besonders. daß sie in der Einfachen Form den Charakter des Beweg Allgemeinen. ausdehnen. daß sie einer Ummodelung in diesem Sinne wider= strebt. Jedesmalige der Form selbst zurückweist. daß trotz der zahllosen Umbildungen und . Allgemeine. Sie sträubt sich so sehr. es fest. wenn eine bestimmte Einfache Form und eine Kunstform in der Litteratur zusammenkommen. was wir in den beiden Formen finden. daß sie sie selbst bleibt. daß auch in diesem Abschluß das Bestreben liegt. auf Begebenheiten. Denn es ist durchaus denkbar. es in derselben Weise zum Abschluß zu bringen. auf Örtlichkeit. daß sich in diesem Falle die Einfache Form gegen das Zusammengehen sträubt. Jedesmaligen bewahren man stelle-lichen. kurz. besonders. eine Reihe von Novellisten versucht das Märchen wie eine Novelle zu behandeln. auf die wir hier nicht eingehen können. auf Personen. was sich aus solchen Kreuzungen ergeben kann. Wir wollen das hier nicht im einzelnen ausführen. wenn wir sagen. sie bleibt sich so gleich. Wir haben öfters das Wort Vergegenwärtigung benutzt auch dieser Begriff läßt sich auf beide Formen anwenden. daß derselbe Teil der Welt von einem anderen Dichter in einer Kunstform zum Abschluß gebracht wird. eine Prinzessin im Märchen neben eine Prinzessin in der Novelle und man spürt den Unterschied. einmalig zu sein.

ab. Jahrhunderts. auf er ging zum Volke. Inwieweit nun die Kinder. Jedesmaligkeit ein. dieses würde in unsere Terminologie umgesetzt heißen : um die Vergegenwärtigung kommen wir nicht herum. an. den Arnim Jacob Grimm macht. betritt sie den Weg zur Festigkeit. das Unzusammengehörige in der Mischung entdecken. In unserer-geschribn Ausdrucksweise würde das heißen: jede Vergegenwärtigung lenkt von dem. Allgemeinheit. Hier setzt der Vorwurf. die mit Sprach. Jacob Grimm das Märchen selbst als Einfache Form erkannt hat. die Einfache Form als solche erfassen und nun zu Trennungen kommen. Darauf antwortet Grimm : „Wir kommen hier auf die Treue" und er benutzt das Bild des ausgeschlagenen Eies. wie wir sie in der Kunstform schließlich besitzen. daß die Kindermärchen von Euch s o auf sind. Jedesmal wenn sich eine Einfache Form vergegenwärtigt.. aber diese Vergegenwärtigung muß so sein. Damit sind wir wieder bei dem letzten Teil des Federstreites zwischen Jacob Grimm und Arnim angekommen. daß sie möglichst unmittelbar auf die Einfache Form als solche zurückweist. Besonderheit und Einmaligkeit der Kunstform gerichtet ist.und Formgefühl begabten Männer wie Herder oder Grimm das Hybridische. „Natur. daß. tut sie einen Schritt in eine Richtung. wie auch die Gestalt der Kinder.MÄRCHEN 237 Verschiebungen die Einsichtigen.und Hausmärchen ausgefallen sein mag. Wir haben das.und Kunstpoesie" vorliegen. Sicher ist. von Mythe zu Mythus besprachen.und Hausmärchen in diesem Sinne „treu" sind. Einmaligkeit und büßt dabei etwas von ihrer Beweglichkeit. was die Einfache Form zu geben bestrebt ist. führen kann. die zu einer Verendgültigung. wie sie uns in „Stimmen der Völker". . Besonderheit. Deshalb gab Jacob Grimm die Beschäftigung mit dem Märchen. möglichst wenig auf die Festigkeit. wie Ihr sie empfangen habt". indem er sagt „ich glaube es Euch nimmermehr . inwieweit doch noch beeinflußt von litterarischen Vorgängen des 18. so wie es in der Litteratur lag. müßte in einer eigenen Untersuchung festgelegt werden. von Sage zu Saga.. schon gesehen. als wir das Verhältnis von Legende zu Vita.

daß sie in den Kindern das Verlangen wachrufen. Die Erzählungen sind wie ein ausgestreuter Samen. daß Perrault seine Erzählungen Histoires ou Contes du temps passé avec des Moralités nannte.. Wir brauchen das hier nicht in Einzelheiten zu verfolgen. das Laster bestraft. daß er jedes einzelne Märchen auch wirklich mit einer gereimten Moralité abschloß und daß er in seiner Einleitung sagt: Überall wird die Tugend belohnt. gehorsam zu sein . wenn man das nicht ist. Zunächst entdecken wir hierin einen gewissen Widerspruch: wenn die Erzählungen leichtsinnig (frivole) sind. dem die Bösen durch ihre Bosheit anheimfallen .. ähnlich zu sein. Eigentümlich ist. geduldig. besonnen.. und zugleich die Furcht vor dem Unglück. das Märchen der Novelle gegenüber oder an die Seite stellt. es ist gewiß. wie sollen sie dann den guten Samen in die Herzen der Jugend streuen. die hier glücklich werden.VI. daß dort. den wir geschildert haben. Dieses Prinzip haben wir in allen Einfachen Formen als die Geistesbeschäftigung bezeichnet. arbeitsam. daß sich im Märchen die Welt nach einem nur in dieser Form obwaltenden und nur für diese Form bestimmenden Prinzip umwandelt. wie sollen sie zum . denen. wenn wir daran erinnern. zunächst erwachsen aus ihm Freude und Trübsal. es genügt. Diese Erzählungen wollen zeigen. und wie schlechte Folgen es hat. mit einer gewissen Vorliebe betont wird. anständig. So leichtsinnig und sonderbar in ihren Begebenheiten (aventures) diese Geschichten sind. Wir wollen das auch hier tun und nun versuchen. wie großen Nutzen es bringt. wenn sie sonderbar.. die Geistesbeschäftigung des Märchens zu bestimmen. aber aus ihnen erblühen wiederum die Neigungen zum Guten. daß das Märchen eine moralische Erzählung sei. (bizarre) sind. Wir haben gesagt. wo sich in dem Lauf der Litteraturgeschichte.

. er stehtseinen Brüdern gegenüber. die Katze. daß es in diesen Erzählungen so zugeht.MÄRCHEN 239 Beweis einer feststehenden Lebensregel dienen? Sehen wir genauer zu. daß gerade dieses Wertlose. Im Laufe der Erzählung erfolgt nun diese Befriedigung und zwar in einer Weise. ist mehr als fraglich. daß sie eine Befriedigung gewähren und diese Befriedigung beruht weniger darauf. der ihm wenig oder nichts zu Leide getan hat. An und für sich ist dieses Datum oder dieser Zustand nicht unmoralisch. Im Gestiefelten Kater sehen wir einen armen Müllerssohn. Laster bestraft wird. Ethik im philosophischen Sinne. und daß zuletzt das Glück des Benachteiligten das Glück seiner Brüder um soviel über als es zu Anfang geringer war. was der Kater ihm befiehlt. daß hier gewisse Personen glücklich werden. daß hier unsre „Neigung zum Wunderbaren" zugleich mit unsrer „Liebe zum Natürlichen und Wahren" befriedigt wird als darauf. -singePrz Wenn nun aber Personen und Begebenheiten des Märchens auch nicht den Eindruck des eigentlich Moralischen machen. denn er tut alles. Das ist gewiß keine-trif. daß der listige Kater oder der leicht uns einen unmoralischen Eindruck machen. besonnen oder arbeitsam ist? Gehorsam ist er freilich. Andererseits können wir aber auch nicht sagen. er frißt zuguterletzt einen Zauberer. wie es unserem Empfinden nach in der Welt zugehen m ü ß t e. daß diese Ungerechtigkeit ausgeglichen werden muß. was und wer tugendhaft ist. Ist Dornröschen so besonders tugendhaft oder der Prinz. Und dieser Kater selbst : er lügt und betrügt vom Anfang bis zum Ende. daß der Müllerbursche anständig. geduldig. aber sie geben uns doch das Gefühl der Ungerechtigkeit und das Gefühl. das Mittel zum Ausgleich wird. so kann man doch nicht leugnen. so bemerken wir allerdings. er zwingt auch andere durch fberredung und Drohung zu lügen. die beide etwas Wertvolles geerbt haben: die Mühle und den Esel. Woraus ergibt sich denn. der mir nichts dir nichts Küsse von schlafenden jungen Mädchen raubt? Auch Däumling und Rotkäppchen scheinen mir keine unbedingten Tugendhelden zu sein. aber inwieweit hier ausgerechnet Tugend belohnt. er selbst hat dagegen etwas Wertloses bekommen : die Katze. Nehmen wir den Gestiefelten Kater.

wobei ich das Wort n a i v in demselben Sinne gebrauche wie Schiller. daß der Müller böse ist. so gehört das Märchen nicht hierher. gehorsames. nenne ich diese Ethik die E t h i k d e s G eschehens oder die naive Moral. zur Ethik des Handelns. aber sie ist nicht moralisch im Sinne einer philosophischen Ethik. Sagen wir mit Kant. sondern auf G e s c h e h e n richtet. die antwortet auf die Frage : „wie muß es in der Welt zugehen?" und ein ethisches Urteil. daß es darüber hinaus eine Ethik gibt. als daraus. auch die beiden Brüder sind in diesem Märchen nicht schlechter als der dritte das Ganze heißt nichts anderes. es heißt nicht. durch ein Geschehen besonderer Art wieder ins Gleichgewicht gebracht. als daß unser Gerechtigkeitsgefühl durch einen Zustand oder durch Begebenheiten ins Schwanken geraten ist und daß es nun durch eine Reihe von Begebenheiten. daß die Ethik antwortet auf die Frage : „was muß ich tun?" und daß unser ethisches Urteil dem eine Wertbestimmung des menschlichen Handelns um--zufolge faßt. daß dieses Urteil in der Form Märchen von der Sprache ergriffen wird. Unser naiv-ethisches Urteil ist ein Gefühlsurteil. und die Befriedigung. daß das ganze Geschehen der Erwartung und den Anforderungen. da es apodiktisch und . Perrault und andere haben wohl recht gesehen. aber auch hier wird weniger das eigentlich Böse der Verwandten betont als das der Ungerechtigkeit. daß ein fleißiges. die wir zuletzt empfinden. das sich nicht auf H a n d e l n. die wir an einen gerechten Lauf der Welt stellen. Im Gegensatz zur philosophischen Ethik. wird nirgends gesagt. Diese Erwartung. geduldiges Mädchen belohnt wird. Etwas schärfer wird die Situation durchgeführt in Aschenbrödel. scheint uns nun für die Form Märchen maßgebend zu sein : sie ist die Geistesbeschäftigung des Märchens. so sehen wir. wie es eigentlich in der Welt zugehen müßte. befriedigt wird.240 M RCH1 was und wer nicht. wenn er von naiver Dichtung redet. Sagen wir aber. es ist nicht ästhetisch. daß sie „moralisch" ist. entspricht. entsteht wiederum nicht so sehr dadurch. der seine älteren Söhne besser behandelt als den jüngeren. wo ein armes Mädchen einer bösen Stiefmutter und zwei bösen Stiefschwestern gegenübergestellt wird.

die hier verneint wird. Indessen diese Welt der Wirklichkeit ist nicht die Welt. daß aus dieser zweifach gerichteten Wirksamkeit der Geistesbeschäftigung sich auch J o 11 e s . daß hier die Geistesbeschäftigung nach zwei Seiten wirksam ist.MäflCIrEx 241 kategorisch zu uns spricht . das kategorisch und apodiktisch zu uns spricht : ein Gefühlsurteil. tragisch . daß sie den Anforderungen der naiven Moral völlig entsprechen. Tragisch. er ist meistens nicht „gerecht" das Märchen stellt sich also einer Welt der „Wirklichkeit" gegenüber. Der Lauf der Dinge entspricht in den seltensten Fällen den Anforderungen der naiven Moral. Man könnte nun erwarten. Wir nennen diese Welt des naiv Unmoralischen. die wir naiv als unmoralisch empfinden. andererseits gibt sie bejahend eine andere Welt. weder das Nützliche noch das Angenehme sind hier Maßstab . in der alle Anforderungen der naiven Moral erfüllt werden. Man kann sagen. was wir in der Welt als tatsächliches Geschehen zu beobachten gewohnt sind. es ist weder utilitaristisch noch hedonistisch. so können wir sagen. in der das Geschehen den Anforderungen der naiven Moral widerspricht. in der den Dingen ein allgemein gültiger Seinswert zuerkannt wird. und meinen auch . daß in dem Märchen eine Form vorliegt. Bestimmen wir nun von hier aus unsere Form. was nicht sein kann. oder: wenn nicht sein kann. also nach unserem absoluten Gefühlsurteil „gut" und „gerecht" sind. Tragisch. sondern ein Urteil. in der das Geschehen. der Lauf der Dinge so geordnet sind. Als solches steht nun das Märchen im schärfsten Gegensatz zu dem. es steht außerhalb des Religiösen.hier wieder kein ästhetisches Urteil. diese „wirkliche" Welt. was sein muß. eine Welt. ist der Widerstand zwischen einer naiv unmoralisch empfundenen Welt und unsren naiv ethischen Anf orderungen an das Geschehen. so können wir hier sagen. Binfache Formen 16 . denn es ist undogmatisch und unabhängig von einer göttlichen Führung es ist ein rein ethisches und zwar ein absolutes Urteil. sondern eine Welt. einerseits greift und begreift sie verneinend die Welt als eine Wirklichkeit. so hat man einmal kurz. aber vollkommen zutreffend gesagt. die der Ethik des Geschehens nicht entspricht. ist: wenn sein muß.

L ö w e heißt: die Trennung und Tod in sich tragen. gerade im Altertum scheinen sie mir häufig zu sein. so werden wir sehen. in der der Lauf der Dinge so geordnet ist. sich verdichtet -. der tragische Lauf der Dinge wird hier in einer Sprachgebärde zusammengezogen. die einseitig wirkende Form verdrängt hat. Kinder . Nehmen wir die Geschichte der beiden K ö n i g s k i n d e r. wie nötig es ist. liegt erstens daran. dümmer als seine Umgebung. die v i e 1 z u t i e f e s Wa s s e r. ebenso stecken sie im Keltischen.kurz es muß ein Antimärchen geben. Daß die Form als solche nicht erkannt worden ist und demzufolge auch keinen Namen besitzt. Sind wir einmal bei den Kunstformen angekommen. eine Form finden würden. Es wäre nicht schwer. die Form. weil das Wasser viel zu tief war. oder wenn wir eine contradictio in adjecto benutzen wollen. daß wir neben der Form. Mit Vorliebe werden Zustände und Ereignisse gewählt. die Welt des Tragischen. In der Tat ist dies wirklich der Fall. oder die Geschichte von Pyramus und Thisbe und dem Löwen. dieser t r a g i s c h e n M ä r c h e n zu finden. daß die zweite Form. und zweitens daran. die sich aus der Geistesbeschäftigung der naiven Moral ergibt. Wir sehen das schon aus der Zusammenstellung der Daten und Begebenheiten. und in der die zweifach gerichtete Wirksamkeit sich auch als Ganzes verwirklicht. daß sie den Anforderungen der naiven Moral völlig entsprechen. eine Anzahl dieser Antimärchen. die sich die Form. in der die naiv unmoralische Welt. daß sie in neuerer Zeit wie wir es schon aus unseren Beispielen sahen meistens mit Kunstformen zusammengekommen und uns nur in dieser Vergegenwärtigung geläufig ist. in der Die Form Märchen ist eben Geistesbeschäftigung in ihrer Doppelwirkung ergibt. so haben wir hier die deutliche Vergegenwärtigung dieser Einfachen Form vor uns. die nicht beisammen kommen konnten. in der sowohl das Tragische hingestellt wie auch aufgehoben wird. und die mit dem Tod endet. auch das tragische Märchen als Einfache Form zu unter -scheidn. ist kleiner. Sie entsprechen der Welt des Tragischen.242 MÄRCHEN zwei Formen ergeben würden. die unserm Empfinden des gerechten Geschehens widersprechen: ein Knabe erbt weniger als seine Brüder.

Willkür sie treten im Märchen nur auf. da-beschäftigun darf keine Begebenheit der Wirklichkeit gleichen. das die eigentliche Grundlage des Märchens bildet: das Wunderbare ist in dieser Form nicht wunderbar. der Tod der in gewissem Sinne einen Gipfel der naiven Unmoral bedeutet. Das W u n d e r war dort die einzig mögliche Bestätigung einer Tugend. daß die Unmoral der Wirklichkeit aufgehört hat. So entsteht das scheinbare Paradoxon. alle dummen und armen Knaben ihre Prinzessin ja. sich vergegenständlicht hatte: das Wunderbare ist hier die einzig mögliche Sicherheit. sondern selbstverständlich. der Bräutigam wird von der richtigen Braut getrennt. Schuld. werden verfolgt aber immer wird das alles im Laufe des Geschehens aufgehoben. um nach und nach endgültig aufgehoben und durch die naive Moral gelöst zu werden. schon als Kennzeichen anführten. wie das Wunder dort das Notwendige und Selbstverständliche ist. sie haben übermenschlich schwere Aufgaben zu erfüllen. die tätig geworden. wird im Märchen aufgehoben : „wenn sie nicht gestorben sind. von der wir sprachen: sobald wir in die Welt des Märchens eintreten. Wir können das Märchen hier mit der Legende vergleichen. Verkennung. das unserm Empfinden des gerechten Geschehens entspricht. sie müssen fliehen. Sünde. kommt es zu einem Ende. so wird erst im Wunderbaren das Märchen begreiflich." Aus diesem inneren Bau des Märchens erwächst nun die moralische Befriedigung. Alle armen Mädchen bekommen zum Schluß den rechten Prinzen. leben sie heute noch. In allen Einzelheiten wird diese Vernichtung durch Sie gibt zunächst die Erklärung jenes Wunderbaren. Menschen geraten in die Gewalt böser Unholde. Wo in einer Geistes Wirklichkeit das Naiv -Unmoralische heißt. Mißhandlung. die sich mit dem Märchen beschäftigten. Es ist nicht wunderbar. Wie wir im Wunder erst die Legende als solche verstehen.-geführt. das auch die Dichter. daß die ärmlich gekleidete Aschenbrödel die schönsten Kleider bekommt oder daß die sieben Geißlein wieder . vernichten wir die als unmoralisch empfundene Welt der Wirklichkeit.MÄRCHEN 243 werden von armen Eltern ausgesetzt oder von Stiefeltern mißhandelt .

die Hexe vertreten die Richtung zum Tragischen. die sie in den beiden Richtungen vertreten. hilfreiche Feen mit allem was dazu gehört. das durch die eine Sorte gehemmt werden kann. an der eine unmoralische Wirklichkeit zerschellt. So ist es auch mit jenen Wesen. durch die andere in die Richtung unseres Gefü hlsurteils gelenkt wird. Beide sind sie wunderbar. die Zeit nie und immer. weit von hier". es ist das. . was wir in der Form beanspruchen. bei-de sind sie-lichket keine eigentlich handelnden Personen. die Zeit ist „lange lange her". sind mit ihren Wundergaben wieder das sicherste Mittel der Wirk zu entfliehen. der Menschenfresser. es wäre wunderbar. sondern wir würden fragen : was tat der Prinz? und somit würden schon Zweifel an der Notwendigkeit sich einstellen.244 MÄRCHEN aus dem Bauche des Wolfes hervorgehen. sondern Vollzieher des ethischen Geschehens. was wir erwarten. das Ungeheuer. So steht denn unser Gestiefelter Kater keinem Wesen gegenüber. Die Örtlichkeit liegt „in einem fernen Lande. -verständlich Dies gilt auch von den Personen. das ihm wenig oder gar nichts zu Leide getan hat und das er nun listig umbringt. Eine zweite Eigenschaft. die im Märchen eine so wichtige Rolle spielen. das heißt in der Form sinnlos. daß es in Frankreich und England ihnen seinen Namen verdankt : mit den Feen und den mit ihnen zusammengehörigen Unholden und Ogern. wo es mit der Novelle zusammentrifft —. historische Zeit nähern sich der unmoralischen Wirklichkeit. Wenn der Prinz im Märchen den Namen eines historischen Prinzen trüge. Historische Örtlichkeit. Auch sie sind deutliche Gebilde der Geistesbeschäftigung. brechen die Macht -des selbst und notwendig Wunderbaren. Der Unhold. die man im Märchen erkannt hat. Wir würden nicht mehr fragen : und was geschah da mit dem Prinzen ?. wenn es nicht geschähe und damit das Märchen und seine Welt ihre Gültigkeit verlören. sondern das Mittel. weit. so würden wir sofort von der Ethik des Geschehens in die Ethik des Handelns übergeführt werden. erklärt sich in derselben Weise. büßt es etwas von seiner Kraft ein. oder der Ort ist nirgends und überall. auch sie müssen jene unbestimmte Sicherheit besitzen. Sobald das Märchen historische Züge bekommt und es geschieht das manchmal dort.

es sind die „Märchenmotive". daß man ein Märchen wie ein Mosaik aus Motiven herstellen könnte.MCEEx 245 durch das der gerechte Ausgleich stattfinden muß. das als Ganzes die Form bildet. Märchen ist Geschehen. in der Sage mit Ver und allem was sich aus Verwandtschaft ergeben-wandtschf kann. sich selbst wieder in nicht teilbare Einheiten teilt und das diese vom Ganzen geladenen und geschwängerten Einheiten als sprachliche Gebilde erfaßt werden. wird von der Märchenforschung mit außerordentlicher Vorliebe benutzt. daß man sie als den eigentlichen „Inhalt" des Märchens hat betrachten wollen. in Lumpen gekleidet 16 . In diesem Sinne heißt. Ungerechtigkeit dumm sein. das seiner Art nach dem gerechten Geschehen. durch die der arme Müllerbursche mehr bekommt. siegt hier über ein Wesen. daß man es sozusagen in seine Motive zerlegen und aus anderen Motiven wieder aufbauen könnte. Sie tritt so stark hervor. die sich aus der Geistesbeschäftigung ergibt. so bleibt irgendein sinnloses Skelett. Geschehen im Sinne der naiven Moral. die Schätze des bösen Zauberers gehören nicht ihm sie gehören dem. als ihm sein Schicksal vorenthalten hat. die wertlose Katze. nach denen man die Märchen einzuteilen pflegt. seinen tragischen Hemmungen. daß dieses Geschehen. in ihr ordnet sich das Geschehen in so bestimmter Weise an. Wir brauchen darüber nicht viele Worte zu verlieren. Wie nun in der Legende die sprachlichen Gebärden mit Tugend und Wunder geladen sind. Man ist sogar so weit gegangen. so sind sie es im Märchen mit dem Tragischen und Gerechten im Sinne der naiven Mor^1. seinem ethischen Schluß. Wohl aber können wir sagen. dem Glück im Wege steht . daß das Märchen nichts anderes wäre als eine ziemlich beliebige Zusammensetzung solcher Motive. seinem Fortschreiten in der Richtung der Gerechtigkeit. Endlich die sprachliche Gebärde des Märchens. das wir aus früher angegebenen Gründen vermieden haben. das uns keine moralische Befriedigung gewähren kann und das höchstens als mnemotechnisches Mittel zu einer Wiederherstellung der Form dient. Das Wort Motiv. zu behaupten. der zuerst zu wenig bekam. entfernen wir dieses Geschehen mit seinem tragischen Anfang.

Aber immer ist diese sprachliche Gebärde zugleich geladen mit dem. immer bedeutet sie. Gegenständliches zu finden. oder wenn in andern Märchen eine Nuß keinen Nußkern sondern ein wunderbares Kleid oder eine goldene Henne mit Küchlein enthält. Wenn in Perraults Cendrillon der größte Kürbis aus dem Garten kein Kürbis sondern eine Kutsche ist. daß auch hier Ähn- liches vorliegt bei Gegenständen. Ort und Personen. daß Kürbis. wenn die Mäuse aus der Mausefalle keine Mäuse sondern Pferde sind. das Märchen in derselben Weise vertreten könnte. was wir in der Welt als tatsächliches Geschehen zu beobachten gewohnt sind. Dennoch scheint es mir. sondern lieber sagen. die nach den Bedürfnissen der naiven Moral in besonderer Weise so wunderbar geladen werden. in irgendeiner Weise das Wunderbare. gerade deshalb wird es schwer. . was die unmoralische Wirklichkeit vernichtet. Gibt es auch bei dem Märchen einen Gegenstand oder Gegenständliches. wie eine Reliquie die Form Legende oder eine Rune die Form Rätsel. Mäuse oder-gebärd Nuß hier Gegenstände der Wirklichkeit bleiben.246 MÄRCHEN sein. einen Prinzen heiraten. mit der Macht des Märchens geladen. um sie nach den Gesetzen des Wunderbaren umzugestalten. eine endlose Reise unternehmen. die mit der Macht der Form geladen sind? Gerade weil das Märchen sich im Gegensatz befindet zu dem. wie Zeit. ein Un bekämpfen. daß sie die Wirklichkeit selbst nicht mehr als ihr Eigentum anerkennt. Ich muß indessen gestehen. weil die Welt des Märchens von einer Welt der Wirklichkeit radikaler getrennt ist als die Welt irgendeiner andern Form. so möchte ich das nicht ganz zur Sprach rechnen. für Gegenständliches dieser Art keinen Namen gefunden zu haben. Gerechtigkeit: einen Schatz-gehur bekommen. die das Märchen einer Wirklichkeit entnimmt. Tragik: In einer Nacht einen Haufen der verschiedensten Getreide aussuchen und sichten. das in einer als Wirklichkeit begriffenen und deshalb verneinten Welt.

das Volk. die Gruppe. da bezeichnet er durch seine Art. aus denen er jedesmal hervorgegangen ist : wir können den amerikanischen Witz von dem englischen. Witz . der mittelalterliche und der Renaissancewitz nicht zu verwechseln. daß die Wertschätzung des Witzes immer und überall die gleiche ist. das Englische j o k e. die wir zu behandeln haben.WITL Bei der letzten Form. das Französische b o n m o t. mit unsicherer Etymologie. das Italienische scherzo usw. Es gibt Zeiten. sowohl im Sein wie im Bewußtsein. Ebenso sind der antike. sowohl im Leben wie in der Litteratur. in der der Witz nicht zu finden wäre. einen Hamburger. wir besitzen in Deutschland einen Berliner. Damit soll nicht gesagt sein. in denen der Witz bis in die höchsten Kunstgattungen und Kunstformen hineinreicht. in denen er sich damit begnügen muß. einen Münchener oder auch wieder einen jüdischen Witz. unterscheidet sich der Jägerwitz von dem Verbrecherwitz. das Niederländische und Niederdeutsche haben grap . weshalb die Namen dieser Form so sehr verschieden sind und weshalb man innerhalb der Allgemeinbezeichnung noch so viele Unterbezeichnungen findet. durch seine Weise zu witzeln die Rasse. im weitesten Sinne volkstümlich zu sein. Daneben haben wir im Neuhochdeutschen . Wo immer aber der Witz volkstümlich ist. Das ist wohl auch der Grund. den englischen von dem irischen Witz unterscheiden. gilt als Bezeichnung dieser Form eigentlich nur für das Hochdeutsche. brauchen wir uns nicht zu fragen. ob und wie sie auch in der Jetztzeit noch lebendig ist es gibt keine Zeit und wohl auch keine Gegend. die Zeit. es gibt andere Zeiten. was außerdem auch noch eine andere Bedeutung hat.

während ich es scheinbar in der einen Bedeutung benutze. Gerade aber diese Lösung beabsichtigt das Spielen mit Worten. er antwortet: „ je ne f a i s pas un jeu de m a u x. anderen etwas mitzuteilen oder sich mit anderen zu verständigen. Für uns kommt es hier aber nicht auf die Unterschiedlichkeit an. Der Witz bietet uns also die beste Möglichkeit zu verstehen. Vieldeutigkeit. Z o t e . wie bei gleicher Geistesbeschäftigung eine Form sich je nach dem Volke. Wir wollen das mit einigen Beispielen erläutern. die Bindung im Verhältnis des Redenden zum Hörenden wird augenblicklich entbunden. etwas g e 1 ö s t wird. daß in der Form Witz. wohl vom französischen sotie. aber eine andere Bedeutung hat. wir haben im Englischen p u n . das den gleichen Klang. das heißt die mitteilende Absicht der Sprache wird aufgehoben. Benutze ich nun aber immer in dieser Betätigung ein Wort in einer anderen Bedeutung. ist es von vornherein klar. die Sprache wird in ihrer Verständlichkeit gelöst. wie K a 1 a u e r . wir reden von irischen b u 11 s usw. die wir Wortspiel nennen. jede Sprachform nur in ihrer verständlichen Bedeutung benutzt werden. wie wir es bei dem Rätsel in der Sondersprache gesehen haben." Indem er das Wort m o t s durch ein gleichklingendes Wort mit anderer Bedeutung ersetzt. daß der Witz irgendein Gebundenes entbindet. Man bittet einen Franzosen ein Wortspiel zu machen über eine herrschende Epidemie. daß jeder Teil der Sprache die Eigenschaft der Verständlichkeit besitzen muß. Deshalb kann bei der Sprache. oder meine ich. Fangen wir mit der Sprache an. so finden wir hier eine äußerst verbreitete Weise des Witzelns. die Abarten bezeichnen.248 WITZ Worte. sondern auf die Geistesbeschäftigung als Ganzes. So müssen wir denn zunächst sagen. sondern es entsteht: Doppelsinn. Insoweit Sprache eine Weise ist. so entsteht hier nicht. das von dem französischen calembourg stammt. wo immer wir sie finden. sofern sie das zu leisten beabsichtigt. der Zeit und dem Zeitstil anders vergegenwärtigt. also ein j e u d e m o t s. das Wortspiel. hat er die notwendige Bedingung. daß in . eigentlich eine andere. oder ersetze ich ein verständliches Wort durch ein zweites.

Wir brauchen nur. alle Bedingungen. sind ebenso zahlreich wie die Mittel. seine G egenstreitigkeit. das durch seinen Widersinn. daß man mit ernsten Sachen kein Spiel treiben soll. Jede Weise. aufgehoben es ist Doppelsinn entstanden. zweitens die Überzeugung des Warenhausbesitzers. und die witzige Lösung ist da. über die die Sprache verfügt. um etwas zu lösen. über die sie verfügt. hat in dem Witz ihre komische Antipode. dennoch durch den Gleichklang der Worte etwas anderes meinen. der daraus entsteht. von der einen Logik in die andere überzuspringen. Was nun in der Sprache an sich möglich ist. eine Gebundenheit entbunden. Aber alle Einzelteile in jenem Gefüge bezwecken immer wieder das gleiche : jedesmal wird durch sie etwas gelöst. jedesmal ergibt sich etwas. daß der Norddeutsche und der Sachse sich nicht „verstehen". Aber wiederum wird mehr und anderes gelöst : erstens der Zustand. in der Sprache einen Sachverhalt zu fassen. indem er den Bittenden darauf hinwies. die dadurch entsteht. den ganzen Begriff j e u d e mots hier gelöst. Die Mittel. Prinzipien. um etwas zu binden. die die gleiche Sprache reden. seine Undenkbarkeit die Form Witz annimmt. auf das Konkrete zurück wo ein Bild gemeint war. jede Sprachform. ein Glied durch ein anderes zu ersetzen. wo eine Abstraktion benutzt wird. . daß durch dialektische Umformungen zwei. daß er jeden Artikel vorrätig haben muß. Man sieht. auf das Buchstäbliche-zugreifn.WITZ 249 einem Zusammensprechen Frage und Antwort sich auf denselben Tatbestand beziehen müssen. Aber darüber hinaus hat er noch mehr getan : er hat. können wir auch auf die Logik anwenden. zurückzukommen. Man braucht nur die Reihenfolge zu unterbrechen. Gesetze und Normen des richtigen Denkens können spontan gelöst werden. Jeder Denkprozeß. auch ein einfacher Witz ist schon ein kompliziertes Gefüge. Wiederum Doppelsinn. Ein Norddeutscher tritt an einem kalten Wintertag in ein sächsisches Warenhaus und bittet den Chef um Ohr w ä r m e r nach kurzem Nachdenken antwortet der Chef: „Abteilung Vogelfutter ".

aber es ist ebenso sicher. was nicht ganz stimmt. Es ist nun eine Freude. Ein vorüberfliegender Spatz macht ihm etwas auf die Glatze. daß sie gewisse Lücken zeigt. scheint mir nicht zweifelhaft. unscheinbaren Früchte trägt. die sein an Delirium tremens leidender Bruder in Berlin zu sehen glaubt. die sie gewähren könnte. Dieser befiehlt dem Mann. fällt ihm eine Eichel auf den Kopf und nun geht ihm ein Licht auf und er freut sich zum mindesten darüber. das Geld auf den Tisch zu legen. das Ethische der Erzählung oder die moralische Befriedigung. Eine Parallele zu dieser Logik finden wir in der Erzählung des Reisenden. Der Geistliche faltet die Hände und spricht: „Herr ich danke Dir. wie der Witz wiederum von diesen Lücken ausgehend sich dieser Geschichte bemächtigt und wie er das. weshalb die Eiche solche kleinen. zu sehen. darüber grübelt. um die Schlangen zu vertilgen.250 WITZ Ein Grieche träumt. daß Du die Kühe nicht mit Flügeln begabt hast. indem er unter einer Eiche sitzt." In der Ethik ist es wieder das gleiche. Aber während er nachdenkt und zweifelt. Die Natur und die Schöpfung scheinen ihm nicht zielbewußt. und der auf den Einwurf. während die schönen großen Kürbisse in seinem Garten an dürftigen Kriechpflanzen wachsen. der. Die Hetäre hört das Gerede und verlangt Bezahlung. „aber das ist doch kein echter Ichneumon" antwortet: „ganz richtig! aber die Schlangen sind auch nicht echt. dazu benutzt. Nehmen wir die allbekannte moralistische Erzählung des Mannes. Daß die Geschichte eine ernste Tendenz hat." Hier ist alles gelöst. zu zerstören und zu lösen. Der Fall kommt vor den Richter. Der Zweifel im Gemüt des Laien ist ersetzt durch die Sicherheit . daß hier i r g e n d etwas nicht ganz stimmt. daß er bei einer berühmten Hetäre gewesen ist. und erzählt dies auf der Agora. Als Witz wird sie nämlich so vorgetragen: Ein Pfarrer spaziert an einem Sommerabend unbedeckten Hauptes durch die Gegend und ergeht sich in frommen Gedanken über die Wunder der Schöpfung. daß Kürbisse nicht auf Eichbäumen wachsen. er läßt einen Spiegel bringen und gestattet der Hetäre das Spiegelbild des Geldes als Zahlung für den geträumten Genuß zu nehmen. der aus Ägypten einen ausgestopften Ichneumon mitbringt.

Wenn wir den Spruch: „Lerne zu leiden ohne zu klagen" umsetzen in : „Lerne zu klagen ohne zu leiden". Wenn wir ein Rätsel aufgeben wie : „Unter einem Pflaumenbaum liegt etwas Blaues mit einem Kern darin. erscheinen zwei unvergleichbare Tiere: Spatz und Kuh.WITZ 251 in der Seele des Pfarrers. wie nicht nur Sprache. Logik. die Form Mythe lockerte. so entbinden wir damit die Form Rätsel. sind zahllos. denn noch einmal diese Mittel sind ebenso zahlreich wie die Mittel. daß ein Rätsel geraten werden kann was hier nicht der Fall ist. die sich in dem Spruch verdichtete. sich im Witze löst. daß sie sich im Witze lösen können. wir würden finden. ihre bindenden Ziele zu erreichen. die guten Sitten und der Anstand vorschreiben. Statt zweier vergleichbarer Früchte: Eichel und Kürbis. daß sich dort. wo man mit einer Scheinfrage an die Welt und ihre Erscheinungen herantrat. aber dem kennt. „der einen Pflaumenkern verschluckt hat". Ethik und Derartiges entbunden werden können. sich löste und zum Witz werden konnte. Schließlich ist auch die Unanständigkeit zur Hilfe gerufen. Ethik. So könnten wir die Einfachen Formen der Reihe nach durchgehen. Gehen wir noch weiter. was uns die praktische Moral. auf jedem Gebiete. ebenso bedeutet das Unanständige im Witze die Lösung dessen. Wir treffen den Witz mit seinen Übertreibungen nach oben und unten. Strohhalm und Feuerkohle haben wir gesehen. mit seinen Umsetzungen. die darauf beruht. Logik. daß es ein blauer Husar ist. so bemerken wir. und wir antworten demjenigen. mit seiner Fähigkeit. Rate. so entbinden wir die Erfahrung. die Dinge auf den Kopf zu stellen. sondern wi-e auch alles. deren sich Sprache. der „eine Pflaume" rät. was wir im Laufe dieser Abhandlungen Einfache Form genannt haben. Die Mittel. Einfache Form bedienen.drHusalöng ausgerechnet „eine Pflaume" ist. . was ist das ?". Denn wie im Witze das Absurde die Lösung des philosophisch Logischen bedeutet. Bei der Geschichte von Bohne. Jede angestrebte Bindung kann unter gewissen Voraussetzungen an einem bestimmten Punkte entbunden werden und die Form Witz annehmen. daß es in diesem Falle-jenig. deren er sich bedient.

Es erhebt sich nun die Frage. zum Charakteristischen oder zum Schönen ist. so scheint es zunächst etwas Negatives zu sein. mit dem Begriff des Komischen beschäftigt. Ethik. Logik. daß es irgend etwas. entbunden werden zu können. Wenn wir nun aber das Komische für das. Ebenso wie mit dem Begriff des Tragischen hat sich eine philosophische Ästhetik. aus der sich der Witz ergibt. die in erster Linie von den Kunstformen ausging. einsetzen. sie ist dabei zu gewissen Resultaten. kümmert uns hier nicht.11. wir wollen es auch an dieser Stelle tun. wir haben uns überall von der Ästhetik ferngehalten. was wir bis jetzt gesehen haben. eine Geistesbeschäftigung. um in seinem Dasein von dem Witz ergriffen. Einfache Form gab. Wir verstehen unter dem Komischen in derselben Weise. zum Erhabenen. aus der sich eine Einfache Form ergibt. ob und inwieweit dieses Entbindende selbst in der Lage ist. mit einem griechischen Wort das K o m i s c h e oder die K o m i k zu nennen. Ich möchte das auch hier tun. Unsere Aufgabe ist und bleibt demgegenüber eine morphologische. wie wir es beim Märchen mit dem Tragischen gemeint haben. Es war nicht so wie im Märchen. Wir pflegen die Geistesbeschäftigung. mußte existieren. was entbunden wird. und wir haben überall gefunden. sondern etwas anderes mußte da sein. oder ob und inwieweit das. trotz der Ent- . muß aber dabei eine Einschränkung machen. Wir haben überall von Entbindung gesprochen. Sprache. wo eine unmoralisch empfundene Welt umgeschaffen und danach in ihrer Tragik vernichtet wurde. zu gewissen Bestimmungen gekommen. das entbunden wurde. eine neue Form zu schaffen. was im Sinne der Ästhetik oder in der Kunstform das Verhältnis des Komischen zum ästhetisch Tragischen. sie hat sogar das Komische für einen „außerästhetischen Wert" erklärt.

in sich abgeschlossene Welt. indem wir an das erinnern. daß dieser Darm in seiner Veränderung weder mit dem Begriff noch mit dem Gegenstand Darm mehr in Ver zu bringen ist. in derselben Weise wie die anderen Einfachen Formen. den wir präparieren und den wir darnach auf einen Bogen spannen. wie einen bayrischen 'Maßkrug. daß ein Darm. Wir können es ein Gefäß mit negativem Vorzeichen nennen. oder ist durch das Komische etwas Neues geschaffen? Um dies entscheiden zu können. nichtsdestoweniger als Form nicht aufgehört hat. In bezug auf das Komische können wir nun unsere Frage vorläufig so stellen: Ist das. genügt. oder bringt es nur die entbindende Umkehrung einer anderen Welt? Wir können. ein bodenloses Gefäß oder ist es eine Saite? Oder auch: Ist das. ein Gefäß zu sein. was nach der Lösung zum Witz wurde. Es ist klar. um durch ihn Pfeile abzuschießen. die morphologische Bedeutung dieser Frage mit einigen Beispielen beleuchten. sagen wir einem Feinde den Schädel zu zerschmettern. aber daß es Gefäß geblieben war. das weder dem Begriff Gefäß entspricht. müssen wir einen Augenblick über die A b s i c h t des Komischen und des Witzes reden. zu diesem besonderen Zwecke in diesen besonderen Zustand versetzt hätte. daß ein Gefäß ohne Boden. um. sondern daß er eine S e h n e oder eine-bindug S a i t e wurde und daß Sehne und Saite unmöglich als Darm mit negativem Vorzeichen aufgefaßt werden können. Man kann auch so fragen: bildet wirklich das Komische. Dem steht gegenüber. und selbst wenn man dieses Gefäß.WITZ 253 bindung sich gleich bleibt. es selbst mit negativem Vorzeichen. was komisch wird. um ihm Töne zu entlocken. noch als Gegenstand den Ansprüchen. . die wir an ein Gefäß stellen. Selbst wenn es sich herausstellte. oder auf einen Resonanzboden. daß sich dieses bodenlose Gefäß gebrauchen ließe. den wir einem Schaf oder einer Katze entnehmen. eine eigene. daß in diesem Falle das Gefäß zwar als Waffe diente. was wir in unserer Einleitung über Erzeugen und Schaffen gesagt haben. ein Gefäß also. so würde man trotz alledem immer noch sagen müssen.

oder das Unzulängliche aus sich selbst zu lösen. um das Tadelnswerte oder um überhaupt ein Gefüge komisch lösen zu können und ihm die Form Witz zu geben. was nicht ganz stimmte. was wir bedauern. oder.254 WITZ Da wir im Witz ein Mittel besitzen. Die notwendige Voraussetzung. ist also. wo immer uns etwas begegnet. insofern er beabsichtigt. was den Anfang oder den Kern einer Lösung schon in sich trug. Wir haben bei der moralistischen Geschichte des Unzufriedenen und auch bei dem Wortspiele schon gesehen. aber daß sie unter Umständen sehr gut zusammenfallen können. etwas zu lösen. und wir können dafür das Wort u n z u l ä n g l i c h gebrauchen. liegt es auf der Hand. das Tadelnswerte aus einer Unzulänglichkeit. so daß letzten Endes zu einer komischen Lösung das Unzulängliche genügt. Nicht alles Tadelnswerte jedoch läßt sich durch Komik umgestalten oder entbinden. ja was schon auf dem Wege war. verurteilen. Was sich nun in einem Witze. was wir t a d e 1 n. . Wir müssen noch hinzufügen. ergibt. daß die Begriffe tadelnswert und unzulänglich zwar nicht zusammenzufallen brauchen. daß dieses Gefüge unzulänglich ist. verabscheuen. um ein allgemeines Wort zu benutzen. daß es in dem zu Lösenden etwas geben mußte. sich selbst zu lösen. nennen wir Spott. daß wir dieses Mittel anzuwenden bestrebt sind.

was wir tadeln oder verabscheuen und was uns fern steht. sie empfindet Teilnahme. Wir spüren in der Ironie etwas von der Vertrautheit und der Vertraulichkeit eines höher Stehenden mit dem. was wir tadeln. was wir in anderen verspotten. aber sie stellt sich ihm nicht gegenüber. der unter ihm steht. das. macht. . in uns selbst wieder zu finden. der es löst. bittere Ironie ist bitter. selbst kennt. aber er hat es in seiner Unzulänglichkeit erkannt und er zeigt diese Unzulänglichkeit dem. das durch Spott gelöst wird. und dem Spötter. größer oder geringer ist. dazu führen. Deshalb bekommt Gemeinsamkeit hier eine tiefere Bedeutung. deshalb lösen wir es ohne Mitempfinden. ohne Mitleid. wir stehen ihm schroff gegenüber. unterscheiden wir wieder zwei Formen. die wir Satire und Ironie nennen. gemeinsam. Satire vernichtet Ironie erzieht. der sie nicht zu kennen scheint. S a t i r e ist Spott mit dem. was verspottet-stand. was man verspottet. Je nachdem die Entfernung zwischen dem Tadelnswerten. daß man das. Der Spötter hat mit dem Gegen Spottes die Empfindung für das. Deshalb ist Gemeinsamkeit ein für Ironie kennzeichnendes Wort. er kennt es aus sich selber. Aber däs Bewußtsein. Und da kann nun andererseits wieder die Verwandtschaft zwischen dem Spötter und dem. Wir wollen mit dem Getadelten nichts gemeinsam haben. weil es bitter ist. daß es einen Teil von uns bildet. Dagegen spottet I r o n i e zwar über das. daß wir in der Ironie mit dem Komischen alle Schattierungen von Melancholie bis zu Schmerz verbinden können. Bittere Satire ist auf ihren Gegenstand erbittert. Und gerade in dieser Gemeinsamkeit liegt der große pädagogische Wert der Ironie. sie ist beteiligt.ei wird.III. was er verspottet.

In dem zweiten Teil. auf dem der Kunstformen. seinem Gegenstand spottend gegenüberzustehen. Unser Leben und unser Denken verlaufen unentwegt in Spannung. wie tief er mit seinem Spott sich selber traf. in denen die beiden Formen fortwährend neben gestellt werden. Will man ein Beispiel jener anziehenden und schwer zu folgenden Pfade. was wir mit dem Unzulänglichen gemeinsam haben. was nicht in unserer Absicht lag. Wir brauchen hier kaum an Cervantes und seinen Do n Q u i j o t e zu erinnern. Die Ausdrücke Satire und Ironie werden in der Umgangssprache oft verwechselt. als Satire angefangen. die. wie sehr er mit dem Verspotteten verwandt war. Es gibt andere Kunstwerke. so lese man den ersten Teil von dem L o b d e r N a r r h e i t des Erasmus. So gehören die Spiralen und Querwege der Ironie zu dem Höchsten. in denen die satirische und die-einadr ironische Lösung sich zu haschen scheinen. wie die Absicht des Komischen oder des Witzes eine tiefere sein kann als die Lösung dessen. Wir erkennen hier.256 WITZ daßdiese belden immer mehr zusammenwachsen. und hier denken wir an Ariosto. Kein Wunder es gibt große Kunstwerke. die bei ihrem Spott ausgeht von dem. Wir haben aber mit diesen Künstlern das Gebiet der Ein Formen schon verlassen und befinden-fachenlitrs uns. Jedesmal wenn diese Spannung und diese Anspannung . Die Tatsache. an Rabelais und an so manchen der großen deutschen Romantiker. Wir haben aber zugleich gesehen. uns auf einen neuen Weg führt. was die Form des Komischen zu geben imstande ist. Spannung innerhalb und Spannung außerhalb von uns. als Ironie endeten. und hoffte. Kunstwerke. kann die Ursache werden. daß sie sich selbst liebkost oder sich selbst befestigt. daß die Ironie. der viel weniger tief ist. wo der Dichter zuerst glaubte. haben wir ein gutes Beispiel der Satire. was wir tadeln oder verabscheuen. und daß die Form nicht eitel Spott zu bedeuten braucht. daß Ironie sich selbst trifft und sich selbst löst. ihn ohne Mitleid lösen zu können. wo er aber nach und nach zu der Einsicht kam.

Insoweit das Komische die Absicht hat. aufgefaßt werden. wenn sich das Komische nicht auf einen besonderen Fall. zeitweise von sich selber zu befreien. sondern bedeutet eine Freiheit in positivem — J o 11 e s . reden von einer relaxatio animi. wie wir schon sagten. was uns zu Anfang dem Komischen anzuhaften schien. Wir befinden uns in einer etymologischen Gruppe. dadurch Widerstandsfähigkeit bekommt. Die Bedeutung dieser Gruppe kann abgeleitet werden aus einer Schnur. nicht mehr S p o t t nennen. im Gegenteil. sondern auf einen allgemeinen Zustand bezieht. Das deutsche Adjektiv s t r e n g ist verwandt mit dem Substantiv S t r a n g . An sich ist das Strenge nicht tadelnswert und keineswegs unzulänglich. Wir nehmen hier streng in der tieferen Bedeutung. von einer Lockerung des Geistes. versuchen wir sie zu verringern. Eines der Mittel manchmal das einzige. sondern müssen von S c h e r z reden. eine notwendige Bedingung für unser Leben und Denken. die er annimmt. um von Spannung zu Entspannung zu geraten. mit dem Witz und der Facetie beschäftigen. die gedreht wird. unser Geist besitzt in dem Witz ein Mittel. Schriftsteller der Renaissance. sich. in voller Strenge durchführen zu können. Denn die Befreiung des Geistes. wo es nottut. selbst um das Strenge. sondern dem Strengen. das Verbum (sich) a n s t r e n g e n schließt sich hierbei an. Insoweit nun das Komische und der Witz den Zweck haben. In der Tat. Einfache Formen 17 . Spannung in Leben und Denken zu lösen und den Geist zu befreien. es ist. die durch die Lockerung oder das Aufheben einer Spannung erfolgt. aber immer straffer gespannt wird. können wir die Form. zu der neben vielem anderen auch das lateinische s t r i n g o und das griechische a ayy«í^r^ gehören. die Möglichkeit besitzen. Und doch müssen wir. sie zu lockern. Scherz geht über Spott. ist auch wieder der Witz. steht es nicht dem Tadelnswerten oder dem Unzulänglichen gegenüber. eine Spannung zu lockern. ist keineswegs die Negation eines Gebundenoder Gespanntseins. Scherz kann im Gegensatz zu Spott. es aufzuheben oder uns von ihm zu befreien. aufhört. oft das beste . da in ihm das Negative. die sich mit dem Begriff des Komischen.WITZ 257 Überspannung zu werden droht. wo er es wünscht.

so müssen wir unmittelbar daran anschließen. in einem Einzelfalle etwas Tadelnswertes zu lösen. sooft uns das Komische aus den strengsten Spannungen der Ermüdung oder des Dilemma befreit hat. Auch wenn ein Witz bezweckt. so können wir nun auf unsere Frage zurückkommen: Besitzt das Komische eine eigene Welt? Was macht der Witz mit dem. Aber der Witz. Ausnahmslos werden in einem und demselben Witz die Entbindung eines unzulänglichen Gefüges und die Lösung einer Spannung vollzogen. Und demgegenüber : Selbst wenn wir mit unserer Komik an erster Stelle eine Spannung zu lösen beabsichtigen. sie befreien doch andererseits beide den Geist von einer inneren Spannung. Wenn wir nun aber die beiden Absichten des Komischen als Spott und als Scherz getrennt haben. in der zweiten uns selbst kränken und verletzen. Freilich können wir sagen. in dem eine der beiden Absichten des Komischen fehlt. Selbst die beißendste Satire und die bitterste Ironie erfüllen noch ihre zwiefache Aufgabe : So sehr wir in der ersten unseren Feind. so geht doch auch unser unschuldigster Witz immer wieder von einem Gegenstand. empfinden wir. in der sie zu gleicher Zeit getrennt und vereint einbegriffen sind. was er löst? Oder wie ist das Verhältnis der alten Form zur neuen? . daß sich in irgendeinem Witz der Schwerpunkt nach der einen oder nach der anderen Seite herüberneigt. daß er uns von einer allgemeinen Spannung befreit. verliert notwendig seine Form: er entbehrt der Pointe oder er wird Beleidigung. hat das zur Folge. Behalten wir dies im Auge. von einem Sonderfall aus.258 WITZ Sinne. in dem eine Unzulänglichkeit gelöst wird. daß die litterarische Form Witz eine Zweieinheit bedeutet. Wie sehr Befreiung Freiheit meint.

sie wiederholen es in einer Weise. dem Strolch. sondern etwas in sich Positives ist. was den Kern der Lösung in sich trug. der Logik. als ob der Witz lediglich das Getadelte mit einem umgekehrten Zeichen wiedergäbe. in-dem er durch die Lösung einer Spannung den Geist befreit. durch die es als Ganzes gelöst wird. Gehen wir vom Begriff Spott aus. der Ethik oder sonstwo einen Einzelfall löst. daß der Witz noch mehr und anderes leistet. Insoweit also der Witz in der Sprache. dem-bringe. Wiederholungen fanden wir in dem Witz des Franzosen. . ebenso ist der Witz nicht nur eine Form. Es gibt Formen des Spottes ich erinnere an die Parodie . sondern er ist immer auch zu gleicher Zeit durch seine doppelte Funktion eine Form. die eine andere Form mit negativem Vorzeichen wiederholt. und dabei vom Unzulänglichen ausgeht das heißt also. der sich mit dem Jäger. so kann es scheinen. was sie verspotten. spontan scharf umrissene. Köchin. ausgehend von Fehlern und Schwächen bestimmterKreise oder eines bestimmtenMenschenschlages. ist es möglich. indem sie das. ihn als Wiederholung mit umgekehrtem Zeichen aufzufassen. autonome Figuren und Gestalten hervor ich meine den Witz. die selbständig schafft. dem Duodezder Gigerl. bei dem frommen Pfarrer.IV. So wie nun die Freiheit des Geistes nicht die Negation einer Gebundenheit. Wir sahen aber auch. würden wir noch oft Ähnliches finden. daß er außer einer besonderen auch noch eine allgemeine Absicht hat. bei dem griechischen Richter. dem Leutnant. die eine gewisse Ähnlichkeit mit einer Nachahmung haben. insoweit er S p o t t bleibt. Wir können diesen Vorgang besonders gut beobachten bei jenen Witzen. die. komisch betonen. und wenn wir weiter suchen wollten. aber sie wiederholen es. Sie wiederholen das.

Der Vergleich mit dem bodenlosen Gefäß stimmte nicht. wird durch den Scherz : Münchhausen . seinerseits bindend und schafft sich eine eigene positive Welt. Nur in der Zweieinheit von Spott und Scherz ist diese Welt des Witzes als Ganzes zu verstehen. also vom Negativen.260 WITZ fürsten. dem Backfisch und ähnlichem beschäftigte oder beschäftigt und der in Witzblättern der Neuzeit ebenso beliebt ist wie in Schwänken der Vergangenheit. an sich zu reißen und sie in erneuter Weise auf sich zu beziehen. Offenbar ist hier das Komische zunächst Spott. was uns bei den Neu--lich reichen ärgert. So wie gewisse Stoffe von ihrer gegebenen Zusammensetzung aus eine chemische Verwandlung erfahren und durch einen äußerst . Im Kleinen tut aber jeder Witz das Gleiche: Ausgehend von der Entbindung des Tadelnswerten. das jedem dieser Charaktere anhaftet. Aber zu gleicher Zeit ist das Komische hier Scherz. daß sie imstande sind. die er unserm Geiste bei dem Lösen einer Spannung gewährt. die früher die gleiche Absicht. scherzhaften Persönlichkeiten ist so groß. ja zu binden ! Was in dem Jäger verspottet wurde. wie Serenissimus. Wollen wir sie noch einmal umschreiben. dem Geizhals. und in dieser Eigenschaft gelingt es ihm. in der die Dinge in ihrer Lösung oder in ihrer Entbindung bündig werden. die gleiche Richtung zeigten. schließ tröstet uns Frau Raffke über das. zu lösen oder zu entbinden. alle Einzelwitze. die Unzulänglichkeiten des Duodezfürsten werden in der Entspannung des Geistes zu einer so scharf umrissenen Figur. dem Homo novus. ihrerseits allen Spott der Vergangenheit. dieselben Charaktere zu Grundformen von sehr positiver Persönlichkeit umzuwandeln. bis wieder eine neue Zeit sie löst und ersetzt. dem Trunkenbold. wird er durch die Freiheit. Sie werden magnetische Zentren so lange. Die Kraft jener neugeschaffenen. War der Vergleich des Darmes mit Saite oder Sehne besser? Vielleicht können wir noch einen dritten hinzufügen. dem Schulmeister. völlig autonomen. so müssen wir sagen: die Welt des Komischen ist eine Welt. Ausgehend von Unzulänglichkeiten versucht es das mehr oder weniger Tadelnswerte.

unsere Form vertreten. Gewöhnlich heißt Karikatur ein Bildnis. während er unter der Fuchtel seines Dresseurs im Frack aus einem Glase trinkt. eine Form zustande kommt mit einer eigenen Art und einer neuen Funktion. aus Honig oder aus Reis und Kartoffeln durch Gärung etwas hervorgeht. Aber tut nicht ein wirklicher Affe. kurz. löst er sie. mit unserer Geistesbeschäftigung geladen. Hier aber greift ein Gegenstand einen Charakter. genau das Gleiche? Und kann nicht ein ritterliches Ahnenbild an den Wänden des Zimmers eines Emporkömmlings. Wenn Hauff in eine menschliche Gesellschaft einen mit menschlicher Gesellschaftskleidung angetanen Affen einführt. Es gibt Gegenstände.wrrz 261 komplizierten Gärungsprozeß eine Form annehmen. die im Sinne unserer Geistes eine Lösung vollziehen. das überladen (caricato) einen Angriff (carica) auf einen Charakter unternimmt. in dem sich an einer bestimmten Stelle und nur da eine Lösung vollzieht. von einer menschlichen Menge bestaunt und begafft. kurz. sich menschlich gebärdet. durch die ihre Wirkung eine völlig andere wird. die also noch einmal als-beschäftigun Gegenstand. radelt oder raucht. so wie aus Traubensaft und aus Milch. von einem Teller ißt. eine Beschaffenheit. das durch Hervorhebung und Übertreibung gewisser Züge eine körperliche und geistige Beschaffenheit in und durch sich selbst zu lösen versucht. so scheint es. das erregt und berauscht. eine Situation in derselben Weise an. in dem alles aus allen Zeiten und Stilen zusammengerafft ist. mit unserer Geistesbeschäftigung geladen. . als ob aus geistigen Stoffen durch die Gärung des Komischen etwas Neues geschaffen wird. K a r i k a t u r nennen. so löst er damit litterarisch nach einer bestimmten Richtung die „Gesellschaft" in ihrer „Menschlichkeit". die ganze Haltung des Neureichen und des Neureichtums lösend veranschaulichen? Ich möchte einen solchen Gegenstand. karikiert er sie.

die es scheint uns wichtig. wie wir sie als Reine Einfache Form und als Vergegenwärtigte Einfache Form erkennen können. daß sie sich in einem „andern Aggregatzustand" befinden als die eigentliche Litteratur. sowohl auf der Ebene des Seins wie auf der Ebene des Bewußtseins wahrgenommen werden. wie sie sich jedesmal aus einer bestimmten G e i s t e s b e s c h a f t i g u n g ableiten lassen. schematischer vermitteln können. und wie sich dann endlich eine Bezogene Form herausbildet: wie schließlich jedesmal die Einfache Form ihre Macht auf einen Gegenstand übertragen. der S c h r i f t. der Gegenstand mit der Macht der Form geladen werden kann. zu widerstreben scheinen. ihren inneren Zusammenhang. Wir hätten das alles vielleicht systematischer darstellen. von vornherein schärfer hervorheben. und daß sie von den Disziplinen. das Gemeinsame aller Einfachen Formen. jene Formen. wie sich alle diese Formen sowohl im Leben wie in der Sprache vollziehen. jede in ihrer eigenen Welt zu belassen und auf das bindend Allgemeine . von denen wir zu Anfang sagten. die den Aufbau von den sprachlichen Einheiten und Gliederungen bis zur endgültigen künstlerischen Komposition beschreiben. darauf noch einmal hinzuweisen so sehr in der Sprache verankert sind. daß sie auch dem ewigen Gewissen der Sprache. Wir haben gesehen.AUSBLICK So liegen sie nun vor uns. nicht erfaßt werden jene Formen. sie jedesmal sozusagen aus sich selbst zu entwickeln. Wir haben es jedoch vorgezogen.

weil wir gegen einen lässigen Sprachgebrauch zu kämpfen hatten. Wenn wir dennoch diesen Weg wählten. Es ist die Gefahr einer zergliedernden Arbeit. Wir haben uns bei der Bestimmung der Formen in einem verhältnismäßig kleinen Kreise bewegt. und gegen eine Denkart. Ich hätte das noch viel öfter tun können wohl auch tun sollen. und wenn man einen Teil überschaut.AUSBLICK 263 immer nur dort hinzuweisen. in der Begriffe zu verblassen und zu verschwimmen begonnen hatten. Trennen und Umreißen schien hier die erste Aufgabe. hat die eigentliche Arbeit erst einzusetzen. kommt der Stoßseufzer: wir stehen noch in den Anfängen. Nicht selten habe ich im Laufe dieser Abhandlungen darauf hingewiesen. es ist das Verhängnis aller zerlegenden Arbeit. Dazu ist aber vieles nötig. immer wieder zeigen sich Lücken. der wir haben dies aus den Wörterbüchern gesehen Worte mit verschiedener Bedeutung nicht mehr streng zu unterscheiden vermochte. wo es sich aus dem Gang der Einzeluntersuchung selbstredend ergab. Ein Vergleich der Einfachen Formen untereinander im tieferen Sinne müßte also unsere nächste Aufgabe bilden. von Germanen und Romanen. daß sie uns veranlaßt. seltener auch von Naturvölkern geredet. daß. dennoch unaufhörlich in dieser Zeitspanne vorhanden und allgegenwärtig war: Andererseits haben wir von den Völkern des klassischen Altertums. wie das. was sich in einem Abschnitt dieser Zeitspanne womöglich in schärfster Ausprägung zeigte. wenn auch nicht immer im gleichen Maße wirksam. nachzuweisen. was fehlt. die Glieder in ihrem Verhältnis zur Gesamtheit falsch zu bewerten. Bei Untersuchungen wie den unsrigen spürt man auf Schritt und Tritt. von der Völkerwanderung. von Semiten und Indern. so geschah das. Es war unser Bestreben. aus der sich eine Form ergab. dem Mittelalter und der Neuzeit. wo wir aufhören. für die ganze Zeitspanne wenn auch óft weniger ausgeprägt Gültigkeit besaß: wie die Geistesbeschäftigung. Wir sprachen von der Antike. Aufbau nach einem wohlerwogenen Schema cura posterior. wenn sie vollzogen ist. Auch so versuchten . wie an bestimmten Punkten Einzeluntersuchungen und Erweiterungen einsetzen sollten. dort. das „Bild der schönen Welt" zerbrochen vor uns liegt.

Daß uns bei dieser Erweiterung Schwierigkeiten bevorstehen darüber sind wir nicht im Zweifel. Der Weg. dem Forscher völlig vertrauten Kreise begann. In der Ver uns zunächst die Form vor. die Einfache Form M ä r c h e n in den Vergegenwärtigungen zu erkennen. daß sich aus ihnen die gleiche Form ergab. die bei dieser Geschichte beteiligt sind. hatte uns Jacob Grimm bewiesen : als eine ganze Zeit nicht mehr imstande war. hob er mit sicherm Griff die Eigenart der Einfachen Form. und daß nur die Vergegenwärtigung jeweilig einen anderen Charakter annehmen konnte. die Ausdehnung der Völker. was wir im eigenen Kreise fanden.264 AUSBLICK wir zu zeigen. ging über die Vergegenwärtigte Form. daß überall die gleichen Geistesbeschäftigungen herrschten. in ihr wiederum erfaßten wir die Geistesbeschäftigung. Daß dieser Weg möglich war. in diesen im Charakter von den unsrigen . Aber die Spanne der Weltgeschichte ist zeitlich. immer möglich sein. den Chinesen. wird es nötig sein. die sich von der Grundform entfernt. das „Sichvonselbstmachen". Sie liegen in der eben erwähnten Charakterverschiedenheit der Vergegenwärtigungen. daß auch die „Entdeckung des Märchens" in einem kleinen. hervor. zu unterscheiden. räumlich sehr viel größer als das. Wir haben versucht. Ehe wir von einer Unaufhörlichkeit und Allgegenwärtigkeit im eigentlichen Sinne reden. ehe wir eine Geistesbeschäftigung in ihrer Allgemeingültigkeit und damit Sinn und Wesen der Form auch aus den meist verschiedenen Vergegenwärtigungen begreifen können. die einzelnen Formen zu erkennen. wenn wir in weit zurückliegenden Zeiten oder bei ferner liegenden Völkern sagen wir bei den Ägyptern. von ihr aus-genwärtiula drangen wir zu der Einfachen Form als solcher durch. den nordamerikanischen Indianern Vergegenwärtigungen jeder Art sammeln und zu beobachten versuchen. mit Kunstformen verbunden hatten. Wird es nun. seinem Beispiel zu folgen aber wir dürfen nicht vergessen. unseren Kreis zeitlich und räumlich beträchtlich zu erweitern. bestätigt. was wir in unseren Kreis einzubeziehen in der Lage waren. ob sich dort.

Wir besitzen. die wir die E i n ze 1 gebärden der Sprache. daß wir die Geistesbeschäftigung. der Kürze wegen Sprachgebärden. wollen wir uns nicht mit Äußerlichkeiten begnügen. Sollte nun eine chinesische oder nordamerikanische Vergegenwärtigung der Einfachen Form Legende im Charakter ebensoweit von unsern sämtlichen Vergegenwärtigungen abweichen. in der Neuzeit in einem Sportbericht vergegenwärtigt fanden. hier nur e i n Mittel. sondern zu gültigen Ergebnissen kommen. zusammengerissen. . daß sie sich durch diese Einzelgebärden in der Sprache verwirklichen es sind andererseits diese Einzelgebärden. mit der Geistesbeschäftigung geladene Einheiten. ihre Selbigkeit fest -zusteln. im Mittelalter in einer Heiligenvita.AUSBLICK 265 so verschiedenen Vergegenwärtigungen die Einfachen Formen als solche wiederzuerkennen? Wir wollen beispielsweise daran erinnern. die Einfachen Formen voneinander zu trennen. sie liegen in der Sprache vor uns als nicht weiter teilbare. wie ein Sportbericht von einer Heiligenvita. von der Geistesbeschäftigung geschwängerte. die es uns als mit der Macht einer Geistesbeschäftigung geladene und dadurch morphologisch erkennbare sprachliche Einheiten ermöglichen. zusammengepreßt und als Gestalt umgriffen . Wiederholen wir noch einmal: unter der Herrschaft einer bestimmten Geistesbeschäftigung verdichten sich aus der Mannigfaltigkeit des Seins und des Geschehens gleichartige Erscheinungen. so wird es gewiß nicht leicht sein. die zur Einfachen Form L e g e n d e führt. genannt haben. sie zu unterscheiden. sie werden von der Sprache zusammengewirbelt. in der Antike in einem Teil der Epinikien. Neben dem Vergleich aller Einfachen Formen als solcher kommt also als weitere Aufgabe: die Untersuchung von der Tätigkeit. Es ist allen Einfachen Formen gemeinsam. dem Dienst und dem Bau der Sprachgebärden in jeder einzelnen Einfachen Form und wiederum der Vergleich der Sprachgebärden der verschiedenen Einfachen Formen unter Wenn wir die Sprachgebärden in den Sprachen-einadr.

daß das Gebilde als Ganzes fast den Eindruck machte. Wir haben bei dem Kasus sogar darauf hingewiesen. so in der S a g e und im Märchen. Gewiß den ge--gebärd. die wir in den verschiedenen Vergegenwärtigungen der gleichen Einfachen Form wahrnahmen. den Teil. noch in der Weise von ihr erfüllt sind. Ich habe in diesen Abhandlungen diesen Weg nur dann und wann andeuten können. Auf der größeren Beweglichkeit jener Teile beruhen wesentlich die Charakterunterschiede. Dagegen umfaßte im S p r u c h die Sprach als solche die ganze Form. staltenden Teil. in dem die Geistesbeschäftigung dem Sinn und dem Wesen nach vertreten ist. vergleichbarer Weise die Sprachgebärde sich betätigt. nur einen Teil der Form. ob und inwieweit in jenen anderen Sprachen. Eine folgerichtige Untersuchung der Sprachgebärden würde aber wiederum das Verhältnis der Einfachen Formen untereinander neu beleuchten. in ihnen den Spruch festzustellen.266 AUSBLICK unseres Kreises festgelegt haben und den inneren und äußeren Sprachbau weiterer Kreise erlernt. daß es auch bei verhältnismäßig geringen Kenntnissen von dem inneren und äußeren Bau des Chinesischen oder der Algonkinsprachen. wie mit Hilfe der „auswechselbaren" vermitteln Teile die Einfache Form in eine Kunstform übergeführt-den werden kann. daß hier kein Wort geändert werden konnte. den Teil. die die Gestalt größerer fortlaufender Erzählungen annahmen. eine chinesische oder eine nordamerikanische Legende als solche zu erkennen. ein „persön- . Wir können das leicht erklären. In unserer Legende bildet die Sprach grob gesagt. sie band sie so fest zu--gebärd sammen. die vermittelnd oder verbindend die Geistesbeschäftigung weder in dem Maße erfüllen. müssen wir beobachten. ihrem Sinne nach. Aber trotzdem liegen zwischen diesen einzelnen Sprachgebärden andere Teile. möglich wäre. Sagten wir soeben. an dem wir die Legende als Legende erkennen. dort. wo wir die Geistesbeschäftigung zu erkennen glauben zwar mit gewissen Änderungen und Verschiebungen. aber trotzdem in. Ähnliches beobachteten wir in allen jenen Formen. so können wir dem gegegenüber vermuten. daß es vielleicht schwer halten würde. wie das bei den eigentlichen Sprachgebärden der Fall ist.

nur ein Mittel zur Ver -genwärtiu. durch den unter der Herrschaft einer Geistesbeschäftigung ein größeres Gefüge eindeutig bestimmt und zusammengehalten wird. Es kann sich herausstellen. Dienst und Bau der Sprachgebärde kann hier die Antwort bringen. vertiefte Untersuchung über Tätigkeit. Gerade dadurch war der Spruch leicht erkennbar. unsere Formen einzuteilen. daß diese Verschiedenheiten der Betätigung der Sprachgebärde den Formen als solchen eigentümlich sind und daß immer und überall in der L e g e n d e zwischen den einzelnen Sprachgebärden verbindende Teile vermitteln. während andere Formen die Eigenheit besitzen. daß einige Formen so beschaffen sind.AUSBLICK 267 liches Gepräge" zu besitzen. ist das letztere der Fall. Es kann aber auch so sein. der zur Kunstform führt oder der Kunstform entnommen wurde. jedenfalls haben wir durch die Beobachtung der verschiedenen Tätigkeiten der Sprachgebärden hier schon eine Möglichkeit gewonnen. so gehören auch jene vermittelnden und verbindenden Teile zur Geistesbeschäftigung und zur Einfachen Form als solcher . wo sie vorhanden sind. Dürfen wir das nun für unsere Legende verallgemeinern? Dürfen wir annehmen. in Hinsicht auf die Bewegung als f o r tlaufende und anhaltende Formen. während immer und überall im S p r u c h die Sprachgebärde als solche das Ganze erfaßt? Nur eine erweiterte. daß sämtliche Einfache Formen sich eigentlich und ursprünglich nur in der Sprachgebärde verwirklichen. in Hinsicht auf ein Gerichtetsein nach außen oder nach innen als o f f e n e oder geschlossene Formen bezeichnen. Je nach dem Fehlen oder Vorkommen der vermittelnden und verbindenden Teile und je nach dem Verhältnis der eigentlichen Sprachgebärden zu jenen Teilen können wir sie in Hinsicht auf den Umfang der Form als G r o ß f o r m e n und Kurz f o r m e n. und daß die vermittelnden und verbindenden Teile bei einigen auf einem Wege. daß in ihnen die Sprachgebärden den sinntragenden Leitfaden bilden. Stimmt das erstere. hinzugekommen sind. sich als Ganzes nur in der Sprachgebärde selbst verwirklichen zu können. Wie dem auch sei. Gehören mit den . so wären sie.

so würde die Einteilung immerhin für diese von Wichtigkeit sein. so wäre diese Einteilung grundsätzlich. äußerlich und mit ungenügenden Sprachkenntnissen harmlos aufzählen und gruppieren. gehören sie nur zur Vergegenwärtigung. in der sich eine gestaltbildende Geistesbeschäftigung kundtut. Durch die Sprachgebärde können wir wenn wir sie nicht so. . wie es in der sogenannten Motivforschung allzuoft geschehen ist.268 AUSBLICK Sprachgebärden auch die vermittelnden und verbindenden Teile zur Einfachen Form selbst. von innen heraus noch einmal vollziehen. den wir von außen her vollzogen haben. sondern wenn wir sie als letzte Einheit. im tiefsten Sinne sprachlich deuten den Bau. Bei der Sprachgebärde hat unsere Untersuchung von neuem einzusetzen.

. . . . 21 LEGENDE I. . . . . . . Bedeutungsübergiinge und Be namen. . Sprache als Arbeit — Erzeugen. . . . . .. . . . . . 1 8 II. . . . . . III. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23 26 Vergegenständ. Die drei Richtungen der Litteraturwissenschaft — Schönheit. Die isländischen sogar . . .. . . Geistesbeschäftigung derLegende— imitatio und imitabile Vita und Sprache Gegenstand V. . .. . .. . . . Person 34 — — . . Sinn. . . . Litterarische Formen . . . . .. Erweitertes Beispiel: der heilige Georg A nti 1 e g e n d e der Unheilige VIII. . Sprache und Litteratur . . . . Gegenform an andern Stellen imitatio Die Geistesbeschäftigung der IX. . . . . . . . . . . . . . . III. .66 . . — — — . . 62 II. . . .. . . V EINFUHRUNG I. — — . . Tätige Tugend und strafbares Unrecht lichung Wunder Reliquie — .INHALT Seite GELEITWORT . . . . . . . . .. . Die Heiligen der Acta Sanctorum II. . . . . . .. . .. 29 IV.. Schaffen. . . . . . . . . . . . . Legende in unserer Zeit . . . . . . . . . . . . . . dreimaliger die Sprachgebärde Legende Vita: potentielle aktuelle Form Gegenwärtige Einfache Einfache Form Form VII. . 42 48 51 — — X.. . . ... . . . . . . . . . Der Kanonisationsprozeß . . . . . . . . . 11 IV. historische Lebensbeschreibung . 56 60 SAGE ngsentwertung der Formdeutu I. legende iindungs Begr Pindars Siegeslieder VI. . Beispiel Auf b a u 39 — — — - - — — . . . Deuten . . Gestalt . . .

. . . 91 II. . — — . . . . — . Die „Urform" der Stoffgeschichte — Sage und E p o s — Nibelungenlied . . RÄTSEL I. . Gegenbeispiel — Beispiel — die S p r a c h g e b ä r d e der . Definitionen Jacob Grimms Begriff — . Der Aetnamythus bei Pindar -. und Person der Sage MYTHE . . . . . . . . . . . . . . Examen Gerichtssitzung Halsrätsel Weihe und Bund IV. . . . . 71 IV. . . . . . . — . . 126 129 . Ilorätsel Sphinxrätsel III. . . . .Seilers Deutsche Sprichwörterkunde . . . . . Mythologie und Mythus Beispiel aus Genesis Fr a g e und Antwort Orakel Mythe und Mythus Beschaffenheit: Schöpfung 96 I. . . . .270 INHALT Seite III. . . . . . . . . .Darwinis7nus — Stammbaum Cl . . . . . . . . . Blutsverwandt schaft . . . . . . . . . — . . . . . Das Geschehen in der Mythe Sprachgebärde 113 Wandermythen die Mythen vom rettenden VII. . Stamm. Was wird verrätselt? Sonderspraehe VI. . . . . . . — VIII. . . G r u n d der Verrätselung V. Definitionen -. . . . — — . . — . . Die Bezogene Form Besonderheit der VI. Mythe — - — Gehaft 102 IV. . . .Sage — Beweglichkeit — griechische Sage — Vergegenwärtigte und Einfache Form: S a g a und S a g e . Mythe und Rätsel . . . . . Untergangsmythe . . . . . Erkenntnis — p üeos : Wahrsage Cl e i s t e s beschäftigung. . . . Kennwort: Wissen. . . . Wie wird verrät-selt? Sprachgebärde des Rätsels doppelte Lösung VII. . . . . . — — . . 140 144 — . Tell Wesen 117 124 Symbol VIII. — . . . 150 . . . 131 134 137 . . .Mythologie 105 Platons Mythen 108 Beispiel V. . . . Sage im Alten Testament — Antisage — Erbsünde — . . . Sammlungen und Methoden der Rätselforschung II. . . . . . . . . . . . . . — — — . . Die Geistesbeschäftigung des Wissens die Rune Beispiele — . . . Wissen - III. Die Geistesbeschäftigung der Sage — Kennworte: Familie. . . . . 147 SPRUCH I. — — — — . . . . 76 V. s3 VI. . . . . Sondersprache und Form des Rätsele . . . . . . . .

. . 200 II. . . Die Geistesbeschäftigung mit dem Tatsächlichen — das Konkrete — Dokument als Gegenstand . . 173 III. . . . .. . . . Das S y s t e m der Einfachen Formen — neue Namen .. . . . . 234 . . .. . . . . .... Ein Geschichtsausschnitt .. . . .. Grimm ... . . ... . . . .. . . .. . einmalig — beweglich. .. 181 f o rm — Novelle. . . . Die St u Historie . jedes ma. . . . . . . ... . . . 213 MXRCHEN I.Arnim — Naturpoesie und Kunstpoesie — Ein fache Formen und Kunstformen . .. . 221 III.. 204 III. Weitere Beispiele — Geist und Buchstabe des Gesetzes . . . Fest. . . . . . . 160 4 KASUS I. . . . . . . .. . . .. .. . Name — Arten — Gattung Grimm — Sprache und Dichtung 218 1I. .. . das Geflügelte Wort — „Volk" und „Persönlichkeit" — die behauptende Art — S prache des Sprich Stilmittel — klangliche Bewegung — „Bild" —-worts— Vergegenwärtigung und Geistesbesehiiftigung — Apophthegmata — Emblem . 157 IV. IV.. . .. . . . . . . . 211 V. .. . Beispiel: ein Tagesereignis — Bericht und Zeitungsausschnitt . 155 III. . . . .271 INHALT Seite II. . . . . . . .. 184 V. . . Geistessbeschäftigung: Erfahrung — die Vergegenwärtigungen . . . .... . .. . Der indásche Kasus .. . . .. Beispiel — qualitatives uni quantitatives Messen von Recht und Unrecht ... ..lig — die Sprachgebärde . . . allgemein. . .. Kasuts des Gefühls und Geschmacks — der Logik — def and -Minne — der Theologie — L o h n als Gegenst Kasuistik — Psychologie . . . .. . Die toseanische Novelle — Geschichte des Märchens .Streuung der Normen .. . . . . . .. .... . 171. . . . 194 MEMORABILE I. Beispiele — das Glaubwürdige — die Welt der Historie . .208 . . 187 VI. . Die Welt der Empirie — Klugrede . . . . . .. . .Exempel und Beispiel . IV.die Norm Gesetzesparagraph . Märchen als Einfache Form — Formende Gesetzlichkeit in Novelle und Märchen . . . .. .. besonders. . . 227 IV. ... . . . . .. 231 V. . .. . . II. .. Die auswechselbaren Bestandteile — Übergang zur K u n s t . .Geistesbeschäaftiguung des Kasus --..

. . . . . . . . . 262 INHALT . . . . . . Zweifache Funktion — autonome Figuren — die Welt des Komischen — Karikatur als Gegenstand . Satire — Ironie — in Kunstformen — das Strenge — Scherz . . . . . . . . Arten — Geistesbeschäftigung: Lösen und Entbinden — in der Sprache — in der Logik — in 247 der Ethik II. 255 IV. . . . . . . . . Das Komische — das Unzulängliche — Spott 252 III. . . . . . . . . .69 . . . . . . . Geistesbeschitftigung : naive Moral — die t r a g i s c h e Welt — Sprachgebärden des tragischen Märchens — das Wunderbare als Selbstverständliches — Sprachgebärden des Märchens — der G e g e n s t a n d des Märchens . 238 WITZ I. . . . .272 INHALT Seite VI. . . . 279 AUSBLICK Zusammenfassung — Erweiterung des Kreises — die Sprachgebärde — Weiterordnung und Weiterführung . . . . . . . .